Kr. 181 Sweiks Blatt 166. Jahrgang Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die .Mehener Zamilienbiätter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchemlich. Die ..Landwirtschaftlichen Sett. fragen" erscheinen monatlich zweimal. General-Anzeiger für Oberhessen Freitag. 4 . August 191 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Schrislleitung, Geschäftsstelle u.Druckereu Schub straße?. Geschäitsftelle u.Verlag:E-8^51,Schrckt« Leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen. 4 3ur verdrauchsordnung der Web-, Wirt- und dtrickwaren bei der bürgerlichen Sevölterung. I. Am 1. August tritt nach der Bundes-ratsvevordnung vom 10 Juni 1916 die Bestimmung in Kraft, wonach gewisse Web-, Wirk- und Stricllvcrven nur gegen Bezugsschein verkauft werden dürfen, während bisher für solche Verkäufe nur die Beschränkung galt, daß jeder KleinhandelSbetrieb vom Erlaß der 'Verordnung bis zum 1. August nur 20 Prozent rwm Jnventurmerte seines Bestandes verkaufen durfte. Der Zweck.beider Beschränkungen ist, den Verbrauch von Web-, Wirk- und Strickwaren einzuschränken beziehentlich eine unnöttge Vorratsversorgttng '.zu verhindern. Das letztere ist uns leider nur teilweise gelungen, weil nach Erscheinen, der Bundesratsvervrdnung einzelne Leute, ohne Rücksicht auf die hohen Preise, übermäßig große Mengen gekauft haben. Tie Frist zwischen dem Erscheinen der Bundesrccksvecordnung und dem Inkrafttreten des Bezugsscheines aber ließ sich keinesfells noch kürzer stellen, weil die AussührungsVorschriften über die Bezugsscheine bearbeitet werden inußten, und weil ihre Durchführung geraume Zeit erforderte. Nunmehr am 1. August beginnt die Herrschaft des Bezugsscheines und der Freiliste. Zunächst möchte noch einmal die Notwendigkeit der Verminderung des Verbrauchs an Web-, Wirk- und Strickwaren mit aller Schärfe betont werden. Wer erwägt, fvelche gewaltige^ Menge in Friedenszeiten wir jährlich an Rohmaterial irnd Wekistosfen (Baumwolle und Wolle zusammen) vom Auslände * bezogen und in Deutschland verbraucht haben, und daß dieser Bezug nunmehr seit 2 Jahren tmfjesai gänzlich ausgehört hat, auch bis einige Monate nach dem Friedensschluß keine Aussicht besteht, wieder fertige Webwaren aus neu cingesührten Rohstoffen auf den Markt zu bringen. der wird ohne weiteres zugeben, daß bei längerer Dauer des Krieges eine Einschränkung unseres Verbrauchs unbedingt notwendig ist. Dies umsomiehr, als der Verschleiß in der Armee naturgemäß erheblich größer ist, als wenn jene Millionten. von Menschen friedlicher AÄeit nachgehen können, und zumal für die Bekleidung von weit über 1 Million Gefangener gesorgt werden mich. Wenn gewisse Tinge, nämlich alle diejenigen Waren, die in der sogenannten FreiKste ausgesührt sind, einer Kontrolle durch den Bezugsschein nicht unterworfen lvcrden, so waren dabei verschiedene Erwägungen maßgebend. An erster Stelle stand das dringende Bedürfnis, die Arbeitsgelegenheit im Textilgewerbe und insbesondere auch in der Konfektion möglichst zu erhalten. Es galt also den Verbrauch von Web- waren nicht unnötig ein zuschränken, und es lag deshalb Mich keine Veranlassung vor, den Verbrauch von Luxuswareu künstlich zu vermindern, sobald nur die Sicherheit dafür bestand, daß zu ihrer Herstellung nicht RoHstvffe verwendet würden, l Garne und dergleichen), die auch zur Herstellung von anderen Webswsfen Verwendung finden konnten. Dieses' galt ohne weiteres von Seidenwaren, Spitzen, Stickereien, Posamenten, Teppichen, Läufer- stoffen usw. Schwieriger gestaltete sich die Frage, als' von den beteiligten Gewerbetreibenden die Forderung erhoben wurde, daß teure Waren derselben Art, die im übrigen unter Kontrolle zu stellen waren, von dieser Kontrolle frei bleiben sollten, wenn ihr Kleinhandelspreis eine gewisse Grenze überschritt. Für diese Forderung wurde geltend gemacht, daß die Allgemeinheit von einer Einschränkung Des Verbrauchs solcher Stoffe keinerlei Vorteile haben werde, weil ihre Verwendung durch die breiten Massen der Bevölkerung schon infolge ihres hohen Preises ausgeschloffen sei. Es mußte daher der Versuch gemacht werden, in die Freiliste auch Warengattungen auszunehmen, bei denen nur der teuere Preis dafür maßgebend war, selbst auf die Gefahr hin, daß eine solche Maßnahme vielen als unsozial erscheinen würde. Aian hoffte eben, und wohl nicht mit Unrecht, daß mit der Zeit alle beteiligten Kreise sich davon überzeugen würden, daß im Gegenteil ausschließlich soziale Erwägungen hierzu geführt haben. Ob in absehbarer Zeit von diesem Standpunkt abgewichen und eine Aenderung der Freiliste angeregt werden wird, muß im wesentlichen von dein Ergebnis der Bestandsaufnahme und dem Umfang der zur Verfügung der Reichsbekleidung sstelle stehenden Waren aus dem Auslände abhängig bleiben. Die Trennung von Waren, die dem Bezugsschein unterliegen, und den sogenannten freien Wäret: hat aber eine weitere außerordentlich soziale Folge: Tie Reichsbekleidmrgsstelle wird die in ihren Händen befindlichen eingesührten Waren, sotoeit sie der Be- zugsschernsregelnng unterfallen, zu inöglichst billigem Klein Verkaufspreise den Verbrauchern zusühven utrd damit besonders für die minderbemittelten Kreise sorgen. Diese möglichst billige Preisstellung für alle Waren ohne Trennung zu erreichen, wäre undurchführbar gewesen. II. Der Einführung des Bezugsscheins waren naturgemäß die eingehendsten und sorgfältigsten Erwägungen vorausgegangen. Es wäre ja für die Reichsbekleidungsstelle und vor allem für die mit der Durchführung der ganzen Maßregeln betrauten Verwaltungsbehörden wesentlich einfacher gewesen, wenn ein Mindestmaß der verschiedenen Kleidungsstücke für Männer, Fratten und Kinder fcstgestellt worden wäre, auf das jedermann Anspruch hätte und über welches hmaus nur erst gegen Bescheinigung des besonderen Bedarfs die Lieferung von Kleidungs- und Wäschestücken gestattet worden wäre. Dabei wären aber zwei wichtige Umstände nicht oder doch nicht genügend berücksichtigt worden. Einmal nähmlich pflegen bekanntlich sehr zahlreiche Personen und Familien in allen Kreisen der Bevölkerung einen größeren oder geringeren Vorrat an Wäsche und Kleidern Zu besitzen, die doch gerade veranlaßt werden sollten, zunächst einmal ohne Inanspruchnahme der allgemeinen Bestände ihren eigenen Vorrat aufzubrauchen. Und sodann war die ungemeine Verschiedenheit, die durch die Gewohnheiten und durch die Beschäftigung der Bevölkerung in bezug aus ihre Kleidungen bedingt ist, zu 'beachten. Was für den Purcau-Asrbmter aus ein Jahr völlig ausreichend erscheint, bedarf der Arbeiter im Freien und in der Schwer-Jndustrie vielleicht alle drei Monate usw. Deshalb konnte man eben nicht aus einen gleichmäßigen normalen Satz für die verschiedenen Bevölkerungsklassen und in den öerfdnebettcn Teilen des Reiches kommen, sondern mußte das grundsätzliche .Erfordernis aufftellen, daß in sedetn Falle das Bedürfnis zur Beschaffung von Bekleidung und Wäschestücken dargetan werden mußte. Dabei soll jedoch noch der Bekanntmachung der Reichsbekleidungsstelle vom 3. .Juli 1916 (Reichsanzeiger Nr. 157 vom 6. Juli 1916) nicht etwa ein formeller Beweis für das Bedürfnis verlangt werden, sondern nur eine Glaubhaftmachung des behaupteten Bedarfs erfolgen. Ueberdies aber sind in dieser Bekanntmachung noch eine ganze Anzahl besonderer Umstände hervorgehoben worden, die die Annahme eines gewissen Bedarfs ohne weiteres als begründet erscheinen lassen sollen, und ferner ist für die Kleidung und Wäsche von Kindern, bei denen naturgemäß die Abnutzung verhattm^mäßigi groß ist, ausdrücklich bestimmt worden, daß die Notwendigkeit der Anschaffung ohne weiteres als begründet angesehen werden kann, wenn die Anträge auf Ausfertigung von Bezugsscheinen sich in mäßigen Grenzen halten und die Annahme begründet erscheint, daß kein übermäßiger Luxus in der Belleidung der Kinder betrieben wird. Gewiß ist den Verwaltungsbehörden mit der Ern- und Durchführung dieser Vorschrift wieder ein schweres Stück Arbeit auf- erlegt worden, um unserem Volk auch in bezug auf die Kleidung! 'das Turchhalten bei einer noch so langen Dauer des Krieges zu ermöglichen, und es wird gewiß der Anspannung aller Kräfte bedürfen, um zur rechten Zeit die notwendige Gnrichttmg für die Ausgabe der Bezugsscheine zu tteffen. Auch wird es namentlich im Anfang gelten, die betreffenden Organe und mit Ausfertigung der Bezugsscheine beauftragten Persönlichkeiten einzusühren und ihre Arbeiten und Entschließungen mit einer gewissen Nachsicht zu beurteilen. Es steht aber mit Sicherheit zu erwarten, daß sehr bald sich eine gewiffse feststehende Praxis bilden wird, die später vielleicht dazti führt, einheitlichere Regeln für die Handhabung der gesetzlichen Bestimmungen zu erlassen. Zti einer Entschließung über solche Beschränkungen oder Erweiterungen der Ausnahmen und namentlich der Freiliste aber wird matt nicht eher gelangen können, bis nicht die Ergebniffe ber am 1. August statt findenden allgemeinen Bestandsauf - nähme der Web-, Wirk- und Strickwaren vorliegen, und sich übersehen läßt, wieviel aus den sonstigen der Reichsbekleidungs- ftelle zur Verfügung stehenden Quellen für die bürgerliche Be- völkerttng des Reiches bereit gestellt werden kann. Die Bereitstellung hat im übrigen bereits begonnen, und zwar in der Weise, daß erhebliche Mengen von Webwaren dem Großhandel und den Fabrikanten von Webwaren angeboten worden sind mit der Auflage, sie zu ganz bestivrmten vor geschriebenen Preisen in den Handel zu bringet?, so zwlHr, daß auch für den .Kleinhandel nur ein be-> schränktet- Verdienst zugelassen worden ist. Dieser Weg über bett Handel ist ferner auch für die Befriedigung der Bedürfnisse der Landes-, der öffentlichen Heit-, Pslege- und Gesangcnen-Anstalten und für die Versorgung der bürgerlichen Beamten .und Angestellten im öffentlichen Dienst mit Unisorm- kleidung eingeschlagen worden, indem auch hier nicht eine unmitt.'l- bare Lieferung von Waren aus bett Beständen der Reichsbekleidungsstelle, sondern nur die Ausstellung des Bezugsscheines in der Reichsbekleidungsstelle erfolgt und dem Handels- und Gewerbestand die Stoffe auf demselben Wege, auf welchem er sie bisher bezogen hät, zugängig gemacht werden. Dabei werden selbstverständlich gleichfalls b e st i m m t e Preise durch die Reichsbekleidungsstelle festgesetzt werden. Mau hofft eben aus diese Mise, obwohl die Erzeugung von Web- und Wirkwaren in Fabriken beim Mängel an Rohmaterialien naturgemäß, allmählich aufhört, doch das Erwerbsleben in diesem nächtigen Zwerge unserer Volkswirtschaft nach Möglichkeit aufrecht zu erhalten und weitere Arbeitslosigkeit, namentlich anch im Handelsgewerbe, abhalten zu können. Sicher ist aber schon jetzt, daß durch die getroffenen Maßnahmen eine Not der minderbemittelten Bevölkerung selbst bei noch so langer Dauer des Krieges unbedingt verhindert werden wird. Kriegzbriese aur dem Osten. Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatter-. (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Die Kämpfe in Wolhynien. Armee Linsirrgen, 2. AuHust. Bis ans den Haimnerpmrkt bei Kiselin, gegen den in der Nacht vom 1. zum 2. August noch hestsge Angriffe gerichtet wurden, Angriffe, die bereits im Sperrfeuer zuscumnen- bracheu, herrschte heute an der ganzen wolhtznischen Front Ruhe. Die Notwendigkeit, in den Angriffen zum mindesten eine Pause eintveten zu lassen, macht sich bei den Russen nach dem Zusammenbrechen aller ihrer Massenstürme immer stärker geltend. — Auch die Erfolge der deutschen sehr ausgedehnten Fliegertätigkeit zeigen sich cruS Gefangenen- aussagen immer deutlicher. Heute ist ein deutscher Kampfflieger IM Kilometer hinter der russischen Front südlich Szatch bis auf 250 Meter hterunteraeMNgen und hat mit seinem Maschinengewehr einen Transport zusammen- geschossen. Die Stinrmung an der Front ist stark und gewiß. Heute ist Generalfeldmarschall v. Hindenburg in Begleitung von Exzellenz Ludendorff aus den: Wege entlang der wolhyni- scheu Front von den Truppen jubelnd begrüßt worden. Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter. Witterungsbericht. (Oeffentlicher Wetterdienst.) Gießen, 1. August. Am Atffang dieser Berichtswvche — 26. Jüli bis 2. August — wurde die Wetterlage Deutschlands noch durch Wirbel tiefen Drucks beeinflußt, so daß in ganz Deutschland weit verbreitete, erhebliche, in unserem Bezirk allerdings nur ganz geringe, Regenmlle nieder - gingen. Das westliche Hochdruckgebiet, unter dessen Einfluß wir im allgemeinen auch schon in voriger Berichtswoche standen, verstärkte sich zunächst noch und drang weiter nach Osten vor. Der Himmel heiterte sich vollständig auf, und eS trat nunmehr heiteres, heißes Sommerwetter ein, ein ausgesprochenes Erntewetter. Die Temperaturen waren von Anfang der Woche an, bis zuM Samstag, den 29. Jüli weiter gestiegen, besonders das Temperaturmaximum, das in Gießer am Samstag eine Höhe von 27 Grad erreichte. Das Temperaturminimum schwankte zwffchen 12 und 15 Grad, während das Temperaturtagesmittel von etwa 16 Grcä) am Donnerstag, den 25. Juli auf über 22 Grad am Samstag gestiegen war. Von Sonntag ab sanken dann die Temperaturen ein klein wenig. Von Norden her drang nämlich ein Tiesdtuckgebict südöstlich vor. Wenn wir zwar anch von dieser Depression im allgemeinen wenig beeinflußt wurden, trat doch bei Winden aus nord- lrestlichett Richtungen bisweilen Bewölkung ein, die ein geringes Sinken der Temperaturen mit sich brachte 'das Tempcraturtages- mittel in Gießen sank auf 20 Grad). Tie starke nördlich Depression, die am Montag mit ihrem Kern über Üchrvstandinavien lag, ist bereits heute am Dienstag, den 1. August, vollständig nach Osten, nach Rußland hin abgezogen. Auf ihrer Rückseite kann sich der südwestliche hohe Druck wiederum nordostwärts ausbreiten, so daß wir vorläufig »veiterhin mit schönem Erntetvetter rechnen dürfen, bas höchstens durch Randwirbel beeinflußt werden könnte. Stephan Sinding. Zu seinem 70. Geburtstag, 4. August. Unter den skandinavische Bildhauern der Gegenwart ist Stephan Sinding der eitrzige, der Weltruf gewonnen hat. In Deutschland ist er vor allen: durch die große Ausstellung seiner Werke zu Berlin im Jahre. 1902 bekannt geworden: seitdem hat er sich auch bei uns einen großen Kreis von Verehrern erworben und zahlreiche neuere Arbeiten seiner Hand sind in deutschen Besitz übergegangen. Stephan Sinding wurde itt der norwegischen Dom- Krönungsstadt Tronkhmm als Sprößling einer alten Familie geboren . Von seinen beiden Brüdern war der srühvcrstorbene Otto ein begabter Maler und Christian ist der gefeierte Tonmeister, der mit dein modernen deutschen Musikleben so eng verknüpft^ ist. Stephau selbst studierte zunächst Rechtswissenschaft, ohne daß er jedoch den Trockenheiten des Jus viel Geschmack abgewiuneni konnte. Aber er las viel, er dachte viel intt> erwarb sich so eine; geistige Schulung und allgemeine Bildung, die ihtu sehr zustatten kam, als er, seinem inneren Drange folgend, zur Bildhauerkunst überging. Nach kurzer Studienzeit in Christiania rvandte er sich nach Berlin, wo ihn Meister Albert Wolsi in die gediegene Technik und die klassische Ueberlieserung der Rauchschule ein führte. Aber als Sinding auf der Wiener Weltausstellung von 1873 die erste Bekanntschaft mit den Werken der modernen französischen Bildltaner- kunst machte, hatte er doch das Gefühl, das ihm da noch mancherlei, besonders in bezug aur plastische Bewegung und lebendigen Umriß, zu lernen bleibe, und so siedelte er' zur Fortsetzung seiner Studien nach Paris über Zu Haus gefühlt hat sich der Germane freilich in der französischett Hauptstadt nicht: unfertig und mit sich selbst uneins, kehrte er nach Christiania zurück, tvo er, zumeist mit Brotarbeiten beschäftigt, einige Jahre schweren inneren Ringens^dnrch- lebte. Erst in Rom, das er 1877 cutfsnchte, schlug chm die Stunde der künstlerischen Besrechng. Er gchg bei den Meisleru der Renaissance und vor allem bei Reiche sau ge lo in die Schule und schuf nach einigen Jahren ft: der kraftvollen und originellen Gruppe der ihren gefallenen Sohn wegschleppenden Barbarenmutter sein erstes bedeutendes und selbständiges Werk. Diese Arbeit sollte die entscheidende Wendung in seinem Leben herbeiführen: sie erregte das lebhafteste Interesse des bekattnten dänischen Kunstgönners Carl Jakobseit, der das Werk sogleich ankaufte und von jetzt ab gleichsant Sittdings gesamtes Schassen unter seine Hut nahvt. Der Künstler siedelte nach Kopenhagen über und die Mehrzasl seiner Schöpftingen ging in^ Jacvbsens Glyptothek. Seitdem hat sich Sindings Produktion sehr reich und mannigfaltig entwickelt. Gleich sein nächstes Werk,'jene gefangene Mutter, die, ielbsl g-e'feffclt, noch ihr Kind sängt, errang in Kopenhagen wie in Paris einen geival- tigen Erfolg. Nicht minder glänzende Wlftrahme fanden die Gruppe des in heißem Kuß verschlungenen Menscheupaares und die „Ado- ratio", die den verehrenden Mann zu Füßen des Weibes zeigt. In dcrs^ Gebiet der Monumentalplastik führte Sinding der ehrenvolle Auftrag seines Vaterlandes, noch bei Lebzeiten der Dichter die Denkmäler Ibsens und Björnsons für den Platz vor denk Theater in Christiania zu vollenden, und 1900 hat er in Bergen das Denkmal für Ole Bull, bcn Geigerkönig und Schöpfer der norwegischen Ncrtrvnalbühne, ausgestellt. Stevhati Sinding ist vor allem eilt echter Plastiker, voller Leidenschaft für die Form. Er liebt das Heroische, das Pathetische, die Bewegung, die er jedoch in sttenge plastische Zucht zu nehnten weiß. Seine Bildwerke zeigen bei geschlossener Form reiche innere Belebung. Obgleich der Einfluß der modernen Franzosen ans sein Schaffen nicht zu verkennen ist, erweist er sich' doch im Grunde seines Wesens als durchaus germanisck>e Künstlernatur. Nicht nur in den von ihm gern gewählten Motiven der germanischen Mythe und Sage bekundet sich das — noch stärkeres Zeugnis dafür legt die herbe Frische feiner besten Werke, sowie ein Zug zu einer gewissen 'Urtümlichkeit ab. Ter rauhe itnd ivilde Sck>merz der Bar- baritt, die völlige Hingebung der Mutterschaft, die ungehemmte Leideuschgil der Liebe: dae sind solche urtümliche Motive, die ihtt von französischer Eleganz himmelwert entfernen. Alles, was Srn- ding geschaffen hat, ist geladen mit einer starken Lebens- tmd Kunstenergie, die sich dent Beschauer mrtteilt und ihn in den Bannkreis des Künstlers zlvingt. * — Jmmcrmann als Besreiungskrie-ger — eine 'H um d e r t j 0 hr e v i n ne r uu g. Unter den Männern, die vor 100 Jahren zur Beffeiuug dei? Vaterlatrdes anszogen und deren Andenken uns heute in einer ähnlich heiligen Schicksal-:-.stunde Deutschlands besonders teuer ist, ;var mub der Dichter des „Ober- Hofes", Karl Jmmermann. Von seinen Kriegserlebnissen har er in seinen das deutsche Wesen vor IM Jahren so großartig nralenden „Memorabilien" nicht mehr erzählen können: der Tod nahm ihm die Jeder aus der Hand, und sein Kriegstagebuch scheint leider verloren gegangen zu sein. Ans neuerschlossenen Quellet: weiß aber Prof. Harrt; Mayno, - der uns demnächst eine grutMegende Jin- mermann-Biographie schenken wird, im nenesteu Hefte der „Dettt- schett Rundschau" interessante Züge aus dem L-oldateuleben des Dichters mitzuteilen. 1813 bereits war er als ffeiwilliger Jäger in die Reihen der deutsckfen BesnentngSktieger eingetreten, aber ein schweres Nervenfieber, das ihn überfiel, ließ ihn nicht in den Kanipr kommen. Als nun 1815 die Rückkehr Napoleons wiederutn die deutschen Jünglinge zu den Waffen ries, war-Jmmcrmmtn stnter den ersteti, die sich meldeten. „Ich kann das Entzücken nicht bs- fchrechen," schrieb er später, „welches ich fühlte, als der König zum zweiten Male die Freiwilligen ausrief." Er wurde mit einigen: Stuchengenossen wie 1813 dem Detachement freiwilliger Jäger zugeteilt. _ 2tm 17. Mai 1815 kam er, nachdem er mit wehmütig patriotischen Gedatrkcn den Rhein überschritten hatte, in das Hauptquartier seines Armeekorps, und nun ging es der großen Schlacht entgegen: Jmmermann als Kurier immer etwas voraus. „Endlich brach," so erzählt er in den erhaltenen Bruchstücken seines Tagcbuck)es, „der verhängnisvolle 15. Juni an. Um 10 Uhr wurde in allen benachbarten Kantonierungen Lärm geschilagen und geblasen, worauf sogleich auch für uns der Befehl zum Aufbruch folgte, der nach unendlichem Umhcrlausen, Lärm, Geschrei und Verwirrung um 12 Uhr geschah. Bei Anville ttafen wir die Bataillonswagen, an die mir itns anschloffen und ihnen bis zur Chaussee von Namnr folgten, tvo wir das ganze dritte Armeekorps aufmarschiert fanden. Sobald wir aukamen, mußten wir mit den Fouric- ren des Regiments fort nach Naniur, tim dort Fourage zu empfangen. In Namnr war großer Spettakel. Die Nachricht bestättgtv sich, daß die Franzosen im Anrücken und General Ziethen bedrängt sei. Während wir mit dem Empfangen beschäftigt waren, rückten das zwefte und dritte Armeekorps durch. Daß beim Anblick dieser unendlichen Massen meine Stimmung ernst und feierlich ward, war natürlich, wie überhaupt die Augenblicke, die einer großen Ent- fcheidung vorangehen, etwas beengend sind. . . . Eine furchtbare Nacht brach att. Unsere von Ciney mitgebrachteti Lebensmittel sollten verteitt, Stiefel, Pulver und Blei ausgegeben und Kugeln gegossen werden. Nie ist wohl vor der Schlacht kein Detachement so wenig gerüstet utrd in solcher Verwirrung gewesen als das nnsrige. Der Lentnattt lief in Verzweiflung umher, der Feldwebel rieb sich den .Kopf, aus dem kein vernüttftiger Gedanke kommen tvottte. Wir Fonriere steckten in Mehl, Fleisch und Branntwein bis über dce Ohren, riesen uns die Kehle ab, um unsere Vorräte 'trat Mann zu bringen, aber eür jeder ging taub vorüber." Am sol- gettdetc Tage empfing er bei Ligny die Feuertaufe; ttnvergän