Getreidebau vON à Nowackk Gekrönte Preisschrift. — Vexlagsbuchhandlung Paul Parey i in Berün SW. Hedemannstr. 10. eree THAFR-BIBIIOTHEKarTn Ackerbau und Düngerwesen. Urbarmachung und Verbesserung des Bodens von Ok.-Rat Dr. R. Buerstenbinder. Praktische Bodenkunde von Dr. A. Nowacki, Professor in Zürich. 3. Auflage. Käufliche Düngestoffe von Dr. A. Rümpler in Breslau. 4. Auflage. Wolff's Praktische Düngerlehre. 13. Auflage. Wolff's Anleitung zur chem. Untersuchung landw. Stoffe. 4. Auflage. Pflanzenbau. Tabaksbau von A. Freiherrn von Babo in Klosterneuburg. 3. Auflage. Wiesen- und Weidenbau von PDr. F. Burgtorf, Direktor in Herford. 4. Auflage. Feldholzzucht, Korbweidenkultur etc. von R. Fischer in Berlin. Hopfenbau von C. Ernwirth, Proſessor in Hohenheim Gekrönte Preissehrift. Anbau der Hülsenfrüchte von c. Fruwirth, Professor in Hohenheim. Braugerste von H. Heine. Gekrönte Preisschrift. Lupinen- und Serradellabau von Kette-Jassen und König-Zörnigall. 9. Auflage. Rübenbau von Knauer auf Gröbers bei Halle a. S. 7. Auflage Flachsbau und Verarbeitung von R. Kuhnert in Marburg. Landw. Futterbau von Dr. William Loebe-Leipzig- 3. Auflage Samen und Saat von Dr. William Loebe-Leipzig. Ernährung der landw. Kulturpflanzen von Dr. Ad. Mayer, Prof. in Wageningen. 2. Anflage. Getreidebau von Dr. A. Nowacki, Professor in Zürich. Gekrönte Preisschrift. 3. Auflage. Risler's Weizenbau. Herausgegeben von Amtsrat Dr. W. Rimpau in Schlanstedt. Kartoffelbau von Geheimrat Dr. H. Werner, Professor in Berlin. 3. Auflage. Krankheiten der landw. Nutzpflanzen von Professor Dr. Wolf. Forstkulturen von Urff, Kgl. Forstmeister in Neuhaus bei Berlinchen. 2. Auflage. Tierzucht und Fütterungslehre. Berlepsch' Bienenzucht. Bearbeitet von G. Lehzen in Hannover. 4. Auflage. Zoologie für Landwirte von Dr. J. Ritzema Bos, Professor in Amsterdam. 2. Auflage-. Rindviehzucht von Dr. v. Funk, Direktor in Zoppot. 4. Auflage. Wirtschaftsfeinde aus dem Tierreich von Dr. G. von Hayek, Professor in Wien. May'’s Schweinezucht. Bearbeitet von E. Meyer-Friedrichswerth. Bakterienkunde für Landwirte von Dr. W. Migula in Karlsruhe. Pribyl's Geflügelzucht, neubearbeitet von Oberstleutnant a. D. Sabel in Trier. 4. Auflage. Wolff's Landwirtschaftliche Fütterungslehre. 7. Auflage. Betrieb. Birnbaum's Landw. Taxationslehre. 2. Auflage. Landw. Betriebslehre von Geheimrat Dr. Freiherr v. d. Goltz, Professor in Poppelsdorf. Landw. Buchführung von Geheimrat Dr. Freih. v. d. Goltz, Prof. in Poppelsdorſ. 8. Auflage. Langethal's Geschichte d. Landwirtschaft bearb. v. Michelsen u. Nedderich 3. Aufage. Rechtsbeistand des Landwirts von M. Vöenhee Amtsgerichtsrat in Köln. 2. Auflage. An- und Verkaufs-Genossenschaften von H. v. Mendel, Landesökonomierat in Halle. Das Schriftwerk des Landwirts von C. Petri in Hohenwestedt. 2. Auflage. Wirtschaftsdirektion d. Landgutes von Geh-Rat Dr. A. Thaer, Prof. in Giessen. 3. Auflage. Baukunde. 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Milchwirtschaft von Dr. william Loebe in Leipzig. 2. Aufage. 8 Anleitung zum Brennereibetrieb von Geh. Rat Prof. Dr. Maercker in Halle a. S. ue Die Milch und ihre Produkte von A. Otto in Halle a. S. Stärkefabrikation von Dr. F. Stohmann,, Professor an der Universität in Leipzig. Kulturtechnik, Maschinenkunde, Ingenieurwesen. Der Petersensche Wiesenbau von Dr. E. Puchs in Kappeln. Landw. Plan- und Situationszeichnen von H. Kutscher in Hohenwestedi. Behandlung der Lokomobilen von Professor Paul Lazar in Budapest. Perels' Ratgeber bei der Wahl Landw. Geräte und Maschinen. 7. Auflage. Schubert's Landw. Rechenwesen. Bearb. von H. Kutscher in Hohenwestedt. 4. Auflage. ge Dynamite von Isidor Trauzl, Ingenieur in Wien. a Be- und Entwässerung der Acker und Wiesen von ék.-Rat L. Vincent. 3. Auflage. Feldmessen und Nivellieren von Dr. A. Wüst, Professor in Halle. 4. Auflage- Der Landwirt als Kulturingenieur von Fr. ZajiCek, Professor in Mödling. Veterinärwesen. agc Englischer Hufbeschlag von H. Behrens, Lehrschmied in Rostock. 2. Auflage. 4 Eingeweidewürmer der Haussäugetiere von Dr. J. Dewitz in Berlin- Heilungs- und Tierarzneimittellehre von F. Flemming, Grossh. Tierarzt in Lübz. age Physiologie und Pathologie der Haussäugetiere von F. Flemming, Tierarzt in Lübz. Innere Krankheiten der Idw. Haussäugetiere von P. Grosswendt, Kgl. Oberrossarzt. Gesundheitspflege der landw. Haussäugetiere von Med. Rat Prof. Dr. Johne in Dresden. Landw. Giftlehre von Dr. G. M üller, Professor in Dresden. age Der kranke Hund von Dr. G. Müller, Professor in Dresden. 6 Der gesunde Hund von Dr. G. Müller, Professor in Dresden. Beschlagkunde von Dr. A. von Rueff in Stuttgart. ussere Krankheiten der Idw. Haussäugetiere von P. Zorn, Kgl. Korpsrossarzt. age Geburtshilfe von Amtstierarzt Tapken in Varel. 2. Auflage. Jagd, Sport und Fischerei. age Künstliche Fischzucht von M. von dem Borne auf Berneuchen. 4. Auflage. lage. Süsswasserfischerei von M. von dem Borne auf Berneuchen. Teichwirtschaft von M. von dem Borne auf Berneuchen. 4. Auflage. he Goedde's Fasanenzucht. Bearbeitet von Fasanenjäger Staffel in Fürstenwald. 3. Auflage. 5 Die Jagd und ihr Betrieb von A. Goedde, Herzogl. Jägermeister in Coburg 2. Auflage. Jagd-, Hof- und Schäferhunde von Lieutenant Schlotfeldt in Hannover. Ratgeber beim Pferdekauf von Stallmeister B. Schoenbeck in Höxter. 2. Auflage. Widersetzlichkeiten des Pferdes von Stallmeister B. Schoenbeck in Höxter. Reiten und Fahren von Major R. Schoenbeck in Berlin. 3. Auflage. 3 Gartenbau. g Gehölzzucht von J. Ilartw ig, Grossherzogl. Hofgarteninspektor in Weimar. 2. Auflage. Gewächshäuser von J. Hartwig, Grossherzogl. Hofgarteninspektor in Weimar. 2. Auflage. Weinbau von Ph. Held, Gartenbau-Inspektor in Hohenheim. Meyer’s Immerwährender Gartenkalender. 3. Auflage. Obstbau von R. Noa ck, Grossherzogl. Hofgarteninspektor in Darmstadt. 3 Auflage. Gartenblumen(Zucht und Pflege) von Th. Rümpler, General-Sekretär in Erfurt. 2. Auflage. Rümpler's Zimmergärtnerei. Bearbeitet von W. Mönkemeyer in Leipzig. 3. Auflage. Obstbaumkrankheiten von Professor Dr. Paul Soraner in Proskau. Gärtnerische Veredlungskunst von O. Teichert. Bearbeitet von Fintelmann. 2. Auflage. Gemüsebau von B. von Uslar in Hannover. Auflage. Zu bezichen durch jede Buchhandlung. Ackerbau von Direktor Dr. Droysen-Herford und Direktor Dr. Gisevius-Dahme. Vierte Auflage. Mit 175 Textabbildungen. Geb., Preis 1 M. 60 Pf. Pflanzenbaun von Direktor Dr. Birnbaum. Vierte Auflage, bearbeitet von Direktor Dr. Gisevius in Dahme. Mit 217 Textabbildungen. Geb., Preis 1 M. 60 Pf. Viehzucht von v. Patzig, Professor in Marienburg. Vierte Auflage. Mit 96 Text- abbildungen. Geb., Preis 1 M. 60 Pf. Wirtschaftsbetrieb von Dr. P. Gabler, Lehrer in Eldena. Kart., Preis 1 M. 20 Pf. Forstwirtschaft von G. Meyer, Kgl. Forstmeister in Ebstorf. Kart., Preis 1 M. Physik von M. Hollmann, Oberlehrer in Thorn. Dritte Auflage. Mit 152 Textabbildungen. Geb., Preis 1 M. 30 Pf. Betriebslehre von Direktor A. Conradi in Hohenwestedt. Zweite Aufl. Geb., Preis 1 M. Wiesenbau von H. Kutscher, Lehrer in Hohenwestedt. Zweite Auflage. Mit 67 Textabbild. 1 3 Geb., Preis 1 M 20 Pf. Chemie von P. J. Murzel. Direktor in St. Wendel. Zweite Auflage. Geb.. Preis 1 M. 20 Pf. Selbstverwaltungsämter, Vorbereitung für staatliche und kommunale. Von G. Petri. Lehrer in Hohenwestedt. Zweite Auflage. Geb., Preis 1 M. 20 Pf. Chemie von A. Maas, Lehrer in Wittstock. Mit 10 Textabbild. Geb., Preis 1 M 60 Pf. Obst- u. Gemisebau von otto Nattermüller. Mit 70 Textabbild. Geb., Preis 1 M. 50 Pf. Rechenbuch für niedere u. mittlere landw. Lehranstalten von L. Lemke, Lehrer in Stargard. I. Teil. Zweite Aufl. Geb., Preis 1 Mk. 40 Pf. II. Teil. Mit 112 Textabb. Geb., Preis 2 M. Lösungen(für beide Teile).. Preis 1 M. Geometrie, Feldmessen u. Nivellieren von H. Kutscher, Lehrer in Hohenwestedt. Zweite Auflage. Mit 172 Textabbildungen. Geb,, Preis 1 M. 40 Pf. Rechenbuch für Ackerbauschulen und landw. Winterschulen von P. Knak, Lehrer in Wittstock. Zweite Auflage. Geb., Preis 1 M. 20 Pf. Lösungen. 1 Preis 1 M. Mineralogie u. Gesteinslehre von V. Uhrmann, Lehrer in Chemnitz. Mit 40 Text- abbildungen. Geb., Preis 1 M. Fütterungslehre von Direktor A. Conradi in Hohenwestedt. Zweite Auflage. Geb., Preis 1 M. 20 Pf. Düngerlehre von Direktor A. Conradi in Hohenwestedt. Preis 60 Pf. Wirtschaftslehre von Direktor Dr. V. Funk in Zoppot. Vierte Auflage. Geb., Preis 1 M. Taxationslehre von c. Petri, Lehrer in Hohenwestedt. Geb., Preis 1. M. 60 Pf Geometrie der Ebene von Prof. L. Bosse in Dahme und Prof. H. Müller in Eldena. Mit 200 Textabbildungen. Geb., Preis 1 M. 20 Pf. Stereometrie für Landwirtschaftsschulen von Prof. L. Bosse in Dahme und Prof. H. Müller in Eldena. Mit 30 Textabbildungen. Preis 50 Pf. Bodenkunde von Dr. W. Lilienthal, Lehrer in Schönberg. Mit 6 Textabbild. Geb.,, Preis 1 M. Deutsche Gedichte, herausgegeben für den Unterricht an Landwirtschaftsschulen von Direktor Dr. R. Schultz in Marggrabowa. Geb., Preis 2 M. Lehrbuch d. Botanik für Landwirtschaftsschulen und andere höhere Lehranstalten von Oberlehrer G. Meyer in Dahme. Mit 285 Textabbildungen. Geb., Preis 2 M. Bodenkunde von Direktor A. Wirtz in Odenkirchen. Preis 50 Pf, Lehrbuch der Physik in methodischer Bearbeitung für Landwirtschaftsschulen von Dr. Lautenschläger, Oberlehrer in Samter. Geb., Preis 2 M. 80 Pf. Landmanns Buchführung von Dr. H. Clausen, Direktor in Heide. Geb., Preis 1 M. 20 Pf. Betricebseinrichtung kleinerer Wirtschaften v. Ok.-Rat Dr. Salfeld in Lingen. Preis 60 Pf. Deutsches Lesebuch für Ackerbauschulen, landw. Winterschulen und ländliche Fort- bildungsschulen von M. Hollmann u. P. Knak, Lehrern in Wittstock. Geb., Preis 2 M. 50 Pf. Bau und Leben der landwirtschaftl. Haussäugetiere von Dr. E. Laur, Lehrer in Brugg. Mit 64 Textabbildungen und 5 Tafeln. Geb., Preis 1 M. Chemie für Ackerbau- u. landw. Winter-Schulen von W. Wellershaus, Landwirtschaftslehrer. I. Teil: Anorganische Chemie. Preis 50 Pf. II. Teil: Organische Chemie. Preis 50 Pf. Betriebslehre für mittlere und niedere landw. Lehranstalten von Dr. R. Roth, Direktor in Chemnitz. Vierte Auflage. Geb., Preis 1 M. 40 Pf. Feldmess- und Nivellierkunde und Drainieren von Chr. Nielsen, Oberlehrer in Varel. Zweite Auflage. Mit 3 Tafeln und 102 Textabbildungen. Geb., Preis 2 M. Agrikulturchemie von Dr. R. Otto in Proskau. I. Teil. Preis 1 M. 40 Pf. Ackerbaulehre von H. Biedenkopf, Landwirtschaftslehrer in Chemnitz. Mit 83 Textabbild. Geb., Preis 1 M. 40 Pf. 2 beziehen durch jede Buchhandlung. walber le menzüchfung ochschule Instttut für Pffan an 95. Ju u Giess en, Anleitung ſy. zum 2. Getreidebau auf wiſſenſchaftlicher und praktiſcher Grundlage. Von Dr. Anton Nowaeki, Profeſſor der Landwirtſchaft am Polrtechnikum in Zürich. Dritte, neu bearbeitete Auflage. Mit 147 Textabbildungen. Berlin. Verlagsbuchhandlung Paul Parexy. Verlag für Landwirtſchaft, Gartenbau und Forſtweſen. SW., Hedemannſtraße 10. 1899. Im Wettbewerb der Deutſchen Landwirtſchaftlichen Preſſe 1885 gekrönte Preisſchrift. Alle Rechte vorbehalten. Motto: „Im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brot eſſen.“ VDorwort. Bei der Bearbeitung der vorliegenden, dritten Auflage handelte es ſich wieder darum, den Inhalt in Einklang zu bringen mit dem gegenwärtigen Stande der Wiſſenſchaft, ohne den Umfang des Buches zu vergrößern. Wie war dieſe ſchwierige Aufgabe zu löſen? Durch etwas geringeren Zeilenabſtand, durch Engerſtellung der Abbildungen und durch einige Streichungen ließ ſich Raum gewinnen für die Änderungen und Zuſätze, die der Fortſchritt der Zeit in den Erörterungen über das Schoſſen, über das Blühen, über die künſtliche Kreuzung u. ſ. w. gebieteriſch forderte. Von den Abbildungen wurden einige entbehrliche be⸗ ſeitigt, eine neu hinzugefügt und einige ältere, namentlich bei den Maſchinen durch neuere erſetzt. Der erſte und zweite Abſchnitt umfaßt nun 141, der dritte Abſchnitt 138 Seiten; das Gleich⸗ gewicht zwiſchen dem wiſſenſchaftlichen und praktiſchen Teil iſt alſo durch die erheblichen Änderungen nicht geſtört worden, und ſo hoffe ich denn, daß auch die dritte Auflage der Anleitung zum Getreidebau eine günſtige Aufnahme finden wird. Zürich, den 3. Januar 1899. A. Nowacki. Inhalt. Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. 1. Die Getreidearten gehören in die Lamilie der Gruͤfer Seite oder Gramineen. 1 a) Worauf beruht die guſammengehörigteit von Ge⸗ treide und Gras? 1 1. Wurzel. 4 2. Stengel 4 3. Platt. 5 4. Blüte und Blütenſtand 909 5. Frucht 14 b) Worauf beruht die Gegenübarſtallunz von Ge⸗ treide und Gras?. a) Beſtockung durch unterirdiſche Ausläufer. 115 b) Beſtockung durch oberirdiſche Ausläufer c....... 15 c) Beſtockung durch Horſtbildung.. 15 Geudhiſeaune der Gräſer nach ihrer Beſtockung und Lebensdauer 16 Fortpflanzung durch Beſtockung.... Fortpflanzung durch Fruchtbildung.... 18 2. Üverſicht und Einteilung der Grtreidenrtew. 23 A. Die Getreidearten des kälteren Klimas... 23 B. Die Getreidearten des wärmeren Klimas. 23 3. Verbreitung und Bedeutung der Getreidenrten. 23 Zweiter Abſchnitt. Bie Entwicklung der Getreidepflanze. 1. Die Keimung. 20 a) Der anatomiſche Bau der Getreidefrucht. 30 b) Die chemiſche Zuſammenſetzung der Getreidefrucht..... 37 ) Die Pbyſtologie der Keimung.. 11410 2. Die Bewurzelung..........8 535 Keimwurzeln.. 541— Kronenwurzeln............... 55 VI Inhalt. 3. Die Beſtockung Erſcheinungen der Beſtockung Urſachen der Beſtockung 4. Das Schoſſen. Der mechaniſche Vorgang des Schoſſens Geſetz vom arithmetiſchen Mittel Das Lagern des Getreides. 5. Das Blühen. 4 3 1. Die weiblichen Organe der Blüte. 2. Die männlichen Organe der Blüte Der Befruch tungsvorgang Das Öffnen und Schließen der Spel zen Die Beſtäubungsverhäl iniſie bei den Einzeiiſ Getreidearten— Roggen. Weizen. Gerſte Hafer Mais 6. Das Neifen 3 Die Entwicklung des Embryo 4 Die Bildung des Endoſperds 3. Die Entſtehung der Schale Die Reifeſtadien. Die Milchreife Die Gelbreife Die Vollreife. Die Totreife O0 bOS Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Allgemeines. Das Klima. Der Boden Die Beackerung Die Düngung Die Baat dis Auswahl des Saatguts Eigene Samengewinnung Künſtliche Zuchtwahl Künſtliche Kreuzung Bezug fremden Samens.. Säainenmelhſſel.........„ Samenhandel Dauer der Keimfä⸗ ähigkeit Zubereitung des Samens 142 143 144 149 153 153 153 154 161 167 168 169 170 171 Inhalt. VII Seite Die Ausführung der Saat....... 172 Saatmethode.. Tiefe der Unterbringung 173 Ausſaatquantiun............. 174 Saatzeiit.......67676 Die Pflege der Laaten 177⁷ Eggen 1 177 Walzen............. 7,77 Schröpfen 1⁶ Hacken. 173285 Jäten.... 149 Überſicht der ſchädlichen Wlanien und Tiere.. 179 Schädliche Pflanzen... 15709 Gewöhnliche Unkräuter....1680 Wurzelſchmaroher.. 1181 Paragſitiſche Pilze.............. 1182 Mutterkorn................. 182 Brand. 3835 Roſt.. a........ 1. 187 Schädliche Tiere.......... 1194 Mällſe.............a. ͤ......... 92 Schnecken................ 1,192 Wanderheuſchrecken... 192 Engevrlinde 195 Dräahtwurm........ 196 Erdraupen 106 Getreidelanftäfer........... 997 Halmnweſpe.............ͤ1097 Heſſenflicce........Z.1098 Weizenmiicke........... 199 Weizenälchen.......... 20600 Roggenälchen......20602 Rübennematode............. 29204. Die Grnte.... 205 1. Der Zeitpunkt der Ernte 205 2. Der Schmitt............... 20% Die Sichel............ 2060 7 Die Senſe.. 26085 Die M ähemaſchine..... 2605 3. Das Nachreifen..... 2 a) Die Theorie des Nachreifens S........ 21 b) Die Praris des Nachreifens..........215 Das Dreſchen, Reinigen und Aufbewahren des Getreides 219 Das Dreſchen...... 219 Das Neinigen............... 222 Die Aufbewahrung........ 226 VIII Inhalt. Beſonderes. A. Die Getreidearten des kälteren Klimas Der Weizen Überſicht der Weizenarten Der gemeine Weizen überſicht der wichtigeren Varietäten und Sorten des Weizens. Der Spelz oder Dinkel. Emmer und Einkorn. Der Roggen. Üüberſicht der wich htigeren Sorten des Roggens Die Gerſte. Überſicht der Gerſten⸗Arten 3 3 Überſicht der wichtigeren Gerſten⸗ Sorten. Der Hafer. Überſicht der wich tigeren Haferſorten B. Die Getreidearten des wärmeren Klimas. Der Mais.... Überſicht der Varietäten und Sorten des Maiſes Die Hirſe Der Fennich Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. I. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. Wenn der praktiſche Landwirt von Gras oder von Gräſern redet, ſo denkt er dabei zunächſt an die Wieſen⸗ und Weidegräſer oder an die grasartigen Unkräuter, die auf den Feldern wachſen: es kommt ihm dagegen für gewöhnlich nicht in den Sinn, den Weizen, den Roggen und die ſonſtigen Getreidearten mit zu den Gräſern zu rechnen. Dieſe Anſchauung hat ihre Berechtigung; denn in der That iſt Getreide etwas anderes als Gras, und vom landwirtſchaftlichen Standpunkte aus betrachtet iſt es ganz in der Ordnung, die Getreide⸗ arten den übrigen Gräſern als etwas Beſonderes gegenüberzuſtellen. Andererſeits iſt es für jeden, der ſein Gewerbe mit Einſicht und mit Verſtändnis betreiben will, unerläßlich, ſich auf einen allge— meineren Standpunkt zu erheben, von dem aus man klar überblickt, daß die Getreidearten mit den übrigen Gräſern zuſammen in ein und dieſelbe Pflanzenfamilie gehören. Wir haben daher kurz auseinanderzuſetzen, auf welchen Merk⸗ malen, Eigenſchaften und Verhältniſſen a) die Zuſammengehörig⸗ keit und b) die Gegenüberſtellung von Getreide und Gras beruht. a) Worauf beruht die Zuſammengehörigkeit von Getreide und Gras d 1. Wurzel.— Die Getreidearten ſtimmen in der Wurzelbildung mit den übrigen Gräſern überein. Eine Haupt⸗ oder Pfahlwurzel, wie wir ſie bei dem Raps, der Lupine, der Luzerne und anderen Gewächſen finden, kommt bei den Gräſern nicht vor. Wir können vielmehr kurz ſagen: Die Wurzel der Gräſer iſt eine Faſer⸗ wurzel. Sie beſteht aus einer großen Anzahl fadenförmiger Ge⸗ bilde, Faſern oder Zaſern genannt, die teils in ſenkrechter, teils in wagerechter und ſchiefer Richtung, mannigfach verzweigt und ge⸗ krümmt, überwiegend in der oberen Schicht des Bodens ſich ver⸗ breiten. Jede Faſer iſt an der Spitze mit der Wurzelhaube be⸗ Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 1 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. kleidet, die ihr bei der Durchbohrung des Bodens zum Schutze dient.— Fig. 1 zeigt uns die Faſerwurzel des jährigen Riſpengraſes, Poa annua, Fig. 2 zum Vergleich dazu die Pfahlwurzel des gemeinen Löwenzahns, Taraxacum officinale. In Fig. 3 iſt die Wurzel⸗ haube des engliſchen Raygraſes, Lolium perenne, dargeſtellt. Die Wurzel dient bei den Gräſern, wie bei den übrigen Ge⸗ wächſen zur Befeſtigung der Pflanze und zur Aufnahme des Waſſers und der ſonſtigen Nahrung, die der Boden liefert. Eine wichtige Rolle ſpielen hierbei die äußerſt feinen, mit bloßem Auge kaum ſichtbaren Fig. 2. Pfahlwurzel des gemeinen Taraxacum officinale. ½ der natürlichen Größe. Fig. 1. Faſerwurzel des jährigen Riſpengraſes, poa annua. ² der natürlichen Größe. Löwenzahns, Wurzelhaare. Sie brechen eine kleine Strecke hinter oder über der fortwachſenden Wurzelſpitze aus der Haut der Wurzel hervor, um eine Unzahl von ganz kurzen, etwa 2 mm langen Seitenzweigen zu bilden, die wie ein feiner und dichter Haarpelz an den Wurzelfaſern erſcheinen. Fig. 4 zeigt den Endteil einer Wurzelfaſer des gemeinen Weizens, Triticum vulgare, bei 15 facher Vergrößerung. An der Spitze ſehen n 1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 3 wir die Wurzelhaube wh, und etwa 3 mm lauf die natürliche Größe bezogen) von der Spitze entfernt beginnen die Wurzelhaare hh. Wir finden die Wurzelhaare nur an den jüngeren Wurzeln oder Wurzelteilen; an den älteren verſchwinden ſie. Sie ſind nicht mit einer Wurzelhaube geſchützt, vermögen aber wegen ihrer außerordent⸗ lichen Feinheit in die kleinſten Lücken des Bodens hineinzudringen. Da die meiſten Wurzeln der Gräſer, wie der anderen Pflanzen, ſich in der Ackerkrume befinden, ſo befinden ſich in ihr auch die meiſten Wurzelhaare. Ihre Funktion beſteht darin, Waſſer, Sauerſtoff und Fig. 3. Wurzelhaube des engliſchen Raygraſes, Fig. 4. Endteil einer Wurzel des ge⸗ Lolium perenne. Die äußeren Zellen werden meinen Weizens, Triticum vulgare. fortwährend abgeſtoßen, indem ſich die Wurzel⸗ w Wurzelkörper, wh Wurzelhaube, haube von innen her verjüngt. Stark vergrößert. hh Wurzelhaare. 15 fach vergrößert. (Nach Nobbe.) lösliche Mineralſubſtanz aus dem feuchten und durchlüfteten Erdreich aufzuſaugen. Viele Thatſachen ſprechen dafür, daß wir die Wurzel⸗ haare als die eigentlichen Saugorgane der Gräſerwurzel zu be⸗ trachten haben. Außer den echten Wurzeln kommen bei vielen Gräſern auch Scheinwurzeln vor. Wir meinen damit die dickeren, ſchnur⸗ oder peitſchenförmigen Stränge, wie wir ſie z. B. bei der gemeinen Quecke beobachten. Dies ſind alſo keine Wurzeln, ſondern unterirdiſch hin⸗ kriechende Stengel oder Stämme, ſogenannte Rhizome. Den Beweis für die Richtigkeit dieſer Auffaſſung liefern die weißlichen, gelblichen 1* 4 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. oder bräunlichen ſchuppen⸗ oder ſcheidenförmigen Niederblätter, die wir regelmäßig an jungen Rhizomen ¹), niemals aber an den echten Wurzeln bemerken. Auch fehlen an den Scheinwurzeln regelmäßig die Wurzelhaare. Ebenſo fehlt ihnen die Wurzelhaube. Um im Boden vordringen zu können, ſind ſie mit einer harten Spitze aus⸗ gerüſtet, die z. B. bei der Quecke ſcharf iſt wie ein Dorn. In Fig. 5 iſt ein Stück einer Scheinwurzel der allbekannten Quecke dargeſtellt. Man ſieht die ſchuppenförmigen Nieder⸗ blätter b, die bei I, wo der Queckenſtrang aus dem Boden heraus an das Licht tritt, zu vollkommenen Laubblättern werden. Man ſieht auch die echten Wurzeln w, die viel dünner ſind als die Schein⸗ wurzel. 2. Stengel.— Der Stengel wird bei dem Getreide, wie bei den übrigen Gräſern, gewöhnlich Halm genannt, wie ſchon die Ausdrücke: Grashalm, Strohhalm, Halmfrucht beſagen. Der Halm zeigt, äußerlich be⸗ trachtet, bei allen echten Gräſern eine Anzahl Knoten, an denen die Blätter entſpringen. Im Innern iſt der Halm an den Knoten mit einer Querwand ge⸗ ſchloſſen. Die Halmſtücke zwi⸗ ſchen den Knoten ſind bei den meiſten Gräſern hohl oder röhrenförmig, bei einigen da⸗ Fig. 5. Gemeine oder kriechende Quecke, Triticum gegen, wie 3. B. bei dem Mais, repens.— das Rhizom, an den Knoten mit. 5 Niederblättern b beſetzt, die bei 1, wo der Quecen⸗ mit Mark ac. gefüllt. ſtrang an das Licht tritt, in vollkommene Laub⸗ Doer„ S;7; blätter übergehen. a Seitenäſte des Rhizoms;. Der knotige Halm iſt ein ww Wurzeln. 1%½ der natürlichen Größe. wichtiges Kennzeichen, denn wir können an ihm die echten Gräſer, Süßgräſer oder Gramineen leicht und ſicher unter⸗ ſcheiden von den Scheingräſern, Sauergräſern oder Cyperaceen (Binſen, Simſen, Seggen ꝛc.), deren Halm keine Knoten trägt. Der Name Süßgräſer, der alſo auch für die Getreidearten gilt, iſt inſofern bezeichnend und zutreffend, als ihr Halm, beſonders ¹) An älteren Rhizomen vergehen die Niederblätter oft ganz; daß ſie aber auch hier urſprünglich vorhanden waren, beweiſen die Narben, die ſie zurücklaſſen. 1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 5 kurze Zeit vor und nach der Blüte ſüß ſchmeckt. Sehr reich an Zucker ſind die Maisſtengel. Am meiſten ausgezeichnet aber iſt in dieſer Beziehung das Zuckerrohr, das ebenfalls zu den Gräſern und auch zu den Kulturgewächſen, aber nicht zu den Getreidearten gehört. Im allgemeinen hat der Halm der Gräſer den Zweck, die Blätter, Blüten und Früchte zu tragen; doch zeigen ſich in Bezug auf die Verrichtung, ſowie in Bezug auf die Zahl und Anordnung der Halme bei den verſchiedenen Grasarten erhebliche Verſchiedenheiten, die wir weiter unten näher betrachten werden, wenn wir auf die Gegenüber⸗ ſtellung von Gras und Getreide zu ſprechen kommen. 3. Blatt.— Das Blatt der Gräſer beſteht aus zwei Haupt⸗ teilen, nämlich aus der Blattſcheide und der Blattſpreite. Die Blattſcheide iſt der untere Teil des Blattes, der den Halm röhrenförmig umgiebt. Indeſſen iſt die Scheide nur bei einigen wenigen Gräſern, wie z. B. bei dem Knaulgras, wirklich geſchloſſen; bei den meiſten erſcheint ſie der Länge nach aufgeſchlitzt. Der Schlitz kommt dadurch zu ſtande, daß die beiden Ränder des Blattteiles, der die Scheide bildet, nicht mit einander verwachſen. Der Schlitz iſt bei manchen Gräſern ganz oder wenigſtens am oberen Ende deutlich ge⸗ öffnet, bei andern iſt er gedeckt, indem die Blattränder übereinander⸗ greifen. Da die Blattſcheide den Halm in der Regel feſt umſchließt, ſo verſtärkt ſie ſeine Steifigkeit und Widerſtandsfähigkeit gegen Wind⸗ bruch. Außerdem dient ſie der wachſenden Halmſpitze, namentlich auch der jungen Blüte, zum Schutze gegen Froſt ꝛc., indem die jungen Triebe innerhalb einer älteren Blattſcheide emporgeſchoben werden. Den Fuß der Blattſcheide bildet der Blattknoten. Man muß nämlich zwiſchen Blattknoten und Halmknoten unterſcheiden. Der Halm⸗ knoten iſt die Querwand, die je zwei Glieder des Halmes von einander trennt und miteinander verbindet. Der Blattknoten dagegen, den man gewöhnlich für den Halmknoten anſieht, iſt die ringförmige Ver⸗ dickung an dem unterſten Teil der Blattſcheide. Daß ſich die Sache wirklich ſo verhält, davon kann man ſich leicht überzeugen. Wenn man nämlich den Halm unmittelbar unter dem Blattknoten durch⸗ ſchneidet, ſo trifft man die Querwand, die wir Halmknoten nennen. Macht man nun noch einen oder zwei dünne Querſchnitte, die den unteren Rand des Blattknotens treffen, ſo kann man das ganze Blatt ſamt Scheide und Knoten von dem Halme abſtreifen. Fig. 6 zeigt ein Halmſtück a des Riſpenhafers, Avena sativa, das aus der Scheide s herausgezogen iſt. b iſt das vollſtändige Blatt mit allen ſeinen Teilen. Man ſieht deutlich, daß der Blattknoten k einen Teil des Blattes ausmacht. Der obere Teil des Halmknotens, der ſich dicht unter dem Blattknoten befindet, iſt der wichtige Punkt, der die jungen Halm⸗ glieder, Blätter und Blüten emporſchiebt. Dieſer Punkt beſitzt zugleich die Fähigkeit, Seitenzweige zu treiben. Und da unmittelbar über dieſem Punkt, d. h. am Fuße des Halmgliedes, auch die Wurzeln 6 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. hervorbrechen, die bei aufrechtſtehenden Halmen jedoch nur an den unteren Gliedern zur Entwickelung gelangen, ſo können wir ſagen: Alle Neubildung von Organen ſtützt ſich auf den Halmknoten. Dementſprechend iſt gerade an dieſem Punkt des Grashalmes für eine ausgiebige Zufuhr von Verbrauchsmaterial geſorgt, indem die Gefäßbündelſtränge, die zum Trans⸗ port des Materials dienen, in dem Halmknoten ſich netzförmig kreuzen. An der Querwand, die den Halmknoten bildet, iſt der Halm hart, feſt und ſolid. Aber un⸗ mittelbar über der Querwand iſt er weich und ſchwach, beſonders zur Zeit des Schoſſens, weil an dieſer Fig. 6. Gemeiner Riſpenhafer, Avena sativa. Fig. 7. Aufrichtung des Aus der Blattſcheide s iſt das links daneben Halmes a durch den Blatt⸗ ſtehende Halmſtück herausgezogen. b iſt das voll⸗ knoten k. Zweizeilige Gerſte, ſtändige Blatt mit allen ſeinen Teilen: k Blatt⸗ Hordeum distichum. knoten, s Blattſcheide, h Blatthäutchen, sp Blatt⸗ ſpreite. 1½ der natürlichen Größe. Stelle das Wachstum des Halmgliedes vor ſich geht. Um das Um— knicken und Abbrechen zu verhüten, iſt jedes Halmglied durch die Blattſcheide verſtärkt und namentlich trägt der Blattknoten, der die ſchwache Stelle wie ein übergeſchobener und am unteren Rande an⸗ gelöteter Ring umſchließt, ſehr weſentlich zur Feſtigkeit des Halmes bei. Die Natur hat hier ein Werk von wunderbarer Zweckmäßigkeit zu ſtande gebracht. Kein Künſtler vermag eine Säule herzuſtellen, die ebenſo tragfähig und zugleich ebenſo biegſam und elaſtiſch wäre, wie ein Grashalm. Iſt ſchon der röhrige Halm ein Kunſtwerk von höchſter Vollkommenheit, ſo erregt namentlich die Art und Weiſe, wie die einzelnen Glieder des Halmes aufeinandergeſetzt und durch den 1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 7 Halm⸗ und Blattknoten miteinander verbunden ſind, unſere Be⸗ wunderung. Die Natur hat auch dafür geſorgt, daß der Halm ſich aufrichten kann, wenn er in eine ſchiefe Stellung gezwängt oder durch über⸗ mäßige Gewalt(Wind ꝛc.) umgelegt worden iſt. Es bewirkt dies der Blattknoten, indem er an der untern Seite ſtärker wächſt, als an der obern.(Fig. 7.) Die Kraft, die der Blattknoten hierbei aus⸗ zuüben vermag, miſt enorm. Denn nicht ſelten wird ein 1 m langes Halmſtück ſamt Ahre aus der wagerechten Lage am Boden durch die Krümmung des Blattknotens nach und nach in die ſenkrechte Stellung emporgehoben,„wobei die Laſt an einem ſehr langen, die Kraft an einem überaus kurzen Hebelarm wirkt.“¹) Der zweite Hauptteil des Blattes iſt die Blattſpreite. Dar⸗ unter verſteht man den oberen Teil des Blattes, der ſich im rechten oder ſpitzen Winkel von dem Halme abbiegt und bei den meiſten Gräſern flach, im Verhältnis zur Länge ſchmal und am Ende ſpitz iſt. Wenn der Landwirt von dem„Blatt“ einer Getreide⸗ oder Grasart redet, ſo meint er damit gewöhnlich die„Blattſpreite“. Fig. 6 zeigt bei sp die Blattſpreite des Riſpenhafers, jedoch nicht in natürlicher Stellung, denn bei älteren und längeren Blättern bildet die Blatt⸗ ſpreite einen Bogen, deſſen Spitze abwärts hängt. Während die Blattſcheide der Graspflanze in erſter Linie mechaniſche Dienſte leiſtet, hat die Blattſpreite hauptſächlich chemiſche Funktionen zu erfüllen. Die Blattſpreite hat nämlich den Zweck, die Nahrung aus der Luft dföunehmen und zu verarbeiten. Zu dieſem Zweck iſt ſie mit zweierlei Organen ausgerüſtet: 1. mit chlorophyllführenden Zellen und 2. mit Spaltöffnungen. Die chlorophyllführenden Zellen befinden ſich vorzugsweiſe an den Blattſpreiten. Es giebt ihrer aber auch an den andern ober⸗ irdiſchen Teilen der Graspflanze: an den Blattſcheiden, Halmgliedern, Spelzen, Grannen, Früchten, kurz an allen grüngefärbten Teilen. Denn Chlorophyll iſt nichts anderes, als die griechiſche Überſetzung des deutſchen Wortes Blattgrün. An den grüngefärbten Teilen finden wir auch die Spaltöffnungen, jedoch nicht überall.(Fig. 8.) Ihr Hauptſitz iſt bei den Gräſern die Ober⸗ und Unterſeite der Blatt⸗ ſpreiten. Die Mehrzahl der Spaltöffnungen und der chlorophyll⸗ führenden Zellen trifft alſo in den Blattſpreiten zuſammen. Hieraus erhellt, daß den Blattſpreiten bei der Aufnahme und Verarbeitung der Luftnahrung die Hauptrolle zufällt. Mit der äußeren Luft dringt namentlich die Kohlenſäure in die Spaltöffnungen ein. Sie dringt von hier weiter ins Innere durch die engen, aber offenen Räume, die ſich zwiſchen den Zellen befinden, und gelangt ſchließlich durch die allſeitig geſchloſſenen Zellwände in die chlorophyllführenden Zellen. ¹) J. Sachs, Experimental⸗Phyſiologie, 1865, S. 98. Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. Hier iſt die geheimnisvolle Werkſtätte, wo die Kohlenſäure zerlegt wird, indem der von der Sonne kommende Lichtſtrahl ſich in der Zelle fängt und die Elemente der Kohlenſäure aus ihrer Verbindung entfeſſelt. Der freigewordene Sauerſtoff entweicht als überflüſſig durch die Zellwände nach außen in die Luft. Der zurückbleibende Kohlenſtoff dagegen verbindet ſich mit dem in der Zelle vorhandenen Waſſer direkt oder indirekt zu Stärke, Zucker, Fett oder ähnlichen Wtoiſene die von dem Orte lürer Entſtehung in die übrigen Teile der Pflanze(Wurzeln, Früchte ꝛc.) befördert werden, wo ſie teils als Ver⸗ brauchs⸗, teils als Reſervematerial dienen. Es ſteht feſt, daß das Stärkemehl, das wir in reicher Menge in den Früchten der Gräſer angehäuft finden, aus den chlorophyllführenden Zellen, vorzugsweiſe der Blätter, ſtammt. Aus den chlorophyllführenden Zellen ſtammt auch der Kohlenſtoff, der zur Bildung der Proteinſtoffe(Eiweiß, Kleber ꝛc.) gehört; doch wiſſen wir noch nicht ſicher, wie und wo die durch die Wurzel aufge⸗ nommene Stickſtoffnahrung in organiſche Subſtanz umge⸗ wandelt wird, um mit dem Kohlenſtoff oder einer Kohlenſtoff⸗ verbindung zuſammenzutreten und die Proteinſtoffe zu bilden. Wahr⸗ ſcheinlich geſchieht dies in der Wurzel. Immerhin wiſſen wir ſo viel: 1. daß die Bildung der organiſchen Stoffe mit der Zerlegung der Kohlen⸗ Fig. 8. dn Se Hehaut pneder derz ſäure in den chlorophyllführenden ſen Hee rdeiſrutthan aa vie zwiſchen den Zellen ihren Anfang nimmt, und Blattnerven in parallelen Reihen geordnet 2. daß die Kraft des Lichtſtrahls ſind. Berorößerung d0 fach. die Kohlenſäure ſpaltet. Deshalb findet dieſer Prozeß ausſchließlich während der Tagesſtunden ſtatt; er wiederholt ſich während dieſer Zeit fort und fert und er verläuft um ſo lebhafter, je heller die Sonne ſcheint. Das äußere Kennzeichen iſt die Ausſcheidung von Sanerſtoff die man bei paſſenden Vorkehrungen direkt beobachten kann. Der ganze Prozeß läuft im weſentlichen auf eine ſtetige Ver⸗ mehrung der organiſchen Subſtanz hinaus, und da er hauptſächlich in den Blattſpreiten vor ſich geht, ſo erkennen wir den inneren Grund, weshalb eine Wieſe oder ein Saatfeld mit einem gelblichen und ſchmäch⸗ tigen„Blatt“ einen traurigen Anblick gewährt, während ein dunkel⸗ grünes und breites„Blatt“ das Auge erfreut und die Hoffnung auf eine reiche Ernte erweckt. An dem Blatt der Gräſer haben wir nun noch die kleinen, ge⸗ = 8 B= S— 1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 9 wöhnlich weiß gefärbten Teile zu beachten, die ſich an der Stelle be⸗ finden, wo die Blattſcheide in die Blattſpreite übergeht. Wir meinen das Blatthäutchen und die beiden Blattöhrchen. Das Blatthäutchen iſt eine kurze Verlängerung der glatten Innenhaut der Blattſcheide nach oben hin. Es ſcheint den Zweck zu haben, die höckrige Gelenkfläche des älteren Blattes zu decken, damit die Spitze des jüngeren Blattes und namentlich auch des Blüten⸗ ſtandes ſicher aus der Blattſcheide hervorgeſchoben werden kann. Fig. 6 zeigt bei h das Blatthäutchen des Riſpenhafers, das wie ein Steh⸗ kragen aus der Blattſcheide hervorragt.. Die Blattöhrchen vermitteln den Übergang der Blattſcheide in die Blattſpreite. Sie bilden eine Art Gelenk, während der ver⸗ ſtärkte Mittelnerv dazu dient, die Blattſpreite zu ſtützen. Die übrigen Blattnerven, die aus der Blattſcheide in die Blattſpreite verlaufen, erleiden an den Blattöhrchen eine 1 Krümmung nach außen. Werden die Blattöhrchen ſehr lang und ſichelförmig, ſo nimmt auch die Krümmung der Blatt⸗ nerven eine ſichel⸗ oder hakenförmige Ge⸗ ſtalt an. Fig. 9 zeigt bei o die Blatt⸗ öhrchen der zweizeiligen Gerſte, Hordeum distichum. Sie ſind hier ſo geſtellt, daß ſie einen ganzen und einen halben Schraubengang um die Achſe des Halmes bilden. Man kann ſich der Vermutung nicht erwehren, daß hierdurch ein. federnder Verſchluß am vboren Ende der lrerhe Renterhzehen Blattſcheide zu ſtande kommt, der die her⸗- Au der Ste od die lattitheide 8 vorwachſenden Blätter und Blütenſtände laden adeene arn derfditede aufrecht hält und zugleich verhindert, Vlarlöhe hen ee Gree natür⸗ daß Tau⸗ und Regenwaſſer hineinläuft. Obgleich Blatthäutchen und Blattöhrchen nur kleine und unſchein— bare Teile des Blattes ſind, ſo iſt es doch ſehr merkwürdig, daß ſie bei verſchiedenen Grasarten verſchieden geſtaltet, aber bei jeder ſpeziellen Art immer in derſelben Form gebildet werden, ſo daß man häufig an ihnen die Grasart mit Sicherheit erkennen und von anderen Arten unterſcheiden kann, ſo z. B. Gerſte von Hafer, und Roggen von Weizen. Die Sichelhaken der Blattöhrchen ſind nämlich bei der Gerſte und dem Weizen ſehr groß, bei dem Roggen klein, und bei dem Hafer fehlen ſie gänzlich.(Vergleiche Fig. 6 und 9.) Hiernach hat es keine Schwierigkeit, ein Gerſtenfeld von einem Haferfeld und ein Roggen⸗ feld von einem Weizenfeld zu unterſcheiden, wenn auch die Ähren noch in den„Hoſen,“ d. h. in den Blattſcheiden ſtecken. 4. Blüte und Blütenſtand. Bei den Gräſern giebt es hauptſächlich zwei Formen des Blütenſtandes: die Ahre und die iſpe. Beide Formen finden wir bei den wildwachſenden Gräſern eben⸗ 10 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. ſowohl wie bei den Getreidearten, ſo daß uns auch hier wieder die Zuſammengehörigkeit von Gras und Getreide entgegentritt. Einige Beiſpiele mögen dies näher erläutern. Der Blütenſtand iſt eine Ahre: a) unter den Getreidearten bei Weizen, Roggen, Gerſte ꝛc., b) unter den Wieſengräſern bei der Wieſengerſte, bei dem eng⸗ liſchen und italieniſchen Raygras ec., c) unter den Unkräutern bei der Mänſegerſte, dem Taumelloch, der Quecke ꝛc. Der Blütenſtand iſt dagegen eine Riſpe: a) unter den Getreidearten bei Hafer, Hirſe, Reis ec. b) unter den Wieſengräſern bei dem Riſpengras, Knaulgras, franzöſiſchen Raygras ec., c) unter den Unkräutern bei dem Flughafer, dem Windhalm, der Roggentreſpe ꝛc. Der Unterſchied zwiſchen den beiden Formen des Blütenſtandes beſteht darin, daß bei der Riſpe deutlich ſichtbare, längere und kürzere Seitenzweige von der Hauptachſe abgehen, während derartige Zweige oder Aſte bei der Ähre nicht vorhanden ſind. Hierzu iſt jedoch zu bemerken, daß die Riſpenäſte bei gewiſſen Gräſern der Hauptachſe dicht anliegen oder ſogar mit ihr verwachſen ſind, wodurch der Blütenſtand, oberflächlich betrachtet, der Ahre ähn⸗ lich wird. Wir erhalten dann eine ährenförmige, fuchsſchwanzähnliche Riſpe, wie ſie unter den Getreidearten namentlich bei dem Fennich oder der ſog. Kolbenhirſe, Setaria italica, unter den Wieſengräſern z. B. bei dem Wieſenfuchsſchwanz und dem Timotheegras, und unter den Unkräutern z. B. bei dem Ackerfuchsſchwanz und den wildwachſen⸗ den Fennichgräſern, Setaria viridis, S. verticillata ac. vorkommt. Bei einem einzigen Graſe, bei dem Mais, ſind zwei verſchiedene Formen des Blütenſtandes auf ein und demſelben Stengel vereinigt: Riſpen an dem Gipfel, Ahren oder Kolben an den Seiten des Stengels.. Teils der Verſtändigung wegen, teils aus anderen Gründen en wir uns die einzelnen Teile des Blütenſtandes näher anſehen. Wir nehmen eine Weizenähre zur Hand, die bereits längere Zeit aus der Blattſcheide hervorgerückt, in allen äußeren Teilen voll⸗ kommen entwickelt und in den inneren Teilen ſo weit gediehen iſt, daß ſie jeden Augenblick aufblühen kann. Was finden wir an dieſer Ahre? Wir gehen anatomiſch gder zergliedernd zu Werke und ſchneiden, an dem unteren Teil der Ähre anfangend und Schritt vor Schritt etwa bis zur mittleren Höhe aufſteigend, mit Hülfe einer kleinen und ſpitzen Schere alles das ab, was an der Ährenſpindel ſitzt. Dabei werden wir finden, daß die Spindel deutlich gegliedert iſt, und daß die Teile, die wir abſchneiden, abwechelnd an der rechten und linken Seite ſtehen, daß ſie alſo wechſelſtändig ſind. Von längeren Zweigen müſſ 1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 11 ſehen wir nichts; die betreffenden Teile ſitzen vielmehr auf ſo kurzen Stielen, daß wir die Schere genau anlegen müſſen, um ſie zu treffen. Jedes der abgeſchnittenen Teile heißt ein Ahrchen. Die Ähre des Weizens iſt alſo aus wechſelſtändigen, ſitzenden Ahrchen zuſammengeſetzt. Fig. 10 zeigt die ganze Ahre, Fig. 11 ein einzelnes Ahrchen des gemeinen Weizens, aber nicht in dem Zuſtand vor der Blüte, ſondern nach der Reife, wo die Ahrchen mit Körnern gefüllt ſind. Nun unterſuchen wir ein Ähr⸗ chen, das noch an der Ährenſpindel feſtſitzt, genauer. Hatten wir bereits ſechs Ährchen abgeſchnitten, ſo haben wir das ſiebente vor uns. Wir finden außen an ihm rechts und links je eine kahnförmige Klapp⸗ ſpelze. Das Ahrchen des Weizens iſt alſo von zwei Klappſpelzen ein⸗ gehüllt. Wir biegen die Klapp⸗ Eine Ähre beſteht aus Ährchen Ein Ährchen beſteht aus Blütchen. Fig. 10. Ähre des gemeinen Weizens, Fig. 11. Ein Äbrchen— es iſt das Triticum vulgare, im ſind⸗ der Reife, ſiebente an der Ährenſpindel— von mit Körnern gefüllt. ⅞ der natürl. Größe. Keſſingland Weizen(Triticum vul- gare) im Zuſtande der Reife. G der natürlichen Größe. ſpelzen, die man auch kurzweg Klappen nennt, nach außen, über⸗ zeugen uns, daß ſie leer ſind und daß auch inwendig am Grunde nichts zu ſehen iſt, brechen ſie ab und legen ſie, die eine links, die andere rechts, vor uns auf den Tiſch. Jetzt ſchneiden wir von dem Ahrchen, deſſen Klappen wir fort⸗ genommen haben, ein Teilchen nach dem andern ab, indem wir wieder unten anfangen und bei jedem Schnitt ſorgfältig vermeiden, das Stiel⸗ chen, auf dem das Ahrchen ſitzt, zu verletzen. Haben wir die ab⸗ getrennten Teilchen in der Ordnung, wie ſie links und rechts an dem 12 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. Stielchen ſitzen, vor uns hingelegt, ſo können wir ſie bequem zählen und auf ihre Größe vergleichen. Dabei werden wir(außer den Klappen) im ganzen drei, vier, fünf oder ſechs Teilchen erhalten, von denen die beiden unteren am größten ſind, während die folgenden der Reihe nach kleiner werden. Jedes dieſer drei, vier, fünf oder ſechs Teilchen heißt ein Blütchen. Das Ahrchen des Weizens iſt demnach aus mehre⸗ ren Blütchen zuſammengeſetzt.(Fig. 12 zeigt ein Ahrchen, das in die einzelnen Teile auseinandergelegt iſt. Die Klappen ſind mit k, die Blütchen mit b bezeichnet.) Der Name läßt uns ahnen, daß wir im Innern des Blütchens die eigentliche Blüte finden werden. Fig. 12. Das in Fig. 11 dargeſtellte Ahr⸗ Fig. 13. Ein Blütchen des gemeinen Weizens, chen in ſeine Teile zerlegt. ki und ke ſind Triticum vulgare, unmittelbar vor dem die beiden Klappen, bi, ba, bg, ba, bs und Aufblühen. Die äußere Blütenſpelze iſt ent⸗ b; ſind die ſechs Blütchen des Ahrchens. Die fernt, die innere mit isp bezeichnet. a ſind vier unteren Blütchen bi, ba, ba und ba ſind die Staubbeutel oder Antheren, n die Griffel mit Körnern gefüllt, die beiden oberen Blüt⸗ oder Narben, sch die Schüppchen oder lodi- chen bz und bo ſind leer(taub). culae. Der Fruchtknoten iſt nicht ſichtbar. der natürlichen Größe. Vergrößerung 3fach. Wir zerlegen daher ein gut entwickeltes, kräftiges Blütchen, ſagen wir b., kurze Zeit vor dem Aufblühen mit Hülfe einer Nadel oder der Scherenſpitze vorſichtig in ſeine Teile. Das Ergebnis iſt folgendes: 1. Das Blütchen beſteht aus zwei Blütenſpelzen, von denen die äußere, derbere und kahnförmig geſtaltete Deckſpelze mit ihren Rändern die innere, zartere und flachere Vorſpelze umfaßt. 2. Tief am Grunde zwiſchen den beiden Blütenſpelzen, gut ver⸗ ſteckt und gut gedeckt, ſteht die eigentliche Blüte. Fig. 13 zeigt ein Blütchen. Die äußere Blütenſpelze iſt fortge⸗ nommen, die innere mit isp bezeichnet. Die eigentliche Blüte(Fig. 14) beſteht erſtens aus dem Frucht⸗ knoten p, aus deſſen oberem Ende die beiden federförmigen Narbenen hervorragen. Zweitens aus den drei Staubfäden, deren jeder an der Spitze einen Staubbeutel a trägt. Drittens aus den beiden Schüppchen 1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 13 sch, die am Grunde des Fruchtknotens ſitzen. die Staubfäden mit den Staub⸗ der Blüte, und da männliche und die Narben ſind die weiblichen, beuteln ſind die männlichen Teile weibliche Teile in ein und derſelben Blüte vereinigt ſind, Der Fruchtknoten und ſo iſt die Blüte des Weizens, wie der meiſten Gräſer, eine Zwitterblüte. Zur Orientierung unterſuchen wir auch noch die folgenden Blütchen b., b., b.(Fig. 12) und finden überall dieſelben Teile wie in b.. Bei der Zerlegung der oberſten Blütchen b. und b. werden wir jedoch enttäuſcht; die beiden Blütenſpelzen ſind einem Fruchtknoten oder von Staub⸗ beuteln iſt nichts zu entdecken: dieſe Blütchen ſind taub. Trotz dieſer Enttäuſchung können wir mit dem Ergebnis unſerer Unterſuchung zu⸗ frieden ſein; denn wenn jedes Ährchen 4 Körner liefert und die ganze Ahre enthält z. B. 12 ſolcher Ähr⸗ chen, ſo macht das ſchon 48 Körner; kommen dann noch 5 Ährchen mit je 3, und 2 weitere Ahrchen mit je 2 fruchtbaren Blütchen hinzu, ſo können wir 67 Körner aus einer Ahre erwarten. Hat die Weizenpflanze außerdem noch 2 ährentragende Halme mit je 32 und 21 frucht⸗ baren Blütchen, ſo kann der Ertrag 120 fältig werden.— Doch der Er⸗ trag iſt jetzt Nebenſache; für jetzt iſt die Hauptſache, daß uns klar ge⸗ worden, wie ſich die Ähre aus Ahrchen und das AÄhrchen aus Blütchen zuſammenſetzt. Ahnlich wie bei dem Weizen iſt die Ahre bei anderen Gräſern gebaut, und auch die Riſpe enthält im weſentlichen dieſelben Teile. Am meiſten zwar vorhanden, aber von Fig. 14. Die weſentlichen Teile der Blüte des Weizens, Triticum vulgare. p der Fruchtknoten, hinter ihm die beiden Schüpp⸗ chen. st das Fruchtſtielchen. n die Narben. f die 3 Staubfäden, die ſich nach dem Offnen des Blütchens verlängert haben. a die Staub⸗ beutel, die beiderſeits der Mittelwand je in einem Längsriſſe aufgeplatzt ſind, um den Blütenſtaub zu entlaſſen. Vergrößerung 5fach. abweichend von den übrigen Gräſern verhält ſich der Mais, bei dem der riſpenförmige Blütenſtand an der Spitze des Stengels gewöhnlich nur männliche Blütenteile (Staubfäden und Staubbeutel), die tiefer am Stengel ſitzenden kolben⸗ oder ährenförmigen Blüten— ſtände dagegen gewöhnlich nur weibliche Blütenteile(Fruchtknoten mit ſehr langen fadenförmigen Griffeln) enthalten. Von dieſer Eigen⸗ tümlichkeit abgeſehen, iſt auch bei dem Mais die Blüte der nſo g. wie bei den anderen Gräſern. großen ſcheidenförmigen Blättern eingeſchloſſen ſind, ebenſo gebaut, obwohl Anlage nach Daß die Kolben von iſt nebenſächlich, zum Schutze des weiblichen Blütenſtandes ſehr zweckmäßig. 14 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. 5. Frucht.— Nach der Beſchaffenheit der Blüte, aus deren weiblichem Teile ſich nach der Beſtäubung die Frucht entwickelt, läßt ſich auch in der Fruchtbildung eine große Übereinſtimmung zwiſchen den Getreidearten und den übrigen Gräſern erwarten. Wir haben a) beſpelzte und b) nackte Früchte zu unterſcheiden. Beide Formen ſind ohne beſtimmte Wahl und Regel unter den Getreide⸗ arten wie unter den anderweitigen Gräſern vertreten; jedoch ſind durchgängig die nackten Früchte ſeltener, als die beſpelzten. a) Eine beſpelzte Frucht hat z. B. die Gerſte. Dreſchen wir Gerſte, ſo fallen die Körner nicht aus den Spelzen heraus, ſondern die Ähre zerbricht und die Körner bleiben von den beiden Blütenſpelzen feſt umſchloſſen. Beim Dreſchen bricht auch die lange Granne ab, die die äußere Blütenſpelze der Gerſte an der Spitze trägt. Eine beſpelzte Frucht hat auch der Spelz, wie ſchon ſein Name beſagt. Jedoch beſteht zwiſchen Spelz und Gerſte der Unterſchied, daß an der Spelzfrucht beim Dreſchen nicht allein die Blütenſpelzen, ſondern auch die Klappſpelzen(und überdies je ein Glied der Ährenſpindel) ſitzen bleiben; mit anderen Worten die Ähre des Spelzes zerfällt beim Dreſchen in ihre Ährchen. Ebenſo wie mit dem Spelz verhält es ſich mit Emmer und Einkorn, ſowie mit mehreren Wieſengräſern. Beſpelzte Früchte haben ferner: Hafer, Hirſe, gebauter und wilder Fennich, Reis, Kanariengras, Timotheegras, engliſches Ray⸗ gras ꝛc. Bei dieſen Gräſern beiben die Körner, ähnlich wie bei der Gerſte, von den beiden Blütenſpelzen eingeſchloſſen; die Klappſpelzen dagegen gelangen beim Dreſchen in die Spreu oder ſie bleiben am Stroh. b) Eine nackte Frucht finden wir bei Roggen und Weizen. Bei dieſen Getreidearten fallen die Körner beim Dreſchen aus, indem ſowohl die Blütenſpelzen wie die Klappſpelzen am Stroh ſitzen bleiben. Auch bei Gerſte und Hafer giebt es Sorten mit nackten Früchten. Ebenſo hat der Mais eine nackte(äußerſt ſelten eine beſpelzte) Frucht. Bei den wildwachſenden Gräſern kommen die nackten Früchte nur ſelten vor. Von den bekannteren Gräſern hat z. B. das Zittergras oft eine nackte Frucht. b) Worauf beruht die Gegenüberſtellung von Getreide und Gras d Nachdem wir die Graspflanze von der Wurzel bis zur Frucht betrachtet und wiederholt auf die Zuſammengehörigkeit der Ge⸗ treidearten mit den übrigen Gräſern hingewieſen haben, wollen wir jetzt die Frage erörtern, worauf die Gegenüberſtellung von Gras und Getreide beruht. In der Mehrzahl der Fälle treibt die Graspflanze nicht bloß einen einzigen, ſondern mehrere Halme aus dem Wurzelſtock. Man ſpricht daher von Beſtockung. Die Beſtockung läuft im Reſultat immer auf eine Vermehrung oder Vervielfältigung der Halme, in letzter Linie auf die Erhaltung der Pflanze hinaus; aber die verſchiedenen 1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 15 Grasarten erreichen dieſes Ziel auf verſchiedenen Wegen, und demgemäß iſt die äußere Erſcheinung der Beſtockung nicht immer dieſelbe. Wir können folgende Arten der Beſtockung unterſcheiden. a) Beſtockung durch unterirdiſche Ausläufer.— Erſtens hat die bereits erwähnte Rhizombildung ihren Anteil an der Beſtockung, indem ein Mutterſtock unterirdiſche Ausläufer(Rhizome, Schein⸗ wurzeln) ausſendet, die befähigt ſind, an jedem Knoten einen Tochter⸗ ſtock mit Wurzeln, Halmen, Blättern und Blüten zu entwickeln. In Wirklichkeit pflegt dieſe Entwicklung allerdings nur an einem Teil der Knoten einzutreten. Da jeder Tochterſtock dasſelbe Spiel wiederholt, ſo kann von einem Punkte aus im Laufe der Zeit eine große Fläche mit Pflanzen beſetzt— beſtockt— werden. Dieſe Art der Beſtockung kommt, wie bei der Quecke, ſo auch bei vielen anderen Gräſern vor, was wir weiter unten mit einer Reihe von Beiſpielen zu belegen ge⸗ denken. b) Beſtockung durch oberirdiſche Ausläufer oder durch kriechende, wurzelnde und aufſteigende Halme.— Zweitens giebt es bei den Gräſern oberirdiſche Ausläufer, die dicht über dem Boden hinkriechend ſich ebenſo wie die Rhizome an jedem Knoten zu bewurzeln und zu beſtocken vermögen. Zuweilen werden dieſe Aus⸗ läufer über 5 m lang, meiſt bleiben ſie kürzer. Wo ſich die Pflanze ungeſtört entwickeln kann, ſenden die am Boden liegenden Schößlinge alljährlich eine Anzahl blühender Halme empor, die nach der Frucht— reife abſterben; daneben bleiben andere im unentwickelten Zuſtand in Reſerve für das folgende Jahr. Zugleich ſenden die alten Ausläufer immerwährend neue nach den Seiten aus, ſo daß auch auf dieſem Wege im Laufe der Zeit von einer einzigen Mutterpflanze aus eine große Fläche beſtockt werden kann. Stirbt der Hauptſtock der Mutter⸗ pflanze ſchließlich ab, ſo iſt durch die zahlreichen jungen Stöcke, die an den Ausläufern entſtehen, für die Erhaltung und Verbreitung der Pflanze geſorgt. Die Neubegründung von Kolonieen übernimmt der Same, der bei den hierhergehörenden Gräſern meiſt ſehr fein und leicht iſt, ſo daß er durch den Wind verweht werden kann. Beiſpiele folgen weiter unten. c) Beſtockung durch Horſtbildung.— Drittens giebt es eine Reihe von Gräſern, deren Seitentriebe ſich nicht auf größere Entfernung ſeitlich verbreiten, ſondern am Fuße der Haupthalme als⸗ bald in die Richtung nach aufwärts einbiegen. Das Reſultat iſt die Bildung eines Horſtes. In Bezug auf die Zeit der Entwicklung beſtehen bei dieſer Art der Beſtockung zwei bemerkenswerte Unterſchiede. Entweder kommen nämlich 1., alle Halme der Pflanze ſogleich im erſten Jahre zur Ent⸗ wicklung und nach der Fruchtreife zum Abſterben; dann haben wir es mit einem einjährigen Graſe zu thun. Fällt die Ausſaat in den Herbſt und die Fruchtreife in den nächſten Sommer, ſo iſt das Gras gleichfalls einjährig. Oder aber 2., ein Teil der Halme bleibt am Ende des erſten, des zweiten, des dritten Jahres u. ſ. f. im unent⸗ 16 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. wickelten, jedoch lebensfähigen Zuſtand, um jeweilen erſt im folgenden Jahr zur Fruchtreife und zum Abſterben zu gelangen; in dieſem Fall iſt das Gras mehrjährig oder ausdauernd. Die Abteilung der horſtbildenden Gräſer geht alſo in ein⸗ jährige und ausdauernde Gräſer auseinander, während die unter a) und b) erwähnten ausläufertreibenden Gräſer ſämtlich aus⸗ dauernd ſind. Was nun die Getreidearten betrifft, ſo wird die Stellung, die ſie in der Geſamtheit der Gräſer einnehmen, am deutlichſten ent⸗ gegentreten, wenn wir hier eine überſichtliche Gruppierung von den nützlichen und ſchädlichen Arten folgen laſſen, mit denen es der Land⸗ wirt in Deutſchland und den benachbarten Ländern vornehmlich zu thun hat. Als Prinzip der Gruppierung wählen wir im Anſchluß an die vorhergehenden Erörterungen die Beſtockung und die Lebens⸗ dauer, und es wird ſich ſogleich zeigen, daß wir auf dieſem Wege der Löſung der Frage näher kommen, worauf die Gegenüberſtellung von Gras und Getreide beruht. Gruppierung der Gräſer nach ihrer Beſtockung und Lebensdauer. 4A. Ausläufertreibende Gräſer. a) Ausdauernde Gräſer mit unterirdiſchen Ausläufern. Quecke, Triticum repens Wuchernder Hundszahn, Cynodon Dactylon Schnürgras, Alvena elatior bulbosa Wieſenriſpengras, Poa pratensis Wieſenfuchsſchwanz, Alopecurus pratensis Ackerunkräuter. —— Roter Schwingel, Festuca rubra Wieſen⸗ und Wehrloſe Treſpe, Bromus inermis Weidegräſer. Anſehnliches Süßgras, Glyceria spectabilis Rohrartiges Glanzgras, Phalaris arundinacea Gemeines Rohr, Phragmites communis Sandrohr, Arundo arenaria Sandhafer, Elymus arenarius(Deckgras für Flugſand). Streue⸗Gräſer. b) Ausdauernde Gräſer mit oberirdiſchen Ausläufern, mit kriechenden, wurzelnden und aufſteigenden Halmen. Fioringas, Agrostis stolonifera d Wieſengräſer 1e e. ieſengräſer. Gemeines Riſpengras, Poa trivialis T Wieſengräſ B. Horſtbildende Gräſer. a) Ausdauernde horſtbildende Gräſer. Timotheegras, Phleum pratense Knaulgras, Dactylis glomerata Engliſch Raygras, Lolium perenne Wieſen⸗ und Italieniſch Raygras, Lolium italicum Weidegräſer. Franzöſiſch Raygras, Avena elatior Wieſengerſte, Hordeum secalinum —y, 1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 47 Schafſchwingel, Festuca ovina Wieſenſchwingel, Festuca pratensis Goldhafer, Avena flavescens Kammgras, Cynosurus cristatus Wieſen⸗ und Ruchgras, Anthoxanthum odoratum(Weidegräſer. Aufrechte Treſpe, Bromus erectus Wolliges Honiggras, Holcus lanatus Raſenſchmiele, Aira caespitosa Bocksbart, Aira canesceus(Deckgras für Flugſand) b) Einjährige horſtbildende Gräſer. Sommergetreide. Wintergetreide. Weiche Treſpe, Bromus mollis, Wieſenunkraut. Roggentreſpe, Bromus secalinus Taumellolch, Lolium temulentum Ackerfuchsſchwanz, Alopecurus agrestis Wildhafer, Avena strigosa Flughafer, Avena fatua Windhalm, Agrostis Spica venti Acker und Taube Treſpe, Bromus sterilis 1 Garten⸗ Mäuſegerſte, Hordeum murinum Unkräuter. Hühnerhirſe, Panicum Crus galli Bluthirſe, Digitaria sanguinalis Quirlblütiger Fennich, Setaria verticillata Fuchsroter Fennich, Setaria glauca Grüner Fennich, Setaria viridis Aus dieſer Überſicht ergeben ſich in Bezug auf das Verhältnis der Getreidearten zu den übrigen Gräſern folgende wichtige Thatſachen. 1. Bei den Getreidegräſern kommen weder unterirdiſche noch oberirdiſche Seitenausläufer vor. 2. Unter den Getreidearten ſind keine ausdauernden Gräſer ver⸗ treten. 3. Vielmehr gehören die Getreidearten zu den horſt⸗ bildenden einjährigen Gräſern.) Als ſolche ſind ſie am weiteſten getrennt von den Gräſern mit unterirdiſchen Ausläufern; etwas weniger weit, aber immer noch weit ſind ſie geſchieden von den Gräſern mit oberirdiſchen Ausläufern oder mit kriechenden, wurzelnden und aufſteigenden Halmen. Erheblich näher kommt ihnen die Geſamtheit der horſtbildenden Gräſer; unter dieſen ſtehen ihnen die ausdauernden ferner als die einjährigen, mit denen ſie, von dem angedeuteten Geſichtspunkt aus betrachtet, in einen engeren Kreis zuſammengehören. ¹) Auch das Wintergetreide iſt einjährig, denn ſeine Vegetationszeit, von der Ausſaat bis zur Ernte gerechnet, beträgt nur ausnahmsweiſe z- B. beim Johannisroggen über 1 Jahr.— Es mag hier erwähnt ſein, daß man die Getreidearten künſtlich, durch ſorgfältige Verhinderung des Schoſſens, mehrere Jahre am Leben erhalten kann. Daß dies aber der Natur des Ge⸗ treides zuwider und ohne praktiſchen Wert iſt, liegt auf der Hand. Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 2 18 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. Wodurch dieſe eigentümliche Gruppierung zu ſtande kommt, wird uns ſofort klar, wenn wir uns die Pflanzen für einen Augenblick, ohne alle Beziehung zum Menſchen, als Lebeweſen denken, die zunächſt um ihrer ſelbſt willen da ſind. Wie alle Lebeweſen, ſo ſind auch die Pflanzen vergänglich, aber ſie erhalten ſich durch Wiedererzeugung oder Reproduktion ihrer ſelbſt, die, im Grunde genommen, in nichts anderem beſteht, als in einer fort und fort wiederholten Teilung des Körpers oder Organismus. Die äußere Erſcheinung dieſer Teilung oder, wie man gewöhnlich ſagt, der Fortpflanzung iſt bei der Unzahl von Gewächſen, die die Erde hervorbringt, eine ſehr verſchiedene. Bleiben wir bei den Gräſern ſtehen, ſo haben wir hauptſächlich zwei Arten der Fortpflanzung aus⸗ einanderzuhalten: 1. Fortpflanzung durch Beſtockung. 2. Fortpflanzung durch Fruchtbildung. Beſtockung und Fruchtbildung ſind alſo die beiden Wege, auf denen die Graspflanzen den Zweck der Fortexiſtenz erreichen. Nun muß die Pflanze, um Stocktriebe oder Früchte zu bilden, eine Arbeit leiſten, die Stoff und Kraft erfordert. Die Kraft liefert die Sonne, indem ſie der Pflanze Licht und Wärme ſpendet; den Stoff liefern Erde, Luft und Waſſer; und die Pflanze vermag nichts anderes zu thun, als dieſe von außen kommenden Stoffe und Kräfte in ſich aufzunehmen, auszunutzen und umzuſetzen, mit einem Worte, zu ver⸗ arbeiten; vermehren kann ſie ſie nicht um das Geringſte, im Gegen⸗ teil, bei der Verarbeitung geht immer ein Teil von ihnen ungenutzt verloren. Da nun Kraft und Stoff für einen beſtimmten Standort (Klima, Boden, Düngung) eine gegebene, begrenzte Größe ſind, ſo kann jede Pflanze in dem Zeitraum eines Jahres nur eine begrenzte Arbeit leiſten. Wenn ſie die Arbeit teilt, indem ſie einerſeits Stock⸗ triebe, andererſeits Früchte entwickelt, ſo kann der Zweck der Fort⸗ exiſtenz möglicherweiſe mehr geſichert werden, aber es iſt klar, daß dieſe Arbeitsteilung notwendig eine Teilung oder Zerſplitterung von Kraft und Stoff in ſich ſchließt, während bei einer Konzentrierung der Arbeit— ſei es auf die Beſtockung, ſei es auf die Fruchtbildung — durch die Zuſammenhaltung von Stoff und Kraft— in einer be⸗ ſtimmten Richtung ſelbſtverſtändlich mehr geleiſtet wird. Hiernach können wir uns theoretiſch drei Fälle denken: 1. Bevorzugung der Beſtockung. 2. Gleichſtellung der Beſtockung und Fruchtbildung. 3. Bevorzugung der Fruchtbildung. Es läßt ſich leicht nachweiſen, daß dieſe drei Fälle in der That bei den Gräſern vorkommen. Wir halten ſie der Überſichtlichkeit wegen ſcharf auseinander, müſſen uns aber daran erinnern, daß die Natur die Gegenſätze mildert und vermittelt. 1. Bei den ausläufertreibenden Gräſern wird die Beſtockung bevorzugt, allerdings mit größerer oder geringerer Entſchiedenheit. Bei einigen der hierher gehörenden Arten geht die Bevorzugung der 1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 19 Beſtockung ſo weit, daß die Fruchtbildung ganz vernachläſſigt oder nur gelegentlich mit zur Fortpflanzung benutzt wird. Ein bekanntes Beiſpiel hierfür iſt die Quecke, die ſich auf geeignetem Boden(auf humoſem Sande), ohne Samen hervorzubringen, jahraus jahrein erhält und lediglich durch die Erzeugung von unterirdiſchen Stock⸗ trieben und oberirdiſchen Blättern ſo vorzüglich für ihre Fortexiſtenz ſorgt, daß alle Anſtrengungen des Landwirts, das läſtige Unkraut auszurotten, vergeblich ſind. Soviel man auch herausſchaffen mag, es bleibt immer noch Samen genug im Boden. Das Wort„Samen“ kommt uns hier unwillkürlich in den Sinn. Warum? Weil die unterirdiſchen Ausläufer der Quecke in der That nichts anderes ſind, als ein Erſatz oder ein Aquivalent des Samens. 2. Bei einer zweiten Gruppe von Gräſern wird die Beſtockung und die Fruchtbildung ungefähr in gleichem Maße für die Fortpflanzung in Anſpruch genommen. Dies gilt für die ausdauernden horſt⸗ bildenden Gräſer, zu denen die Mehrzahl unſerer guten Wieſen⸗ und Weidegräſer gehört. Sie eignen ſich für die Zwecke der Futter⸗ gewinnung hauptſächlich deshalb, weil die Beſtockung, durch das Ab⸗ ſchneiden oder Abweiden noch mehr angeregt und befördert, bei ihnen eine große Menge von Halmen und Blättern hervorbringt. Sie ſind in der Produktion von Stocktrieben den einjährigen horſtbildenden Gräſern entſchieden überlegen, ſtehen ihnen aber in der Produktion von Früchten ebenſo entſchieden nach. Bei dem Knaulgras, einem ausdauernden horſtbildenden Graſe, habe ich z. B. am 24. September 1884 an einem einzigen Stocke, der einige Zeit vorher dicht am Boden abgemäht worden war, ohne die Stoppeln, 152 größere und kleinere Triebe gezählt, die im folgenden Jahre ſämtlich zur Entwicklung und zur Nutzung gelangt und durch eine entſprechende Anzahl neuer Triebe erſetzt worden wären. Die höchſte Zahl von Trieben, die ich bei der Wintergerſte, einem einjährigen horſtbildenden Graſe, bei einer am Rande des Feldes ſtehenden kräftigen Pflanze(am 6. Mai 1875) gefunden habe, betrug dagegen nur 41. Dabei war die Mehrzahl ſo ſchwach, daß ſie bei der Ernte ſicherlich nicht von der Senſe gefaßt, wahrſcheinlich ſchon vorher ganz unterdrückt worden wäre. Die Zahlen 152 und 41 beziehen ſich auf zwei Pflanzen, die zwar beide günſtig ſituiert, aber unter natür⸗ lichen Verhältniſſen, ohne alle künſtlichen Vorkehrungen in demſelben Klima und auf ähnlichem Boden gewachſen waren. Das aus den Zahlen ſich ergebende Verhältnis iſt 3:1 bis 4:1. Die Zahlen 152 und 41 ſind keine Extreme. Unter außergewöhn⸗ lichen Verhältniſſen beſtocken ſich ſowohl die Getreide⸗ wie die Wieſen⸗ gräſer weit ſtärker, als dieſe Zahlen beſagen. Hierfür mögen folgende Beiſpiele zum Belege dienen. Am 1. April 1885 fand ich eine Pflanze von Winterweizen, an der ich 121 Stocktriebe zählte. Das iſt eine enorme Zahl. Aber am 3. April desſelben Jahres fand ich eine Pflanze von franzöſiſchem Raygras(Avena elatior), die 1215 Stock⸗ triebe, alſo zehnmal ſo viel als jene Weizenpflanze, beſaß. Das Zer⸗ — 1 20 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. legen und Zählen erforderte bei dieſem Stock gegen drei Stunden Arbeitszeit. Die beiden Zahlen 1215 und 121 können als vergleich⸗ bar angeſehen werden, denn ſie beziehen ſich auf zwei Pflanzen, die ganz iſoliert auf gartenmäßig kultivierten Feldſtücken ſtanden, ohne abſichtlich angebaut zu ſein. Wir fügen ſie bei, um die Überlegenheit der Wieſengräſer gegenüber den Getreidegräſern in der Beſtockung darzuthun. Im geſchloſſenen Beſtande ſind bei Wieſengräſern(Knaulgras, engliſchem, italienſchem und franzöſiſchem Raygras ꝛc.) 30 und 40 Triebe an einer Pflanze etwas Gewöhnliches. In unſeren Getreide⸗ feldern findet man dagegen oft nur einen Halm am Stock, ſehr ſelten mehr als 15, und der Durchſchnitt wird die Zahl 5 wahrſcheinlich nicht erreichen. Hierbei haben wir noch auf einen Punkt aufmerkſam zu machen, der in der Beſtockung der Getreidearten und der betreffenden Wieſen⸗ gräſer einen weſentlichen Unterſchied bedingt. Die Wieſengräſer— wir reden jetzt ſpeziell von den ausdauernden horſtbilden den Gräſern— entwickeln nämlich jedes Jahr nur eine beſchränkte, ver⸗ hältnismäßig kleine Anzahl von fruchttragenden Halmen; die Mehrzahl bleibt ſteril, um im zweiten Schnitt oder erſt im nächſteu Jahre nach⸗ zuwachſen und zur Blüte und Fruchtbildung zu gelangen, ſofern der Menſch durch ſeinen Eingriff das Reifen der Früchte nicht verhindert. Bei den einjährigen Gräſern— Getreidearten und Unkräutern— ſind dagegen alle Stocktriebe fruchttragend, mit Ausnahme der ſchwäch⸗ lichen Nachzügler. Deshalb kann man bei frühzeitig geſäetem Winter⸗ getreide ſchon im Herbſt, tief verſteckt zwiſchen den Blattſcheiden, die Anlage der Ahren finden. Mit anderen Worten heißt das: Die aus⸗ dauernden Gräſer ſorgen neben der Fruchtbildung fortwährend auch durch Reſervetriebe für ihre Fortexiſtenz, die einjährigen Gräſer ver⸗ laſſen ſich dagegen allein auf die Fruchtbildung. Hier hat die Bildung von Reſervetrieben für das folgende Jahr keinen Sinn. Die ganze Pflanze ſtirbt nach der Fruchtreife ab; lebens⸗ und fortpflanzungs⸗ fähig bleibt nur der im Samenkorn ſchlummernde Keim. 3. Da alſo die einjährigen Gräſer, um den Zweck der Fortexiſtenz zu erreichen, ihre ganze Kraft— mit Ausſchluß natürlich des Teils, der zur Herſtellung und zum Betrieb der Arbeitsmaſchine(des Wurzel⸗, Stengel- und Blattſyſtems) hergegeben oder geopfert werden muß— auf die Fruchtbildung verwenden, ſo können wir verſtehen, weshalb ſie in dieſer Richtung ganz bedeutend mehr leiſten, als die ausläufer⸗ treibenden und immerhin auch noch beträchtlich mehr, als die aus⸗ dauernden horſtbildenden Gräſer. In der That ſind die einjährigen Gräſer allgemein durch den Reichtum und, wenn man Vergleichbares miteinander vergleicht, auch durch die Größe der Früchte ausgezeichnet. Dies gilt für die grasartigen Unkräuter, die hierher gehören, ebenſo⸗ wohl wie für die Getreidearten. Die weiche Trepſe, in unſerer UÜber⸗ ſicht das einzige einjährige Gras, das auf den Wieſen vorkommt, ſteht im Fruchtertrage allen übrigen Wieſengräſern voran. Ebenſo liefert ö¼./.ͤ—,—,———————, 1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 21. die einjährige Roggentreſpe, das bekannte Ackerunkraut, zu unſerem Verdruß eine große Menge von roggenähnlichen Früchten; hat man doch von ihr das Märchen erdacht, daß der Roggen in Treſpe aus⸗ arten könne. Auch der Wildhafer, der Flughafer, die Bluthirſe, die Hühnerhirſe und die Fennicharten, ſämtlich einjährig, ſind fruchtreiche Gräſer; manche von ihnen werden ja der Früchte wegen zuweilen an⸗ gebaut. Ebenſo iſt der einjährige Ackerfuchsſchwanz fruchtreicher, als der ausdauernde und ausläufertreibende Wieſenfuchsſchwanz. Ebenſo der einjährige Taumellolch fruchtreicher, als das ausdauernde engliſche Raygras. Ebenſo die einjährige Mäuſegerſte fruchtreicher, als die aus⸗ dauernde Wieſengerſte. Ebenſo der einjährige Windhalm fruchtreicher, als das ausdauernde und ausläufertreibende Fioringras.— Vergleicht man immer nur, wie es geboten iſt, die nahe verwandten Arten ein und derſelben Gattung miteinander, ſo kenne ich keine Ausnahme von der Regel, daß die einjährigen Gräſer in der Fruchtbildung, die ausdauernden dagegen in der Beſtockung überlegen ſind. Ganz darf freilich auch den einjährigen Gräſern die Fähigkeit zur Beſtockung nicht abhanden kommen, wenn ſie im Kampf ums Daſein nicht unterliegen wollen; denn wenn eine Pflanze überhaupt nur einen einzigen Halm hervorzubringen vermag, ſo hat ſie ihren Lebenszweck gänzlich verfehlt, ſobald der eine Halm vor der Frucht⸗ reife verloren geht. Auch muß der Pflanze die Fähigkeit zur Be⸗ ſtockung aus dem Grunde verbleiben, damit ſie, je nachdem der Stand⸗ ort mehr oder weniger günſtig iſt, eine größere oder geringere Anzahl von fruchttragenden Halmen erzeugen und in jedem Fall die Stand⸗ ortsbedingungen auf das Vorteilhafteſte ausnutzen kann. Andererſeits iſt für eine Pflanze, deren Fortexiſtenz von der Fruchtbildung abhängt, die Neigung zu allzu reichlicher Beſtockung offenbar vom Übel, denn unter ſonſt gleichen Umſtänden, d. h. bei Gleichheit des Standraums, der Beleuchtung, der Wärme, der Feuch⸗ tigkeit ꝛc., führt Neigung zur Vielhalmigkeit— zur Verkümmerung, Neigung zur Einhalmigkeit— zur Vervollkommnung der Früchte. Zur abſoluten Einhalmigkeit darf es nicht kommen, aber eine dem Standort angepaßte, mäßige Beſtockung bietet die größte Gewähr für eine genügende Zahl kräftig entwickelter Halme und Früchte. Dieſer Anforderung entſprechen die einjährigen Gräſer und unter ihnen namentlich die Getreidearten. Die Getreidearten übertreffen im Fruchtreichtum alle übrigen Gräſer, und dies iſt der Grund, weshalb der Menſch ſie an ſich ge⸗ feſſelt und in Kultur genommen hat. Sie müſſen ſich ſchon im wild⸗ wachſenden Zuſtande vor den übrigen Gräſern durch Reichtum und Wohlgeſchmack der Früchte ausgezeichnet haben, weil ſonſt nicht ſie, ſondern andere Gräſer zum Anbau gewählt worden wären. Die Aus⸗ wahl wurde ſo lange fortgeſetzt, bis auf der Erde keine frucht⸗ reicheren Gräſer mehr zu finden waren. Die letzten waren die beſten, und die beſten hielt man feſt. Dieſe einfache Auswahl und die Ver⸗ breitung der wertvolleren Arten über alle Teile der Erde iſt die 22 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. wichtigſte Leiſtung des Menſchen, ſie iſt wichtiger als die künſtliche Zuchtwahl. Der Fruchtreichtum erſtreckt ſich auf die Menge und auch auf die Größe der Früchte. Jedoch finden wir in der Korngröße ſehr be⸗ trächtliche Unterſchiede. Legen wir ein Maiskorn neben ein Hirſekorn, welch' ein Abſtand! Dieſer Abſtand war ſchon da, ehe der Menſch die Getreidearten unter ſeine Obhut nahm; und es wird nie gelingen, das Hirſekorn zur Größe des Maiskorns zu treiben, wenn auch durch ſorgfältige Kultur und Zuchtwahl bei der Hirſe ſo gut, wie bei den anderen Getreidearten, eine Vervollkommnung möglich iſt. Der Ein⸗ wand, der Mais habe deswegen größere Körner, weil er längere Zeit hindurch den Einwirkungen der Kultur und Zuchtwahl ausgeſetzt ge⸗ weſen, trifft nicht zu, denn der Mais gehört der neuen Welt an, deren Kultur jünger iſt, während die Hirſenarten(Panicum wie Setaria) in der alten Welt zu den älteſten Kulturpflanzen zählen. Noch viel winziger als das Hirſekorn iſt das Tefkorn, das kaum die Größe des Timotheegrasſamens erreicht, indem 1520 Tefkörner nur ſo viel wiegen, wie ein kräftiges Maiskorn. ¹) Die Getreidarten ſind ein Geſchenk der Natur. Die Veränderungen, die der Menſch mit ihnen vorgenommen hat, voll⸗ zogen ſich innerhalb der Art(Species), ſind überhaupt nicht ſo groß, wie man wähnt. Gerade die Gräſer und auch die Getreidearten ſind ſehr feſt in ihren botaniſchen Charakteren. Roggen bleibt Roggen und Weizen bleibt Weizen, wenn man ſie auch hundert oder tauſend Jahre auf demſelben Felde miteinander anbaut, von weniger nahe verwandten Arten gar nicht zu reden. Die Natur hat die Getreide⸗ gräſer einjährig und fruchtreich gezüchtet und damit für die menſch⸗ liche Ernährung und zugleich für die Fortpflanzung geſchickt gemacht. Durch die Kultur entſtand eine Menge von Spielarten, von denen die nutzbareren beibehalten, die weniger nutzbaren fallen gelaſſen wurden. Auch jetzt entſtehen noch immerwährend neue Abänderungen, gute wie ſchlechte, meiſt ohne, oft gegen den Wunſch und Willen des Menſchen; die Aufgabe des Landwirts beſteht darin, unabläſſig die guten fortzuzüchten und die ſchlechten auszumerzen. Ohne dieſe fort⸗ währende Zuchtwahl, fortwährend unterſtützt durch angemeſſene Er⸗ nährung und ſorgfältige Kultur, gehen die wertvollen Eigenſchaften bald zurück, wenn auch niemals ganz verloren. Inſofern iſt man be⸗ rechtigt zu ſagen: Die Getreidearten ſind ein Ergebnis der menſchlichen Kunſt. Den Urſprung des Ackerbaus, mit dem Urſprung der Getreide⸗ arten verknüpft, haben Sage und Dichtung mit einem geheimnisvollen Vorhang verhüllt. Zieht man den Vorhang fort, ſo ſieht man im ¹) Nach einem Wägungsverſuch ging auf 1; folgende Stückzahl an vollkommenen, auserleſenen Körnern:— Mais. Weizen. Roggen. Hirſe. Fennich. Tef. 2 260 32 156 280 3040 2. Überſicht und Einteilung der Getreidearten. 23 dunkeln Hintergrund eine Schar Frauen die Früchte der wildwachſenden Gräſer in Körbe einſammeln, während im Vordergrund eine jüngere Frau damit beſchäftigt iſt, in gleichmäßigen Entfernungen mit einem zugeſpitzten Stocke Löcher in die Erde zu ſtoßen, in die ein Kind aus einem zierlich geflochtenen Strohkörbchen den Samen mit der Hand hineinwirft. Unter dem Bilde ſtehen in veralteter, ſchwer lesbarer Schrift die Worte: Ein Korn bringt viele in kurzer Zeit. 2. Überſicht und Einteilung der Getreidearten. A. Die Getreidearten des kälteren Klimas. Frucht nackt oder beſpelzt, ſtets mit einer Längsfurche verſehen. Mehrere Würzelchen am Keimling. Weizen, Triticum vulgare. T. turgidum. T. durum. T. polonicum. Spelz, Triticum Spelta. Emmer, Triticum amyleum. Einkorn, Triticum monococcum. Roggen, Secale cereale. Gerſte, Hordeum distichum. H. vulgare. H. hexastichum. Hafer, Avena sativa. A. orientalis. B. Die Getreidearten des wärmeren Klimas. Frucht nackt oder beſpelzt, ſtets ohne Längsfurche. Nur ein Würzelchen am Keimling. Reis, Oryza sativa. Mais, Zea Mays. Durra, Sorghum vulgare. S. saccharatum. Dochen, Penicillaria spicata. Korakan oder Daguſcha, Eleusine coracana. Tef, Eragrostis abessinica. Hirſe, Panicum miliaceum. P. frumentaceum. Fennich, Setaria italica. S. germanica. Kanariengras, Phalaris canariensis. 5. Verbreitung und Bedeutung der Getreidearten. Wie aus der vorliegenden Überſicht zu entnehmen, hat der Menſch von den zahlloſen Grasarten, die dem Schoß der Erde entſpringen, nur einige wenige in die Reihe der Getreidearten aufgenommen. Laſſen wir die beiſeite, die nur eine untergeordnete Rolle ſpielen, ſo beſchränkt ſich ihre Zahl etwa auf ein Dutzend. Und welch' unermeßliche Bedeutung haben dieſe zehn oder zwölf Pflanzenſpezies für den menſch⸗ lichen Haushalt, da ſie vielen Millionen die Mittel zur Exiſtenz liefern und das Wohl und Wehe der ziviliſierten Bevölkerung in allen Teilen der Erde, wenn auch nicht ausſchließlich, ſo doch ſehr weſentlich mit 24 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. beſtimmen! Überall ſind ſie dem Menſchen gefolgt, wohin er ſich wandte; nur das Klima ſetzte inſofern eine Grenze, als am Nordpol wie am Südpol ein Bezirk gänzlich ausgeſchloſſen blieb, während innerhalb der niederen Breiten eine geſetzmäßige Verteilung der Arten in der Rich⸗ tung vom Aquator beiderſeits nach den Polen hin erfolgte. Dieſe Verhältniſſe hat Oswald Heer in einem Vortrage, den er„über Vaterland und Verbreitung der wichtigſten Nahrungspflanzen“ im Jahre 1847 in Zürich hielt, ſo vortrefflich geſchildert, daß wir nichts Beſſeres thun können, als ſeine Worte mit einigen unerheblichen Abänderungen hier wiederzugeben. „Im hohen Norden erſtirbt alles Leben in Eis und Schnee und ebenſo auch am ſüdlichen Pole. Zuerſt beginnt es mit unanſehnlichen, an der Erde hinkriechenden Gewächſen. Dort treiben ſich kleine Jäger⸗ und Nomadenhorden umher, faſt nur von den Tieren des Waſſers, zum Teil aber auch von den armſeligſten Pflanzen(Flechten) ſich nährend. So die Eskimos und die nordaſiatiſchen Nomaden. Dann kommt(in Lappland beim 70.0 n. Br. am weißen Meer zwiſchen 67° und 68 ⁰) ein Streifen Landes, auf dem als erſte Kultur⸗ pflanzen die Kartoffel und die Gerſte erſcheinen, die durch ihre kärg⸗ lichen Ernten den Bewohnern jenes Landes das Mehl zur Brotberei⸗ lung liefert. Etwa drei Grad ſüdlicher beginnen der Roggen und der Hafer, die eine breite Zone der Kultur eingenommen haben. Im nördlichen Teile von Rußland, in Schweden, Norwegen, Dänemark und auch im nördlichen Deutſchland iſt der Roggen das vorherrſchende Getreide und Roggenbrot die gewöhnliche Nahrung. Im ſüdlichen Deutſchland und in der Schweiz tritt er ſchon mehr in den Hintergrund; jenſeits der Alpen wird er nicht mehr auf Körner gebaut, ſondern nur noch auf Stroh, indem die feinen italieniſchen Strohhüte daraus gefertigt werden. Den Roggen löſt der Weizen ab. Zwar ſchon im mittleren Schweden(bei 62° n. Br.) und Norwegen(bei 64 n. Br.), wie bei St. Petersburg(60 ¼¾ 0n. Br.) auftretend und ſelbſt noch bei Jakuzk in Sibirien(62°n. Br) in Kultur, wo der Boden nur etwa drei Fuß tief auftaut, tief unten aber immer gefroren bleibt, nimmt ſeine Kultur doch erſt weiter ſüdlich überhand, und liefert, mit dem Spelz, im ſüdlichen Deutſchland, in der Schweiz und ebenſo auch im ſüdlichen Europa das tägliche Brot. Ebenſo an den nordafrikaniſchen Küſten und in dem wärmeren, doch außertropiſchen Aſien. Der Spelz iſt in Schwaben und in der Oſtſchweiz vorzüglich in Kultur, der Weizen dagegen in den übrigen Ländern.. Zwiſchen dem 46.—50.°n. Br., je nach den Lagen verſchieden, iſt die nördliche Grenze des Maiſes in Europa, die er mit dem Wein— bau teilt; doch erſt jenſeits der Alpen iſt dieſe Kultur dominierend, die für das ganze ſüdliche Europa, dann aber auch für einen großen Teil Aſiens von unermeßlicher Wichtigkeit geworden iſt. Noch wichtiger iſt indeſſen für das tropiſche Aſien der Reis. Er wird ſchon in Italien, in Piemont und im Römiſchen gebaut, doch im 3. Verbreitung und Bedeutung der Getreidearten. 25 Verhältnis zu den übrigen Kulturen in geringem Umfang. In Indien dagegen und in China, wie auf den Sundainſeln iſt der Reis die vor⸗ herrſchende Kulturpflanze, die der dortigen ſo dichten Bevölkerung vor⸗ züglich zur Nahrung dient. Wir haben hier voraus die nördlichen Grenzen dieſer Mehlpflanzen im Auge gehabt, die ſüdlichen ſind weniger ſcharf. Die Gerſte geht von ihrer Nordgrenze bis zu den Tropen, und ſo auch die übrigen Getreidearten; allein nach den ſüdlichen Ländern zu verlieren ſie immer mehr von ihrer Bedeutung, und werden ferner zu Winterkulturen. Während die Gerſte im hohen Norden eine Brotpflanze iſt, wird ſie ſchon in der Roggenzone zur Bierpflanze, und im Süden, wo der Wein das Bier verdrängt, faſt nur als Pferdefutter gebraucht; ſo ergeht es auch dem Hafer, der nur im Norden(in Schottland und Norwegen ſehr ausgedehnt) zur Brotbereitung benutzt wird. Die Weizenarten behaupten zwar ihren Rang, allein ſchon jenſeits der Alpen verlieren ſie großenteils die Bedeutung, die ſie im mittleren und nördlichen Europa haben. Schon in Oberitalien ißt das gemeine Volk vorherrſchend Polenta.¹) Und was jene Winterkulturen betrifft, ſo ſehen wir, daß ſchon in Griechenland der Weizen und die Gerſte im Spätherbſt geſäet und mit Anfang des Sommers geerntet werden. In Agypten und Paläſtina iſt im März oder Anfang April die Ernte, und ebenſo verhält es ſich in Oberindien, wo im Sommer auf dem gleichen Boden die Gewächſe der Tropen gebaut werden.„(Hiernach erklärt ſich die Gewöhnung gewiſſer Getreidearten an die Überwinte⸗ rung auf ſehr einfache Weiſe.). In Afrika finden wir an den Nordküſten und auch in Ägypten vorherrſchend Mais und Mohrenhirſen(Durra und Dochen), dann aber auch Weizenarten angebaut; in Abeſſinien neben dieſen die Daguſcha und den Tef; im heißen Afrika ſind Mais und Reis nebſt der Mohrenhirſe die Hauptkulturen, während an der Süd⸗ ſpitze wieder unſere Cerealien folgen, die auch in Neuholland und Neuſeeland nach der Anſiedlung der Europäer eine neue Heimat ge⸗ funden haben. In Amerika ſind die ihm urſprünglich angehörenden Pflanzen, auch ſeit neue Menſchenraſſen dieſen Weltteil bewohnen, von höchſter Bedeutung geblieben. Der Mais iſt, ſeiner ungeheuren Verbreitungs⸗ fähigkeit wegen, noch wichtiger als die Kartoffel, indem er von Kanada weg bis nach Patagonien hinunter kultiviert werden kann, unter den Tropen von dem Tiefland bis gegen 12000 Fuß übers Meer hinauf. — Die eingewanderten Getreidearten folgen faſt genau denſelben Ver⸗ breitungsgeſetzen, wie in Europa: in Kanada viel Gerſte, Hafer und Roggen, in den Vereinigten Staaten dieſe Gewächſe nebſt den Weizenarten, und im Süden, und zwar ſchon von Louiſiana an, der Reis, der gegenwärtig namentlich in Braſilien immer mehr ſich ausbreitet. Weiter im Süden verſchwindet dann der Reis wieder, und ¹) Polenta iſt ein ſteifer Brei, bereitet aus Maismehl. Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. es treten ſucceſſive, nur in umgekehrter Ordnung, die europäiſchen Getreidearten auf. Bisher haben wir nur die horizontale Verbreitung im Auge gehabt. Verfolgen wir das Auftreten der Getreidearten vom Tieflande nach der Höhe, ſo finden wir dieſelbe Geſetzmäßigkeit wieder. In heißen Ländern zu unterſt die Tropengewächſe(Reis, Mais ac.), dann weiter nach oben unſere Cerealien, erſt Weizenarten, dann Roggen, dann Hafer und Gerſte, als die Reihe beſchließend. Auch in den europäiſchen Gebirgsländern finden wir dieſe Reihenfolge. Gehen wir z. B. nach Graubünden, ſo begegnen uns dort in den tieferen Thalgeländen der Mais und der Weizen, in höheren, ſo im Ober⸗ land und Unterengadin, kommt der Roggen als vorherrſchendes Ge⸗ treide, und alles ißt da Roggenbrot; zuletzt endlich, ſo im Oberengadin und Rheinwald, die Gerſte.“—— Eine Staffel höher breiten ſich die Alpen aus, wo der Senn nach Nomadenart im Sommer ſeine Herden weidet, mit der Sonne höher und höher ſteigend, hinauf bis zu den einſamen Regionen, wo alles Leben in Schnee und Eis erſtirbt — in den Alpen, wie im hohen Norden und am ſüdlichen Pole.— Die Geſetzmäßigkeit, die wir in der Verbreitung der Getreide⸗ arten ausgeſprochen finden, iſt eine natürliche, durch das Klima be⸗ dingte. Die Verbreitung ſelbſt dagegen iſt eine künſtliche, weil ſie durch den Menſchen zu ſtande kam, der die Cerealien über ihren urſprünglichen Verbreitungsbezirk hinaus verpflanzte und dadurch, daß er ſie im großen in Kultur nahm und aus einem Weltteil in den andern verſetzte, eine gewaltige Veränderung in der Flora ſowohl wie in den wirtſchaftlichen Verhältniſſen herbeiführte. Man erwäge nur, was die Verpflanzung des Maiſes(der Kartoffel und des Tabaks) von Amerika nach Europa, und was umgekehrt die Verpflanzung des Weizens, des Roggens, der Gerſte und des Hafers von Europa nach Amerika auf den Betrieb der Landwirtſchaft, auf die Ge⸗ ſtaltung von Handel und Verkehr, auf die Zollpolitik, auf das Steuerweſen ac. ꝛc. für einen tiefgreifenden Einfluß ausgeübt hat und noch immer ausübt! Es würde uns viel zu weit führen, wollten wir alle Fragen, die hiermit im Zuſammenhange ſtehen, nur einigermaßen gründlich und erſchöpfend behandeln. Von ihrer Erörterung kann hier um ſo mehr abgeſehen werden, weil eine„Anleitung zum Getreidebau“ das Natur— wiſſenſchaftliche und Techniſche zur Aufgabe und die wirtſchaftliche Möglichkeit und Notwendigkeit des Getreidebaues zur Vorausſetzung hat. Deshalb berühren wir auch die Frage der Konkurrenz, die für die Länder des weſtlichen Europas je länger, je mehr eine brennende wird, nur in aller Kürze, indem wir es für ausgemacht anſehen, daß dieſe Länder den Getreidebau trotz der Konkurrenz beibehalten müſſen, wenn die Landwirtſchaft als Ganzes in ihnen nicht ſinken ſoll. Sie können den Getreidebau zu gunſten des Futterbaues und der anderen Kulturen, je nach der Gegend mehr oder weniger einſchränken, aber 3. Verbreitung und Bedeutung der Getreidearten. 27 ganz aufgeben oder auch nur vernachläſſigen dürfen ſie ihn unter keinen Umſtänden. Sobald das geſchieht, iſt der Verfall da. Wie innig der Getreidebau mit dem Betriebe unſerer Landwirt⸗ ſchaft verwachſen iſt, lehrt ein Blick anf die Schweiz. Dort ſind die natürlichen Bedingungen für den Futterbau in dem Grade gegeben, wie in keinem anderen Lande Europas, und doch kommt man jetzt, nachdem in den letzten Jahrzehnten der Getreidebau mehr und mehr dem Futterbau das Feld geräumt hat, zu der Einſicht, daß auch die Viehzucht(und ſelbſt der Rebbau) ohne Getreidebau nicht mit Vorteil betrieben werden kann, weil das Stroh für die Haltung der Tiere und für die Düngerproduktion ꝛc. nicht zu entbehren und nicht zu er⸗ ſetzen iſt. Dabei gewinnt die Schweiz auf ihren zahlreichen Ried⸗ und Moosflächen zwei Streuſurrogate, die den benachbarten Ländern gänzlich fehlen oder wenigſtens nicht in gleichem Verhältnis zur Ver⸗ fügung ſtehen; und überdies geſtattet die flüſſige Düngung, die ſchon aus Mangel an fließendem Waſſer nicht allgemein durchführbar iſt, eine erhebliche Erſparnis an Streumaterial. Überall, wo die Stallfütterung die eigentliche Stallmiſtbereitung bedingt, iſt das Stroh in der Wirtſchaft ebenſo unentbehrlich wie im Hauſe das Brot. Die Wahrheit dieſes Satzes erkennt man erſt recht, wenn das Stroh fehlt. Ein anderer alter Erfahrungsſatz lautet: Um den Strohbedarf in der Wirtſchaft zu decken, iſt im allgemeinen auf Mittelboden die Beſtellung der halben Gutsfläche mit Halmgewächſen erforderlich. Wie ſollte aber dieſer Bedarf an Stroh gedeckt werden, wenn wir kein Getreide mehr anbauen wollten? Angenommen alſo auch, wir könnten all' unſer Brotkorn von auswärts beziehen, ſo müßten wir doch der Stroh⸗ gewinnung wegen den Getreidebau beibehalten, und zwar, da wir im ganzen genommen eher Mangel als Überfluß an Stroh haben, etwa in derſelben Ausdehnung wie bisher. Natürlich würde der Getreide⸗ bau bei Bevorzugung der Strohproduktion noch viel weniger rentieren, als wenn, wie bisher, das Korn das Hauptprodukt, das Stroh da⸗ gegen nur das Nebenprodukt iſt. f Am allerwenigſten können Deutſchland und Frankreich daran denken, den Getreidebau aufzugeben. Sie ſind durch Boden und Klima ſchlechterdings auf dieſe Kultur angewieſen, womit nicht geſagt ſein ſoll, daß andere Kulturen ausgeſchloſſen wären. Vielmehr iſt dieſen Ländern durch die natürlichen Bedingungen ein angemeſſenes, nach der Ortlichkeit wechſelndes Verhältnis zwiſchen Getreidebau, Futterbau, Hackfruchtbau, Handelsgewächsbau, Weinbau, Wieſenbau und Waldbau vorgeſchrieben; aber der Getreidebau bildet hier ein notwendiges Glied in der Kette, er muß, ſchon um die Vorteile des Fruchtwechſels nicht preis⸗ zugeben, nach wie vor ein Hauptzweig des Wirtſchaftsbetriebes bleiben. Die Konkurrenz, an der außer Amerika auch Auſtralien, Rußland und Indien beteiligt iſt,(und die ſich nicht allein auf den Getreidebau, ſondern auch auf den Futterbau und auf die Viehzucht erſtreckt) hat ja immerhin das Gute, daß ſie den Preis der notwendigſten 28 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen. Nahrungsmittel auf mäßiger Höhe hält und daß ſie der Hungersnot vorbeugt, indem der Handelsverkehr den irgendwo vorhandenen Über⸗ fluß an Ackerbau⸗ und Viehzuchtprodukten ſofort dahin ſchafft, wo durch Mißwachs oder durch Zunahnie der Bevölkerung ein Mangel eintritt. Die Induſtrieländer des weſtlichen Europas ſind zum Teil gar nicht mehr im ſtande, auf dem eigenen Grund und Boden ſo viel Ge⸗ treide zu produzieren, wie zur Ernährung der Bevölkerung notwendig iſt. Voraus gilt das für die Schweiz, für Belgien und für Eng⸗ land. Aber auch in Deutſchland, Italien und Frankreich genügt die eigene Produktion nicht für den Bedarf, und ſelbſt Oſterreich⸗-Ungarn muß in ſchlechten Jahren den Ausfall durch Einfuhr decken. Hieraus ergiebt ſich erſtens, daß ein hoher Schutzzoll auf Ge⸗ treide für die Länder des weſtlichen Europas bedenklich, und zweitens, daß der Getreidebau in dieſen Ländern keineswegs überflüſſig iſt. Andererſeits iſt es ſelbſtverſtändlich, daß die inländiſche Land⸗ wirtſchaft zu Grunde gehen muß, wenn die Preiſe für Brotkorn(und Fleiſch) durch die ausländiſche Konkurrenz unter die Produktionskoſten herabgedrückt werden. Deshalb erſcheint, ſo ſehr man im allgemeinen auch dem Frei⸗ handel das Wort reden wird, ein mäßiger Schutzzoll auf Getreide (und Fleiſch), insbeſondere für Deutſchland und Frankreich als ein Gebot der Selbſterhaltung. Der Freihandel wäre nur dann praktiſch durchführbar, wenn alle Staaten der Welt ſämtliche Zölle, wenigſtens ſämtliche Schutzzölle aufheben würden, was vorausſichtlich ſo bald nicht eintreten wird. So lange Amerika unſeren Induſtrieprodukten durch hohe Schutzzölle die Einfuhr erſchwert, haben wir das Recht und die Pflicht, die landwirtſchaftlichen Produkte, für die es Abſatz bei uns ſucht, gleichfalls mit Schutzzöllen zu belegen. „Auf Bereicherung der Landwirte, und namentlich der Grund⸗ beſitzer“) darf es dabei nicht abgeſehen ſein, denn das geſchähe zum ¹) Julius Kühn hat in ſeiner Schrift: Die Getreidezölle in ihrer Be⸗ deutung für den kleinen und mittleren Beſitz— die Schrift erſchien im März 1885— den intereſſanten Nachweis geleiſtet, daß der größere und Großgrund⸗ Beſitz noch nicht ganz ½ der landwirtſchaftlich benutzten Fläche des deutſchen Reiches umfaßt, während dem mittleren und kleineren Beſitz(mit Gütern von 2— 100 ha Größe) zuſammen über 70% der Geſamtfläche zufallen; und daß der Betrag, der nach Deckung des eigenen Bedarfes von der geſamten Ernte der Halm⸗- und Hülſenfrüchte zum Verkauf kommt, für den ein Areal über 100 ha umfaſſenden größeren und Großgrundbeſitz 57,63%, für den mitt⸗ leren Beſitz oder den der Großbauern, mit 20— 100 ha Fläche 51,1%, für den Beſitz der Mittelbauern mit 5— 20 ha rund 50%, und für den Kleinbeſitz mit 2— 5 ha Fläche 34,05% durchſchnittlich ausmacht. Im Südweſten Deutſch⸗ lands liefert ſogar die gleiche Fläche landwirtſchaftlich benutzten Bodens bei dem bäuerlichen Beſitz von 5—20 ha ebenſo viel, ſelbſt eher noch etwas mehr Getreide auf den Markt, als ein für den Großgrundbeſitz des Nordoſtens typiſches Gut. Präziſer kann das völlig gleiche Intereſſe an der Zollerhöhung und die völlig gleiche Leiſtungsfähigkeit für Verſorgung des Getreidemarktes zwiſchen bäuerlichem Grundbeſitz und Großgrundbeſitz nicht zum Ausdruck kommen. 3. Verbreitung und Bedeutung der Getreidearten. 29 Schaden der großen beſitzloſen Maſſen. Die Zölle ſollen nur dem immer weiteren und raſcheren Fortſchritt der Einfuhr entgegenwirken, indem ſie den Gewinn des auswärtigen Produzenten vermindern“ (Frantz). In gewiſſem Sinne wird hiermit ſelbſt den auswärtigen Produ⸗ zenten ein Dienſt geleiſtet. Denn„die ſtürmiſche Originalität des Handelns und Verfahrens“, auf die der Amerikaner ſo ſtolz iſt, ſie iſt mit einer geſunden und nachhaltigen Entwicklung unvereinbar. Die dortige Landwirtſchaft, die die unſerige gegenwärtig zu erdrücken droht, iſt ein fabrikmäßiger Raubbau mit Dampfbetrieb. Je ſtür⸗ miſcher und großartiger er betrieben wird, deſto ſchneller hat er ſein Ende erreicht. Einzelne Weizenkönige werden reich dabei, das Land wird arm. Der ganze Oſten iſt bereits ausgeraubt. Der Zug geht nach dem Weſten, wo das Geſchäft zur Zeit noch blüht; aber die Vor⸗ poſten der Armee ſind bereits am Felſengebirge angelangt. Die Fläche des jungfräulichen Bodens nimmt ebenſo rapid ab, wie die Zahl der Bevölkerung zunimmt. Es iſt ein Vorgang, wie auf dem Schild des Achilles, wo die Schnitter, in zwei Haufen geteilt, das Erntefeld von den entgegengeſetzten Seiten in Angriff nehmen; je eifriger ſie arbeiten, deſto ſchneller treffen ſie in der Mitte zuſammen. Die Zeit iſt abzuſehen, wo Amerika alle ſeine Ackerbau- und Viehzucht⸗ produkte ſelbſt braucht, wo es folglich an Europa nichts mehr abgeben kann. Geht es ebenſo ſtürmiſch fort, wie in den letzten Jahren, dann kann dieſer Zuſtand ſchon in einigen Jahrhunderten erreicht werden. Inzwiſchen könnte aber die weſteuropäiſche Landwirtſchaft ſamt der ganzen Kultur, die ſich auf ſie ſtützt, zu Grunde gerichtet ſein. Iſt es deshalb an der Zeit— ſo ſchrieben wir im Dezember 1884, als bald darauf, faſt gleichzeitig in Frankreich und Deutſchland die Zollerhöhung erfolgte— durch mäßige Schutzzölle dem Nieder⸗ gang der weſteuropäiſchen Landwirtſchaft vorzubeugen, ſo dürfen wir uns doch nicht der Hoffnung hingeben, daß durch dieſe Maßregel die Kriſis, in der wir uns befinden, vollſtändig beſeitigt werden kann. Auch nach Erhöhung der Einfuhrzölle— die Zeit hat gelehrt, daß wir die Verhältniſſe richtig beurteilt haben— wird die Lage eine ſchwierige bleiben, weil die enorme Entwicklung des Verkehrs es unſeren Konkurrenten auch dann noch ermöglicht, die Produkte ihres fruchtbaren, billigen und, ſozuſagen, unbeſteuerten Bodens zu einem Preiſe auf unſere Märkte zu liefern, den die weniger gut ſituierten Grundbeſitzer und Pächter nicht auszuhalten im ſtande ſind. Dagegen kann die Erhöhung der Getreidezölle die Wirkung haben, daß die Landwirte, die Arbeit und Kapital auf den preiswürdig er⸗ worbenen und mäßig belaſteten Grund und Boden in rationeller Weiſe verwenden, den Kampf der Konkurrenz be⸗ ſtehen und nach wie vor Befriedigung und Freude in ihrem Berufe finden, ſofern ſie eingedenk des alten Spruches ſind: Im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brot eſſen. Sweiter AÄbſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Um für den Anbau des Getreides die naturwiſſenſchaftliche Grund⸗ lage zu gewinnen, müſſen wir uns vor allem mit der Entwicklung der betreffenden Pflanzen bekannt machen. Da die vorliegende Schrift jedoch für eine beſtimmte Gegend, nämlich für das mittlere Europa, insbeſondere für das Gebiet des deutſchen Reiches berechnet iſt, ſo ſchließen wir die Getreidearten, die für dieſe Gegend keine Bedeutung haben, von der Betrachtung aus: Reis, Durra, Dochen, Korakan (Daguſcha), Tef. Das Kanariengras laſſen wir als untergeordnet hier ebenfalls beiſeite; und Mais, Hirſe und Fennich berückſichtigen wir auch nur nebenbei, um unſeren Hauptgetreidearten: Weizen, Roggen, Gerſte und Hafer um ſo mehr Raum widmen zu können. Die verſchiedenen Stufen der Entwicklung: Keimen, Wachſen, Blühen, Reifen gehen ſo allmählich und unmerklich in einander über, daß man nirgends einen beſtimmten Anfang oder ein beſtimmtes Ende zu erkennen vermag. Selbſt mit der Fruchtreife gelangt die Ent⸗ wicklung nicht zu einem definitiven Abſchluß, ſondern nur zu einem vorübergehenden Stillſtand; denn die gezeitigte Frucht enthält den Keim, der ebenſowohl ein Teil der alten wie der neuen Pflanze, ebenſowohl Anfang wie Ende und Mitte der Entwicklung iſt. Immer⸗ hin bietet das Erwachen aus der Samenruhe und die Regung des neuen Lebens, wie es mit der Keimung eintritt, einen natürlichen Ausgangspunkt. Demgemäß wollen wir der Betrachtung nachſtehende Einteilung zu Grunde legen: . Die Keimung. 2. Die Bewurzelung. Die Beſtockung. Das Schoſſen. Das Blühen. 6. Das Reifen. OuS Sn I. Die Keimung. a) Der anatomiſche Bau der Getreidefrucht. Das Samenkorn der Getreidegräſer iſt eine Frucht. Die Frucht beſteht aus drei Hauptteilen. Dieſe ſind: der Keimling, der Mehl⸗ 1. Die Keimung. 31 körper und die Schale. Der Keimling iſt die junge Pflanze; der Mehlkörper liefert der jungen Pflanze in der Periode der Keimung die Nahrung; und die Schale, die bei den beſpelzten Früchten(Gerſte, Hafer ꝛc.) durch die Spelzen verſtärkt wird, dient dem Keimling und dem Mehlkörper zum Schutze. Dieſe Andeutungen werden zur vorläufigen Orientierung genügen. Um einen Einblick in die Keimungsvorgänge zu erlangen, iſt es aber unerläßlich, die Frucht etwas näher zu betrachten. Dies wird am kürzeſten und deutlichſten an der Hand einiger Zeichnungen geſchehen. Fig. 15 zeigt den 20 fach vergrößerten Querſchnitt durch ein Weizenkorn(Triticum vulgare). Das Korn iſt auf der Rückenſeiter Fig. 15. Querſchnitt durch ein Weizenkorn(Triticum vulgare). r Rückenſeite, f Bauchſeite mit der Furche f.— m Mehlkörper, n Kleber⸗ oder Fermentſchicht; m und n zuſammen bilden das Endoſperm.— 1 luftführender Hohlraum. Vergrößerung 20 fach. gewölbt, auf der entgegengeſetzten Bauchſeite mit einer Furche t verſehen. Den weitaus größten Teil des Kornes nimmt der Mehl⸗ körper m ein, deſſen äußere Schicht von der Kleberſchicht n ge⸗ bildet wird. Der Mehlkörper mit der zugehörigen Kleberſchicht heißt auch das Endoſperm. Ringsherum iſt das Endoſperm von der Schale p eingeſchloſſen, die an der Furchenſeite tief ins Innere hinein⸗ geht, indem der Einſchnitt der Furche durch Vergrößerung des Mehl⸗ körpers zugewachſen, gewiſſermaßen überwallt iſt. Fig. 16 zeigt den 10 fach vergrößerten Längsſchnitt durch ein Weizenkorn. Der Schnitt iſt durch die Furche geführt; er halbiert das Korn der Länge nach genau in der Mitte. m iſt der Mehl⸗ körper mit der Kleberſchicht n; p iſt die Schale. Die Schale bedeckt auch den Keimling k, der ſich an der Rückenſeite der Frucht, und 32 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. zwar an dem unteren ſpitzen Ende befindet. Bei x, wo die Spitze des Keimlings anliegt, zeigt die Schale eine ſcharfe Einbiegung. In Fig. 17 iſt der Keimling(Embryo) des Weizens gleichfalls im Längsſchnitt, jedoch bei ſtärkerer Vergrößerung vollſtändiger dar⸗ geſtellt. Man ſieht am unteren Ende die Wurzel w mit der Wurzel⸗ haube wh, beide eingeſchloſſen von der großen Wurzelſcheide ws. Am oberen Ende ſitzt die aus mehreren Blättern beſtehende Knoſpe a, die ſich nach der Keimung zum Graskeim und weiterhin zum Halm ent— N Fig. 17. Längsſchnitt durch den Keimling des Weizens(Triticum vulgare). kk der Stamm des Keimlings mit dem Keimknoten.— w die Hauptwurzel mit der Wurzelhaube wh und der Fig. 16. Längsſchnitt durch ein Weizen⸗ Wurzelſcheide ws.— a die Hauptknoſpe; b eine korn(Triticum vulgare). k der Keim⸗ Seitenknoſpe; sb das die Knoſpen umhüllende ling oder Embryo. m der Mehlkörper. Scheidenblatt.— f die Keimſchuppe.— se das n die Kleber⸗ oder Fermentſchicht. p die Schildchen mit den Saugzellen e; bei x iſt der Schale, die bei x eine ſcharfe Einbiegung Rand des— childchens gefalzt.— m Mehlkörper, zeigt. h der Haarſchopf am oberen Ende n Kleberſchicht; p äußere, i innere Lage der der Frucht. Vergrößerung 10 fach. Schale. Vergrößerung 20 fach. wickelt. Sämtliche Blätter des Graskeims ſind von dem Scheiden⸗ blatt sb eingeſchloſſen, in deſſen Achſel eine zweite ganz kleine Knoſpe b zu bemerken iſt— ein Anfang der Beſtockung. In mittlerer Höhe des Keimlings, zwiſchen Wurzel und Graskeim, befindet ſich der Stamm mit dem Keimknoten kk. In dem Knoten kreuzen ſich die (mit ſchwachen Linien angedeuteten) Stränge der Gefäßbündel. Rechts außen an dem Stamm ſitzt ein ſchuppenförmiges Blatt, die Keim⸗ ſchuppe f. Links ſteht der Stamm in Verbindung mit dem großen Schildchen sc, in deſſen Höhlung der Keimling liegt. Die gewölbte Fläche des Schildchens berührt auf ihrer ganzen Ausdehnung den 1. Die Keimung. 33 Mehlkörper m; ſie berührt am oberen und unteren Rande auch die Kleberſchicht n. Der obere Rand des Schildchens iſt bei x deutlich gefalzt und die innere Schicht der Schale i liegt dem Falz des Schildchens dicht und feſt an. Die Halmſpitze des Keimlings liegt hart neben dem Falz. Fig. 18 zeigt den Keimling von außen und oben geſehen. Die äußere Haut der Schale iſt fortgenommen. Die innere Haut i der Schale iſt über dem Keimling ebenfalls entfernt. Ringsherum um den Keimling aber ſitzt ſie ſo feſt, daß ſie nicht abgezogen werden kann, ohne das Schildchen sc zu verletzen. Sie bedeckt den größeren Teil des Schildchens, läßt aber den ſchwach gewellten Rand(in der Zeichnung) dem Auge frei. Fig. 18. Keimling des Weizens(Triti- Fig. 19. Keimling des Riſpenhafers, Avena sativa cum vulgare) von außen geſehen wi w Hauptwurzel mit ihrer Wurzelhaube wh und der Hauptwurzel, we und wa Seitenwurzeln; Wurzelſcheide ws.— w eine Seitenwurzel mit alle drei von Wurzelſcheiden eingeſchloſſen. ihrer Wurzelſcheide.— f Keimſchuppe.— a Haupt⸗ Zwiſchen we und wa die Keimſchuppe. knoſpe, eingeſchloſſen von dem Scheidenblatt sb.— sb das Scheidenblatt, am oberen Ende XxX Einbiegung der Fruchtſchale p an dem gefalzten mit einer kleinen Offnung. i die braun⸗ Rand des Schildchens sc. e Saugzellen des gefärbte innere Lage der Schale, sc das Schildchens.— n Kleber⸗ oder Fermentſchicht, m Schildchen. Vergrößerung 15 fach. ſtärkemehlführende Zellen des Endoſperms. Ver⸗ größerung 20 fach. Am unteren Ende des Embryos ſieht man die Anſchwellung der Hauptwurzel wi, und rechts und links die Anſchwellungen zweier Seitenwurzeln we und wa. Die Wurzeln ſelbſt ſind jedoch nicht ſicht— bar, weil ſie von den Wurzelſcheiden bedeckt ſind. In der Mitte zwiſchen den beiden Seitenwurzeln ſitzt die Keimſchuppe. Am oberen Ende des großen und breiten Scheidenblattes sb bemerkt man eine kleine Bffnung, durch die nach der Keimung die Spitze des Gras⸗ keimes hervortritt. So iſt der Embryo des Weizens nebſt dem Schildchen beſchaffen. Bei den übrigen Getreidearten ſind die Organe im weſentlichen ebenſo geſtaltet. Zum Vergleich zeigt Fig. 19 den Embryo des Hafers (Avena sativa). Die Spelze, die die Fruchtſchale umhüllt, iſt nicht Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 3 34 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. mit gezeichnet. Am meiſten abweichend geformt iſt das Schildchen se, das hier nach oben hin viel mehr verlängert iſt, als beim Weizen. Außer der Hauptwurzel w iſt hier auch eine Seitenwurzel wi zu ſehen. Der Embryo des Roggens und der Gerſte unterſcheidet ſich durch das Fehlen der Keimſchuppe und außerdem durch die Zahl der Würzelchen. Der Roggen hat nämlich 4—5, die Gerſte 5—8 Würzelchen am Keimling. Man vergleiche die betreffenden Figuren im beſonderen Teil des dritten Abſchnitts. Nächſtdem haben wir uns den Mehl- oder Endoſpermkörper etwas genauer anzuſehen, aus dem der Embryo bei der Keimung die Nahrung bezieht. Wir nehmen auch die Schale mit hinzu, ohne auf ihren komplizierten Bau näher einzugehen. Fig. 20. Teil eines Querſchnitts durch ein Weizen⸗ Fig. 21. Kleber⸗ oder Fermentſchicht korn(Triticum vulgare). m Stärkemehlzellen. des Weizens Triticum vulgare, von Die Stärkekörner eingebettet in eine ſtickſtoffhaltige oben geſehen. Im Innern der Zellen Grundmaſſe. n Kleberſchicht, o äußere, ch, i und bemerkt man den Zellkern. Vergrößerung e innere Lagen der Schale. i das braungefärbte 200 fach. Integument. e überreſt(Oberhaut) des Eikerns. Die Erklärung dieſer Schichten folgt ſpäter. Ver⸗ größerung 200 fach. Fig. 20 zeigt einen Teil des Querſchnitts durch ein Weizenkorn bei 200 facher Vergrößerung. Bei m ſehen wir das Zellgewebe des Mehlkörpers. Jede Zelle bildet einen allſeitig geſchloſſenen, äußerſt feinhäutigen Sack, der dicht angefüllt iſt mit größeren und kleineren Stärkemehlkörnern. Die ſchneeweißen Stärkemehlkörner ſind einge⸗ bettet in eine ſchwach braungelb gefärbte(in der Zeichnung dunkel gehaltene) ſtickſtoffhaltige Grundmaſſe.(Bei Anwendung von Jod färben ſich die Stärkekörner ſchön blau, die ſtickſtoffhaltige Zwiſchen⸗ ſubſtanz zwiſchen ihnen deutlich gelb.)— Mit den Stärkemehlzellen ſteht nach außen hin in organiſcher Verbindung die Kleber- oder Fermentſchicht n, deren Zellwände(in Fig. 21 von oben geſehen) ſtark verdickt, aber nicht verholzt ſind. 1. Die Keimung. 35 Die Kleberſchicht bildet ſo in dem ganzen Umkreis des Endoſperm⸗ körpers gleichſam eine wohlgefügte Mauer um die zarteren Stärke⸗ mehlzellen. In der Kleber⸗ oder Fermentſchicht wird der Inhalt der Zellen von kleinen ſtickſtoffhaltigen Körnern gebildet, zwiſchen denen man bei ſtarker Vergrößerung eine andere, gleichfalls ſtickſtoffhaltige Subſtanz erkennt. Die Teile, die ſich nach außen hin an die Kleber- oder Ferment⸗ ſchicht anſchließen, in Fig. 20 mit e, i, ch und o bezeichnet, faſſen wir der Kürze wegen unter dem Ausdruck„Schale“ oder„Frucht⸗ ſchale“ zuſammen. Wir bemerken dazu nur folgendes. i iſt die braungefärbte Schicht, die der Schicht ch feſt anliegt. o iſt die äußere Schicht, die ſich leicht von dem Korn abziehen und von der Schicht ch trennen läßt. Die Zellwände der Schichten o und ch Fig. 22. Teil eines Querſchnittes durch ein Gerſtenkorn(Hordeum distichum). m Stärke⸗ mehlzellen, n Kleber⸗ oder Fermentſchicht des Endoſperms. p Fruchtſchale. sp Spelze. Ver⸗ größerung 150 fach. ſind ſehr ſtark verdickt und verholzt. Außerdem kreuzen ſich die Zell— wände der Schichten o, ch und i in verſchiedenen Richtungen. Durch beides wird die Feſtigkeit der Schale weſentlich bedingt. Die vorſtehende Beſchreibung gilt zunächſt für den Weizen, ſie kann aber Wort für Wort auch auf den Roggen bezogen werden. Als Beiſpiel für die beſpelzten Früchte wählen wir die Gerſte (Hordeum distichum). In Fig. 22 iſt sp die Spelze, p die Frucht⸗ ſchale. Beide ſind durch Druck ſo feſt aneinandergepreßt, daß ſie wie ein Ganzes erſcheinen. Die Fruchtſchale p der Gerſte iſt viel dünner, als die Schale des Weizens(Fig. 20), aber Spelze und Fruchtſchale zuſammen haben bei der Gerſte dieſelbe, meiſt eine größere Dicke, wie die Fruchtſchale des Weizens für ſich allein. Im allgemeinen kann man ſagen, daß der Schutz der inneren Fruchtteile bei den beſpelzten 9 3 36 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Getſeidendten etwas mehr geſichert iſt, als bei den unbeſpelzten oder nackten. Die Stärkemehlzellen m der Gerſte ſtimmen im weſentlichen mit denen des Weizens überein. Auch die Kleber⸗ oder Fermentſchicht n iſt in der Hauptſache ebenſo gebildet wie beim Weizen; nur beſteht der Unterſchied, daß dieſe Schicht bei der Gerſte aus drei bis vier Zellreihen, bei dem Weizen dagegen nur aus einer Zellreihe zuſammen⸗ geſetzt iſt. Jedoch finden wir auch beim Weizen, beſonders in der Nähe des Keimlings, in der betreffenden Schicht mehr als eine Zell⸗ reihe. Ähnlich wie mit dem Weizen. verhält es ſich mit dem Roggen, dem Hafer, dem Mais und der Hirſe, die alle eine größtenteils einreihige Kleber⸗ oder Fermentſchicht beſitzen. Fig. 23. Eine Endoſpermzelle aus dem glaſigen Teil des Maiskorns(Zea Mays). Die polyedriſchen Stärkekörner ſind durch eine ſtickſtoffhaltige Grundmaſſe zuſammengekittet, und jedes Stärkekorn zeigt im Innern einen ſternförmigen luftführenden Hohlraum. Ver⸗ größerung 450 fach. Fig. 24. Eine ſtärkemehlführende Endoſperm⸗ zelle aus einem gequollenen Roggenkorn (Secale cereale). Zwiſchen den meiſt linſen⸗ förmigen größeren und kleineren Stärkekörnern befinden ſich, eingebettet in eine ſtickſtoffhaltige Grundmaſſe, äußerſt kleine Proteinkörner. Vergrößerung 450 fach. Sämtliche Getreidefrüchte kommen hiernach darin überein, daß die größte Menge der ſtickſtoffhaltigen Subſtanzen in der peripheriſchen Schicht des Endoſperms aufgeſpeichert iſt. Selbſt in den Stärkemehl⸗ zellen iſt die Menge der ſtickſtoffhaltigen Subſtanz in den äußeren Partieen des Endoſperms viel beträchtlicher, als in den inneren. Dies ſteht zum Teil mit der Größe der Stärkekörner im Zuſammenhange. Demgemäß nimmt der Proteingehalt des Getreidekorns von innen nach außen, der Stärkemehlgehalt dagegen umgekehrt von außen nach innen zu. Um die feinere Struktur der Stärkemehlzellen zu veranſchaulichen, iſt in Fig. 23 eine Zelle aus dem Endoſperm des M aiſes, und in 1. Die Keimung. 37 Fig. 24 eine ſolche aus dem Endoſperm des Roggens, beide bei 450 facher Vergrößerung, dargeſtellt. Bei dem Mais(Fig. 23) ſind die Stärkekörner in dem glaſigen Teil des Endoſperms ſehr dicht gedrängt und durch gegenſeitigen Druck unregelmäßig vielſeitig(polyedriſch) geſtaltet. Sie berühren ſich indeſſen nicht unmittelbar, indem ſie durch äußerſt dünne Streifen einer ſtickſtoffhaltigen Maſſe getrennt und zugleich zuſammengekittet ſind. Im Innern der einzelnen Stärkekörner befindet ſich ein kleiner ſternförmiger Hohlraum. Bei dem Roggen(Fig. 24) variieren die Stärkekörner mehr in ihrer Größe. Auch iſt ihre(oft linſenförmige) Geſtalt eine andere, ſonſt iſt aber der Bau der betreffenden Zellen ſehr ähnlich wie bei dem Mais und den übrigen Getreidearten. Allgemein findet ſich zwiſchen den einzelnen Stärkekörnern eine ſtickſtoffhaltige Zwiſchen⸗ ſubſtanz, meiſt in feinen Bändern oder Platten, hier und da, beſonders in der Nähe der Zellwände, aber auch in kleinen Körnchen. Jedoch beſtehen jene Platten, obwohl ſie in den reifen Getreidefrüchten dicht und homogen erſcheinen, ebenfalls aus feinkörnigem Protoplasma. b) Die chemiſche Zuſammenſetzung der Getreidefrucht. Nach dieſen Betrachtungen wird man ſich eine Vorſtellung von dem Bau der Getreidefrucht machen können. Auch läßt ſich auf Grund der mikroſkopiſchen Unterſuchung die Menge und Verteilung der ver⸗ ſchiedenen Stoffe ſchon einigermaßen beurteilen. Zur Ergänzung fügen wir die Zahlen für die mittlere Zuſammenſetzung der wichtigeren Ge⸗ treidefrüchte hinzu, wie ſie durch die chemiſche Analyſe ermittelt und von C. Lehmann im landwirtſchaftlichen Kalender von Menzel und v. Lengerke für 1899 zuſamengeſtellt ſind. Mittlere Zuſammenſetzung der Getreidefrüchte. 8:2 5 2 4 5 Fruchtart. S 5ͤ55 2 S 1= ‿5= 2 5 S 5S 1 „ 0 0o O6%% Weizen........ 6 7, 12,5 2,0 2,3 L,, lAadl. Dinkel mit Spelzen... 53,5 10,0 1,5 16,5 3,7 14,8 „ ohne„ 66,8 13,5 2,0 1,5 1,4 14,5 Roggen.. 68,7 11,0 240 2,5 1,8 14,0 Gelſte...... 67,7 9,5 2,1 3,9 2,2 14,3 Hafer........ 538,0 10,5 4,8 10, 2, 13,5 Mai........ 68,6 10,1 4,f 2 ,3 1,2 12,7 Hinſe........ 57,4 11.8 V 40 9,5 3,0. 140 1 38 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Die chemiſche Analyſe lehrt uns, daß die ſtickſtofffreien Ex⸗ traktſtoffe in den Früchten aller Getreidearten weitaus vorherrſchen. Sie beſtehen hauptſächlich aus Stärkemehl, das ſich in dem Endo⸗ ſpermkörper aufgeſpeichert findet. Die Menge iſt bei allen Getreide⸗ arten ziemlich gleich; die Zahlen würden noch genauer übereinſtimmen, wenn nicht einige der Getreidefrüchte nackt, andere mit Spelzen be⸗ kleidet wären. Daß hierauf die Verſchiedenheit der Zahlen für die ſtickſtofffreien Extraktſtoffe größtenteils zurückzuführen iſt, zeigen die Zahlen für den Gehalt an Rohfaſer. Je höher die Zahl für die Rohfaſer, deſto niedriger iſt die Zahl für die ſtickſtofffreien Extrakt⸗ ſtoffe. Natürlich, denn in der Zahl für die Rohfaſer kommt das Ge⸗ wicht der Fruchtſchale ſamt Spelzen zum Ausdruck. Einigermaßen ſpricht auch in dieſen wie in anderen Beziehungen die Verſchiedenheit in der Größe der Körner mit, indem bei kleinen Körnern das Ge⸗ wicht der Schale verhältnismäßig beträchtlicher iſt, als bei großen. Im Proteingehalt, der nur den 5. bis 6. Teil von dem Stärkemehlgehalt ꝛc. ausmacht, kommen die Früchte der verſchiedenen Getreidearten ebenfalls ſehr nahe überein. Wir haben bereits erwähnt, daß die Proteinſtoffe in den Endoſpermzellen vertreten ſind, und zwar in den äußeren Partieen des Endoſpermkörpers reichlicher, als in den inneren. Nachzutragen bleibt noch, daß auch das Zellgewebe des Keimlings und des Schildchens, abgeſehen natürlich von den Zell⸗ wänden, überwiegend aus ſtickſtoffhaltiger Subſtanz beſteht, während das Stärkemehl in dieſen Organen fehlt. Dafür iſt in den Zellen des Keimlings das Fett relativ reich⸗ licher abgelagert, als in den übrigen Teilen der Frucht. Nach Fr. Haberlandtu) enthielten nämlich die vom Endoſperm ſorgfältig abgelöſten Keime des Weizens.... 14,25% Fett 5„ Roggens 172,37„„ „ der nackten Gerſte.. 22,42„„ „ des nackten Hafers.. 25, ,1„„ „ Maiskorns... 32,94„ Den Fettgehalt des Endoſperm- oder Mehlkörpers hat H. nicht beſonders beſtimmt. Doch läßt ſich aus den vorliegenden Zahlen ſchließen, daß der Fettgehalt des ganzen Korns dem des Mehlkörpers parallel geht. Weitaus am reichſten an Fett ſind demnach Hafer, Mais und Hirſe; ſpärlicher iſt das Fett vertreten in Gerſte, Roggen, Weizen und Spelz. Ein Teil des Rohfettes iſt auf Rechnung der in der inneren Schicht der Schale abgelagerten Farbſtoffe zu ſchreiben; der Atherauszug aus milchreifen Weizenkörnern zeigt eine grünliche, der aus gelbreifen eine gelbliche und der aus totreifen eine bräunliche Farbe. Die Mineralbeſtandteile ſind durch die ganze Subſtanz der 2) Fr. Haberlandt, Wiſſenſchaftlich-praktiſche Unterſuchungen, 1875, S. 141. 1. Die Keimung. 39 Getreidefrucht verteilt, aber nur in geringer Menge. Wie aus obiger Tabelle zu erſehen, ſind die Zahlen für den Aſchengehalt bei den be⸗ ſpelzten Früchten: Spelz, Gerſte, Hafer, Hirſe höher, als bei den nackten: Weizen, Roggen, Mais. Folglich ſteckt ein relativ beträcht⸗ licher Teil der Mineralſubſtanz in den Spelzen. Das zeigen ſehr deutlich die Zahlen für den Dinkel, bei dem 2,3% der Aſche auf die Spelzen und 1,4% auf die nackten Körner entfällt. Der mittlere Waſſergehalt in dem lufttrockenen Korn ſtellt ſich bei allen Getreidearten annähernd gleich. Hieran anſchließend haben wir noch des Luftgehaltes der Ge⸗ treidekörner zu gedenken. Durch die Unterſuchung mit der Lupe und mit dem Mikroſkop können wir uns überzeugen: daß namentlich die verholzten Zellen der Spelzen und der Schale(Fig. 20 und Fig. 22 bei!) reichlich Luft führen; daß zwiſchen Keimling und Schale ein größerer Luftraum ſich befindet; daß in vielen Körnern der Länge nach mitten durch das Korn ein weiterer oder engerer Luftkanal ver⸗ läuft(Fig. 15 bei!); daß auch in den Zellen des Endoſperms(be⸗ ſonders der Kleberſchicht), ſowie in und zwiſchen den Zellen des Keim⸗ lings und des Schildchens eine große Menge kleiner Luftblaſen ein⸗ geſchloſſen iſt. Einigermaßen läßt ſich der Luftgehalt beurteilen, wenn beſtimmte Gewichtsmengen der Körner in Waſſer verſenkt, unter der Luftpumpe luftleer gemacht und darauf ſorgfältig abgetrocknet wiederum gewogen werden. Die Gewichtszunahme iſt durch das Waſſer bewirkt worden, das die früher lufterfüllten Räume einnimmt. Eine größere Waſſer⸗ aufnahme wird einem größeren, eine geringere dagegen einem ge⸗ ringeren Anteil an lufterfüllten Räumen entſprechen. Nachſtehend ſind die Zahlen aufgeführt, die Fr. Haberlandt') für die Waſſermenge fand, die während einer Viertelſtunde unter der Luftpumpe in die Körner eingetreten war. Waſſeraufnahme in Prozenten des Körnergewichts Weizen, weicher, aus Böhmen.. 10,2 „„„ Auſtralien.. 13,7 „ harter,„ Ungarn. 9,4 Roggen.. 141930 Gerſte, beipelzte...... 105, „ ndckte... 13,5 Fahnenhafer mit Spelzen.... 32,3 „ ohne„... 11,8 Riſpenhafer mit Spelzen.... 27,4 3 ohne„.. 10,9 Mais, großkörnig...... 83,6 „ kleinkörnig... 70 Sirſe.....ü.. 11,9 ¹) A. a. O. S. 105. 40 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Aus den Zahlen iſt zu erſehen, daß die lufterfüllten Räume, zu⸗ ſammengenommen, in den beſpelzten Früchten größer ſind, als in den nackten. Am höchſten iſt der Luftgehalt bei dem Hafer, was darauf zurückzuführen, daß die Spelzen, die ihrerſeits ſelbſt viele Lufträume enthalten, dem behaarten Kern nicht ſo dicht anliegen, wie es z. B. bei der Gerſte der Fall iſt. Schließlich bemerken wir noch, daß die Luft in den kleinen Hohl⸗ räumen der Getreidekörner, ebenſo wie in anderen poröſen Körpern, in verdichtetem Zuſtand ſich befindet. ¹) c) Die Phyſiologie der Keimung. Nunmehr haben wir die erforderliche Grundlage gewonnen, um den Keimungsvorgang mit Verſtändnis verfolgen zu können, und da wir alles mit Bedacht hierauf vorbereitet haben, ſo dürfen wir uns jetzt um ſo kürzer faſſen. Das geſunde und lebensfähige Samenkorn findet die Bedingungen der Keimung, wenn wir es zur geeigneten Jahreszeit flach in die ge⸗ lockerte Erde legen. Das wiſſen oder hoffen wir, aber wir kümmern uns meiſt nicht darum, wie die Sache eigentlich zuſammenhängt und zugeht. Und doch iſt dies wiſſenſchaftlich ſehr intereſſant und praktiſch ſehr wichtig. Die bekannten Bedingungen der Keimung ſind: Waſſer, Wärme und Sauerſtoff. Das Waſſer fällt vom Himmel. Die Wärme kommt von der Sonne. Der Sauerſtoff iſt ein Beſtandteil der Luft. Der ge⸗ lockerte, durchlüftete Erdboden enthält ebenfalls Sauerſtoff. Von jenen drei Bedingungen iſt die eine ſo notwendig wie die andere. Keine darf fehlen. Alle drei müſſen vereint wirken, ſonſt findet keine Keimung ſtatt. Auch müſſen die drei Bedingungen im richtigen Maß und Verhältnis gegeben ſein, ſonſt unterbleibt die Keimung ebenfalls, oder ſie verläuft wenigſtens nicht ſo, wie wir es wünſchen. Ein Zuviel an Waſſer, Wärme oder Sauerſtoff iſt ebenſo ſchädlich, wie ein Zuwenig. Im beſonderen mag über dieſe Verhältniſſe folgendes bemerkt werden. 1. Waſſer.— Die erſte Bedingung der Keimung iſt Waſſer. Das Samenkorn hat an jedem Punkt ſeiner Oberfläche die Fähigkeit, das Waſſer, mit dem es in Berührung kommt, langſam aber kräftig einzuziehen. Der Grund hierfür liegt in ſeiner Trockenheit, aber weſent⸗ lich auch in dem Bau und Stoff ſeiner Hüllen und Zellwände. Die Hüllen, d. h. die Spelzen oder die Schalen nehmen das Waſſer von außen auf, indem ſie es den Bodenteilchen entreißen; die Zellwände leiten es von Zelle zu Zelle bis tief ins Innere, indem die bereits durchtränkten feuchteren Stellen des Samenkorns einen Druck, die trockneren einen Zug ausüben, dem das Waſſer folgt oder nachgiebt. So füllt ſich das Korn im Verlauf einiger Tage durch und durch mit ¹) A. Nowacki, Unterſuchung. über das Reifen des Getreides, 1870, S. 62. 1. Die Keimung. 41 Waſſer. Dabei nimmt jede Zelle und folglich auch das ganze Korn an Größe zu, das Endoſperm wird weich, der Keimling zeigt erhöhten Glanz, die Schale glättet, dehnt und ſpannt ſich, mit einem Wort, das Korn quillt. Die Menge Waſſer, die das Getreidekorn zur Quellung bedarf, iſt durch Verſuche genauer feſtgeſtellt worden. Fr. Haberlandt') legte 100 Körner in Waſſer, das täglich mehrere Mal erneuert wurde, und nahm ſie täglich heraus, um ſie ober⸗ flächlich abzutrocknen und zu wägen. Aus dieſen Gewichten ließ ſich die Waſſeraufnahme in Prozenten von dem Gewicht der lufttrocknen Körner berechnen. Das Reſultat enthalten die folgenden Zahlen, die wir der überſichtlichkeit wegen abgerundet haben. Waſſeraufnahme in Prozenten nach Tagen: 1. 2. 3. 4. 6. 5 8. Weizen... 31. 38 44 54 60 63 69 Roggen. 42 48 60 74 80 83 85 Gerſte. 37 43 49 55 65 67 68 Hafer 40 44 51 57 66 71 76 Mais. 25 33 36 38 40 42 50 Hirſe. 15 18 22 27 30 35 33 Aus den Zahlen tritt uns anſchaulich entgegen, was für ein Waſſerquantum die Körner Tag für Tag aufgenommen hatten. Nur inſofern läßt der Verſuch zu wünſchen übrig, als bei dem Einquellen unter Waſſer die Keimung nicht rechtzeitig erfolgte, ſo daß die Körner gezwungen waren, mehr Waſſer aufzunehmen, als ſie unter natürlichen Verhältniſſen zur Quellung bedürfen. Zum Vergleich fügen wir die hier ebenfalls abgerundeten Zahlen hinzu, die Rob. Hoffmann und Fr. Nobbe gefunden haben.²) Bis zum Hervorbrechen des Würzelchens nahmen Waſſer auf in Prozenten: nach Hoffmann nach Nobbe Weizen 145 60 Roggen.... 58— Gerſte. 48— Hafer 60— Mais 44 40 Hirſe.. 25— Wie man ſieht, ſind die; Zahlen hier durchweg niedriger, als oben. Es läßt ſich erwarten, daß die Körner bei der Quellung ungefähr ſo viel Waſſer aufnehmen, wie ſie bei dem Reifen abgegeben haben. Dieſes Quantum wird mindeſtens erforderlich, aber auch ausreichend ſein, um die Körner gleichmäßig zu durchtränken. Völlig ausgewachſene, in der Milchreife ſtehende Weizenkörner zeigten ³) einen Waſſergehalt ¹) Fr. Haberlandt, der allgem. landw. Pflanzenbau, 1879, S. 28. ²) Landw. Verſuchsſtationen, VII, 47. Nobbe, Handbuch der S Samen⸗ kunde, 1876, S. 119. 9) A. Nowacki, a. a. O. S. 39. 42 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. von 51 ½%. Das Mittel aus den beiden von Hoffmann und Nobbe gefundenen Quellungszahlen iſt 52 ½%. Bei milchreifen Roggen⸗ körnern fand ich einen Waſſergehalt von 62%. Die betreffende Quellungszahl iſt nach Hoffmann 58; nach Haberlandt am dritten Tage, an dem die Haberlandt'ſchen Zahlen mit dem Hoffmann'ſchen am beſten übereinſtimmen, aber ſchon 60. Daraus ergiebt ſich, daß die gemachte Vorausſetzung wenigſtens für den Weizen und für den Roggen zutrifft. 2. Wärme.— Die zweite Bedingung für die Keimung iſt Wärme. Es giebt für jede Getreideart ein Minimum, ein Maxi— mum und ein Optimum der Keimungstemperatur. Das Minimum iſt die untere, das Maximum iſt die obere Grenze der Temperatur, bei der ein Keimen noch möglich iſt. Zwiſchen dieſen beiden Grenzen, aber dem Maximum weit näher als dem Minimum, liegt das Optimum, worunter man die Temperatur verſteht, bei der die Keimung in der kürzeſten Zeit erfolgt.¹) Fr. Haberlandt hat über dieſe Verhältniſſe zahlreiche Verſuche angeſtellt, deren Ergebniſſe, ſoweit ſie hierher gehören, in folgender Tabelle verzeichnet ſind: Minimum Maximum Optimum der Keimungstemperatur bei Weizen..3—40 C. 30 320 C. 250 C. „ Noggen.... 12 30 25 „ Gerſte. 3 4 28— 30 20 „ Haſer 4 5 30 25 SN,. 80 40— 44 32— 35 Die Zahlen bedürfen kaum einer Erläuterung. Es mag nur darauf hingewieſen werden, daß die untere Grenze der Keimungstemperatur unter den hier berückſichtigten Getreidearten bei dem Roggen am tiefſten, bei dem Mais am höchſten liegt.— Aus den Zahlen iſt ferner zu ſchließen, daß die Keimung um ſo mehr Zeit beanſprucht, je mehr die Temperatur unter oder über dem Optimum bleibt. Wie die Keimung unterhalb des Optimum durch niedere Temperatur verzögert, durch höhere beſchleunigt wird(oberhalb des Optimum findet die Verzöge⸗ rung und Beſchleunigung im umgekehrten Sinne ſtatt) zeigen folgende Keimungsreſultate.*) ¹) Nach den Unterſuchungen v. Liebenberg’s„öÜber den Einfluß intermittierender Erwärmung auf die Keimung von Samen“(Bot. Central⸗ blatt, Nr. 14, 1884, S. 21) iſt die bisherige Anſchauung, einen beſtimmten Temperaturgrad als Optimum für die Keimung zu betrachten, aufzugeben oder wenigſtens zu modifizieren, und die bisherigen Keimverſuche bei konſtanter Temperatur ſind durch ſolche bei periodiſch wechſelnder Temperatur zu ergänzen, gemäß den Vorgängen(Wechſel von Tag und Nacht) in der freien Natur.. ²) Fr. Haberlandt, der allgem. landw. Pflanzenbau, 1879, S. 40. 1. Die Keimung. 43 Die Keimung k1 rfolgte mit dem Hervortreten des Würzelchens bei 40 C. bei 100 C. bei 150 C. bei 19⁰ C. bei Weizen... in 6 in 3 in 2 in 1 ¾ Tagen „ Noggen...„ 4„ 2 2 1„ 1 3 „ Gerſte„ 6„ 3 2„.. „ Hafer 7„ 3371„ 2271. 2 5 „ Mais,— 1111„ 3 ¼ 2 5„ „ Hirſe..„—„ 131/4„ 3 12.8 5 Wie man ſieht, erfolgte die Keimung des Weizens bei 4 C. erſt in 6 Tagen; bei 100 C. ſchon in 3 Tagen; bei 150 C. noch früher, nämlich in 2 Tagen; und am ſchnellſten erfolgte ſie, unter den hier benutzten Temperaturen, bei 19⁰° C., nämlich in 1 ¾ Tagen. Ä uyuidh verhielt es ſich mit den übrigen Getreidearten. Das Optimum der Keimungstemperatur, das nach Fr. Haber⸗ landt bei der Gerſte bei 20°%C., bei Weizen, Roggen und Hafer bei 25° C. liegt, finden dieſe Getreidearten im Frühjahr und im Herbſt. Im Sommer iſt der Boden zu warm. Die Temperatur der Erdoberfläche erreicht an heißen Tagen der Monate Juni und Juli, auch in unſerem Klima, 60° C. und darüber, während das Maximum der Temperatur, bei der ein Keimen noch möglich iſt, bei 30 bis 32⁰° C. liegt.(Selbſtredend giebt bei der Heinnnng nicht die Luft⸗ temperatur, ſondern die Bodentemperatur den Aneſchlag. 1) Hiernach erklärt ſich zum Teil die Thatſache,„daß im ſpäten Frühjahr oder Sommer ausgeſäete und flach untergebrachte Samen trotz genügender Mengen von Feuchtigkeit im Boden viel langſamer keimen als die zu einer kälteren Jahreszeit angebauten“. ²) Von Bedeutung iſt auch der Umſtand, daß die Temperatur⸗ ſchwankungen des Bodens, innerhalb der zuläſſigen Grenzen, bei dem Wechſel von Tag und Nacht im Frühling und Herbſt viel er— heblicher ſind, als im Sommer. ³) Das iſt nämlich für die Keimung keineswegs nachteilig, ſondern im Gegenteil ſehr vorteilhaft. Denn nach den Unterſuchungen v. Liebenberg's hat ſich herausgeſtellt, daß eine gleichmäßige, wenn auch genügend hohe Wärme die Keimung ¹) Schübler hat am 16. Juni 1828 in Tübingen eine Boden⸗ temperatur von 67,5° C. gemeſſen, während die Lufttemperatur im Schatten nur 25,6 C. betrug. ²) E. Wollny. Über den Einfluß der Saatzeit ꝛc landw. Vereins in Bayern, 1883, S. 194. ³) Um nur an einem Beiſpiel zu zeigen, wie bedeutend die Tempera⸗ tur des Bodens innerhalb 24 Stunden ſchwankt, ſei folgende Beobachtung angeführt: Bodentemperatur in 1 cm Tiefe im Lehmboden, am 21. April 1885 bei Zürich Mittags 1. Uhr in der Sonne 42,5° C.(Luft im Schatten 240 C.), am 22. April Morgens 7 7 Uhr im Schatten 10,0⁰ C.(Luft im Schatten 13⁰ C.) Differenz= 32,5° C. „ Zeitſchrift d. 44 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. verzögert, während ein periodiſcher Wechſel der Temperatur den Verlauf des Keimungsprozeſſes gleichmäßiger geſtaltet und be⸗ deutend beſchleunigt. Wir handeln alſo der Natur der Getreidearten gemäß, wenn wir die Saatzeit auf Frühjahr und Herbſt verlegen, wo die Tage warm, die Nächte kühl und oft neblig ſind. ¹) 3. Sauerſtoff.— Die dritte Bedingung der Keimung iſt Sauerſtoff. Das Samenkorn atmet. Es nimmt Sauerſtoff auf und giebt Kohlenſäure und Waſſer ab. Wahrſcheinlich ſpielt die von Anfang an in den Hohlräumen des Kornes eingeſchloſſene Luft bei der Atmung eine Rolle; jedoch genügt dieſe Luftmenge zur Keimung nicht, es muß vielmehr fort und fort neue Luft, d. h. neuer Sauerſtoff zugeführt werden. Wird die Saat eingeſchmiert oder bedeckt ſich der Acker nach dem Säen mit einer Kruſte, die die Luft abſchließt, ſo muß manches Körnchen elendiglich erſticken und verfaulen. Die Kohlenſäure entſteht bei der Atmung durch Verbrennung der ſtickſtofffreien Extraktſtoffe, die wir in der Hauptſache als Verbindungen von Kohlenſtoff und Waſſer oder mit einem Wort als Kohlenhydrate betrachten können. Der Kohlenſtoff verbrennt durch die Einwirkung des Sauerſtoffs zu Kohlenſäure, die mit dem Waſſer nach außen ent— weicht. Bei dieſer Verbrennung wird Wärme erzeugt, wie wir bei dem Malzen der Gerſte ſehr deutlich wahrnehmen können. Durch die Atmung wird ein beträchtlicher Teil des in dem Samenkorn enthaltenen Kohlenſtoffs verbrannt. Die dabei ausge⸗ ſchiedene Kohlenſäure, die ein Maß iſt für den Kohlenſtoffverbrauch, wurde von J. Wiesnero) quantitativ beſtimmt. Ihre Menge be⸗ trug bei der keimenden Gerſte in abgerundeten Zahlen: 0 Gramm in der 1. bis 8. Stunde.—— 38„„„ 9.„ 23. Würzelchen werden ſichtbar. S„ n 24. 31.„ Würzelchen 2—10 mm lang. ¹) Der eigentliche Grund, weshalb ein periodiſcher Wechſel der Tempe⸗ ratur die Keimung begünſtigt, iſt wiſſenſchaftlich noch nicht ganz klar gelegt; doch kann man ſich denken, daß die Pflanze ihre Arbeit bei der Keimung, ebenſo wie bei der Aſſimilation, dem Wechſel von Tag und Nacht angepaßt hat. Aſſimilation findet nur am Tage, unter Mitwirkung des Lichtes ſtatt; aber in der Nacht arbeitet die Pflanze in anderer Weiſe weiter, indem ſie die am Tage neu gebildeten Stoffe zum Wachstum verwendet, das ge⸗ wöhnlich in der Nacht ſtärker iſt als am Tage. Bei der Keimung iſt das Licht als ſolches nicht notwendig; aber da die Sonnenſtrahlen den Boden in⸗ tenſiv erwärmen, ſo wird der keimende Same am Tage zu erhöhter Thätigkeit angeregt, und es vollzieht ſich eine lebhafte Verflüſſigung und Wanderung der Stoffe aus dem Endoſperm in den Keimling. In der Kühle der Nacht hört dieſe Stoffzufuhr auf; dafür benutzt der Keimling die Periode der Ruhe, um die eingeführten Stoffe gleichſam zu verdauen und zum Wachstum zu ver⸗ wenden.— ²) Nobbe, Handb. d. Samenkunde, 1872, S. 172. ) 1. Die Keimung. 45 9 Gramm in der 32. bis 49. Stuude Hälmchen brechen hervor. 12„„„ 50.„ 58.„ Halme 5— 6 cem lang. 15„„„ 59.„ 79.„ Die meiſten Halme 10 cm lang. 21„„„ 80.„ 126.„— 0„„„ 120. 132. Die Geſamtmenge der ausgeatmeten Kohlenſäure betrug ſonach bei der keimenden Gerſte in ungefähr 120 Stunden 66 g auf 100 g Trockenſubſtanz. Das entſpricht einer Verbrennung von 18 g Kohlen⸗ ſtoff.(Die nach 120 Stunden etwa noch erzeugte Kohlenſäure entzog ſich der Beſtimmung, weil ſie durch die bereits entwickelten Blätter aufgenommen und zur Ernährung der jungen Pflanzen verwertet wurde.) Der Sauerſtoff äußert ſeine Wirkung indes nicht allein auf die ſtickſtofffreien, ſondern uuch auf die ſtickſtoffhaltigen Be⸗ ſtändteile des Getreidekorns. Die Kleberſchicht ¹), die den Mehlkörper ringsherum umgiebt, enthält nämlich gewiſſe Fermente(Diaſtaſe), die durch das Zuſammen⸗ wirken von Waſſer, Wärme und Sauerſtoff lebendig oder thätig, vielleicht auch vermehrungsfähig werden. Wie das eigentlich zugeht, iſt noch nicht genauer er⸗ forſcht. Dagegen weiß man, daß dieſe Fermente aus der Kleberſchicht in die Stärkemehlzellen gelangen giget nerbetnge gerſe rncus dem endoſpern und die Überführung des licher geſchichtet, als im ruhenden Samen. Vergrößerung Stärkemehls in zuckerartige Soofoch.(ach J. Sachs Verbindungen veranlaſſen. Für die Keimung iſt dies inſofern von großer Bedeutung, als der Teil des Stärkemehls, der nicht zur Atmung, ſondern zur Ernährung des Keimlings dient, durch die chemiſche Umwandlung in eine lösliche und transportfähige Form übergeführt wird. Die Einwirkung der Keimungs⸗Fermente auf die Stärkemehl⸗ körner hat große Ahnlichkeit mit der Wirkung des Speichel⸗Fermentes. Fig. 25 zeigt einige Stärkekörner aus dem Endoſperm eines keimenden Weizenkorns. Die beginnende Einwirkung des Löſungsmittels macht ſich zunächſt durch deutlicheres Hervortreten der Schichtung oder Strei⸗ fung bemerklich. Dann entſtehen vom Rande aus oder auch im Innern unregelmäßige Aushöhlungen, und ſchließlich zerfällt das Stärkekorn in kleine Brocken, die der Auflöſung entgegengehen. Dies wird durch Fig. 26 veranſchaulicht, die eine Anzahl Stärkekörner aus dem Endo⸗ ſperm eines keimenden Maiskorns darſtellt. ¹) G. Haberlandt, die Kleberſchicht des Gras⸗Endoſperms als Dia⸗ ſtaſe dus wsſch eidendes Drüſengewebe. Bericht der deutſch. bot. Geſellſchaft, 1890. VIII, 2, S. 40—48. 46 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Die durch Vermittlung der Fermente löslich gemachten und die an ſich ſchon löslichen Stoffe des Endoſperms werden durch das Schildchen(sc Fig. 17) aufgeſaugt und dem Keimling zugeführt. Das Schildchen iſt für dieſen wichtigen Zweck auf der gewölbten, dem Endoſperm zugekehrten Fläche mit unzählichen ſchlauchförmigen Zellen beſetzt. Eine kleine Gruppe dieſer Saugzellen bringt Fig. 27 zur An⸗ ſchauung. Blicken wir jetzt noch einmal zurück, ſo tritt uns folgender Zu⸗ ſammenhang von Thatſachen entgegen. In dem Mehlkörper des Samenkorns giebt die Mutterpflanze dem Keimling tauſend zierlich gefüllte Speiſekammern mit auf den Weg. Der Inhalt wird durch das Zuſammenwirken von Waſſer, Wärme, Sauerſtoff und Ferment in eine Art Muttermilch umgewandelt. Ein vielſchlauchiger Zapfen ſaugt die Nähr⸗ flüſſigkeit auf und leitet ſie durch eine lange Kette von Zellen nach dem Zentralpunkt des Keimlings, nach dem Fig. 26. Stärkekörner aus dem Endoſperm eines Fig. 27. Schlauchförmige Saugzellen e keimenden Maisſamens(Zea Mays), in der Auf⸗ von der Oberhaut des Schildchens sc löſung begriffen. Vergrößerung 800 fach.(Nach des Weizens(Triticum vulgare). Ver⸗ J. Sachs.) gleiche Fig. 17 und Fig. 50. Vergrößerung etwa 150 fach. Keimknoten, von wo ſie teils abwärts in das Würzelchen, teils aufwärts in das Hälmchen gezogen oder getrieben wird.— Der Keimling ſtreckt und dehnt ſich nun, um durch oft wieder⸗ holte Zellteilung allmählich zur ſelbſtändigen Pflanze heranzuwachſen. Bei normaler Keimung ſchwillt die Wurzelſcheide der Haupt⸗ wurzel zuerſt an. Das Scheidenblatt und das in ihm geborgene zarte Hälmchen regt ſich etwas ſpäter. Durch die mächtige Schwellung der Wurzelſcheide wird die Schale geſprengt, und bald darauf ſchiebt ſich die Hauptwurzel aus der Wurzelſcheide hervor. Bei den übrigen Wurzeln wiederholt ſich derſelbe Vorgang in der Reihenfolge von unten nach oben. Inzwiſchen kommt auch die Spitze des Hälmchens, genauer, des Scheidenblattes zum Vorſchein. Ddieſe Verhältniſſe werden durch Fig. 28 veranſchaulicht, in der die Wurzeln mit wi, we, Wa, w. und wo bezeichnet ſind. In dem Stadium der Entwicklung, das in der Figur dargeſtellt iſt, iſt nur die Hauptwurzel wi ſichtbar; die Wurzeln we und we ſtecken noch in 1. Die Keimung. 47 der Wurzelſcheide, und von den Wurzeln w, und w,, die aus der Baſis des Hälmchens durch das S Scheidenbl att hervorzubrechen ſtreben, ſind nur die Anſchwellungen zu bemerken. Die abwärts wachſende Wurzel wi läßt an der Spitze die Wurzel⸗ haube und in einiger Entfernung von ihr die Anfänge der Wurzel⸗ haare in Geſtalt kleiner Zacken erkennen. Fig. 28 bei h. Das aufwärts ſtrebende Hälmchen, zur Zeit noch allſeitig von dem Scheidenblatt umhüllt, iſt bereits eine kleine Strecke über den Rand des Schildchens hinausgewachſen. Etwas weiter vorgeſchrittene Stadien der Entwicklung zeigen die Figuren 29 bis 34. Im weſentlichen iſt die Keimung bei allen Getreidearten gleich. Je⸗ doch bietet die äußere Er⸗ ſcheinung inſofern einen Unterſchied, als die Spitze des Hälmchens bei den nackten Früchten: Weizen, ſ, Roggen, Mais unmittel⸗ 4 bar an dem gefalzten Rand s0 1 ſſſfß R MG i 4 wh Fig. 28. Keimling des Weizens(Triticum vulgare) Fig. 29. Normale Keimung des drei Tage nach der Ausſaat. wi Hauptwurzel mit der Weizens, Triticum vulgare, Wurzelhaube wh und Anfängen der Wurzelhaare h.— 5 Tage nach der Ausſaat. An ws geſprengte Wurzelſcheide der Hauptwurzel.— wa und den drei Wurzeln ſieht man die wa zwei Seitenwurzeln, noch eingeſchloſſen in ihre Wurzel⸗ Wurzelhaare. Natürliche Größe⸗ ſcheiden.— wa und wo Anſchwellungen zweier weiterer Seitenwurzeln. sb Scheidenblatt des Hälmchens, se Schildchen. p Fruchtſchale. Vergrößerung 7 fach. des Schildchens durch die geſprengte Schale direkt nach außen gelangt (Fig. 29 bis 31), während bei den geſpeldten Früchten: Spelz, Gerſte, Hafer, Hirſe d das Hälmchen zwar ebenfalls an der bezeichneten Stelle die Fruchtſchale ſprengt, dann aber unter der Spelze fortwächſt, um erſt am oberen Ende hervorzubrechen(Fig. 32 bis 34). Die Keimſchuppe, die bei der Keimung ſtark anſchwil lt und nach⸗ her uſarmnenh'mupt ſcheint das Hälmchen bei dem Sprengen und Abbiegen der Schale zu unterſtützen. Übrigens iſt dieſes Organ nicht bei allen Getreidearten entwickelt. Weizen und Hafer beſitzen eine Keimſchuppe, bei Roggen und Gerſte fehlt ſie Es iſt für den Verlauf der Keimung von Wichtigkeit, daß die Spitze des Hälmchens an der bezeichneten Stelle, nämlich an dem Rand des Schildchens, die Fruchtſchal e durchbricht. Um ihr hier das 48 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Hervorbrechen zu ſichern, iſt der Rand des Schildchens(Fig. 17 bei X) gefalzt, und die innere Schicht i der Schale liegt dem Falz des Schildchens dicht und feſt an. Was es für Folgen hat, wenn das Hälmchen bei x die Frucht— ſchale nicht zu ſprengen vermag, zeigen die in Fig. 35 bis 39. ſtizzierten, mehr oder weniger verunglückten Keimungen des gemeinen Weizens, Triticum vulgare. Bei dem in Fig. 35 dargeſtellten Weizenkorn iſt die Spitze des Hälmchens zwiſchen der äußeren und inneren Lage der Schale(Fig. 20 5 zwiſchen o und ch) fortgewachſen und erſt am oberen Ende der Frucht nach p=: 2 außen gelangt. Dieſe Art der Keimung, 5 die auch bei völlig reifen Weizenkörnern se ziemlich häufig vorkommt, iſt nicht gerade Fig. 32. Normale Keimung Fig. 31. Normale Keimung Fig. 30. Normale Keimung der Gerſte, Hordeum dis- des Maiſes, Zea Mays. W des Roggens, Secale cereale, Hauptwurzel, noch ohne Wurzelhaare. ws Wurzel⸗ ſcheide. se Schildchen. 1 Lappen der Fruchtſchale p. b Blattknoſpe. 2½ der natür⸗ 5 Tage nach der Ausſaat. Man. ſieht 6 Wurzeln; 4 von ihnen ſind bereits mit Wurzelhaaren verſehen; die fünfte, etwa 3 mm lange, und die ſechſte, etwa 1 mm tichum, am fünften Tage nach der Ausſaat. Das Korn hat ſechs Keimwurzeln hervorgebracht. Das Hälm⸗ chen hat die Spelze etwas lange, haben noch keine Wurzel⸗ vor ihrer Spitze durch⸗ haare entwickelt. Natürl. Größe. brochen. Natürl. Größe. nachteilig; man kann ſie inſofern ſogar als vorteilhaft betrachten, als das Hälmchen in der früheſten Jugend, und das iſt immer die gefähr⸗ lichſte Periode, durch die äußere derbe Haut vor allerlei Schädlich⸗ keiten geſchützt iſt. Entſchiedene Nachteile hat es dagegen, wenn ſich die Spitze des Hälmchens in den Mehlkörper hineinbohrt, was beſonders bei unreif geernteten, ſtark geſchrumpften Körnern einzutreten pflegt, aber auch bei ausgereiften, vollen Körnern zuweilen vorkommt.“) lichen Größe.(Nach J. Sachs.) ¹) Bei einem genau kontrollierten Anbauverſuch, bei dem 800 in ver⸗ ſchiedenen Reifeſtadien geerntete Weizenkörner ausgepflanzt wurden, kam das Hineinwachſen der Spitze des Hälmchens in den Mehlkörper bei 600 Körnern der Gelbreife, Vollreife und Totreife nur zweimal vor, während es bei je 50 nicht nachgereiften Körnern der ſpäteren Milchreife fünfmal, der früheren Milchreife ſogar achtmal eintrat.(A. Nowacki, Unterſuchungen über d. Reifen d. G. S. 85 und 86.) 1. Keimung. 49 Die Figuren 36 bis 39 beziehen ſich auf Weizenkörner, die in der Milch⸗ oder Grünreife gertc im friſchen Zuſtande aus den Spelzen genommen und dann an der Luft getrocknet wurden, die alſo keine Gelegenheit hatten, weder auf dem Halme normal aus⸗ Fig. 33. Normale Keimung des Hafers, Avena sativa, am 7. Tage unach der Ausſaat. Drei Keimwurzeln. Natürliche Größe. Fig. 34. Normale Keimung des Spelzes, Fig. 35. Unregelmäßige Keimung des gemeinen Tritioum Spelta. Das AÄAhrchen, das Weizens, Triticum vulgare.— Die Spitze des am 14. Dezember 1884 auf dem Felde Hälmchens iſt zwiſchen der äußeren und inneren ausgegraben wurde, hat aus ſeinen beiden Lage der Fruchtſchale fortgewachſen, um erſt am Körnern je ein Pflänzchen mit fünf oberen Ende der Frucht hervorzubrechen. Wurzeln entwickelt. Die Wurzelhaare Natürliche Größe. ſind nicht mitgezeichnet.„ der natür⸗ lichen Größe. zureifen, noch in Verbindung mit dem Halme in der Garbe nach— zureifen. Bei den in Fig. 36 und 37 ſkizzierten Keimungen iſt die Spitze des Hälmchens in den Mehlkörper hinemgewachſen und in ihm ſtecken geblieben. Da das Wachstum dabei nicht zum Stillſtand gelangte ſo iſt die Schale nachträglich geſprengt an den. und das Hälmchen Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 4 50 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. hat ſich, wie in Fig. 36, ſchleifenförmig nach außen gebogen, oder, wie in Fig. 37, in verzerrter Geſtalt hin⸗ und hergekrümmt. Bei dem in Fig. 38 dargeſtellten Korn, das bei der Ausſaat auf die Rückenfläche zu liegen kam, iſt das Hälmchen unter der Schale vom Wurzelende bis zum andern Ende fort⸗, von hier im Bogen zu⸗ rück quer durch den Mehlkörper hindurchgewachſen und dann endlich als verkümmerter Schwächling hinausgelangt. Noch merkwürdiger iſt der in Fig. 39 dargeſtellte Fall. Hier hat die Halmſpitze unter der Schale zuerſt einen vollſtändigen Schrauben⸗ — Fig. 36. Fig. 37. I Fig. 38. Fig. 39. Fig. 36 bis 39 verunglückte Keimungen des gemeinen Weizens, Triticum vulgare. Nach der Natur, aber zum Teil ſchematiſiert. Die betreffenden Körner wurden 20 Tage nach der Aus⸗ ſaat ausgegraben. Erklärung im Text. gang zurückgelegt, ſich dann zum zweiten⸗ oder drittenmal durch den Mehlkörper hindurchgebohrt, um ſchließlich nach vielen vergeblichen Verſuchen am oberen Ende der Frucht hervorzubrechen. Dieſe Beiſpiele zeigen, daß Bau und Beſchaffenheit der Frucht⸗ ſchale für die Keimung keineswegs gleichgültig ſind. Von beſonderer Bedeutung erſcheint die ſcharfe Einbiegung und feſte Einklemmung der Schale an dem gefalzten Rand des Schildchens(vergl. Fig, 17). Dadurch wird zweierlei erreicht. Erſtens wird das Schildchen, das dem Endoſperm nur loſe anliegt, feſtgehalten, und zweitens wird der Spitze des Hälmchens, die beim Beginn des Wachstums dicht neben — 2 78 2. Die Bewurzelung. 51 dem Falz des Schildchens gegen die Schale andringt, in der über⸗ wiegenden Mehrzahl der Fälle das Hervorbrechen an der geeigneten Stelle ermöglicht. 2. Die Bewurzelung. Die keimende Getreidepflanze hat nichts Eiligeres zu thun, als ſich die Befeſtigung an dem Standort und die Zufuhr von Waſſer und Nahrung aus dem Boden zu ſichern. Die größte Eile bethätigt hierbei das Hirſepflänzchen. Das wartet nämlich nicht, bis die Wurzel hervorgebrochen iſt, ſondern es Fig. 40. Normale Keimung der Hirſe, Panicum Fig. 41. Normale Keimung der Gerſte, miliaceum, am achten Tage nach der Ausſaat. BHordeum distichum, am ſechſten Tage m der Mehlkörper, asp äußere, isp innere Blüten⸗ nach der Ausſaat. 6 Keimwurzeln. ſpelze. ws Wurzelſcheide mit Wurzelhaaren h. Graskeim am oberen Ende der Spelzen — w Wurzel gleichfalls mit Wurzelhaaren h— hervorgebrochen;(vergl. Fig. 32). b das Scheidenblatt, in dem das Hälmchen empor⸗ Natürliche Größe. wächſt. Vergrößerung 2fach. ſorgt ſchon vorher für ſein Daſein, indem es aus der Wurzelſcheide einen förmlichen Buſch von Wurzelhaaren hervortreibt(Fig. 40 bei h). Es macht auf den erſten Blick den Eindruck, als ob dieſe Haare den Zweck haben, das auf der Oberfläche des Bodens keimende Körnchen feſtzuankern; ſie können dieſen Zweck erfüllen; doch dürfte ihre Haupt⸗ funktion darin beſtehen, die junge Pflanze ſo ſchnell wie möglich mit Waſſer zu verſorgen. In der Hauptſache übernimmt bei allen Getreidearten die eigent⸗ liche Wurzel die Befeſtigung der Pflanze, ſowie auch die Entwicklung der Waſſer und Nahrung aufſaugenden Wurzelhaare. Die Zahl der aus dem Keimling hervorbrechenden Wurzeln, die wir Keimwurzeln nennen, beträgt meiſt 1 bis 6. Bei unſeren 4* 52 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. gewöhnlichen Getreidearten: Weizen, Roggen, Gerſte, Hafer kommen nur ſelten weniger, oft mehr als drei Keimwurzeln zum, Vorſchein (Fig. 41, man vergleiche die Figuren 29 bis 34). Unterſuchen wir das Samenkorn vor Beginn der Keimung, nach etwa ſechsſtündiger Einquellung, ſo finden wir an dem Keimling des Weizens und des Hafers je 3, an dem Keimling des Roggens 4 und an dem Keimling der Gerſte 5 bis 8 deutliche Würzel⸗ chen. Außerdem iſt noch eine An⸗ zahl undeutlicher oder ſehr kleiner Würzelchen angelegt. Dieſe ge⸗ Fig. 42. Eine junge Pflanze von Zea Mays. Fig. 43. Endteil der Wurzel des ge⸗ s das Samenkorn. w die Hauptwurzel mit meinen Weizens, Triticum vulgare. Seitenwurzeln wz; die oberen längeren Seiten⸗ w Wurzelkörper, wh Wurzelhaube, hh wurzeln mit Wurzelhaaren beſetzt. h der untere Wurzelhaare. Vergrößerung 15 fach. Teil des Halmes, der die drei Blätter b, bi und ba und aus dem erſten Knoten die Wurzeln w. und wa entwickelt hat.%⅛ der natürl. Größe. (Nach J. Sachs.) langen namentlich dann zur Entwicklung, wenn die erſten Wurzeln durch Wurmfraß oder ſonſt auf eine Weiſe zerſtört worden ſind. Deutlich abweichend von unſeren Hauptgetreidearten verhalten ſich Mais und Hirſe; während nämlich bei Weizen, Roggen, Gerſte und Hafer mehrere Wurzeln nahezu gleichzeitig aus dem Keimling hervor⸗ wachſen, bleibt bei Mais und Hirſe die erſte Wurzel längere Zeit die 2. Die Bewurzelung. 53 einzige(Fig. 31 u. 40), und erſt nachdem ſie eine Länge von mehreren Centimetern erreicht und nach Art der Pfahlwurzeln(Fig. 42) zahl⸗ reiche Nebenwurzeln erzeugt hat, brechen weiter oberhalb, am Fuße des jungen Halmes auch andere Wurzeln hervor. Die Wurzelhaare, die an den Wurzeln der Getreidearten in ſehr großer Zahl hervorſproſſen, kommen in der Regel ſehr bald nach dem Durchbrechen der Wurzelſcheide, aber immer nur eine kurze Strecke oberhalb der fortwachſenden und mit der Wurzelhaube bedeckten Wurzel⸗ ſpitze zum Vorſchein. Dies wird durch Fig. 43 veranſchaulicht, die das untere Ende einer Weizenwurzel bei 15 facher Vergrößerung dar⸗ ſtellt. Eine kleine Gruppe etwas ſtärker vergrößerter Wurzelhaare gleichfalls von dem Weizen zeigt Fig. 44. Man ſieht, daß jedes Wurzelhaar nichts anderes iſt, als eine lange ſchlauchförmige, vielfach hin und her gekrümmte Ausſtülpung einer Oberhautzelle des Wurzel⸗ Fig. 44. Wurzelſtück mit Wurzelhaaren und Gefäßen a von Triticum vulgare. Stark vergrößert.(Nach Nobbe.) körpers. Die natürliche Länge der Wurzelhaare im ausgewachſenen Zuſtande beträgt bei unſeren Getreidearten etwa 2 bis 3 mm. Bei dem Hafer ſcheinen ſie etwas länger, bei der Gerſte etwas kürzer zu ſein, als bei Weizen und Roggen. Über Zweck und Bedeutung der Wurzelhaare hat uns J. Sachs unterrichtet durch zwei einfache mit Abbildungen erläuterte Verſuche,) deren Beſchreibung wir hier folgen laſſen. Zijg. 45 zeigt eine in humoſem Gartenboden(im Topf) erwachſene Keimpflanze des gemeinen Weizens(s iſt die Samenſchale, b das Blatt). Der Topf war umgeſtürzt und die aus der zerteilten Erde genommene Wurzel ziemlich ſtark geſchüttelt worden, um alle Erde, die nicht von den Wurzelhaaren feſtgehalten war, zu entfernen. Die fünf Wurzeln ¹) J. Sachs, Handbuch der Experimental⸗Phyſiologie der Pflanzen, 1865, S. 184—186. Phyidlog Vilams 54 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. ſind von ihrem Urſprunge aus bis in die Nähe der Wurzelſpitze mit den humoſen Bodenteilen eſee umhüllt, nur die wachſenden Spitzen w w ſind nackt, weil ſie noch keine Wurzelhaare beſitzen, die an den älteren Wurzelteilen in ſehr großer Zahl vorhanden und mit den Bodenſtückchen verwachſen ſind. Fig. 45. Junge Pflanze des Fig. 46. Ein Wurzelhaar Fig. 47. Bewurzelung einer Pflanze gemeinen Weizens, Triticum des Weizens, Triticum vul- von Triticum vulgare, die 4 Wochen vulgare. s die Samenſchale, gare, bei e mit den Boden⸗ älter iſt als die in Fig. 45 dargeſtellte. b das Blatt. Die fünf Wur⸗ teilen verwachſen. Auf der Hier ſind nur noch die unteren jüngeren Oberhaut des Wurzelhaares Teile der Wurzeln w mit Erdhüllen e, h ſtehen hier und da äußerſt bekleidet. n Nebenwurzeln. s entleerte i Samenſchale. b Baſis des Stengels. zeln w ſind mit Erdhüllen e bekleidet, die durch die Wurzel⸗ haare feſtgehalten werden. Die feine Fühlfäden(2) f. Ver⸗ Wurzelſpitzen ſind nackt. ⁄ der größerung 500 fach. 2⁄ der natürl. Größe.(Nach J. Sachs.) natürl. Größe.(Nach J. Sachs.)(Nach J. Sachs.) Die Art, wie die Wurzelhaare mit den benachbarten Bodenteilen verwachſen, iſt in Fig. 45 an einem einzelnen Wurzelhaare nach 500 facher Vergrößerung dargeſtellt. Fig. 47 zeigt eine Pflanze gleicher Art in demſelben Boden er⸗ wachſen, aber vier Wochen älter als die vorige(s entleerte Samen⸗ 2. Die Bewurzelung. 55 ſchale, b Baſis des Stengels). Die Pflanze iſt in derſelben Weiſe, wie die vorige, aus dem etwas feuchten Boden herausgenommen und abgeſchüttelt. Der Boden fällt von den oberen Wurzelteilen ege e vollſtändig weg, wo er früher(Fig. 45 e e) feſthing; der Grund iſt, wie die Unterſuchung zeigt, einfach der, daß die Wurzelhaare dieſer älteren Telle vollkommen abgeſtorben, verſchrumpft, zum Teil ſogar verweſt ſind. Dieſe älteren oberen Wurzelteile haben aufgehört, Nah⸗ rung aufzunehmen, ihre Oberfläche iſt gebräunt, die Saugorgane, die Wurzelhaare abgeſtorben; ſelbſt an den zahlreichen Nebenwurzeln nn dieſer Teile iſt dies ſchon geſchehen. Dagegen ſind die Spitzen der früher ſchon vorhandenen Wurzeln weiter gewachſen, in tiefere Boden⸗ ſchichten eingedrungen; dieſe neu zugewachſenen Längenſtücke der Wurzeln ſind jünger und beſitzen noch lebendige Wurzelhaare, die mit den Bodenteilchen verwachſen ſind, und dieſe bilden hier, wie an den Nebenwurzeln dieſer Region die Erdhüllen e en er; die Wurzelſpitzen ſelbſt(w w) ſind noch nackt, ohne Wurzelhaare, und daher fällt der Boden vollſtändig von ihnen ab. Die behaarten aufſaugenden Wurzel⸗ ſtellen unſerer Weizenpflanze ſind alſo binnen vier Wochen um eine Etage tiefer hinabgeſtiegen; früher war es die obere Region des Bodens bei éee(Fig. 45), die die Nahrung lieferte, jetzt iſt es die untere bei e e e(Fig. 47), die von den jungen Wurzeln aus⸗ gebeutet wird. Dieſe lehrreiche und anſchauliche Beſchreibung bedarf nur in einer Beziehung der Ergänzung. Man darf ſich nämlich nicht vorſtellen, daß die Keimwurzeln ſo lange, wie die Pflanze lebt, immer tiefer und tiefer in den Untergrund hinabſteigen, um der Nahrung nachzugehen; jene erſten, aus dem Keimling hervorſproſſenden Wurzeln ſterben viel⸗ mehr im Laufe der Zeit allmählich ab, um durch andere, aus den unteren Knoten der Halme hervorbrechende Wurzeln erſetzt zu werden. Dieſe zweite Art von Wurzeln nennen wir Kronenwurzeln. Wir werfen einen Blick auf Fig. 48, die uns das Verhältnis der Keimwurzeln zu den Kronenwurzeln vor Augen führt. Beies ſehen wir das entleerte Samenkorn der ſechszeiligen Gerſte, Hordeum hexastichum. Aus dem Samenkorn ſind im vorliegenden Falle 7 Wurzeln w w entſprungen. Dieſe ſieben erſten Wurzeln haben in dem Moment, als die Gerſtenpflanze aus dem humoſen Lehmboden ausgegraben wurde, ihren Dienſt bereits gethan. Die Wurzelhaare an ihnen ſind größtenteils abgeſtorben; nur ſtellenweiſe ſind noch einige vorhanden, wie man an den ſpärlichen Erdbröckchen e erkennt, die hier und da an den Wurzeln hängen. Dafür hat die Pflanze etwa 2 cm über dem Samenkorn aus dem dicht unter der Erdoberfläche ſtehenden Halmknoten k acht neue und kräftige Wurzeln wi w hervorgebracht. Das ſind alſo die Wur⸗ zeln, die wir ihrer Stellung und Anordnung nach als Kronen⸗ wurzeln bezeichnen. Ihre Erſcheinung iſt am Tage der Beobachtung eine ganz andere, wie bei den zugehörigen Keimwurzeln. Jede Wurzelfaſer hat ein 56 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. „Höschen“ von Erde an, weil ſie mit friſchen und lebensthätigen Wurzelhaaren beſetzt iſt, die die Erde feſthalten. Die äußeren Enden der Wurzeln ſind nackt, weil ſich hier noch keine Wurzelhaare ent⸗ wickelt haben. Ein etwas anderes Bild zeigt uns Fig. 49, die ſich wieder auf die ſechszeilige Gerſte bezieht. Die betreffende Pflanze ſtand im Garten in der Nachbarſchaft der in Fig. 48 dargeſtellten. Aus dem Samenkorn ſind hier 6 Keimwurzeln w w hervor⸗ gegangen. Drei von ihnen ſind vollſtändig, die übrigen drei größten⸗ Fig. 48. Bewurzelung einer etwa 8 Wochen alten Pflanze der ſechszeiligen Gerſte, Hordeum hexastichum. s das ausgenutzte Samenkorn. w Keimwurzeln. w. Kronenwurzeln, ent⸗ ſpringend an dem Halmknoten ki, mit Erdhüllen ei bekleidet. h unterirdiſches, h oberirdiſches Glied des Halmes.%⅜ der natürlichen Größe. teils von Erde entblößt, denn die Wurzelhaare ſind hier bereits ab⸗ geſtorben oder im Abſterben begriffen. Etwa 2 ½ cm über dem Samenkorn hat ſich aus dem Halm⸗ knoten k, ein Kranz von jüngeren Wurzeln w. w. entwickelt. Es ſind Kronenwurzeln. Wir zählen ihrer 6, von denen die ſtärkſte ſich in zwei lange, anſcheinend gleich ſtarke Aſte geteilt hat. Der eine von ihnen hat ſich bei r nochmals gegabelt, und da die beiden Faſern hier in einen, vom Regenwurm gebohrten Hohlraum hineingewachſen waren, ſo zeigen ſie uns die freien, nicht mit Erdkrümchen bekleideten Wurzelhaare. 2. Die Bewurzelung. 57 Einen Centimeter über dem Knoten k trägt der Halm den Knoten k.. An ihm iſt ein zweiter Kranz von Kronenwurzeln w, wo in der Entwicklung begriffen. Wir ſehen hier 3 Wurzeln, von denen die beiden älteren ſchon eine beträchtliche Länge erreicht und ſich mit Erdhüllen bekleidet haben, während die dritte, an der linken Seite eben hervorbrechende noch nackt iſt. Fig. 49. Bewurzelung einer etwa 8 Wochen alten Pflanze der ſechszeiligen Gerſte, Hordeum hexastichum. s das ausgenutzte Samenkorn. w Keimwurzeln mit ſpärlichen Erdkrümchen e⸗ — Wu erſter Kranz von Kronenwurzeln aus dem Knoten ki mit Erdhüllen en bekleidet, bei r die Wurzelhaare zeigend, we zweiter Kranz von Kronenwurzeln aus dem Knoten kz.— h, hi. und he die aufeinanderfolgenden Glieder des Halmes. b das vertrocknete Scheidenblatt. der natürlichen Größe. Bei der letzten Pflanze haben wir an den beiden unteren Knoten des Halmes je einen Kranz von Kronenwurzeln. Eine ähnliche Wurzel⸗ bildung kann ſich an den folgenden Knoten wiederholen, ſo daß wir drei, vier oder fünf etagenförmig übereinanderſtehende Kränze von Kronenwurzeln erhalten. Nicht immer ſind die einzelnen Kränze ſo deutlich von einander getrennt, wie in den zur Erkäuterung gewählten Beiſpielen. Sind näm⸗ 58 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. lich die Halmglieder zwiſchen den Knoten ſehr kurz, was beſonders bei flacher Lage des Samenkorns der Fall zu ſein pflegt, ſo wachſen die Wurzeln mehrerer Kränze durcheinander, und es ſieht dann ſo aus, als ob alle Wurzeln ein und demſelben Knoten angehörten. Über⸗ haupt iſt die äußere Erſcheinung der Bewurzelung, auch bei ein und derſelben Pflanzenart, in jedem Einzelfall eine andere, weil jede Pflanze ihren eigenen ſelbſtändigen Organismus hat, und weil auch die Stand⸗ ortsverhältniſſe nicht an allen Stellen des Feldes genau dieſelben ſind. Nur inſofern ſtimmen alle Einzelfälle überein, als jeder kräftige Halm ſeine eigenen Wurzeln entwickelt, ſo daß mit der Zahl der ährentragenden Halme auch die Zahl der Wurzeln und der Umfang des ganzen Wurzel— ſtockes zunimmt. Die Kronenwurzeln brechen übrigens nicht allein in der Erde, ſondern auch über der Erde aus den Halmknoten hervor. An dem Maisſtengel z. B. findet man ſie nicht ſelten 50 cm, an dem Hafer⸗ halm 15 cm über dem Boden u. ſ. w. Bald kriechen ſie dicht an dem Halme abwärts, zuweilen ſelbſt innerhalb der Blattſcheiden, bald wachſen ſie in ſchräger Richtung von dem Halme weg; meiſt erreichen ſie den Boden, manchmal bleiben ſie aber auch in der Luft. In dieſem Falle ſcheinen ſie zwecklos zu ſein oder ihren Zweck verfehlt zu haben. Sonſt haben die Kronenwurzeln, ebenſo wie die Keimwurzeln, den Zweck, 1. die Pflanze zu befeſtigen und aufrecht zu erhalten, 2. den einzelnen Halmen Waſſer und Nahrung aus dem Boden zuzuführen. Das eine iſt ſo wichtig, wie das andere. Die Befeſtigung der Pflanze und die Verſteifung der Halme kommt dadurch zu ſtande, daß die Wurzeln ſtrahlenförmig nach allen Seiten vom Stocke auslaufen und teils ſenkrecht, teils ſchief abwärts ſteigend, durch Erzeugung von Nebenwurzeln und Wurzelhaaren ſich im Boden feſtklammern oder feſthäkeln, wobei die Hauptſtränge der Wurzeln wie Ankertaue oder auch wie Stützen wirken. Daß die über dem Boden, an der Baſis des Maisſtengels in einem regelmäßigen Kranze ent⸗ ſpringenden Kronenwurzeln in der That als„Stützwurzeln“ aufzufaſſen ſind, hat G. Haberlandt nachgewieſen.“) Auch bei den übrigen Ge⸗ treidearten dienen die oberen, meiſt ſehr kräftigen Kronenwurzeln nicht bloß zur Verankerung, ſondern auch zur Verſteifung des Halmes. Vergleiche Fig. 68 und Fig. 70. Waſſer und Nahrung holen die Wurzeln, wie ſchon ihre etagen⸗ förmige Entwicklung zeigt, hauptſächlich aus dem gelockerten und ge⸗ düngten Obergrunde. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Hauptmaſſe der Wurzeln ſich in der Ackerkrume verbreitet, obwohl ein Teil der Wurzeln auch bei den Getreidearten zu beträchtlicher Tiefe in den Untergrund hinabſteigt. Genaueren Aufſchluß über dieſe Ver⸗ hältniſſe geben die von Hugo Thiel ausgeführten ſorgfältigen und mühſamen Unterſuchungen„ Über die Bewurzelung einiger unſerer 1) G. Haberlandt, Phyſiologiſche Pflanzenanatomie, 1884, S. 129. 2. Die Bewurzelung. 59 Kulturpflanzen.“ ¹) Wir laſſen die weſentlichen Reſultate der Unter⸗ ſuchungen hier folgen. Ein Teil der Verſuchspflanzen wurde im freien Lande, ein anderer Teil dagegen in Röhren erzogen, die bei 0,21 m Durchmeſſer eine Länge von 0,62 und 1,22 m hatten, um nachher durch Auswaſchen nicht nur die Verbreitung, ſondern auch die Menge der vorhandenen Wurzeln genau beſtimmen zu können. Um für das Maß der Wurzelentwickelung in den einzelnen Bodenſchichten einen Zahlenausdruck zu gewinnen, wurde die Anzahl der in den Röhren und im freien Lande auf be⸗ ſtimmten Bodenquerſchnitten gefundenen Wurzeln gezählt, und außerdem bei den in den Röhren gewachſenen Wurzeln das Gewicht der in den einzelnen Bodenſchichten Lüthalenen und ausgewaſchenen und bei 1000C. getrockneten Wurzeln feſtgeſtellt. Die Zahlen ſind allerdings nicht direkt vergleichbar und keineswegs als ein genauer Ausdruck für die dem Gewicht nun auch entſprechende, in den betreffenden Bodenſchichten zur Nährſtoffaufnahme thätig geweſene Wurzeloberfläche zu betrachten, bieten aber immerhin einen weiteren Anhalt dafür, wo das Hauptmaterial für Stoffbildung von der Pflanze verbraucht wurde, und wo man dem⸗ gemäß die Hauptfunktion der Wurzeln, alſo auch die Hauptnährſtoff⸗ entnahme aus dem Boden annehmen muß. In Bezug auf die Getreidearten, die wir hier allein berückſichtigen, Kreben ſich folgende Thatſachen. Die Wurzeln des Hafers zeichnen ſich durch große Feinheit, geringe Verdickung auch in den oberſten Teilen, und durch geringe Verzweigung aus. Ihre Neigung, in horizontaler Richtung Wurzeln auszuſenden, iſt nicht ſehr bedeutend, die meiſten Wurzeln gehen ziemlich vertikal in die Tiefe, und wurden ſolche noch bei 2 m Tiefe gefunden, während ſeitwärts weiter als 0,50 m keine mehr vorkamen. Die Hauptwurzel⸗ maſſe iſt beim Hafer in einer Tiefen⸗ und Seitenausdehnung von 0,25 m Bei einer genauer unterſuchten Pflanze geſtalteten ſich die Be⸗ wurzelungsverhältniſſe in folgender Weiſe: Anzahl der Wurzeln auf d. Querſchn. ein. Röhre bei 0,82 m Tf.= 133 W. „ 2 3 2„ 5 4„ 0,970„= 102„ „„ 5 1„ 2 6„„ 1,22— 80 Trockengewicht der Wurzeln in einer Schicht von der Oberfläche bis zu 0,25 m Tiefe= 6,780 g- von 0,25„„ 0,62„„= 1,350„ „ 0,62„„ 0,82„„ 0,920 „ 0,82„„ 0,960„„= 0,530„ „ O,9 0„„ 1,32„„ 0,6,60„ Summa= 10,340 g ¹) Zeitſchrift f. landir. Verein d. Großh. Heſſen, 1870, Nr. 37 und 38. Zeitſchrif Heſ 60 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Die Bewurzelung des auf dem Kontrollbeete gezogenen Hafers zeigte keine Eigentümlichkeiten vor dem daneben in Thonröhren ge⸗ wachſenen. Es betrug die Anzahl der Wurzeln auf einem Bodenquerſchnitt von 900 qem: bei einer Tiefe von 0,25 m= 90 Wurzeln ...„„ 0,35„= 78„ ...„ 0,45„= 74„ „ 3„ 0,55„ 48. . 7„„ 0,65„ 39. „ 5 7„ 0,75„ 33 4 .„ 3„ 0,85„= 29„ „.„„ 0,95„= 29 5 1,05„= 18. „., 13„ Bei dem Mais, der wegen ungünſtiger Witterung eine ſchwäch⸗ liche Entwicklung der in den Thonröhren erzogenen Pflanzen zeigte, ergaben ſich folgende Verhältniſſe. Anzahl der Wurzeln auf d. Querſchnitt ein. Röhre bei 0,60 m Tf.= 32 1,22= 10„ „„ 7„„„ 7„„„ Trockengewicht der Wurzeln in einer Schicht von der Oberfläche bis zu 0,38 m Tiefe= 7,84 g von 0,38„„ 0,60„„— 2,08„⸗ „ 0,60 ⸗„ O-90„ ⸗= 156 e „ 0,90„„ 1,22„„ 0,50„ Summa= 11,99 g. Bei den auf dem Kontrollbeet erzogenen entſchieden kräftigeren Maispflanzen betrug die Anzahl der Wurzeln auf einem Querſchnitt von 900 qem: bei einer Tiefe von 0,20 m= 15 W. 5.„ 0,35„= 6„ „„„„ 0.,90„= 1 ⸗ Trotz dieſer verhältnismäßig ſehr ſchwachen Wurzelentwicklung wurden dennoch in einer Tiefe von 1,40 m noch vereinzelte Wurzeln gefunden. Auf dem der Akademie zugehörigen Maisfelde, auf dem die Pflanzen ein ſehr kräftiges Wachstum hatten, ergaben ſich bei gleichen Boden⸗ verhältniſſen folgende Zahlen: Anzahl der Wurzeln auf einem Querſchnitt von 900 qem: bei einer Tiefe von 0,10 m= 68 Wurzeln „.„„ 0,20„= 32„ „„.„ 0,30„= 33„ 5 5.„ 0,40„= 23„ „ 5 4„ 0,50„= 23. 0,60= 14 7 2. Die Bewurzelung. 61 bei einer Tiefe von 0,70 m= 6 Wurzeln „„„„ 0,80„= 2„ . ⸗„„ 0,90„= 0 3 Ähnliche Ausgrabungen, Wurzel⸗Beobachtungen und Zählungen wurden bei Rotklee, Tabak, Flachs und ſpäter noch öfter auch bei Luzerne, Hopfen, Weizen, Sommergerſte, Kartoffeln, Topinambur und Runkelrüben angeſtellt. Bei allen dieſen Pflanzen zeigte es ſich über— einſtimmend, daß die Hauptmaſſe der feinen, vielverzweigten, jüngeren und für die Nährſtoffaufnahme thätigen Wurzeln in der oberen Boden⸗ ſchicht, ſoweit ſie den Charakter der Ackerkrume hatte, enthalten war. Die jüngeren Wurzeln in der oberen Bodenſchicht waren teils neue Verzweigungen der älteren, teils aus den erſten Stamm⸗Internodien ſtets neu hervorbrechende Wurzeln. Beſonders deutlich iſt dieſer Vor⸗ gang bei den Getreidearten zu beobachten. Bei der Sommergerſte fingen z. B. nach einer Beobachtung im Jahre 1866 auf gutem Lehmboden die urſprünglichen Keimwurzeln der am 12. April geſäeten, am 20. aufgelaufenen Pflanzen ſchon vom 3. Mai an, nachdem ſie eine Länge von 14—28 em erreicht hatten, langſam abzuſterben, während neue Wurzeln oberhalb des Schildchens durchbrachen. Dieſe entwickelten ſich viel kräftiger, und waren am 11. Mai ſchon 6— 15 cm lang geworden, während die erſten Wurzeln immer mehr vergingen. Am 18. Mai hatten dieſe 6—10 neuen Wurzeln an jeder Pflanze eine Länge von 12— 25 em erreicht, und am 1. Juni waren die erſten Wurzeln total abgeſtorben; friſche Wurzeln wurden an jeder Pflanze 15— 20 Stück 30— 40 cm lang, mit vielen Seiten⸗ wurzeln zweiter und einigen dritter Ordnung gezählt. An den unterſten Halmgliedern ſproßten dabei fortwährend neue Wurzeln hervor. Am 8. Juni konnten einzelne Wurzeln ſchon bis zu 82 cm Länge verfolgt werden, und zählte jede Pflanze 25— 37 mehr oder minder verzweigte Wurzeln, während noch immer neue von den Halmgliedern ausgingen und die oberen Bodenſchichten von neuem ausnutzten. Vom 15. Juni an ſchien es ſogar, als ob nun die älteren der an jeder Pflanze in einer Anzahl von 34— 56 vorhandenen, und zum Teil bis zu 60 cm Tiefe gehenden Wurzeln nicht mehr funktionierten, und daß die Entnahme von Nährſtoffen und von Feuchtigkeit aus dem Boden nur noch von den jüngeren Wurzelverzweigungen und von den noch ſtets den Halmen neu entſpringenden Wurzeln beſorgt werde. Bei Winterweizen zeigte es ſich in ganz ähnlicher Weiſe, daß die erſten Keimwurzeln nach kurzer Zeit abſtarben, und neue Wurzeln aus den erſten Internodien dicht an der Oberfläche des Bodens ſich bildeten. Auch dieſe fingen ſchon ſehr früh im folgenden Frühjahr an abzuſterben, und ſchon am 5. Februar begann die Bildung neuer Wurzeln, die jene älteren bald ganz erſetzten, aber auch ihrerſeits nicht für die ganze Vegetationszeit genügten, ſondern von immer neu ſich bildenden unterſtützt wurden. Da dieſe neuen Wurzeln immer dicht an der Ober⸗ fläche des Bodens, zum Teil auch noch oberhalb von ihr entſprangen, 62 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. ſo wurde auch hier die oberſte Schicht des Bodens vorzugsweiſe in Anſpruch genommen. Was für eine Bewandtnis hat es nun aber mit den Wurzeln des Getreides, die 1— 2 m tief in den Untergrund hinabſteigen? Darauf antwortet Thiel: Obgleich dieſe Wurzeln für die Sammlung von Nahrungsmaterial faſt bedeutungslos ſind, ſo können ſie doch eine geringe Menge Flüſſigkeit ſammeln. Der Weg in den Untergrund wird nämlich den Wurzeln durch die Regenwürmer gebahnt, die ſich 1— 3 m tief einbohren, und überall, wo ſie vorkommen, röhrenartige Gänge in dem Erdreich herſtellen. Thiel hat dies entdeckt und Henſen“) hat es neuerdings beſtätigt. Während Henſen auf ab⸗ geernteten Kornfeldern die Wurzeln in großer Zahl in den Wurmröhren traf, war es nicht möglich, ſolche außerhalb der Röhren nachzuweiſen. Die in den Röhren befindlichen Wurzeln fand Henſen(wie Thiel vor ihm) mit zahlreichen Wurzelhaaren beſetzt, aber dieſe waren hier nicht mit Erde umhüllt, ſondern„völlig frei“. Hieraus ziehen wir den Schluß. daß die betreffenden Wurzeln für die Aufnahme von Bodennährſtoffen keine nennenswerte Bedeutung haben, ſondern nur dazu dienen können, die Pflanzen mit Waſſer zu verſorgen, das ſich als unterirdiſcher Tau auf den Wurzelhaaren niederſchlägt oder als eingedrungenes Regenwaſſer an den Wänden der Wurmröhren hinab⸗ ſickert. Dieſe Leiſtung der Untergrundswurzeln, die wir nicht unter⸗ ſchätzen, kann aber auch nur bei anhaltender Trockenheit von Be— deutung ſein. Demnach hat Henſen die Schlußtheſe Thiels nicht widerlegt, ſondern vielmehr beſtätigt: Die Hauptmaſſe der Wurzeln be⸗ findet ſich in dem oberen, durch die Kultur gelockerten Teile des Bodens; aus dieſer Bodenſchicht entnehmen daher die Pflanzen vorzugsweiſe ihre Nahrung. 5. Die Beſtockung. Die erſten Anfänge der Beſtockung finden wir bei kräftigen Ge⸗ treidefrüchten ſchon im Samenkorn. Der in Fig. 17 dargeſtellte Längs⸗ ſchnitt durch den Keimling des Weizens enthält neben der Haupt⸗ knoſpe a in der dem Schildchen zugekehrten Achſel des Scheidenblattes eine zweite ſehr kleine Knoſpe b. Daß wir es hier in der That mit einer zweiten Knoſpe und alſo auch mit einem Anfang der Beſtockung zu thun haben, darüber belehrt uns die Entwicklung, die wir in Fig. 50 verfolgen können. Die Figur zeigt uns den Längsſchnitt durch den mittleren Teil eines ¹) Victor Henſen, Über die Fruchtbarkeit des Erdbodens in ihrer Abhängigkeit von den Leiſtungen der in der Erdrinde lebenden Würmer. Landw. Jahrbücher von H. Thiel, 1882, S. 670, 691— 695. 3. Die Beſtockung. 63 Weizenpflänzchens, deſſen Graskeim(im Keimapparat) 14 Tage nach der Ausſaat eine Länge von 4 ½ cm erreicht hatte. Wir ſehen in dieſem frühen Stadium der Entwicklung ſchon drei Knoſpen. In der Mitte ſteht die Hauptknoſpe a, die ſich zum Haupthalm entwickelt Links von ihr, etwas tiefer, in der Achſel des Scheidenblattes, ſteht die zweite Knoſpe b, die, der gleichbenannten Knoſpe in Fig. 17 ent⸗ ſprechend, jetzt ſchon etwas herangewachſen iſt, um den zweiten Halm des Pflanzenſtockes vorzubereiten. Und rechts von der Hauptknoſpe, Fig. 50. Längsſchnitt durch den mittleren Teil eines jungen Weizenpflänzchens(Triticum vul- sare). a Hauptknoſpe, b und e Seitenknoſpen. kk Keimknoten. w Wurzel, ws Wurzelſcheide. f Keimſchuppe. se Schildchen. n Kleberſchicht. Vergrößerung 30 fach. in der Achſel des erſten Laubblattes, ſteht die dritte Knoſpe c, aus der der dritte Halm hervortreibt. Fig. 51 zeigt uns ziemlich dieſelbe Entwicklungsſtufe bei einem 5 cm hohen Haferpflänzchen. In der Mitte ſteht wieder die Hauptknoſpe a. Die Knoſpe in der Achſel des Scheidenblattes fehlt, weil ſie nicht zur Entwicklung gekommen, oder vielleicht nicht durch den Schnitt getroffen worden iſt, was bei ihrer Kleinheit leicht be⸗ 64 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. gegnen kann. Die der Regel nach dritte Knoſpe ſc in der Achſel des erſten Laubblattes iſt vorhanden, genau an derſelben Stelle, wie bei dem Weizen. Betrachten wir uns die Anordnung der drei Knoſpen a, b, c(Fig. 50), und ſtellen wir uns vor, daß jede in einen längeren Trieb auswächſt, ſo er⸗ halten wir einen Haupt⸗ ſtamm a mit zwei grund⸗ ſtändigen Seitenzweigen b und c, d. h. die Beſtockung iſt nichts anderes, als eine Verzweigung des Stammes in der Nähe der Wurzel. Dabei gelten folgende Geſetze: 4. Die Seiten⸗ zweige entſpringen ſtets aus der Achſel eines Blattes. 2. Jedes Blatt, ſowie jeder Seiten⸗ zweig entſpringt an einem Knoten.. 3. Die Blätter, ſowie die aus ihren Achſeln entſpringen⸗ den Seitenzweige ſind wechſelſtändig ange⸗ ordnet. Somit beſteht der Unterſchied zwiſchen Be⸗ Fig. 51. Längsſchnitt durch den mittleren Teil eines ſtockung und gewöhnlicher jungen Haferpflänzchens(Avena sativa). a Hauptknoſpe. Nor 5; c Seitenknoſpe. kk Keimknoten. wi Hauptwurzel mit Verzweigung nur darin, der geſprengten Wurzelſcheide ws. wea und Wg zwei daß bei dieſer die Seiten⸗ Wurzeln, die an und über dem Keimknoten hervorbrechen.„„ejge j oror sc Schildchen. n Kleberſchicht des Endoſperms. zweige in größerer oder Vergrößerung 30 fach. geringerer Höhe über dem Erdboden, alſo deutlich ſicht⸗ bar von dem Hauptſtamm abgehen, während ſie bei der Beſtockung ſcheinbar aus der Wurzel, in Wirklichkeit aber aus dem unteren Teil des Stammes hervorkommen. ¹) ¹) An den mittleren und oberen Halmknoten kommt eine Verzweigung der Hauptachſe, von dem Blütenſtande abgeſehen, bei unſeren Hauptgetreide⸗ arten für gewöhnlich nicht vor; dagegen zeigt ſich eine ſolche häufig bei den 3. Die Beſtockung. 65 Die Stellung der Knoſpen b und c in Fig. 50 läßt uns über den wirklichen Sachverhalt nicht in Zweifel, und da dies die erſten und die unterſten ſind, ſo müſſen bei weitergehender Beſtockung ſelbſt⸗ verſtändlich alle folgenden Knoſpen und Triebe aus den Blattachſeln entſpringen, die höher am Stamme ſtehen, als b und c. Ebenſo müſſen die Knoſpen, die etwa an den Seitenzweigen zur Entwicklung gelangen, höher ſtehen, als b und c. Nebenſtehende Schemata werden vielleicht dazu dienen, dieſe Ver⸗ hältniſſe noch beſſer zu veranſchaulichen. Fig. 52. Beſtockung mit zwei grundſtändigen Seitenzweigen b und c an dem Hauptſtamm a. Fig. 53. Beſtockung mit zwei grundſtändigen Seitenzweigen b und c an dem Hauptſtamm a. An den Seitenzweigen erſter Ord⸗ nung b und c je zwei Seitenzweige zweiter a Ordnung d und e bez. 6 f und g(w Andeutung der Wurzeln). Halten wir die Ge— ſetze feſt, nach denen die Verzweigung der Haupt⸗ h 0 und Nebenachſen vor ſiche K geht, ſo werden wir uns auf unſeren Saatfeldern unter der Mannigfaltig— keit der Erſcheinungen h N leicht zurechtfinden, und w»„ wir werden bei Ver⸗ Fig. 52. Fig. 58. gleichung entſprechender(Erklärung im Text.) Entwicklungsſtufen die Beobachtung machen, daß dieſelben Beſtockungserſcheinungen bei den verſchiedenen Getreidearten immer und immer wiederkehren. Zur Erläuterung geben wir eine Reihe von Beiſpielen. Fig. 54 zeigt eine junge Pflanze von Winterweizen(Triticum vulgare). Sie hat ſich, wie man gewöhnlich ſagt, nicht beſtockt, das heißt, ſie hat bis zum Tage der Beobachtung(8. April 1875) nur einen einzigen Trieb entwickelt. Dem Anſchein nach wird ſie es bei dieſem einen Triebe bewenden laſſen. Sie wird daher bei ungeſtörtem Wachstum, wie viele andere Pflanzen, nur einen Halm und eine Ahre liefern. 3 Hirſearten(Panicum und Setaria) und bei dem Kanariengras(Phalaris canariensis), wodurch dieſe Gräſer ein mehr krautartiges Anſehen erhalten. Regelmäßig finden wir eine Verzweigung der Hauptachſe: 1. bei dem Mais, bei dem die Kolben nichts anderes ſind, als Seiten⸗ äſte, die aus den Blattachſeln des Hauptſtammes entſpringen: 2. an den Blütenſtänden(Ähren und Riſpen) ſämtlicher Getreidearten. Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 5 66 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Fig. 55 zeigt eine andere Weizenpflanze von demſelben Felde und von demſelben Alter. Der Keimling dieſer Pflanze hat außer dem Haupttrieb a einen zweiten ſchwächeren Trieb b hervorgebracht. Fig. 54. Eine junge Pflanze vom Winter⸗ weizen(Triticum vulgare) mit einem Stock⸗ trieb a. sb das Scheidenblatt. w Keim⸗ wurzeln. wi Kronenwurzel, s Samenkorn. der natürlichen Größe. 9 Lue Fig. 55. Eine junge Pflanze vom Winter⸗ weizen(Triticum vulgare) mit 2 Stock⸗ trieben a und b. sb das Scheidenblatt. w Keimwurzeln. wi Kronenwurzeln. s Samenkorn.% der natürlichen Größe. ⁸8 Fig. 56. Eine junge Pflanze vom Winterweizen(Triticum vulgare) mit 3 Stocktrieben a, w Keimwurzeln, wi Kronenwurzelu, s Samenkorn. 2 der natürlichen Größe. b und c.— sb das Scheidenblatt. 3. Die Beſtockung. 67 Bleibt die Beſtockung auf dieſe beiden Triebe beſchränkt, ſo erhalten wir einen Stock mit zwei ährentragenden Halmen. Fig. 56 zeigt eine dritte Weizenpflanze wiederum von demſelben Felde und von demſelben Alter. Hier ſehen wir rechts und links von dem Haupttrieb a die beiden Seitentriebe b und c. Dieſe Pflanze, erheblich kräftiger in der Blatt- und Wurzelbildung als die beiden vorigen, kann alſo drei ährentragende Halme zur Entwicklung bringen. So kann die Beſtockung weitergehen bis zu 4, 5, 6 und mehr Fig. 57. Fig. 58. Fig. 57. Der untere Teil einer jungen Pflanze vom gemeinen Weizen(Triticum vulgare). s Samenkorn. w Wurzeln. sb Scheidenblatt. g rhizomartiges Glied, abgeſchloſſen mit dem Knoten ki. 0o Linie der Erdoberfläche. der natürlichen Größe. Fig. 58. Bezeichnung wie bei Fig. 57. Halmen.— Faſt jede Pflanze erzeugt eine Anzahl von Reſerveknoſpen, die nur im Notfall oder bei gewiſſen Witterungsverhältniſſen zur Entwicklung gelangen, um Erſatzhalme oder Nachzügler(Maipflanzen) zu bilden. Bei den angeführten Beiſpielen, die wir, wie die folgenden, nicht allein auf den Weizenfeldern, ſondern auch auf den Roggen⸗, Gerſten⸗ und Haferfeldern in gleicher Weiſe wiederfinden können, ſitzt der Pflanzenſtock direkt auf oem Samenkorn, oder, mit anderen Worten, die Beſtockung erfolgt hier an dem Keimknoten(vergl. Fig. 50). Be⸗ dingung für dieſe Art der Beſtockung iſt flache Unterbringung des Samenkorns bis zur Tiefe von 1 oder 2 cm. 68 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Liegt das Samenkorn tiefer, ſo wächſt aus ihm ein rhizomartiger ein- oder mehrgliedriger Stengel empor, der ſich erſt in der Nähe der Bodenoberfläche oder an der Oberfläche ſelbſt zur Beſtockung an⸗ ſchickt. Einen derartigen Fall zeigt Fig. 57. Das Samenkorn(Winter⸗ weizen, Triticum vulgare) iſt hier 5—6 cm unter der Oberfläche des Fig 59. Der untere Teil einer jungen Fig. 60. Der untere Teil einer jungen Pflanze Pflanze des gemeinen Weizens(Triticum von Winterweizen(Triticum vulgare). s das vulgare). s Samenkorn. w Keimwurzeln. Samenkorn. w Wurzeln. sb das Scheiden⸗ sb Scheidenblatt.& rhizomartiges Glied, blatt. g rhizomartiges Glied, abgeſchloſſen mit abgeſchloſſen mit dem Knoten ki, an dem dem Knoten ki, der den Haupttrieb a trägt. zwei Kronenwurzeln wi hervorgebrochen b Seitentrieb, entſprungen aus dem Keimknoten. ſind. oo Linie der Erdoberfläche. oo Linie der Erdoberfläche. ⅛ der natürlichen der natürlichen Größe. Größe. Bodens zum Keimen gelangt. Es hat ein 4 ½ cm langes fadenför⸗ miges Stengelglied g erzeugt, das mit dem Knoten k. abſchließt. Zu einer Verzweigung der Hauptachſe iſt es nicht gekommen, die Pflanze iſt vielmehr einhalmig geblieben. Die Länge der Pflanze, von dem Samenkorn bis zur Spitze des 3. Die Beſtockung. 69 längſten Blattes gemeſſen, betrug am Tage der Beobachtung 22 cm. Tag der Beobachtung bei Fig. 57— 62 der 23. April 1875. Einen zweiten ganz ähnlichen Fall zeigt Fig. 58. Er unter⸗ ſcheidet ſich von dem vorigen nur dadurch, daß das unterirdiſche Stengelglied g, wegen der ein wenig flacheren Lage des Samenkorns, etwas kürzer, nämlich 4 cm, und beſſer von dem Scheidenblatt sb eingeſchloſſen iſt. Länge der Weizenpflanze 21 cm. Einen dritten Fall zeigt Fig. 59. Hier iſt das rhizomartige Stengelglied nur 3 cm lang geworden. Es iſt ebenfalls von dem R 1„ Fig. 61. Der untere Teil einer jungen Pflanze von Winterweizen(Triticum vulgare). s das Samenkorn. w Wur⸗ zeln. sb das Scheidenblatt. g rhizom⸗ artiges Glied, abgeſchloſſen mit dem Knoten ki, der den Haupttrieb a trägt. b Seitentrieb, entſprungen aus dem Keim⸗ knoten.— oo Linie der Erdoberfläche. 2⅛ der natürlichen Größe. Fig. 62. Der untere Teil einer jungen Pflanze von Winterweizen(Triticum vulgare). s das Samenkorn. w Keimwurzeln. g rhizomartiges Glied, abgeſchloſſen mit dem Knoten ki, an dem zwei Kronenwurzeln wI entſprungen ſind. a Haupt⸗ trieb mit dem Seitentriebe d.— b und e zwei nachträglich aus dem Keimling entſprungene Seitentriebe.— oo Linie der Erdoberfläche. 2 der natürlichen Größe. Scheidenblatt sb eingeſchloſſen, und an dem Knoten k ſind zwei Kronenwurzeln wi hervorgebrochen. Die Pflanze iſt etwas kräftiger als die beiden vorigen, aber gleichfalls einhalmig. Länge 28 cm. Einen vierten Fall zeigt Fig. 60. Das unterirdiſche Stengel⸗ glied g beſitzt hier eine Länge von etwa 2 ½ cm. An dem Knoten k“, der den Haupttrieb a trägt, iſt eine Verzweigung oder Beſtockun L 9 zweigung g nicht eingetreten. Trieb b hervorgebrochen, ſo da Dagegen iſt aus dem Keimknoten ein ſchwächerer ß wir es hier mit einer zweihalmigen Pflanze zu thun haben. Länge des Haupttriebes a 24 cm, des Seiten⸗ triebes b ungefähr 10 cm. 70 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Die in Fig. 61 dargeſtellte Weizenpflanze gleicht der vorigen, wie ein Ei dem andern.(Bekanntlich iſt die Gleichheit der Eier keine vollkommene). Das Samenkorn hat hier wieder einen Haupttrieb a, der in der Höhe von nicht ganz 2 cm den Knoten k trägt, und außerdem den ſchwächeren Trieb b erzeugt. Beide Triebe ſind an ihrer Baſis vollſtändig von dem Scheidenblatt sb umhüllt, das etwas unterhalb der Spitze den Schlitz zeigt, den wir ſchon an dem Keim⸗ ling(Fig. 18) gefunden haben. Länge des Haupttriebes a 24 cm, des Seitentriebes b etwa 13 cm. Fig. 63. Unterer Teil einer jungen Pflanze von Winterroggen(Secale cereale). s die Stelle des Samenkorns. w Keimwurzeln. g rhizomartiges Stengelglied, abgeſchloſſen mit dem Knoten k; dicht über dieſem ein zweiter nicht ſichtbarer Knoten. Bei k entſpringt der Haupt⸗ trieb a mit zwei Seitentrieben c und d und 9 Kronenwurzeln wi. Der aus dem Keimling hervorgebrochene Trieb b bleibt zurück.— eo Linie der Erdoberfläche. ⅞ der natürl. Größe. Bei dem in Fig. 62 dargeſtellten Fall iſt aus dem Samenkorn (Winterweizen) der Haupttrieb a hervorgegangen. Er hat zunächſt, um ſich der Oberfläche des Bodens zu nähern, das rhizomartige Glied g erzeugt, das mit dem Knoten kü abſchließt. An dieſem Knoten haben ſich der Seitentrieb d aus der Blattachſel, und aus der Baſis des Haupttriebes die beiden Kronenwurzeln w, entwickelt. An dem Knoten k haben wir alſo eine Verzweigung oder Beſtockung. Außer dem Haupttrieb a hat das Samenkorn den ſchwächeren Trieb b und nachträglich noch einen dritten Trieb c hervorgebracht. Wir haben hier alſo auch eine Verzweigung oder Beſtockung an dem Keimknoten. —— —3 R 3. Die Beſtockung. 71 Länge des Haupttriebes a= 28 cm, des Triebes b= 15 cm, des Triebes c= 2 cm, des Triebes d= 11 cm, wobei die Triebe a, b und c von dem Samenkorn s, der Trieb d dagegen von dem Knoten k, aufwärts bis zur Spitze des längſten Blattes gemeſſen ſind. Eine etwas weiter gehende Beſtockung, und zwar bei dem Winter⸗ roggen(Secale cereale), zeigt Fig. 63. Das bei s etwa 2 ecm unter der Oberfläche des Bodens keimende Samenkorn hat hier ebenſo, wie wir es bei dem Weizen kennen gelernt haben, ein rhizomartiges Glied g erzeugt. Dieſes, etwa 1 cm lang, hat bei k, wo zwei Knoten dicht beiſammenſitzen, zwei ziemlich kräftige Seitenzweige c und d hervorgebracht, die aber im Vergleich zu dem Haupt⸗ triebe a nur ſchwach erſcheinen. Noch viel ſchwächer iſt der zweite aus dem Keimknoten hervorgegangene Trieb b, der im vorliegenden Falle wahr⸗ ſcheinlich gänzlich unterdrückt werden wird, der aber unter günſtigen Umſtänden ſich in ähnlicher Weiſe beſtocken kann, wie der Hauptrieb a. Bei k zählen wir an dem Haupt⸗ ſtock 9 kräftige Kronen⸗ wurzeln wi. Tag der Be⸗ obachtung der 8. April 1875. Der in Fig. 64 darge⸗ ſtellte Fall, ebenfalls auf den Fig. 61. Beſtockung des Winterroggens(Secale Winterroggen bezüglich, weicht Cereale), s das Samenkorn, aus dem 6 Keim⸗ 3, 4 wurzeln w entſprungen. g das rhizomartige Glied, von dem vorigen nur inſofern an deſſen oberem Ende, etwa 1 cm unter der Erd⸗ ab, als das Samenkorn hier oberfläche oo0, der Pflanzenſtock die 4 Triebe a, b, nur einen einzigen Trieb ent⸗ 9. Aunt die) de emnhm Srbfenticet hat wickelt, und als dieſer Haupt⸗ 34 trieb a etwa 1 ½ cm über dem Keimknoten die 3 Seitenzweige b, c und d hervorgebracht hat, ſo daß wir eine vierhalmige Pflanze erhalten. Aus dem Samenkorn s ſind 6 Keimwurzeln, aus der Baſis der Stocktriebe ſind 9 Kronenwurzeln entſprungen. Tag der Beob⸗ achtung der 24. Februar 1885. Die mitgeteilten Beiſpiele veranſchaulichen die am häufigſten vorkommenden einfacheren Fälle der Beſtockung. Sehr ſtark beſtockte Pflanzen laſſen ſich nicht überſichtlich zeichnen. Wir wollen daher die verwickelteren Fälle durch Maß⸗ und Gewichtszahlen zur Darſtellung zu bringen verſuchen, beſchränken uns aber auch hier wieder auf wenige Beiſpiele. Vorher erinnern wir noch daran, weil dies zum Verſtändnis der Beſtockungsverhältniſſe im allgemeinen und der folgenden Beiſpiele im 692 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. beſonderen dienlich iſt, daß in den Winterſaaten ſchon im Frühjahr, bei rechtzeitiger Ausſaat und guter Beſtockung ſogar ſchon im Herbſt — die Ahren zu erkennen ſind. Fig. 65 zeigt z. B. einen Teil des Längsſchnitts durch eine Winterroggenpflanze, die am 24. Februar 1885 dem Felde entnommen wurde. Bei a ſehen wir die vergrößerte junge Ahre, in Wirklichkeit nur wenig über 1 mm lang und unmittelbar über dem Wurzelſtock ſtehend.— Fig. 66 zeigt die junge Ahre des Winterweizens, etwas weiter entwickelt, bei ſtärkerer Vergröße⸗ rung. Man erkennt an der Verzweigung des im Innern verlaufenden Fig. 65. Längsſchnitt durch den unteren Teil einer Winter⸗ Fig. 66. Junge Ähre des roggenpflanze(Secale cereale), die am 24. Februar 1885 Winterweizens(Triticum vul- dem Felde entnommen wurde. s die Stelle, wo das Samen⸗ gare). Im Innern ſieht man korn gekeimt hat. w Keimwurzeln. sb das vertrocknete das Gefäßbündel, das in jedes Scheidenblatt. g das rhizomartige Glied, abſchließend mit Ahrchen einen Aſt ausſendet. dem Knoten x.— wI erſter, we zweiter Kranz von Kronen⸗ Die natürliche Länge der Ähre wurzeln. k die fünf Halmknoten, a die junge ÄAhre mit betrug 1 ½¼ mm. Vergr. 40 fach. 25 zählbaren Ahrchen. Vergrößerung 10 fach. Gefäßbündels ſehr deutlich, daß die Ahrchen der ÄAhre abwechſelnd rechts und links entſpringen, alſo wechſelſtändig angeordnet werden. Jetzt laſſen wir die angekündigten Beiſpiele für ſehr ſtarke und außergewöhnlich ſtarke Beſtockung folgen. Das eine Beiſpiel— für ſehr ſtarke Beſtockung— bezieht ſich auf die Wintergerſte, Hordeum vulgare. Die betreffende Pflanze, die etwas vereinzelt am Rande des Feldes ſtand, wurde am 6. Mai 1875 70 3. Die Beſtockung. 73 ausgegraben und vorſichtig in die einzelnen Teile zerlegt, um deren Gewicht nebſt Wurzeln, die ſelbſtverſtändlich abgewaſchen wurden, im friſchen, etwas abgewelkten Zuſtande feſtzuſtellen. Wurzeln waren übrigens nur an den ſtarken und mittelſtarken Trieben vorhanden. In der folgenden Tabelle ſind die gefundenen Gewichtszahlen verzeichnet. Gewicht der Stocktriebe einer ſehr ſtark beſtockten Wintergerſtenpflanze am 6. Mai 1875. I. II. III. IV. V. Stärkſte Mittelſtarke Schwache Sehr ſchwache Schwächſte Triebe. Triebe. Triebe. Triebe. Triebe. g. 2 8. 9 g 5,74 3,93 1,09 0,37*0,09 5,73 3,80 1,06 0,32 0,06 5,46 3,30 0,96 0,27 0,05 5,41 3,20 0,94 0,26*0,04 — 3,06 0,91 0,16*0,03 — 2,70 0,80 0,15 0,03 2,10 0,60 0,12 0,01 . 1,84 0,58 0,11*0,01 — 1,62 0,57 0,10 — 1,49 0,51—— Summe: 22,34 27,04 8,02 1,86 0,32 Die Anzahl der Stocktriebe in den einzelnen Abteilungen be⸗ trug bei J. II. III. IV. V. ſtärkſte mittelſtarke ſchwache ſehr ſchwache ſchwächſte Triebe 4 10 10 9 8 Es waren alſo im ganzen 41 Stocktriebe vorhanden, deren Länge zwiſchen 330 und 1 mm ſchwankte. Im übrigen mag über die Ent⸗ wicklungsverhältniſſe folgendes bemerkt werden. I. Stärkſte Triebe. Ihre Zahl iſt 4, und ihr durchſchnittliches Gewicht beträgt 5,58 g. Zwiſchen den Blättern verſteckt, an der eigentlichen Spitze der Achſe, aber nur 4 mm über dem Wurzelſtock ſtehend, zeigen ſich die mit bloßem Auge deutlich erkennbaren Ähren, die in dieſem Zuſtande der Entwicklung 2 mm lang ſind. II. Mittelſtarke Triebe. Ihre Zahl iſt 10. Ihr durch⸗ ſchnittliches Gewicht beträgt 2,70 g, iſt alſo nur halb ſo hoch wie bei I.— Die ÄAhren, die auch hier deutlich zu erkennen, wären wahr⸗ ſcheinlich noch zur Blüte und Fruchtbildung gelangt. III. Schwache Triebe. Ihre Zahl iſt 10. Ihr durchſchnitt⸗ liches Gewicht beträgt 0,80 g, alſo nur den 7. Teil von I.— Ahren auch hier vorhanden, aber ſehr klein. Wahrſcheinlich wären ſie nicht zur Entwicklung gekommen. IV. Sehr ſchwache Triebe. Ihre Zahl iſt 9. Ihr durch— ſchnittliches Gewicht beträgt 0,21 g, alſo nur den 26. Teil von I.— 74 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Ähren auch hier vorhanden, aber nur mit der Lupe erkennbar. Ihre Entwicklung ſehr unwahrſcheinlich. V. Schwächſte Triebe(Knoſpen.) Ihre Zahl iſt 8. Ihr durchſchnittliches Gewicht beträgt 0,04 g, alſo nur den 140. Teil von I.— Von AÄhren iſt hier nichts zu entdecken.— Die mit bezeichneten Triebe ſind abgeſtorben oder verkümmert. Obgleich dieſe Pflanze alſo 41 Stocktriebe aufzuweiſen hatte, ſo war doch die Mehrzahl(27) ſo ſchwach, daß ein Ertrag von ihnen nicht zu erwarten ſtand. Immerhin konnte der Stock 14 ährentragende Halme liefern, von denen freilich nur 4 etwas Hervorragendes zu leiſten verſprachen.— Das andere Beiſpiel— für außergewöhnlich ſtarke Beſtockung— bezieht ſich auf den Winterweizen, Triticum vulgare. Die betreffende Pflanze war durch Ausfall entſtanden auf einem bei Zürich gelegenen Feldſtücke, das im vorigen Jahre ſogleich nach der Ernte gedüngt und umgegraben worden war, um es mit Stoppelrüben zu beſtellen. Sie war nebſt einigen anderen Weizenpflanzen, die ſämtlich eine ſehr ſtarke Beſtockung zeigten, unbeachtet und ungeſtört ſtehen geblieben, erfreute ſich alſo eines ganz iſolierten, äußerſt günſtigen Standorts und ſehr früher Ausſaat. Sie wurde am 1. April 1885 ausgegraben und ſorg⸗ fältig zerlegt in die einzelnen Stocktriebe, um deren Länge von der Wurzel bis zur Spitze des längſten Blattes zu meſſen, und auf dieſe Weiſe ein Bild von der Beſtockung in Zahlen zu gewinnen. Das Reſulat der Meſſungen iſt in folgender Tabelle zuſammengeſtellt, aus der zu erſehen, daß die Anzahl der Stocktriebe in den einzelnen Ab⸗ teilungen betrug bei 1. II. III. IV. V. ſtärkſte mittelſtarke ſchwache ſehr ſchwache ſchwächſte Triebe 6 34 32 12 37 (Siehe Tab. S. 75.) Es waren alſo im ganzen 121 Stocktriebe vorhanden, deren Länge zwiſchen 366 und 1 mm ſchwankte.(An größeren Wurzeln ergaben ſich auf dem Querſchnitt 1 cm unterhalb der Wurzelkrone 94. Weiter oberhalb waren noch viele neue Wurzeln hervorgebrochen, deren Zahl nicht feſtgeſtellt wurde. Es iſt wahrſcheinlich, daß der Stock ſo viel Wurzeln wie Stengel beſaß.) 4 Dieſe Weizenpflanze hätte bei ungeſtörtem Wachstum 40, viel⸗ leicht auch 60 ährentragende Halme liefern können(I., II., III.). Von den übrigen wäre ungefähr die Hälfte(III., IV.) zu Grunde gegangen — von den 14 mit* bezeichneten, von Inſekten oder Inſektenlarven angefreſſenen Trieben war die Mehrzahl bereits abgeſtorben— die andere Hälfte(V.) vorausſichtlich überhaupt nicht zur Entwicklung gelangt, es ſei denn, daß die ſtärkeren Triebe vor der Zeit abgemäht oder ſonſt auf eine Weiſe zerſtört worden wären.¹) ¹) Bei einer außergewöhnlich ſtark beſtockten Winterrogg enpflanze, die ebenfalls nicht abſichtlich angebaut worden war, denn ich fand ſie am 3. Die Beſtockung. 75 Länge der Stocktriebe einer außergewöhnlich ſtark beſtockten Winter⸗ weizenpflanze am 1. April 1885. J. II. IIIL. IV. V. Stärkſte Mittelſtarke Schwache Sehr ſchwache Schwächſte Triebe. Triebe. Triebe. Triebe. Triebe. mm mm mm mm mm 366 281 199 95 77 33- 280 199 90 5 310 280 195 87 5 309 278 195 85 5 305 276 192 80 4 302 269 190. 55 3 — 262 186 453 3 — 255 183 2*50 3 247*182 442 3 — 247 182 24 3 8— 246 180 20 3 — 245 178*12 3 — 245 2174— 2 — 238 172— 2 — 236 170— 2 — 232 169— 2 — 232 168— 2 — 231. 160 2 — 230 158— 2 — 226— 2 — 225 2 * 0 - 2 — 221— 1 — 220— 1 — 219— 1 — 217— 1 — 216— 1 — 210 ve 1 — 209— 1 — 206— 1 — 206— 1 — 205—— 1 — 202 3— 1 1 1 4 24. April 1885 auf einem Kleegrasſchlage, der im Sommer vorher Hafer als Deckfrucht getragen hatte— ergaben ſich bei der Zerlegung und Meſſung: 76 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. In der Litteratur finden wir Beiſpiele für noch ſtärkere Be⸗ ſtockung, von denen die folgenden hier angereiht werden mögen. 1. Alexander von Humboldt erzählt einen Fall von ganz außerordentlicher Fruchtbarkeit aus Mexiko, wo eine Weizenpflanze je 40, 60 bis 70 Stengel getrieben hat, deren Ähren beinahe durch⸗ gängig gleicht gefüllt waren und 100 bis 120 Körner trugen. ¹) 2. Einen anderen Fall berichtet Fr. Haberlandt von einer auf einem fruchtbaren Boden und bei frühzeitigem Anbau in Dalmatien gewachſenen Weizenpflanze, die aus einem Korn 130 ährentragende Halme mit 6855 Körnern entwickelte.(Das Gewicht der ganzen Pflanze betrug 1112 g, das Gewicht der Körner 218 g.)?) 3. Ein drittes, beinahe unglaubliches Beiſpiel übermittelt Albrecht Thaer.²) Der Irländer Miller brachte nämlich aus einem Weizen⸗ korn,— das er im Juni ſteckte, indem er im Herbſt und im folgenden Frühjahr mehreremale die Stocktriebe abtrennte und verpflanzte— in einem Jahre 21 109 Ahren und 576 840 Körner hervor. Dieſe Beiſpiele genügen, um die Beſtockungsfähigkeit des Ge⸗ treides darzuthun. Die zuletzt erwähnten Fälle ſind jedoch Ausnahmen von der Regel, und über den Ausnahmen darf man die Regel nicht vergeſſen, daß 10, 20 und 30 Halme nicht ſo häufig ſind als 1, 2 und 3.— Eine Winterroggenpflanze: 7 ſehr ſtarke Stocktriebe von 660— 565 mm Länge, 14 mittelſtarke 545— 465 10 ſchwache 450— 290 29 ſehr ſchwache„„ 220—105 29 Knoſpen oder Reſervetriebe von 5—2 Zuſammen 89 Stocktriebe. Dieſer Stock hätte bei ungeſtörtem Wachstum 31 ährentragende Halme geliefert. Die folgenden 29 ſehr ſchwachen Triebe waren ohne Bedeutung, denn obwohl auch bei ihnen die kleinen Ähren zu finden waren, ſo machten ſie doch keine Miene zum Schoſſen; viele von ihnen waren bereits im Ab⸗ ſterben begriffen. Die 29 kleinſten, an der Baſis der ſehr ſtarken und mittel⸗ ſtarken Halme ſitzenden Triebe waren geſund; wir haben ſie als Knoſpen oder Reſervetriebe bezeichnet, weil ſie dazu beſtimmt ſind, im Notfalle an Stelle der zuerſt emporgeſchobenen Halme zu treten. Wird z. B. Futter⸗ roggen früh abgemäht und die Witterung iſt günſtig, ſo liefern die Reſerve⸗ knoſpen einen zweiten Schnitt, denn ſie ſitzen ſo tief, daß ſie der erſte Schnitt nicht trifft. Solche Reſerveknoſpen finden wir nicht bloß bei dem Roggen, ſondern auch bei den übrigen Getreidearten. Die im Text genauer beſchriebene Weizenpflanze beſaß 37 derartige Knoſpen. ¹) Neu⸗Spanien III, p. 52. Zitiert nach Meyen, Grundriß der Pflanzengeographie 1836, S. 345. ²) Landw. Centralblatt f. D. März 1869. Zitiert nach G. Krafft, Lehrbuch d. L. 1876, II, S. 11. ³) Grundſätze d. r. L. 1853, IV, S. 24.— Vergl. W. Rimpau, Züchtung neuer Getreidevarietäten, Landw. Jahrbücher, herausgegeben von H. Thiel, 1877, S. 232, woſelbſt angeführt wird, daß C. Miller den be⸗ treffenden Verſuch im Jahre 1765 in Cambridge ausführte. „„ „„ 3. Die Beſtockung. 77 Nachdem wir jetzt die Erſcheinungen der Beſtockung kennen ge⸗ lernt haben, bleibt uns noch übrig, ihre Urſachen kurz zu be⸗ ſprechen. 1. Die Beſtockung hat innere und äußere Urſachen. Die inneren Urſachen ſind uns ihrem eigentlichen Weſen nach größtenteils un⸗ bekannt. Wir wiſſen nur, daß die Beſtockung eine den Gräſern inne⸗ wohnende Eigenſchaft iſt, daß ſie ſich bei verſchiedenen Gräſern ver⸗ ſchieden äußert, und daß die eine Grasart, auch unter gleichen äußeren Bedingungen ſich ſtärker beſtockt als die andere. Beiſpiele hierfür haben wir weiter oben(S. 19) mitgeteilt. Die Getreidearten ſtimmen, wie wir geſehen haben, hinſichtlich der Form der Beſtockung mit den horſtbildenden, wildwachſenden Gräſern überein. Wir haben auch verſucht, die Gründe darzulegen, weshalb die ausdauernden Wieſen⸗ und Weidegräſer ſich ſtärker be⸗ ſtocken als die einjährigen Getreidegräſer(S. 18). Phyſiologiſch und praktiſch wichtig iſt die Thatſache, daß die Neigung zur Beſtockung auch bei den Getreidearten, und ſelbſt bei den Varietäten derſelben Art verſchieden iſt. So beſtockt ſich z. B. Gerſte ſtärker als Hafer, und große Gerſte(Hordeum distichum) ſtärker als kleine Gerſte(Hordeum vulgare); ebenſo beſtockt ſich der ſogenannte Staudenroggen ſtärker als der gewöhnliche Landroggen, und der Winterroggen ſtärker als der Sommerroggen. Es iſt demnach auch möglich, durch Zuchtwahl Varietäten oder Spielarten mit ſchwächerer oder ſtärkerer Beſtockung heranzubilden, wozu unter Hinweis auf unſere früheren Auseinanderſetzungen(S. 21) bemerkt ſein mag, daß die Neigung zur Vielhalmigkeit für Strohproduktion, die Neigung zur Einhalmigkeit für Körnerproduktion den Vorzug verdient. Wird Stroh⸗ und Körnerproduktion gleichmäßig beabſichtigt, ſo werden Varietäten mit 3, 4 oder 5 ährentragenden kräftigen Halmen dem Zwecke am beſten entſprechen. Im allgemeinen ſind unſere Haupt⸗ getreidearten teils durch natürliche, teils durch künſtliche Zuchtwahl in dieſer zweckmäßigen Richtung gezüchtet. 2. Beſſer bekannt, als die inneren, ſind uns die äußeren Ur⸗ ſachen der Beſtockung, die wir der Überſichtlichkeit wegen beſonders betrachten, obwohl äußere und innere Urſachen ſtets zuſammenwirken, alſo eigentlich nicht voneinander zu trennen ſind. Von den äußeren Urſachen der Beſtockung iſt zunächſt der Wir⸗ kung des Lichtes zu gedenken. Zur Erläuterung benutzen wir als Hülfsbeiſpiel die Beſtockung des gemeinen Queckengraſes, Triticum repens. Fig. 67. Ein Stück eines Queckenrhizoms iſt bei q in eine annähernd ſenkrechte Stellung gelangt. Es iſt an der Spitze weiter gewachſen, und mit dem Erreichen der Bodenoberfläche iſt eine Verkürzung der Glieder zwiſchen den Knoten eingetreten. Das unterſte vollſtändige Glied, das die Figur zeigt, mißt 28 mm, das folgende 17 mm, das dritte 2 mm und das vierte, das an der Oberfläche des Bodens 00 liegt, 1 mm. 78 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Als Urſache dieſer Gliederverkürzung muß vor allem die Wirkung des Lichtes in Anſpruch genommen werden. Das Licht trifft natürlich nur die aus dem Boden heraustretende Spitze des Rhizoms, aber da die folgenden Glieder ſich nach der Spitze hin verlängern, ſo macht ſich die Wirkung des Lichtes auf alle Glieder geltend, die ihre definitive Länge noch nicht erreicht haben. Die Verkürzung der Glieder hat ein Dickenwachstum zur Folge (vergl. Fig. 49), weil fort und fort Bildungsſtoffe aus den hinteren Gliedern in die vorderen oder oberen nachrücken, und weil überdies das ſcheinbare Spitzenblatt, ſobald es die Oberfläche des Bodens erreicht, ſich auszubreiten und unter dem Ein— fluß des Lichtes zu ergrünen und neue Stoffe zu bilden beginnt, die durch die Blattſcheide abwärts wandern in das Rhizom. Inzwiſchen ſchiebt ſich aus dem ſcheinbaren Spitzenblatt ein zweites, ſpäter ein drittes Blatt hervor, bei dem der Vorgang der Stoffbildung(Aſſimilation) ſich wieder⸗ holt. Die in den oberen ſehr verkürzten Rhizom⸗ oder Stengelgliedern zu⸗ ſammenſtrömenden Bildungsſtoffe be⸗ wirken eine ſtrotzende Füllung nament⸗ lich der Knoten, wodurch ein Hervor⸗ oi 1 A Fig. 67. Beſtockung der gemeinen Quecke treiben bon Knoſpen und Sproſſen (Triticum repens). a das Rhizom, das veranlaßt wird. 3— ndbede neie dirende a,d. Das Nefultat iſt in unſerem Jall Jeln, e werrdEeneee rlt, in deſſen ein Haupttrieb I mit vier Seiten⸗ Achiet derrſace„Vdee kidriaſenruh. trieben II, III, IV., V., die in o Erdoberſläche. us der natürl. Größe. der Reihenfolge der Ziffern ent⸗ ſtanden ſind. Der Haupttrieb I ſteht genau an der Oberfläche des Bodens. An ſeiner Baſis, in der Achſel des ehemaligen Spitzenblattes b iſt der Seitentrieb IV entſprungen, nachdem kurze Zeit vorher an dem 1 mm unter der Oberfläche liegenden Knoten der Seitentrieb II, und ziemlich gleichzeitig mit dieſem, an dem 3 mm unter der Oberfläche liegenden Knoten der Seitentrieb III hervorgebrochen war. Zuletzt hat noch der 20 mm unter der Oberfläche liegende Knoten den Seiten⸗ trieb V erzeugt, deſſen Spitze eben an das Licht tritt. Im weſentlichen genau auf dieſelbe Weiſe kommt die Beſtockung bei den Getreidearten zu ſtande. Bei Vergleichung von Fig. 67 mit Fig. 49, 62, 63 und 64 wird man die Übereinſtimmung nicht ver⸗ kennen; nur hat man an Stelle des unteren Rhizomgliedes bei der Quecke— bei dem Getreide das Samenkorn zu ſetzen. Samenkorn und Rhizom ſind phyſiologiſch gleichwertig, wie wir früher bereits bemerkt haben. 3. Die Beſtockung. 79 Die Urſache der Beſtockung oder mit anderen Worten der Bildung von Seitentrieben iſt hier wie dort das Licht, oder genauer es ſind die durch Vermittlung des Lichtes aus der Kohlenſäure der Luft ꝛc. neugebildeten Bauſtoffe, die anfänglich, ſolange wie der Mehlkörper des Samenkorns, oder der Strang des Oueckenrhizoms, noch nicht erſchöpft iſt, durch die in dieſen Organen befindlichen Reſerve⸗ ſtoffe erſetzt oder doch unterſtützt werden. Eine ſchwache Be⸗ ſtockung(mit 2—3 Stocktrieben) findet bei kräftigen Samenkörnern auch im dunkeln ſtatt(vergl. Fig. 50), eine ſtarke Beſtockung kommt dagegen im dunkeln niemals, ja ſelbſt im Schatten nicht zu ſtande. Folglich iſt die Haupturſache der Beſtockung das Licht. 3. Im Zuſammenhange hiermit iſt die Beſtockung ferner ab⸗ hängig von dem Stockraum. Der größere Stockraum begünſtigt, der kleinere Stockraum beeinträchtigt die Beſtockung. Dabei kommt zweierlei in Betracht. Erſtens gewährt ein größerer Stockraum eine beſſere und gleichmäßigere Beleuchtung der Blätter, die ſich frei und ungehindert nach allen Seiten ausbreiten können, wodurch eine ver⸗ mehrte Neubildung von Baumaterial ermöglicht wird; zweitens ge— währt der größere Stockraum auch eine freiere und vollkommenere Entwicklung der Wurzeln, was eine geſicherte und vermehrte Aufnahme von Bodennährſtoffen zur Folge hat. Die Arbeit der Wurzeln ſteht jedoch in unbedingter Abhängigkeit von der Arbeit der Blätter. Da dieſe im Grunde genommen von dem Sonnenlicht geleiſtet wird, das bei engem Stande der Pflanzen nicht jedes Blatt direkt zu treffen vermag, ſo kann eine vermehrte Zufuhr von Bodennährſtoffen den größeren Stockraum nicht erſetzen. Andererſeits nützt auch der größte Stockraum nichts, wenn es dem Boden an Nährſtoffen fehlt. Auf hungrigem Sandboden z. B. beſtockt ſich der Staudenroggen nicht, wenn man auf den Quadratmeter auch nur eine Pflanze ſtellt. Der Stoff muß vorhanden ſein, ſonſt bleibt die Kraft der Sonne wir⸗ kungslos. Wie bedeutend die Beſtockung durch den Stockraum beeinflußt wird, erſieht man aus folgenden Verſuchen, bei denen die bezüglichen Bodenverhältniſſe dieſelben waren. Fr. Haberlandt') erhielt bei Wintergetreide, das am 29. Sep⸗ tember 1876 im Verſuchsgarten zu Wien geſäet wurde, nachſtehendes Reſultat: Stockraum Zahl der Stocktriebe pro Pflanze qem Winterweizen. Winterroggen. Wintergerſte. 25 1,9 3,2 100. 8,4 6,4 225 14,8 12,1. 400... 14,2 8,8(2)— Der allgem. l. Pflanzenbau, 1879, S. 717. 80 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Hagedorn in Proskau machte einen ähnlichen Verſuch mit Sommerweizen und erhielt folgendes Reſultat: Abſtand der Pflanzen Zahl der Stocktriebe in cm. pro Pflanze. 410.... 11 11414 41 v50o0o0 13 25 16 Auch der weiter oben(S. 76) mitgeteilte Verſuch, bei dem durch Abtrennung und Verpflanzung der Stocktriebe von einem Weizenkorn 21 109 ährentragende Halme erzielt wurden, kann zum Belege dienen, wie ungemein die Beſtockung durch die Vergrößung des Stockraumes befördert wird. 4. Von entſchiedenem Einfluß auf die Beſtockung iſt endlich die Saatzeit. Schon Vater Thaer macht darauf aufmerkſam, daß frühe Saatzeit die Beſtaudung der Pflanzen erlaubt, bevor der Trieb zum Schoſſen— bei jeder Pflanze zu einer gewiſſen Jahreszeit— eintritt. Dieſer Umſtand, fügt er hinzu, iſt von ſo großer Wichtigkeit, daß man z. B. von Staudenroggen im Juli um die Hälfte weniger als im Oktober einſäen darf. An einer anderen Stelle bemerkt er: Der Staudenroggen muß durchaus vor Ende September in der Erde ſein. Bei ſpäter Saat verliert er ſeinen Vorzug— den Vorzug nämlich, ſich ſtark zu beſtauden. Zur Beobachtung früher und ſpäter Saaten bietet ſich alle; Jahre Gelegenheit. Ein Beiſpiel ſtatt vieler. Auf einem Felde, das erſt in der zweiten Hälfte Oktobers 1884 mit Weizen beſäet worden war, konnte ich am 1. April des ſilgende Jahres an keiner Pflanze mehr als 4 Triebe finden, die meiſten Pflanzen beſaßen deren nur 1 bis 2. Dicht daneben bei den Pflanzen, deren Ausſaat ſchon im Auguſt, und zwar durch Ausfall von demſelben Weizen ſatlgeſunden hatte, zeigte ſich durchweg eine ſehr ſtarke Beſtockung, ſo daß ſich bei der ſtärkſten Pflanze 121 Stocktriebe da gacen Allerdings waren die durch Ausfall entſtandenen Pflanzen nicht allein durch die zwei Monate frühere Ausſaat, ſondern auch durch einen größeren Stockraum begünſtigt; da aber der Stand der abſichtlich angebauten Pflanzen ſehr dünn, und da der Boden hier wie dort überreich und gartenmäßig kulti⸗ viert war, ſo muß der auffallende Unterſchied in der Beſtockung, wie in der ganzen Entwicklung(die Länge und Dicke der ſtärkſten Triebe verhielt ſich auf den beiden Parzellen wie 1: 3) hauptſächlich oder ausſchließlich auf die verſchiedene Saatzeit zurückgeführt werden. Einen genauer kontrollierten vergleichenden Verſuch über den Einfluß der Saatzeit auf die Quantität und Qualität der Ernte hat E. Wollny 1873/74 mit Winterroggen durchgeführt, wobei jeder Pflanze ein Standraum von 400 qem zur Verfügung ſtand. Das 4. Das Schoſſen. 81 Ergebnis des Verſuches, ſoweit es hierher gehört, iſt aus folgenden Zahlen zu entnehmen. Saatzeit Mittlere Zahl der Halme 1873 pro Pflanze 18. Auguſt.. 28,08 2. September 21,02 16. 9,.... 59. 35 30.„. 172,90 14. Oktobert. 10,18 28. 8 6,88 1 1. November.... 3, 15 25„. 4,26 Hier tritt uns die Abhängigkeit der Beſtockung von der Saatzeit faſt geſetzmäßig entgegen. Es iſt ja auch gar nicht anders denkbar, als daß das früher geſäete Getreide, das Licht und Wärme, Luft, Waſſer und Boden längere Zeit zur Stoffbildung benutzen kann, ſich unter ſonſt gleichen Bedingungen ſtärker beſtockt, als das ſpäter ge⸗ ſäete. Denn irgendwo müſſen die Tag für Tag neu gebildeten Bau⸗ ſtoffe doch bleiben, und wenn die Pflanze nicht in die Höhe geht, ſo muß ſie in die Breite wachſen, das heißt, die Stocktriebe müſſen dicker werden und in Seitentriebe auseinandergehen. 4. Das Schoſſen. Die Beſtockung iſt die Grundlage für das Schoſſen, und das Schoſſen iſt das Vorſpiel zu dem Blühen und Reifen des Getreides. Schon im Samenkorn beginnend und nach der Keimung von den äußeren Wachstumsbedingungen gefördert oder gehemmt, wird die Be⸗ ſtockung beſtimmend nicht allein für die Zahl, ſondern auch für die Stärke der Halme. Ja noch mehr, ſelbſt der Reichtum an Blüten und Früchten hängt weſentlich von der Beſtpckung ab, denn tief im Herzen der Pflanze entwickeln ſich die jungen Ahren, an denen wir bei der Winterung ſchon im Herbſt oder im frühen Frühjahr die Ährchen zu zählen vermögen(Fig. 65 u. 66). Es iſt alſo ſchon frühzeitig alles vorgebildet und vorbereitet, und es bedarf nur noch der Streckung, um den ährentragenden Halm vom Boden in das Reich der Lüfte zu heben. Der Volksmund ſagt: das Korn ſchießt oder es ſchoßt. Den mechaniſchen Vorgang des Schoſſens können wir bei dem Winterroggen ſehr ſchön verfolgen, wenn wir eine Anzahl Halme in verſchiedenen Entwicklungsſtadien mit dem Raſiermeſſer der Länge nach möglichſt genau in der Mitte ſpalten. Wir ſehen dann, daß die Halmglieder vor und bei Beginn des Schoſſens ſo kurz ſind, daß ſie zuſammen noch nicht 1 mm Höhe er— Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 6 82 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. reichen. An ihrer Spitze ſteht die Ahre, die um dieſe Zeit ebenfalls ſehr klein, aber doch etwas länger iſt, als die Halmglieder zuſammen⸗ genommen(Fig 65). Von den Halmgliedern ſind anfänglich nur die Halmknoten zu erkennen, die die einzelnen aus ihnen hervorwachſen⸗ den Glieder von einander abgrenzen und zugleich mit einander ver⸗ binden. In Fig. 65 zählen wir unterhalb der mehrgliedrigen Ahre 5 Halmknoten. Das iſt bei dem Roggen die gewöhnliche Zahl. Jeder Knoten liefert ein Glied; es kommt noch das aus dem Wurzelſtock entſpringende Glied hinzu: wir erhalten alſo im ganzen 6 Halmglieder. Da es wichtig und nicht ganz einfach iſt, die Halmglieder in richtiger Weiſe zu zählen, ſo wollen wir die dabei in Betracht kommen⸗ den Verhältniſſe näher be⸗ leuchten. Liegt das Samenkorn einige Centimeter tief in der Erde, ſo treibt es bei der Keimung wie wir ge⸗ ſehen haben, einen rhizom⸗ artigen Strang bis zur Ober⸗ fläche; liegt es ſehr flach, d. h. nur einige Millimeter tief, ſo wird der Strang nicht entwickelt. Um eine kurze Bezeichnung zu haben, nennen wir dieſen unterirdiſchen Strang Grundachſe. An der Stelle, wo der Keim aus dem Boden an das Licht tritt, ſtehen einige Knoten ganz nahe über⸗ einander. Man nennt dieſe Stelle den Beſtockungs— knoten; richtiger ſollte man ſagen die Beſtockungs⸗ Fig. 68. Unterer Teil einer Roggenpflanze.— knoten. Bezeichnend iſt 00 Oberfläche des Bodens. S entleertes Samenkorn. auch das Wort Wu rzelſtock. g und ge Glieder der Grundachſe. W Wurzelſtock. 17 3 NM ſrk Gu erſtes Halmglied, Ge zweites Halmglied. K Blatt⸗ UÜber dem Wurzelſtock Küctene ren abgoriſſene Mlai cheide⸗ Turzelhe. de folgen die Halmglieder. züiiattiveennntr dineltzneci dar ÿ cMHur Veranichaulichung dieſer Verhältniſſe diene die Fig. 68, die den unteren Teil einer Roggenpflanze darſtellt, der Deutlichkeit wegen etwas ſchematiſiert. Beis hat das Samenkorn gekeimt, 2,5 cm unter der Oberfläche 00. Die aus dem Keim hervorgegangene Grundachſe zeigt die beiden Glieder gi und ga, je 1,2 cm lang, verhältnismäßig dünn, am Fuße mit ſchwachen, bereits abgeſtorbenen Wurzeln beſetzt. Bei W, etwa in der Ebene der Bodenoberfläche, befinden ſich 4. Das Schoſſen. 83 an den dicht übereinander ſtehenden Beſtockungsknoten zwei Kränze von kräftigen Kronenwurzeln. Dicht über ihnen iſt ein dritter Wurzel⸗ kranz aus der Baſis des Halmgliedes G hervorgebrochen. Hier ſehen wir auch einen ſchwachen Seitentrieb. Das Halmglied Gr iſt im vorliegenden Falle 8 mm lang und hier wie in allen Fällen erheblich dicker als die Glieder der Grund⸗ achſe. Das Halmglied Gr geht hinauf bis zu dem Blattknoten K, der die Baſis des noch dickeren Halmgliedes G gürtelförmig um⸗ ſchließt. Auch am Fuße des Halmgliedes Ga ſind, nebſt einem ſchwachen Seitentriebe, ſehr kräftige Kronenwurzeln hervorgebrochen. In der Figur ſind bei K nur 2 Wurzeln gezeichnet worden; an der voll— ſtändigen Pflanze ſind hier die Wurzeln oft ſo zahlreich, daß das Halmglied G. gänzlich verdeckt und erſt nach dem Abſchneiden der Wurzeln ſichtbar wird. Anſchließend an das etwa 12 cm lange Halmglied G, haben wir uns die folgenden Halmglieder Gs, G., Gs, Gs zu denken, von denen das letzte und oberſte die Ähre trägt. Nach dieſer Darſtellung gliedert ſich die Achſe der Roggenpflanze in Grundachſe, Wurzelſtock, Halm und Ähre, und demgemäß iſt das Glied unmittelbar über den Wurzelſtock— Gu in der Figur— als das erſte Halmglied zu betrachten. Als erſtes Halmglied iſt dies Glied dadurch gekennzeichnet, daß es ſich bei dem Schoſſen verlängert, was bei den Knoten des Wurzelſtocks nicht der Fall iſt, und daß es bei dem Schoſſen früher zu wachſen anfängt und aufhört als die höher ſtehenden Glieder. Wir dürfen demnach die Halmglieder grundſätzlich nicht in der Reihen⸗ folge von oben nach unten, wir müſſen ſie vielmehr naturge⸗ mäß vom Wurzelſtock nach aufwärts zählen in der Reihen⸗ folge, wie ſie ſich entwickeln. Bei Vergleichung entſprechender Längsſchnitte können wir Schritt für Schritt verfolgen, wie die Knoten voneinander rücken, wobei daran erinnert werden mag, daß unter Halmknoten die Querwände im Innern des Halmes zu verſtehen ſind. Wir finden ſie bei Beginn des Schoſſens und auch ſpäter lebhaft grün gefärbt. Der Raum zwiſchen zwei Knoten oder Querwänden iſt anfänglich vollſtändig ausgefüllt mit weißem Mark. Hat das Halmglied etwa 5 mm Länge erreicht, dann reißen die Markzellen voneinander, und es entſteht ein Hohl⸗ raum, der ſich bei fortſchreitendem Wachstum des Halmes verlängert, um die Halmröhre zu bilden. Das Nähere über die Entwicklung des Roggens in der Periode des Schoſſens iſt aus der nachfolgenden Tabelle zu erſehen, zu der wir vorweg bemerken, daß wir nur Halme mit ſechs Gliedern aus⸗ gewählt, Halme mit 7 oder 5 Gliedern dagegen ausgeſchloſſen haben, weil ſonſt die Überſicht verloren gegangen wäre. Bei der großen Verſchiedenheit der Pflanzen hat es ohnehin ſeine Schwierigkeit, ver⸗ gleichbares Material zu erhalten. Wir dürfen uns deshalb nicht wundern, daß die in der Tabelle aufgeführten Zahlen bei zwei auf⸗ 6* 84 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. einanderfolgenden Entwicklungsſtadien zuweilen fallen, anſtatt daß ſie, dem ſtetig fortſchreitenden Wachstum entſprechend, regelmäßig ſteigen ſollten. Zahlenmäßige Darſtellung der Entwicklung des Winterroggens in der Periode des Schoſſens. Stadium der Entwicklung I. II. 1II. TV. V. VI. Datum 1885. Vom 1. bis 15. April. 18. April 23. April cm Cm em cm c cm Länge des 1. Gliedes. 0,80 0,7 1,1 1,0 1,9 1,6 5 2.„ 0,45 5,2 9,0 8,2 12,2 14.0 4 3 5 0,0 1,7 7,0 13,5 21,0 23,5 „ 4.. 0,04 0,4 1,0 2,1 11,4 22,1 . 5 0,02 0,.2 0,4 0,6 2,1 10.2 „„ 6.„ 601 9,3 1,5 4,8 7,1 16,0 Länge der Ahre 6,55 5,2 9.4 10,5 12,5 12,0 4 Zuſammen 1,95 13,7 29,4 40,7 68,2 99,4 Länge der Pflanze.. 20 cm 43 cm 47 cm 61 cm 77 cm 102 cm Länge der Ahre... 0,55 cm 5,2 cm 9,4 m 10,5 m 12,5 cm 12,0 cm Zahl der Ahrchen. 36tck. 35Stck. 33Stck. 30 Stck. 33Stck. 32 Stck. Stadium der Entwicklung VII. VIII. NX. X.*l. XII. Datum 1885....28. April 2. Mai 9. Mai 16. Mai 22. Mai 31. Mai cm em ecm ecm cm em Länge des 1. Gliedes. 1,7 1,6 1,4 1,6 1,0— 8 2 2. 5. 15,3 10,0 10,5 141,2 12,0— „ 3. 5 25,9 23,8 23,1 21,3 23,3— .„ 4. 7. 28,0 33,2 35,6 32,6 35,5— 3„ 9.„ 15,1 23,8 32,2 40,1 46.7— „„ 6.„ 19,3 26,0 33,6 42,6 46,0 57 Länge der Ahre.. 2,7 12,6 12,6 12,6 13,9— Zuſammen 118,0 131,0 149,0 162,0 178,4 189,405) Länge der Pflanze..118 cm 131 cm 149 cm 162 cm 178,4co— Länge der Ahre... 12,7 m 12,6m 12,6m 12,6 m 13,9cer— Zahl der ÄAhrchen. 33Stck 33Stck. 33Stck. 33Stck. 36 Stck.— Zur Erläuterung der Tabelle ſei folgendes bemerkt. Bei der Auswahl des Materials diente mir die Zahl der Ährchen zum An⸗ halt. Die Tabelle enthält die direkt gefundenen, auf je einen Halm bezüglichen Zahlen; nur in dem X. Stadium wurde das Mittel aus 5 Halmen berechnet. Am 15. Mai wurde nämlich der Verſuch durch einen unerwarteten und ſtarken Schneefall geſtört, der ſämtliche Halme zu Boden drückte und bei vielen nicht allein ein Umknicken, ſondern ein gänzliches Abbrechen an den unteren Gelenken herbeiführte. In⸗ folgedeſſen blieb nichts übrig, als am 16. und ſpäter am 22. Mai in dem verwüſteten Beſtande das Material auszuwählen, ſo gut es ging. 4. Das Schoſſen. 85 Am 22. Mai fand ich nur einen einzigen Halm, der als normal gelten konnte. Nachher, bei Eintritt der Blüte, am 30. und 31. Mai, war kein mormaler Halm mehr zu finden; die im XII. Stadium ein⸗ getragene Zahl für die Länge des 6. Halmgliedes iſt daher theoretiſch berechnet nach einem Geſetz, von dem weiter unten die Rede ſein wird. Immerhin kann der Verſuch in der Hauptſache als gelungen angeſehen werden. Das Reſultat der Beobachtungen läßt ſich in folgende Worte zuſammenfaſſen. 1. Erſtes Halmglied. Das erſte, aus dem Wurzelſtock ent⸗ ſpringende Glied des Roggenhalmes fängt zuerſt an zu wachſen. Es hat ſich ſchon vor Beginn des Schoſſens, zur Zeit, wo die oberen Glieder kaum meßbar ſind, bis auf 0,8 cm verlängert. Sein Wachs⸗ tum iſt langſam und im Vergleich zu dem der übrigen Glieder ſehr gering. Sein Wachstum kommt auch verhältnismäßig früh zum Ab⸗ ſchluß. Umfaßt der Zeitraum des Schoſſens im ganzen 8 Wochen, ſo hat das erſte Halmglied ſchon nach 2 Wochen ſeine definitive Länge erreicht. Es bleibt kurz, meiſt auch dünner als das folgende; dafür wird es durch Verdickung ſeiner Wandung ungemein hart, feſt und ſtark. Im Mittel betrug die definitive Länge des erſten Gliedes bei den zur Unterſuchung ausgewählten Halmen nur 1,5 cm, während ſie bei den folgenden fünf Gliedern, von unten nach oben aufſteigend, 12,2: 23,5:34,2: 46,7:57,0 cm erreichte. 2. Zweites Halmglied. Das zweite Glied beginnt kurze Zeit nach dem erſten zu ſchoſſen, überholt dieſes aber ſehr bald im Wachs⸗ tum, um gleichzeitig mit ihm oder wenig ſpäter ſeine definitive Länge zu erreichen. Bei unſerem Verſuch hatte das zweite Halmglied am 18. April ſicher ſchon ſein Wachstum abgeſchloſſen. Seine Länge be⸗ trug an dieſem Tage 12,2 cm. Genau dieſelbe Länge ergiebt ſich als Mittel aus den bezüglichen Zahlen der folgenden ſechs Ent— wicklungsſtadien. Bei normalem Stande der Pflanzen bleibt das zweite Glied kurz. Wir werden ſpäter ſehen, daß das Getreide ſich lagert, wenn das zweite Halmglied ſich unnatürlich verlängert. 3. Drittes Halmglied. Das dritte Halmglied ſchiebt ſich merklich ſpäter und in den erſten 8 Tagen nach Beginn des Schoſſens viel langſamer empor als das zweite. Dann aber wächſt es ſehr ſchnell, ſo daß es das zweite Glied überholt und ſpäteſtens 5 Tage nach dieſem zum Abſchluß gelangt. Die Tabelle zeigt am 18. April für das dritte Glied eine Länge von 21,0 cm. Das Mittel aus den Zahlen der folgenden ſechs Entwicklungsſtadien iſt 23,5. Eine dieſem Mittel völlig gleichkommende Zahl finden wir unterm 23. April. Wir dürfen daher annehmen, daß das dritte Glied unter den gegebenen Verhältniſſen etwa drei Wochen zum Schoſſen brauchte. 4. Viertes Halmglied. Das vierte Glied wächſt in den erſten vierzehn Tagen nach Beginn des Schoſſens ſo langſam, daß ſeine Länge am Ende dieſes Zeitabſchnittes nur 2,1 cm beträgt. Es be⸗ ginnt erſt deutlicher zu wachſen, nachdem das erſte und zweite bereits zu wachſen aufgehört und nachdem auch das dritte ſein Wachstum 86 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. größtenteils(zu*1) abgeſchloſſen hat. Es wächſt am ſtärkſten in der dritten und vierten Woche, kommt mit der vierten Woche zum Ah⸗ ſchluß und erreicht eine Länge, die beinahe ſo viel beträgt, wie die der drei unteren Glieder zuſammengenommen. 5. Fünftes Halmglied. Das fünfte Glied folgt dem vierten, ziemlich in demſelben Tempo, etwa 5 Tage ſpäter. Am 18. April betrug ſeine Länge nur 2,1 cm. Erſt 3 Wochen nach Beginn des Schoſſens wird ſein Wachstum merklicher, und es dauert fort bis gegen Ende der ſiebenten Woche. In der definitiven Länge ſteht das fünfte dem vierten Gliede etwa um ſo viel voran, wie das vierte dem dritten, das dritte dem zweiten und das zweite dem erſten. Die Differenz beträgt zwiſchen allen Gliedern 11 bis 12 cm. Doch kann das Verhältnis auch ein anderes ſein.— 6. Sechſtes Halmglied. Das ſechſte, die Ahre tragende Glied verhält ſich abweichend. Es wächſt anfänglich ſtärker als das vierte und fünfte Glied, ſo daß es am Ende der zweiten Woche doppelt ſo lang iſt als das vierte, und achtmal ſo lang als das fünfte. Es wächſt ſtetiger und gleichmäßiger als alle übrigen Glieder. In der vierten, fünften, ſechſten und ſiebenten Woche hält es mit dem fünften Gliede beinahe gleichen Schritt, wächſt aber noch weiter, wenn das fünfte zu wachſen aufgehört hat, und erreicht bei normaler Entwick⸗ lung eine größere Länge als alle übrigen Glieder. 77. Die AÄhre. Das Wachstum der ſchon frühzeitig angelegten Ähre wird auch in der Periode des Schoſſens in angemeſſener Weiſe gefördert.(Fig. 65.) Die dritten, vierten, fünften und ſechſten Halm⸗ glieder ſind bei Beginn des Schoſſens(I. Stadium der Tabelle) zu⸗ ſammengenommen nur 1,5 mm lang, während die Länge der Ahre ſchon 5,5 mm beträgt. Selbſt das zweite Halmglied ſteht um 1 mm gegen die Ähre zurück. Nur das unterſte Halmglied iſt in dieſem Zeitpunkt ein wenig länger als die Ahre. Aber ſehr bald(II. Stadium) hat die AÄhre auch das unterſte Halmglied im Wachstum überholt, und ſie hält mit dem zweiten Gliede auffallend genau gleichen Schritt, denn wenn wir bei dem zweiten Gliede im IV. Stadium ſtatt der wirklich gefundenen Zahl 8,2 die theoretiſch richtige einſetzen, die ſich als Mittel der beiden Nachbar⸗ zahlen 9,0 und 12,2 berechnet, ſo erhalten wir für das Wachstum der Ähre und des zweiten Halmgliedes faſt genau übereinſtimmende Zahlen. I. I. l 1VW. V. Länge des 2. Halmgliedes 0,45 5,2 9,0 10,6 12,2 cm „ der Ahre 0,55 5,2 9,4 10,5 12,5 Dieſe Harmonie der Zahlen dürfte kaum zufällig ſein, um ſo weniger, da das Längenwachstum der Ahre gleichzeitig(am 18. Aprih mit dem des zweiten Halmgliedes zum Abſchluß gelangt. Offenbar wirken die Kräfte, die den Halm ſamt Ahre beim Schoſſen in die Höhe treiben, gleichzeitig am unteren und oberen Ende. Jedes Halmglied für ſich wächſt an ſeiner Baſis. Für den Halm, als 2 2 2e 11 4. Das Schoſſen. 87 Ganzes genommen, macht ſich der Trieb am oberen Ende ſchon darin bemerkbar, daß das ſechſte Halmglied zu einer gewiſſen Zeit(IV. Sta⸗ dium) ſtärker wächſt als das vierte und fünfte. Noch viel deutlicher offenbart ſich die am oberen Ende wirkende Triebkraft daxin, daß während der ganzen Dauer des Schoſſens der Ausbau der Ahre un⸗ unterbrochen vor ſich geht, ſo daß der Blütenſtand in den äußeren und inneren Teilen am Schluß des Schoſſens vollendet iſt. Wie früh die Pflanze dafür ſorgt, daß vor allen Dingen der Blütenſtand recht⸗ zeitig entwickelt wird, läßt ſich aus der Thatſache entnehmen, daß wenige Tage nach Beginn des Schoſſens, wenn die junge AÄhre noch nicht die Hälfte ihrer ſchließlichen Länge erreicht hat(II. Stadium), die Staubbeutel und Fruchtknoten ſchon mit der Lupe erkennbar ſind. Die Entwicklung von Halm und Ahre geht alſo Hand in Hand, und die phyſiologiſche Bedeutung, Zuſammengehörigkeit und Gleich⸗ wertigkeit von beiden läßt ſich kurz in die Worte faſſen: Durch die befruchtete Ähre erzeugt und erhält ſich die Pflanze, Doch der beblätterte Halm trägt und ernähret die Frucht. Von beſonderem Intereſſe iſt es nun, die Länge der Halmglieder nach Beendigung des Schoſſens nochmals genauer untereinander zu vergleichen. Wir betrachten für dieſen Zweck zunächſt die Zahlen, die in der vorſtehenden Tabelle unterm 16. Mai(X. Stadium) aufgeführt ſind. Mittel aus 5 Halmen: Länge des 1. Gliedes... 1,6 cm 2 11,2 „ 7 3.„. 21,3 „„ 4.„. 32,6„ „„ 5. 8. 40,1„ 3„ 6. 5. 42,6„ Es iſt nämlich auffallend und nicht zufällig, daß die Länge des 2. Gliedes ſehr genau das arithmetiſche Mittel aus der Länge des 1. 167 1(1,6+ 21,3 8... und 2. Gliedes darſtellt. Denn d16 45 139= 11,45, während die wirklich gefundene Länge des 2. Gliedes 11,2 beträgt. Dasſelbe Verhältnis wiederholt ſich bei dem 3. Gliede. Denn (11,2+ 32,6) 5= 21,9, während die wirklich gefundene Länge 21,3 beträgt. Das 3. Glied iſt alſo halb ſo lang wie das 2. und 4. Glied zuſammengenommen. Ziehen wir das arithmetiſche Mittel aus der Länge des 3. und 5. Gliedes, ſo erhalten wir 30,7. Dieſe Zahl weicht von der für das 4. Glied gefundenen 32,6 um 1,9 ab. Noch etwas größer iſt die Abweichung, wenn wir das arithmetiſche Mittel aus dem 4. und 6. Gliede berechnen; die Differenz beträgt hier 40,1— 37,6= 2,5. Da die Länge des 4. Gliedes mit der des 1., des 2. und des 3. Gliedes harmoniert, während die Länge des 5. und 6. Gliedes im 88 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Vergleich zu der der vier unteren Glieder etwas zu gering iſt, ſo ließ ſich vermuten, daß die Halme noch nicht vollſtändig ausgewachſen waren. In dieſer Vermutung wurde ich dadurch beſtärkt, daß ich am 22. Mai auf meinem verwüſteten Verſuchsfelde einige Halme fand, an denen das 5. Glied ebenſo lang war als das ſechſte. An einem dieſer Halme zeigte ſich folgendes Verhältnis in der Länge der Glieder (Xl. Stadium der Tabelle): Länge des 1. Gliedes.... 1,0 cm 4„ 2. 4 12,0 ⸗ 2„ 3. 4. 23,38„ „„ 4. 9. 35,5„ — 5.. 46„ „„ 6. 5 46,0 ⸗ Hier erſtreckt ſich, wie man ſieht, die Harmonie in der Länge der Glieder bereits bis zum 5. Gliede hinauf; nur das 6. Glied will ſich noch nicht fügen. Ich ſuchte daher am 2. Juni die Roggenfelder der Umgegend von Zürich nach ſolchen Halmen ab, die von dem Schneedruck am 15. Mai nicht gelitten hatten, und fand endlich an der Grenzfurche eines Feldes, dicht beiſammen, drei Pflanzen mit vier ſtattlichen, ſechs⸗ gliedrigen Halmen, deren Ähren gerade in voller Blüte ſtanden. Mir blieb keine andre Wahl als dieſe vier Halme; da ſie aber auf weiter Flur von allen allein dem Schneedruck Widerſtand geleiſtet, ſo waren ſie durch die Natur ausgewählt worden und allem Anſchein nach als „normal“ zu betrachten. Ich grub ſie mit den Wurzeln aus und trug ſie eine Stunde weit nach Hauſe, in der Hoffnung, das Geſetz vom arithmetiſchen Mittel, das ich bei den vier unteren Halmgliedern ent⸗ deckt und bei dem fünften zutreffend gefunden hatte, zu guterletzt auch noch bei dem ſechſten Gliede beſtätigen zu können. Hier folgen die direkt gefundenen Zahlen nebſt dem berechneten Mittel; zur Charakteriſtik der Pflanzen fügen wir die Länge der Ähre und die Zahl der Ahrchen ſowie die Geſamtlänge der Pflanze von der Wurzel bis zur Spitze der Ähre hinzu. 1. 2. 3. 4. Mittel Länge des 1. Gliedes 4,1 cm 2,8 cm 2,5 cm 3,0 cem 3,10 cm 2. 13,1 13,2 11,6„ 9,0„ 11,72„ „ 2 „ 83.„. 21,3„ 20,0„ 21,5„ 19,2„ 20,50„ 5„ 4.„. 31,0„ 33,0„ 26,4.„ 26,0„ 29,32„ , 5 3. 46,7„ 30,2„ 38,6„ 37,9„ 40,42 ⸗ 4 G.„ 53,2„ 47,1„ 55,5„ 51,1„ 51,,2„ Länge der Ahre mit Granne... 16,1 cm 13,0 cm 16,5 cm 14,7 cm 15,07 cm Länge der Ahre ohne Granne.... 14,9„ 11,8„ 14,3„ 12.7„ 13,42„ Zahl der Ahrchen. 47 Stck. 39 Stck. 34 Stck. 37 Stck. 39,25 Stck. Ganze Länge d. Pflanze 185,5 cm 169,2 cm 172,6 cm 160,2 cm 171,85 cm. 4. Das Schoſſen. 89 Die vorliegenden Mittelzahlen zeigen, daß das vermutete Geſetz in der That vorhanden iſt. Das Geſetz I für die Länge der Halmglieder lautet wie folgt: An dem normalen oder idealen Roggenhalm iſt die Länge eines jeden Gliedes das arithmetiſche Mittel aus der Länge der beiden Nachbarglieder. Der Beweis für die Richtigkeit des Geſetzes iſt mit folgenden Zahlen gegeben. Berechnet Gefunden (3,10+ 20,50) 2. Glied. 5= 11,80 cm 11,72 cm 3.„...... ure en— 20.52„ 20,50„ 1.......(e41)= 3946„ 2932. 5.......(h. 31.7e) 40,2. 402. Die berechneten und die wirklich gefundenen Zahlen ſtimmen faſt mit mathematiſcher Genauigkeit miteinander überein. Allerdings tritt das Geſet nicht bei jedem einzelnen Halme, ſondern erſt bei dem Mittel aus 4 bis 5 Halmen mit voller Schärfe hervor, aber es iſt doch unverkennbar, daß die Natur darauf hinarbeitet, den Halm har⸗ moniſch zu entwickeln und zu konſtruieren. Hieran iſt um ſo weniger zu zweifeln, als ſich das Geſetz vom arithmetiſchen Mittel nicht allein bei den Halmgliedern, ſondern auch bei den Blattſcheiden nachweiſen läßt. Es betrug nämlich bei den zuletzt angeführten 4 Roggenhalmen durchſchnittlich die Länge der 1. Blattſcheide...?(abgeſtorben) „„„ 2. 2.. 11,65 cm „ 4„ 3.„.. 14,52 dm „„„ 4.„... 1727,75 cm „„„ 5.„.. 19,277 wcm „„„ 6.„ 21,55 cm Wenn dieſe Zahlenreihe auch anders ſteigt als die vorige, ſo iſt doch auch hier wieder jede Zahl ſehr genau das arithmetiſche Mittel aus den beiden Nach barzahlen. Beweis: Berechnet Gefunden (11,65+ 17,75) 3. Blattſcheide.— 14,70 cm 14,52 cm 2 14,52+ 19,77 4.„ 114e 190=,. 1773. 2 5.„. ee 1,55) 19,65„ 10,77„ Eine beſſere Übereinſtimmung der berechneten und der wirklich gefundenen Zahlen iſt nicht zu erwarten. 90 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Bei dem Aufbau des Halmes iſt nun die Länge der einzelnen Glieder nur der eine Faktor, der andere iſt ihre relative Stärke. Dieſe beruht auf dem Umfang der Halmröhre und ihrer Wanddicke, zum Teil aber auch auf der Dicke der Blattſcheiden, die ja eine An⸗ zahl von Röhrenſtücken um die Halmröhre darſtellen und weſentlich zur Verſtärkung des Halmes beitragen. Die Stärke der einzelnen Halmglieder und der zugehörigen Blattſcheiden läßt ſich am einfachſten und am ſicherſten beurteilen nach dem Gewicht, weil das Gewicht ein genaues Maß iſt für die Stoffmenge, die in den Organen ab⸗ gelagert und zum Aufbau und zur Verdickung der Zellen verwendet worden iſt. Ich habe daher die 4 zuletzt erwähnten Halme unmittel⸗ bar unter den Blattknoten durchgeſchnitten, alsdann lufttrocken gemacht und von jedem Halmgliede die Blattſcheide ſamt Blattknoten abgeſtreift um das Gewicht der einzelnen Teile feſtzuſtellen. Dabei ergab ſich folgendes Reſultat: Gewicht in Gramm (Mittel aus 4 Halmen) 3. bei dem 1. 2. 4. 5. 6. Gliede a) Halmglied 0,17 0,46 0,63 0,68 0,59 0,38 b) Blattſcheide— 0,10 0,17 0,21 0,21 0,16 c) Blattſpreite— 0,04 0,08 0,10 0,08 0,03 Zuſammen 0,17 0,60 0,88 0,99 0,88 0,57 Der leichtern Überſicht wegen ſtellen wir die den vorſtehenden Gewichtszahlen entſprechenden Längenzahlen hier noch einmal zuſammen, laſſen jedoch die Blattſpreiten außer Betracht, weil dieſe zur Stärke oder Feſtigkeit des Halmes nichts beitragen. Länge in Centimetern (Mittel aus 4 Halmen) 5 3 4 bei dem 1. 2. 3 4. 5. 6. Gliede a) Halmglied 3,10 11,72 20,50 29,32 40,42 51,72 b) Blattſchede— 11,65 14,52 17,75 19,77 21,55 Zuſammen 3,10 23,37 35,02 47,07 60,19 73,27 Um nun die Gewichtszahlen mit den Längenzahlen in Beziehung zu bringen, iſt weiter nichts nötig, als mit der Länge in das Gewicht zu dividieren, oder, was in der Hauptſache auf dasſelbe herauskommt, es iſt zu berechnen: Wieviel Gewicht entfällt auf die Längeneinheit? Gewicht pro 1 m Länge in Gramm (Mittel aus 4 Halmen) bei dem 1. 2. 3. 4. 5. 6. Gliede a) Halmglied 5,48 3,92 3,07 2,32 1,46 0,73 b) Blattſcheide— 0,86 1,12 1,18 1,06 0,74 a+ b) 548 4,78 4,24 3,50 5,52 1,47 In der letzten Zahlenreihe a+ b) und auch in der erſten Zahlen⸗ reihe a) kehrt dieſelbe Geſetzmäßigkeit wieder, die wir bei der Länge der Halmglieder und Blattſcheiden gefunden haben. Daraus ergiebt 4. Das Schoſſen. 91 ſich das Geſetz II für die Stärke der Halmglieder: das Ge⸗ wicht pro Längeneinheit iſt bei jedem Gliede das arith⸗ metiſche Mittel aus dem Gewicht der beiden Nachbarglieder. Und da in dem Gewicht der Längeneinheit die Stärke der Halm⸗ glieder zum Ausdruck gelangt, ſo ergiebt ſich zugleich: Die Stärke der Halmglieder nimmt in der Reihenfolge von unten nach oben geſetzmäßig ab, ſo daß die Stärke eines jeden Gliedes die Mitte hält zwiſchen der Stärke der beiden Nachbar⸗ glieder. Wie genau dies zutrifft, zeigt folgende Gegenüberſtellung der gefundenen und der berechneten Zahlen. a) Halmglieder für ſich allein. 1. 2. 3. 4. 5. 6. „ pro m g prom g prom g pro m g prom g prom Gefunden. 5,48 3,92 3,07 2,32 1,46 0,73 Arithm. Mittel.— 4,27 3,12 2,26 1,52— Differenz— 0,35 0,05 0,06 0,06— b) Blattſcheiden für ſich allein. 1. 2. 3. 4. 5. 6. g pro m g pro m g pro m prom g pro m S ro, m Gefunden..— 0,86 1,1⸗ 1,18 1,06 30,7 a+ b) Halmglieder und Blattſcheiden zuſammengenommen. 1. 2. 3. 4. 5. 6. g pro m g pro m g prom g pro m g pro m g pro m Gefunden. 5,48 4,78 4,24 3,50 2,52 1.44 Arithm. Mittel.— 4,86 4,14 3,38 2,48— Differenz.— 0,08 0,10 0,12 0,04— In den vorliegenden Zahlen ſind klar und deutlich folgende That⸗ ſachen aucegeſprochen. a) Die Stärke der Halmglieder, gemeſſen durch das Gewicht der Längeneinheit, entſpricht bei dem 2., 3., 4., 5. und 6. Gliede dem Geſetz vom arithmetiſchen Mittel in vorzüglicher Weiſe. Das 1. Halm⸗ glied entſpricht zwar auch, aber es iſt im Verhältnis zu dem 2. und 3. Gliede etwas zu ſtark. Warum wohl? Weil die 31. Blattſcheide abgeſtorben und verweſt iſt, alſo zur Ver ſtärkung nichts mehr beiträgt, darum muß das 1. Halmglied die ganze Laſt allein auf ſich nehmen und demnentſprerhend ſtärker ſein. b) Die Stärke der Blattſcheiden entſpricht für ſich allein dem Geſetz v. a. M. nicht, vielmehr nimmt ſie von unten bis gegen die Mitte des Halmes hin zu und weiter nach oben hin wieder ab. a+ b) Um ſo überraſchender iſt es auf don erſten Blick, daß die Stärke der Halmglieder und Blattſcheiden zuſammen⸗ genommen durch alle 6 Glieder mit faſt mathematiſcher Genauigkeit dem Geſetz v. a. M. entſpricht. Bei einiger Überlegung findet man dies ſehr einleuchtend. Es geht daraus hervor, daß die Blattſcheiden Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. weſentlich dazu dienen, die Halmglieder zu ergänzen, zu unterſtützen, zu verſtärken. So lange das Halmglied wächſt, was an ſeiner Baſis vor ſich geht, wird es lediglich durch die Blattſcheide aufrecht ge⸗ halten; nimmt man um dieſe Zeit die Blattſcheide fort, ſo knickt das Halmglied um. Das Halmglied vermag ſich erſt dann ſelbſtändig aufrecht zu halten, wenn es ausgewachſen und in ſeiner Wandung der Länge entſprechend ausgebaut und erſtarkt iſt. In dem Maße, wie die Halmglieder feſter und ſteifer werden, werden ihre Blatt⸗ ſcheiden lockerer und ſchlaffer. Die unterſte Blattſcheide iſt ſchon zur Zeit der Blüte— in dieſem Zuſtand wurden die Halme 1, 2, 3, 4 geerntet— für die Feſtigkeit und Tragfähigkeit des Halmes völlig bedeutungslos; die übrigen Blattſcheiden verſtärken und verſteifen den Halm auch noch zur Zeit der Reife, indem ſie wenigſtens noch den unteren Teil der Halmglieder feſter umſchließen. Durch Zuſammenfaſſung von Geſetz I und II ergiebt ſich das Doppelgeſetz: An dem normalen Roggenhalm nimmt die Stärke der Glieder in der Reihenfolge von unten nach oben in demſelben Verhältnis ab, wie ihre Länge zunimmt. Das Geſetz läßt ſich auch ſo ausdrücken: An dem normalen Roggenhalm iſt jedes Glied halb ſo lang und halb ſo ſtark, wie die beiden Nachbarglieder zuſammengenommen. Eine dritte Faſſung des Geſetzes iſt die: In der Reihenfolge von unten nach oben nimmt an dem normalen Roggenhalm die Stärke der Glieder geſetzmäßig ab, die Länge der Glieder geſetzmäßig zu, ſo daß jedes Glied in der Länge und Stärke die Mitte hält zwiſchen den beiden Nachbar⸗ gliedern. Man kann daher das Geſetz kurz nennen das Geſetz vom arithmetiſchen Mittel. Bezeichnen wir die Halmglieder in der Reihenfolge von unten nach oben mit Gi, Ge, Ga, G., Gs und Go, ſo ſoll nach dem Ge⸗ ſetz ſein: 6.= Ge*†G) 6(Ge †G 6,= 6+ G.) G. 3 r d u. ſ. w. 2 In dieſen Gleichungen können wir unter G ebenſowohl die Länge, wie die Stärke der Halmglieder verſtehen. Stärke und Länge ver⸗ halten ſich aber umgekehrt. Je näher der Wurzel, deſto kürzer und ſtärker, je näher der Ähre, deſto ſchwächer und länger ſind die Halmglieder. Daraus reſultiert doppelte Sicherung. 4 In der Wirklichkeit iſt kein einziger Halm vollkommen geſetz⸗ mäßig; wir finden auf unſeren Feldern nur Annäherungen an die 4. Das Schoſſen. 93 Geſetzmäßigkeit. Das Geſetz gilt daher für den normalen Roggen⸗ halm; es ſagt uns, wie der Roggenhalm gegliedert und gebaut ſein ſollte, um die Bezeichnung„normal“ zu verdienen. Das Geſetz zeigt uns den idealen Roggenhalm. Das Ideal iſt die höchſte Vollkommenheit, zu der uns das Denken hinführt; es iſt die abſolute Vollkommenheit. In der Natur giebt es, ſoweit unſere Erfahrung reicht, nur eine relative Vollkommen⸗ heit. Nichtsdeſtoweniger iſt das Ideal kein Trugbild, es iſt vielmehr eine Norm, eine Richtſchnur für die Praxis. Das Geſetz vom arithmetiſchen Mittel lehrt uns, wie wir den Halm zu züchten haben. Die dickſten Halme ſind nicht immer die beſten. Der Halm darf weder zu dick, noch zu dünn ſein. Iſt er zu dünn, ſo bricht er unter der Laſt der Ahre zuſammen; iſt er zu dick, ſo wird Bauſtoff verſchwendet. Der Halm ſoll ſchlank und doch ſtark ſein. Der normale oder ideale Roggenhalm iſt der, der mit dem geringſten Aufwand an Baumaterial die größte Tragfähigkeit, Knick⸗ und Biegungsfeſtigkeit erzielt. Das haben wir vor der Entdeckung des Geſetzes nicht gewußt. Darum iſt das Geſetz nicht bloß von wiſſenſchaftlichem Intereſſe, ſondern auch von praktiſcher Bedeutung. An der Richtigkeit des Geſetzes iſt nicht zu zweifeln. Das Geſetz für die Länge der Halmglieder habe ich nicht geſucht; es ſprang mir von ſelbſt entgegen aus den Zahlen, die ich mit dem Maßſtab feſt⸗ geſtellt hatte. Das Geſetz für die Stärke der Halmglieder habe ich allerdings geſucht, aber ebenfalls nicht theoretiſch konſtruiert, ſondern mit der Wage an wirklich gewachſenen Halmen ermittelt. Beide Geſetze decken, ergänzen und kontrollieren ſich gegenſeitig. Von Vor⸗ eingenommenheit oder Liebhaberei kann daher ebenſowenig die Rede ſein wie von Zufall oder Täuſchung. Es handelt ſich einfach um wohlbegründete Thatſachen der exakten Wiſſenſchaft. Die vorhin mitgeteilten Zahlen aus dem Jahre 1885 waren zur Begründung des Geſetzes vom arithmetiſchen Mittel völlig ausreichend. Leicht könnte ich zur Beſtätigung aus dem Material, das mir aus den Jahren 1886, 1888, 1890, 1893 und 1894 zur Verfügung ſtehrt, eine Fülle von weiteren Zahlen beibringen. Der knapp zugemeſſene Raum geſtattet es nicht. Ich verweiſe auf meine Abhandlung„Der ideale Roggenhalm“ im Landw. Jahrbuch der Schweiz, VIII, und auf meinen Beitrag in der Feſtſchrift zum 70. Geburtstag J. Kühns „Eine mechaniſch⸗phyſiologiſche Studie aus der neuen Zeit“. Nur für 5 Arten von Gräſern will ich die Zahlen anführen und erläutern. Franzöſiſches Raygras, Avena elatior. (23. Mai 1893.) Halmglieder Rispe em em em em em em em Gefunden... 0,7 6,5 12,3 17,8 24,1 34,6(21,1) Arithm. Mittel.— 6,5 12,1 18,2 26,2—— Diſterenz...— 6.6 65 6,1 5,1— 94 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Der vorliegende Halm hat 6 Glieder, deren Länge von unten bis oben dem Geſetz vom a. M. entſpricht. Ahnliche Zahlen habe ich bei 10 anderen wildwachſenden Gräſern gefunden. Damit iſt der Beweis erbracht, daß ſich die geſetzmäßige Gliederung des Grashalms durch natürliche Zuchtwahl entwickelt hat. Die natürliche Zucht⸗ wahl erreicht ihren Zweck aber auf verſchiedenen Wegen. Für ge⸗ wiſſe Gräſer(Pfeifengras¹) gilt das Geſetz vom a. M. gar nicht, für andere(Schilfrohr, Bambus ec.) gilt es, aber mit Modifikationen. Gemeiner Rispenhafer, Avena sativa. (23. Juli 1893.) Halmglieder cm cm cm em c cm cm Feſtnnden 1,3 4,0 2,4 10,7 14,5 18.5 43,2 Arithm. Mittel.— 4,3„3 10,8 14,4(2) Diſſcreng. 0,3 Ool 0,1 0,1—— Rispenglieder Ganze Rispe em cm cm CI em cm cm Gefunden..5.8 5,0 3,3 2,6 1,9 1,6(20,2) Arithm. Mittel.— 4,5 3,8 2,6 2,1—— Differenz— 0,5 0,5 0,0 02—— Es iſt nach den geringen Differenzzahlen zweifellos, daß dieſer Halm ebenfalls von dem in Rede ſtehenden Geſſetz beherrſcht wurde. Von den 7 Halmgliedern entſprechen 6 dem Geſetz vom a. M., von den Riſpengliedern entſprechen alle 6 dem Geſetz, jedoch in dem Sinne, daß in der Reihenfolge von unten nach oben die Halmglieder geſetzmäßig länger, die Riſpenglieder geſetzmäßig kürzer werden. Einzig das oberſte Halmglied verhält ſich abweichend, es iſt zu lang. Dieſe Abweichung habe ich bei den meiſten Haferhalmen gefunden, die ich unterſuchte. Notwendig und zweckmäßig iſt ſie nicht. Züchten wir das oberſte Glied länger und länger, ſo werden die übrigen Glieder kürzer und kürzer. Schließlich erhalten wir einen Halm, wie ihn das Pfeifengras hat. Daß der für unſere Getreide⸗ gräſer nicht paßt, liegt auf der Hand. Der Getreidehalm ſoll beim Schoſſen die Blätter in angemeſſenen Abſtänden dem Licht entgegen⸗ ſchieben, und die günſtigſte Stellung wird erzielt, wenn die Länge der Halmglieder und Blattſcheiden dem Geſetz vom a. M. entſpricht. Daß die natürliche Zuchtwahl auf dieſes Ziel hinarbeitet, kann ich ſo beweiſen. Bei dem Roggen— Hafer habe ich nicht ſo genau unter⸗ ſucht fand ich die ſechsgliederigen Halme in der Länge der Glieder und Blattſcheiden geſetzmäßig. Bei den fünfgliederigen Halmen fand ich die Länge der Glieder meiſt nicht geſetzmäßig, dabei aber die Länge der Blattſcheiden doch geſetzmäßig. Im allgemeinen zeigte die Länge der Blattſcheiden eine größere Geſetzmäßigkeit als ¹) Bei dem Pfeifengras, Molina coerulea, ſtehen ſämtliche Knoten dicht übereinander an der Baſis des Halms. 4. Das Schoſſen. 95 die Länge der Halmglieder. Daraus ergiebt ſich die Schlußfolgerung: Bei der künſtlichen Zuchtwahl oder bei der praktiſchen Ge⸗ treidezüchtung haben wir unſer Augenmerk hauptſächlich auf die geſetzmäßige Länge der Halmglieder zu richten, um der Pflanze da nachzuhelfen, wo es ihr am meiſten fehlt. Zweizeilige Gerſte, Hordeum distichum. (10. Juli 1893.) Halmglieder Ähre cm cm cm Ch C cm cm em Gefunden. 1,5 44 9,0 13,1 15, 16,7 19,9(2) Arithm. Mittel— 5,2 8,7 12,5 14,9 17,8—— Differenz..— 0,8 0,3 0,8 0,8 1,1—— Dieſer Halm hat 7 Glieder, deren Länge geſetzmäßig ſteigt von unten bis oben. Bei der Pfauengerſte, die ich verglich, war das oberſte Glied zu lang; bei der zweizeiligen Gerſte iſt dies nicht, oder doch in viel geringerem Maße der Fall. Bei der zweizeiligen Gerſte hat auch E. v. Proskewetz die Richtigkeit des Geſetzes vom a. M. beſtätigt(Landw. Jahrbücher 1893). Nun hat bekanntlich die Pfauengerſte einen ſteifen Halm, die zweizeilige edle Braugerſte einen ſchwachen. Hier paart ſich Schwachhalmigkeit mit Ge⸗ ſetzmäßigkeit, dort paart ſich Geſetzwidrigkeit mit Steif⸗ halmigkeit. Das ſcheint dem Geſetz vom a. M. zu widerſprechen, ſpricht aber gerade dafür. Ein plumper und dicker Halm hält ſich aufrecht, wenn er auch nicht geſetzmäßig gegliedert iſt. Je zarter und dünnwandiger der Halm wird, um ſo notwendiger iſt die geſetzmäßige Gliederung, und umgekehrt, je geſetzmäßiger die Gliederung, deſto dünnwandiger dürfen die Halmglieder ſein. Der ideale Gerſtenhalm iſt ja der, der die größte Tragfähigkeit erzielt mit dem geringſten Aufwand an Baumateriall! Dickkopf⸗Weizen, Square-headed wheat, Triticum vulgare. (10. Juli 1886.) Halmglieder Ähre cm cm cm cm cm CI C Geſunden 2,5 8,4 13,4 21,9 33,2 44,5(S,7) Arithm. Mittel.— 7,9 15,1 23,3 33,2—— Differenz.— 0,5 1,7 1.4 0,0— Die Zahlen zeigen, daß das Geſetz vom a. M. auch für den Weizen gilt. Dazu habe ich wieder eine analoge Bemerkung zu machen, wie vorhin bei Gerſte und Hafer. Bei dem gemeinen Land⸗ weizen, ſowie bei Spelz, Emmer und Einkorn fand ich nämlich die unteren 5 oder 6 Glieder geſetzmäßig, das oberſte Glied dagegen zu lang. Dieſe Abweichung iſt bei dem vorliegenden Halm vom Dickkopf-Weizen nicht vorhanden, bei ihm ſteht vielmehr das oberſte oder ſechſte Halmglied in völliger Harmonie mit dem vierten und fünften. Wer ſeine hohe Ertragsfähigkeit und ſeine ungewöhnlich 96 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. große Widerſtandsfähigkeit gegen das Lagern kennt, wird wohl zu⸗ geben, daß die eben genannten Weizenſorten und⸗Arten in Bezug auf normale Halmbildung und Leiſtungsfähigleit ſich mit dem Dickkopf⸗ weizen nicht meſſen können. Ich habe auch zwei Sorten von Dickkopfweizen, eine be⸗ grannte(L) und eine unbegrannte(N) miteinander verglichen. Die Sorte N war der Sorte L überlegen: in der Zahl der Glieder(6:5), in der Geſetzmäßigkeit der Gliedernng, in der Geſamtlänge, in der Zahl der Ährchen, in der Zahl der Körner, und es ergiebt ſich der Schluß: Hervorragende Geſetzmäßigkeit in der Gliederung des Weizenhalms geht Hand in Hand mit hervorragender Leiſtungsfähigkeit im Körnerertrag. Schweizer Landroggen, Secale cereale. (Gelbreif geerntet am 20. Juli, gemeſſen u. gewogen am 30. Dez. 1894.) Halmglieder Ähre C cm cm cm cm cm em cm Gefunden..(0,2) 3,8 15,9 28,0 37,4 48,8 56,9(11,0) Arithm. Mittel 15,9 26,6 38,4 47,1—— Differenz..— 00 1,4 1,0 1,⸗,— Dieſer Halm, mit der AÄhre 202,7 em lang, iſt der eine von acht Brüdern, deren Geſamtlänge zwiſchen 194,4 und 214,2 cm wechſelte. Er iſt daher aus einem Samenkorn hervorgegangen, dem eine hohe Produktionskraft innewohnte. Auch der Standort, den die betreffende Pflanze auf dem Felde angewieſen erhielt, muß günſtig geweſen ſein. Es kann ihr weder an Raum für die Beſtockung, noch an Stoffen für die Ernährung gefehlt haben. 3 Die Pflanze wurde am 20. Juli 1894 gelbreif geerntet, und am 30. Dezember Halm für Halm und Ahre für AÄhre gemeſſen und gewogen ꝛc. Das Ergebnis der eingehenden Unterſuchung läßt ſich kurz zu⸗ ſammenfaſſen, wie folgt: Die Halme, die ſich durch geſetzmäßige Gliederung hervorthun, zeichnen ſich vor den übrigen auch inſofern aus, als ſie im Verhältnis zu ihrer Halmſtärke die ſchwerſten Ahren tragen, und umgekehrt: Hervorragende Leiſtungsfähigkeit im Körnerertrag geht Hand in Hand mit hervorragender Geſetzmäßigkeit in der Gliederung. Namentlich gilt dies für den vorliegenden Halm, der in beiden Beziehungen dem idealen Roggenhalm am nächſten kommt. Denn er zeigt von allen 8 Bruderhalmen die vollkommenſte Geſetzmäßigkeit in der Gliederung, und er zeigt zugleich das günſtigſte Verhältnis zwiſchen Halmſtärke und Ahrengewicht. Er entſpricht der Anforderung, mit dem geringſten Aufwand an Baumaterial die höchſte Tragfähig⸗ keit zu erzielen, und er entſpricht zugleich der Anforderung, daß jedes Glied in der Länge und Stärke die Mitte halten ſoll zwiſchen den beiden Nachbargliedern. Daß ein und derſelbe Halm beiden An⸗ forderungen vollkommner und beſſer entſpricht als alle übrigen Halme 4. Das Schoſſen. 97 desſelben Pflanzenſtocks, das iſt der Punkt, der den Ausſchlag giebt. Und was folgt daraus? Es folgt, daß der Zuchtwert der Halme durch die Gliederung überwacht werden kann und über⸗ wacht werden muß, daß der Zuchtwert mit auf der Gliede⸗ rung beruht. Mit ſchlichten Worten heißt das: Wir haben bei der praktiſchen Getreidezüchtung nicht allein auf die Ahre Rückſicht zu nehmen, ſondern auch auf den Halm. Halm und Ahre bilden eine Einheit. Demgemäß wird es ſchließlich noch meine Aufgabe ſein, für die praktiſche Verwertung und Anwendung des Geſetzes vom a. M. einige Winke zu geben. Als Beiſpiel wählen wir auch hier den Roggen. Bei dem Roggen, wie auch bei dem Weizen, giebt es Halme mit 5 und 6, ſelten ſolche mit 4 und 7 Gliedern. Welcher Zahl ſollen wir den Vorzug geben? Die Zahl der Glieder wird nicht allein durch die Länge der Halme, ſondern auch durch die Art der Pflanze beſtimmt. Die Gerſte hat z. B. bei kürzerem Halm mehr Glieder als der Roggen, und bei dem Roggen zeigen ganz kleine Pflanzen ebenſo viele Glieder wie ganz große. Zum Belege die Zahlen für einen Rieſenhalm 1,9: 16,4: 27,5: 42,4: 53,3: 67,0, dazu für die AÄhre 12,6, ergiebt zu⸗ ſammen 221,1 cm; und die Zahlen für einen Zwerghalm 2,3: 5,7: 9,4: 14,2: 17,4:·20,8, dazu für die Ahre 4,6, ergiebt zuſammen 74,4 cm. Der eine Halm iſt faſt dreimal ſo lang wie der andere, und doch haben beide 6 Glieder. Bei den Unterſuchungen hat ſich herausgeſtellt, daß die Halme mit 6 Gliedern eine größere Geſetzmäßigkeit in der relativen Länge der Glieder aufweiſen, als die Halme mit 5 Gliedern. Wir werden daher bei der Auswahl des Zuchtmaterials die ſechsgliedrigen Halme bevorzugen. Steht dies feſt, dann hat die Züchtung im übrigen keine be⸗ ſondere Schwierigkeit. Am ſchnellſten und ſicherſten werden wir vorausſichtlich zum Ziele gelangen, wenn wir etwa folgende Punkte ins Auge faſſen. Wir gehen von einer Roggenſorte aus, die weder ein⸗ ſeitig auf Körner, noch einſeitig auf Stroh gezüchtet worden iſt. Bei der einſeitigen Züchtung auf Stroh leidet die Fruchtbildung, bei der einſeitigen Züchtung auf Körner leidet die Halmbildung. Je höher die Kultur, deſto notwendiger ein ſtarker Halm. Stark iſt hier nicht plump und dick, ſondern ſchlank und feſt. Bei dem Roggen verlangen wir wegen der wirtſchaftlichen Verwendung des Strohs nicht allein einen ſtarken, ſondern auch einen langen Halm. Bei dem Weizen genügt eine Länge von 1,00— 1,20 m, bei dem Roggen wünſchen wir eine Länge von 1,50— 1,80 m. Für die richtige Züchtung giebt es ein einfaches Kennzeichen: Hoher Ertrag an Korn und an Stroh. Roggenſorten, die dieſer zweifachen Anforderung genügen, ſind z. B. der verbeſſerte Zeeländer Roggen, gezüchtet von F. Heine in Hadmersleben Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 7 98 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. und der Schlanſtedter Roggen, gezüchtet von W. Rimpau in Schlanſtedt. Die Auswahl der Zuchtpflanzen auf dem Feldegeſchieht in dem Zuſtand der Gelbreife vor oder bei dem Mähen. „Bei der Auswahl achten wir auf lange, wohlbeſetzte Ähren und auf ſtarke, aufrechtſtehen de Halme. Randpflanzen werden vermieden. An den Ahren ſollen die Ahrchen nicht zu dicht ſtehen, aber auch nicht zu weit. Der allzu dichte Stand führt zur Ver⸗ krüppelung. Der allzu weite Stand verlängert unnötigerweiſe die Ähre und mit ihr den Hebel, an dem ſie laſtet. Die Halme ſollen 6 Glieder und eine möglichſt geſetz⸗ mäßige Gliederung aufweiſen. Die Pflanzen werden aus⸗ gegraben, um den Wurzelſtock genau beſichtigen zu können. Das erſte Glied über dem Wurzelſtock ſoll kurz, etwa 1—2 em lang ſein, weil dann am Fuß des zweiten Gliedes(Fig. 68 bei K) kräftige Kronen⸗ wurzeln hervorbrechen, die den Halm in ſehr wirkſamer Weiſe von allen Seiten ſtützen und verſteifen. Bei dem fünfgliederigen Halm iſt das unterſte Glied meiſt länger und dann fehlen jene Stützwurzeln; auch aus dieſem Grunde hat der ſechsgliederige Halm den Vorzug. Die Gliederung wird auf dem Felde hauptſächlich nach dem Augen⸗ maß, zum Teil aber auch mit dem Maßſtab beurteilt. Beſonders iſt darauf zu achten, daß das zweite Glied über dem Wurzelſtock nicht übermäßig lang iſt. Zu Hauſe erfolgt die ſtrengere Auswahl. Dabei iſt in erſter Linie wieder die Beſchaffenheit der Ahre, in zweiter Linie die Beſchaffenheit des Halms maßgebend. Zur Erleichterung der Auswahl dient ein Tiſch von 2 ½ m Länge und 1 m Breite, auf den man mit Kreide in Geſtalt einiger Längs⸗ und Querlinien, unter Benutzung einiger Normalhalme, eine Schablone für 3 geſetzmäßig gegliederte Halme von verſchiedener Länge gezeichnet hat. Man legt jedesmal 10— 20 Halme nach der Größe geordnet auf den Tiſch, mißt und unterſucht die Ahre und prüſt dann die Gliederung des Halmes, indem man die Länge der Glieder mit der Schablone vergleicht. So kann man, ohne viel zu meſſen und zu rechnen, die Halme herausfinden, die dem Geſetz vom a. M. am beſten entſprechen. Die ausgewählten Halme müſſen nun in einem ſonnigen und luftigen Raum, vor Mäuſen und Spatzen geſchützt, 3— 4 Wochen nachreifen, bis Körner und Halme lufttrocken geworden ſind. Alsdann werden die Ähren ausgerieben und die Körner ſortiert, indem man ſie über ein Sieb mit länglichen Maſchen laufen läßt. Damit wären die Körner zur Saat vorbereitet. Das Verfahren iſt ſo einfach, daß es von jedem Landwirt durch⸗ geführt werden kann. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß dieſe einfache Zuchtwahl gute Reſultate liefern wird, da ſie an dem Alten und Bewährten feſthält und das Zuchtverfahren nur durch die „S=— —,,——. 4. Das Schoſſen. 99 neue Anforderung zu verbeſſern ſucht, daß bei der Auswahl der Zucht⸗ pflanzen auch auf geſetzmäßige Gliederung des Halmes Rück⸗ ſicht genommen werden ſoll. Wer Zeit, Gelegenheit und Neigung hat zur höheren Zucht— wahl, der wird die ausgewählten, gelbreifen Halme in folgender Weiſe behandeln. Der Wurzelſtock wird möglichſt genau am Fuße des unterſten Halmgliedes abgeſchnitten, ebenſo werden alle Kronen⸗ wurzeln dicht am Halm abgeſchnitten, zugleich wird die verweſte unterſte Blattſcheide entfernt und Erde und Staub von dem unteren Teil des Halmes ſauber abgewiſcht. So zugeſtutzt, werden die Halme zuſammengebunden und am ſicherſten an der Decke eines Zimmers zum Nachreifen und Trocknen aufgehängt. Nach dem vollſtändigen Trocknen folgt das wichtige Geſchäft der Wägung. Und zwar wird jeder Halm und jede Ahre für ſich gewogen, nachdem man die Ähre, unter Vermeidung von Körnerverluſt, abgetrennt hat. Bei jedem Halm wird außerdem die ganze Länge gemeſſen, um die Halmſtärke ermitteln zu können. Die Halmſtärke findet man, wenn man mit der Länge in das Ge⸗ wicht dividiert und ſo das Gewicht der Längeneinheit(1 m) berechnet. 3 Schließlich muß man noch die Halmſtärke zum Ährengewicht in Beziehung bringen, indem man das Ährengewicht durch die Halm⸗ ſtärke teilt. Die Halme haben den höchſten Zuchtwert, die hierbei den höchſten Quotienten ergeben. Denn bei dieſen Halmen wird mit dem geringſten Aufwand an Baumaterial die höchſte Tragfähig⸗ keit erzielt.— Eine weitere Frage, die zu dem Schoſſen in Beziehung ſteht, betrifft das Lagern des Getreides. Über dieſen Gegenſtand hat namentlich Ludwig Koch eingehende Unterſuchungen gemacht und damit lange im voraus einen ſchlagenden Beweis für die Richtigkeit des Geſetzes vom arithmetiſchen Mittel geliefert. Wir wollen daher die weſentlichen Reſultate im Auszuge wiedergeben. ¹) Bei Vergleichung mit den entſprechenden normalen Teilen zeigt ſich bei gelagertem Getreide eine bedeutendere Länge der unteren Halmglieder, ſowie eine geringere Dicke der zugehörigen Halmwände. Hand in Hand damit geht eine Überverlängerung und eine ſchwächere Verdickung der bezüglichen Zellen. Zum Belege hierfür mögen folgende Zahlen dienen, die ſich auf das zweitunterſte Halmglied beziehen, an deſſen Baſis der Halm bei dem Lagern gewöhnlich umknickt oder durchbricht. Die Verſuchspflanze war der Winterroggen. ¹) Ludwig Koch, Abnorme AÄnderungen wachſender Pflanzenorgane durch Beſchattung. 100 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Länge des 2. Halmgliedes in Millimetern. gelagert nicht gelagert 162 137 1,2: 1. Länge der Zellen in Millimetern. Oberhautzellen. Markzellen. gelagert nicht gelagert gelagert nicht gelagert 0,44 0,27 0,29 0,18 1,6:1. 1,621. Dicke der Zellwände in Millimetern. Oberhautzellen. Gefäßbündelſcheide. Markzellen. ¹) gelagert nicht gelagert gelagert nicht gelagert gelagert nicht gelagert 0,0039 0,0060 0,0021 0,0054 0,0014 0,0021 11,5. 1:2,6. 4:1,5. Fig. 69. Teil eines Querſchnitts durch ein Halmglied des Roggens(Secale cereale). o Ober⸗ haut. r Rinde. g Geſäßbündel. gs Zellen der Gefäßbündelſcheide. m Markzellen. Vergrößerung 30 fach. In dem unterſten Halmgliede finden ſich die Unterſchiede der Verdickung und Längsſtreckung der Zellen ebenſo ſtark ausgeprägt wie in dem zweiten, das dritte zeigt ſie weniger, in den oberen ſind ſie kaum zu konſtatieren. Die Abnormitäten gelagerten Getreides erſtrecken ſich ſomit vor⸗ zugsweiſe auf die unteren Halmglieder und offenbaren ſich in einer größeren Schwäche dieſer Teile, die den üppig entwickelten oberen nicht den nötigen Halt zu bieten vermögen: Umbiegen oder Durch⸗ ¹) Vergl. Fig. 69 nebſt der beigefügten Erklärung. 4. Das Schoſſen. 101 knicken an dieſen Stellen muß die Folge ſein, denn— das Geſetz des Wachstums iſt geſtört. Intereſſant und maßgebend iſt es nun, daß Koch dieſelben Ab⸗ normitäten durch künſtliche Beſchattung hervorgerufen und damit den experimentellen Nacht weis geliefert hat, daß die weſentliche Urſache des Lagerns in nichts anderem beſteht, als in dem Mangel an Licht. Die Verſuche wurden in einer Weiſe angeſtellt und durch zahl⸗ reiche Meſſungen unter dem Mikroſkop ſo genau kontrolliert, daß ſich gegen die Schlußfolgerungen nichts einwenden läßt. Da nämlich alle übrigen Verhältniſſe, mit einziger Ausnahme der Beleuchtung, bei den künſtlich beſchatteten und nicht beſchatteten Verſuchspflanzen annähernd gleich waren, und da die Beſchattung durch ſucceſſives Aufſetzen von kurzen Röhrenſtücken in der Art bewerkſtelligt wurde, daß immer nur bei den unteren Pflanzenpartieen eine teilweiſe Entziehung des Lichtes ſtattfand, während die oberen dem Lichte frei ausgeſetzt blieben, ſo wurden die für das Lagern carakteriftichen Erſcheinungen bei den künſtlich beſchatteten Pflanzen in der That durch nichts anderes zu ſtande gebracht, als durch den Entzug oder Mangel des Lichts. Wie und wodurch kommt aber bei dem im freien Felde ſtehenden Getreide die Beſchattung und die dadurch bewirkte Schwäche der unteren Halmglieder zu ſtande? Es liegt auf der Hand, daß der dichte Schluß der Pflanzen hieran ſchuld iſt, durch den namentlich dem unteren Teile der Halme das Licht entzogen wird; aber es ſpielt hierbei unzweifelhaft auch die maſtige Entwicklung der Pflanzen eine Rolle, denn der beob⸗ achtende Landwirt weiß, wie gefährlich die„Geilſtellen“ ſind. Koch hat dieſen Punkt gleichfalls ins Auge gefaßt und er glaubt nach ſeinen Verſuchsreſultaten die Anſicht ausſprechen zu dürfen, daß bei allzureichem Vorhandenſein löslicher Stickſtoffverbindungen, wie überhaupt bei günſtigen Bedingungen der Pflanzenernährung, eine üppige Vegetation herbeigeführt wird, die, bei zu dichtem Stand, intenſive Beſchattung und mit ihr eine krankhafte Überverlängerung der Zellen und verminderte Verdickung der Zellwände an den unteren Partieen der Pflanze hervorruft, während die oberen Teile vermöge ihrer bedeutend üppigeren Entwicklung zugleich mehr Angriffspunkte für Wind und Regen darbieten. Wir können uns auch mit dieſer Anſicht, die ſchon Sachs aus⸗ geſprochen, Koch aber erſt begründet hat, in der Hauptſache einver⸗ ſtanden erklären, uiüihlen nur das noch ergänzend hinzufügen: 1. daß das übereilte Schoſſen, das infolge reicher Stickſtoffdüngung bei feucht⸗ warmer Witterung eintritt, der Einwirkung des Lichtes nicht ge⸗ nügend Zeit läßt, und 2. daß überdies die Blattſcheiden bei ſtark ge⸗ düngten, maſtigen Pflanzen eine intenſivere Beſchattung des einge⸗ ſchloſſenen Halmes herheſſühren⸗ als es bei normal und langſam ge⸗ wachſenen Pflanzen der Fall iſt. Hierfür ſprechen die von Kach be⸗ ſtätigten Thatſachen, daß die Blätter und Blattſcheiden bei ge lagertem Getreide üppiger entwickelt ſind, ohne daß ſich an ihnen Differenzen Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. der Zelllänge oder der Zelldicke nachweiſen ließen, und daß die ſtärkſte Überverlängerung, wie die ſchwächſte Verdickung der Zellen allemal an den unteren Partieen des zweiten oder dritten Halmgliedes er⸗ folgt, die durch die anliegende Blattſcheide eine tiefe Verdunkelung erleiden. ¹) 6 Faſſen wir das Geſagte kurz zuſammen, ſo ergeben ſich folgende Sätze. Das Lagern des Getreides hat ſeinen Grund in der Überver⸗ längerung und ungenügenden Verdickung der Zellen an den unteren Halmgliedern. Die krankhafte Entwicklung jener Zellen hat ihre Urſache in dem Mangel an Licht. Der Abſchluß des Lichtes kommt dadurch zu ſtande, daß die dicht gedrängten Halme ſich gegenſeitig beſchatten, daß namentlich die zwiſchen und über den Halmen ausgebreiteten, vor Vollendung des Schoſſens dachziegelförmig übereinander liegenden Blätter den Schatten vermehren, und daß die Verdunkelung der ſpeziell in Betracht kommenden Teile dadurch noch verſtärkt wird, daß die Blattſcheiden das untere Stück der Halmglieder umhüllen und verdecken. Dichte Saat, über⸗ eiltes Schoſſen und maſtiger Wuchs, veranlaßt durch üppige, feucht⸗ warme Witterung und durch ſtarke ſtickſtoffreiche Düngung befördern und ſteigern das Übel, beſonders bei flacher Ackerkrume. Das Umfallen der Halme erfolgt regelmäßig— Hagelſchlag und Windbruch ſind mit dem„Lagern“ nicht zu verwechſeln— bei regneriſcher Witterung, weil dann der Waſſergehalt und die Spannung ¹) Es könnte zweifelhaft erſcheinen, ob das Licht überhaupt durch die Blattſcheide hindurch bis zu dem von ihr eingeſchloſſenen Halmgliede ein⸗ zudringen vermag. Dieſer Zweifel iſt leicht zu heben. Die Zellen des Halm⸗ gliedes enthalten nämlich Chlorophyll, deſſen Entſtehung vom Lichte abhängig iſt. Ohne Licht kein Chlorophyll. Das Vorhandenſein des Chlorophylls be⸗ weiſt uns alſo die Gegenwart des Lichtes. Bringen wir einen Querſchnitt durch das Halmglied unter das Mikroſkop, ſo ſehen wir, daß nicht nur die mehr nach außen gelegenen Zellen der Rinde x(Fig. 69), ſondern auch die weiter nach innen gelegenen der Gefäßbündelſcheide gs grüne Chlorophyll⸗ körnchen enthalten. Zur Zeit des Schoſſens, wenn das Halmglied lebhaft wächſt, können wir mit bloßem Auge ſehen, daß gerade der untere Teil des Gliedes, trotzdem er am vollſtändigſten durch die Blattſcheide gedeckt iſt, am dunkelſten grün gefärbt erſcheint. Hieraus folgt zugleich, daß der Zellſtoff, der zum Aufbau und zur Verdickung der Zellwände des Halmgliedes dient, größtenteils oder ausſchließlich in dem Halmgliede ſelbſt durch den gewöhnlichen Aſſimilationsprozeß erzeugt wird. Nehmen wir dies als feſtſtehend an, ſo wird uns erklärlich, wie ſehr die Feſtigkeit des Halmes, die auf der Ent⸗ wicklung des Zellſtoffs beruht, durch allzu intenſive Beſchattung der unteren Halmpartieen beeinträchtigt werden muß. Ohne Licht kein Chlorophyll, ohne Chlorophyll keine Skärke, ohne Stärke kein Zellſtoff, ohne Zellſtoff keine Feſtigkeit. Kommt dann zu dem Mangel an Zellſtoff noch eine unnatür⸗ liche Verlängerung der Zellen hinzu, ſo müſſen die Halme bleichſüchtig und ſchwächlich werden, ebenſo wie die Kartoffelkeime im Keller. 4. Das Schoſſen. 103 und Streckung der Zellen am größten, und zugleich die Laſt, die der Halm zu tragen hat, verhältnismäßig am bedeutendſten iſt. Dieſer kritiſche Moment kann früher oder ſpäter eintreten, vor, während oder nach der Blüte, auch erſt gegen die Zeit der Reife. „Das Lagern, das von gewöhnlichem Regen erfolgt, ſagt Thaer, iſt zum ſo ſchlimmer, je früher es geſchieht.“ Allemal aber wird der Grund zu dem Übel in der Periode des Schoſſens gelegt. Denn das Umknicken betrifft die unteren Glieder des Halmes, ſelten das unterſte, gewöhnlich das zweite, zuweilen auch dritte Glied über dem Boden, die bei dem Schoſſen früher bis zu ihrer definitiven Länge empor⸗ geſchoben werden, als die oberen. Eben deshalb iſt es ſo gefährlich, wenn das Schoſſen zu eilig von ſtatten geht, und da der Landwirt die Witterung nicht in der Hand hat, ſo muß er vor allem darauf bedacht ſein, durch geeignete Kulturmaßregeln dem Lagern thunlichſt vorzubeugen. Es iſt ein eitler Ruhm, mit Lagerfrucht zu prahlen. Ein normales Fruchtfeld ſoll ſo beſchaffen ſein, daß die ſchlanken, aber ſtarken Halme die Fülle der Ahren zu tragen vermögen, bis der Arm des Schnitters ſie zu Boden ſtreckt. Dies führt uns auf die Frage, wie ſich die Beſtockung des Ge⸗ treides zu dem Lagern verhält. Auf den erſten Blick hat es den Anſchein, daß die Beſtockung, inſofern ſie die Zahl der Halme und demnach auch die Beſchattung der unteren Halmglieder vermehrt, die Krankheit des Lagerns ver⸗ urſachen oder wenigſtens verſchlimmern müßte. Bei genauerem Zu⸗ ſehen kommt man jedoch zu der Überzeugung, daß die Beſtockung wenig oder gar nichts zu dem Lagern beitragen kann. Gegen die Annahme, daß zwiſchen Beſtockung und Lagern ein urſächlicher Zuſammenhang beſteht, ſpricht vor allem die Thatſache, daß das Lagern infolge von Lichtmangel eintritt, während die Be⸗ ſtockung bei Lichtmangel unterbleibt. Aus dieſer Thatſache folgt un⸗ mittelbar, daß von dem Augenblick an, wo der Pflanzenbeſtand eines Feldes an Lichtmangel leidet, die Beſtockung, weil ſie eben aus— geſchloſſen iſt, jedenfalls nichts mehr zu dem Lagern beitragen kann. Es kann ſich alſo nur darum handeln, ob in der Zeit der Entwicklung von der Keimung bis zum Beginn des Schoſſens die Gefahr des Lagerns durch eine ſtarke Beſtockung vermehrt wird oder nicht. Dabei ſind drei Fälle denkbar. 1. Bei einer Saat, die von Anfang an ſehr dicht ſteht, iſt die ſtarke Beſtockung ausgeſchloſſen, denn wir haben geſehen, daß die Be⸗ ſtockung in dem Maße hintenangehalten wird, wie der Stockraum ſich vermindert. Lagert ſich eine derartige Saat, und das geſchieht ſehr häufig, ſo dürfen wir der Beſtockung die Schuld nicht zuſchreiben. Nicht die Beſtockung, ſondern das zu ſtark bemeſſene Ausſaatquantum trägt die Schuld.. 2. Steht die Saat vor oder nach der Überwinterung ſehr„licht“, und es erfolgt im Herbſt oder im Frühjahr eine ſtarke Beſtockung, ſo kann dieſe ebenfalls nichts ſchaden, weil ja die Pflanzen Raum 104 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. und deshalb auch Licht überflüſſig genug haben. Ein Grund zur Entſtehung von Lagergetreide liegt alſo auch in dieſem Falle nicht vor. 3. Iſt endlich der Pflanzenbeſatz im Herbſt und im Frühjahr ein mittlerer, dann wird auch die Beſtockung nur eine mittlere ſein, und die Gefahr des Lagerns iſt auch in dieſem Falle nicht zu befürchten, es ſei denn, daß die Saat durch übermäßige Düngung oder durch allzu üppige Witterung bei Eintritt des Schoſſens zu ſehr getrieben wird. Thaer ſagt in Bezug auf das Lagern:„Starke Düngung mit mangelhafter und flacher Beackerung, ſehr dichte Saat giebt am häufigſten Lagergetreide; wogegen ein recht gut und tief bearbeiteter Acker und mehr beſtaudete, als in der Jugend gedrängte Pflanzen dagegen ſchützen.“ Ferner macht er über die Vegetation des Getreides im all⸗ gemeinen und über die Beſtockung im beſonderen folgende Bemerkungen. „Bei der Winterung hält man es gut, wenn ſie nicht ſchnell her⸗ vorſticht, ſondern nach Verhältnis der Temperatur lange in der Erde bleibt, weil ſich dann der untere Teil ihres Keims, die Wurzel, mehr entwickelt und verſtärkt. Ich habe bemerkt, daß die Saat bei günſtiger Witterung auf tieferem Boden um drei Tage ſpäter hervorkam, als auf flachem. Der Sommerung wünſcht man dagegen ein ſchnelles Hervor⸗ kommen, damit ſie vom Unkraut nicht überwachſen werde. Nach Entwicklung der erſten Blätter treiben nach allen Seiten Nebenſproſſe aus. Je mehr dies geſchieht, um deſto ſtärkere Frucht kann man erwarten. Dieſe Sproſſe müſſen nicht ſchnell in die Höhe treiben, noch weniger ihre Blätter ſchlaff herabhängen laſſen, ſondern ſich ſteif und elaſtiſch über die Erde ausbreiten, und, wie man es nennt, den Boden belegen. Ein ſchnelles und ſtarkes in die Höhetreiben der Winterung mit hellgrüner Farbe habe ich mehrere Male als die Folge einer kurz vor der Saat untergebrachten, noch im Gärungszuſtande befindlichen Düngung, bei feuchtem und warmem Herbſtwetter geſehen: eine Uppig⸗ keit, die die nachteiligſten Folgen hatte, und im Frühjahr ein faſt gänzlich ausgewintertes Feld hinterließ. Ein ſtarkes Belegen der Saat auf jene Weiſe, vor Winter, ſcheint mir aber nie nachteilig werden zu können, und wenn dann auch ihre Blätter im Winter ab⸗ faulen, ſo bleibt doch der Stamm mit der Anlage der Nebenſproſſen geſund und treibt im Frühjahr ſchnell wieder aus. Auch im Frühjahr muß eine gute Saat mehr in Nebenſchoſſe, als in die Höhe treiben, ſich auf dem Boden verbreiten und erſtarken. Hierzu trägt die Natur einer geſunden ſtarken Saat, die ſchon im Herbſte ſich zu beſtauden angefangen hatte, vieles bei; aber die Witterung muß günſtig, die Wärme im April und im Anfang des Mai ſehr gemäßigt ſein, und der Regen nicht fehlen, wenn es aufs vollkommenſte geſchehen und der Grund zu dichtem und ſtarkhalmigem Getreide gelegt werden ſoll. 4. Das Schoſſen. 105 Nicht der dichte Stand der Pflanzen, ſondern dieſes Verbreiten und gleichmäßige Aufſchießen der Sproſſe entſcheidet über die Stärke, die das Getreide erlangen wird, und hier ändert ſich der Anſchein oft plötzlich. Ein dicht mit Pflanzen beſetzter, zu Anfang des Mai hervor⸗ ſcheinender Acker geht oft, gerade des dichten Standes wegen, ſpitz in die Höhe, und zeigt im Junins einen ſchwachen Beſatz von Ahren, wo⸗ gegen ein anderer, dem es am Pflanzenſtamme zu fehlen ſchien, nun einen gedrängten Stand der Halme und Ahren darbietet— eine Erfahrung, die gewiß die meiſten Landwirte gemacht, aber wenige beherzigt haben, indem die meiſten nur recht gedrängt ſtehende Pflanzen im Herbſt und im Frühjahr wünſchen, unbekümmert, ob dieſe Pflanzen, einzeln betrachtet, die Merkmale von Kraft und Aus⸗ triebs⸗Neigung haben. Der entfernte Anblick eines Saatfeldes trügt Fig. 70. Unterer Teil eines knieförmig aufſteigenden Roggenhalmes(Secale cereale). a ſchief ſtehendes, b ſenkrecht ſtehendes Halmglied. k der Blattknoten, der durch ſeine Krümmung den Halm in die ſenkrechte Stellung gebracht hat. w Kronenwurzeln an dem erſten oberhalb der Erdoberfläche oo gelegenen Halmknoten. wi Kronenwurzel an dem zweiten Knoten, die als Stützwurzel funktiontert. Natürliche Größe. daher gewaltig; nur die Übergehung des Feldes, den Blick auf ein⸗ zelne Pflanzen gerichtet, kann ein ſicheres Urteil über ſeine Ergiebig⸗ keit begründen.“¹) Sehen wir uns eine ſtark beſtockte Pflanze vor dem Schoſſen genauer an, ſo finden wir, daß die Haupthalme flach auf dem Boden liegen und mehr oder minder gleichmäßig nach allen Seiten aus⸗ gebreitet ſind. Eine derartige Stellung iſt für die Ausnutzung des Lichtes die beſte, die gedacht werden kann, denn ſie geſtattet, daß nicht nur die Blätter von den Sonnenſtrahlen direkt getroffen, ſondern daß auch die in den Blattſcheiden eingeſchloſſenen jungen Halme möglichſt intenſiv beleuchtet werden. Es werden ſich daher die unteren Halm⸗ glieder kräftig entwickeln, und inſofern von deren Schwäche oder Stärke das Lagern hauptſächlich abhängt, bietet die Beſtockung offen⸗ bar eine Gewähr gegen das Lagern. ¹) Thaer, Grundſätze der rat. Landwirtſchaft, 1853, IV, S. 28—33. 106 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Es kommt noch hinzu, daß die Halme eines ſtärkeren Stockes bei Eintritt des Schoſſens knieförmig aufſteigen, indem das untere Glied in ſeiner horizontalen oder ſchiefen Stellung verbleibt, während der über dem Boden befindliche Blattknoten die Aufrichtung des Halmes bewirkt(Fig. 70). Dieſes knieförmige Aufſteigen, das bei ſchwacher oder fehlender Beſtockung in der Weiſe nicht vorkommt, gewährt mehrere Vorteile. Erſtens bleibt der Halm etwa um die Länge des unterſten Gliedes niedriger. Wenn das auch nur einige Centimeter ausmacht, ſo iſt der dadurch bedingte Vorteil doch nicht zu unterſchätzen, denn mit jedem Centimeter, um den der Hebel am oberen Ende des ähren⸗ tragenden Halmes verkürzt wird, wird die Gefahr des Lagerns ver⸗ mindert. Zweitens erhält der Halm durch das unterhalb des Knies be⸗ findliche Glied, das den Dienſt eines Fußes verrichtet, eine feſtere Stütze, um ſo mehr, wenn an dem Knie, wie es häufig geſchieht, kräftige Kronenwurzeln hervorbrechen, die den Halm feſtankern und verſteifen. Drittens entſteht im Innern zwiſchen den knieförmig aufſteigenden Halmen ein freier Raum, der bei Beginn des Schoſſens— und dieſer Moment iſt entſcheidend— dem Lichte den Zutritt geſtattet. Nach alle dem hat die Anſicht, daß die Beſtockung das Lagern bedingt, keinen rechten Grund; man kann vielmehr mit Grund be⸗ haupten, daß ſtark beſtocktes Getreide ſich für gewöhnlich nicht lagert. Eine Saat, die von Anfang an zu dicht ſteht, leidet ſchon in der Jugend Mangel an Licht. Infolgedeſſen unterbleibt die Beſtockung. Die aus dem Samenkorn hervorgegangenen Halme können nicht er⸗ ſtarken, noch weniger in Seitenſproſſe auseinandergehen. Sie bleiben ſchmächtig und ſchwächlich von der Keimung an, und wenn ſie in der Periode des Schoſſens in die Höhe gehen, ſo brechen ſie, falls ſie ſich überhaupt ſo lange aufrecht erhalten, in ſich zuſammen, ſobald ſie ihre größte Länge erreicht haben, weil dann ihre Feſtigkeit am ſchwerſten auf die Probe geſtellt wird. So dürfte die Erſcheinung des Lagerns zu erklären ſein. Wir ſchließen dieſe Betrachtungen mit dem bekannten Wort: Mehr Licht! 5. Das Blühen. Eine allgemeine Beſchreibung der Gramineenblüte haben wir bereits im erſten Abſchnitt gegeben. Jetzt handelt es ſich darum, die einzelnen Teile genauer zu betrachten und den Vorgang des Blühens mit Einſchluß der Beſtäubung und der Befruchtung ſpezieller zu verfolgen. Um uns auch hier der möglichſten Kürze zu befleißigen, wollen wir uns zunächſt mit dem eigentlichen Befruchtungsvorgang, der bei allen Getreidearten im weſentlichen derſelbe iſt, an einem Bei⸗ 5. Das Blühen. 107 ſpiel bekannt zu machen ſuchen. Die Beſonderheiten, die bei den einzelnen Getreidearten weniger die Befruchtung, als die Art des Blühens und der Beſtäubung betreffen, werden ſich dann leicht an⸗ reihen und verſtehen laſſen. Als Beiſpiel zur Darlegung und Erläuterung des Befruchtungs⸗ vorganges wählen wir den Weizen und erinnern zuvörderſt daran, daß die Ahre aus zahlreichen ÄAhrchen, und daß jedes Ährchen aus 3 oder 4, zuweilen auch aus 5 oder 6 Blütchen zuſammengeſetzt iſt. Fig. 72. Längsſchnitt durch den jungfräulichen Fruchtknoten des Weizens(Triticum vulgare). p die Fruchtknotenwand. e das Ei, das in der Höhlung des Fruchtknotens liegt und an der Fig. 71. Die weſentlichen Teile der Blüte des Weizens, Triticum vulgare. p der Fruchtknoten, hinter ihm die beiden Schüpp⸗ chen. st das Fruchtſtielchen. n die Narben. f die 3 Staubfäden, die ſich nach dem Offnen des Blütchens verlängert haben. a die Staub beutel, die beiderſeits der Mittelwand je in einem Längsriſſe aufgeplatzt ſind, um den Blütenſtaub zu entlaſſen. Vergrößerung 5fach. Anheftungsſtelle 1 angewachſen iſt. es der im Innern des Eis befindliche Embryoſack. k die beiden Keimbläschen am unteren Ende des Embryoſackes. gk der Griffelkanal, durch den der Pollenſchlauch in die Fruchtknotenhöhle ge⸗ langt. ii und ai die beiden Integumente, die das Ei bez. den Eikern umhüllen. m die Mikro⸗ pyle d. i. die kleine Offnung der Integumente, durch die der Pollenſchlauch eindringt. Vergrößerung 36 fach. In jedem vollkommenen und normal entwickelten Blütchen finden wir weibliche und männliche Fortpflanzungsorgane vereinigt. Fig. 71. zeigt den ganzen Geſchlechtsapparat ohne die äußere Zubehör. 1. Die weiblichen Zu dieſen gehört der Fruchtknoten. Blüte, aus dem ſich die Frucht entwickelt. O rgane der Blüte. Das iſt der Teil der Er iſt in Fig. 71 mit p bezeichnet und zeigt ſchon die Form des Weizenkorns. Wir finden den jungfräulichen Fruchtknoten, in der Größe eines kleinen Stecknadelkopfes, tief unten woſelbſt er auf einem ganz kurzen zwiſchen den beiden Blütenſpelzen, Stielchen st befeſtigt iſt. Aus dem oberen breiten und behaarten Ende des Fruchtknotens treten die beiden federförmigen Narben oder Griffel n hervor. 108 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Schneiden wir eine Anzahl Fruchtknoten der Länge und der Quere nach durch, ſo überzeugen wir uns mit Hilfe der Lupe, daß ſich im Innern des Fruchtknotens ein Hohlraum befindet, der von einem einzigen Ei ausgefüllt iſt. Das Ei, von kugeliger bis länglich runder Geſtalt, iſt in einer ſchmalen, der Längsfurche zugewandten Leiſte mit der Fruchtknotenwand verwachſen. Dieſe Leiſte nennt man die Anheftungsſtelle des Eis. Bringen wir einen Längsſchnitt, der den Winkel der Längsfurche halbiert, unter das Mikroſkop, ſo erkennen wir, daß das Ei aus einem Kern beſteht, der von zwei Hüllen oder Häuten, den ſoge⸗ nannten Integumenten, eingeſchloſſen iſt(Fig. 72). Die Inte⸗ gumente entſpringen an der Anheftungsſtelle lI, und ſie umgeben den Eikern überall. Nur auf der unteren, dem Fruchtſtielchen zugekehrten Seite laſſen ſie eine Offnung m, die zwiſchen dem äußeren Inte⸗ gument ai ziemlich weit, zwiſchen dem inneren Integument ii da⸗ gegen ungemein eng iſt. Dieſe Offnung heißt die Mikropyle. (Vergl. Fig. 74.) Von der Mikropyle aus, nur durch wenige Zellen des Eikerns, der ſogenannten Kernwarze, von ihr getrennt, erſtreckt ſich in der Längsachſe des Eikerns, der ſonſt aus kleinen abgerundeten Zellen be⸗ ſteht, eine auffallend große, in die Länge gedehnte Zelle es. Dieſe Zelle iſt der Embryoſack. In dem Embryoſack bemerken wir an dem der Mikropyle zuge⸗ wandten Ende zwei kleine Tochterzellen k. Das ſind die ſogenannten Keimbläschen.— An dem oberen Ende iſt der Fruchtknoten von dem Griffel⸗ kanal gk durchbrochen, der vom Grunde der beiden Griffel in die Fruchtknotenhöhle hinabführt, und mit abwärts gerichteten Haaren dicht ausgefüllt iſt. Die beiden Griffel ſelbſt ſind mit unzähligen haarförmigen Verzweigungen— Narbenpapillen— beſetzt. 2. Die männlichen Organe der Blüte. Sie beſtehen(Fig. 71) aus den drei Staubfäden f, deren jeder an der Spitze einen Staubbeutel a trägt. Jeder Staubbeutel be⸗ ſteht aus zwei Abteilungen, den Staubbeutelfächern. In ihnen wird der Blütenſtaub oder Pollen erzeugt. Der Blütenſtaub beſteht aus einer großen Menge ſehr kleiner Körnchen, den Pollen⸗ körnern, deren jedes eine einzige mit einer doppelten Haut verſehene Zelle darſtellt. Der Befruchtungsvorgang. Soll nun eine Befruchtung zu ſtande kommen, ſo muß der Blüten⸗ ſtaub auf die Narbenpapillen der Griffel gelangen. Um dies zu ermöglichen, ſpringen die Staubbeutelfächer in einem Längsriſſe auf und ſetzen die in ihnen enthaltenen, geſchlechtsreifen Pollenkörner in Freiheit. 5. Das Blühen. 109 Durch die klebrig feuchte Beſchaffenheit der Narbenpapillen n iſt dafür geſorgt, daß die Pollenkörner auf den Griffeln hängen bleiben. (Fig. 73.) 5 Iſt dies geſchehen, ſo keimt das Pollenkorn in der Weiſe aus, daß ſich die derbere Innenhaut durch eine runde, vorher mit einem Deckel verſchloſſene Offnung o der zarteren Außenhaut herausſtülpt. Es entſteht ein Schlauch, der alsbald weiter wächſt. Wie aus Fig. 73 zu erſehen, wandert der körnige Inhalt, der anfänglich die Pollen⸗ zelle ganz ausfüllt, aus dem Pollenkorn p in den Pollenſchlauch ps Fig. 73. Ein Pollenkorn p auf der Narbe aus⸗ Fig. 74. Umgebung der Mikropple. gekeimt. o die Offnung, aus der ſich der Pollen⸗ ii das innere, ai das äußere Integument. ſchlauch ps herausgeſtülpt hat, um ſich erſt dem m die Mikropyle, in der ein Pollen⸗ Pollenkorn anzuſchmiegen und dann an der Narbe ſchlauch ps ſteckt. e der Eikern. es der abwärts zu wachſen. Der körnige Inhalt iſt bereits Embryoſack. k das befruchtete Keim⸗ zum größten Teil aus dem Pollenkorn in den bläschen; neben ihm das andere Keim⸗ Pollenſchlauch hineingewandert. n die Narben⸗- bläschen bereits zuſammengeſchrumpft. papillen. Triticum vulgare. Vergr. 200 fach. Triticum vulgare. Vergröß. 120 fach. hinein, und er wird in dieſem weiter und weiter transportiert. Der geſchilderte Vorgang wiederholt ſich bei vielen Pollenkörnern in der⸗ ſelben Weiſe. Die von den Pollenkörnern ausgehenden Schläuche wachſen ab⸗ wärts, ſich dicht an das papillöſe Gewebe der Griffel anſchmiegend und finden ſo den Weg durch den Griffelkanal in die Frucht⸗ knotenhöhle. In dieſer kriechen ſie auf dem äußeren Integument des Eis weiter, bis einer von ihnen die Mikropyle erreicht.(Fig. 74). Der Pollenſchlauch dringt durch die Mikropyle und auch durch die Zellen der Kernwarze hindurch bis an den Embryoſack. Dieſer Moment wird durch Fig. 75 zur Anſchauung gebracht. In den Embryoſack dringt der Pollenſchlauch nicht hinein, ſondern er legt ſich mit ſeinem vorderen Ende an die Außenfläche der Embryoſackzelle zuerſt loſe und dann feſt an. Darauf verſchwindet 110 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. der Inhalt aus dem Pollenſchlauche, und damit iſt die Befruchtung vollzogen. Daß die Befruchtung ſtattgefunden hat, das erkennt man namentlich daran, daß das eine der vorhandenen Keimbläschen ka zuſammenſchrumpft, während das andere k zu wachſen beginnt, um durch wiederholte Zweiteilung der Zellen, innerhalb des Embryoſackes, zu dem Embryo, d. h. zu dem Keime einer neuen Pflanze zu werden. Das Weſentliche der Befruchtung beſteht alſo darin, daß die in dem männlichen Pollenkorn gebildeten Stoffe, durch Vermittlung des Pollenſchlauchs, an den weiblichen Embryoſack geſchafft und von ihm aufgeſaugt werden, ſo daß eine ſtoffliche Vermiſchung und Vereinigung der weib⸗ lichen und männlichen Elemente erfolgt. Fig. 75. Die Kernwarze kw des Eikerns, Fig. 76. Ein Blütchen des gemeinen Weizens, von dem Pollenſchlauch ps durchbohrt. es der Triticum vulgare, unmittelbar vor dem Embryoſack. k das befruchtete, an der Innen⸗ Aufblühen. Die äußere Blütenſpelze iſt ent⸗ flache des Embryoſackes mit dem Träger t fernt, die innere mit isp bezeichnet. a ſind angeheftete Keimbläschen, das zum Embryo die Staubbeutel oder Antheren, n die Griffel heranwächſt. ki das andere, der Spitze des oder Narben, sch die Schüppchen oder lodi- Pollenſchlauches näher ſtehende Keimbläschen, culae. Der Fruchtknoten iſt nicht ſichtbar. das zu Grunde gebt. Triticum vulgare. Vergrößerung 3 fach. Bergrößerung 300 fach.(Nach Hofmeiſter.) Das Offnen und Schließen der Spelzen. Die Beſtäubung der Narbe vollzieht ſich bei geſchloſſenen oder bei geöffneten Spelzen. Ein Blühen mit geſchloſſenen Blütenhüllen erſcheint uns unnatürlich, kommt aber doch vor. Die Natur liebt die Mannigfaltigkeit. Gewiſſe Getreidearten(z. B. Pfauengerſte) blühen ſtets bei geſchloſſenen, andere(z. B. Weizen) je nach der Witterung bei geſchloſſenen oder bei geöffneten, noch andere(z. B. Roggen) ſtets bei geöffneten Spelzen. Am deutlichſten läßt ſich der Vorgang des Blühens bei dem Roggen beobachten. a) Das Offnen der Spelzen, oder genauer das Abbiegen der äußeren Blütenſpelze von der in ihrer Stellung verharrenden inneren Blütenſpelze, wird nach den Unterſuchungen Hackels und Rimpaus durch die ſtarke Anſchwellung der beiden Schüppchen sch(Fig. 76) 58—— — 5. Das Blühen. 111 bewirkt, die ſich am Grunde des Blütchens zwiſchen dem Fruchtknoten und der äußeren Blütenſpelze befinden. Indem die Schüppchen plötzlich Waſſer aufnehmen, werden ſie dicker und drängen die Spelze nach außen. Es iſt nur merkwürdig, daß dies gerade zu der Zeit geſchieht, wenn die Sexualorgane geſchlechtsreif ſind. Während die Spelzen ſich öffnen, breitet die Narbe ihre beiden Flügel aus und ſtreckt ſie rechts und links durch den Spalt. Während des Offnens der Spelzen ſieht man auch die Staub⸗ beutel emporrücken; ſie werden emporgeſchoben durch die Staubfäden, deren auffallend raſche Verlängerung nach den Unterſuchungen von Askenaſy lediglich auf einer Streckung der Staubfadenzellen und auf einer rapiden Waſſeraufnahme aus den Staubbeuteln beruht. Schon während der Streckung der Staubfäden platzen die Staubbeutel und ſofort nach dem Aufplatzen erfolgt das Ausſchütten des Blütenſtaubes. Näheres hierüber weiter unten. b) Das Schließen der Spelzen beruht zunächſt darauf, daß die äußere Blütenſpelze vermöge ihrer Elaſtizität in ihre frühere Lage zurückkehrt, nachdem die Schüppchen ihr Schwellwaſſer abgegeben haben. Dieſe Abgabe des Waſſers kommt aber nach meiner Anſicht nicht durch einfache Waſſerverdunſtung, ſondern vielmehr durch direkten Waſſerentzug zuſtande. Ich habe nämlich in zwei, zeitlich weit auseinanderliegenden Fällen beobachtet, daß die Spelzen wochenlang geöffnet bleiben, wenn die Narbe gar nicht oder nicht mit annehmbarem Pollen beſtäubt wird. Der eine Fall betrifft den Weizen. Im Jahre 1869 ſah ich unter 707 ſtarkbeſtockten Pflanzen mit mehreren tauſend Ähren eine Ahre, deren Spelzen mehr als 3 Wochen auffallend weit geöffnet blieben. Die ÄAhre erwies ſich als ſteril; die Fruchtknoten waren vor⸗ handen, die Staubgefäße fehlten. Der andere Fall betrifft den Roggen. Im Jahre 1893 ſtand in meinem Garten, ganz allein, weit entfernt von allen Feldern, eine Pflanze von ſüdruſſiſchem Roggen. Sie hatte 17 Ähren und alle blühten, reichlichen Pollen verſtäubend, aber keine einzige Spelze ſchloß ſich. Drei Wochen nach Beginn der Blüte befeſtigte ich an einer Stange ein Gefäß mit Waſſer und einem Büſchel Ähren von ſchweizer Landroggen. Sie blühten, reichlichen Pollen verſtäubend, und jetzt ſchloſſen jene 17 Ahren ihre Spelzen. Der eigene Pollen war un⸗ wirkſam, der fremde Pollen war wirkſam. Hieraus ziehe ich den Schluß: Nach der wirkſamen Be⸗ ſtäubung der Narbe entzieht der Fruchtknoten den benach⸗ barten Schüppchen(Lodikeln) ihr Schwellwaſſer und auf dieſen Waſſerentzug iſt das Schließen der Spelzen zu⸗ rückzuführen. Für dieſe Auffaſſung ſpricht auch die von Hofmeiſter feſtge— ſtellte Thatſache, daß der Pollenſchlauch beim Weizen 5 bis 7 Stunden braucht, um nach künſtlicher Beſtäubung der Narbe den Weg bis an 112 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. den Embryoſack zurückzulegen, während das Schließen der Spelzen bekanntlich oft ſchon 1 Stunde nach dem Offnen erfolgt. Je ſchneller die Spelzen ſich ſchließen, deſto beſſer iſt es zum Schutz des zarten Fruchtknotens gegen Froſt ꝛc. Obwohl ein einziges Pollenkorn zur Befruchtung ausreicht, iſt es zur Sicherung des wichtigen Vorgangs, von dem die Fortexiſtenz der Pflanze abhängt, doch zweckmäßig und unerläßlich, daß recht viele Pollenkörner auf die Narbe gelangen. Jedes Korn verurſacht einen Reiz, auf den die Narbe reagiert, ſofern das Korn ſympathiſch oder annehmbar iſt. Iſt dies der Fall, dann giebt die Narbe Waſſer an das Pollenkorn und den Pollenſchlauch ab. Dadurch entſteht eine Waſſerſtrömung in der Narbe und in dem Fruchtknoten. Der Frucht⸗ knoten, dem das Waſſer entzogen wird, ſucht ſeinerſeits den Bedarf aus den Zellen der Umgebung zu decken. Was liegt näher, als daß er den ſtrotzend gefüllten Schüppchen das Waſſer entzieht, deſſen ſie jetzt nicht mehr bedürfen? Mit kurzen Worten heißt das: Der Reiz der Pollenkörner auf der Narbe giebt den mechaniſch— phyſiologiſchen Anſtoß zu dem Schließen der Spelzen. Die Beſtäubungsverhältniſſe bei den einzelnen Getreidearten. Bei den Pflanzen giebt es im allgemeinen zwei Arten von Be⸗ ſtäubung: 1. Selbſtbeſtäubung, 2. Fremdbeſtäubung. Selbſtbeſtäubung findet ſtatt, wenn die Narbe einer Pflanze mit dem Blütenſtaub desſelben Pflanzenſtockes beſtäubt wird. Wir rechnen alſo hierher nicht bloß die Beſtäubung innerhalb ein und desſelben Blütchens, ſondern auch die Beſtäubung zwiſchen zwei getrennten Blüten, ſofern dieſe nur derſelben Pflanze, demſelben Wurzelſtock angehören. Fremdbeſtäubung dagegen findet ſtatt, wenn die Narbe einer Pflanze mit dem Blütenſtaub einer anderen Pflanze beſtäubt wird. Merkwürdig iſt dabei, daß der eigene Blüten⸗ ſtaub meiſt als unwirkſam, d. h. als nicht befruchtungsfähig ſich er⸗ weiſt, der fremde dagegen als wirkſam. Soll aber die Beſtäubung zur Befruchtung führen, ſo müſſen beide Pflanzen ein und derſelben Varietät, oder wenigſtens ein und derſelben Spezies angehören. Ver⸗ ſchiedene Varietäten kreuzen ſich leicht, verſchiedene Spezies oder ver⸗ ſchiedene Gattungen kreuzen ſich nur ſelten, und wenn man ſie künſt⸗ lich kreuzt(wie z. B. Weizen mit Roggen,, ſo entſteht in der Regel ein unfruchtbarer Baſtard. Doch erfreut ſich auch dieſe Regel ihrer Ausnahmen. Bei den Getreidearten kommt nun ſowohl Selbſt⸗ wie Fremd⸗ beſtäubung vor, und zwar verhält ſich die Sache im einzelnen, wie folgt. 5. Das Blühen. 113 Der Roggen.¹)— Wie jedem Landwirt bekannt ſein wird, blüht der Roggen mit weit geöffneten Spelzen.(Fig. 77.) Die beiden Flügel der federförmigen Narbe hängen zu beiden Seiten zwiſchen den geöffneten Spelzen heraus. Die Staubfäden haben ſich bereits während des Offnens der Spelzen ſchnell verlängert. Sie kippen um, und die Staubbeutel ſchütten den Blütenſtaub völlig nach außen, wo er die bekannte, ein blühendes Roggenfeld einhüllende Wolke bildet.— Am 12. Mai 1893 vormittags 10 Uhr ſah ich bei Zürich dieſes Blühen des Roggens in einer Plötzlickeit und Ausgiebigkeit wie nie zuvor. Ich ſtand am Rande des Feldes mit dem Geſicht gegen Oſten. Es war drückend heiß und gewitter⸗ ſchwül. Im Süden glühte die Sonne am hellen Himmel Im Norden drohte eine ſchwarze Wolkenwand. Plötzlich trieb eine gelbe Wolke von Blütenſtaub gegen Süden und eine zweite gegen Weſten mir gerade ins Geſicht. In Zeit von höchſtens 3 Sekunden war das intereſſante Schauſpiel vorüber. Wie will man dieſe Plötzlich⸗ keit anders erklären als durch das Auslöſen einer Spannung? Die Spelzen mit ihren ſpitzigen Grannen erleiden eine lebhafte Verdunſtung Fig. 77 Ein dreiblütigee Ährchen des und die Verdunſtung wird durch Roggens(Secale cereale). Von den drei 1 hohe Temperatur geſteigert, aber Blütchen ſind 1 und 2 geöffnet, 3 dagegen wo kommt der plötzliche Anſtoß her zur Auslöſung jener Spannung? Wirken die Grannen als Blitz⸗ ableiter? Oder genügt die Er⸗ iſt geſchloſſen. Aus den beiden Seitenblütchen hängen je 3 Staubbeutel a an den ver⸗ längerten Fäden heraus; auch ſind zwiſchen der äußeren Blütenſpelze asp und der inneren Blütenſpelze isp die federförmigen Narben n zu ſehen. k iſt die Klappe des Ahrchens auf der rechten Seite, der auf der ſchütterung durch einen Windſtoß? linken Seite eine zweite entſpricht. h iſt das ſehn auf hiden laedhen Sbhlng obere Ende des Halmes. Nauürliche Größe. öffnen und leeren ſich Millionen von Staubbeuteln, Milliarden von Pollenkörnern der Luft an⸗ vertrauend, die ſie mit Windeseile auf die Narben trägt. ¹) W, Rimpau,„Züchtung auf dem Gebiete der landw. Kulturpflanzen“. Landw. Kalender von Mentzel und v. Lengerke, 1883. Wir bemerken, daß wir uns an vielen Stellen dem Original wörtlich angeſchloſſen haben.— Ferner W. Rimpau,„Das Blühen des Getreides“. Landw. Jahrbücher 1882, S. 875. Daſelbſt iſt auch die betr. Litteratur genauer angegeben und auf Grund zahlreicher und intereſſanter eigener Unterſuchungen kritiſch beleuchtet. — Ebenſo W. Rimpau,„Kreuzungsprodukte“. Mit 14 Lichtdrucktafeln. 1891. Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 8 114 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Das iſt die typiſche Erſcheinung der Fremdbeſtäubung, und es macht den Eindruck, daß die Selbſtbeſtäubung abſichtlich vermieden wird. Gänzlich ausgeſchloſſen iſt ſie nicht. Da die Staubbeutel ſchon während der Verlängerung der Staubfäden vor dem Umkippen auf⸗ zuplatzen pflegen, ſo fällt zuweilen ein Teil des Blütenſtaubes auf die eigene Narbe, und da die Narben gleichzeitig mit den Staub⸗ beuteln geſchlechtsreif werden, ſo liegt wenigſtens kein mechaniſches Hindernis der Selbſtbeſtäubung der einzelnen Blüten, geſchweige denn der verſchiedenen Blüten einer Ähre oder gar einer Pflanze vor. Verſuche, die Rimpau 1877 in den Landw. Jahrbüchern ver⸗ öffentlichte, zeigten aber eine faſt völlige Unfruchtbarkeit des Roggens, wenn einzelne Ahren, ja ſogar wenn mehrere Ahren derſelben Pflanze vor der Beſtäubung mit fremdem Blütenſtaub geſchützt wurden. Durch ſpätere Verſuche von v. Liebenberg,)) bei denen zuver⸗ läſſigere Iſolierungsmittel angewandt wurden, zeigte ſich jedoch, daß einzelne iſolierte Ahren vereinzelte Körner anſetzten und zwei Ahren derſelben Pflanze eine ziemlich beträchtliche Anzahl. Dieſe Beobachtuug veranlaßte Rimpau, im Sommer 1881 ſeine Verſuche mit einigen Modifikationen zu wiederholen. Dabei ergaben ſich folgende Reſultate. Von 10 Ahren, die einzeln in mit Watte verſtopften Reagensgläſern verblühten, blieben 8 ſteril und nur 2 ſetzten je 3 Körner an.— Von 18 Ahren, von denen je 2 zu ein und derſelben Pflanze gehörten, blieben bei gleicher paarweiſer Iſo⸗ lierung 3 ſteril, und nur die übrigen ſetzten vereinzelte Körner an, ſo daß im ganzen 4,4% der Blüten Körner brachten.— Dagegen ergaben 21 Ahren von lauter verſchiedenen Pflanzen, die zu zweien und dreien in gleicher Weiſe eingeſchloſſen wurden, einen Körner⸗ anſatz von 26,2%. Weenn alſo auch eine völlige Selbſtſterilität in Bezug auf einzelne Ähren, vielleicht auch in Bezug auf einzelne Blüten, beim Roggen nicht vorliegt, ſo ſteht doch unzweifelhaft feſt, daß bei Abſchluß fremden Blütenſtaubes die Fruchtbarkeit in ſehr bedeutendem Grade vermindert wird, und daß die mechaniſch und phyſiologiſch gleich ſehr begünſtigte Fremdbeſtäubung in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Fremdbefruchtung bewirken muß. Hiernach erklärt ſich die jedem Landwirt bekannte Thatſache, daß der Körneranſatz bedeutend geſchmälert wird, wenn während der Roggenblüte häufig anhaltender Regen eintritt, ſowie die weniger bekannte, aber von jedem leicht zu beobachtende Erſcheinung, daß ver⸗ einzelte Roggenpflanzen, die zufällig weit von anderen erwuchſen, oft gar keinen Anſatz zeigen.(Vergl. S. 111.) Die faſt ausſchließliche Fremdbefruchtung iſt vermutlich auch der Grund, weshalb der Roggen von allen Cerealien die größte morpho⸗ logiſche Gleichmäßigkeit zeigt. Zugleich geht aus den beſchriebenen Beſtäubungsverhältniſſen hervor, daß verſchiedene Roggenvarietäten, ¹) Journal für Landwirtſchaft 1880, S. 139. 5. Das Blühen. 115 die gleichzeitig blühen, unfetber in hohem Grade baſtardieren(Blend⸗ linge liefern), wenn ſie nahe bei einander kultiviert werden. Wir merken uns alſo: Bei dem Roggen iſt die Fremd⸗ beſtäubung und Fremdbefruchtung die allgemeine Regel, die Selbſtbefruchtung eine ſeltene Tuanahie. Der Weizen.— Der Vorgang des Blühens iſt beim Weizen nicht ſo einfach zu beobachten wie beim Roggen. Was man gewöhn⸗ lich Blühen des Weizens nennt, das Heraushängen der Staubbeutel aus den Herpelden⸗ iſt meiſt nur ein Zeichen des Verblühtſeins. Man wird faſt immer die heraushängenden Staubbeutel leer, die Spelzen feſt geſchloſſen und die Narben der Blüten, deren leere Staubbeutel ſichtbar ſind, bereits beſtäubt finden. Die genaueſte Beſchreibung des Weizenblühens verdanken wir Godron. Seine Angaben, die Rimpau durch eigene Anſchauung beſtätigt fand, ſtimmen auch mit meinen Klteren, im Jahre 1870 ver⸗ öffentlichten Beobachtungen überein.!)) Doch haben Godron und Rimpau den Einfluß der Temperatur und der Witterung genauer beachtet, überhaupt den Vorgang des Blühens eingehender ſtudiert. So weit als möglich, laſſe ich unſerem Landsmann Rimpau das Wort, der über das Weſentliche kurz und bündig berichtet hat. Die Spelzen der Weizenblüte öffnen ſich in der Regel nur morgens zwiſchen 4 ½ und 6 ½ Uhr, wenn es um dieſe Zeit nicht regnet und eine Temperatur von mindeſtens 16⁰ C. herrſcht. Das Offnen der Spelzen erfolgt bei dieſer Temperatur ſowohl bei bewölktem Himmel wie bei Sonnenſchein. Die Spelzen bleiben zunächſt eine Zeitlang in geringer Entfernung von einander, dann aber öffnen ſie ſich ſchnell bis zu einem Winkel von 45⁰. Die drei Staubbeutel er⸗ heben ſich nun durch ſchnelle Verlängerung der Staubfäden zuſehends und bilden über den geſpreizten Spelzen eine Pyramide; dann biegen ſie ſich, während die beiden federförmigen Narben rechts und links zwiſchen den Spelzen ein wenig hervortreten, langſam ſeitwärts, platzen dabei unterhalb der Spitze auf und entlaſſen etwas Blüten⸗ ſtaub; plötzlich aber fallen ſie völlig um, ſchütten den größten Teil ihres Inhaltes als ein Staubwölkchen aus und hängen dann, ſich nach und nach völlig entleerend, ſeitlich zwiſchen den Spelzen heraus, die ſich allmählich für immer ſchließen. Fällt um die angegebene Tageszeit Regen oder bleibt die Tempe⸗ ratur während dieſer Zeit unter 160 C., ſo kann ſich die Blütezeit bis gegen 8 Uhr morgens verzögern. Wird die Temperatur von 160 nicht völlig erreicht, ſo kommt es vor, daß ſich die Spelzen nur wenig öffnen, während die Staubbeutel, einen Teil ihres Inhaltes noch immer verſchüttend, ſich zwiſchen den Spelzen hindurchdrängen und dann umkippen. Bei anhaltendem Nedendetten aber und bei einer weit unter 160° bleibenden Temperatur erfolgt gar keine Offnung ¹) A. Now acki, Unterſuchungen über das Reifen des Getreides 1870, S. 14, 15 und S. 88—91. 116 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. der Spelzen, ſondern eine völlige Selbſtbeſtäubung der einzelnen Blüten. Man kann dann die leeren Staubbeutel noch lange auf dem zum Korne heranwachſenden Fruchtknoten finden. Einzelne offene Blüten findet man auch zu andern Tageszeiten, aber lange nicht ſo häufig wie morgens von 4 ½ bis 6 ½ Uhr; doch will mir ſcheinen, bemerkt Rimpau, als ob ſich in dieſer Beziehung verſchiedene Varietäten etwas verſchieden verhalten können. Das Offnen der Spelzen und das Hervorſchieben der Staubbeutel wiederholt ſich bei günſtiger Witterung an jedem fruchtbaren Blütchen der Ahre. Jedoch blühen die verſchiedenen Blütchen einer AÄhre nicht auf einmal, ſondern in einer mehr oder weniger regelmäßigen Reihen⸗ folge nacheinander. Das Blühen beginnt gewöhnlich etwas unter der Spitze der Ahre, etwa auf ¾ ihrer Länge, und ſſchreitet beiderſeits der Spindel nach oben und nach unten fort. In jedem einzelnen Ahrchen blühen die mittleren und oberen Bl lütchen ſtets etwas ſpäter, als die Seitenblütchen. Die ganze Blütezeit einer Ahre kann nur 3, unter Umſtänden aber auch 8 Tage und darüber berragen. Im Ver⸗ lauf von 8 Tagen kann bei ſehr günſtiger Witterung auch ein ganzes Feld abblühen, da viele Ähren ſich gleichzeitig öffnen. In der Regel aber wird ſic die Blütezet eines deldes auf zwei bis drei Wochen ausdehnen. Wenn daher Godvon die Dauer des Blühens einer Varietät im Mittel auf 8 Tage angiebt, ſo möchte ich dazu bemerken, daß bei einem 1868/69 in Halle ausgeführten Kulturverſuch, bei dem von 707 Pflanzen mit mehreren tauſend Halmen jede aufblühende Ahre nicht allein im Buche notiert, ſondern auch auf dem Felde(mit einem roten Fädchen) bezeichnet wurde, die Blütezeit volle drei Wochen betrug, trotzdem die günſtige Witterung nur durch zwei Gewitter⸗ regentage unterbrochen wurde. Rechne ich die Vorläufer und die Nachzügler ab, ſo umfaßte die Hauptblütezeit allerdings nur 8 oder 9 Tage. Hiernach würde die Angabe Godron’'s, daß eine Weizen⸗ varietät im Mittel in 8— den abblüht, dahin zu modiſtzieden ſein, daß die Hauptblütezeit 8 Tage beträgt. Was nun die Beſtäubungsverhältniſſe betrifft, ſo ergiebt ſich aus den mitgeteilten Beobachtungen, daß beim Weizen ſowohl Selbſt⸗ beſtäubung der einzelnen Blüten wie Fremdbeſtäubung möglich iſt, daß aber Selbſtbeſtäubung mit Sicherheit eintritt, wenn Regenwetter oder zu niedere Temperatur das Offnen der Spelzen in den frühen Morgenſtunden verhindert oder beeinträchtigt. Daß Selbſtbeſtäubung der einzelnen Blüte ſichere Befruchtung herbeiführt, hat Rimpau durch Verſuche bewieſen. 46 einzelne Blüten wurden durch Düten iſoliert. Davon bl leben nur 5 ſteril, während 41 Körner anſetzten. Von den 5 ſterilen Blüten zeigten ſich bei vieren mechaniſche Beſchädigungen.— Drei Ahren wurden jede einzeln mit einem Faden umwickelt. Sie enthielten(nach Abrechnung der oberſten und unterſten unvollkommenen ÄAhrchen, ſowie der Mittelblüten jedes Ährchens) zuſammen 82 Blüten, von denen 76= 93 Prozent frukti⸗ —.———,—,——— +——————— 5. Das Blühen. 11⸗ fizierten.— Dieſe Verſuche konſtatieren alſo, daß die einzelne Weizen— blüte im Stande iſt, ſich ſelbſt zu befruchten. Ferner wurden 7 einzelne Ahren, 4 durch Pergamentpapierdüten, 3 durch übergeſtülpte, unten verſtopfte Reagensgläſer iſoliert. Alle ſetzten normal an. Dieſer Verſuch beſtätigt alſo, was Delpino ſchon feſtgeſtellt hat, daß die Blüten einer Weizenähre ſich befruchten können. Um andererſeits die Möglichkeit der Fremdbefruchtung zu unter⸗ ſuchen, wurden 13 AÄhren kaſtriert(der Staubgefäße beraubt) und alle anderen Ähren der betreffenden Pflanze fortgeſchnitten. Sechs dieſer AÄhren wurden der ſporadiſchen Beſtäubung überlaſſen; ſie enthielten 85 Blüten und brachten 50= 59% Körner. Bei ſieben Blüten da⸗ gegen wurden auf jede Narbe einige eben platzende Staubbeutel anderer Pflanzen derſelben Varietät gelegt. Es geſchah dies, weil von vorn herein ein reichlicher Körneranſatz infolge ſporadiſcher Beſtäubung, wenn auch zu vermuten, doch nicht mit Beſtimmtheit anzunehmen war. Die 115 Blüten dieſer 7 Ähren brachten 60= 69% Körner. Zehn in nächſter Nachbarſchaft gewachſene Weizenähren enthielten(nach Ab⸗ rechnung der oberſten und unterſten Ahrchen ſowie der Mittelblüten) im ganzen 274 Blüten, und dieſe brachten 259= 91% Körner.— Es wurde alſo durch die ſporadiſche Beſtäubung kaſtrierter Blüten lange nicht der normale Anſatz erreicht, während die Selbſtbeſtäubung bei Ausſchluß fremden Pollens in den mit Fäden eingeſchnürten Ahren ganz normalen Anſatz ergab. Möglich iſt, daß in dem Falle, wo eigener und fremder Blüten⸗ ſtaub auf die Narbe kommt, der fremde die Befruchtung bewirkt, doch iſt dies experimentell nicht nachweisbar. So viel ſteht aber feſt— und dies iſt für die Praxis wichtig—, daß verſchiedene Varie⸗ täten, auch wenn ſie gleichzeitig blühen, unmittelbar nebeneinander wachſen können, und doch bei ſtreng geſonderter Ernte eine konſtante Nachzucht liefern. Allerdings kommen gelegentlich natürliche Kreuzungen vor, aber lange nicht ſo häufig, wie man oft anzunehmen ſcheint. Erſt dann, wenn man eine Form findet, die zwiſchen zwei, das Jahr vorher be⸗ nachbart gewachſenen Varietäten mehr oder weniger intermediär, oder einer benachbart gewachſenen Varietät ganz ähnlich erſcheint, und die Nachzucht aus dieſer Form ſich als ſehr veränderlich erweiſt, erſt dann kann man mit ziemlicher Beſtimmtheit eine ſtattgehabte natürliche Kreuzung annehmen. Rimpau kultivierte ſeit 12 Jahren(ſeit 1870) alljährlich eine größere Anzahl der verſchiedenſten Weizenvarietäten auf einem kleinen Verſuchsſtücke unmittelbar nebeneinander. Obwohl ſie, oberflächlich betrachtet, völlig rein blieben, hat R. doch im Laufe der Jahre einige Fälle beobachtet, wo eine natürliche Kreuzung mit großer Wahrſchein⸗ lichkeit anzunehmen iſt. Wir wollen einen dieſer Fälle ſpeziell be⸗ ſchreiben. 1874 ſtand Keſſinglandweizen(weißſpelziger Kolbenweizen) neben Spalding(Lrotſpelziger Kolbenweizen). 1875 fand Rimpau im Keſſingland eine Pflanze mit deutlich rot gefärbten Spelzen, deren 118 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Körner ſeparat ausgeſäet wurden. 1876 ergab ſich hieraus ein Ge⸗ miſch von ganz weißen, ganz roten Ahren und allen möglichen Über⸗ gangsfarben. Die roten Ahren wurden ausgeleſen und ihre Körner weiter ausgeſäet. 1877 zeigten ſich noch viele Rückſchläge und auch 1878 war die rote Farbe der Spelzen noch nicht ganz konſtant. Solche Fälle hat R. noch einigemale beobachtet, immerhin gehören ſie aber zu den Seltenheiten.— Es ſei hier noch erwähnt, daß Rimpau(und anderen Züchtern) die künſtliche Kreuzung nicht allein zwiſchen zwei verſchiedenen Weizenvarietäten, ſondern auch zwiſchen Weizen und Spelz, zwiſchen Weizen und Emmer und ſogar zwiſchen Weizen und Roggen gelungen iſt. Auf die Bedeutung und Verwertung der künſtlicheu Kreuzung für den praktiſchen Getreidebau gedenken wir ſpäter zurückzukommen. Hier war es uns vorläufig nur darum zu thun, auf Grund exakter Verſuche und zuverläſſiger Beobachtungen folgende Sätze feſtzuſtellen: 1. Bei dem Weizen iſt ſowohl Selbſtbefruchtung wie Fremdbefruchtung möglich.— 2. Bei derſelben Varietät erfolgt die Fremdbefruch⸗ tung nicht mit gleicher Sicherheit wie die Selbſtbefruch⸗ tung. 3. Die natürliche Kreuzung verſchiedener Weizen⸗ varietäten kommt vor, aber ſehr ſelten. Die Gerſte.— Der Blütenſtand der Gerſte, obwohl gleichfalls eine echte Ähre, iſt doch weſentlich anders gebaut, als der des Weizens und Roggens.(Fig. 78.) Während nämlich bei Roggen und Weizen an jedem Gelenk oder Knoten der Hauptſpindel nur ein Ahrchen ent⸗ ſpringt, das aus mehreren Blütchen zuſammengeſetzt iſt, entſpringen bei der Gerſte an jedem Gelenk drei Ahrchen nehbeneinander, die ſämtlich einblütig ſind. Infolgedeſſen ſtehen die Ahrchen bei der Gerſte in Reihen oder Zellen, was bei den anderen Getreidearten nicht der Fall iſt. Es giebt bekanntlich ſechszeilige, vierzeilige und zweizeilige Gerſte. Der Anlage nach aber ſind alle Gerſten ſechszeilig. Der Unterſchied in der äußeren Erſcheinung beruht auf folgenden Verhältniſſen, Bei der ſechszeiligen Gerſte ſind die Glieder an der Ahren— ſpindel ſehr kurz. Die Ährchen, die an dem Endknoten des Gliedes ſtehen, ſind alle drei fruchtbar, d. h. mit Fruchtknoten und Staub⸗ gefäßen verſehen. Die ÄAhren ſtehen in ſechs regelmäßigen Reihen. Bei der vierzeiligen Gerſte ſind die Glieder der Ahrenſpindel länger. Die ÄAhrchen ebenfalls alle drei fruchtbar, aber etwas ſeit⸗ wärts verſchoben. Dadurch wird die AÄhre ſcheinbar vierzeilig. Bei der zweizeiligen Gerſte iſt nur das Mittelährchen frucht⸗ bar. Die Seitenährchen dagegen ſind unfruchtbar, indem der Frucht⸗ knoten gänzlich fehlt, während die Staubgefäße gewöhnlich vorhanden, aber oft ſo verkümmert ſind, daß die Staubbeutel keine Pollenkörner enthalten. Zuweilen iſt in den Seitenährchen keine Spur weder von männlichen noch von weiblichen Blütenteilen zu entdecken. ο NX 5. 9 as Blühen. 119 Ausnahmsweiſe werden jedoch, wie Körnicke“) gefunden hat, bei der zweizeiligen Gerſte auch die Seitenährchen zum Teil frucht⸗ bar, ſo daß eine Form entſteht, die ein Mittelglied zwiſchen der zwei⸗ zeiligen und der vier- und ſechszeiligen Gerſte darſtellt. Umgekehrt kommt es, wie Rimpau beobachtet hat, bei der vierzeiligen Gerſte zuweilen vor, daß ſie ſich der zweizeiligen annähert, indem die Seiten⸗ ährchen zum Teil ganz unfruchtbar werden, zum Teil mehr oder weniger verkümmerte Körner hervorbringen. Dieſe Abänderungen, die ſpontan, ohne Kreuzung oder Verbaſtardierung ent⸗ ſtehen, ſind inſofern von Bedeutung, als, ſie uns lehren, daß die zweizeilige, vierzeilige und ſechszeilige Gerſte auseinander hervor⸗ gegangen ſind. Man ver⸗ gleiche„die Gerſte“ im beſonderen Teil des dritten Abſchnitts. Hiernach erklären ſich die Erſcheinungen des Blühens, die bei der zwei⸗, vier⸗ und ſechszeiligen Gerſte eine Reihe von Analogieen zeigen, die ohne Zuſammen- gehörigkeit oder gemeinſame Abſtammung der Formen ſchwer oder gar nicht ver⸗ ſtändlich wären. Bei allen drei Gerſten erſcheint nämlich die Mittel⸗ reihe der Ahrchen in der Regel dadurch bevorzugt, daß ſie größere Körner liefert als die Seitenährchen. Am deutlichſten iſt dies bei der zweizeiligen Gerſte, bei der die Seitenährchen für gewöhnlich gar keine Fig. 78. Drei Ährchen der Gabelgerſte, Hordeum trifurcatum. Auf dem oberen Ende des Halmes h ſteht das erſte Glied g der Ährenſpindel, das mit dem Knoten In abſchließt. An dieſem Knoten ſitzen neben⸗ einander die 3 einblütigen AÄhrchen a, b, c, deren jedes am Grunde mit einer doppelten Klappe k ge⸗ ſtützt iſt, während die Spitze in eine dreiteilige Gabel ausläuft. Die doppelte Klappe iſt jedoch nur an dem Mittelährchen deutlich zu ſehen. Natürliche Größe. Körner anſetzen, weil eben kein Fruchtknoten vorhanden iſt; in ge⸗ ringerem Grade tritt der Unterſchied zwiſchen den Mittel⸗ und Seiten⸗ ährchen aber auch bei der vierzeiligen und ſechszeiligen Gerſte hervor. ¹) Friedrich Körnicke, Die Saatgerſte. ſchrift für das geſamte Brauweſen“ 1882. S. Separatabdruck aus der„Zeit⸗ 5 35 120 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Dementſprechend verhalten ſich die Ährchen der Mittelreihe bei dem Blühen ſehr häufig anders, als die Ahrchen der Seitenreihen. Im allgemeinen fand ich, ſagt Rimpau in Bezug auf die vier⸗ und ſechszeilige Gerſte, die Staubbeutel der Seitenblüten ſtets aus den Spelzen ausgetreten, die Staubbeutel der Mittelblüte dagegen nur zum Teil. Zuweilen hatten bei beiden Arten alle Mittelblüten die Staubbeutel nach dem Verſtäuben eingeſchloſſen, während die zu⸗ gehörigen Seitenblüten geöffnet waren; zuweilen zeigten aber auch beide Arten viele geöffnete Mittelblüten. Ziemlich genau ebenſo iſt der Vorgang des Blühens bei der zweizeiligen Gerſte. Hier öffnen ſich häufig nur die männlichen Seiten⸗ blüten, während die Zwitterblüten der Mittelreihe geſchloſſen verblühen oder ſich nur wenig öffnen. Daneben kommt es aber bei der zwei⸗ zeiligen ebenſo wie bei der vier⸗ und ſechszeiligen Berſte nicht ſelten vor, daß ſich auch die Blütchen der Mittelreihe weiter aufthun, um die Staubbeutel heraustreten zu laſſen. Auf das Offnen der Spelzen iſt bei der Gerſte, ebenſo wie bei dem Weizen, die Temperatur von weſentlichem Einfluß. Bei hoher Temperatur geſchieht das Blühen im allgemeinen mit geöffneten, bei niederer Temperatur mit geſchloſſenen oder nur wenig geöffneten Spelzen. Die Hauptblütezeit fällt bei der Gerſte auf den Vormittag. Doch findet man offene Blüten auch am Nachmittag und ſelbſt gegen Abend. Rimpau hat dies am 27. Juni 1878, abends um 6 ½ Uhr, in Schlanſtedt, und ich habe es bei zweizeiliger Wintergerſte am 22. Mai 1885, abends um 6 Uhr, bei Zürich beobachtet. Das Abblühen einer Ähre geht bei der Gerſte weſentlich ſchneller von ſtatten als beim Weizen. Bei ſchöner und warmer Witterung findet man nicht ſelten faſt alle Blüten einer Ähre gleichzeitig zum Teil geöffnet, zum Teil mit friſch verſtäubten heraushängenden Staub⸗ beuteln. Am 17. Mai 1885 ſah ich z. B. an einer Ahre von zwei⸗ zeiliger Wintergerſte, die ich im Zimmer in der Nähe des wärmenden Ofens bei 19—21° C. verblühen ließ, von 22 Blüten 18 gleichzeitig geöffnet. Die Spelzen ſcheinen übrigens bei der Gerſte längere Zeit geöffnet zu bleiben als beim Weizen; bei dieſem ſchließen ſie ſich oft ſchon innerhalb einer halben oder ganzen Stunde, bei der Gerſte ge⸗ wöhnlich erſt nach mehreren Stunden. Ein Hervortreten der Narbe aus den Spelzen findet bei der Gerſte in der Regel nicht ſtatt. Ich habe dies nur bei einer einzigen Blüte der zweizeiligen Gerſte geſehen, obwohl ich bei vielen darauf geachtet habe. Bei der vierzeiligen und bei der ſechszeiligen Gerſte, deren Spelzen ſich, beſonders an den Seitenblüten, etwas weiter öffnen, zeigen ſich nach Godvon die Spitzen der entfalteten Narben außer⸗ halb gegen die Mitte der Spelzenhöhe; doch bleiben ſie auch bei dieſen Arten gewöhnlich innerhalb der Spelzen, während ſie bei dem Roggen 2 bis 3 mm weit heraushängen und ſehr oft auch nach dem Schließen der Spelzen noch längere Zeit ſichtbar ſind. Schon dieſer 5. Das Blühen. 121 Umſtand deutet darauf hin, daß der Roggen auf Fremdbeſtäubung, die Gerſte dagegen auf Selbſtbeſtäubung angewieſen iſt. Hierfür ſpricht noch beſtimmter die Thatſache, diſ bei allen Arten der Gerſte die Staubbeutel bei ihrem Austritt regelmäßig bereits ge⸗ öffnet und daß die Narben nach dem Austritt der Staubbeutel regel⸗ mäßig bereits beſtäubt ſind. Offnen ſich die Spelzen gar nicht, ſo geht die Beſtäubung und Befruchtung ſelbſtredend innerhalb derſelben Blüte vor ſich. Dies iſt, ſoweit unſere Erfahrung reicht, ſtets der Fall bei der Fächer⸗ oder Pfauengerſte(Hordeum zeocrithum), und zwar tritt bei ihr die Beſtäubung der Narbe, nach Rimpau's gründ⸗ licher Unterſuchung, ungefähr um die Zeit ein, wenn die betreffende Blüte aus der Blattſcheide hervorwächſt. Die Granne befindet ſich dann bereits im Freien. Bei den zwei⸗, vier⸗ und ſechszeiligen Gerſten, die unter günſti⸗ gen Umſtänden ihre Spelzen öffnen, iſt die Möglichkeit der Fremd⸗ beſtäubung nicht gänzlich ausgeſchloſſen, und in der That hat Rimpau, der Vielerfahrene, einige Fälle von natürlichen Kreuzungen infolge von Fremdbeſtäubung konſtatiert, ſie ſind aber ſehr ſelten. Nach alledem läßt ſich das Reſultat der Beobachtungen in fol⸗ gende Sätze zuſammenfaſſen: 1. Bei der Gerſte iſt Selbſtbeſtäubung und Selbſt⸗ befruchtung die allgemeine Regel. 2. Fremdbeſtäubung iſt nicht gänzlich ausgeſchloſſen, kommt aber nur ſehr ſelten vor. Der Hafer.— Wie bei Roggen, Weizen und Gerſte, ſo ent⸗ wickelt ſich der Blütenſtand auch bei dem Hafer im Innern der Blatt⸗ ſcheide. Dabei liegen die längeren und kürzeren Riſpenäſte der Haupt⸗ achſe dicht an und die Ahrchen ſtehen aufrecht. In dieſer Stellung werden ſie auch aus der Blattſcheide hervorgeſchoben. Iſt die Riſpe aus der Blattſcheide hervorgerückt, ſo bleiben die Riſpenäſte in der aufrechten, zuſammengezogenen Stellung: Fahnenhafer, oder ſie⸗ breiten ſich aus, um ſich annähernd rechtwinklig zur Hauptachſe zu ſtellen: Riſpenhafer. Bei beiden Arten krümmt ſich jedoch der obere Teil der Riſpenäſte unter der Laſt des Ährchens in ſanftem oder ſpitzem Bogen, und die Ahrchen hängen dann mit der Spitze nach unten. In dieſer Stellung blühen und reifen ſie. Jedes Ährchen, von zwei großen Kl appen eingehüllt, beſteht aus mehreren Blütchen, von denen die unteren größer ſind, als die oberen. Bei dem ſogenannten chineſiſchen Hafer(Avena chinensis), ſind die Blütchen länger geſtielt; deshalb wird hier die Zuſammenſetzung des Ährchens aus Blütchen ſehr überſichtlich. In Fig. 79 iſter der Riſpen⸗ aſt, an dem das ganze Ährchen hängt; n iſt die untere, ok die obere Klappe; die fünf Blütchen, die nach der Spitze zu immer kleiner werden, ſind mit den Ziffern 1—5 bezeichnet. Bei unſerem gemeinen Riſpenk hafer(Avena sativa) iſt das Ä lhrchen in der Hauptſache ebenſo gebaut; doch beſteht es für gewöhnlich nur aus 2 oder 3 ganz kurz geſtielten Blütchen. Von dieſen ſind die 122 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. beiden unteren und äußeren(Fig. 80) regelmäßig größer als das dritte, das oft verkümmert iſt und keinen Samen anſetzt. An dem unteren Teil der Riſpe enthalten die Ahrchen oft nur je 2 Blütchen, von denen das untere vollkommen entwickelt, das obere häufig ver⸗ kümmert iſt. Bei dem Blühen, das bei dem Hafer merkwürdigerweiſe nur am Nachmittage, am reichlichſten in der Zeit von 4—6 Uhr ſtattfindet, verhalten ſich die großen Blüten etwas anders als die kleinen. Bei jenen öffnen ſich die Spelzen nur wenig, bei dieſen öffnen ſie ſich weit, faſt bis zu einem rechten Winkel. Die Narben treten dabei weit hervor. Da überdies die Ahrchen bei dem Blühen abwärts hängen, ſo könnte man meinen, daß bei dem Hafer alle Be⸗ dingungen für die Fremdbeſtäubung gegeben ſind. Aber der Schein trügt, denn Rimpau hat nachgewieſen, daß bei dem Hafer von Fremdbeſtäubung kaum die Rede ſein kann und daß die Selbſt⸗ beſtäubung der einzelnen Blüte mit großer Sicherheit eintritt. Die Gründe, auf die er ſich ſtützt, ſind folgende. Die Verlängerung der Staubfäden geht ſehr langſam vor ſich. Die Staubbeutel platzen ſchon, während ſie noch in un⸗ Ng„Cln Alhrchen des cineſiſcen mittelbarer Nähe der Narben ſind. Pefer e dwe ulanmne) Ayrcher Einige Mal ſah R., wie eine Portion trägt. uke die untere, ok die obere Pollen mit Vehemenz aus den Staub⸗ Kladzge de ecbene Ahrchent, von beuteln heraus und direkt gegen die denen nur das erſte mit einer Granne Narbe geſchleudert wurde. g ausgerüſtet iſt. Natürliche Größe... Ferner erhielt Rimpau von zwei Haferriſpen, die er vor der Blüte je in eine Düte aus Pergamentpapier einſchloß, von je 29 großen Blüten, 27 und 28 Samen. Ebenſo erhielt v. Liebenberg an einzeln eingeſchloſſenen Riſpen von allen Blüten normale Körner, und auch einzeln iſolierte Haferblüten produzierten Samen. Außer⸗ dem führt Hildebrand an, daß bei naſſem und kaltem Wetter die Beſtäubung bei geſchloſſenen Spelzen erfolgt. Daß die Selbſtbeſtäubung bei dem Hafer die Regel iſt, geht ferner daraus hervor, daß natürliche Kreuzungen zwiſchen verſchiedenen Varietäten nur ſehr ſelten vorkommen. Rimpau hat zwei Jahre hintereinander drei gut unterſcheidbare, gleichzeitig blühende Hafer⸗ ſorten, eine ſchwarze, eine weiße mit auffallend kurzen und eine ſolche mit auffallend langen Körnern im Gemenge geſäet, bei der Ernte die Riſpen jeder Sorte beſonders geſammelt und das nächſte Jahr 5. Das Blühen. 123 die Körner ausgeſäet: ſie vererbten alle ihre urſprüngliche Form und Farbe ganz konſtant. Andererſeits hat Rimpau doch einige Fälle beobachtet, die mit Beſtimmtheit als natürliche Kreuzungen zu betrachten ſind. Der erſte Fall iſt inſofern noch beſonders intereſſant, als er ſich auf zwei Formen bezieht, die gewöhnlich als„gute Arten“ betrachtet werden. Rimpau fand nämlich 1880 in einem weißen Riſpenhafer(Avena sativa), der 1879 neben einem ſchwarzen Fahnenhafer(Avena orientalis) ſtand, eine Pflanze mit dunkel gefärbten Spelzen. Die Nachkommen⸗ ſchaft dieſer einen Pflanze zeigte im Jahre 1881 ſowohl weiße wie ſchwarze Spelzen und alle möglichen braunen Farbentöne. Die Form der Riſpen war zum Teil der von A. sativa, zum Teil der von A. orientalis entſprechend, zum Teil ein Gemiſch beider Formen, indem Fig. 80. Ein Ährchen des gemeinen Riſpenhafers, Avena satiya. a in natürlicher Stellung. p mit aufgebogenen Klappen. r der Riſpenaſt, an dem das AÄhrchen hängt. uk untere, ok obere Klappe. 1, 2 und 3 die drei Blütchen des Ährchens. g die Granne, die auf der Mitte der äußeren Blütenſpelze entſpringt. Bei dem zweiten und dritten Blütchen iſt eine Granne nicht vorhanden. Natürliche Größe. die unteren Zweige der Riſpen unregelmäßig nach allen Richtungen herabhingen, die oberen aber wie bei A. orientalis einſeitswendig anlagen. Dies war bis zum Jahre 1880 der einzige Fall einer natürlichen Kreuzung, den Rimpau trotz alljährlicher genauer Muſte⸗ rung ſeiner vielen in nächſter Nachbarſchaft gebauten Haferſorten entdeckte. Das Reſultat der Beobachtungen iſt dies: 1. Bei dem Hafer iſt Selbſtbeſtäubung und Selbſt⸗ befruchtung die allgemeine Regel. 2. Fremdbeſtäubung iſt möglich, kommt aber nur ganz ausnahmsweiſe vor. Der Mais.— Obwohl der Mais unter unſeren klimatiſchen Verhältniſſen bei weitem nicht die Bedeutung hat, wie Weizen, Roggen, 124 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Gerſte und Hafer, ſo wollen wir ihn hier doch kurz berückſichtigen, weil er uns ein Beiſpiel einer weſentlich abweichenden Blütenein⸗ richtung darbietet. Bei unſeren Hauptgetreidearten, wie bei den meiſten Gräſern, ſind die Blüten Zwitterblüten; bei dem Mais ſind dagegen die weib⸗ lichen und männlichen Blüten getrennt. Der Blütenſtand an der Spitze des Stengels, die ſogenannte Fahne, enthält die männlichen Blüten⸗ teile: die Staubgefäße, in denen der Pollen erzeugt wird; die tiefer am Stengel, als Seitenzweige in den Blattachſeln entſpringenden Blütenſtände, die ſogenannten Kolben enthalten die weiblichen Blüten⸗ teile: die zahlreichen Fruchtknoten mit den enorm langen fadenförmigen Griffeln. Die Beſtäubung kann alſo nicht innerhalb derſelben Blüte, ſondern nur auf die Weiſe zu ſtande kommen, daß der Blütenſtaub aus der Fahne eine Strecke weit durch die Luft auf die Narben der Kolben⸗ blüten herabfällt. Soll dies geſchehen, ſo müſſen die Griffel aus den ſcheidenartigen Deckblättern(Lieſchen), die die Kolben äußerſt zierlich und kunſtvoll umhüllen, zur Zeit der Verſtäubung hervorgewachſen und zur Auf⸗ nahme des Blütenſtaubes befähigt und zugleich müſſen die Frucht⸗ knoten, wenn eine Befruchtung ſtattfinden ſoll, geſchlechtsreif ſein. ¹) Treffen die beſagten Umſtände zuſammen und iſt die Luft ſtill, ſo kann bei dem Mais trotz der getrennten Blüten eine Selbſtbeſtäubung (im weiteren Sinne des Wortes) erfolgen, im anderen Falle bleibt nur die Fremdbeſtäubung übrig, die durch die ganze Blüteneinrichtung in hohem Grade begünſtigt iſt. Daß durch die Fremdbeſtäubung ein normaler Fruchtanſatz bewirkt wird, geht aus den Verſuchen Wollny's hervor, bei denen von 16 angebauten Maisſorten eine um die andere Pflanzenreihe längere Zeit vor dem Blühen entfahnt wurde.²) Auch hat Sturtevant feſtgeſtellt, daß die Kreuzbefruchtung zwiſchen „Varietäten derſelben Raſſe“ leicht gelingt.*) Ferner iſt bekannt, daß natürliche Kreuzungen, die ſich durch die verſchiedene Färbung der Körner verraten, bei dem Mais ſehr häufig vorkommen. Wir haben uns alſo zu merken, daß der Mais als einhäuſige, getrennt⸗ blütige Pflanze, wenn auch nicht ausſchließlich, ſo doch vor⸗ wiegend auf Fremdbeſtäubung angewieſen iſt. Rückblick. Selbſtbeſtäubung beſchied ſie dem Weizen, der Gerſt' und dem Hafer, Wie ſie dem Roggen und Mais fremde Beſtäubung beſchied; Jene verjüngt ſie durch Inzucht, dieſe verjüngt ſie durch Kreuzung, Und ſie alle erhält freundlich die Mutter arar 1) Die Länge der fadenförmigen Griffel beträgt bei großkolbigen Mais⸗ ſorten nicht ſelten 40 cm und darüber; ebenſo lang iſt alſo zuweilen der Weg, den der Pollenſchlauch zurückzulegen hat, um den betreffenden Frucht⸗ knoten zu erreichen. Wunderbare Einrichtung! ²) E. Wollny, Saat und Pflege, 1885, S. 814. ³) C. Fruwirth, Separatabdruck aus Fühlings l. Z. 1887. 6. Das Reifen. 125 6. Das Reifen. Nach der Befruchtung, die ſich fünf bis zehn Stunden nach der Beſtäubung vollzieht, beginnt im Innern des Fruchtknotens ein neues reges Leben.(Man vergleiche Fig. 72.) In der Fruchtknotenhöhle, an der Anheftungsſtelle befeſtigt, liegt das Ei; im Innern des Eis befindet ſich der Embryoſack. Hier iſt der Sitz der Neubildung: die Getreidefrucht wächſt von innen nach außen. Im Embryoſack entſteht der Embryo oder Keimling. Der Embryoſack ſelbſt wird zum Endoſperm oder Mehlkörper. Was außer⸗ halb des Embryoſackes liegt, wird durch Vergrößerung des Embryo⸗ ſackes zur Schale zuſammengedrängt. Wir betrachten daher: .Die Entwicklung des Embryos. .Die Bildung des Endoſperms. .Die Entſtehung der Schale. g 1. Die Entwicklung des Embryos. Wenn der Pollenſchlauch an der Außenſeite des Embryoſackes an⸗ gelangt iſt, ſchrumpft das eine der vorhandenen Keimbläschen zuſammen, während das andere zu wachſen beginnt, um durch wiederholte Zwei⸗ teilung der Zellen, innerhalb des Embryoſackes, zu dem Embryo, d. h. zu dem Keime einer neuen Pflanze zu werden. Fig. 75 zeigt bei k den jungen Keimling des Weizens kurze Zeit nach der Befruchtung. Der Keimling hat in dieſem frühen Zuſtand eine dickkeulenförmige Geſtalt, und er iſt mit einem kurzen Träger t an der Innenwand des Embryoſackes es befeſtigt. Fig. 81 zeigt den Keimling des Roggens etwas weiter entwickelt. t iſt der Träger des Embryos; sc der Anfang des Schildchens, w der Anfang der Wurzel, und a der Anfang der Knoſpe, die ſich zum Graskeim entwickelt. Fig. 82 auf den Weizen bezüglich, zeigt den halb erwachſenen Embryo, eingebettet in das zarte Zellgewebe m und n des Endoſperms, das bereits den ganzen Embryoſack ausfüllt. Die Linie zwiſchen e unden iſt die Wand des Embryoſackes. Das Schildchen sc hat ſich jetzt nach oben und auch nach unten hin ſchon weiter ausgedehnt. Die Wurzel w iſt deutlicher zu erkennen; ebenſo die Knoſpe a, die jedoch in ihrem Wachstum nicht ſo ſehr gefördert erſcheint, wie die Wurze und das Schildchen. Das Zellgewebe des Endoſperms wird durch den heranwachſenden Keimling nach und nach zurückgedrängt, ſo daß dieſer auf der Außen⸗ ſeite immer näher an die Kleberſchicht n heranrückt und ſchließlich ganz aus dem Endoſperm heraustritt, während das Schildchen mit dem Endoſperm in Berührung verbleibt. Der Keimling liegt dann dem Endoſperm ſeitlich an, und nur die Schale bedeckt ihn auf der Außenſeite. 126 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Fig. 83 und Fig. 84, ebenfalls auf den Weizen bezüglich, zeigen den völlig erwachſenen Keimling, deſſen Geſtaltung und weitere Ent⸗ wicklung wir bereits kennen und von dem wir auch wiſſen, daß ſeine Zellen mit Protein und Fett erfüllt ſind, während das Stärkemehl in ihnen fehlt. W- 4 Sc D, t- Fig. 81. Junger Embryo des Fig. 82. Längsſchnitt durch den Keimling des Roggens(Secale cereale). ſt der Weizens, Triticum vulgare, im halberwachſenen Träger, se das Schildchen, w die Zuſtande. t Träger. se das Schildchen. w Wurzel. Wurzel, a die Knoſpe, ſämtlich in a Knoſpe. m die Stärkemehlzellen. n die Kleber⸗ Entwicklung begriffen. Vergr. 75fach. ſchicht des Endoſperms. e Üüberreſt des Eikerns. i Integument. ch innere, chlorophyllführende Lage der Fruchtknotenwand oder der Schale. Vergr. 60 fach⸗ 2. Die Bildung des Endoſperms. Gleichzeitig mit der Entwicklung des Embryos vollzieht ſich die Bildung des Endoſperms, die an der Innenfläche des Embryoſackes ihren Anfang nimmt. In dem ſchleimigen, protoplasmatiſchen Wand⸗ belege erſcheinen in ziemlich gleichmäßigen Entfernungen die Zellkerne der künftigen Endoſpermzellen. Um jeden Zellkern ballt ſich ein Klumpen Protoplasma, der von einer Zellhaut umſchloſſen wird. Die Zellhäute dehnen ſich aus und berühren ſich. So wird die ganze Innenfläche des Embryoſackes mit einer Schicht zartwandiger Zellen ausgekleidet. Die Zellbildung ſetzt ſich nach innen zu fort, Zelle lagert 6. Das Reifen. 127 ſich an Zelle, bis der Embryoſack mit geſchloſſenem Gewebe ausge⸗ füllt iſt, was etwa 10 bis 14 Tage nach der Befruchtung eintritt. Die weſentlichſte Veränderung bei der weiteren Entwicklung be⸗ ſteht darin, daß in den Zellen des Endoſperms Stärkemehlkörner auftreten. Nur die äußerſte Schicht des Endoſperms, die ſogenannte Kleber⸗ oder Fermentſchicht, iſt hiervon ausgeſchloſſen. Auch in den Zellen, die das Schildchen berühren, wird kein Stärkemehl abgelagert, weil dieſe Zellen durch den heranwachſenden Embryo zuſammenge⸗ drängt werden, alſo nicht als Speicher für die Reſerveſtoffe dienen. Fig. 83. Längsſchnitt durch den Keimling des Fig. 84. Keimling des Weizens(Triti- Weizens(Triticum vulgare). kk der Stamm cum vulgare) von außen geſehen. wi des Keimlings mit dem Keimknoten.— w die Hauptwurzel, we und wa Seitenwurzeln; Hauptwurzel mit der Wurzelhaube wh und der alle drei von Wurzelſcheiden eingeſchloſſen. Wurzelſcheide ws.— a die Hauptknoſpe; b eine Zwiſchen we und woa die Keimſchuppe. Seitenknoſpe; sb das die Knoſpen umhüllende sb das Scheidenblatt, am oberen Ende Scheidenblatt.— f die Keimſchuppe.— se das mit einer kleinen Offnung. i die braun⸗ Schildchen mit den Saugzellen e; bei x iſt der gefärbte innere Lage der Schale, sc das Rand des Schildchens gefalzt.— m Mehlkörper, Schildchen. Vergrößerung 15 fach. n Kleberſchicht; p äußere, i innere Lage der Schale. Vergrößerung 20 fach. Die Stärkemehlkörner bilden ſich in dem Protoplasma der Zellen. Das Protoplasma beſteht aus einer ſtickſtoffhaltigen, feinkörnigen, ſchleimigen Subſtanz, die die Zellwand überzieht und in fortwährender eigentümlicher Strömung zahlreiche Schleimfäden nach dem in der Mitte der uli befindlichen Zellkern ausſendet. Den übrigen Raum der Zelle nehmen die Vakuolen ein, die mit wäſſrigem Zellſaft erfüllt ſind und unter dem Mikroſk op wie große Waſſerblaſen ausſehen. Einigermaßen wird dies durch Fig. 85 veranſchaulicht; die ſchwarzen Punkte in dem Protoplasma ſollen die jungen Stärkemehlkörner be⸗ deuten. Das Material zu den Stärkemehlkörnern wird aus den Zellen der Fruchtknotenwand in die Endoſpermzellen eingeführt; es gelangt 128 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. im gelöſten Zuſtande(als Zucker) durch die Zellhaut in das Proto⸗ plasma, von dem es in Form von körniger Stärke ausgeſchieden wird. Die Stärkemehlkörner ſind bei ihrem erſten Auftreten ſehr klein. Indem ſie ſich vergrößern und vermehren, drängen ſie das Proto⸗ plasma auseinander und auch die Vakuolen nehmen allmählich an Größe ab. Schließlich wird der ganze Innenraum der Zelle mit Stärkekörnern vollgeſtopft, die Vakuolen verſchwinden, und von dem Protoplasma bleiben nur ſchmale Streifen oder Platten übrig, die die Zwiſchenräume zwiſchen den Stärkekörnern mehr oder weniger vollſtändig ausfüllen.(Fig. 86 und 87.) Werden die Stärkekörner lückenlos von dem zuſammengedrängten Protoplasma zuſammengekittet, ſo erſcheint die Zelle nach dem Austrocknen durchſichtig oder glaſig; entſtehen da⸗ gegen zwiſchen den Stärke⸗ körnern bei dem Austrocknen zahlreiche Luftlücken, ſo er⸗ ſcheint die Zelle undurchſichtig oder mehlig. In vielen 2 Fällen ſind Protoplasma und Fig. 85. Cine einzelne Zelle aus dem Endoſperm der Stärkemehl derartig ent⸗ de. wweldereiſehe eheneeendehey. wiſelt und verkeilt doßrdit kern zahlreiche Schleimfäden ausſendet. Die von dem äußeren Partieen des Endo⸗ Pemeoneeamni ſe elritheeieden vchefe Seneh permkörpers aus glaſigen Vakuolen v. Die ſchwarzen Punkte m ſollen die im die inneren dagegen aus Protoplasma auftretenden Stärkemehlkörner andeuten. mehligen, Zellen beſtehen Nach W. Johannſen(Développement et constitution 2. Beſonders deutlich zeigt de l'endosperme de l'orge). Vergrößerung 600 fach. ſich dies in dem Maiskorn. Es kommt aber auch vor, daß mehlige und glaſige Zellen miteinander abwechſeln. Dies habe ich namentlich bei dem Frankenſteiner Weizen beobachtet. Endlich kann der ganze Endoſpermkörper durchweg aus glaſigen oder durchweg aus mehligen Zellen gebildet werden.) Hand in Hand mit der Einführung des Stärkemehls geht das Wachstum des Endoſpermkörpers, indem ſich die Zellen vergrößern und vorzugsweiſe in ſeinen äußeren Schichten durch Teilung ver⸗ mehren. Das Endoſperm, wie die ganze Frucht, wächſt in die Länge und in die Dicke. Das Längenwachstum geht von dem Fruchtſtiele nach aufwärts. Das Dickenwachstum iſt am ſtärkſten in der Umgebung der Längsfurche, ſo daß dieſe immer mehr zuwächſt, gleichſam über⸗ wallt wird, wobei die frühere Anheftungsſtelle des Eis immer mehr den Mittelpunkt des Querſchnitts einnimmt. Fig. 88, drei größte Querſchnitte a) durch den ganz jungen Fruchtknoten, b) durch ein in ¹) Ausführlichere Unterſuchungen über die Mehligkeit und Glaſigkeit(des Weizenkorns) finden ſich in A. Nowacki, Unterſ. über das Reifen des Ge⸗ treides, S. 57 ff. = 6. Das Reifen. 129 der Milchreife geerntetes, bei dem Trocknen zuſammengeſchrumpftes, und c) durch ein völlig reifes Weizenkorn darſtellend, wird das Dicken⸗ wachstum des Endoſperms veranſchaulichen. Schon vor dem Beginn der Stärkemehleinwanderung in das Endoſpermgewebe kann man die äußerſte Zelllage, die ſpätere„Kleber⸗ ſchicht“,„Fermentſchicht“, unter⸗ ſcheiden, von der wir wiſſen, daß ſie Fig. 86. Eine Endoſpermzelle aus dem glaſigen Teil des Maiskorns(Zea Mays). Die polyedriſchen Stärkekörner ſind durch eine ſtickſtoffhaltige Grundmaſſe zuſammengekittet, und jedes Stärkekorn zeigt im Innern einen ſternförmigen luftführenden Hohlraum. Ver⸗ größerung 450 fach. Fig. 87. Eine ſtärkemehlführende Endoſperm⸗ zelle aus einem gequollenen Roggenkorn (Secale cereale). Zwiſchen den meiſt linſen⸗ förmigen größeren und kleineren Stärkekörnern befinden ſich, eingebettet in eine ſtickſtoffhaltige Grundmaſſe, äußerſt kleine Proteinkörner. Vergrößerung 450 fach. Fig. 88. Drei größte Querſchnitte a) durch den ganz jungen Fruchtknoten, b) durch ein in der Milchreife geerntetes, bei dem Trocknen zuſammengeſchrumpftes und c) durch ein völlig reifes Weizenkorn(Triticum vulgare). die Schale, Der äußere ſchattierte Teil iſt die Fruchtknotenwand oder die bei b und e ſtellenweiſe auseinandergeriſſen; der innere weißgelaſſene Teil der Figuren iſt der Mehl⸗ oder Endoſpermkörper. Vergrößerung 10 fach.) Diaſtaſe ausſondert(S. 45). Die Zellwände werden in dieſer Schicht dicker als in den übrigen Zellen des Endoſperms. Aus dem Proto⸗ 8 Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 9 130 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. plasma ſondern ſich Körner ab, die wir, im Gegenſatz den Stärke⸗ körnern der Mehlzellen, als Aleuronkörner bezeichnen wollen. Die Einführung des Materials, das zur Bildung dieſer ſtickſtoffhaltigen Körner erforderlich iſt, geht mit der Differenzierung der Schicht von der Anheftungsſtelle des Eies aus, in der ein Gefäßbündelſtrang ver⸗ läuft, der aus dem Fruchtſtielchen herkommt. Die Kleberſchicht ſetzt ſich an der Innenwand des Embryoſackes in der ganzen Peripherie des Endoſperms ununterbrochen fort. In den jüngeren Zuſtänden(Fig. 82) umgiebt die Kleberſchicht n auch den Keimling auf der äußeren, dem Integument i zugewandten Seite, nur an dem Wurzelende bei t, wo der Träger des Keimlings der Wand des Embryoſackes aufſitzt, fehlt ſie von vornherein gänzlich. Später wird ſie auf der Außenſeite durch den heranwachſenden Embryo verdrängt. 3. Die Entſtehung der Schale. An die Kleberſchicht ſchließen ſich weiter nach außen zunächſt der Eikern, dann die Integumente und an dieſe die Fruchtknotenwand. 1. Infolge des Wachs⸗ tums des Endoſperms werden die umgebenden, eben ge⸗ nannten Teile der Frucht von innen nach außen zurückge⸗ drängt. Dieſe Verdrängung betrifft zunächſt den Eikern, von dem nur die derbere Oberhaut teilweiſe erhalten bleibt. In den, Figuren 89 und 82 iſt der Überreſt des Eikerns mit e bezeichnet. 2. Was die Integumente betrifft, ſo wird das äußere, das von vornherein viel zarter iſt, ſehr bald nach der Befruchtung größtenteils und Fig. 89 Teil eines Vnerichnitts duech ein deeiien. ſpäter vollſtändig verdrängt; en Lirttenm rres, eumehheltn. das innere dagegen bleibt er⸗ Grundmaſſe. n Kleberſchicht, o äußere, ch, i und halten. Die beiden Zelllagen, nlinere agen ſer e)9e han) an eſero. aus denen es beſteht, dehnen ſich Die Erklärung dieſer Schichten folgt ſpäter. Ver⸗ indeſſen, da ſie dem Wachs⸗ geböerung 200 fch. tum des Endoſperms nach⸗ geben müſſen, beträchtlich in die Länge und platten ſich gleichzeitig, infolge des Druckes von innen her, ſo ſehr ab, daß ſie faſt in dieſelbe Fläche zu liegen kommen. Als Zellinhalt iſt in ihnen zu der Zeit, wenn die Einwanderung von Stärkemehl in das Endoſperm erſt einige Tage gedauert hat, eine bräunliche feinkörnige Subſtanz zu erkennen. Später verſchwindet 6. Das Reifen. 131 der Inhalt und dann erſcheinen die Zellhäute der inneren Lage des Integuments von einem Farbſtoff, der an Intenſität mit der fort⸗ ſchreitenden Entwicklung zunimmt, gelblich, gelbbraun oder rotbraun gefärbt. Derſelbe Farbſtoff erſcheint auch in den Zellen der An⸗ heftungsſtelle(Fig. 15 bei 1). Die Zellhäute der äußeren Lage des Integuments ſind meiſtens gar nicht oder nur dort gefärbt, wo ſie in die innere Lage übergehen. Deshalb ſieht man auf dem Quer⸗ Fig. 90. Zellſchichten der Samen⸗ Fig. 91. Teile aus Fig. 92. Schale des Weizens und Fruchtſchale des Weizens(Triti- der äußeren Oberhaut(Triticum vulgare) von oben cum vulgare). ch die innere, des Weizens(Triticum geſeben. o obere, ch innere früher chlorophyllſührende Lage der vulgare) mit je einer Lage, beide Lagen mit tüpfel⸗ Fruchtknotenwand mit tüpfelförmig Spaltöffnung beim in förmig verdickten Zellwänden. verdickten Zellwänden. u zwei aus⸗ der Milchreife, beig Die mittlere Lage iſt nicht mit⸗ einander gedrängte Zellen von der in der Gelbreife der qgezeichnet. Vergrößerung 7ö5fach. inneren Oberhaut der Fruchtknoten⸗ Frucht. Vergr. 125fach. wand. i die gefärbte untere, in die farbloſe obere Lage des übrig ge⸗ bliebenen inneren Integuments. Vergrößerung 180 fach. ſchnitt Fig. 89 bei i eine zarte farbloſe Linie, die alſo der äußeren oder oberen Lage des Integuments angehört. In Fig. 90 zeigen die feinen, ſchiefwinklig ſich kreuzenden Linien i und i, das Inte⸗ gument von der Fläche(von oben) geſehen. Die dickwandigen Zellen, die darübex liegen, gehören der Fruchtknotenwand an. Den Überreſt des Eikerns ſamt dem gefärbten Integument be⸗ zeichnet man als Samenſchale. Die Fruchtſchale im engeren und eigentlichen Sinne entſteht aus der Fruchtknotenwand. 3. Wie aus den Figuren 72 und 88 zu erſehen, hat die Frucht⸗ knotenwand anfänglich im Vergleich zu dem Embryoſack oder zu dem Endoſperm eine bedeutende Dicke. Sie bildet in den früheren Ent⸗ wicklungszuſtänden der Frucht ein vielzelliges Gehäuſe, das mit einer äußeren und mit einer inneren Oberhaut bekleidet iſt. Die äußere 9* 132 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Oberhaut überzieht die Außenfläche des Fruchtknotens, die innere Ober⸗ haut überzieht die Höhlung, in der das Ei liegt. Die an die innere Oberhaut angrenzende Zelllage der Frucht⸗ knotenwand enthält bis zur Gelbreife grünes Chlorophyll. In der Umgebung der Längsfurche, beiderſeits des aus dem Fruchtſtielchen heraufkommenden Gefäßbündels ſind mehrere Lagen chlorophyllführend. Hier finden ſich auch in der äußeren Oberhaut des Fruchtknotens zahlreiche Spaltöffnungen, während ſolche auf der ganzen Rückenfläche vergeblich geſucht werden. Fig. 91 zeigt bei m eine Spaltöffnung in der Milchreife, bei g in der Gelbreife der Weizenfrucht. Das innere Gewebe der Fruchtknotenwand iſt anfänglich mit kleinen Stärkemehlkörnern gefüllt. Indem ihre weiße Farbe durch die äußere Oberhaut durchſcheint, hat die junge Frucht ein weißliches Ausſehen. Später wandert das Stärkemehl aus der Fruchtknoten⸗ wand in das Endoſperm. Überdies werden die mittleren Zelllagen der Fruchtknotenwand verdrängt und reſorbiert. Infolgedeſſen nimmt die Fruchtknotenwand an Dicke ab, die chlorophyllführende Schicht nähert ſich der Außenfläche und die junge Frucht erſcheint grün. Die übrigbleibenden wenigen Zelllagen erfahren eine tüpfelförmige Verdickung der Zellwände. Die Verdickung geſchieht zuerſt in den Zellen der äußeren Oberhaut, deren lange Wände längs über die Frucht verlaufen, zuletzt geſchieht ſie in der inneren chlorophyllführen⸗ den Schicht, deren lange Wände jene ungefähr rechtwinklig kreuzen. In Fig. 92 iſt o die äußere Oberhaut, ch die chlorophyllführende Schicht; die dazwiſchen liegenden Schichten ſind nicht mit gezeichnet. In Fig. 90, die ſtärker vergrößert iſt, entſpricht die Lage ch der gleichbenannten in Fig. 92. Die Fig. 89 zeigt bei o und ch die⸗ ſelben Schichten im Querſchnitt. Die innere Oberhaut der Fruchtknotenwand nimmt an der Ver⸗ dickung wenig teil, da ihre Zellen ſchon früh auseinandergeriſſen, an den meiſten Stellen ſogar vollſtändig verdrängt werden. Ein Über⸗ reſt von ihnen in Form von langgeſtreckten, plattgedrückten Schläuchen, iſt in Fig. 90 bei u ſichtbar. Auch die Lagen o und ch(Fig. 89) werden infolge des Druckes von innen her ſo flach, daß zuletzt nur ein geringes, zur Zeit der völligen Reife mit Luft gefülltes Lumen der Zellen übrig bleibt (Fig. 89 bei!). In der Weiſe, wie es hier dargeſtellt worden, entſteht die Frucht⸗ ſchale aus der Fruchtknotenwand bei dem Weizen und bei dem Roggen. In der Hauptſache kann die Darſtellung aber auch für die übrigen Getreidearten gelten. Bei den beſpelzten Früchten(Gerſte und Hafer) iſt die eigentliche Fruchtſchale etwas ſchwächer und zarter; dafür wird ſie von den mit der Frucht in Verbindung bleibenden Blütenſpelzen verſtärkt. Rückblick. Die Getreidefrucht, deren Entwicklung wir im Vorhergehenden kurz verfolgt haben, beſteht ſomit 6. Das Reifen. 133 1. aus dem großen Mehl- oder Endoſpermkörper, deſſen äußere Lage die Kleberſchicht, Fermentſchicht iſt; 2. aus dem Keimpflänzchen, das mit dem Schildchen, an dem ſpitzen Ende der Frucht, dem Mehlkörper anliegt; 3. aus der Schale, die bei den nackten wie bei den beſpelzten Früchten aus der Samen- und Fruchtſchale gebildet, bei den beſpelzten Früchten aber durch die Blütenſpelzen ver⸗ ſtärkt wird. Die Reifeſtadien. Jetzt haben wir ſchließlich noch die Veränderungen zu betrachten, denen die Getreidepflanze während der letzten Entwicklungsſtadien unterworfen iſt, wobei wir unſer Augenmerk wiederum beſonders auf die Körner richten, ohne die Strohteile unberückſichtigt zu laſſen. Als Beiſpiel für die Beſprechung wählen wir den Weizen und den Roggen. Im Anſchluß an den unter den Landwirten gäng und gäbe ge⸗ wordenen Sprachgebrauch unterſcheiden wir vier Reifeſtadien: Milch⸗ reife, Gelbreife, Vollreife und Totreife. Sie laſſen ſich auf Grund meiner„Unterſuchungen über das Reifen des Getreides“ in folgender Weiſe charakteriſieren: 1. Milchreife. Die Milchreife heißt in manchen Gegenden auch Grünreife. Beide Ausdrücke ſind im gewiſſen Sinne zutreffend und bezeichnend. Bei dem Maſſenanblick im Felde macht das Getreide in dieſem Stadium der Reife noch einen grünen Eindruck. Bei genauerer Be⸗ trachtung der einzelnen Pflanzen zeigen ſich die Halme unterhalb gelb⸗ lich, oberhalb grün. Die unteren Blätter ſind bereits völlig ab⸗ ſtorben. Die Spreiten der drei oberen Blätter haben am Rande, in der Mitte und an der Spitze gelbe Streifen und Flecke. Die Spreite des oberſten Blattes hält ſich am längſten grün. Die Blattſcheiden entfärben ſich, und zwar ebenfalls in der Reihenfolge von unten nach oben, etwas ſpäter, als die zugehörigen Blattſpreiten. Jede Blattſcheide ſtirbt jedoch von oben nach unten ab, ſo daß das Blattgrün zuletzt in der Nähe des Knotens verſchwindet. Die Blattknoten, unter denen wir die gürtel⸗ oder ringförmige Verdickung der Blattſcheidenbaſis verſtehen, ſind noch dick und ſaftig. Die Körner, von den grünlich⸗gelben Spelzen feſt umſchloſſen, zeigen von außen eine grüne Farbe, im Innern eine milchige Be⸗ ſchaffenheit. Das grüne Ausſehen iſt darauf zurückzuführen, daß die Farbe des Chlorophylls aus der innern Lage der Fruchtknotenwand durch die äußeren farbloſen Lagen hindurchſchimmert. Die milchige Beſchaffenheit kommt dadurch zu ſtande, daß das bis dahin wäſſrige Endoſperm infolge der Einwanderung und Ablagerung von Stärke⸗ mehl dickflüſſig und milchartig wird. Die Füllung der Endoſpermzellen mit Reſerveſtoffen dauert in der Milchreife noch fort. Daß das hierzu nötige Material nicht be⸗ 134 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. reits in dem Protoplasma dieſer Zellen vorhanden iſt, ſondern von außen(aus den oberen Halmgliedern) eingeführt wird, geht ſchon zur Genüge aus Fig. 88 hervor, in der b den größten Querſchnitt durch ein in der Milchreife geerntetes, bei dem Trocknen zuſammenge⸗ ſchrumpftes, c einen ebenſolchen durch ein in der Vollreife geerntetes Korn bei derſelben Vergrößerung darſtellt. Genauer iſt das Maß des Zuſammenſchrumpfens der Körner aus folgenden Zahlen zu entnehmen: Volumen von 100 Weizenkörnern in Kubikceentimetern: friſch nachgereift, lufttrocken Milchreife.. 5,3 2,4 Gelbreife.. 4,3 3,4 Vollreife.. 3,5 3,4 Im friſchen Zuſtande haben die Körner in der Milchreife das größte Volumen; ſie ſind alſo in dieſem Stadium der Reife äußer⸗ lich bereits vollſtändig ausgewachſen. Dagegen ſchrumpfen ſie, weil das Innere noch nicht genügend mit feſter Subſtanz erfüllt iſt, bei dem Nachreifen und Austrocknen in dem Grade zuſammen, daß ihr Volumen um ein Drittel hinter dem der gelb- und vollreifen Körner zurückbleibt. Die chemiſche Analyſe liefert den näheren Nachweis über die in der Milchreife noch ſtattfindende, ſehr erhebliche Stoffeinfuhr. 100 nachgereifte Weizenkörner enthielten in Gramm Milchreife Gelbreife Totreife Waſſer 0,4055 0,5830 0,5675 Stärke ꝛc. 2,4139 3,5014 3,5026 Protein. 0,3757 0,5729 0,5239 Fett.. 0,0495 0,0736 0,0693 Rohfaſer 0,0609 0,0658 0,0639 Aſche 0,0645 0,0732 0,0728 Die Zahlen zeigen, daß die Zunahme der Körner an Stärkemehl weitaus am bedeutendſten iſt. Kürzen wir die betreffenden Zahlen ab, ſo erhalten wir pro 100 Körner: Stärke in Gramm. Milchreife. 2,4 Gelbreiſfe. 3,5 Totreiſe.3,5 Dieſe Zahlen ſtimmen auffallend mit den oben für das Volumen angegebenen überein. Es ergiebt ſich alſo, daß die Veränderung der Körner während der Milchreife in der Hauptſache auf der Füllung der Endoſpermzellen mit Stärkemehl beruht. Der Keimling iſt in der Milchreife in allen weſentlichen Teilen bereits entwickelt, doch iſt ſein Wachstum noch nicht zum Abſchluß ge⸗ langt. Ich habe nachgewieſen, daß in der Milch⸗ oder Grünreife geerntete Weizenkörner zwar keimfähig ſind, daß aber die Keimung 6. Das Reifen. 135 nicht mit gleicher Sicherheit erfolgt, wie bei ſpäter geernteten Körnern. Der Grund hierfür liegt hauptſächlich in folgenden Verhältniſſen. In der Milchreife iſt die Spitze des Graskeims von dem ge⸗ falzten Rand des Schildchens noch um eine kleine Strecke entfernt. Später dagegen liegt ſie dem Vorſprunge unterhalb x(Fig. 83) un⸗ mittelbar an, ja ſie ragt ſogar vor dem Austrocknen ein wenig darüber hinaus. Der Vorſprung ſelbſt, der bei der Keimung inſofern eine wichtige Rolle ſpielt, als er die Spitze des Graskeims nötigt, nach außen hervorzubrechen, erfährt in der Milchreife ebenfalls noch ein Wachstum, wodurch eine ſchärfere Einbiegung und feſtere Einklemmung der Schale an dem Punkte x veranlaßt wird. Überdies iſt die Kleberſchicht n an den Stellen, wo ſie über das Schildchen und über den Keimling hinweggeht, in dem Stadium der Milchreife noch mehr oder weniger vollſtändig erhalten, während ſie ſpäter neben der Spitze des Graskeims und neben der Keimſchuppe f gänzlich und oberhalb und unterhalb von ihr größtenteils verdrängt iſt. Die Keimſchuppe drängt ſogar die gefärbte Lage des Integuments zum Teil auseinander, was an der Spitze des Graskeims gleichfalls in der Regel geſchieht. Wie wichtig dieſe geringfügig erſcheinenden Veränderungen für die Fortpflanzung ſind, zeigen die verunglückten Keimungen, die wir früher(S. 50) mitgeteilt und durch die Figuren 36 bis 39 veran⸗ ſchaulicht haben. 2. Die Gelbreife. Das Getreide gewährt nun im großen einen gleichmäßig gelben Anblick. Die Halme ſind gelb und glänzend.(Zuweilen zeigen ſich Halme mit bläulicher und rötlicher Farbe.) Die Blätter, auch die Scheiden ſämtlich gelb. Die Blattſpreiten zum Teil gelblichbraun, leicht abbrechend. Der ganze Halm aber geſchmeidig und zähe. Die oberen zwei oder drei Blattknoten noch dick, glatt und ſaftig, die unteren dagegen zuſammengeſchnürt und eingeſchrumpft. Die Spelzen gelblich oder bräunlich, je nach der Sorte. Das Chlorophyll iſt an der ganzen Pflanze verſchwunden, nur die oberen Blattknoten ſchimmern noch grünlich. Von einer Neubildung oder Aſſimilation, die an das Vorhandenſein des Chlorophylls ge⸗ bunden, kann daher keine Rede mehr ſein. Es kann höchſtens noch eine Wanderung von bereits aſſimilierten Stoffen aus den oberen Halm⸗ gliedern in die Körner ſtattfinden; aber auch dieſe muß in der Gelb⸗ reife aufhören, da das Waſſer zum Transporte fehlt. Die Beſchaffen⸗ heit der Blattknoten zeigt, daß die Pflanze von unten nach oben ver⸗ trocknet und abſtirbt. Eine genauere Unterſuchung erfordern die Körner, an denen ſich der Grad der Reife ſicherer beſtimmen läßt als an den Strohteilen. Bei dem Übergang der Milchreife in die Gelbreife verwandelt ſich die grüne Farbe der Körner in die gelbe, indem das grüne Chlorophyll der inneren Fruchtknotenwand in gelbe Körnchen zerfällt. 136 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Dies geſchieht zuerſt an dem oberen Ende der Frucht und an der Rückenfläche, ſpäter an der Furchenſeite und am unteren Ende, zuletzt im Innern in der Nähe des Gefäßbündels. Mit Eintritt der richtigen und eigentlichen Gelbreife iſt der letzte Reſt des grünen Farbſtoffs auch in den Körnern verſchwunden. Hiervon kann man ſich leicht überzeugen, wenn man das Korn der Quere nach durchſchneidet. Bei dem Übergang der Milchreife in die Gelbreife verſchwindet auch die milchige Beſchaffenheit der Körner und das Endoſperm wird fadenziehend. Es iſt dies das Kennzeichen, daß das zwiſchen den Stärkekörnern befindliche Protoplasma aus dem dünnflüſſigen in den dickflüſſigen Zuſtand übergeht, ähnlich wie gekochter Leim bei dem Erkalten zähe und fadenziehend wird, ehe er erſtarrt. Während das Protoplasma in den inneren Zellen des Mehl⸗ körpers zähe wird, beginnt es in den äußeren Zellen, zuerſt am oberen Ende und auf der Rückenſeite des Korns, feſt und ſtarr zu werden. Gleichzeitig werden zwar auch die zugehörigen Zellwände allmählich waſſerärmer, aber das Austrocknen des Protoplasmas geht dem Aus⸗ trocknen der Zellwände voran. Das Waſſer muß ja aus dem Proto⸗ plasma den Weg durch die Zellwände nehmen. Endlich kommt ein Moment, wo der Mehlkörper zwar noch weich, aber ſchon relativ trocken erſcheint, wo das Korn ſich wie Wachs kneten und zu einer Kugel rollen, wo es ſich gleichzeitig bei genügender Länge— leicht und beſtimmt über den Nagel brechen läßt. Dieſen Grad der Reife nenne ich: Gelbreife. „Das Brechen des Korns über dem Nagel“ iſt das charakteriſtiſche Kennzeichen der Gelbreife. Es bezeichnet mit der größten Genauigkeit den Moment, in dem die Ernährung des Mehlkörpers eben aufgehört hat. Denn das leichte und weiche Brechen des Kornes iſt nur in dem Augenblick möglich, wo die Stärkekörner und das Protoplasma bereits ausgetrocknet, die Zellwände dagegen noch weich und waſſer⸗ haltig ſind.(Vergl. Fig. 87.) In dieſem Zeitpunkt iſt die Zug⸗ Feſtigkeit im Vergleich zur Druck-Feſtigkeit des Kornes ſo gering, wie in keinem anderen Zeitpunkt vorher oder nachher. Bei dem Brechen wird das Korn gedrückt und zugleich in die Länge gedehnt. Die Geringfügigkeit der Zug-Feſtigkeit beruht auf dem weichen und waſſer⸗ haltigen Zuſtande der Zellhäute, demzufolge ſich je zwei benachbarte Zellen leicht voneinander ziehen oder trennen laſſen, der relativ hohe Grad der Druck⸗-Feſtigkeit beruht auf der relativen Trockenheit der Stärkekörner und des Protoplasmas, der zufolge der von der Zell⸗ haut eingeſchloſſene, kompakte Körper jeder Zelle einen verhältnis⸗ mäßig ſtarken Druck aushält. ¹) ¹) Für den Waſſergehalt und für die entſprechende Druck⸗Feſtigkeit, gemeſſen durch das Gewicht, das je ein einzelnes Roggenkorn bis zum Zerdrücken zu tragen vermochte, wurden folgende Zahlen gefunden: 6. Das Reifen. 137 Daß dem in der That ſo iſt, läßt ſich durch die mikroſkopiſche Unterſuchung nachweiſen, zu der ſich das Roggenkorn am beſten eignet. Die Unterſuchung der Bruchfläche ergiebt, daß ſich bei dem Brechen des gelbreifen Kornes die Zellwände benachbarter Endoſpermzellen von einander löſen. Die Unterſuchung der Stärkekörner ergiebt, daß dieſe im Innern bereits ſternförmige, mit Luft erfüllte Riſſe enthalten, alſo ſchon ſtark ausgetrocknet ſind. Und die Unterſuchung des Protoplasmas ergiebt, daß dieſes ebenfalls bereits erheblich ausgetrocknet und erſtarrt iſt, denn es gelingt, aus dem gelbreifen Korn einen mikroſkopiſchen Schnitt herzuſtellen, der nach Auswaſchung der Stärkekörner(mit Hl oder Glycerin) ein deutliches Protoplasma⸗Netz erkennen läßt. Iſt dies aber der Fall, dann iſt an eine Stoffeinfuhr in die Stärkemehlzellen nicht mehr zu denken, denn die Stoffe müſſen im ge— löſten Zuſtande aus den Zellhäuten in das Protoplasma und aus dem Protoplasma in die Stärkekörner gelangen. Mit der Erſtarrung des Protoplasmas hört der Transport auf. Das Protoplasma funk⸗ tioniert nur ſo lange, wie es ſtrömt. Wie ſteht es nun aber mit dem Keimling? Hat er in dem Moment, wenn das Korn über dem Nagel bricht, ebenfalls bereits ſeine höchſte Vollkommenheit erreicht, oder erreicht er ſie erſt ſpäter? Dieſe Frage iſt von praktiſcher Bedeutung, da manche Landwirte den Grundſatz befolgen, das Brotkorn in der Gelbreife, das Saatkorn da⸗ gegen erſt in der Vollreife oder ſogar erſt in der Totreife zu ſchneiden. Es giebt einen Umſtand, der auf den erſten Blick dafür zu ſprechen ſcheint, daß der Keimling in und nach der Gelbreife noch an Vollkommenheit zunimmt: das Vegetationswaſſer hält ſich nämlich in dem Keimling etwas länger als in dem Endoſperm. Schneidet man ein gelbreifes Roggenkorn an dem Keimende quer durch, ſo ſieht man ſchon mit bloßen Augen aus dem Gewebe des Keimpflänzchens deutlich kleine Waſſertropfen heraustreten, während das ſtärkemehlführende Waſſergehalt Druck⸗Feſtigkeit in Prozenten in Gramm Milchreife... 62 669 Gelbreife..36 1729 Totreife.... 14. 10 169 Die gelbreifen Körner, die zu dieſen Unterſuchungen dienten, befanden ſich möglichſt genau in dem Zuſtand, wo alles Chlorophyll im Innern ver⸗ ſchwunden war und wo das Brechen des Kornes über dem Nagel am leichteſten und beſtimmteſten von ſtatten ging. Ihr Waſſergehalt ſtand in dieſem Zu⸗ ſtande in der Mitte zwiſchen der Milchreife und Totreife. Anders verhielt es ſich mit der Druck⸗Feſtigkeit. Dieſe hatte von der Milchreife bis zur Gelbreife bedeutend zugenommen, und zwar rund um 1 Kilogramm. Un⸗ vergleichlich größer aber war die Zunahme von der Gelbreife bis zur Tot⸗ reife; ſie betrug während dieſer Zeit beinahe 8 ½ Kilogramm, ſo daß ein totreifes Roggenkorn ſchließlich ein Gewicht von mehr als 10 Kilogramm zu tragen vermochte. 138 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. Endoſperm, ſelbſt bei Anwendung von Druck, eine relativ trockene, wachsartige Schnittfläche darbietet. Trotzdem kann der Keimling nach Eintritt der Gelbreife nicht mehr wachſen. Dies iſt aus mechaniſchen Gründen unmöglich. Der Keimling bildet nämlich nur einen kleinen Teil der Frucht, er ſteht durch das Schildchen mit dem großen Endoſpermkörper in inniger Berührung und er wird mit dieſem gemeinſchaftlich von der Schale umſchloſſen. Folglich wird er von den Veränderungen, die den Endoſpermkörper und die Schale beim Austrocknen betreffen, not⸗ wendig in Mitleidenſchaft gezogen. Infolge des Austrocknens, das in der Gelbreife ſchon ſehr be⸗ merklich iſt, zieht ſich der Endoſpermkörper ſowohl wie die Schale auf einen kleineren Raum zuſammen. Das ganze Korn ſchwindet. Dabei kommt der Keimling zwiſchen Endoſperm und Schale in die Enge. Er muß von innen und von außen einen Druck aushalten. Dieſem Druck muß er Widerſtand leiſten, ſonſt wird er zerquetſcht. Zu groß darf aber der von dem Keimling ausgeübte Gegendruck nicht werden, ſonſt würde die Schale platzen. Hieraus folgt, daß in dem Moment, wo das Korn über dem Nagel bricht, auch der Keimling ſeine Ent⸗ wicklung bereits abgeſchloſſen hat, daß er nach dieſem Moment nur noch auszutrocknen braucht, um ſich in die Samenruhe zu begeben. 3. Die Vollreife. Der Übergang aus der Gelbreife in die Vollreife vollzieht ſich bei großer Hitze und anhaltender Trockenheit im Verlauf von drei Tagen. 3 Bei dem Eintritt der Vollreife ſind an den Strohteilen im Ver⸗ gleich zur Gelbreife nur geringfügige Veränderungen zu bemerken. Die weſentlichſte Veränderung an den Halmen beſteht darin, daß nun die Blattknoten ſämtlich gebräunt und zuſammengeſchnürt erſcheinen. Erheblichere Unterſchiede laſſen ſich an den Ähren erkennen. Die Körner löſen ſich leichter von dem Fruchtſtielchen und aus den Spelzen. Sie ſind durch das fortſchreitende Austrocknen und Schwinden in einen Zuſtand verſetzt worden, wo ſie ſich nicht mehr über den Nagel brechen, aber zum Teil noch biegen laſſen. Denn jetzt haben nicht nur das Protoplasma und die in ihm eingebetteten Stärkekörner, ſondern auch die zugehörigen Zellwände das meiſte Waſſer verloren, und infolge der Annäherung ihrer Stoffteilchen haften die Zellen des Mehlkörpers feſter aneinander: das Korn iſt zähe. Auch die Farbe der Körner hat ſich verändert. Je nach der Färbung des Integuments erſcheint das Korn heller oder dunkler. Von Einfluß auf die Farbe iſt auch die„glaſige“ oder„mehlige“ Beſchaffenheit des Endoſpermkörpers, die erſt jetzt deutlicher hervor⸗ tritt, obwohl ſchon in der Gelbreife durch die Menge und Verteilung des Stärkemehls in dem Protoplasma darüber entſchieden iſt, in welchen Körnern und in welchen Zellen, nach dem ſtärkeren Aus⸗ trocknen, die Mehligkeit oder die Glaſigkeit zur Erſcheinung kommen ſoll. 6. Das Reifen. 139 4. Die Totreife. In der Totreife iſt das Korn zum zweitenmale brechbar, aber das Brechen erfordert jetzt eine weit größere Kraft als in der Gelb⸗ reife. Das gelbreife Korn bricht weich, das totreife Korn bricht hart. Es knackt. Der Bruch geſchieht jetzt nicht in den Berührungsſchichten benachbarter Zellwände, ſondern er geht quer durch Zellwände, Proto⸗ plasma, Stärkekörner. Das totreife Korn bricht wie ein toter Körper. Durch die Verwitterung, die namentlich bei wechſelndem Regen und Sonnenſchein ihren zerſtörenden Einfluß geltend macht, nimmt das Stroh in der Totreife eine dunklere, matte, ſchmutzig⸗gelbe oder graue Farbe an, und es wird ſchon im Verlauf von 8 Tagen ſo ſpröde und zerbrechlich, daß es unmöglich iſt, ein Seil daraus zu knüpfen. Dieſe Zerbrechlichkeit betrifft auch die Ahren. Viele Ahren brechen bei der Ernte ganz ab, andere in der Mitte durch. Selbſt bei ſchonender Behandlung iſt dies nicht zu vermeiden. Die Körner ſind wegen ihrer Trockenheit und Härte und namentlich auch wegen des Schutzes, den ihnen die verholzte und künſtlich gefügte Schale gewährt, zwar widerſtandsfähiger als das Stroh, aber ſie löſen ſich freiwillig von der Mutterpflanze, indem die Natur dafür ſorgt, den Samen zu zerſtreuen, wenn der Menſch es verſäumt, ihn rechtzeitig zu ſammeln. Der Verluſt durch Ausfall be⸗ trägt nicht ſelten das Doppelte und Dreifache der Saat. Auch in der Qualität werden die Körner nicht beſſer, wenn ſie bis zur Totreife auf dem Felde verbleiben. Bei anhaltender Trocken⸗ heit erleidet die Qualität keine Beeinträchtigung, wohl aber bei ſchlechtem Wetter. Schon das abwechſelnde Anquellen und Austrocknen der Körner iſt von Nachteil, indem der Glanz und das ſchöne Anſehen verloren geht; tritt gar das Auswachſen auf dem Halme ein, ſo iſt der Schaden enorm. Dagegen iſt die alte, von v. Roſenberg⸗Lipinsky herrührende und immer noch nicht ausgerottete Anſicht,„daß die äußere Schale der überreifen Körner, unter allzuheftiger Einwirkung des Sonnenlichtes, auf Koſten der inneren Kornſubſtanz ſich unnatürlich verdickt“, als unbegründet und unrichtig zurückzuweiſen. Die Dicke der Schale nimmt vielmehr fortwährend ab, indem der Mehlkörper ſich vergrößert und die außerhalb von ihm gelegenen Teile des Fruchtknotens zurückdrängt.(Vergl. Fig. 88, a und c.) In Fig. 89 geht der von der Kleberſchicht eingeſchloſſene Mehl⸗ körper bis zu der Linie e, die den Überreſt des Eikerns andeutet. Die außerhalb e gelegenen Schichten i, ch und o bilden die Schale. Wenn man will, ſo kann man die Schicht e noch mit zur Schale rechnen. Die Kleberſchicht n dagegen gehört mit zum Mehlkörper, denn ſie entſteht innerhalb des Embryoſackes, und die in ihr ab⸗ gelagerten Reſerveſtoffe und Fermente ſind in der Periode der Kei⸗ mung zur Ernährung der jungen Pflanze ebenſo unentbehrlich wie das Stärkemehl, Fett und Eiweiß der übrigen Endoſpermzellen. Die 140 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze. außerhalb e gelegenen Schichten bleiben als unlöslich bei der Keimung im Boden zurück; ſie ſind die Hülle für die edleren Teile, ſie ſind die Schale. Es iſt nun ſchlechterdings unmöglich, daß aus den Stärkemehl— zellen m oder aus der Kleberſchicht n zur Zeit der Totreife noch Stoffe in die Schale auswandern, um zur Verdickung der Schale bei⸗ zutragen. Denn in der Schicht m ſind die Stärkekörner und in der Schicht n ſind die Aleuronkörner durch das bereits eingetrocknete und völlig erhärtete Protoplasma feſtgelegt. Auch aus den Zellwänden der Schichten m und n kann kein Stoffteilchen mehr in die Schale gelangen, ebenſowenig kann in der Schale ſelbſt noch eine Verdickung der Zellen erfolgen, weil alle Zellwände bereits vollſtändig aus⸗ getrocknet ſind. Die Verdickung und teilweiſe Verholzung der Zellwände, die nie und nirgends auf Koſten der bereits abgelagerten inneren Kornſubſtanz geſchieht, findet viel früher ſtatt. Sie beginnt ſchon vor der Milch⸗ reife, ſchreitet während dieſes Reifeſtadiums weiter fort und gelangt in der Gelbreife, vor dem ſtärkeren Austrocknen des Kornes, zum Ab⸗ ſchluß. Wir haben hiervon bereits oben(S. 132) geſprochen. Um zu zeigen, daß ein Dickenwachstum der Schale weder von der Milchreife bis zur Gelbreife, noch von der Gelbreife bis zur Tot⸗ reife und überhaupt niemals ſtattfindet, mag hier das Reſultat einer größeren Anzahl von mikroſkopiſchen Meſſungen angeführt werden. Die jeweilen minimale Dicke der Schale in nachgereiften luft⸗ trockenen Weizenkörnern betrug: Milchreife Gelbreife Totreife Minimum. 0,024 0,024 0,021 mm Maximum.. 0,053 0,042 0,038„ Mittel.... 0,037 0,029 0,0260„ Die Zahlen ſind dahin zu deuten, daß von der Milchreife bis zur Gelbreife durch Vergrößerung des Endoſpermkörpers und Zurück⸗ drängung der Fruchtknotenwand ꝛc. die Dicke oder der Durchmeſſer der Schale noch ein wenig abnimmt, von der Gelbreife an aber un⸗ verändert bleibt oder durch Austrocknen ein klein wenig ſchwindet. Von der Dicke oder dem Durchmeſſer der Schale, als Ganzes genommen, iſt die Verdickung der Zellwände zu unterſcheiden. Die Zellwände können dicker werden, ohne daß der Durchmeſſer der Schale zunimmt. Über dieſe Verhältniſſe unterrichtet uns die chemiſche Ana⸗ lyſe. Der Gehalt an Rohfaſer(Zellſtoff+ Holzfaſer) pro 100 Weizen⸗ körner betrug nämlich in Gramm: Milchreife Gelbreife Totreife 0,0609 0,0658 0,0639 Nach dieſem Befunde können wir eine geringe Zunahme an Roh⸗ faſer, alſo auch eine geringe Zunahme in der Verdickung und Ver⸗ holzung der Zellwände von der Milchreife bis zur Gelbreife zugeben; 6. Das Reifen. 141 gegen eine über die Gelbreife hinausgehende Subſtanzzunahme der Schale ſtreiten die vorliegenden Zahlen aber ganz direkt. Auch die Anſicht,„daß der Weizen durch ein langes Stehen auf dem Halme glaſig oder hornig werde“, iſt unrichtig. Hierfür nur einen Beweis. Auf einem gleichmäßig beſtandenen Winterweizenfelde wurde je eine kleine Partie(eine Garbe) zu verſchiedenen Zeiten ge⸗ mäht, um den Erdruſch genau auf die Mehligkeit und Glaſigkeit der Körner zu unterſuchen. Das Reſultat war folgendes: Auf je 1000 Stück Körner, die geerntet waren mehlige glaſige am 20. Juli in der Gelbreife, kamen 401 599 2 23.„„„ Völlreife,„ 476 524 „ 28.„„„ Totreiſe,. 414 586 „ 2. Auguſt,„ 6„ 431 569 Das Verhältnis der mehligen und glaſigen Körner iſt, wie man ſieht, in allen Ernteſtadien annähernd dasſelbe; es hat daher von der Gelbreife an weder die Mehligkeit noch die Glaſigkeit zugenommen. Dieſe Erſcheinungen haben überhaupt mit dem Reifen des Ge⸗ treides nur inſofern etwas zu thun, als die Körner— namentlich bei dem Weizen kommt dies vor— im Steppenklima notreif und hornig werden, weil ihnen durch die Hitze und Dürre die Zufuhr von Stärkemehl vor der normalen Reife abgeſchnitten wird. Im übrigen beruht die Mehligkeit und Glaſigkeit auf der Ernährung und Entwicklung des Protoplasmas und auf der Zahl, Größe, Form und Lagerung der Stärkekörner in den Endoſpermzellen. An dieſen Ver⸗ hältniſſen kann in der Gelb⸗ und Vollreife nichts mehr geändert werden, in der Totreife noch weniger. Denn in der Gelbreife hört die Ernährung auf, und in der Totreife liegen die Stoffe ſtill. Sie kommen erſt dann wieder in Bewegung und in Fluß, wenn das Korn zu keimen und zu wachſen beginnt.— Damit haben wir die Entwicklung des Getreides von Anfang bis zu Ende verfolgt. Indem das Ende zu dem Anfang zurückkehrt, ſchließt ſich der Kreis. Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Allgemeines. Das Klima. Das Klima beſtimmt die Verbreitung und die Auswahl der Kulturgewächſe. Wir können im deutſchen Reiche keinen Reis und keine Durra bauen, weil die Sonne bei uns nicht ſo heiß glüht, wie in Indien und im Sudan. Der Mais gelangt in Norddeutſchland nicht mehr zur Reife, weil ihm die nötige Wärme fehlt; in Süd⸗ deutſchland, beſonders im badiſchen Rheinthal und im Elſaß, genügt ihm das Klima, aber er gedeiht auch dort nicht mit der Freudigkeit, wie in Italien und Spanien oder im tropiſchen und ſubtropiſchen Amerika. Hirſe und Fennich kommen ſchon eher bei uns fort, doch müſſen wir ihnen einen Standort zuweiſen, wo die Sonnenſtrahlen den Boden ſtark erhitzen. Am beſten paßt für unſer Klima der Roggen, und darin mag es zum Teil begründet ſein, daß der Germane und der Slawe Schwarz⸗ brot genießt, das der Franzoſe und der Engländer nicht mag, ebenſo⸗ wenig wie es der Italiener ſchmackhaft findet. Dieſe Völker ziehen als Brotfrucht den Weizen vor, deſſen Anbau bei uns möglich, aber doch nicht ſo ſicher iſt, wie der des Roggens. Es iſt eine bekannte Sache, daß der Weizen leichter auswintert als der Roggen. Beſonders empfindlich zeigen ſich die Weizenſorten, die aus einem milden Klima z. B. aus England ſtammen, während die Sorten, die ſich an einen ſtrengeren Winter gewöhnt haben, wie er in Polen und Rußland herrſcht, eine größere Widerſtandsfähigkeit beſitzen. Sehr gut eignen ſich für unſer Klima auch Hafer und Gerſte, die freilich nicht wie Roggen und Weizen als Winterung, ſondern nur als Sommerung angebaut werden können. In den Marſchen jedoch, wo die Nähe des Meeres die Winterkälte mäßigt, bildet auch die Gerſte eine einträgliche Winterfrucht; ebenſo in den ſüdlichen Ländern Europas. Die Gerſte geht auch von allen Getreidearten am weiteſten hinauf nach Norden und am höchſten hinauf in den Gebirgen, und dies iſt darauf zurückzuführen, daß gewiſſen Spielarten der Gerſte ———— x— Das Klima.— Der Boden. 143 ſchon zwei Sommermonate als Vegetationszeit genügen. Der Hafer, deſſen Vegetationszeit länger iſt, bleibt hinter der Gerſte zurück. Auf der ſkandinaviſchen Halbinſel reicht die Gerſte bis zum 70.0 n. Br., der Roggen bis zum 65.“, ſtellenweiſe auch bis zum 67.0, und der Hafer bis zum 65., während der Weizenbau im Großen nur unter⸗ halb dem 60.0 n. Br. angetroffen wird. Vergl. die Verbreitung der Getreidearten S. 23—26. Der Boden. Die Getreidearten ſind Trockenlandspflanzen. Einzig und allein der Reis liebt und verlangt einen zeitweiſe überſchwemmten Standort. Dieſe tropiſche Getreideart verhält ſich etwa ſo wie das Mannagras (Glyceria fluitans), das bei uns in Gräben und Bächen wild wächſt und namentlich häufig in der Weichſelniederung vorkommt, woſelbſt die Frauen der armen Leute die Körner einſammeln, um ſie als Manna⸗ grütze in den Handel zu bringen. Wie das Mannagras in ſtockendem und faulendem Waſſer aber durchaus nicht gedeiht, ſo kann auch der Reis eine immerwährende Überſtauung und eigentliche Verſumpfung des Landes nicht vertragen; vielmehr muß das Waſſer abwechſelnd auf- und abgelaſſen werden. Die Kunſt des Reispflanzers beſteht in der genauen Abmeſſung und Regulierung der Bewäſſerung. Das Waſſer darf den Boden nur in dünner Schicht bedecken und es darf nicht lange andauernd darauf ſtehen; wenn der Reis zu blühen an— fängt, muß das Land bis zur Reife gänzlich trocken gelegt werden. Eine ähnliche Behandlung geſtatten auch andere Getreidearten. In heißen Ländern mit ſehr trockenem Klima iſt der Weizenbau nur dadurch möglich, daß die Saat eine Zeit lang unter Waſſer geſetzt wird. Auch in unſeren Gegenden hat man die Erfahrung gemacht, daß der Weizen nicht auswäſſert, wenn er bei Gelegenheit von natür⸗ lichen Überſchwemmungen drei oder vier Wochen lang vom Waſſer bedeckt wird. Die Überſchwemmung ſchadet aber nur in dem Falle nicht, wenn das Waſſer langſam ab- und zufließt, alſo in Bewegung iſt, wogegen ſtillſtehendes und faulendes Waſſer alle Getreideſaaten tötet. Die Pfützen, die nach Überſchwemmungen auf den Saatfeldern zurückbleiben, ſowie die Blänken, die von zuſammengelaufenem Schnee⸗ und Regenwaſſer entſtehen, ſind für die Pflanzen im höchſten Grade verderblich. An ſolchen Stellen finden wir einen undurch⸗ läſſigen Untergrund. Deshalb muß überall da, wo es an der natürlichen Durchläſſigkeit des Bodens fehlt, die erſte Sorge des Landwirts darauf gerichtet ſein, je nach den Verhältniſſen, durch offene Gräben, Waſſerfurchen und Beetkultur oder aber durch unterirdiſche Abzüge mittelſt Drainröhren, Abhülfe zu ſchaffen. Die regelrechte Trockenlegung des Landes iſt die Grundlage und die un— erläßliche Bedingung für erfolgreiche Kultur. Alles Ackern 144 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. und Düngen iſt vergebens, ſolange das Waſſer in und auf dem Boden feſtliegt. Keine Melioration rentiert ſich beſſer, als die Röhrendrainage, vorausgeſetzt, daß ſie nach den Regeln der Kunſt geplant und unter ſtrenger Kontrolle ausgeführt wird. Auf drainiertem Lande ſind die ſchmalen Beete überflüſſig; notwendig ſind ſie dagegen überall dort, wo aus Mangel an Gefäll und Vorflut oder aus ökonomiſchen Gründen nicht drainiert werden kann, und es iſt ein großer Fehler, auf ſchweren, undurchläſſigen Feldern die Beetkultur bei der Winterung zu beſeitigen. Alle unſere Getreidearten kommen darin miteinander überein, daß ſie einen durchläſſigen Untergrund verlangen, ſonſt aber ſind ihre Anforderungen an die Beſchaffenheit des Bodens verſchieden. Dieſe Anforderungen muß der Landwirt genau kennen und in jedem Fall die Getreideart wählen, die am beſten für das Klima und den Boden paßt. Nehmen wir das Klima Deutſchlands zur Vorausſetzung, ſo läßt ſich im allgemeinen angeben, welche Getreidearten auf den verſchiedenen Bodenarten angebaut werden können. Der Hafer gedeiht auf ſchwerem und leichtem Lande, ſofern es an Feuchtigkeit nicht fehlt. Roggen, Hirſe und Fennich lieben einen ſandigen und trocknen, Weizen und Spelz dagegen einen thonigen und feuchten Boden. Die Gerſte paßt für den Mittelboden, der etwa zur Hälfte aus Thon, zur Hälfte aus Sand beſteht; bei hoher Kultur gedeiht ſie auch auf Thon⸗, weniger ſicher auf Sandböden. Dem Mais, wenn er als Körnerfrucht angebaut werden ſoll, muß ein leichter, warmer und thätiger Boden zugewieſen werden. Ein mäßiger Gehalt an Kalk iſt für alle Getreidearten zuträg⸗ lich. Für Weizen, Spelz und Gerſte darf dieſer Bodengemengteil in ſtärkerem Maße vertreten ſein als für Roggen und Hafer. Ebenſo iſt ein mäßiger Gehalt an fruchtbarem, mildem Humus für alle Getreidearten günſtig. Dagegen bildet der lockere, ſchwammige Torf⸗ und Moorboden keinen geeigneten Standort. Die Getreidegräſer liefern hier ſchlaffes Stroh und ſchmächtige Körner. Doch können dieſe Bodenarten durch angemeſſene Behandlung(Dammkultur, Veenkultur) für den Anbau von Hafer, Roggen, Gerſte und Hirſe geſchickt gemacht werden, während der Weizen auch nach der Melioration hier unſicher bleibt. Jedes Getreide, ſowie jedes Gewächſe, ſagt Schwerz in ſeiner originellen Weiſe, hat einen Boden, eine Lage, worin es ſich gefällt, ſo⸗ wie eine andere Stellung, in der es nicht fort will. Etwas hinzwingen wollen, wo es ſeiner Beſtimmung nach nicht hingehört, bleibt entweder eitles Bemühen oder gewährt wenig Nutzen. Die Natur in ihrem Gange meiſtern wollen, zeigt Unſinn, ihr folgen und nachhelfen, Klugheit. Die Beackerung. Die beſte Zubereitung des Landes für die Winterungsſaaten iſt die Brache. Das wird ziemlich allgemein anerkannt. Dagegen gehen ——— —— Die Beackerung. 145 die Anſichten darin auseinander, ob der Nutzen der Brachbearbeitung ſo ſchwer ins Gewicht falle, daß es rätlich, den Ertrag eines Jahres zu opfern, oder ob es nicht vielmehr vorzuziehen ſei, durch Einhaltung einer rationellen Fruchtfolge, namentlich durch Einfügung der Futter⸗ gewächſe und Hackfrüchte, die Brache zu vermeiden oder zu erſetzen. Die allgemeinen Geſichtspunkte, die bei der Entſcheidung dieſer in den Betrieb der Landwirtſchaft tief eingreifenden Frage in Betracht kommen, ſind von Koppe in ebenſo umſichtiger wie praktiſcher Weiſe dargelegt worden. Wir geben ſeine Worte(mit einigen Abkürzungen und Zuſätzen) wieder, weil wir nichts beſſeres an die Stelle zu ſetzen wiſſen. Die reine Brachbearbeitung vor den Winterhalmfrüchten, und vorzugsweiſe vor dem Weizen, wird unerläßliche Bedingung des ſicheren Ertrages, je nördlicher die Lage des Landes iſt. Darauf nehmen die Schriftſteller des ſüdlichen und weſtlichen Deutſchlands nicht genug Rückſicht, wenn ſie die Meinungen der Landwirte beurteilen, die bei allgemeinen Angaben auch die Verhältniſſe der Länder zwiſchen der Weichſel und Oder beachten. Die Vegetation beginnt hier ſpäter, mithin räumen die Vorfrüchte auch ſpäter das Land. Die Saatzeit der Winter⸗ früchte tritt aber früher ein, wozu nun noch der Drang der Arbeiten kommt, indem die Ernte mit der Vorbereitung des Landes zu der neuen Winterkornſaat zugleich beeilt werden muß. Außerdem iſt zu berückſichtigen, daß das ſüdweſtliche Deutſchland wegen ſeiner Gebirgszüge in der Regel nicht ſo trockenes Sommerwetter hat, wie es in dem nordöſtlichen von der Weſer bis zur Weichſel in ſehr vielen Jahrgängen herrſchend iſt. Dort müſſen Gewitter und die damit verbundenen Erſcheinungen und atmoſphäriſchen Niederſchläge notwendig häufiger ſein, wie auch zur Genüge allen Verſicherungsgeſell⸗ ſchaften gegen Hagelſchaden bekannt iſt. Wir laſſen dahingeſtellt, in welchem Teile der Getreidebau mit größerem Erfolg betrieben werde; aber ſo viel iſt ſicher, daß eine Gegend, die einen längeren Sommer mit mehr abwechſelnder Witterung hat, ſich mehr dazu eignet, die Winterhalmfrüchte nach Vorfrüchten anzubauen, als eine andere, wo die entgegengeſetzten Verhältniſſe die Regel ſind. Die Vorfrüchte vor den Winterhalmfrüchten ſind weniger wegen ihrer Erſchöpfung der Ackerkraft, ſondern mehr deshalb nachteilig, weil ſie die Krume des ſandigen Bodens ſtaubig und loſe und des thonigen bröcklich und klößig machen, ſo daß der eingeſäete Samen weder Halt noch Feuchtigkeit findet, um vor dem Froſte gehörig anzuwurzeln und ſtarke Stöcke zu bilden. Wenn aber nach dem gewöhnlichen Witterungs⸗ verlaufe zu erwarten iſt, daß das Stoppelland Feuchtigkeit genug er⸗ halten werde, um zur Fäulnis zu gelangen und in eine mürbe Krume verſetzt zu werden, dann kommt der Nachteil einer Vorfrucht ſelbſt vor Weizen nur inſofern in Betracht, als der Acker dadurch an Kraft verloren hat, wogegen eine anhaltend dürre Beſchaffenheit der Krume im Herbſte der Grund zu einer ganz mißratenen Ernte werden kann. Bei einer guten Sommerbrache, ſagt unſer Gewährsmann, der auf Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 10 146 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. eine fünfzigjährige Erfahrung zurückblicken konnte, iſt mir noch kein Fall bekannt, wo thoniger, zum Weizenbau geeigneter Boden im Sep⸗ tember nicht die nötige Vorbereitung zur Weizenſaat erhalten hätte. Die Meinung der beſten Landwirte, ſelbſt der engliſchen, iſt auch darüber einig, daß keine Vorbereitung zum Weizenbau einen ſichereren Erfolg verheiße, als eine Brachbearbeitung. Auf ſtrengem Thonboden, der weder durch Humus noch durch Sand oder Kalk gelockert iſt, ſowie auf magerem Thon- und Lehm⸗ boden mit undurchlaſſendem Untergrunde werden die meiſten Landwirte ihre Rechnung mehr bei der reinen Brachbearbeitung finden, als wenn ſie den Weizen nach Raps oder behackten Bohnen ec. folgen laſſen. Auf reichem humoſem Thon- und Thonmergelboden ſowie auf reichem, tiefgründigem Lehm⸗ und Lehmmergelboden kann ſchon eher ein einträglicher Weizenbau nach Vorfrüchten ſtattfinden. Die reine Brachbearbeitung, die das Land mürbe macht und doch ſtets feucht erhält, iſt auch die beſte Vorbereitung zur Roggeneinſaat. Findet die Brachbearbeitung nach mehreren Weidejahren ſtatt, ſo iſt auf den Bodenarten, in denen der Sand den Hauptbeſtandteil aus⸗ macht, eine reiche Roggenernte mit der größten Sicherheit zu er⸗ warten, vorausgeſetzt, daß der Umbruch des Weidedreeſches(Brach⸗ fahre) ſchon im Juni beginnt, ſo daß die beiden folgenden Pflug⸗ furchen(Wendefahre und Saatfahre) nicht übereilt zu werden brauchen. Da indeſſen faſt jede Frucht zu teuer wird, wenn ſie die Land⸗ pacht für zwei Jahre erſtatten muß, ſo nötigt die höhere Rückſicht, die der Landwirt dem Reinertrage der ganzen Wirtſchaft ſchuldig iſt, dem Roggenbau ſeine Stelle auch nach Vorfrüchten anzuweiſen. Je geringer die Ertragsfähigkeit des Bodens von Natur iſt und je mehr es an Dünger zur Bereicherung des Ackers fehlt, um ſo ſeltener darf Roggen nach Vorfrüchten folgen. Hier iſt es offenbar ratſamer, eine unſichere Frucht wegzulaſſen und einer edleren Frucht die Beſtellung zu widmen, die ſie zu ihrem Gedeihen bedarf. Wenn dagegen ein von Natur fruchtbarer Boden und das Vor⸗ handenſein vieler Düngungsmittel zuſammentreffen, ſo würde es Ver⸗ ſchwendung ſein, zu Roggen eine reine Sommerbrache zu geben. Die Brachbearbeitung iſt hier um ſo weniger am Platz, als nach ihr in der Regel Lagerfrucht entſtehen würde.“) Was nun die Vorfrüchte der Winterung betrifft, ſo beſteht bei den Hackfrüchten(Knollen⸗ und Wurzelgewächſen) der Übelſtand, daß ſie das Feld zu ſpät räumen, ſo daß der Boden nach dem Pflügen keine Zeit hat, ſich zu ſetzen. Nur nach Frühkartoffeln kann Winter⸗ roggen oder Weizen folgen, die in dieſer Stellung zwar nicht viel Stroh, aber vorzügliche Körner liefern. Im allgemeinen hat die Folge Hackfrucht Winterung keine große praktiſche Bedeutung. Dieſer Platz gehört der Sommerung. Wo daher keine Brache gehalten wird, da bleibt nichts übrig, ¹) Koppe, Unterricht im Ackerbau ꝛc. 1861, II. S. 178 ff. iſt ind Die Beackerung. 147 als die Winterung nach Handelsgewächſen(Raps, Tabak, Lein, Hanf), nach Hülſenfrüchten(Bohnen, Erbſen) oder nach Futtergewächſen(Klee, Kleegras, Lupinen, Spörgel, Wickhafer ꝛc.) folgen zu laſſen, indem der Fruchtwechſelwirt aus guten Gründen es möglichſt vermeidet, zwei Jahre hintereinander Halmfrüchte auf demſelben Felde anzubauen. Die Behandlung der Brachbearbeitung müſſen wir hier als be⸗ kannt vorausſetzen. Die Hauptſache iſt dabei die Wahrnehmung des richtigen Zeitpunktes für jede Operation. Die mechaniſche Zerkleine⸗ rung des Bodens thut es nicht allein, ſonſt könnte man heute die erſte, morgen die zweite, übermorgen die dritte Furche geben. Man muß dem Acker Ruhe laſſen, damit er in ſich ſchaffen und arbeiten, unter dem Einfluſſe von Wärme, Feuchtigkeit und Sauerſtoff ſich zerſetzen und verwittern, und durch die Mitwirkung kleiner Pflanzen und Tiere morſch und mürbe werden kann. Beſondere Aufmerkſamkeit iſt der Reinigung des Bodens von Wurzel⸗ und Samenunkräutern zuzu⸗ wenden. Bei der Herbſtbeſtellung nach den oben aufgezählten Vorfrüchten iſt in allen Fällen wichtig, daß der Umbruch ſofort nach Aberntung der Vorfrucht geſchieht, um die noch vorhandene Feuchtigkeit, die auf dem Stoppellande ſehr leicht verloren geht, zu erhalten und neue Feuchtigkeit aus der Atmoſphäre und dem Untergrunde anzuziehen. Im übrigen kann die Beſtellung mit einer, mit zwei oder mit drei Furchen vollführt werden. Drei Furchen zu geben, deren Wirkung der Sommerbrache gleichkommt, wird nur nach Raps möglich ſein. Werden zwei Furchen in Ausſicht genommen, ſo erfolgt die erſte flach mit dem Schälpflug oder Dreiſchar(auf leichteren Böden allenfalls auch mit dem Krümmer oder Exſtirpator), die zweite zu voller Tiefe jedenfalls ſo früh, daß das Land mindeſtens noch drei Wochen Zeit hat, ſich zu ſetzen. Statt dieſer zwei getrennten Furchen kann ſich unter Umſtänden das Doppelpflügen oder das Rajolpflügen(mit einem Pflug mit Schälſech) empfehlen. Eine Vertiefung der Ackerkrume vor Getreide iſt jedoch nicht am Platze, weil die Wurzeln dieſer Pflanzen den aus dem Untergunde heraufgeholten rohen Boden nicht vertragen können. Von der Sommerung macht der Hafer nur geringe, die Gerſte dagegen ſehr hohe Anſprüche an die Zubereitung des Landes. Worauf dies beruht, iſt wiſſenſchaftlich noch nicht klar gelegt. Bis jetzt läßt ſich nur ſoviel ſagen, daß die Aneignungsfähigkeit der Wurzel, in Übereinſtimmung mit der Länge der Wurzelhaare, bei dem Hafer größer iſt als bei der Gerſte. Der Hafer gedeiht auf der umge— brochenen Raſennarbe der Wieſe oder Weide, wie auf dem wilden Rodelande des Waldes, wo außer ihm nur noch Hirſe und Roggen fortkommen, ſofern der Boden Sand genug beigemiſcht enthält. In der Fruchtfolge bekommt der Hafer oft den letzten Platz als abtragende Frucht, und wenn irgendwo ein Stück Land übrig bleibt, dem man eine andere Kulturpflanze nicht anzuvertrauen wagt, ſo nimmt man zu dem Hafer ſeine Zuflucht. Er verſagt faſt nie, wenn er die nötige 10* 148 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Feuchtigkeit findet. Aber auch der Hafer iſt dankbar für eine beſſere Behandlung und auf wohl zubereiteten Feldern liefert er, ſelbſt in Geld berechnet, oft eben ſo hohe, nicht ſelten höhere Ertäge, als jede andere Geteideart. Im allgemeinen wird der Hafer nicht in dem Maße gewürdigt, wie er es verdient. Die Gerſte ſchlägt bei einer derartigen Mißhandlung, wie ſie ſich der Hafer vielfach gefallen laſſen muß, gänzlich fehl. Sie ver⸗ langt ein gartenmäßig zubereitetes Saatbeet, nur in einem ſolchen gedeiht dieſes Kind der höheren Ackerkultur. Keine unſicherere Frucht als Gerſte, ſagt Koppe, wo der Landwirt noch mit Säure, Mager⸗ keit und einem kloßigen rohen Zuſtande ſeiner Ackerkrume zu kämpfen, oder wo die Urbarmachung erſt ſtattgefunden hat. Hier muß niemand Gerſte bauen, wenn auch die Miſchungsverhältniſſe des Bodens der Gerſte günſtig ſcheinen. Roggen und Hafer vertragen ſich mit einer gewiſſen Roheit des Bodens, aber Gerſte nie. Ein wichtiger allgemeiner Geſichtspunkt bei der Zubereitung des Landes zu Sommerung iſt die Erhaltung der Winterfeuchtigkeit. Dies iſt dadurch zu erreichen, daß 1. das Pflügen vor Winter ausgeführt, im Frühjahr dagegen auf allen trocknen, d. h. zum Austrocknen ge⸗ neigten Böden vermieden, und daß 2. die Kruſte des eben abge⸗ trockneten Landes möglichſt früh(in den ſchönen Tagen des Februar oder März) mit der Egge gebrochen wird. Die Kruſte befördert das Austrocknen ungemein, während eine dünne lockere Schicht auf der Oberfläche den unter ihr befindlichem Boden vor dem Austrocknen ſchützt. Von demſelben Prinzip kann man auch im Sommer bei der Be⸗ arbeitung der Brache und ſonſt bei der Beſtellung mit Vorteil Ge⸗ brauch machen. Ich habe z. B. einmal verſuchsweiſe etwa die Hälfte des Brachſchlages(es war zweijähriger Weidedreeſch auf lehmigem, feinkörnigem Sandboden) früh im Juni bei trockenem Wetter mit dem Krümmer ganz flach aufreißen laſſen, während die andere Hälfte un⸗ berührt liegen blieb. Der Unterſchied bei dem Brachpflügen war in die Augen ſpringend. Das gekrümmtere Stück zeigte ſich durch und durch feucht, das Pflügen ging leicht und die Erde krümelte: das andere Stück, dicht daneben, war ſo hart und trocken, daß es nur mit großer Anſtrengung gepflügt werden konnte und von Krümelung war keine Rede. Die wiſſenſchaftliche Erklärung hierfür iſt längſt gefunden. Sie lautet: Ein gleichmäßig dichter Boden verliert die Feuchtigkeit, weil das Waſſer fortwährend durch Kapillarität von unten nach oben auf⸗ ſteigt, um an der Oberfläche zu verdunſten. Ein Boden dagegen, der mit einer gelockerten Erdſchicht bedeckt iſt, hält ſich feucht, weil die Kapillarität in dieſer lockeren Schicht nicht wirken kann.— Dieſe Erklärung ſcheint der Erfahrung, die man bei Anwendung der Walze macht, zu widerſprechen; trotzdem iſt ſie richtig. Die Walze zieht die Feuchtigkeit nach oben; ſolange die tieferen Schichten noch Waſſer hergeben können, hält ſich die obere Schicht feucht auf Koſten jener. Die Beackerung.— Die Düngung. 149 Im ganzen aber verliert ein gewalzter Boden mehr Waſſer als ein ungewalzter. Einen eigentlichen Schutz gegen das tiefe und ſtarke Austrocknen des Bodens gewährt nur die wiederholte Lockerung an der Oberfläche. Eine paſſende Illuſtration hierzu liefert folgender Verſuch, der von einem guten Beobachter herrührt. Er fand, daß die Maulwurfs⸗ haufen trotz ihrer Lockerheit ſich auffallend lange feucht erhielten. Um ſich näher hiervon zu überzeugen, ließ er aus der Erde eines friſch aufgeworfenen Maulwurfshaufens in der benachbarten Ziegelei einen Backſtein ſtreichen und legte ihn neben einen zweiten Maulwurfshaufen, der unberührt blieb. Es ergab ſich, daß der Backſtein längſt durch und durch ausgetrocknet war, als der Maulwurfshaufen unmittelbar unter der Oberfläche immer noch Feuchtigkeit enthielt. Die Düngung. Was iſt die Hauptſache beim Ackerbau? Gut pflügen. Was zweitens? Pflügen. Was drittens? Düngen.(Cato.) Die Urſache der geringen Ernten liegt nicht in dem Alter oder der Müdigkeit der Erde, ſondern in unſerer Unthätigkeit. Für jeden Boden, der durch den Anbau der angreifenden Gewächſe erſchöpft worden, giebt es eine zuverläſſige Medizin: das iſt der Dünger, der wie eine Art Futter die verbrauchten Kräfte des Bodens wieder⸗ herſtellt. Es ſteht in unſerer Hand, reichere Ernten zu machen, wenn wir durch oft wiederholte, rechtzeitige und mäßige Düngung die Erde immer von neuem mit Nahrung verſorgen.(Columella.) Dieſe Lehrſätze ſind vor 1900 Jahren aufgeſtellt worden und ſie haben noch heute ihre Gültigkeit. Schon zu jener Zeit hatte man erkannt, daß gewiſſe Gewächſe dem Boden nützen, während andere ihn verderben und erſchöpfen. Zu den nützlichen oder bereichernden rechnete man namentlich die Lupine, deren Kraut die Kraft des beſten Düngers beſitzt, und die Futterwicke, wenn ihr, grün abgeſchnitten, ſofort der Pflug folgt, um alles, was die Sichel zurückgelaſſen, bevor es vertrocknet, loszureißen und mit Erde zu überſchütten: dies wirkt wie ein Dünger. Zu den ſchädlichen oder angreifenden Gewächſen zählte man unter anderen Lein, Mohn, Hafer, Hirſe und Fennich. Dabei iſt vorausgeſetzt, daß die genannten Pflanzen die Vorfrüchte bilden für die folgenden Hauptſaaten: Weizen, Spelz und Gerſte. In der Düngerlehre der römiſchen Schriftſteller finden wir folgende Einteilung und Rangordnung der Düngerarten. Es giebt vornehmlich drei Arten von Miſt: Vogelmiſt, Menſchenmiſt und Vieh⸗ miſt. Der erſte Platz gebührt dem Taubenmiſt, der, mäßig aus⸗ geſtreut, die Erde in Gärung verſetzt oder fermentiert. An zweiter Stelle ſteht der Menſchenmiſt, wenn ihm der Kehricht des Hauſes 150 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. beigemengt wird, denn für ſich iſt er zu hitzig. Die dritte Stelle nimmt der Viehmiſt ein. Aber auch bei dieſem beſteht ein Unter⸗ ſchied. Für den beſten gilt der Eſelmiſt. Nach dieſem folgt der Schaf- und Ziegenmiſt, bald darauf der Maultier⸗ und Rindviehmiſt. Am ſchlechteſten von allen iſt der Schweinemiſt. Aus dieſer Rangordnung folgt, daß die Römer den Wert des Düngers in erſter Linie nach dem Stickſtoffgehalt beurteilten, wenn ſie den Stickſtoff als ſolchen auch nicht kannten. Da Columella aber ausdrücklich auch die Verwendung der Holz⸗ und Knochenaſche als ſehr nützlich empfiehlt, ſo läßt ſich die Erfahrung der alten Zeit, unter dem Lichte der neueren Naturforſchung, in folgenden Satz zu⸗ ſammenfaſſen: Die Wirkung und der Wert des Düngers beruht vor⸗ zugsweiſe auf ſeinem Gehalt an Stickſtoff, Phosphorſäure und Kali. Die Agrikulturchemie hat uns dieſe Stoffe kennen gelehrt, und Wiſſenſchaft und Praxis haben ſich die Hände gereicht, um das Wie? und Wievield der Düngung zu ergründen. Als die Normalgrenzen, innerhalb deren die Gaben von Stick⸗ ſtoff, Phosphorſäure und Kali für die Halmfrüchte zu wählen ſind, bezeichnet Paul Wagner') die folgenden. Geringſte Mittlere Höchſte Gabe: Düngung: Gabe: kg pr. ha kg pr. ha kg pr. ha- löslicher Stickſtoff... 10 25 40 lösliche Phosphorſäure.. 30. 50 80 Kalil. 30 50 100 Der Landwirt hat ſich nun zu überlegen, ob er unter ſeinen ſpeziellen Kulturverhältniſſen die„mittlere“ Düngung wählen, oder ob er bezüglich des einen oder des anderen Nährſtoffs nach der unteren oder nach der oberen Grenze hin von jener abweichen ſoll. Als Anhaltspunkte hierfür giebt Wagner die folgenden kurzen Notizen, indem er des weiteren auf ſeine Beſprechung der verſchiedenen Düngungsfragen verweiſt. Es ſind zu berückſichtigen: a) Die Bodenverhältniſſe. Trockener, leichter Boden verlangt geringere Phosphorſäure⸗, ſtärkere Stickſtoff- und Kalidüngung, während ein feuchter und ſchwerer Boden die Phosphorſäuredüngung in den Vordergrund treten läßt. Kalkreicher Boden verträgt und bedarf mehr Phosphorſäuredüngung als ein kalkarmer, und ein humusreicher mehr als ein humusarmer. Je mehr Humus der Boden enthält, um ſo weniger tritt die Stick⸗ ſtoffdüngung in den Vordergrund: Moorboden wird man meiſt gar nicht mit Stickſtoff, dagegen reichlich mit Phosphorſäure und Kali zu düngen haben. ¹1) Paul Wagner, Einige praktiſch wichtige Düngungsfragen, 1885. S. 75. Die Düngung. 151 Es kommt ſodann in Betracht: b) Der Düngungszuſtand des Bodens und die Vor⸗ frucht. Je mehr der Boden durch voraufgegangene Stallmiſtdüngung noch reich an Stickſtoff oder überhaupt in dungkräftigem Zuſtande, vielleicht ſogar geneigt zur Bildung von Lagerfrucht iſt, um ſo mehr hat man ſich von der Stickſtoffdüngung zu entfernen und einer mittleren oder ſtärkeren Phosphorſäuredüngung ſich zuzuwenden. Das Gleiche iſt der Fall, wenn der Acker„ſtickſtoffſammelnde“ Pflanzen, wie Klee, Luzerne, Wicken, Erbſen, Lupinen u. ſ. w. als Vorfrucht getragen oder eine Gründüngung mit ſolchen Pflanzen erhalten hat; man wird, je nachdem der Boden von Natur ſchon kräftiger oder weniger kräftig iſt, den Schwerpunkt der Düngung alsdann auf die Phosphorſäure legen. Hat dagegen die Vorfrucht in Kartoffeln, Rüben oder Halmgewächſen beſtanden, in Pflanzen alſo, die als„ſtickſtoffzehrende“ bezeichnet werden, die aber infolge von vielleicht reichlicher Superphosphatdüngung einen beachtenswerten Überſchuß an Phosphorſäure im Boden zurückgelaſſen haben, ſo gebe man umgekehrt eine ſchwächere Phosphorſäure⸗ und eine kräftigere Stickſtoffdüngung mit eventueller Beigabe von Kali. Endlich iſt noch zu berückſichtigen: c) Die Nachfrucht. Folgt auf das Halmgewächs eine Hackfrucht, ſo iſt jenes reichlich mit Kali zu düngen, weil die Hackfrüchte eine für die Vorfrucht ge⸗ gebene Kalidüngung mehr lieben als eine direkte Düngung. Gleicher⸗ weiſe hat man auf eine reichliche Kalidüngung Gewicht zu legen, wenn die Halmfrucht mit Klee⸗Einſaat gebaut wird, denn der Klee und alle kleeartigen Gewächſe beanſpruchen einen an leichtlöslichem Kali und an Phosphorſäure reichen Boden. Zur näheren Erläuterung geben wir einige Beiſpiele, eins für den Roggen, eins für den Weizen, eins für die Gerſte. Erſtes Beiſpiel. Frage. Zweijähriger Weidedreeſch auf humushaltigem lehmigem Sandboden ſoll durch Sommerbrache zur Roggenſaat vorbereitet werden. Zur Düngung ſtehen 6 Fuder à 15 bis 20 Zentner pro Morgen oder rund 20 000 kg Stallmiſt pro Hektar zur Verfügung. Es entſteht die Frage: Iſt ein Zuſchuß von Phosphorſäure angezeigt und in welcher Form und Höhe iſt er zu geben? Antwort. Wir entſcheiden uns für einen Zuſchnß von 200 kg Thomasſchlackenmehl pro Hektar. Begründung. In 20 000 kg Stallmiſt in mäßig verrottetem Zuſtande ſind nach den im landwirtſchaftlichen Kalender von Mentzel und v. Lengerke mitgeteilten Durchſchnittsanalyſen enthalten: Stickſtoff 100 kg Phosphorſäure 52„ Kali 126„ 152 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Vergleichen wir dieſe Zahlen mit den weiter oben angegebenen Normalgrenzen, ſo erſehen wir, daß der Stallmiſt im Verhältnis zu den beiden anderen Pflanzennährſtoffen entſchieden zu wenig Phos⸗ phorſäure enthält. Um der Gefahr des Lagerns vorzubeugen und die normale Entwicklung der Körner zu ſichern, erſcheint ein Zuſchuß von Phosphorſäure geboten. Wie groß muß der Zuſchuß ſein? Nach den Angaben von Wagner ſoll das Verhältnis zwiſchen dem löslichen Stickſtoff und der löslichen Phosphorſäure 1:3 oder 1:2 betragen. In dem Stallmiſt iſt das Verhältnis zwiſchen Stickſtoff und Phosphorſäure umgekehrt 2:1, aber wir wiſſen nicht, wieviel wir für die in Ausſicht genommene Roggenſaat als löslich und wirkſam in Anrechnung bringen dürfen, und wieviel für die folgenden Saaten im Boden verbleibt. Die Rechnung iſt hier unſicherer, als wenn wir es ausſchließlich mit künſtlichem Dünger zu thun haben, deſſen Gehalt an löslichen Stoffen uns bekannt iſt. Nehmen wir an, daß von den im Stallmiſt ent⸗ haltenen 52 kg Phosphorſäure die Hälfte im erſten Jahre löslich wird, ſo würden wir mit einem Zuſchuß von 24 kg löslicher Phosphorſäure den Vorrat an nutzbarer Phosphorſäure auf 50 kg bringen. Das er⸗ ſcheint uns, im Hinblick auf die leichte Beſchaffenheit des Bodens, als ausreichend. Es wird uns nun ein Thomasſchlackenmehl mit einem garantierten Gehalt von 13% citratlöslicher Phosphorſäure zu einem annehmbaren Preiſe offeriert. Davon brauchen wir, um die fehlenden 24 kg Phos⸗ phorſäure zu decken, rund 200 kg. Praktiſche Ausführung. Der Stallmiſt wird jedenfalls mit der erſten Furche(Brachfahre) untergepflügt. Das Thomasmehl kann gleichfalls mit der erſten oder auch erſt mit der dritten Furche(Saat⸗ fahre) untergepflügt werden. Das Unterpflügen hat den Vorteil, daß die Phosphorſäure gleichmäßig in der Ackerkrume verteilt wird. Im Notfall kann das Thomasmehl auch auf die rauhe Furche geſtreut und eingeeggt werden. Jedenfalls aber muß es im Herbſt vor der Saat in die Erde kommen, damit die Phosphorſäure Zeit hat, ſich zu löſen. Zweites Beiſpiel. Frage. Wir haben auf ſchwerem Lehmboden einen Schlag ge⸗ drillten Winterweizen, der im Frühjahr einen zu ſchwachen Beſtand zeigt; es ſind Pflanzen genug vorhanden, aber es fehlt ihnen an Kraft. Wie iſt dem Weizen zu helfen? Antwort. Durch Behacken der Saat im März, alsbald, nach⸗ dem das Land abgetrocknet, und nachfolgendes Überſtreuen von 150 bis 200 kg Chileſalpeter pro Hektar Ende April oder Anfang Mai. Drittes Beiſpiel. Frage. Auf mildem Lehmboden folgt Gerſte mit Klee nach Kartoffeln, die mit 25 000 kg Stallmiſt gedüngt worden waren. Was für eine Düngung ſollen wir wählen? d N Bo— Die Saat. 153 Antwort. 120 kg Chileſalpeter(mit 18,6 kg garantiertem Stickſtoff), 300 kg Phosphorit⸗Superphosphat (mit 45 kg garantiert löslicher pro Hektar Phosphorſäure), 100 kg Chlorkalium(mit 50 kg garantiertem Kali) Begründung. Durch die reiche Kartoffelernte des Vorjahres iſt der Boden ſtark an Stickſtoff, Phosphorſäure und Kali erſchöpft worden. Wir nehmen daher eine Düngung mit Chileſalpeter in Aus⸗ ſicht, bemeſſen ſie aber nur auf 120 kg pro Hektar, um der Qualität der Gerſte nicht zu ſchaden. Die Phosphorſäure ſoll ebenfalls haupt⸗ ſächlich der Gerſte zu gute kommen. Das Kali, der Gerſte nicht ge⸗ rade zuträglich, iſt namentlich für den Klee berechnet, auf deſſen Ge⸗ deihen wir beſonderen Wert legen. Praktiſche Ausführung. Der Kalidünger wird im Herbſt ausgeſtreut und untergepflügt. Das Ausſtreuen und Eineggen des Superphosphats und des Chileſalpeters erfolgt im Frühjahr einige Tage vor der Saat der Gerſte. Die Saat. Die Auswahl des Saatguts. Eigene Samengewinnung.— Im allgemeinen iſt es üblich und ratſam, daß jeder Landwirt das erforderliche Saatkorn ſich ſelbſt erzieht. Dabei ſind folgende Grundſätze zur Richtſchnur zu nehmen. 1. Auswahl des geeigneten Bodens. Lage frei und ſonnig. Untergrund weder naß noch brennend. Obergrund weder zu leicht noch zu ſchwer. Paſſende Bodenarten zur Gewinung einer vorzüg⸗ lichen Saatware: Lehm, Lehmmergel und Thonmergel bei Weizen, Gerſte und Hafer; bei Roggen milder Lehm und lehmiger Sand. 2. Saubere Beackerung. Schwarze Brache. Gründliche Reinigung des Bodens von Unkraut.. 3. Angemeſſene Düngung. Alte Kraft beſſer als friſche Stall⸗ miſtdbünguug. Beidüngung mit künſtlichem Dünger. Phosphorſäure reichlich. Stickſtoff mäßig. 4. Sorgfältige Auswahl des Samens.„Für die Ausſaat iſt das Beſte nicht zu gut.“ Paſſende Varietät. Saatkorn groß und ſchwer, friſch und keimfähig, frei von Unkrautſamen, Pilzſporen und Anguillulen. 5. Mäßiges Ausſaatquantum. 6. Drillſaat mit genügender, aber nicht übertriebener Reihen⸗ entfernung. 7. Saatzeit dem Klima angemeſſen. Nicht zu früh, nicht zu ſpät. 8. Behacken und Jäten der Saat mit der Hand oder mit der Maſchine. 154 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. 9. Ernte mit Aufmerkſamkeit. Schnitt im richtigen Stadium der Reife; nicht vor der Gelbreife, nicht nach der Vollreife. Trocken ein⸗ fahren nach dem völligen Erhärten der Körner. 10. Ausdreſchen vor Beginn oder nach Beendigung des Schwitzens, nicht während des Schwitzens. 11. Wiederholtes Reinigen der Körner durch Wurfen, Sieben, Sortieren ꝛc. 12. Dünnes Aufſchütten und häufiges Umſchaufeln. In der konſequenten Befolgung und Durchführung dieſer Grund⸗ ſätze liegt die Kunſt, gutes Saatkorn zu gewinnen und die wertvollen Eigenſchaften von Jahr zu Jahr zu verbeſſern und auf der Höhe zu erhalten. Beſondere Maßregeln zu dieſem Zweck ſind die künſtliche Zuchtwahl und die künſtliche Kreuzung. Künſtliche Zuchtwahl.— Eine einfache Art künſtlicher Zuchtwahl treibt jeder Landwirt, der der Gewinnung des Saat⸗ korns einige Aufmerkſamkeit und Sorgfalt zuwendet. Zuchtwahl iſt es, wenn man von zwei Schlägen Weizen den zur Saat beſtimmt, auf dem die AÄhren länger, voller und gleichmäßiger ſind als auf dem andern. Zuchtwahl iſt es, wenn man durch Wurfen oder Sieben die großen Körner von den kleinen, die ſchweren von den leichten ſondert, in der Abſicht, nur die beſten als Saatgut zu benutzen. Dieſe einfache Art der Zuchtwahl iſt überall durchführbar, im großen wie im kleinen, mit und ohne koſtſpielige Maſchinen, und es könnte überflüſſig erſcheinen, auf die eminent praktiſche Bedeutung dieſer bekannten Dinge ausdrücklich und nachdrücklich hinzuweiſen, wenn man nicht ſo oft die Erfahrung machte, daß gerade das nächſt⸗ liegende am wenigſten beachtet wird. Bei der Gewinnung des Saatguts kann das Ausſuchen und Aus⸗ ſondern des Vollkommenſten nicht leicht zu weit getrieben werden. Mit kleinen Anfängen läßt ſich hier Großes erreichen. Man bedenke, daß eine Hand voll Körner, ſagen wir beſtimmter 1000 Roggenkörner in zwei Jahren 20 000 000 Körner liefern, die zum Beſäen von 2 ½ ha oder 10 Morgen völlig ausreichen. Die bekannte Chevalier⸗Gerſte, jetzt über viele Länder verbreitet, iſt aus einem einzigen Korn her⸗ vorgegangen. Es iſt daher, wenn es ſich darum handelt, von einer bewährten alten oder von einer entdeckten neuen Sorte einen einheitlichen Stamm geſunder und kräftiger Pflanzen heranzuziehen, empfehlenswert und lohnend, unter Vermeidung der Randpflanzen, die ſchönſten Ahren und die ſchönſten Körner auszuwählen und auszuleſen. Die ſchönſten Körner ſitzen in den ſchönſten Ähren und die ſchönſten Ahren ſtehen auf den ſchönſten Halmen. Schön iſt hier ſo viel wie leiſtungsfähig, und in Bezug auf die Leiſtungsfähigkeit ſind beſonders folgende drei Sätze zu merken: 1. Große und ſchwere Körner ſind leiſtungsfähhiger als kleine und leichte, und die Körner aus großen Ahren Die Saat. 155 beſitzen eine größere Produktionskraft als gleich große Körner aus kleinen Ahren.¹) 2. Hervorragende Geſetzmäßigkeit in der Gliederung des Halmes geht Hand in Hand mit hervorragender Leiſtungsfähigkeit im Körnerertrage. 3. Geſetzmäßig gegliederte Halme erzielen mit dem geringſten Aufwand an Baumaterial die größte Trag⸗ fähigkeit, Knick⸗ und Biegungsfeſtigkeit, d. h. mit einem Wort die größte Widerſtandsfähigkeit gegen das Lagern. Vergl. S. 92— 99. Auf dieſem Wege gelangt man von der einfachen zu der höheren Zuchtwahl, mit der ſich bis jetzt nur wenige Landwirte beſchäftigt haben. Sie iſt auch nicht für jedermann. Die Mehrzahl der Landwirte wird ſich auf die vorhin angedeutete einfache Zuchtwahl beſchränken. Nur wer ſich berufen fühlt, die Getreidezüchtung als Spezialität zu betreiben, kann ſich auf die höhere Zuchtwahl einlaſſen. Dazu gehört vor allen Dingen ein geübtes Auge und eine geſchickte Hand, ferner Sachkenntnis, Zeit und Ausdauer, und außerdem eine Anzahl geeig⸗ neter Verſuchsfelder nebſt mancherlei Einrichtungen, auf deren Be⸗ ſchreibung hier nicht näher eingegangen werden kann. Wir müſſen uns überhaupt hier wie überall kurz faſſen und beginnen mit Hallet, der mit ſeiner genealogiſchen Zuchtwahl ſich weit über die Grenzen ſeines Landes hinaus einen großen Namen gemacht hat. F. F. Hallet in Brighton, England, widmete mehr als dreißig Jahre lang einen nicht unerheblichen Teil ſeiner Zeit und Arbeits⸗ kraft der Zucht und Veredlung von Weizen⸗, Gerſte⸗ und Haferpflanzen, hauptſächlich aber verlegte er ſich auf die Weizenzüchtung. Sein Ver⸗ fahren beſteht in einer beharrlich fortgeſetzten, äußerſt ſtrengen Aus⸗ wahl des Saatguts— Zuchtwahl im engeren Sinne des Wortes—, verbunden mit ſorgfältiger Kultur. Bei der Kultur befolgt er beſonders drei Grundſüätze: 1. Frühe Saat, wo möglich im Auguſt, nur ausnahmsweiſe ſpäter als im September. 2. Flache Unterbringung mit dem Pflanzſtocke auf 1,5“ = 4 em Tiefe. Ein Korn in jedes Loch. 3. Großer Stockraum. Ein Korn auf den engliſchen Qua⸗ dratfuß. Das Verſuchsfeld, zum Schutze gegen Vögel mit einem Drahtnetz überſpannt, wird vor und nach der Saat gartenmäßig behandelt. Boden ſehr fruchtbar. Düngung zur Vorfrucht. Mit der Zuchtwahl verhält es ſich, wie folgt. Das erſte Saat⸗ gut wird irgend einem Felde entnommen, indem von einer bekannten und bewährten Sorte eine oder zwei möglichſt vollkommene Ahren ausgewählt werden. Die Körner dieſer Originalähren werden auf ¹) H. Clauſen⸗Wittſtock,„Unterſuchung über die Erblichkeit der größeren Produktionsfähigkeit bei Saatgetreide“. Journal f. Landw. 1891. 156 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. dem Verſuchsfelde in der angegebenen Weiſe ausgepflanzt, um zu er⸗ mitteln, welches Korn thatſächlich das beſte, d. h. das produk⸗ tionsfähigſte iſt. Von der beſten geernteten Pflanze wird die beſte Ähre zur nächſtfolgenden Saat ausgewählt u. ſ. f. Zur Erläuterung diene folgendes von Max Fesca mitgeteiltes Beiſpiel. ¹). Im Jahre 1857 wurden 87 Körner(der Gehalt von zwei Ahren) roter Nurſery⸗Weizen in Kultur genommen. Das beſte Korn erzeugte eine Pflanze mit zehn Ahren, die 79:76:74:73:69: 68:68: 66:60:55, zuſammen 688 Körner enthielten.. Die beſte, 79 Körner enthaltende ÄAhre wurde im folgenden Jahr zur Ausſaat benutzt. Die beſte Pflanze, die aus ihnen hervorging, beſaß(5 nicht zur Reife gelangte AÄhren abgerechnet) 17 Ahren mit 91:87 86:76:75:74:72 67:67:66 65:64.63: 63: 61: 58:55 zuſammen 1 190 Körnern. Die beſte Ähre mit 91 Körnern diente im folgenden Jahre zur Ausſaat u. ſ. f. Demgemäß ſtellt Hallet als Theorie ſeiner Züchtungsmethode folgende Sätze auf: 1. Jede vollentwickelte Pflanze, ſei es Weizen, Hafer oder Gerſte, zeigt eine Ähre, die eine höhere Produktionskraft beſitzt als alle übrigen an derſelben Pflanze. 2. Jede ſolche Pflanze enthält ein Korn, das ſich produktiver erweiſt als jedes andere von derſelben Pflanze. 3. Das beſte Korn an einer gegebenen Pflanze befindet ſich in der beſten Ähre derſelben Pflanze. 4. Die höhere Kraft des Korns iſt in verſchiedenem Grade auf die Nachkommen übertragbar. 5. Durch wiederholte ſorgfältige Auswahl wird die Superiorität verſtärkt. 6. Die anfangs raſche Verbeſſerung verlangſamt ſich nach und nach und bleibt endlich, nach einer langen Reihe von Jahren ſtehen und inſofern feſtſtehend, als, praktiſch ausgedrückt, eine Grenze für die Verbeſſerung in der gewünſchten Qualität erreicht iſt. 7. Fährt man mit der Auswahl immer noch fort, ſo wird die Verbeſſerung aufrecht erhalten und praktiſch iſt ein feſter Typus das Ergebnis. Es handelt ſich hierbei alſo nicht etwa um die Erzeugung einer neuen Pflanzenform, ſondern lediglich um die Verbeſſerung oder Ver⸗ edelung einer alten Sorte. Einigermaßen läßt ſich der Erfolg der Hallet'ſchen Zuchtwahl aus nachſtehender Tabelle beurteilen, in der die Zahl der Körner verzeichnet iſt, die die beſte Ahre von vier Weizenſorten vom Beginn der Züchtung bis zum Jahre 1874 enthielt. Die erſte Zahl in jeder Vertikalreihe bezeichnet den Körnergehalt der Originalähre, die Hori⸗ ¹) M. Fesca, Landw. Studien in England und Schottland 1876. Die Saat. 157 zontalreihe, in der ſie ſteht, bezeichnet das Jahr, in der Hallet die Kultur der betreffenden Sorte begann. Zahl der Körner in der beſten Ähre Ernteiaht Original Red Hunter's Victoria Golden drop ' 1857(47)——— 1858 79——— 1859 91——— 1860 87——— 1861 123——— 1862 93(69)(53)— 1863 9 90 60— 1864 59 91 69 V(32) 1865 92 81 76 39 1866 88 11o 66 575 1867 76 90 87 61 1868 98 121 106 82 1869 111 124 113 74 1870 106 111 98 81 1871 91 89 114 55 1872 71 117 101 96 1873 83 100 78 74 1874 99 98 104 81 Bei allen vier Weizenſorten tritt den Originalähren gegenüber ein bedeutender Fortſchritt hervor, der aber zum guten Teil auf die Kulturmethode, namentlich auf den großen Stockraum, zurückzuführen iſt. Wollen wir erfahren, was die Zuchtwahl für ſich geleiſtet hat, ſo müſſen wir die Originalähren beiſeite laſſen und die durchſchnitt⸗ liche Körnerzahl in den erſten Jahren mit der Zahl in den letzten Jahren vergleichen. Die beſte Ähre enthielt nun Körner: Stück Stück 1. bei Original Redin den erſten 9 Jahren 90, in den letzten 8 Jahren 91 2.„ Hunters„„ 6G e 1606 3.„ Victoria„„,, 01 4. Golden drob,,„ 5 ⸗ 66,„„„ 5„ 89 Folglich ergiebt ſich, daß bei der erſten Sorte„Original Red“ die Zuchtwahl entweder garnichts oder doch nur in den erſten Jahren etwas geleiſtet hat. Schon im zweiten Jahre(1859) war der Durchſchnitt, mit 91 Körnern in der beſten Ähre, erreicht. Dieſes Reſultat iſt wichtig, denn gerade bei der erſten Sorte liegt die längſte Zahlen⸗ reihe(von 17 Jahren) vor, ſo daß wir uns hier ein möglichſt ſicheres 158 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. und richtiges Urteil über die Wirkung der Zuchtwahl bilden können. ¹) Auch bei der zweiten Sorte„Hunters“ iſt der Erfolg der Zucht⸗ wahl nur gering, immerhin merklicher als bei der erſten Sorte. Die dritte Sorte„Victoria“ verhält ſich weſentlich beſſer, und bei der vierten Sorte„Golden drop“ iſt die Wirkung der Zuchtwahl am größten. Ich möchte aus den vorliegenden Zahlen den Schluß ziehen, daß die Hallet'ſche Zuchtwahl nur in dem Falle von dauerndem Erfolg begleitet iſt, wenn die zur Zucht verwandte Original⸗ ähre von einer mit hervorragenden Eigenſchaften aus⸗ gerüſteten, verbeſſerungsfähigen Pflanze ſtammt. Zur Stütze dieſer Anſicht dienen die Zahlen der folgenden Tabelle, in der die Reſultate mehrjähriger Kulturverſuche der bekannten und um die landwirtſchaftliche Forſchung hochverdienten Verſuchswirtſchaft Rothamſted zuſammengeſtellt ſind. Aus den Zahlen iſt zugleich zu erſehen, wie ſich die Hallet'ſchen Züchtungen anderen Weizen⸗Sorten gegenüber unter gleichen Boden⸗ und Düngerverhältniſſen bewährt aben. 3 Wir faſſen nur die Durchſchnittszahlen näher ins Auge und be⸗ ſchränken uns auf folgende Bemerkungen: Der Hallet'ſche Original Red(Nr. 16 der Tabelle) iſt im Ertrage ſowohl wie im Hektolitergewicht von allen der zweitſchlechteſte. Hiernach halten wir uns zu dem obigen Ausſpruch für berechtigt, daß die 17 jährige Zuchtwahl Hallet's bei dieſer Sorte nichts geleiſtet hat. Ganz anders ſteht der Hallet'ſche Golden drop⸗Weizen da (Nr. 13 der Tabelle). Dieſe Sorte wird im Ertrage nur von drei, und im Hektolitergewicht nur von zwei Sorten übertroffen. Hier ¹) Fesca führt a. a. O. noch eine zweite kleine Tabelle an, die hier wiedergegeben ſein mag. Länge GSehalt Zahl der Ähren Erntejahr der beſten Ähre der beſten Ähre an der Zoll Küörner beſten Pflanze 1857 4 ⅝ 47— 1858 6 ¼ 79 10 1859 7 3 91 22 1860 8 39 1861 8„ 52 Dieſe Zahlen blenden und trügen. Vergleichen wir nämlich bei„Original Red“ den Körnergehalt der beſten Ähre in der vorliegenden und in der im Text mitgeteilten Tabelle, ſo ſehen wir, daß das regelmäßige Steigen der Zahlen bis zum Jahre 1861 zufällig iſt. Die Täuſchung wird dadurch noch vergrößert, daß die auf das Jahr 1860 fallenden niedrigeren, in die Schab⸗ lone nicht paſſenden Zahlen(wegen des naſſen Jahrgangs) fortgelaſſen ſind. — Die Saat. 159 haben wir es alſo mit einer ſehr gelungenen Hallet'ſchen Züchtung 1 bun 1871 1872 1873 1874 Upper Durch⸗ — Long Har- 1. 5— N. Swapit Forsters 8 chnitt Nummer und Name rald Tiala Moda penden ſch der Weizenſorte 28==S 22 ⸗ A=SS ZaſgESSaSe SS2 5 ½ 55 2S552 S555S5S2 hl kghl kg hl V kg] bl kg l kg 1. White-chaff(Red).— 3— 36,1 73,1)49,677,1 42,8 2. Rivetts(Red).....——[—— 43,3 71,4 60,3 72,751,8 3. Chubb Wheat(Red)..[25,5/75,3/86,0 77,432,2 73,945,5 76,4 35,3 4. Red-chaff(White)...[29,5 77,1[3,3 77,831,7 75,943,9 76,9 34,6 5. Browick(Red)... 31,7 75,3 36,4 76,734,6/74,4 46,0 76,6 37,5 3. Red Wonder. 28,1 73,7 39,4 76,1/33,4 75,3]49,6 77,8 37,6 7. Burwell(Old Red Lammas) 28,0] 77,5/37,1 78,7 31,6 76,940,5/79,4[34.3 8. Bristol Red.....[26,4/76,139,9 76,9 35,5 75,6/]48,0 77,137,5 9. Red Nursery. 3. 30,7 78,7/40,7 81,2 24,4 77,5/37,0 81,633,2 74 10. Red Langham....[27,7 75,6 839,4 76,60,7 75,6]⁴47,8/78,7 36,4 76,6 11. Wolly Ear(White)..[28,1 76,438,5/77,733,3 76,4 46,0 78,4]36,5 77,2 12. Hardcastle(White)——[41,8 77,4]37,8 74,7·44,7 78,7 41,1 76,9 13. Golden-drop(Red) Hallet's[35,5 76,7 44,8 78,739,8 74,7/46,6 78,741,4/77,2 14. Victoria White Hallet's 76,2 40,7 34,4 74,7[39,8 77,8 36,3 76,7 15. Hunter’s White Hallet's. 74,1 f 34,7 71,6 40,8 76,4[34,0 74,8 16. Original Red Hallet's. 73,3 /G 770,239, 2 75,982,772,2 172. White Chiddam.... ad, 834,9 78,7[28,6 74,1[37,87 78/4 31, 4]40,2 18. Red Rostock..... 33,3 75,2——[11,6 70,9 48,4 74,9]40,8 73,7 19. Caseys White. 26,9 75,6,37,9 76,9 33,7 73,4 46,9 75,9 36,3 75,4 20. Golden Rough- chaff(Red) 29,7 77,135,3 78, 1[34,6/74,7 46,9 78,1 36,6/77,0 21. Bole's Prolific(Red).. 30,3 76,9 38,5 78,1]40,7 71,9 43,3 77,5 38,2 76,1 22. Club Whead(Red)... 32,4 75,6140,9 77,4042,7 72,853,7 77,4 12.4 75,8 Es iſt ſchließlich bemerkenswert, daß die vier Hallet'ſchen Züch⸗ tungen Nr. 13, 14, 15 und 16 ſowohl nach dem Ertrage pro Hektar wie nach dem Hektolitergewicht bei den Verſuchen in Rothamſted in derſelben Reihenfolge rangieren, wie ſie ſich auf dem Verfuchsfelde Hallet's dem nachhaltigen Einfluß der Zuchtwahl mehr oder minder zugänglich erwieſen. Hieraus folgt die Richtigkeit der oben auf⸗ geſtellten 3 ehauhtunge Alle Zuchtwahl iſt vergebens, wenn der zur Zucht gewählten Stammform die Neigung und Fähigkeit zur Vereelung nicht innewohnt.— Wir kommen jetzt zu Patrick Shirreff, der ſich am längſten und eingehendſten mit der Verbeſſerung der Cerealien beſchäftigt und dabei eine weſentlich andere Richtung eingeſchlagen hat als Hallet. Seine Erfahrungen ſind niedergelegt in einer kleinen Schrift, die unter dem Titel:„Die Verbeſſerung der Getreidearten“von Dr. R. Heſſe 160 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. aus dem Engliſchen ins Deutſche übertragen worden iſt. Ein Auszug von Rimpau findet ſich a. a. O. in den Landwirtſchaftlichen Jahr⸗ büchern. Viele ſind der Meinung, ſagt Shirreff, daß die Pflanzen durch geſchickte Behandlung verändert werden können, aber meine Erfahrung hat mich belehrt, daß eine dauernde Verbeſſerung einer Spezies nur durch neue Varietäten erzielt werden kann. Aus dem Zuſammenhange geht hervor, bemerkt Rimpau hierzu, daß Shirreff die Sache ſo auffaßt: Eine ſorgfältige Kultur auf gutem Boden, zweckmäßige Düngung und Bearbeitung können zwar vorzügliche Pflanzen er⸗ zeugen, aber es kann dadurch allein noch keine erbliche Veränderung der Form oder der Eigenſchaften einer Pflanze hervorgebracht werden. Neue Varietäten, ſagt Shirreff weiter, können auf dreierlei Weiſe entſtehen: 1. durch Kreuzung, 2. durch klimatiſche Ein⸗ flüſſe und 3. durch Auftreten natürlicher Spielarten. Die Beobachtung, Auswahl und Fortzucht natürlicher Spielarten hält er für das Hauptmittel, die Cerealien zu verbeſſern und führt zahlreiche Fälle an, wo er ſelbſt und andere durch Fortzucht von einzelnen Pflanzen, die anderen gegenüber nützliche Abänderungen zeigten, vorzügliche und jetzt weit verbreitete Varietäten gezüchtet haben. Bei der Auswahl einzelner Pflanzen zur Fortzucht berück⸗ ſichtigte er hauptſächlich auffallende neue Formenz üppig entwickelte Individuen jedoch nur dann, wenn ſich durch Vererbung der beſſeren quantitativen Entwicklung auf die Nachkommen herausſtellte, daß ſie wirklich eine individuelle Eigentümlichkeit und nicht Folge des zu⸗ älligen Standortes war. Sein Verfahren wird am beſten durch 9 9 einige Beiſpiele erläutert. Im Frühling 1819 ging Shirreff auf der Farm Mungoswells in Haddingtonſhire, Schottland, über ein Weizenfeld, das durch den ſtrengen Winter ſehr gelitten hatte. Er fand eine Pflanze, die ſich durch ihre grüne Farbe und ſtarke Beſtockung vor den übrigen aus⸗ zeichnete. Er iſolierte ſie, düngte ſie noch beſonders und erhielt von ihr zur Erntezeit 63 Ahren und 2473 Körner, die er im folgenden Herbſt in weiten Zwiſchenräumen reihenweiſe ausſäete. In den beiden folgenden Jahren wurde der ſich häufende Ertrag breitwürfig geſäet und die vierte Ernte der Orginalpflanze belief ſich auf etwa 42 Quarter zur Saat geeigneter Körner. Da ſich die Form als eine neue konſtante Varietät erwies, nannte ſie der Züchter:„Mungos- wells-wheat“. Dieſer Weizen iſt ſpäter auf der Kornbörſe zu Had⸗ dington unter dem Namen:„East Barns, Murray's, Fraser's, Lady Hall und Allias wheat“ verkauft worden und er wird bis auf den heutigen Tag unter verſchiedenen Namen in einem ausgedehnten Ge⸗ biete in Eaſt Lothian angebaut. Im Sommer 1824 fand Shirreff auf einem Haferfelde eine auffallend hohe Haferpflanze, deren Samen er im folgenden Frühjahr mit anderen benannten Varietäten unter denſelben Bedingungen an⸗ baute. Die neue Varietät übertraf alle übrigen durch die Länge des Die Saat. 161 Strohes. Shirreff brachte ſie unter dem Namen:„Hopetoun oat“ in den Handel. Sie iſt in mehreren Diſtrikten Britanniens, in den Ländern der Oſtſee und Nordamerikas verbreitet worden und wird noch heute kultiviert und prämiiert. Im Herbſte 1832 fand er eine ſchöne Weizenähre mit 102 Körnern auf der benachbarten Farm Drem. Davon züchtete er den„Hopetoun⸗ Weizen“, eine ſpäter weit verbreitete, weißſpelzige Varietät, deren Namen im Weſten Schottlands in„White Hunter's“ verwandelt wurde. Die vorſichtig entkörnte Stammähre wird im landwirtſchaftlichen Muſeum zu Stirling aufbewahrt. Vom Jahre 1856 an machte Shiyreff die Verbeſſerung der Getreidearten, die er bisher nur gelegentlich und mit Unterbrechungen verfolgt, zum Gegenſtande einer zuſammenhängenden und ſyſtematiſchen Unterſuchung. Er durchſuchte die Weizenfelder zu beiden Seiten des Tweed und ſammelte viele Ahren, die dem Ausſehen nach von den Ahren der gewöhnlichen Weizenſorten verſchieden waren. 1857 kulti⸗ vierte er die Körner von über 70 ſolchen Ahren, unterſuchte die Ernte von jeder einzelnen Form genau und behielt ſchließlich nur die drei beſten Sorten, die er feldmäßig behandelte und unter dem Namen „Shirreffs Bearded Red, Shirreffs Bearded White und Pringle's dem Verkehr übergab. Auf ähnliche Weiſe ſammelte er im Jahre 1862 viele Haferriſpen in der Umgebung von Haddington. Die Kultur ergab, daß einige der ausgewählten Sorten identiſch mit benannten Sorten waren, während andere ſich geringer zeigten, als die gewöhnlich angebauten Haferſorten. Die am meiſten verſprechenden Sorten brachte er 1864 zugleich mit 18 älteren Varietäten auf ſein Verſuchsfeld. Schließlich wurden 4 der ausgewählten Sorten im großen fortgezüchtet und unter dem Namen:„Early Fellow, Fine Fellow, Long Fellow und Early Angus“ in den Handel gebracht. Nach dieſen Mitteilungen laſſen ſich die Erfolge der Shirreff'ſchen Varietätenzüchtung überblicken. Sie beruhen auf dem Aufſuchen auffallender Individuen in den Beſtänden der Felder, ver⸗ bunden mit einer ſorgfältigen Prüfung der Nachkommen⸗ ſchaft auf ihre Bedeutung für die landwirtſchaftliche Praxis, und Rimpau betont mit Recht, wie wichtig gerade dieſe Art der Zuchtwahl für den Getreidebau Deutſchlands iſt, wo bis jetzt für die Verbeſſerung der einheimiſchen Varietäten nur wenig gethan wurde und trotz der anerkennenswerten Leiſtungen einzelner Züchter noch viel zu thun übrig bleibt. Künſtliche Kreuzung.— Bei Weizen, Roggen, Gerſte und Hafer ſind männliche und weibliche Geſchlechtsorgane in ein und dem⸗ ſelben Blütchen vereinigt. Es iſt daher bei allen vier Getreidearten die Möglichkeit gegeben, daß jede Blüte ſich ſelbſt beſtäubt und be⸗ fruchtet. Indeſſen iſt die Selbſtbeſtäubung nur bei Weizen, Gerſte und Hafer die allgemeine Regel, während bei dem Roggen faſt aus⸗ ſchließlich Fremdbeſtäubung eintritt.(Vergl. S. 113 ff.) Hieraus er⸗ Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 11 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. hellt, daß der Roggen bei der Kreuzung eine andere Behandlung er⸗ fordert, als Weizen, Gerſte und Hafer. Bei dem Roggen läßt ſich die Kreuzung einfach ſo erreichen, daß man den Samen von zwei gleichzeitig blühenden Sorten unter⸗ einandergemiſcht auf das Feld bringt. Indem der Blütenſtaub von der einen Sorte auf die andere fliegt, vollzieht ſich die Kreuzung von ſelbſt. Dieſe einfache Maßregel hat ihre praktiſche Bedeutung; es darf aber nicht überſehen werden, daß der Roggen als ausgeſprochener Fremdbeſtäuber ſich nur ſortenrein erhalten läßt, wenn er fern von andern Roggenſorten angebaut werden kann. Bei Weizen, Gerſte und Hafer iſt die Kreuzung umſtänd⸗ licher. Rimpau empfiehlt, die zu Kreuzungen beſtimmten Mutter⸗ pflanzen in Töpfen zu erziehen und die künſtliche Beſtäubung im Zimmer(bei ſorgfältig geſchloſſenen Thüren und Fenſtern) vorzunehmen. Es iſt klar, daß bei einem derartigen Abſchluß eine unbeabſichtigte Beſtäubung am ſicherſten vermieden wird. Da hierbei aber die Pflanzen„ſtets eine ziemlich bedeutende Schädigung durch Mehltau“ erlitten, wodurch der Keim der Schwäche und Kränklichkeit auf die Nachkommen übertragen werden kann, ſo ziehe ich die künſtliche Kreu⸗ zung im Freien vor, um ſo mehr, da Rimpau ſelbſt bewieſen hat, daß Fremdbeſtäubung bei Weizen, Gerſte und Hafer nur äußerſt ſelten vorkommt. Allenfalls kann man die Mutterpflanzen in Töpfen, aber doch im Freien, an einem ſonnigen Platze erziehen, um ſie zur Zeit der Beſtäubung nur vorübergehend in einen geſchloſſenen Raum zu bringen. Bequem für die Topfkultur iſt ein Glashaus mit Roll⸗ wagen und nach außen führenden Schienen; denn dieſe Einrichtung geſtattet, die Zuchtpflanzen bei Sturm und Hagel, ſowie zur Zeit der Blüte unter Dach zu bringen, die übrige Zeit, Tag und Nacht, Winter und Sommer, im Freien zu halten. Die Hauptſache iſt jedenfalls, daß die Zuchtpflanzen geſund erhalten werden. Auch muß immer eine größere Zahl von Pflanzen vorhanden ſein, damit man die beſten zur Kreuzung auswählen kann. Die künſtliche Kreuzung ſelbſt iſt im Prinzip zwar einfach, aber in der praktiſchen Ausführung durchaus nicht leicht. Will man zwei beſtimmte Individuen A und B miteinander kreuzen, ſo handelt es ſich darum, den geſchlechtsreifen Blütenſtaub der Vaterpflanze B auf die geſchlechtsreife Narbe der Mutterpflanze A zu übertragen, ohne daß die Narbe oder der Fruchtknoten der Mutterpflanze verletzt, und ohne daß die Narbe mit anderweitigem Pollenſtaub beſtäubt wird. Zu dem Zweck werden die beiden Blütenſpelzen der Mutterpflanze vor dem Eintritt des Blühens vorſichtig geöffnet, um die Kaſtration der Blüte vorzunehmen, d. h. die Staubgefäße mit Hülfe einer feinen Zange(Pincette) zu entfernen. Dabei dürfen die Staubbeutel nicht platzen, weit ſonſt der Pollenſtaub ſofort auf die Narbe fallen und die Befruchtung bewirken würde. Die Gewinnung des Blütenſtaubes von der Vaterpflanze iſt ein⸗ facher. Rimpau ſchneidet die Ahren im Felde ab und ſtellt ſie in Die Saat.. 163 einem Gläschen mit Waſſer auf einen Bogen dunkeles Glanzpapier, ſo daß ſie überhängend den Blütenſtaub ausſchütten, der nun ge⸗ ſammelt und mit Hülfe eines Pinſels öfter wiederholt auf die Narbe der kaſtrierten Mutterpflanze übertragen wird. ¹) Iſt die Kreuzung geglückt, ſo handelt es ſich noch darum, die Nachkommenſchaft zu prüfen, ein beſtimmtes Zuchtziel ins Auge zu faſſen und die Zuchtwahl und Wahlzucht ſo lange fortzuſetzen, bis Konſtanz der Eigenſchaften erreicht worden iſt. Welchen Erfolg und Wert hat nun die künſtliche Kreuzung für den praktiſchen Getreidebau? Hallet, der berühmte Erfinder und eifrige Vertreter der künſt⸗ lichen Zuchtwahl, erklärt die Beſtrebungen, die Weizenvarietäten durch Kreuzung zu verbeſſern, für ganz erfolglos; er will ſelbſt wiederholt Kreuzungen vorgenommen, aber niemals konſtante Produkte erzielt haben. Auch Patrick Shirreff hat die Kreuzungsprodukte des Weizens zuerſt für gänzlich unbrauchbar erklärt, ſpäter aber, nach einer langen Reihe von Jahren, die Kreuzung als ein weſentliches Mittel zur Verbeſſerung der Cerealien empfohlen, wenn er auch, nach dem Bericht von Dr. Heſſe*), das Aufſuchen und die Züchtung ſpontaner Varie⸗ täten nach wie vor über die Kreuzung ſetzte. Da Shixreff auch auf dem Gebiete der künſtlichen Hybridationen den Anſtoß zu weiteren Forſchungen gegeben hat, ſo wollen wir eine ſeiner Kreuzungen ausführlicher beſchreiben. Beiſpiele ſind lehrreich. King Richard wurde erhalten durch Befruchtung von Shirreff's Bearded White, der kleine, runde Samen hat, mit Pollen von Talavera, der ein großes Korn ſchönſter Qualität beſitzt. Die Kreuzung ge⸗ ſchah in der Abſicht, die Samen von Shirreff's Bearded White zu vergrößern. In einigen Eigenſchaften übertraf King Richard beide Stammformen. Sein Stroh zeigte ſich länger und ſtärker als das der Mutterpflanze und die Spelzen waren unbegrannt. Die Form der Ahre hielt die Mitte zwiſchen beiden Eltern. Das Korn kam in ¹) Die Manipulation der künſtlichen Kreuzung wird nach Rimpau erleichtert, wenn man die Ahre der Mutterpflanze um ¼ oder ½ ihrer Länge einkürzt, wenn man ferner von den Ährchen eins ums andere beſeitigt, ſo daß nur 5 oder 6 an jeder Seite der Spindel ſtehen bleiben, und wenn man an dieſen auch die Mittelblütchen entfernt und nur die beiden Seitenblütchen beläßt, die in der Regel die kräftigſten Früchte erzeugen. Schließlich kann man auch noch die Klappen entfernen. Die durch dieſe Operationen herbeigeführten Verletzungen der Pflanze ſind ohne Nachteil, ſofern die Ährenſpindel und die übrigbleibenden Fruchtknoten und Narben ſorgfältig geſchont werden. Noch weiter zu gehen und auch die äußeren Blütenſpelzen zu beſeitigen und ſo die inneren Teile der Blüte ganz frei zu legen, halte ich nicht für ratſam, weil der Gegendruck und Schutz vonſeiten der Spelze für die normale Ent⸗ wicklung der Frucht unentbehrlich iſt, beſonders bei der Erziehung im Freien. ²) Züchtung von Getreidevarietäten in England. Landw. Jahrbücher 1877, S. 853 ff. 41* 164 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. der Dicke und Geſtalt dem Korn von Talavera nahe und an Qualität übertraf es das der Eltern. Das Beſtockungsvermögen dieſer Varietät zeigte ſich nicht ſehr groß und in dieſer Hinſicht hielt ſie auch die Mitte zwiſchen beiden Stammformen. Bei der vierten Reproduktion erſchienen in dem ganzen Beſtande einige begrannte Ahren in Form und im Korn King Kichard ähnlich. Das Auftreten dieſer ein⸗ gemiſchten Ähren war aller Wahrſcheinlichkeit nach dem hybriden Ur⸗ ſprunge King Richard's zuzuſchreiben; Shirreff konnte ſie nur los werden, wenn er Vorrat aus einem einzelnen Korn zog und dieſes wieder und wieder that. Bei der vierten Reproduktion von King Richard las Shirreff aus dem Beſtande eine Ähre mit roten Spelzen aus, aus deren Samen er eine neue Varietät zog, die er„King Red Chaff White“ nannte. Seinen ganzen Vorrat von dieſem Weizen machte er ſchließlich, da er kein eigenes Land beſaß, Mr. Alexander Begbie, zu Barneyhill nahe Dunbar wohnhaft, zum Geſchenk. Das Korn dieſer Varietät, das Erzeugnis von Barneyhill, war zuerſt in Maſſe auf der Edinburger Getreidebörſe im Jahre 1870 und auch 1871 zu ſehen, und es wurde allgemein in beiden Jahren für die ſchönſte Sorte gehalten, die in dieſen Jahren erſchienen war. Der Halm iſt dick, ſehr ſtark und einige Zoll kürzer als der King Richard's, während die Ähre dichter beſetzt iſt, ohne ſich jedoch der Keulenform zu nähern; die Ähre hat rote, unbegrannte Spelzen. Das Korn iſt weiß und groß und wie King Richard ein Typus von Talavera. Soweit Shirreffs Beobachtungen reichen, iſt dies eine frühe und konſtante Varietät, die ſich meiſt ſtark beſtockt. Kurz, er iſt geneigt, King Red Chaff White, das heißt zu deutſch ſoviel wie: weißer rot⸗ ſpelziger Königsweizen, für einen der beſten zu halten, die er ge⸗ züchtet hat. In neuerer Zeit iſt auch anderen die Herſtellung wertvoller Getreidevarietäten durch Kreuzung gelungen. In Amerika begann C. G. Pringle, ein ausgezeichneter Botaniker, im Jahre 1870 ſeine Verſuche, die er ſpäter in Verbindung mit F. H. Horsford geſchäſts⸗ mäßig im großen fortſetzte. Die Kreuzungen der beiden Züchter er⸗ ſtrecken ſich auf Weizen, Roggen, Gerſte, Hafer, Kartoffeln, Erbſen, Liebesäpfel und Trauben. Von Kartoffeln iſt Snowflake auch in Europa wohlbekannt. Von Weizenkreuzungen ſind Winter Pearl, eine Kreuzung von Diehl und Clawson, und Green Mountain, ein Kreuzungsprodukt von Defiance und Lost Nation die wichtigſten. Von Haferkreuzungen iſt erwähnenswert der auch nach Europa ein⸗ geführte amerikaniſche Triumphhafer, American Triumph Oat, eine Kreuzung von Excelsior und Waterloo. ¹) Im journal de l'Agriculture 1883 machte der bekannte fran⸗ zöſiſche Züchter landwirtſchaftlicher Kulturpflanzen H. Vilmorin Mit⸗ teilungen über drei neue Weizenſorten, die er im Jahre 1873 durch 1) C. Fruwirth, Fühlings l. Z. 1887. Die Saat. 165 Kreuzung erzielte. Sie wurden bei der Fortzucht nach und nach konſtant und werden jetzt im großen in Frankreich angebaut. Die drei Sorten heißen: Aleph-Weizen, Dattel⸗Weizen und Lamed⸗ Weizen. Am intereſſanteſten und inſtruktivſten iſt die Züchtung des Dattel⸗Weizens, eines Kreuzungsprodukts von Chiddam- und Prinz Albert-Weizen. Der Kreuzung liegt der Gedanke zu Grunde, eine Varietät zu erzeugen, die die gute Qualität des Chiddamkornes mit dem Strohreichtum von Prinz Albert vereinige. Dieſes Zuchtziel iſt verwirklicht worden. Das Kreuzungsprodukt hat folgende Eigen⸗ ſchaften: Das Stroh iſt weiß, lang und ſtark. Die Ahren ſind dunkel⸗ rot gefärbt und vollkörnig. Das Korn iſt weiß, rund und dick. Der Weizen reift ſehr gleichmäßig und verhältnismäßig früh, und er iſt ſehr ergiebig. Vilmorin fügt ſeiner Beſchreibung hinzu, daß er an dem Dattel⸗Weizen nichts auszuſetzen oder zu tadeln wiſſe, und daß der Anbau im großen alle Erwartungen übertroffen habe. In Deutſchland hat ſich namentlich Wilhelm Rimpau in Schlanſtedt auf die künſtliche Kreuzung der Getreide⸗Arten und Varie⸗ täten verlegt. Seine Kreuzungsverſuche, obwohl an ſich vollſtändig gelungen und wiſſenſchaftlich höchſt intereſſant, wurden ſeit 1875 jahrelang beharrlich fortgeſetzt, ohne zu praktiſch verwertbaren Re⸗ ſultaten zu führen. Er gab die Hoffnung auf Erfolg nicht auf, denn einer ſeiner lehrreichen Berichte ſchließt mit den Worten:„Man ſieht alſo, daß die Erzeugung einer neuen Weizenſorte durch Kreuzung jedenfalls ein recht mühſames Unternehmen mit ſehr zweifelhaften Ausſichten auf Erfolg iſt,... trotzdem werde ich mich vorläufig durch meine bis jetzt mehr oder weniger negativen Erfolge noch nicht ab⸗ ſchrecken laſſen.“ Endlich im Jahre 1882 glückte ihm eine für die Wiſſenſchaft und für die Praxis gleich wertvolle Kreuzung. Rimpau beſchreibt ſie mit folgenden Worten: Der als Mutterpflanze benutzte Ameri⸗ kaniſche Weizen iſt ein rotſpelziger Kolbenweizen mit ſehr weit⸗ läufig geſtellten Ahrchen und ſehr langem, ſchwerem, rotbraunem Korn. Er iſt von allen bisher von mir angebauten Sorten die am früheſten reifende. Ich kreuzte ihn mit Squarehead in der Hoff⸗ nung, einen in ſeinen ſonſtigen Eigenſchaften ähnlichen, aber früher reifenden Weizen zu erhalten. Dies ſchien mir wünſchenswert, da es bekanntlich viele Gegenden giebt, z. B. Ungarn, Teile von öſter— reich und das ſüdliche Frankreich, in denen der Squarehead wegen des zu trocknen Klimas nicht Feuchtigkeit genug findet, um ſich voll⸗ ſtändig zu entwickeln, und daher ein verſchrumpftes, nicht genügend ausgebildetes Korn giebt. Auch auf den leichteren, an der Grenze der Weizenfähigkeit ſtehenden Böden Deutſchlands tritt dieſe Er⸗ ſcheinung auf. Das erſte Produkt der 1882 vorgenommenen Kreuzung war 1883 der Mutterpflanze ſehr ähnlich und völlig gleichförmig. Die Nachzucht 1884 zeigte deutlich, daß die Kreuzung gelungen war: es traten neben vielen roten völlig weiße und viele miſchfarbige Ahren 166 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. auf. Die lockere, langgeſtreckte Ahrenform des amerikaniſchen Weizens war vorherrſchend, die kurze, gedrungene Form des Squarehead fand ſich aber auch. Ich las drei Formen von Ahren aus: kurze rote, lange weiße, und kurze dem Squarehead ähnliche weiße. Alle drei Formen zeigten in den nächſten 3 Jahren noch Rückſchläge; 1887 war der rotſpelzige Weizen konſtant, die beiden andern Formen noch nicht ganz. Ich behielt zur Weiterzucht nur die dem Squarehead ähnliche Form. Sie war 188s8 völlig konſtant, brachte ein volles, gut aus⸗ gebildetes Korn und reifte bedeutend früher als der Squarehead, ſo daß ich ſie 1889 unter dem Namen„Früher Baſtardweizen“ in die Großkultur überführte. Das Jahr 1889, wo ſich aller Weizen bei uns ganz ungewöhnlich früh entwickelte, nachdem er im Winter zum Teil ſehr gelitten, dann aber zu ſchnell reifte, brachte uns beim Squarehead-Weizen eine bis dahin ungeahnte Mißernte. In den meiſten Wirtſchaften der Provinz Sachſen wurde von dem vorwiegend angebauten Squarehead nicht die Hälfte des ſonſt gewohnten Ertrages geerntet. Auf meinem Ver⸗ ſuchsfelde, wo ich eine Anzahl zum Teil bewährter, zum Teil neuer Weizenſorten zum Vergleiche anbaue, ſtand der„Frühe Baſtard“ in dieſem abnormen Jahre im Ertrage obenan mit einer Ernte von 2808 kg Körnern und 4722 kg Stroh pro Hektar. Die Körner⸗ ernte von Squarehead-Weizen verſchiedener Herkunft ſchwankte zwiſchen 1466 und 2144 kg pro Hektar. 1890, wo wir wieder eine normale Weizenernte machten, brachte der„Frühe Baſtard“ auf dem Verſuchsfelde 3586 kg Körner und 5966 kg Stroh pro Hektar, während der Squarehead daneben in maximo 3620 kg Körner und 6512 kg Stroh lieferte. Dabei reifte der„Frühe Baſtard“ beide Jahre um etwa 10 Tage früher. Daß die neue Sorte den bewährten Squarehead bei uns in der Provinz Sachſen in normalen Jahren im Ertrage erreichen oder gar über⸗ flügeln werde, war nicht zu erwarten; ſie ſcheint mir aber zu den beſten Hoffnungen zu berechtigen für die oben bezeichneten Klimate und Böden. Von einigen Freunden, denen ich ſchon 1889 Saatgut zum Anbau auf leichterem Boden abgab, habe ich auch günſtige Be⸗ richte über die letzte Ernte erhalten, und im Herbſt 1890 iſt er an verſchiedenen Orten in Öſterreich und im ſüdlichen Frankreich an⸗ gebaut worden. Es muß ſich alſo erſt zeigen, ob der„Frühe Baſtard“ ſich für dieſe Verhältniſſe bewährt. Acht Jahre ſpäter, am 10. Oktober 1898 machte mir Herr Rimpau, unter Beifügung von AÄhren und Körnern, brieflich folgende ergänzende Mitteilung:„Ich habe dieſen Weizen beſtändig weiter⸗ gebaut, aber nur auf kleinen Flächen(5— 10 ha), da ich ihn auf unſeren guten Böden bei reichlicher Stickſtoffdüngung dem Squarehead(ſeinem Vater) nicht für ebenbürtig halte. Er lagert entſchieden leichter als Squarehead, dem er ſonſt im Außern ähnlich iſt, reift aber etwa 8 bis 10 Tage eher, trägt daher zur Verteilung der Erntearbeiten bei und ſcheint noch da zu gedeihen, wo der langlebigere Squarehead Die Saat. 167 infolge der Trockenheit des Klimas oder des Bodens oder beider Faktoren ein verſchrumpftes Korn liefert. Daß er auch auf beſtem, zu Squarehead geeignetem Boden bis⸗ weilen vorzüglich gedeihen kann, zeigte das Jahr 1897, wo mein „Früher Baſtard“ in Maerckers Verſuchswirtſchaft zu Lauchſtädt alle anderen Weizenſorten(Squarebeads verſchiedener Züchtung) im Ertrage ſchlug. Auch bei mir in Schlanſtedt gab er 1897 auf dem Verſuchsfelde, wo ich 13 Winterweizenſorten in langen ſchmalen Streifen à ¼˖ ba eheneinande anbaute, den weitaus höchſten Ertrag, nimlich 3300 kg Körner und 6200 kg Stroh pro Hektar, während die Squareheads verſchiedener Herkunft durchſchnittlich 2940 kg Körner und 5436 kg Stroh brachten. In früheren Jahren ſtand er aber dem Squarehead im Ertrage um ein weniges nach. Mein Schwiegerſohn v. Rümker teilte mir mit, daß er in Paris vor einigen Jahren meinen„Frühen Baſtard“ als einzige deutſche Züchtung auf einer Schau ausgeſtellt fand und dort hörte, daß dieſe Sorte im ſüdlichen Frankreich, wo der Squarehead erfahrungsmäßig wegen ſeiner zu langen Vegetationszeit nicht normal gedeiht, jetzt recht beliebt und ziemlich verbreitet ſei.“— Unter den praktiſchen Landwirten, die ſich die Prüfung der neuen Sorten zur Aufgabe gemacht und ſelbſt auch neue Sorten durch Zuchtwahl veredelt haben, ragen ferner hervor O. Beſeler in Weende bei Göttingen, F. Heine auf Kloſter Hadmersleben, Provinz Sachſen, und E. v. Proskewetz auf Kwaſſitz in Mähren. Mehr Namen zu nennen, geſtattet der Raum nicht; ich verweiſe auf die Sortenverzeichmiſſe im ſpeziellen Teil. Die Getreidezüchtung iſt ſo alt wie der Ackerbau, aber erſt im 19. Jahrhundert ſſt ſie zur Wiſſenſchaft geworden. Viele haben dazu mitgeholfen, Hervorragendes hat Vater Rimpau geleiſtet, und ſeinem Schwiegerſohn v. Rümker Prof feſſor und Direktor am landwirt⸗ ſchaftlichen Inſtitut zu Breslau, war es vorbehalten, dieſen jungen Zweig am Baume der Viſſenſchaft mit beſonderer Liebe zu hegen und zu pflegen.— Bezug fremden Samens.— Der Bezug oder Kauf fremden Samens iſt in fo lgenden Fällen geboten: Bei Beginn einer neuen, ſowie bei Übernahme einer ausge⸗ aüinderen J eijchaſt Bei ſchlechter Beſchaffenheit des in der Wirtſchaft gewonnenen Sunan Herwuigefüßr durch das Auswachſen der Körner bei miß⸗ lichem Erntewetter, durch die Verunreinigung mit Brandſporen ꝛc. 3. Bei Mangel an Saatkorn infolge von Auswinterung, Hagel⸗ ſchlag, Inſektenfraß, Roſt und anderen Krankheiten. 4. Zur Prüfung einer neuen Sdt auf ihre Ertrags⸗ fähigkeit im Vergleich zu den bisher angebauten Sorten. Derartige vergleichende Verſuche, nicht im Garten, ſondern auf dem Felde, unter gewöhnlichen Kulturverhältniſſen, je mehrere Jahre 168 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. hintereinander planmäßig durchgeführt und mit Maß und Gewicht kontrolliert, ſind dringend zu empfehlen. Oft wird ſich dabei zwar herausſtellen, daß die bisherige, der Ortlichkeit angepaßte Sorte der neuen gegenüber den Vorrang behauptet, oft wird aber die neue Sorte nicht bloß anfänglich, ſondern dauernd überraſchend höhere Erträge liefern, als die alte wertloſe, nur aus Gewohnheit angebauter Sorte. Wir ſtimmen Rimpau bei, wenn er ſagt: In ſehr vielen Fällen hätte man gewiß beſſer gethan, ſich planmäßig mit der Ver⸗ beſſerung einheimiſcher Varietäten zu beſchäftigen, als planlos fremde zu importieren. Dagegen können wir es nicht tadeln oder bedauern, daß der Reiz, den für uns Deutſche das Ausländiſche hat, ein Motiv zum Samenbezug aus fremden Ländern geweſen iſt. Ein altes Sprüch⸗ lein ſagt: Prüfet Alles, und das Beſte behaltet! Samenwechſel.— Von dem einmaligen oder ausnahmsweiſen Bezug fremden Samens zur Prüfung einer neuen Sorte iſt der wiederholte, regelmäßige Samenwechſel wohl zu unterſcheiden. Läßt man ſich dabei von der Mode leiten, wechſelt man nur, um zu wechſeln, ſo iſt der Samenwechſel„eine abgeſchmackte, verwerfliche Sache“. Mit der Klage über das„Ausarten“ hat es meiſt auch eine eigene Bewandtnis. Im Sommer 1879 ſah ich auf dem Randen im Schwarzwald ein Getreidefeld, auf dem Weizen, Spelz und Einkorn friedlich untereinander wuchſen; 1889 bei Kloſters in Graubünden ein ähnliches Feld mit einem Gemenge von Pfauengerſte, zwei⸗ und vier⸗ zeiliger Gerſte; 1897 bei Peterzell im Schwarzwald mehrere kleine Felder, beſetzt mit Saathafer und Flughafer, auf einigen den Flug⸗ hafer vorherrſchend. Der Anblick derartiger Felder kann leicht täuſchen und zu der Meinung verleiten, daß die Getreidearten„ausarten“. Dieſe Beobachtungen beziehen ſich auf Gegenden, wo der Ge⸗ treidebau noch mit kindlicher Sorgloſigkeit betrieben wird. Man findet aber auch in anderen Gegenden ſelten einen ſortenreinen Be⸗ ſtand und daher auch dort den Irrtum von dem„Ausarten“. Ein lehrreiches Beiſpiel berichtet RNimpau aus der Provinz Sachſen. „Von dem bei uns ſo weit verbreiteten, meiſt unter dem Namen Rauhweizen bekannten Rivetts Barded habe ich von vielen Land⸗ wirten behaupten gehört, daß er ſo leicht„ausarte“. Seit Jahren baue ich dieſen Weizen auf meinem Verſuchsfelde, wo er alljährlich aus ausgeleſenen Ähren nachgezogen wird, ſo daß die zufällige Unter⸗ miſchung anderer Sorten nicht leicht möglich iſt, niemals habe ich bei dieſem Weizen eine Spur von Variieren beobachtet oder Formen ge⸗ ſehen, die auf eine natürliche Kreuzung ſchließen ließen. Auch in England ſoll dieſer Weizen ſeit mehr als 100 Jahren kultiviert werden und immer derſelbe geblieben ſein. Daß man ihn faſt nie rein findet beim Anbau im großen, erklärt ſich aber leicht daraus, daß er von allen hier angebauten Sorten am leichteſten durch den Winter leidet und ſich am ſpäteſten beſtockt. Jedes Korn einer andern Varietät alſo, das durch die Dreſchmaſchine, durch das Stroh des Die Saat. 169 Miſtes und durch ſonſtige Zufälle dazwiſchen gekommen iſt, wird ſich nach jedem ſtrengen Winter weit ſtärker vermehren, auch wird die daraus erwachſende Pflanze wegen ihrer ſchnelleren Beſtockung im Frühjahr benachbarte Rivett⸗Pflanzen unterdrücken, ſo daß eine ganz. unmerkliche Untermiſchung von fremden Varietäten nach wenigen Jahren ſchon einen erheblichen Prozentſatz ausmachen kann, der um ſo mehr in die Augen fällt, als der Rivett-Weizen nach allen Richtungen hin ſo ſehr verſchieden von den andern gebräuchlichen Varietäten iſt.“ Als Mittel gegen dieſes„Ausarten“ ergiebt ſich hieraus von ſelbſt: Die Nachzucht von ausgeleſenen Ähren. Ohne dieſes Mittel hilft der Samenwechſel nichts, wenigſtens nicht auf die Dauer, weil„durch die Dreſchmaſchine, durch das Stroh des Miſtes und durch ſonſtige Zufälle“ immer wieder fremde Körner dazwiſchen kommen. Auch die Anſicht, daß ein und dasſelbe Klima oder ein und der⸗ ſelbe Boden mit der Zeit nachteilig auf den Körnerertrag einwirke, und daß man deshalb das Saatkorn fortwährend oder häufig von einem Klima in das andere, von einem Boden auf den anderen über⸗ tragen müſſe, iſt nicht ſtichhaltig. Die berühmten Getreidezüchter in England und Schottland halten dieſe Art des Samenwechſels für ganz unnötig, und unſer Rimpau erklärt, daß man im allgemeinen dem Samenwechſel eine viel zu hohe praktiſche Bedeutung beigelegt hat. Wo ein geeigneter Boden und ein paſſendes Klima zuſammen⸗ treffen, wie z. B. in der Probſtei oder in Kujawien, da wird jahr⸗ zehnte- und jahrhundertelang eine vorzügliche Saatware produziert ohne jeden Samenwechſel. Nach alledem bleibt der Samenwechſel nur dort eine gerecht— fertigee Maßregel, wo die örtlichen Bedingungen ſo ungünſtig ſind, daß auch bei der ſachkundigſten Behandlung kein guter Same gewonnen werden kann. Ob der Getreidebau hier aber überhaupt rentiert, iſt fraglich. Jedenfalls ſollte der Landwirt, ehe er zu dem Samenwechſel ſeine Zuflucht nimmt, ſich überlegen, ob die Erträge bloß deshalb nicht befriedigen, weil es an der Reinhaltung des Saat⸗ korns, an der Behandlung des Bodens, oder an der Pflege der Saaten fehlt. Sehr häufig wird ſich die Urſache des Mißwachſes, wie wir es der Kürze wegen nennen wollen, durch eine gründliche Entwäſſerung des Landes, ſei es durch Drainage, ſei es durch offene Gräben, beſeitigen laſſen. Geht man der Sache auf den Grund, ſo kommt man zu dem Schluß, daß eigentlich nur die Humusböden (Torf und Moor) einen regelmäßigen Samenwechſel oder eine häufige Erneuerung des Saatkorns erfordern, weil auf dieſen für den Ge⸗ treidebau wenig geeigneten Böden die Entwicklung der Früchte ge⸗ wöhnlich mangelhaft iſt. Samenhandel.— Kommt man in den Fall, aus irgend welchen Gründen Saatkorn von auswärts zu beziehen, ſo wird man ſich in der Regel mit Vorteil der Vermittlung des Handels bedienen. Nach dem Vorgange der Amerikaner dürfte es zweckmäßig ſein, daß eine Samenhandlung in zentraler Lage, z. B. Metz& Comp. in Steglitz 170 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. bei Berlin, das Geſchäft in die Hand nimmt. Jeder Landwirt weiß dann ſofort, an wen er ſich zu wenden, wenn er Saatkorn zu ver⸗ kaufen oder zu kaufen wünſcht. Größere Beſitzer oder Pächter werden direkt mit der Samenhandlung in Verbindung treten, kleinere werden ſich, um den Zwiſchenhandel einzuſchränken, zu Genoſſenſchaften ver⸗ einigen, um gemeinſchaftlich ihre Aufträge an die Samenhandlung gelangen zu laſſen. Prompte und reelle Bedienung liegen im Intereſſe beider Teile. Jeder Verkauf geſchieht mit ſchriftlicher Ga⸗ rantie für Echtheit, Reinheit und Keimfähigkeit. Die amt⸗ liche Überwachung des Handels übernehmen die vom Staate oder von den landwirtſchaftlichen Zentralvereinen gegründeten und dotierten Samenkontrollſtationeu, die durch die Unterſuchung vorſchriftsmäßig gezogener Proben konſtatieren, ob die gelieferte Ware der Garantie entſpricht oder nicht. Bei der Unterſuchung iſt, neben der Keim⸗ fähigkeit, beſonders die Reinheit von Unkrautſamen, Mutterkorn, Brand⸗ ſporen und Anguillulen ins Auge zu faſſen. Treten viele Landwirte aus mehreren Kantonen oder Provinzen zu einer Genoſſenſchaft zuſammen, die den Kauf und Verkauf von Saatgut in die Hand nimmt und vermittelt, ſo muß die Genoſſen⸗ ſchaft in Bezug auf Garantie und Kontrolle dieſelben Verpflichtungen übernehmen, wie eine private, ſelbſtändige Samenhandlung. Der Verband oſtſchweizeriſcher l. Genoſſenſchaften— ich greife dieſes Bei⸗ ſpiel, weil es mir am nächſten liegt— verlangt bei jeder Verkaufs⸗ offerte eine ſchriftliche Garantie und von der gelieferten Ware gehen in jedem Fall Proben zur Nachunterſuchung an die ſtaatliche Samen⸗ kontrollſtation; ebenſo leiſtet der Verband den Mitgliedern und auch anderen Landwirten, die Saatgut von ihm kaufen, ſchriftliche Garantie mit der Verpflichtung zur Entſchädigung oder zur Zurücknahme der Ware bei nachgewieſenem Minderwert. Eine ähnlich lautende ſchriftliche Garantie ſollte jeder Landwirt, ſelbſt wenn er ſeinem Nachbar Saatgetreide verkauft, dem Käufer unaufgefordert zuſtellen; er wird dadurch ſeinem Geſchäftsrenommee beſſer dienen, als durch ein ſolennes Frühſtück, dem ein heimlicher Groll nachfolgt. Dauer der Keimfähigkeit.— Nach den Unterſuchungen von F. Haberlandt verlieren auf ſchüttbodenähnliche Art aufbewahrte Getreidekörner ihre Keimfähigkeit ſchon in wenigen Jahren. Werden die Körner künſtlich bei einer Temperatur von 50 C. ausgetrocknet und nachher in luftdicht verſchloſſenen Gefäßen von Glas, Steingut, verzinntem Eiſenblech ꝛc. aufbewahrt, ſo dauert die Keimfähigkeit er⸗ heblich länger. Die gefundenen Zahlen für die Keimprozente ſind in folgender Tabelle zuſammengeſtellt. (Siehe Tabelle S. 171.) Aus den Zahlen iſt zu erſehen, daß die ſichere Keimfähigkeit bei ſchüttbodenähnlicher Aufbewahrung bei dem Roggen nur 1 Jahr, bei Weizen, Gerſte, Hafer und Mais etwa 2 Jahre dauert, während ſie Die Saat. 11 Auf ſchüttboden⸗ Künſtlich getrocknet und luftdicht 3 ähnliche Art de— Pl aufbewahrt aufbewahrt Gaben geleimt 12 ſ34512ſ31415ſ6 718ſ9 10 jährig jährig ““ Weizen... 96 84 60 73 4] 99 99, 99,96 86 96 98/100,70 16 Roggen... 100 48 0 098 99 99 80 49 94 94 72 10 0 Gerſte.. 89 92 35 8 99 96 99 99 99 96 86100 52 88 Hafer.... 96] 80 2 48 100 99/100 96 94 98 86 100 96 92 Mais 97 100 7 99 100 97 0 98 99 100 100 0 84 ſich bei künſtlicher Austrocknung und luftdichter Aufbewahrung bei allen Getreidearten auf 7 bis 8 Jahre ausdehnt. Es iſt daher ratſam, unter gewöhnlichen Verhältniſſen ſtets nur friſchen, d. h. von der letzten Ernte genommenen Samen als Saat⸗ gut zu verwenden. Ausnahmsweiſe, z. B. bei brandigem Weizen, iſt auch zweijähriger Same zuläſſig. In allen Fällen, wo Zweifel über die Keimfähigkeit beſtehen, wird es ſich empfehlen, eine Keimprüfung vorzunehmen. Man zählt zu dem Zweck 100 oder 200 Körner ab und legt ſie, in Ermangelung eines Keimapparates, in einen ange⸗ feuchteten Flanelllappen, den man in der Taſche bei ſich tragen oder auf einem Teller in der Nähe des warmen Ofens unterbringen kann. Das Reſultat wird beſchleunigt, wenn man die Körner vorher 4 bis 6 Stunden lang in lauwarmem Waſſer einweicht. Die Samen, die nach 6 Tagen nicht gekeimt haben, kann man als unbrauchbar be⸗ trachten. ¹) Zubereitung des Samens zur Ausſaat.²)— So viel wie möglich ſoll die Reinigung des Samens auf trockenem Wege ge⸗ ſchehen durch Wurfen, Sichten, Stäuben ꝛc. Denn im trockenen Zu⸗ ſtande hält ſich der Same am beſten, läßt er ſich am beſten ausſäen, ¹) Da der Landwirt öfter in den Fall kommt, eine Keimprüfung anzu⸗ ſtellen, ſo machen wir aufmerkſam auf den„Neueſten Schnell⸗Keim⸗ apparat“ von Coldewe und Schönjahn in Braunſchweig. Der Apparat beſteht 1. aus einem Waſſerbehälter, der bis zu ¾¼ der Höhe des inneren Einſatzrandes mit weichem, event. mit abgekochtem Waſſer ge⸗ füllt wird; 2. aus dem Keimſieb aus Thon mit 100 Löchern, in die die Samen mit dem Keimende nach unten geſtellt werden; über die Samen kommt trockener Sand bis zur Höhe des Siebknopfes; darauf wird das Keim⸗ ſieb in den Behälter geſetzt und der Sand von oben angefeuchtet; 3. aus einem Filzdeckel, der zum Verſchluß dient.— Dieſer Keimapparat(be⸗ ſonders bei Gerſte vielfach angewandt) liefert das Reſultat in 24— 30 Stunden, an einhn warmen Orte noch ſchneller.(Zeitſchrift f. d. G. Heſſen 1884, v. 14. ²) Die Methoden der Reinigung und Sortierung werden in dem Kapitel „Dreſchen, Reinigen und Aufbewahren des Getreides“ beſprochen werden. 172 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. keimt er im Boden am ſicherſten. Das Einquellen iſt alſo zu ver⸗ meiden. Ebenſo die Samendüngung, die nicht den geringſten Nutzen gewähren, oft aber den Nachteil herbeiführen kann, daß der Samen im Boden verfault. Von dem Beizen des Samens wird weiter unten (bei dem Weizenbrand) die Rede ſein. Die Ausführung der Saat. Saatmethode.— Wir können zwei Saatmethoden unterſcheiden, die Breitſaat und die Reihenſaat. Die Breitſaat geſchieht mit der Hand oder mit der Maſchine. Wo geübte Säeleute zu haben ſind, da hat die Handſaat den Vor⸗ zug der Einfachheit und Schnelligkeit.“)„Ich zweifle, ſagt Thaer, daß irgend eine Maſchine den Wurf eines geſchickten Säers übertreffe, Fig. 93. Kleine Drillmaſchine von Rud. Sack in Leipzig⸗Plagwitz. gebe aber zu, daß ſie vor ungeſchickten große Vorzüge haben könne.“ Dies iſt namentlich bei windigem Wetter der Fall, und unter allen Umſtänden macht die Regulierung des Ausſaatquantums weniger Schwierigkeit bei Anwendung der Maſchine. Trotzdem haben ſich die Breitſäemaſchinen keinen großen Eingang verſchafft, und ſie werden über kurz oder lang gänzlich verſchwinden, um den Reihen⸗ oder Drillſäemaſchinen das Feld zu räumen, die in jeder Beziehung die vollkommenſte Ausführung der Saat ermöglichen. Vortrefkliche Drill⸗ maſchinen werden gebaut von K. Naumann„Erzgebirgiſche Maſchinen⸗ fabrik“ in Schlettau, von Rud. Sack in Leipzig⸗Plagwitz, von W. Siedersleben& Co. in Bernburg u. v. a. In den bäuer⸗ lichen Wirtſchaften der Schweiz findet man die kleine Drillmaſchine ¹) 1 Mann beſäet pro Tag bei mäßiger, andauernder Arbeit 4—5 ha 1 Breitſäemaſchine von 3,75— 4,00 m Breite.... 8—10„ 1 Drillmaſchine„ 1.80⸗2,00„„... 46„ ——— Die Saat. 173 von Rud. Sack(Fig. 93) am häufigſten, womit zugleich angedeutet ſein mag, daß die Drillſaat nicht allein auf großen, ſondern auch auf mittleren und kleinen Gütern am Platz iſt. Die Vorteile der Drillkultur laſſen ſich kurz zuſammenfaſſen, wie folgt: 1. Das Ausſaatquantum läßt ſich beliebig regulieren. 2. Die Verteilung der Samenkörner iſt eine gleichmäßige. 3. Die Tiefe der Unterbringung läßt ſich beliebig regulieren. 4. Die Tiefe der Unterbringung iſt eine gleichmäßige. 5. Dadurch wird eine Samenerſparnis bedingt. 6. Dadurch wird ferner ein gleichmäßiges Aufgehen geſichert und „ein guter Aufgang iſt die halbe Ernte“. 7. Die Entwicklung der Pflanzen von der Keimung bis zur Reife iſt gleichmäßiger. 8. Die Gefahr des Lagerns wird vermindert. 9. Der Ertrag iſt höher, und namentlich iſt auch die Qualität der geernteten Körner eine vollkommenere. 10. Ein beſonderer Vorteil der Drillkultur beſteht darin, daß ſie das Behacken der Pflanzen, wenn auch nicht bedingt, ſo doch erleichtert, indem bei genügender Reihenentfernung die Zwiſchen⸗ räume während der Vegetation billig, gefahrlos und bequem mit Geſpannwerkzeugen und ſelbſtverſtändlich auch mit Hand⸗ hacken gelockert und gereinigt werden können, was namentlich auf bündigem und unkrautwüchſigem Boden weſentlich zur Steigerung der Ernte beiträgt. Drainage, Tiefkultur und Drillſaat iſt die Parole der modernen Landwirtſchaft. Dieſes Wort rufen wir beſonders den Land⸗ wirten im öſtlichen Teile des deutſchen Reiches zu, wo die Einführung der Drillſaat bis jetzt nur geringe Fortſchritte gemacht, obwohl ihr dort nichts im Wege ſteht, als Mangel an Rührigkeit und unbegründetes Vorurteil. Gerade für den Getreidebau iſt die Drillſaat vorzüglich geeignet. Sie paßt für jeden Boden, für den leichten ſo gut wie für den ſchweren, und für jede Art von Getreide, für Mais und Hirſe ſo gut wie für Weizen, Roggen, Gerſte und Hafer. Schon vor funfzig Jahren gab es alte Farmer in England, die das Breitſäen mit der Hand nur noch vom Hörenſagen kannten. Dort wird alſo alles ge⸗ drillt und auch alles behackt, denn das Behacken gehört zwar nicht zum Weſen der Drillſaat, aber doch zum Weſen der Drillkultur. ¹) Tiefe der Unterbringung.— Im allgemeinen gilt für die Gräſer, wie für die Pflanzen überhaupt, das Geſetz: Je kleiner das Samen⸗ korn, um ſo flacher die Ausſaat. In der Korngröße ſteht von ¹1) Wer von den Vorzügen der Drillkultur noch nicht überzeugt iſt, den bitten wir, die ſpeziellen Angaben über die Steigerung der Er⸗ träge durchzugehen, die in der Schrift von C. F. Eisbein,„Die Drill⸗ kultur, ihre Vorzüge, ihre Rentabilität und ihre volkswirtſchaftliche Be⸗ deutung“ mitgeteilt ſind. Dritter Abſchnitt⸗ Der Anbau des Getreides. den Getreidearten auf dem rechten Flügel der Mais, auf dem linken die Hirſe, während die 4 Hauptgetreidearten Weizen, Roggen, Gerſte, Hafer die Mitte einnehmen. Dementſprechend wird ſich alſo auch die Tiefe der Unterbringung abzuſtufen haben. Nun fand Burger bei dem Mais, daß eine Tiefe von 1—2 Zoll den ſchnellſten Aufgang zur Folge hatte; bei der Tiefe von 2 ½ Zoll trat ſchon eine Verzögerung ein. Somit erhalten wir für die untere Grenze 5 cm, für die obere Grenze, wenn wir den Samen nicht gänzlich unbedeckt laſſen wollen, 1 cm, und es ergiebt ſich nach Maßgabe der Korngröße folgende Ab⸗ ſtufung für die Tiefe der Unterbringung. NMeais...— Weizen Gerſte Hafer D Roggen.— Hirdedede 2 1 Dieſe Zahlen ſtimmen mit der Erfahrung auf wiſſenſchaftlichem und praktiſchem Gebiete ſo genau überein, daß man ſie getroſt für mittlere Feuchtigkeitsverhältniſſe zum Anhalt nehmen kann, in der Mei⸗ nung, daß man bei einem außergewöhnlich trockenen Zuſtande des Saat⸗ ackers die Tiefe der Unterbringung bei allen Getreidearten um 1 bis 3 om verſtärken darf. Die gewünſchte Tiefe der Unterbringung läßt ſich nur mit Hülfe der Drillmaſchine genauer einhalten, durch die die Samenkörner nicht bloß ausgeſäet, ſondern zugleich in Rillen gelegt und mit Erde bedeckt werden. Bei der Breitſaat geſchieht die Unterbringung, ſofern die Tiefe mehr als 5 cm betragen ſoll, zweckmäßig mit dem Saatpflug (Drei⸗ oder Vierſchar) oder mit dem Exſtirpator, deſſen Tiefgang reguliert werden kann; bei geringerer Tiefe mit einer ſchwereren oder leichteren Egge. Iſt der Boden bei der Beſtellung ſehr trocken und loſe, ſo empfiehlt es ſich, zur Sicherung der Keimung den vorgenannten Ackergeräten die Ringelwalze folgen zu laſſen. Bei der Drillſaat wird vor dem Drillen gewöhnlich mit der Glattwalze und nach dem Drillen mit der Ringelwalze gewalzt, immer vorausgeſetzt, daß der trockene Zuſtand des Ackers die Anwendung der Walze erlaubt. Landwirte, die auf eine ſaubere Beſtellung halten, laſſen die Drillſpuren erſt mit einem Strich zueggen und dann die Ringelwalze folgen. Ausſaatquantum.— Ein landwirtſchaftliches Sprüchwort ſagt: Beim Dickſäen iſt noch niemand reich geworden. Dies iſt auch inſofern völlig begründet, als ein übermäßig dicht beſäeter Saatacker den einzelnen Pflanzen, wenn auch Nahrung, ſo doch nicht Licht in aus— reichender Menge gewährt, demzufolge das Getreide ſich lagert und im Ertrage zurückſchlägt. Andererſeits hat es ebenſo ſeine entſchiedenen Nachteile, wenn das Ausſaatquantum zu gering bemeſſen wird, und wenn Hallet für cm 4 Die Saat. 175 die Drillſaat im großen bei ſehr früher Saatzeit nur 15 l!, und bei ſehr ſpäter nur 67 1 pro Hektar!) empfiehlt, ſo iſt das unbedingt zu weit gegangen, mag das Saatgut ſo vollkommen ſein, wie es will. Die Ernte kann dabei nur befriedigend ausfallen, wenn jedes Korn aufläuft, jede Pflanze ſich erhält und jede Pflanze ſich ſehr reichlich beſtockt, worauf bei dem Anbau im freien Felde weder bei der Winte⸗ rung noch bei der Sommerung mit Sicherheit zu rechnen iſt. Über⸗ dies iſt die allzureichliche Beſtockung gar nicht einmal von Vorteil, denn von den vielen Nebenhalmen entwickelt ein Teil gar keine, ein anderer nur unvollkommene Ahren, und auch die Entwicklung der kräftigeren Halme wird durch die Nebenſproſſen geſchädigt. Es kommt hinzu, daß die verſchiedenen Triebe jedes Stockes nicht gleichzeitig, ſondern nacheinander zur Entwicklung gelangen, und daher ungleich⸗ mäßig ſchoſſen, ungleichmäßig blühen, ungleichmäßig reifen. Die all⸗ zureichliche Beſtockung widerſpricht der Natur des Getreides. Die Beob⸗ achtung der Beſtände lehrt, daß unſere gewöhnlichen Getreidearten bei feldmäßigem Anbau mit Sicherheit nur dann befriedigende Erträge liefern, wenn die Ausſaat ſo ſtark bemeſſen wird, daß jede Pflanze nicht mehr als 1 bis 5, im Mittel 3 Halme produziert. Demnach entſcheiden wir uns für ein mittleres Ausſaat⸗ quantum. Aber wie hoch haben wir dies anzunehmen? Die Frage iſt nicht ſchwer zu beantworten,„da wir in Anſehung des gewöhnlichen Ausſaatquantums eine unerwartete Übereinſtimmung bei allen Nationen und in allen Klimaten ſogar antreffen. Die mittlere Ausſaat iſt zwiſchen 18 und 20 Berliner Metzen auf den Magdeburger Morgen von allen gewöhnlichen Getreidearten bis auf den Hafer, der in der Regel auch allenthalben um ½¼ oder um die Hälfte ſtärker ausgeſäet wird... Da die allgemeine Erfahrung jenes Ausſaatmaß bei der gewöhnlichen Beſtellung(Breitſaat ꝛc.) als das ſicherſte beſtätigt hat, und die Saaterſparer, ſo lange ſie dieſe nicht abänderten, im Durchſchnitt nicht glücklich geweſen ſind, ſo hat der Landwirt Gründe genug, dabei zu beharren“(Thaer). Obige 18 bis 20 Metzen pro Morgen entſprechen etwa 240 bis 270 1 pro Hektar. Dies wäre alſo das mittlere Ausſaatquantum der Breitſaat bei Weizen, Roggen und Gerſte. Unter dies Maß darf man nur herabgehen bei ſehr früher Saatzeit, bei außergewöhnlich ſorgfältiger Reinigung und Sortierung des Saatguts und bei ſehr ſauberer Zubereitung des Saatackers. Als das Minimum der Breit⸗ ſaat betrachten wir 190 1 pro Hektar. Bei der Drillſaat kommt von den vorſtehend angegebenen Maßen nicht mehr als ⅛ in Abzug. Das mittlere Ausſaatquantum der Drillſaat bei Weizen, Roggen und Gerſte beträgt daher 190 bis 210 l und das Minimum 150 1 pro Hektar. Nähere Angaben für die einzelnen Getreidearten folgen weiter unten. Hierbei haben wir den gewöhnlichen Feldbbau im Auge. Wenn z) 67 1 pro Hektar ſind noch nicht ganz S Scheffel pro Morgen. 176 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. es ſich darum handelt, einzelne Körner oder einen ſehr kleinen Vor⸗ rat von Saatgut möglichſt zu vermehren, ſo kann man das Quantum der Ausſaat bis auf 80 1 pro Hektar vermindern, aber man iſt dann ſchon dem Riſiko ausgeſetzt, daß die Saat über Winter leidet, unter Umſtänden ſogar gänzlich zu Grunde geht. Saatzeit.— Die Praxis unterſcheidet zwei Saatzeiten: Herbſt⸗ ſaat und Frühjahrsſaat. Die Grenze zwiſchen beiden liegt in der Mitte des Jahres, wenn die Sonne den höchſten Stand erreicht und ſich wieder nach Süden wendet. Wir haben dann den längſten Tag. Das Centrum der Herbſtſaatzeit fällt auf die Tag⸗ und Nacht⸗ gleiche im Herbſt(letztes Drittel im September), das Centrum der Frühjahrsſaatzeit fällt auf die Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr (letztes Drittel des März). Die vierzehn Tage um die beiden Aqui⸗ noctien kann man als die mittlere, die Zeit vorher und nachher als die frühe und die ſpäte Saatzeit bezeichnen. Die Praxis unterſcheidet ferner Winterung und Sommerung oder Wintergetreide und Sommergetreide. Als Winterung laſſen ſich in unſerem Klima anbauen gewiſſe Arten und Varietäten von Gerſte, Roggen, Weizen und Spelz, und zwar folgen ſie hinſichtlich der Saatzeit in der Ordnung, daß der Johannisroggen gewiſſermaßen als Vortrab zuerſt ins Feld rückt; etwas ſpäter der Gewalthaufen, in dem die Gerſte die erſte, der Roggen die zweite, der Weizen mit dem Spelz die dritte Abteilung bildet. Späteſtens mit dem letzten Oktober muß das letzte Wintergetreide in der Erde ſein. Von der Ausſaat im November und Dezember halte ich nichts.. Im Frühjahr eröffnen Sommer-⸗Roggen, Weizen und große Gerſte den Reigen, dann folgt der Hafer, etwas ſpäter die empfind⸗ liche Hirſe und der verzärtelte Mais; den Schluß bildet die kleine Gerſte, die ſich um die Zeit der Sonnenwende mit dem Johannis⸗ roggen begegnet. Im übrigen verſchiebt ſich die Saatzeit mit der geographiſchen Breite und mit der Höhe über dem Meer, was im deutſchen Reiche einen Unterſchied von vierzehn Tagen bis drei Wochen bedingt. Auch die Witterung des Jahrganges, der Zuſtand des Bodens und die Wirtſchaftsverhältniſſe(Fruchtfolge, Arbeit ꝛc.) ſind auf die Beſtimmung der Saatzeit von Einfluß. Im allgemeinen iſt es ratſam, den Grund⸗ ſatz zu befolgen, jede Fruchtart ſo früh anzubauen, als es ihre Natur erlaubt, denn mit der längeren Vegetationszeit erhöht ſich der Er⸗ trag. Lehrreich in dieſer wie in anderer Beziehung iſt folgender Verſuch von E. Wollny in München. (Siehe Tabelle S. 177.) Die vom 28. Oktober bis 25. November geſäeten Körner liefen erſt im Januar des nächſten Jahres auf. Der am 18. Auguſt ge⸗ ſäete Roggen ſchoßte ſo zeitig im Frühjahr, daß die Ahren im Mai von Nachtfröſten litten. Im übrigen ſprechen die Zahlen entſchieden zu gunſten der frühen Saatzeit. Die Pflege der Saaten. 17 Winterroggen 100 Pflanzen pro 4 qm.— Bodenraum pro Pflanze 400 qem 2. Quantität 2 Qualität der Se der Ernte[85 2 Ernte SBBSPeSBI Saatgut Erntezeit ½, 5 S. V 3[=E o g 100 Körner 3 53 Körner wiegen S55Sͤ 8 5 enthalten— durch⸗ 5 5α☛ Stück ſchnittlich 1873 1874 5 g g 9 g 18. Auguſt[10. Juli 327[1536 4050 456] 28,1 919 2918 2. Sept. ſl3.„ 315[1488 3060 315 21,0/ 804 2,48 16.„ 12.„ 305[1475 2750 287] 19,3 761 2,63 30.„ l8.„ 292[1056 1927 239] 12,5 709 2,82 14. Olt. 23.„ 283 830 1107 216] 10,2 752 2,66 28.„ 98.„ 27* 517 901 44 6,9 752 2,66 11. Nov. 1. Auguſtſ 264 145 219 27] 3,1 910 2,19 25.„ 5.„ 254 289 513 45 4,3 701 2,85 Die Pflege der Saaten. Eggen.— Wenn unmittelbar nach der Saatbeſtellung die Oberfläche des Bodens durch einen Platzregen zuſammenſchwimmt in einen Brei, der durch plötzliches Austrocknen zu einer Kruſte erſtarrt, ſo iſt es ratſam, das Feld zu übereggen, um die Keimung des Samens und das Hervorbrechen des Graskeims zu ermöglichen und zu unterſtützen. Auch ſpäter kann die Zerſtörung der Kruſte mit einer kurz⸗ aber ſcharfzinkigen Egge zweckmäßig ſein, namentlich im Frühjahr bei der Winterung auf bündigem Boden, wobei zugleich die etwa vorhandenen Erdklöße, nachdem ſie die Einwirkung des Froſtes erlitten, zerkleinert und verteilt werden. Die gelockerte Erde regt die Pflanzen an zur Bewurzelung und zur Beſtockung. Außerdem werden einige flach⸗ wurzelnde Unkräuter vertilgt. Geſchieht das Eggen im richtigen Zeit⸗ punkt, ſo kann es beſonders bei der Weizenſaat einen guten Erfolg haben. Ferner kann das Eggen in Anwendung kommen zur Lichtung üppiger und zu dicht beſtandener Saaten, um dem Lagern vorzubeugen. Walzen.— Hat bei der Saatbeſtellung die Feuchtigkeit der Witterung die Benutzung der Walze nicht geſtattet, ſo kann das Walzen ſpäter nachgeholt werden, um die Oberfläche des Bodens zu verebnen und den Schnitt der Mähmaſchinen zu erleichtern. Bei der Winterung hat das Walzen im Frühjahr außerdem den Zweck, die durch den Froſt gehobenen Pflanzen anzudrücken und zu neuer Wurzelbildung anzuregen. Auch das vorzeitige Schoſſen läßt ſich durch ein vorſichtiges Walzen zurückhalten. Schröpfen.— Das Schröpfen iſt eine alte, ſchon zu Theophraſt's Zeiten auf dem fruchtbaren Boden Theſſaliens angewandte Maßregel, Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 12 NTNRNNNNWNN 178 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. um all zu üppige Saaten vor dem Lagern zu ſchützen. In manchen Jahrgängen bleibt nichts übrig, als zu dieſem Rettungsmittel ſeine Zuflucht zu nehmen. Aber man ſchere die Saat ſofort bei Beginn des Schoſſens und beſeitige nur die Spitzen der Blätter, um die in den Blattſcheiden emporrückenden jungen Ahren nicht zu verletzen. Die erſten und oberſten Ahren ſind die beſten, und eine abgeſchnittene Ähre wächſt niemals wieder nach. Eine zu tief oder zu ſpät ge⸗ ſchröpfte Saat entwickelt nur die in den Blattachſeln angelegten Re⸗ ſervetriebe, die ſelten oder niemals die Stärke erreichen, wie die zuerſt emporgeſchoſſenen Haupthalme. Sicherer bleibt es auf jeden Fall, durch ein mäßiges Ausſaatquantum und durch mäßige Düngung dem 4 Sr Siedersleben& Co., Bernburg.— Mit Armatur zum Be⸗ Fig. 94. Hackmaſchine von W. hacken von 13 Getreidereihen. Lagern vorzubeugen. Sehr wirkſame Maßregeln zu demſelben Zwecke ſind 1. die Drainage, die die überflüſſige Feuchtigkeit beſeitigt, 2. die Tiefkultur, die die Bewurzelung der Pflanzen unterſtützt, 3. die Drillſaat, die dem Licht den Zutritt zu den Blättern geſtattet. Hacken.— Das Behacken der Getreideſaaten iſt heutzutage uur auf gedrillten Feldern im Gebrauch, wo es mit der Hackmaſchine (Fig. 94) und mit der Handhacke geſchieht; es iſt aber hervorzuheben, daß die alten Griechen, die die Samenkörner mit dem Hakenpfluge in die Erde brachten, ihre Winterſaaten im Frühjahr auf ſchwerem Boden teils mit der Handhacke, teils ſogar mit dem Hakenpfluge be⸗ arbeiten ließen. Möglich iſt das Behacken alſo auch bei der Breit⸗ überſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 179 ſaat, aber allerdings wird es durch die Reihenſaat bedeutend erleichtert. An der Förderung des Wachstums durch das Behacken, das die Zerſtörung der Kruſte und die Vertilgung des Unkrauts bezweckt, wird wohl niemand zweifeln, aber vielfach hält man die Arbeit für undurch⸗ führbar oder für unrentabel. Demgegenüber erinnern wir an die ausgedehnte Anwendung der Hackmaſchine in England und in der Provinz Sachſen, und in Bezug auf die Anwendung der Handhacke verweiſen wir auf die Beſchreibung und Ertragsberechnung einer Zuckerrübenwirtſchaft, mitgeteilt in den Landw. Jahrbüchern 1874 von H. Thiel, worin es heißt:„Es iſt meiſtenteils möglich, die Hälfte des Winterkorns und ½ des Sommerkorns einmal mit der Hand zu hacken, und koſtet der Morgen im Akkord 2 bis 3 Mark.“ Man mache alſo den Verſuch und laſſe ſoviel behacken, wie mit den vor⸗ handenen Arbeitskräften bewältigt werden kann. Auf bündigem Boden wird ſich die Arbeit durch die höheren Erträge und durch die Rein⸗ heit der gewonnenen Körner in der Regel reichlich bezahlen; auf leichterem Boden iſt das Behacken weniger nötig, aber ebenfalls ratſam. Jäten.— Mit dem Jäten verhält es ſich ähnlich wie mit dem Hacken; namentlich iſt das Jäten auf bündigen wie auf leichteren Böden in dem Falle am Platze, wenn das Hacken unterbleibt. Um nur an einem Beiſpiel zahlenmäßig zu zeigen, wie bedeutend der Ertrag an Korn und an Stroh durch das Unkraut geſchädigt wird, teilen wir das Reſultat eines Verſuches mit, den Wollny im Jahre 1884 auf zwei ganz gleichmäßig beſchaffenen Parzellen in der Weiſe ausführte, daß er auf der einen Fläche das Unkraut wachſen, auf der andern dagegen ausjäten ließ. Er Name Beſchaffenheit Größe Entfernung— Erxtrag der der b der der Zahl. Pflanze Parzelle Parzelle Pflanzen der Körner Stroh ““. Salme am em Stück g g 3 79 22 3 Sommer⸗ mit Unkraut V 4 V 20 20 216 180 339 roggen ohne„„. 423 528 1077 Wir denken, daß jeder Landwirt, der dieſe Zahlen zum erſtenmal überblickt, durch das Reſultat des Verſuches überraſcht, und wir hoffen, daß mancher durch ſie veranlaßt werden wird, den Vertilgungskrieg gegen das Heer der Unkräuter zu unternehmen. überſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. Schädliche Pflanzen. Die Pflanzen, die beim Getreidebau als ſchädlich in Betracht kommen, laſſen ſich nach ihrer Organiſation und Lebensweiſe in drei 12 180 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Gruppen bringen, von denen die erſte die gewöhnlichen Un⸗ kräuter, die zweite die Wurzelſchmarotzer, die dritte die para⸗ ſitiſchen Pilze umfaßt. Erſte Gruppe: Gewöhnliche Unkräuter. Hierher rechnen wir die wildwachſenden Pflanzen, die ſich ſelb⸗ ſtändig ernähren und einfach dadurch ſchädlich werden, daß ſie den Kulturgewächſen Raum, Licht und Nahrung wegnehmen. Raphanus ra- Fig. 95. Roggeen⸗Treſpe, Bromus Fig. 96. Hlederich, secalinus.— a Ährchen; v, e Scheinfrucht phanistrum.— a Gliederſchote(natürliche Größe); b und c Same; d Samendurch⸗ ſchnitt; e Fruchtglied halbiert. (Nach Nobbe.) natürliche Größe; d Rückſeite, e Bauchſeite vergrößert.(Nach Nobbe.) Fig. 98. Kornrade, Agrostemma Githago.— Same a in natürlicher Fig. 97. Saat⸗Wucherblume, Chrysanthemum segetum.— a vom 1 Strahl; b von der Scheibe; e natürliche Größe; b Ffach vergrößert. Größe.(Nach Nobbe.)(Nach Nobbe). Ihre Vertilgung geſchieht teils auf direktem, teils auf indirektem Wege: durch ſorgfältige Reinigung des Saatguts, durch ſaubere Zu⸗ bereitung des Bodens(Brache), durch Ausjäten, Ausſtechen, Aus⸗ Überſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 181 hacken ꝛc. Auch der Trockenlegung des Landes durch Drainage oder Waſſerfurchen iſt hier wieder zu gedenken, weil viele Unkräuter durch die Näſſe in ihrem Wachstum ganz beſonders gefördert werden. In dieſe Gruppe gehören die folgenden gemeinen Unkräuter: Kornrade, Agrostemma Githago. Kornblume, Centaurea cyanus. Klatſchmohn, Papaver Rhoeas. Feldritterſporn, Delphinium Consolida. Ackerhahnenfuß, Ranunculus ar- vensis. „Roggentreſpe, Bromus secalinus. Taumellolch, Lolium temulen- tum. Windhalm, Apera spica venti. Gemeines Riſpengras, Poa tri- vialis. Ackerfuchsſchwanz, Alopecurus agrestis. Wilder Senf, Sinapis arvensis. „Hederich, Raphanus raphani- strum. Klebkraut, Galium aparine. Hundskamille, Anthemis ar- vensis. Wucherblume, Chrysanthemum segetum. Gemeines Kreuzkraut, Senecio vulgaris. Dieſe Blumenleſe mag genügen. Frühlingskreuzkraut, Senecio, vernalis. Ackerwinde, Convolvulus ar- vensis. Ackerſteinſame, Lithospermum arvense. Hohlzahn, Galeopsis tetrahit. Erdrauch, Fumaria officinalis. Adonis, Adonis aestivialis. Acker⸗Gauchheil, Anagallis ar- vensis. Mäuſeöhrchen, Myosotis inter- media. Rapünzchen, Valerianella oli- toria. Knäulkraut, Scleranthus annuus. Saudiſtel, Sonchus arvensis. Kratzdiſtel, Cirsium arvense. Vogelwicke, Vicia Cracca. Acker⸗Krummhals, Lycopsis ar- vensis. Ochſenzunge, Anchusa offici- nalis. u. a. m. Die beigefügten Abbildungen werden dazu dienen, die Kenntnis der Unkrautſamen durch genaue Betrachtung unter der Lupe und dem Mikroſkop zu fördern und zur Reinigung des Saatguts und ſomit auch zur Vertilgung der Un⸗ kräuter anzuregen. Zweite Gruppe: Wurzelſchmarotzer. Hierher rechnen wir die Unkräuter, deren Wurzeln mit den Wurzeln der Kulturpflanzen verwachſen, um ihnen mit Hülfe eigen⸗ tümlicher Saugwarzen oder Hauſtorien die Nahrungsſäfte zu entziehen. Im übrigen kommen ſie, was ihre landwirtſchaftliche Beurteilung und Vertilgung betrifft, mit den gewöhnlichen Unkräutern der erſten Gruppe überein. *) Dieſes Zeichen weiſt auf die Abbildungen.(Nobbe, Handbuch der Samenkunde.) 182 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Zu den Wurzelſchmarotzern, die ſich auf den Getreidefeldern finden, gehören folgende Gewächſe: Klappertopf, kleiner, Rhinanthus minor, 5 großer, 5 major, 5 Feld⸗,„ hirsutus, Wachtelweizen, Melampyrum arvense, Augentroſt, Euphrasia Odontites. Dritte Gruppe: Paraſitiſche Pilze. Die paraſitiſchen Pilze ſind kleine, mit bloßem Auge nicht deut⸗ lich erkennbare Pflanzen, die ſich in den Leib der Kulturgewächſe hineinbohren und im Innern der Gewebe fortwuchernd und auf Koſten des Wirtes lebend verſchiedene Krankheiten der Kulturgewächſe ver⸗ urſachen. Die gemeinſten und wichtigſten Krankheiten der Getreide⸗ arten ſind Mutterkorn, Brand und Roſt. Wir wollen ſie kurz beſprechen und durch Abbildungen erläutern. Das Mutterkorn, Claviceps purpurea.— Fig. 99 zeigt uns das Mutterkorn auf einer Roggenähre. Gelangt es durch Ausfall oder mit der Saat auf feuchten Boden, ſo keimt es, gewöhnlich erſt im Frühjahr, aus, indem es mehrere geſtielt⸗kugelige Fruchtkörper her⸗ vortreibt, wie dies Fig. 100 veranſchaulicht. Der kugelige obere Teil jedes Fruchtkörpers iſt dicht beſetzt mit halbeingeſenkten, krugförmigen Sporenbehältern oder Perithecien. Fig. 101. Jeder Sporenbehälter enthält zahlreiche ſcheidenförmige Schläuche, aus denen zur Zeit ihrer Reife die fadenförmigen Sporen aus⸗ geſchleudert werden. Fig. 102. Die mikroſkopiſch kleinen und ſehr leichten Sporen werden durch den Wind in die junge Blüte des Roggens oder einer andern Gras⸗ art gebracht. Hier keimen ſie in der Weiſe aus, wie es Fig. 103 darſtellt, und die Keimſchläuche dringen ein in den Fruchtknoten. Der junge zwiſchen den Spelzen verborgene Fruchtknoten wird überall durch- und überwuchert von den weißen Fäden des Pilzes, die auf der Oberfläche eine Unzahl cylindriſcher Fruchtträger bilden, an deren Spitze eiförmige Gonidien abgeſchnürt worden. Fig. 104, A. Gleichzeitig wird jener zuckerhaltige Saft abgeſondert, der in dicken, von unzähligen Gonidien getrübten Tropfen zwiſchen den Spelzen hervorquillt und das Vorhandenſein des Paraſiten verrät. Der Zuckerſaft wird begierig aufgeſaugt von Inſekten, die ihrerſeits die Gonidien verſchleppen und ſo zur Verbreitung des Pilzes bei⸗ tragen, denn die Gonidien ſind ebenfalls keimfähig(Fig. 104, B) und ſie rufen in anderen Blüten dieſelben Erſcheinungen hervor, die wir eben betrachtet haben. Allmählich hört die Abſchnürung der Gonidien und dier Ab⸗ ſonderung des Zuckerſaftes auf, die Pilzfäden am Grunde der gonidien⸗ bildenden Fruchtträger verflechten und verfilzen ſich mehr und mehr, und ſchließlich entſteht ein hornartiger Körper: das Mutterkorn, das Überſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 183 mit der Fruchtreife des Graſes ebenfalls ſeine Reife erlangt und damit in den bis zum kommenden Frühling dauernden Ruheſtand übergeht. Unter den Getreidearten zeigt ſich das Mutterkorn am häufigſten auf dem Roggen; aber auch auf Weizen, Spelz, Gerſte, Hafer, 2 Fig. 100. Aus dem Mutterkorn m ſind mehrere geſtielt⸗kugelige Pilz⸗Fruchtkörper k hervorgewachſen. Natürliche Größe.(Nach Tulasne.) d Fig 101. Mutterkorn, Claviceps purpurea. Fig. 99. Eine Roggenähre mit 2 voll⸗— Ein Fruchtkörper im Längsdurchſchnitt. S ſtändig ausgebildeten Sklerotien des Mutter⸗ der Stiel, K das Köpfchen mit zahlreichen korns(Claviceps purpurea). Natürliche Sporenbehältern oder Perithecien p. Schwach Größe. vergrößert.(Nach Tulasne.) 184 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Hirſe und Mais iſt es gefunden worden, außerdem auf zahlreichen wildwachſenden Gräſern. ¹) Die praktiſchen Maßregeln, die man zur Verhütung des Mutter⸗ korns ergreifen kann, beſtehen vorzugsweiſe darin, daß man 1. das Saatgut ſorgfältig reinigt, daß man 2. die in der Nähe der Getreide⸗ Fig. 102. Mutterkorn, Claviceps Fig. 103. Mutterkorn, Claviceps purpurea.— Eine purpurea.— Ein ſcheidenförmiger Anzahl fadenförmiger Ascoſporen(vergl. Fig. 102) in Schlauch oder Ascus a(aus den Keimung begriffen. Stark vergrößert.(Nach J. Kühn.) Sporenbehältern p(Fig. 101), fadenförmige Sporen sp aus⸗ ſchleudernd. Stark vergrößert. (Nach Tulasne.) Fig. 104. Mutterkorn, Claviceps purpurea.— Bei A das fädige und verfilzte Mycelium m, übergehend in die Fruchtträger f, die an ihrer Spitze die Gonidien g abſchnüren. Bei B keimende Gonidien g, von denen die eine ſekundäre Gonidien g entwickelt hat. Stark vergrößert. (A nach Tulasne, B nach J. Kühn.) felder, an Rainen, Gräben und Wegrändern vorkommenden Gräſer vor ihrer Blüte abſchneidet und daß man 3. das Getreide in der Gelbreife erntet, damit die Mutterkörner nicht auf dem Felde aus⸗ fallen. ¹) Vergl. Jul. Kühn. Mitteilungen I. Heft 1863. überſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 185 Der Steinbrand, Tilletia Caries.— Die bekannteſte und ge⸗ fährlichſte der verſchiedenen Brandformen iſt der Steinbrand, Schmierbrand oder Stinkbrand, der nach Julius Kühn aus⸗ ſchließlich auf den Weizenarten vorkommt. Die Lebensgeſchichte dieſes paraſitiſchen Pilzes iſt folgende. Beim Dreſchen werden die in den Ähren ſitzenden Brandkörner zerſchlagen und der freiwerdende Staub, der aus Millionen von Brandſporen beſteht, fliegt auf die Strohteile und auf die geſunden Weizenkörner. Namentlich ſetzen ſich die Brandſporen in dem Haar⸗ ſchopf feſt, den das Weizenkorn am oberen Ende trägt. Derartigen Weizen nennt man in der Müllerſprache„blauſpitzig“. Fig. 105. Keimling des Weizens(Triti- Fig. 106. Steinbrand, Tilletia Caries.— cum vulgare) drei Tage nach der Ausſaat. s Brandſpore, p Keimſchlauch, an der Spitze wi Hauptwurzel mit der Wurzelhaube wh mit pfriemenförmigen Sporidien„Kranzkörper⸗ und Anfängen der Wurzelhaare h.— chen“ sp beſetzt. Fig. B zeigt eine doppelzellige ws Wurzelſcheide der Hauptwurzel.— Sporidie, die bei x einen dünnen Keimſchlauch wa und woa zwei Seitenwurzeln, noch ein⸗ getrieben hat. Vergrößerung 460 fach. geſchloſſen in ihre Wurzelſcheiden.— wa(Nach Tulasne.) und ws Auſchwellungen zweier weiteren Seitenwurzeln. sb Scheidenblatt des Hälmchens, sc Schildchen. p Fruchtſchale. Vergrößerung 7 fach. Werden die mit Brandſporen behafteten Körner ausgeſäet, ſo keimt der Brand gleichzeitig mit dem Weizen. Fig. 105 zeigt ein gekeimtes Weizenkorn, Fig. 106, A eine gekeimte Brandſpore, aber freilich nicht bei derſelben Vergrößerung, denn dieſe verhält ſich wie 7. 460. Wie gelangt der Brand nun in den Weizen? Die Brandſpore s treibt einen kurzen Keimſchlauch p. An dem ſtumpfen, breiten Scheitel ſproßt ein Wirtel oder„Kranz“ von pfriemen⸗ förmigen Sporidien oder„Kranzkörperchen“ hervor. Die Sporidien fallen ab und verbreiten ſich mit dem Waſſer im Boden. Gewöhnlich ſind die Sporidien mittelſt kurzer Querfortſätze paarweiſe vereinigt 186 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. zu Doppelzellen. An einer Stelle der Doppelzelle entſteht ein dünner Keimſchlauch(Fig. 106, B bei X). Der Keimſchlauch dringt ein in die junge Weizenpflanze, und zwar in das erſte Scheidenblatt oder in den unterſten Knoten des Hälmchens oder in die Baſis der jungen Wurzel. Fig. 105 zeigt den zarten Entwicklungszuſtand der Weizen⸗ pflanze, wo der Sporidienkeim am leichteſten eindringt. Das Mycelium des Pilzes durchwuchert nun die junge Pflanze und erreicht auch die Spitzen der jungen Triebe, an denen ſich die Ahren entwickeln. So kommt es, daß gewöhnlich ſämtliche Ahren einer Pflanze brandig werden. Wie es hier geſchildert, iſt der Vorgang am einfachſten. Es kann ſich aber auch auf einem kurzen Seitenzweige der Sporidien⸗ Doppelzelle ein ſekundäres Sporidium bilden, das abfällt, auskeimt und den Keimſchlauch in die Weizenpflanze hineintreibt.(Fig. 107.) Ja, die Sporidien⸗ oder Gonidien⸗ bildung kann ſich noch öfter wieder⸗ holen und zu einer unbegrenzten Ver⸗ vielfältigung führen, indem der Pilz ſich längere Zeit von den Dünger⸗ und Humusteilen des Bodens zu ernähren vermag. Iſt der Weizen aber inzwiſchen über das Stadium der Keimung hinaus, ſo können ihm die ſpäter ge⸗ bildeten Sporidien nicht mehr ſchaden; denn ſobald das Hälmchen ans dem Scheidenblatt hervorgewachſen, iſt die Gefahr der Infektion vorüber. Fig 107. Glatter Steubran Was läßt ſich nun thun, um die Tilletia laevis.— Eine Sporidie sp 6 66 3„ hat bei e eine Gonidie entwicket. Brandkrankheit zu verhüten? ureinena heſad(Handee Walf) Da die Brandſporen dem Weizen⸗ ſamen äußerlich anhaften und mit ihm auf das Feld gelangen, ſo kommt es vor allen Dingen darauf an, das Saatgut vor der Ausſaat von den Brand⸗ ſporen zu reinigen. Das geſchieht nach Julius Kühn anm ſicherſten durch 12— 16ſtündiges Einweichen des Saatguts in einer ½ prozentigen Kupfervitriollöſung(auf 100 1 Waſſer ½ kg Kupfervitriol), die in ſolchem Quantum zur Anwendung kommen muß, daß ſie in dem Gefäß handhoch über dem Samen ſteht. Der Weizen wird allmählich in die Löſung geſchüttet, obenauf ſchwimmende leichte Körner werden abgefiſcht und entfernt. Der Weizen ſoll mindeſtens 12, noch beſſer 14 bis 16 Stunden in der Beize ſtehen, damit alle Brandſporen ſicher getötet werden. Dann läßt man die Flüſſigkeit durch das über dem Gefäßboden befindliche, im Innern mit Drahtgaze überſpannte Loch ablaufen, um ſie zum zweitenmal(nicht öfter!) als Beize zu benutzen. Darauf wird der Weizen an luftiger Stelle flach ausgebreitet und wiederholt umgeſchaufelt. Die Saat erfolge ſo bald als möglich und Üüberſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 187 der Transport zum Felde in Säcken, die 16 Stunden in einer halb⸗ prozentigen Kupfervitriollöſung eingeweicht und dann in Waſſer aus⸗ gewaſchen wurden. Dabei iſt nach Kühns Erfahrung die Bildung von Würzelchen ohne Nachteil auf die Keimfähigkeit, ſelbſt wenn auch ein Abwelken erfolgt. Durch Handdruſch gewonnener Samen erleidet keinerlei Be⸗ einträchtigung ſeiner Keimfähigkeit beim Beizen, während Weizen, der durch die Dampfmaſchine ausgedroſchen iſt, leicht feine Riſſe erhält, durch die das Beizwaſſer eindringt und die Keimfähigkeit etwas be⸗ nachteiligt. Man thut deshalb gut, in dieſem Falle etwa 10% mehr zu ſäen. Eine anderweitige, ergänzende Maßregel zur Bekämpfung der Brandkrankheit beſteht in der Vermeidung friſcher Stallmiſtdüngung, die beſonders dann geboten iſt, wenn das Futter⸗ oder Streuſtroh Brandſporen enthält. Auch durch Verwendung brandſporenhaltiger Kraftfuttermittel(Kleien und Futtermehh) können die Krankheitskeime in den Dünger und mit dieſem auf das Feld gelangen, denn die im Futter aufgenommenen Brandſporen verlaſſen den Darm der Tiere, ohne ihre Keimfähigkeit einzubüßen. Neuerdings hat Brefeld zwar nachgewieſen, daß 6 Monate alter Miſt für das Getreide unſchädlich iſt, aber wer kann den Miſt 6 Monate lang unbenutzt liegen laſſen? Aus demſelben Grunde hat auch die Verwendung vorjährigen Weizens zur Saat als Mittel gegen die Brandkrankheit keine große praktiſche Bedeutung. So viel von dem Weizenſteinbrand, der außer durch Nilletia Caries auch durch Tilletia laevis(Fig. 107) hervorgerufen wird. Was die übrigen Brandarten betrifft, ſo leidet der Roggen, glücklicherweiſe ſehr ſelten, von dem Roggenkornbrand, Tilletia secalis, und dem Roggenſtengelbrand, Urocystis occulta. Auf der Hirſe kommt der Hirſebrand, Ustilago destruens, und auf dem Mais der Maisbrand, Ustilago Maydis vor, gegen den das Einweichen in Kupfervitriol an⸗ zuwenden iſt. Ferner findet ſich auf dem Hafer ziemlich häufig der Flugbrand, Ustilago Carbo, der von dem Flugbrand der Gerſte, Ustilago Hordei artlich verſchieden iſt. Gegen den Flugbrand der Gerſte empfiehlt Kühn neuerdings ebenfalls das Einweichen in einer Kupfervitriollöſung genau in der Weiſe, wie vorhin beim Steinbrand angegeben worden iſt, jedoch mit dem Unterſchied, daß nach dem Ablaufen der Löſung alsbald eine Kalkmilch(bereitet pro 100 kg Saatgetreide aus 110 1 Waſſer und 6 kg gutem gebranntem Kalk) aufgegoſſen und 5 Minuten lang mäßig ſtark mit der Gerſte durch⸗ gerührt wird. Der Grasroſt, Puccinia graminis.— Von den Roſtarten iſt die häufigſte und ſchädlichſte der gemeine Gras⸗oder Getreideroſt, der ſämtliche bei uns angebaute Getreidearten und auch viele wild⸗ wachſende Gräſer, wie z. B. die Quecke, das engliſche Raygras, das Knaulgras ec. befällt. Seine Lebensgeſchichte iſt merkwürdig durch die verſchiedenen Fruchtformen, die er entwickelt. 188 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. 1. Sommerſporen. Während des ganzen Sommers findet man auf den Blättern und Blattſcheiden und auf den anderen grünen Teilen der Gräſer die Sommerſporen oder Uredoſporen. Dieſe Fruchtform bildet unter der Oberhaut der Blätter ſchmale, lange, rote Wülſte; auf dem Mycelium erheben ſich dicht gedrängte Fruchtzweige ſenkrecht gegen die Oberhaut und erzeugen durch Abgliederung große eirunde Sporen, deren Protoplasma rote Körnchen enthält.(Fig. 108, u.) Dieſe Sommer⸗ oder Uredoſporen werden nach Zerreißung der Ober⸗ haut ausgeſtreut und keimen nach einigen Stunden auf der Oberfläche derſelben oder einer anderen Graspflanze. Die Sporen ſenden ihre Keimſchläuche durch die Spaltöffnungen ins Innere. Es entſtehen neue Fig. 108. Gemeiner Grasroſt, Puccinia Fig. 109. Streifenroſt, Puccinia straminis. graminis.— u Sommerſporen oder Uredo⸗— t zweizellige Winterſpore, obere Zelle ſporen, t Winterſporen oder Teleutoſporen. ausgekeimt. g Gonidie oder Sporidie. Ver⸗ Vergrößerung 390 fach.(Nach de Bary.) größerung 390 fach.(Nach de Bary.) Mycelien, die nach 6— 10 Tagen neue Spuren entwickeln und aus⸗ ſtreuen, und ſo geht es fort den ganzen Sommer hindurch. 2. Winterſporen. Gegen Ende des Sommers erſcheint neben den Uredoſporen eine andere Fruchtform: die Winterſporen oder Teleutoſporen, die auf den Blättern der Gräſer, beſonders der Quecke, überwintern. Fig. 108, t zeigt dieſe Fruchtform. Dieſe Winterſporen treiben im Frühjahr einen oder zwei Frucht⸗ träger, an denen mehrere kleine Gonidien oder Sporidien gebildet werden (ganz ähnlich wie es Fig. 109 bei einer anderen Roſtart darſtellt). Die Sporidien fallen ab, werden durch den Wind verbreitet und auf die Blätter des Berberitzenſtrauches gebracht, auf denen ſie merk⸗ würdigerweiſe zur Entwicklung gelangen, während dies auf den Blättern eines Graſes durchaus nicht möglich iſt. Üüberſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 189 3. Acidien und Spermogonien. Fig. 110 zeigt eine Sporidie, deren Keimſchlauch bei i die Oberhaut des Berberitzenblattes durch⸗ bohrt hat. Iſt dies geſchehen, ſo durchwuchert das Mycelium des Pilzes den fleiſchigen Teil des Blattes und erzeugt zweierlei Frucht⸗ formen: die Acidien und die Spermogonien, die in Fig. 111 bei a und sp zu ſehen ſind. Über die Bedeutung der Spermogonien weiß man noch nichts Beſtimmtes; man hat in ihnen winzig kleine ſchwarze Körnchen gefunden, deren Keimung aber bis jetzt nicht gelungen iſt. Dagegen iſt die Bedeutung der Acidien völlig klar gelegt. An⸗ fangs bildet das Acidium unter der Oberhaut des Berberitzenblattes einen knolligen Körper(Fig. 111, B). Später durchbricht es die Oberhaut und ſtellt einen offenen Becher dar, aus deſſen Grunde be⸗ Fig. 110. Gemeiner Grasroſt, Fig. 111. Gemeiner Grasroſt, Puccinia graminis. Puccinia graminis.— Eine— A der durch den Pilz aufgetriebene Teil eines Sporidie(vergl. Fig. 117), die bei Berberitzenblattes. o Oberſeite, u Unterſeite des i die Oberhaut eines Berberitzen⸗ Blattes. sp Spermogonien, a Acidien, bei a Gonidien blattes mit ihrem Keimſchlauch s ausſtreuend.— B ein Acidium noch unter der Ober⸗ durchbobrt hat. Vergrößerung haut u des Blattes. Schwach vergrößert 390 fach.(Nach de Bary.)(Nach J. Sachs.) ſtändig gonidienartige Sporen abgeſchnürt werden, die an der Offnung des Bechers auseinanderfallen(Fig. 111 a). Dieſe Acidienſporen entwickeln ſich nur auf der Oberfläche eines Grasblattes, z. B. des Roggens, des Weizens ꝛc., und zwar dringen die Keimſchläuche ein durch die Poren der Spaltöffnungen. Das im Parenchym der Graspflanze entſtehende Mycelium erzeugt binnen 8 bis 10 Tagen wieder Sommer⸗ oder Uredoſporen, und damit iſt der Kreislauf des Pilzes geſchloſſen. Die Mittel zur Bekämpfung des Grasroſtes ergeben ſich aus der Entwicklung des Pilzes. Als ſolche ſind zu nennen: 1. Ausrotten der Berberitzenſträucher. 2. Unterpflügen der Stoppeln und Strohhalme. 3. Reinhalten der Grenzraine, Gräben und Wege von wild⸗ wachſenden Gräſern. 190 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Entwäſſerung, weil die Feuchtigkeit die Wucherung des Pilzes begünſtigt. Vermeidung all zu reichlicher Düngung mit Stickſcoff. Auswahl widerſtandsfähiger Sorten. Drillſaat, denn ſie ſchützt gegen das Lagern und damit zum Teil auch gegen den Roſt. Die beiden anderen Roſtarten, die wir hier kurz berückſichtigen wollen, ſind der Streifenroſt, Puccinia straminis, auch P. Rubigo- vera genannt, und der Kronenroſt, Puccinia coronata. Beide Arten ſtimmen in ihrer Entwicklung mit Puccinia graminis überein, nur die Pflanzen, auf denen das Acidium vorkommt, ſind verſchieden. Der Streifenroſt, P. straminis bevorzugt als Wirt den Weizen, verſchmäht aber auch den Roggen und die Gerſte nicht und hält auch Einkehr bei wildwachſenden Gräſern. Seine zweizelligen oben abgeſtutzten Winterſporen zeigt Fig. 109. Die obere Zelle iſt ausgekeimt, um Sporidien zu entwickeln. Das Acidium des Streifenroſtes findet ſich auf folgenden rauhblättrigen Pflanzen: Ochſenzunge, Anchusa officinalis,— Hundszunge, Cynoglossum . officinale, Boretſch, Borago Fig. 112. Kronenroſt, Puccinia coronata.— Drei officinalis— Krummhals, käihter adereeledereranres wiosrin hendananen ſnehe — Natterkopf, Echium vul- gare ꝛc. Es empfiehlt ſich dieſe, ohnehin nicht nutzbaren Pflanzen möglichſt auszurotten, denn wenn ſie auch zur Fortpflanzung des Pilzes nicht unbedingt nötig ſind, da dieſe Roſtart im Uredozuſtande auf der Saat zu überwintern vermag, ſo tragen ſie doch zu ſeiner Erhaltung weſentlich bei. Der Kronenroſt, P. coronata, kommt bei Getreidearten wohl nur auf dem Hafer vor, aber hier in ſolcher Menge, daß die Blätter ganz dicht mit den ſchwarzgrauen Roſtflecken beſetzt erſcheinen. Bei wildwachſenden Gräſern beſonders häufig auf dem Honiggras, Holcus lanatus, auf der Raſenſchmiele, Aira caespitosa, und auf dem Land⸗ rohr, Arundo Epigeios. Die kurzgeſtielten, keulenförmigen Winterſporen tragen auf dem Scheitel 3 bis 6 fingerförmige Fortſätze. Daher der Name Kronen⸗ roſt(Fig. 112). Das Acidium findet ſich auf verſchiedenen Arten des Kreuzdorns, namentlich auf dem Faulbaum, Rhamnus frangula und dem gemeinen Kreuzdorn, Rhamnus cathartica. Um den Kronenroſt einzuſchränken, ſollten dieſe Baumarten und die obengenannten Gräſer ausgerottet werden, was freilich leichter ge⸗ ſagt als gethan iſt. Die Natur hat dafür geſorgt, daß auch die Pilze 59 Üüberſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 191 und Unkräuter erhalten bleiben, aber der Menſch darf nicht müde werden, gegen ſie anzukämpfen. Mit der Zeit läßt ſich viel erreichen, wenn ſich zur richtigen Erkenntnis ein feſter Wille geſellt. Schädliche Tiere. Es kommen hier hauptſächlich die Tiere in Betracht, die man insgeſamt kurzweg als Ungeziefer bezeichnet. Dahin gehören die Feldmäuſe nebſt dem Hamſter, die Ackerſchnecke, die Wanderheuſchrecke, die Engerlinge, der Drahtwurm, die Erdraupen, der Getreidelaufkäfer, die Halmweſpe, die Heſſenfliege, die Weizenmücke, das Weizenälchen, das Roggenälchen, die Rübennematode u. a. m. Vorzugsweiſe ſind es alſo Würmer und Inſekten, die mit ihren Larven, Maden und Raupen die Entwicklung des Getreides beeinträchtigen, indem ſie die Wurzeln, Halme, Blätter, Blüten oder Früchte anſaugen oder zer⸗ nagen, und bald die ganze Pflanze, bald nur Teile der Pflanze zer⸗ ſtören. Für gewöhnlich beſchädigen oder vernichten ſie nur eine be⸗ ſchränkte Zahl von Pflanzen; es kommt aber auch vor, daß ſie große Felder in dem Grade verwüſten, daß die ganze Saat ſpurlos ver⸗ ſchwindet. Als allgemeine Maßregeln zur Verhütung oder Einſchränkung des Ungezieferſchadens ſind zu erwähnen: 1. Brachbearbeitung. 2. Zweckmäßige Fruchtfolge mit Wechſel zwiſchen Halmfrüchten, Hülſenfrüchten, Hackfrüchten, Futter- und Handelsgewächſen. 3. Sorgfältige Beackerung mit Benutzung der Kälte des Winters und der Hitze des Sommers. 4. Genügend ſtarkes Ausſaatquantum. 5. Fleißiges Behacken möglichſt aller Kulturen, alſo auch der Getreideſaaten. 6. Schonung und Hegung der natürlichen Feinde, d. h. der wilden Tiere, die das Ungeziefer zu ihrer Nahrung bedürfen. Dies geſchieht namentlich durch Herſtellung von Niſtplätzen (Anpflanzung von Bäumen, Hecken oder Strauchpartieen in der Um⸗ gebung des Gehöftes, an den Wegen, auf ſchwer zugängigen Höhen oder Abhängen, in keſſelförmigen Vertiefungen ec.), ſowie durch An⸗ bringung von Niſtkäſten an den Gebäuden und auf den Bäumen. Denn die inſektenfreſſenden Vögel ſind nebſt dem Mäuſebuſſard und einigen Säugetieren, unter denen Maulwurf, Spitzmaus, Igel und Wieſel obenan ſtehen, die größten Freunde der Landwirſchaft. Auch die Fledermäuſe, ſowie die Fröſche und Kröten, Eidechſen und Nattern gehören nebſt den Spinnen zu den nützlichen und durchaus harmloſen Geſchöpfen, obwohl der Aberglaube, gegen den ebenſo ſchwer anzu⸗ kämpfen iſt wie gegen das Ungeziefer, beharrlich das Gegenteil be⸗ hauptet. Im beſonderen mag über die ſchädlichen Tiere, ihre Lebensweiſe und ihre Bekämpfung folgendes bemerkt werden. 192 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. 1. Die Mäuſe.— In gewöhnlichen Jahren wird die Ver⸗ mehrung der Mäuſe durch ihre natürlichen Feinde: Mäuſebuſſard, Eulen und Krähen unter den befiederten, Fuchs, Iltis, Wieſel, Igel, Hund und Katze unter den vierfüßigen Räubern, in Schranken ge⸗ halten. Iſt dies nicht der Fall, ſo nimmt man am beſten zu dem Mittel ſeine Zuflucht, das Profeſſor Löffler in Greifswald entdeckt und zuerſt in Theſſalien mit durchſchlagendem Erfolg angewandt hat. Es beſteht darin, daß man die Mäuſe mit dem Mäuſetyphus infiziert, indem man Reinkulturen des Pilzes(Bacillus typhi murium) auf Brotſtückchen bringt und mit dieſen auf die Felder ſtreut. Die An⸗ wendung des Mittels iſt unbedenklich, weil der betreffende Bazillus nur die Mäuſe tötet, den übrigen Tieren dagegen nichts ſchadet. Es muß aber der richtige und noch lebensfähige Bazillus ſein, ſonſt hilft er auch gegen die Mäuſe nichts. 2. Die Schnecken.— Die Winterungsſaaten werden zuweilen durch die Ackerſchnecke(Limax agrestis) in empfindlicher Weiſe ge⸗ ſchädigt. Das Ungeziefer nimmt namentlich dort überhand, wo die natürlichen Feinde: Storch, Star, Kibitz, Maulwurf, Spitzmaus, Igel, Fig. 113. Die Ackerſchnecke(Limax agrestis). Kröte, Laufkäfer ꝛc. aus Unverſtand oder Mutwillen weggefangen oder getötet werden, anſtatt ſie auf alle mögliche Weiſe zu hegen und zu pflegen. Im Taunus, Hunsrück und Jura hat man Phosphorit⸗Super⸗ phosphat(600 kg pro Hektar nach der Saat bei trockenem Wetter ausgeſtreut) mit ganz ſicherem Erfolg gegen die Schnecken angewandt; ſobald ſie mit der Säure des Düngers in Berührung kommen, ſterben ſie. Das Mittel iſt koſtſpielig, aber der Dünger kommt der betreffenden und der folgenden Ernte zu gut. Unter Umſtänden kann es genügen, nur einen Schutzſtreifen von 1—2 m Breite mit dem Atzmittel zu beſtreuen. 3. Die Wanderheuſchrecke.¹)— Eine Landplage, die von Zeit zu Zeit wiederkehrt, wird durch die Wanderheuſchrecke(Oedipoda migratoria) verurſacht. Das gefürchtete Inſekt lebt nicht allein im Orient, ſondern es iſt auch in vielen Gegenden Deutſchlands fortwährend heimiſch. Sobald die Witterung(Wärme und Trockenheit) mehrere Jahre hintereinander ſeine Vermehrung begünſtigt, iſt die Landplage ¹) A. Gerſtäcker, Die Wanderheuſchrecke, 1876. E. L. Taſchenberg, Naturgeſchichte der wirbelloſen Tiere, 1865. C. G. Giebel, Landwirtſchaftliche Zoologie, 1869. Überſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 193 da. Um ſie abzuwenden und ihr möglichſt vorzubeugen, empfiehlt ſich wiederum vor allem Schutz und Schonung der wilden Tiere, die auf Inſektennahrung angewieſen ſind. Von dieſen kommen der Wander⸗ heuſchrecke gegenüber für unſere Gegenden namentlich in Betracht: der Maulwurf, der Igel und die Spitzmäuſe nebſt dem Fuchs und Iltis, von denen die beiden letzten freilich nicht ſo unbedingte Scho⸗ nung verdienen, wie jene; ferner der Star, der Storch, die Dohle, die Saat⸗, Nebel⸗ und Rabenkrähe nebſt den weniger harmloſen Würgern; endlich die Eidechſen und Kröten nebſt der ſchwarzen Feld— grille(Gryllus campestris) und dem großen grünen Heupferd(Locusta viridissima), die beide keineswegs zu den Pflanzenfeinden zählen, ſondern allerlei andere Inſekten und beſonders auch die Larven der Wanderheuſchrecken gierig verſpeiſen. — „☛‿Ʒ Fig. 114. Die Wanderheuſchrecke, Oedipeda migratoria.— Die eine Figur zeigt das Inſekt lim geflügelten Zuſtande, die andere zeigt die mit Flügelſtumpfen verſehene Larve. Ohne Zweifel tragen die genannten Tiere das ihrige dazu bei, daß die Heuſchrecken nur ſelten maſſenhaft auftreten. Wird aber eine Feldmark oder gar eine ganze Provinz von einem Heuſchreckenfraß heimgeſucht, dann darf in keinem Fall auf jene natürlichen Feinde allein gerechnet werden, vielmehr ſind außerordentliche und energiſche Maßregeln von ſeiten der betroffenen und der gefährdeten Gemeinden dringend geboten. „Da alle Berichte darin übereinſtimmen, daß gegen die Heu— ſchrecken ſelbſt, wenn ſie in wolkenartigen, die Sonne verfinſternden Schwärmen einfallen, jede Gegenwehr fruchtlos bleibt“, ſo beſchränkt ſich der Kampf, bei deſſen Unterlaſſung die ganze nächſtjährige Ernte auf dem Spiele ſteht,— auf die Vernichtung der Eiergelege und der ungeflügelten Larven. Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 13 194 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Das Aufſuchen und Einſammeln der Eier an allen ſolchen Stellen, wo viele tote Weibchen umherliegen, iſt im Herbſt ſofort nach der Ablage der Eier in Angriff zu nehmen. Die durch den Pflug oder Spaten an der Oberfläche gebrachten Eierklumpen werden ſorgfältig aufgeleſen, um ſie in ein hell loderndes Feuer hineinzuſchütten oder auf einer Scheuntenne zu zertreten oder zu zerſtampfen; nachher werden Schweine, Enten, Hühner, Puten aufgetrieben, die die Vertilgung der in der Erde zurückgebliebenen Eiergelege in vortrefflicher Weiſe be⸗ ſorgen. Der Kampf gegen die Larven beginnt im Frühjahr, ſobald ſie aus den Eiern ausgeſchlüpft ſind. Sie ſitzen in der erſten Zeit in kleinen ſchwärzlichen Häufchen dicht beiſammen und können namentlich bei trübem und kühlem Wetter truppweiſe mit einem flachen Feldſtein oder einem breiten Klöppel zerquetſcht, auf nachgiebigem loſem Sand⸗ boden jedoch ſicherer mit beiden Händen gefaßt, in einen bereit ge⸗ haltenen Sack geworfen und in ihm zerſtampft werden. Gegen die mehr herangewachſenen Larven, die in dicht geſchloſſenen breiten Kolonnen vorrückend die Saatbeſtände ſchon merklicher mit⸗ nehmen, iſt kein Mittel wirkſamer, als die Anlegung von Fang⸗ gräben. Ein ſolcher Graben wird in der ganzen Front des Heu⸗ ſchreckenheeres ausgehoben. Auf den Enden erhält er zwei Flügel, die ſich im ſtumpfen Winkel anſchließen. Breite des Grabens 60 cm, Tiefe 45 cm, Wände ſenkrecht. In der Sohle alle 2—3 m ein Fall⸗ loch. Grabenauswurf ſämtlich auf die abgewandte Seite als Schutzwall. Iſt der Graben fertig, ſo beginnt das Eintreiben, das ſehr be⸗ hutſam und langſam mit Baumzweigen oder Strauchbeſen vorgenommen werden und ſich mehr darauf beſchränken muß, das Umkehren und Ausweichen der Heuſchrecken zu hindern. Die in den Graben ge⸗ ſtürzten Tiere werden direkt zerſtampft, weil das Einſtampfen mit Erde nicht genügt. Dieſe Art der Vertilgung läßt ſich anwenden bei den Larven, die zwiſchen der zweiten und vierten Häutung ſtehen, und zwar nur bei warmer Witterung, weil ſie bei dieſer allein beweglich ſind. Bei den älteren, mit Flügelſtumpfen verſehenen Larven gelingt das Ein⸗ treiben viel weniger gut, am beſten noch am frühen Morgen nach ſtarkem Tau oder ſogleich nach einem Regen; jedoch müſſen die Gräben, wegen der lebhaften Sprungbewegung der Tiere gegen 1 m breit und 60 cm tief ausgehoben werden. Gegen die geflügelten Inſekten iſt mit Fanggräben nichts aus⸗ zurichten. Auch alle ſonſtigen Mittel bleiben ohne Erfolg, ſofern das Ungeziefer in ungeheuren Maſſen erſcheint. Dagegen laſſen ſich ein⸗ zelne Heuſchrecken ſehr wohl beſeitigen, und die Vorſicht gebietet, nicht bloß nach einem Heuſchreckenjahre, ſondern regelmäßig im Auguſt genau auf ihr Vorkommen zu achten und beſonders die in der Begattung befindlichen Paare, ſowie die mit der Eierablage beſchäftigten Weib⸗ chen ſamt der Brut zu vernichten. überſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 195 4. Die Engerlinge.— Die bekannten und berüchtigten Enger⸗ linge ſind nichts anderes, als die Larven des gemeinen Maikäfers (Melolontha vulgaris). Zu ihrer Vertilgung giebt es kein einfacheres und natürlicheres Mittel,¹) als Schonung des Maulwurfs. Dieſer Inſektenfreſſer allein vermag dem unterirdiſch lebenden Ungeziefer beizukommen. Er ver⸗ dient es wahrlich nicht, daß man ihn an den Galgen hängt. Hinter dem Pfluge kann man die Engerlinge durch Kinder auf⸗ leſen, oder durch Krähen, Stare, Lerchen, Bachſtelzen, Enten, Hühner und Schweine verzehren laſſen, die zugleich die Drahtwürmer, die Erdraupen und anderes Ungeziefer mitnehmen. Zur Vertilgung der Käfer tragen die gleichzeitig mit ihnen um⸗ herfliegenden Fledermäuſe, Ziegenmelker und Eulen noch am meiſten Wtw Fig. 115. Der Maikäfer, Melolontha vulgaris. Puppe. Engerling. Käfer. bei. Doch ſind dieſe nützlichen Tiere nicht imſtande, größere Maſſen zu bewältigen. Es darf daher keine Gutsverwaltung und keine Ge⸗ meinde das Einſammeln der Käfer unterlaſſen, wenigſtens nicht in dem alle vier Jahre wiederkehrenden Flugjahre.“) Das Einſammeln muß ſogleich im Anfange der Flugzeit und ſtets am frühen Morgen vorgenommen werden, wenn die Käfer ſchlaftrunken an den Bäumen hängen. Das Töten geſchieht in heißem Waſſer. Verwendung der Käfer als Hühner⸗, Enten⸗ und Schweinefutter oder als Dünger. ¹) Das von Frankreich her empfohlene Mittel, die Engerlinge mit einem paraſitiſchen Pilz(Botrytis tenella) zu infizieren, hat ſich nach den Verſuchen von Dufour in Lauſanne praktiſch nicht bewährt.. ²) In den meiſten Gegenden Deutſchlands hat man alle vier Jahre ein„Maikäfer⸗Flugjahr“. Am Rhein, in der Schweiz und in Frankreich wiederholen ſich die Hauptflüge alle drei Jahre. 196 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. 5. Der Drahtwurm.— Der gemeinſte von den auf den Ackern vorkommenden Drahtwürmern iſt die Larve des Saatſchnellkäfers (Agriotes segetis). Wie ſein Name ſchon beſagt, wird er beſonders den Getreideſaaten verderblich, doch verſchont er auch die unterirdiſchen Wurzel- und Stengelteile der übrigen Kulturpflanzen nicht. In manchen Gegenden hat er die halbe Ernte vernichtet. Die künſtlichen Gegenmittel, die man empfohlen, ſind meiſt nicht durchführbar oder nicht wirkſam. Das ſicherſte Mittel iſt auch hier wieder Schonung der natürlichen Feinde, von denen die Maulwürfe und Spitzmäuſe den Drahtwurm in der Erde aufzufinden wiſſen, während ihn die inſektenfreſſenden Vögel— wie zierlich und nett thut dies z. B. die blaue Bachſtelze— hinter dem Pfluge wegpicken. Fig. 116. Der Drahtwurm, Fig. 117. Die Winterſaateule, Agrotis Agriotes segetis. Käfer und Larve. segetum. Schmetterling und Raupe. Natürliche Größe. 6. Die Erdraupen.— Der von Taſchenberg eingeführte Name„Erdraupen“ bezieht ſich auf den Larvenzuſtand verſchiedener Ackereulen, von denen die Winterſaateule(Agrotis segetum) die häufigſte und gefährlichſte iſt. Der Landwirt bezeichnet ſie als„graue Made“. Aus der Lebensweiſe dieſes Schmetterlings iſt bemerkenswert, daß die Raupe die Wurzeln nicht beſchädigt, vielmehr des Nachts aus ihrem Verſtecke hervorkriecht, um mit derſelben Gier, wie andere Raupen, die Keime und die zarten Herzblätter der Pflanzen abzu⸗ freſſen und die jungen Saaten zu verwüſten. Hieraus ergiebt ſich folgendes Mittel zur Vertilgung des Unge⸗ ziefers. Man umzieht die Stellen, wo die Erdraupen ſich durch ihren Fraß bemerklich machen, mit einer ſteilwandigen, ſauber ausgeſchaufelten Waſſerfurche von 25— 30 cm Tiefe. Sobald die Nahrung im Innern Üüberſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 197 der Fläche knapp wird, wandern die Tiere zur Nachtzeit weiter, ſtürzen in die Fangfurche und können des Morgens in der Frühe mit einem Beſen zuſammengekehrt und fortgenommen oder, wenn die Sohle der Fangfurche feſt genug iſt, auch direkt zertreten oder zerſtampft werden. Der Erfolg dieſes einfachen, von einem ſchweizer Landwirt erprobten Mittels hängt natürlich davon ab, daß man den Feind rechtzeitig bemerkt. Noch einfacher iſt es, wenn das Land ſchon vor der Saat⸗ beſtellung durch Einſetzen von Maulwürfen, durch Auftreiben von Schweinen ꝛc. von dem Ungeziefer gereinigt wird. 7. Der Getreidelaufkäfer(Zabrus gibbus).— Die Larven dieſes Inſekts kommen ebenfalls des Nachts zum Fraß aus ihrem Verſteck an die Oberfläche und ſchädigen die junge Saat von Weizen, Roggen und Gerſte in ähnlicher Weiſe, wie die Erdraupen. Da die Verwüſtungen von einer beſtimmten Stelle ausgehen und von dieſer regelmäßig weiter rücken, ſo hilft auch hier die Anlegung von Fang⸗ gräben, die gegen dieſen Feind aber mindeſtens 40 cm tief angelegt werden müſſen. Fig. 118. Der Getreidelaufkäfer Fig. 119. Die Halmweſpe, Cephus (Zabrus gibbus) nebſt Larve. pygmaeus. S. Die Halmweſpe(Cephus pygmaeus).— Das geflügelte Inſekt fliegt im Mai oder Juni auf den Roggen- und Weizenfeldern von einer Pflanze zur andern, bohrt den oberſten oder den zweit⸗ oberſten Blattknoten an und legt ein Ei hinein. Nach etwa zehn Tagen ſchlüpft die Larve aus, die nun, die Halmknoten durchbohrend, im Innern der Halmröhre auf- und abfrißt, um ſich gegen die Zeit der Ernte unmittelbar über der Wurzel einen glasartigen Kokon zur Überwinterung zu ſpinnen.. Das Vorhandenſein des Feindes macht ſich an den weißen Ahren unter den grünen bemerklich, während der Halm, unterhalb grün, oberhalb weiß, aber feſt und von außen unbenagt erſcheint. Die Larve findet man, wenn man den Halm von unten nach oben ſpaltet. Die Larven der Halmweſpe laſſen ſich dadurch vertilgen, daß man die Stoppeln ſamt den Wurzelſtöcken auskrümmert, in Haufen zuſammenbringt und verbrennt. Zweckmäßig iſt auch das gleichmäßig tiefe Unterpflügen der Stoppeln, ſofern es durch Rajolpflügen(unter Anwendung eines Pfluges mit Schälſchar), oder durch Doppelpflügen, oder durch Spatpflügen geſchieht. 198 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. 9. Die Heſſenfliege(Cecidomyia destructor).— Dieſes winzig kleine, aber höchſt gefährliche Inſekt hat zwei Generationen, von denen die eine im Frühjahr, die andere im Herbſt erſcheint. a) Die Schwärmzeit der Frühjahrsgeneration beginnt in der zweiten Hälfte des April und dauert bis gegen Ende Mai. Das befruchtete Weibchen legt ſeine 80— 100 Eier nacheinander an die unterſten Blätter der Getreidepflanze, gewöhnlich je zwei ſchräg übereinander zwiſchen je zwei Längsnerven des Blattes. Sie ſind ſo klein, daß man ſie nur mit der Lupe entdeckt. Je nach der Witterung liegen die Eier fünf bis zwölf Tage; dann ſchlüpfen die Maden aus, kriechen in der Rinne zwiſchen den Blattnerven bis zur Blattſcheide und in ihr abwärts bis zum Halm⸗ knoten. Hier ſetzen ſie ſich feſt und verlaſſen den einmal angenommenen Wohnort nicht wieder. Entſprechend dem verſchiedenen Entwicklungszuſtand der Pflanzen findet man die Maden, einzeln oder in Geſellſchaften bis zu neun Stück, bei der Winterung(Weizen oder Roggen) dicht über dem erſten oder zweiten Halmknoten von unten, bei der Sommerung(Weizen, Roggen oder Gerſte) dicht über dem Wurzelſtock. An der Lagerſtätte der Maden wird der Halm ſo beſchädigt, daß er ſpäter die Ähre nicht zu tragen vermag, ſondern umknickt. Nach Wind und Regen ſieht ein ſtark infiziertes Feld wie verhagelt aus, es fehlt nur das untrügliche Kennzeichen des Hagels: der Anſchlag. Gegen Ende Juni ſind die meiſten Maden erwachſen und in den Zuſtand der Puppe übergegangen. Die Mehrzahl bleibt bei der Ernte in der Stoppel auf dem Felde zurück, um bald darauf die noch ge⸗ fährlichere Herbſtgeneration zu liefern. b) Die Schwärmzeit dieſer Herbſtgeneration fällt vor⸗ nehmlich in den September, alſo in die Zeit der Roggenſaat. Deshalb leidet der Roggen, beſonders der Anfang September geſäete, mehr von der Made als der Weizen, obwohl dieſer von dem mit der Eier⸗ ablage beſchäftigten Inſekt vorgezogen wird, ſobald es zwiſchen Roggen und Weizen die Wahl hat. Außerdem ſetzt die Fliege oder richtiger Mücke die Eier auf die Blätter der Gerſten⸗, Roggen⸗ oder Weizen⸗ pflanzen, die durch Ausfall auf dem gepflügten oder nicht gepflügten Stoppellande entſtehen.. Die meiſten, wenn nicht alle Pflanzen der Winterſaaten, die mit Maden beſetzt ſind, gehen bis zum Frühjahr zu Grunde. Die Maden und die Puppen dagegen bleiben erhalten und liefern im April wieder die Frühjahrsgeneration. Gegenmittel. a) Gegen die Frühjahrsgeneration der Heſſenfliege läßt ſich dadurch ankämpfen, daß man die zu Grunde gerichteten Saaten ſo früh als möglich, jedenfalls vor dem 15. April, tief umpflügt, um den in den verfaulten Wurzelſtöcken ſitzenden Maden und Puppen das Ausſchlüpfen unmöglich zu machen oder wenigſtens bedeutend zu erſchweren. Üüberſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 199 Ebenſo iſt der etwa vorhandene Aufſchlag auf den Stoppelfeldern rechtzeitig durch Unterpflügen zu vertilgen. Findet ſich der Aufſchlag in der Gerſten⸗, Weizen⸗ oder Roggenſtoppel zuſammen mit einge⸗ ſäetem Klee oder Kleegras, ſo kann man vereinzelte Getreidepflanzen alsbald nach ihrem Erſcheinen durch Ausjäten oder Aushacken be⸗ ſeitigen, während bei einer größeren Menge von Pflanzen nichts übrig bleibt, als das Abweiden. Wo der„Getreideverwüſter“ häufiger auf⸗ tritt, da kann es ratſam ſein, anſtatt der genannten Getreidearten als Deckfrucht des Klees, der Luzerne ꝛc. eine andere Pflanze zu wählen, die von der Made der Heſſenfliege nichts zu leiden hat. Endlich wäre hier noch zu erwähnen, daß man die Saat der kleinen Gerſte(Hordeum vulgare) dadurch ſchützen kann, daß man die Beſtellung erſt im Juni vornimmt, nachdem die Schwärmzeit der Frühjahrsgeneration vorüber iſt. Bei der großen Gerſte(Hordeum distichum) iſt dagegen eine ſo ſpäte Ausſaat nicht zuläſſig. Fig. 120. Die Heſſenfliege, Fig. 121. Die Weizenmücke, Cecidomyia destructor. Cecidomyia tritici(Weibchen). b) Zur Bekämpfung der Herbſtgeneration iſt vor allem ge⸗ boten, die Roggen⸗, Weizen⸗ und Gerſtenſtoppel ſofort nach der Ernte auszukrümmern und haufenweiſe zu verbrennen, oder aber ſorgfältig und tief unterzupflügen in der Weiſe, wie es vorhin bei Beſprechung der Halmweſpe angedeutet worden iſt. Ein weiteres Mittel beſteht in der Verſchiebung der Winterungs⸗ ſaat bis zum 20. September. Noch ſicherer wäre es, bis zum 10. Oktober, d. h. bis zu der Zeit zu warten, wo die Schwärmzeit der Herbſt⸗ generation vorbei iſt, aber dann iſt leider auch die beſte Saatzeit vor⸗ bei; überdies fällt die ſpäte Saat der Frühjahrsgeneration leichter anheim. 10. Die Weizenmücke(Cecidomyia tritici).— Dieſe kleine Mücke, die bis jetzt in Deutſchland nicht ſo verheerend aufgetreten iſt wie in Frankreich, England und Nordamerika, ſchwärmt vom Ende Mai bis Mitte Juli, abends zwiſchen 7 und 9 Uhr, um die blühen⸗ den AÄhren des Weizens(der Gerſte und des Roggens). Das Weibchen 200 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. ſchiebt ſeine lange Legeröhre zwiſchen die Spelzen und legt bis zehn Eier hinein, aus denen binnen zehn Tagen die gelben Maden aus⸗ ſchlüpfen, die den Blütenſtaub und nach der Blüte den jungen Frucht⸗ knoten verzehren.(Fig. 122. Zur Erntezeit verläßt ein Teil der Maden die Ahre, um den Winter in der Erde zuzubringen und ſich erſt im Frühjahr zu ver⸗ puppen; ein anderer Teil gelangt mit den AÄhren in die Scheune und beim Dreſchen in die Spreu. Daraus ergeben ſich als Gegenmittel: 1. Wegfangen der Mücken vor der Eierablage mit dem Hamen, was im großen wohl kaum durchführbar. Fig. 122. Die Weizengallmücke, Cecidomyia tritici. Li Larve im zuſammen⸗ gezogenen, L dieſelbe im geſtreckten Zuſtande. B eine Weizenblüte: au äußere, ag innere Spelze, b Staubgefäße, c die federförmigen Narben, d die Schüppchen, 1 Larven der Weizengallmücke. Lr und Lu ſtark, B weniger ſtark vergrößert. 2. Tiefes Unterpflügen der Weizenſtoppeln ohne Wiederholung des Pflügens im Frühjahr. 3. Sorgfältige Reinigung des ausgedroſchenen Weizens und Ver⸗ brennen des ausgeklapperten oder ausgeſiebten Staubes. 11. Das Weizenälchen(Anguillula oder Tylenchus tritici).— Mit dem Namen bezeichnet man einen kleinlichen, mit bloßem Auge nicht erkennbaren Fadenwurm(Fig. 123), der die Gicht⸗ oder Raden⸗ krankheit oder den ſogenannten Kaulbrand des Weizens verur⸗ ſacht. Das Vorhandenſein des Paraſiten läßt ſich nachweiſen, wenn man den gelblich⸗weißen, faſerig⸗ſtaubigen Inhalt eines radigen Kornes überſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 201 (das mit dem Samen der Kornrade nichts gemein hat, als eine ent— fernte Ahnlichkeit in Geſtalt und Farbe) unter dem Mikroſkop be⸗ trachtet. Man ſieht dann zunächſt, wie die Staubfäſerchen auseinander⸗ fahren und in dem Waſſer regellos durcheinanderſchwimmen. Das ſind rein mechaniſche Erſcheinungen, wie ſie auch bei toten Körpern vor⸗ kommen. Aber nach etwa anderthald Stunden wird das Bild ein anderes: die Fädchen ſtrecken ſich, biegen ſich langſam hin und her, bewegen ſich allmählich lebhafter, wenden das eine Ende wie ſuchend bald da⸗, bald dorthin, rollen und winden ſich, kurz, der Staub iſt lebendig geworden, das Waſſer hat die ſcheintoten, faſt vertrockneten Würmchen zum Leben erweckt. Derſelbe Vorgang wiederholt ſich mit den nötigen Abänderungen, wenn wir die radigen Körner mit dem Weizen zuſammen ausſäen. Nachdem die harte und dicke Schale der Galle verfault iſt, gelangen die zum Leben erwachten und aus ihrem Gefängnis befreiten Würmchen in die feuchte Erde und kriechen in ihr taſtend umher, bis ſie ein Weizenpflänzchen erreichen. Es iſt kein Wunder, daß ſie den Weg ins Innere finden, da dies ja auch dem Steinbrand gelingt, der doch nur ein pflanzliches Weſen iſt. Ihr Ziel iſt das Herz der Pflanze und die junge Ähre, die, wie wir wiſſen, ſchon ſehr früh, unmittelbar über der Wurzel angelegt wird. Fig. 66 zeigt die Ähre in dem Ent— wickelungszuſtande, wo das zarte Zellgewebe den Weizenälchen das Eindringen geſtattet. Die Alchen ſiedeln ſich dann in dem Fruchtknoten an und veranlaſſen durch ihr Saugen eine abnorme Entwicklung, ähnlich wie die Larven der Gallweſpe in dem Zellgewebe des Eichen⸗ blattes. Mitten in der Galle des radigen Kornes werden die Alchen geſchlechtsreif. Das befruchtete Weibchen legt Eier und ſtirbt ſamt dem Männchen. Die Eier aber entwickeln ſich, während die Galle weiter wächſt, und die Larven, die zugleich mit dem reifenden Ge— treide austrocknen, bilden den oben erwähnten faſerigſtaubigen Inhalt des Gichtkorns. An dieſe Schilderung der Lebensweiſe des Weizenälchens knüpfen wir eine lehrreiche Mitteilung von J. Kühn, betreffend die Bekämpfung der in Rede ſtehenden Krankheit. Auf einem Gute im Dorfe Köttlitz(unweit Mühlberg) zeigte ſich keine Spur der Krankheit, ſo lange man den gewöhnlichen braunen Weizen baute, trat aber nach Einführung des ſog. weißen Weizens ſchon bei deſſen erſter Ernte auf, bei der zweiten desgleichen, während der noch angebaute braune Weizen verſchont blieb. Nach gänzlicher Ab⸗ ſchaffung des braunen zeigte ſich ſämtlicher Weizen krank. Im vierten Jahre wurde wieder etwas brauner geſunder Samenweizen angekauft und auf einen Acker gebracht, auf dem noch kein kranker geſtanden hatte. Die Ernte fiel geſund aus und darum wurde für die Zukunft von der Ausſaat des kranken weißen Weizens ganz abgeſehen. Im fünften Jahre wurden nun mit geſundem, braunem Weizen drei Acker⸗ ſtücke beſäet, auf denen kranker Weizen geſtanden hatte, und zwar in drei verſchiedenen Fruchtfolgen: Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. I. 1. Raps. 2. Weißer Weizen(radenkrank). 3. Klee. 4. Brauner Weizen(geſunder Samen). II. 1. Raps. 2. Weißer Weizen(radenkrank). 3. Rüben. 4. Brauner Weizen(geſunder Samen). III. 1. Raps. 2. Weißer Weizen(radenkrank). 3. Rübſen. 4. Brauner Weizen(geſunder Samen). Auf allen drei Feldern ad 4 waren kranke Weizenähren zu finden. Hiernach darf man wohl zu der Annahme berechtigt ſein, daß ſich die Anguillulen infolge der früheren Ausſaat des Weizens ad 2 dem Boden mitgeteilt hatten, und daß der Boden jetzt ſozuſagen krank war. Demnach kann die Radenkrankheit im gewöhnlichen wirtſchaftlichen Betriebe auf folgenden Wegen zur Ausbreitung gelangen: 1. durch das Saatgut;— 2. durch Zurückbleiben radenkranker Ahren auf dem Felde; 3. durch radenhaltigen Dünger. Hieraus ſind nun auch die Gegenmittel gegen die Krankheit her⸗ zuleiten. ad 1. Tötung der in dem Saatgut enthaltenen Anguillulen. Dies kann geſchehen durch 24 ſtündiges Einweichen des radigen Samens in verdünnter Schwefelſäure(1 T. Schwefelſäure auf 150 T. Waſſer). Oder durch 12—14 ſtündiges Einweichen in einer Löſung von Kupfer⸗ vitriol(½ kg Kupfervitriol auf 100 1 Waſſer), was gleichzeitig gegen den Steinbrand ſchützt. Wichtig iſt dabei beſonders fleißiges Um⸗ rühren und Abſchöpfen alles obenauf Schwimmenden. ad 2. Vermeidung des Weizenbaues auf infizierten Fledern durch eine Reihe von Jahren. ad 3. Fernhaltung der bei dem Reinigen und Sieben des raden⸗ kranken Weizens gewonnenen Abfälle von dem Dünger— an ſicherſten durch ſorgfältiges Sammeln und Verbrennen. Will man die darin enthaltenen mageren Weizenkörner noch als Hühnerfutter benutzen, ſo mag man dieſe Abfälle vorher der Hitze des Backofens nach dem Brot⸗ backen ausſetzen. Eine Wärme von 700 tötet die Anguillulen, will ſagen, bei geringerer Wärme leben ſie fröhlich weiter. 12. Das Roggenälchen(Anguillula devastatrix oder Tylenchus devastator).— Während das Weizenälchen, ſoviel wir bis jetzt wiſſen, ausſchließlich den Weizen befällt, iſt das Roggenälchen bei den ver⸗ ſchiedenartigſten Pflanzen beobachtet worden. Kühn entdeckte es zu⸗ Üüberſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. 203 erſt in den Blütenköpfen der Weberkarde; deshalb hieß es anfänglich Kardenälchen. Später, als man es auch bei Roggen, Hafer, Buch⸗ Fig. 123. älchen, (Tylenchus tritici), vergrößert. Das Weizen⸗ Anguillula tritici 62 mal h— A N d 4 8 / 3 j h . 1 5— 4 84 5 X e dA . 9) N ⁸‿ 68) G,„ IN o, h 5, X i., 1 4 N;.Je hN ſſ 4 — Whe ) Fig. 124. Die Rübennematode, Heterodera Schachtii.— a Wurzelfaſer einer Rübe mit daran ſitzenden Nematoden.— b eierlegendes Weibchen, 60 mal vergrößert. — e ein im Ei ruhender Wurm, 400 mal vergrößert.— d ein dem Ei entſchlüpfender Wurm, 200 mal vergrößert. weizen, Rotklee, ſowie bei der Kornblume gefunden und als die Ur⸗ ſache der im Herzen der Pflanze ſitzenden Stockkrankheit erkannt hatte, 204 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. erhielt es den Namen Stockälchen. Dem Umſtand, daß es beſonders der Roggenſaat verderblich wird, die oft durch den Stock gänzlich vergeht, verdankt es den Namen Roggenälchen. Die Überein⸗ ſtimmung des Roggen⸗ und Stockälchens mit dem Kardenälchen hat Kühn nachgewieſen. „Die Heilmittel gegen dieſes Übel, ſagt Schwerz, der die eigentliche Urſache noch nicht kannte, ſind reine Brache, Lein, Erbſen, Kartoffeln.“ Das heißt mit anderen Worten: Aushungern des Feindes, indem man die von der vorigen Ernte übrig gebliebene Nahrung durch Brachbearbeitung zerſtört und hinterher durch Aus⸗ ſchluß der Gewächſe, die dem Paraſiten als Nährpflanzen dienen, eine Reihe von Jahren die Zufuhr neuer Nahrung vermeidet.— Der Kardenbau, der vielleicht am meiſten zur Verſchleppung der Krankheit beigetragen, kann wegen der fabrikmäßigen Herſtellung künſtlicher Karden jetzt füglich ganz aufgegeben werden, und auch ohne den Buch⸗ weizen, der von manchen„für die eigentliche Mutter des Stocks“ an⸗ geſehen wird, kann man ſich in den meiſten Wirtſchaften behelfen. Roggen, Hafer und Rotklee laſſen ſich dagegen nur vorübergehend entbehren. Als Erſatzpflanzen können, außer den bereits angeführten, Weizen, Spelz, Gerſte, Mais, Wicke und Luzerne dienen. Überdies iſt auf das erſte Auftreten der Stockkrankheit genau zu achten, um durch Ausgrabung einer Rinne rings um die ergriffenen Stellen die Anguillulen zuſammenzuhalten und durch ſtarkes Kalken oder Brennen des Bodens zu vernichten. 13. Die Rübennematode(Heterodera Schachtii). Im Jahre 1873 machte J. Kühn die Entdeckung, daß die Rübennematode, die übrigens mit dem Weizen- und Roggenälchen in eine Sippe ge⸗ hört, nicht nur die Rüben, ſondern anch das Halmgetreide ſchädigt und namentlich dem Hafer in ſehr hohem Grade verderblich werden kann, während Gerſte und Weizen nur wenig leiden. Der Schmarotzer fand ſich außerdem an den Wurzeln der kohlartigen Ge⸗ wächſe, der Hedericharten ꝛc. Bei dieſer großen Zahl von Nährpflanzen wird die Bekämpfung des Feindes ſchwierig und die Vernichtug durch Aushungern zweifel⸗ haft, zumal da die geſchlechtsloſe Generation des Fadenwurms auch ohne geeignete Nahrung mehrere Jahre lebensfähig bleibt. Dennoch dürfte das Aushungern das ſicherſte Mittel ſein, um eine mit Nematoden durch und durch erfüllte Ackerkrume zu reinigen. Von dieſem Geſichtspunkte aus betrachtet, erſcheinen Luzerne⸗ oder mehrjährige Kleegraskultur, Hopfenkultur, Erziehung von Obſt⸗ und Alleebäumen ꝛc. als Radikalmittel, während die Maßregeln, die eine Änderung der bisherigen Kulturflora nicht bedingen, wie Anbau von kohlartigen Fangpflanzen, Beſeitigung der Rübenputze, Zerſtörung der Unkräuter ꝛc. das Übel zwar mildern und auch erträglich machen, aber nicht vollſtändig heilen können. Wenn es übrigens wahr iſt, daß die reine Brache gegen das Roggenälchen hilft, ſo hilft ſie Die Ernte. 205 wahrſcheinlich auch gegen das Rübenälchen, und am Ende iſt die alte Sage doch nicht ohne Grund, daß Jaſon mit Demeter auf dreimal geackertem Brachfeld den Reichtum erzeugt. Die Ernte. 1. Der Zeitpunkt der Ernte. Auf einem Felde ſtehen viele tauſend Ähren, und jede Ahre trägt ihre zwanzig, dreißig, auch wohl hundert Körner. Alle dieſe Körner machen im weſentlichen denſelben Entwicklungsgang durch, doch kommt die Entwicklung nicht bei allen gleichzeitig zum Ab⸗ ſchluß. Die Körner in den großen ÄAhren reifen früher, in den mittleren ſpäter, in den kleinen noch ſpäter. Ja, ſelbſt in ein und derſelben Ähre reifen die Körner nicht zu gleicher Zeit, vielmehr er⸗ härten im allgemeinen die kleinen Körner einer Ähre früher als die großen, nur bei den am Fuße der Ähre ſitzenden kleinen Körnern iſt dies nicht der Fall, weil ſie den höher ſtehenden den letzten Reſt des aus dem Halme aufſteigenden Waſſers wegnehmen. Wie ſollen wir nun den Zeitpunkt der Ernte beſtimmen? Sollen wir warten, bis ſämtliche Körner des Feldes erhärtet ſind, oder follen wir mit dem Schneiden ſchon vorher beginnen? Auf Grund der im zweiten Abſchnitt mitgeteilten Unterſuchungen beantworten wir dieſe Frage, wie folgt: Der Moment, da die Körner der kräftigeren Ahren in die Gelbreife treten, bezeichnet den zweckmäßigſten Zeit⸗ punkt zur Ernte, und zwar ebenſowohl für das zur Saat, wie für das zu anderen Zwecken beſtimmte Getreide. Die praktiſche Probe zur Ermittelung dieſes Zeitpunkts iſt die: Wir ergreifen, ohne viel zu ſuchen, eine kräftige Ähre, biegen ſie in der Mitte zuſammen und löſen das dickſte Korn, das uns ins Auge fällt. Darauf ſchneiden wir das Probekorn mit dem Federmeſſer quer durch und betrachten uns die Schnittfläche genau. Iſt unter der Schale und auch im Innern, in der Nähe der Längsfurche von dem grünen Blattfarbſtoff(Chlorophyll) keine Spur mehr zu ſehen, ſo iſt das Korn gelbreif. Dieſelbe Probe wieder⸗ holen wir noch an zwei oder drei anderen Stellen des Feldes. Finden wir überall dasſelbe Reſultat, ſo iſt der Zeitpunkt zum Schneiden ge⸗ kommen. Dieſe Probe iſt anwendbar bei Weizen, Roggen und Gerſte. (Sie paßt auch für den Hafer, jedoch mit der Abänderung, daß wir das Probekorn von der Spitze der Riſpe zu nehmen haben.) Bei dem Roggen können wir ſtatt der„Schnittprobe“ auch die„Nagel⸗ probe“ benutzen: ſobald das Korn leicht und beſtimmt über den Nagel bricht, iſt es ebenfalls gelbreif. Der Mehlkörper des gelbreifen Kornes iſt weder wäſſerig, noch hart, ſondern knetbar wie 206 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Wachs. Die Verfärbung des Strohes aus dem Grünen ins Gelbe kann nur zur vorläufigen Orientierung dienen; denn Schwerz ſagt mit Recht:„Man muß ſich nicht durch das Anſehen des Strohes, ſondern durch eine genaue Unterſuchung der Körner leiten laſſen.“ In dem Zeitpunkt, den ich als den zweckmäßigſten zum Beginn der Ernte empfehle, hat die Ernährung der Körner in den kräftigeren Ähren— vereinzelte Vorläufer kommen hierbei nicht in Betracht— ſicher bereits aufgehört. Die Körner an der Spitze der Ahre ſind⸗ ſchon vollreif, wenn die an dem mittleren Teil der Ahre beſindlichen, nach denen man ſich zu richten, das Stadium der Gelbreife er⸗ reichen. Es können mithin ſämtliche Körner dieſer Ahren eine größere Vollkommenheit nicht mehr erlangen, ſie ſind unbedingt mähereif. Zu derſelben Zeit befinden ſich der Regel nach die Körner der Mittelähren ebenfalls ſchon in dem Stadium der Gelbreife oder doch in dem Übergangsſtadium aus der Milchreife in die Gelb⸗ reife. Wie die Unterſuchungen dargethan haben, iſt dies Übergangs⸗ ſtadium der Reifegrad, wo die Stoffeinfuhr in die Körner zum Still⸗ ſtand gelangt. Wird alſo die angegebene Mähezeit wahrgenommen, ſo hat man auch bei den Körnern der Mittelähren keinerlei Einbuße hinſichtlich der Quantität und Qualität zu erleiden.— Was ſchließ⸗ lich den Reſt der Körner anlangt, ſo kann ihr Reifezuſtand den Zeit⸗ punkt der Ernte nicht beſtimmen, denn wenn man mit dem Mähen ſo lange warten wollte, bis auch die Körner in den kleinen und kleinſten Ahren vollreif oder auch nur gelbreif geworden ſind, würde man im günſtigſten Falle vielleicht beſſeres Hinterkorn gewinnen, einen großen Teil des koſtbaren Vorderkorns aber auf dem Felde zurücklaſſen. Wegen des Mangels ausreichender Arbeitskräfte oder wegen der Ungunſt der Witterung wird es nicht immer möglich ſein, ſämtliches Getreide in dem angegebenen Zeitpunkt abzubringen. Tritt anhaltendes Regenwetter ein, ſo verbietet ſich das Ernten von ſelbſt. Verläuft bei ſehr heißem und trockenem Wetter der Reifungsprozeß ſehr ſchnell, ſo iſt in wenigen Tagen der geeignetſte Moment zum Mähen vorüber, und bei ausgedehntem Anbau ein und derſelben Frucht reichen die Arbeitskräfte meiſt nicht hin, die Ernte in ſo kurzer Zeit zu bewältigen. Unter ſolchen Umſtänden bleibt nichts übrig, als ein paar Tage vor dem naturgemäß zweckmäßigſten Zeitpunkt mit dem Mähen zu beginnen, und die Ernte zu beendigen, nachdem der günſtige Moment vorüber iſt. Früher wird der Einſchnitt indeſſen niemals exfolgen dürfen, als bis die Körner in den kräftigeren Ahren in dem Übergang aus der Milchreife in die Gelbreife ſich befinden, und kann die Ernte von da an bis zu der Zeit beſchafft werden, wenn die Körner in den Mittel⸗ ähren vollreif, aber noch nicht totreif ſind, ſo kommt man dem Zweckmäßigſten ſchon ſehr nahe. Deſſen aber muß ſich der Landwirt klar bewußt ſein, daß er die angemeſſenſte Mähereife nicht wahrgenommen hat, wenn er ſchon in der Michreife mit der Ernte beginnt oder das Getreide bis zur Die Ernte. 207 Totreife ſtehen läßt, denn der zweckmäßigſte Zeitpunkt zur Ernte wird beſtimmt durch einen gewiſſen Grad der Reife, der eben zwiſchen der Milch⸗ und Totreife liegt. Es kann nur ein Zeitpunkt der zweckmäßigſte ſein, jeder andere iſt weniger zweckmäßig oder unzweckmäßig, und es iſt die Aufgabe des ausübenden Landwirts, die Vorbereitungen und Dispoſitionen ſo zu treffen, daß dieſer naturgemäß zweckmäßigſte Zeitpunkt möglichſt wahrgenommen wird. Je mehr die Senſe die normale Mähereife trifft, deſto größer iſt der Gewinn, je weiter vorher oder nachher der Einſchnitt erfolgt, deſto größer iſt der Verluſt. Darum mit aller Kraft ans Werk, wenn die geeignete Zeit da iſt, nicht zu früh, aber noch weniger einen Tag zu ſpät; denn wie bei jedem Geſchäft in der Landwirtſchaft, ſo gilt namentlich hier das Wort: Zeit iſt Geld. ¹) 2. Der Schnitt. Im alten Gallien war eine zweirädrige Erntemaſchine im Ge⸗ brauch, die die Ahren mit einem ſcharfen Kamme abriß und in einem Kaſten ſammelte, während die Halme zum Abweiden oder zum Ab⸗ brennen ſtehen blieben. Anderwärts wurden und werden die Halme in halber Höhe mit der Sichel abgeſchnitten und die hohe Stoppel ſpäter gelegentlich nachgemäht. Es iſt alſo keineswegs nötig, Ahren und Halme gleichzeitig zu ernten. Die Technik der alten und der neuen Zeit hat ſich jedoch ziemlich allgemein für dieſes Prinzip ent⸗ ſchieden, trotzdem nicht in Abrede zu ſtellen iſt, daß das Dreſchen der Halme und ihr Transport zum Druſch und vom Druſch einen be— deutenden und eigentlich ganz zweckloſen Kraftaufwand erheiſcht. Jeder mechaniſche Vorteil iſt mit einem mechaniſchen Nachteil ver⸗ knüpft. So iſt es auch hier. Vorläufig werden wir jedenfalls an dem üblichen Ernteverfahren feſthalten, das eine möglichſt vollſtändige Gewinnung der Körner und des Strohes gewährt. Das Trennen des ährentragenden Halmes von der am Boden verbleibenden kurzen Stoppel geſchieht a) mit der Sichel, b) mit der Senſe, c) mit der Mähemaſchine. a) Die Sichel hat das für ſich, daß ſie auch von ſchwächeren Perſonen gehandhabt werden kann und in ſtark gelagerten und ver⸗ wirrten Beſtänden eine ſchonendere Behandlung und ein regelrechteres Abbringen des Getreides geſtattet. Alle übrigen Vorzüge, die man ihr zuſchreibt, ſind hinfällig, können jedenfalls den Nachteil der ge⸗ ringeren Leiſtungsfähigkeit nicht aufwiegen, da zur Abbringung von 1 ha nicht gelagerten Getreides mit der Sichel 5— 10, mit der Senſe dagegen nur 1 bis 2 Arbeitstage erforderlich ſind. Man findet daher ¹) A. Nowacki, Unterſuchungen über das Reifen des Getreides nebſt Bemerkungen über den zweckmäßigſten Zeitpunkt zur Ernte. 1870. 208 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. die Sichel nur noch dort im Gebrauch, wo der Getreidebau ganz im kleinen oder als Nebenbeſchäftigung betrieben wird. b) Die Senſe.— Mit der Senſe wird das Getreide entweder auf das Schwad gemäht oder angehauen. Bei dem Schwadmähen iſt die Senſe mit einem Geſtell aus⸗ gerüſtet, das wie eine langfingerige, ſteifausgeſtreckte Hand das abge⸗ ſchnittene Getreide erfaßt und zur Linken des Mähers ſchön geordnet auf den Boden ablegt. Bei dem Anhauen iſt das Geſtell überflüſſig, weil der Mäher die abgehauenen Halme an das zu ſeiner Linken ſtehende Getreide nur anlehnt, das Fortnehmen und Ablegen der Abrafferin überlaſſend. Für das Sommergetreide wird meiſt das Schwadenhauen, für die Winterung das Anhauen empfohlen. Bei gelagertem Getreide bietet das Anhauen einige Vorteile, im übrigen dürfte das Schwaden⸗ hauen auch bei der Winterung den Vorzug verdienen. Ein Zug eingeübter Mäher legt auch die ſtärkſte und längſte Frucht tadellos ins Schwad, und es erquickt Ohr und Herz, wenn 10 oder 12 Senſen auf einen Hieb taktmäßig durch die Halme ſauſen. Dieſe Muſik fördert die Arbeit, und in der That wird bei dem Schwadenhauen mehr geleiſtet, als bei dem Anhauen. Nach v. Kirchbach mäht ein Mann pro Tag: Wintergetreide beim Schwadenhauen 0,63— 0,75 ha „ Anhauen 0,50— 0,60„ Sommergetreide„ Schwadenhauen 0,70— 0,95 35„ Anhauen 0,63—0,75„ Gelagertes Getreide... 0,38—0,50„ Dabei iſt noch zu veranſchlagen, daß bei dem Schwadenhauen das Abraffen wegfällt, das einen Arbeiter nicht voll beſchäftigt, ihm aber auch nicht ſo viel Zeit läßt, die Garben ſogleich zu binden. Wo daher das Schwadenhauen mit der langen Getreideſenſe eingebürgert iſt, da hat man keine Veranlaſſung, das Anhauen ein⸗ zuführen. Schnittergeſellſchaften mag man immerhin bei der Methode laſſen, auf die ſie eingeübt ſind. c) Die Mähemaſchine.— Nach der Berufszählung vom Jahre 1882 waren im deutſchen Reiche 19 634 Mähemaſchinen in Thätigkeit. Eine anſehnliche Zahl, die aber im Vergleich zu den 63 842 Säe⸗ maſchinen und den 75 690 Dampfdreſchmaſchinen nur gering erſcheint. Und doch laſſen die Mähemaſchinen hinſichtlich ihrer Leiſtungsfähigkeit und Brauchbarkeit kaum noch etwas zu wünſchen übrig. Mit einer zweipferdigen Mähemaſchine mit Selbſtablage laſſen ſich pro Tag ſehr gut 4 ha bewältigen. Rechnen wir die Tages⸗ leiſtung eines Mähers im Mittel zu 0,5 ha, und zur Bedienung der Maſchine 1 Mann, ſo erſetzt die Maſchine mit ihrer Beſpannung 7 Mann. Dabei legt die Maſchine das Getreide ſofort in Garben(Gelege, Fröſche), was eine weitere Arbeiterſparnis bedingt. Überdies iſt die Maſchine auch hinſichtlich der Qualität der Arbeit der Senſe und der Die Ernte. 209 Sichel bei weitem überlegen.„Die Arbeit des Getreidemähens iſt im Durchſchnitt viel beſſer als die Handarbeit und ſo ſauber, daß man kaum die Felder nachher abzuharken braucht; die von der Maſchine gebildeten Garben ſind beſſer zu behandeln, zu laden, in Feimen zu ſetzen und zu dreſchen, als die beim Mähen mit der Hand gemachten. Beſonders aber in ſehr heißen Sommern, bei plötzlich eintretender Reife des Getreides, oder bei ſehr wechſelvollem Wetter während der Ernte, da zeigt ſich erſt der volle Wert der Mähemaſchine, da tritt der Vorteil der direkten Gelderſparnis weit zurück vor dem viel größeren der ſchnellen Bewältigung der Ernte in kurzer und in der richtigen Zeit und der Vermeidung der Verluſte durch Körner⸗ ausfall ꝛc.“ ¹) Bei dieſen großen Vorteilen ſteht zu erwarten, daß die Mähe⸗ maſchinen, wie in Amerika und England, ſo auch bei uns die Sichel und die Senſe immer mehr verdrängen werden. Doch hat ihre An⸗ wendung zur Vorausſetzung, daß das Land eben und frei von Steinen iſt. Schmale Beete ſind mißlich, weil die vielen Furchen den Gang der Maſchine erſchweren. Somit kommen wir auch hier wieder, inſofern die ſchmalen Beete einzig und allein auf naſſem Lande nötig ſind, auf den Satz zurück: Die Drainage iſt die Grundlage des ratio⸗ nellen Ackerbaus. Sind die Bedingungen für die Einführung der Mähemaſchine gegeben, ſo handelt es ſich noch darum, ob man eine Maſchine mit Handablage oder mit Selbſtablage wählen ſoll.. 1. Die Maſchinen mit Handablage haben den großen Vorzug, daß ſie billig, einfach und dauerhaft ſind. Sie erfordern zur Beſpannung 1 bis 2 Pferde und zur Bedienung 2 Mann. Sie haben daher zwei Sitze nebeneinander. Auf dem einen ſitzt der Führer, auf dem andern der Ableger. Zum Zweck des Ablegens wird die Lattenplattform, auf der ſich das abgeſchnittene Getreide ſammelt, durch einen Tritt auf einen Hebel nach hinten um⸗ gekippt und die Garbe mit dem Handrechen abgezogen. Der Ab⸗ leger hat allerdings vollauf zu thun, aber ſeine Arbeit iſt doch bei weitem nicht ſo anſtrengend, wie z. B. das Mähen mit der Senſe. Überdies kann er ſich ausruhen, während die Maſchine leer zurückgeht. Es wird nämlich mit den Maſchinen mit Handablage für ge⸗ wöhnlich nicht rund herum, ſondern immer nur an einer Seite des Feldes gemäht. Dies iſt eher ein Vorteil, als ein Nachteil. Denn da das Getreide doch in den ſeltenſten Fällen ganz aufrecht ſteht, ſo iſt es ohnehin geboten, an einer Seite zu ſchneiden und leer zurückzugehen, ähnlich wie beim Handmähen, nur mit dem Unterſchied, daß man beim Maſchinenſchnitt an der Seite anfängt, nach der das Getreide geneigt iſt. In Schottland, wo die Handablage⸗Maſchinen in all⸗ gemeinem Gebrauche ſind, verwendet man häufig zwei zuſammen ¹) H. Thiel, Über Mähemaſchinen, Zeitſchrift f. d. l. V. d. Großh. Heſſen 1870, S. 228 ff. Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 14 210 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. in der Weiſe, daß immer die eine ſchneidet, während die andere leer zurückkommt. M. Fesca, der ſich das Schneiden mit der Buckeye⸗ Maſchine auf den ſchottiſchen Farmen wiederholt genau angeſehen hat, ſagt in ſeinem Bericht,„daß die Arbeit allerdings eine aus⸗ gezeichnete iſt: die Garben fallen in der Größe ſehr gleichmäßig aus, das Stroh iſt weniger verwirrt und die Stoppel eine kurze, äußerſt gleichmäßige“. Der einzige Mangel, den man den Handablage⸗Maſchinen vor⸗ werfen kann, iſt der, daß man für jede Maſchine ſtets eine genügende Arbeiterzahl disponibel haben muß, um das geſchnittene Getreide ſo⸗ fort zu binden oder wenigſtens auf die Seite zu legen, damit der Gang für das Pferd zum folgenden Schnitt frei wird. Von großer Bedeutung iſt aber auch dieſer Mangel nicht, denn gebunden muß das Getreide ja in jedem Falle werden, und es hat in der Ernte viel für ſich, wenn ein Keil den andern treibt. Fig. 125. Getreide⸗Mähmaſchine„Adriance“ mit Selbſtablage und Führerſitz zur Seite des Fahrrades. Alles in allem genommen ſind die Maſchinen mit Handablage, deren Tagesleiſtung im Mittel 3 ha beträgt, namentlich für kleine Güter ſehr empfehlenswert, um ſo mehr, da ſie auch zum Grasmähen benutzt werden können. Ein nicht hoch genug zu veranſchlagender Vorteil dieſer Maſchinen beſteht darin, daß Reparaturen viel ſeltener an ihnen vorkommen und viel leichter von dem Dorfſchmied ausgeführt werden können, als dies bei den komplizierteren Maſchinen mit Selbſt⸗ ablage der Fall iſt.„Adriance⸗Buckeye“ iſt zur Zeit die beſte, namentlich auch zum Grasmähen. 2. Die Mähmaſchinen mit Selbſtablage verdienen im all⸗ gemeinen für den größeren Wirtſchaftsbetrieb den Vorzug. Sie er⸗ fordern in den neueren Konſtruktionen 2 Pferde zur Beſpannung und nur 1 Mann zur Bedienung. Der Sitz für den Führer iſt an der Fahrradachſe angebracht. Fig. 125. Die Ernte. Wie bereits erwähnt, legen dieſe Maſchinen das Getreide nicht ins Schwad, ſondern in Gelege, und da dies vermittelſt eines ſinn⸗ reichen Harkenſyſtems nicht nach rückwärts, ſondern nach ſeitwärts ge⸗ ſchieht, ſo iſt die Bahn für den folgenden Gang ſtets frei. Man kann daher bei aufrechtſtehendem Getreide rund herum fahren und auch bei dem Mähen an einer Seite große Flächen ſchon abſchneiden, wenn die Binder noch anderweitig beſchäftigt ſind. Im allgemeinen läßt ſich der Weizen am beſten mit der Maſchine mähen, nächſtdem der Hafer, dann folgt die Gerſte und zuletzt der Roggen. Die Tages⸗ leiſtung mit einem Wechſelgeſpann beträgt im Mittel 4 ha, im Maxi⸗ mum 6 ha. Zu den bekannteren Getreidemähmaſchinen mit Selbſtablage ge⸗ hören die von W. Siedersleben& Co., von Walter A. Wood und von Adriance Platt& Co. Fig. 125. Die Bindemähmaſchinen, die das abgemähete Getreide zugleich mit Schnüren von Manilahanf in Garben binden, ſind in den letzten zehn Jahren zwar weſentlich verbeſſert, aber immer noch nicht ſo vervollkommnet worden, daß ſie unter unſeren Verhältniſſen zur allgemeineren Einführung empfohlen werden könnten. Sie erfordern zur Beſpannung 2 ſtarke Pferde und zur Bedienung auch nur 1 Mann. Die mittlere Tagesleiſtung mit einem Wechſelgeſpann beträgt etwa 3 ha. Relativ gute Leiſtungen haben aufzuweiſen die Garbenbinder O von Maſſey⸗Harris, von Osborne und von Deering. 3. Das Machreifen. Wird das Getreide in der Gelbreife oder vielleicht ſchon früher geſchnitten, ſo muß es erſt gehörig nachreifen, ehe es eingefahren werden kann. Wir wollen das Nachreifen von der theoretiſchen und praktiſchen Seite betrachten. a) Die Theorie des Nachreifens. Die Veränderungen, die ſich bei dem Nachreifen in den Körnern vollziehen, ſind durch wiſſenſchaftliche Unterſuchungen¹) klar gelegt worden. Dieſe Unterſuchungen beanſpruchen aber auch ein praktiſches Intereſſe, denn ſie zeigen, was man von dem Nachreifen zu erwarten hat, und was nicht. In der nachſtehenden Tabelle laſſen ſich die Reſultate überblicken. Die Verſuchspflanze war der Weizen. Indem wir die Kolumnen der Tabelle der Reihe nach durch⸗ gehen und die Zahlen unter a und b miteinander vergleichen, gelangen wir zu folgenden Sätzen. I. Waſſergehalt.— Bei den friſchen Körnern a, die ſofort nach der Ernte aus den Spelzen genommen und ſo ſchnell wie mög— lich unterſucht wurden, hielt ſich der Waſſergehalt während der ¹) A. Nowacki, a. a. O. 14* 212 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Milchreife ziemlich auf gleicher Höhe. Dann aber ſinkt er ungemein raſch, in den 7 Tagen vom 13. bis zum 20. Juli zuſammen und im Durchſchnitt um 22 Prozent, in den 3 Tagen vom 20. bis zum 23. Juli um weitere 13 Prozent. Die größten Unterſchiede zeigen ſich in der Gelbreife, wo der Waſſergehalt bei ⅜ der Körner— es waren dies die größeren— über 34 Prozent, bei den übrigen nur noch 12,9 Prozent beträgt. J. II. III. IV. 1 Trocken⸗ Volumen Spoezifiſches Waſſerge 3 1 Reife Tag Waſſeivehalt gewicht von von Gewicht ſtadium Ge der Korner[100 Körnern 100 Körnern der Körner Ernte 8e nach⸗ n nach⸗ h nach⸗ nach⸗ friſch gereift friſch gereift friſch gereift friſch V gereift 1868% g cem Waſſer= 1 Milchreife a b a 5 a b a4 5 frühe 9. Juli 51,47 11,82 2,86 2,97 5,31 2,40] 1,200 1,402 ſpäte 13.„ 47,69 11,67 3,58 3,71 5,17 3,00 1,229 1,400 34,27 Gelbreife 20.„ ſeaes 11,87 4,19 4,22 4,28 3,43 1,336 1,397 12,91 3 Vollreife 23.„] 12,97 11,57 4,22 4,19 3,52 3,42]/ 1,391 1,386 Bei den nachgereiften Körnern b ſind alle dieſe Unterſchiede verſchwunden. Die in verſchiedenen Reifeſtadien geernteten Körner gaben bei dem Nachreifen ſämtliches Waſſer ab, bis auf einen gewiſſen, ſich gleichbleibenden Reſt von durchſchnittlich 11,73 Prozent, der offen⸗ bar zum Beſtand und Weſen des lufttrockenen, lebensfähigen Kornes gehört. Bei den Körnern, die verſuchsweiſe bis zur Totreife (28. Juli) und Überreife(2. Auguſt) auf dem Halme blieben, wurde ein Waſſergehalt von 11,78 und 12,01 Prozent gefunden. Zwiſchen Totreife und Überreife fiel Regen; daher die Zunahme im Waſſer⸗ gehalt. Folglich ergiebt ſich das für die Praxis wichtige Reſultat: So⸗ weit es ſich lediglich um das Austvocknen handelt, kommt das künſtliche Nachreifen der Körner auf dem abgeſchnit⸗ tenen Halme dem natürlichen Reifen auf dem ſtehenden Halme in der Wirkung vollkommen gleich. II. Trockenſubſtanz.— Wird aus den friſchen, ſofort entſpelzten Körnern einerſeits und aus den nachgereiften Körnern andererſeits durch eine künſtliche Hitze von 100— 110⁰ C. auch der letzte Reſt des Waſſers ausgetrieben, ſo läßt ſich durch Vergleichung des Trocken⸗ gewichts feſtſtellen, ob bei dem Nachreifen noch eine Wanderung von Stoffen aus dem Halme in die Körner ſtattfindet oder nicht. Die in Kolumne II. unter a und b aufgeführten Zahlen zeigen nun, daß in der Milchreife eine ſolche Stoffwanderung vielleicht vor ſich geht. Sicher iſt dies nicht, denn der Unterſchied zwiſchen *½ Die Ernte. 213 den Trockengewichten beträgt nur ungefähr 4 Prozent. Jedenfalls iſt die Zunahme völlig ungenügend, denn die in der frühen und ſpäten Milchreife geernteten Körner bleiben auch im nachgereiften Zuſtande bedeutend— um 39 und 14 Prozent— hinter den ſpäter geernteten Körnern zurück. In der Gelbreife kann dagegen von einer Zunahme der Körner an Trockenſubſtanz infolge des Nachreifens ebenſowenig mehr die Rede ſein, wie in der Vollreife, denn die betreffenden vier Zahlen 4,19:4,22 4,22: 4,19 ſind als gleich zu betrachten. Auf ſehr geringfügige Unterſchiede iſt nichts zu geben. Somit dürfen wir aus den ermittelten Trockenſubſtanzgewichten folgende Schlüſſe ziehen: Bei zu früh unternommener Ernte bleiben die Stoffe in den Halmen ſitzen, weil der Wurzel⸗ druck fehlt: man gewinnt nahrhaftes Futterſtroh, aber mangelhaft ausgebildete Körner. Erſt von der Gelbreife an, wenn die Stoffeinfuhr aus dem Halme in die Körner aufgehört hat, läßt ſich das natürliche Reifen des Ge⸗ treides durch das künſtliche Nachreifen erſetzen. III. Volumen.— Die in Kolumne III. unter a und b gegen⸗ übergeſtellten, auf das Volumen oder auf die Größe der Körner bezüglichen Zahlen dienen zur Stütze und Beſtätigung der eben ge⸗ zogenen Schlußfolgerungen. Es iſt die natürliche Folge des Austrocknens, daß das Volumen der Körner mit der fortſchreitenden Reife abnimmt oder ſchwindet. Bei dem künſtlichen Nachreifen findet dasſelbe ſtatt, und allem An⸗ ſcheine nach vollzieht ſich der Prozeß des Zuſammenſchwindens in ganz normaler Weiſe, wenn die Halme auch lange Zeit vor dem völligen Erhärten der Körner abgeſchnitten werden. Aber der Punkt, auf den es für die Praxis ankommt, iſt der: Die in der Milch⸗ reife geernteten Körner ſchrumpfen bei dem Nachreifen in dem Grade zuſammen, daß ſie in der Größe, ebenſo wie im Trockengewicht, weit hinter den ſpäter geernteten Körnern zurückbleiben. Nicht ſo in der Gelbreife. Die in dieſem Stadium geernteten Körner ſchwinden zwar bei dem Nachreifen ebenfalls noch beträchtlich zuſammen, aber die ſchließliche Größe der gelbreifen und der vollreifen Körner ſtellt ſich gleich. Setzen wir das Volumen der gänzlich erhärteten Körner= 100, ſo ergeben ſich für die nachgereiften Körner der vier Reifeſta dien folgende Verhältniszahlen: Frühe Milchreife Späte Milchreife Gelbreife Vollreife 70 87 100 100 IV. Spezifiſches Gewicht.— Infolge des Austrocknens, der Volumenverminderung und der Stoffeinfuhr nimmt das ſpezifiſche 214 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. „„ ſpäten 1= 1,84„ „„ Gelbreiſe⸗= 1,71„ „„ Vollreiſe= 1,70 ⸗ Da nun das ſpezifiſche Gewicht der Mineralſtoffe höher iſt, als das der organiſchen Subſtanzen, ſo muß auch das ſpezifiſche Gewicht der in der Milchreife geernteten und nachgereiften Körner etwas höher ausfallen, als das der ſpäter geernteten, um ſo mehr, da die milchreifen Körner wegen des Minus an Stärkemehl bei dem Nachreifen zu einer dichteren Maſſe zuſammentrocknen. Damit wäre auch dieſe Frage gelöſt. Blicken wir jetzt noch einmal auf die gewonnenen Reſultate zurück, ſo läßt ſich das praktiſch wichtige Hauptreſultat in folgenden Satz zuſammenfaſſen: Erſt von dem Zeitpunkt an, wo alle Kammern des Kornes mit Vorratsſtoffen gefüllt ſind, die zu ihrer Konſervierung nur noch der Austrocknung bedürfen, läßt ſich das natürliche Reifen mit Vorteil durch das künſtliche Nachreifen erſetzen, und dieſer Zeitpunkt iſt die Gelbreife. 3 Es erübrigt nun noch ein Bedenken zu beſeitigen. In manchen Gegenden ſind nämlich die Landwirte der Anſicht, daß man zwar das zu Brotkorn und zum Verkauf beſtimmte Getreide in der Gelbreife mähen dürfe, daß man aber die zur Saat oder zur Malzbereitung auserſehene Frucht bis zur Totreife auf dem Halme ſtehen laſſen müſſe. Ein ſtichhaltiger Grund hierfür läßt ſich nicht herausfinden, wie denn auch in anderen Gegenden die Praktiker im Zeitpunkt der Ernte zwiſchen Saat- und Handelsware keinen Unterſchied machen. Wenn man den Schnitt ſchon in der Milch- oder Grünreife vor⸗ nimmt, dann iſt das gewonnene Getreide als Saat⸗ oder Malzgut allerdings weniger brauchbar, aber dann hat es auch als Brotkorn Die Ernte. 215 einen geringeren Wert. Das milch⸗ oder grünreife Getreide iſt eben unreif, läßt man es nachreifen, ſo wird es notreif— das gelbreife Getreide dagegen iſt veſrlanme ausgebildet, läßt man es nachreifen, ſo wird es reif. Das iſt der Unterſchied, und dieſer Unterſchied iſt feſtzuhalten. Daß das gelbreife Getreide auch als Saatgut dem totreifen in keiner Weiſe nachſteht, zeigt folgender Verſuch von Wollny, ausgeführt im Jahre 1874 mit Jeruſalemer Staudenroggen. ¹) Saat. Ernte. V 5 5 g 5 Ertag S 33 S5 Saatgut„5 5 2 V— 5 3 53 en ₰ an 1 an V 2 232 25 Korn Stroh n 2 g Stück V qem 2 milchreif...3. Juli 0,0104 1,1 100 400 662,5 1017,9 grünreif.... 8S.„ 002 54 2,5 100 400[1359,6 1839,1 gelbreinf.... 24.„ 0,0316 3,2 100 400 1488,4 2736,9 fotreif.... 29.„(0,0313 3,2 100 400 147 ⁰8 2 2817,7 Wollny, der ähnliche Verſuche auch mit Erbſen⸗ und Pferde⸗ bohnen angeſtellt hat, zieht aus den Ertragszahlen folgende Schlüſſe: 1. Die Erträge der aus verſchieden reifen Körnern gezogenen Pflanzen ſind in Quantität um ſobeſſer, je voll⸗ kommener das Samenkorn ausgebildet war. 2. Die Erträge bleiben ſich gleich, ſobald die Ent⸗ wicklung der Samenkörner trotz verſchiedener Erntezeit (Gelbreife und Totreife) ſoweit vorgeſchritten iſt, daß eine Zunahme an Subſtanz nicht mehr ſtattfindet. Folglich, ſo fügen wir hinzu, iſt die Gelbreife auch bei Saatgut der zweckmäßigſte Zeitpunkt zur Ernte. b) Die Praxis des Nachreifens. Wie kann man nun den Zweck des Nachreifens praktiſch erreichen? Die Antwort kennt jeder: Man läßt das abgemähte Getreide auf dem Schwad, in Stiegen, Puppen ec. ſo lange liegen oder ſtehen, bis es trocken geworden iſt. Immerhin wird es nicht überflüſſig ſein, einige Erläuterungen hierzu zu geben. Das Nachreifen beruht auf dem Austrocknen, und das Austrocknen beruht auf der Verdunſtung. Alle Umſtände und Maßregeln, die die Verdunſtung befördern oder verzögern, verzögern oder befördern auch das Nachreiſen Setzen wir das Getreide der Sonne und dem Luft⸗ ¹) Wollny, Unterſuchungen über die Wertbeſtimmung der Samen als Saat⸗ und Handelsware. 1877. 216 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. zug frei aus, ſo wird mit der Verdunſtung auch das Nachreifen be⸗ ſchleunigt, packen wir es zuſammen oder decken wir es zum Schutze gegen Regen dicht zu, ſo wird mit der Verdunſtung auch das Nach⸗ reifen verlangſamt. Schnelligkeit des Nachreifens und Sicherung gegen ſchlechtes Wetter ſind Gegenſätze, die ſich gar nicht oder doch nur ſo miteinander vereinigen laſſen, daß entweder die Schnelligkeit auf Koſten der Sicherheit oder die Sicherheit auf Koſten der Schnelligkeit leidet. Hiernach können wir drei Erntemethoden unterſcheiden, die ſich durch nachſtehendes Schema veranſchaulichen laſſen. Große Schnelligkeit: Geringe Sicherheit. Mittlere Schnelligkeit: Mittlere Sicherheit. Geringe Schnelligkeit: Große Sicherheit. Allgemein betrachtet, ſind alle Erntemethoden, die in einen dieſer drei Rahmen paſſen, gleichwertig, und es läßt ſich daher theoretiſch nichts dagegen ſagen, wenn bald der einen, bald der andern Methode der Vorzug gegeben wird. Die ſchnellen Methoden ſind zugleich ein⸗ fach, die ſicheren umſtändlich. Hat man Glück mit dem Wetter, ſo kann bei den einfachen Methoden viel Arbeit erſpart werden, iſt das Wetter aber unbeſtändig, ſo machen die umſtändlichen, weil ſicheren Methoden weniger Arbeit als die einfachen. Die Entſcheidung für die eine oder die andere Methode hängt alſo von dem Klima ab, und da ſich in jeder Gegend durch langjährige Erfahrung die Erntemethode der herrſchenden Erntewitterung angepaßt hat, ſo thut man im all⸗ gemeinen gut, an dem Ortsüblichen feſtzuhalten. Verbeſſerungen in der vorgeſchriebenen Richtung ſind damit nicht ausgeſchlöſſen. Die bekannteren Erntemethoden laſſen ſich nun in folgender Weiſe dem obigen Schema einfügen. 1. Große Schnelligkeit, aber geringe Sicherheit gewährt das Trocknen des Getreides auf dem Schwad oder in Gelegen, verbunden mit einmaligem oder wiederholtem Wenden. Dieſe Methode wird weniger bei der Winterung als bei der Sommerung benutzt. Sie iſt beſonders am Platz, wenn das Getreide als Deckfrucht für Klee oder Kleegras gedient hat, oder wenn es reichlich Naturgras(Unkraut) enthält. Zum Zweck des Bindens wird dick liegendes Getreide direkt aus den Schwaden aufgerafft, dünn liegendes in Gelege zuſammengeharkt. Da das Getreide ſamt dem Futter ſchon völlig trocken iſt und ſofort nach dem Binden eingefahren wird, ſo können zur Förderung der Arbeit ſtarke Garben(mit Seilen von Roggenſtroh, Wieden, ge⸗ ſpaltenem ſpaniſchem Rohr ꝛc.) gebunden werden. Die Ernte. 217 2. Mittlere Schnelligkeit und mittlere Sicherheit ge— währt das Aufſtellen in dachförmige Stiegen(Fig. 126), nachdem die Garben ſofort hinter der Senſe oder Mähmaſchine nach dem Ab⸗ trocknen des Taues aufgebunden worden ſind. Dieſe Methode iſt namentlich bei der Winterung üblich. Es iſt zweckmäßig, kleine Garben anzufertigen, weil dieſe nach etwaigem Regen wieder durchtrocknen, ohne daß es nötig iſt, ſie aufzubinden. Der Roggen und auch längerer Weizen wird am einfachſten mit ſeinem eigenen Stroh gebunden, in⸗ dem man eine Strohlänge als Seil verwendet.— Die Stiegen ſind in Norddeutſchland öſtlich von der Elbe allgemein im Gebrauch. Wird die Stiege in der Weiſe, wie es Fig. 127 darſtellt, mit einer aufgelöſten Garbe eingedeckt, ſo gehört ſie in den Rahmen 3. 3. Geringe Schnelligkeit, aber große Sicherheit, ge währt das Aufſtellen der Garben in kegelförmige Puppen, ſofern dieſe mit einer Deckgarbe oder mit einer Schutzmatte zugedeckt werden. Puppen ohne Hut gehören in den Rahmen 2. h A Fig. 126. Stiege. Fig. 127. Stiege mit Dach. Die gewöhnliche Puppe(Fig. 128) wird bei mittelgroßen Garben aus 7 ſtehenden und 1 Deckgarbe, bei kleinen Garben aus 9 ſtehenden und 1 Deckgarbe hergeſtellt. Damit die Garben oben gut zuſammen⸗ ſchließen, bindet man ſie in manchen Gegenden zweimal. Vollkommener iſt dies, aber auch viel teurer. Wenn zwei Arbeiter ſich helfen. läßt ſich der Hut auch aufſetzen, wenn die Garben nur einmal gebunden ſind.— Kunſtgerechte Puppen findet man namentlich im„Sauer⸗ lande“ Weſtfalens. Die große Puppe mit Schutzmatte(Fig. 129) unterſcheidet ſich von der gewöhnlichen Puppe dadurch, daß der Kegel aus der doppelten Zahl(15— 25) Garben hergeſtellt und mit einer eigens für dieſen Zweck angefertigten Schutzmatte(von Roggenſtroh und geteertem Bindfaden, deſſen Enden mit Haken und Oſen verſehen ſind) zugedeckt wird. Herr Schmitz, der dieſe Schutzmatten in Flandern kennen ge⸗ lernt und am Niederrhein eingeführt hat, ſagt von dieſer Ernte⸗ methode:¹) Das Getreide ſteht„ſicher gegen Sturm, Regen oder Hagel. Mag es auch acht Tage länger währen, bis die ſtarken, ¹) Eine genaue Beſchreibung der übrigens einfachen Anfertigung dieſer Schutzmatten, erläutert mit Abbildungen, bringt die Milch-⸗Zeitung von C. Peterſen unterm 28. März 1883. 218 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. dichten Haufen durch Wind und Wärme ausgetrocknet ſind, als wenn das Getreide in Schwaden liegt oder in kleinen Haufen oder Stiegen aufgeſtellt iſt, man wird nicht verſucht, aus Furcht vor Regenwetter, halbtrocknes Getreide einzufahren; man kann ohne Gefahr abwarten, Korn und Stroh bleiben ganz geſund.“ Hiermit iſt dieſe Erntemethode den vorhin erwähnten gegenüber richtig beurteilt; ſie führt langſam, aber ſicher zum Ziel. Sollen wir die angeführten Erntemethoden in Bezug auf ihre Schnelligkeit miteinander vergleichen, ſo läßt ſich annehmen, daß gelbreif gemähtes Getreide bei heißem und trockenem Wetter zum Nach⸗ reifen erfordert: auf dem Schwad oder in Gelegen... 2—3 Tage, in Stiegen ohne Schutzdecke 5„ in kleinen Puppen mit Deckgarbe.... 6—7„ in großen Puppen mit Schutzmatte... 8-10„ Fig. 128. Fig. 129. Gewöhnliche Puppe mit Hut. Große Puppe mit Schutzmatte. Dieſe Daten können natürlich nur dazu dienen, einen ganz all⸗ gemeinen Anhalt zu geben und die bezeichneten Erntemethoden gegen⸗ einander zu charakteriſieren. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß in jedem Fall die Beendigung des Nachreifens durch eine genaue Unterſuchung des Getreides feſtgeſtellt werden muß. Erſt dann, wenn ſämtliche Körner in den großen, mitleren und kleinen Ähren, auch im Innern der Haufen und Garben, vollſtändig hart geworden ſind, was man am einfachſten und ſicherſten mit den Zähnen probiert,— erſt dann iſt der Zeitpunkt zum Einfahren gekommen. Dieſer Grundſatz gilt ebenſowohl für Handels⸗ wie für Saat⸗ ware. Wird das Getreide in die Scheune oder Miete geſchafft, ehe es durch und durch trocken geworden iſt, ſo tritt ein übermäßiges Erhitzen und Schwitzen ein, demzufolge die Körner verſchimmeln und die Keimfähigkeit und die helle Farbe verlieren, was für Saat- und Handelsware gleich nachteilig iſt. Daher die alte Regel: Es iſt beſſer, wenn die Frucht auf dem Felde verdirbt als in der Scheune. Andererſeits darf aber auch keine Stunde verſäumt werden, das Das Dreſchen, Reinigen und Aufbewahren des Getreides. 219 Getreide in Sicherheit zu bringen, ſobald es ſeine volle Nachreife bereits erlangt hat. Das Prinzip, mit dem Einfahren ſo lange zu warten, bis alles abgemäht, gebunden, aufgeſtellt und nachgeharkt iſt, kann ich nicht billigen, obwohl ich auch die Ordnung liebe.„Wir wiſſen,“ ſagt der erfahrene Schwerz,„was für Wetter wir heute haben, nicht aber, welches uns morgen bevorſteht.“ Im übrigen von dem wichtigen Geſchäft der Ernte nur noch ſo viel: Iſt der Herr beim Aufladen, die Frau beim Abladen, der Hof⸗ meyer beim Packen, der Sohn oder Verwalter beim Binden, und fehlt es nicht an einem ermunternden Wort und von Zeit zu Zeit an einem erfriſchenden Trunk, dann kann man darauf zählen, daß in den ſechs Tagen der Woche ſo viel geſchafft wird, daß man am Sonn⸗ tag ruhen darf. Das Dreſchen, Reinigen und Aufbewahren des Getreides. Die Aufbewahrung des Getreides bis zum Druſch geſchieht in Deutſchland gewöhnlich in den Scheunenräumen. Daß dies bequem und zweckmäßig iſt, kann nicht geleugnet werden, aber man kann fragen, ob es in Rückſicht auf die Anlage und Verzinſung des Bau⸗ kapitals nicht zu koſtſpielig wird. Unſere Konkurrenten in Amerika ſparen das Geld für die Scheunen, indem ſie das Getreide ſogleich nach der Ernte mit der Dampfdreſch⸗ maſchine auf dem Felde ausdreſchen und die marktfähige Ware, die nur vorübergehend in leichtgebauten Schuppen aufgeſchüttet wird, ſobald als möglich verkaufen und abliefern. Die Engländer halten ſich auf der goldenen Mittelſtraße: ſie erbauen kleine Scheunen, die hauptſächlich als Tenne dienen, das meiſte Getreide ſtellen ſie in Feimen. Dieſes Prinzip hat viel für ſich, und wir ſind auf dem beſten Wege, es zu adoptieren. Die Vermehrung der Dampfdreſchmaſchinen, deren Zahl von Jahr zu Jahr zunimmt, wird ganz von ſelbſt zur Folge haben, daß die Scheunen teilweiſe zu anderen Zwecken benutzt und, wo ſie neu, nicht ſo groß gebaut werden, wie früher. Im Weſten des deutſchen Reiches wird ja ſchon jetzt ein großer Teil der Ernte auf dem Felde ausgedroſchen. Fig. 130 veranſchaulicht das Arbeiten mit der Dampfdreſchmaſchine. Im Oſten dagegen wird ſich die Praxis, den Scheunenraum für eine Mittelernte zu berechnen und, was darüber, in gut unterlegte und gut eingedeckte Schober zu bringen, vorausſichtlich noch lange erhalten. Die Einführung der Dreſchmaſchine, ſei es mit Dampf⸗, ſei es mit Göpelbetrieb, ſtößt hier auf Schwierigkeiten, die teils in den klimatiſchen, teils in den Arbeiterverhältniſſen liegen. Die Güter ſind hier bekanntlich darauf angewieſen, ſtändige Arbeiterfamilien zu 081.b1L ſſſt 6 W D A ſa B -a03v lodoase aad „Hup Lom che ee e 7 „nnqouzo alg Sn S ATVT5NAd rm LLNhEEE a0qocp0 eee henen e abaee „uqplvurploa C aegee 840020 Das Dreſchen, Reinigen und Aufbewahren des Getreides. 221 halten, die im Sommer nicht entbehrt, im Winter aber ohne den Flegeldruſch nicht genügend beſchäftigt werden können. Das war zu Thaers Zeiten ſchon ſo, und es iſt heute nicht viel anders; nur in⸗ ſofern haben ſich die Verhältniſſe geändert, als heutzutage die Sicherung der Arbeiter für das ganze Jahr noch notwendiger iſt, als vordem. In dieſen Gegenden wird alſo der Flegel noch lange ſein altes Recht behaupten. Vielleicht holt man das verpönte Gerät auch anderwärts wieder aus der Rumpelkammer hervor, nachdem man bei dem Maſchinendruſch AcCrT. CEs. H. F. ECkERT. 8ERALIN Fig. 131. Trommel des Stiftenſyſtems. Fig. 132. Trommel des Schlagleiſtenſyſtems. die Erfahrung gemacht, daß die Körner mehr verletzt und dadurch für die Verwendung zur Saat weniger geeignet werden, als bei dem Handdruſch. Dieſer Vorwurf trifft namentlich die Schlagleiſten⸗Dreſchmaſchinen (Fig. 132). Daß aber auch die Stiften⸗Dreſchmaſchinen(Fig. 131) die Körner nicht ſchonen, weiß man teils von europäiſchen Landwirten, teils beſtimmt auch aus Amerika, wo das Stiftenſyſtem allgemein im Gebrauch iſt. So leſen wir im 23. Staatsberichte von Ohio pro 1868, S. 266: daß man heutzutage wegen des Maſchinendruſches ½ mehr Saatgetreide bedürfe, als vor 30 Jahren. Was das aber zu bedeuten hat, ¼ mehr Saatgetreide, und zwar ganz umſonſt auszuwerfen, zeigt folgende kleine Rechnung. Anno 1865 aufgemeſſen 948 Schffl. Roggen, Dreſcherlohn(16) 59 Schffl. Anno 1864 ausgeſäet 174 Schffl., hiervon ¼, macht rund 43 Schffl. 224 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Das heißt: Wenn der Maſchinendruſch ½ Mehrausſaat bedingt, ſo ſpart man bei dem Flegeldruſch ¾ des Dreſcherlohns für die ganze Exrnte— an der Saat. Die vorſtehenden Zahlen ſind in keiner Weiſe geſucht oder ge⸗ macht, ſondern einfach dem praktiſchen Leben entnommen. Mag nun der Mehrbedarf an Saatkorn bei vorſichtiger Stellung und Hand⸗ habung der Dreſchmaſchine(auf Koſten des Reindruſches!) auch weniger betragen als ⁰½, ſo laſſen uns doch die Keimungsverſuche mit ein⸗ gebeiztem Weizen, der zum Vergleich teils mit der Hand, teils mit der Maſchine gedroſchen war, nicht in Zweifel darüber, daß zum Aus⸗ dreſchen des Saatgetreides der Flegel vor den jetzt gebräuchlichen Dreſchmühlen entſchieden den Vorzug verdient. Nicht bloß der grobe Bruch, ſondern auch jeder feine Riß beeinträchtigt die Güte des Saatkorns. Fig. 133. Getreidereinigungsmaſchine. Wegen der Verletzung der Körner durch die Wagenräder iſt es auch nicht ratſam, den Scheunenausfall als Saatgut zu verwenden. Dagegen liefert das Vorſchlagen der Garben eine vorzügliche Saat⸗ ware: wenn man in der Ernte nur Zeit dazu hätte! Nach dem Dreſchen folgt das Reinigen des Getreides. Die Dampfdreſchmaſchine beſorgt dies ſogleich mit, indem ſie mit einer Putzmühle in Verbindung ſteht, die die Spreu von dem Weizen und das Vorderkorn von dem Hinterkorn ſondert. Dieſe Kombination läßt ſich auch anbringen, wenn die Dreſchmaſchine von einem Waſſerrad oder von einer Turbine getrieben wird, und es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Gelegenheit der Benutzung der billigen Waſſer⸗ kraft noch keineswegs überall wahrgenommen und ausgebeutet worden iſt. In mancher ſchweizeriſchen Gutswirtſchaft treibt ein kleines Bäch⸗ lein die Dreſch- und Putzmühle, die Mahl- und Schrotmühle, die Häckſelmaſchine, die Holz- und Bretterſäge, die Knochenſtampfe ꝛc. Das Dreſchen, Reinigen und Aufbewahren des Getreides. 223 Mit Hülfe eines Drahtſeiles läßt ſich die Waſſerkraft ſehr bequem auf eine Entfernung von 100 m, auch aus dem Thale auf den Berg übertragen. Wird die Gefällskraft eines Baches oder Fluſſes in Elektrizität umgeſetzt, ſo läßt ſie ſich mittelſt eines einfachen Telegraphen⸗ drahtes ſtundenweit leiten. Fig. 134. Trieur in der Anſicht. geneigte Doppelſieb b, das mit weiten Maſchen verſehen iſt und die gröbſten Verunreinigungen ſeitlich abführt. Ein Schieber c reguliert den Zufluß der Fruchtmenge. Die durch das Schüttelſieb hindurch⸗ tretenden Körner fallen, jetzt unter der Einwirkung des Windes, auf die geneigte Fläche d und auf das ebenfalls ſchwingende Sieb e. Die größten Körner rollen auf dem Sieb hinab, die kleineren fallen hindurch. Der Staub und die leichten Körner ꝛc. werden über die obere Kante von d hinweggeblaſen. Die Spreu und der Staub fliegt über das verſtellbare Brett g, während die leichten Körner in den Auslauf f gelangen.— Nach dieſem Prinzip iſt die ſeit mehr als 30 Jahren bekannte Dresdener Getreideſortier⸗ und Reinigungs⸗ maſchine gebaut. Einige weſentliche Verbeſſerungen zeigt die neuere Getreide⸗Reinigungs⸗ und Sortiermaſchine„Ideal“ von Gebrüder Röber in Wutha. Dieſelbe Fabrik liefert eine praktiſche Windfege„Triumph“. Einen guten Ruf in Getreidereinigungs⸗ maſchinen hat auch die Firma Heinr. Lanz in Mannheim. 224 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Zur Abſcheidung runder Unkrautſamen wie Rade, Wicke u. dergl. dient der Trieur, das heißt zu deutſch Ausleſer, eine komplizierte, aber doch empfehlenswerte Maſchine. Die anerkannt beſten Trieure baut zur Zeit nach dem Patent Krüger die Kalker Trieurfabrik von Mayer& Co. in Kalk bei Köln am Rhein.) Ein älterer von Pernollet in Paris konſtruierter Trieur iſt in Fig. 134 in der Anſicht und Fig 135 im Längsſchnitte dargeſtellt. Die ſchwach geneigte Trommel enthält in ihrer Abteilung a ein aus⸗ wechſelbares Sieb mit Offnungen von 24 ℳ 1,15 und 24 2 mm. Da die Durchgangsweiten kleiner ſind als die Mittelgrößen der zu w 414 2 — 1. 4 5 6 7 8 9 10 11 12 1 —— Fig. 135. Trieur im Längsſchnitt. ſortierenden Fruchtarten, ſo treten aus dieſem Teile die feineren Körner aus, die durch b in ein untergeſtelltes Gefäß geleitet werden. Die Abteilung c iſt der Trieur mit Zellen von 5,5 mm Durchmeſſer und 2,5 mm Tiefe. Die in die Zellen eintretenden Körner, alſo nament⸗ lich die runden Unkrautſamen, gelangen in die Rinne d und werden ¹) Bei der großen Mannigfaltigkeit der Konſtruktionen läßt ſich der Landwirt zweckmäßig in jedem Fall das Preisverzeichnis mit Abbildungen kommen, um die für ſeine Verhältniſſe paſſenden Maſchinen auswählen zu können. Die von der Deutſchen Landwirtſchafts⸗Geſellſchaft veranſtalteten Wanderausſtellungen bieten Gelegenheit die neueſten und beſten Maſchinen kennen zu lernen. Das Dreſchen, Reinigen und Aufbewahren des Getreides. 225 von einer Schnecke bei e aus der Maſchine geleitet. Abſtreichklappen zwiſchen der Rinne und dem inneren Trommelumfange verhüten das Mitführen der längeren, aus den Zellen hervorſtehenden Getreide⸗ körner; dieſe fallen demnach wieder in den unteren Teil der Trommel zurück. Die Abſtreichvorrichtung iſt bei den Pernollet'ſchen Trieurs mit Lederſtreifen bekleidet, eine Anorduung, die ſich als ſehr vorteil⸗ haft bewährt hat. Die größeren Körner gleiten die Trommel entlang, treten durch die Offnungen f in den ringförmigen Raum g, deſſen äußerer Umfang von einem ſchwach koniſchen, in der Richtung des Pfeiles ſich er⸗ weiternden, durchlochten Blechſiebe, mit Schlitzen von 24 mm Länge und 2 mm Breite gebildet wird. Die Körner, die dieſes Sieb paſſieren, treten bei h aus der Maſchine, während die größeren Körner am Ende bei i abgeleitet werden. Die Trennung findet mithin derartig ſtatt, daß bei b die ſchmalen Körner, bei e die runden Unkrautſamen ſowie zerbrochene Getreide⸗ körner, bei h und i die gereinigte Frucht, in zwei Größen ſortiert, abgeſchieden werden. Von größter Wichtigkeit für die gute Wirkung des Trieurs iſt die richtige Wahl der Zellenweite. Hat man vornehmlich Radekörner aus dem Getreide abzuſcheiden, ſo genügt eine Weite von 4,5— 5 mm. Soll der Trieur aber zugleich die Wickenkörner herausſchaffen, ſo muß die Zellenweite 5,5 mm betragen. Bei dieſer Weite iſt es aber nicht zu vermeiden, daß kleinere Roggen⸗ oder Weizenkörner gleichfalls von den Zellen aufgenommen und mit dem Unkrautſamen abgeführt werden. Die Leiſtung des Trieurs, wie er für landwirtſchaftliche Zwecke dient, beträgt bei den kleineren Maſchinen 1 bis 1,5 hl, bei den größeren 2 bis 3 hl pro Stunde. ¹) Handelt es ſich nur um das Sortieren des auf einer Wind⸗ fege vorgereinigten Getreides nach der Korngröße, ſo kann man ein einfaches Cylinderſieb, mit verſchiedener Maſchenweite auf den einzelnen Abteilungen, benutzen, wenn man es nicht vorzieht, das komplizierte Cylinderſieb mit verſtellbaren Maſchenöffnungen zu wählen. Namentlich zum Sortieren des Saatgetreides iſt das Cylinderſieb ſehr zu empfehlen. Aber auch ein gewöhnliches Handſieb leiſtet gute Dienſte, wenn es mit Geſchick gehandhabt wird. Nimmt man nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Körner in das Sieb und dreht ſie recht gleichmäßig immer in demſelben Sinne, ſo fallen die kleinen Körner durch, die leichten ſammeln ſich oben in der Mitte, wo ſie mit der Hand oder mit einer Blechkelle abgeſchöpft werden können, und die ſpezifiſch ſchwerſten und beſten Körner bleiben im Siebe zurück. Daß auch das ſchon im Altertum bekannte, in der Neuzeit mehr und mehr in Vergeſſenheit geratene Wurfen eine vorzügliche Sor⸗ ¹) G. Krafft, Illuſtr. Landwirtſchafts⸗Lexikon, 2. Auflage. Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 15 226 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. tierung der Körner herbeiführt, beweiſen folgende von Putenſen er⸗ mittelte Zahlen, zu denen vorweg zu bemerken iſt, daß das Getreide vor dem Wurfen einmal durch die Windfege gelaufen war. Zahl der Körner in 1 Liter Muſter Radius des Wurfes——— Weizen Roggen V Hafer 2. Nicht geworfen 24000 30220 13 120 b. 4 4 ½ m 42 300 16 180 §.— 5„ 32 540 36 480 14 260 d. 2 27 060 33 100 V 13 800 e.. 24 080 30 260 12 220 f. 23 880 22 360 11 600 g. 5 21 540 26 440 10 560 h. 3 20 240 23 160— Die Zahlen zeigen ſehr deutlich, wie vollkommen die Körner durch die Wurf- oder Centrifugalkraft nach Größe und Gewicht ge⸗ ſondert werden. Die Benutzung dieſer Kraft bei der Herſtellung von Maſchinen iſt ſeit längerer Zeit verſucht worden, jedoch ohne durchſchlagenden Erfolg. Die Wurf⸗ oder Schleudermaſchinen leiſteten zwar eine vor⸗ zügliche Arbeit, aber ſie erforderten zu viel Raum. Praktiſch brauchbar iſt erſt die neue Getreide⸗Centrifuge, Unkrautleſe⸗ und Reinigungsmaſchine von Herm. Kayſer, Leipzig, Wieſenſtraße 24. Nach dem Zeugnis von F. Heine, Hadmersleben, hat dieſe Maſchine den Vorzug, daß ſie nicht die größten, ſondern die ſpezifiſch ſchwerſten Körner herausſucht, ohne dazu großer Kraftanſtrengung zu bedürfen. Kurz, an zweckmäßigen Maſchinen und Geräten zum Reinigen und Sortieren des Getreides fehlt es nicht, auch gehört keine Kunſt⸗ fertigkeit dazu, ſie zu handhaben; wer ſich ihrer bedient, wird eine geſuchte Handelsware und namentlich auch ein vorzügliches Saatgut erzielen, und ein vorzügliches Saatgut iſt das A und O des Getreidebaus.— Was nun ſchließlich die Aufbewahrung des Getreides betrifft, ſo mag zurückgreifend nochmals daran erinnert werden, daß die in großen Maſſen in der Scheune oder Miete zuſammengepackten Garben einen Hitz⸗ und Schwitzprozeß durchmachen, über den ſich in Ermangelung einer planmäßigen Unterſuchung zur Zeit nur etwa folgendes ſagen läßt. Das Getreide erwärmt ſich, und zwar um ſo ſtärker, je feuchter es eingefahren worden iſt. Aber auch in ganz trocken eingebrachtem Getreide findet eine Erwärmung ſtatt; in ſehr feuchtem kann ſich die Erhitzung bis zur Verkohlung, unter Umſtänden ſogar bis zur Ent⸗ flammung ſteigern. Das Dreſchen, Reinigen und Aufbewahren des Getreides. 227 Infolge der Erwärmung werden Stroh und Körner feucht, oben⸗ auf, unter der zweiten oder dritten Garbenſchicht, zuweilen ſogar förm⸗ lich naß, offenbar, weil durch die Hitze die in den Zellgeweben ein⸗ geſchloſſene oder äußerlich anhaftende Feuchtigkeit ausgetrieben wird. Indem das Waſſer, zugleich mit Kohlenſäure und anderen, zum Teil deutlich riechbaren Stoffen in flüchtiger Form nach außen ent⸗ weicht, kühlt ſich die Maſſe allmählich ab, und mit dem Erkalten hat der Prozeß anſcheinend ſein Ende erreicht. Die eigentliche Urſache der Erhitzung ſcheint eine doppelte zu ſein: 1. die Wucherung von Bakterien in dem Stroh und 2. die Entwicklung des Diaſtaſefermentes in den Körnern. Solange die Temperatur eine gewiſſe Grenze nicht überſchreitet, iſt die Erhitzung nicht ſchädlich, ſondern vorteilhaft, denn ſie bewirkt auf die einfachſte Weiſe ein Austrocknen der ganzen Getreidemaſſe und zugleich ein„Nachreifen“ der Körner, das wohl richtiger als ein „Vorkeimen“ aufgefaßt wird. Hierfür ſpricht die von Nobbe feſt⸗ geſtellte, intereſſante Thatſache, daß reife Getreidekörner unmittel⸗ bar nach der Ernte eine geringere Keimkraft beſitzen, als einige Wochen ſpäter. Sobald aber die Temperatur jene zuläſſige Grenze, die bei 700 C. liegen mag, überſteigt, werden die Körner, ſofern ſie ſamt dem Stroh nicht ganz verkohlen, gelb oder braun und verlieren die Keim⸗ fähigkeit. ¹) Um dieſe Nachteile zu vermeiden, muß das Getreide, ſofern wir nicht ein künſtliches Dörren in einem geheizten Raume vornehmen wollen, durchaus in trockenem Zuſtande eingefahren werden. Wir haben dies ſchon bei dem Nachreifen betont und bemerken nur noch, daß auch der Tau und etwaige Regenfeuchtigkeit abgetrocknet ſein muß. Ferner weiß man aus der landwirtſchaftlichen Praxis, daß das Getreide ſich um ſo beſſer hält, je feſter und dichter die Garben zu— ſammengepackt werden. Es iſt dies leicht erklärlich. Bei gleichmäßig dichter Lagerung wird der Waſſerdampf überall gleichmäßig aus⸗ getrieben, während er ſich dort, wo die Garben hohl liegen, als flüſſiges Waſſer niederſchlägt und ein Verſchimmeln oder gänzliches Verfaulen veranlaßt. Das tritt namentlich leicht an den Stellen ein, wo die Garbenabnehmer ſtehen. Eine weitere praktiſche Regel ſchreibt vor, das Saatgetreide, wo möglich, vor dem Schwitzen auszudreſchen oder, wenn dies nicht durch⸗ führbar, dann mit dem Dreſchen ſolange zu warten, bis der Schwitz⸗ prozeß beendigt iſt. Das Dreſchen während des Schwitzens verbietet ſich aus dem einfachen Grunde, weil das Getreide feucht iſt.— ¹) Daß die Keimfähigkeit der Körner bei 700 C. zerſtört wird, läßt ſich, daraus ſchließen, daß das zum Keimen notwendige Ferment(Diaſtaſe), nach Wöhler ſeine Wirkſamkeit bei einer über 700 ſteigenden Temperatur ein⸗ büßt. Und nach Verſuchen von Edwards und Colin vernichtet eine feuchte Wärme(Waſſerdampf) von 750 C. die Keimfähigkeit aller Samen, und mit einer feuchten Wärme haben wir es bei ſchwitzendem Getreide zu thun. 15* 228 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Die ausgedroſchenen und auf den Speicher gebrachten Körner kommen ebenfalls ins Schwitzen. Der Prozeß wird hier von denſelben Erſcheinungen begleitet, wie bei dem in Garben lagernden Getreide: man bemerkt Wärme, Feuchtigkeit und einen eigen⸗ tümlichen Geruch. Der Geruch zeigt uns an, daß mit dem Waſſer auch noch andere Stoffe fortgehen. Nach der Art des Geruchs zu urteilen, ſind dies flüchtige Ole, die ſich an der Luft in brenzlige Subſtanzen verwandeln. Außerdem muß Kohlenſäure entweichen, denn die Erwärmung kann nur auf die Weiſe zu ſtande kommen, daß ein Teil der feſten Subſtanz des Kornes verbrennt. Wir wiſſen jetzt, daß dieſe Er⸗ ſcheinungen mit der Entwicklung des Diaſtaſefermentes in Zuſammen⸗ hang ſtehen. Das Schwitzen der Körner iſt alſo ein Vorkeimen. Bei der praktiſchen Behandlung des auf den Schüttboden ge⸗ brachten Getreides kommt es darauf an, die übermäßige Erwärmung zu verhindern und das Verdunſten der Feuchtigkeit künſtlich zu be⸗ fördern. Beide Zwecke werden erreicht durch flaches Aufſchütten und fleißiges Umſchaufeln.— Wir haben nun hinzuzufügen, daß die Getreidekörner beim Lagern auf dem Speicher auch nach dem erſten Schwitzen fortwährend Sauer⸗ ſtoff aus der Luft aufnehmen und Kohlenſäure abgeben, d. h. langſam verbrennen. Dieſe Verbrennung wird dadurch angeregt und unter⸗ ſtützt, daß die Subſtanz der Körner hygroſkopiſch iſt, d. h. die Eigen⸗ ſchaft beſitzt, die Feuchtigkeit der Luft mit einer gewiſſen Begier an ſich und in ſich hinein zu ziehen. Wir dürfen annehmen, daß die Körner bei feuchter Luft Waſſer einziehen und bei trockener Luft wieder abgeben. 1 Nach Verſuchen von A. Muntz iſt die Kohlenſäureentwicklung um ſo ſtärker, je häufiger die Luft erneuert wird, je feuchter die Körner ſind und je höher die Temperatur iſt. Auf luftigem Getreide⸗ boden 30 Monate lang gelagerter Hafer hatte 7,2% Trockenſubſtanz mehr verloren, als der die gleiche Zeit in einem geſchloſſenen Getreide⸗ behälter aufbewahrte Hafer. Die Stärke war dabei um 6% ver⸗ mindert, auch das Protein zeigte eine Abnahme. Mais hatte nach 16 Monaten an der Luft 10% Trockenſubſtanz mehr verloren, als im geſchloſſenen Behälter. Hieraus hat man die Folgerung gezogen:„Das Getreide ſolle möglichſt trocken, kühl und unter Luftabſchluß aufbewahrt werden.“ Theoretiſch läßt ſich hiergegen nichts ſagen, aber wie ſteht's mit der praktiſchen Ausführung? Es iſt eine alte Sache— auch unſere Vorfahren waren hiermit vertraut—, das Getreide in Erdgruben aufzubewahren. Darin liegt es kühl und abgeſchloſſen von der Luft. Aber die dritte Bedingung „trocken“, läßt ſich ſchwer erfüllen. Die Körner werden ſchimmlig und dumpfig. Hiermit iſt es alſo nichts. In neuerer Zeit hat man in Frankreich und Ungarn Getreide⸗ türme erbaut, die oben gefüllt und unten geleert werden. Sie ſind xe ——„ g Das Dreſchen, Reinigen und Aufbewahren des Getreides. 229 teuer in der Herſtellung, umſtändlich in der Benutzung, ohne daß ſie Sicherheit in der Aufbewahrung und Erhaltung der Samenvorräte gewährten. Hiermit iſt es alſo ebenfalls nichts. Endlich hat Haberlandt vorgeſchlagen, die Körner in künſtlich erwärmter Luft bei einer Temperatur von 50— 60⁰ C. zu trocknen und dann in gemauerte, luftdicht verſchließbare Behälter zu bringen, die gleichfalls von oben gefüllt und unten durch einen Trichter ent⸗ leert werden könnten. Dadurch würde ſich nach H. erreichen laſſen: 1. Eine weit vollkommenere Aufbewahrung der Kornvorräte, als dies bisher bei der gewöhnlichen Aufbewahrungsmethode der Fall war; 2. es würde ein vollkommener Schutz gegen jegliches Ungeziefer gefunden; 3. gegen jegliche Feuersgefahr wäre vollkommene Sicherheit geboten; 4. während der Aufbewahrung entfiele jegliche Manipulation, ſomit würde an Koſten geſpart. Das klingt nun recht ſchön, aber man ſtelle ſich einmal vor, was es auf ſich hat, ſämtliches Getreide ſofort nach dem Aufmeſſen bei einer genau regulierten Temperatur von 50— 600 künſtlich zu trocknen! Und wenn man das Trocknen glücklich erreicht und die Behälter— deren man mindeſtens ſo viele haben müßte, wie Haufen auf einem gewöhnlichen Schüttboden— gefüllt hat, und es iſt nötig, einen Be⸗ hälter zum Zweck der Reinigung oder Sortierung zu entleeren, ſo ziehen die künſtlich getrockneten Körner, und zwar mit weit größerer Begier als gewöhnliche, während der Arbeit wieder Waſſer aus der Luft an ſich, und dann können ſie nicht eher in denſelben oder in einen anderen Behälter gebracht werden, als bis ſie von neuem künſt⸗ lich getrocknet worden ſind. Ebenſo muß alles Getreide, das von dem Gute zum Händler oder vom Händler auf das Gut gefahren oder auf größere Entfernungen per Schiff oder per Eiſenbahn trans⸗ portiert wird, vor der Verſorgung in den luftdichten Behälter immer erſt wieder bei 50— 600 getrocknet werden, weil es ſonſt verdirbt. Kurz, das Trocknen nähme kein Ende und ein Schüttboden wäre nach wie vor unentbehrlich. Ich glaube daher, daß es auch mit dieſem Vorſchlage nichts iſt, und daß wir klüger thun, beim Alten zu bleiben. Jedenfalls wollen wir derartige Verſuche den Getreidehändlern und Magazinverwaltungen überlaſſen. Für den Landwirt iſt vorläufig ein gewöhnlicher Speicher der zweckmäßigſte Aufbewahrungsraum. Iſt das Gebäude, wenigſtens in dem unteren Teil, ſolid gebaut, und wird das Dach in Ordnung ge⸗ halten, ſo läßt ſich die Saat- und Handelsware, ſowie das Brot⸗ und Futterkorn, und was man ſonſt auf dem Speicher unter Verſchluß hat, mit leichter Mühe im geſunden und brauchbaren Zuſtande er⸗ halten, wenn freilich auch nicht ohne Verluſt. Bei Allem iſt Abgang. Die Verluſte, die durch Ratten, Mäuſe und Kornkäfer herbei⸗ 230 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. geführt werden, laſſen ſich bei einiger Aufmerkſamkeit und unter baldiger Anwendung der bekannten Mittel vermeiden oder wenigſtens auf ein erträgliches Maß herabmindern. Die Verluſte, die durch Selbſtverbrennung(Oxydation) und durch Verſchimmelung entſtehen, laſſen ſich durch rechtzeitiges Lüften und Umſchaufeln und namentlich auch dadurch beſchränken, daß man die Verkaufsware ſobald als möglich verſilbert. Das Geld vermehrt ſich, das Korn verzehrt ſich. Beſonderes. A. Die Getreidearten des kälteren Klimas. Frucht nackt oder beſpelzt, ſtets mit einer Längsfurche verſehen. Mehrere Würzelchen am Keimling. Der Weizen, Triticum. Die Botaniker, die ihre Aufmerkſamkeit den Cerealien zuwandten, haben ſich bis jetzt noch nicht darüber einigen können, ob die an⸗ gebauten Weizenformen zu einer oder zu mehreren Arten gehören. Die Formen, die dabei in Betracht kommen, laſſen ſich in folgender Weiſe gruppieren: Uberſicht der Weizenarten. I. Nacktweizen. Ährenſpindel zähe, Körner beim Dreſchen aus den Spelzen fallend. 1. Gemeiner Weizen, Triticum vulgare. 2. Bauchiger oder ſog. engliſcher Weizen, Triticum turgidum. 3. Glasweizen, Triticum durum. 4. Gommer oder ſog. polniſcher Weizen, Triticum polonicum. II. Spelzweizen. Ährenſpindel zerbrechlich; ſie zerbricht beim Dreſchen in ſo viele Stücke, wie ſie Glieder hat; an jedem Stück bleibt ein Ährchen, und in den Ährchen bleiben die Körner ſitzen. 5. Spelz oder Dinkel, Triticum Spelta. 6. Emmer, Triticum amyleum s. dicoccum. 7. Einkorn, Triticum monococcum. Unter den Nacktweizen zeigen der gemeine Weizen, der bauchige Weizen und der Glasweizen verhältnismäßig geringe Unterſchiede. Überdies ſind ſie durch Übergangsformen miteinander verbunden. Auch künſtliche Kreuzungen waren von Erfolg(Vilmorin). Die Mehrzahl der Baſtarde zwiſchen T. vulgare und T. turgidum war Der Weizen. 231 fruchtbar, die Minderzahl war unfruchtbar(Kimpau). Wer dieſem Umſtand kein Gewicht beilegt, wird es für zuläſſig erklären, die erſtenz drei Formen zu einer Art zuſammenzufaſſen. 1 Etwas ferner ſteht der Gommer, der ſich auf den erſten Blick an den auffallend langen und ſchlaffen Klappen erkennen läßt.(Ver⸗ gleiche Fig. 137 und 138.) Ein ſcharfer Unterſchied zwiſchen dem Gommer und den übrigen Nackt⸗ weizen iſt aber gleichfalls nicht vor⸗ handen. Auch will Jordann) einen fruchtbaren Baſtard zwiſchen Gommer Fig. 136. Keimling des Weizens, Triticum vulgare, mit drei Würzel⸗ chen wi, wa, Wg. 3 Fig. 138. Ein ÄAhrchen des Gommers oder ſog. Fig. 137. Ein Ährchen— es iſt das polniſchen Weizens, Triticum polonicum, aus ſiebente an der Ahrenſpindel— von 5 Blütchen beſtehend, die mit 1, 2, 3, 4 und 5 be⸗ Keſſingland⸗Weizen(Triticum vul- zeichnet ſind. h oberer Teil des Halmes, gm erſtes, gare) im Zuſtande der Reife. ⅞ ge zweites Glied der Ahrenſpindel. ½ der natür⸗ der natürlichen Größe. lichen Größe. und Wunderweizen(T. turgidum) erhalten haben. Nimmt man dies als Kriterium, ſo gehört auch der Gommer mit den vorgenannten drei Formen zu einer Art. Von den Spelzweizen wird der gemeine Spelz, abgeſehen von der Zerbrechlichkeit der Ahrenſpindel, dem gemeinen Weizen oft ſehr ähnlich. Der Emmer nähert ſich in gewiſſen Beziehungen dem Spelz, in anderen wieder dem bauchigen Weizen. Künſtliche Kreuzungen ¹) Fr. Körnicke und H. Werner, Handbuch des Getreidebaus I, S. 94. 232 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. ſind zwiſchen dem gemeinen Weizen und Spelz, ſowie zwiſchen dem gemeinen Weizen und Emmer gelungen(Rimpau und Vilmorin). Das Einkorn unterſcheidet ſich auffallend durch ſeine grasgrüne Farbe und durch ſeine Haltung von allen übrigen Weizen, wird aber doch in der Geſtalt der Ahren und Körner dem Emmer zuweilen ſehr ähnlich. Dagegen ſind zuverläſſige, künſtliche Kreuzungen zwiſchen dem Einkorn und den anderen Spelz⸗ und Weizenarten bisher nicht gelungen(Vilmorin), und die Kreuzung zwiſchen Emmer und Ein⸗ korn ergab einen unfruchtbaren Baſtard(Beyerinch). Wie man ſieht, läßt ſich die Anſicht, daß die Formen des Weizens wvielleicht mit Ausnahme des Einkorns) zu einer Art gehören, durch theoretiſche Gründe ſtützen und rechtfertigen. Trotzdem kann ich mich mit dieſer Anſicht nicht befreunden. Ich betrachte die Weizenformen als ein lehrreiches Beiſpiel für die Entwicklung und Verwandtſchaft der Arten, halte es aber aus praktiſchen Gründen für zweckmäßig, dieſe Formen zu trennen, anſtatt ſie zu einer oder zu zwei, drei oder fünf Arten— alle dieſe Anſichten haben ihre Vertreter— zu vereinigen. Gruppiert man die ſchärfer ausgeprägten Formen des Weizens in der Weiſe, wie wir es S. 230 gethan haben, ſo laſſen ſich die „Arten“— die Sprache hat keinen treffenderen Ausdruck— mit einem Blick überſchauen. Das iſt keineswegs gleichgültig. Faßt man zu viele Formen unter einer Art zuſammen, ſo geht ſchließlich alle überſichtlichkeit und der ganze Nutzen der Einteilung verloren. Und andererſeits, was macht es denn bei dem heutigen Stande der Natur⸗ wiſſenſchaft für einen großen Unterſchied, ob man die oben aufgezählten Formen als„Arten“ einer Gattung oder als„Unterarten“ einer Art bezeichnet? Körnicke ſtellte früher Triticum monococcum als Unterart zu T. vulgare; jetzt„hält er es entſchieden für eine eigene Art“.— „T. polonicum hält er zwar noch getrennt, glaubt aber, daß es mit den übrigen eine Art bildet.“ So ſchwankend ſind die„Anſichten“. Glücklicherweiſe ſind die„Arten“ doch etwas beſtändiger. Nach meiner Meinung hat es nicht den geringſten Nachteil, wenn man die S. 230 vorgeführte, von Metzger aufgeſtellte Einteilung beibehält. Sagt man kurz und bündig: Jene ſieben Formen ſind ſieben Arten, ſo weiß jeder, der Gelehrte und der Ungelehrte, woran er iſt; das Sprachgefühl, das ſich gegen das Wort„Unterart“ unwill⸗ kürlich ſträubt, wird befriedigt, und auch den Anforderungen der ſtrengen Wiſſenſchaft wird damit genügt, denn es ſteht nichts im Wege, den Begriff der„Art“ enger oder weiter zu faſſen. Die Tendenz der neueren Naturforſchung geht darauf hin, die Arten durch Zuſammenfaſſung zu vermindern. Mir ſcheint das be⸗ denklich. Die Zuſammenfaſſung führt hier nicht zur Vereinfachung, ſondern zur Verwirrung. Man ſtudiere die Verwandtſchaft und die Entwicklung der Arten und rekonſtruiere, wo möglich, den Stamm⸗ baum des ganzen Pflanzenreichs, aber in der Einteilung der Pflanzen Der Weizen. 233 halte man feſt an einer Syſtematik, die nicht bloß den Lehrern, ſondern auch den Schülern verſtändlich iſt. Was die Abſtammung des Weizens anlangt, ſo bin ich über— zeugt, daß die genannten ſieben Arten auf eine gemeinſchaftliche Stammform zurückzuführen ſind, aber ich glaube nicht, daß eine dieſer Arten, wie es de Candolle von T. monococcum annimmt, die Stammform aller übrigen war. Die Stammform liegt weiter zurück, und die Hauptformen waren ſchon getrennt, als der Menſch ſie in Kultur nahm. Hierfür ſprechen namentlich hiſtoriſche Gründe. Die Chineſen kennen und kultivieren den Weizen mindeſtens ſeit 4721 Jahren, und ſie bauen noch jetzt eine Sorte, von der 100 Körner nach meiner Wägung nur 2,24 g wiegen, alſo noch nicht halb ſo viel, wie von unſerem Weizen. Die alten Agypter kannten ihn ebenfalls, wie der deutlich erkennbare, aber nicht mehr keimfähige Mumienweizen beweiſt. Die keltiſchen Bewohner der ſchweizeriſchen Pfahlbauten be⸗ ſaßen in der Steinzeit ſchon Triticum vulgare in den beiden nahe verwandten Formen T. v. antiquorum und T. v. compactum muticum, die ſich in dem Binkelweizen bis auf den heutigen Tag erhalten haben; ſie beſaßen ferner T. turgidum, T. dicoccum und T. monococcum, und in der Bronzezeit auch T. Spelta.— Überdies ſind mehrere Weizenarten im wildwachſenden Zuſtande gefunden worden. So nament⸗ lich mehrere Male das Einkorn. Zuerſt fand es Balanſa in Armenien und hielt es für Spelz, J. Gay beſtimmte die Pflanze aber als Einkorn. Ferner fand Michaux in Perſien den Spelz, und Olivier am Euphrat und in Meſopotamien Weizen und Spelz zuſammen mit Gerſte. Warum will man nicht zugeben, daß die Pflanzen wirk— lich wildwachſend waren, da Olivier ausdrücklich bemerkt, daß er ſie in einem für die Kultur ungeeigneten Lande, d. h. in der Wildnis fand? Hat ja doch Mac Donall Stuart ſogar in Auſtralien eine wildwachſende Getreideart entdeckt,„die dem Weizen völlig glich, nur daß die Körner kleiner, das Stroh um vieles zäher war“. ¹) Endlich ſei erwähnt, daß nach H. Moſer in Turkeſtan zwei Weizenarten wildwachſend vorkommen.„Bei ihren Feldarbeiten, ſo berichet M. von den Sarten, nimmt der Weizen die erſte Stelle ein, von dem ſie mehrere Sorten anbauen, meiſtens den„Kara⸗budai“(ſchwarzen Weizen) und den„Ak⸗budai“(weißen Weizen). Zwei andere Weizenarten, der „Jaſchlick“ und der„Kara-ſulu“ kommen wildwachſend vor.“ ²)— Für den deutſchen Landwirt, dem unſere Anleitung zum Getreide⸗ bau in erſter Linie gewidmet iſt, kommt es nun vor allem darauf an, zu wiſſen: Welche Bedeutung haben die eingangs aufgezählten ſieben Weizenarten für die Kultur? Die Antwort auf dieſe Frage iſt leicht gegeben; ſie lautet: Der altertümliche Gommer iſt für Deutſchland ohne Wert. Dasſelbe gilt von dem hitzeliebenden Glasweizen und, vielleicht mit einer einzigen ¹) A. Nowacki, Jagd oder Ackerbau? 1885, S. 100. ²) Heinrich Moſer„Durch Central⸗Aſien“ 1888, S. 71. 234 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Ausnahme, auch von dem unedlen bauchigen Weizen. Der Dinkel, der Emmer und das Einkorn, gleichfalls altertümliche Formen, haben nur untergeordnete und lokale Bedeutung. Ihnen allen weit voran ſteht der gemeine Weizen, die Königin des Feldes. Der gemeine Weizen, Triticum vulgare. Haben wir uns für die„Art“ entſchieden, ſo tritt nun die Frage an uns heran: Welche„Sorte“ ſollen wir zum Anbau wählen? Hier wird die Entſcheidung ſchwieriger. Denn einmal iſt der Weizen in viele Spielartenoder Varietäten auseinandergegangen, und überdies hat jede Varietät eine größere oder geringere Zahl von Sorten hervorgebracht. So finden wir in dem Handbuch des Ge⸗ treidebaus von Körnicke und Werner 22 Varietäten und 348 Sorten aufgezählt und mehr oder minder ausführlich beſchrieben. Danach läßt ſich die Mannigfaltigkeit der Formen und Farben einigermaßen beurteilen. Zum Glück hat jedoch die Mehrzahl von dieſen Sorten für unſere Verhältniſſe keinen Wert. Selbſt von den Varietäten können wir die meiſten ſtreichen, ſo namentlich die mit bläulich oder ſchwärz⸗ lich gefärbten Ähren, ſowie ferner auch die mit ſamtig behaarten Ähren, weil der pelzartige Überzug der Spelzen das Waſſer wie ein Schwamm einſaugt und feſthält und daher bei regneriſchem Ernte⸗ wetter das„Auswachſen der Körner“ begünſtigt. Somit kommen nur die Varietäten auf die engere Wahl, bei denen die ÄAhren weißlich oder rötlich gefärbt, und bei denen ſie zugleich kahl, d. h. nicht ſamtig behaart erſcheinen. Zu dieſen Varietäten gehören die Sorten, die für die Kultur Bedeutung haben. Die wichtigeren von ihnen ſind in der folgenden überſicht aufgeführt. Überſicht der wichtigeren Varietäten und Sorten des gemeinen Weizens. I. Abteilung: Kolbenweizen. Ähre unbegrannt. 1. Gruppe: Weißkörnige Kolbenweizen. Körner weißlich oder hellgelb. Winterweizen. /1. Frankenſteiner Weizen. Stammt aus Schleſien. Seine Heimat iſt das Hügelland an der oberen Ohlau zwiſchen Münſterberg und Frankenſtein. Dort iſt er ſehr konſtant. Anderswo ſoll er leicht ausarten. Ich lenne aber ein Gut in Weſt⸗ preußen, wo er ſich ſogar verbeſſert hat. Es kommt alſo auf den Boden an, der für dieſen edlen Weizen trocken gelegen, mild und namentlich auch kalk- und talkhaltig ſein muß. Die Körner haben eine ſchöne weiß⸗ 10. Der Weizen. 235 gelbe Farbe und ſind überwiegend„mehlig“. In einer Originalprobe fand ich 90% weißgelbe und 10% votgelbe Körner. Der Weizen beſteht alſo ſchon in ſeiner Heimat aus zwei Varietäten. Dies thut ſeinem Wert keinen Abbruch, kann aber die mehrfach beobachtete Um⸗ wandlung in Rotweizen erklären. Im übrigen iſt er, worauf bei jeder Sorte immer beſonders zu achten, winterfeſt. Kujawiſcher Weizen. Stammt aus Kujawien, d. i. die Gegend an der oberen Netze mit der Stadt Kruſchwitz als Centrum. Dieſe Sorte iſt der vorigen ähnlich; namentlich enthält ſie ebenfalls neben den weißen eine Anzahl roter Körner. Darum paßt auf ſie die Bezeichnung: bunter polniſcher Weizen. Auch dieſer Weizen liebt den milden Boden, verſagt aber auch auf ſtrengerem Boden nicht. Winterfeſt. Sandomir⸗Weizen. Stammt aus dem Gouvernement Radom an der oberen Weichſel. Ähren rötlich. Körner weißlichgelb. Starke Beſtockung; ſtrohwüchſig. Liebt ebenfalls den milden, verträgt aber auch den ſchweren Niederungsboden. Winterfeſt. Whittington⸗Weizen. Soll 1830 aus der Schweiz nach England eingeführt worden ſein. Man ſagt auch von dieſer Sorte, daß ſie leicht ausartet. J. Kühn fand dies nicht beſtätigt. Paßt nur für leichteren Boden: ſandigen Lehm und ſandigen Lehmmergel. Winterfeſt. Amerikaniſcher Sandweizen. Im Jahre 1875 von Okonomierat Grüttner aus Chicago bezogen. Seitdem ſchnell über Weſtpreußen, Poſen und Schleſien verbreitet. Wert⸗ voll für leichteren und mittleren Boden. Winterfeſt. Hunters weißer Weizen. Verbeſſerte Form: Hallets Pedigree Hunters white Wheat. Stammt urſprünglich aus Schottland.— Auf reichem Boden: auf humoſem, tiefgründigem Thon und Thonmergel, Lehm und Lehmmergel ſehr ergiebig, aber nicht winterfeſt. Mains stand up. Im Jahre 1884 durch W. Rimpau aus England eingeführt. Auf leichterem, weniger ſtark gedüngtem Boden ertragreicher, als der Dick⸗ kopf⸗Weizen. Aber nicht winterfeſt. Dattel⸗Weizen. Neue beachtenswerte Züchtung von Vilmorin, hervorgebracht durch künſtliche Kreuzung von Chiddam und Prinz Albert⸗Weizen. Ziemlich winterfeſt. Bordier⸗Weizen. Neueſtes Kreuzungsprodukt von Vilmorin. Sehr ergiebig und fein im Korn. Leider jedoch nicht winterfeſt. wommerweizen. Auſtraliſcher Sommerweizen. Ein weißkörniger Sommerweizen, der nach den Verſuchen von F. Heine, Hadmersleben, auf reichem Boden Beachtung verdient. 236 11. 12. 13. Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. II. Gruppe: Rotkörnige Kolbenweizen. Körner rotgelb, rot oder bräunlich. Winterweizen. Dickkopf⸗Weizen. Shireffs Square-headed Wheat. Von Samuel D. Shireff(nicht von Patrick Shirreff) aus Schott⸗ land nach Dänemark geſandt und von dort in kurzer Zeit über Deutſch⸗ land bis nach der Schweiz verbreitet. Sehr ertragreich trotz der geringen Beſtockung. Dieſe Sorte liefert den Beweis für die Richtig⸗ keit der S. 21 entwickelten Anſicht, daß es bei einer Getreideart, die Körner liefern ſoll, auf die reichliche Beſtockung viel weniger ankommt, als man gewöhnlich meint. Mit der Zucht dieſes vorzüglichen Weizens befaßt ſich O. Beſeler in Weende bei Göttingen und F. Heine auf Kloſter Hadmersleben. Der Dickkopf⸗Weizen paßt beſonders für den reichen Weizenboden in nicht zu heißem Klima. Lagert nicht. Ziemlich Winterfeſt. Früher Baſtardweizen. Neue wertvolle Züchtung von W. Rimpau in Schlanſtedt, Provinz Sachſen, hervorgebracht durch künſtliche Kreuzung aus frühem ameri⸗ kaniſchen Weizen und Squarehead. Reift 8— 10 Tage früher als Squarehead. Daher für trockenes Klima und leichteren Boden beſonders geeignet. Auch auf dem beſten Boden ſehr ertragreich. Nicht ſo ſteif im Halm wie Squarehead, in der Kornqualität aber beſſer. Ziemlich winterfeſt. Vergl. S. 165. Beſtehorns Dividendenweizen. Wertvolle Züchtung Beſtehorns aus Squarehead und märkiſchem Braunweizen. Beſonders für leichteren Boden geeignet. Nach Beſeler widerſtandsfähiger gegen den Winterfroſt als Nr. 11. Beſtehorns Modellweizen. Durch wiederholte künſtliche Befruchtung hervorgebracht. Winterfeſt. Spaldings Prolifie⸗Weizen, engliſcher Sandweizen. Aus Schottland nach Deutſchland eingeführt. Für leichteren Boden ge⸗ eignet. Nicht winterfeſt. Molds red Prolific⸗Weizen. In neuerer Zeit an Stelle des vorigen in Aufnahme gekommen. Er⸗ tragreich, aber ebenfalls nicht winterfeſt. Roter Goldtropfen⸗Weizen. Verbeſſerte Form: Hallets Pedigree Golden-drop(Red). In England und Nordfrankreich ſehr verbreitet. Auch am Rhein und Sachſen angebaut. Nach den vergleichenden Verſuchen in Rothamſted die beſte der Halletſchen Züchtungen. Verlangt reichen Boden. Nicht winterfeſt. Trump⸗Weizen. Stammt aus Canada. Von Beſeler angebaut und bewährt gefunden. Winterfeſt. Roter deutſcher Weizen. Seit 1873 von W. Rimpau in Schlanſtedt, Provinz Sachſen, gezüchtet. Auf Lehm⸗ und Lehmmergelboden ertragreich. Winterfeſt. Rotähriger Probſteier⸗Weizen. Stammt aus der Probſtei in Holſtein. Ergiebiger als der weißährige 24. 28. Der Weizen. 237 Probſteier. Für gute Lehm⸗ und Mergelböden geeignet. Saatgut nicht einheitlich, weil aus begranntem und unbegranntem Weizen gemiſcht; aber vielleicht iſt dies eher ein Vorteil als ein Nachteil. Winterfeſt. gommerweizen. Heines verbeſſerter Kolben⸗Sommerweizen. Von F. Heine auf Kloſtergut Hadmersleben durch Zuchtwahl veredelt. Noë⸗Sommerweizen. Nach den Verſuchen von Heine und Maercker ſind Nr. 21 und 22 nebſt Nr. 10 zur Zeit die beſten Sorten von Sommerweizen. II. Abteilung: Bartweizeu. Ähre begrannt. I. Gruppe: Weißkörnige Bartweizen. Körner weißlich oder hellgelb. wommerweizen. Shirreffs weißer Bartweizen. Shirreffs bearded White. Durch Auswahl gezüchtet von Patrick Shirreff in Schottland. Als Winterweizen ſelbſt für Weſtdeutſchland zu weichlich. Als Sommer⸗ weizen der Beachtung wert. Korn weißlichgelb, klein, aber ſchwer. II. Gruppe: Rotkörnige Bartweizen. Körner rotgelb, rot oder bräunlich. Winterweizen. Clever Hochland⸗Weizen. Stammt aus Holland und den nördlichen Diſtrikten der Rheinprovinz. Seine Kultur iſt auch in den öſtlichen Provinzen des deutſchen Reichs verbreitet. Auf ſehr reichem Boden neigt er zum Lagern, dagegen paßt er für mittleren Lehm- und Lehmmergelboden. Winterfeſt. Fuchsweizen. Stammt aus der Wetterau(Wiesbaden). Paßt für Lehmboden und rauhes Gebirgsklima. Winterfeſt. Sandweizen aus Münſter. Paßt für leichteren, aber feucht gelegenen Boden. Sehr winterfeſt. Ghirka⸗Weizen.. Stammt aus den ſüdruſſiſchen Steppen. In den Nordweſtſtaaten Amerikas unter dem Namen„Red Russian“ ſehr verbreitet. Paßt für reichen Weizenboden. Körner bei der ruſſiſchen Originalſaat auffallend klein und meiſt glaſig. Winterfeſt. 2 gommerweizen. Fern⸗ oder Aprilweizen. In Schottland und auch in Deutſchland häufig angebaut, namentlich in der Provinz Sachſen nach Zuckerrüben. Man vergl. Nr. 10, 21 und 22. 238 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Anhang. Bauchiger oder ſog. engliſcher Weizen, Triticum turgidum. 29. Rivetts Grannenweizen. Rivetts bearded. Der ertragsreichſte von allen Weizen, aber auch am ärmſten an Kleber und am wenigſten widerſtandsfähig gegen den Winter. Trotzdem in Deutſchland, namentlich in der Provinz Sachſen unter dem Namen Rauhweizen viel in Kultur. Dies iſt die einzige in Deutſchland gebräuchliche Sorte, die nicht zu dem gemeinen Weizen, Triticum vulgare, gehört. Hier drei Fragen für die Züchter: 1. Verhelfen dem Rauhweizen die auffallend ſtarken Grannen zu ſeinem hohen Ertrage? 2. Sind bei dem Weizen die Grannen als Tranſpirations⸗ und Aſſimilationsorgane gleich wichtig wie bei der Gerſte? 3. Iſt es zweckmäßig, den Kolbenweizen in Bartweizen um⸗ zuzüchten? Nach dieſer Überſicht wird es dem praktiſchen Landwirt nicht ſchwer werden, für den Fall, daß die bisher angebaute Sorte nicht be⸗ friedigt, eine neue Sorte auszuwählen, um ſie mit der alten in Ver⸗ gleich zu ſtellen. Derartige komperative Verſuche, womöglich mit Maß und Gewicht kontrolliert und vorerſt im kleinen ausgeführt, ſind über⸗ haupt unerläßlich, wenn man ſich ein begründetes und richtiges Urteil darüber verſchaffen will, ob die bisher kultivierte Sorte das Maximum leiſtet, was in quantitativer und qualitativer Beziehung unter den ge⸗ gebenen Verhältniſſen(Boden, Klima, Düngung, Bearbeitung ꝛc.) ge⸗ fordert und erreicht werden kann. Nur hüte man ſich vor Einſchleppung gefährlicher Unkräuter und Krankheiten und ſcheue Mühe und Koſten nicht, das fremde Saatgut durch Vermittlung einer Samenkontroll⸗ ſtation auf die Reinheit beſonders von Stein⸗ und Kaulbrand (Anguillulen) unterſuchen zu laſſen, ſofern man die Unterſuchung nicht ſelbſt vornimmt. Das Einbeizen mit Kupfervitriol ſchützt zwar, wenn es vorſchriftsmäßig ausgeführt wird, doch muß von ſeiten der Land⸗ wirte feſt und unentwegt darauf hingearbeitet werden, daß ſämtliche Handelsware frei iſt von Unkrautſamen und von Krankheitskeimen. Dieſe Forderung gilt ſowohl für die verkaufenden, wie für die kaufenden Landwirte; und es liegt auf der Hand, daß der Samenhändler, der das Geſchäft lediglich vermittelt, ſeinen Abnehmern nur dann Garantie für Reinheit der Ware leiſten kann, wenn die an ihn verkaufenden Landwirte ihm ebenfalls Garantie leiſten. Ohne Vertrauen im Samenhandel kann man ſich zu vergleichenden Verſuchen mit neuen Sorten nicht entſchließen. Daß aber, wenn dieſe Vorbedingung erfüllt iſt, auch bei dem verpönten Pröbeln etwas heraus⸗ kommt, lehrt ein Blick auf die S. 159 mitgeteilten Verſuche in Rothamſted. Wir finden dort 22 Weizenſorten nebeneinander unter gleichen Verhältniſſen angebaut. Den höchſten Ertrag, dem Maße nach, hat Nr. 2, den niedrigſten hat Nr. 17 geliefert; die betreffenden Zahlen ſind: Der Weizen. 239 51,8 hl pro ha 31,41„„ Differenz: 20,4 hl pro ha. Berückſichtigen wir das Hektolitergewicht, ſo ſtellt ſich der Ertrag bei Nr. 2 am höchſten, bei Nr. 16 am niedrigſten; die Zahlen ſind: 3729,6 kg pro h 23... Differenz: 1368,7 kg pro ha. Bei dieſen beiden Sorten war aber das Hektolitergewicht ſehr niedrig: es betrug bei Nr. 2 nur 72,0 kg, bei Nr. 16 nur 72,2 kg, während es bei anderen Sorten über 77, bei einer Sorte ſogar über 79 kg erreichte. Tragen wir dem Umſtande Rechnung, daß in dem Hektolitergewicht die QCualität des Kornes zum Ausdruck gelangt, ſo werden wir, unter gleichzeitiger Berückſichtigung der Quantität des Ertrages, von den angebauten Sorten Nr. 13 am höchſten und Nr. 16 am niedrigſten taxieren, denn es ſtehen ſich folgende Zahlen gegenüber: hl pro ha Gewicht pro hl kg pro ha 41,4 77,2 3196,1 32,7 72,2 2360,9 Differenz: 8,7 5,0 835,2 Dieſe Unterſchiede in der Quantität und Qualität des Ertrages ergaben ſich in mehrjährigem Durchſchnitt bei gleichem Boden, gleichem Klima, gleicher Düngung, gleicher Vorfrucht, gleicher Arbeit. Hier⸗ nach wird wohl jeder, der es nicht ſchon war, davon überzeugt ſein, daß der Erfolg des Getreidebaues ganz weſentlich abhängt von der Auswahl der richtigen Sorte.— Wir gehen jetzt über zu einer kurzen Beſprechung der ander⸗ weitigen Anbauverhältniſſe. Klima.— Der Weizen verlangt im Winter und im Sommer mehr Wärme als der Roggen. Doch iſt er in Deutſchland überall als Winterfrucht zu kultivieren, mit Ausnahme der höheren Gebirgs⸗ lagen, wo er nur als Sommergetreide angebaut werden kann. Die engliſchen Sorten ſind durchweg weniger widerſtandsfähig gegen den Winter, als die nordoſtdeutſchen und ruſſiſchen Sorten. Doch laſſen ſich die engliſchen Sorten dadurch ſicherer erhalten, daß man die Ausſaat früh, etwa 14 Tage vor Michaeli, vornimmt, denn es hat ſich herausgeſtellt, daß die Pflanzen auswintern, die bei Ein⸗ tritt des Froſtes nur Keimwurzeln, während die Pflanzen durch⸗ kommen, die bereits Kronenwurzeln entwickelt haben. Der Teil der Pflanze, der der Zerſtörung durch den Froſt anheimfällt, iſt das rhizomartige Glied zwiſchen dem Samenkorn und dem Beſtockungs⸗ knoten(vergl. Fig. 59 und 68). Auch flache Unterbringung muß gegen das Auswintern ſchützen, weil die Pflanze, ohne das rhizom⸗ artige Glied zu bilden, ſchneller zur Entwicklung von Kronenwurzeln und Stocktrieben gelangt. 240 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Gegen Näſſe des Klimas und des Bodens iſt der Weizen weniger empfindlich als der Roggen. Dürre ſchadet ihm auf bündigem Boden nicht erheblich; auf leichterem Boden leidet er aber ſehr durch trockenes Wetter, er wird hier„von der Hitze befallen“ und„notreif“. Boden. Bündig, thon-, kalk- und talkhaltig. Höchſte Er⸗ träge auf reichem, tiefgründigem Thon- und Thonmergelboden. Feinſte Qualitäten auf kräftigem, mildem Lehm- und Lehmmergelboden. Der Weizen gedeiht in friſcher Lage auch auf ſandigem Lehm und Lehm⸗ mergel, wenn man eine paſſende Sorte auswählt. Auf lehmigem Sande iſt der Roggen, auf magerem Thon iſt der Hafer dem Weizen vorzuziehen. Die loſen Sand⸗- und Grandböden, ſowie die Humus⸗ böden(Ried⸗, Moos⸗ und Heidehumus) ſind für den Weizen aus⸗ geſchloſſen.) Stellung in der Fruchtfolge.— Beſte Stellung nach reiner Brache. Je ſtrenger der Boden, deſto notwendiger die Brache. (S. 145 u. 146.) Gute Vorfrüchte: Raps, Rübſen, Kohl, Tabak, Hanf und Bohnen, zu denen ſtark gedüngt worden. Zu den guten Vorfrüchten gehört auch die Luzerne und der Rot— klee, beſonders der einjährige. Weniger gute Vorfrüchte: Grünwicken und Lein, noch ſchlechtere: Samenwicken und Erbſen. Schlechte Vorfrüchte ſind: Grünmais und Hackfrüchte, es ſei denn, daß dieſe früh abgeerntet werden. Dagegen hat Sommerweizen nach Hackfrüchten einen guten Stand. Weeizen nach Halmfrüchten empfiehlt ſich nicht, am wenigſten Weizen nach Weizen. Düngung.— Der Weizen beanſprucht einen großen Vorrat an Nahrung. Doch iſt alte Kraft beſſer, als friſche Düngung. Stallmiſt in ſtärkerer Quantität nur auf ſchwerem Boden am Platz, in mäßiger Verwendung auch auf mittlerem Boden zuläſſig. Fehlerhaft iſt es jedoch, erſt zur letzten Furche zu düngen, oder das Land muß 4 bis 6 Wochen liegen, ehe geſäet wird. Auf Boden, der in guter Kultur, Stallmiſt zur Vorfrucht vor⸗ zuziehen. Beidüngung mit Phosphorſäure(40 kg lösliche pro Hektar) in Form von Superphosphat zu empfehlen. Beidüngung mit Stick⸗ ſtoff mäßig(10—15 kg pro Hektar) in Form von Chileſalpeter; auf kräftigem Boden ganz zu vermeiden. Der gegen das Lagern ge⸗ wappnete Dickkopfweizen(Nr. 11) verträgt von allen Sorten die ſtärkſte Stickſtoffdüngung. Eelten wird auf Weizenboden die Bei⸗ düngung mit Kali in Frage kommeng Über die zuläſſigen Quanti⸗ täten an Phosphorſäure, Stickſtoff und Kali vergleiche S. 150. Zeit der Verwendung im allgemeinen der Herbſt; Nachhülfe mit Chile⸗ ¹) Eine Einteilung und Beſchreibung der Bodenarten findet man in A. Nowacki, Praktiſche Bodenkunde. Dritte Auflage. Berlin, Verlags⸗ buchhandlung Paul Parey, 1899. Der Weizen. 241 ſalpeter im Frühjahr, nach F. Heine am beſten erſt anfangs Mai. S. 152.) Auf kalkarmem Thon- und Lehmboden empfiehlt ſich die Zufuhr von Kalk; erthält dieſer zugleich Talk oder Magneſia, ſo wird er um ſo beſſer wirken. Zum Zwecke der Düngung iſt demnach der unreine oder ſog. magere Kalk vorzuziehen; handelt es ſich dagegen um die phyſikaliſche Verbeſſerung des Bodens, ſo verdient der reine oder fette Kalk den Vorzug. Der Kalk wird in gebranntem Zuſtande auf das Feld gebracht und nach dem Zerfallen ſorgfältig ausgebreitet und untergepflügt. Hat man eine Düngerſtreumaſchine, ſo taucht man den gebrannten Kalk in Körben unter Waſſer und ſtreut das Kalkpulver mit der Maſchine auf das Feld. Auch kalkreicher Mergel leiſtet gute, oft noch beſſere Dienſte als der Kalk. Zubereitung des Landes.— Hierüber iſt das Nötigſte ſchon im allgemeinen Teil S. 144 ff. geſagt worden. Saat.— Auch über die Saat haben wir ſchon im allgemeinen Teil 172 ff. geſprochen. Es mag hier nur auf folgende Punkte aufmerkſam gemacht werden. Bei brandigem Saatgut iſt das Einbeizen in Kupfervitriol nicht zu vergeſſen(S. 186). Der 12—16 Stunden lang eingeweichte Weizen wird auf der Tenne ausgebreitet und mehrmals mit Schwung umge⸗ — ,- 10 a dechir des as, E pheefih Klsee, ee e Ghalten 2 Sbeſher bf Maqpen V -A ia u va Ilg, A, S, a) Ih,? 9s 46, dwo o, o, 9 35 Sy n;, o, deo ae, ee, ize ouedt 5 e f ndn, Säenen wrtar Hu.,ef er h l a lh Rh;, o,; t Gf I, a;, o, e, i, 27 215 a D4, s, er, 12 1, ar ae 7— 2ö 2——, S 9ꝗ◻— 3 der ſich in der Regel weniger beſtockt, ſäet man etwas ſtärker. Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 16 240 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Gegen Näſſe des Klimas und des Bodens iſt der Weizen weniger b empfindlich als der Roggen. Dürre ſchadet ihm auf bündigem Boden nicht erheblich; auf leichterem Boden leidet er aber ſehr durch trockenes Wetter, er wird hier„von der Hitze befallen“ und„notreif“. Boden.— Bündig, thon⸗, kalk- und talkhaltig. Höchſte Er⸗ träge auf reichem, tiefgründigem Thon- und Thonmergelboden. Feinſte Qualitäten auf kräftigem, mildem Lehm- und Lehmmergelboden. Der Weizen gedeiht in friſcher Lage auch auf ſandigem Lehm und Lehm⸗ mergel, wenn man eine paſſende Sorte auswählt. Auf lehmigem Sande iſt der Roggen, auf magerem Thon iſt der Hafer dem Weizen vorzuziehen. Die loſen Sand⸗ und Grandböden, ſowie die Humus⸗ böden(Ried⸗, Moos⸗ und Heidehumus) ſind für den Weizen aus⸗ geſchloſſen. ¹) Stellung in der Fruchtfolge.— Beſte Stellung nach reiner Brache. Je ſtrenger der Boden, deſto notwendiger die Brache. (S. 145 u. 146.) Gute Vorfrüchte: Raps, Rübſen, Kohl, Tabak, Hanf und Bohnen, zu denen ſtark gedüngt worden. Zu den guten Vorfrüchten gehört auch die Luzerne und der Rot⸗ klee, beſonders der einjährige. Weniger gute Vorfrüchte: Grünwicken und Lein, noch ſchlechtere: V Seue eee, ree de en Sufhahe eeuche, ,, „ 20-Nt N. e- 25 M! k‿ene Aei. See b 2 ii, ch V eh c=t I t, 2. rA 3—— An † S S ht A, ee A. Nowacki, Praktiſche Bodenkunde. Dritte Auflage. Berlin, Verlags⸗ buchhandlung Paul Parey, 1899. „ M eu — Der Weizen. 241 ſalpeter im Frühjahr, nach F. Heine am beſten erſt anfangs Mai. S. 152. 12) kalkarmem Thon⸗ und Lehmboden empfiehlt ſich die Zufuhr von Kalk; erthält dieſer zugleich Talk oder Magneſia, ſo wird er um ſo beſſer wirken. Zum Zwecke der Düngung iſt demnach der unreine oder ſog. magere Kalk vorzuziehen; handelt es ſich dagegen um die phyſikaliſche Verbeſſerung des Bodens, ſo verdient der reine oder fette Kalk den Vorzug. Der Kalk wird in gebranntem Zuſtande auf das Feld gebracht und nach dem Zerfallen ſorgfältig ausgebreitet und untergepflügt. Hat man eine Düngerſtreumaſchine, ſo taucht man den gebrannten Kalk in Körben unter Waſſer und ſtreut das Kalkpulver mit der Maſchine auf das Feld. Auch kalkreicher Mergel leiſtet gute, oft noch beſſere Dienſte als der Kalk. Zubereitung des Landes.— Hierüber iſt das Nötigſte ſchon im allgemeinen Teil S. 144 ff. geſagt worden. Saat.— Auch über die Saat haben wir ſchon im allgemeinen Teil 172 ff. geſprochen. Es mag hier nur auf folgende Punkte aufmerkſam gemacht werden. Bei brandigem Saatgut iſt das Einbeizen in Kupfervitriol nicht zu vergeſſen(S. 186). Der 12—16 Stunden lang eingeweichte Weizen wird auf der Tenne ausgebreitet und mehrmals mit Schwung umge⸗ haufelt; er kann nach 6 Stunden ſchon mit der Hand, nach 12 Stunden uch mit der Maſchine geſäet werden. Saatzeit: 8 Tage vor und 8 Tage nach Michaeli, In nordiſchen nd höheren Lagen 8—14 früher, in milderen Lagen 8—14 Tage bäter. Engliſche Sorten beizeiten(ſ. Klima S. 239). Sommerweizen ſo früh als möglich, im Februar oder März, bäteſtens Mitte April. Saatmethode: Unterbringung mit der Drillmaſchine weitaus m beſten. Das Behacken, das durch die Reihenſaat ermöglicht oder benigſtens ſehr erleichtert wird, lohnt bei keiner Halmfrucht ſo, wie ei dem Weizen. Entfernung der Drillreihen: 12—15 cm auf leichterem zoden und für den Fall, daß nicht mit der Hackmaſchine gehackt werden ull. Auf mittlerem Boden 15— 20 cm; bei 20 cm iſt die Hackmaſchine hon anwendbar. Auf ſehr kräftigem Boden und bei früher Saat 0— 25 cm. Größere Entfernung der Drillreihen nicht ratſam wegen er Gefahr des Auswinterns ꝛc. Schon bei 25 cem erleidet man in er Regel einen Ausfall an Stroh. Tiefe der Unterbringung: 3 cm für gewöhnlich; bei ichterem, trocknerem Boden 4—6 cm. Engliſche Sorten(ſ. S. 239) öglichſt flach. Saatquantum: 2—3, im Mittel 2,3 hl bei Breitſaat pro Hektar, 1,6— 2,2, im Mittel 1,8 hl bei Drillſaat. Vorſtehende Zahlen gelten für Winterweizen. Sommerweizen, der ſich in der Regel weniger beſtockt, ſäet man etwas ſtärker. Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 16 242 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Pflege.— Hinſichtlich der Pflege(vergl. S. 177) ſind hier nur folgende Beſonderheiten nachzutragen. Bei Drillſaat kann das Behacken im Frühjahr auf leichterem Boden unterbleiben, darf aber auf ſchwerem, zu Kruſtenbildung ge⸗ neigtem Boden nicht unterlaſſen werden. Namentlich auf Feldern, deren Beſtand durch den Winterfroſt gelichtet worden iſt, zeigt ſich nach der Bearbeitung mit der Handhacke oder mit der Hackmaſchine oft eine überraſchende Beſſerung. Dagegen iſt die Kopfdüngung mit Chileſalpeter bei zu dünnem Beſtande mehr ſchädlich als nützlich, weil die wenigen Pflanzen zu reichlich mit Stickſtoff verſorgt und da⸗ durch der Erkrankung preisgegeben werden. Bei breitwürfiger Saat wird auf bündigem Boden mit kurzen Zinken geeggt, um die Oberfläche krümelig zu machen und das Unkraut zu zerſtören. Der Zeitpunkt dazu iſt gekommen, wenn der Boden ſoweit abgetrocknet, daß er den Fußtritt des Pferdes erträgt. Auf leichterem Boden werden Diſtel, Rade, Veronica und anderes Unkraut ausgeſtochen und ausgejätet. Ein Behäufeln des Weizens, wenn er ſich ſchon erhoben hat, iſt ſehr nachteilig. Er treibt dann an den unteren Knoten nicht allein neue Wurzeln, ſondern auch neue Halme und wird zweiwüchſig. Schädliche Pflanzen und Tiere, ſ. S. 179 des allgemeinen Teils. Ernte, ſ. S. 125 und S. 205. Ertrag.— Nach der Zuſammenſtellung des Königlichen Statiſtiſchen Bureaus wird im Preußiſchen Staat eine Mittelernte an Weizen pro Hektar angenommen: Im Durchſchnitt zu 1567 kg „ Maximum„ 3400„ „ Minimum„ 764 ⸗ Im deutſchen Reiche werden ſich die Zahlen nicht viel anders ſtellen. In den einzelnen Provinzen differiert der Ertrag beinahe ebenſo ſehr, wie im ganzen Staate. Wir ſtellen nur die Mittelernten von folgenden 5 Provinzen nebeneinander: Sachſen. Schleswig⸗Holſtein. Poſen. Rheinland. Oſtpreußen. Durchſchnitt 1926 1855 1484 1424 1340 Maximum 3400 3000 2600 2000 2125 Minimum 800 1100 1200 1000 764 Es überraſcht uns nicht, daß Sachſen und Schleswig⸗Holſtein im Durchſchnitt und im Maximum obenan ſtehen. Dagegen hätten wir nicht erwartet, daß das geprieſene Rheinland im Durchſchnitt ſowohl wie im Maximum und Minimum von dem kalten Poſen, und im Maximum auch von dem bis nach Memel vorgeſchobenen Oſtpreußen übertroffen wird. Die Zahlen lehren, daß das Klima auch im Oſten des Reiches für den Weizenbau genügt, und ſie lehren ferner, daß der beſte Weizenboden in Poſen und Öſtpreußen beſſer ſein muß, als im Rheinland. Wir zweifeln auch nicht daran, daß die öſtlichen Der Weizen. 243 Provinzen in der Oualität des Weizens den weſtlichen überlegen ſind; der kujawiſche oder„bunte polniſche“ Weizen findet an der Berliner Börſe jederzeit willige Abnehmer. Das Gewicht des Weizens pro Hektoliter beträgt 71—73 kg bei leichter Ware, 73—78 kg bei mittelſchwerer und 78— 88 kg bei ſchwerer Ware. Der Ertrag an Stroh wechſelt bei Winterweizen zwiſchen 1800 und 6000 kg, und bei Sommerweizen zwiſchen 1600 und 4000 kg pro Hektar. Das Verhältnis des Körnerertrags zum Strohertrag ſchwankt bei Winterweizen zwiſchen 49:51 und 20:80, und bei Sommerweizen zwiſchen 52:48 und 27:73. Zieht man das Mittel und rundet man die Zahlen ab, ſo iſt das Verhältnis von Korn: Stroh bei Winter⸗ weizen 1:2, und bei Sommerweizen 2:3. Der Spelz oder Dinkel, Triticum Spelta. Der Hauptſitz des Spelzbaus iſt Württemberg und die Schweiz. Hier ſieht man dieſe in Norddeutſchland unbekannte oder wenigſtens ungebräuchliche Kornart immer noch häufig kultiviert, doch iſt ihr Anbau in den letzten Jahrzehnten zu gunſten des Weizens(und der Futter⸗ gewächſe) eingeſchränkt worden und wahrſcheinlich wird er mit der Zeit noch mehr zurückgehen, da der Spelz vor dem Weizen doch nur unter⸗ geordnete und lokale Vorzüge beſitzt. Man findet in der Litteratur oft die Behauptung aufgeſtellt, daß der Spelz ſich nicht ſo leicht lagert wie der Weizen. Schwerz, der in Hohenheim die beſte Gelegenheit hatte, den Spelz mit dem Weizen zu vergleichen, will von dieſem angeblichen Vorzuge, den er nur für den Emmer anerkennt, in Bezug auf den Spelz durchaus nichts wiſſen; er ſagt:„Die Gefahr, ſich zu lagern, iſt gegenteils beim Dinkel ſo ge⸗ wöhnlich, daß man ihn in der Regel alljährlich ſchröpft.“ Ich muß nun allerdings geſtehen, daß ich in der Schweiz öfter gelagerte Weizen⸗, als Spelzfelder geſehen habe. Aber dies kann zum Teil darin be⸗ gründet ſein, daß dem Spelz das magere, dem Weizen das fettere Land zugewieſen, und daß ferner der Veſen— ſo nennt man die in den Spelzen ſteckende Saatfrucht— bei der faſt allgemein üblichen Hand⸗ ſaat nicht ſo leicht überſäet wird, wie man denn auch gewöhnlich den Beſtand auf den Spelzfeldern weniger dicht findet, als auf den Weizen⸗ feldern. Immerhin iſt nicht in Abrede zu ſtellen, auch Schw erz giebt dies zu, daß der Spelz ein„ſteifes“ Stroh hat. Andererſeits iſt es aber nicht im geringſten zweifelhaft, daß es unter den Nacktweizen und ſpeziell auch unter den gemeinen Weizen mehrere Sorten giebt, die es in Bezug auf die Widerſtandsfähigkeit gegen das Lagern völlig mit dem Spelz aufnehmen. Zum Beiſpiel: Dickkopfweizen. Ungefähr ebenſo verhält es ſich mit der Widerſtandsfähigkeit gegen Roſt. Ich habe mehr als einmal den Weizen im höchſten Grade roſtig 16* 244 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. geſehen, während der dicht danebenſtehende Spelz faſt völlig roſtfrei war. Genau dasſelbe findet man aber auch bei verſchiedenen Weizen⸗ ſorten(zu Triticum vulgare gehörig), ſo daß auch in dieſer Beziehung dem Spelz ein durchgreifender Vorzug nicht zugeſchrieben werden kann. Was die Widerſtandsfähigkeit gegen Brand betrifft, ſo vertritt Schwerz die Anſicht, daß dieſe Krankheit bei dem Dinkel nicht ſo ge⸗ wöhnlich iſt, wie bei dem Weizen. Ich will dies im allgemeinen zu⸗ geben, muß aber doch konſtatieren, daß ich im Juli 1877 in der Um⸗ gegend von Meggen am Vierwaldſtätter See ſämtliche Spelzfelder, die ich genauer beſichtigte, in ſchauderhafter Weiſe brandig gefunden habe. Hat ſich der Brand alſo einmal eingeniſtet und man thut nichts da⸗ gegen, ſo fällt ihm der Spelz gerade ſo gut anheim, wie der Weizen. Da man es nun ferner nur als einen bedingten Vorzug be⸗ trachten kann, daß der Spelz, obſchon er auf richtigem Weizenboden am beſten gedeiht, dennoch einen Boden verträgt, der für Weizen etwas zu leicht oder zu trocken iſt, und daß er ſich mit weniger Dung behilft und weniger alte Kraft erfordert, als der Weizen, ſo bleiben als eigentliche Vorzüge des Spelzes nur übrig, daß er von dem Vogel⸗ fraß auf dem Felde wenig oder nichts leidet, daß er bei der Ernte ein ſchnelleres Einfahren gleich hinter der Senſe geſtattet und ſich auch auf dem Schüttboden, weil die Körner von den Spelzen umhüllt ſind, beſſer hält als der Weizen, was für das feuchte Gebirgsklima aller⸗ dings von Bedeutung iſt. Der Nachteil, daß der Spelz vor dem Vermahlen„gegerbt“ werden muß, um die Körner von den Spelzen zu befreien, iſt nicht ſehr hoch zu veranſchlagen, denn wo die Mühlen mit der erforder⸗ lihen Vorrichtung verſehen ſind, macht das Gerben nur wenig Um⸗ tände. Bei der Saat benutzt man den Spelz im ungegerbten Zuſtande und muß dementſprechend das Ausſaatquantum ungefähr doppelt ſo ſtark nehmen, als beim Weizen. Man ſäet breitwürfig gewöhnlich 4— 5 hl, zuweilen aber auch 7 und ſelbſt 11 hl Veſen pro Hektar, bei Drillſaat, die ſeltener vorkommt, 3— 4 hl pro Hektar. Die am meiſten angebauten Sorten ſind der weißährige und der rotährige Winter⸗Kolbenſpelz, von den allemanniſchen Bauern einfach Weißkorn und Rotkorn genannt. Häufig ſind beide Sorten gemiſcht, und dies hält man für vorteilhaft.(Analogie mit dem buntpolniſchen Weizen.) Beſondere, und zwar weißährige Sorten ſind der Vögeles⸗Dinkel und der Schlegel⸗Dinkel, die ſich beide durch ſtarke Beſtockung auszeichnen, was für den Strohertrag ein Vorteil, für den Körnerertrag eher ein Nachteil iſt. Der Anbau des Spelzes als Sommerfrucht empfiehlt ſich nicht. Will man einen Spelzweizen als Sommerung anbauen, ſo wähle man den Emmer. Der Ertrag des Spelzes an Körnern oder Veſen iſt auf ge⸗ ringem Boden 25— 34 hl pro Hektar; als mittlerer Ertrag ſind 42 bis 64, als ſehr hoher Ertrag 74— 96 hl im Gewicht von 39 bis Der Roggen. 245 47 kg pro Hektoliter anzunehmen. Der Veſen giebt gegerbt 36 bis 45% reine Körner oder Kernen. Der Strohertrag fällt gewöhnlich etwas geringer aus als beim Weizen, weil der Spelz meiſt auf geringerem und nicht ſo ſorgfältig zubereitetem Boden angebaut wird; auf gleichem Boden ſtellt ſich der Strohertrag gleich. Der Emmer, Triticum amyleum. Der Emmer wird mit Vorteil nur als Sommerung angebaut. Es giebt bei dieſer Art überhaupt keine winterfeſte Varietät oder Sorte. Bemerkenswert iſt ſeine Widerſtandsfähigkeit gegen das Lagern. Durch dieſe und ſeine ſonſtigen Eigenſchaften empfiehlt er ſich be⸗ ſonders für das rauhe und feuchte Gebirgsklima; doch wird ſein An⸗ bau wohl auf das Gebiet des Spelzes beſchränkt bleiben, wo die Mühlen mit einem Gerbgang verſehen ſind.— Die beſten Sorten ſind der weißährige und der rotährige Emmer, beide mit kahlen, d. h. nicht ſamtartig behaarten Spelzen, beide aber begrannt, wie überhaupt alle Emmerſorten. Im Anbau und auch im Ertrag kommt der Emmer mit dem Spelz ziemlich überein, nur das iſt verſchieden, daß die Ausſaat im Frühjahr geſchieht. Das Einkorn, Triticum monococcum. Das Einkorn wird mit Vorteil nur als Winterung angebaut. Sein Vorzug oder ſein Wert beruht auf der Anſpruchsloſigkeit an den Boden und auf der Widerſtandsfähigkeit gegen das Klima. Es iſt eine Gebirgspflanze. Das Ausſaatquantum beträgt bei breit⸗ würfiger Saat 3— 4 hl pro Hektar. Der Roggen, Secale cereale. Für die wilde Stammform des Roggens erklären einige Botaniker“) den Bergroggen(Secale montanum), der in Marokko, Südſpanien, am Atna, in Dalmatien, Serbien, Griechenland, Kleinaſien, Armenien, am Kaukaſus, in Kurdiſtan und in Centralaſien gefunden worden iſt. In Schugnan und Taſchkent ſind an paſſenden Stellen die Wieſen ſo dicht damit beſtanden, als ob er geſäet wäre; er wird dort als Vieh⸗ futter benutzt. Secale montanum unterſcheidet ſich von Secale cereale„im weſentlichen nur durch die Zerbrechlichkeit der Spindel, durch die ¹) Vergl. Körnicke und Werner a. a. O. I, S. 124. 246 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. kleinen eingeſchloſſenen Früchte und durch die lange Lebensdauer, in⸗ dem es viele Jahre hintereinander fruchtet“. Das genügt, um unſeren Roggen artlich von jenem wildwachſenden Graſe zu trennen, und trotz der unverkennbaren Verwandtſchaft beider Arten iſt der Sprung von der einen zur andern zu groß, als daß man die wilde Form ohne weiteres als die Stammform der kulti⸗ vierten betrachten könnte. Seit dem Jahre 1890 iſt aber mit einer dritten Art eine Zwiſchenform bekannt geworden, die im ſüdlichen Rußland vorkommt. Sie wird dort angebaut und als Körnerfrucht benutzt, unterſcheidet ſich aber von dem gewöhnlichen Kulturroggen dadurch, daß ſie nicht einjährig, ſondern„mehrjächrig“ iſt. A. Regel hat dies zuerſt be⸗ hauptet und Batalin, ſein Nachfolger⸗ hat es angeblich beſtätigt an Pflanzen, die er durch Vermittlung von Kaldurow aus dem Gouvernement Stawropol erhielt. Der Originalroggen, den A. Regel aus Petersburg an C. Schröter nach Zürich ſandte, wurde hier viermal aus⸗ geſäet mit wechſelndem Erfolg. 1. Aus⸗ ſaat November 1890: Die Pflanzen gingen zu Grunde.— 2. Ausſaat Frühjahr 1891: Die meiſten Pflanzen gingen wieder zu Grunde. Etwa 10 Pflanzen blieben erhalten und brachten im Sommer 1892 einige AÄhren mit auffallend wenigen Früchten und vielen Mutterkörnern. An dieſen Pflanzen konſtatierte ich gemeinſchaftlich mit C. Schröter am 23. November 1892 Fig. 139. Keimling des Roggens, neue Stockausſchläge. Die kräftigſte deeie enss endit vier deulächen Pflanze, die ſicher ebenfalls, wenn auch Würzelchen. k dat Keimpflänzchen, nur ſpärlich Früchte getragen hatte, ² das Schilvchen. Vergr. 12 fach. verſetzte ich in meinen Garten, wo ſie im Sommer 1893 ſiebzehn Ahren hervor⸗ brachte. Nach der Reife der durch künſtliche Nachhülfe erzeugten Körner(S. 111) ſtarb der Wurzelſtock ab.— 3. Ausſaat Frühjahr 1893: Die Saat ging auf, aber wieder zu Grunde. Offenbar war der Boden verſeucht. Sobald die junge Saat ſproßte, fielen die in der Erde lauernden Paraſiten über ſie her und vernichteten ſie. Die alten, mehrjährigen Stöcke von Secale montanum, das unmittelbar daneben ſtand, wurden nicht angegriffen.— Deshalb flüchtete ich mich mit der 4. Ausſaat im Frühjahr 1894 aus dem botaniſchen Garten in den Obſtgarten. Hier gedieh die Saat; ſie beſtockte ſich kräftig, ſchoßte aber im Sommer 1894 nicht. Im Sommer 1895 entwickelten ſich die Pflanzen gut bis zur Gelbreife, wo ich ſie abſchneiden ließ. Die Wurzelſtöcke ſtarben ſämtlich ab, ein neues Ausſchlagen erfolgte J iuerne neea rar deeoe 82-e,, V he,„, ae a, zu 27 72 424 Hſareakbii h, V, e b ſuoan 47 ſ6? hede 24l ⸗ uuh b Kuna Lamaohe Ih g kab, d„ 2e7 72 Kk 14 Kalt 293 an, d6 Aba 2auer: A ,2 Vsg en 94 3,9 b26 25,9 Shs 26,9 V . -s? 13 46/ Moh e e, S o 796 95. 7 17. 7 1 v, , 4, au 25/ 2,3 79,0 90 6/9 M. Mhot 957. eun, wien aal. 6 ⸗ e e, 46 V 9, 9/6 J„ 4 73, 9 2 uij 65, ½ 22 3 4G3 w„6. — G———————————————————————————— „ * Der Roggen. 247 nicht. Die letzte Saat brachte nur eine Fruchternte, während die Saat von 1891 zwei Fruchternten geliefert hatte. Perennierend oder ausdauernd iſt demnach der neu entdeckte Roggen nicht; wenn man den gewöhnlichen Winterroggen, der Zeit von der Ausſaat bis zur Ernte entſprechend, als einjährig betrachtet, ſo kann man von jenem ſüdruſſiſchen Roggen höchſtens ſagen: Er iſt zweijährig. Intereſſant iſt es nun, die erwähnten 3 Roggenarten miteinander zu vergleichen. Ich ſtelle zu dem Zweck die Zahlen zuſammen, die ich bei der Wägung der Körner ermittelte. Gewicht von je 100 Körnern in Gramm. Einjähriger gewöhnlicher Kulturroggen¹))..= 3,85 „Mehrjähriger“ ruſſiſcher Roggen*)..— 95 Ausdauernder wilder Bergroggen ³)....= 0,97. Wie man ſieht, ſteht der neuentdeckte„mehrjährige“ Roggen im Korngewicht in der Mitte zwiſchen dem gewöhnlichen und dem Berg⸗ roggen. Ebenſo ſteht er in der Lebensdauer und in der Beſchaffen⸗ heit der Spindel in der Mitte, indem die Ahrenſpindel bei dem aus⸗ dauernden Bergroggen zerbrechlich, bei dem„mehrjährigen“ Roggen dagegen zähe iſt, wie bei dem einjährigen Kulturroggen. Nach dieſen Thatſachen erſcheint die Annahme berechtigt, daß die 3 Arten ſich auseinander entwickelt haben, um ſo mehr, da es nach A. Regel in Centralaſien noch eine großfrüchtige Form des Berg⸗ roggens giebt. Somit würden wir jenen ruſſiſchen Roggen, der ver⸗ mutlich auch wildwachſend vorkommt, als die direkte und den Berg⸗ roggen als die indirekte Stammform unſeres Kulturroggens zu be⸗ trachten haben. Die Übereinſtimmung in der Benennung ſpricht auch dafür, daß unſer Roggen aus Rußland ſtammt, denn im Ruſſiſchen heißt der Roggen roz(rosch). Iſt unſere Annahme zutreffend, ſo läßt ſich nach obigen Zahlen auch beurteilen, was die natürliche und künſtliche Zuchtwahl bei dem Roggen geleiſtet hat: ſie hat das Korngewicht der direkten Stamm⸗ form verdoppelt, der indirekten Stammform vervierfacht. Der Roggen iſt für Deutſchland die wichtigſte Getreideart. Wir freuen uns, daß wir ihn haben und wollen ihn immer mit Liebe hegen und pflegen, denn er liefert uns unſer tägliches Brot und nebenbei ein vortreffliches Stroh. überſicht der wichtigeren Sorten des Roggens. — I. Winterroggen. 1. Johannis⸗Roggen. Stammt, nach Thaer, aus den ruſſiſchen Oſtſeeprovinzen. Scheint der ſüdruſſiſchen Stammform des Roggens nahe zu ſtehen. Im Juni geſäet, liefert er im Herbſt einen Grünfutterſchnitt und im nächſten Jahr eine In Zürich gewachſen und 1890 geerntet. Originalſaat von A. Regel aus dem Jahre 1890. ) In Zürich gewachſen und 1892 geerntet. 8 248 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Fruchternte mit kleinen Körnern. Bei ſpäter Ausſaat geht er bald in gewöhnlichen Roggen über, hat dann aber keine Vorzüge vor anderen Sorten. 2. Probſteier Roggen. Stammt aus der holſteiniſchen Probſtei und deren Umgegend. Alte, bewährte Sorte. Paßt mehr für beſſeren, als für geringeren Boden; doch gedeiht ſie auf dem gewöhnlichen Sandboden, dem es an Kultur nicht fehlt, noch vortrefflich. 3. Däniſcher Roggen. Stammt von den däniſchen Inſeln. Dem vorigen ähnlich. 4. Schwediſcher Staudenroggen. Wird von Metz& Comp. aus der Landſchaft Schonen und aus der hoch und rauh gelegenen Gegend nördlich von Skara bezogen. Frühreifend. 5. Böhmiſcher Gebirgs⸗Staudenroggen. Der Name beſagt ſchon, woher er ſtammt und wohin er paßt. Geringe Anſprüche an Klima und Boden. 6. Montagner oder Alpenroggen. Stammt aus den ſteyeriſchen Alpenländern. 77. Heſſiſcher oder Wallburger Roggen, auch Garde du Corps- Roggen genannt. Kommt aus der Gegend von Wallburg. Geringe Bodenanſprüche. 8. Spaniſcher Doppelroggen. Im Jahre 1861 aus Spanien bezogen. Seitdem in Deutſchland mit Recht ſehr verbreitet. Gedeiht auf beſſeren, namentlich aber auch auf leichteren Roggenböden. Korn von feiner Qualität. 9. Campiner Roggen. 1 Stammt aus der belgiſchen Campine. Paßt für die verſchiedenſten Bodenarten. Nicht ganz winterfeſt. /10. Pirnaer Roggen. Metz& Comp. beziehen ihn von den hochgelegenen Gütern der Pirnaer Gegend. Für leichteren Boden geeignet. 11. Zeeländer Roggen. Kommt von den Inſeln der holländiſchen Provinz Zeeland. Verlangt reichen Thon⸗, Lehm⸗ und lehmigen Sandboden. Nicht winterfeſt. (Vergl. Nr. 17.) 12. Roggen vom Weſterwald bei Dierdorf. Paßt für guten Roggenboden. Spätreifend. 13. Klafterbrunner Roggen. Verbeſſert von Graf Walderdorff zu Klafterbrunn bei Wien. Wert⸗ voll für reichen ſchweren Boden. 14. Correns⸗Staudenroggen. Zuerſt von Elsner von Gronow, Kalinowitz, Schleſien, kultiviert. Paßt nur für leichteren Boden(lehmigen Sand ꝛc.) und verlangt frühe Ausſaat, Anfang September, wie die übrigen Staudenroggen. 15. Petkuſer Roggen. 4 Von v. Lochow auf Petkus gezüchtet. Ähre mittellang, gut beſetzt. Halm mittellang, ſteif. 16. Schlanſtedter Roggen. Von W. Rimpau in Schlanſtedt gezüchtet. Ähre lang, körnerreich. Halm lang, kräftig. Zählt mit zu den beſten, bewährten Sorten. Der Roggen. 249 Von den neueſten Züchtungen machen wir beſonders auf folgende 4 Winterroggenſorten aufmerkſam, die ſich nach den Verſuchen von F. Heine in Hadmersleben wiederholt als die beſten gezeigt und in dem ungünſtigen Jahre 1889 nachſtehende Erträge geliefert haben: Ertrag pro ha in kg Korn Stroh Zuſammen „17. Heines verbeſſerter Zeeländer 4880 8813 13 693 7 18. Chreſtenſens Rieſen.... 4857 8970 13 827 — 19. Rieſen Stauden...... 4680 9354 14 034 20. Koloſſal Hybrid..... 4610 8578 13 188 Wir bemerken hierzu, daß wir den Neuen Hybrid⸗Zeeländer fortgelaſſen haben, weil er bei der erneuten Prüfung in Hadmersleben im Jahre 1890 ſich nur im Strohreichtum hervorgethan, dagegen im Kornertrag nicht einmal mittelmäßige Leiſtungen gezeigt hat. Ferner haben wir hervorzuheben, daß Heines verbeſſerter Zeeländer Nr. 17, im Gegenſatz zu Nr. 11, nach den Verſuchen von Steglich, Dresden, zu den winterfeſten Roggenſorten gehört. II. Sommerroggen. 21. Sächſiſcher Sommerroggen. Verlangt kräftigen Boden. 22. Gewöhnlicher Sommerroggen. Für leichteren und ſchwereren Boden geeignet. Über den Anbau nur die folgenden wenigen Bemerkungen. Klima.— Der Roggen paßt für unſer Klima noch beſſer, als der Weizen. Es giebt nur wenige Roggenſorten, die nicht winterfeſt ſind. In der Überſicht der Sorten iſt dies beſonders bemerkt. Die abgehärteten ſind ſo widerſtandsfähig, daß ſie bis hoch hinauf in die Gebirge überall als Winterung angebaut werden können, wo über⸗ haupt Ackerbau noch möglich iſt; nur die Sommergerſte ſteigt noch etwas höher. Gegen andauernde Näſſe, namentlich gegen ſtagnierendes Waſſer iſt der Roggen empfindlich. Man darf daher die Anlegung der Waſſerfurchen nicht vergeſſen und ziehe lieber eine zu viel, als zu wenig. Bei dem Abgang des Schneewaſſers iſt zuweilen eine be⸗ ſondere Nachhülfe nötig. Boden.— Obwohl der Roggen, wenn man die richtige Sorte auswählt, auf leichten und ſchweren Böden angebaut werden kann, ſo iſt doch der Sand ſeiner Natur angemeſſener, als der Thon. Auf thonigen Böden gedeiht der Roggen nur dann, wenn ihre Geſchloſſen⸗ heit und Zähigkeit durch einen genügenden Gehalt an Humus oder Kalk gemildert iſt. Die höchſten und ſicherſten Erträge liefert er auf kalkhaltigem Lehm, ſandigem Lehm und lehmigem Sand. Kalt⸗ gründiger, naſſer, zum Aufziehen geneigter Boden, mag er ſchwer oder leicht ſein, ſagt dem Roggen nicht zu. Auf Humusböden, die gebrannt oder mit Sand befahren worden, kommt er eher fort, liefert hier aber in der Regel ſchmale Körner. Naſſer, ſchwammiger, nicht 250 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. meliorierter Humus iſt ihm gänzlich zuwider. Dagegen verſchmäht er den gemeinen Sandboden nicht und begnügt ſich ſelbſt mit dem dürftigſten Sand⸗- und Grandboden, auf dem jede andere Halmfrucht den Dienſt verſagt.— Düngung, Beackerung und Vorfrucht.— Auf magerem Lande verlangt oder liebt der Roggen eine Düngung mit Stallmiſt. Auf reicherem Boden ſteht er beſſer in zweiter Tracht. Künſtlichen“ 2 Dünger bezahlt der Roggen nur bei mäßiger Verwendung. Auf vielen Roggenböden wird die Phosphorſäure in Form von Thomas⸗ ſchlackenmehl eine gute Wirkung äußern(vergl. S. 151). 9 Seinen beſten Stand hat auch der Roggen nach der Brache (vergl. S. 146). Gute Vorfrüchte ſind: Raps, Rübſen, Tabak, Lein, Bohnen, Erbſen, Wicken, Lupinen; weniger gute: Buchweizen, Spörgel, Hirſe. Auch nach Frühkartoffeln kann auf leichterem Boden Roggen⸗ dfolgen. Stoppelroggen iſt für beſſeren Boden nicht zu empfehlen, wohl aber für leichteren Sandboden, ſofern die Made der Heſſenfliege: nicht vorhanden iſt. Roggen nach Gerſte oder Hafer iſt im all⸗ gemeinen fehlerhaft; nur nach gedüngter Gerſte darf Roggen folgen. Bei der Beackerung zu Winterroggen kommt es darauf an, den Boden locker und mürbe, aber nicht loſe und mehlig zu machen. Die letzte Furche drei Wochen vor der Saat, damit das Land Zeit hat, ſich zu ſetzen. Die Beackerung zu Sommerroggen wird im Herbſt vollführt.— Im übrigen vergl. S. 146. Saatzeit.— Die alte Regel:„S Tage vor, 8 Tage nach Michaeli iſt die beſte Saatzeit“ gilt auch für den Roggen. Stauden⸗ roggen früh, ſchon in der erſten Hälfte des September. Trockenes Wetter zur Saat, namentlich auf ſchwerem Boden.— Sommerroggen früh: wo möglich im Februar oder März, ſpäteſtens Anfang April. Saatmethode.— Auch bei dem Roggen iſt die Drillſaat vor⸗ zuziehen(vergl. S. 173). Die Einwände, die Hufeland(Hehlen) gegen das Drillen vorgebracht hat,¹) ſind nicht ſtichhaltig. Daß man der Drillſaat zuliebe die beſte Saatzeit nicht vorübergehen laſſen darf, verſteht ſich von ſelbſt. Aber wenn es der Zuſtand des Bodens er⸗ laubt, den Roggen einzueggen, ſo kann man ihn auch eindrillen, und die flache Unterbringung, die H. mit Recht betont, läßt ſich mit der Drillmaſchine ſicherer erreichen als mit der Egge, die einen Teil der Körner zu tief bedeckt und einen anderen Teil gar nicht. Das Vor⸗ eggen oder Vorwalzen muß der Breitſaat ebenſowohl vorausgehen, wie der Drillſaat, ſonſt kommt der Same zu tief, und ein umſichtiger Landwirt vollführt dieſe Vorarbeiten nicht erſt heute, wenn er morgen ſäen will.— Aus der Beobachtung, daß 20 Morgen nach Zerſtörung der erſten Saat zum zweitenmal gedrillter Roggen durch den„Wurm“ total verloren gingen, während 15 Morgen an demſelben Tage breit⸗ würfig geſäeter erhalten blieben, zieht H. den Schluß, daß die Breit⸗ ſaat gegen den„Wurm“ ſchützt und daher vor der Drillſaat den ¹) Jahresbericht von Buerſtenbinder und Stammer, 1887, S. 134. Der Roggen. 251 Vorzug verdient. War dieſer„Wurm“ die Made der Heſſenfliege, wie ich aus der Angabe vermute, daß der gut aufgelaufene Roggen der erſten Saat nach einigen Tagen beinahe gänzlich verſchwand, ſo iſt zu erwidern, daß die Drillſaat wahrſcheinlich deshalb der Made zum Opfer fiel, weil hier die Pflanzen früher aufgegangen waren. Mir iſt ein halber Schlag von 40 Morgen breitwürfig geſäeter Stoppelroggen ebenſo vollſtändig durch die Made zerſtört worden, wie der verſuchsweiſe auf 2 Morgen mit der Hand in Reihen ge⸗ dibbelte. Gegen die Made der Heſſenfliege(vergl. S. 198) ſchützt alſo auch die Breitſaat nicht, und der angebliche Vorzug der Breit⸗ ſaat vor der Drillſaat iſt hinfällig. Entfernung der Reihen: 12 em, wenn nicht gehackt werden ſoll; im andern Fall 18— 21 cm. Tiefe der Unterbringung: 2 em für gewöhnlich.„Der Roggen will den Himmel ſehen.“ Bei leichtem, trockenem Boden 3— 5 cm; auf ſehr leichtem Sand höchſtens 6 cm. Saatquantum. 2,0— 2,6, im Mittel 2,2 hl bei Breitſaat pro Hektar, 1,4— 2,0, im Mittel 1,6 hl bei Drillſaat. Nur bei ſehr früh beſtelltem Staudenroggen darf man mit dem Saatquantum unter das angegebene Minimum herabgehen. Vor⸗ ſtehende Zahlen gelten für Winterroggen. Sommerroggen ſäet man etwas ſtärker. Pflege.— Unter Hinweis auf das S. 177 Geſagte, heben wir hier nur folgende Punkte hervor. Das Eggen im Frühjahr iſt auf leichterem Boden zu vermeiden. Dagegen iſt das Walzen, namentlich auf aufziehendem Boden, ſehr vorteilhaft. Bei Drillſaat wird gehackt. Das Überdüngen der Saat im Frühjahr mit Chileſalpeter(50 bis 70 kg pro Hektar) iſt zwar ſehr wirkſam, erfordert bei dem Roggen aber beſondere Vorſicht. Holdefleiß hat„wiederholt dieſe Folge der Erſcheinungen: Kopfdüngung mit Chileſalpeter— Kruſtenbildung — Auftreten von Eiſenoxydul— Schädigung der Roggenpflanzen eintreten ſehen, wenn zur ſelben Zeit in der Nachbarſchaft der nicht mit Chileſalpeter gedüngte Acker geſund blieb. Um dieſer Gefahr vor⸗ zubeugen, kann man, wenn der Chileſalpeterdüngung anhaltende Trockenheit folgt, die Verſchließung des Ackers entweder durch Walzen oder durch vorſichtiges Eggen zu verhindern ſuchen.“ Ich folgere hieraus, daß man die Kopfdüngung mit Chileſalpeter nicht ſchon im März, wo es oft trocken, ſondern erſt im April vornehmen wird, wo man mit großer Wahrſcheinlichkeit auf feuchtes Wetter rechnen darf. Schädliche Pflanzen und Tiere ſ. S. 179. Ernte ſ. S. 125 und 205. Ertrag.— Im Preußiſchen Staat wird eine Mittel⸗ ernte an Roggen pro Hektar angenommen: Im Durchſchnitt zu 1370 kg. „ Maximum„ 3024 „ Minimum„ 605 252 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. In den einzelnen Provinzen geht der Ertrag des Roggens dem des Weizens parallel. Das Gewicht des Winterrogens pro Hektoliter ſchwankt zwiſchen 66 und 80 kg und beträgt im Mittel 73 kg. Der Ertrag an Stroh wechſelt bei Winterroggen zwiſchen 2900 und 9000 kg, und bei Sommerroggen zwiſchen 1500— 3000 kg pro Hektar. Das Verhältnis des Körnerertrags zum Strohertrag ſchwankt bei Winterroggen zwiſchen 46:54 und 11:89, und bei Sommerroggen zwiſchen 41:59 und 27:73. Bei dieſen großen Verſchiedenheiten der Verhältniszahlen hat es kaum einen Zweck, den Durchſchnitt zu be⸗ rechnen. Die Gerſte, Hordeum. Üüber die Abſtammung und Entſtehung der Gerſte hat Körnicke folgende intereſſante Theorie aufgeſtellt: Die wilde Stammform iſt Hordeum spontaneum. Dieſe Form iſt vom Kaukaſus bis Perſien, ferner in Kleinaſien, in Syrien, in Paläſtina und in den Wüſten des ſteinigen Arabiens gefunden worden. Bei der Kultur wurde die Spindel von H. spontaneum zäh und verlor ihre Eigenſchaft auseinanderzufallen. Die Ahren verlängerten, die Früchte vergrößerten ſich und die Grannen wurden dünner. So entſtand die nickende zweizeilige Gerſte. Aus dieſer entſtand die auf⸗ rechte zweizeilige Gerſte, indem die Spindelglieder ſich verkürzten. Aus dieſer bildete ſich die Pfauengerſte heraus durch noch ſtärkere Verkürzung der Spindelglieder, Vergrößerung der Früchte nach der Baſis zu und Spreizen der Früchte mit ihren Grannen. Als nun auch die Seitenährchen fruchtbar wurden, da entſtand aus der nickenden zweizeiligen Gerſte die vierzeilige; ferner aus der aufrechten zweizeiligen Gerſte die parallele ſechszeilige und aus der Pfauengerſte die pyramidale ſechszeilige. Das iſt ungefähr der Inhalt der Theorie. Wäre ſie richtig, ſo wären wir in der Erkenntnis allerdings ein gut Stück weiter gekommen. Aber eine Theorie kann wahr, kann auch falſch ſein. Wir wollen die vorliegende nicht ganz von der Hand weiſen, erlauben uns aber doch einige Einwände: 1. Durch die Kultur kann die zerbrechliche Spindel von H. spon- taneum nicht zähe werden, wie der Spelz beweiſt, ſondern nur durch die Natur, d. h. durch ſpontane Abänderung. 2. In der Steinzeit der keltiſchen Pfahlbauten war die ſechs⸗ zeilige Gerſte(H. hexatichum sanctum und densum) die häufigſte Form; die zweizeilige Gerſte(H. distichum) war dagegen ſehr ſelten. Folglich iſt es wahrſcheinlich, daß die ſechszeilige Gerſte die ältere, die zweizeilige Gerſte die neuere Kulturform iſt. Die Gerſte. 253 3. Die Seitenährchen der zweizeiligen Gerſte ſind verkümmert. Folglich iſt es wahrſcheinlich, daß ſie aus einer vier⸗ oder ſechszeiligen Form hervorgegangen iſt. 4. Die vierzeilige Gerſte iſt heutzutage viel gemeiner und an⸗ erkanntermaßen nutzbarer und wertvoller, als die ſechszeilige Gerſte. Folglich iſt es wahrſcheinlich, daß die vierzeilige Gerſte jünger iſt, als die ſechszeilige, da nach dem Grundſatz der Zuchtwahl die beſten Kultur⸗ formen die letzten ſind. 5. Die edelſte, vollkommenſte, gegenwärtig in Mitteleuropa am häufigſten, in England vorzugsweiſe oder ausſchließlich gebaute Form, R Fig. 140. Keimling der Gerſte, Hordeum Fig. 141. Fig. 142. distichum, mit 8 Würzelchen, im Längsſchnitt. Fig. 141 und 142 zweizeilige Gerſte k das Keimpflänzchen, s das Schildchen. Hordeum distichum. Fig. 141 ein nor⸗ Vergrößernng 15 fach. males Korn, Fig. 142 ein Zwillingskorn mit gabelförmig geteilter Granne. sp Ährenſpindel, k Klappen, g Granne. Vergrößerung 2 fach. die zugleich die meiſte Variabilität zeigt, iſt die zweizeilige Gerſte. Folglich iſt es wahrſcheinlich, daß ſie die jüngſte Kulturform iſt. 6. Der Anbau der echten ſechszeiligen Gerſte hat faſt gänzlich aufgehört. Folglich iſt es wahrſcheinlich, daß ſie die älteſte Kultur⸗ form iſt. Wie man ſieht, kommen dieſe Sätze gerade auf das Gegenteil von dem hinaus, was Körnicke annimmt. Daß die Formen der kultivierten zweizeiligen, vierzeiligen und ſechszeiligen Gerſte auseinander hervorgegangen ſein können, muß zu⸗ gegeben werden. Die Zwiſchenformen, die Körnicke und andere ge⸗ funden, oder gezüchtet haben, ſtellen die Möglichkeit einer ſolchen Ent⸗ wicklung außer Zweifel. Ich ſelbſt kann beſtätigend hinzufügen, daß ich im Auguſt 1885 in der Gegend zwiſchen der Stadt Berleburg 254 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. und dem hohen Aſtenberg auf einem Felde, das mit zweizeiliger Gerſte, gemengt mit etwas vierzeiliger, beſtellt war, in Zeit von einer halben Stunde eine ganze Hand voll Ahren geſammelt habe, die im unteren Teil(etwa zu der Länge) regelmäßig zweizeilig, im oberen Teil dagegen vierzeilig oder ſechszeilig waren. Bei keiner Ahre zeigte ſich eine derartige Abänderung an dem mittleren oder unteren Teil. ¹) Aus dieſem Grunde halte ich die Abänderung für ſpontan. Körnicke wird und kann nun aus dieſen Zwiſchenformen eine neue Stütze für ſeine Theorie herleiten; man kann die Erſcheinung der Vier⸗ oder Sechszeiligkeit an der Spitze der zweizeiligen Ahren aber auch als einen Rückſchlag auffaſſen. Kurz, es iſt noch nicht ausgemacht, ob die erſte Kulturgerſte eine ſechszeilige oder eine zweizeilige Form war, und es bleibt zweifelhaft, ob die Kulturgerſten in der Weiſe, wie es Körnicke annimmt, aus dem wildwachſenden H. spontaneum entſtanden ſind. Die von K. ſo ſehr betonte Zerbrechlichkeit der Ahrenſpindel ſpricht mehr gegen als für dieſe Annahme. War oder iſt die Spindel ſo zerbrechlich, daß,„wenn man die Gerſte auch einige Zeit vor der völligen Reife ſchneidet, es doch nicht möglich iſt, ſie aufzuheben, indem die Ahren in einzelne Stücke zerfallen liegen bleiben“, ſo muß vom landwirt⸗ ſchaftlichen Geſichtspunkte aus betrachtet eine ſolche Pflanze für die Kultur im höchſten Grade ungeeignet erſcheinen. Dagegen läßt ſich mit der ſechszeiligen Pfahlbau⸗Gerſte, die ich im Jahre 1871 in faſt unveränderter Form mit nur 3 cm langen Ahren im Berner Ober⸗ lande gefunden habe, eher anfangen und wirtſchaften. Wenn wir dahin neigen, die kleine ſechszeilige Pfahlbaugerſte der keltiſchen Steinzeit als die älteſte und erſte Kulturform zu betrachten, ſo ſtehen wir damit in Übereinſtimmung mit Oswald Heer, der die ſechszeilige Gerſte als die Urform bezeichnet, von der durch Verlängerung der Ähren⸗ ſpindel die vierzeilige und durch Verkümmerung der Seitenblütchen die zweizeilige Gerſte entſprungen iſt. Trotz der nachgewieſenen Übergangsformen halten wir aus den weiter oben S. 232 dargelegten Gründen die Trennung der Arten aufrecht. Wer ſich zu der Entwicklungslehre bekennt, nimmt an, daß alle Arten durch Übergangs⸗ oder Zwiſchenformen miteinander ver⸗ bunden ſind oder waren. Wollen wir nun alle Arten, von denen wir Zwiſchenformen kennen lernen, zu einer Art zuſammenfaſſen? ¹) Auf demſelben Felde und ſpäter auch anderwärts(1886 bei Schönau im Schwarzwald und 1889 bei Serneus in Graubünden) fand ich eine An⸗ zahl zweizeiliger Ahren mit je einem Zwillingskorn. Fig. 141 zeigt das normale Ährchen der zweizeiligen Gerſte mit einem Korn, einer Deckel⸗ ſpelze, einer Granne und zwei Klappen; Fig. 142 zeigt das abnorme Ährchen mit einem Zwillingskorn, einer Deckſpelze, zwei Grannen und zwei Klappen; bei beiden Figuren in zweifacher Vergrößerung. Um die Stellung der Zwillingskörner, von außen und oben geſehen, ſichtbar zu machen, iſt die darüber liegende Deckſpelze zum größten Teil fortgenommen worden, und die beiden Klappen ſind rechts und links daneben gezeichnet. Die Gerſte. 255 Ich glaube nicht. Wir könnten ſonſt mit fortſchreitender Erkenntnis leicht dahin gelangen, Weizen, Roggen und Gerſte zu einer Art zu vereinigen. Künſtliche Kreuzungen zwiſchen Weizen und Roggen, zwiſchen Weizen und Gerſte ſind ja ſchon gelungen, und trotz aller vorgebrachten Zweifel ſcheint Carmen, New⸗York, 1882 in der That einen fruchtbaren Baſtard zwiſchen Weizen und Roggen erzielt zu haben. Hieran iſt um ſo weniger zu zweifeln, als Rimpau im Jahre 1888 ebenfalls einen, zwar ſehr beſchränkt fruchtbaren, aber doch thatſächlich fruchtbaren Baſtard zwiſchen Weizen und Roggen erzielte. Wir bleiben daher auch hier bei der Einteilung, die Metzger aufgeſtellt hat. Üüberſicht der Gerſten-Arten. I. Vielzeilige Gerſten. Ähre regelmäßig oder unregelmäßig ſechszeilig. Alle drei Ährchen fruchtbar (mit Fruchtknoten und Staubgefäßen verſehen). 1. Sechszeilige Gerſte, Hordeum hexastichum. 2. Gemeine Gerſte, Hordeum vulgare. II. Zweizeilige Gerſten. Ähre zweizeilig. Nur das mittelſte Ährchen fruchtbar und begrannt; die beiden ſeitenſtändigen ÄAhrchen männlich(nur mit Staubgefäßen verſehen) und grannenlos. 3. Reis⸗ oder Pfauengerſte, Hordeum zeocrithum. 4. Zweizeilige Gerſte, Hordeum distichum. Der praktiſche Landwirt wird wohl daran thun, dieſe 4 Arten ſcharf auseinanderzuhalten, und zwar nicht bloß am grünen Tiſche, ſondern auch bei der Ausſaat, bei der Ernte, in der Scheune und auf dem Speicher. Dieſe Mahnung iſt um ſo mehr am Platz, als man ſelten ein Gerſtenfeld findet, das bei genauerer Unterſuchung nicht ein Gemenge von verſchiedenen Arten aufweiſt. Ein ſolcher Miſchmaſch hat aber namentlich als Malzgut einen viel geringeren Wert, weil die verſchiedenen Gerſtenarten ungleichzeitig keimen, ſich überhaupt zur Malzbereitung nicht gleich gut eignen. Für den feldmäßigen Anbau im mittleren Europa ſind auszu⸗ ſchließen: die ſechszeilige Gerſte mit 6 regelmäßigen Zeilen, und die zweizeilige Pfauengerſte mit fächerförmig ausgebreiteten Grannen, beides altertümliche Arten, denen man nur noch hier und da, z. B. in den Gebirgsthälern der Schweiz begegnet. Wirtſchaftliche Bedeutung haben daher nur die gemeine Gerſte und die zweizeilige Gerſte. Zu dieſen beiden Arten gehören die modernen Kulturgerſten, die wir hier allein berückſichtigen. Die edelſte Gerſte iſt die zweizeilige Gerſte mit langer hängender Ähre: ſie liefert das feinſte Korn und ſie iſt zugleich ausgezeichnet durch die Länge der Grannen. Beides ſteht im Zuſammenhange, denn Zoebl hat nachgewieſen, daß die Grannen keineswegs überflüſſig, ſondern 256 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. im Gegenteil ſehr wichtig ſind für die Waſſerverdunſtung und Stoffbildung. I. Gemeine Gerſte, Hordeum vulgare. Ähre vierzeilig oder eigentlich unregelmäßig ſechszeilig. A. Wintergerſten. 1. Gemeine Wintergerſte. Verlangt reichen Boden. Nicht winterfeſt. Nur in den Marſchen mit einiger Sicherheit zu kultivieren, wo die Nähe des Meeres die Strenge des Winters mäßigt. 2. Mammuth⸗Wintergerſte. 7 Stammt aus Kanada. In Bezug auf Boden und Klima wie die vorige zu beurteilen. B. gommergerſten. „3. Gemeine vierzeilige Gerſte. Kleine Gerſte. Sandgerſte. Für leichteren Boden geeignet. Kurze Vegetationszeit. Reift ſchon in 90 Tagen. Deshalb in den höchſten Lagen kultivierbar. 4. Kleine Warthebruchgerſte. Paßt ebenfalls für leichteren Boden. Reift in 110 Tagen. 5. Schleſiſche Zeilengerſte. Paßt für beſſeren Gerſtenboden. Reift in 107 Tagen. 6. Vierzeilige Oderbruchgerſte. Verlangt reichen Boden. Reift in 110 Tagen. 7. Viktoriagerſte. Stammt aus Ayrſhire. Reift in 107 Tagen. Widerſtandsfähig gegen ungünſtige Witterung. Paßt für höhere Gebirgslagen. Bemerkung: Die abſonderliche Gabelgerſte, Hordeum trifurcatum (Fig. 78), hat für den Feldbau keinen Wert. II. Zweizeilige Gerſte, Hordeum distichum. Ähre zweizeilig. A. Wintergerſten. 8. Beſtehorns zweizeilige Winter⸗Rieſengerſte. Neue Züchtung Beſtehorns. Da ſie durch Kreuzung verſchiedener Arten entſtanden, wird ſie wahrſcheinlich nicht konſtant ſein. Ihre Winter⸗ feſtigkeit iſt jedenfalls auch nicht größer als bei Nr. 1 und 2. B. Sommergerſten. a) Chevalier⸗Form: Ähre lang, hängend. .) Echte Chevalier⸗Gerſten. Ährchenachſe dick, kurzbehaart. 9. Chevalier⸗Gerſte. Verbeſſerte Form: Hallets Pedigree-Chevalier- Barley. Urſprünglich von dem Engländer Chevalier aus einem Korn gezüchtet. Später von Hallet durch Zuchtwahl verbeſſert. Reift in 112— 121 Tagen. Gedeiht am beſten auf reichem Lehm- und Lehmmergelboden(Gerſten⸗ boden I. Klaſſe), nächſtdem auf reichem Thon⸗ und Thonmergelboden Die Gerſte. 257 (Weizenboden I. Klaſſe). Iſt indeſſen auch noch anzubauen auf ſandigem Lehm und lehmigem Sand, ſofern der Boden in guter Kultur. Vor⸗ zügliche Braugerſte. 10. Heines verbeſſerte Chevalier⸗Gerſte.— Von F. Heine, Hadmersleben, aus Hallets Chevalier⸗Gerſte gezüchtet. Sehr ertragreich an Korn und Stroh. Im übrigen wie Nr. 9 zu be⸗ urteilen. Vorzügliche Braugerſte. 11. Von Trotha'ſche Chevalier⸗Gerſte. 1 Hervorragende Züchtung von v. Trotha-—Gänſefurth. Man vergleiche Nr. 9. Vorzügliche Braugerſte. 12. Richardſons Chevalier⸗Gerſte. Liebt zwar ebenfalls den beſſeren Gerſtenboden, verſagt aber auch auf leichterem Boden nicht. Vorzügliche Braugerſte. 6) Land⸗Gerſten. Ahrchenachſe länglich, langbehaart. 13. Goldene Melonen⸗Gerſte 1 14. Schottiſche Perl⸗Gerſte T 15. Oregon⸗Gerſte.— In Nordamerika und in Oſterreich auf mildem Lehmboden viel angebaut. Vorzügliche Braugerſte. 16. Hanna⸗Gerſte. Mähriſche Landgerſte. Veredelt durch E. v. Proskewetz in Kweſſitz, Mähren. Frühreifend. Sehr widerſtandsfähig gegen Trockenheit. Daher in heißem Klima ertragreicher als andere Sorten.(Bericht von A. Zoebl über vergleichende Anbauverſuche 1891 in Obrowitz und Gurein.) Vorzügliche Braugerſte. 17. Saal⸗Gerſte. Landgerſte aus der Saalegegend. Vorzügliche Braugerſte. 18. Däniſche Printice⸗Gerſte. Däniſche Landgerſte. In jüngſter Zeit in Dänemark ſehr in Aufnahme gekommen. Gute Braugerſte. Steifhalmig. 19. Probſteier Gerſte. Holſteiniſche Landgerſte. Reift in 110— 113 Tagen. Lagert auch auf fettem Boden nicht leicht. Gute Braugerſte. 20. Kalina⸗Gerſte. Gezüchtet durch Elsner von Gronow, Kalinowitz, Schleſien. Reift in 113 Tagen. Beſonders für ſandigen Lehmboden geeignet. Gute Braugerſte. 21. Annat Gerſte. Von Gorrie zu Annatcotage, Schottland, zuerſt 1835 gebaut. Gelangte um 1840 nach Deutſchland. Reift in 115 Tagen. Paßt nur für frucht⸗ bare milde Lehm⸗ und Lehmmergelböden. Beſſer zu Graupe als zu Malz geeignet. Vorzügliche Braugerſte. b) Imperial⸗Form: Ähre kurz, aufrecht. 22. Imperial⸗Gerſte. Von Knauer, Gröbers bei Halle a. S., zuerſt gebaut und in den Handel gebracht. Gedeiht nur auf reichem Gerſten⸗ und Weizenboden. Beſſer zu Graupe als zu Malz geeignet. Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 17 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. 23. Webbs bartloſe Gerſte. Wirft bei der Reife einen Teil der Grannen ab. Paßt wegen ihrer Steif⸗ halmigkeit beſonders für reiche, leicht Lagerfrucht erzeugende Böden. Korn ſpeckig; daher weniger zu Malz als zu Graupe zu brauchen. Nachdem wir im allgemeinen Teil und beſonders auch in der vorſtehenden Überſicht der Gerſtenſorten auf die Anforderungen an Klima und Boden hingewieſen und dort auch ſchon über die Stellung in der Fruchtfolge, ſowie über die Beackerung S. 147 einige Andeutungen gemacht haben, bleibt uns hier noch übrig, zunächſt der Düngung zu gedenken, die bei der Gerſte ein Punkt von be⸗ ſonderer Wichtigkeit iſt. Die Wintergerſte verträgt auf ſchwerem Boden eine ſtarke Stallmiſtdüngung; bei ihr iſt es ſogar zuläſſig, den Dünger mit der Saat zugleich unterzupflügen. Anders verhält es ſich mit der Som mergerſte, namentlich wenn ſie als Malzgut dienen ſoll. Bei ihr iſt eine friſche Miſtdüngung nur auf naßkaltem Boden am Platz, im übrigen möglichſt zu vermeiden. Man läßt die Sommergerſte daher gewöhnlich nach gedüngten Hack⸗ früchten(Rüben oder Kartoffeln) folgen. Im beſonderen iſt zu enrhbel daß ſtarke Stickſtoffdüngungen zwar den Ertrag und den Proteingehalt der Gerſte erhöhen, aber den Stärkemehlgehalt herabdrücken und dadurch das Produkt zur Malz⸗ bereitung unbrauchbar und wertlos machen, von der Gefahr des La⸗ gerns ganz abgeſehen. Entweder düngt man alſo, wie Heine in Had⸗ mersleben, grundſätzlich gar nicht mit Stickſtoff, oder man beſchränkt ſich auf eine Verwendung von 60— 80 kg Chileſalpeter pro Hektar. Die Qualität der Braugerſte ſteht in der innigſten Beziehung zum Proteingehalt. Je ſtärker die Stickſtoffdüngung, deſto ſtickſtoff⸗ reicher die Gerſte und deſto ſchlechter als Malzgut. Bei den Verſuchen, die von 1883— 87 in der Provinz Sachſen ausgeführt wurden, hat ſich dies evident herausgeſtellt. Wir ver⸗ weiſen auf die Berichte von Maercker und heben hier nur einige Zahlen aus dem Bericht vom 18. September 1885 hervor. Der Proteingehalt der Originalgerſten, verglichen mit dem der nachgebauten, ſtellte ſich wie folgt. Saal' däniſche mähriſche ſlowakiſche Gerſte a) Originalſaat... 8,10 7,70 7,70 7,70% Eiw. b) Nachbau mit 100 kg Chile⸗ ſalpeter.. 9,19 9,16 9,18 8,92„ c) Nachbau mit 200 ts Chite ſalpeter.... 9,48 9,56 9,78 9,59 n. Mehrprotein gegen a) bei b) 1,09 1,46 1,48 1,22% Eiw. „„ G) 1,38 2,08 1,82 „ ſe ‿‿fazpen Ree nuieus Sakenabelune Sbin nt ih uuuſ A7ue Kete falt Waynnur Sau, 2½„,2 RKepdedie Mlaefoluue, Lau bol uunn 79,4 mo. enutol 2 9 5 Tu L, I TJ 6 Leldech weee. au Ka h 2 2 aruun Sc,? 7,s. nukt A5, 3 57 7, 7 . 5,, —— s Leeeri xãSrrrerrAu.: Vch— S h V ehe mulela perefiigei De. H, da g udnt, t, 8 ſͤſ“ eeer e 7 eeee en 2 SeSe 8 3 S d Hihn. 77 ae rei-e=g eus L Erfhe hfchee, ch h . Die Gerſte. 259 Der Proteingehalt iſt alſo im Vergleich zur Originalſaat bei dem Nachbau geſtiegen, und zwar um ſo mehr, je ſtärker die Düngung mit Chileſalpeter gegeben wurde. Intereſſant iſt es, das Urteil der Preisrichter mit dem Protein⸗ gehalt der Gerſte zu vergleichen. Es enthielten nämlich: die Proben I. hochfein... 8,09% Eiweiß im Mittel .„ II. fein... ,6 6. 2„ „. III. qt... 8,93„ 5„„ . 2 IV. mittel 9,78„ 3„„ „„ V. unter mittel 10,24„ 5„ 1 Das Urteil der Preisrichter wurde ſomit in ſchlagender Weiſe durch die chemiſche Analyſe beſtätigt. Die Zahlen für den Proteingehalt bilden eine aufſteigende Reihe. Je höher der Proteingehalt, deſto ſchlechter die Qualität der Gerſte. Daß gelegentlich ſchlechte Qualität, mit niedrigem Proteingehalt vereint, vorkommt, kann nicht in Abrede geſtellt werden; dagegen kann man im allgemeinen ſagen, daß hoher Proteingehalt mit guter Qualität unvereinbar iſt. Die Preisrichter legen auf die mehlige und mürbe Be⸗ ſchaffenheit des Kornes bei der Beurteilung das allergrößte Ge⸗ wicht. Es iſt natürlich, daß die Mehligkeit im allgemeinen abnimmt, wenn der Proteingehalt zunimmt, und da dieſer mit der ſtärkeren Stickſtoffdüngung ſteigt, ſo wird zugleich die Mehligkeit herabgedrückt. Hierfür dienen nachſtehende Zahlen zum Belege. Prozent mehlige Körner: Saal' däniſche mähriſche ſlowakiſche Gerſte Originalſaatgut......80,0 90,0 90,0 92,0 Nachbau mit 100 kg Chileſalpeter 62,4 70,1 68,7 76,5 „„ 200„„ 64,9 65,9 66,8 64,7 Hiernach werden meine Unterſuchungen über die Mehligkeit und Glaſigkeit vom Jahre 1870 ſo vollkommen beſtätigt, wie man es nur wünſchen kann. Das praktiſche Reſultat jener Unterſuchungen, zunächſt bei Weizen gewonnen, aber auch für Gerſte geltend, faßte ich in fol— gende Sätze zuſammen: „Iſt es daher dem Landwirt darum zu thun, Körner von mehliger Beſchaffenheit zu produzieren, ſo bleibt ihm, da er die Witterungsverhältniſſe meiſtens gar nicht, die Bodenverhältniſſe oft auch nur in beſchränktem Maße umzugeſtalten imſtande iſt, in der Mehrzahl der Fälle nichts weiter übrig, als 1. eine„ſtarke, namentlich ſtickſtoffreiche Düngung“, die (bei Gegenwart der anorganiſchen Nährſtoffe) unzweifelhaft auf eine reichere Erzeugung der Proteinkörper in der Pflanze hinwirkt, direkt zu Weizen(oder Gerſte) zu vermeiden, und 2. ſolche Varietäten zu wählen, die erfahrungsgemäß mehr zur Bildung mehliger Körner hinneigen. Wer andererſeits glaſige Körner zu ernten wünſcht, der wird 12* 260 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. zur Erreichung ſeines Zweckes den entgegengeſetzten Weg einſchlagen müſſen.“ Es verdient hinzugefügt zu werden, daß nach dem Bericht von Maercker vom Jahre 1885 auch 5 Gerſtenproben zur Beurteilung und zur Unterſuchung kamen, die ohne jede Stickſtoffdüngung, aber mit einer ſtarken Phosphorſäuredüngung angebaut waren. Dieſe Proben zeichneten ſich allerdings größtenteils durch eine hochfeine Beſchaffenheit aus. Es wurde ihnen ſeitens der Preis⸗ richter das Prädikat Ia, Ib, Ic, Id und II zuerkannt, während V die niedrigſte Nummer der Klaſſifikation war. Der Proteingehalt bei dieſen fünf Proben ſchwankte zwiſchen 7,7 und 8,8%, war alſo ſehr niedrig; die Mehligkeit ſchwankte zwiſchen 82 und 88%, war alſo ſehr hoch. Bei ſpäteren Verſuchen trat eine entſchiedene Wirkung der Phos⸗ phorſäure nicht hervor. Dennoch iſt bei der Produktion von Braugerſte die Phosphorſäuredüngung im Auge zu be⸗ halten. Bei den Verſuchen in der Provinz Sachſen wurde auch die Wirkung der Kaliſalze geprüft. Das Reſultat war, daß man durch die Kalidüngung eine proteinreichere, aber weniger wertvolle Brau⸗ gerſte erhält. Dagegen hat ſich bei den Verſuchen in leichtem Boden herausgeſtellt, daß die Kaliſalze die Quantität des Ertrages in außer⸗ ordentlich günſtiger Weiſe beeinfluſſen. Hiernach iſt die Kalidüngung auf leichtem Boden voll⸗ ſtändig rationell, auf beſſerem Gerſtenboden dagegen von Nachteil. Ausſaatquantum.— Nach dem Bericht von Maercker über die Wirkſamkeit der agrikulturchemiſchen Verſuchsſtation des landwirtſchaft⸗ lichen Zentral-Vereins der Provinz Sachſen im Jahre 1884 wurde dort auch eine große Anzahl Verſuche mit Dick⸗ und Dünnſaat und weiter und enger Drillweite ausgeführt. Früher wurde bei den Ver⸗ ſuchen immer ſo operiert, daß z. B. auf 6 Zoll Drillweite mit 50 Pfund Ausſaat, bei 12 Zoll mit 25 Pfund Ausſaat(pro Morgen) beſtellt wurde; natürlich ſtand unter dieſen Verhältniſſen in den Reihen immer eine gleiche Anzahl Pflanzen. Das wurde nun im Jahre 1884 ſo ab⸗ geändert, daß ſowohl Reihenweite, als auch Ausſaatſtärke bei gleicher Reihenweite vielfach variiert wurden. Das Reſultat war, daß die Reihenweite ohne Einfluß auf die Zuſammenſetzung der Gerſte, daß aber die Stärke der Ausſaat von erheblichem Einfluß iſt, indem bei ſchwacher Ausſaat die Gerſte ſtickſtoffreicher wird und da⸗ durch an Wert einbüßt. Natürlich, wenn zu ſchwach ausgeſäet wird, ſo wird der einzelnen Pflanze eine zu große Produktion zugemutet; ſie hat eine viel größere Anzahl von Halmen und Ähren zu treiben, und dabei ſieht man, daß die mittleren Ähren ſehr vollkommen ent⸗ wickelt, die außenſtehenden dagegen mehr oder weniger verkümmert und unreif ſind.(Neue Beſtätigung meiner Theſe: Bei einer Ge⸗ treidepflanze, die Körner produzieren ſoll, iſt die allzureichliche Be⸗ Die Gerſte. 261 ſtockung vom Übel!) Alle Verſuchszahlen ſprechen dafür, daß eine zu weit getriebene dünne Ausſaat ungünſtig iſt der Erzeugung einer guten Qualität von Braugerſte. Maercker warnt deshalb vor zu dünner Ausſaat und ſchlägt vor, 50 Pfund pro Morgen oder eher etwas mehr zu wählen. Hiernach würden wir 100 kg pro Hektar erhalten, oder, da feine Braugerſte ein Hektolitergewicht von 67 kg hat, rund 1,5 hl pro Hektar, natürlich bei Drillſaat. In manchen Fällen mag das vielleicht genügen, für die allgemeinen Verhältniſſe ſcheint es uns noch zu wenig zu ſein. Wir empfehlen a) 2zeil. Sommergerſte: 2,5— 3,5 hl, im Mittel 3,0 hl bei Breitſaat, 1,8 2,5„„ 2,2„„ Drillſaat, b) 4zeil. Sommergerſte: 3,0— 3,5„„„ 3,3„„ Breitſaat, 2,4— 2,9„„„ 2,6 o„„o Drillſaat, c—) 4zeil. Wintergerſte: 2,0— 3,0„„„ 2,3„„ Breitſaat, 1,6 2,5„„„ 2,0„„ Drillſaat. Entfernung der Drillreihen: 12 cm; wenn mit der Handhacke und mit der Hackmaſchine gehackt werden ſoll: 18 und 21 cm. Tiefe der Unterbringung: 3 em für gewöhnlich, bei leichtem, trockenem Boden 6 cm. Saatzeit.— a) Bei zweizeiliger Gerſte früh. Auf leichterem und mittlerem Boden Mitte März, Anfang April. Auf ſchwerem, kaltem Boden Mitte April bis Mitte Mai. b) Bei vierzeiliger oder gemeiner Sommergerſte ſpät. Ende Mai, Anfang Juni. c) Bei vierzeiliger oder gemeiner Wintergerſte früh. Ende Auguſt, Anfang September. Pflege.— Bei allen Gerſten Wahrnehmung trockener Witterung bei der Saat, da die Gerſte eine Kruſte nicht zu durchbrechen vermag. Entſteht eine ſolche nach der Saatbeſtellung, ſo muß ſie mit der Egge oder Walze gebrochen werden, namentlich auf ſchwerem Boden. Im übrigen wird die Gerſte bei genügender Drillweite gehackt, ſonſt wenigſtens von Hand oder mit der Maſchine ¹) gejätet, um Hederich, Ackerſenf ꝛc. zu vertilgen. Es wird viel Jätearbeit geſpart, wenn das Land zu Gerſte vor Winter gepflügt und im Frühjahr nur mit Egge und Krümmer bearbeitet wird. Schädliche Pflanzen und Tiere, ſ. S. 179. Ernte.— Zeitpunkt Gelbreife.— Mähen auf das Schwad und Wenden der Schwaden iſt bei der Gerſte das übliche und relativ beſte Verfahren. ¹) Hederich⸗Hand⸗Jäteapparat von Hagedorn und Sander in Osnabrück. Preis 9,50 M. Leichte Handhabung. Leiſtung pro Mann und Tag ½ bis ¾ ha- Hederich⸗Jätemaſchine von Ingermann,, teuer(400 M) und nicht dauerhaft.— Ebenſo teuer, aber beſſer iſt die neue Unkraut⸗Jäte⸗ maſchine von Friedrich Wächter in Eutin, die mit 1 Pferde täglich 4—5 ha ſchafft. 262 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Rimpau dagegen ſagt:„Der beſte Reifegrad der Gerſte für das Mähen iſt nicht die ſogenannte Gelbreife, wie bei anderen Getreide⸗ arten, ſondern die Totreife. Als zweckmäßigſte Erntemethode iſt zu empfehlen, die Gerſte ſogleich hinter der Senſe oder nach wenigen Tagen zu binden und aufzuſtellen.“. In Bezug auf die Erntemethoden habe ich mich ſchon S. 215 ausgeſprochen. In Bezug auf den Zeitpunkt der Ernte halte ich auch bei der Gerſte an der Gelbreife feſt. Zeigt das Gerſtenkorn quer durchgeſchnitten keine Spur mehr von grünem Chlorophyll, ſo iſt es gelbreif und mähereif. Vorher nicht! Hier eine Erfahrung aus der Praxis. Ein Schlag prachtvoller Gerſte ging der Reife entgegen. Am Sonnabend Vormittag 10 Uhr kam ich nach genauer Unterſuchung der Ähren und Körner zu dem Schluß: Die Gerſte iſt gelbreif, alſo muß ſie noch heute gemäht werden! Mit Aufbietung aller erlangbaren Kräfte ward die Arbeit bis zum Eintritt der Nacht fertig geſchafft. Am Sonntag blieb die Gerſte unberührt liegen, am Montag wurden die Schwaden gewandt. Am Mittwoch früh zog ich mit 4 Drei⸗ ſpännern auf das etwas weit abgelegene Feld, und alles, was Arme und Beine hatte, zog mit. Da der Tau noch nicht abgetrocknet war, ließ ich vorerſt die Strohſeile über das ganze Feld verteilen. Dann wurde die Gerſte aus den Schwaden aufgeräfft, bei dem Aufraffen ſogleich in ſtarke Garben gebunden und, als genügend Vorrat, ſofort eingefahren. So floß die Arbeit munter fort bis abends 9 Uhr, wo der ſtarke Tau Einhalt gebot. 35 dreiſpännige Fuder waren drin, einige Dutzend Stiegen(4 Fuder) blieben draußen. Sie wurden mit dem zuſammengeharkten Reſt am Donnerstag geholt. Die letzten beiden Fuder kamen aber ſchon naß in die Scheune. Von da an regnete es faſt ununterbrochen ſieben Tage lang, und auch nachher blieb das Wetter unbeſtändig.— Was wäre aus meiner ſchönen Gerſte geworden, wenn ich ſie nicht in der Gelbreife gemäht hätte? Was wäre gar aus ihr geworden, wenn am Donnerstag ſtatt des Regens ein Hagelwetter gekommen wäre? Darum ſage ich: Keine Stunde verſäumen! Naßwerden möglichſt vermeiden, ſonſt verliert die Gerſte die helle Farbe. Aber trocken ein⸗ fahren! Gerſte erwärmt ſich leicht zu ſtark, und dann geht die Farbe in der Scheune verloren. Gleichzeitiges Mähen, Einfahren und Ab⸗ dreſchen befördert gleichmäßiges Keimen der Gerſte beim Malzen. Alſo zu verſchiedener Zeit Gemähtes trennen, nötigenfalls durch Da⸗ zwiſchenlegen von Stangen. Ausdreſchen erſt nach dem Schwitzen, weil die Körner bei mäßiger Erwärmung im Haufen„mürber“ werden, d. h. eine Art Vorkeimung durchmachen. Bei Braugerſte dreſchen mit dem Flegel beſſer als mit der Maſchine. Sorgfältiges Reinigen mit dem Trieur ꝛc. unerläßlich, um die zerbrochenen und die ſchmalen Körner abzuſcheiden. Ertrag.— Eine Mittelernte an Gerſte, wobei zweizeilige Der Hafer. 263 und vierzeilige nicht unterſchieden ſind, wird im Preußiſchen Staat angenommen pro Hektar: Im Durchſchnitt zu 1520 kg „ Maximum„ 3000„⸗ „ Minimum„ 421„ Nach anderen Angaben ſchwankt der Ertrag an Körnern: a) bei der zweizeiligen Sommergerſte zwiſchen 10 und 59 hl pro Hektar b)„„ vierzeiligen 5— 1O 25„. 3 C)„„— Wintergerſte„ 530 660„ ⸗ 3 Der Ertrag an Stroh wird angegeben: a) bei der zweizeiligen Sommergerſte zu 1500— 3000 kg pro Hektar b)„„ vierzeiligen„„ 1000— 2500„ ⸗ 2 ,„„ Wintergerſte„ 2000— 3000„„ 3 Das Verhältnis von Korn: Stroh ſchwankt bei der Gerſte im allgemeinen zwiſchen 1: 1 und 1:2. Der Hafer, Avena. Bei dem Hafer unterſcheiden wir vornehmlich zwei Arten: Riſpen⸗ hafer und Fahnenhafer. Beide ſind nahe verwandt, wie ſchon daraus hervorgeht, daß Rimpau den allerdings ſehr ſeltenen Fall einer natür⸗ lichen Kreuzung zwiſchen weißem Riſpenhafer und ſchwarzem Fahnenhafer be⸗ obachtet hat. Auch einigen Formen, die beſonders im ſüdlichen Europa als Unkraut auf den Ackern vorkommen, namentlich dem Flughafer, Avena fatua—, dem Sand⸗ hafer, Avena strigosa—, dem Nackthafer, Avena nuda —, dem kurzen Hafer, Avena 6 8 f 5 d Fig. 143. Keimling des Riſpenhafers, Avena sativa. brevis 2 ſteht der Kultur⸗ w Hauptwurzel mit ihrer Wurzelhaube wh und der hafer nahe, und es iſt wohl Puezelſheide, we⸗— w eine Seitenwurzel mit Sef 8 ihrer Wurzelſcheide.— f Keimſchuppe.— a Haupt⸗ möglich 7. daß ve aus einer knoſpe, eingeſchloſſen von dem Scheidenblatt sb.— jener wildwachſenden, zum* Einbiegung der Fruchtſchale p an dem gefalzten j 85 Rand des Schildchens sc.— e Saugzellen des Teil auch angebauten Formen Sciildchens— n Kleberſchicht, m ſärkemehlführende hervorgegangen iſt. Jeden⸗ Zellen des Endoſperms. Vergrößerung 20 fach. falls hat die Natur die kultivierten Formen ebenſowohl„wie jene wildwachſenden erzeugt, und die bewußte Kunſt des Menſchen hat hierzu nur inſofern ihr 264 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Teil beigetragen, als ſie die beſten Formen auswählte, verbreitete und verbeſſerte. Wir werfen die Hauptkulturformen nicht zuſammen in ein Fach, ſondern wir dlegen jede in ihr beſonderes Fach. Denn wir lieben die Ordnung. Die für die Kultur in Mitteleuropa wertloſen Arten mit ihren Varietäten und Sorten laſſen wir auch hier wieder beiſeite, die übrigen, uns näher intereſſierenden bringen wir in folgende: Überſicht der wichtigeren Hafer-Sorten. I. Riſpenhafer, Avena sativa. Riſpe gleichmäßig nach allen Seiten ausgebreitet. a) Frühhafer. Vegetationsdauer 108— 120 Tage. 1. Warthebruch⸗Hafer. Für humoſen, feuchten Boden(Torf⸗, Moor⸗, Bruchboden) geeignet. Hier ertragreich, aber meiſt leicht im Korn. 2. Sibiriſcher Frühhafer. Zu beurteilen wie der vorige. 3. Hallets kanadiſcher Hafer. Für rauhes Klima(Gebirgsklima) beachtenswert. Für Torf⸗ und Moor⸗ hden geeignet, aber auch auf beſſerem Boden gedeihend. Ertragreich. Qualität der Körner wegen des Stickſtoffreichtums vorzüglich. b) Späthafer. Vegetationsdauer 123— 135 Tage. 4. Probſteier Hafer. Gedeiht am beſten auf ſchwerem Lehm, aber ſehr gut auch noch auf ſandigem Lehm und lehmigem Sand, wenn das Klima nicht zu trocken. Sehr ertragreich.. Däniſcher Hafer. 12 Schwediſcher Hafer.= Beſelers Hafer. Von O. Beſeler, Weende bei GCöttingen, durch Riſpenauswahl aus Probſteier Hafer gezüchtet. Die eine der gezüchteten Sorten iſt begrannt, die andere unbegrannt. Für reichen Boden und hohe Kultur geeignet. An Korn und an Stroh äußerſt ertragreich. 8. Heines ertragreichſter Hafer. Von F. Heine, Hadmersleben, durch Riſpenauswahl aus ſchwediſchem Probſteier Hafer gezüchtet. Für reichen Boden und hohe Kultur ge⸗ eignet. An Korn und an Stroh äußerſt ertragreich. 9. Beſtehorns Überfluß⸗Hafer. Von Beſtehorn, Bebig, gezüchtet. Ähnlich wie Nr. 7 und 8 zu be⸗ urteilen. /10. Leutewitzer Gelbhafer. - Von Steiger in Leutewitz bei Krögis, Sachſen, aus ſächſiſchem gelbem Gebirgshafer gezüchtet. Für ſchwere und leichte Böden gleich gut ge⸗ eignet. Ebenfalls eine vorzügliche Sorte. 11. Wittgenſteiner Gebirgshafer. Landhafer im Wittgenſteiner Kreiſe. Anderwärts wenig bekannt, aber empfehlenswert wegen ſeines ſchweren Korns und ſeiner Widerſtands⸗ Dem Probſteier Hafer ähnlich. 28 S 12. 13. 14. 16. 17. 18. 49. 20. Der Hafer. 265 fähigkeit gegen rauhes Klima bei mäßigen Bodenanſprüchen. Bezugs⸗ quelle A. Nilaſch, Berleburg, Weſtfalen. Hopetoun⸗Hafer. Züchtung von Patrick Shirreff aus einer zu Mungoswells, Schottland, gefundenen Haferpflanze. Beanſprucht guten Lehmboden. Sehr ertrag⸗ reich. Korn ſchwer, aber dickhülſig. Milton⸗Hafer. Aus Amerika(Minneſota) zu uns gelangt. Für ſchweren und leichten Boden geeignet. Sehr ertragreich. Amerikaniſcher Triumph⸗Hafer. Züchtung von C. G. Pringle, hervorgebracht durch künſtliche Kreuzung von Excelſior und Waterloo. Stroh ſehr lang und doch ſehr wider⸗ ſtandsfähig gegen das Lagern. Ertragreich, beſonders an Stroh. Korn dickhülſig. II. Fahnenhafer, Avena orientalis. Riſpe zuſammengezogen, fahnenartig nach einer Seite gewendet. Alle Sorten Späthafer. Vegetationsdauer 120—135 Tage. a) Weißſpelzige Sorten. Kanadiſcher Fahnenhafer. Züchter Neuhauß⸗Selchow, der die Saat von der Wiener Ausſtellung. mitgebracht hat. Dieſer Hafer iſt nur für leichte oder flachgründige Böden geeignet, für kräftige Böden nicht, weil er zu leicht lagert. Er⸗ tragreich, beſonders an Stroh. Weißer tartariſcher Fahnenhafer. Auf reichem, humoſem Boden ertragreich an Korn, namentlich aber an Stroh. Weißer ungariſcher Fahnenhafer. Paßt für reiche, humoſe Böden. b) Braun⸗ und ſchwarzſpelzige Sorten. Nubiſcher Fahnenhafer. Nach den Verſuchen von F. Heine auf gutem Boden ſehr ertragreich an Korn und Stroh. Schwarzer tartariſcher Fahnenhafer. Nur für reichen humoſen Thon⸗ und Lehmboden geeignet. Hier ſehr ertragreich. Auf Humusboden artet er leicht aus. Schwarzer ungariſcher Fahnenhafer. Paßt beſonders für reiche Thon⸗ und Lehmböden, gedeiht aber auch noch auf Torf⸗ und Moorboden. Auswahl der Sorten.— Nach der vorſtehenden Überſicht wird der Landwirt imſtande ſein, unter den Hafer⸗Sorten für ſeine ſpeziellen Verhältniſſe die richtige Auswahl zu treffen. Lehrreich ſind in dieſer Beziehung die zahlreichen Anbauverſuche, die in den 80 er Jahren von den Getreidezüchtern Beſeler und Heine in Ver⸗ bindung mit Geheimrat Maercker durchgeführt worden ſind. Auch die Berichte von Profeſſor Liebſcher über die von der Deutſchen Landwirtſchafts⸗Geſellſchaft veranlaßten Anbauverſuche bieten wertvolle 266 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. — Anhaltspunkte. Aus Mangel an Raum können wir auf dieſe Ver⸗ ſuche hier nicht näher eingehen. In der Überſicht der Sorten haben wir die Reſultate benutzt. Im übrigen müſſen mir uns darauf be⸗ ſchränken, folgende Sätze hervorzuheben. Die deutſchen Landwirte geben im allgemeinen dem Riſpen⸗ hafer vor dem Fahnenhafer den Vorzug. Die weißſp elzigen Sorten ſind beliebter, als die braun- und ſchwarzſpelzigen, und die unbe⸗ grannten Sorten beliebter, als die begrannten. Bei dem Riſpenhafer ſind die ſpätreifen den Sorten ertrag⸗ reicher, als die frühreifenden. Die frühreifenden Sorten ſind zwar in der Regel reicher an Protem, trotzdem wird bei den ſpätreifen Sorten durch den höheren Geſamtertrag gewöhnlich auch an Protein ein höherer Geſamtertrag erzielt. Düngung.— Durch Stickſtoffdüngung wird der Ertrag und namentlich auch der Proteinggehalt der Körner erhöht. Wegen der reicheren Ernährung iſt der Hafer von ſchwerem Boden proteinreicher, als der auf leichtem Boden gewachſene. Die Stickſtoffdüngung darf aber doch nicht übertrieben werden, ſonſt lagert ſich der Hafer und der Ertrag an Körnern ſchlägt zurück. Dieſe Erfahrung iſt vielfach gemacht worden. Eine Verwendung von 400 kg Chileſalpeter pro Hektar(2 Zentner pro Morgen) kann nur auf einem Boden am Platze ſein, der an Stickſtoff gänzlich erſchöpft iſt. 200 kg Chileſalpeter pro Hektar ſind ſchon eine ſtarke Düngung; auf Boden, der in guter Kultur, wird es geraten ſein, nicht mehr als 100 kg Chileſalpeter pro Hektar zu be⸗ rechnen. Bei ſtärkeren Gaben iſt es nach Beſelers Vorſchlag zweck⸗ mäßig, die eine Hälfte während der Beſtellung zu verwenden, die andere Hälfte ſpäter als Kopfdüngung. Sieht der erfahrene Wirt, daß die jungen Haferpflanzen ſich kräftig entwickeln, ſo iſt er noch in der Lage, die zweite Chileſalpetergabe im Sack zu behalten und ſich vor Schaden zu bewahren. Saat.— Als Saatquantum berechnet man nach allgemeinen Erfahrungen 2,5— 4,5 hl pro Hektar bei Breitſaat; auf Neuland, wo der Hafer vorzüglich gedeiht, ſogar bis 5,5 hl.— Bei Drill⸗ ſaat nicht viel weniger, nämlich 2,3— 3,0 hl. Das gewöhnliche Aus⸗ ſaatquantum iſt alſo auch bei Drillſaat erheblich ſtärker, als es Beſeler bei ſeinen Verſuchen für ausreichend erachtet. Denn in Kilogramm berechnen ſich bei 2,3— 3,0 hl ungefähr 100— 140 kg pro Hektar, während Beſeler wohlgemerkt! von dem beſten Saatkorn bei den höchſten Stickſtoffgaben auf fruchtbarem Niederungsboden nur 70 kg pro Hektar verwendet. Entfernung der Drillreihen. Die gewöhnliche Entfernung der Drillreihen iſt 12 bis 15 cm. Mehr als 15 cm zu nehmen, iſt nur auf ſehr kräftigem Lande zuläſſig. Soll aber mit der Hack⸗ maſchine und Handhacke gehackt werden, was ja ſehr zweckmäßig iſt, dann muß die Drillweite 20— 24 cm betragen. Der Hafer. 267 Tiefe der Unterbringung: 3 em für gewöhnlich. Bei leichtem, rockenem Boden 6 cm. Saatzeit: April bis Juni. Ernte.— Nicht zu ſpät, weil ſonſt viel Ausfall. Bei unſicherem Vetter, im Gebirge, gleich hinter der Senſe aufbinden und in Stiegen dder Puppen mit Schutzhaube, oder auch ungebunden in kleine Kegel öhne Hut aufſtellen. Das längere Liegen auf dem Schwad erleichtert war das Dreſchen, aber es geht dabei viel verloren. Man wird zuch den Hafer möglichſt trocken einfahren, doch ſchadet ihm die Er⸗ värmung in der Scheune nicht ſo leicht, als der Gerſte. Ertrag.— Im Preußiſchen Staat wird eine Mittelernte m Körnern pro Hektar angenommen: Im Durchſchnitt zu 1357 kg „ Maximum„ 2600 „ Minimum„ 500„ Wie aus den Verſuchen von Beſeler und Heine zu entnehmen, ann der Ertrag an Körnern bis auf 4200, ja ſogar bis auf 4700 kg teigen. Der Ertrag an Stroh ſchwankt im allgemeinen zwiſchen 1000 und 4000 kg pro Hektar.— Der höchſte Ertrag, den Beſeler er⸗ ielte, war rund 6900 kg an Stroh und Spreu. Das Verhältnis von Korn: Stroh ſchwankt nach größeren Durch⸗ chnitten zwiſchen 57: 43 und 16: 84. Das Verhältnis 40: 60 jder 2:3 ſcheint dem Normalen am nächſten zu kommen, wenn man nuf Körner⸗ und Strohertrag ein gleichmäßiges Gewicht legt. „ B. Die Getreidearten des wärmeren Klimas. Frucht nackt oder beſpelzt, ſtets ohne Längsfurche. Nur ein Würzelchen am Keimling. Von den Getreidearten, die in dieſe Abteilung gehören, iſt die Mehrzahl aus klimatiſchen Gründen für Deutſchland ohne Wert. So namentlich Reis, Durra, Dochen, Korakan(Daguſcha), Tef. Auch von dem Anbau der Zuckerhirſe, Sorghum saccharatum, zur Hrünfuttergewinnung muß ich entſchieden abraten, denn von zwei Verſuchen, die ich zu verſchiedener Zeit in den 70 er Jahren auf dem Verſuchsfelde bei Zürich einleitete, hatte der eine, kleinere zwar ein günſtiges Reſultat, der andere, größere dagegen ſchlug ſo vollſtändig ehl, daß das Land umgepflügt werden mußte. Die Pflanze paßt richt für unſer Klima. Es bleiben demnach nur Mais, Hirſe, Fennich und Kanarien⸗ gras übrig. Das Kanariengras, das wahrſcheinlich den meiſten deutſchen Landwirten gänzlich unbekannt ſein wird, können wir kurz 268 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. mit der Bemerkung abthun, daß die Pflanze ein Sommergewächs iſt, deſſen Früchte als Vogelfutter dienen, während das aus den Früchten gewonnene Mehl zum Schlichten der Baumwollengewebe benutzt wird. Hat man, was ſelten der Fall ſein wird, Veranlaſſung, die Pflanze anzubauen, ſo behandelt man ſie wie die Hirſe. Die übrigen drei Getreidearten: Mais, Hirſe und Fennich wollen wir, gemäß der Bedeutung, die ſie für unſere Verhältniſſe haben, mehr oder weniger ausführlich beſprechen. Der Mais, Zea Mays. Es giebt eine odſchibwäiſche Sage von einem himmliſchen Jüng⸗ ling mit grünem Gewande und wallenden Federn. Der Indianer erſchlug und vergrub ihn zum Beſten der Menſchheit. Er aber 1 ſprang als Mondamin aus dem 5 Grabe. ¹) Der Mais war die heilige Pflanze zur Zeit der Inkas in Peru, von der alljährlich in dem berühmten Tempel am Titicaca⸗ ſee dem Sonnengotte Körner zum Opfer dargebracht wurden, und Fig. 144. Normale Keimung des Maiſes, Fig. 145. Spelzmais, Zea Mais Zea Mays. w Hauptwurzel, noch ohne Wurzel⸗ tunicata. haare. ws Wurzelſcheide. se Schildchen. 1 Lappen der Fruchtſchale p. b Blattknoſpe. der natürlichen Größe.(Nach J. Sachs.) ebenſo wurden bei den Mexikanern die Erſtlinge der Maisernten der Göttin des Landbaus dargebracht, die vom Getreide den Namen (Centeotl) trug, wie bei den Römern die Ceres und bei den Griechen die Demeter.*) ¹) E. B. Tylor, Die Anfänge der Kultur, deutſch von Spengel uud Poske, 1873, 1, S. 400. ²) O. Heer, Über Vaterland und Verbreitung der nützlichſten Nahrungs⸗ pflanzen. Vortrag, 1847, S. 10. Dort ſind auch die Gründe dargelegt, weshalb der Mais amerikaniſchen und nicht zugleich aſiatiſchen Urſprungs iſt. Wir fügen hinzu, daß die Chineſen ihn erſt in der Mitte des 16. Jahr⸗ Der Mais. 269 Wir führen dies an, um zu betonen, daß der Mais aus Amerika ſtammt. Dort iſt ſeine eigentliche und einzige Heimat. Die Europäer haben ihn an den Weſtküſten Südamerikas, wie in Virginien, überall in Kultur gefunden, wo ſie das Land betraten. Dadurch wird es er⸗ ſchwert, mit Sicherheit feſtzuſtellen, in welcher Gegend dieſes großen Weltteils er ſich urſprünglich vorfand. Nach der Annahme von A. St. Hilaire ſoll die Maisſorte, die unter dem Namen Spelzmais a b a b Fig. 146. Verſchiedene Formen und Größen von Maiskörnern, a von der Keimſeite, b von der andern Seite. Natürliche Größe. bekannt geworden iſt, in den Wäldern von Paraguay wild wachſen. Daß dieſe eigentümliche Spielart, bei der jedes Korn in zwei Häuten ſteckt(Fig. 145) in Paraguay vorkommt, wird von Renger beſtätigt; hunderts von den weſtländiſchen Völkern, d. h. Portugieſen, erhielten. E. Bretſchneider bei Körnicke a. a. O. S. 355, wo ausführlicher über dieſe Frage gehandelt wird. 270 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. aber er führt an, daß ſie von den Indianern kultiviert wird. Hier⸗ nach läßt ſich nicht behaupten, daß der Spelzmais, der als ſpontane Abänderung auch in Europa zuweilen vorkommt, die wilde Stamm⸗ form des Maiſes iſt. Dieſe Annahme läßt ſich um ſo weniger aufrecht erhalten, als S. Watſon neuerdings(1891) berichtet, daß in Mexiko bei Moro Leon nördlich vom Cuitzko See eine wildwachſende Maisart ge⸗ funden worden iſt. Watſon nennt dieſen Mäais, den er für eine eigene Art hält, Zea canina. Die Pflanzen bilden 9—12 mächtige Wurzelſchößlinge, die bis 10 Fuß Höhe und 2 Zoll Stammdicke er⸗ reichen und dem Haupttrieb gleichkommen. Die Hauptſchößlinge treiben Achſelſproſſe von 3— 4 Fuß Länge. Die Kolben ſind auffallend klein, nur 2—4 Zoll lang, und mit 4, 8, 10 oder 12 Samenreihen beſetzt, am häufigſten mit 10. Die Körner ſind klein und weißſpitzig.) Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß wir die neu ent⸗ deckte Form Zea canina als die wilde Stammform des Kulturmaiſes Zea Mays zu betrachten haben. Der Mais iſt in eine große Zahl von Varietäten und Sorten auseinandergegangen, die nach der Form, Farbe und Größe der Körner unterſchieden werden. Die Form- und Größenunterſchiede ſind zum Teil aus den nebenſtehenden Figuren 146 zu erſehen. Über die Farbe bemerken wir, daß folgende Abſtufungen vorkommen: weiß, hellgelb, dunkelgelb, rot, braun, blau, violett, ſchwarz, und rotgeſtreift auf weißem, gelbem oder blauem Grunde. Wir fügen hinzu, daß die Länge der Kolben variiert zwiſchen 5 und 42 cm, während die Größe der Körner zwiſchen 5 und 25 mm ſchwankt. In ſeiner Monographie des Maiſes giebt Profeſſor Sturte⸗ want für die amerikaniſchen Maisvarietäten folgende Einteilung. Landwirtſchaftliche Arten des Maiſes. Agricultural species. . Zea Saccharata, Sweetcorn, Süßmais. . Zea Indurata, Flintcorn, Hartmais. .Zea Eyverta, Popcorn, Paffmais. . Zea Indentata, Dentcorn, Zahnmais. 5. Zea Amylacea, Softcorn, Weichmais. Jede dieſer 5 landwirtſchaftlichen Arten teilt Sturtewant in 3 Raſſen A, B, C, die nach ihm in allen 5 Arten parallel laufen und durch folgende Kennzeichen unterſchieden werden können: Oo do Raſſe A Raſſe B Raſſe C Reihenzahl am Kolben. 8 12 viele Neifezeit früh mittel ſpät Körnerform.... rund flache Seite flache Seite Kolbenform..... ceylindriſch zu koniſcher ausgeſprochen Form koniſch neigend 1 ¹) Botaniſche Jahrbücher von A. Engler, 1892, Litteraturbericht S. 69. Der Mais. 27 1 Jede dieſer 3 Raſſen umfaßt wieder eine Anzahl Varietäten, und es iſt intereſſant, daß Sturtewant durch die große Mannig⸗ faltigkeit und ausgeprägte Verſchiedenheit der Maisformen veranlaßt wurde, den Begriff der„landwirtſchaftlichen Arten“ einzuführen. Wie dieſe„landwirtſchaftlichen Arten“ aufzufaſſen ſind, iſt aus folgenden Sätzen Sturtewants zu entnehmen. 1. Unter den Verhältniſſen des gewöhnlichen Anbaus zeigt der Mais im allgemeinen die Einwirkungen der Fremdbeſtäubung nicht, mit Ausnahme des Süßmaiſes, der dem Einfluß des fremden Pollens ſehr zugänglich iſt. 2. Die landwirtſchaftlichen Arten kreuzen ſich untereinander ſchwer. Die Verſuche ergaben 66% gelungene Kreuzungen; 34% ſchlugen fehl. 3. Gekreuzter Mais iſt der Fremdbefruchtung geneigter, als rein gezüchteter Mais. 4. Fremdbeſtäubung zwiſchen den Raſſen einer(landwirtſchaft⸗ lichen) Art gelingt nicht. 5. Fremdbeſtäubung gelingt dagegen leicht zwiſchen Varietäten derſelben Raſſe. ¹) Hiernach ſind die„landwirtſchaftlichen Arten“ Sturtewants. nichts anderes, als„botaniſche Arten“, die bereits fertig gebildet oder noch in der Bildung begriffen ſind, und wenn wir dieſen Vorgang in Gedanken weiter verfolgen, ſo ſehen wir, wie bei dem Mais aus der alten„Art“ eine neue„Gattung“ wird mit einer Anzahl wohl unter⸗ ſchiedener Arten. Der Mais bietet uns daher ein lehrreiches Beiſpiel für die Entſtehung der Arten und Gattungen. Für die europäiſchen Verhältniſſe ſchließen wir uns der Ein⸗ teilung von Körnicke an, in der wir die 7 Hauptgruppen nach Be⸗ lieben als Varietäten einer Art, oder als Arten einer Gattung be⸗ trachten können. Überſicht der Varietäten und Sorten des Maiſes. I. Spelzmais. Körner mit häutigen Spelzen(Klappen) umhüllt. Für die Kultur in Deutſchland ohne Wert. II. Spitzkörniger Mais. Körner mit hakenförmig gekrümmter Spitze. Für Deutſchland ohne Wert. III. Zuckermais. Körner runzelig. Für Deutſchland ohne Wert. ¹) Die Originalarbeit von Sturtewant ſtand mir nicht zur Ver⸗ fügung. Dagegen hatte Herr Fruwirth(früher in Wien, jetzt in Hohenheim) die Güte, mir, außer ſeiner Abhandlung in der Fühlingſchen l. Zeitung 1887, den engliſchen Wortlaut der obigen 5 Sätze aus dem Original zu übermitteln. 95 A& 10. Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. IV. Großkörniger Mais. Körner ſehr groß, 15— 25 mm lang. Für Deutſchland ohne Wert. V. Pferdezahnmais. Körner an der Krone vertieft. Weißer amerikaniſcher Pferdezahnmais. In Deutſchland nur als Grünfutter zu kultivieren. Oft aber, auch für dieſen Zweck, andere ſchnellwüchſigere, weniger grobſtengelige Sorten vor⸗ zuziehen. Gelber amerikaniſcher Pferdezahnmais. Weniger gebräuchlich, als der vorige. VI. Kleinkörniger Mais. 8 Körner ſehr klein, nur 6 mm lang. Kleiner gelber Hühnermais. Im Weinklima Deutſchlands als Körnerfrucht kultivierbar. Klein, aber ergiebig. Körner gut als Hühnerfutter zu gebrauchen. VII. Gemeiner Mais. Körner mittelgroß. Früher gelber badenſcher Mais. In Süddeutſchland(Baden) häufig als Körnerfrucht angebaut. Er⸗ tragreich. Weißer Oberländer Mais aus Baden. Wird ſicherer reif als der vorige, da ſeine Vegetationsdauer um 14 Tage bis 3 Wochen kürzer iſt. Heinemanns September⸗Mais. Sehr früh. Seit 1880 bekannt. Empfehlenswert. Reifte, nach Werner, in Poppelsdorf von allen gleichzeitig angebauten Sorten am früheſten. Cinquantino. Beanſprucht in Deutſchland eine Vegetationsdauer von 4 ½ Monat; in Poppelsdorf, nach Werner, von 132 Tagen, in Oſterreich von 120 Tagen. Pflanze nur 1 m hoch. Früheſter Szekler⸗Mais. Von A. v. Szentkirälyi durch Kreuzung einer ſiebenbürgiſchen Sorte mit Cinquantino gezüchtet. Stengel 2 m hoch. Vegetationsdauer etwa 8 Tage länger, als bei Nr. 7. Früher kanadiſcher Mais. Beachtenswert, weil er in den Nordſtaaten der Union häufig angebaut wird, wo die größeren Sorten nicht mehr gedeihen. Weißer König Philipp⸗Mais. Ertragreich, auch als Futtermais. Vegetationsdauer aber über 5 Monate. Anderweitige Anbauverhältniſſe. Klima.— Die klimatiſchen Verhältniſſe Deutſchlands entſprechen den Anforderungen des Maiſes nur zum Teil und eigentlich nirgends in vollkommener Weiſe. Immerhin läßt ſich die Pflanze, auch als Der Mais. 2763 Körnerfrucht, in allen Gegenden kultivieren, wo die Rebe im Freien gedeiht und genießbare Trauben liefert. Das iſt namentlich am Rhein von Mainz aufwärts bis Baſel der Fall, und da ſieht man denn auch den Mais häufig angebaut. Ebenſo im benachbarten Elſaß und in Württemberg. Im ganzen übrigen Gebiete des Deutſchen Reiches hat die Maiskultur, ſofern ſie ſich auf Körnerproduktion erſtreckt, bis jetzt eine nennenswerte Bedeutung nicht erlangen können. Und ich glaube, es iſt gerechtfertigt, der Verbreitung dieſer heiklen Pflanze nicht das Wort zu reden. Ich zweifle zwar nicht, daß es bei richtiger Auswahl der Sorten und bei beharrlich und planmäßig fortgeſetzter Zuchtwahl gelingen würde, die Pflanze ſo weit zu akklimatiſieren, daß ſie in der Breite von Berlin und Bromberg auf allen wärmeren und und ſandigen Böden mit Erfolg angebaut werden könnte, aber iſt dies zu wünſchen und zu befürworten? Ich ſage: Nein, und zwar aus dem Grunde, weil die Ausdehnung der Maiskultur nur auf Koſten des Roggenbaues geſchehen könnte, indem gerade der beſte Roggenboden dem Mais zugewieſen und eingeräumt werden müßte. An dem Roggen aber müſſen wir feſthalten. Er iſt, ſo zu ſagen, unſere Nationalpflanze. Der Mann von echtem deutſchem„Schrot und Korn“ bedarf das Roggenbrot zu ſeiner Nahrung. Geben wir dieſe Nahrung auf, ſo opfern wir ein Stück von unſrer Kraft. Überdies iſt der Roggen unentbehrlich und unerſetzlich wegen des vortrefflichen Strohs, das er uns in reicher Menge liefert. Offnen wir alſo dem Maisbau die Thore nicht zu weit, und überlaſſen wir dieſe Kulturpflanze den Ländern, wo die Sonne heißer glüht als bei uns. Selbſtverſtändlich iſt damit nicht ausgeſchloſſen, daß wir den Mais auch fernerhin als Grünfutterpflanze benutzen. Boden, Beackerung, Düngung und Vorfrucht.— In Be⸗ zug auf den Boden iſt der Mais nicht wähleriſch. Auch die Vorfrucht iſt ihm ziemlich gleichgültig. Er gedeiht auf Sand⸗, auf Lehm⸗, auf Thonböden, ſofern ſie nur in guter Kultur ſind. Denn Nährſtoffe verlangt der Mais als Körner⸗ und namentlich auch als Grünfutter⸗ pflanze mehr, als unſere gewöhnlichen Getreidearten. Das Land wird vor Winter tief gepflügt und am beſten im Herbſt friſch gedüngt. Doch kann der Stallmiſt, der in dieſem Fall mehr verrottet ſein muß, allenfalls auch noch mit der Frühjahrsfurche untergeackert werden. Auf ſchwerem Boden iſt die Frühjahrsdüngung ſogar vorzuziehen. Im übrigen liebt der Mais reines und mürbes Land. Saat und Pflege.— Die Saat erfolgt früheſtens Ende April, ſicherer erſt Anfang oder Mitte Mai, beſonders in den norddeutſchen Gegenden. Denn der Mais keimt erſt bei 100 C Bodenwärme, und er macht beim Aufgang nicht gern Bekanntſchaft mit den drei ge⸗ ſtrengen Herren Mamertus, Pankratius und Servatius. ¹) Beim Körnermais iſt das Dibbeln die Regel. Das gut ge⸗ futterpflanze. Vortrag. Zeitſchrift der l. V. f. Rheinpreußen 1884, Nr. 5. Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage⸗ 18 274 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. ebnete und unkrautreine Land wird mit dem Reihenzieher markiert. Entfernung der Reihen bei kleineren Sorten 60 cm, bei größeren Sorten 80 cm. Entfernung in den Reihen bei kleinen Sorten 25 bis 30 cm, bei großen Sorten 30— 40 cm. Will man die Pflanzen ins Quadrat ſtellen, was beim Mais eigentlich richtiger iſt und zugleich eine leichtere und vollkommenere Bearbeitung geſtattet, ſo markiert man das Land auf 50 oder 60 cm der Länge und der Quere nach. An jeden Kreuzpunkt werden 3—4 der beſten Körner mit einer Hand⸗ hacke gelegt und 4— 6 cm hoch mit Erde bedeckt. Einfach und zweck⸗ mäßig iſt es auch, mit dem Abſatz des Stiefels ein Loch zu machen, die Körner hineinzulegen und mit der Fußſpitze zuzuſcharren. ¹) Der Grünfuttermais wird erſt im Mai entweder breitwürfig mit der Hand, oder beſſer mit der Drillmaſchine in Reihen von 50 bis 60 cm Entfernung geſäet. Durch das Drillen erzielt man im Vergleich zum Dibbeln eine größere und namentlich auch beſſere, weniger grobſtengelige Futtermaſſe. Bei noch engeren Drillreihen iſt die gewöhnliche Pferdehacke nicht gut anwendbar. Saatquantum bei Körnermais und Dibbelſaat 0,2— 0,3 hl pro Hektar; dagegen bei Grünfuttermais und Drillſaat 1,0 bis 1,5 hl pro Hektar. Bei dem Grünfuttermais beſchränkt ſich die Pflege auf ein einmaliges oder zweimaliges Behacken. Bei dem Körnermais dagegen erfordert die Pflege mehr Arbeit und Sorgfalt. Sobald der Mais aufgegangen, wird er zum erſten Mal behackt, um das Unkraut zu zerſtören und die Kruſte zu brechen. Die Krähen ſind um dieſe Zeit arg hinter ihm her, und es lohnt ſich, ſie durch Abſchießen zu verjagen und einige der getöteten Tiere auf die Fläche verteilt an Stangen aufzuhängen. Iſt der Mais handhoch, ſo wird er vereinzelt, ſo daß auf jeder Pflanzſtelle höchſtens zwei kräftige Pflanzen ſtehen bleiben. Hierauf folgt ein zweites und drittes Hacken, wie bei den Zucker⸗ rüben; bei dem dritten Hacken wird die Erde auch etwas an die Pflanzen herangeſchafft, ohne daß ein eigentliches Häufeln ſtattfindet. Das Häufeln geſchieht, wenn der Mais 40— 50 cm hoch iſt; man beeilt ſich, bis Anfang Juli damit fertig zu werden. Eine beſondere und notwendige Pflege bei dem Körnermais be⸗ ſteht in dem Ausbrechen der Seitentriebe, damit der Hauptſtamm ſeine volle Kraft zur Ausbildung der Kolben verwenden kann.(Neue Be⸗ ¹) Sehr einfach und eigentümlich iſt der Maisbau in den amerikaniſchen Urwäldern. Bouſſingault(Die Landwirtſchaft ꝛc.) berichtet darüber aus eigener Anſchauung. Die Wälder werden niedergehauen und verbrannt. Zwiſchen den Stöcken und verkohlten Baumſtämmen macht der Pflanzer mit einem Stachelſtocke nicht ſehr tiefe Löcher, wirft 2— 3 Maiskörner hinein und deckt ſie mit Aſche zu, indem er eine leichte Bewegung mit dem Fuße macht. Dann überläßt er die Saat ihrem Schickſal und kehrt erſt zur Ernte wieder zurück. Der Mais. 275 ſtätigung meiner Theſe: Bei einer Getreidepflanze, die Körner liefern ſoll, iſt die allzureichliche Beſtockung vom Ubel. Bei dem Mais hat ſich die Erfahrung ja geradezu für die Einhalmigkeit entſchieden). Eine anderweitige beſondere Pflege beſteht in dem Entfahnen. Natürlich darf die Fahne, d. h. die männliche Riſpe, nicht bei allen Pflanzen entfernt werden, weil ſonſt keine Befruchtung ſtattfinden kann. Aber bei einer Reihe um die andere iſt das Entfahnen für den Körnerertrag nicht bloß unſchädlich, ſondern im Gegenteil förderlich, wie die folgenden auf der Verſuchsſtation Cornell in Nordamerika er⸗ mittelten Zahlen beweiſen. Entfahnt Nicht entfahnt Gut entwickelte Kolben.... 2338 Stück 1551 Stück Schwach entwickelte Kolben... 855„ 698„ Leere Kolben...... 951„ 2566„ Kolben insgeſamt...... 4144„ 4745„ Gewicht der marktfähigen Körner. 489 kg 322 kg Gewicht der ſchmalen Körner.. 85„ 59„ Anzahl der Stengel..... 4228 Stück 4186 Stück Gewicht von 100 Stengeln... 36 kg 37 kg Das Gewicht der marktfähigen Körner war bei den entfahnten Pflanzen um etwas mehr als 50% größer, als bei den nicht ent— fahnten. 8— Das Entfahnen wird vorgenommen, ſobald die Riſpe ſichtbar, aber noch nicht ganz entfaltet iſt. Da die Riſpen nicht bei allen Pflanzen gleichzeitig zum Vorſchein kommen, ſo muß die Arbeit an den betreffenden Reihen drei⸗ bis viermal wiederholt werden, aber ſo zeitig, daß ſie vor Eintritt der Blüte beendigt iſt. Während der Blüte darf nämlich der Mais in keiner Weiſe ge⸗ ſtört, das Feld während dieſer Zeit alſo gar nicht betreten werden. Iſt das Blühen vorbei, ſo wird die Pflanze geköpft, d. h. die männliche Riſpe etwas oberhalb des oberſten Kolbens auch an den vorher nicht entfahnten Pflanzen fortgenommen. Die Gipfeltriebe ſowohl wie die ſchon früher beſeitigten Nebenſchößlinge ſind ein vor— treffliches Milchfutter. Von pflanzlichen und tieriſchen Paraſiten hat der Mais im allgemeinen wenig zu leiden. Gegen den Mais⸗ oder Beulenbrand Ustilago Maydis, der nur vereinzelt auftritt, ſichert das Einweichen der Saatkörner in Kupfervitriol. Vergl. S. 186. Ernte.— Der Zeitpunkt für die Ernte iſt gekommen, wenn die Deckblätter oder Lieſchen an den Maiskolben gelb und trocken und die Körner hart geworden ſind. Da die Körner nicht ausfallen, ſo wartet man die völlige Reife ab. Für den Fall, daß Frühfröſte das Aus⸗ reifen der Körner verhindern ſollten, empfiehlt Krafft, etwa 14 Tage vor der Ernte die Deckblätter aufzuſchlitzen und herabzubiegen, damit die am Stamme verbleibenden Kolben leichter austrocknen und die Körner erhärten können 18 5 276 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. Geſchieht der Maisbau im kleinen, wie gewöhnlich in Süddeutſch⸗ land, ſo werden bei der Ernte die Kolben ausgebrochen, und nachdem man die Deckblätter zurückgeſtreift, zu je 2 zuſammengebunden auf dem Speicher oder unter dem Vordach der Häuſer über geſpannte Schnüre gehängt, ſo daß der Luftzug ſie von allen Seiten frei beſtreichen kann. Sind größere Quantitäten zu verſorgen, ſo werden bei der Ernte die Lieſchen mit einem Meſſer oder einem Nagel aufgeſchlitzt, die Kolben abgenommen, auf dem Schüttboden flach ausgebreitet und fleißig um⸗ geſchaufelt, damit ſie ſchnell austrocknen und nicht verſchimmeln. Das Austrocknen erfordert in unſerem Klima immerhin einige Wochen. Das Entkörnen oder Abrebbeln geſchieht entweder von Hand mit einem ſtumpfen Meſſer oder über dem eiſernen Steg eines Scheffels, oder bei größeren Quantitäten durch Abdreſchen auf einem Latten⸗ roſte, oder mit einer einfachen Maſchine, dem ſog. Maisrebbler, mit dem drei Mann täglich 15— 22 hl Körner fertigen können. Für den Samenbedarf bewahrt man die Kolben in den Lieſchen bis zum Frühjahr auf und rebbelt nur die Körner von dem unteren Drittel oder nur von der Mitte des Kolbens ab, weil hier die größten und vollkommenſten Körner ſitzen. Die Stengel werden im Spätherbſte abgehackt und bei Futter⸗ mangel ſamt den Spindeln zu Häckſel geſchnitten, gewöhnlich aber als Kompoſt⸗ oder Brennmaterial benutzt. Ertrag.— Körner 20— 80 hl pro Hektar. Stroh 2500 bis 6000 kg pro Hektar. Grünfuttermais: Badenſcher 5000— 7000 kg, Pferdezahn 7000 bis 12 000 kg pro Hektar. In Bezug auf den Futterwert ſind 4 kg Badenſcher ſo gut wie 5 kg Pferdezahnmais. Die Hirſe, Panicum miliaceum. Die Hirſe iſt zwar ebenfalls ein Kind des warmen Klimas, aber ſie paßt doch beſſer in die norddeutſchen Wirtſchaftsverhältniſſe als der Mais. Sie hat ſich ſeit alten Zeiten bei uns eingebürgert, und wir werden ſie wohl niemals ganz fallen laſſen, wenn ſie ſich auch mit unſeren Hauptgetreidearten: Weizen, Roggen, Gerſte, Hafer in Bezug auf allgemeine wirtſchaftliche Bedeutung nicht meſſen kann. Ihre Fruchtbarkeit und der liebliche Geſchmack ihrer nahrhaften Körner mögen die Urſache ſein, daß ſie in manchen Gegenden zu einer Art Nationalgericht geworden iſt, denn bekanntlich darf der Hirſebrei in den ehemals ſlaviſchen Provinzen des deutſchen Reiches bei keiner Hochzeit oder Kindtaufe auf dem Tiſche fehlen. Mit der Entwicklung des Verkehrs iſt freilich die Hirſe in neuerer Zeit mehr und mehr durch den Reis aus ihren alten Rechten verdrängt worden; doch halten die konſervativen Bauersfrauen bei den genannten Feſtlichkeiten auch heute noch an dem Hirſebrei feſt. =n —. x 2—— ——.———,—,— ͤ=— f Die Hirſe. 277 Boden.— In landwirtſchaftlicher Beziehung hat die Hirſe das für ſich, daß ſie ſich zur Ausnutzung gewiſſer Bodenverhältniſſe vor⸗ züglich eignet. So giebt ſie namentlich ſehr hohe Erträge auf humoſem Neubruch und auf dem humusreichen Schlamm trocken gelegter Teiche. Sonſt liebt ſie den kräftigen, warmen, humoſen Sandboden, während ihr kalter, feuchter und ſchwerer Boden nicht zuſagt. Sie gedeiht in⸗ deſſen auch auf ziemlich bündigem Boden, wenn er nur eine warme und trockene Lage hat. Denn Wärme iſt bei dieſer Pflanze die erſte Bedingung. Nächſtdem iſt es wichtig, daß ihr reines Land zuge⸗ wieſen wird, da ſie bei ihrem 43 anfänglich ſehr langſamen 6 Wachstum ungemein vom Un⸗ kraut leidet. Deshalb folgt ſie am beſten nach gedüngten Hack— früchten, während friſche Stall⸗ miſtdüngung wegen der Be⸗ günſtigung des Unkrauts mög⸗ lichſt zu vermeiden iſt. Höchſtens iſt eine Düngung mit Rindvieh⸗ miſt im Herbſt zuläſſig. Saatzeit.— Wegen der Froſtgefahr darf die Hirſe erſt ſpät, Mitte und Ende Mai geſäet werden. Selbſt noch Ende Juni kann die Ausſaat Fhan Rarnals Rennthn der Sheetemm ſtattfinden, weil die Vegetations⸗ m der Mehlkörper, asp äußere, isp innere Blüten⸗ dauer der Pflanze nur kurz ſpelze. ws Wurzelſcheide mit Wurzelhaaren h. ;5 1 202„— w Wurzel gleichfalls mit Wurzelhaaren hi.— iſt. Immerhin iſt jene frühere b das Scheidenblatt, in dem das Hälmchen empor⸗ Saat vorzuziehen, weil ſie wächſt. Vergrößerung 2fach. ſchönere und reichlichere Früchte liefert. Sorten.— Was die Sorten betrifft, die man zum Anbau zu wählen hat, ſo iſt zu bemerken, daß die Hirſe in drei Varietäten vor⸗ kommt, die als Flatterhirſe, Klumphirſe und Dickhirſe be— zeichnet werden. Die Dickhirſe mit zuſammengezogener und aufrechter Riſpe iſt für den Anbau ohne Bedeutung. Die beiden übrigen Varietäten unterſcheiden ſich dadurch, daß bei der Flatterhirſe die Riſpe ausgebreitet, nach allen Seiten überhängend iſt, während die Klumphirſe eine zu— ſammengezogene, nach einer Seite überhängende Riſpe beſitzt. Bei beiden Varietäten giebt es Sorten mit grüner und brauner Riſpe, und die Farbe der Körner ändert zwiſchen weiß, hellgelb, X dunkelgelb, gelbbraun, dunkelbraun, rot, grau und ſchwarz. Die Farbe 278 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. ſitzt nicht an dem eigentlichen Kern der Frucht, ſondern an der äußeren Schale, die aus den beiden Blütenſpelzen gebildet wird. Von dieſen beiden Kulturvarietäten empfehlen ſich nun zum An⸗ bau in Deutſchland namentlich die Klumphirſe mit gelben und die Klumphirſe mit grauen Körnern. Die graue Klumphirſe hat den Vorzug, daß ihre Vegetationsdauer um etwa 8 Tage kürzer iſt, indem ſie nur 92 Tage beträgt. Saatmethode.— Gewöhnlich wird die Hirſe breitwürfig aus⸗ geſäet, es iſt aber ſehr zweckmäßig, ſie in 15— 20 cm weit entfernten Reihen zu drillen, weil dadurch das Behacken und Jäten weſentlich erleichtert wird. Samenbedarf bei Breitſaat 0,3— 0,7 hl; bei Drillfaat 0,2 bis 0,3 hl pro Hektar. Unterbringung ganz flach, 1 cm. Pflege.— Die Pflege beſteht bei Breitſaat in einem Übereggen, wenn die Pflanzen etwa 5 cm hoch ſind; bei Drillſaat in zweimaligem Behacken, das erſtemal, wenn die Pflanzen 5 cm, das zweitemal, wenn ſie 10— 15 cm hoch ſind. Häufig iſt das Jäten unerläßlich. Ernte.— Die Ernte hat ihre Unannehmlichkeiten, weil wegen der ungleichmäßigen Reife der Körner der Zeitpunkt ſchwierig zu be⸗ ſtimmen iſt, und weil die reifgewordenen Körner ſehr leicht durch Aus⸗ fall verloren gehen. Man ſchneidet daher, wenn die Hälfte der Körner reif iſt, was man an der Farbe erkennt, und driſcht die Körner ſogleich ab. Das Stroh, das zur Fütterung wertvoll, wird nachher zum Trocknen ausgebreitet; die Körner werden fleißig umgeſchaufelt. Ertrag.— Der Ertrag an Körnern ſchwankt zwiſchen 12 und 40 hl pro Hektar. Der Ertrag an Stroh zwiſchen 1000— 3000 kg pro Hektar. Die Hirſe bewahrheitet alſo das im erſten Teil ge⸗ brauchte Wort: Ein Korn bringt viele in kurzer Zeit. 3 5, 3, vt mn hA, znen A67 Rl, a Ghreiheebe, u udt 3 — Der Fennich, Setaria italica. Der Anbau des Fennichs oder der ſogenannten Kolbenhirſe ſtimmt mit dem der Hirſe vollkommen überein. Gegenwärtig hat die Pflanze nur noch eine untergeordnete Bedeutung; ſie wird in Europa jetzt nur noch zur Gewinnung von Vogelfutter angebaut, während der nahe verwandte Mohar, Setaria germanica, auf trockenem Sand⸗ boden hier und da als Grünfuttergewächs benutzt wird. Ehemals war das anders. Vielleicht iſt dieſe Hirſeart das älteſte Getreide der Welt. Im fernen Oſten, bei den Chineſen, ſpielt ſie immer noch eine ſehr bedeutende Rolle; ſie gehört zu den geheiligten Pflanzen, deren Same ſeit dem Jahre 2822 v. Chr. bei dem alljähr⸗ lich wiederkehrenden Feſte von des Kaiſers eigener Hand ausgeſäet wird. Und bei den älteſten Völkern, die im erſten Dämmern der Verlagsbuchhandlung Paul Parey in Berlin SW., Hedemannstr. 10. Schlipf's populäres Fandbuch der Landwirtschaft. Gekrönte Preisschrift. Dreizehnte, vollständig neubearbeitete Auflage. Mit 17 Farbendrucktafeln a und 415 in den Text gedruckten Abbildungen. . In Ganzleinen gebunden, Preis 7 Mart. So. From es um ein Handbuch zu thun ist, welches alle Zweige der eschaft auf Grund der neuesten Erfahrungen in besonders ver- Schreibweise behandelt, dem darf das bewährte Werk von edingt empfohlen werden. and, dass das Buch nicht nur bei den praktischen Land- m eingebürgert ist, sondern dass dasselbe auch an sehr aftlichen Schulen als Lehrbuch gebraucht wird, er- ’ständigung mehrerer Abschnitte, ohne dass jedoch as, ein Ratgeber für den praktischen Landwirt durfte. Es wurde daher auch bei den mannig- die klare und verständliche Sprache, durch den mittleren und kleineren Land- da grossen Beliebtheit erfreut, sorg- neue 13. Auflage dadurch Schaf, Schwein und uten auf 17 Tafeln Farben- noch 278 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides. ſitzt nicht an dem eigentlichen Kern der Frucht, ſondern an der äußeren Schale, die aus den beiden Blütenſpelzen gebildet wird. Von dieſen beiden Kulturvarietäten empfehlen ſich nun zum An⸗ bau in Deutſchland namentlich die Klumphirſe mit gelben und die Klumphirſe mit grauen Körnern. Die graue Klumphirſe hat den Vorzug, daß ihre Vegetationsdauer um etwa 8 Tage kürzer iſt, indem ſie nur 92 Tage beträgt. Saatmethode.— Gewöhnlich wird die Hirſe breitwürfig aus⸗ geſäet, es iſt aber ſehr zweckmäßig, ſie in 15— 20 cm weit entfernten Reihen zu drillen, weil dadurch das Behacken und Jäten weſentlich erleichtert wird. Samenbedarf bei Breitſaat 0,3— 0,7 hl; bei Drillfaat 0,2 bis 0,3 hl pro Hektar. Unterbringung ganz flach, 1 cm.— Pflege.— Die Pflege beſteht bei Breitſaat in einem Überegge⸗ wenn die Pflanzen etwa 5 cm hoch ſind; bei Drillſaat in zweimali Behacken, das erſtemal, wenn die Pflanzen 5 cm, das zweitemal⸗ ſie 10— 15 cm hoch ſind. Häufig iſt das Jäten unerläßlick Ernte.— Die Ernte hat ihre Unannehmlichkeiten, m der ungleichmäßigen Reife der Körner der Zeitpunkt ſchr ſtimmen iſt, und weil die reifgewordenen Körner ſehr lei fall verloren gehen. Man ſchneidet daher, wengenſatza. Körner reif iſt, was man an der Farbe erkennt, un ſogleich ab. Das Stroh, das zur Fütterung w— zum Trocknen ausgebreitet; die Körner we Ertrag.— Der Ertrag an Körn⸗ 40 hl pro Hektar. Der Ertrag ⸗⸗ pro Hektar. Die Hirſe bey brauchte Wort: Ein Kor „ ergize Verlagsbuchhandlung Paul parey in Berlin SW. Hedemannstr. 10. Schlipf's populäres Fandbuch der Landwirtschaft. Gekrönte Preisschrift. Dreizehnte, vollständig neubearbeitete Auflage. Mit 17 Farbendrucktafeln und 415 in den Text gedruckten Abbildungen. In Ganzleinen gebunden, Preis 7 Mart. Wem es um ein Handbuch zu thun ist, welches alle Zweige der Landwirtschaft auf Grund der neuesten Erfahrungen in besonders ver- ständlicher Schreibweise behandelt, dem darf das bewährte Werk von Schlipf unbedingt empfohlen werden. Der Umstand, dass das Buch nicht nur bei den praktischen Land- wirten seit langem eingebürgert ist, sondern dass dasselbe auch an sehr vielen landwirtschaftlichen Schulen als Lehrbuch gebraucht wird, er- forderte eine Vervollständigung mehrerer Abschnitte, ohne dass jedoch die Tendenz des Buches, ein Ratgeber für den praktischen Landwirt zu sein, darunter leiden durfte. Es wurde daher auch bei den mannig- fachen Einschaltungen stets die klare und verständliche Sprache, durch welche das Buch sich gerade bei den mittleren und kleineren Land- wirten sowie in den Schulen einer so grossen Beliebtheit erfreut, sorg- fältig beibehalten. Eine besondere Bereicherung hat diese neue 13. Auflage dadurch erfahren, dass die wichtigsten Schläge von Rind, Schaf, Schwein und Pferd und die dem Pflanzenbau schädlichsten Insekten auf 17 Tafeln abgebildet wurden, und zwar naturgetreu in Farben. Selbst die besten schwarzen Abbildungen im Text vermögen Farben- drucktafeln nicht zu ersetzen, und der Schlipf wird dadurch noch wieder mehr Freunde gewinnen. Trotz dieser 17 Farbendrucktafeln, vielfacher Erweiterungen und Einschaltungen in Text und Abbildungen wurde der Preis des gut ge- bundenen, in grosser Schrift gedruckten, 586 Seiten grossen Formats umfassenden, mit 415 Textabbildungen versehenen Buches auf nur 7 Mark festgesetzt, so dass man behaupten kann, in Anbetracht des Gebotenen ist der»Schlipf . 148 billigste landwirtschaftliche Buch. Zu beziehen durch jede Buchhandlung. VFerlagsbuchhandlung Paul Parey in Berlin SW., Hedemannstr. 10 Baen om Gesmüen Inä rantPn Baubdür Leichtverständlicher Ratgeber, Pferde, Rinder, Schafe, Schweine, Hunde und Geflügel 3 zu schützen und zu heilen. Aus der Praxis für die Praxis bearbeitet von Dr. L. Steuert, Professor an der landw. Akäademie in Weihenstephan. Mit 300 Teatabbildungen. Gebunden, Preis 5 M. langjähriger Bezirkstiera für jedes einzelne Haust einer Hausapotheke. b Viehtransport, Viehversicherung und für die spezielle Pflege der zu Schauen bestimmten Tiere etc. etc, das alles macht den Inhalt dieses vortrefflichen für jeden Viehbesitzer unentbehrlichen Buches aus. Der Guts-Sekretar. 8 Praktische, durch Beispiele erläuterte Anleitung zur Abfassung aller schriftlichen Arbeiten des Landwirts in Beruf und Verwaltung. Von Carl Petri, Lehrer an der landwirtschaftlichen Lehranstalt in Hohenwestedt(Holsteia). Hit 597 MHustern und fFormularen. Ein starker Oktavband.— Gebunden, Preis 10 M. inen beinahe 600 Mustern und rläuternden Text ist ein Hilfſs fzerbrechen und viel Zeitverlust 3 2 — A, Verlagsbuchhandlung Paul Parey in Berlin SW., Hedemannstr. 1o. — 2 Deukſche 1* 1 5 8 44... Nandwirtſchaſtliche Preſſr Begründet 1874. Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Wöchent/ ich eine Handeſsbeilage. Monatlich eine Farbendrucktate/ Durch jedes deutsche Postamt bezogen, Preis vierteljährlich 5 M. Die»Deutsche Landwirtschaftliche Presse« ist nach Inhalt und Ausstattung eine Fachzeitung grossen Stils und hat eine zweifache Aufgabe: sie dient einerseits der Förderung der agrarischen Interessen in der Wirtschaftspolitik und andererseits dem Fortschritte der Wissenschaft und Praxis von Ackerbau, Viehzucht und den landwirtschaftlichen Ge- werben. Die»Deutsche Landwirtschaftliche Presse« enthält beste fach- männische Artikel über rationelle Technik und Betriebsweise der Land- wirtschaft, welche durch reiche und künstlerische Textabbildungen und Farbendruckbeilagen illustriert sind. Wegen der grossen Verbreitung bestes Blatt für alle landwirtsch. Anzeigen. Die Einheitszeile oder deren Raum 35 Pf. Probenummern mit Handelsbeilage umsonst und postfrei. Mentzel und von Lengerkes Landwirtschaftlicher Hülfs- und Schreib-Kalender. 52. Jahrgang. Herausgeg. von Dr. H. Thiel, Ministerialdirektor im Ministerium für Landwirtschaft etc. I. Teil(Taschenbuch) gebunden.— II. Teil(Jahrbuch) geheftet. Ausgabe mit ½ Seite weiss Papier pro Tag. In Leinen geb. 2,50 M., in Leder geb. 3 M. Ausgabe mit 31 Seite weiss Papier pro Tag. In Leinen geb. 3 M., in Leder geb. 4 M. Der Mentzel und von Lengerke'sche Kalender folgt mit seinem ganzen Inhalt den modernen Bedürfnissen der Landwirtschafſt, und nach wie vor wird er sich be- währen als ein Freund des Landwirts, wie man ihn oft lobend bezeichnet. Der I. Teil, das gebundene Taschenbuch, dessen Formulare für wirtschaftliche Eintragungen der verschiedensten Art von über 35 Tausend Landwirten jahraus jahrein benutzt werden, enthält ausserdem Tabellen für Berechnungen, wie sie sich täglich im praktischem Betriebe aufwerfen, Tabellen, welche absolut unentbehrlich sind, und es erklärlich machen, dass der»Mentzel« in der Rocktasche jedes Landwirts zu finden ist. Der II. Teil, das Jahrbuch, enthält alljährlich auf das Peinlichste revidierte Zu- sammenstellungen über die landw. Behörden, es sind ferner die landw. Berufsgenossen- schaften, die landw. Genossenschafts-Vorstände, die Landwirtschaftskammern, die Zuchtgenossenschaften, die landw. Vereine, ebenso wie die landw. Unterrichtsanstalten und Versuchsstationen aufgeführt. Ferner enthält dieser Teil alljährlich einen für praktische Landwirte lehrreichen Artikel. Zu bezichen durch jede Buchhandlung. AEEN A4e 2 11 nn Mte rr Een Beeeele eeene —