Ta\ 138 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die ..Gteßener Famillendlätter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das ..Uretrblgtl für den «reis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal. lfM5. Jahrgang General-Anzeiger für Freitag. 2. Juni 1 »Kfö Rotationsdruck und Verlag der Vrübl'schen Univcrsitäts - Buch- und Steindrnckerei. R. Lange, (9ieucn. Schriitleitiing,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schulstraße?. Geschäftsstelle u.Verlag:^^5I,Schrift- leitung: e^@112. ^ldresse für Drahtnachrichten: Anzeiger (ließen. ^id. Deutscher Reichstag. 56. Sitzung, Mittwoch, den 3 1. Mai 19 16. Am Tische des Bundesrats: v. Iagow, H e l f f e r i ch. Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 11 Uhr 15 Minuten. Gesandkschafksneubau in Sofia. kin Nachtragsetat für 1916 fordert für das Auswärtige Amt bei den einmaligen Ausgaben 660 000 Mark an. Hiervon sind 600 000 Mark als erste Rate für die Errichtung eines Gesandtschaftshauses in Sofia vorgesehen; die restlichen HO 000 Mark sollen zum Erwerb eines an die Botschaft in Kcmstantinopel angrenzenden bebauten Grundstückes dienen. Staatssekretär de§ Auswärtigen Amtes v. Jagow: Der Besitz eines eigenen Gesandtschastsgebäudes in Sofia ist bereits seit langem ein Bedürfnis, wurde aber mit Rücksicht auf andere wichtige Ausgaben bisher immer zurückgestellt. Die meisten arideren Großstaaten besitzen schon eine eigene Gesandtschaft in Sofia. ES ist sehr schlierig, dort geeignete Räume für die Gesandtschaft zu mieten; auch die jetzt gemietete ist infolge Verkaufs gekündigt worden. Wenn wir von dem Grundsatz, keine neuen Forderungen au bringen, in diesem Falle abgesehen haben, so liegen ausreichende Gründe dafür vor. Es ist sehr erwünscht, daß die in dem gemeinsamen Kampf so herzlich gewordenen Beziehungen zu Bulgarien auch äußerlich durch ein eigenes Gesandtschaftsgebäude zum Ausdruck kommen. Auch diebulgarische Regierung teilt diesem Wunsch lebhaft und ist uns so weit entgegengekommcn, daß fic^i c Schenkung eines Grundstückes zum Bau der Gesandtschaft in Aussicht gestellt hat. Ich habe gerade heute ein Telegramm bekommen, nach dem ein sehr geeignetes Mundstück an einem der größeren Boulevards dafür ausgewählt worden ist. Diese.Schenkung bedarf noch der Genehmigung der Sobranje, doch erwarten wir, daß sie sie mit gleicher Bereitwilligkeit erteilt. Ich hoffe, baß auch Sie uns Ihre Zustimmung nicht versagen werden. (Beifall.) _ Die Vorlage wird ohne Aussprache in erster und hierauf in zweiter Beratung angenommen. Die Beratung des Entwurfs einer dritten Ergänzung des Besoldungsgesetzes wird einstweilen zuruckgestellt. Die Kriegssleuer-Mlagen. r (Zweite Lesung.) Z u nä chs t findet eine allgemeine Aussprache über sämtliche Steuer vor lagen statt. Zur Beratung stehen also bas Kriegsgewinnsteuer- gesetz, das Quittung? st empelgesetz, bas Gesetz über die Erhöhung der Tabakabgaben, die außerordentliche Reichsabgabe zu den Po st- und Telegrapben- gebühren und das Frachturkunden st empelge setz. Zu sämtlichen Vorlagen liegen bereits eine ganze Reihe von A n t r ä g e n vor. Die bürgerlichen Parteien, die sich bekanntlich «Sf ei» Kompromiß geeinigt haben, legen dazu noch e i n ige EogänzurigSanträge vor, die bereits veröffentlicht wurden. So beh«nchelt ein Antrag Liesching der Kompromißparteien die Steuerpflicht der Gesellschafter einer inländischen Gesellschaft mit beschrankter Haftung. Ein Antrag Frhr. v. G a m p lDeutsche Fr.) verlangt, daß die Heereslieserer durch die in Betracht kommenden amtlichen Stellen den Steuerbehörden unverzüglich bekannt zu geben sind. Die Ausstellung von Auslandspässen soll bis auf weiteres. falls nicht der Zweck der Reise zweifelfrei festgestellt ist, nur noch dann gestattet sein, wenn der Antragsteller entweder nachweist, daß er bereits die von ihm zu entrichtende Kriegs st euer bezahlt oder Sicherheit für sie geleistet hat. Anträge der Sozialdemokraten fordern eine schärfere Heranziehung der größeren Vermögen. Zu/den Postgeb ühren liegt ein Antrag Kopsch, Hu brich (Fortschr. Vp.) vor, der einen Gesetzentwurf fordert, durch den die Bestimmungen über die Befreiung der regierenden Fürsten sowie der Gemahlinnen und Witwen dieser Fürsten von Porto-, Telegraphen- und Fernsprechgebühren aufgehoben werden. Der gleiche Antrag ist von beiden sozialem okratischen Gruppen gestellt. Abg. Südckum (Soz.) als Berichterstatter: Keine Steuer ist volkstümlicher, als die KriegSgewinn- steuer, eine Steuer für die, die ernteten, ohne gesät zu haben. Abg. Herold (Ztr.): Durch die vorliegenden Steuern ist an dem grundsätzlichen Standpunkt, indirekte Steuern dem Reich, die direkten den Einzelstaaten, nichts geändert. ES soll kein Präzedens geschaffen werden. Das muß ich mit Nachdruck betonen. Der Kriegsgc- w i n n ließ sich nicht gut erfassen. Deshalb kam man zu einer Reichsvermögenszuwachs st euer. Auch das war noch nicht richtig durchführbar, weil sich SckM>ankungen ergaben. Deshalb hat man jetzt die allgemeine Verdoppelung der Sätze vorgesehen, während die Vorlage nur bei einem Teil verdoppelte. Ebenso wurde eine Staffelung durchgeführt, die eine wesentliche Steigerung des Aufkommens ergeben wird. Ohne die großen Vermögensvermehrungen in den letzten Jahrzehnten waren wir nicht im Stande, den Krieg finanziell zu bestehen. Die Ouitttingssteuer wurde mit Recht im Ausschuß abgelchnt und durch die Waren-Umsatz-Steuer ersetzt, die keine so große Belästigung der breiten Maßen bedeutet. Der Ertrag der Tabaksteuer ist durch die Beschlüsse der Kommission ganz wesentlich gesteigert worden; der einheimische Tabakbau ist gegenüber dem Auslande wesentlich begünstigt worden. In der Kommission kam auch die Monopolfrage zur Sprache. Ehe man zu neuen Monopolen übergeht, soll man die vorhandenen zur größten Er- tragsfähigkeit ausbauen, wie das bei der Post geschehen ist. Steuern zu bewilligen ist für das Parlament eine dckr schwierigsten und unangenehmsten Aufgaben. Daß eine Einigung erzielt worden ist, muß jeder Patriot mit Freude begrüßen. Der Reichstag hat mehr gegeben, fast das Doppelte von dem, ivas die Regierungen verlangten. Diese Opfcrwilligkeit des deutschen Volkes bürgt für einen glänzenden Sieg unserer gerechten Sache. Abg. Stoltcn (Soz.): Die Vorlagen der Regierungen sind ganz im Geiste der bisherigen Finanzpolitik aufgezogen und lassen jeden schöpfe- rischen Gedanken vermissen, ebenso. jedes Verständnis für die politischen Wirkungen. Von der Neuorientierung ist noch nichts zu spüren. Der Schatzsekretär war allerdings sehr stolz daraus, den richtigen Ausgleich zwischen direkten und indirekten Steuern gefunden zu haben. Die Umsatzsteuer bringt für das gewerbliche Leben eine ganze Menge von Schwierigkeiten und Scherereien mit sich Die Postzuschläge sind eine erhebliche Erschwerung des Verkehrs. Die Kriegsgewinnsteucr kommt in diesem Etat, da sie nicht in ihm hineingearbeitet worden ist, nicht als Gegengewicht für die indirekten Steuern inbetracht. Allerdings wollten zunächst die bürgerlichen Parteien sich durch die Vermehrung der Besitzsteuern einen Ablaßzcttel für die indirekten Steuern sichern; der Schatzsekretär verlangte aber bei einer Vermehrung dieser Steuern auch eine entsprechende Erweiterung der indirekten Steuern. Die Regierungsvorlage brachte nicht die Kriegs-gewinnsleuer, die man erwartete; der Ausschuß hat ihre Sätze ja verschärft, aber noch lange nicht genug. Die Regierung hat sich mit großer Entschiedenheit gegen eine Wiederholung des Wehrbeitrages ausgesprochen, unter Berufung darauf, daß das Versprechen gegeben worden sei, ihn nur einmal zu erheben. Dieses Festhalten an einem Versprechen ist nicht angebracht, nachdem sich die Verhältnisse so gründlich geändert und dieser ungeheure Krieg ausgebrochen ist. Die jetzige Vermögenssteuer ist kein Ersatz für den Wehrbeitrag, weil er die geringen Vermögen ebenso faßt wie die Gewinne der größten K'r i e g s w u ch e r e r. Man will den Schein erwecken, als wenn man eme Vermögenssteuer schafft, und erhebt sie unlogischerweise, wo gar kein Zuwachs vorhanden ist. Dem Zuloachs stehen auch oft erhebliche Verluste gegenüber. Diese Art der Steuer halten wir für ganz irrationell. Ein weiterer großer Mangel der Vorlage ist die Freilassung der Erbschaften. Jetzt, wo so viele im Felde fallen, kommen Tausende von Leuten in den Besitz einer Erbschaft. die nie darauf rechneten. Wir dürfen diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen. Der Besitz muß tief in den Beutel greifen angesichts des ganz ungeheuerlichen Bedarfes! Für die Kriegssteuern kommt zuerst der Besitz in Frage. Wer hätte die Kontributionen zahlen müssen, wenn wir den Feind im Land hätten? Wessen Besitzquellen wären vernichtet worden? Die der Besitzenden. Deshalb müssen sie bluten. Kein Opfer dsirfte ihnen zu hoch sein, weil sie statt der Verluste noch Millionengewinne gehabt haben. Wir brauchen nicht zu B e l ü st i g u n gs st e u e r n zu greifen. Wir werden die Ver- kehrsabgabcn und die Tabaksteuer unter allen Umständen ab - lehnen. Vizepräsident Dr. Paasche teilt mit, daß auf Antrag Scheidemann (Soz.) über einige Anträge namentlich crbgestimmt werden soll. Diese Abstimmungen werden am Freitag stattfinden. Abg. Dr. Wicmer (Fortschr. Vp.): Im Hinblick aus das Ausland muß die Geschlossenheit und Einigkeit im Volk und unter den Parteien nach wie vor eine wesentliche Voraussetzung des Sieges sein. (Zustimmung.) Deshalb hätten wir an der Steuerverständigung gern die Sozialdemokratie beteiligt gesehen, um mit ihr in gemeinsamer positiver Arbeit zusammenzuwirken. An Bemühungen, die Sozialdemokratie zu gewinnen, hat es nicht gefehlt, sie sind an der grundsätzlichen Meinungsverschiedenheit, inwielveit die indirekten Steuern znr Steuerreform heranzuziehen sind, gescheitert. AuS der Ablehnung der Verkehrsabgaben und der Tabaksteuer durch die Sozialdemokraten müssen die Folgerungen gezogen werden. Wir treten aus den Boden der Beschlüsse des Steuerausschusses, da unsere Bedingung einer angemessenen Heranziehung des Besitzes zur Besteuerung erfüllt worden ist. Niemand wird es verstehen, daß der Wehrbeitrag, der zur Rüstung für den Krieg diente, jetzt mitten im Kriege unerhoben bleibt. Aber der Widerstand der verbündeten Regierungen war nicht zu überwinden, und eine Mehrheit für die nochmalige Erhebung ließ sich nicht aufrecht erhalten. Die an seine Stelle getretene Kriegs st euer vom Vermögen ist freilich nur eine einmalige Besteuerung. Das ist in unseren Augen ein großer Mangel. Die bedeutsamste finanzpolitische Aufgabe der Zukunft ist für uns eine gründliche großzügige Ordnung der Beziehungenvon Reich und Einzel st aaten. Das bisherige Nebeneinander und Durcheinander hemmt die Entwicklung. Der Grundsatz, dem Reich nur indirekte Steuern zu gewähren, mußte bereits durchlöchert werden, und bei der zukünftigen Stuerreform wird mit ihm ganz gebrochen werden müssen, weil das Reich vor neuen gewaltigen und großen Ausgaben steht. Möchten die Vertreter der Bundesregierungen künftig etwas mehr Verständnis für eine großzügige Lösung der Frage, etwas mehr Weitblick, etwas mehr entschlußfrohes Eintreten für den Reichs- gedankcn bekunden, als es leider jetzt der Fall war. (Lebhafte Zustimmung.) Der Gedanke darf nicht verwischt werden: Das Reich voran! (Zustimmung.) Der preußische F i n a n z m i n i st e r hat gestern in unfreundlichen Aeußeruugen vom Reich als drittem Teilhaber an der Besteuerung eine schwere Krisis innerhalb der einzelnen Staaten an die Wand gemalt. Damit hat 2r weit über das Ziel hinausgefchossen, wie auch mit seiner^ Behauptung, wenn sich die Steucrvorlagen im Reich jetzt unbefriedigend gestalteten, so sei die Fortschrittliche Volkspartci schuld daran. Was er uns da zum Vorwurf hat machen wollen, ist ein Erfolg unserer Arbeit im Reichstag. Was dem einen sin Uhl, is dem andern sin Nachtigall. Der schwarz.weiße Uhl ist uns eine schw a r z - w e i ß - r o t e Nächtig all. (Heiterkeit.) Die Vermögensabgabe bleibt allerdings hinter unseren Wünschen zurück. Dar Vorredner hat sie ein Monstrum und eine Fehlgeburt genannt, erzeugt im Wege luftiger Konstruktion vom Abscheu der Finanzminister vor einer wirklichen Vermögenssteuer. Nicht 'ganz unzutreffend. Ich möchte ein anderes Bild gebrauchen. Die Herren kennen den Jungbrunnen, in denen alte Weiblcin hineinspringen und auf der anderen Seite als blühende Jung- fraucn herauskommen. Diesmal war cs umgekehrt. In den Jungbrunnen des Schatzsekretärs Helfferich ist eine blühende Jungfrau in Form einer wirklich annehmbaren Vermögenssteuer hineingestiegen, jedoch herausgekommen ist ein verschrumpeltes, vermummtes altes Weiblein, das der Staatssekretär Helfferich mit empfehlenden Worten dem Reichstag anpreist. (Große Heiterkeit.) Man versteht, daß der Reichstag bedenklich ist, dieser Neuschöpfung die Hand zum Bunde zu reichen. Aber bei einer steuerpol it i scheu Eintagsfliege kommt eS weniger auf die äußere Gestalt an, als auf die Erfüllung der finanziellen Vorbedingungen. Unseres Er- achtens ist der Grundsatz der Neichsvermögensbesteuerung festgelegt worden. Auch der Vermögensverlust fällt darunter. Die Heranziehung des Besitzes gegenüber der Regierungsvorlage ist verschärft worden. Für manche Vermögen ist ein Verlust von 10 Prozent eine harte Schmälerung der Einnahme, andere sind ober trotzdem recht ansehnlich geblieben. Irgend eine Grenze muß bei der absonderlichen Konstruktion der Vorlage gezogen werden. Bei 20 oder 30 Prozent blieben dieselben Einwendungen. Der Schatz- sckretär rechnet mit etwa 200 Millionen als dem voraussichtlichen Ertrag. Daneben steht die verschärfte Kriegsgcwinnsteuer als Be- sitzbesteucrung. Die Abänderung der Kriegsgcwinnsteuer hat eine außerordentliche Verschärfung zur Folge, wie sie bisher noch nicht dagewesvn ist. Uebertricbene Schärfen hat der Ausschuß zu vermeiden gewußt. Wer im Kriege eine Vcrmögensvermehrung er- fahren hat, soll auch etwas für die Kriegskosten abgeben. Durchaus zu Unrecht hat man allerdings alle diese Leute als Kriegs. Wucherer bezeichnen wollen. Wir haben die Besitzbesteuerung nicht als Ablaßzettcl für die indirekten Steuern benutzen wollen, sondern nur als Ausgleich. Ohne indirekte Steuern geht es aber nicht ab. Bei. den direkten Steuern heißt es: 8unt certi äenique fines! Wir müssen alle Steuerquellen heranziehen. Im Frieden würden wir wahrscheinlich den Steuern unsere Zustimmung versagt haben. Jetzt gilts, die Mittel für das Reich zu schaffen und ihm den Kredit zu erhalten. (Sehr richtig!) Theoretische Bedenken müssen wir zurückstellen. So bedauere ich die Erhöhung der Briefportosätze und hoffe, daß sie bald 'wieder ermäßigt werden. Erfreulich ist uns die Ermäßigung des Drucksachenportos und des Nachrichtendienstes der Presse durch den Telegraphen! leider konnte sie nicht auch auf den Fernsprechverkehr ausgedehnt werden, weil hier eine Scheidung nicht möglich ist. Die Regelung der Tabakbesteueruirg muß auch 'in unveränderter Form in die endgültige Finanzreform nach dem Kriege ausgenommen werden; das hat uns ja der Staatssekretär schon im Ausschuß zugesagt. Die Quittungssteuer hat ein Begräbnis erster Klasse erfahren und wir hoffen, daß die Regierung nicht ihren Leichnam wieder zu galvanisieren versuchen wird. Gegen die Umsatzsteuer haben wir immer noch große Bedenken, aber die tatsächliche Belastung ist so gering, daß man sie nicht als unerschwinglich bezeichnen kann. Der Reichstag muß die Einnahmen schaffen, nachdem er die Ausgaben für den Krieg bewilligt hat. Auch in weitesten Volkskreisen wird die Notwendigkeit neuer Steuern anerkannt und die Verpflichtung, neue Stuern zu übernehmen. Ein baldiger glücklicher Friedens schluß wird uns hoffentlich eine wirtschaftliche Wiedererstarkung bringen. (Beifall.) Abg. Keinath (Natl.): Die jetzige Fassung der Steuergesetze ist die Folge eines Kompromisses zwischen Reichstag und Regierung, das sich wieder aus einen Kompromiß der Parteien auf- baut. Ein Werk, das so aus Kompromissen entstanden ist, löst nirgendwo restlose Befriedigung ». Wäre eS nach Ihren Wünschen gegangen, so würde es allerdings arrders geworden sein. Denn der Abgeordnete Vogkherr hat in der Kommission angeregt, den Wertzoll abzusckafftn. (Zuruf bei den Soz.: Hat gar nicht teilgenommen an der Kommission?) Auch die Ver- kehrssteuern werden während des Krieges und nach dem Kriege leicht getragen werden. Während des Krieges darf man rncht übersehen, daß durch die Feldpost für die große Masse bet Bevölkerung jetzt Portofreiheil besteht, soweit ih« Angehörigen im Felde find. Schärfer werden von der Portoerhöhnng die kaufmännischen Kreise betroffen, und gerade sie haben sich der Notwendigkeit dieser Neuste lasirrng nicht verschlossen. Die Opposition der Sozialdemokraten gegen den Umsatzstempel kann ich nicht versteh». Der Vorwurf, daß indirekte Steuern den einzelnen ohne Rückficht auf seine Leistungsfähigkeit treffen, gilt für den Umfatzstempel nicht. Der Verbrauch ist immer noch ein besserer Gradmesser' als wir ihn bei d» bisherig» indirekten Steuern haben. Dazu kommt, daß, waS nicht verbraucht wird, Vermög»szuwachs ist und im Reiche durch die Vermögenszuwachsst»er erfaßt wird. Hieraus ergibt sich folgender Aufbau: das Einkommen selbst wird in den Einzel- staaten erfaßt, derjenige Teil, der verbraucht wird, fällt unter den Umsatzstempel. WaS nicht verbraucht wird, trifft die Zuwachssteuer. Wir wollen darauf hinwirk», daß die Erhebung dieser Steuer so bequem wie möglich gemacht wird. Die Ums atz st euer ist ein erster großer Versuch. Ich halte sie für ausbaufähig, aber erst, w»n man Erfahrungen mit ihr gemacht hat. Diese Erfahrungen werden um so besser sein, je bequemer man ihre Durchführung gestaltet. Ein Vorteil der Umgestaltung der Vorlage im Ausschuß, der zweifellos von allen fteudig begrüßt wird, ist die E r h ö Hai n g des E t r" a g e s der Steuern. Für das lausende Finanzjahr wird allerdings kaum mehr als 480 -Millionen herauskommen, da die Steuer nicht für das ganze Jahr in Kraft tritt. Das Jahres- erträgnis -.st aber auf 640 Millionen zu veranschlagen. Alles, was wir machen, ist ein erster und kleiner Schritt auf dem Wege, die Finanzen des Reiches, der Einzelstaaten und der Gemeinden in Zukunft in Ordnung zu bringen. Das wird eine gewaltige Arbeit sein. Sehr viel Opfermut wird nötig sein und, ich glaube, auch manches Kompromiß. Zu diesen 640 Millionen Mark kommt dann noch der E r k r a g de r Kriegsgewinnsteuer, der sich noch nicht abschätzen läßt, aber meiner Meinung nach wohl eine Milliarde überschreiten dürfte. Schätzungen von anderer Seite auf etwa drei Milliarden halte ich für überlrieben. Das Ergebnis der englischen Kriegssteuer beträgt 86 Millionen Pfund. (Zuruf: 50 Proz.) Gewiß, in England beträgt die Kriegsgewinnsteuer 50 Prozent, dafür ist aber der Kreis der Betroffenen sehr vi^ enger als bei uns. Trffft aber bei uns diese Steuer zunächst die Gesellschaften und dann den Privatmann, so dürfte sie auch 50 bis 60 Prozerrt bei uns erreich». In dem großen Ertrag der englisch» Kriegsgewinnsteuer stecken allerdings auch die gewaltig» Reedereigewinne, die England während des Krieges seinen Verbündeten abgenommen hat. (Sehr gut!) An dem Zustandekommen dieses Gesetzes ha! nicht nur der Reichstag, sondern d i e gesamte deutsche O e f f e n t l i ch k e i t ein großes Interesse. In allen Kreisen hat sich das Verständnis für die Notwendigkeit, Opfer für das Reich zu bringen, gesund». Die Debatt» in der Oeff»tlichkeit und in der Presse sind in einem ruhig» und sachlich» Ton geführt Word», überall klang der Gedanke durch, das Reich müsse bekommen, was es brauche. Für den Reichstag wird es immer ein Ruhmesblatt bleiben, nicht nur, daß er im Wege des Kompromisses die Reigerungsvorlage genehmigt hat, sondern, daß der Ertrag in seinem Schluhergebnis über das hinaus gegangen ist, was die Regierungsvorlage forderte! (Beifall.) Abg. Mertin-Oels (Dtsch. Frcrkt.): Im'Namen der Deutschen Fraktion habe ich folgende Erklärung cckzugeben: Die Deutsche Fraktion hält tu Uebereinstimmung mit d» verbündeten Regierungen eine erhebliche Vermehrung der Einnahm» des Reichs für ein nnabwetS- bares Bedürfnis. Sie wird daher bis auf einige Mitglieder, die ihre Bedenken gegen einzelne Steuern nicht zu überwinden vermögen, den K om p r o m i ssa n t/r ägen zn stimmen. 'Abg. Bernstein (Soz. Arb.-Gem.): Das Bündel Stenern. das uns vorletzt, lässt jeden sozialen Zug vermiss». Staatssekretär Dr. Helfferich: Der Vorredner hat uns wiederum England als Vorbild ftir die Finanzierung des Krieges vorgehalten. Während des Krieges soll das Volk an Belastung nur das zugemutet werden, was zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes in den ordentlichen Finanzen eriovderlick ist. England hat gut» Grund, darüber hinausgehen zu müssen. Während wir den Krieg durch Anleihen restlos finanzieren tomrten, stellt in England ein großer Teil der Besteuerurig eine Zwangsanleihe dar. In bet Vermehrung der Steuern von 4 auf 10 Milliarden steckt auch bk Kriegsgewinnst»er. Es handelt sich also nicht um «ne reine Vermehrung von 6 Milliard». Die Erhöhung der di«kten Besteuerung in England ist von einer Erhöhung der indirekten Steuern begleitet, von der Ihnen die Augen übergehen würden. Die Steuer auf den Zucker ist verfünffacht. Die Steuer auf Tabak und Tee verdoppelt, ebenso sind die Steuern für Kakao, Kaffee, Zichorien, getrocknetes Obst, Medizin. Mineralwasser, Zündhölzer erhöht Word». Dazu kommt die Sparkassenbefteuerung und Post- abgab». Demgegenüber schneidet Deutschland nicht schlecht ab. Der Abgeordnete Bernstein hat gemeint, ich verlängerte durch meine Red» den Krieg. Ich glaubte aber das gilt viel eher für die Reden von jener Seite, auch für die heutige Rede des Abgeordneten Bernstein. (Widerspruch bei den Soz.) Wenn gestern von einem Frieden ohne Sieger und Besiegte gesprochen Word» ist, so wirkt das kriegsverlängernd. (Widerspruch bei deu Soz.) Das mutz bei den Gegnern den Eindruck erweck», daß wir Deutsch», die wir heute die Sieger sind, nicht Sieger bleiben: Der Abgeordnete Dittmann hat gestern so gesprochen, als ob seine Rede nicht für den Deutsch» Reichstag bestimmt fei, sondern für — Zimmerwaldl (Zustimmung.) Abg. Sepda (Pole): Wir schließen uns nicht von der Mitwirkung bei dem Zustandekommen der Steuergesetzgebung auS, weil wir dem Reiche nicht dir Mittel verweigern wollen, derer es bedarf. Abg. Dr. David (Soz): Wir brauch» eine Vereinheitlichung der gesamt» Steue r g e sehgekni ng. Es hcnwelt sich um ein Kunterbunt. einen Rattenkönig von Steuervorlag» ohne einheitlichen Gesichtspunkt. Ist das Wort der Regierung in Sach» des Wehrbeitrags eine nnannehmbcrre Bastion? „Not k»nt doch kein Gebot." Der Bundesrat hat nicht das Recht, willkürliche unübersteigliche Schrank» aufzurichten. Das ist wider die Verfassrmg. Die Kriegsgewinnsteuer ist ein denaturierter Wehrbeitrag. Machen Sie daö verschrumpelte Weiblein wieder zur Jungfrau. (Heiterkeit.) Ich gebe zu, daß es schwer ist. Trcch der neuen Steuern wird das deutsche Volk die Geschlossenheit nach auß» aufrechterhalten. (Beifall.) Abg. Dr. Blrmck (F. Vp.)r Die früh»» Grundsätze können keine Geltung Hab», wen« wir an die Neuordnung dieser großen Finanzaufgaben Herangehen werd». Wir Hab» bei dem Kompromiß im Interesse des Vaterlandes große sachliche Opfer gebracht. Die allgemeine Aussprache sch!iesst. Die dritte Ergänzung zum Besoldungsgesetz wird in all» drei Lesung» angenommen, nachdem Abg. Zubeil (Soz. Arb.-Gem.) erklärt hatte, dass ihm die Vorlage nicht weit genug gehe. Die Vorlage bringt eine Aufbesserung der ben Post - assistenten gleichstehenden Beamt» und der Deck- off i zier e. Nächste Sitzung: Freitag 2 llhr. Anfrage, Rechnungssach», Kriegskontrollgesetz, Etats für die Schutzgebiete und das Kolonial- amt, Kriegs st euerge setze. Schluss 6 Uhr. i Kur dem Reiche. Der Reichskanzler in Süddeutschland. München, 31. Mai. (WTB.) Nach der Korrespondenz Losfmamr fand zwisck-en dem Reichskanzler und dem König von «Bayern nachstehender Depeschenwechsel statt: . Neuosfingen, 30. Mai. Seiner Majestät dem König, München. Euere Majestät bitte ich erneut, meinen tiefgefühlten ehrerbietigsten Dank für die so überaus gnädige Ausnahme entgegenzunehmen, deren mich allerhöchst dieselben wiederum würdigten. Wenn ich daraus die Gewißheit schöpfen darf, daß Euere Majestät meinem unwandelbaren Bestreden, dem Reich auch in seinen Fürsten und Stämmen mit allen ifteittejt Kräften zu dienen, mit allerhöchst Ihrem Vertrauen begegnen, so ist mir das die festeste Stütze und Hilfe in dieser großen ernsten Zeit. Die Bevölkerung von Euerer Majestät Residenzstadt er- tvies mir auch diesmal wieder so viel Freundlichkeit, daß ich Euerer Majestät auch dafür tiefsten Dank schulde. Bethmann Hollweg. Herrn -Reichskanzler von Bethmann Hollweg, Stuttgart. Euerer Exzellenz danke ich herzlich, für das liebens- 'jvürdige Telegramm. Ich freue mich, daß Sie so gute Eindrücke von München mitgenommen haben. Ich begleite Ihr ^verantwortungsvolles Wirken in - dieser ernsten' Zeit mit ineinen innigsten Wünschen, die getragen sind von dem vertrauen, daß Euere Exzellenz alle Kraft einsetzen für die Erreichung des großen Zieles, nach dem das gemeinsame Streben aller Bundesstaaten und ihrer Fürsten gerichtet ist, für eine glückliche, gesicherte Zukunft des Deutschen Deiches. Ludwig. Stuttgart, 31. Mai. (WTB.) Der Reichskanzler reiste heute mittag um 12 Uhr 25 Min., nachdem et! Auvor beim Ministerpräsidenten Dr. v. Weizsäcker gefrüh- MW hatte, nach Karlsruh e ab. Karlsruhe, 31. Mai. (WTB.) Der Reichskanzler Betihmann Ho-llweg ist heute nachmittag gegen Halb 3 Uhr nrit dem fahrplanmäßigen D-Zug hier ein- Mtroffeu. Am Bahnhof hatten sich zum Empfang cin- ijgefunden: Der Flügeladjutant des Großherzogs, General- wrajor Freiherr Seutter von Lotzen, Staatsminister Mreiherr v. Dusch und «der preußische Gesandte von Misendächer. Das auf denr Bahnhof anwesende Publikum brachte auf den Reichskanzler ein Hoch aus. Auf der Führt zum herzoglichen Schloß lmrvde der- Reichskanzler don dem zahlreich ihn erwartenden Publikum freudig begrüßt. Der Reichskanzler hat im Schloß Ab- Kergequartier getrommen. Im Laufe des Nachmittags wird »er vom Gro ßherzo g empfangen roerden. Auch die Groß- ^herzogrn Hilda und Luise werden den Reichskanzler empfangen. Heute abend findet inr Palais zu Ehren des ReichskanAers eine Abendtafel statt. — Die Zeitungen der Laudeshauptftadt widmen dem Reichskanzler herzliche Äegrüßungsartikel. Sie heben das vertrauensvolle Verhältnis hervor, in welchem sich die Reichsregie- amug mit den hundesfiaatlüheu Höfen unrd Regierungen befindet und sprechen die feste Zuversicht aus, daß 'der «ReichskanAer das, was von ihm gut angefangen wurde, M einem guten Ende führen werde. Darmstadch I.Juni. (WTB.) Der Reichskanzler 0. Bethmann HEvtzy ist heute nachmittag 5 Uhr 30 Min. Mit dem stchrplan-mäßigen D-Juge hver eirrgetroffen Auf köem Bahnsteig waren pan Empfange erschienen der Staats- jmtnisterDnL,. E-wald,OberstallrneisterMoritz Riedesel Mhr. zu Ei send ach, Prinz Leop old zu Menburg-Bir- istein und ein Vertreter der preußischen Gesandtschaft. Als der ReichMrnzter dem Wagen eartstie^, brach das auf dem «Bahnsteig versammelte PiLlikum in lebhafte Hochrufe taus. Der Reichskanzler, in feldgrauer Uniform, sah äußetft Wch aus. Er unterhielt sich sofort angelegentlich mit dem Staat^munster Dr. v. Ewald. Bor dem Bahnhof und in de« aus Anlaß des Sieges unserer Verbündeten mit Fah>nen xe^geschmückben Straßen wurde der Reichskanzler von dem Wuvlrkum lebhaft begrüßt. Er begab sich sofort in das Staatsministertum, wo er mit dem Staatsminrster eine etwa etnstündrge Besprechuiig hatte. Hierauf wurde er vom Groß heuzog in AuDienz empfangen, dmtach findet im schloß zu Ehren des Reichskanzlers eine Abevdtafel statt. Darmstadt, 1. Juni. (WTB. Nichtamtlich.) Der Reichskanzler von Bethinann Hollweg ist heute abend 10 Uhr 25 Min. in einem an den fahrplanmäßigen D-Zug an gehängten Sonderwageu wieder a b g e r e i st. Der Reichstag vor der Vertagung. Berlin, 31. Mai. Der Reichstag wird sich nach neueren Dispositionen vermutlich nur bis zum Oktober vertagen. Die Borlage auf Verlängerung der Legislaturperiode steht in sicherer Aussicht und zwar wird die Verlängerung um je ein Jahr gefordert werden. Vielleicht kündigt die Regierung ihre Ansicht noch vorher im Reichstage an, damit sich die Parteien auf Verlängerung einrichten können, denn es ist für diese ein dringendes Bedürfnis rechtzeitig zu wissen, ob Neuwahlen stattftnden oder nicht. Die ältesten Landsturmjahrgänge. Berlin, 31. Mai. (Amtlich.) Aus verschiedenen Mitteilungen der Tagespresse und den in letzter Zeit beim Kriegsministerium sich häufenden Anträgen auf Entlassung älterer Landsturmleute geht 'hervor, daß irrige Ansichten über den eingeleiteten Austausch der ältesten Jahrgänge des preußischen Landsturms der Aufklärung bedürfen. Da sich Landsturinmannschaften der ältesten Jahrgänge seit geraumer Zeit, zum Teil schon seit Beginn des Krieges, in vorderster Linie, oder in dem anstrengenden und wichtigen Sicheruugsdienst der Etappen- und Generalgouvernements-Gebiete befanden, schien ihre allmähliche Ablösung durch jüngere Landsturmmannschaften aus dem Heimatdienst angezeigt. Im allgemeinen ist daher die Ablösung und Zu- rückführnng zunächst der 1870 und 'früher, demnächst die der 1871 und- 1872 geborenen Mannschaften durchgeführt, oder in die Wege geleitet worden. Der älleiuige Zweck des Austausches ist, diesen seit längerer Zeit im Fqlde stehenden Landsturmleuten der ältesten Jahrgänge die Erleichterungen des D i e n st e s bei den Truppen des Besatzungsheeres zu verschaffen, nicht aber, wie fälschlicherweise angenommen worden ist,-ihre Entlassung aus dem Heeresdienst herbeizuführen. Er betrifft auch nichit Landsturm- manuschaften älterer Jahrgänge, die noch gar nichit eingezogen waren. Alle weiteren in der breiten Oefsent lichtet t damit in Zusammenhang gebrachten Meinungen über unzulässige M u st e r u n g und N e u e i n st e l l u n g der seit 1869 Geborenen, über beabsichtigte Entlassung der ältesten Jahrgänge des Landsturms usw. sind i r r i g. Die Einziehung Wehrpflichtiger, auch wenn sie zur Zeit über 45 Jahre alt geworden sind, ist nach § 27 des Gesetzes betreffend Aenderung der Wehrpflicht vom 11. Februar 1888 zulässig. Die Entlassung nicht kriegsverwendungsfähiger Mannschaften, die für militärische Aufgaben nichit gebraucht werden, ans den Ersatztruppen kann ohne Rücksicht auf das Lebensalter von den stellvertretenden Generalkommandos genehmigt werden. Liebknecht im Anklagczustand. .Berlin, 31. Mai. Wie nach der „B. Z." verlautet, ist aegen den Abgeordneten Tr. Liebknecht nunmehr Anklage wegen Kriegsverrats erhoben worden; damit würden im Fakte der Verurteilung die Mandate Liebknechts für den Reichstag und das Abgeordnetenhaus hinfällig werden. * Berlin, 31. Mai. (WTB.) In der heutigen Sitzung des B u nd e s r a t es gelangte zur Annahme der Entwurf der Bekanntmachung über eine weitere Erleichterung der Brennererbetriebe im Betriebsjahre 1915/16 uird der Entwurf einer Verordnung zur Vereinfachung der Beköstig u n g. Berlin, 31. Mai. (WTB.) Dem Reichstage ging eine Ergänzung zum Entwürfe des Reichs'ha'us- haltsetats zu. Darin werden u. a. 500 000 Mk. als erste Rate zum Bau eines Gesandtschaftshauses in Sofia, and 60000 Mk. znm Erwerb eines an die Botschaft in Konstantinopel angrenzenden Gebäudes und Grundstückes gefordert. Berlin, 31. Mai. (WTB.) Der vierzehnte Aus- schmß des Reichst« ges beendete gestern abend die erste Lesung des Entwurfs über die Feststellung der Kriegsschäden im Reichsgebiete. Der Entwurf wurde mit unwesentlichen Aendernngen angenommen. Berlin, 31. Mai. (Priv.-Tel.) Nach einer Meldung der „B. Z." wird Staatssekretär Delbrück am Samstag Berlin verlassen und sich zu einem sechswöchentlichen Kurgebrauch nach Neuenahr begeben, um alsdann nach Jena zu übers iedeln. Berlin, 31. Mai. (WTB.) Der konservative Land- tagsabgeordnete für den Wahlkreis O h l a u - Stadt und dem Landkreis Brieg, Robert K a ch e, ist heute vormittag, als er im Bahnhof Friedrichstraße den Zug besteigen wollte, im Alter von 67 Jahren infolge eines Herzschlages plötzlich gestorben. Aus Hessen. Tarmstadt, 3k. Mai. Der Fina n zaus s chu ß der Zwen ten Kammer setzt heilte seine Beratung gemeinsam mit der Negierung fort, die wieder durch die Staatsminister Dir. v Ewald, Finanzminister Tr. Becker, Geh. Legationsrat Dr. N e i d b a r t und Oberjustiz-rat Dr. Schwarz vertreten war. Tie Behandlung drehte sich hauptsächlich um die Frage derTcuerungs Zulagen für die Unterbeam t e u. Ein endgültiger Beschluß wurde noch nicht gefaßt: es wurden vielmehr die Abgeordneten Dr. Osann und Henrich beauftragt, nach den Ergebnissen der heutigen Besprechung eine Resolution für den Ausschuß vorzubereiten, in welchen den Wünschen der Beamtenschaft nach Möglichkeit Rechnung getragen werden soll. — In der Sitzung des erweiterten (Wirt- schafts-^ . Ausschusses wird in erster Linie -die jüngst in ei nein Artikel unseres Blattes eingehend erörterte Frage, ob es nicht im Interesse des Landes empfehlenswert sei, in den z. Zt. unbesetzten fünf Landtagswahlkreisen möglichst bald Ersatzwahlen anzuordnen, zur Erörterung gelangen. Zum ttriegsgewi'nnsteuergesetz. Die Deutsche Fraktion des Reichstags hat auf Vorschlag des Abg. Dr. Werner zur zweiteil Beratung des Entwurfs eines Kriegs «gewinn st euer gesetzes folgende Entschließung eingebracht: Der Reichstag wolle beschließen: die verbündeten Regierungen zu ersuchen, bei Ausführung des Kriegsgewinnsteuergesetzes folgende Anordnungen veranlassen zu wollen: 1. Die Heereslieferer siltd durch die in Betracht kommenden amtlichen Stellen den Steuerbehörden unverzüglich bekanllt zu geben. 2. Die Ausstellung von lAuslundsPässen ist bis auf weiteres, falls nicht der Zweck der Reise zweifelsfrei fest- gestellt ist, irur noch dann .gestattet, wenn der Antragsteller entweder nachweist, daß er bereits die voll ihm zu entrichtende Kriegssteuer bezahlt oder Sicherheit für sie geleistet hat, oder daß er überhaupt nicht zur Kriegssteuer heran gezogen werden kann. Der neugebildete 16. Ausschuß des Reichstags hat aus Antrag des 2$% Dr. Werner den Namen „Kvinmission für B e v ö l k e r u n g s po l i t i f " angenommen. NttiVersitäts-Naehrrchten. hk. Marburg, 2. Juni. Wie wir hören, ist Exzellenz Professor vr. meä. Behring anläßlich seines Rücktrittes vom Lehr- aint der Stent zum König!. Kronenorden zweiter Klasse verliehe» worden. Meteorologische Beobachtung«» der Station Sichen. Juni 1916 tz '^> 2 lTg 1 * a S ft w s-o w = o >o ^ -2*^3 ZS 3S 5 » il o. •a JO i 5 COji £.5 *6' ^ iS. Wetter 1.1 2»| 20,4 1 8.7 49 _ _ 3 Sonnenschein 1. 9" — 15,0 10,3 81 — — o Klarer Hffnme. 2. 7'" 11,8 9,0 87 7 Bew. Himmel Höchste Temperatur am 31. Mai bis 1. Juni 1916: -f- 30,4*0. Niedrigste * . 31. , , 1. „ 191«: + 7,8*0. Niederschlag 0,0 mm. vante und das val Zngana. Genau vor 20 Y Jahren ist in Trient, der HauMadt von Melfchtirol, Tefare Zocchrs mächtiges Bconzestandblld Tante kAlrghreres, des größten italienischen Dichters, enthüllt worden. wundervolle düstere Gestalt blickt hinüber mit ausgezackter Hand ins Val Sllgwna, das die Legende anfs innigste verknüpft Mit des großen Florentiners göttlicher Koinödie. Tie Brenta: die zwei Sttrnden südöstlich von Trient dem Caldvriazzosee enkströmt, fließt durch das werte, reüenumrankte Tak Hirt Nußbäumen, Maulbeer- und KastnickenWäldern, das sich sumner mehr schluchdartig verengt, bis es, nach Süden umliegend, bei Basfano sich in die Ebene wendet. Das Snganatal birgt m Lernen Schluchten den Schlund, den Tante „in s>eines Lebens Mitte", als er sich im wilden Wald verirrt, unter Virgils Führung betritt, um die Fahrt mrzutreten, die rhu vom Karfreitag des Jahres 1300 an dtrcch die ganze Osterwoche in alle Reiche der Tvten, von der Hölle zum Himmel führt. Dem Vük, das nicht emMdrrngen vermag in die Gehermnipe des „heiligen Liedes", ist das Werk nicht die Aufrollimg aller Höhen und Tresen der Menschenseele, es bleibt bei den äußeren Tatsachen stehen und es hat wirklich daran geglaubt, daß der Weg ins Empyreum, den Fsuerhrmmel jensetts der Wokksn und der andere in die Tiefe-der Hölle existiert. Und schaudernd empfindet es die gewaltigen Morte über dem Eingang des Höllentores, die mit dem Satz be- jMrnQr „ ?er me 8i va neUa dttä dolente" rmd die in eurer Ueber- Letzung lauten: Ich führe hin zu mitterirächi^gem Graufeu, Ich führe hrn zu Qual Und ew'gem Leid, Ich führe hin, wo die Verlognen Haufen. Erschaffen bin ich bsrtxij Gerechtigkeit. Unheimlich mögen im Ohr jöhne ivaff-enllirrend imurier weiter carsdretteic in Kenetieu und der Lombardei. Zu spät wird dar Italienern Dantes Geist lebendig. Ter Verbcrmrte, Heimatlose, denk das geliebte Florenz brutal die Pforten verschloß, unr später, als er in der Fremde -— rnr Elend fast — starb, sich um seine Gebeine zu frtteiten, träumte von einem Groß-Jtalren. Aber er, der selbst die Waffen zu führen wußte, der mit den guelffschen Florentiner!» «gegen Arcz-zo und die Ghrbellinen focht und später vor dem Easdell 6aprona lag, sah die Rettung nur im Germanentum. Begeistert jubelte er dem schwachen Heinrich zu, als der Luxemburger 1310 Kber die Alpen südwärts zieht, um mit s-einen Söldnern das alte .Äarsertum wieder aufturichten. Denn er hielt es nie für möglich!, idaß das damals wie heute von Parieiwut zerrissene Italien ^ich aus eigener Kraft einporringen könne. Italien, Sklavin, Schlund voll Schmerz und <^aus, Schiff ohne .Steuer auf durchstürmten Meeren, läßt er den Dichter Sordello klagen. Wie sehr er recht hatte, zeigte ffch an dem Auffchwunge, den Italien im Bu^id mit germanischen Freunden nahm. Mutwillig hot das verblendete Volk die Freundeshand zurückgestoßeu und den Bund treulos gebrochen. Beschwörend erhebt sich aus dem Sugcrnatal der Geist des Dichters und weist auf deir hoffunngslos-en Pfad, der sich vor Jtalieir öffnet, aber es ist zu spät, noch auf ihn zu hören, denn schon blitzen die österreichischen Bajonette über der Pvebene, und für Italien bricht die Stunde an, da „Fernher klagend ob des Tags Erbleichen T«s Trauerlied der Abendglocken klingt." O. K. * — ,,G rv ßeMänner aus gro ßer Z eit." (Die Porträt- Galerie der Großen Berliner Kunstausstellung.) Aus Berlin wird uns geick:rieben: Da di-e diesjährige Schau der Großen Berliner Kunstausstellung nicht nur an Umfang den früheren Veranstaltungen in Frredenszeiten gleich Kommt, sorchern dieselben an interessierender ALaunig faltigle.it und tätsächlichein Kunstwert ftag- los übertrifft, gebührt ihr auch bejchldere Beachttrng in gewisse Einzelgruppen. Aus diesem Grnude fei der im ersten Saale unter dem Titel „Große Männer aus grvßer Zeit" uutergebrach ten Galerie eine getrennte Besprechung gewidmet. Tie Galerie, die ins-, gesamt 32 große Werke umfaßt, stÄlt in doppeltem Sinne eine nicht oft zugängliche Schau dar. Sie wurde von zwei Gesichtspunkten aus gestaltet: erstens sollte sie die bedeutendsten 9Nänner aus emex vergangenen bedeutungsvollen und erfolgreichen Epoche Deutschlands den Männern der Gegenwart gageniiberstellen, sie sollte die Erinnerung lebendig machen und Vergleiche gestatten; undl zweitens sollten rreben den zahlreichen modernen Dealern, deren. Werke die übrigen Räumlichkeiten des weülauffgen Ausstellungs- Hauses am Lehrter Bahnhof füllen, auch bereits der Zeit unserer Väter angehörende Größen der bildenden Kunst uns wirken. Also ein doppelter Zweck — sowohl rein historischer wie auch künstlerischer Art —, der auch wirklich erreicht wurde. Tie Porträts stellen Herrscher, StaatsmänTwr, Leuchten der Philosophie und Wissenschaft, Pioniere der Industrie und Künstler dar — eine Auslese deutscher Kraft im besten und edelsten. Sinne. Siebzehn Künstler sind an der Galerie beteiligt: die namhaftesten darunter sind Franz von Lenbach, Anton von Werner, Ludwig Knaus und Reinhold Begas. Von Lenb ach wurden neun in gleicher Weise glänzende Porträts hervorgeholt, so daß ein Leubach-Liebhaber bis zu einem gewissen Grade auf feine Kosten zu kommen vermag. Am ergreifendsten wirkt das ans zahlreickieu Reproduktion«! bekannte Bildnis Kaiser Wilhelms I., das^ sich im Privatbesitze des Fürsten von Hatzfeld beffndet. Es vereinigt die starren Vorzüge des Po-rträtisten Lenbach — scharfes Erfassen des Charakters und Größe des Stiles, sowie individuelle Wahrhaftigkeü. Aus begreiflichen Grirnden sei gleich danach das 'Bildnis des Altreichskanzlers Bismarck genam-t, das eine gebändigte Kraft durchgeistigt und formsicher wiedergibt. Werter erblickt man die Bild- nisse von Theodor Momursen und Ferdinand von Helmhottz, sowie ein Porträt Rudolf von Delbrücks und ein Bildnis Werner von Siemens. Erfreulicherroeise ist auch der Meister persönlich durch sein im Besitze der Frau Lolo von Lenbach befindliches Selbstporträt vertteten. Auch Ltuton von Werner ist in einem Selbst- bildrüs zu sehen, mrd seine Darstellung Victor von Scheffels atmet technisch spielend belvaltigte Wärme. Kaiser Friedrich III. ist durch H. v. Angeli dargeftellt. Auch dieses Bild geht in seiner Wirkungskraft malerischer Ausdrucksstarke ivesentlich über das rein Historische hinaus. R^fflhold Begas ist durch ein Selbstpvrträt vertreten, starkes Interesse nimmt in dieser Zusammenstellung guch Oskar Begas, Bildnisse von Lllbert Borsig und Rudolf v. Gneist, in Anspruch. Eines der interessantesten Selbstbildnisse ist das von Ludtvig von Knaus. Weiterlchr sieht mau Karl Heinrich Marx (von W. Müllew-Schö ne selb), Johannes von MiguÄ (von Max Krön er), Adolf von Menzel (von R. Schulte im Hofe, Treitschke, Birchow, Simson^ Richard Wagner, Wnrdthorst (ein ausgezeichnetes Stück von Siegnruud l' Allemand) und rftu äußerst prägnante Darstellung des Grafen Hellmuch von Moltke von der sicher gestaltenden Hand Lenbachs. Kaiser Wilhürn II. ist durch eine Gipsbüste von Max Be zu er gestaltet, die aber ber aller technischen Durchbildung -leider nicht über gelungene Aehnlich- keit und eilte gewisse Rühe des Zlusdrucks hinausLonnnt. Eine aus unbegreiflichen Gründen noch nie in größerem Rahmen gesehene Porträtdarstellung Metzsch^ durch den Berliner Kurt S t o e v i n g bringt uns deu Philosophen menschlich näher als alle Abtzand- lungen: dies Bild ist zwar zuletzt, aber nicht als Letztes genannt. M. B. — Die U r a u f f üh r u ng eines vergessenen Luft- s p i e ls. Ans Hamburg wird uus geschrieben: Das Thalia- Theater überraschte noch am Ende der Spielzeit nftt einem aus den. verstaubten Literaturfächern der Nacbcomautik aufgestöberten dramatischen Werk, das bisher irock) niemals aufgeführt worden ist. Der Spürsinn der Theaterdirektoren qelst in der Tat bisweilen seltsanre Wege. Also das Ereignis brachte uns als abschließendes Stück des Uraufführungszvllus an zwölfter Stelle jenes Lustspiel „Verbot und Befehl!" von Fried-rick) Halm, das fünfzig Jahre zwischen den Buchdeckeln verborgen blirK und nun noch die Probe im Darstellungsapparat bestehen Mußte. Der Schauplatz der Handlung ist Venedig um die Zeit der Renaissance. Das Tribmrat faßt zwei Beschlüsse, ein .Verbot, wonach ein junges Ehepaar seine allzufreien und ausgiebigen Zärtlichkeiten-ans öffentlichen Plätzen künftig zu unterlassen hat. daun einen Befehl, ivonach ein anderes Paar sich nkehr in Liebe füreinander zu erwärmten und seine Ver- nkählung zu beschleunigen ljcrt. Em angetrunkener unzurechnungsfähiger Sekretär bringt aber die beiden Beschlüsse gmgekehrt zu Protokoll und veranlaßt denrentsprechend die Ausffilkrung. In der Folge sieht man nun die Mißverständnisse zwischen den Parteien in allerhand drastischen Situationen ihr Wesen treiben. Die dichterischen Werte des Lustspiels sind gering. Wie bei den Schauspielen von Friedrich Halm, so treten auch hier die ttzeatermäßigen Effekte in geschickter Verteilung hervor. Die Aufführung arbeitete diese Effekte in einer günstigen Form heraus, in der rüchts übertriÄEni nmrde. Das Publikum ualnn das Lustspiel sehr vergnügt auf und spendete ihm lebhaften Beifall. A. L.