Nr. 258 Zweites Blatt Erscheint ISgNch mit Ausnahme des Sonntags. tbb. Zayrgang Beilagen: „Gießener ZamttrenblStter" und „Nreisblatt für den Ureis Gießen". poftfcheSk-nt»: Zrankfnrt am Main Nr. U686. vankvertehr: Sewerdebank Gießen. Eichener Anzeiger General-Anzeiger für Gderhesftn Donnerstag, 2. November *9*6 Zwillingsrunddruck und Verlag: B r ü hl'sche UniversitätS-Buch-n.Strindruckerei. R. Lang e, Gießen. Zchriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulst ccrpe 7. Geschäftsstellerr.Vertag: Schriftleitung: 112. Anschrift für Drahtnachrichten: AnzeigerGteßen. prafident havenstein über die 5. Kriegsanleihe. Berlin, 31. Okt. (WTB.) In der am Montag abgehal- teuen Sitznnig des Zentralausschusses der Reichsbank führte der Vorsitzende, Präsident des Reichsbank-Direkto- riunrs, Dr. Havenstein, aus: Die Entwicklung des Standes der ReichSbank in dem abge- laufenen Monat erhält ihr besonderes Gepräge durch die im Sep- teutber aufgelegte fünfte Kriegsanleihe. Diese Anleihe, die mit ihrem Ergebnis von rund 10 652 Millionen Mark, zu denen noch ein Teil der Feld- und Uebersee- zeichnungen hinzutreten wird, über alle Vorberechnungen und Erwartungen hinausging und mit fast genau demselben Betrage wie die vierte sich ebenbürtig an ihre Vorgängerinnen anreiht,' ist zu einer neuen Großtat unseres Volkes geworden, zum neuen Ausdruck seiner Zuversicht zu dem siegreichen Ausgang des Krieges und zur neuen Betätigung seines freudigen Willens, ebenso mit Gut und Geld einzustehen für das Vaterland wie seine Sühne draußen mit Blut und Wehr. Mit den 47 169 Millionen Mark, zu denen nunmehr die Zeichnungen auf die fünf Kiriegsanleihen angewachsen sind, überragt Deutschland weit alle Leistungen seiner Feinde auf dem Gebiet der Kriegsfinanzierung: restlos sind damit alle bisherigen Kosten des Krieges vom deutschen Volke aufgebracht und in langfristigen und ganz überwiegend dauernden Anleihen beschafft. Das ist nicht nur ein einmaliger finanzieller Erfolg und wirtschaftlicher Sieg, sondern er ist, weil er der fünfte und in gleichen Zeiträume:: wiederkehrende war, und weil er nach 26 schweren Kriegsmonaten und gerade in der Zeit errungen würbe, wo die Zahl unserer Feinde sich mehrte und sie gleichzeitig an allen Fronten alle Kraft anspannten, um den schirmeirden Wall unserer .Heere zu -erbrechen, zugleich der redende Beweis, daß das deutsche Wirtschaftsleben ungeschwächt und erfolgreich weiter arbeitet, immer neues Kapital bildend, immer neue Werte schaffend, und daß neben dem Willen, durchzukämpfen zu Sieg und Frieden, auch die wirtschaftliche Kraft steht, die Lasten dieses uns aufgezwungenen Daseinskampfes zu tragen für jede Dauer. Auch diese Anleihe ist deshalb zu einer wahrhaftigen Volksanleihe geworden, zu der über 3 800 000 Zeichner sich vereinigt haben. Zu den zahlreichen großen Zeichnungen, die die' öffentlichen Verbände, die Landschaften und die großen kaufmännischen und industriellen Firmen aufgebracht haben, und über die vielfach Mitteilungen in der Presse erfolgt sind, hat sich ganz in der gleichen Weise wie bei den früheren Anleihen die allgemeinste Beteiligung der Privat vermögen gestellt, von unseren Fürstenhäusern bis zu dem kleinsten Sparer, der nur 100 Mark zeichnen konnte, und darüber hinaus in den zahllosen Sammelzeichnungen in gewerblichen und landwirtschaftlichen Betrieben, in Verbänden und Vereinen und wiederum wie früher in den deutschen höheren und niederen Schulen; überall ist die Beschaffung der Mittel für den Krieg wiederum als Vatettlandsdienst angesehen und geübt worden. Die Zahl der kleineren und mittleren Zeichner ist nicht mehr ganz so hoch wie bei der vierten Anleihe: aber sie konnte es auch nicht sein, weil die Kapital- bikdung hier langsamer ist als bei den größeren Vermögen, und weil gerade von ihnen bei den letzten beiden Anleihen schon außerordentlich viel geleistet war. Aber auch hier ist durch persönliche und immer feiner ausgestaltete und sorgsamer betriebene Mein- arfbeit ein großer Erfolg erzielt worden. Die kleinen Zeichnungen bis zu 2000 Mark weisen fast 3 4M 000 Zeichner auf mit einem Ergebnis von über V-fe Milliarden, die Zeichnungen bis zu 10000 Mark mehr als 3 721 OM Zeichner mft rund 3,2 Milliarden. Auch bei dieser Anleihe ist wieder von allen Vermittlungsstellen, Banken und Bankhäusern, Sparkassen und Genossenschaften, Lebensversicherungsgesellschaften und Postanstalten hingebend und weitherzig zusammengewirkt worden, wieder hat die gesamte dentschePresfe opferfreudig und unermüdlich aufklärende und werbende Arbeft getan, haben die Verwaltungsbehörden in Stadt und Land die Werbearbeit führend und anregend organisiert und zahllose Helfer gefunden, haben Geistlichkeit und Lehrerschaft sich aufopfernd in den Menst der Sache gestellt, haben Behörden und Vereine, Berufsvertretungen und Arbeitgeber, jeder in seinem Wirkungskreise, ihre .Kraft und Mitarbeit dafür eingesetzt, und ihnen allen möchte ich auch von dieser Stelle wärmsten Dank und Anerkennung sagen. Bon der prächtigen Mitarbeit, die auch diesmal wieder die de nt sche I u g en d der höheren 'wie mittleren und Volksschulen bei dem vaterländischen Werke -geleistet hat, ist erst ein kleiner Ansschnftt für einen Teil der höheren und mittleren Schulen und Lehrerbildungsanstalten statistisch erfaßt: aber er zeigt ein ebenso erfreuliches Bild 'wie die letzte Anleihe. Von den rund 3000 dieser Anstalten, die sich mft eigenen Sammelznchnungen betätigt haben, haben die Schüler der bisher bearbeiteter: 911 Anstalten nicht weniger als 14 864 MO Mark selbst gezeichnet, also drrrchschnitt- lich Wer 16 0M Mark bei jeder Anstalt, und an 445 dieser Schulen haben 25 5M Schüler außerhalb der .Schulen über 40 Millionen Mark an Zeichnungen geworben. Besonders erfreulich aber und für die deutsche ivirtschaftlicl>e Kraft und die Verfassung des Geldmarktes bezeichnend ist, daß auch die Einzahlungen ans diese fünfte Kriegsanleihe sich wiederum ebenso stark und zum Teil noch stärker und schneller ablvickelten als bei den früheren, und daß auf die Hilfe der Darlehn skassen immer weniger zurückgegrifsen wird. Schon am 30. September, also fünf Tage vor Zeichnungsschluß, waren 5177,5 Millionen Mark, gleich 46.8 Prozent der Gesamtzeichnirrrgen eingezahlt: bis znm ersten Pflichtzahlrmgstage sind statt der verlangten 30 Prozent eingezahlt worden: bei der 1. Anleihe 54,3 Prozent, bei der 2. 67 Prozent, bei der 3. 68 Prozent, bei der 4. 75,5 Prozent, bei der 5. 74,1 Prozent. ,Von diesen bis zum ersten Pflift/zahlungstage eingezahlten Beträgen waren mit Hilfe der Darlehnskassen besichftft: hei der 1. Anleihe rund 25 Prozent, bei der 2. 8,5 Prozent, bei der 3. (bis 23. 10. 1915) 6,5 Prozent, bei der 4. (bis 22. 4. 1916) 4,8 Prozent, bei der 5. (bis 23.10. 1916) nur 2,8 Prozent. Am 28. ds. Mts. waren auf die fünfte Kriegsanleihe bereits 8 636 Millionen Mark, d. h. 81,1 Prozent der GesamtzaichnnNgen eingezahlt. Auch darin zeigt diese Anleihe dasselbe Bild wie ihre Vor- gängerinnen, daß die ntit ihr verbundenen gewaltigen Geld- bewegungen dank der sorgsamen Vorbereitungen der beteiligten Kreise und dank der von der Reichkbank durch Rediskontierungen bewirkten starken Bindung der flüssigen Geldmittel keinerlei Erschütterung des Geldmarktes hervorgebracht und ihre Spuren nur in den sprrmghaften Bewegungen der Ziffern der Reichsbankauswcise hinterlassen hat. In der letzten Septemberwoche stieg der Notenumlauf Mint fast 510 Millionen Mark auf feinen bisherigen Höchststand von rund 7370 Millionerr Mark, das Konto der Wechsel und Schatz- anweisungen um 3181 Millionen Mark aus seinen ebenfalls biShu: höchsten Stand von IO 758 Millionen Mark, in der Hauptsache durch die als erste Einzahlung auf die Artteihe zurück- fließenden. von der Reichs bank vorher begebenen Schatzanweisungen. Andererseits führte die vorbereitende Verstärkung der privates Guthaben zu einer Erhöhung der fremden Gelder um 2587 Millionen Mark auf den Stand von 6266 Millionen Mark, der ihren bisherigen Höchststand vom 31. März ds. Zs. noch um mehr als 1900 MiKroneu Mark überstieg. Beides hatte eine vorübergehende stärkere Minderung der Deckungsverhälttrisse zur Folge. Tie Golddeckung der Noten ermäßig« sich von 36,0 ans 33.7 Prozent, dft Metaltdeckuna von 36,3 auf 34 Prozent, die Deöftmg aller täglich fälligen Verbindlichkeiten durch Gold von 23,5 aus 18,2 Prozent. Die folgenden Wochen 'haben dann aber mit den stetig wachsenden Einzahlungen ans die Anleihe zu einer starken Abdeckung der Schatzanweisungen und einer starken Verminderung der privaten Guthaben geführt und eine beträchtliche Erleichterung des Status gebracht. Der bTvtenumlauf senkte sich bis zum 23. Oktober rvieder nm 336 Millionen Mark ans 7 033 Millionen Mark Wechsel und Schatzanweisungen um 3 143 Millionen Mark auf 7 615 Millionen Mark, die fremden Gelder um 2 680 Millionen Mar? auf 3 586 Millionen Mark. Ter Goldbestand, der sich seft dem 23. September in sehr erfreulicher Weise um fast 32 Millionen Mark vermehrt hat, deckt die Noten wieder mit 35,6 Prozent, die Metalldeckung der Noten hat sich wieder auf 35.8 Prozent und die Golddeckung der sämtlichen täglich fälligen Verbindlichkeiten auf 23,6 Prozent gehoben. Auch der Bestand der Darlehnsfassen an Darlehen hat mit 2520 Millionen Mark am 23. Oktober seinen bisher höchsten Stand erreicht. An Darlehen für alle fünf Kriegsanleihen liefen am 23. Oktober noch 1086 Millionen Mark, also nur rund 2,4 Prozent aller bis dahin eingezahlten Anleihesummen. An Dar- lehnskassenscheinen waren am 23. Oktober ansgegebsn: 2 520,4 Millionen VLcrrk, davon ftm freien Verkehr 2053,7, für gedeckte Kassenscheine zarrückgestellt 120, in den Beständen der Reichsbank 346.7 Millionen Mark. Der Zentralausschuß Mnehmigte init Rücksicht auf § 32 d des Bankgesetzes die Erhöhung des Betrages, bis zu dem die Fonds der Bank zuin Ankauf von Effekten für eigene Rechnung verwendet werden können, auf 120 Milk. Mark. * Aus Hessen. Darmstadt, 31. Okt. Die Mitwirkung des hessischen Handwerks an den großen kriegswirtschaftlichen Aufgaben unserer Zeit wurde heute nachmittag einen: kleinen Kreis von Pressevertretern in höchst interessanter Weise vor Augen geführt. Herr Stadtverordneter Sames hatte die letzteren zu einer Besichtigung der Einrichtungen der hessischen Handwerker-Zcnträlgenosscnsck-ast eingeladcn, welche diese zur Ausführung der große:: Militärarbeiteu des hessischen Handwerks getroffen hat. Tie Zentralgnwsscnschaft ist vor 12 Jahren von der hessischen Handwerkskammer in gemeinnütziger Weise ins Lebei: gerufen worder:, unr den Handwerkerstand durch Zuführung moderner Arbeitsmaschinen u. a. m!., Lieferung vor: Rohstoffen und durch kaufmännisch-technische Beratungen jeder Arft zu fördern. Nach Ausbruch des Weltkrieges mußte die H. Z. G. nun in schnellster Anpassung an die neu geschaffenen Verhältnisse den gesamter: Betrieb auf die Lieferrung von Heeresarbeiten aller Art zurichteu, die denn auch im Zusammenwirken mit dem gesamten hessischen Handwerkerstande rasch ein sehr bedeutcrwen Umfang arrgerwimrien und eine Einnahme von bis jetzt nahezu sechs Millionen Mark eingetragen haben. Zu Beginn des Krieges warn: die hessischen Handwerker von jeder Mitarbeit ausgeschlossen. Erst anfangs 1915 wrrrden der Handwerkskammer in Berlin die ersten großen Aufträge erteilt und von ihr sofort in Verbindung mit her H. Z. G. die umfassendster: Maßnahmen zur Durchführung dieser Arbeiten getroffen. Der: Anfang machte der Bau vor: Heeressahrzeuger: und Proviantwagen, und in rascher Folge bildeten sich denn Llbtcilungen für die Bekleidungsindustrie nach Vereinbarung mit dem Korps- Bekleidungsamt in Mainz, dann für weitere Mannschastsaus- rüstung, Schuhzeug, Pserdebeschirrungen, Minenbauhölzer, Muuitionskasten, Mnnitionskörbe, Ausstattung vor: Stahlhelmen, Seilerwaren usw. In neuerer Zeit sind diesen Einrichtungen noch Reparaturwerkstätten ange schlossen worden, die sich aus Fahrzeuge und Bekleidungs- und Ausrüstungsstücke aller Art ausdehnten, für derer: Zwecke neben den Werkstätten in der Neckarstraße noch ausgedehnte Räume iit der Tiebnrgerstraße eingerichtet werden mumm. lieber alle diese gewaltigen Vorbereitungen gab außer Herrn Sames auch Herr Direktor P ä ch und der Syndikus der Handwerkskammer, Herr Schußler, eingehende Erläuterungen. Tie Arbeiten werden stets im ganzen Großherzogtum verteilt rmd so eingerichtet, daß selbst der kleinste Handwerker an den entlegenster: Orten daran teilnehmen kam:, zumal die erforderlichen Materialien zum weitaus größten Teil dazu geliefert und von der Zentralstelle in jeder Weise vorbereitet werden. In allen Fällen, ir: dener: die EirrrichtuNgen der einzelnen Handwerker nicht zureicheu, hat die H. Z. G. ans ihre Kosten die meist sehr teuren Maschinen angeschafft. Besonders wertvoll erscheint die Uebernahme der Heeres- ausrüstungsreparaturarbeften, denn es wird damit ganzen Gewerben, wie Schuhmachern und Sattlern, drrrch Zuführung noch lohnender Arbeit und Material auch über die schweren Wintermonate hinweggeholfen. Die H. Z. G., die ihre Hauptaufgabe in der sozialen Fürsorge für den Handwerkerstand sieht, begnügt sich demgemäß trotz ihrer großen Arbeitsleistung auch mit einem ganz niedrig berechneten Nutzen, denn es gilt, den großer: Zweck der Handwerksförderung in gleichzeitiger Verbindung mit der noch wichtigeren Ausgabe rascher Versorgung der Heeresverwaltung zu erfüllen. Nachrichten« Israelitische Nelilnonsgemeinde. Gottesdienst in der Synagoge (Süd-Anlage). Samstag, den 4. November 1916. Vorabend 4.45 Uhr. Morgens 9 Uhr. Abends 5.10 und 5.46 Uhr 'Gottesdienst der israelitischen Religlonsgesellschast. Sabbatfeier den 4. November 1916: Freitag abend 4.30. Samstag Vorm. 8.30, nachm. 3.30 Uhr. Sabbatansgang 5.45 Uhr. — Wochengottesdienst: morgens 6 45. abends 4 30 Uhr. Erinnerungen an Boelcke. Uns wird geschrieben: Als der leider tödlich verunglückte Flieger Heros Boelcke noch ein kleiner Junge war, machte er seinen Eltern viel Sorge. Der Junge kränkelte, und der Gymnasialprofessor Boelcke in Dessau und seine Frau glaWten, daß seine Brüder eher wie der schwächliche Oswald dem Karnpfe des Lebens gewachsen sein würden. Wie so oft im Leben sind auch hier die Rollen vertauscht loorden. Oswald Boelcke erttwickelte sich immer mehr zu einem Manne mit eisernen Nerven, und seine beispiellosen Erfolge in diesem Kriege verdankt er in erster Linie diesen Nerven, die in keiner noch so schwierigen Lage versagten. Ruhe, eiserne Ruhe zeichnete den kühnen Flieger ans. Er tvar ein Offizier, der Strenge gegen sich selbst und gegen andere Wte. Der Dienst stand stets obenan, und wie er jederzeit bereit war, sein Flugzeug zu besteigen und den Kampf mft den Gegnern auszunehmen, so verlangte er auch, namentlich später als Haupttnann und Führer einer Staffel, von seinen Untergebenen die strikteste Pflichterfüllung. Dieser Umstand hat nicht wenig dazu beigetragen, daß er und seine Staffel ein leuchtendes Beispiel waren, das gern als solches anerkannt wurde und Nachahmung fand. Mit der Strenge aber verband er seine Leutseligkeit, die oftmals rüh- rerft» war. Seinen Leuten galt stets die erste Sorge, und wenn er einen neuen Erfolg an seinen Namen geheftet hatte, dann kargte er auch nicht mit Anerkennung für die, die seine Flugzeuge und D-afftn in Ordnung hielten ur:d instand setzten. Haupt mann Boelcke war ein Cerftaur der Lüfte. Er und sein Flugzeug waren eins. Er führte es zur Erde, sicher und glatt, und mehrmals landete; er ruft vollkommen zerschossenem Flugzeug. Mehr als einmal war dies in einer Verfassung, daß Sachverständige die glückliche Landung geradezu als ein WuWer ansahen. Men, die in seiner Umgebung waren, wird es unvergeßlich bleiben, wie er eines schönen Tages nur noch mft einer Tragfläche landete nnd dann mit der größten Ruhe und Selbstverständlichkeit den Schaden betrachtete. „Dachte ich mir doch," sagte er, „daß ich angeschossen worden bin!" Nur die starke Drahtverspannung hatte die zertrümmerte Tragfläche so lange gehalten, bis Boelcke am Startplatz erschienen war. Dann kam wieder einmal ein Tag, an dem er gelb wie ein Wnarienvogel landete. Er hatte einen Luftkampf mit einem Engländer zu bestehen gehabt, einem Gegner, der äußerst geschickt operierte und nur der überlegerren Taktik Bvelckes zum Opfer fiel. Der Engländer brachte es fertig, Boelcke zu Werhöhen. Kaum hatte dieser seine Lage erkannt, als er unter seinem Feinde wegflog und ihn, immer feuernd, von vorn packte. Von unten her hatte er den Oelbehälter des Briten gettosfen, und der Behälter ließ sein gelbes, von uns als Salatöl bezeichnetes Oel auf Boelcke Kampfmaschine entströmen. Sein Lederanzug, der Sturzhelm und die Schutzbrille waren, als Boelcke nach dem Msturz des Gegners landete, wie nk.it Eidotter bedeckt. Dieser Begleitumstand erhöhte die Freude des. Siegers nicht unwesentlich . . . Als Hauptmann Boelcke von einem Fluge zurückkehrte, bei dem er seinen dreißigsten Gegner außer Gefecht gesetzt hatte, drängte wie immer der ganze Staffelstab sich an den heimkehrenden Führer. Alle Fragen lauteten, ob er Erfolg gehabt habe. „Ich muß ihn getroffen haben," so antwortete er und gab dann den Befehl, in der vordersten Linie anzufragen, was aus dem getroffenen Gegner geworden sei. Als die Meldung einlief, das Flugzeug, ein Engländer und zwar ein kleiner Einsitzer, liege zerstört innerhalb unserer Linie, sagte er nur: „Also der Dreißigste!" Das sagte er, ohne mit einer Wimper zu zucken und so selbstverständlich, als hätte es garnicht anders sein können. Als er vor einiger Zeft eine große Balkanfahrt unternahm und die dorttgen Fliegerstationen besichtigte, besuchte er auch seine, Eltern in Dessau, war aber sehr schweigsam, und aus die Frage, wie er ds fertig bringe, so viele Feinde niederzuringen, antworteta er nur: „Ich fliege und schieße ab!" Mehr war nicht aus ihm herauszWringen. Während dieser Zeit hatte er seine Mechaniker beurlaubt und ließ die Fürsorge für diese so weit gehen, daß er jedem einen blauen Lappen in die Heimat sandte, damit sie den Urlaub froh verbringen können. Er verschmähte nie einen guten Rat, besonders dann, wenn er von seinen Mechanikern kam, und manchmal stieg er, so schwer es ihm ftel, nicht auf, wenn der ?7kecha- niker nicht ganz zweifelsfrei über die Beschaffenheit des Maschinengewehrs war, auf das er naturgemäß großen Wert legte. Teilweise glückte es ihm, den Gegner schon mft der Verschießung eines halben Pattonengurtes zu erledigen. Nur bei besonders zähen Feinden verbrauchte er mehrere Gurte. Das war der Held, der nun einem bedauerlichen Unglücksfall zum Opfer gefallen ist und dessen Tod mit stolzer Trauer weit über Deutschlands Grenzen beklagt wird! ^ * von der Kaiser - Wilhelm - Gesellschaft. Berlin, 30. Okt. Am Sarnstag nachmittag ttat der Senat der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft unter dem Vorsitz von Exzellenz von Harnack Ku einer Sitzung zusammM. Das Kultus Ministerium^ war durch Müttsterialdttektor Schmidt und Re- gierungsrat Friedrich Trendelenburg vertreten. Der Präsident berichtete über die Tätigkeit der Gesellschaft und ihrer Institute, deren Arbeiten fast «usschlietzlich Fvager: der Kriegstechnik, der Kriegswirtschaft sowie der Kriegs-Geftmdheitspflege gew-idlnet sind. Der Senat bewilligte für das unter der Leitwrg von Wassermanns bestehende Karser-Wilhelm-J^rstittrt für experimentelle Therapie weftere Mittel, um dessen Arbeitsgebiet der wachsenden Bedeutung der Seuchenbekämpfung und dm von dem' Institut im Kriege erzielten Erfolgen entsprechend zu erweftecn. Besonderes Interesse erregte die Mitteilrmg, daß England in der ausgesprochenen Absicht, Versäumtes nachzuholen, noch im Kriege ein wifserrschaftliches Unternehmen ins Leben gerufen hat, das wie die Kaiser-WilhelnEesellschaft auf dem Gedanken einer Kooperation zwischen den Träger:: der Volkswirtschaft und dem Staate nebst den Organen der Wissenschaftspflege beruht. Auch bei uns vertieft sich mehr und mehr d:e Erkenntnis, wie sehr unsere industrielle Kraft aus der Leistungsfähigkeit unserer Wissenschaft mit beruht. Dies beweist die Tatsache, daß seit April 1916 nicht weniger als 27 neue Mitglieder, darunter große industrielle Unternehmungen der Gesellschaft beigetreten sind. Am Sonntag nachmittag vereinten sich zahlreiche Mftglieoer der Gesellschaft und ihrer Instttute in dem Kaiser-Wilhelm-Jn- stitut für Biologie in Berlin-Dahlem. Exzellenz von Harnack hielt eine Ansprache, in her er zunächst der 200. Wiederkehr des Tages gedachte, an dem Leibniz, der eigentliche Begründer der deutschen Wissenschaftspslege, starb, der bei seinen Bestrebungen fast ausschließlich auf die Fürstenhöfe angewiesen: war. Jetzt seien die Träger der Wirtschaft zu Förderern der Wissenschaft geworden. In der Wissenschaft wie in der Wirtschaft iverde' in Zukunft organisatorisch das gleiche Problem im Vordergrund stehen: Innerhalb der sich mehr und mehr verstärkenden Ünter- vrdnung des kleineren Prinzips unter das größere dem Individuum und seinen Kräften Raum zu lassen und das Gleich- gervicht der kollektiven Und persönlichen Verantwortlichkeit zu erhalte:. Hierauf hielt das wissenschaftliche Mftglied des Kaiser-Wit- helm-Inftituts für Biologie, Professor Dr. HartMan n, einen Vortrag über neuere Forschungen auf dem Gebiete der Befruchtung, insbesondere bei Protisten. Seine Lhrbeiten, die aus rein theoretischer GruWlage ausgebaut sind, können zugleich doch für die Bekämpfung gewisser Tropenkrankheiten, die, wie zmn Beispiel die Malaria Und die Schlaftrarftheit, durch Protisten hervorgerufen werden, neue Anhaltspunkte bieten. Berlin, 1. Nov. Im Königlichen Op«nhcnlse fand heute vor ausverkauftem Zufch-cruerrarnn. die Erstaufführung der neu- Vearbeitete:: „Ariadne auf Naxos" von Richard Strauß statt. Die Schönheft der geistvMen Partitur kam diesmal, vielleicht infolge der Entlastung der Dichtung von manchem Mtbchrkichen Beiwerk, noch besser pit (Mtuttg ccks vorher. Das Orchester unter der Leitung des MuftkdirTektors Mech bot eine wahrhaft vollendete Leistung. Auch die Darsteller, voran Frau Hafgren — Waag (Ariadne), Frittitein Artot de Padftla (Komponist), Frau Hansa (Zerbmetta) und die Herren Bronsgeest (Mr:siklehrer), Kirchner (Bachus) und das Harlekin-Quartett Habick, Sommer, Krasa und Henke rissen wiederholt das Prrbkikum zu rauschendem Beifall hin. Oberregisseur Tröscher hatte der Asuftührrurg -inen prächttgen eindrucksvollen Rahmen bereitet. Am Schluß wurde Richard Strauß zusammen mit Musikdirektor Blech wiederholt hervorgerufe::. Mb. Deutscher Reichstag. 7 1. Sitzung. Dienstag, den 31. Oktober. (Schluß.) Abg. Stadthagen (fortfahrend): Das Oberkommando hat wiederholt erklärt, daß ihm nichts an der Entlassung der Redakteure liege, es wolle nur Garantien haben für die Einhaltung der Zensurvorschriften. Der Redner lrägt unter steigender Unruhe des Hauses die Einzelheiten des „Vorwärts"-Konfliktes vor und bespricht dabei auch den Streit in der Berliner Sozialdemokratie. Er wird vom Vizepräsidenten Dr. Paasche wiederholt zur Sache gerufen. Abg. Stadthagen (fortfahrend): Es könnte mir der Vorwurf gemacht werden, daß ich den Fall des „Vorwärts" nicht vollständig vorgetragen habe. (Stürm. Zurufe: Nein! Nein!) will nur auf den Widerspruch Hinweisen, daß das Oberkommando^ angeblich nur Garantien für die Einhaltung der Zensurvorschriften forderte, während die Offerte des Parteivorstandes viel weiter ging und sich auch auf den Inhalt des „Vorwärts" erstreckte. Wenn man nicht an ein Fa st nachtsspiel glauben will, kann man nicht annebmen, daß es dem Oberkommando mit seiner Zusicherung, eine Aende- rung des Inhaltes des „Vorwärts" liege ihm fern, ernst war. Vizepräsident Dr Paasche: Diese Einzelheiten interessieren das .Haus nicht. (Zustimmung. — Abg. Ledebour: Doch! — Heiterkeit.) Abg. Stadthagcn: Die Alldeutschen Blätter, die eben auf politische Reinlichkeit halten, haben das Vorgehen gegen den „Vorwärts" aufs schärfste verurteilt. Unter Ausnutzung des Belagerungszustandes ist das Blatt unterdrückt worden, das die politiscben Ansichten der Berliner Genossen wiedergab. Wie tief stehen die Männer, die im Anschluß an die Haltung des Oberkommandos sich gleichfalls dazu hergegeben haben, eine politische Gesinnung zu unterdrücken. Wie die Genossen im Reich über diese Männer denken, haben sie ja deutlich zu erkennen gegeben. Dieser Fall des „Vorwärts" war nur unter dem Belagerungszustand möglich. Daher fort mit dieser militärisch ganz überflüssigen Einrichtung. (Beifall b. d. Soz. A.-G.) Abg. Scyda (Pole): Die Verhältnisse werden immer unerträglicher. Man weiß schon nicht mehr, was eigentlich erlaubt und was verboten ist. Die harmlosesten Versammlungen werden verboten. Wir Polen leiden unter diesen Verhältnissen noch mehr als andere Kreise. In den Gegenden fern vom Kriegsschauplatz kann. der Belagerungszustand ruhig aufgehoben werden. Polnische Zeitungen werden nicht vorübergehend, sondern gleich für die ganze Kriegsdauer verboten. Und warum? Weil die ganze Richtung gewissen Leuten nicht paßt. In den Nachrusen der im Kriege gefallenen Polen darf die Mitgliedschaft zu einem Sokol-Vercin nicht erwähnt werden. (Hört! Hört! links und im Zentr) Man will jetzt an die Lösung der polnischen Frage Herangehen. Man kann diese Frage aber nicht losen nur für einen Teil des polnischen Volkes, ohne gleichzeitig auch auf die übrigen Volksteile Rücksicht zu nehmen. Darüber wird zu gegebener Zeit noch eingehend zu sprechen sein. Jedenfalls sollte die Negierung Maßnahmen unterlassen, die die polnische Bevölkerung schwer verletzen müssen. Vizepräsident Dr. Pansche ruft nachträglich den Abg. Stadt- Hagen zur Ordnung, weil er das Vorgehen des Oberkommandos gegen den „Vorwärts" schofel genannt hat. Abg. Haust (Eis.): Selbstverständlich soll in Elsaß-Lothringen sich jeder der deutschen Sprache bedienen, der deutsch spricht. Aber es gibt nun einmal Landesteile mit überwiegend frcmzö- sischer Sprache. Die Einwohner dort müssen französisch sprechen, wenn sie sich verständlich machen wollen. Diese Bezirke werden durch das Sprechverbot schwer getroffen. 46 Jahre hindurch ist in diesen Gegenden in den Volksschulen der Unterricht in französischer Sprache erteilt worden. Und nun auf einmal soll diese Sprache verpönt sein. Sie wird doch schließlich auch in den besetzten französischen Gebieten binter dem Rücken unserer Truppen gesprochen. »Nirgends sind weniger Verfehlungen bekannt geworden, als gerade aus den französisch sprechenden Gebieten Elsaß-Lothringens. Das Sprachenverbot wird dort als eine ungerechte Maßnahme empfunden, die die schädlichsten Wirkungen haben kann. Sogar an den Türen der Gotteshäuser hat man nicht Halt gemacht und den Geistlichen vorgeschrieben, in welcher Sprache sie das Wort Gottes verkünden sollen. (Hört, hört! im Zenturm.) Eine große Erbitterung hat sich der Bevölkerung bemächtigt. Sie Übertritt das Verbot, weil sie es in dem Kampfe um die Existenz übertreten muß. In einem Kriege, in dem das Blut der Söhne Elsaß-Lothringens zum ersten Mole fließt, war dieses Verbot ein Fehler, der durch keine BeschönigungS^ünste gut gemacht werden kann. (Zustimmung.) Oberst v. Wricsbcrg: Ich kann von meinen Worten nichts zurücknebmen. (Unruhe links und im Zentrum.) Das Verbot der Sprache ist auf eine Forderung der Truppen hm verfügt worden. Das Verbot richtet sich im übrigen nur gegen den heransfor- d e r n d e n Gebrauch der französischen Sprache. Darauf liegt der Schwerpunkt. Die Bewohner von Elsaß-Lothringen brauchen also auch in Zukunft nicht den Mund halten, sie können sich französisch unterhalten, nur nicht in herausfordernder Weise. Abg. Ebert (Soz): Die Angriffe Stadthagens auf die Leitung unserer Partei zwingen mich zur Ab-tvehr. Stadt- Hagen hat es für zweckmäßig gehalten, innere Streitigkeiten unserer Partei in diesem Hause vorzutragen. Solche Auseinandersetzungen gehören aber nicht auf die Parlamentstribüne. Der Reichstag ist hier nicht das berufene Forum. (Beifall b. d. Soz.) Er ist Mich kein Parteitag. Die Absicht liegt klar zutage. Innere Streitigkeiten sind häusliche Angelegenheiten. Davon lassen wir uns nicht abbringen, auch nicht durch Provokationen, wenn sie auch noch so sorgfältig vorbereitet sind. (Beifall b. d. Soz., Lachen d. Soz. A.-G.) Stadthagen hat versucht, die Stellung unserer Parteileitung und unserer Fraktion zum Belagerungszustand zu diskreditieren. Unsere Stellung liegt klar zutage. Wir haben von Anfang an gegen den De- lagerungszustcmd und die Pressezensur in schärfster Weise Wider, spruch erhoben, auch gestern unser Sprecher Geck. Unsere Parteileitung hat gegen jeden Zensurangriff auf unsere Presse Verwahrung eingelegt und Abhilfe verlangt — auch beim letzten Vorwärtsverbot. Da? Oberkommando wollte es nur auf- heben, wenn es Garantien für früher ausgestellte Bedingungen er- halte, d. h., daß Klassenkampf und Klassenkampf nicht mehr be- rührt werden, was Abg. Haafe seinerzeit im Einverständnis mit Redaktion und Berliner Parteileitung zugesagl hat; Haafe erklärte auch, daß die Garantie dafür dadurch gegeben werde, daß ein Redakteur und ein Vorstandsmitglied über Inhalt und Form deS Blattes entscheiden. In den inneren Besprechungen war sogar vorgeschlagen worden, diesen Beiden diktatorische Gewalt zu geben. (Hort! hört!) Das war auch nötig, denn man kann doch einem Parteivorstandsmitglied, das über den Inhalt wachen soll, nicht zumnten, daß es sich täglich von der Redaktion verhauen und verprügeln lassen soll. (Stürmische Heiterkeit.) Sollte die Parteileitung mm ruhig^zusehen, daß das Blatt verboten bleibt? In dieser Zwangslage handelten wir, wie es uns das Interesse der Partei und der Blattes gebot. Dafür tragen wir die bolle Verantwortung und überlassen die Beurteilung gern den züständiAen Körperschaften. (Beifall b. d. Soz.) Wenn der Abgeordnete Stadlhageu nun geglaubt hat, unsere Ehre herabsetzen zu Müssen, so kann ich erklären, daß uns nichts gleichgültiger ist als die Meinung des Abg. Stadthagen. (Lebhafter Beifall der Soz. Lachen der Soz A.-G.) Abg. Hirsch-Essen (Natl.): Der Antrag der Zentrumspartei bietet nicht die Sicherheiten wie unser Antrag. Wir verlangen. daß der Presse, daß dem ganzen Volke nicht Dinge zugemutet werden, die für die Sicherung des Landes nicht unbedingt notwendig sind. Der Staatssekretär hat selbst zugegeben, daß die Vorschriften der militärischen Stellen und des'Reichskanzlers nicht überall in vollem Umfange verwirklicht worden sind. Damit hat der Staatssekretär die Berechtigung der hier erhobenen Forderung anerkannt. Die Zusicherungen, die er uns hier gegeben hat, sind sicherlich zu begrüßen, aber die Zwischenrufe, die ihm gestern gemacht worden sind, dürften ihn darüber aufgeklärt haben, daß über d:e Durchführung dieser Dinge ein gewisser Zweifel herrscht. Dieser Zweifel kann nur dadurch überwunden werden, daß das Ver- trauen zu der Regierung zurückkehrt. Einstweilen haben wir feftstellen müssen, daß unsere früheren Wünsche nicht erfüllt worden sind und daß die Hoffnungen, die an frühere Verhandlungen angeknüpft worden sind, sich nicht verwirklicht haben. Der Staatssekretär hat zwar im Mai von einem allmählichen Abbau der Zensur gesprochen. Aber die Dinge sind auf den verschiedensten Gebieten so ziemlich unverändert geblieben. Materielle Eingriffe aller Art erschweren ohne Not das technische Getriebe der Zeitungen. Aus der Literatur der Verfügungen ragt besonders eine Verfügung des. stellvertretenden Generalkommandos des II. bayerischen Armeekorps über Versammlungen und Vor- träge durch ihre Schärfe hervor, mit der sie jede freie Meinungsäußerung unterbinden. Daß wir ohne Zensur, insbesondere in militärischen Dingen, nicht auskommen, darüber herrscht keine Meinungsverschiedenheit, anderseits aber auch darüber nicht, daß es ein unerwünschter, sa unwürdiger Zustand ist. bei den großen politischen Fragen, die heute aller Herzen bewegen und von deren Lösung die Zukunft und Sicherung unseres Vaterlandes abhängt, jegliche freie Meinungsäußerung ausgeschaltet zu sehen. Dieser Zustand kann unter. Umständen verhängnisvoll werden und ist um so schwerer zu beklagen, je länger der Krieg dauert. Denn mit der Dauer des Krieges erhöht sich auch die Notwendigkeit, auf die Stimmung des Volkes, auf den Sinn der Opferwilligleit einzuwirken. Wir wollen nicht in militärische Dinge eingreifen. Wo das Interesse des Landes es erfordert, muß eine scharfe Zensu» in vollem Umfange durchgeführt werden. Anders liegt es aber in politischer Beziehung. Welche Wirkung hier die Handhabung der Zensur erzielt, das hat die Regierung sehr deutlich an dem Verlauf dieser Verhandlungen sehen können, auch aus dem Verlauf am Sonnabend. Da trat diese völlige Untergrabung des Vertrauens zu b*r Regierung klar zutage. Wenn man sieht, wie Dinge, die stark umstritten sind und die das Volk tief bewegen. hier von der Regierung behandelt werden, wie die Erklärungen vom Regierungstische wirken, so muß man sich fragen: liegt die Wirkung in den Dingen oder in der Art der Behandlung der Dinge? Diese Frage stellen, heißt sie beantworten. (Sehr richtig!) Von der gleichen Seite, die hier und im Haushaltsausschuß die scharfe Kritik über die Art der Wirkung ausgesprochen hat, ist auch gesagt worden, es wäre so einfach gewesen, in diesem furchtbaren Kriege im Volke eine völlige Einigkeit zu schaffen. Durch die Art. wie die Zensur vorgegaug.en ist, hat man das Gegenteil erreicht. Man hat eS nicht verstanden, Deutschlands Presse zu einem wirklich nationalen Instrument zu machen und ihr di6 ihr zukommende Stellung zu geben. Um das Mißtrauen, von dem gesprochen worden ist, zu finden, braucht man nicht in die v i e l b e r u f e n e n Aus- schüssezu gehen, von seinem Vorhandensein kann man sich überall im Lande leicht überzeugen. Dabei handelt es sich auch nicht um Vicrbankklatsch und Tratsch od"r um Verlautbarungen von irgendwelchen Heimkriegern Das findet man bei Angehörigen aller Klassen und selbst bei sebr hohen Beamten. Deshalb kann man es nicht mit einer leichten Handbewegung abtun. In einer Zeit, wo alle Ventile verstopft sind und der Presse die freie Verlautbarung ihrer Meinung verwehrt ist, muß es mindestens gestattet- sein, daß sieb Gleichgesinnte in vertraulicher Aussprache z u s a m m e n f i n d e n und ihrem Herzen nach Bedürfnis Luft machen. Diese Möglichkeit muß doch bleiben. Will man einen Vorwurf erheben so mag man ihn dagegen richten, daß im Vertrauen gemachte Ausführungen der Oeffentlichkeit übergeben werden. Das kann auch ich nicht billigen. Das mag man verurteilen. Aber auf Leu te. die sich aussprechen wollen, weil ihnen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt, soll man keinen Siein werfen. Eine Nachrichtenstelle hat unter der Zensur und trotz der Zensur gegen den Unabhängigen Ausschuß den Vorwurf erhoben. er habe Mißtrauen gegen die oberste .Heeresleitung ausgesprochen. Davon steht in der Kundgebung nicht das geringste. Ich finde keinen parlamentarischen Ausdruck dafür, wenn eine solche Nachrichtenstelle von einem Mann, von der Stellung, dem Verdienst und der unantastbaren Lauterkeit eines Dietrich Schäfer w'e von einem Nihilisten spricht. Es ^handelt sich hier um eine Ansammlung von Zündstoff der allergefährlichsten 'Art. Die Zensur bekämpft mehr und mehr grundsätzlich jede Kritik Sogar shsiemarische Zusammenstellungen aus Reichstagsreden sollen nicht mehr geduldet werden. Die Ausführungen des Abg. Werner-Gießen über den Fall Ruge-Heidelberg, der die Junius-Alter-Vroschüre geschrieben haben sollte, weil sein Urgroßvater die eigentlichen J-unius-Alter-Briefe geschrieben hat, habe ich mit großer Freude angehört. Es ist ja schwer, dabei ernst zu bleiben. Einem Volke, dem man die feindlichen Lügenberichte, die ja von Lügen geradezu strotzen, ohne weiteres, ohne jeden Kommentar unterbreitet, sollte man doch auch eine vaterländische, sachliche Kritik der eigenen Negierung nicht vorenthalten. Was hat man bisher erreicht? Nach außen hin hat man den Eindruck von einer resignierten Ergebenheit geschaffen, wie sie den Tatsachen nicht ^entspricht. Im Innern sind unter der Oberfläche Strömungen und Stimmungen in einer Droschüren» literatur, in geheimen Versammlungen und in Protokollen zum Vorschein gekommen. Das find Erscheinungen, die keiner von uns wünschen kann. Die Darlegungen des Staatssekretär- des Innern über den Fall Bacmeister sind nicht völlig im Einklang mit dem, was mir Herr Bacmeister selber eine Sturze vorher über die Erklärungen der zunächst Beteiligten mitgeteilt hat Ich will darauf nicht weiter eingehcn. ES wird Sache des Herrn Bacmeister fein, die noch bestehende Differenz zu klären. Wenn sich herausstellt, daß er" falsch unterrichtet worden ist, wird er keinen Anstand nehmen, die Dinge auch von seinem Standpunkt aus in Ordnung zu bringen. Die Veröffentlichung der noch zurückgehaltenen Zeppelinbriefe würde auch ich für nötig halten, nachdem mit dem dritten Zeppelinbrief über dis Anschauungen eines Mannes Verwirrung angerichtet worden ist, den wir doch alle aufs höchste hochachten. Heute bezeichnet man Angehörige aller Parteien und Berufs- klassen, wenn sie eine andere Meinung äußern, wie sie an bestimm, ter Stelle für richtig gehalten wich, sofort als Alldeutsche. Mit diesem an sich sehr schönen Wort soll alles das abgetan werden, was diese ^lreise mit Sorge erfüllt. Der Abg. Gothein hat im Haushaltungsausschuß sogar die «V o s s i f ch e Zeitung" zu den A l ld e u t s ch e n gerechnet. (Hort, hört!) Ich gebe zu, das war scherzhaft gemeint, aber ich habe doch den Eindruck gewonnen, daß es vielleicht noch dahin kommt, daß auch noch einige Herren von der äußersten Linken als alldeutsch bezeichnet werden. (Sehr gut! bei den Natl.) Der Hauptpunkt bleibt: Scheidung der militärischen und der politischen Zensur. Die Unterscheidung ist schwierig. Aber wenn wir über diesen Punkt nicht hinwegkommen, bleibt die Sache so, wie sie ist. (Sehr richtig! links.) Unser Antrag bedeutet hier einen Fortschritt, und wenn er in der Kommission so behandelt wird, wie er es verdient, dann werden wir tatsächlich weiterkommen. Wir verlangen vor allem eine weitherzigere uinb gleichmäßigere Behandln n g der Zensur. Man darf sich nicht daran stoßen, wenn sich hier und da Ansichten finden, die mit den Anschauungen der leitenden Stelle nicht ganz übereinstimmen. Und gleichmäßiger muß die Zensur Vorgehen, so daß man nicht beispielsweise^die Ausführungen des Abgeordneten Scheidemann über die Friedensziele durchläßt, während die dagegen sprechenden Gesichtspunkte nicht ausreichend zur Geltung kommen. ^ Herr Scheidemann ist gewiß der felsenfesten Ueberzeugung gewesen, im Interesse des Vaterlandes und der Stimmung an der Front zu handeln. Andere Kreise sind aber ebenso fest überzeugt, daß er mit seinen Ausführungen, „was belgisch ist, muß belgisch bleiben, lvas französisch ist, muß französisch bleiben!", die Stimmung an der Front und hinter der Front herunterdrückt. Da muß man auch in entgegengesetzter Richtung wirken können, indem man den Leuten wirkliche Ziele zeigt. Aehnlich liegt es mit der Behandlung der Veröffentlichung der vielgenannten 6 Verbände. (Zuruf: Sie dürfen ja nicht veröffentlicht werden!) — das bedaure ich sehr, um so mehr, als sie im Auslande bekannt sind Würde man diese Eingaben der sechs Verbände veröffentlichen, so würde mar sehen, daß in sie Dinge hineingelegt, hineingÄrickett sind, die gar nicht darin stehen. Man würde sich wundern, was für ein Lärm um Dinge gemacht ist, die für jeden Vaterlcmdsfreund rein selbstverständlich sind. Man würde auch dem „Berliner Tageblatt" die Möglichkeit nehmen, weiter wie in bisheriger Welse hiervon Gebrauch zu machen. Es kann gar keine Rede davon sein, daß die sechs Verbände zu weitgehende Forderungen stellen. Das weiß jcder von Ihnen, denn Sie haben ja alle die Eingabe bekommen. Was soll jemand dagegen einzuwenden haben, wenn versucht wird, klarzustellen, was militärisch, politisch, wirtschaftlich notwendig ist, um die Zukunft unseres Vaterlandes sicherzustellen? Grundsätzlich kann doch niemand etwas gegen eine solche Klarstellung haben, sie muß vielmehr jedem erwünscht sein. Ebenso muß jeder wünschen, daß hier Klarheit bestcht. Geht der Krieg zu Ende, dann würde es sehr schwierig sein, hier Klarheit zu schaffen. Was hier an Notwendigkeiten aufgestellt wird, ist selb st ver stündlich abhängig vom Ausgang des Krieges. Man kann verschiedener Meinung sein, was notlvendig ist. Mancher mag hier mehr den Westen, mancher mehr den Osten bedenken, dieses oder jenes für notwendiger halten. Aber man darf doch diesen Leuten nicht den Vorwurf machen, sie handelten aus Beutelinteressen heraus. Mir ist kaum etwas Schlimmeres und Verwerflicheres vorgekommen, als die Aufforderung des „Berliner Tageblatts", man möchte einmal Nachsehen, wie weit die Leute hierbei von nationalen Interessen oder von Beutelinteressen geleitet wurden. - Das Blatt hat sich darüber ereifert, daß vom Zentrum der Antrag gestellt war, zu untersuchen, wieviel jüdische Männer in den Kriegsgesellschaften seien. (Vizepräsident Dr. Paasche ersucht den Redner, darauf nicht einzugehen.) Die von dem Tageblatt vorgebrachten Unterstellungen rerdienen die Kennzeichnung als leichtfertige Vorwürfe. Ich spreche den Wunsch aus, daß die Zusicherungen, die der Staatssekretär des Innern gestern gegeben hat, den Ausdruck finden mögen in einem frischen Winde, der die Stickluft der Zensur binwegfegt (Zurufe), die den festen entschlossenen Willen lähmt, die Mißtrauen gegen die Absichten der Regierung hervorruft und die als ausgeprägter Mangel an Zutrauen zum deutschen Volk gedeutet werden muß. Wir verlangen Einschränkung der Zensur in dem verlangten Umfang und freie Bahn dem vaterländischen Empfinden, dem festen vaterländischen Fühlen, von dem unser ganzes deutsches Volk doch in Wirklichkeit getragen ist. (Beifall.) Staatssekretär Dr. Helfferich: Zu den Initiativanträgen kann ich nicht Stellung nehmen. Ihre Tendenz liegt in der von uns erstrebten Richtung. Auch wir wollen eine Vereinheitlichung der Handhabung und eine Abmilderung der Zensur. Der Reichskanzler hat sich darüber mit den militärischen Stellen in Verbindung gesetzt. Natürlich können die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen sein. Das erfordert viel Zeit. Zeit habe ich augenblicklich sehr wenig. Der Zweck des Zentrumsantrages könnte vielleicht auch aus einem anderen Wege als den der Gesetzgebung, nämlich durch eine Kabinettsorder, erreicht werden. Meine Darlegungen über den Fall Bacmeister können in keiner Weise angezweiselt werden. Ich habe hier die Originale der Vernehmung des Hauptmanns Neumann durch das Gouvernement und die Mitteilung des Vorsitzenden des Luftslottenvereins ^ sowie die Akten über die Ausführungen Marquardts. Mit diesen dre^ Schriftstücken dürfte der Fall erledigt sein. Heute kann ich auch den Fall Dittmann richtigstellen. Der Abg. Dittmann hatte behauptet, er habe unseren Zuruf, sein Material über die beiden jungen Mädchen vorzulegen, nicht gehört. Aus dem summarischen Stenogramm der Ausschußsitzung ergibt sich, daß Ministerialdirektor Lewald ihn gebeten hat, die Sache nicht im Plenum vorzubringen, e§ sei selbstverständlich. daß sofort, sobald substanziierte Angaben gemacht werden, ihnen nachgegangen wird, und wenn etwas derartiges geschehen sei, würde es niemand mehr mißbilligen als Oberkommando und Kriegsministerium. Daß ist genau das, was ich hier vor- geb.-acht habe. Abg. Haafe (Soz. A.-G.) wendet sich gegen Ebert und dessen Darstellung der „Vorwärts"-Angelegenheit. Jetzt ist die Meinungsfreiheit der Redalteure gebrochen, jetzt ist eine Diktatur eingerichtet. Der „Vorwärts" ist anders geworden. Ebert hat eS so dapgestellt, als ob eine Rauferei in der „Vorwärts". Redaktion stattgefunden hat. (Widerspruch der Soz.) Niemals hat sich ähnliches ereignet. Sondern das Gegenteil war der Fall. (Große Heiterkeit.) Ebert hat die Miene des Gleichgültigen gezeigt. Die Sprache der Berliner Genossen wird ibm nicht gleich, gültig sein. Das Vorgehen des Partei Vorstandes war ein Verstoß gegen die politische Moral. (Beifall der Soz A.-G., Lachen der Soz.). Abg. Eberl (Soz.): Von Gewalttätigkeiten im „Vorwärts" ist keine Rede. Das Haus hat meinen Scherz wohl verstanden. Die Anssprache schließt. Abg. Dittmann (Soz. Ag.) bleibt gegenüber dem Staatssekretär bei seiner Darstellung. Im Ausschuß herrschte große Er- regung. Selbst der Abg. Gröber schlug vor Zorn auf den Tisch. Die Aussprache wird wieder eröffnet. Staatsekretär Dr. Helffcrich: Wenn Herrn Dittmann etwa? an der Aufklärung der Sache lag, dann durften ihm die zehn Schritte zu meinem Platze nicht zu weit sein. Die Aussprache wind wieder g e sch l o ssen. Die Anträge und Gesetzentwürfe zur Zensur und zum Belagerungszustand gehen an den Schutzhaft-Ausschuß. Nur der Zentrumsantrag auf Schaffung einer Zentralstelle zur Vereinheitlichung der Zensur und zur Erledigung von Zensurbcschwerden wird gleich znr zweiten und dritten Lesung gestellt. ' Abg. Graf Westarp ftons.): Eine solche Stelle mußte durch einen Kommandoakt des Kaisers geschaffen werden. Daher sind wir gegen den Gesetzentwurf. Mit seinem Grundgedanken sind wir einverstanden. Abg. Dope (Fortschr. Vg.) hält die Bedenken des Grafe»' Westarp für unberechtigt. Der Gesetzentwurf wird in zweiter und dritter Lesum angenommen. DaS Haus vertagt sich. Nächste Sitzung: Donnerstag, 3 Uhr: Gefangenenbehandlung, Ernährungsfragen. Schluß 9 Uhr. 1 Ohne Bezyggssliein Jacken-Kleider 80 Mk. lintel »w 30 Mk. Woli-Blusen über —.. -■ -j grösste Auswahl in den neuesten Formen. 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