Nr. 202 Zweites Blatt Erschein! täglich mit Ausnahme des Sonntags. Beilagen: „Gießener Zamilienblätter" und „Kreisblatt für den Ureis Gietzen". Postscheckkonto: Zrankfurt am Main Nr. N68b. Vankverkehr: Gewerbebant Siehen. \bl. Jahrgang euer General-Anzeiger für Oberhesjen Mittwoch. 29. August W ZwillingSrunddruck und Verlag: Brühl'scheUnlversitäts-Bllch-u.Steindruckerct. R. Lange, Gießen. Schriftleitung. Geschäftsstelle und Druckerei: Schulftrnge?. Geschäscsslelle u.Verlag: öl, Schriftleilung: 112. Anschrift für Drahtnachrichten: AnzeigerGießen. Don Uriegsbriefe aus dem Osten. unserem zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatter. (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Quartier beim Vormarsch. Es gibt Leute, die ausgesprochenes Pech haben, mtb solche, benen die gröbste Granate nichts schadet und die in einem völlig Zerstörten Schloß ohne irgend einen besonderen Grund eine Nasche Rotwein finden. Es geht aber nicht nur den Einz-elwcsen, sondern, auch ganzen Divisionen so. Die eine Division hat Glück, in ihrem Streifen liegen die unbeschädigten Herrensitze gleich halbdutzend- tveise, und wenn eine Stadt mit besonders vergnüglicher! Quartieren mir irgendwo in der Nähe liegt, so kann man darauf wetten, daß diese glücklich Divsisivn gerade im Abschnitt dieser Stadt zum Vorrücken kommt. Andere Divisionen haben ausgesuchtes Pech, sie sehen die Türme funkeln, hören die Märchen von weißen Betten 'und unerhört billigen Tee-Einkäufen, aber das Gefecht — vielleicht grade das Gefecht, das die Einnahme der Stadt entscheidet — führt fie im Norden oder ^üden an den köstlichen Dingen und cm dem Rausch der Einzugsstunden vorüber. Sie liegen im günstigsten Falle in schmutzigen Paniehäusern, oder irgendwo >auf nassem Boden, Werste Schrapnellwolken über den Köpfen, während die andern unter Musik und Gloriaglut einziehen. Als Kriegsberichterftatter kommt man zu den Glücklichen und $u betten, die Pech haben, liegt in den Panjehäusern und reitet oder ihrt in die Städte, kommt die guten Quartiere mit den hohen Stäben Und ärgert sich, dast sich just grab immer die liebenswürdigsten Gebäude so austerordenttich gut für Stabsquartiere eignen. Das ist mm mal nicht anders, selbstverständlich, und sehr oft kommt es ia auch anders. Manchmal trW es das Regiment besser als das, Generalkommando oder die Division, und ich l)abe genug Divisions- auartiere erlebt, in denen, manu re die Heringe beieinmÄer lag und .ein Tisch, den man doch schließlich ganz- gern zum Schreiben hat, cm unerhörter Luxnsgegenstand war. Bei diesem letzten Vormarsch durch Galizien und die Bukowina ging es im allgemeinen für alle ganz, gut: noch dazu kam, dast das Wetter es freundlich meinte, der Regen ausblieb und auch die Biwaks ihren Reiz hatten. Fast jeden Tag dieser Vvrmarschvochn hatte ein neues Gesicht, Uild am Abend fand man irgendwo das neue Quartier. Wenn ich Me Geschichte^ aller dieser Ruhepunkte erzählte, käme eine breite Geschichte des' Vormarsches mit heraus. Ein paar Quartierbilder möchte, ich ab« doch zusammen stellen, weil sich das bunte Leben dieser siegreichen Tage auch in diesem kleinen Spiegel fängt. Am 21. Juli lag ich in Jezierna in einen! Bauernhaus, in deur in der dtacht vorher noch ein russischer Hauptmann vom Stab des 11. russischen Armeeoberkommandos gehaust hatte. Möbel oder Einrichtunasgegenstände irgendwelcher Art hatte er nicht zurück- gelas>en. Aber an den Wänden waren noch hübsche Buntstistzeich- mungen, nrit denen er seine Stube verziert hatte, da sah man das! Wild eines ukrainischen Mädchens, und über der Stelle, wo wohl bas Bett gestanden hatte, war ein russischer Offtzierssabel gemalt, ern Georgskreuz und eine Ranke von Immergrün, mit soviel Kunst, daß man meinte, das grüne Gewinde bestände aus lebendigem! Laub. Am nächsten Tage liauste ich in der guten Stube eines galizi- schen Bauern in Chodaozkow-Wielki. Bor dem kleinen Fenster standen eine dichte Reihe von Btumlen, und ein kleines SeitenfenstdrchLn! lvat förmlich zu einer Blumenkapelle ausgestaltet. Hinter roten Geranien und bunten Sträußen von Feldblumen thronte ein kleines Bild der Madonna, und die Abendsonne lag wie ein Scharlach- mantel über den Schultern der Mckdonna und glühte dunkelrot ans . den Sträußen. Draußen rasselte ununterbrochen Artillerie vorbei, Lind die paar einfachen Gläser auf dem Gckbrett uitter dem Bilde der Muttergottes mit den sieben Schwertern im Herzen zitterten! Ununterbrochen und klangen leise aneinander. Am Morgen, als id abritt, erst sah ich meine Wirte, und 6 Bauernmädchen im Alter von 12—20 Jahren vielleicht, alle blond und blauäugig und eine hübscher als die andere, schrien mir ruthenische Wschiedsworte zu, und wollten sich totlachen, als ich ihnen auf deutsch erklärte, sie hätten das hübscheste Haus von Chodaozkow-Wielki. Ha war meine Wirtin in Ladyczyn ganz anders. Sie strich ihrer deutschen Ein- auartterung zu Ehren zwar den Ofen neu an, aber von Lachen war da nicht viel die Rede. Ingrimmig fluchte sie bei der Arbeit einen Fluch nach dem andern auf die Moskmvski, die ihr alles genommen hätten, Tochter und Kuh, und Tisch und Stuhl und eigentlich rrichts weiter in dem Zinrmer gelassen hatten als den mächtigen Lehmosen, den sie nun mit rührendem Eifer schön ockerbraun an- vuute. ... Ihr hartes Gesicht wurde erst etwas freundlicher, als rch ihr mit meinem geringen Wortvorrat klarzumachen versuchte, dast die Rußki „niemma" wiederkämen. Aus irgendeinem Versteck — ich vermute leider unter dem Vtisthaufen — Machte sie dann sogar die Telle einer Bettsfelle herbei, die ihr Sohn für mich zu- sammenstellte und frisches Stroh hineinschüttete. Als ich am Abend von dem großen Erlebnis der Sereth-U ebergang es zurückkam, fand ich dann aber doch, daß es besser wäre, in dem. schmalen Feldbett als in dem schönen brellen Bauernbett der guten Wirte zu schlafen', dieweil die russischen Erinnerungen des schönen Bettes doch noch allzu lebendig waren. Jp. Tarnopvl schienen.alle Hoffnunaen, die man auf iveiße Betten und freundliche Zimmer gesetzt hatte, recht eitel geivesen zu sein. Es kam dann aber anders. Aörn führte mich zu einen, der noch völlig erhaltenen Häuser der Nebenstraßen. Die Familie hatte ein Zimmer, m dem vor zwei Tageu ein russischer Graf gewohnt l-atte, säuberlich hergerichtet und plötzlich — noch hatte man das Bild des rauchenden Ringplatzes vor Augen, auf dem die deutsche Gardekapelle ihre Lteder ut die JUlinacht geschmettert hatte — saß man an einem gedeckten Tisch int Familienkreis und horte die Geschichte Dam L-etdeat, die in ihrer Schauerlichkeit tvie unheimliche Träume vorbeWvgen. Bor dein Fenster starrten die krummer verbrannter Häuser, und die Teemaschine summte ein merkwürdiges Lied ... . Auf dem südlichen Dell des Vormarschgeländes lag ich die enre halbe üacht rn Kälustz nt einer Villa, die zum Direktorium des Kalr-Bercpv«öes gehörte. Die Fvoitt, die ich einholen wallte, hatte ichm, K-Momea erreicht, und selbstverständlich gab cs schon ■ bm £ ldjc ^ppe. otc lbar hi einer Billa gegenüber dem -wstrztcrshnm > Ausstattung ent paar Bettgestelle mit Stroh, ent paar Tische, cm paar .iwlzbanke, 2 Waschschüsseln) untergebracht xtitb iaum von etnem Rittmeister geführt, der im Frieden sebr beträchtliche Erfolge als Bühnenschriftsteller gelMt lsatte. Wir hatteit uns zuletzt n der Landesuniversitckt. Der praö- trsche Arzt m Lollar, Geheimer Sanitätsrat Dr. D i ck o r e, begeht heute sein goldenes DoktorjubiläUm. Aus diesem Anlaß hat die medizinische Fakultät unserer Landes- Untverfität sein Doktordiplom erneuert und dasselbe durch den ftellv. Dekan Geh. MedrFinalvat K->f. Dr. Strahl heute überreichen lassen. ** Das Abernten von Herbst- und Winter- Gemüse darf, w-re das Lebensmittebamt bekanntgibt, unter telllen Umstanden schoar jetzt erfolgen und wird gegÄeneu- faW nach Verordnung vom 19. August 1917 strafrechtlich verfolgt. Ausnahmen gestattet auf Antrag die Hessische Landes-Gemusestelle in Main^. — Rüben aller Art uut^- Uegen bem Vers ands cheinzwang. Versandscheine für Waggow- ladungen srnd bei der Hessischen Landes-Gemüsestelle Mainz zu beantragen — Auf Eiuhältung der Höchstpreise, Austellen von Schlußscheinen usw. wird ausdrücklich aufmerk- am gemacht Nichtbefolgung ist strafbar. Der Höchstpreis für Runkelrüb en ist Kuweit 1.5 0 Mark der Zerttner. Kartoffeln in Menge! Me der Magistrat m Wies^ baden bekannt grbt, M! dort der Einkauf von Kartoffeln in dieser Woche,sveigegeben. Ein PrivathaushalL kann bis zu einem Zentner eui^ufen u-Ä, zwar ohne Enttoerttchg eines Feldes der Kartoffel-' marken. Ist das nicht auch in Gießen möglich? % Vllfsschasfnerrn A. D. von Butzbach hat Um! 11 Februar 1917 mt Betriebe der Eisenbahn einen Lürrtatt erhüben, an bei J en Folgen sie am gleicheit Tage verstorben ist Sta Ni SSerftotfiate ihjv- Wtem ihrem ärbettöoecbiotfte fie tntntonatlicffen Durchschnitt 20 30 SKF. tt&gegöwt HE, stellten dir Eltern durch Vermiülunn der Gev°erilntibrg«n R-chtsberatirngsstelle des Evangelrschen Ärbertervereitls in Gießen Antraq cuii ^AAszoWung der Hrnterbtiebenenren te Der Anspruch wncke vMder Könislichen Eisrnbahndirrktion in Mainz anerkwint mrd den (Stten, die sich tu ditrftism Verhältnissen befinden, eine Rrnte rn Hohe »an % des IalMSarbeitsverdienstes der Vnitoi- ^Lr 2 i ö 3Rt ' ?der ^,60 m. monaLch _ zn«- ^ Koaislichc Eisenbayndirektwn in Frankfurt a. M. den Anzpruch der Angehörigeit des am 21 Tannn,- 1917 E vernnMckttn tzllfshvizers W, ta ItaSsärtSS bcr Begründung ab, daß die bestllnänunigsgentäßen Voraus setzunaen zur Gewährung emer Angehörigenrente nicht vorlieqen O^oen d^n Bescheid der Könislichen Eisenb^lmdirektwn in FraKrt a D? da Imiit der Begrimdmrg Einspruch erhobar ^ daß der Aerstorbene vor seineiit Tode we sentlich aus seinem Arbeitsvetdrenst unterhalten hat. Das Oberversich^cnnasanit chird sich dahai d-ntn-ichst mit der AnMleg«rhei^schMqM ** Anschüsse ju Unfalls Nnd J-nv