Das Oaradies der Lrde. Aonrnn von Ada von Gersdorff. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Baron Kaltwein-Groß-Runow war auch da mit der holden Lrlti. Ich hatte das bängliche Gefühl, daß ihre Vergiß- meinnichtäuglein mir mit einem gewissen vorwurfsvollen Blick überallhin folgten. Weshalb niich das peinigte, weiß ich nicht. Ich war ihr doch keine Huldigung schuldig. Mit dem famosen Alten hätte ich ja sehr gern gesprochen und und mich zur Jagd oder zu einem seiner wunderbaren Diners erntaden lassen, aber der strohgelbe Zopf mit den steifen künstlichen Apfelblüten bar in und das himmelblaue Gewand mit den weißen Zwirnspitzell verscheuchten mich wiederholt aus seiner Nähe, in der sie sich konsequent 'hielt, weil sie sichwohl dachte, daß ich ihn früher oder später doch begrüßen werde. Selbst zu mir zu komnten, machte ich ihr zu schwer, und nachher wich ich nicht niehr aus der nächsten Nähe der Korrolews- kischen Altertümer, so daß ich überhaupt für niemand niehr da war außer der einen. Jede Ueberlegung war mir abhanden gekommen. Alles, was man sonst an mir schätzte, was ich selbst für wertvoll an mir hielt, mein mehrfach gerühmtes, immer gleichartiges, konventionelles, liebenswürdiges Wesen gegen alle Welt, meine tadellosen Manieren, meine einwand- freie Erziehung, meine vornehme Reserviertheit einerseits und dienstbereite Aufmerksamkeit anderseits (ich zitiere nur), alles ging flöten. Wert hatte nichts mehr für mich als Tatjana — eine andre Welt, einen aitbcvn Menschen aus dem .Basar gab es icicht.' „Das ist der Leidenschaften furchtbar Wesen, Daß sie tit uns das Menschliche verzehreil. .Sie sind ein finster glühend, ivalleiid Meer! Ein Tropfen nur entfacht und mehrt beit Durst — Bis ganze Ströme bald ihn nicht mehr löschcii Und wir uns Häuptlings in die Wellen stürzen, Die überrauschend eiligst uns begraben .. Sogar Tante Lalli vernachlässigte ich, sie, meine zlveite Mutter, der ich alles danke, jede Lebensfreude, Bildung, Erziehung, Stellung, die mich wie ihren Sohn Niid Erben betrachtet. Heut reichten meine Augen und Ohreil nicht weiter als bis zu Tatiana, meine Liebe und Pflicht und Treue —{ nur bis zu ihr. Es ist mir selbst unerklärlich, und ich glaube, daß ich viel Erstaunen und Mißbilligung erregte, haß mancher den stopf schüttelte und mich zweifelnd ansah. — - Aber das war mir alles egal! Tante Lalli, vornehm und taktvoll wie immer, machte absolut keine Ansprüche an mich, ließ mich vollkommen treiben, tvas ich wollte, und kontrollierte und genierte nnch gar nicht. Wenn ich einmal kam, empfing sie mich freundlich lächelnd wie immer, ohne nur im geringsten ihre verwandtschaftliche Stellung zu mir geltend zu machen oder mich meine Abhängigkeit von ihr fühlen zu lassen. Daß ich der Erbe ihres Reichtums war und ihr jede nur erdenkliche Aufmerksamkeit schuldete, konnte wirklich niemand merken. Sie nahm sich unter den mehr oder weniger schicken und eleganten Toiletten sehr würdig aus, wie ein Bild aus der Biedermeierzeit in ihrem violetten Atlaskleid mit den drei Volants, der gefältelten Schneppentaille und dein gelblichen Spitzentuch, das mit einer riesenhaften Mosaikbrosche, von zwei Reihen Brillanten eiugerahmt, festgehalten wurde. Ihre echte Spitzenbarbe auf ihrem braunen Wcllenscheitel mit den drei fteilten Locken an jeder Schläfe war mit eben- solchen riesenhaften Mosaikschildern, in Doppelreihen von Brillanten gefaßt, festgesteckt. Das schwarze Samtband um ihren Hals wurde von großen Brillantschlössern gehalten und ihre mächtige Gürtelschnalle zeigte dieselben prachtvollen Brillanten reinsten Wassers, wie der übrige Ächmuck und die uralten Familienringe an ihren langen aristokratischen Händen. 1—1/Ein kleines Vermögen hatte sie an sich, aber so schlicht und anspruchslos trägt sie es, als ob alles nur Stecknadeln seien, dort angesteckt, wo sie nötig waren. Ja—• auf Tante Lallt konnte ich stolz sein: die geborene xraacts äame? Meistens saß sie im „Königszelt" ber Betzingslöwens, aber auch bei Gräfin Wanda Wietersberg und bei den Kallweins, wo sie mit ihrem gutmütig mütterlichen Lächeln das kleine Plappermäulchen anhörte, das ihr vielleicht voll mir und meinen bezaubernden Vorzügen erzählte. Ich kaufte inzwischen für hundert Mark Altertürner. Fünfundzwanzig blieben mir dann noch für den Rest des Monats und t>ente war erst der dreizehnte. Aber Tante Lalli wird mich schon nicht stecken lassen. Ich habe ihjr ein sehr nettes Chambre garnie besorgt, irn Hause neben mir, beim Bäcker Wieland. Sie kam erst mit dem Nachmittagszuge. Viel haben wir uns noch nicht erzählt, denn ich hatte im „Eldorado" zu tun. Jedenfalls wrrd sie sich voll der Haltlosigkeit jener beunruhigenden Gerüchte über meine Blasiertheit gründlich überzeugt haben, als sie mich aus dem Basar sah. Ob sie aber ihre Hoffnung auf die tradi- tiorlelle Heirat ihres Neffen sehr aussichtsreich gefunden hat? Was ich mit der Polln gesprochen habe? Lauter banale alltägliche Sachen. Gar nichts Besouderes oder gar Poetisches. Ich hörte nur ihre fremdartig klingende Stimme, sah llur ihre liuergründtich schöllen traurigen Augen. Sie hat nicf;t ein einziges Mal gelacht oder auch nur gelächelt, obwohl ich das so uilsagbar gern gesehen hätte ititb alte möglichen Witze versuchte. Sie sah dann so stillsragend zil inir auf, als lvllndere sie sich, daß ich heiter sein konnte. Vielleicht hatte sie auch kein Verständnis für den- deutschen llnd militärischen Humor. Sie spricht ein vorzügliches Deutsch, etwas scharf akzentlliert freilich und eigenartig langsam, Wort all Wort reihend, so daß jedes bedeutungsvoll klingt. Man könnte leicht in ehr in ihren Bemerkungell suchen, als sie sagen will. Was sie sagte, war ja auch schließlich gleichgültig, aber wie sie es sagte — das gibt's nur einmal allf Erden. Zahlreiche Kameraden llnidrängten ihren Ver- kalifstisch und sprachen mit ihr und sie antwortete ihneu 36 — so ernst wie mir, aber oft sah ich dabei ihre Wunderaugen still fragend auf mich gerichtet, als manschte sie von nur Erklärungen über all das, was ihr so fremd an uns erschien. Ich brachte ihr Sekt und Brötchen. Und das Souper teilten wir. Eine ganze Flasche hatte ich in die Ecke neben ihren Tisch gestellt und goß ihr ein, und sie aß trockene Semmel dazu. Ich auch. Dann kam der Tanz. Eigentlich biirfte ich ja nicht tanzen wegen meines Knies. Gleichviel, ich tanzte. Als maitre de plaisir konnte ich befehlen und ich befahl langsamen Walzer, drei- oder viermal. Ich weiß nicht, ob viele Männer solch ein Hochgefühl gekannt haben wie ich, als ich dieses Weib umfaßte, die. schlanke, süß schmiegsame Gestalt warm in meinen Armen fühlte und ihre weiche weiße Hand in der meinen preßte, während- im langsamen Wiegen ihr duftiges Haar zuweilen leicht meine Lippen streifte. Mein ^Kopf neigte sich rnehr und mehr zu ihr herab, aus den Tiefen ihrer Angen tauchten Blicke von durchdringender Glut empor, um in den nreinigen zu versinken, die Herzen schlugen mit der ungestümen Hast des wild jagenden. Blutes aneinander. Meine Lippen drängten sich nach den ihrigen, diesen dunkelsamtenen taufrischen Rosen, die sich, leicht geöffnet, mir empordrängen wollten. Wer hat es je gefühlt, was Seligkeit ist, wenn nicht ich bei diesem Tahinschweben im Tanze cs fühlte! Alles in mir jubelte und schluchzte, nichts um mich her sah oder hörte ich —-) nichts wußte ich mehr... Tatiana - Tatiana ... Und ich konnte sie nicht küssen — ich durfte nicht... es wäre Wahnsinn gewesen. — Und doch — wie sollte ich von ihr gehen, wie sollte ich,leben, atmen, allein sein, ohne siel geküßt zu haben — geküßt... ah —! Ich mußte sie loslassen, aus meinen Armen sreigeben. Es war ein Schmerz zum Ansschreien, mich von ihr löfeit zu müssen. Ich taumelte etwas und griff nach einem Halt, wie eine schnelle rote Wolke senkte es sich über meine Sinne, Jemand^sagte: „Nanu, Rehn, Sie werden wohl ohnmächtig? Lassen Sie doch das Tanzen mit Ihrem schwachen Knie. Und dazu auch noch si'mfundzwanzigmal herum!" Ich sitze heut den ganzen Tag und warte. Aus irgend lven, aus irgend etwas, etwas Großes, Unerhörtes, das «rein Leben nmstürzt, mich zu irgend etwas fortreißt, was zu vollbringen ich sonst nie imstande gewesen wäre. Ich sitze wie ein Löwe vor dem Sprung, daß mir jemand meine heißersehnte Beute entreißen will, in böser oder guter Absicht — gleichviel, ich töte ihn! Wenn ich einen Schritt lchre, lvenn eine Tür geht, wenn Meier kommt zu Stunden, >vo er schon hundertmal gekommen ist — ich warte auf den, der mir sagen will, meine Liebe wäre Wahnsinn. Ich erwarte, daß der Kommandeur kommt, mir abznreden; ich erwarte Poncalct, die Kommandeuse, Tante Latli. Die kam ja gegen Mittag. Ich vergaß, ihr die Hand zu küssen, und spähte nur in ihren Mienen und starrte ans ihre Lrppen, um das Wort, das einzige Wort: Tatiana zu höreii. Und genmppnet bis an die Zähne wollte ich sie stumm machen. Aber sie hatte feilte Silbe für Tatiana und keine Miene regte sich; sie sah so . ruhig, so gemütlich aus Me immer. Das fand ich noch viel verdächtiger. Es war zu auffallend; sie hatte Tatiana geseheii und hatte utich mit ihr gesehen und schwieg dennoch. Also Absicht? — Bon den Gerüchten über meine Sonderlingsgewohnheiten, nur alteren Damen zu huldigen und die^jungcn links liegen zu lasfen, sprach sie aber auch nicht, obwohl sie deshalb wohl eigens nach Zwielitsch gekommen war, und ich fühlte natürlich keine Neigung, sie an diesen Passus ihres Briefes zu erinnern. Ich blieb konsequent am Schreibtisch, das heißt am Fenster, sitzen. Denn von hier aus konnte ich die Lnr von Wladzio Kvrroleivskis Laden im Auge behalten und sein dunkles Fenster sehen, bis um die Dämmerzeit die grüne Lanipe hinter den Vorhängen auflenchtete, bei der ich ihii beobachten konnte, wie den alten Kopf mit dem Sanitkäppchen herabgebeugt, in seinen Büchern rechnete. : Und dort mußte auch sie, meine Herrin, sein, meine Königin,, meine Welt! Wenn nrein ganzes Empfinden sich auch dagegen sträubte, die Huri des Paradieses dahinter fuchen zu müssen, so widersprach doch mein Verstand spottend: Loch! Dia sitzt sie in der melancholischen, muffigen Hnrterstube, tninitten der verstaubten Altertümer, denn'sie ist die Tochter, das einzige Kind dieses elenden Greises, der einst wohl ein großes Geschäft gehabt hat — irgendwo in der Welt. — weit von hier. Tatiana sah ich nicht. Mir wurde ordeirtlich leichter, wie es dunkel wurde, um überhaupt da drüben etwa« andres M sehen, als die grüne Lampe, denn das Märcheubild war undenkbar in diesem Rahmen.... Langsam erschien es nun wieder allein, heransgeschnitten ans allem andern, kci ( >u paßte, leuchtend wie eine Vision ans dem Dunkel der übrigen Welt. Dezember. Ich bin wieder vernünftig geivvrden. Noch vernünftiger als vorher: denn ich weiß das Datum das Lages und ziehe meinen Regulator auf. Nämlich inuner zu der Stunde, wo ich Tatiana zuerst sah. Die Herz- afsiktion ist vorüber. Die Huri ist aus dem Paradies Zwie- litch), scheint es, verschrvnnden und ich bin wieder Reiter- leutnant lind nicht Sklave. Ich habe gelauert und gelauert, wie die Katz vor dem Mausloch oder, zarter ausgedrückt, gespürt, wie der Jäger nach dem „Wechsel" eines, seltenen Wildes. Aber kein Schimmer, keine Spur! Still liegt drüben der alte Naritätenladen, in meinen! Handberel ch an der Tür hängt ein Paar ntittelalterlicher Tärl- ,chen wie grimmige Hüter, an denen jedo Illusion abprallen inng. ^eit achtnndvierzig Stunden, seit dem Basarabend hatte ich keinen Strahl ihrer Schönheit mehr gesehen, nicht auf der Straße, nicht vor der Tür, nicht am Fenster. Sie ist wie vonl Boden verschluckt. Tante Lalli nimmt mich stark in Anspruch. Sie utacht Besuche mit mir: beim Kommandeur (sie ist wieder leidend und nicht zu sprechen), bei Granstedts, bei meiiiem Rittmeister, überall wo ich besser bekannt bin, aber nicht in Regenwalde. Die Gräfin Waiida ist so wenig entgegenkom- mend gegen Tante Lalli geloesen, daß diese auf eine Landfahrt verzichtete, obwohl sie bei ihrer Kritik über den Basar von der Gräfin sagte, daß sie eine grande dame der alten Schule wäre r— eben der Eomble einer grande dame, aber sehr kühlen Herzens, was freilich dazu ein wenig gehöre. Na — ob das „kühle Herz" nun stimmt?... Aber morgen will sie nach Groß-Runow. Der alte Baron hat sie direkt zum Diner eingeladen und sie ist entzückt von! seiner Ritterlichkeit und behauptet, er habe ein sehr richtiges Urteil über alles. Die schreckliche Tochier fand sie gar nicht schrecklich. Sie meinte sogar, wenn sie in die richtigen Hände käme, könnte sich aus der unschönen Hülle xme allerliebste Rose entwickeln. Ich sagte: „Ja, Ranunkelröschen." Sie sah mich über ihre goldene Brille spöttisch nn' und entgegnete- Harry, mein Sohn, du scheinst in deinem — Paradies der Erde nicht zugenommen zu haben an Weisheit und Verstand. Aber verändert hast du dich, dn kommst mir manchmal vor wie so ein ins Gras gesallener Apfel, auf der einen Seite noch ein bißchen grün und auf per andern schon ein bißchen — faul." Ich nickte und lachte. Erstens nehme ich ihr grundsätzlich ilichts übel, und dann kann sie doch nicht ahnen, was ich in Zwielitsch schon erlebt habe. Der Kommandeur nimmt meine Dienste als stellvertretender Adjutant wenig in Anspruch, damit ich mich ganz Tante Lalli widmen kann. Selbstredend stiegen die wahnsinnigsten Gerüchte hier aus von ihrem Reichtum. Einfache Millionärin jedenfalls und ich ihr einziger Erbe! Tatsächlich hat sie ja wohl ein paar Hunderttausende aut der Bank, und wem sie die sonst verinachen sollte als mir, wüßte ich auch nicht. Aber kerngesund ist sie und bei ihrer mäßigen Lebensweise wird sie mindestens neunzig Jahre. Dann bin ich an die Fünfzig heran! — Es ist ja sehr pietätlos, das auszusprechen, aber ich meine es nicht in solchem Sinne. Was ich von ihr bitte, hat sie mir noch iunner reichlich bewilligt in großer Liebe und Güte, auch die Versetzung und den kostbaren Apollo. Und schon die Erbaussicht würde mir ja, wenn ich wollte, einen unbegrenzten Kredit eröffnen. Jedenfalls verbreitet sie hier einen sehr vorteilhaften Nimbus um ineine Person. (Fortsetzung folgt.) Aus Insterburgs Rustentagen. Dic „Ostdeutsche Volkszeitung" in Insterburg hat eine Mappe nnt den Faksimiles der öffentlichen Bekanntmachungen, die in Insterburg wahrend der Russenzeit erschie neu, herausgegeben und damit die Kriegsliteratur mit ein hochinteressantes und dokumentarisch wichtiges Stück bereichert. Durch diese amtlichen Aktenstücke hindurch bekom- meit wir (wir geben hier die Besprechung der „Kreuz zeitnng" wieder. D. Red. d. „Borw.")' einen überraschend — 39 klaren Einblick in die Zustände der Stadt während der Feindesherrschaft; General Rennenkamps wird uns lebendig und erweist sich, wie die „Deutsche Kriegszeitung" danach zusammenfassend urteilt, im allgemeine!- als lange nicht so schlimm wie sein Ruf; di^absolute militärische Notwendigkeit, für den Schutz der Soldaten gegen Angriffe von seiten der Zivilbevölkerung zu sorgen, tritt in Ankündigungen von Maßnahmen hervor, wie nnr sie in Belgien leider tatsächlich durchführen mußten; vorzüglich aber hebt sich plastisch die Gestalt des Arztes und Stadtrats Dr. Bi er freund ab, der in unermüdlicher, ent- schlußschneller und energischer Tätigkeit während der drei Wochen der Russen Herrschaft die Stadt am Leben erhielt, wie man ohne jede Uebertreibung sagen kann. Am 24. August rückten die Russen in Insterburg ein. Sie brachten ein — wohl in Wilna gedrucktes — Plakat mit, das alsbald gelb an allen Straßenecken prangte und besagte: Allen Einwohnern O st - P r e u ß e n s. Gestern d. 4. — 17 August überschritt das Kaiserliche Russische Heer die Grenze Preußens und mit dem Deutschen Heere känrp- send, setzst es seinen Vornmrsch fort. Der Wille des Kaisers aller Reussen ist die friedlichen Ein- Ivohner zu schonen. Laut den mir Allerhöchst anvertrauten Vollmachten wache Ich folgendes bekannt: 1. Jeder, von Seiten der Einwohner dem Kaiserlichen Russischen Heere geleistete Wiederstand, wird schonungslose und ohne Unterschied des Geschlechtes und des Alters bestraft werden. 2. Orte, in denen auch der kleinste Anschlag auf das Russische Heer verübt wird oder, in denen den Verfügungen desselben Miederstand geleistet wird, werden sofort niedergebranut. 3. Falls die Einwohner Ost-Preussens sich keine feindlichen Handlungen zu Schulden kommen lassen, so wird auch der kleinste dem russischen Heere erwiesene Dienst reichlich bezahlt und belohnt werden; die Ortschaften werden verschont und das Eigenthumsrecht wird gewahrt bleiben. Gezeichnet: von Rennenkampf. . General Adjutant Seiner Kaiserlichen Majestät General der Kavallerie. Diese Bekanntmachung wird am 25. August auf einem Plakat, das in der Druckerei der „Ostdeutschen Volkszeitung" hergestellt ist, in richtiger Orthographie und richtigen Typen wiederholt. Dasselbe Plakat enthält die folgende Bescheinigung. Die russische MilitärMbrigkeit bescheinigt hiermit, daß Herr Dr. Max Bierfreund zum Gouverneur der Stadt Insterburg ernannt worden ist. Und das gleiche Plakat bringt eine erste amtliche Kundgebung des neuen Gouverneurs. „W i e i st u n s e r e L a g e?" ist der Titel, und die Frage wird wie folgt beantwortet: Der Feind ist bis in unsere Stadt vorgedrungen und hält dieselbe bis auf weiteres — unter Umständen bis zur Beendigung des Krieges — mit einem Obersten und einen: Regiment dauernd besetzt. Jeder Widerstand gegen die obigen Bestimmungen hat die Ausführung der angedrohten Strafen durch den russischeil Ortskommandanten zur unweigerlichen Folge. Außerdem müssen auch dafür die von unserer Bürgerschaft bis zur Beendigung des Krieges als Gewähr für die friedliche Haltung der Zivilbevölkerung zu stellenden drei Geißeln oder Bürgen für jeden von einer Zivilperson auf das russische Heer verübten Anschlag mit dem Leben büßen. Weil diese drei Bürgen von uns bis zur Beendigung des Krieges bestellt werden müssen, bestimme ich, daß je drei Bürger: für die Dauer von 24 Stunden in fortlaufender Reihe sich zur Verfügung stellen. Da die Bürgschaft der drei, sich freiwillig gestellter: Bürgen: Stadtrat Keßler, Architekt Laurinat und Oberkellner U b a u, mit den: 26. August von 10 Uhr abläuft, werden von da ab je drei rveitere Bürgen von mir bestimmt werden. Wer meiner schriftlichen Aufforderung zur Ucbernahme der Bürgschaftsleistung nicht pünktlicl)e Folge leistet, wird durch die für die Bewachung der Bürger: bestimmte russische Militärwache zwangsweise herbeigcholt. Es folgert eingehende Bestimmungen über die Ablieferung der Schußwaffen. Auf einem ausführlichen Anschläge vom gleichen Tage werden die erwähnten Bekanntmachungen wiederholt und die Schilderung der Lage Insterburgs vervollständigt. Eine Bürgerwehr mit alleil Befugnissen der bisherigen Polizeibeainten, derer»/ Mitglieder auch die russischen Soldaten auf Ersuchen sofort Hilfe zu leisten haben, wird eingesetzt; das bisherige allgemeine Verbot der Preußischerl Militärbehörde, alkö holhaltige Getränke zu verkaufen, wird erneut und verschärft. Dann heißt es weiter: Dagegen erhalten die Inhaber sämtlicher anderer Geschäfte hiermit den strengsten Befehl, sofort und aiwauernd ihre Geschäfte rn der üblichen Zeit offen zu halten. Die nach erfolgter Bekanntmachung der Verfügung weiterhin noch geschlossen Vorgefundener: Läden werden sofort amtlich geöffnet und der Verkauf durch ein Bürgerwehrmitglicd geleitet werden. Die Bürgerwehrmitglieder sind berechtigt und verpflichtet, geeignete und verttauenswürdige Fachleute (Verkäufer und Verkäuferinnen) an ihrer Stelle einzusetzen, die den weiteren Verlauf verantwortlich sortführen müssen. Alle Einnahmen derjenigen Geschäfte aller Art und Gewerbebetriebe, deren Inhaber bis zu der am 24. August, vormittags 11 Uhr, erfolgten Besetzung der Stadt durch die russische Heeresmacht geflüchtet sind, müssen von dem genannten Zeitpunkt ab bis zur Rückkehr der betreffenden Geschäftsinhaber täglich gegen Quittung an die Stadthauptkasse abgeliefert werden. Für die richtige Ablieferung dieser Einnahmen an die Stadlhauptkasse ist einzig und allein derjenige Verkäufer verantwortlich, welcher mit dem Verkauf von dem geflüchteten Geschäftsinhaber oder Mitglied der Bürgertvchr betraut worden ist. Weitere Einzelheiten fordern die st ä d t i s ch e n Be - amte n und Angestellten auf, ihrem Diensteide getreu ihre Obliegenheiten gewissenhaft.fortznführen, mtb machen Notstandsmaßnahmen bekannt, von denen die hauptsäc^ichste ist, daß „voir morgen friih ab hiA auf weiteres tägÜch von 9 bis 12 Uhr vormittags auf dem Schlachthofe F l e i s ch an die Zivilbevölkerung umsonst abgegeben wird". Die Bekanntmatchlng schließt: Ich bin überzeugt, daß schon jetzt die Einwohner Insterburgs die Ueberzeugung gewonnen haben, daß es bei gutem Willen gelingen muß, auch unter den jetzigen traurigen Verhältnissen die Ruhe und Ordnung in unserer Stadt aufrechtzuerhalten, wenn jeder Bürger, der es mit seinem Vaterlande und seiner Vaterstadt galt meint, dazu das Seinige beiträgt. Eine Bekanntmachung vom folgenden Tage teilt mit, daß alle Arbeitswilligen, Männer und Frauen, sofort Beschäftigung gegen tägliche Löhnung durch den städtischen Arbeitsnachweis erhalten, und daß Personen, die die aui der Straße umherlaufenden Hunde einsangen wollen, sofort gegen hohen Lohn gesucht werden. Ein Aufruf vom gleichen Tage fordert alle Bürger, die sich frei-, willig gls Bürgen stellen wollen, aus. sich zwecks Eintragung in eine „alsbald zu veröffentlichende und zum ehrenden Andenken auszubetvahrende Ehrenliste" beim Gouverneur zu melden. Der Tag darauf hebt sehr ernst an. Er bringt einen Kommandanturbefehl, der folgendes besagt: Rach Anzeige der Kommandantur soll gestern abend aus dem Drengwihscheu Hause in der Bahnhofstraße ein Schuß gefallen sein: instflgedessen befiehlt die Militärkommandantnr folgendes: 1. Fällt noch einmal aus einem Hause ein Schuß, so wird das Haus, fällt ein weiterer Schuß, so werden die Häuser der betrcssen- den Straße und beim dritten Schuß die ganze Stadt in Brand gesteckt. 2. Jede Person ohne Unterschied des Alters mW Geschlechts wird von den russischen Patrouillen gesangengenommen, sobald sie sich nach 8 Uhr abends ans die Straße begibt. 3. Ich verbiete aufs strengste, sich irgendeinem militärisch«: Gebäude oder Magazin zu nähern, ebenso sich von allen sonstigen Häusern, vor welchen militärische Posten ausgestellt sind, möglichst ftrnzuhalten. Nachdem durch die unentgeltliche Verabfolgung von Fleisch an die unbemittelte Bevölkerung für das Fernbleiben der Not in diesem Punkte gesorgt ist, teilt eine Bekanntmachung des Gouverneurs vom 28. August weiter mit: Die Beschaffung von Kartoffeln habe ich in der Weise durchgesührt, daß aus einem zum Gutsbezirk P:erag:enen gehörigen Kartoffelfeld vom Sonnabend, dem 29. August cr., ab alle erwachsenen weiblichen Personen mit ihren Kindern vom 10. Lebensjahre ab, jedoch nur aus der Stadt Insterburg, die Erlaubn:s erhalten, sich täglich eine Menge von etwa 5 Liter auszugraben und mitzunehmen. Der Weg bis zu diesem Kartoffelfeld wird durch Mitglieder der Bürgerwehr augezeigt werden, welche auf Ruhe und Ordnung zu halten und insbesondere von mir den Befehl erhalte!: haben, daß niemand ein das Maß von fünf Liter erheblich überschreitendes Quantum mitnehmen darf. Zuwiderhandlungen werden durch den Ausschluß vom Kartoffelentnahmerecht für drei bis acht Tage bestraft. — 40 Am Mü*n 28. August erschien noch folgende Bekanntmachung : Der Generaladjutant Sr. Käiserl. Majestät, General der Kavallerie von Rennenkampf befiehlt, daß alle Frauen gegen Bezahlung die Wüsche der Angehörigen des russischen Heeres waschen müssen. Tag für Tag kommen Bekanntmachungen und Verfügungen, die ersehen lassen, mit welcher Umsicht und! Energie der Gouverneur Dr. Bierfreund für das Schicksal des okkupierten Jnstxrburg zu sorgen sucht, wobei die häufige und verschärfte Wiederholung bereits einmal gegebener Befehle dafür zeugt, das; die Panik in der Stadt erst zu einem Teile überwunden ist. Uebrigens beginnt das Gespenst der Hungersnot für Insterburg heraufzuziehen. Am 4. September werden tägliche Wochenmärkte befohlen, nachdenr am Tage zuvor der ärmeren Bevölkerung der Stadt angeraten worden ist, „bei ihren Einkäufen auch solche Nahrungsmittel zu lvählen und sorgfältig aufzubewahren, die unter normalen Verhältnissenj erfahrungsgemäß einen tvenig geschätzten Wert haben; z. B. Nüsse, Schokolade, alle Arten Konserven, während, sie bei der in kurzer Zeit sicher zu erwartenden Hungersnot bei ihrem sehr hohen Nährwert einen wichtigen Ersatz für die gewöhnlichen Nahrungsmittel geben" würden. Doch schon öffnet sich die Aussicht auf bessere Zeiten. Am 8. September kreuzt zum erstenmal eindeutscherFlie g e r über der Stadt. Er ist der Verbote der Befreiung; noch am 11. (September freilich droht der Stadt die ernsthafteste Gefahr. Die letzte Bekanntmachung des russischen Gouverneurs verkündet: ^ ..^Es ist durch die amtliche Untersuchung der Militärobrigkeit des Kaiserlich Russischen Heeres festgestellt, daß gestern während des Kreuzcns von russischen und deutschen Aeroplanen über der Stadt Insterburg aus der Brascheschen Fabrik Revolverschüsse von den Einwohnern Insterburgs abgegeben sind. Seine Exzellenz General von Rennenkampf hat mir besohlen, betanntzugeben, daß im Wiederholungsfälle die betreffenden Häu- und Straßen ebenso in Brand gesteckt werden, wie die augenblicklich noch brennende Braschesche Fabrik." Es toar ein Schreckschuß. Am selben 11. September nachmittags 5 Uhr sprengte die erste deutsche Ulanen p a t r o u i l l c wieder auf den Markt von Jnster- bltrg, mit unaussprechlichem Jubel von der Bevölkerung, begrüßt. _ Bös Weltwunder. Von Kurt K ü ch l e r. Eilt breiter Strom floß zwischen hohen Ufern. Ein Eisenbahnstrang sollte den Fluß kreuzen lind eine gewaltige Brücke aus Stein und Eisen sollte die User verbinden. Fünfundvierzig Millionen Mark, glaubte man wurde die Brücke kosten. Es gab, durch viele Tage, hitzige Debatten unter den Finanzverantwortlichen des Reichs. Sachverständige wurden vernommen, Räte und Dezernenten rechneten und prüften und kalkulierten und hielten dem Minister Vorträge, und am Ende warf man die fünfundvierzig Millionen ans. Ein Preisausschreiben wurde erlassen und ein Kollegium von Preisrichtern berufeii, die trugen alte einen großen Namen. Tie tüchtigsten Brückenbauer der Welt stürzten sich ans das dankbare Problem, gewaltige Konstruktiv tw plane entsprangen rastlos arbeitenden Hirnen. Wochenlang, schwer um den Entschluß ringend, saßen die klugen Preisrichter über den Entwürfen, von den wägenden Stirnen und den kahlen Köpfen troff der Schweiß. Endlich wurde, nach langem Streit, ein Entwurf gewählt, ein Wunderwerk konstruktiver Gedanken, ein Phänomen technischer Kühnheit. Der Plan kam in die Öffentlichkeit, U"d die Zeitungen und tausend Kritiker u,ld Sachverständige und Neider fielen darüber her. In strömen regnete; -ob und Tadel, Entzücken und Hohn. , T u ami k.crm der Ban. Tausende von Händen rührten sich, Baumeister, Bauführer, Zeichner und Arbeiter. Hämmer dröhnten ans glüheude Nieten, Eisen bog und streckte Nch u.' der Glut der Esseii, Meißel formten den Granit snr die mächtigen Pfeiler im Strom. Ingenieure aller van der kamen, um die Arbeit zu selM. Ei,i Jahr ging hin, dre Brücke war fertig. Der König kam mit Gefolge und Soldaten und Fürsten, um «die Brücke feierlich einzuweihen. Dichter sangen der sieghaften Technik rauschende Hymnen. Gewaltig klangen die Inbelchöre, die Reden. Fünfhundert Orden flogen, und alle Zeitiingcn und Zeitschriften der Welt sprachen acht Tage lang in Bild und Wort von Idem neuen Weltwunder, das ebenso zur ewigen Berühmtheit bestimmt sei wie die Cheopspyramide, wie der Eiffelturm, wie St. Peters. Kathedrale in Rom... Da kam der Krieg über das Zand. Ein Boot legte in stockdunkler Nacht, wenige Stunden nach der Kriegserklärung, an dem gigantischen mittleren Strompfeiler der Brücke an. Mn Funke glühte auf und ein Mann schwamm eilig davon. Eine halbe Stunde ging hin... der Funke schlich seinen Weg. Dann barst die Hölle, und ein ungeheurer Donner tobte zum schwarzen Himmel. Durch die Straßen der Städte brüllten die Extrablätter. Ein Mann, im Wirrwarr der Kriegsnvt, sagte eilig zum andern: „Hörten Sie schon? Der Feind hat die große Briicke zersprengt!" „Was Sie sagen!" Eine Stunde lang brodelte die Erregung durchs Land. Dann tobten neue Extrablätter durch die Straßen .. neue Kriegstaten. Niemand sprach mehr von der Brücke, von dem Weltwunder von gestern. - verinifebtes. Die BüNelinfel. Die Vereinigten Staaten scheinen mit ihren Versuchen, den aussterbenden amerikanischen Büffel (Bison) zu erhalten, nicht viel Glück zu haben. Eriährl man doch, daß die Büffelherde des Pellowstone-Varkes, die vor 20 Jahren 400 Kopse stark war, jetzt auf etwa ein Dutzenb Tiere zusammengeschmolzen ist, unb zwar dank der Tätigkeit der Wilddiebe, so daß die Regierung daran denkt, den kümmerlichen Rest der Verde in andere, weiter östlich gelegene Schutzgebiete zu überführen l Gleichzeitig mit dieser Nachricht teilt eine amerlkamfche Zeitschrift etwas mit, das allen Natur^chutzireuuden geuntz recht erfreulich klinaen wird: vor etiva 25 Jahren hat ein amerikanischer Privatmann, W. I. Tooley, den Versuch gemacht, ilnabhängig von der Regierung den Büffel vor dem .'inssterben zu schützen, und damit soll er einen großen Erwlg gehabt baten. Tooley hat nämlich damals die sogenannte „Antilopeninsel" im großen Salzsee auf- gekatlft und dieses Gebiet, daS etwa WOOu Acker (12 000 ha) groß ist. als Naturschutzvark eingerichtet. Er fing mit einer Büffel Herde von 2 b Stück an. Die Lebensbedingtmgen ans der Insel scheinen den Büffeln nun außerordentlich gut ztlgesagt zu haben; in dem bergigen, von vielen fruchtbaren Tälern dtlrchzogenen Gebiet haben sie sich stack vermehrt; vergangenes Jahr sind allein 26 Kälber geboren worden, die alle aufgezogen werden konnten. Von der Herde werden weder Tiere verkauft noch getötet (außer wegen Altersschwäche), und ab und zu findet ein Austausch von Stieren Mit Beständen anderer Büffelberden statt, um die Inzucht zu vermeiden. - Vüchertisch. — Zweites Januarheft des „K u n st w a r t s". Kriegsausgabe zum halben Preis. (Verlag von Georg D. W. Eallwey, München. Vierteljährlich 2,25 Mk.) Größere Aussätze: Avenarius, lieber die Grenzen. An Karl Spitteler. Hermann Ullnunm, Zweierlei Kolonien. Alfred Bachmann, „Die Rache der Gefangenen". Leopold Scknnidt, Mimik auf °dem Podium. Ferner Gedichte von Richard Schaukal. Die Rundschau bringt.u. a. Wilhelm Heinz, Wir daheim. Wolfgang Schumann, Joels „Anti- barbarus". Avenarius, Die Irreführung über Karl Spittelers Vortrag. Corbach, Kbiegswohnnngsfürsorge. Stapel. „Großmächte". Glantschnigg, Die Schulstnbe jetzt. Bilderbeilagen: Alfred Bach mann, Nordseestrand: Dürer, Weltausruhr (Ausschnitt aus einein Holzschnitt zur Apokalypse); Penzoldt, Tie Anbetung des Kindes (Scherenschnitt). Anagramm. Rastlos ström' ich dahin durch Schwabens liebliche Gaue; Setzest zwei Zeichen du um, bin ich ein jagdbares Tier. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Geographischen Verschiebrätsels in voriger Nr. r Böhmen H»rz Pari« Sudeten Bern Ntzza; Bastei. c-schriftleitung: Aug. Goel; - Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Buch- und Cteindruckerei, R. Lange, Gießen.