Nr. 9 Erschein! täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Eietzener Zamllienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Ureirblatt für den Ureis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal. 166. Jahrgang Mittwoch, 12. Januar 1916 General-Anzeiger für Oderhessen Rotatioirsdruck und/Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Schristleitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schulstraße?. Geschäftsstelle u.Verlag:^^5I,Schristleitung: ^D112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen. Mb. Deutscher Reichstag. 2 6. Sitzung, Dienstag, den 11. Januar 1916. Am Tische des Bundesrats: Dr. Helfferich, Lewald. W a h n s ch a f f e. Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 20 Minuten: Zu Beginn des neuen Jahres begrüße ich Sie alle aufs herzlichste und wünsche dem deutschen Vaterlande und dem ganzen Volke ein glückliches, segenbringendes neues Jahr. (Beifall.) Der Schriftführer verliest dann das bereits bekannte Antworttelegramm des Kaisers auf die Glückwünsche des Präsidenten zum Jahreswechsel und das Telegramm, das d e r Präsident der bulgarischen Sobranje von der Eröffnungssitzung der Sobranje an den deutschen Reichstag geschickt hat. (Lebhafter Beifall.) kleine Anfragen. Auf eine Anfrage des Abgeordneten Dr. Liebknecht über die sogenannten armenischen Greuel erklärt Direktor im Auswärtigen Amt Dr. v. Stumm: Die aufrührerischen Umtriebe unserer Gegner haben die türkische Regierung veranlaßt, die armenische Bevölkerung auszusiedeln und ihnen neue Wohnstätten anzuweisen. Ueber die Wirkung dieser Maßnahmen findet zwischen der deutschen und der türkischen Re- ierung ein Notenaustausch statt. Die Einzelheiten können nicht ekannt gegeben werden. Weitere Erganzungsanfragen Liebknechts werden vom Präsidenten als neue Anfragen zurückgewiesen. Auf eine weitere Anfrage Liebknechts nach der Lage der Bevölkerung in den von Deutschland besetzten fremden Gebieten erwidert Ministerialdirektor Lewald: Der Herr Reichskanzler ist nicht bereit, das gewünschte Material dem Reichstage vorzulegen, wird aber wie bisher über die Tätigkeit der Zivilverwaltung in den besetzten Gebieten auf Wunsch im Reichstagsausschuß Auskunft erteilen. (Beifall.) In einer dritten Anfrage verlangt Dr. Liebknecht Material über die Maßnahmen, die auf Grund des Belagerungszustandes auf dem Gebiete des Vereins- und Versammlungsrechts getroffen worden sind. Ministerialdirektor Lewald: Der Reichskanzler ist nicht bereit, das gewünschte Material dem Reichstag vorzulegen. In einer Ergänzungsfrage wünscht Dr Liebknecht Auskunft, ob dem Reichskanzler bekannt sei, daß es „schwarze Kabinette" gäbe, in denen die Briefe untersucht würden. (Große Heiterkeit.) Der Präsident weist diese und andere Ergänzungsfragen zurück und ruft den Abg. Liebknecht, als dieser gegen die Geschäftsführung des Präsidenten Widerspruch erhebt, zur Ordnung. Das Gesetz über die weitere Zulassung von Hilfsmitgliedern ick Kaiserlichen Patentamt wird angenommen. Die Anleihedenkschrift geht an den Haupt- auSschuß. Eruährungsfrageu. Auf der Tagesordnung steht dann der Bericht des Hauptausschusses über die Fragen der Volks- ernahrung. Dazu liegen etwa 60 Entschließungen u n o Anträge vor. Berichterstatter Graf Westarp: Die Kommission hat eingehend die Zahlen über die vorhandenen Vorräte geprüft und mit den Bedarfszahlen verglichen. Sie hat gefunden, daß genügend Lebensmittel vorhanden sind, um durchlalten zu können. Auf der anderen Seite hat sich die Kommission aber davon überzeugt, daß wir nicht mehr haben als wir brauchen. Zu Friedenspreisen und in Friedensmengen wird die Bevölkerung Lebensmittel nicht zur Verfügung haben. Diese Einschränkung betrifft nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Landwirtschaft und die verarbeitenden Gewerbe. Die Gründe hierzu liegen namentlich in dem völkerrechtswidrigen englischen Aushungerungsplan, da Eng- land die Mittel hat, uns von der Zufuhr abzuschneiden. Die Verhältnisse liegen aber nicht nur in den feindlichen, sondern auch in vielen neutralen Ländern zum Teil noch ungünstiger als bei uns. Voraussetzung für das Durchhalten für den Sieg ist Sparsamkeit auf allen Gebieten, eine verständnisvolle. von gutem Willen getragene Beobachtung aller erlassenen Maßnahmen durch Verbraucher, Erzeuger und den Handel. Die Kommission hat als wichtig ft e innerpolitische Aufgabe angesehen, daß, getragen von der einmütigen Zustimmung aller Parteien und Stände, entschlossen und rechtzeitig einheitlich und planvoll alle Maßnahmen getroffen werden, um den Wucher hintanzuhalten, die Vorräte gerecht zu verteilen und auch die minderbemittelten Bevölkerungsklassen zu angemessenen Preisen zu versorgen, um aber auch die Produktion nicht nur im bisherigen Umfange zu erhalten, sondern auch nach Möglichkeit zu fördern und zu verstärken. Die einzelnen Vorschläge hierzu sind in dem Bericht niedergelegt und in einer größeren Anzahl von Resolutionen zusammengefaßt, deren Annahme ich Ihnen namens der Kommission empfehle. Die vornehm sie Pflicht dieses Hauses und des Ausschusses ist, auf die Massen aufklärend und beruhigend zu wirken, um ihnen nach Möglichkeit die Ueberzeugung beizubringen. daß auch sie Mitwirken müssen, damit wir durchhalten können. Und das deutsche Volk läßt sich nicht aushungern! (Beifall.) In ungebrochener wirtschaftlicher Kraft steht es da, und in ebenso ungebrochener Entschlossenheit den Krieg, unbeirrt durch irgend- Ende durchzuführen. (Beifall.) Aus Rücksicht auf Ernährungs-- welche wirtschaftlichen Nöte und Besorgnisse, zu einem siegreichen fragen braucht der Krieg nicht einen Tag eher beendet zu werden, als bis die militärische und politische Lage zu einem vollen Erfolg geführt hat. (Lebhafter Beifall.) Abg. Schmidt-Berlin (Soz.): Bei der Beurteilung der Ernährungsfragen stellen wir die zweckmäßige /Organisation der Verteilung voran, ebenso die Bekämpfung der außerordentlichen Preistreibereien. Nach siebzehnmonatigem Durchhalten mühte das Ausland eigentlich eingesehen haben, daß Deutschland nicht wirtschaftlich zusammenbrechen wird. Allerdings sind weitgehende Eingriffe in das Wirtschaftsgetriebe notwendig: 1. Ein Verteilungssystem für bestimmte Nahrungsmittel, 2. die Preisbildung ist dem freien Wettbewerb zu entrücken. 3. die Preisfestsetzung darf nur auf die tatsächlichen Erzeugungskosten Rücksicht nehmen, 4. Sicherung gegen Verfälschung von Nahrungsmitteln. Die meisten Regierungsverordnungen kommen viel zu spät, verhältnismäßig zu hohe Höchstpreise sind die Folge. Wenn den Bemühungen stattgegeben würde, die Höchstpreise weiter zu erhöhen, so würde ein Sturm der Entrüstung sich erheben. Warum schützt man uns nicht beizeiten gegen die Auswucherungsbestrebungen? Wie ein düsterer Schatten liegt es auf unserer ernsten Zeit, wie die gewaltigen Kriegsgewinne gemacht werden, und noch aufreizender sind die Bilanzen der großen Erwerbsgesellschaften. In diese ganze Unordnung muß entschieden eingegriffen werden. Man hat sich bei Auskäufen gegenseitig überboten, um die Preise durch erhöhte Auslandspreise nach oben zu treiben. Große Händlergruppen suchen künstlich den Markt zu beeinflussen, um der Negierung vor jegliche Festsetzung von Höchstpreisen bange zu machen, die das gesamte Handelskapital nicht haben mag. Der Gegensatz zwischen Proletariat und Besitz ist nirgend so kraß wie auf dem Lande. Besonders erbitternd wirken die Dividendenergebnisse der Zuckerfabriken. An dieser Gewinnanhäufung ist unsere Höchstpreispolitik mit Schuld. Wenn die Zuckerleute weitere Erhöhungen fordern, so ist das eine Unverschämtheit schlimm st er Art. Mit den Herren von der Landwirtschaft ist eine Verständigung über die Preise ja überhaupt nicht möglich. Daß bei unserer guten Kartoffelernte es noch nicht möglich war, die zur Versorgung des Marktes erforderliche Menge bereitzustellen, erklärt sich nur, wenn man künstlrche Zurückhaltung annimmt (Widerspruch rechts). Da bleibt nichts übrig als Durchführung der Zwangsangabe. Zahlreiche kleine Existenzen sind zugrunde gegangen, aber andere sind durch skrupellose Geschäftsgrundsätze hochgekommen in Geschäftszweigen, mit denen sie bisher nichts zu tun hatten. Diese Leute fragen den Deubel danach ob andere zugrundegehen. In sozialpolitischer Beziehung ist von diesen Emporkömmlingen später nichts zu erwarten. Durch nichts gerechtfertigt sind die hÄ>en Lederpreise. Die hohen Lederdividenden sind eine scharfe Verurteilung der Lederhöchstpreispolitik und der Lederinteressenten, die sicherlich die Regierung falsch unterrichtet haben. Daß cs dem Ausland vielfach schlechter geht, entschuldigt uns nicht. Wir müssen prüfen, ob die Preise angemessen sind oder nicht. Das Reichsamt des Innern steht nicht auf der Höhe; es zögert zu oft und zu lange. Staatssekretär Dr. Delbrück: Die Versorgung mit Lebensmitteln zu angemessenen Preisen muß auch heute wie vor Monaten im Vordergründe unseres Stre- bens und unserer Arbeit stehen. Im August waren eine Reihe neuer Maßnahmen in Vorbereitung. Inzwischen ist ein Teil der Wünsche des Reichstages erfüllt worden Zum Teil hat uns der Gang der Ereignisse genötigt, andere als die damals erwogenen Wege zu gehen und die Ziele auch Wetter zu stecken. Die dem Reichstag überreichten Denkschriften geben darüber ein klares, übersichtliches und systematisches Bild. Die damit im Zusammenhang stehenden Fragen sind in dem verstärkten-Haushaltsausschuß eingehend besprochen worden. Ich glaube feststellen zu können, daß in den Tendenzen, in den letzten Zielen, zwischen allen Parteien und der Regierung völlige Uebereinstimmung herrscht. Namentlich daüber sind wir uns vollständig einig, daß in diesen schweren ernsten Zeiten unter den besonderen wirtschaftlichen Verhältnissen, die der Krieg geschaffen hat, die Versorgung des Marktes und die Bildung der Preise nicht dem freien Spiel der Kräfte überlasten bleiben, sondern daß wir mit fester Hand ein- greifen müsten und vor Härten nicht zurückschrecken dürfen, wenn das Wohl des Ganzen und die Sicherheit des Vaterlandes es erfordern. Eins möchte ich ausdrücklich feststellen: wir werden mit unseren eigenen Erzeugnissen bis zur nächsten Ernte reichen, wenn wir sparsam und haushälterisch mit ihnen umgehen, wenn wir unsere Lebensgewohnheiten den Verhältnissen anpasten und wenn wir weiterhin mit Erfolg die Verteilung und den Verbrauch zu regulieren in der Lage sind. Das deckt sich auch im wesentlichen mit den Ausführungen des Vorredners. Wenn aber der Vorredner der Meinung gelvesen ist, daß die Anordnungen des Bundesrats draußen im Lande und speziell in Preußen nicht immer in der gewünschten Weise gewirkt hätten, weil der preußische Mini st er des Innern nach seiner Meinung mir nicht dasjenige Maß von Unter- stützung habe zuteil werden lassen, was erforderlich ist, um diese schwierigen und komplizierten Anordnungen durchzuführen. so ist das nicht richtig. Ich stelle ausdrücklich fest, daß der preußische Minister des Innern von Anfang bis zu Ende bestrebt gewesen ist, durch den äußersten in seiner Hand liegenden Druck den Anordnungen des Bundesrats auch d i e nötige Beachtung draußen im Lande zu verschaffen und daß der preußische Landrat auf diesem Gebiet nicht versagt hat. Wenn hier und da die Anordnungen nicht funktioniert haben, wenn sie falsch verstanden worden sind, wenn man unter Umständen in ihrer Ausführung über das Ziel hinausgegangen ist, so liegt das in der Schwierigkeit der Aufgabe, die den ohnehin schon überlasteten Behörden draußen im Lande gestellt war, so liegt das daran, daß alles das, was wir jetzt tun und was wir jetzt fordern, in vollem Widerspruch steht mit den politischen, volkswirtschaftlichen und rechtlichen Anschauungen, die unser Wirtschaftsleben und unser politisches Leben bis zum Ausbruch des Krieges beherrscht haben. Es ist nicht leicht, eine große Verwaltung und ein ganzes Volk unter so schwierigen Verhältnissen in wenigen Monaten zu einem völligen Umdenken und völligen U m l e r n c n zu bringen. (Sehr richtig!) Die Aufgaben, die den 'neugeschaffenen Organisationen gestellt sind und die Aufgaben, die die Behörden zu erfüllen haben, die Pflichten, die durch diese Organisationen jedem einzelnen auferlegt werden, können nur begriffen werden, wenn sich der einzelne, von der Zentral st elle bis zum Gemeindevorsteher und zum einzelnen Haushalt, in gewissen Grenzen über die Gründe und Zusammenhänge der Fragen klar ist. Die Probleme sind nur zu lösen, die Schwierigkeiten sind nur zu überwinden, die Eingriffe, die wir uns tagtäglich gestatten und die hart genug für den einzelnen und für die Gesamtheit sind, können nur ertragen werden, wenn man draußen im Lande ihre Ursachen und ihren Zweck kennt. Die Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben, die Knappheit in den notwendigen Lebensmitteln, die Ungleichmäßigkeit ihrer Verteilung haben eine erhebliche Steigerung der Preise allgemein als Begleiterscheinung zur Folge. Das feindliche wie das neutrale Ausland haben mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen; die Preise gewisser Lebensbedürfnisse sind dort noch höher als bei uns. Ich habe aber auf diese Verhältnisse nicht hingewiesen, um etwa die Mängel unserer Organisation zu entschuldigen, sondern es kam mir darauf an, daß die Ursachen dieser überall cruf- tretcnden ähnlichen Erscheinungen ganz verschieden sind, nicht nur in den einzelnen Ländern, sondern auch im Jnlande. Man kann der Schwierigkeiten nur Herr werden, wenn man sich in jedem einzelnen Falle der Ursachen klar ist. Im Auslande besteht ein freier Markt, die Meere sind offen, die Zufuhr aller Bedürfnisse ist theoretisch frei, trotzdem die gleichen Erscheinungen wie bei uns. Im Jnlande ist jede Zufuhr vom Auslande abgeschnitten, die Ernährung und Erhaltung der Bevölkerung ist allein auf das gestellt, was das Land hervorbringt. Dieser Unterschied, die Freiheit der Meere, hat England, Frankreich und Italien nicht vor den Schwierigkeiten bewahrt, aber die Stärke unserer eigenen Produktion und die Vortrefflichkeit der Organisation unserer inländischen Verhältnisse hat uns stärker gemacht als das Ausland, das scheinbar nach der äußeren Kriegslage günstigere Verhältnisse aufzuweisen hat. Die Lei st ungen unserer Landwirtschaft, die technische Vervollkommnung ihres gesamten Betriebs haben sich außerordentlich bewährt. Die Mittel, die wir auf die Hebung und Förderung der Landwirtschaft verwandt haben, sind nicht umsonst ausgegeben worden. (Sehr richtig!) Wenn Sie die Verhältnisse in Frankreich, England und Italien prüfen, so fällt dort eine unzureichende Organisation des Verkehrswesens auf. Wir müssen dankbar anerkennen, daß unser Verkehrswesen ausgezeichnet ist. Wenn wir der größten Schwierigkeiten Herr geworden sind, so verdanken wir das unseren Eisenbahnen. (Beifall.) Wir haben eine Reihe von scharfen Straf- b e st i m m u n g e n , die den Kriegswucher treffen und ihm Vorbeugen sollen. Die Frage der H ö ch st p r e i s e ist außerordentlich schwierig. Grundsätze sind leicht aufzustellen, aber es ist sehr schwer, die richtigen Unterlagen zu beschaffen und zum Beispiel festzustellen, welches der legitime Gewinn ist. Wir haben die Einrichtung der Preisprüfungs- st eilen, die in der Lage und befugt sind, sich über die Ver-- hältnisse im allgemeinen und die jedes einzelnen Gewerbetreibenden zu unterrichten. Es ist eine geschlossene Organisation mit einer zentralen Reichsstelle, die sich bis hinunter in die einzelnen Gemeinden verzweigt. Heute schon bestehen bald tausend örtliche Pr e i s p r ü f u n g s st e l I e n, von denen weit über die Hälfte auf Preußen entfallen. Die Reichspreisprüfungsstelle, die in verschiedene Ausschüsse aufgelöst ist, besitzt bereits einen großen statistischen Apparat über die in den einzelnen Preisprüsungsstellen gewonnenen Ergebnisse und kann auf Anfragen Auskünfte erteilen. Demnächst wird durch eine regelmäßig erscheinende Druckschrift allen Preisptüfungs- stellen das Ergebnis ihrer Arbeiten zugänglich gemacht. Hier muß der Hebel eingesetzt werden, wenn wir mit den Höchstpreisen erfolgreich arbeiten wollen. Die Pflege dieser Preisprüfungs- stellen und ihre Entwicklung zu nutzbringender Tätigkeit möchte ich Ihnen ans Herz legen. % Soll die Festsetzung von Höchstpreisen von einer zentralen Stelle aus nicht den Handel stören, so muh die gleichmäßige Versorgung der Bevölkerung mit den betreffenden Lebensmitteln gesichert werden. So reihen sich unabwendbar an die Höchstpreisfestsetzungen an: Beschlagnahme, Organisation des Handels, Gliederung der Höchstpreise nach Groß-, Kleinhandels- und Produzentenpreisen. Dazu tritt manchmal noch die Zentralisation der Aus- oder Einfuhr. Beschlagnahme ist leichter gefordert als durchgeführt. Bei Getreide- und Futtermitteln ist die volle Erfassung der vorhandenen Bestände, die Preis- und Verbrauchsregelung in allen Einzelheiten geregelt. Viefach hat man gefordert, das Beispiel auch bei Kartoffeln nachzuahmen. Bei Getreide ist die Sache viel leichter, cs wird nur einmal geerntet, läßt sich leicht aufbewahren und verhandeln und war ganz der menschlichen Ernährung Vorbehalten. Bei den Kartoffeln hätten wir 55 Millionen Tonnen verwalten müssen, von denen nur 15 Millionen Tonnen für dip menschliche Ernährung verbraucht wurden. Wir haben zu einer Reihe von Behelfen gegriffen, deren Mangelhaftigkeit vielleicht keinem klarer ist als mir. Bei bestimmten Bedarfsartikeln haben wir ohne Zwangsorganisation die Versorgung der Bevölkerung zentral regeln können. Beispielslueise beim Obst, wo die im Frieden bestehende Organisation die Rationierung der vorhandenen Mengen in mustergültiger Weise durchgeführt. Auch bei der Kohle hatten wir erst mit nur wenigen großen Syndikaten zu tun, die in zwei großen Versorgungsstellen unter Leitung des preußischen Handels- Minister zusammengestellt sind. Besonders wichtig ist die genaue Kenntnis der Tragweite der Verordnung über die Versorgungs- regelung in der Fassung vom 3. November 1915. Wenn der Handel den Bestimmungen nicht genügt, können die Gemeinden unter Ausschluß von Handel und Gewerbe die Versorgung selbst übernehmen. Das ist von einer ganzen Reihe von Gemeinden mit Erfolg getan worden. Bei der Durchführung aller unserer wirtschaftlichen Maßnahmen ist eine ausgiebige Mitwirkung von Laien. Sachverständigen und Interessenten vorgesehen. Das Ganze ist schließlich gekrönt durch den Beirat des Reichstages, der mich, beziehungsweise die Regierung, in den Fragen der Nahrungsmittelversorgung beraten soll. Der Beirat ist schon zu- sa mm enge treten. Ich lege auf die Durchführung der Bestimmungen über den Beirat deswegen einen ganz besonderen Nachdruck, weil ich den Eindruck habe, daß er nicht nur für die Beziehungen zwischen dem Reichstag und dem Bundesrat von Vorteil sein muß, son- dern weil ich glaube, daß diese Ihre dauernde Mitarbeit für die Aufklärung der Ziele unserer Maßnahmen von größter Bedeutung ist. Die zahlreichen Beiräte, die ich geschaffen habe, sind die einzige Möglichkeit zwischen Bevölkerung und Behörden, das Maß von Kontakt herzustellen, ohne das wir überhaupt nicht unsere Aufgabe lösen können. Sie bilden die einzige Möglichkeit, die Laienkreise aufzuklärcn über den Stand der Dinge und sie vor Uebereiltheiten zurückzuhalten, wie sie sicherlich nicht im allgemeinen Interesse liegen. Ich erwarte, daß die Beteiligung der Bevölkerung an den Beiräten in allen Instanzen dazu beitragen wird, die Kritik auf das richtige Maß zurückzuführen, ich scheue die Kritik nicht und erkenne chre Berechtigung dmrchaus an. Ich weiß vielleicht besser als irgendeiner von Ihnen, wie groß die Mängel dessen, was wir geschaffen haben, sind. Ich weiß ganz genau, daß dieses oder jenes Ziel auch auf einem anderen Wege hätte erreicht werden können. Aber in einer so schweren Zeit darf die Kritik nur befruchtend und nicht hemmend wirken. Sie darf nicht dahin führen, daß ganze Teile der Bevölkerung der Mitarbeit an diesen Dingen lediglich um deswillen sich entziehen, tveil sie glauben, daß die Maßnahmen am falschen Ende oder unrichtig angefaßt sind. Die ganze Bevölkerung muß in diese Organisation hinein mit dem festen Willen, aus ihnen herauszuholen, was aus ihnen herausgeholt werden kann. (Sehr richtig!) D i e g a n ze Bevölkerung muß an den Arbeiten, die diesen Organisationen gestellt sind, sich betätigen, durch glüht von dem Willen zu siegen, der ebenso im Innern wie nach außen allein die Bürgschaft für den Erfolg bildet. (Lebhafter Beifall.) Abg. Dr. Matzlnger (Zenkr.)':' Die Verhandlungen unseres Hauptausschusses waren getragen bon dem Bestreben nach Besserungen und Abhilfe der bestehenden Mitzstände. So schwere Eingriffe in das wirtschaftliche Leben * des einzelnen sind in einem so ungeheuren Ringen unvermeidlich. Der neugeschaffene Beirat soll das Vertrauen des Volkes zu den Maßnahmen der Regierung stärken: möge ihm das in vollem Maße gelingen! Auch heute gilt noch die alte Fabel des Menenius Agrippa für das wirtschaftliche Wohlergehen eines ganzen Volkes. In diesem Geiste werden wir auch den Sieg über eine Welt haßerfüllter Feinde davontragen. Die Forderungen der Sozialdemo, kraten gehen viel zu weit und würden die Landwirtschaft schwer schädigen. Abg. Dr. Böhme (nl.): Wohl mancher war von banger Sorge erfüllt, ob es möglich sein würde, bei all dem Ungemach und all den Schwierigkeiten, die der Nahrungsmittelversorgung unseres Volkes schon an sich durch den Krieg bereitet worden sind, die nötigen Nahrungsmittel auch ^aufzubringen, nachdem sozusagen sogar das Wetter gegen uns Stellung genommen bat. Eine Fülle von Schwierigkeiten wäre für unsere Volkscrnährung bei einigermaßen günstiger Witterung nrcht vorhanden gewesen. Aber mancherlei Sorgen für Erzeuger und Verbraucher wären fortgefallen, wenn d i e Neichsregierung mit ihren Maßnahmen rascher and entschiedener gewesen wäre. Wir haben bei den letzten Tagungen des Reichstages auf allen Seiten den kLunsch ausgesprochen, die Reichsregicrung möchte enger als bisher mit den einzelnen Berufen und namentlich dem für Volks- ernähcungssragen verantwortlichen Parlament, dem Reichstag, Fühlung nehmen. Die Reichsregicru.ig hat dem durch die Einrichtung der Preisprüfungsstellcn Rechnung getragen. Die Hoffnungen, die an diese Einrichtungen geknüpft worden sind, haben sich nicht erfüllt: die Fraktionen des Reichstages waren nur durch zwei Abgeordnete hierbei vertreten. Die Regieruna konnte sich bei wichtigen Entscheidungen kein Bild von der Stellungnahme des Reichstages machen. Die Preis- prüfungskommistionen haben durch die zahlreichen Sachverständigen aus den verschiedensten Berufskreisen manche wertvolle Anregung erfahren, aber das Bestreben des Reichstags kann nicht und wird niemals sein, im einzelnen Ratschläge zu erteilen. Unser Wunsch mußte sein, der Regierung ein Bild davon zu geben, w r e derReichstag wichtigeFragen geregelt sehen will. Die Regierung darf nicht, wie bei der Kartoffelsrage, auf Grund einseitiger Darstellungen Beschlüsse fassen. Daher ist zu begrüßen, daß Oer 15er Ausschuß setzt ein getreues Spiegelbild der Wünsche des Reichstages gibt. Hoffentlich schenkt die Reichsregierung dieser Vertretung des Reichstages die verdiente Beachtung. Gegenüber anderen Einflüssen, die sich geltend machen, muß immer wieder betont werden, daß für wirtschaftliche Fragender Reichstag entscheidend ist. (Sehr richtigI) An keinem Gebiet ist soviel herunigcdoktet.t worden wie an der Kartoffel- Versorgung. Nirgends hat eine Verordnung so bald eine andere abgelöst. Wir dürfen nicht wieder zu Zuständen gelangen wie im vorigen Jahr, wo der Anfang zu der Eiitfremdung von Produzenten uiid Konsumenten gemacht wurde. Nichts ist jetzt so wichtig, als ein friedliches harmonisches Zusammengehen der einzelnen Stände herbeizuführen. Aber auch die Konsumenten müssen eingedenk bleiben, daß sie nicht die gleichen Ansprüche auf Qualität und Sorten erheben können wie früher. Vielfach sind Kartoffellieferungen ganz unbesichtigt zu- rückgcw-esen worden. ^Wenn es vorgekommen sein sollte, dw Kartoffeln zurückgehalten worden sind, so hat auch die Regierung die Mitschuld daran, da sie die Preise durch die Reports gewaltig anschwellen ließ. Da niußte ja der Glaube erweckt werden, es werde auch in diesem Jahre so werden, und töricht wäre der. der verkaufte, wofür er später den dreifachen Preis erhalten könne. Die ReichSregierung muß die Verteilung von Butter und F et i regeln, mindestens in Form von Verteilungskarten. Nichts gefährdet den inneren Frieden so. als wenn die minderbemittelten Bevölkcrungsschichten mit ansehen müssen, wie die Leute, die infolge ihres Geldbeutels alles bezahlen können, sich Butter und Fett reichlich beschaffen können. Die Bevölkerungsschichten. die schwere Arbeit leisten, muffen in erster Linie bei Kraft und Gesundheit erhalten werden. Dazu muß den wohlhabenden Schichten Beschränkung auferlegt werden. Die Einführung von Butterund Fettkarten kann nicht von den Städten gemacht werden, sondern sie mutz v o m Reich erfolgen. Die Wünsche des Mühlengewerbes sind auch heute von der Reichsgetreidestelle und den Kommunalverbänden noch nicht genügend berücksichtigt. Die kleinen und mittleren Mühlen wollen gegenüber den Großmühlen nicht benachteiligt werden. Einzelne Ausnahmen im militärischen Jntereffe kann man wobl dulden, sie dürfen aber nicht zur Regel werden. Warum erhalten wir keine Statistik über die Beschäftigung der verschiedene» jMühlcnbctrnbe? Dann würde man den Klagen des Müller- Mktelstcmdes wenigstens im einzelnen nachgehen. . Die Schweinemast bietet bte einzige Möglichkeit, die Fettversorgung der schwerarbeitenden Bevölkerung zu regeln. Die Höchstpreispolnik der Negierung hat hier falsche Wege eingeichlagen. Allerdings konnte sie sich hierbei auf die Landwirtschafts, kümmern stützen. Die Schweine sind jetzt vielfach vollkommen vom Markt verschwunden, sie kommen in die Wurstfabriken und gehen dem Massenverbrauch verloren. Die Futtermittelpreise machen eine rentable Viehzucht fast unmöglich. Der kleine Mann mutz vielfach seine Schweine geradezu d u r ch l ü g e n ! (Sehr richtig.) Die kleinen Leute müssen sich die Futtermittel vielfach geradezu vom Munde absparen. Bei der Schweineproduktion muß gerade das Jntereffe dieser bedrohten Existenzen Berücksichtigung finden. Die Professoren haben in geradezu fahrlässiger Weise eine zuweit gehende Abschlachtung der Schweine empfohlen, weil sie einen falschen Zusammenhang zwischen Schweinemast und Kartoffeln konstruierten. Man darf aber diesen Vorwurf nicht auf alle Professoren verallgemeinern. Die Konserven, namentlich die aus dem Auslande stammenden, müssen scharf kontrolliert werden, sie sind vielfach völlig ungenießbar. Die Schweinemastverträge der Kommunen sind durchaus zu begrüßen. Die Reichscegierung muß durch eine feste Organisation der Versorgung mit Arbeitskräften der Landwirtschaft entgegen- kommen. Sind Kriegsgefangene erst einmal eingearbeitet, soll man sie den Landwirten nicht wieder wegnehmen. Der Gedanke, uns auszuhungern, ist falsch, weil wir in bezug auf das, was wir selber erzeugen, günstiger dastehen als das uns feindliche Ausland. Schon unsere Kartoffelerzeugung würde uns im schlimmsten Falle sichern. Kartoffeln und Schweine allein gewährleisten unser Durchhalten auf dem Gebiet der Nahrunasmittelversorguna. (Lebhafter Beifall.) Schluß: 7 Uhr. _ ^ Nächste Sitzung: Mittwoch, 2 Uhr. Uriegsbetrachtungen. Bon Sigurd Ibsen.*) I. Es gibt Leute, die der Geschichtsschreibung den Rang einer Wissenschaft aberkennen wollen, weil sie eine Forderung nicht er- üllt, die inan sonst an Wissenschaften stellt, die nämlich: vorher entstellen %u können, was unter gewissen gegebenen Bedingungen «eschehen -wird. Die Historiker, so wendet unter anderem Max Vorbau ein, können ja überhaupt nichts Voraussagen. Ich ür meinen Teil unterschreibe diese Behauptung nicht. Tie Hi- toriker können in der Tat Voraussagen, aber allerdings nur Dinge, die bereits geschehen sind. Stellen, wir uns einen Historiker im Jahre 1950 vor. Wenn der sich int Geiste in den schicksalsschwangeren Sormner 1914 zn-- *) Ter Verfasser, der Sohn des bekannten Dichters Henrik Ibsen, war früher norwegischer Minister, lebt aber jetzt im Ruhestande. Er ist vor kurzem nach Dänemark übergesiedelt Ter vorliegende Artikel ist am 3. Januar 1916 in Nr. 1 der Zeitung „Tidens Tegn" in Kristiania erschienen und das Wolfs,che Bureau bat am 4. Januar einen kurzen Auszug verbreitet, der gewiss bei manchem den Wunsch erweckt hat, den ganzen Artikel kennen zu lernen. Wir geben deshalb eine vollständige Uebersetznng. rückversetzt, so wird er sich ohne Zweifel im Besitze einer durchdringenden Voraussicht erweisen. Aus den Verhältnissen heraus, die beim Ausbruch des Weltkrieges vorhanden waren, aus den materiellen und moralischen Faktoren wird er sich Verlauf und Ausgang des Konfliktes konstruieren können. Er wird bis auf den letzten Punkt, darüber Bescheid geben, dass und warum dieser gerade auf diese Weise enden musste, gerade so, und nicht anders; und seine Prognose wird sich unfehlbar in der schönsten U eher einstimm urm mit den tatsächlichen Ergebnissen erweisen. Wir jetzt Lebenden können uns ja nicht dieser zurückschauenden Voraussicht erfreuen. Wir stehen noch mitten drin in der Entwicklung der ^.Begebenheiten, eine Unzahl von Nachrichten und Eindrücken strömt fortwährend auf uns ein. Höch/ens können wir daher versuchen, uns in diesen: Wirrwarr zu orientieren, indem wir unZ von Zeit zu Zeit einen Gesamtüberblick über die Lage der Dinge bilden. Bei dem gegenwärtigen Jahreswechsel ist das Bild der Lage noch mehr als bei dem vorhergehenden eirtschieden zugunsten der Zentralmächte. Dank den meiste haften Operationen ih er Heeresleitung auf den inneren Linien sind sie trotz za Plenen ästiger Unterlegenheit immer die stärkeren gewesen, wo es eine Offensive galt, und doch haben zugleich ihre Truppenverschiebungcn niemals eine ihrer Fronten entblößt, dass die Gefahr eines Durchbruchs entstand. Auf diese Weise haben sie ihre Westfront behaupten können, während sie auf dem östlichen Kriegs schau vlaße die Russen aus Galizien vertrieben und sie ein weites Stück in ihr eigenes^Land zurückgedrängt habe.:. Polen ist erobert, jetzt zuletzt auch Serbien, und zusammen mit dem früher besetzten Belgien und der: nordfranzösischen Landesteilen machen diese okkupierten Gebiete einen Flächenraum aus, der größer ist als das Königreich Preußen. Im Gegensätze dazu sind die Ententemächte durchgehends unglücklich gewesen: die Karpathen, der Jsonzo, die Dardanellen, Mazedonien und Mesopotamien: so viele Namen, so viele Enttäuschungen! Stillstand im Westen, Niederla'-ei: im Osten, Fehlgriffe im Süden, das ist das Fazit ihrer Anstrengungen im verlaufenen Jahre. Peripherisch, wie die Kriegssührung der Alli- ierten infolge der geographischen Verhältnisse hat sein müssen, hat sie ausserdem noch bei ihren Plänen und in der Leitung unter einem offenbaren Mangel an Einheit gelitten. Statt alle verfügbaren Kräfte auf den entscheidenden Schlachtfeldern zu sam- .meln, haben die Alliierten sie zum Teil auf sekundären .Kriegstheatern angewendet und sie an Unternehmungen verschwendet, die entweder ungenügend vorbereitet oder zu spät ins Werk gesetzt waren. Die Versuchung lag nahe wegen der Leichtigkeit der Truppentransporte mit Hilfe einer überlegenen Flottenmacht. Aber, wie ein Militärschriftsteller bemerkt. die Eisenbahnen der Zentralm ächte, Bulgariens und der Türkei, werden doch beim Umkehren beständig schneller sein als Englands Dampfer. Wohl hat die britische Flotte die Kauffahrteischiffabrt des Feindes zum Stocken gebracht und des'en answärsigen Handel gelähmt: aber der wesentliche Zweck der Absperrung, die einfache Aushungerung, muss setzt als undurchführbar anerkannt werden. Deutschland und Oesterreich-Ungarn haben Lebensmittel genug mehr als vor 1914 jemand ahnen konnte, und dem Mangel an gewissen Rohstoffen kann jetzt, wo der Weg über .Konstantinopel nach dem näheren Orient eröffnet ist, zum Teil abgeholfen werden. Ebensowenig wie auf die Aushungerung dürfen sich die Ententemächte auf die finanzielle Ermattung ihrer Gegner verlassen. Ein englischer Staatsmann hat gesagt, es sei die letzte Milliarde, die den Ausgang des Kampfes entscheiden werde. Aber diese Aeusserung siel im Anfang des Krieges; gegenwärtig dürfte er darüber heheshrt sein, daß der Zufluß von Milliarden, wenn auch nicht unbegrenzt, so doch weit grösser ist, als jemand vor 1914 ahnen konnte, und daß er das, wohl zu merken, auf beiden Seiten ist. Die Zentralmächte haben hier sogar den Vorteil, dass sie beinahe ausschließlich ihren Bedarf durch Ausnahme vor: Anleihen im Jnlande selber haben befriedigen können. Ucberhanpt ist das reichliche Vorhandensein von Geld eine der auffallendster: Erscheinungen dieses Krieges. Es ist wahr, dass das bis zu einem gewissen Grade auf einem Kreisläufe' beruht: die Anleihemittel werden zu ungeheuren Kriegsbcstellungen verwendet und die dadurch sreigewordenen Gelder suchen wieder Unterbringung in späteren Anleihen; cs sind also mit anderen Worten zu einem grossen Teile dieselben Milliarden, die beständig von neuem ausinarschieren. Auf diese Weise kann man es augenscheinlich sehr lange im Gange halten. Ganz gewiss in der Staatsschuld summieren sie sich, diese Milliarden. Mer, wie die Schuldenlast getilgt werden soll, das wird Sache der Zukunft. Vorläufig müssen chie Mittel beschafft werden, sie bieten sich auch willig dar, und auf welche Weise auch der Krieg enden möge, so viel scheint sicher: infolge von Geldmangel endet er nicht. Auch mit der militärischen Ermattung der Zentralmäch^e kann nicht gerechnet werden. Ihre Verluste an Menschen und Material sind ohne Vergleich geringer gewesen als die ihrer Gegner, und sie verfügen noch über grosse Reserven. Dazu kommt, daß sie nach dein Durchbruch auf dem Bcllkan einen bedeutenden Kraftzuwachs erhalten haben in dein türkischen Millionenheer, das jetzt durch Lieferungen der 'deutschen Kriegsindustrie vollständig effektiv gemacht werden kann. Unter diesen Umständen müssen die Ententemächte alle ihre Kräfte anspannen, wenn sie auf den Sieg hoffen wollen, der ihnen bisher versagt geblieben ist. Sie entfalten denn auch eine fieber-- hafte Tätigkeit; es Werder: unerhörte Mengen von Munition an- gesertigt, und was die Alliierten in dieser Beziehung nicht selber leisten könne::. lassen sie die Amerikaner besorgen. In den Depots in Russlands Innern sind gewaltige Neuformationen in der Ausbildung begriffen, und jetzt eben erst hat das Parlament beschlossen, das britische Heer aus 4 Millionen Mann zu bringen. Bei dieser Gelegenheit versprach Mr. Asauith im Hinblick auf die Fortsetzung des Krieges „grössere Vereinheitlichung der Anstrengung, planmäßiges Zusamrnenarbeiten, Spar'amkeit in der Kraftverwendung und Stärke im Handesir". Das soll vermutlich bedeuten, dass die Entente jeM entschlossen ist, ihre Vorbereitungen auf eine grosse und entscheidende Aktion zu konzentrieren. Vielleicht werden wir daher zum Frühling eine Riesenoffensive erleben, die zu gleicher Zeit im Osten und im Westen ins Werk gesetzt wird. II. Es würde zwecklos sein, sich Vermutungen über den ferneren Verlauf des Krieges hinzugeben; schon aus dem Grunde, weil neue unerwartete Faktoren hinzukommm können, die alle Berechnungen zu Schanden machen. Mer das hindert selstverständ- lich nicht, daß auch unter den neutralen Zuschauern ein jeder seinen bestimmten Wunsch in bezug auf den Ausgang des Kampfes hegt. Man kann noch so sehr Neutral sein in Wort imd Handlung, die Gesinnung wird beinahe immer durch Vorliebe oder Widerwillen gegenüber der einen oder der anderen der kriegführenden Nationen gefärbt sein. Hier zu Lande sind wir alle zus-ammen neutral, aber sehr wenige dürften unparteiisch sein. Unter Unparteilichkeit verstehe ich nicht, daß man beiden Parteien Recht oder Unrecht geben soll. Im bürgerlicher: Leben sieht man ja täglich, daß Urteile zugunsten der einen Partei gefällt werden, ohne daß deshalb die Unparteilichkeit des Richters in Zweifel gezogen wird. Unparteilich wird dieser sein, wofern cr sich nicht von persönlichen Gefühlen leiten läßt, sondern ausschließlich sachlichen Gesichtspunkten folgt. Auf ähnliche Weise sollte dör - Weltkri-g beurteilt werden, nicht ausgehend von willkürlicher Sympathie oder Antipathie, sondern von der höheren Warte des vernnnftmässigen Abwägens' Ich gestehe zu, daß die verwickelten Verhältnisse des Konfliktes ein solches Mwägen erschweren, und ich selber gedenke nicht, mich als Richter in dieser Sache aufzuwersen; aber einzelne Momente des Abwägens will ich doch anzudeuten versuchen. In der Regel betrachtet man ja die Ziele als wertvoller, die nicht bloß einieitig national sind, sondern zum Besten der Menschheit dienen. In Uebereinstimmung damit behaupten die Ententemächte die Güte ihrer Sache, indem sie daraus Hinweisen, daß sie für die Verwirklichung humaner Ideen kämpfe::. Bald heißt es, der Zweck sei die Zerschmetterung des Militarismus, und bald ' wird verkündigt, es sei die Unabhängigkeit der kleinen Stauten, die es zu sichern gelte. Auf diese letzte Behauptung braucht man keine Worte zu verschwenden. Tie Art, rvie die Mliierten gerade in diesen Tagen Griechenland behandelt haben, ist beredt genug. Solange kleine Staaten existieren, werden sie fortwährend Schachfiguren im Spiele der Mächtigen sein. Das liegt in der Natur der Sache und läßt sich nicht ändern. Was die Wschaffting des Militarismus angeht, so ist das ein Programm, das ohne Zweifel aufrichtiger gemeint ist, sck>on im Hinblick auf die ungeheuren Steuerlastey der Zukunft. Eine andere Frage ist es aber, wie d.as Programm durchgesührt werden soll. Tie Lösung der Aufgabe setzt voraus, daß die Entente nach einem siegreichen Kriege die Mehrzahl der Nationen in einer heiligen Allianz vereinigen kann, die besser glückt als die 1815 geschlossene. Ein Verband von Staaten, so stark, daß keine Koalition außerhalb stehender ein ebenbürtiger Gegner werden könnte, wäre ganz gewiß imstande, den Frieden mit Hilfe einer Militärmacht zu sichern, die nicht mehr unverhültnismässige Opfer vergangen würde. Mer es ist geringe Aussicht dazu, dass der Gedanke verwirklicht wird. Nach dem Kriege wird nämlich die Entente kaum auf die Länge bestehen können, jedenfalls nicht in ihrem jetzigen Umfange. Dazu ist diese bunte Mischung von Engländern, Fran- zosen, Italienern, Russen und Japanern allzu unnatürlich. Die Gegensätze zwischen diesen werden sich wahrscheinlich vor: neuenr melden, und zwar ohne Rücksicht auf den Ausfall des Krieges. Was sie gegenwärtig zusammenhält, ist ja bloss ein zufälliges Band. Es hat sich so getroffen, dass ihre sonst sehr verschiedenen Bestrebungen episodisch einander in einem gemeinsamen Antagonismus gegen Deutschland haben begegnen können. Auf diese Weise ist das Schicksal des deutschen Reiches das Zentrum geworden, um das sich der Weltkrieg dreht. Nun ist das zukünftige Beschneiden der Schwingen Deutschlands ein Ziel, das allerdings englische Nebenbuhlerschaft, französische Revanchelust und russischer Nationalismus ansprechen kann: aber von einem allgemeinen menschlichen Standpunkte aus kann es unmöglich als wünschenswert erscheinen, dass irgend eines der führenden Völker, seien es Deutsche oder Engländer, Franzosen, oder Amerikaner, in seiner Tätigkeit gehemmt werde. Das Kulturbewusstsein _ verlangt, dass überall, wo nützliche Kraft vorhanden ist, diese sich unbehindert entfallen könne. England spricht jetzt von dem Rechte der kleinen Völker, aber es hätte lieber bei Zeiten das des großen anerkennen sollen. Deutschlands wachsende Volkszahl und seine industrielle Entwicklung verwiesen es mit Notwendigkeit auf ökonomische und koloniale Erweiterung. Sich einer solchen zu widersetzen, war ein Versuch, gejgeu die Logik der Tinge Gewalt zu üben. Eine billige Uebereinkunst war nicht unerreichbar, und vorurteilsfreie Engländer räume:: gewiss jetzt ein, daß die bedeutend billiger gekommen wäre als das Bündnis mit Frankreich und Russland. Aber die Regierenden meinten, dass die Welt keinen Platz für beide^ Konkurrenten darbiete, und die britische Regierung wurde die Seele der Einkreisungspolitik, bie schliesslich zum Kriege führte. Inzwischen hat gerade der Krieg Deutschland eine Perspektive eröffnet, die reichere Verheißungen bietet als die Aussicht auf koloniale Erwerbungen. Deutschlands intimes Verhältnis zu Oesterreich-Ungarn und die ^Waffenbrüderschaft der beiden Zentral- mächtc mit der Türkei und Bulgarien haben den Gedanken eines dauernden Zusammenschlusses gereift, eines sogenannter: „mitteleuropäischen Bundes", der überdies auch asiatische Landesteile umfassen würde. Es ist unleugbar, dass ein solches Bundessystem alle Bedingungen für eilt ökonomisches sich selbst .Genügen inffich tragen würde, während es zugleich die stärkste Militärische Sicherung gewähren würde. Wird der Plan zur Wirklichkeit, so wird das das bedeutungsvollste Ergebnis des Krieges sein. Die Erreichung der besonderen Ziele, für die die Ententemächte kämpfen, würde bei weiten: keinen so eingreifenden Einfluss ausübcu. Wenn Frankreich Elsaß- Lothringen bekäme, Italien Triest und Russland Konstantinopel, so würden biefe Veränderungen allerdings fühlbar genng sein. Aber im wesentlichen würden das nur territoriale Verschiebungen sein; sie würden Europas Landkarte veränderr:, aber dem internationalen Zusammenleben keine neuen Werte zuftihren. Das würde dagegen der mitteleuropäische Bund tun. Seine Idee ist einer Zeitströmung gemäss, die sich in der Richtung beständig weitergehender Zusammenschlüsse bewegt. Im vorigen Jabr- hundert war es genug, eine Grossmacht zu sein, in der Rangord^- nung des gegenwärtigen steht die Welttnacht zu oberst. An Weltmächten gibt es zurzeit drei: das britische Reich, Rußland und die Vereinigten Staaten. Das Hinzukommen des mitteleuropäischen Bundes als der vierten würde euren weitere,: Schritt zu der Drgani- sation der Menschheit bezeichnen, für die die Weltmächte vielleicht das notwendige Durchgangsglied sind. Selbstverständlich wird England ans allen Kräften versuchen, die Aufrichtung einer Macht !zu verhindern, die es als eine Drohung! gegen seine Herrschaft in Indien betrachtet Für den Mgenblick scheint es zu vergessen, daß diese Herrschaft schon längst von russischer Seite bedroht gewesen ist. In Wirklichkeit ist es Rußland, das der natürliche Gegner des britischen Reiches in Asier: gcivesen ist und bleiben wird. Tie Erkenntnis dessen wird schon einmal vor: neuem durchbrechen, und wer weiß, ob nicht England dann eine r:ähere Verständigung mit den: Deutschland sucht, von dem es einsehen gelernt hat, daß es nickst gebrochen werden kann. Deutschlands Glsick dürfte die englische Gesir:nur:g eher mildern als erbittern. Man denke daran, wie es mit der: Vereinigten Staaten ergangen ist. Nachdem diese^ gross und mächtig herangewachsen sind ur:d nahezu unangreifbar geworden, ist Englands kühle Gesinnrmg Arnerika gegenüber durch geradezu herzliche Geftihle abgelöst worden, trotz aller industriellen Konkurrenz. Ein Einverständnis zwischerr der britischen und der gerrnar:i- schen Weltmacht — man wird sagen, das ist eist Hirngespenst. Aber gleichviel. In der Politik muss man schliesslich mit a l l e n Möglich- teiteu rechnen, sogar mit der, dass die Vernrmst siegt. Amtlicher Teil. XVIII. Armeekorps. Stellvertretendes Generalkommando.^ Mt. III b. Tgb.-Nr. 48/15. Frank für t a. M., den 3.1.1916. Betr.: Verbot von Ausverkäufen für Web- und Wirkwaren. Ans Grund des § 9 b des preußischen Gesetzes über den lagerungszustand von: 4. Jrm: 1851 werden hiermit für den Monat Januar jede Art von Sondcraiisvcrkäufen, wie Jnvertur- oder Saison-Ausverkäufe, sog. Weiße Wochen oder Tage, Propaganda- und Reklame-Wochen oder Tage, sowie Verkäufe urtter Ankündigung von herabgesetzten Preisen für Web - und Wirkstoffe und hieraus k o r: f e k t i o r: i &x t e Gegenstände und für alle Strickwaren verboten. Ter Kommaubierende General: Freiherr von Galt, General der Infanterie. Betr.: Brotkarten-Nachweisung für vorübergebend anwesende Personen. An den Oberbürgermeister zu giessen und die Grossh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises. Wir erinnern daran, dass die Brotkarten-Nachiveis:,ng für die Zeit vom 16. Dezember 1915 bis zum 15. Januar 1910 längstens b i s zum 16. Januar l. I s. an den ’.\1 ommunal- v erb and, M ehlv erteilungsstelle Giessen, cinzuseuden sind . Die erttsprechenden Vordrucke sind Jhner: bereits zugegangen. Giessen, den 10. Januar 1916. . Großherzogliches Kreisamt Gießerr. I. V. L a n g e r m a n m