Jahrgang 
2 (1822)
Seite
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bis zur Dicke eines Daumens aus, ſchnitt ſie am un⸗ tern(dem ſchwächern) Theile ſchief, am obern glatt und wagerecht ab, pfropfte ſie am ſtärkern, gerade geſchnit⸗ tenen Ende auf die gewöhnliche Weiſe mit Apfelreiſern, die 4 bis 8 Augen hatten, verwahrte die Veredlungs⸗ ſtelle ſorgfältig mit Lappen und Baumwachs, und ſetzte die gepelzten Wurzeln auf einem gelockerten Beete der Baumſchule dergeſtalt ein, daß wenigſtens der Vered⸗ lungsort nach Verſchiedenheit auch 1, 2 bis 3 Augen des Sdelreiſes mit Erde bedeckt wurden. Neun von dieſen Wurzelpfropfern ſind aufgekommen, haben über Sommer üppige Triebe gebracht, welche bis zum Herbſt eine Höhe von 8 bis 12 und mehreren Jollen erreichten, und befinden ſich noch itzt in gutem Zuſtande.

Dieſe Fortpflanzungsmethode der Obſtbäume, wel⸗ che zugleich vermehrt und veredelt, ſcheint ſich beinahe darum ſchon vor anderen Veredlungsarten zu empfehlen, daß ſie ein doppeltes Geſchäft auf ein⸗ mal verrichtet. Sie würde alſo in den Baumſchulen die Auslage für die Obſtkerne, die Mühe des Anbaus, den für die Kernſaat nöthigen Naum, die Reinigung und Bearbeitung derſelben erſparen. Auch außerdem hat ſie noch wichrige Vorzüge, welche nach Hrn. von Kalina im Weſentlichen darin beſtehen, daß man durch ſie

1. einen mehrjährigen Vorſprung gewinnt; indem die Erziehung des Kernwildlings, der bei der nachheri⸗ gen Veredlung ganz weggeſchnitten werden muß, doch wenigſtens drei Jahre braucht; während die Wurzel⸗ pfropfung gleich im erſten Jahre, als man die Wurzel legt, das veredelte Stämmchen bringt:

2. daß man durch ſie geſündere, ſchönere und ge⸗ rader gewachſene Bäume erhält, da ſie nicht wie das Okuliren, Copuliren und Pfropfen in den Stamm, an dem Veredlungsorte eine Wunde erzeugt, die den Baum an dieſer Stelle oft der Gewalt des Windes unterlie⸗ gen macht, zuweilen Brand und andere Baumkrank⸗ heiten veranlaßt. Die Wurzelveredlung iſt

3. auch bequemer als jene der Stämme, weil man ſie im Keller oder im ungeheizten Zimmer ſelbſt

mitter im Winter vornehmen, und die gepfropften Wur⸗

zeln dann im feuchten Kellerſande bis zur Zeit des Verſetzens im Frühjahr verwahren kann.

Obſtgärtner wird auf ſolche Weiſe in den Stand geſetzt, eine größere Jahl von veredelten Bäum⸗ chen ſich zu bilden, als ihm oft das ungünſtige Wetter im Frühling geſtattet. Noch mehr aber würde dieſe Fort⸗ pflanzungsart gewinnen, wenn ſich die von Hrn. J. A. Wie⸗ ſel in Oberlognitz bei Grafenthal gemachte Erfahrung bewaͤhrte, daß man durch ſie, mittelſt Trennung der entbehelichen, aus den bedeckten Augen des P frofreiſes ſproſſenden Wurzeln, durch bloßes Verſetzen derſelben,

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und ohne alle weitere Veredlung ganz edle Baͤume er⸗ ziehen kann*)..

Die erwähnten, ſehr beobachtungswerthen Gründe, und das gute Gelingen meines heurigen kleinen Verſu⸗ ches haben mich zu dem Entſchluße beſtimmt, im nächſt⸗ kommenden Frühjahre die Wurzel⸗ Veredlung etwas im Größeren anzuwenden.

Wien am 12. December 1821.

Dr. Karl, Ritter v. Heintl.

Erklaͤrung uͤber das Reifen der Fruͤchte.

(Aus der Zeitſchrift: Journal of science, and the Arts.)

litterature

Die Frucht wirkt nicht wie die Blätter auf die Atmoſphäre. Sowohl im Lichte als im Finſtern, in je⸗ der Ausbildung der Frucht bis zur Reife, entläßt die Frucht Kohlenſtoff. Dieſer verbindet ſich mit dem Sauer⸗ ſtoff in der Atmoſphäre, und bildet dann Kohlenſäure. Dieſer Abgang von Kohlenſtoff iſt eine nothwendige Ope⸗ ration bei jeder reifenden Frucht. Bringt man nämlich die Frucht in eine Atmoſphäre ohne Sauerſtoff, ſo ſtehet die Reifung der Frucht ſtill und bleibt die reife Frucht unabgepflückt am Baume, ſo vertrocknet ſie und hört auf zu vegetiren.

Eine in eine Schale durch Zufall, eingeſchloſſene Frucht, kann trotz dieſem reifen, weil die Atmoſphäre durch die Schale zur inneren Frucht zu dringen vermag. Das Eindringen der Luft in die Fruchthülſe und dadurch in die Frucht ſelbſt, iſt ſo leicht, daß die in der Frucht⸗ hülſe enthaltene Luft ganz gleich iſt mit der äußern.

Iſt die Frucht in ihrem reifenden Zuſtande ſo weit gelangt, daß ſie ſolche auch getrennt von ihrer nähren⸗ den Mutterpflanze vollenden kann, und ſie wird in einem von Sauerſtoff freien Raum eingeſchloſſen, ſo reifet ſie nicht weiter, bis man ſie nicht in eine Luft mit Sauer⸗ ſtoff bringt, wo ſie dann durch Entlaſſung ihres Kohlen⸗ ſtoffes fortreift; bleibt ſie aber zu lauge in einem Sauerſtoffleeren Naume, ſo verliert ſie die Eigenſchaft des Reifwerdens gänzlich.

Man kann daher Früchte, die dem völligen Rei⸗ fen nahe ſind, getrennt von andern Früchten in ver⸗ ſchloſſenen Gefäßen aufbewahren und mittelſt eines Tei⸗ ges von Kalk und ſchwefelſaurem Eiſen, der die Hff⸗ nung noch dichter als Kork und Blaſenüberzug verſchließt, den Zutritt der äußern Luft verhindern. Pfirſiche, Pflau⸗ men und Aprikoſen kinn man ſo 20 Tage bis 1 Monat aufbewahren. Offust man das Gefäß nach jener Zeit,

*) Verglch. Allgemeiner Kammeral⸗

Korreſpondent, März⸗ beft v. J. 1821. 5