Kr. 6 Zweites Erscheint täglich mit Ausnahme deL Sonntags. Beilagen: „Gieheuer Kam 'lienblätter" und „Kreisblatt für den Kreis Gießen". poftscherttonto: KrankfurL am Main Nr. U686. Bntifnerte^r: Eewerbebarrk Gießen. 167. Jahrgang M /%• General-Anzeiger für Gberheßev Montag, 8. Zannar M ZwillingSrunddruck und Verlag: Brühl'scheUlnoersiläls--Buch-n.Steiiidi. ckeret. R. Lang c, Gießen. Zchriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstraße?. Geschäfcssteckeu.Verlag: «48?5!, Schriftleituug: 112. Anschrift für Drahtnachrichten: AnzeigerGießen. Kriegsbriefe ans dein Osten. Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatters. (Unbcreckftigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Russischer Vorstoß aus dem Brückenkopf Riga. M i t a u, 5. Januar 1917. Schon Anfang Dezember hatte Mischen Dünaburg und Narocz-See das russische Artilleriefeuer plötzlich bedeutend zugenonnnen. Zehn Tage später setzte eine neue Kanonade ein, die auch nur folgenden Tuge, am 22., längs der Düna anhielt. Der Verstoß zweier russischer Kompagnien südöstlich von Riga wurde abgewiesen. Inzwischen setzte u-ach dein Jahreswechsel stärkere Kälte ein, die Düna fror zu, und unsererseits drangen Kompagnien des oldenburgischen Reserve-Regiments über das Eis' der Düna und entrissen im schneidigen Unternehmen den Russen eine Insel im Strom nordwestlich Dünaburg. In der Nacht vom 4. znm 5. setzte die russische Artillerie längs der ganzen Nordfront vis Dünaburg ein, und heftige Jnfanteriestöße suchten die Insel den tapferen Oldenburgern zu entreißen. Gleichzeitig brach uns dem ganzen Rigaer Brückenkopf, der sich vom Rigaer Meerbusen bis Düna erstreckt, ein mit starken Kräften gefiihrter Angriff über das vereiste Gelände vor; die Russen hatten wohl gehofft, daß die deutsche Wachsamkeit gerade zur Zeit des russischen Weihnachtens keinen Angriff erwarten würde, vielleicht wollte rnan zürn 6. Januar auch Kurlands Hauptstadt, Mi tau. dem Zaren als Weihnachtsgeschenk bieten, vielleicht auch mit kühnem Handstreich die niedergeschlagene Stimmung der russischen Armee und des Volkes heben, die gerade zu Weihnachten wegen des abgelel-nten Friedensangebotes sehr zunahm, genug, bei starkem Schneegestöber, das dem deutschen Verteidiger jede Sicht nahm, gingen starke russische Sturmkolonnen an mehreren Stellen des 100 Kilometer langen Frontteils vor. Besonders schwer war der Vorstoß zwischen der Straße Riga—Mitan und der Aa, aber auch an anderen Stellen der Front, dem Brückenkopf von Dünhof, dem durch die Tnli-Schlacht bekannten Gelände von KeÄan, sowie nahe der Küste westlich von Schlot kam es zu Kämpfen. Trotzdem der russische Angreifer an mehreren Stellen erheblich überlegen war und jede Gunst d^s Wetters für sich hatte, wurde die Stellung tapfer behauptet. Mit dem Handstreich aus Mitüu war es nichts, auf dem alten deutschen Ordensböden bewährten sich wieder hcnnburgische, Hannoveranische und pommersche Truppen. Ueber Einzelheiten ist noch nichts zu sagen, der Kamps ist noch im Gange. Vom stillen, verschneiten Marktplatz in Mitan hört matt das ferne Ge- schützgrolten durch die Nacht. Der Hauptplan der Russen, durch überraschenden Vorstoß unsere Linien zu überreunen, lst aber jedenfalls gescheitert. Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter. Ar»» Stadt «ad Land. Gießen, 8. Januar 1917 Amtliche Perso naln ach richten. Das Ehren- -richeir für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde vom Groß Herzog verliehen an Andreas Schmitt zu Finthen. ** DieWeihnachtsfürsorge des Roten Kreuzes für unsereFeldgrauen. Auch diesmal hat das Rote Kreuz eine rege Tätigkeit entfaltet, um sowohl die Truppen im Jstlde! als auch die Verwundeten in den Lazaretten nrit Liebesgaben zu erfreuen. Für den Bezirk des 18. Korps wir im Einvernehmen mit dein stellvertretenden Generalkommando Vorsorge getroffen, daß alle im Friedensbeveich des Korps ausgestellten Formationen mit Liebesgaben bedacht wurden. Sämtliche Rote-Kreuz-Vereine i m Korpsbezirk hüben dabei mitgewirkt. Auf denKreisGießen entfiel die Lieferung von 20 Kisten, deren jede die Geschenke für eine Kompagnie enthielt. Die Verteilung innerhalb des Kreises geschah in der Weise, .daß das Kreis ko mitee für Rotes Kreuz und Kciegshilfe mtb die zu gemeinsamer Kriegstätigkeit Verbund ! enen Gießeuer Zioeigvereine vom Roten Kreuz und vom Alice- Franen-Vereln je 10 Kisten übernahmen. Bei der Auswahl der Geschenke mußte natürlich die derzeitige Marktlage berücksichtigt werden. Die Kisten enthielten aber trotzdem Tinge, die das <5oldatenherz erfreuen. Der Wert der einzelnen Kiste betrug •120 Mark. Besonders erfreulich war es, daß der größte Teil der von den: städtischen Roten Kreuz gelieferten Kisten an Kompagnien des Regiments „Kaiser Wilhelm" gelangten, und in hier erngelangten Dankesbriesen ist gesagt, daß unsere 116er sich besonders darüber gefreut haben, daß sie gerade Geschenke aus ihrer Garnisonstadt erhielten. Das Verbringen der Weihnachtsliebes-- gaben an die Front erfolgte durch Beauftragte des Roten Kreuzes, an der auch der stellvertretende Vorsitzende des Gießener Zweigvereins beteiligt war. Er führte die Gaben den Landwehr- und Reserve-Jufanterie-Regimentern 116 zu. Die Verwundeten in den hiesigen Lazaretten wurden ebenfalls reichlich bedacht. .Den einzelnen Lazaretten wurden zur Veranstaltung der Weihnachtsfeier 1500 Mark überwiesen, wozu noch eine Spende des Hessischen Landesvereins in Höhe von 1743 Mark kam. Außerdem erhielten die Lazarette zur Weihnachtsbescherung noch Geschenk- gegenstände, bestehend in Zigarren, Zigaretten, Tabak und Pfeifen, .Hosenträgern, Büchern, Taschentüchern usw. Der Wert der ins Feld geschickten und der den hiesigen Verwundeten zugewiesenen Geschenkgegenstünde beträgt rund 8500 Mark, so daß insgesamt etwa 10 000 Mark aufgewendet wurden. Alle Gegenstände wurden aus hiesigen Geschäften bezogen. — DieV olksspende für bie deutschen Gefangenen. Der Gedanke, die Opserfreudigkeit des deutschen Volkes zn einer einheitlichen großen Volksspende für die deutschen Kriegs- und Zivil gefangenen znsammenzufassen, hat sich als überaus fruchtbar erwiesen. Durch die Sammluugeu zugunsten dieser Volksspende sind im ganzen Deutschen Reich Mehr als 16 Millionen! Mark aufgebracht worden! Fürwahr ein glänzendes Ergebnis! Bon diesem Gesamtbetrag des Sammelergebnisses Wurden drei Viertel mit rund 12,5 Millionen dem Hauptarbeitsausschuß der Volksspende in Berlin zur Verfügung gestellt, um diesen in die Lage zu setzen, die Unterstützung der deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen im feindlichen Auslande aus einer einheitlichen und großzügigen Grundlage in die Wege zu leüen. Das ist auch inzwischen bereits geschehen. Insbesondere sind auch schon zum vergangenen Weihnachtsfeste an die deutschen. Kriegs- und Zivilgefangenen rechtzeitig reiche Gaben verschickt worden. Der nicht an den Hauptarbeitsansschuß der Bolksspende in Berlin ab- geführte Teil des Sarmnelergebnisses wurde den Landesvereinen vom Roten Kreuz und den sonstigen in Betracht kommenden örtlichen Stellen zur eigenen und unmittelbaren Verwendung überlassen. In Hessen hat die Sammlung zugunsten der Volksspende, wie bekannt, im Monat Juli 1916 unter dem besonderen Schutz Ihrer Kömglichen Hoheit der Großherzogin stattgefunden. Es gingen in Hessen im ganzen 277 560,33 Mark ein. Ein überraschend gutes Ergebnis, namentlich wenn berücksichtigt wird, welche große Anforderungen bisher schon unausgesetzt an die hessische Opsecwilligkeit gestellt worden sind und daß in Hessen namentlich erst im Oktober 1915 zugunsten der deutschen Kriegsgefangenen eine Sammlung mit einem Ergebnis von 148 506,57 Mark statt- gesunden hatte! Nach Abzug entstandener Ausgaben verblieb ein Reinertrag von 274 950,67 dNark. Von dieser Summe sind am Grund eines getroffenen Abkommens drei Viertel gleich 206 213 Mark an beit Hauptarbeitsausschuß der ,,Bolksspende für die deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen in Berlin" abgeliefert worden, während der verbliebene Restbetrag von 68 737,67 Mark an die im Großherzogtnm bestehenden sieben Bezirksausschüsse für vermißte und kriegsgefangene Deutsche zur eigenen mrd unmittelbaren Verwendung für llnterstützungs zwecke verteilt worden ist. Hiernach kann auch die Hessische Bevölkerung sich rühmen, durch ihre nie erlahmende Opferfrendigkeit erheblich zu der großen und edlen, Sache beigetragen zu haben. Jeder Einzelne möge den Dank für .seine Gabe in dem Bewußtsein finden, auch zir seinem Teile und nach seinen Kräften zur Erleichterung des Loses unserer deutschen Brüder in der Gefangenschaft beigetragen zu haben. Landkreis Gießen. j S t e i n h e i m b. Hungen, ?. Jan. In einein Feldlazarett starb an seiner schweren Verwundung der Unteroffizier Wilhelm Koch, 8. Komp. Res.-Jns.-Rgt. 80. Zu Kriegsbeginn als Ersatz- Reservist eingezogen, war er besördert worden. Eine Witwe mit drei unmündigen Kindern trauern um dem (Gefallenen. * Utphe, 5. Jan. Ter Kriegsfreiwillige Gefreiter Ludwig Wetterhahn, der dem Infanterie-Regiment Nr. 116 zngeteilt ist, umroe zum Unteroffizier befördert. Vor einiger Zeit wurde er mit dem Eiserneu Kreuz 2. Kl. ausgezeichnet. ' Kreis Büdingen. 4t Hain - Gr ü ndau . 7. Jan. Das Eiserne Kreuz erhielt der Unterosnzier Karl Gleitz im Landstnrni-Jnf.°Bat. Friedberg. r. Hirzenhain, 8. Jan. Gestern wurde der aus dem Felde der Ehre gefallene und, in seine Heimat geholte Sohn des Bürgermeisters SeUm unter militärischen Ehren auf dem heimatlichen Friedhof beigesetzt. Ätusketier Seum war im August des verflossenen Jahres vor Verdun gefallen. 4tz Kohden, 7. Jan. Tie Hessische Tapferkeitsmedaille erhielt der Kanonier Wilhelm Kirchhof in der 3. Garde-Landwehr- Fnßartillerie-Batterie. 4t Nidda. 7. Jan. Das Eiserne Kreuz erhielt der SanitätS- Feldwebel D ö p s e r, die Hessische Tapferkeitsmedaille der Musketier Rühl. 4t Orleshausen, 7. Jan. Daß Eperne Kreuz erhielt der Musketier Friedrich H e ck. Kreis Lautcrdach. z Heisters , 6. Jan. Der Landwirt Kasper Schneider erhielt dieser Tage die Nachricht, daß sein Sohn Karl, welcher un 81. Jnf.-Rgt. diente, in den Kämpfen bei Verdun seit dem 12. Dezember vermißt würde. z. Ilbeshausen, 6. Januar. Aus uni rer etwas über 700 Einwohner zählenden Gemeinde wurden bis zum Jahresschluß ca 170 ,Mami einberusen. Gefallen fürs Vaterland sind bis jetzt Heinrich G r e b I, Heinrich M ü l l e r , Heinrich Löffler, Heinrich Luft, Otto Löffler, Heinrich Löffler, August L ö s s - tcr,, Heinrich Greb, Wilhelm Möning, Emil Eschestt^ rüder, Emil^Georg, Friedrich Georg, Karl Werner. Vermißt werden: Heinrich Kern, Otto Rasch, Karl O echt er, August M ü l l e r . Heinr. Löffler. In russischer Gefangenschaft befinden sich H. D ö r b er g und H. L u f t. In französischer Gefangenschaft H.Werste l. In englischer Gefangenschaft Otto Ochs. Mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse wurden bisher ausgezeichnet: P. Lust, Heinr. Gutermuth, Karl G u terMu th, Otto Gutermuth, Otto Georg, Otto Ochs, Heinr. Gabriel, Otto Gabriel, Andr. Ruhl, Emil Ruhl, Ludwig Ochs und Johannes Schäfer. Die .Hess. Tapferkeitsmedaille erhielten: !R. Gut er muth, H. Löffler, E. Eschenröder, O. Lust und P. Luft. z. Metzloos-Gehag, 6. Jan. Vor einigÄi Tagen erhalten die Eltern des Heinrich Dietz die Nachricht, daß ihr ein-r ziger Sohn Heinrich, vom 80. Jnf.-Regt., bei Verdun gefallen sei. Kreis Schotten. 4t Schotten, 7. Jan. Die Hessische Tapferteitsmedaille er- dielten der Landstnrininanii Ger big, der Landsturmmann Karl Schlörb im Res.-Jns.-Rgt. 116 und der Unteroffizier D a m b- mann im Jnf.-Rgt. 87. — 9(uf dein Lehrerheim „Vogelsberg" fanden i'iber Weihnachten sechs .heimatlose Feldgraue freundliche Aufnahme und kostenireie Bewirtung. 4t E l ch e l s a ch s e n, 7- Jan. Die Hessische TapserkcitSmedaille erhielt der Musketier Schütz im Res.-Jns.-Rgt. 253. Hessen-Nassau. X Hanau, 7. Jan. Zigeuner Hermann Ebender, der be- bekanntlick die am 15. Februar 1912 erfolgte Ermordung des Kgl. Försters Romanus aus Niefig eingestanden hat, ist jetzt vom Fulda er Amtsgerichts gef ängnis in das Hanauer Landgerichtsgefängnis überführt worden. Er wird sich mit seinen beiden Brüdern Ernst und Wilhelm wegen der Ermordung des Försters und wegen der Beteiligung an dem Angriff auf den Gendarmen vaen Bürk' aus Fulda voraussichtlich auf der Februartagung des Hairauer Schwurgerichts zu vcranttvorten l)aben. [1 Marburg, 6. Jan. Im großen Saale des Gasthauses Pfeiffer tagte vorgesterm eine von etma 150 Landwirten besuchte! Versammlung des landwirtschaftlichen Kreisvereins Marburg, in der u. a. der Generalsekretär der Landlvirtschaftskammer, Oekono- mierat Tr. S t an l y - Cassel einen lehrreichen Vortrag über die Warcnumsatzsteudr und die sonstigen Kriegssteuern hielt. Als beste Grundlage für die richtige Berechnung der Steuern empfahl er. in jedem landwirtschaftlichen Betrieb die Einnahmen und Ausgaben genau zu buchen. Bei der Aussprache wurde darauf kringewiesen, daß durch den Raubbau der laich wirtschaftliche Grund und Br^>en wertloser geworden sei. Tie jetzt für Güter bezahlten l)ohen Preise seren auf die notwendige Anlegung des Kapitals zurückzusühren, sie feien deshalb nicht maßgebend. Als Vertreter für die Generalversamin- lung der Landwirtschaftskammer wurden folgende Herren gewählt: Neu mehr-Bürgeln, E r b - Schönstadt, B eck er - Fronhau seu, Rauch- Holzhauseu, Weiershäuser - Wehrs Hausen. Meteorologische Beobachtungen der Station Gietzen. Jan. 1917 2 N fl 9-^ 2^ w cr L es .s .2 cn 3S es I -b n I •a 1 2— c -2« S = S s k.3 wO «. Wetter 7. i 2”; 9"; n» Höchste Niedri Nieder 2,4 0,9 —0,0 Tempe ftte schlag 44 43 4,6 ratur ),0 mi 81 88 100 am 6. * 6. Q. bis 7. I 7. an. 10 9 10 1917 ------ 1917 ----- Bed. Himmel Bew. „ Schneesall 3,1" C, 0,1 "6. David ö'Angers bet Goethe. David d'Angers' Kolossalbüste nach Goethes Kops gehört zu den bekanntesten Darstellungen des Dichters aus dessen späterer Lebenszeit und hat durch den kühnen Versuch, Goethes Züge plastisch zu monumentalrsieren, immer besonderen Anteil erwieckt'und einen» eigenen Reiz ausgeübt. Wenn das Kunstw'erk bezeugt, daß David d'Angers kein gewöhnlicher Mann war, so wird dies durch die Erinnerungen an den .Künstler bestätigt, und sein Besuch bei dein Olhmpier in Weimar gehört in der Tat zu den interessantesten Episoden der letzten Lebeirsjahre des Dichters. Der verswEne weima- rische Obcrbibliothekar Paul v. Bojanvwski hat über biefen Besuch einen gediegenen und fesselnden Aufsatz' verfaßt, der jetzt im neuen Hefte der bei Gebrüder Paetel in Berlin erscheinenden „Deutschen Rundschau" aus seinem Nachlasse veröffentlicht wird. David d'Angers war eine idealistisch gestimmte Künstlerseele voll glühenden Verehrung für den Genius, dem er auch jenseits der Grenzen Frankreichs seine Huldigung darzubringen ivünschte. Er sehnte sich danach, seine Kunst an den großen Männern der Zeit zu versuchen. Sein glühender Wünsch, Byron zu ureißeln, wie er in leidenschaftlicher Bewegung auf dem Lide einherfprengte, wurde durck) den Tod des Dichters vereitelt. Wlalter Scott lehnte seinen Antrag 1828 kühl ab: aber im Juli 1829 stürmte er in das Zimmer seines Freundes: „Du kennst uteino groß, wie man ihn macht?" Und als echter Franzose begann' David d'Angers die Wstrke des noch^eben Vergötterten herabzu- ziehen und zu verkleinern. Aber die Sache nahm eine Baffere Entwicklung, als David.an diesein Abeird zu hoffen wagen durfte: Goethe ließ sich durch die Empfehlungsschreiben Amperes und Cousins dazu bewegen, den Wünsch des Dichters zu erfüllen; Pavie und David wurden von ihm empfau.gen. Pavie, dessen Erinnerungen an diese WIeimarer Tage wertvoll und anziehend sind, schnitt im Goethehäuse als Dichter nicht gerade günstig ab; seine Erzeugnisse wurden von Goethe mit vollstärrdigem Stillschweigen beantwortet, und es ist durchaus erklärlich^' wenn Pavie sich nach seinem eigenen Geständnisse von Goethe bedrückt und verwirrt fühlte. Ganz anders waren die Eindrücke, die der Bildhauer empsirrg. „Goethe," so hat er später erzählt, „liebte es, mich tzu den Stunden aufzusuckjen, lvo ich ihn am wenigsten erwartete. Plötzlich sah ich die gewaltige Gestalt sich mir nähern, ohne, das geringste Geräusch, er scheint zu gleiten, die Füße berühren kaum den Boden ... Er macht niemals eine Geste, imr sein Gesicht kündet ausdrucksvoll, was in seiner Seele vorgeht. Seine leicht vorttetende Unterlippe gewinnt einen besonderen Charakter, der noch verstärkt wird durch eilt Augenzwinkern, wenn man von einem Manne spricht, der sich in irgend etwas geirrt hat . . . Man sagt, er sei schwer zugänglich und gries- grämlich.' Das konrmt wohl von der geringen Zurückhaltung seiner Besucher. Wdnn er sich nicht verteidigte, würde man seine Zeit mißbrauchen. Wenn er lebhaft bewegt ist, zieht er sich in sein Arbeitszimmer zurück oder betrachtet seine Antiken. Das erfrische ihn, sagte er, und er erscheint Uäeder mit ruhigem Antlitz. Ich sah ihn zuweilen unter dem Dnrck eines plötzlick>en Gedankens, der ihn zu bewegen schien. Er strich dann einige Male mit der .Hand über die Sttrn; die ganzen Augenbrauen verschwanoeu." Die Sitzungen müssen sich'interessant gestaltet haben. Während David zunächst auf einer Schiefertafel mit einem Holzspan in rotem Wachs dcs^ Dichters Züge nachbildete,^waren Dte Polen Mickiewicz und Odynjek zugegen, und der blasse schwärmerische Mickicnäcz improvisierte uns Wunsch des Künstlers in ftanzösifcher Sprache sein Gedicht „Marie". Später wohnten auch andere Personen den Sitzungen bei, wie Holtei, Quetclet, der Direktor der Sternwarte in Brüssel, Riemer und Hummel. David war aus das geschickteste bemüht, nach dem berühmten Rezepte Lionardo da Pinci's sein berühmtes Modell zu untethalteu. den Dschteir zu interessieren und dadurch zu vertiefter Kenntnis seines Charakters und feines Geisteslebens zu gelungen. Bei den Sitzungen hat Gocithe stets cmfrecht herem mit einer Flasche Rheinwein, Gläsern und einem Dell Biskutt, beidem sprach Goethe herzhaft zu. Die Unterbaltting e streckte sich auf die mannigfaltigsten Gebiete, doch blieben natürsi Kunst und Dichtung die Hauptgegenstände. So wurde u a über d französischen Romantiker gesprochen, über die Goetlw die bezeic nende Aeußerung tat; „Sie arbÄten nicht; ich habe so viele En würfe verbrannt und wollte den Werther nicht der Oesientlichkc ubergeben. Erst einer meiner Freunde sagte mir: das muß gedruc werden. Natürlich wurde auch Davids Absicht, eine Kolossalbns von Goethe zu schaffen, erörtert. Darüber sagte Goethei „Wenn d Bildhauer memen,, bei «eiten dieser Art die Einzelheiten wc'- lassen zu können,, so machchi sie nur einen großen Köpft der dnr serne Ausdruckslosigkeit erschreckt, während sie durch die Wiedergal aller ^einbetten, aller natürlichen Nüancen den Glauben ettveckc können, das? das Modell m diesen übermenschlichen Größenverbäl wssä^hat." Das Ergebnis der Sitzungen nxir jeder fall-, daß Goethe sur den franzosifchen Künstler eine herzliche Re gung faßte. Nach Vollendung der Büste bat er ihn; „Schenken S uns noch, emige Tage; ich bin ält, wir werden uns nicht mH wÄV 6lC ^beuiwch so viele Jahre in diesem Leben bie X ^ CU r ^erritges Opfer, das ich von Ihnen erbitte." Davi nU c^ , T rt nod) weiche intlnx-ssante Stund blieben ^ B^wehrnng sirr ihn Zeit seines Lebens tmi g> t- •• n Hw Frühling des Jahres 1831 kam Davids kolossale Marino: SV" ^ftwar an, wo sie am letzten Geburtstage, den Goethe ei lebt hat, feierlich enthüllt wurde. Lie fand sehr verschiedene Beui ! e . lIu J: 111 i san ‘^ lmirde sie begeistert begrüßt, in Weimar ginge 6i^ssn^"un,Mir auseinander. Nach einer ans Goethes alten Dienc Gios,o Zuruck geh enden LetzNide soll der Dichtet selbst, als er da Marmorwerk gesehen, nmgemale sein übliches „Hem, H-ml" am gestoßen haben mrd dann mit seinem „kurios" davongegangen 'ßsti Schon möglich daß er sich so verhalten hat. Es fli.nnftda^ ett Aeußerung an Zelter, fti der er Davids Werk alle Ehre widmsahre eittC holwu "»b d« 'MfiSS