Nr. 10 Zweites Blatt 166. Jahrgang Erscheint Ä-Nch mü Ausnahme des Sonntags. Die „Sieh regen. Am besten ist der Abschluß von Schweinemastverträgen mit Lieferung eines Teiles des benötigten FutterS. Beim Leder hat zu den hohen Preisen sicherlich das rücksichtslose Einhamstern der Vorräte beigetragen. Die Klagen der Landwirtschaft geben der Auslandspresse Handhaben' zu unbequemen, wenn auch falschen Folgerungen. Die Käufer gehen auch nicht mit verbundenen Augen durchs Loben. Biel schlimmer als der Landwirtschaft geht es den kleinen Gewerbetreibenden. (Sehr richtig! links.) In Leipzig allein sind seit KriegSansang 760 mittlere und kleinere Betriebe stillgelegt worden. Der Landwirt,, der im Felde steht, hat auch die Gewißheit, daß einst bei seiner Heimkehr sein Grund und Boden noch da ist, also die Grundlage seines Erwerbs. Durch die Klagen erregt man Unzufriedenheit bei den Landwirten. Allerdings hat die Landwirtschaft auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Namentlich den Frauen gebührt unendlicher Dank, daß sie alles daran gesetzt haben, den Betrieb fortzuführen. Dabei ist vielfach gut verdient worden. Mancher alte Krippenseher ist weit über den Buchwert bezahlt worden. (Heiterkeit.) Daß die Hhpothekenzinfen und Erzeugungskosten größer geworden sind, wird reichlich ausgewogen durch die Höchstpreise. Die letzte Erute hat einen Geldmehrwert von 1 y 2 Milliarden. Auf den Hektar apgebaute Flächen sind 87 Mark mehr eingekommen. Wie kann man "da von einem Wertrückgang reden? Bei Viehverkäufen geht das Geld ja bar ein. Der Geldzustrom in die landwirtschaftlichen Kassen hat eine geradezu beängstigeude Höhe erreicht. Die Preise für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse sind hoch genug, um die Mehrkosten auszugleichcn. Selbst wenn die Preise niedriger wären, hätte die Landwirtschaft die vaterländische Pflicht, nach bestem Können für die Aufrechterhaltung der Betrieb« zu sorgen. Die vorhandenen Futtermitiel müssen in gerechter Weise verteilt werden und auch den kleineren Besitzern zugute kommen. (Zustimmung links.) Erforderlich ist auch eine schleunige Verteilung. Der Verteilungsschlüssel ist an sich gut, aber bei seiner Ausführung durch die Landräte hapert es. Ohne Futtermittel gibt es keine fetten Schweine. Die Militärverwaltung sollte für die sachgemäße Frühjahrsbestellung rechtzeitig Beurlaubungen gewähren. Der Zucker, rübenbau muh in die Höhe gesetzt werden. Die Zensur geht teil- ~ weise so weit, daß man private Gespräche mit seinen Wählern kaum noch führen darf. Wie klein erscheinen alle Klagen über Unbequemlichkeiten, wenn wir einen Blick auf die Front werfen, wo unsere Brüder in vorbildlicher Kameradschaft Wacht halten. Seien wir einig und treu in der Pflichterfüllung wie sie, soweit wir hier etwas tun können. Für sie gibt es niemals Worte des Danks ge- nug. (Beifall links.) Abg. Dr. Roesicke (Kons.): Den Schlußworten meines Vorredners stimme ich vollkommen zu. Mögen uns die gleichen großen Gesichtspunkte auch bei un- seren inneren Auseinandersetzungen leiten! Verlieren wir uns Ivicht in Kleinlichkeiten! Die Teuerung der Lebensmittel (ist unendlich zu bedauern und in hohem Maße betrübend. Es gibt aber kein Gebiet, welches nicht sehr gesteigerte Preise aufzuweisen hätte. Alle unsere Vorschläge bezwecken gerade, den minderbemittelten Kreisen die Möglichkeit zu geben, besser durchzukom- men Wir haben eine Zeitlang geradezu eine Wucherseuche gehabt! Besonders schlecht ist hierbei die Landwirtschaft, wcggekommen. In einem Leipziger Blatt hat man sogar behaupt tet, die Landwirtschaft habe unter den Augen der Regierung den> Wucher organisiert. Das deutsche Volk werde sie dafür zur Rechenschaft ziehen. Wie kann man gegen einen ganzen Stand einen solchen Vorwurf erheben!? Auch die Ausführungen deS Abg. Schmidt-Berlin bewegten sich vielfach in den gleichen Dahnen. Die Landwirtschaft hat von Anfang an nicht das kapital listische Prinzip verfolgt. Die Regierung war allerdings zunächst der Ansicht, daß das Höhergehen der Preise eine Regelung der Verteilung herbciführen müsse. Es hat sich dann ge-> zeigt, daß das falsch war, und man hat dann die Wege «inge- schlagen, die die deutsche Landwirtschaft empfohlen hatte. Di« Landwirtschaft ist durch Organisation und Selbsthilfe stark geworden. Sie hat sich selbstlos in den Dienst der vaterländischen Sache gestellt. Trotzdem ist die deutsche Landwirtschaft in einer Weise beschimpft worden, wie sie es bei ihrem idealen und sozialen Standpunkt gewiß nicht verdient hätte! (Zustimmung.) Der Brotpreis und Beotgetreidepreis ist bei uns niedriger als in. England. Bei der Beurteilung der Kartoffelfrage darf man nicht außer acht lassen, daß der Wert der Speisekartoffeln als Futtermittel heute, an anderen Futtermitteln gemessen, höher ist als ihr Höchstpreis. Die Landwirtschcift kann heute nicht zu den gleichen Preisen wie in Friedenszeiten Milch produzieren. In Deutschland haben wir aber niedrigere Milchpreise als in England. Das gleiche gilt von der Butter. Jeder Unternehmer muß sich sagen, nach dem Kriege kommen bedeutende Lasten. Das gilt für Industrie und Landwirtschaft. Auch die Landwirtschaft muß Reserven haben, damit sie nicht ausgepowert wird. Jeder muß sich sagen, daß die Qualität unseres Kulturlandes während des Krieges leiden, die Qualität unseres hochgezüchteten Viehs zurückgehen muß. Das erfordert nach dem Kriege große Aufwendungen. An den hohen Lasten, die uns bevorstehen, muß die Landwirtschaft ihren vollgemessenen Anteil tragen. Sollen die landwirtschaftlichen Arbeiter leer aps-- gehen, wenn die Munitionsarbeiter in den Städte tv die hohen Löhne; einheimsen? Die Naturalienverpflegung der landwirtschaftlichen Arbeiter ist im Kriege viel höher zu bewerten' als in Fricdeuszeiten. Im Auslande ist es schlechter als bei! uns: wenn es trotzdem fest entschlossen ist, den Krieg weiter zu führen, muß unsere Entschlossenheit noch größer, sein. Die Reichsgetreidestelle muß die mittleren und kleineren Mühlen mehr als bisher beschäftigen. Die Ernte war in vielen Gegenden geringer als erwartet wurde, woraus vielfach eine unangenehme Lage für die Landwirte entstanden ist. Unterstaatssekretär Dr. Michaelis, Präsident der Reichs- getreidestelle: Die Notwendigkeit der sparsamen Wirtschaft ist hier mehrfach betont worden. Das hängt mit den Maßnahmen zusammen. die hinsichtlich des Brotgetreides in den letzten Tagen ge-i troffen worden sind. Es find Zweifel geäußert worden, ob die Zahlen unserer Ernteschätzung zutreffend find. Wir müssen damit rechnen,' daß wir im Osten in der Tat eine recht geringe Ernte haben! werden, und die letzte Bestandsaufnahme hat ergeben, daß keines« wegS die Annahme gerechtfertigt ist. wir wären sehr reich und könnten darauf loswirtschaften. Allerdings hatten die Maßnahmen^ die rm zweiten Jahre von der Reichsgetreidestelle getroffen wurden, diesen Glauben begünstigen können. Wir haben vor allen Dingen Hinterkorn zu" Verfütterung freigegeben, und wir haben, wenn! auch nur unbedeutend, die Brotration erhöht, kurz einn ganze Reihe von Maßnahmen getroffen, die darauf abzielten, im, weiten Jahr eine freiere Situation sowohl der Landwirtschaft als em Verbraucher zu schaffen. Das war selbstverständlich voll 6c-j rechtigt; denn im ersten Jahre war die Sparsamkeit erst nach Ab« lauf des ersten Halbjahres eingetreten, in diesem Jahr fingen wir! von vornherein mit einer fertigen Organisation an. Wir haben! aber erst den dritten Teil des JahrcS hinter uns. Wir müssen wieder zu der alten Sparsamkeit zurück! ehren j die im Vorjahr unS den Erfolg beschert hat. Auf seiten der Landwirt« ist mit der Wahrung der Bestände gegen Verfütterung nicht so gehandelt worden, wie es im Interesse der Allgemeinheit notwendig gewesen wäre. Die Hinter- kornverfütterungsbestimmung hat das i^irungbrett abgegeben, sich über die Bedenken hinwegzusetzen, wieweit eine Verfütterung von Getreide berechtigt oder unberechtigt sei. DieNotanFutter- Mitteln war aber jo groß, daß eS in der Tat eine außerordentliche Ueberwindung für den bedeutete, der für sein Vieh verantwortlich ist, namentlich für den kleinen Mann, wenn er daS Vieh, schreien hörte und er Hinterkorn hatte. Man hatte im Osten mi diesem Jahr verhältnismäßig sehr viel mehr Hinterkorn, es gifct 1 Städte, die so notleidend sind, daß sie bis zu 60 Prozent Hinter- korn hatten. Es lag eine Laxheit der Produzenten in der Ver-. fütterung vor. Wir haben darin gefehlt, daß wir die Ueber-, wach un g nicht mehr so stark anzogen wie seither. Auf dem Gebiet der Konsumenten sind Sie ja alle sachver-. ständig. Sie wissen, daß in der Tat mit dem Verbrauch jetzt! nicht mehr so sorgsam verfahren wird, wie es war. Ich «rinnere, an die Zusahbrotkarten. Im vorigen Jahr wollten wir! den berechtigten Wünschen der schwerarbeitenden Bevölkerung nach einer höheren Brotration dadurch abhelfen, daß wir Zufatz-! karten bei Bedarf gaben, den wir jedesmal prüften. Man be-. schränkte sie auf wirklich Schwerarbeitende. Im zweiten Jahr —. die Kontrolle war ja sehr schwer irnd sehr inuständlich — wollten wir Nachlassen. Wir haben ein Pauschquantum als Maximum. Diese Pauschmenge wivd voll ausgenutzt, und zwar von Leuten, die als schwerarbeitend absolut nicht anerkannt wevden konnten. Es ist kein Witz, sondern wahr, daß auch Gymnasiasten Zusatzbrotkarten als schwerarbeitende bekamen. (Heiterkeit.) Es ist sehr allgemein verbreitet, auch \tn Berlin, daß . B. die Dienstmädchen die Zusatzbrotkarlen bekommen, elbst in Häusern, wo es sehr wohl möglich wäre, die Nahrung so zu gestalten, daß sie mit der einfachen Brotkarte auskämen. Kurz, es ist dahin gekommen, daß zum Beispiel in Berlin, wo im vorigen Jahr die Zahl der Zustrtzbrotkarten 120 000 war, sie in idesem Jahr auf annähernd 700000 gestiegen ist. (Hört, hört!) Der Betrag, um den wir die Brotration hinaufgesetzt hatten, list nicht, wie im Vorjahr, weniger angefordert worden, soirdern man hat die Nichtverbrauchten Abschnitte zu Mehleinkäufen ver- iocrtet, zum Kuchen backen und zum Essen. In den Nestaurationen ist der Verbrauch auch nicht mehr so scharf wie im Vorjahre kontrolliert worden. Wir müssen jetzt einmal wieder mit voller Energie durchgreifen sowohl bei der Verfütterung wie bei dem Konsum. Wir müssen zum Verteilungs- matzstabe des Vorjahres zurückkckhren nnd nur den wirklich Stark- arbeitenden chre Ratiorven lassen. Glücklicherweise haben wir den ganzen Apparat so in der Hand, daß wir bas auch durchführe» können. Bis zu einem gewissen Grade hängt diese Sache auch mit unserer Mühlenpolitik Misaurmen. Wenn wir unser Ziel -erreichen wollen, müssen wir möglichst bald alles ausdreschen. Die sicherst« Statistik ist: alles an-sdveschen und dann da§, was den Selbstversorgern nickst gebÄhrt, wegnohmen. Das machen wir jetzt. Die Angriffe gegen die Landräte sind unberechtigt. Hätten wir nicht den preußischen Landrat und die entsprechenden Beamten in den anderen Bundesstaaten gehabt, ich wüßte nicht, wie wir nissere Maßnahmen, die vielfach dem gesunden einfachen Menschenverstand gegen den Strich gingen, hätten durchführen sollen. Ein Beispiel: Es widerspricht Leu einfachsten wirtschaftlichen Grundsätzen, daß wir den Landwirten das Korn, welches als Futter verschrotet wird, erst weg- nehmen und dann wicdergeben. Anders ist aber eine Kontrolle nicht möglich. Das ist aber selbstverständlich sehr schwer mit dem einfachen Menschenverstand zu erfassen. (Heiterkeit.) Nun sollen wir den mittleren und kleinen Muhlev eine zu gering« Menge zngewrefen haben. In Friedenszeiien haben wir 17 Millionen Tonnen Mahlgut, jetzt haben wir 9 Millionen Neber diese 6 Millionen hat nun diL Reichsgetreidestelle keineswegs allein zu verfügen. 80 Prozent der Kommunalverbände haben Selbstversorgung, so daß die Reichsgetreidestelle nur 3 Millionen Tonnen vermahlt. Diese kann sie nun unmöglich gleichmäßig auf die einzelnen Mühlen verteilen.' Wenn wir viele Mühlen, aber jede nur mit einem geringen Teü ihrer Leistungsfähigkeit beschäftigten, würden wir einen MaAlohn von 10 bis 1b Mark für die Tonne bezahlen müssen. DaS ginge nicht, ohne daß das Reich kster unterstützend einträte. Ein solches Eingreifen des Reiches darf aber nur dann erfolgen, wenn andere bestehende Mrtzstände nicht behoben werden können. Fälschlich wird immer behauptet, wir hätten nur einige wenig« Mühlen angeschlossen. Im ganzen sind es jetzt 420 Mühlen, seit der letzten Denkschrift ist ihre Zahl also um 143 gestiegen. Weiter habe ich nicht gehen firmren. Wieviel Mühlen soll ich denn eigentlich an schließen? Ich habe von Abgeordneten viel« Briefe erhalten, die sich damit befassen. Die Tendenz ging immer dahin, die Mühlen in ihrem Wahlbezirk anzu schließen! (Heiterkeit.) Die Feiertags- und Nachtarbeit im Mühlengetvcrbe ist nicht abzuschaffen. Solche Neuerungen, die groß« finanzielle Opfer erfordern, lassen sich wohl in Friedens-, aber nicht in KriegS- zeiten durchführen. Die Bemängelungen van Getreide haben nachgelassen, indem wir die Anforderung an den Grad der Feuchttg- keit allmählich herabgesetzt haben. Das Schiedsgericht der Reichsgetreidestelle ist eine objektive unabhängige Behörde. Es steht außer Zweifel, daß wir bis zum Schluß deS Wirtschaftsjahres auskommen und mit einer Reserve hinübergehen in das neue WirffchaftSjahr. Die Rücklage sst nötig, das hat sich im vorigen.Jahre ergeben. Wir haben mit den 700 000 Tonnen gerade bloß ausgereicht, um in die neue Versorgung glatt hinüberzukommen. Weite Kreise Deutschlands können nicht damit rechnen, schon vom 1b. August ab die neue Ernte zur Verfügung zu haben. Wir werden noch monatelang von den alten Beständen leben müssen. Hätten wir nicht vom vorigen Jahre den starken lleberschuß gehabt, so wären wir in starke Verlegen- heit gekommen. Von der Nachprüfung der Statistik erhoffen wir, daß die Reserve größer werden wird, aber verbürgen können wir es iricht. Produzenten und Konsumenten müssen deshalb mit voller Energie an die Aufsparung der Reserve Herangehen. Wir müssen die Zähne zusammenbeißen, auch wenn wir vielleicht manchmal nicht das dazwischen haben, was wir gern möchten. (Heiterkett.) Wenn wir wollen, kommen wir aus. DaS wir wollen, das steht fest! (Lebhafter Beifall.) Abg. Freiherr von Gmnp (Reichspariei): J5? ist irnerhört, daß in Derkrn die Zusahbrotkarten von 180 WO auf 700 000 steigen konnten, ohne daß es irgerrdmne Stelle gemerkt hat. Es wäre wünschenswert, daß man darüber noch Ermittelungen anstellte, um die Wiederkehr solcher unverantwortlichen Zustände zu verhindern. Im Mühlengewrrbe ist es nur schlimmer geworden, seitdem «fl der Kri egSaetreidegefellschast die Reichsgetreidestelle geworden ist. Zahllose Mühlen find stillgelegt worden, obgleich sie zu den gleichen Preisen wie die Großbetriebe arbeiten wollten. Diejenigen Mühlen, die im Frieden für das Ausland gearbeitet haben, werden jetzt gerne von der Militärverwaltung bevorzugt. Ein Antrag auf Vertagung wird angenommen. Nächste Sitz.' > Donnerstag 2 Lhc: Weiterberatung. Schluß 7 Uhr. - ~*-:- ' ~ ^ Bös Dienftpflichtgesetz Im englischen llnterhause. Haag, 12. Jan. (Zens. Frkft.) Reuter meldet aus London? Das Unterhaus war gedrängt voll, als die Debatte über die zn-eite Lesung des Gesetzentwurfes zur Einführung der Dienstpflicht begann, dessen Zurückweisung der Arbeilerabgeordnete Ander-« son vorschlug. Sofort erklärte dar Arbetterabgeordnete Thorne unter allgenreinem Beifall, daß Llndersvn kein Recht habe, in dieser Angelegenheit im Namen der Arbeiter zu reden. Anderson versicherte, daß, tvenn die arbeitenden Klassen das Gesetz besser begriffen, her Widerstand gegen das Gesetz sich verschärfen würde. Die wirklickwn Drückeberger bilden nur eine gänzlich zu verrrach- lässigende Zahl rurd die Notwendigkeit des Gesetzes sei nülttärischi nicht bewiesen. Wenn aber das Gesetz einmal angemTmmen sei,, so lverde es n«l?t dabei bleiben. Der Tag der allgenreinen Dienstpflicht werde anbrecheir, und die Arbetter am Clydc detrachtmT- diese Angelegenheit als derr Beginn der indnsttiellen Dtenstpflichr. Richard L a m b e r t (radikal), der des öfteren rntterbrochen wurde, unterstützte die Zurückweisung des Gesetzes, das, wie er sagte, England verprcnßen würde. Sofort darauf aber erhielten die Gegner des Di-enstpflichtgesetzes einen hefttgen Schlag, als John Redmond ihrer Sache untren wurde und ankündigte, daß die Nattorralisteir (Jrerr) keinen weiteren Widerstaird gegen das Gesetz leisten würden. Rednwrch legte dar, daß er bei der Einführuirg des Gesetzes auf dem Standpunkt stand, daß das Gesetz rmr durch nationale No'tlvendigkert gerechtfertigt werden könnte nnd nakh-'seiner Meinung sei ein genügender Beweis für eine derartige Notwendigkeit geliefert ivor- den. Mit Rücksicht auf die umviderlegbaren Gefahren und Verwicklungen und auf die Möglichkeit der bevorstehenden Einfühmueg- der indnsttiellen Dienstpflicht stinunten die Nationalisten gegen das Gesetz. Aber jetzt ist ihr Standpunkt ein ganz anderer. Die Abstimmung bei der ersten Lesung des Gesetzes hat hinsichtlich der Nationattsten den Zustand gänzlich verärgert. Bei der Absffmmung über dies rein britistlie Gesetz »mir eine britische Mehrheit von 10 gegen 1 für das Gesetz. In dieser ?Rehrl>eit befanden sich die meisten liberalen Mitglieder, die bislnw nmtige Verteidiger der irischen Rechte und Freiheiten gewesen sind. Noch nicht die Hälfte der Arbetterpartei stimntte gegen das Gesetz und die verautwortlick>en Fish rer der Arbeiterpartei stimmten daflir. Außerdem wurde allgeinein aner^runt, daß loeuu Wahlen gehalten ioür- beu, eine überwälttgendc Melwyeit sich fülr das Gesetz cnffckeide^ werde. Die Nationalisten müssen allen diesen Punkten Rechnung ttagen mW nachdem sie nun einmal ihren Protest! gegen bas Gesetz ausgesprochen liatteu, lverden sie sich nicht langer als Gegner des Gesetzes anfwcrfcn. Er hoffe, daß das Gesetz bald Kraft er- l>attcn werde, und daß alle Parteien sich, unter seiner Wirkung vereinigen werden. C a rso n bezeickmete den Widerstand gegen das tziesetz als einen schlechten Dienst, tarn man dem Lande erloeise mü> verspottete die Gründe der Gegner. Mm lüde das Bedenken geäußert, daß das Gesetz der Industrie SckmdLU zu füge und zur indnsttiellen Dienstpflicht füllen lorrde. Er frage aber, tvas bedeutet dies alles, !venn wir den Krieg gewinwm. und was werde entstehen, I lvenn wir ihn verliere... (Lauter Beifall.) Er wlies daraus bin', daß die militärischen Berater der Regierung mit den Verbündeten tzvoße stEegische Pläne auszuarLerten hätten Und erläuterte, rveichen Einfluß die russischen Mißerfolge von 1914 notwendiger- weise auch auf das britische Heer ausgeübt hatten. Millionen non Männern, die zu Beginn in der Offensive waren, sind in die Defensive getrieben worden. Die Zahl, die früher sür Uns als genügend gelten konnte, kann es nach diesen Geschehnissen nicht Mehr sein. Auf die Rede Simons antwortete Carson, daß, als lSimon Mitglied der Regierung loar, Gesetze angenommen wurden, wodurch die Verpflichtungen der Leute, die bereits unter die Waffen gegangen ivaven, erweitert ivurden. Das lvar die Dienstpflicht für Leute, die tn Einzelfällei: bereits dreizehn Jahre gedient hatte::. (Zur Erklärung diene, das; damals gesetzlich die /Leute, die zu den Waffen gegangen waren, jeborfii nur für den Inlands dien st gezeichnet hatten, verpflichtet waren, sich auch für das Expeditionsheer verwenden zu lasse::.) Und nun wolle Simon S(nd cnrdere die Dienstpflicht für solche Leute verweigern, die überhaupt nichts tun wollen. Carson erklärte schließlich, das Land sei kerngesund und bereit, jedes Opfer zu bringen, um das Ziel zu erreichen. (Starker Beifall.) Die Liberalen Hodge, Molteno, Gougtz, Gordon und .Harvey erklärten sich gegen den Gesetzentwurf. Mark Sykes sagte, der Gesetzentwurf sei eine Garantie für die Franzosen, daß die englische Demokratie ihren letzter! Mann und ihren letzten Pcirny zur Verfügung stellen werde. Italien und Rußland, wo der Feind den Glauben zu erwecken suche, daß es England nicht -ernst mit den: Kriege sei, tverde durch den Gesetzentwurf vollkommene Sicherheit gegeben. ' B i rr e l l erläuterte den Ausschluß Irlands von der -Dienstpflicht und verteidigte diesen auf Grund der dortigen Verhältnisse. Irland betrage sich bewundernswert und man dürfe es sucht drängen. Die Regierung erhalte aus Irland wöchentlich 1000 Rekruten und die irischen Soldaten haben in vorbildlicher Weise ihre Pflicht getan. Es sei unerwünscht, nur um einige Leute mehr zu erhalten, die Einigkeit und die Solidarität der dortigen Aktion zu hinderu. Die weiteren Verhandlungen des Gesetzentwurfes wurden vertagt. Das Interesse wurde durch die Mitteilungen Rcdmonds be- .deutend geschwächt, da es nun sicher ist, daß die Regierung nwrgen abend eine überwältigende Mehrheit für den Gesetzentwurf haben ^ wird. (Frkft. Ztg.) _ An der 5trypa. Von Kriegsberichterstatter Waldemar Bonsels. Wir stiegen aus den eroberter russischen Gräben, der Sergeant der Stabs:vache. der mich begleitete, winkte dem Burschen, der im Talgrund die Pferde hielt. Die Räunumgsarbeiten waren hier noch nicht beendet, und in den zerschossenen Schanzen lagen noch tote Russen, ihrer letzten, dunklen Ruhestatt harrend. Das Werk der Zerstörung durch die deutsche Artillerie war vollkommen, ein Chaos von Erde, Holz, Gestein und Menschenleiberu ließ meine Sinne taumeln, die Stümpfe und Splitter zerschossener Geivehrc ragten aus den Trümmern, überall lagen npch zerstreute Patronenhülsen, Kleidungsstücke, Blechbüchsen und blutiges Stroh umher. Am Ende eines Grabens bewegte sich der gebeugte Körper eines alten Mütterchens, das nach Ueberresten suchte, rmter den Verblichenen. Ein paar Pioniere rafften trockenes und sauberes Stroh zusammen, für eine Lagerstatt im Freien. Ein Arm voll Stroh ist Goldes wert -in dieser verwüsteten Oede, die die Russen bei ihren Rückzügen hintcrlassen haben. Die Glut des Abendhimurels fiel uns an wie eine zornige. Feu- lersbrunst, das Land lag weit, totenstill und öde. Es sah mit seinen ckanghingezogenen, niedrigen Hügeln und Tiefen :vie ein ungeheures, .graugrüms Meer aus, das nach einen: gewaltigen Sturm sanft und mächtig verebbte. Nur die Höhenzüge dieser gewaltigen Wellen erglühten, tvie mit roter Farbe bemalt. Die Sonne stand dicht über abendlichen Horizont dieses bösen, heißen Tages erbitterter 'Kämpfe. Auf einem fernen Hügel in dieser unabsehbaren Weite bewegte sich wiuzigklein :md kohlschwarz, fvie zierliches Spielzeug, ein langer Zug Artillerie, Munitionskolonnen und Train. Die kleine, lebendige Reihe zog durch das Himmelsfeuer wie ein Spuk, wie ein unwirkliches und düsteres Schauspiel. Waren das die Menschen und LJe^en. die Figuren und Gestalten dieser schaurigen Totentage? -Eine schmale Wolkenbank verteilte die Himmelsglut und senkte tiefe Schatten ins Land, sie nahm das Abendgold um ihre leichten Ränder und funkelte wie eine selige Insel göttlicher Daseinsruhe über der hereirrbrechenden Nacht. Als ich mich umwandte, sah ich im kalter: Blau des Ostens den lautlos dahinziehenden Punkt eines lernen Fliegers, wie das kühn hinausgesandte Wahrzeichen eines nicht ruhenden Willens zur Tat. Als wir in Z. anlangten, war es Nacht. Aus dem von alten Bäumen überdachten Hvfraum eines niedrigen Bauernhauses in der Nähe meines Quartiers klangen laute Stimmen und Lachen imd der melancholische Frohsinn einer Ziehharmonika. Ich ging hinüber, durch den schmalen Hof, in dessen Mitte ein Feuer brannte, über dem Kessel hingen. Die Gestalter: der Mannschaft waren vom Feuerscheir: übergossen, ebenso die Zweige der Bäume und die Wände des Schuppens, so daß es aussah, als hockten sie in einem gewölbten, roten Gemach. Einer erhob sich und führte mich über dünne Bretter, die im Schlamm versunken warei: und nur hier und da noch zu schwimmen schienen. „Dort sind die Herren," sagte er, und ich betrat eine niedrige Bauerrrstube mit Lehmboden und Holzbänkeu und einem Ofen, der bis dicht mrter die Decke reichte und fast die Hälfte des Raumes füllte. Am Tisch saßen Offiziere, die ich kannte, sic erschienen mir in diesem Stubenloch wie Riesen in einer Schachtel. Man nahm meine Ankunft höflich und gleichmütig auf. das Gespräch ging gelassen weiter. An der Decke staird eine Rauchwolke, die erst an der niedrigen Tür einen Auslveg fand, es war kalt und zum Ersticken eng, die Stimmen klangen überlaut. Ein junger Offizier beobachtete die Wirkung, die dieses Kasino aus u:ich machte, mit liebenswürdiger Schadensreudc. „Erfrieren Sie lieber, oder ersticken Sie lieber?" ftagte er höflich. Eine Ordonnanz kletterte über die Bänke bis zu der Kiste, auf der ich mich niedergelassen hatte und reichte Zigarre:: uird Kognak. Ich glaube, daß beide aus Deutschland stammten. Der rote Nebelmond einer Kerze wanderte mir unter die Nase, aus unsichtbaren Gründen erscholl eine tiefe Stimme: „Setz' Dich doch, Kamerad. Wenn Du stehst, sieht man Dich nur bis an die Schultern. Du sprichst wie Zeus aus dem Gewölk herab." Der Angeredete ließ sich nicht stören. Langsam erkannte ich seine hünenhafte:: Umrisse. Mein (^ott, war daS ein galizisches Bauernloch, bei uns wohnt das B:eh besser, als diese Bauern, daran ist kein Wort übertrieben. „Das muß man erleben," fuhr der Redner eindringlich mtb ruhig fort, „es kommt aus das Zusammengehen an, auf daS Zusammenhalten und -arbeften. Das versteht so leicht niemand richtig, der cs nicht erprobt hat, aber die Gemeinschaftlichkeit in Absicht, Entschlossenheit und Kraft wirkt wahre Wunder. Hundert Mann, die sich in ihren Krieaserfcchrungen kenn, vertreiben tauseich, die es nicht tun und deren Geist durch kein Gefühl der Gemeinsamkeit zusammengeschlossen wird, zusammengefügt zu jenem undefinierbaren Etwas, das vom kleinsten Scharmützel bis in große Sturmangriffe die Schlachten entscheidet. Schaut zurück, was habt Ihr denn erfahre::? Die Russen stürmen in zehn Gliedern hintereinander, und ihr Angriff wogt zurück. Das kommt daher, daß sie immer noch glauben, die Masse bedeute im Kriege dasselbe wie die tftaft. Das tut sie nicht! Wenn ich hundert Leute heranhole, die ich kenne und die mich kennen und die sich kennen, so nehme ich jede Schanze, jede Knppe, jeden Graben, es ist ganz gleichgültig, wie sie verteidigt sind, vorausgesetzt natürlich, daß im Verhältnis Vernunft liegt. Das kommt daher, daß eine solche geistige Kette des Zusa:muenhanges im geschlossene:: Willen und in der geübten Kraft nicht zu sprenge:: ist. Sie ist nicht zu sprengen, denn wenn ein Man:: fällt oder zurückbleibt, so schießt der Funke auf den! nächsten über, und das Ganze hat den alten Halt. Glieder, die so gefügt sind, schaffen mshr. als die zehnfache Anzahl, die es nicht ist. Zusammenhalten ist alles. Das ist das Wunder, das nur die Erfahrung glaubhaft macht, die bewußte Geschlossenheit auf der einen Seite erschüttert drüben alles, worauf es zuerst ankommt: den Willen zum Sieg, das gegenseitige Vertrauen mtb den Mut. Je unsicherer die eine Parte: oordringt, umso besser schießt dig andere. Kommt da etwas herandiletiert, une jüngst die Regimenter der Druichina, die die Russen in ihrer Not einsetzten, ehe sie ihre Finnen hier unten hatten, so ist das für einen altm Landwehrmann eine Art besserer Hasenjagd. Jetzt stehen die Russen ihren Mann, und verspreche Euch, daß wir hier :wch Arbeit bekommen. Ich brauche keine Viertelstunde, um zu erkennen, wieviel die Leute wert und. die uns anrennen, das liegt über ibnen, um sie. das ist schwer zu beschreiben, aber ein alter Soldat suhlt es gleich. Vom eingetragenen Rekruten bis zum erfahrenen Feldsoldaten ist ein weiter Weg, den macht niemand für Sold, oder deshalb, weil er muß, den macht nur Einer, der mit sich selbst im Reinen ist, und das heißt das Vaterland höher einschätzen, als sich selbst. Soldat lvcrden, heißt einen Entschluß fassen, dann erst kommt alles andere." Er hielt innc und wandte sich einem Kameraden zu, der einen Einwand machte. „Natürlich", antwortete er, „die Ausbildung ist wichtig, wer unterschätzt sie denn? U:ft) die Erfahrung, selb verständlich. Aber wer lernt und erfährt dem: auf richtige Ärt? Wer zu beiden den inneren Entschluß gefaßt hat. Das ist im Krieg nicht anders, als in jedem Daseinskampf. Ohne den Willen zckm Erfolg schärft sich kein Instinkt. Meine Leute hören heute de:: heranlausenden Granaten an, ob sie rechts oder links, vorn oder Hütten einschlagen, unv weichen richtig aus. Nicht weil sie nur sehen, sondern weil sie mit allen Sinnen zugleich erfassen, was los ist. Ist einmal Krieg ausgebrochen, so ist der besser dran, der den Kampf zu seiner Pflicht macht, als der, der nur zögench u:rd :rotgedrungen mittut. Er ist nicht nur innerlich, sondern auch praktisch besser dran. Ueber das Innerliche nrögen die urteilen, die sich dazu berufen fühlen, ich erfahre und vertrete die Praxis, aber ich glaube, der Zusammen- Hang ist da, wer ihn gesunde:: hat, wird das Eine durch das Andere begreifen lernen. Immer wird der am besten dran sein, der ein klares und festes „Ja" zum Notwendigen sagt. Aus der inneren Freiheit erwachst die äußere, nicht umgekehrt." Das Gespräch über dieses Thema, das mich leidenschaftlich fesselte, ckahm seinen Fortgang und wogte hin und her. Ich gebe es wieder, so gut ich vermag. Mein Nachbar bat um Feuer: „Der Mann hat recht," sagte er zu mir. „Wie reckt, das wissen nur die, die mitten drin waren. Der Wille ist das Element der Kraft, der Entschluß entscheidet. Was die Engländer von ihrer jetzt so viel umstrittenen Wehrpflicht erhoffen. Glauben die denn damit etwas anderes zu haben, als jetzt? Was da noch gezwungen wird, macht den Kohl nicht fett. Natürlich, auch bei uns geht heute nicht mehr jeder mit Jauchzen, aber wer geht, hat von seinen Vätern her ein ganz anderes Erbteil in den Knochen, und wenn es nichts wäre, als seine hohe Auffassung von Pflicht, von der Pflicht des Einzelnen gegen Alle. Aber er hat mehr. Als ob die Wehrpflicht Angelegenyeft eines Gesetzes wäre, :vie die Brotkarte oder die Höchstpreis. Die Wehrpflicht dreht sich um Fragen jahrhundertelanger Erziehung. Uns Deutschen sitzt die Hauptsache von den Vätern langst im Blut, wenn wir Soldat werden, und das soll ein Regierungsentschluß den Engländern geben? — Als der Krieg ausbrach, wußte ich vom Soldatentum nicht viel mehr, als die Zinnsoldaten, die ich als Junge hin und her geschoben habe, aber uns trieb damals ein Feuer, daß wir unsere Untere offiziere bei der Ausbildung mitrissen. Viele dieser glühenden Herzen sind im Tode erloschen, aber sie ruhen als Helden, das wissen Gott und die Kameraden. Sie starben einen herrlichen Tod, mit Jauchzen stürmten sie über die ftnstere Schwelle, wie in unvergängliches Licht. Aus ihrem Bild in unseren Herzen strömt täglich erneut unsere Kraft." Die Tür ging auf, und ich sah vor mir den mir wohlbekannten Sergeanten der Stabswache. Er brachte eine kurze Meldung lmh trat ab. Mein Nachbar zog die Uhr und zeigte sie mir lächelnd. Einer der Herren gewann die Tür, unsichtbare Hände hängten ihm von hinten her de:: weiten grauen Mautel um die Schultern, und Stirn und Augen verschwanden unter dem starren Mützenschirm. An seinem Gruß hörte ich, daß der Morgen die Mitternacht abgclöst hatte. Durch die Tür zog eü: kältet Hauch der Nacht zu uns herein, ich sah für einen Augenblick den matten Schein des Feuers draußen unter den Zweigen verglimmen, die Harmonika lvar verstummt. Von der Straße her erklang das Rasseln eilender Artillerie, die den Boden dumpf erschütterte. Tie Lichter und Schatten flackerten und huschten wie Gespenster an der Hauswand und den Baumstämmen. Die Nackft tvar schwarz wie Tinte. Aber Tag und Nacht haben hier draußen ihren alten Charakter von Belebtheit und Ruhe verloren, sie verschwimmen ineinander unter dem gewaltige:: Willen zur Tat, der die Welt erschüttert, wie Wasser, Erde und Himmel sich in: Frühlings sturm zu einen: einzigen Element der Zerstörung und der Lebenswut zu vermischen scheinen. Meteorologische Beobachtungen der Station Eichen. Jan. 1916 laslLnqsa «0 j"v asianwavg; u L« O-w - e verdient, cm schönes Haus drunten am Markt zu kaufen und in behäbiger Wohllebigkeit ein angenehmes Leben zu führen. Der Kaufpreis des Hauses wäre schon zusammen, wenn nicht der neue Grenzchger mit seiner Wachsamkeit alle Schmuggelfrachten vereitelte. Jenen Grenzjäger, der sich auf Anftifteu des Wachtkommandanten hinter das Weib stecken wftl, um den alten Fuchs zu iiberlisten und sich die Beförderung zu verdienen, sucht der Mann unschädlich zu machen, indem er von seinem Weibe verlangt, sie solle dem Anschlag zuvorkommen und dem Burschen den Kovf verdrehen. Das Weib läßt sich nur widerwillig in dieses Spiel ein. Bald aber wächst sich an der rohen körperlichen Kraft des Jägers der Mutterschafts trieb in ihr hoch, den sie während des Zusammenlebens mit den: kränklichen Manne unterdrückt hatte. Der Jäger reißt ihn auch symbolisch hervor, als er mit einem Faustschlag eine Truhe sprengt und ein Klein kinder- häubchcn und eine Kinderflasche hervorreißt, die seit dem .Hochzeitstage darin verborgen waren. Von da an beginnt die Balz ztvischen dem Weibe und dem Jäger, der allzu schnell und allzu wehrlos der sinnlichen Gewalt des Weibes unterlegen ist. Noch ist der nackte Trieb des Sichbesitzenwollens durch andere Motive oerkftdet; die Rachsucht des Weibes, den Jäger in eine Leidenschaft hinem- ru Hetzen, deren jener sich bei ihr als Mittel zum Zweck bedienüu wollte, und die Absicht des Jägers, sich durch eine:: guten Fang die Besöroerung zu verdienen. Bald werden diese Nebenmotivc, zumal beim Weibe, m:r mehr Mittel, den Hauptzweck zu fördern. Der Weibsteusel crivocht in ihr und sie macht den Jäger völlig zum Sklaven seiner Leidcu- fchaft, als sie ihr: zwingt, ihretwegen ehrlos zu werden und eine Anzeige völlig zu unterdrücken. Nun ist cs zwischen derben soweft, daß das Weib ihren schwächliche:: kranken Mann j nicht mehr neben sich ertragen kann und ihn brutal von sich abzuschütteln versucht. Der Mann nimmt aber mit seiner Waffe, der List, den Kampf um sei:: Weib auf. Er zeiat seinerseits den Jäger an, er habe seine Pflicht versäumt, versucht sein Weib durch Strenge und Güte für sich zurückzugewmnen. Vergebens, der Naturtrieb ist über sie hinausgewachsen, alles ist ihr nur mehr Mittel, ihm nachzugehen, sogar der Jäger ist nur mehr Helfershelfer. sie auf gute Art ihres Mannes zu entledigen. In vafftniert berechnender Weise veranlaßt sie ihren Mann dazu, ihr das Haus am Markte testamentarisch zn vermachen, und hetzt, sobald ihr das Erbe sicher ist, beim letzten Zusammentreffen den Jäger und ihren Mann mit zynischer Brutalität aufeinander, bis der Jäger in wütiger Brunst seinen Gegner niedersticht. Der Weibsteufel schreitet triumphierend über Leichen zur freien Betätigung seines Trieblebens. _ Dies wäre der Inhalt, den man nach dem Urteil eines der entschiedensten Weibsteufelgegner auch mit bei: drei Worten abtun kann: eine Kuh, ein Ochs und ein Stier. Der Vorwurf des Dramas ist tatsächlich nur Stoff, kein Problem, das irgendlvie zur Gestaltung hindrängte. Die Tatsache, daß ein geschlechtlich unbefriedigtes Weib einem Menschen unterliegen kann, dessen physische Konstruktion ihr fegliche Wunscherfülnmg verbürgt, bietet vielleicht die Möglichkeit zu drastisch wirkenden Bühnenvvrgängen, aber nicht die Grundlage zu einem :vahrhaften Drama, selbst dann nicht, wenn der Mutterschaftswille als edleres Moment bestimmend hinzutritt, und Schönherr hat alles danach angetan sein lassen, den Trieb zur Mutterschaft immer und immer wieder besonders stark hervorzukehrerl. — Ein solcher Vorwurf ist ein mathe::ra- tisches Rechenexempet, eine Schachpartie mit der sicheren Berechnung nach dem sourcksovielten Zuge matt. Finden wir uns nun einmal nnt der Tatsache ab, ein starker dramatischer Könner l>:t 'sich dieses Stoffes bemächtigt, und werfen wir die Frage auf. wie hat er ihn gestaltet. Rein äußerlich tritt zunächst die technische Meisterschaft hervor, nnt der Schönherr es zustande bringt, fünf Aufzüge hindurch eine fast nie nachlassende Spannung aufrecht zu erhalten. Es fcffelt die Geschicklichkeit des dramatischen Aufbmls, die primitiven Mittel der Cl)arakterisierung, die Boden ständig keft der Sprache labgescheu von mancher Wendung, die reine Literatur ist imd niemals im Wortschatz und der Empfindrmgswelt eines Tiroler Bauern heimisch sein kau::), es fesselt die Einbeziclmng der scheinbar nebensächlichste:: Details in die große Richtlinie, das Ausschalten jeder Abschweifung ,jeder Mlenkung, das rücksichtslose Bloslegen der Instinkte und Impulse, in einem Worte das unerbittliche Hindrängen auf das eine Ziel. Im (Prnnde ge:wmmcn 'sind das aber alles kiterarische Qualitäten mehr oder weniger technischer Art. Schon mit der Anlage lund Psychologie der Personen beginnen die Mängel. So schnell :st ein sittsames Ehrcnweio von primftiv gradliniger Denkungsart nicht in einen Weibsteufel zu verwandeln, der mit der Berechnung der abgefeimtesten Kokotte den materiellen Nutzen ausschlachtet, bevor er die entfesselten Sinne sich ausleben läßt. So schnell vergißt ein stra:nmer Bursche, wie der Jäger, nicht seine:: männlichen Stolz und sinkt zum willenlosen, dumpf murrenden Geschlechts- Hörigen eines Weibes herab. Nun soll gesagt sein, daß bei der Lektüre die Bnmst des Jägers nicht so kraß wirkt, wie bei der Bühucudarstcllung, dafür wirkt aber die hilflose Kränklichkeft des Mannes umso peinlicher und dieser Ausgleich beweist wenig. Vielleicht mag die Verschiedenheit dieser Wirkung auch einer besonderen Auffassung der Darstellung auf unserer Bühne entspringen. Keinerlei Auffassung kann aber dem Stücke das Widerwärtige der verhiüllten oder nackten Triebe nehmen, ohne es damit auch seiner Wirkung zu berauben. Der sinnliche Effekt ist nach jeder Seite hin ausgenützt. Ist hiernach Schönherrs Weibsteufel, dessen Voraussetzung«:: zudem noch auf willkürlichen Annahmen beruhen, die keinerlei Allgemeingültigkeit haben, durch die das Stück an Daseinsberechtigung gewägne, eine lftercrrischc Großtat, die solchen Aufhebens wert ist? Man wird das unter aller Anerkennung des dramati- sck>en Könnens, die sich darin offenbart, verneine:: können. Wie steht es aber mit den sfttlichen Bedenken? An und für sich ftnh sie nicht größer als bei irgend einer Vaudevftle, deren süßliche Lüsternheit durch Musik und Brimborium bemäntelt ist. Der Weibs- teufel erfordert stärkere Nerven, aber keinen stärkeren sittlichen Rückhalt des Beschauers. Im Gegenteil, er wird abstoßend wirken in seiner Brutalität, während nur die Süßigkeit des Lasters verlockt. Nicht aber einmal als Abschreckungsmfttel besäße der Stoff, den der Arzt Schnitzler in einer wissenschaftlichen Abhandlung hätte niederleaen wollen, Bühnenberechtigung, und nach einer kurzen Bühnenlaufbahn wäre man sich allgemein darüber klar geworden. Der Einspruch hatte gegenteilige Wirkung. Bezeichnend hierfür ist ein Urteil aus dem Publ:k::m: „Das da war ja gar nicht die Mühe wert. Sicher war das schlimmste gestrichen/^ Die Wirllrng des Einspruches :var also verfehlt. Da er aber nun einmal erhoben ist, so muß zugestanden werden, daß er im Interesse der sfttlichen Wiederbelebung des Volkes, und der Wiedergeburt einer höheren und reineren Thecfterkunst seine vollste Berechtigung hatte. Das Stück bringt einen Mißton in den Sittlick- keitswillen unserer Zeit und es war kein Eingriff in die freie! Betätigung der Künste, wenn dort, wo die Meinungen schroff ! aufeinandervlatzten, die Ursache des Streftes unterdrückt wurde. Die Wiedergabe duvch Kräfte des Neuen Theaters Frankfurt fesselte manchrnal mehr als das Stück selbst. Die Art, wie Alois G r 0 ß n: a n 1 : den Mann, hinstellte, war eine schauspielerische Tat, die so leichi in dieser Rolle nicht überboten werden kann. Bis in die kleinste EinzellMt war die Charäkterifferung durchgearbeitet. Ueber alle Regiebemerkungen hinaus schuf er Eigenes. Jede Be- wcgnng war durchdackft, von innen heraus gefühlt, keine errechnte, erklügelte Mimik. 5)öhepunkte seiner Gestalttmgskraft bildeten die Aussprache mit dem Jäger im vierten Aufzug und die Sterbeszene, deren unaufdringliche Realistik vorbildlich war. Olga Fuchs besaß für ihre Rolle als Weibsteglfel wohl daS notwmdige breitspurige Gehaben des kraftstrotze::den Weibes, konnte aber der Dämonie ihrer Besessenheit nicht den letzten restlosen Ausdruck verleihen. Bei den Ausbrüchen der Leidenschaft klangen Töne mit, die der ursprünglichen Anlage der Gestalt nicht entsprachen. Abgesel^en davon war auch ihr Spiel großzügig aufgebaut und durchgeführt. Zum Widerspruch reizte die Berkörpenrng des Grenzjägers durch Eugen Klopfer. Man kann über seine Auffassung geteilter Meftmng sein. Bei aller Berücksicht:gm:g seiner künstlerischen Fähigkeiten hätte die Ohnmacht seiner Zusammenbrüche und das Uebermäßi-ge seiner begehrlichen Äufwallunaen eine gewisse Mäßigung vertragen können. Die unglückliche Anlage der Rolle, die bald einen Kiafthuber, bald einen Waschlappe:: verlangt, erleichtert jedoch einen solchen Ausgleich nicht. Für die Spielleitung, die ein lückenloses Zusamnrenspiel als besonders verdienstvoll buchen kann, ze:chi:etc Arthur Hellmer. Wie nicht anders zu erwarten, war das Theater bis auf den letzten Platz gefüllt. Die .Haltung des Publikums sprach jedoch auch nicht dafür, daß — na, sagen wir, . —. daß der Weibsteusel ein geeignetes Bühnenstück ist. 22