Montag, den 8. §§bruar 1 ?- u mU^H. SlSJAftn- Saa Oaradiea der Lrde. Nonlnn von Ada von G e r s d o r s f. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Groß -Runow, Lbends sieben Uhr. Den ganzen gestrigen Dag war mir furchtbar zumute, Stunde um Stunde ivuchs die Beklommenheit, die mir die Brust zu- snmmenpreßte, und fortwährend gingen mir die Worte, die ich heute zu dein Baron sprechen sollte, durch den Kops und eine lähmende Angst befiel mich, wie sie wohl über jeden loiirmt, der die unerschütterliche ?lbsicht hat, ins Wasser zu sprängen, weil er sonst keinen Ausweg mehr aus den dunklen Wirrnissen seines Lebens sieht Mit wem ich auch sprach, immer raunte mir dazwischen eine ferne leise Stimme zu: „Harro Rehn, Harry Rehn, roas bist du für ein charakterloser Kerl geworden, ein eiender Mitgiftjäger, der sich mit dem Gclde dieses kleinen Mädchens eine aggenehme, sorglose Existenz gründen will, da er das mit dem Gelbe seiner toten Tante nicht mehr kann." Nichts, auch nicht der Gedanke an meinen geliebten Beruf, an meine Pferde und alles Schöne, was man für Geld haben kann, znm Ersatz für versagtes Liebesglück, wollte diese Stimme znm Schweigen bringen. „Es ist weit mit dir gekommen," rannte sie unerbittlich. „Du schwankst zwischen Wollen und Nichtwollen, aber Lüge, Heuchelei und Selbstbetrug erhält die Oberhand Meinst du nicht, daß der Zeitpunkt gekommen wäre, wo du dieses reine Buch für immer zuklappen solltest - dieses Buch, tu dein nie etlvas stehen soll, was Kaiser Friedrich und Goethe nicht lesen dürsten?" — Ich kann nicht beschreiben, wie elend und müde mich dieser innerliche Streit über Recht und Unrecht machte. Daß er jetzt so heftig entbrannte, war ja natürlich Ich stand am Vorabend der Schlacht! — Nachts zwölf U h r. Beim Abendessen vermied ich es, den alten Baron anzusehen. Er sprach in seiner gemütlichen langsamen Art mit den Beantten unb Volontären, die abends mit uns essen. Ab und zu aber begegnete ich seinem Blick, der nachdenklich und fragend aus mir zu ruhen schien, und vor denk der meine sich unwillkürlich senken lvollte. Als wir uns erhoben hatten, lvandte er sich aber direkt au müh und sagte freundlich: „Ich möchte nachher gern ein paar Worte über eine ernste Sache mir Ihnen reden, lieber Rehn, in herzlich väterlicher Gesinnung eine gewichtige Frage alt Sie richte». Ihnen einen wohlgemeinten Vorschlag machen. Es loird Sie von dem alten Mann nicht überraschen, der so viel von Ihnen hält wie sonst von keinem andern jungen Manne." Im ersten Augenblick erschrak ich so, daß ich das brennende Streichholz, mit dem ich mir die Zigarre anzünden lvollte, auf den Teppich fallen ließ. „ . ,,Mein Himmel!" dachte ich entsetzt. „Sollte es möglich fein? Das ist ja beinahe beleidigend für mich! Jetzt hält er einfach um mich an! Aber wer weiß, was er für sein einziges Kind zu tun imstande ist. Väter in höherem Alter pflegen solch kleinen Spätling ihrer Liebe sehr zu verwöhnen. Wenn sie reich sind, kaufen sie ihm alles, wonach das kleine Herz gcrad' verlangt." „Kommen Sie," sagte er freundlich, „wir wollen uns auf die Veranda setzen. Der Abend ist prachtvoll und nach dem Garten hinaus ist es schön still, ohne daß uns' jemand hören kann." Schweigend gehorchte ich und setzte mich in den großen Korbsessel ihm gegenüber. Zwischen uns stellte der alte Lüttich den Tisch mit den Ranchntensitten und einer Flasche Moselwein. „Es spricht sich gemütlicher über heikle Dinge, wenn ein guter Tropfen im Glase perlt," meinte der Baron jovial, während er langsam mit der etwas zittrigen Hand den goldenen Trank in den hohen grünen Römer füllte. J©Hr waren die Lippen wie zugedrückt. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, und legte oie Zigarre nnangezündet neben mich, stumm sragend zu ihin hinübersehend. Er tat einen tiefen Zug, ans den ich ihm scknveigend Bescheid tat, und sagte dann freundlich ernst: „Wie steht es mit Ihren Zukunstsanssichten, Ihren Verhältnissen, lieber Rehn? Ich frage aus aufrichtigem Interesse, weil ich weiß, daß Sie durch den plötzlichen Vermögensverlust in äußerst mißlühe Lage gekommen sein müssen. Es liegt ja nun sehr nahe," fuhr er ruhig fort, in den abendlichen Garten hin ausblickend, „nach dem üblichen Auswege zu greifen, sich nach einer reichet! Partie nmznsehen. Die meisten Männer, die sich durch ihre Persönlichkeit berechtigt halten dürfen, in jeder Familie als Bewerber willkommen zu sein, werden cs unter Zustimmung der ganzen Welt so machen. Aber um Sie täte mir das leid. Und ich möchte Sie geradezu bitten, diesen üblichen Ausweg lieber schon als ultima ratio zu betrachten, wenn jeder andere sich unerwarteterweise Ihnen verschließen sollte. - Ich möchte Sie auf Ihre eigene Kraft verweisen, um Ihr schweres Geschick zu bezwingen. Ich weiß, daß ich mir eine ungewöhnliche Freiheit nehme, so geradezu mit Ihnen etwas zu besprechen, wonach Sie mich nicht gefragt haben, aber das, was ich im Sinn habe, verlangt völlig« Offenheit." „Ich räume Ihnen das vollkommenste Rocht dazu ein, Herr Baron." sagte ich furchtbar beklommen. Er nickte mir freundlich zu. „Ein junger, gesunder Kierl, ein gescheiter Mensch, dem sich so viele Türen geöffnet haben und öffnen werden, dem so viele Liebe und Freundschaft geboten wird der sollte nicht imstande sein, sich durch seine eigene Arbeit und seinen festen Willen zu erhalten, sich ein schönes Leben selbst zu zimmern, lieber Rehn? Muß ja nicht durchaus in den gewohnten Verhältnissen sein, wird auch gehen unter veränderten Verhältnissen. „Genau genommen ist es, trotz allem Hergebrachten, eines körperlich und geistig gesunden jungen Mannes, wessen 86 Standes er auch sei, doch unwürdig, sich von einer Frau ernähren zu lassen, der er oft nicht einmal das Aeauivalent seiner Liebe zu bieten hat. Muß ein mittelloser oder mittellos gewordener junger Offizier unter allen Umständen sein nächstes Auskunstsmittel darin erblicken, erst mal zu sehen, ob er nicht seine Person oder seinen edlen Namen verkaufen kann, um dann entweder als Beschützer seiner vermögenden Frau zu leben uiib hierin seinen Beruf zu erblicken, oder seiner sonstigen Neigung zu irgend einer Beschäftigung zu folgen, die meistens keine ernste Arbeit, sondern mehr oder weniger ein Sport ist. Um Männer wie Sie, lieber Rehn, ist es schade, wenn sie das „Glück" haben, in dem Moment des Zusammenbruchs eine „gute Partie" zu finden, die sic sozusagen wieder in den gewohnten Sattel setzt. Die zunächst liegende Sorge für einen Anfänger in Ihrer neuen Lebensführung erlauben Sie mir mit Ihnen zu teilen und zu besprechen, als älterer wohlmeinender Freund, der ich Ihnen gern sein möchte. Ihnen steht die Welt offen, die schölte Weit starker, zielbewußter Arbeit. Glauben Sie mir, öfter als Sie denken, gilt auch dabei das heilige Bibclwort: .Suchet, so werdet ihr finden? Nur daß die meisten von Ihnen diese Welt der Arbeit einzig als Mittel betrachten, sich nröglichst schnell und mühelos eine angenehme Existenz zu schaffen. Ich habe aber einen und den andern aus Ihren Kreisen gekaitnt, lieber Freund, der bcn bunten Nock ans- ziehen mußte, weil ihti veränderte Verhältnisse dazu zwangen. und der mit stolzem Mannesmut sich wieder aus die L-chulbank setzte. Der eine machte mit fast dreißig Jahren noch sein Abiturium und studierte Medizin uiib ist jetzt ein gesuchter Art mit einer bedeutenden Praxis, die ihm gestattet, Mutter und Schwester bei sich zu haben; der andre ist Bankbeamter geworden, und als er selbst genügend erwarb, um standesgemäß zu leben, da erst hat er eine wohlhabende Frau geheiratet. Ein dritter wandte sich der Landwirtschaft zu, besuchte die höheren Fachschulen und ging dann nach Südamerika, um dort sein Wissen und Können, seine Pflichttreue und Ehrenhaftigkeit in die Dienste eines Farmers zu stellen. Dort fand er sein Brot lind eine hochinteressante Arbeit unb ich glaube auch ein liebes Weib. Ich bin nicht der vielverbreiteten Ansicht, daß die Ojsi- ziere, die durch unverschuldete Verhältnisse aus der Armee zu treten genötigt sind, unvermeidlich auf die schiefe Ebene geraten müssen, weil sie zu alt wären, sich eine andre anständige Existenz zu gründen. Sie brauchen nur den festen Willen, die Energie, die Ehrenhaftigkeit, die sie in des Königs Rock besitzen mußten, auch auf einen neuen Beruf als erste Faktoren zu übertragen. Ebensowenig glaube ich, daß junge Offiziere in kleinen Garnisonen durchaus immer geistig zurnckkominen müssen. Danach der Mann ist - heißt es auch hier. Wer einen guten .Kern in sich hat, der wird ihn in engeren Verhältnissen leichter finden lernen und entwickeln lönnen als in den Umgebungen, Freuden und Zerstreuungen der Großstadt, die unter' allen Umständen eher zersplitternd und zerreibend auf gute Anlagen wirken, als konzentrierend und vertiefend. - Verzeihen Sie einem alten Mann, der Ihnen gern Vater geworden wäre, diese lange warnende unb mahnende Znspracke. Ich weiß, daß Sie der Mann sind, die Erfahrungen und Ansichten älterer Leute nicht als wertlos in den Wind zu schlagen. Sie haben einen ernsten Charakter und einen Haren Geist in sich. Gehen Sie hin und holen Sie ihn heraus! „Sie werden den Dienst quittieren müssen, zurzeit ein sehr schmerzlicher Gedanke für Sie, das glaube ich gern. Aber ob Ihnen ans die Dauer diese große Passion für „des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr" treu geblieben wäre, das möchte ich Ihrer stanzen mir bekannten geistigen Veranlagung nach fast verneinen. Und wenn es nun jetzt schon geschehen soll und muß. so gelvinnen Sie Zeit, sich für einen andern Beruf tüchtig zu machen. „Au wtträftiger Hilfe für den Anfang soll es Ihnen nicht fehlen. Diese Sorge bitte ich ans wahrer herzlicher Freundschaft zunächst mit Ihnen teilen zu dürfen. Sie müssen die Ellbogen frei haben, nicht von außen gedrängt tverdcn. Ich freue mich, wenn Ihnen meine Freundschaft die Mittel dazu bieten kann. Dieses Recht erbitte ich mir von der Ihrigen, mein lieber junger Freund." Er hatte mir wiederholt Zeit gelassen, ihin zu wider- sprecheir Ich habe es nidit getan, sondern in schtveigender Zustimmung vor ihm gesessen und sein scharfes, kluges Auge nicht gemieden. Meine stumme Sprache aber hat er rickttq zu denken gewußt, und als ich anfstand und er mir die Hand reichte, war es ein langer fester Druck, ein Manneswort. —> Ich kann nicht anssprechen, wie frei, wie wohl mir ist? Me nainenlos dankbar ich bin für diese Lösuna. Ter Kampf um mein besseres Selbst ist glücklich bestanden und wie ein Phönix ans der Asche soll es ans diesem Siege empor- steigen. Es ist etwas Großes darum, wenn man sein besseres Selbst begraben zu haben meint, einen Menschen zu finden, der einem den Stein von dem Grabe wälzt. Ich werde vorläufig hier bleiben uild überlegen, was meine nächsten Schritte sein müssen. Das Allerschwerste ist bereits getan: auf diesem Tisch liegt mein .Abschiedsgesuch und nun geht es ab. * „E l d o r a d o h o t e l", I ul i. Der Gedanke an Pon- calct beherrscht mich inehr und mehr. Ist er wirtlich tot? Oder lebt er irgendwo, so weit weg und so versteckt, daß er für uns ebensogut tot sein konnte? Wenn ich nichts von seinem Tode höre, werde ich ihn suchen, und wenn ich ihn finde, können mir vielleicht unsere Wege, für eine Weile wenigstens, verbinden. Mit Rat und Tat wird er mir zur Seite stehen. Ich hoffe, daß der Verlauf Mollos eine anständige Summe bringen dürste, und habe die Absicht, das Pferd Gräfin Wanda anzubieten. Die >vaufsumme, die sie mir einmal bot, war sehr annehmbar, für den Liebhaber aber nicht zu hoch. Was es 7nich kostet, Apollo zu verlieren — dariwer Schweigen! An Frau von Betzingslöwen habe ich geschrieben und sie gebeten, mir mitzutcilen, wo ich sie aussnchdn dürfte. —> Einen Moment dachte ich auch nach Sylt zu fahren, um Gräfin Wanda su sprechen. Aber ich hörte von dein Regen- walder Inspektor, der heut in der Stadt zu tun hatte und wie ich im „Eldorado" zu Mittag speiste, daß die Grüsinnen Wietersberg überraschend plötzlich Sylt verlassen haben und bereits nach Regenwalde zurückgckehrt sind. Ich sprach mit dem Baron über Poncalet und teilte ihm meine Absicht mit, ihn eventuell bei neuen Lebensplänen zu R.ate zu ziehen. Seit sieben Monaten aber befinde er sich auf Reisen im Kaukasus und ich hätte seitdem nichts von ihm gehört. Der Baron, dem ich über Poncalet natürlich nicht mehr sagte, als ich durste, hält viel von ihm, und riet inir, mich an Poncalets Iagdsreund, Herrn von Lehselden, zu wenden, vielleicht wisse dieser um seinen Aufenthalt odev könne wenigstens einen Fingerzeig darüber geben. Daß man doch das Nächstliegende so oft im Ansturm des Schicksals überspringt! Z w i c l i t sch, „E l do r a d o". Tn lieber Himmel! Wie dehnbar ist dieser Begriff. Vor kurzen! war mir Zwielitsch das Paradies der Erde jetzt ist das Eldorado auf eist prosaisches Gasthaus zusammengeschrumpst! Welch ein Unterschied! Diese Nacht wachte ich plötzlich aus. mit einem unklaren Gefühl, daß ich sehr glücklich sei. Wie lain ick dazu, da ich doch nichts wie Unglück gehabt hatte? Da fiel inir's ein: ich war nicht verlobt mit Lilli Kallwein, ich war frei, frei, frei! Branche mich nicht mit dem Studium abzuquälen, wie man auf künstlichem Wege das Leben einer Frau durch „den Sonnenschein wahrer. Liebe" verklären könnte, wenn man für diese Frau absolut nichts übrig hat. Aber ach! „Liebe läßt sich schwer, Haß leicht Gleichgültigkeit gar nicht verbergen." .Ich war heute bei Herrn von Lehselden, Poncalets Iagdsreund. Poncalets Todespläne und die Affäre Bcyings- löwen sind ihm natürlich unbekannt. Der Gras hatte ihm Jagdberichtc ans dem Kaukasus versprochen. Da sie ans geblieben waren, wußte er nichts über dessen Aufenthalt, empfahl mir aber einen ihm persönlich aut bekannten Kriminalkommissar a. D. in Berlin, der mich in meinen Nachforschungen erfolgreich unterstützen könne. Ich will morgen nachmittag nach Regenwalde. Ich habe fl} 1 “) brieflich anaemeldet, in Geschäften und um mich zu ver- abschreden. So sieht er doch nicht ausdringlich aus. Eben bekam ich eine Postkarte von dort mit einem: „Herzlich willkommen!" (Fortsetzung folgt.) keberech» Hühnchen im Schützengraben. Nach Briefen unserer Feldgrauen. Bon Fritz Mack. Aus Feldpostbriefen kennen wir die ungeheuren Strapazen, die Ar uns kaum vorstellbaren körperlichen und seelischen Leiden und Entbehrungen, die unsere Tapferen draußen iit den Schützengräben erdulden. Mit einem aus Mitleid und Bewuitdernng gemischten Gefühl lassen wir diese Zeugnisse eines stillen Heldentums, die kür uns zu ergreifenden Dokumenten von der schrankenlose»! Opfer- sreudigkeit unseres Volkes wurden. Demgegenüber gewährt es gerade uns Zurückgebliebenen eine gewisse Beruhigung, wenn wir hie und da rn Briefen aus dein Felde davon hören, »me unsere wackeren Feldgrauen in einer bewunderungswürdigen Anpassung an die Umgebung und an die als notrvendig erkannten Verhältnisse in ihren Erdhöhlen sich eine gewisse Gemütlichkeit geschaffen haben. Diese Briese, die uns teilweise wie Geschichten eines freundlichen Märchenerzählers anmuten und die nur ganz seltene Einblicke in die wandlungssähige Mcnschennatur gewähren, erwecken die Erinnerung an des Dichters Heinrich meidet unsterblichen Leberecht Hühnchen. Sie künden uns ettvas, das dein ^Gerste dieses liebenswürdigen Philosophen der Zufriedenheit und Selbstbescheidung verwandt ist, etwas, das der Art dieses Genius der Anspruchslosigkeit gleicht, das aus allen Blüten süßen Honig zu saugen veicktand und die trostlose Gleichförmigkeit des Alltags durch die traft seiner immer festlich gestimmten Seele zu verschönen, zu verklären wußte. Geistesverwandte dieses prächtigen Leberecht Hühnchen müssen es in der Tat gewesen sein, die, mit den bescheidensten Mitteln, lediglich aus einem unbestimmten Gefühl der Sehnsucht nach dem Schönen heraus, sich und ihren Kameraden eine Alnwsphäre von Wohnlichkeit uub traulichem Behagen schufen, mitten im Kampseslärm eine Stätte heimeligen Friedens zu errichten. Zeit und Laune fanden. Da gibt z. B. ein Nürnberger, der im Norden Frankreichs steht, seinem Bruder folgende briefliche Schilderung seines Heims: „Wir hier draußen sind zurückgestiegen ins Nomadenzeitalter und weiter zurück ins graue Höhlenmenschentum, und weil die Höhle des zwanzigsten Jahrhundert-Mensclten noch nicht unserem Kopf entfchlvunden ist, erleben wir die Wunder wieder, die der Abstand zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit ermöglicht... Es hatte geschneit, durch lauge 3V* Stunden gings übers weite weiße Land Unter dem tiefblauen ausgesternten Firmament. . . . hinunter Zugs in die glitschigen Gräben. Mein Spielmann suchte den Unter- and. während ich meine Wache ansstellte. Daun kam ich selbst s Loch zu kriechen, schicksalsergeben. Eine enge Pforte mit Wachsluchhang, dann doppelte Zeltbahnportiere und etwas weiter noch eine Leintnchportiere. Und drinnen faß im traulichen Lampen- schein beim strahlenden Ofen mein Spielmops wie der selige Kaiser Barbarossa. Ein Quartierle! Beinr Kriegsgott! lieber schweren Bohlen eine getäfelte Decke aus Türen und Läden, mit Hafer gedeckt. Tic Wände mit Gewebe tapeziert (Leintücher), ein Tisch im Winkel wit Stühlen zwischen Tisch und Ofen, ein behaglicher Rohrsessels der Abzug des Ofens unterstützt durch seitlichen Spielraum im Fenster, durch das am Nachmittag die Sonnenstrahlen schief hereinhingen u»tb die Stube mit heimlichem Halbdunkel füllten, während die Tabaksschwaden sich der Decke entlang wälzten. Tic Matratze im Winkel. An der Wand ein Brett mit Zinntellern, gemalten Tellern und nützlichem Hausrat. Aus bem Tisch als Vertreterin der schönen Künste eine Ziehharmonika, die Kirchweihgedanken weckte. der Heimat" . . . Nachmittags gabs „Baches", eine fränkische Nationalspeise. Eine Schokoladenkruste hob das Gebäck in eine höhere Sphäre . . ." Ein Artillerist, ein biederer Hesse aus Darurstadt, singt dem dem Leben in den lelbstgebanten Hütten an einem» Bergabhang sol i iendes Loblied: „So grausam das Kriegslcben ist, so hat es auch eine s ch ö n e n Seiten . . . Jedes Geschütz hat sich zwei wunder iorc Häuser errichtet, eine Wohn- und eine Schlafstätte. Am linken Flügel liegt unser Haus. Zunächst kommst Du durch einen Garten, mit Kiefern und Wachholdcrbäumen bepflanzt. Eine Bank mit herrlicher Fernsicht ladt zum Ausruhen ein: nachmittags unrb dort Kaffee getrunken. Durch ein Vestibül, links Garderobe, kommt man in den Wohnraum. Die Wände — so hoch, daß man bequem stehen kann — haben Stofstapete (Säcke). Oben herum läuft ein Paneel, auf dem unsere Sachen liegen. Wandschränke für Zigarren sind rechts und in der Mlitte der einen Seite des rings mit einer strohgepolsterten Bant eingefaßten Raumes eingelassen. Hinten ein Ofen, in dem Holzscheite dauernd brennen. Durch eine Portiere laus Stroh geflochten) abgearenzt, ist links der Schlafraum: Drei feine Betten aus stehengebliebenem Erdreich siird dick mit Stroh belegt. Die Kopfkissen, mit Federn geschlachteter Hühner gefüllt, mrd gepolsterte Leibbinden. Dicke Wolldecken stehen zur Verfügung. Etwas abseits liegt der Vorrats- mrd Baderaum . . . llnsere Leute lind größtenteils aus dem Rheinland. Da solltet ihr mal alle die Bilder an den Wänden sehen, die sie gemacht haben, ll. a. haben wir einen Maler unter uns. der brillante Militär Karikaturen, und einen Sänger vom DMeldorser Stadttheater, der für Unterhaltung sorat . . Zum Kaffee gibts belegte Brote, dann folgt em zweites Frühstück, Mittagstisch stets warm und Kaffee, abends oft warm, wenn wir Gesellschaft haben. Wildgans. Hasen, Feldhühner, Damwild schießen »vir selbst . . Man dark es dem Schreiber dieses Briefes aufs Wort glauben, wenn er sagt, daß manche von seinen Kameraden auf diese Weise im Schützengraben besser leben wie zu Hause. Auch in den Schützengräben in dem weit unwirtlicheren 0 st e u versteht man sich auf Gemütlichkeit. Da beschreibt ern im Zivil beruf als Journalist durchs Leben wandernder Kavallerist ein „Haus zum großen Brummer" benamstes Blockhaus in den Wäldern Polens in folgender anschaulicher Schilderung, die den „Mann vom Bau" unschwer erkennen läßt: „Der einsame Wanderer, der etwa aus b'en Gedanken käme, nachts hier im moorigen Dickicht herumzustreifen, würde init Recht erschrecken, wenn er plötzlich vor unserer Behausung stände. In Manneshöhc würde ihm aus einmal ein grelles, rotes Licht entgcgenleuchten und Kinder- crinnerungcn an Irrwische und Nftentänze wachrufen. Erst bei näherer Betrachtung könnte er seststcllen, daß er sich vor einein Blockhaus befindet. Unsere Watdvilla ist es, aus deren einzigem Fenster das Licht einer kleinen Lampe mit rotem Schirm, kunstgerecht aus gefärbtem Butterbrotpapier gefertigt, leuchtet. Wir steigen vom Gaul und sind im nächsten Augenblick im — E m p - sangssalon. Nägel in dm Balken a» der Wand dienen zum Aufhängen der Mäntel und Röcke. Ein großer alter Teppich trennt nach nwrgenländischer Art den dunklen Borraum vom Hanplzrmnrer, das Wohn-, Schlaf- und Sveiseraum zugleich dar- nellt. Fünf Stufen mit Holz bekleide führen in den Salon hinab. Den Besucher empfängt sofort mollige Wärme, erzeugt in einem eisernen Ofen, beffeu langes Rohr durch die Decke führt. In der Mitte befindet sich, auf vier Pfählen in die Erde gerammt, der Tisch. Ein Stück Wachstuch ist daraus genagelt worden und ersetzt das Tischtuch. Die Wände sind sorgsam mit Ouerbretten» verkleidet. Zimmerschmuck ist überreich vorhanden. Die Bilder Kaiser Wilhelms und Kaiser Franz Josefs prangen an der Wand. Ausschnitte aus illustrierten Zeitschriften ersetzen die Tapete; sogar ein Spiegel ist da. In der Ecke, auf einem abgesägten Baumstamm, steht ein Gramntophoti . . . Auf dem Ofen brodelt das heiße Wasser im Tops, das uns zur Bereitung des „ostpreußischen Maitrankes" und anderer Getränke dient. Allzeit hilfsbereite Fernsprecher tragen allerlei nette Sachen aus der„Freß- kiftc" ans. Die Liebesgabe»: gehören ja wohl allen, unb alle nehmen. an den seltenen Genüssen teil, die ein zarter Lachsschinken und eine prächtige Straßburger Gänseleberpastete zu bieten vermögen. Vorher gibt es eine kräftige Erbsensuppe, mit frischem Fleisch gekocht . . . Tann wird eine der Liebesgabenzigarren angezündet unb ans später Kommende gewartet. Irgendwo hat man das Granmwphon ausgezogen. Bald klingt die Melodie, die für unsere Stimmung paßt . . . Ticker ist der Rauch im Zimmer geworden. Der Ofen schivält, der- Qualm der Lampe beizt die Lkugen Doch »vir sind glücklich, ein Feuer und ein Licht zu haben . . Tiefer schälende, insbesondere kulturhistorisch geschulte Leser »»lögen aus den mannigfachen Nebereinstimmungen in der Einrichtung und im Bau dieser Erdvillen Schlüsse aus etwaige atavistische, vom Höhlemnenschen uns überkommene Anlagen schließen. Der gewöhnliche Betrachter »vird diese Briese lediglich nrit dem Gefühl der Genugtuung lesen, die »vir über die gute Nachricht von einem Freunde zu empfinden pflegen. * Vom Tabak des russischen S v t b a t c u. Der Tabak spielt nicht nur bei unseren tapfern Truppen eine große Rolle, sonder»» auch die Stimmung der feindlichen Soldaten wird durch das narkottsck»e Kraut sehr beeinflußt. Besonders der russische Soldat raucht mit Leidenschaft, imb immer lauter und dringender »vird der Ruf nach Tabak in den Heeren des Zaren. Verwöhnt ist er ja nickst, imb von welcher Dualität die Ziga retten sind, die aus Rußland an die Front gesandt »verden. geht ans der Tatsackn hervor, daß diese Zigaretten pro Tausend nur sieben Mark kosten. Aber dieser Zigarrentabak ist noch vorzüglich gegenüber dem ge»vöhnlichen Pfeifentabak, dem sogen. Machorka, der dem Gaumen des russisck>en Streiters am meisten zu sagt. Dieser Machorka, den die Soldaten des Zaren in sehr kleinen Pfeifen rauchen, sieht aus »vie Vogelfutter uird hak einen Ge schinack-, von dem eil» nicht russischer Berichterstatter mitteilt, nur eine mvskvwrlische Zunge könne ihn vertragen. An diesem Machorka hängen die russischen Soldaten nun mit einer Leiden schuft, die zur Verachtung jeder andern Tabaksorte führt. Der Erzähler besuchte ein russisches Lazarett und dot den kranken Soldaten ägyptische Zigaretten und gute.Havanna Zigarren aus seiner Zigarrentasche an. Die Leute nahmen dankend, denn die Höflichkeit verbot es ihnen, eine so wohlgemeinte Gabe abzulehnen Mer »vie »vcnig diese teuren Zigarren und Zigaretten vo»l ihnen geschätzt »mirbfli, ergab sich daraus, daß sie sie »vegwarsen. als eilte Schlvefter mit einigen Paketen des geliebten Machorka er schien. Eifrig stopften sre dai»n die schmutzigen Körner in Ihre kleinen Pfeifen. Welch groß»' Rolle der Tabak auch in Rnszland im Kriege spielt, bannt wird man aus Schritt u»td Tritt /;if den Straßen, von Petersburg gemahnt. Ueberau finde»» Samm lungen statt, un» Tabak an die Front gt schicken In den Theatern Anmnen die Schauspieler und Schauspielerinnen in 88 den Pausen i» die Logen des Parketts und bitten um ein« Gäbe |unt Tabak für die Truppen. In den KaffocS erscheinen immerfort Mädchen, die Opaken-Stücke fonuiidn, und auf den Büchsen steht yeschrielnu: ..Tabak für die Soldaten" oder auch ..Tve für die Truppen". ..Warme Kleider für' unsere Kriegeck' usw. In den Straßenbahnwagen n»erden Lose verkauft für eine Kriegslotterie, deren erster Preis 200000 Mark beträgt In jedem Hotel und aitf jck»c, EiscLbadnftatioir sitzt rin freiwUligcr Sam,«1er. der ^ederr Borüdergeheichen um eine Gabe für die Soldaten und die Verwundeten anspricht. 'Verschwundene „Pariser Berufe". Ter Krieg, dar dav Bild von Paris so völlig verändcn bat, hat auch eine Reihe ,ener tnmschen Pariser Beruie verschwinden lassen, die so manche? zu der Eigenart des StraßenlebenS an der Seine bet- triMeit. ^^Ps Suppengemüse, 60 Gramm Mehl, 40 Gramm Fett, Salz. 1 kleine Salzgurke, Psesfer. Der Schweinskops wird mit viel Wasser und Suppengemüse gargekocht, das lick, bildende Fett sorgfältig abgeschöpft: eS kann gut als Bratfett oder als Brotbelag venvertet werden. Fett und Mehl werden hell oder dunkel geröstet, mit Vi Liter Schweinskopfbrnbe aufgegossen, in Würfel geschnittene Salzgurke, Pfeffer und Salz darangegeben, me Sauce gut dnrch- aelocht und abgeschmeckt. Die Hälfte Fleisch wird in die Sauce gelegt Die zweite Hälfte zu einer Sülze nach nach- stehendem Rezept verarbeitet. vüchertlsch. — DieKnnst In den Bordergnmd de» Inte,effe» dürfte nach glückliche, Beendigung dieieS Krieges die Frage des «Reiterstandbildes" tveteiu Tritt doch dann an o>e bculfcbeit Künstler die Aufgabe heran, unseren hervorragenden Heerführern würdlge Denkmäler zn schaffen, die auch in künstlerischer Hinsicht den höchsten Anforderungen emfprechen. Einen sehr lesenswerten, mit prachtvollen Beispielen guter Deukmatskunst illustrierten Ausictz über diese» Thema veröffentlicht die Münchener Kunstzeitfri rift i e Kunst" (Verlag F. Bruckmann A.-G.) in ib»e>n Febnrarheft. Vo,r tiefen, En,st erfüllt, trog «nancher hmnoristischer Züge, sind die Büder von Adolf Hengeler „Au» einem Tagebuch 1914", in denen die Empfindungen deS Künstlers zun, Ausdruck kounnen, weiche der Krieg und die Tücke unserer Feinde in ihn, au»lösten. Dieser Aufsatz ebenso wie der über Franz Krüger, der nnS in feinen Parade-, Jagd- nnd Spoubildern lebendige Schilderungen aus der ersten Hätte des 19. Jahrhunderts gibt, dürften gerade jeRt ganz besonderes Interesse stnde«,. In die Idylle sommerlichen Landlebens führt nn» der Autz«tz über da» Landhaus EliwMSki an, Atterfee von dem Münchener Architekten I. H. Rose,» t hat. Endlich «vären noch an Auffähen dieses wieder sehr reichhaltigen nnd besonders abwechslungsreiche«, Hefte» der „Kunst" zu nenne«,: T,e Silhouetten von Frau I. B. Schäfer mit Abbildungen melir- farbiger Silhouetten, welche die Besonderheit dieser Künstlerin bilden, so,vie Arl«iten von Euch Riegel: Kirchengeräte, Taselzierai, Schmuck und Bucheinbände. — Der Griechische Roman und seineBorlaufer. Bon Erwin R o h d e. Dritte^ durch einen zweiten Anhang ver mehrte Austage. Leipzig. Bre,tkopi & Härtel 1914. k # . XXI, 636 S. — Mit unvergleichlicher Meisterschaft hat Erwin Robde in der 1876 erschienenen ersten Auflage deS vorliegenden Werke» ein damals fast noch völlig unberührtes Gebiet der Literaturgeschichte für die wissenschaftliche Forschung erschloffen. Nicht nur die erotische Erzählung der hellenistischen Dichter, sondern auch da» werte Gebiet der ethnographischen Fabeln. Romane und Utopien, foivie d«e Entwicklung der griechischen Sopbtstik der Kcnserzeit hat in Nohdes berühmten, Buche eine ebenso tief schürfende wie geistvolle Behandlung gefunden. Als einer der Ersten hat Rhode auch die engen Beziehungen des fvätgrrechifchen und buzantmischen Liebesromans zur ron,antischen Poesie deS Westen» im frühen Mittel- alter dargelegt, bereu Fäden sich bis auf Boccaccios Tecamerone herab verfolgen taffen. Rachden, im Jahre 1i.00 von F. Slboell ein nur ivenig veränderter Nachdruck de» Werkes veranstaltet worden war, hat der durch eine Reibe hellenistischer Studien rühmlich bekallnte Tübinger Philologe Wilhelm S ch n, i d die Herausgabe der vorliegenden dritten Auflage übernommen. Mit vollen, Rechte wurde von einer Umarbeitung d s kiafsiichen Werkes völlig abgesehen Dagegen hat der Herausgeber in einen, Anhänge zu dem unverändert wiedergegebene«« Texte RohdeS eine a««nerordent- tich lehrreiche kritische llehersicht über die ne««en Entdeckungen und Forschungen auf dem Gebiete deS 'griechische«, Romane fett dem Erscheinen der ersten Auflage gegeben und eine Reihe von wichtigen Berbefferungen, Ergänzungen nnd Belegen zu RohdeS Text angefügt. Schmid'S Ausführungen über den Eutwtcklung»- zufammeuGang zwischen Novelle und Roman und über den Uy sprunq der Rahmen - Erzählung sind auch für die allgemeine Literaturgeschichte bedeutsam nnd werden RohdeS Meisterwerk auch über den Kreis der Philologen hinan» dankbare Leser gewinnen Zchach Ausgabe. Scknvarz. Auslösung der altägyptischen Hieroglyphen in voriger Nummeti Fleiß ist der Vater de» Glück». Schriftleitung: Au». Goeh - Rotationsdruck unb Verlag drd Brüht'lchen Universität»-Vuch- und Steindn,ckerei, R. Lange, Gießen.