9!r. 241 166. Jahrgang Freitag, 13. Oktober 1G16 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Beilagen: „Gleßener ZamiliendlStter" und ^Xreisblatt für den Kreis Stehen". Postscheckkonto: Zranlfnrt am Main Nr. N686. Vankverkehr: Gewerbebank Sietzen. General-Anzeiger Zwillingsrlmddnlck und Verlag: B r ühl'scheUniversitäts-Buch-u.Stüudruckerei. R. Lange, Gießen. Zchrfftleitung, Seschäftrstelle und Druckerei: Schulstraße?. Geschäftsstelle ».Verlag: e-Ebl, Schristleilung: 112. Anschrist für Drahtnachrichten:AnzeigerGieszen. Mb. Deutscher Reichstag. 6 5. Sitzung, Donnecslag. den 12 . Oktober 1916. Am Tische des Bundesrats: Dr. Helffdrich, v. Datocki. Präsident Dr. Kacmpf eröffnet die Sitzung um 3 Uhr 15 Min. Die karloffelversorgung. Auf der Tagesordnung stehen 4 Interpellationen der Konservativen, der Sozialdemokraten, der Fortschrittlichen Volkspartei und des Zentrums über die Mißstände auf dem Gebiete der Kartoffelversorgung. Die konservative Interpellation fragt: Welche Maßnahmen gedenkt der Reichskanzler zu treffen, um die infolge Arbeiter mangels bedrohte rechtzeitige Bergung der Hackfruchternte entsprechend zu sichern? Die sozialdemokratische Interpellation lautet: Was gedenkt der Reichskanzler zu tun, um eine schleunige Zufuhr von Kartoffeln in die Bedarfsbezirke herbeizuführen? Die Interpellation der Fortschrittlichen VolkSpartei hat folgenden Wortlaut: Ist dem Reichskanzler bekannt, daß in den verschiedensten Teilen.Deutschlands große Schwierigkeiten \n der Versorgung der Bevölkerung mit Speisekartosfeln, insbesondere für den Winterbedarf, bestehen? Was gedenkt der Reichskanzler zu tun, um in Ausführung der Vundesratsverordnung über die Kartoffel- Versorgung vom 26. Juni 19W die Versorgung der Bevölkerung unter allen Umständen ausreichend und rechtzeitig zu bewirken bzw. ficherzustellen? Ist der Reichskanzler insbesondere bereit, a) für die Werbung und den Transport der Kartoffeln die erforderlichen Arbeitskräfte und Gespanne, nötigenfalls unter Mitwirkung der Heeresverwaltung zur Verfügung zu stellen; d) den Handelsverkehr mit Saatlar tos sein bis auf weiteres zu verbieten; c) die Belieferung der Kartoffeltrocknereien und Stärkefabriken bis auf weiteres auf den für menschliche Ernährung unbedingt notwendigen Umfang zu beschränken; ä) das Verbrennen von Kar- löffeln so lange einzuschränken, bis der Bedarf an Speisekartoffeln eingedeckt ist; e) das erlassene Kartoffelverfütte- rungsverbot unnachsichtig durchzuführen und nötigenfalls weitere Verfütterungsbeschränkungen anzuordnen? Die Interpellation des Zentrums ist erst heute eingebracht worden. Staatssekretär Dr. Helsfcrich erklärt sich bereit, die Interpellationen sofort zu beantworten. Abg. Schiele (kons.): Die Ernte hat sich durchaus erfreulich gestaltet. Trotzdem darf uns das über den Ernst der Lage nicht hinwegtäuschen. In großen Teilen Deutschlands steckt d i e Kartoffelernte noch zur Hälfte oder gar zu drei Vierteln in der Erde. Einige Nachtfröste waren uns bereits eine ernste Mahnung. Sonst muß die Kartoffelernte Mitte Oktober beendet sein, diesmal ist es noch nicht so weit. Das ist bedenklich. Woran liegt nun die Verzögerung und die damit zusammenhängende unzureichende Versorgung der 'Städte? Zunächst an der eigenartigen Witterung im Sommer und Herbst. Die Getreideernte blieb zurück! infolge der Regengüsse. Infolgedessen ist auch die Kartoffelernte um 14 Tage zurückgeblieben. Eine wesentliche Schuld daran trägt der Arbeitermangel. Die Bergung der Kartoffelernte ist ebenso dringlich wie jede militärische Aufgabe. Wir müsien die Arbeitskräfte zusammenraffen, die wir aufbieten können. Meliorationsarbeiten und Bauten können noch zurückftehen. Es darf nicht Vorkommen, daß Generalkommandos die Abgabe von Gefangenen verweigern, weil sie für den Erntebezirk nicht zuständig sind. Die Gefangenen müsien besonders bei der Kartoffelernte verwendet und aus anderen Betrieben zurückgezogen werden. Die Inhaber kleiner und mittlerer Betriebe sollten aus dem Felde beurlaubt werden. Leider nehmen viele Kriegerfrauen Arbeit nicht an, weil sie fürchten, ihre Unterstützung zu verlieren. Die Regelung der Kartoffel- Preise war unglücklich und ungerecht. Die Aushebung von Pferden muß unterbleiben, bis die Erntearbeit beendet ist. Oft sind Kartoffeln an die Front gewiesen worden, obwohl dort noch genügend Vorräte waren. Der Kontakt zwischen der Ernährung von Heer und Bevölkerung muß besser sein. Die Saatkartoffel- fragtz muß im Herbst so geregelt werden, damit notleidende Gegenden rechtzeitig ihren Bedarf sichern können. Zu der Behauptung, daß die Landwirte Kartoffeln zurückhalten, liegt kein Grund vor. Die Sicherung der Kartoffelversorgung ist das Fundament unserer Volksernährung. Abg. Sachse (Soz.) begründet die sozialdemokratische Interpellation. Der Kartoffelmangel schreit zum Himmel. Das begreift das Volk nicht, weil wir die Kartoffeln reichlich erzeugen. Die Zeit zum Einkellern ist da, aber in den Großstädten und Jn- dustriebezirken hat man nicht einmal den täglichen Bedarf vorrätig. Wenn der Frost kommt, ist es zu spät. Das Kriegs, ernährungsamt, das die Regierung ohne uns geschaffen hat, verweist Hilfesucher auf die Selbsthilfe. Welche Aufgaben hat denn das KriegSernährungsamt?! Es hat viel zu hohe Höchstpreise geduldet. Wenn die Ernährung der Arbeitermassen in den Jndustriebezirken weiter notleidet, können sie die Arbeit nicht mehl; .eisten, auch die Munitionser'zeugung wird dadurch gefährdet. Die Fabriken zahlen für unverlesene Kartoffeln den gleichen Preis, für Lieferungen vor dem 1. Oktober sogar mit Aufschlag, wie die Städte für sortierte. Wenn die Landwirte höhere Löhne zahlen, loerden sie auch Frauen und Kinder für das Auflesen finden. Die Bergarbeiter kommen mit der Kartoffelration nicht aus. Die Brotmenge ist so gering bemessen, daß sie schon Kartoffeln in die Grube mitnehmen müssen. Was bleibt da für die Familie? Dem Präsidenten des Kriegsernährungsamtes rufe ich zu: Greifen Sie in das Wespennest, aber feste — feste — feste. (Beifall links.) Aba. Hoff (F. Vp.) begründet die Interpellation der Fortschrittlichen Volkspartei. Am Ende der vorigen Wirtschaftsperiode war trotz der guten Kartoffelernte eine große Kartoffelknappheit eingetreten. Wenn wir trotzdem haben durchhalten können, so ist das der großen Reserve an Brotgetreide zu verdanken. Die vorjährige Kartoffelnot wäre nicht notwendig gewesen, wenn man rechtzeitig einen richtigen Wirtschaftsplan aufgestellt hätte. Das muß uns eine Warnung sein. Die in der neuen Verordnung enthaltenen Grundsätze, Zwangsumlage auf die Ueberschußverbände, dagegen Abnahme- und Rationierungszwang für die Bedarfsverbände, sind an sich durchaus geeignet, den Schwierigkeiten zu begegnen. Der Kartoffelbedarf ist jetzt im Kriege fast doppelt so groß wie in Friedenszeiten. Einem solchen Bedürfnis gerecht zu werden, wäre der Handel gar nicht in der Lage gewesen, selbst wenn man die Preisfrage ausscheidet. Man darf eine so wichtige Sache nicht dem Zufall überlassen. Die Vorschriften sind gut, es fehlt aber die Energie, sie durch- zu führen. Die diesjährige Kartoffelnot bei der Ernte der Frühkartoffeln ist durch das Fehlen von Vorräten alter Ernte entstanden, aber auch hier haben das Kriegsernährungsamt und die Reichskartoffelstelle es an der nötigen Energie fehlen lasten. Die Frage der diesjährigen Winterversorgung ist wichtiger als die hier und da gegenwärtig bestehenden augenblicklichen Schwierigkeiten. Brot und Kartofeln bilden je länger, je mehr die Grundlagen der Volksernährung. Unsere Brot- versorgung ist gut geregelt, daneben müsien aber auch die Hindernisse der Kartoffelversorgung überwunden werden. Unser Winterbedarf an Speisekartoffeln muß in den nächsten Wochen, mindestens aber in den nächsten beiden Monaten gesichert werden. Das wird die Generalprobe für das Kriegsernährungsamt sein, ob es seiner Aufgabe gewachsen ist. Die schwierige Lage der Landwirtschaft erkenne ich durchaus an. Ich verallgemeinere auch nicht den Vorwurf, daß unsere Landwirte die Kartoffeln zurückhalten; aber es muß mit aller Entschiedenheit ausgesprochen werden, daß eine spätere Erhöhung der Kartoffelpreisc ausgeschlossen ist. Kartoffeln für die menschliche Ernährung gibt es zweifellos genügend. Nur muß die Regierung die rechtzeitige Herbeischaffung nach Möglichkeit unterstützen. Deshalb ersuchen wir in unserer Interpellation die Regierung, für die Bereitstellung von Arbeitskräften und Gespannen zu sörgen. Der Handel mit Saatkartoffeln muß verboten werden. Er dient doch nur wesentlich zur Umgehung der Gesetze. So hat die Stadt Halle 10 000 Zentner „Saatkartoffclu" gekauft. Wo will sie die wohl pflanzen? Sie waren in höchster Not gekauft, um Kartoffeln für die Bevölkerung zu haben. Der Landrat des Kreises Salzwedel, woher dm Saatkartofseln stammen, wollte sie nicht aussühren lassen, aber er bekam vom Minister die Anweisung, dm Ausfuhr zu gestatten. Von welchem Minister? Wird denn die Doppelregierung bei uns kein Ende nehmen? Kann hier nicht das Kriegsernährungsamt eingreifen? . Die industrielle Verwertung der Kartoffeln muß so lange zurücktreten, bis die menschliche Versorgung gesichert ist. Auch die Verfütterung an da§ Vieh ist nach Möglichkeit einzuschranken. Es kommt nicht so sehr auf die Zahl des Viehs an. Die Mitteilung des Kriegser^ährungsamts, daß unser Schweine- b e st a n d um 2 Millionen Stück g e st i e g e n ist, .bat mich recht nachdenklich gestimmt. Wir müsien nicht eine möglichst große Zahl Tiere durch den Krieg hrndurchhuugern, lonbern möglichst viel aus dem einzelnen Tier herausholen. Dm Spannung zwischen Kartoffelpreisen und Fleischpreisen rst zu groß. Deshalb sollte inan die Fleifchpresie herabsetzen und so mehr Getreide und Kartoffeln für die menschliche Ernaqrung freibekom- men. Wir haben jetzt 4 Millionen Schweine mehr, als wir durchfüttern können. Das ist höchst bedenklich. Vor allem darf man nicht eher Kartoffeln verfüttern, so lange man nicht alle anderen Futtermittel auSgenutzt hat. Mit der Kartoffelversorgung muß es jetzt vorwärts gehen; Endlich müssen wir Taten sehen I Herr Scheiüemann sagte das sympathische Wort, daß wir bis zum letzten Tropfen Blut und bis zum letzten Bissen Brot aushalten. Ich sage: Auch bis zur letzten Kartoffel. (Beifall.) Eine Produktionsmüdigkeit besteht bei der Landwirtschaft nicht, sie wird ihr aber leider von gewisser Seite suggeriert. Hier muß man Eingreifen. das ist höchst gefährlich! (Sehr richtig! links.) Herr Naumann schloß gestern mit einem Zitat von Schiller. Ich rufe dem Präsidenten des KriegSernäh- rungsamtes frei nach Don EarloS zu: Herr Vatocki, geben Sie Kartoffeln! (Heiterkeit.) Geben Sie hoffentlich auch Grütze und Graupen dazu! (Erneute Heiterkeit und Beifall bei der Volkspartei.) Abg. Schiffer (Zentrum) begründet die Zentrumsresolution über die Kartoffelversorgung. Gewiß bestehen hier große Schwierigkeiten. In Bayern und überhaupt in Süddeutschland klappt die Sache viel besser als in Preußen. Vielfach besteht kein Vertrauen zum preußischen Landwirtschaftsminister. Auch ein Teil der preußischen landwirtschaftlichen Organizationen hat sich im Kriege nrcht so bewährt, wie man es hätte erwarten sollen. Dem Kriegsernährungsamt fehlt eS anscheinend an Energie. ES würde eine große Beruhigung im Lande Hervorrufen, wenn der Präsident des KriegSernährungSamteS erklären könnte, daß er genügend Rechtmittel in Händen hat, um feine Maßnahmen durchsetzen zu können. Fehlen ihm die Machtmittel, so muß man sie ihm geben. (Zustimmung.) Der Präsident des KriegSernäh- rungsamtes muß ferner die bestimmte Zusicherung geben, daß von einer Erhöhung der Preise im laufenden Wirtschaftsjahr unter keinen Umständen die Rede sein kann. In den nächsten Wochen muß in den Großstädten nicht nur der Tagesbedarf, sondern auch der Winterbedarf für die Einkellerung gedeckt werden. Zur Beantwortung der Interpellationen nimmt das Wort Präsident des KriegSernährungSamteS von Vatocki: Es ist mir sehr lieb, daß ich durch die Interpellationen Gelegenheit bekomme, zu der Frage, die jedermann in Deutschland und besonders mich Tag und Nacht beschäftigt, mich jetzt schon zu äußern. Die Beunruhigung über die Kartoffelversorgung ist durchaus begreiflich und berechtigt. Jeder der mit dem Kartoffelwesen vertraut ist, muß überrascht und erschreckt sein, daß ausgerechnet im Oktober ein akuter Kartoffelmangel eintritt. Wir waren darauf gefaßt, daß gegen Mitte September Mangel eintreten würde, weil dann die Arbeitskräfte und Pferde der Landwirtschaft in Anspruch genommen sind. Mitte September ist sonst die schwere Stockung vorüber, jetzt aber ist sie erst eingetreten. Das liegt zum großen Teile daran, daß unsere ganze Wirtschaft sich leider durch die Ungunst der Witterung um reichlich 14 Tage verschoben hat (Sehr richtig!), daß die Landwirtschaft in den größten in'd kartoffelreichsten Teilen des Reiches überall ganz außerordenllich zurück ist. Etwas muhte sie zurück sein, trotz aller Anspannung, weil es an Menschen und Pferden gegenüber der Friedenszeii fehlt, aber daß sie soweit zurück ist, liegt an der ganz besonderen Ungunst der Witterung in den letzten acht Wochen. Wir müssen alles daran setzen, um nicht nur den Tagesbestand zu decken — die ganz unerträglichen Stockungen der letzten 14 Tage sind lieber morgen als übermorgen zu beseitigen, es darf nicht so weitcrgehen — aber auch, um die Vorräte anzusammeln, die für den Winter nötig sind. Auf meine Bitte waren für gestern die preußischen Regierungspräsidenten zusammenberufen, damit ich von allen Seiten möglichst objektiv unterrichtet werde. Auf Grund dieser Verhandlungen wurden noch gestern die Maßregeln festgesetzt, die nach Beendigung der heutigen Beratung in Vollzug gesetzt werden sollen. — Zunächst einen Rückblick zum besseren Verständnis: Früher wurden Kartoffeln nur zum Teil gegessen, die meisten blieben übrig. Als der Krieg ausbrach und die Lebensmittel knapp zu werden drohten, da wurden direkt Wanderredner hinausgeschickt ins Land, die den Leuten predigten: eßt Kartoffeln, soviel Ihr könnt, verfüttert Kartoffeln, so vjel Ihr habt. Man hielt die Kartoffeln eben für unerschöpflich. Anfang 1915 mußten wir zu unserem Schreck erfahren, daß die Kartoffeln so gut wie verschwunden waren. Was nach der damaligen Kartoffelstatistik geschehen mußte, geschah, die Schweine wurden abgeschafft. (Hört! Hört! links, Unruhe rechts.) Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß nach der Statistik die Tötung der Schweine unbedingt geboten war. (Sehr richtig! links, erneute Unruhe rechts.) Später zeigte sich, daß die Statistik uns betrogen hatte, und daß mehr Kartoffeln da waren. Kartoffeln waren sogar im Ueberfluß da und große Verluste auf dem Kartoffelmarkt waren die Folge. Mit der Ernte von 1914 reichten wir solange, daß die Frühkartoffeln der Ernte 1916 überhaupt nicht gebraucht wurden. Wir haben aus diesen Vorgängen gelernt, wir hofften, daß, wenn wiederum die Kartoffeln auch einmal vor« übergehend verschwunden sein würden, sie doch wieder zum Vorschein kommen würden. Leider hat sich diese optimistische Hoffnung nicht erfüllt. Als ich Ende lllöai meine Geschäfte übernahm, waren Kartoffeln aus der Ernte 1916 absolut verschwunden. Nur durch rigorose Maßnahmen, durch strenge Verfütterungsvcrbote, die unsere Fettversorgung schwer beeinträchtigt haben, und durch andere Eingriffe konnten- ein paar Millionen Zentner noch gerettet werden. Im übrigen aber waren wir auf die Frühkartoffeln angewiesen. Die Wirtschaft mit Frühkartoffeln wird immer eine Leidenswirtschaft sein, und für mich war es ein Leidensweg. Wenn die Frühkartoffeln kommen sollen, sind sie nicht reif, und wenn sie reif sind, kommen sie in sulchen Massen, daß sie verderben. Sie halten sich eben nur wenige Tage, und dagegen ist absolut nichts zu machen, das hängt mit den Eigenschaften der Frühkartoffeln zusammen. Gegen den Höchstpreis für Frühkartoffeln von 10 Mark läßt sich gewiß manches sagen. Als er festgesetzt wurde, glaubte man. daß er gar nicht inkraft treten würde, weil genügend Kartoffeln da sein sollten. Daß es anders kam, konnte man nicht voraussehen. Die A n g st um die Kartoffeln hat bis Mitte September gedauert. Wir haben in jedem Augenblick schwerste Stockungen befürchtet. ^ . . _ Für den Winter sind Maßnahmen getroffen so gut, wie wir es glaubten machen zu können. Ich freue mich, daß der Abgeordnete Hoff, der sich mit diesen Dingen eingehend beschäftigt hat, anerkannt hat, daß im Prinzip unsere Kartoffelverordnung richtig ist. Aber es geht bei dieser Verordnung wie häufig bei landwirtschaftlichen Verordnungen, daß sie sich als falsch erweisen, wenn sie zur Ausführung kommen sollen. (Heiterkeit.) Die Verordnung stellt den Kartoffelbedarf für die menschliche Ernährung sicher. Erst der Rest sollte den Landwirten zur Verfügung stehen. Also erst kommt die Volksernährung, dann aber die Versorgung der Stärkefabriken, denn man darf nicht übersehen, daß auch die Kartoffeln der Stärkefabriken der menschlichen Ernährung dienen, denn sie dienen der Brotstreckung. Wir haben dann einen genauen Verteilungsplan für die Bedprfsbezirke. aufgestellt und K a r t o f f e l °S ch n e l l z ü g e . die vor allen anderen den Vorzug haben, sollen die Kartoffeln in die Bedarfbezirke bringen. Als wir diesen Plan aufstellten, nahmen wrr an, datz wir mit einer einigermaßen normalen Kartoffelernte rechnen könnten; und hier kommt der ernste Punkt. Der Abg. Hoff hat von 40 Millionen Tonne» Kartoffeln gesprochen. Ich wurde meinem Schöpfer danken, wenn er recht, behielte, ich fürchte, nicht. Wie groß bie Ernte sein wird, laßt sich noch nicht sagen. Wir haben Bezirke mit einer ungewöhnlich guten Kartoffelernte, leider find sie nicht sehr zahlreich Erträge von 90, ja 100 Zentnern auf den Morgen find gemeldet worden. Aber es gibt große Bezirke, wo die Erträge soweit zurückgeblieben ;rnd, daß der Durchschnitt nach unten stark beeinflußt wird. Von einer Rekordernte ist also nicht die Rede, auch von einer guten oder günstigen Ernte kann nicht' gesprochen werden. Die Ernte ist nicht unbedingt schlecht, aber sie ist knapp. Sie. wiw ausgewogen durch die sehr Jbiel bessere Körnerernte und Rauhfutterernte. Wir können daher die sich aus der' ungünstigen Kartoffelernte ergebende Beeinträchtigung ohne Besorgnis in Kauf kann heute noch keine abschließenden Zahlen geben. Ich würde es gerne tun. Offenheit ist h rer das einzig Richtige. Das Ausland erfährt durch feine Agenten die Zahlen doch schon mehr oder weniger richtig. Hort es von uüS keine. Zahlen, so werden sie konstruiert. Das würde die Hoffnung unserer Feinde auf Ausbungerung nur erhöhen. . Sucht.-doch jeder Agent solche Meldungen zu bringen, die seinen.Auftraggeber gefallen. Sobald ich es kann, werde ich genaue Zahlen geben. Die Schätzung einer Ernte ist aber außerordentlich schwierig. Wer selbst praktischer Landwirt ist — ich bin es feit 26 Jahren :— der weiß, daß man solche Schätzungen nicht einmal auf 10 oder 20,Prozent genau machen kann. Dazu kommt, daß die t ü ch t i gst e n^Land - wirte im Felde sind. Die Frauen müsien wirtschaften. Von ihnen kann man wirklich nicht neben all ihrer sonstigen Arbeit auch noch eine Statistik verlangen. Alle Zahlen sind mit größter Vorsicht zu behandeln, ohne daß man immer Böswilligkeit annehmen muß. Ich habe es bedauert, daß manchmal wegen falscher Angaben schwere Strafen verhängt worden sind. (Sehr richtig!) Es war wirklich nicht immer böser Wille. Alle Zahlen sind immer nur mit großem Vorbehalt zu betrachten. Eine Kriegs- statistik gibt aber sehr wenig genaue Unterlagen. Auch im Frieden ist unsere Kartoffelstatistik außerordentlich mangelhaft gewesen. Die Ernteflächen sind im Frieden um 20 Prozent zu 'hoch angegeben. Das scheint unglaublich. Aber ernste wissenschaftliche Männer nehmen das an. Das gilt sowohl für den Ertrag wie für die Flächenschätzung. Die Flächenstatistik wurde vom Ortsvorsteher gemacht. Gaben diese weniger an, so wurden sic um Aufklärung ersucht; aber nicht, wenn sie mehr angaben. (Heiterkeit.) Nun kaum es, daß jeder Ortsvorsteher immer etwas mehr angab, und so kamen in zivanzig Jahren 20 Prozent heraus. Es gibt verständige Menschen, die glauben, daß, wenn so bei der Statistik weiter geivirtschaftet worden wäre, wir in zwanzig Jahren in Deutschland mehr Ackerbaufläche gehabt hätten als Boden. (Große Heiterkeit.) Es ist sehr schwierig, von der eigenen Wirtschaft auf andere Wirtschaften zu schließen. Die Schätzungen erfolgen immer durch die besten Oekonomen. Sie wirtschaften aus dem Hektar mehr heraus alS die anderen und schätzen nun den Ertrag der anderen Landwirte nach ihrem Hektarertrag. So kommen immer viel zu hohe Schätzungen heraus. Ich glaube nicht au die 64 Millionen Tonnen Kar- tosfeln im vorigen Jahre, ich glaube auch nicht an die Brotgetreide-Ernte. Ich glaube, die Schätzungen waren erheblich höher. Wir haben eine Masse Papier weizen, Papierroggen und P a p i c r ka r t o f fe l n gehabt; die zur menschlichen Ernährung ganz unbrauchbar gewesen sind. (Heiterkeit.) Nachher wundert man fick, wo das alles geblieben ^.und glaubt daß cS alles verfüttert ist. Ta« diesjährige K«r- tojfelernte bleibt sehr erheblich fyinicr der vorjährigen und hinter einer normalen Ernte zurück. Wir müssen mit aller Sparsamkeit wirtschaften. Ich stimme allen Herren durämus darrn bei. das; unter allen Umständen all.eS für die Menschen und nichts, was sich irgend entbehren läßt, für andere Zwecke gegeben werden muß. Ich möchte Sie bitten, der Auf- faslung, als ob wer in Kartoffeln schwämmen, als ob die Ernte reichlich wäre, entgegenzutreten. Das führt nur zur Verschwen- diing, und eine Kartoffelverschwendung w ä re in diesem Jahre ein Verbrechen. Wo kann gespart werden? Man hat vorgeschlagen, den Handel und die Versendung von Saatkartoffeln bis Februar zu verbieten. In Süd- und Westdeutschland ist nachAussagen von Sachverständigen jedoch ein Sor- teiiwerhsei notig, wenn nicht im nächsten Jahr schwere Mißstände auftreten fallen. Dort müssen die Saatkartoffeln jetzt schon gegeben lverden. Ein großer Teil der Mängel der diesjährigen Kar- toffelernte beruht auf dem mangelhaften Saatgut des vorigen Jahres. sLebhafte Zustimmung.) Ganz zweifellos bat der Versuch, die Bevölkerung an neue Saatmethoden zu gewöhnen. die Kartoffeln zu zerschneiden, mit 8 Prozent zur Saat ouSzukommen. in vielen Gegenden zu einem Mißerfolg geführt. Dielen Landwirten, denen man Saatgut nehmen mußte, um Löcher damit zu stopfen, konnte später nur zusammengesuchtes Saatgut zngeteill werden. Die Saatgutfrage liegt also noch immerhin verflucht ernst. Leider haben sich tatsächlich gewisse Mißstände ergeben durch Inanspruchnahme von Eisenbahnwagen und Fuhrwerk zur Saatgutversendung. Der Saatguthandel soll deshalb b,s auf weitere» verboten werden. Die Landwirtschaftskammern müßten dann die Kontrolle übernehmen, daß nur in dringenden Fällen Saatkartoffeln versandt werden. Die Angaben über Halle werden von der Stadt bestritten. Von einer Nebenregierung ist keine Rede. Auf Grund der gegebenen Unterlagen mußte der Minister so entscheiden uwd die betreff enden Kartoffeln als Saatkartoffeln frei- geben. Eine Ersparung ist mich bei den Fabriken für Trocken- kartoffeln angeregt worden, die nur zur Bwtstreckung und menschlichen Ernährung verwendet werden sollten. Dabei kommt eS auf den Getre-.deverteilungSplan an, der jedoch im Zusammenhang mit den von uns besetzten Gebieten und der Versorgung deS Heeres ausgestellt werden muß. Für da» nach st e Wirtschaftsjahr wird ein volle« Handinhandarbeiten zwischeu der Heeresverwaltung und den für die Ernährung der Zivilbevölkerung arbeitenden Behörden stattfinden. Erst im November können wir den Bedarf. an Trockenkartoffeln ermittelt haben. Einstweilen müssen wir damit rechnen, daß wir zu einer Streck u na mit Kartoffeln kpmmen müssen. Die Trockenkartoffelfabriken haben lar»ge stillgelegen. Das Brot müssen wir mit Weizenschrot strecken. Dieser Zustand darf nicht ewig dauern, sonst kommen wir mit dem Brotgetreide zu kurz, und deshalb müssen die Trockcnkartoffekfabrrken jetzt in Gang kommen. Keineswegs steht es dem Landwirt frei, ob er in eine Fabrik oder zu Speise-Wecken kiefern will. Nach der Qualität der zu erwartenden Kartoffeln und nach den geographischen und den Postverhältnifsen und Nach den Wünschen der Eisenbahnbehörde. die gehört werden müssen, ist das im voraus genau bestimmt. Die Tr'ock'en'kartoffelfabriken sollen jedoch nur so viel bekommen. daß sie ihren Betrieb fortführen können, und jede An- lammlung von Vorräten bei ihnen soll vermieden werden, solange der Notstand nicht beseitigt ist. Ferner soll ungeordnet werden, ' daß die landwirtschaftlichen Trocknereien nicht mehr für Futter- mittelzwecke, sondern nur für die Zwecke der menschlichen Er- nahrung arbeiten. Dieser Eingriff ist schwer, weil man im ersten Kriegsjahr gerade unter Hinweis auf die Verfütterung die Anlegung von Trocknereien zur vaterländischen Pflicht gemacht hat. Das Verbot der Verfütterung der Trockenkartoffeln ist jedoch von der Rot geboten. Die Auffassung der Bevölkerung und in der Presse über die Brenner ei frage ist unklar. Man denkt immer an die Friedenszeit.'wo der Schnapsbaron ein Gegenstand de? Entsetzens war. Jetzt ist eS wirklich anders. Kein Tropfen Alkohol entzieht der Bevölkerung Kartoffeln. Die Anforderungen der Heeresverwaltung auf Erzeugung »an S piritus für technische Zwecke find jedoch so dringend, daß die BrMrere-ien nicht Mlgelegt werden kennen. Er wird versucht. ?^foedeeungen herabgn decken und Ersparnisse durch andere Letyoüa» ff» ermögliche«. Große Hoffnungen dürfen wir daraus nicht setzen. Auch wenn wir zur Herstellung von B i e r in mastigen Mengen schreiten, so kann da? nur im Interesse dcS Heeres und der BevSlkerung geschehen. Nach der Auffassung des ersten und -weiten KriegSjabreS war die Kartoffel der Rückhalt der gav-en Verfütterung. Augenblicklich darf sie nur noch an Schweine und Pferde verfüttert werden. Es wird ja kein der- nimftiger Mensch gesunde Kartoffeln verfüttern und die faulen liegen lassen. Trotzdem beabsichtigen wir, ausdrücklich auszu. sprechen, daß Kartoffeln, die für den menschlichen Gebrauch geeignet sind, ohne »veiteres nrcht verfüttert werden dürfen. Die Notlage erfordert diese Einschränkung. Die Besprechungen über die Rationierung zum menschlichen V e rbrauch sind noch nicht abgeschlossen, aber die augedeutcten Richtlinien werden sicher auch maßgebend sein. Wir können nicht mehr alle Menschen gleichmäßig mit Kartoffeln versehen. Es muß ein Unterschied zwischen besonders schwer Arbeitenden und der übrigen Bevölkerung gemacht werden, damit die Schwerarbeiter im Lande und in der Stadt ausreichend ernährt werden. Die jetzige Stockung hat mit der günstigen Kartoffelernte nichts zu tun. In den meisten Gegenden hat sich die Herbstaussaat um 14 Tage verzögert. Die Herbstbestellung erfordert das letzte Pferd Da kann man keine Kartoffeln fahren, höchstens kann man sie auf dem Felde, wo sie geerntet werden, einmieten. Das .KriegSministcrium hat zwar eine Anzahl von Kraftwagen zur Verfügung gestellt, die sicherlich gern in Anspruch genommen werden, das fft aber nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Pferde sind eben in größerer Zahl nicht vorhanden. Es war aller Ehren wert, daß wir bei der vorigen schlechten Körnerernte dnrchgel>alten haben. Das konnte nur geschehen, indem auch die letzten Vorräte völlig ausgenützt wurden. In allen Getreide- arten mußten wir sogleich an die Erträge der neuen Ernte her- angehen. Die Reichsgetreidcstelle hat klipp und klar nachgewiesen,, daß sie am Ende ihrer Kräfte war. Daß Kriegsministerium hatte gleichfalls erklärt, daß feine Haferbestände absolut erschöpft waren. Wir brauchten außerdem Hafer für Nährmittel und Gerste für Graupen. Auch der gerade jetzt so nötige Malzkaffee mußte beschafft werden. Es blieb nichts anderes übrig, als Frühdrusch. Prämien einzuführcn. Sie haben auch Erfolg gehabt. Man hat sich gegen die Frühdruschprämien gewendet, weil sie angeblich den Landwirt anreizen, das Korn zu früh zu dreschen. Das war doch der Zweck der Uebung, die Landwirte bekamen die Prämie, damit sie früh mit dem Drusch anfangen sollten. Es ist Sorge getragen, daß Kriegsgefangene für die Erntearbeiten in genügender Zahl vorhanden sind. Das Kriegs- mnnfterium hat schon vor längerer Zeit alle stellvertretenden Generalkommandos auf die Bedeutung einer sicheren Einbringung der Kartoffelernte hingewiesen. Jede entbehrliche Arbeitskraft wird für diesen Zweck zur Ver- ftiguna gestellt. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auch die untersten Dienststellen über die Wichtigkeit einer restlosen Einbringung der Kartoffelernte genau unterrichtet sind. Die Enteignung ist gewiß ein großes Machtmittel, aber sie steht manchmal nur auf dem Papier. Kartoffeln, die nach in der Erde stecken, kann man gewiß enteignen. Aber dadurch bekommt man sie noch nicht, man muß sie erst herausnehmen. Herausgenommene Kartoffeln kann man auch enteignen, braucht dazu aber erst Pferd und Wagen, um sie zur Bahn zu fahren. Wenn die Pferde nun gerade Roggen säen müssen, dann ist es eine große Härte für den Landwirt, die Pferde ihm gerade in diesem Augenblick fortzunehmen. (Sehr richtig! rechts.) Außerdem ist es eine. Härte mich gegenüber der gesamten Volkswirtschaft. (Zustimmung.) Trotzdem sind alle Stellen angewiesen, rücksichts- los zu enteignen, wo wirklich ein böser Wille vstrhanoen ist. Aber es handelt sich immer nur um Ausnahmefälle. Was aut ist, wird )a nre erwähnt, nur die Fehler fallen auf. ES ist richtig, daß sie borgetragen werden. Aber' man darf sich wegen der Fehler das ganze Bild nicht trüben lassen und nicht übersehen, welch große Leistungen von unserer Beamtenschaft jetzt vollbracht werden. ( .cifatf.) Es ist nicht ganz leicht, im Kriege eine Wirtschaft völlig auf den Kopf zu stellen, da müssen Reibungen Vorkommen. Noch niemals in der Weltgeschichte ist von einer Beamtenschaft ähnliches geleistet worden. (Sehr wahr!) Der Abg. Sachse hat sich über einen Brief des KriegscrnährungsamteS an einen Konsumverein beschwert, in dem dem Konsumverein geraten wird, er möge sich selbst helfen. Es handelt sich offenbar um eineil scherzhaften Privatbrief eines einzelnen Vorstandsmitgliedes und ich kann unmöglich die Verantwortung für alle Privatbricfe übernehmen, die Mitglieder meines Vorstandes an ihre guten Freunde schreiben. (Heiterkeit.) Bei der Preispolitik muß die Psyche der landwirt- schriftlichen Bevölkerung berücksichtigt werden. Zwei. felloS ist durch die Preisgestaltung die Bevölkerung systematisch verdorben worden, wenn sie sehen mußte, wie andere, die nicht rechtzeitig abgeliefert hatten, nachher höhere Preise bekamen. (Allseitige Zustimmung.) Aber denken Sie auch daran, daß ein großer Teil der Landwirte im Felde steht. Wir haben gewiß große Achtung vor den fabelhaften Leistungen der Frauen in der Kriegszeit. (Lebhafter Beifall.) Wir Männer können uns manchmal ein Beispiel an den Frauen nehmen.- (Zu. stimmung.) Aber die Psyche der Frau ist doch anders geartet als die des Mannes. Sie ist durch die Führung des Haushalts sehr gewöhnt, auf den Groschen zw sehen. (Heitere Zustimmung.) Line neue Duelle für Napoleons Anschauungen über den Nrieg. Ein genaues Studium der Bücher in Napoleons Biblioth auf Elba hat dem englischen Schriftsteller Herbert Vivia wertvolles neues Material über Napoleons Ansämunngen vo Dneg und Politik dargeboten, und er veröffentlicht in der „Times einzelne^vvn dem Kaiser mü Strichen uub Randbemerkungen on icVuc stellen aus demjenigen strategisäMi Werk, dem er a, meisten verdankte, ans Guibrrts „Allgemeinen! Versuche der Xä nr, der zuerst 1770 auf einer Gcheimpvesse in den Niederlande gedruckt wurde. Dieses berühmte Buch!, das zunächst von de französischen Regierung verboten war und eben deshalb das größt AufsÄ-en erregte, wurde das Brevier des jungen Bonaparti mrt deni er sich eifrig beschäftigte und das er auf seinen erste Feldzügen stets mit sich führte. Was er in seinem Handexeanpla besonders hervvrhob, das findet die „Times" so interessant un bedeutsam, daß sie darin ein nnchttge Quelle für die Weltanschauimg Napoleons und zugleic ein Do^mient der Kriegswissenschaft überhaupt erblickt. Guibei 'leht in der Politik das.größte Unglück darin, daß die Organisation . dtemeruiig nicht straff gemcg ist ,Ln fast allen Staatei 'lduropas sagt er und findet den Beffall seines genialen Leser- Ä! verschrien ^ Verwaltung von besonder Knistern geleitet deren Anschauungen und Interessen einande kreuzen und widerstreben Jeder beschäftigt sich nur mit seine, Angelegenheiten, und es cht, als ob die andern Abteilungen für ilri ^^"N^^mden Volke gehörten. „Diese Kritik," fügt das eng vor 150 Jahren geschrieben." „O ite wohl m dein England von heute schon ganz veraltet ist 7" De französische Oberst, von dem Friedrich der Große sagte, daß e Mit seinem Ruche „auf allen Wegen des Ruhmes vorwärts ge !l)Et 'er, bek^rgt m von Napoleon besonders unterstrichene: ^^aendas Verfchnnndcn des kriegerischen Geist-es in jenem Europl *** WeAurgerüchLnt mch des^ ewigen Ankens, in dem er sck-rieb Zn Weichirmgen die in den Schriften des Kaisers immer wieder "liren, hebt er die kr^gerische Größe der Antike lwrvor, die im tem Scbwert noch Rühm oder Untergang suchte, und er ftjhrt au die fortschreitende Zivilisation „das Versckssvinden des Patriotin Es. und sdie gleich emer Seuche fortschreitende Beriveichlichunc ^ öffentlichen Gcrstes" zurück. Im Gegensatz zu dieser allgemein^ WeltstiMinung sieht Gurbert das Ideal eines kriegerischen Staate/ m Preußen Friedrichs des Großen verkörpert Es wai ja die Zeit, da die führenden Geister Frankreichs dem großer .ssönig als chrem Gedankenfreunde huldigten, da die Enzyklopadistc, d^e Ege Friedrichs, über ihre eigenen Landsleute „mit zärtlicher lnteilnahine begrüben und d'Llltembcrt beit „König--Philosophen' ?£?J?'i b l rtU * ne i cn beglückivünsclüe, der die Erniedrigung ähnliches Empfinden leuchtet' am "lid so ftnbeit wir hier eine Quelle der Be- wunde rung Napoleons für Friedrich den Großen die ihn ^>urch sein Leben begleitete. Der junge Bonaparte las mit glüherrdem Wuiisch der ssöacheiferung bei Guibert Sätze wie die folgenden: „Da erhob sich in Eiwopa ein Volk, kraftvoll in seinem El>arakter, in seinen Kräften und in seiner Regierung; ein Volk, das zusammen nrit strengen Tugenden und einer .inilitäriscl-en Bottsverfassung einen scstcii Plan der Vergrößerung besaß, das diesen Plan zielbewußt verfolgte und das sich darauf verstand, mit lvenig Kosten Krieg zu führen und von seinen Siegen zu leben, so daß cs nickst gezwungen werden konnte, ans fiilanziellen Grüiiden seine Waffen niederzulegen. Wenn dieses Volk seine Nachbarn übertvinden und unsere schivachen Verfassungen vernichten wiirde, so könnte es dies, wie der Nordwvü> sckstvanke Gräser knickt." Napoleon empfängt, tvie aus seinem Handexemplar der Guibertschen Taktik hervorgeht, den tiefsten Eindruck von dem Idealbild dieses Kriegerstammes, mit dem Preußen gemeint ist und in dem der Korse ein Bild seines zukünftigen Volkes erblickt: „L-chrecklich in seinem Grimni, wird es seine Feinde imt Feuer und L-chwert heimsucheii. Es wird mit seiner Rache alle Nationen schrecken, die versuchen sofften, seine Rul-e zu stören. Und möge mcimntb Barbarentum oder Versetzung der angeblichen Krregsrechte mese Vergeltungsmaßregeln nennen, die auf den Gesetzen der Natur begründet sind. Es wird fafr selbst behaupten, und durch den Lckjlrecken seiner Vergeltung wird es seine Ruhe für die Zukunft sichern." Wahrlich, die „Times" hat Recht: dieses Li-eb- lmgsouckf Napoleons ist unveraltet." Fast nröchte man. meinen, Guibert, der Qobredner des Ostvßcn Friedrich und der Lehrer Napoleons, habe mit diesen letzten Worten das Deutschland von heute prophezeit. 9 — 2) c r #hi f n „D ienst Pflicht der Frauen" in England. Das Sprichwort, haß die Gegensätze sich lZerühren, lA^'vt auch bezüglich der ui England emgeführten allgemeinen! ^icnstpslicht wieder einmal Wahrheit zu werden. Während gerade •Q.Ttfllanber sich als die Apostel der persönlichen Freiheit gebärdet hatten, scheinen sie nun, di sie die Wehrpslickst ein führten, den staatllckien Dienstzlvang ans die Spitze treiben zu wolleii, indem sie sich immer lauter mit dem Plan beschäftigen, auch die Frauen auf gesetzlichen, Wege zur Kriegsarbeit zu zimngen. Hierbei scheint auch die Logik der Männer eine Rotte zu spielen, daß, da sie nuir- mchr dem Zwang gehorchen müssen, dasselbe auch für die Frauen nur recht und billig sei. Natürlich lmndell es flich in letzteivein Fall mcht um ^Militärdienst, sonderii um die Arbeit in den Kriegs--- werkstätten, die ja lvegen des großen Menschenmangels in Englaiid zu einem außerordentlich holien Prozentsatz aus dre Mädchen irnd Frauen aiigewiesim scnd. So häufen sich denn die Zuschriften an die Presse in denen die Einführung des Dienstztoanges fiir die Fraueil gefordert wird. „Ist nicht die Zeit gekonrmeu," heisst es lnerliber m der „Daily News", „die Frauen aller .Nässen, die sich noch nicht niit w-eiblickser Niegsarbeit beschäftigt l>aben, regelrecht cm zu ziehen? Gewiß sind viele Frauen durch aiidere Pflichten in Anspruch genommen, so die Mütter, die Hausfrauen mit großeü Bei der Frau ist der Hang zum Sparen viel intenffver ent-' wickelt als beim Mann. Also wen« die FraueN nun hoffen, ekvas mehr Geld zu bekommen durch Zurückhaltung wie der Nachbar T. für zurückgehaltene Kartoffeln, der Nachbar Y. für Gerste «nd der Nachbar Z für Hafer, so ist das psychologisch verständlich, wenn es natürlich auch schioer zu tadeln ist. Um aber dre Gefahr der Zurückhaltung ern fiir allenial zu beseitigen, erkläre ich ausdrücklich, daß, so lange ick» Präsident des KriegsernährungscnntS sein werde, es unter keinen Umständen wieder pas- s i e r e n wird, däß Höchstpreise nachträglich erhöht werden. Ich würde eher zum äußersten Mittel schrei, ten, ehe ich mich entschließen würde, eine einmal vorgenomurene Preisfestsetzung nachträglich zu erhöhen. (Lebhafter Beifall.) Wenn sich irgend jemand im Lande die Hoffnung machen sollte, daß er noch einmal durch Zurückhaltung mehr Geld verdier^n wird, so kann sich seme .Hoffnung nur darauf gründen, daß ich d«nm nrcht mehr im Amte bin. (Hört, hört!) A^r ich hoffe, d«rß cruch mein Nachfolger sich unter allen Umständen auf meinen Standpunkt stellen wird und niemals einen festgesetzten .Höchstpreis nachträglich erhöhen wird, fei es für Kartoffeln, sei es für irgend eine Ware. (Lebhafter wiederholter Beifall.) Ich hoffe, daß durch diese Erklärung eine Quelle von Aeraer verstopft wird. Nun hat der Abg. Schiffer geftagt, ob für alle diese Eingriffe meine M ach t'befugnifse ausreichen. Ich muß die Frage bejahen. Mir ist noch nie aus Mangel an Zuständigkeit eine für nötig gehaltene Maßnahme unmögkich gemacht worden. Aber ich warne davor, die Macht der Zentralinstanz in wirtschaftlichen Dingen zu überschätzen. Ich kann unmöglich bestimmen, daß irgend ein Bauer in Württemberg soundso viel Kartoffeln zu Liefern hat usw. Wir können nur-allgemeine Richtlinien geben. Auch meineVerantwortung steht leidernurauf dem Papier, denn praktisch kann ich nicht die Verantwortung dafür tragen, daß jeder Ortsvorsteher, jeder Landrat ufw. wde Anordnung richtig auöführl. Praktisch kann ich nur die Verantwortung für die Anordnungen tragen. Von der Zentralinstanz zu verlangen, dazwischenzufahren, Gemeindevorsteher ern- und abzusehen, ist so unvernünftig, daß jemand, der mit dem praktischen Leben vertraut ist, das unmöglich fordern kann Zch ml, f5 aber diesen Ideen entgegen treten, weil ganz vernünftige Leute tatsächlich so etwas von mir verlangt haben. Alle Miß. stände zu beseitigen bin ich nicht in der Lage. An gutem Willen wird cs aber nie fehlen. (Beifall.) Ich habe die Situation offen dargelegt. Ich hoffe, daß die angeführten Mittel dazu führen werden, di« akute Not schon in den allernächsten Tagen -u beseitig««. Alle« muß dararr gefetzt werden, daß mindestens das ereicht n,.»--. W t r müffer» aber unbedi n g t auch den nötigen Winterbedarf kür die Städte sichern. Die Gefahr, wie un vorigen Jahre, darf nicht wiederkommen. Im vorigen Jahre st an den wir vor .einer ernsten Lage, wenn nicht der milde Winter uns über die Schwierigkeiten htnaus- geholfen hätte. Dies.es Jahr st e h t es viel besser für u ns. Ernste Besorgnisse haben wir nicht zu hegen. Auch dre heutigen Beratungen werden dazu beitragen. Der Kriegs- niinister beabsichtigt, die kommandierenden Generale dazu anzuregen, daß sie ihrerseits die ganze Bevölkerung zur Mitarbeit an der Kartoffelernte ermahnen. Allerdings nicht durch Zwangsmittel, die würden doch versagen, aber durch Hiniveise aus die Bedeutung der Sache. Dadurch wird vielleicht auch noch der Vorteil erreicht, daß die Landwirte von der Wichtigkeit der .Kartoffelernte überzeugt werden. Die Anlieferung muß in den nächsten Wochen erfolgen, und ich bin überzeugt, daß sie auch erfolgen wird. Im vorigen^Jahre hatten unsere Feinde ausgerechnet, daß wir . im Juni spätestens mit unseren Lebensmitteln fertig werden. Diese Nachricht ist bis in den letzten feindlichen Schützengraberi gedrungen und dort selbstverständlich mit Freude begrüßt. Zum Glück ist diese Hoffnung zuschanden geworden. Wir haben das Notjahr 1915/16 überstanden. Da können wir mit umso größerer Ruhe auch dem neuen Jahre entgegen sehen. Wenn auch die Kartoffelversorgung schwierig ist, so ist es sonst doch unendlich viel besser, so dciß, wenn jeder seine Pflicht tut, auch diese Schwierigkeit überwunden werden wird. Sie können dazu beitragen, indem Sie in Ihrem Wahlbezirke aufklärend wirken. Rur durch Aufklärung kann das, toaS wir alle erstreben, ev- reicht werden. sLebh. Beifall.) Auf Antrag des Abg. E b e r t (Sog.) wird die D e spreih« der Interpellation beschlossen. DaS Haus vertagt sich. Nächste Sitzung: Freitag, mittag- 12 Uhr: Kurze An- fragen. Besprechung der Kartofselinterpellation. Antrag auf Tagung des HauShaltsauSschuffeS auch während der Vertagung des Reichstags. Schluß 6% Uhr. Familien und die Lestrnrnnen. Aber es gibt HmcherttckusenHe an-- derer, die sich den: Nichtstun und dem Vergiiügen hingoben, statt irgendeine ernsthafte Pflicht zu erfüllen. Darum wäre es nur recht uiid billig, nach den Männern auch die Frauen auf gesetzlichem Wege zu mobilisieren. Wir stellen uns die weibliche Dienstpflicht so vor, daß der Staat die Frauen wahrend des Krieges zstr Arbeit beordern kann und zwar nicht mrr zu Arbeiten, die die be- trcffcnrden Frauen selbst wünschen, sondern zu jenen Beschäftigungen die für die Fortführung des Krieges am wichtigsten tx* scheinen. Wir verstehen unter allgemeiner Dienstpflicht der Frau, daß auch die sog. höher gestellte Frau zur Arbeit yerangezogen iverden kann, ebenso ihre Zofe, für die es sicherlich eine der Allgemeinheit gegenwärtig nützlichere Arbeit gibt. Die stftauen aber, die sich gegen die weibliche Dienstpflicht wendan, mögen bedenken, daß ia gerade die Frauen am meisten unter dem Kriege leideii, der durch die Verlvirklichuug dieser Dienstpflicht bcdetitend schneller seinem Ende zugeführt werden könnte." So bleibt es dem freien England überlassen, als erster Staat die weibliche Diercstpflicht ernsthaft zu erörtern. TV* i x ii x q ii im n ll I e csoe lyes. ycid nur prosaische Gemüter, sondern auch sehr ideale Geister vermöge für dre realsten Dinge des Lebens, Wie Gssen und Trinken ei sehr reges mrd oft peinlich genaues Interesse an den Tag zu leger So wird es vielen Leuten, die sich gegenwärtig lvegen ihrer Seufze über manck-erlei kulinarische Enlbelwungen schelten lasse,! müffer willkonimen fern, zu eissahren, daß selbst Goethe sich sehr eifri um Kuchenangelegenheiten beküinmerte. Ties geht sehr deutlich au einigen Briefen hervor, die sich in dem v!on Hans Gerhard Grä rot mutten & Lüning in Frankfurt a. M. herausgegebenen Werk „Goethes Briefwechsel mit seiner Frau" finden. Goethe war, wi er selbst auch ohne weiteres zugab, ein großer Verehrer von be stimmten leckeren Speisen, und ganz ^sonders liebte er Geflügel Wild, polnischen Karpwm, Z^rebse, Fovellen, Artisck>ockcii imdSpargd Darum klagte er über die schlechte Kost in Jena, und wenn er nich „von Schillers das Essen chatte", müßte er zu seinen! Leid wese „bloß von Eervelatwurst, Brot und rotem Mein" leben, uiid e schrieb dami dringend nach. Weimar, man möge ihm dock, kalte! Braten, Gänjeleberpasteten, Kalbsstiße, geräucherte Zimgen, Würst« Schokolade und Kiaviar senden. Doch nicht nur für sich selbsl sottoeril^auch für die Hauswirtschaft an sich hatte er einen aufmerk sam^i Sinn, und so sandte er seinerseits seiner Frau von auswärt Spickgänse, von denen „eine mlit dem Pprto temen halben Tale kostete". Trüffeln, Bohnen zum Ein mach'n und Obst Besonder Sorge lief, Goethe auch der Wdrnfrage angedeihen Er hatte ii seinem KMer eine große Menge von W^insorten, und der Berbrauc war nichts mmKaet aU flenn» Wer auch Christine mar kein Verachterrn edlen Wämes. iso schrieb sie einmal vom Wein: Meii Mägelchen tut mir gewaltig wehe, wenn ich keinen trinke " Wi stotte ^rchdas Ehepaar Goethe wohl in die -gegenwärtigen Zustand KrfegsJrfefe am dem Ost en OfthcM^ntsMdteu KriegSberj chie^kw L SdrTÜdrncL, orrÄ Wnter auf den Karpatheichöhen. Auf dem Prislop, Anfang Oktober. I. Fm Felso-Vissö streichelte die Herbstsonne die bunten Hänge, der Himmel spannte ein grelles blaues Tuch hinter die gelbleuchtenden Vorberge. Am späten Nachmittag kamen dann schon sttvrfe weiße Wolken über die Höhen, über die Berge im Osten herubergesegett. Dip Jsuden standen — an ihrem Neuiahrstage — am Fluß, der im Abendllcht rot aufflamnrte und wie fließendes Feuer unter der alten, überdachten Holzbrücke lag; sie standett in Gruppen, in den schwarzer! Seidenkaftanen, unter denen ausgetretene Stiefel und speckige Hosen den Alltag zeigten, und lasen aus dmr Buch. Die Pelz ränder auf den samtnen Scl-abbesdeckeln standen, über den merkwürdigen, klugen, tiesgezeichneten Gesichtern, die Augen wollten das Wägen und Fassen ausgeben, aber es brannte in ihnen allen das fremde unruhige Suchen, das in den Äugen der Huzulen nicht ist, nicht bei den Schiwoben, nicht bei den Ungarn. Das Flüstern der vielen Lippen überrauscht den Fluß. Plötzlich löschte das brennende Wasser aus. Es wehte kalt, silbriger Tunst zittette über die Höhen, im Fluß stand mattes Silber aus dunklem Grund. Sie zogen zu zweien und zweien die Straße zu det Stadt hinauf. „Uebermvrgen gibt's Wetterumschlag, das jüdische Neujahr ist dann vorbei," sagte eine SchSväbrn. * Tie Division hat einen ,Kurswagen" eingerichtet. Der geht von Bvrsa zweimal täglich hinauf zum Prislop. Ein Lastauto ist mit Dretterfttzen versehen worden, und Besehlsempfänger, Urlauber, alles, was hinunter ins Tal will oder vom Tal heraus zu den Stellungen, hat eine Gelegenheit, in etwa zwei Stunden wenigstens auf dem Prislop zu sein. Tie Kleinbahn, die auch im Frieden schon längst der guten Knnststraße nach Kirlibaba und Tvrna-Watra führte, sÄMauft die Bergstraße nur sehr langsam hinaus. Eine Lokomotive kann gerade zwei.Wagen vorwärts bringen, und bei dem Kehren verschnauft sich die überangestrengte Maschine noch ^ckiwrend lange. Der Kurswagen macht das scher. Man sitzt wie m Aussichlswagen. Ter Petrosul liegt ttef im Nehxl, und je höher wir kommen, desto näher liegen die Nebelschiwaden auf den Hängen. Neben der Straße füllt der Berg steil ab, die Tannen, die tiefer wurzeln, reichen trotzdem hoch zu beiden Seiten der Straße empor. Durch den schwebenden Nebel öffnen sich plötzlich Blicke m Nebentäler, zurück über grüne Wipfel, hinan zu blanken: Fels, Tvagtterkolonnen werden überholt, Wagenreihen fahren zu Tal. Viehherden werden vorwärts getrieben. Wundervolle junge Stiere mit den schöngeschwnngenen Hörne nt, wie sie die ungarischen Ochsen aus zeichnen, gehen den Weg hinauf. „Was von selbst läuft, braucht inan nicht zu fahren." „Es ist wichtig genug, daß unser Fleisch vier Beine hat und vvrr selbst auf die Höhen steigt." Tie Kolonnen haben genug zu tun, all das andere, Nägel ftnd Bretter, Draht und Spaten, Granaten und Minen, Nahkantpf- mittel und Aepte, Tachpapp- und Fenster, Decken und Wollzeug, Brot und Grütze und . . . noch tausend andere Tinge herauf- zusclsteppen. Vonr Prislop sieht inan mrr rvogenden Nebel. Nach kurzer Zeit wird's doch lichter. Ein Heller Schein .wird in den: flattrigen grauen Dunst erkennbar. Dann sieht man für Augenblicke hinein in das schöngeschwuNgene Tal der goldenen Bistritz, an den: zur Seite das Helle Band der Straße sich hinab schwingt. Wieder ziehen sich die Vorhänge zu. Riesenwvlkenburgen bauen sich in die Ferne, bis lichtgraue, gleichmäßige Schleier, aus denen es feucht herab- sickert, auch, das Nahe utweutlich und fern erscheinen lassen. Wir steigen hinauf auf den Cerbul (1672 Meter). Tie Straße, die wohl Kilometer vvn Knüppeldämmen hat, zeigt von der Arbett dxr Bayern ein Seines Stück. Ueberall zur Rechten und Linken JWJf man Hütten und Ställe enkstchen oder schon fertig. Dabei ist man noch mitten im Bauen und Planen. Unten in einer ungarischen Stadt werden für alle Divisionen im Gebirge fertige Fenster in einer einheitlichen Größe hergestellt, ebenso Türen, so daß pie Truppen keine Zeit auf die feineren Tischlerarbeiten zu verwenden brauchen. Tie erste Ladung nnrd schon in kurzem envartet. Die Hauptsache ist, daß man möglichst schnell unter Dach und Fach kommt. Immer stärker einsetzender Regen scheint das eindringlich vor Augen führen zu wollen. Tie Nässe kommt von allen Seiten. Man tropft wie die Tannen am Wege ganze Bäche an sich herab. An einer Halde steht ein Pferdestatt. Wir suchen für ein paar Minuten trockenen Unterschlupf. Ach, die Trockenheit hier ist wirklich nicht arg! Man hat den größeren Teil des langen, niedrigen Schuppens mit Tannen zweigen decken müssen, da noch nichi genug Dachpappe herangeschafft werden konnte. Nun kommt zwar der volle Wolkenbruch nicht hinab aus die Kolonnenpferde,, aber immer noch, genug feine Tropfen und Tröpfchen. Es ist feuchte Wärme in dem Stall und der Geruch von Tannen und Pferden. Wir sitzen auf umgestülpten .Eimern in einem schrägen Winkel, in dem die Mannschaften schlafen. Es tropft mit sintöniger ?Rusik. Tie Pferde schlagen. Es wird immer kälter, der Wind kommt durch die dünnen Wände. Hier liegen sie in den bitterkalten Nächten, die nassen Sachen hat das kleine Feuer nebenan kaum trockener gemacht. Um 4 Uhr halt es niemand vor Kälte mehr recht aus. Jedes Glied schmerzt. Ter Morgen kommt grau und kalt über die Tannen auf der Höhe. . . . Dabei sind das hier Kolonnen, die es in Vielem noch besonders gut haben. Um 8 Uhr zu Hause, leistet tonnt einer — er kommt aus dem warmer. Bett in die warme Stube — wohl das Opfer, daß er das Früstücksbrötchen statt mit Butter mit Marmelade schmictt. Es soll nicht getan werden, als seien alle die Sorgen und Nöte zu Hause klein, wer ist töricht ober leichtfertig genug, das zu meinen, aber oben in der Kälte der Waldberge, wenn die Zähne aufeinanderklapvern, kommen dock eigene Gedanken über Anlegung von Maßstäben. . Wir gehen weiter, denn die Raffe drinnen unterscheidet sich kaum von der Nässe draußen. Der Wind faßt jetzt mit eisigen Händen zu. Wir kommen an Artilleriestellungen vorüber, man kann nicht von Geschütz 1 zu Geschütz 2 sehen. Endlich, an einer Lehne, steht das Haus des Regimentsstabes. Ein kleines hübsches Blockhaus. Wir sitzen um den weißen Holzttsck und kriegen Käse und Brot und Wein und Wärme. Man spricht von Skikursen, von Blockhäusern, wenn der Schnee einmal zwei Meter hoch liegen, wird, von der Kälte, die an 20 Grad im Durchschnitt haben soll. Gegen die Fenster trommelt der Regen. An der Front fällt kein Schuß. Ein paar Ueberläufer sind in der Nacht gekommen. Sie klagten über schlechtes Essen und über Kälte. Auf jeden Fall hatten sie noch die dünnen Leinwandntäntel aw die Japan in großen Mengen der russischen Armee fertig liefert. Beim Abstieg fallen die ersten Schneeflocken. Tie Wege blenden, die gegen Sicht bei klarem Wetter decken sollen, haben Eiskristalle in den Tannennadeln. Am Abend fällt dichter Schnee. Am übernächsten Tage reiten wir von dem Platz, da sich die Ostpreußen ihr Quartier gebaut haben, ab, um den Eimbroslawa- Rücken zu erreichen. Tie steilen Wege!. die doch morastig sind, dichte Taimen, überall Rieseln, Nebel, der in den Zweigen hängt, das ist alles wie in den Tagen vorher. Als wir absteigen, um deu letzten Teil des Aufstieges zu Fuß zu machen, setzt Schneetreiben ein. In kurzer Zeit sind wir mitten in weißer, glitzernder Winterlandschaft. Tie Tannen haben weiße Hauben auf den Aesten, die Strän- cher haben dicke, .glitzernde Zweige, der Schnee liegt fußhoch. Tie Welt ist weiß, glitzrig, flockenverhaugen, slockendurchtanzt. Ta ist die Stellung. Wir gehen durch den Annähernngsgraben. der in den Fels gehauen ist, wie der Hauptgraben zum Teil selbst. Ter Boden im Graben ist noch trocken. Die Mannschaft sitzt in Unterständen, die noch nickst ganz ausgebaut sind, immerhin mehr, als icb erwartete. Für ein paar Minuten setzt der Schneefall aus. Ein Wolkentheater entwickelt sich zu unseren Füßen: Nebelftauen huschen über die Halden, Fäuste ballen sich, Fratzen zerreißen, ferne dünne Schleier wehen, sangen sich an den Zweigen, Gipfel heben sich hoch, weite Fernen sind für Augenblicke zu sehen. Das Nähere wird klar: man sieht drüben den russischen Graben, das Trahthindersnis, das sie seit gestern ferttggestellt haben. Man könnte seine Schlüsse daraus ziehen, vielleicht . . . Ein paar Russen laufen hinter ihre Linie, verschwinden schnell hinter Tannen- dickickst. Unser Graben geht durch den Tannemvald hindurch, steil fällt vor ihm der Berg ab. Wir sind über 1600 Rdeter hoch, sind in einer ganz anderen Welt. Sind im Winter, während drunten die Rosen in Felsö-Vissö blühen. Unbeweglich hinter zwei Bäumen, Gesickst zum Feind, stehen zwei Hovchposten vor der Linie. Der Schnee rieselt über il>ren Mantel, ihre Füße stehen ttef in dem iveißen Teppich, das Gewehr glitzert von Kristallen. Ein Bild wie gestellt für einen Maler: Karpathenwacht. Der Leutnant, der die Kompagnie führt, ist mü mir auf dieselbe Schule gegangen. Es ist nicht viel Merkwürdiges dabei, daß man sich trifft. Sie konrmen überall herum, die Regimenter und Divisionen. Heute in Frankreich!, morgen in Kurland, dann in Wolhynien, fn den Karpathen, unten am Balkan. Und meine Llufgabe bringt mich zu vielen, sehr vielen Regimentern. So habe ich fast alle Freunde und Bekannte, die ich sonst Jal)re nickst gesehen habe, im Kriege irgendwo wie der getroffen. Anderen ist es ebenso gegangen. Ein lustiger Leutttant sagte das mal sehr nett: „Ach, bei uns in der Familie, in der deutschen Armee, trifft Man sich immer wieder." * Händeschiütteln. Wie geht's denn? Gefrage. Tann? Oberleutnant. Tann? Warum fragen. . . . Ms wir zu Tal gehen, scksteßen die Russen ein paar Schrapnells in dfn Nebel hinein. Es schallt besonders laut und nahe. Man hört ja jeden Laut im Nebel, als ob er dicht neben einem sei. Tann rieselt wieder der Schnee und macht die Pferde unruhig, als wir reiten. _ Rolf Brandt. Kriegsberichterstatter. Die fünfte Kriegsanleihe. Berlin, 12. Oft. (WTB. Amtlich.) Nach den jetzt vorliegenden genaueren Angaben der Zeichnungs- und Ver ntittlungsftellen hat sich oas Gesamtergebnis der fünften Kriegsanleihe auf 10651 726 2 00 Mark erhöht, in welcher Summe jedoch die Feldzeichnungen und die Ueberfeezeichnungen noch nicht voll enthalten sind, so daß noch ein weiteres Anwachsen zu erwarten ist. Von den Zeichnungen entfallen (Betrag in Millionen Mark) auf Reichsanleihe stärke 7397,7, auf Schuldbucheintra- gungeu 2180,8, ans Reichsschatzanweisnngen 1073,2, zusammen 10651,7. Bei den einzelnen Zeichnungs- und Vermittlungsstellen wurden folgende Beträge gezeichnet: Bei der Reichsbank und ihren Zweiganstalten 684,9, bei den Banken und Bankiers 6081,5, bei den Sparkassen 2567,5, bei den Lebensversichernngsgesellschaften 337,4, bei den Kreditgenossenschaften 864,6 und bei den Postanstalten 1133,8, zusammen 10651,7._ Universitäts-Nachrichten. = Frankfurt a. M., 13. Okt. Tic neuen Ordnungen für die Handelshochschulprüfungan an der Universität Frankfurt haben die Genehmigung der zuständigen Ministerien gesunden. Es werden zwei Prüfungsausschüsse gebildet, eine für die kaufmännische Diplomprüfung und eine für die Handelslehrerprüfung. Zn ui Vorsitzenden beider «Ausschüsse wurde Geh. Regiernngsrot Professor Tr. P ohl e ernannt. ^kirchliche Nachrichten. Israelitische Religionsgemein-e. Gottesdienst in der Synagoge (Süd-Anlage). Samstag, den 14. Oktober 1916: Vorabend: 5.30 Uhr. — Morgens: 8.30 Uhr. - Abends: 5.50 und 0.25 Uhr.