— ——— The ν 2 4 Verlag von PAUI, PaRkEy in Berlin SW., Wilhelmstrasse 32. 1enenane. THAER-BIBLIOTHEK 14Hen S8 24 han — Dr. Emil Wolff, Professor an der Kgl. landw. Akademie Hohen- Landw. Fütterungslehre enen Sr mnWan rofessor an der KR andw. ademie ohen knabc Lupine Landw. Buchführung von Dr. Freiherr v. d. Goltz, Professor in Jena. 6. Anflage. .. von Dr. F. Burgtorf, Direktor der landwirtschaftlichen Lebranstalt Geflü Wiesen- und Weidenbau zu Herford. 3. Auflage- 1 dy „;; 2. Auflage, bearbeitet von Michel d1 an Langethal's Geschichte der Landwirtschaft ²ulusp, bearbeitet von Michelsen un 1 4 . 2. 4. von Dr.. üm, Direkto i Hecklinge bei Stassfurt. Limm Die käuflichen Düngestoffe àued. Tümpler, Dirobtor in Hecküngen bei Stassfun feien von Dr. F. C. Schubert, Baurat und Professor an der landw. Akademie Landw. Rechenwesen"n'poppelsdorf. 3. Auflage. Dynam Immerwährender Gartenkalender von J. G. Meyer. Handelsgärtner in Ulm. 2. Auflage. Felch von Dr. F. C. Schubert, Königl. Baurat und Professor an der ſandw. Landw. Baukunde Akademie Poppelsdorf bei Bonn. 4. Auflage. Alger Landw. Futterbau von Dr. William Loebe in Leipzig. 2. Auflage. Stärk V elnel Fischzucht von Max von dem Borne auf Berneuchen. 3. Auflage.[usse ; von A. Buron v. Berlepsch in Mänchen. 2. Auflage, bearbeitet von W. Vogol in— Bienenzucht Iehraarnaliöfen j 3 Inner Gemüsebau von B. von Uslar, Handelsgärtner in Hildesheim. Die Jagd und ihr Betrieb von A. Goedde, Herzogl. Jügermeister in Coburg. 2. Auflage. kall- alk- Maulbeerbaumzucht und Seidenbau von C. H. Pathe, Maulbeerbaumzüchter. 2. Auflage. Praktische Düngerlehre von Dr. Emil Wolff, Professor in Hohenheim. 10. Auflage. irts 8. von 0. Teichert, Garten-Inspektor in Potsdam. 2. Auflage Milch Gärtnerische Veredelungskunst N O,eichern, Pintelmann, Garton inspektor in datshn, V Rübenbau 3 von F. Knauer, Rittergutsbesitzer auf Gröbers bei Halle a. S. 6. Auflage. physie — lei Tabaksbau von A. Freiherr von Babo in Klosterneuburg. 3. Auflage. im Schal D Emil P ls Profess 3 d Hochschule fi Landw. Geräte und Maschinen BanenrsnEnuil hereleg. Auſtage. r Hochschale füs gesoh Beschlagkunde von Dr. von Rueff, Direktor der Königl. Tierarzneischule zu Stuttgart. fkagli Fasanenzucht von August Goedde, Herzogl. Jägermeister in Coburg. 2. Auflage. Sohe . on Dr. Ad. Mayer, Professor an der Universität Ernährung der landw. Kulturpflanzen Maiachbers.“ Maxer; Frotesser an der atiorsttät Uhaft Gehölzzucht von J. Hartwig, Grossherzogl. Hofgürtner in Weimar. Forsi Obstbau von R. Noack, Grossherzogl. Hofgärtner in Darmstadt. 2. Auflage. Urd (Zucht und Pflege) von Th. Rümpler, General-Sekretür des Gartenbauvereins in a Gartenblumen Erfurt. Feldh Kartoffelbau von Dr. H. Wemner, Professor an der Königl. landwirtschaftlichen Akademie in Ge Poppelsdorf. 2. Auflage. eire . 9; von L. Vincent, Königl. Okon.-Rat. Be- und Entwässerung der Acker und Wiesen 2* àuage.:. Oeen. n h Gewächshäuser von J. Hartwig, Grossherzoglicher Hofgürtner in Weimar. Rindviehzucht von Dr. V. Funk, Direktor der landw. Lehranstalt zu Helmstedt. 2. Auflage. lran Pferdestall Gau und Einrichtung) San er. en ſüe Behar Kalk-Sand-Pisébau von Baurat F. ſueer; jn, Berlee, 13. Reite fessor Dr. L. Grandeau. Mit Vorwort fessor Dr. Henneberg in Göttingen. 3. Anleitung für agrikulturchemisc dis lagd. Zu beziehen durch jede Buchhandlung. ol in age. inge dam. 2 für rsität Verlag von PAuI. Pankv in Berlin SW., Wilbelmstrasse 32. Jeder Band E BLI THEK Preis pro Band einzeln verkäuflich. THA R Bl 0 in Leinen geb. 2 ½ Mark. Praktische Desinfectionslehre von A. Zundel, Landestierarzt in Strassburg. kupinen- und Serradellabau von Kette auf Jassen und König auf 2oruisall- 8. Auflage. Landw. Taralſonslehre von Dr. K. Birnbaum, Proſessor in Leipzig. Zimmergärtnerei Bena ln.gE bler. General-Sekretär des Gartenbauvereins in Erfurt.— Reiten und Dressieren von D. F. Boctticher, herausgegeben von A. von Reuss. Dynamite von Isidor Trauzl, Ingenieur in Wien. 4 Feldholzzucht, Korbweidenkuſtur eic. von R. Fischer in Berlin. Allgemeine Tierzuchtlehre von Dr. von Rueff in Stuttgart. Stärkefabrikation von Dr. P. Stohmann, Professor an der Universität Leipzig. von E. Zorn, Königl. Korpsrossarzt Aussere Krankheiten der landw. Haussäugetiere in Hannover Innere Krankheiten der landw. Haussäugetiere Tes E. Grosswehdt RSi. Obersosniei von F. Flemming, Grossh. Tierarzt in Physiologie und Pathologie der Haussäugetiere Lun Kalk-, Gyps- und Zemenifabrikation von H. Stegmann in Braunschweig. von Dr. Albrecht Thaer, Professor in Giessen. Wirtschaftsdirektion des Landgutes 2. Anfage:. Milchwirtschaft von Dr. William Loebe in Leipzig. Wirtschaftsfeinde aus dem Tierreich von Pr. G. v. Hayek, Professor in Wien. Heilmittellehre von F. Flemming, Grossh. Tierarzt in Lübz. Schafzucht von Dr. 0. Rohde, Professor in Greifswald. Geschichte des Gartenbaus von O. Hüttig, Gartenbandirektor in Charlottenburg. Englischer Hufbeschlag on H. Behrens, Lehrschmied in Rostock. Schweinezucht von Dr. Georg May, Professor in Weihenstephan. Obstbaumkrankheiten von Dr. Panl Sorauer in Proskan. Forstkulturen von Urff, Kgl. Oberförster in Neuhans bei Berlinchen Urbarmachung und Verbesserung des Bodens pinnken Bürstenbinder: Ok. Rat 14 Feldmessen und Nivellieren von Dr A. Wüst, Professor in Halle 2. Aufage. Getreidebau von Dr. A. Nowacki, Professor in Zürich. Gekrönte Preisschrift. An- und Verkaufs- Genossenschaften von H. von Mendel, General-Sekretär in Halle a. S. Krankheiten der landw. Nutzpflanzen von Professor Dr. R. Walf. Risler 8. Weizenbau. Herausgegeben vom Amtsrat W. Rimpau zu Schlanstedt. Behandlung der Lokomobilen von Professor Paul Lazar in Budapest. Reiten und Fahren von Major R. Schoenbeck in Berlin. lagd-, lof. und Schäfer-Hunde von Lieutenant Schlotfeldt in Hannover. Zu beziehen durch jede Buchhandlung. —————————,————— andwirthſchaftliche Briſſ (Redakteur Dr. TH. KRAOS.) Die Deutsche Landwirtschaftliche Presse hat eine zweifache Auf. gabe, sie dient einerseits der Landwirtschaftspolitikk und der Förderung gesunder Volkswirtschaft in ihren Beziehungen zum landwirtschaftlichen Betriebe und andererseits der Theorie und Praxis der Ackerbau-Technik. Die grosse Verbreitung der Presse in allen Theilen Deutschlands ist der beste Beweis dafür, dass sie die Ansprüche der deutschen Landwirte an eine derartige Zeitung richtig erkannt hat und ihnen nach Möglichkeit zu genügen bemüht ist. Redaktion und Verlags handlung scheuen weder Mühe noch Opfer, die Presse immer grösserer Vollkommenheit entgegen zu führen und hoffen, den deutschen Landwirten durch richtige Vertretung der landwirtschaftlichen Inter- essen wahrhaften und dauernden Nutzen zu stiften. Abonnements nimmt jede Postanstalt oder Buchhandlung entgegen. Annoncen 35 Pf. pro Spaltzeile oder deren Raum., Probenummern gratis und franco. ie Or 10=0=1010 1Of ie ARLENEIO Zeitschrift für Garten- und Blumenkunde. (Begründet von Eduard Regel.) Unter Mitwirkung namhafter Fachmännner herausgegeben von Prof. L. Wittmack-Berlin. Mit 24 Farbendrucktafeln. Am 1. und 15. jeden Monats erscheint ein Heft mit Textabbildungen und je einer Farbendrucktafel. Preis halbjährlich 10 Mark. Seit dem 1886 Jahrgang ist der Umfang der Gartenflora nahezu verdoppelt, indem der Jahrgang statt 24 Textbogen deren 42 enthält. Die Gartenflora wird sich je länger je mehr mit einem für den ge- bildeten Gärtner und Liebhaber ebenso nützlichen wie interessanten Inhalt erfüllen und botanische Artikel bringen, soweit sie für den Gartenbau wertvoll sind. Die Gartenflora hat es sich zur Aufgabe gestellt, Wissenschaft und Praxis des ganzen Gartenbau zu behandeln; erwähnt sei nur be. sonders, dass nach wie vor alle pflanzlichen Neuheiten, welche allgemeines Interesse beanspruchen dürfen, so rasch als möglich in Wort und Bild vorgeführt werden. Das Ziel der Gartenflfora ist: Für Deutschland ein so inhaltreiches, gediegenes und verbreitetes Blatt zu werden, wie solche für den englischen und belgischen Gartenbau schon lange existieren. — ZLu beziehen durch jede Buchhandlung. Von Eug. Risler. Überſetzt und mit Anmerkungen verſehen unter Berückſichtigung deutſcher Verhältniſſe von W. KRimpau, Amtsrat zu Schlanſtedt. Mit 24 Textabbildungen. Berlin. Verlag von Paul Parey. fär und 1888 Vorwort des Uüberſetzers. Als ich im vorigen Winter Risler's Weizenbau*) in der Deutſchen Landwirtſchaftlichen Preſſe kurz beſprach, ſagte ich, daß dieſes Buch verdiente, ins Deutſche überſetzt, und dadurch weiteren Kreiſen deutſcher Landwirte bequem zugänglich gemacht zu werden. Auf Anregung des Herrn Verlegers unternahm ich dann dieſe Arbeit und wurde bei eingehenderem Studium des Buches noch mehr in meinem erſten Urteile beſtärkt. Neben den kürzlich erſchienenen deutſchen Werken über Ge⸗ treidebau von Körnicke und Werner, von Nowacki und von Wollny verdient das vorliegende Buch, wie ich glaube, die volle Beachtung der deutſchen Landwirte. Während ſich die genannten deutſchen Werke durch eingehendere Behandlung des wiſſenſchaftlichen Teiles und durch ſtrenger ſyſtematiſche Anord⸗ nung auszeichnen, ſcheint mir das Risler'ſche Buch entſchieden praktiſcher gehalten und in der Form mehr dem Geſchmacke des praktiſchen Landwirtes angepaßt zu ſein, ohne d adurch an wiſſen ſchaftlichem Werte zu verlieren. Wir deutſchen Landwirte waren bisher gewohnt, mehr von den Engländern als von den Franzoſen zu lernen; die jetzige ſchwere Zeit iſt aber gewiß wohl dazu angethan, alles zu prüfen und d Beſte 5 zu behalten. Zwar iſt der Verfaſſer kein *) Phy siologie et Culture du Blé, principes àsuivre pour en diminuer le prix de revient par Eug. Risler, Directeur de l'Institute agronomique, Membre de la Société nationale d'agriculture et du Conseil superieur de l'Instruction publique. Paris, Hachette et Cie. 1887. IV Vorwort des Überſetzers. geborener Franzoſe, ſondern ein Schweizer; als Direktor des landwirtſchaftlichen Inſtituts zu Paris hat er aber das Buch zunächſt für die franzöſiſchen Landwirte berechnet. Wie ſehr es von denſelben gewürdigt wird, beweiſt, daß ich zu dieſer Über⸗ ſetzung bereits die zweite Auflage benutzen konnte. Eine wörtliche Wiedergabe der weſentlich nur für den fran⸗ zöſiſchen Leſerkreis berechneten Vorrede unterlaſſe ich. In der⸗ ſelben führt der Verfaſſer aus, daß trotz der Schutzzölle das Beſtreben der Landwirte ſein müſſe, den Weizen billiger zu erzeugen; dies ſei möglich, wenn man ſich die Fortſchritte der Wiſſenſchaft beſſer zu nutze mache.—„Die In zenienir⸗ Wiſſen⸗ ſchaft— ſo ſchließt der Verf Konkurrenz, welche uns der fremde buren macht, erleichtert, indem ſie die Transportkoſten verringerte. Die landwirtſchaft⸗ liche Wiſſenſchaft muß das Gleichgewicht wiederherzuſtellen ſuchen, indem ſie uns lehrt, billiger zu produzieren.“ Bei der vorliegenden Überſetzung habe ich mich bemüht, die Worte des Verfaſſers möglichſt genau wiederzugeben; vielleicht habe ich dies ſtellenweiſe etwas zu ſehr gethan auf Koſten des deutſchen Stiles, hoffentlich aber nicht auf Koſten der Deutlich⸗ keit des Ausdruckes. Meine in manchen Punkten abweichenden Anſchauungen habe ich in Anmerkungen dargelegt, in welchen ich auch viele der Ausführungen des Verfaſſers unſeren deutſchen Verhältniſſen anzupaſſen verſucht habe. Schlanſtedt, den 3. Auguſt 1887. W. Rimpau. ingen viele iſſen Inhalt. Seite Erſtes Kapitel. Das Klitmm... Wärme und Licht.................................... 1 Feuchtigkeit................................. 13 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung.......... 15 1. Chemiſche Zuſammenſetzung des Weizens............ 15 2. Ernährung der Pflanze...... 18 3. Theorie der düngunn. 20 4. Der Stallmiſt und die chemiſche Düngemittel............. 28 5. Phosphorſäure............................ ·.... 31 6. Kali......................................... 34 7. Stickſtoff................... ·..................... 34 8. Berſuchsfeldex..................................... 42 9. Kalk.......... 43 Drittes Kapitel. Phyſikaliſche Eigenſchaften der Böden und Entwickelung der Wurzdel.l.. 46 Viertes Kapitel. Stellung des Weizens in den Fruchtfolgen und Vorbereitungs⸗Arbeiienn.. 54 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizenen.. 64 Sechſtes Kapitel. Auswahl und Vorbereitung des Saatgutes 90 Siebentes Kapitel. Anzuwendende Saatmenge pro Hektar 95 Achtes Kapitel. Saatzeetetett.. 99 1. Waſſer............................ 99 2. Luft...............**-=..“::..::........ 100 3. Wärme.................. 101 Neuntes Kapitel. Tiefe der Saauuauat.. 106 Zehntes Kapitel. Breitwürfige Saat oder Reihenſaat.... 118 Elftes Kapitel. Herbſt und Wintrr... 0.... 129 Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr..... 136 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens..... 148 Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte................. 167 Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertra....... 192 Erſtes Kapitel. Das Klima. Wir haben gar keine Macht über das Klima, wir müſſen es ſo hinnehmen wie es in den Ländern iſt, in denen wir den Ackerbau betreiben; aber es iſt nützlich, dieſes Klima und die Tem⸗ peratur⸗, Beleuchtungs⸗ und Feuchtigkeits⸗Verhältniſſe zu kennen, welche der Vegetation des Weizens am günſtigſten ſind, um unſere Kulturmaßregeln danach einzurichten und Varietäten zu wählen, welche ſich denſelben am beſten anpaſſen, um nötigen Falls ſo⸗ gar unter gewiſſen Umſtänden auf den Weizenbau zu verzichten, und unſern Boden zu lohnenderen Produktionen zu verwenden. Im allgemeinen kann man ſagen, daß faſt in ganz Europa die Temperatur den Weizenbau geſtattet; derſelbe wird nur un⸗ möglich im Norden Norwegens, Schwedens und Rußlands und auf den höchſten und kälteſten Gebirgen der anderen Länder. Was die Regenfälle betrifft, ſo ſind dieſelben in Europa gleich⸗ mäßiger verteilt als in den andern Erdteilen. Dank der kleinen Fläche, welche es im Verhältnis zu den umgebenden Meeren hat, und Dank den vielen Meerbuſen, welche in ſein Feſtland einſchneiden, iſt Europa viel weniger als Nordamerika, Oſtindien und Auſtralien Trockniſſen ausgeſetzt, welche anhaltend genug ſind, um die Weizenernte in Frage zu ſtellen; nur Rußland gleicht in dieſer Beziehung unſeren anderen Konkurrenten. Nach dieſer beruhigenden Betrachtung wollen wir etwas mehr Einzelheiten bringen über die Temperatur⸗ und Feuchtig⸗ keits⸗Bedingung, welche der Weizenbau erfordert: Wärme und Licht.—„Nicht alle Pflanzen, ſagt Charles Martins, beginnen die Vegetation bei gleicher Temperatur: nämlich bei den einen beginnt der Saft zu ſteigen ſobald das Rimpau, Weizenbau. 1 2 Erſtes Kapitel. Das Klima. Thermometer nur einige Grade über Null iſt; andere haben eine Wärme von 10 bis 12 Grad nötig; die der warmen Län⸗ der erfordern eine Temperatur von 15 bis 20 Grad. Mit einem Worte, jede Pflanze hat ihr Thermometer, deſſen Null⸗ punkt dem Temperatur⸗Minimum entſpricht, bei welchem ihre Vegetation noch möglich iſt.“ Für den Weizen iſt dieſer Null⸗ punkt, dieſe Anfangstemperatur, wie man es auch nennt, nach de Candolle und Hervé Mangon, ungefähr+ 60. Auf einem Gute, welches ich ſeit 1857 zu Calsves bei Nyon, am Ufer des Genfer See, bewirtſchaftet habe, verfolgte ich während mehrerer Winter mit Aufmerkſamkeit die Entwicklung einer gewiſſen Anzahl Weizenpflanzen welche ich von Zeit zu Zeit abzeichnete und maß. Ich habe niemals ein Wachstum nachweiſen können, wenn die Lufttemperatur im Schatten nicht während einiger aufeinander folgender Tage und jeden Tag wenigſtens während einiger Stunden auf+ 60 geweſen war. Zuweilen zeigen allerdings gewiſſe Weizenvarietäten Spuren von Vegetation an Wintertagen, wo die Durchſchnitts⸗ temperatur nur auf 5 Grad kommt; z. B. in der erſten Hälfte des Januar 1873 hat blauer oder Noé⸗Weizen ſein fünftes Blatt getrieben und das vierte hat ſich um 0,007 m verlängert, obgleich nur 3 Tage eine Durchſchnittstemperatur von 5 Grad erreichten. Dies kommt daher, daß dieſe Durchſchnitte entſtanden aus Minimen unter Null und Maximen von+ 8⁰,+ 90, zu⸗ weilen ſogar von mehr als+ 10⁰°. Solche Tage mit ihren Abwechslungen von Fröſten in der Nacht und Sonnenſchein am Tage ſind verhängnisvoll für den Weizen, trotz der Spuren von Lebenskraft, die er während der wärmſten Stunden zu zeigen ſcheint. Er entwurzelt ſich: zuweilen werden die Blätter durch das Eis abgeriſſen, welches ſich während der Nacht auf der Oberfläche des am Tage aufgetauten Bodens bildet. Die Anfangstemperatur des Weizens iſt alſo wohl+ 6⁰; ſie ſcheint mir ſogar noch höher zu ſein für gewiſſe aus England ſtammende Varietäten und für den Galland Baſtard⸗Weizen. Um danach die Temperaturſumme zu beſtimmen, welche Wärme und Licht. 3 für die Reife des Weizens nötig iſt, habe ich, dem Beiſpiele A. de Candolle's und Hervé Mangon's folgend, alle Durchſchnitts⸗ temperaturen von+ 60 vom Tage der Ausſaat bis zur Ernte zuſammengezählt. Dies ſind die Ergebniſſe, welche mir zehn Beobachtungsjahre für den Noé⸗Weizen geliefert haben: (Siehe Tabelle S. 4.) Im Departement de la Manche, zu Sainte⸗Marie du Mont hat Hervé Mangon ein Mittel von 23650° gefunden, alſo 231° mehr als zu Calève. Dieſer Unterſchied läßt ſich durch den Unterſchied zwiſchen dem Seeklima der Normandie und dem Kontinentalklima des öſtlichen Frankreich erklären. In der Normandie ſind die Win⸗ ter milder und infolge deſſen ſind dort mehr Tage, an denen die Durchſchnittstemperatur+ 60 überſteigt. Andererſeits ſind die Sommer dort weniger heiß; das Reifen geſchieht dort lang⸗ ſamer und die Ernte beginnt 3 Wochen, zuweilen 4 Wochen ſpäter. Endlich ſind die zuſammengezählten Temperaturen Durch⸗ ſchnittstemperaturen der Luft im Schatten; ſie ſind niedriger als die Temperaturen in der Sonne, welche in Wirklichkeit die Ernten beeinfluſſen. Aber der Irrtum, welcher hieraus entſteht, iſt unter der oft verſchleierten Sonne der Normandie, faſt auf dem Meeresſpiegel, geringer als im Innern des Kontinents in einer Höhe von 240 m. Wie ſchon A. de Candolle gezeigt hat, iſt die Vegetations⸗ zeit des Getreides kürzer in den öſtlichen als in den weſtlichen Gegenden. Um ſo gut wie möglich die direkte Sonnenwärme zu be⸗ rechnen, habe ich für die Jahre 1872 bis 1876 die Mitteltem⸗ peratur des Bodens auf 0,10 m Tiefe zuſammengezählt und 2315,800° für die Vegetationszeit des Weizens gefunden. Die Erde auf 1 m Tiefe hat zum Weizen nur direkt Be⸗ ziehungen durch die Wurzeln, welche ſich bis zu dieſer Tiefe erſtrecken. Jedoch die Temperaturſchwankungen von einiger Be⸗ deutung, welche auf der Bodenoberfläche wirken, machen ſich nach einigen Tagen bis zu einer Tiefe von 1 m fühlbar und regi⸗ 1* Temperatur des Bodens —— auf 0,10 m Tiefe Summen der Durchſchnitts⸗ Temperaturen über 6 Grad —— zum zur Ausſaat Blühen Reife Regen oder Schnee Verdunſtung pro Tag Verhältnis der klaren Tage Vegetationstage von mehr als 6 Grad 0 0 mm mm 1866-1867 9.Oktbr. 15. Juli 1422,25 2068,81 158 1007,82 1,88 1867-1868. 10.„ 1293,95 2033,35 158 500,20 1,69 2 1868-1869 20. 1340,55 2214,55 170 783,77 1,85 24 90,2 1869-1870. 10. 1237,15 2015,20 149 440,70 1,14 2083,1 1870-1871 11.„ 30. 3 2195,35 173 834,65 1,95 2338,7 1871-1872 27. Sept. 21. 7 2084,40 169 732,39 1,74 2374,9 1872-1873 13. Oktbr. 20. 4 2213,15 183 785,61 1,58 2334,12 2465,7 1873-1874 22. Sept. 15. 3 2317,70 176 545,27 1,84 2493,13 2366,8 1874-1875 15. Oktbr. 20. 6 2068,35 146 756,15 1,98 2287,33 2156,8 1875-1876 25.„ 21. 2129,65 171 941,77 1,41 2148,63 2183,6 Durchſchnitte 1323,47 21541s 1ss Sos 1,70 2315,80 2307,4 Das Klima. —8 — 8 — — G . 8 8 ● Wärme und Licht. 5 ſtrieren ſich auf einen Thermometer, welches dort angebracht iſt, in ſehr genauen Durchſchnitten, die um ſo höher ſind, je beträcht⸗ licher die Beleuchtung an der Oberfläche war, um ſo ſchwächer, je mehr Feuchtigkeit die Sonnenwärme zu verdampfen hatte. Es iſt daher nicht ohne Intereſſe, zu wiſſen, welches die Tem⸗ peraturſummen des Bodens auf 1 m Tiefe ſind, die der Vege⸗ tationszeit des Weizens entſprechen. Ich habe ſie in obiger Tabelle für acht Jahre, von 1868 bis 1876 verzeichnet. Das Mittel betrug 2307,2°. Die größeſte Summe wurde im Jahre 1868— 69 erreicht, in welchem der Winter ſehr gelinde war. Von dieſen 2134,5°, welche den Geſammt⸗Durchſchnitt bilden, waren 140 bis 160 nötig für das Aufgehen des Weizens. Wenn die Feuchtigkeit genügend iſt, ſind 82 bis 850 für Weizen nötig, welcher mit nur einigen Millimetern Erde bedeckt iſt, und 10 bis 120 mehr für jeden Centimeter, um den er tiefer unter⸗ gebracht iſt. Sodann ſind, jenachdem die Tage länger oder kürzer und mehr oder weniger klar ſind, 90 bis 120 Wärme⸗ grade zur Bildung jedes neuen Blattes nötig. So ſind für den Noé⸗Weizen im Mai 6 bis 8 Tage für die Bildung eines Blattes nötig, das heißt 90 bis 120 Stunden Licht und Wärme über+ 60; in den ſeltenen und kurzen Tagen des Dezember und Januar, wo der Weizen Vegetation zeigt, würden 18 Tage, alſo 18 ✕ 9 oder 162 Stunden Licht und Wärme nötig ſein. Dies beweiſt, daß in gleichen Zeitabſchnitten das Licht und die Wärme im Winter halb ſo viel Nutzeffekt für die Entwicklung des Weizens haben als im Frühjahr. Die meiſten Schriftſteller, welche den Weizen beſchrieben haben, ſagen, daß er nur 4 oder 5 Blätter und ebenſoviel Kno⸗ ten, höchſtens 6 pro Halm habe. Wenn die ÄAhre reif oder nahe am Reifen iſt, ſind wirklich nur 4 oder 5 ſichtbare Blätter da, aber es ſind deren immer mehr dageweſen. Die erſten Blätter, welche im Winter oder im Frühjahr gebildet wurden, ſind ver⸗ fault oder vertrocknet und verſchwunden. Aufmerkſame und oft wiederholte Beobachtungen haben mir gezeigt, daß, je nach der Varietät, je nach der Fruchtbarkeit des Landes und der Zahl 6 Erſtes Kapitel. Das Klima. der Knoten, welche nahe an der Bodenoberfläche geblieben ſind, um Wurzeln und Beſtockung zu bilden, je nach den meteoro⸗ logiſchen Bedingungen des Jahres, ſich allmählich am Halme des Weizens 7 bis 11, im Mittel 9 Blätter entwickeln. Jedes dieſer Blätter erfordert 90 bis 120 Temperaturgrade, das macht im ganzen 810 bis 10800° für dieſe blattreiche Vegetations⸗ periode des Weizens. Wenn die Durchſchnitts⸗Temperatur 100 überſchreitet, mit Maximen von mehr als 150, ſo verlängert ſich der Weizen, die Blätter trennen ſich und breiten ſich über emander aus, indem ſie zwiſchen ſich am Halme mehr und mehr lange Zwiſchen⸗ räume laſſen: der Weizen ſchoßt. Die Blätter ſind um ſo länger und breiter, je ausgiebiger die Beleuchtung iſt. Im freien Felde erreicht ihre Oberfläche im Durchſchnitt 76 bis 77 qem pro Halm. Sie betrug nur 41,5 qem bei Weizen, der in einem nur von der Süſſſeite be⸗ leuchteten Gewächshauſe vegetierte; dieſer Weizen hatte einen fruchtbaren Boden, reichlich Wärme und Waſſer, aber er empfing weniger Licht als der in der Großkultur. Die Blätter waren lang und dünn, alle befanden ſich auf derſelben Seite des Halmes, und dieſer Halm, zu ſchwach um ſich aufrecht zu erhalten, hatte ſich an ſeinem untern Teile gekrümmt; er bot alle Anzeichen des Etiolements dar, welche ihn im freien Felde hätten lagern laſſen; er hatte überdies gar keine Beſtockung. Für die Ährenbildung und die Blüte ſind noch 200 bis 270° Wärme nötig; endlich für die Reife 780 bis 8400. Kurz zuſammengefaßt ſind alſo nötig: für den Aufgang.... 140 bis 160°, im Mittel 150 für die Blätterbildung.. 810„ 1080⁰„„ 9450 für Ährenbildung und Blüte 200„ 270„„ 2350 für die Reife. 780„ 840,„„ 810⁰ Zuſammen 1930 bis 2350°, im Mittel 2140 0) *)(Anm. d. Überſ. Obgleich der Verf. im vorſtehenden ſelbſt auf das Unzuverläſſige dieſer Temperaturſummen⸗Berechnungen Wärme und Licht. 7 Alſo die Blüte und Reife des Weizens tritt ein, wenn die Summe der Durchſchnittstemperaturen eine gewiſſe Höhe für jede dieſer Phaſen erreicht; und die Menge von Stoffen, welche er für ſeine organiſche Arbeit aſſimiliert, hängt, wie Marie⸗ Davy durch ſeine auf dem meteorologiſchen Obſervatorium von Montſouris gemachten Verſuche gezeigt hat, von der Summe von Licht ab, welches die Pflanze empfängt.„Es iſt keineswegs die Wärme, ſagt er, welche die Verdunſtung der Blätter ihre reduzierende Thätigkeit auf die Kohlenſäure der Luft und die ganze innere Arbeit, welche man Aſſimilation nennt, hervorbringt. Die Quelle dieſer Arbeit beruht ausſchließlich in den direkten und in der Atmoſpäre zerſtreuten Sonnenſtrahlen. Der Ertrag, die Ernte iſt eine Funktion des Lichtes. Eine unzureichende Wärme wird die Ährenbildung oder Blüte nur verzögern; aber während dieſer ganzen vorbereitenden Phaſe trifft das mehr oder weniger kräftige Licht fortgeſetzt die Pflanze und begünſtigt die Aſſimi⸗ hingewieſen hat, kann ich nicht unterlaſſen zu bemerken, daß ich weder das wiſſenſchaftliche Intereſſe noch den praktiſchen Nutzen ſolcher Berechnung einzuſehen vermag. Wenn man ſich klar macht, daß jede einzelne phyſiologiſche Thätigkeit einer Pflanze (wie das Keimen, die Aſſimilation, die Atmung ꝛc.) ihr Tempe⸗ ratur⸗Minimum hat, unter welchem ſie unmöglich iſt, ihr Opti⸗ mum, bei welchem ſie am günſtigſten verläuft, und ihr Maxi⸗ mum, bei dem ſie erliſcht, ſo leuchtet ein, daß die nach der Methode des Verf. berechneten Summen der täglichen Durch⸗ ſchnitts⸗Temperaturen an zwei Orten genau die nämlichen ſein können, und daß doch an dem einen Ort eine gewiſſe Pflanze normal gedeihen, an dem anderen dagegen nie zur Reife gelangen, vielleicht ſogar gar nicht leben kann.— Die Inſel Wight ſoll z. B. ungefähr dieſelbe mittlere Jahres⸗Temperatur haben wie Palermo; dennoch gedeiht der Weinſtock an letzterem Orte nor⸗ mal, während er an erſterem nicht normal reift. Ich gebe zu, daß die Berechnung eine andere wird, wenn man alle Tempe⸗ raturen, welche unterhalb des Vegetations⸗Minimum der be⸗ 8 Erſtes Kapitel. Das Klima. lation. Wenn die Blüte einmal vorhanden iſt, arbeitet die Pflanze, welche bis dahin ihre Reſerveſtoffe vorbereitet hatte, daran, die⸗ ſelben noch zu vermehren, aber ſie arbeitet hauptſächlich, um ſie zur Entwicklung des Kornes zu verwenden. Es iſt daher mög⸗ lich, ſchon während der Blütezeit des Weizens annäherungsweiſe zu ſchätzen, welches der Endwert der bevorſtehenden Ernte ſein wird.“ Eine zu große Trocknis des Bodens und eine zu ſtarke Hitze können die Stoffe, welche ſich im Halm angeſammelt haben, noch verhindern, ſich in der Ähre zu konzentrieren und das Korn zu ernähren; aber durch Vergleich der pro Hektar geernteten Weizenmenge mit der Summe von Lichtgraden, welche der Weizen bis zur Blütezeit empfing, hat Marie⸗-Davy nachgewieſen, daß die Ausgiebigkeit der Ernte im allgemeinen ziemlich genau der Ausgiebigkeit des Lichtes entſpricht. Übrigens erfordern die verſchiedenen Weizen⸗Varietäten nicht alle dieſelben Mengen von Wärme und Licht. treffenden Pflanze liegen, außer Betracht läßt, und daß die Berechnung annähernd ſtimmt, wenn man von Extremen abſieht; es würde aber ein Leichtes ſein, mit Hilfe von genügendem meteorologiſchen Beobachtungszahlen nachzuweiſen, zu welchen Trugſchlüſſen eine ſolche Berechnung führen könnte.— Schon die Durchſchnitts⸗Temperatur eines Tages kann je nach den ein⸗ zelnen Zahlen, aus welchen der Durchſchnitt gezogen iſt, ganz verſchiedenen Wert für die Pflanze haben. Nehmen wir z. B. an, es würden täglich vier Beobachtungen gemacht; an dem einen Orte wären beobachtet:+ 4 ½,+ 5 ½,+ 6 ½,+ 7 ½; an dem anderen Orte hätte man zu denſelben Tageszeiten gefunden — 1,+ 10,+ 14,+A— 0. Das Tagesmittel beträgt an beiden Orten+ 6 und würde nach Annahme des Verf. eben genügen, ein ſchwaches Wachstum der Weizenpflanze zu geſtatten. In Wirklichkeit würde aber jedenfalls an erſterem Orte ein kaum merkliches, am anderen Orte ein recht lebhaftes Wachstum ſtatt⸗ finden.— Wärme und Licht. 9 Jede Gegend hat, um ihr Brot zu erzeugen, gewiſſe beſon⸗ dere Raſſen, welche ſich durch eine lange Zuchtwahl gebildet haben, und welche gewiſſermaßen der Ausdruck ihres Klimas ſind; und gerade Dank dieſer zahlreichen Varietäten kann der Weizen auf einem ſo weiten geographiſchen Gebiete angebaut werden und einen großen Teil des Erdkreiſes mit ſeinem koſt⸗ barſten Nahrungsmittel verſorgen. Die Hartweizen ſind die Weizenſorten der warmen Länder. Man baut ſie hauptſächlich im Süden Italiens und Spaniens, in Algier, in Ägypten ꝛc. Die engliſchen Weizen*) vertragen beſſer als die milden Weizen die Extreme, ſei es Kälte im Winter oder Hitze im Sommer. Der milde Weizen wird hauptſächlich in den gemäßigten Regionen und in den hohen Breitegraden gebaut; aber er ſcheidet ſich in eine große Anzahl Varietäten, von denen die einen zu dieſem, die andern zu jenem Klima paſſen, die grannenloſen Weizen in die fruchtbaren Ebenen, die Grannen⸗ weizen in die Gebirgsländer, wo ſie für kräftiger gelten, und in Ortlichkeiten, welche ſtarken Winden während der Reifezeit aus⸗ geſetzt ſind, weil die Grannen der Ähren wie eine Sprungfeder wirken und ſie vor gegenſeitigem Anſtoßen bewahren, durch welches grannenloſe Ähren entkörnt werden würden(Vilmorin). Gewiſſe Varietäten reifen langſam, wie der weiße flandriſche Weizen, und eignen ſich hauptſächlich für weſtliche Gegenden, weil da die Sommer nicht heiß genug ſind, um das Korn in ſeiner Ent⸗ wicklung aufzuhalten. Andererſeits erfordern die trockenen Län⸗ *)(Anm. d. Überſ.) Es ſind hier nicht die aus England ſtammenden Varietäten gemeint, ſondern die Formen, welche man als triticum turgidum bezeichnet(poulard), und unter mildem Weizen(blé tendre) iſt tr. vulgare zu verſtehen. Ich kenne aus eigener Praxis nur einen engliſchen Weizen in dieſem Sinne, nämlch Rivett's Bearded— bekanntlich gehören die meiſten bei uns aus England eingeführten Sorten zu trit. vulgare—, dieſer iſt aber gegen Temperatur⸗Extreme empfindlicher als alle anderen mir bekannten Sorten. 10 Erſtes Kapitel. Das Klima. der im Innern der Kontinente Varietäten, welche durch eine ſchnellere Reife der Gefahr des Verſchrumpfens entgehen können, z. B. der Roſeau⸗Weizen, der blaue oder Noé⸗Weizen. Der rote Schottiſche, der Hunter, der Crépi⸗Weizen, der Shireff⸗ Weizen*) ꝛc. vertragen die rauheſten Winter, während der weiße Richelle von Neapel, der Talavera ꝛc. nur für den Süden Frank⸗ reichs paſſen. Einige Weizenvarietäten, z. B. der blaue oder Noé⸗Weizen, können ebenſo gut im Herbſt wie im Frühjahr geſät werden. Andere ſind geradezu entweder Winter⸗ oder Sommerweizen. Wenn man verſucht die erſteren im Frühjahr zu ſäen, ſo läuft man Gefahr, kein einziges Korn zu bekommen; ſie ſchoͤſſen nicht, und zwar um ſo weniger, wenn die Saat von einem Lande be⸗ zogen war, wo die Winter kälter ſind. Dahingegen wenn man einen Sommerweizen im Herbſt ſät, ſo hat man viel Ausſicht, ihn durch den Froſt zu verlieren. Übrigens iſt es möglich, all⸗ mählich, nach einer längeren Reihe von Jahren gewiſſe Winter⸗ weizen in Sommerweizen umzuwandeln und umgekehrt. Ebenſo kann ſich eine Varietät auf die Länge dem Klima, in welchem ſie gebaut wird, anpaſſen und ihre Lebensbedürfniſſe je nach den Erforderniſſen dieſes Klimas verändern. Wenn ſie in ein anderes Klima verſetzt wird, behält ſie die Lebensbedürf⸗ niſſe, welche ſie angenommen hatte, noch einige Jahre bei, aber nach und nach verſchwinden dieſelben. So hat Profeſſor Schübeler in Chriſtiania nachgewieſen, daß aus der Fremde bezogene Wetzenſaat, d. h. aus ſüdlicheren Gegenden als Norwegen, immer weniger frühreif iſt als Saat derſelben Varietät, welche im Lande geerntet wurde. Toskana⸗ Weizen und Viktoria⸗Weizen, welche aus England bezogen waren, wurden mit dem Landweizen verglichen. Alle drei wurden im Mai geſät und gebrauchten, um zur. Reife zu gelangen: *)(Anm. d. Überſ. Es iſt hier Shireff's Squarehead gemeint. Wärme und Licht. 11 Der Weizen von Toskana.. 105 Tage, Der Wiktoria⸗Weizenn 97„ Der Landweizen... 90„ Umgekehrt hat nach den Beobachtungen von Tiſſerand Weizen, deſſen Samen von Norwegen kam, auf dem Gute Joinville⸗le⸗Pont bei Paris 29 Tage früher gereift als der Märzweizen aus der Umgegend von Paris. Aber nach und nach hat ſich dieſer Vorſprung verringert; der Norwegiſche Weizen hat, indem er ſich akklimatiſierte, den Entwicklungsgang von dem aus der Umgegend von Paris angenommen. Unter den hohen Breitengraden Norwegens ſind die Sommer⸗ tage viel länger als in Frankreich, und infolge deſſen bildet jeder Tag der Vegetation, wie Tiſſerand ſagt, eine größere Anzahl von Arbeitsſtunden. Indem er dieſe Zahl der Ar⸗ beitsſtunden mit der Durchſchnittstemperatur multiplizierte, hat er für den Sommerweizen gefunden: 29 900 in Elſaß unter 48 ½ Breitengraden, 29 815 in Rambouillet, 48 ½ 27 643 in Chriſtiania„ 59,9 26 848 in Bodö„ 67 26 600 in Skibolten„ 70„ „Man muß alſo annehmen,“ fügt unſer gelehrter Gewährs⸗ mann hinzu,„daß die in den hohen Breitengraden angebauten Pflanzen mit einer bedeutend größeren Vegetations⸗Thätigkeit begabt ſind als die der ſüdlichen Länder, daß ſie die Sonnen⸗ wärme beſſer ausnutzen, daß ſie eine energiſchere Aſſimilations⸗ kraft haben, daß ſie, mit einem Worte, mehr Nutzeffekt liefern.“*) I II I *)(Anm. d. Überſ.) Um dieſe Behauptung zu begründen, müßte meines Erachtens nachgewieſen werden, daß die Getreide⸗ ſorten nordiſchen Urſprungs bei ihrer kürzeren Vegetationszeit ebenſo hohe oder noch höhere Ernten liefern als andere länger vegetierende Sorten. Dies iſt meines Wiſſens gewöhnlich nicht der Fall.— In einer Gegend, wo die klimatiſchen Verhältniſſe (beſonders die Regenverteilung) das normale Ausreifen ſpät 12 Erſtes Kapitel. Das Klima. Und er legt dieſen Unterſchied in ſehr ſinnreicher Weiſe dar, in⸗ dem er die Nächte, während deren die Zerlegung der Kohlen⸗ ſäure und die ganze Thätigkeit der Aſſimilation unterbrochen iſt, mit den Anhaltpunkten eines Eiſenbahnzuges vergleicht. In den hohen Breitengraden haben dieſe Anhaltepunkte ſehr kurzen Aufenthalt und die Vegetation ſchreitet mit Schnellzug⸗ Geſchwindigkeit fort, während in unſeren Ländern der Weizen⸗ wuchs die langſamere Gangart der Perſonenzüge hat. Es iſt oft recht ſchwer, genau zu ſagen, wo eine Varietät aufhört und wo eine andere anfängt. Der Oberſt Lecouteur (von Jerſey), welcher eine ſehr berühmte Sammlung von Weizen⸗ varietäten hatte, berichtet, daß auf einem Felde, welches er als ganz mit einer und derſelben Weizenvarietät beſäet betrachtete, es dem Profeſſor La Gasca gelang, 23 Varietäten zu finden. Das beweiſt, daß der Profeſſor La Gasca eine viel eingehendere und genauere Klaſſifikation hatte, als die des Oberſt Lecouteur; ſie war unzweifelhaft viel zu kleinlich. Aber dies zeigt auch, daß es auf einem und demſelben Felde eine gewiſſe Anzahl von mehr oder weniger unterſcheidbaren Varietäten und Untervarie⸗ täten giebt. Dieſe zuerſt unſcheinbaren Unterſchiede prägen ſich unter gewiſſen Einflüſſen ſchärfer aus, und es bilden ſich nach und nach wirkliche Varietäten da, wo erſt nur individuelle Unter⸗ ſchiede vorhanden waren. Die dem Boden und dem Klima am beſten angepaßten Individuen vermehren ſich ſtärker als die an⸗ dern und erlangen nach und nach das übergewicht; nach Ver⸗ lauf einiger Jahre ſind ſie in der Mehrheit, und die Varietät hat neue Charaktere angenommen oder es hat ſich eine neue Varietät gebildet. reifender Sorten geſtatten, wird man gewöhnlich mit den letzteren höhere Ernten erzielen. Kürzeſte Vegetationszeit und höchſte Erträge bilden gewiſſermaßen eine contradictio in adjectu, denn nur durch möglichſte Ausnutzung der warmen Jahreszeit mit intenſiver Beleuchtung kann die Pflanze die größten Mengen organiſcher Subſtanz durch Aſſimilation erzeugen.— Feuchtigkeit. 13 Wir werden ſpäter bei Beſprechung der Wahl der Varie⸗ täten hierauf zurückkommen. Für den Augenblick ſind wir dabei, die allgemeinen Vegetationsbedingungen des Weizens zu ſtudieren. Fahren wir fort: Feuchtigkeit.— Nach meinen Beobachtungen hat der Weizen, bei 565 Halmen pro Qu.⸗Meter, in ſeinen Blättern eine 10mal größere Verdunſtungs⸗ oder Tranſpirations⸗Ober⸗ fläche als der Boden, welchen er bedeckt, und verbraucht im Durchſchnitt pro Tag von 2,67 bis 2,8 mm Waſſerhöhe, etwas mehr im Frühjahr, etwas weniger im Sommer. Nun fallen im Mittel auf meinen Feldern(zu Calèves am Genfer See) 258 mm Waſſer während der Monate März, April, Mai und Juli, der thätigen Vegetationsperiode des Weizens; das macht alſo nicht viel mehr als 2 mm pro Tag. Mein Weizen muß daher, um ſeinen Bedarf zu decken, im Boden einen Vorrat an Feuchtigkeit finden, welcher von den Regen⸗ und Schneefällen des Winters herrührt und die Erde muß eine genügend große Abſorptions⸗ kraft beſitzen, um dieſe Feuchtigkeit feſtzuhalten. Auf der andern Seite des Juragebirges, wo die Regenfälle viel beträchtlicher ſind, im Weſten, läuft der Weizen ſelten Gefahr an Waſſer⸗ mangel zu leiden, ſelbſt auf den leichten Böden; auf den ſchweren Böden hat er ſogar leicht zu viel Waſſer. In Oſterreich hat Haberlandt für die Verdunſtung des Sommerweizens nur 1,18 mm pro Tag gefunden, aber er rech⸗ net nur eine Million Weizenpflanzen pro Hektar, eine Zahl, die augenſcheinlich viel zu niedrig iſt. Das Waſſer dient nicht nur dazu, die Celluloſe, die Stärke ꝛc. der Pflanzen zu bilden, indem es ſich mit dem der Atmoſphäre entzogenen Kohlenſtoff verbindet, ſondern es führt ihr auch die ſtickſtoffhaltigen und mineraliſchen Stoffe zu, welche es in der Erde löſt. Nach den Unterſuchungen von Lawes und Gilbert kommen auf 100 000 g durch den Weizen ver⸗ dunſtetes Waſſer 404— 485 g gebildeter Trockenſubſtanz und dieſe Trockenſubſtanz enthält 32— 57 g Mineralſtoffe. Die ver⸗ brauchte Waſſermenge iſt im Verhältnis zur erzeugten Trocken⸗ 14. Erſtes Kapitel. Das Klima. ſubſtanz um ſo größer, je weniger fruchtbar der Boden iſt, aber es kommen immer 2000 g verdunſtetes Waſſer auf 1 g Trocken⸗ ſubſtanz und immer 3100 g verdunſtetes Waſſer auf 1 g auf⸗ genommener Mineralſtoffe. Hieraus iſt zu erſehen, daß dieſes Waſſer, welches mit Kohlenſäure geſchwängert in die Pflanze gelangt, reichlich genügt, um alle die für den Weizen nötigen Mineralſtoffe zu löſen, ſelbſt das Kalkphosphat, welches von allen dieſen Stoffen das wenigſt lösliche iſt. Hellriegel in Deutſchland hat gefunden, daß der Sommer⸗ weizen 338 g Waſſer verdunſtet, um 1 g Trockenſubſtanz zu bilden, alſo 100 000 Waſſer für noch nicht 300 g Trocken⸗ ſubſtanz. Dies iſt ein noch viel beträchtlicherer Waſſerverbrauch als der, welcher ſich aus den Verſuchen von Lawes und Gilbert ergiebt. Nach Marié⸗Davy, Direktor des meteorologiſchen Obſer⸗ vatoriums von Montſouris, iſt die Verdunſtung um ſo größer, je weniger fruchtbar der Boden iſt, auf welchem der Weizen wächſt.„Mit Hilfe der Sonne,“ ſagt er,„kann das Waſſer bis zu einem gewiſſen Grade die Düngung ergänzen; und ebenſo kann der Dünger, wenn er gut für den Boden geeignet iſt, bis zu einem gewiſſen Grade das Waſſer erſetzen, indem er das Waſſer, über welches die Pflanze verfügt, befähigt, vorteilhafter zu wirken.“( Der Überſetzer.) Die Verdunſtung der Pflanzen iſt um ſo größer, je jünger die Pflanzen ſind, wie die folgenden Unterſuchungen zeigen, die wir Haberlandt verdanken. Der leider verſtorbene Profeſſor der landwirtſchaftlichen Hochſchule zu Wien hat die Verdunſtungs⸗ Oberfläche der Blätter gemeſſen, das Verhältnis zwiſchen dem Gewicht der Wurzeln und dem der Blätter beſtimmt und die pro Tag verdunſtete Waſſermenge für Weizenpflanzen vor der Ahrenbildung, vor und nach der Blüte: (Siehe Tabelle S. 15). Im allgemeinen iſt im Norden und Weſten Europas die Regenmenge für den Bedarf der Weizenvegetation genügend. Aber im Süden wird der Anbau des Sommerweizens unmög⸗ Feuchtigkeit. 15 V Zahl der Lhlnni Verdunſtete Oberfläche 7 Spalt⸗ Trocken⸗ Waſſer⸗ öffnungen 5 menge pro der auf der Verdichi der Tag und Pflanzen Unterſeite mdhe be pro qem —— der Blätter äußeren Oberfläche 1dem 2 gem Pro Amm Teile g a) Junge Pflanze V V vor der Ahren⸗ bildung... 76 97 111 V 1:0,673 5,136 b) Vor der Blüte 154 283 95 1 4,943 2,802 c) Nach der Blüte 220 387 75 1:10,471 2,657 lich, und je mehr man ſich dem Äquator nähert, um ſo mehr wird die Bewäſſerung nötig, um, hauptſächlich auf leichten Bö⸗ den, die Feuchtigkeit zu erſetzen, welche die Atmoſphäre nicht mehr bieten kann. Zu Cavaillon in der Vaucluſe und in einigen Gegenden der Provence bewäſſert man den Weizen in Lagen mit durchlaſſendem Untergrunde. Man giebt 4 Bewäſſerungen: die 1. vor der Saat, die 2. im April, wenn die Durchſchnitts⸗ Temperatur 120 erreicht, die 3. während der Blüte, die 4. einige Tage darauf. Sweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. 1. Chemiſche Zuſammenſetzung des Weizens.— Nach Bouſſingault enthält ein Weizenkorn im Durchſchnitt: Stärkemehl 559, 700 Proteinſtoffe.... 14,6„ Dextrin und Glukoſe... 7,2„ Fette. 1,23 Celluloſe und ähnliche Stoffe 1,7„ Mineralſtoffe„6, Waſſer..... 14,0„ 100,0%. 16 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. Bouſſingault hat einen in Hagenau in Elſaß geernteten Weizen und das entſprechende Stroh analyſiert. Indem er 200 Stroh auf 100 Körner rechnet, fand er: Körner Stroh Zuſammen Kohlenſtoff... 46,10 96,96 143,06 Waſſerſtoff... 5,80 10,68 16,18 Sauerſtoff.. 43,40 76,58 119,98 Stifſtoff 229 0770 2,99 Schwefelſäure. 0,02 0,14 0,16 Phosphorſäure 1,14 0,44 1,58 Chlor. Spuren 0,08 0,08 Kaſk.. 0,07 1,18 1,25 Magneſia. 0,39 0,68 1,07 Kalt. 6973 1,28 2,01 Natron Spuren 0,04 0,04 Kieſelſäure... 0,06 9,42 9,48 Eiſen u. Thonerde 0,00 0,14 0,14 Verluſte.— 1,08 1,08 100,00 200,00 300,00. Andererſeits hat H. Joulie die chemiſche Zuſammenſetzung der Ernten von 40 hl zu beſtimmen geſucht, welche in 5 Wirt⸗ ſchaften der Brie gewonnen wurden.(Siehe Tabelle S. 17.) Wenn man dieſe Zahlen mit dem pro Hektar gewonnenen Gewichte multipliziert, ſo findet man, daß eine Ernte von 40 hl in ihren Körnern und ihrem Stroh enthalten muß: Weizen aus dem Gbroßbetxiebe. Im Durchſchnitt..... 4600,0 kg Kohlenſtoff, 85 bis 109, im Durchſchnitt. 92,6„ Stickſtoff, 28„ 44,„— 37,0„ Phosphorſäure, 29„ 39,„. 34,0„ Kalk.*) 8„ 106, 7— 12,2„ Magneſia, 36„ 64,.. 50,0„ Kali. *)(Anm. d. Überſ.) Im Originalwerke ſteht hier die Zahl 25,2, ein offenbarer Druckfehler. 17 1. Chemiſche Zuſammenſetzung des Weizens. 8708 99˙,09 1236 90˙( 90˙93 69˙63 08˙99 001† 63336 08˙93 79 arnp* IZ2r[y'ey 28'I 896 660 660 1/6 60 691I 681 980— cCd*⁴οuο 0OsI[00˙001 L24 06»va's 000 61T 4219 000 000 00˙0 uoab 69⸗9 va99 189 989 I' 91 60,9 19 2r's 81½ 83601— v Frr I'I9 951 689˙1 960I 601 931 90˙5 080 591 98˙I vouB 2 9˙ 3218 LIel vS9'I 898 bs e e üe e,. Mos 99I ZL“29 2v'Il 0' er er er 991 3o 9t 61˙‧5 danplp lol 27 0828 903 189˙9 28 65 F Ier 209g vo's 85 69˙5 Hdanplaohdsoh 610Og 28 ˙85 Fl's 68˙1I 8163g 1 vS'g 8˙99 9129 d' 68˙69 20pll 81II 22 9z Oge 22 II 89˙eI 8001 66/11 92˙1I 10˙eI IZrr 6p'l LlolpuS uv 9 ſunves 8 99 8 72S il —— 2. S2 8 8B E o 3 5. 5 o„ w. 2. do 5 uobunplch 8 2 5. a 5 5 (doaxe qun uxo) du e e iig :qaaraqPiocad e ei ee Rimpau, Weizenbau. 18 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. Woher nehmen die Pflanzen alle dieſe Stoffe? und wie gelingt es uns ſie zu vermehren und dadurch 10mal, 20mal, ſelbſt 30mal ſoviel Stoffe zu gewinnen, als wir der Erde durch Ausſaat unſerer Körner anvertraut haben? 2. Ernährung der Pflanze.— Die Atmoſphäre iſt ein unerſchöpflicher Vorratsbehälter von Kohlenſäure. Unter dem Einfluſſe des Sonnenlichtes zerſetzt ſich dieſe Kohlenſäure in den grünen Blättern und erzeugt Glukoſe,*) welche zunächſt herab⸗ ſteigt und ſich im Halm anſammelt, ſich dann umbildet, indem ſie einige Moleküle Waſſer anzieht oder entläßt, ſei es in Cellu⸗ loſe und Holzſtoff, welche das Wachstum der Pflanze ermög⸗ lichen, ſei es in Stärke, welche ſich nach der Blüte im Korn anſammelt und ihm mit dem ſtickſtoffhaltigen Kleber ſeinen großen Wert als Nahrungsmittel verleiht. Das Licht iſt eine Kraft, welche ſich, nachdem ſie die natürliche Anziehungskraft des Kohlen⸗ *)(Anm. d. Überſ) Die Behauptung, daß Glukoſe (Traubenzucker) das erſte Produkt der Aſſimilation ſei, ſchien mir eine etwas gewagte. Auf meine Anfrage hatte der Verfaſſer die Güte mir mitzuteilen, daß Aimé Girard in einer kürzlich in den Comptes rendus de l'academie des sciences erſchienenen Arbeit bewieſen habe, daß in den Runkelrübenblättern das erſte Produkt der Aſſimilation nicht Stärke, ſondern Glukoſe oder Sacharoſe ſei. Der Verfaſſer giebt aber zu, daß man dieſe Be⸗ obachtung nicht ohne weiteres verallgemeinern könne.— Unſtreitig muß die unlösliche Stärke, welche gewöhnlich das erſte durch Reaktionen nachweisbare Produkt der Aſſimilation iſt, und welche ſich auf ihrer Wanderung von den Blättern zu den Ver⸗ brauchsorten(den in Neubildung begriffenen Teilen) oder zu den Reſerveſtoff⸗Behältern(Samen, Knollen, Wurzeln ꝛc.) in den Zellen findet, in irgend eine lösliche Form übergehen, um die Zellhäute zu durchdringen; ob ſie dies als Glukoſe, oder in Form eines anderen verwandten Körpers thut, weiß man noch nicht.— Dieſe Auffaſſung teilt auch der Verfaſſer nach den mir gemachten gütigen Mitteilungen. 2. Ernährung der Pflanze. 19 ſtoffes zum Sauerſtoff beſiegt hat, im latenten Zuſtande, im Zuſtande der potentiellen Energie, wie die Phyſiker ſagen, aufbewahrt in der Celluloſe, der Stärke ꝛc., die durch ſie gebildet wurden. Dieſe Kraft bleibt gewiſſermaßen in den Erzeugniſſen der Vegetation aufgeſpeichert und wir können ſie wieder zum Vorſchein bringen und ſie nach unſerem Wohlgefallen zu unſeren Bedürfniſſen verwenden in der Form von Wärme oder Kraft, wenn wir uns von dieſem Weizen ernähren. Das im Holze oder in der Steinkohle verdichtete Licht kann zum Heizen unſerer Lo⸗ komotiven dienen; dasjenige, welches durch den Weizen figxiert wurde, kann eine noch nützlichere und edlere Verwendung be⸗ kommen; es kann dazu dienen, uns ſelbſt zu erwärmen, uns die Kräfte zu geben, welche uns alle unſere Arbeiten verrichten laſſen, unter anderen den Ackerbau. Die Größe einer Ernte iſt proportional der pro Hektar fixierten Menge Kohlenſtoff. Nun verbraucht ein Menſch durchſchnittlich in ſeiner Nah⸗ rung pro Tag 216 g Kohlenſtoff. Wenn nur 50 Tage Hand⸗ arbeit dazu gehören, um 1 ha Weizen zu beſtellen und zu ern⸗ ten, ſo entſpricht dies einem Verbrauche von 10,8 kg Kohlen⸗ ſtoff. Folglich entſpricht die durch Kultur eines Hektars Weizen erzeugte Kraft, ſelbſt mit einer kleinen Ernte von 10 hl über die Einſaat, 239 kg Kohlenſtoff und liefert das 22fache von der verbrauchten Kraft; bei einer Ernte von 20 hl beträgt die Vermehrung 439 kg, alſo das 45fache der verbrauchten Kraft. Hiernach iſt es leicht zu verſtehen, weshalb ſich der Urſprung des Getreidebaues gewiſſermaßen mit dem Urſprung unſerer Civi⸗ liſation vermiſcht und warum ſeine Entwickelung immer mit der der Bevölkerung gleichen Schritt gehalten hat. Aber wenn die Berechnung der Ausgabe und Einnahme an Kraft einen beträchtlichen Gewinn zeigt, ſo iſt dies leider heute nicht mehr der Fall bei der Berechnung der Ausgaben und Ein⸗ nahmen an Geld. Heute ſteht der Lohn des Arbeiters längſt nicht im Verhältnis zu dem Wert des Kohlenſtoffes, den er ver⸗ braucht; er überſteigt den letzteren mehr und mehr in dem Maße, wie das Wohlleben fortſchreitet. Wir dürfen uns darüber keines⸗ 2* 20 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. wegs beklagen, ſondern uns darüber freuen. Aber als Land⸗ wirte müſſen wir einen Nettogewinn aus unſeren Wirtſchaften zu erzielen ſuchen, und infolge deſſen ſind wir gezwungen, ſoviel wie möglich die menſchliche Arbeit durch die der Tiere und Ma⸗ ſchinen zu erſetzen, welche den Kohlenſtoff in einer weniger koſt⸗ ſpieligen Form verbrauchen als im Brote. Wir müſſen vor allem dahin gelangen, den Bruttoertrag zu vergrößern, d. h. die Aſſimilation des Kohlenſtoffes der Atmoſphäre. Wie können wir dies erreichen? Durch die Düngung. 3. Theorie der Düngung.— Während langer Zeit hat man den Miſt als unentbehrlich und unerſetzlich angeſehen. Die Humustheorie, welche bis 1830 allgemein galt, nahm an, daß die Pflanzen ſich hauptſächlich, wenn nicht ausſchließlich ernährten mit jener ſchlecht definierten Miſchung von mehr oder weniger ſtickſtoffhaltiger organiſcher Subſtanz und mehr oder weniger löslichen Mineralſtoffen, welche ſich in der ſchwarzen Maſſe des zerſetzten Miſtes und der Pflanzenerde findet und welche man Humus nennt. Eine Reihe von Unterſuchungen, welche mit Lavoiſier be⸗ gann und durch zahlreiche Beobachter(namentlich Th. de Sauſ⸗ ſure) fortgeſetzt wurde, bis ihre Ergebniſſe formuliert wurden in dem berühmten Vortrage über die chemiſche Statik der orga⸗ niſchen Weſen von Dumas und Bouſſingault(1854) zeigte, daß die Pflanzen faſt alle ihren Kohlenſtoff aus der Kohlen⸗ ſäure der Atmoſphäre entnehmen. Aber der Humus iſt nichts⸗ deſtoweniger in anderen Beziehungen ſehr nützlich. Wir werden hierauf zurückkommen. Berthier, Sprengel, Liebig ec. ſtudierten die in den Ernten enthaltenen Mineralſtoffe und deren Urſprung. Liebig wollte zu ſchnell von der noch unvollſtändigen Theorie zur An⸗ wendung übergehen und ſchlug ſeinen Mineraldünger vor(fabri⸗ ziert durch Muspratt in Liverpool), welcher den großen Fehler hatte, daß er faſt gar keinen Stickſtoff enthielt. Aber von dieſen Verſuchen blieb wenigſtens der Hinweis übrig auf das Verfahren at 3. Theorie der Düngung. 21 der Behandlung von Knochen mit Schwefelſäure, welches Lawes zu Rothamſtedt zuerſt in ſeiner Düngerfabrik bei London an⸗ wandte. Während Liebig ſich für den Augenblick inmitten dieſer glänzenden Entdeckungen irrte, verfolgte Bouſſingault Schritt für Schritt mit Hilfe der Wage und der chemiſchen Analyſe auf ſeinem Gute Bechelbronn im Elſaß das Studium aller That⸗ ſachen der Praxis. Er zeigte unter anderen, daß die Pflanzen, weit entfernt, genug Stickſtoff im Boden zu finden oder aus der Atmoſphäre aufnehmen zu können, um ſchöne Ernten zu liefern, vor allem einen Dünger liebten, der reich an ſalpeterſaurem und Ammoniak⸗Salze war. „Die Zerſetzung des Kohlenſäure⸗Gaſes durch die Blätter, ſagt Bouſſingault in ſeinen ſchönen Unterſuchungen über die Vegetation, iſt in gewiſſer Weiſe abhängig von der vorhergehen⸗ den Aufnahme eines Düngers, welcher in der Art des Stall⸗ miſtes wirkt; dieſer Dünger kann ebenſo gut Ammoniak, wie ein verwesbarer organiſcher Stoff, oder ein Nitrat ſein; es genügt, daß der Stickſtoff, den er enthält, aſſimilierbar iſt, mit einem Wort, daß er bei der Bildung des ſtickſtoffhaltigen Gewebes der Pflanze mitwirken kann.“ Sodann zeigt Bouſſingault, daß eine aſſimilierbare ſtick⸗ ſtoffhaltige Subſtanz aber nur als Dünger wirkt im Verein mit phosphorſaurem Kalk und den alkaliſchen und erdigen Sal⸗ zen, welche für die Vegetation unentbehrlich ſind. Er war der erſte, welcher 1855 feſtſtellte, daß der Salpeter in Gemeinſchaft mit dem phosphorſaurem Kalk und den alkali⸗ ſchen Düngemitteln wie ein vollſtändiger Dünger wirkt und, wie der Peru⸗Guano, den Hofmiſt erſetzen kann.„Es iſt ſehr merk⸗ würdig, ſagt er am Ende ſeines Aufſatzes, eine Pflanze alle Phaſen des vegetativen Lebens durchlaufen, keimen und abſterben, mit einem Worte ihre normale Entwickelung vollenden zu ſehen, wenn ihre Wurzeln in einem ausgeglüheten Sande wachſen, welcher ſtatt organiſcher in Verweſung begriffener Reſte Salze von großer Reinheit, von einer völlig feſtgeſtellten Zuſammen⸗ 22 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. ſetzung enthält, wie ſalpeterſaures Kali, phosphorſaurer Kalk, alkaliſche Silikate, und nachzuweiſen, daß dieſe Pflanze vermittelſt dieſer alle dem Mineralreiche entlehnten Hilfsmittel allmälich das Gewicht ihres Organismus vergrößert, indem ſie den Kohlen⸗ ſtoff der Kohlenſäure, ſowie die Elemente des Waſſers fixiert und daraus mit dem Grundſtoff der Salpeterſäure Eiweiß, Kaſein ꝛc. herſtellt, d. h. die ſtickſtoffhaltigen Beſtandteile des Blutes, der Milch und des muskulöſen Fleiſches.“ Nachdem die verſchiedenen Beſtandteile des vollſtändigen chemiſchen Düngers*) ſo einer nach dem andern ſtudiert waren, blieb nur übrig zur Zuſammenſetzung überzugehen und zu zeigen, daß es auf die Dauer möglich iſt, bis zu einem gewiſſen Punkte**) im freien Felde und bei der Großkultur den Stalldünger zu erſetzen durch eine aus Ammoniak- oder ſalpeterſauren Salzen, phosphorſaurem Kalk und Kaliſalzen zuſammengeſetzten Dünger. Lawes und Gilbert zu Rothamſtedt in England ſind es, welche dieſe ſchließliche Beſtätigung der Theorie durch die Praxis geliefert haben. 32 Jahre hindurch, von 1852 bis 1883 haben dieſe arbeit⸗ ſamen und ausdauernden landwirtſchaftlichen Forſcher auf einer erſten Parzelle Weizen angebaut ohne anderen Dünger als den des Regens und der Vögel des Himmels, auf einer zweiten nur mit mineraliſchem Dünger(224 kg ſchwefelſaures Kali, 112 kg ſchwefelſaure Magneſia und 440 kg Kalk⸗Superphosphat pro Hektar) und auf den anderen mit dieſem ſelben Mineraldünger, ergänzt durch verſchiedene Gaben ſchwefelſauren Ammoniaks oder ſalpeterſauren Natrons. Eine letzte Parzelle empfing jedes Jahr 35000 kg Stallmiſt pro Hektar, enthaltend 224 kg Stickſtoff, *)(Anm. d. Überſ.) Ich behalte, wörtlich überſetzend, den Ausdruck„chemiſcher Dünger“ bei, da unſere gebräuchlichen deut⸗ ſchen Ausdrücke„künſtlicher Dünger“ oder„käuflicher Dünger“ ebenſo wenig ſcharf den Begriff decken. **) Die chemiſchen Düngemittel können nicht, wie der Stalldünger die phyſikaliſchen Eigenſchaften gewiſſer Böden verbeſſern. die 3. Theorie der Düngung. 23 188 kg Kali und 79,7 kg Phosphorſäure. Folgendes Durch⸗ ſchnittsgewicht der Ernten wurde während dieſer Reihe von Jahren auf dieſen verſchiedenen Parzellen erzielt: Korn Stroh Geſamternte 1. Ohne Dünger... 862 1423 2285 2. Mineraldünger.... 1003 1640 2652 3. Mineraldünger+ 48 kg Ammoniak⸗Stickſtoff.. 1608 2814 4422 4. Mineraldünger+ 96 kg Ammoniak⸗Stickſtoff.. 2183 4223 6406 5. Mineraldünger+ 144 kg Ammoniak⸗Stickſtoff.. 2404 5078 7482 6. Mineraldünger+ 96 kg Salpeter⸗Stickſtoff... 2570 5250 7820 7. Stallmiſt(35000 kg). 2251 4001 6252 So hat 1 kg Stickſtoff an Körnern und an Geſamternte folgende Steigerungen hervorgebracht: Stroh Korn und Ge Spreu ſamt⸗ Ernte 3. Durch Gabe von 48 kg pro Hektar in Form von ſchwefelſ. Ammoniak 12,60 24,23 36,83 4. Durch Gabe von 96 kg pro Hektar in Form von ſchwefelſ. Ammoniak 12,30 26,70 39,00 5. Durch Gabe von 144 kg pro Hektar in Form von ſchwefelſ. Ammoniak 9,72 30,87 40,59 6. Durch Gabe von 96 kg pro Hektar in Form von Nitrat..... 16,32 37,51 53,83 7. Durch Gabe von 224 kg pro Hektar in Form von Stallmiſt.... 5,57 10,40 16,07 Der Stickſtoff, in Form von ſchwefelſaurem Ammoniak an⸗ gewandt, hat bei einer Gabe von 96 kg pro Hektar keine Ver⸗ mehrung der Körner geliefert, welche verhältnismäßig ſo groß war wie bei einer Gabe von 48 kg. Bei 144 kg Stickſtoff 24 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. pro Hektar war die Ertragsſteigerung verhältnismäßig noch ge⸗ ringer. Dies zeigt, daß es bei der pro Hektar zu verwendenden Menge Stickſtoff eine Grenze giebt, welche man nicht mit Vor⸗ teil überſchreiten kann. Größere Mengen bringen nur eine ver⸗ hältnismäßige Vermehrung des Strohes hervor und geben der Ernte Neigung zum Lagern. Der Stickſtoff in gleicher Menge angewandt in der Form von ſalpeterſaurem Natron hat verhält⸗ nismäßig mehr Körner und viel mehr Stroh erzeugt als in der Form von ſchwefelſaurem Ammoniak. Was den Stickſtoff des Stallmiſtes betrifft, ſo findet er ſich in demſelben größerenteils an Verbindungen gebunden, welche nicht unmittelbar aſſimilierbar für die Pflanzen ſind; auch hat er pro Kilogramm nur 5,57 kg Mehrertrag an Körnern und 10,40 kg an Stroh erzeugt. Dieſe Steigerungen der Ernte rühren übrigens nicht aus⸗ ſchließlich von dem Stickſtoff her, welcher im ſchwefelſauren Am⸗ moniak und Natronſalpeter enthalten iſt; ſie ſind ebenſo Folge der Mineralſtoffe, welche ſie begleiteten. Ebenſo wie die Mineral⸗ ſtoffe der Parzelle 2 von dem Weizen nicht ganz ausgenutzt werden konnten, weil derſelbe hier nicht gleichzeitig die Mengen aſſimilierbaren Stickſtoffs vorfand, welche für eine ſtärkere Ent⸗ wickelung nötig geweſen wären, ebenſo hätte jedes Kilogramm Stickſtoff der Parzellen 3, 4, 5 und 6 nicht Überſchüſſe von 9 bis 16 kg Körner und von 36 bis 53 kg Stroh erzeugen können, wenn dieſe Körner und dieſes Stroh nicht daneben die Mineralſtoffe gefunden hätten, welche zu ihrer Zuſammenſetzung gehören. Man darf nach den Verſuchen von Rothamſted nicht etwa glauben, daß man die Fruchtbarkeit mit Hilfe der chemiſchen Düngemittel gewiſſermaßen improviſieren kann und unfruchtbare Ländereien plötzlich dazu bringen kann, Weizen unter vorteilhaften Bedingungen zu erzeugen. Dieſe Verſuche haben ihren Aus⸗ gangspunkt auf einem Boden genommen, welcher ſich, ſo ſagen Lawes und Gilbert, im Zuſtande verhältnismäßiger Er⸗ ſchöpfung befand, welcher die in der Gegend befolgte vierjährige 2 ———„d—. 92—9=2 3. Theorie der Düngung. 25 Fruchtfolge(Turnips, Getreide, Klee, Weizen) beſchließt, wo die Landwirte eine Miſtdüngung anzuwenden pflegen, um eine neue Rotation zu beginnen; und ihr weſentlich praktiſcher Zweck war, zu beſtimmen, bis zu welchem Grade der Stallmiſt durch die chemiſchen Düngemittel erſetzt werden konnte. Aber in dieſem Zuſtande verhältnismäßiger Erſchöpfung enthielt dieſer Boden noch mehr als 1 pro 1000 Geſamtſtickſtoff in ſeiner Ackerkrume, und ſicherlich hätten die Verſuche nicht dieſelben Ergebniſſe geliefert, wenn ſie nicht dieſen alten Vorrat von Stickſtoff vorgefunden hätten; Stickſtoff, der noch enthalten war in den mehr oder weniger zerſetzten Überreſten der Pflanzen, welche auf dieſem Boden gelebt hatten, aber welche nach Schloe⸗ ſing jedes Jahr 60—80 kg Salpeter⸗Stickſtoff liefern konnten. Dieſe Pflanzenreſte enthalten außer Stickſtoff Phosphorſäure, Kali ꝛc.; in dem Maße, wie ſie ſich durch langſame Verbrennung zerſetzen, liefern ſie den neuen Ernten alle dieſe Nährſtoffe mit den Humusſubſtanzen und der Kohlenſäure, welche ihre Löſung begünſtigen. Gleichzeitig verbeſſert der Humus die phyſikaliſchen Eigenſchaften der Böden: er giebt denen, die zu leicht ſind, Halt⸗ barkeit und hält die Feuchtigkeit darin zurück; er lockert die, welche zu bindig ſind, und begünſtigt die Salpeterſäurebildung in denſelben. Der Humus iſt gewiſſermaßen der Regulator der Pflanzenernährung. Alle dieſe Vorteile genießt ein Landwirt, wenn er ein Gut in gutem Zuſtande pachtet; es iſt der wichtigſte Teil des Grundkapitals, welches ihm der Beſitzer anvertraut. Um dieſe alte Kraft durch Ankauf von Stickſtoff, Phosphorſäure, Kali ꝛc. zu Handelspreiſen zu erſetzen, müßte er zwei⸗ oder drei⸗ mal ſo viel ausgeben als ihm die Bewirtſchaftung eines Hektars koſtet, und dieſe chemiſchen Düngemittel würden ſelbſt nicht ſo viel Erfolg haben auf einem Lande, das arm an Humus iſt, wie auf einem Lande, wo ihre Thätigkeit durch dieſen alten Vorrat an Fruchtbarkeit unterſtützt und geregelt wird. Lawes ſagt mit Recht:„Die im Boden vorhandene natürliche Fruchtbarkeit iſt billiger als die erkaufte Fruchtbarkeit; es iſt in der That 26 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. vorteilhafter, für ein fruchtbares Land Pacht zu zahlen, als einen unfruchtbaren Boden umſonſt zu haben und allen Dünger, deſſen er bedarf, zu kaufen.“ Und gerade um gegen die Schaden bringenden Syſteme zu wirken, welche plötzlich die Fruchtbarkeit improviſieren wollen, hatte Royer die Böden eingeteilt„nach ihrer Produktionsfähigkeit in den verſchiedenen Zeitabſchnitten ihrer Fruchtbarkeit“(Lecouteur). Dieſe aufeinander folgenden Zeitabſchnitte der Fruchtbarkeit ſind die Forſtperiode, die Weide⸗ periode, die Futterbauperiode; und die Getreideperiode kommt erſt nach ihnen in vierter Reihe: dies bedeutet, wenn ich mich nicht irre, daß der Weizen, um mit Vorteil gebaut zu werden, einen fruchtbareren Boden erfordert als der Wald und die Futter⸗ kräuter. Ein Boden, der noch nicht auf dem Grade der Frucht⸗ barkeit angelangt iſt, welcher die Getreideperiode kennzeichnet, muß vorläufig oder auf die Dauer entweder als Forſt oder als Weide verbleiben. Nun, was iſt die Fruchtbarkeit? Wenn man die Stickſtoffmengen untereinander vergleicht, welche dieſen verſchiedenen Perioden entſprechen, ſo findet man, daß die Grenze, welche die Getreideperiode von den vorher⸗ gehenden Perioden trennt, im Durchſchnitt 1 pro 1000 Geſammt⸗ Stickſtoff beträgt oder 1,6% organiſcher Subſtanz, mit einem Gehalte von 6% Stickſtoff und 50 pro 100 Kohlenſtoff. Dieſe Grenze kann mehr oder weniger ſchwanken mit der größeren oder geringeren Thätigkeit der Salpeterſäurebildung. In einem Boden, wo dieſe Salpeterſäurebildung alle Bedingungen findet, welche ihr günſtig ſind, werden ¾ oder pro 1000 organiſchen Stickſtoffs jedes Jahr eben ſo viel aſſimilierbare Nitrate erzeugen, als 1 pro 1000 in einem weniger thätigen und weniger warmen Boden. Umgekehrt, ein kalter Boden, wo ſich alle zur Nitrifikation nötigen Reaktionen langſam und ſchwierig vollziehen, wird mehr als 1 pro 1000 Stickſtoff als Reſerve⸗Vorrat enthalten müſſen. Dieſer Stickſtoffgehalt iſt der der oberen Ackerkrume von 20 bis 30 cm Tiefe, welche durch die gewöhnliche Pflugfurche um⸗ gewandt wird. Die darunter liegenden Schichten enthalten eben— 3. Theorie der Düngung. 27 falls Stickſtoff, aber in abnehmender Menge und unter Be⸗ dingungen, welche der Salpeterſäurebildung immer weniger günſtig ſind, je mehr die Tiefe zunimmt. Wenn man annimmt, wie es Joulie thut, daß die Ackerkrume eines Hektars durchſchnittlich 4 000 000 kg wiegt, ſo enthält dieſe Ackerkrume, bei 1 g Stick⸗ ſtoff pro Kilogramm, im ganzen 4000 kg Stickſtoff. Aber die Tiefe der Wurzeln überſchreitet gewöhnlich die der Ackerkrume, und in Wirklichkeit iſt der Stickſtoff⸗Vorrat, über den die Pflanze verfügt, größer als 4000 kg pro Hektar, zuweilen das Doppelte. Außer dem Stickſtoff muß der Boden wenigſtens 1 pro 1000 Phosphorſäure enthalten und eben ſo viel in Salpeter⸗ ſäure lösliches Kali, mit entſprechenden Mengen Kalk, Magneſia, Eiſen, Schwefelſäure. Wenn dieſe Mineralſtoffe fehlen, ſo iſt der Boden unvollſtändig und die Ernten finden nicht nur nicht alles vor, deſſen ſie bedürfen, ſondern die organiſchen Stoffe nitrifizieren auch nicht ſchnell genug. Auf ſaueren und na⸗ mentlich auf moorigen Ländereien iſt der Stickſtoff im überfluß, aber er iſt unthätig und ſetzt ſich nicht in Nitrate um. Endlich iſt es nötig, daß der Boden die phyſikaliſchen Eigenſchaften hat, welche für den Weizen paſſen. Wenn alle dieſe Bedingungen erfüllt ſind, ſo kann man ſtarke Weizenernten erzielen, indem man ihnen die Mengen von Phosphorſäure und von Kali erſetzt oder vielmehr in löslichem Zuſtande im voraus giebt, ſowie ungefähr die Hälfte der Menge Stickſtoff, welche dieſe Ernten enthalten müſſen. Aber wenn der Boden nur ¾ oder ⅛ der Mengen Stickſtoff, Phosphorſäure und Kali enthält, welche ich eben als die normalen Beſtandteile des Reſerve⸗Vorrats bezeichnet habe, ſo wird man den Gehalt an Stickſtoff, Phosphorſäure und Kali in dem direkt zum Weizen angewandten Dünger um ¼ oder ⅛ vergrößern müſſen. Übrigens giebt es Grenzen für dieſe Ausgleichung der fehlenden alten Kraft durch Vermehrung der neuen Düngemittel. Für Böden, welche nur ½ pro 1000 organiſchen Stickſtoff enthalten, müßte man Mengen von Nitraten oder Ammoniakſalzen an⸗ wenden, welche nicht nur zu teuer ſein, ſondern welche auch 28 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. die Ernte unfehlbar zum Lagern bringen würden. Dieſerhalb betrachten wir ſolche Böden als noch nicht auf der Fruchtbar⸗ keits⸗Periode angekommen, wo der Weizenbau auf ihnen vorteil⸗ haft ſein kann. Wir werden im Folgenden noch mehr Einzelnheiten über die Menge Stickſtoff, Phosphorſäure und Kali bringen, welche als Produktions⸗Ration anzuwenden rätlich iſt, je nachdem der Boden davon mehr oder weniger als Reſerve⸗Vorrat hat. Aber wir müſſen uns zunächſt mit dem Stallmiſt beſchäftigen, welcher immer unſer Haupthülfsmittel iſt, um die Fruchtbarkeit unſerer Felder zu erhalten. 4. Der Stallmiſt und die chemiſchen Düngemittel.— Prüfen wir, was es heutzutage koſten würde, 1000 kg Stall⸗ miſt vollſtändig durch chemiſche Düngemittel zu erſetzen. Da der Stickſtoff des Stallmiſtes weit weniger ſchnell aſſimilierbar iſt als der der ſalpeterſauren und Ammoniakſalze, rechne ich ihn zu 1 Frc. das Kilogramm; die Phosphorſäure koſtet jetzt 0,50 Frc. und das Kali 0,40 bis 0,50 Frc. 5 kg Stickſtoff à 1 Fre. 5,00 6,3„ Kali à 0,45 Frc. 2,83 2,6„ Phosphorſäure à 0,50 Frc. 1,30 zuſammen 9,13. Wenn der Miſt, den die Tiere unſerer Wirtſchaften er⸗ zeugen, uns teurer als 9 Frc. die Tonne zu ſtehen käme, ſo müßten wir alſo auf dieſe Tiere verzichten, unſere Futtermittel und unſer Vieh verkaufen und dafür chemiſche Düngemittel oder anderen Dünger, den man zu billigerem Preiſe in der Umgegend großer Städte erhalten könnte, wieder kaufen. Aber dieſe Fälle ſind ſelten: faſt immer können wir durch Viehſpekulationen und gute Ernährungs⸗Methoden den Stalldünger zu weniger als 9 Frc. die Tonne erzeugen.*) *) Die Grundzahlen dieſes Vergleiches zwiſchen den wirklichen Koſten des Stallmiſtes und dem Werte der chemiſchen Düngemittel, welche man an⸗ wenden müßte, um ihn zu erſetzen, ſchwanken beſtändig mit den Preiſen des Stickſtoffs und der Phosphorſäure einerſeits, und mit denen der Milch, des 4. Der Stallmiſt und die chemiſchen Düngemittel. 29 Aber während es ſelten vorteilhaft iſt, den Stallmiſt durch die chemiſchen Düngemittel zu erſetzen, iſt es faſt immer nötig, ihn durch chemiſche Düngemittel zu vervollſtändigen. In der That bewahrt eine Wirtſchaft, welche fortwährend Getreide, Milch, Tiere ꝛc. ausführt, in ihrem Stallmiſte nicht alle die Elemente, welche die Futterſtoffe ihrem Boden entzogen haben, und kann ſie folglich demſelben nicht alle durch den Miſt erſetzen. Im allgemeinen iſt es die Phosphorſäure, welche zu⸗ erſt fehlt. Der Boden und der Stallmiſt ſelbſt, welcher daraus entſtammt, werden mehr und mehr arm an Phosphorſäure. Nun hängt die Höhe der gewonnenen Ernten von dem Elemente ab, welches ſie in kleinſter Menge vorfinden, und ſo lange man die Menge dieſes Elementes nicht vermehrt hat, bleiben alle anderen teilweiſe unwirkſam. Es iſt mit den Pflanzen wie mit den Kryſtallen: Z. B. um 100 kg Salpeterkryſtalle zu bilden, ſind 13 kg Stickſtoff in Form von Salpeterſäure und 45 kg Kali nötig. Aber wenn anſtatt 45 kg Kali nur 22,5 da ſind, ſo können ſich nur 50 kg Salpeter bilden und die Hälfte des Stickſtoffs bleibt ohne Verwendung. Ebenſo iſt es bei der Weizenproduktion: Wenn unſer Stall⸗ miſt, anſtatt 2,6 kg Phosphorſäure pro Tonne zu enthalten, nur 1,3 kg beſitzt, wird die Hälfte unſeres Stallmiſtes unnütz ſein und er wird, ſtatt 9 Frc. die Tonne, in Wirklichkeit nur 4,50 Frc. wert ſein. Aber wenn man jeder Tonne für 0,65 Frc. phosphorſauren Kalk zuſetzt(und man könnte ſich in dieſem Falle ſelbſt mit pulveriſierten mineraliſchen Phosphaten begnügen, welche nur 0,30 Frce. koſten würden), ſo würde jede dieſer Ton⸗ nen den Wert von 9 Frc. wieder erhalten; an jeder derſelben wäre ein Gewinn von 3,80 bis 4 Frc. Die Berechnung, welche wir eben gemacht haben, hat die chemiſche Zuſammenſetzung des halb zerſetzten Stallmiſtes als Grundlage, wie ſie die Tabellen von Wolf liefern. Nun iſt Fleiſches und aller Tierprodukte andererſeits. Heute fabriziert man immer mehr und mehr ſchwefelſaures Ammoniak und man entdeckt immer mehr und mehr Phosphatlager. Daher ſinkt der Preis des Stickſtoffs und der Phosphorſäure. 30 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. dieſe chemiſche Zuſammenſetzung der Durchſchnitt aus einer großen Anzahl von Analyſen, deren Zahlen ſehr von einander abweichen, und wenn wir uns auf ſie ſtützen würden, um allen Arten von Böden das zu geben was ſie bedürfen, ſo würden wir handeln wie jener Schneider, welcher, um alle Mannſchaften eines Regi⸗ ments einzukleiden, ihre Durchſchnittsmaße genommen hatte. Stallmiſt und Stallmiſt iſt ein Unterſchied: Auf den Gütern des Kreidebodens der Champagne enthält er nur 1,8 pro 1000 Phosphorſäure und 2,9 Kali, aber mehr als 12 pro 1000 Kalk. Auf den Gütern der Granitländer iſt der Stalldünger dagegen ſehr arm an Kalk und Phosphorſäure, aber ziemlich reich an Kali. Wie ſollte es anders ſein? Iſt der Stallmiſt nicht das Erzeugnis des Strohes und der Futter⸗ kräuter, welche auf dieſem Boden geerntet worden ſind und welche nur enthalten konnten, was er ſelbſt enthielt? Der Stall⸗ miſt iſt gewiſſermaßen, wie Joulie geſagt hat, das Spiegelbild von der Zuſammenſetzung des Bodens. Man darf alſo nicht auf den Stallmiſt rechnen, um einen Boden zu vervollſtändigen, dem das eine oder andere weſentliche Element fehlt; man muß den Boden und den Stallmiſt zugleich durch eine Einfuhr von außen vervollſtändigen. Erſt ſeit wenigen Jahren iſt, namentlich dank der ſo wohl geleiteten Arbeiten von Paul de Gasparin und Joulie, die chemiſche Analyſe zu wirklich praktiſchen Ergebniſſen gelangt, in⸗ dem ſie ſagt:„Dieſer Boden hat Phosphorſäure, oder Kali, oder Stickſtoff nötig; man muß ihm davon ſo und ſo viel pro Hektar geben in der und der Form: das koſtet euch ſo und ſo viel, aber ich ſtehe euch dafür ein, daß eure Ausgabe ſich durch Vergrößerung der Ernten weitaus bezahlt machen wird; dieſer andere Boden dagegen enthält von allen Stoffen ſchon genügend; es iſt unnütz ſie zu kaufen; dies wäre eine überflüſſige Ausgabe.“ Lawes und Gilbert ſelbſt hatten faſt alle ihre Verſuche auf einem und demſelben Boden gemacht. Ihre erſten Nach⸗ ahmer in Frankreich hatten den Dünger viel mehr nach den Pflanzen als nach den Böden ſpezialiſiert, für die er beſtimmt 5. Phosphorſäure. 31 war. Man hatte beſondere Düngemittel für den Weinſtock, oder die Wieſen, oder die Getreidearten, aber man hatte keine beſon⸗ deren Düngemittel für die Böden verſchiedener Natur; z. B. für die kaliarmen aber phosphorſäurereichen Böden, oder für die phosphorſäurearmen Böden, die aber reich an Kali oder an Stickſtoff ſind. Um ſicher zu ſein, genug zu geben, gab man alles was die Ernte in dem Boden finden muß; dies waren immer und überall vollſtändige Düngungen, aber dieſe Dün⸗ gungen koſteten etliche hundert Francs pro Hektar. Wenn man dem Boden nur das giebt, was er nicht bereits in genügender Menge enthält, kann man dieſe Ausgabe verringern und ſie um die Hälfte, oft noch mehr, reduzieren. Wir werden dafür Bei⸗ ſpiele anführen, und da dieſe ſparſame Anwendung der Dünge⸗ mittel einen beträchtlichen Einfluß auf den Erzeugungspreis des Weizens ausüben kann, da es wichtig iſt, ſie allgemein zu machen, um unſerm Ackerbau in dem Kampfe, den er gegen die fremde Konkurrenz auszuhalten hat, zu hélfen, glauben wir über dieſe Frage ſoviel Einzelnheiten wie möglich bringen zu müſſen. Nehmen wir an, der Chemiker, der die Analyſe unſeres Bodens gemacht hat, ſagte uns, daß er nach den Methoden der quantitativen Beſtimmung, wie ſie in der Abhandlung von Paul de Gasparin beſchrieben iſt, 1 pro 1000 Phosphorſäure, 1 pro 1000 Kali und 1 pro 1000 Stickſtoff enthielte, ſo würden wir ihn fragen, was dieſe Zahlen bedeuten, ob ſie angeben, daß unſer Boden zu wenig, oder genügend, oder ſelbſt zu viel Phos⸗ phorſäure, Kali oder Stickſtoff enthielte, und folglich, ob wir ihm davon mehr oder weniger in Form von Dünger geben müſſen. Folgende Anweiſungen mögen als Antwort dienen und den Landwirt bei der Wahl ſeiner Düngemitttl leiten. 5. Phosphorſäure.— Wie es ſchon Paul de Gasparin gethan hatte, hat Joulie ſeine zahlreichen Analyſen in einer Tabelle verzeichnet und die Angaben einer Betrachtung unter⸗ worfen, welche ihm die Landwirte machten. Er beſitzt jetzt, ſagt er in ſeiner„Studie über den Weizenbau,“ mehr als 1000 Analyſen dieſer Art und da im allgemeinen die Angaben der 32 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. Landwirte die Unwirkſamkeit der aſſimilierbaren Phosphorſäure bezeugen auf allen Böden, welche mehr als 1 pro 1000 Phos⸗ phorſäure enthalten, ſo ſchließt er daraus, daß dieſer Gehalt für eine ausgiebige Kultur genügt und, praktiſch ausgedrückt, daß man ihn nur zu erhalten braucht. Die quantitative Beſtimmung der Phosphorſäure iſt es, welche man die notwendige Be⸗ ſtimmung nennen könnte. Sobald ein Boden dieſelbe enthält, genügt es, ihm das zu erſetzen, was die Ernten ihm entzogen haben, oder ihm wenigſtens im voraus das zu geben, was dieſe Ernten ihm abfordern werden. Nun haben wir geſehen, daß eine ſtarke Weizenernte im Durchſchnitt 37 kg Phosphorſäure pro Hektar entnimmt; das iſt die Produktions⸗Ration, welche man geben muß. Wenn die Analyſe zeigt, daß der Bo⸗ den weniger als 1 pro 1000 Phosphorſäure enthält, ſo wird man die Phosphorſäure⸗Gabe mehr oder weniger verſtärken müſſen, je nachdem davon mehr oder weniger fehlt. So wird man auf einem Boden, welcher ſtatt des normalen Vorrates von 1 pro 1000 nur ¾ pro 1000 enthält, die Phosphorſäuremenge um ein Viertel vermehren müſſen, d. h. man wird ſie von 37 auf 46 kg bringen müſſen. Dagegen wenn der Boden ſchon mehr als 1 pro 1000 Phosphorſäuremenge beſitzt, wird man die in der Düngung angewandte Menge auf weniger als 37 kg verringern und in gewiſſen Fällen die Anwendung der Phos⸗ phorſäure ganz unterlaſſen können. Indem Paul de Gasparin hinzufügt, daß die Phosphor⸗ ſäure dasjenige Element iſt, welches am häufigſten in den Acker⸗ böden fehlt und von dem hauptſächlich ihr Reichtum abhängt, teilt er dieſe Böden folgendermaßen ein: 1. Sehr reicher Boden, wenn er mehr als 2 Tauſendſtel Phosphorſäure enthält; 2. Reicher Boden, wenn er 1 bis 2 Tauſendſtel enthält; 3. Mittelmäßig reicher Boden, wenn er ½ bis 1 Tauſendſtel enthält; 4. Armer Boden, wenn er weniger als ½ Tauſendſtel ent⸗ hält. 5. Phosphorſäure. 33 Dieſe Zahlen ſtimmen mit denen von Joulie überein, obgleich Paul de Gaſparin ihnen nicht ganz dieſelbe Bedeutung giebt. Auf den Gletſcherthon⸗Böden, welche ich bebaue, habe ich immer genug Kalk und Kali, aber nur ½ bis 1 pro 100 Phosphorſäure gefunden. Verſuche, welche ich 20 Jahre hindurch oft wiederholte, haben mir gezeigt, daß die Phosphorſäure ohne Stickſtoff dort gar keinen Erfolg bringt; die Weizenernten bleiben mittelmäßig; ſie betragen 18 bis 20 hl pro Hektar. Wenn ich, um reiche Ernten zu machen oder meinen Boden reicher zu machen, einen Stickſtoffdünger anwende, ſo vergrößert der Stickſtoff allein die Ernte nur um 2 oder 3 hl. Aber ſobald ich dieſem Stickſtoff Phosphorſäure hinzufüge, vergrößern ſich die Ernten um 8 bis 9 hl. Meine Böden enthalten alſo genug Phosphorſäure, um Mittel⸗ ernten zu machen; aber ſobald ich die Erzeugung von Pflanzen⸗ ſtoffen durch eine Zufuhr von Stickſtoff zu überreizen ſuche, muß ich mit der Phosphorſäure folgen und davon größere Mengen geben. Die einfach pulveriſierten mineraliſchen Phosphate liefern die Phosphorſäure zu 25 oder 30 Cent. das Kilogramm. Um den Stallmiſt zu bereichern, ſtreut man ſie auf der Dungſtätte aus zu 15 bis 20 kg pro Kubikmeter oder in die Ställe zu 1 kg pro Tag und pro Haupt Großvieh. Direkt angewendet auf ſauren Böden, wie die Heiden der Bretagne und Sologne, haben ſie vortreffliche Erfolge ergeben. Aber für die andern Böden glaubte man ſie vorher mit Schwefelſäure behandeln zu müſſen, um ſie in Superphosphate überzuführen, und in dieſer Form laſſen die Düngerfabrikanten den Landwirt zweimal ſo viel(60 bis 75 Cent.) für das Kilo⸗ gramm Phosphorſäure bezahlen, weil ſie in Waſſer löslich iſt und für ſchneller von den Pflanzen aſſimilierbar gilt. Aber neue Unterſuchungen, unter andern die von Grandeau und die von Marcel Dupont, haben gezeigt, daß auf gewiſſen Böden und für gewiſſe Phosphate, z. B. die des Grünſandes) dieſe *)(Anm. d. Überſ.) Ein in der Kreideformation vor⸗ kommendes Geſtein. Rimpau, Weizenbau. 3 34 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. Umwandlung eine völlig unnütze Ausgabe iſt. Die Phosphor⸗ ſäure wird ſofort wieder unlöslich, indem ſie ſich mit dem Kalk, dem Eiſenoxyd oder der Thonerde des Bodens verbindet, und wirkt nicht beſſer als die der einfachen pulveriſierten Phosphate, wenn ſie ſehr gut pulveriſiert und ſehr gleichmäßig ausgeſtreut werden. Welches ſind die Phosphate, für welche eine Behandlung mit Schwefelſäure überflüſſig iſt? Das iſt eine Unterſuchung, welche noch gemacht werden muß. 6. Kali.— Das Mineraliſieren des Düngers durch Kali⸗ ſalze iſt für alle Böden, welche 1 pro 1000 in Salpeterſäure lösliches Kali enthalten, unnötig. Da eine ſtarke Weizenernte im Durchſchnitt 50 kg Kali vorfinden muß, ſo kann man ſich darauf beſchränken, allen Böden davon ebenſoviel zu geben, welche bereits 1 pro 1000 ent⸗ halten. Das iſt die ſtrenge Anwendung des Erſatzprinzipes; nur giebt man der Ernte im voraus die Elemente, deren ſie bedarf, anſtatt ſie dem Boden nach der Aberntung zu erſetzen. Wenn die Analyſe ergiebt, daß der Boden die nötige Menge von 1 pro 1000 an Kali nicht enthält, ſo wird man ihm mehr als 50 kg geben müſſen. Dagegen wenn er mehr als 1 pro 1000 Kali enthält, ſo iſt es unnütz, ihm davon ebenſoviel als Dünger zur Vervollſtändigung des Stallmiſtes zu verabreichen. Man wird ſonach die Kaligabe der Düngungen in dem Verhältnis vermehren oder verringern, wie der Reſervevorrat davon weniger oder mehr als 1 pro 1000 enthält. Die Kaliſalze ſind alle ſehr löslich; aber da die Ackererde für ſie eine ſehr ſtarke Abſorbtionskraft hat, kann man ſie wie die Superphosphate im Herbſt vor der Beſtellung ausſtreuen ohne befürchten zu müſſen, daß ſie vom Waſſer fortgeſpült werden. 7. Stickſtoff.— Wie ich es bereits geſagt habe, enthalten die Reſte der Pflanzen, welche früher auf dem Felde gelebt haben, und der Miſt, den man daſelbſt untergebracht hat, Stickſtoff, deſſen Menge ſehr beträchtlich ſein kann, aber deſſen größter Teil ſich in Form organiſcher Verbindungen befindet, welche faſt ganz unlöslich und unfähig ſind, zur Ernährung neuer 6. Kali.— 7. Stickſtoff. 35 Ernten zu dienen. Dieſer Stickſtoff erhält ſich ſehr lange im Boden. Zu Rothamſtedt enthielt die obere Lage von 40 em Dicke noch mehr als 4000 kg Stickſtoff pro Hektar auf der Parzelle, welche 30 Jahre hinter einander Weizen getragen hatte, ohne Düngung zu empfangen. Während der 10 letzten Jahre hatte ſie eine Durchſchnittsernte von 10 hl pro Hektar geliefert, eine Ernte, welche nur etwa 20 kg Stickſtoff enthielt. So hatte alſo die Ernte nur ½ von der Menge Stickſtoff aufnehmen können, welcher ſich in der Erde befand, wo ſich ihre Wurzeln entwickelten. Dies kommt daher, daß dieſe Wurzeln nur den kleinen Bruchteil an Stickſtoff aufnehmen konnten, welcher ſich nitrifiziert hatte. Schlöſing und Müntz haben uns gelehrt, daß dieſe Nitrifikation ſich unter dem Einfluſſe einer beſonderen Mikrobe vollzieht, welche ſich immer in verweſendem Dünger befindet. Sie haben alle Bedingungen ſtudiert, welche dieſelbe begünſtigen und ſo auf gewiſſe praktiſche Maßnahmen der Ackerbauer ein ganz neues Licht geworfen. Sie haben unter anderem gezeigt, daß die Mikrobe eines alkaliſchen, aber nur ſchwach alkaliſchen Mediums bedarf; ſo hält ſie der Äzkalk, wie ihn eine friſche Kälkung dem Boden zugeführt hat, zurück, wogegen doppelt kohlenſaurer Kalk, welcher ſich ſofort durch Vereinigung dieſes Kalkes mit der Kohlenſäure der in dem Boden enthaltenen Luft bildet, ihr günſtig iſt. Die Nitrifikation iſt gleich Null bei weniger als 50°, wird bemerkbar bei 12° und vermehrt ſich bis zu 370, wo ſie ihr Maximum erreicht, um wiederum zu verſchwinden oberhalb 55°. Die Lockerung des Bodens durch das Pflügen, die Behackung ꝛc., d. h. ſeine Lüftung regt ſie an. Während ſie zunächſt in einem friſch gelockerten Boden ſehr thätig iſt, ſchwächt ſie ſich allmählich ab und belebt ſich jedesmal wieder, wenn der Boden angerührt wird. Die Feuchtigkeit iſt ihr gleich⸗ falls günſtig, aber bis zu einer gewiſſen Grenze. Es darf nicht vorkommen, daß ein Überſchuß an Waſſer, welcher ſich über einem undurchlaſſenden Untergrunde anſtauet, ſich der Erneuerung der in die Erde eingedrungenen Luft entgegengeſetzt und dort ein 3* 36 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. Medium ſchafft, deſſen ganzen Sauerſtoff die Verbrennung der organiſchen Stoffe alsbald verbraucht. In einem ſolchen Medium werden die Nitrate zu Nitriten oder zu Ammoniak reduziert. Der Weizen, wie der größte Teil unſerer Kulturpflanzen liebt es nicht, den Stickſtoff in dieſer Form zu finden und für alle Fälle ſind die Bedingungen, unter denen ſich dieſe Reduktion vollzieht, dem Weizen durchaus nicht zuträglich. Nach Gayer und Déhérain nimmt eine beſondere Mikrobe daran teil und kann ſogar die Nitrate in die Form gasförmigen Stickſtoffs zurückführen, welcher verloren iſt. Je nachdem die von Schlöſing und Müntz angegebenen Bedingungen mehr oder weniger gut im Boden erfüllt ſind, iſt die Bildung der Nitrate mehr oder weniger ausgiebig. Aber es iſt zugleich nötig, daß dieſe Nitrate ſich in dem Maße bilden wie die Pflanzen ſie gebrauchen und daß ſie im Bereiche ihrer Wurzeln ſind. In den Zeiten, wo die Erde durch Verdunſtung mehr Waſſer verliert als ſie durch den Regen empfängt, ſteigen die Nitrate und können leicht durch die Würzelchen des Weizens aufgenommen werden, welche eben hervorgetreten ſind oder durch diejenigen, welche ſich durch die Beſtockung bilden. Wenn die Regenfälle ſtärker ſind als die Verdunſtung, ſo ſinken die Nitrate nach dem Untergrunde zu. Dies thut keinen Schaden, wenn die tiefen Wurzeln des Weizens ſich derſelben beim Durch⸗ ſickern bemächtigen können. Aber wenn die Regengüſſe zu ſtark ſind, ſo waſchen ſie die Erde aus; ſie nehmen alle Nitrate mit ſich in die Quellen, welche ſie weitab bilden werden; und wenn die Sonne wieder ſcheint, findet der Weizen nur Stickſtoff in einer unaſſimilierbaren Form, und ſeine Vegetation ſchmachtet, bis die Nitrate, deren er bedarf, von neuem Zeit gehabt haben ſich zu bilden. Unter günſtigen Bedingungen für die Nitrifikation kann der Vorrat von 1 pro 1000 organiſchen Stickſtoffs, den wir als notwendige Reſerve betrachten, damit der Weizenbau mit Vorteil betrieben werden kann, jährlich nach Schlöſing 60 bis 80 kg Salpeterſtickſtoff pro Hektar liefern. Dies würde für eine Ernte 7. Stickſtoff. 37 von 18 Mtr.⸗Ctr. oder 23 hl genügen, wenn dieſe Ernte alle gebildeten Nitrate benutzen könnte. Aber die thätige Vegetation des Weizens dauert nicht viel länger als 6 Monate, und ſelbſt während dieſer Zeit hält die Lebhaftigkeit der Aufnahme und Aſſimilation der Nitrate durch die Pflanzen nicht immer genau gleichen Schritt mit ihrer Bildung im Boden. Es giebt alſo Verluſte von Nitraten; die Regengüſſe bewirken, daß ein Teil davon in den Untergrund hinab ſinkt, wo ſie weithin in die Bäche und Flüſſe eintreten; und daher kommt es, daß der alte Vorrat, an ſeinen eigenen Hilfsquellen verringert, nur Ernten von 12 bis 13 hl pro Hektar liefern kann, wie auf der Parzelle ohne Düngung auf den Verſuchsfeldern von Rothamſtedt. Um zu höheren Erträgen und infolgedeſſen geringeren Erzeugungs⸗ koſten zu gelangen, muß man dieſer natürlichen Zufuhr aus dem Vorrate eine Ergänzung an Stickſtoff hinzufügen. Wir wollen ſehen, welches die Düngemittel ſind, die uns denſelben liefern können und in welchen Gaben ſie anzuwenden ſind. Faſt immer iſt es der Stallmiſt, welcher uns dieſen Stick⸗ ſtoff am billigſten verſchaffen kann. Aber der Stallmiſt iſt ein eigenſinniger Dünger, welcher dem Weizen bald zu viel Stickſtoff liefert, bald zu wenig. Er enthält mehr oder weniger Stickſtoff, 4 bis 8 pro 1000, je nach den Tieren, denen er entſtammt, je nach der Art, wie ſie ernährt worden ſind und der Streu, die man ihnen gegeben hat, je nachdem er mehr oder weniger zerſetzt iſt. Wenn man an⸗ nimmt, daß 5 pro 1000 der Durchſchnitt iſt, ſo enthält eine Düngung von 40 000 kg 200 kg, aber der größte Teil dieſes Stickſtoffs iſt noch nicht in einer durch die Pflanzen aſſimilier⸗ baren Form. Er muß Zeit haben zu nitrifizieren, bevor er nützlich ſein kann. Welche Menge Stickſtoff kann in einer gegebenen Zeit nitrifizieren? Man hat keine genauen Angaben darüber; aber es iſt nach den Unterſuchungen von Schlöſing und Müntz gewiß, daß ſie bedeutend ſchwanken muß je nach der Natur des Bodens, wo dieſer Dünger untergebracht iſt und je nach den Temperatur⸗Feuchtigkeits⸗ und Durchlüftungs⸗Verhältniſſen, 38 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. welche er daſelbſt findet. Bald wird die Nitrifikation ſo ſchnell fortſchreiten, daß man Lager zu befürchten hat; bald wird ſie ſehr träge ſein und die Wirkung des Miſtes ſehr ſchwach. Bei den alten Fruchtfolgen, wo der Weizen einer Brache folgte, wandte man den Stallmiſt am Ende dieſer Brache an, aber im allgemeinen ſo früh, daß er beginnen konnte ſich zu zerſetzen und dem jungen Weizen ein wenig Nitrate zu liefern. Aber bei der Fruchtwechſel⸗Wirtſchaft iſt es Regel, das Getreide nicht in friſchen Miſt zu bringen, und dieſe Regel hat ihren guten Grund, da eine Düngung, welche maſſig genug iſt, um die Dauer und die Ausgiebigkeit zu haben, welche die Frucht⸗ folge erfordert, das Lagern des Getreides herbeizuführen droht, aber denſelben Nachteil für die Wurzelgewächſe nicht haben kann. Wenn der Boden 1 pro 1000 Stickſtoff als Vorrat ent⸗ hält, genügen gewöhnlich 50 000 kg Stallmiſt, zu den Wurzel⸗ früchten angewandt, welche den erſten Schlag bilden, den ganzen Stickſtoff zu liefern, deſſen eine vierjährige Fruchtfolge bedarf, in welcher die Getreidearten durch ein Gemiſch von Klee und Gräſern getrennt ſind(Rüben, Weizen oder Sommergetreide, Klee, Weizen). Es genügt, etwas Natronſalpeter im Frühjahr anzuwenden, als eine Art Kräftigungsmittel, auf den Stellen, wo der Weizen ſich gelb und dürftig zeigt. Wenn man, anſtatt Klee oder ein Gemiſch von Klee und Gräſern zu ſäen, welches den Rüben folgt, Esparſette oder Luzerne ſäet, welche mehrere Jahre andauern und während dieſer Zeit einen Teil des in den Untergrund hineingewanderten Stickſtoffs wieder an die Oberfläche führen, ſo kann man auf den Umbruch dieſer Futterkräuter entweder zweimal Weizen nach einander, oder einmal Weizen und einmal Hafer bringen, ohne ihm anderen Zuſchuß⸗Dünger zu geben als die Phosphorſäure⸗, Kali- oder Kalkgaben, welche die Bodenanalyſe als notwendig gezeigt hat. Wenn die zum erſten Schlage angewendete Menge Stall⸗ miſt kleiner iſt, ſo muß man die Nährſtoffe, welche fehlen, durch chemiſche Düngemittel erſetzen. Was den Stickſtoff betrifft, ſo 7. Stickſtoff. 39 kann man rechnen, daß man zu Weizen für jede Tonne Miſt unter 50, gleichviel was man den vorhergehenden Rüben giebt, 1 kg Stickſtoff in löslicher Form anwenden muß. So muß man die Miſtgabe, wenn ſie nur 40 000 kg betrug, durch 8 bis 10 kg Stickſtoff in Form von Chiliſalpeter oder ſchwefel⸗ ſaurem Ammoniak vervollſtändigen; man kann auch Peru⸗Guano anwenden, der zugleich Phosphorſäure liefert. In den außergewöhnlichen Fällen, wo man etwa Weizen mehrere Jahre hinter einander ausſchließlich mit chemiſchen Dünger bauen wollte, müſſe man, wie Joulie rät, jedes Jahr ⅛ oder ½ des Stickſtoffs anwenden, welcher ſich in einer ſtarken Weizenernte findet. Joulie giebt die Zahlen 31 bis 46 kg pro Hektar an und er rechnet im übrigen auf den Stick— ſtoff, den der Weizen ſich in der Atmoſphäre verſchafft. Ich glaube, daß es keineswegs nötig iſt, auf dieſe hypothetiſche Quelle zurückzugreifen. Haben wir nicht die jedes Jahr durch unſern Reſervevorrat gebildete Salpeterſäure? Nach den Analyſen von Dr. Völker enthält das Land von Sawbridgeworth in England, wo Prout ſeit mehr als 19 Jahren Getreide nach Getreide mittelſt chemiſcher Düngemittel baut, 1 bis 1,7 pro 1000 organiſchen Stickſtoff. Dies ſind thonige Schlickböden analog denen, welche die Hochebene am Fuße der Kreide der Picardie bilden; ſie ſind arm an Kalk und an Phosphorſäure, aber reich an Kali. Prout wendet daſelbſt bei der Beſtellung ein Gemiſch von mineraliſchem Superphosphat und von Knochenmehl an, welches etwas Stickſtoff enthält, und im Frühjahr 190 kg Peru⸗Guano und zuweilen, wenn dies nicht genügt, einen Zuſchuß von Chiliſalpeter. Das macht im ganzen 40 bis 50 kg Stick⸗ ſtoff, wovon ein Teil noch nicht löslich iſt, um Ernten von 36 hl und 5000 kg Stroh pro Hektar zu erzeugen. Wenn der Boden weniger als 1 pro 1000 Stickſtoff ent⸗ hält, ſo müßte man, um zu denſelben Erträgen zu gelangen, die Miſtgaben vergrößern oder ſie durch chemiſche Düngemittel vervollſtändigen in dem Verhältniſſe, wie es dem Reſervevorrat fehlt: nämlich um ein Viertel, wenn dieſer Vorrat nur ¾ 40 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. pro 1000 Stickſtoff, um ein Drittel, wenn er nur ⅛ pro 1000 beträgt ꝛc. Aber durch dieſe wachſende Zugabe von Dünger wird man ſehr bald an eine phyſiologiſche Grenze gelangen, welche ſich durch Lagern des Getreides zeigt und an eine wirt⸗ ſchaftliche Grenze, welche man an den in die Rechnungsbücher ein⸗ getragenen Verluſten erkennt. Bei einem Boden, deſſen alte Kraft nur ½ pro 1000 Stickſtoff betrüge, würde man nahezu 70 kg Stickſtoff und entſprechende Mengen Phosphorſäure anwenden müſſen, aber dies iſt niemals weiſe und ſtets zu teuer. Dies heißt: Dein Boden iſt noch zu arm als daß der Weizenbau auf ihm lohnen könnte. Es iſt beſſer, ihn als Forſt oder als Weide hinzulegen. Dagegen auf Böden, welche bereits mehr als 1 pro 1000 organiſchen Stickſtoff enthalten, wird man die Gabe von Stall⸗ miſt oder von Dünger mit löslichem Stickſtoff verringern können. Wenn der alte Vorrat 1 pro 1000 weit überſchreitet und ſich 2 pro 1000 nähert, werden die Nitrate, welche er jedes Jahr liefert, für die Ernährung des Weizens genügen, und man kann nicht nur darauf verzichten, neue Zufuhr von Stickſtoff hinzu⸗ zufügen, ſondern es iſt ratſam, auch den Stallmiſt fortzulaſſen, welcher die Ernten dem Lagern und Verſchrumpfen ausſetzen würde, und nur Mineraldüngemittel anzuwenden. Nun ſind aber die Fälle, in denen die Böden ſchon reich genug an Stickſtoff ſind, viel weniger ſelten als man es nach den Ernten, welche ſie tragen, glauben könnte. Dieſer Stickſtoff bleibt da unnütz, bald weil die Böden nicht gleichzeitig genug Phosphorſäure und Kali enthalten, um reiche Ernten zu liefern, bald weil die pflanzlichen Reſte, in welchen er enthalten iſt, ſich nicht zerſetzen oder nicht nitrifizieren. So hat Joulie auf einem Kreideboden der Champagne Pouilleuſe, wo es unmöglich war Weizenernten von mehr als 18 hl pro Hektar zu machen, 7770 kg Stickſtoff ge⸗ funden. Aber dieſes Land war verhältnismäßig arm an Kali. 40 bis 80 kg Chlorkalium haben genügt, die Ernte auf 30 hl, zuweilen auf 35 oder 40 hl zu bringen. Dagegen bewirkten hier die Stickſtoffdüngungen und namentlich der Stallmiſt das Lagern oder Einſchrumpfen des Kornes. 7. Stickſtoff. 41 Ein gleich ſchädliches Übermaß von Stickſtoff iſt durch Joulie auf einigen der ſchönſten Güter der Brie nachgewieſen worden, z. B. auf dem zu Minpincien, welches von einem der beſten Landwirte der Gegend bewirtſchaftet wird, Emile Rémond. Ehemals hatte der Klee⸗ und Luzernenbau dem Vater des Herrn Emile Rémond große Vorteile gebracht, aber man hatte dies mißbraucht; ihre Erträge verringerten ſich mehr und mehr; der Boden erſchien davon müde, wie man ſagt, und anderſeits gab die Anwendung von Stallmiſt nur ungleichmäßigen Weizen, der, dem Lagern und Einſchrumpfen ſehr unterworfen, überreich an Stroh, aber arm an Korn war. Die Zukunft ſeiner Kulturen begann Herrn Rémond zu beunruhigen, als er den glücklichen Gedanken hatte, ſich an Joulie zu wenden und von ihm Rat zu erbitten. Einige Analyſen zeigten dem geſchickten Chemiker ſofort, daß der größte Teil der Felder von Minpincien mehr als 1 pro 1000 Stickſtoff enthielt und daß dagegen wenig Kali und namentlich ſehr wenig Phosphorſäure vorhanden war. Die Antwort lag klar vor. Man mußte das Gleichgewicht wieder herſtellen, indem man dem Stallmiſte phosphorſauren Kalk und Chlorkalium hinzu⸗ ſetzte. Dieſer Zuſatz gab vortreffliche Erfolge, und ſpäter,— wir kommen im folgenden hierauf zurück— verzichtete man ſogar faſt vollſtändig auf den Stallmiſt, um den Weizen mittelſt chemiſcher Düngemittel zu bauen. Die Gaben von Stickſtoff, welche ich ſoeben angegeben habe, ſetzen voraus, daß dieſer Stickſtoff in löslicher Form iſt, wie in den Nitraten, den Ammoniakſalzen und dem Peru⸗Guano. Gerade weil ſie ſehr löslich ſind, darf man die Nitrate nur im Früh⸗ jahr auf dem Weizen anwenden, welcher das Bedürfnis dazu zeigt durch ſeinen dürftigen Zuſtand, ſeinen gelben Farbenton und ſeine ſchmalen Blätter. Auf armen Böden, wo dem Weizen keine reichlich gedüngte Ernte voranging, kann man den Phosphaten und Kaliſalzen eine gewiſſe Menge ſchwefelſaures Ammoniak hinzufügen, welche man dem Weizen im Herbſt giebt. Seine jungen Wurzeln finden dieſen Dünger zu der Zeit zur Verfügung, wo ſie ſich eben entwickelt 42 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. haben, es entſteht dadurch eine kräftigere Beſtockung, welche die Pflanzen vorbereitet, beſſer die Unbillen des Winters zu ertragen. Die Nitrate und die Ammoniakſalze, wie alle chemiſchen Düngemittel ſind leichter gleichmäßig auszuſtreuen und wirk⸗ ſamer, wenn man ſie mit einer gewiſſen Menge Gips, Aſche oder geſiebter Düngererde miſcht. 8. Verſuchsfelder.— Die Regeln, welche ich ſoeben ge⸗ geben habe, ſind auf die Angaben begründet, welche durch die chemiſchen Bodenanalyſen geliefert werden, Analyſen, welche jeder Landwirt heute zu mäßigen Preiſen machen laſſen kann, ſei es in der nächſten agronomiſchen Station, ſei es im Laboratorium der Geſellſchaft der Landwirte Frankreichs oder einem ähnlichen andern Laboratorium von Paris. Bevor man Düngemittel im Großen anwendet, kann es geraten ſein, ſie auf kleinen Flächen zu verſuchen, indem man dieſe Verſuchsfelder auf eine planmäßige Weiſe anlegt, und daſelbſt auf einzelnen Parzellen hier den phosphorſauren Kalk allein ſtudiert, dort das ſchwefelſaure Ammoniak oder den Chiliſalpeter allein, außerdem das Chlorkalium, ſodann dieſe verſchiedenen Dungſtoffe zu zwei und zwei zuſammengethan oder endlich alle zuſammen, indem man auf dieſe Weiſe einen vollſtändigen chemiſchen Dünger bildet; man könnte ſelbſt davon Abſtand nehmen, Boden⸗Analyſen machen zu laſſen. Aber am ſicherſten iſt es, beide Mittel auf einmal anzuwenden: das eine dient dazu, das andere zu kontrollieren. Wägungsirrtümer, von den Vögeln gefreſſene Körner ꝛc. können die von dem Verſuchsfelde gelieferten Ergebniſſe beeinträchtigen, und auf alle Fälle ſagen ſie erſt nach der Ernte, weſſen das Land bedurfte, während die Analyſen es vorher ſagen können. Bei Herrn Rémond in Minpincien hat jedes Ackerſtück ſein chemiſches Konto, wo man die Beobachtungen einſchreibt, welche über die Ernten, die es ergab, gemacht worden ſind, die Bedürfniſſe, welche die Beſchaffenheit dieſer Ernten anzudeuten ſcheint, die Düngemittel, die es erhalten hat und die Analyſen, welche Joulie davon von Zeit zu Zeit macht; und man regelt danach die Gaben von Stickſtoff, von Phosphorſäure und von 8. Verſuchsfelder. 43 Kali, welche man ihm zuführt. Herr Rémond weiß auf dieſe Weiſe zu rechter Zeit die Behandlung, welche jedes ſeiner Felder erheiſcht, und dank der koſtbaren Diagnoſen, die ihm die chemiſchen Analyſen geliefert haben, iſt er dahin gelangt, mit einem durch⸗ ſchnittlichen Aufwande von 60 Frk. pro Hektar für Düngung Ernten von 33 bis 40 hl Weizen pro Hektar zu bekommen. 9. Kalk.— Joulie ſagt, daß der Boden, um ſich völlig für den Getreidebau zu eignen, davon etwa 50%o enthalten muß, aber ich kenne Böden, welche vortreffliche Weizenernten liefern und nicht mehr als 1% und ſelbſt ½% Kalk enthalten. Man erzielt auf den Granitböden anſehnliche Erfolge, indem man ſie mit einer Gabe von 3000 bis 4000 kg pro Hektar kälkt, das wäre 1 pro 1000 des Gewichtes ihrer Ackerkrume; ſie werden in⸗ folge dieſer Kälkung fähig Klee und Weizen zu tragen. Die Wirkungen der Kälkung ſind vielfache; ſie wirkt nicht nur direkt, indem ſie der Pflanze den Kalk liefert, welcher in ihre Zuſammen⸗ ſetzung gehört, ſondern auch indirekt. 1. Der Kalk begünſtigt die Zerſetzung der vegetabiliſchen Stoffe, Reſte von Wurzeln, Halmen und Blättern, welche in gewiſſen Böden ſehr zahlreich ſind, wie urbargemachte Heiden und Forſten, er macht dadurch die Mineralſtoffe frei, welche die Vegetation hier angeſammelt hatte, Kali, Phosphorſäure ꝛc. und ſtellt ſie den Pflanzen zur Verfügung. 2. Indem er in Böden mit ſaurer Reaktion ein alkaliſches Medium ſchafft, begünſtigt er daſelbſt die Nitrifikation der ſtickſtoffhaltigen Stoffe. Aber hierzu iſt erforderlich, daß die pro Hektar angewandte Kalkmenge 5000 kg nicht überſchreitet. 3. Die Anwendung des Kalkes vermindert die Zähigkeit der thonigen Böden, wo ſie zu groß iſt und macht ſie dadurch em Weizenbau günſtiger. 4. Zugleich zerlegt der Kalk, wie de Mondeſir gezeigt hat, das Thonerde⸗ und Kaliſilikat des Thonbodens, bildet Thonerde⸗ und Kalkſilikat, wodurch das Kali für die Pflanzen aſſimilierbar wird. Die Kälkung iſt alſo ein indirektes Mittel, dem Weizen Kali zu verſchaffen. 44 Zweites Kapitel. Der Boden und die Düngung. Für kräftige Böden zieht man den reichlichen Kälkungen in langen Zwiſchenräumen häufige Kälkungen mit ſchwachen Gaben von 800 bis 1000 kg pro Hektar vor. Man darf ſie nicht zum Weizen ſelbſt anwenden, ſondern zu der Hackfrucht, welche dem Weizen vorhergeht. In gewiſſen Ländern, z. B. in der Mayenne benutzt man den Kalk im Gemiſch mit vegetabiliſcher Erde und Miſt; man macht davon Gruſten oder Kompoſthaufen. Die Landwirte bezeichnen als„Mergel“ nicht nur die eigentlichen Mergel, ſondern auch ſehr verſchiedene Stoffe, welche alle hauptſächlich durch den Kalk wirken, den ſie enthalten. In der Landſchaft Caux und in der Picardie nennt man Mergel die Kreide, welche zur Verbeſſerung der mehr oder weniger zähen Thonböden und Hochlandsmoore dient. Man mergelt alle 12 oder 15 Jahre, und man hat bemerkt, daß gegen das Ende dieſes Zeitabſchnittes, wo der Kalk nahezu aus⸗ genutzt iſt, der Weizen weniger gut körnt als beim Beginn desſelben. In der ganzen Bretagne, den benachbarten Bocages der Vendée, der Mayenne, der Sarthe und des Cotentin fehlt es den Böden granitiſchen und ſiluriſchen Urſprungs an Kalk und Phosphorſäure; es ſind nur Ausnahmen vorhanden bei den Ausläufern des Diorites und Syenites, bei den ſeltenen kleinen Inſeln tertiärer Böden, welche ſich dort eingeſprengt finden und bei den Küſten, wo die Düngſtoffe des Meeres, welche ſeit langer Zeit in großen Mengen verwandt wurden, nach und nach den Boden umgebildet haben. Ebenſo iſt es mit dem größten Teile der granitiſchen und Gneisböden des Limouſin und der ganzen mittleren Hochebene, ausgenommen die vulkaniſchen Teile. Da⸗ gegen ſind die Böden des Jura und der Kreide reich an Kalk und arm an Kali. Die durch die Verwitterung des Sandſteines der Vogeſen gebildeten Böden und die Thone der Breße haben wenig Kalk, und zugleich wenig Phosphorſäure und wenig Kali. Dagegen giebt es Ländereien, denen die Natur alles gegeben hat: z. B. die vulkaniſchen Böden, die Mergel des Lias, die 9. Kalk. 45 Muſchelkalke und die Alluvien gewiſſer Thäler. Man kann ſo nach dem geologiſchen Urſprunge der Böden gewiſſermaßen im voraus erraten, was ſie enthalten; die chemiſchen Analyſen und die Verſuchsfelder haben nuv dieſe Anzeigen zu vervollſtändigen.*) (Anm. d. Überſ.) Gerade dieſes Kapitel zeichnet das Buch vor den kürzlich erſchienenen deutſchen Werken von Nowacki und von Wollny aus, in denen die wichtigen Düngungsfragen außer⸗ ordentlich kurz behandelt ſind. Gerade hier zeigt ſich recht die praktiſche, anſchauliche Darſtellungsweiſe des Verfaſſers, die den theoretiſchen Erörterungen ſtets aus dem Leben gegriffene Thatſachen folgen läßt, welche die Richtigkeit der erſteren erläutern. Meine in einzelnen Punkten abweichenden Anſchauungen konnte ich nicht gut anders als im Zuſammenhange darlegen, laſſe ſie daher hier am Schluß des Kapitels folgen. In meiner Beſprechung des Buches in Nr. 18 der Deutſchen Landwirtſchaftlichen Preſſe 1887 ſagte ich, daß der Verfaſſer ein zu großes Gewicht auf Bodenanalyſen lege, daß ich den Feld⸗ Düngungsverſuch für den ſicherſten Weg hielte, ſich über die Rentabilität der Düngung mit dieſem oder jenem Nährſtoffe klar zu werden.— Allein bei genauerem Studium des Buches haben mir doch die vom Verfaſſer angeführten Beiſpiele aus der Praxis, wo durch Bodenanalyſe den Landwirten wertvolle, durch die Er⸗ folge als richtig beſtätigte Ratſchläge bezüglich der Düngung erteilt wurden, die Frage nahe gelegt, ob wir in Deutſchland nicht vielleicht zu wenig Wert auf die Bodenanalyſe legen.— Ich glaube nicht, daß man mit der Beſtimmtheit, wie es der Verfaſſer thut, ſagen kann: der Boden bedarf keiner Zufuhr von Phosphorſäure oder von Kali, wenn er ſo und ſo viel per 1000 davon enthält, denn die Analyſe kann uns nicht immer ſagen, wieviel von dieſem Vorrat alljährlich löslich wird, und in welcher Verteilung dieſe Stoffe im Boden vorhanden ſind. Wir werden *) Siehe„Landwirtſchaftliche Geologie“ von E. Risler, bei Berger⸗ Levrault& Komp., 5.„Rue des Beaux-Arts,“ und die landwirtſchaftliche Biblio⸗ thek, 26. Rue Jakob, Paris. 46 Drittes Kapitel. Phyſikaliſche Eigenſchaften der Böden ꝛc. Drittes Kapitel. Phnſikaliſche Eigenſchaften der Böden und Entwickelung d. Wurzeln. Es giebt Böden, wo der Weizen kein hinlängliches Volumen findet, um ſeine Wurzeln zu entwickeln, ſei es weil ſie zu bindig oder zu feucht ſind, ſei es weil man daſelbſt den Felſen auf zu geringer Tiefe antrifft. Die Unterſuchungen Hellriegel's haben die Wichtigkeit des Bodenvolumens, über welches die Pflanzen verfügen, klar bewieſen. daher, auch wenn die Analyſe einen bedeutenden Überſchuß an einem Nährſtoff nachweiſt, immer noch gut thun, die Rentabilität der Zuführung dieſer Stoffe durch Verſuche zu prüfen.— Da⸗ gegen werden wir mit ziemlicher Gewißheit die Rentabilität einer ſolchen Zufuhr vorherſagen können, wenn die Analyſe den be⸗ treffenden Nährſtoff in ſo geringen Mengen nachweiſt, daß der Vorrat an demſelben auch bei reichlicher jährlicher Löſung und beſter Verteilung nicht genügen würde.— Vtelleicht iſt dieſes ein bisher noch zu wenig beachtetes Gebiet, auf welchem unſere Verſuchsſtationen ſegensreich für die Landwirtſchaft wirken können. Einen Mangel oder einen Überfluß an aſſimilierbarem Stickſtoff brauchen wir uns, glaube ich, in der Regel nicht durch Analyſe nachweiſen zu laſſen. Jeder einigermaßen bewanderte praktiſche Landwirt wird an dem Ausſehen ſeiner Früchte, ſpeziell der Getreidearten, leicht erkennen, ob er es mit Stickſtoff⸗Mangel oder Überfluß zu thun hat, nötigenfalls werden ihn einige leicht ausführbare Feldverſuche darüber belehren. In der„alten Kraft“, womit der Verfaſſer den allmählich der Nitrifikation anheimfallenden Vorrat an organiſchem Stick⸗ ſtoff bezeichnet, welchen der Boden von den früheren Miſtdün⸗ gungen und den Wurzelrückſtänden früherer Ernten enthält, er⸗ blickt er die billigſte Stickſtoffquelle für die Pflanze, er läßt uns aber darüber ganz im Unklaren, woher ſich dieſer Stickſtoff der„alten Kraft“ erſetzt. Er ſagt zwar, daß der Klee, und noch Drittes Kapitel. Phyſikaliſche Eigenſchaften der Böden ꝛc. 47 Großes Gefäß mit Mittleres Gefäß mit Kleines Gefäß mit Anzahl 12 ½ kg Erde 5 kg Erde 1,66 kg Erde der———— Pflanzen Geſamt- Ernte pro Geſamt- Ernte pro Geſamt⸗ Ernte pro ernte ½ kg Erde ernte ½ kg Erde ernte ½ kgErde 33,16 1,33 16,35 1,63 7,70 2,32 1 2 31,31 1,25 18,96 1,98 8,57 2,57 4, 39,50 1,58 20,20 2,02 8,86 2,66 6 19,19 1,95 8,55 2,56 8 41,81 1,67 22,11 2,21 9,86 2,96 12 41,56 1,66 21,45 2,15„ 6 16 41,18 1,65 22,69 2,26 5 2 24 41,65 1,66 24,16 2,42„„ mehr die Luzerne und Eſparſette mit ihren langen Wurzeln den in den Untergrund verſickerten Stickſtoff der Ackerkrume wieder zuführen. Nehmen wir aber auch an, daß dies in reichlichem Maße der Fall iſt, was mir durchaus noch nicht erwieſen zu ſein ſcheint, ſo leuchtet doch ein, daß der Stickſtoffvorrat der ganzen für die Pflanze nutzbaren Bodenmaſſe beſtändig ab⸗ nehmen muß, wenn dem Boden ſtets nur die Wurzelrückſtände und der Miſt zugeführt werden, welche ihm ſelbſt entſtammen, und wenn alle angebauten Pflanzen keine andere Quelle für ihren Bedarf an Stickſtoff haben als den Boden.— Nun iſt es aber eine bekannte Thatſache, daß man einen Boden mit einer Fruchtfolge, in welcher Klee und andere Leguminoſen regel⸗ mäßig in beſtimmten Zeitabſchnitten wiederkehren, und dem alle Ernteerzeugniſſe außer den Getreidekörnern und den Vieh⸗ produkten im Miſte wieder zugeführt werden, lange Jahre be⸗ wirtſchaften und ihm große Ernten abgewinnen kann ohne Zu⸗ fuhr von käuflichen ſtickſtoffhaltigen Düngemitteln, und daß dieſer Boden dennoch an„alter Kraft“(in obigem Sinne) nicht ab⸗ ſondern zunimmt.— Andererſeits wiſſen wir, daß wir auch einen chemiſch ſehr reichen Boden durch eine Fruchtfolge, wie z. B. die in den Zuckerrübengegenden vielfach befolgte: Rüben, 48 Drittes Kapitel. Phyſikaliſche Eigenſchaften der Böden ꝛc. Die Beziehung zwiſchen der Ernte und dem Gewicht oder Volumen von Boden, welches ſie hervorgebracht hat, zeigt eine deutliche Gleichmäßigkeit, welches auch die Anzahl der Pflanzen war. Wenn man in demſelben Volumen Erde acht Pflanzen ſtatt vier anbaut, ſo erntet man im zweiten Fall nicht das Doppelte, ſondern ungefähr dasſelbe wie im erſten, weil im zweiten Fall jede Pflanze ſich halb ſo ſtark entwickelt als im erſtern. Man Getreide, Rüben, Getreide ꝛc. ohne Zufuhr von Stickſtoff durch zugekaufte Düngemittel ſehr bald ſo daran erſchöpfen können, daß die Ernteerträge ſchnell ganz bedeutend abnehmen. Es müſſen alſo gewiſſe Pflanzen, beſonders die Leguminoſen, im ſtande ſein, ſich den Stickſtoff der Atmoſphäre, ſei es den gebundenen(Ammoniak und Salpeterſäure) oder den freien in irgend einer Weiſe direkt oder indirekt nutzbar zu machen. Dieſe Thatſache iſt von den praktiſchen Landwirten der älteren Schule längſt erkannt geweſen; Schulze⸗Lupitz hat neuerdings nach⸗ gewieſen, daß ſelbſt ein Sandboden, den der Verfaſſer beſtimmt ſeinem Stickſtoffgehalt nach zur Weide⸗ oder Forſtwirtſchaft ver⸗ urteilt haben würde, durch zweckmäßige Einſchaltung von„Stick⸗ ſtoffſammlern“ zwiſchen die„Stickſtofffreſſer“ ſich beſtändig an Stickſtoff bereichern kann, und hat die Frage nach dem Weſen der Stickſtoffſammlung von neuem angeregt. Es giebt zwar heute noch Forſcher, welche die Thatſache vorläufig beſtreiten, weil ſie noch nicht zu beweiſen iſt; es wird aber mit dieſer Frage hoffentlich bald ſo kommen wie mit ſchon ſo vielen andern: Die Wiſſenſchaft wird uns die empiriſch auf⸗ geſtellten Wirtſchaftsregeln nachträglich begründen; vielleicht dürfen wir nach Hellriegel's vorläufiger Mitteilung in der vorjährigen Naturforſcher⸗Verſammlung, ſowie nach den Unter⸗ ſuchungen von Frank, Berthelot und Joulie bald darauf hoffen.— Der Verfaſſer hätte meines Erachtens dieſe Lücke in unſerem Wiſſen an dieſer Stelle darlegen können, was er in der erſten Auflage, wenn auch nur ſehr kurz, gethan hat. Drittes Kapitel. Phſikaliſche Eigenſchaften der Böden ꝛc. 49 kann bis zu einer gewiſſen Grenze die Ernte, welche ein be⸗ ſtimmtes Volumen Erde liefert, vergrößern, indem man darin die Summe der Dungſtoffe vermehrt; aber oberhalb dieſer Grenze hilft die Vermehrung des Düngers nichts mehr und kann ſogar Bildungsabweichungen und einen Rückſchlag in der Produktion herbeiführen. Was die Vermehrung des Bodenvolumens betrifft, über das jede Pflanze verfügt, ſo kann man ſie bis zu einem gewiſſen Punkte durch Tiefkultur und durch Drainage erreichen, indem man die Tiefe, bis zu welcher die Wurzeln eindringen können vermehrt. Verſuchen wir, die Wirkung dieſer Maßregeln zu prüfen. In den thonigen Böden mit undurchlaſſendem Untergrunde werden die Wurzeln oft in ihrer Entwickelung durch das Waſſer aufgehalten, welches ſie im Untergrunde antreffen; die äußerſten Spitzen, welche in dieſes ſtauende Waſſer eintauchen, verfaulen. Dieſer Vorgang vollzieht ſich oft am Ende des Winters infolge Schmelzen des Schnees oder nach ſtarken Regengüſſen und er. offenbart ſich äußerlich durch das gelbe und dürftige Ausſehen der Blätter. Dieſe Böden bedürfen der Drainage. Jedoch auf dem Gletſcherthon meines Gutes habe ich die Weizenwurzeln nur bis zu einer Tiefe von 30 bis 35 em reich⸗ lich entwickelt gefunden, bis wohin mein Pflug und Untergrunds⸗ pflug durchgedrungen waren; weiter unten waren ſie ſehr ſelten und folgten im allgemeinen den Ritzen, welche ſich im Thon bis zum Niveau der Drains, 1 bis 1,20 m, gebildet hatten. Dies Was die Zufuhr von Stickſtoff durch käufliche Düngemittel betrifft, ſo hätte ich gewünſcht, daß der Verf. den Unterſchied in der Wirkung des Chiliſalpeters und der der Ammoniakſalze berührt hätte. Es kann wohl kein Zweifel darüber ſein, daß der erſtere ſtets ſchneller und meiſt beſſer wirkt als die letzteren bei Anwendung gleicher Mengen Stickſtoff auf die Flächeneinheit, daß man daher in den allermeiſten Fällen nur dann Ammoniak⸗ ſalze anzuwenden hat, wenn das Kilogramm Stickſtoff in denſelben erheblich billiger iſt als im Chiliſalpeter. Rimpau, Weizenbau. 4 50 Drittes Kapitel. Phyſikaliſche Eigenſchaften der Böden ꝛc. kann von der bindigen Beſchaffenheit des Untergrundes kommen. Aber Dr. Fraas ſagt, daß ſelbſt in einem ſehr tief gelockerten Gartenlande die Weizenwurzeln nicht weiter als auf 45 bis 60 em gehen. In ſeiner Zeitſchrift„der chemiſche Ackermann“ führt Ad. Stöckhardt eine Beobachtung an, welche der unſrigen zu widerſprechen ſcheint, er ſagt, daß Schubart, ein Landwirt in Mecklenburg, in einer mit 45 cm Thonſchlick bedeckten Mergelgrube Weizenwurzeln gefunden habe, welche bis zu 2,30 m Tiefe durch⸗ gedrungen waren auf den Stellen, wo der Mergel ſandig und bis zu 2 m auf den Stellen, wo dieſer Mergel mehr thonig und bindig war. „Die Weizenwurzeln erreichen zuweilen eine bedeutende Entwicklung, ſagt Graf Gasparin in ſeinem landwirtſchaftlichen Kurſus, wenn ſie angeregt werden durch die Leichtigkeit des Bodens, reichliche Düngungen und das Vorhandenſein von friſchen eund tiefen Schichten oder unterirdiſchen Waſſerläufen. Thomas berichtet, ſolche Wurzeln 3 m lang geſehen zu haben; wir haben ſelbſt ſolche von 2 m an den Ufern der Rhone geſehen. Aber wenn ſie nicht in einem tiefen Boden wachſen, wird die Verlängerung der Wurzeln durch das Zuſammentreffen mit den Wurzeln der Nachbarpflanzen aufgehalten und ſie haben darum ſelten mehr als 10 bis 20 cm Länge.“ Ich geſtehe, daß ich nicht einſehe, wie ſich dies letztere zu⸗ tragen kann; wenn der Boden für die Wurzeln einer beſtimmten Wetzenpflanze nicht tief genug iſt, ſo kann ihre Verlängerung gegen den Untergrund nicht durch die der benachbarten Pflanzen auf⸗ gehalten werden, welche ſich ebenſowenig weiter verlängern können. Dieſes Zuſammentreffen der Wurzeln kann ſich ſeitlich voll— ziehen, wenn die Saat zu dicht iſt, aber es erklärt nicht, warum ſie nicht tiefer hinunter dringen. Nobbe hat die Länge der Wurzeln einer Weizenpflanze gemeſſen, welche er in einem mit Erde gefüllten und regelmäßig begoſſenen Gefäße erzogen hatte. Zu der Zeit, wo dieſe Pflanze Ähren bilden wollte, fand er: 1 —————————— Drittes Kapitel. Phyſikaliſche Eigenſchaften der Böden ꝛc. 51 17 Wurzeln erſter Ordnung mit 4,287 m Geſamtlänge 2989„ 2 ter„„ 39,256„ 7215„ 3 ter„„ 37,608„„ 513„ 4ter„ 1,204„ 10734 verſchiedene Wurzeln, mit 82,355 m Geſamtlänge. Eine andere Pflanze von reifem Weizen hatte 67 223 Wur⸗ zeln, mit einer Geſamtlänge von 520 m. Dieſe rieſenhaften Ausdehnungen laſſen ſich nur durch die Ausdehnung des Gefäßes und die große Maſſe Erde erklären, welche die Pflanze zu ihrer Verfügung hatte. Nach Dr. Müller müſſen dieſe Wurzeln mehr als 4 qm Oberfläche haben, mit ungefähr 1 qm thätiger Oberfläche, d. h. ſolcher die im ſtande iſt, die Bodennährſtoffe aufzunehmen. Dies war ein außer⸗ gewöhnlicher Pflanzenbüſchel, wie man ihn zuweilen vereinzelt auf ſehr fruchtbaren Böden antrifft. Wenn der Weizen ſehr dünn geſäet wird, iſt die Entwicklung der Wurzeln ſehr groß, und ihr Gewicht überſteigt weit das der äußeren Pflanzenteile, und unter dieſen Bedingungen bildet ſich eine ſehr reichliche Beſtockung, aber verhältnismäßig wenig Körner. So übt der mehr oder weniger durchläſſige und für die Wurzeln mehr oder weniger durchdringbare Zuſtand des Unter⸗ grundes einen gewiſſen Einfluß auf den Ertrag des Weizens aus, aber dieſer Einfluß iſt nicht ſo groß wie bei anderen Pflanzen, z. B. bei der Runkelrübe, der Luzerne ꝛc. Man muß nicht die Tiefe in Betracht ziehen, bis zu welcher ſich die letzten Verzweigungen der Wurzeln erſtrecken, ſondern man. muß ſich hauptſächlich von der Tiefe der Schicht Rechenſchaft geben, wo ſich der größte Teil der Wurzeln bildet; wir werden nun im 11. Kapitel, wenn wir die Vegetationsweiſe des Weizens be⸗ ſchreiben werden, ſehen, daß ſeine wichtigſten Wurzeln ſich an den unterſten Knoten der Pflanze bilden und daß daher die oberſten Erd⸗Schichten deren am meiſten enthalten. Der Weizen iſt, wie der größte Teil der Gramineen, vielmehr eine Pflanze mit ober⸗ flächlichen Wurzeln als eine Pflanze mit tiefen Wurzeln; des⸗ halb wirken die löslichen Düngemittel, wie das ſchwefelſaure 4* 52 Drittes Kapitel. Phyſikaliſche Eigenſchaften der Böden ꝛc. Ammoniak oder der Chiliſalpeter, welche man im Frühjahr auf ihn ſtreut, ſo ſchnell. Deshalb läßt man in den Fruchtfolgen das Getreide mit tiefwurzelnden Pflanzen abwechſeln; dieſe ſchöpfen im Untergrunde die Nährſtoffe, welche der Weizen, der Hafer oder die Gerſte nicht mehr erreichen konnten. Die folgenden Zahlen beſtätigen dieſe Thatſache: Von 100 Weizenwurzeln hat Stöckhardt am 8. Juni 63 in der Oberkrume und nur 37 im Untergrunde gefunden. Ihr Trockengewicht kam pro Hektar gleich 936 kg in der Ober⸗ krume und 560 kg im Untergrunde. Die Summe beträgt nur 1496 kg pro Hektar. Man findet gewöhnlich bedeutend mehr, aber das Verhältnis zwiſchen den oberflächlichen und den tiefen Wurzeln iſt deswegen nicht weniger intereſſant. Auf einem Felde mit lehmigem Thon, deſſen Ackerkrume 94 cm, der Untergrund 31 em tief war, während das Ganze auf einem Grunde von grobkörnigem Sande ruhte, hat Hellriegel auf 4 qem Oberfläche nachgewieſen: Bis zu 20 em Tiefe 820 Wurzeln, von 20 bis 54„„ 200„ von 54 bis 78„„ 26„ über 78 em hinaus 0„ Im ganzen iſt jedoch das Gewicht der Wurzeln, welche eine Weizenernte in dem Lande, das ſie erzeugt hat, hinter⸗ läßt, weit weniger beträchtlich als dasjenige, welches nach einer Klee⸗ oder Luzerneernte zurückbleibt. Nach Dr. Weiske von Proskau in Schleſien wiegen die Wurzeln und Stoppeln des Weizen im Durchſchnitt im trocknen Zuſtande 3888 kg pro Hektar und enthalten 26,4 kg Stickſtoff, 20,7 kg Kali und 13,3 kg Phosphorſäure, während bei der Luzerne und dem Klee das Trockengewicht dieſer Ernte⸗Rückſtände ſich im Durchſchnitt auf 10 000 kg ſtellt, mit 152 bis 215 Stickſtoff, 41 bis 90 Kali und 44 bis 84 Phosphorſäure. Unter den phyſikaliſchen Eigenſchaften der Böden iſt für den Weizen eine der wichtigſten die Fähigkeit dieſer Böden, genug Waſſer zurückzuhalten, um das Bedürfnis ſeiner Vegetation zu Drittes Kapitel. Phyſikaliſche Eigenſchaften der Böden ꝛc. 53 verſorgen. Dieſe Böden müſſen, wie Graf Gasparin geſagt hat, ungefähr 23% Waſſer auf 30 em Tiefe während der blatt⸗ reichen Periode der Vegetation enthalten und ungefähr 10% während der Zeit der Reife. In Gefäßen, welche Sand enthielten, der 25% Waſſer zurückhalten konnte, und als Düngung lösliche Salze von Kali, Kalk, Natron und Magneſia verbunden mit Phosphorſäure, Schwefelſäure, Chlor, oder Salpeterſäure bekamen, erhielt Hell⸗ riegel die Feuchtigkeit 1. von 2 ½ bis 5%, 2. von 5 bis 10% ec. und erzielte die folgenden Ergebniſſe: Feuchtigkeit des Bodens. Stroh und Spreu. Korn. g g 21 à 5%.. 7,01 2,76 5 à 10„..... 15,05 8,42 10 à 15„.. 21,39 10,30 15 à 20„ 23,26 11,42 Mit weniger als 2 ½% Feuchtigkeit litt und verwelkte der Weizen in dieſem Boden. Die Mergelungen und die Düngungen, welche reich an organiſchen Stoffen ſind, können bis zu einem gewiſſen Punkte die ſandigen Böden befähigen, das Waſſer zurückzuhalten, das ihnen fehlt. Den Flamländern iſt es gelungen, indem ſie Tief⸗ kultur anwandten, Sandböden in gutes Weizenland umzuwandeln, welche urſprünglich ebenſo unfruchtbar waren wie die der Cam⸗ pine; aber eine ſolche Umwandlung iſt ſchwieriger in den trocknen Klimaten des Südens und Oſtens von Europa als unter dem nebeligen und oft regneriſchen Himmel des Weſtens. In ge⸗ wiſſen Gegenden muß man die Bewäſſerung zu Hilfe nehmen, um den ſehr durchlaſſenden Böden das Waſſer zu geben, welches zur Entwicklung des Weizens nötig iſt. Die Extreme des Klimas gleichen bis zu einem gewiſſen Grade die umgekehrten Extreme des Bodens aus und es gehen daraus Durchſchnitte her⸗ vor, welche dem Weizen zuſagen. Der Weizen liebt die Böden von mittlerer phyſikaliſcher Beſchaffenheit. Er liebt die Schlickböden, wie die, welche die reichen Ebenen der Beauce, des Landes Caux, 54 Viertes Kapitel. Stellung des Weizens in den Fruchtfolgen ꝛc. der Picardie ꝛc. bedecken, der einzige Stoff, der ihnen fehlt, iſt der Kalk, aber der Untergrund kann ihnen denſelben leicht liefern. Der Weizen liebt beſonders die tiefen thonigen Kalkböden. Dagegen wächſt der Weizen ungern auf einem„hohlen“ Boden, wie die Landwirte ſagen. Er liebt weder die moorigen Böden, noch umgebrochene Grasnarbe oder neu urbar gemachte Forſten, welche noch viel unzerſetzte pflanzliche Rückſtände ent⸗ halten. Auf dieſen Böden iſt es beſſer, zunächſt Hafer oder Raps zu bauen und nicht eher zum Weizen überzugehen, als nachdem ſie ſich gut geſetzt haben. Man muß ſelbſt vermeiden, den Weizen auf einen kürzlich vertieften Boden zu ſäen und abwarten, bis die aus dem Unter⸗ grunde an die Oberfläche gebrachte Erde Zeit gehabt hat, zu oxydieren. Viertes Kapitel. Jtellung des Weizens in den Fruchtfolgen und Vorbereitungs⸗ Arbeilen. Die Völker des Altertums ſcheinen alle die zweijährige Fruchtfolge beobachtet zu haben; die Brache wechſelte mit einem Getreide. Im Süden Europas war es ein Wintergetreide, ge⸗ wöhnlich Weizen; die Trockenheit des Klimas geſtattete die Frühjahrsſaaten nicht. Im Norden waren es dagegen Sommer⸗ getreide, Hafer und Gerſte; die Winter waren zu rauh für den Weizen. Aber in dem Maße wie die Ausrodungen der Forſten das Klima gemildert hatten und die Grundverbeſſerungen die Böden geſundet und erwärmt hatten, ſchritt der Weizenbau vom Süden Galliens gegen den Norden, und von Ort zu Ort nach Germanien und Großbritannien vor. Die Varietäten akklima⸗ tiſierten ſich, oder vielmehr es bildeten ſich deren neue, welche die Strenge des Winters ertragen konnten, und zur Zeit Karls des Großen konnte man die Dreifelderwirtſchaft einführen (Brache, Winterweizen, Sommergetreide), welche ſſich nach und nach über den größten Teil des mittleren Europas ausbreitete. Sie herrſcht hier noch vor, nur durch Hinzunahme der Wurzel⸗ Viertes Kapitel. Stellung des Weizens in den Fruchtfolgen ꝛc. 55 früchte und des Klees etwas verändert. Ihr dreijähriger Rahmen iſt mehr oder weniger ausgefüllt, aber ſie erhält ſich und iſt nicht allein in unſere landwirtſchaftlichen Gebräuche, ſondern auch in unſere Geſetze übergegangen; die Güter der Minder⸗ jährigen können nur auf 3, 6 oder höchſtens 9 Jahre verpachtet werden und dieſes Vermietungsſyſtem wird nicht allein bei den ländlichen Liegenſchaften, ſondern auch gleicherweiſe beim Grund⸗ beſitze in den Städten angewandt. In dem feuchten Klima des Weſtens von Europa und der Gebirge von Mitteleuropa begraſen die Böden leicht; dies ſind Länder für Weiden, wo die Hornvieh⸗Raſſen ſich ſo zu ſagen von ſelbſt vervollkommnet haben; der Weizenbau hat hier nur eine beſchränkte, durch den örtlichen Verbrauch bedingte Bedeutung. Die Weide wird für kurze Zeit umgebrochen, und nach einigen Jahren des Getreidebaues, läßt man ſie ſich von ſelbſt wieder bilden. Das iſt die Halb-Weidewirtſchaft.. Die wahren Weizenländer ſind trocknere Länder, ſei es infolge der Beſchaffenheit ihres Bodens, ſei es infolge ihres Klimas, und im allgemeinen ſind ſie zu gleicher Zeit Länder für Schafhaltung, oder waren es wenigſtens ehemals. Die Herden ernährten ſich auf den Brachen, im Herbſt auf den Stoppeln und beſonders auf den Heiden oder Angern. Rund um jedes große Gut gab es einen Landſtrich Felder, die in dreifeldriger Fruchtfolge bebaut wurden und weiterhin die Schafweiden. Die nackte Brache war die Regel, und die Herden hatten für den Winter faſt nichts als das Stroh. Bei einer ſolchen Ernährung konnte der Dünger nicht ſehr gehaltreich ſein, man vervollſtändigte ihn durch Hordeſchlag und man erhielt ſo etwa 10 hl Weizen pro Hektar. Aber in dem Maße wie die Bevölkerung im Mittelpunkte Europas wuchs, galt es, ihr zugleich mehr Brot und mehr Fleiſch zu beſchaffen. Wie konnte man dazu gelangen ohne dieſe Art der Nutzung zu verändern? Wenn man, um mehr Weizen zu bekommen, die Weiden in Angriff genommen hätte, ſo hätte man die Fleiſcherzeugung verringert, und wenn man, um mehr Weide zu haben, die Äcker benutzt hätte, ſo wäre die Weizen— 56 Viertes Kapitel. Stellung des Weizens in den Fruchtfolgen ꝛc. erzeugung beſchränkt worden. Um aus dieſem widerwärtigen Kreiſe herauszukommen, gab es nur ein Mittel: anſtatt nur die Futterſtoffe zu ſammeln, welche die Natur bot, mußte man Futterkräuter bauen, welche man künſtliche nannte, indem man einen Teil der Brache benutzte, Klee zu bauen, oder indem man in den Hafer ſtatt des Klees entweder Eſparſette oder Luzerne ſäete, je nach der Beſchaffenheit der Böden. Zu gleicher Zeit konnte man auf derſelben Fläche mehr Tiere ernähren und beſſer im Winter füttern; man erhielt mehr Miſt und beſſeren Miſt, und infolge dieſer Vermehrung der Düngung ergab jeder Hektar Weizen einige Hektoliter mehr. Zur Zeit Karls des Großen galt ein Pfund Fleiſch wenig mehr als ein Pfund Weizen. Nach und nach, in dem Maße wie der Verbrauch ſich vermehrt hat, iſt der Preis des Fleiſches geſtiegen. Dieſe Steigerung geſtattete mehr Ausgaben für ſeine Erzeugung zu verwenden, und da der Ertrag des Getreides ge⸗ wiſſermaßen„noch obendrein“ erzielt wurde, iſt daraus die merk⸗ würdige Thatſache entſtanden, daß der Durchſchnittspreis des Weizens ſeit mehreren Jahrhunderten faſt gar nicht geſchwankt hat. Allerdings iſt der Nominalwert des Weizens nach dem 16. Jahr⸗ hundert geſtiegen, wo der Wert aller Gegenſtände infolge des überfluſſes an edlen Metallen und an allen Zahlungsmitteln gewachſen iſt. Auch iſt nicht zu beſtreiten, daß es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts viel beträchtlichere Preisſchwankungen gab als in dem unſrigen. Die Transportmittel mangelten; bald war der Weizen im Überfluß, bald gab es faſt gar keinen, und die Bevölkerung litt Hunger. Aber mitten in dieſen äußerſten Schwankungen blieben die großen Durchſchnitte faſt unveränderlich. übrigens iſt der Fortſchritt im Ackerbau nicht in ganz Europa gleichförmig geweſen; keineswegs. In den Gegenden, welche oft durch den Krieg verwüſtet wurden oder immer den Launen des Despotismus ausgeſetzt waren, konnte der Ackerbau nicht mehr gedeihen als der Handel und der Gewerbefleiß, während in den Ländern, welche früher die Wohlthaten des Viertes Kapitel. Stellung des Weizens in den Fruchtfolgen ec. 57 Friedens und der Freiheit genoſſen haben, ſich die Reichtümer aller Art gleichmäßig früher entwickeln konnten. Unter dieſen bevorzugten Ländern haben die Lombardei und Flandern den erſten Rang eingenommen, und wir verdanken ihnen das Beiſpiel der hauptſächlichſten Fortſchritte unſeres Ackerbaues. Nachdem ſie in ihre Fruchtfolgen die künſtlichen Futterkräuter, die Rüben und eine gewiſſe Anzahl von Induſtrie⸗ pflanzen aufgenommen hatten, haben die Flamländer erkannt, daß man vermeiden müſſe Getreide nach Getreide zu bringen, dagegen zwiſchen dasſelbe eine Hülſenfrucht oder Wurzelfrucht oder Raps einzufügen; ſie haben ſo den Grundſatz der Frucht⸗ wechſelwirtſchaft entdeckt, ein unſchätzbarer Fortſchritt, weil die Erzeugung aller Pflanzen, und die des Weizens beſonders ohne größeren Koſtenaufwand vermehrt wurde, zugleich weil ſich die Früchte in einer ihren Bedürfniſſen mehr entſprechenden Ordnung folgten und ſich dadurch gegenſeitig nützten. Von Flandern ſind dieſe rationellen Anbaumethoden in das Rheinthal und nach England fortgeſchritten, wo ſie der berühmten 4 jährigen Norfolker Fruchtfolge als Grundlage gedient haben: 1. Turnips, Runkelrüben, Kartoffeln ꝛc.; 2. Sommergetreide. 3. Klee und Gräſer. 4. Winterweizen. In gewiſſen Grafſchaften behält man die Weide zwei Jahre hindurch. Der Ausgangs⸗ punkt der Rotation iſt der Schlag der Wurzelfrüchte: Der engliſche Farmer benutzt das Frühjahr, um ſein Land gründlich zu reinigen; an Grubbern, Eggen, Zuſammenbringen der Unkräuter mit der Hand ſpart er nichts; dann bringt er alle ſeinen Stall⸗ miſt darauf, oft mit einer Zugabe von Phosphaten, und er ſäet ſeine Turnips. Nach den Turnips gedeiht das Wintergetreide nicht immer; man zieht Sommerkorn vor, beſonders die Gerſte, zuweilen den Hafer. Im vierten Jahre findet der Winterweizen ſeinen ge⸗ wohnten Platz. Man bricht den Klee frühzeitig um und wenn ſich der Boden nicht gut geſetzt hat, ſo befeſtigt man ihn mittelſt einer Croskill⸗Walze oder einem„Landpreſſer“, bevor man zur Saat ſchreitet. Auf den ſchweren Böden behält man noch zuweilen 58 Viertes Kapitel. Stellung des Weizens in den Fruchtfolgen ꝛc. die Brache bei; aber häufiger baut man hier Bohnen, und dies iſt bekanntlich eine der beſten Vorfrüchte für Winterweizen. Auf dem Continet herrſcht im Ackerbau viel mehr Ab⸗ wechſelung als auf den britiſchen Inſeln. Bei der zweijährigen Fruchtfolge des ſüdlichen Frankreich folgt der Weizen dem Mais, welcher ihm im allgemeinen ein von Unkraut reines aber ziemlich ausgezehrtes Land hinterläßt, denn der Mais iſt ſehr anſpruchs⸗ voll. Man müßte ſich gewöhnen, dem Weizen vermittelſt chemiſcher Düngemittel zu Hilfe zu kommen. Nach dem Raps, nach dem Tabak, nach dem Kohl gerät der Winterweizen faſt ganz ſicher. Er gedeiht ebenſo gut nach Grünfutter(Wicken, Erbſen, Buchweizen, grünem Roggen, Futter⸗ mais ec.)*) denen eine Art halber Brache folgen kann. Was die Wurzelfrüchte betrifft(Runkelrüben, Kartoffeln Mohrrüben,, ſo müſſen ſie frühzeitig aufgenommen werden, damit man noch Zeit hat Winterweizen zu ſäen.**) Eine einzige wenig tiefe Bearbeitung, zuweilen ſelbſt der Grubber**) genügt, um das Land zur Beſtellung vorzubereiten; aber zuweilen thut man gut, ein Andrücken durch die Walze hinzuzufügen. Alle dieſe Früchte haben den Vorzug, ein von Unkräutern gut ge⸗ *)(Anm. d. Überſ.) Grün abgefüttertes Gemenge von Hafer, Erbſen und Wicken, in der Provinz Sachſen Wickfutter genannt, gilt dort als keine günſtige Vorfrucht für Weizen, da er danach ſehr leicht auswintert; ähnlich verhält ſich der Flachs als Vorfrucht. Eine einleuchtende Erklärung dafür kenne ich nicht, kann aber die Thatſache aus eigener Erfahrung beſtätigen. *)(Anm. d. überſ.) Die Kartoffel iſt wohl unſtreitig eine noch beſſere Vorfrucht als die Rübe. Nach einer nicht zu ſpätreifen Kartoffelſorte befindet ſich der Acker ſtets in beſſerem Feuchtigkeitszuſtande als unter ſonſt gleichen Umſtänden nach Rüben. ***)(Anm. d. überſ.) Ein vortreffliches Inſtrument iſt für dieſen Zweck der neuerdings bei uns ſehr ſchnell verbreitete mehrſcharige(meiſt dreiſcharige) Pflug Viertes Kapitel. Stellung des Weizens in den Fruchtfolgen ꝛc. 59 reinigtes Land zu hinterlaſſen. Sie gebrauchen die Geſpanne und die Arbeiter zu Zeiten, wo das Getreide ſie nicht nötig hat. Sie können, ohne davon zu leiden, ſehr beträchtliche Mengen Miſt vertragen. Im allgemeinen nimmt man an, daß ſie ½ ſeiner Nährſtoffe verbrauchen und daß ſie ½⅛ davon dem Weizen hinterlaſſen; übrigens nehmen ſie nicht alle dieſe Stoffe in dem⸗ ſelben Verhältnis wie der Weizen. Der Klee, die Luzerne, die Esparſette, welche man in die Fruchtfolge einſchiebt, wirken noch beſſer: ſie bereichern die Acker⸗ krume an Stickſtoff. Wenn dieſe Futterpflanzen nicht viel Unkraut enthalten, ſo kann man, nach einer einzigen zu feuchter Zeit ge⸗ gebenen Bearbeitung ihrem zweiten Schnitte die Ausſaat des Weizens folgen laſſen. Andernfalls muß man ſich mit dem erſten Schnitt begnügen, mit einer flachen Furche umbrechen und eine tiefere vor der Saat geben. Im allgemeinen ſind zwei Furchen beſſer als eine. Der Gebrauch einer feſtdrückenden Walze iſt häufig nützlich; er verhindert die Erde zu„hohl“ zu bleiben. Wenn die Jahreszeit zu trocken iſt als daß das Umbrechen be⸗ friedigend vorgenommen werden und der Boden die„Geſetztheit“ annehmen kann, welche der Weizen erfordert, ſo muß man ſpäter pflügen und im Frühjahr Hafer ſäen. Zuweilen kann man übrigens noch einmal Weizen nach dieſem Hafer bauen, und ſelbſt zweimal Weizen nach einander, wenn man auf den Um⸗ bruch 500 bis 600 kg Kalk⸗Superphosphat oder 1000 kg pulveriſiertes Ardennen⸗Phosphat ſtreut. Um ſehr zuckerreiche Rüben zu bekommen, vermeiden es die deutſchen Landwirte, ihnen direkt Stallmiſt zu geben. Sie wenden dieſen Miſt auf den Weizenſchlag an, welcher den Rüben vorhergeht, in einer Menge von 50 bis 60,000 kg pro Hektar mit 300 bis 400 kg Kalk⸗Superphosphat*). Um das Lagern zu vermeiden, wählen ſie Weizenvarietäten, welche demſelben wenig unterworfen ſind, z. B. den Shirreff⸗Weizen mit vier⸗ kantigen Ähren, deſſen Ertrag 50 hl auf dem Hektar erreichen *) Anm. d. Überſ.) Vergl. meine Anmerkung auf S. 77. 60 Viertes Kapitel. Stellung des Weizens in den Fruchtfolgen ꝛc. ſoll. Aber man kann ebenſo gut ſehr zuckerreiche Rüben erhalten, wenn man den Stallmiſt zwiſchen ihnen und dem Weizen teilt, indem man dafür ſorgt, dieſe halbe Miſtdüngung durch chemiſche Düngemittel zu ergänzen. Die Regeln der Fruchtwechſelwirtſchaft konnten uns lehren, die Hilfsquellen unſeres Bodens beſſer auszunutzen, aber ſie konnten ihm weder die Phosphorſäure noch das Kali geben, welche zu⸗ weilen in ihm fehlen. Dank der Agrikulturchemie iſt man heute dahin gelangt, dieſe Regeln zu vervollſtändigen und den Ertrag des Getreides noch zu vermehren, ſei es indem man zwiſchen den Stalldünger die Stoffe miſcht, welche er in ungenügender Menge enthält, ſei es indem man ſie direkt auf die Felder und Früchte ausſtreut. Der intenſivſte Fruchtwechſel konnte gewiſſe Erträge nicht überſchreiten, z. B. 25 hl Weizen pro Hektar im Durch⸗ ſchnitt, wenn er nur den Stallmiſt zur Verfügung hatte, den er ſelbſt erzeugte. Indem man chemiſche Düngemittel hinzufügt, welche zugleich für den Bedarf des Bodens und der Pflanzen wohl geeignet ſind, nach den Grundſätzen, die ich im Kapitel II aufzuſtellen geſucht habe, kann man noch weiter kommen, man kann 30 hl pro Hektar erreichen, und, wenn man Weizenvarietäten anbaut, welche den Bedingungen der Wirtſchaft gut angepaßt ſind, ſo kann ſich der Weizenertrag auf 35 hl, zuweilen noch mehr erheben. Folgendes Beiſpiel zeigt deutlich, wie der Ertrag des Weizens ſich mit den Fortſchritten der Kultur vermehren kann: es iſt das der Güter, welche ſeit 1784 in der Gemeinde Puiſeux nach einander durch vier aufeinander folgende Generationen der Thomaſſin bewirtſchaftet worden ſind, eine der landwirtſchaft⸗ lichen Dynaſtieen, welche dem Departement Seine⸗et⸗Oiſe zur Ehre gereichen. Von 1784 bis 1810, unter dem erſten der Thomaſſin, hat die Weizenernte von 18 bis 24 hl auf dem Hektar geſchwankt. Man befolgte damals die Dreifelder⸗Wirtſchaft mit nackter Brache und nur wenig Luzerne, Klee und Gemengfutter. Von 1810 bis 1836, unter Viktor Thomaſſin, hat der Ertrag zwiſchen 20 und 34 hl geſchwankt. Die Nutzung ent⸗ Viertes Kapitel. Stellung des Weizens in den Fruchtfolgen ꝛc. 61 hielt damals 270 ha und ſie hat ſich ſeit dieſer Zeit in dem Umfange erhalten. Man verkaufte Stroh, kaufte aber 140 Fuder Miſt dafür wieder. Ferner hielt man einen zahlreichen Viehſtand und baute, um ihn zu ernähren, außer Luzerne und Klee Grün⸗ futter auf einem Teil der Brache. Von 1836 bis 1864, unter Stanislas Thomaſſin, be⸗ trugen die Weizenernten 25 bis 41 hl pro Hektar, infolge der Mergelungen, ſowie einer reichlicheren Futter⸗ und Miſterzeugung. Man baute beſonders viel Luzerne und man begann die Runkel⸗ rübe zu kultivieren für eine kleine Brennerei. Endlich von 1862 bis 1877 vergrößerte Théophile Thomaſſin die Brennerei und, um ihr genug Rüben zu liefern, führte er auf den beſſern Böden(220 ha) folgende Fruchtfolge ein: 1. Rüben; 2. Weizen; 3. Rüben; 4. Weizen; 5. Hafer; mit einem Anhange von 30 ha Luzerne. Der Weizenertrag kommt über 32 hl und ſteigt zuweilen bis 51. Die ſchlechteren, zu ſandigen Böden ſind in der Dreifelder⸗Wirtſchaft gelaſſen, und der Roggen erſetzt hier den Weizen. Man hält auf dem Gute 17 Pferde, 20 Arbeitsochſen, 600 Schafe im Sommer, 900 im Winter. Ferner kauft man Straßenkehricht von Paris, Erdnußkuchen, Superphosphate, Chiliſalpeter und ſchwefelſaures Ammoniak. Die Chemie hat nicht nur den Fruchtwechſel ergänzt, ſie hat ſogar geſtattet, ſich über denſelben hinwegzuſetzen, wenn die phyſikaliſchen Eigenſchaften des Bodens und die wirtſchaftlichen Verhältniſſe ſich dazu eignen. Früher war man genötigt den Stallmiſt beizubehalten, weil man ihn nicht zu erſetzen wußte. Heute hat ihn die Chemie aller ſeiner Geheimniſſe entkleidet; ſie kann häufig mit ihren Salzen alle Erfolge erzielen, welche der Miſt liefert und, wenn man fortfährt Miſt anzuwenden, ſo ge⸗ ſchieht es beſonders, weil man darin einen wirtſchaftlichen Vorteil findet. Lawes und Gilbert haben während 40 aufeinander folgender Jahre Weizen auf demſelben Boden gebaut, und die chemiſchen Düngemittel haben ihnen einen Durchſchnittsertrag von mehr als 30 hl auf den Hektar geliefert. Allerdings koſtete 62 Viertes Kapitel. Stellung des Weizens in den Fruchtfolgen ꝛc. — dieſer Weizen zu viel. Aber die chemiſche Möglichkeit war be⸗ wieſen. Was die wirtſchaftliche Möglichkeit betrifft, ſo hängt ſie von den Zeiten und den Ortlichkeiten ab. Solange der Preis der Tiere und ihrer Erzeugniſſe ſo hoch wie heute iſt im Ver⸗ gleich mit dem Weizenpreiſe, werden die Wirtſchaften mit einem ausſchließlichen oder wenigſtens vorwiegenden Weizenbau ver⸗ mittelſt chemiſcher Düngemittel nur Ausnahmen ſein. Aber es giebt ſchon einige ſolche Ausnahmen. 1 4 Wir haben die 308 ha angeführt, welche Emile Rémond zu Minpincien in der Brie bewirtſchaftet. Er hält auf ſeinem Gute nur die zur Bearbeitung nötigen Tiere(11 Pferde, und 16 bis 40 Ochſen, im Durchſchnitt 27) und eine Heerde Schafe (400 Stück), welche gerade eben hinreicht, um die Schlempe. ſeiner Brennerei und das Stroh oder die unverkäuflichen Futter⸗ mittel zu verwerten. Er erhält dadurch für ſeine 44 ha Rüben eine halbe Miſtdüngung von ungefähr 18000 kg auf den Hektar. Man kann einwenden, daß ſich das Gut Rémond's unter außergewöhnlichen Bedingungen befindet: man hat dort den Luzernebau mißbraucht und man kann jetzt den Getreidebau mißbrauchen. Aber in der Brie iſt dies nicht das einzige Gut dieſer Art und vielleicht würden wir ſolche Wirtſchaften auch in der Beauce oder anderwärts finden. Da iſt anderſeits Prout zu Sawbridge in England, welcher ſeit 27 Jahren faſt ununterbrochen Getreide baut(Weizen, Gerſte und Hafer) auf 180 ha thonigem Lehm mit Thon⸗ oder kalkhaltigen Kies⸗Untergrund; der Boden bekommt nur chemiſche Düngemittel, wird mit Dampf gepflügt, geeggt und geerntet, und er liefert ſo im Durchſchnitt 35 ½ hl Weizen von 75 kg Gewicht und 5000 kg Stroh. Es wird nur von Zeit zu Zeit, alle 8 oder 10 Jahre Klee,*) Esparſette oder, wenn die Böden zu ſehr von Unkräutern verheert ſind, nackte Brache gegeben. *) In Sawbridge, wie in Minpincien war der Boden zu erſchöpft, um Leguminoſen zu tragen. Aber die Einführung der chemiſchen Düngemittel hat ihn wieder hergeſtellt, und heute baut man dort von Zeit zu Zeit Klee, den man als Gründüngung unterpflügt. ————— —————— Viertes Kapitel. Stellung des Weizens in den Fruchtfolgen ꝛc. 63 Die Wirtſchaft hat an Tieren in der That nur 6 bis 8 Pferde, welche dazu dienen, das Getreide zu drillen, es zu behacken, die Futterkräuter zu mähen, ſie zu trocknen und ſie bis nach den Diemen zu ſchaffen. Alſo faſt keine Miſterzeugung. Aber aller Weizen, außer dem nach umgebrochenem Klee gebauten erhält gleich bei der Beſtellung eine Miſchung von 381 kg Knochenmehl, 127 kg Kalk⸗Superphosphat und 127 kg Peru⸗ guano, im ganzen 635 kg pro Hektar für 117 Frnk. Koſten⸗ aufwand. Wenn es nötig iſt ihn zu kräftigen, ſo fügt man im Frühjahr 126 kg Chiliſalpeter hinzu. Ebenſo verfährt man mit der Gerſte und dem Hafer. Die Getreideernten werden auf dem Halme meiſtbietend verkauft. Die Ernten ſind ſeit 20 Jahren nicht geſunken, ſondern vielmehr ſtets geſtiegen. Völcker, der leider verſtorbene Chemiker der königlichen Landwirtſchafts⸗Geſellſchaft, welcher die Böden und die Düngungen analyſiert hat, war ſelbſt der Anſicht, daß man hier die Phosphorſäure⸗Gaben vermindern könnte, ohne daß irgend eine Spur von Erſchöpfung zu fürchten wäre. Um die Dampf-Bearbeitungen möglich zu machen, hat Prout, welcher Eigentümer ſeiner Wirtſchaften iſt, alle Felder in große Stücke eingeteilt, welche von guten Feldwegen umgeben ſind, und Waſſerbehälter angelegt. Er hat die AÄcker drainiert und vertieft. Alle dieſe Ausgaben für bleibende Verbeſſerungen haben ihm 112 500 Frank, d. i. 625 Frank für den Hektar ge⸗ koſtet. Prout hat ſein Vermögen verzinſen können mit 5% für dieſe Meliorationskoſten, 3 ½ für den Kaufpreis, welcher 400 000 Frank war, und 11% für das Betriebskapital, welches 1250,25 Frank pro Hektar beträgt. Indem er alle ſeine Kräfte auf einen und denſelben Erwerbszweig nämlich den Getreidebau vereinigt, indem er dadurch die Erzeugungskoſten auf ein Minimum herabdrückt (wenig Gebäude, wenig Pferde, wenig Arbeiter); indem er die vervollkommnetſten Verfahren der Chemie und der Mechanik an⸗ wandte, um den größtmöglichen Ertrag zu erzielen, ahmt Prout bis zu einem gewiſſen Grade die Methoden der Arbeitsteilung 64 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. nach, welche in der Manufaktur⸗Induſtrie ſo gute Erfolge ge⸗ liefert haben. Vielleicht werden wir eines Tages ausgedehnte Nutzungen dieſer Art auf den Hochebenen der Picardie, der Beauce und der Brie eingerichtet ſehen. Décauville hat uns davon ſchon ein Beiſpiel gegeben zu Petit⸗Bourg. Die ausgeſprochene Eigen⸗ tümlichkeit dieſer Wirtſchaftsweiſe iſt nicht der ausſchließliche Getreidebau; man kann dieſelben Grundſätze anwenden, indem man ſich ſpezialiſiert hinſichtlich des Futterbaues und der Vieh⸗ zucht, der Zuckerrübe, des Weinſtockes, oder, wie es gewöhnlich vorteilhafter iſt, indem man in derſelben Wirtſchaft mehrere Kulturen vereinigt, welche ſich einander unterſtützen. Das Weſent⸗ liche iſt, alle die Mittel anzuwenden, welche die Chemie und die Mechanik uns heute bieten können, um billig zu produzieren. Unſere furchtbarſten Konkurrenten ſind nicht die kleinen Land⸗ wirte, welche 60 ha im Weſten von Amerika urbar machen; dies ſind jene unendlichen„Poſſada farms“, wie die von Dalrymple. Sie haben nicht allein ihre Ländereien faſt umſonſt, ſondern ſie wiſſen auch, ſich aller vervollkommnetſten Maſchinen zu bedienen, und die Arbeit iſt dort mit einer mathematiſchen Genauigkeit geteilt. Bei dem Kampfe, den wir gegen ſie zu be⸗ ſtehen haben, dürfen wir den Amerikanern nicht alle die Vorteile laſſen. Wir dürfen ihnen nicht in landwirtſchaftlicher Erkenntnis nachſtehen. Wir müſſen wie ſie die Maſchinen gebrauchen, um die zu theure Handarbeit zu erſetzen und, während ſie ihre Böden erſchöpfen, müſſen wir die unſrigen durch chemiſche Dünge⸗ mittel bereichern.*) Fünftes Kapitel. Varieläten des Weizens. Von den Vervollkommnungen, welche der größte Teil der Landwirte bei der Weizenproduktion einführen können, ver⸗ *) Infolge der landwirtſchaftlichen Kriſis und auch infolge der Fort⸗ ſchritte der Chemie ſind die Phosphate im Sinken. Ziehen wir Vorteil aus dieſem Sinken, um ſie überall anzuwenden, wo ſie nützen können. Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 65 ſpricht den größten Vorteil die Wahl von Varietäten, welche für das Klima und den Boden ihrer Wirtſchaft gut geeignet ſind. Dadurch wird der Erzeugungspreis des Weizens am ſicherſten verringert, weil man den Bruttoertrag dadurch mit wenig Koſten in oft hohem Grade ſteigern kann. Bevor man in ſeine Wirtſchaft neue Varietäten einführt, muß man damit anfangen, aus denen, welche man deſelbſt zu bauen pflegt, das Beſtmögliche herauszuleſen. Man muß ſie durch Zuchtwahl zu verbeſſern ſuchen, indem man nicht nur die ſchönſten Körner ausſucht, ſondern die Körner, welche den ſchönſten Ähren entſtammen und die Pflanzen, welche zugleich die ſchönſten Ähren und ein Stroh haben, das ſtark genug iſt, um ſie zu tragen ohne dem Lagern ausgeſetzt zu ſein. Das iſt die ſicherſte und ſparſamſte Methode, um ſich gute Saat zu verſchaffen. Am beſten iſt es, wenn man unter den vor dem Schnitte noch aufrecht ſtehenden Pflanzen ſeine Auswahl trifft und den⸗ jenigen den Vorzug giebt, welche recht geſund ſind, mit 2 oder 3 möglichſt gleichen Halmen, mit ſteifem Stroh, das lange wohl⸗ gefüllte Ahren trägt. Man kann auch ſchon vortrefflichen Erfolg erzielen, indem man von dem Weizen, der in Hocken liegt oder ſchon in Garben gebunden iſt, durch Frauen oder verſtändige Kinder die ſchönſten Ähren ausſchneiden läßt und indem man ſie beſonders dreſchen oder auskörnen und in einem Garten oder guten Bodenfleck ſäen läßt. Wenn man ſo jedes Jahr ſoviel auslieſt, um davon etwa 10 l zu bekommen, ſo wird man im folgenden Jahre genug haben, um ein Hektar zu beſtellen, und indem man dieſe Methode der Auswahl mit Beharrlichkeit fort⸗ ſetzt, wird man ſicher ſein, die dem Boden und Klima der ge⸗ ſammten Wirtſchaſt am beſten angepaßten Weizenſorten zu be⸗ kommen.*) *)(Anm. d. Überſ.) Dieſe Methode kann zuweilen ſehr gute Erfolge erzielen. Auf dieſe Weiſe habe ich z. B. ſeit 1867, alſo ſeit 20 Jahren meinen„Schlanſtedter Roggen“ erzielt und ſuche ihn weiter durch alljährliche eigenhändige Auswahl der Rimpau, Weizenbau. 5 66 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. Wenn man ſich nicht nur vornimmt, die beſonderen Eigen⸗ ſchaften einer alten Varietät zu erhalten und zu vervollkommnen, ſondern die Ähren auswählt, welche beſtimmte beſondere Charaktere haben, und wenn dieſe Charaktere ſich ſchließlich in dem Wetzen befeſtigen, den man erntet, ſo kann man getroſt dieſen Weizen als eine neue Varietät betrachten und ihm einen be⸗ ſonderen Namen geben. Viele unſerer bekannteſten Varietäten haben keinen anderen Urſprung gehabt. Einige engliſche Landwirte haben ſich als Züchter vervoll⸗ kommneter Wetzenvarietäten faſt eben ſo viel Ruf erworben als die Bakewell und Collins als Züchter der vervollkommneten Viehraſſen. ſchönſten Ähren von den ſchönſten Pflanzen in ſeinen jetzigen Eigenſchaften zu erhalten. Derſelbe zeichnet ſich durch eine ungemein lange, volle Ähre aus und ſcheint ſich nicht nur auf den beſſeren Böden, ſondern auch auf Sandboden bewährt zu haben, ſo daß ich in der Lage war, 1886 meine ganze Roggen⸗ ernte, abgeſehen von ausſortiertem geringem Korn, als Saatgut zu verwerten. Ich möchte aber davor warnen, dieſe Methode unbedingt als die beſte zur Vervollkommnung unſerer Getreidearten hin⸗ zuſtellen. Ich habe mit derſelben eine Reihe von Jahren daran gearbeitet, unſeren alten braunen ſächſiſchen Landweizen zu ver⸗ beſſern, der unſeren Winter weit ſicherer aushält als die neueren, namentlich engliſchen Weizenſorten, habe aber weder auf dieſe Weiſe noch durch Fortzucht von ſpontan auftretenden neuen Formen, deren der Verfaſſer im folgenden erwähnt, eine weſent⸗ liche Vervollkommnung dieſes Weizens erzielt und ihn daher den weit ertragreicheren engliſchen Sorten weichen laſſen, indem ich ſeinen Anbau ganz aufgab.— Es ſcheint alſo gewiſſe Varietäten zu geben, welche die mit dieſem Verfahren verbundene Mühe nicht verlohnen, und ich möchte keinem raten, ſich allein auf dieſe Methode zu verlaſſen, ſondern ſtets gleichzeitig anderwärts bewährte Varietäten im kleinen durch vergleichende Verſuche zu prüfen. Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 67 Dem Major Hallet zu Brighton in der Grafſchaft Suſſer iſt es gelungen, indem er die ſchönſten Ähren von verſchiedenen Varietäten ausſuchte und ihre Körner zeitig(im Auguſt und September) zu geringer Tiefe und ſehr dünn(nur ein Korn pro Quadratfuß) in eine reiche Gartenerde ſäete, die Anzahl der Körner der Ähren des„Original red“ nach drei Jahren der Zuchtwahl von 79 auf 123 zu bringen, die des„Victoria“ von 60 auf 113 nach 6 Jahren, die des„Hunter“⸗Weizen von 90 auf 134 nach 6 Jahren, die des„Goldendrop“ von 39 auf 96 nach 7 Jahren. Dadurch entſtanden ſeine berühmten genealogiſchen Weizen(pedigree).*) Während Hallet nur die alten Varietäten zu vervoll⸗ kommnen trachtete, ſuchte Patrick Shireff in Schottland neue Varietäten zu bilden, indem er die Weizenfelder von Haddington durchwanderte und dort Ähren ausſuchte, welche beſonderen Charakter hatten. „Im Jahre 1857, ſagt er, ſtanden auf meinem Verſuchs⸗ felde die Pflanzen, welche von mehr als 70 Ähren ſtammten, die ich das Jahr vorher geſammelt hatte. Nachdem ich ſie ge⸗ erntet und mit Sorgfalt geprüft hatte, behielt ich die Körner, welche etwas zu verſprechen ſchienen, für ſpätere Verſuche und *)(Anm. d. Überſ.) Hallet's Erfolge, die ich durchaus nicht gering ſchätzen will, ſind wahrſcheinlich nicht ſo groß wie ſie nach dieſen Zahlen ſcheinen. Die Ahren, mit denen er ſeine Veredelung begann, entſtammten wahrſcheinlich der Großkultur, während die Körnerzahl, welche er nach etlichen Jahren erzielte, ſich auf Ähren bezieht, die aus einzeln auf je 1 Quadratfuß geſteckten Körnern entſtammen. Wenigſtens geht aus Hallet's Mitteilungen, die ich im Original kenne, nicht hervor, daß die Ähren, mit denen er anfing, unter gleichen Umſtänden gewachſen waren wie die ſpäter erzielten, und die ganz außerordentliche Zunahme der Körnerzahl pro Ähre gleich i im erſten Jahre, welche ſeine Mitteilungen aufweiſen, macht mir meine Annahme höchſt wahrſcheinlich. 5* 68 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. ließ die anderen beiſeite. Von den zahlreichen Varietäten, welche meine Sammlung enthielt, ließ ich nach und nach drei in die Großkultur übergehen. Die eine derſelben wurde„roter Shireff⸗Weizen“ genannt; ich hatte ihn in einem Felde Hunter⸗ Weizen gefunden und betrachte ihn als einen Typus des„alten roten Lammas“.*) Die zweite wurde der„weiße Shireff⸗ Weizen“ und die dritte der„Pringle⸗Weizen“ genannt. Einige Jahre ſpäter ging Patrick Shireff zur Kreuzung über, um neue Weizenvarietäten zu erzeugen: er erhielt unter anderen den„King Richard⸗Weizen“, indem er die Blüten ſeines weißen Shireff⸗Weizens mit Pollen des Talavera⸗Weizens befruchtete. In Frankreich haben wir die Vilmorin, welche von Vater zu Sohn ſeit mehreren Generationen unſerer Landwirtſchaft große Dienſte erweiſen, indem ſie uns die beſten Varietäten des Aus⸗ landes kennen lehren und die unſrigen verbeſſern. Wir verdanken Louis Vilmorin die beſte Klaſſifikation der Weizenſorten, die, welche heute überall angenommen iſt, und ſein Sohn Henri Vilmorin hat ſich nicht damit begnügt, unſere Weizenvarietäten durch Zuchtwahl zu verbeſſern, er hat neue geſchaffen durch Kreuzung, und einige dieſer Kreuzungsprodukte, welche er neuer⸗ dings in ſeiner Weizenſchule zu Verrisres erhielt, der„Dattel⸗ Weizen“, der„Lamed⸗Weizen“ und der„Aleph⸗Weizen“, haben ſehr bemerkenswerte Erträge geliefert in den Wirtſchaften, wo ſie verſucht worden ſind. Folgendes hat Herr H. Vilmorin die Güte gehabt, mir betreffs dieſer drei neuen Weizenſorten zu ſchreiben: „Die Idee, Fremdbefruchtung(oder Kreuzung zwiſchen Varietäten derſelben Art) vorzunehmen, mußte demjenigen ganz natürlich kommen, welcher Variationen in den Raſſen des Weizen hervorzurufen ſuchte, um etwas Beſſeres zu erhalten als wir bis jetzt haben. Sie iſt durch den daraus folgenden Gedanken prä⸗ *)(Anm. d. überſ.) Im Original ſteht„Lamma“; ver⸗ mutlich ein Druckfehler. ———— Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 69 ziſiert worden, Varietäten unter ſich zu kreuzen, welche im Hin⸗ blick auf den zu erreichenden Zweck ausgewählt wurden und nicht die erſten beſten. „Der erſte beſtimmte Vorwurf war, einen Weizen zu be⸗ kommen, welcher bei den Eigenſchaften des rotährigen Winter⸗ Chiddam nicht deſſen Fehler hatte, ſehr wenig Stroh zu geben. Um es zu erreichen, habe ich den fraglichen Chiddam mit dem „Prince Albert“ gekreuzt, und das Reſultat iſt der„Dattel⸗ weizen“ geweſen, d. h. ich habe unter 10 bis 12 Formen, welche ich infolge der Kreuzung erhielt, eine ausgewählt, welche ich nach Verlauf von 5 oder 6 Jahren der Zuchtwahl ſo voll⸗ ſtändig befeſtigte, daß der Dattelweizen eine der regelmäßigſten und gleichförmigſten Sorten iſt, welche es giebt. „Andere in demſelben Jahre gemachte Kreuzungen haben zahlreiche Sorten ergeben, unter denen ich nach vielen Aus⸗ ſcheidungen behalten habe: „Den Lamed, Kreuzung des Weizens von der Inſel Noé mit dem Prince⸗Albert. „Den Aleph, Kreuzung des Noé⸗Weizens mit dem weißen Flandriſchen oder Weizen von Bergues. Seitdem habe ich andere Kreuzungen gemacht und habe viele neue Formen in Unterſuchung. „Die Charaktere der vervielfältigten hier angeführten Weizen⸗ ſorten ſind folgende: „Aleph.— Bemerkenswerte Varietät durch ſeine außer⸗ gewöhnliche Beſtockung, die Länge ſeiner Ähren und die außer⸗ ordentliche Schönheit ſeines Kornes, welches ſehr voll, lang und dick und völlig weiß iſt. Aber auf der anderen Seite iſt er ein ſpäter Weizen, der von dem Noé⸗Weizen eine ſehr ausgeſprochene Neigung, brandig zu werden, geerbt hat. Er iſt nur mittel⸗ mäßig widerſtandsfähig gegen das Lagern. „Nach zwei Jahren der Prüfung im großen habe ich ihn aufgegeben, aber dieſes Jahr hat er in verſchiedenen Kulturen derartig ſchöne Reſultate gegeben, daß ich meine Beurteilung etwas ändern möchte. Dieſes heißen und trockenen Jahres be⸗ 70 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. durfte er gerade, um ſeine Fehler zu bemänteln und ſeine guten Eigenſchaften hervortreten zu laſſen. Bei unſerm Kollegen Pluchet hat er ungefähr 48 hl pro Hektar gegeben(12 hl 50 auf 27 a). Er iſt höher im Stroh als der Noé und beſtockt viel mehr; ſolange er grün iſt, hat er die meergrüne Farbe des Noé. Die Ähre ähnelt der des Noé, iſt aber bedeutend länger. „Dattel.— Er iſt ein rotähriger Winter⸗Chiddam, größer und in allen ſeinen Teilen kräftiger, das Stroh iſt beſonders 15 em länger; die Ähre iſt etwas größer und von einem weniger tiefen Braun, das Korn dicker, ſehr voll und weiß. Er iſt ein ſchöner Weizen, der gut beſtockt, dem Lagern völlig widerſteht, ſehr ertragreich iſt und ſich für gute reiche Böden eignet. Er giebt ſehr ſtarke Erträge und iſt mittelfrüh. In der Umgegend von Paris ſchlägt er gut ein und iſt hier bereits geſucht, be⸗ ſonders in der Brie und im Norden. 3 „Der Lamed dagegen iſt beliebter in der Beauce und in den warmen und trockenen Ländern. Er iſt zeitig, beſtockt etwas weniger als der Dattel, hat aber kräftigere Ähren. Er zeigt eine ſehr ausgeſprochene Ähnlichkeit in den Eigenſchaften der Ähre mit dem Bordeau⸗Weizen, aber ſein Stroh iſt ſchöner und hohler. Sein Korn iſt dick, blaßrot, ſehr voll und ſchwer. Obgleich dieſer Weizen um 1874 oder 1875 gezüchtet und in⸗ folge deſſen ſchon 10 Jahre mit Sorgfalt ausgewählt worden iſt, hat er ſich noch nicht vollſtändig befeſtigt, und es finden ſich darin alle Jahre immer einige weiße Ähren.“ Der Galland⸗Weizen, welcher ſich eine gewiſſe Berühmt⸗ heit erworben hat, iſt gleichfalls durch Kreuzung erzielt. Der Vicomte de Thury hat neuerdings über die Ergebniſſe ſeines Anbaues in der Umgegend von Orthez, in den Baſſes⸗Pyrénées, die folgenden Einzelheiten mitgeteilt: „Ich habe davon auf dem Hektar 32 hl von 80 kg, alſo 2560 kg Weizen erhalten. Dieſer Weizen war, mit 150 l pro Hektar, zu dünn geſäet worden; er bedarf mindeſtens 200; und dies aus zwei verſchiedenen Gründen: zunächſt, da das Korn ungeheuer groß iſt, wie man ſich in der Halle von Orthez an Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 71 den Markttagen hat überzeugen können, ſo geht davon eine viel geringere Anzahl auf das Maß; ſodann, weil er ſehr zart iſt und leichter in der Maſchine zerbricht als die harten Weizen⸗ ſorten. Dies iſt für die Müllerei keine Unzuträglichkeit*), aber nötigt dicker zu ſäen. Wenn ich 200! pro Hektar geſäet hätte, ſo würde ich vielleicht 7 bis 8 hl mehr gehabt haben. „Meine anderen, durch Mötayage**) bewirtſchafteten Güter werden mir nicht mehr als 16 bis 18 hl pro Hektar ergeben. Man führt einen meiner Nachbarn an, einen ſelbſt wirtſchaften⸗ den Eigentümer, welcher auf einem Felde 24 hl pro Hektar gehabt hat. Durch Erſatz des Galland⸗Weizens für den Land⸗ weizen und eine Ausgabe von 400 kg Dünger, d. i. 118 Frk. pro Hektar, habe ich alſo wenigſtens 14 hl mehr auf dem Hektar.**) Zu nur 20 Frk. gerechnet, macht dies 280 Frk,, d. i. 162 Frk. Netto⸗Gewinn, nicht gerechnet den Wert des Strohes und des noch nicht verbrauchten Düngers, der ſich im Boden „befindet. Das iſt eine zu 200% gemachte Anlage auf meinem eigenen Grund und Boden. *)(Anm. d. Überſ.) Dies iſt ein Irrtum des Vicomte de Thury; ein Weizen, der viel gebrochene Körner enthält, wird auch von den Müllern ſtets niedriger bezahlt, da der ge— brochene Weizen mit den kleinen Unkrautſämereien durch die Siebvorrichtungen der Mühle fällt und ſo der Verwertung als Mehl verloren geht, die Bruchkörner aber, welche nicht durch die Siebe fallen, ein dunkles unanſehnliches Mehl liefern, indem die Bruchflächen in dem Bürſtenmechanismus der Mühle von Staub beſchmutzt werden. **)(Anm. d. Überſ.) Métayage iſt eine im ſüdlichen Frankreich vielfach übliche Halbpart⸗Wirtſchaft, bei welcher der Pächter dem Beſitzer als Pacht ſtatt Geld einen beſtimmten Teil der geernteten Früchte in natura abliefern muß. ***)(Anm. d. Überſ.) Es ſcheint mir ſehr gewagt, ſolche Schlußfolgerungen aus dem Vergleich der eigenen Ernte mit der eines Nachbars zu ziehen. 72 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. „Jedermann hat über die Qualität des Mehles des Galland⸗ Weizens urteilen können, und über das Brot, welches es ergab. Ich habe ihm vorwerfen hören, das Brot balle ſich etwas zu⸗ ſammen, was für gewiſſe Leute eine Unanehmlichkeit wäre, aber für andere Leute und andere Länder ein großer Vorzug, z. B. in Spanien und in Italien. Es iſt aber ſehr leicht, dieſem Üübelſtande abzuhelfen, wenn man es wünſcht. Der Galland⸗ Weizen giebt beim Mahlen nur 9 kg Kleie pro 100 kg Weizen, anſtatt 18 kg, welche der gewöhnliche Weizen giebt; er hat daher ſehr wenig Cerealin. Sein Mehl iſt auch reicher an Stärke als an Kleber: das Aufgehen des Teiges iſt alſo ſchwieriger. Man muß einen ſtärkeren Sauerteig nehmen, oder, was noch beſſer iſt, Bierhefe anwenden, wie es alle Bäcker des nördlichen Frankreich machen, welche nur Mehle von ſtärkereichen Weizenſorten zu verarbeiten haben. Ich habe zu Hauſe durch ein Viehhof⸗Mädchen, welches nichts davon verſtand, vollſtändig aufgegangenes Brot von Galland⸗Weizen machen laſſen, jedoch mit Sauerteighefe, und mein Müller, welcher den Weizen gemahlen hatte, ſagte mir, daß er davon 2 hl in derſelben Zeit mahlte wie 1 hl gewöhnlichen Weizen.“*) *) Anm. d. Uberſ. Wenn ſich wirklich aus dieſem kleber⸗ armen Weizen ein gutes Brot herſtellen läßt, was ich nicht weiß, da ich die Varietät nicht kenne, ſo iſt dies jedenfalls nicht mit allen mehlreichen und kleberarmen Weizenſorten der Fall. In der Provinz Sachſen wird unter dem Namen„Rauhweizen“ ein in Schottland als„Rivetts Bearded“ ſchon im vorigen Jahrhundert bekannter Weizen viel angebaut. Derſelbe übertrifft den Squarehead oft an Korn⸗- und faſt immer an Strohertrag und hat für die Landwirte, welche ein ſehr großes Weizenfeld haben, den Vorteil, daß er viel ſpäter als andere Sorten reift und ſelbſt in todreifem Zuſtande nicht ausfällt. Dieſer Weizen liefert aber ein ſo kleberarmes Mehl, daß er nur mit anderen kleberreichen Weizenſorten vermiſcht gut backfähige Ware liefert.— Faſt alle neuerdings bei uns eingeführten engliſchen Weizenſorten Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 73 Auf meinem Gute zu Calèves am Genfer See hat mir der Galland⸗Weizen nicht ſo vorteilhafte Reſultate gegeben wie er im Südweſten Frankreichs liefert. Anſtatt ſeinen Charakter zu bewahren, iſt er ſchnell entartet, und ich glaube daß dieſe That⸗ ſache beſchrieben zu werden verdient: Der Weizen, welchen ich hatte kommen laſſen, hatte, wie Vicomte de Thury ſagt, ungeheure Körner mit blendend weißem Mehle. Der Galland⸗ Baſtardweizen hat ferner eine ganz be⸗ ſondere Eigentümlichkeit. Die Ähren haben zur Zeit, wo ſie ſich zeigen, Grannen, aber ſie verlieren dieſelben beim Abſterben. Das erſte Jahr hatten faſt alle Ähren dieſen Charakter; ich bemerkte nur ſehr wenige, welche gar keine Grannen hatten. Das zweite Jahr hatte etwa die Hälfte der Pflanzen dieſe kurzlebigen Grannen; die andere Hälfte war unbegrannt. ſind, wenn auch nicht in dem Maße wie der Rauhweizen, kleber⸗ ärmer als unſere alten einheimiſchen Arten; ihre Einführung wurde daher von den Müllern vielfach bekämpft.— Jetzt ſcheinen ſich die großen fabrikmäßig betriebenen Mühlenwerke mehr mit den engliſchen Weizenſorten ausgeſöhnt zu haben, indem ſie die— ſelben nach einem beſtimmten, vorher durch Kleberbeſtimmungen und oft durch Backverſuche feſtgeſtellten Verhältnis mit kleber⸗ reichen ausländiſchen(z. B. ſüdruſſiſchen und ungariſchen) Weizen⸗ ſorten miſchen. übrigens iſt es richtig, daß es ſehr von der Gewohnheit und dem Geſchmack des Publikums abhängt, wie viel Kleber das Mehl enthalten muß. Der Leiter eines großen Mühlenwerkes im Königreich Sachſen verſicherte mir, daß man in Dresden ein Mehl tadele, welches in Magdeburg beliebt ſei und umgekehrt, da man in Dresden ſchon vor Einführung der Eiſenbahnen ge⸗ wohnt geweſen ſei, ſehr kleberreichen böhmiſchen Weizen zu verarbeiten, während Magdeburg von alters her vorwiegend mit dem kleberärmeren Weizen aus der Umgegend verſorgt worden ſei, und man ſich hier an das daraus gebackene Brot gewöhnt habe. Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. Das dritte Jahr bildeten die grannenloſen die große Mehr⸗ zahl. Sie wichen von den erſteren noch in anderer Beziehung ab. Ihre Ährchen waren weiter von einander entfernt, und die Körner zeigten einen hornigen Bruch, ganz anders als der weiße und mehlige Bruch des urſprünglichen Weizens. Wie konnte ſich dieſe ſchnelle Entartung vollziehen? Um das zu ergründen, habe ich einige Reihen Grannen⸗ weizen und einige Reihen unbegrannten beſonders geſäet. Indem ich ihre Vegetation ſorgfältig beobachtete, habe ich gefunden, daß der erſtere mehr von den kalten Wintern leidet als der letztere und daß ſeine Reife um 8— 14 Tage ſpäter eintritt.*) Der Galland⸗Weizen kam von der Umgegend von Ruffec in der Charente⸗Inférieure, einer Gegend, wo die Winter weit weniger ſtrenge ſind als an den Ufern des Genfer Sees und wo die Sommer auch weniger trocken ſind. Nun hängt aber *)(Anm. d. Überſ.) Eine ähnliche Beobachtung habe ich an dem erwähnten Rauhweizen(Rivetts Bearded) gemacht. Sehr oft hört man behaupten, daß er leicht ausarte, da er ſtets nach einigen Jahren ſtark mit grannloſen Ähren untermiſcht iſt, während er ſelbſt ein begrannter, zu triticum turgidum gehöriger Weizen iſt, wenn auf ſeine Reinhaltung keine andere als die im Groß⸗ betriebe gewöhnlich übliche Sorgfalt verwandt wird. Bei lang⸗ jähriger Nachzucht dieſes Weizens aus ausgeleſenen typiſchen Ähren, die ich zugleich zur Reinhaltung und zur Verbeſſerung meiner Weizenſorten betreibe, hat er ſich als völlig konſtant er⸗ wieſen, auch weiß ich aus der engliſchen Litteratur, daß er ſich in Schottland über 100 Jahre konſtant erhalten hat.— Da er aber leichter als irgend ein anderer bei uns angebauter Weizen durch den Winter leidet und ſich ſpäter als andere Sorten im Frühjahr entwickelt, ſo iſt es ſehr begreiflich, daß alle zufälligen Beimiſchungen, die ja im Großbetriebe unvermeidlich ſind(durch die Dreſchmaſchinen, vor allen durch den Stallmiſt, auch wenn er zur Vorfrucht, oder noch früher angewandt wurde), ſich viel reichlicher vermehren und bald das Üübergewicht bekommen. Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 75 der Zeitpunkt der Reife nicht allein von der Wärme ab: er hängt von der relativen Menge Feuchtigkeit ab, welche der Boden und die Atmoſphäre enthalten. Zu Ruffec hatte ſich der Galland⸗ Weizen gewöhnt langſam zu reifen; im Canton Wadland wurde er zeitiger von der Trocknis überraſcht. Folgendes berichtet man über den Urſprung des blauen oder Noé⸗Weizens: Im Jahre 1826 zeigte eine Ladung Korn von Odeſſa einem reichen und intelligenten Müller von Nérac, mit Namen Planté, eine Eigentümlichkeit, welche er noch nicht wahrgenommen hatte: es waren viel dickere Weizenkörner, von anderer Form und ſchönerem Gelb als die, welche er von ſeinen Geſchäſtsfreunden zu empfangen gewohnt war. Er hatte den Gedanken, ſie zu ſortieren und ſie fortzupflanzen, da er beachtenswerte Reſultate davon er⸗ hoffte. Es geriet ihm über ſeine Erwartungen. Er erhielt einen Weizen, mit kurzem, kräftigem Halme, der eine kurze, dicke, volle und cylindriſche, immer aufrechte und unbegrannte Ähre hatte, und welcher 14 Tage früher als der Landweizen zur Reife ge⸗ langte. Da die Pflanze bis zur Zeit der Ernte von einer bläulich meergrünen Farbe war, gab man ihr den Namen blauer Weizen. Der Dr. Duffour, welcher ſich, nachdem er lange Zeit ſeine Kunſt in Paris mit Auszeichnung getrieben, auf das Gut Bazin bei Lectoure zurückgezogen hatte, ſtudierte aufmerkſam die eingeführte Frucht des Pächters Planté; er machte ſich die große Frühreife und den reichlichen, um 3 oder 4 hl pro Hektar höheren Ertrag des blauen Weizens klar bei ſonſtiger Gleichheit aller Kulturverhältniſſe; er machte große Anſtrengung, ihn im Departement des Gers einzuführen. Ein früherer Schüler Roville's, welcher das dem Marquis de Noé gehörige Gut Caumont auf der Inſel Noé bewirtſchaftete, lehrte dieſen vor⸗ züglichen Weizen ſeinen Gutsherrn kennen, der ihn an Darblay empfahl. Seitdem wurden Verſuche auf einer großen Fläche in der Beauce gemacht, durch die Darblay, die Rabourdin, die Lefévre, d. h. durch die bedeutendſten Landwirte und Müller des Landes. Nach und nach verbreitete ſich die Kultur des blauen Weizens 76 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. über einen großen Teil Frankreichs, und er hat wichtige Dienſte geleiſtet. Er widerſteht dem Lagern ſehr gut, aber er hat den Fehler, leicht auszufallen. Das was man Bordeaux⸗Weizen oder„rouge inversable“ nennt, iſt nur eine Untervarietät davon, welche durch Zuchtwahl gebildet iſt, und der Weizen der Inſel Verte ſcheint noch ein Abkömmling dieſes Bordeaux⸗Weizens zu ſein. Die Inſel Verte liegt in der Gironde zwiſchen ihrer Mün⸗ dung und der Stadt Bordeaux und dieſer Weizen iſt das Produkt der ſehr ſorgfältigen Kulturen, welche Laurent machen läßt. Der Noé⸗Weizen iſt eine Einfuhr vom ſüdlichen Rußland geweſen. Einen andern Weizen erhielten wir dagegen vom Nord⸗ weſten Europas, deren Kenntnis wir hauptſächlich Schribaux verdanken. Dies iſt der Shiriff⸗Weizen*), welchen H. Vilmorin in ſeinen„Meilleurs blés“ unter dem Namen„Weizen mit vier⸗ kantigen Ähren“ bezeichnet hat. Dieſe Varietät ſtammt wahr⸗ ſcheinlich von Yorkſhire. Von da wurde ſie 1874 nach Dänemark eingeführt, wo ſie ſchnell eine große Verbreitung gewann und ſeit 1879 nach Deutſchland, wo ſie ſich raſch große Beliebtheit erwarb. Sie iſt ganz beſonders den Wirtſchaften nützlich, welche, um ſehr zuckerreiche Rüben zu bekommen, dieſelben nach einem Weizen beſtellen, zu dem ſie ſtarke Miſtdüngungen anwenden. Der Shiriff⸗Weizen verträgt den friſchen Dünger gut; Dank einem ſehr widerſtandsfähigen Stroh giebt er ohne zu lagern Ernten, welche, wie man ſagt, 40 metriſche Centner auf dem Hektar erreichen. Allerdings ſorgen die deuſchen Landwirte dafür, um dieſe ungeheuren Erträge zu erhalten, daß den 40 000 kg Stall⸗ *)(Anm. d. Überſ.) Wiederholt iſt in der deutſchen landwirtſchaftlichen Litteratur darauf hingewieſen, daß der Shirriff⸗Weizen auch bei uns mit Unrecht meiſt dieſen Namen führt; der ſchottiſche Farmer Shirriff in Saltcoats, welcher dieſen Weizen unter ſeinem Namen nach Dänemark ſchickte, hat ihn weder gezüchtet noch verbeſſert. In England fand ich ihn 1879 unter dem Namen Squarehead-Weizen bereits allbekannt, einen Shirriff⸗Weizen kannte niemand. Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 77 miſt im Herbſte 400 kg Kalk⸗Superphosphat und oft im Frühjahr Chiliſalpeter hinzugefügt wird; ferner ſäen ſie ihn in 18 bis 20 cm entfernten Reihen, um ihn im Frühjahr leicht hacken zu können.*) Der Shiriff⸗Weizen muß im Oktober oder Anfang November geſäet werden. Er verträgt die Kälte des Winters und die Spätfröſte ſehr gut, weil er im Frühjahr langſam in Vegetation tritt, aber er beſtockt dennoch ſtark.*) Er gedeiht beſſer als jeder andere auf den kalten und bindigen Thonböden. Er iſt auch dem Roſt wie dem Lagern wenig unterworfen, aber er er⸗ reicht ſeine höchſten Erträge nur bei reichlichen Düngungen. Es iſt eine Varietät, die auf unſeren Gütern verſucht werden muß. 1885 hat er auf dem Verſuchsfelde von Grignon und *)(Anm. d. Überſ.) Was der Verfaſſer über die Er⸗ träge des Squarehead⸗(Shirriff⸗) Weizen in Deutſchland ſagt, iſt durchaus nicht übertrieben. Durchſchnittserträge der ganzen Weizenernte von 40 Doppelcentner pro Hektar kommen in den Zuckerrübenwirtſchaften der Provinz Sachſen durchaus nicht nur vereinzelt vor. Auf einem einzelnen Ackerſtücke habe ich ſchon bis 45 Doppelcentner geerntet.— Eine Miſtdüngung von 40 000 kg pro Hektar möchte aber bei uns doch wohl zu den großen Seltenheiten gehören; auch erkennt man in unſeren Rüben⸗ wirtſchaften immer mehr, daß eine mäßige Miſtdüngung von ca. 25 000 kg pro Hektar dem Zuckergehalte unſerer heutigen beſſeren Rübenſorten nicht ſchadet. Man baut daher den Weizen vorwiegend nicht in Stallmiſt und wendet nach zehrenden Vor⸗ früchten wie Kartoffeln und Rüben, 200 bis 300 kg Chiliſalpeter pro Hektar außer der nötigen Phosphorſäure an. *)(Anm. d. Uberſ.) Nach meinen Beobachtungen beſtockt ſich der Squarehead bei uns nicht ſo ſtark wie andere Sorten und kann daher etwas mehr Einſaat vertragen. Da außerdem die Seitenſproſſe dichter aneinander parallel mit dem Haupthalm emporſchießen, kann man oft in einem auf 20 em Reihen⸗ entfernung gedrillten Felde noch kurz vor der Reife die Drill⸗ reihen erkennen und doch eine reiche Ernte machen. 78 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. auf den beſten Böden des Gutes Armainvilliers, bei Eug. Mir 40 Mtr.Ctr. pro Hektar gegeben. Zu Capelle bei Templeuve im Departement du Nord hat Florimond Desprez 1885 pro Hektar geerntet: beſonders der Prince⸗Albert höhere Erträge geliefert.*) Shiriff⸗Weizen, weiß mit weißem Stroh (von franzöſiſcher Abkunft).... Shiriff⸗Weizen, rot mit weißem Stroh (ſchottiſcher))... Shiriff⸗Weizen, rotgelb mit weißem Stroh (deutſcher)........ Shiriff⸗Weizen, rotgelb mit weißem Stroh (däniſcher)....... Gelber Auſtraliſcher Grannenweizen. Weißer Flandriſcher Weizen mit weißem Stroh(Weizen von Bergues)— Roter Nurſery⸗Weizen mit weißem Stroh Weißer Chiddam⸗Weizen mit rotem Stroh Noſeau⸗Weizen........ Vilmorin's roter Lamed⸗Weizen mit rotem Stroh.... Korn kg 3805 3806 3795 3765 4048 3308 3150 2991 3921 3150 Stroh kg 6990 5280 5120 5360 7850 7455 832²0 6228 6730 5955 Alſo der Shiriff⸗Weizen wurde im Kornertrage übertroffen durch den Auſtraliſchen und durch den Roſeau⸗Weizen. Seine Quglität iſt dem erſteren überlegen, aber dem zweiten unter⸗ geordnet. In demſelben Departement zu Berſée hat Simon⸗Legrand mit 60 000 kg Miſt und 250 kg Chiliſalpeter davon nur 32 hl à 82 kg erhalten. Auf denſelben Böden und bei derſelben Düngung haben der rote Weizen mit rotem Stroh(blé roux à paille rousse), der rote(roux) Weizen mit weißem Stroh und *) Nach Porion und Dehérain hat der Weizen mit vierkantigen ÄAhren 40 Mtr.⸗Ctr. Korn in Wardrecques in Pas⸗de⸗Calais und 48 ½ Mtr. Ctr. in Blaringhem im Departement du Nord geliefert(1885). Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 79 In der Charente⸗Inférieure bei Dr. Menudier zu Plaud⸗ Chermignac bei Saintes iſt der Shiriff⸗Weizen völlig fehl⸗ geſchlagen. Seine Kultur ſcheint um ſo weniger vorteilhaft zu ſein, je mehr ſie nach dem Süden fortſchreitet, ohne Zweifel weil er mehr und mehr dem Verſchrumpfen ausgeſetzt iſt. „In der Iſére, ſchreibt Michel Perret, auf Alluvial⸗ Boden, nach einer ſehr ſtark gedüngten Tabaksernte, welche das Lagern jeder anderen Weizenſorte verurſacht haben würde, hielt ſich der Squarehead⸗Weizen aufrecht, mit einem mächtigen Stroh; aber Ende Mai iſt er plötzlich verbrannt; die noch un⸗ vollendete Reife wurde unterbrochen, und der Ertrag betrug nur 20 hl pro Hektar eines ſehr mittelmäßigen Weizens, während mein ganzes Weizenfeld mir dieſes Jahr im Durchſchnitt 39 hl ſehr ſchönen blauen Weizen gab, der zur Saat verkauft wurde. „Es wäre wahrhaftig ärgerlich, fügt Perret hinzu, wenn dieſe große Widerſtandsfähigkeit des Shiriff⸗Weizens gegen das Lagern im ſüdlichen Frankreich nicht nutzbar gemacht werden könnte. Könnte man nicht dieſen Weizen mit den Sorten zu kreuzen ſuchen, welche in jeder Ortlichkeit am beſten gedeihen? Das iſt ein Verſuch, den ich jetzt mache.“ Wenn ein Landwirt den Anbau von Weizenvarietäten ver⸗ ſucht, welche anderwärts gut gediehen, aber für ihn und ſeine Gegend neu ſind, ſo thut er gerade das Gegenteil von der Zuchtwahl. Dieſe Varietäten ſind zwar durch Zuchtwahl an ihrem Urſprungsorte erzeugt und verbeſſert worden; aber dieſe Zuchtwahl hat ſie beſonders dem Boden und Klima dieſes Ur⸗ ſprungsortes angepaßt; und ſie werden anderwärts nur gedeihen, wenn ſie ungefähr dieſelben Bedingungen finden. Indem man ſie zur rechten Zeit einführt, kann man un⸗ mittelbar von aller Arbeit Nutzen ziehen, durch welche dieſelben vervollkommnet wurden und ſo ſehr ſchnell zu vorzüglichen Reſultaten gelangen; aber man muß bei dieſen Einführungen vorſichtig ſein, und dieſe neuen Varietäten erſt in Großkultur nehmen, nachdem man ſie im kleinen während mehrerer Jahre verſucht hat. 80 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. Das vortreffliche Buch, welches die Herren Vilmorin über die„beſten Weizenſorten“ veröffentlicht haben, kann uns in der Wahl der Varietäten leiten, welche bei uns die größte Ausſicht auf Erfolg zu haben ſcheinen. Sie haben ſorgfältig alle ihre guten Eigenſchaften und alle ihre Fehler angegeben, ebenſo wie die Klimaten und Böden, zu denen jede dieſer Varietäten am beſten paßt und für welche ſie in Wirklichkeit die„beſten Weizenſorten“ ſind. „Wie bei den Tieren, ſagt Vilmorin, giebt es bei den Pflanzen mehr oder weniger vervollkommnete Raſſen, welche den verſchiedenen Graden von Kulturfortſchritten entſprechen. Die einen ſind derb, beſcheiden und wenig anſpruchsvoll; ſie paſſen für die ſchlechteſten Böden und geſtatten denſelben alles zu ent⸗ ziehen, was ſie geben können: dies ſind koſtbare Werkzeuge, mit deren Hilfe man wenig, aber noch etwas leiſten kann mit ſehr geringen Mitteln. Andere dagegen ſind ſehr düngergierig, ſehr anſpruchsvoll, unfähig das Elend des Mangels zu ertragen, ſind aber andererſeits die einzigen, welche ſehr guten Böden die un⸗ gewöhnlichen Erträge abgewinnen können, welche man bei der intenſiven Kultur in Ausſicht nehmen muß. Zwiſchen dieſen beiden Extremen findet man eine Menge Zwiſchenſtufen. Man verſuche, anſpruchsvollen Weizen auf mageren Boden, genügſamen Weizen auf fruchtbaren Boden zu bringen, und der Erfolg wird beider⸗ ſeits ſchlecht ſein: in einem Falle wird man nichts ernten, im anderen wird die Ernte die Kulturkoſten nicht decken.“ „Prüfe alles und behalte das Beſte“, ſagt ein altes Sprich⸗ wort, und dies iſt beim Ackerbau wie bei allen Dingen das Mittel, mit Vorſicht fortzuſchreiten. Aber man muß mit einer be⸗ ſtimmten Methode und Konſequenz verſuchen, und zu dieſem Zwecke iſt es nützlich, für die Wahl der Weizenvarietäten, wie für die der Düngemittel, nicht nur Verſuche hier und da zu machen, ſondern einen beſonders den Verſuchen zuſagenden Fleck Landes einzurichten, der möglichſt eingefriedigt, durch Fußſteige eingeteilt und derart ge⸗ legen iſt, daß man oft hingehen und alle Arbeiten der Beſtellung und Ernte überwachen oder noch beſſer ſelbſt verrichten kann. Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 81 Üüberdies ſind die wohl eingerichteten Verſuchsfelder ſo intereſſant, daß ſie ſehr bald der Lieblings⸗Spaziergang des Landwirtes werden. In den Schulen dienen ſie gleichzeitig zum Unterrichte, und dieſer Unterricht durch den Anblick iſt nicht nur für die Schüler nützlich, ſondern auch für die Landwirte der Umgegend, welche ſo die Varietäten kennen lernen, die am beſten für ihr Klima und ihre Böden paſſen. Auf der praktiſchen Ackerbau⸗Schule von Saint⸗Remi in Depar⸗ tement der Haute⸗Saône, waren die Erträge der verſchiedenen auf dem Verſuchsfelde 1882 angebauten Weizenvarietäten die folgenden: V Zeit Zeit Gewicht Srtrag an der des pro Varietät 8— Hfnpf. 4— Be⸗ Auf⸗ Hekto⸗ Kö b V ſtellung ganges liter Körnern Stroh 1. Roter unumwerf⸗ kg kg kg barer Weizen (rouge inversable) 8. Okt. 18. Okt. 73,50 37,56 5000,00 .Chiddam-Weizen.„ 25.„ 75,50 34,63 4714,28 . Spalding⸗Weizen.„ 18.„ 74,00 34,38 5172,72 .Hickling⸗Weizen.„ 20.„ 75,00 31,74 5316,88 .Weißer Flandri⸗ ſcher Weizen.. 6. Weißer Richelle⸗ A 8 90 do 5 20.„ 75,00 30,67 6803,33 Weizen. 20.„ 76,00 30,50 3636,82 7. Weißweizen von Eſſer.... 20.„ 75,00 28,52 4555,55 S8. Victoria⸗Weizen.„ 18.„ 75,50 28,28 3333,33 9. Neſtoba⸗Weizen*).„ 17.„ 75,00 25,78 4755,81 10. Prince⸗Albert⸗ 2 Weizen...„ 20.„ 75,00 23,93 5717,84 11. Saumur⸗Weizen. 4 22.„ 75,00 22,36 5409,85 12. Hecken⸗ oder Trim⸗ tale⸗Weizen 13. Weißweizen von Angers...„ 22.„ 74,50 21,93 rae „ 20.„ 76,50 22,22 5000,00 *)(Anm. d. Überſ. Soll vielleicht Urtoba heißen? 6 Rimpau, Weizenbau. 82 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. Die Weizenſorten der Großkultur haben noch bedeutendere Unterſchiede ergeben, weil der Einfluß der Böden und Vorfrüchte ſich mit dem der Varietäten vereinigt hat. 2 Ertrag pro t 5 ktar an Zeit— He Varietäten Ttbes Vorfrüchte der Be⸗„ S 2 ſtellung 5 35 2 5 3 5 6 kg hl kg kg 1. Blauer Weizen Kalkhaltiger Brache 19. Sept. 70 45 8206 1100 Thon 2. desgl.... desgl. Mais, Wicken, 28.„ 70 43,256787 1000 Bohnen 3. Rohrweizen. (Roſeau).. desgl. Rüben 29.„ 75 36 7200]„ 4. Blauer Weizen desgl. desgl. 5. Nov. 75 32,25 5778 800 5. Goldendrop⸗ Weizen.. desgl. Klee 28. Geut. 75 32(4500 700 6. Gem. Sommer⸗ Kieſeliger Weizen... Thonboden Raps, Rüben 13. März 75 24,50 5154 692 7. Roter Ungar. V Weizen desgl. Kartoffeln 28. Sept. 75 21(4275 500 8. desgl.. desgl. Klee 17. Okt. 70 18,50/4200] 533 Auf der praktiſchen Ackerbauſchule von Merchines bei Vaubecourt im Departement der Meuſe, baute Millon bis 1854 nur den Landweizen und ſeine Durchſchnittserträge überſtiegen 12 bis 13 hl nicht. Von den verbeſſerten Weizenſorten, welche er nach und nach in ſeinen Verſuchsfeldern erprobt hatte, behielt er, um ſie in die Großkultur überzuführen, in erſter Linie den Auſtraliſchen Weizen, ſodann den Chiddam, den Hallet und den Goldendrop, die, wie er ſagt, ungefähr gleichwertig ſind. Heute erntet er im Durchſchnitt 35 bis 36 hl Weizen pro Hektar; zuweilen hat er 44 hl erreicht. L. Grandeau hat das Verſuchsfeld der praktiſchen Ackerbau⸗ ſchule Mathieu de Dombasle berühmt gemacht, welche zu Tomblaine bei Nancy liegt und von Thiry ſehr gut geleitet wird. Folgende Tabelle giebt die 1885 erhaltenen Reſultate: Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 83 Varietäten: Mtr.⸗Ctr. pro Hektar. Korn Stroh 1. Aleph........26,14 78,74 2. Auſtraliſcher...... 30,20 73,21 3. Haie...... 29,57 65,00 4. Hunter white.. 24,45 68,52 5. Hickling......33,67 60,00 6. Lamed...... 30,33 61,66 7. Square⸗Head.... 34,71 57,70 8. Dattel...... 31,70 58,86 9. Blood red......30,18 57,30 10. Goldendrop.... 25,86 62,32 11. Galand.... 27,19 56,35 12. Zeeländer...... 25,21 58,82 13. Bordeaux.......30,48 48,00 14. Victoria..... 19,97 52,50 15. Weißer glatter Poulard.. 25,39 41,00 16. Weißer Flandriſcher 21,02 38,32 17. Winter⸗Chiddam.. 18,31 38,23 Geſamt-Durchſchnitt 27,68 57,47 Der Noé⸗Weizen, der Bordeaux⸗Weizen, der rote Weizen von Saint⸗Laud, der Roggenweizen, der Hériſſon⸗Grannenweizen und, in den ſüdlichen und öſtlichen Departements, der Richelle von Neapel können ebenſo gut am Ende des Winters oder im Frühjahr wie im Herbſt geſäet werden. Henri Vilmorin nennt ſie„Februar⸗Weizen“, weil ſie, in dieſem Monat oder im Januar geſäet, auf guten Böden Erträge geben können, welche nicht viel von denen des Winterweizens abweichen, Erträge, welche in allen Fällen um ein Fünftel an Korn und Stroh höher ſind als die des eigentlichen Sommerweizens, welcher im März geſäet wird. Dieſe Februarweizen können große Dienſte leiſten, wenn die Beſtellung vor Winter nicht beendet werden konnte, oder wenn ſtarke Fröſte den Weizen, welcher im Herbſt geſäet war, vernichtet haben. 6* 84 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. Auf allen Gütern von einiger Ausdehnung iſt es zweck⸗ mäßig, etwas Sommerweizen zu bauen. Wenn man einen Teil des Kornes bis zum Ende des Winters aufbewahrt, ſo kann das⸗ ſelbe als Erſatz ſehr wertvoll ſein im Falle daß der Winter⸗ weizen durch einen zu ſtrengen Winter vernichtet ſein ſollte. Er findet außerdem mit dem Hafer und der Gerſte eine ganz natürliche Stelle in der Fruchtfolge nach Kartoffeln oder Rüben, welche zu ſpät eingeerntet wurden, um noch Winterweizen zu ſäen. Der blaue Noé-Weizen hat im Frühjahr nach dem ver⸗ hängnisvollen Winter von 1870 bis 1871 unſchätzbare Dienſte geleiſtet. Bei mehrjährigem Anbau nach einander als März⸗ Weizen wird ſein Korn kleiner und röter. Der Hickling⸗März⸗ weizen liebt die trockenen Böden und Klimaten. Vilmorin hat von einem Felde braunen Heriſſon den „grannenloſen Hériſſon“ erhalten, ein vorzüglicher März⸗Weizen, welcher einen Boden von beſtimmtem Reichtum erfordert, aber der beſſer dem Lagern widerſteht als der alte Hériſſon⸗Weizen mit kreuzweiſen Grannen. Der Goldregen⸗Weizen oder Goldendrop⸗Märzweizen giebt 28 bis 30 hl rotes ſehr langes Korn mit einem hohen und weißen Stroh. Endlich der feinſte und ertragreichſte Sommer⸗ weizen iſt der„weiße März⸗Chiddam“. Im allgemeinen iſt es gut, in der Großkultur immer mehrere Weizenvarietäten zu bauen. Wenn die einen früher als die anderen beſtellt und geerntet werden müſſen, ſo wird die Ver⸗ teilung der Arbeiten leichter und man kann mit derſelben Zahl von Geſpannen und Arbeitern eine größere Fläche bebauen. Ferner ſind dieſe Varietäten nicht gleich empfindlich gegen die meteorologiſchen Einflüſſe, welche im Laufe des Jahres eintreten; zuweilen giebt die eine von ihnen mehr, zuweilen die andere; es iſt ſelten, daß ſie alle fehlſchlagen, und die Ernte bleibt auf dieſe Weiſe gleichmäßiger. Es vollzieht ſich eine Art natürlicher Verſicherung unter ihnen. Man erzielt ebenſo dieſe Verteilung der günſtigen und un⸗ günſtigen Ausſichten, wenn man auf einem und demſelben Felde, — —.,—— —.-—.— en— Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 85 anſtatt einer, mehrere Weizenvarietäten ſäet. Gewöhnlich blühen dieſe Varietäten nicht gleichzeitig. Dies iſt aber die gefährlichſte Periode der Vegetation; es genügt ein kalter Regen, um ſie in Gefahr zu bringen. Wenn infolge des Regens die Blüten der einen dieſer Varietäten unfruchtbar bleiben, ſo kommen die anderen durch; alle werden nicht auf einmal betroffen.*) Was die Reife betrifft, ſo tritt ſie dennoch ungefähr zu gleicher Zeit bei allen dieſen Varietäten ein; auf alle Fälle iſt der Unterſchied ſo gering, daß man unbeſorgt den Weizen ſchneiden kann, wenn eine der Sorten reif iſt; die anderen reifen völlig aus in Haufen oder in Puppen(moyettes). Das Weſentliche iſt, Varietäten zu wählen, welche zu gleicher Zeit geſäet werden müſſen. „Es iſt eine durch zahlreiche Verſuche feſtgeſtellte That⸗ ſache, ſagt H. Vilmorin, daß das Gemiſch von zwei diſtinkten Weizen⸗Varietäten faſt immer einen größeren Kornertrag giebt als den, welchen man von der einen oder anderen dieſer Varie⸗ täten, allein angebaut, erhalten haben würde; auch ſieht man oft Landwirte ihr Land mit gemiſchtem Weizen beſtellen. „Man macht ſich den Vorteil dieſer Handlungsweiſe klar, wenn man bedenkt, daß jede Weizenvarietät von allen anderen nicht nur durch ihre äußeren Eigenſchaften abweicht, ſondern auch *)(Anm. d. Überſ.) Wenn die Miſchſaat mehrerer Varie⸗ täten wirklich die vom Verf. und ſeinem Gewährsmann Vil⸗ morin gerühmten Vorzüge bietet, was mir in Ermangelung be⸗ weiſender Verſuche vorläufig zweifelhaft iſt, ſo möchte ich be⸗ ſtreiten, daß ungünſtiges Wetter während der Blüte beim Weizen von Einfluß iſt. Während der auf Fremdbefruchtung angewieſene Roggen durch regneriſches Wetter in der Blütezeit bedeutend geſchädigt werden kann, geht bei dem vorwiegend auf Sichſelbſt⸗ befruchtung eingerichteten Weizen nach meinen Beobachtungen die Befruchtung auch bei ungünſtigem Wetter normal vor ſich, was auch mit den Berichten anderer, die ſich mit den Be⸗ fruchtungsvorgängen eingehend beſchäftigt haben(z. B. Godron's) übereinſtimmt. 86 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. in gewiſſem Maße durch ihre Ernährungsweiſe, durch ihre be⸗ ſonderen Anſprüche und durch die Natur der Stoffe, welche ſie aus dem Boden ſchöpft; dies ſind ſicherlich geringe Unterſchiede, aber dennoch genügend, um einen deutlichen Einfluß auf den Ertrag auszuüben. Man hat bei Beurteilung der zu dichten Saaten ſehr richtig geſagt, daß das ſchrecklichſte Unkraut für den Weizen der Weizen ſelbſt iſt; dies iſt wahr, beſonders wenn alle Pflanzen, welche ſich im Kampfe und im Mitbewerb be⸗ finden, zu derſelben Varietät gehören, denn die Wurzeln einer jeden werden ſich beſtändig mit den Wurzeln anderer Pflanzen in Berührung befinden, welche zur ſelben Zeit und in der⸗ ſelben Tiefe im Boden genau dieſelben Nährſtoffe ſuchen. Wenn man zwei verſchiedene Varietäten zuſammen beſtellt hat, ſo leuchtet ein, daß der Mitbewerb nicht ſo vollſtändig und nicht ſo erbittert ſein wird.*) *)(Anm. d. Üüberſ.) Dieſer Grund für die Vorteile der Miſchſaat iſt mir nicht einleuchtend; der Üüberſchuß an allen Nährſtoffen muß jedenfalls ſtets ſo groß ſein, daß er den viel⸗ leicht einſeitigen Anſprüchen einer reinen Varietät genügt; außer⸗ dem ſind die Anſprüche an beſtimmte Nährſtoffe bei verſchiedenen Weizenſorten gewiß nicht ſo verſchieden, daß ſich daraus ein Vorzug der Miſchſaat ableiten läßt. Der um die Veredelung des Getreides in England ver⸗ diente, vom Verf. auch citierte Oberſt Le Couteur giebt den ganz entgegengeſetzten Ratſchlag. Er behauptet, daß die indi⸗ viduellen Unterſchiede bezüglich des Eintritts der Reife unter den verſchiedenen Pflanzen einer anſcheinend gleichförmigen Sorte ſo erheblich wären, daß man von einem Korne nach⸗ züchten müſſe, um gleichmäßig reifenden Weizen zu bekommen, und davon hinge vor allem die Erzielung eines gut backfähigen Mehles ab. Mir ſcheinen beide Ratſchläge, Vilmorin's und Le Cou⸗ teur's, mehr auf theoretiſche Erwägungen als auf genaue Verſuche begründet zu ſein. Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 87 „Ein anderer Vorteil der Kultur von gemiſchtem Weizen iſt, daß man im allgemeinen Korn von ſchönerem Ausſehen er⸗ hält; dies iſt beſonders der Fall, wenn man einen gelb⸗ oder weißkörnigen Weizen mit einem rotkörnigen, oder eine Varietät mit mildem Korn zu einer ſolchen mit etwas hornigem oder glaſigem Korn miſcht; man erhält auf dieſe Weiſe das was man auf den Märkten einen panachierten Weizen nennt. Gewöhnlich verkauft ſich ſolcher Weizen beſſer als die reinen Weizenſorten.*) „Man kann annehmen, daß man gewöhnlich keine beſonderen Reſultate erzielt, wenn man ſich des gemiſchten Weizens, den man geerntet hat, von neuem zur Saat bedient; faſt immer gewinnt die eine der beiden Varietäten ſehr ſchnell die Oberhand in dem Gemiſche; es iſt daher gut, die Varietäten, welche ge⸗ miſcht werden müſſen, abgeſondert und rein anzubauen und ſie erſt zur Zeit der Saat in dem Verhältnis, welches ſich als das vorteilhafteſte gezeigt hat, wieder zu mengen. „Endlich geſtattet die Miſchung von Weizenſorten, in ge⸗ wiſſem Grade den Unzuträglichkeiten vorzubeugen, welche Varie⸗ täten, die im übrigen ſehr gut und empfehlenswert ſind, in gewiſſer Beziehung zeigen könnten. Es giebt z. B. ertragreiche Sorten mit ſehr ſchönem Korn, welche man nur deshalb zu bauen Anſtand nehmen könnte, weil man mit Grund befürchten muß, daß ſie lagern; nun können dieſe ſelben Varietäten, gemiſcht mit anderen von weniger feiner Qualität, aber mit ſehr kräftigem, widerſtandsfähigem Stroh, welche ihnen als Stütze dienen, unter den beſten Bedingungen und ohne die Gefahr umzufallen, aus⸗ reifen; man erhält auf dieſe Weiſe einen geſicherten Ertrag an Stroh und Korn.“ Rémont zu Minpincien(Seine⸗et⸗Marne) zieht ſeinen Saatweizen durch Zuchtwahl, wie es H. Vilmorin empfiehlt, *)(Anm. d. Überſ.) Um dieſen Vorteil zu erzielen, könnte man auch mehrere rein angebaute Weizenſorten auf dem Korn⸗ ſpeicher miſchen; dies wäre alſo kein Grund, verſchiedene Sorten im Gemenge zu bauen. 88 Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. und ſeinen Verkaufsweizen durch Miſchung verſchiedener Varie⸗ täten. Alle Jahre kauft er aus ſicherer Quelle 1 oder 2 hl neue Varietäten, welche er verſuchen will, oder alte Sorten, Bordeaux, Noé, Chiddam⸗Weizen ec., die er bereits als paſſend für ſeinen Anbau kennt, aber welche er erneuern will.*) Er ſäet jede derſelben beſonders. Nach dem Ertrage des erſten Jahres trifft er ſeine Auswahl, um noch im zweiten Jahre jede Varietät beſonders zu ſäen. Dann miſcht er davon im dritten Jahre zwei oder drei zuſammen. Er glaubt, daß er durch dieſes Verfahren eine durchſchnittliche Vermehrung der Ernten um 4 bis 5 hl erzielt, unabhängig von der, welche von den chemiſchen *)(Anm. d. Überſ.) Die Frage des Samenwechſels wird vom Verf. gar nicht berührt. Von unſeren neueren deutſchen Schriftſtellern vermengt Wollny den Samenwechſel mit dem Bezug anderer Varietäten aus fremden Gegenden, zwei Verfahren, die ich für ganz weſentlich verſchieden halte, und ſpricht ſich auf Grund theoretiſcher Erwägungen dahin aus, man ſolle nur dann mit dem Samen wechſeln, wenn durch ungünſtige Umſtände die Qualität des Saatkorns eine zu geringe geworden ſei, oder „wenn die unter konkreten Verhältniſſen angebauten Gewächſe in gewiſſen Eigenſchaften nicht den an ſie geſtellten Anforderungen genügen, z. B. in der Frühreife, in der Mehligkeit des Kornes (Weizen).“ Novacki hält den Bezug anderer Sorten und den Samenwechſel auseinander, findet aber den letztern auch nur bei entſchieden ſchlechter Beſchaffenheit des eigenen Saatgutes gerecht⸗ fertigt. Er führt auch eine frühere Außerung von mir an, daß man im allgemeinen dem Samenwechſel eine viel zu hohe prak⸗ tiſche Bedeutung beigelegt hat. Seitdem ich aber von vielen gut beobachtenden und er⸗ fahrenen Praktikern wiederholt verſichern gehört habe, daß ſie ſtets periodiſch Saatgut beſtimmter, regelmäßig angebauter Sorten aus anderen Gegenden beziehen, obgleich ihr eigenes von nor⸗ maler Beſchaffenheit iſt, und darin einen Vorteil gefunden haben wollen, ſeitdem ich ferner die vielen zum Teil gerade dem Ge⸗ Fünftes Kapitel. Varietäten des Weizens. 89 Düngemitteln herrührt, und von welcher wir im II. Kapitel ge⸗ ſprochen haben. Auf der praktiſchen Ackerbauſchule zu Saint⸗Remi, legt Le Pere Cordier, ihr vortrefflicher Direktor, großen Wert auf eine Miſchung des Landweizens mit den beſten fremden Varietäten, beſonders engliſchen, z. B. Weizen von Altkirch mit blauem Weizen, blauen Weizen mit Hunter⸗ oder Hallet⸗Weizen. Die engliſchen Weizenſorten ſind ſehr ertragreich, wenn ſie geraten, aber ſie leiden recht oft von den kalten Wintern des öſtlichen Frankreich. Wie Rémond, ſo ſäet auch Le Pere Cordier ſie nur allein, um Saatkorn zu ziehen. Um Verkaufs⸗ treidebau entnommenen Beiſpiele aufmerkſam geleſen habe, welche Charles Darwin dafür anführt, daß die Verſetzung in etwas veränderte äußere Lebensbedingungen für die Organismen häufig von Vorteil iſt, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß man über die Zweckmäßigkeit des Samenwechſels nicht ſo ohne weiteres aburteilen darf, daß allerdings aber auch noch keine ſorgfältig ausgeführten Verſuche vorliegen, welche den Nutzen des Samenwechſels beweiſen.— Darüber, in welcher Richtung der Samenwechſel vorgenommen werden ſoll, gehen die Anſichten der Praktiker völlig auseinander: die Einen wollen die Pflanze aus ungünſtigeren Bedingungen in günſtigere verſetzen, die Andern wollen nur Saatgut vom allerbeſten Boden beziehen. Vielleicht — ſo könnte man nach Darwin's Anſchauung vermuten— haben beide richtig beobachtet, indem es ſich nur um eine Ver⸗ änderung der Lebensbedingungen handelt, gleichviel in welcher Richtung. Der Verſuch, dieſe nicht unwichtige Frage, zunächſt für Weizen und Hafer, zu beantworten, hat auf meine Anregung voriges Jahr die Saatgut⸗Abteilung der neuen deutſchen Land⸗ wirtſchafts⸗Geſellſchaft unter Mitwirkung von 14 Landwirten in den verſchiedenſten nach beſtimmten Grundſätzen ausgewählten Gegenden Deutſchlands begonnen. Ob derſelbe gelingen wird, kann ſich erſt nach mehreren Jahren zeigen. 90 Sechſtes Kapitel. Auswahl und Vorbereitung des Saatgutes. weizen zu erzielen, miſcht er ſie mit den derberen einheimiſchen Varietäten und„die ſtrengſten Winter, ſagt er, haben immer genug Pflanzen hinterlaſſen, um auf den gut gedüngten Böden eine Mittelernte zu geben; die Beſtockung füllt die durch die Fröſte entſtandenen Lücken teilweiſe aus.“ In Jahren mit milden Wintern erhält er Ernten von 39 bis 40 hl pro Hektar. In Lothringen bei Luneville macht es Paul Genay ebenſo: z. B. 1876 nahm er pro Hektar 150! Lothringer Weizen, 151 blauen Weizen, 151 roten Hallet, 35 1 Hunter und 101l roten Schottiſchen(nach dem Einbeizen gemeſſen). Zu Merchines bei Bar⸗le⸗duc fand Millon eine Miſchung von Chiddam, Hallet und Goldendrop zweckmäßig, aber er ſäet den Auſtraliſchen Weizen allein, weil er 10 bis 14 Tage früher reift als die drei vorigen Varietäten. Sechſtes Kapitel. Auswahl und Vorbereitung des Saatgules. Welche Weizenvarietäten man auch verwendet, es giebt all⸗ gemeine Regeln, welche man bei der Auswahl und Behandlung der Körner befolgen muß, die man zur Saat beſtimmt: Das vor ſeiner völligen Reife geerntete Korn, ſelbſt das, welches ſich noch im milchigem Zuſtand befindet, enthält ſchon einen entwickelungsfähigen Embryo. Aber in der Praxis iſt der Weizen um ſo geeigneter zur Saat, je reifer er zur Zeit des Schnittes iſt. Das ſchlecht ausgereifte Korn enthält mehr Waſſer als das reife Korn, und folglich iſt es mehr der Gefahr ausgeſetzt ſich zu erhitzen, wenn es in die Scheune eingebracht oder nach dem Druſche im Speicher auf den Haufen geworfen iſt. Haberland hat die Keimkraft von Weizen verſchiedenen Alters verglichen, welche er, die einen einfach an der Luft, die anderen in einem allmählich bis zu 50 bis 60° geheizten Trocken⸗ ofen hatte trocknen laſſen. Die erſteren enthielten 11,3 bis 11,7% Waſſer, die letzteren 4,9 bis 5,6%. Alle waren in ———— Sechſtes Kapitel. Auswahl und Vorbereitung des Saatgutes. 91 verſchloſſenen Flaſchen aufbewahrt worden. Er fand, daß der Weizen gab Prozente keimfähiger Körner an der Luft getrocknet im Trockenofen getrocknet 10 Jahr alt 0 16 9„„ 0 70 8„„ 88 100 7„„ 0 98 6„„ 96 96 5„„ 5 86 4„„ 71 96 3„„ 98 99 2„„ 97 99 1„ 99 100 Der Verſuchsanſteller bemerkt ſelbſt, daß nicht alle ſeine Flaſchen gleich gut verſchloſſen waren und daß Feuchtigkeit in dieſelben eingedrungen ſein mußte. Jedenfalls geht klar daraus hervor, daß die Landwirte mit Recht den Weizen der letzten Ernte zur Saat verwenden. Die Weizenkörner bewahren ihre Keimkraft viel länger, wenn ſie in möglichſt ausgetrocknetem Zuſtande in Silos gethan werden, in welchen Luft⸗ und Feuchtigkeitszutritt, ſowie Tempe⸗ raturwechſel unmöglich oder ſehr gering ſind. Aber es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß die Geſchichte von den ägyptiſchen Mumienweizen, welche noch keimen könnten, nachdem ſie mehrere tauſend Jahre in den Sarkophagen der Pyramiden eingeſchloſſen waren, nichts als eine Fabel iſt. Man hat ſeit alter Zeit aller Art Aufbewahrungs⸗Ver⸗ fahren für Weizen erdacht, welche teils auf ſeinen möglichſt ab⸗ ſoluten Ruhezuſtand begründet ſind durch Ausſchluß aller Be⸗ dingungen, welche ihn in Bewegung bringen könnten, wie in den Silos, teils dagegen auf eine fortwährende Lüftung und Be⸗ wegung, wie in den Pavy⸗Speichern. Ehemals hatten dieſe Verfahren eine große Bedeutung, weil man nach Jahren reicher Ernten Kornvorräte zu erhalten 92 Sechſtes Kapitel. Auswahl und Vorbereitung des Saatgutes. ſuchen mußte, um den Ausfällen vorzubeugen, welche in den folgenden Jahren kommen konnten. Aber heute ſichert die Ver⸗ vollkommnung der Transportmittel zu Lande und zu Waſſer alle Länder gegen die Wiederkehr der verhängnisvollen Hungers⸗ nöte, welche bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts die Be⸗ völkerung mancher Länder periodiſch dezimierte. Das Problem, welches man durch Aufbewahrung des Weizens von einem zum anderen Jahre zu löſen ſuchte, beſteht nicht mehr, weil man immer das Korn der Länder, welche reiche Ernten gemacht haben, in diejenigen leicht transportieren kann, welche ſchwächere Ernten hatten. Die fetten Kühe giebt es jedes Jahr in einigen Ländern, und durch ſie werden die mageren Kühe der anderen Länder mit gefüttert. Ehemals ſchätzte man den Schwund des Weizens für ein Jahr im Durchſchnitt wenigſtens 5%. Zu dieſem Verluſte mußte man die Unkoſten und die durch den Vorrat entſtandenen Kapitalzinſen hinzurechnen. Heutzutage werden dieſe Ausgaben geſpart, oder ſie werden wenigſtens durch die Transportkoſten erſetzt. Es beſteht eine Konkurrenz zwiſchen den Aufbewahrungs⸗ mitteln und den Transportmitteln, und dieſe Konkurrenz ſucht das Sinken des Durchſchnittspreiſes herbeizuführen, indem ſie die Abwechſelung des Steigens und Sinkens weniger fühlbar macht. Das Gleichgewicht der Preiſe ſtellt ſich im Raume her, anſtatt ſich in der Zeit herzuſtellen. Nach einer arabiſchen Sage wäre der Weizen dem Menſchen durch den Engel Michael gebracht, und dieſer himmliſche Weizen war von der Dicke eines Straußeneies. Aber als der Menſch gottlos wurde, wurde das Weizenkorn auf die Größe eines Hühnereies vermindert, dann ſchwand es allmählich auf die Größe eines Taubeneies, dann auf die einer Haſelnuß; zur Zeit Joſephs war es noch von der Dicke einer Erbſe. Wir würden gut zu thun haben, um die Dicke unſeres Weizens wieder zu der eines Straußeneies zurückzuzüchten, und ich glaube, daß wir mehr Vorteil davon haben, wenn wir mehr Körner pro Hektar zu erzeugen ſuchen, ſelbſt wenn dieſes Korn Sechſtes Kapitel. Auswahl und Vorbereitung des Saatgutes. 93 nicht einmal die Dicke einer Erbſe hätte. Übrigens geben, wie wir ſchon geſagt haben, die dickſten Körner nicht immer die er— tragreichſten Pflanzen, und es iſt beſſer kleine Körner zu ſäen, die von guten Pflanzen ſtammen, als dicke Körner, welche von ſchlechten Pflanzen ſtammen. Aber bei gleicher Herkunft und bei gleichem ſpezifiſchen Gewichte haben die dicken Samen gewiſſe Vorzüge vor den kleinen. Sie enthalten verhältnismäßig mehr Stärke in Reſerve, um die jungen Pflanzen zu ernähren bevor ihre Blätter genügend ent⸗ wickelt ſind, um die Kohlenſäure der Luft zu zerlegen und den Kohlenſtoff zu fixieren. Die großen Körner, welche bei der Saat etwas tiefer untergebracht wurden, können leichter ans Licht gelangen und laufen weniger Gefahr, verloren zu gehen. Die, deren erſte Würzelchen oder Graskeime durch Trocknis, Froſt oder irgend welche anderen Zufälle zerſtört ſind, können dieſe Organe neu bilden. Alle vegetieren mit mehr Kraft. Nach Dr. Guſtav Marek hatten Pflanzen, welche dickem Samen entſproßten, Wurzeln von 585 mm Länge, während die der kleinen Samen nur 291 mm hatten. Pflanzen welche dicken Körnern entſtammten, hatten 314,5 mm Höhe, während die andern nur 282 hatten. Um zu zeigen, daß dieſe Unterſchiede von der größeren oder geringeren Menge Reſervenahrung herrührten, welche die Weizenkörner enthielten, ſäete derſelbe Verſuchsanſteller am 16. Januar: 1. ganze Körner; 2. Körner, von denen die Hälfte der Stärke entfernt war; 3. Körner, von denen zwei Drittel der Stärke entfernt war, und er fand, daß am 27, Februar die erſteren 370 mm Höhe hatten, 4 Internodien und eine ſehr große Neigung zur Beſtockung; die zweiten nur 200 mm Länge, 3 Internodien mit wenig Neigung zur Beſtockung; die dritten endlich waren nur Zwergpflanzen mit 130 mm Länge und 2 Internodien, ohne irgend eine Achſelknoſpe. Dr. Marek ſetzt hinzu, daß kein Dünger während der erſten Vegetationsphaſe die im Korne enthaltene Stärke erſetzen kann; und er ſchließt daraus, daß der Landwirt zur Saat die dicken 94 Sechſtes Kapitel. Auswahl und Vorbereitung des Saatgutes. Körner mit Vorzug vor den kleinen gebrauchen muß. Aber er hat bei ſeinen Verſuchen eine gewiſſe Zahl dicker Körner mit einer gleichen Zahl kleiner verglichen. Die Erfolge wären nicht dieſelben geweſen, wenn er die Ernten von zwei gleichen Stücken Landes verglichen hätte, wovon das eine mit 1 hl dicker Körner, das andere mit 1 hl kleiner Körner beſtellt war. In dem zweiten wären mehr Pflanzen geweſen als in dem erſten, und dadurch wäre bis zu einem gewiſſen Grade die geringere Vegetations⸗ kraft der kleinen Körner ausgeglichen. Was diejenigen Körner betrifft, welche nur ein ungewöhn⸗ liches Volumen haben, aber deren ſpezifiſches Gewicht verhältnis⸗ mäßig niedrig iſt, wie ſolche, die man zuweilen gewinnt, wenn man Weizen ſehr dünn auf einen ſehr reichen Boden ſäet, ſo täuſcht deren Anſehen. Sie enthalten nicht mehr Stärke und ſie enthalten verhältnismäßig weniger ſtickſtoffhaltige Stoffe als etwas weniger voluminöſe, aber ſpezifiſch ſchwere Körner. Solcher Weizen mit Körnern mittlerer Größe, die aber gut ernährt und ſchwer ſind, wird kräftigere Pflanzen liefern als ein Weizen mit voluminöſen Körnern, welche ein niedriges Hektolitergewicht haben. Nichtsdeſtoweniger kann es einen gewiſſen Vorteil bieten, aus einer gegebenen Menge Weizen die kleinſten Körner zu ent⸗ fernen, bevor man ihn zur Saat verwendet. Dieſes Ausleſen ge⸗ ſchieht zugleich mit dem fremder Samenkörner vermittelſt Cylinder oder Trieure von Pernollet, Vachon, Lhuillier, Joſſe ec., welche jedermann kennt, und die zu beſchreiben folglich unnütz iſt. Man muß dafür ſorgen, zur Saat nur ſo geſunde Körner zu verwenden wie möglich; aber um ſicher zu ſein, die Brand— ſporen zu töten, welche ſich darin finden könnten, wendet man die wohl bekannten Verfahren der Kälkung oder des Vitriolens an. Das beſte iſt unſtreitig das Vitriolen mit ſchwefelſaurem Kupferoxyd(blauem Vitriol) im Verhältnis von 1 kg Vitriol auf 400 reinen Waſſers.*) Eine konzentriertere Löſung würde *)(Anm. d. Überſ.) In bezug auf die Einwirkung des Kupfervitriols ſcheinen ſich nicht alle Weizenſorten gleich zu ver⸗ Siebentes Kapitel. Anzuwendende Saatmenge pro Hektar. 95 der Keimkraft der Körner ſchaden. Man thut den Weizen in einen Weidenkorb mit Handhaben und taucht ihn in dieſe Löſung. Wenn er abgetropft iſt, bringt man ihn in Haufen und er iſt dann zur Saat bereit. Gewöhnlich präpariert man ihn tags vorher. Wenn man es einige Tage vorher thut, könnte der Weizen zu keimen beginnen; dies könnte übele Folgen haben und würde auf alle Fälle nötigen, dicker zu ſäen. Das Volumen des Kornes vermehrt ſich durch Aufnahme von Flüſſigkeit um 20 bis 25%, ſo daß 100l trockener Weizen 120 bis 1251! vitriolten Weizen bilden. Haberlandt hat die Anwendung einer Löſung von ½⁄0 pro 100 übermanganſauren Kalis geraten. Um den Weizen vor Staubbrand zu ſchützen, empfiehlt J. Kühn, ihn in Schwefel⸗ ſäure einzutauchen, welche im Verhältnis von 1 Säure auf 150 Waſſer verdünnt iſt. Siebentes Kapitel. Anzuwendende Saatmenge pro Vektar. Joulie hat die Zählung der Ähren vorgenommen, welche ſich pro Quadratmeter auf den Weizenfeldern der 8 Güter der Brie mit 40 hl Ertrag pro Hektar befanden, von denen wir bereits betreffs der Düngung geſprochen haben. Er hat 400 Ähren gefunden. Wieviel Körner muß man pro Quadratmeter ſäen, um dieſe ideale Ernte zu bekommen?— Joulie giebt zu, daß die Verluſte an der Zahl der Körner ungefähr durch die Beſtockung ausgeglichen werden. Es kommen pro Quadratmeter im Durchſchnitt 400 Stöcke oder Büſche, ſo daß die Hälfte der halten. In einer Weizenſorte, Molds Red Prolific, ein ſtark beſtockender Weizen, der auf ziemlich geringem flachgründigem Boden noch gut gedeiht, fand ich 1885 viel Schmierbrand, den ich früher gar nicht gehabt hatte, obgleich das Saatgut nach der Vorſchrift von Jul. Kühn 16 Stunden unter einer ½⸗ prozentigen Kupfervitriol⸗Löſung geſtanden hatte. 96 Siebentes Kapitel. Anzuwendende Saatmenge pro Hektar. Körner nicht zur Cntwickelung kam, wogegen jeder Stock im Durchſchnitt 2 Ähren trug. Bei Hagenau im Elſaß hat Oppermann Reſultate erhalten, welche ſich ſehr denen der Brie nähern: er hat 403 Körner pro Quadratmeter geſäet und hat im Mittel 402 Ähren darauf ge⸗ zählt, aber nur 180 Büſche; es gingen alſo etwas mehr Körner verloren, aber es ergab auch etwas mehr Ähren pro Buſch. Iſidore Pierre hatte bei ſeinen Verſuchen, welche er bei Caen gemacht, 408 Körner pro Quadratmeter geſäet, und dieſe 408 Körner haben nur 146 Mutterſtöcke oder Büſche gegeben. Alſo haben 262 Körner von 408, etwa 64%, nichts produziert, zum Teil weil ſie wirklich beſchädigt und keimungsunfähig waren (6,35%), zum Teil weil ſie in der Erde verfault, auſgefreſſen, oder die aus ihnen entſtandenen Pflanzen aus verſchiedenen Ur⸗ ſachen verloren gegangen waren. Zur Zeit der Ernte am 30. Juli hat Iſidore Pierre im Mittel 3,41 Halme und etwas mehr als 2 AÄhren pro Buſch, im ganzen 275 Ähren pro Quadratmeter gezählt. Jede Ähre entſprach alſo einer Oberfläche von 36 qem. Die Ernte war 38 hl pro Hektar. Wieviel Hektoliter ſtellen nun dieſe 400 Körner pro Quadratmeter oder 4 Millionen Körner pro Hektar dar? Das hängt von der Körnerzahl ab, welche ein Hektoliter enthalten kann, folglich von dem Volumen der Körner, ihrer Form, ihrer mehr oder weniger glatten Oberfläche und von der Dichtigkeit der Lagerung im Meßgefäße. Joulie hat auf den Gütern der Brie, wo er die Ernten unterſuchte, gefunden, daß die Zahl der Körner von 2 Millionen bis 2,758,000 pro Hektoliter von 80 kg ſchwankte. Alſo kann die pro Hektar zu ſäende Literzahl zwiſchen 200 und 145 ſchwanken, je nach dem Volumen der Körner. Mit anderen Weizenſorten könnten dieſe Unterſchiede noch bedeutender ſein. So enthält nach Loiſeleur-Deslongchamp: 1 l weißer Richelle-Weizen.. 12,100 Körner 1 1 Saumur⸗Weizen..... 13,400„ Siebentes Kapitel. Anzuwendende Saatmenge pro Hektar. 97 11 weißer Flandriſcher⸗Weizen. 21 700 Körner 11 milder Odeſſa⸗Weizen... 29 040„ 11 Weizen von Marianopoli. 46 560„ Dieſelbe Varietät kann bald kleinere, bald größere Körner haben. Nach de Gasparin enthielt 1 hl Provencer Saiſette: in Paris geerntet.. 1 001 000 Körner in der Provence„ 1 702000„ Um 4 Millionen Körner auf den Hektar zu bekommen, müßte man alſo 3311 weißen Richelle ſäen, während 1801 weißer Flandriſcher Weizen genügen würden. Aber nicht alle dieſe Körner werden zum Keimen kommen und ſo vollkommene Pflanzen liefern wie es die theoretiſche Be⸗ rechnung vorausſagt. Man wird an den Zahlen, welche dieſelbe liefert, Korrektionen machen müſſen: 1. Wenn ein Teil der Körner die Keimkraft verloren hat, z. B. ein Zehntel, wovon man ſich durch einen vorherigen Keimungsverſuch in feuchtem Flanell überzeugen kann, ſo wird man die Saatmenge um ein Zehntel vermehren müſſen. 2. Je nachdem der Samen zu einer mehr oder weniger ge⸗ eigneten Tiefe untergebracht iſt, wird er beſſer oder ſchlechter keimen und eine größere oder geringere Anzahl Pflanzen liefern. Deshalb geſtattet die Drillſaat die Samenmenge bedeutend zu vermindern. Man muß auch die Körner abrechnen, welche die Vögel und die Mäuſe vernichten. 3. Sodann können, ſobald die jungen Pflanzen aus der Erde hervorgekommen ſind, aller Art Urſachen ihre Entwickelung beeinträchtigen. Dieſe Urſachen ſchwanken mit der Temperatur der Jahreszeit, aber im allgemeinen ſind ſie bei Beſtellungen, welche zu günſtiger Zeit gemacht wurden, weniger zu fürchten als bei verſpäteten Beſtellungen, weniger auf fruchtbaren Böden als auf zu armen oder zu feuchten Böden. Folglich muß man mehr Saatgut anwenden, wenn die Beſtellung ſpäter und in einem weniger reichen Boden gemacht wurde, wenn die Beſtellung verſpätet oder unvollkommen ausgeführt wird ec. Rimpau, Weizenbau. 7 98 Siebentes Kapitel. Anzuwendende Saatmenge pro Hektar. Da der Sommerweizen weniger beſtockt als der Winter weizen, ſo muß man ihn auch dicker ſäen.*) Aber man muß immer der alten Sprichwörter eingedenk ſein: „Säe dünn, ſo wirſt du dick ernten.“ „Wer dick ſäet, wird dünn ernten.“ „Schöner Raſen, ſchlechter Weizen.“ Wenn man zu dick ſäet, ſo werden die eng aneinander ge⸗ drückten und dadurch der nötigen Luft und des Lichtes beraubten Pflanzen bleich und ihre zarten Halme zerbrechen leicht, wenn ein ſtarker Regen fällt, oder der Wind heftig weht. Bei ſtark beſtockenden Varietäten, auf ſehr reichen Böden und in einem ſehr günſtigen Klima oder bei beſonderen Beſtellungs⸗ Verfahren, von denen wir gleich ſprechen werden, kann man die Saatmenge auf 100! pro Hektar oder ſelbſt noch weniger be⸗ ſchränken. Aber, wenn auch die zu dicken Saaten zu vermeiden ſind, ſo darf man doch ebenſowenig in das umgekehrte Extrem ver⸗ fallen. Es iſt eine ſchlechte Rechnung, an der Ausſaat 501 zu ſparen, wenn die Ernte hierdurch um 100 oder 200 l und das entſprechende Stroh verringert wird. Um es kurz zuſammenzufaſſen, nehmen wir 200 l als mittleres Saatweizen⸗Quantum pro Hektar an. Man kann es vermindern auf Grund folgender Umſtände: Varietät mit kleinen Körnern, welche gut keimt und ſtark beſtockt, fruchtbarer und reiner Boden, rechtzeitig vorgenommene Drillſaat. Wenn ſich alle dieſe günſtigen Umſtände vereinigt finden, ſo wird man die Einſaat auf 100 l pro Hektar beſchränken können. Dagegen wenn die Weizenvarietät dicke Körner hat, wenn dieſe Körner ſchlecht keimen und wenig beſtocken, wenn der Boden *)(Anm. d. Überſ.) Da der Sommerweizen in der Regel kleinkörniger iſt als Winterweizen, da er gewöhnlich in feiner be— arbeitetes Land kommt und den beim Winterweizen unvermeidlichen Verluſten an Pflanzen weniger ausgeſetzt iſt, halte ich trotz der ſchwächeren Beſtockung eine ſchwächere Ausſaat für geraten. Achtes Kapitel. Saatzeit. 1. Waſſer. 99 wenig reich und ſchlecht zur Beſtellung vorbereitet iſt, wenn breitwürfig geſäet wird, zu ſpät für Winterweizen oder zu früh für Sommerweizen, wenn ferner das Klima der Gegend den Extremen der Temperatur, der Dürre oder der Feuchtigkeit aus⸗ geſetzt iſt, ſo wird man die Einſaat vermehren und ſie bis auf 300! pro Hektar ſteigern müſſen, wenn ſich alle dieſe Faktoren vereinigen, um den Erfolg in Frage zu ſtellen. Achtes Kapitel. Jaatzeil. Damit das Korn keimen kann, müſſen drei hauptſächliche Bedingungen erfüllt ſein: es muß Feuchtigkeit, einen gewiſſen Wärmegrad und Luft haben. 1. Waſſer.— Ein Weizenkorn, welches in Waſſer getaucht oder in ein befeuchtetes Flanellſtück gelegt iſt, nimmt in 24 oder 48 Stunden genug Waſſer auf, um keimen zu können. Haber⸗ landt hat gefunden, daß eine gewiſſe Zahl Weizenkörner in Waſſer getaucht aufgenommen hatten: in 1 Tage.... 31,5%. „ 2 Tagen. 8347,6, „ 3„... 44,5 „ 4„.. 33,7, „ G„. 602 „„.. 63,1, „ 8„ 68,8„ In der Erde gebraucht das Weizenkorn mehr Zeit, um die zur Keimung nötige Waſſermenge aufzunehmen, und zwar mehr oder weniger je nachdem die Erde mehr oder weniger feucht iſt. Das Korn kann ſich des Waſſers nicht bemächtigen, wenn dasſelbe im gasförmigen Zuſtande iſt. Aber ſobald ſich der Waſſerdampf infolge einer Erniedrigung der Temperatur im Boden verdichtet, kann der Samen davon Vorteil ziehen. Es iſt mehrmals vorgekommen, daß ich Weizen in ſcheinbar ſehr trockenen Boden geſäet habe, und dennoch iſt er aufgegangen 7* 100 Achtes Kapitel. Saatzeit. ohne daß ein Tropfen Regen gefallen wäre. Während des Tages erwärmte ſich die obere Bodenſchicht und ihre Hohlräume füllten ſich mit Dampf, der aus dem noch feuchten Untergrunde ſtammte, des Abends kühlte ſich dann die Oberfläche der Felder ab und es lagerte ſich auf derſelben nicht nur der aus der Feuchtigkeit der Atmoſphäre ſtammende reichliche Tau ab, ſondern es bildete ſich auch in den Hohlräumen der Ackerkrume ein innerer Tau infolge der Verdichtung des dahin emporgeſtiegenen Waſſerdampfes. Dieſer doppelte von der feinen Erde aufge⸗ nommene oder auf den Körnern ſelbſt abgeſetzte Tau genügte ſchließlich, um den Weizen keimen zu laſſen. Infolge dieſer Waſſeraufnahme ſchwillt das Korn an; ſein Volumen vergrößert ſich in ſtärkerem Maße als ſein Gewicht. Die Zellen verlängern ſich; ihr Inhalt dehnt ſich aus und be⸗ reitet ſich vor, die Umbildungen einzugehen, welche der Sauer⸗ ſtoff der Luft und die Wärme alsbald an den Zellen vornimmt. Zugleich verliert das Korn durch eine Art Exosmoſe eine ge⸗ wiſſe Menge organiſcher und mineraliſcher Stoffe. Haberlandt hat gefunden, daß dieſer Verluſt ſich beim Weizen in 24 Stunden auf 1,14% ſeines Gewichts an Trockenſubſtanz erhob. Dieſe Exosmoſe wird dem Auge ſichtbar, wenn man Körner in feuchtem, weißem Sande keimen läßt; man ſieht bald um jedes derſelben eine kleine Zone Sand, welcher durch die daraus ausgetretenen Stoffe braun gefärbt iſt. Ein Übermaß von ſtauendem Waſſer ſchadet der Keimung mehr als ein Übermaß an Trockenheit. Das Korn ſchwillt zwar an; aber wenn das Waſſer, in dem es liegt, ſich nicht erneuert und nicht lüftet, ſo kann die Keimung nicht vor ſich gehen, und das Korn verfault. Die Trocknis kann dieſelbe nur verzögern; aber ſie vollzieht ſich, ſobald milde und allmähliche Regenfälle ihr die günſtige Miſchung von Waſſer und Luft geben. 2. Luft.— Die meiſten Körner enthalten, namentlich in den den Keim umgebenden Hohlräumen, eine gewiſſe Menge Luft. Nach Nowacki enthält der Weizen 8 bis 9% ſeines Volumens, und zuweilen viel mehr. Die Körner von mildem Weizen ent⸗ 2. Luft.— 3. Wärme. 101 halten mehr als die von hartem Weizen. Infolge dieſer kleinen Verſorgung mit Luft kann die Keimung beginnen, aber damit ſie fortſchreitet und ſich vollendet, müſſen die Körner bedeutend mehr Luft aufnehmen. Unter ihrem Einfluſſe bildet ſich die Diaſtaſe, und dieſes ſtickſtoffhaltige Ferment hat die Eigentümlichkeit, die Stärke in Dextrin, dann in Glukoſe umzuwandeln, welche löslich in Waſſer ſind und daher beweglich und befähigt werden, in die Organe der entſtehenden Pflanze überzugehen und zu deren Wachstum zu dienen. Dieſe Umbildungen ſind mit einem Entweichen von Kohlen⸗ ſäure und Kohlenoxydgas verbunden; es iſt eine pflanzliche Ver⸗ brennung, welche Wärme frei macht, Wärme, welche an einigen einzelnen Körnern nicht nachgewieſen werden kann, aber welche ſehr bemerkbar wird, wenn ſie in bedeutenden Mengen an— gehäuft ſind. 3. Wärme.— Nach Haberlandt keimt der Weizen nicht bei einer Temperatur unter 3 bis 4 Grad, ebenſowenig bei einer Temperatur über 32°. Bei den Verſuchen des gelehrten Wiener Profeſſors vollzog ſich die Keimung, d. h. die erſten Würzelchen wurden ſichtbar bei Winterweizen Sommerweizen zwiſchen 3,5°0 und 4,38°0 nach 6 Tagen nach 6 Tagen 8,2 0/ 10,25 0* 3 4 1 12,6 0* 15,75 0 2* 2 „ 15,2 0„ 19,0 0„ 1,75„„ 1,75, Wenn man die durchſchnittliche Temperatur mit der Zahl der Tage multipliziert, ſo findet man 23,640 bis 29,07° als die zum Erſcheinen der Würzelchen gebrauchten Wärmeſumme. Am 2. September um 4 Uhr nachmittags legte ich 10 Weizenkörner verſchiedener Varietäten in feuchten Flanell mitten in mein Laboratorium. Schon am Tage darauf um 8 Uhr morgens waren der Hunter und der Roſeau⸗Weizen ſehr angequollen, der Noéweizen und der rote ſchottiſche Weizen faſt gar nicht. Am 5. um 8 Uhr morgens waren 6 Körner des Hunter⸗Weizens gekeimt, 2 Körner 102 anderen 39,63. w Fig. 1. Gekeimtes Weizenkorn. ouuuugnnganunuullllnl== TTETIITn- Fig. 2. Achtes Kapitel. des Noé⸗Weizens, keines der andern Varietäten. dieſelbe Zeit zeigten faſt alle Körner ihre 3 Würzelchen.(Fig. 1.) Die mittlere Temperatur hatte 14,70 betragen. hatte der Hunter⸗-Weizen 24,73° Wärme gebraucht und die Saatzeit. Am 6. um Folglich Wenn die Körner anſtatt in feuchten Flanell, in die feuchte Erde auf einige Millimeter Tiefe eingebettet werden, ſo be⸗ darf es mehr Zeit und folglich eine größere Wärmeſumme, damit ihr Hälmchen an der Bodenoberfläche zu„ſpitzen“ anfängt. Unter dieſen Umſtänden habe ich gefunden, daß der Weizen wenigſtens 82 bis 85 Wärmegrade gebraucht, um aufzugehen und etwa 10 bis 12 Grade mehr für jeden Centimeter Tiefe, zu dem er unter⸗ gebracht iſt, folglich 122 bis 129°wenn er mit 4 bis 4 ½ em Erde bedeckt iſt.(Fig. 2.) Während nach Haberlandt der Weizen ſeine Würzelchen bei einer Temperatur von 3,5 bis 40 zu ent⸗ wickeln beginnen kann, ſo hat es mir niemals gelingen wollen, den geringſten Fortſchritt im Wachstum des Hälmchens nachzuweiſen, wenn die Temperatur unter⸗ halb+ 60 iſt. Wir können alſo+ 60, für einige Varietäten+ 70 als die zum Aufgange des Weizens notwendige Tem⸗ peratur betrachten und uns danach richten, um die Saatzeit zu beſtimmen. Wir brauchen in der Gegend, in welcher wir die Landwirtſchaft betreiben, nur die durchſchnittlichen Lufttemperaturen der letzten Monate des Jahres zu Rate zu ziehen, und wir können ſicher ſein, daß es in dem Monate, deſſen Durchſchnittstemperatur unter † 60 3. Wärme. 103 iſt, und für gewiſſe Varietäten ſelbſt in dem, wo ſich dieſe Temperatur ſchon auf+ 60 oder+ 6,50 erniedrigt hat, zu ſpät iſt, Weizen zu ſäen. So iſt in Paris der Durchſchnitt der November von 1806 bis 1880 6,5 geweſen, aber es hat Jahre gegeben, wo dieſer Durchſchnitt auf 40 oder ſelbſt 3,1 geſunken iſt. Wenn man folglich die Beſtellung nicht früher als im November vornehmen würde, ſo würde man wenig Ausſicht haben, den Weizen vor Winter ſich einigermaßen kräftigen zu ſehen. Daher das Sprich⸗ wort:„Wenn die Beſtellung auf Allerheiligen gerät, darf es der Vater ſeinem Sohne nicht ſagen.“ Aber der Durchſchnitt des Oktobers hat für denſelben Zeit⸗ raum 11,25°betragen, und es hat wenige Jahre gegeben, wo er unterhalb 10° geweſen iſt. Wenn, wie ich gezeigt habe, der auf 4 em Tiefe untergebrachte Weizen unter keimungsgünſtigen Feuchtigkeitsbedingungen 86°0 zum Aufgange und weitere 200 bis 300° zur Bildung von 2 oder 3 Blättern bedarf, ſo bildet dieſe Summe von 286 bis 386 Graden bei dem Durchſchnitte des Oktober 20 bis 30 Vegetationstage, d. h. faſt den ganzen Monat. Die während der erſten 14 Tage des Oktobers gemachten Beſtellungen haben alſo alle Ausſicht auf Erfolg. Aber ſchon die aus den zweiten 14 Tagen können gefährdet werden, wenn eine große Trocknis die Keimung verzögert und wenn die Tem⸗ peratur von Anfang November an ſtark abnimmt.*) Allerdings vermindert ſich im Herbſt die Durchſchnittstemperatur des Bodens nicht ſo ſchnell wie die der Luft und, wenn auch die äußeren Teile der jungen Pflanze nicht mehr genug Wärme empfangen, *) Anm. d. Überſ.) Es kommt m. E. nicht unter allen Umſtänden darauf an, daß der Winterweizen noch vor Eintritt des Winters vollſtändig aufgeht, geſchweige denn ſich beſtockt. In vielen Gegenden erntet man von einem ſpät beſtellten Winter⸗ weizen immer noch mehr an Geldwert als von Sommergetreide, und hier kann man ſo lange Weizen ſäen, wie es das Wetter 104 Achtes Kapitel. Saatzeit. um ſich kräftig zu entwickeln, können doch die Wurzeln noch Wärme genug in ihrer Umgebung finden, um zu wachſen und Nährſtoffe aufzunehmen, welche die in den Blattachſeln ver⸗ borgenen Knoſpen zum Wachstum veranlaſſen und ſo Beſtockung erzeugen. Allerdings tritt bisweilen nach einigen kalten Wochen noch einmal milde Temperatur, ein Martini-Sommer, unvermutet ein, wodurch die erſtarrte Vegetation für einige Zeit geweckt wird; auch behält die Erde, wenn der Winter die Felder mit einem dicken Schneemantel bedeckt, längere Zeit ihre Wärme unter dieſem Schutze bei und, wenn dieſer Schnee verſchwindet, findet man, daß der Weizen ſich vergrößert und einige weitere Blätter ge⸗ bildet hat; aber in der Umgegend von Paris und im ganzen Weſten Frankreichs iſt es ſelten, daß die Schneedecke lange genug dauert, um dieſen wohlthätigen Einfluß auszuüben. Man darf alſo nicht darauf rechnen und muß ſich des alten Spruches erinnern: „Willſt du guten Weizen mähen, Fürchte nicht zu früh zu ſäen.“ Zu früh zu ſäen iſt außerdem gewöhnlich unmöglich. Man muß abwarten, bis auf den Feldern die Vorfrüchte beſeitigt und die Geſpanne zur Verfügung ſind. Bevor man an den Weizen denken kann, hat man mit dem Raps, dem Roggen, den Bohnen ec. zu thun. Zuweilen verhindert auf ſchweren Böden die Trocknis das Pflügen. Zuweilen thun indeſſen die grauen Feldſchnecken den zeitigen Saaten großen Schaden. Es iſt ſchwierig ſie zu vernichten, weil ſie ſich am Tage unter den Erdſchollen, unter den Steinen geſtattet. Oft kommt ein ſo ſpät geſäeter Weizen, der erſt im Frühjahr völlig aufgeht, beſſer durch den Winter als ein früher beſtellter, deſſen Samenkorn gerade erſchöpft iſt, der aber nicht mehr im ſtande war, durch lebhaſte Aſſimilation vor Winter zu beſtocken und neu gebildete Reſerveſtoffe aufzuſpeichern.— Selbſt⸗ verſtändlich ſind ſo ſpäte Weizenſaaten auf vielen Böden und in manchen Klimaten nicht ratſam. 3. Wärme. 105 oder in dem Kraute benachbarter Wieſen verbergen und, ſobald die Sonne untergegangen iſt, in Maſſen kommen, um den jungen Weizen abzufreſſen. Man ſucht ihre Zerſtörungen zu mindern, indem man während der Nacht Ätzkalk auf den Rand der Weizen⸗ ſtücke ſtreut; aber dies iſt wenig ratſam. Die erſten Fröſte allein können mit dieſen gefräßigen Tieren aufräumen. Im nordöſtlichen Frankreich und in Deutſchland ſäet man den Winterweizen vom 15. September an; im Südweſten dagegen kann man die Saat bis in den November verzögern. Ebenſo iſt es in England, wo die Winter gemäßigter ſind als auf dem Continent. Überall hat man gewiſſe empiriſche Regeln, welche im all⸗ gemeinen völlig mit den meteorologiſchen Bedingungen des Landes zuſammen fallen. So hat Olivier de Serres geſagt,— man müſſe den Weizen ſäen, wenn man viele Spinnenfäden auf der Oberfläche der gepflügten Äcker bemerke. Nun erſcheinen dieſe Fäden im allgemeinen im mittleren Frankreich Ende September, und im Norden Anfang Oktober; ferner muß ein Feld, damit ſie häufig auftreten, ſeit einiger Zeit gepflügt ſein, und der Boden ſich wieder geſetzt haben können: was, wie wir ſehen werden, eine günſtige Bedingung für die Weizenſaat iſt. Für den Sommerweizen kann man die Beſtellungszeit, wie für den Winterweizen, nach der Durchſchnittstemperatur regeln. Während der Zeit von 1806 bis 1880 iſt das Mittel des Monats Februar zu Paris+ 4,3° geweſen. In gewiſſen Jahren iſt dieſes Mittel auf+ 6, und ſelbſt einige Male auf+ 70° ge⸗ kommen. Wenn folglich die Beſchaffenheit des Bodens geſtattet, den Weizen im Monat Februar zu ſäen, ſo iſt wenig Ausſicht vorhanden, daß er vor dem Monat März merkliche Fortſchritte macht. Dies hängt übrigens von den Weizenvarietäten ab. Die, welche Henri Vilmorin Februarweizen nennt, z. B. der Noé⸗Weizen, haben vielleicht eine niedrigere Anfangstemperatur als die anderen.“) Das Mittel des Monats März iſt zu Paris *)(Anm. d. Überſ.) Dies wird ſchwerlich der Grund ſein. Den eigentlichen Sommerweizen wird auch die Saat im Februar 106 Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. + 6,5 c. Man hat daher Grund, den größten Teil der Sommer⸗ weizen Märzweizen zu nennen und ſie womöglich während dieſes Monats zu ſäen. Nötigen Falls kann man damit bis zu den erſten Tagen des Aprils zögern. Im Jahre 1865 bekam der Sommerweizen zu Grignon keine ÄAhren. Anſtatt ihn im Februar oder Anfang März z3u— ſäen, wie man es gewöhnlich thut, war man daran durch die Kälte und durch Regengüſſe verhindert worden; man hatte ihn erſt ſpät, in weitläufigen Reihen von 25 cem geſäet. Trotz der— großen Hitze im April hatte er ſich gut beſtockt; die Blätter hatten ein ſchönes Grün, aber es zeigte ſich keine Ähre: er war zu ſpät geſäet.**) Dieſes Fehlen der Ähren hat ſich in dem— ſelben Jahre bei Buignet zu Chelles gezeigt, hier aber beim Hafer. Neuntes Mapitel. Tiefe der Saal. Am 25. Auguſt that ich in eine Kiſte Gartenerde, welche thonig, aber reich an Humus war. Ich befüllte ſie gut und bildete eine geneigte Oberfläche in der Weiſe, daß ſie an einem Ende bis zum Rande der Kiſte reichte, aber am anderen Ende ef- 20 cem unterhalb des Randes blieb. Die Neigung der Ober⸗ af fläche bezeichnete ich an der Außenſeite der Kiſte mit der Blei⸗ 3 feder. Dann ſäete ich Weizenkörner auf die ganze geneigte Fläche 2 und bedeckte ſie bis an den Rand der Kiſte mit lockerer Erde, ab nicht ſchaden, ſondern nützen, wenn ſie auch noch nicht aufgehen. Dagegen werden ſie bei ſchnellem Aufgange im Februar Gefahr laufen, noch zu erfrieren, was man beim„Februarweizen“ nicht zu fürchten hat. **)(Anm. d. überſ.) Eine derartige Beobachtung iſt meines Wiſſens in Deutſchland bei Beſtellung im April oder Mai noch nicht gemacht; vielmehr gilt der echte Sommerweizen für das Getreide, welches beſſer als Hafer und Gerſte eine ver⸗ ſpätete Beſtellung vertragen kann. Viel geringer als bei zeitiger Saat bleiben natürlich die Erträge immer. 1e. Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. 107 ſo daß auf der einen Seite die Körner kaum bedeckt waren, während ſie auf der anderen 20 cm tief und zwiſchen beiden in allen Zwiſchenſtufen der Tiefe lagen. Die wenigſt bedeckten Körner zeigten ihren Halm am 30. Auguſt; die, welche auf 3 cm untergebracht waren, ſpitzten am 1. September; ſchon am 2. September ſah man einige von 6 em aufgegangen und am 3. einige von 8 cem. Die, welche auf mehr als 8 em lagen, konnten die Erdſchicht, welche ſie ASSSAR Fig. 3.— Entwickelung von Weizenkörnern, die zu verſchiedenen Tiefen geſäet wurden. vom Lichte abſchied, nicht durchdringen mit Ausnahme von 2 oder 3, welche ſich ganz am Rande der Kiſte befanden. Am 4. Oktober entfernte ich die eine Seite der Kiſte und ließ, indem ich Waſſer darauf goß, allmählich die Erde, welche die Wurzeln umgab, herabfallen, um dieſelben bloß zu legen ohne ſie zu zerreißen und um ſo ihren Bau ſtudieren zu können. Die Figur 3 ſtellt einige dieſer Pflanzen dar. Das Korn D, welches ſich auf 11 em Tiefe befand, hat nur eine ausgezehrte Pflanze erzeugt, deren Halm und deren 108 Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. weiße oder gelbliche Blätter ſich vergebens in den Hohlräumen der Erde gewunden haben, um an die Oberfläche zu gelangen; aber der im Samenkorn enthaltene Vorrat von Nahrung war erſchöpft, bevor die Blätter das Licht erreichen und die Kohlen⸗ ſäure der Luft aufnehmen konnten. Dieſe Mißgeburten von Pflanzen nehmen in ihrem dunklen Gefängniſſe, in welches ſie eingeſchloſſen ſind, alle möglichen wunderlichen Formen an; die Halme gleichen weißen Wurzeln; einigen gelang es nicht aus dem Cotyledonblatt heraus zu kommen und ſie zerriſſen es, indem ſie ſich darin krümmten. Die Zickzacklinien, welche ſie beſchreiben, rühren augenſcheinlich von dem größeren oder geringeren Wider⸗ ſtande her, welchen ſie an dieſem oder jenem Punkte finden beim Durchdringen der Erdmoleküle. Sie ſuchen erſt eine ſenkrechte Richtung anzunehmen und richten ſich wieder gerade von dem Momente an, wo es ihrer Spitze gelingt, das Tageslicht zu er⸗ reichen. Diejenigen, welche ſich am Rande der Kiſte befinden, treffen weniger Widerſtand an als die anderen, weil die Erdmaſſe etwas zurücktritt und ſich ſo ein Zwiſchenraum zwiſchen der⸗ ſelben und dem Brette, welches ſie begrenzt, bildet. Sie ſind zurück gegen die Pflanzen, welche aus weniger als 8 em tief gelegenen Körnern ſtammen; ſie haben weniger Blätter, und die Blätter ſind ſchmaler. Sie haben einen Kragen,“*) aber derſelbe befindet ſich tiefer, anſtatt nahe an der Oberfläche, und dieſe Thatſache kann uns über die Bedingungen aufklären, unter denen dieſer Kragen ſich gebildet hat. Wie alle Organe der Pflanze, ſo beſtehen die für den Halm des Getreides charakteriſtiſchen Knoten ſchon im kleinen in dem Embryo des Kornes und in dem Hälmchen, welches ſich bei der Keimung bildet. Man könnte dieſes Hälmchen einem Fernrohr *)(Anm. d. Überſ.) Wir haben meines Wiſſens keine dem franzöſiſchen collet entſprechende gebräuchliche Bezeichnung für den oder die Knoten, aus welchen kragenartig die Adventiv⸗ wurzeln entſpringen. An anderen Stellen habe ich collet(nicht ganz richtig) mit„Wurzelhals“ überſetzt. Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. 109 vergleichen oder einer Angelrute, bei denen alle Teile ineinander verborgen ſind, und die Knoten den Anheftungspunkten dieſer verſchiedenen Teile. Jeder Knoten iſt ein Punkt, wo die Gefäß⸗ bündel in dem Halme eine Art Querſcheidewand bilden, indem ſie ſich unter einander kreuzen und ſich gabeln, um teilweiſe in die entſprechenden Blätter überzugehen, während in den Zwiſchen⸗ räumen, den Internodien oder Merithallien, die Gefäßbündel parallel mit der Richtung des Halmes der Länge nach verlaufen. Die Wurzeln haben, wie die Blätter, ihren Ausgangspunkt in den Knoten, aber an ihrer Oberſeite, ſo daß die Wurzeln, welche einem Knoten entſpringen, von dem Blatte, das aus dem folgen⸗ den Knoten kommt, mit Kohlenſtoff ernährt wird, und umgekehrt können dieſe Wurzeln die ſtickſtoffhaltigen und Mineral⸗Stoffe, welche ſie mit dem Waſſer aus dem Boden ſchöpfen, nur dem Blatte liefern, welches dem folgenden Knoten entſpringt und dem Internodium, welches ſie davon trennt. Das erſte Merithallium der Pflanze C verlängert ſich, bis das dem erſten Knoten n entſpringende Blatt f und der ſich ober⸗ halb dieſes Blattes befindende Halm unter dem Einfluß des Lichtes ergrünen und beginnen können, die Kohlenſäure der Luft zu zerlegen. So nähert ſich der Knoten n nach und nach der Oberfläche. Er wird durch das Blatt f“ des folgenden Knotens n“ ernährt und treibt Wurzeln aus, welche den Halm dicker werden und die darüber befindlichen Blätter ſich vergrößern laſſen. Der Knoten entwickelt ſeinerſeits Wurzeln, und wenn die Ernährung der Pflanzen reichlich genug iſt, ſo können die Knoſpen, welche unter den Blattachſeln verborgen waren, wie b unter dem Blatte f, ebenfalls wachſen und Adventivhalme oder Seitenſproſſe bilden. Dieſe neuen an den Knoten der Pflanze gebildeten Wurzeln verdrängen alsbald vollſtändig die, welche zuerſt aus dem Samen⸗ korn hervorgegangen waren. Dieſe unteren Wurzeln laſſen ſich leicht von der ſie umgebenden Erde trennen, woraus hervorgeht, daß ſie nicht mehr in Thätigkeit ſind, während die dickeren und fleiſchigeren oberen Wurzeln mit Haaren bedeckt ſind, welche mit Erdteilchen umgeben bleiben. 110 Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. An der Pflanze B, welche von einem auf 5 em unter⸗ gebrachten Korne ſtammt, befinden ſich ſchon zwei Seitenſproſſe, von denen der eine dem Blatte f, der andere dem Blatte f“ ent⸗ ſpricht. Die Zahl der oberen Wurzeln ſcheint mir der der Blätter dieſer Sproſſungen ungefähr gleich zu ſein. Jeder dieſer Adventivhalme hat ferner ein cotyledonares Blatt*) wie der Haupthalm oder die ganze Pflanze; dies ſind in gewiſſer Weiſe ſekundäre Pflanzen, welche aus der Mutterpflanze hervorge⸗ gangen ſind. Bei der Pflanze A, deren Samenkorn mit nur ½ em Erde bedeckt war, hat das erſte Merithallium nicht nötig gehabt, ſich zu verlängern, um den Knoten und das daraus entſpringende Blatt ans Licht zu bringen. Dieſes Blatt hat nicht erſt eine gewiſſe Erdſchicht zu durchdringen gehabt und hat beginnen können, Nahrung aus der Luft zu ſchöpfen, bevor es alle Reſerve⸗ ſtoffe des Kornes verwandt hatte. Auch iſt dieſe Pflanze weiter entwickelt und kräftiger als die anderen. Hiernach könnte man glauben, daß die flachſte Saat den beſten Weizen liefere. Man muß die Samenkörner ſo ſtark bedecken, daß ſie dem Vogelfraße nicht ausgeſetzt ſind und keinen Mangel an der zu ihrer Keimung nötigen Feuchtigkeit haben. Eine zu tiefe Saat des Weizens iſt gefährlicher als eine zu flache. Auf ſchweren Böden kann die Tiefe ſchwanken von 2 bis 5 oder 6 em, auf leichten Böden kann ſie bis 10 oder 12 cm ſteigen. Man kann dicke Körner etwas tiefer ſäen als kleine. Aber für jede Art von Körnern, wie für jede Beſchaffenheit des Bodens giebt es eine Grenze, welche zu überſchreiten gefährlich iſt.“**) *)(Anm. d. Überſ.) Als„feuille cotylédonaire“ bezeich⸗ net der Verf. das Scheidenblatt, in welches die jungen ober⸗ irdiſchen Teile zunächſt eingehüllt ſind, eine Bezeichnung, die wohl morphologiſch nicht richtig iſt. **)(Anm. d. Üüberſ.) In Gegenden, wo eine ſpäte Weizen⸗ ſaat bis in den Dezember hinein immer noch höhere Erträge verſpricht als Sommergetreide, kann es ratſam ſein, den ſpäten —, S äS=ͤ=S Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. 111 Damit die Samenkörner zu der für ſie geeignetſten Tiefe kommen, muß man nicht nur das Land ſehr gut vorbereiten, ſondern auch die Saat mit großer Regelmäßigkeit ausführen. Oft bildet man ſich ein, daß die Samenkörner ſich wirklich zu einer Tiefe von 4 bis 5 em befinden, welche man ihnen geben wollte. Man täuſcht ſich aber, und wenn man das Innere der Erde öffnen könnte, ſo würde man den größten Teil der Samenkörner auf 10, 15 em, zuweilen mehr, verborgen finden, vergeblich verſuchend, die zu ſtarke Schicht zu durchbohren, welche darauf laſtet. Weshalb?— Weil der Boden ſich zur Zeit der Saat nicht gut geſetzt hatte, weil er„hohl oder aufgeblaſen“ war, wie die Landwirte des Norden ſagen. Indem ich dieſe Erfahrung mehrere Jahre hintereinander und auf verſchiedenen Böden machte, habe ich mir den ſchädlichen Einfluß recht klar gemacht, welchen der zu lockere und beſonders der hohle Boden oft auf den Weizenbau haben kann. Als Bouſſingault ſeine intereſſanten Unterſuchungen über die in der Ackererde enthaltene Luft machte, füllte er feuch⸗ ten Sand in ein cylindriſches Gefäß von 341 Inhalt, indem er es zweimal auf den Boden fallen ließ, nachdem es auf 20 cm angehoben war.„So eingefüllt, ſagt unſer berühmter Meiſter, hatte der feuchte Sand, ſoweit man durch Berührung und An⸗ blick urteilen konnte, die Konſiſtenz, welche die leichte Ackererde einige Monate nach dem Pflügen beſitzt.“ Bouſſingault trieb daraus, indem er allmählich Waſſer darauf goß 10,81 Luft aus. Aber aus demſelben Sande konnten nur 31 Luft ver⸗ drängt werden, wenn er feſter eingefüllt war, indem man ihn mit dem Fuße beim Einfüllen in das Gefäß andrückte. Auf den gepflügten Feldern vollzieht ſich das Andrücken, welches Bouſſingault vornahm, indem er ſein Gefäß fallen Weizen trotz genügender Feuchtigkeit tief(auf 6 bis 8 em) zu drillen; je unvollſtändiger ein ſolcher Weizen vor dem Einwintern aufgeht, um ſo ſicherer pflegt er durch den Winter zu kommen. Vgl. meine Anmerkung zu S. 103. 112 Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. ließ, langſam infolge des Regens, der auf den Boden fällt und der Veränderungen des Luftdruckes, welcher auf die Oberfläche wirkt.(2 der Überſ.) 1885 füllte ich meine Kiſte, welche 601 Inhalt hatte, mit trockener, thoniger Erde mit ziemlich großen Klumpen; ich drückte ſie in keiner Weiſe an und ich konnte nachweiſen, daß ſie faſt die Hälfte innere Hohlräume enthielt, nämlich 26,6 1. Ich ſäete Weizen hinein auf eine geneigte Fläche, wie die, welche ich oben beſchrieben habe und ich bezeichnete ſorgfältig die Neigung der Fläche mit Kreide an der Außenſeite der Kiſte. Dann ſäete ich meine Körner und that Erde darauf bis an den Rand der 28 cm hohen Kiſte, um ſie zu bedecken. Drei Wochen nachher war die Oberfläche um 4 bis 5 cem unter den Rand der Kiſte geſunken infolge der Feſtlagerung, welche das Begießen bewirkte und bis zu einem gewiſſen Grade auch infolge der Erſchütterungen, welche die Kiſte durch den Transport vom Gewächshauſe in den Garten erhielt. Als ich dann meine Weizenwurzeln bloßlegte, konnte ich nachweiſen, daß ſich der größte Teil meiner Körner in einer größeren Tiefe befand als bis zu welcher ich ſie eingethan hatte. Sie waren nicht nur alle, wie die Erdoberfläche, um 4 bis 5 cm unter die Linie herabgeſunken, welche ich an der Außenſeite der Kiſte bezeichnet hatte, ſondern die einen lagen auf 8 em Tiefe ſtatt auf 5, andere auf 16 ſtatt auf 9 em. Dieſe Thatſache lehrte mich einſehen, weshalb keines der Körner, welches ich auf mehr als 5 em geſäet, oder wenigſtens zu ſäen geglaubt hatte, eine Pflanze lieferte. Die erſte Wirkung der Feſtlagerung und der Verſchiebungen, man könnte ſagen des Hinunterfallens in den unteren Teil der Erdmaſſe war, daß ein Teil der Samen⸗ körner verhindert wurde, zu keimen oder Pflanzen zu erzeugen, welche im ſtande waren, ans Licht zu gelangen. Aber damit noch nicht genug. Das mehr oder weniger deutliche Feſtlagern hat zuweilen eine andere Wirkung auf einen Teil der Pflanzen, welche begonnen hatten, Adventivwurzeln an der Bodenoberfläche zu bilden. Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. 113 Infolge einer ſtärkeren Feſtlagerung über dem Korne als unter demſelben, oder infolge des Widerſtandes der Wurzeln, welcher das Korn verhindert, noch weiter hinunterzuſinken, bleibt der Knoten gewiſſermaßen auf einige Centimeter in der Luft ſchwebend, und die neuen Wurzeln, welche ſich hier zu entwickeln begannen, laufen Gefahr zu Grunde zu gehen, bevor ſie den Boden Bic, ,ihisgee,im en Fig. 4. Weizen, welcher infolge Feſtlagerung der Erde entwurzelt wurde. erreichen.(Fig. 4.) Zuweilen krümmt das Gewicht des Halmes und der Blätter das Merithallium, welches die Adventivwurzeln trägt und nähert es dem Boden, und wenn das Wetter feucht genug iſt, ſo gelingt es dieſen Wurzeln, ſich von neuem darin zu befeſtigen und ihr Wachstum fortzuſetzen(Fig. 5); wenn aber Trocknis eintritt, ſo kann die Pflanze eingehen(Fig. 5). Dieſe beiden Vorgänge, der Verluſt eines Teils der Körner, weil ſie in eine zu bedeutende Tiefe fallen, und die Entwurzelung anderer, können ſich vollziehen, wenn man den Weizen auf eine Rimpau, Weizenbau. 8 114 Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. zu friſche Pflugfurche ſäet, ſelbſt wenn die Erde durch das Pflügen gut zerkrümelt wurde. Paul Genay, Vorſitzender des landwirtſchaftlichen Vereins zu Luneville, hat bei ſeinen Verſuchen über Weizenbeſtellung bemerkt, daß überall, wo die Drillmaſchine mit aufgewundenen Scharen(um eine ſehr regel⸗ Fig. 5. mäßige breitwürfige Saat zu erzielen) durchgegangen war, die Stellen, wo die Pferde, welche dieſe Drillmaſchine zogen, gefußt und ſo den Boden unter dem Saatkorn feſtgetreten hatten, ſich ſehr deutlich durch eine grünere Farbe auszeichneten. Auf jeder dieſer Stellen ſtanden mehr Pflanzen zuſammen und zu⸗ gleich kräftigere Pflanzen als auf dem übrigen Teile der Felder; und Paul Genay fügt hinzu:„Jeder Landwirt hat gewiß ——,——. ——————— ———————-ͤ-——— ———— Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. 115 ſchon ſelbſt den guten Aufgang beobachtet, welcher auf den breit⸗ würfig geſäeten Feldern in den Radſpuren ſtattfindet, die auf dem Boden vor der Saat durch die mit dem Saatkorn beladenen Wagen gemacht wurden.“ Wenn die durch den Pflug umgewandte Erde ſich nicht gut zerkrümelt hat und in regelmäßigen parallelen Streifen unter einem Winkel von ungefähr 45° umgewendet iſt, wie dies häufig eintritt, weil der Boden thonig und zu feucht iſt, oder weil die verfilzten Wurzeln einer alten Grasnarbe, eines Klee⸗ oder Luzernefeldes die Bodenteilchen aneinander binden, dann wird der Übelſtand noch viel ſchlimmer. Unter dieſen Streifen und über dem feſten Boden bleiben dreikantige Hohlräume(Fig. 6), Fig. 6. Breitwürfige Saat auf die Pflugfurche. welche bis zu 10 qem Querſchnitt haben können. Die Weizen⸗ körner, welche breitwürfig auf dieſe hohle Pflugarbeit geſäet werden, fallen zum größten Teil auf den Grund der kleinen oberflächlichen Furchen(s, s, s, der Fig. 6), Furchen, welche den dreikantigen Hohlräumen entſprechen und von ihnen nur durch eine ſchwache Erdſchicht getrennt werden an den Stellen, wo die Streifen aneinander gelehnt ſind. Auch die Egge, welche die Samenkörner bedecken muß, bringt dieſelben noch mehr in dieſen kleinen Furchen zuſammen, und die Egge⸗Zinken gehen nicht tief genug, um die darunter befindlichen Hohlräume auszufüllen. Die Hufe der Pferde, welche die Egge ziehen, können nur an einigen Stellen die Scheidewand von Erde durchbohren, welche dieſe Hohlräume bedeckt; aber indem ſie in dieſelben hineintreten, treten ſie die Körner mit hinein, und wenn nur auf 15 cm ge⸗ pflügt wurde, ſo fallen die Körner bis auf etwa 20 cm Tiefe, 8* 116 Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. wo ſie unmöglich keimen oder lebensfähige Pflanzen liefern können(Fig. 7). Wenn der Weizen mit der Drillmaſchine geſäet wird, nach⸗ dem das Land geeggt wurde, ſo ſind die Übelſtände nicht ſo groß und die Gefahr iſt weniger unmittelbar. Die meiſten Körner werden in der Lage bleiben und keimen, wo die Drillmaſchine ſie hingebracht hat, aber die Pflanzen werden ſpäter leiden, wenn Fig. 7. Lage der Körner nach der Beſtellung. der Boden ſich unter ihnen geſetzt hat. Das Beſte, was man thun kann, iſt, daß man möglichſt vermeidet, Weizen auf ſo un⸗ ſicheren Boden zu ſäen. Das beſte Mittel, ihn zu befeſtigen, iſt, den„Landpreſſer“ anzuwenden, den die ſchottiſchen Landwirte hierzu erfunden haben. In ſeiner urſprünglichen Form hatte dieſes Inſtrument nur zwei Scheiben neben einander. Es wurde von einem einzigen Pferde gezogen, das auf dem noch feſten Boden neben den Erd⸗ ſtreifen ging, welche zwei Pflüge eben nebeneinander umgewendet hatten. Jede der Scheiben fiel nun mit dem zwiſchen den beiden Streifen gebildeten Zwiſchenraume zuſammen und drückte ihn mit großer Regelmäßigkeit feſt. Man konnte ſo mit zwei Pflügen und einem Landpreſſer ungefähr 1 Hektar im Tage vorbereiten, und der auf dieſe geſtreifte Oberfläche breitwürfig geſäete Weizen wurde mit der Egge bedeckt. Um die Arbeit etwas mehr fördernd zu machen, hat man Walzen mit ſechs Scheiben konſtruiert, welche ungefähr wie die Croskill⸗Walzen montiert ſind; ſie wiegen 600— 700 kg und erfordern zwei Pferde zum Zuge. Anſtatt ſie, wie die erſteren, gleichzeitig mit zwei Pflügen, ſo wie die Arbeit fortſchreitet, an⸗ zuwenden, pflügt man erſt das ganze Stück und läßt dann den Neuntes Kapitel. Tiefe der Saat. 117 „Landpreſſer“ darüber gehen. Man kann auf dieſe Weiſe 4 bis 5 Hektaren im Tage preſſen. Dann wird fortgefahren breit⸗ würfig zu ſäen. Endlich hat man dieſe Kompreſſions⸗Scheiben, um ihre Vorteile mit denen der Drillſaat zu vereinigen, vor gewiſſen Drill⸗ maſchinen, aber in kleineren Dimenſionen angebracht. Dies iſt eine Anordnung, welche ich mir erlaube, den Landwirten und den Fabrikanten landwirtſchaftlicher Geräte zu empfehlen.*) Man darf nicht vergeſſen, daß der Boden vor der Saat ſich natürlich geſetzt haben oder künſtlich zuſammengedrückt werden muß, ſei es mittelſt des„Landpreſſers“ oder durch eine Croskill⸗ oder ſonſtige Walze. Das Weizenkorn muß auf einen befeſtigten Boden fallen und hier eine ſo feſte Lage wie möglich finden. Über dem Korn kann die Erde locker ſein und es iſt ſogar gut, daß ſie locker iſt. Im nördlichen Frankreich ſuchen die Landwirte, welche Weizen nach Rüben bauen, zuweilen das Land zu befeſtigen, *)(Anm. d. Überſ.) Ein ſehr einfaches und zweckmäßiges Mittel, die im Boden nach dem Umbruch von Futterkräutern oder einer Grasnarbe entſtandenen Hohlräume ſchnell zu be⸗ ſeitigen, iſt das gleichmäßige Übertreiben des Ackers mit einer Schafherde durch einen geſchickten Schäfer.— Wenn Weizen nach Hackfrüchten oder Erbſen gebaut wird, welche eine tiefe Bodenbearbeitung erhalten haben, und der Boden ſich in nor⸗ malem Feuchtigkeitsgrade befindet, iſt zur Vermeidung von Hohl⸗ räumen ein recht flaches Pflügen auf 6 bis 8 em mit mehr⸗ ſcharigen Pflügen oder flaches Grubbern anzuraten.— Zum ſogenannten Zwiſchenwalzen(dem Walzen vor der Saat), das ich bei tieferem Pflügen, namentlich beim Unterpflügen von Miſt, mit dem Verfaſſer unbedingt empfehle, eignen ſich auch ſehr gut die neuerdings in Deutſchland viel eingeführten Cambridge⸗ Walzen.— Vor dem Zuwalzen des Weizens nach der Saat möchte ich aus ſpäter zu erörternden Gründen im allgemeinen warnen. 118 Zehntes Kapitel. Breitwürfige Saat oder Reihenſaat. indem ſie nach der Saat die Croskill⸗Walze anwenden. Wenn der Boden trocken iſt, ſo geht dies gut, aber der Erfolg dieſer Operation würde unzweifelhaft noch geſicherter ſein, wenn man ſie vor der Saat anwendete. Um es kurz zuſammen zu faſſen: 1. auf ſchweren Böden kann die Tiefe, zu welcher man die Weizenſamen möglichſt bei⸗ bringen muß, zwiſchen 2 bis 8 cm ſchwanken, die beſte Tiefe iſt 3 bis 5 em, und auf leichten Böden etwas mehr; 2. für den Sommerweizen etwas mehr Tiefe als für den Winterweizen; 3. im Süden, und überhaupt in den trockenen Ländern etwas mehr als im Norden und in den feuchten Ländern. Zehntes Kapitel. Breitwürſige Jaat oder Reihenſaal. Mathieu de Dombasle ſetzte kein großes Vertrauen auf die Drillſaat. Die Saat des Getreides in Reihen, ſagt er in ſeinem„Kalender des guten Landwirtes“, hat ſich im britiſchen Reiche durchaus nicht ausgebreitet, dem einzigen Lande, wo ſie einige Ausdehnung gewonnen hat, ſondern ſie ſcheint im Gegen⸗ teil Freunde verloren zu haben, und die größte Zahl der Prak⸗ tiker zieht ihr die breitwürfige Saat vor. Es iſt wenigſtens gewiß, daß die Reihenſaat des Getreides mittelſt der Drillmaſchine ſchwerlich eine allgemeine Anwendung beim Ackerbau finden wird, vornehmlich weil ſie eine ſo vollkommene Bodenbearbeitung er⸗ fordert, wie man ſie nur auf beſtimmten Böden von beſonderer Beſchaffenheit und unter den günſtigſten atmoſphäriſchen Ver⸗ hältniſſen zu erzielen hoffen kann.“ Der Peſſimismus unſeres berühmten Agronomen betreffs der Drillmaſchinen kommt daher, daß er zu einer Zeit ſchrieb, wo die Drainage noch nicht erfunden war, und wo man die Böden mit undurchlaſſendem Untergrunde noch in mehr oder weniger gewölbten Beeten bewirtſchaften mußte. Nun ſind aber in vielen Ländern und beſonders in Lothringen die ſchweren Böden die beſten Weizenböden, ſobald ſie entwäſſert ſind. Jetzt Zehntes Kapitel. Breitwürfige Saat oder Reihenſaat. 119 können dieſe Böden in der Ebene(ohne Beetbau) bearbeitet wer⸗ den, und infolgedeſſen wird die Anwendung von Maſchinen aller Art, wie Säemaſchinen, Mähemaſchinen, welche Saatgut oder Handarbeit erſparen, auf ihnen möglich. Dies iſt gerade einer der hauptſächlichſten Gründe, welche die Drainage auf allen feuchten Böden allgemein machen, oder wenigſtens allgemein machen ſoll⸗ ten. Ferner hat das Verfahren der Bodenvorbereitung durch die Wendepflüge, wie der doppelte Brabanter durch die Croskillwalzen, die Grubber und die Gliedereggen Fortſchritte gemacht, welche Dombasle nicht ahnte. Die Diillmaſchinen ſelbſt ſind auch beſſer als die, welche es zu ſeiner Zeit gab. Was aber an den Einwendungen, welche er gegen dieſelben erhoben hat, wahr bleibt, iſt, daß dieſes ganze Enſemble von Verbeſſerungen, welche ſich einander ergänzen, nicht immer gut genug verſtanden wird, weil die Landwirte weder genügend unterrichtet noch genügend achtſam ſind, weil ihnen das nötige Kapital fehlt, um ſie auszuführen oder weil ihre Pachtbedingungen ihnen nicht Sicherheit genug bieten, ihr Kapital in Drainagen, Ankauf von Maſchinen ꝛc. anzulegen. Man kann auch ſagen, daß ein geſchickter Säer bei ruhigem Wetter ebenſo regelmäßig ausſtreuen kann wie eine Maſchine. Aber die geſchickten Säer werden heut immer ſeltener, und bei der Großkultur erfordert die Vorſicht, ſich ſo einzurichten, daß man ſie, wenn ſie fehlen, durch weniger erfahrene Arbeiter erſetzen kann, welche aber pflichttreu genug ſind, um eine Säemaſchine gut zu regulieren und gut zu führen. Dies iſt der erſte Vorzug der Maſchinen: ſie geben dem Landwirt mehr Sicherheit und mehr Gewißheit, im gewünſchten Augenblicke die Mittel in der Hand zu haben, ſeine Beſtellungen zweckmäßig auszuführen. Dieſen Vorzug teilen die Maſchinen, welche breitwürfig ſäen, mit denen, welche in Reihen ſäen. Sie geſtatten auch, das Korn gleichmäßig zu verteilen trotz des wehenden Windes, der die Arbeit des Säemanns verhindern würde. Aber wozu nützt es, die Saat gleichmäßig auszuſtreuen, wenn ſie ungleichmäßig unter⸗ gebracht wird und wenn ſie daher ungleichmäßig aufläuft? Nun kann man von vornherein gewiß ſein, daß, wenn man eine breit⸗ 120 Zehntes Kapitel. Breitwürfige Saat oder Reihe nſaat. würfig auf die rauhe Furche geſäete Saat mit der Egge bedeät, ein Viertel oder ein Drittel der Körner entweder zu flach oder zu tief liegt, um keimen und ſich gedeihlich entwickeln zu können. Ebenſo iſt es, wenn man das breitwürfig auf die abgeeggte Furche geſäete Korn mit dem Grubber unterbringt, und noch mehr, wenn man das Korn mit dem Pfluge bedeckt, wie es in gewiſſen Ländern gebräuchlich iſt. Bei dieſem unvollkommenen Verfahren der Unterbringung muß man immer einen Teil des Saatkornes verloren geben. 2 Der doppelte Vorteil der Drillſaat iſt gerade, Regelmäßig⸗ keit ſowohl in vertikaler wie in horizontaler Richtung zu erzielen, d. h. in der Tiefe, zu welcher jedes Korn beigebracht wird, wie in der Bodenoberfläche, welche jeder Pflanze gegeben wird, um ſich zu ernähren und ſich an der Sonne zu entfalten. Was den erſten dieſer Vorzüge der Drillmaſchinen betrifft, die Gleichheit in der Tiefe, ſo haben wir im vorigen Kapitel ge⸗ nügend erörtert, wie wichtig er iſt, und wir können daraus ſchließen, daß die Drillmaſchine, indem ſie den Körnerverluſt ver⸗ meidet, eine Samenerſparnis geſtattet, deren Größe mit der Konſtruktionsart der Maſchinen und der Beſchaffenheit des Bodens, auf dem man ſie anwendet, ſchwankt, aber die man im Durch⸗ ſchnitt auf 30% von dem ſchätzt, was man breitwürfig gebrauchen müßte, alſo 50 bis 100 l, welche 10 bis 20 Frk. wert ſind, denn man kann für den Saatweizen einen etwas höheren Preis an⸗ nehmen als für den Verbrauchsweizen. Aber während die Be⸗ ſtellung mit der Maſchine leichter iſt als breitwürfig, wenn ſtarker Wind herrſcht, iſt ſie ſchwieriger, wenn der Boden noch feucht iſt, im allgemeinen fördert ſie weniger und iſt faſt immer teurer. Ein breitwürfig ſäender Mann leiſtet im Durchſchnitt 4 ha pro Tag, und folglich koſtet, wenn man den Tag zu 6 Frk. rechnet, das Beſäen jedes Hektars 1,50 Frk. Handarbeit. Ich laſſe das Eggen beiſeite, welches zum Zudecken nötig iſt, weil es ſich mit dem Eggen hebt, welches dem Gange der Maſchine voraufgehen und ihr zuweilen auch folgen muß. Eine Smith'ſche Drillmaſchine mit 16 Scharen kann ebenfalls ungefähr 4 ha im Tage machen, — Fſfffſſ Zehntes Kapitel. Breitwürfige Saat oder Reihenſaat. 121 aber man muß dafür 4 Pferde à 5 Frk. pro Tag in zwei Ab⸗ löſungen verwenden und 2 Männer à 4 Frk., alſo 25 Frk. für den Arbeitstag, oder 7 Frk. pro Hektar. Die Maſchinenſaat koſtet alſo 5,50 Frk. pro Hektar mehr als die breitwürfige, und, wenn man dieſe 5 Frk. von dem Werte des erſparten Saatgutes abrechnet, ſo findet man, daß die wirkliche Erſparnis 5 bis 15 Frk. beträgt, weniger der Abſchreibung.*) Fig. 8. Drillmaſchine. Was die Regelmäßigkeit in horizontaler Richtung betrifft, ſo hängt ſie von der Entfernung der Reihen ab. Wir wollen ſie ſorgfältig erörtern: Wenn man, wie wir geſagt haben, 400 Körner pro Quadrat⸗ Meter ſäen muß, ſo würde das Ideal der Regelmäßigkeit darin beſtehen, ein Korn in den Mittelpunkt eines jeden der 400 kleinen *)(Anm. d. Überſ.) Mit den Einzelnheiten dieſer Rechnung bin ich nicht ganz einverſtanden. Ein geſchickter Driller wird wohl denſelben Lohn erhalten wie ein guter Säemann; die Hand⸗ arbeitslöhne ſind ungemein hoch gegriffen; bei einer Leiſtung von 4 ha pro Tag brauchen die Pferde unter gewöhnlichen Verhält⸗ niſſen nicht gewechſelt zu werden; mit den neueren breiteren Zehntes Kapitel. Breitwürfige Saat oder Reihenſaat. 122 Quadrate von 5 em Seite, alſo von 25 qem Fläche zu legen; in welche dieſer Quadratmeter geteilt werden kann. Augenſcheinlich würden ſich die Körner ſo am wenigſten einander im Wege ſein; jedes von ihnen fände denſelben Anteil von Boden und Waſſer 4A 1 à„=S 2 R 2 8: 8 G: 4* 1 o ofo r o e e= A 2. 8—-—.,—-r 4-A een;e S 8 n 8 1 81 ⸗28: 1:;— .2 1—— 2. 128;— 4.1. ä e ·1 C — 704.— 8— ——.xn-- en d 1228 2.-2: 8 128 128::2 2: 1.—G.—₰ℳ 1—5 22 —— 52— — zseee.e 5256—⸗— 1 ₰ —-—.A 1** Fig. 9. Saatweiſe von 400 Körnern pro Quadratmeter oder 40 Körner pro 1⁄10 am einzeln und in Reihen von verſchiedenen Entfernungen. Drillmaſchinen ſind mit ſtarken Pferden ohne Wechſel 8 ha pro Tag zu ſchaffen: dagegen wird man, um ſaubere Arbeit zu er⸗ zielen, außer 2 Männern meiſt noch einen Jungen zum Führen der Pferde gebrauchen. Immerhin bleibt es unbeſtreitbar, daß durch die höhern Koſten der Drillſaat gegenüber der Handſaat ein Teil der Erſparnis an Samen aufgewogen wird. V Zehntes Kapitel. Breitwürfige Saat oder Reihenſaat. 123 zur Verfügung für ſeine Wurzeln, wie von Luft und Sonnenlicht für ſeinen Halm und ſeine Blätter, und, wenn die Samenkörner auch vollſtändig einander gleichen könnten bezüglich ihrer Bean⸗ lagung zu keimen und kräftige Pflanzen zu liefern, wenn kein Zufall eintrete um die Entwickelung des einen oder anderen zu ſtören, ſo könnte man eine ebenſo deutliche Gleichmäßigkeit in der Formation der Ähren und in der Körnerausbildung be⸗ kommen. Man hat dieſe Regelmäßigkeit zu verwirklichen ge⸗ ſucht durch mechaniſche Pflänzer, wie der von Le Docte, aber mit dieſen Pflänzern beſäen zwei Männer nur 35 bis 45 Ar pro Tag. Das iſt Gärtnerei, nicht Ackerbau. Um Weizen zu erzeugen, der nicht zu teuer zu ſtehen kommt, muß man Maſchinen anwenden, welche in Reihen ſäen. Je näher die Reihen aneinander ſind, deſto mehr nähert ſich die Saat der idealen Vollkommenheit, welche wir in A(Fig. 9) dar⸗ zuſtellen verſucht haben. Nehmen wir eine Entfernung von 15 em zwiſchen den Spitzen der Maſchinenſchare an; da die Maſchine in verwiſchte Spuren ſäet, deren jede 3 bis 5 cm Breite hat,*) ſo wird der wirkliche Zwiſchenraum zwiſchen den Körnern der einen Reihe und denen der folgenden 10 bis 12 ecm betragen. Dieſe Entfernung, welche die Körner bei Spuren von 5 em Breite einnehmen, iſt auf dem Rechteck B dargeſtellt, das ebenſo wie A ½0 uqam groß iſt Wenn die Maſchine darauf 40 Körner ſäet, ſo kommen davon auf jede Spur etwas mehr als 6, und man ſieht, daß die Körner ſich hier weit genug von einander entfernt befinden, damit jede Pflanze die Hälfte ihrer Wurzeln in dem Zwiſchenraume, der dieſelben trennt, nach Be⸗ dürfnis ausbreiten kann. Sie findet weniger Nahrung und Sonne von der einen Seite, aber um ſo mehr von der anderen. *)(Anm. d. Überſ.) Dieſe Annahme iſt wohl nicht ganz richtig, wenn die Schare der Drillmaſchine noch einigermaßen ſcharf ſind; wenigſtens kommen bei den mir bekannten Drill⸗ maſchinen ſeitliche Entfernungen der Körner von einander in einer und derſelben Reihe bis zu 3 cm nicht vor. 124 Zehntes Kapitel. Breitwürfige Saat oder Reihenſaat. Folglich kann man annehmen, daß die Weizenpflanzen ſich im Durchſchnitt ebenſo gut ernähren können wie bei der Einzelnſaat. Die Luft wird ſogar zwiſchen den Reihen beſſer zirkulieren können als innerhalb unregelmäßig auf der Oberfläche des Feldes zer⸗ ſtreuter Pflanzenſtöcke; ſie wird alſo den Boden raſcher abtrocknen können, was in feuchten Klimaten oft nützlich iſt, wie in dem Englands, was aber andererſeits in trockenen Klimaten, wie dem von Süd⸗Frankreich, ſchädlich ſein kann. Bei dieſer Entfernung von 10 bis 12 em zwiſchen den Reihen iſt die Anwendung einer Pferdehacke noch nicht möglich. Allerdings wird die regelmäßige Anordnung der Pflanzen die Behackung mit der Hand erleichtern; aber wenn die Handarbeit zu teuer iſt, um zu ihr zu greifen, ſo muß man ſich, wie beim breitwürfig geſäeten Weizen, der Egge bedienen, um die Bodenoberfläche im Frühjahr zu lockern, und die Zerſtörung der Unkräuter bleibt unvollſtändig. Dieſe Unannehmlichkeit hat wenig Bedeutung bei einer Fruchtfolge, wo dem Weizen eine Hackfrucht vorhergeht und in welcher alle Maß⸗ regeln getroffen ſind, um den Boden gut zu reinigen. Aber auf Böden, welche vermöge ihres Reichtums ebenſo⸗ wohl viele Seitentriebe an den Weizenpflanzen produzieren können wie Unkräuter zwiſchen den Pflanzen, in Fruchtfolgen, wo mehrere Getreideſchläge auf einander folgen und nicht mit Früchten abwechſeln, welche die Vernichtung der Unkräuter er⸗ leichtern, muß man den Reihen eine genügende Entfernung geben, um ſie mit einer Hackemaſchine, wie die Garrett'ſche, durchziehen zu können. Bei einer Entfernung der Scharſpitzen von 20 em, und folglich 15 bis 17 em zwiſchen den Spuren dieſer Schare (ſiehe das Rechteck c), kommen auf 1 m Breite fünf dieſer Spuren. Die Maſchine wird alſo 8 Körner in jede Spur auf 10 cm der Fortbewegung ſäen müſſen oder 80 auf 1 m Fortbewegung, und die Beſtellung wird um ſo beſſer ſein, je regelmäßiger die Maſchine vermöge ihrer Konſtruktion dieſe Verteilung bewirken kann. Zuweilen giebt man den Reihen noch weitere Entfernung, z. B. 20 bis 24 em, wie es die Fig. 9, D darſtellt. Im Thale des Gréſivaudan iſt Michel Perret bis auf 30 em gegangen. Zehntes Kapitel. Breitwürfige Saat oder Reihenſaat. 125 (Fig. 9, E). Aber dies ſind Böden, welche Ausnahme bilden, be⸗ ſonders durch die ungeheure Menge von Unkraut, welche darauf wächſt. Michel Perret ſäet zeitig und giebt drei Hacken, die zeine ſchon vor Winter. Er hat auf dieſe Weiſe eine Durchſchnitts⸗ ernte von 30 hl pro Hektar erreicht, während er bei breitwürfiger Saat nur 14 bis 20 erhielt. Seitdem die große Fruchtbarkeit der Böden des Gréſivaudan nicht mehr darauf verwandt wird, Unkräuter zu erzeugen, ſondern Weizen zu liefern, gleicht die Be⸗ ſtockung des Weizens die Entfernung der Reihen aus. Aber dieſes Verfahren darf auf einem weniger reichen Boden nicht nachgeahmt werden; die Beſtockung würde hier ungenügend ſein. Man ſieht leicht aus Fig. 9, daß, wenn man 400 Körner pro Quadratmeter ſäete, man ſo viel auf jede Reihe bringen müßte, daß ein Teil der Körner nicht Platz genug hätte, ihre Wurzeln nach Bedürfnis auszubreiten. Bei einer ſolchen Ent⸗ fernung iſt es alſo geboten, die Saatmenge auf 360 Körner pro Quadratmeter, oder noch weniger zu beſchränken. Man müßte ſie ſelbſt ſchon etwas mehr beſchränken, wenn die Reihenentfernung 20 bis 25 em beträgt, wie in Fig. 9, C; 320 Körner pro Quadratmeter würden genügen. Es giebt jedoch für jeden Boden und jede Weizenvarietät in der Reihenentfernung und der daraus folgenden Samen⸗ erſparnis eine Grenze, welche man nicht überſchreiten darf. Im allgemeinen muß ein ſchönes Weizenfeld gleichmäßige Ähren haben, welche zur gleichen Höhe neben einander geordnet ſind und ſo eine horizontale Ebene bilden; like a table, wie ein Tiſch, ſagen die engliſchen Farmer. Dieſe Regelmäßigkeit läßt ſich nicht er⸗ zielen, wenn zu dünn, in zu weit entfernten Reihen geſäet wurde; jede Pflanze fährt zu lange fort, neue Seitentriebe auszuſenden; die letzteren bleiben gegen den Haupthalm zurück und bekommen nur kleine Ähren, welche notdürftig reifen und nur verkümmerte Körner enthalten. Die Büſche vergraſen anſtatt Körner zu liefern. Es iſt beſſer, wenn die Beſtockung nicht zu lange Zeit andauert und zur rechten Zeit durch engere Drillſaat zurück⸗ gehalten wird. 126 Zehntes Kapitel. Breitwürfige Saat oder Reihenſaat. Es kann zweckmäßig ſein, das 50⸗, 60⸗, 100 fache Korn zu erzielen, indem man die Körner einzeln ausſteckt, um eine ſehr ſeltene Varietät ſchleunig zu vervielfältigen. Aber die Koſten des Saatgutes ſind nur einer der Faktoren vom Erzeugungspreiſe. des Weizens; die anderen ſind die Ackerpacht, die Düngung, die Beſtellungsarbeiten ꝛc.; ſie ſind weit teurer als die 2 hl Korn, welche man höchſtens pro Hektar erſparen könnte, und damit der Erzeugungspreis möglichſt verringert wird, müſſen ſich die Unkoſten bei der Ernte auf die größtmögliche Anzahl pro Hektoliter verteilen können. Um es kurz zuſammenzufaſſen, ein Zwiſchenraum von 18 bis 20 em zwiſchen den Drillreihen genügt auf der Mehr⸗ zahl der Böden, damit der Landwirt alle erwarteten Vorteile genießt: Samenerſparnis und leichte Anwendbarkeit der Hacke⸗ maſchinen. Aber auf Böden, welche ausnahmsweiſe zum Unkraut⸗ wuchs neigen, wie die von Michel Perret, iſt eine noch größere Entfernung nötig.*) *)(Anm. d. Überſ.) Jeder Landwirt, der in der Lage iſt, ſeine Weizenfelder nicht nur mit Maſchinen, ſondern auch mit der Handhacke reinigen und lockern zu können, ſollte meines Erachtens durch Verſuche für ſeinen Boden und deſſen Düngungs⸗ zuſtand feſtſtellen, wie weit er die Entfernung der Drillreihen vergrößern kann, ohne den Ertrag zu ſchädigen. Man wird ge⸗ wöhnlich bei engeren Drillreihen unter ſonſt gleichen Umſtänden — namentlich eine gleich ſorgfältige Behackung vorausgeſetzt— ebenſo viel ernten, wie bei weiteren Drillreihen innerhalb der feſtgeſtellten Grenze, aber das Behacken mit der Hand kann um ſo billiger und um ſo gründlicher geſchehen, je weiter die Drill⸗ reihen entfernt ſind. Erſt ſeitdem wir in den Rübenwirtſchaften der Provinz Sachſen auf 8—9 Zoll(21 bis 23 ½ em) drillen, iſt es uns gelungen, das Getreide ſo rein von Unkraut zu be⸗ kommen, daß auch die nachfolgenden eigentlichen Hackfrüchte weit billiger und ſorgfältiger behackt werden können. Ein Arbeiter hackt mit einer Hacke von paſſender Breite in genau derſelben Zehntes Kapitel. Breitwürfige Saat oder Reihenſaat. 127 Gewiſſe Drillmaſchinen ſind derart eingerichtet, daß ſie irgend einen pulveriſierten Dünger zugleich mit dem Weizen ſäen können. Es iſt aber viel beſſer, den Dünger gleichmäßig über die ganze Fläche auszuſtreuen und ihn mit dem Eggeſchlage, welcher der Arbeit der Drillmaſchine voraufgeht, unterzubringen. Anſtatt die Maſchinen zu komplizieren und zu belaſten, um ihnen eine Arbeit zu übertragen, welche anderweit ausgeführt werden kann, ſoll man ſie lieber ſo einzurichten ſuchen, daß ſie alle ihnen eigentlich zukommenden Funktionen gut ausführen. So müſſen alle Maſchinen in der Weiſe angeordnet ſein, daß ſie nicht nur die Sohle der durch die Schare geöffneten Spur andrücken, ſondern auch das Korn ſo gleichmäßig wie Zeit eine 23 cem breite Reihe wie eine 12 em breite Reihe von gleicher Länge; die Koſten pro Hektar verhalten ſich daher wie 12 zu 23. Da die Arbeiter bei weiten Drillreihen die dicht am Getreide ſtehenden Unkrautpflanzen weniger leicht überſehen, wird die Reinigung auch vollſtändiger. Selbſt die Gerſte drillen wir meiſt nicht unter 21 em Reihenentfernung, obgleich eine gewiſſe Schädigung der Qualität durch ſo weites Drillen durch Verſuche nachgewieſen iſt, weil uns die Vorteile des ſorgfältigen Hackens überwiegend ſind. Empfindliche Weizenſorten kommen beſſer durch den Winter, wenn die Pflanzen eng an einander in weiter entfernten Reihen ſtehen, wo ſie ſich gegenſeitig Schutz gewähren, als wenn dieſelbe Anzahl Pflanzen(alſo gleiches Saatquantum vorausgeſetzt) weit⸗ läufig in engeren Reihen ſteht. Nichts iſt irriger als die vielfach aufgeſtellte Behauptung, daß der Acker zwiſchen weiter entfernten Reihen mehr austrockne als zwiſchen enger geſtellten Reihen bei gleicher Anzahl von Pflanzen auf den laufenden Meter.„Ich muß meinen Boden durch ſtarke Einſaat und enges Diillen ſchnell beſchatten, ſonſt trocknet er zu ſehr aus,“ hört man oft ſagen, erreicht aber damit das Gegenteil, denn die größere Blattfläche einer dichten Saat verdunſtet weit mehr Waſſer als die kleinere Blattfläche einer Breitwürfige Saat oder Reihenſaat. 128 Zehntes Kapitel. möglich bedecken. Hierfür eignen ſich die Gliedereggen mit kleinen eiſernen Zinken am beſten, weil ſie nicht die Gefahr bieten, die Anordnung der auf der Sohle der Rille gelagerten Samenkörner zu ſtören wie die Eggen mit langen Zinken.*) Es iſt übrigens unnütz, daß man den Boden in den Zu⸗ ſtand äußerſter Feinheit zu verſetzen ſucht; es iſt ſogar beſſer, auf demſelben, wenn auch nicht große Erdſchollen, ſo doch kleine Erdklöße zu laſſen, welche die jungen Pflanzen während des Winters ſchützen und welche dieſelben wieder befeſtigen, wenn ſie im Frühjahr zerfallen.*) dünneren Saat, und die direkte Verdunſtung des Waſſers aus einem durch Eggen oder Hacken gelockerten Boden iſt verſchwindend klein gegen die Verdunſtung durch die Blätter. Durch einen nicht zu ſtarken Beſtand im Frühjahr, den man infolge der gegenſeitigen Beeinträchtigung auch bei ſtarker Ausſaat in weit entfernten Reihen erreicht, ſpart man den Waſſervorrat des Bodens für die ſpätere Zeit auf, wo die Pflanzen ihn gebrauchen. *)(Anm. d. Üüberſ.) Dieſer Übelſtand iſt nicht zu be⸗ fürchten, ſelbſt bei der Anwendung ſchwerer Eggen mit langen Zinken, wenn man dieſelben genau die Richtung der Diill⸗ maſchine verfolgen läßt. *)(Anm. d. Überſ.) Dieſer höchſt praktiſche Rat wird bei uns in Deutſchland noch vielfach nicht befolgt. Ich bin überzeugt, daß die neuen empfindlichen aber ſehr ertragreichen Weizen⸗Varietäten ſich in vielen Gegenden, wo man die alten winterfeſten aber weniger ergiebigen einheimiſchen Sorten noch vorzieht, ſchon eingeführt haben würden, wenn man ſie nicht ſo ſorgfältig bezüglich der Feinheit der Ackerzubereitung beſtellt hätte und dann durch das Auswintern derſelben vom weiteren Anbau abgeſchreckt wären. Bei ſehr zeitig geſäetem Weizen, auf deſſen kräftige Beſtockung vor Winter man unbedingt rechnen kann, iſt eine möglichſt feine Bearbeitung des Landes nützlich, aber bei allen ſpäteren Weizenſaaten, z. B. nach Kartoffeln und Rüben, geht man viel ſicherer, wenn man etwas mehr Saatgut Elftes Kapitel. Endlich muß man, um die Reihe von Arbeiten, welche die Beſtellung erfordert, zu beſchließen, auf allen nicht ſehr durch⸗ laſſenden Böden verhindern, daß das Regenwaſſer an einzelnen Stellen ſtehen bleibt, indem man mittelſt eines Pfluges mit zwei Streichblechen Waſſerfurchen der Neigung der Ackerober⸗ fläche gemäß zieht. Herbſt und Winter. 129 Elftes Kapitel. Herbſt und Winter. Heuzé nennt in ſeinem Werke über die Nährpflanzen„Herbſt⸗ wurzeln“ diejenigen, welche unmittelbar aus dem Samen hervor⸗ gegangen ſind, und„Frühjahrswurzeln“ die neuen, dauernden Wurzeln, welche ſich ſpäter am erſten Knoten nahe der Boden⸗ oberfläche bilden.„Die Frühjahrswurzeln, ſagt er, entwickeln ſich gegen Ende Februar oder während des Monats März, je nach der Gegend, und erſetzen die Herbſtwurzeln, welche gegen Ende des Winters abgeſtorben ſind.“ Heuzsé ſagt zugleich, daß die Beſtockung im April ſtattfindet oder noch ſpäter vor Mitte Mai. Ich muß aber bemerken, daß bei den früh genug beſtellten Weizen die Entwickelung dieſer neuen Wurzeln ſowohl, wie auch die Beſtockung ſchon im Herbſt beginnt, wenn die junge Pflanze das dritte Blatt gebildet hat. Wenn die Körner zu einer ge⸗ wiſſen Tiefe geſäet wurden, ſind dieſe neuen Wurzeln leicht von den alten zu unterſcheiden, weil ſie von denſelben durch das erſte Merithallium getrennt ſind. Gewöhnlich gehen ſie von den zwei oder drei erſten Knoten aus, welche an der Erdober⸗ fläche vereinigt bleiben, anſtatt mit ihren Merithallien den unteren Teil des Halmes zu bilden. Bisweilen werden die beiden verwendet und den Acker möglichſt gleichmäßig mit bis zu fauſt⸗ dicken Erdklößen bedeckt läßt, was man leicht erreicht, wenn man das Land nach dem Drillen nicht zuwalzt, ſondern im Eggeſchlag liegen läßt.— Durch Walzen, Eggen und Hacken kann man im Frühjahr die für die weitere Entwickelung wünſchenswerte feine Bodenoberfläche herſtellen. Rimpan, Weizenbau. 130 Elftes Kapitel. Herbſt und Winter. erſten Knoten durch einen gewiſſen Zwiſchenraum getrennt und 1 es bilden ſich zwei Stockwerke von neuen Wurzeln, eines nahe 1 an der Oberfläche, das andere einige Centimeter tiefer(Fig. 10). ſe Dieſen Sachverhalt ſieht man aber ſeltener beim Weizen als beim G Roggen, dem Hafer oder der Gerſte. u Bei den Pflanzen, welche 3 aus ſehr ſchwach mit Erde u bedeckten Samen entſtammen, 1 ſcheinen die neuen Wurzeln 1 faſt aus demſelben Punkte il zu entſpringen wie die alten, aber man kann ſie an ihrer 1 verſchiedenen Lebenskraft 1 unterſcheiden. Die alten i trennen ſich leicht von der g ſie umgebenden Erde, während die Erde an den neuen. haften bleibt. Die alten haben wenige oder gar keine Wurzel⸗ J haare, während die neuen i damit verſehen ſind. Wie t Heuzé ſagt, erſetzen dieſe neuen Wurzeln die alten vollſtändig, aber ſie können dieſelben ſchon im Herbſt 1 2 erſetzen, und ihnen iſt es Fig. 10. zu verdanken, daß die von den Winterfröſten oft her⸗ 1 beigeführten Entwurzelungen bei dem frühzeitig beſtellten Weizen 4 viel weniger gefährlich ſind als bei dem, welcher noch keine neuen Wurzeln hat, weil er zu ſpät geſäet worden iſt. In der That dringt die Kälte nur allmählich in den feuchten Boden ein und läßt ihn ſchichtenweiſe gefrieren, was leicht nachzuweiſen d iſt. Indem das Eis, oder vielmehr die gefrorene Erde ſich nach 1 allen Richtungen um den jungen Weizenhalm herum ausdehnt, Elftes Kapitel. Herbſt und Winter. 131 wirkt ſie auf denſelben genau ſo wie eine Zange, mit welcher man einen Nagel auszieht: einerſeits kneift ſie denſelben zu⸗ ſammen, andererſeits ſucht ſie ihn von der darunter lagernden Erde zu trennen, welche noch nicht gefroren iſt und von den unteren Wurzeln, welche ſich darin befinden. Wenn es dieſer Zange von Eis gelingt, den Halm abzureißen, was unglücklicher⸗ weiſe häufig vorkommt, und wenn die oberen Wurzeln noch nicht gebildet ſind, ſo iſt die Pflanze verloren. Dagegen können, wenn dieſe oberen Wurzeln ſchon vorhanden ſind, einige von ihnen beſchädigt oder ihrer Spitze beraubt werden, aber der un⸗ verſehrte Teil bildet eine vollſtändige Pflanze; dieſelbe hat nur ihre alten Wurzeln verloren, welche bereits unbrauchbar geworden waren, und im Frühjahr kann ſie, mit allen Organen verſehen, ihr Wachstum wieder aufnehmen, zumal wenn eine rechtzeitig gegebene Walze die durch das Auftauen gelockerte Erde wieder befeſtigt.*) *)(Anm. d. Überſ.) Der Verf. teilte mir auf meine Anfrage gütigſt mit, daß er das Abreißen von Weizenpflanzen infolge von Froſt nicht etwa nur auf Grund theoretiſcher Be⸗ trachtung annimmt, ſondern daß er dieſe Erſcheinung wiederholt genau durch Abzeichnung beſtimmter einzelner Pflanzen in ver⸗ ſchiedenen Stadien der Beſchädigung beobachtet habe. Übrigens glaube ich, daß die völlige oder teilweiſe Ver⸗ nichtung der Weizenfelder durch direkte und indirekte Einwirkung des Froſtes, das„Auswintern“ des Weizens, nicht nur durch Abreißen der Pflanzen und Bloßlegen der Wurzeln(was Verf. im folgenden beſchreibt), ſondern auch auf manche andere Weiſe eintreten kann.— Häufiger als das Abreißen der Pflanzen durch den Froſt, welches ich noch nie mit Beſtimmtheit nach⸗ zuweiſen Gelegenheit hatte, ſcheint mir bei anhaltendem, ſtarkem Froſte ohne Schneedecke ein einfaches Vertrocknen des Weizens vorzukommen, indem die gefrorenen, und noch mehr die am Tage auftauenden Blätter verdunſten, während die Wurzeln, welche in der Tag und Nacht gefroren bleibenden Erde ſtecken, kein 9* Elftes Kapitel. Herbſt und Winter. Die Weizenwurzeln können auch auf eine andere Weiſe vernichtet werden. Ich habe mehrmals Gelegenheit gehabt, es nachzuweiſen; die näheren Umſtände waren folgende: Meine Ländereien waren mit Schnee bedeckt geweſen; dar⸗ auf hatte eine ſehr heftiger Nordoſt-Wind, wie er zuweilen im Rhonethale vorkommt, den Schnee von allen Hochebenen fort⸗ geweht, um ihn in den geſchützten Thälern aufzuhäufen und hier ſehr dicke Ablagerungen zu bilden, welche man in dem Lande „Blaſen“ nennt. Dieſe Blaſen beſtanden zunächſt nur aus ſehr reinem und ſehr weißem Schnee; aber nach einigen Tagen, während welcher der Nordoſt⸗Wind beſtändig angehalten hatte, fand ich an ihrer Oberfläche eine Lage Erde von 5 bis 6 cm Höhe. Ich beſah nun mein nördlich von dieſem Thale auf der Hochebene belegenes Weizenfeld: der Schnee war hier nicht allein vollſtändig verſchwunden, ſondern der Wind hatte auch einen Teil der feinen Erde entführt, welche auf der Oberfläche lag. Der Wurzelhals der Pflanzen war freigelegt und der obere Teil der Wurzeln bloß. Ich ſuchte den Schaden durch tüchtiges Eggen und nachfolgendes Walzen auszubeſſern, aber es gelang mir nur unvollſtändig. Das Beſte, was man mit ſo ſehr exponierten Feldern thun kann, iſt, hier auf den Weizenbau zu verzichten und ſie„abzuſchließen“, d. h. ſie als Grasland nieder zu legen. Man ſucht vergebens daraus fruchtbares Land zu machen: der Wind entführt dasſelbe in dem Maße wie es ſich bildet. Im Monat November, wo die Durchſchnitts⸗Temperatur der Luft unter+ 60 ſinkt und nur ſelten das Wachstum der äußeren Teile der jungen Weizenpflanzen im Gange halten kann, Waſſer zuführen können. Vielleicht ſterben auch die Weizen⸗ pflanzen unter Umſtänden durch zu ſtarke Konzentration des Zellinhaltes infolge fortgeſetzter Eisbildung außerhalb der Zellen. Ein genaueres experimentelles Studium der komplizierten Erſcheinungen, welche wir als„Auswintern“ des Weizens be⸗ zeichnen, wäre gewiß eine ebenſo intereſſante wie nützliche Aufgabe. ———— Elftes Kapitel. Herbſt und Winter. 133 hält ſich die Temperatur des Bodens wärmer, nahezu auf 70 im Durchſchnitt in einer Tiefe von 25 cm, und 8 ½° in einer Tiefe von 1 m. Die Wurzeln haben dieſe Tiefe von 1 m noch lange nicht erreicht; aber wenn der Weizen früh genug geſäet war, ſo ſind ſie auf 25 oder 30 cem vorgedrungen. Sie können alſo durchſchnittlich einen ganzen Monat lang fortfahren ſich zu entwickeln, während alle Vegetation an der freien Luft ſtillſteht. Es iſt einleuchtend, daß dieſe winterliche Wurzelentwickelung, welche um ſo geſicherter iſt, je frühzeitiger die Beſtellung war, die Pflanzen kräftigt und die Beſtockung begünſtigt. Die letztere beginnt oft ſchon vor der ſtarken Kälte, erneuert ſich zuweilen wenn die Kälte zeitweiſe aufhört und ſetzt ſich in den erſten ſchönen Frühlingstagen um ſo energiſcher fort, je länger und zahlreicher die Wurzeln ſind, und je mehr Nahrung ſie daher zuführen können. Schubart hat auf ſeinem Gute in Mecklenburg die Wurzeln eines Weizens beobachtet, welcher während der letzten Tage des Oktobers 1854 geſäet war und erſt im Dezember aufging, weil es während der größten Zeit des Novembers gefroren hatte; am 26. April waren die Wurzeln bis zu einer Tiefe von 54 cm in der Erde vorgedrungen. Auf demſelben Boden, thoniger Lehm, hatten die Wurzeln eines am 26. September 1854 ge⸗ ſäeten Weizens am 26. April ſchon eine Tiefe von 97 em er⸗ reicht, und 6 Wochen ſpäter, am 14. Juni, waren ſie ſchon auf 1,17 m.*) In den nördlichen Ländern bedeckt die Felder eine dicke Schneedecke, und, wenn dieſer Schnee eben verſchwunden iſt, *)(Anm. d. Überſ.) Es iſt mir nicht wahrſcheinlich, daß die von Schubart angegebenen Zahlen über Tiefe der Be⸗ wurzelung zu verſchiedenen Zeiten wirklich Durchſchnittszahlen ſind, welche auf vielen Meſſungen beruhen; vermutlich werden nur einzelne Wurzeln unter günſtigen lokalen Umſtänden dieſe Tiefe erreicht haben. Vergl. die Angaben des Verf. im III. Kapitel, namentlich die Zahlen von Hellriegel S. 52. 134 Elftes Kapitel. Herbſt und Winter. findet der Landmann ſeine jungen Weizenpflanzen vergrößert und bereit, ſich zum Schoſſen und zur Ährenbildung den Früh⸗ ling zu nutze zu machen, oder vielmehr den Sommer(denn in dieſen Ländern giebt es ſozuſagen keinen Frühling). Aber in unſeren Ländern des mittleren und weſtlichen Europa bleibt der Schnee nicht lange liegen, und man darf auf ſeinen Schutz zur Sicherung der nächſten Ernte nicht zu viel rechnen. Wenn der Weizen ſchläft, wie man zu ſagen pflegt, ſo iſt es ein oft unter⸗ brochener Schlaf. Um dies zu beweiſen, führe ich hier einige Aufzeichnungen an, welche ich aus dem Tagebuche meiner Be⸗ obachtungen während der Jahre 1868 u. 1869 ausgezogen habe: Anfang Januar 1868 hatte der Noéë⸗Weizen, welcher am 12. Oktober geſäet war, drei Blätter, aber der größte Teil der Blätter war durch kleine Schichten von Eis abgeriſſen worden, welche ſich an der Bodenoberfläche zu wiederholten Malen ge⸗ bildet hatten. An allen Pflanzen war der Halm unbeſchädigt und ich konnte an demſelben vom 25. ab ein ſchwaches Wachs⸗ tum(von 2 bis 4 cm) nachweiſen; es hatte vom 19. bis 23. nicht gefroren; die Mitteltemperatur war+ 4 bis+ 50° ge⸗ weſen, und die höchſte zwiſchen 5 und 11°. Am 24. fand ich einen neuen Seitenſproß, und am 28. ein neues Blatt an den Pflanzen, welche Stallmiſt als Dünger erhalten hatten, aber nicht an denen, welche gar keinen Dünger bekommen hatten. Vom 1. bis 26. Februar fror es des Nachts, aber am Tage ſtieg das Thermometer zu Höhen, welche zwiſchen+ 6 bis + 12,7 0 differierten; die Mittel ſchwankten zwiſchen O und+ 60. Es erfolgte ein ſchwaches Wachstum beim ungedüngten blauen Weizen, und es zeigte ſich ein neues Blatt an demſelben; es war eine Art Halberwachen der Vegetation. Das Erwachen war vollſtändiger bei dem gedüngten blauen Weizen; eine neue Beſtockung zeigte ſich an demſelben. Aber der Galland-Weizen, welcher daneben ſtand, kam nicht von der Stelle; er ſchlief noch! Mitte März fror es wiederum faſt alle Nächte. Während des Tages ſtieg das Thermometer oft bis auf 10, 11 und 130, aber das Mittel war nur vom 3. bis 8. und vom 16. bis Elftes Kapitel. Herbſt und Winter. 135 19. März höher als+ 60 Der blaue Weizen machte keinen merklichen Fortſchritt; indeſſen ſtand die Vegetation desjenigen, welcher gedüngt wurde, nicht ſo vollſtändig ſtill als die des Weizens ohne Dünger; die eine Pflanze zeigte ein neues Blatt, die andere einen neuen Seitentrieb. Der Galland⸗Weizen da⸗ gegen ſchlief noch immer. Im Monat April ſank das Thermometer noch unter O am 1., 2., 11., 12. und 13., aber alle übrigen Tage blieb es dar⸗ über; die Temperatur-Maxima ſchwankten von 7 bis 210; die Mittel waren nur vom 9. bis 13. unter 60, und die anderen Tage erhoben ſie ſich oft auf 90 und zuweilen auf mehr als 10°. Das Erwachen war vollſtändig bei allen Weizenſorten, ſelbſt beim Galland. Die meiſten Pflanzen bildeten drei neue Blätter während des Monats April. Aber es zeigten ſich keine neuen Seitentriebe mehr. Am Ende des Monats begann der Weizen zu„ſchoſſen“ bei Durchſchnittstemperaturen von über 10° und Maximaltemperaturen von mehr als 15°. Der blaue Weizen fing Ende Mai an zu blühen vom 27. bis 29.; aber der Galland⸗-Weizen hatte noch nicht einmal Ähren bekommen. Im Herbſt des Jahres 1868, einem Herbſt, der ſo feucht war, daß die Drains faſt beſtändig liefen, ging ein am 15. Ok⸗ tober geſäeter Landweizen am 26. auf, während die Durchſchnitts⸗ Temperatur der Erde+ 120 war. Auf einem andern Felde gingen Landweizen und blauer Weizen, welche am 23. Oktober geſäet waren, erſt am 26. November auf; die Bodentemperatur war bis zum 7. November ungefähr 8° geweſen; von 8. bis 24. war ſie nur 2 bis 40 und ſtieg nur am 25. auf+ 50. Die beiden Weizenſorten konnten im Laufe des Monats Dezember einige Fortſchritte machen und jede zwei neue Blätter bilden infolge einer oft über 6° liegenden Durchſchnittstemperatur. Während einiger Tage erreichte der Durchſchnitt 8. bis 9° mit Maximaltemperaturen von 14 bis 150. Vom 1. bis 17. Januar 1869 ſchwankten die Durchſchnitts⸗ temperaturen von 1 bis 60, die Blätter konnten ſich noch ein wenig, nämlich um ungefähr 2 bis 3 ecm verlängern. Aber vom 136 Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. 18. an wurde die Kälte wieder ſehr heftig; am 25. fiel das Thermometer bis— 13°; der Boden war bis zu 15 em Tiefe gefroren. Indem ich die Breite und Länge der Blätter meines Weizens maß, konnte ich eine Verkleinerung nachweiſen. Indeſſen milderte ſich die Kälte vom 29. an. Während des Monats Februar hat es nur ſelten gefroren, und die durchſchnittliche Lufttemperatur war nie unter+ 1⁰; ſie ſtieg am 11. und 12. auf+ 9°, und vom 20. bis 28. auf+ 5°. Der Weizen be⸗ ſtockte ſich ſtark. Alle Pflanzen hatten mindeſtens zwei Seiten⸗ triebe, einige ſogar vier. Im März machte der Weizen wenig Fortſchritte. Zu An⸗ fang des Monats war die Erde mit Schnee bedeckt, durch den dieſelbe beim Schmelzen mit Waſſer geſchwängert wurde. An ſchlecht drainierten Stellen waren die Pflanzen gelb und kränk⸗ lich. Es fror ſpäterhin oft genug, und die Durchſchnitts⸗ temperatur der Luft ſchwankte vom 1. bis 16. zwiſchen— 3 und+ 40 und vom 17. bis 31. zwiſchen+ 2 und+ 50⁰; ſie erhob ſich nur am 19. auf+ 6°. Die Lage blieb dieſelbe bis zum 5. April. Aber vom 6. an ſtieg die Durchſchnittstemperatur der Luft nach und nach auf 15° und die Maxima erreichten 20°. Die Vegetation des Weizens erwachte vortrefflich, vom 20. an fing er an ſich zu verlängern, zu„ſchoſſen“. Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. Der Weizen, welcher unter günſtigen Bedingungen beſtellt wurde und der von der Strenge des Winters nicht gelitten hat, kann nötigenfalls im Frühjahr ſich ſelbſt überlaſſen werden; „er iſt ſchön heraus“, ſagt ſich der glückliche Beſitzer und läßt ihn ruhig wachſen, indem er ſich im voraus über die ſchöne Ernte freut, die er davon machen wird. Und dennoch kann der Weizen, welcher das ſchönſte Aus⸗ ſehen hat, noch verbeſſert werden, bald durch Walzen, bald durch einen zur rechten Zeit gegebenen Eggeſtrich; und die Drillſaaten Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. 137 zeigen erſt dann ihre ganze Überlegenheit, wenn ſie im Frühjahr behackt werden. Bei dem Weizen mit krankem Ausſehen iſt es dagegen dringend nötig Heilmittel anzuwenden, ſobald das Land ab⸗ getrocknet iſt und bevor die Jahreszeit zu ſehr vorgeſchritten iſt. Der eine iſt gelblich, ſeine Blätter ſind klein und ſchmal; er be⸗ ſtockt ſich nicht. Man muß ihm einen„Peitſchenhieb“ geben, indem man einen ſchnell aſſimilierbaren ſtickſtoffhaltigen Dünger darauf ausſtreut, Chiliſalpeter, ſchwefelſaures Ammoniak oder Peruguano.*) Ein anderer dagegen iſt übermäßig üppig vor Kraft, und man hat Grund zu befürchten, daß er lagert. Man muß ihn walzen, oder noch beſſer„ſchröpfen“, indem man mit der Sichel oder der Senſe die höchſten Spitzen der Halme ab⸗ ſchneidet. Man hält dadurch ihren Trieb auf und geſtattet den Seitentrieben, ſie wieder einzuholen, indem ſie ihre Halme kräftigen *)(Anm. d. Überſ.) Wie ich ſchon beim 2. Kapitel be⸗ merkt habe, hat der Verf. den Unterſchied in der Wirkung zwiſchen Chiliſalpeter und ammoniakaliſchen Düngemitteln meines Erachtens nicht genügend hervorgehoben. Im vorliegenden Falle möchte wohl dem Chiliſalpeter unbedingt der Vorzug zu geben ſein, wo es ſich um möglichſt ſchnelle Wirkung handelt.— Warnen möchte ich vor jeder Stickſtoff⸗Kopfdüngung von Weizen, der mit ſehr dünnem Beſtande, d. h. mit zu wenig Pflanzen pro Quadratmeter durch den Winter gekommen iſt. In dieſem Falle wird, wenn der Vorrat an aſſimilierbarem Stickſtoff im Boden kein ſehr geringer iſt, durch dieſe Kopfdüngung leicht eine über⸗ mäßige Blattbildung hervorgerufen, und ſolcher Weizen pflegt ſehr leicht vom Roſt zu leiden, ungleichmäßig zu reifen und ſchlechtes verſchrumpftes Korn zu geben. **)(Anm. d. Überſ.) Das Schröpfen iſt immer ein Not— behelf von ſehr unſicherem Erfolge, der ſtets ſehr von der nicht vorauszuſehenden ſpäteren Witterung abhängt. Am ſicherſten bleibt es, dem Lagern durch zweckmäßig bemeſſene Stickſtoff⸗ 138 Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. man auf die zu kräftigen Weizenfelder eine Schafherde und im Elſaß Pferde; aber dieſes Heilmittel iſt oft ſchlimmer als das Üübel. Wenn der Boden dicht und mit Riſſen durchſchnitten iſt, welche durch ſeine Austrocknung entſtanden, oder wenn er mit einer harten Kruſte bedeckt iſt, in welche die neuen, am Knoten der Pflanze gebildeten Wurzeln Mühe haben würden einzudringen, ſo iſt es am Platze, eine Egge mit eiſernen Zinken anzuwenden und ſie zu wiederholten Malen in verſchiedenen Richtungen über den jungen Weizen gehen zu laſſen. Man fürchte nicht, ihn zu beſchädigen! Die Blätter erſcheinen alsbald ſchöner und zahlreicher wieder als vorher, zumal wenn eine milde und feuchte Temperatur die Operation begünſtigt. Eine Walze kann den Erfolg vervollſtändigen; die Beſtockung wird dann um ſo reich⸗ licher ſein. Gleichzeitig zerſtört die Egge die Unkräuter, welche mit dem Weizen aufgegangen ſind. Wenn dagegen der Weizen durch Abwechslung von Froſt und Auftauen, wodurch der Boden locker wird, entwurzelt wurde, ſo wird man das Eggen vermeiden, aber unmittelbar zum Walzen ſchreiten, ſei es mit einer Croskillwalze oder mit irgend einer andern Walze aus Stein oder Gußeiſen. In Gegenden, wo die Handarbeits⸗Kräfte nicht zu gering ſind, jätet man den Weizen oder hackt ihn mit einer Raſette. Dieſe Arbeit macht man, wenn der Weizen 20 bis 25 em hoch iſt und, wohl verſtanden, wenn das Wetter trocken iſt. Sie koſtet 12 bis 18 Frk. pro Hektar je nach den Ortlichkeiten. In der Normandie reißt man die Diſteln mit einer hölzernen Zange, Moette genannt, aus.*) Wenn der Wetzen in genügend weitläufige Reihen geſäet wurde, ſo kann die Bodenlockerung, die Zerſtörung der Unkräuter düngung Einſaat und Reihenentfernung, ſowie namentlich durch Auswahl paſſender Varietäten vorzubeugen, was übrigens der Verf. vielfach in dieſem Werke betont hat. *) Anm. d. Üüberſ.) In unſern Rübenwirtſchaften koſtet ein Hektar auf 21—23 em gedrilltes Getreide mit der Handhacke zu bearbeiten etwa 8 M(alſo 10 Frk.) pro Hektar. Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. 139 und die Wiederbefeſtigung oder Behäufelung der Pflanzenbüſche ſowohl billiger geſchehen als mit der Hand und vollſtändiger als mit der Egge durch die Pferdehacke oder Hackemaſchine. Die einfachſte iſt die von Smith; man kann ihren Hackemeſſern größere oder kleinere Entfernung geben, aber dieſelben ſind nicht unabhängig von einander, ſo daß ſie den Unebenheiten des Bodens nicht folgen können; ferner ſind ſie von der Form der Lanzen⸗ ſpitzen, und ihre ſcharfen Ränder können zuweilen die zu nahen Pflanzenbüſche verwunden. 4 71 — 1 — —— Fig. 11. Garrett'ſche Hackemaſchine. Alle dieſe Unzuträglichkeiten werden bei der Garrett'ſchen Hackemaſchine vermieden(Fig. 11). Ihr ſinnreicher Mechanis⸗ mus hat eine Geſchmeidigkeit, welche allen Schwankungen der Reihen und allen Unebenheiten des Bodens zu folgen geſtattet, ohne eine einzige Pflanze zu ritzen. Für jeden Zwiſchenraum ſind zwei ſtählerne Meſſer vorhanden, welche an dem Stiele, der ſie trägt, in einem Winkel von 90° oder etwas mehr knie⸗ förmig gebogen und ſo angeordnet ſind, daß die Schneiden ſich einander anſehen und in der Mitte des Zwiſchenraumes zu⸗ ſammen arbeiten, während die Rücken den Weizenbüſchen zugekehrt ſind und ihnen keinerlei Schaden zufügen können.*) Die Garrett⸗ *) Anm. d. Überſ.) Neuerdings werden von einer ganzen Reihe deutſcher Maſchinenfabriken ſehr gute Hackemaſchinen ge⸗ 140 Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. ſchen Hackemaſchinen koſten, je nach ihrer Breite, 400 bis 600 Frk. und können mit einem Pferde, einem Kinde zu deſſen Führung und einem Manne zur Leitung der Maſchine 4 bis 5 Hektare im Tage leiſten. Ihre Arbeit koſtet alſo ungefähr das Doppelte von einer Eggearbeit, 10 Frk. pro Hektar anſtatt 5 Frk.**) Aber auf gewiſſen Böden iſt dieſe Behackung die notwendige Ergänzung der Drillſaat, und ſie kann hier den Ertrag um durch⸗ ſchnittlich 5 bis 6 hl ſteigern im Vergleich zu dem der breit⸗ würfigen Saat. Um die Lockerung des Bodens noch voll⸗ ſtändiger zu bewirken, laſſen einige Landwirte der Garrett'ſchen Hacke einen Eggeſtrich quer über die Drillreihen vorhergehen oder folgen, und zuweilen iſt es nützlich, eine Bearbeitung mit der Walze hinzuzufügen, um die am Wurzelhals der Pflanzen vereinigten Knoten mit Erde zu umgeben und das Austreiben neuer Wurzeln zu begünſtigen. Fl. Desprez zu Cappelle im Departement du Nord hat ein beſonderes Gerät für dieſe Behäufelung des Weizens er⸗ funden, eine Arbeit, die augenſcheinlich ſehr vorteilhaften Erfolg haben muß. Wenn die Drillreihen ſehr weit von einander entfernt ſind, kann man für den Weizen die gewöhnliche Pferdehacke für Hack⸗ früchte anwenden, wie es Michel Perret thut.**) liefert, welche die von dem Verf. bei Garrett'ſchen Maſchinen gerühmten Vorzüge haben. **)(Anm. d. Überſ.) Dieſe Preiſe ſind viel höher als unter durchſchnittlichen Verhältniſſen in Deutſchland. Bei uns würde der Hektar zu eggen ca. 2 M, und mit der Hacke⸗ maſchine zu bearbeiten ungefähr ebenſoviel koſten; wodurch in Frankreich die letztere Arbeit ſo viel teurer wird als die erſtere, verſtehe ich nicht. **r*)(Anm. d. Überſ.) Vielleicht ſind hier Krautpflüge ge⸗ meint, welche nur eine Reihe bearbeiten. Die bei uns gebräuch⸗ lichſten Hackemaſchinen ſind ſtets ebenſowohl für Getreide wie für die eigentlichen Hackfrüchte anwendbar. Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. 141 Wenn die Ergiebigkeit der Wärme und des Lichtes zunimmt und infolge der längeren Tage längere Zeit andauert, ſo wird die Verdunſtung des Weizens eine lebhaftere; ſein Halm ver⸗ längert ſich; die Knoten, welche noch keine Wurzeln austreiben und ſie in der Erde befeſtigen konnten, ſteigen mit den zu⸗ gehörigen Blättern empor, und die von den Wurzeln zugeführten Nährſtoffe dienen zur Bildung der Merithallien, welche dieſe Knoten trennen, anſtatt daß ſie fortfahren neue Seitenſproſſe zu ernähren. Die Gefäßbündel⸗Stränge, welche aus dieſen Wurzeln Fig. 13. T Halm; F Blattſcheide; v Gefäßbündel; p Parenchym. kommen, ſteigen in gerader Linie, umgeben von Parenchym und in zwei Ringe geordnet, im Halm empor; die kleinſten liegen der Peripherie am nächſten(Fig. 12 und 13.) Sodann bilden ſich durch Teilung neue Gefäßbündel um die alten und außer⸗ halb derſelben; ſie treten in den Knoten ein, um ſich alsbald in den Halm zu verlängern, während die alten in die Blätter übergehen. Die Gefäßbündel ſind zahlreicher und dicker in den oberen Merithallien als an der Baſis des Halmes, ſo daß der Halm in dem Maße dicker wird, wie er ſich verlängert. Die Gefäß⸗ bündel ſind von Parenchym umgeben, welches auch das Innere des Halmes ausfüllt; aber in dem Maße wie dasſelbe gelb wird, zerreißt und zerbricht das centrale Gewebe, indem es, namentlich im oberen Teile jedes Merithalliums oder Inter⸗ nodiums eine röhrenförmige Höhlung hinterläßt, welche beſonders 142 Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. charakteriſtiſch für das Stroh oder die Stoppel des gemeinen Weizens iſt. Jedes Blatt beſteht aus einer Blattſcheide, welche das Inter⸗ nodium umgiebt und einer Blattſpreite, welche um ſo länger und breiter iſt, je kräftiger die Vegetation und beſonders je er⸗ Fig. 14. Oberhaut des Weizenblattes. Fig. 15. Weizenblatt. st Spaltöffnungen. g Blattſcheide; 1 Ligula. giebiger das Licht iſt. An der Grenze zwiſchen der Scheide und der Spreite findet man die Ligula, ein ſehr dünnes, gewöhnlich gezähntes Häutchen(Fig. 15). Die Gefäßbündel bleiben im Blatte wie im Halme parallel zu einander und ſind durch ein mit Chlorophyll erfülltes Zellgewebe getrennt. Zwiſchen dieſen Zellen*) befinden ſich die Spaltöffnungen, welche in regelmäßigen Linien, parallel zur Hauptrichtung des Halmes, angeordnet ſind. *)(Anm. d. Überſ.) Dies iſt nicht ganz korrekt aus⸗ gedrückt; die Spaltöffnungen befinden ſich nicht zwiſchen den chlorophyllführenden Parenchymzellen, oder, wie es wörtlich überſetzt heißen würde, inmitten derſelben(au milieu de), ſondern zwiſchen den das Parenchym und die Gefäßbündel äußerlich umkleidenden, ganz anders geſtaltenen Oberhautzellen. Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. 143 Es ſind zweimal ſoviel Reihen von Spaltöffnungen an der Unterſeite der Spreite als an der Oberſeite und an der Außen⸗ ſeite der Scheide als an der Innenſeite, und daher kommt es vielleicht, daß die Spreite die Neigung hat, ſich zu drehen, um dem Lichte die Seite zuzukehren, wo die Spaltöffnungen am reichlichſten liegen.*)(Fig. 15.) Solange die Pflanze noch grün iſt, kann man kaum die Blattſcheide vom Halme ablöſen; ſie iſt mit demſelben durch ein zartes Parenchym verbunden, und wenn man dieſes Parenchym zerreißt, um die Scheide vom Halme zu trennen, ſo findet man den letztern noch ganz weiß, weich und unfähig ſich aufrecht zu erhalten. Je mehr Licht die Pflanzen erhalten, deſto dicker *) Anm. d. Überſ.) Dies ſcheint mir eine irrige Auf⸗ faſſung des Verf. zu ſein. Die Spaltöffnungen haben nicht den Zweck, das Licht den chlorophyllführenden Zellſchichten zuzu⸗ führen; dasſelbe dringt direkt durch die farbloſen Oberhautzellen; ſondern ſie vermitteln die Kommunikation der äußeren Luft mit den luftführenden Räumen, welche die mehr oder weniger kugel⸗ förmigen Parenchymzellen neben ihren Berührungspunkten zwiſchen ſich laſſen(Intercellular⸗Räume) und dadurch die direkte Be⸗ rührung der Kohlenſäure mit den Zellen, in welchen ſie unter dem Einfluß des Lichtes und des grünen Farbeſtoffs(Chloro⸗ phyll) zerlegt wird. In gleicher Weiſe vermitteln ſie den Gas— austauſch bei der Verdunſtung und bei der Atmung der Pflanze. — Die Spaltöffnungen ſind mit einem Mechanismus verſehen welcher dieſelben bei Benetzung ſchließt. Die reichlicher vor⸗ handenen Spaltöffnungen der unteren Blattſeite können daher den Gasaustauſch noch vermitteln, wenn die der Oberſeite infolge eines ſchwachen Regens geſchloſſen ſind.— Der Nutzen der ſchraubenförmigen Drehung der Blattſpreite möchte vielmehr darin zu ſuchen ſein, daß bei ſchwachem Luftzuge bald die Ober⸗, bald die Unterſeite dem Lichte zugekehrt und es dadurch den chlorophyllführenden Zellſchichten beider Seiten ermöglicht wird, gleichmäßig an der Aſſimilation des Kohlenſtoffs teilzunehmen. 144 Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. iſt der Halm, deſto kürzer ſind die Internodien und deſto mehr ſind ſie vom einen bis zum anderen Ende durch das Chlorophyll gefärbt. Dagegen ſtreckt ſich der Halm, um das Licht zu er⸗ reichen, wenn ihm die Sonne durch die ihn dicht gedrängt um⸗ gebenden Pflanzen verhüllt wird, wie der Tannenſtamm in den ſehr dichten Forſten; er bleibt dünn und zart; die Verdunſtung des Waſſers und die Zerſetzung der Kohlenſäure durch die Blätter wird verlangſamt; die Gefäßbündelſtränge der Peripherie können nicht verholzen, weil ihnen der Kohlenſtoff fehlt; an jedem der langen Internodien, namentlich am Fuße des Halmes, bleibt die untere Hälfte weiß und weich, und unter dieſen Um⸗ ſtänden genügt ein Windſtoß oder ein ſtarker Regen, um einen ſolchen kränklichen Halm umzulegen und das Lagern herbei⸗ zuführen. Gewiſſe Weizen-Varietäten ſind dem Lagern mehr aus⸗ geſetzt als andere, weil ſie von Natur ein längeres und zarteres Stroh haben. Alle widerſtehen dem Lagern um ſo weniger, je dichter und in je reicheren Boden ſie geſäet wurden. Der über⸗ fluß an Nahrung, welche durch die Wurzeln aufgenommen wurde, begünſtigt die Entwickelung aller Pflanzen gleichzeitig und veranlaßt ſie folglich, ſich gegenſeitig des Lichtes zu be⸗ rauben, gerade dadurch, daß er ſie befähigt, ſich ſchneller zu vergrößern, um das Licht zu ſuchen. Ein Überſchuß an aſſi— milierbarem Stickſtoff iſt beſonders ſchädlich; da die Zellbildung zu dem in einer gegebenen Zeit aufgenommenen Stickſtoff im Verhältnis ſteht, entwickeln ſich die Pflanzen zu ſchnell, und die geringe, durch die Blätter gebundene Menge Kohlenſtoff kann zur Verdickung der Zellwände nicht genügen. Kann man dem Einfluß dieſes Stickſtoff-Überſchuſſes das Gegengewicht halten durch eine Zufuhr von Phosphorſäure und Kali?— Joulie bejaht dieſe Frage, aber ich glaube, daß der Stickſtoff dennoch im Überſchuß bleiben wird im Verhältnis zum Lichte und zur Aſſimilation des Kohlenſtoffs durch die Blätter. Früher glaubte man, daß der Mangel an Kieſelſäure das Lagern des Weizens herbeiführe, und Thomas Way, Chemiker Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. 145 der königlichen landwirtſchaftlichen Geſellſchaft von England, hatte ſogar vorgeſchlagen, Kalkſilikate dem dem Weizen verabreichten Dünger beizumengen, um dem Lagern vorzubeugen. Aber es iſt nachgewieſen worden, daß gelagerter Weizen im Stroh eben⸗ ſoviel Kieſelſäure enthält wie nicht gelagerter, und zuweilen ſo⸗ gar mehr. Je weiter der Weizen in den verſchiedenen Vegetations⸗ phaſen fortſchreitet, deſto mehr Wärme bedarf er. Damit ſich die Verdunſtung regelmäßig vollzieht, muß auch die Wärme der Luft größer ſein als die Bodenwärme; der Weizen muß, wie alle Pflanzen, im Gegenſatz zum Menſchen, mehr Wärme am Kopfe als an den Füßen haben, und meine meteorologiſchen Beobachtungen haben mir gezeigt, daß die Pflanzen ſich jedes⸗ mal leidend zeigen, wenn dieſe Regel durch eine ſchroffe Erniedrigung der äußeren Lufttemperatur umgeſtoßen wird; ſie verlieren ihre ſchöne grüne Farbe nnd nehmen ein gelb⸗ liches Ausſehen an. Bei ſchroffem Wechſel von Regen oder ſtarkem Tau und Sonnenſchein verdunſtet das die Blätter bedeckende Waſſer ſchnell und verſchlimmert dieſen krankhaften Zuſtand; während die normale Enwickelung des Weizens ge⸗ feſſelt iſt, wird die der Kryptogamen⸗Sporen begünſtigt, und die Krankheiten, deren Keime dieſelben bilden, verbreiten ſich ſehr ſchnell. „Am häufigſten und am bekannteſten, ſagt Vilmorin, iſt der Roſt, ein mikroſkopiſcher Pilz, welcher ſich im Halme der Pflanze entwickelt und ernährt, und welcher äußerlich in der Form von kleinen Anhäufungen rötlichen Staubes erſcheint, ganz ähnlich dem Roſt des Eiſens, womit die Blätter, die Halme und ſelbſt die Ähren des kranken Weizens bedeckt ſind. Wir haben nun in einer ſehr großen Zahl von Fällen bemerkt, daß in der Umgegend von Paris der Roſt ſeine Verwüſtungen haupt⸗ ſächlich auf den Weizenvarietäten anrichtet, welche aus einem Lande ſtammen, das ein trockneres Klima hat als das unſrige. Daher kommt es, daß es faſt unmöglich iſt, hier die vortreff— lichen Weißweizen aus Auſtralien zu bauen, ebenſowenig wie Rimpau, Weizenbau. 10 146 Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. viele aus Nordamerika. Vor einigen Jahren, nach der Erobe⸗ rung von Khiva durch die Ruſſen, empfingen wir eine intereſſante Sammlung von Weizenſorten, welche in der Umgegend von Tashkend in Turkeſtan gebaut waren. Zu unſerem großen Be⸗ dauern ging dieſelbe allmählich völlig verloren, weil der Roſt alle die Varietäten mit ſolcher Heftigkeit befiel, daß ſie nach zwei oder drei Jahren aufhörten keimfähige Körner zu erzeugen. Mehrere Weizenſorten des ſüdlichen Rußlands verhalten ſich ebenſo, und die Neigung, welche der Noë⸗Weizen zum Befallen mit Roſt hat, ſcheint uns den allgemein gehegten Glauben an ſeinen orientaliſchen Urſprung zu beſtätigen. „Das Gegenſtück zu dieſen Beobachtungen lieferten uns die Sorten, welche von England und von den Niederlanden kamen, ſowie ein Weizen, welcher von Laziſtan, an der öſtlichen Küſte des ſchwarzen Meeres ſtammte. Niemals haben wir dieſen Weizen roſtig geſehen: Laziſtan iſt nun eine Provinz, wo es eben⸗ ſo oft und heftiger regnet als in unſerer Bretagne. Wir glauben hieraus ſchließen zu können, daß ein Weizen dem Roſten um ſo weniger widerſteht, einen je trockeneren Sommer das Klima hat, dem er entſtammt. „Es iſt keine Hypotheſe, ſondern eine beobachtete Thatſache, daß gewiſſe Weizenſorten weniger als andere dem Roſten aus⸗ geſetzt ſind; ob ihr Urſprung oder ihre Konſtitution die Urſache davon iſt, einige Varietäten erfreuen ſich in dieſer Beziehung einer mehr oder weniger vollſtändigen Unangreifbarkeit, und dieſe Beobachtung muß die Wahl beeinfluſſen, welche der Landwirt betreffs der einzuführenden Sorte trifft.“ Der Roſt hindert nicht nur die Entwickelung der Körner, ſondern er verändert auch die Beſchaffenheit des Strohes bis zu dem Grade, daß er, nach Fiſcher, daraus ein wahres Gift für die Pferde macht. Man ſagt, man ſolle keine Berberitzen in der Nähe der Weizenfelder laſſen, denn dieſe Sträucher ſind oft mit einem Roſt bedeckt, welcher nach de Bary zwar beſondere Charaktere hat, ſich aber auf den Weizen übertragen und hier ſeine Ent⸗ Zwölftes Kapitel. Pflege des Weizens im Frühjahr. 147 wickelung vollenden kann, indem er dieſelben Verheerungen an⸗ richtet wie der gewöhnliche Roſt.*) „Der Staubregen und ſtarke Tau des Frühlings ſchadet dem Weizen außerordentlich, ſagt Olivier de Serres, wenn er Ende Mai und Anfang Juni von 1 Uhr vor Tage an auf den ſchon entwickelten Weizen fällt, der ſich ſeiner Reife nähert; wenn das Waſſer desſelben ſich durch die darauf fallende Sonne ſo erwärmt, daß die Weizenähre ſich davon vor Fäulnis ſchwärzt, ſo geht wenig Korn, und auch noch ſchlecht beſchaffenes daraus hervor, ſo daß man auf faſt nichts weiter als Stroh hoffen darf. Das einzige Mittel gegen dieſes Übel iſt, den Tau von dem Weizen abzuſchlagen, bevor die Sonne Zeit gehabt hat ihn zu erwärmen, nach dem Beiſpiele der Obſtbäume, deren Früchte durch Schütteln der Bäume vor ſolchem Übel bewahrt werden. Aber darin liegt die Schwierigkeit, daß es ſcheint, als könnte dieſes Mittel hierzu wegen der Verſchiedenheit des Gegenſtandes nicht angewendet werden: dieſe Schwierigkeit iſt durch Kunſt überwunden und die Sache leicht gemacht. Zwei Männer ſchütteln die Spitzen des Weizens mit einer Schnur, welche jeder an einem Ende ſtraff über die Ähren geſpannt hält, indem ſie gemeſſenen Schrittes, der eine auf dieſer, der andere auf *)(Anm. d. Überſ.) Wir können das„man ſagt“, womit dieſer Satz beginnt, dreiſt fortlaſſen; es iſt eine völlig feſtgeſtellte Thatſache, daß der Roſtpilz einen beſtimmten Abſchnitt ſeiner Entwickelung auf der Berberitze durchmacht und ſich von dieſer wieder auf den Weizen und andere Gräſer überträgt. Der Roſt der Berberitze iſt alſo kein anderer Pilz, wie es nach der Darſtellung des Verf. ſcheinen könnte, ſondern er verhält ſich zum Roſt des Weizens ähnlich wie der Schmetterling zur Raupe oder wie der Bandwurm des Menſchen zur Finne des Schweines. Ich ſelbſt habe zwei Fälle genau beobachtet, wo von einem Berberitzenſtrauch der Weizen eines unmittelbar daran ſtoßenden Feldes erſt in einem deutlich bemerkbaren kleinen Halbkreiſe um den Strauch herum, dann immer weiter mit Roſt infiziert wurde. 10* 148 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. jener Seite des Feldes gehen und ſo oft darüber ſtreifen wie es nötig iſt. Auf Feldern von großer Ausdehnung reiten die Leute, und man befeſtigt die Schnur an dem Hals der Pferde in der Höhe des Weizens. So wird dieſes Unternehmen mit leichter Mühe ausgeführt. Vorausſetzung iſt, daß man mit freiem Felde zu thun hat, wo keine Bäume ſind; denn wo der Boden mit ſolchen beſetzt iſt, läßt es ſich nur in Abteilungen machen, in die das Feld geteilt iſt, in ſo viele und ſolche, wie es die Bäume geſtatten, damit die Schnur den Flächeninhalt derſelben frei beſtreichen kann.“*) Betreffs des Staubbrandes und des Schmierbrandes haben wir bereits angegeben, wie man deren Entwickelung durch Be⸗ handlung des Saatgutes mit Kalk oder Vitriol zu verhindern ſuchen muß. Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. Vom Frühjahr an iſt die Ähre bereits an dem Halme ge⸗ bildet, die Blätter ſind es ebenfalls, aber ſie erſcheinen nur nach und nach, um ihre luftige Thätigkeit zu beginnen. Ein ſtufen⸗ förmiger Strauß verlängert ſich und entfaltet ſich allmählich an der Sonne, in deſſen Mittelpunkt ſich die Ähre befindet, welche künftig ſeine Bekrönung bilden ſoll.„Beim Weizen, ſagt *)(Anm. d. Überſ.) Dieſe Anſchauung und das dadurch begründete Verfahren ſcheint mir ebenſo veraltet zu ſein wie die Sprache, in welcher dieſes Citat geſchrieben iſt(nämlich in altfranzöſiſcher Schreibweiſe). Wir wiſſen jetzt, daß die Ent⸗ wickelung der auf dem Getreide ſchmarotzenden Pilze durch Wärme verbunden mit einer feuchten(möglichſt mit Waſſerdampf geſättigten) Luft begünſtigt wird, und hiernach könnte man das empfohlene Verfahren beurteilen. In Ermangelung von Ver⸗ ſuchen, welche die Wirkſamkeit beweiſen— und ſolche führt der Gewährsmann des Verf. nicht an— möchte ich aber ein bei Ausführung im großen ſo koſtſpieliges Verfahren nicht empfehlen. Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. 149 Graf de Gasparin, findet ein natürliches Abſterben der Krone ſtatt, wie bei gewiſſen Bäumen, dem Maulbeerbaum ꝛc. Die Ähre, welche die Endknoſpe bildet, hört auf ſich zu entwickeln, wenn ſie ein gewiſſes Ziel erreicht hat. Dann vertrocknet ihr oberſter Teil; es bildet ſich hier eine Narbe und ihre Länge iſt endgiltig fixiert, wie auch die Zahl der Ährchen, ohne daß es menſchlichem Fleiße möglich wäre, ſie zu vermehren. Die Länge des bleibenden Teiles ſcheint beſtimmt zu ſein durch den Reichtum des Bodens im Zuſammenhang mit ſeiner waſſer⸗ haltenden Kraft und wahrſcheinlich auch durch die meteoro⸗ logiſchen Verhältniſſe. Die Zahl der Ährchen ſchien uns ge⸗ wöhnlich mit der Zahl der Blätter im Verhältnis zu ſtehen. Aber jedes Ährchen kann eine größere oder kleinere Anzahl Körner tragen, und darüber entſcheiden der Reichtum des Bodens, die gute Verteilung der Feuchtigkeit im Frühjahr und der Ver⸗ lauf der Blüte.“ Bei dem 1867 geernteten Landweizen habe ich im Durch⸗ ſchnitt 2 ½ mal ſo viel Ährchen gefunden als er Blätter oder Knoten am Halme hatte; aber dieſe Beziehung iſt ſchwer genau feſtzuſtellen, denn eine gewiſſe Anzahl von Knoten vermiſcht ſich, indem ſie zur Bildung der Seitenſproſſe dienen; ſie ſind be— ſonders ſchwer zu der Zeit zu zählen, wo die Ähre ſichtbar wird, denn oft ſind die ihnen entſprechenden Blätter dann ſchon verſchwunden. Die Anzahl dieſer Knoten iſt größer oder kleiner je nach den Weizenvarietäten und je nach alle den Verhältniſſen des Bodens, der Temperatur, der Feuchtigkeit und der Kultur, welche die Beſtockung beeinfluſſen. Ferner befinden ſich am Grunde jeder Ähre ſtets einige verkrüppelte Ährchen, zwei oder drei, zuweilen noch mehr, welche keine vollſtändigen Blüten enthalten und kein, oder nur ein ſehr kleines Korn bilden. Ebenſo giebt es unvollſtändige Ährchen am oberen Teile der Ähre. Alles dieſes verhindert, eine regelmäßige Beziehung zwiſchen der Anzahl der Ährchen und der der Knoten oder Blätter auf⸗ zufinden. 150 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. Jedes Ährchen beſteht aus zwei Deckſpelzen(Klappen), welche gewöhnlich 5 Blüten einſchließen, die auf einem kleinen centralen Halme alternierend angeordnet ſind, wie die Ährchen ſelbſt auf dem Haupthalme. In dem AÄhrchen, welches die Figuren 16 und 17 darſtellen, waren 4 vollſtändige Blüten; die fünfte hatte nur das Rudiment eines Ovariums, ohne Staub⸗ ig. 16. Ährchen. Fig. 17. Die fünf Blüten mit 5 brch übertriebener Entfernung. fäden, und darüber fand ſich noch eine einzelne Spelze, welche die Stelle einer ſechſten Blüte bezeichnete. Jede dieſer vollſtändigen Blüten wird von zwei Spelzen eingeſchloſſen. Die größere, welche ſich auf der Außenſeite be⸗ findet, hat die Geſtalt eines Schiffsraumes, deſſen Kiel durch eine ſcharfe Spitze gebildet wird, welche bei gewiſſen Varietäten a a a Fig. 18. Offene Blüte. Fig. 19. a untere Spehzi⸗ b obere Spelze; st Griffel; a Autheren; Klappe. g1 Ladiculae. mit einer Granne endet. Die innere Spelze(b) dagegen ſchließt die erſtere wie ein Deckel; ſie hat einen viel zarteren Bau, und ihre wie eine Art Gardinen umgefalteten Ränder bedecken die Befruchtungsorgane(Fig. 18). Das Ovarium, aus welchem, wenn es befruchtet iſt, das Korn wird, hat eine kleine nach dem Innern des Ährchens zu gerichtete Furche; ſeine Außenſeite iſt konvex und trägt zwei Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. 151 kleine Schüppchen, deren Ränder mit Haaren beſetzt ſind, und welche ſymmetriſch nahe an dem Grunde ſtehen: dies ſind die Glumellulae oder Lodiculae. Der obere abgeplattete und haarige Teil des Ovariums trägt eine aus zwei Zweigen oder Griffeln beſtehende Narbe, welche wie weiße ſeidene Hutfedern verzweigt ſind.(Fig. 19.) Staubfäden ſind drei vorhanden: je einer zu beiden Seiten der inneren Furche und ein dritter zwiſchen den Lodiculae. Jeder derſelben beſteht aus einer Anthere, welche in zwei aufrecht ſtehende längliche Lappen oder Taſchen von grüner Farbe geſpalten iſt, und aus einem Filament, dünn wie ein Faden von weißer Seide, welches einige Millimeter lang iſt(Fig. 19). Wenn die Blüte ſich zur Befruchtung vor⸗ Fgg. 20. bereitet, werden die Antheren gelb, und ſobald die Sffee Autheren. Luft warm und zugleich trocken genug iſt, damit die Befruchtung ſtattfinden kann, öffnen ſich die Lappen an den beiden Enden (Fig. 20), und die Pollenkörner(Fig. 21), welche ſie enthalten, ſchütten ſich auf die Federn oder 25 8 Pinſel des Ovariums aus. Zu gleicher Zeit 6* O& verlängert ſich das Filament mit außerordent⸗ Fig. 21. . w Pollenkörner des licher Schnelligkeit; und wenn die Spelzen weit Weizens. genug geöffnet ſind, damit die Antheren hindurchdringen können, erſcheinen dieſe außerhalb der Blüte. Nowacki ſagt in ſeiner Unterſuchung über das Reifen des Getreides:„Wenn die Antheren ſich zur Zeit, wo ſie ſich öffnen, unmittelbar über oder dicht an der Feder der Narbe befinden, wie dies oft der Fall iſt, ſo befruchtet der Pollen das Ovarium derſelben Blüte, welcher ſie alle beide angehören. Wenn dagegen, was ebenfalls häufig eintritt, die drei Antheren ſchon außerhalb des Ährchens und unterhalb des Ovariums hängen zur Zeit, wo ſie ſich öffnen, um ihren Pollen austreten zu laſſen, ſo kann dieſer Pollen nicht leicht das Ovarium derſelben Blüte befruchten, ſondern es iſt vielmehr wahrſcheinlich, daß er auf die Ovarien anderer Blüten fallen wird, welche zu gleicher Zeit offen ſtehen, 152 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. ſei es in der Nähe oder weit ab, oder daß er durch den Wind zerſtreut wird und verloren geht. Unzweifelhaft verfehlen viele Pollenkörner ſo ihre Beſtimmung, aber die Befruchtung findet darum doch ſtatt: einerſeits, weil die Menge der Pollenkörner ſehr groß iſt im Verhältnis zu den Ovarien, welche ſie zu befruchten haben; andererſeits, weil die Narben dieſer Ovarien wunderbar ſchön dazu eingerichtet ſind, den Pollen mit ihren Federn zu erhaſchen und feſtzuhalten.“*) Wenn das, was Nowacki ſagt, genau richtig wäre, könnten ſich die Ähren unter einander befruchten, und die verſchiedenen Weizenvarietäten könnten ſich kreuzen, wenn ſie nahe bei einander angebaut werden, und ſelbſt wenn ſie auf ziemlich beträchtliche Entfernung ſtehen. Sie würden ſich ſogar ſo leicht kreuzen— daß es gar keine Konſtanz der Varietäten mehr gebe.**) Die Frage iſt ſehr wichtig, und mir ſcheint ihre Löſung beſonders von folgender Thatſache abzuhängen: Offnen ſich die Spelzen der Blüten, um den Staubgefäßen Durchgang zu ver⸗ ſchaffen, und verlängern ſich die Filamente der Staubgefäße, bevor die Antheren ſich öffnen, um ihren Pollen auszuſchütten? Oder öffnen ſich die Antheren, umgekehrt ehe die Filamente ſich *) Anm. d. Überſc) In ſeinem neueren Werke„Anleitung zum Getreidebau“ ſtellt Nowacki den Beſtäubungsvorgang ganz nach Godron’'s und meinen Beobachtungen dar, ſagt auch aus⸗ drücklich, daß er denſelben vor ſeiner Veröffentlichung 1870 nicht ſo eingehend ſtudiert habe wie Godron und ich. **)(Anm. d. Überſ.) Dieſer Schluß iſt meines Erachtens aus Nowacki's älteren oben citierten Beobachtungen durchaus nicht zu ziehen, denn es iſt eine bekannte, ſchon durch von Gaerter nachgewieſene Thatſache, daß bei gleichzeitiger Beſtäubung einer Narbe mit Pollen derſelben und Pollen einer anderen Varietät, der erſtere, nicht der letztere befruchtend wirkt, und der Fall, daß nur Pollen einer anderen Varietät auf die Narbe gelangt, würde auch nur ſelten eintreten, wenn Nowacki's Beobachtung richtig wäre. Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. 153 verlängern und ehe die Spelzen ſich trennen, um ſie austreten zu laſſen? Folgendes ſagt Loiſeleur-Delongchamps:„Nachdem ich mich während verſchiedener Tagesſtunden bemüht hatte, zu ſehen, in welchem Zuſtande ſich die Blüte befände, in dem Momente wo die Befruchtung ſtattfindet, und zu welcher Tageszeit ſie ſtattfände, ſah ich nur ein einziges Mal um 4 Uhr nachmittags einige Spelzen der Weizenblüten auf einer kleinen Anzahl von Ähren weit genug offen, um in derſelben zugleich alle Teile der beiden Geſchlechter unterſcheiden zu können. Dieſe Beobachtung ließ mich vermuten, daß bei dieſem Genus die Hochzeit meiſt bei geſchloſſenen Thüren gefeiert werden müßte.“ Und er ſetzt hinzu:„Erſt wenn die Befruchtung bereits ſtatt⸗ gefunden hat, biegen ſich die Spelzen ein wenig an ihrem oberen Teile auseinander, um den Antheren Durchgang zu ge⸗ währen.... Gewiß iſt, daß ich bei gewaltſamer Offnung mehrerer Blüten, deren Staubgefäße noch nicht an der Spitze der Spelzen herausgeſchlüpft waren, die Antheren offen und zu ein Viertel oder zur Hälfte ihres Pollens entleert fand, und ich ſah denſelben ganz genau über die vielfädigen Narben ausge⸗ ſchüttet“ Bidard in Rouen, welcher ſehr intereſſante Be⸗ obachtungen über das Blühen des Weizens gemacht hat, beſchreibt dieſelbe in folgender Weiſe: „Die Organe der Blüte können nur bei einer Temperatur von 22° funktionieren. Die Befruchtung findet dann plötzlich in weniger als einer Minute ſtatt. Die Antheren der Staub⸗ fäden öffnen ſich, der Pollen fällt auf das Piſtill in Form eines Regens; aber, was wichtig zu bemerken iſt, die Erſcheinung geht bei geſchloſſenen Thüren vor ſich. „Erſt nach der Befruchtung ſieht man die beiden Klappen der Spelze ſich öffnen, um die 3 Staubgefäße durchtreten zu laſſen, deren Filamente, anfänglich 1 mm lang, ſich augenblick⸗ lich um 9 mm verlängerten. Die zu dieſer Verlängerung nötige Nahrung wird ihnen durch die beiden am Grunde der Blüte befindlichen und mit einem dicken Safte erfüllten Drüſen zu⸗ 154 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. geführt.*) Nach dem Austritt der Staubgefäße ſchließen ſich die Spelzen ſogleich und vollſtändig wieder. Dieſe Erſcheinung dauert höchſtens 2 oder 3 Minuten.“ Die Drüſen, von denen Bidard ſpricht, können nur die Lodiculae ſein. Hackel und Rimpau betrachten die Lodikulae gleichfalls als Drüſen, und nach ihnen haben ſie eine noch viel merk— würdigere Funktion als die, welche Bidard ihnen beilegt. „Ich habe beobachtet, ſagt Hackel**), daß dieſe Drüſen oder Lodiculae dünn und abgeplattet ſind, wenn die Blüten geſchloſſen ſind, während ſie zu der Zeit, wo die Blüten offen ſind, ge⸗ ſchwollen und ſo voluminös ſind, daß ſie den ganzen von dem Ovarium und der unteren Spelze gebildeten Winkel ausfüllen. Wenn der Pollen aus den Antheren ausgetreten iſt, ſchrumpfen die Drüſen wieder zuſammen und die Spelze ſchließt ſich wieder. Das Aufblühen iſt alſo ſo zu verſtehen: ſobald die Organe der Blüte völlig entwickelt ſind, verlängern ſich die Filamente der Staubgefäße ſchnell, und anderſeits blähen die Drüſen des Ovariums ſich auf, und, indem ſie gegen die untere Spelze oberhalb ihres Anheftungspunktes drücken, nötigen ſie dieſelben ſich zu öffnen.“ Rimpau⸗-*s) hat mit einer Pincette die Drüſen der geöff⸗ neten Blüten entfernt, und gleich darauf haben ſich ihre Spelzen *)(Anm. d. Überſ.) Dies iſt ein offenbarer Irrtum Bidard's. Die Verlängerung der Filamente und das An⸗ ſchwellen der Lodiculae ſind Erſcheinungen, welche gleichzeitig ſtattfinden; erſt nachdem die Filamente ihre volle Länge er⸗ reicht haben, ſchrumpfen die Lodikulae zuſammen, es iſt daher keinenfalls anzunehmen, daß die letzteren den erſteren den zu ihrer Verlängerung nötigen Saft liefern. Es geht dies übrigens auch aus den gleich im folgenden citierten Beobachtungen Hackel's und Askenaſy's hervor. **) 15 ter Jahresbericht der nieder⸗öſterr. Landes⸗Ober⸗Realſchule zu St. Tölten 1878. ***.) Das Blühen des Getreides. Landwirtſchaftliche Jahrbücher, 1882. Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. 155 geſchloſſen.*) Andererſeits hat er mehrere Tage lang Ähren mit offenen Blüten in Röhren bewahrt, deren Luft mit Waſſer⸗ dampf geſättigt war; die Spelzen behielten ihren Abſtand und die Drüſen der Ovarien ihre Turgeszenz. Rimpau maß die Verlängerung der Filamente der An⸗ theren bei einer Weizenvarietät mit Namen„früher Amerika⸗ niſcher“, während die Temperatur der Luft 18—19 Centigrade betrug. Folgende Zahlen beſtimmte er für zwei Filamente: Länge des Länge des Gebrauchte Zeit. Filaments Gebrauchte Zeit. Filaments in Millimeter in Millimeter 10 Std. 31 Min. 3,5 10 Std. 18 Min. 3,0 190„ 33„ 5,4 10„ 19„ 4,6 10„ 35„ 7,8 10„ 20„ 5,5 10„ 37„ 9,3 10„ 21„ 6,5 10„ 39„ 10,0 10„ 22„ 7,6 10„ 41„ 10,3 10„ 23„ 8,2 10„ 51„ 110 10„ 21„ 8,6 10„ 25„ 8,9 10„ 26„ 9,1 10„ 27„ 9,3 10„ 28„ 9,5 10„ 38„ 10,3 10 51„ 11,2 Askenaſy hat beobachtet, daß während dieſer Verlängerung keine Vermehrung der Anzahl von Zellen ſtattfindet, aus denen das Filament beſteht, ſondern daß alle dieſe Zellen ſich ſelbſt *)(Anm. d. Überſ.) Der von mir gemachte und be⸗ ſchriebene Verſuch iſt hier nicht ganz genau angegeben: um die Lodiculae mit der Pincette zu entfernen, mußte ich die äußere Spelze ſehr weit abbiegen; infolge dieſer gewaltſamen Biegung ſchloß ſie ſich nicht von ſelbſt wieder, ſondern erſt wenn ich ſie mit den Fingern feſt andrückte; ſie blieb dann aber geſchloſſen, während eine ebenſo feſt angedrückte Spelze vor der Entfernung der Lodiculae ſtets federnd in ihre Winkelſtellung zurücktrat. 156 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. verlängern. Indem ſie ſich verlängern, nehmen ſie Waſſer auf, welches ſie hauptſächlich den Antheren entnehmen, denn, wenn man von beſtimmten Filamenten die Antheren entfernt, ſo ver⸗ längern ſich dieſe Filamente weniger als die anderen. Die Staubgefäße treten nicht immer aus den Ährchen heraus, wenn ſich die Befruchtung vollzieht. Ich habe oft geöffnete Antheren und mit Pollen bedeckte Narben in völlig geſchloſſenen Blüten gefunden. Beim polniſchen Weizen, welcher ſehr große Blumenblätter hat, erſcheinen die Staubgefäße niemals außerhalb. Shirreff berichtet, daß er mehrmals Weizenähren mit einem Faden umwickelt hat, zu der Zeit, wo ſie eben aus der Blattſcheide gekommen waren, um ihre Spelzen am Offnen zu verhindern, und daß er dennoch ihre Körner ausgebildet fand, wenn er einige Monate ſpäter den Faden entfernte. In einem Aufſatze„über die Befruchtung des Getreides, in ihren Beziehungen zur Landwirtſchaft betrachtet“, beſchreibt Ch. Morren, ein belgiſcher Gelehrter, dieſe Befruchtung folgender⸗ maßen:„Die Staubgefäße verlängern ihre Filamente; die An⸗ theren ſtellen ſich dann über die Narbe, und zwar thun ſie dies ſtets im Inneren der Spelzen. Die beiden Narben breiten ſich in dem frei bleibenden Raume aus zwiſchen der äußeren Spelze und der äußeren Seite der beiden Ränder der inneren Spelze. Wir müſſen aber bemerken, daß die äußere Spelze die innere Spelze bis etwas über den Winkel ihrer Ränder bedeckt, woraus folgt, daß der ganze Mechanismus innerhalb der Blüten vor ſich geht, ohne daß das Auge davon den geringſten Umſtand außerhalb wahrnehmen kann. Erſt wenn der Gipfel der Staub⸗ beutel kaum platzen kann, dann zeigen dieſe Organe ihre Ent⸗ faltung innerhalb des Randes der äußeren Spelze. Sobald nun die beiden federförmigen Narbenzweige ſo dieſe Entfaltung zeigen, richten ſich ihre Haare als echte Narben auf. Während dieſer Zeit öffnet das äußere Staubgefäß den Unterteil ſeiner Anthere durch zwei Riſſe, der Pollen ergießt ſich und fällt von oben nach unten auf die Narbenhaare; die Anthere entleert ſich dann ungefähr zu ein Drittel. Wir haben gefunden, daß das Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. 157 äußere Staubgefäß den Vorgang begann. Dann machen es die beiden anderen Staubgefäße ebenſo, aber wir glauben, daß ihre Pollen⸗Entleerung gewiſſermaßen unnütz iſt; denn in anbetracht der geringen Anzahl von Pollenkörnern, welche man ſpäter bei dem Vorgange thätig findet, iſt die durch das äußere Staub⸗ gefäß ausgeſchüttete Menge Pollen mehr als hinreichend, um die Befruchtung zu vollziehen. Wir glauben daher, daß die beiden inneren Staubgefäße nur als männliche Reſerveorgane da ſind, für den Fall eines Zufalls, der das äußere zerſtört. Die Natur hat einen Überfluß von Vorſichtsmaßregeln dieſer Art.... Endlich wenn ſich die Staubgefäße durch die Spitze ihrer Antheren um ¼ oder um ½3 ihres Inlhaltes entleert haben, während das Filament fortfährt ſich zu verlängern, machen ſich die männlichen Organe nach außen Luft; ſie gleiten zwiſchen den Spelzen durch, um im Winde zu flattern. Nach und nach verlängern ſich die Riſſe der Antheren, und bei der geringſten Erſchütterung ergießt ſich der Pollen als ein ſtaubiges gelbes Wölkchen. Aber wir haben ſoeben geſehen, wie dieſer Pollen nicht mehr befruchtet, wie ſchon die erſte Entleerung wirkſam war und wie die in die Spelzen eingeſchloſſenen Narben der Einwirkung dieſes Pollens vollſtändig entzogen ſind.“ Die Landwirte ſagen, der Weizen„ſtehe in der Blüte“, wenn ſie eine gewiſſe Anzahl Staubgefäße um die Ähren herum hängen ſehen. Die Blüten, deren Staubgefäße ſichtbar ſind, ſind bereits befruchtet, ſie ſind verblüht. Aber der Ausdruck iſt dennoch richtig, denn die Blüten, welche ſich ſowohl darüber wie darunter befinden, ſind noch nicht ſo weit entwickelt. Ge⸗ wöhnlich beginnt die Befruchtung mit den Ährchen auf der Mitte der Ähre, und dann ſchreitet ſie allmählich nach beiden Enden vor. Sie findet bei den beiden erſten Blüten eines Ährchens faſt gleichzeitig ſtatt; aber die dritte iſt immer im Rückſtande gegen ſie. Folgende Aufzeichnungen habe ich 1870 über den Gang der Blüte einer Ähre von blauem Weizen gemacht, welche ſich auf meinem Verſuchsfelde ganz nahe bei dem Gehäuſe des Thermometers befand. Dieſe Ähre hatte im Ganzen 16 Ährchen, 158 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. 8 auf jeder Seite des Halmes; ich bezeichne dieſe ÄAhrchen mit den Nummern 1, 2, 3, ꝛc., mit der Baſis der Ähre beginnend(Fig. 21). Am 1. Juni um 9 Uhr morgens war noch keine offene Blüte vorhanden; um 6 Uhr abends ebenſowenig. Am 2. Juni um 11 ½ Uhr morgens(während das Thermo⸗ meter 21,2° im Schatten zeigte, das mit ſchwarzer Kugel in der Sonne 26,5 0) finde ich: 1 Staubgefäß bereits aus⸗ getreten vom Ährchen 5 links; 1 Staubgefäß bereits aus⸗ getreten vom Ährchen 5 rechts; 1 Staubgefäß im Begriff auszutreten vom Ährchen 4 links; 1 Staubgefäß im Begriff auszutreten vom Ährchen 6 links; 1 Staubgefäß im Begriff auszutreten vom Ährchen 6 rechts; Um 1 Uhr 45 Minuten (22,1°0 im Schatten und 23,4 0 in der Sonne) iſt ausgetreten 1 Staubgefäß des Ährchens 7 links; 1 Staubgefäß des Ährchens 4 rechts; „1 zweites Staubgefäß des Ahrchens 5 rechts; Fig. 21. Blühende Weizenähre. Es tritt ein zweites des Ährchens 6 rechts heraus. Um 6 Uhr abends iſt das Ährchen 3 links geöffnet und es tritt ein Staubgefäß heraus. Am 3. Juni um 9 ½ Uhr morgens(es war kalt über Nacht, 70, aber um dieſe Zeit zeigte das Thermometer im Schatten 21,1°und das mit ſchwarzer Kugel in der Sonne 26,7 ⁰): Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. 159 Die Ährchen 3, 4, 5, 6 und 7 links und rechts ſind verblüht. Um 2 ½ Uhr(240 im Schatten und 29 in der Sonne) ſieht man nur noch an den Ährchen 1, 2 und 8 links und 1 und 2 rechts keine heraushängenden Staubgefäße. Am 4. Juni 7 Uhr 45 Minuten morgens(17,8° im Schatten und 22,1 in der Sonne) ſieht man an allen Ährchen Blüten außer 1 und 8 rechts; links überall außer bei 1. Um 11 Uhr hat der Luftzug(Nord⸗Weſtwind) den größten Teil der Staubgefäße entführt, aber es ſind noch welche vorhanden. Am 6. Juni um Mittag ſind keine Spuren von hängenden Staubgefäßen mehr vorhanden, der kräftige Wind, welcher ſeit dem 4. weht, hat ſie alle entfernt; die Blüte ſcheint beendet. Die Blüte hat alſo 4 bis 5 Tage gedauert bei trockenem wolken⸗ loſem Wetter mit zuweilen ſehr heftigem Winde.*) 1868 hat keine meiner Weizenſorten vor dem 23. Mai ge⸗ blüht, dem erſten Tage, wo die Durchſchnittstemperatur der Luft 220° erreichte, mit 26,5°0 Maximum. Der Verlauf der Blüte und der Temperatur war 1868 zu Caléves folgender: *)(Anm. d. Überſ.) Nach dieſer Darſtellung könnte es ſcheinen, als wenn längere Zeit darüber verginge, daß ſich die 3 Staubfäden einer und derſelben Blüte verlängern; dies iſt nicht der Fall, wenigſtens habe ich ſtets alle 3 Staubfäden einer Blüte gleichzeitig und faſt gleichmäßig wachſen ſehn. Aller⸗ dings kommt es häufig vor— und dies zeigen die Beobach⸗ tungen des Verf.—, daß nur 1 oder 2 Antheren heraushängen, während die zweite oder die zweite und dritte an den Spelzen eingeklemmt wurden, zumal wenn bei ungenügender Temperatur die Spelzen ſich nur wenig öffnen. Aus der Art, wie der Verf. die Temperatur beobachtet hat, iſt m. E. kein richtiger Schluß auf die Temperatur zu ziehen, welche die Blüten ſelbſt annahmen. Weder die Temperatur, welche ein Thermometer im Schatten eines Gehäuſes zeigt, noch die, welche ein Thermometer mit ſchwarzer Kugel angiebt, kann 160 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. Temperatur Blauer Weizen Galland⸗Weizen —— Durch⸗ Maxi⸗ ungedüngt gedüngt ungedüngt gedüngt ſchnitt mum 22. Mai 17,7 24,6„ 33 at2s. 4 23.„ 22,8 26,4. Ähre— 5 24.„ 20,0 28,6„ 4„„ 25.„ 21,2 29,4 2„„ 26.„ 22,0 30,7 4„„ 4 27.„ 22,7 33,0 4 Die erſte 7 5 Ähreblüht 28.„ 22,1 31,9 5.„„ 29.„ 24,3 31,2. 1 3 Ahre 30.„ 22,5 30,7 5 7„„ 31.„ 20,8 30,7„.„„ 1. Juni] 18,9 27,⸗ AÄhre Die erſte Ahre Beginnt Ähre hat zu blühen abgeblüht 2.„ 19,0 24,6„ Die zweite 5 17 Ähre blüht„ 3.„ 15,4 20,0„ 2„„ 41.„ 18,0 23,1„„„„ 5.„ 17,6 24,7„„„„ 6.„ 19,0 26,9 1 2.„ 7.„ 19,5 29,0„„ Blüht„ S.„ 17,4 21,0 2 2„„ 9. 12,8 15,7 2„„„ 10.„ 12,1 16,8 5 5„„ Infolge der Temperatur⸗Erniedrigung, welche am 8. ſchroff eintrat, zog ſich die Beendigung der Blüte in die Länge, und bei Sonnenſchein dieſelbe ſein wie die der Blüten ſelbſt. Um die letztere annähernd zu beſtimmen, habe ich bei ähnlichen Unterſuchungen, wie ſie in der vom Verf. citierten Arbeit be⸗ ſchrieben ſind, 3 oder 4 lebende noch auf dem Halme befindliche Ähren mit einem Faden um das cylindriſche Queckſilbergefäß eines Thermometers befeſtigt und dieſe Ähren bei der Beobach⸗ tung von der Sonne beſcheinen laſſen. Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. 161 viele Blüten ſchlugen fehl.*) Jedesmal wenn ſo während der Blütezeit eine plötzliche Kälte oder ſtarker und anhaltender Regen eintritt, iſt die Luft nicht mehr warm und trocken genug, damit die Erſcheinungen der Befruchtung vor ſich gehen können, und die Blüten, deren Befruchtungsperiode mit dieſen ungünſtigen Bedingungen zuſammentrifft, ſchlagen fehl; an ihrem Platze bleiben leere Ährchen, zuweilen eine ganze Reihe Ährchen, was man Mailles**) nennt, wo es nur wenig oder gar kein Korn giebt. Wenn man ein Gemiſch von mehreren Weizen⸗Varietäten geſäet hat, deren Blütezeit nicht dieſelbe iſt, ſo hat man die Möglichkeit, daß nur eine einzige davon durch dieſe Temperatur⸗ Kriſis leidet, und es iſt recht wahrſcheinlich, daß dieſe gegen⸗ ſeitige Verſicherung der verſchiedenen Varietäten gegen ungünſtiges Wetter der Hauptvorzug der Miſchſaaten iſt. Nach den Beobachtungen, welche Dr. A. Godron zu Nancy während dreier auf einander folgender Jahre gemacht hat an dem grannenloſen Lothringer Weizen, an dem grannenloſen Weizen vom weißen Kap, dem Rouſſillon⸗Grannenweizen, dem weißen Provencer Touzelle, dem Agde⸗Weizen, dem Noé⸗Weizen und dem Roggenweizen:„beginnen um 4 ½ Uhr morgens die erſten Blüten ſich weit zu öffnen, wenn die Temperatur wenigſtens 16° C. beträgt. Um 5 bis 5 ½ Uhr wird das Blühen reichlich wenn die Temperatur, welche der Weizen erhält, ſich auf 18⁰ oder mehr erhoben hat, was, wie er ſagt, am häufigſten der Fall iſt, wenn die Sonne auf die Pflanze ſcheint. Das direkte Licht iſt nicht allemal unumgänglich nötig, und bei trübem Wetter, aber in beiden Fällen gleicher Wärme, findet man gewöhnlich ſogar ein ſchönes Blühen. Die Dauer dieſer Erſcheinung iſt um ſo kürzer, je ſchneller die Temperatur ſteigt. Unter ſo günſtigen Bedingungen ſieht man um 6 ½ oder 7 Uhr morgens nur noch eine ſehr kleine Anzahl Blüten ſich öffnen und man kann das Blühen als beendet betrachten.“ *)(Anm. d. Üüberſ.) Vergl. meine Anm. auf Seite 85. **)(Anm. d. Überſ.) Wörtlich: Maſchen. Rimpau, Weizenbau. 11 162 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. Sollte das ausſchließliche Blühen am Morgen, welches Godron nachgewieſen hat, nicht daher gekommen ſein, daß die Weizenſorten, welche er beobachtete, ſich„in einem an ſein Haus anſtoßenden Garten“ befanden und daher, daß der von dieſem Hauſe geworfene Schatten die Lufttemperatur verhinderte, den natürlichen Fortſchritten zu folgen, welche ſie im freien Felde macht? Wie Loiſeleur⸗Delongchamps, wie Rimpau, habe ich im Gegenteil häufig, ich könnte ſagen immer, das Blühen durchaus nicht 8 Uhr morgens aufhören, ſondern den ganzen Tag an⸗ halten ſehen.*) Aber es kommt wenig auf die Stunde an, wo der Weizen blüht, das Weſentliche iſt zu wiſſen wie er blüht, und obgleich A. Godron geſehen hat, wie der Pollen des Weizens Aegilops ovata auf 10, ſelbſt auf 30 m Entfernung befruchtet hat, ſo zieht er doch mit uns den Schluß, daß die Kreuzung zwiſchen Arten oder Varietäten von Weizen beinahe un⸗ möglich iſt.**) Giebt es in dieſer Beziehung Unterſchiede zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Weizenvarietäten? Dies iſt noch zu unterſuchen. Aber die direkte Befruchtung der Blüten durch ſich ſelbſt(Selbſt⸗ befruchtung) ſcheint beim Spelz und Einkorn ebenſo allgemein zu ſein wie bei den verſchiedenen Varietäten des gemeinen Weizens und des Hartweizens. Ebenſo iſt es mit der Gerſte und dem *)(Anm. d. Überſ.) Eine gewiſſe Periodicität des reich⸗ lichen Blühens, wenn auch nicht eine ſo regelmäßige wie ſie Godron ſchildert, habe ich allerdings auch gefunden, in der Weiſe, daß man bei normalen Temperaturſchwankungen, d. h. bei nächtlicher Abkühlung und allmählicher Temperaturſteigerung bis nach Mittag, weit mehr geöffnete Blüten in den frühen Morgenſtunden als ſonſt findet. **)(Anm. d. Überſ.) Einige von mir beobachtete Aus⸗ nahmen von dieſer Regel habe ich in meiner vom Verf. citierten Arbeit, wie auch in meinem Aufſatze im landw. Kalender von Mentzel und v. Lengerke 1883 beſchrieben. 163 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. Hafer.*) Beim Roggen dagegen befruchten ſich die Blüten niemals durch ihren eigenen Pollen. P. Shirreff führt in einem Schriftchen, in welchem er ſeine Arbeiten beſchrieben hat,(Seite 15 der deutſchen Ausgabe) einen Fall an, wo er eine natürliche Kreuzung zwiſchen zwei Weizenvarietäten, welche neben einander wuchſen, erkennen zu können glaubte. Er hatte in ſeinem Verſuchsfelde abwechſelnd weißen Shirreff⸗Grannenweizen und roten Shirreff⸗Grannen⸗ weizen in Streifen angeſäet, welche durch Zwiſchenräume von 30 bis 35 cm getrennt waren. Im folgenden Jahre(1860) hatte er die auf dieſem Verſuchsfelde geernteten Körner benutzt, um mehrere Hektare zu beſtellen. Bei der Ernte fand er zwiſchen dem roten Weizen eine gewiſſe Anzahl weißer Ähren und zwiſchen dem weißen Weizen einige rote Ähren, welche er durch Frauen ſammeln ließ. Die beiden Varietäten bewahrten in der Folge ihre beſonderen Eigentümlichkeiten. Die im roten Weizen ge⸗ fundenen weißen Körner, welche beſonders geſäet und von Shirreff ſelbſt aufmerkſam beobachtet wurden, nahmen 1861 meiſt den Charakter des roten Weizens an, während die roten im weißen Weizen geſammelten Körner den des weißen Weizens an⸗ nahmen. Aber 1862 und ſpäter glichen die Nachkommen dieſer erſten Generation von Miſchlingen keineswegs mehr den Großeltern; es waren große Unterſchiede zwiſchen ihnen *)(Anm. d. Überſ.) Bei Hafer und neuerdings auch bei Gerſte habe ich einige Fälle von natürlicher Kreuzung genau be⸗ obachtet. Dieſelben bilden jedoch, wie bei Weizen, ſeltene Aus⸗ nahmen. Um mit Sicherheit auf eine ſtattgehabte natürliche Kreuzung ſchließen zu können, genügt es nicht, daß man Zwiſchenformen zwiſchen zwei Sorten findet, welche das Jahr vorher neben einander ſtanden, ſondern daß man, wie in dem gleich erwähnten Falle Shirreff, in der Nachzucht aus ſolchen Zwiſchenformen die für Kreuzungsprodukte zweiter Generation charakteriſtiſche außerordentliche Veränderlichkeit(Inkonſtanz) beobachtet. 11⸗ 164 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. in der Form der Ähren, der Größe und Farbe der Körner, der Beſchaffenheit des Strohes.„Bis dahin, fügt Shirreff hinzu, glaubte ich nicht, daß Varietäten, welche ſich die einen neben den andern befinden, ſich unter einander kreuzen könnten; aber in dem ſoeben beſchriebenen Falle kann ich kaum noch daran zweifeln.“ Jedoch ſpäter(auf Seite 49 der deutſchen Ausgabe) ſagt er: „Die Veränderung, welche 1860 auf meinem Verſuchsfelde eintrat und von der ich auf Seite 15 geſprochen habe, iſt unter meinen zahlreichen Verſuchen nur eine Ungewöhnlichkeit. Um die Urſachen der Veränderungen, welche zuweilen eintreten, zu ſtudieren, ſäete ich einige Jahre ſpäter auf demſelben Felde Varietäten mit ſehr verſchiedenen Charakteren. Die Pflanzen gediehen und die Ähren vermiſchten ſich zur Zeit der Blüte. Als die Ähren der verſchiedenen Varietäten reif waren, ſortierte ich ſie und bewahrte die Körner davon auf, um eine neue Ernte davon zu erzielen. Aber ich fand an denſelben durchaus keine Veränderung. Wenn Varietäten neben einander wachſen, ſo könnte man vermuten, daß ſie ſich unter einander kreuzen, und demnach müßte mein Ver⸗ ſuchsfeld, wo ſeit 14 Jahren 100 bis 200 Varietäten ſich auf einen Fuß Entfernung von einander zuſammen befinden, nur noch eine heterogene Maſſe ſein. Aber das völlige Gegenteil iſt eingetreten: meine Ernten zeigten ſich weniger vermiſcht als die der benachbarten Gegend, und ich habe da niemals irgend eine Veränderung nachweiſen können, obgleich ich ſie immer ſelbſt mit großer Sorgfalt auf einem Tiſche ſortierte. Es ent⸗ ſtehen allerdings gewiſſe Modifikationen, welche ich ſpontane Veränderung nenne. Dies ſind meiſtens Unterſchiede zwiſchen den Spelzen der Ähren, welche aus demſelben Pflanzenſtock treiben; bald ſind ſie mit Flaum bedeckt, bald nicht; zuweilen haben ſie Grannen ec.“ Es lag mir daran, die eigenen Worte eines Mannes zu citieren, welcher ſich von 1819 bis 1876 mit dem Studium der Weizenvarietäten beſchäftigt hat; ſie zeigen, daß, wenn die natürliche Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. 165 Kreuzung des Weizens möglich iſt, dies nur in ganz ausnahms⸗ weiſen Fällen vorkommt.*) Es iſt etwa 20 Jahre her, daß ein ungariſcher Gärtner Horbrenck großes Aufſehen machte, indem er ein künſtliches Mittel zur Begünſtigung der Befruchtung der Weizenblüten vor⸗ ſchlug, um ſie dadurch fruchtbarer zu machen. Hoibrenck ver⸗ mutete, daß der Wind, oder wenigſtens ein ſanfter Luftzug dieſe Wirkung haben müſſe, indem die Ähren eines Weizenfeldes dadurch bewegt und an einander gerieben würden, und er riet dies nachzu⸗ ahmen, indem man zur Zeit der Blüte über den Ähren eine Schnur fortzieht, an welcher ganz entlang wollene Fäden von 30 bis 40 cm Länge parallel aufgehängt ſind; am Ende dieſer Fäden be⸗ fanden ſich kleine Bleikugeln, mittelſt deren die Ähren übereinander gebogen werden ſollten. Die Operation hätte dem Schnurziehen geglichen, welches unſere Landwirte des Südens zuweilen im Frühjahr auf ihren mit Tau bedeckten und dadurch einer zu plötzlichen Abkühlung ausgeſetzten Weizenfeldern vornehmen. Aber ſie hatte keinen Einfluß auf die Befruchtung der Ähren. Shirreff hat ſein Verfahren, die künſtliche Kreuzung des Weizens vorzunehmen, folgendermaßen beſchrieben: „Man muß das Verfahren damit beginnen, indem man die Mutterähre 24 bis 48 Stunden, nachdem ſie aus ihrer Scheide *)(Anm. d. Überſ.) So ſelten, wie es Shirreff darſtellt, kommen natürliche Kreuzungen bei uns in Deutſchland nicht vor. Obgleich ich erſt ſeit 20 Jahren beobachte und nicht hunderte, wohl aber zuweilen 50 bis 70 Varietäten auf meinem Verſuchs⸗ felde in nächſter Nachbarſchaft baue, finde ich doch faſt jedes Jahr einen oder einige Fälle, welche nach den in der Anmerkung Seite 163 bezeichneten Merkmalen ſicher auf natürliche Kreuzung ſchließen laſſen.— Vielleicht öffnen ſich unter dem kühleren ſchottiſchen Himmel die Blüten nicht ſo weit und kommen daher Kreuzungen hier ſeltener vor.— Jedenfalls ſind aber auch bei uns ſolche natürliche Kreuzungen für die Reinhaltung der Varie⸗ täten in der Großkultur völlig bedeutungslos. 166 Dreizehntes Kapitel. Das Blühen des Weizens. hervorgekommen iſt, abkürzt: man läßt nur 4 bis 6 Ährchen daran, und an jedem Ährchen nur die 2 unterſten Blüten. Man erleichtert dadurch die Manipulationen und verhütet, daß die oberen Blüten dieſelben ſtören, indem ſie ihren Pollen über die anderen ausſchütten. Auf dieſelbe Weiſe bereitet man zwei oder drei Vaterähren vor. Sodann öffnet man die Spelzen der Mutterähre, entfernt daraus die Antheren, erſetzt ſie durch die der Vaterähre und ſchließt die Spelzen durch einen leichten Druck der Finger.“ „Wenn man die Antheren der Mutterähre entfernt, muß man ſich hüten, ſie nicht zu verletzen, wodurch etwas Pollen auf die Griffel fallen und die Baſtardierung verhindert werden könnte. Dieſe Vorſicht iſt bei den Antheren der Vaterähren unnütz, denn der Pollen bewahrt ſeine befruchtende Eigenſchaft lange Zeit, und das Aufreißen der Pollenſäcke kann die Be⸗ fruchtung nur begünſtigen. Man thut wohl, die operierten Ähren an Stöcken zu befeſtigen, um zu verhindern, daß ihre Bewegung durch den Wind ſie an einander reibt, und ſie in eine Metall⸗Gaze einzuhüllen, um ſie vor den Vögeln zu ſchützen. Im allgemeinen ſind die erſten Produkte der Kreuzung nur Mißgeburten von Körnern; erſt nach zwei oder drei Re⸗ produktionen kann man ihren Charakter erkennen; und es bedarf einer noch größeren Zahl von Reproduktionen, um den Einfluß des Klimas auf die neuen Varietäten zu beſtimmen.“ Henri Vilmorin, welcher durch Kreuzung ſo ſchöne Varietäten geſchaffen hat, hatte die Freundlichkeit, mir folgende Einzelheiten über ſein Verfahren mitzuteilen: „Wenn man eine Kreuzung machen will, muß man eine Blüte öffnen, welche ſich bald befruchten will, die drei noch grünen und geſchloſſenen Staubgefäße entfernen, dann die Blüte wieder ſchließen. Am folgenden Tage oder einige Stunden ſpäter kommt man mit einer Weizenähre wieder, welche als Vater dienen ſoll, wählt Staubgefäße aus, welche ſich zum Aus⸗ ſtäuben des Pollens vorbereiten und ſchüttet deren Inhalt über die Stempel, welche man befruchten will.“ Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 167 „Die Operation erfordert eine gewiſſe Fingerfertigkeit, aber bildet keine Schwierigkeiten.“*) Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. Iſidore Pierre hat in ſeinen Unterſuchungen über die Rolle, welche die Blätter bei der Entwickelung des Weizens ſpielen, das Gewicht derſelben in verſchiedenen Epochen ver⸗ glichen, von ihrem erſten Erſcheinen bis zur Ernte. Er nennt „erſtes Blatt“ das zunächſt der Ähre ſitzende. Beobachtungen im Jahre 1864. Geſamtgewicht der Trockenſubſtanz pro 4 qm. 1. 2. 3. 4. 5. Ernte Ernte Ernte Ernte Ernte 111. Mai] 3. Juni 22. Juni 6. Juli 25. Juli V g g g g g Erſtes Blatt...— 193,3 275,1 245,5 166,1 Zweites Blatt..l.— 167,3 234,4 192,1 145,6 Drittes Blatt.. 114,5 137,1 159,8 117,7 103,6 Viertes Blatt.. 100,0 121,2 93,9 69,1 69,1 Fünftes Blatt.. 60,9 80,6 19,3 13,3 17,4 Alle Blätter... 275,4 699,5 782,5 637,7 501,8 Ganze Ernte ohne die Wurzeln. 566,4 1258,3 2273,7 2430,5 2416,1 *)(Anm. d. Überſ.) Viel einfacher wird das Verfahren, wenn man vor der Kaſtration nicht nur die unteren oder oberen Ährchen der Ähre und die mittleren Blüten der Ährchen entfernt, wie Shirreff rät, ſondern auch die äußere Spelze der zu be⸗ fruchtenden Blüten fortſchneidet; man hat dann ſowohl die Ährchen zur Kaſtration, wie die Narben zur ſpäteren Beſtäubung frei vor ſich.— Den fremden Pollen, dem man übrigens durchaus nicht unmittelbar vorher einer Ähre zu entnehmen braucht, ſon— 168 Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. Dieſe Tabelle führt uns die für die Blätter verſchiedener Höhe und verſchiedenen Alters ermittelten Zahlen vor Augen und geſtattet uns, daraus folgende Schlüſſe zu ziehen: 1. Von der Beendigung der Blüte an vermindert ſich das abſolute Gewicht der Blätter gleicher Höhe beſtändig, je mehr der Zeitpunkt der Kornreife herannaht. Dieſe Verminderung kann bis 40% betragen. 2. Für eine und dieſelbe Beobachtungszeit iſt das Total⸗ gewicht der Blätter gleicher Höhe um ſo größer, je höher die Blätter am Halme ſitzen; mit anderen Worten: das Gewicht der Blätter gleicher Höhe iſt um ſo niedriger, je älter dieſe Blätter in der Entwickelung ſind. 3. Um die Zeit der Blüte erreicht das Totalgewicht aller Blätter zuſammen das Maximum, um nachher bis zur Reife der Pflanze abzunehmen. Die Elementarbeſtandteile der Blätter werden zum Teil in dem Zeitraume zwiſchen der Blüte und der Kornreife zu gunſten anderer Teile der Pflanze verwandt. Der Stickſtoff⸗Gehalt der Blätter von jeder Höhenlage vermindert ſich beſtändig, je mehr ſich der Zeitpunkt der Reife nähert. Zu allen Beobachtungszeiten, beſonders aber von der Blüte an, vermindert ſich der Stickſtoff»Gehalt der Blätter dern tagelang aufbewahren kann, habe ich ſtets 2 Tage hinter einander in je mehreren Malen aufgetragen, da nicht alle Narben gleichmäßig entwickelt ſind. Nach der Beſtäubung hülle ich die Ähren bis zum deutlich ſichtbaren Anſchwellen der Fruchtknoten in eine Papierdüte ein, um eine ungewollte Beſtäubung zu ver⸗ hindern. Meine meiſten Kreuzungen habe ich mit Mutter⸗ pflanzen vorgenommen, welche in Töpfen gezogen waren und vor dem Kaſtrieren ins Zimmer genommen wurden.— Selbſt⸗ verſtändlich kommt es auf die Einzelheiten des Verfahrens nicht an, ſondern nur darauf, daß man jede andere als die beab⸗ ſichtigte Befruchtung, beſonders die natürliche mit dem Pollen derſelben Varietät, ſorgfältg verhütet. Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 169 verſchiedener Höhenlage um ſo mehr, je niedriger, alſo je näher der Wurzel ſie ſitzen. Ebenſo iſt es mit der Phosphorſäure, dem Kali und der Magneſia. Der Gehalt der Blätter an Kalk dagegen ſteigt. Kurz, die Blätter ſcheinen, wenigſtens in einer wichtigen Zeit ihres Lebens, die Rolle von Vorratskammern zu ſpielen, welche ſich unter dem Einfluſſe verſchiedener Urſachen, unter denen die Verdunſtung der Blätter die wichtigſte iſt, füllen. Je lebhafter die Pflanze in dem Boden, der ſie trägt, das ihr notwendige Waſſer ſchöpft, deſto größer iſt die relative und abſolute Menge der in den Blättern abgelagerten Stoffe. Aber bald nach der Blüte ſcheint die Pflanze dem Boden die wich⸗ tigſten Mineralſtoffe— und nur dieſe kann er liefern— nicht mehr in nennenswerter Menge zu entnehmen, und dann nimmt das Geſamtgewicht der Blätter nicht mehr zu. Wenn nun, wie beim Weizen, die Blätter etagenweiſe auf dem Halme an⸗ geordnet ſind, ſo ſcheinen die oberen Blätter noch an Gewicht zuzunehmen; aber der größte Teil dieſer Zunahme findet auf Koſten der unteren, in der Entwickelung älteren Blätter ſtatt, das heißt, es vollzieht ſich von den unteren zu den oberen Blättern und von da zur Ähre ſtationsweiſe ein aufſteigender Transport. Bei den Pflanzen, deren Fruchtbildung am oberen Ende des Halmes oder Zweiges ſtattfindet, wie beim Getreide, ſcheint — abgeſehen von dem allgemeinen Transporte, von dem wir eben geſprochen haben— eine wirkliche Analyſe in den Organen vorgenommen zu werden. Durch dieſe Analyſe werden die zur Entwickelung der Körner notwendigen Stoffe unter dem Einfluſſe ihrer äußeren Hüllblätter, welche hier wie die eigentlichen Blätter gleichſam als Aſpiratoren dienen, nach den Körnern hingezogen, wogegen die für die völlige Entwickelung des Kornes unnützen oder weniger nötigen Stoffe mehr oder weniger weit abgezogen oder, beſonders in den ſtark verdunſtenden Organen, wie die Blätter, zurückgehalten werden. Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. Auf dieſe Weiſe ſammeln ſich die ſtickſtoffhaltigen Stoffe, die Phosphate, das Kali und die Magneſia in den Körnern an, während die Kieſelſäure und der Kalk ſich in den Blättern und den äußeren Umhüllungen der Körner(der Spreu) ablagern. Folgende Tabelle zeigt das ebenfalls durch Iſidore Pierre ermittelte Trockengewicht der Halme, Blätter und Ähren pro Hektar in den Hauptabſchnitten der Vegetation: Am 2. Juni, zur Zeit der Ährenbildung. kg Gewicht der Ähren pro Hektar... 250 4„ Bläitter...... 1 749 „ Knoten....1. 190 2„ Internodien..... 791 „ des oberen Halmendes... 22 Geſamtgewicht der Ernte 3 002 Am 22. Juni, nach der Blüte. Ähre detz. Meer e. 917 Blätternrn....... 1 956 Knoten C.... 308 Internodien.......... 2 238 Oberes Halmende.... 634 Geſamtgewicht der Ernte 6 053 Am 25. Juli zur Zeit des Schnittes. Achren.... 2 540 Blätter......„ 1 255 Kanoten.......... 259 Internodien....... 1 822 Oberes Halmende..... 5067 Geſamtgewicht der Ernte 6 443 Im erſten dieſer 3 Zeitabſchnitte hatte die Pflanze kaum erſt die Hälfte des wirklichen Gewichtes(wohl verſtanden an Trockenſubſtanz), welches ſie ſchließlich erlangen ſollte, erreicht; aber am 22. Juni, alſo über einen Monat vor der Reife, ent⸗ hielt ſie im großen Ganzen ſchon faſt die ſämmtlichen Grund⸗ ſtoffe, welche man zur Zeit der Ernte in ihr wiederfand; nur Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 171 waren dieſe Grundſtoffe nicht in gleicher Weiſe verteilt und verbreitet. Wenn wir nicht bloß das Bruttogewicht, ſondern auch die Verteilung und die Menge der für das Pflanzenleben wichtigſten Stoffe in dieſen ſelben Zeitabſchnitten vergleichen, alſo Stickſtoff, Phosphorſäure und Kali, ſo ergiebt ſich nach denſelben Unter⸗ ſuchungen(wiederum pro Hektar) folgendes: Stickſtoff. 3. Juni 22. Juni 25. Juli kg kg kg Ähre 9,05 17,109 51,33 Oberes Halmende 0,66 10,49 3,45 Blätter. 44,40 42,68 16,29 Knoten. 4,80 4,17 1,71 Internodien 9,47 21,41 6,91 Geſamt⸗Ernte 68,38 95,85 79,69 Phosphorſäure. Ähre 2,43 4,33 10,88 Oberes Halmende 0,20 2,97 0,67 Blätter. 5,84 6,40 1,15 Knoten. 0,92 1,18 0,45 Internodien 2,23 6,25 3,17 Geſamt⸗Ernte 11,62 21,13 16,32 Kali. Ahte.... 4,43 4,25 13,79 Oberes Halmende 0,43 6,24 1,37 Blätter. 11,48 8,67 0,96 Knoten. 3,77 4,41 4,05 Internodien 3,23 8,56 4,55 Geſamt⸗Ernte 23,34 32,13 24,72 Betrachten wir dieſe Unterſuchungszahlen alle zuſammen, ſo geht daraus hervor, daß die Pflanze zur Zeit der Ähren⸗ bildung zwar noch nicht die ganze Menge von Stickſtoff, Phos⸗ 172 Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. phorſäure und Kali enthält, welche man beim Schnitte in ihr findet, aber doch ſchon mehr als ⅛ der Phosphorſäure und mehr als des Stickſtoffs und Kalis. Bald nach der Blüte, ungefähr 5 Wochen vor der Reife, ſind dieſe Stoffe im großen Ganzen ſchon vollſtändig vorhanden. Das Trockengewicht der Körner betrug für dieſelbe Ernte pro Hektar: Am 6. Julit 1758 kg „ 11.„ onbi. 1205„ „ 15„... 1397„ „ 20.„„1... 1701 ⸗ 25.„.60C. 2070.„ Die Geſamternte an Weizen von 1864 enthielt pro Hektar: 11. Mai 3. Juni 22.Juni 6. Juli 25. Juli kg kg kg kg kg Organiſche Subſtanz, nach dem Stickſtoff und der Aſche be⸗ rechnet... 1 239,3 2 787,8 5 309,1 5 743,3 5 731,6 Stickſtoff. 50,9 52,1 89,9 84,6 78,6 Kieſelſäure... 35,3 67,3 127,8 104,0 108,8 Eiſenoxyd.... 5,6 5,2 6,9 6,9 5,9 Phosphorſäure.. 9,8 11,9 18,7 17,7 162 Kalk... 17,5 21,7 31,3 28,6 23,8 Magneſia... 3,5 3,7 7,5 6,7 7,5 Kali.. 22,0 23,4 27,0 27,9 23,5 Natron. 13,8 21,0 24,5 20,6 14,8 Die Pflanze hat alſo bei Beendigung der Blüte ihr Ge⸗ ſamtgewicht ſchon faſt vollſtändig erreicht; aber ſie hat nament⸗ lich ſchon die Mineralſtoffe vollſtändig aufgenommen, welche ſie bei der Reife enthalten muß. Dieſe Sättigung mit Mineral⸗ ſtoffen bezieht ſich nicht nur auf die Summe derſelben, ſondern gleichfalls auf jeden dieſer Stoffe einzeln betrachtet: Stickſtoff, Phosphorſäure, Kali ec. Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 173 Aber die eigentliche organiſche Subſtanz, fügt Iſidore Pierre hinzu, der Kohlenſtoff, hat das Ziel ſeines Wachstums noch nicht erreicht, wenn die Verſorgung der Pflanze mit Mineral⸗ ſtoffen bereits beendet erſcheint. Heinrich in Deutſchland verfolgte die Bildung und Wande⸗ rung der organiſchen Stoffe in der Weizenpflanze. Er fand in 100 Teilen Trockenſubſtanz des Halmes und der Ähre: Summe i⸗ Stärke⸗ der ſtick⸗ Ent⸗ Trauben. Rohr⸗ Sünan rne werfſui . zucker zucker Saer 27 df— wickelungsſtufe Stoffe Stoffe organiſchen Stoffe —Mͦᷣx—,—yj—,—— E S9 8288 8 B8 2ͤBiöbAböSͤs S 8S 8= 1. Ganz junge V V Pflanze. 8,2„,„ 26,9„„„ 35,1„ 2. Bei Beginn der Halm⸗ bildung.. 3. Bei Beginn des Schoſſens 12,3 9,3 6,5 8,2 18,9 26,0„„ 37,7 43,5 4. Bei Beginn der Ahren⸗ bildung.. 10,8 9,5 8,7 6,9 14,711,6 3,0 11,4 37,2 39,4 . 15,1„ 3,4„„ 20,5 7„„ 39,0 2 V 5 0 V 0[ſo o 1,8 2,5 5,6 71,4 7,4 73,9 5. In der Blüte 9,0 4,4 5,5 6,7 14,1 7,1 3,4 28,9 32,0 47,1 6. Nach Been⸗ digung der V Blüte. 1 7,7 1,4 4,7 2,3 9,7 4,7 4,5 54,4 26,6 62,8 7. Beim Gelb⸗ werden der V Ahren.. 5,6 Spuren 3,9 Spuren 3,6] 2,7 4,5 68,6 17,6 71,3 8. Beim Mähen 9. Überreifer. Wöegen..o o 0 1,7 2,45,0/73,1 6,7 75,5 Die gummiartigen und die ſtärkeartigen Stoffe ſind zwar nicht genau definiert, aber die Tabelle iſt dennoch intereſſant, weil man mit einem Blicke verfolgen kann, wie die Stärke er⸗ 174 Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. ſcheint und ſich allmählich vermehrt, während ſich Trauben⸗ und Rohrzucker vermindern. An ſtickſtoffhaltiger organiſcher Subſtanz fand Heinrich in 100 Teilen Trockenſubſtanz in den verſchiedenen Vegetationsperioden: Halm Ähre 1. Ganz junge Pflanzen... 18,5 4 2. Bei Beginn der Ährenbildung. 5,5 20,7 3. Vor der Blüte.. 4 4 14,2 4. Während der Blüte... 4,0 11,0 5. Nach der Blüte..... 2,8 9,3 6. Halbreif...... 2,0 8,8 7. Vollreif.... 1,9 8,0 Die folgenden Tabellen, welche von demſelben Chemiker ſtammen, zeigen, wie Stickſtoff, Phosphorſäure, Kali und Mag⸗ neſia ſich im Korne zuſammenziehen, je mehr ſich dasſelbe ent⸗— wickelt und mit Stärke füllt. 4. Juli 1Se Juli 1. Auguſt Erdd d(2 Wochen vraa ſt 8. Auguſt 23. Auguſt Eude der nach der ilchiger Halbreife Vollreife Blüte Blüte Zuſtand Rohrzucker. 6,97 4,24.„„„ Traubenzucker 4,08 1,27 Spuren„„ Atherextrakt (Fett, Chlo⸗ rophyll) 5,69 2,25 2,08 1,90 1,90 Gummi. 12,64 7,50 5,86 5,43 4,97 Stärke.(41,79 61,44 74,17 75,66 76,38 Stickſtoff⸗ haltige Sub⸗ ſtanz.. 14,15 14,05 12,21 11,82 11,67 Celluloſe..10,35 6,77 3,54 3,22 3,20 Geſamte mineraliſche Subſtanz.4,33 2,48 2,14 1,97 1,88 Kali.. 1,31 0,77 0,53 0,48 0,45 Natron. 0,05 0,00 0,01„ 9 Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 175 Juſi 18. Tuli 1 gaanf Ce u 2 Wochen an dmanei[8. Auguſt 23. Auguſt Ende der nach der Mei iger Halbreife Vollreife Blüte Blüte Zuſtand V ————— Kalk. 0,41 0,17 0,08 0,08 0,07 Magneſia. 0,51 0,31 0,28 0,25 0,02 Eiſenoxyd. 0,02 0,02 0,02 0,06 0,05 Schwefelſ..„„„ V 7 Phosphor⸗ ſäure.. 1,74 1,10 1,12 1,02 0,98 Chlor.. 0,32 0,11 0,07 0,07 0,06 Kieſelſäure 0,02 0,02 0,03 0,04 0,04 Will man wiſſen, wie die abſoluten Mengen dieſer ver⸗ ſchiedenen organiſchen und mineraliſchen Stoffe während der all⸗ mählichen Entwickelung der Körner geſchwankt haben, ſo kann man ſie auf die Körner von 100 ÄAhren(2600 Körner) um⸗ rechnen; es ergiebt ſich alsdann in Grammen: (Siehe Tabelle Seite 176.) Wenn das Korn ſich eben gebildet hat, ſind die Endo⸗ ſpermzellen mit einem ſtickſtoffhaltigen zähen Protoplasma er⸗ füllt, in welchem allmählich Stärkekörner erſcheinen, wodurch es ein milchiges Ausſehen bekommt. Die Oberfläche der Körner iſt noch grüu wie die ſie umhüllenden Spelzen und die ganze Pflanze. In dem Maße wie die Oberfläche des Kornes gelb wird, erfüllt ſich der Inhalt mehr und mehr mit Stärke und bekommt ein horniges oder mehliges Ausſehen, je nachdem die Zwiſchenräume zwiſchen den Stärkekörnern mehr oder weniger Kleber enthalten. Wenn man es knetet, kann man einen Teig daraus machen, welcher ähnlich wie weißes Wachs ausſieht. Das Korn wird gleichzeitig mit dem Halme und den Blättern gelb. Man kann es noch leicht mit dem Nagel durchkneifen aber ſchwer von der Ähre trennen. Dies iſt der beſte Zeitpunkt für den Schnitt des Weizens; er iſt zwar nur halb reif, aber die Ablagerung der Stärke, ſowie der ſtickſtoffhaltigen und 176 Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 4. Juli 18. Juli 1. Auguſt 8. Auguſt 23. Auguſt g g g g g Rohrzucker 0,9 0,5 2 7 Traubenzucker0,5 0,4„„„ Gummi. 1,6 2,7 4,7 4,8 4,5 Stärke. 5,3 22,0 58,5 67,0 70,0 Stickſtoff⸗ haltige Sub⸗ ſtanz. 1,8 5,0 10,0 10,5 10,7 Atherextrakt. 0,72 0,81 1,65 1,68 1,70 Celluloſe.. 1,3 2,4 2,8 2,9 2,9 Geſamte mineraliſche Subſtanz 0,35 0,84 1,70 11,75 1,79 Kali. 0,17 0,26 0,42 0,42 0,43 Natron. 0,007 0,002 0,01„ 7 Kalk.. 0,05 0,006 0,07 0,07 0,07 Magneſia. 0,06 0,11 0,22 0,22 0,22 Eiſenoxyd. 0,03 0,006 0,017 0,44 0,053 Phosphor⸗ ſäure. 0,22 0,37 0,97 0,90 0,91 Chlor.. 0,04 0,04 0,05 0,66 0,06 Kieſelſäure 0,003 9,907 0,03 0,03 0,01 Gewicht von 2600 Körnern. 12,7 35,7 79,4 88,6 91,6 mineraliſchen Stoffe, welche das Korn bilden müſſen, iſt voll⸗ ſtändig beendet. Das Korn wird auch feiner, es bekommt mehr Glanz und beſſeren„Griff“, wenn man es in dieſem Zuſtande mähet, als wenn die Ähren länger auf dem Halme bleiben und allem Wechſel von Regen und Sonnenſchein ausgeſetzt ſind, wodurch ſie bald anquellen, bald austrocknen. Th. Siegert') ſchnitt Sommerweizen vom 19. Auguſt bis 11. September zu 8 verſchiedenen Zeiten; die Hälfte entkörnte *) Landwirtſchaftliche Verſuchsſtation, Bd. IV. Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 177 er ſofort, während die andere Hälfte bis in den November un⸗ gedroſchen aufbewahrt wurde. Bei den beiden erſten Portionen trennte er die weniger reifen Ähren(a) von den reifſten? Ähren(b). Bei der erſten Portion vom 19. Auguſt waren nun die Halme und Ähren noch vollſtändig grün; die Körner waren ebenfalls grün, weich und milchig; bei der Portion b von demſelben Tage begann die Farbe etwas gelb zu werden. Bei der Portion a der zweiten Ernte(22. Auguſt) ſahen die Körner ähnlich aus wie die der Portion b von der erſten Ernte, bei der Portion b waren ſie ſchon vollſtändiger gelb, aber noch immer etwas grün. Bei der vierten Ernte(28. Auguſt) hatten die Körner eine gewiſſe Härte bekommen, aber ſie waren noch ſchwer von den Ähren zu trennen; die Ähren waren gelb, die Halme aber noch grünlich. Bei der ſechſten Ernte waren die Körner vollſtändig hart und trennten ſich bereits leicht von den Ähren. Folgendes Gewicht (in Grammen) fand er pro 1000 Körner: 2 Ernte— “ Körner.. hs, 226, 8 26,9 28,1 28 S828, 030, 080, 130,0 28,7 Im November ge⸗-⸗ V 4, V droſchene Körner 22,4 26,9 27,0 29,2 29,2 2 29,7 30,6 30,5 29,6 29,1 A. Nowacki, jetzt Profeſſor an der na techniſchen Schule zu Zürich, hat in Halle eine ſehr intereſſante Unterſuchung über „das Reifen des Getreides“ gemacht. Er ſchnitt Weizen zu vier verſchiedenen Zeiten und entkörnte, wie Siegert jedesmal einen Teil A, während er den Reſt B vor dem Druſch in Garben aufbewahrte. In der erſten Periode waren die Körner voll⸗ ſtändig grün; in der zweiten waren ſie noch milchig, aber bis auf die Furche gelb; in der dritten waren ſie bis zu einem ge⸗ wiſſen Grade erhärtet, brachen aber noch über dem Nagel; in der vierten waren ſie bereits zu hart, um über dem Nagel zu brechen. Rimpau, Weizenbau. 12 Sofort gedroſchene Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. Gewicht von 100 trockenen Körnern in Grammen Prozentiſch. Waſſer⸗ gehalt der Körner A Periode5 1,47111,82 2,8559,2,9735 1 47,69 11,67,3,5813 3,707001 25,73 11,61]⁴4,18624,22011 112,23 11,57 4,21804,19351 „ 7 8 „ 1 Spezifiſches Gewicht 2295˙1,3997 3363 1,3967 Volumen von 100 Körnern in Kubikcent. 4 5,3072 2,4054 5,1 657 2,9983 3913 1,3862 4,28293,4285 3,51933,4252 Die chemiſche Zuſammenſetzung der in dieſen verſchiedenen Reifegraden geernteten Körner war folgende: In 100 Teilen lufttrockenen Kornes: Milchiger Zuſtand. Gelbreif Waſſer. 12,03 11,97 Stärte 71.63 71,90 Stickſtoffhaltige Subſtanz. 11,15 11,76 Celluloſe 1,80 1,35 Fett. 1,47 1,51 Aſche 1,91 1,50 In 1000 lufttrockenen Körnern: Waſſer. 4,05 5,83 Starte. 24,14 35,01 Stickſtoffhaltige Subſtanz. 3,76 5,73 Celluloſe 0,61 0,66 Fett. 0,49 0,73 Aſche 0,64 0,73 im milchigen Zuſtande geernteten Körner. Dieſe letzteren haben ihre Ernährung noch nicht durch Ab⸗ lagerung der in den anderen Organen der Pflanze zerſtreuten e. Vollreife. 11,82 72,97 10,91 1,33 1,44 1,51 5,67 35,03 5,24 0,64 0,69 0,73 Man ſieht, daß die im milchreifen Zuſtande geernteten Körner in ihrer chemiſchen Zuſammenſetzung nicht viel von den vollreif geernteten abweichen; aber die letzteren enthalten etwa 11 g Stärke und 2 g ſtickſtoffhaltige Subſtanz mehr als die ————, Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 179 Stoffe beendet. Selbſt wenn man ſie in Puppen(Moyettes) ſetzt, bleiben ſie kleiner als die anderen und man verliert ſowohl an Quantität wie an Qualität der Ernte. Um zum Verbrauch beſtimmte Marktware zu gewinnen, muß man den Weizen mähen, wenn die Körner gelb geworden ſind, ſich aber noch leicht über dem Nagel zerbrechen laſſen. In dieſem Zuſtande beſitzen die Körner ſchon ihre Keimfähigkeit, aber ſie können dieſelbe leicht verlieren, falls ſie ſich auf dem Kornſpeicher erwärmen. Dieſes Riſiko iſt um ſo kleiner, je weniger Waſſer die Körner enthalten; man thut daher wohl, das zu Saatgut beſtimmte Korn etwas reifer werden zu laſſen.*) Damit dieſe allmähliche Umbildung des Kornes ſich voll⸗ ſtändig vollziehen kann, iſt Trockenheit und Wärme nötig, aber keine übertriebene. Wenn nach der Blüte einige ſehr heiße Tage mit trockenen Winden eintreten, ſo wird die normale Wan⸗ derung der Stoffe nach dem Korne zu plötzlich angehalten und die Entwickelung des Kornes unterbrochen; es kann ſich nicht mehr ernähren, es bleibt klein und leicht; es„verſchrumpft“, wie man ſagt. Wie wir im V. Kapitel dargelegt haben, ſind gewiſſe Weizen⸗ varietäten dieſer Gefahr ſtärker ausgeſetzt als andere, und die nämlichen Varietäten, welche gewohnt ſind, unter dem nebligen Klima an den Küſten des atlantiſchen Oceans und Englands zu reifen, leiden von der ſommerlichen Trocknis, wenn man ſie in den öſtlichen Gegenden anzubauen verſucht. Man kann aber unter ſonſt gleichen Umſtänden das Verſchrumpfen ebenſo wie das Lagern bis zu einem gewiſſen Grade verhüten, indem man dieſe übermäßig üppige Entwickelung, welche die Reife verzögert, verhindert. Zu dieſem Zwecke muß man die Anwendung von *)(Anm. d. Überſ.) Die Gefahr, welche der Verf. be⸗ fürchtet, liegt nicht vor, wenn man die Körner in den Garben auf dem Felde gehörig austrocknen läßt; ich ſehe daher nicht ein, weshalb man das zu Saatgut beſtimmte Getreide ſpäter ſchneiden ſoll. 12* 180 Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. Stickſtoff bei der Düngung beſchränken und ſelbſt vom Stallmiſte ganz Abſtand nehmen, wenn der Boden ſchon viel Stickſtoff enthält, und ſich nur mineraliſcher Düngemittel bedienen, wie es Rémond zu Minpincien gethan hat. Zu dünne Saat kann ebenfalls dazu beitragen, die Reife eines Teiles der Ähren zu verzögern und ſie durch Begünſtigung einer übermäßigen Be⸗ ſtockung dem Verſchrumpfen auszuſetzen. Die ungariſchen Land⸗ wirte haben hierüber trübe Erfahrungen gemacht und ſind zu ſtärkerer Einſaat zurückgekehrt, nachdem ſie einige Jahre lang das Saatquantum zu ſehr verringert hatten.*) Jedenfalls muß man unter ſonſt gleichen Umſtänden die Varietäteu zuerſt mähen, welche dem Ausfallen der Körner am meiſten ausgeſetzt ſind, wie den blauen Weizen. Auf Gütern, welche Böden von verſchiedener natürlicher Beſchaffenheit haben, iſt es leicht, für jedes Weizenſtück den günſtigſten Zeitpunkt für den Schnitt herauszufinden. Auf anderen Gütern thut man gut, mehrere Varietäten zu bauen, welche nach einander reifen. *)(Anm. d. Überſ.) In Deutſchland ſind jedenfalls weniger als im ſüdlichen Frankreich ſolche Gegenden, in denen das Klima den Anbau der langſam und ſpät reifenden Weizen⸗ varietäten verbietet, wohl aber viele, deren Boden nicht genügend reich und waſſerhaltend für dieſelben iſt. Aber auch in unſeren beſten Gegenden wird immer die Hauptkunſt des Landwirtes beim Weizenbau darin beſtehen, durch Auswahl der geeigneten Varietäten, richtige Fruchtfolge, zweckmäßige Bemeſſung des Samenquantums und der Stickſtoffdüngung bei reichlichem Vor⸗ handenſein aller mineraliſchen Nährſtoffe einerſeits die Möglich⸗ keit der Erzielung höchſter Ernten unter normalen Witterungs⸗ verhältniſſen zu ſichern, andererſeits aber den Gefahren des Lagerns und der mangelhaften Kornausbildung(des„Ver⸗ ſchrumpfens“) vorzubeugen.— Daß uns aber gerade bei dem den Fährlichkeiten des Winters ausgeſetzten Weizen das Wetter leicht einen Strich durch die rationellſte Rechnung machen kann, leuchtet ein. Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 181 Auf alle Fälle muß der Landwirt alle Mittel zur recht⸗ zeitigen Anwendung in der Hand haben, um die Ernte glatt von ſtatten gehen zu laſſen. Er muß ſeine Erntewagen und ſeine Maſchinen alle gut im Stande und die Anzahl von Ar⸗ beitern und Geſpannen zur Verfügung haben, durch die er die Arbeit am ſparſamſten einteilen kann. „Die letzte Arbeit beim Getreidebau, ſagt Olivier de Serres, iſt die Ernte: die erwartete Belohnung für fleißige Arbeit. Freudig legt nun der Familienvater die letzte Hand an ſeine Scholle, um durch Gottes Segen den Ertrag derſelben zu gewinnen und ſein Korn im Schweiße ſeines Angeſichts zu mähen. Es iſt um ſo mehr Fleiß erforderlich, je größere Verluſte durch Nachläſſigkeit zu befürchten ſind, wenn unglücklicherweiſe heftige Winde, ſchwere Regen und andere ungünſtige Witterungsverhält⸗ niſſe während der Reife des Kornes eintreten, wodurch es oft zu Boden geworfen und vernichtet wird. Er hat ſchon lange die nötigen Gelder, Lebensmittel, Arbeitsleute und Gerätſchaften für dieſe mühſelige Arbeit in Bereitſchaft, auch ſeine Scheunen und Böden in ſtand geſetzt, damit es an nichts fehlt. Als Werkzeuge benutze man gut ſchneidende Sicheln, oder andere Inſtrumente, wie ſie in der Gegend landesüblich ſind und wähle nicht etwa aus Liebhaberei veraltete Geräte oder neue Erfin⸗ dungen von ungewohnter Form. Die Reife des Weizens iſt leicht an ſeiner gelben oder blonden Farbe zu erkennen und daran, daß die Körner feſt, aber noch nicht ganz erhärtet ſind. Dies iſt der richtige Zeitpunkt zum Schneiden; darin ſtimmen die alten und modernen Landwirte überein, daß ſie empfehlen, den Weizen etwas grünlich und nicht überreif in Angriff zu nehmen, da er in den Garben ausreift, und man nicht Gefahr läuft, beim Mähen und Einfahren viel zu verlieren, was man thun würde, wenn man ihn zu reif und trocken werden ließe, ſo daß eine große Menge Körner aus den Ähren unbenutzbar zu Boden fiele. Aus dieſem Grunde fange man viel lieber 2 oder 3 Tage zu früh an als etwas zu ſpät; man fürchte nicht, daß der Weizen dadurch eine ſchlechte Farbe bekommt; er nimmt 182 Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. eine vortreffliche Farbe an, indem er in den Garben nachreift. Den zur Saat beſtimmten Weizen ſchneide man nur völlig reif; damit er gut keimfähig wird, muß man ihn vollſtändig reifen laſſen, ohne auf die Verluſte zu achten, welche eintreten können, indem man dieſen Zeitpunkt abwartet. Eine beſtimmte Mond⸗ phaſe oder gewiſſe Tagesſtunden für das Mähen des Weizens zu wählen, wie einige empfohlen haben, iſt unmöglich, obgleich dies wünſchenswert wäre(der abnehmende Mond, ſowie die Morgen⸗- und Abendſtunden wären für dieſe Arbeit jeder anderen Zeit vorzuziehen): denn der Weizen geſtattet uns nicht, abzu⸗ warten oder von einer Stunde zur anderen zu zögern, ſobald er einmal angefangen hat zu reifen; man ſieht wie er durch die Macht der Sonnenglut faſt momentan verſengt. Darum müſſen wir zum Mähen jede Minute des Tages benutzen und durch Fleiß zeigen, wie viel uns das köſtliche Manna wert iſt, welches Gott uns freigiebig als Nahrung geſpendet. Darum wird auch dieſe Jahreszeit gewöhnlich ganz beſonders die Zeit der mühſeligen Arbeit genannt; dies ſoll bedeuten, daß alle anderen Arbeiten der Erde nichts ſind als Vorbereitungen oder Hilfsarbeiten für dieſe.“ Wie alle landwirtſchaftlichen Geräte, ſo haben ſich auch die, welche zum Mähen des Getreides dienen, allmählich in dem Maße vervollkommnet, wie die Arbeiter ſeltener und teurer wurden. Ehemals gebrauchte man allgemein die Sichel, welche die alten Griechen der Ceres, ihrer Erntegöttin, als Attribut gaben, und ſie iſt noch heutigentags in gewiſſen Ländern in Gebrauch. Man muß noch überall zur Sichel die Zuflucht nehmen, wenn der Weizen ſehr ſtark gelagert iſt; aber man kann mit derſelben nicht mehr als 15 bis 20 a pro Tag ſchneiden. In den Cevennen, in der Baſſe⸗Bretagne, ſowie in einigen Grafſchaften Englands bedient man ſich des Sichets, einer Sichel von größeren Dimenſionen als die gewöhnlichen Sicheln, womit ein guter Arbeiter 30 bis 35 a im Tage ſchaffen kann. Die flamländiſchen Arbeiter ſchneiden ungefähr ebenſoviel mit ihrer„Sage“. Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 183 Mit der Senſe aber, welche mit einer Art Rechen aus ge⸗ bogenen Holzſtäben verſehen iſt, kann ein tüchtiger Arbeiter 50 bis 60 a pro Tag leiſten; jedoch iſt für gelagerten Weizen die Sichel oder die Sage vorzuziehen. Als es an iriſchen Arbeitern, welche gewöhnlich zur Ernte⸗ arbeit nach England kamen, zu fehlen anfing, weil viele derſelben nach Amerika ausgewandert waren, wurden die Farmer zu dem Beſtreben genötigt, dieſelben durch Mähemaſchinen zu erſetzen. An Entwürfen und Modellen fehlte es nicht. Seit den älteſten Zeiten hatte man ſchon Mähemaſchinen erfunden, aber ſie hatten ſich nie in der gewöhnlichen Praxis eingebürgert, weil ſie keinem wirtſchaftlichen Bedürfnis entſprachen; d. h. weil ſich noch überall Arbeiter genug fanden, um die Ernte ebenſo ſchnell und billiger zu bewältigen wie mit Maſchinen. Ferner waren auch an dieſen Maſchinen, gerade deshalb, weil ſie noch nicht viel ge— braucht wurden und nur in einigen Ausſtellungen und Muſeen figurierten, noch nicht alle jene Verbeſſerungen angebracht, welche die Praxis allein herbeiführen konnte. Nordamerika hatte ebenfalls ein großes Intereſſe daran, daß das Problem des Maſchinenmähens gut gelöſt würde. Ohne Maſchinen hätte man hier nie den Weizenbau ſo ungeheuer aus⸗ dehnen können. Dieſe beiden großen angelſächſiſchen Länder wetteiferten, um eine praktiſche Löſung des Problems zu erzielen. Bald brachte der eine bald der andere einen neuen Fortſchritt auf die internationalen Konkurrenzen, und Mac⸗Cormick trug mehr als alle anderen dazu bei, indem er der Schneidevorrichtung die Geſtalt einer ſich lebhaft hin- und herbewegenden Säge gab, welche von allen Maſchinenbauern angenommen wurde. Jetzt giebt es zahlreiche gute Syſteme von Mähemaſchinen: Mac⸗ Cormick, Samuelſon, Burgeß& Key, Bukeye, Adrience, Osborne, Johnſton, ꝛc. Seit der allgemeinen Ausſtellung von 1855 und den Ver⸗ ſuchen, welche damals zu Trappes angeſtellt wurden, datiert ſich eigentlich ihre Einführung in Frankreich, und ſeit dieſer Zeit 184 Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. haben unſere Maſchinenbauer auch ihrerſeits zur Vervollkomm⸗ nung derſelben beigetragen.*) Mit einer Beſpannung von 2 Paar Pferden, welche ſich zweimal ablöſen, kann eine Maſchine von 7 Uhr morgens bis 8 oder 9 Uhr abends in Wirklichkeit 12 bis 13 Stunden im Tage arbeiten und 3 bis 4 ha ſchneiden. Die 2 Paar Wechſelpferde koſten à 5 Frk.. 20 Frk. Die 2 Arbeitstage der Pferdeknechte... 8„ Die Verzinſung und Amortiſation der Maſchine je nach der Ausdehnung des Getreidebaues. 3 bis 7 Frk. Für Ol, Schmierfett, Schärfen der Klinge. 2 Frk. Im ganzen 33 bis 37 Frk. auf 3 bis 4 ha, alſo im Durchſchnitt 10 Frk. pro Hektar. 1851 forderten die Erntearbeiter, welche in die Beauce und die Brie kamen, 10 bis 11 Frk. für das Mähen eines Hektars. Heute nehmen ſie 22 bis 25 Frk. Folglich koſtet die Maſchinen⸗ arbeit 12 bis 15 Frk. weniger. In Gegenden, wo die Hand⸗ arbeit billiger iſt als in der Umgegend von Paris, ſind die Vor⸗ teile der Maſchinen nicht ſo groß, aber ſie ſind überall nützlich und geben dem Landwirt die Gewißheit, ſeine Ernte rechtzeitig auszuführen, und, ſelbſt wenn ſie im Schuppen ſtehen bleiben, verhindern ſie die Arbeiter, zu unverſchämt zu werden. Zuweilen verlangen jedoch die Arbeiter für das Binden der Hocken um ſo mehr, je ſchneller die Maſchinen die Arbeit bewältigen: anſtatt 10 Frk. pro Hektar, wie früher, fordern ſie 12 und 15 Frk. Das Problem des ſparſamen Mähens iſt alſo erſt halb gelöſt, ſolange das Binden nicht auch wie das Mähen auf mechaniſchem Wege geſchieht. Die Maſchinenbauer haben die Löſung zu vervollſtändigen geſucht, indem ſie ſelbſtbindende Mähemaſchinen bauten; einige derſelben liefern ſchon befriedigende *)(Anm. d. Überſ.) Bei uns haben die Mähemaſchinen erſt in den 60er Jahren eine allgemeinere Verbreitung ge⸗ funden.— Auch von mehreren deutſchen Firmen werden jetzt gute Mähemaſchinen geliefert. Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 185 Arbeit, z. B. die von Mac⸗Cormick, Wood), Hornsby, Johnſton, Osborne& Albaret; es ſind aber 4 Pferde nötig um dieſe Maſchine zu ziehen(Fig. 23, S. 186). Auf den unendlich großen Beſitzungen von Nordamerika (Poſſada farms) geht man noch weiter: man hat das Binden ganz aufgegeben. Man wendet viel breitere Maſchinen an als die unſrigen, welche durch von hinten angeſpannte Pferde ge⸗ ſchoben werden; der geſchnittene Weizen fällt auf ein Tuch ohne Ende, welches ihn auf einen Karren mit breiter Plattform ab⸗ liefert, der ſeitlich an der Maſchine befeſtigt iſt und mit ihr fort⸗ ſchreitet. Jedesmal wenn ein Karren voll iſt, wird er durch einen anderen erſetzt und ſofort an eine mächtige Dreſchmaſchine herangefahren, welche im freien Felde arbeitet und durch eine mit dem Stroh des Weizens ſelbſt geheizte Lokomobile betrieben wird. Dieſelbe driſcht den Weizen, reinigt und ſackt ihn. Um den Erzeugungspreis unſeres Kornes zu verringern, müßten wir die Mittel, welche unſere Konkurrenten jenſeit des Oceans zu einem ſchnellen Umſatze anwenden, nachzuahmen ſuchen, jedoch unter Konſervierung des Strohes. Allein dies iſt nur möglich auf ſehr großen Gütern und in einem Klima, wo der Sommer ſo trocken iſt, daß der Weizen gut ausreift und ſo⸗ fort gedroſchen werden kann, ohne erſt in Haufen geſtellt zu werden.*) ¹) Die ſelbſtbindende Mähemaſchine von Walter Wood, welche durch Pilter 1886 im Palaſte de l'Induſtrie ausgeſtellt war, ſcheint vorzüglich zu ſein. *)(Anm. d. Überſ.) Wir werden ſchwerlich jemals im ſtande ſein, in Deutſchland das Mähen des Weizens mit der Maſchine in ähnlicher Ausdehnung anzuwenden wie die Amerikaner. Namentlich in den intenſiven Wirtſchaften, in denen man unter Anwendung aller Hilfsmittel höchſte Bruttoerträge zu erzielen ſucht, wird die Mähemaſchine zwar immer gelegentlich gute Dienſte leiſten, wenn bei anhaltender Dürre ein unerwartet ſchnelles Reifen eintritt, man wird aber nie den Weizenbau auf Anwendung der Mähemaſchine baſieren und durch dieſelbe die Erzeugungskoſten weſentlich verringern können.— Wenn man Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 187 Auf alle Fälle, beſonders wenn das Wetter nicht hinder⸗ lich iſt, thut man gut, den Weizen gleich hinter den Mähern oder der Mähemaſchine in Garben zu binden, es ſei denn, daß das Stroh mit Unkräutern oder mit jungem Klee gemiſcht iſt welche erſt trocknen müſſen. Dies iſt ſowohl nötig, wenn man den Weizen gleich einfahren und in Scheunen oder Diemen legen will, als auch wenn man ihn in Stiegen ſtellt. In letz⸗ teren iſt er vor einem vorübergehenden Regen geſchützt, und wenn das Wetter ſich für längere Zeit zu verſchlechtern droht, kann man ihn ſchnell aufladen. ſo düngt, daß man unter den durchſchnittlichen Wetterver⸗ hältniſſen der Gegend Maximalernten macht, ſo muß man ſtets darauf gefaßt ſein, daß durch ungewöhnliche Regengüſſe viel Lager herbeigeführt wird, ſelbſt bei den widerſtandsfähigſten Weizenſorten. Kommt dann feuchtes und ſtürmiſches Wetter hinzu, wenn der Weizen reif iſt, ſo kann die Anwendung der Mähemaſchinen ſehr teuer, oft unmöglich werden.— Während ich dieſe Zeilen ſchreibe, iſt gerade ein ſo ungünſtiges Erntewetter. Der Weizen hatte nach einem kühlen und feuchten Mai eine lange trockene Periode im Juni und Anfang Juli gut über⸗ ſtanden und berechtigte zu großen Hoffnungen; da fielen am 16. und 17. Juli plötzlich 82 m/m Regen, ſo daß Weizen, Gerſte und Hafer ſtark lagerten. Nun trat Anfang Auguſt große Hitze ein, zwiſchen dem milchigen Zuſtande des Kornes und der Voll⸗ reife lagen nur wenige Tage; dann war vom 8. Auguſt an ſtarker Wind mit häufigen Regenſchauern. Die Mähemaſchinen konnten wegen vieler kleiner Lagerſtellen, die in ſämtlichen Acker⸗ ſtücken verteilt waren, nur von einer Seite ſchneiden, mußten auch häufig wegen der Feuchtigkeit des Bodens die Arbeit ein⸗ ſtellen. Es wurde ſtellenweiſe mehr als die Einſaat vom Winde ausgeſchlagen, und der Verluſt würde noch viel größer geweſen ſein, wenn weniger Arbeiter zum Mähen zur Verfügung ge⸗ weſen wären.— 1882 war die Mähezeit noch ungünſtiger, und der Schaden durch Ausfallen war ein ganz enormer. 188 Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. In Gegenden mit feuchterem Sommer muß man die Mo— yettes anwenden, welche im nordweſtlichen Frankreich allgemein in Gebrauch ſind. Dailly in Trappes bezahlt für das An⸗ fertigen der Moyettes 6 Frk. pro Hektar über den Preis hinaus, welcher für das Mähen des Weizens feſtgeſetzt wurde. Die ge⸗ ſamten Erntearbeiten koſteten ihm pro Hektar: Von 1853 bis 1862 durchſchnittlich 36 Frk. 60. „ 1863„ 1872 3 40„ 50. 1873„ 1877„ 41„ 60.*) 4 Unter ſolchen Umſtänden iſt die Mähemaſchine ein höchſt unzuverläſſiges Inſtrument: bei trockenem ruhigem Erntewetter und wenig Lagerfrucht hat man ſie nicht nötig, weil die Hand⸗ arbeit ſchnell geht; bei feuchtem, ſtürmiſchem Erntewetter und viel Lager iſt mit den Mähemaſchinen nicht viel auszurichten.— In extenſiveren Wirtſchaften dagegen, in denen man mit der Möglichkeit des Lagerns nicht in dem Maße zu rechnen hat, wird man allerdings häufig mit den Mähemaſchinen weſentlich billiger arbeiten können, zumal wenn zur Ernte fremde teure Arbeiter nötig ſind, welche zu anderen Jahreszeiten keine hin⸗ reichende Beſchäftigung finden. *)(Anm. d. Überſ.) Unter unſeren deutſchen Verhältniſſen wird ein ſofortiges Einfahren des Weizens hinter der Senſe in Scheunen oder Diemen faſt niemals möglich ſein; wo es dennoch vorkommt, kann es nur geſchehen, wenn der Weizen fehlerhafter⸗ weiſe oder infolge ungünſtigen Wetters in todreifem Zuſtande gemäht wurde. Bei zweizeiliger Gerſte dagegen, welche durch Wind nicht ausgeſchlagen wird, und deren Qualität als Brau⸗ gerſte durch völliges Ausreifen auf dem Halme ſtets gewinnt, wird dieſes Verfahren neuerdings bei uns ſtellenweiſe mit gutem Erfolge angewandt.— Den Weizen werden wir daher faſt immer gebunden in Haufen ſtellen und nachtrocknen laſſen müſſen, bevor wir ihn einfahren, können ihn auch nicht, wie der Verf. ſagt, bei drohendem ungünſtigen Wetter ſchleunigſt aufladen, ſondern werden ſtets lieber riskieren, ihn auf dem Felde als in der Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 189 Je nachdem es in den verſchiedenen Ländern gebräuchlich iſt, ſchwankt das Gewicht der Garben zwiſchen 4 und 15 kg. Im allgemeinen werden ſie dicker gemacht in den ſüdlichen Gegen⸗ den, kleiner im Nordweſten, wo die Feuchtigkeit das Reifen des Kornes und das Austrocknen des Strohes erſchwert. So wiegen z. B. in Schottland die Garben nur 5 bis 6 kg; man pflegt ſie dort in das noch mit Ähren verſehene Stroh der Ernte ſelbſt zu binden. In der Umgegend von Paris wiegen die Garben 10 bis 12 kg; wenn ſie ſchwerer als 15 kg ſind, wird ihre Handhabung für die Arbeiter, welche die Wagen laden, zu ſchwierig. Scheune oder im Diemen verderben zu laſſen.— Es iſt nun eine eigentümliche Erſcheinung, die ich auf meinen Reiſen oft beobachtet habe, daß die Erntemethoden meiſt um ſo voll⸗ kommener ſind, je ſchlechter die Ernten ſind, ſei es infolge un⸗ günſtiger natürlicher Bedingungen, oder infolge mangelhafter Kultur und umgekehrt, daß man auf den beſten Böden und bei Landwirten, die es ſonſt an nichts fehlen laſſen und jedem Fort⸗ ſchritte zugänglich ſind, oft auffallend wenig Sorgfalt auf die Behandlung des gemäheten Getreides verwenden ſieht.— Bis zu einem gewiſſen Grade hat dies ſeine Berechtigung, denn, wie Nowacki ſehr richtig dargelegt hat, kann man die Sorgfalt bei der Aufſtellung der Garben nur ſo weit treiben, wie es mit den vorhandenen Arbeitskräften möglich iſt, ohne die Arbeit zu lange aufzuhalten. Es leuchtet aber ein, daß man zwar bei einer Strohernte von 3000 kg pro Hektar die Garben vielleicht ſorg⸗ fältig in Puppen ſetzen kann— die franzöſiſchen Moyettes ſind eine Art von Puppen—, daß man aber bei einer Strohernte von 8000 kg pro Hektar nur ſelten rationellerweiſe ſoviel Arbeitskräfte haben kann, um auch hier dieſelbe Sorgfalt an⸗ zuwenden. Wenn man vor der Wahl ſteht, einen Teil der Weizenernte wegen zu ſpäten Mähens ausfallen zu laſſen, oder den anderen Teil derſelben mit etwas weniger Sorgfalt auf⸗ zuſtellen, ſo wird man gewiß ſtets das letztere wählen. 190 Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. Eine Maſchine, welche man in jeder Wirtſchaft haben ſollte, iſt der Pferderechen, denn er leiſtet ebenſo große Dienſte bei der Getreideernte wie bei der Heuernte. Er iſt ganz beſonders nützlich, weil er eine Arbeit leiſtet, welche man gewöhnlich den Frauen überließ. Jetzt fehlen aber die Arbeiterinnen noch mehr als die Arbeiter ffür die Feldarbeiten; je mehr das Wohlleben fortſchreitet, deſto ſeltener verlaſſen die Frauen ihren Haushalt, Fig. 24. Pferderechen. Anderſeits glaube ich aber, daß man vielfach ohne erheb⸗ liche Koſten und ohne Vermehrung der Handarbeitskräfte eine ſorgfältigere Aufſtellung des Getreides erzielen könnte. Sehr zweckmäßig ſcheint es mir z. B., wenn in großen Wirtſchaften das Mähen und Binden nicht mit in denſelben Accordſatz ge⸗ geben wird wie das Aufſtellen der Garben. Wenn letztere Arbeit von beſonderen Arbeitern vorgenommen wird, welche den Bindern in entſprechender Anzahl folgen, ſo ſchulen ſich dieſelben beſſer ein und ſind auch leichter zu beaufſichtigen als eine große An⸗ zahl von Leuten, welche dieſe Arbeit in kurzer Zeit machen. — Vierzehntes Kapitel. Reife und Ernte. 191 um einen Lohn zu verdienen, der ihnen nicht mehr ſo unent— behrlich iſt wie früher. Ein Pferderechen macht im Durchſchnitt dieſelbe Arbeit wie 7 oder 8 Frauenzimmer. Eine der beſten Konſtruktionen iſt die von Howard; er iſt in den letzten Jahren derart vervollkommnet, daß ein Mann zu ſeiner Führung genügt, welcher auf der Maſchine ſitzt und den Mechanismus der Zinken mit dem Fuße in Gang ſetzt. In einem Teile von Frankreich, beſonders in den nördlichen und weſtlichen Departements, wo man den meiſten Weizen baut, beſteht noch die Gewohnheit, ihn nach der Ernte in Diemen zu legen, welche man aufbewahrt bis man zum Dreſchen Zeit hat. Damit die Mäuſe nicht zu viel Schaden thun, iſt es zweckmäßig, die Diemen auf Geſtellen von leichten eiſernen Schienen mit champignonförmigen Füßen zu legen. Aber es iſt koſtſpielig, ſolche Diemen zu bauen, und namentlich ſie zu decken. Fievet zu Masny im Departement de Nord nimmt an, daß ſolche Diemen auf 75 Centimen pro Hektoliter Weizen zu ſtehen kommen, und daß außerdem 1 bis 1,25 Frk. am Stroh verloren geht (? der Überſ.); er zieht Schuppen mit feſter Ziegel⸗ oder Schiefer⸗ bedachung vor. Aber bei einer neunjährigen Pachtperiode kann ein Pächter ſolche Schuppen nicht auf eigene Koſten bauen und iſt genötigt, jährlich eine größere Summe zu verausgaben oder zu verlieren als die Zinſen des für einen ſolchen Bau nötigen Kapitals. Der Beſitzer müßte dieſe Anlage machen, oder dem Pächter deren Wiederabnahme bei Ablauf der Pacht garantieren.*) *)(Anm. d. Überſ.) Für derartige Getreideſchuppen, deren Herſtellungskoſten weſentlich von der Leichtigkeit der Holzkon⸗ ſtruktion abhängen, ſind jedenfalls die bei uns für dieſen Zweck ſtets verwandten Pappdächer vorzuziehen.— Übrigens ſind die Verluſte beim Diemenſetzen, auch ohne Anwendung der ſehr koſt⸗ ſpieligen Eiſengeſtelle, welche der Verf. erwähnt, ſehr gering, wenn man mit dem Strohverbrauch für die Diemenunterlage und für die Bedeckung nicht ſparſam zu ſein braucht, und in den meiſten Weizengegenden iſt ja das Stroh ſo reichlich vor⸗ ——— Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertrag. Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertrag. Die auf den altägyptiſchen Denkmälern eingravierten Figuren ſtellen das Austreten des Weizens dar; dasſelbe geſchah durch Ochſen, welche auf der mit Garben bedeckten Dreſchtenne in wohl⸗ geordneten Reihen umherſchritten. Dieſes Verfahren iſt in einigen Gegenden Südfrankreichs noch in Gebrauch. Man verwendet dazu bald Pferde, bald Ochſen. Nach Angabe von Jaubert de Paſſa können 24 Pferde und 15 Männer in einem Tage 5200 Garben à 7 ½ kg Gewicht ausreiten. Nach Heuzé kommt der gedroſchene Hektoliter auf 2 Frk. zu ſtehen und es verbleiben viele Bauſten(noch eingehüllte Körner). handen, daß die geringe Entwertung, welche das zum Zudecken der Diemen verwandte Stroh als Einſtreu in den Ställen er⸗ leidet, kaum in Betracht kommen kann.— Man wird daher namentlich in den Wirtſchaften, wo man in der Lage iſt, einen Teil des Getreides während oder gleich nach der Ernte mit Dampfkraft zu dreſchen, ſtets am billigſten verfahren, wenn man einen großen Teil des Getreides in Diemen ſetzt.— In der Provinz Sachſen decken wir die Diemen jetzt meiſt in der Weiſe zu, daß 6 bis S ſich nach oben verjüngende Schichten gebundenes Stroh von der Dreſchmaſchine herangefahren und dicht gepackt auf das Getreide gelegt werden. So zugedeckte Diemen haben ſich bei mir trotz anhaltenden Schnees und langer Regenperioden ſtets vortrefflich ſelbſt bis zum Frühjahr gehalten. Die während oder gleich nach der Ernte zu dreſchenden Diemen werden nur mit 2 Schichten Stroh bedeckt.— Das Getreide ſelbſt muß aber bei dieſem Verfahren ſenkrecht an allen Seiten hochgepackt und darf nicht dachförmig eingezogen werden; die oberſte Ge— treideſchicht, auf welche das Stroh kommt, muß nach der Peri⸗ pherie zu etwas Gefälle haben, und die einzelnen Strohſchichten müſſen von außen begonnen und in der Mitte der Diemen be⸗ endet werden, ſo daß jede Reihe von Strohbunden etwas über die vorhergehende hinweggreift. Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertrag. 193 Homer, der gern bildlich auf die Feldarbeiten hindeutete, hat das Austreten des Kornes beſchrieben; er ſagt:„So wie die Ähren, wenn ſie von den Ochſen in langer Reihe auf der geebneten Dreſchtenne geſtampft werden, alsbald unter den Hufen der Ochſen in Trümmer zerfallen, ſo Achilles...“; und etwas weiterhin vergleicht er den Staub, welcher ſich beim Kampfe der Griechen und Trojaner erhebt, mit dem, welcher das Reinigen des Getreides verurſacht:„So wie, wenn man das Getreide reinigt, Korn und Stroh mit dem Staube der Dreſchtenne durch den ſich erhebenden Wind weit fortgetrieben wird...“— Dies ſind nur poetiſche Vergleiche, aber wir lernen durch dieſelben die landwirtſchaftlichen Verfahren der alten Griechen kennen. In den nördlichen Ländern wurde hauptſächlich der Dreſch⸗ flegel angewandt, weil man hier den Weizen nicht im Freien ausreiten kann und den langen Winter benutzt, ihn in der Scheune zu dreſchen. Noch heute ertönt der taktmäßige Schlag des Dreſchflegels in vielen unſerer Dörfer des nordöſtlichen Frankreich. Der kleine Bauer bedient ſich desſelben, um ſeinen Weizen auszudreſchen, wenn er weiter nichts zu thun hat. Aber der Flegeldruſch koſtete auf den großen Gütern den 16. bis 10. Teil des Kornes, d. i. 1 Frk. 50 bis 2 Frk. pro Hektoliter, und ein Mann konnte höchſtens 120 bis 2001 pro Tag ſchaffen. Das iſt zu teuer und geht zu langſam; wir müſſen heutzutage die genaueſte Sparſamkeit erſtreben und unſeren Weizen zu verkaufen ſuchen, wenn der Preis am höchſten iſt, was ge⸗ wöhnlich nach der Ernte der Fall iſt, bevor die Zufuhren von Amerika eintreffen. Gute mit einem zweipferdigen Göpel betriebene Dreſch⸗ maſchinen können 50 bis 60 hl Korn im Tage liefern. Die durch eine 6⸗ bis 7 pferdige Dampfmaſchine betriebenen leiſten über 100 hl; der Druſch koſtet nur 30 oder 50 Cent. pro Hektoliter. Mit ſtärkeren Maſchinen iſt die Arbeit noch ſchneller und billiger. So läßt z. B. Desprez zu Capelle ſeine Moyettes, ſobald ſie trocken ſind, an eine Cumming'ſche Maſchine heranſchaffen, welche ihm 12 000 kg gut gereinigten Weizen pro Tag driſcht. In Rimpau, Weizenbau. 13 194 Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertrag. weniger als einem Monat hat er ſeine Ernte von 65 ha zum Verkauf bereit. Die Dreſchmaſchine für Großbetrieb von Albaret zu Liancourt, welche durch eine 5⸗ bis 6 pferdige Dampfmaſchine betrieben wird, leiſtet beinahe dieſelbe Arbeit. Für kleine Wirtſchaften giebt es Handdreſchmaſchinen oder einpferdige Göpelmaſchinen, welche nur 150 bis 180 Frk. koſten und den Flegel vorteilhaft erſetzen können. Die Landwirte können ſich übrigens auch in jeder Gemeinde zum Ankauf einer großen Maſchine vereinigen, mit welcher jeder nach einer vorgeſchriebenen Reihenfolge ſeine Ernte ausdriſcht. In den Dörfern, wo eine hinreichende Waſſerkraft vorhanden iſt, muß man ſich dieſelbe zum Betriebe der Maſchine nutzbar machen. Es wird übrigens nicht mehr lange dauern, bis man die Kraft der Waſſerfälle in Elektrizität umſetzt und ſie dadurch auf die benachbarten Güter überträgt.— Wenn die Güter zerſtreut liegen, ſo bringen be⸗ ſondere Unternehmer ihre Lokomobilen von einem zum andern, um das Getreide zum Preiſe von 40 bis 60 Cent. pro Hektoliter zu dreſchen.*) *)(Anm. d. Überſ.) Die vom Verf. angeführten Preiſe für Maſchinendruſch können ſich wohl nur auf die Koſten der Maſchinenbenutzung, nicht aber auf die Geſamtkoſten des Druſches einſchließlich aller Tagelöhne beziehen.— Die angeführte Leiſtung von 12 000 kg pro Tag iſt gering und wohl nur dadurch zu erklären, daß in Frankreich ſchwächere Maſchinen als bei uns gebräuchlich ſind. Ich habe während und kurz nach der Ernte 1886 mit meiner 10 pferdigen Lokomobile in 16 Arbeitstagen einſchließlich der Zeit für Umſetzen der Maſchine durchſchnittlich 17786 kg Weizen pro Tag gedroſchen. Einzelne Tageleiſtungen von über 20 000 kg ſind bei uns nichts Ungewöhnliches. Die Vermieter von Dreſchmaſchinen nehmen bei uns jetzt 3% des Erdruſches, wobei ſie den Maſchiniſten und den Einleger der Garben ſtellen. Bei einer Leiſtung von 17 500 kg(ca. 233 hl) und einem Preiſe von 160 M pro 1000 kg würde dies alſo 36 Pfg. = 45 Cent. pro Hektoliter betragen. Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertrag. 195 Das Gewicht des Strohes ſchwankt vom doppelten bis zum dreifachen Gewichte der Körner; man erhält alſo auf 1000 kg Korn 2000 bis 3000 kg Stroh. In ganz ungewöhnlichen Fällen kann das Strohgewicht das Vierfache vom Korngewicht erreichen, dies ſind aber Unglücksfälle, denn ſie treten nur ein, wenn es außerordentlich wenig Korn giebt, und namentlich wenn das Getreide lagerte. Wie Heuzé nachgewieſen hat, iſt das Gewicht des Strohes im Durchſchnitt um ſo geringer im Ver⸗ hältnis zum Korngewicht, je größer die geerntete Kornmenge iſt. Er hat folgende Reihenfolge aufgeſtellt: Ertrag an Hektolitern Gewicht pro Hektar Stroh auf pro Hektar Korn Stroh 100 kg Korn 16 1,248 3,600 288 20 1,500 4,000 256 25 1,950 4,500 230 30 2,340 5.000 210 35 2,730 5,500 201 Man könnte dieſe Tabelle durch die Ertragsmengen ver⸗ vollſtändigen, welche Joulie auf einigen Gütern der Brie für Ernten von über 35 hl pro Hektar ermittelt hat: Wenn es auch noch Verhältniſſe geben mag, unter denen der Flegeldruſch mit dem Maſchinendruſch bei anderen Getreide⸗ arten konkurrieren kann, ſo wird der Maſchinendruſch durchaus notwendig bei den neueren ertragreicheren Weizenſorten, welche meiſt ſo feſt in den Spelzen ſitzen, daß ſie durch Dreſchflegel nicht rein vom Strohe zu trennen ſind. Der bedeutend reinere Druſch iſt daher beim Vergleiche der Koſten des Handdruſches mit denen des Maſchinendruſches bei allen Früchten, ganz beſonders aber beim Weizen zu berückſichtigen. In der Heimat des Referenten benutzen jetzt ſelbſt die kleinſten Bauern die maſſenhaft angebotenen Miets⸗Dampf⸗ dreſchmaſchinen zum Druſch ihres Getreides, obgleich ſie im ſtande wären, dasſelbe eigenhändig mit dem Flegel zu dreſchen, da ſie den bedeutend reineren Druſch der Maſchine würdigen. 13* 196 Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertrag. Ertrag an Hektolitern Gewicht pro Hektar Stroh auf pro Hektar Korn Stroh 100 kg Korn 40 3,200 5,730 178(Victoria) 45,6 3,650 5,710 156(Noôweizen) 51,1 4,090 8,010 195(Auſtraliſcher) 54,4 4,390 6,680 152(Bordeaux) 60,7 4,800 10,010 200(Chiddam). Bei dieſen letzteren Zahlen erkennt man den Einfluß der Varietät und unzweifelhaft auch den der angewandten Düngung, aber es zeigt ſich dabei doch noch das ſinkende Strohverhältnis beim Steigen des Kornertrages. Zu Ernten von 40 bis 45 hl pro Hektar können wir nur unter der Bedingung gelangen, daß wir Weizen⸗Varietäten nehmen mit einem Stroh, welches ſchwere Ähren ohne ſich zu beugen tragen kann. Das Stroh iſt aber im allgemeinen um ſo kräftiger, je kürzer es iſt. Das Gewicht der Spreu bildet im Durchſchnitt den zehnten Teil des Strohgewichtes. Die ſtärkſte Weizenernte, welche angeführt wird, war die von Gilly, in der Nähe von Uzès(Gard), welcher 72 hl pro Hektar erzielt hat; dies geſchah aber unter Anwendung außer⸗ gewöhnlicher Sorgfalt, indem jeder einzelne Pflanzenſtock ſtark mit Poudrette gedüngt wurde(Graf Gasparin).*) Das ſpezifiſche Gewicht eines Weizenkornes beträgt durch⸗ ſchnittlich: im feuchten Zuſtande(mit 27,03% Waſſergehalt) 1,2820 lufttrocken(mit 9,42% Waſſergehalt).... 1,3800 vollſtändig trocken.......... 1,4085 *)(Anm. d. Überſ.) Die größte Weizenernte, welche ich. bisher auf einem einzelnen guten Ackerſtücke gemacht habe, betrug 4974 kg pro Hektar(2540 Pfd. pro Morgen); dies war Rivett⸗ Weizen im Jahre 1882. In dieſem Jahre habe ich auch die höchſte bisher von mir erzielte Durchſchnittsernte gemacht, näm⸗ lich auf ca. 180 Hektaren Weizen durchſchnittlich 3823 kg pro Hektar(1952 Pfd. pro Morgen). Durchſchnittsernten von etwas Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertrag. 197 Im allgemeinen iſt das ſpezifiſche Gewicht der Weizen⸗ körner um ſo höher, je mehr ſtickſtoffhaltige Subſtanz ſie ent— halten. Nach Nowacki hat: ſpez. Gewicht ſtickſtoffhaltige Subſtanz Hartweizen... 1,4264 12,54% Gemeiner Weizen. 1,3533 8,58„ Nach H. Vilmorin kommen im Durchſchnitt 22 Körner auf ein Gramm; das Minimum(Galland-⸗Baſtardweizen iſt 12; das Maximum(voter grannenloſer Märzweizen) iſt 34. Folgende Zahlen führt er für andere Varietäten an: Brauner Hériſſon 32, Viereckiger von Sicilien 29, Gemeiner Grannen⸗Märzweizen 25, Ungariſcher Weizen 32 ½, Touzelle anone 21 ½, Hunter 26, Rotſpelziger Danziger 22, Flandriſcher 19 ½, Noéë 17 ½, Roter Schottiſcher 23, Hallet 21 ½, Hickling 24, Weißer Richelle von Neapel 17. Das Gewicht eines Weizenkornes ſchwankt alſo zwiſchen 29 und 83 mg und beträgt im Durchſchnitt 40 mg. Das Gewicht eines Hektoliters Weizen hängt nicht allein von dem ſpezifiſchen Gewicht der Weizenkörner ab, ſondern auch von dem größeren oder kleineren Volumen der Hohlräume zwiſchen den Körnern, von der Größe der Körner, von ihrer mehr oder weniger glatten Oberfläche und von der Feſtigkeit ihrer Lagerung. J. Reiſet ſagt in ſeinen Unterſuchungen über den Wert der zur Nahrung dienenden Körner:„Jedermann weiß, daß Weizenkörner, welche in ein Gemäß gefüllt ſind, größere oder kleinere Zwiſchenräume bilden je nach der Art und Weiſe, wie über 4000 kg pro Hektar ſind mir wiederholt glaubwürdig mit⸗ geteilt.— F. Heine in Emersleben erntete 1882 im Durch⸗ ſchnitt auf ca. 74 ha 3958 kg pro Hektar(2021 Pfd. pro Morgen); 1878 erntete er im Durchſchnitt auf ca. 81 ha 3970 kg pro Hektar(2027 Pfd. pro Morgen) und in demſelben Jahre auf einem Ackerſtücke von ca. 5 ha 5229 kg pro Hektar (2670 Pfd. pro Morgen). 198 Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertrag. das Gemäß angefüllt wurde. Die Körner lagern ſich ganz ver⸗ ſchieden, je nachdem ſie langſam, oder mit einer gewiſſen Schnel⸗ ligkeit eingethan wurden; die Geſtalt des Gefäßes welches für die Beſchickung mit Korn beſtimmt iſt, kann einen Einfluß aus⸗ üben; endlich iſt das Korn je nach ſeinem Feuchtigkeitsgrade mehr oder weniger ſchlüpfrig: die feuchten und runzligen Körner laſſen die größten Hohlräume zwiſchen einander. „Die Lagerung der Körner wird noch ſehr erheblich ge⸗ ändert, wenn man eine Feſtlagerung bewirkt, indem man das Gemäß während der Füllung anrüttelt: Auf dieſe Weiſe kann man das Gewicht eines beſtimmten Volumens Weizen bedeutend vermehren. Die Menge Körner, welche durch Anrüttelung in das Gemäß hineingeht, kann bis zu 8 kg pro Hektoliter ſteigen, wie folgende Verſuche beweiſen: Gewicht des Hektoliter Weizen Ohne Beſtimmt, nachdem er der nuenfted Anrüttelung durch Stöße zu⸗ nn⸗ beſtimmt. ſammengerüttelt war. 6 kg kg kg Landweizen 79,550 86,750 7,200 Dicker Spaldingweizen, 1. Verſuch 79,200 85,800 6,600 2 79,100 85,800 6,700 3.„— 87,040 7,940 4.„— 87,920 8,820 Nach Iſ. Pierre wog 1 hl Weizen: Chicot⸗Weizen Frane⸗Weizen kg kg Ohne Anrüttelung... 76,5 78,8 Nach drei Stößen... 80,0 82,3 Angerüttelt bis es nichts mehr nützte.... 81,3 84,7 J. Reiſet fügt hinzu:„Um zu vergleichbaren Verſuchen über das Gewicht eines Hektoliters Korn zu gelangen, befolgt Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertrag. 199 man am beſten dieſe Methode: Man thut das Korn mit der Schaufel in ein gewöhnliches Halbhektoliter-Gemäß, indem man ſich hütet das Gemäß zu rütteln. Das Einſchütten des Kornes muß möglichſt nach der Mitte des Halbhektoliters zu geſchehen, indem man die Schaufel ungefähr 10 cm über dem Gemäße hält; man entfernt den Überſchuß von Korn, indem man ein einziges Mal mit einem walzenförmigen Holze oder dem Schaufelſtiel über die Oberfläche des Halbhektoliters ſtreicht.“*) Folgende Zahlen fand Reiſet bei einer Anzahl von Weizen⸗ ſorten für die Dichtigkeit, das Litergewicht, den Gehalt an Waſſer und an Stickſtoff: (Siehe Tabelle Seite 200.) Bei den Weizenſorten, welche Reiſet unterſuchte, ſchwankte alſo das Hektolitergewicht, welches er„ſcheinbares Gewicht“ nennt, zwiſchen 73,6 und 81,5 kg; der Durchſchnitt betrug 78,41 kg. Auf dem Gute Trappes bei Verſailles ernteten Dailly Vater und Sohn im Durchſchnitt pro Hektar: (Siehe Tabelle Seite 201.) Die ſtärkſte Kornernte(39,58 hl) wurde 1840 gemacht; die ſchwächſte(16,74 hl) 1871 nach dem verhängnisvollen Winter, wo es unmöglich war, die Beſtellung gut zu verrichten. *)(Anm. d. Überſ.) Dieſe Methode, das Volumengewicht des Weizens zu beſtimmen, ſetzt immer eine ganz gleichmäßig an⸗ gewandte Geſchicklichkeit des Arbeiters voraus, wenn ſie zu einigermaßen genauen vergleichbaren Zahlen führen ſoll; neuer⸗ dings ſind kleine leicht zu handhabende Vorrichtungen konſtruiert, durch welche das Volumengewicht viel genauer und einfacher be⸗ ſtimmt werden kann. Profeſſor Maercker in Halle a. S. be⸗ nutzt z. B. zu dieſem Zwecke eine Wage von L. Schopper in Leipzig.— Ubrigens bietet das Bolnmenndeücht nur einen ſehr ſchwachen Anhalt zur Beurteilung des Weizens inbezug auf ſeinen Wert für den Müller und Bäcker. Normaler Weizen 100 trockenen Kleber Namen der Weizenſorten Dictigkeit Scheinbares Waſſer auf Weizens enthalten oder 1 V. Litergewicht 100 Weizen Aſche Stickſtoff Eiweiß Schwarzer Pétanielle(engliſcher W.), halb milde.. 14,10 2,14 1,71 10,68 Weißer milder engliſcher Weizen....... 14,47 1,88 1,88 11,75 Weizen, geerntet zu Ecorcheboeuf 1850..... 15,90 1,89 2,03 12,68 Weizen der Charmoiſe......... 14,97 2,10 1,87 11,68 Engliſcher Weizen, vor 3 Jahren eingeführt... 15,64 1,92 1,97 12,31 Barker's Stiff⸗ſtraw⸗Weizen, 1851 eingeführt... 16,51 1,88 1,83 11,43 Weißer ruſſiſcher Weizen, zu Neufchatel geerntet. 15,00 1,97 2,03 12,68 Heriſſon⸗Weizen(halb milder März⸗ W.) 1851.. 13,48 2,19 2,87 1 7,93 Richelle⸗Weizen von Neapel, weißer März⸗W. 1851. 14,13 2,11 2,23 13,93 Victoria⸗März⸗Weizen........ 15,49 2,02 2,45 15,31 Spalding⸗Weizen, 1851 zu Ecorcheboeuf geerntet.. 14,69 2,03 12,37 Victoria⸗Weizen, 1851 zu Ecorcheboeuf geerntet. 13,27 1,92 11,81 Xeres⸗Weizen, ſehr hart....... 13,60 1,91 12,12 Roter ruſſiſcher Weizen, vor 7 Jahren eingeführt.. 13,65 1,77 12,06 In der Umgegend von Pontlevoy gebauter Weizen.. 12,81 1,61 12,50 Siciliſcher Trimenia⸗Grannenweizen(harter März⸗W.) 1851 14,25 2,11 13,75 Nonnette oder St. Helena⸗Rieſenweizen, halb hart, 1851 799,8 13,11 1,98 13,05 Richelle⸗Weizen von Grignon(milde)...... 805,8 14,11 1,87 12,44 Albert⸗Weizen, 1851 von England eingeführt. 815,3 16,11 2,13 13,43 Polniſcher Weizen(ſehr hart).. 4 746,2 12,20 2,18 16,13 8 8 ₰½ ● 8 8 B 8 ₰½ A — 8 A — G 9 8 8 A 8 — — = 8 88 Durchſchnitt. 784,1 144,37 1,98 13,01 201 Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertrag. oh u. Hekto⸗: eis von Korn in Han zee Preis des b16 Bund Hektolit. Bunden gewicht Hektoltter Stroh kg Frk. Irk. Von 1822.—1832 25,42 960,77— 19,44 25,98 „ 1833— 1842 29,78 758,14— 18,28 30,18 1843—1852 27,28 985,43— 18,80 22,63 „ 1853— 1862 26,05 1123,90 74,75 24,12 29,69 „ 1863— 1872 26,28 665,55 74,50 20,71 32,49 1873 19,75 859,57 76 28,28 28,23 1874 33,76 879,48 74 17,93 30,37 1875 35,83 814,46 76 20,03 48,29 1876 26,43 838,15 78 22,01 32,90 Das Bund in Panis verkäufliches Richtſtroh wog durch⸗ ſchnittlich 5 ½ kg. Das Bund Krummſtroh, welches auf dem Gute verbraucht wurde⸗ wog durchſchnittlich 6 kg; die„Rees⸗ bunde“, welche aus den abgeſchlagenen Ähren und den kurzen Halmen beſtehen, die aus der Dreſchmaſchine kommen und als Schaffutter dienen, 8 kg; der Sack Spreu 10 kg. Die von den Herren Dailly nachgewieſenen Unterſchiede zwiſchen den Ernten kommen hauptſächlich von den für die Weizenvegetation mehr oder weniger günſtigen Jahren. Ein recht merkwürdiges Zuſammentreffen iſt es, daß die durchſchnittliche Anzahl von Körnern, welche eine Ähre enthält, häufig gleich der Zahl von Hektolitern iſt, welche man pro Hektar erntet. Um dieſen Durchſchnitt zu beſtimmen, hat Pom⸗ mier geraten, dem Weizenfelde 3 große, 3 kleine und 3 mittlere Ähren zu entnehmen, dieſe Ähren zu entkörnen und die erhaltene Anzahl von Körnern durch 9 zu teilen. Dieſes Zuſammentreffen kommt daher, daß die durchſchnitt⸗ liche Anzahl von Weizenähren, welche auf einem Hektar ſteht, häufig gleich der durchſchnittlichen Anzahl von Körnern iſt, welche ein Hektoliter enthält: beiderſeits ungefähr 3 Millionen. Man hat alſo bei durchſchnittlich 25 Körnern pro Ähre 75 Mil⸗ lionen Körner pro Hektar, das heißt 25 Hektoliter. 202 Fünfzehntes Kapitel. Druſch und Ertrag. Es iſt wahrſcheinlich, daß dieſe Schätzungsmethode zu niedrige Reſultate giebt, wenn die Körner ſehr voluminös ſind und um⸗ gekehrt eine zu hohe Hektoliterzahl, wenn die Körner durchſchnitt⸗ lich klein ſind. Aber im allgemeinen täuſcht ſie nicht erheblich.“) Auf alle Fälle können wir daraus ſchließen, daß die pro Hektar geerntete Hektoliterzahl weit mehr von der Anzahl der Körner abhängt, welche eine Ähre durchſchnittlich enthält, als von der Zahl Ähren, welche durchſchnittlich auf dem Hektar ſtehen; und folglich: 1. Um viele Hektoliter pro Hektar zu gewinnen, kommt am meiſten darauf an, zur Saat Körner zu wählen, welche von ſchönen Ähren ſtammen, d. h. von Ähren mit vielen gut ge— füllten Ährchen. 2. Die Anzahl von Halmen, welche jedes Samenkorn bildet, oder ſeine Beſtockungsfähigkeit wirkt nur in zweiter Linie. Man kann den Mangel daran leicht durch etwas dickere Saat aus⸗ beſſern; der einzige Vorteil dieſer Eigenſchaft iſt etwas Samen⸗ erſparnis, aber man darf demſelben nicht die Ausgiebigkeit des Kornertrages opfern. Alſo der Kornertrag iſt von der Zahl Halme oder Ähren, welche man auf dem Hektar hat, unabhängig, und in gewiſſen Grenzen iſt er derſelben entgegengeſetzt. Wenn man zu dick ſäet, bekommt man mehr Halme, aber dieſe Halme tragen kleine Ähren; man erntet viel Stroh aber wenig Korn. Die Beſtockungsfähigkeit der Weizenvarietäten iſt nützlich in dem Falle, wo die Saaten zu düun ſtehen, oder durch die *)(Anm. d. Überſ.) Daß dieſe Schätzungsmethode auch häufig recht trügeriſch ſein kann, geht ſchon aus einem Vergleich der in der Tabelle S. 200 angeführten Volumgewichts⸗Zahlen mit den S. 197 citierten von H. Vilmorin ermittelten Zahlen der Körner pro Gramm hervor. Während das Hektolitergewicht zwiſchen 81,5 und 73,96 kg, alſo im Verhältnis von 100: 90,8 ſchwankt, differiert das Gewicht eines Weizenkornes von 83 bis 29 mg, alſo im Verhältnis von 100: 34,9. Fünfzehntes Kapitet. Druſch und Ertrag. 203 Unbillen des Winters verdünnt ſind ꝛc.; die Adventivhalme füllen die leeren Räume aus und entwickeln ſich infolge dieſer leeren Räume, ohne, wie bei dicker Saat, die Schönheit der Ähre zu beeinträchtigen. 8 3. Die Tiefe der lockeren und düngerreichen Erdſchicht, in welcher ſich die Weizenwurzeln entwickeln können, trägt dazu bei, den Ähren die Körnerzahl zu geben, welche die ſchönen Ernten liefert. Die Varietät prädisponiert die Ähren, viele fruchtbare Ährchen zu bekommen; aber die befruchteten Ovarien der Blüten können ſich nur zu Körnern ausbilden, wenn der Boden der Pflanze die Nährſtoffe geliefert hat, welche dieſelben anfüllen müſſen. Ferner gehört dazu, daß die meteorologiſchen Verhältniſſe des Jahres den Pflanzen Waſſer genug geliefert haben, um dieſe Nährſtoffe aufzunehmen und Sonnenlicht genug, um der Atmoſphäre den zur Bildung der Stärke des Kornes nötigen Kohlenſtoff zu entnehmen. Wie ſehr auch eine Weizenvarietät dazu angelegt ſein mag, gute Körnererträge zu liefern, ſie wird nur viele Hektoliter bringen, wenn ſie in einen Boden geſäet wird, welcher fruchtbar genug für ihre Bedürfniſſe iſt, und umgekehrt, wie reich auch ein Boden ſein mag, er wird nur dann ſtarke Weizenernten liefern, wenn man dieſen Reichtum durch Varietäten nutzbar macht, welche fähig ſind, ſchwere Ähren zu tragen ohne zu lagern. 3 5 8 2 8 5 5 2 5 2 5 ⸗ ☛‿ * G 2 — 8 3 8 8 5 5 8 8 2 8 Verlag von Paur PaREv in Berlin SW., Wildelmstrasse 32. Fach- Lexika. Der praktische Landwirt, Gärtner und Forstmann hat vielfach nicht die Zeit und häufig auch keine so grosse Bibliothek, um durch Nachlesen in Spezialwerken Belehrung zu suchen; für ihn handelt es sich meist darum, sofort und ohne vieles Suchen eine Auskunft zu finden. Diesem Bedürfnis des Praktikers sollen die Fach-Lexika entsprechen. Herausgeber und Mitarbeiter haben darin gewetteifert, zuver- lässig, knapp und doch verständlich zu arbeiten und in dieser Weise enthält jedes Lexikon Tausende einzelner Arxtikel und gibt— aufgeschlagen an der betreffenden Stelle des Alphabets— eine augenblickliche, klare und bündige Antwort auf alle Fragen, wie sie sich täglich im prak- tischen Betriebe aufwerfen. Wo immer schnellerem Verständnis durch eine Abbildung zu Hilfe gekommen werden kann, ist dem Text ein Holzschnitt beigegeben. Per niedrige Preis konnte nur gestellt werden im Vertrauen auf einen aussergewöhnlichen Absatz sowie in der UÜberzeugung, dass diesen Lexiken der ungeteilte Beifall der deutschen Landwirte, Gärtner und Forstmänner nicht fehlen kann, und dass ihnen die- selben bald als unentbehrliche Hausbücher gelten werden. IIlustriertes 2 0 a. J Landwirtschafts-Lexikon. Zweite, umgearbeitete Auflage, unter Mitwirkung von Professor Dr. W. Kirchner, Halle; Dr. E. Lange, Berlin; Professor Dr. E. Perels, Wien; Professor Dr. 0. Siedamgrotzky, Dresden; Professor Dr. F. Stohmann, Leipzig; Professor Dr. A. Thaer, Giessen; Professor Dr. E. Wolff, Hohenheim herausgegeben von Dr. Guido Krafft, Professor an der k. k. technischen Hochschule in Wien. Mit 1172 Textabbildungen. Preis 20 Mark. In Halbjuchten gebunden 23 Mark. IIllustriertes Gartenbau-Lexikon. Unter Mitwirkung zahlreicher Fachmänner aus Wissenschaft und Praxis herausgegeben von Th. Rümpler, General-Sekretär des Gartenbau-Vereins in Erfurt. 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Siedamgrotzky, Professor an der Kgl. Dr. Oe Slecnds und KaT- Sächs. Landestierarzt. Mit 97 Holzschnitten. Preis 12 M. Gebunden 14 M. Handbuch der Spiritusfabrikation von Dr. Max Maercker, 7.Aeſit Vorsteher der Versuchsstation und Professor an dér Universität Halle a. 8. Vierte, vollständig umgearbeitete Auflage. Mit 234 in den Text gedruckten Abbildungen. Preis 20 M. Gebunden 22 M. 50 er R Handbuch des landwirtschaftlichen Bauwesens mit Einschluss der Gebäude für landwirtschaftliche Gewerbe. Von Fr. Engel, 3 Königl. Preuss. Baurat in Berlin. Siebente, vermehrte und verbesserte Auflage. 2 Mit 42 lithographischen Tafeln und 744 Abbildungen im Text. Ein starker Band in Quartformat. Preis 20 M. In Halbléder gebundon 24 u. 1713 Prot Zu beziehen durch jede Buchhandlung. Verlag 907 PAUI PANEY in Berlin SW, Wilhelmstrasse 32. Handbuch des Getreidebaues. Erster Band: Arten u. Varietäten. Zweiter Band: Sorten und Anbau. Bearbeitet von Dr. Friedr. 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