Kr. 156 Zweites Erfthemt ÄUkch mit Ausnahme deS Sonntags. Di« „Sfefcott FamiNenbläLler" werden dem „Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreirblatt fltr den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seitfragen" erscheinen monatlich zweimal. Blatt 166. Jahrgang G Seneral-Anzeiger für Gberhchen Donnerstag, 6. Juli 1916 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jcherr Universitäts -Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen. Schrfftleitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schuld stratze 7. Geschäftsstelle u.Verlag:S-^ö1,Schrick leitung: S^zZ-112. Adresse für Drahtnachrtchten.' Anzeiger Gießen. Der Krieg zu Lande in den Monaten Mai und Juni. WlsdemG roßen £>« liiflt qua r tic c hritb uns geschrieben: Irr den beiden letzten Monaten hat die allgemeine Kriegslage >rn beständiger Steigerung eine derartige Verschärfung erfahren, jba&zbic Wende dom Juni zi:m Juli weniger als je zu einem z-u- sammenfa ff enden Rückblick geeignet erscheinen möchte. .Trotzdem soll der Versuch eines solchen in den nachstehenden Zeiten unternommen werden. .Es ist ja nicht daS erstemal, daß im&~eüi vollkommener Umschwung der Lage zu imseren Ungunsten lange vor beirr Einsetzen der Ereignisse, die ihn herbeisühren sollten, von der gesamten Presse unserer Gegner angekündigl worden ist. Weder diese Ankündigungen rvoch die ihnen folgenden Taten fwfcm es je vermocht, uns die Ruhe zu nehmen, die auch der Gruudtou der nachstehenden Betrauungen sein darf. I. Wersen wir Mnächst einen fluchtigen Blick aus jene Schauplätze des weitverzweigten Kriegsgeschehens, die in einer Verhältnis- mätzgen Ruhe zu verharren scheinen. Warn die Wirgünqe aus dem Balkan zurzeit einen der BrrnÄpunkde deS fieberhaften Anteils, man kann sagen der ganzen Wett darstckben, so hat das weniger in militärischen Vorgängen liSriaai Grirnd, alS in politischen. Zwar scheint der Wtransport Äer neu Msaurmengestcllten serbischen Armecreste nach Saloniki beerdigt zu sein, aber zu ernstlichen Zusammerrstößen ist es auf .Ler'urazÄVnischxn Front noch immer nicht gekommen. Immerhin ift eine Ajeränderuug der Lage dadurch eingetreten, daß die Bul- gwceu am 26. Mai sich in den Besitz des Rupelpasses gesetzt und Erna taktisch günstigere Stellung vorwärts dieses Passes ausgebaut 'Haben. Diese Vorgänge haben der Entente den Vorwand zu einer schr-oisen Verschärfung der Bedrückung! hergeben müssen, welche -seit Monaten aus dem Grüechenvolkc lastet. Griechenland ist durch seme geographische Lage und seine» Armut an natürlichen Hilfsquellen jedem Zugriff eines Stärkeren ausgesetzt. Tie beispiellose BrÄalrtät, mit der die Entettte diese Zwangslage des Hellenentums ausgenutzt hat, um sich in die innersten Angelegenheiten des wehrlosen ÄucheS einzuzwängen und Monarchie und Volk zu willen- losen -Spielzeugen ihrer Ziele zu pressen, steht in seltsackem Gegensätze zu her Erstarrung jedes militärischen Betätigungsdranges, die nun schon feit mehr denn einem halben Jahre das mit so viel Geschäftigkeit und Lärm zusannnengebrachtc Ententeheer an die unmittelbare Umgegend des zwangsweise besetzten neutralen Sa- lonüi fesselt. Mch auf den vorderasiatischen Kriegsschauplätzen scheint die in früheren Abschnitten unserer Betrachtung so lebhaft gesteigerte Regsamkeit mtferer Feinde nachgelassen zu haben. Ter Fall Knt-el-Amcrras hat weder den Engländern noch den Russen Anlaß gegeben, in durchgeführten Unternehmungen größeren Stils für den bedeutungsvollen Erfolg der türkischen Waffen einen Ausgleich zu schaffen. Die Angriffe der Russen in Gegend Kasri—Schrrin sind zum Stehen gebracht, ein lange vorbereiteter Angriff russischer Kräfte hat am.3. und 4. Juni mit einer Entscheidenden Niederlage der Angreifer geendet. In Armenien vollends ist das vor nicht allzulanger Zeit noch so energische und sieggekröntc Vordringen russischer Streitkräfte zunächst zum Stehen gekommen, und dann haben die Tütken auf der ganzen Front die Russen zurückgedrängt. Sie stehen mit stärkeren Kräften bereit, den Vormarsch noch Nordpersien fortzusetzen. Ebensowenig haben sich die Italiener entschließen können, die Enge ihrer Umstellung bei Valona durch den geringsten Vorstoß auszuweiten. II. Von den entfernteren Kriegsschauplätzen hat sich sonach d-ie kriegerische Regsamkeit unserer Gegner immer mehr hinwegge- zogeu, UM, den Pariser Beschlüssen entsprechend, die „Einheit der Front" nachhaltiger auf den inneren Ring konzentrieren zu tonneu. Hier versucht der Feind, die Mittelmächte — unter Zuhilfenahme einer rücksichtslosen Anspannung der nach der Ausfassung aller unparteiischen Beurteiler völkerrechtswidrigen Mitblockade der Neutralen —. immer enger zu umschließen und sich in Ruhe auf eine gemeinsame große Offensive vorzubereiten. Aber dazu haben die Mittelmächte ihren Feinden nicht Zeit gelassen. Einer der beiden Vorstöße der Mittelmächte ist bereits seit geraumer Zeit im Gange: der Angriff gegen die französischen Stellungen auf beiden Maasufern um Verdun. Er hat einen machtvollen, alle feindlichen Gegenanstrengungen Schritt für Schritt niederwucht enden Fortgang genommen. Da dies gewaltige Schauspiel der Schlacht an der Maas, für beide Kämpfer gleich ehrenvoll, danerud die hingerissene Teilnahme der Welt in Atem hält, brauchen hier nur die großen Grundlinien nachgezogen zu werden. Tie Einzelheiten sind ia in frischer Erinnerung. Das wechselvolle Ringen auf dem linken Maasufer nahm während des ganzen Maimonats ohne Ermatten seinen Fortgang. Es galt,'die nach der Einvachne des Waldes von^Avocourt zwischen diesem und dem „Toten Mann" entstandene „sackstellung" auszuräumen. Tiefes Ziel ist in schrittweisen, durch klemere Rück- schlüge nur vorübergehend gehemmten Vorarbeiten ohne Rast erreicht worden. Abschnittsweise wurden.die nördlichen, die westlichen. zuletzt am 21. Mai die ösllicheu'Ausläufer der Hohe 304 gestürmt. _ Oeftlich des „Toten Mannes" ist am 23. Mai die Trümmerstätte, die einstmals das Tors Eumieres war, gestürmt worden. Tie au diesem Tage noch gescheiterte Eroberung der Caurettes-Höhe und des ganzen Geländes von der Südkuppe des „Toten Mannes" bis zur Südspitze von Eumieres konnte bis Ende Mai erzwungen werden. Auch in diesem Abschnitt brachte der Juni häufige und gleichermaßen erfolglose Gegenstöße. Seit der Maimitte versuchten die Franzosen mit verzweifelter Anstrengung, den Schwerpunkt der Maaskämpfe auf das rechte Ufer hinübe.rzuveißen. Nach einer riesigen Artillerievorbereitung, holten sie zu einem wuchtigen Schlage gegen Fort Douaumont aus. Es gelang ihnen, am 22. Mai bis an die Kehle des Forts vorzustoßen. Ta setzte der Gegenangrin ein: schon der 24. Mai brachte den Franzosen eine schwere Niederlage. In glänzendem fortgesetzten. Angriff eroberten die Deutschen die ihnen entrissenen Stellungen zurück, drangen weit über sie hinaus, brachten am 1. Juni den ganzen Cailletttwald in ihre Hand. In den folgenden Tagen wurde das Torf Damloup und endlich auch das Fort Vaux erstürmt und fest in unsere Hand gebracht. Seine tapfere Besatzung, die sich in den unteren Gewölben gehalten hatte, mußte am 7. Juni kapitulieren. Am 8. Juni setzte ein neuer Vorstoß ein, der zunächst ein starkes feindliches Feldwerk der Feste Vaur, dann in ständigem Fortschrerten die Stellungen westlich und südlich der Thiaumont-Ferme und endlich am 23. Juni das .Panzerwerk Thiaumont selbst und den größten Teil des Torfes Fleury in unsere Hand brachte, den Zentralpunkt und den linken Flügelpunkt der zweiten französischen Hauptstellung. Me diese Errungenschaften mußten und konnten gegen wütende französische Gegenangriffe gehalten werden, zuletzt noch am 26. und 27. Juni gegen einen Stoß größten Maßstabes auf der ganzen Fvontbreite des Abschnittes Thiaumont—Fleury. Die Kämpfe dieser zwei Tage rechnen zu den schwersten und für die Franzosen verlustreichsten des ganzen Krieges. Unerbittlich nimmt hier der Zermürbungs- prozeß an Frankreichs Heeren seinen Fortgang. Rriegsdriefe as§ dem Weste«. Don urrserm Kriegsbericht ersttttter. Odr-erechkigper Nachdruck, auch ansArgÄvrise, verboten) Gute Prise! Großes Hauptquartier, im Juni. In der Nacht vom 22. zum 23. Juni wurde, wie schon amtlich gemeldet worden ist, der englische Dampfer „Brussels" von einem deutschen Patrouillenboote angehalten und samt Ladung und Passagieren nach Zeebrügge eingebracht. Es war morgens gegen 2 Uhr 20 Minuten, als von dem deutschen Schiffe in der Nähe des Nor- thinderfeuerschisies &n auffallendes Fahrzeug gesichtet wurde. Es schien ganz schwarz zu sein, hatte Seitenlichter, offenbar um für einen Segler gehalten zu werden, während man doch deutlich den Rauch eines Dampfers erkennen konnte. Das deutsche Fahrzeug näherte sich dem verrnnmmten Fremdling, befahl ihm, zu stoppen, fuhr längsschiff heran und entsandte ein Prisenkommandv an Bord. Als der Kapitän des der englischen Great Eastern Railivap Companp gehörigen Dampfers „Brussels" erkannte, daß der böslich und fließend sprechende Offizier, der ihn zu der guten See beglückwünschte und den er für einen Landsmann gehalten hatte, in Wirklichkeit einer von den „damned Germans" war, konnte er schon keinen Hilferuf mehr ertönen lassen, denn die Funkenstation war bereits von der Prisenmannschaft besetzt. Diese hatte auch dafür gesorgt, daß jede Gegenwehr vergeblich gewesen wäre, und so blieb nichts anderes übrig, als den höflichen, aber bestimmten Anordnungen der Teutsc^n Folge zu leisten. Diese verlangten, daß die englische Besatzung in das deutsche Patrouillenboot hinüberstieg, ebenso ein großer Teil der Maschinenbedienung, und daß ihnen das Schiff nach dem deutschen Kriegshafen Zeebrügge folgte. Ter Kapitän, Herr Charles Frvatt, nrußte an Bord bleibeil. Tie deutsche Prisenmannschaft machte sich sofort mit den technischen Einrichtungen des Schiffes bekannt, und nach einigen Schwierigkeiten sprang die Maschine an. Als Kohlentrimmer und Heizer wurden ein paar Russen angestellt, die man unter den Passagieren fand, deren Zusammensetzung überhaupt, wie wir noch später hören werden, interessant war. In verhältnismäßig kurzer Zeit gehorchle die fremde Maschine den deutschen Führern. Länger hätte man auch nicht mehr zaudern dürfen, denn man hatte Anzeichen, daß englische Kriegsschiffe in der Nähe waren. Während das deutsche Torpedoboot vorausfuhr, gelang.es allmählich, die Geschwindigkeit des 'Engländers sehr zu steigern, so daß die Gefahr, dem englischen Zerstörer zu begegnen, welcher die „Brussels" in Empfang nehmen sollte, immer geringer wurde. ^Einmal kam ein englisches Kriegsschiff auch ganz von Ferne in rffcht, das verzweifelt nach dem Verbleib der „Brussels" funkte. Ta drehte man aber Backbord ab und fühl: möglichst och:e Rauch, weil mau aus diese Be-' gcgnung keinen Wert legte. Bei beginnendem Tage passierte man das Schouwenbankfeuerschiss, in dessen Nähe man d-m Vsißntger Passagierdampscr begegnete. Tie alten holländischen Seebären mögen recht crftanitte Augen gemacht habe.il, als sie den Engländer mit solcher Beschleunigung und solcher Begleitung Zeebrügge erstreben sahen. Beim Eintritt in die deutschen Kriegsgewässer wurde aus der „Brussels" die deutsche Flagge gehißt, und der Kapitän mußte es sich gefallen lassen, in einem unter Deck befindlichen Raume ein- gcschlossen zu werden, von dem aus er nichts von den deutschen Kriegsrüstungeil beobachten konnte. Unr einhalb acht Uhr morgens l