Nr. Ä55 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Beilagen: „Siehener Zamilienblätter" und „Krctsblatt für den Kreis Sieben". Postscheckkonto: Zrankfnrt am Main Nr. ll68b. Vankverkehr: Gewerbebank Siehe«. 166. Jahrgang Montag, 36. Oktober 1616 General-Anzeiger für Gberheffen Zwilliugsrunddruck und Derlatz>^> Brühi'scheUniversiläts-Bnch-u.Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Zchrislleitttng, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulst.aße7. Geschäftsstellen.Verlag: Schristleitung: 112. Anschrift für Tru htnachrichten:An-eigerGießen. Mb. Deutscher Reichstag. 69. Sitzu ng, Sonnabend, den 28. Oktober 1916. Am Tische des Bundesrats: Dr. Hel ff er ich. 16 ^ r ' eröffnet die Sitzung um 3 Uhr Auskuuslserleilung über Kriegsverordnungev. ^Auf der Tagesordnung steht zunächst die erste Be- carung eines vom Abgeordneten Schiffer (natl.j Gesetzentwurfs betreffend AuS- ^ über K r i e g s v e r o r d n u n g e n. Der Gesetzentwurf ist von Abgeordneten aller Parteien QninisJrif Vt ” Ct ' be ^ 0t im ^sentlichen. daß eine strafbare Zuwiderhandlung gegen eine nach dem Ermächtigungsgesetz erlassene Anordnung nicht vorhanden ist. wenn die Handlung von * l 35F, SU ständigen Stelle für zulässig erklärt worden ist. Diese Stellen fallen verpflichtet sein, auf Verlangen Auskunft über das Bestehen, den Inhalt und den Sinn einer Anordnung zu erteilen. Abg. Schiffer (Natt.) begründet den Antrag. Er soll dazu o^nen, einem Mißstande entgegenzutreten, der sich im Wirtschaftsleben geltend gemacht hat. Der Reichstag hat dem Bundesrat eine weitgehende Vollmacht zum Erlaß von Verordnungen und Gesetzen gegeben. Der Reichstag l)at damit eine große Weit- herzigkelt und Weitsichtigkeit bewiesen. Denn mit der bisherigen 5**fk?v® nt S c ?“ n S bon Gesetzen würden wir bei den fetzt schnell wechselnden Bedürfnissen sehr schlecht auskommen. Der Bundes- rat hat nun seine anfängliche Scheu überwunden und das Recht in emem Umfange angewendet, daß schließlich eine lieber fülle entstanden ist. die gewisse Unklarheiten und inithin ^Schädigungen zur Folge hat. Man findet sich in den vielen Verordnungen nicht mehr zurecht. Man stebt dieser Ueberflut von Recht völlig fassungslos und haltlos gegenüber. Hier muß Wandel geschaffen werden, damit nur das übrige bleibt, was dem Staate nützlich ist. Bei dem jetzigen Zustande wird nicht nur das R-.'chis- leben geschädigt, sondern auch das Wirtschaftsleben. Der Geschäftsmann findet sich nicht mehr zurecht in den Paragraphen. Er kann sie nicht mehr übersehen, und kommt so in Gefahr, ohne seine Schuld bestraft zu werden. Da wird er sich oft überlegen, ob er überbaupt ein Geschäft machen soll, wenn er es als ehrsamer Kaufmann riskiert, auf die Anklagebank zu kommen. DaS ist eine schwere Schädigung des wirtschaftlichen Lebens. Das führt dazu, daß die unlauteren Elemente sich viel mehr betätigen als früher, während der ehrbare Kaufmann zurücksteht. Dieser Zustand ist iinhaltbar. Will man jetzt eine AuÄunft einholen, so bekommt man sie meistens so spat, daß das Geschäft nicht mehr gemacht werden kanii oder man erhalt sie sozusagen ohne Obligo, so daß man nicht vor einer Bestrafung sicher ist. Diesem Zustande will der vorliegende Antrag abhelfen. Er schließt sich dabei an Anregungen an, die insbesondere auch auf dem Deutschen Handelstag laut geworden sind. Es soll eine Auskunftserteilungspflicht der zuständigen Stellen geschaffen werden. Die Hauptsache ist die Schleunigkeit. Einzelheiten werden noch zu besprechen sein. Ich beantrage daher schon jetzt, die Vorlage an einen besonderen Ausschuß von 21 Mitgliedern z« überweisen. Der Zweck des Antrages ist jedenfalls nicht, einen neuen Weg zur Umgehung des Gesetzes oder eine Schonung für weniger anständige Elemente zu schaffen. Das Problem, das hier berührt wird, hat eine große theoretische Bedeutsamkeit. Hierauf will ich aber jetzt nicht eingehem Denn für mich handelt eS sich um eine absolut praktische Gegenwartsaufgabe. Ich will kein Präjudiz schaffen für weitergehende Bestrebungen. Vielleicht wird aber der Gedanke doch später einmal dauernde Gestalt gewinnen. Jetzt muß möglichst bald etwas geschehen. (Beifall.) Eine Aussprache findet nicht statt. Der Antrag geht an einen besonderen Ausschuß von 2i Mitgliedern. Die Schutzhast während des kriegszrMnöes. Die gestern abgebrochene Beratung wird fortgesetzt. Abg. Waldslein (Fortschr. Vp.): Der Anspruch des deutschen i8olkes*auf möglichsten' Rechtsschutz auch während des Krieges ist 2 ufs tiefste begründet. Wir haben deshalb die Verpflichtung, mit rllen Mitteln dafür zu sorgen, daß ihm ein solcher Rechtsschutz juteit wird. Wie die Negierung während des Krieges die Rechte ^eS Kaisers zu wahren bemüht ist, so müssen wir die Rechte des Volkes schützen. Es handelt sich hier um das einfachste, grundlegendste aller Rechte, um das Recht der persönlichen Freiheit. Wir sind wohl alle davon überzeugt, daß das Gesetz notwendig ist. Denn die Uebelstände haben einen großen Umfang angenommen. In den feindlichen Ländern ist die Zahl der verhafteten Personen freilich viel größer. Man sollte dem Ausschüsse das vorhandene gesetzliche Material zustellen. Der Redner bespricht einige besondere Fälle. Ein Kaufmann wurde in Haft genommen, weil er Waren zu Heereszwecken von Schweden nach Warschau geliefert hatte. Mg. Dr. Nießer (Natl.): In weiten Kreisen der Bevölkerung hat man vor diesen Verhandlungen sicherlich von der Existenz und von der Bedeutung der Schutzhaft gar keine Ahnung gehabt. Das kommt daher, weil die Schutzhast ihr Bestehen keiner Norm eines Gesetzes verdankt, sondern weil sie nur im Wege der Konstruktion und der Folgerung aus anderen Paragraphen in die Praxis eingeführt worden ist. Im Falle eines Krieges kann der" Kaiser für jeden Teil des Deutschen Reiches, mit Ausnahme von Bayern, wo auch die Schutzhast nicht besteht, den Kriegszustand erklären. Es können alle Garantien aufgehoben werden, die die persönliche Freiheit, das Recht der freien Meinungsäußerung usw. betreffen. Die obersten Militärbcfehlshaber können Verhaftungen anordnen, wo das im Interesse der Allgemeinheit erforderlich ist. Sic können das aber auch außerhalb dieser Fälle tun. Ueber die Zahl der Fälle, in denen von dem Recht der Verhängung der Schutzhaft Gebrauch gemacht worden ist und über die Zahl der Aufenthaltsbeschränkungen sind uns Zahlen nicht zugänglich gemacht worden. Wir können uns daher nur auf das Material stützen, das die Jetztzeit behandelt. Früher sind es viel mehr gewesen. Jetzt sind nur noch 424 Personen i n Schutzhaft genommen, davon 189 wegen Verdachts der Spionage. Dazu kommen etwa 1063 Aufenthaltsbeschränkungen. Vor allem sollte man nicht die in Schutzhaft befindlichen Personen schlechter stellen als die- ienigen, die ettva wegen Mordes oder ähnlicher Verbrechen in Untersuchungshaft sind. Jetzt liegt die Sache so, daß die militärischen Befehlshaber nach ihrem Ermessen'handeln können, nicht bloß bezüglich der Verhaftung selbst, sondern auch bezüglich der Dauer der Haft und der Art der Vollstreckung, was besonders bedenklich ist. Neben der Schutzhaft kann auch nach einer ministeriellen Instruktion, die nach unserer Resolution hier im Reichstag erst erlassen worden ist, eine Aufenthaltsbeschränkung, Polizeiaufsicht oder Postsperre verhängt werden. Die Sperrung des gesamten telegraphischen und brieflichen Verkehrs ist in den meisten Fällen beinahe mit der Vernichtung der ganzen Existenz gleichbedeutend. In manchen Fällen ist die Schutzhaft im bunten Wechsel mit Aufenthaltsbeschränkung verhängt worden. Ueber die Art der Vollstreckung besteht nicht ein Schalten einer Bestimmung. Wenn die Mitteilungen, die ich erhalten habe, richtig sind, so ist'in manchen Fällen nicht nur bei der Schutzhaft, sondern auch bei der Aufenthaltsbeschränkung ein Arbcitszwang verhängt worden. Jemand, dem eine bestimmte kleine Stadt zum Aufenthalt angewiesen worden ist, wurde mit dem Sortieren von Säcken beschäftigt. Das halte ich für absolut unzulässig. Manche in Schutz- Haft genommenen angesehenen Männer sind schließlich in völlige Depression und Gemütskrankheit verfallen. In zwei Fällen hat man sogar das Wechseln der Wäsche verboten. Das erfordert doch gewiß nicht die Sicherheit des Staates! (Sehr richtig!) Einem in Schutzhaft Befindlichen, per schon gemütskrank war, wurde die Erlaubnis, sich täglich eine halbe Stunde im Hofe zu ergehen, der ja auch nicht gerade ein Tiergarten gewesen sein wird, wieder entzogen Einem anderen in Schutzhaft Sitzenden wurde es abgelehnt, daß sein aus dem Felde zurückgekehrter Sohn ihn besuchen dürfe, wieder einem anderen, der Beerdigung seiner Ehefrau beizuwohnen. Werda nicht empört wird, muß bedenklich viel juristisches Fischblut haben! (Sehr richtig?) Man hat den Verhafteten häufig nur gesagt, das geschehe im Interesse der öffentlichen Sicherheit. Man müßte ihnen doch wenigstens die Tat, deren man sie verdächtigt, angeben. Neben dem lästigen Ausländer im Frieden steht jetzt im Kriege der lästige Inländer, der in Schutzhaft genommen werden kann, deren Art und Dauer völlig unbestimmt ist. Es mag ja fein, daß man schon wegen der Spionage im Kriege nicht ohne Schutzhaft auskommen kann, obwohl es in Bayern eine solche Schutzhaft überhaupt nicht gibt. Aber es ist doch be schämend, daß nur nicht einmal das Minimum von Ga. rantien haben das wir in Fällen der Untersuchungshaft besitzen, ja sogar nicht diejenigen Garantien, die wir in Preußen durch das Gesetz über den Schutz der persönlichen Freiheit von 1850 schon vor über 60 Jahren eingeführt haben. Wenn der weiter- gehende Antrag, das nach der Reichsversassimg vorgesehene Gesetz jetzt zu erlassen, an der Schwierigkeit scheitern könnte, ein solches Gesetz jetzt im Kriege zustande zu bringen, so sollte man um so weniger zögern, mindestens für die Dauer dieses Krieges ein Gesetz, wie wir es Vorschlägen, in Kraft treten zu lassen. Es soll nur die schlimmsten Mißstände mildern und keineswegs in die Be fugnisse der Oberbefehlshaber eingreifen. Weitergehende Wünsche haben wir in dem Gesetz nicht berücksichtigt, weil ein solcher schwerer Ballast unter Umständen die sofortige Verabschiedung eines provisorischen Gesetzes verhindern könnte. Vor allem wünschen wir ein Gesetz, nicht nur eine krirgsministcrielle Instruktion, da eine solche ja ohne Zustimmung des Reichstages aufgehoben werden kann. Eine solche Instruktion deS Kriegsministers würde auch die Harten nicht mindern und bei der Verschiedenheit der Generalkommandos nur sehr schw r eine einheitliche Behandlung herbei- suhren. Die Hauptsache ist für uns, daß einmal das Recht auf Beschwerde und sodann daS Recht auf Verteidigung eingeführt wird Im Frieden sind auch bei der Spionage und beim Hochverrat Rechtsmittel vorhanden. Man kann auch bei Spionagefällen im Kriege Vorsichtsmaßregeln finden. Wir haben vorgeschlagen, daß die Beschwerde nicht an ein Zivil- gcricht, sondern an ein Reichsmilitärgericht gehen soll. Gerade bei der Spionage ist ein Rechtsmittel notwendig, weil hier oft fahrlässige und bewußte falsche Denunziation vorliegt. Wir erkennen die großen Verdienste unserer militärischen Befehlshaber durchaus an, aber auch sie sind Jrrtümern unterworfen. Daher muß ein Rechts mittel vorhanden sein. Auch das Recht, einen Verteidiger zu nehmen, darf man dem Angeschuldigten nicht verweigern. Wenn man Bedenken hat, dann kann man diesen Verteidiger vielleicht aus der Reihe der Rechtsanwälte nehmen, die bei den Militärgerichten zugelassen sind. Bezüglich der A k t e n e i n s i ch t kann man vielleicht festsetzen, daß das Gericht Teile der Akten von.der Akteneinsicht im Interesse der öffentlichen Sicherheit auS- nehmen kann. Soweit es mit den Zwecken des Krieges vereinbar ist, muß der Wunsch des Volkes, auch im Kriege gesicherte Verhältnisse zu haben, erfüllt werden. Wir hoffen, daß wir im Ausschüsse zu einer gedeihlichen Vereinbarung kommen werden. (Beifall.) Abg. Dr. Nösicke (kons.): Wir sind der Ansicht, daß es berechtigt ist, für die Schutzhaft gewisse Garantien zu verlangen. An sich kann die Schutzhaft nicht vermieden werden und zwar aus militärischen Gründen. Ei ne Schutzhaft aus politischen Gründen wünschen auch wir nicht. Wir sind gern bereit, daboi mitzuwirken, daß die Schutzhaft mit gewissen Garantien umgeben wird. Der Gesetzentwurf bringt eine Reihe von Vorschlägen, die durchaus zweckmäßig sind. Der Angeschul- digte muß wissen/ warum er m Haft genommen wurde. Die Regierung durch einen Erlaß gewissen Forderungen des Gesetzentwurfs schon entgegengekommen. Einige Fragen sind noch rm Ausschuß zu klären, z. B. die, ob ' man einen Zivilrichter mit der Vernehmung beauftragen kann und in welchem Umfange^ der Angeschuvdrgte die Dööglichkeit haben soll, sich einen Verteidiger nach eigener Wahl zu bestellen. Der Ausschuß- beratung stimmen wir zir. Abg. Dittmann (Soz. Arb.): Dr. Rießer ist für den Gesetzentwurf wie ein Vater für sein Kind eingetreten. Wir haben Bedenken, denn dieser Entwurf gibt der Schutzhaft erst den Charakter einer staatlichen Einrichtung. Er sanktioniert sie. Heben Sie lieber den ganzen Belageruilgszilstand auf. Die Schutzhaft ist ein politisches Kampfmittel gegen die politisch oppositionellen Parteien. (Beifall des Mg. Stadthagen.) Das iff eine Art Schreckensherrschaft. (Abg. Stadthagen: Sehr richtig!) Ge- sinnungsschnüffelei, Denunziantentum und Spihclei stehen wieder in Blüte. (Abg. Stadthagen: Leider! Leider! — Vizepräsident Dr. Paascl> e ruft den Abg. Stadthagen zur O r d n n n g.) Dr. Helfferichs Ideal scheint das nationale Zuchthaus zu sein. Franz Mehring ist trotz seines Alters lange Zeit in einem elenden Loch festgehalten worden. Rosa Luxemburg hat man plötzlich aus dem Frauengefängnis in der Barnimstraße in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz in eine Zelle gebracht, in der sonst Prostituierte usw. sitzen, und ganz kürzlich ist sie nach Wronker in Posen geschafft worden. 17- und 18jährige Mädchen sind SV s Monate lang in Schutzhaft genommen worden, weil sic Zettel verbreiteten, die zu einer Demonstration zugunsten Liebknechts anfforderten. Auf dem Polizeipräsidium wurden die jungen Mädchen zeitweilig mit Prostituierten zusammengesperrt. (Abg. Stadthagen: Unerhört') Die Schutzhaft war Schmntzhaft. (Abg. Stadthagen: Sehr rich^ tigl) Der Vater dieser Mädchen steht im Felde. (Abg. Stadthagen: Hört, hört!) Vizepräsident Dr. Paaschc: Herr Abg. Stadthagen, daS HauS hört schon aufmerksam zu, cs bedaxf Ihrer fortdauernden Zurufe nicht! (Heiterkeit.) Abg. Dittmann: Eine ganze Reihe von'Vertretern der Sozial- demokr. Arbeitsgemeinschaft sind in Schutzhast genommen worden. Einem in Schutzhaft Befindlichen wurde der Urlaub zur Beerdigung seiner Frau versagt mit der Begründung, daß die Beerdigung schon vor drei Tagen stattgefunden habe« Dabei hatte er sein Gesuch sofort, nachdem er die Nachricht ürw Tode seiner Frau erhalten hatte, rechtzeitig eingereicht. Auch dNn Sohn, der beurlaubt war. wurde es nicht erlaubt, den Vater zu sehen. Einem anderen Verhafteten sagte man nach drei Wochen Schutzhaft, er wäre in Hast genommen, weil er eventuell als Zeuge vor dem Reichsgericht vernommen werden sollte. Schutzhaft und Schützengraben wendet man gegen politisch Mißliebige an. Alles das erzeugt maßlose Erbitte- rung im Lande! Die Spitzel, die hier die Anzeigen erstatten, sind meistens Drückeberger. Diesen Augiasstall zu reinigen, ist Aufgabe der Volksvertretung! Staatssekretär Tr. Hclffcrich: Im Ausschuß hoben wir den Belagerungszustand, die Schutzhaft usw. ruhig und sachlich er- örtert. Wir haben betont, toeshalb wir hierauf nicht verzichten können, und auch die Redner, die vor dem Abgeordneten Dittmann gesprochen haben, waren der Ansicht, daß eine radikale ^Beseitigung des Belagerungszustandes jetzt nicht möglich sei. Das Wort Diktatur ist lateinisch und stammt aus der klassischen Republik des Altertums Dort gab man in der höchsten Not einem einzigen Manne die höchste Gewalt, gab ihm eine Macht, der gegenüber die Befugnisse des Belagerungszustandes und der Schutzhaft verblassen. Ter Kulturstandpunkt eines Staates entscheidet sich nach dem Verhältnis des Rechtsschutzes des Staates und des Individuums. (Sehr richtig! bei der Soz. A.-G.) Wir stehen da nicht auf der untersten Stufe. Wir können stolz aus unfern Kulturstandpunlt sein. ,'Abg. Ledebour: Wir sind nicht stolz aus Siel) — Das ist mir gleichgültig. Im Frieden tvar der Kulturzustand Deutschlands so, daß wir darauf stolz sein konnten. (Zuruf bei der Soz. A.-G.: Neuorientierung!) — Von der spreche ich nickst. Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen. Ich habe auch Ihren Redner ruhig angehört. Ich hoffe, daß wir im Frieden b-ald diesen Kulturzustand wieder erreichen werden. Wir haben uns also im Ausschuß über diese Fragen ruhig unterhalten, und die große Mehrheit des Ausschusses war darin einig, daß wir in solchem Existenzkriege nicht auf derartige Befugnisse verzichten können. Im AuSlande gehen die Befugnisse zum größten Teil erheblich weiter als bei uns. Aber das ist sellistberstäudlich keine Entschuldigung und soll keine Entschuldigung sein für Mißgriffe. Im Ausschuß haben wir nach Möglichkeit Aufklärungen gegeben, wie ich annehme. meist in befriedigender Weise. Wo das Material nicht vorlag. haben wir eine Untersuchung zugesagt. Ferner haben wir mit- geteilt, welche Aendcrungen in der Handhabung des Belagerungs- zustandes usw. bisher vorgenommen worden sind. Zu der Tendenz der Anträge haben wir uns keineswegs ablehnend verhalten. Daß wir in der gleichen Richtung arbeiten, darüber bestand im Ausschuß kein Zweifel. Ich will keine Kritik an der Tätigkeit eines Mitgliedes des Hauses üben, aber als deutscher Mann und Patriot darf ich doch die Erwäguug anstellen, ob es richtig ist, solche Fälle hier in der breitesten Oeffentlichkeit vorzutragen, wo man unmöglich sofort auf sie antworten kann. Ich weiß nicht, ob es gut getan ist und im Interesse deS Vaterlandes liegt. Es ist ja ganz unmöglich, einem solchen Vortrage zu folgen und dabei festzustcllen, ob daS stimmt, was der Abyeordn> ete Dittmann sagt! (Der Staatssekretär schlägt mit der Faust auf den Tisch. — Zurufe bei der Soz. Arb.: Die Akten haben im Ausschuß Vorgelegen!> Der Fall des Mannes, der nicht zur Beerdigung seiner Frau . kommen durfte, liegt doch ganz anders. In Erinnerung ist mir, daß der Manu seit 1609 von seiner Frau getrennt gelebt bat. daß ec sie in Kiel hat sitzen lassen. Auch dann würde ich das Verhalten nicht billigen. Mer diese Tatsache bringt doch ein Moment hinzu, das der Abg. Dittmann hätte erwähnen müssen. Sodann hat der Abg. Dittmann gemeint, ich hätte geäußert,^ es sei ganz gut, daß Herr Mehring verhaftet worden wäre, damit ec sich nicht einer Straftat schuldig machte. Wir sind im Krjege. Das wichtigste Interesse ist die Sicherheit des Vaterlandes. Wir können beispielsweise nicht dulden, daß in Munitionsfabriken Streiks entstehen. Da ist es mir lieber, daß ein Unschuldiger leidet, al§ daß ein Schuldiger unsägliches Unheil über das Vaterland bringt. Es war festgestellt, daß Mehring an der V e r a n st a l t u n g von sogenannten Friedensdemonstrationen beteiligt gewesen ist. Ich bin nicht naiv genug, um Friedensdemonstrationen auf dem Potsdamer Platz als barmlos hinzustellcn. (Zurufe bei der Soz. A.-G.) Es ist mir da lieber, Herr Mehring sitzt in Schutzhaft, als es lägen Tote auf dem Potsdamer Platz. (Zurufe des Mg. Stadthagen. Vizepräsident Dove ruft ihn zur Ordnung.) Die Angaben des Abg. Dittmann müssen selbstverständlich aus daS geuauestc geprüft werden. Wenn die Fälle so liegen, wie er sagt, wären sie unter allen Umständen auf das schärfste zu verurteilen. Mer man soll nicht bloß Anschuldigungen in die Welt hinausgchen lassen, sondern Untersuchungen vornehmen. Den Fall der jungen Mädchen, die angeblich mit Prostituierten zusammengebracht worden sind, hat der Abg. Dittmann schon im Ausschuß angedeutet. Ich forderte ihn aus, den Fall vorzutragen. Da sagte er: Das behalte ich mir für das Plenum vor! (Lebhafte? Hört, hört! und Bewegung.) Dagegen muß ich im Interesse des Reiches auf das schärfste Verwahrung c i n l e g e n. (Lebhafte Zustimmung.) Abg. Dr. Paasche (ntl.): Die Ausführungen des Abg. Dittmann haben, soweit er einzelne Fälle anfübrte, einen so überzeugenden Eindruck gemacht, daß sic i m H a u s e e i n e n Sturm der Entrüstung erregt haben. Ich hätte erwartet, daß der Staatssekretär ein recht scharfes Wort der Verurteilung gegenüber den gerügten Vorkommnissen gehabt hätte. (Lebhafte Zurufe: Hat er ja getan! — Beifallsrufe der Soz.) Wenn olche Fälle möglich sind, dann wäre es im Interesse der Reichs- regierung, des Staatssekretärs ünd des deutschen Volkes gewesen, wenn er offen und ehrlich gesagt hätte: Solche Zustände können und wollen wir nicht dulden; wi r verurteilen sie aufs s ch ä r f st e. (Beifall der Soz. — Erneute lebhafte Zurufe: DaS hat der Staatssekretär ja getan!) Gegen Beamte, die ich in solcher Weise vergehen, muß das schärfste Strafmaß angeweudet werden. Der Staatssekretär hat erst zum Schluß seiner Rede gesagt, daß er das Verfahren -nicht billige. Der Ton macht oft den Gesang. Eine offene Erklärung deS Staatssekretärs, daß er solche Zustände nicht billigt, wäre daö richtige gewesen. Er hätte sage« müssen: Wir können und wollen solche Dinge im deutschen Vaterlandc nicht dulden; wir wollen alles tun, um sie zu beseitigen. (Beifall links und Unruhe.) ^laatssekreläc Dr. Hclsfcrich . Ich kann mein E r st a u n e n über Die Äasführungen des Mg. Dr. Paasche nicht verhehlen. Ich habe ausdrücklich ausgesprochen, daß, wenn die ^'itteiirrnften des Mg. Dittmann wahr sind, die Beamten, die Ksich sm'cher BerfeDmige« schuldig gemacht haben, die schärfste Verurteilung erfahren müssen. Ich habe aber gebeten, erst die Fälle zu prüfen und dann zu urteilen. Mg. H««tz ( tM rffer): Elsaß-Lothringen ist leider zum klassischen Lande der i^utzhcrft geworden. Mehr als tausend Bürger sind von dieser harten Maßnahme getroffen Worden. Erst einem Teil ist die Arercheit wiedergegeben. Diese Verhaftungen erfolgten vielfach aus Denrmzrationen hin. Mehr als hundert Fälle srnd mir bekanru. Eine ehemalige Kellnerin, die in Straßburg ein KorrespondenHbureau unterhält und die eine Vertrauens- Person des Allbeubsche« Verbandes sein soll (Heiterkeit), hat dem Gouvernemenr eine Liste von 128 Personen überreicht, die dann auch in Schutzhaft genommen wurden. (Hört, hört! und Unruhe. Abg. Ledebcmr: Das ist infam!) Ein lothringischer Landtagsabgeordueter wurde ebenfalls rn Schutzhast genoranw». Er wurde mir freigelassen, nachdem er sich gegenüber dem Gouvernement m Metz verpflichtet hatte, alle Ehrenämter niederzrilegen. (Hört, hört!) Hier sollte ein politischer Gegner besortigt-wcrden. Wenn ein-Verhafteter für seinen Lebensunterhalt nicht selbst sorgen kann, dann wird er in einem Jnter- niernng»lag<- urttergebracht. und es kann dann leicht der Fall erutveten. da ein Deutsche' sich dort als Knecht oder Magd eines wohlhabende,i feindüchen Ausländers verdingt. Eine alte Frau wurde vor !uei Iabren in Schutzhaft genommen. Ihre beiden Sohne sind den Heldentod für das Vaterland geftvrben. Da sie mitteklos war, wurde sie in ^aS Internierungslager in Holzminden gebracht. Dort ist sie aus die Mildtätigkeit der dort inhafti-erten «v,^ c . r s: nzösi schen Halbwelt angewiesen. (Leshüste Psnirufe.) Dieser Fall ist schon im elsaß-lothringischen Landtage zur Sprache gekommen, leider ohne Erfolg. (Hört, hört!) .Hoffentlich wird ihm jetzt endlich ein Ende bereitet. ' Fchreabach (Zentr.): Der Staatssekretär hat mit vollem 'Recht fernem Stolze über das alte Deutschland, das Deutschland der Gerechtigkeit und das Deutschland der .Kultur, Ausdruck gc- gebM. Aber iu diesem Kriege um die Lebensexistenz des Volkes müssen auch Mittel zur Anwendung kommen, die schwere Härten AEgen; wo es die Rettung des Vaterlandes gilt, da müssen «ruch d»e schwersten Unzutröglichkeiten mit in Kauf genommen tverdeu. Recht hat der Staatssekretär dem Mg. Dittmann horgeworscn. daß er die Fälle zunächst hätte im HanshaltsauSschuß rn vEm Umrange dortragen müssen. Herr Abg. Dittmann, sind Sre gch klar darüber, welchen Eindruck Ihre Rede in Deutschland und im Auslande machen wird? Sie wollen doch nicht draußen einen Sturm erregen, sondern Besserung erzielen. Da hätten Sie dm Sachen dem Ausschuß vortragen müssen, und hätte dann die Regierung nicht mit eisernem Besen gereinigt, dann hätten 'sre recht gehabt, die Sachen hier vorzubringen. (Sehr richtig!) Allerdings mutz ich doch sagen: eS ist schon so viel festgestellt worden, daß das .Haus eine allgemeine Entrüstung gefaßt hat und fasten mußte. Was der Abg. Paascke hier zum Ausdruck gebracht hat, entsprach der Stimmung des Hauses. Auch von bürgerlicher Seite mußte ein kräftiges, ein ernstes, ein scharfes Wort gesprochen werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Debatte durfte nicht so in das Land hinausgehen. Deshalb verdient der Abgeordnete Paasche den Dank des Hauses. Diese Zustände dienen nicht zum Ruhme des deutschen Nomens und deshalb empfindet jeder Patriot den heutigen Tag als einen Dnglückstag. Es sind Gewalt Maßnahmen vorgekommen. die weder unter dem Gesichtspunkte des Rechtes, noch der Humanität sich recht- fertigen lasten. Das muß ausgesprochen werden. Werden die Schuldigen festgastellt, so hoffe ich daß es für diese eine Milde micht gibt. (Verfall.) Sie haben sich versündigt am deutschen Normen. (Zustimmung.) Sie haben einen unendlichen Schaden d«n Rufe und dem Ansehen ^ des deuffchen Namens zugefügt. MM hatte so etwas nicht für möglich gehalten. Es ist uns ^sonders schmerzlich, daß es an hervorragenden stelle« DLänuer gibt, die zu solchen Taten fähig sind. Hoffentüch wirkt der heutige Tag als reinigendes Gewitter. Wir Wßen in Zukunft wieder das gerechte, das von Kultur und Humanität getragene Deutschland sein, wo dagegen gefehlt ist, noch die Regierung mit aller Energie eingrcifeu. (Beifall.) Wg. Scheide mau» (Sog.): Fort mit dem BelagerurrgSzustaiüi! Äus diesem Boden find diese häßlichen Dinge erst möglich waren Sie alle erstaunt? Well Sie keine Kenntnis da- twn hatten? Und warum nicht? Weil die Zensur nicht zu- ^lretz. daß die Presse darüber berichtete. Nur wo das Licht fehlt, sind solche Dinge möglich. Man muß sich schämen, daß der r i sche L a n h t ag Sa b ge o r d n e te Ouidde mit der tBeKnmrnrrkg, innerhalb 24 Stunden Berlin zn verlassen, nack> München abreifen mußte. (Hört hört!) Nicht nur Arbeiter hat -man verhaftet, bis 'n d i e K r e i s e d e r D r v l o m a t i e ist man Wgnngen. Leute, die das Deutsche Reich im Auslands vertreten chaben, hat man monatelang festgehalten, well man ihnen nicht (Hört/ hört!) So behandelt man nicht das deutsche Vo«, dar sich so wunderbar in diesem Kriege gezeigt hat. (Beifall.) j . Abg. Dr. MlMer-Memingen (Fortschr. Bp.): Wir find alle -enng, die heutige Verhandlung beweist die völlige Unhaltbarkeit des llchigen Rechtszustandes. DaS Belagerungszustandsgesetz muß wolftg reformlert werden, schon während des Krieges. Man mischt [W** Ek bürgerlichen Angelegenheiten mit einem.geradezu krank- haften Machigefühl. Wir haben Dutzende von Diktatoren. Die üexaiorischen Bürokratenstückchen häufen sich. Ein verzweifelter Staat braucht einen Maulkorb für seine neurasthenische Bevölfi- rung, das deutsche Volk braucht aber keinen. (Beifall.) Abg, Sepda (Pole): Unsere Entrüstung ist einer Steigerung nicht mehr fähig. Gerade die polnische Bevölkerung hat unter der Schu^haft^ gelitten. Oberst Wriesberg: Zum KrisgKbegftm waren wir d o Spionen umgeben. Da forderte e§ die Sicherheit für da -Heer und das Land, daß scharf durchgegriffen wurde. Daß d Falle borgekommen sind, m jenen daneben gehauen ist. ist mögliv Aber eine schnelle Maßnahme ist bester als gar keine. Die Heere- kettvalttrm ist seit Anfang des .Krieges bemüht gewesen. de Scyad-rn. sobald sie beLcmnt geworden find, mit Nachdruck naä 3'igehen Mehrere Verordnungen find erlassen worden, und üc gcio-.eht auch noch Der letzte Erlaß vom KriegSministerium, ix tmt im Ausschuß vorgelesen haben, hat doch den Beifall deS Au- fchustes gefunden. Denn anders kann man es doch nicht erkläre öer Wunsch orn uns gestellt wurde, diesen Erlaß zu veröffen .u^ das geschieht auch. Die einzelnen Fälle, die da vo gebracht sind, kenne ich nicht. Aber jeder Vertreter der Regierur H r . u * “ u ?.fa u fc betont, wenn sich herausüellt. daß solche Schade tatsächlich sich ereignet haben, dann wird mit allem Nach druck durchg-griffen. /(Beifall.) Ueberhaupt wird bei d, Heeresverwaltung, wenn etwas schlecht ist, überall durchgegriffe: Abg. Dtttmann (Soz. Arb.):. Der Belagerungszusta>rd mu aufneyaben irreren. Das Spionagegesetz gibt schon den nötige Schutz Herr Helfenfch fft für die alte aristokratische Republ plwm eurgetreten. Das scheint fern Ideal zu sein. Staatssekretär Dr. Hekfterich: Ich wiederhole nochmals: I. habe kernen Zweftel gelassen, daß die Fälle, wenn sie richtig g. fchildect smd, auch von der Reichslertung und den militärische Instanzen aufs schärfste mi-ßbilligt werden. (Zurr der Soz: Das genügt nicht!) Das spreche ich nicht nur tt>eoretis> chrs. Ich mache hier keine Theorie. Der nötig« Nachdruck wir cahruterges^zt. Ich stehe aber auch Lier als Vorgesetzter ein« Mr großen Anzahl von Beamten, und ich verurteile keinen, ek ich chu nicht gch-rt habe. Ehe ihm nichts bewiesen ist, ist e merne Pflicht und SchuLigkeit, ihn zu decken. Und das tue ick MN t der Tendenz der Anträge sind auch wi c i n v e a n d e n. Auch wir hoffen, daß eine Besserung erzie torrd. bleber die Wege wird sich eine Verständigung erzielen laste - Daraus können Sie ersehen, daß ich nicht der Mann bin, der ft /«inen deutschen Zuchthausstaat eintritt oder für die römisck Sklaverei. Der Diktator hatte Gewalt über die römischen Bürge weil in Rom das Staatsbewutztsein am schärfsten ausgebildi war von allen Staaten des klassischen Altertums. Auch im alte Mmn h«t man anerkannt, daß in Kriegszeiten Ausnahmeverhcll Liste oestehe!,. Nun noch ein Appell: Vergessen Sie die Grün! Lagen nulitl Schütten Sie das .Kind nicht mit dem Bade au /'Sn önein Kampfe, wie wrr ihn führen müssen, darf der emzelr und sein Recht nicht die RMe spielen w»e in Friedenszerben, wo cs kein größeres Unglück gibt, als wenn die Gerichte einen Unschuldigen verurteilen. In Kriegszeiten steht das Vaterland höher. Rasche Zugriffe sind notwendig, die nur durch eine dem Individuum gegenüber verstärkte Staatsgewalt erzielt werden können. Eine Abschaffung des Belagerungszustandes kann ich mir in dieser Krrcgszeit nicht denken. Wir wollen uns aber bemühen, Härten zu beseitigen. Oberst Wriesberg stellt fest, daß gegen ftüher zlveifelloS eine Besserung erzielt worden ist. Damit schließt die Aussprache. Der Gesetzentwurf geht an einen besonderen Ausschuß von 24 Mitgliedern. Einige Bittschriften iverden erledigt. Nächste Sitzung: Montag 3 Uhr': Zensur und Belagerungszustand, Bericht des Ausschusses für Handel und Gewerbe. Schluß 7 Uhr. Bei hindenburg und Ludendorff. Die „Nene Freie Presse" veröffentlicht Iden Inhalt einer Unter- redimg, die ihr Berliner Korrespondent Dr. Ärul Gvldnrann im großen Hauptquartier mit Generalfeldmarschall von Hindenburg hatte. Ueber die Kriegslage sagte Hindenburg: „Es steht so günstig, wie nur möglich, und alles wird weiter gut gehen. Prophezeie ist undankbar, aber es ist niöglich, daß das Jahr 1917 die Känipfe bringt, die den Krieg enffcheideu. Ich weiß es nicht, niemand weiß es. Ich weiß nur, daß wir den Krieg durchkämpsen werden bis zur Entscheidung." Hindenbnrg erkundigte sich nach der Stimmung in Oesterreich-Ungarn. Aus die Antwort, daß sie gut und znversicht- lich. sei, daß man. aber wie überall das Ende des Krieges herbeisehne, erwiderte er: „Das wünschen wir alle, das kann ich wohl verstehen. Oesterreich-Ungarns Volk erfüllte iu diesen: Kriege seine volle Pflicht und brachte alle schweren Opfer, die es bringen mußte. Aber noch inüssen neue Opfer gebracht werden, damit die bisherigen nicht vergeblich sind." Und Ludendorff sagte: „Sage:: Sie Ihrer: österreichischen Freunden, es gibt nur ein sicheres Mittel, den Krieg abzukürzen: der feste Wille, ihn siegreich zu beenden. Jeder Soldat' oder Nichtsoldat muß am Kriege Mitwirken urid sich dessen beivußt sein, daß es keinen Weg rum Frieden gibt als den Krieg. Die ganze Volkskrast muß sich iu den Dienst des Krieges stellen. Ich wähle als Beispiel die Munition. Die Mmrition ist wohl nicht alles. Nicht die Granate, sondern der Geist der Soldaten führt die letzte Entscheidung herbei und der Geist der deutschen und österreichisch-ungarischen Soldaten ist allen Gegnern überlegen. Dennoch bedeutet die Munition im modernen .Kriege uugel?euer viel. Die Herstetllmg der Munition im ^höchsten Ausmaße ist die imchffgstc Ausgabe der Kriegführung und dieses Höchstmaß muß das wirkliche Maximum der Leistungsfähigkeit darstellcn. Bei einenl. Ihrer früheren Besuche sagte Ihnen Generalfeldmarschchl Hindenburg: Die Hauptsache ist die Manneszucht. Das ist ein wahres Wort. Manneszucht beruht auf Durchbildung des einzelnen Mwmes. An dieser unablässig zu arbeiten, ist gleichfalls eine der größten Aufgaben. Alle Versäumnisse, .die im Frieden etwa begangen wurden, kömren während des Krieges nachgeholt lverden Zur Truppenausbild-ung ist es niemals zu spät." „Werden^ sich die russischen K r ä f te erschöpfen?" fragte der Besucher. — „Sie erschöpfen sich schon," lautete die Antwort. „Dafür sorgen vor allem die russischen Heerführer. Allerdings wachsen auch iu Rußland Menschen nach. Das macht aber nichts aus. Auch wir haben Menschen genug. Deutschland verfügt über M an n scha s ts er s a tz in Fülle und in Oesterreich-Un- gan: sind die Reserven :roch lange nicht erschöpft. Wir haben uns) vor der großen Zahl der Russen nieinals gefürchtet. Ueber macht und Gefalir exisüeren nur für den Sloacheu. En: fester Wille schafft sich sein Schicksal selber. Es gibt kein Verhängnis." Dann sprach wieder Hindenburg: „Die neuen russischen Armeen sind so gut und so schlecht wie die alten. Tie hervorragendste Eigenschaft des russische:: Soldaten bleibt sein blinder Gehorsam. Fortschritte in müttarischer Richtung hat er nicht gemacht. Nur die russische Artillerie ist infolge der Ausbildung durch französische Und japanische Offfzieve, die ific zum Teil auch kommandieren, leistungsfähiger geworden. Aber unsere bleibt ihr mvch jetzt überlegen. Eine Zeitlang hatten die Russen mehr Munition als früher. Ihre Vknnitronsbestände wurden jetzt geringer und die Munitionszufuhr über Archangelsk und Wladiwostok wird infolge der Vereisung bald cmfhören." Der Besuchw verwies daraus, daß cs bei der Ernennung Hindenburgs zum - General stabschef allgemein hieß, er werde jetzt endlich sein Programm durchführen, daß der Krieg Nun im Osten beendet werden köirnc. Hindenburg antwortete: „Tie Leute ahnen nicht, welchen iUnsmn sie reden. Man tut einem .Heer- Ührer ganz Unrecht, ihm ein Programm^ anzudichten. Gewiß bildet ich in seinem Kopf ein Kriegsplan, eure Gesamtansicht v o m K r i e g e. Aber es gibt kein ferttges Programm oder vielmehr nur eirves: den Sieg M erringen. Wo und lvie er zu erringen ist, kann nur immer von neuem ans Gr:md der Ereignisse beurteilt werden. Deshalb kann die Eiltscheidung in diesem Krieg ebmsowohl im Osten wie im Westen gesucht werden. Unsinn ist es, z u behaupten, ich beabsichtige die Front im Westen zu verkürzen. Das fiel mir niemals ein. Warum soll ich es auch tun? Die Front im Westen steht bombenfest und wenn auä)ldie Gegner Nrrt riesiglem Mfwaud von Artillerie und Munition hie Und da ein wenige Boden gewinnen, durchlommen loerden sie nie? Da müßten sie noch 30 Jahre angveifen, ivenn sie Menschen genug haben. Die Franzosen zeigen große Zähigkeit. Aber sie rotten sich selbst durch 'btefc Kampfesweise aus, und auch ihre Zähigkeit wird ihnen nichts nützen, weil sie eben schließlich nicht mehr da sein werden. Das französische Volk dankt dieses Schicksal vor allem den Engländern. Wenn die EnMnder im Frühjahr eine neue Offensive im selben Stil verlangen sollten, werden sie Frankreich um den Rest seines Heeres und seiner Bolkskraft bringen. — Jü dem Urteil über den >Wert der militärischen! Leistungen Englands wird auch dieser Krieg wenig ändern: namentlich die große:: englischen Strategen sind auch diesmal ausgeblieben." ,^Jn Siebenbürgen," sagte Hindenburg, „geht es ausgezeichnet. Tie Rumänen gehen zurück und bebnnmen ihren Zahltag. Ich begrüße ihr Losgch'en m:t Freude, dadurch sind wir aus dem Stellungskrieg her aus g ekom men." Bei .einem Glas Bier erzählte Hindenburg nach der Tafel, er habe seit Kriegsbeginn nur einmal Urlaub von 7 Tagen getrommen, UM seine Fainilie wiederzusehen. Tie Hauptsache sei der Schlaf. „Der Soldat muß schlafen können, das ist eine seiner wichtigsten Eigenschaften." Rübenhöchftpreise. Berlin, 28. Okt. (WTB. Amtlich.) Die geringe Kartoffelernte und die Stockungen der Lieferung der Winterkartoffcln an die Städte lmben in letzter Zeit eine unerhörte Spekulation und Preistreiberei mit den zur menschlichen Ernähnmg brauchbaren Wurzelfrüchlen veranlaßt. Händler und Ankäufer einzelner Städte durchziehen das Lm:d, bieten den Landwirten Preise, an deren Erziellmg diese oft selbst gar nicht gedacht haben. Zugleich verleiten sie die Verkäufer, statt der behördlich' angeordueteu dringlichen Kartoffettiefen:::g, die keineswegs dringliche Anfuhr der Wurzelfrüchte zu betreiben und Frachtraum dafür zu beanspruchen, der zurzeit für Kartoffeln und Getreide weit nötiger gebraucht wird. Diesen: Mißstand muß sofort entaegenge- treten werden. Das .Kriegsernähr::::samt hat deshalb Höchstpreise für die in Betracht kommende:: Wurzelftüchte festgesetzt. Alle zu höheren als den jetzt festgesetzten Höchstpreisen abgeschlossenen Kaufverträge werden insoweit für ungültig erklärt, als die Ware sich noch auf dem Grundstück des Erzeugers befindet. Die Kom- Munalverbäiche sind, um Höchstpreisüberschreitimgcn und die Ge- ^ährdtmg der ^cn-toffelliefening durch Beförderung von Wurzel- srückten zu verhindern, .bis auf weiteres ernmchtigt, Ausfuhr- und Verkehrsbefchränkungen anzuordnen. Die Erhebung über die mit Wurzelftüchten bestellten Flächen kommt in nächster Zeit zum Mschluß. Erft dann können über die Sicherung des Bezuges der nörigen Mengen an Wurzelfrüchlen für die Bedarfsgemeinden Bestimmungen getroffen werden. Wenn durch die angeoÄneten Maßnahmen die Massenzuftlhr von Wur- zelftüchten in die Städte vorübergehend gehemmt wird, so ist das nicht nur erträglich, sondern im Interesse der Kartoffcllieferun^ erwünscht. In Betracht ko:nmen Kohlrüben (Wruken, Vodenkoht- rüben, Steckrüben^, gelbe und weiße Feldmöhren, S to vpelrüben (Wasserrüben). Jede dieser Friuhtarten wird in zahlreiche:: Sorten angebaut. .Einzelne Sorten sind besonders aus Wohlgeschmack irnd Feinheit des Fleisches gezüchtet, werden mehr gartemuäßig angebaut, dienen auch in: Frieden nur Mr menschliche:: Nahrung und haben demgemäß auch im Frieden wesentlich höhere. Preise als gröbere Sorten, die in größeren Mengen feldmäßig angebaut, nur -zum kleinen Teil zur menschlichen Ernährung und überwiegend zur Viehfütterung benutzt werden, obwohl sie en Abnahmeverhältnissen gewisse Ber- schiedeirheiten werden cmfweisen müssen. Die Erzengerhöchstpreise betragen auf den Zentner: für Stoppelrüben.1,50 Mk. für Runkelrüben ........ 1,80 „ für Kohlrübe::.. . 2,50 „ für weiße und gelbe Feldmöhren . . 4,— ,, Soweit später zur TecUing des städtischen Bedarfes ländliche Kvm- munalverbände mit der Beschaffung der nötigen Mengen beauftragt werden, soll ihnen, um ihnen den freien Ankauf zu erleichtern, ein mäßiger Spielraum in der Preisbemessung gewährt werden. Nähere Bestimmungen hierüber werden nach Fertigstellung der An- bauerhebuug ergehen. Uriegsbriefe von der rumänischen Krsnt. Telegramm unseres zum südöstlichen Kriegsschauplatz entsandten Sonderberichterstatters. (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Rumänische Offiziere und Soldaten als Mörder deutsche, Verwundeter und Gefangener. Deutsches Kriegspressequartier Südost, den 28. Okt. Die aktcucmäßige Feststellung des Tatbestandes über große Verstöße der rumänischen Kriegführung gegen die Bestimmungen des Völkerrechts werden seitens des deirtsck>en Oberkommandos, wie seitens der ungarischen Militär- und Zivilbehörden eifrig fortgesetzt. Folgende hier bereits' angedeiutete Fälle der Ernwrdung deutscher Verwundeter oder Gefangener können nunmehr als beweiskräftig dargetcm gelten: In den Kämpfen um Petroseny geriet die 4. Konwagnie eines märkischen Regiments nach der Erstürmung der Höhe 553 der Karte nach ^Einbruch der Dunkelheit insofern in eine üble Lage, als sie überraschend von starken feindlichen Kräften angegriffen umrde. Der Fichver der Kompagnie ließ den da bereits verwundeten Hor::iste:: „das Ganze halt" blasen und sammelte seine Kompagnie in der Ausgangsstellung. Für die Bergung der Verwundeten konnte hierbei nichts gefckiehen, sic mußten — 21 an der ZaU — zurückgeftkffen Werden. Die Zahl bezieht sich auf Leute, über deren Verletzung ihre Offiziere oder Kameraden näheres Wissen. Als der Rückzug erfolgte, waren sie pnt Teil dabei, unter Anwendung ihres Berbandszeuges ihr Blut zu stillen. Zwe: Tage später hatte nach der Niederlage des Feindes dieselbe Kom- pagltte die Auftäumungsarbeiten ans Höhe 553. Sie fand hierbei ihre Verwundeten bis auf vier tot vor. Die Toten wiesen j.edcr einzelne mehrfach Bajonettstiche an den verschiedensten Teilen des Wrpers, sowie Zertrümmerungen durch Keule:ffchläge vor, der wte Hornist z. B. eine Zerschmetterung des Unterkiefer. Mehrere Tote hatten das aufgewickelte Verbandzeug in der Hand, um ihre ursprüngliche:: Wunden zu verbinden, als sic mit Bajonett und Wl- ben bearbvftet lwirden. Darüber, wie sie gestorben, kann hiernach kein Zweifel bestehen. Noch krasser ist folgender Fall, dessen b>e- sMeiarigte Feststellung vor aller Well erwüüscht ist: In den Kämpfe:: am Roten-Turm-Paß geriet eine Abteilung von 37 — Mannschaften eines besonders volkstümlichen Münchener Regi- nrents — in ru:nä::ische Gefangenschaft. Sie wurden ausgeplündert :mb nach allerlei hier belanglosem 5pin und Her aus eine Kiesbank des Alt-Ufers geführt, wo ein deutsch sprechender, älterer rumänischer Offizier vom 49. Jnsa:tterre-Regiment den Mitgefangenen Unteroffizier veranlaßte, sie in Linien emschwenken zu lasten. WAirend dieser Befehl ausgeführt wurde, gab der Rumäne seinerseits einen Befehl, worauf seine Leute Schützenfeuec auf 1>te Gefangenen er öffneten, 10 von ihnen blieben sofort tot, 12 waren schwer. 7 leicht verwundet. Tie Leichtverwundeten und die übrigen 8, die unverwundet geblieben waren, warfen sich mit den Verwundete:: und Toten zu Boden. Noch ehe die Rumänen die Opfer ihrer Heldentat näher besickftigen konnten, begann in der Mhe ein deutsches Maschinengewehr zu hämmern, worauf sie schleunigst ver- versck/wanden. Tie Leichtverwundeten und die unverletzt gebliebenen an der Katastrophe erhoben sich! nach einer Weile und flüchteten nach den deutschen Linien hinüber, wo sie vvn einer Offizierspatrouille ausgenommen wurden. Aus der bezeichneten Kiesbank sind hinterher 15 Tote auf einen: Haufen aufgefunden worden, sie waren dadurch als Gefangene kennllich, daß sie Waffen nicht bei sich hatten. In der Nähe würde ein weiterer Angehöriger des Regiments gefesselt und erschossen aus gefunden. Protokolle über die zeugeneidlichen Vernehmungen haben mir Vorgelegen. Adolf Zimmermann, Kriegsberichterstatter.