Ar. 246 Zweites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. *67. Jahrgang Beilagen: ..Giehener ZamUienbiitter- und „Kreisblatt für den Kreis Sietzen". pastfchecktonto: zrarttfnrt am Main Ur. **686. Bankverkehr: Se«erdebank Stehen. Giehener AsZei General-Anzeiger für Oderhessen Kcettag, *9. Oktober *9*7 ^oiürngSrunddruck und Vertag- Br ü hl'jchellniVeriitäts-Bttch-u.Stemdnliterei. R. Lange, Gießeru Zchriftleitung. SefchastssteKe und Druckerei: Schulstraße?. Geschäftsstelleu.Verlag: E2SAK1, Schriftlettung: 112. Anschrift für Draht >achrlchten:AnzeigerGi«ßen. ——m 3um Gedächtnis des wartburgfeftes. (Eine Mckhimmg aus dem Jahre 1817 ) Sto,! «rftL Lwftxrt Prof^ ®t. Hermann Haupt-Aießen. Die hochfliegmdcn Soffimngrn, mrt denen die deutschen Vater- landSfrrund« d;e.Niederwerfung f>!ch eben Gut und Blut für etn starkes. Deuts ckLand zu opfern bereit gewesen waren, die aber dio wrrtfchaftnchen Nöte und ein alle politische Leidenschaft überivat- llgendcs Ruhebedürftns mi'irbe geinacht hartem In einem kleinen Kreise des Volkes über wurde das heilige Feuer nationaler Gesinnung das die deutschen Freiheit stampfe entfacht hatten, in dieser trüben Zeit mit um so leidenschaftlicherem Eifer gehütet: in dem Kreise der akadenrisäien Jugend, dfrrgends waren die vaterläudi- fäjat $t>ea: m der Zeit der Erhebung nrit solch flamniender Begeisterung ausgenommen worden, als an den deutsck>en Hochschulen Wber auch jetzt blieb diese Hochgenrute Jugend gauz im Banne der Gedanken ihrer geistigen Fühiver im Freihei Mampft, emes Arrwt, Jahn, Gottlieb Welcker, Fries und Luden. In Halle, Jena, Grellen, Heidelberg und Tübingen kommt es in den Jahren 1S14 b^ 1817 zur Begründung vm: Burschenschaften, die es sich als Ausgabe setzen, „auf Belebung deutscher Art und deutschen Sinnes hrnziuwirken, hierdurch deutsche Mast uftd Zucht zu erwecken, die vorige Ehre und, Herrlichkeit unseres Volkes wieder fest zu «Enden und es so für immer gegen fremde Unterjochung und TespotenNvvug zu schützen". Unter dem gewaltigen Eindrücke der am 18. und 19. Oktober 1817 aus der W,artburg abgehaltenen' Burschenversamnllung hat alsdann dieser burschenschaftliche Bund auf nahezu allen deutschen Hochschulen Eingang gefunden. Als im Winter 1817/18 die Hetze gegen die Tei lnehmer am Wartburg feste wegen der bekannten Wcherverbvennung Losbrach, haben die Führer der Jenaischen Burschenschaft unter Mitwirtm:g des Historikers Luden die im burschenschaftlichen Kreise Mchtung gebenden! Anschauungeu in einer „Grundsätze inrd Beschlüsse des achtzehnten Oktober' betitelten Denkschrift zicsarmnengefaßt. Gleich dem Hauptredner des Wartburgfeftes, Heinrich Raemann, stellt dieses bedeutsame politische Glaubensbekenntnis dem „verderblicher Weltbürgersinne", durch den die großen Männer der deutschen Geistesgeschichte ihrem eigenen Volkstum entfremdet worden, die Pflicht rÄckhaltloser Hingabe mr das Vaterland gegenüber. Es gilt, die Reinheit der deutschen Sprache, die Ehrbarkeit der deutschen Sitten, die Eigentümlichkeit der deutschen Bräuche und überharrpt alles das zu fördern, was Deutschland groß und stark, das deutsche Volk achtungswürdig und ehrentoert, den deutschen Namen rühmlich machen kann. Aus Leben und Sprache ist dagegen alles auszutilgen, was die Gefahr in sich fragt, die Gemüter dem Vaterlande ziu entfremden, die ,Neigung für das Ausländische zu nähren und das BaterlaNdsgefühl ab zustumpfen. In solchen Mahnung«: offenbart sich der nachhaltige Einfluß, Ernst Moritz Arndts, der unter Hinweis auf die tiefgehende natürliche Tifftveirzierung der Völker das Recht und die Pflicht der Be- hauvfrmg der nafromcken Eigenart als der stärksten natürlichen Wehr eines Volkes gegen feine Nachbarn unmer loftder betont und gerade gegenüber den unheilvollen, vom Franzosentum auf Deutschland geübten Einflüssen die schvosft Forderung ausgestellt hatte, daß es überall, wo es sich uin das Wohl des Landes handelt, kerne Liebe der Völker zueinander geben dürfe, ja daß ein Voll, das sich als solches b haupten wolle, anderen V lkern durchaus ft.bständig la feindselig gegenüberstahen müsse Dieses Geistes Kind ist der n: den „Grundsätzen und Beschlüssen" ausgestMe Satz, daß Deutschland das Recht und die Pflicht hat, , änderen Völkern das, >vas sie dem deutschen Volke tun, zu vergÄtM". Oberster Grundsatz in den gegenseitigen Verhältnisse der Völker müsse sein: Maß für Maß, fo wie im Kriege, so im Frieden. „Ein Volk, das von diesem Grundsätze abnreichtt, kommt in Gefahr, für Heft oder dumm gehalten zu werden, uird wird alsdann Mißhandttmgvn und .Kriegen nicht ent- gehen. Der Natimralhaß ist solange gut und löblich, als er in Eifersucht auf gleiche Rechte besteht und in der Wachsamkeit gegen jede Anmaßung der Fremden." Erst der furchtbave Ernst dieser Kriegszett hat uns das volle Verständnis für den aus solcher schroffen Absage an alle weltbürgerliche:: und pozifizistischen Stimmungen sprechend«: real pol itisckwn Gept erschlossen. Für die ganyo künftige politische Entwicklmrg sollte es von entscheidender Bedeutung ward«:, daß die akademischte Jugend der damals wie auch heute tvieder mft dem Hinweise auf die angeblichen gemeinsamen JNteresfen Europas begw'mdeten „Den:Mobilmachung der Geister" sich mit eiserner Entschlossen l)eit versagt hat. Mährend das erschlaffte Bürgertum dem reaktionären Treiben der Mächte der heiligen yllliantz, die sich als Hüterinnen der Legitimität und des ewigen Friedens wie eine irdische Vorsehung gebärdeten, keinerlei Widerstand entgegensetzte, ttfar es der Burschenschaft Vorbehalten, durch die vor: ihr unter den schwersten'Opfern durchgeführte Politisierung >uud staatsburcs-erliche Erziehung der Studentenschaft die Idee der nationalen Selbstbechrnnrung in die weitesten Volkskreise hinauszutorger: und damit dem deutschen Ein- heitsgLdauken für alle ZuftlUft freie Bahn tzu breck-en. Luthers Glaube und msderne Weltanschauung. Gießen, den 19. Oktober 1917. DisslSs Thema hatte Geh. Rat Pvofessor v. Eck zum Gegenstand seines Vortrages gewählt, der gestern abend als zweiter in der Reihe der Luthervorträge in der Stadtkirche jtattfand. Luthers Persönlichkeit, sein gewultiges Werk, das er schuf, dre Tiefe seines Geistes- m:d Gefühlslebens, seine Stellung zur Frage „Materie und Geist" stehen heute, im Jahre des lOOjähri-gen Jubiläums der Reformation, derart im ^Brennpunkt nicht nur allein des kirchlichen ifrtb wissenschaftlichen, sondern auch des allgemeinen öfseittlichen Lebens, daß die Behaiidlung des Stoffes „Luthers Glaube und moderne Weltanschauung" höchstes Interesse verdient. Daß dem fo ist, bewies der außerordentlich zahlreiche Besuch des Bortrages. In klaren, scharf begründeten Worten gab der Redner eh: Bild der Entwicklung der wissenschastlichon Weltallschauung bis in die moderne Zeit, uird brachte Luthers Glaube, der damals wie heute Ulverschütterlich dafteht und als solchier auch spätere: Generationen übermittelt wird, hiermit in Berbindltng. Eine neue Religionsanfsassung, ein neuer Glaube entstand ehemals durch die Weltanschauung eines Kopernikus und Giardano Bwlno und lief bei allen Geistes Heroen bis aus Goethe parallel zu denc Luthers. Alle diese Mnner kamen aus innerer Notwendigkeit zu dem Glaube,: an die Welt als etwas Unendliches. Es vollzog sich der Wandel, der Gott nicht über das Weltall setzte, sorrdern in die Wett stellte. — Seit Aristoteles, durch ztvei Jahrtausende hindtirch, war die Sehnsucht der Seele das Jenseits. Schon Plato »nies darauf hin, und^Spin oza undGoethe verkündeten den Wert des Lebeirs im realerl Sein in dieser Welt des Unendlichen. Hier ist nun der astronomische Gedanke der Erdentwicklung zi: beachteil. Bon Melanchithon bis zurück zu Horaz, überall herrschte der Kampf uni die Erde als beweglick-er Körper, über deren Wesen imb Werden der kleirre Mensch sich ab- quält. Ein Weltstofs mußte vorhanden sehn Alle Wese::, die sich denken lassen, Haben sich aus den einzelnen unerw- lichen Kräften entwickelt. Auch die moralische Wett ist rrur eine Naturwelt. Wir finb rnoch lange nicht am Ende unserer Forschung. Aber die Wissenschaft, so sagt Kant, wird die Wege zu ftnden wisset:. — Trotzdem konnte der Luther glaube bestehen, der da sagt: „Ich glaube, daß Gott „mich" geschaffen hat, daß ch" . . usw Luther steht in: übrigen nrit seinen: Glauben vollständig auf der Basis des Daseins. Für ihn schafft Gott alles, ist in allem, unb kein Finger rührt sich ohne Gottes Wille. Selbst das Böse wird durch ihn geleitet. Luther verlangt daher auch vom Christen, daß er in allem nritten drin stehe, im Guteil lvie im Bösen. Gott habe den Menschen hl die Welt gesetzt, in der er schaffen und sich rühren müffe. Den Maßst-ab werde ihm der Herr auch geben. Eitler unserer größten Phllosophen ist es, derl man mit Luther hl Verbindung bringen muß, und zwar „Kant". Beide, Luther wie Kant, reichen sick)> die .haird im Ringen um das moralische Gesetz, von dein Kant selbst sagt, daß es ohne Ursprung da sei, und das der Deutsche aus der Pflicht, die nicht nach dem Nutzten ftagt, schöpft. (Beachtenswert ist der Versuch der englischen Geisteswelt, das moralische Gesetz aus der Welt der physikalischen Kräfte, dein Mechanismus, abzüleiten.) In einem Pnirkte aber steht Luther, und zwar jener Luther, der gegen detl Humanisten Erasinus ans- trat, weil dieser den Besitz des freier: Willens verfocht, über Kant, und das ist in der Gewtißhleil des Heils. Eben diese Gewißheit des Heils ist für Luther der volle Himnlel, ebenso wie ihm Zweifel als Fegefeuer, Verzweiflurrg aber gleichbedeutend mit der Hölle erscheint. — Zum Schlüsse wies der Redner rwch darauf hin, daß Luther Nur durch der: Einblick in alle Not, alles Denken, Trachten und Kcu:lpfen der Menschen vollauf gewürdigt und verstanden werden könne. — Mit den: gemeinsamen Gesänge des Lutherliedes „Aus tiefer Not ruß ich zu dir" schloß der eindrucksvolle Abend. —w. m.— Jedes Gramm stärkt die wirtschaftliche ttraft der Neiches. Die GoldaÄausfieIe in den Räumen der BeZirkssparkasse Gießen ist morgen von *0 bis *27* Uhr geöffnet!