———— Gekrönte Preiss chrift Verlag von] von PAuI. PaREV i in Berlin SW., 32 W melmstrasse. 1 nananan THAER-BlIBLIOTHEK nan 3 25Re Landw. Fütterungslehre dePe Fngh rer en r an der Kgl. landw. Akademie Landw. Buchfü ührung von Dr. Freiherr v. d. Goltz, Professor in Jena. 6. Aauae. Wiesen. und Weidenhau wnhe4 anetort, Reee wenn ehses keie Langethals Geschichte der Landwirtschaft 3 huleeoran Neerien Die kauflichen Düngestoffe n..Mümpler, Direkuor u Hecklingen BaTStass Landw. Rechenwesen ensenOSenſert a Audlausl"iienen un a6 lat⸗ Immerwährender Gartenkalender Ti u Meyer, Handelszärtner in Uhm Landw. Baukcunde eterterer-sjereeere Fäi 1aa mi adies iſepns K4S. Landw. Futterbau von Dr. William Loehe in Leipzig. 2. Auflage.. ¼ℳ 9 Fischzucht von Max von dem Borne auf Berneuchen. 3. Auflage 18 Bienenzucht kon, Ana ahdh ehen in München. 2. Auflage, bearbeitet von W. Vogel Gemüsebau von B. von Uslar, Handelsgärtner in Hildesheim Die Jagd und ihr Betrieb von A. Goedde, Herzogl. Jägermeister in Coburg 2. Aun. von C. H.— Maulbeerbaumzüchter. mauſbeerbaumzucht und Seidenbau'Ausage Praktische Düngerlehre pr. Emil Wolff, Protessor in Hohenheim. 10. Auflage. v. O. Teichert, Garten-Inspektor in Potsdam. 2. Aufl. Gärtnerische Veredelungskunst Neu bearb. v. Fintelmann, Garten-Insp. in Potsdam. Rübenbau von F. Knauer, Rittergutsbesitzer auf Gröbers bei Halle a. S. 6. Auflage- Tabaksbau von A. Freiherr von Babo in Klosterneuburg. 3. Auflage. —=„ eann von Dr. Emil Perels, Professor an der Hoch- Landw. Geräte und Maschinen hale-fär Bodenkuitur'in Wien. 5. Auflage. Beschlagkunde von Dr. von Rueff, Direktor der Königl. Tierarzneischule zu Stuttgart. Fasanenzucht von August Goedde, Herzogl. Jägermeister in Coburg 2. Auflage. von Dr. Ad. Mayer, Professor an der Ernährung der landw. Kulturpſlanzen Den ie n elberg. Gehözzucht von J. Hartwig, G SossTEeE!. Bet in Weimar. Obst au von R. Noack, Grossherspgh- IIofgärtner in Dafmstadt. 2. Auflage. (Zucht und Pflcg*) N Th⸗ Rashier) General Sckretär des Gartenbauvereins Gartenblumen e ee— von Dr. H Werner, Professor an er Königl. landwirtschaftlichen Akademie in Kart ffelbau Poppelsdorf., — von L. Vincent, Königl. Be- u. Entwässerung der Acker u. Wiesen i ke BeAueee. Gew? ohshäuser von J. Hartwig, Grossherzoglicher Hofgürtner in Weimar- Rindwehzucht von Dr. V. Funk, Direktor der landw. Lehranstalt au llelmstedt. 3. Auflage. Pfertlestall(Bau und Einrichtung) von Baurat F. Engel in Proskau. 8 Zu beziehen durch jede Buchhandlung. — ——= ͤ orIr ee-=e—— ⏑ wau tle ☛☛ Verlag von Paur PaREv in Berlin SWI n 5e e Bierneiben arerr THAER- B—BL GHTK läen. Viehstall wen und Ewareytnng von Buuru FONe vAMne Liebig⸗Hochſchule Kalk-Sand- Piscbau. ren Bansstahs na G RNa NI amgraſtraße 16 Anleitung für agrikulturchem. Analysen 5 rer Pr. oehe dere Praktische Desinfectionslehre n A. Zundel, Landestierart in Strassburg S Lupinen- und Serradellabau& bftte, auf Jassen und König auf Zörulgall= Geflügelzucht von Dr. Pribyl in Wien, mit Einleitung von W. Ritter von Hamm. 2. Aufl. Landw. Taxationslehre von Dr. K. Birnbaum, Professor in Leipzig —— w. Th. Rümpl G 1-Sekretär des Gartenbas Erfurt.— Iw Zimmergärtnerei 2eNEI er, enera ekretär de artenbauvereins in Erfur Reiten und Dressieren D. F. Boetticher, herausgegeben von A. von Reuss. . 1 jeben von A. von] 3 Dynamite„n Isidor Trauzl, Ingenieur in wien kelaholzzucht, Korbweidenkultur etc. ²n h. Fischer in Berin. Allgemeine Tierzuchtlehre"n Dr von Rueft in Stutgart . Stärkefabrikation n Dr. F. Stohmann, Professor an der Universität Leipie Auss. Krancheiten d. landw. Haussäugetiere E Zof Rinieenene innere Krankheiten d. landw. Haussäugetiere 5ε Srosswendi, de, u Physiologie u. Pathologie der Haussäugetiere n RNIeMEIDE, Grosn. Kalk-, Gyps- und Zementfabrikation H. Stegmann in Braunschyeie Wirtschaftsdirektiom des Tandgutes n We. äiece,1i ei, Pirſesror ie Milchwirtschaft von Dr. William Loebe in Leipzig. Wirtschaftsfeinde aus dem Tierreich n Dr G. v. Hayek, professor in Wien. Heeilmittellehre n T. Fiemming, Gross. Tierarzt in Libz. Ir Schafzucht on Dr. O. Rohde, Professor in Greifswald.— Geschichte des Gartenbaus n o. Huttig, Gartenbandirektor in Charlotteuburs Englischer Hufbeschlag N. Behrens, Lahrschmied in Rostocke Schweinezucht„n Dr. Georg May, Professor in Weihenstephan. Obstbaumkrankheiten n Dr. Panl Sorauer in Proskan ü8. Forstkulturen von Urff, Kgl. Oberförster in Neuhaus bei Berlinchen. Urbarmachung und Verbesserung des Bodens 4 RPürrendindete d keldmessen und Nivellieren n pr A. Wust, Protessor i Hale 2. Aufage. Getreidebau von Dr. A. Nowacki, Professor in Zürich. Gekrönte Preisschrift. cl- Zu beziehen durch jede Buchhandlung. Verlag von PAUL, PaAkEv in Berlin SW., 32 Wilhelmstrasse. Albrecht Thaeß's Grundsätze der rationellen Landwirtschaft. Neue Ausgabe, herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Dr. G. Krafft Dr. C. Lehmann Dr. A. Thaer Dr. H. Thiel in Wien, in Berlin, in Giessen, in Berlin. —= Mit Thaer's Portrait und Biographie. Preis 16 M. Gebunden 18 M. J. G. Roppes Unterricht im Ackerbau und in der Viehzucht. Anleitung zum vorteilhaften Betriebe der Landwirtschaft. Elfte Auflage, herausgegeben von Dr. Emil von Wolff, Professor in Hohenheim. —= Mit Koppe's Portrait und Biographie.— SGebunden 10 M. Joh. Nepomuk v. Schwerz' Ackerbau und Viehzucht. Neue Ausgabe, bearbeitet und herausgegeben von Dr. V. Funk, Direktor der Lundwirtschaftsschule in Helmstedt. — Mit 405 in den Text gedruckten Holzschnitten.— Preis 12 M. Gebunden 14 M. Deutsche Landwirtschaftliche Presse. Redakteur: Dr. Theodor Kraus. Erscheint Mittwoch und Sonnabend. Preis vierteljährlich 5 Mark. Die grosse Verbreitung der Presse in allen Teilen Deutschlands ist der beste Beweis dafür, dass sie die Ansprüche der deutschen Landwirte an eine derartige Zeitung richtig erkannt hat und ihnen nach Möglichkeit zu genügen bemüht ist. Redaktion und Verlags- handlung scheuen weder Mühe noch Opfer, die Presse immer grösserer Vollkommenheith entgegen zu führen und hoffen, den deutschen Landwirten durch richtige Vertretung der landwirtschaftlichen Interessen wahrhaften und dauernden Nutzen zu stiften. Abonnements nimmt jede Postanstalt oder Buchhandlung entgegen. Probenummern werden auf Verlangen gratis und franko zugesandt. Zu beziehen durch jede Buchhandlung. Anleitung, Getreidebau auf wiſſenſchaftlicher und praktiſcher Grundlage. 8 Von Dr. A. Nowachki, & profeſſor am Polptechnikum in Zürich. Morkto: „Im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brot eſſen.“ Mit 161 in den Text gedruckten Holzſchnitten. Berlin. Verlag von Paul Parey. 1 Gerlagshandlung fär Landwirtſchaft, Gartenbau und Forſtw 1886. In der Preiskonkurrenz gelegentlich des zehnjährigen Beſtehens der Deutſihen Landwirtſchaftlichen Preſſe— von den Preisrichtern Geheimrat Dr. B. Thiel, B. v. Nathuſius-Althaldensleben, und Dr. Th. Rraus Inſtitut für Pflanzenbau und Pflanzenzüc 3 an der Iuſtus Liebig Hochſchule r Iuſtus Liebic eſch Gießen Bismarckſtraße 16 Vorwort der Verlagshandlung. 8 Den äußern Anlaß zu dem vorliegenden Buch gab ein Preis⸗ ausſchreiben, welches die Verlagshandlung der Thaeribliothek gelegentlich des zehnjährigen Beſtehens ihrer Deutſchen Landwirt— ſchaftlichen Preſſe im September 1884 erlaſſen hat und welches wie folgt lautete: Zehn, für die deutſche Landwirtſchaft bedeutungsvolle Jahre ſind verfloſſen ſeit der Begründung der„Deutſchen Landwirtſchaftlichen Preſſe“. Sie hat in dieſer Zeit eine Verbreitung gefunden, wie vorher nie ein über die Vertretung provinzieller Intereſſen hinausgehendes landwirtſchaftliches Journal, und ihr Anſehen iſt bei Freund und Feind in ſtetem Wachſen begriffen geblieben.— Die Wandlung, welche durch die geniale und energiſche Initiative des Fürſten Reichskanzlers vor wenigen Jahren in dem wirtſchaftlichen Leben der Nation eintrat, wurde für die„Deutſche Landwirtſchaftliche Preſſe“ Veranlaſſung, durch rückhaltloſen Anſchluß an dieſe Beſtrebungen die agrariſchen Intereſſen zu vertreten; während ſie, dem zweiten Teil ihrer Aufgabe entſprechend, unausgeſetzt bemüht blieb, die Reſultate der Landwirtſchaftswiſſenſchaft für die Praxis nutzbar zu machen und damit die Technik des Gewerbes in allen einzelnen Zweigen zu fördern. Eine ſolche Wirkſamkeit auszuüben, war der„Deutſchen Land⸗ wirtſchaftlichen Preſſe“ aber nur möglich, weil eine große Reihe der erſten landwirtſchaftlichen Kapazitäten in Wiſſenſchaft und Praxis ihr helfend zur Seite ſtehen, und weil ſie getragen wird von der Sympathie der deutſchen Landwirte in allen Teilen des Vaterlandes. Damit das erſte Dezennium eines ſolchen litterariſchen Unternehmens in einer, der geſamten Landwirtſchaft nutzbringenden Weiſe bezeichnet werde, haben wir eine Preis⸗Konkurrenz ausgeſchrieben und in Höhe von tauſend Mark eine Prämie ausgeſetzt für die beſte Anleitung zum Getreidebau auf wiſſenſchaftlicher und praktiſcher Grundlage. Das Preisrichter⸗Amt wird geübt von den Herren: Dr. H. Thiel, Geh. Ober⸗Regierungs⸗Rat und vortragender Rat im Königl. Miniſterium für Landwirtſchaft, Domänen und Forſten; H. v. Nathuſius, Kgl. Landrat a. D., Althaldensleben; Dr. Th. Kraus, Redakteur der„Deutſchen Landwirtſchaftlichen Preſſe“. Das Werk muß, auf eigener wiſſenſchaftlicher Forſchung und prak⸗ tiſcher Beobachtung baſiert, das Thema in klarer Weiſe ſyſtematiſch be⸗ handeln und dabei in ſo populärem Ton geſchrieben ſein, daß es auch dem nicht wiſſenſchaftlich gebildeten Landwirt verſtändlich iſt, und ſoll der Umfang einem Bande der Thaer⸗Bibliothek entſprechen, alſo die Zahl von zwölf Druckbogen in klein Oktav nicht weſentlich überſchreiten. Die Preisſchriften müſſen leſerlich geſchrieben, mit einem Motto ver⸗ ſehen und von einem, daſſelbe Motto als Aufſchrift enthaltenden ver⸗ ſiegelten Kouvert begleitet ſein, in welchem letzteren die genaue Adreſſe des Verfaſſers angegeben iſt.— Schlußtermin für die Einlieferung der Konkurrenzſchriften iſt der 1. Oktober 1885, und müſſen die Schriften bis dahin an die Redaktion der„Deutſchen Landwirtſchaftlichen Preſſe“, Berlin SW., Wilhelmſtraße 32,„eingeſchrieben“ und portofrei eingeſandt werden. Das preisrichterliche Urteil wird mit Namensnennung des Verfaſſers der prämiierten Arbeit in der erſten März⸗Nummer 1886 der„Deutſchen Landwirtſchaftlichen Preſſe“, zugleich mit der Aufforderung zur Zurück⸗ nahme der nicht prämiierten Schriften, veröffentlicht.——— Das Reſultat der Konkurrenz wurde der Verlagshandlung in nachſtehendem Brief mitgeteilt, welcher in der Deutſchen Land⸗ wirtſchaftlichen Preſſe vom 3. März d. J. erſchien: In Verfolg der ſeitens der Verlagsbuchhandlung gelegentlich des zehnjährigen Beſtehens der„Deutſchen Landwirtſchaftlichen Preſſe“ im September 1884 ausgeſchriebenen Preis⸗Konkurrenz für die beſte Anleitung zum Getreidebau auf wiſſenſchaftlicher und praktiſcher Grundlage ſind die Unterzeichneten nach erfolgter Einzelprüfung der neun eingegangenen Preisſchriften zuſammengetreten und haben der Arbeit mit dem Motto: „Im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brod eſſen“ den Preis zuerkannt. Nach Eröffnung des begleitenden Kouverts ergab ſich als VYerfaſſer der prämiierten Arbeit Herr Profeſſor Dr. Nowacki in Zürich. Die Unterzeichneten fordern Sie dem entſprechend auf, dem genannten Herrn die von Ihnen ausgeſetzte Prämie von Ein⸗ tauſend Mark zu überſenden und den Druck der Arbeit als Band der Thaer⸗Bibliothek zu bewirken. Noch halten ſich die Unterzeichneten für verpflichtet, von den übrigen acht Arbeiten vornehmlich diejenige mit dem Motto: „Experientia docet“ als eine ebenfalls vortreffliche Arbeit zu bezeichnen, und halten es für wünſchenswert, daß die Verlags⸗ buchhandlung nach Verlauf des im Preis⸗Ausſchreiben bedingten Jahres auch dieſes Werk dem landwirtſchaftlichen Publikum als Buch zugänglich macht. Althaldensleben und Berlin, 24. Februar 1886. H. v. Uathuſius⸗Althaldensleben. Dr. B. Thiel, Geheimer Ober⸗Regierungs⸗Rat. Dr. Th. Rraus, Redakteur der„Deutſchen Landw. Preſſe. Indem die Verlagshandlung das Buch— deſſen Verfaſſer ein Schüler Julius Kühn's, gegenwärtig Profeſſor am Poly— technikum in Zürich und früher Jahre lang praktiſcher Landwirt in der Provinz Poſen— hiermit der Offentlichkeit übergiebt, glaubt ſie in der That, dem Wortlaut ihres Preis⸗Ausſchreibens entſprechend,„das erſte Dezennium der Deutſchen Landwirtſchaft⸗ lichen Preſſe in einer der geſamten Landwirtſchaft nutzbringenden Weiſe zu bezeichnen“; und der Umſtand, daß ein Buch dieſes In⸗ halts, dieſes Umfangs und dieſer Ausſtattung gebunden einen Preis von nur 2 Mk. 50 Pfg. erhielt, iſt ihr Gewähr für eine ganz allgemeine Verbreitung und ſegensreiche Wirkung dieſer preis⸗ gekrönten Arbeit. Berlin, Kaiſers Geburtstag 1886. Inhaltsverzeichnis. Erſter Abſchnitt. Seite Einleitende Betrachtungen. 1. Was verſteht man unter Getreide?.... 1 .Die Getreidearten gehören in die Familie der Graſer vder Gramineen... 3 a. Worauf beruht die? Zuſammengehörigkeit von Getreide! u. Gras? 3 1 Whedlt& 3 2. Stengel 7 3. Blatt........ 7 4. Blüte und Blütenſtand.. 14 5. Frucht... 19 b. Worauf beruht die Gegenüberſtell ung von Getreide und Gras 2 20 a. Beſtockung durch unterirdiſche Ausläufer...... 20 b. Beſtockung durch oberirdiſche Ausläufer 2c....... 20 c. Beſtockung durch Horſtbildung... 21 Grnppierung der Gräſer nach ihrer Beſtockung und Lebens dauer 22 Fortpflanzung durch Beſtockung........ 24 Fortpflanzung durch Fruchtbildung......... 24 3. überſicht und Einteilung der Getreidearten...... 30 A. Die Getreidearten des kälteren Klimas...... 30 B. Die Getreidearten des wärmeren Klimas... 30 4. Die künſtliche Verbreitung und die nireineſtlig Bedeutung der Getreidearten.... 3 31 Zweiter Abſchnitt Die Entwicklung der Getreidepflanze......... 40 1. Die Keimung. 1. 41 a. Der anatomiſche Bau der Getreidefrucht... 41 b. Die chemiſche Zuſammenſetzung der Getreidefrucht.... 48 e. Die Phyſiologie der Keimung........... 52 2. Die Bewurzelung.............. 64 Keimwurzeltll........ 64 Kronenwnrzernn.................ʒ8 69 3. Die Beſtockung....... 77 Erſcheinungen der Beſtockung—... 278 Urſachen der Beſtockung....... 94 Innere Urſachen 94; äußere Urſachen 95. 4. Das Schoſſen.... 99 Der mechaniſche Vorgang des Schoſſens. 109 Geſetz vom arithmetiſchen Mittel............ 107 Innere Urſachen des Schoſſens............ 111 Das Lagern des Getreides............. 113 Seite 5. Das Blühen................. 1121 1. Die weiblichen Organe der Blüte..... 121. 2. Die männlichen Organe der Blüte....... 123 Der Befruchtungsvorgang... 123 Die Beſtäubungsverhältniſſe bei den einzelnen Getreidearten 125 Roggen................ 125 Weizen................ 128 Gerſte................. 1320 Hafer.................. 136 Mais........ 1839 6. Das Neifen... 40 1. Die Entwicklung des G möryos.. 1140 2. Die Bildung des Endoſperms...... 1143 3. Die Entſtehung der Schale............ 14146 Die Reifeſtadien.... 1240 1. Die Milchreife............... 11750 2. Die Gelbreife 1752 3. Die Vollreife. 155 4. Die Totreife.. u2 I n 156 Dritter Abſchnitt Der Anbau des Getreides.. 100 Allgemeines........760 Das Klimi.1400 Der Bodennal....11.. 16 41. Die Beackerung.................. 163 Die Düngun] 168 Die Saat.... 1473 Die Auswahl des Saatguts.. 175 Eigene Samengewinnung.... 173 Künſtliche Zuchtwahl 174; Künſtliche Kreuzung 182. Bezug fremden Samens.... 187 Samenwechſel und Samenhandel 188; Dauer der Keim⸗ fähigkeit 189. Zubereitung des Samens........ 100 Die Ausführung der Saat..... 190 Saatmethode 190; Tiefe der Unterbringung 192; Ausſaat⸗ quantum 193; Saatzeit 194. Die Pflege der Saaten..... 196 Eggen 196; Walzen 196; Schröpfen 196; Hacken 197; 3 Jäten 198. überſicht der ſchädlichen Püauzem und Tiere....... 199 Schädliche Pflanzen.... 199 Gewöhnliche Unkräuter....... 200 Wurzelſchmarotzer....... 202 Seite Paraſitiſche Pilze... 202 Mutterkorn 202; Brand 205; Roſt 209. Schädliche Tiere.. 212 Mäuſe 213; Schnecken 214; Wanderheuſchrecken 214; Enger⸗ linge 217; Drahtwurm 218; Erdraupen 218; Getreidelaufkäfer 219; Halmwespe 219; Heſſenfliege 220; Weizenmücke 222; Weizenälchen 223; Roggenälchen 225; Rübenrematode 226. Die Erntee... 228 1. Der Zeitpunkt der Ernte......... 228 2. Der Schniitt..... 230 Die Sichel........ 231 Die Senſe...... 231 Die Mähemaſchiie..... 232 1. mit Handablage. 233 2. mit Selbſtablage............. 335 3. Das Nachreifen..... 235 a. Die Theorie des Miachreiſene...235 b. Die Praxis des Nachreifens.. 240 Das Dreſchen, Reinigen und Aufbewahren des Getreides. 244 Das Dreſchen......... 246 Das Reinigen................ 247 Die Aufbewahrung... 250 Beſonderes..... 2294 A. Die Geireidearten des kälteren Klimas.... 254 Der Weizen... 254 überſicht der Weizenarten. 255 Der gemeine Weizen.. 259 Üüberſicht der zwſchtigeren) Barictäten und Sorten bes eizns 260 Der Spelz..... 270 Der Emmer... 273 Das Ginkocrddntntnt.... 273 Der Roggen. 2243 Üüberſicht der wichtigeren Sorten des Neagens.. 275 Die Gerſte..... 2478 überſicht der wichtigeren Gerſten⸗ Sortchr.... 282 Der Hafer... s e 288 düiberüict der wichtigeren Hafer⸗ Sorten.288 B. Die Getreidearten des wärmeren Klimas... 294 Der Mais.„ 295 überſicht der Varietäten und Gorten. 297 Die Hirſe. 301 Der Fenniieeee... 303 Irſter Abſchnitl. Einleitende Betrachtungen. 1. Was verſteht man unter Getreide? Nach dem Vorgange von Thaer, Koppe und Schwerz, den Kory⸗ phäen der deutſchen Landwirtſchaft, bringen wir die Geſamtheit der landwirtſchaftlichen Kulturpflanzen in folgende fünf Abteilungen: 1. Halmfrüchte. 2. Hülſenfrüchte. . Futtergewächſe. .Knollen⸗ und Wurzelgewächſe. Handelsgewächſe. 82 t AR Dieſe Einteilung entſpricht zwar den Anforderungen, welche man an ein wiſſenſchaftliches Syſtem ſtellt, inſofern nicht vollſtändig, als ſie nicht auf einheitlichen und gleichartigen Prinzipien beruht; dennoch iſt es die beſte, die es gibt, und es wird ſchwerlich gelingen, ſie durch eine andere zu erſetzen, welche ebenſo einfach, überſichtlich und umfaſſend iſt, wie die obige. überdies hat letztere den großen Vorzug, daß ſie einge⸗ bürgert und geſchichtlich begründet iſt. Man kann vom hiſtoriſchen Ge— ſichtspunkte aus mit Recht behaupten, daß ſich in der vorliegenden Ein⸗ teilung der Kulturpflanzen die ganze Entwicklung der mitteleuropäiſchen Landwirtſchaft wiederſpiegelt. Wenn uns nun die Aufgabe geſtellt iſt, eine Anleitung zum Ge⸗ kreideban zu ſchreiben, ſo müſſen wir zunächſt feſtſtellen, was unter Getreide zu verſtehen ſei. Dies iſt um ſo notwendiger, als der Begriff des Getreides bald enger, bald weiter gefaßt wird. Einige ver⸗ ſtehen nämlich unter Getreide ausſchließlich die Halmfrüchte. Andere rechnen die Hülſenfrüchte mit hinzu. Noch andere dehnen den Begriff des Getreides auch auf gewiſſe Handelsgewächſe aus. Manche gehen Getreidebau. 1 noch weiter, indem ſie ſämtliche Ackerbaupflanzen, welche Körner tragen, unter der Rubrik: Getreide zuſammenfaſſen. Wollen wir planmäßig und zielbewußt zu Werke gehen, ſo werden wir uns dieſer Verſchiedenheit der Anſichten gegenüber nicht mit der Redensart behelfen:„Die Wahrheit liegt in der Mitte“, noch weniger werden wir uns beliebig oder willkürlich für dieſe oder jene Anſicht ent— ſcheiden, ſondern wir werden es uns angelegen ſein laſſen, darüber ins Klare zu kommen, welche Anſicht die richtige oder wenigſtens die am meiſten berechtigte iſt, und dieſer Anſicht werden wir folgen. Wir berufen uns auch hier wieder auf unſere Lehrmeiſter. Schon Thaer hat ſich die Frage geſtellt, was unter Getreide zu verſtehen ſei, und er beantwortet dieſelbe in ſeinen„Grundſätzen der rationellen Land⸗ wirtſchaft“ klar und beſtimmt, wie folgt:„Im engeren Sinne des Worts werden unter Getreide nur die halmtragenden oder grasartigen Früchte verſtanden, die wir ihrer größeren und nahrhafteren Samenkörner wegen bauen. Andere begreifen zwar die ſämtlichen Früchte darunter, welche der nahrhaften Körner wegen hauptſächlich angebaut werden; da indeſſen jene eine ausgezeichnete Natur haben, worin ſie untereinander mehr als mit den übrigen übereinſtimmen, ſo eignen wir das Wort Getreide beſtimmter den grasartigen Kornfrüchten an, und begreifen die ſämt⸗ lichen Kornfrüchte beſſer unter dem Namen Korn oder Körner“. In völliger Übereinſtimmung hiermit ſagt Schwerz in ſeiner„Anleitung zum praktiſchen Ackerbau“:„Die Pflanzen, welche wir unter dem Namen Getreide bauen, gehören zu dem Geſchlechte der Gräſer“, und in der Überſicht der Kulturpflanzen ſtellt er die beiden Ausdrücke:„Halm⸗ früchte oder Getreide“ als gleichbedeutend neben einander. Ebenſo beſchränkt Koppe in ſeinem„Unterricht im Ackerbau und in der Viehzucht“ den Begriff des Getreides auf die Halmfrüchte oder Cerealien. Thaer, Schwerz und Koppe haben ſich hierbei dem herrſchenden Sprachgebrauch angeſchloſſen, und das ſcheint uns das Richtige zu ſein, denn in der Sprache offenbart uns ein Volk ſein Denken und ſeine Geſchichte. Hiernach verſtehen wir unter Getreide nichts anderes, als die Halmfrüchte. Wir haben es demgemäß ausſchließlich mit der erſten Gruppe der eingangs gegebenen Überſicht der Kulturpflanzen zu thun, und die Gewächſe der übrigen Gruppen fallen nicht in den Bereich unſerer Aufgabe. 2. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. Wenn der praktiſche Landwirt von Gras oder Gräſern redet, ſo denkt er dabei zunächſt an die Wieſen⸗ und Weidegräſer oder an die grasartigen Unkräuter, die auf den Feldern wachſen; es kommt ihm da⸗ gegen für gewöhnlich nicht in den Sinn, den Weizen, den Roggen und die ſonſtigen Getreidearten mit zu den Gräſern zu rechnen. Dieſe Anſchauung hat ihre Berechtigung; denn in der That iſt Getreide etwas anderes als Gras, und vom landwirtſchaftlichen Standpunkte aus betrachtet, iſt es ganz in der Ordnung, die Getreide⸗ arten den übrigen Gräſern als etwas Beſonderes gegenüberzuſtellen. Andererſeits iſt es für jeden, der ſein Gewerbe mit Einſicht und mit Verſtändnis betreiben will, unerläßlich, ſich auf einen allgemeineren Standpunkt zu erheben und ſich bewußt zu werden, daß die Getreide— arten mit den übrigen Gräſern zuſammen in eine und dieſelbe Pflanzen⸗ familie gehören. Wir haben daher kurz auseinanderzuſetzen, auf welchen Merkmalen, Eigenſchaften und Verhältniſſen a) die Zuſammengehörigkeit und b) die Gegenüberſtellung von Getreide und Gras beruht. a. Worauf beruht die Zuſammengehörigkeit von Getreide und Gras? 1. Wurzel.— Die Getreidearten ſtimmen hinſichtlich der Wurzel— bildung mit den übrigen Gräſern im weſentlichen überein. Eine Haupt⸗ oder Pfahlwurzel, wie wir ſie bei dem Raps, der Lupine, der Luzerne und anderen Gewächſen finden, kommt bei den Gräſern nicht vor. Die junge Graspflanze zeigt zwar häufig ein der Hauptwurzel entſprechendes Organ; dasſelbe iſt aber von untergeordneter Bedeutung, denn es wird ſehr bald von den aus dem Keimling und aus den unteren Knoten der Halme hervortretenden Seitenwurzeln im Wachstum überholt. Wir können daher kurz ſagen: Die Wurzel der Gräſer iſt eine Faſerwurzel. Letztere beſteht aus einer größeren oder geringeren Anzahl meiſt feiner und ſehr feiner fadenförmiger Gebilde, Faſern oder Zaſern ge— nannt, welche ſowohl in ſenkrechter, wie in wagerechter und ſchiefer Richtung, mannigfach verzweigt und gekrümmt, überwiegend in der oberen Schicht des Bodens ſich verbreiten. Jede Faſer iſt an der Spitze mit der Wurzelhaube bekleidet, welche ihr bei der Durchbohrung des B Bodens zum Schutze dient. Fig. 1 zeigt die Faſerwurzel des jährigen Riſpengraſes, Poa annua; Fig. 2 zum Vergleich dazu die Pfahlwurzel des gemeinen Löwenzahns, Taraxacum officinale. In Fig. 3 iſt die Wurzelhaube des engliſchen Raygraſes, Lolium perenne, dargeſtellt. Die Wurzel dient bei den Gräſern, wie bei den übrigen Gewächſen, Fig. 1. Faſerwurzel des jährigen Riſpen Fig. 2. Pfahlwurzel des gemeinen graſes, Poa annua. Löwenzahns, Taraxacum officinale. ⅛ der natürlichen Größe. der natuͤrlichen Größe. zur Befeſtigung der Pflanze und zur Aufnahme des Waſſers und der ſonſtigen Nahrung, welche der Boden liefert. Eine wichtige Rolle ſpielen hierbei die äußerſt feinen, mit bloßem Auge kaum ſichtbaren Wurzelhaare. Dieſelben treten jeweilen immer eine kleine Strecke hinter oder über der fortwachſenden Wurzelſpitze aus der Haut der Wurzel hervor, um eine Unzahl von ganz kurzen, etwa 2 mm langen Seitenzweigen zu bilden, die wie ein feiner und dichter Haarpelz an den Wurzelfaſern erſcheinen. Fig. 4 zeigt den Endteil einer Wurzelfaſer des gemeinen Weizens, Triticum vulgare, bei 15facher Vergrößerung. An der Spitze ſehen wir die Wurzelhaube wh, und etwa 3 mm(auf die natürliche Größe bezogen) von der Spitze entfernt beginnen die Wurzelhaare hh. Wir finden die Wurzelhaare nur an den jüngeren Wurzeln bezw. Wurzelteilen; an den älteren verſchwinden ſie. Sie ſind nicht mit einer Fig. 3. Wurzelhaube des engliſchen Raygraſes, Fig. 4. Endteil einer Wurzel Lolium perenne. Die äußeren Zellen werden des gemeinen Weizens, Tritieum fortwährend abgeſtoßen, indem ſich die Wurzel⸗ vulgare. w Wurzelkörper, wh haube von innen her verjüngt. Wurzelhaube, hh Wurzelhaare. Stark vergrößert.(Nach Nobbe.) Vergrößerung 15fach. Wurzelhaube geſchützt, vermögen aber wegen ihrer außerordentlichen Fein⸗ heit in die kleinſten Poren des Bodens hineinzudringen. Da die Wurzeln der Gräſer, wie der anderen Pflanzen, ſich in der Ackerkrume vorzugs⸗ weiſe befinden, ſo befinden ſich in ihr auch die meiſten Wurzelhaare. Ihre Funktion beſteht darin, Waſſer, Sauerſtoff und lösliche Mineral⸗ ſubſtanz aus dem feuchten und durchlüfteten Erdreich aufzuſaugen. Viele Thatſachen ſprechen dafür, daß wir die Wurzelhaare als die eigentlichen Saugorgane der Gräſerwurzel zu betrachten haben. 6 Da wir ſpäter noch einmal auf die Entwicklung und Bedeutung der Wurzel zurückzukommen haben, ſo gehen wir jetzt hierauf nicht näher ein. Dagegen iſt es am Platze, ſchon hier auf eine Verwechslung auf⸗ merkſam zu machen, die notwendigerweiſe vermieden werden muß. Es kommen nämlich im Boden außer den echten Wurzeln bei vielen Gräſern auch Scheinwurzeln vor. Wir meinen damit die dickeren, ſchnur- oder peitſchenförmigen Stränge, wie wir ſie z. B. bei der Quecke, Fig. 5. Gemeine oder kriechende Quecke, Triticum repens.— das Rhizom, an den Knoten mit Niederblättern b beſetzt, welche bei 1, wo der Queckenſtrang an das Licht tritt, in vollkommene Laubblätter übergehen. a Seitenäſte des Rhizoms; ww Wurzeln. der natüͤrlichen Größe. Triticum repens, beobachten. Dies ſind alſo keine Wurzeln, ſondern unterirdiſch hinkriechende Stengel oder Stämme, ſogenannte Rhizome. Den Beweis für die Richtigkeit dieſer Auffaſſung liefern die weißlichen, gelblichen oder bräunlichen ſchuppen⸗ oder ſcheidenförmigen Niederblätter, welche wir regelmäßig an jungen Rhizomen*), niemals aber an den **) An älteren Rhizomen vergehen die Niederblätter oft ganz; daß ſie aber auch hier urſprünglich vorhanden waren, beweiſen die Narben, die ſie zurücklaſſen. echten oder wahren Wurzeln bemerken. Auch fehlen an den Schein— wurzeln regelmäßig die Wurzelhaare. Ebenſo fehlt ihnen die Wurzel⸗ haube. Um im Boden vordringen zu können, ſind ſie mit einer harten Spitze ausgerüſtet, die z. B. bei der Quecke ſcharf iſt wie ein Dorn. In Fig. 5 iſt ein Stück einer Scheinwurzel der allbekannten Quecke dargeſtellt. Man ſieht die ſchuppenförmigen Niederblätter b, welche bei l!, wo der Queckenſtrang aus dem Boden heraus an das Licht tritt, zu vollkommenen Blättern werden. Man ſieht auch die echten Wurzeln w, welche viel dünner ſind als die Scheinwurzel. Die echten Wurzeln ent⸗ ſpringen nicht überall, ſondern nur an denjenigen Stellen, wo auch die Blätter ſitzen. Dieſe Stellen ſind die Knoten, welche an den unter⸗ irdiſchen Stengeln ebenſowohl vorkommen, wie an den oberirdiſchen Halmen, nur mit dem Unterſchied, daß an erſteren die Verdickung der Knoten fehlt. 2. Stengel.— Der Stengel wird bei dem Getreide, wie bei den übrigen Gräſern, gewöhnlich Halm genannt, wie ſchon die Ausdrücke: Grashalm, Strohhalm, Halmfrucht beſagen. Der Halm zeigt, äußerlich betrachtet, bei allen echten Gräſern eine Anzahl Knoten, an welchen die Blätter entſpringen. Im Innern iſt der Halm an den Knoten mit einer Querwand geſchloſſen. Die Halmſtücke zwiſchen den Knoten ſind bei den meiſten Gräſern hohl oder röhrenförmig, bei einigen dagegen, wie z. B. bei dem Mais, mit Mark gefüllt. Der knotige Halm iſt ein wichtiges Kennzeichen, denn wir können mittelſt desſelben die echten Gräſer, Süßgräſer oder Gramineen leicht und ſicher unterſcheiden von den Scheingräſern, Sauergräſern oder Cyperaceen(Binſen, Simſen, Seggen ꝛc.), deren Halm keine Knoten trägt. Der Name Süßgräſer, der alſo auch für die Getreidearten gilt, iſt inſofern bezeichnend und zutreffend, als der Halm derſelben, be— ſonders kurze Zeit vor und nach der Blüte, ſüß ſchmeckt. Namentlich zuckerreich ſind die Maisſtengel. Am meiſten ausgezeichnet aber iſt in dieſer Beziehung das Zuckerrohr, das ebenfalls zu den Gräſern und auch zu den Kulturgewächſen, aber nicht zu den Getreidearten gehört. Im allgemeinen hat der Halm der Gräſer den Zweck, die Blätter, Blüten und Früchte zu tragen; doch zeigen ſich in Bezug auf die Ver⸗ richtung, ſowie in Bezug auf die Zahl und Anordnung der Halme bei den verſchiedenen Grasarten erhebliche Verſchiedenheiten, die wir indeſſen erſt weiter unten näher betrachten werden, wenn wir auf die Gegen— überſtellung von Gras und Getreide zu ſprechen kommen. 3. Blatt.— Das Blatt der Gräſer beſteht aus zwei Hauptteilen, nämlich aus der Blattſcheide und der Blattſpreite. Die Blattſcheide iſt der untere Teil des Blattes, welcher den Halm röhrenförmig umgibt. Indeſſen iſt die Scheide nur bei einigen wenigen Gräſern, wie z. B. bei dem Knaulgras, wirklich geſchloſſen; bei den meiſten erſcheint ſie der Länge nach aufgeſchlitzt. Der Schlitz kommt dadurch zu ſtande, daß die beiden Ränder des Blattteiles, welcher die Scheide bildet, nicht miteinander verwachſen. Der Schlitz iſt bei manchen Gräſern ganz oder wenigſtens am oberen Ende deutlich geöffnet, bei anderen iſt er gedeckt, indem die Blattränder übereinandergreifen. Fig. 6. Das Halmſtück a des gemeinen Riſpen⸗ Fig. 7. Aufrichtung des hafers, Avena sativa, iſt aus der Blattſcheide s Halmes a durch den Blatt⸗ herausgezogen. b iſt das vollſtändige Blatt mit knoten k.(Zweizeilige allen ſeinen Teilen: k Blattknoten, s Blattſcheide, Gerſte, Hordeum disti- h Blatthäutchen, sp Blattſpreite. chum. , der natürlichen Größe. Da die Blattſcheide den Halm in der Regel feſt umſchließt, ſo verſtärkt ſie die Steifigkeit und Widerſtandsfähigkeit desſelben gegen Windbruch. Zugleich dient ſie der wachſenden Halmſpitze, namentlich auch der jungen Blüte, zum Schutze gegen Froſt ꝛc., indem die jungen Triebe innerhalb einer älteren Blattſcheide emporgeſchoben werden. Die Baſis der Blattſcheide bildet der Blattknoten. Man muß nämlich zwiſchen Blattknoten und Halmknoten unterſcheiden. Der Halm⸗ knoten iſt die Querwand, welche je zwei Glieder des Halmes von einander trennt. Der Blattknoten dagegen, den man gewöhnlich für den Halmknoten anſieht, iſt die ringförmige Verdickung an dem unterſten Teil der Blatt⸗ ſcheide. Daß ſich die Sache wirklich ſo verhält, davon kann man ſich leicht überzeugen. Wenn man nämlich den Halm unmittelbar unter dem Blattknoten durchſchneidet, ſo trifft man die Querwand, welche wir Halmknoten nennen. Macht man nun noch einen oder zwei dünne Querſchnitte, welche den unteren Rand des Blattknotens treffen, ſo kann man das ganze Blatt ſamt Scheide und Knoten von dem Halme ab⸗ ſtreifen. Fig. 6 zeigt ein Halmſtück a des Riſpenhafers, Avena sativa, welches aus der Scheide s herausgezogen iſt. b iſt das vollſtändige Blatt mit allen ſeinen Teilen. Man ſieht deutlich, daß der Blatt⸗ knoten k einen Teil des Blattes ausmacht. Der obere Teil des Halmknotens, der ſich im Innern des Blatt⸗ knotens befindet, iſt der wichtige Punkt, welcher die jungen Halmglieder, Blätter und Blüten emporſchiebt. Dieſer Punkt beſitzt zugleich die Fähigkeit, Seitenzweige zu treiben. Und da unmittelbar über dieſem Punkt, d. h. am Fuße des Halmgliedes, auch die Wurzeln hervortreten, welche bei aufrechtſtehenden Halmen jedoch nur an den unteren Gliedern zur Entwicklung gelangen, ſo können wir ſagen: Alle Neubildung von Organen ſtützt ſich auf den Halmknoten. Dementſprechend iſt gerade an dieſem Punkte des Grashalmes für eine ausgiebige Zufuhr von Verbrauchsmaterial geſorgt, indem die Ge— fäßbündelſtränge, welche zum Transport des Materials dienen, in dem Halmknoten ſich in ähnlicher Weiſe kreuzen, wie die Schienenſtränge auf einem Knotenpunkt verſchiedener Bahnlinien. Wegen der Kreuzung der vielen Gefäßbündelſtränge iſt der Halm an dem Knoten hart, feſt und ſolid. Aber unmittelbar über dem Knoten iſt er weich und ſchwach; hier bricht er am leichteſten ab. Deshalb trägt die Blattſcheide und namentlich der Blattknoten, welcher die ſchwache Stelle gleichſam wie ein übergeſchobener und am unteren Rande ange— löteter Ring umſchließt, ſehr weſentlich zur Feſtigkeit des Halmes bei. Die Natur hat hier ein Werk von wunderbarer Zweckmäßigkeit zu ſtande gebracht. Kein Künſtler vermag eine Säule herzuſtellen, welche ebenſo tragfähig und zugleich ebenſo biegſam und elaſtiſch wäre, wie ein Gras⸗ halm. Iſt ſchon der röhrige Halm ein Kunſtwerk von höchſter Voll⸗ kommenheit, ſo erregt namentlich die Art und Weiſe, wie die einzelnen Glieder des Halmes aufeinandergeſetzt und durch den Halm- und Blatt— knoten miteinander verbunden ſind, unſere Bewunderung. Die Natur hat auch dafür geſorgt, daß der Halm ſich aufrichten kann, wenn er in eine ſchiefe Stellung gezwängt oder durch übermäßige — 10 Gewalt(Wind ꝛc.) umgelegt worden iſt. Es bewirkt dies der Blatt⸗ knoten, indem derſelbe an der dem Erdboden zugewandten Seite ſtärker wächſt, als auf der entgegengeſetzten.(Fig. 7.) Die Kraft, welche der Blattknoten hierbei auszuüben vermag, iſt enorm. Denn nicht ſelten wird ein 1 m langes Halmſtück ſamt Ähre aus der wagerechten Lage am Boden durch die Krümmung des Blattknotens nach und nach in die ſenkrechte Stellung emporgehoben,„wobei die Laſt an einem ſehr langen, die Kraft an einem überaus kurzen Hebelarm wirkt“.*) Der zweite Hauptteil des Blattes iſt die Blattſpreite. Darunter verſteht man den oberen Teil des Blattes, welcher ſich im rechten oder Fig. 8. Ein Stuͤck Oberhaut von der Oberſeite des Hafer blattes(Avena orientalis) mit Spaltöffnungen aa, die zwiſchen den Blattnerven in parallelen Reihen angeordnet ſind. Vergrößerung 90 fach. ſpitzen Winkel von dem Halme abbiegt und bei den meiſten Gräſern flach, im Verhältnis zur Länge ſchmal und am Ende ſpitz iſt. Wenn der Land⸗ wirt von dem Blatt' einer Getreide⸗ oder Grasart redet, ſo meint er damit gewöhnlich die Blattſpreite’. Fig. 6 zeigt bei sp die Blattſpreite des Fahnenhafers, aber freilich nicht in natürlicher Stellung, denn bei älteren und längeren Blättern bildet die Blattſpreite einen Bogen, deſſen Spitze abwärts hängt. Während die Blattſcheide, wie wir geſehen haben, der Gras⸗ pflanze in erſter Linie mechaniſche und phyſikaliſche Dienſte leiſtet, hat die Blattſpreite hauptſächlich chemiſche Funktionen zu erfüllen. *) J. Sachs, Experimental⸗Phyſiologie, 1865, S. 98. Die Blattſpreite hat nämlich den Zweck, die Nahrung aus der Luft aufzunehmen und zu verarbeiten. Zu dieſem Zweck iſt ſie mit zweierlei Organen ausgerüſtet: 1. mit chlorophyllführenden Zellen und 2. mit Spaltöffnungen. Die chlorophyllführenden Zellen befinden ſich vorzugsweiſe an den Blattſpreiten. Es gibt ihrer aber auch an den anderen oberirdiſchen Teilen der Graspflanze: an den Blattſcheiden, an den Halmgliedern, an den Spelzen, welche die Früchte umhüllen, und an den Früchten ſelbſt, kurz, an allen grüngefärbten Teilen. Denn Chlorophyll iſt nichts anderes, als die griechiſche Üüberſetzung des deutſchen Wortes Blattgrün. An den grüngefärbten Teilen finden wir auch die Spaltöffnungen, jedoch nicht überall. Die Spaltöffnungen(Fig. 8) ſind mehr lokaliſiert, als die chlorophyllführenden Zellen. Als den Hauptſitz der erſteren haben wir bei den Gräſern die Ober⸗ und Unterſeite der Blattſpreiten zu bezeichnen. Die Mehrzahl der Spaltöffnungen und der chlorophyll⸗ führenden Zellen trifft alſo in den Blattſpreiten zuſammen. Hieraus erhellt, daß letzteren bei der Aufnahme und Verarbeitung der Luft⸗ nahrung die Hauptrolle zufällt. Mit der äußeren Luft dringt nun namentlich die Kohlenſäure in die Spaltöffnungen ein. Sie dringt von hier weiter ins Innere durch die engen, aber offenen Räume, welche ſich zwiſchen den Zellen befinden, und gelangt ſchließlich durch die allſeitig geſchloſſenen Zellwände in die chlorophyllführenden Zellen. Hier iſt die geheimnisvolle Werkſtätte, wo die Kohlenſäure zerlegt wird, indem der von der Sonne kommende Lichtſtrahl ſich in der Zelle fängt und die Elemente der Kohlenſäure aus ihrer Verbindung entfeſſelt. Der freigewordene Sauerſtoff entweicht als überflüſſig durch die Zell wände nach außen in die Luft. Der zurückbleibende Kohlenſtoff dagegen verbindet ſich auf rätſelhafte Weiſe mit dem in der Zelle vor⸗ handenen Waſſer direkt oder indirekt zu Stärke, Zucker, Fett oder ähn⸗ lichen Stoffen, welche von dem Orte ihrer Entſtehung in die übrigen Teile der Pflanze(Wurzeln, Früchte ꝛc.) transportiert werden, wo ſie teils als Verbrauchs⸗, teils als Reſervematerial dienen. Es ſteht feſt, daß das Stärkemehl, welches wir in reicher Menge in den Früchten der Gräſer angehäuft finden, aus den chlorophyllführenden Zellen, vorzugs⸗ weiſe der Blätter, ſtammt. Aus den chlorophyllführenden Zellen ſtammt auch der Kohlenſtoff, der zur Bildung der Proteinſtoffe(Eiweiß, Kleber ꝛc.) gehört; doch wiſſen wir noch nicht, wie und wo die durch die Wurzel aufgenommene Stickſtoffnahrung in organiſche Sub⸗ ſtanz umgewandelt wird, um mit dem Kohlenſtoff oder einer Kohlenſtoff⸗ verbindung zuſammenzutreten und die Proteinſtoffe zu bilden. Wir müſſen uns hier vorläufig mit dem Ausſpruch des Dichters tröſten: Ins Innere der Natur dringt kein erſchaffner Geiſt! Immerhin wiſſen wir ſo viel: 1. daß die Bildung der organiſchen Stoffe mit der Zerlegung der Kohlenſäure in den chlorophyllführenden Zellen ihren Anfang nimmt, und 2. daß die Kraft des Lichtſtrahls es iſt, welche die Kohlenſäure ſpaltet. Deshalb findet dieſer Prozeß aus⸗ ſchließlich während der Tagesſtunden ſtatt; er wiederholt ſich während dieſer Zeit fort und fort, und er verläuft um ſo lebhafter, je heller die Sonne ſcheint. Das äußere Kennzeichen desſelben iſt die Ausſcheidung von Sauerſtoff, welche man bei paſſenden Vorkehrungen direkt beob— achten kann. Der ganze Prozeß läuft im weſentlichen auf eine ſtetige Ver⸗ mehrung der organiſchen Subſtanz hinaus, und da derſelbe, wie wir ' Fig. 9. Ein Halmſtück h der zweizeiligen Gerſte, Hordeum distichum. An der Stelle, wo die Blattſcheide s in die Blattſpreite sp übergeht, befinden ſich die ſichelförmig geſtalteten Blattöhrchen oo. %⁄ der natuͤrlichen Größe. bereits hervorgehoben haben, hauptſächlich in den Blattſpreiten vor ſich geht, ſo erkennen wir den inneren Grund, weshalb eine Wieſe oder ein Saatfeld mit einem gelblichen und ſchmächtigen Blatt' einen traurigen Anblick gewährt, während ein dunkelgrünes und breites Blatt⸗ das Auge erfreut und die Hoffnung auf eine reiche Ernte erweckt.— An dem Blatt der Gräſer haben wir nun noch einige kleinen Teile zu beachten, die ſich an der Stelle befinden, wo die Blattſpreite ſich von der Blattſcheide abbiegt. Wir meinen das Blatthäutchen und die beiden Blattöhrchen. Das weiße, zuweilen auch rotgeſtreifte, und durchſcheinende Blatt⸗ häutchen iſt gewiſſermaßen eine kurze Verlängerung der inneren Ober⸗ haut der Blattſcheide nach oben hin. Fig. 6 zeigt bei h das Blatt⸗ häutchen des Riſpenhafers, welches wie ein Stehkragen aus der Blatt⸗ ſcheide hervorragt. Die Blattöhrchen vermitteln den Übergang der Blattſcheide in die Blattſpreite. Je nachdem man ſie von oben oder von unten betrachtet, erſcheinen ſie einerſeits wie eine Fortſetzung der Blattſpreite, andererſeits wie eine Fortſetzung der Blattſcheide. Die Blattnerven, welche aus der Blattſcheide in die Blattſpreite verlaufen, erleiden an den Blattöhrchen eine Krümmung nach außen. Werden die Blattöhrchen ſehr lang und ſichelförmig, ſo nimmt auch die Krümmung der Blattnerven eine ſichel— oder hakenförmige Geſtalt an. Fig. 9 zeigt bei o die Blattöhrchen der zweizeiligen Gerſte, Hordeum distichum. Dieſelben ſind hier ſo geſtellt, daß ſie einen ganzen und einen halben Schraubengang um die Achſe des Halmes bilden. Obgleich Blatthäutchen und Blattöhrchen nur kleine und unſchein⸗ bare Teile des Blattes ſind, ſo iſt es doch ſehr merkwürdig, daß ſie bei verſchiedenen Grasarten verſchieden geſtaltet, aber bei jeder ſpeziellen Art immer in derſelben Form und mit ſolcher Gleichmäßigkeit gebildet werden, daß man häufig an den in Rede ſtehenden Organen die Gras⸗ art mit Sicherheit erkennen und von anderen Arten unterſcheiden kann, ſo z. B. Gerſte von Hafer, und Roggen von Weizen. Die Blattöhrchen ſind nämlich bei der Gerſte und dem Weizen ſehr groß, bei dem Roggen klein, und bei dem Hafer fehlen die Sichelhaken gänzlich.(Vergleiche Fig. 6 und 9.) Schon aus dieſem Grunde werden wir dieſen Organen eine be⸗ ſtimmte Bedeutung und Funktion zuſchreiben. Wir wollen verſuchen, dieſelbe klar zu legen. Es iſt für die Gräſer offenbar von Vorteil, wenn der blüten⸗ und früchtetragende Halm zur Zeit ſeiner Entwicklung aufrecht erhalten wird. Dies beſorgen die Blattſcheiden, in welchen ſich die wachſenden zarten Halmglieder nebſt dem Blütenſtande emporſchieben. Jede Blatt⸗ ſcheide bildet nämlich eine Röhre. Dieſelbe wird am unteren Ende durch den ſtarken Blattknoten feſt zuſammengehalten. Sie muß aber, da ſie der Länge nach aufgeſchlitzt iſt, auch am oberen Ende mit einem Ver⸗ ſchluß verſehen ſein. Dieſen Verſchluß bewirken die Blattöhrchen, welche, als ein Ganzes aufgefaßt, einer elaſtiſchen Spiralfeder zu ver⸗ gleichen ſind. Zugleich bilden die Blattöhrchen das Gelenk für die Blattſpreite. Dieſer doppelte Zweck wird erreicht durch die ſichel⸗ oder hakenförmige Geſtalt der Blattnerven und durch die Verſtärkung des Mittelnervs auf der Unterſeite des Blattes. Wenn nun durch die Blattöhrchen das obere Ende der Blattſcheide zuſammengedrückt wird, ſo muß durch eine andere Einrichtung dafür ge⸗ ſorgt werden, daß die Spitze des jungen Blattes und namentlich auch diejenige des Blütenſtandes ſich trotz des Verſchluſſes ſicher emporſchieben 14 kann, ohne mit der Spreite des älteren Blattes in Kolliſion zu geraten. Dieſer Zweck wird erreicht durch das Blatthäutchen, welches eine Verlängerung der glatten und ſchlüpfrigen Innenhaut der Blattſcheide über die Verſchluß- und Gelenkſtelle hinaus darſtellt. 4. Blüte und Blütenſtand.— Bei den Gräſern gibt es hauptſäch lich zwei Formen des Blütenſtandes: die Ähre und die Riſpe Beide Formen finden wir bei den wildwachſenden Gräſern ebenſo⸗ wohl wie bei den Getreidearten, ſo daß uns alſo auch hier wieder die Zuſammengehörigkeit von Gras und Getreide entgegentritt. Einige Ve ſi mögen dies näher erläutern. r Blütenſtand iſt eine Ähre: 5 unter den Getreidearten bei Weizen, Roggen, Gerſte ꝛc. b) unter den Wieſengräſern bei der Wieſengerſte, bei dem eng⸗ liſchen und italieniſchen Raygras ꝛc. c) unter den Unkräutern bei der Mäuſegerſte, dem Taumellolch, der Quecke ꝛc. Der Blütenſtand iſt dagegen eine Riſpe a) unter den Getreidearten bei Hafer, Hirſe, Reis ꝛc. b) unter den Wieſengräſern bei dem Riſpengras, Knaulgras, franzöſiſchen Raygras ꝛc. c) unter den Unkräutern bei dem Flughafer, dem Windhalm, der Roggentreſpe ꝛc. Der Unterſchied zwiſchen den beiden erwähnten Formen des Blüten⸗ ſtandes beſteht darin, daß bei der Riſpe deutlich ſichtbare, längere und kürzere Seitenzwe ige von der Hauptachſe abgehen, während derartige Zweigs oder Äſte bei der Ä hre nicht vorhanden ſind. Hierzu iſt jedoch zu bemerken, daß die Riſpenäſte bei gewiſſen Gräſern verkürzt ſind und der Hauptachſe d dicht anliegen, wodurch der Blütenſtand, äußer rlich und oberflächlich betrachtet, der Ähre ähnlich wird Wir erhalten dann eine ährenförmige, fuchsſchwanzähnliche Riſpe, wie ſie unter den Getreidearten namentlich bei dem Fennich oder der ſogenannten Kolbenhirſe, Setaria italica, unter den Wieſengräſern z. B. bei dem Wieſenfuchsſchwanz und dem Timotheegras, und unter den Unkräutern z. B. bei dem Ackerfuchsſchwanz und bei den wildwachſenden Fennichgräſern, Setaria viridis, S. verticillata ꝛc. vorkommt. Bei einem einzigen Graſe, dem Mais, ſind zweierlei Formen des Blütenſtandes auf einem und demſelben Halme vereinigt. Halten wir uns an die äußere Erſcheinung des Blütenſtandes, wie ſie uns an dem Gipfel des Halmes entgegentritt, ſo können wir den Mais zu den Riſpengräſern rechnen. Es iſt das, von allem anderen abgeſehen, um ſo mehr erlaubt, als die herkömmliche Benennung und Einteilung der Gräſer nach der Form des Blütenſtandes überhaupt der tieferen und wiſſenſchaftlichen Begründung entbehrt, ſondern lediglich den praktiſchen Zweck hat, ſich unter der Menge der Gräſer möglichſt leicht zurecht— zufinden und ſich gegenſeitig zu verſtändigen.— Teils der Verſtändigung wegen, teils auch aus anderen Gründen müſſen wir uns nun auch die einzelnen Teile des Blütenſtandes näheranſehen. Eine Ahre Ein Ahrchen beſteht beſteht aus Ahrchen. aus Blütchen. Fig. 10. AÄhre des gemeinen Weizens, Triticum vulgare, im Zuſtande der Reife, mit Körnern gefüllt. %½ der natürlichen Größe. Wir nehmen eine Weizenähre zur Hand, welche bereits längere Zeit aus der Blattſcheide hervorgerückt, in allen äußeren Teilen voll⸗ kommen entwickelt und in den inneren Teilen ſo weit gediehen iſt, daß ſie jeden Augenblick aufblühen kann. Was finden wir an dieſer Ähre? Wir gehen anatomiſch oder zergliedernd zu Werke und ſchneiden, an dem unteren Teil der Ähre anfangend und Schritt vor Schritt etwa bis zur mittleren Höhe aufſteigend, mit Hilfe einer kleinen und ſpitzen Scheere alles das ab, was an der Ahrenſpindel ſitzt. Dabei werden wir finden, daß die Spindel deutlich gegliedert iſt, und daß die Teile, die wir abſchneiden, abwechſelnd an der rechten und linken Seite ſtehen, daß ſie alſo wechſelſtändig ſind. Von längeren Zweigen ſehen wir nichts; die betreffenden Teile ſitzen vielmehr auf ſo kurzen Stielen, daß wir die Scheere genau anlegen müſſen, um letztere zu treffen. Jedes der abgeſchnittenen Teile heißt ein Ährchen. Die Ähre des Weizens iſt alſo aus wechſelſtändigen, ſitzenden Ährchen zuſammen⸗ geſetzt.(Fig. 10 zeigt die ganze Ähre, Fig. 11 ein einzelnes Ährchen des gemeinen Weizens, aber nicht in dem Zuſtand vor der Blüte, ſondern nach der Reife, wo die Ährchen mit Körnern gefüllt ſind.) Fig. 11. Ein Ahrchen— es Fig. 12. Das in Fig. 11 dargeſtellte Ahrchen iſt das ſiebente an der Ahren⸗ in ſeine Teile zerlegt. ki und ka ſind die beiden ſpindel— von Keſſingland Klappen, bi, b, bz, ba, bz und ba ſind die ſechs Weizen(Triticum vulgare) Bluͤtchen des Ahrchens. Die vier unteren Bluͤtchen im Zuſtande der Reife. bi, bz, bz und b. ſind mit Körnern gefüllt, die % der natuͤrlichen Größe. beiden oberen Bluͤtchen bz und bo ſind leer(taub). Nun unterſuchen wir ein Ährchen, welches noch an der Ähren⸗ ſpindel feſtſitzt, genauer. Hatten wir bereits ſechs Ährchen abgeſchnitten, ſo haben wir das ſiebente vor uns. Wir finden außen an demſelben rechts und links je eine kahnförmige Klappſpelze. Das Ährchen des Weizens iſt alſo von zwei Klappſpelzen eingehüllt. Wir biegen die Klappſpelzen, die man auch kurzweg Klappen nennt, nach außen, überzeugen uns, daß ſie leer ſind, und daß auch inwendig am Grunde derſelben nichts zu ſehen iſt, brechen ſie ab und legen ſie, die eine links, die andere rechts, vor uns auf den Tiſch. Jetzt ſchneiden wir von dem Ährchen, deſſen Klappen wir fortge⸗ nommen haben, ein Teilchen nach dem anderen ab, indem wir wieder unten anfangen und bei jedem Schnitt ſorgfältig vermeiden, das Stielchen, auf dem das Ahrchen ſitzt, zu verletzen. Haben wir die abgetrennten Teilchen in der Ordnung, wie ſie links und rechts an dem Stielchen ſitzen, vor uns hingelegt, ſo können wir ſie bequem zählen und auf ihre Größe vergleichen. Dabei werden wir(außer den Klappen) im Ganzen drei, vier, fünf oder ſechs Teilchen erhalten, von denen die beiden unteren am größten ſind, während die folgenden der Reihe nach kleiner werden. Jedes dieſer drei, vier, fünf oder ſechs Teilchen heißt ein Blütchen. Das AÄhrchen des Weizens iſt demnach aus mehreren Blütchen zu⸗ E Fig. 13. Ein Blütchen des gemeinen Weizens, Triticum vulgare, unmittelbar vor dem Aufbluͤhen. Die äußere Blüten⸗ ſpelze iſt entfernt, die innere mit isp be⸗ zeichnet. a ſind die Staubbeutel oder Antheren, n die Griffel oder Narben, sch die Schuͤppchen oder lodiculae. Der Fruchtknoten iſt nicht ſichtbar. Vergrößerung 3fach. Fig. 14. Die weſſentlichen Teile der Blüte des Weizens, Triticum vulgare. p der Fruchtknoten, hinter ihm die beiden Schuͤppchen. st das Fruchtſtielchen. n die Narben. f die 3 Staubfäden, welche ſich nach dem Offnen des Bluͤtchens verlängert haben. a die Staubbeutel, die beiderſeits der Mittelwand je in einem Längsriſſe aufgeplatzt ſind, um den Bluͤtenſtaub zu entlaſſen. Vergrößerung 5fach. ſammengeſetzt.(Fig. 12 zeigt ein Ährchen, welches in die einzelnen Teile auseinandergelegt iſt. Die Klappen ſind mit k, die Blütchen mitb bezeichnet). Der Name Blütchen läßt uns ahnen, daß wir im Innern desſelben die eigentliche Blüte finden werden. Wir zerlegen daher ein gut entwickeltes, kräftiges Blütchen, ſagen wir b, mit Hilfe einer Nadel oder der Scheerenſpitze vorſichtig in ſeine Teile. Das Ergebnis iſt folgendes: 1. Das Blütchen beſteht aus zwei Blütenſpelzen, von denen die äußere derbere und kahnförmig geſtaltete mit ihren Rändern die innere zartere und flachere umfaßt. Getreidebau. 2 — — 18— 2. Tief am Grunde zwiſchen den beiden Blütenſpelzen, gut verſteckt und gut gedeckt, ſteht die eigentliche Blüte. Fig. 13 zeigt ein Blütchen. Die äußere Blütenſpelze iſt fortge⸗ genommen, die innere iſt mit isp bezeichnet. Die eigentliche Blüte(Fig. 14) beſteht erſtens aus dem Frucht⸗ knoten p, aus deſſen oberem Ende die beiden federförmigen Narben n. hervorragen. Zweitens aus den drei Staubfäden, deren jeder an der Spitze einen Staubbeutel a trägt. Drittens aus den beiden Schüppchen sch, die am Grunde des Fruchtknotens ſitzen. Der Fruchtknoten iſt der weibliche, die Staubfäden mit den Staubbeuteln ſind die männlichen Teile der Blüte, und da männliche und weibliche Teile in derſelben Blüte vereinigt ſind, ſo iſt die Blüte des Weizens, wie der meiſten Gräſer, eine Zwitterblüte.— Zur Orientierung unterſuchen wir auch noch die folgenden Blütchen ba, ba und ba(Fig. 12) und finden überall dieſelben Teile wie in bi. Bei der Zerlegung der oberſten Blütchen bs und bo werden wir jedoch enttäuſcht; die beiden Blütenſpelzen ſind zwar vorhanden, aber von einem Fruchtknoten oder von Staubbeuteln iſt nichts zu entdecken: dieſe Blütchen ſind taub. Trotz dieſer Enttäuſchung können wir mit dem Ergebnis unſerer Unterſuchung zufrieden ſein, denn wenn jedes Ährchen 4 Körner liefert und die ganze Ähre enthält z. B. 12 ſolcher Ährchen, ſo macht das ſchon 48 Körner; kommen dann beiläufig noch 5 Ährchen mit je 3, und 2 weitere Ährchen mit je 2 fruchtbaren Blütchen hinzu, ſo können wir 67 Körner aus einer Ähre erwarten. Hat die betreffende Weizenpflanze außerdem noch 2 ährentragende Halme mit beiläufig 32 bez ziehungsweiſe 21 fruchtbaren Blütchen, ſo kann der Ertrag 120 fältig werden.— Doch der Ertrag iſt jetzt Nebenſache; für jetzt iſt die Hauptſache, daß uns klar geworden, wie ſich die Ähre aus Ährchen und das Ährchen aus Blütchen zuſammenſetzt. Ähnlich wie bei dem Weizen iſt die Ähre bei anderen Gräſern ge⸗ baut, und auch die Riſpe enthält im weſentlichen dieſelben Teile. Kleine Abänderungen ſind damit nicht ausgeſchloſſen; dieſelben kommen indeſſen bei den wildwachſenden Gräſern ebenſogut vor, wie bei den Getreidearten. Der Unterſchied in der äußeren Erſcheinung der Blüten⸗ ſtände beruht hauptſächlich darauf, daß die Ährchen und Blütchen bei der Ähre ganz kurz geſtielt oder ſitzend, bei der Riſpe dagegen lang geſtielt ſind. Im Übrigen zeigt die Blüte und der Blütenſtand der Gräſer eine große Übereinſtimmung. Am meiſten abweichend von den übrigen Gräſern verhält ſich der Mais, bei welchem der riſpenförmige Blütenſtand an der Spitze des Halmes gewöhnlich nur männliche Blütenteile(Staubfäden und Staub⸗ beutel), die tiefer am Halme ſitzenden kolben⸗ oder keulenförmigen Blüten⸗ ſtände dagegen gewöhnlich nur weibliche Blütenteile(Fruchtknoten mit ſehr langen fadenförmigen Griffeln) enthalten. Von dieſer Eigentümlichkeit abgeſehen, iſt auch bei dem Mais die Blüte der Anlage nach ebenſo gebaut, wie bei den anderen Gräſern. Daß die Kolben von großen ſcheidenförmigen Blättern eingeſchloſſen ſind, iſt nebenſächlich, obwohl zum Schutze des weiblichen Blütenſtandes ſehr zweckmäßig. 5. Frucht.— Nach der Beſchaffenheit der Blüte, aus deren weib⸗ lichem Teile ſich nach der Beſtäubung die Frucht entwickelt, läßt ſich auch in der Fruchtbildung eine große Übereinſtimmung zwiſchen den Getreidearten und den übrigen Gräſern erwarten. Wir haben vornehmlich a) beſpelzte und b) nackte Früchte zu unterſcheiden. Beide Formen ſind ohne beſtimmte Wahl und Regel unter den Getreidearten wie unter den anderweitigen Gräſern vertreten; jedoch ſind durchgängig die nackten Früchte ſeltener, als die beſpelzten. a) Eine beſpelzte Frucht hat z. B. die Gerſte. Dreſchen wir Gerſte, ſo fallen die Körner nicht aus den Spelzen heraus, ſondern die Ähre zerbricht und die Körner bleiben von den beiden Blütenſpelzen feſt umſchloſſen. Beim Dreſchen bricht auch die lange Granne ab, welche die äußere Blütenſpelze der Gerſte an der Phise trägt. Eine beſpelzte Frucht hat auch der Spelz, wie ſchon ſein Name beſagt. Jedoch beſteht zwiſchen Spelz und Gerſte der Unterſchied, daß an der Spelzfrucht beim Dreſchen nicht allein die Blütenſpelzen, ſondern auch die Klappſpelzen(und überdies je ein Glied der Ährenſpindel) ſitzen bleiben; mit anderen Worten die Ähre des Spelzes zerfällt heim Dreſchen in ihre Ährchen. Ebenſo wie mit dem Spelz verhält es ſich mit Emmer und Einkorn, ſowie mit mehreren Wieſengräſern. Beſpelzte Früchte haben ferner: Hafer, Hirſe, gebauter und wilder Fennich, Reis, Kanariengras, Timotheegras, engliſches Raygras ꝛc. Bei dieſen Gräſern bleiben die Körner, ähnlich wie bei der Gerſte, von ee beiden Blütenſpelzen eingeſchloſſen; die Klappſpelzen dagegen ge⸗ langen beim Dreſchen in die Spreu oder ſie bleiben am Stroh. b) Eine nackte Frucht finden wir vornehmlich bei Roggen und Weizen. Bei dieſen Getreidearten fallen die Körner beim Dreſchen aus, indem ſowohl die Blütenſpelzen wie die Klappſpelzen am Stroh ſitzen bleiben. Auch bei Gerſte und Hafer gibt es Sorten mit nackten Früchten. Ebenſo hat der Mais eine nackte(äußerſt ſelten eine beſpelzte) Frucht. Bei den wildwachſenden Gräſern kommen die wirklich nackten Früchte nur ſelten vor; wir ſagen, die wirklich nackten, weil man bei oberflächlicher Betrachtung meint, daß z. B. das Timotheegras eine 2* Æ 20— nackte Frucht beſitze, während ſie in Wirklichkeit gewöhnlich von den beiden dünnhäutigen und weißlichen Blütenſpelzen eingeſchloſſen iſt; letztere laſſen ſich bei dieſem Grasſamen allerdings leicht beſeitigen (z. B. durch Reiben zwiſchen den Fingern), und dann kommt die gelblich⸗ braune, nackte Frucht zum Vorſchein. Von den bekannteren Gräſern hat der nackte Hafer(Avena nuda) und das Zittergras von Natur eine nackte Frucht. b. Worauf beruht die Gegenüberſtellung von Getreide und Gras? Nachdem wir in vorſtehendem die Graspflanze von der Wurzel bis zur Frucht betrachtet und wiederholt auf die Zuſammengehörigkeit der Getreidearten mit den übrigen Gräſern hingewieſen haben, wollen wir jetzt die Frage erörtern, worauf die Gegenüberſtellung von Gras und Getreide beruht.— In der Mehrzahl der Fälle treibt die Graspflanze nicht blos einen einzigen, ſondern mehrere Halme aus dem Wurzelſtock. Man ſpricht daher von Beſtockung. Die Beſtockung läuft im Reſultat immer auf eine Vermehrung oder Vervielfältigung der Halme, in letzter Linie auf die Erhaltung der Pflanze hinaus; aber die verſchiedenen Grasarten erreichen dieſes Ziel auf verſchiedenen Wegen, mit anderen Worten, die äußere Erſcheinung der Beſtockung iſt nicht immer dieſelbe. Wir können folgende Arten der Beſtockung unterſcheiden. a. Beſtockung durch unterirdiſche Ausläufer.— Erſtens hat die bereits erwähnte Rhizombildung ihren Anteil an der Beſtockung, indem ein Mutterſtock unterirdiſche Ausläufer(Rhizome, Schein⸗ wurzeln) ausſendet, welche befähigt ſind, an jedem Knoten einen Tochter⸗ ſtock mit Wurzeln, Halmen, Blättern und Blüten zu entwickeln. In Wirklichkeit pflegt dieſe Entwicklung allerdings nur an einem Teil der Knoten einzutreten. Da jeder Tochterſtock dasſelbe Spiel wiederholt, ſo kann von einem Punkte aus im Laufe der Zeit eine große Fläche mit Pflanzen beſetzt— beſtockt— werden. Dieſe Art der Beſtockung kommt, wie bei der Quecke, ſo auch bei vielen anderen Gräſern vor, was wir weiter unten mit einer Reihe von Beiſpielen zu belegen gedenken. b. Beſtockung durch oberirdiſche Ausläufer oder durch kriechende, wurzelnde und aufſteigende Halme.— Zweitens gibt es bei den Gräſern oberirdiſche Ausläufer, welche, dicht über dem Boden hinkriechend, ſich ebenſo wie die Rhizome an jedem Knoten zu bewurzeln und zu beſtocken vermögen. Zuweilen werden dieſe Ausläufer über 5 m lang, meiſt bleiben ſie kürzer. Wo ſich die Pflanze un⸗ geſtört entwickeln kann, ſenden die am Boden liegenden Schößlinge all— jährlich eine Anzahl blühender Halme empor, welche nach der Fruchtreife abſterben; daneben bleiben andere im unentwickelten Zuſtande in Reſerve für das folgende Jahr. Zugleich ſenden die alten Ausläufer immer⸗ während neue nach den Seiten aus, ſo daß auch auf dieſem Wege im Laufe der Zeit von einer einzigen Mutterpflanze aus eine große Fläche beſtockt werden kann. Stirbt der Hauptſtock der Mutterpflanze ſchließ⸗ lich ab, ſo iſt durch die zahlreichen jungen Stöcke, die an den Ausläufern entſtehen, für die Erhaltung und Verbreitung der Pflanze geſorgt. Die Neubegründung von Kolonien übernimmt der Same, der bei den hier⸗ hergehörenden Gräſern meiſt ſehr fein und leicht iſt, ſo daß er durch den Wind verweht werden kann. Beiſpiele folgen weiter unten. c. Beſtockung durch Horſtbildung.— Drittens gibt es eine Reihe von Gräſern, welche keine deutlich ſichtbaren Ausläufer treiben, ſondern die Beſtockung auf die Weiſe zu ſtande bringen, daß ſie jeweilen aus den unteren Knoten der zuerſt gebildeten Halme neue Seitentriebe entwickeln, welch' letztere ſich nicht auf größere Entfernung ſeitlich ver— breiten, ſondern alsbald in die Richtung nach aufwärts einbiegen. Das Reſultat iſt die Bildung eines Horſtes. In bezug auf die Zeit der Entwicklung ſind bei dieſer Art der Beſtockung zwei bemerkenswerte Unterſchiede zu verzeichnen. Entweder kommen nämlich 1., alle Halme der Pflanze ſogleich im erſten Jahre zur Entwicklung und nach der Fruchtreife zum Abſterben; dann haben wir es mit einem einjährigen Graſe zu thun. Fällt die Ausſaat in den Herbſt und die Fruchtreife in den nächſten Sommer, ſo iſt das Gras gleichfalls einjährig. Oder aber 2., ein Teil der Halme bleibt am Ende des erſten, des zweiten, des dritten Jahres u. ſ. f. im unentwickel⸗ ten, jedoch lebensfähigen Zuſtande, um jeweilen erſt im folgenden Jahre zur Fruchtreife und zum Abſterben zu gelangen; in dieſem Falle iſt das Gras mehrjährig oder ausdauernd. Die Abteilung der horſtbildenden Gräſer geht alſo in ein⸗ jährige und ausdauernde Gräſer auseinander, während die unter a) und b) erwähnten ausläufertreibenden Gräſer ſämtlich aus⸗ dauernd ſind. Bei der vorſtehenden Betrachtung haben wir der Übefſichtlichkeit wegen die verſchiedenen Arten der Beſtockung ſcharf auseinandergehalten. Es iſt aber zur Ergänzung und Erläuterung hinzuzufügen, daß die Natur keine ſcharfen Grenzen zieht, ſondern zwiſchen den deutlicher verſchiedenen Erſcheinungsformen ſtets durch übergänge vermittelt. So gehen z. B. die unterirdiſchen in oberirdiſche Ausläufer über, oder beide Arten von Aus⸗ läufern kommen bei einem und demſelben Graſe vor; und auch zwiſchen den horſtbildenden und ausläufertreibenden Gräſern finden ſich Zwiſchen⸗ — 22— formen mit kurzen oder ganz kurzen Ausläufern. Ebenſo iſt die Grenze zwiſchen den einjährigen und ausdauernden Gräſern keine ſcharfe, indem manche einjährige Gräſer die Zeit ihrer Entwicklung über ein Jahr ver⸗ längern, und manche ausdauernde Gräſer unter Umſtänden, namentlich wenn ſie reife Früchte tragen, nur zwei Jahre aushalten u. ſ. w. Es iſt gut, ſich gelegentlich an dieſe Übergänge und Abänderungen zu er⸗ innern; aber ebenſo notwendig iſt es, ſie bei ſeite zu laſſen, wenn man ſich unter der Mannigfaltigkeit der Erſcheinungsformen zurecht finden will. Was nun die Getreidearten betrifft, ſo wird die Stellung, welche ſie in der Geſamtheit der Gräſer einnehmen, am deutlichſten entgegentreten, wenn wir hier eine überſichtliche Gruppierung von den⸗ jenigen nützlichen und ſchädlichen Arten folgen laſſen, mit welchen es der Landwirt in Deutſchland und den benachbarten Ländern vornehm⸗ lich zu thun hat. Als Prinzip der Gruppierung wählen wir im An⸗ ſchluß an die vorhergehenden Erörterungen die Beſtockung und die Lebensdauer der Gräſer und nicht etwa ihre natürliche Verwandtſchaft. Lebensdauer und Beſtockung ſtehen in inniger Beziehung zu einander, und es wird ſich gleich zeigen, daß wir auf dieſem Wege der Löſung der Frage näher kommen, worauf die Gegenüberſtellung von Gras und Getreide beruht, während eine Unterſuchung über die natürliche Ver⸗ wandtſchaft der Gräſer vielleicht auch zu einem Ziele geführt habe würde, aber nicht zu demjenigen, welches uns jetzt vorſchwebt.. Gruppierung der Gräſer nach ihrer Beſtockung und Lebensdauer. A. Ausläufertreibende Gräſer. a. Ausdauernde Gräſer mit unterirdiſchen Ausläufern. Quecke, Triticum repens Wuchernder Hundszahn, Cynodon Dactylon Ackerunkräuter. Schnürgras, Avena elatior bulbosa Wieſenriſpengras, Poa pratensis Wieſenfuchsſchwanz, Alopecurus pratensis Roter Schwingel, Festuca rubra Wehrloſe Treſpe, Bromus inermis Anſehnliches Süßgras, Glyceria spectabilis Rohrartiges Glanzgras, Phalaris arundinacea Gemeines Rohr, Phragmites communis Sandrohr, Arundo arenaria— Sandhafer, Elymus arenarius(Deckgras für Flugſand). Wieſen⸗ und Weidegräſer. Streue⸗Gräſer. — 23 b. Ausdauernde Gräſer mit oberirdiſchen Ausläufern, mit kriechenden, wurzelnden und aufſteigenden Halmen. Fioringras, Agrostis stolonifera 1 Gemeines Riſpengras, Poa trivialis Wieſengräſer. Gemeines Riſpengras, Poa trivialis B. Horſtbildende Gräſer. a. Ausdauernde horſtbildende Gräſer. Timotheegras, Phleum pratense Knaulgras, Dactylis glomerata Engliſch Raygras, Lolium perenne Italieniſch Raygras, Lolium italicum Franzöſiſch Raygras, Avena elatior Wieſengerſte, Hordeum secalinum Schafſchwingel, Festuca ovina Wieſen⸗ und Wieſenſchwingel, Festuca pratensis Weidegräſer. Goldhafer, Avena flavescens Kammgras, Cynosurus cristatus Ruchgras, Anthoxanthum odoratum Aufrechte Treſpe, Bromus erectus Wolliges Honiggras, Holcus lanatus Raſenſchmiele, Aira caespitosa Bocksbart, Aira canescens(Deckgras für Flugſand). b. Einjährige horſtbildende Gräſer. Sommergetreide. Wintergetreide. Weiche Treſpe, Bromus mollis, Wieſenunkraut. Roggentreſpe, Bromus secalinus Taumellolch, Lolium temulentum Ackerfuchsſchwanz, Alopecurus agrestis Wildhafer, Avena strigosa Flughafer, Avena fatua Windhalm, Agrostis Spica venti Acker⸗ und Taube Treſpe, Bromus sterilis Garten⸗ Mäuſegerſte, Hordeum murinum Unkräuter. Hühnerhirſe, Panicum Crus galli- Bluthirſe, Digitaria sanguinalis Quirlblütiger Fennich, Setaria verticillata Fuchsroter Fennich, Setaria glauca Grüner Fennich, Setaria viridis — 24 Aus dieſer Üüberſicht ergeben ſich in bezug auf das Verhältnis der Getreidearten zu den übrigen Gräſern folgende wichtige Thatſachen. 1. Bei den Getreidegräſern kommen weder unterirdiſche noch ober⸗ irdiſche Seitenausläufer vor. 2. Unter den Getreidearten ſind keine ausdauernden Gräſer vertreten. . Vielmehr gehören die Getreidearten zu den horſt— bildenden einjährigen Gräſern.) Als ſolche ſind ſie am weiteſten getrennt von den Gräſern mit unter⸗ irdiſchen Ausläufern; etwas weniger weit, aber immer noch weit ſind ſie geſchieden von den Gräſern mit oberirdiſchen Ausläufern oder mit kriechenden, wurzelnden und aufſteigenden Halmen. Erheblich näher kommt ihnen die Geſamtheit der horſtbildenden Gräſer; unter dieſen ſtehen ihnen die ausdauernden ferner, als die einjährigen, mit welchen ſie, von dem angedeuteten Geſichtspunkt aus betrachtet, in einen engeren Kreis zuſammengehören. Wodurch dieſe eigentümliche Gruppierung zu ſtande kommt, wird uns ſofort klar, wenn wir uns die Pflanzen für einen Augenblick, ohne alle Beziehung zum Menſchen, als Lebeweſen denken, die zunächſt um ihrer ſelbſt willen da ſind. Wie alle Lebeweſen, ſo ſind auch die Pflanzen vergänglich, aber ſie erhalten ſich durch Wiedererzeugung oder Reproduktion ihrer ſelbſt, welche, im grunde genommen, in nichts anderem beſteht, als in einer fort und fort wiederholten Teilung des Körpers oder Organismus. Die äußere Erſcheinung dieſer Teilung oder, wie man gewöhnlich ſagt, der Fortpflanzung iſt bei der Unzahl von Gewächſen, welche die Erde hervorbringt, eine ſehr verſchiedene. Bleiben wir bei den Gräſern ſtehen, ſo haben wir hauptſächlich zwei Arten der Fortpflanzung aus⸗ einanderzuhalten: 1. Fortpflanzung durch Beſtockung. 2. Fortpflanzung durch Fruchtbildung. Beſtockung und Fruchtbildung ſind alſo die beiden Wege, auf welchen die Graspflanzen den Zweck der Fortexiſtenz erreichen. Nun muß die Pflanze, um Stocktriebe oder Früchte zu bilden, eine Arbeit leiſten, welche Stoff und Kraft erfordert. Die Kraft liefert die Sonne, indem ſie der Pflanze Licht und Wärme ſpendet; den Stoff liefern Erde, Luft und Waſſer; und die Pflanze vermag nichts anderes *) Auch das Wintergetreide iſt einjäͤhrig, denn ſeine Vegetationszeit, von der Ausſaat bis zur Ernte gerechnet, beträͤgt nur ausnahmsweiſe z. B. beim Johannisroggen uͤber 1 Jahr.— Es mag hier erwähnt ſein, daß man die Getreidearten künſtlich, durch ſorg⸗ fältige Verhinderung des Schoſſens, mehrere Jahre am Leben erhalten kann. Daß dies aber der Natur des Getreides zuwider und ohne praktiſchen Wert iſt, liegt auf der Hand. zu thun, als dieſe von außen kommenden Stoffe und Kräfte in ſich auf— zunehmen, auszunutzen und umzuſetzen, mit einem Worte, zu verarbeiten; vermehren kann ſie dieſelben nicht um das Geringſte, im Gegenteil, bei der Verarbeitung geht immer ein Teil derſelben ungenutzt verloren. Da nun Kraft und Stoff für einen beſtimmten Standort(Klima, Boden, Düngung) eine gegebene, begrenzte Größe ſind, ſo kann jede Pflanze in dem Zeitraum eines Jahres nur eine begrenzte Arbeit leiſten, und wenn ſie die Arbeit teilt, indem ſie einerſeits Stocktriebe andererſeits Früchte entwickelt, ſo kann zwar der Zweck der Fortexiſtenz möglicherweiſe mehr geſichert werden, aber es iſt klar, daß dieſe Arbeitsteilung notwendig eine Teilung oder Zerſplitterung von Kraft und Stoff in ſich ſchließt, während bei einer Konzentrierung der Arbeit— ſei es auf die Be⸗ ſtockung, ſei es auf die Fruchtbildung— durch die Zuſammenhaltung von Stoff und Kraft— in einer beſtimmten Richtung ſelbſtverſtändlich mehr geleiſtet wird. Hiernach können wir uns theoretiſch drei Fälle denken: 1. Bevorzugung der Beſtockung. 2. Gleichſtellung der Beſtockung und Fruchtbildung. 3. Bevorzugung der Fruchtbildung. Es läßt ſich leicht nachweiſen, daß dieſe drei Fälle in der That bei den Gräſern vorkommen. Wir halten ſie der Überſichtlichkeit wegen ſcharf auseinander, müſſen aber auch hier wieder daran erinnern, daß die Natur die Gegenſätze mildert und vermittelt. 1. Bei den ausläufertreibenden Gräſern wird die Beſtockung bevorzugt, allerdings mit größerer oder geringerer Entſchiedenheit. Bei einigen der hierher gehörenden Arten geht die Bevorzugung der Be⸗ ſtockung ſo weit, daß die Fruchtbildung ganz vernachläſſigt oder nur gelegentlich mit zur Fortpflanzung benutzt wird. Ein bekanntes Bei⸗ ſpiel hierfür iſt die Quecke, die ſich auf geeignetem Boden(auf humoſem Sande), ohne Samen hervorzubringen, Jahr aus Jahr ein erhält und lediglich durch die Erzeugung von unterirdiſchen Stocktrieben und ober⸗ irdiſchen Blättern ſo vorzüglich für ihre Fortexiſtenz ſorgt, daß alle Anſtrengungen des Landwirts, das läſtige Unkraut auszurotten, vergeblich ſind. So viel man auch herausſchaffen mag, es bleibt immer noch Samen genug im Boden. Das Wort„Samen“ kommt uns hier unwillkürlich in den Sinn. Warum? Weil die unterirdiſchen Ausläufer der Quecke in der That nichts anderes ſind, als ein Erſatz oder ein Aquivalent des Samens. 2. Bei einer zweiten Gruppe von Gräſern wird die Beſtockung und die Fruchtbildung ungefähr in gleichem Maße für die Fortpflanzung in Anſpruch genommen. Dies gilt für die ausdauernden horſt⸗ bildenden Gräſer, zu denen die Mehrzahl unſerer guten Wieſen⸗ und Weidegräſer gehört. Sie eignen ſich für die Zwecke der Futtergewinnung hauptſächlich deshalb, weil die Beſtockung, durch das Abſchneiden oder Abweiden noch mehr angeregt und befördert, bei ihnen eine große Menge von Halmen und Blättern hervorbringt. Sie ſind in der Produktion von Stocktrieben den einjährigen horſtbildenden Grüſern entſchieden überlegen, ſtehen ihnen aber in der Produktion von Früchten ebenſo ent⸗ ſchieden nach. Bei dem Knaulgras, einem ausdauernden horſt⸗ bildenden Graſe, habe ich z. B. am 24. September 1884 an einem ein⸗ zigen Stocke, der einige Zeit vorher dicht am Boden abgemäht worden war, ohne die Stoppeln, 152 größere und kleinere Triebe gezählt, die im folgenden Jahre ſämtlich zur Entwickelung und zur Nutzung gelangt und durch eine entſprechende Anzahl neuer Triebe erſetzt worden wären. Die höchſte Zahl von Trieben, die ich bei der Wintergerſte, einem ein⸗ jährigen horſtbildenden Graſe, bei einer am Rande des Feldes ſtehenden kräftigen Pflanze(am 6. Mai 1875) gefunden habe, betrug dagegen nur 41. Dabei war von letzteren die Mehrzahl ſo ſchwach, daß ſie bei der Ernte ſicherlich nicht von der Senſe gefaßt, wahrſcheinlich ſchon vorher ganz unterdrückt worden wäre. Die Zahlen 152 und 41 beziehen ſich auf zwei Pflanzen, die zwar beide günſtig ſituiert, aber unter natürlichen Verhältniſſen, ohne alle künſtlichen Vorkehrungen in demſelben Klima und auf ähnlichem Boden gewachſen waren. Das aus den Zahlen ſich ergebende Verhältnis 3:1 bis 4:1 iſt daher geeignet, die Überlegenheit der Wieſengräſer über die Getreidearten im Punkte der Beſtockung einigermaßen zu veranſchaulichen.“) Im geſchloſſenen Beſtande ſind bei kräftigen Wieſengräſern(Knaulgras, engliſchem, italieniſchem und franzöſiſchem Raygras ꝛc.) 30 und 40 Triebe an einer Pflanze etwas gewöhnliches. In unſeren Getreidefeldern findet man dagegen oft nur einen Halm am Stock, ſehr ſelten mehr als 15, und der Durchſchnitt wird die Zahl 5 wahrſcheinlich nicht erreichen. *) Die oben angefuͤhrten Zahlen 152 und 41 ſind keine Ertreme. Unter außer⸗ gewohnlichen Verhältniſſen beſtocken ſich ſowohl die Getreide⸗ wie die Wieſengräſer weit ſtärker, als dieſe Zahlen beſagen. Hierfür mögen folgende Beiſpiele zum Belege dienen. Am 1. April 1885 fand ich eine Pflanze von Winterweizen, an welcher ich 121 Stock⸗ triebe zäͤhlte. Das iſt eine enorme Zahl. Aber am 3. April desſelben Jahres fand ich eine Pflanze von franzöſiſchem Raygras(Avena elatior), welche 1215 Stocktriebe, alſo zehnmal ſo viel, als jene Weizenpflanze, beſaß. Das Zerlegen und Zäaͤhlen erforderte bei dieſem Stock gegen drei Stunden Arbeitszeit. Die beiden Zahlen 1215 und 121 können als vergleichbar angeſehen werden, denn ſie beziehen ſich auf zwei Pflanzen, welche ganz iſoliert auf gartenmäßig kultivierten Feldſtucken ſtanden, ohne abſichtlich an⸗ gebaut zu ſein. Wir fuͤgen ſie bei, um die Überlegenheit der Wieſengräſer gegenüber den Getreidegräſern im Punkte der Beſtockung darzuthun. — 2 7— Hierbei haben wir noch auf einen Punkt aufmerkſam zu machen, welcher in der Beſtockung der Getreidearten und der betreffenden Wieſen⸗ gräſer einen weſentlichen Unterſchied bedingt. Die Wieſengräſer— wir reden jetzt ſpeziell von den ausdauernden horſtbildenden Gräſern — entwickeln nämlich jedes Mal nur eine beſchränkte, verhältnismäßig kleine Anzahl von fruchttragenden Halmen; die Mehrzahl bleibt ſteril, um im zweiten Schnitt oder erſt im nächſten Jahre nachzuwachſen und zur Blüte und Fruchtbildung zu gelangen, ſofern der Menſch durch ſeinen Eingriff das Reifen der Früchte nicht verhindert. Bei den ein⸗ jährigen Gräſern— Getreidearten und Unkräutern— ſind dagegen alle Stocktriebe fruchttragend, mit Ausnahme der ſchwächlichen Nachzügler. Deshalb kann man bei frühzeitig geſäetem Wintergetreide ſchon im Herbſt tief verſteckt zwiſchen den Blattſcheiden, die Anlage der Ähren finden. eit anderen Worten heißt das: Die ausdauernden Gräſer ſorgen neben der Fruchtbildung fortwährend auch durch Reſervetriebe für ihre Fort⸗ exiſtenz, die einjährigen Gräſer verlaſſen ſich dagegen allein auf die Fruchtbildung. Bei letzteren hat die Bildung von Reſervetrieben für das folgende Jahr keinen Sinn. Die ganze Pflanze ſtirbt nach der Frucht⸗ reife ab; lebens⸗ und fortpflanzungsfähig bleibt nur der im Samenkorn ſchlummernde Keim. 3. Da alſo die einjährigen Gräſer, um den Zweck der Fortexiſtenz zu erreichen, ihre ganze Kraft— mit Ausſchluß natürlich desjenigen Teils, der zur Herſtellung und zum Betrieb der Arbeitsmaſchine(des Wurzel⸗, Stengel⸗ und Blattſyſtems) hergegeben oder geopfert werden muß— auf die Fruchtbildung verwenden, ſo können wir verſtehen, weshalb ſie in dieſer Richtung ganz bedeutend mehr leiſten, als die aus⸗ läufertreibenden und immerhin auch noch beträchtlich mehr, als die aus⸗ dauernden horſtbildenden Gräſer. In der That ſind die einjährigen Gräſer allgemein durch den Reichtum und, wenn man Vergleichbares mit einander vergleicht, auch durch die Größe der Früchte ausgezeichnet. Dies gilt für die grasartigen Unkräuter, die hierher gehören, ebenſowohl wie für die Getreidearten. Die weiche Treſpe, in unſerer überſicht das einzige einjährige Gras, welches auf den Wieſen vorkommt, ſteht im Fruchtertrage allen übrigen Wieſengräſern voran. Ebenſo liefert die einjährige Roggentreſpe, das bekannte Ackerunkraut, zu unſerem Verdruß eine große Menge von roggenähnlichen Früchten; hat man doch von ihr das Mährchen erdacht, daß der Roggen ſich in Treſpe umwandeln könne. Auch der Wildhafer, der Flughafer, die Bluthirſe, die Hühner— hirſe und die Fennicharten, ſämtlich einjährig, ſind ſruchtreiche Gräſer; manche von ihnen(die drei erſtgenannten) werden ja der Früchte wegen zuweilen angebaut. Ebenſo iſt der einjährige Ackerfuchsſchwanz frucht⸗ — 28— reicher, als der ausdauernde und ausläufertreibende Wieſenfuchsſchwanz. Ebenſo der einjährige Taumellolch fruchtreicher, als das ausdauernde engliſche Raygras. Ebenſo die einjährige Mäuſegerſte fruchtreicher, als die ausdauernde Wieſengerſte. Ebenſo der einjährige Windhalm frucht⸗ reicher, als das ausdauernde und ausläufertreibende Fioringras.— Ver⸗ gleicht man immer nur, wie es geboten iſt, die nahe verwandten Arten einer und derſelben Gattung miteinander, ſo kenne ich keine Ausnahme von der Regel, daß die einjährigen Gräſer in der Fruchtbildung, die ausdauernden dagegen in der Beſtockung überlegen ſind. Ganz darf freilich auch den einjährigen Gräſern die Fähigkeit zur Beſtockung nicht abhanden kommen, wenn ſie in dem Kampf ums Daſein nicht unterliegen wollen; denn wenn eine Pflanze überhaupt nur einen einzigen Halm hervorzubringen vermag, ſo hat ſie ihren Lebenszweck gänzlich verfehlt, ſobald der eine Halm vor der Fruchtreife verloren geht. Auch muß der Pflanze die Fähigkeit zur Beſtockung aus dem Grunde verbleiben, damit ſie, je nachdem der Standort mehr oder weniger günſtig iſt, eine größere oder geringere Anzahl von fruchttragenden Halmen erzeugen und in jedem Fall die Standortsbedingungen auf das Vorteilhafteſte aus⸗ nutzen kann. Andererſeits iſt für eine Pflanze, deren Fortexiſtenz von der Frucht⸗ bildung abhängt, die Neigung zu allzu reichlicher Beſtockung offenbar vom Übel, denn unter ſonſt gleichen Umſtänden, d. h. bei Gleichheit des Standraumes, der Beleuchtung, der Wärme, der Feuchtigkeit ꝛc., führt Neigung zur Vielhalmigkeit— zur Verkümmerung, Neigung zur Ein— halmigkeit— zur Vervollkommnung der Früchte. Zur abſoluten Ein⸗ halmigkeit darf es nicht kommen, aber eine dem Standort angepaßte, mäßige Beſtockung bietet die größte Gewähr für eine genügende Zahl kräftig entwickelter Halme und Früchte. Dieſer Anforderung ent⸗ ſprechen die einjährigen Gräſer und unter ihnen namentlich die Ge⸗ treidearten. Die Getreidearten, welche von Natur ſämtlich einjährig und auch in den wenigen an die Überwinterung gewöhnten Spielarten nicht eigentlich zweijährig ſind, übertreffen im Fruchtreichtum alle übrigen Gräſer, und dies iſt der Grund, weshalb der Menſch ſie an ſich gefeſſelt und in Kultur genommen hat. Sie müſſen ſich ſchon im wildwachſenden Zu⸗ ſtande vor den übrigen Gräſern durch Reichtum und Wohlgeſchmack der Früchte ausgezeichnet haben, weil ſonſt nicht ſie, ſondern andere Gräſer zum Anbau gewählt worden wären. Die Auswahl wurde ſo lange fort⸗ geſetzt, bis auf der ganzen Erde keine fruchtreicheren Gräſer mehr zu finden waren. Die letzten waren die beſten, und die beſten hielt man feſt. Dieſe einfache Auswahl und die Verbreitung der wertvolleren Arten 29— —.. über alle Teile der Erde iſt die wichtigſte Leiſtung des Menſchen, ſie iſt wichtiger als die künſtliche Zuchtwahl. Der Fruchtreichtum erſtreckt ſich auf die Menge und auch auf die Größe der Früchte. Jedoch finden wir in der Korngröße ſehr beträcht⸗ liche Unterſchiede. Legen wir ein Maiskorn neben ein Hirſekorn, welch' ein Abſtand! Dieſer Abſtand war ſchon da, ehe der Menſch die Ge⸗ treidearten unter ſeine Obhut nahm; und es wird nie gelingen, das Hirſekorn zur Größe des Maiskorns zu treiben, wenn auch durch ſorg— fältige Kultur und Zuchtwahl bei der Hirſe ſo gut, wie bei den anderen Getreidearten, eine Vervollkommnung möglich iſt. Der Einwand, der Mais habe deswegen größere Körner, weil er längere Zeit hindurch den Einwirkungen der Kultur und Zuchtwahl ausgeſetzt geweſen, trifft nicht zu, denn der Mais gehört der neuen Welt an, deren Kultur jünger iſt, während die Hirſenarten(Panicum wie Setaria) in der alten Welt zu den älteſten Kulturpflanzen zählen. Noch viel winziger als das Hirſekorn iſt das Tefkorn, welches kaum die Größe des Timotheegrasſamens erreicht, indem 1520 Tefkörner nur ſo viel wiegen, wie ein kräftiges Maiskorn.*) Die Getreidearten ſind ein Geſchenk der Natur. Die Ver⸗ änderungen, die der Menſch mit ihnen vorgenommen hat, vollzogen ſich innerhalb der Art(Species), ſind überhaupt nicht ſo groß, wie man wähnt. Gerade die Gräſer und auch die Getreidearten ſind ſehr feſt in ihren botaniſchen Charakteren. Roggen bleibt Roggen und Weizen bleibt Weizen, wenn man ſie auch hundert oder tauſend Jahre auf dem⸗ ſelben Felde miteinander anbaut, von weniger nahe verwandten Arten gar nicht zu reden. Die Natur hat die Getreidegräſer einjährig und fruchtreich gezüchtet und damit für die menſchliche Ernährung und zugleich für die Fortpflanzung geſchickt gemacht. Durch die Kultur entſtand eine Menge von Spielarten, von denen die nutzbareren beibehalten, die weniger nutzbaren fallen gelaſſen wurden. Auch jetzt entſtehen noch immerwährend neue Abänderungen, gute wie ſchlechte, meiſt ohne, oft gegen den Wunſch und Willen des Menſchen; und die Aufgabe des Landwirts beſteht darin, unabläſſig die guten fortzuzüchten und die ſchlechten auszumerzen. Ohne dieſe fortwährende Zuchtwahl, fortwährend unterſtützt durch ange⸗ meſſene Ernährung und ſorgfältige Kultur, gehen die wertvollen Eigen— ſchaften bald zurück, wenn auch niemals ganz verloren. Inſofern iſt man berechtigt zu ſagen: Die Getreidearten ſind ein Erzeugnis der menſchlichen Kunſt. *) Nach einem Wägungsverſuch ging auf 1 g folgende Stückzahl an voll⸗ kommenen, auserleſenen Körnern: Mais. Weizen. Roggen. Hirſe. Fennich. Tef. 2 20 32 156 280 3040. 3 — 36 Den Urſprung des Ackerbaus, mit dem Urſprung der Getreidearten verknüpft, haben Sage und Dichtung mit einem geheimnisvollen Vorhang verhüllt. Zieht man den Vorhang fort, ſo ſieht man im dunklen Hinter⸗ grunde eine Schar Frauen, welche die Früchte der wildwachſenden Gräſer in Körbe einſammeln, während im Vordergrund eine jüngere Frau damit beſchäftigt iſt, in gleichmäßigen Entfernungen mit einem zugeſpitzten Stocke Löcher in die Erde zu ſtoßen, in welche ein Kind aus einem zierlich ge— flochtenen Strohkörbchen den Samen mit der Hand hineinwirft. Unter dem Bilde ſtehen in veralteter, ſchwer lesbarer Schrift die Worte: Ein Korn bringt viele in kurzer Zeit. 3. Aberſicht und Einteilung der Getreidearten. A. Die Getreidearten des kälteren Klimas. Frucht nackt oder beſpelzt, ſtets mit einer Längsfurche verſehen. Mehrere Würzelchen am Keimling. Weizen, Triticum vulgare. T. turgidum. T. durum. T. polonicum. Spelz, Triticum Spelta. Emmer, Triticum amyleum. Einkorn, Triticum monococcum. Roggen, Secale cereale. Gerſte, Hordeum distichum. H. vulgare. H. hexastichum. Hafer, Avena sativa. A. oxrientalis. B. Die Getreidearten des wärmeren Klimas. Frucht nackt oder beſpelzt, ſtets ohne Längsfurche. Nur ein Würzelchen am Keimling. Reis, Oryza sativa. Mais, LZea Mays. Durra, Sorghum vulgare. S. saccharatum. Dochen, Penicillaria spicata. Korakan oder Daguſcha, Eleusine coracana. Tef, Eragrostis abessinica. Hirſe, Panicum miliaceum. P. frumentaceum. Fennich, Setaria italica. S. germanica. Kanariengras, Phalaris canariensis. 4. Die Künſtliche Verbreitung und die wirtſchaftliche Bedeutung der Getreidearten. Wie aus der vorliegenden Überſicht zu entnehmen, hat der Menſch von den zahlloſen Grasarten, welche dem Schoße der Erde entſpringen, nur einige wenige in die Reihe der Getreidearten aufgenommen. Laſſen wir diejenigen bei ſeite, welche nur eine untergeordnete Rolle ſpielen, ſo beſchränkt ſich ihre Zahl etwa auf ein Dutzend. Und welch' unermeßliche Bedeutung haben dieſe zehn oder zwölf Pflanzenſpezies für den menſchlichen Haushalt, da ſie vielen Millionen Menſchen die Mittel zur Exiſtenz liefern und das Wohl und Wehe der ziviliſierten Be⸗ völkerung in allen Teilen der Erde, wenn auch nicht ausſchließlich, ſo doch ſehr weſentlich mit beſtimmen! überall ſind ſie dem Menſchen ge— folgt, wohin er ſich wandte; nur das Klima ſetzte eine Grenze, ſo zwar, daß am Nordpol wie am Südpol ein Bezirk gänzlich ausgeſchloſſen blieb, während innerhalb der niederen Breiten eine geſetzmäßige Verteilung der Arten in der Richtung vom Aequator beiderſeits nach den Polen hin erfolgte. Dieſe Verhältniſſe hat Oswald Heer in einem Vortrage, den er„über Vaterland und Verbreitung der wichtigſten Nahrungspflanzen“ im Jahre 1847 in Zürich hielt, ſo vortrefflich geſchildert, daß wir nichts beſſeres thun können, als ſeine Worte mit einigen unerheblichen Ab⸗ änderungen hier wiederzugeben. „Im hohen Norden erſtirbt alles Leben in Eis und Schnee und ebenſo auch am ſüdlichen Pole. Zuerſt beginnt es mit unanſehnlichen, an der Erde hinkriechenden Gewächſen. Dort treiben ſich kleine Jäger⸗ und Nomadenhorden umher, faſt nur von den Tieren des Waſſers, zum Teil aber auch von den armſeligſten Pflanzen(Flechten) ſich nährend. So die Eskimos und die nordaſiatiſchen Nomaden. Dann kommt(in Lappland beim 70° n. Br., am weißen Meer zwiſchen 67°0 und 68⁰) ein Streifen Landes, auf welchem als erſte Kulturpflanzen die Kartoffel und die Gerſte erſcheinen, welch' letztere durch ihre kärglichen Ernten den Bewohnern jenes Landes das Mehl zur Brotbereitung liefert. Etwa drei Grad ſüdlicher beginnen der Roggen und der Hafer, welche eine breite Zone der Kultur eingenommen haben. Im nördlichen Teile von Rußland, in Schweden, Norwegen, Dänemark und auch im nördlichen Deutſchland iſt der Roggen das vorherrſchende Getreide und Roggenbrot die gewöhnliche Nahrung. Im ſüdlichen Deutſchland und in der Schweiz tritt er ſchon mehr in den Hintergrund; jenſeits der — 22— Alpen wird er nicht mehr auf Körner gebaut, ſondern nur noch auf Stroh, indem die feinen italieniſchen Strohhüte daraus gefertigt werden.*) Den Roggen löſt der Weizen ab. Zwar ſchon im mittleren Schweden(bei 62⁰ n. Br.) und Norwegen(bei 64 n. Br.), wie bei St. Petersburg(60 ¼° n. Br.) auftretend und ſelbſt noch bei Jakuzk in Sibirien(62° n. Br.) in Kultur, wo der Boden nur etwa drei Fuß tief auftaut, tief unten aber immer gefroren bleibt, nimmt ſeine Kultur doch erſt weiter ſüdlich überhand, und liefert, mit dem Spelz, im ſüdlichen Deutſchland, in der Schweiz und ebenſo auch im ſüdlichen Europa das tägliche Brot. Ebenſo an den nordafrikaniſchen Küſten und in dem wärmeren, doch außertropiſchen Aſien. Der Spelz iſt in Schwaben und in der Oſtſchweiz vorzüglich in Kultur, der Weizen dagegen in den übrigen Ländern. Zwiſchen dem 46.—50.0 n. Br., je nach den Lagen verſchieden, iſt die nördliche Grenze des Maiſes in Europa, die er mit dem Weinbau teilt; doch erſt jenſeits der Alpen iſt dieſe Kultur dominierend, die für das ganze ſüdliche Europa, dann aber auch für einen großen Teil Aſiens von unermeßlicher Wichtigkeit geworden iſt. Noch wichtiger iſt indeſſen für das tropiſche Aſien der Reis. Er wird ſchon in Italien, in Piemont und im Römiſchen gebaut, doch im Verhältnis zu den übrigen Kulturen in geringem Umfang. In Indien dagegen und in China,**) wie auf den Sundainſeln iſt der Reis die vorherrſchende Kulturpflanze, welche der dortigen ſo dichten Bevölkerung vorzüglich zur Nahrung dient. Wir haben hier voraus die nördlichen Grenzen dieſer Mehlpflanzen im Auge gehabt, die ſüdlichen ſind weniger ſcharf. Die Gerſte geht von ihrer Nordgrenze bis zu den Tropen, und ſo auch die übrigen Ge⸗ treidearten; allein nach den ſüdlichen Ländern zu verlieren ſie immer mehr von ihrer Bedeutung, und werden ferner zu Winterkulturen. Während die Gerſte im hohen Norden eine Brotpflanze iſt, wird ſie ſchon in der Roggenzone zur Bierpflanze, und im Süden, wo der Wein das Bier verdrängt, faſt nur als Pferdefutter gebraucht; ſo ergeht es auch dem Hafer, der nur im Norden(in Schottland und Norwegen ſehr ausgedehnt) zur Brotbereitung benutzt wird. Die Weizenarten be⸗ haupten zwar ihren Rang, allein ſchon jenſeits der Alpen verlieren ſie *) Auch eine Spielart des gemeinen Weizens wird in Italien zur Flechtſtroh⸗ gewinnung angebaut. **) Zu den 5 Samenarten, welche in China bei der vom Kaiſer Schin⸗nong (2822 v. Chr.) angeordneten, alljährlich wiederkehrenden Feierlichkeit ausgeſäet werden, gehören Reis, Weizen, Hirſe und Fennich. Die fünfte iſt die Sojabohne. A. de Candolle, der Urſprung der Kulturpflanzen, überſetzt von E. Goeze, 1884, S. 449. — 33— großenteils die Bedeutung, die ſie im mittleren und nördlichen Europa haben. Schon in Oberitalien ißt das gemeine Volk vorherrſchend Po⸗ lenta.*) Und was jene Winterkulturen betrifft, ſo ſehen wir, daß ſchon in Griechenland der Weizen und die Gerſte im Spätherbſt ge— ſäet und mit Anfang Sommers geerntet werden. In AÄgypten und Pa⸗ läſtina iſt im März oder Anfang April die Ernte, und ebenſo verhält es ſich in Oberindien, wo im Sommer auf dem gleichen Boden die Ge— wächſe der Tropen gebaut werden.(Hiernach erklärt ſich die Gewöhnung gewiſſer Getreidearten an die Überwinterung auf ſehr einfache Weiſe.) In Afrika finden wir an den Nordküſten und auch in AÄgypten vor— herrſchend Mais und Mohrenhirſen(Durra und Dochen), dann aber auch Weizenarten angebaut; in Abeſſinien neben dieſen die Da⸗ guſcha und den Tef; im heißen Afrika ſind Mais und Reis nebſt der Mohrenhirſe die Hauptkulturen, während an der Südſpitze wieder unſere Cerealien folgen, die auch in Neuholland und Neuſeeland nach der Anſiedlung der Europäer eine neue Heimat gefunden haben. In Amerika ſind die ihm urſprünglich angehörenden Pflanzen, auch ſeit neue Menſchenraſſen dieſen Weltteil bewohnen, von höchſter Bedeu⸗ tung geblieben. Der Mais iſt, ſeiner ungeheuren Verbreitungsfähigkeit wegen, noch wichtiger als die Kartoffel, indem er hier von Kanada weg bis nach Patagonien hinunter kultiviert werden kann, unter den Tropen von dem Tiefland bis gegen 12,000 Fuß über's Meer hinauf.— Die eingewanderten Getreidearten folgen faſt genau denſelben Verbreitungs⸗ geſetzen, wie in Europa: in Kanada viel Gerſte, Hafer und Roggen, in den Vereinigten Staaten dieſe Gewächſe nebſt den Weizenarten, und im Süden, und zwar ſchon von Louiſiana an, der Reis, welcher gegenwärtig namentlich in Braſilien immer mehr ſich ausbreitet. Weiter im Süden verſchwindet dann der Reis wieder, und es treten ſucceſſive, nur in umgekehrter Ordnung, die europäiſchen Getreidearten auf. Bisher haben wir nur die horizontale Verbreitung im Auge gehabt. Verfolgen wir das Auftreten der Getreidearten vom Tieflande nach der Höhe, ſo finden wir aber dieſelbe Geſetzmäßigkeit wieder. In heißen Ländern zu unterſt die Tropengewächſe(Reis, Mais ꝛc.), dann weiter nach oben unſere Cerealien, erſt Weizenarten, dann Roggen, dann Hafer und Gerſte, als die Reihe derſelben beſchließend. Auch in den europäiſchen Gebirgsländern finden wir dieſe Reihenfolge. Gehen wir z. B. nach Graubünden, ſo begegnen uns dort in den tieferen Thal⸗ geländen der Mais und der Weizen, in höheren, ſo im Oberland und Unterengadin kommt der Roggen als vorherrſchendes Getreide, und *) Polenta iſt ein ſteifer Brei, bereitet aus Maismehl. Getreidebau. 00 2u Alles ißt da Roggenbrot; zuletzt endlich, ſo im Oberengadin und Rhein⸗ wald, die Gerſte.“—— Eine Staffel höher breiten ſich die Alpen aus, wo der Senn nach Nomadenart im Sommer ſeine Herden weidet, mit der Sonne höher und höher ſteigend, hinauf bis zu den einſamen Re⸗ gionen, wo alles Leben in Schnee und Eis erſtirbt— in den Alpen, wie im hohen Norden und am ſüdlichen Pole.— Die Geſetzmäßigkeit, welche wir in der Verbreitung der Getreide⸗ arten ausgeſprochen finden, iſt eine natürliche, durch das Klima be⸗ dingte. Die Verbreitung ſelbſt dagegen iſt eine künſtliche, weil ſie durch den Menſchen zu ſtande kam, welcher die Cerealien über ihren urſprünglichen Verbreitungsbezirk hinaus verpflanzte, und dadurch, daß er ſie im großen in Kultur nahm und aus einem Weltteil in den andern verſetzte, eine gewaltige Veränderung in der Flora ſowohl wie in den wirtſchaftlichen Verhältniſſen herbeiführte. Man erwäge nur, was die Verpflanzung des Maiſes,(der Kartoffel und des Tabaks) von Amerika nach Europa, und was umgekehrt die Verpflanzung des Weizens, des Roggens, der Gerſte und des Hafers von Europa nach Amerika auf den Betrieb der Landwirtſchaft, auf die Geſtal⸗ tung von Handel und Verkehr, auf die Zollpolitik, auf das Steuer⸗ weſen ac. ac. für einen tiefgreifenden Einfluß ausgeübt hat und noch immer ausübt! Es würde uns viel zu weit führen, wollten wir alle Fragen, die hiermit im Zuſammenhange ſtehen, auch nur einigermaßen gründlich und erſchöpfend behandeln. Ihre Erörterung gehört in eine„Anleitung zum Getreidebau“, welche die wirtſchaftliche Möglichkeit und Notwendig⸗ keit des Getreidebaues zur Vorausſetzung, und das Naturwiſſenſchaft⸗ liche und Techniſche desſelben zur Aufgabe hat, überhaupt nicht hinein. Deshalb berühren wir auch die Frage der Konkurrenz, welche für die Länder des weſtlichen Europas je länger, je mehr eine brennende wird, nur in aller Kürze,*) indem wir es für ausgemacht anſehen, daß dieſe Länder den Getreidebau trotz der Konkurrenz beibehalten müſſen, wenn die Landwirtſchaft als ganzes in ihnen nicht ſinken ſoll. Sie können den Getreidebau zu gunſten des Futterbaues und der anderen Kulturen, je nach der Gegend mehr oder weniger einſchränken, aber ganz aufgeben oder auch nur vernachläſſigen dürfen ſie ihn unter keinen Umſtänden. Sobald letzteres geſchieht, iſt der Verfall da. *) Wer die Frage der Konkurrenz eingehender verfolgen will, den verweiſen wir auf folgende Schriften: Conſt. Frantz, Die Weltpolitik, 1882, I. Abth. Lorenz von Stein, Die drei Fragen des Grundbeſitzes. 1881. Wie innig der Getreidebau mit dem Betriebe unſerer Landwirtſchaft verwachſen iſt, lehrt ein Blick auf die Schweiz. Dort ſind die natür⸗ lichen Bedingungen für den Futterbau in dem Grade gegeben, wie in keinem anderen Lande Europas, und doch kommt man jetzt, nachdem in den letzten Jahrzehnden der Getreidebau mehr und mehr dem Futterbau das Feld geräumt hat, zu der Einſicht, daß auch die Viehzucht(und ſelbſt der Rebbau) ohne Getreidebau nicht mit Vorteil betrieben werden kann, weil das Stroh für die Haltung der Tiere und für die Dünger⸗ produktion ꝛc. nicht zu entbehren und nicht zu erſetzen iſt. Dabei ge⸗ winnt die Schweiz auf ihren zahlreichen Riet⸗ und Moosflächen zwei Streuſurrogate, welche den benachbarten Ländern gänzlich fehlen oder wenigſtens nicht in gleichem Verhältnis zur Verfügung ſtehen; und über⸗ dies geſtattet die flüſſige Düngung, die ſchon aus Mangel an fließen⸗ dem Waſſer nicht überall durchführbar iſt, eine erhebliche Erſparung an Streumaterial. Überall, wo die Stallfütterung die eigentliche Stallmiſtbereitung bedingt, iſt das Stroh in der Wirtſchaft ebenſo unentbehrlich, wie im Hauſe das Brot. Die Wahrheit dieſes Satzes erkennt man erſt recht, wenn das Stroh fehlt. Ein anderer alter Erfahrungsſatz lautet: Um den Strohbedarf in der Wirtſchaft zu decken, iſt im allgemeinen auf Mittelboden die Beſtellung der halben Gutsfläche mit Halmgewächſen erforderlich. Wie ſollte aber dieſer Bedarf an Stroh gedeckt werden, wenn wir kein Getreide mehr anbauen wollten? Angenommen alſo auch, wir könnten all' unſer Brot⸗ korn von auswärts beziehen, ſo müßten wir doch der Strohgewinnung wegen den Getreidebau beibehalten, und zwar, da wir im ganzen ge⸗ nommen eher Mangel als Überfluß an Stroh haben, etwa in derſelben Ausdehnung wie bisher. Natürlich würde der Getreidebau bei Bevor⸗ zugung der Strohproduktion noch viel weniger rentieren, als wenn, wie bisher, das Korn das Hauptprodukt, das Stroh dagegen nur das Neben⸗ produkt iſt. Am allerwenigſten können Deutſchland und Frankreich daran denken, den Getreidebau aufzugeben. Sie ſind durch Boden und Klima ſchlechterdings auf dieſe Kultur angewieſen, womit nicht geſagt ſein ſoll, daß andere Kulturen ausgeſchloſſen wären. Vielmehr iſt dieſen Ländern durch die natürlichen Bedingungen ein angemeſſenes, nach der Ortlichkeit wechſelndes Verhältnis zwiſchen Getreidebau, Futterbau, Hackfruchtbau, Handelsgewächsbau, Rebbau, Wieſenbau und Waldbau vorgeſchrieben; aber der Getreidebau bildet hier ein notwendiges Glied in der Kette, er muß, ſchon um die Vorteile des Fruchtwechſels nicht preiszugeben, nach wie vor ein Hauptzweig des Wirtſchaftsbetriebes bleiben. 3* Die Konkurrenz, an welcher außer Amerika auch Auſtralien und Rußland und neuerdings namentlich auch Indien beteiligt iſt,(und welche ſich nicht allein auf den Getreidebau, ſondern auch auf andere Betriebszweige, insbeſondere auch auf den Futterbau, beziehungsweiſe auf die Viehzucht erſtreckt)— hat ja immerhin das Gute, daß ſie den Preis der notwendigſten Nahrungsmittel auf mäßiger Höhe hält und daß ſie der Hungersnot vorbeugt, indem der Handelsverkehr den irgend⸗ wo vorhandenen Überfluß an Ackerbau⸗ und Viehzuchtprodukten ſofort dahin ſchafft, wo durch Mißwachs oder durch Zunahme der Bevölkerung ein Mangel eintritt. Die Induſtrieländer des weſtlichen Europas ſind zum Teil garnicht mehr im ſtande, auf dem eigenen Grund und Boden ſo viel Getreide zu produzieren, wie zur Ernährung der Bevölkerung notwendig iſt. Voraus gilt das für die Schweiz und für Belgien. Selbſt Italien, das kaum noch zu den Induſtrieländern gerechnet werden kann, produ⸗ ziert nicht ſo viel Getreide, wie es konſumiert. Deutſchland führte vor zehn Jahren noch Getreide aus, jetzt muß es jährlich ſchon 20 bis 30 Millionen Zentner einführen. Oſterreich⸗Ungarn führt in guten Jahren Getreide aus, in ſchlechten ein. In Frankreich genügt in ge⸗ wöhnlichen Jahren die eigene Produktion für den Bedarf des Landes. In guten Jahren kann es Getreide abgeben. Treten aber ſchlechte Ernten ein, ſo muß es den Ausfall durch Einfuhr decken; letztere betrug z. B. im Jahre 1879 gegen 20 Millionen Hektoliter, welche ihm von den Vereinigten Staaten geliefert wurden. England produziert nur noch die Hälfte ſeines Bedarfs; der Geldwert der jährlichen Einfuhr beträgt 32,100,000 Pfd. Sterling oder mehr als 600 Millionen Mark.*) Hieraus ergibt ſich erſtens, daß ein hoher Schutzzoll auf Getreide für die Länder des weſtlichen Europas bedenklich, und zweitens, daß der Getreidebau in dieſen Ländern keineswegs überflüſſig iſt. Andererſeits iſt es ſelbſtverſtändlich, daß die inländiſche Landwirt⸗ ſchaft zugrunde gehen muß, wenn die Preiſe für Brotkorn(und Fleiſch) durch die ausländiſche Konkurrenz unter die Poduktionskoſten herab⸗ gedrückt werden.“) *) Doz, die landw. Kriſis, überſ. v. J. Dreifuß, 1884. **) Der Generalſekretär des landwirtſchaftlichen Vereins für Bayern, Prof. May, hat auf Grund von Berechnungen in verſchiedenen Gegenden des Königreichs ermittelt, daß die Getreideproduktionskoſten ſich durchſchnittlich ſtellen wie folgt: für 1 Ztr. Weizen auf M. 7.82, für 1 Ztr. Roggen auf M. 7.80, für 1 Ztr. Gerſte auf M. 5.46, für 1 Ztr. Hafer auf M. 6.09. Hiermit werde, bemerkt Prof. May in der Zeitſchrift des landwirtſchaftlichen Vereins, die Thatſache konſtatiert, daß die gegenwärtigen niedrigen Preiſe für Weizen und Roggen zum Mindeſten auf das Niveau der Produktionskoſten geſunken ſind, und daß in Ermangelung erhöhter Getreidezölle namentlich die Weizen⸗ und Roggenproduktion, ſtatt entſprechenden Gewinn, erheblichen Verluſt zur folge haben muß. — 376— 9 eshalb erſcheint, ſo ſehr man im allgemeinen auch dem Freihandel Vort reden wird, ein mäßiger Schutzzoll auf Getreide(und Fleiſch), insbeſondere für Deutſchland und Frankreich als ein Gebot der Selbſterhaltung. Der Freihandel wäre nur dann praktiſch durch⸗ führbar, wenn alle Staaten der Welt ſämtliche Zölle, wenigſtens ſämt⸗ liche Schutzzölle aufheben würden, was vorausſichtlich ſo bald nicht ein⸗ treten wird. So lange Amerika unſeren Induſtrieprodukten durch hohe Schutzzölle die Einfuhr erſchwert, haben wir das Recht und die Pflicht, die landwirtſchaftlichen Produkte, für welche es Abſatz bei uns ſucht, gleichfalls mit Schutzzöllen zu belegen. Wenn wir damit die Intereſſen der Amerikaner an der empfindlichſten Stelle treffen, ſo dürfen wir hoffen, daß unſere Repreſſalien um ſo wirkſamer ſein werden. „Die Rückſichtsloſigkeit der Vereinigten Staaten gegenüber Europa ſtützt ſich lediglich auf die Meinung, ſie ſeien von letzterem vollkommen unabhängig und die Herren der Situation. Die Amerikaner glauben, die Möglichkeit der Erhaltung ihrer materiellen Wohlfahrt liege in möglichſt hermetiſchem Abſchluß ihres Landes gegen Europa, und jeder Zollbeamte meint, er begehe eine patriotiſche Handlung, wenn er durch ſeine Chikanen dem europäiſchen Induſtriellen den Import möglichſt erſchwert. Dieſer Glaube an die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten war bis zum Jahre 1877 richtig; durch die ſeitherige enorme Ausdehnung der Landwirtſchaft haben ſich aber die Verhältniſſe in den letzten Jahren gänzlich verändert. Im Jahre 1884 wird die amerikaniſche Weizenernte auf ca. 590 Millionen Buſhels geſchätzt, während der eigene Konſum blos ca. 300 Millionen Buſhels verlangt. Amerika hat für ſeine landwirtſchaftlichen Produkte keinen anderen Abſatzplatz, als die gleichen übervölkerten Induſtrie⸗ länder in Europa, deren Induſtrieerzeugniſſen es den Eingang wehren will. Die Landwirtſchaft iſt in Amerika der Zentralpunkt, welchen die ſämtlichen übrigen Intereſſen des Landes umkreiſen. Das geſamte Eiſenbahnweſen, die geſamte Induſtrie des Oſtens, der geſamte Binnen⸗ verkehr auf Flüſſen und Kanälen ſtützen ſich ausſchließlich auf die Land⸗ wirtſchaft, und ihr Pulsſchlag wird ſtärker oder ſchwächer mit der Quantität der Ernten und der Größe des Exportes nach Europa. Die Landwirtſchaft iſt mithin der verwundbare Punkt der Vereinigten Staaten. Wer die Kraft beſitzt, auf dieſen zu drücken, dem iſt die Macht gegeben, die amerikaniſche Regierung zu zwingen, die bisherige Poſition des ertremſten Egoismus aufzugeben und vernünftigen Vorſtellungen Gehör zu leihen. Bis zum Jahre 1877 hatte die induſtrielle Intereſſengruppe des Oſtens unbedingte Oberhand. Heute dürfte die Landwirtſchaft die Macht das G für die Diktatur beſitzen, wenn ſie es verſteht, ihre Kräfte zu vereinigen; die letzte Präſidentenwahl hat unbedingt ſehr viel zur Organiſation dieſer landwirtſchaftlichen Macht beigetragen“.*) Hiernach müſſen wir, wenn nicht bald ein Riegel vorgeſchoben wird, darauf gefaßt ſein, daß gerade in der nächſten Zukunft unſere Märkte von Amerika her mit landwirtſchaftlichen Produkten überſchwemmt werden. Deshalb halten wir einen mäßigen Schutzzoll für notwendig. „Auf Bereicherung der Landwirte, und namentlich der Grundbeſitzer, darf es dabei nicht abgeſehen ſein, denn das geſchähe zum Schaden der großen beſitzloſen Maſſen.**) Die Zölle ſollen nur dem immer weiteren und raſcheren Fortſchritt der Einfuhr entgegenwirken, indem ſie den Gewinn des auswärtigen Produzenten vermindern“(Frantz). In gewiſſem Sinne würde hiermit ſelbſt den auswärtigen Pro⸗ duzenten ein Dienſt geleiſtet. Denn„die ſtürmiſche Originalität des Handelns und Verfahrens“, auf welche der Amerikaner ſo ſtolz iſt, iſt mit einer geſunden und nachhaltigen Entwicklung unvereinbar. Die dortige Landwirtſchaft, welche die unſerige gegenwärtig zu erdrücken droht, iſt ein fabrikmäßiger Raubbau mit Dampfbetrieb. Je ſtürmiſcher und großartiger derſelbe betrieben wird, deſto ſchneller hat er ſein Ende erreicht. Einzelne Weizenkönige werden reich dabei, das Land wird arm. Der ganze Oſten iſt bereits ausgeraubt. Der Zug geht nach dem Weſten, wo das Geſchäft zur Zeit noch blüht; aber die Vorpoſten der Armee ſind bereits am Felſengebirge angelangt. **) Obige Sätze entnehmen wir einem Vortrag von Steiger⸗Mayer, einem ſchweizeriſchen Seideninduſtriellen, der die amerikaniſchen Verhältniſſe aus eigener An⸗ ſchauung bei Gelegenheit ſeiner Geſchäftsreiſen kennen gelernt hat. Neue Zürcher Zeitung vom 8. u. 9. Dezember 1884. **) Julius Kuͤhn hat in ſeiner Schrift: Die Getreidezölle in ihrer Bedeutung für den kleinen und mittleren Beſitz— die Schrift erſchien im März 1885, nachdem Obiges bereits geſchrieben war— den intereſſanten Nachweis geleiſtet, daß der größere und Großgrund⸗Beſitz noch nicht ganz der landwirtſchaftlich genutzten Fläche des deutſchen Reiches umfaßt, während dem mittleren und kleineren Beſitz(mit Guͤtern von 2— 100 ha Größe) zuſammen über 70% der Geſamtflaͤche zufallen; und daß der Betrag, der nach Deckung des eigenen Bedarfes von der geſamten Ernte der Halm⸗ und Huͤlſenfruͤchte zum Verkauf kommt, für den ein Areal uͤber 100 ha umfaſſenden größeren und Großgrundbeſitz 57,63%, für den mittleren Beſitz oder den der Großbauern, mit 20— 100 ha Fläche 51,1%, für den Beſitz der Mittelbauern mit 5— 20 ha rund 50%, und fuͤr den Kleinbeſitz mit 2—5 ha Fläche 34,05% durchſchnittlich aus⸗ macht. Im Südweſten Deutſchlands liefert ſogar die gleiche Fläche landwirtſchaftlich genutzten Bodens bei dem bäͤuerlichen Beſitz von 5— 20 ha ebenſo viel, ſelbſt eher noch etwas mehr Getreide auf den Markt, als ein fuͤr den Großgrundbeſitz des Nordoſtens typiſches Gut. Präziſer kann das völlig gleiche Intereſſe an der Zollerhöhung und die völlig gleiche Leiſtungsfähigkeit für Verſorgung des Getreidemarktes zwiſchen baͤuerlichem Grundbeſitz und Großgrundbeſitz nicht zum Ausdruck kommen! Die Fläche des jungfräulichen Bodens nimmt ebenſo rapide ab, wie die Zahl der Bevölkerung zunimmt. Es iſt ein Vorgang, wie auf dem Schild des Achilles, wo die Schnitter, in zwei Haufen geteilt, das Erntefeld von den entgegengeſetzten Seiten in Angriff nehmen; je eifriger ſie arbeiten, deſto ſchneller treffen ſie in der Mitte zuſammen. Die Zeit iſt abzuſehen, wo Amerika alle ſeine Ackerbau- und Viehzucht⸗ produkte ſelbſt braucht, wo es folglich an Europa nichts mehr ab— geben kann. Geht es ebenſo ſtürmiſch fort, wie in den letzten zehn Jahren, dann kann dieſer Zuſtand ſchon in einigen Jahrhunderten erreicht werden. Inzwiſchen könnte aber die weſteuropäiſche Landwirtſchaft ſamt der ganzen Kultur, welche ſich auf dieſelbe ſtützt, zugrunde gerichtet ſein; denn wenn der amerikaniſche Raubbau und Export auch nur 300 Jahre lang in gleicher Weiſe fortbetrieben werden könnte, wie es gegenwärtig geſchieht, ſo würde das genügen, um zugleich mit unſerer Landwirt— ſchaft auch unſere Induſtrie, unſeren Handel, unſere Kunſt und unſere Wiſſenſchaft, kurz, unſer ganzes Staats⸗ und Wirtſchaftsleben zu unter⸗ graben. Iſt es deshalb an der Zeit— ſo ſchrieben wir im Dezember 1884 — durch mäßige Schutzzölle dem Niedergang der weſteuropäiſchen Landwirtſchaft vorzubeugen, ſo dürfen wir uns doch nicht der Hoff⸗ nung hingeben, daß durch dieſe Maßregel die Kriſis, in der wir uns befinden, vollſtändig beſeitigt werden kann. Auch nach Erhöhung der Einfuhrzölle wird die Lage eine ſchwierige bleiben, weil die enorme Entwicklung des Verkehrs es unſeren Konkurrenten auch dann noch ermöglicht, die Produkte ihres fruchtbaren, billigen und, ſo zu ſagen, unbeſteuerten Bodens zu einem Preiſe auf unſere Märkte zu liefern, welchen die weniger gut ſituierten Grundbeſitzer und Pächter nicht auszuhalten im ſtande ſind. Dagegen kann die Erhöhung der Getreidezölle die Wirkung haben, daß diejenigen Landwirte, welche Arbeit und Kapital auf den preiswürdig erworbenen und mäßig belaſteten Grund und Boden in rationeller Weiſe verwenden, den Kampf der Konkurrenz beſtehen und nach wie vor Befriedigung und Freude in ihrem Berufe finden, ſofern ſie eingedenk des alten Spruches ſind: Im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brot eſſen. Zweiter Abſchnilt. Die Entwicklung der Gekreidepflanze. Um für den Anbau des Getreides die naturwiſſenſchaftliche Grund⸗ lage zu gewinnen, müſſen wir uns vor allem mit der Entwicklung der betreffenden Pflanzen bekannt machen. Da die vorliegende Schrift jedoch für eine beſtimmte Gegend, nämlich für das mittlere Europa, insbeſon⸗ dere für das Gebiet des deutſchen Reiches berechnet iſt, ſo ſchließen wir diejenigen Getreidearten, welche für dieſe Gegend keine Bedeutung haben, von der Betrachtung aus: Reis, Durra, Dochen, Korakan(Daguſcha), Tef. Das Kanariengras laſſen wir als untergeordnet hier ebenfalls bei ſeite; und Mais, Hirſe und Fennich berückſichtigen wir auch nur nebenbei, um unſeren Hauptgetreidearten: Weizen, Roggen, Gerſte und Hafer um ſo mehr Raum widmen zu können. Übrigens hat die Entwicklung der Getreidegräſer wegen der nahen Verwandtſchaft der Arten ſo viel übereinſtimmendes, daß bei der angedeuteten Beſchränkung und Auswahl des Stoffes doch alles weſentliche zur Sprache kommen kann. Die verſchiedenen Phaſen der Entwicklung: Keimen, Wachſen, Blühen, Reifen gehen allmählich und unmerklich in einander über, ſo daß man nirgends einen beſtimmten Anfang oder ein beſtimmtes Ende zu erkennen vermag. Selbſt mit der Fruchtreife gelangt die Entwicklung nicht zu einem definitiven Abſchluß, ſondern nur zu einem vorübergehenden Still⸗ ſtand; denn die gezeitigte Frucht enthält den Keim, welcher ebenſowohl ein Teil der alten wie der neuen Pflanze, ebenſowohl Anfang wie Ende und Mitte der Entwicklung iſt. Es iſt demnach ziemlich gleichgültig, ob wir mit dieſem oder mit jenem Entwicklungsſtadium beginnen. Wie wir bei einer Rundreiſe alle Stafionen berühren und immer wieder zu dem Ausgangspunkt zurückkehren, gleichviel ob wir in B oder in U oder in M einſteigen, ähnlich iſt es auch hier. Immerhin bietet das Erwachen aus der Samenruhe und die Regung des neuen Lebens, wie es mit der Keimung eintritt, einen natürlichen Ausgangspunkt. Demgemäß wollen wir der Betrachtung nachſtehende Einteilung zu grunde legen: 1. Die Keimung. 2. Die Bewurzelung. 3. Die Beſtockung. 4. Das Schoſſen. 5. Das Blühen. 6. Das Reifen. 1. Die Keimung. a. Der anatomiſche Bau der Getreidefrucht. Das Samenkorn der Getreidegräſer iſt eine Frucht. Die Frucht beſteht aus drei Hauptteilen. Dieſe ſind: der Keimling, der Mehl— körper und die Schale. Der Keimling iſt die junge Pflanze; der Fig. 15. Querſchnitt durch ein Weizenkorn(Triticum vulgare). r Ruͤcken⸗ ſeite, f Bauchſeite mit der Furche f.— m Mehlkörper, n Kleberſchicht; m und n zuſammen bilden das Endoſperm.— 1 luftführender Hohlraum. Vergrößerung 20 fach. Mehlkörper liefert der jungen Pflanze in der Periode der Keimung die Nahrung; und die Schale, welche bei den beſpelzten Früchten(Gerſte, Hafer ꝛc.) durch die Spelzen verſtärkt wird, dient dem Keimling und dem Mehlkörper zum Schutze. S Dieſe Andeutungen werden zur vorläufigen Orientierung genügen. Um einen Einblick in die Keimungsvorgänge zu erlangen, iſt es aber unerläßlich, die Frucht etwas näher zu betrachten. Dies wird am kürzeſten und deutlichſten an der Hand einiger Zeichnungen geſchehen. Fig. 15 zeigt den 20 fach vergrößerten Querſchnitt durch ein Weizen⸗ korn(Triticum vulgare). Das Korn iſt auf der Rückenſeite r ge⸗ wölbt, auf der entgegengeſetzten Bauchſeite mit einer Furche f verſehen. Den weitaus größten Teil des Kornes nimmt der Mehlkörper m ein, deſſen äußere peripheriſche Schicht von der Kleberſchichtn gebildet wird. Der Mehlkörper mit der zugehörigen Kleberſchicht heißt auch das Endo— ſperm. Ringsherum iſt das Endoſperm von der Schale p eingeſchloſſen, welche an der Furchenſeite tief in's Innere hineingeht, indem der Ein⸗ ſchnitt der Furche durch Vergrößerung des Mehlkörpers zugewachſen oder gewiſſermaßen überwallt iſt. Fig. 16 zeigt den 10fach vergrößerten Längsſchnitt durch ein Weizen⸗ korn. Der Schnitt iſt durch die Furche geführt; er halbiert das Korn der Länge nach genau in der Mitte. m iſt der Mehlkörper mit der Kleberſchicht n; p iſt die Schale. Die Schale bedeckt auch den Keim⸗ ling k, der ſich an der Rückenſeite der Frucht, und zwar an dem unteren ſpitzen Ende derſelben befindet. Bei x, wo die Spitze des Keimlings anliegt, zeigt die Schale eine ſcharfe Einbiegung. In Fig. 17 iſt der Keimling(Embryo) des Weizens gleichfalls im Längsſchnitt, jedoch bei ſtärkerer Vergrößerung vollſtändiger dargeſtellt. Man ſieht am unteren Ende die Wurzel w mit der Wurzelhaube wh, beide eingeſchloſſen von der großen Wurzelſcheide ws. Am oberen Ende ſitzt die aus mehreren Blättern beſtehende Knoſpe a, welche ſich nach der Keimung zum Graskeim und weiterhin zum Halm entwickelt. Sämt⸗ liche Blätter des Graskeims ſind von dem Scheidenblatt sb eingeſchloſſen, in deſſen Achſel eine zweite ganz kleine Knoſpe b zu bemerken iſt— ein Anfang der Beſtockung. In mittlerer Höhe des Keimlings, zwiſchen Wurzel und Graskeim, befindet ſich der Stamm mit dem Keimknoten kk. In dem Knoten kreuzen ſich die(mit ſchwachen Linien angedeuteten) Stränge der Gefäßbündel. Rechts außen an dem Stamm ſitzt ein ſchuppenförmiges Blatt, die Keimſchuppe f. Links ſteht der Stamm in Verbindung mit dem großen Schildchen sc, in deſſen Höhlung der Keim⸗ ling liegt. Die gewölbte Fläche des Schildchens berührt auf ihrer ganzen Ausdehnung den Mehlkörper m; ſie berührt am oberen und unteren Rande auch die Kleberſchicht n. Der obere Rand des Schildchens iſt bei X deutlich gefalzt, und die innere Schicht der Schale i liegt dem Falz des Schildchens dicht und feſt an. Die Halmſpitze des Keimlings liegt hart neben dem Falz. Fig. 18 zeigt den Keimling des Weizens von außen und oben ge⸗ ſehen. Die äußere Haut der Schale iſt fortgenommen. Die innere Haut i der Schale iſt über dem Keimling ebenfalls entfernt. Rings⸗ herum um den Keimling aber ſitzt ſie ſo feſt, daß ſie nicht abgezogen werden kann, ohne das Schildchen sc zu verletzen. Sie bedeckt den Fig. 16. Längsſchnitt durch ein Weizen⸗ Fig. 17. Laͤngsſchnitt durch den Keimling korn(Triticum vulgare). k der Keim⸗ des Weizens(Triticum vulgare). kk der ling oder Embryo. m der Mehlköͤrper. Stamm des Keimlings mit dem Keimknoten. n die Kleberſchicht. p die Schale, welche— w die Hauptwurzel mit der Wurzelhaube bei x eine ſcharfe Einbiegung zeigt. h wh und der Wurzelſcheide ws.— a die der Haarſchopf am oberen Ende der Hauptknoſpe; b eine Seitenknoſpe; sb das Frucht. die Knoſpen umhuͤllende Scheidenblatt,— Vergrößerung 10 fach. f die Keimſchuppe.— se das Schildchen mit den Saugzellen e; bei x iſt der Rand des Schildchens gefalzt.— m Mehlkörper, n Kleberſchicht; p äußere, i innere Lage der Schale. Vergrößerung 20 fach. größeren Teil des Schildchens, läßt aber den ſchwach gewellten Rand desſelben dem Auge frei. Am unteren Ende des Embryos ſieht man die Anſchwellung der Hauptwurzel w, und rechts und links die Anſchwellungen zweier Seiten— D wurzeln we und wa. Die Wurzeln ſelbſt ſind jedoch nicht ſichtbar, weil —= 44 ſie von den Wurzelſcheiden bedeckt ſind. In der Mitte zwiſchen den beiden Seitenwurzeln ſitzt die Keimſchuppe. Am oberen Ende des großen und breiten Scheidenblattes sb bemerkt man eine kleine Offnung, durch welche nach der Keimung die Spitze des Graskeims hervortritt. So iſt der Embryo des Weizens nebſt dem Schildchen beſchaffen. Bei den übrigen Getreidearten ſind dieſe Organe im weſentlichen ebenſo geſtaltet. Zum Vergleich zeigt Fig. 19 den Embryo des Hafers(Avena sativa). Wir ſehen dieſelben Teile, die wir bereits kennen gelernt haben. Die Spelze, welche die Fruchtſchale umhüllt, iſt nicht mit gezeichnet. Am Fig. 18. Keimling des Weizens(Triti- Fig. 19. Keimling des Riſpenhafers, cum vulgare) von außen geſehen. w Avena sativa. w Hauptwurzel mit ihrer Hauptwurzel, we und wa Seitenwurzeln, Wurzelhaube wh und der Wurzelſcheide alle drei von Wurzelſcheiden eingeſchloſſen. ws.— wi eine Seitenwurzel mit ihrer Zwiſchen we und Wz die Keimſchuppe. Wurzelſcheide.— f Keimſchuppe.— a sb das Scheidenblatt, am oberen Ende Hauptknoſpe, eingeſchloſſen von dem mit einer kleinen Offnung. i die braun⸗ Scheidenblatt sb.— X Einbiegung der gefärbte innere Lage der Schale. sc das Fruchtſchale p an dem gefalzten Rand Schildchen. des Schildchens sc. e Saugzellen des Vergrößerung 15 fach. Schildchens.— n Kleberſchicht, m ſtärke⸗ mehlführende Zellen des Endoſperms. Vergrößerung 20 fach. meiſten abweichend geformt iſt das Schildchen sc, welches hier nach oben hin viel mehr verlängert iſt, als beim Weizen. Daß außer der Haupt⸗ wurzel w hier auch eine Seitenwurzel wi zu ſehen iſt, kommt daher, daß der Haferembryo ſchmaler iſt, ſo daß der Längsſchnitt, wenn er nicht genau durch die Mitte geführt wird, die Baſis der Seitenwurzel trifft. Dieſem Umſtande iſt es zu verdanken, daß uns der Schnitt die Lage der Seitenwurzel vor Augen führt und uns zugleich erkennen läßt, wie auch die Seitenwurzel von einer Wurzelſcheide umſchloſſen iſt. Der Embryo des Roggens und der Gerſte unterſcheidet ſich durch das Fehlen der Keimſchuppe und außerdem durch die Zahl der Würzelchen. Der Roggen hat nämlich 4—5, die Gerſte 5—8 Würzelchen am Keim⸗ ling. Man vergleiche die betreffenden Figuren im beſonderen Teil des dritten Abſchnitts. Nächſtdem haben wir uns den Mehl⸗ oder Endoſpermkörper etwas genauer anzuſehen, aus welchem der Embryo bei der Keimung die Nahrung bezieht. Wir nehmen auch gleich die Schale mit hinzu, ohne auf ihren komplizierten Bau hier näher einzutreten. ee 5 5 N 158 AA- G᷑A Fig. 20. Teil eines Querſchnitts durch ein Fig. 21. Kleberſchicht des Weizenkorn(Triticum vulgare). m Stäͤrke⸗ Weizens, Triticum vulgare, mehlzellen. Die Staͤrkekörner eingebettet in eine von oben geſehen. Im Innern ſtickſtoffhaltige Grundmaſſe. n Kleberſchicht. der Zellen bemerkt man den o aͤußere, ch, i und e innere Lagen der Zellkern. Schale. i das braungefärbte Integument. Vergrößerung 200 fach. e Überreſt(Oberhaut) des Eikerns. Die Er⸗ klärung dieſer Schichten folgt ſpäter. Vergrößerung 200 fach. Fig. 20 zeigt einen Teil des Querſchnitts durch einen Weizenkorn bei 200 facher Vergrößerung. Bei m ſehen wir das Zellgewebe des Mehl⸗ körpers. Jede Zelle bildet einen allſeitig geſchloſſenen kleinen Sack, der dicht angefüllt iſt mit größeren und kleineren Stärkemehlkörnern. Die ſchneeweißen Stärkemehlkörner ſind eingebettet in eine ſchwach braungelb gefärbte(in der Zeichnung dunkel gehaltene) ſtickſtoffhaltige Grundmaſſe (Bei Anwendung von Jod färben ſich die Stärkekörner ſchön blau, die ſtickſtoffhaltige Zwiſchenſubſtanz zwiſchen ihnen deutlich gelb.) Die Zellwände, welche eine größere Zahl von Stärkemehlkörnern umſchließen, ſind äußerſt dünn. 46— Mit den Stärkemehlzellen ſteht nach außen hin in organiſcher Ver⸗ bindung die Kleberſchicht n, deren Zellwände(in Fig. 21 von oben ge⸗ ſehen) ſtark verdickt, aber nicht verholzt ſind. Die Kleberſchicht bildet ſo in dem ganzen Umkreis des Endoſpermkörpers gleichſam eine wohlgefügte Mauer um die zarteren Stärkemehlzellen. Der Inhalt der Kleberzellen wird von kleinen ſtickſtoffhaltigen Körnern gebildet, zwiſchen denen man bei ſtarker Vergrößerung eine andere, gleichfalls ſtickſtoffhaltige Subſtanz erkennt. Die Teile, die ſich nach außen hin an die Kleberſchicht anſchließen, in Fig. 20 mit e, i, ch und o bezeichnet, faſſen wir der Kürze wegen unter dem Ausdruck Schale' oder Fruchtſchale' zuſammen. Wir Sp 5 4 . m 898,88e 8979989R Fig. 22. Teil eines Querſchnitts durch ein Gerſtenkorn(Hordeum distichum). m Stärkemehlzellen, n Kleberſchicht des Endoſperms. p Fruchtſchale. sp Spelze. Vergrößerung 150 fach. bemerken dazu nur folgendes. i iſt die braungefärbte Schicht, welche der Schicht ch feſt anliegt. o iſt die äußere Schicht, welche ſich leicht von dem Korn abziehen und von der Schicht ch trennen läßt. Die Zell⸗ wände der Schichten o und ch ſind ſehr ſtark verdickt und verholzt. Außerdem kreuzen ſich die Zellwände der Schichten o, ch und i in ver⸗ ſchiedenen Richtungen. Durch beides wird die Feſtigkeit der Schale weſentlich bedingt. Die vorſtehende Beſchreibung gilt zunächſt für den Weizen, ſie kann aber Wort für Wort auch auf den Roggen bezogen werden. Als Beiſpiel für die beſpelzten Früchte wählen wir die Gerſte (Hordeum distichum). In Fig. 22 iſt sp die Spelze, p die Frucht⸗ ſchale. Beide ſind durch Druck ſo feſt aneinandergepreßt, daß ſie wie ein Ganzes erſcheinen. Die Fruchtſchale p der Gerſte iſt viel dünner, wie diejenige des Weizens(Fig. 20), aber Spelze und Fruchtſchale zuſammen haben bei der Gerſte dieſelbe, meiſt eine größere Dicke, wie die Fruchtſchale des Weizens für ſich allein. Im allgemeinen kann man ſagen, daß der Schutz der inneren Fruchtteile bei den beſpelzten Getreidearten etwas mehr geſichert iſt, als bei den unbeſpelzten oder nackten. Fig. 23. Eine Endoſpermzelle aus dem Fig. 24. Eine ſtärkemehlfüͤhrende glaſigen Teil des Maiskorns(Zea Mays). Die polyedriſchen Stärkekörner ſind durch eine ſtickſtoffhaltige Grundmaſſe zu⸗ ſammengekittet, und jedes Stärkekorn zeigt im Innern einen ſternförmigen luftführenden Hohlraum. Endoſpermzelle aus einem gequollenen Roggenkorn(Secale cereale). Zwiſchen den meiſt linſenförmigen größeren und kleineren Stärkekörnern befinden ſich, eingebettet in eine ſtickſtoffhaltige Grund⸗ maſſe, äußerſt kleine Proteinkörner. Vergrößerung 450 fach. Vergrößerung 450 fach. Die Stärkemehlzellen m der Gerſte ſtimmen im weſentlichen mit denen des Weizens überein. Auch die Kleberſchicht n iſt in der Haupt⸗ ſache ebenſo gebildet wie beim Weizen; nur beſteht der Unterſchied, daß dieſe Schicht bei der Gerſte aus drei bis vier Zellreihen, bei dem Weizen dagegen nur aus einer Zellreihe zuſammengeſetzt iſt. Jedoch finden wir auch beim Weizen, beſonders in der Nähe des Keimlings, in der betreffenden Schicht mehr als eine Zellreihe. Ähnlich wie mit dem Weizen verhält es ſich mit dem Roggen, dem Hafer, dem Mais und der Hirſe, welche alle eine größtenteils einreihige Kleberſchicht beſitzen. 418— Sämtliche Getreidefrüchte kommen hiernach darin überein, daß die größte Menge der ſtickſtoffhaltigen Subſtanzen in der peripheriſchen Schicht des Endoſperms aufgeſpeichert iſt. Selbſt in den Stärkemehl⸗ zellen iſt die Menge der ſtickſtoffhaltigen Subſtanz in den äußeren Partieen des Endoſperms beträchtlicher, als in den inneren. Dies ſteht zum Teil mit der Größe der Stärkekörner im Zuſammenhange. Dem⸗ gemäß nimmt der Proteingehalt des Getreidekorns von innen nach außen, der Stärkemehlgehalt dagegen umgekehrt von außen nach innen zu. Um die feinere Struktur der Stärkemehlzellen zu veranſchaulichen, iſt in Fig. 23 eine Zelle aus dem Endoſperm des Maiſes, und in Fig. 24 eine ſolche aus dem Endoſperm des Roggens, beide bei 450 facher Vergrößerung, dargeſtellt. Bei dem Mais(Fig. 23) ſind die Stärkekörner in dem glaſigen Teil des Endoſperms ſehr dicht gedrängt und durch gegenſeitigen Druck unregelmäßig vielſeitig(polyedriſch) geſtaltet. Sie berühren ſich indeſſen nicht unmittelbar, indem ſie durch äußerſt dünne Streifen einer ſtickſtoff⸗ haltigen Maſſe getrennt, beziehungsweiſe zuſammengekittet ſind. Im Innern der einzelnen Stärkekörner befindet ſich ein kleiner ſternförmiger Hohlraum. Bei dem Roggen(Fig. 24) variieren die Stärkekörner mehr in ihrer Größe. Auch iſt ihre(oft linſenförmige) Geſtalt eine andere, ſonſt iſt aber der Bau der betreffenden Zellen ſehr ähnlich, wie bei dem Mais und wie bei den übrigen Getreidearten. Allgemein findet ſich zwiſchen den einzelnen Stärkekörnern eine ſtickſtoffhaltige Zwiſchenſubſtanz, meiſt in feinen Bändern oder Platten, hier und da, beſonders in der Nähe der Zellwände, aber auch in kleinen Körnchen. J. Sachs gibt an, daß auch jene Platten, deren Dicke übrigens verſchieden iſt,(beim Mais) durchweg aus feinkörnigem, vertrocknetem Protoplasma beſtehen-). Ich kann die körnige Struktur derſelben, wenigſtens nicht deutlich erkennen, ſie erſcheinen mir in den reifen und trocknen Getreidefrüchten vielmehr homogen. Doch mag Sachs Recht haben, weil ihm beſſere Inſtrumente und geübtere Augen zur Verfügung ſtehen. b. Die chemiſche Zuſammenſetzung der Getreidefrucht. Nach dieſen Betrachtungen wird man ſich eine Vorſtellung von dem Bau der Getreidefrucht machen können. Auch läßt ſich auf Grund der mikroſkopiſchen Unterſuchung die Menge und Verteilung der verſchiedenen Stoffe ſchon einigermaßen beurteilen. Zur Ergänzung fügen wir die Zahlen für die mittlere Zuſammenſetzung der wichtigeren Getreidefrüchte *) J. Sachs, Lehrbuch der Botanik, 1868, S. 60. — 49— hinzu, wie ſie durch die chemiſche Analyſe ermittelt und von E. v. Wolff im landwirtſchaftlichen Kalender von Menzel und v. Lengerke für 1885 zuſammengeſtellt ſind. Mittlere Zuſammenſetzung der Getreidefrüchte. *2QſͤI S5E 3 323. Fruchtart.* 2 S 2 8 ( 5 7 2 5 (S3S 5 555 3 2. 153 ſe, 0 0 70 0 0 70 Weizen......... 66,4 13,0 1,5 3,0 1,7 14,4 Dinkel mit Spelzen..... 52,5 10,0 1,5 16,5 3,7 14,8 „ ohne„ 672 13,5 1,6 1,5 1,7 14,5 Roggen.. 62,4 15 2,0 3,5 1,8 14,3 (Gerfte......... 63,0 10,0 25e 7, 2,7 143,3 Hafer........(56,7, 11,0 60 9,3 2,7 14,3 Maie........ 62,1 100 6,5 5,5 1,5 144 Hirſe 574 11,8 4,0 9,5 3,3 14,0 l' Die chemiſche Analyſe lehrt uns, daß die ſtickſtofffreien Extrakt⸗ ſtoffe in den Früchten aller Getreidearten weitaus vorherrſchen. Die⸗ ſelben beſtehen hauptſächlich aus Stärkemehl, welches ſich in dem Endoſpermkörper aufgeſpeichert findet. Die Menge iſt bei allen Getreidearten ziemlich gleich; die Zahlen würden noch genauer überein⸗ ſtimmen, wenn nicht einige der Getreidefrüchte nackt, andere mit Spelzen bekleidet wären. Daß hierauf die Verſchiedenheiten in den Zahlen für die ſtickſtofffreien Extraktſtoffe größtenteils zurückzuführen ſind, zeigen die Zahlen für den Gehalt an Rohfaſer. Je höher die Zahl für die Roh⸗ faſer, deſto niedriger iſt die Zahl für die ſtickſtofffreien Extraktſtoffe. Natürlich, denn in der Zahl für die Rohfaſer kommt das Gewicht der Fruchtſchale ſamt Spelzen zum Ausdruck. Einigermaßen ſpricht auch in dieſen wie in anderen Beziehungen die Verſchiedenheit in der Größe der Körner mit, indem bei kleineren Körnern das Gewicht der Schale ver⸗ hältnismäßig beträchtlicher iſt, als bei größeren. Im Proteingehalt, der nur den 5. bis 6. Teil von dem Stärke⸗ mehlgehalt ꝛc. ausmacht, kommen die Früchte der verſchiedenen Getreide⸗ arten ebenfalls ſehr nahe überein. Wir haben bereits erwähnt, daß die Proteinſtoffe in den Endoſpermzellen vertreten ſind, und zwar in den äußeren Partieen des Endoſpermkörpers reichlicher, als in den inneren. Nachzutragen bleibt noch, daß auch das Zellgewebe des Keimlings und des Schildchens, abgeſehen natürlich von den Zellwänden, überwiegend Getreidebau. 4 b aus ſtickſtoffhaltiger Subſtanz beſteht, während das Stärkemehl in dieſen Organen fehlt. Dafür iſt in den Zellen des Keimlings das Fett relativ reichlicher abgelagert, als in den übrigen Teilen der Frucht. Nach Fr. Haber⸗ landt) enthielten nämlich die vom Endoſperm ſorgfältig abgelöſten Keime des Weizens.... 14,25% Fett „„ Roggens.. 12,37„„ „ der nackten Gerſte.. 22,42„„ „ des nackten Hafers.. 25,71„„ „„ Maiskorns... 32,04„„ Daraus würde ſich, falls der Fettgehalt den Keimen allein zukäme, für die geſamte Trockenſubſtanz der Körner ein Fettgehalt von 0,7— 0,8— 0,8— 0,4 und 3,7% bei den eben genannten Getreidearten ergeben. Da der Fettgehalt derſelben aber im Durchſchnitt 1,5— 2,0 — 2,3— 6,0 und 6,5% beträgt, ſo folgt, daß dem Endoſperm ein Fettgehalt von annähernd 0,8— 1,2— 1,5— 5,6 und 2,8% zukommt. Weitaus am reichſten an Fett iſt hiernach das Endoſperm des Hafers, nächſtdem dasjenige des Maiſes; dagegen iſt das Fett in dem Endoſperm der Gerſte, des Roggens und des Weizens nur ſpärlich oder ſehr ſpär⸗ lich vertreten. Ein Teil des Rohfettes iſt jedenfalls auf Rechnung der in der inneren Schicht der Schale abgelagerten Farbſtoffe zu ſchreiben; der übrige Teil muß füglich in der Proteinſubſtanz des Endoſperms(in den Proteinkörnern der Kleber⸗ und Stärkezellen oder in der ſtickſtoff⸗ haltigen Grundmaſſe zwiſchen den Protein- und Stärkekörnern) einge⸗ ſchloſſen ſein. Die Mineralbeſtandteile ſind durch die ganze Subſtanz der Ge⸗ treidefrucht verteilt, aber nur in geringer Menge. Wie aus obiger Ta⸗ belle zu erſehen, ſind die Zahlen für den Aſchengehalt bei den beſpelzten Früchten: Spelz, Gerſte, Hafer, Hirſe höher, als bei den nackten: Weizen, Roggen, Mais. Folglich ſteckt ein relativ beträchtlicher Teil der Mineral⸗ ſubſtanz in den Spelzen. Letzteres zeigen ſehr deutlich die Zahlen für den Dinkel, bei welchem 2% der Aſche auf die Spelzen und 1,7% auf die ſogenannten Kernen entfällt. Der mittlere Waſſergehalt in dem lufttrockenen Korn ſtellt ſich bei allen Getreidearten ſehr genau gleich. Hieran anſchließend haben wir noch des Luftgehaltes der Ge⸗ treidekörner zu gedenken. Durch die Unterſuchung mit der Lupe und mit dem Mikroſkop können wir uns überzeugen: daß namentlich die ver⸗ holzten Zellen der Spelzen und der Schale(Fig. 20 und Fig. 22 bei ¹) *) Fr. Haberlandt, Wiſſenſchaftlich⸗praktiſche Unterſuchungen, 1875, S. 141. reichlich Luft führen; daß zwiſchen Keimling und Schale ein größerer Luftraum ſich befindet; daß in vielen Körnern der Länge nach mitten durch das Korn ein weiterer oder engerer Luftkanal verläuft(Fig. 15 bei 1); daß auch in den Zellen des Endoſperms(beſonders der Kleber⸗ ſchicht), ſowie in und zwiſchen den Zellen des Keimlings und des Schild— chens eine große Menge kleiner Luftblaſen eingeſchloſſen iſt. Einigermaßen läßt ſich der Luftgehalt beurteilen, wenn beſtimmte Ge⸗ wichtsmengen der Körner in Waſſer verſenkt, unter der Luftpumpe luft⸗ leer gemacht und darauf ſorgfältig abgetrocknet wiederum gewogen werden. Die Gewichtszunahme iſt durch das Waſſer bewirkt worden, welches die früher lufterfüllten Räume einnimmt. Eine größere Waſſeraufnahme wird einem größeren, eine geringere Waſſeraufnahme dagegen einem gerin⸗ geren Anteil an lufterfüllten Räumen entſprechen. Nachſtehend ſind die Zahlen aufgeführt, welche Fr. Haberlandts) für die Waſſermenge fand, welche wäh⸗ rend einer Viertelſtunde unter der Luftpumpe in die Körner eingetreten war. Waſſeraufnahme in Prozenten des Körnergewichts. Weizen, weicher, aus Böhmen..... 10,2 „„„ Auſtralien.... 13,7 „ harter,„ Mngarm..... 9 4 Roggen.... 1570 Gerſte, beſpelzte 15, „ nachte......... 148,5 Fahnenhafer mit Spelzen..... 32,3 3 ohne„ 14,8 Riſpenhafer mit Spelzen..... 27,4 „ ohne„.10,9 Mais, großkörnig....... 8,0 „ kleinkörnig...... 7,0 Hirſe 11,9. Aus den Zahlen iſt zu erſehen, daß die lufterfüllten Räume, zuſammengenommen, in den beſpelzten Früchten größer ſind, als in den nackten. Am höchſten iſt der Luftgehalt bei dem Hafer, was darauf zurückzuführen, daß die Spelzen, die ihrerſeits ſelbſt viele Lufträume enthalten, dem behaarten Kern nicht ſo dicht anliegen, wie es z. B. bei der Gerſte der Fall iſt. Schließlich bemerken wir noch, daß die Luft in den kleinen Hohl— räumen der Getreidekörner, ebenſo wie in anderen poröſen Körpern, in verdichtetem Zuſtand ſich befindet.*) *) A. a. O. S. 105. **½) A. Nowacki, Unterſuchungen über das Reifen des Getreides, 1870, S. 62. 4*½ c. Die Phyſiologie der Reimung. Nunmehr haben wir die erforderliche Grundlage gewonnen, um den Keimungsvorgang mit Verſtändnis verfolgen zu können, und da wir alles mit Bedacht hierauf vorbereitet haben, ſo dürfen wir uns jetzt um ſo kürzer faſſen. Dem dunkeln Schoß der heil'gen Erde Vertrauen wir der Hände That, Vertraut der Sämann ſeine Saat Und hofft, daß ſie entkeimen werde Zum Segen, nach des Himmels Rat. Das geſunde und lebensfähige Samenkorn findet die Bedingungen der Keimung, wenn wir es zur geeigneten Jahreszeit flach in die ge— lockerte Erde legen. Das wiſſen oder hoffen wir, aber wir kümmern uns meiſt nicht darum, wie die Sache eigentlich zuſammenhängt und zugeht. Und doch iſt dies wiſſenſchaftlich ſehr intereſſant und praktiſch ſehr wichtig. Die bekannten Bedingungen der Keimung ſind: Waſſer, Wärme und Sauerſtoff. Das Waſſer fällt vom Himmel. Die Wärme kommt von der Sonne. Der Sauerſtoff iſt ein Beſtandteil der Luft. Der ge⸗ lockerte, durchlüftete Erdhoden enthält ebenfalls Sauerſtoff.“*) Von jenen drei Bedingungen iſt die eine ſo notwendig wie die andere. Keine darf fehlen. Alle drei müſſen vereint wirken, ſonſt findet keine Keimung ſtatt. Auch müſſen die drei Bedingungen im richtigen Maß und Verhältnis gegeben ſein, ſonſt unterbleibt die Keimung eben⸗ falls, oder ſie verläuft wenigſtens nicht ſo, wie wir es wünſchen. Ein Zuviel an Waſſer, Wärme oder Sauerſtoff iſt ebenſo ſchädlich, wie ein Zu— wenig. Im beſonderen mag über dieſe Verhältniſſe folgendes bemerkt werden. 1. Waſſer. Die erſte Bedingung der Keimung iſt Waſſer. Das Samenkorn hat an jedem Punkt ſeiner Oberfläche die Fähigkeit, das Waſſer, mit dem es in Berührung kommt, langſam, aber kräftig ein⸗ zuziehen. Der Grund hierfür liegt in ſeiner Trockenheit, aber weſentlich auch in dem Bau und Stoff ſeiner Hüllen und Zellwände. Die Hüllen, d. h. die Spelzen oder die Schalen nehmen das Waſſer von außen auf, indem ſie es den Bodenteilchen entreißen; die Zellwände leiten es von Zelle zu Zelle bis tief ins Innere, indem die bereits durchtränkten *) Eine vierte Bedingung der Keimung iſt die Gegenwart mikroſkopiſch kleiner Organismen, indem Paſteur neuerdings nachgewieſen hat, daß(bei Bohnen und Erbſen) ein Keimen durchaus nicht erfolgt, wenn Boden und Waſſer„mikrobenfrei“ gemacht und in dieſem Zuſtand erhalten werden. Durch dieſe Entdeckung wird manches erklär⸗ lich, was bisher räthſelhaft war; doch iſt es noch nicht an der Zeit, hierauf näher ein⸗ zugehen, da uns die betreffenden Organismen ihrer Form und ihrem Weſen nach noch nicht bekannt ſind. ) D feuchteren Stellen des Samenkorns einen Druck, die trockneren einen Zug ausüben, welchem das Waſſer folgt oder nachgibt. So füllt ſich das Korn im Laufe einiger Tage durch und durch mit Waſſer. Dabei nimmt jede Zelle und folglich auch das ganze Korn an Größe zu, das Endoſperm wird weich, der Keimling zeigt erhöhten Glanz, die Schale glättet, dehnt und ſpannt ſich, mit einem Wort, das Korn quillt. Die Menge Waſſer, welche das Getreidekorn zur Quellung bedarf, iſt durch Verſuche genauer feſtgeſtellt worden. Einen diesbezüglichen Quellungsverſuch hat Fr. Haberlandt aus⸗ geführt.*) Derſelbe legte je 100 Körner in Waſſer, das täglich mehrere mal erneuert wurde, und nahm ſie täglich heraus, um ſie oberflächlich abzutrocknen und zu wägen. Aus dieſen Gewichten ließ ſich die Waſſer⸗ aufnahme in Prozenten von dem Gewicht der lufttrockenen Körner be⸗ rechnen. Das Reſultat enthalten die folgenden Zahlen, die wir der Überſichtlichkeit wegen abgerundet haben. Waſſeraufnahme in Prozenten nach Tagen: 1. 2. 3. 4. 6. 7. 8. Weizen. 31 38 44 54 60 63 69 Roggen... 42 48 60 74 80 83 85 Gerſte.... 37 43 49 55 65 67 68 Hafer.. 40 44 51 57 66 71 76 Mais... 25 33 36 38 40 42 50 Hirſe.... 15 18 22 27 30 32 33 quantum die Körner Tag für Tag aufgenommen hatten. Nur inſofern läßt der Verſuch zu wünſchen übrig, als bei dem Einquellen unter Waſſer die Keimung nicht rechtzeitig erfolgte, ſo daß die Körner ge⸗ zwungen waren, mehr Waſſer aufzunehmen, als ſie unter natürlichen und normalen Verhältniſſen zur Quellung bedürfen. Zum Vergleich fügen wir die hier ebenfalls abgerundeten Zahlen hinzu, welche Rob. Hoffmann und Fr. Nobbe gefunden haben.**) Bis zum Hervorbrechen des Würzelchens nahmen Waſſer auf in Prozenten: nach Hoffmann nach Nobbe Weizen... 45 60 Roggei...... 58 5 Gerſte... 48— Haſeck.. 60— Mais. 44 40 Hirſe.. ,25— *) Fr. Haberlandt, der allgem. l. Pflanzenbau, 1879, S. 28. Nonſ 4 7 9 f **) Landw. Verſuchsſtationen, VII, 47. Nobbe, Handbuch der Samenkunde, 1876, S. 119. Wie man ſieht, ſind die Zahlen hier durchweg niedriger, als oben.— Es läßt ſich erwarten, daß die Körner bei der Quellung ungefähr ſo viel Waſſer aufnehmen, wie ſie bei dem Reifen abgegeben haben. Dieſes Quantum wird mindeſtens erforderlich, aber auch ausreichend ſein, um die Körner gleichmäßig zu durchtränken. Völlig ausgewachſene, in der Milchreife ſtehende Weizenkörner zeigtens) einen Waſſergehalt von 51 ½%. Das Mittel aus den beiden von Hoffmann und Nobbe gefundenen Quellungszahlen iſt 52 ½%.— Bei milchreifen Roggen⸗ körnern fand ich einen Waſſergehalt von 62%. Die betreffende Quellungszahl iſt nach Hoffmann 58; nach Haberlandt am dritten Tage, an welchem die Haberlandt'ſchen Zahlen mit den Hoffmann'ſchen am beſten übereinſtimmen, aber ſchon 60. Daraus ergibt ſich, daß die gemachte Vorausſetzung wenigſtens für den Weizen und für den Roggen zutrifft. 2. Wärme. Die zweite Bedingung für die Keimung iſt Wärme. Es gibt für jede Getreideart ein Minimum, ein Maximum und ein Optimum der Keimungstemperatur. Das Minimum iſt die untere, das Maximum iſt die obere Grenze der Temperatur, bei welcher ein Keimen noch möglich iſt. Zwiſchen dieſen beiden Grenzen, aber dem Maximum weit näher als dem Minimum, liegt das Optimum, worunter man diejenige Temperatur verſteht, bei welcher die Keimung in der kürzeſten Zeit erfolgt.**) Fr. Haberlandt hat über dieſe Verhältniſſe zahlreiche Verſuche angeſtellt, deren Ergebniſſe, ſo weit ſie hierher gehören, in folgender Tabelle verzeichnet ſind. Minimum Maximum Optimum der Keimungstemperatur. bei Weizen.. 3.4. C. 30— 320 C. 250 0O. „ Roggen. 1 2 30 25 „ Gerſte. 3. 28—30 20 „ Hafekk. 4—5 30 25 Mais.. 8.10 40—44 32— 35. Die Zahlen bedürfen kaum einer Erläuterung. Es mag nur darauf hingewieſen werden, daß die untere Grenze der Keimungstemperatur **) A. Nowacki, a. a. O. S. 39. 1 **) Nach den Unterſuchungen v. Liebenbergs.„Uber den Einfluß intermittierender Erwärmung auf die Keimung von Samen“.(Bot. Centralblatt, Nr. 14, 1884, S. 21) iſt die bisherige Anſchauung, einen beſtimmten Temperaturgrad als Optimum für die Keimung zu betrachten, aufzugeben oder wenigſtens zu modifizieren, und die bisherigen Keimverſuche bei konſtanter Temperatur ſind durch ſolche bei periodiſch wechſelnder Temperatur zu ergänzen, gemäß den Vorgängen(Wechſel von Tag und Nacht) in der freien Natur. unter den hier berückſichtigten Getreidearten bei dem Roggen am tiefſten, bei dem Mais am höchſten liegt.— Aus den Zahlen iſt ferner Bu ſchließen, daß die Keimung um ſo mehr Zeit beanſprucht, je mehr die Temperatur unter oder über dem Optimum bleibt. Wie die Keimung unterhalb des Optimum durch niedere Temperatur vorzögert, durch höhere beſchleunigt wird(oberhalb des Optimum findet die Verzögerung bez. Beſchleunigung im umgekehrten Sinne ſtatt) zeigen folgende Keimungs⸗ reſultate.*)—. Die Keimung erfolgte mit dem Hervortreten des Würzelchens bei 40 C. bei 10⁰ C. bei 150 C. bei 190 GC. bei Weizen.. in 6 in 3 in 2 in 1 ¾ Tagen „ Roggen....„ 4„ 272„ 1 921 3 „ Gerſte...„ 6„ 3„ 2„ 1 71 4, „ Hafer„ 7„ 3 ¾„ 2 ¾„ 2„ „Mais 5 e, 1 1 171„ 31/4 3, „ Hirſe...„„ 131½1.. 3 3 Wie man ſieht, erfolgte die Keimung des Weizens bei 40 C. erſt in 6 Tagen; bei 10⁰ C. ſchon in 3 Tagen; bei 15° C. noch früher, nämlich in 2 Tagen; und am ſchunellſten erfolgte ſie, unter den hier be— nutzten Temperaturen, bei 19⁰ C., nämlich in 1 ¾ Tagen. Ähnlich ver— hielt es ſich mit den übrigen Getreidearten. Das Optimum der Keimungstemperatur, welches nach Fr. Haber⸗ landt bei der Gerſte bei 20⁰°C., bei Weizen, Roggen und Hafer bei 25⁰ C. liegt, finden dieſe Getreidearten im Frühjahr und im Herbſt. Im Sommer iſt der Boden zu warm. Die Temperatur der Erdober⸗ fläche erreicht an heißen Tagen der Monate Juni und Juli, auch in unſerem Klima, 60⁰ C. und darüber, während das Maximum der Tem⸗ peratur, bei welcher ein Keimen noch möglich iſt, bei 30— 320 C. liegt. (Selbſtredend gibt bei der Keimung nicht die Lufttemperatur, ſondern die Bodentemperatur den Ausſchlag.*) Hiernach erklärt ſich zum Teil die Thatſache,„daß im ſpäten Früh— jahr oder Sommer ausge eſäete und flach untergebrachte Samen trotz genügender Mengen von Feuchtigkeit im Boden viel langſamer keimen, als die zu einer kälteren Jahreszeit angebauten“.) Es kommt als bedeutſam noch hinzu, daß die Temperaturſchwankungen des Bodens, innerhalb der zuläſſigen Grenzen, bei dem Wechſel von *) Fr. Haberlandt, der allgem. landw. Pflanzenbau, 1879, S. 40. **) Schübler hat am 16. Juni 1828 in Tübingen eine Bodentemperatur von 67,5° C. gemeſſen, während die Lufttemperatur im Schatten nur 25,60 C. betrug. **) E. Wollny. UÜber den Einfluß der Saatzeit ꝛc, Zeitſchrift d. landw. Vereins in Bayern, 1883, S. 194. = Tag und Nacht im Frühling und Herbſt viel erheblicher ſind, als im Sommer.) Das iſt nämlich für die Keimung keineswegs nachteilig, ſondern im Gegenteil ſehr vorteilhaft. Denn nach den Unterſuchungen v. Liebenberg's hat ſich herausgeſtellt, daß eine gleichmäßige, wenn auch genügend hohe Wärme die Keimung verzögert, während ein periodiſcher Wechſel der Temperatur den Verlauf des Keimungsprozeſſes gleichmäßiger geſtaltet und bedeutend beſchleunigt. Wir handeln alſo der Natur der Getreidearten gemäß, wenn wir die Saatzeit auf Frühjahr und Herbſt verlegen, wo die Tage warm, die Nächte kühl und oft nebelig ſind.**) 3 3. Sauerſtoff. Die dritte Bedingung der Keimung iſt Sauerſtoff. Das Samenkorn atmet. Es nimmt Sauerſtoff auf und gibt Kohlen⸗ ſäure und Waſſer ab. Wahrſcheinlich ſpielt die von Anfang an in den Hohlräumen des Kornes eingeſchloſſene Luft bei der Atmung eine Rolle; jedoch genügt dieſe Luftmenge zur Keimung nicht, es muß vielmehr fort und fort neue Luft, d. h. neuer Sauerſtoff zugeführt werden. Wird die Saat einge⸗ ſchmiert oder bedeckt ſich der Acker nach dem Säen mit einer Kruſte, welche die Luft abſchließt, ſo muß manches Körnchen elendiglich erſticken und verfaulen. Die Kohlenſäure entſteht bei der Atmung durch Verbrennung der ſtickſtofffreien Extraktſtoffe, die wir in der Hauptſache als Verbindungen von Kohlenſtoff und Waſſer oder mit einem Wort als Kohlenhydrate betrachten können. Der Kohlenſtoff der letzteren verbrennt durch die Einwirkung des Sauerſtoffs zu Kohlenſäure, welche mit dem Waſſer *) Um nur an einem Beiſpiel zu zeigen, wie bedeutend die Temperatur des Bodens innerhalb 24 Stunden ſchwankt, ſei folgende Beobachtung angeführt: Bodentemperatur in 1 cm Tiefe im Lehmboden, am 21. April 1885 bei Zuͤrich, Mittags 1 Uhr in der Sonne 42,5°C.,(Luft im Schatten 240 C.), am 22. April Morgens 7 Uhr im Schatten 10,0°C.,(Luft im Schatten 130° C.) Differenz:= 32,5 0C ***) Der eigentliche Grund, weshalb ein periodiſcher Wechſel der Temperatur die Keimung beguünſtigt, iſt wiſſenſchaftlich noch nicht ganz klar gelegt; doch kann man ſich denken, daß die Pflanze ihre Arbeit bei der Keimung, ebenſo wie bei der Aſſimilation, dem Wechſel von Tag und Nacht angepaßt hat. Aſſimilation findet nur am Tage, unter Mitwirkung des Lichtes ſtatt; aber in der Nacht arbeitet die Pflanze in anderer Weiſe weiter, indem ſie die am Tage neu gebildeten Stoffe zum Wachstum verwendet, das gewöhnlich in der Nacht ſtärker iſt als am Tage. Bei der Keimung iſt das Licht als ſolches nicht notwendig; aber da die Sonnenſtrahlen den Boden intenſiv erwärmen, ſo wird der keimende Same am Tage zu erhöhter Thätigkeit angeregt, und es vollzieht ſich eine lebhafte Verfluͤſſigung und Wanderung der Stoffe aus dem Endoſperm in den Keimling. In der Kuhle der Nacht hört dieſe Stoffzufuhr auf; dafür benutzt der Keim⸗ ling die Periode der Ruhe, um die eingefüͤhrten Stoffe gleichſam zu verdauen und zum Wachstum zu verwenden.— , nach außen entweicht. Bei dieſer Verbrennung wird Wärme erzeugt, wie wir bei dem Malzen der Gerſte ſehr deutlich wahrnehmen können. Durch die Atmung wird ein beträchtlicher Teil des in dem Samen⸗ korn enthaltenen Kohlenſtoffs verzehrt. Die dabei ausgeſchiedene Kohlen⸗ ſäure, welche ein Maß iſt für den Kohlenſtoffverbrauch, wurde von J. Wiesner’) quantitativ beſtimmt. Die Menge derſelben betrug bei der keimenden Gerſte in abgerundeten Zahlen: 0 Gramm in der 1. bis 8. Stunde.—— 3„„1„ 9.„ 253.„ Würzelchen werden ſichtbar. 5.„1 24.„31. Würzelchen 2—10 mm lang. 9„„„ 32.„ 49. 5 Hälmchen brechen hervor. 12 7„„ 50.„ 58.. Halme 5—6 em lang. 15„„„ 59.„ 79.„ Die meiſten Halme 10 cm lang. 21„„„ 80.„ 126.„— 0„„„ 127.„ 132.„— Die Geſamtmenge der ausgeatmeten Kohlenſäure betrug ſonach bei der keimenden Gerſte in ungefähr 120 Stunden 66 g auf 100 g Fig. 25. Stärkekörner(linſenförmige) aus dem Endoſperm eines keimenden Weizenkorns(Triticum vulgare), deutlicher geſchichtet, als im ruhenden Samen. Vergrößerung 800 fach.(Nach J. Sachs.) Trockenſubſtanz. Das entſpricht einer Verbrennung von 18 g Kohlen⸗ ſtoff.(Die nach 120 Stunden etwa noch erzeugte Kohlenſäure entzog ſich der Beſtimmung, weil ſie durch die bereits entwickelten Blätter auf⸗ genommen und zur Ernährung der jungen Pflanze verwertet wurde). Der Sauerſtoff äußert ſeine Wirkung indeß nicht allein auf die ſtickſtofffreien, ſondern auch auf die ſtickſtoffhaltigen Beſtandteile des Getreidekorns. Die Proteinſubſtanz, in welche die Stärkemehlkörner ein⸗ gebettet ſind, enthält nämlich gewiſſe Fermente(Diaſtaſe, Maltin), welche durch das Zuſammenwirken von Waſſer, Wärme und Sauerſtoff lebendig oder thätig, vielleicht auch vermehrungsfähig werden. Wie das eigentlich zugeht, iſt noch nicht genauer erforſcht. Dagegen weiß man, *) Nobbe, Handb. d. Samenkunde, 1872, S. 172. A 6 daß dieſe Fermente die Üüberführung des Stärkemehls in zuckerartige Verbindungen(Dertrin, Dertroſe, Glycoſe) veranlaſſen. Für die Kei⸗ mung iſt dies inſofern von großer Bedeutung, als derjenige Teil des Stärkemehls, welcher nicht zur Atmung, ſondern zur Ernährung des Keimlings dient, durch die chemiſche Umwandlung in eine lösliche und transportfähige Form übergeführt wird. Die Einwirkung der bezeichneten Keimungs⸗Fermente auf die Stärke⸗ mehlkörner hat große Ähnlichkeit mit derjenigen des Speichel-⸗Fermentes. Fig. 25 zeigt einige Stärkekörner aus dem Endoſperm eines keimenden Weizenkorns. Die beginnende Einwirkung des Löſungsmittels macht ſich zunächſt durch deutlicheres Hervortreten der Schichtung oder Streifung bemerklich. Dann entſtehen vom Rande aus oder auch im Innern unregel⸗ mäßige Aushöhlungen, und ſchließlich zerfällt das Stärkekorn in kleine Brocken, welche der völligen Auflöſung entgegengehen. Dies wird durch Fig. 26 veranſchaulicht, welche eine Anzahl Stärkekörner aus dem Endo⸗ ſperm eines keimenden Maiskorns darſtellt. 2 W G Fig. 26. Stärkekörner aus dem Endoſperm eines keimenden Maisſamens (Zea Mays), in der Auflöſung begriffen. Vergrößerung 800 fach.(Nach J. Sachs.) Die durch Vermittlung der Fermente löslich gemachten, ſowie die an ſich ſchon löslichen Stoffe des Endoſperms werden durch das Schildchen (se Fig. 17) aufgeſaugt und dem Keimling zugeführt. Das Schildchen iſt für dieſen gewichtigen Zweck auf der gewölbten, dem Endoſperm zuge⸗ kehrten Fläche mit unzähligen ſchlauchförmigen Zellen beſetzt. Eine kleine Gruppe dieſer Saugzellen bringt Fig. 27 zur Anſchauung. Blicken wir jetzt noch einmal zurück, ſo tritt uns folgender Zu⸗ ſammenhang von Thatſachen entgegen. In dem Mehlkörper des Samenkorns gibt die Mutterpflanze dem Keimling tauſend zierlich gefüllte Speiſekammern mit auf den Weg. Der Inhalt derſelben wird durch das Zuſammenwirken von Waſſer, Wärme und Sauerſtoff in eine Art Muttermilch umgewandelt. Ein vielſchlauchiger Zapfen ſaugt die Nährflüſſigkeit auf und leitet ſie durch eine lange Kette von Zellen nach dem Zentralpunkt: des Keimlings, nach dem Keimknoten, von wo ſie teils abwärts in das Würzelchen, teils aufwärts in das Hälmchen gezogen oder getrieben wird.— Der Keimling ſtreckt und dehnt ſich nun, um durch oft wiederholte Zellteilung allmählich zur ſelbſtändigen Pflanze heranzuwachſen. Bei normaler Keimung ſchwillt die Wurzelſcheide der Hauptwurzel zuerſt an. Das Scheidenblatt und das in ihm geborgene zarte Hälmchen regt ſich etwas ſpäter. Durch die mächtige Schwellung der Wurzelſcheide wird die Schale geſprengt, und bald darauf ſchiebt ſich die Hauptwurzel Fig. 27. Schlauchförmige Saug⸗ Fig. 28. Keimling des Weizens(Triticum zellen e von der Oberhaut des vulgare) drei Tage nach der Ausſaat. W. Haupt⸗ Schildchens sc des Weizens(Tri- wurzel mit der Wurzelhaube wh und Anfängen ticeum vulgare). Vergleiche der Wurzelhaare h.— ws Wurzelſcheide der Fig. 17 und Fig. 50. Hauptwurzel.— wa und wa zwei Seitenwurzeln, Vergrößerung etwa 150 fach. noch eingeſchloſſen in ihre Wurzelſcheiden.— wa und wé Anſchwellungen zweier weiterer Seiten⸗ wurzeln. sb Scheidenblatt des Hälmchens, se Schildchen. p Fruchtſchale. Vergrößerung Ffach. aus der Wurzelſcheide hervor. Bei den übrigen Wurzeln wiederholt ſich derſelbe Vorgang in der Reihenfolge von unten nach oben. Inzwiſchen kommt auch die Spitze des Hälmchens, genauer, des Scheidenblattes zum Vorſchein. Dieſe Verhältniſſe werden durch Fig. 28 veranſchaulicht, in welcher die Wurzeln mit wi, we, ws, wa und ws bezeichnet ſind. In dem Stadium der Entwicklung, welches in der Figur dargeſtellt iſt, iſt nur die Hauptwurzel wi ſichtbar; die Wurzeln we und wa ſtecken noch in der Wurzelſcheide, und von den Wurzeln wa und ws, welche aus der Baſis —— — 60— des Hälmchens durch das Scheidenblatt hervorzubrechen ſtreben, ſind nur die Anſchwellungen zu bemerken. Die abwärts wachſende Wurzel wi läßt an der Spitze die Wurzel⸗ haube und in einiger Entfernung von derſelben die Anfänge der Wurzel⸗ haare in Geſtalt kleiner Zacken erkennen. Fig. 28 bei h. Das aufwärts ſtrebende Hälmchen, zur Zeit noch allſeitig von dem Scheidenblatt umhüllt, iſt bereits eine kleine Strecke über den Rand des Schildchens hinausgewachſen. Etwas weiter vorgeſchrittene Stadien der Entwicklung zeigen die Figuren 29 bis 34. Im weſentlichen iſt die Keimung bei allen Getreide⸗ 25 Fig. 29. Normale Keimung des Weizens, Triticum vulgare, 5 Tage nach der Ausſaat. An den drei Wurzeln ſieht man die Wurzelhaare. Natürliche Größe. Fig. 31. Normale Keimung des Maiſes, Zea Mays. w Hauptwurzel, noch ohne Wurzelhaare. ws Wurzel⸗ ſcheide. sc Schildchen. 1 Lappen der Fruchtſchale p. b Blattknoſpe. % der natürlichen Größe. (Nach J. Sachs.) Fig. 30. Normale Keimung des Roggens, Secale ce- reale, 5 Tage nach der Ausſaat. Man ſieht 6 Wurzeln; 4 von ihnen ſind bereits mit Wurzelhaaren verſehen; die fuͤnfte, etwa 3mm lange, und die ſechſte, etwa 1mm lange, haben noch keine Wurzelhaare entwickelt. Natürliche Größe. arten gleich. Jedoch bietet die äußere Erſcheinung inſofern einen Unter⸗ ſchied, als die Spitze des Hälmchens bei den nackten Früchten: Weizen, Roggen, Mais unmittelbar an dem gefalzten Rand des Schildchens durch die geſprengte Schale direkt nach außen gelangt(Fig. 29 bis 31), während bei den beſpelzten Früchten: Spelz, Gerſte, Hafer, Hirſe das Hälmchen zwar ebenfalls an der bezeichneten Stelle die Fruchtſchale ſprengt, dann aber unter der Spelze fortwächſt, um erſt am oberen Ende der letzteren hervorzubrechen(Fig. 32 bis 34). Die Keimſchuppe, her zuſammenſchrumpft, ſ welche bei der Keimung ſtark anſchwillt und nach⸗ ſcheint das Hälmchen bei dem Sprengen und Fig. 32. der Gerſte, Hordeum distichum, am füͤnften Tage nach der Ausſaat. Das Korn hat 6 Keimwurzeln hervorgebracht. Das Hälm⸗ chen hat die Spelze etwas Normale Keimung vor ihrer Spitze durch⸗ brochen. Natüͤrliche Größe. Abbiegen der Schale zu unterſtützen. Fig. 34. Normale Keimung des Gpede Triticum Spelta. Das Ahrchen, das am 14. Dezember 1884 auf dem Felde ausgegraben wurde, hat aus ſeinen beiden Körnern je ein Pflänzchen mit 5 Wurzeln entwickelt. Die Wurzelhaare ſind nicht mitgezeichnet. %¾¼ der natürl. Größe. Übrigens iſt dieſes Or Fig. 33. Normale Keimung des Hafers, Avena sativa, am 7. Tage nach der Aus⸗ ſaat. Drei Keimwurzeln Natürliche Größe. rgan nicht bei allen Getreidearten entwickelt. Weizen und Hafer beſitzen eine Keim⸗ ſchuppe, bei Roggen und Gerſte fehlt ſie. — 62 Es iſt für den Verlauf der Keimung von Wichtigkeit, daß die Spitze des Hälmchens an der bezeichneten Stelle, nämlich an dem Rand des Schildchens, die Fruchtſchale durchbricht. Um ihr hier das Hervorbrechen zu ſichern, iſt der Rand des Schildchens(Fig. 17 bei X) gefalzt, und die innere Schicht i der Schale liegt dem Falz des Schildchens dicht und feſt an. Was es für Folgen hat, wenn das Hälmchen bei x die Fruchtſchale nicht zu ſprengen vermag, zeigen die in Fig. 35 bis 39 ſfizzierten mehr oder weniger verunglückten Keimungen des gemeinen Weizens, Triticum vulgare. Bei dem in Fig. 35 dargeſtellten Weizenkorn iſt die Spitze des Hälmchens zwiſchen der äußeren und inneren Lage der Schale(Fig. 20 zwiſchen o und ch) fortgewachſen und erſt am oberen Ende der Frucht nach außen gelangt. Dieſe Art der Keimung, welche auch bei völlig Fig. 35. Unregelmäßige Keimung des gemeinen Weizens, Triticum vulgare. Die Spitze des Hälmchens iſt zwiſchen der äußeren und inneren Lage der Fruchtſchale fortgewachſen, um erſt am oberen Ende der Frucht hervorzubrechen. Natuͤrliche Größe. reifen Weizenkörnern ziemlich häufig vorkommt, iſt nicht gerade nach⸗ teilig; man kann ſie inſofern ſogar als vorteilhaft betrachten, als das Hälmchen in der früheſten Jugend, und das iſt immer die gefährlichſte Periode, durch die äußere derbe Haut der Schale vor allerlei Schädlich⸗ keiten geſchützt iſt. Entſchiedene Nachteile hat es dagegen, wenn ſich die Spitze des Hälmchens in den Mehlkörper hineinbohrt, was beſonders bei unreif ge⸗ ernteten, ſtark geſchrumpften Körnern einzutreten pflegt, aber auch bei ausgereiften vollen Körnern zuweilen vorkommt.*) *) Bei einem genau kontrolierten Anbauverſuch, bei welchem 800 in verſchiedenen Reifeſtadien geerntete Weizenkörner ausgepflanzt wurden, kam das Hineinwachſen der Spitze des Hälmchens in den Mehlkörper bei 600 Körnern der Gelbreife, Vollreife und Totreife nur zweimal vor, während es bei je 50 nicht nachgereiften Körnern der ſpäͤteren Milchreife füͤnfmal, bei eben ſolchen der früheren Milchreife ſogar acht mal eintrat.(A. Nowacki, Unterſuchungen uͤber d. Reifen d. G. S. 85 u. 86.) Die Figuren 36 bis 39 beziehen ſich auf Weizenkörner, welche in der Milch⸗ oder Grünreife geerntet, im friſchen Zuſtande aus den Spelzen Zuf Spelz genommen und dann an der Luft getrocknet wurden, welche alſo keine Gelegenheit hatten, weder auf dem Halme normal auszureifen, noch in Verbindung mit dem Halme in der Garbe nachzureifen. d P Bei den in Fig. 36 und 37 ſkizzierten Keimungen iſt die Spitze des Hälmchens in den Mehlkörper hineingewachſen und in demſelben ſtecken geblieben. Da das Wachstum dabei nicht zum Stillſtand ge⸗ langte, ſo iſt die Schale nachträglich geſprengt worden, und das Hälm— 8 1 1 8 8 8 1= Fig. 38. Fig. 39. Fig. 36 bis 39 verunglückte Keimungen des gemeinen Weizens, Triticum vulgare. Nach der Natur, aber zum Teil ſchematiſch gezeichnet. Die betreffenden Körner wurden 20 Tage nach der Ausſaat ausgegraben. Erklärung im Text. chen hat ſich, wie in Fig. 36, ſchleifenförmig nach außen gebogen, oder, wie in Fig. 37, in verzerrter Geſtalt hin- und hergekrümmt. Bei dem in Fig. 38 dargeſtellten Korn, das bei der Ausſaat auf die Rückenfläche zu liegen kam, iſt das Hälmchen unter der Schale vom Wurzelende bis zum anderen Ende fort-, von hier im Bogen zurück quer durch den Mehlkörper hindurchgewachſen und dann endlich als ver⸗ kümmerter Schwächling hinausgelangt. Noch merkwürdiger iſt der in Fig. 39 dargeſtellte Fall. Hier hat die Halmſpitze unter der Schale zuerſt einen vollſtändigen Schrauben⸗ gang zurückgelegt, ſich dann zum zweiten, bezw. drittenmal durch den Mehlkörper hindurchgebohrt, um ſchließlich nach vielen vergeblichen Ver⸗ ſuchen am oberen Ende der Frucht hervorzubrechen. Dieſe Beiſpiele zeigen, daß Bau und Beſchaffenheit der Frucht⸗ ſchale für die Keimung keineswegs gleichgiltig ſind. Von beſonderer Be⸗ deutung erſcheint die ſcharfe Einbiegung und feſte Einklemmung der Schale an dem gefalzten Rand des Schildchens(vergl. Fig. 17). Da⸗ durch wird zweierlei erreicht. Erſtens wird das Schildchen, welches dem Endoſperm nur loſe anliegt, feſtgehalten, und zweitens wird der Spitze des Hälmchens, welche beim Beginn des Wachstums dicht neben dem Falz des Schildchens gegen die Schale andringt, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle das Hervorbrechen an der geeigneten Stelle er⸗ möglicht. 2. Die Bewurzelung. Die keimende Getreidepflanze hat nichts eiligeres zu thun, als ſich die Befeſtigung an dem Standort und die Zufuhr von Waſſer und Nahrung aus dem Boden zu ſichern. Die größte Eile bethätigt hierbei das Hirſepflänzchen. Das wartet nämlich nicht, bis die Wurzel hervorgebrochen iſt, ſondern es ſorgt ſchon vorher für ſein Daſein, indem es aus der Wurzelſcheide einen förmlichen Buſch von Wurzelhaaren hervortreibt(Fig. 40 bei h). Es macht auf den erſten Blick den Eindruck, als ob dieſe Haare den Zweck haben, das auf der Oberfläche des Bodens keimende Körnchen feſtzuankern; ſie können und mögen dieſen Zweck erfüllen, doch dürfte ihre Hauptfunktion darin beſtehen, die junge Pflanze ſo ſchnell wie möglich mit Waſſer zu verſorgen. Da die betreffenden Organe nämlich nur bei der Hirſe (Panicum miliaceum) und bei dem Fennich(Setaria italica) vor-⸗ kommen, welche von allen Getreidearten die größte Widerſtandsfähigkeit gegen Waſſermangel beſitzen, ſo erſcheint jene Haarbildung an der Wurzelſcheide als eine zweckmäßige Anpaſſung an den trockenen Stand⸗ ort. Auch die auffallend geringe Waſſermenge, welche die Hirſearten zur Quellung(S. 53) bedürfen, findet hierin ihre Erklärung. Bei den übrigen Getreidearten übernimmt die eigentliche Wurzel die Befeſtigung der Pflanze, ſowie auch die Entwickelung der Waſſer und Nahrung aufſaugenden Wurzelhaare. Die Zahl der aus dem Keimling hervorbrechenden Wurzeln, die wir Keimwurzeln nennen wollen, beträgt meiſt 1 bis 6. Bei unſeren gewöhnlichen Getreidearten: Weizen, Roggen, Gerſte, Hafer kommen nur ſelten weniger, oft mehr als drei Keimwurzeln zum Vorſchein (Fig. 41, man vergleiche die Figuren 29 bis 34). Unterſuchen wir das Samenkorn vor Beginn der Keimung, nach etwa ſechsſtündiger Ein⸗ quellung, ſo finden wir an dem Keimling des Weizens und des Hafers je 3, an dem Keimling des Roggens 4 und an dem Keimling der Gerſte 5 bis 8 deutliche Würzelchen. Außerdem iſt noch eine Anzahl undeutlicher oder ſehr kleiner Würzelchen angelegt. Dieſe gelangen namentlich dann zur Entwickelung, wenn die erſten Wurzeln durch Wurmfraß oder ſonſt auf eine Weiſe zerſtört worden ſind. Im einzelnen zeigen ſich in der Zahl und Folge der wirklich hervorbrechenden Keim⸗ wurzeln mancherlei Verſchiedenheiten und Unregelmäßigkeiten. Während Fig. 40. Normale Keimung der Hirſe, Fig. 41. Normale Keimung der Panicum miliaceum, am achten Tage nach Gerſte, Hordeum distichum, der Ausſaat. m der Mehlkörper. asp am ſechſten Tage nach der Aus⸗ äußere, isp innere Bluͤtenſpelze. ws ſaat. 6 Keimwurzeln. Graskeim Wurzelſcheide mit Wurzelhaaren h.— W am oberen Ende der Spelzen Wurzel gleichfalls mit Wurzelhaaren h— hervorgebrochen;(vergl. Fig. 32). b das Scheidenblatt, in welchem das Natüͤrliche Größe. Hälmchen emporwächſt. Vergrößerung 2 fach. z. B. beim Weizen die Reihenfolge der Wurzeln 1 bis 5 für gewöhnlich ſo iſt, wie in Fig. 28, gelangt zuweilen nur Wurzel 1 und 6 zur Ent⸗ wickelung, indem die übrigen zurückbleiben u. ſ. f. Aber dieſe Ver⸗ ſchiedenheiten oder Unregelmäßigkeiten gelten für die eine Getreideart ſo gut, wie für die andere. Deutlich abweichend von unſeren Hauptgetreidearten verhalten ſich Mais und Hirſe; während nämlich bei Weizen, Roggen, Gerſte und Hafer mehrere Wurzeln nahezu gleichzeitig aus dem Keimling hervor⸗ wachſen, bleibt bei Mais und Hirſe die erſte Wurzel längere Zeit die Getreidebau. 5 —— — 66— einzige(Fig. 31 u. 40), und erſt nachdem ſie eine Länge von mehreren Centimetern erreicht und nach Art der Pfahlwurzeln(Fig. 42) zahlreiche Nebenwurzeln erzeugt hat, brechen weiter oberhalb am Grunde des jungen Halmes auch andere Wurzeln hervor. ) 83 Fig. 42. Eine junge Pflanze von Zea Fig. 43. Endteil einer Wurzel des Mays. s das Samenkorn. w die Haupt⸗ gemeinen Weizens, Triticum wurzel mit Seitenwurzeln wa; die oberen vulgare. w Wurzelkörper, wh längeren Seitenwurzeln mit Wurzel⸗ Wurzelhaube, hh Wurzelhaare. haaren beſetzt. h der untere Teil des Vergrößerung 15 fach. Halmes, welcher die drei Blätter b, bi und ba und aus dem erſten Knoten die Wurzeln wi und Wwa entwickelt hat. % der natürl. Größe.(Nach J. Sachs.) Die Wurzelhaare, die an den Wurzeln der Getreidearten in ſehr großer Zahl hervorſproſſen, kommen in der Regel ſehr bald nach dem Durchbrechen der Wurzelſcheide, aber immer nur eine kurze Strecke oberhalb der fortwachſenden und mit der Wurzelhaube bedeckten Wurzel⸗ ſpitze zum Vorſchein. Letzteres wird durch Fig. 43 veranſchaulicht, welche das untere Ende einer Weizenwurzel bei 15 facher Vergrößerung darſtellt. Eine kleine Gruppe etwas ſtärker vergrößerter Wurzelhaare gleichfalls von dem Weizen zeigt Fig. 44. Man ſieht, daß jedes Wurzel⸗ haar im weſentlichen nichts anderes iſt, als eine lange ſchlauchförmige, vielfach hin und hergekrümmte Ausſtülpung einer Oberhautzelle des Wurzelkörpers. Die natürliche Länge der Wurzelhaare im aus⸗ gewachſenen Zuſtande beträgt bei unſeren Getreidearten etwa 2 bis 3 mm. Bei dem Hafer ſcheinen ſie etwas länger, bei der Gerſte etwas kürzer zu ſein, als bei Weizen und Roggen. über Zweck und Bedeutung der Wurzelhaare hat uns J. Sachs unterrichtet durch zwei einfache mit Abbildungen erläuterte Verſuche“), deren Beſchreibung wir hier folgen laſſen. Fig. 44. Wurzelſtück mit Wurzelhaaren und Gefäͤßen a von Triticum vulgare. Stark vergrößert.(Nach Nobbe.) Fig. 45 zeigt eine in humoſem Gartenboden(im Topf) erwachſene Keimpflanze des gemeinen Weizens(Triticum vulgare, S iſt die Samen⸗ ſchale, b das Blatt). Der Topf war umgeſtürzt und die aus der zer⸗ teilten Erde genommene Wurzel ziemlich ſtark geſchüttelt worden, um alle Erde, die nicht von den Wurzelhaaren feſtgehalten war, zu entfernen. Die fünf Wurzeln ſind von ihrem Urſprunge aus bis in die Nähe der Wurzelſpitze mit den humoſen Bodenteilen eſe e umhüllt, nur die wachſenden Spitzen w w ſind nackt, weil ſie noch keine Wurzelhaare beſitzen, welche an den älteren Wurzelteilen in ſehr großer Zahl 1 7 d) 8 e vorhanden und mit den Bodenſtückchen verwachſen ſind. *) J. Sachs, Handbuch der Exrperimental⸗Phyſiologie der Pflanzen, 1865, S. 184— 186. 5r Die Art, wie die Wurzelhaare mit den benachbarten Bodenteilen verwachſen, iſt in Fig. 46 an einem einzelnen Wurzelhaar nach 500 facher Vergrößerung dargeſtellt. Fig. 45. Junge Pflanze Fig. 46. Ein Wurzelhaar Fig. 47. Bewurzelung einer Pflanze des gemeinen Weizens, Tri- des Weizens, Triticum von Triticum vulgare, die 4 Wochen ticum vulgare. s die vulgare, bei e mit den älter iſt, als die in Fig. 45 darge⸗ Samenſchaale, b das Blatt. Bodenteilen verwachſen. ſtellte. Hier ſind nur noch die unteren Die fuͤnf Wurzeln w ſind Auf der Oberhaut des jüngeren Teile der Wurzeln w mit mit Erdhüllen e bekleidet, Wurzelhaares h ſtehen Erdhüllen e bekleidet. n Nebenwur⸗ welche durch die Wurzel⸗ hier und da äußerſt feine zeln. sentleerte Samenſchale. b Baſis haare feſtgehalten werden. Fühlfäͤden(2) f. des Stengels. Die Wurzelſpitzen ſind nackt. Vergrößerung 500 fach.% der natürlichen Größe. % der natürl. Größe.(Nach J. Sachs.)(Nach J. Sachs.) (Nach J. Sachs.) Fig. 47 zeigt eine Pflanze gleicher Art in demſelben Boden er⸗ wachſen, aber vier Wochen älter als die vorige(s entleerte Samen⸗ — 69— ſchale, b Baſis des Stengels). Die Pflanze iſt in derſelben Weiſe, Wi die vorige, aus dem etwas feuchten Boden herausgenommen und a geſchüttelt. Der Boden fällt von den oberen Wurzelteilen eee vat. ſtändig weg, wo er früher(Fig. 45e) feſthing; der Grund iſt, wie die Unterſuchung zeigt, einfach der, daß die Wurzelhaare dieſer älteren Teile vollkommen abgeſtorben, verſchrumpft, zum Teil ſogar verweſt ſind. Dieſe älteren oberen Wurzelteile haben aufgehört, Nahrung aufzunehmen, ihre Oberfläche iſt gebräunt, die Saugorgane, die Wurzelhaare ab⸗ geſtorben; ſelbſt an den zahlreichen Nebenwurzeln nn dieſer Teile iſt dies ſchon geſchehen. Dagegen ſind die Spitzen der früher ſchon vor⸗ handenen Wurzeln weiter gewachſen, in tiefere Bodenſchichten ein⸗ gedrungen; dieſe neu zugewachſenen Längenſtücke der Wurzeln ſind jünger und beſitzen noch lebendige Wurzelhaare, welche mit den Bodenteilchen verwachſen ſind, und dieſe bilden hier, wie an den Nebenwurzeln dieſer Region die Erdhüllen er er er; die Wurzelſpitzen ſelbſt(ww) ſind noch nackt, ohne Wurzelhaare, und daher fällt der Boden vollſtändig von ihnen ab. Die behaarten aufſaugenden Wurzelſtellen unſerer Weizen⸗ pflanze ſind alſo binnen vier Wochen um eine Etage tiefer hinab⸗ geſtiegen; früher war es die obere Region des Bodens bei ee (Fig. 45), welche die Nahrung lieferte, jetzt iſt es die untere bei ei ei ei (Fig. 47), welche von den jungen Wurzeln ausgebeutet wird. Dieſe lehrreiche und anſchauliche Beſchreibung bedarf nur in einer Beziehung der Ergänzung. Man darf ſich nämlich nicht vorſtellen, daß die Keimwurzeln ſo lange, wie die Pflans e lebt, immer tiefer und tiefer in den Untergrund hinabſteigen, um der Nahrung nachzugehen; jene erſten aus dem Keimling hervorſproſſenden Wurzeln ſterben vielmehr im Laufe der Zeit allmählich ab, um durch andere, aus den unteren Knoten der Halme hervorbrechende Wurzeln erſetzt zu werden. Dieſe zweite Art von Wurzeln nennen wir Kronenwurzeln.*) Wir werfen einen Blick auf Fig. 48, welche uns das Verhältnis der Keimwurzeln zu den Kronenwurzeln vor Augen führt. Bei s ſehen wir das entleerte Samenkorn der ſechszeiligen Gerſte, Hordeum hexastichum. Aus dem Samenkorn ſind im vorliegenden Falle 7 Wurzeln ww entſprungen. Dieſe ſieben erſten Wurzeln haben in dem Moment, als die Gerſtenpflanze aus dem humoſen Lehmboden aus⸗ *) Es mag hier bemerkt werden, daß die Keimwurzeln nach oben hin allmählich und ohne ſcharfe Grenze in Kronenwurzeln übergehen. Es wäre daher der ſtrengen Wiſſenſchaft mehr entſprechend, wenn man die ſämtlichen Keim⸗ und Kronenwurzeln, mit Ausſchluß der Hauptwurzel, als„Adventivwurzeln“ oder„Beiwurzeln“ zuſammenfaſſen wuͤrde; doch ſcheint es uns überſichtlicher und für die landwirtſchaftliche Beurteilung der Getreidepflanze zweckmäßiger zu ſein, die Keimwurzeln durch einen beſonderen Namen von den Kronenwurzeln zu unterſcheiden. gegraben wurde, ihren Dienſt bereits gethan. Die Wurzelhaare an ihnen ſind größtenteils abgeſtorben; nur ſtellenweiſe ſind noch einige vorhanden, wie man an den ſpärlichen Erdbröckchen e erkennt, die hier und da an den Wurzeln hängen. Dafür hat die Pflanze etwa 2 cm über dem Samenkorn aus dem dicht unter der Erdoberfläche ſtehenden Halmknoten K acht neue und kräftige Wurzeln wi WI hervorgebracht. Das ſind diejenigen Wurzeln, Nv 5 Fig. 48. Bewurzelung einer etwa 8 Wochen alten Pflanze der ſechs⸗ zeiligen Gerſte, Hordeum hexastichum. s das ausgenutzte Samenkorn. w Keimwurzeln. w. Kronenwurzeln, entſpringend an dem Halm⸗ knoten ki, mit Erdhuͤllen ei bekleidet. h unteres, hi oberes Glied des Halmes. % der natürlichen Größe. die wir ihrer Stellung und Anordnung nach als Kronenwurzeln be⸗ zeichnen. Die Erſcheinung derſelben iſt am Tage der Beobachtung eine ganz andere, wie bei den zugehörigen Keimwurzeln. Jede Wurzelfaſer hat ein Höschen' von Erde an, weil ſie mit friſchen und lebensthätigen Wurzelhaaren beſetzt iſt, welche die Erde feſthalten. Die äußeren Enden der Wurzeln ſind nackt, weil ſich hier noch keine Wurzelhaare entwickelt haben. Ein etwas anderes Bild zeigt uns Fig. 49, welche ſich wieder auf die ſechszeilige Gerſte bezieht. Die betreffende Pflanze ſtand im Garten in der Nachbarſchaft der in Fig. 48 dargeſtellten. Aus dem Samenkorn ſind hier 6 Keimwurzeln wy hervorgegangen. Drei von ihnen ſind vollſtändig, die übrigen drei größtenteils von Erde N Fig. 49. Bewurzelung einer etwa acht Wochen alten Pflanze der ſechs⸗ zeiligen Gerſte, Hordeum hexastichon. s das ausgenutzte Samenkorn. w Keimwurzeln mit ſpärlichen Erdkrümchen e.— W erſter Kranz von Kronenwurzeln aus dem Knoten k, mit Erdhüllen en bekleidet, bei r die Wurzelhaare zeigend, wa zweiter Kranz von Kronenwurzeln aus dem Knoten ke.— h h) und ha die aufeinanderfolgenden Glieder des Halmes. b das vertrocknete Scheidenblatt. % der natuͤrlichen Größe. entblößt, denn die Wurzelhaare ſind hier bereits abgeſtorben oder im Abſterben begriffen. Etwa 2 ½ cm über dem Samenkorn hat ſich aus dem Halm⸗ knoten k ein Kranz von jüngeren Wurzeln wi Wi entwickelt. Es ſind Kronenwurzeln. Wir zählen ihrer 6, von denen die ſtärkſte ſich in zwei lange, anſcheinend gleich ſtarke Äſte geteilt hat. Der eine der letzteren hat ſich bei r nochmals gegabelt, und da die beiden Faſern hier in einen, vom Regenwurm gebohrten Hohlraum hineingewachſen waren, ſo zeigen ſie uns die freien, nicht mit Erdkrümchen bekleideten Wurzelhaare. Einen Centimeter über dem Knoten ki trägt der Halm den Knoten k. An demſelben iſt ein zweiter Kranz von Kronenwurzeln we we in der Entwicklung begriffen. Wir ſehen hier 3 Wurzeln, von denen die beiden älteren ſchon eine beträchtliche Länge erreicht und ſich mit Erdhüllen be⸗ kleidet haben, während die dritte, an der linken Seite eben hervor⸗ brechende noch nackt iſt. Bei der letzten Pflanze haben wir an den beiden unteren Knoten des Halmes je einen Kranz von Kronenwurzeln. Eine ähnliche Wurzel⸗ bildung kann ſich an den folgenden Knoten wiederholen, ſo daß wir drei, vier oder fünf etagenförmig übereinanderſtehende Kränze von Kronen⸗ wurzeln erhalten. Nicht immer ſind die einzelnen Kränze ſo deutlich von einander ge⸗ trennt, wie in den zur Erläuterung gewählten Beiſpielen. Sind näm⸗ lich die Halmglieder zwiſchen den Knoten ſehr kurz, was beſonders bei flacher Lage des Samenkorns der Fall zu ſein pflegt, ſo wachſen die Wurzeln mehrerer Kränze durcheinander, und es ſieht dann ſo aus, als ob alle Wurzeln einem und demſelben Knoten angehörten. Überhaupt iſt die äußere Erſcheinung der Bewurzelung, auch bei einer und der⸗ ſelben Pflanzenart, in jedem Einzelfall eine andere, weil jede Pflanze ihren eigenen ſelbſtändigen Organismus hat, und weil auch die Standorts⸗ verhältniſſe nicht an allen Stellen des Feldes genau dieſelben ſind. Nur inſofern ſtimmen alle Einzelfälle überein, als jeder kräftige Halm ſeine eigenen Wurzeln entwickelt, ſo daß mit der Zahl der ährentragenden Halme auch die Zahl der Wurzeln und der Umfang des ganzen Wurzel— ſtockes zunimmt. Die Kronenwurzeln brechen übrigens nicht allein in der Erde, ſondern auch über der Erde aus den Halmknoten hervor. An dem Maisſtengel z. B. findet man ſie nicht ſelten 50 cm, an dem Haferhalm 15 cm über dem Boden u. ſ. w. Bald kriechen ſie dicht an dem Halme abwärts, zuweilen ſelbſt innerhalb der Blattſcheiden, bald wachſen ſie in ſchräger Richtung von dem Halme weg; meiſt erreichen ſie den Boden, manchmal bleiben ſie aber auch in der Luft. Im letzteren Falle ſcheinen ſie zwecklos zu ſein, beziehungsweiſe ihren Zweck verfehlt zu haben. Sonſt haben die Kronenwurzeln, ebenſo wie die Keimwurzeln, den Zweck, 1. die Pflanze zu befeſtigen und aufrecht zu erhalten, 2. den — 73— einzelnen Halmen Waſſer und Nahrung aus dem Boden zuzuführen. Das eine iſt ſo wichtig, wie das andere. Die Befeſtigung der Pflanze und die Verſteifung der Halme kommt im weſentlichen dadurch zu ſtande, daß die Wurzeln ſtrahlenförmig nach allen Seiten vom Stocke auslaufen und teils ſenkrecht, teils ſchief ab⸗ wärts ſteigend, durch Erzeugung von Nebenwurzeln und Wurzelhaaren ſich im Boden feſtklammern oder feſthäkeln, wobei die Hauptſtränge der Wurzeln wie Ankertaue oder auch wie Stützen wirken. Daß die über dem Boden, an der Baſis des Maisſtengels in einem regelmäßigen Kranze entſpringenden Kronenwurzeln in der That als„Stützwurzeln“ aufzufaſſen ſind, hat G. Haberlandt nachgewieſen“). Auch bei den übrigen Getreidearten dienen die oberen, meiſt ſehr kräftigen Kronen⸗ wurzeln nicht bloß zur Verankerung, ſondern auch zur Verſteifung des Halmes. Waſſer und Nahrung holen die Wurzeln, wie ſchon ihre etagen⸗ förmige Entwickelung zeigt, hauptſächlich aus dem gelockerten und gedüngten Obergrunde. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Hauptmaſſe der Wurzeln ſich in der Ackerkrume verbreitet, obwohl ein Teil der Wurzeln auch bei den Getreidearten zu beträchtlicher Tiefe in den Untergrund hinabſteigt. Genaueren Aufſchluß über dieſe Ver⸗ hältniſſe geben die von Hugo Thiel ausgeführten ſorgfältigen und mühſamen Unterſuchungen„Über die Bewurzelung einiger unſerer Kulturpflanzen“. Wir laſſen die weſentlichen Reſultate derſelben hier folgen. Ein Teil der Verſuchspflanzen wurde im freien Lande, ein anderer Teil dagegen in Röhren erzogen, die bei 0,21 m Durchmeſſer eine Länge von 0,62 bezw. 1,22 m hatten, um nachher durch Auswaſchen nicht nur die Verbreitung, ſondern auch die Menge der vorhandenen Wurzeln genau beſtimmen zu können. Um für das Maß der Wurzelentwickelung in den einzelnen Bodenſchichten einen Zahlenausdruck zu gewinnen, wurde die Anzahl der in den Röhren und im freien Lande auf beſtimmten Boden⸗ querſchnitten gefundenen Wurzeln gezählt, und außerdem bei den in den Röhren gewachſenen Wurzeln das Gewicht der in den einzelnen Boden⸗ ſchichten enthaltenen und ausgewaſchenen und bei 1000 C. getrockneten Wurzeln feſtgeſtellt. Letztere Zahlen ſind allerdings nicht direkt ver⸗ gleichbar, und keineswegs als ein genauer Ausdruck für die dem Gewicht nun auch entſprechende, in den betreffenden Bodenſchichten zur Nährſtoff⸗ aufnahme thätig geweſene Wurzeloberfläche zu betrachten, bieten aber *) G. Haberlandt, Phyſiologiſche Pflanzenanatomie, 1884, S. 129. **) Zeitſchrift f. d. landw. Verein d. Großh. Heſſen, 1870, Nr. 37 und 38. — immerhin einen weiteren Anhalt dafür, wo das Hauptmaterial für Stoff⸗ bildung von der Pflanze verbraucht wurde, und wo man demgemäß die Hauptfunktion der Wurzeln, alſo auch die Hauptnährſtoffentnahme aus dem Boden annehmen muß. In Bezug auf die Getreidearten, die wir hier allein berückſichtigen, ergaben ſich folgende Thatſachen. Die Wurzeln des Hafers zeichnen ſich durch große Feinheit, geringe Verdickung auch in den oberſten Teilen, und durch geringe Ver⸗ zweigung aus. Ihre Neigung, in horizontaler Richtung Wurzeln auszuſenden, iſt nicht ſehr bedeutend, die meiſten Wurzeln gehen ziemlich vertikal in die Tiefe, und wurden ſolche noch bei 2 m Tiefe gefunden, während ſeit⸗ wärts weiter wie 0,50 m keine mehr vorkamen. Die Hauptwurzelmaſſe iſt beim Hafer in einer Tiefen- und Seitenausdehnung von 0,25 m.— Bei einer genauer unterſuchten Pflanze geſtalteten ſich die Bewurzelungs⸗ verhältniſſe in folgender Weiſe: Anzahl der Wurzeln auf dem Querſchn. einer Röhre bei 0,82 m Tf.= 133 W. 97 2 1 7 7 7 7„„„„ 0,97„ 102„ 55 2 1 1 1„ 1 1„„„„ 1,22„ 80„ Trockengewicht der Wurzeln in einer Schicht von der Oberfläche bis zu 0,25 m Tiefe 6,780 g. don 0,75„„ 0,62„„= 1,350„ „ 0,62„„ 0,32„„= 0 920 „ 0,82„„ 0,97„ w.= 0,530„ „ 0,97,„ 1,25„. 0,760„ Summa= 10,340 g. Die Bewurzelung des auf dem Kontrollbeete gezogenen Hafers zeigte keine Eigentümlichkeiten vor dem daneben in Thonröhren gewachſenen. Es betrug die Anzahl der Wurzeln auf einem Bodenquerſchnitt von 900 HDem: bei einer Tiefe von 0,25 m = 90 Wurzeln „ n 5„ 0,35„— 78„ .„ 0,45„= 74 2 3 2 9„ 0,55„= 48 9 „ 3„ 0,65„— 39„ ,,„„ 0,75„= 33 7, 1 7 0,85„ 29 7 „„ 7 0,95 4„,— 29 1 „„„ 7 1,05„ 18 7 7„„ 1 1,15 2„ 13 7 — 75— Bei dem Mais, der wegen ungünſtiger Witterung eine ſchwächliche Entwicklung der in den Thonröhren erzogenen Pflanzen zeigte, ergaben ſich folgende Verhältniſſe. Anzahl der Wurzeln auf dem Querſchnitt ein. Röhre b. 0,60 Tiefe= 32 W. 7 9„„, 3 ,, ee 10W. Trockengewicht der Wurzeln in einer Schicht von der Oberfläche bis zu 0,38 m Tiefe= 7,84 g. don 036. 060„„ 203 „ O,60„ 0 ,90„„ 1,7,, „ O0,00„„ 1,22„— 0,50 5 Summa— 11 99 g. Bei den auf dem Kontrollbeet erzogenen entſchieden kräftigeren Mais⸗ pflanzen betrug die Anzahl der Wurzeln auf einem Querſchnitt von 900 Oem: bei einer Tiefe von 0,20 m= 15 W. ,„„„ 0,35„„= 6„ 1,19, 7„ 0,50„= 1„ Trootz dieſer verhältnismäßig ſehr ſchwachen Wurzelentwicklung wurden dennoch in einer Tiefe von 1,40 m noch Areini Wurzeln gefunden. Auf dem der Akademie zugehörigen Maisfelde, auf welchem die Pflanzen ein ſehr kräftiges Wachstum hatten, ergaben ſich bei gleichen Bodenverhältniſſen folgende Zahlen: Anzahl der Wurzeln auf einem Querſchnitt von 900 Dem: bei einer Tiefe von 0,10 m= 68 Wurzeln. „„„ 0 20„= 32„ „„„* 0,30„ 338„ „ 1 91„ 0,40„ 23 „ 9„„ 0,50„= 253„ 9„„„„ 0,60„= 14„ „ 6 9„„ 0,70„= 6„ „„„„ 0,80„= 232„ „ 3 5 6 0,90„„= 0 7 Ähnliche Ausgrabungen, Wurzel⸗Beobachtungen und Zählungen wurden bei Rotklee, Tabak, Flachs und ſpäter noch öfter auch bei Lu⸗ zerne, Hopfen, Weizen, Sommergerſte, Kartoffeln, Topinambur und Runkelrüben angeſtellt. Bei allen dieſen Pflanzen zeigte es ſich über— einſtimmend, daß die Hauptmaſſe der feinen, vielverzweigten, jüngeren und für die Nährſtoffaufnahme thätigen Wurzeln in der oberen Boden⸗ ſchicht, ſoweit ſie den Charakter der Ackerkrume hatte, enthalten war. Die jüngeren Wurzeln in der oberen Bodenſchicht waren teils neue Verzweigungen der älteren, teils aus den erſten Stamm⸗Internodien ſtets neu hervorbrechende Wurzeln. Beſonders deutlich iſt letzter Vorgang bei den Getreidearten zu beobachten. Bei der Sommergerſte fingen z. B. nach einer Beobachtung im Jahre 1866 auf gutem Lehmboden die urſprünglichen Keimwurzeln der am 12. April geſäeten, am 20. aufgelaufenen Pflanzen ſchon vom 3. Mai an, nachdem ſie eine Länge von 14—28 em erreicht hatten, langſam abzu⸗ ſterben, während neue Wurzeln oberhalb des Schildchens durchbrachen. Dieſe entwickelten ſich viel kräftiger, und waren am 11. Mai ſchon 6— 15 cm lang geworden, während die erſten Wurzeln immer mehr vergingen. Am 17. Mai hatten dieſe 6—10 neuen Wurzeln an jeder Pflanze eine Länge von 12--25 cm erreicht, und am 1. Juni waren die erſten Wurzeln total abgeſtorben; friſche Wurzeln wurden an jeder Pflanze 15— 20 Stück, 30— 40 cm lang, mit vielen Seitenwurzeln zweiter, und einigen dritter Ordnung gezählt. An den unterſten Stengelgliedern ſproßten dabei fortwährend neue Wurzeln hervor. Am 8. Juni konnten einzelne Wurzeln ſchon bis zu 82 cm Länge verfolgt werden, und zählte jede Pflanze 25— 37 mehr oder minder verzweigte Wurzeln, während noch immer neue von den Stengelgliedern ausgingen und die oberen Bodenſchichten von neuem ausnutzten. Vom 15. Juni an ſchien es ſogar, als ob nun die älteren der an jeder Pflanze in einer Anzahl von 34— 56 vorhandenen, und zum Teil bis zu 60 cm Tiefe gehenden Wurzeln nicht mehr funktionierten, und daß die Entnahme von Nährſtoffen und von Feuchtigkeit aus dem Boden nur noch von den jüngeren Wurzelverzwei⸗ gungen und von den noch ſtets den Stengeln neu entſpringenden Wurzeln beſorgt werde. Bei Winterweizen zeigte es ſich in ganz ähnlicher Weiſe, daß die erſten Keimwurzeln nach kurzer Zeit abſtarben, und neue Wurzeln aus den erſten Internodien dicht an der Oberfläche des Bodens ſich bildeten. Auch dieſe fingen ſchon ſehr früh im folgenden Frühjahre an abzuſterben, und ſchon am 5. Februar begann die Bildung neuer Wurzeln, welche jene älteren bald ganz erſetzten, aber auch ihrerſeits nicht für die ganze Vegetationszeit genügten, ſondern von immer neu ſich bildenden unter⸗ ſtützt wurden. Da dieſe neuen Wurzeln immer dicht an der Oberfläche des Bodens, zum Teil auch noch oberhalb derſelben entſprangen, ſo wurde auch hier die oberſte Schicht des Bodens vorzugsweiſe in Anſpruch genommen. Was für eine Bewandtnis hat es nun aber mit denjenigen Wurzeln des Getreides, welche 1—2 m tief in den Untergrund hinabſteigen? Darauf antwortet Thiel: Obgleich dieſe Wurzeln für die Sammlung von Nahrungsmaterial faſt bedeutungslos ſind, ſo können ſie doch eine geringe Menge Flüſſigkeit ſammeln. Der Weg in den Untergrund wird nämlich den Wurzeln durch die Regenwürmer gebahnt, welche ſich 2— 3 m tief einbohren und überall, wo ſie vorkommen, röhrenartige Gänge in dem Erdreich herſtellen. Thiel hat dies entdeckt und Henſen*) hat es neuerdings beſtätigt. Während letzterer auf abgeernteten Kornfeldern die Wurzeln in großer Zahl in den Wurmröhren traf, war es nicht möglich, ſolche außerhalb der Röhren nachzuweiſen. Die in den Röhren befindlichen Wurzeln fand Henſen(wie Thiel vor ihm) mit zahlreichen Wurzelhaaren beſetzt, aber letztere waren hier nicht mit Erde umhüllt, ſondern„völlig frei“. Hieraus ziehen wir den Schluß, daß die betreffenden Wurzeln für die Aufnahme von Bodennährſtoffen keine nennenswerte Bedeutung haben, ſondern nur dazu dienen können, die Pflanzen mit Waſſer zu verſorgen, welches ſich als unterirdiſcher Tau auf den Wurzelhaaren niederſchlägt oder als eingedrungenes Regenwaſſer an den Wänden der Wurmröhren hinabſickert. Dieſe Leiſtung der Untergrundswurzeln, die wir nicht unterſchätzen, kann aber auch nur bei anhaltender Trockenheit von Bedeutung ſein. Demnach hat Henſen die Schlußtheſe Thiel's nicht widerlegt, ſondern vielmehr beſtätigt: Die Hauptmaſſe der Wurzeln befindet ſich in dem oberen, durch die Kultur gelockerten Teile des Bodens; aus dieſer Bodenſchicht entnehmen daher die Pflanzen vorzugsweiſe ihre Nahrung. 3. Die Beſtockung. Die erſten Anfänge der Beſtockung finden wir bei kräftigen Getreide⸗ früchten ſchon im Samenkorn. Der in Fig. 17 dargeſtellte Längsſchnitt durch den Keimling des Weizens enthält neben der Hauptknoſpe a in der dem Schildchen zugekehrten Achſel des Scheidenblattes eine zweite ſehr kleine Knoſpe b. Daß wir es hier in der That mit einer zweiten Knoſpe und alſo auch mit einem Anfang der Beſtockung zu thun haben, darüber belehrt uns die Entwicklung. Letztere können wir in Fig. 50 verfolgen. Die Figur zeigt uns den Längsſchnitt durch den mittleren Teil eines Weizenpflänzchens, deſſen Graskeim(im Keimapparat) 14 Tage nach der Ausſaat eine Länge von 4 ½ em erreicht hatte. Wir ſehen in *) Victor Henſen, Über die Fruchtbarkeit des Erdbodens in ihrer Abhängigkeit von den Leiſtungen der in der Erdrinde lebenden Wuͤrmer, Landw. Jahrbuͤcher v. H. Thiel, 1882 S. 670, 691— 695. dieſem frühen Stadium der Entwicklung ſchon drei Knoſpen. In der Mitte ſteht die Hauptknoſpe a, welche ſich zum Haupthalm entwickelt. Links von ihr, etwas tiefer, in der Achſel des Scheidenblattes, ſteht die zweite Knoſpe b, welche, der gleichbenannten Knoſpe in Fig. 17 ent⸗ ſprechend, jetzt ſchon etwas herangewachſen iſt, um den zweiten Halm des Pflanzenſtockes vorzubereiten. Und rechts von der Hauptknoſpe, in Fig. 50. Längsſchnitt durch den mittleren Teil eines jungen Weizen⸗ pflaͤnzchens(Triticum vulgare). a Hauptknoſpe, b und c Seiten⸗ knoſpen. kk Keimknoten. W Wurzel, ws Wurzelſcheide. f Keimſchuppe. se Schildchen. n Kleberſchicht. Vergrößerung 30 fach. der Achſel des erſten Laubblattes, ſteht die dritte Knoſpe c, aus welcher der dritte Halm hervortreibt. Fig. 51 zeigt uns ziemlich dieſelbe Entwicklungsſtufe bei einem 5 cm hohen Haferpflänzchen. In der Mitte ſteht wieder die Hauptknoſpe a. Die Knoſpe in der Achſel des Scheidenblattes fehlt, weil ſie nicht zur Entwicklung gekommen, oder vielleicht auch durch den Schnitt nicht ch getroffen worden iſt, was bei ihrer Kleinheit leicht begegnen kann. Die der Regel nach dritte Knoſpe c in der Achſel des erſten Laubblattes iſt vorhanden, genau an derſelben Stelle, wie bei dem Weizen. Betrachten wir uns die Anordnung der drei Knoſpen a, b, c (Fig. 50), und ſtellen wir uns vor, daß jede derſelben in einen längeren WS Fig. 51. Längsſchnitt durch den mittleren Teil eines jungen Hafer⸗ pflänzchens(Avena sativa). a Hauptknoſpe. c Seitenknoſpe. kk Keim⸗ knoten. w Hauptwurzel mit der geſprengten Wurzelſcheide ws. wa und wa zwei Wurzeln, welche an und uͤber dem Keimknoten nach vorn her⸗ vorbrechen. se Schildchen. n Kleberſchicht des Endoſperms. Vergrößerung 30 fach. Trieb auswächſt, ſo erhalten wir einen Hauptſtamm a mit zwei grund⸗ ſtändigen Seitenzweigen b und c, d. h. die Beſtockung iſt nichts anderes, als eine Verzweigung des Stammes dicht über der Wurzel. Dabei gelten folgende Geſetze: 1. Die Seitenzweige entſpringen ſſtets aus der Achſel eines Blattes. 2. Jedes Blatt ſowie jeder Seitenzweig entſpringt an einem Knoten. 3. Die Blätter, ſowie die aus ihren Achſeln entſprin⸗ genden Seitenzweige ſind wechſelſtändig angeordnet. Somit beſteht der Unterſchied zwiſchen Beſtockung und gewöhnlicher Verzweigung nur darin, daß bei letzterer die Seitenzweige in größerer oder geringerer Höhe über dem Erdboden, alſo deutlich ſichtbar von dem Hauptſtamm abgehen, während ſie bei der Beſtockung ſcheinbar aus der Wurzel, in Wirklichkeit aber aus dem unteren Teil des Stammes hervorkommen.*) à. b b 0 X 5 e X W — 4 W W Fig. 52. (Erklärung im Tert.) Die Stellung der Knoſpen b und c in Fig. 50 läßt uns über den wirklichen Sachverhalt nicht in Zweifel, und da dies die erſten und die unterſten ſind, ſo müſſen bei weitergehender Beſtockung ſelbſtverſtändlich alle folgenden Knoſpen und Triebe aus denjenigen Blattachſeln ent⸗ ſpringen, welche höher am Stamme ſtehen, als b und c. Ebenſo müſſen *) An den mittleren und oberen Halmknoten kommt eine Verzweigung der Haupt achſe, von dem Blütenſtande abgeſehen, bei unſeren Hauptgetreidearten für gewöhnlich nicht vor; dagegen zeigt ſich eine ſolche häufig bei den Hirſearten(Panicum und Setaria) und bei dem Kanariengras(Phalaris canariensis), wodurch dieſe Graͤſer ein mehr krautartiges Anſehen erhalten. Regelmäßig finden wir eine Verzweigung der Hauptachſe: 1. bei dem Mais, bei welchem die Kolben nichts anderes ſind, als Seitenäſte, welche aus den Blattachſeln des Hauptſtammes entſpringen; 2. an den Bluͤtenſtänden(Ahren und Riſpen) ſämtlicher Getreidearten. 2. SI diejenigen Knoſpen, die etwa an den Seitenzweigen zur Entwicklung gelangen, höher ſtehen, als b und c. Nachſtehende Schemata werden vielleicht dazu dienen, dieſe Ver⸗ hältniſſe noch beſſer zu veranſchaulichen. Fig. 52 Beſtockung mit zwei grundſtändigen Seitenzweigen b und e an dem Hauptſtamm a. Fig. 53 Beſtockung mit zwei grundſtändigen Seitenzweigen b und c an dem Hauptſtamm a. An den Soitenziwrigen erſter Ordnung b und c je zwei Seitenzweige zweiter Ordnung d und e bezw. f und g (W Andeutung der Wurzeln). Fig. 54. Eine junge Pflanze vom Winterweizen(Triticum vulgare) mit einem Stocktrieb a. sb das Scheidenblatt. W Keimwurzeln. w 1 Kronenwurzeln, s Samenkorn. ⁵ der natuͤrlichen Größe. 1 Halten wir die Geſetze feſt, nach welchen die Verzweigung der Haupt⸗ und Nebenachſen vor ſich geht, ſo werden wir uns unter der Mannigfaltigkeit der Erſcheinungen, welche uns auf unſeren Saatfeldern begegnen, leicht zurechtfinden, und wir werden bei Vergleichung ent⸗ ſprechender Entwicklungsſtadien die Beobachtung machen, daß dieſelben d Beſtockungserſcheinungen bei den verſchiedenen Getreidearten immer und 3 immer wiederkehren. Zur Erläuterung geben wir eine Reihe von Bei⸗ ſpielen Fig. 54 zeigt uns eine junge Pflanze von Winterweizen(Triticum vulgare). Dieſelbe hat ſich, wie man gewöhnlich ſagt, nicht beſtockt, Getreidebau. 6 das heißt, ſie hat bis zum Tage der Beobachtung(8. April 1875) nur einen einzigen Trieb entwickelt. Dem Anſchein nach wird ſie es bei dieſem einen Triebe bewenden laſſen. Sie wird daher bei ungeſtörtem Wachstum, wie viele andere Pflanzen, nur einen Halm und eine Ähre liefern. Fig. 55 zeigt uns eine andere Weizenpflanze von demſelben Felde und von demſelben Alter. Der Keimling dieſer Pflanze hat außer dem Haupttrieb a einen zweiten ſchwächeren Trieb b hervorgebracht. Bleibt die Beſtockung auf dieſe beiden Triebe beſchränkt, ſo erhalten wir einen Stock mit zwei ährentragenden Halmen. Fig. 55. Eine junge Pflanze vom Winterweizen(Triticum vulgare) mit 2 Stocktrieben a und b. sb das Scheidenblatt. w Keimwurzeln. wi Kronenwurzeln. s Samenkorn. % der natürlichen Größe. Fig. 56 zeigt uns eine dritte Weizenpflanze wiederum von dem⸗ ſelben Felde und von demſelben Alter. Hier ſehen wir rechts und links von dem Haupttrieb a die beiden Seitentriebe b und c. Dieſe Pflanze, erheblich kräftiger in der Blatt- und Wurzelbildung als die beiden vorigen, kann alſo drei ährentragende Halme zur Entwicklung bringen. So kann die Beſtockung weitergehen bis zu 4, 5, 6 und mehr Halmen.(Faſt jede Pflanze erzeugt eine gewiſſe Zahl von Reſerve⸗ trieben, welche nur im Notfall zur Entwicklung gelangen.) Bei den angeführten Beiſpielen, die wir, wie die folgenden, nicht allein auf den Weizenfeldern, ſondern auch auf den Roggen⸗, Gerſten⸗ und Haferfeldern in gleicher Weiſe wiederfinden können, ſitzt der Pflanzenſtock direkt auf dem Samenkorn, oder, mit anderen Worten, die Beſtockung erfolgt hier an dem Keimknoten(vergl. Fig. 50). Bedingung für dieſe Art der Beſtockung iſt flache Unterbringung des Samenkorns bis zur Tiefe von 1 oder 2 cm. Liegt das Samenkorn tiefer, ſo wächſt aus demſelben ein rhizom⸗ artiger ein⸗ oder mehrgliedriger Stengel empor, welcher ſich erſt in der Nähe der Bodenoberfläche oder an der Oberfläche ſelbſt zur Beſtockung anſchickt. Einen derartigen Fall zeigt uns Fig. 57. Das Samenkorn(Winter⸗ weizen, Triticum vulgare) iſt hier 5—6 cm unter der Oberfläche des Fig. 56. Eine junge Pflanze vom Winterweizen(Triticum vulgare) mit 3 Stocktrieben a, b und c.— sb das Scheidenblatt. w Keimwurzeln, wi Kronenwurzeln, s Samenkorn. der natürlichen Größe. Bodens zum Keimen gelangt. Es hat ein 4 ½ cm langes fadenförmiges Stengelglied g erzeugt, welches mit dem Knoten ki abſchließt. Zu einer Verzweigung der Hauptachſe iſt es nicht gekommen, die Pflanze iſt viel⸗ mehr einhalmig geblieben. Die Länge der Pflanze, von dem Samen⸗ korn bis zur Spitze des längſten Blattes gemeſſen, betrug am Tage der Beobachtung 22 cm. Tag der Beobachtung bei Fig. 57— 62 der 23. April 1875. Einen zweiten ganz ähnlichen Fall zeigt uns Fig. 58. Er unter⸗ ſcheidet ſich von dem vorigen nur dadurch, daß das unterirdiſche Stengel⸗ glied g, wegen der ein wenig flacheren Lage des Samenkorns, etwas kürzer, nämlich 4 cm, und beſſer von dem Scheidenblatt sb eingeſchloſſen iſt. Länge der Weizenpflanze 21 ecm. 6* — 34— Einen dritten Fall zeigt uns Fig. 59. Hier iſt das rhizomartige Stengelglied nur 3 cm lang geworden. Es iſt ebenfalls von dem Scheidenblatt sb eingeſchloſſen, und an dem Knoten ki ſind zwei Kronen⸗ wurzeln wi hervorgebrochen. Die Pflanze iſt etwas kräftiger als die beiden vorigen, aber gleichfalls einhalmig. Länge derſelben 28 cm. Einen vierten Fall zeigt uns Fig. 60. Das unterirdiſche Stengel⸗ glied g beſitzt hier eine Länge von etwa 2 ½ cm. An dem Knoten ki, Fig. 57. Fig. 58. Fig. 57. Der untere Teil einer jungen Pflanze vom gemeinen Weizen(Triticum vulgare). s Samenkorn. w Wurzeln. sb Scheidenblatt. g rhizomartiges Glied, abgeſchloſſen mit dem Knoten ki. 0o Linie der Erdoberfläche. der natuͤrlichen Größe. Fig. 58. Bezeichnung wie bei Fig. 57. welcher den Haupttrieb a trägt, iſt eine Verzweigung oder Beſtockung nicht eingetreten. Dagegen iſt aus dem Keimknoten ein ſchwächerer Trieb b hervorgebrochen, ſo daß wir es hier mit einer zweihalmigen Pflanze zu thun haben. Länge des Haupttriebes a 24 cm, des Seiten⸗ triebes b ungefähr 10 cm. Die in Fig. 61 dargeſtellte Weizenpflanze gleicht der vorigen, wie ein Ei dem andern.(Bekanntlich iſt die ſprüchwörtliche Gleichheit der Eier keine vollkommene). Das Samenkorn hat hier wieder einen Haupttrieb a, welcher in der Höhe von nicht ganz 2 cm den Knoten k. ¹ Porf ſchins Dri 3 Zeide Triebe trägt, und außerdem den ſchwächeren Trieb b erzeugt. Beide Triebe ſind an ihrer Baſis vollſtändig von dem Scheidenblatt sb umhüllt, welches etwas unterhalb der Spitze den Schlitz zeigt, den wir ſchon an Fig. 59. Der untere Teil einer Fig. 60. Der untere Teil einer jungen Pflanze jungen Pflanze des gemeinen Weizens von Winterweizen(Triticum vulgare). (Triticum vulgare). s Samenkorn. s das Samenkorn. w Wurzeln. sb das w Keimwurzeln. sb Scheidenblatt. Scheidenblatt. g rhizomartiges Glied, ab⸗ g rhizomartiges Glied, abgeſchloſſen geſchloſſen mit dem Knoten k, welcher den mit dem Knoten ki, an welchem zwei Haupttrieb a trägt. b Siitentrieb, ent⸗ Kronenwurzeln wi hervorgebrochen ſprungen aus dem Keimknoten.— 0o Linie ſind. oo Linie der Erdoberfläche. der Erdoberfläche. 3 der natürlichen Größe. 3 der natürlichen Größe. dem Keimling(Fig. 18) gefunden haben. Länge des Haupttriebes a 24 cm, des Seitentriebes b etwa 13 cm. Bei dem in Fig. 62 dargeſtellten Fall iſt aus dem Samenkorn (Winterweizen) der Haupttrieb a hervorgegangen. Derſelbe hat zunächſt, um ſich der Oberfläche des Bodens zu nähern, das rhizomartige Glied g erzeugt, welches mit dem Knoten ki abſchließt. An dieſem Knoten haben ſich der Seitentrieb d aus der Blattachſel, und aus der Baſis des Haupttriebes die beiden Kronenwurzeln wi entwickelt. An dem Knoten k. haben wir alſo eine Verzweigung oder Beſtockung. Außer dem Haupttrieb a hat das Samenkorn(?) den ſchwächeren Trieb b und nachträglich noch einen dritten Trieb c hervorgebracht. Fig. 61. Der untere Teil einer jungen Pflanze von Winterweizen (Triticum vulgare). s das Samenkorn. w Wurzeln. sb das Scheidenblatt. g rhizomartiges Glied, abgeſchloſſen mit dem Knoten ki, welcher den Haupt⸗ trieb a trägt. b Seitentrieb, ent⸗ ſprungen aus dem Keimknoten.— oo Linie der Erdoberfläche. 3 der natürlichen Größe. Wir haben hier alſo auch Keimknoten. Der Trieb c, der am Fig. 62. Der untere Teil einer jungen Pflanze von Winterweizen(Triticum vulgare). s das Samen⸗ korn. w Keimwurzeln. g rhizomartiges Glied, ab⸗ geſchloſſen mit dem Knoten ki, an welchem zwei Kronenwurzeln wi entſprungen ſind. a Haupttrieb mit dem Seitentriebe d.— b und c zwei nachträg⸗ lich aus dem Keimling entſprungene Seitentriebe.— oo Linie der Erdoberfläche. ² der natürlichen Größe. eine Verzweigung oder Beſtockung an dem 23. April noch unter der Oberfläche des Bodens ſtand, kann als Beiſpiel für die ſogenannte„Zweiwüchſigkeit des Getreides“ dienen. Er hätte eine„Maipflanze“ geliefert. Länge des Haupttriebes a= 28 cm, des Triebes b= 15 cm, des Triebes c= 2 cm, des Triebes d = 11 em, wobei die Triebe a, b und ——— — e, e von dem Samenkorn s, der Trieb d dagegen von dem Knoten k, aufwärts bis zur Spitze des längſten Blattes gemeſſen ſind. Eine etwas weiter gehende Beſtockung, und zwar bei dem Winter⸗ roggen(Secale cereale), zeigt uns Fig. 63. Das bei s etwa 2 cm unter der Oberfläche des Bodens keimende Samenkorn hat hier ebenſo, wie wir es bei dem Weizen kennen gelernt haben, ein rhizomartiges Glied g erzeugt. Letzteres, etwa 1 cm lang, hat bei k, wo zwei Knoten Fig. 63. Unterer Teil einer jungen Pflanze vom Winterroggen(Secale cereale). s die Stelle des Samenkorns. w Keimwurzeln. g rhizomartiges Stengelglied, abgeſchloſſen mit dem Knoten k; dicht uͤber dieſem ein zweiter nicht ſichtbarer Knoten. Bei k entſpringt der Haupttrieb a mit zwei Seitentrieben c und d und 9 Kronenwurzeln wi. Der aus dem Keimling hervorgebrochene Trieb b bleibt zuruͤck.— eo Linie der Erdoberfläche. der natürlichen Größe. dicht beiſammen ſitzen, zwei ziemlich kräftige Seitenzweige c und d her⸗ vorgebracht, die aber im Vergleich zu dem Haupttriebe a nur ſchwach erſcheinen. Noch viel ſchwächer iſt der zweite aus dem Keimknoten hervorgegangene Trieb b, der im vorliegenden Falle wahrſcheinlich gänzlich unterdrückt werden wird, der aber unter günſtigen Umſtänden ſich in ähnlicher Weiſe beſtocken kann, wie der Haupttrieb a. Bei k zählen wir an dem Hauptſtock 9 kräftige Kronenwurzeln wi. Tag der Beobachtung der 8. April 1875. Der in Fig. 64 dargeſtellte Fall, ebenfalls auf den Winterroggen bezüglich, weicht von dem vorigen nur inſofern ab, als das Samenkorn hier nur einen einzigen Trieb entwickelt, und als dieſer Haupttrieb a etwa 1 ½ cm über dem Keimknoten die 3 Seitenzweige b, c und d her⸗ vorgebracht hat, ſo daß wir eine vierhalmige Pflanze erhalten. Aus dem Samenkorn s ſind 6 Keimwurzeln, aus der Baſis der Stock— triebe ſind 9 Kronenwurzeln entſprungen. Tag der Beobachtung der 24. Februar 1885. Die mitgeteilten Beiſpiele repräſentieren die am häufigſten vor⸗ kommenden, einfacheren Fälle der Beſtockung. Sehr ſtark beſtockte Fig. 64. Beſtockung des Winterroggens(Secale cereale). s das Samen⸗ korn, aus dem 6 Keimwurzeln w entſprungen. g das rhizomartige Glied, an deſſen oberem Ende, etwa 1 cm unter der Erdoberfläche oo, der Pflanzenſtock die 4 Triebe a, b, c, d und die 9 Kronenwurzeln wu entwickelt hat. der natürlichen Größe. Pflanzen laſſen ſich nicht überſichtlich zeichnen. Wir wollen daher die verwickelteren Fälle durch Maß- und Gewichtszahlen zur Darſtellung zu bringen verſuchen, beſchränken uns aber auch hier wieder auf wenige Beiſpiele. Vorher erinnern wir noch daran, weil dies zum Verſtändnis der Beſtockungsverhältniſſe im allgemeinen und der folgenden Beiſpiele im beſonderen dienlich iſt, daß in den Winterſaaten ſchon im Frühjahr, bei rechtzeitiger Ausſaat und guter Beſtockung ſogar ſchon im Herbſt— die Ähren zu erkennen ſind. Fig. 65 zeigt z. B. einen Teil des Längs⸗ — 89— ſchnittes durch eine Winterroggenpflanze, welche am 24. Februar 1885 dem Felde entnommen wurde. Bei a ſehen wir die vergrößerte junge AÄhre, in Wirklichkeit nur wenig über 1 mm lang und unmittelbar über hre, 9 g 3 Fig. 65. Längsdurchſchnitt durch den unte⸗ Fig. 66. Junge Ähre des Winter⸗ ren Teil einer Winterroggenpflanze(Secale weizens(Triticum vulgare). Im cereale), die am 24. Februar 1885 dem Innern derſelben ſieht man das Felde entnommen wurde. s die Stelle, wo Gefäßbündel, welches in jedes das Samenkorn gekeimt hat. w Keim⸗ Ahrchen einen Aſt ausſendet. Die wurzeln. sb das vertrocknete Scheiden⸗ natürliche Länge der Ähre betrug blatt. g das rhizomartige Glied, ab⸗ 1 ¼½ mm. ſchließend mit dem Knoten x.— Wi er⸗ Vergrößerung 40 fach. ſter, we zweiter Kranz von Kronenwur⸗ zeln. k die fuͤnf Halmknoten. a die junge Ahre mit 25 zählbaren ÄAhrchen. Vergrößerung 10 fach. dem Wurzelſtock ſtehend.— Fig. 66 zeigt die junge ÄAhre des Winter⸗ weizens, etwas weiter entwickelt, bei ſtärkerer Vergrößerung. Man er⸗ kennt an der Verzweigung des im Innern verlaufenden Gefäßbündels — 90 ſehr deutlich, daß die Ährchen der Ähre abwechſelnd rechts und links entſpringen, alſo wechſelſtändig angeordnet werden. Jetzt laſſen wir die angekündigten Beiſpiele für ſehr ſtarke und außergewöhnlich ſtarke Beſtockung folgen. Das eine Beiſpiel— für ſehr ſtarke Beſtockung— bezieht ſich auf die Wintergerſte, Hordeum vulgare. Die betreffende Pflanze, welche etwas vereinzelt am Rande des Feldes ſtand, wurde am 6. Mai 1875 ausgegraben und vorſichtig in die einzelnen Triebe zerlegt, um deren Gewicht nebſt Wurzeln, die ſelbſtverſtändlich abgewaſchen wurden, im friſchen, etwas abgewelkten Zuſtande feſtzuſtellen. Wurzeln waren übrigens nur an den ſtarken und mittelſtarken Trieben vorhanden. In der folgenden Tabelle ſind die gefundenen Gewichtszahlen verzeichnet: Gewicht der Stocktriebe einer ſehr ſtark beſtockten Wintergerſtenpflanze am 6. Mai 1875. J. II. III. IV. V. Stärkſte Mittelſtarke Schwache Sehr ſchwache Schwächſte Triebe. Triebe. Triebe. Triebe. Triebe. 5,74 3,93 1,09 0,37 4 0,09 5,73 3,80 1,06 0,32 0,06 5,46 ,30 0,96 0,27 0,05 5,41 3,20 0,94 0,26* 0,04 — 3,06 0,91 0,16 ³ 0,03 — 2,70 0,80 0,15 0,03 2,10 0,60 0,12 0,01 — 1,84 0,58 0,11* /0,01 — 1,62 0,57 0,10— — 1,49 0,51—— Summe: 22,34 27,04 8,02 1,86 0,32 Die Anzahl der Stocktriebe in den einzelnen Abteilungen betrug bei J. II. III. IV. V. ſtärkſte mittelſtarke ſchwache ſehr ſchwache ſchwächſte Triebe. 4 10 10 9 8 Es waren alſo im ganzen 41 Stocktriebe vorhanden, deren Länge zwiſchen 330 und 1 mm ſchwankte. Im übrigen mag über die Ent⸗ wicklungsverhältniſſe folgendes bemerkt werden. I. Stärkſte Triebe. Ihre Zahl iſt 4, und ihr durchſchnittliches Gewicht beträgt 5,58 g. Zwiſchen den Blättern verſteckt, an der eigentlichen Spitze der Achſe, aber nur 4 mm über dem Wurzelſtock ſtehend, zeigen ſich die mit bloßem Auge deutlich erkennbaren Ähren, die in dieſem Zuſtande der Entwicklung 2 mm lang ſind. — 91— II. Mittelſtarke Triebe. Ihre Zahl iſt 10. Ihr durchſchnitt⸗ liches Gewicht beträgt 2,70 g, iſt alſo nur halb ſo hoch, wie bei I.— Die AÄhren, die auch hier deutlich zu erkennen, wären wahr⸗ ſcheinlich noch zur Blüte und Fruchtbildung gelangt. III. Schwache Triebe. Ihre Zahl iſt 10. Ihr durchſchnittliches Gewicht beträgt 0,80 g, alſo nur den 7. Teil von I.— Ähren auch hier vorhanden, aber ſehr klein. Wahrſcheinlich wären dieſelben nicht zur Entwicklung gekommen.. IV. Sehr ſchwache Triebe. Ihre Zahl iſt 9. Ihr durchſchnitt⸗ liches Gewicht beträgt 0,21 g, alſo nur den 26. Teil von I.— Ähren auch hier vorhanden, aber nur mit der Lupe erkennbar. Ent⸗ wicklung derſelben ſehr unwahrſcheinlich. V. Schwächſte Triebe(Knoſpen.) Ihre Zahl iſt 8. Ihr durch⸗ ſchnittliches Gewicht beträgt 0,04 g, alſo nur den 140. Teil von I.— Von Ahren iſt hier nichts zu entdecken.— Die mit* be— zeichneten Triebe ſind abgeſtorben oder verkümmert. Obgleich dieſe Pflanze alſo 41 Stocktriebe aufzuweiſen hatte, ſo war doch die Mehrzahl von ihnen(27) ſo ſchwach, daß ein Ertrag von ihnen nicht zu erwarten ſtand. Immerhin konnte der Stock 14 ährentragende Halme liefern, von denen freilich nur 4 etwas Hervorragendes zu leiſten verſprachen.— Das andere Beiſpiel— für außergewöhnlich ſtarke Beſtockung— bezieht ſich auf den Winterweizen, Triticum vulgare. Die betreffende Pflanze war durch Ausfall entſtanden auf einem bei Zürich gelegenen Feldſtücke, welches im vorigen Jahre ſogleich nach der Ernte gedüngt und umgegraben worden war, um es mit Stoppelrüben zu beſtellen. Sie war nebſt einigen anderen Weizenpflanzen, die ſämtlich eine ſehr ſtarke Beſtockung zeigten, unbeachtet und ungeſtört ſtehen geblieben, er— freute ſich alſo eines ganz iſolierten, äußerſt günſtigen Standortes und ſehr früher Ausſaat. Sie wurde am 1. April 1885 ausgegraben und ſorgfältig zerlegt in die einzelnen Stocktriebe, um deren Länge von der Wurzel bis zur Spitze des längſten Blattes zu meſſen, und auf dieſe Weiſe ein Bild von der Beſtockung in Zahlen zu gewinnen. Das Re— ſultat der Meſſungen iſt in folgender Tabelle zuſammengeſtellt, aus welcher zu erſehen, daß die Anzahl der Stocktriebe in den einzelnen Abteilungen betrug bei J. II. III. IV. V. ſtärkſte mittelſtarke ſchwache ſehr ſchwache ſchwächſte Triebe. 6 34 32 12 3 — Länge der Stocktriebe einer außergewöhnlich ſtark beſtockten Winter⸗ weizenpflanze am 1. April 1885. 1. Stärkſte Triebe. mm 366 334 310 309 305 302 II. Mittelſtarke Triebe. mm 281 280 280 278 276 269 262 255 247 ◻ S do d do do do 5 do d 5 ͤ S S8 do do d5 d ₰ d R d d EEd d —‿½ d III. Schwache Triebe. mm 199 199 195 195 192 190 186 183 *182 182 180 178 *174 172 170 169 168 160 158 153 152 141 *136 IV. V. Sehr ſhrhe Schwächſte Triebe. Triebe. mm mm 95 7 490 5 87 5 85 5 80 4 55 3 *53 3 *50 3 *42 3 24 3 20 3 *12 3 do do 2SBB=SAGASSÖSOSOSAPOSASBASASS==do io do do do do do Es waren alſo im ganzen 121 Stocktriebe vorhanden, deren Länge zwiſchen 366 und 1 mm ſchwankte.(An größeren Wurzeln ergaben ſich auf dem Querſchnitt 1 cm unterhalb der Wurzelkrone 94. Weiter ober⸗ halb war noch eine Menge neuer Wurzeln hervorgebrochen, deren Zahl nicht feſtgeſtellt wurde. Es iſt wahrſcheinl ich, daß der Stock etwa ſo viel Wurzeln wie Stengel beſaß.) Dieſe Weizenpflanze hätte bei ungeſtörtem Wachstum 40, vielleicht auch 60 ährentragende Halme liefern können(I., II., III.). Von den übrigen wäre ungefähr die Hälfte(III., IV.) zu grunde gegangen— von den 14 mit⸗ bezeichneten, von Inſekten oder Würmern angefreſſenen Trieben war die Mehrzahl bereits abgeſtorben— die andere Hälfte(V.) vorausſichtlich überhaupt nicht zur Entwicklung gelangt, es ſei denn, daß die ſtärkeren Triebe vor der Zeit abgemäht oder ſonſt auf eine Weiſe zerſtört worden wären.*) In der Litteratur finden wir Beiſpiele für noch ſtärkere Beſtockung, von denen die folgenden hier angereiht werden mögen. Alexander von Humboldt erzählt einen Fall von ganz außer⸗ ordentlicher Fruchtbarkeit, welcher in Mexiko beobachtet wurde, wo näm⸗ lich eine Weizenpflanze 40, 60 bis 70 Stengel getrieben hat, von welchen die Ähren beinahe durchgängig gleich gefüllt waren und 100 bis 120 Kötner trugen. „Einen anderen Fall berichtet Fr. Haberlandt von einer auf einem fruchtbaren Boden und bei frühzeitigem Anbau in Dalmatien ge⸗ 4* Bei einer außergewöhnlich ſtark beſtockten Winterroggenpflanze, welche ebenfalls nicht abſichtlich angebaut worden war, denn ich fand ſie am 24. April 1885 auf einem Kleegrasſchlage, der im Sommer vorher Hafer als Deckfrucht getragen hatte— ergaben ſich bei der Zerlegung und Meſſung: ſehr ſtarke Stocktriebe von 660— 565 mm Laͤnge, 14 mittelſtarke 8„ 545— 465„ 22 10 ſchwache„„ 450— 290„ 29 ſehr ſchwache„„ 220— 105„„ 29 Knoſpen oder Reſervetriebe von 5— 2„ Zuſammen 89 Stocktriebe. Dieſer Stock hätte bei ungeſtörtem Wachstum 31 ährentragende Halme geliefert. Die folgenden 29 ſehr ſchwachen Triebe waren ohne Bedeutung, denn obwohl auch bei ihnen die kleinen Ahren zu finden waren, ſo machten fe doch keine Miene zum Schoſſen; viele von ihnen waren bereits im Abſterben begriffen. Die 29 kleinſten, an der Baſis der ſehr ſtarken und mittelſtarken Halme ſitzenden Dicbe waren geſund; wir haben ſie als Knoſpen oder Reſervetriebe bezeichnet, weil ſie dazu beſtimmt ſind, im Notfall an Stelle der zuerſt empor rgeſchobenen Halme zu treten. Wird z. B. Futterroggen früh abgemäht und die Witterung iſt günſtig, ſo liefern dieſe Reſerveknoſpen einen zweiten Schnitt, denn ſie ſitzen ſo tief, daß ſie der erſte Schnitt nicht trifft. Dergleichen Reſerve⸗ knoſpen inden wir nicht blos bei dem Roggen, ſondern auch bei den übrigen Getreide⸗ arten. Die im Terxt genauer beſchriebene Weizenpflanze beſaß 37 derartige Knoſpen. **) Neu⸗Spanien III, p. 52. Zitiert nach Meyen, Grundriß der Pflanzen⸗ geographie 1836, S. 345. — 94 wachſenen Weizenpflanze, welche aus einem Korn 130 ährentragende Halme mit 6855 Körnern entwickelte.(Das Gewicht der ganzen Pflanze betrug 1112 g, das Gewicht der Körner 218 g.)*) 3. Ein drittes, beinahe unglaubliches Beiſpiel übermittelt Albrecht Thaer.“*) Der Irländer Miller brachte nämlich aus einem Weizen⸗ korn,— welches er im Juni ſteckte, indem er im Herbſt und im folgen— den Frühjahr mehreremale die Stocktriebe abtrennte und verpflanzte— in einem Jahre 21,109 Ähren und in ſelbigen 576,840 Körner hervor. Dieſe Beiſpiele genügen, um die Beſtockungsfähigkeit des Getreides darzuthun. Die zuletzt erwähnten Fälle ſind jedoch Ausnahmen von der Regel, und über den Ausnahmen darf man die Regel nicht vergeſſen, daß 1, 2 und 3 Halme häufiger ſind, als 10, 20 und 30.— Nachdem wir jetzt die Erſcheinungen der Beſtockung kennen gelernt haben, bleibt uns noch übrig, die Urſachen derſelben kurz zu be⸗ ſprechen. 1. Die Beſtockung hat innere und äußere Urſachen. Die inneren Urſachen ſind uns ihrem eigentlichen Weſen nach größtenteils un⸗ bekannt. Wir wiſſen nur, daß die Beſtockung eine den Gräſern inne⸗ wohnende Eigenſchaft iſt, daß ſich dieſelbe bei verſchiedenen Gräſern ver⸗ ſchieden äußert, und daß die eine Grasart, auch unter gleichen äußeren Bedingungen ſich ſtärker beſtockt, als die andere. Beiſpiele hierfür haben wir weiter oben(S. 26) mitgeteilt, und es iſt nicht nötig, nochmals auf dieſelben zurückzukommen.. Die Getreidearten ſtimmen, wie wir geſehen haben, hinſichtlich der Form der Beſtockung mit den horſtbildenden wildwachſenden Gräſern überein. Wir haben auch verſucht, die Gründe darzulegen, weshalb die ausdauernden Wieſen⸗ und Weidegräſer ſich ſtärker beſtocken, als die einjährigen Getreidegräſer(S. 24). Phyſiologiſch und praktiſch wichtig iſt die Thatſache, daß die Neigung zur Beſtockung auch bei den Getreidearten, und ſelbſt bei den Varietäten derſelben Art verſchieden iſt. So beſtockt ſich z. B. Gerſte ſtärker als Hafer, und große Gerſte(Hordeum distichum) ſtärker als kleine Gerſte (Hordeum vulgare); ebenſo beſtockt ſich der ſogenannte Staudenroggen ſtärker als der gewöhnliche Landroggen, und der Winterroggen ſtärker als der Sommerroggen. Es iſt demnach auch möglich, durch Zuchtwahl Varietäten oder Spielarten mit ſchwächerer oder ſtärkerer Beſtockung *) Landw. Centralblatt f. D. März 1869. Zitiert nach G. Krafft, Lehrb. d. L. 1876, II, S. 11. **) Grundſätze d. r. L. 1853, IV, S. 24.— Vrgl. W. Rimpau, Züchtung neuer Getreide⸗Varietaͤten, Landw. Jahrbücher, herausgegeben von H. Thiel, 1877, S. 232, woſelbſt nach dem Londoner Philosophical Transactions angeführt wird, daß C. Miller den betreffenden Verſuch im Jahre 1765 in Cambridge ausführte. — 95 heranzubilden, wozu unter Hinweis auf unſere früheren Auseinander⸗ ſetzungen(S. 28) bemerkt ſein mag, daß die Neigung zur Vielhalmig⸗ keit für Strohproduktion, die Neigung zur Einhalmigkeit für Körner⸗ produktion den Vorzug verdient. Wird Stroh⸗ und Körnerproduktion gleichmäßig beabſichtigt, ſo werden Varietäten mit drei, vier oder fünf ährentragenden kräftigen Halmen dem Zwecke am beſten entſprechen. Im allgemeinen ſind unſere Hauptgetreidearten teils durch natürliche, teils durch künſtliche Zuchtwahl in dieſer letzteren zweckmäßigen Richtung gezüchtet. 2. Beſſer bekannt, als die inneren, ſind uns die äußeren Urſachen der Beſtockung, die wir der Überſichtlichkeit wegen beſonders betrachten, Fig. 67. Beſtockung der gemeinen Quecke(Triticum repens). q das Rhizom, welches an den oberen Knoten die Triebe I, II, III, IV und V entwickelt hat. w Wurzeln. b vertrocknetes Blatt, in deſſen Achſel der Trieb IV ent⸗ ſprungen iſt. oo Erdoberfläche. 4½ der natuͤrlichen Größe. obwohl äußere und innere Urſachen ſtets zuſammenwirken, alſo eigentlich nicht von einander zu trennen ſind. Von den äußeren Urſachen der Beſtockung iſt zunächſt der Wirkung des Lichtes zu gedenken. Zur Erläuterung derſelben benutzen wir als Hilfsbeiſpiel die Beſtockung des gemeinen Queckengraſes, Triticum repens. Fig. 67. Ein Stück eines Queckenrhizoms iſt bei g in eine annährend ſenk⸗ rechte Stellung gelangt. Es iſt an der Spitze weiter gewachſen, und mit dem Erreichen der Bodenoberfläche iſt eine Verkürzung der Glieder zwiſchen den Knoten eingetreten. Das unterſte vollſtändige Glied, welches die Figur zeigt, mißt 28 mm, das folgende mißt 17 mm, das dritte mißt 2 mm und das vierte, welches an der Oberfläche des Bodens 0o0 liegt, mißt 1 mm. Als Urſache dieſer Gliederverkürzung muß vor allem die Wirkung des Lichtes in Anſpruch genommen werden. Das Licht trifft natürlich nur die aus dem Boden heraustretende Spitze des Rhizoms, aber da die folgenden Glieder ſich nach der Spitze hin verlängern, ſo macht ſich die Wirkung des Lichtes auf alle Glieder geltend, welche ihre definitive Länge noch nicht erreicht haben. Die Verkürzung der Glieder hat ein Dickenwachstum zur Folge (vergl. Fig. 49), weil fort und fort Bildungsſtoffe aus den hinteren Gliedern in die vorderen bezw. oberen nachrücken, und weil überdies das ſcheinbare Spitzenblatt, ſobald es die Oberfläche des Bodens er⸗ reicht, ſich auszubreiten und unter dem Einfluß des Lichtes zu ergrünen und neue Stoffe zu bilden beginnt, welche durch die Blattſcheide ab⸗ wärts wandern in das Rhizom. Inzwiſchen ſchiebt ſich aus dem ſchein⸗ baren Spitzenblatt ein zweites, ſpäter ein drittes Blatt hervor, bei ſſimilation) ſich wiederholt. 2 welchem der Vorgang der Stoffbildung(Af Die in den oberen ſehr verkürzten Rhizom- oder Stengelgliedern zuſammenſtrömenden Bildungsſtoffe bewirken eine ſtrotzende Füllung namentlich der Knoten, wodurch ein Hervortreiben von Knoſpen und Sproſſen veranlaßt wird. Das Reſultat iſt in unſerem Fall ein Haupttrieb I mit vier Seiten⸗ trieben II, III, IV, V, welche in der Reihenfolge der Ziffern entſtanden ſind. Der Haupttrieb I ſteht genau an der Oberfläche des Bodens. An ſeiner Baſis, in der Achſel des ehemaligen Spitzenblattes b iſt der Seitentrieb IV entſprungen, nachdem kurze Zeit vorher an dem 1 mm. unter der Oberfläche liegenden Knoten der Seitentrieb II, und ziemlich gleichzeitig mit dieſem, an dem 3 mm unter der Oberfläche liegenden Knoten der Seitentrieb III hervorgebrochen war. Zuletzt hat noch der 20 mm unter der Oberfläche liegende Knoten den Seitentrieb V erzeugt, deſſen Spitze eben an das Licht tritt. Im weſentlichen genau auf dieſelbe Weiſe kommt die Beſtockung bei den Getreidearten zu ſtande. Bei Vergleichung von Fig. 67 mit Fig. 49, 62, 63 und 64 wird man die Übereinſtimmung nicht verkennen; nur hat man an Stelle des unteren Rhizomgliedes bei der Quecke— bei dem Getreide das Samenkorn zu ſetzen. Samenkorn und Rhizom ſind phyſiologiſch gleichwertig, wie wir früher bereits bemerkt haben. Die Urſache der Beſtockung oder mit anderen Worten der Bildung von Seitentrieben iſt hier wie dort das Licht, oder genauer es ſind die durch Vermittlung des Lichtes aus der Kohlenſäure der Luft zc. neu⸗ ᷣ gebildeten Bauſtoffe, welche anfänglich, ſo lange wie der Mehlkörper des Samenkorns, beziehungsweiſe der Strang des Rhizoms, noch nicht erſchöpft iſt, durch die in dieſen Organen befindlichen Reſerveſtoffe erſetzt bezw. unterſtützt werden. Eine ſchwache Beſtockung(mit 2—3 Stocktrieben) findet bei kräftigen Samenkörnern auch im dunkeln ſtatt(vgl. Fig. 50), eine ſtarke Beſtockung kommt dagegen im dunkeln niemals, ja ſelbſt im Schatten nicht zu ſtande. Folglich iſt die Haupturſache der Beſtockung das Licht. 3. Im Zuſammenhange hiermit iſt die Beſtockung ferner abhängig von dem Stockraum. Der größere Stockraum begünſtigt, der kleinere Stockraum beeinträchtigt die Beſtockung. Dabei kommt zweierlei in Be⸗ tracht. Erſtens gewährt ein größerer Stockraum eine beſſere und gleich⸗ mäßigere Beleuchtung der Blätter, die ſich frei und ungehindert nach allen Seiten ausbreiten können, wodurch eine vermehrte Neubildung von Bau⸗ material ermöglicht wird; zweitens gewährt der größere Stockraum auch eine freiere und vollkommnere Entwicklung der Wurzeln, was eine geſicherte und vermehrte Aufnahme von Bodennährſtoffen zur folge hat. Die Arbeit der Wurzeln ſteht jedoch in unbedingter Abhängigkeit von der Arbeit der Blätter. Da letztere im grunde genommen von dem Sonnen⸗ licht geleiſtet wird, welches bei engem Stande der Pflanzen nicht jedes Blatt direkt zu treffen vermag, ſo kann eine vermehrte Zufuhr von Bodennährſtoffen den größeren Stockraum nicht erſetzen. Andererſeits aber nützt auch der größte Stockraum nichts, wenn es dem Boden an Nährſtoffen fehlt. Auf hungrigem Sandboden z. B. beſtockt ſich der Staudenroggen nicht, wenn man auf den Quadratmeter auch nur eine Pflanze ſtellt. Der Stoff muß vorhanden ſein, ſonſt bleibt die Kraft der Sonne wirkungslos. Wie bedeutend die Beſtockung durch den Stockraum beeinflußt wird, erſieht man aus folgenden Verſuchen, bei welchen die bezüglichen Boden⸗ verhältniſſe dieſelben waren. Fr. Haberlandts) erhielt bei Wintergetreide, das am 29. Sep⸗ tember 1876 im Verſuchsgarten zu Wien geſäet wurde, nachſtehendes Reſultat: Stockraum Zahl der Stocktriebe pro Pflanze in qem. Winterweizen. Winterroggen. Wintergerſte. 259.... 9 3,2 1,7 400.... 8,4 6,4 5,1 225...... 144,8 12,1 13,3 400...... 14,2 8,8(7)— *) Der allgem. l. Pflanzenbau, 1879, S. 717. Getreidebau. — 98— Hagedorn in Proskau machte einen ähnlichen Verſuch mit Sommer⸗ weizen und erhielt folgendes Reſultat: Abſtand der Pflanzen Zahl der Stocktriebe in em. pro Pflanze. 1O.. 4. 11 13...... 11 20.... 13 25. 7 16 Auch der weiter oben(S. 94) mitgeteilte Verſuch, bei welchem durch Abtrennung und Verpflanzung der Stocktriebe von einem Weizen⸗ korn 21109 ährentragende Halme erzielt wurden, kann zum Belege dienen, wie ungemein die Beſtockung durch die Vergrößerung des Stockraumes befördert wird. 4. Von entſchiedenem Einfluß auf die Beſtockung iſt endlich die Saatzeit. Schon Vater Thaer macht darauf aufmerkſam, daß frühe Saatzeit die Beſtaudung der Pflanzen erlaubt, bevor der Trieb zum Schoſſen— bei jeder Pflanze zu einer gewiſſen Jahreszeit— eintritt. Dieſer Umſtand, fügt er hinzu, iſt von ſo großer Wichtigkeit, daß man z. B. von Staudenroggen im Juli um die Hälfte weniger als im Oktober einſäen darf. An einer anderen Stelle bemerkt er: Der Stauden⸗ roggen muß durchaus vor Ende September in der Erde ſein. Bei ſpäter Saat verliert er ſeinen Vorzug— den Vorzug nämlich, ſich ſtark zu beſtauden. Zur Beobachtung früher und ſpäter Saaten bietet ſich alle Jahre Gelegenheit. Ein Beiſpiel ſtatt vieler. Auf einem Felde, das erſt in der zweiten Hälfte Oktobers 1884 mit Weizen beſäet worden war, konnte ich am 1. April des folgenden Jahres an keiner Pflanze mehr als 4 Triebe finden, die meiſten Pflanzen beſaßen deren nur 1 bis 2. Dicht daneben bei den Pflanzen, deren Ausſaat ſchon im Auguſt, und zwar durch Ausfall von demſelben Weizen, ſtattgefunden hatte, zeigte ſich durchweg eine ſehr ſtarke Beſtockung, ſo daß ſich bei der ſtärkſten Pflanze 121 Stocktriebe ergaben. Allerdings waren die durch Ausfall entſtan⸗ denen Pflanzen nicht allein durch die zwei Monate frühere Ausſgat, ſondern auch durch einen größeren Stockraum begünſtigt; da aber der Stand der abſichtlich angebauten Pflanzen ſehr dünn, und da der Boden hier wie dort überreich und gartenmäßig kultiviert war, ſo muß der auf⸗ fallende Unterſchied in der Beſtockung, wie in der ganzen Entwicklung (die Länge und Dicke der ſtärkſten Triebe verhielt ſich auf den beiden Parzellen wie 1:3) hauptſächlich oder ausſchließlich auf die verſchiedene Saatzeit zurückgeführt werden. — 99— Einen genauer kontrolierten vergleichenden Verſuch über den Einfluß der Saatzeit auf die Quantität und Qualität der Ernte hat E. Wollny 1873/74 mit Winterroggen durchgeführt, wobei jeder Pflanze ein Stock— raum von 400—em zur Verfügung ſtand. Das Ergebnis des Ver⸗ ſuches, ſoweit es hierher gehört, iſt aus folgenden Zahlen zu entnehmen. Saatzeit Mittlere Zahl der Halme 1873. pro Pflanze. 18. Auguſt. 28,08 2. September 21,02 16.,.... 19,35 30. 1. 12,52 14. Oktober. 110,18 28..... 6,88 11. November...... 3,15 25.„. 4,26 Hier tritt uns die Abhängigkeit der Beſtockung von der Saatzeit faſt geſetzmäßig entgegen. Es iſt ja auch gar nicht anders denkbar, als daß das früher geſäete Getreide, welches Licht, Wärme, Luft, Waſſer und Boden längere Zeit zur Stoffbildung benutzen kann, ſich ſtärker beſtockt, als das ſpäter geſäete, vorausgeſetzt, daß alle übrigen Wachs⸗ tumsbedingungen genau dieſelben ſind. Denn irgendwo müſſen die Tag für Tag neu gebildeten Bauſtoffe doch bleiben, und wenn die Pflanze nicht in die Höhe geht, ſo muß ſie in die Breite wachſen, das heißt, die Stocktriebe müſſen dicker werden und in Seitentriebe aus— einandergehen. 4. Das Schoſſen. Und mit grünen Halmen ſchmücket Sich der Boden alſobald, Und ſo weit das Auge blicket, Wogt es wie ein goldner Wald. Die Beſtockung iſt die Grundlage für das Schoſſen, und das Schoſſen iſt das Vorſpiel zu dem Blühen und Reifen des Getreides. Schon im Samenkorn beginnend und nach der Keimung von den äußeren Wachstumsbedingungen gefördert oder gehemmt, wird die Be⸗ ſtockung beſtimmend nicht allein für die Zahl, ſondern auch für die Stärke der Halme. Ja noch mehr, ſelbſt der Reichtum an Blüten und Früchten hängt weſentlich von der Beſtockung ab, denn tief im Herzen der Pflanze entwickeln ſich die jungen Ähren, an welchen wir bei der Winterung ſchon im Herbſt oder im frühen Frühjahr die Ährchen zu zählen vermögen(Fig. 66). 7* — —— Es iſt alſo ſchon frühzeitig alles vorgebildet und vorbereitet, und es bedarf nur noch der Streckung, um den ährentragenden Halm vom Boden in das Reich der Lüfte zu heben. Dies geſchieht in demjenigen Stadium der Entwicklung, welches der Volksmund mit dem treffenden Ausdruck bezeichnet: das Korn ſchießt oder es ſchoßt. Den mechaniſchen Vorgang des Schoſſens können wir verfolgen, wenn wir eine Anzahl Halme in verſchiedenen Entwicklungsſtadien vom Beginne bis zum Beſchluß des Schoſſens mit einem ſcharfen Raſier⸗ meſſer der Länge nach möglichſt genau in der Mitte durchſchneiden oder ſpalten. Wir ſehen dann, daß die Halmglieder vor und bei Beginn des Schoſſens ſo kurz ſind, daß ſie zuſammen noch nicht 1 mm Höhe erreichen. An der Spitze derſelben ſteht die Ähre, die um dieſe Zeit ebenfalls ſehr klein, aber doch etwas länger iſt, als die Halmglieder zuſammengenommen(vergl. Fig. 65). Von den Halmgliedern ſind anfänglich nur die Halmknoten zu erkennen, welche die einzelnen, aus ihnen hervorwachſenden Glieder von einander abgrenzen und zugleich mit einander verbinden. In Fig. 65, die ſich auf den Winterroggen bezieht, zählen wir, unterhalb der mehrgliedrigen, in der Entwicklung begriffenen Ähre, 5 Halmknoten. Das iſt die gewöhnliche Zahl. Jeder Knoten liefert ein Glied; es kommt noch das aus dem Wurzelſtock entſpringende Glied hinzu: wir erhalten alſo im ganzen 6 Halmglieder.(Die unter der Oberfläche des Bodens liegenden, rhizomartigen Glieder, von welchen uns die Fig. 65 bei g eines zeigt, laſſen wir hier außer betracht.) Wenn nun das Schoſſen beginnt, ſo ſtreckt ſich zuerſt das unterſte, aus dem Wurzelſtock entſpringende Glied. Ziemlich gleichzeitig mit ihm verlängert ſich die junge Ähre, die ſich ſchon vor dem Schoſſen langſam weiter entwickelt hat(Fig. 66). Bald beginnt auch das zweite, dritte, vierte, fünfte und ſechſte Glied ſich zu ſtrecken. Bei Vergleichung entſprechender Längsſchnitte können wir Schritt für Schritt verfolgen, wie die Knoten von einanderrücken, wobei daran erinnert werden mag, daß unter Halmknoten die Querwände im Innern des Halmes zu verſtehen ſind. Wir finden dieſelben bei Beginn des Schoſſens und auch ſpäter lebhaft grün gefärbt. Der Raum zwiſchen zwei Knoten oder Querwänden iſt anfänglich vollſtändig ausgefüllt mit weißem Mark. Hat das Halmglied etwa 5 mm Länge erreicht, dann reißen die Markzellen von einander, und es entſteht ein Hohlraum, der ſich bei fortſchreitendem Wachstum des Halmes verlängert, um die Halmröhre zu bilden. Der geſchilderte Vorgang wiederholt ſich bei allen Halmgliedern ziemlich in derſelben Weiſe, doch geſchieht die Verlängerung weder bei — 101— allen Gliedern gleichmäßig, noch regelmäßig in der Reihenfolge von unten nach oben. Das Nähere iſt aus der nachfolgenden Tabelle zu erſehen, zu der wir vorweg bemerken, daß wir nur Halme mit ſechs Gliedern ausgewählt, diejenigen mit 7 oder 5 Gliedern dagegen aus⸗ geſchloſſen haben, weil ſonſt die Überſicht verloren gegangen wäre. Bei der großen Verſchiedenheit der Pflanzen hat es ohnehin ſeine Schwierig⸗ keit, vergleichbares Material zu erhalten. Wir dürfen uns deshalb nicht wundern, daß die in der Tabelle aufgeführten Zahlen bei zwei aufeinander⸗ folgenden Entwicklungsſtadien zuweilen fallen, anſtatt daß ſie, dem ſtetig fortſchreitenden Wachstum entſprechend, regelmäßig ſteigen ſollten. Zahlenmäßige Darſtellung der Entwicklung des Winterroggens in der Periode des Schoſſens. Stadium der Entwicklung I. II. III. IV. V. VI. Datum 1885..... Vom 1. bis 15. April 18. April 23. April em em cm em cm em Länge des 1. Gliedes. 0,80 0,7 1,1 1,0 1,9 1,6 „„ 2.„ 1045 5,2 9,0 82 12,2 14,0 „ H„ 3.„ 008 1,7 7,Oo 135 21,0 235 „ W, 4.„ 0,04 0,4 10 2,1 11,4 22,1 „„ 5.„ 0,02 60 ½ 604 0,6 2,1 10,2 „„ 6.„. O00l 0,3 1,5 4,8 7,1 16,0 Länge der Ahre 0,55 5,2 9,4. 10,5 12,5 12,0 Zuſammen 1,95 13,7 29,4 40,7 68,2 9914 Länge der Pflanze... 20 cm 43 cm 47 ecm 61 cm 77 cm 102 cm Länge der Ahre... 0,55 cm 5,2 cm 9,4 cm 10,5 cm 12,5 cm 12,0 cm Zahl der ÄAhrchen... 36 Stck. 35 Stck. 33 Stck. 30 Stck. 33 Stck. 32 Stck. Stadium der Entwicklung VII. VIII. IX. X. I. XII. Datum 1885..... 28. April 2. Mai 9. Mai 16. Mai 22. Mai 31. Mai cm cm cm em cm em Länge des 1. Gliedes. 1,7 1,6 1,4 1,6 1,0— „. 15,3 10,0 10,5 11,2 12,0— „„ 3„. 25,9 23,8 23,1 21,3 23,3— 4„ 28,0 33,2 35,6 32,6 355— „ B, 538, 15,1 23,8 32,2 40,1 46,7— „„ 6„ 19,3 26,0 33,6 42,6 46,0 5070(2) Länge der Ähre. 12,7 12,6 12,6 12,6 1,39— Zuſammen 118,0 131,0 149,0 162,0 178,4 189,402) Länge der Pflanze.. 118 em 131 cm 149 cm 162 cm 178,4cm— Länge der Ahre.... 12,7 cm 12,6 cm 12,6 cm 12,6 cm 1,3 em— Zahl der ÄAhrchen... 33Stck. 33 Stck. 33 Stck. 33 Stck. 36 Stck.— Zur Erläuterung vorſtehender Tabelle mögen folgende Bemerkungen dienen. Ich kam erſt am 18. April auf den Gedanken, die Entwicklung — 102— des Roggens in der Periode des Schoſſens genauer zu verfolgen und zur Darſtellung zu bringen. Das Schoſſen hatte aber ſchon gegen den 1. April begonnen. Ich mußte daher die früheren Stadien auf irgend eine Weiſe ergänzen. Dies konnte leicht geſchehen, weil die einzelnen Halme eines Stockes und eines Feldes nicht gleichzeitig zu ſchoſſen an⸗ fangen. Ich nahm alſo eine größere Anzahl mit nach Hauſe, ſchnitt ſie der Länge nach durch und wählte diejenigen, welche in der Zahl der Ährchen möglichſt nahe übereinſtimmten, zur Aufnahme in die Tabelle. Die Zahl der Ährchen diente mir auch in den ſpäteren Entwicklungs⸗ ſtadien bei der Auswahl des Materials zum Anhalt. Die Tabelle ent⸗ hält die direkt gefundenen, auf je einen Halm bezüglichen Zahlen; nur in dem X. Stadium wurde das Mittel aus 5 Halmen berechnet und in die Tabelle eingeſetzt. Am 15. Mai wurde nänlich der Verſuch durch einen unerwarteten und ſtarken Schneefall geſtört, welcher ſämt— liche Halme zu Boden drückte und bei vielen nicht allein ein Umknicken, ſondern ein gänzliches Abbrechen an den unteren Gelenken herbeiführte. Das ganze Feld, das bis dahin dem Lagern Widerſtand geleiſtet, während die Felder der Umgebung ſchon früher in Folge des Regens gefallen waren, ſah aus wie gewalzt. Ein trauriger Anblick! Mir blieb nun nichts übrig, als am 16. und ſpäter am 22. Mai in dem ver⸗ wüſteten Beſtande das Material auszuwählen, ſo gut es ging. Am 22. Mai fand ich nur einen einzigen Halm, der als normal gelten konnte. Nachher, bei Eintritt der Blüte, am 30. und 31. Mai, war kein normaler Halm mehr zu finden; die im XII. Stadium eingetragene Zahl für die Länge des 6. Halmgliedes iſt daher theoretiſch berechnet nach einem Geſetz, von welchem weiter unten die Rede ſein wird. Immerhin kann der Verſuch in der Hauptſache als gelungen angeſehen werden. Das Reſultat der angeſtellten Beobachtungen läßt ſich in folgende Worte zuſammenfaſſen. 1. Erſtes Halmglied. Das erſte, aus dem Wurzelſtock ent⸗ ſpringende Glied des Roggenhalmes fängt zuerſt an zu wachſen. Es hat ſich ſchon vor Beginn des Schoſſens, zur Zeit, wo die oberen Glieder kaum meßbar ſind, bis auf 0,8 cm verlängert. Sein Wachstum iſt langſam und im Vergleich zu demjenigen der übrigen Glieder ſehr gering. Sein Wachstum kommt auch verhältnismäßig früh zum Ab⸗ ſchluß. Umfaßt der Zeitraum des Schoſſens im ganzen 8 Wochen, ſo hat das erſte Halmglied ſchon nach 2 Wochen ſeine definitive Länge er⸗ reicht. Es bleibt kurz; oft iſt es ſo verkürzt, daß der Knoten, aus welchem das zweite Halmglied entſpringt, anſcheinend mit dem Wurzel⸗ knoten zuſammenfällt. In dieſem Falle hat der Halm nur 4 ſichtbare Knoten und 5 Glieder, von denen das unterſte dann in der Länge dem — 103— zweiten Gliede eines ſechsgliedrigen Halmes entſpricht. Es kommen— indeſſen ziemlich häufig auch Halme mit 7 Gliedern vor; dagegen findet man 4 Glieder nur ſelten, gewöhnlich an den Nebenhalmen eines Stockes oder bei den am Rande des Feldes ſtehenden Nachzüglern. Das Normale ſcheinen bei dem Roggen aber 6 Glieder zu ſein. Bei dem Weizen verhält es ſich ganz ähnlich. An mehreren hundert Halmen, welche genauer darauf angeſehen wurden, kamen 6 und 5 Glieder unge⸗ fähr gleich oft vor. Ganz ausnahmsweiſe fanden ſich Halme mit 7, und ebenſo ſelten ſolche mit 4 Gliedern.*) Die definitive Länge betrug bei den zur Unterſuchung ausgewählten Roggenhalmen, wie die Zahlen der vorſtehenden Tabelle zeigen, bei dem erſten Gliede nur 1,5 cm im Mittel, während ſie bei den folgenden fünf Gliedern, von unten nach oben aufſteigend 12,2:23,5: 34,2: 46,7: 57,0 em erreichte. 2. Zweites Halmglied. Das zweite Glied eines normalen ſechsgliedrigen Halmes beginnt kurze Zeit nach dem erſten zu ſchoſſen, überholt dieſes aber ſehr bald im Wachstum, um gleichzeitig mit ihm oder wenig ſpäter ſeine definitive Länge zu erreichen. Bei unſerem Verſuch hatte das zweite Halmglied am 18. April ſicher ſchon ſein Wachstum abgeſchloſſen. Seine Länge betrug an dieſem Tage 12,2 cm. Genau dieſelbe Länge ergibt ſich als Mittel aus den bezüglichen Zahlen der folgenden ſechs Entwicklungsſtadien. Auch das zweite Glied bleibt bei normalem Stande der Pflanzen verhältnismäßig kurz. Wir werden ſpäter ſehen, daß das Getreide ſich lagert, wenn das zweite Halmglied ſich unnatürlich verlängert. 3. Drittes Halmglied. Das dritte Halmglied ſchiebt ſich merk⸗ lich ſpäter und in den erſten 8 Tagen nach Beginn des Schoſſens viel langſamer empor, als das zweite Glied. Dann aber wiächſt es ſehr ſchnell, ſo daß es das zweite Glied überholt und ſpäteſtens 5 Tage nach dieſem zum Abſchluß gelangt. Die Tabelle zeigt uns am 18. April für das dritte Glied eine Länge von 21,0 cm. Das Mittel aus den Zahlen der folgenden ſechs Entwicklungsſtadien iſt 23,5. Eine dieſem Mittel völlig gleichkommende Zahl finden wir unterm 23. April. Wir dürfen alſo annehmen, daß das dritte Glied unter den gegebenen Verhältniſſen etwa drei Wochen zum Schoſſen brauchte. 4. Viertes Halmglied. Das vierte Glied wächſt in den erſten vierzehn Tagen nach Beginn des Schoſſens ſo langſam, daß ſeine Länge am Ende dieſes Zeitabſchnittes nur 2,1 cm beträgt. Es beginnt erſt deutlicher zu wachſen, nachdem das erſte und zweite bereits zu wachſen *) A. Nowacki, a. a. O. S. 92 und 93. aufgehört und nachdem auch das dritte ſein Wachstum größtenteils (zu ½⁄⁰) abgeſchloſſen hat. Es wächſt am ſtärkſten in der dritten und vierten Woche, kommt mit der vierten Woche zum Abſchluß und erreicht eine Länge, welche beinahe ſo viel beträgt, wie die der drei unteren Glieder zuſammengenommen. 5. Fünftes Halmglied. Das fünfte Glied folgt dem vierten, ziemlich in demſelben Tempo, etwa fünf Tage ſpäter. Am 18. April betrug ſeine Länge nur 2,1 cm. Erſt 3 Wochen nach Beginn des Schoſſens wird ſein Wachstum merklicher, und dasſelbe dauert fort bis gegen Ende der ſiebenten Woche. In der definitiven Länge ſteht das fünfte dem vierten Gliede etwa um ſo viel voran, wie das vierte dem dritten, das dritte dem zweiten und das zweite dem erſten. Die Differenz beträgt zwiſchen allen Gliedern 11 bis 12 cm. Doch kann das Ver⸗ hältnis auch ein anderes ſein. 6. Sechſtes Halmglied. Das ſechſte, die Ähre tragende Glied verhält ſich abweichend. Es wächſt anfänglich ſtärker, als das vierte und fünfte Glied, ſo daß es am Ende der zzweiten Woche doppelt ſo lang iſt als das vierte, und achtmal ſo lang als das fünfte. Es wächſt ſtetiger und gleichmäßiger als alle übrigen Glieder. In der vierten, fünften, ſechſten und ſiebenten Woche hält es mit dem fünften Gliede beinahe gleichen Schritt, wächſt aber noch weiter, wenn letzteres zu wachſen aufgehört hat, und erreicht eine größere Länge als alle übrigen Glieder.— 7. Die Ähre. Wir haben bereits weiter oben bemerkt, daß die Ähre ſchon frühzeitig angelegt und ſchon im Beſtockungsſtadium ſo weit entwickelt wird, daß die einzelnen Ährchen unter der Lupe deutlich er— kannt und leicht gezählt werden können. Über die Zahl der Ährchen und über die Zahl der Blüten und Früchte iſt alſo ſchon vor dem Schoſſen entſchieden. In Fig. 65 ſehen wir eine Roggenpflanze in dem Beſtockungsſtadium dargeſtellt. Die Ähre zeigt uns 25 Ährchen. An der Spitze der Ähre ſind die Ährchen noch in der Entwicklung be⸗ griffen; ſie ſind hier(am 24. Februar) noch nicht zählbar, alſo auch noch nicht vollzählig, ſie werden es aber, bevor das Schoſſen(am 1. April) eintritt. Da wir die Pflanzen für die vorſtehende Tabelle nach der Zahl der Ährchen ausgewählt haben, ſo können die dort mitgeteilten Zahlen zwar nicht direkt beweiſen, daß ſich die Ährchen nach Beginn des Schoſſens nicht weiter vermehren, immerhin ſtreiten die Zahlen nicht dagegen, und die auf die Länge der ganzen AÄhren bezüglichen Zahlen zeigen deutlich, daß das Wachstum der Ahre auch in der Periode des Schoſſens in hervorragender Weiſe gefördert wird. — 105— Die dritten, vierten, fünften und ſechſten Halmglieder ſind bei Be— ginn des Schoſſens(I. Stadium der Tabelle) zuſammengenommen nur 1,5 mm lang, während die Länge der Ähre ſchon 5,5 mm beträgt. Selbſt das zweite Halmglied ſteht um 1 mm gegen die Ähre zurück. Nur das unterſte Halmglied iſt in dieſem Zeitpunkt ein wenig länger als die Ähre. Aber ſehr bald(II. Stadium) hat die Ähre das unterſte Halmglied im Wachstum überholt, und ſie hält mit dem zweiten Gliede auffallend genau gleichen Schritt, denn wenn wir bei dem zweiten Gliede im IV. Stadium ſtatt der wirklich gefundenen Zahl 8,2 die theoretiſch richtige einſetzen, welche ſich als Mittel der beiden Nachbarzahlen 9,0 und 12,2 berechnet, ſo erhalten wir für das Wachstum der Ähre und für das Wachstum des zweiten Halmgliedes faſt genau überein⸗ ſtimmende Zahlen. .. Länge des 2. Halmgliedes 0,45 5,2 9,0 10,6 12,2 cm. Länge der Ähre... 0,55 5,2 9,4 10,5 12,5„ Dieſe Harmonie der Zahlen dürfte kaum zufällig ſein, um ſo weniger, da die Zahlen der folgenden Entwicklungsſtadien zeigen, daß das Längenwachstum der Ähre gleichzeitig mit demjenigen des zweiten Halmgliedes zum Abſchluß gelangt. In vielen Fällen ſtimmt die Länge der Ähre mit der Länge des 2. Halmgliedes überein; es kommen indeſſen auch viele Ausnahmen vor, ſo daß ich nicht wagen möchte, hier eine beſtimmte Regel auszuſprechen. Offenbar aber wirken die Kräfte, welche den Halm ſamt Ähre beim Schoſſen in die Höhe treiben, gleichzeitig und, wie es ſcheint, gleichmäßig am unteren und oberen Ende. Der Trieb am oberen Ende macht ſich, abgeſehen von der Ähre, ſchon darin bemerkbar, daß das ſechſte Halm⸗ glied, wie erwähnt, zu einer gewiſſen Zeit(IV. Stadium) ſtärker wächſt, als das vierte und fünfte. Noch viel deutlicher offenbart ſich die am oberen Ende wirkende Triebkraft darin, daß während der ganzen Dauer des Schoſſens der Ausbau der Ähre ununterbrochen vor ſich geht, ſo daß der Blütenſtand in den äußeren und inneren Teilen am Schluß des Schoſſens vollendet iſt. Wie früh die Pflanze dafür ſorgt, daß vor allen Dingen der Blütenſtand rechtzeitig entwickelt wird, läßt ſich aus der Thatſache entnehmen, daß wenige Tage nach Beginn des Schoſſens, wenn die junge Ähre noch nicht die Hälfte ihrer ſchließlichen Länge erreicht hat(II. Stadium), die Staubbeutel und Fruchtknoten ſchon mit der Lupe erkennbar ſind.— Von beſonderem Intereſſe iſt es nun, die Länge der einzelnen Halm⸗ glieder im ausgewachſenen Zuſtande nochmals genauer untereinander zu vergleichen. — 106— Wir betrachten für dieſen Zweck zunächſt die Zahlen, welche in der varſtöhender Tabelle unterm 16. Mai(X. Stadium) aufgeführt ſind. Mittel aus 5 Halmen. Länge des 1. Gliedes...... 1,6 cm „„ 2.„ 11,2„ 7, e e 21,3„ „„ 5.„... 203 6 6. 42, I/ Es iſt nämlich auffallend und nicht zufällig, d die Länge des 2. Gliedes ſehr genau das arithmetiſche Mittel aus der Länge des 7— 6 21, 3 1. und des 3. Gliedes darſtellt. Denn(126= 11,45, wäh⸗ rend die wirklich gefundene Länge des 2. Gliedes 11,2 beträgt. Dasſelbe Verhältnis wiederholt ſich bei dem 3. Gliede. Denn (11,2+ 32,6) 1 beträgt. Die Länge des 3. Gliedes iſt alſo das arithmetiſche Mittel aus der Länge des 2. und 4. Gliedes. Ziehen wir das arithmetiſche Mittel aus der Länge des 3. und 5. Gliedes, ſo erhalten wir 30,7. Dieſe Zahl weicht von der für das 4. Glied gefundenen 32,6 um 1,9 ab. Noch etwas größer iſt die Ab⸗ weichung, wenn wir das arithmet iſche Mittel aus dem 4. und 6. Gliede berechnen; die Differenz beträgt hier 40,1— 37,6= 2,5. Da die Länge des 4. Gliedes mit derjenigen des 1., des 2. und des 3. Gliedes harmoniert, während die Länge des 5. und 6. Gliedes im Vergleich zu derjenigen der vier unteren Glieder etwas zu gering iſt, ſo ließ ſich vermuten, daß die Halme noch nicht vollſtändig aus⸗ = 21,9, während die wirklich gefundene Länge 21,3 gewachſen waren. In dieſer Vermutung wurde ich dadurch beſtärkt, daß ich am 22. Mai auf meinem verwüſteten Verſuchsfelde einige Halme fand, an welchen das 5. Glied ebenſo lang war, als das ſechſte. An einem dieſer Halme zeigte ſich folgendes Verhältnis in der Länge der Glieder(XI. Stadium der Tabelle): Länge des 1. Gliedes cm 2 — r 3 „„ D2-„ 7 „„ 4.„ /. Ir 9 7„ 6.„. 46,0 Hier erſtreckt ſich, wie man ſieht, die Harmonie in der Länge der Glieder bereits bis zum 5. Gliede hinauf; nur das 6. Glied will ſich noch nicht fügen. — 107— Ich ſuchte daher am 2. Juni die Roggenfelder der Umgegend nach ſolchen Halmen ab, welche von dem Schneedruck am 15. Mai nicht gelitten hatten, und fand endlich am Rande eines Schlages vier ſtattliche Halme, deren Ähren gerade in voller Blüte ſtanden. Ich trug ſie eine Stunde weit nach Hauſe, in der Hoffnung, das Geſetz vom arithme⸗ tiſchen Mittel, welches ich bei den vier unteren Halmgliedern entdeckt und bei dem fünften zutreffend gefunden hatte, zu guter Letzt auch noch bei dem ſechsten Gliede beſtätigen zu können. Hier folgen die direkt gefundenen Zahlen nebſt dem berechneten Mittel; zur Charakteriſtik der betreffenden Pflanzen fügen wir die Länge der Ähre und die Zahl der Ährchen ſowie die Geſamtlänge der Pflanze von der Wurzel bis zur Spitze der Ähre hinzu. 1. 2. 3. 4. Mittel C c c cm cm Länge des 1. Gliedes. 4,1 2,8 2,5 3,0 3,10 „„ 2.„ 13,1 13,2 11,6 9,0 11,72 „„ 3.„ 21,3 20,0 21,5 19,2 20,50 „„ 4.„. 31,0 33,9 26,4 26,0 29,32 „„ 5.„. 46,7 39,2 38,6 37,2 40,42 .„ 6.„ 53,2 47,1 55,5 51,1 51,72 Länge d. ÄAhremit Granne 16,1 cm 13,0c m 16,5cm 14,7 cm 15,07 cm „„„ ohne„ 14,9„ 11,8„ 14,3„ 12,7„ 13,42„ Zahl der Ährchen.. 47Stck. 39 Stck. 34 Stck. 37 Stck. 39,25 Stck. Ganze Länge d. Pflanze 185,5 cm 169,2 cm 172,6 cm 160,2 cm 171,87 cm Die vorliegenden Mittelzahlen zeigen, daß das vermutete Geſetz in der That vorhanden iſt. Das Geſetz lautet, wie folgt: An dem normalen Roggenhalm iſt die Länge d. 2. Gliedes d. arithmetiſche Mittel aus der Länge d. 1. u. 3. Gliedes 3 „„„ 3„„„„„, e„„ 2„ 4. 7 2 5 „„„ 4.„ 1„ 1„„ 7„ 5.„ 5. 11 — Der Beweis für die Richtigkeit des Geſetzes iſt mit folgenden Zahlen gegeben: . Berechnet. Gefunden. (3,10+ 20,50) 2. Glied 5= 11,80 11,72 (11,72+ 29,— 3.„..... 53= 20,52 20,50 20,50+ 40,42„ 4,„....(205 34042 0 46 29,32 29,32— 51,72. 5„.(3..,2) 10 52 40,42 108— Die berechneten und die wirklich gefundenen Zahlen ſtimmen faſt mit mathematiſcher Genauigkeit miteinander überein, wohei noch zu berückſichtigen iſt, daß das Meſſen der Halmglieder notwendig kleine Fehler mit ſich bringt, weil wegen der häufig vorkommenden Krümmung der Blattknoten der Maßſtab bald höher, bald tiefer angeſetzt wird, ſo daß man bei wiederholter Meſſung der Glieder eines und desſelben Halmes faſt niemals genau gleichlautende Zahlen erhält. Obwohl ja erſichtlich, daß das Geſetz nicht bei jedem einzelnen Halme, ſondern erſt bei dem Mittel aus 4 bis 5 Halmen mit voller Schärfe hervortritt, indem, wie es ſcheint, kein einziger Halm vollkommen geſetzmäßig oder normal gegliedert iſt, ſo iſt doch unverkennbar, daß die Natur darauf hinarbeitet, den Halm nach dem in Rede ſtehenden Geſetz harmoniſch zu entwickeln und zu konſtruieren. Hieran iſt um ſo weniger zu zweifeln, als ſich das Geſetz vom arithmetiſchen Mittel nicht allein bei den Halmgliedern, ſondern auch bei den Blattſcheiden nachweiſen läßt. Es betrug nämlich bei den zuletzt angeführten 4 Roggenhalmen durchſchnittlich em die Länge der 1. Blattſcheide.... 2(abgeſtorben) „„„ 2.„... 11,65 „„„ 3:„ 14,52 „„„ 4„ 17,75 „„ 5 4 19, „ 2 2 6„ 21,55 Wenn dieſe Zahlenreihe auch anders, nämlich nicht ſo ſteil ſteigt, wie die vorhin mitgeteilte, für die Halmglieder geltende, ſo iſt doch auch hier wieder jede Zahl ſehr genau das arithmetiſche Mittel aus den beiden Nachbarzahlen. Beweis: Berechnet. Gefunden. .-411,65 J. 17,75„ 4 3. Blattſcheide 811,05 1) 14,70 14,52 14,52— 19,77— 4 1 8149. e la 17,7. 17 75 21 55 5.„ 11415L. 21,55) 19,65 19,77. 2 Eine beſſere Uebereinſtimmung der berechneten und der wirklich ge⸗ fundenen Zahlen iſt nicht zu erwarten.— Bei dem Aufbau des Halmes iſt nun die Länge der einzelnen Glieder nur der eine Faktor, der andere iſt ihre relative Stärke. Dieſe beruht auf dem Umfang der Halmröhre und ihrer Wanddicke, zum Teil aber auch auf der Dicke der Blattſcheiden, welch' letztere eine Anzahl — 109 von Röhrenſtücken um die Halmröhre darſtellen und weſentlich zur Ver⸗ ſtärkung des Halmes beitragen. Die Stärke der einzelnen Halmglieder und der zugehörigen Blattſcheiden läßt ſich am einfachſten und am ſicherſten beurteilen nach dem Gewicht, weil das Gewicht ein genaues Maß iſt für die Stoffmenge, welche in den Organen abgelagert und zum Aufbau und zur Verdickung der Zellen verwendet worden iſt. Ich habe daher die 4 zuletzt erwähnten Halme unmittelbar unter den Blatt⸗ knoten durchgeſchnitten, als dann lufttrocken gemacht und von jedem Halm⸗ gliede die Blattſcheide ſamt Blattknoten abgeſtreift, um das Gewicht der einzelnen Teile feſtzuſtellen. Dabei ergab ſich folgendes Reſultat: Gewicht in Gramm (Mittel aus 4 Halmen) bei dem 1. 2. 3. 4. 5. 6. Gliede. a) Halmglied 0,17 0,46 0,63 0,68 0,59 0,38 b) Blattſcheide— 0,10 0,17 0,21 0,21 0,16 c) Blattſpreite— 0,04 0,08 0,10 0,08 0,07 Zuſammen 0,17 0,60 0,88 0,99 0,88 0,57 Der leichteren überſicht wegen ſtellen wir die den vorſtehenden Ge— wichtszahlen entſprechenden Längenzahlen hier noch einmal zuſammen, laſſen jedoch die Blattſpreiten außer betracht, weil dieſe zur Stärke oder Feſtigkeit des Halmes nichts beitragen. Länge in Centimetern (Mittel aus 4 Halmen) bei dem 1. 2. 3. 4. 3. 6. Gliede. a) Halmglied 3,10 11,72 20,50 29,32 40,42 51,72 b) Blattſcheide— 11,65 14,52 17,75 19,77 21,55 Zuſammen 3,10 23,37 35,02 47,07 60,19 73,277 Um nun die Gewichtszahlen mit den Längenzahlen in Beziehung zu bringen, iſt weiter nichts nötig, als mit der Länge in das Gewicht zu dividieren, oder, was in der Hauptſache auf dasſelbe hinauskommt, es iſt zu berechnen: Wieviel Gewicht entfällt auf die Längeneinheit? Gewicht pro 1 Meter Länge in Gramm (Mittel aus 4 Halmen) bei dem 1. 2. 3. 4. 5. 6. Gliede. a) Halmglied 5,48 3,92 3,07 2,32 1,46 0,73 b) Blattſcheide— 0,86 1,17 1,18 1,06 0,74 Zuſammen 5,48 4,78 4,24 3,50 2,52 1,47 In der letzten Zahlenreihe kehrt dieſelbe Geſetzmäßigkeit wieder, welche wir bei der Länge der Halmglieder und Blattſcheiden gefunden haben. Zählen wir, wie vorſtehend, die entſprechenden Gewichtszahlen paarweiſe zuſammen, ſo ergibt ſich: Das Gewicht pro Längeneinheit iſt — — 110— bei jedem Gliede das arithmetiſche Mittel aus dem Gewicht der beiden Nachbarglieder. Wie genau dies zutrifft, zeigt folgende Gegenüberſtellung der be⸗ rechneten und der gefundenen Zahlen. Berechnet. Gefunden. 7 GhN(ls 424) 136 4,78 4(4,78 1 3,50 414 421 4.„ 64724 4 22)— 3,38 3,50 5.„ 939 5 1410)= 245 2,52 Die Annahme oder der Einwand, daß die Übereinſtimmung der vor⸗ liegenden Zahlen auf einer Zufälligkeit beruhe, iſt ſchon um deswillen unzuläſſig, weil ſich dieſelbe Geſetzmäßigkeit bei den Zahlen für die Längen und für die Gewichte wiederholt. Da aber die Zahlen für die Längen in demſelben Verhältnis ſteigen, wie die Zahlen für die Ge⸗ wichte fallen, und da in dem Gewicht, auf die Längeneinheit bezogen, die Stärke der Halmglieder in dem oben dargelegten Sinne zum Aus⸗ druck gelangt, ſo ergibt ſich aus den mitgeteilten Zahlen der einfache Schluß: Die Stärke der Halmglieder nimmt von unten nach oben in demſelben Verhältnis ab, wie ihre Länge zunimmt. Es entſteht nun ſchließlich noch die Frage: Läßt ſich das ermittelte Geſetz, das vielleicht auch für die übrigen Getreidearten gilt, auch prak— tiſch verwerten? Wir glauben dieſe Frage bejahen und eben deswegen zu fortgeſetzten Unterſuchungen anregen zu dürfen, wobei wir uns von folgender Erwägung leiten laſſen. Das Wachstum des Roggenhalmes nach dem in Rede ſtehenden Geſetz hat ſich durch natürliche Zuchtwahl entwickelt, indem diejenigen Halme, welche in der relativen Länge und Stärke der Glieder zweckmäßiger gebaut waren als andere, dieſen gegen⸗ über mehr Ausſicht hatten, aufrecht ſtehen zu bleiben und zahlreichere und kräftigere Früchte zur Fortpflanzung zu erzeugen. Iſt dieſe Annahme zutreffend, ſo können wir der Natur durch künſtliche Zuchtwahl zu Hilfe kommen, wenn wir die Körner von denjenigen Halmen, welche möglichſt geſetzmäßig gegliedert ſind, zur Ausſaat verwenden. Mit dieſer Andeutung verlaſſen wir dieſen Gegenſtand, um uns anderweitigen Betrachtungen zuzuwenden, welche zu dem Schoſſen des Getreides direkt oder indirekt in Beziehung ſtehen. Das Schoſſen iſt die Folge eines Dranges oder Triebes, der zwar, wie jeder andere Trieb, einer Anregung oder eines Anſtoßes von außen bedarf, der aber ohne Zweifel auch eine innere Urſache hat. Innere und äußere Urſachen wirken auch hier wieder zuſammen, aber die inneren Urſachen geben den Ausſchlag. Daß die äußeren Urſachen— Wärme, Feuchtigkeit ꝛc.— für ſich allein das Schoſſen nicht hervorzurufen ver⸗ mögen, wenn der innere Trieb dazu in der Pflanze fehlt, das iſt mit der Thatſache zu beweiſen, daß Wintergetreide, welches im Frühjahr an⸗ gebaut wird, zwar zur Keimung und zur Beſtockung, aber trotz der fruchtbarſten Witterung nicht zum Schoſſen gelangt. Von dieſem be⸗ kannten, aber nichtsdeſtoweniger merkwürdigen Verhalten der Pflanzen werden wir am beſten überzeugt, wenn wir Winterung und Sommerung nebeneinander auf demſelben Felde ausſäen. Einen derartigen Verſuch habe ich in den ſechziger Jahren gemacht, zur Zeit, als ich auf dem Gute meines Vaters die Wirtſchaft führte. Mitten in dem Sommerungsſchlage, auf welchem verſchiedene Frucht— gattungen: Spörgel, Lupinen, Erbſen, Lein und Futtergemenge, aus Sommerroggen, Hafer, Wicken und Erbſen beſtehend, zum Anbau kamen, wurde am 14. Juni 1865 ein Streifen mit 1 Scheffel Winter⸗ roggen(Probſteier Nachzucht) beſtellt. Der Roggen ging rechtzeitig auf und bildete eine gut beſtockte Saat, welche den Boden dicht belegte; aber nicht eine einzige Pflanze kam zum Schoſſen. Während alle übrigen Gewächſe in die Höhe gingen, blieb der zur ungewohnten Zeit ausgeſäete Winterroggen ſtehen, ohne über das Beſtockungsſtadium hinauszukommen. Seine Entwicklung wurde übrigens nicht bis zu Ende verfolgt; er wurde vielmehr zugleich mit der nebenanliegenden Futter⸗ gemengſtoppel als Gründüngung für die folgende Herbſtſaat untergeackert. Das betreffende Gut liegt nicht weit von dem Winkel, in welchem die Provinzen Poſen, Weſtpreußen und Brandenburg zuſammenſtoßen, hat alſo einen ziemlich langen und ſtrengen Winter. Hier hat ſich ein ſcharfer Gegenſatz zwiſchen Winter⸗ und Sommergetreide herausgebildet. Noch mehr iſt dies der Fall in den ruſſiſchen Oſtſeeprovinzen und in Schweden. Gehen wir dagegen weiter nach Süden, ſo verwiſcht ſich der Unterſchied zwiſchen Winter⸗ und Sommerroggen und zwiſchen Winter⸗ und Sommerweizen mehr und mehr, bis er in Spanien, Italien und Griechenland kaum noch hervortritt und in Ägypten, Tunis und Algier gänzlich verſchwindet. Da es ausgemacht iſt, daß wir unſere Getreidearten aus dem Süden erhalten haben, ſo können wir uns die Entſtehung des Wintergetreides in folgender Weiſe denken. Der Trieb zum Schoſſen wird bei der allmählichen Verſchiebung des Standortes gegen Norden, welche eine immer frühere Ausſaat be⸗ dingt, durch die niedrigere Temperatur des Winters zurückgehalten. Die 112— Pflanzen werden durch das Klima gezwungen, nach der Keimung und Beſtockung längere Zeit in einem Zuſtand der Ruhe und Unthätigkeit zu beharren, welcher dem Zwecke und dem Weſen nach eine gewiſſe Ähnlichkeit mit dem Winterſchlaf der Tiere hat. Auch die Vorbereitung zur Überwinterung iſt bei den betreffenden Pflanzen ähnlich, wie bei den winterſchlafenden Tieren. Denn wie die Herbſtmaſt für den Hamſter, ſo erfüllt für den Roggen die Beſtockung den Zweck, Reſerveſtoffe für den Winter und den kommenden Frühling anzuſammeln und auf⸗ zuſpeichern. Eine gewiſſe Menge dieſer Reſerveſtoffe wird bei den Pflanzen, wie bei den Tieren, während des Winters zur Atmung ver⸗ braucht; der Überſchuß kommt im Frühjahr zur Verwendung.— Der⸗ jenige Teil der Pflanzen, welcher ſich den veränderten Lebensbedingungen nicht anzupaſſen vermag, geht zu grunde, ohne zur Fortpflanzung zu gelangen; der andere Teil erhält ſich, aber es tritt eine Veränderung des Organismus ein, welche auch das Samenkorn berührt und durch dieſes vererbt wird. So entſteht eine neue Spielart, welche die erworbene Eigenſchaft, in dem Beſtockungsſtadium ſtehen zu bleiben und erſt nach einer Periode der Ruhe zu ſchoſſen, auch bei der Ausſaat im Frühjahr beibehält, indem ſie im erſten Sommer ihre Getreidenatur gewiſſer⸗ maßen verleugnet und die Haltung eines Dauergraſes annimmt. Hieraus ergibt ſich eine Schlußfolgerung, die beſonders hervor⸗ gehoben zu werden verdient. Da nämlich die Ausſaat des Winter⸗ getreides in dem Maße früher und früher geſchieht, als der Standort von Süden nach Norden weiter vorrückt, ſo werden wir, weil frühe Ausſaat die Beſtockung befördert, und weil ſtärker beſtockte Pflanzen mehr Ausſicht haben, den Winter zu überſtehen, mit jedem Grad höherer Breite eine Vervollkommnung in der Beſtockungsfähigkeit erwarten dürfen. Dieſe Schlußfolgerung iſt in der That zutreffend. In Schweden beſtockt ſich der Weizen ſtärker wie in Deutſchland, und in Deutſchland ſtärker wie in Öſterreich. Der Staudenroggen ſtammt, wie uns Thaer be⸗ richtet, aus den ruſſiſchen Oſtſeeprovinzen. Dagegen hat Haberlandt auf der Weltausſtellung in Wien einen auſtraliſchen Weizen erworben, bei welchem jedes Korn nur drei bis vier ſtarke Halme entwickelt. Faſſen wir das Geſagte zuſammen, ſo erhalten wir das Reſultat: Der Norden erzeugt ausgeprägtes Wintergetreide mit ſtarker Beſtockung; der Süden, der den Winter und daher auch das Wintergetreide nicht kennt, erzeugt Sommergetreide mit ſchwacher Beſtockung. Hier überwiegt die Körner⸗, dort die Stroh⸗ produktion. Sehr befeſtigt ſind übrigens die im nordiſchen Klima erworbenen Eigenſchaften nicht, denn Wintergetreide läßt ſich durch angemeſſen und allmählich veränderte Ausſaatzeit ſchon in wenigen Jahren in Sommer⸗ getreide zurückverwandeln*), und die ſtarke Beſtockung, welche das nordiſche Getreide beſitzt, geht bei ſpäter Ausſaat in einem milderen Klima ebenfalls ſehr bald verloren. Wir haben dieſe Fragen unter der Üüberſchrift:„Das Schoſſen“ berührt, weil der Unterſchied zwiſchen Sommer⸗ und Wintergetreide in der That davon abhängt, ob die Pflanzen ſogleich im Jahre der Ausſaat, oder erſt im nächſten Kalenderjahre, nach einer längeren Periode der Ruhe und nach Überſtehung eines Winters, zum Schoſſen gelangen. Denn ſobald die Pflanze zum Schoſſen kommt, ſo kommt ſie auch zur Blüte und Fruchtbildung, und mit der Fruchtreife erfolgt das Abſterben.— Eine weitere Frage, deren Erörterung ſich hier am geſchickteſten ein⸗ fügt, betrifft das Lagern des Getreides. über dieſen Gegenſtand hat namentlich Ludwig Koch eingehende Unterſuchungen gemacht. Wir wollen daher die weſentlichen Reſultate derſelben im Auszuge wiedergeben.**) Bei Vergleichung mit den entſprechenden normalen Teilen zeigt ſich bei gelagertem Getreide eine bedeutendere Länge der unteren Halmglieder, ſowie eine geringere Dicke der zugehörigen Halmwände. Hand in Hand damit geht eine Überverlängerung und eine ſchwächere Verdickung der bezüglichen Zellen. Zum Belege hierfür mögen folgende Zahlen dienen, die ſich auf das zweitunterſte Halmglied beziehen, an deſſen Baſis der Halm bei dem Lagern gewöhnlich umknickt oder durchbricht. Die Verſuchspflanze war der Winterroggen. Länge des 2. Halmgliedes in Millimetern. gelagert nicht gelagert 162 137 1,2: 1. *) Nach einer Notiz in ber Zeiiſchr. d. Landw. Zentralvereins d. Provinz Sachſen 1881, S. 107, iſt es Dr. Hummel in Gr. Carzenburg(Baldenburg) nach mehrfachen vergeblichen Verſuchen dadurch gelungen, heſſiſchen(Wallburger) Winterroggen in Sommer⸗ roggen überzuführen, daß der Ende Januar geſäete Winterroggen bald keimte und aufging, dann aber nochmals einfror. Im nächſten Jahre im März ausgeſäet, brachte der größte Teil Ahren und reifte, während ſich ein kleinerer Teil der Saat umlegte, ohne Ahren anzuſetzen. Im folgenden Jahre war der Roggen vollſtändig zu Sommerroggen geworden und zeichnete ſich durch Strohreichtum vor anderen Sorten aus.(Zitiert nach W. Rimpau, Züchtung auf d. Gebiete d. landw. Kulturpflanzen, landw. Kalender von Mentzel u. v. Lengerke, 1883, S. 47.) **) Ludwig Koch, Abnorme Anderungen wachſender Pflanzenorgane durch Beſchattung. Getreidebau. 8 — 114— Länge der Zellen in Millimetern. Oberhautzellen. Markzellen. gelagert nicht gelagert gelagert nicht gelagert 0,44 0,27 0,29 0,18 1,6 1. 1,6: 1. Dicke der Zellwände in Millimetern. Oberhautzellen. Gefäßbündelſcheide. Markzellen“). gelagert nicht gelagert gelagert nicht gelagert gelagert nicht gelagert 0,0039 0,0060 0,0021 0,0054 0,0014 0,0021 1: 1,5. 1- 2,6. 1.1,5 In dem unterſten Halmgliede finden ſich die Unterſchiede der Ver⸗ dickung und Längsſtreckung der Zellen ebenſo ſtark ausgeprägt wie in dem Fig. 68. Teil eines Querſchnitts durch ein Halmglied des Roggens(Secale cereale). o Oberhaut. r Rinde. g Gefäßbundel. gs Zellen der Gefäßbündel⸗ ſcheide. m Markzellen. Vergrößerung 30 fach. zweiten, das dritte zeigt ſie weniger, in den oberen ſind ſie kaum zu konſtatieren. Die Abnormitäten gelagerten Getreides erſtrecken ſich ſomit vorzugsweiſe auf die unteren Halmglieder und offenbaren ſich in einer größeren Schwäche dieſer Teile, die den üppig entwickelten oberen nicht den nötigen Halt zu bieten vermögen: Umbiegen oder Durchknicken an dieſen Stellen muß die Folge ſein, denn— das Geſetz des Wachstums iſt geſtört. Intereſſant und maßgebend iſt es nun, daß Koch dieſelben Abnor⸗ mitäten durch künſtliche Beſchattung hervorgerufen und damit den *) Vrgl. Fig. 68 nebſt der beigefügten Erklärung. — 115— experimentellen Nachweis geliefert hat, daß die weſentliche Urſache des Lagerns in nichts anderem beſteht, als in dem Mangel an Licht. Die Verſuche wurden in einer Weiſe angeſtellt und durch zahlreiche Meſſungen unter dem Mikroſkop ſo genau kontroliert, daß ſich gegen die Schlußfolgerungen nichts einwenden läßt. Da nämlich alle übrigen Verhältniſſe, mit einziger Ausnahme der Beleuchtung, bei den künſtlich beſchatteten und nicht beſchatteten Verſuchspflanzen annährend gleich waren, und da die Beſchattung durch ſucceſſives Aufſetzen von kurzen Röhrenſtücken in der Art bewerkſtelligt wurde, daß immer nur bei den unteren Pflanzenpartien eine teilweiſe Entziehung des Lichtes ſtattfand, während die oberen dem Lichte frei ausgeſetzt blieben, ſo wurden die für das Lagern charakteriſtiſchen Erſcheinungen bei den künſtlich beſchatteten Pflanzen in der That durch nichts anderes zuſtande gebracht, als durch den Entzug oder Mangel des Lichts. Wie und wodurch kommt aber bei dem im freien Felde ſtehenden Getreide die Beſchattung und die dadurch bewirkte Schwäche der unteren Halmglieder zuſtande? Es liegt auf der Hand, daß der dichte Schluß der Pflanzen hieran ſchuld iſt, durch welchen namentlich dem unteren Teile der Halme das Licht entzogen wird; aber es ſpielt hierbei unzweifelhaft auch die maſtige Entwicklung der Pflanzen eine Rolle, denn der beobachtende Landwirt weiß, wie gefährlich die„Geilſtellen“ ſind. Koch hat dieſen Punkt gleichfalls ins Auge gefaßt, und er glaubt nach ſeinen Verſuchsreſultaten die Anſicht ausſprechen zu dürfen, daß bei allzureichem Vorhandenſein löslicher Stickſtoffverbindungen, wie über⸗ haupt bei günſtigen Bedingungen der Pflanzenernährung, eine üppige Vegetation herbeigeführt wird, die, bei zu dichtem Stand, intenſive Beſchattung und mit ihr eine krankhafte Überverlängerung der Zellen und verminderte Verdickung der Zellwände an den unteren Partien der Pflanze hervorruft, während die oberen Teile vermöge ihrer bedeutend üppigeren Entwicklung zugleich mehr Angriffspunkte für Wind und Regen darbieten. Wir können uns auch mit dieſer Anſicht, die ſchon Sachs aus⸗ geſprochen, Koch aber erſt begründet hat, in der Hauptſache einver⸗ ſtanden erklären, möchten nur das noch ergänzend hinzufügen: 1. daß das übereilte Schoſſen, welches infolge reicher Stickſtoffdüngung bei feuchtwarmer Witterung eintritt, der Einwirkung des Lichtes nicht genügend Zeit läßt, und 2. daß überdies die Blattſcheiden bei ſtark gedüngten, maſtigen Pflanzen eine intenſivere Beſchattung des ein⸗ geſchloſſenen Halmes herbeiführen, als es bei normal und langſam gewachſenen Pflanzen der Fall iſt. Für letzteres ſprechen die von Koch 8* — 116— beſtätigten Thatſachen, daß die Blätter und Blattſcheiden bei gelagertem Getreide üppiger entwickelt ſind, ohne daß ſich an ihnen Differenzen der Zelllänge oder der Zelldicke nachweiſen ließen, und daß die ſtärkſte Über⸗ verlängerung der Zellen, wie die ſchwächſte Verdickung derſelben allemal an den unteren Partien des zweiten oder dritten Halmgliedes erfolgt, welche durch die anliegende Blattſcheide eine tiefe Verdunkelung erleiden. us Fig. 6, a iſt erſichtlich, wo die ſchwächſte und zarteſte Partie de (Aus Fig. 6, ſt erſichtlich, wo die ſchwächſte und zarteſte Partie des Halmgliedes ſich befindet.)*) Faſſen wir das geſagte kurz zuſammen, ſo ergeben ſich folgende Sätze. Das Lagern des Getreides hat ſeinen Grund in der Überver⸗ längerung und ungenügenden Verdickung der Zellen an den unteren Halmgliedern. Die krankhafte Entwicklung jener Zellen hat ihre Urſache in dem Mangel an Licht. Der Abſchluß des Lichtes kommt dadurch zu ſtande, daß die dicht gedrängten Halme ſich gegenſeitig beſchatten, daß namentlich die zwiſchen und über den Halmen ausgebreiteten, vor Vollendung des Schoſſens dachziegelförmig übereinander liegenden Blätter den Schatten vermehren, und daß die Verdunkelung der ſpeziell in betracht kommenden Teile dadurch noch verſtärkt wird, daß die Blattſcheiden das untere Stück der Halmglieder umhüllen und verdecken. Dichte Saat, übereiltes Schoſſen und maſtiger Wuchs, veranlaßt durch üppige, feuchtwarme Witterung und durch ſtarke ſtickſtoffreiche Düngung befördern und ſteigern das Übel, beſonders bei flacher Ackerkrume. Das Umfallen der Halme erfolgt regelmäßig— Hagelſchlag und Windbruch ſind mit dem„Lagern“ nicht zu verwechſeln— bei regneriſcher *) Es könnte zweifelhaft erſcheinen, ob das Licht uͤberhaupt durch die Blattſcheide hindurch bis zu dem von ihr eingeſchloſſenen Halmgliede einzudringen vermag. Dieſer Zweifel iſt leicht zu heben. Die Zellen des Halmgliedes enthalten nämlich Chlorophyll, deſſen Entſtehung vom Lichte abhängig iſt. Ohne Licht kein Chlorophyll. Das Vor⸗ handenſein des Chlorophylls beweiſt uns alſo die Gegenwart des Lichtes. Bringen wir einen Querſchnitt durch das Halmglied unter das Mikroſkop, ſo ſehen wir, daß nicht nur die mehr nach außen gelegenen Zellen der Rinde r(Fig. 68), ſondern auch die weiter nach innen gelegenen der Gefäßbündelſcheide gs gruͤne Chlorophyllkörnchen enthalten. Zur Zeit des Schoſſens, wenn das Halmglied lebhaft waͤchſt, können wir mit bloßem Auge ſehen, daß gerade der untere Teil des Gliedes, trotzdem derſelbe am vollſtändigſten durch die Blattſcheide gedeckt iſt, am dunkelſten gruͤn gefäͤrbt erſcheint. Hieraus folgt zugleich, daß der Zellſtoff, welcher zum Aufbau und zur Verdickung der Zellwände des Halm⸗ gliedes dient, größtenteils oder ausſchließlich in dem Halmgliede ſelbſt durch den gewöhn⸗ lichen Aſſimilationsprozeß erzeugt wird. Nehmen wir dies als feſtſtehend an, ſo wird uns erklärlich, wie ſehr die Feſtigkeit des Halmes, welche auf der Entwicklung des Zell⸗ ſtoffs beruht, durch allzu intenſive Beſchattung der unteren Halmpartien beeinträchtigt werden muß. Ohne Licht kein Chlorophyll, ohne Chlorophyll keine Stärke, ohne Staͤrke kein Zellſtoff, ohne Zellſtoff keine Feſtigkeit. Kommt dann zu dem Mangel an Zellſtoff noch eine unnatuͤrliche Verlängerung der Zellen hinzu, ſo müſſen die Halme bleichſuchtig und ſchwächlich werden, ebenſo wie die Kartoffelkeime im Keller. Witterung, weil dann der Waſſergehalt und die Spannung und Streckung der betreffenden und aller übrigen Zellen am größten, und zugleich die Laſt, welche der Halm zu tragen hat, verhältnismäßig am bedeutendſten iſt. Dieſer kritiſche Moment kann früher oder ſpäter eintreten, vor, während oder nach der Blüte, auch erſt gegen die Zeit der Reife.„Das Lagern, welches von gewöhnlichem Regen erfolgt, ſagt Thaer, iſt um ſo ſchlimmer, je früher es geſchieht.“ Allemal aber wird der Grund zu dem Übel in der Periode des Schoſſens gelegt. Denn das Umknicken betrifft die unteren Glieder des Halmes, ſelten das unterſte, gewöhnlich das zweite, zuweilen auch das dritte Glied über dem Boden, welche bei dem Schoſſen früher bis zu ihrer definitiven Länge emporgeſchoben werden, als die oberen. Eben deshalb iſt es ſo gefährlich, wenn das Schoſſen zu eilig von ſtatten geht, und da der Landwirt die Witterung nicht in der Hand hat, ſo muß er vor allem darauf bedacht ſein, durch geeignete Kulturmaßregeln dem Lagern thunlichſt vorzubeugen. Es iſt ein eitler Ruhm, mit Lagerfrucht zu prahlen. Ein normales Fruchtfeld ſoll ſo beſchaffen ſein, daß die rohrartigen Halme die Fülle der Ähren zu tragen vermögen, bis der Arm des Schnitters ſie zu Boden ſtreckt. Dies führt uns auf die Frage, wie ſich die Beſtockung des Getreides zu dem Lagern desſelben verhält. Auf den erſten Blick hat es den Anſchein, daß die Beſtockung, inſofern ſie die Zahl der Halme und demnach auch die Beſchattung der unteren Halmglieder vermehrt, die Krankheit des Lagerns verurſachen oder wenigſtens verſchlimmern müßte. Bei genauerem Zuſehen kommt man jedoch zu der Überzeugung, daß die Beſtockung wenig oder gar nichts zu dem Lagern beitragen, im Gegenteil eher als Schutzmittel gegen das Lagern betrachtet werden kann. Gegen die Annahme, daß zwiſchen Beſtockung und Lagern ein urſächlicher Zuſammenhang beſteht, ſpricht vor allem die Thatſache, daß das Lagern infolge von Lichtmangel eintritt, während die Beſtockung bei Lichtmangel unterbleibt. Aus dieſer Thatſache folgt unmittelbar, daß von dem Augenblicke an, wo der Pflanzenbeſtand eines Feldes an Licht⸗ mangel leidet, die Beſtockung, weil ſie eben ausgeſchloſſen iſt, jedenfalls nichts mehr zu dem Lagern beitragen kann. Es kann ſich alſo nur darum handeln, ob in der Zeit der Entwickung von der Keimung bis zum Beginn des Schoſſens die Gefahr des Lagerns durch eine ſtarke Beſtockung vermehrt wird oder nicht. Dabei ſind drei Fälle denkbar. 1. Bei einer Saat, die von Anfang an ſehr dicht ſteht, iſt die ſtarke Beſtockung ausgeſchloſſen, denn wir haben geſehen, daß die Beſtockung in dem Maße hintenangehalten wird, wie der Stockraum ſich vermindert. — 118— Lagert ſich eine derartige Saat, und das geſchieht ſehr häufig, ſo dürfen wir der Beſtockung die Schuld nicht zuſchreiben. Nicht die Be⸗ ſtockung, ſondern das zu ſtark bemeſſene Ausſaatquantum trägt die Schuld. 2. Steht die Saat vor beziehungsweiſe nach der Überwinterung ſehr „licht“, und es erfolgt im Herbſt beziehungsweiſe im Frühjahr eine ſtarke Beſtockung, ſo kann dieſe ebenfalls nichts ſchaden, weil ja die Pflanzen Raum und deshalb auch Licht überflüſſig genug haben. Ein Grund zur Entſtehung von Lagergetreide liegt alſo auch in dieſem Falle nicht vor. 3. Iſt endlich der Pflanzenbeſatz im Herbſt und im Frühjahr ein mittlerer, dann wird auch die Beſtockung nur eine mittlere ſein, und die Gefahr des Lagerns iſt auch in dieſem Falle nicht zu befürchten, es ſei denn, daß die Saat durch übermäßige Düngung oder durch allzu üppige Witterung bei Eintritt des Schoſſens zu ſehr getrieben wird. Thaer ſagt in bezug auf das Lagern:„Starke Düngung mit mangelhafter und flacher Beackerung, ſehr dichte Saat gibt am häufigſten Lagergetreide; wogegen ein recht gut und tief bearbeiteter Acker und mehr beſtaudete, als in der Jugend gedrängte Pflanzen dagegen ſchützen.“ Ferner macht er über die Vegetation des Getreides im allgemeinen und über die Beſtockung desſelben im beſonderen folgende Bemerkungen. „Bei der Winterung hält man es gut, wenn ſie nicht ſchnell her— vorſticht, ſondern nach Verhältnis der Temperatur lange in der Erde bleibt, weil ſich dann der untere Teil ihres Keims, die Wurzel, mehr entwickelt und verſtärkt. Ich habe bemerkt, daß die Saat bei günſtiger Witterung auf tieferem Boden um drei Tage ſpäter hervorkam, als auf flachem. Der Sommerung wünſcht man dagegen ein ſchnelles Hervorkommen, damit ſie vom Unkraut nicht überwachſen werde. Nach Entwickelung der erſten Blätter treiben— vom Stamm— nach allen Seiten Nebenſproſſen aus. Je mehr dies geſchieht, um deſto ſtärkere Frucht kann man erwarten. Dieſe Sproſſen müſſen nicht ſchnell in die Höhe treiben, noch weniger ihre Blätter ſchlaff herabhängen laſſen, ſondern ſich ſteif und elaſtiſch über die Erde ausbreiten, und, wie man es nennt, den Boden belegen. Ein ſchnelles und ſtarkes in die Höhe Treiben der Winterung mit hellgrüner Farbe habe ich mehreremale als die Folge einer kurz vor der Saat untergebrachten, noch im Gährungszuſtande befindlichen Dün⸗ gung, bei feuchtem und warmem Herbſtwetter geſehen: eine Üppigkeit, welche die nachteiligſten Folgen hatte, und im Frühjahr ein faſt gänzlich — 119— ausgewintertes Feld hinterließ. Ein ſtarkes Belegen der Saat auf jene Weiſe, vor Winter, ſcheint mir aber nie nachteilig werden zu können, und wenn dann auch ihre Blätter im Winter abfaulen, ſo bleibt doch der Stamm mit der Anlage der Nebenſproſſen geſund und treibt im Frühjahr ſchnell wieder aus. Auch im Frühjahr muß eine gute Saat mehr in Nebenſchüſſe als in die Höhe treiben, ſich auf dem Boden verbreiten und erſtarken. Hierzu trägt die Natur einer geſunden ſtarken Saat, welche ſchon im Herbſte ſich zu beſtauden angefangen hatte, vieles bei; aber die Witterung muß günſtig, die Wärme im April und im Anfange des Mai ſehr gemäßigt ſein, und der Regen nicht fehlen, wenn es aufs vollkommenſte geſchehen und der Grund zu dichtem und ſtarkhalmigem Getreide gelegt werden ſoll. Nicht der dichte Stand der Pflanzen, ſondern dieſes Verbreiten und gleichmäßige Aufſchießen der Sproſſen entſcheidet über die Stärke, welche das Getreide erlangen wird, und hier ändert ſich der Anſchein oft plötzlich. Ein dicht mit Pflanzen beſetzter, zu Anfange des Mai hervor⸗ ſcheinender Acker geht oft, gerade des dichten Standes wegen, ſpitz in die Höhe, und zeigt im Junius einen ſchwachen Beſatz von Ähren, wogegen ein anderer, dem es am Pflanzenſtamme zu fehlen ſchien, nun einen gedrängten Stand der Halme und Ähren darbietet— eine Er⸗ fahrung, welche gewiß die meiſten Landwirte gemacht, aber wenige beherzigt haben, indem die meiſten nur recht gedrängt ſtehende Pflanzen im Herbſte und im Frühjahr wünſchen, unbekümmert, ob dieſe Pflanzen, einzeln betrachtet, die Merkmale von Kraft und Austriebs⸗Neigung haben. Der entfernte Anblick eines Saatfeldes trügt daher gewaltig; nur die Übergehung desſelben, den Blick auf einzelne Pflanzen gerichtet, kann ein ſicheres Urteil über ſeine Ergiebigkeit begründen.“*) Sehen wir uns eine ſtark beſtockte Pflanze vor dem Schoſſen genauer an, ſo finden wir, daß die Haupthalme flach auf dem Boden liegen und mehr oder minder gleichmäßig nach allen Seiten ausgebreitet ſind. Eine derartige Stellung iſt für die Ausnutzung des Lichtes die beſte, die gedacht werden kann, denn ſie geſtattet, daß nicht nur die Blätter von den Sonnenſtrahlen direkt getroffen, ſondern daß auch die in den Blatt⸗ ſcheiden eingeſchloſſenen jungen Halme möglichſt intenſiv beleuchtet werden können. Es werden ſich daher die unteren Halmglieder kräftig entwickeln, und inſofern von deren Schwäche oder Stärke das Lagern hauptſächlich abhängt, bietet die Beſtockung offenbar eine Gewähr gegen das Lagern. Es kommt noch hinzu, daß die Halme eines ſtärkeren Stockes bei Eintritt des Schoſſens knieförmig aufſteigen, indem das untere Glied *) Thaer, Grundſätze der rat. Landwirtſchaft, 1853. IV, S. 28—33. — 120— in ſeiner horizontalen oder ſchiefen Stellung verbleibt, während der über dem Boden befindliche Blattknoten die Aufrichtung des Halmes bewirkt (Fig. 69). Dieſes knieförmige Aufſteigen, das bei ſchwacher oder fehlender Beſtockung in der Weiſe nicht vorkommt, gewährt mehrere Vorteile. Erſtens bleibt der Halm etwa um die Länge des unterſten Gliedes niedriger. Wenn das auch nur einige Centimeter ausmacht, ſo iſt der dadurch bedingte Vorteil doch nicht zu unterſchätzen, denn mit jedem Centimeter, um welchen der Hebel am oberen Ende des ährentragenden Halmes verkürzt wird, wird die Gefahr des Lagerns vermindert. Zweitens erhält der Halm durch das unterhalb des Knies befindliche Glied, welches den Dienſt eines Fußes verrichtet, eine feſtere Stütze, Fig. 69. Unterer Teil eines knieförmig aufſteigenden Roggenhalmes(Secale cereale). a ſchief ſtehendes, b ſenkrecht ſtehendes Halmglied. k der Blattknoten, der durch ſeine Kruͤmmung den Halm in die ſenkrechte Stellung gebracht hat. w Kronenwurzeln an dem erſten oberhalb der Erdoberfläche oo gelegenen Halm⸗ knoten. wi Kronenwurzel an dem zweiten Knoten, welche als Stützwurzel funktioniert. Natürliche Größe. um ſo mehr, wenn an dem Knie, wie es hänufig geſchieht, kräftige Kronenwurzeln hervorbrechen, welche den Halm feſtankern und verſteifen. Drittens entſteht im Innern zwiſchen den knieförmig aufſteigenden Halmen ein freier Raum, welcher bei Beginn des Schoſſens— und dieſer Moment iſt entſcheidend— dem Lichte den Zutritt geſtattet. Nach alle dem hat die Anſicht, daß die Beſtockung das Lagern be⸗ dingt, keinen rechten Grund; man kann vielmehr mit Grund behaupten, daß ſtark beſtocktes Getreide ſich für gewöhnlich nicht lagert. Eine Saat, die von Anfang an zu dicht ſteht, leidet ſchon in der Jugend Mangel an Licht. Infolge deſſen unterbleibt die Beſtockung. Die aus dem Samenkorn hervorgegangenen Halme können nicht erſtarken, noch weniger in Seitenſproſſe auseinandergehen. Sie bleiben ſchmächtig und ſchwächlich von der Keimung an, und wenn ſie in der Periode des Schoſſens in die Höhe gehen, ſo brechen ſie, falls ſie ſich überhaupt ſo lange aufrecht erhalten, in ſich zuſammen, ſobald ſie ihre größte Länge erreicht haben, weil dann ihre Feſtigkeit am ſchwerſten auf die Probe geſtellt wird. So dürfte die Erſcheinung des Lagerns zu er⸗ klären ſein. Wir ſchließen dieſe Betrachtungen mit dem bekannten Wort: Mehr Licht! 5. Das Blühen. ie Blume verblüht, Die Frucht muß treiben.— 989 Eine allgemeine Beſchreibung der Gramineenblüte haben wir bereits im erſten Abſchnitt gegeben. Jetzt handelt es ſich darum, die einzelnen Teile genauer zu betrachten und den Vorgang des Blühens mit Einſchluß der Beſtäubung und der Befruchtung ſpezieller zu ver— folgen. Um uns auch hier der möglichſten Kürze zu befleißigen, wollen wir uns zunächſt mit dem eigentlichen Befruchtungsvorgang, der bei allen Getreidearten im weſentlichen derſelbe iſt, an einem Beiſpiel be⸗ kannt zu machen ſuchen. Die Beſonderheiten, welche bei den einzelnen Getreidearten weniger die Befruchtung, als die Art des Blühens und der Beſtäubung betreffen, werden ſich dann leicht anreihen und verſtehen laſſen. Als Beiſpiel zur Darlegung und Erläuterung des Befruchtungs⸗ vorganges wählen wir den Weizen und erinnern zuvörderſt daran, daß die Ähre aus zahlreichen Ährchen, und daß jedes Ährchen aus 3 oder 4, zuweilen auch aus 5 oder 6 Blütchen zuſammengeſetzt iſt. In jedem vollkommen und normal entwickelten Blütchen finden wir weibliche und männliche Fortpflanzungsorgane vereinigt. Fig. 70 zeigt den ganzen Geſchlechtsapparat ohne die äußere Zubehör. 1. Die weiblichen Organe der Blüte. Zu dieſen gehört vor allem der Fruchtknoten. Das iſt derjenige Teil der Blüte, aus welchem ſich die Frucht entwickelt. Er iſt in Fig. 70 mit p bezeichnet und zeigt ſchon die Form des Weizenkorns. Wir finden den jungfräulichen Fruchtknoten, in der Größe eines kleinen Stecknadelkopfes, tief unten zwiſchen den beiden Blütenſpelzen, woſelbſt er auf einem ganz kurzen Stielchen st befeſtigt iſt. Aus dem — oberen breiten und behaarten Ende des Fruchtknotens treten die beiden federförmigen Narben oder Griffelen hervor. Schneiden wir eine Anzahl Fruchtknoten der Länge und der Quere nach durch, ſo überzeugen wir uns mit Hilfe der Lupe, daß ſich im Innern des Fruchtknotens ein Hohlraum befindet, welcher von einem einzigen Ei ausgefüllt iſt. Das Ei, von kugeliger bis länglich runder Fig. 70. Die weſentlichen Teile der Fig. 71. Längsſchnitt durch den jungfräu⸗ Geſtalt der Fruchtknotenwand verwachſen. heftungsſtelle des Eis. Bringen wir einen Längsſchnitt, der den V halbiert, unter das Mikroſkop, ſo erkennen wir, daß das Ei aus einem Kern beſteht, der von zwei Hüllen oder Häuten, den ſogenannten Blüte des Weizens(Triticum vul- gare). p der Fruchtknoten, hinter ihm die beiden Schuͤppchen. st das Fruchtſtielchen. n die Narben. † die 3 Staubfäden, welche ſich nach dem Offnen des Blütchens verlängert haben. a die Staubbeutel, die bei⸗ derſeits der Mittelwand je in einem Längsriſſe aufgeplatzt ſind, um den Blutenſtaub zu entlaſſen. Vergrößerung 5 fach. lichen Fruchtknoten des Weizens(Triticum vulgare). p die Fruchtknotenwand. e das Ei, welches in der Höhlung des Frucht⸗ knotens liegt und an der Anheftungsſtelle 1 angewachſen iſt. es der im Innern des Eies befindliche Embryoſack. k die beiden Keimbläschen am unteren Ende des Embryo⸗ ſackes. gk der Griffelkanal, durch welchen der Pollenſchlauch in die Fruchtknotenhöhle gelangt. ii und ai die beiden Integumente, welche das Ei bez. den Eikern umhüllen. m die Mikropyle d. i. die kleine Offnung der Integumente, durch welche der Pollen⸗ ſchlauch eindringt. Vergrößerung 36 fach. „iſt in einer ſchmalen, der Längsfurche zugewandten Leiſte mit Dieſe Leiſte nennt man die An⸗ Linkel der Längsfurche — 123— Integumenten, eingeſchloſſen iſt(Fig. 71). Die Integumente ent⸗ ſpringen an der Anheftungsſtelle l, und ſie umgeben den Eikern überall. Nur auf der unteren, dem Fruchtſtielchen zugekehrten Seite enthalten ſie eine Offnung m, welche zwiſchen dem äußeren Integument ai ziemlich weit, zwiſchen dem inneren Integument ii dagegen ungemein eng iſt. Dieſe Offnung heißt die Mikropyle.(Vergl. Fig. 73.) Von der Mikropyle aus, nur durch wenige Zellen des Eikerns, der ſogenannten Kernwarze, von ihr getrennt, erſtreckt ſich in der Längs⸗ achſe des Eikerns, welcher ſonſt aus kleinen abgerundeten Zellen beſteht, eine auffallend große, in die Länge gedehnte Zelle es. Dieſe Zelle iſt der Embryoſack. In dem Embryoſack bemerken wir an dem der Mikropyle zuge⸗ wandten Ende zwei kleine Tochterzellen k. Das ſind die ſogenannten Keimbläschen. An dem oberen Ende iſt der Fruchtknoten von dem Griffel⸗ kanal gk durchbrochen, der vom Grunde der beiden Griffel in die Fruchtknotenhöhle hinabführt, und mit abwärts gerichteten Haaren dicht ausgefüllt iſt. Die beiden Griffel ſelbſt ſind mit unzähligen haarförmigen Verzweigungen Narbenpapillen— beſetzt. 2. Die männlichen Organe der Blüte. Sie beſtehen(Fig. 70) aus den drei Staubfäden f, deren jeder an der Spitze einen Staubbeutel a trägt. Jeder Staubbeutel beſteht aus zwei Abteilungen, den Staubbeutelfächern. In ihnen wird der Blütenſtaub oder Pollen erzeugt. Der Blütenſtaub beſteht aus einer großen Menge ſehr kleiner Körnchen, den Pollenkörnern, deren jedes eine einzige mit einer doppelten Haut verſehene Zelle darſtellt. Der Befruchtungsvorgang. Soll nun eine Befruchtung zu ſtande kommen, ſo muß der Blüten⸗ ſtaub auf die Narbenpapillen der Griffel gelangen. Um dies zu ermöglichen, ſpringen die Staubbeutelfächer je in einem Längsriſſe auf und ſetzen die in ihnen enthaltenen, geſchlechtsreifen Pollen⸗ körner in Freiheit. Durch die klebrig feuchte Beſchaffenheit der Narbenpapillen iſt dafür geſorgt, daß die Pollenkörner auf den Griffeln hängen bleiben. (Fig. 72.) Iſt dies geſchehen, ſo keimt das Pollenkorn in der Weiſe aus, daß ſich die derbere Innenhaut durch eine runde, vorher mit einem Deckel verſchloſſene Offnung o der zarteren Außenhaut herausſtülpt. Es entſteht ein Schlauch, der alsbald weiter wächſt. Wie aus Fig. 72 zu — 124— erſehen, wandert der körnige Inhalt, welcher anfänglich die Pollenzelle ganz ausfüllt, aus dem Pollenkorn p in den Pollenſchlauch ps hinein, und er wird in dieſem weiter und weiter transportiert. Der geſchilderte Vorgang wiederholt ſich bei vielen Pollenkörnern in derſelben Weiſe. Die von den Pollenkörnern ausgehenden Schläuche wachſen ab⸗ wärts, ſich dicht an das papillöſe Gewebe der Griffel anſchmiegend und finden ſo den Weg durch den Griffelkanal in die Fruchtknoten⸗ höhle. In dieſer kriechen ſie auf dem äußeren Integument des Eis weiter, bis einer von ihnen die Mikropyle erreicht.(Fig. 73.) Fig. 72. Ein Pollenkorn p auf der Narbe ausgekeimt. o die Offnung, aus Fig. 73. Umgebung der Mikropyle. welcher ſich der Pollenſchlauch ps her⸗ ii das innere, ai das äußere Integu⸗ ausgeſtuͤlpt hat, um ſich erſt dem Pollen: ment. m die Mikropyle, in welcher kern anzuſchmiegen und dann an der ein Pollenſchlauch ps ſteckt. e der Ei⸗ Narbe abwärts zu wachſen. Der kör⸗ kern. es der Embryoſack. k das be⸗ nige Inhalt iſt bereits zum größten Teil fruchtete Keimbläschen; neben ihm das aus dem Pollenkorn in den Pollen⸗ andere Keimbläschen bereits zuſammen⸗ ſchlauch hineingewandert. n die Narben⸗ geſchrumpft. Triticum vulgare. papillen. Triticum vulgare. Vergrößerung 120 fach. Vergrößerung 200 fach. Der Pollenſchlauch dringt durch die Mikropyle und auch durch die Zellen der Kernwarze hindurch bis an den Embryoſack. Dieſer Moment wird durch Fig. 74 zur Anſchauung gebracht. In den Embryoſack dringt der Pollenſchlauch nicht hinein, ſondern er legt ſich mit ſeinem vorderen Ende an die Außenfläche der Embryo⸗ ſackzelle zuerſt loſe und dann feſt an.*) Darauf verſchwindet der Inhalt * Die Zeit, welche der Pollenſchlauch braucht, um nach künſtlicher Beſtäubung der Narbe den Weg bis an den Embryoſack zurückzulegen, betraͤgt, nach Hofmeiſter, beim Weizen 5—7 Stunden. — 125— aus dem Pollenſchlauche, und damit iſt die Befruchtung vollzogen. Daß die Befruchtung ſtattgefunden hat, das erkennt man namentlich daran, daß das eine der vorhandenen Keimbläschen k zuſammenſchrumpft, während das andere k zu wachſen beginnt, um durch wiederholte Zwei⸗ teilung der Zellen, innerhalb des Embryoſackes, zu dem Embryo, d. h. zu dem Keime einer neuen Pflanze zu werden. Das Weſentliche der Befruchtung beſteht alſo darin, daß die in dem männlichen Pollenkorn gebildeten Stoffe, durch Vermittlung des Pollenſchlauchs, an den weiblichen Embryo— ſack geſchafft und von letzterem aufgeſaugt werden, ſo daß eine ſtoffliche Vermiſchung und Vereinigung der weiblichen und männlichen Elemente erfolgt. Die Beſtäubungsverhältniſſe bei den einzelnen Getreidearten. Zei den Pflanzen gibt es im allgemeinen zwei Arten der Beſtäubung: 1. Selbſtbeſtäubung, 2. Fremdbeſtäubung. Selbſtbeſtäubung findet ſtatt, wenn die Narbe einer Pflanze mit dem Blütenſtaub desſelben Pflanzenſtockes be— ſtäubt wird. Wir rechnen alſo nicht blos diejenigen Fälle hierher, in welchen die Beſtäubung innerhalb eines und desſelben Blütchens vor ſich geht, ſondern auch diejenigen, in welchen ſie zwiſchen zwei getrennten Blüten einer und derſelben oder zweier verſchiedener Ähren geſchieht, ſofern letztere nur derſelben Pflanze, demſelben Wurzelſtock angehören. Fremdbeſtäubung dagegen findet ſtatt, wenn die Narbe einer Pflanze mit dem Blütenſtaub einer anderen Pflanze beſtäubt wird. Soll die Beſtäubung zur Befruchtung führen, ſo müſſen beide Pflanzen einer und derſelben Varietät, oder wenigſtens einer und derſelben Spezies angehören. Verſchiedene Varietäten kreuzen ſich leicht, verſchiedene Spezies oder verſchiedene Gattungen kreuzen ſich nur ſelten.*) Bei den Getreidearten kommt nun ſowohl Selbſtbeſtäubung wie Fremdbeſtäubung vor, und zwar verhält ſich die Sache, wie folgt. Der Roggen.**)— Wie jedem Landwirt bekannt ſein wird, blüht der Roggen mit weit geöffneten Spelzen.(Fig. 75.) Die beiden Flügel *) Ein bekannter Baſtard zwiſchen zwei Arten iſt die Sandluzerne, Medicago media= M. sativa* M. falcata; und ein bekannter Baſtard zwiſchen zwei Gattungen iſt Festuca loliacea= Festuca elatior Lolium perenne. **) W. Rimpau, Züchtung auf dem Gebiete der landw. Kulturpflanzen, landw. Kalender von Mentzel und von Lengerke, 1883. Wir bemerken, daß wir uns an vielen Stellen dem Original wörtlich angeſchloſſen haben. der federförmigen Narbe hängen zu beiden Seiten zwiſchen den geöffneten Die Staubfäden haben ſich bereits während des Offnens der Spelzen ſchnell verlängert. Sie kippen völlig um, und die Staubbeutel ſchütten den Blütenſtaub zuweilen völlig nach außen, wo er die bekannte, ein blühendes Roggenfeld einhüllende Wolke bildet. Zu⸗ weilen fällt auch, da die Staubbeutel ſchon während der Verlängerung Spelzen heraus. Fig. 74. Die Kernwarze kw des Ei⸗ kerns, von dem Pollenſchlauch ps durch⸗ bohrt bis an die Außenfläche des Embryo⸗ ſackes es. k das befruchtete, an der Innenfläͤche des Embryoſackes mit dem Träger t angeheftete Keimbläschen, das zum Embryo heranwächſt. k) das andere, der Spitze des Pollenſchlauchs näher ſtehende Keimbläschen, das zu Grunde geht. Triticum vulgare. Vergrößerung 300 fach. (Nach Hofmeiſter). Fig. 75. Ein dreiblütiges Ahrchen des Roggens(Secale cereale). Von den drei Bluͤtchen ſind 1 und 2 geöffnet, 3 dagegen iſt geſchloſſen. Aus den beiden Seitenbluͤtchen hängen je 3 Staub⸗ beutel a an den verlängerten Fäden her⸗ aus; auch ſind zwiſchen der äußeren Blütenſpelze asp und der inneren Bluͤten⸗ ſpelze isp die federförmigen Narben n zu ſehen. k iſt die Klappe des Ahrchens auf der rechten Seite, welcher auf der linken Seite eine zweite entſpricht. h iſt das obere Ende des Halmes. Natürliche Größe. der Staubfäden vor dem Umkippen aufzuplatzen pflegen, ein Teil des Blütenſtaubes auf die eigene Narbe. Da die Narben gleichzeitig mit den Staubbeuteln geſchlechtsreif werden, liegt alſo kein mechaniſches Hindernis der Selbſtbeſtäubung der einzelnen Blüten, geſchweige denn der verſchiedenen Blüten einer Ähre oder gar einer Pflanze vor. 127— Verſuche, welche Rimpau 1877 in den Landw. Jahrbüchern ver⸗ öffentlichte, zeigten aber eine faſt völlige Unfruchtbarkeit des Roggens, wenn einzelne Ähren, ja ſogar wenn mehrere Ähren derſelben Pflanze vor der Beſtäubung mit fremdem Blütenſtaub geſchützt wurden. Durch ſpätere Verſuche von v. Liebenberg), bei denen zuver⸗ läſſigere Iſolierungsmittel angewandt wurden, zeigte ſich jedoch, daß ein⸗ zelne iſolierte Ähren vereinzelte Körner anſetzten und zwei A lhren derſelben Pflanze eine ziemlich beträchtliche Anzahl. Dieſe Beobachtung veranlaßte Rimpau, im Sommer 1881 ſeine Verſuche mit einigen Modifikationen zu wiederholen. Dabei ergaben ſich folgende Reſultate. Von 10 Ähren, welche einzeln in mit Watte verſtopften Reagensgläſern verblühten, blieben 8 ſteril, und nur 2 ſetzten je 3 Körner an. Von 18 Ähren, von denen je 2 zu einer und der⸗ ſelben Pflanze gehörten, blieben bei gleicher paarweiſer Iſolierung 3 ſteril; die übrigen ſetzten vereinzelte Körner an, ſo daß im ganzen 4,4% der Blüten Körner brachten.— Dagegen ergaben 21 Ähren von lauter ver⸗ ſchiedenen Pflanzen, die zu zweien und dreien in gleicher Weiſe einge⸗ ſchloſſen wurden, einen Körneranſatz von 26,2%. Wenn alſo auch eine völlige Selbſtſterilität in bezug auf einzelne Ähren, vielleicht auch in bezug auf dinzeinss Blüten, beim Roggen nicht vorliegt, ſo ſteht doch unzweifelhaft feſt, daß bei Abſchluß fremden Blütenſtaubes die Fruchtbarkeit in ſehr bedeutendem Grade vermindert wird, und daß die Fremdbeſtäubung, welche, wie wir aßen, ſchon mechaniſch ſehr begünſtigt iſt, in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Fremdbefruchtung bewirken muß. Hiernach erklärt ſich die jedem Landwirt bekannte Thatſache, daß der Körneranſatz bedeutend geſchmälert wird, wenn während der Roggen⸗ blüte häufiger anhaltender Regen eintritt, ſowie die weniger bekannte, aber von jedem leicht zu beobachtende Erſcheinung, daß vereinzelte Roggen⸗ pflanzen, welche im Weizen ſtehen, einen ſehr geringen, ganz einzelne Roggenpflanzen, welche zufällig weit von anderen erwuchſen, oft gar keinen Anſatz zeigen. Die faſt ausſchließliche Fremdbefruchtung iſt vermutlich auch der Grund, weshalb der Roggen von allen Cerealien die größte morpholo— giſche Gleichmäßigkeit zeigt. Zugleich geht aus den beſchriebenen Beſtäu⸗ bungsverhältniſſen hervor, daß verſchiedene Roggenvarietäten, welche gleichzeitig blühen, unfehlbar in hohem Grade baſtardieren(Blendlinge liefern), wenn ſie nahe bei einander kultiviert werden. Wir merken uns alſo: Bei dem Roggen iſt die Fremdbefruch⸗ tung die Regel, die Selbſtbefruchtung die Ausnahme. *) Journal für Landwirtſchaft 1880, S. 139. — 128— Der Weizen.— Der Vorgang des Blühens iſt beim Weizen nicht ſo einfach zu beobachten wie beim Roggen. Was man gewöhnlich Blühen des Weizens nennt, das Heraushängen der Staubbeutel aus den Spelzen, iſt meiſt nur ein Zeichen des Verblühtſeins. Man wird faſt immer die heraushängenden Staubbeutel leer, die Spelzen feſt geſchloſſen und die Narben der Blüten, deren leere Staubbeutel ſichtbar ſind, bereits beſtäubt finden. Die genaueſte Beſchreibung des Weizenblühens verdanken wir Godron. Die Angaben desſelben, welche Rimpau durch eigene An⸗ ſchauung beſtätigt fand, ſtimmen auch mit meinen älteren, im Jahre 1870 veröffentlichten Beobachtungen überein. Doch haben Godron und Rimpau den Einfluß der Temperatur und der Witterung genauer be⸗ achtet; überhaupt den Vorgang des Blühens eingehender ſtudiert. So weit als möglich, laſſe ich unſerem Landsmann Rimpau das Wort, der über das Weſentliche kurz und bündig berichtet hat.“*) Die Spelzen der Weizenblüte öffnen ſich in der Regel nur morgens zwiſchen 4 ½ und 6 ½ Uhr, wenn es um dieſe Zeit nicht regnet und eine Temperatur von mindeſtens 160 C. herrſcht. Die Offnung der Spelzen erfolgt bei dieſer Temperatur ſowohl bei bewölktem Himmel wie bei Sonnenſchein. Die Spelzen bleiben zunächſt eine Zeit lang in geringer Entfernung von einander, dann aber öffnen ſie ſich ſchnell bis zu einem Winkel von ca. 45⁰. Die drei Staubbeutel erheben ſich nun durch ſchnelle Verlängerung der Staubfäden zuſehends und bilden über den geſpreizten Spelzen eine Pyramide; dann biegen ſie ſich, während die beiden federförmigen Narben rechts und links zwiſchen den Spelzen ein wenig hervortreten, langſam ſeitwärts, platzen dabei unter der Spitze auf und entlaſſen etwas Blütenſtaub; plötzlich aber fallen ſie völlig um, ſchütten den größten Teil ihres Inhalts als ein Staubwölkchen aus und hängen dann, ſich nach und nach völlig entleerend, ſeitlich zwiſchen den Spelzen heraus, welche ſich allmählich für immer ſchließen. Fällt um die angegebene Tageszeit Regen, oder bleibt die Tempe⸗ ratur während dieſer Zeit unter 16⁰ C., ſo kann ſich die Blütezeit bis gegen 8 Uhr morgens verzögern. Wird die Temperatur von 160 nicht völlig erreicht, ſo kommt es vor, daß ſich die Spelzen nur wenig öffnen, während die Staubbeutel, einen Teil ihres Inhaltes noch immer ver⸗ ſchüttend, ſich zwiſchen den Spelzen hindurchdrängen und dann umkippen. Bei anhaltendem Regenwetter aber und bei einer weit unter 160 blei⸗ benden Temperatur erfolgt gar keine Offnung der Spelzen, ſondern eine *) W. Rimpau, a. a. O., ferner von demſelben„das Bluͤhen des Getreides“ Landw. Jahrb. von Thiel 1882, S. 875. A. Nowacki, Unterſuchungen über d. Reifen des Getreides, 1870, S. 14, 15 und S. 88— 91. — 129 völlige Selbſtbeſtäubung der einzelnen Blüten. Man kann dann die leeren Staubbeutel noch lange auf dem zum Korne heranwachſenden Fruchtknoten finden.. Einzelne offene Blüten findet man auch zu andern Tageszeiten, aber lange nicht ſo häufig wie morgens von 4 ½ bis 6 ½ Uhr; doch will es mir ſcheinen, bemerkt Rimpau, als ob ſich in dieſer Beziehung ver⸗ ſchiedene Varietäten etwas verſchieden verhalten können. Wir möchten hier einſchalten, daß das Offnen der Spelzen, oder genauer das Abbiegen der äußeren Blütenſpelze von der in ihrer Stellung verharrenden inneren Blütenſpelze, nach den Unterſuchungen Hackel’s und Rimpau's, durch die ſtarke Anſchwellung der beiden Schüppchen sch(Fig. 76) bewirkt wird, welche ſich am Grunde der Fig. 76. Ein Bluͤtchen des gemeinen Weize Triticum vulgare, unmittel bar vor dem Aufblühen. Die äußere Blü lze iſt entfernt, die innere mit isp bezeichnet. a ſind die Staubbeutel oder Antheren, n die Griffel oder Narben, sch die Schuͤppchen oder lodiculae. Der Fruchtknoten iſt nicht ſichtbar. Vergrößerung 3 fach. Blüte zwiſchen dem Fruchtknoten und der äußeren Blütenſpelze befinden. Indem die Schüppchen Waſſer aufnehmen, werden ſie dicker und drängen die Spelze nach außen. Verſchwindet ſpäter das Waſſer aus den Schüppchen, ſo kehrt die Blütenſpelze vermöge ihrer Elaſtizität in ihre urſprüngliche Lage zurück.— Es verdient noch bemerkt zu werden, daß die auffallend raſche Verlängerung der Staubfäden, welche für gewöhnlich in dem Moment eintritt, wenn der Druck der ſich öffnenden Spelzen auf die Staubgefäße aufhört, nach den Unterſuchungen von Askenaſy lediglich auf einer Streckung der Staubfadenzellen und auf einer rapiden Waſſer⸗ aufnahme aus den Staubbeuteln beruht). *) Ausführlicher hat über dieſe Verhältniſſe W. Rimpau in den Landw. Jahrbuͤchern 1882, S. 875 berichtet. Daſelbſt iſt auch die betreffende Litteratur genauer angegeben und auf Grund zahlreicher und intereſſanter eigener Unterſuchungen kritiſch beleuchtet. Getreidebau. 9 — 130— Das Offnen der Spelzen und das Hervorſchieben der Staubbeutel wiederholt ſich bei günſtiger Witterung an jedem fruchtbaren Blütchen der Ähre. Jedoch blühen die verſchiedenen Blütchen einer Ähre nicht auf einmal, ſondern in einer mehr oder weniger regelmäßigen Reihenfolge nach einander. Das Blühen beginnt gewöhnlich etwas unter der Spitze der Ähre, etwa auf ¼ ihrer Länge, und ſchreitet beiderſeits der Spindel nach oben und nach unten fort. In jedem einzelnen Ährchen blühen die mittleren bezirhiwidwweiſe oberen Blütchen ſtets etwas ſpäter, als die Seitenblütchen. Die ganze Blütezeit einer Ähre kann nur 3, unter Umſtänden aber auch 8 Tage und darüber betragen. Im Verlauf von 8 Tagen kann bei ſehr günſtiger Witterung auch ein ganzes Feld abblühen, da viele Ähren ſich gleichzeitig öffnen. In der Regel aber wird ſich die Blütezeit eines Feldes auf zwei bis drei Wochen ausdehnen. Wenn daher Godron die Dauer des Blühens einer Varietät im Mittel auf acht Tage angibt, ſo möchte ich dazu bemerken, daß bei einem 1868/69 in Halle ausgeführten Kulturverſuch, bei welchem von 707 Pflanzen mit mehreren tauſend Halmen jede aufblühende Ähre nicht allein im Buche notiert, ſondern auch auf dem Felde(mit einem roten Fädchen) bezeichnet wurde, die Blütezeit volle drei Wochen betrug, trotzdem die günſtige Witterung nur durch zwei Gewitterregentage unterbrochen wurde. Rechne ich die Vorläufer und die Nachzügler ab, ſo umfaßte die Hauptblütezeit allerdings nur 8 oder 9 Tage. Hiernach würde die Angabe Godron’'s, daß eine Weizenvarietät im Mittel von 8 Tagen abblüht, dahin zu modifizieren ſein, daß die Hauptblütezeit 8 Tage beträgt. Was nun die Beſtäubungsverhältniſſe betrifft, ſo ergibt ſich aus den mitgeteilten Beobachtungen, daß beim Weizen ſowohl Selbſtbeſtäubung der einzelnen Blüten wie Fremdbeſtäubung möglich iſt, daß aber Selbſt— beſtäubung mit Sicherheit eintritt, wenn Regenwetter oder zu niedere Temperatur das Offnen der Spelzen in den frühen Morgenſtunden ver⸗ hindert oder beeinträchtigt. Daß Selbſtbeſtäubung der einzelnen Blüte ſichere Befruchtung herbeiführt, hat Rimpau durch Verſuche bewieſen. 46 einzelne Blüten wurden durch Düten iſoliert. Davon blieben nur 5 ſteril, während 41 Körner anſetzten. Von den 5 ſterilen Blüten zeigten ſich bei vieren mechaniſche Beſchädigungen.— Drei Ähren wurden jede einzeln mit einem Faden umwickelt. Sie enthielten(nach Abrechnung der oberſten und unterſten unvollkommenen Ährchen, ſowie der Mittelblüten jedes Ährchens) zuſammen 82 Blüten, von den 76= 93 Prozent fruktifizirten.— Dieſe Verſuche konſtatieren alſo, daß die einzelne Weizenblüte im ſtande iſt, ſich ſelbſt zu befruchten. 4 Ferner wurden 7 einzelne Ähren, 4 durch Pergamentpapierdüten, 3 durch übergeſtülpte, unten verſtopfte Reagensgläſer iſoliert. Alle ſetzten normal an. Dieſer Verſuch beſtätigt alſo, was Delpino ſchon feſt⸗ geſtellt hat, daß die Blüten einer Weizenähre ſich befruchten können. (Iſt übrigens nach den vorhin mitgeteilten Verſuchen wohl ſelbſt⸗ verſtändlich.) Um andererſeits die Möglichkeit der Fremdbefruchtung zu unterſuchen, wurden 13 AÄhren kaſtriert(der Staubgefäße beraubt) und alle anderen Ähren der betreffenden Pflanze fortgeſchnitten. Sechs dieſer Ähren wurden der ſporadiſchen Beſtäubung überlaſſen; ſie enthielten 85 Blüten und brachten 50— 59% Körner. Bei ſieben Blüten dagegen wurden auf jede Narbe einige eben platzende Staubbeutel anderer Pflanzen derſelben Varietät gelegt. Es geſchah dies, weil von vorn herein ein reichlicher Körneranſatz in folge ſporadiſcher Beſtäubung, wenn auch zu vermuten, doch nicht mit Beſtimmtheit anzunehmen war. Die 115 Blüten dieſer 7 AÄhren brachten 69= 60% Körner. Zehn in nächſter Nachbarſchaft gewachſene Weizenähren enthielten(nach Abrechnung der oberſten und unterſten Ahrchen ſowie der Mittelblüten) im ganzen 274 Blüten, und dieſe brachten 259— 91% Körner.— Es wurde alſo durch die ſporadiſche Beſtäubung kaſtrierter Blüten lange nicht der normale Anſatz erreicht, während die Selbſtbeſtäubung bei Ausſchluß fremden Pollens in den mit Fäden eingeſchnürten Ähren ganz normalen Anſatz ergab. Möglich iſt, daß in dem Falle, wo der Blütenſtaub der betreffenden Blüte ſelbſt zugleich mit demjenigen anderer Blüten auf die Narbe kommt, der letztere die Befruchtung bewirkt, doch iſt dies experimentell nicht nachweisbar. So viel ſteht aber feſt— und dies iſt für die Praris wichtig—, daß verſchiedene Varietäten, auch wenn ſie gleichzeitig blühen, unmittelbar nebeneinander wachſen können, und doch bei ſtreng geſonderter Ernte eine konſtante Nachzucht liefern. Allerdings kommen gelegentlich natürliche Kreuzungen vor, aber lange nicht ſo häufig, als man oft anzunehmen ſcheint. Erſt dann, wenn man eine Form findet, welche zwiſchen zwei, das Jahr vorher benachbart gewachſenen Varietäten mehr oder weniger intermediär, oder einer be⸗ nachbart gewachſenen Varietät ganz ähnlich erſcheint, und die Nachzucht aus dieſer Form ſich als ſehr veränderlich erweiſt, erſt dann kann man mit ziemlicher Beſtimmtheit eine ſtattgehabte natürliche Kreuzung an⸗ nehmen. Rimpau kultiviert ſeit 12 Jahren alljährlich eine größere Anzahl der verſchiedenſten Weizenvarietäten auf einem kleinen Verſuchsſtücke unmittelbar neben einander. Obwohl dieſelben, oberflächlich betrachtet, völlig rein bleiben, hat R. doch im Laufe der Jahre einige Fälle beob⸗ 9* achtet, wo eine natürliche Kreuzung mit großer Wahrſcheinlichkeit anzu⸗ nehmen iſt. Wir wollen einen dieſer Fälle ſpeziell beſchreiben. 1874 ſtand Keſſingland⸗Weizen(weißſpelziger Kolbenweizen) neben Spalding (rotſpelziger Kolbenweizen). 1875 fand Rimpau im Keſſingland eine Pflanze mit deutlich rot gefärbten Spelzen, deren Körner ſeparat aus⸗ geſäet wurden. 1876 ergab ſich hieraus ein Gemiſch von ganz weißen, ganz roten Ähren und allen möglichen Übergangsfarben. Die roten Ähren wurden ausgeleſen und ihre Körner weiter ausgeſäet. 1877 zeigten ſich noch viele Rückſchläge und auch 1878 war die rote Farbe d der Spelzen noch nicht ganz konſtant. Dergleichen Fälle hat R. noch einige beobachtet, immerhin gehören dieſelben aber zu den Seltenheiten.— Es ſei hier gleich noch erwähnt, daß Rimpau(und anderen Züchtern) die künſtliche Kreuzung nicht allein zwiſchen zwei verſchiedenen Weizen⸗ varietäten, ſondern auch zwiſchen Weizen und Spelz, ſowie zwiſchen Weizen und Emmer gelungen iſt. Auf die Bedeutung und Verwertung der künſtlichen Kreuzung für den praktiſchen Getreidebau gedenken wir ſpäter zurückzukommen. Hier war es uns vorläufig nur darum zu thun, auf Grund exakter Verſuche und zuverläſſiger Beobachtungen folgende Sätze feſtzuſtellen: 1. Bei dem Weizen iſt ſowohl Selbſtbefruchtung wie Fremdbefruchtung möglich. 2. Bei derſelben Varietät erfolgt die Fremdbefruchtung nicht mit gleicher Sicherheit wie die Selbſtbefruchtung. 3. Die natürliche Kreuzung verſchiedener Weizenvarie⸗ täten oder Spielarten kommt nur äußerſt ſelten vor. Die Gerſte.— Der Blütenſtand der Gerſte, obwohl gleichfalls eine echte Ähre, iſt doch weſentlich anders gebaut, als derjenige des Weizens und Roggens.(Fig. 77.) Während nämlich bei Roggen und Weizen an jedem Gelenk oder Knoten der Hauptſpindel nur ein Ährchen entſpringt, welches aus mehreren Blütchen zuſammengeſe tzt iſt, ent⸗ ſpringen bei der Gerſte an jedem Gelenk drei i Ährchen neben einander, welche ſämtlich einblütig ſind. In folge deſſen ſtehen die Ährchen bei der Gerſte in Reihen oder Zeilen, was bei den anderen Getreidearten nicht der Fall iſt. Es gibt bekanntlich ſechszeilige, vierzeilige und zweizeilige Gerſte. Der Anlage nach aber ſind alle Gerſten ſechszeilig. Der Unterſchied in der äußeren Erſcheinung beruht auf folgenden Verhältniſſen. Bei der ſechszeiligen Gerſte ſind die Glieder an der Ähren⸗ ſpindel ſehr kurz. ie Ährchen, die an dem Endknoten des Gliedes ſtehen, ſind alle drei fruchtbar, d. h. mit Fruchtknoten und Staubgefäßen verſehen. Und die Ahrchen ſtehen in ſechs regelmäßigen Reihen. ze Di — Bei der vierzeiligen Gerſte ſind die Glieder der Ährenſpindel länger. Die Ährchen ebenfalls alle drei fruchtbar, aber etwas ſeitwärts verſchoben. Dadurch wird die Ähre ſcheinbar vierzeilig. Bei der zweizeiligen Gerſte iſt jeweilen nur das Mittelährchen fruchtbar. Die Seitenährchen dagegen ſind unfruchtbar, indem der Fruchtknoten gänzlich fehlt, während die Staubgefäße gewöhnlich vor⸗ e Fig. 77. Drei Ahrchen der Gabelgerſte, Hordeum trifurcatum. Auf dem oberen Ende des Halmes h ſteht erſte Glied g der Ahrenſpindel, welches mit dem Knoten n abſchließt. An dieſem Knoten ſitzen nebeneinander die 3 einblutigen Ahrchen a, b, c, ren jedes am Grunde mit einer doppelten Klappe k geſtützt iſt, während die Spitze in eine dreiteilige Gabel ausläuft. Die doppelte Klappe iſt jedoch nur an den Mittelährchen deutlich zu ſehen. Natürliche Größe. handen, aber oft ſo verkümmert ſind, daß die Staubbeutel keine Pollen⸗ körner enthalten. Zuweilen iſt in den Seitenährchen keine Spur weder von männlichen noch von weiblichen Blütenteilen zu entdecken. Ausnahmsweiſe werden jedoch, wie Körnicke*) gefunden hat, bei er zweizeiligen Gerſte auch die Seitenährchen zum Teil fruchtbar, aß eine Form entſteht, welche ein Mittelglied zwiſchen der zweizeiligen d d *) Friedrich Körnicke. Die Saatgerſte, Separatabdruck aus der„Zeitſchrift für das geſamte Brauweſen”“ 1882. S. 35 — 134— und der vier⸗ bezw. ſechszeiligen Gerſte darſtellt. Umgekehrt kommt es, wie Rimpau beobachtet hat, bei der vierzeiligen Gerſte zuweilen vor, daß ſie ſich der zweizeiligen annähert, indem die Seitenährchen zum Teil ganz unfruchtbar werden, zum Teil mehr oder weniger verkümmerte Körner hervorbringen. Dieſe Abänderungen, welche ſpontan, ohne Kreuzung oder Ver⸗ baſtardierung entſtehen, ſind inſofern von Bedeutung, als ſie uns lehren, daß die zweizeilige, vierzeilige und ſechszeilige Gerſte auseinander hervor⸗ gegangen ſind. Man vergleiche„die Gerſte“ im beſonderen Teil des dritten Abſchnitts. Hiernach erklären ſich die Erſcheinungen des Blühens, welche bei der zwei⸗-, vier- und ſechszeiligen Gerſte eine Reihe von Analogien zeigen, die ohne Zuſammengehörigkeit oder gemeinſame Abſtammung der in Rede ſtehenden Formen ſchwer oder gar nicht verſtändlich wären. Bei allen drei Gerſten erſcheint nämlich die Mittelreihe der Ährchen beiderſeits der Ährenſpindel in der Regel dadurch bevorzugt, daß ſie größere Körner liefert, als die Seitenährchen. Am deutlichſten iſt dies bei der zweizeiligen Gerſte, bei welcher die Seitenährchen für gewöhnlich gar keine Körner anſetzen, weil eben kein Fruchtknoten vorhanden iſt; in geringerem Grade tritt der Unterſchied zwiſchen den Mittel⸗ und Seiten⸗ ährchen aber auch bei der vierzeiligen und ſechszeiligen Gerſte hervor. Dementſprechend verhalten ſich die Ährchen der Mittelreihe bei dem Blühen ſehr häufig anders, als die Ährchen der Seitenreihen. Im allgemeinen fand ich, ſagt Rimpau in bezug auf die vier⸗ und ſechszeilige Gerſte, die Staubbeutel der Seitenblüten ſtets aus den Spelzen ausgetreten, die Staubbeutel der Mittelblüte dagegen nur zum Teil. Zuweilen hatten bei beiden Arten alle Mittelblüten die Staub⸗ beutel nach dem Verſtäuben eingeſchloſſen, während die zugehörigen Seitenblüten geöffnet waren; zuweilen zeigten aber auch beide Arten viele geöffnete Mittelblüten neben ſolchen, bei denen die Staubbeutel zwiſchen den Spitzen der Spelzen eingeklemmt waren und neben geſchloſſenen verblühten. Ziemlich genau ebenſo iſt der Vorgang des Blühens bei der zwei⸗ zeiligen Gerſte. Hier öffnen ſich häufig nur die männlichen Seiten⸗ blüten, während die Zwitterblüten der Mittelreihe geſchloſſen verblühen oder ſich nur wenig öffnen. Daneben kommt es aber bei der zwei⸗ zeiligen ebenſo wie bei der vier- und ſechszeiligen Gerſte nicht ſelten vor, daß ſich auch die Blütchen der Mittelreihe weiter aufthun, um die Staubbeutel heraustreten zu laſſen. Auf das Offnen der Spelzen iſt bei der Gerſte, ebenſo wie bei dem Weizen, die Temperatur von weſentlichem Einfluß. Bei hoher Tem⸗ peratur geſchieht das Blühen im allgemeinen mit geöffneten, bei niederer Temperatur mit geſchloſſenen oder nur wenig geöffneten Spelzen. Die Hauptblütezeit fällt bei der Gerſte auf den Vormittag. Doch findet man offene Blüten auch am Nachmittag und ſelbſt gegen Abend. Rimpau hat letzteres am 27. Juni 1878, abends um 6 ½ Uhr, in Schlanſtedt, und ich habe dasſelbe am 22. Mai 1885, Abends um 6 Uhr, bei Zürich beobachtet. Der letztere Fall betrifft zweizeilige Wintergerſte, eine Varietät mit rotbraunen Blattöhrchen und Blatthäutchen. Das Abblühen einer Ähre geht bei der Gerſte weſentlich ſchneller von ſtatten als bei dem Weizen. Bei ſchöner und warmer Witterung findet man nicht ſelten faſt alle Blüten einer Ähre gleichzeitig zum Teil geöffnet, zum Teil mit friſch verſtäubten heraushängenden Staub⸗ beuteln. Am 17. Mai 1885 ſah ich z. B. an einer Ähre von zwei⸗ zeiliger Wintergerſte, die ich im Zimmer in der Nähe des wärmenden Ofens bei 19— 21° C. verblühen ließ, von 22 Blüten 18 gleichzeitig geöffnet. Die Spelzen ſcheinen übrigens bei der Gerſte längere Zeit geöffnet zu bleiben als beim Weizen; bei dieſem ſchließen ſie ſich oft ſchon innerhalb einer halben oder ganzen Stunde, bei der Gerſte gewöhnlich erſt nach mehreren Stunden; doch iſt die Vergleichung ſchwierig, weil die äußeren Bedingungen für das Anſchwellen und Zuſammenſchrumpfen der Schüppchen nicht dieſelben ſind. Ein Hervortreten der Narbe aus den Spelzen findet bei der Gerſte in der Regel nicht ſtatt. Ich habe dies nur bei einer einzigen Blüte der zweizeiligen Gerſte geſehen, obwohl ich bei vielen darauf geachtet habe. Bei der vierzeiligen und bei der ſechszeiligen Gerſte, deren Spelzen ſich, beſonders an den Seitenblüten, etwas weiter öffnen, zeigen ſich nach Godron die Spitzen der entfalteten Narben außer⸗ halb gegen die Mitte der Höhe der Spelzen; doch bleiben ſie auch bei dieſen Arten gewöhnlich innerhalb der Spelzen, während ſie bei dem Roggen 2—3 mm weit heraushängen und ſehr oft auch nach dem Schließen der Spelzen noch längere Zeit ſichtbar ſind. Schon dieſer Umſtand deutet darauf hin, daß der Roggen auf Fremdbeſtäubung, die Gerſte dagegen auf Selbſtbeſtäubung angewieſen iſt. Hierfür ſpricht noch beſtimmter die Thatſache, daß bei allen Arten der Gerſte die Staubbeutel bei ihrem Austritt regelmäßig bereits geöffnet und daß(mit ganz vereinzelten Ausnahmen, die Godron anführt, die aber weder Rimpau noch ich beſtätigen konnte) die Narben nach dem Austritt der Staubbeutel regelmäßig bereits beſtäubt ſind. Offnen ſich die Spelzen gar nicht, ſo geht die Beſtäubung und Befruch⸗ tung ſelbſtredend innerhalb derſelben Blüte vor ſich. Letzteres iſt, ſoweit unſere Erfahrung reicht, ſtets der Fall bei der Fächer⸗ oder Pfauengerſte (Hordeum zeocrithum), einer kultivierten Form der zweizeiligen Gerſte, und zwar tritt bei ihr die Beſtäubung der Narbe, nach Rimpau's gründlicher Unterſuchung, ungefähr um die Zeit ein, wenn die betreffende Blüte aus der Blattſcheide hervorwächſt. Annähernd dasſelbe fanden Hildebrand und Delpino bei der gewöhnlichen zweizeiligen Gerſte (Hordeum distichum). Da letztere unter anderen Umſtänden ſicher aber auch mit geöffneten Spelzen verblüht, ſo thut es in wärmerem Klima vielleicht auch die Pfauengerſte, doch kann ſich dieſe Varietät auch anders verhalten, als die übrigen. Nach alledem iſt die Möglichkeit der Fremdbeſtäubung bei. der Gerſte zwar nicht gänzlich ausgeſchloſſen, weil aber bisher noch niemand ok Fig. 78. Ein AÄhrchen des chineſiſchen Hafers(Avena chinensis). r der Riſpenaſt, der das ganze Ahrchen trägt. uk die untere, ok die obere Klappe des Ahrchens. 1, 2, 3, 4, 5 die fünf Bluͤtchen des Ahrchens, von denen nur das erſte mit einer Granne g ausgerüſtet iſt. Natüͤrliche Größe. einen Fall von Fremdbeſtäubung konſtatiert hat, ſo halten wir vorläufig daran feſt, daß bei der Gerſte die Selbſtbeſtäubung und Selbſt⸗ befruchtung die allgemeine Regel iſt. Der Hafer.— Wie bei Roggen, Weizen und Geſſte, ſo entwickelt Dabei liegen die längeren und kürzeren Riſpenäſte der Hauptachſe dicht an und die Ährchen ſtehen aufrecht. In dieſer Stellung werden ſie auch aus der Blattſcheide hervorgeſchoben. Iſt die Riſpe aus der Blattſcheide hervorgerückt, ſo bleiben die Riſpenäſte in der aufrechten, zuſammen⸗ gezogenen Stellung: Fahnenhafer, oder ſie breiten ſich aus, um ſich annähernd rechtwinklig zur Hauptachſe zu ſtellen: Riſpenhafer. Bei ſich der Blütenſtand auch bei dem Hafer im Innern der Blattſcheide. beiden Spielarten krümmt ſich jedoch der obere Teil der Riſpenäſte unter der Laſt des Ährchens in ſanftem oder ſpitzem Bogen, und die Ährchen hängen dann mit der Spitze nach unten. In dieſer Stellung blühen und reifen ſie. Jedes Ährchen, von zwei großen Klappen eingehüllt, beſteht aus mehreren Blütchen, von denen die unteren größer ſind als die oberen. Bei dem ſogenannten chineſiſchen Hafer(Avena chinensis), ſind die Blütchen länger geſtielt; deshalb wird hier die Zuſammenſetzung des Ährchens aus Blütchen ſehr überſichtlich. In Fig. 78 iſt r der Riſpenaſt, an welchem das ganze Ährchen hängt; uk iſt die untere, ok die obere T* Fig. 79. Ein Ahrchen des gemeinen Riſpenhafers, Avena sativa. a in natuͤrlicher Stellung, b mit aufgebogenen Klappen. x der Riſpenaſt, an dem das Ahrchen hängt. uk untere, ok obere Klappe. 1, 2 und 3 die drei Bluͤtchen des Ahrchens. g die Granne, welche auf der Mitte der äußeren Bluͤtenſpelze entſpringt. Bei dem zweiten und dritten Blütchen iſt eine Granne nicht vorhanden. Natürliche Größe. Klappe; die fünf Blütchen, die nach der Spitze zu immer kleiner werden, ſind mit den Ziffern 1—5 bezeichnet. Bei unſerem gemeinen Riſpenhafer(Avena sativa) iſt das Ährchen in der Hauptſache ebenſo gebaut; doch beſteht es für gewöhnlich nur aus 2 oder 3 ganz kurz geſtielten Blütchen. Von dieſen ſind die beiden unteren und äußeren(Fig. 79) regelmäßig größer als das dritte, welches oft verkümmert iſt und keinen Samen anſetzt. An dem unteren Teil der Riſpe enthalten die Ährchen oft nur je 2 Blütchen, von welchen das untere vollkommen entwickelt, das obere häufig verkümmert iſt. Bei dem Blühen, das bei dem Hafer merkwürdiger Weiſe nur am Nachmittage, am reichlichſten in der Zeit von 4—6 Uhr ſtattfindet, ver⸗ — 128— halten ſich die großen Blüten etwas anders als die kleinen. Bei erſteren öffnen ſich die Spelzen nur wenig, bei letzteren öffnen ſie ſich weit, faſt bis zu einem rechten Winkel. Die Narben treten dabei weit hervor. Da überdies die Ährchen bei dem Blühen abwärts hängen, ſo könnte man meinen, daß bei dem Hafer alle Bedingungen für die Fremdbeſtäu⸗ bung gegeben ſind. Aber der Schein trügt, denn Rimpau hat nachgewieſen, daß bei dem Hafer von Fremdbeſtäubung kaum die Rede ſein kann und daß die Selbſtbeſtäubung der einzelnen Blüte mit großer Sicherheit eintritt. Die Gründe, auf welche er ſich ſtützt, ſind folgende. Die Verlängerung der Staubfäden geht ſehr langſam vor ſich. Die Staubbeutel platzen ſchon, während ſie noch in unmittelbarer Nähe der Narben ſind. Einige Male ſah R., wie eine Portion Pollen mit Vehemenz aus den Staubbeuteln heraus und direkt gegen die Narbe geſchleudert wurde. Ferner erhielt Rimpau von zwei Haferriſpen, die er vor der Blüte je in eine Düte aus Pergamentpapier einſchloß, von je 29 großen Blüten 27, bezw. 28 Samen. Ebenſo erhielt v. Liebenberg an einzeln eingeſchloſſenen Riſpen von allen Blüten normale Körner, und auch einzeln iſolierte Haferblüten produzierten Samen. Außerdem führt Hildebrand an, daß bei naſſem und kaltem Wetter die Beſtäubung bei geſchloſſenen Spelzen erfolgt. Daß die Selbſtbeſtäubung bei dem Hafer die Regel iſt, geht ferner daraus hervor, daß natürliche Kreuzungen zwiſchen verſchiedenen Va⸗ rietäten nur ſehr ſelten vorkommen. Rimpau hat zwei Jahre hinter⸗ einander drei gut unterſcheidbare, gleichzeitig blühende Haferſorten, eine ſchwarze, eine weiße mit auffallend kurzen und eine ſolche mit auffallend langen Körnern im Gemenge geſäet, bei der Ernte die Riſpen jeder Sorte beſonders geſammelt und das nächſte Jahr die Körner aus⸗ geſäet: ſie vererbten alle ihre urſprüngliche Form und Farbe ganz konſtant. Andererſeits hat Rimpau doch einen Fall beobachtet, der mit Be⸗ ſtimmtheit als eine natürliche Kreuzung zu betrachten iſt: 1880 fand er in einem weißen Riſpenhafer(Avena sativa), der 1879 neben einem ſchwarzen Fahnenhafer(Avena orientalis) ſtand, eine Pflanze mit dunkel gefärbten Spelzen. Die Nachkommenſchaft dieſer einen Pflanze zeigte im Jahre 1881 ſowohl weiße wie ſchwarze Spelzen und alle möglichen braunen Farbentöne. Die Form der Riſpen war zum Teil der von A. sativa, zum Teil der von A. orientalis entſprechend, zum Teil ein Gemiſch beider Formen, indem die unteren Zweige der Riſpen unregel⸗ mäßig nach allen Richtungen herabhingen, die oberen aber wie bei A. orientalis einſeitswendig anlagen. Dies iſt der einzige Fall einer natürlichen Kreuzung, den Rimpau trotz alljährlicher genauer Muſterung ſeiner vielen in nächſter Nachbarſchaft gebauten Haferſorten beobachtet hat. Dieſe natürliche Kreuzung iſt inſofern noch beſonders intereſſant, als ſie ſich auf zwei Formen bezieht, die gewöhnlich als„gute Arten“ betrachtet werden. Das Reſultat der Beobachinden iſt dies: 1. Bei dem Hafer iſt elbſtbeſtäubung und Selbſt⸗ befruchtung die Regel. 2. Fremdbeſtäubung iſt möglich, kommt aber nur aus⸗ nahmsweiſe vor. Der Mais.— Obwohl der Mais unter unſeren klimatiſchen Ver⸗ hältniſſen bei weitem nicht die Bedeutung hat, wie Weizen, Roggen, Gerſte und Hafer, ſo wollen wir ihn hier doch kurz berückſichtigen, weil er uns ein Beiſpiel einer weſentlich abweichenden Blüteneinrichtung darbietet. Bei unſeren Hauptgetreidearten, wie bei den meiſten Gräſern, ſind die Blüten Zwitterblüten; bei dem Mais ſind dagegen die weiblichen und die männlichen Blüten getrennt. Der Blütenſtand an der Spitze des Halmes, die ſogenannte Fahne, enthält die männlichen Blütenteile: die Staubgefäße, in welchen der Pollen erzeugt wird; die tiefer am Halme, als Seitenzweige in den Blattachſeln entſpringenden Blüten⸗ ſtände, die ſogenannten Kolben enthalten die weiblichen Blütenteile: die zahlreichen Fruchtknoten mit den enorm langen fadenförmigen Griffeln. Die Beſtäubung kann alſo nicht innerhalb derſelben Blüte, ſondern nur auf die Weiſe zu ſtande kommen, daß der Blütenſtaub aus der Fahne eine Strecke weit durch die Luft auf die Narben der Kolbenblüten herabfällt. Soll dies geſchehen, ſo müſſen die Griffel aus den ſcheidenartigen Deckblättern(Lieſchen), welche die Kolben äußerſt zierlich und kunſtvoll umhüllen, zur Zeit der Verſtäubung hervorgewachſen und zur Aufnahme des Blütenſtaubes befähigt und zugleich müſſen die Fruchtknoten, wenn eine Befruchtung ſtattfinden ſoll, geſchlechtsreif ſein.*) Treffen die beſagten Umſtände zuſammen und iſt die Luft ſtill, ſo kann bei dem Mais trotz der getrennten Blüten eine Selbſtbeſtäubung (im weiteren Sinne des Wortes) erfolgen, im anderen Falle bleibt nur die Fremdbeſtäubung übrig, welche durch die ganze Blüteneinrichtung in * ) Die Länge der fadenfornigen Griffel betraͤgt bei großkolbigen Maisſorten nicht ſelten 40 cm und darüber; ebenſo lang iſt alſo zuweilen der Weg, welchen der Pollen⸗ ſchlauch zurückzulegen hat, um den betreffenden Fruchtknoten zu erreichen. Wunderbare Einrichtung! — 140— d hohem Grade begünſtigt iſt. Exakte Verſuche zur Entſcheidung der Frage liegen nicht vor, ſind auch kaum notwendig, da bekannt iſt, daß— natürliche Kreuzungen, die ſich durch die verſchiedene Färbung der Körner leicht verraten, bei dem Mais ſehr häufig vorkommen. Wir können alſo getroſt annehmen, daß der Mais als einhäuſige, getrennt⸗( blütige Pflanze, wenn auch nicht ausſchließ lich, ſo doch vor⸗ wiegend auf Fremdbeſtäubung angewieſen iſt. Rückblick. Selbſtbeſtäubung beſchied ſie dem Weizen, der Gerſt' und dem Hafer, Wie ſie dem Roggen und Mais fremde Beſtäubung beſchied; Jene verjüngt ſie durch Inzucht, dieſe verjüngt ſie durch Kreuzung, Und ſie alle erhält freundlich die Mutter Natur. 6. Das Reifen. Nach der Befruchtung, die ſich ſünf bis zehn Stunden nach der Beſtäubung vollzieht, beginnt im Innern des Fruchtknotens ein neues reges Leben.(Man vergleiche Fig. 71.) In der Fruchtknotenhöhle, an der Anheftungsſtelle befeſtigt, liegt das Ei; im Innern des Eis befindet ſich der Embryoſack. Hier iſt der Sitz der Neubildung: die Getreidefrucht wächſt von innen nach außen. Im Embryoſack entſteht der Embryo oder Keimling. Der Embryoſack ſelbſt wird zum Endoſperm oder Mehlkörper. Was außerhalb des Embryo⸗ ſackes liegt, wird durch Vergrößerung des Embryoſackes zur Schale zuſammengedrängt. Wir betrachten daher: 1. Die Entwicklung des Embryos. 2. Die Bildung des Endoſperms. 3. Die Entſtehung der Schale. 1. Die Entwicklung des Embryos. Wenn der Pollenſchlauch an der Außenfläche des Embryoſackes an⸗ gelangt iſt, ſchrumpft das eine der vorhandenen Keimbläschen zuſammen, während das andere zu wachſen beginnt, um durch wiederholte Zwei⸗ teilung der Zellen, innerhalb des Embryoſackes, zu dem Embryo d. h. zu dem Keime einer neuen Pflanze zu werden. Fig. 74 zeigt bei k den jungen Keimling des Weizens kurze Zeit nach der Befruchtung. Der Keimling hat in dieſem frühen Zuſtand eine dickkeulenförmige Geſtalt, und er iſt mit einem kurzen Träger t an der Innenwand des Embryoſackes es befeſtigt. Fig. 80 zeigt den Keimling des Roggens etwas weiter entwickelt. t iſt der Träger des Embryos; se iſt der Anfang des Schildchens; w iſt der Anfang der Wurzel, und a iſt der Anfang der Knoſpe, die ſich zum Graskeim entwickelt. 0 8 4 ſ1ſs — Fig. 80. Junger Embryo des Roggens (Secale cereale). t der Träger. Fig. 81. Längsſchnitt durch den Keimling des Weizens, Triticum vulgare, im halb⸗ se das Schildchen, w die Wurzel, erwachſenen Zuſtande. t Träger. sc das a die Knoſpe, ſämtlich in der Ent⸗ Schildchen. w Wurzel. a Knoſpe. m die wickelung begriffen. Stärkemehlzellen, n die Kleberſchicht des Vergrößerung 75fach. Endoſperms. e Überreſt des Eikerns. i In⸗ tegument. ch innere, chlorophyllführende Lage der Fruchtknotenwand bez. der Schale. Vergrößerung 60 fach. Fig. 81, auf den Weizen bezüglich, zeigt den halb erwachſenen Embryo, eingebettet in das zarte Zellgewebe m und n des Endoſperms, welches bereits den ganzen Embryoſack ausfüllt. Die Linie zwiſchen e und en iſt die Wand des Embryoſackes. Das Schildchen se hat ſich jetzt nach oben und auch nach unten hin ſchon weiter ausgedehnt. Di, Nr.. 3 7 7 7. Die Wurzel w iſt deutlicher zu erkennen; ebenſo die Knoſpe a, die jedoch — 142 in ihrem Wachstum nicht ſo ſehr gefördert erſcheint, wie die Wurzel und das Schildchen. Das Zellgewebe des Endoſperms wird durch den heranwachſenden Keim⸗ ling nach und nach zurückgedrängt, ſo daß dieſer auf der Außenſeite immer näher an die Kleberſchicht n heranrückt und ſchließlich ganz aus dem Endoſperm heraustritt, während das Schildchen mit dem Endoſperm in Berührung verbleibt. Der Keimling liegt dann dem Endoſperm ſeitlich an, und nur die Schale bedeckt ihn auf der Außenſeite. Fig. 82. Längsſchnitt durch den Keimling Fig. 83. Keimling des Weizens(Triti- des Weizens(Triticum vulgare). kk der cum vulgare) von außen geſehen. WI Stamm des Keimlings mit dem Keimknoten. Hauptwurzel, we und Wa Seitenwurzeln, — w die Hauptwurzel mit der Wurzelhaube alle drei von Wurzelſcheiden eingeſchloſſen. wh und der Wurzelſcheide ws.— a die Zwiſchen Wa und wo die Keimſchuppe. Hauptknoſpe; b eine Seitenknoſpe; sb das sb das Scheidenblatt, am oberen Ende die Knoſpen umhüllende Scheidenblatt,— mit einer kleinen Offnung. i die braun⸗ f die Keimſchuppe.— sc das Schildchen gefäͤrbte innere Lage der Schale. sc das mit den Saugzellen e; bei x iſt der Rand Schildchen. des Schildchens gefalzt.— m Mehlkörper, Vergrößerung 15 fach. n Kleberſchicht. p äußere, i innere Lage der Schale. Vergrößerung 20 fach. Fig. 82 und Fig. 83, ebenfalls auf den Weizen bezüglich, zeigen den völlig erwachſenen Keimling, deſſen Geſtaltung und weitere Ent⸗ wickelung wir bereits kennen und von dem wir auch wiſſen, daß ſeine Zellen mit Protein und Fett erfüllt ſind, während das Stärkemehl in ihnen fehlt. 2. Die Bildung des Endoſperms. Gleichzeitig mit der Entwicklung des Embryos vollzieht ſich die Bildung des Endoſperms. Letztere nimmt an der Innenfläche des Embryoſackes ihren Anfang. In dem ſchleimigen, protoplasmatiſchen Wandbelege erſcheinen in ziemlich gleichmäßigen Entfernungen die Zell— kerne der künftigen Endoſpermzellen. Um jeden Zellkern ballt ſich ein Klumpen Protoplasma, welcher von einer Zellhaut umſchloſſen wird. Die Zellhäute dehnen ſich aus und berühren ſich. So wird die ganze Innenfläche des Embryoſackes mit einer Schicht zartwandiger Zellen ausgekleidet. Dieſe Zellbildung ſetzt ſich nach innen zu fort, Zelle lagert ſich an Zelle, bis der Embryoſack mit geſchloſſenem Gewebe aus— gefüllt iſt, was etwa 10 bis 14 Tage nach der Befruchtung eintritt. Fig. 84. Eine einzelne Zelle aus dem Endoſperm der Gerſte(Hordeum distichum). p das Protoplasma, welches nach dem in der Mitte der Zelle befindlichen Zellkern zahlreiche Schleimfäden ausſendet. Die von dem Proto⸗ plasma freigelaſſenen(in der Zeichnung weißen) Hohlräume ſind die mit wäſſe⸗ rigem Zellſaft erfüllten Vakuolen v. Die ſchwarzen Punkte m ſollen die im Protoplasma auftretenden Stärkemehlkörner andeuten. Nach W. Johannſen (Développement et constitution de l'endosperme de l'orge). Vergrößerung 600 fach. Die weſentlichſte Veränderung, die bei der weiteren Entwicklung erfolgt, beſteht darin, daß in den Zellen des Endoſperms Stärkemehl⸗ körner auftreten. Nur die äußerſte Schicht des Endoſperms, die ſogenannte Kleberſchicht, iſt hiervon ausgeſchloſſen. Auch in den Zellen, welche das Schildchen berühren, wird kein Stärkemehl abgelagert, weil dieſe Zellen durch den heranwachſenden Embryo zuſammengedrängt werden, alſo nicht als Speicher für die Reſerveſtoffe dienen. Die Stärkemehlkörner bilden ſich in dem Protoplasma der Zellen. Das Protoplasma beſteht aus einer ſtickſtoffhaltigen, feinkörnigen, ſchleimigen Subſtanz, welche die Zellwand überzieht und in fortwährender eigentümlicher Strömung zahlreiche Schleimfäden nach dem in der Mitte der Zelle befindlichen Zellkern ausſendet. Den übrigen Raum der Zelle nehmen die Vakuolen ein, welche mit wäſſrigem Zellſaft erfüllt ſind und unter dem Mikroſkop wie große Waſſerblaſen ausſehen. Einigermaßen — 144— wird dies durch Fig. 84 veranſchaulicht; die ſchwarzen Punkte in dem Protoplasma ſollen die jungen Stärkemehlkörner bedeuten. Das Material zu den Stärkemehlkörnern wird von außen, und zwar aus der Fruchtknotenwand, in die Endoſpermzellen eingeführt; es gelangt im gelöſten Zuſtande(als Zucker) durch die Zellhaut in das Protoplasma, von dem es in Form von körniger Stärke ausge⸗ ſchieden wird. Die Stärkemehlkörner ſind bei ihrem erſten Auftreten ſehr klein. Indem ſie ſich vergrößern und vermehren, drängen ſie das Protoplasma aus⸗ 9 Fig. 85. Eine Endoſpermzelle aus dem Fig. 86. Eine ſtärkemehlführende glaſigen Teil des Maiskorns(Zea Mays). Endoſpermzelle aus einem gequollenen Die polyedriſchen Staͤrkekörner ſind durch Roggenkorn(Secale cereale). Zwiſchen eine ſtickſtoffhaltige Grundmaſſe zu⸗ den meiſt linſenförmigen größeren und ſammengekittet, und jedes Stärkekorn kleineren Stärkekörnern befinden ſich, zeigt im Innern einen ſternförmigen eingebettet in eine ſtickſtoffhaltige Grund⸗ luftführenden Hohlraum. maſſe, äußerſt kleine Proteinkörner. Vergrößerung 450 fach. Vergrößerung 450 fach. einander und auch die Vakuolen nehmen allmählich an Größe ab. Schließ⸗ lich wird der ganze Innenraum der Zelle mit Stärkekörnern förmlich aus⸗ geſtopft, die Vakuolen verſchwinden, und von dem Protoplasma bleiben nur ſchmale Streifen oder Platten übrig, welche die Zwiſchenräume zwiſchen den Stärkekörnern mehr oder weniger vollſtändig ausfüllen. (Fig. 85 u. 86.) Werden die Stärkekörner lückenlos von dem zuſammen⸗ gedrängten Protoplasma zuſammengekittet, ſo erſcheint die Zelle nach dem Austrocknen durchſichtig oder glaſig; entſtehen dagegen zwiſchen den — 145— Stärkekörnern bei dem Austrocknen zahlreiche Luftlücken, ſo erſcheint die Zelle undurchſichtig oder mehlig. In vielen Fällen ſind Protoplasma und Stärkemehl derartig entwickelt und verteilt, daß die äußeren Partien des Endoſpermkörpers aus glaſigen, die inneren dagegen aus mehligen Zellen beſtehen. Beſonders deutlich zeigt ſich dies in dem Maiskorn. Es kommt aber auch vor, daß mehlige und glaſige Zellen mit einander abwechſeln. Dies habe ich namentlich bei dem Frankenſteiner Weizen beobachtet. Endlich kann der ganze Endoſpermkörper durchweg aus glaſigen oder durchweg aus mehligen Zellen gebildet werden.) Hand in Hand mit der Einführung des Stärkemehls geht das Wachstum des Endoſpermkörpers, indem ſich die Zellen desſelben ver— C 4 9—, ¹ — 7 1 6 4 A 5 9 51 5 44 8 L E Fig. 87. Drei größte Querſchnitte a) durch den ganz jungen Fruchtknoten, b) durch ein in der Milchreife geerntetes, bei dem Trocknen zuſammen⸗ geſchrumpftes und c) durch ein völlig reifes Weizenkorn(Triticum vulgare). Der äußere ſchattierte Teil iſt die Fruchtknotenwand bezw. die Schale, die bei b und o ſtellenweiſe auseinandergeriſſen; der innere weißgelaſſene Teil der Figuren iſt der Mehl⸗ oder Endoſpermköorper. Vergrößerung 10fach. größern und vorzugsweiſe in ſeinen äußeren Schichten durch Teilung vermehren. Das Endoſperm, wie die ganze Frucht, wächſt in die Länge und in die Dicke. Das Längenwachstum geht von dem Fruchtſtiele nach aufwärts. Das Dickenwachstum iſt am ſtärkſten in denjenigen Partieen, welche die Längsfurche umgeben, ſo daß dieſe immer mehr zuwächſt, gleichſam überwallt wird, wobei die frühere Anheftungsſtelle des Eis immer mehr den Mittelpunkt des Querſchnitts einnimmt. Die Fig. 87, welche drei größte Querſchnitte a) durch den ganz jungen Fruchtknoten, b) durch ein in der Milchreife geerntetes, bei dem Trocknen zuſammen⸗ geſchrumpftes, und c) durch ein völlig reifes Weizenkorn darſtellt, wird das Dickenwachstum des Endoſperms veranſchaulichen. *) Ausführlichere Unterſuchungen üͤber die Mehligkeit und Glaſigkeit(des Weizen⸗ korns) finden ſich in A. Nowacki, Unterſ. über d. Reifen des Getreides, S. 57 ff. Getreidebau. 10 — a6 Schon vor dem Beginn der Stärkemehleinwanderung in das Endoſpermgewebe iſt die äußerſte Zelllage des letzteren als„Kleber⸗ ſchicht“ zu unterſcheiden. Die Zellwände werden in dieſer Schicht dicker, als in den übrigen Zellen des Endoſperms, und aus dem Protoplasma ſondern ſich Körner ab, die wir, im Gegenſatz zu den Stärkekörnern der Mehlzellen, als Aleuronkörner bezeichnen wollen. Die Einführung des Materials, das zur Bildung dieſer ſtickſtoffhaltigen Körner erforderlich iſt, geht mit der Differenzierung der Schicht von der Anheftungsſtelle des Eies aus, in welcher ein Gefäßbündelſtrang verläuft, der aus dem Fruchtſtielchen herkommt. Die Kleberſchicht ſetzt ſich an der Innenwand des Embryoſackes in der ganzen Peripherie des Endoſperms ununter⸗ brochen fort. In den jüngeren Zuſtänden(Fig. 81) umgibt die Kleber⸗ ſchicht n auch den Keimling auf der äußeren, dem Integument i zu⸗ gewandten Seite, nur an dem Wurzelende bei t, wo der Träger des Keimlings der Wand des Embryoſackes aufſitzt, fehlt ſie von vornherein gänzlich. Später wird ſie auf der Außenſeite durch den heranwachſenden Embryo verdrängt. 3. Die Entſtehung der Schale. An die Kleberſchicht ſchließen ſich weiter nach außen zunächſt der Eikern, dann die Integumente und an dieſe die Fruchtknotenwand. 1. Infolge des Wachstums des Endoſperms werden die umgebenden, eben genannten Teile der Frucht von innen nach außen zurückgedrängt. Dieſe Verdrängung betrifft zunächſt den Eikern, von dem nur die derbere Oberhaut teilweiſe erhalten bleibt. In den Figuren 88 und 81 iſt der Überreſt des Eikerns mit e bezeichnet. 2. Was die Integumente betrifft, ſo wird das äußere, das von vorne herein viel zarter iſt, ſehr bald nach der Befruchtung größtenteils und ſpäter vollſtändig verdrängt; das innere dagegen bleibt erhalten. Die beiden Zelllagen, aus denen es beſteht, dehnen ſich indeſſen, da ſie dem Wachstum des Endoſperms nachgeben müſſen, beträchtlich in die Länge und platten ſich gleichzeitig, in folge des Druckes von innen her, ſo ſehr ab, daß ſie faſt in dieſelbe Fläche zu liegen kommen. Als Zellinhalt iſt in ihnen zu der Zeit, wenn die Einwanderung von Stärkemehl in das Endoſperm erſt einige Tage gedauert hat, eine bräunliche feinkörnige Subſtanz zu erkennen. Später verſchwindet der Inhalt und dann er⸗ ſcheinen die Zellhäute der inneren Lage des Integumentes von einem Farbſtoff, der an Intenſität mit der fortſchreitenden Entwicklung zunimmt, gelblich, gelbbraun oder rotbraun gefärbt. Derſelbe Farbſtoff erſcheint auch in den Zellen der Anheftungsſtelle(Fig. 15 bei 1). Die Zellhäute der äußeren Lage des Integuments ſind meiſtens gar nicht oder nur dort 8= —— — 147— gefärbt, wo ſie in die innere Lage übergehen. Deshalb ſieht man auf dem Querſchnitt Fig. 88 bei i eine zarte farbloſe Linie, die alſo der äußeren bezw. oberen Lage des Integuments angehört. In Fig. 89 zeigen die feinen, ſchiefwinklig ſich kreuzenden Linien i und i, das Integument von der Fläche(von oben) geſehen. Die dickwandigen Zellen, die darüber liegen, gehören der Fruchtknotenwand an. Den überreſt des Eikerns ſamt dem gefärbten Integument bezeichnet man als Samenſchale. Die Fruchtſchale im engeren und eigentlichen Sinne entſteht aus der Fruchtknotenwand. 3. Wie aus den Figuren 71 und 87 zu erſehen, hat die Frucht⸗ knotenwand anfänglich im Vergleich zu dem Embryoſack bezw. zu dem Fig. 88. Teil eines Querſchnitts durch ein Weizenkorn(Triticum vul- gare). m Stärkemehlzellen. Die Stärkekörner eingebettet in eine ſtickſtoffhaltige Grundmaſſe. n Kleberſchicht. o äußere, ch, i und e innere Lagen der Schale. i das braungefärbte Integument. e Überreſt(Oberhaut) des Eikerns. Vergrößerung 200 fach. Endoſperm eine bedeutende Dicke. Sie bildet in den früheren Ent⸗ wicklungszuſtänden der Frucht ein vielzelliges Gehäuſe, das mit einer äußeren und mit einer inneren Oberhaut bekleidet iſt. Die äußere Oberhaut überzieht die Außenfläche des Fruchtknotens, die innere Ober⸗ haut überzieht die Höhlung, in welcher das Ei liegt. Die an die innere Oberhaut angrenzende Zelllage der Fruchtknoten⸗ wand enthält bis zur Gelbreife grünes Chlorophyll. In der Umgebung der Längsfurche, beiderſeits des aus dem Fruchtſtielchen heraufkommenden Gefäßbündels ſind mehrere Lagen chlorophyllführend. Hier finden ſich auch in der äußeren Oberhaut des Fruchtknotens zahlreiche Spaltöffnungen, während ſolche auf der ganzen Rückenfläche vergeblich geſucht werden. 10* — 148— Fig. 90 zeigt bei m eine Spaltöffnung in der Milchreife, bei g in der Gelbreife der Weizenfrucht. Das innere Gewebe der Fruchtknotenwand iſt anfänglich mit kleinen Stärkemehlkörnern gefüllt. Indem die Farbe derſelben durch die äußere Oberhaut durchſcheint, hat die junge Frucht ein weißliches Ausſehen. Später wandert das Stärkemehl aus der Fruchtknotenwand in das Endo⸗ ſperm. Überdies werden die mittleren Zelllagen der Fruchtknotenwand verdrängt und reſorbiert. In folge deſſen nimmt die Fruchtknotenwand Fig. 89. Zellſchichten der Samen⸗ Fig. 90. Teile aus Fig. 91. Schale des Wei⸗ und Fruchtſchale des Weizens(Tri- der äußeren Oberhaut dens(Triticum vulgare) ticum vulgare). ch die innere, des Weizens(Triti- von oben geſehen. o obere, früher chlorophyllführende Lage der cum vulgare) mit je eh innere Lage, beide Lagen Fruchtknotenwand mit tuͤpfelförmig einer Spaltöffnung bei mit tüpfelförmig verdickten verdickten Zellwänden. u zwei aus⸗ m in der Milchreife, Zellwaͤnden. Die mittlere einander gedrängte Zellen von der bei g in der Gelbreife Lage iſt nicht mitgezeichnet. inneren Oberhaut der Fruchtknoten der Frucht. Vergrößerung 75fach. wand. i die gefärbte untere, in die Vergrößerung farbloſe obere Lage des übrig geblie 125 fach. benen inneren Integuments. Vergrößerung 180 fach. an Dicke ab, die chlorophyllführende Schicht nähert ſich der Außenfläche und die junge Frucht erſcheint grün. Die übrigbleibenden wenigen Zelllagen erfahren eine tüpfelförmige Verdickung der Zellwände. Die Verdickung geſchieht zuerſt in den Zellen der äußeren Oberhaut, deren lange Wände längs über die Frucht ver⸗ laufen, zuletzt geſchieht ſie in der inneren chlorophyllführenden Schicht, deren lange Wände jene ungefähr rechtwinklig kreuzen. In Fig. 91 iſt o die äußere Oberhaut, ch die chlorophyllführende Schicht; die dazwiſchen — 149— liegenden Schichten ſind nicht mit gezeichnet. In Fig. 89, die ieeer vergrößert iſt, entſpricht die Lage eh der gleichbenannten in Fig.? Die Figur 8s zeigt bei o und ch dieſelben Schichten im vardhäntan Die innere Oberhaut der Fruchtknotenwand nimmt an der Ver⸗ dickung wenig teil, da ihre Zellen ſchon früh auseinandergeriſſen, an den meiſten Stellen ſogar vollſtändig verdrängt werden. Ein Überreſt von ihnen, in Form von langgeſtreckten, plattgedrückten Schläuchen, iſt- in Fig. 89 bei u ſichtbar. Auch die Lagen o und ch(Fig. 88) werden in folge des Druckes von innen her ſo flach, daß zuletzt nur ein geringes Lumen der Zellen übrig bleibt, welches zur Zeit der völligen Reife mit Luft gefüllt iſt (Fig. 88 bei 1). In der Weiſe, wie es hier dargeſtellt worden, entſteht die Frucht— ſchale aus der Fruchtknotenwand bei dem Weizen und bei dem Roggen. In der Hauptſache kann die Darſtellung aber auch für die übrigen Ge— treidearten gelten. Bei den beſpelzten Früchten(Gerſte und Hafer) die eigentliche Fruchtſchale etwas ſchwächer und zarter; dafür wird ſie von den, mit der Frucht in Verbindung bleibenden, Blütenſpelzen verſtärkt. Rückblick. Die Getreidefrucht, deren Entwicklung wir im Vorhergehenden kurz verfolgt haben, die ſomit 1. aus dem großen Mehl⸗ oder Endoſpermkörper, deſſen ane. Lage die Klebe rſchicht iſt; aus dem Keimpflänzchen, welches mit dem Schildchen, an dem ſpitzen Ende der Frucht, dem Mehlkörper anliegt; 3. aus der Schale, welche bei den nackten wie bei den beſpelzten Früchten aus der Samen- und Fruchtſchale gebildet, bei den beiterzſen Früchten aber durch die Blütenſpelzen ver⸗ ſtärkt wird Die Reifeſtadien. Jetzt haben wir ſchließlich noch die Veränderungen zu betrachten, denen die Getreidepflanze während der letzten Entwicklungsſtadien unter⸗ worfen iſt, wobei wir unſer Augenmerk wiederum beſonders auf die Körner richten, ohne die Strohteile unberückſichtigt zu laſſen. Als Bei⸗ ſpiel für die Beſprechung wählen wir den Weizen und den Roggen. Im Anſchluß an den unter den Landwirten gäng und gäbe gewordenen Sprachgebrauch unterſcheiden wir vier Reifeſtadien: Milch⸗ reife, Gelbreife, Vollreife und Totreife. Dieſelben laſſen ſich auf Grund unſerer„Unterſuchungen über das Reifen des Getreides“ in folgender Weiſe charakteriſieren: 150 1. Die Milchreife. Die Milchreife heißt in manchen Gegenden auch Grünreife. Beide Ausdrücke ſind im gewiſſen Sinne zutreffend und bezeichnend. Bei dem Maſſenanblick im Felde macht das Getreide in dieſem Stadium der Reife noch einen grünen Eindruck. Bei genauerer Betrachtung der einzelnen Pflanzen zeigen ſich die Halme unterhalb gelblich, oberhalb grün. Die unteren Blätter ſind bereits völlig abgeſtorben. Die Spreiten der oberen drei Blätter haben am Rande, in der Mitte und an der Spitze gelbe Streifen und Flecke. Die Spreite des oberſten Blattes hält ſich am längſten grün. Die Blattſcheiden entfärben ſich, und zwar ebenfalls in der Reihen⸗ folge von unten nach oben, etwas ſpäter, als die zugehörigen Blattſpreiten. Jede Blattſcheide ſtirbt jedoch von oben nach unten ab, ſo daß das Blattgrün zuletzt in der Nähe des Knotens verſchwindet. Die Blattknoten, unter denen wir die gürtel- oder ringförmige Ver⸗ dickung der Blattſcheidenbaſis verſtehen, ſind noch dick und ſaftig. Die Körner, von den grünlich⸗gelben Spelzen feſt umſchloſſen, zeigen von außen ein grünes Anſehen, im Innern eine milchige Beſchaffenheit. Das grüne Anſehen iſt darauf zurückzuführen, daß die Farbe des Chlorophylls aus der inneren Lage der Fruchtknotenwand durch die äußeren farbloſen Lagen hindurchſchimmert. Die milchige Beſchaffenheit kommt dadurch zu ſtande, daß das bis dahin wäſſrige Endoſperm in folge der Einwanderung und Ablagerung von Stärkemehl dickflüſſig und milchartig wird. Die Füllung der Endoſpermzellen mit Reſerveſtoffen dauert in der Milchreife noch fort. Daß das hierzu nötige Material nicht bereits in dem Protoplasma dieſer Zellen vorhanden iſt, ſondern von außen(aus den oberen Halmgliedern) eingeführt wird, geht ſchon zur genüge aus Fig. 87 hervor, in welcher b den größten Querſchnitt durch ein in der Milchreife geerntetes, bei dem Trocknen zuſammengeſchrumpftes, e einen ebenſolchen durch ein in der Vollreife geerntetes Korn bei derſelben Ver⸗ größerung darſtellt. Genauer iſt das Maß des Zuſammenſchrumpfens der Körner aus folgenden Zahlen zu entnehmen: Volumen von 100 Weizenkörnern in Kubikzentimetern: friſch⸗nachgereift, lufttrocken Milchreife.. 5,3 2,4 Gelbreife.. 4,3 3, Vollreife 3,5 3,4 Im friſchen Zuſtande haben die Körner in der Milchreife das größte Volumen; ſie ſind alſo in dieſem Stadium der Reife äußerlich bereits — 151— vollſtändig ausgewachſen. Dagegen ſchrumpfen ſie, weil das Innere noch nicht genügend mit feſter Subſtanz erfüllt iſt, bei dem Nachreifen und Austrocknen in dem Grade zuſammen, daß ihr Volumen um ein Drittel hinter demjenigen der gelb⸗ und vollreifen Körner zurückbleibt. Die chemiſche Analyſe liefert den näheren Nachweis über die in der Milchreife noch ſtattfindende, ſehr erhebliche Stoffeinfuhr. Wir ſtellen das Reſultat der Unterſuchung nicht in Prozenten, ſondern in„abſoluten“ Zahlen zuſammen, weil aus dieſen die Veränderungen, welche in den Körnern vor ſich gehen, viel deutlicher entgegentreten. Zur Sicherheit bemerken wir, daß wir bei der Analyſe in der That je 100 Körner aus dem ſorgfältig gemengten Vorrat abgezählt und in Behandlung genommen haben. 100 nachgereifte Weizenkörner enthielten in Gramm Milchreife Gelbreife Totreife Waſſer. 0,4055 0,5830 0,5675 Stärke ꝛc.. 2,4139 3,5014 3,5026 Protein. 0,3757 0,5729 5239 Fett... 0,0495 0,0736 0,0693 Rohfaſer.. 0,0609 0,0658 0,0639 Aſche... 0,0645 0,0732 0,0728 Di ie Zahlen zeigen, daß die Zunahme der Körner an Stärkemehl weitaus die bedeutendſte iſt. Kürzen wir die betreffenden Zahlen ab, ſo erhalten wir pro 100 Körner: Stärke in Gramm Milchreife... 2,4 Gelbreife.... 3,5 Totreife.. 3,5 Dieſe Zahlen ſtimmen auffallend mit den oben für das Volumen angegebenen überein. Es ergibt ſich alſo, daß die Veränderung der Körner während der Milchreife in der Hauptſache auf der Füllung der Endoſpermzellen mit Stärkemehl beruht. Der Keimling iſt in der Milchreife in allen weſentlichen Teilen bereits entwickelt, doch iſt ſein Wachstum noch nicht zum Abſchluß gelangt. Ich habe nachgewieſen, daß in der Milch⸗ oder Grünreife geerntete Weizenkörner zwar keimfähig ſind, daß aber die Keimung nicht mit gleicher Sicherheit erfolgt, wie bei ſpäter geernteten Körnern. Der Grund hierfür liegt hauptſächlich in folgenden Verhältniſſen. In der Milchreife iſt die Spitze des Graskeims von dem gefalzten Rand des Schildchens noch um eine kleine Strecke entfernt. Später dagegen liegt ſie dem Vorſprunge unterhalb X(Fig. 82) unmittelbar an, — 162— ja ſie ragt ſogar vor dem Austrocknen ein wenig über den höchſten Punkt desſelben hinaus. Der Vorſprung ſelbſt, welcher bei der Keimung inſofern eine wichtige Rolle ſpielt, als er die Spitze des Graskeims nötigt, nach außen hervorzubrechen, erfährt in der Milchreife ebenfalls noch ein Wachstum, und letzteres veranlaßt eine ſchärfere Einbiegung und feſtere Einklemmung der Schale an dem Punkte X. Überdies iſt die Kleberſchicht n an den Stellen, wo ſie über das Schildchen und über den Keimling hinweggeht, in dem Stadium der Milchreife noch mehr oder weniger vollſtändig erhalten, während ſie ſpäter neben der Spitze des Graskeims und neben der Keimſchuppe f gänzlich und oberhalb und unterhalb derſelben größtenteils verdrängt iſt. Die Keimſchuppe drängt ſogar die gefärbte Lage des Integuments zum Teil auseinander, was an der Spitze des Graskeims gleichfalls in der Regel geſchieht. Wie wichtig dieſe geringfügig erſcheinenden Veränderungen für die Fortpflanzung ſind, zeigen die verunglückten Keimungen, welche wir früher(S. 62) mitgeteilt und durch die Figuren 36 bis 39 verſinnlicht haben. 2. Die Gelbreife. Das Getreide gewährt nun im großen einen gleichmäßig gelben Anblick. Die Halme ſind gelb und glänzend.(Zuweilen zeigen ſich Halme mit bläulicher oder rötlicher Farbe.) Die Blätter, auch die Scheiden ſämtlich gelb. Die Blattſpreiten zum Teil gelblichbraun, leicht abbrechend. Der ganze Halm aber geſchmeidig und zähe. Die oberen zwei oder drei Blattknoten noch dick, glatt und ſaftig, die unteren dagegen zuſammengeſchnürt und eingeſchrumpft. Die Spelzen gelblich oder bräunlich, je nach der Sorte. Das Chlorophyll iſt an der ganzen Pflanze verſchwunden, nur die oberen Blattknoten ſchimmern noch grünlich. Von einer Neubildung oder Aſſimilation, die an das Vorhandenſein des Chlorophylls gebunden, kann daher keine Rede mehr ſein. Es kann höchſtens noch eine Wan⸗ derung von bereits aſſimilierten Stoffen aus den oberen Halmgliedern in die Körner ſtattfindenz aber auch dieſe muß in der Gelbreife auf⸗ hören, da das Waſſer zum Transporte fehlt. Die Beſchaffenheit der Blattknoten zeigt, daß die Pflanze von unten nach oben vertrocknet und abſtirbt. Eine genauere Unterſuchung erfordern die Körner, an welchen ſich der Grad der Reife ſicherer beſtimmen läßt, als an den Strohteilen. Bei dem Üübergang der Milchreife in die Gelbreife verwandelt ſich = 153— die grüne Farbe der Körner in die gelbe, indem das grüne Chlorophyll der inneren Fruchtknotenwand in gelbe Körnchen zerfällt. Dies geſchieht zuerſt an dem oberen Ende der Frucht und an der Rückenfläche, ſpäter an der Furchenſeite und am unteren Ende, zuletzt im Innern in der Nähe des Gefäßbündels. Mit Eintritt der richtigen und eigentlichen Gelbreife iſt der letzte Reſt des grünen Farbſtoffs auch in den Körnern verſchwunden. Hiervon kann man ſich leicht überzeugen, wenn man das Korn der Quere nach durchſchneidet. Bei dem übergang der Milchreife in die Gelbreife verſchwindet auch die milchige Beſchaffenheit der Körner und das Endoſperm wird faden⸗ ziehend. Es iſt dies das Kennzeichen, daß das zwiſchen den Stärke⸗ körnern befindliche Protoplasma aus dem dünnflüſſigen in den dick⸗ flüſſigen Zuſtand übergeht, ähnlich wie gekochter Leim bei dem Erkalten zähe und fadenziehend wird, ehe er erſtarrt. Während das Protoplasma in den inneren Zellen des Mehlkörpers zähe wird, beginnt es in den äußeren Zellen, zuerſt am oberen Ende und auf der Rückenſeite des Korns, feſt und ſtarr zu werden. Gleich⸗ zeitig werden zwar auch die zugehörigen Zellwände allmählich waſſer⸗ nner, aber das Austrocknen des Protoplasmas geht dem Austrocknen er Zellwände voran. Das Waſſer muß ja aus dem Protoplasma den e durch die Zellwände nehmen. Endlich kommt ein Moment, wo der hlkörper zwar noch weich, aber ſchon relativ trocken erſcheint, wo 8 Korn ſich wie Wachs kneten und zu einer Kugel rollen, wo es ſich gleichzeitig— bei genügender Länge— leicht und beſtimmt über den Nagel brechen läßt. Dieſen Grad der Reife nenne ich: Gelbreife. „Das Brechen des Korns über dem Nagel“ iſt das charakteriſtiſche Kennzeichen der Gelbreife. Es bezeichnet mit der größten Genauigkeit den Moment, in welchem die Ernährung des Mehlkörpers eben auf⸗ gehört hat. Denn das leichte und weiche Brechen des Kornes iſt nur in dem Augenblick möglich, wo die Stärkekörner und das Protoplasma bereits ausgetrocknet, die Zellwände dagegen noch weich und waſſerhaltig ſind.(Vergl. Fig. 86.) In dieſem Zeitpunkt iſt die abſolute Feſtig⸗ keit im Vergleich zur rückwirkenden Feſtigkeit des Kornes ſo gering, wie in keinem anderen Zeitpunkte vorher oder nachher. Bei dem Brechen wird das Korn gedrückt und zugleich in die Länge gedehnt. Die Gering— fügigkeit der abſoluten Feſtigkeit beruht auf dem weichen und waſſer⸗ haltigen Zuſtande der Zellhäute, demzufolge ſich je zwei benachbarte Zellen leicht von einander ziehen oder trennen uſſen: der relativ hohe Grad der rückwirkenden Feſtigkeit beruht auf der relativen Trockenheit der Stärkekörner und des Protoplasmas, der zufolge der von der Zellhaut — — 154— eingeſchloſſene, kompakte Körper jeder Zelle einen verhältnismäßig ſtarken Druck aushält.*) Daß dem in der That ſo iſt, läßt ſich durch die mikroſkopiſche Unterſuchung nachweiſen, zu welcher ſich das Roggenkorn am beſten eignet. Die Unterſuchung der Bruchfläche ergibt, daß ſich bei dem Brechen des gelbreifen Kornes die Zellwände benachbarter Endoſperm⸗ zellen von einander löſen. Die Unterſuchung der Stärkekörner ergibt, daß dieſe im Innern bereits ſternförmige, mit Luft erfüllte Riſſe enthalten, alſo ſchon ſtark ausgetrocknet ſind. Und die Unterſuchung des Proto⸗ plasmas ergibt, daß dasſelbe ebenfalls bereits erheblich ausgetrocknet und erſtarrt iſt, denn es gelingt, aus dem gelbreifen Korn einen mikroſkopiſchen Schnitt herzuſtellen, welcher nach Auswaſchung der Stärkekörner(mit Ol oder Glycerin) ein deutliches Protoplasmanetz erkennen läßt. Iſt dies aber der Fall, dann iſt an eine Stoffeinfuhr in die Stärkemehlzellen nicht mehr zu denken, denn die Stoffe müſſen im ge⸗ löſten Zuſtande aus den Zellhäuten in das Protoplasma und aus dieſem in die Stärkekörner gelangen. Mit der Erſtarrung des Proto⸗ plasmas hört der Transport auf. Das Protoplasma funktioniert nur ſo lange, wie es ſtrömt. Wie ſteht es nun aber mit dem Keimling? Hat er in dem Moment, wenn das Korn über dem Nagel bricht, ebenfalls bereits ſeine höchſte Vollkommenheit erreicht, oder erreicht er dieſelbe erſt ſpäter? Dieſe Frage iſt von praktiſcher Bedeutung, da manche Landwirte den Grund⸗ ſatz befolgen, das Brotkorn in der Gelbreife, das Saatkorn dagegen erſt in der Vollreife oder ſogar erſt in der Totreife zu ſchneiden. Es gibt einen Umſtand, welcher auf den erſten Blick dafür zu ſprechen ſcheint, daß der Keimling in und nach der Gelbreife noch an *) Fuͤr den Waſſergehalt und fuͤr die entſprechende rückwirkende Feſtigkeit, gemeſſen durch das Gewicht, welches je ein einzelnes Roggenkorn bis zum Zerdruͤcken zu tragen vermochte, wurden folgende Zahlen gefunden: Waſſergehalt Rückwirkende Feſtigkeit in Prozenten. in Gramm. Milchreife... 62 669 Gelbreife.... 36 1729 Totreife... 14 10169 Die gelbreifen Körner, welche zu dieſen Unterſuchungen dienten, befanden ſich mög⸗ lichſt genau in dem Zuſtand, wo alles Chlorophyll im Innern verſchwunden war und wo das Brechen des Kornes uͤber dem Nagel am leichteſten und beſtimmteſten von ſtatten ging. Ihr Waſſergehalt ſtand in dieſem Zuſtande ſehr annähernd in der Mitte zwiſchen der Milchreife und Totreife. Anders verhielt es ſich mit der rückwirkenden Feſtigkeit. Dieſelbe hatte von der Milchreife bis zur Gelbreife bedeutend zugenommen, und zwar rund um 1 Kilogramm. Unvergleichlich größer aber war die Zunahme von der Gelb⸗ reife bis zur Totreife; ſie betrug während dieſer Zeit beinahe 8 ½ Kilogramm, ſo daß ein totreifes Roggenkorn ſchließlich ein Gewicht von mehr als 10 Kilogramm zu tragen vermochte. — 155— Vollkommenheit zunimmt: das Vegetationswaſſer hält ſich nämlich in dem Keimling etwas länger als in dem Endoſperm. Schneidet man ein Roggenkorn, welches über dem Nagel bricht d. h. gelbreif iſt, an dem Keimende quer durch, ſo ſieht man ſchon mit bloßem Auge aus dem Gewebe des Keimpflänzchens deutlich kleine Waſſertropfen heraus⸗ treten, während das ſtärkemehlführende Endoſperm, ſelbſt bei Anwendung von Druck eine relativ trockene, wachsartige Schnittfläche darbietet. Trotzdem kann der Keimling nach Eintritt der Gelbreife nicht mehr wachſen. Dies iſt aus mechaniſchen Gründen unmöglich. Der Keim⸗ ling bildet nämlich nur einen kleinen Teil der Frucht, er ſteht durch das Schildchen mit dem großen Endoſpermkörper in inniger Berührung und er wird mit dieſem gemeinſchaftlich von der Schale umſchloſſen. Folglich wird er von den Veränderungen, welche den Endoſpermkörper und die Schale bei dem Austrocknen betreffen, notwendig in Mit— leidenſchaft gezogen. In folge des Austrocknens, das in der Gelbreife ſchon ſehr bemerklich iſt, zieht ſich der Endoſpermkörper ſowohl wie die Schale auf einen kleineren Raum zuſammen. Das ganze Korn ſchwindet. Dabei kommt der Keimling zwiſchen Endoſperm und Schale in die Enge. Er muß von innen und von außen her einen Druck aushalten. Dieſem Druck muß er Widerſtand leiſten, ſonſt wird er zerquetſcht. Dazu befähigt ihn der Waſſergehalt, der ſein Gewebe in Spannung erhält und aus dieſem Grunde iſt es zweckmäßig, daß das Vegetationswaſſer aus dem, am unteren Ende der Frucht gegen die Verdunſtung beſſer geſchützten Keimling etwas ſpäter entweicht, als aus dem mittleren und oberen Teile des Endoſpermkörpers. Zu groß darf aber der von dem Keimling ausgeübte Gegendruck nicht werden, ſonſt würde die Schale platzen. Hieraus folgt, daß in dem Moment, wo das Korn über dem Nagel bricht, auch der Keimling ſeine Entwicklung bereits abgeſchloſſen hat, daß er nach dieſem Momente nur noch auszutrocknen braucht, um ſich in die Samenruhe zu begeben. 3. Die Vollreife. Der übergang aus der Gelbreife in die Vollreife vollzieht ſich bei großer Hitze und anhaltender Trockenheit im Verlauf von drei Tagen. Bei dem Eintritt der Vollreife ſind an den Strohteilen im Vergleich zur Vollreife nur geringfügige Veränderungen zu bemerken. Die weſent⸗ lichſte Veränderung an den Halmen beſteht darin, daß nun die Blatt⸗ knoten ſämtlich gebräunt und zuſammengeſchnürt erſcheinen⸗ Erheblichere Unterſchiede laſſen ſich an den Ähren erkennen. Die Körner löſen ſich leichter von dem Fruchtſtielchen und aus den Spelzen. — 156— Sie ſind durch das fortſchreitende e Austrocknen und Schwinden in einen Zuſtand verſetzt worden, in welchem ſie ſich nicht mehr über dem Nagel brechen, wohl aber zum Teil noch biegen laſſen. Denn jetzt haben nicht nur das aſd asma und die in ihm Angebelteten Stärkekörner, ſondern auch die zugehörigen Zellwände das meiſte W Vaſſer verloren und in folge der Annäherung ihrer Stoffteilchen haften die Zellen des Mehlkörpers feſter aneinander: das Korn iſt zähe. Auch die Farbe der Körner hat ſich verändert. Je nach der Färbung des Integumentes erſcheint das Korn heller oder dunkler. Von Einfluß auf die Farbe iſt auch die„glaſige“ oder„mehlige“ Beſchaffenheit des Endoſpermkörpers, die erſt jetzt deutlicher hervortritt, obwohl ſchon in der Gelbreife durch die Menge und Verteilung der re darüber ent⸗ ſchieden iſt, in welchen Körnern und in welch Zellen, nach dem ſtärkeren Austrocknen, die Mehligkeit oder die Gl afigkei zur Erſcheinung kommen ſoll. 4. Die Totreife. In der Totreife iſt das Korn zum zweitenmale brechbar, aber das Brechen erfordert jetzt eine weit größere Kraft, als in der Gel breife. Das ge lbreife Korn bricht weich, das totreife Korn bricht hart. Es knackt. Der Bruch geſchieht jetzt nicht in den Berührungsſchichten benach⸗ barter Zellwände, ſondern er geht quer durch Zellwände, Protoplasma, Stärkekörner. Das totreife Korn bricht wie ein toter Körper. Durch die Verwitterung, welche namentlich bei wechſelndem Regen und Sonnenſchein ihren zerſtörenden Einfluß geltend macht, nimmt das Stroh in der Totreife eine dunklere, matte, ſchmutzig-gelbe oder graue Farbe an, und es wird ſchon im Verl lauf von 8 Tagen ſo ſpröde und zerbrelich daß es unmöglich iſt, ein Seil aus demſelben zu knüpfen. Dieſe Zerbrechlichkeit betrifft auch die Ähren. Viele Ähren brechen bei der er ganz ab, andere in der Mitte durch. Selbſt bei ſchonender Behandlung iſt dies nicht zu vermeiden. Die Körner ſind wegen ihrer Trockenheit und Härte und namentlich auch wegen des Schutzes, den ihnen die verholzte und künſtlich gefügte Schale gewährt, zwar widerſtandsfähiger als das Stroh, aber ſie löſen ſich freiwillig von der Mutterpflanze, indem die Natur dafür ſorgt, den Samen zu zerſtreuen, wenn der Menſch es verſäumt, ihn rechtzeitig zu ſammeln. Der Verluſt durch Ausfall beträgt nicht ſelten das Doppelte und Dreifache der Saat. Auch in der Qualität werden die Körner nicht beſſer, wenn ſie bis zur Totreife auf dem Felde verbleiben. Bei anhaltender Trockenheit erleidet die Qualität keine Beeinträchtigung, wohl aber bei ſchlechtem — 157— Wetter. Schon das abwechſelnde Anquellen und Austrocknen der Körner iſt von Nachteil, indem der Glanz und das ſchöne Anſehen verloren geht; tritt gar das Auswachſen auf dem Halme ein, ſo iſt der Schaden enorm. Dagegen iſt die alte, von v. Roſenberg⸗Lipinsky herrührende und immer noch nicht ausgerottete Anſicht,„daß die äußere Schale der über⸗ reifen Körner, unter allzuheftiger Einwirkung des Sonnenlichtes, auf Koſten der inneren Kornſubſtanz ſich unnatürlich verdickt“, als unbegründet und unrichtig zurückzuweiſen. Die Dicke der Schale nimmt vielmehr fortwährend ab, indem der Mehlkörper ſich vergrößert und die außerhalb von ihm gelegenen Teile des Fruchtknotens zurückdrängt.(Vergl. Fig. 87, a und c). In Figur 88 geht der von der Kleberſchicht eingeſchloſſene Mehl⸗ körper bis zu der Linie e, welche den Ueberreſt des Eikerns andeutet. Die außerhalb e gelegenen Schichten i, ch und o bilden die Schale. Wenn man will, ſo kann man die Schicht e noch mit zur Schale rechnen. Die Kleberſchicht n dagegen gehört mit zum Mehlkörper, denn ſie entſteht innerhalb des Embryoſackes, und die in ihr abgelagerten Reſerveſtoffe dienen in der Periode der Keimung ebenſowohl zur Ernährung der jungen Pflanze wie das Stärkemehl, Fett und Eiweiß der übrigen Endoſpermzellen. Die außerhalb e gelegenen Schichten bleiben als unlöslich bei der Keimung im Boden zurück; ſie ſind die Hülle für die edleren Teile, ſie ſind die Schale. Es iſt nun ſchlechterdings unmöglich, daß aus den Stärkemehlzellen m oder aus der Kleberſchicht n zur Zeit der Totreife noch Stoffe in die Schale auswandern, um zur Verdickung der Schale beizutragen. Denn in der Schicht m ſind die Stärkekörner und in der Schicht n ſind die Aleuronkörner durch das bereits eingetrocknete und völlig erhärtete Protoplasma feſtgelegt. Auch aus den Zellenwänden der Schichten m und n kann kein Stoffteilchen mehr in die Schale gelangen, ebenſowenig kann in der Schale ſelbſt noch eine Verdickung der Zellen erfolgen, weil alle Zellenwände bereits vollſtändig ausgetrocknet ſind. Eine Stoff⸗ wanderung oder Stoffbildung in dem knochentrocknen totreifen Korn iſt ein Ding der Unmöglichkeit, und es iſt durchaus unerfindlich, wie durch die„allzuheftige Einwirkung des Sonnenlichtes“ eine Verdickung der Schale zu ſtande kommen könnte. Die Verdickung und teilweiſe Verholzung der Zellwände, die nie und nirgends auf Koſten der bereits abgelagerten inneren Kornſubſtanz geſchieht, findet viel früher ſtatt. Sie beginnt ſchon vor der Milchreife, ſchreitet während dieſes Reifeſtadiums weiter fort und gelangt in der Gelbreife, vor dem ſtärkeren Austrocknen des Kornes, zum Abſchluß. Wir haben hiervon bereits oben(S. 148) geſprochen. — 158— Um zu zeigen, daß ein Dickenwachstum der Schale weder von der Milchreife bis zur Gelbreife, noch von der Gelbreife bis zur Totreife und überhaupt niemals ſtattfindet, mag hier das Reſultat einer größeren Anzahl von mikroſkopiſchen Meſſungen angeführt werden. Die jeweilen minimale Dicke der Schale in nachgereiften lufttrockenen Weizenkörnern betrug: Milchreife. Gelbreife. Totreife. Minimum 0,024 0,024 0,021 mm Maximum 0,053 0,042 0,038„ Mittel 0,037 0,029 O0272„ Die Zahlen ſind dahin zu deuten, daß von der Milchreife bis zur Gelbreife durch Vergrößerung des Endoſpermkörpers und Zurückdrängung der Fruchtknotenwand ꝛc. die Dicke oder der Durchmeſſer der Schale noch ein wenig abnimmt, von der Gelbreife an aber unverändert bleibt. Von der Dicke oder dem Durchmeſſer der Schale, als ganzes genommen, iſt die Verdickung der Zellwände zu unterſcheiden. Die Zellwände können dicker werden, ohne daß der Durchmeſſer der Schale zunimmt. Über dieſe Verhältniſſe unterrichtet uns die chemiſche Analyſe. Der Gehalt an Rohfaſer(Zellſtoff+ Holzfaſer) pro 100 Weizenkörner betrug nämlich in Gramm: Milchreife. Gelbreife. Totreife. 0,0609 0,0658 0,0639 Nach dieſem Befunde können wir eine geringe Zunahme an Roh⸗ faſer, alſo auch eine geringe Zunahme in der Verdickung und Verholzung der Zellwände von der Milchreife bis zur Gelbreife zugeben: gegen eine über die Gelbreife hinausgehende Subſtanzzunahme der Schale ſtreiten die vorliegenden Zahlen aber ganz direkt. Auch die Anſicht,„daß der Weizen durch ein langes Stehen auf dem Halme glaſig oder hornig werde“, iſt unrichtig. Hierfür nur einen Beweis. Auf einem gleichmäßig beſtandenen Winterweizenfelde wurde je eine kleine Partie(eine Garbe) zu verſchiedenen Zeiten gemäht, um den Erdruſch genau auf die Mehligkeit und Glaſigkeit der Körner zu unterſuchen. Das Reſultat war folgendes: Auf je 1000 Stück Körner, welche geerntet waren mehlige glaſige am 20. Juli in der Gelbreife, kamen 401 599 23.„„ Vollreiſe,„ 476 524 „ 28.„„„ Toltreife,„ 414 586 2. Auguſt,„„ 4 431 569 Das Verhältnis der mehligen und glaſigen Körner iſt, wie man ſieht, in allen Ernteſtadien ſehr annähernd dasſelbe; es hat daher von der Gelbreife an weder die Mehligkeit noch die Glaſigkeit zugenommen. Dieſe Erſcheinungen haben überhaupt mit dem Reifen des Getreides nichts zu thun. Sie beruhen auf der Ernährung und Entwicklung des Protoplasmas und auf der Zahl, Größe, Form und Lagerung der Stärke⸗ körner in den Endoſpermzellen. An dieſen Verhältniſſen kann in der Totreife nichts mehr geändert werden. In dem totreifen Korne liegen die Stoffe ſtill. Sie kommen erſt dann in Bewegung und in Fluß, wenn das Korn bei anhaltender Näſſe auf dem Halme oder nach der Ausſaat im Boden zu keimen und zu wachſen beginnt.— Damit haben wir die Entwicklung des Getreides von Anfang bis zu Ende verfolgt. Indem das Ende zu dem Anfang zurückkehrt, ſchließt ſich der Kreis. Schwer herein Schwankt der Wagen Kornbeladen. Bunt von Farben Auf den Garben Liegt der Kranz, Und das junge Volk der Schnitter Fliegt zum Tanz. Heiſa, Juchheia, Dudeldumdei! Dritter Abſchnill. Der Anbau des Gekreides. Allgemeines. Das Klima. Das Klima beſtimmt die Verbreitung und die Auswahl der Kultur⸗ gewächſe. Wir können im deutſchen Reich keinen Reis und keine Durra bauen, weil die Sonne bei uns nicht ſo heiß glüht, wie in Indien und im Sudan. Der Mais gelangt in Norddeutſchland nicht mehr zur Reife, weil ihm die nötige Wärme fehlt; in Süddeutſchland, beſonders im badiſchen Rheinthal und im Elſaß, genügt ihm das Klima, aber er ge⸗ deiht auch dort nicht mit der Freudigkeit, wie in Italien und Spanien oder im tropiſchen und ſubtropiſchen Amerika. Hirſe und Fennich kommen ſchon eher bei uns fort, doch müſſen wir ihnen einen Stand⸗ ort zuweiſen, wo die Sonnenſtrahlen den Boden ſtark erhitzen. Am beſten paßt für unſer Klima der Roggen, und darin mag es zum Teil begründet ſein, daß der Germane und der Slave Schwarz— brot genießt, welches der Franzoſe und der Engländer nicht mag, eben⸗ ſowenig wie es der Italiener ſchmackhaft findet. Dieſe Völker ziehen als Brotfrucht den Weizen vor, deſſen Anbau bei uns möglich, aber doch nicht ſo ſicher iſt, wie derjenige des Roggens. Es iſt eine bekannte Sache, daß der Weizen leichter auswintert als der Roggen. Beſonders empfindlich zeigen ſich die Weizenſorten, die aus einem milden Klima z. B. aus England ſtammen, während diejenigen Sorten, die ſich an einen ſtrengeren Winter gewöhnt haben, wie er in Polen und Ruß⸗ land herrſcht, eine größere Widerſtandsfähigkeit beſitzen. Sehr gut eignen ſich für unſer Klima auch Hafer und Gerſte, die freilich nicht wie Roggen und Weizen als Winterung, ſondern nur — 161— als Sommerung angebaut werden können. In den Marſchen jedoch, wo die Nähe des Meeres die Winterkälte mäßigt, bildet auch die Gerſte eine einträgliche Winterfrucht; ebenſo in den ſüdlichen Ländern Europas. Die Gerſte geht auch von allen Getreidearten am weiteſten hinauf nach Norden und am höchſten hinauf in den Gebirgen, und dies iſt darauf zurückzuführen, daß gewiſſen Spielarten der Gerſte ſchon zwei Sommer⸗ monate als Vegetationszeit genügen. Der Hafer, deſſen Vegetationszeit länger iſt, bleibt hinter der Gerſte zurück. Auf der ſkandinaviſchen Halbinſel reicht die Gerſte bis zum 70.0 n. Br., der Roggen bis zum 65.°, ſtellenweiſe auch bis zum 67.“, und der Hafer bis zum 65.R0, während der Weizenbau im großen nur unterhalb dem 60.0 n. Br. an⸗ getroffen wird.*) Der Boden. Die Getreidearten ſind Trockenlandspflanzen. Einzig und allein der Reis liebt und verlangt einen zeitweiſe überſchwemmten Standort. Dieſe tropiſche Getreideart verhält ſich etwa ſo, wie das Mannagras (Glyceria fluitans), welches bei uns in Gräben und Bächen wild wächſt und namentlich häufig in der Weichſelniederung vorkommt, woſelbſt die Frauen der armen Leute die Körner einſammeln, um ſie als Manna⸗ grütze in den Handel zu bringen. Wie das Mannagras in ſtockendem und faulendem Waſſer aber durchaus nicht gedeiht, ſo kann auch der Reis eine immerwährende Üüberſtauung und eigentliche Verſumpfung des Landes nicht vertragen; vielmehr muß das Waſſer abwechſelnd auf- und abgelaſſen werden. Die Kunſt des Reispflanzers beſteht in der genauen Abmeſſung und Regulierung der Bewäſſerung. Das Waſſer darf den Boden nur in dünner Schicht bedecken, und es darf nicht lange an— dauernd darauf ſtehen; wenn der Reis zu blühen anfängt, muß das Land bis zur Reife gänzlich trocken gelegt werden. Eine ähnliche Behandlung geſtatten auch andere Getreidearten. In heißen Ländern mit ſehr trockenem Klima iſt der Weizenbau nur da⸗ durch möglich, daß die Saat eine Zeit lang unter Waſſer geſetzt wird. Auch in unſeren Gegenden hat man die Erfahrung gemacht, daß der Weizen nicht auswäſſert, wenn er bei Gelegenheit von natürlichen Über⸗ ſchwemmungen drei oder vier Wochen lang vom Waſſer bedeckt wird. Die Überſchwemmung ſchadet aber nur in dem Falle nicht, wenn das Waſſer langſam ab⸗ und zufließt, alſo in Bewegung iſt, wogegen ſtill— ſtehendes und faulendes Waſſer alle Getreideſaaten tötet. Die Pfützen, *) Meyen, Grundriß der Pflanzengeographie, 1836, S. 345. Getreidebau. 11 — 162— die nach Überſchwemmungen auf den Saatfeldern zurückbleiben, ſowie die Blänken, die von zuſammengelaufenem Schnee⸗ und Regenwaſſer ent⸗ ſtehen, ſind für die Pflanzen im höchſten Grade verderblich. An ſolchen Stellen finden wir einen undurchläſſigen Untergrund. Des⸗ halb muß überall da, wo es an der natürlichen Durchläſſigkeit des Bodens fehlt, die erſte Sorge des Landwirts darauf gerichtet ſein, je nach den Verhältniſſen, durch offene Gräben, Waſſerfurchen und Beet⸗ kultur, oder aber durch unterirdiſche Abzüge mittelſt Drainröhren Ab⸗ hilfe zu ſchaffen. Die regelrechte Trockenlegung des Landes iſt die Grundlage und die unerläßliche Bedingung für erfolgreiche Kultur. Alles Ackern und Düngen iſt vergebens, ſo lange das Waſſer in oder auf dem Boden feſtliegt. Keine Melioration rentiert ſich beſſer, als die Röhrendrainage, vorausgeſetzt, daß ſie nach den Regeln der Kunſt ge⸗ plant und unter ſtrenger Kontrole ausgeführt wird. Auf drainiertem Lande ſind die ſchmalen Beete überflüſſig; notwendig ſind ſie dagegen überall dort, wo aus Mangel an Gefäll und Vorflut oder aus ökonomiſchen Gründen nicht drainiert werden kann, und es iſt ein großer Fehler, auf ſchweren, undurchläſſigen Feldern die Beetkultur bei der Winterung zu beſeitigen. Alle unſere Getreidearten kommen darin miteinander überein, daß ſie einen durchläſſigen Untergrund verlangen, ſonſt aber ſind ihre An⸗ forderungen an die Beſchaffenheit des Bodens verſchieden. Dieſe An— forderungen muß der Landwirt genau kennen und in jedem Fall diejenige Getreideart wählen, welche am beſten für das Klima und den Boden paßt. Nehmen wir das Klima Deutſchlands zur Vorausſetzung, ſo läßt ſich im allgemeinen angeben, welche Getreidearten auf den verſchiedenen Bodenarten angebaut werden können. Der Hafer gedeiht auf ſchwerem und leichtem Lande, ſofern es dieſem an Feuchtigkeit nicht fehlt. Roggen, Hirſe und Fennich lieben einen ſandigen und trocknen, Weizen und Spelz dagegen einen thonigen und feuchten Boden. Die Gerſte paßt für den Mittelboden, der etwa zur Hälfte aus Thon, zur Hälfte aus Sand beſteht; bei hoher Kultur gedeiht ſie auch auf Thon⸗-, weniger ſicher auf Sandböden. Dem Mais, wenn er als Körnerfrucht angebaut werden ſoll, muß ein leichter, warmer und thätiger Boden zugewieſen werden. Ein mäßiger Gehalt an Kalk iſt für alle Getreidearten zuträglich. Für Weizen, Spelz und Gerſte darf dieſer Bodengemengteil in ſtärkerem Maße vertreten ſein, als für Roggen und Hafer. Ebenſo iſt ein mäßiger Gehalt an fruchtbarem, mildem Humus für alle Getreidearten günſtig. Dagegen bildet der lockere, ſchwammige Torf⸗ und Moorboden keinen geeigneten Standort. Die Getreidegräſer — 163— liefern hier ſchlaffes Stroh und ſchmächtige Körner. Doch können dieſe Bodenarten durch angemeſſene Behandlung(Dammkultur, Venkultur) für den Anbau von Hafer, Roggen, Gerſte und Hirſe geſchickt ge— macht werden, während der Weizen auch nach der Melioration hier unſicher bleibt. Jedes Getreide, ſowie jedes Gewächſe, ſagt Schwerz in ſeiner originellen Weiſe, hat einen Boden, eine Lage, worin es ſich gefällt, ſowie eine andere Stellung, in der es nicht fort will. Etwas hinzwingen wollen, wo es ſeiner Beſtimmung nach nicht hingehört, bleibt entweder eitles Bemühen oder gewährt wenig Nutzen. Die Natur in ihrem Gange meiſtern wollen, zeigt Unſinn, ihr folgen und nachhelfen, Klugheit. Die Beackerung. Die beſte Zubereitung des Landes für die Winterungsſaaten iſt die Brache. Dies wird ziemlich allgemein anerkannt. Dagegen gehen die Anſichten darin auseinander, ob der Nutzen der Brachbearbeitung ſo ſchwer ins Gewicht falle, daß es rätlich, den Ertrag eines Jahres zu opfern, oder ob es nicht vielmehr vorzuziehen ſei, durch Einhaltung einer rationellen Fruchtfolge, namentlich durch Einfügung der Futter⸗ gewächſe und Hackfrüchte, die Brache zu vermeiden, beziehungsweiſe zu erſetzen. Die allgemeinen Geſichtspunkte, die bei der Entſcheidung dieſer in den Betrieb der Landwirtſchaft tief eingreifenden Frage in betracht kommen, ſind von Koppe in ebenſo umſichtiger wie praktiſcher Weiſe dargelegt worden. Wir geben ſeine Worte(mit einigen Abkürzungen und Zuſätzen) wieder, weil wir nichts beſſeres an die Stelle zu ſetzen wiſſen. Die reine Brachbearbeitung vor den Winterhalmfrüchten, und vorzugsweiſe vor dem Weizen, wird unerläßliche Bedingung des ſicheren Ertrages, je nördlicher die Lage des Landes iſt. Darauf nehmen die Schriftſteller des ſüdlichen und weſtlichen Deutſchlands nicht genug Rückſicht, wenn ſie die Meinungen derjenigen Landwirte beurteilen, die bei allgemeinen Angaben auch die Verhältniſſe der Länder zwiſchen der Weichſel und Oder beachten. Die Vegetation beginnt hier ſpäter, mithin räumen die Vorfrüchte auch ſpäter das Land. Die Saatzeit der Winter⸗ früchte tritt aber früher ein, wozu nun noch der Drang der Arbeiten kommt, indem die Ernte mit der Vorbereitung des Landes zu der neuen Winterkornſaat zugleich beeilt werden muß. Außerdem iſt zu berückſichtigen, daß das ſüdweſtliche Deutſchland wegen der durch dasſelbe hinſtreichenden Gebirgszüge in der Regel nicht 11* — 164— ſo trockenes Sommerwetter hat, wie es in dem nordöſtlichen von der Weſer bis zur Weichſel in ſehr vielen Jahrgängen herrſchend iſt. Dort müſſen Gewitter und die damit verbundenen Erſcheinungen und atmoſphäriſchen Niederſchläge notwendig häufiger ſein, wie auch zur Genüge allen Verſicherungsgeſellſchaften gegen Hagelſchaden bekannt iſt. Wir laſſen dahingeſtellt, in welchem Teile der Getreidebau mit größerem Erfolg betrieben werde; aber ſo viel iſt ſicher, daß eine Gegend, welche einen längeren Sommer mit mehr abwechſelnder Witterung hat, ſich mehr dazu eigne, die Winterhalmfrüchte nach Vorfrüchten anzubauen, als eine andere, wo die entgegengeſetzten Verhältniſſe die Regel ſind. Die Vorfrüchte vor den Winterhalmfrüchten ſind weniger wegen ihrer Erſchöpfung der Ackerkraft, ſondern mehr deshalb nachteilig, weil ſie die Krume des ſandigen Bodens ſtaubig und loſe und des thonigen bröcklich und klößig machen, in welchem Zuſtande der eingeſäete Samen weder Haltung noch Feuchtigkeit findet, um vor dem Froſte gehörig an⸗ zuwurzeln und ſtarke Stöcke zu bilden. Wenn aber nach dem gewöhnlichen Witterungsverlaufe zu erwarten iſt, daß das Stoppelland Feuchtigkeit genug erhalten werde, um zur Fäulnis zu gelangen und in eine mürbe Krume verſetzt zu werden, ſo kommt der Nachteil einer Vorfrucht ſelbſt vor Weizen nur inſofern in betracht, als der Acker dadurch an Kraft verloren hat, wogegen eine anhaltend dürre Beſchaffenheit der Krume im Herbſte der Grund zu einer ganz mißratenen Ernte werden kann. Bei einer guten Sommerbrache, ſagt unſer Gewährsmann, der auf eine fünfzigjährige Erfahrung zurückblicken konnte, iſt mir noch kein Fall bekannt, wo thoniger, zum Weizenbau geeigneter Boden im September nicht die nötige Vorbereitung zur Weizenſaat erhalten hätte. Die Meinung der beſten Landwirte, ſelbſt der engliſchen, iſt auch darüber einverſtanden, daß keine Vorbereitung zum Weizenbau einen ſichereren Erfolg verheiße, als eine Brachbearbeitung. Auf ſtrengem Thonboden, der weder durch Humus noch durch Sand oder Kalk gelockert iſt, ſowie auf magerem Thon— und Lehmboden mit undurchlaſſendem Untergrunde werden die meiſten Landwirte ihre Rechnung mehr bei der reinen Brachbearbeitung finden, als wenn ſie den Weizen nach Raps oder behackten Bohnen ec. folgen laſſen. Auf reichem humoſem Thon- und Thonmergelboden, ſowie auf reichem, tiefgründigem Lehm⸗ und Lehmmergelboden kann ſchon eher ein einträglicher Weizenbau nach Vorfrüchten ſtattfinden. Die reine Brachbearbeitung, die das Land mürbe macht und doch ſtets feucht erhält, iſt auch die beſte Vorbereitung zur Roggeneinſaat. Findet die Brachbearbeitung nach mehreren Weidejahren ſtatt, ſo iſt auf den Bodenarten, in denen der Sand den Hauptbeſtandteil ausmacht, eine reiche Roggenernte mit der größten Sicherheit zu erwarten, vorausgeſetzt, daß der Umbruch des Weidedreeſches(Brachfahre) ſchon im Juni beginnt, ſo daß die beiden folgenden Pflugfurchen(Wendefahre und Saatfahre) nicht übereilt zu werden brauchen. Da indeſſen faſt jede Frucht zu teuer wird, wenn ſie die Landpacht für zwei Jahre erſtatten muß, ſo nötigt die höhere Rückſicht, welche der Landwirt dem Reinertrage der ganzen Wirrtſchaft ſchuldig iſt, dem Roggenbau ſeine Stelle auch nach Vorfrüchten anzuweiſen. Je geringer die Ertragsfähigkeit des Bodens von Natur iſt und je mehr es an Dünger zur Bereicherung des Ackers fehlt, um ſo ſeltener darf Roggen nach Vorfrüchten folgen. Hier iſt es offenbar ratſamer, eine unſichere Frucht wegzulaſſen und einer edleren Frucht diejenige Beſtellung zu widmen, welche ſie zu ihrem Gedeihen bedarf. Wenn dagegen ein von Natur fruchtbarer Boden und das Vor⸗ handenſein vieler Düngungsmittel zuſammentreffen, ſo würde es Ver⸗ ſchwendung ſein, zu Roggen eine reine Sommerbrache zu geben. Die Brachbearbeitung iſt hier um ſo weniger am Platz, als nach ihr in der Regel Lagerfrucht entſtehen würde.“) Was nun die Vorfrüchte der Winterung betrifft, ſo beſteht bei den Hackfrüchten(Knollen⸗- und Wurzelgewächſen) der Üübelſtand, daß ſie das Feld zu ſpät räumen, ſo daß der Boden nach dem Pflügen keine Zeit hat, ſich zu ſetzen. Nur nach Frühkartoffeln kann Winter⸗ roggen oder Weizen folgen, die in dieſer Stellung zwar nicht viel Stroh, aber vorzügliche Körner liefern. Im allgemeinen hat die Folge Hackfrucht Winterung keine große praktiſche Bedeutung. Dieſer Platz gehört der Sommerung. Wo daher keine Brache gehalten wird, da bleibt nichts übrig, als die Winterung nach Handelsgewächſen(Raps, Tabak, Lein, Hanf), nach Hülſenfrüchten(Bohnen, Erbſen) oder nach Futtergewächſen(Klee, Klee⸗ gras, Lupinen, Spörgel, Wickhafer ꝛc.) folgen zu laſſen, indem der Fruchtwechſelwirt aus guten Gründen es möglichſt vermeidet, zwei Jahre hintereinander Halmfrucht auf demſelben Felde anzubauen. Die Behandlung der Brachbearbeitung müſſen wir hier als bekannt vorausſetzen. Die Hauptſache iſt dabei die Wahrnehmung des richtigen Zeitpunkts für jede Operation. Die mechaniſche Zerkleinerung des Bodens thut es nicht allein, ſonſt könnte man heute die erſte, morgen die zweite, übermorgen die dritte Furche geben. Man muß dem Acker Ruhe laſſen, damit er in ſich ſelbſt ſchaffen und arbeiten, unter dem Einfluſſe von Wärme, Feuchtigkeit und Sauerſtoff ſich zerſetzen und ver⸗ *) Koppe, Unterricht im Ackerbau ꝛc. 1861, II. S. 178 ff — 166— wittern, und durch die Mitwirkung kleiner Pflanzen und Thiere morſch und mürbe werden kann. Beſondere Aufmerkſamkeit iſt der Reinigung des Bodens von Wurzel⸗ und Samenunkräutern zuzuwenden. Bei der Herbſtbeſtellung nach den oben aufgezählten Vorfrüchten iſt in allen Fällen wichtig, daß der Umbruch ſofort nach Aberntung der Vorfrucht geſchieht, um die noch vorhandene Feuchtigkeit, die auf dem Stoppellande ſehr leicht verloren geht, zu erhalten und neue Feuchtigkeit aus der Atmoſphäre und aus dem Untergrunde anzuziehen. Im übrigen kann die Beſtellung mit einer, mit zwei oder mit drei Furchen vollführt werden. Drei Furchen zu geben, deren Wirkung der Sommer⸗ brache gleichkommt, wird nur nach Raps möglich ſein. Werden zwei Furchen in Ausſicht genommen, ſo erfolgt die erſte flach mit dem Schäl⸗ pflug oder Dreiſchar(auf leichteren Böden allenfalls auch mit dem Krümmer oder Erxſtirpator), die zweite zu voller Tiefe jedenfalls ſo früh, daß das Land mindeſtens noch drei Wochen Zeit hat, ſich zu ſetzen. Statt dieſer zwei getrennten Furchen kann ſich unter Umſtänden das Doppelpflügen oder das Rajolpflügen(mit einem Pflug mit Schäl⸗ ſech) empfehlen. Eine Vertiefung der Ackerkrume vor Getreide iſt jedoch nicht am Platze, weil die Wurzeln dieſer Pflanzen den aus dem Unter— grunde heraufgeholten rohen Boden nicht vertragen können. Von der Sommerung macht der Hafer nur geringe, die Gerſte dagegen ſehr hohe Anſprüche an die Zubereitung des Landes. Worauf dies beruht, iſt wiſſenſchaftlich noch nicht klar gelegt. Bis jetzt läßt ſich nur ſo viel ſagen, daß die Aneignungsfähigkeit der Wurzel, in Überein⸗ ſtimmung mit der Länge der Wurzelhaare, bei dem Hafer größer iſt, als bei der Gerſte. Der Hafer gedeiht auf der umgebrochenen Raſen⸗ narbe der Wieſe oder Weide, wie auf dem wilden Rodelande des Waldes, wo außer ihm nur noch Hirſe und Roggen fortkommen, ſofern der Boden Sand genug beigemiſcht enthält. In der Fruchtfolge bekommt der Hafer oft den letzten Platz als abtragende Frucht, und wenn irgendwo ein Stück Land übrig bleibt, dem man eine andere Kulturpflanze nicht an⸗ zuvertrauen wagt, ſo nimmt man zu dem Hafer ſeine Zuflucht. Er ver⸗ ſagt faſt nie, wenn er die nöthige Feuchtigkeit findet. Aber auch der Hafer iſt dankbar für eine beſſere Behandlung und auf wohl zubereiteten Feldern liefert er, ſelbſt in Geld berechnet, oft eben ſo hohe, nicht ſelten höhere Erträge, als jede andere Getreideart. Im allgemeinen wird der Hafer nicht in dem Maße gewürdigt, wie er es verdient. Die Gerſte ſchlägt bei einer derartigen Mißhandlung, wie ſie ſich der Hafer vielfach gefallen laſſen muß, gänzlich fehl. Sie verlangt ein garten⸗ mäßig zubereitetes Saatbeet, nur in einem ſolchen gedeiht dieſes Kind der höheren Ackerkultur. Keine unſicherere Frucht als Gerſte, ſagt Koppe, wo der Landwirt noch mit Säure, Magerkeit und einem kloßigen rohen Zuſtande ſeiner Ackerkrume zu kämpfen, oder wo die Urbarmachung erſt ſtattgefunden hat. Hier muß niemand Gerſte bauen, wenn auch die Miſchungsverhältniſſe des Bodens der Gerſte günſtig ſcheinen. Roggen und Hafer vertragen ſich mit einer gewiſſen Rohheit des Bodens, aber Gerſte nie. Ein wichtiger allgemeiner Geſichtspunkt bei der Zubereitung des Landes zu Sommerung iſt die Erhaltung der Winterfeuchtigkeit. Dies iſt dadurch zu erreichen, daß 1. das Pflügen vor Winter ausgeführt, im Frühjahr dagegen auf allen trocknen d. h. zum Austrocknen geneigten Böden vermieden, und daß 2. die Kruſte des eben abgetrockneten Landes möglichſt früh(in den ſchönen Tagen des Februar oder März) mit der Egge gebrochen wird. Die Kruſte befördert das Austrocknen ungemein, während eine dünne lockere Schicht auf der Oberfläche den unter ihr befindlichen Boden vor dem Austrocknen ſchützt. Von demſelben Prinzip kann man auch im Sommer bei der Be⸗ arbeitung der Brache und ſonſt bei der Beſtellung mit Vorteil Gebrauch machen. Ich habe z. B. einmal verſuchsweiſe etwa die Hälfte des Brach⸗ ſchlages(es war zweijähriger Weidedreeſch auf lehmigem, feinkörnigem Sandboden) früh im Juni bei trockenem Wetter mit dem Krümmer ganz flach aufreißen laſſen, während die andere Hälfte ungerührt liegen blieb. Der Unterſchied bei dem Brachpflügen war in die Augen ſpringend. Das gekrümmtere Stück zeigte ſich durch und durch feucht, das Pflügen ging leicht und die Erde krümelte: das andere Stück, dicht daneben, war ſo hart und trocken, daß es nur mit großer Anſtrengung gepflügt werden konnte und von Krümelung war keine Rede. Nach lange anhaltender Dürre wird der betreffende Boden, trotz ſeines hohen Sandgehaltes, feſt wie eine Dreſchtenne. Die wiſſenſchaftliche Erklärung hierfür iſt längſt gefunden. Sie lautet: Ein gleichmäßig dichter Boden verliert die Feuchtigkeit, weil das Waſſer fortwährend durch Kapillarität von unten nach oben aufſteigt, um an der Oberfläche zu verdunſten. Ein Boden dagegen, der mit einer gelockerten Erdſchicht bedeckt iſt, hält ſich feucht, weil die Kapillarität in dieſer lockeren Schicht nicht wirken kann.— Dieſe Erklärung ſcheint der Erfahrung, die man bei Anwendung der Walze macht, zu widerſprechen; trotzdem iſt ſie richtig. Die Walze zieht die Feuchtigkeit nach oben; ſo lange die tieferen Schichten noch Waſſer hergeben können, hält ſich die obere Schicht feucht auf Koſten jener. Im ganzen aber verliert ein gewalzter Boden mehr Waſſer als ein ungewalzter. Einen eigentlichen Schutz gegen das tiefe und ſtarke Austrocknen des Bodens gewährt nur die wiederholte Lockerung der Oberfläche. — 168— Eine paſſende Illuſtration hierzu liefert folgender Verſuch, der von einem guten Beobachter herrührt. Derſelbe fand, daß die Maulwurfs⸗ haufen, trotz ihrer Lockerheit, ſich auffallend lange feucht erhielten. Er ließ, um ſich näher hiervon zu überzeugen, aus der Erde eines friſch aufgeworfenen Maulwurfshaufens in der benachbarten Ziegelei einen Backſtein ſtreichen und legte dieſen neben einen zweiten Maulwurfshaufen, der unberührt blieb. Es ergab ſich, daß der Backſtein längſt durch und durch ausgetrocknet war, als der Maulwurfshaufen unmittelbar unter der Oberfläche immer noch Feuchtigkeit enthielt. Die Düngung. Was iſt die Hauptſache beim Ackerbau? Gut pflügen. Was zweitens? Pflügen. Was drittens? Düngen.(Cato.) Die Urſache der geringen Ernten liegt nicht in dem Alter oder der Müdigkeit der Erde, ſondern in unſerer Unthätigkeit. Für jeden Boden, der durch den Anbau der angreifenden Gewächſe erſchöpft worden, gibt es eine zuverläſſige Medizin: das iſt der Dünger, der wie eine Art Futter die verbrauchten Kräfte des Bodens wiederherſtellt. Es ſteht in unſerer Hand, reichere Ernten zu machen, wenn wir durch oft wieder⸗ holte, rechtzeitige und mäßige Düngung die Erde immer von neuem mit Nahrung verſorgen.(Columella.) Dieſe Lehrſätze ſind vor mehr als 1800 Jahren aufgeſtellt warden und ſie haben noch heute ihre Gültigkeit. Schon zu jener Zeit hatte man erkannt, daß einige Gewächſe dem Boden nützen, während andere ihn verderben und erſchöpfen. Zu erſteren rechnete man namentlich die Lupine, deren Kraut die Kraft des beſten Düngers beſitzt, und die Futterwicke, wenn ihr, grün abgeſchnitten, ſofort der Pflug folgt, um alles, was die Sichel zurückgelaſſen, bevor es ver⸗ trocknet, loszureißen und mit Erde zu überſchütten: dies wirkt wie ein Dünger. Zu den ſchädlichen oder angreifenden Gewächſen zählte man unter anderen Lein, Mohn, Hafer, Hirſe und Fennich. Dabei iſt vor⸗ ausgeſetzt, daß die genannten Pflanzen die Vorfrüchte bilden für die folgenden Hauptſaaten: Weizen, Spelz und Gerſte. In der Düngerlehre der römiſchen Schriftſteller finden wir folgende Einteilung und Rangordnung der Düngerarten. Es gibt vornehmlich drei Arten von Miſt: Vogelmiſt, Menſchenmiſt und Viehmiſt. Der erſte Platz gebührt dem Taubenmiſt, der, mäßig ausgeſtreut, die Erde in Gährung verſetzt oder fermentiert. An zweiter Stelle ſteht der Menſchen⸗ miſt, wenn ihm der Kehricht des Hauſes beigemengt wird, denn für ſich — 169— iſt er zu hitzig. Die dritte Stelle nimmt der Viehmiſt ein. Aber auch bei dieſem beſteht ein Unterſchied. Für den beſten gilt der Eſelmiſt. Nach dieſem folgt der Schaf- und Ziegenmiſt, bald darauf der Maul⸗ tier⸗ und Rindviehmiſt. Am ſchlechteſten von allen iſt der Schweinemiſt. Aus dieſer Rangordnung folgt, daß die Römer den Wert des Düngers in erſter Linie nach dem Stickſtoffgehalt beurteilten, wenn ſie den Stickſtoff als ſolchen auch nicht kannten. Da Columella aber aus— drücklich auch die Verwendung der Holz⸗ und Knochenaſche als ſehr nütz— lich empfiehlt, ſo läßt ſich die Erfahrung der alten Zeit, unter dem Lichte der neueren Naturforſchung, in folgenden Satz zuſammenfaſſen: Die Wirkung und der Wert des Düngers beruht vorzugsweiſe auf ſeinem Gehalt an Stickſtoff, Phosphorſäure und Kali. Die Agrikulturchemie hat uns dieſe Stoffe kennen gelehrt, und Wiſſenſchaft und Praxis haben ſich die Hände gereicht, um das Wie? und Wieviel? der Düngung zu ergründen. Als die Normalgrenzen, innerhalb deren die Gaben von Stickſtoff, Phosphorſäure und Kali für die Halmfrüchte zu wählen ſind, bezeichnet Paul Wagner) die folgenden: Geringſte Mittlere Höchſte Gabe: Düngung: Gabe: kg pr. ha kg pr. ha- kg pr. ha- löslicher Stickſtoff.. 10 25 40 lösliche Phosphorſäure. 30 50 80 Kali... 30 50 100 Der Landwirt hat ſich nun zu überlegen, ob er unter ſeinen ſpeziellen Kulturverhältniſſen die„mittlere“ Düngung wählen, oder ob er bezüg— lich des einen oder des anderen Nährſtoffs nach der unteren oder nach der oberen Grenze hin von jener abweichen ſoll. Als Anhaltspunkte hierfür gibt Wagner die folgenden kurzen Notizen, indem er des weiteren auf ſeine Beſprechung der verſchiedenen Düngungsfragen verweiſt. Es ſind zu berückſichtigen: a) Die Bodenverhältniſſe. Trockener, leichter Boden verlangt geringere Phosphorſäure⸗, ſtärkere Stickſtoff- und Kalidüngung, während dagegen ein feuchter und ſchwerer Boden die Phosphorſäuredüngung in den Vordergrund treten läßt. Kalk⸗ reicher Boden verträgt und bedarf mehr Phosphorſäuredüngung als ein kalkarmer, und ein humusreicher mehr als ein humusarmer. Je mehr Humus der Boden enthält, um ſo weniger tritt die Stickſtoffdüngung in *) Paul Wagner, Einige praktiſch wichtige Duͤngungsfragen, 1885, S. 75. — 7170— den Vordergrund; Moorboden wird man meiſt gar nicht mit Stickſtoff, dagegen reichlich mit Phosphorſäure und Kali zu düngen haben. Es kommt ſodann in betracht:. b) Der Düngungszuſtand des Bodens und die Vorfrucht. Je mehr der Boden durch voraufgegangene Stallmiſtdüngung noch reich an Stickſtoff oder überhaupt in dungkräftigem Zuſtande, vielleicht ſogar geneigt zur Bildung von Lagerfrucht iſt, um ſo mehr hat man ſich von der Stickſtoffdüngung zu entfernen und einer mittleren oder ſtärkeren Phosphorſäuredüngung ſich zuzuwenden. Das Gleiche iſt der Fall, wenn der Acker„ſtickſtofffammelnde“ Pflanzen, wie Klee, Luzerne, Wicken, Erbſen, Lupinen, Raps u. ſ. w. als Vorfrucht getragen, oder eine Grün⸗ düngung mit ſolchen Pflanzen erhalten hat; man wird, je nachdem der Boden von Natur ſchon kräftiger oder weniger kräftig iſt, den Schwer⸗ punkt der Düngung alsdann auf die Phosphorſäure legen. Hat dagegen die Vorfrucht in Kartoffeln, Rüben oder Halmgewächſen beſtanden, in Pflanzen alſo, welche als„ſtickſtoffzehrende“ bezeichnet werden, welche aber infolge von vielleicht reichlicher Superphosphatdüngung einen beachtenswerten Üüberſchuß an Phosphorſäure im Boden zurückgelaſſen haben, ſo gebe man umgekehrt eine ſchwächere Phosphorſäure⸗ und eine kräftigere Stickſtoffdüngung mit eventueller Beigabe von Kali. Endlich iſt noch zu berückſichtigen: c) Die Nachfrucht. Folgt auf das Halmgewächs eine Hackfrucht, ſo iſt erſteres reichlich mit Kali zu düngen, weil die Hackfrüchte eine für die Vorfrucht gegebene Kalidüngung mehr lieben, als eine direkte Düngung. Gleicherweiſe hat man auf eine reichliche Kalidüngung Gewicht zu legen, wenn die Halm⸗ frucht mit Kleeeinſaat gebaut wird, denn der Klee und alle kleeartigen Gewächſe beanſpruchen einen an leichtlöslichem Kali und an Phosphor⸗ ſäure reichen Boden. Zur näheren Erläuterung geben wir einige Beiſpiele. Erſtes Beiſpiel. Frage. Ein Torfbruch, beſtehend aus Riethumusboden, iſt durch offene Gräben entwäſſert und im Laufe des Winters mit Mergel über⸗ fahren worden. Es ſoll Hafer geſäet werden. Welche Düngung iſt am Platze? Antwort. 350 kg Lahnphosphorit⸗Superphosphat Nr. 1 und pro ha. 100 kg Schwefelſaures Kali Nr. 1 Begründung. Da der Riethumusboden von Natur Stickſtoff genug enthält und erfahrungsgemäß die Stickſtoffdüngung nicht lohnt, —— ſo kommen nur Phosphorſäure und Kali in betracht. Es ſcheint uns angemeſſen, pro ha 50 kg lösliche Phosphorſäure und 50 kg Kali zu geben. Die mittlere Zuſammenſetzung der wichtigeren, im Handel vor⸗ kommenden Düngemittel finden wir alljährlich im landwirtſchaftlichen Kalender von Mentzel und v. Lengerke überſichtlich zuſammengeſtellt. Dort ſteht unter Rubrik„IV Superphosphate“ an letzter Stelle Lahnphosphorit, reich, mit 19,4% Phosphorſäure. Davon ſind nur 15% als löslich anzunehmen, denn der Gehalt an waſſerfreier Schwefel⸗ ſäure beträgt 22,5, dividiert durch 1,5, gibt 15.(Hierzu ſiehe die be— treffende Bemerkung zu IV im landwirtſchaftlichen Kalender). Bei dieſer Gehaltsgarantie brauchen wir pro ha rund 350 kg Lahnphosphorit— Superphosphat mit 52,5 kg löslicher Phosphorſäure, um den Bedarf an löslicher Phosphorſäure von 50 kg zu decken. Für das Kali finden wir die Tabelle über die„Miſchung der Staßfurter Düngſalze“ unter Rubrik VII des landwirtſchaftlichen Kalen⸗ ders. Wir wählen: Schwefelſaures Kali I mit 50— 52% garan⸗ tiertem Kaligehalt. Davon ſind 100 kg pro ha erforderlich, um den Bedarf von 50 kg zu decken. Praktiſche Ausführung. Die genannten beiden Düngemittel werden mit der doppelten Menge trockener Erde oder Torfmüll gemiſcht und vor dem Pflügen ausgeſtreut. Nach dem Pflügen wird geeggt. Damit iſt das Land zur Haferſaat vorbereitet.*) Zweites Beiſpiel. Frage. Zweijähriger Weidedreeſch auf lehmigem Sandboden ſoll durch Sommerbrache zur Roggenſaat vorbereitet werden. Zur Düngung ſtehen 6 Fuder à 15 bis 20 Zentner pro Morgen oder rund 20 000 kg Stallmiſt pro ha zur Verfügung. Es entſteht die Frage: Iſt ein Zuſchuß von Phosphorſäure angezeigt und in welcher Form und Höhe iſt derſelbe zu geben? *) Ohne Entwaͤſſerung des Torfbruchs wäre an eine Verwendung von künſtlichen Düngemitteln nicht zu denken. Aber auch ohne Zufuhr von Mergel wäre die Wirkung derſelben unſicher. Mergel iſt ein inniges Gemenge von Kalk und Thon. Der Thon abſorbiert das Kali, welches der Torf nicht zu abſorbieren vermag. Der Kalk benimmt dem Torf die Saͤure, und er befähigt ihn, die Phosphorſäure zu abſorbieren; außerdem zerſetzt der Kalk die Humusſubſtanz und führt den in ihr eingeſchloſſenen Stickſtoff uͤber in den löslichen Zuſtand. Auch Sand kann zur Melioration des Torfbodens dienen; aber dann beſteht die Gefahr, daß die löslichen Dungſtoffe durch Auswaſchen in den Untergrund verloren gehen. In dieſem Fall wird die Phosphorſäure ſicherer in Form von gedämpftem Knochenmehl oder auch in Form von Thomasſchlackenmehl gegeben, während das Kali im Frühjahr in Form von ſchwefelſaurem Kali oder im Herbſt in Form von„Adler⸗Kanit“ zugeführt wird. — 172— Antwort: Wir entſcheiden uns für einen Zuſchuß von 200 kg Knochenmehl⸗Superphosphat. Begründung. In 20 000 kg Stallmiſt in mäßig verrottetem Zuſtande ſind nach den, im landwirtſchaftlichen Kalender mitgeteilten, Durchſchnittsanalyſen enthalten: Stickſtoff 100 kg Phosphorſäure 52„ Kali 126„. Vergleichen wir dieſe Zahlen mit den weiter oben angegebenen Normalgrenzen, ſo erſehen wir, daß der Stallmiſt im Verhältnis zu den beiden anderen Pflanzennährſtoffen entſchieden zu wenig Phosphorſäure enthält. Um der Gefahr des Lagerns vorzubeugen und die normale Entwicklung der Körner zu ſichern, erſcheint ein Zuſchuß von Phosphor⸗ ſäure geboten. Wie groß muß derſelbe ſein? Nach den Angaben von Wagner ſoll das Verhältnis zwiſchen dem löslichen Stickſtoff und der löslichen Phosphorſäure 1:3 oder 1:2 betragen. In dem Stallmiſt iſt das Verhältnis zwiſchen Stickſtoff und Phosphorſäure umgekehrt 2:1, aber wir wiſſen nicht, wieviel wir für die in Ausſicht genommene Roggenſaat als löslich und wirkſam in Anrechnung bringen dürfen, und wieviel für die folgenden Saaten im Boden verbleibt. Die Rechnung iſt hier unſicherer, als wenn wir es ausſchließlich mit künſtlichem Dünger zu thun haben, deſſen Gehalt an löslichen Stoffen uns bekannt iſt. Nehmen wir an, daß von den im Stallmiſt enthaltenen 52 kg Phosphorſäure die Hälfte im erſten Jahre löslich wird, ſo würden wir mit einem Zuſchuß von 24 kg löslicher Phosphorſäure den Vorrat an nutzbarer Phosphorſäure auf 50 kg bringen. Das erſcheint uns, im Hinblick auf die leichte Beſchaffenheit des lehmigen Sandbodens als ausreichend. Es wird uns nun ein Knochenmehl-Superphosphat mit einem garantierten Gehalt von 2% Stickſtoff und 12% löslicher Phosphor⸗ ſäure zu einem annehmbaren Preiſe offeriert. Davon brauchen wir, um die fehlenden 24 kg Phosphorſäure zu decken, 200 kg. Die 2% Stick⸗ ſtoff nehmen wir mit in den Kauf, da die Wirkung des Knochenmehls durch den Gehalt an Stickſtoff geſichert wird. Praktiſche Ausführung. Der Stallmiſt wird jedenfalls mit der erſten Furche(Brachfahre) untergepflügt. Das Knochenmehl⸗Superphosphat kann gleichfalls mit der erſten, oder auch erſt mit der dritten Furche (Saatfahre) untergepflügt werden. Das Unterpflügen iſt durchaus geboten, damit die abſorbierbare Phosphorſäure gleichmäßig in der Acker⸗ krume verteilt wird. ——— Drittes Beiſpiel. Frage. Wir haben auf bündigem Lehmboden einen Schlag ge⸗ drillten Winterweizen, der im Frühjahr einen zu dünnen Beſtand zeigt. Wie iſt der Saat zu helfen? Antwort. Durch überſtreuen von 150 bis 200 kg Chiliſalpeter pro ha und nachfolgendes Uebereggen oder Behacken der Saat, im März, alsbald, nachdem das Land abgetrocknet. Viertes Beiſpiel. Frage. Auf mildem Lehmboden folgt Gerſte mit Klee nach Kartoffeln, die mit 25,000 kg Stallmiſt gedüngt worden waren. Was für eine Düngung ſollen wir wählen? Antwort. 150 kg Chiliſalpeter(mit 23 Stickſtoff), 300 kg Phosphorit⸗Superphosphat(mit 45 kg garantiert löslicher Phosphor⸗ ſäure), 100 kg fünffach konzentrierten Kali⸗ dünger(mit 50— 53 kg garan⸗ tiertem Kali). 98 pro ha. Praktiſche Ausführung. Der Kalidünger und das Super⸗ phosphat wird im Herbſt ausgeſtreut und untergepflügt. Das Aus⸗ ſtreuen des Chiliſalpeters erfolgt im Frühjahr unmittelbar vor der Saat der Gerſte.— Die vorſtehenden Andeutungen und Winke können die Düngerlehre nicht erſchöpfen und nicht erſetzen. Wir verweiſen auf die betreffende Litteratur, namentlich auf die bereits angeführte Schrift von P. Wagner und auf die„Praktiſche Düngerlehre“ von E. Wolff. Beachtenswert ſind auch die Berichte über Düngungsverſuche von M. Märcker in der Zeitſchrift des landwirtſchaftlichen Zentralvereins der Provinz Sachſen aus den Jahren 1883, 1884 und 1885, auf welche wir weiter unten(bei der Gerſte) zurückzukommen gedenken. Die Saat. Die Auswahl des Saatguts. Eigene Samengewinnung.— Im allgemeinen iſt es üblich und ratſam, daß jeder Landwirt das erforderliche Saatkorn ſich ſelbſt erzieht. Dabei ſind folgende Grundſätze zur Richtſchnur zu nehmen. — 174— 1. Auswahl des geeigneten Bodens. Lage frei und ſonnig. Unter⸗ grund weder naß, noch brennend. Obergrund weder zu leicht, noch zu ſchwer. Paſſende Bodenarten zur Gewinnung einer vorzüglichen Saat⸗ waare: Lehm und Lehmmergel bei Weizen, Gerſte und Hafer; bei Roggen außerdem auch lehmiger Sand. 2. Saubere Beackerung. Schwarze Brache. Gründliche Reinigung des Bodens von Unkraut. 3. Angemeſſene Düngung. Alte Kraft beſſer, als friſche Stallmiſt⸗ düngung. Beidüngung mit künſtlichem Dünger. Phosphorſäure und Kali reichlich, Stickſtoff mäßig. 4. Sorgfältige Auswahl des Samens.„Für die Ausſaat iſt das Beſte nicht zu gut“. Paſſende Varietät. Saatkorn groß und ſchwer, keimfähig, frei von Unkrautſamen, Pilzſporen und Anguillulen. 5. Mäßiges Ausſaatquantum. 6. Drillſaat mit genügender, aber nicht übertriebener Reihenent⸗ fernung. 7. Saatzeit dem Klima angemeſſen. Nicht zu früh, nicht zu ſpät. 8. Behacken und Jäten der Saat, bei Winterung im Herbſt und im Frühjahr. 9. Ernte mit Aufmerkſamkeit. Schnitt im richtigen Stadium der Reife; nicht vor der Gelbreife, nicht nach der Vollreife. Trocken ein⸗ fahren nach dem völligen Erhärten der Körner. 10. Ausdreſchen vor Beginn oder nach Beendigung des Schwitzens, nicht während desſelben. 11. Wiederholtes Reinigen des Kornes durch Werfen, Sieben, Sortieren ꝛc. 12. Dünnes Aufſchütten und häufiges Umſchaufeln. In der konſequenten Befolgung und Durchführung dieſer Grundſätze liegt die Kunſt, gutes Saatkorn zu gewinnen und die wertvollen Eigen⸗ ſchaften desſelben von Jahr zu Jahr zu verbeſſern oder auf der Höhe zu erhalten. Beſondere Maßregeln zu dieſem Zweck ſind die künſtliche Zuchtwahl und die künſtliche Kreuzung. Künſtliche Zuchtwahl.— Eine einfache Art künſtlicher Zuchtwahl treibt jeder Landwirt, welcher der Gewinnung des Saatkorns einige Aufmerkſamkeit und Sorgfalt zuwendet. Zuchtwahl iſt es, wenn man von zwei Schlägen Weizen denjenigen zur Saat beſtimmt, auf welchem die ÄAhren länger, voller und gleichmäßiger ſind, als auf dem andern. Zuchtwahl iſt es, wenn man durch Werfen oder Sieben die großen Körner von den kleinen, die ſchweren von den leichten ſondert, in der Abſicht, nur die beſſeren als Saatgut zu benutzen. — 175— Dieſe einfache Art der Zuchtwahl iſt überall durchführbar, im großen wie im kleinen, mit und ohne koſtſpielige Maſchinen, und es könnte überflüſſig erſcheinen, auf die eminent praktiſche Bedeutung dieſer be⸗ kannten Dinge ausdrücklich und nachdrücklich hinzuweiſen, wenn man nicht ſo oft die Erfahrung machte, daß gerade das nächſt liegende am wenigſten beachtet wird. Bei der Gewinnung des Saatguts kann das Ausſuchen und Aus⸗ ſondern des Vollkommenſten nicht leicht zu weit getrieben werden. Selbſt das Ausſchneiden der ſchönſten Ähren auf dem Felde(und zwar vor dem Mähen und nicht erſt aus den Garben), ſowie das Ausleſen der ſchönſten Körner aus dem Erdruſche iſt in dem Falle lohnend und empfehlenswert, wenn es ſich darum handelt, einen Stamm geſunder und kräftiger Pflanzen zu erziehen. Man bedenke, daß eine Hand voll Körner, ſagen wir beſtimmter 1000 Stück Roggenkörner, in zwei Jahren, mäßig gerechnet, 20 000 000 Körner liefern können, die zum Beſäen von 2 ½ ha völlig genügen. Auf dieſem Wege gelangt man von der einfachen zur höheren Zucht⸗ wahl, mit der ſich bis jetzt nur wenige Landwirte beſchäftigt haben. Sie iſt auch nicht für jedermann. Die Mehrzahl der Landwirte wird ſich auf die vorhin angedeutete einfache Zuchtwahl beſchränken. Nur der⸗ jenige, der ſich berufen fühlt, die Getreidezüchtung als Spezialität zu betreiben, kann ſich auf die höhere Zuchtwahl einlaſſen. Dazu gehört vor allen Dingen ein geübtes Auge und eine geſchickte Hand, ferner Sachkenntnis, Zeit und Ausdauer, und außerdem eine Anzahl geeigneter Verſuchsfelder nebſt mancherlei Einrichtungen, auf deren Beſchreibung hier nicht näher eingegangen werden kann. Die meiſten Erfahrungen und Erfolge auf dem berührten Gebiete haben Hallet und Schirreff auf⸗ zuweiſen. Es wird daher am Platze ſein, ihre Züchtungsmethoden zu beſprechen. F. F. Hallet in Brighton, in England, hat bereits ſeit etwa dreißig Jahren einen nicht unerheblichen Teil ſeiner Zeit und Arbeitskraft der Zucht und Veredelung von Weizen-, Gerſte- und Hafervarietäten ge— widmet, hauptſächlich aber verlegte er ſich auf die Weizenzüchtung. Sein Verfahren beſteht, kurz geſagt, in einer beharrlich fortgeſetzten, äußerſt ſtrengen Auswahl des Saatguts— Zuchtwahl im engeren und eigentlichen Sinne des Wortes—, verbunden mit ſorgfältiger Kultur. Bei der Kultur ſind beſonders folgende Grundſätze maßgebend: 1. Frühe Saat, wo möglich im Auguſt, nur ausnahmsweiſe ſpäter als im September. 2. Flache Unterbringung mit dem Pflanzſtocke auf 1,5“= 4 cm Tiefe. Ein Korn in jedes Loch. — 6— 3. Großer Stockraum. Ein Korn auf den engliſchen Quadratfuß. Das Verſuchsfeld, zum Schutze gegen Vögel mit einem Drahtnetz überſpannt, wird vor und nach der Saat gartenmäßig behandelt. Boden ſehr fruchtbar. Düngung zur Vorfrucht. Mit der Zuchtwahl verhält es ſich, wie folgt. Das erſte Saat⸗ gut wird irgend einem Felde entnommen, indem von einer alten bekannten und bewährten Varietät eine oder zwei möglichſt vollkommene Ähren ausgewählt werden. Die Körner dieſer Originalähren werden auf dem Verſuchsfelde in der angegebenen Weiſe einzeln ausgepflanzt, um zu ermitteln, welches Korn thatſächlich das beſte d. h. das produktionsfähigſte iſt. Von der beſten geernteten Pflanze wird die beſte Ähre zur nächſt— folgenden Saat ausgewählt u. ſ. f. Zur Erläuterung diene folgendes, von Max Fesca mitgetheiltes Beiſpiel⸗ 5). Im Jahre 1857 wurden 87 Körner(der Gehant von zwei Ähren) rother Nurſery⸗Weizen in Kultur genommen. Das beſte Korn erzeugte eine Pflanze mit zehn Ähren, welche 79— 76— 74— 73— 69— 68— 68— 66 60— 55, zuſammen 688 Körner enthielten. Die beſte, 79 Körner enthaltende Ähre wurde im folgenden Jahre zur Ausſaat benutzt. Die beſte von denſelben erzielte Pflanze beſaß — 5 nicht zur Reife gelangte Ähren abgerechnet— 17 Ähren mit 91— 87— 86- 76—75— 74 72— 67— 67— 66— 65— 64— 63— 63— 61— 58— 55, zuſammen 1190 Körnern. Die beſte Ähre mit 91 Körnern diente im folgenden Jahre zur Ausſaat u. ſ. f. Demgemäß ſtellt Hallet als Theorie ſeiner Züchtungsmethode folgende Sätze auf: 1. Jede voll entwickelte Pflanze, ſei es Weizen, Hafer oder Gerſte, zeigt eine Ähre, welche eine höhere Produktionskraft beſitzt, als alle übrigen an derſelben Pflanze. 2. Jede ſolche Pflanze enthält ein Korn, welches ſich produktiver erweiſt, als jedes andere von derſelben Pflanze. 3. Das beſte Korn an einer gegebenen Pflanze befindet ſich in der beſten Ähre derſelben Pflanze. 4. Die höhere Kraft des Korns iſt in verſchiedenem Grade auf die Nachkommen übertragbar. 5. Durch wiederholte ſorgfältige Auswahl wird die Superiorität verſtärkt. M. Fesca, Landw. Studien in England und Schottland, 1876. — 17 6. Die anfangs raſche Verbeſſerung verlangſamt ſich nach und nach und bleibt endlich, nach einer langen Reihe von Jahren ſtehen und inſofern feſtſtehend, als, praktiſch ausgedrückt, eine Grenze für die Ver⸗ beſſerung in der gewünſchten Qualität erreicht iſt. 7. Fährt man mit der Auswahl immer noch fort, ſo wird die Ver— beſſerung aufrecht erhalten und praktiſch iſt ein feſter Typus das Er⸗ gebnis. Einigermaßen läßt ſich der Erfolg der Hallet'ſchen Zuchtwahl aus nachſtehender Tabelle beurteilen, in welcher die Zahl der Körner ver⸗ zeichnet iſt, welche die beſte Ahre von vier Beis idariefäüen vom Beginn der Züchtung bis zum Jahre 1874 enthielt. Die erſte Zahl in jeder Vertikalreihe bezeichnet den Körnergehalt der Originalähre, die Horizontal⸗ reihe, in welcher ſie ſteht, bezeichnet das Jahr, in welchem Hallet die Kultur der benreſſenden Varietät begann. Erntejahr. Original Red. Hunter's. Victoria. V Goldendrop. 1857 49 V 8 Lant Hlf. 834 K. 1858——— 1859 41 V—— 1 1860 87—— 1861 V 123——— 1862 93(60)(53)— 1863 V 97 90 60— 1866 59 91 69(32) 1865 92 81 76 39 1866 88 110 86 75 1867 76 90 87 61 1866 98 121 106 82 1869 V 111 124 113 74 1870 106 111 98 81 1871 91 89 114 77 1872 71 117 101 96 18777 83 100 78 74 1874 92 98 V 104 81 Bei allen vier Weizenſorten tritt den Originalähren gegenüber ein bedeutender Fortſchritt hervor, der aber zum guten Teil auf die Kultur⸗ methode, namentlich auf den großen Stockraum, zurückzuführen iſt. Wollen wir erfahren, was die Zuchtwahl für ſich geleiſtet hat, ſo müſſen wir die Originalähren bei ſeite laſſen und die durchſchnittliche Körnerzahl in den erſten Jahren mit derjenigen in den letzten Jahren vergleichen. Getreidebau. 12 — 178 Die beſte Ähre enthielt nun Körner: Stüͤck Stuͤck 1. bei Original Red in den erſten 9 Jahren 90, in den letzten 8 Jahren 91 2.„ Hunters„Iti vi o w 6 1„ 96,„„„ G 106 3.„Victoria tr eneSlee,„ 101. 4.„ Goldendrop„„„ 5„ 66,„„„b 82 Folglich ergibt ſich, daß bei der erſten Sorte Original Red' die Zuchtwahl entweder garnichts, oder doch nur in den erſten Jahren etwas geleiſtet hat. Schon im zweiten Jahre(1859) war der Durchſchnitt, mit 91 Körnern in der beſten Ähre, erreicht. Dieſes Reſultat iſt wichtig, denn gerade bei der erſten Sorte liegt die längſte Zahlenreihe (von 17 Jahren) vor, ſo daß wir uns hier ein möglichſt ſicheres und richtiges Urteil über die Wirkung der Zuchtwahl bilden können.*) Auch bei der zweiten Sorte„Hunters' iſt der Erfolg der Zucht⸗ wahl nur gering, immerhin merklicher, als bei der erſten Sorte. Die dritte Sorte Nictoria' verhält ſich weſentlich beſſer in der angeregten Beziehung, und bei der vierten Sorte Goldendrop' iſt die Wirkung der Zuchtwahl am größten. Ich möchte aus den vorliegenden Zahlen den Schluß ziehen, daß die Hallet'ſche Zuchtwahl nur in dem Falle von einem wirklichen Erfolg begleitet iſt, wenn die zur Zucht verwandte Originalähre von einer mit hervorragenden Eigenſchaften ausgerüſteten, verbeſſerungsfähigen Pflanze ſtammt.. Zur Stütze dieſer Anſicht dienen die Zahlen der folgenden Tabelle, in welcher die Reſultate mehrjähriger Kulturverſuche der bekannten und *) Fesca führt a. a. O. noch eine zweite kleine Tabelle an, die hier wieder⸗ gegeben ſein mag. Länge Gehalt Zahl der Ahren Erntejahr der beſten Ahre der beſten Ähre an der Zoll Koörner beſten Pflanze 1857+ 4, 41 S⸗— 1858 6 ½ 79 10 1859 G 7 91 22 1860—— 39 1861 8 ⅓ 123 5² Dieſe Zahlen blenden und trügen. Vergleichen wir nämlich bei Original Red' den Körnergehalt der beſten Ahre in der vorliegenden und in der im Text mitgeteilten Tabelle, ſo ſehen wir, daß das regelmäßige Steigen der Zahlen bis zum Jahre 1861 zufaͤllig iſt. Die Taͤuſchung wird dadurch noch vergrößert, daß die auf das Jahr 1860 fallenden niedrigeren, in die Schablone nicht paſſenden Zahlen(wegen des naſſen Jahr⸗ ganges) fortgelaſſen ſind — 179— um die landwirtſchaftliche Forſchung hochverdienten Verſuchswirtſchaft Rothamſted zuſammengeſtellt ſind. Aus den Zahlen iſt zugleich zu erſehen, wie ſich die Halletſchen Züchtungen anderen Weizen⸗Varietäten gegenüber unter gleichen Boden⸗ und Düngerverhältniſſen bewährt haben. Die Tabelle iſt entnommen aus: M. Fesca, Landwirtſchaftliche Studien in a England und Schottland. 1871. 1872. 1873. 1871. V Durch⸗ b 5 Swapit fForsters Long loos Upper ene Name riele. V riea. Fied. marbensen ſchnitt er* Weizenſorte. 5ʃ⁸= 52 ˙= 2 22 SSS2SS8SSZSSSS258S2b8 2 2SSS2S5S2S 218 V hl kg] hl kg nl k hl kg] bl ks 1. White-chaff(Red).————— 36,1 73,1 49, 6 77„1 42,8 75,6 2. Rivetts(Red)..— N— 43,3 71,4 60, 3 51,8 72,0 3. Chubb Wheat(Red). 25,5 75,3 36,0 77,4 32,273,9 45,5 76,4 35,375,7 4. Red-chaff(White)... 2 29 5777,1 1˙³ 33 3777,8 31,775,9 43, 9 76,9 34,6 76,9 5. Browick(Red). 31 ,775,3 3 36,4 76,7 34,6 /74,4 46 V1076,6 6 37,5 75,7 6. Red Wonder.. 28 7173,7 7 39,4 76,1 33,4 75,3 49,6 77 8 37,6 75,7 7. Burwell(Old RedLammas) 2aſad 5 37,1/78,7 31,6 76,9 40, 5 79 4 34,3 77,6 8. Bristol Red. 26,4 76,1 39,9 76,9 35,5 75,6 48,0 77 1 37,5 76,4 9. Red Nursery.... 3 7 78,7 40,7 81,2 4 24,4 77,5 37 0 81,6 33,2 79,7 10. Red Langham.... 2, 775,6 6 39,4 76 76 30,7 75,6 47,8 78, 7 36 1476, 6 11. Wolly Ear(White).. 28 3,134 38 5 77,7 733,3 76,4 46,0 78,4 36,5 77,2 12. Hardcastle(White) 13. Golden-drop(Red) Hallet's 35,5 76,7 7 39,8 74,7 46,6 78,7 41,4 77,2 14. Victoria White Hallet's. 30,4 76,2 2 40,7 78, 3 34,4 74,7 39,877,8 36,3 /76,7 15. Hunter’'s White Hallet's. 24,774, 1 35„8 77,2 34,771 6 40, 8 76, 4 34,0/74,8 41,87 74 37,8747 44,778,7 41 1769 16. Original Red Hallet's.. 27,0 073, 3 31,775,3 32,7 70,2 39,2 2 75,9 32,7 72,2 17. White Chiddam.... 24 255 8 a 78, 72 28,6 74,1 37 8 78,4 4 31,4 77,2 18. Red Rostock..... 33, 3 75,2—— 41 6 709 48,1 74,9 40,8 73,7 19. Caseys White. 37,0 9 76,9 33,7 73,4 46, 975,9 36,3 75,4 20. Golden Rough-chaff(Red) 29, 7771 1 35, 13 78, 114 34, 6, 74 7 46,9 78,1 1 36,6 77,0 21. Bole's Prolifie(Red)h.. 30,3,76, 9 38 5 78, 1 40,7/71,9 43, 377,5 3 ¹³ 38,2, 76,1 22. Club Wheat(Red)... 324 756 109 971,44 2,7 128 5,7 774 42,4 75,8 ' Wir faſſen nur die Durchſchnittszahlen näher ins Auge und be⸗ ſchränken uns auf folgende Bemerkungen: Nr. 9, Red Nursery, hat einen ſehr geringen Ertrag pro Hektar geliefert, nur zwei Sorten nämlich Nr. 16 und 17 ſtehen noch tiefer; dagegen iſt das Hektolitergewicht bei Nr. 9 von allen Sorten am höchſten. 12* 180— Dieſe Sorte Red Nursery hat Hallet, dem Namen nach zu urteilen, zur Züchtung ſeines Original Red benutzt, der in der Tabelle unter Nr. 16 aufgeführt iſt. Dieſer Hallet'ſche Original Red iſt im Ertrage ſowohl wie im Hektolitergewicht von allen der zweitſchlechteſte. Hiernach halten wir uns zu dem obigen Ausſpruch für berechtigt, daß die 17 jährige Zuchtwahl Hallet's bei dieſer Sorte nichts geleiſtet hat. Iſt Red Nursery, wie wir dem Namen nach vorausſetzen, wirklich die Stammform von Original Red, ſo hat die Zuchtwahl ſogar inſofern nachteilig gewirkt, als ſie das Hektolitergewicht von 79,7 auf 72,2 kg herabdrückte, ohne den Ertrag pro Hektar zu erhöhen. Ganz anders ſteht der Hallet'ſche Golden-drop⸗Weizen da (Nr. 13 der Tabelle). Dieſe Sorte wird im Ertrage nur von drei, und im Hektolitergewicht nur von zwei Sorten übertroffen. Hier haben wir es alſo mit einer ſehr gelungenen Hallet'ſchen Züchtung zu thun. Es iſt ſchließlich bemerkenswert, daß die vier Hallet'ſchen Züchtungen Nr. 13, 14, 15 und 16 ſowohl nach dem Ertrage pro Hektar, wie nach dem Hektolitergewicht bei den Verſuchen in Rothamſted in derſelben Reihenfolge rangieren, wie ſie ſich auf dem Verſuchsfelde Hallet's dem nachhaltigen Einfluß der Zuchtwahl mehr oder minder zugänglich er⸗ wieſen. Hieraus folgt die Richtigkeit der oben aufgeſtellten Behauptung: Alle Zuchtwahl iſt vergebens, wenn der zur Zucht gewählten Stamm⸗ form die Neigung und Fähigkeit zur Veredelung nicht innewohnt. Mit anderen Worten: Es gibt unverbeſſerliche Varietäten, und vermutlich ſind dies alte Natur⸗ oder Landraſſen, deren Eigenſchaften unter dem Einfluß der natürlichen Zuchtwahl ſo befeſtigt worden ſind, daß ſie die Fähigkeit zur Abänderung entweder ganz verloren haben oder doch nur durch einen außerordentlich wirkſamen Anſtoß, wie z. B. durch künſtliche Kreuzung, zur Abänderung gebracht werden können.— Wir kommen jetzt zu Patrick Shirreff, der ſich am längſten und eingehendſten mit der Verbeſſerung der Cerealien beſchäftigt und dabei eine weſentlich andere Richtung eingeſchlagen hat, als Hallet. Seine Erſahrungen ſind niedergelegt in einer kleinen Schrift, welche unter dem Titel:„Die Verbeſſerung der Getreidearten“ von Dr. R. Heſſe aus dem Engliſchen in's Deutſche übertragen worden iſt. Ein Auszug aus derſelben von Rimpau findet ſich in den Landwirtſchaftlichen Jahr⸗ büchern a. a. O. Viele ſind der Meinung, ſagt Shirreff, daß die Pflanzen durch geſchickte Behandlung verändert werden können, aber meine Erfahrung hat mich belehrt, daß eine dauernde Verbeſſerung einer Spezies nur durch neue Varietäten erzielt werden kann. Aus dem Zuſammenhange geht hervor, bemerkt Rimpau hierzu, daß Shirreff die Sache ſo auffaßt: — 181— Eine ſorgfältige Kultur auf gutem Boden, zweckmäßige Düngung und Bearbeitung können zwar vorzügliche Pflanzen erzeugen, aber es kann dadurch allein noch keine erbliche Veränderung der Form oder der Eigenſchaften einer Pflanze hervorgebracht werden. Neue Varietäten, ſagt Shirreff weiter, können auf dreierlei Weiſe entſtehen: 1. durch Kreuzung, 2. durch klimatiſche Einflüſſe und 3. durch Naturſpiele, d. h. durch Auftreten natürlicher Spielarten. Die Beobachtung, Auswahl und Fortzucht natürlicher Spielarten hält er für das Hauptmittel, die Cerealien zu verbeſſern und führt zahl⸗ reiche Fälle an, wo er ſelbſt und andere durch Fortzucht von einzelnen Pflanzen, welche anderen gegenüber nützliche Abänderungen zeigten, vor⸗ zügliche und jetzt weit verbreitete Varietäten gezüchtet haben. Bei der Auswahl einzelner Pflanzen zur Fortzucht berückſichtigte er hauptſächlich auffallende neue Formen; üppig entwickelte Individuen jedoch nur dann, wenn ſich durch Vererbung der beſſeren quantitativen Entwicklung auf die Nachkommen herausſtellte, daß dieſelbe wirklich eine individuelle Eigentümlichkeit und nicht Folge des zufälligen Standortes war. Sein Verfahren wird am beſten durch einige Beiſpiele erläutert. Im Frühling 1819 ging Shirreff auf der Farm Mungoswells in Haddingtonſhire, Schottland, über ein Weizenfeld, welches durch den ſtrengen Winter ſehr gelitten hatte. Er fand eine Pflanze, welche ſich durch ihre grüne Farbe und ſtarke Beſtockung vor den übrigen aus— zeichnete. Er iſolierte dieſelbe, düngte ſie noch beſonders und erhielt von ihr zur Erntezeit 63 Ähren und 2473 Körner, die er im folgenden Herbſt in weiten Zwiſchenräumen reihenweiſe ausſäete. In den beiden folgenden Jahren wurde der ſich häufende Ertrag breitwürfig geſäet und die vierte Ernte der Originalpflanze belief ſich auf etwa 42 Quarter zur Saat geeigneter Körner. Da ſich die Form als eine neue konſtante Varietät erwies, nannte ſie der Züchter:„Mungoswells-wheat“. Dieſer Weizen iſt ſpäter auf der Kornbörſe zu Haddington unter dem Namen: „East Barns, Murray's, Fraser's, Lady Hall und Allias wheat“ ver⸗ kauft worden und er wird bis auf den heutigen Tag unter verſchiedenen Namen in einem ausgedehnten Gebiete in Eaſt Lothian angebaut. Im Sommer 1824 fand Shirreff auf einem Haferfelde eine auf⸗ fallend hohe Haferpflanze, deren Samen er im folgenden Frühjahr mit anderen benannten Varietäten unter denſelben Bedingungen anbaute. Die neue Varietät übertraf alle übrigen durch die Länge des Strohes. Shirreff brachte ſie unter dem Namen:„Hopetoun oats“ in den Handel. Sie iſt in mehreren Diſtrikten Britanniens, in den Ländern der Oſtſee und Nord⸗Amerikas verbreitet worden und wird noch heute kultiviert und prämiiert. 1182— Im Herbſte 1832 fand er eine ſchöne Weizenähre mit 102 Körnern auf der benachbarten Farm Drem. Davon züchtete er in Mungoswells den„Hopetoun⸗Weizen“, eine ſpäter weit verbreitete, weißſpelzige Varietät, deren Namen im Weſten Schottlands in„White Hunter's“ verwandelt wurde. Die vorſichtig entkörnte Stammähre wird im landwirtſchaftlichen Muſeum zu Stirling aufbewahrt. Ferner züchtete er durch Riſpenauswahl den„Shirreff⸗Hafer“, der gegenwärtig an der Kornbörſe zu Haddington ſelten, dagegen oft auf den Märkten von Dalkeith und Kelſo feilgeboten wird, an dem letzteren Platze oft unter dem alten Namen„make-him-rich“. Vom Jahre 1856 an machte Shirreff die Verbeſſerung der Getreide⸗ arten, die er bisher nur gelegentlich und mit Unterbrechungen verfolgt, zum Gegenſtande einer zuſammenhängenden und ſyſtematiſchen Unter⸗ ſuchung. Er durchſuchte die Weizenfelder zu beiden Seiten des Tweed und ſammelte viele Ähren, die dem Ausſehen nach von den Ähren der gewöhnlichen Weizenſorten verſchieden waren. 1857 kultivierte er die Körner von über 70 ſolchen Ähren, unterſuchte die Ernte von jeder einzelnen Form genau und behielt ſchließlich nur die beſten drei Sorten, welche er feldmäßig behandelte und unter den Namen„Shirreffs Bearded Red, Schirreffs Bearded White und Pringle's“ dem Verkehr übergab. Auf ähnliche Weiſe ſammelte er im Jahre 1862 viele Haferriſpen in der Umgebung von Haddington. Die Kultur ergab, daß einige der ausgewählten Sorten identiſch mit benannten Sorten waren, während andere ſich geringer zeigten, als die gewöhnlich angebauten Haferſorten. Die am meiſten verſprechenden Sorten brachte er 1864 zugleich mit 18 älteren Varietäten auf ſein vergleichendes Verſuchsfeld. Schließlich wurden 4 der ausgewählten Sorten im großen fortgezüchtet und unter den Namen:„Farly Fellow, Fine Fellow, Long Fellow und Early Angus“ in den Handel gebracht. Nach dieſen Mitteilungen laſſen ſich die Erfolge der Schirreff'ſchen Varietätenzüchtung überblicken. Sie beruhen auf dem Aufſuchen auffallen⸗ der Individuen in den Beſtänden der Felder, verbunden mit einer ſorg⸗ fältigen Prüfung der Nachkommenſchaft auf ihre Bedeutung für die landwirtſchaftliche Praris, und Rimpau betont mit Recht, wie wichtig gerade dieſe Art der Zuchtwahl für den Getreidebau Deutſchlands iſt, wo bis jetzt für die Verbeſſerung der einheimiſchen Varietäten nur wenig gethan wurde und trotz der anerkennenswerten Leiſtungen einzelner Züchter noch viel zu thun übrig bleibt. Künſtliche Kreuzung.— Bei Weizen, Roggen, Gerſte und Hafer ſind männliche und weibliche Geſchlechtsorgane in einem und demſelben Blütchen vereinigt. Es iſt daher bei allen vier Getreidearten die Mög— - - lichkeit gegeben, daß jede Blüte ſich ſelbſt beſtäubt und befruchtet. In⸗ deſſen iſt die Selbſtbeſtäubung nur bei Weizen, Gerſte und Hafer die allgemeine Regel, während bei dem Roggen die Fremdbeſtäubung über⸗ wiegt.(Vergl. S. 125 ff.) Bei der künſtlichen Kreuzung kommt es alſo darauf an, ſowohl die natürliche Selbſtbeſtäubung wie die natürliche Fremdbeſtäubung zu ver⸗ hindern. Dies gelingt bei Weizen, Gerſte und Hafer ziemlich leicht, weil dieſe Arten in der Hauptſache auf Selbſtbeſtäubung angewieſen ſind, hat aber bei dem Roggen ſeine Schwierigkeit, weil über einem blühenden Roggenfelde die ganze Luft mit Pollenſtaub erfüllt iſt. Mit einiger Sicherheit läßt ſich die Verhinderung jeder anderen als der beabſichtigten Beſtäubung auch bei den vorgenannten Getreidearten nur in einem geſchloſſenen Raum erreichen. Rimpau empfiehlt daher, die zu Kreuzungen beſtimmten Mutterpflanzen in Töpfen zu erziehen und die künſtliche Beſtäubung im Zimmer(bei ſorgfältig geſchloſſenen Thüren und Fenſtern) vorzunehmen. Da hierbei aber die Topfpflanzen„ſtets eine ziemlich bedeutende Schädigung durch Mehltau“ erlitten, wodurch der Keim der Schwäche und Kränklichkeit auf die Nachkommen über⸗ tragen werden kann, ſo ziehe ich, trotz der Unſicherheit in bezug auf den Ausſchluß einer unbeabſichtigten Beſtäubung, bei Weizen, Gerſte und Hafer die Kreuzung im Freien vor, während es bei dem Roggen vielleicht anzuraten wäre, die Pflanzen ebenfalls im Freien, aber in geeigneten Töpfen zu erziehen und nur zur Zeit der Beſtäubung vorüber⸗ gehend in einen geſchloſſenen Raum zu bringen. Die Hauptſache iſt jedenfalls, daß die Zuchtpflanzen geſund erhalten werden. Auch muß immer eine größere Zahl von Pflanzen vorhanden ſein, damit man die kräftigeren zur Kreuzung auswählen kann. Die künſtliche Kreuzung ſelbſt iſt im Prinzip zwar einfach, aber in der praktiſchen Ausführung wegen der Kleinheit und Zartheit der Organe durchaus nicht leicht. Will man zwei beſtimmte Individuen A und B. miteinander kreuzen, ſo handelt es ſich darum, den geſchlechtsreifen Blütenſtaub der Vaterpflanze A auf die geſchlechtsreife Narbe der Mutter⸗ pflanze B zu übertragen, ohne daß die Narbe oder der Fruchtknoten der Mutterpflanze verletzt, und ohne daß die Narbe derſelben mit ander⸗ weitigem Pollenſtaub beſtäubt wird. Zu dem Zweck werden die beiden Blütenſpelzen der Mutterpflanze, die um dieſe Zeit ziemlich feſt ge— ſchloſſen ſind, vor dem Eintritt des Blühens vorſichtig geöffnet, um die Kaſtration der Blüte vorzunehmen, d. h. die Staubgefäße mit Hilfe einer feinen Zange(Pincette) zu entfernen. Dabei dürfen die Staubbeutel nicht platzen, weil ſonſt der Pollenſtaub ſofort auf die Narbe fallen und möglicherweiſe die Befruchtung bewirken würde. — 184— Die Gewinnung des Blütenſtaubes von der Vaterpflanze iſt ein⸗ facher. Rimpau ſchneidet die Ähren derſelben ab, ſteckt ſie in eine Kartoffel und placiert ſie über einer polierten Tiſchplatte, ſo daß ſie nach unten hängend den Blütenſtaub ausſchütten, welcher nun auf dem Tiſche geſammelt werden kann. Die Übertragung des Blütenſtaubes auf die Narbe der kaſtrierten Mutterpflanze geſchieht wohl am beſten mit Hilfe eines Pinſels, und zwar zu der Zeit, wo ſich die Blütenſpelzen durch Anſchwellung der am Grunde zwiſchen ihnen befindlichen Schüppchen oder Lodikeln von ſelbſt öffnen, denn um dieſe Zeit iſt die Narbe und der Fruchtknoten geſchlechtsreif und empfängnisfähig. Die Manipulation der künſtlichen Kreuzung wird erleichtert, wenn man die Ähre der Mutter⸗ pflanze um ¼ oder ¼ ihrer Länge verkürzt, wenn man ferner von den Ährchen eins ums andere beſeitigt, ſo daß nur 5 oder 6 an jeder Seite der Spindel ſtehen bleiben, und wenn man ſchließlich an letzteren die Mittelblütchen entfernt und nur die beiden Seitenblütchen beläßt, welche in der Regel die kräftigſten Früchte erzeugen. Die durch dieſe Operationen herbeigeführten Verletzungen der Pflanze ſind ohne Nach⸗ teil, ſofern die Ährenſpindel und die übrigbleibenden Blütchen ſorgfältig geſchont werden. Eine viel einfachere Art der Kreuzung beſteht darin, daß man den Samen von zwei verſchiedenen Varietäten unter einander gemiſcht auf demſelben Felde ausſäet. Wenn beide Varietäten gleichzeitig blühen, ſo voll⸗ zieht ſich die Kreuzung von ſelbſt. Aber dieſe Art der Kreuzung iſt dem Zufall anheimgeſtellt und höchſtens bei dem Roggen anwendbar, weil unſere anderen Getreidearten ſich für gewöhnlich nicht freiwillig kreuzen. Die Möglichkeit der vorhin beſprochenen künſtlichen Kreuzung ſteht außer Zweifel; aber wie ſteht es mit der Frage: Welchen Werth hat die künſtliche Kreuzung für die Praxis? Hallet, der berühmte Erfinder und eifrige Vertreter der künſtlichen Zuchtwahl, erklärt die Beſtrebungen, die Weizenvarietäten durch Kreuzung zu verbeſſern, für ganz erfolglos; er will ſelbſt wiederholt Kreuzungen vorgenommen, aber niemals konſtante Produkte erzielt haben. Ähnlich ging es Rimpau, deſſen Kreuzungsverſuche, obwol an ſich vollſtändig gelungen, zu praktiſch verwertbaren Reſultaten bis jetzt nicht geführt haben. Er ſteht aber der angeregten Frage gegenüber auf einem anderen Standpunkt wie Hallet, denn einer ſeiner intereſſanten und lehrreichen Berichte ſchließt mit den Worten: Man ſieht alſo, daß die Erzielung einer neuen Weizenſorte durch Kreuzung jedenfalls ein recht mühſames Unternehmen mit ſehr zweifelhaften Ausſichten auf Erfolg iſt.... trotzdem werde ich mich vorläufig durch meine bis jetzt mehr oder minder negativen Erfolge noch nicht abſchrecken laſſen. Offenbar fühlte er ſich ermutigt durch die Erfahrungen Patrick Shirreffs, welcher die Kreuz zungsprodukte d des Weizens zuerſt für total unbrauchbar erklärt und ſpäter, nach einer langen Reihe von Jahren, die Kreuzung als ein weſentliches Mittel zur Verbeſſerung der Cerealien empfohlen hat, wenn er auch, nach dem Bericht von Dr. Heſſe*), das Aufſuchen und die Züchtung ſpontaner Varietäten nach wie vor über die Kreuzung ſetzte. Da Shirreff auch auf dem Gebiete der künſtlichen Hybridationen den Anſtoß zu weiteren Forſchungen gegeben hat, ſo wollen wir eine ſeiner Kreuzungen etwas ausführlicher beſchreiben. Beiſpiele ſind lehrreich. King Richard wurde erhalten durch Befruchtung von Shirreff's Bearded White, der kleine, runde Samen hat, mit Pollen von Talavera, welcher ein großes Korn ſchönſter Qualität beſitzt. Die Kreuzung geſchah in der Abſicht, die Samen von Shirreff's Bearded White zu vergrößern. In einigen Eigenſchaften übertraf King Richard beide Stammformen. Sein Stroh zeigte ſich länger und ſtärker als das der Mutterpflanze und die Spelzen waren unbegrannt. Die Form der Ähre hielt die Mitte zwiſchen beiden Eltern. Das Korn kam in der Dicke und Geſtalt dem Korn von Talavera nahe und an Qualität übertraf es das der Eltern. Das Beſtockungsvermögen dieſer Varietät zeigte ſich nicht ſehr groß und in dieſer Hinſicht hielt ſie auch die Mitte zwiſchen beiden Stammformen, aber in den erſten Stadien der Entwicklung wuchs die Pflanze mehr in die Höhe als in die Breite, was mehr ein ſcheinbarer als wirklicher Mangel iſt. Bei der vierten Reproduktion erſchienen in dem ganzen Beſtande einige begrannte Ähren in Form und im Korn King Richard oft ähnlich. Das Auftreten dieſer eingemiſchten Ähren war aller Wahrſcheinlichkeit nach dem hybriden Urſprunge King Richard's zuzuſchreiben; dieſelben konnte Shirreff nur los werden, wenn er Vor⸗ rat aus einem einzelnen Korn zog und dieſes wieder und wieder that. Bei der vierten Reproduktion von King Richard las Schirreff aus dem Beſtande eine Ähre mit rothen Spelzen aus, aus deren Samen er eine neue Varietät zog, die er„King Red Chaff White“ nannte. Seinen ganzen Vorrat von dieſem Weizen machte er ſchließlich, da er kein eigenes Land beſaß, Mr. Alexander Begbie, zu Barneyhill nahe Dunbar wohnhaft, zum Geſchenk. Das Korn dieſer Varietät, das Erzeugnis von Barneyhill, war zuerſt in Maſſe auf der Edinburger Getreidebörſe im Jahre 1870 und *) Züchtung von Getreidevarietäten in England. Landw. Jahrbücher v. H. Thie 1877, S. 853 ff. — 186— auch 1871 zu ſehen, und es wurde allgemein in beiden Jahren für die ſchönſte Sorte gehalten, die in dieſen Jahren erſchienen war. Der Halm iſt dick, ſehr ſtark und einige Zoll kürzer als der King Richard's, während die ÄAhre dichter geſetzt iſt, ohne ſich jedoch der Keulenform zu nähern; die Ähre hat rote, unbegrannte Spelzen. Das Korn iſt weiß und groß und wie King Richard ein Typus von Talavera. Soweit Shirreffs Beobachtungen reichen, iſt dies eine frühe und konſtante Varietät, die ſich meiſt ſtark beſtockt. Kurz, er iſt geneigt, King Red Chaff White, das heißt zu deutſch ſoviel wie: weißer rotſpelziger Königsweizen, für einen der beſten zu halten, die er gezüchtet hat. In neuerer Zeit iſt auch anderen die Herſtellung wertvoller Ge⸗ treidevarietäten durch Kreuzung gelungen. Der bekannte franzöſiſche Züchter landwirtſchaftlicher Kulturpflanzen H. Vilmorin macht im Journal de l'Agriculture vom 22. September 1883 Mitteilungen über drei neue Weizenvarietäten, welche er im Jahre 1873 durch Kreuzung erzielte. Dieſelben wurden bei der Fortzucht nach und nach konſtant und werden jetzt im großen in Frankreich angebaut. Die drei Sorten heißen: Prinz Albert⸗Weizen, Dattel⸗Weizen und Lamed⸗Weizen. Am intereſſanteſten und inſtruktivſten iſt die Züchtung des Dattel⸗ Weizens. Derſelbe iſt ein Kreuzungsprodukt von Chiddam- und Prinz Albert-Weizen. Der Kreuzung liegt der Gedanke zu grunde, eine Varietät zu erzeugen, welche die gute Qualität des Chiddamkornes mit dem Strohreichtum von Prinz Albert vereinige. Dieſes Zuchtziel iſt verwirklicht worden. Das Kreuzungsprodukt hat folgende Eigenſchaften: Das Stroh iſt weiß, lang und ſtark. Die Ähren ſind dunkelrot ge⸗ färbt und vollkörnig. Das Korn iſt weiß, rund und dick. Der Weizen reift ſehr gleichmäßig und verhältnismäßig früh, und iſt ſehr ergibig. Vilmorin fügt ſeiner Beſchreibung hinzu, daß er an dem Dattel⸗ Weizen nichts auszuſetzen oder zu tadeln wiſſe, und daß der Anbau im großen alle Erwartungen übertroffen habe. In Deutſchland hat ſich namentlich Guſtav Beſtehorn in Bebitz bei Cönnern auf die Kreuzung der Getreidevarietäten verlegt und, nach den vorliegenden Berichten zu urteilen, bedeutende Erfolge erzielt. In einem Artikel der„Deutſchen landwirtſchaftlichen Preſſe“ vom 16. Sep⸗ tember 1885, verfaßt von W. Gerland, heißt es:„Beſtehorn hat ſeit Beginn ſeiner Arbeiten von den zu vielen Tauſenden zählenden Be⸗ fruchtungen etwa 320 weſentlich von einander abweichende Baſtarde von Weizen aufzuweiſen, von welchen nur 12 Sorten vermehrt und in den Handel gebracht ſind, und auch von dieſen ſind noch einige wieder fallen gelaſſen, und zwar die ſamtartig behaarten Sorten, weil ſie einmal vom Regen durchnäßt, zu ſchwer trocknen und deshalb zu leicht aus⸗ — 187— wachſen.“ Sein neueſtes Preis⸗Verzeichnis enthält 5 Weizenſorten, von welchen drei durch künſtliche Kreuzung von Shiriff's Square Head mit märkiſchem Braunweizen erzielt wurden und die beſſeren Eigenſchaften beider vereinigen ſollen. Der Züchter rühmt dieſen und den übrigen beiden Kreuzungsprodukten folgende Eigenſchaften nach: Winterfeſtigkeit, ſtarke Beſtockung, Widerſtandsfähigkeit gegen Lager und Roſt, Ergibig⸗ keit, Feinheit der Kornqualität ꝛc. Neben dem Weizen hat Beſtehorn auch zwei Sorten Rieſen⸗ Roggen durch künſtliche Befruchtung gezüchtet. Die eine derſelben hat bei vergleichsweiſem Anbau ſämtliche bis jetzt bekannte Roggenſorten als: Probſteier, Zeeländer, Montagner, Rieſen⸗-, Koloſſal-, v. Aszow, großer türkiſcher ꝛc. aus dem Felde geſchlagen; die andere wurde auf der inter⸗ nationalen Getreide⸗Ausſtellung zu Magdeburg im September 1884 als „der in jeder Beziehung bei weitem ſchönſte Roggen“ bezeichnet(ſo heißt es im Preis⸗Verzeichnis des Züchters). Dieſen Züchtungen reihen ſich andere an von Winter⸗ und Sommer⸗ gerſte und von Hafer. Es wäre nur zu wünſchen, daß mehrere Land⸗ wirte die Beſtehorn'ſchen Neuzüchtungen anbauen und die Reſultate der Verſuche veröffentlichen möchten im Intereſſe der Wiſſenſchaft und der Praxis. Wir glauben mit den vorſtehenden Bemerkungen das wichtige Ka— pitel von der künſtlichen Zuchtwahl und Kreuzung nicht erſchöpft, aber die Aufmerkſamkeit der Landwirte genügend auf den Gegenſtand hinge⸗ lenkt zu haben. Bezug fremden Samens.— Der Bezug oder Kauf fremden Samens iſt in folgenden Fällen geboten: 1. Bei Beginn einer neuen, ſowie bei Übernahme einer ausgeplün⸗ derten Wirtſchaft. 2. Bei ſchlechter Beſchaffenheit des in der Wirtſchaft gewonnenen Samens, herbeigeführt durch das Auswachſen der Körner bei mißlichem Erntewetter, durch die Verunreinigung derſelben mit Brandſporen ac. 3. Bei Mangel an Saatkorn in folge von Auswinterung, Hagel⸗— ſchlag, Inſektenfraß, Roſt und anderen Krankheiten. 4. Zur Prüfung einer neuen Varietät auf ihre Ertragsfähigkeit im Vergleich zu den bisher angebauten Varietäten. Derartige vergleichende⸗ Verſuche, nicht im Garten, ſondern auf dem Felde, unter gewöhnlichen Kulturverhältniſſen, je mehrere Jahre hintereinander durchgeführt und mit Maß und Gewicht kontroliert, ſind dringend zu empfehlen, obwohl ſich dabei häufig herausſtellen wird, daß die bisherige, der Ortlichkeit angepaßte Varietät der neuen gegenüber den Vorrang behauptet. Wir ſtimmen Rimpau bei, wenn er ſagt: In ſehr vielen Fällen hätte man 8s— gewiß beſſer gethan, ſich planmäßig mit der Verbeſſerung einheimiſcher Varietäten zu beſchäftigen, als planlos fremde zu importieren. Dagegen können wir es nicht tadeln oder bedauern, daß der Reiz, den für uns Deutſche das Ausländiſche hat, ein Motiv zum Samenbezug aus fremden Ländern geweſen iſt. Ein altes Sprüchwort ſagt: Prüfet Alles, und das Beſte behaltet! Samenwechſel.— Zu unterſcheiden von dem einmaligen oder aus⸗ nahmsweiſen Bezug fremden Samens iſt der wiederholte, regelmäßige Samenwechſel. Läßt man ſich dabei von der Mode leiten, wechſelt man nur, um zu wechſeln, ſo iſt der Samenwechſel„eine abgeſchmackte verwerfliche Sache“. Auch die Anſicht, daß ein und dasſelbe Klima oder ein und derſelbe Boden mit der Zeit nachteilig auf den Körnerertrag einwirke, und daß man deshalb das Saatkorn fortwährend oder häufig von einem Klima in das andere, von einem Boden auf den anderen übertragen müſſe, iſt nicht ſtichhaltig. Die berühmten Getreidezüchter in England und Schottland halten dieſe Art des Samenwechſels für ganz unnötig, und unſer Rimpau erklärt, daß man im allgemeinen dem Samenwechſel eine viel zu hohe praktiſche Bedeutung beigelegt hat. Wo ein geeigneter Boden und ein paſſendes Klima zuſammentreffen, wie z. B. in der Probſtei oder in Kujawien, da wird jahrzehnte⸗ und jahr⸗ hundertelang eine vorzügliche Saatwaare produziert ohne jeden Samen⸗ wechſel.— Alſo bleibt der Samenwechſel nur dort gerechtfertigt, wo die örtlichen Bedingungen ſo ungünſtig ſind, daß auch bei der ſachkundigſten Behandlung kein guter Same gewonnen werden kann. Ob der Getreide⸗ bau hier aber überhaupt rentiert, iſt fraglich. Jedenfalls ſollte der Landwirt, ehe er zu dem Samenwechſel ſeine Zuflucht nimmt, ſich überlegen, ob die Erträge blos deshalb nicht befriedigen, weil es an der richtigen Pflege des Bodens und der Saaten fehlt. Sehr häufig wird ſich die Urſache des Mißwachſes, wie wir es der Kürze wegen nennen wollen, durch eine gründliche Entwäſſerung des Landes, ſei es durch Drainage, ſei es durch offene Gräben, beſeitigen laſſen. Geht man der Sache auf den Grund, ſo kommt man zu dem Schluß, daß eigentlich nur die Humusböden(Torf und Moor) einen regelmäßigen Samen⸗ wechſel oder eine häufige Erneuerung des Saatkorns erfordern, weil auf dieſen für den Getreidebau wenig geeigneten Böden die Entwicklung der Früchte gewöhnlich mangelhaft iſt. Samenhandel.— Kommt man in den Fall, aus irgend welchen Gründen Saatkorn von auswärts zu beziehen, ſo wird man ſich in der Regel mit Vorteil der Vermittlung des Handels bedienen. Es dürfte zweckmäßig ſein, daß eine Samenhandlung in zentraler Lage, z. B. Metz& Comp. in Steglitz bei Berlin, das Geſchäft in die Hand nimmt. Jeder Landwirt weiß dann ſofort, an wen er ſich zu wenden, wenn er Saatkorn zu verkaufen oder zu kaufen wünſcht. Größere Beſitzer oder Pächter werden direkt mit der Samenhandlung in Ver⸗ bindung treten, kleinere werden ſich, um den Zwiſchenhandel einzu⸗ ſchränken, zu Genoſſenſchaften vereinigen, um gemeinſchaftlich ihre Auf⸗ träge an die Samenhandlung gelangen zu laſſen. Prompte und reelle Bedienung liegen im Intereſſe beider Teile. Jeder Verkauf geſchieht mit Garantie für Echtheit, Reinheit und Keimfähigkeit. Die amtliche Überwachung des Handels übernehmen die vom Staate oder von den landwirtſchaftlichen Zentralvereinen gegründeten und dotierten Samen⸗ kontrolſtationen, welche durch die Unterſuchung vorſchriftsmäßig gezogener Probe konſtatieren, ob die gelieferte Waare der Garantie entſpricht oder nicht. Bei der Unterſuchung iſt, neben der Keimfähigkeit, beſonders die Reinheit von Unkrautſamen, Mutterkorn, Brandſporen und Anguillulen ins Auge zu faſſen. Dauer der Keimfähigkeit.— Nach den Unterſuchungen von F. Haberlandt verlieren auf ſchüttbodenähnliche Art aufbewahrte Getreidekörner ihre Keimfähigkeit ſchon in wenigen Jahren. Werden die Körner künſtlich bei einer Temperatur von 50— 60° R. ausgetrocknet und nachher in luftdicht verſchloſſenen Gefäßen von Glas, Steingut, verzinntem Eiſenblech ꝛc. aufbewahrt, ſo dauert die Keimfähigkeit erheblich länger. Die gefundenen Zahlen für die Keimprozente ſind in folgender Tabelle zuſammengeſtellt. Auf ſchuttbodenähn.] Künſtlich getrocknet und luftdicht Von 100 Körnern liche Aht aufbewahrt— aufbewahrt haben gekeimt V17 an 12 3 14 516 78/9 10 lr jährig ſ Weizen.... 96 84 60 73 4 99 99 99 96 86 96 98 100 70 16 — V V 99— 35 190 Roggen.... 100 48 0 00 98 99 99 80 49 94 94 72 10 0 Gerſte.... 89 92 33 48 0 99 96 99 99 99 96 86,100 52 88 Hafer. 96 80 32 72 48 100 99/100 96 94 98 86 100 96 92 Mais.... 97,100 77 0 56 199 100 97] 0 98 99 100 100 0 84 I! 1 1 1 1 Aus den Zahlen iſt zu erſehen, daß die ſichere Keimfähigkeit bei ſchüttbodenähnlicher Aufbewahrung bei dem Roggen nur 1 Jahr, bei Weizen, Gerſte, Hafer und Mais etwa 2 Jahre dauert, während ſie ſich bei künſtlicher Austrocknung und luftdichter Aufbewahrung bei allen Getreidearten auf 7 bis 8 Jahre ausdehnt. Es iſt daher ratſam, unter gewöhnlichen Verhältniſſen ſtets nur friſchen d. h. von der letzten Ernte genommenen Samen als Saatgut — 190— zu verwenden. Ausnahmsweiſe iſt auch zweijähriger Same zuläſſig. In allen Fällen, wo Zweifel über die Keimfähigkeit beſtehen, wird es ſich empfehlen, eine Keimprüfung vorzunehmen. Man zählt zu dem Zweck 100 Körner ab und legt ſie, in Ermangelung eines Keimapparates, in einen angefeuchteten Flanelllappen, den man in der Taſche bei ſich tragen oder auf einem Teller in der Nähe des warmen Ofens placieren kann. Das Reſultat wird beſchleunigt, wenn man die Körner vorher 4 bis 6 Stunden lang in lauwarmem Waſſer einweicht. Diejenigen Samen, welche nach 6 Tagen noch nicht gekeimt haben, kann man als unbrauchbar betrachten.*) Zubereitung des Samens zur Ausſaat.— So viel wie möglich ſoll die Reinigung des Samens auf trockenem Wege geſchehen durch Werfen, Sichten, Feien ꝛc. Denn im trockenen Zuſtande hält ſich der Same am beſten, läßt er ſich am beſten ausſäen, keimt er im Boden am ſicherſten. Das Einquellen iſt alſo zu vermeiden. Ebenſo die Samendüngung, welche nicht den geringſten Nutzen gewähren, oft aber den Nachteil herbeiführen kann, daß der Same im Boden ver⸗ fault. Von dem Waſchen und Beizen des Samens wird weiter unten die Rede ſein. Die Ausführung der Saat. Saatmethode.— Wir können zwei Saatmethoden unterſcheiden: die Breitſaat und die Reihenſaat. Die Breitſaat geſchieht mit der Hand oder mit der Maſchine. Wo geübte Säeleute zu haben ſind, da hat die Handſaat den Vorzug der Einfachheit und Schnelligkeit.**)„Ich zweifle, ſagt Thaer, daß irgend eine Maſchine den Wurf eines geſchickten Säers übertreffe, gebe aber zu, daß ſie vor ungeſchickten große Vorzüge haben könne. Dies iſt namentlich bei windigem Wetter der Fall, und unter allen Umſtänden macht die Regulierung des Ausſaatquantums weniger Schwierigkeit bei *) Da der Landwirt öfter in den Fall kommt, eine Keimprüfung anzuſtellen, ſo machen wir aufmerkſam auf den„Neueſten Schnell⸗Keimapparat“ von Coldewe und Schönjahn in Braunſchweig. Derſelbe beſteht 1. aus einem Waſſerbehalter, der bis zu ¾ der Höhe des inneren Einſatzrandes mit weichem, eventuell mit abgekochtem Waſſer gefüllt wird; 2. aus dem Keimſieb aus Thon mit 100 Löchern, in welche die Samen mit dem Keimende nach unten geſtellt werden; über die Samen kommt trockener Sand bis zur Höhe des Siebknopfes; darauf wird das Keimſieb in den Behälter geſetzt und der Sand von oben angefeuchtet; 3. aus einem Filzdeckel, der zum Verſchluß dient.— Dieſer Keimapparat(beſonders bei Gerſte viel⸗ fach angewandt) liefert das Reſultat in 24— 30 Stunden, an einem warmen Orte noch ſchneller.(Zeitſchrift f. d. G. Heſſen 1884, No. 14.) *a⸗) 1 Mann beſaͤet pro Tag bei mäßiger, andauernder Arbeit. 4— 5 ha 1 Breitſäemaſchine von 3,75— 4,00 m Breite..... 8— 10„ 1 Drillmaſchine„ 1,80— 2,00. 1. 4=6„ „„ — 191— Anwendung der Maſchine. Trotzdem haben ſich die Breitſäemaſchinen keinen großen Eingang verſchafft, und ſie werden über kurz oder lang gänzlich verſchwinden, um den Reihen- oder Drillſäemaſchinen das Feld zu räumen, welche in jeder Beziehung die vollkommenſte Ausführung der Saat ermöglichen. Die Vorteile der Drillkultur laſſen ſich kurz zuſammenfaſſen, wie folgt. 1. Das Ausſaatquantum läßt ſich beliebig regulieren. 2. Die Verteilung der Samenkörner iſt eine gleichmäßige. 3. Die Tiefe der Unterbringung läßt ſich beliebig regulieren. Die Tiefe der Unterbringung iſt eine gleichmäßige. 5. Dadurch wird eine Samenerſparnis bedingt. 55 Fig. 92. 6. Dadurch wird ein gleichmäßiges Aufgehen geſichert und„ein guter Aufgang iſt die halbe Ernte“. .Die Entwicklung der Pflanzen von der Keimung bis zur Reife iſt gleichmäßiger. 8. Die Gefahr des Lagerns wird vermindert. . Der Ertrag iſt höher, und namentlich iſt auch die Qualität der geernteten Körner eine vollkommenere. 10. Ein beſonderer Vorteil der Drillkultur beſteht darin, daß ſie das Behacken der Pflanzen, wenn auch nicht bedingt, ſo doch er⸗ leichtert, indem bei genügender Reihenentfernung die Zwiſchen⸗ räume während der Vegetation billig, gefahrlos und bequem mit Ge⸗ ſpannwerkzeugen und ſelbſtverſtändlich auch mit Handhacken gelockert und gereinigt werden können, was namentlich auf bindigem und un⸗ krautwüchſigem Boden weſentlich zur Steigerung der Ernten beiträgt. ₰ ‿½ — 192— Drainage, Tiefkultur und Drillſaat iſt die Parole der modernen Landwirtſchaft. Dieſes Wort rufen wir beſonders den Land⸗ wirten im öſtlichen Teile des deutſchen Reiches zu, wo die Einführung der Drillſaat bis jetzt nur geringe Fortſchritte gemacht, obwohl ihr dort nichts im Wege ſteht, als Mangel an Rührigkeit und unbegründetes Vorurteil. Gerade für den Getreidebau iſt die Drillſaat vorzüglich geeignet. Sie paßt für jeden Boden, für den leichten ſo gut wie für den ſchweren, und für jede Art von Getreide, für Mais und Hirſe ſo gut wie für Weizen, Roggen, Gerſte und Hafer. Schon vor dreißig Jahren gab es alte Farmer in England, die das Breitſäen mit der Hand nur noch vom Hörenſagen kannten. Dort wird alſo alles gedrillt, aber nicht alles behackt, denn wohl⸗ gemerkt! das Behacken gehört nicht zu dem Weſen der Drillſaat.*) Tiefe der Unterbringung.— Im allgemeinen gilt für die Gräſer wie für die Pflanzen überhaupt das Geſetz: Je kleiner das Samenkorn, um ſo flacher die Ausſaat. Demnach ergibt ſich für die Getreidearten in bezug auf die Tiefe der Unterbringung dieſe Reihenfolge: Hirſe, Roggen, Hafer, Weizen, Gerſte(2zeilige), Mais. Bei dem Mais, der in der Korngröße obenan ſteht, fand Burger, daß eine Tiefe von 1—2 Zoll den ſchnellſten Aufgang zur folge hatte; bei der Tiefe von 2 ½ Zoll trat ſchon eine Verzögerung ein. Somit erhalten wir für die untere Grenze 5 bis 6 cm. Nehmen wir, um eine runde Zahl zu haben, für den Mais 6 em an, und für die übrigen Getreidearten eine Abſtufung um je 1 em, ſo würde die zweckmäßigſte Tiefe der Unter⸗ bringung nach Maßgabe der Korngröße betragen: bei Mais....= 6 cm „ Gerſte(2zeilig)= 5„ „ Weizen..= 4„ „ Hüäſeh... 3„ „ Rogge.. 2„ „ Hirſe....= 1„ Dieſe Zahlen ſtimmen mit der Erfahrung auf wiſſenſchaftlichem und praktiſchem Gebiete ſo genau überein, daß man ſie getroſt für mittlere Feuchtigkeitsverhältniſſe zum Anhalt nehmen kann, in der Meinung, daß man bei einem außergewöhnlich trockenen Zuſtande des Saatackers die Tiefe der Unterbringung bei allen Getreidearten um 1 bis 3 cm ver⸗ ſtärken darf. *) Wer von den Vorzügen der Drillkultur noch nicht überzeugt iſt, den bitten wir die ſpeziellen Angaben über die Steigerung der Erträge durchzugehen, welche in der Schrift von C. J. Eisbein,„Die Drilhkultur, ihre Vorzüge, ihre Rentabilität und ihre volkswirtſchaftliche Bedeutung“ mitgeteilt ſind. Zweite Auflage 1880. Die gewünſchte Tiefe der Unterbringung läßt ſich nur mit Hilfe der Drillmaſchine genauer einhalten, durch welche die Samenkörner nicht blos ausgeſäet, ſondern zugleich in Rillen gelegt und mit Erde bedeckt werden. Bei der Breitſaat geſchieht die Unterbringung, ſofern die Tiefe derſelben mehr als 5 cm betragen ſoll, zweckmäßig mit dem Saatpflug (Drei⸗ oder Vierſchar) oder mit dem Erxſtirpator, deſſen Tiefgang reguliert werden kann; bei geringerer Tiefe mit einer ſchwereren oder leichteren Egge. Iſt der Boden bei der Beſtellung ſehr trocken und loſe, ſo empfiehlt es ſich, zur Sicherung der Keimung den vorgenannten Acker⸗ geräten die Ringelwalze folgen zu laſſen. Bei der Drillſaat wird vor dem Drillen gewöhnlich mit der Glattwalze und nach dem Drillen mit der Ringelwalze gewalzt, immer vorausgeſetzt, daß der trockene Zuſtand des Ackers die Anwendung der Walze erlaubt. Landwirte, welche auf eine ſaubere Beſtellung halten, laſſen die Drillſpuren erſt mit einem Strich zueggen und dann die Ringelwalze folgen. Ausſaatquantum.— Ein landwirtſchaftliches Sprüchwort ſagt: Beim Dickſäen iſt noch niemand reich geworden. Dies iſt auch inſofern völlig begründet, als ein übermäßig dicht beſetzter Saatacker den einzelnen Pflanzen, wenn auch Nahrung, ſo doch nicht Licht in ausreichender Menge gewährt, demzufolge das Getreide ſich lagert und im Ertrage zurückſchlägt. Andererſeits hat es ebenſo ſeine entſchiedenen Nachteile, wenn das Ausſaatquantum zu gering bemeſſen wird, und wenn Hallet für die Drillſaat im großen bei ſehr früher Saatzeit nur 15 Liter, und bei ſehr ſpäter nur 67 1 pro ha*) empfiehlt, ſo iſt das unbedingt zu weit ge⸗ gangen, mag das Saatgut ſo vollkommen ſein, wie es will. Die Ernte kann dabei nur befriedigend ausfallen, wenn jedes Korn aufläuft und jede Pflanze ſich ſehr reichlich beſtockt, worauf bei dem Anbau im freien Felde nicht mit Sicherheit zu rechnen iſt. überdies iſt die allzureichliche Beſtockung gar nicht einmal von Vorteil, denn von den vielen Neben⸗ halmen entwickelt ein Teil gar keine, ein anderer nur unvollkommene Ähren und auch die Entwicklung der kräftigeren Halme wird durch die Nebenſproſſen geſchädigt. Es kommt hinzu, daß die verſchiedenen Triebe jedes Stockes nicht gleichzeitig, ſondern nach einander zur Entwicklung gelangen, und daher ungleichmäßig ſchoſſen, ungleichmäßig blühen, un— gleichmäßig reifen. Die allzureichliche Beſtockung widerſpricht der Natur des Getreides. Die Beobachtung der Beſtände lehrt, daß unſere ge⸗ wöhnlichen Getreidearten bei feldmäßigem Anbau mit Sicherheit nur dann befriedigende Erträge liefern, wenn die Ausſaat ſo ſtark bemeſſen *) 67 1 pro ha ſind noch nicht ganz ½ Scheffel pro Morgen. Getreidebau.. 13 — 194— wird, daß jede Pflanze nicht mehr als 1 bis 5, im Mittel 3 Halme produziert. Demnach entſcheiden wir uns für ein mittleres Ausſaatquantum. Aber wie hoch haben wir dieſes anzunehmen? Die Frage iſt nicht ſchwer zu beantworten,„da wir in Anſehung des gewöhnlichen Ausſaatquan⸗ tums eine unerwartete Übereinſtimmung bei allen Nationen und in allen Klimaten ſogar antreffen. Die mittlere Ausſaat iſt zwiſchen 18 und 20 Berliner Metzen auf den Magdeburger Morgen von allen gewöhn⸗ lichen Getreidearten bis auf den Hafer, der in der Regel auch allent⸗ halben um ¼ oder um die Hälfte ſtärker ausgeſäet wird.... Da die allgemeine Erfahrung jenes Ausſaatmaß bei der gewöhnlichen Be⸗ ſtellung(Breitſaat ꝛc.) als das ſicherſte beſtätigt hat, und die Saat⸗ erſparer, ſo lange ſie dieſe nicht abänderten, im Durchſchnitt nicht glück⸗ lich geweſen ſind, ſo hat der Landwirt Gründe genug, dabei zu beharren“ (Thaer). Obige 18 bis 20 Metzen pro Morgen entſprechen etwa 240 bis 2701 pro ha. Dies wäre alſo das mittlere Ausſaatquantum der Breitſaat bei Weizen, Roggen und Gerſte. Unter dieſes Maß darf man nur herab⸗ gehen bei ſehr früher Saatzeit, bei außergewöhnlich ſorgfältiger Reini⸗ gung und Sortierung des Saatsguts und bei ſehr ſauberer Zubereitung des Saatackers. Als das Minimum der Breitſaat betrachten wir 2001 pro ha. Bei der Drillſaat kommt von den vorſtehend angegebenen Maßen nicht mehr als ⅛ in Abzug. Das mittlere Ausſaatquantum der Diill⸗ ſaat bei Weizen, Roggen und Gerſte heträgt daher 190 bis 210 l und das Minimum 160 l pro ha. Nähere Angaben für die einzelnen Ge⸗ treidearten folgen weiter unten. Hierbei haben wir den gewöhnlichen Feldbbau im Auge. Wenn es ſich darum handelt, einzelne Körner oder einen ſehr kleinen Vorrat von Saatgut möglichſt zu vermehren, ſo kann man das Quantum der Aus⸗ ſaat bis auf 80 l pro ha vermindern, aber man iſt dann ſchon dem Ri⸗ ſiko ausgeſetzt, daß die Saat über Winter leidet, unter Umſtänden ſogar gänzlich zu grunde geht. Saatzeit.— Die Prarxis unterſcheidet zwei Saatzeiten: Herbſt⸗ ſaat und Frühjahrsſaat. Die Grenze zwiſchen beiden liegt in der Mitte des Jahres, wenn die Sonne den höchſten Stand erreicht und ſich wieder nach Süden wendet. Wir haben dann den längſten Tag. Das Zentrum der Herbſtſaatzeit fällt auf die Tag⸗ und Nacht⸗ gleiche im Herbſt(letztes Drittel des September), das Zentrum der Frühjahrsſaatzeit fällt auf die Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr(letztes Drittel des März). Die vierzehn Tage um die beiden AÄquinoctien kann — 195— man als die mittlere, die Zeit vorher und nachher kann man als die frühe, beziehungsweiſe ſpäte Saatzeit bezeichnen. Die Praxis unterſcheidet ferner Winterung und Sommerung oder Wintergetreide und Sommergetreide. Als Winterung laſſen ſich in unſerem Klima anbauen gewiſſe Arten oder Varietäten von Gerſte, Roggen, Weizen und Spelz, und zwar folgen ſie hinſichtlich der Saatzeit in der Ordnung, daß der Johannisroggen gewiſſermaßen als Vortrab zuerſt in's Feld rückt; etwas ſpäter das Gros, in welchem die Gerſte die erſte, der Roggen die zweite, der Weizen mit dem Spelz die dritte Abteilung bildet. Späteſtens mit dem letzten Oktober muß das letzte Wintergetreide in der Erde ſein. Im Frühjahr eröffnen Sommer⸗Roggen, Weizen und große Gerſte den Reigen, dann folgt der Hafer, etwas ſpäter die empfindliche Hirſe und der verzärtelte Mais; den Schluß bildet die kleine Gerſte, die ſich um die Zeit der Sonnenwende mit dem Johannisroggen begegnet. Im übrigen verſchiebt ſich die Saatzeit mit der geographiſchen Breite und mit der Höhe über dem Meer, was im deutſchen Reiche einen Unterſchied von vierzehn Tagen bis drei Wochen bedingt. Auch die Witterung des Jahrganges, der Zuſtand des Bodens und die Wirt⸗ ſchaftsverhältniſſe(Fruchtfolge, Arbeit ꝛc.) ſind auf die Beſtimmung der Saatzeit von Einfluß. Im allgemeinen iſt es ratſam, den Grundſatz zu befolgen, jede Fruchtart ſo früh anzubauen, als es ihre Natur er— laubt, denn mit der längeren Vegetationszeit erhöht ſich der Ertrag. Lehrreich in dieſer wie in anderer Beziehung iſt folgender Verſuch von E. Wollny in München. Winterroggen — 10⁰0 Pflanzen pro 4 qm.— Bodenraum pro Pflanze 40 400 dem. Quantitzt der Qualität der ahl der 3 Durch⸗ Bu Ernte— hnmulhhe Ernte Saatzeit Erntezeit von der Zahl der 20 g 100 Körner Saat 5 5 2 Halme Körner wiegen bis zur G b pro enthalten. durhe 1873 1874 Ernte 2 Pflanze Stück ſchnittlich 18. Auguſt f10. Juli 327 28, 919 2,18 2. Septbr. 13.„ 315 1ass 3060 315 21,0 804 248 16.„ 17.„ 305 1475 2750 287 19,3 761 2,63 9)„ 18.„ 292 1056 1927 239 125 709 2,2 Oktbr. 823.„ 283 830 1107 216 102 752 2,66 18 28„ 274 517 901 44 6,9 752 2,66 11. Novbr. 1. Auguſt 264 145 219 27 3,1 910 2,19 25.„ 5.„ 254 280 513] 45] 4,3 701 2,85 13* 196 Die vom 28. Oktober bis 25. November geſäeten Körner liefen erſt im Januar des nächſten Jahres auf. Der am 18. Auguſt gebaute Roggen ſchoßte ſo zeitig im Frühjahr, daß die Ahren im Mai von Nachtfröſten litten. Im übrigen ſprechen die Zahlen entſchieden zu gunſten der frühen Saatzeit. Die Bflege der Saaten. Eggen.— Wenn unmittelbar nach der Saatbeſtellung die Oberfläche des Bodens durch einen Platzregen zuſammenſchwimmt in einen Brei, der durch plötzliches Austrocknen zu einer Kruſte erſtarrt, ſo iſt es ratſam, das Feld zu übereggen, um die Keimung des Samens und das Hervor⸗ brechen des Hälmchens zu ermöglichen und zu unterſtützen. Auch ſpäter kann die Zerſtörung der Kruſte mit Hilfe der Egge zweckmäßig ſein, namentlich im Frühjahr bei der Winterung, wobei zugleich die etwa vorhandenen Erdklöße, nachdem ſie die Einwirkung des Froſtes erlitten, zerkleinert und verteilt werden. Die gelockerte Erde regt die Pflanzen an zur Bewurzelung und zur Beſtockung. Außerdem werden einige flachwurzelnde Unkräuter vertilgt. Geſchieht das Eggen im richtigen Moment, ſo kann es beſonders bei der Weizenſaat einen guten Erfolg haben. Ferner kann das Eggen in Anwendung kommen zur Lichtung üppiger und zu dicht beſtandener Saaten, um dem Lagern vorzubeugen. Walzen.— Hat bei der Saatbeſtellung die Feuchtigkeit der Witte⸗ rung die Benutzung der Walze nicht geſtattet, ſo kann das Walzen ſpäter nachgeholt werden, um die Oberfläche des Bodens zu verebnen und den Schnitt der Mähmaſchinen zu erleichtern. Bei der Winterung hat das Walzen im Frühjahr außerdem den Zweck, die durch den Froſt gehobenen Pflanzen anzudrücken und zu neuer Wurzelbildung anzuregen. Auch das vorzeitige Schoſſen läßt ſich durch ein vorſichtiges Walzen zurückhalten. Schröpfen.— Das Schröpfen iſt eine alte, ſchon zu Theophraſt's Zeiten auf dem fruchtbaren Boden Theſſaliens angewandte Maßregel, um allzuüppige Saaten vor dem Lagern zu ſchützen. In manchen Jahr⸗ gängen bleibt nichts übrig, als zu dieſem Rettungsmittel ſeine Zuflucht zu nehmen. Aber man ſcheere die Saat ſofort bei Beginn des Schoſſens und beſeitige nur die Spitzen der oberen Blätter, um die in den Blatt⸗ ſcheiden emporrückenden jungen Ähren nicht zu verletzen. Die erſten und oberſten Ähren ſind die beſten, und eine abgeſchnittene Ähre wächſt niemals wieder nach. Eine zu tief oder zu ſpät geſchröpfte Saat ent⸗ wickelt nur die in den Blattachſeln angelegten Reſervetriebe, welche ſelten oder niemals die Stärke erreichen, wie die zuerſt emporgeſchoſſenen — 197— Haupthalme. Sicherer bleibt es auf jeden Fall, durch ein mäßiges Aus— ſaatquantum und durch mäßige Düngung dem Lagern vorzubeugen. Sehr wirkſame Maßregeln zu dieſem Zwecke ſind 1. die Drainage, welche die überflüſſige Feuchtigkeit beſeitigt, 2. die Tiefkultur, welche die Bewurzelung der Pflanzen unterſtützt, 3. die Drillſaat, welche dem Licht den Zutritt zu den Blättern geſtattet. Hacken.— Das Behacken der Getreideſaaten iſt heutzutage nur auf gedrillten Feldern im Gebrauch, wo es mit der Hackmaſchine(Fig. 93) und mit der Handhacke geſchieht; es iſt aber hervorzuheben, daß die alten Griechen, welche die Samenkörner mit dem Hakenpfluge in die Erde brachten, ihre Winterſaaten im Frühjahr auf ſchwerem Boden teils mit der Handhacke, teils ſogar mit dem Hakenpfluge bearbeiten ließen. Möglich iſt das Behacken alſo auch bei der Breitſaat, aber allerdings wird es Fig. 93. Hackmaſchine von W. Siedersleben& Co., Bernburg.— Mit Armatur zum Behacken von 13 Getreidereihen. durch die Reihenſaat bedeutend erleichtert. An der Förderung des Wachs⸗ tums durch das Behacken, welches die Zerſtörung der Kruſte und die Vertilgung des Unkrauts bezweckt, wird wol niemand zweifeln, aber viel⸗ fach hält man die Arbeit für undurchführbar oder für unrentabel. Dem⸗ gegenüber erinnern wir an die ausgedehnte Anwendung der Hack⸗ maſchine in England und in der Provinz Sachſen, und in bezug auf die Anwendung der Handhacke verweiſen wir auf die Beſchreibung und Ertragsberechnung einer Zuckerrübenwirtſchaft, mitgeteilt in den Landw. Jahrbüchern 1874 von H. Thiel, worin es heißt:„Es iſt meiſtenteils möglich, die Hälfte des Winterkorns und 1 des Sommerkorns einmal mit der Hand zu hacken, und koſtet der Morgen im Akkord 2 bis 3 Mark.“ Man mache alſo den Verſuch und laſſe ſoviel behacken, wie mit den vorhandenen Arbeitskräften bewältigt werden kann. Auf bündigem 4 — 198— Boden wird ſich die Arbeit durch die höheren Erträge und durch die Reinheit der gewonnenen Körner in der Regel reichlich bezahlen; auf leichterem Boden iſt das Behacken weniger nötig, aber ebenfalls ratſam. Jäten.— Mit dem Jäten verhält es ſich ähnlich wie mit dem Fig. 94. Kornrade, Agrostemma Fig. 95. Ritterſporn, Delphinium Githago.— Same a in natuͤrlicher Consolida.— Same a in natuürlicher Größe; b 7fach vergrößert. Größe; b, e vergrößert; d Längsſchnitt durch den Samen; Embryo. Hacken; namentlich iſt das Jäten auf bündigen wie auf leichteren Böden in dem Falle am Platze, wenn das Hacken unterbleibt. Um nur an einem Beiſpiel zahlenmäßig zu zeigen, wie bedeutend der Ertrag an Korn und an Stroh durch das Unkraut geſchädigt wird, Fig. 96. Acker⸗Hahnenfuß, Ranun- Fig. 97. Hederich, Raphanus ra- culus arvensis.— a, b Schließfrucht phanistrum.— a Gliederſchote(nat. beiderſeits mit ſtarken gekruͤmmten Dorn⸗ Größe); b und e Same; d Samen⸗ fortſätzen; c dieſelbe im Profil. durchſchnitt; e Fruchtglied halbiert. teilen wir das Reſultat eines Verſuches mit, welchen Wollny im Jahre 1884 auf zwei ganz gleichmäßig beſchaffenen Parzellen in der Weiſe ausführte, daß er auf der einen Fläche das Unkraut wachſen, auf der andern dagegen ausjäten ließ. Name Beſchaffenheit Größe Entfernung Ertrag der der der der Zahl Pflanze. Parzelle. Parzelle. Pflanzen.„dere Liner koh. ¹ qm em g mit Unkraut 4 20 20 216 180 Sommerroggen ohne„„ h, l 423 528 10 7 Wir denken, daß jeder Landwirt, welcher dieſe Zahlen zum erſtenmal überblickt, durch das Reſultat des Verſuches überraſcht, und wir hoffen, daß mancher durch dieſelben veranlaßt werden wird, den Vertilgungskrieg gegen das Heer der Unkräuter zu unternehmen. b 2 4 Fig. 98. Roggen⸗Treſpe, Bromus Fig. 99. Taumellolch, Lolium secalinus.— a Ahrchen; b, e Schein⸗ temulentum.— Scheinfrucht a Rück⸗ frucht natürliche Größe; d Rückſeite; ſeite; b Bauchſeite vergrößert; c natür⸗ e Bauchſeite vergrößert. liche Größe. Aberſicht der ſchädlichen Pflanzen und Tiere. Schädliche Pflanzen. Die Pflanzen, welche beim Getreidebau als ſchädlich in betracht kommen, laſſen ſich nach ihrer Organiſation und Lebensweiſe in drei — 200— Gruppen bringen, von denen die erſte die gewöhnlichen Unkräuter, die zweite die Wurzelſchmarotzer, die dritte die paraſitiſchen Pilze umfaßt. Erſte Gruppe: Gewöhnliche Unkräuter. Hierher rechnen wir diejenigen wildwachſenden Pflanzen, welche ſich ſelbſtändig ernähren und einfach dadurch ſchädlich werden, daß ſie den Kulturgewächſen Raum, Licht und Nahrung wegnehmen. Fig. 100. Saat⸗Wucherblume, Fig. 101. Frühlingskreuzkraut, Chrysanthemum segetum.— a vom Senecio vernalis.— a und b Frucht Strahl; b von der Scheibe; c naturl. mit haarigem Pappus; c vergrößert; Größe. d ein Stück der Frucht ſtärker ver⸗ größert. Ihre Vertilgung geſchieht teils auf direktem, teils auf indirektem Wege: durch ſorgfältige Reinigung des Saatguts, durch ſaubere Zu⸗ bereitung des Bodens(Brache), durch Ausjäten, Ausſtechen, Aushacken ꝛc. Fig. 102. Ackerwinde, Convolvulus Fig. 103. Acker⸗Steinſame, Litho- arvensis.— a Fruchtkapſel in natürl. spermum arvense.— Frucht a ver⸗ Größe; b Same nat. Größe, c Same größert Bruchſeite; b desgl. Rückſeite; vergrößert. c natuͤrl. Größe. Auch der Tockenlegung des Landes durch Drainage oder Waſſerfurchen iſt hier wieder zu gedenken, weil viele Unkräuter durch die Näſſe in ihrem Wachstum ganz beſonders gefördert werden. — 201 * Kornrade, Agrostemma Githaga. Kornblume, Centaurea cyanus. Klatſchmohn, Papaver Rhoeas. * Feldritterſporn, Delphinium Con- solida. * Ackerhahnenfuß, Ranunculus ar- vensis. * Roggentreſpe, Bromus secalinus Taumellolch, Lolium temulentum. Windhalm, Apera spica venti. Gemeines Riſpengras, Poa tri- vialis. Gemeiner Fig. 104. Hohlzahn, Galeopsis tetrahit.— Frucht a ver⸗ größert; b nat. Größe. * Ackerwinde, Convolvulusarvensis. *Ackerſteinſame, Lithospermum ar- vense. * Hohlzahn, Galeopsis tetrahit. Erdrauch, Fumaria officinalis. Adonis, Adonis aestivialis. Acker⸗Gauchheil, Anagallis ar- vensis. Mäuſeöhrchen, Myosotis inter- media. Dieſe Blumenleſe mag genügen. werden dazu dienen, die Beſtimmung In dieſe Gruppe gehören folgende gemeine Unkräuter: Ackerfuchsſchwanz, Alopecurus agrestis. Wilder Senf, Sinapis arvensis. *Hederich,Raphanus raphanistrum. Klebkraut, Galium aparine. Hundskamille, Anthemis arvensis. * Wucherblume, Chrysanthemum segetum. * Gemeines Kreuzkraut, Senecio vulgaris. * Frühlingskreuzkraut, Senecio ver- nalis. Fig. 105. Acker⸗Gauchheil, Ana- gallis arvensis.— a Kapſel ge⸗ ſchloſſen; b dieſelbe geöffnet, mit zentral⸗ ſtändigem Samenträger; c und d Same. * Rapünzchen, Valerianella olitoria. Knäulkraut, Scleranthus annuus. Saudiſtel, Sonchus arvensis. Kratzdiſtel, Cirsium arvense. Vogelwicke, Vicia Cracca. Acker⸗Krummhals, Lycopsis ar- vensis. Ochſenzunge, Anschusaofficinalis. u. ſ. w. Die beigefügten Abbildungen der Unkrautſamen zu erleichtern, die Kenntnis derſelben zu fördern und zur Reinigung des Saatguts und ſomit auch zur Vertilgung der Unkräuter anzuregen. *) Dieſes Zeichen weiſt auf die Abbildungen. (Nobbe H. d. Samenkunde.) — 202— Zweite Gruppe: Wurzelſchmarotzer. Hierher rechnen wir diejenigen Unkräuter, deren Wurzeln mit den Wurzeln der Kulturpflanzen verwachſen, um dieſen mit Hilfe eigen⸗ tümlicher Saugwarzen oder Hauſtorien die Nahrungsſäfte zu entziehen. Im übrigen kommen ſie, was ihre landwirtſchaftliche Beurteilung betrifft, mit den gewöhnlichen Unkräutern der erſten Gruppe überein. Zu den Wurzelſchmarotzern, welche ſich auf den Getreidefeldern finden, gehören folgende Gewächſe: Klappertopf, kleiner, Rhinanthus minor 9 großer,„ major 3 Feld⸗, 1. hirsutus Wachtelweizen, Melampyrum arvense Augentroſt, Euphrasia Odontites Hanfwürger, Orobanche ramosa(auf Mais ſchmarotzend). Fig. 106. Rapünzchen, Valerianella olitoria.— Frucht a nat. Größe; b vergrötzert; c Querſchnitt, s Same; d Innenſeite der Fruchthuͤlle. Dritte Gruppe: Paraſitiſche Pilze. Die paraſitiſchen Pilze ſind kleine, mit bloßem Auge nicht deutlich erkennbare Pflanzen, welche ſich in den Leib der Kulturgewächſe hinein⸗ bohren und im Innern der Gewebe fortwuchernd und auf Koſten des Wirtes lebend verſchiedene Krankheiten der Kulturgewächſe verurſachen. Die gemeinſten und wichtigſten Krankheiten der Getreidearten ſind Mutterkorn, Brand und Roſt. Wir wollen dieſelben kurz beſprechen. Das Mutterkorn, Claviceps purpurea.— Fig. 107 zeigt uns das Mutterkorn auf einer Roggenähre. Gelangt dasſelbe durch Ausfall oder mit der Saat auf feuchten Boden, ſo keimt es, gewöhnlich erſt im Frühjahr, aus, indem es mehrere geſtielt⸗kugelige Fruchtkörper hervortreibt, wie dies Fig. 108 veranſchaulicht. Der kugelige obere Teil jedes Fruchtkörpers iſt dicht beſetzt mit halbeingeſenkten krugförmigen Sporenbehältern oder Perithecien. Fig. 109. — 203— Fig. 109. Mutterkorn, Claviceps pur- purea.— Ein Fruchtkörper im Längs⸗ durchſchnitt. S der Stiel, K das Köpfchen mit zahlreichen Sporen⸗ behältern oder Perithecien p. Schwach vergrößert.(Nach Tulasne.) m Fig. 107. Eine Roggenähre mit 2 voll⸗ Fig. 108. Aus dem Mutterkorn m ſtaͤndig ausgebildeten Sklerotien des ſind mehrere geſtielt⸗kugelige Pilz⸗Frucht⸗ Mutterkorns(Claviceps purpurea). körper k hervorgewachſen. Natuͤrliche Größe. Natürliche Größe.(Nach Tulasne). — 204— Jeder Sporenbehälter enthält zahlreiche ſcheidenförmige Schläuche, aus denen zur Zeit ihrer Reife die fadenförmigen Sporen ausgeſchleudert werden. Fig. 110. Die mikroſkopiſch kleinen und ſehr leichten Sporen werden durch den Wind in die junge Blüte des Roggens oder einer anderen Grasart gebracht. Hier keimen ſie in der Weiſe aus, wie es Fig. 111 darſtellt, und die Keimſchläuche dringen ein in den Fruchtknoten. Der junge zwiſchen den Spelzen verborgene Fruchtknoten wird überall durch- und überwuchert von den weißen Fäden des Pilzes, welche auf der Oberfläche eine Unzahl cylindriſcher Fruchtträger bilden, an deren Spitze eiförmige Gonidien abgeſchnürt worden. Fig. 112, A. 8 0 AN h 4— e. nff I h) R d N K K K ¹ I d 3 N Gr Fig. 110. Mutterkorn, Clavi- Fig. 111. Mutterkorn, Claviceps purpurea.— ceps purpurea. Ein Eine Anzahl fadenförmiger Ascoſporen(vergl. ſcheidenförmiger Schlauch Fig. 110) in Keimung begriffen. oder Ascus a(aus den Stark vergrößert.(Nach J. Kühn.) Sporenbehältern p Fig. 109), fadenförmige Sporen sp aus⸗ ſchleudernd. Stark vergrößert.(Nach Tulasne). Gleichzeitig mit der Bildung dieſer wird jener zuckerhaltige Saft ab⸗ geſondert, der in dicken, von unzähligen Gonidien getrübten Tropfen zwiſchen den Spelzen hervorquillt und das Vorhandenſein des Paraſiten hierdurch verrät. Der Zuckerſaft wird begierig aufgeſaugt von Inſekten, welche dann ihrerſeits die Gonidien verſchleppen und ſo zur Verbreitung des Pilzes beitragen, denn die Gonidien ſind ebenfalls keimfähig(Fig. 112, B) und ſie rufen in anderen Blüten dieſelben Erſcheinungen hervor, die wir eben betrachtet haben. Allmählich hört die Abſchnürung der Gonidien und die Abſonderung des Zuckerſaftes auf, die Pilzfäden am Grunde der gonidienbildenden Fruchtträger verflechten und verfilzen ſich mehr und mehr, und ſchließlich — 205— entſteht ein hornartiger Körper: das Mutterkorn, welches mit der Frucht⸗ reife des Graſes ebenfalls ſeine Reife erlangt und damit in den bis zum kommenden Frühling dauernden Ruheſtand übergeht. Unter den Getreidearten zeigt ſich das Mutterkorn am häufigſten auf dem Roggen; aber auch auf Weizen, Spelz, Gerſte, Hafer, Hirſe und Mais iſt es gefunden worden, außerdem auf zahlreichen wild⸗ wachſenden Gräſern.*) Die praktiſchen Maßregeln, die man zur Verhütung des Mutter⸗ korns ergreifen kann, beſtehen vorzugsweiſe darin, daß man das Saatgut ſorgfältig reinigen, und daß man die in der Nähe der Getreidefelder, an Rainen, Gräben und Wegrändern vorkommenden Gräſer vor ihrer Blüte abſchneiden und fortnehmen läßt. Fig. 112. Mutterkorn, Claviceps purpurea.— Bei A das fädige und verfilzte Mycelium m, übergehend in die Fruchtträger f, welche an ihrer Spitze die Gonidien g abſchnüren. Bei B keimende Gonidien g, von welchen die 8 eine ſekundäre Gonidien g entwickelt hat. Stark vergrößert.(A nach Tulasne, B nach J. Kühn.) Der Steinbrand, Tilletia Caries.— Die bekannteſte und gefährlichſte der verſchiedenen Brandformen iſt der Steinbrand, Schmierbrand oder Stinkbrand, der nach Julius Kühn ausſchließlich auf den Weizenarten vorkommt. Die Lebensgeſchichte dieſes paraſitiſchen Pilzes iſt folgende. Beim Dreſchen werden die in den Ähren ſitzenden Brandkörner zer⸗ ſchlagen und der freiwerdende Staub, der aus Millionen von Brand⸗ ſporen beſteht, fliegt auf die Strohteile und auf die geſunden Weizen⸗ körner. Namentlich ſetzen ſich die Brandſporen in dem Haarſchopf feſt, welchen das Weizenkorn am oberen Ende trägt. Derartigen Weizen nennt man in der Müllerſprache„blauſpitzig“. Werden die mit Brandſporen behafteten Körner ausgeſäet, ſo keimt der Brand gleichzeitig mit dem Weizen. Fig. 113 zeigt ein gekeimtes *) Vergl. Jul. Kühn, Mitteilungen, I. Heft, 1863. — 206— Weizenkorn, Fig. 114, A eine gekeimte Brandſpore, aber freilich nicht bei derſelben Vergrößerung, denn dieſe verhält ſich wie 7: 460. Wie gelangt der Brand nun in den Weizen? Die Brandſpore s treibt einen kurzen Keimſchlauch p. An dem ſtumpfen, breiten Scheitel desſelben ſproßt ein Wirtel oder„Kranz“ von pfriemenförmigen Sporidien oder„Kranzkörperchen“ hervor. Die Sporidien fallen ab und verbreiten ſich mit dem Waſſer im Boden. Gewöhnlich ſind die Sporidien mittelſt kurzer Querfortſätze paarweiſe vereinigt zu Doppelzellen. An einer Stelle der Doppelzelle entſteht ein dünner Keimſchlauch(Fig. 114, B bei x.). Der Keimſchlauch dringt ein in die Fig. 113. Keimling des Weizens(Triticum vulgare) drei Tage nach der Ausſaat. w. Hauptwurzel mit der Wurzelhaube wh und Anfäͤngen der Wurzelhaare h.— ws Wurzelſcheide der Hauptwurzel.— We und w. zwei Seitenwurzeln, noch eingeſchloſſen in ihre Wurzelſcheiden.— w. und Ws Anſchwellungen zweier weiterer Seitenwurzeln. sb Scheidenblatt des Hälmchens, se Schildchen. p Fruchtſchale. Vergrößerung 7fach. junge Weizenpflanze, und zwar in das erſte Scheidenblatt oder in den unterſten Knoten des Hälmchens oder in die Baſis der jungen Wurzel. Fig. 113 zeigt den zarten Entwickelungszuſtand der Weizenpflanze, in welchem der Sporidienkeim am leichteſten eindringt. Sobald das Weizen⸗ hälmchen aus dem Scheidenblatt hervorgewachſen, iſt die Gefahr der Infektion vorüber. Das Mycelium des Pilzes wächſt dann mit dem wachſenden Halme und ſeinen Seitentrieben empor bis in die Ähren, um innerhalb der Fruchtknoten die Brandſporen zu entwickeln. So, wie es hier geſchildert, iſt der Vorgang am einfachſten. Es kann ſich aber auch auf einem kurzen Seitenzweige der Sporidien⸗ — 207— Doppelzelle ein ſekundäres Sporidium bilden, welches abfällt, auskeimt und den Keimſchlauch in die Weizenpflanze hineintreibt.(Fig. 115.) Ja, die Sporidien⸗ oder Gonidienbildung kann ſich noch öfter wiederholen und zu einer hefeartigen Sproſſung führen, indem der Pilz ſich längere Zeit von den Dünger⸗ und Humusteilen des Bodens zu ernähren vermag. Iſt der Weizen aber inzwiſchen über das Stadium der Keimung hinaus, ſo können ihm die ſpäter gebildeten Sporidien nicht mehr ſchaden. Was läßt ſich nun thun, um die Brandkrankheit zu verhüten? Fig. 114. Steinbrand, Tilletia Caries.— Fig. 115. Glatter Steinbrand, s Brandſpore, p Keimſchlauch, an der Spitze Tilletia laevis.— Eine Sporidie mit pfriemenförmigen Sporidien„Kranz⸗ sp hat bei g eine Gonidie ent⸗ körperchen“ sp beſetzt. Fig. B zeigt eine wickelt. g eine ausgekeimte doppelzellige Sporidie, welche bei X einen Gonidie. duͤnnen Kei mſchlauch getrieben hat. Vergrößerung 375 fach.(Nach Vergrößerung 460 fach.(Nach Tulasne.) R. Wolff.) Da die Brandſporen dem Weizenſamen äußerlich anhaften und mit dieſem auf das Feld gelangen, ſo kommt es vor allen Dingen darauf an, das Saatgut vor der Ausſaat von den Brandſporen zu reinigen. Dies kann mit größerer oder geringerer Vollkommenheit auf naſſem oder auf trockenem Wege geſchehen. Reinigung auf naſſem Wege.— Hierhin rechnen wir das Waſchen und Beizen. Das Waſchen wird in folgender Weiſe ausgeführt. Man nimmt einen Bottich von entſprechender Größe, legt einen Strohwiſch vor das Zapfenloch, beſchwert ihn mit einem Stein und gießt den Bottich voll Waſſer. Hierauf ſchüttet man die Saatfrucht recht langſam hinein, — 208— rührt ſie mehrmals gründlich um und bearbeitet ſie kräftig mit einem abgenutzten Reisbeſen. Nicht allein die Unkrautſamen und die ſchlechten Saatkörner, ſondern auch die Brandſporen ſchwimmen obenauf. Das Schwimmende wird wiederholt abgeſchöpft. Dann ſchlägt man den Zapfen heraus, das Waſſer läuft ab; und die Saatfrucht iſt ſchnell und billig gereinigt. Dieſe„einfache Saatfrucht⸗Reinigungsmaſchine“, die Erfindung eines praktiſchen Landwirts, iſt übrigens nicht blos bei brandigem Weizen, ſondern bei jeder Getreideart anwendbar.*) Wirkſamer zur Bekämpfung der Brandkrankheit iſt das Beizen, welches in ähnlicher Weiſe ausgeführt wird, wie das Waſchen, nur nimmt man anſtatt des reinen Waſſers eine ½ prozentige Kupfervitriol⸗ löſung(auf je 100 1 Waſſer ½ kg Kupfervitriol). Wird der Weizen wenigſtens 12 Stunden in der Löſung belaſſen, ſo verlieren auch die an den Körnern hängen bleibenden Brandſporen ihre Keimfähigkeit. Durch das gewöhnliche Verfahren: Beſprengen des auf den Haufen ge⸗ ſchütteten Weizens mit der Gießkanne und nachheriges Umſchaufeln wird der Zweck bei weitem nicht ſo vollkommen erreicht, wie durch das von Jul. Kühn empfohlene Einweichen. Reinigung auf trockenem Wege.— Wer ſich zu dem Waſchen und Einweichen durchaus nicht entſchließen kann, der verſäume wenigſtens nicht, das Saatkorn wie das Brotkorn ſo gut als möglich auf trockenem Wege zu reinigen. Es hilft gegen den Brand ſchon ſehr viel, wenn die Körner drei⸗ oder viermal, am beſten auf einer luftigen und ſonnigen Scheuntenne, durch eine einfache Windfege gelaſſen werden. Noch wirk⸗ ſamer müßte eine Windfege ſein, bei welcher die Körner durch zwei Bürſtenwalzen getrieben würden, und dieſer Vorſchlag ſcheint mir der Beachtung wert zu ſein, um ſo mehr, da die Bürſtenwalzen in Amerika bereits im Gebrauche ſind. Anderweitige Maßregeln zur Bekämpfung der Brandkrankheit be⸗ ſtehen in dem Bezug brandfreien Saatguts von auswärts und in der Vermeidung friſcher Stallmiſtdüngung zur Getreideſaat. Letzteres iſt beſonders in dem Falle geboten, wenn das Futter⸗ oder Streuſtroh Brandſporen enthält. Auch durch Verwendung brandſporenhaltiger Kraftfuttermittel(Kleien und Futtermehl) können die Krankheitskeime in den Dünger und mit dieſem auf das Feld gelangen, denn die im Futter aufgenommenen Brandſporen verlaſſen den Darm der Tiere, ohne ihre Keimfähigkeit einzubüßen. So viel von dem Weizenſteinbrand, der außer durch Tilletia Caries auch durch Tilletia laevis hervorgerufen wird. *) Zeitſchrift für d. Grßh. Heſſen, 1884, No. 10. — 209 Was die übrigen Brandarten betrifft, ſo leidet der Roggen, glücklicherweiſe ſehr ſelten, von dem Roggenkornbrand, Vstilago secalis und dem Roggenſtengelbrand, Urocystis occulta. Auf der Hirſe kommt der Hirſebrand, Ustilago destruens, und auf dem Mais der Maisbrand, Ustilago Maydis vor, gegen welchen das Ein⸗ weichen in Kupfervitriol anzuwenden iſt. Ferner findet ſich auf Hafer und Gerſte ziemlich häufig, auf Weizen ſeltener, der Flugbrand, Ustilago Carbo. Man hat auch gegen dieſe Brandart das Einweichen in Kupfer⸗ vitriol verſucht, aber nicht günſtig befunden, weil die Keimfähigkeit der beſpelzten Samen, Gerſte und Hafer, zu ſehr geſchädigt wurde; beſſer bewährt hat ſich die einprozentige Schwefelſäure, doch ſind die Verſuche noch nicht zu einem allgemein befriedigenden Abſchluß gelangt. Vor⸗ läufig dürfte bei Hafer und Gerſte die vorhin erwähnte Reinigung auf trockenem Wege den Vorzug verdienen. Der Grasroſt, Puocinia graminis.— Von den Roſtarten iſt die häufigſte und ſchädlichſte der gemeine Gras- oder Getreideroſt, welcher ſämtliche bei uns angebaute Getreidearten und auch viele wild⸗ wachſende Gräſer, wie z. B. die Quecke, das engliſche Raygras, das Knaulgras ꝛc. befällt. Seine Lebensgeſchichte iſt merkwürdig durch die verſchiedenen Fruchtformen, welche er entwickelt. 1. Sommerſporen. Während des ganzen Sommers findet man auf den Blättern und Blattſcheiden und auf den anderen grünen Teilen der Gräſer die Sommerſporen oder Uredoſporen. Dieſe Frucht⸗ form bildet unter der Oberhaut der Blätter ſchmale, lange, rote Wülſte; auf dem Mycelium erheben ſich dicht gedrängte Fruchtzweige ſenkrecht gegen die Oberhaut und erzeugen durch Abgliederung große eirunde Sporen, deren Protoplasma rote Körnchen enthält.(Fig. 116, u.) Dieſe Sommer⸗ oder Uredoſporen werden nach Zerreißung der Oberhaut aus⸗ geſtreut und keimen nach einigen Stunden auf der Oberfläche derſelben oder einer anderen Graspflanze. Die Sporen ſenden ihre Keimſchläuche durch die Spaltöffnungen ins Innere. Es entſtehen neue Mycelien, welche nach 6—10 Tagen neue Sporen entwickeln und ausſtreuen, und ſo geht es fort den ganzen Sommer hindurch. 2. Winterſporen. Gegen Ende des Sommers erſcheint neben den Uredoſporen eine andere Fruchtform: die Winterſporen oder Teleuto⸗ ſporen, welche auf den Blättern der Gräſer, beſonders der Quecke, überwintern. Fig. 116, t zeigt dieſe Fruchtform. Dieſe Winterſporen treiben im Frühjahr einen oder zwei Frucht⸗ träger, an welchen mehrere kleine Sporen oder Sporidien gebildet werden, (ganz ähnlich wie es Fig. 117 bei einer anderen Roſtart darſtellt). Die Sporidien fallen ab, werden durch den Wind verbreitet und auf die Getreidebau. 14 210— Blätter des Berberitzenſtrauches gebracht, auf welchen ſie merkwürdiger⸗ weiſe zur Entwicklung gelangen, während dies auf den Blättern eines Graſes durchaus nicht möglich iſt. 3. Acidien und Spermogonien. Fig. 118 zeigt eine Sporidie, deren Keimſchlauch bei i die Oberhaut des Berberitzenblattes durchbohrt hat. Iſt dies geſchehen, ſo durchwuchert das Mycelium des Pilzes den fleiſchigen Teil des Blattes und erzeugt zweierlei Fruchtformen: die Acidien und Spermogonien, welche in Fig. 119 bei a und sp zu ſehen ſind. Über die Bedeutung der Spermogonien weiß man noch nichts Fig. 116. Gemeiner Grasroſt, Puccinia Fig. 117. Streifenroſt, Puccinia graminis.— u Sommerſporen oder straminis.— t zweizellige Winterſpore, Uredoſporen, t Winterſporen oder Te⸗ obere Zelle ausgekeimt. g Gonidie oder leutoſporen. Sporidie. Vergrößerung 390 fach.(Nach de Bary.) Vergrößerung 390 fach.(Nach de Bary.) beſtimmtes; man hat in ihnen winzig kleine ſchwarze Körnchen gefunden, deren Keimung aber bis jetzt nicht gelungen iſt. Dagegen iſt die Bedeutung der Acidien völlig klar gelegt. Anfangs bildet das Äcidium unter der Oberhaut des Berberitzenblattes einen knolligen Körper(Fig. 119, B). Später durchbricht es die Oberhaut und ſtellt einen offenen Becher dar, aus deſſen Grunde beſtändig gonidien⸗ artige Sporen abgeſchnürt werden, die an der Offnung des Bechers aus⸗ einanderfallen(Fig. 119 a). Dieſe Acidienſporen entwickeln ſich nur auf der Oberfläche eines Grasblattes, z. B. des Roggens, des Weizens ꝛc., und zwar dringen die Keimſchläuche ein durch die Poren der Spaltöffnungen. Das im Pa⸗ renchym der Graspflanze entſtehende Mycelium erzeugt binnen 6— 10 Tagen wieder Sommer⸗ oder Uredoſporen, und damit iſt der Kreislauf des Pilzes geſchloſſen. Die Mittel zur Bekämpfung des Grasroſtes ergeben ſich aus der Entwicklungsgeſchichte desſelben. Als ſolche ſind zu nennen. 1. Ausrotten der Berberitzenſträucher. 2. Unterpflügen der Stoppeln und Strohhalme. 3. Reinhalten der Grenzraine, Gräben und Wege von wildwachſenden Gräſern. 4. Entwäſſerung, weil die Feuchtigkeit die Wucherung des Pilzes begünſtigt.— Fig. 118. Gemeiner Grasroſt, Fig. 119. Gemeiner Grasroſt, Puccinia gra- Puccinia graminis.— Eine minis.— A der durch den Pilz aufgetriebene Sporidie(vergl. Fig. 117), Teil eines Berberitzenblattes. o Oberſeite, welche bei i die Oberhaut eines u Unterſeite des Blattes. sp Spermogonien, Berberitzenblattes mit ihrem a Acidien, letztere Gonidien ausſtreuend. Keimſchlauch s durchbohrt hat. B ein Acidium noch unter der Oberhaut u des Vergrößerung 390 fach. Blattes. V (Nach de Bary). Schwach vergrößert.(Nach J. Sachs.) Die beiden anderen Roſtarten, die wir hier kurz berückſichtigen wollen, ſind der Streifenroſt, Puccinia straminis, auch P. Rubigo-vera genannt, und der Kronenroſt, Puccinia coronata. Beide Arten ſtimmen 1G in ihrer Entwicklung mit Puccinia graminis überein, nur die Pflanzen, auf denen das Acidium vorkommt, ſind verſchieden. — Der Streifenroſt, P. straminis bevorzugt als Wirt den Weizen, verſchmäht aber auch den Roggen und die Gerſte nicht und hält auch Einkehr bei wildwachſenden Gräſern. Seine zweizelligen, aber abgeſtutzten Winterſporen zeigt Figur 117. Die obere Zelle iſt ausgekeimt, um Sporidien zu entwickeln. Das Acidium des Streifenroſtes findet ſich auf folgenden rauh⸗ blättrigen Pflanzen: Ochſenzunge, Anchusa officinalis,— Hundszunge, 14⸗ — 212— Cynoglossum officinale,— Boretſch, Borago officinalis,— Krummhals, Lycopsis arvensis,— Beinweil, Symphytum officinale,— Natterkopf, Ehium vulgare ꝛc. Es empfiehlt ſich dieſe, ohnehin nicht nutzbaren Pflanzen möglichſt auszurotten, denn wenn ſie auch zur Fortpflanzung des Pilzes nicht unbedingt nötig ſind, da dieſe Roſtart im Uredozuſtande auf der Saat zu überwintern vermag, ſo tragen ſie doch zu ſeiner Er⸗ haltung weſentlich bei. Der Kronenroſt, P. coronata kommt von Getreidearten wohl nur auf dem Hafer vor, aber hier in ſolcher Menge, daß die Blätter ganz dicht mit den ſchwarzgrauen Roſtflecken beſetzt erſcheinen. Von wild⸗ wachſenden Gräſern beſonders häufig auf dem Honiggras, Holcus lanatus, auf der Raſenſchmiele, Aira caespitosa und auf dem Land⸗ rohr, Arundo Epigeios. Die kurzgeſtielten, keulenförmigen Winterſporen tragen auf dem Scheitel 3—6 fingerförmige Fortſätze. Daher der Name Kronenroſt. (Fig. 120). Fig. 120. Kronenroſt, Puccinia coronata. Drei Winter⸗ oder Teleutoſporen. Vergrößerung 350 fach. (Nach Zimmermann's Atlas der Pflanzen⸗Photographie.) Das Acidium findet ſich auf verſchiedenen Arten des Kreuzdorns, namentlich auf dem Faulbaum, Rhamnus frangula und dem gemeinen Kreuzdorn, Rhamnus cathartica. Um den Kronenroſt einzuſchränken, ſollten dieſe Baumarten und die oben genannten Gräſer ausgerottet werden, was freilich leichter geſagt als gethan iſt. Die Natur hat dafür geſorgt, daß auch die Pilze und Unkräuter erhalten bleiben, aber der Menſch darf nicht müde werden, gegen dieſelben anzukämpfen. Mit der Zeit läßt ſich viel erreichen, wenn ſich zur richtigen Erkenntnis ein feſter Wille geſellt. Schädliche Tiere. Es kommen hier hauptſächlich diejenigen Tiere in betracht, welche man insgeſamt kurzweg als Ungeziefer bezeichnet. Dahin gehören die Feldmäuſe nebſt dem Hamſter, die Ackerſchnecke, die Wander⸗ heuſchrecke, die Engerlinge, der Drahtwurm, die Erdraupen, der Getreidelaufkäfer, die Halmweſpe, die Heſſenfliege, die Weizenmücke, das Weizenälchen, das Roggenälchen, die Rübennematode u. a. m. Vor⸗ zugsweiſe ſind es alſo Würmer und Inſekten, welche mit ihren Larven, Maden und Raupen die Entwicklung des Getreides beeinträchtigen, indem ſie die Wurzeln, Halme, Blätter, Blüten oder Früchte anſaugen oder zernagen und bald die ganze Pflanze, bald nur Teile derſelben zer⸗ ſtören. Für gewöhnlich beſchädigen oder vernichten ſie nur eine beſchränkte Zahl von Pflanzen; es kommt aber auch vor, daß ſie große Felder in dem Grade verwüſten, daß die ganze Saat ſpurlos verſchwindet. Als allgemeine Maßregeln zur Verhütung oder Einſchränkung des Ungezieferſchadens ſind zu erwähnen: Brachbearbeitung. 2. Zweckmäßige Fruchtfolge mit Wechſel zwiſchen Halmfrüchten, Hülſenfrüchten, Hackfrüchten, Futter⸗ und Handelsgewächſen. 3. Sorgfältige Beackerung mit Benutzung der Kälte des Winters und der Hitze des Sommers. 4. Genügend ſtarkes Ausſaatquantum. 5. Fleißiges Behacken möglichſt aller Kulturen, alſo auch der Getreideſaaten. 6. Schonung und Hegung der natürlichen Feinde, d. h. der⸗ jenigen wilden Tiere, welche das Ungeziefer zu ihrer Nahrung bedürfen. Letzteres geſchieht namentlich durch Herſtellung von Niſtplätzen (Anpflanzung von Bäumen, Hecken oder Strauchpartieen in der Um⸗ gebung des Gehöftes, an den Wegen, auf ſchwer zugänglichen Höhen oder Abhängen, in keſſelförmigen Vertiefungen ꝛc.), ſowie durch An⸗ bringung von Niſtkäſten an den Gebäuden und auf den Bäumen. Denn die inſektenfreſſenden Vögel ſind nebſt dem Mäuſebuſſard und einigen Säugetieren, unter denen Maulwurf, Spitzmaus, Igel und Wieſel obenan ſtehen, die größten Freunde der Landwirtſchaft. Auch die Fledermäuſe, ſowie die Fröſche und Kröten, Eidechſen und Nattern gehören nebſt den Spinnen zu den nützlichen und durchaus harmloſen Geſchöpfen, obwohl der Aberglaube, gegen den ebenſo ſchwer anzukämpfen iſt wie gegen das Ungeziefer, beharrlich das Gegenteil behauptet. Im beſondern mag über die ſchädlichen Tiere, ihre Lebensweiſe und ihre Bekämpfung folgendes bemerkt werden. 1. Die Mäuſe.— In gewöhnlichen Jahren wird die Vermehrung der Mäuſe durch ihre natürlichen Feinde: Mäuſebuſſard, Eulen und Krähen unter den befiederten, Fuchs, Iltis, Wieſel, Igel, Hund und Katze unter den vierfüßigen Räubern, in Schranken gehalten. Iſt letzteres nicht der Fall, ſo nimmt man am beſten zu dem Wegfangen ſeine Zuflucht, was bei der kleinen Feldmaus(Arvicola arvalis) mit der — = 214 Hohenheimer Mauſefalle oder durch glatte Bohrlöcher von 12— 15 cm Weite und 50 cm Tiefe, bei der größeren Schermaus(Arvicola am- phibius) mit der eiſernen Klammerfalle, und bei dem Hamſter(Cricetus frumentarius) mit der Tellerfalle oder durch Ausgraben geſchieht. Soll das Fallenſtellen aber von Erfolg begleitet ſein, ſo muß man die Lebensweiſe der verſchiedenen Mäuſearten und namentlich die Anlegung ihrer Röhren, Schlupfwinkel und Schlafkammern genau kennen und beachten. Näher kann an dieſem Orte hierauf nicht eingegangen werden; wir betonen nur noch, daß das Wegfangen im Frühjahr weit⸗ aus am wirkſamſten iſt. Die erſte Brut findet ſich ſchon im April oder anfang Maiz; vorher iſt alſo die geeignete Zeit zur Mäuſejagd. 2. Die Schnecken.— Die Winterungsſaaten werden zuweilen durch die Ackerſchnecke(Limax agrestis) in empfindlicher Weiſe geſchädigt. Dieſes Ungeziefer nimmt namentlich dort überhand, wo die natürlichen Feinde: Storch, Staar, Kibitz, Maulwurf, Spitzmaus, Igel, Kröte, Laufkäfer ꝛc. aus Unverſtand oder Mutwillen weggefangen oder getötet werden, an⸗ ſtatt ſie auf alle mögliche Weiſe zu hegen und zu pflegen. Fig. 121. Die Ackerſchnecke(Limax agrestis). Im Taunus, Hunsrück und Jura hat man Phosphorit⸗Super⸗ phosphat(600 kg pro ha nach der Saat bei trockenem Wetter aus⸗ geſtreut) mit ganz ſicherem Erfolg gegen die Schnecken angewandt; ſobald ſie mit der Säure des Düngers in Berührung kommen, ſterben ſie. Das Mittel iſt koſtſpielig, aber der Dünger kommt der betreffenden und der folgende Ernte zu gut. Unter Umſtänden kann es genügen, nur einen Schutzſtreifen von 1—2 m Breite mit dem Ätzmittel zu beſtreuen. 3. Die Wanderheuſchrecke*).— Eine Landplage, die von Zeit zu Zeit wiederkehrt, wird durch die Wanderheuſchrecke(Oedipoda migratoria) verurſacht. Das gefürchtete Inſekt lebt nicht allein im Orient, ſondern es iſt auch in vielen Gegenden Deutſchlands fortwährend heimiſch. So⸗ bald die Witterung(Wärme und Trockenheit) mehrere Jahre hinterein⸗ ander ſeine Vermehrung begünſtigt, iſt die Landplage da. Um dieſelbe abzuwenden und ihr möglichſt vorzubeugen, empfiehlt ſich wiederum vor *) A. Gerſtäcker, die Wanderheuſchrecke, 1876. E. L. Taſchenberg, Naturgeſchichte der wirbelloſen Thiere, 1865. C. G. Giebel, Landwirtſchaftliche Zoologie, 1869. allem Schutz und Schonung derjenigen wilden Thiere, welche auf In⸗ ſektennahrung angewieſen ſind. Von dieſen kommen der Wanderheuſchrecke gegenüber für unſere Gegenden namentlich in betracht: der Maulwurf, der Igel und die Spitzmäuſe nebſt dem Fuchs und Iltis, welch' letztere freilich nicht ſo unbedingte Schonung verdienen, wie jene; ferner der Staar, der Storch, die Dohle, die Saat-, Nebel- und Rabenkrähe nebſt den weniger harmloſen Würgern; endlich die Eidechſen und Kröten nebſt der ſchwarzen Feldgrille(Gryllus campestris) und dem großen grünen Heupferd(Locusta viridissima), welche beide keineswegs zu den Pflanzen⸗ feinden zählen, ſondern allerlei andere Inſekten und beſonders auch die Larven der Wanderheuſchrecken begierig verſpeiſen. Fig. 122. Die Wanderheuſchrecke, Oedipoda migratoria.— Die eine Figur zeigt das Inſekt im geflügelten Zuſtande, die andere zeigt die mit Fluͤgelſtumpfen verſehene Larve. Ohne Zweifel tragen die genannten Tiere das ihrige dazu bei, daß die Heuſchrecken nur ſelten epidemiſch auftreten. Wird aber eine Feld— mark oder gar eine ganze Provinz von einem Heuſchreckenfraß heimge⸗ ſucht, dann darf in keinem Fall auf jene natürlichen Feinde allein ge⸗ rechnet werden, vielmehr ſind außerordentliche und energiſche Maßregeln von ſeiten der betroffenen und der gefährdeten Gemeinden dringend geboten. „Da alle Berichte darin übereinſtimmen, daß gegen die Heuſchrecken ſelbſt, wenn ſie in wolkenartigen, die Sonne verfinſternden Schwärmen einfallen, jede Gegenwehr fruchtlos bleibt“, ſo beſchränkt ſich der Kampf, bei deſſen Unterlaſſung die ganze nächſtjährige Ernte auf dem Spiele ſteht,— auf die Vernichtung der Eiergelege und der ungeflügelten Larven. — 216— Das Aufſuchen und Einſammeln der Eier an allen ſolchen Stellen, wo viele tote Weibchen umherliegen, iſt im Herbſt ſofort nach der Ablage der Eier in Angriff zu nehmen. Die durch den Pflug oder Spaten an die Oberfläche gebrachten Eierklumpen werden ſorgfältig aufgeleſen, um ſie in ein hell loderndes Feuer hineinzuſchütten oder auf einer Scheun⸗ tenne zu zertreten bezw. zu zerſtampfen; nachher werden Schweine, Enten, Hühner, Puten aufgetrieben, welche die Vertilgung der in der Erde zurückgebliebenen Eiergelege in vortrefflicher Weiſe beſorgen. Der Kampf gegen die Larven beginnt im Frühjahr, ſobald dieſe aus den Eiern ausgeſchlüpft ſind. Sie ſitzen in der erſten Zeit in kleinen ſchwärzlichen Häufchen dicht beiſammen und können namentlich bei trübem und kühlem Wetter truppweiſe mit einem flachen Feldſtein oder einem breiten Klöppel zerquetſcht, auf nachgiebigem loſem Sandboden jedoch ſicherer mit beiden Händen gefaßt, in einen bereit gehaltenen Sack ge⸗ worfen und in dieſem zerſtampft werden. Gegen die mehr herangewachſenen Larven, welche in dicht geſchloſſenen breiten Kolonnen vorrückend die Saatbeſtände ſchon merklicher mitnehmen, iſt kein Mittel wirkſamer, als die Anlegung von Fanggräben. Ein ſolcher Graben wird in der ganzen Front des Heuſchreckenheeres ausge⸗ hoben. Auf den Enden erhält er zwei Flügel, welche ſich im ſtumpfen Winkel anſchließen. Breite des Grabens 60 cm, Tiefe 45 cm, Wände ſenkrecht. In der Sohle alle 2—3 m ein Fallloch. Grabenauswurf ſämtlich auf die abgewandte Seite als Schutzwall. 3 Iſt der Graben fertig, ſo beginnt das Eintreiben, welches ſehr be⸗ hutſam und langſam mit Baumzweigen oder Strauchbeſen vorgenommen werden und ſich mehr darauf beſchränken muß, das Umkehren und Aus⸗ weichen der Heuſchrecken zu hindern. Die in den Graben geſtürzten Tiere werden direkt zerſtampft, weil das Einſtampfen mit Erde nicht genügt. Dieſe Art der Vertilgung läßt ſich anwenden bei denjenigen Larven, welche zwiſchen der zweiten und vierten Häutung ſtehen, und zwar nur bei warmer Witterung, weil ſie bei dieſer allein beweglich ſind. Bei den älteren, mit Flügelſtumpfen verſehenen Larven gelingt das Eintreiben viel weniger gut, am beſten noch am frühen Morgen nach ſtarkem Tau oder gleich nach einem Regen; jedoch müſſen die Gräben, wegen der lebhaften Sprungbewegungen der in dieſem vorgerückten Entwicklungs⸗ zuſtand befindlichen Tiere gegen 1 m breit und 60 em tief ausgehoben werden. Gegen die geflügelten Inſekten iſt mit Fanggräben nichts auszu⸗ richten. Auch alle ſonſtigen Mittel bleiben ohne Erfolg, ſofern das Ungeziefer in ungeheuren Maſſen erſcheint. Dagegen laſſen ſich einzelne Heuſchrecken ſehr wohl beſeitigen, und die Vorſicht gebietet, nicht blos nach einem Heuſchreckenjahre, ſondern regelmäßig im Auguſt genau auf das Vorkommen derſelben zu achten und beſonders die in der Begattung befindlichen Paare, ſowie die mit der Eierablage beſchäftigten Weibchen ſamt der Brut vernichten zu laſſen. 4. Die Engerlinge.— Die bekannten und berüchtigten Engerlinge ſind nichts anderes, als die Larven des gemeinen Maikäfers(Melolontha vulgaris). Zu ihrer Vertilgung gibt es kein einfacheres und natürlicheres Mittel, als Schonung des Maulwurfs. Dieſer Inſektenfreſſer allein vermag dem unterirdiſch lebenden Ungeziefer beizukommen. Er verdient es wahrlich nicht, daß man ihn an den Galgen hängt! Fig. 123. Der Maikäfer, Melolontha vulgaris. Puppe. Engerling. Käfer. Hinter dem Pfluge kann man die Engerlinge durch Kinder auf⸗ leſen, oder durch Krähen, Staare, Lerchen, Bachſtelzen, Enten, Hühner und Schweine verzehren laſſen, die zugleich die Drahtwürmer, die Erd⸗ raupen und anderes Ungeziefer mitnehmen. Zur Vertilgung der Käfer tragen die gleichzeitig mit ihnen umher⸗ fliegenden Fledermäuſe, Ziegenmelker und Eulen noch am meiſten bei. Doch ſind dieſe nützlichen Thiere nicht im ſtande, größere Maſſen zu bewältigen. Es darf daher keine Gutsverwaltung und keine Gemeinde das Einſammeln der Käfer unterlaſſen, wenigſtens nicht in dem alle vier Jahre wiederkehrenden Flugjahre.“) Das Einſammeln muß gleich im Anfange der Flugzeit, jeweilen am frühen Morgen vorgenommen werden, » In den meiſten Gegenden Deutſchlands hat man alle vier Jahre ein„Mai⸗ käfer⸗Flugjahr“. Am Rhein, in der Schweiz und in Frankreich wiederholen ſich die Hauptflüge alle drei Jahre. — 218— wenn die Käfer ſchlaftrunken an den Bäumen hängen. Das Töten geſchieht in heißem Waſſer. Verwendung der Käfer als Hühner⸗, Enten⸗ und Schweinefutter, oder als Dünger. 5. Der Drahtwurm.— Der gemeinſte von den auf den Ackern vor⸗ kommenden Drahtwürmern iſt die Larve des Saatſchnellkäfers(Agriotes segetis). Wie ſein Name ſchon beſagt, wird er beſonders den Getreide⸗ ſaaten verderblich, doch verſchont er auch die unterirdiſchen Wurzel⸗ und Stengelteile der übrigen Kulturpflanzen nicht. In manchen Gegenden hat er die halbe Ernte vernichtet. Die künſtlichen Gegenmittel, die man empfohlen, ſind meiſt nicht durchführbar oder nicht wirkſam. Das ſicherſte Mittel iſt auch hier wieder Schonung der natürlichen Feinde, von denen die Maulwürfe und Spitzmäuſe den Drahtwurm in der Erde aufzufinden wiſſen, während ihn die inſektenfreſſenden Vögel— wie Fig. 124. Der Drahtwurm, Agriotes segetis.— 1 Larve vergrößert, daneben Leibesende von unten.— 2 Käfer.— 3 Kopf von unten ſehr vergrößert. zierlich und nett thut dies z. B. die blaue Bachſtelze— hinter dem Pfluge wegpicken. 6. Die Erdraupen.— Der von Taſchenberg eingeführte Name „Erdraupen“ bezieht ſich auf den Larvenzuſtand verſchiedener Acker⸗ eulen, von denen die Winterſaateule(Agrotis segetum) die häufigſte und gefährlichſte iſt. Der Landwirt bezeichnet ſie als„graue Made“. Aus der Lebensweiſe dieſes Schmetterlings iſt bemerkenswert, daß die Raupe die Wurzeln nicht beſchädigt, vielmehr des Nachts aus ihrem Verſtecke hervorkriecht, um mit derſelben Gier, wie andere Raupen, die Keime und die zarten Herzblätter der Pflanzen abzufreſſen und dadurch die jungen Saaten zu verwüſten. Hieraus ergibt ſich folgendes Mittel zur Vertilgung des Ungeziefers. Man umzieht die Stellen, wo die Erdraupen ſich durch ihren Fraß bemerklich machen, mit einer ſteilwandigen, ſauber ausgeſchaufelten — 219— Waſſerfurche von 25— 30 cm Tiefe. Sobald die Nahrung im Innern derſelben knapp wird, wandern die Tiere zur Nachtzeit weiter, ſtürzen in die Fangfurche und können des Morgens in der Frühe mit einem Beſen zuſammengekehrt und fortgenommen oder, wenn die Sohle der Fang⸗ furche feſt genug iſt, auch direkt zertreten oder zerſtampft werden. Der Erfolg dieſes einfachen und probaten Mittels hängt natürlich davon ab, daß man den Feind rechtzeitig bemerkt. Noch einfacher iſt es, wenn das Land ſchon vor der Saatbeſtellung durch Einſetzen von Maulwürfen, durch Auftreiben von Schweinen ꝛc. von dem Ungeziefer gereinigt wird. 7. Der Getreidelaufkäfer(Zabrus gibbus).— Die Larven dieſes Inſekts kommen ebenfalls des Nachts zum Fraß aus ihrem Verſteck an die Oberfläche und ſchädigen die junge Saat von Weizen, Roggen und Gerſte in ähnlicher Weiſe, wie die Erdraupen. Da die Verwüſtungen von einer beſtimmten Stelle ausgehen und von dieſer regelmäßig weiter Fig. 125. Die Winterſaateule, Agrotis segetum.— 1 Raupe geſtreckt und eingerollt.— 2 Puppe.— 3 weiblicher Falter. rücken, ſo hilft auch hier die Anlegung von Fanggräben, die gegen dieſen Feind aber mindeſtens 40 cm tief angelegt werden müſſen. 8. Die Halmweſpe(Cephus pygmaeus).— Das geflügelte Inſekt fliegt im Mai oder Juni auf den Roggen⸗ und Weizenfeldern von einer Pflanze zur andern, bohrt den oberſten oder den zweiten Halmknoten an und legt je ein Ei hinein. Nach etwa zehn Tagen ſchlüpft die Larve aus, die nun, die Halmknoten durchbohrend, im Innern der Halmröhre auf und abfrißt, um ſich gegen die Zeit der Ernte unmittel⸗ bar über der Wurzel einen glasartigen Kokon zur Überwinterung zu ſpinnen. Fig. 127 bei 2. Das Vorhandenſein des Feindes macht ſich an den weißen Ähren unter den grünen bemerklich, während der Halm, unterhalb grün, ober— halb weiß, aber feſt und von außen unbenagt erſcheint. Die Larve findet man, wenn man den Halm von unten nach oben ſpaltet. Die Larven der Halmweſpe laſſen ſich dadurch vertilgen, daß man die Stoppeln ſamt den Wurzelſtöcken auskrümmert, in Haufen zuſammenbringt und verbrennt. Zweckmäßig iſt auch das gleichmäßig tiefe Unterpflügen der Stoppeln, ſofern es durch Rajolpflügen(unter Anwendung eines Pfluges mit Schälſchar), oder durch Doppelpflügen, oder durch Spatpflügen geſchieht. 9. Die Heſſenfliege(Cecidomyia destructor).— Dieſes winzig kleine, aber höchſt gefährliche Inſekt hat zwei Generationen, von denen die eine im Frühjahr, die andere im Herbſt erſcheint. a) Die Schwärmzeit der Frühjahrsgeneration beginnt in der zweiten Hälfte des April und dauert bis gegen Ende Mai. Das be⸗ fruchtete Weibchen legt ſeine 80— 100 ECier nacheinander an die unterſten Hee h M 1 Fig. 126. Der Getreidelauf⸗ Fig. 127. Die Halmweſpe, Cephus käfer(Zabrus gibbus) nebſt Larve. pygmaeus.— 1 Larve.— 2 Dieſelbe eingeſponnen im Winterlager.— 3 Halm⸗ weſpe vergrößert. Blätter der Getreidepflanze, gewöhnlich je zwei ſchräg übereinander zwiſchen je zwei Längsnerven des Blattes. Sie ſind ſo klein, daß ſie das unbewaffnete Auge nicht bemerkt. Fig. 128 bei 1. Je nach der Witterung liegen die Eier fünf bis zwölf Tage, dann ſchlüpfen die Maden aus, kriechen in der Rinne zwiſchen den Blattnerven bis zur Blattſcheide und in dieſer abwärts bis zum Halmknoten. Hier ſetzen ſie ſich feſt und verlaſſen den einmal angenommenen Wohnort nicht wieder. Fig. 128 bei 2. Entſprechend dem verſchiedenen Entwickelungszuſtand der Pflanzen findet man die Maden, einzeln oder in Geſellſchaften bis zu neun Stück, bei der Winterung(Weizen oder Roggen) dicht über dem erſten oder zweiten Halmknoten von unten, bei der Sommerung(Weizen, Roggen oder Gerſte) dicht über dem Wurzelſtock. An der Lagerſtätte der Maden wird der Halm ſo beſchädigt, daß er ſpäter die Ähre nicht zu tragen vermag, ſondern umknickt. Nach Wind und Regen ſieht ein ſtark infiziertes Feld wie verhagelt aus, es fehlt nur das untrügliche Kennzeichen des Hagels: der Anſchlag. Gegen Ende Juni ſind die meiſten Maden erwachſen und in den Zuſtand der Puppe übergegangen. Die Mehrzahl derſelben bleibt bei der Ernte in der Stoppel auf dem Felde zurück, um bald darauf die noch gefährlichere Herbſtgeneration zu liefern. b) Die Schwärmzeit dieſer Herbſtgeneration fällt vornehm⸗ lich in den September, alſo in die Zeit der Roggenſaat. Deshalb leidet Roggen, beſonders der Anfang September geſäete, mehr von der Made, N Fig. 128. Die Heſſenfliege, Cecidomyia destructor.— 1 Eier an einem Blatte.— 2 Tonnenpuppe in einem Lager. 21 dieſelbe ſtark ver⸗ größert.— 3 Larve, ſtark vergrößert.— 4 Die in der Tonne liegende Puppe, ſtark vergröͤßert.— 5 weibliche Mücke, darunter die Linien der nat. Größe und daneben der männliche Hinterleib vergrößert. Inſekt vorgezogen wird, ſobald es zwiſchen Roggen und Weizen die Wahl hat. Außerdem ſetzt die Fliege oder richtiger Mücke die Eier auf die Blätter der Gerſten⸗, Roggen⸗ oder Weizenpflanzen, die durch Aus⸗ fall auf dem gepflügten oder nicht gepflügten Stoppellande entſtehen. Die meiſten, wenn nicht alle Pflanzen der Winterſaaten, welche mit Maden beſetzt ſind, gehen bis zum Frühjahr zugrunde. Die Maden bezw. die Puppen dagegen bleiben erhalten und liefern im April wieder die Frühjahrsgeneration. Gegenmittel. a) Gegen die Frühjahrsgeneration der Heſſenfliege läßt ſich dadurch ankämpfen, daß man die zu grunde gerichteten Saaten ſo früh 222— als möglich, jedenfalls vor dem 15. April, tief umpflügt, um den in den verfaulten Wurzelſtöcken ſitzenden Maden bezw. Puppen das Ausſchlüpfen unmöglich zu machen oder wenigſtens bedeutend zu erſchweren. Ebenſo iſt der etwa vorhandene Aufſchlag auf den Stoppelfeldern rechtzeitig durch Unterpflügen zu vertilgen. Findet ſich der Aufſchlag in der Gerſten-, Weizen- oder Roggenſtoppel zuſammen mit angeſäetem Klee oder Kleegras, ſo kann man vereinzelte Getreidepflanzen alsbald nach ihrem Erſcheinen durch Ausjäten oder Aushacken beſeitigen, während bei einer größeren Menge derſelben nichts übrig bleibt, als das Ab⸗ weiden. Wo der„Getreideverwüſter“ häufiger auftritt, da kann es rat⸗ ſam ſein, anſtatt der genannten Getreidearten als Deckfrucht des Klees, der Luzerne ꝛc. eine andere Pflanze zu wählen, welche von der Made der Heſſenfliege nichts zu leiden hat. Endlich wäre hier noch zu erwähnen, daß man die Saat der ge⸗ meinen Gerſte(Hordeum vulgare) dadurch ſchützen kann, daß man die Beſtellung erſt im Juni vornimmt, nachdem die Schwärmzeit der Früh⸗ jahrsgeneration vorüber iſt. Bei der zweizeiligen Gerſte(Hordeum distichum) iſt dagegen eine ſo ſpäte Ausſaat nicht zuläſſig. b) Zur Bekämpfung der Herbſtgeneration iſt vor allem geboten, die Roggen⸗, Weizen⸗ und Gerſtenſtoppel ſofort nach der Ernte aus⸗ zukrümmen und haufenweiſe zu verbrennen, oder aber ſorgfältig und tief unterzupflügen in der Weiſe, wie es vorhin bei Beſprechung der Halm⸗ weſpe angedeutet worden iſt. Ein weiteres Mittel beſteht in der Verſchiebung der Winterungs⸗ ſaat bis zum 20. September. Noch ſicherer wäre es, bis zum 10. Oktober, d. h. bis zu der Zeit zu warten, wo die Schwärmzeit der Herbſt⸗ generation vorbei iſt, aber dann iſt leider auch die beſte Saatzeit vorbei; überdies fällt die ſpäte Saat der Frühjahrsgeneration leichter anheim. 10. Die Weizenmücke(Cecidomyia tritici).— Dieſe kleine Mücke, die bis jetzt in Deutſchland nicht ſo verheerend aufgetreten iſt, wie in Frankreich, England und Nordamerika, ſchwärmt von Ende Mai bis Mitte Juli, Abends zwiſchen 7 und 9 Uhr, um die blühenden Ahren des Weizens(der Gerſte und des Roggens), Das Weibchen ſchiebt ſeine lange Legeröhre zwiſchen die Spelzen und legt bis zehn Eier hinein, aus denen binnen zehn Tagen die gelben Maden ausſchlüpfen, die den Blütenſtaub und nach der Blüte den jungen Fruchtknoten ver⸗ zehren. Fig. 129 bei 1.. Zur Erntezeit verläßt ein Teil der Maden die Ähre, um den Winter in der Erde zuzubringen und ſich erſt im Frühjahr zu verpuppen, ein anderer Teil gelangt mit den Ähren in die Scheune und beim Dreſchen in die Spreu. — — 223— Daraus ergeben ſich als Gegenmittel: 1. Wegfangen der Mücken vor der Eierablage mit dem Hamen, was im großen wohl kaum durchführbar. 2. Tiefes Unterpflügen der Weizenſtoppeln ohne Wiederholung des Pflügens im Frühjahr. 3. Sorgfältige Reinigung des ausgedroſchenen Weizens und Ver⸗ brennen des ausgeklapperten oder ausgeſiebten Staubes. 11. Das Weizenälchen(Anguillula tritici).— Mit dem vor⸗ ſtehenden Namen bezeichnet man einen kleinen, mit bloßem Auge nicht erkennbaren Fadenwurm, welcher die Gicht- oder Radenkrankheit oder den ſogenannten Kaulbrand des Weizens verurſacht. Das Vor⸗ handenſein des Paraſiten läßt ſich nachweiſen, wenn man den gelblich⸗ weißen, faſerigſtaubigen Inhalt eines radigen Kornes,(welches übrigens Fig. 129. Die Weizenmücke, Cecidomyia tritici.— 1 Larve vergrößert in der Weizenblüte, darüber ſtark vergrößert.— 2 Dieſelbe in einer geplatzten Puppenhülſe.— 3 weibliche Muͤcke, rechts daneben die natürliche Größe in Linien. mit dem Samen der Kornrade nichts gemein hat, als eine entfernte Ähnlichkeit in Geſtalt und Farbe), unter dem Mikroſkop betrachtet. Man ſieht dann zunächſt, wie die Staubfäſerchen auseinanderfahren und in dem Waſſer regellos durcheinanderſchwimmen. Das ſind rein mechaniſche Erſcheinungen, wie ſie auch bei toten Körpern vorkommen. Aber nach etwa anderthalb Stunden wird das Bild ein anderes: die Fädchen ſtrecken ſich, biegen ſich langſam hin und her, bewegen ſich allmählich lebhafter, wenden das eine Ende wie ſuchend bald da⸗, bald dorthin, rollen und winden ſich, kurz, der Staub iſt lebendig geworden, das Waſſer hat die ſcheintoten, völlig vertrockneten Würmchen zum Leben erweckt. — 224— Derſelbe Vorgang wiederholt ſich mit den nötigen Abänderungen, wenn wir radige Körner mit dem Weizen zuſammen ausſäen. Nachdem die harte und dicke Schale der Galle verfault iſt, gelangen die zum Leben erwachten und aus ihrem Gefängnis befreiten Würmchen in die feuchte Erde und kriechen in dieſer taſtend umher, bis ſie ein Weizenpflänzchen erreichen. Es iſt kein Wunder, daß ſie den Weg ins Innere finden, da dies ja auch dem Steinbrand gelingt, der doch nur ein pflanzliches Weſen iſt. Ihr Ziel iſt das Herz der Pflanze und die junge Ähre, die, wie wir wiſſen, ſchon ſehr früh, unmittelbar über der Wurzel angelegt wird. Fig. 66 zeigt die Ähre in dem Entwickelungszuſtande, in welchem das zarte Zellgewebe den Weizenälchen das Eindringen geſtattet. Die Alchen ſiedeln ſich dann in dem Fruchtknoten an und veranlaſſen durch ihr Saugen eine abnorme Entwicklung desſelben, ähnlich wie die Larven der Gallweſpe in dem Zellgewebe des Eichenblattes. Mitten in der Galle des radigen Kornes werden die Alchen geſchlechtsreif. Das be— fruchtete Weibchen legt Eier und ſtirbt ſamt dem Männchen. Die Eier aber kriechen aus, während die Galle weiter wächſt, und die Larven, welche zugleich mit dem reifenden Getreide austrocknen, bilden den oben erwähnten faſerigſtaubigen Inhalt des Gichtkorns. An dieſe Schilderung der Lebensweiſe des Weizenälchens knüpfen wir eine lehrreiche Mitteilung von J. Kühn, betreffend die Bekämpfung der in Rede ſtehenden Krankheit. Auf einem Gute im Dorfe Köttlitz(unweit Mühlberg) zeigte ſich keine Spur der Krankheit, ſo lange man den gewöhnlichen braunen Weizen baute, trat aber nach Einführung des ſog. weißen Weizens ſchon bei deſſen erſter Ernte auf, bei der zweiten desgleichen, während der noch angebaute braune Weizen verſchont blieb. Nach gänzlicher Abſchaffung dieſes letzteren zeigte ſich ſämtlicher Weizen krank. Im vierten Jahre wurde wieder etwas brauner geſunder Samenweizen angekauft, derſelbe auf einen Acker gebracht, auf dem noch kein kranker geſtanden hatte. Die Ernte fiel geſund aus und darum wurde für die Zukunft von der Aus⸗ ſaat des kranken weißen Weizens ganz abgeſehen. Im fünften Jahre wurden nun mit geſundem, braunem Weizen drei Ackerſtücke beſäet, auf welchen kranker Weizen geſtanden hatte, und zwar in folgenden Fruchtfolgen: 1. Raps. 2. Weißer Weizen(radenkrank). Klee. Brauner Weizen(geſunder Samen). 9⸗ . Raps. Weißer Weizen(radenkrank). .Rüben. 4. Brauner Weizen(geſunder Samen). III. 1. Raps. 2. Weißer Weizen(radenkrank). 3. Rübſen. 4. Brauner Weizen(geſunder Samen). Auf allen drei Feldern ad 4 waren kranke Weizenähren zu finden. Hiernach darf man wohl zu der Annahme berechtigt ſein, daß ſich die Anguillulen in folge der früheren Ausſaat des Weizens ad 2 dem Boden mitgeteilt hatten, und daß dieſer jetzt ſo zu ſagen krank war. Demnach kann die Radenkrankheit im gewöhnlichen wirtſchaftlichen Betriebe auf folgenden Wegen zur Ausbreitung gelangen: 1. durch das Saatgut; 2. durch Zurückbleiben radenkranker Ähren auf dem Felde; 3. durch radenhaltigen Dünger. Hieraus ſind nun auch die Gegenmittel gegen die Krankheit her⸗ zuleiten. ad 1. Tötung der in dem Saatgut enthaltenen Anguillulen. Dies kann geſchehen durch 24ſtündiges Einweichen des radigen Samens in verdünnter Schwefelſäure(1 T. Schwefelſäure auf 150 T. Waſſer). Oder durch 12— 14 ſtündiges Einweichen in einer Löſung von Kupfer⸗ vitriol(1 kg Kupfervitriol auf 5001 Waſſer), was gleichzeitig gegen den Steinbrand ſchützt. Wichtig iſt dabei beſonders fleißiges Umrühren und Abſchöpfen alles obenauf Schwimmenden. ad 2. Vermeidung des Weizenbaues auf infizierten Feldern durch eine Reihe von Jahren. ad 3. Fernhaltung der bei dem Reinigen und Sieben des raden⸗ kranken Weizens gewonnenen Abfälle von dem Dünger— am ſicherſten durchſorgfältiges Sammeln und Verbrennen derſelben. Wollte man die darin enthaltenen mageren Weizenkörner noch als Hühnerfutter benutzen, ſo mag man dieſe Abfälle vorher der Hitze des Backofens nach dem Brot⸗ backen ausſetzen. Eine Wärme von 70° tötet die Anguillulen, will ſagen, bei geringerer Wärme leben ſie fröhlich weiter. 12. Das Roggenälchen(Anguillula devastatrix).— Während das Weizenälchen, ſoviel wir bis jetzt wiſſen, ausſchließlich den Weizen be⸗ fällt, iſt das Roggenälchen bei den verſchiedenartigſten Pflanzen beobachtet Getreideban. 15 worden. Kühn entdeckte es zuerſt in den Blütenköpfen der Weber⸗ karde; deshalb hieß es anfänglich Kardenälchen. Später, als man es auch bei Roggen, Hafer, Buchweizen, Rotklee, ſowie bei der Kornblume gefunden und als die Urſache der im Herzen der Pflanze ſitzenden Stock⸗ krankheit erkannt hatte, erhielt es den Namen Stockälchen. Dem Umſtand, daß es beſonders der Roggenſaat verderblich wird, die oft durch den Stock gänzlich vergeht, verdankt es den Namen Roggenälchen. Die Übereinſtimmung des Roggen- und Stockälchens mit dem Karden⸗ älchen hat Kühn nachgewieſen. „Die Heilmittel gegen dieſes Übel, ſagt Schwerz, der die eigent⸗ liche Urſache desſelben noch nicht kannte, ſind reine Brache, Lein, Erbſen, Kartoffeln“. Das heißt mit anderen Worten: Aushungern des Feindes, indem man die von der vorigen Ernte übrig gebliebene Nah⸗ rung durch Brachbearbeitung zerſtört und hinterher durch Ausſchluß der⸗ jenigen Gewächſe, welche dem Paraſiten als Nährpflanzen dienen, eine Reihe von Jahren die Zufuhr neuer Nahrung vermeidet.— Der Kar⸗ denbau, der vielleicht am meiſten zur Verſchleppung der Krankheit bei⸗ getragen, kann wegen der fabrikmäßigen Herſtellung künſtlicher Karden jetzt füglich ganz aufgegeben werden, und auch ohne den Buchweizen, der von manchen„für die eigentliche Mutter des Stocks“ angeſehen wird, kann man ſich in den meiſten Wirtſchaften behelfen. Roggen, Hafer und Rotklee laſſen ſich dagegen nur vorübergehend entbehren. Als Erſatzpflanzen können, außer den bereits angeführten, Weizen, Spelz, Gerſte, Mais, Wicke und Luzerne dienen. Üüberdies iſt auf das erſte Auftreten der Stockkrankheit genau zu achten, um durch Ausgrabung einer Rinne rings um die ergriffenen Stellen die Anguillulen zuſammenzuhalten und durch ſtarkes Kalken oder Brennen des Bodens zu vernichten. 13. Die Rübennematode(Heterodera Schachtii).— Im Jahre 1873 machte J. Kühn die Entdeckung, daß die Rübennematode, welche übrigens mit dem Weizen⸗- und Roggenälchen in eine Sippe gehört, nicht nur die Rüben, ſondern auch das Halmgetreide ſchädigt und namentlich dem Hafer in ſehr hohem Grade verderblich werden kann, während Gerſte und Weizen nur wenig leiden. Der Schmarotzer fand ſich außerdem an den Wurzeln der kohlartigen Gewächſe, der Hedericharten ꝛc. Bei dieſer großen Zahl der Nährpflanzen wird die Bekämpfung des Feindes ſchwierig und die Vernichtung desſelben durch Aushungern zweifel⸗ haft, zumal da die geſchlechtsloſe Generation des Fadenwurms auch ohne geeignete Nahrung mehrere Jahre lebensfähig bleibt. Dennoch dürfte das Aushungern das ſicherſte Mittel ſein, um eine mit Nematoden durch und durch erfüllte Ackerkrume zu reinigen. Von Fig. 130. Das Weizen⸗ Fig. 131. Die Rüben⸗Nematode, Heterodera alchen, Anguillula tri- Schachtii.— a Wurzelfaſer einer Rübe, mit daran tici(Tylenchus scandens), ſitzenden Nematoden.— b eierlegendes Weibchen, 62 mal vergrößert. 60 mal vergrößert.— c ein im Ei ruhender Wurm, 400 mal vergrößert.— d ein dem Ei entſchluͤpfender Wurm, 200 mal vergrößert. dieſem Geſichtspunkte aus betrachtet, erſcheinen Luzerne⸗ oder mehrjährige Kleegraskultur, Hopfenkultur, Erziehung von Obſt⸗ und Alleebäumen ꝛc. als Radikalmittel, während diejenigen Maßregeln, welche eine Anderung 15* — 228— der bisherigen Kulturflora nicht bedingen, wie Anbau von kohlartigen Fangpflanzen, Beſeitigung der Rübenputze, Zerſtörung der Unkräuter ꝛc. das Übel zwar mildern, vielleicht auch erträglich machen, aber nicht voll⸗ ſtändig heilen können. Wenn es übrigens wahr iſt, daß die reine Brache gegen das Roggenälchen hilft, ſo hilft ſie wahrſcheinlich auch gegen das Rübenälchen, und am Ende iſt die alte Sage doch nicht ohne Grund, nach welcher Jaſon mit Demeter auf dreimal geackertem Brach⸗ feld den Reichtum erzeugt. Die Ernte. 1. Der Heitpunkt der Ernte. Auf einem Felde ſtehen viele tauſend Ähren, und jede Ähre trägt ihre zwanzig, dreißig, auch wol hundert Körner. Alle dieſe Körner machen im weſentlichen denſelben Entwicklungsgang durch, doch kommt die Entwicklung nicht bei allen gleichzeitig zum Abſchluß. Die Körner in den großen Ähren reifen früher, in den mittleren ſpäter, in den kleinen noch ſpäter. Ja, ſelbſt in einer und derſelben Ähre reifen die Körner nicht zu gleicher Zeit, vielmehr erhärten im allgemeinen die kleinen Körner einer Ähre früher, als die großen; nur bei den am Grunde der Ähre ſitzenden kleinen Körnern iſt dies nicht der Fall, weil ſie den höher ſtehenden den letzten Reſt des aus dem Halme aufſteigenden Waſſers wegnehmen. Wie ſollen wir nun den Zeitpunkt der Ernte beſtimmen? Sollen wir warten, bis ſämtliche Körner des Feldes erhärtet ſind, oder ſollen wir mit dem Schneiden ſchon vorher beginnen? Auf Grund der im zweiten Abſchnitt mitgeteilten Unterſuchungen beantworten wir dieſe Frage, wie folgt: Der Moment, in welchem die Körner der kräftigeren Ähren in die Gelbreife treten, bezeichnet den weikmäßigſten eitparuh zur Ernte, und zwar ebenſowol für das zur Saat, wie jir das zu anderen Zwecken beſtimmte Getreide. Die praktiſche Probe zur Ermittelung dieſes Zeitpunkts iſt die: Wir ergreifen, ohne viel zu ſuchen, eine kräftige Ähre, biegen ſie in der Mitte zuſammen nnd löſen das dickſte Korn, das uns in's Auge fällt. Darauf ſchneiden wir das Probekorn mit dem Federmeſſer quer durch und betrachten uns die Schnittfläche genau. Iſt unter der Schale und auch im Innern in der Nähe der Längsfurche von dem grünen Blattfarbſtoff(Chlorophyll) keine Spur mehr zu ſehen, ſo iſt das Korn gelbreif. Dieſelbe Probe wiederholen wir noch an zwei oder drei anderen Stellen des Feldes. Finden wir überall 229 dasſelbe Reſultat, ſo iſt der Zeitpunkt zum Schneiden gekommen. Dieſe Probe iſt anwendbar bei Weizen, Roggen und Gerſte.(Sie paßt auch für den Hafer, jedoch mit der Abänderung, daß wir das Probekorn von der Spitze der Riſpe zu nehmen haben). Bei dem Roggen können wir ſtatt der„Schnittprobe“ auch die„Nagelprobe“ benutzen; ſobald das Korn leicht und beſtimmt über den Nagel bricht, iſt es ebenfalls gelbreif. Der Mehlkörper des gelbreifen Kornes iſt weder wäſſerig, noch hart, ſondern knetbar wie Wachs. Die Verfärbung des Strohes aus dem Grünen ins Gelbe kann nur zur vorläufigen Orientierung dienen; denn Schwerz ſagt mit Recht:„Man muß ſich nicht durch das Anſehen des Strohes, ſondern durch eine genaue Unterſuchung der Körner leiten laſſen.“ In dem Zeitpunkt, welchen ich als den zweckmäßigſten zum Beginn der Ernte empfehle, hat die Ernährung der Körner in den kräftigeren Ähren— vereinzelte Vorläufer kommen hierbei nicht in betracht— ſicher bereits aufgehört. Die Körner an der Spitze der Ähre ſind ſchon vollreif, wenn die an dem mittleren Teil der Ähre befindlichen, nach welchen man ſich zu richten, das Stadium der Gelbreife erreichen. Es können mithin ſämtliche Körner dieſer Ähren eine größere Voll— kommenheit nicht mehr erlangen, ſie ſind unbedingt mähereif. Zu derſelben Zeit befinden ſich der Regel nach die Körner der Mittelähren ebenfalls ſchon in dem Stadium der Gelbreife oder doch in dem Übergangsſtadium aus der Milchreife in die Gelbreife. Wie die Unterſuchungen dargethan haben, iſt dies Übergangsſtadium höchſt⸗ wahrſcheinlich der Reifegrad, in welchem die Stoffeinfuhr in die Körner zum Stillſtand gelangt. Wird alſo die angegebene Mähezeit wahrge⸗ nommen, ſo hat man die größte Wahrſcheinlichkeit für ſich, auch bei den Körnern der Mittelähren keinerlei Einbuße hinſichtlich der Quantität und Qualität zu erleiden.— Was ſchließlich den Reſt der Körner an⸗ langt, ſo kann der Reifezuſtand derſelben den Zeitpunkt der Ernte nicht beſtimmen, denn wenn man mit dem Mähen ſo lange warten wollte, bis auch die Körner in den kleinen und kleinſten Ähren vollreif oder auch nur gelbreif geworden ſind, dann würde man im günſtigſten Falle vielleicht beſſeres Hinterkorn gewinnen, einen großen Teil des koſtbaren Vorderkorns aber auf dem Felde zurücklaſſen. Wegen des Mangels ausreichender Arbeitskräfte oder wegen der Ungunſt der Witterung wird es nicht immer möglich ſein, ſämtliches Getreide in dem angegebenen Zeitpunkt abzubringen. Tritt anhaltendes Regenwetter ein, ſo verbietet ſich das Ernten von ſelbſt. Verläuft bei ſehr heißem und trockenem Wetter der Reifungsprozeß ſehr ſchnell, ſo iſt in wenigen Tagen der geeignetſte Moment zum Mähen vorüber, und — 230— bei ausgedehntem Anbau einer und derſelben Frucht reichen die Arbeits⸗ kräfte meiſt nicht hin, die Ernte in ſo kurzer Zeit zu bewältigen. Unter ſolchen Umſtänden bleibt nichts übrig, als ein paar Tage vor dem natur⸗ gemäß zweckmäßigſten Zeitpunkt mit dem Mähen zu beginnen, und die Ernte zu beendigen, nachdem der günſtigſte Moment vorüber iſt. Früher wird der Einſchnitt indeſſen niemals erfolgen dürfen, als bis die Körner in den kräftigeren Ahren in dem übergang aus der Milchreife in die Gelbreife ſich befinden, und kann die Ernte von da an bis zu der Zeit beſchafft werden, wenn die Körner in den Mittel⸗ ähren vollreif, aber noch nicht totreif ſind, ſo kommt man dem Zweck⸗ mäßigſten ſchon ſehr nahe. Deſſen aber muß ſich der Landwirt klar bewußt ſein, daß er die angemeſſenſte Mähereife nicht wahrgenommen hat, wenn er ſchon in der Milchreife mit der Ernte beginnt oder das Getreide zum Teil bis zur Totreife ſtehen läßt, denn der zweckmäßigſte Zeitpunkt zur Ernte wird beſtimmt durch einen gewiſſen Grad der Reife, welcher eben zwiſchen der Milch⸗ und Totreife liegt. Es kann nur ein Zeitpunkt der zweckmäßigſte ſein, jeder andere iſt weniger zweckmäßig oder unzweckmäßig, und es iſt die Aufgabe des aus⸗ übenden Landwirts, die Vorbereitungen und Dispoſitionen ſo zu treffen, daß dieſer naturgemäß zweckmäßigſte Zeitpunkt möglichſt wahr⸗ genommen wird. 8 Je mehr die Senſe die normale Mähereife trifft, deſto größer iſt der Gewinn, je weiter vorher oder nachher der Einſchnitt erfolgt, deſto größer iſt der Verluſt. Darum mit aller Kraft ans Werk, wenn die geeignete Zeit da iſt, nicht zu früh, aber noch weniger einen Tag zu ſpät; denn wie bei jedem Geſchäft in der Landwirtſchaft, ſo gilt namentlich hier das Wort: Zeit iſt Geld). 2. Der Schnitt. Im alten Gallien war eine zweirädrige Erntemaſchine im Gebrauch, welche die Ähren mit einem ſcharfen Kamme abriß und in einem Kaſten ſammelte, während die Halme zum Abweiden oder zum Abbrennen ſtehen blieben. Anderwärts wurden und werden die Halme in halber Höhe mit der Sichel abgeſchnitten und die hohe Stoppel ſpäter gelegentlich nachgemäht. Es iſt alſo keineswegs nötig, Ähren und Halme gleich⸗ zeitig zu ernten. Die Technik der alten und der neuen Zeit hat ſich *) A. Nowacki, Unterſuchungen über das Reifen des Getreides nebſt Bemerkungen über den zweckmäßigſten Zeitpunkt zur Ernte. 1870. — 231— jedoch ziemlich allgemein für dieſes Prinzip entſchieden, trotzdem nicht in Abrede zu ſtellen iſt, daß das Dreſchen der Halme und der Transport derſelben zum Druſch und vom Druſch einen bedeutenden und eigentlich ganz zweckloſen Kraftaufwand erheiſcht. Jeder mechaniſche Vorteil iſt mit einem mechaniſchen Nachteil verknüpft. So iſt es auch hier. Vor⸗ läufig werden wir jedenfalls an dem üblichen Ernteverfahren feſthalten, welches eine möglichſt vollſtändige Gewinnung der Körner und des Strohes gewährt. Das Trennen des ährentragenden Halmes von der am Boden ver⸗ bleibenden kurzen Stoppel geſchieht a) mit der Sichel, b) mit der Senſe, c) mit der Mähemaſchine. a) Die Sichel hat das für ſich, daß ſie auch von ſchwächeren Perſonen gehandhabt werden kann und in ſtark gelagerten und verwirrten Beſtänden eine ſchonendere Behandlung und ein regelrechteres Abbringen des Getreides geſtattet. Alle übrigen Vorzüge, die man ihr zuſchreibt, ſind hinfällig, können jedenfalls den Nachteil der geringen Leiſtungsfähig⸗ keit nicht aufwiegen, da zur Abbringung von 1 ha nicht gelagerten Getreides mit der Sichel 5— 10, mit der Senſe dagegen nur 1 bis 2 Arbeitstage erforderlich ſind. Man findet daher die Sichel nur noch dort im Gebrauch, wo der Getreidebau ganz im Kleinen oder als Neben⸗ beſchäftigung betrieben wird. b) Die Senſe.— Mit der Senſe wird das Getreide entweder auf das Schwad gemäht oder angehauen. Bei dem Schwadenmähen iſt die Senſe mit einem Geſtell aus— gerüſtet, welches wie eine langfingrige, ſteifausgeſtreckte Hand das abgeſchnittene Getreide erfaßt und zur Linken des Mähers ſchön geordnet auf den Boden ablegt. Bei dem Anhauen iſt das Geſtell überflüſſig, weil der Mäher die abgehauenen Halme an das zu ſeiner Linken ſtehende Getreide nur anlehnt, das Fortnehmen und Ablegen derſelben der Abrafferin über⸗ laſſend. Für das Sommergetreide wird meiſt das Schwadenhauen, für die Winterung das Anhauen empfohlen. Bei gelagertem Getreide bietet das Anhauen einige Vorteile, im Übrigen dürfte das Schwadenhauen auch bei der Winterung den Vorzug verdienen. Ein Zug eingeübter Mäher legt auch die ſtärkſte und längſte Frucht tadellos ins Schwad, und es erquickt Ohr und Herz, wenn 10 oder 12 Senſen auf einen Hieb taktmäßig durch die Halme ſauſen. Dieſe Muſik fördert die Arbeit, und in der That wird bei dem Schwadenhauen mehr geleiſtet, als bei dem Anhauen. 232— Nach v. Kirchbach mäht ein Mann pro Tag: Wintergetreide beim Schwadenhauen 0,63— 0,75 ha 5„ Anhauen. 0,50—0,60„ Sommergetreide„ Schwadenhauen 0,70— 0,95„ 3„ Anhanen. 0,63—0,75„ Gelagertes Getreide...... 0,38 0,50„ Dabei iſt noch zu veranſchlagen, daß bei dem Schwadenhauen das Abraffen wegfällt, welches einen Arbeiter nicht voll beſchäftigt, ihm aber auch nicht ſo viel Zeit läßt, die Garben gleich zu binden. Wo daher das Schwadenhauen mit der langen Getreideſenſe ein⸗ gebürgert iſt, da hat man keine Veranlaſſung, das Anhauen einzuführen. Schnittergeſellſchaften mag man immerhin bei der Methode laſſen, auf welche ſie eingeübt ſind. c. Die Mähemaſchine.— Nach der Berufszählung vom Jahre 1882 waren im deutſchen Reiche 19,634 Mähemaſchinen in Thätigkeit. Eine anſehnliche Zahl, die aber im Vergleich zu den 63,842 Säemaſchinen und den 75,690 Dampfdreſchmaſchinen nur gering erſcheint. Und doch laſſen die Mähemaſchinen hinſichtlich ihrer Leiſtungsfähigkeit und Brauch⸗ barkeit kaum noch etwas zu wünſchen übrig. Mit einer zweipferdigen Mähemaſchine mit Selbſtablage laſſen ſich pro Tag ſehr gut 5 ha bewältigen. Rechnen wir die Tagesleiſtung eines Mähers im Mittel zu 0,5 ha, und zur Bedienung der Maſchine 2 Mann, obwohl auch 1 Mann genügt, ſo erſetzt die Maſchine mit ihrer Beſpannung 8 Mann. Dabei legt die Maſchine das Getreide ſofort in Garben(Gelege, Fröſche), was eine weitere Arbeitserſparnis bedingt. überdies iſt die Maſchine auch hinſichtlich der Qualität der Arbeit der Senſe und der Sichel bei weitem überlegen.„Die Arbeit des Getreidemähens iſt im Durchſchnitt viel beſſer, als die Handarbeit, und ſo ſauber, daß man kaum die Felder nachher abzuharken braucht; die von der Maſchine ge⸗ bildeten Garben ſind beſſer zu behandeln, zu laden, in Feimen zu ſetzen und zu dreſchen, wie die beim Mähen mit der Hand gemachten. Be⸗ ſonders aber in ſehr heißen Sommern, bei plötzlich eintretender Reife des Getreides, oder bei ſehr wechſelvollem Wetter während der Ernte, da zeigt ſich erſt der volle Wert der Mähemaſchine, da tritt der Vor⸗ teil der direkten Gelderſparnis weit zurück vor dem viel größeren der ſchnellen Bewältigung der Ernte in kurzer und in der richtigen Zeit und der Vermeidung der Verluſte durch Körnerausfall ꝛc.“*) **) H. Thiel, Uber Mähemaſchinen, Zeitſchrift f. d. l. V. d. Grsh. Heſſen 1870, —4',; Bei dieſen großen Vorteilen ſteht zu erwarten, daß die Mähe⸗ maſchinen, wie in Amerika und England, ſo auch bei uns die Sichel und die Senſe immer mehr verdrängen werden. Doch hat ihre An⸗ wendung zur Vorausſetzung, daß das Land eben und frei von Steinen iſt. Schmale Beete ſind mißlich, weil die vielen Furchen den Gang der Maſchine erſchweren. Somit kommen wir auch hier wieder, inſofern die ſchmalen Beete einzig und allein auf naſſem Lande nötig ſind, auf den Satz zurück: Die Drainage iſt die Grundlage des ratio— nellen Ackerbaus. Sind die Bedingungen für die Einführung der Mähemaſchine ge⸗ geben, ſo handet es ſich noch darum, ob man eine Maſchine mit Hand⸗ ablage oder mit Selbſtablage wählen ſoll. 1. Die Maſchinen mit Handablage haben den großen Vorzug, daß ſie billig, einfach und dauerhaft ſind. Sie erfordern zur Beſpannung 1 Pferd und zur Bedienung 2 Mann. Der eine führt das Pferd vom Sattel oder am Kopf. Der andere ſitzt auf der Maſchine und beſorgt das Ablegen, indem er die Lattenplattform, auf malcher. ſich das abgeſchnittene Getreide ſammelt, durch einen Tritt auf einen Hebel nach hinten umkippt und die Garbe mit dem Hand⸗ rechen abzieht. Der Ableger hat allerdings vollauf zu thun, aber ſeine Arbeit iſt doch bei weitem nicht ſo anſtrengend, wie z. B. das Handmähen. Überdies kann er ſich ausruhen, während die Maſchine leer zurückgeht. Es wird nämlich mit den Maſchinen mit Handablage für gewöhn⸗ lich nicht rund herum, ſondern immer nur an einer Seite des Feldes gemäht. Dies iſt eher ein Vorteil, als ein Nachteil. Denn da das Getreide doch in den ſeltenſten Fällen ganz aufrecht ſteht, ſo iſt es ohne⸗ hin geboten, an einer Seite zu ſchneiden und leer zurückzugehen, ähnlich wie beim Handmähen, nur mit dem Unterſchied, daß man beim Maſchinen⸗ ſchnitt an derjenigen Seite anfängt, nach welcher das Getreide geneigt iſt. In Schottland, wo die Handablage⸗Maſchinen in allgemeinem Gebrauche ſind, verwendet man häufig zwei zuſammen in der Weiſe, daß immer die eine ſchneidet, während die andere leer zurückkommt. M. Fesca, welcher ſich das Schneiden mit der Buck⸗eye⸗Maſchine auf den ſchottiſchen Farmen wiederholt genau angeſehen hat, ſagt in ſeinem Bericht,„daß die Arbeit allerdings eine ausgezeichnete iſt: die Garben fallen in der Größe ſehr gleichmäßig aus, das Stroh iſt weniger verwirrt, und die Stoppel eine kurze, äußerſt gleichmäßige“. Der einz zige Mangel, den man den Handablage⸗Maſchinen vorwerfen kann, iſt der, daß man für jede Maſchine ſtets eine genügende Arbeiter⸗ zahl disponibel haben muß, um das geſchnittene Getreide gleich zu binden — e oder wenigſtens auf die Seite zu legen, damit der Gang für das Pferd zum folgenden Schnitt frei werde. Von großer Bedeutung iſt aber auch dieſer Mangel nicht, denn gebunden muß das Getreide ja in jedem Falle werden, und es hat in der Ernte viel für ſich, wenn ein Keil den andern treibt. 281 b42 guoenui .goqvandvL 82 m nL gun ⸗Bjqvalgle mi u“ auſGplpundgpe 9 an? 1a220 Alles in Allem genommen ſind die einpferdigen Maſchinen mit Handablage, deren Tagesleiſtung im Mittel 4 ha beträgt, namentlich für kleine Güter ſehr empfehlenswert. Ein nicht hoch genug zu veranſchlagen⸗ der Vorteil derſelben beſteht darin, daß Reparaturen viel ſeltener an ihnen vorkommen und viel leichter von dem Dorfſchmid ausgeführt werden können, als dies bei den komplizierteren Maſchinen mit Selbſtablage der Fall iſt. Einfach und dauerhaft iſt namentlich„Samuelſons Eklipſe“. 2. Die Mähemaſchinen mit Selbſtablage verdienen im allge— meinen für den größeren Wirtſchaftsbetrieb den Vorzug. Sie er⸗ fordern 2 Pferde zur Beſpannung und 1—2 Mann zur Bedienung. Das Lenken der Pferde geſchieht gewöhnlich vom Sattel. Der zweite Mann geht hinter der Maſchine. Doch iſt an manchen neueren Maſchinen an der Fahrradachſe ein Sitz angebracht, ſo daß ein Mann die ganze Führung allein beſorgen kann. Fig. 132. Wie bereits erwähnt, legen dieſe Maſchinen das Getreide nicht in's Schwad, ſondern in Gelege, und da dies vermittelſt eines ſinnreichen Harkenſyſtems nicht nach rückwärts, ſondern nach ſeitwärts geſchieht, ſo iſt die Bahn für den folgenden Gang ſtets frei. Man kann daher bei aufrechtſtehendem Getreide rundherum fahren und auch bei dem Mähen an einer Seite große Flächen ſchon abſchneiden, wenn die Binder noch anderweitig beſchäftigt ſind. Zu den bekannteren Getreidemähemaſchinen mit Selbſtablage, deren mittlere Tagesleiſtung durchgängig 5 ha beträgt, gehören die von Sa⸗ muelſon, Hornsby, Wood, Howard, Johnſton, Me. Cormick An einigen derſelben iſt auch eine Vorrichtung zum Garbenbinden angebracht, die jedoch bis jetzt noch nicht ſo vervollkommnet iſt, daß ſie unter unſeren Verhältniſſen zur Einführung empfohlen werden könnte. 5. Das Machreifen. Wird das Getreide in der Gelbreife oder vielleicht ſchon früher geſchnitten, ſo muß es erſt gehörig nachreifen, ehe es eingefahren werden kann. Wir wollen das Nachreifen von der theoretiſchen und praktiſchen Seite betrachten. a. Die Theorie des Nachreifens. Die Veränderungen, welche ſich bei dem Nachreifen in den Körnern vollziehen, ſind durch wiſſenſchaftliche Unterſuchungen*) klar gelegt worden. Dieſe Unterſuchungen beanſpruchen aber auch ein praktiſches Intereſſe, denn ſie zeigen, was man von dem Nachreifen zu erwarten hat, und was nicht. In der nachſtehenden Tabelle laſſen ſich die Reſultate überblicken. Verſuchspflanze war der Weizen. -. Di ‿ *) A. Nowacki, a. a. O. 1. ſE. I. I. Reife⸗ V Tag Waſſergehalt Trockengewicht Volumen(Spezif. Gewicht ſtadi der V der Körner v. 100 Körnern v. 100 Körnern der Körner adium. Ernte. nach, e nach⸗ cer nach⸗ zer nach⸗ friſch gereift friſch gereift friſch gereiſt friſch gereift kem Waſſer= 1. a. b a. b 186„ s 5,31 2,40 1,200 1,402 a. b. a. b. Milchreife frühe 9. Juli 51,47 11,82 2,86 2,97 5, ſpäte 13.„ 47,69 11,67 3,58 3,71 un 3,00 1,229 1,400 134,27 Gelbreife 20., 25,73 11,87 419 42 4,28 3,43 1,336 1,397 2 81 Vollreife 23., 127 11,57 4,22 4,19 352 1 1 1 342 1,391 1386 Indem wir die Kolumnen der Tabelle der Reihe nach durchgehen und jeweilen die Zahlen unter a und b mit einander vergleichen, ge⸗ langen wir zu folgenden Sätzen. I. Waſſergehalt.— Bei den friſchen Körnern, welche ſofort nach der Ernte aus den Spelzen genommen und ſo ſchnell wie möglich unterſucht wurden, hielt ſich der Waſſergehalt während der Milchreife ziemlich auf gleicher Höhe. Dann aber ſinkt er ungemein raſch, in den 7 Tagen vom 13. bis zum 20. Juli zuſammen und im Durchſchnitt um 22 Prozent, in den 3 Tagen vom 20. bis zum 23. Juli um weitere 13 Prozent. Die größten Unterſchiede zeigen ſich in der Gelbreife, wo der Waſſergehalt bei der Körner— es waren dies die größeren— über 34 Prozent, bei den übrigen%⅞ nur noch 12,9 Prozent betrug. Bei den nachgereiften Körnern ſind alle dieſe Unterſchiede ver⸗ ſchwunden. Die in den verſchiedenen Reifeſtadien geernteten Körner gaben bei dem Nachreifen ſämtliches Waſſer ab, bis auf einen gewiſſen, ſich gleichbleibenden Reſt von durchſchnittlich 11,73 Prozent, welcher offenbar zum Beſtand und Weſen des lufttrockenen, lebensfähigen Kornes gehört. Bei denjenigen Körnern, die verſuchsweiſe bis zur Totreife (28. Juli) und Überreife(2. Auguſt) auf dem Halme blieben, wurde ein Waſſergehalt von 11,78 und 12,01 Prozent gefunden. Folglich ergibt ſich das für die Praris wichtige Reſultat: Soweit es ſich lediglich um das Austrocknen handelt, kommt das künſtliche Nachreifen der Körner auf dem abgeſchnittenen Halme dem natürlichen Reifen auf dem ſtehenden Halme in der Wirkung vollkommen gleich. II. Trockenſubſtanz.— Wird aus den friſchen, ſofort entſpelzten Körnern einerſeits und aus den nachgereiften Körnern andererſeits durch — 237— eine künſtliche Hitze von 100— 1100 C. auch der letzte Reſt des Waſſers ausgetrieben, ſo läßt ſich durch Vergleichung des Gewichts der bezüg⸗ lichen Trockenſubſtanz feſtſtellen, ob bei dem Nachreifen noch eine Wanderung von Stoffen aus dem Halme in die Körner ſtattfand, oder nicht. Die in Kolumne II. unter a und b aufgeführten Zahlen zeigen nun, daß in der Milchreife eine ſolche Stoffwanderung vielleicht vor ſich geht. Sicher iſt dies nicht, denn der Unterſchied zwiſchen den Trocken⸗ gewichten beträgt nur ungefähr 4 Prozent. Jedenfalls iſt die Zunahme völlig ungenügend, denn die in der frühen bezw. ſpäten Milchreife ge⸗ ernteten Körner bleiben auch im nachgereiften Zuſtande bedeutend — um 39 beziehungsweiſe 14 Prozent— hinter den ſpäter geernteten Körnern zurück. In der Gelbreife kann dagegen von einer Zunahme der Körner an Trockenſubſtanz infolge des Nachreifens ebenſowenig mehr die Rede ſein, wie in der Vollreife, denn die betreffenden vier Zahlen 4,19: 4,22 4,22: 4,19 ſind als gleich zu betrachten. Auf ſehr geringfügige Unterſchiede iſt nichts zu geben. Somit dürfen wir aus den ermittelten Trockenſubſtanzgewichten folgende Schlüſſe ziehen: Bei zu früh unternommener Ernte bleiben die Stoffe in den Halmen ſitzen, weil der Wurzel⸗ druck fehlt: man gewinnt nahrhaftes Futterſtroh, aber mangelhaft ausgebildete Körner. Erſt von der Gelbreife an, wenn die Stoffeinfuhr aus dem Halme in die Körner auf⸗ gehört hat, läßt ſich das natürliche Reifen des Getreides durch das künſtliche Nachreifen erſetzen. III. Volumen.— Die in Kolumne III. unter a und b gegenüber⸗ geſtellten, auf das Volumen oder auf die Größe der Körner bezüg⸗ lichen Zahlen dienen zur Stütze und Beſtätigung der eben gezogenen Schlußfolgerungen. Es iſt die natürliche Folge des Austrocknens, daß das Volumen der Körner mit der fortſchreitenden Reife abnimmt oder ſchwindet. Bei dem künſtlichen Nachreifen findet dasſelbe ſtatt, und allem Anſcheine nach vollzieht ſich der Prozeß des Zuſammenſchwindens in ganz normaler Weiſe, wenn die Halme auch lange Zeit vor dem völligen Erhärten der Körner abgeſchnitten werden. Aber der Punkt, auf den es für die Praxis ankommt, iſt der: Die in der Milchreife geernteten Körner ſchrumpfen bei dem Nachreifen in dem Grade zuſammen, daß ſie in der Größe, ebenſo wie im Trocken—- — 238— gewicht, weit hinter den ſpäter geernteten Körnern zurück⸗ bleiben. Nicht ſo in der Gelbreife. Die in dieſem Stadium geernteten Körner ſchwinden zwar bei dem Nachreifen eben⸗ falls noch beträchtlich zuſammen, aber die ſchließliche Größe der gelbreifen und der vollreifen Körner ſtellt ſich gleich. Setzen wir das Volumen der gärnzlich erhärteten Körner= 100, ſo ergeben ſich für die nachgereiften Körner der vier Reifeſtadien folgende Verhältniszahlen: Frühe Milchreife. Späte Milch reife. Gelbreife. Vollreife. 70 87 100 100 IV. Spezifiſches Gewicht.— Infolge des Austrocknens, der Volumenverminderung und der Stoffeinfuhr nimmt das ſpezifiſche Gewicht der Körner mit der fortſchreitenden Reife zu. Man vergleiche die Zahlen der Kolumne IV, a. Anders verhält ſich die Sache bei den nachgereiften Körnern. Wie aus Kolumne IV, b zu erſehen, ſtellt ſich das ſpezifiſche Gewicht derſelben in allen vier Reifeſtadien faſt genau auf dieſelbe Höhe; nach dem übereinſtimmenden Waſſergehalt iſt dies nicht anders zu erwarten. Zwiſchen den Zahlen beſtehen jedoch kleine Verſchiedenheiten, und zwar ſinkt das ſpezifiſche Gewicht anſcheinend mit einer gewiſſen Regel⸗ mäßigkeit von der Milchreife bis zur Vollreife. Zum Teil ſind dieſe Verſchiedenheiten auf die Ungleichmäßigkeit des Unterſuchungsmaterials zurückzuführen(kein Körnchen iſt dem andern gleich), zum Teil laſſen ſie ſich dadurch erklären, daß der relative Aſchengehalt der Körner mit der fortſchreitenden Reife abnimmt. Letztexes kommt daher, daß in dem Stadium der Milchreife weit mehr Stärke und Protein in die Körner eingeführt wird, als Mineralſubſtanz. Es betrug nämlich der Aſchen⸗ gehalt der nachgereiften Körner, auf die Trockenſubſtanz berechnet, in der frühen Milchreife= 2,16% „ v„ ſpäten„= 1,84„ „„ Gelbreife... 1,71„ 5 Vollreife...= 1,70„ Da nun das ſpezifiſche Gewicht der Mineralſtoffe erheblich höher iſt, als dasjenige der organiſchen Subſtanzen, ſo muß auch das ſpezifiſche Gewicht der in der Milchreife geernteten und nachgereiften Körner etwas höher ausfallen, als dasjenige der ſpäter geernteten. Damit wäre auch dieſe bis jetzt offene Frage in befriedigender und einfacher Weiſe gelöſt. Blicken wir jetzt noch einmal auf die gewonnenen Reſultate zurück, ſo läßt ſich das praktiſch wichtige Hauptreſultat in folgenden Satz zuſammenfaſſen: Erſt von dem Heitpunkt an, wo alle RKammern des Rornes mit Vorratsſtoffen gefüllt ſind, die zu ihrer Konſervierung nur noch der Austrocknung bedürfen, läßt ſich das natürliche Reifen mit Vorteil durch das künſtliche Nachreifen erſetzen, und dieſer Zeitpunkt iſt die Gelbreife. Es erübrigt nun noch ein Bedenken zu beſeitigen. In manchen Gegenden ſind nämlich die Landwirte der Anſicht, daß man zwar das zu Brotkorn bezw. zum Verkauf beſtimmte Getreide in der Gelbreife mähen dürfe, daß man aber die zur Saat oder zur Malzbereitung aus⸗ erſehene Frucht bis zur Totreife auf dem Halme ſtehen laſſen müſſe. Ein ſtichhaltiger Grund hierfür läßt ſich nicht herausfinden, wie denn auch in anderen Gegenden die Praktiker im Zeitpunkt der Ernte zwiſchen Saat⸗ und Handelswaare keinen Unterſchied machen. Wenn man den Schnitt ſchon in der Milch- oder Grünreife vornimmt, dann iſt das gewonnene Getreide als Saat⸗ oder Malzgut allerdings weniger brauchbar, aber dann hat es auch als Brotkorn einen geringeren Wert. Das milch- oder grünreife Getreide iſt eben unreif, läßt man es nach⸗ reifen, ſo wird es notreif— das gelbreife Getreide dagegen iſt voll⸗ kommen ausgebildet, läßt man es nachreifen, ſo wird es reif. Das iſt der Unterſchied, und dieſer Unterſchied iſt feſtzuhalten. Daß das gelbreife Getreide auch als Saatgut dem totreifen in keiner Weiſe nachſteht, zeigt folgender Verſuch von Wollny, ausgeführt im Jahre 1874 mit Jeruſalemer Staudenroggens). Saat. Ernte. 5 EGrrtrag S S S5=S5 SE Saatgut FE G S= 2 3= 8 EE 3 5 Cs Zr an an — S E 2 2 K 3 Str 3 2 2 Korn Stroh g Stuͤck Dem 8 5— S g g milchreif.. 3. Juli 0,0104 400 602,6 1017,9 1 grünreif 8.„ 0,0254 2,5 100 400 1359,6 1839,1 gelbreif 24.„ 0,0316 3,2 100 400 14884 2736,9 totreif... 29.„ 0,0313 32 100 400 1470,8 2817,7 Wollny, der ähnliche Verſuche auch mit Erbſen und Pferde⸗ bohnen angeſtellt hat, zieht aus den Ertragszahlen folgende Schlüſſe: — ₰ — —₰½ —₰½ *) Wollny, Unterſuchungen über die Wertbeſtimmung der Samen als Saat⸗ und Handelswaare. 1877. 240 1. Die Erträge der aus verſchieden reifen Körnern gezogenen Pflanzen ſind in Quantität um ſo beſſer, je voll⸗ kommener das Samenkorn ausgebildet war. 2. Die Erträge bleiben ſich gleich, ſobald die Entwicklung der Samenkörner trotz verſchiedener Erntezeit(Gelbreife und Totreife) ſoweit vorgeſchritten iſt, daß eine Zunahme an Subſtanz nicht mehr ſtattfindet. Folglich, ſo fügen wir hinzu, iſt die Gelbreife auch bei Saat— gut der zweckmäßigſte Zeitpunkt zur Ernte. b. Die Praxis des Nachreifens. Wie kann man nun den Zweck des Nachreifens praktiſch erreichen? Die Antwort kennt jeder: Man läßt das abgemähete Getreide auf dem Schwad, in Stiegen, Puppen ꝛc. ſo lange ſtehen oder liegen, bis es trocken geworden iſt. Immerhin wird es nicht überflüſſig ſein, einige Erläuterungen hierzu zu geben. Das Nachreifen beruht auf dem Austrocknen, und das Austrocknen beruht auf der Verdunſtung. Alle Umſtände und Maßregeln, welche die Verdunſtung befördern oder verzögern, verzögern oder befördern auch das Nachreifen. Setzen wir das Getreide der Sonne und dem Luftzug frei aus, ſo wird mit der Verdunſtung auch das Nachreifen beſchleunigt, packen wir es zuſammen oder decken wir es zum Schutze gegen Regen dicht zu, ſo wird mit der Verdunſtung auch das Nachreifen verlangſamt. Schnelligkeit des Nachreifens und Sicherung gegen ſchlechtes Wetter ſind Gegenſätze, die ſich gar nicht oder doch nur ſo miteinander ver⸗ einigen laſſen, daß entweder die Schnelligkeit auf Koſten der Sicherheit oder die Sicherheit auf Koſten der Schnelligkeit leidet. Hiernach können wir drei Erntemethoden unterſcheiden, die ſich durch nachſtehendes Schema veranſchaulichen laſſen. Große Schnelligkeit: Geringe Sicherheit. Mitttere Schnelligkeit: Mittlere Sicherheit. Geringe Schnelligkeit: Große Sicherheit. Allgemein betrachtet, ſind alle Erntemethoden, welche in einen dieſer drei Rahmen paſſen, gleichwertig, und es läßt ſich daher theoretiſch nichts dagegen ſagen, wenn bald der einen, bald der andern Methode der Vor⸗ zug gegeben wird. Die ſchnellen Methoden ſind zugleich einfach, die ſicheren umſtändlich. Hat man Glück mit dem Wetter, ſo kann bei den — 241— einfachen Methoden viel Arbeit erſpart werden, iſt das Wetter aber unbeſtändig, ſo machen die umſtändlichen, weil ſicheren Methoden weniger Arbeit, als die einfachen. Die Entſcheidung für die eine oder die andere Methode hängt alſo von dem Klima ab, und da ſich in jeder Gegend durch langjährige Erfahrung die Erntemethode der herrſchenden Ernte⸗ witterung angepaßt hat, ſo thut man im allgemeinen gut, an dem Ortsüblichen feſtzuhalten. Verbeſſerungen in der vorgeſchriebenen Richtung ſind damit nicht ausgeſchloſſen. Die bekannteren Erntemethoden laſſen ſich nun in folgender Weiſe dem obigen Schema einfügen. 1. Große Schnelligkeit, aber geringe Sicherheit gewährt das Trocknen des Getreides auf dem Schwad oder in Gelegen, ver⸗ bunden mit einmaligem oder wiederholtem Wenden derſelben. Dieſe Methode wird weniger bei der Winterung, als bei der Seiiwad be⸗ nutzt. Sie iſt beſonders am Platz, wenn das Getreide als Deckfrucht 5 Fig. 133. Stiege. für Klee oder Kleegras gedient hat, oder wenn es reichlich Naturgras (Unkraut) enthält. Zum Zweck des Bindens wird dick liegendes Getreide direkt aus den Schwaden aufgerafft, dünn liegendes in Gelege zuſammengeharkt. Da das Getreide ſamt dem Futter ſchon völlig trocken iſt und ſofort nach dem Binden eingefahren wird, ſo können zur Förderung der Arbeit ſtarke Garben(mit Seilen von Roggenſtroh, Wieden, geſpaltenem ſpaniſchem Rohr ꝛc.) gebunden werden 2. Mittlere Schnelligkeit und mittlere Sicherheit gewährt das Aufſtellen in dachförmige Stiegen(Fig 133), nachdem die Garben ſofort hinter der Senſe oder Mähmaſchine nach dem Abtrocknen des Thaues aufgebunden worden ſind. Dieſe Methode iſt namentlich bei der Winterung üblich. Es iſt zweckmäßig, kleine Garben anzufertigen, weil dieſe nach etwaigem Regen wieder durchtrocknen, ohne daß es nötig iſt, ſie aufjubinden. Der Roggen und auch längerer Weizen wird am einfachſten mit ſeinem eigenen Stroh gebunden, indem man eine Stroh⸗ Getreidebau. 16 242 länge als Seil verwendet.— Die Stiegen ſind in Norddeutſchland öſtlich von der Elbe allgemein im Gebrauch. Wird die Stiege in der Weiſe, wie es Fig. 13 darſtellt, mit einer aufgelöſten Garbe eingedeckt, ſo gehört ſie in den Rahmen 3. 3. Geringe Schnelligkeit, aber große Sicherheit gewährt das Aufſtellen der Garben in kegelförmige Puppen, ſofern dieſe mit einer Wav* WMal— Wwyu⸗ Fig. 134. Stiege mit Dach. Deckgarbe oder mit einer Schutz matte zugedeckt werden. Puppen ohne Hut gehören in den Rahmen 2. Die gewöhnliche Puppe(Fig. 135) wird bei mittelgroßen Garben aus 7 ſtehenden und 1 Deckgarbe, bei kleinen Garben aus 9 ſtehenden und 1 Deckgarbe hergeſtellt. Damit die Garben oben gut zuſammen⸗ ſchließen, bindet man ſie in manchen Gegenden zweimal. Vollkommener iſt dies, aber auch viel teurer. Wenn zwei Arbeiter ſich helfen, läßt 4 mee d 4* — RXNAAd Fig. 135. Gewöhnliche Puppe mit Hut. ſich der Hut auch aufſetzen, wenn die Garben nur einmal gebunden ſind.— Kunſtgerechte Puppen findet man namentlich im„Sauerlande“ Weſtfalens. Die große Puppe mit Schutzmatte(Fig. 136) unterſcheidet ſich von der gewöhnlichen Puppe dadurch, daß der Kegel aus der doppelten Zahl(15— 25) Garben hergeſtellt und mit einer eigens für dieſen Zweck angefertigten Schutzmatte(von Roggenſtroh und geteertem Bindfaden, — 243— deſſen Enden mit Haken und Oſen verſehen ſind) zugedeckt wird. Herr Schmitz, der dieſe Schutzmatten in Flandern kennen gelernt und am Niederrhein eingeführt hat, ſagt von dieſer Erntemethode*): Das Getreide ſteht„ſicher gegen Sturm, Regen oder Hagel. Mag es auch acht Tage länger währen, bis die ſtarken, dichten Haufen durch Wind und Wärme aus⸗ getrocknet ſind, als wenn das Getreide in Schwaden liegt oder in kleinen Haufen oder Stiegen aufgeſtellt iſt, man wird nicht verſucht, aus Furcht vor Regenwetter, halbtrockenes Getreide einzufahren; man kann ohne Gefahr abwarten, Korn und Stroh bleiben ganz geſund.“ Hiermit iſt dieſe Erntemethode den vorhin erwähnten gegenüber richtig beurteilt; ſie führt langſam, aber ſicher zum Ziel. Sollen wir die angeführten Erntemethoden in bezug auf ihre Schnel⸗ ligkeit miteinander vergleichen,ſo läßt ſich annehmen, daß gelbreif gemähtes Getreide bei heißem und trockenem Wetter zum Nachreifen erfordert: auf dem Schwad oder in Gelegen....... 2— 3 Tage, l in Stiegen ohne Schutzdecke........... 4— in kleinen Puppen mit Deckgarbe....... 6— in großen Puppen mit Schutzmatte..... 8— 10 Dieſe Daten können natürlich nur dazu dienen, einen ganz allge⸗ meinen Anhalt zu geben und die bezeichneten Erntemethoden gegenein⸗ ander zu charakteriſieren. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß in jedem Fall die Beendigung des Nachreifens durch eine genaue Unterſuchung des Getreides feſtgeſtellt werden muß. Erſt dann, wenn ſämtliche Körner in den großen, mittleren und kleinen Ahren, auch im Innern der Haufen und Garben, vollſtändig hart geworden ſind, was man am einfachſten G *) Eine genaue Beſchreibung der übrigens einfachen Anfertigung dieſer Schutzmatten, erläutert mit Abbildungen, bringt die Milch⸗Zeitung von C. Peterſen unterm 28. März 1885. 16*¾ — 244 und ſicherſten mit den Zähnen probiert,— erſt dann iſt der Zeitpunkt zum Einfahren gekommen. Dieſer Grundſatz gilt ebenſowol für Handels⸗ wie für Saatwaare. Wird das Getreide in die Scheune oder Miete geſchafft, ehe es durch und durch trocken geworden iſt, ſo tritt ein übermäßiges Erhitzen und Schwitzen ein, demzufolge die Körner verſchimmeln und die Keimfähig⸗ keit und die helle Farbe verlieren, was für Saat- und Handelswaare gleich nachteilig iſt. Daher die alte Regel: Es iſt beſſer, wenn die Frucht auf dem Felde verdirbt, als in der Scheune. Andererſeits darf aber auch keine Stunde verſäumt werden, das Getreide in Sicherheit zu bringen, ſobald es ſeine volle Nachreife bereits erlangt hat. Das Prinzip, mit dem Einfahren ſo lange zu warten, bis Alles abgemäht, gebunden, aufgeſtellt und nachgeharkt iſt, kann ich nicht billigen, obwol ich auch die Ordnung liebe.„Wir wiſſen, ſagt der er⸗ fahrene Schwerz,„was für Wetter wir heute haben, nicht aber, welches uns morgen bevorſteht.“ Im übrigen von dem wichtigen Geſchäft der Ernte nur noch ſo viel: Iſt der Herr beim Aufladen, die Frau beim Abladen, der Hofmeyer beim Packen, der Sohn oder Verwalter beim Binden, und fehlt es nicht an einem ermunternden Wort und von Zeit zu Zeit an einem erfriſchen⸗ den Trunk, dann kann man darauf zählen, daß in den ſechs Tagen der Woche ſo viel geſchafft wird, daß man am Sonntag ruhen darf. Das Dreſchen, Reinigen und Aufbewahren des Getreides. Die Aufbewahrung des Getreides bis zum Druſch geſchieht in Deutſchland gewöhnlich in den Scheunenräumen. Daß dies bequem und zweckmäßig iſt, kann nicht geleugnet werden, aber man kann fragen, ob es in Rückſicht auf die Anlage und Verzinſung des Baukapitals nicht zu koſtſpielig wird. Unſere Konkurrenten in Amerika ſparen das Geld für die Scheunen, indem ſie das Getreide gleich nach der Ernte mit der Dampfdreſchmaſchine auf dem Felde ausdreſchen und die marktfähige Waare, welche nur vor— übergehend in leichtgebauten Schuppen aufgeſchüttet wird, ſo bald als möglich verkaufen und abliefern. Die Engländer halten ſich auf der goldenen Mittelſtraße: ſie erbauen kleine Scheunen, die hauptſächlich als Tenne dienen, das meiſte Getreide ſtellen ſie in Feimen. Dieſes Prinzip hat viel für ſich, und wir ſind auf dem beſten Wege, — es zu adoptieren. Die Vermehrung der Dampfdreſchmaſchinen, deren 1290 G wee eeeee uppplor n eeee he —ᷣy/W᷑ —— „aoveece ee LO Aup v da ddu ee ee i M- 1 — 246— Zahl von Jahr zu Jahr zunimmt, wird ganz von ſelbſt zur folge haben, daß die Scheunen teilweiſe zu anderen Zwecken benutzt und, wo ſie neu zu erſtellen, nicht ſo groß gebaut werden, wie früher. Im Weſten des deutſchen Reiches wird ja ſchon jetzt ein großer Teil der Ernte auf dem Felde ausgedroſchen. Fig. 137 veranſchaulicht das Arbeiten mit der Pampſdreſchmaſchine Im Oſten dagegen wird ſich die Praxis, den Scheunenraum für eine Mittelernte zu berechnen und, was darüber, in gut unterlegte und gut eingedeckte Sober zu bringen, vorausſichtlich noch lange erhalten. Die Einführung der Dreſchmaſchine, ſei es mit Dampf⸗ ſei es mit Göpelbetrieb, ſtößt hier auf Sehuerigkeiſone e die teils in den klimatiſchen, teils in den Arbeiterverhältniſſen liegen. Die Güter ſind hier bekanntlich darauf angewieſen, ſtändige Arbeiterfamilien zu halten, welche im Sommer nicht entbehrt, im Winter aber ohne den Flegeldruſch nicht genügend be⸗ Fig. 138. Dreſchapparat der Stiftendreſchmaſchine. Indem das eingeführte Getreide bei ſchneller Rotation der Trommel durch die Zwiſchenräume der Stifte hindurchgeht, werden die Körner ausgeſtreift. ſchäftigt werden können. Das war zu Thaer's Zeiten ſchon ſo, und es iſt heute nicht viel anders; nur inſofern haben ſich die Verhältniſſe geändert, als heutzutage die Sicherung der Arbeiter für das ganze Jahr noch notwendiger iſt, als vordem. In dieſen Gegenden wird alſo der Flegel noch lange ſein altes Recht behaupten. Vielleicht holt man das verpönte Gerät auch anderwärts wieder aus der Rumpelkammer hervor, nachdem man bei dem Maſchinendruſch die Erfahrunn gemacht, daß die Körner mehr verletzt und dadurch für die Verwendung zur Saat weniger geeignet werden, als bei dem Handdruſch. Dieſer Vorwurf trifft namentlich die Schlagleiſten⸗D Dreſchmaſchinen. Daß aber auch die Stiften⸗Dreſchmaſchinen Sig. 138) die Körner nicht ſchonen, weiß man teils von europäiſchen L Landwirten, teils beſtimmt auch aus Amerika, wo das Stiftenſyſtem allgemein im Gebrauch iſt. 2* So leſen wir im 23. Staatsberichte von Ohio pro 1868, S. 266: daß — 247 man heutzutage wegen des Maſchinendruſches mehr Saatgetreide be⸗ dürfe, als vor 30 Jahren. Was das aber zu bedeuten hat, mehr Saatgetreide, und zwar ganz umſonſt auszuwerfen, zeigt folgende kleine Rechnung. Anno 1865 aufgemeſſen 948 Schffl. Roggen, Dreſcherlohn(ℳ46) 59 Schffl. Anno 1864 ausgeſaei 174 Sahjit⸗ hiervon*½, macht rund 43„ Das heißt: Wenn der Maſchinendruſch Mehrausſaat bedingt, ſo ſpart man bei dem Flegeldruſch„des Dreſcherlohns für die ganze Ernte — an der Saat. Ich bitte zu berückſichtigen, daß die vorſtehenden Zahlen in keiner Weiſe geſucht oder gemacht, ſondern einfach dem praktiſchen Leben ent⸗ nommen ſind. Mag nun der Mehrbedarf an Saatkorn bei vorſichtiger Stellung und Handhabung der Dreſchmaſchine((auf Koſten des Rein⸗ druſches!) auch weniger betragen als 1, ſo laſſen uns doch die Keimungs⸗ verſuche mit eingebeiztem Weizen, der zum Vergleich teils mit der Hand, teils mit der Maſchine gedroſchen war, nicht in Zweifel darüber, daß zum Ausdreſchen des Saatgetreides der Flegel vor den jetzt gebräuch— lichen Dreſchmühlen entſchieden den Vorzug verdient. Nicht blos der grobe Bruch, ſondern auch jeder feine Riß beeinträchtigt die Güte des Saatkorns.— Nach dem Dreſchen folgt das Reinigen des Getreides. Die Dampfdreſchmaſchine beſorgt dies gleich mit, indem ſie mit einer Putz— mühle in Verbindung ſteht, we lche die Spreu von dem Weizen und das Vorderkorn von dem Hinterkorn ſondert. Dieſe Kombination läßt ſich auch anbringen, wenn die Dreſchmaſchine von einem Waſſerrad oder von einer Turbine getrieben wird, und es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Gelegenheit zur Benutzung der billigen Waſſerkraft noch keineswegs überall wahrgenommen und ausgebeutet worden iſt. In mancher ſchweizeriſchen Gutswirtſchaft treibt ein kleines Bächlein die Dreſch⸗ und Putzmühle, die Mahl⸗ und Schrotmühle, die Häckſelmaſchine, die Holz⸗ und Bretterſäge, die Knochenſtampfe ꝛc. Mit Hilfe eines Draht⸗ ſeiles läßt ſich die Waſſerkraft ſehr bequem auf eine Entfernung von 100 m, auch aus dem Thale auf den Berg übertragen. Wird die Gefällskraft eines Baches oder Fluſſes in Elektrizität umgeſetzt, ſo läßt ſie ſich mittelſt eines einfachen Telegraphendrahtes ſtundenweit leiten, ohne an Wirkung zu verlieren. Doch das ſind Träume der Zukunft. Bleiben wir in der Wirklich⸗ keit, ſo müſſen wir, wenn uns weder Dampf⸗- noch Waſſerkraft zur Ver⸗ fügung ſteht, die Putzmühle mit der Hand drehen. Zur gewöhnlichen Reinigung des Getreides kann, außer dem mehr und mehr aus der Übung kommenden Wurfen, eine einfache Windfege 248— dienen, wie ſie Fig. 139 im Längenſchnitte darſtellt. Die zu reinigende Frucht gelangt aus dem Ausſchüttegefäß a auf das in ſchüttelnde Be⸗ wegung verſetzte, ſchwach geneigte Doppelſieb b, welches mit weiten Maſchen verſehen iſt und die gröbſten Verunreinigungen ſeitlich abführt. Ein Schieber c reguliert den Zufluß der Fruchtmenge. Die durch das Schüttelſieb hindurchtretenden Körner fallen, jetzt unter der Einwirkung des Windes, auf die geneigte Fläche d und auf das ebenfalls ſchwingende Sieb e. Die größten Körner rollen auf demſelben hinab, die kleineren fallen hindurch. Der Staub und die leichten Körner ꝛc. werden über die obere Kante von d hinweggeblaſen. Die Spreu und der Staub fliegt über das verſtellbare Brett g, während die leichten Körner in den Auslauf f gelangen.— Nach dieſem Prinzip iſt die ſehr verbreitete Dresdener Getreideſortier⸗ und Reinigungsmaſchine gebaut. Fig. 139. Zur Abſcheidung runder Unkrautſamen, wie Rade, Wicke u. dgl. empfiehlt ſich der Trieur von Pernollet in Paris, welchen Fig. 140 in der Perſpektive und Fig. 141 im Längenſchnitte darſtellt. Die ſchwach geneigte Trommel enthält in ihrer Abtheilung a ein auswechſelbares Sieb mit Offnungen von bez. 24*% 1,15 und 24 2 mm. Da die Durchgangsweiten kleiner ſind als die Mittelgrößen der zu ſortierenden Fruchtarten, ſo treten aus dieſem Teile die feineren Körner aus, welche durch b in ein untergeſtelltes Gefäß geleitet werden. Die Abteilung c iſt der Trieur mit Zellen von 5,5 mm Durchmeſſer und 2,5 mm Tiefe. Die in die Zellen eintretenden Körner, alſo namentlich die runden Unkrautſamen, gelangen in die Rinne d und werden von einer Schnecke bei e aus der Maſchine geleitet. Abſtreichklappen zwiſchen der Rinne und dem inneren Trommelumfange verhüten das Mitführen der längeren, — 249— aus den Zellen hervorſtehenden Getreidekörner; dieſe fallen demnach wieder in den unteren Teil der Trommel zurück. ie Abſtreichvor⸗ richtung iſt bei den Pernollet'ſchen Trieurs mit Lederſtreifen bekleidet, eine Anordnung, welche ſich als ſehr vorteilhaft bewährt hat. Die größeren Körner gleiten die Trommel entlang, treten durch die Offnungen f in den ringförmigen Raum g, deſſen äußerer Umfang von einem ſchwach koniſchen, in der Richtung des Pfeiles ſich erweiternden, durchlochten Blechſiebe, mit Schlitzen von 24 mm Länge und 2 mm. Breite gebildet wird. Diejenigen Körner, welche dieſes Sieb paſſieren, treten bei h aus der Maſchine, während die größeren Körner am Ende bei i abgeleitet werden.„ Die Trennung findet mithin derartig ſtatt, daß bei b die ſchmalen Körner, bei e die runden Unkrautſamen ſowie zerbrochene Getreidekörner, e D Trieur von Pernollet. bei h und i die gereinigte Frucht, in zwei Größen ſortiert, abgeſchieden werden. Von größter Wichtigkeit für die gute Wirkung des Trieurs iſt die richtige Wahl der Zellenweite. Hat man vornehmlich Radekörner aus dem Getreide abzuſcheiden, ſo genügt eine Weite von 4,5— 5 mm. Soll der Trieur aber zugleich die Wickenkörner herausſchaffen, ſo muß die Zellenweite 5,5 mm betragen. Bei dieſer Weite iſt es aber nicht zu vermeiden, daß kleinere Roggen⸗ oder Weizenkörner gleichfalls von den Zellen aufgenommen und mit dem Unkrautſamen abgeführt werden. Die Leiſtung des Trieurs, wie er für landwirtſchaftliche Zwecke dient, beträgt bei den kleineren Maſchinen 1 bis 1,5 NlI, bei den größeren 2 bis 3 hl pro Stunde.*) ) G. Krafft, Illuſtr. Landwirtſchafts⸗Lerikon, 1884. — 250— Handelt es ſich nur um das Sortieren des auf einer Windfege vor⸗ gereinigten Getreides nach der Korngröße, ſo kann man ein einfaches Zylinderſieb, mit verſchiedener Maſchenweite auf den einzelnen Ab⸗ teilungen, benutzen, wenn man es nicht vorzieht, ein Zylinderſieb mit verſtellbaren Maſchenöffnungen zu wählen. Kurz, an zweckmäßigen Maſchinen zum Reinigen und Sortieren des Getreides fehlt es nicht, auch gehört keine Kunſtfertigkeit dazu, ſie zu handhaben; wer ſich ihrer bedient, wird eine geſuchte Handelswaare und namentlich auch ein vorzügliches Saatgut erzielen, und ein vor⸗ — zügliches Saatgut iſt das A und O des Getreidebaus.— trifft, ſo mag zurückgreifend nochmals daran erinnert werden, daß die in großen Maſſen in der Scheune oder Miete zuſammengepackten Garben Was nun ſchließlich die Aufbewahrung des Getreides be— einen Hitz⸗ und Schwitzprozeß durchmachen. Letzterer iſt leider bis jetzt noch nicht Gegenſtand einer genauen und planmäßigen Unter⸗ ſuchung geweſen, ſo daß ſich hierüber zur Zeit nur etwa folgendes ſagen läßt. Das Getreide erwärmt ſich, und zwar um ſo ſtärker, je feuchter es eingefahren worden iſt. Aber auch in ganz trocken eingebrachtem Ge⸗ treide ſcheint eine Erwärmung ſtattzufinden; in ſehr feuchtem kann ſich die Erhitzung bis zur Verkohlung, unter Umſtänden ſogar bis zur Ent⸗ flammung ſteigern. Infolge der Erwärmung werden Stroh und Körner feucht, oben— auf, unter der zweiten oder dritten Garbenſchicht, zuweilen ſogar förm⸗ lich naß, offenbar, weil durch die Hitze die in den Zellgeweben ein— geſchloſſene oder äußerlich anhaftende Feuchtigkeit ausgetrieben wird. Indem das Waſſer, zugleich mit Kohlenſäure und anderen, zum Teil deutlich riechbaren Stoffen in flüchtiger Form nach außen entweicht, kühlt ſich die Maſſe allmählich ab, und mit dem Erkalten hat der Prozeß anſcheinend ſein Ende erreicht. Die eigentliche Urſache der Erhitzung ſcheint die Wucherung irgend eines Pilzes zu ſein, ſo daß wir das Schwitzen des Getreides als einen Gährungsprozeß aufzufaſſen hätten.“) So lange die Temperatur eine gewiſſe Grenze nicht überſchreitet, iſt die Selbſterhitzung nicht ſchädlich, ſondern vorteilhaft, denn ſie be⸗ wirkt auf die einfachſte und billigſte Weiſe ein Austrocknen des Ge⸗ treides, wodurch dem Verderben deſſelben vorgebeugt wird. Sobald aber die Temperatur jene zuläſſige Grenze, die bei 70° C. liegen mag, überſteigt, werden die Körner, ſofern ſie ſamt dem Stroh nicht ganz verkohlen, gelb oder braun und verlieren die Keim⸗ fähigkeit.**) Um dieſe Nachteile zu vermeiden, muß das Getreide, ſofern wir nicht ein künſtliches Dörren in einem geheizten Raume vornehmen wollen, durchaus in trockenem Zuſtande eingefahren werden. Wir haben dies ſchon bei dem Nachreifen betont und bemerken nur noch, daß auch der Tau und etwaige Regenfeuchtigkeit abgetrocknet ſein muß. Ferner weiß man aus der landwirtſchaftlichen Praxis, daß das Getreide ſich um ſo beſſer hält, je feſter und dichter die Garben zuſammen— gepackt werden. Es iſt dies leicht erklärlich. Bei gleichmäßig dichter Lagerung wird der Waſſerdampf überall gleichmäßig ausgetrieben, *) Herr Dr. Grete, Vorſtand der Verſuchsſtation am Polytechnikum in Zurich, teilt mir nämlich mit, daß friſches Wieſengras, mit Schwefelkohlenſtoff in einem großen Blechgefäß eingeſchloſſen, ſich nicht erhitzte und vollkommen geſund blieb, während eine andere Probe von demſelben Gras in einem zweiten Gefäß ohne Schwefel⸗ kohlenſtoff verſchimmelte und unter bedeutender Erhitzung gänzlich verdarb. Damit iſt der Beweis geliefert, daß die Urſache der Erhitzung und des Verderbens des Graſes irgend ein Pilz iſt; wird der Pilz durch Schwefelkohlenſtoff getödtet, ſo tritt weder eine Er⸗ hitzung noch ein Verderben ein. Ahnlich dürfte es ſich bei dem Getreide verhalten. **) Daß die Keimfähigkeit der Körner bei 700 zerſtört wird, läßt ſich daraus ſchließen, daß das zum Keimen notwendige Ferment(Diaſtaſe), nach Wöhler, ſeine Wirkſamkeit bei einer uber 700 ſteigenden Temperatur einbüßt. Und nach Verſuchen von Edwards und Colin vernichtet eine feuchte Wärme(Waſſerdampf) von 750 die Keimfähigkeit aller Samen, und mit einer feuchten Wärme haben wir es in einem ſchwitzenden Getreidehaufen zu thun.“ — 259— während er ſich dort, wo die Garben hohl liegen, als flüſſiges Waſſer niederſchlägt und ein Verſchimmeln oder gänzliches Verfaulen veranlaßt. Dergleichen tritt namentlich leicht an denjenigen Stellen ein, wo die Garbenabnehmer(in der Scheune) ſtehen. Eine weitere praktiſche Regel ſchreibt vor, das Saatgetreide, wo möglich, vor dem Schwitzen auszudreſchen oder, wenn dies nicht durch⸗ führbar, dann mit dem Dreſchen ſo lange zu warten, bis der Schwitz⸗ prozeß beendigt iſt. Das Dreſchen während der Schwitzens verbietet ſich aus dem einfachen Grunde, weil das Getreide feucht iſt. Das Dreſchen vor dem Schwitzen gewährt dagegen den Vorteil, daß die Körner der Erhitzung entzogen werden.— Die ausgedroſchenen und auf den Speicher gebrachten Körner kommen ebenfalls in's Schwitzen. Der Prozeß wird hier von denſelben Erſcheinungen begleitet, wie bei dem in Garben lagernden Ge⸗ treide: man bemerkt Wärme, Feuchtigkeit und einen eigentüm⸗ lichen Geruch. Der Geruch zeigt uns an, daß mit dem Waſſer auch noch andere Stoffe fortgehen. Nach der Art des Geruchs zu urteilen, ſind dies flüchtige Ole, die ſich an der Luft in brenzliche Subſtanzen verwandeln. Außerdem muß Kohlenſäure entweichen, denn die Erwärmung kann nur auf die Weiſe zu ſtande kommen, daß ein Teil der feſten Subſtanz des Kornes verbrennt. Von der Verbrennung wird wahr⸗ ſcheinlich das Stärkemehl am meiſten betroffen, weniger das nur in ge⸗ ringer Menge vorhandene Fett und die Proteinſtoffe. Bei der praktiſchen Behandlung des auf den Schüttboden gebrachten Getreides kommt es darauf an, die Erwärmung möglichſt zu verhindern und das Verdunſten der Feuchtigkeit künſtlich zu befördern. Beide Zwecke werden erreicht durch flaches Aufſchütten und fleißiges Umſchaufeln.— Wir haben nun hinzuzufügen, daß die Getreidekörner beim Lagern auf dem Speicher, auch nach dem erſten Schwitzen, fortwährend Sauer⸗ ſtoff aus der Luft aufnehmen und Kohlenſäure abgeben, d. h. langſam verbrennen. Dieſe Verbrennung wird dadurch angeregt und unterſtützt, daß die Subſtanz der Körner hyygroſkopiſch iſt, d. h. die Eigenſchaft beſitzt, die Feuchtigkeit der Luft mit einer gewiſſen Begier an ſich und in ſich hinein zu ziehen. Wir dürfen annehmen, daß die Körner bei feuchter Luft Waſſer einziehen und bei trockener Luft wieder aushauchen. Nach Verſuchen von A. Muntz) iſt die Kohlenſäureentwicklung um ſo ſtärker, je häufiger die Luft erneuert wird, je feuchter die Körner ſind und je höher die Temperatur iſt. Auf luftigem Getreideboden *) Landw. Zeitſchrift f. d. Großh. Heſſen 1884, No. 33. 30 Monate lang gelagerter Hafer hatte 7,2% Trockenſubſtanz mehr verloren, als der die gleiche Zeit in einem geſchloſſenen Getreidebehälter aufbewahrte Hafer. Die Stärke war dabei um 6% vermindert, auch das Protein zeigte eine Abnahme. Mais hatte nach 16 Monaten an der Luft 10% Trockenſubſtanz mehr verloren, als im geſchloſſenen Be⸗ hälter. Hieraus hat man die Folgerung gezogen:„Das Getreide ſolle möglichſt trocken, kühl und unter Luftabſchluß aufbewahrt werden.“ Theoretiſch läßt ſich hiergegen nichts ſagen, aber wie ſteht's mit der praktiſchen Ausführung? Es iſt eine alte Sache— auch unſere Vorfahren waren hiermit vertraut,— das Getreide in Erdgruben aufzubewahren. Darin liegt es kühl und abgeſchloſſen von der Luft. Aber die dritte Bedingung „trocken“, läßt ſich ſchwer erfüllen. Die Körner werden ſchimmlig und dumpfig. Hiermit iſt es alſo nichts. In neuerer Zeit hat man in Frankreich und Ungarn Getreide⸗ türme erbaut, die oben gefüllt und unten geleert worden. Sie ſind teuer in der Herſtellung, umſtändlich in der Benutzung, ohne daß ſie Sicherheit in der Aufbewahrung und Erhaltung der Samenvorräte ge⸗ währten. Hiermit iſt es alſo ebenfalls nichts. Endlich hat Haberlandt vorgeſchlagen, die Körner in künſtlich er⸗ wärmter Luft bei einer Temperatur von 50— 600 C. zu trocknen und dann in gemauerte, luftdicht verſchließbare Behälter zu bringen, die gleichfalls von oben gefüllt und unten durch einen Trichter entleert werden könnten. Dadurch würde ſich nach H. erreichen laſſen: 1. Eine weit vollkommnere Aufbewahrung der Körnervorräte, als dies bisher bei der gewöhnlichen Aufbewahrungsmethode der Fall war; 2. es würde ein vollkommenerer Schutz gegen jegliches Ungeziefer gefunden; 3. gegen jegliche Feuersgefahr wäre vollkommene Sicherheit ge⸗ boten; 4. während der Aufbewahrung entfiele jegliche Manipulation, ſomit e an Koſten erſpart. Das klingt nun recht ſchön, aber man ſtelle ſich einmal vor, was es auf ſich hat, ſämtliches Getreide ſofort nach dem Aufmeſſen bei einer genau regulierten Temperatur von 50— 600 künſtlich zu trocknen! Und wenn man das Trocknen glücklich erreicht und die Behälter— deren man mindeſtens ſo viele haben müßte, wie Haufen auf einem gewöhn⸗ lichen Schüttboden— gefüllt hat, und es iſt nötig, einen Behälter zum Zweck der Reinigung oder Sortierung zu entleeren, ſo ziehen die künſt— lich getrockneten Körner, und zwar mit weit größerer Begier als gewöhn⸗ würd 254— liche, während der Arbeit wieder Waſſer aus der Luft an ſich, und dann können ſie nicht eher in denſelben oder in einen anderen Behälter ge⸗ bracht werden, als bis ſie von neuem künſtlich getrocknet worden ſind. Ebenſo muß alles Getreide, welches von dem Gute zum Händler oder vom Händler auf das Gut gefahren oder auf größere Entfernungen per Schiff oder per Eiſenbahn transportiert wird, vor der Verſorgung in den luftdichten Behälter immer erſt wieder bei 50— 600 getrocknet werden, weil es ſonſt verdirbt. Kurz, das Trocknen nähme kein Ende, und ein Schüttboden wäre nach wie vor unentbehrlich. Ich glaube daher, daß es auch mit dieſem Vorſchlage nichts iſt, und daß wir klüger thun, beim Alten zu bleiben. Jedenfalls wollen wir bezügliche Verſuche den Getreidehändlern und Magazinverwaltungen überlaſſen. Für den Landwirt iſt vorläufig ein gewöhnlicher Speicher der zweckmäßigſte Aufbewahrungsraum. Iſt das Gebäude, wenigſtens in dem unteren Teil, ſolid gebaut, und wird das Dach in Ordnung gehalten, ſo läßt ſich die Saat- und Handelswaare, ſowie das Brot⸗ und Futterkorn, und was man ſonſt auf dem Speicher unter Verſchluß hat, mit leichter Mühe im geſunden und brauchbaren Zuſtande erhalten, wenn freilich auch nicht ohne Verluſt. Bei Allem iſt Abgang. Die Verluſte, welche durch Ratten, Mäuſe und Kornkäfer herbei— geführt werden, laſſen ſich, bei einiger Aufmerkſamkeit und unter baldiger Anwendung der bekannten Mittel, vermeiden oder wenigſtens auf ein erträgliches Maß herabmindern. Die Verluſte, welche durch Selbſtverbrennung(Oxydation) und durch Verſchimmelung entſtehen, laſſen ſich durch rechtzeitiges Lüften und Umſchaufeln und namentlich auch dadurch beſchränken, daß man die Verkaufswaare ſo bald als möglich verſilbert. Das Geld vermehrt ſich, das Korn verzehrt ſich. Beſonderes. A. Die Getreidearten des kälteren Klimas. Frucht nackt oder beſpelzt, ſtets mit einer Längsfurche verſehen. Mehrere Wuͤrzelchen am Keimling. Der Weizen, Triticum. Die Botaniker, welche ihre Aufmerkſamkeit den Cerealien zuwandten, haben ſich bis jetzt noch nicht darüber einigen können, ob die angebauten Weizenformen zu einer oder zu mehreren Arten gehören. Die Formen, welche dabei in betracht kommen, laſſen ſich in folgender Weiſe gruppieren: Überſicht der Weizenarten. I. Macktweizen. Ahrenſpindel zähe. Körner beim Dreſchen aus den Spelzen fallend. 1. Gemeiner Weizen, Triticum vulgare. 2. Bauchiger oder ſog. engliſcher Weizen, Triticum turgidum. 3. Glasweizen, Triticum durum. 4. Gommer oder ſog. polniſcher Weizen, Triticum polonicum. Fig. 142. Keimling des Weizens, Triticum vulgare, mit 3 Würzelchen. II. Spelzweigen. Ahrenſpindel zerbrechlich; ſie zerbricht beim Dreſchen in ſo viele Stücke, als ſie Glieder hat; an jedem Stück bleibt ein Ahrchen, und in den Ahrchen bleiben die Körner ſitzen. 5. Spelz oder Dinkel, Triticum Spelta. 6. Emmer, Triticum amyleum s. dicoccum. 7. Einkorn, Triticum monococcum. 3 Unter den Nacktweizen zeigen der gemeine Weizen, der bauchige Weizen und der Glasweizen verhältnismäßig geringe Unterſchiede. Üüberdies ſind ſie durch Übergangsformen miteinander verbunden. Auch künſtliche Kreuzungen waren von Erfolg(Vilmorin). Es iſt daher zuläſſig, dieſe drei Formen zu einer Art zuſammenzufaſſen. Etwas ferner ſteht der Gommer, der ſich auf den erſten Blick an den auffallend langen und ſchlaffen Klappen erkennen läßt.(Vergl. Fig. 143 und 144.) Ein ſcharfer Unterſchied zwiſchen dem Gommer und den übrigen Nacktweizen iſt aber gleichfalls nicht vorhanden. Auch will Jordan*) einen fruchtbaren Baſtard zwiſchen Gommer und Wunder⸗ *) Fr. Körnicke und H. Werner, Handbuch des Getreidebaus, I, S. 94. weizen(T. turgidum) erhalten haben. Nimmt man dies als Kriterium, ſo gehört auch der Gommer mit den vorgenannten drei Formen zu einer Art. Von den Spelzweizen wird der gemeine Spelz, abgeſehen von der Zerbrechlichkeit der Ahrenſpindel, dem gemeinen Weizen oft ſehr ähnlich. Der Emmer nähert ſich in gewiſſen Beziehungen dem Spelz, in anderen wieder dem bauchigen Weizen. Künſtliche Kreuzungen ſind 1 Fig. 143. Ein ÄAhrchen— es iſt das Fig. 144. Ein AÄhrchen des Gommers ſiebente an der Ahrenſpindel— von oder ſog. polniſchen Weizens, Triticum Keſſingland⸗Weizen(Triticum vulgare) polonicum, aus 5 Blütchen beſtehend, im Zuſtande der Reife. welche mit 1, 2, 3, 4 und 5 bezeichnet ⁄ der natürlichen Größe. ſind. h oberer Teil des Halmes. g erſtes, gꝛ zweites Glied der Ahrenſpindel. ½ der natuͤrlichen Größe. ſowohl zwiſchen dem gemeinen Weizen und Spelz, wie zwiſchen dem gemeinen Weizen und Emmer gelungen(Rimpau und Vilmorin). Das Einkorn unterſcheidet ſich auffallend durch ſeine grasgrüne Farbe und durch ſeine Haltung von allen übrigen Weizen, wird aber doch in der Geſtalt der Ähren und Körner dem Emmer zuweilen ſehr ähnlich. Dagegen ſind zuverläſſige, künſtliche Kreuzungen zwiſchen dem Einkorn und den anderen Spelz- und Weizenarten bisher nicht gelungen (Vilmorin), und die Kreuzung zwiſchen Emmer und Einkorn ergab einen unfruchtbaren Baſtard(Bejerinch). — 257— Wie man ſieht, läßt ſich die Anſicht, daß die Formen des Weizens (vielleicht mit Ausnahme des Einkorns) zu einer Art gehören, durch theoretiſche Gründe ſtützen und rechtfertigen. Trotzdem kann ich mich mit dieſer Anſicht nicht befreunden. Ich betrachte die Weizenformen als ein lehrreiches Beiſpiel für die Entwicklung und Verwandtſchaft der Arten, halte es aber aus praktiſch⸗wiſſenſchaftlichen Gründen für zweck⸗ mäßig, dieſe Formen artlich zu trennen, anſtatt ſie zu einer oder zu zwei, drei oder fünf Arten— alle dieſe Anſichten haben ihre Vertreter— zu vereinigen. Gruppiert man die ſchärfer ausgeprägten Formen des Weizens in der Weiſe, wie wir es S. 255 gethan haben, ſo laſſen ſich die„Arten“ — die Sprache hat keinen treffenderen Ausdruck— mit einem Blick überſchauen. Das iſt keineswegs gleichgültig. Faßt man zu viele Formen unter einer Art zuſammen, ſo geht ſchließlich alle Überſichtlichkeit und der ganze Nutzen der Einteilung verloren. Und andererſeits, was macht es denn bei dem heutigen Stande der Naturwiſſenſchaft für einen großen Unterſchied, ob man die oben aufgezählten Formen als„Arten“ einer Gattung oder als„Unterarten“ einer Art bezeichnet? Wo fängt ſie an, wo hört ſie auf— die Art? Das iſt doch nur ein Streit um Kaiſers Bart. Körnicke ſtellte früher Triticum monococcum als Unterart zu T. vulgare; jetzt„hält er es entſchieden für eine eigene Art“.— „T. polonicum hält er zwar noch getrennt, glaubt aber, daß ſie mit den übrigen eine Art bildet.“— So ſchwankend ſind die„Anſichten“. Glück⸗ licherweiſe ſind die„Arten“ doch etwas beſtändiger. Nach meiner Meinung hat es nicht den geringſten Nachteil, wenn man die S. 255 gegebene Einteilung annimmt bezw. beibehält. Sagt man kurz und bündig: Jene ſieben Formen ſind ſieben Arten, ſo weiß jeder, der Gelehrte und der Ungelehrte, woran er iſt; das Sprachgefühl, welches ſich gegen das Wort„Unterart“ unwillkürlich ſträubt, wird be⸗ friedigt, und auch den Anforderungen der ſtrengen Wiſſenſchaft wird damit genügt, denn es ſteht nichts im Wege, den Begriff der„Art“ enger oder weiter zu faſſen. Die Tendenz der neueren Naturforſchung geht darauf hin, die Arten durch Zuſammenfaſſung zu vermindern. Mir ſcheint dies bedenk⸗ lich. Die Zuſammenfaſſung führt hier nicht zur Vereinfachung, ſondern zur Verwirrung. Man ſtudiere die Verwandtſchaft und die Entwicklung der Arten und rekonſtruiere, wo möglich, den Stammbaum des ganzen Pflanzenreichs, aber in der ſyſtematiſchen Einteilung der Pflanzen halte man feſt am Alten. Getreidebau. 17 — 258— Was die Abſtammung des Weizens anlangt, ſo bin ich überzeugt, daß die genannten ſieben Arten auf eine gemeinſchaftliche Stammform zurückzuführen ſind, aber ich glaube nicht, daß eine dieſer Arten die Stammform aller übrigen war. Hiergegen ſprechen naturwiſſenſchaftliche und hiſtoriſche Gründe. In naturwiſſenſchaftlicher Beziehung iſt auf die Gattung Aegilops hinzuweiſen, in welcher ſich Formen finden, welche dem Spelz näher zu ſtehen ſcheinen, als der Spelz dem Gommer oder dem Glasweizen. Will man alſo behaupten: Die Stammform der übrigen Weizenarten war z. B. Triticum monococcum, ſo kann man mit demſelben Recht behaupten: Die Stammform der ſieben Weizenarten war Aegilops ovata. Nach meiner Anſicht liegt die gemeinſchaftliche Stamm⸗ form aller dieſer Formen weiter zurück, und die Hauptformen waren ſchon getrennt, als der Menſch ſie in Kultur nahm. Die Chineſen kennen und kultivieren den Weizen mindeſtens ſeit 4708 Jahren. Die alten Ägypter kannten ihn ebenfalls, wie der deutlich erkennbare, aber nicht mehr keimfähige Mumienweizen beweiſt. Die keltiſchen Be⸗ wohner der ſchweizeriſchen Pfahlbauten beſaßen ſchon Triticum vulgare in den beiden Formen T. v. antiquorum und T. v. compactum muticum, die ſich, ein wenig abgeändert, in dem Igel- und Binkelweizen bis auf den heutigen Tag erhalten haben; ſie beſaßen ferner T. turgidum, T. Spelta, T. dicoccum und T. monococcum. Überdies ſind mehrere Weizenſorten im wildwachſenden Zuſtande gefunden worden. So nament⸗ lich mehreremale das Einkorn. Zuerſt fand es Balanſa in Armenien und hielt es für Spelz, J. Gay beſtimmte die Pflanze aber als Einkorn. Ferner fand Michaux in Perſien den Spelz, und Olivier am Euphrat und in Meſopotamien Weizen und Spelz zuſammen mit Gerſte. Warum will man nicht zugeben, daß die Pflanzen wirklich wildwachſend waren, da Olivier ausdrücklich bemerkt, daß er ſie in einem für die Kultur ungeeigneten Lande d. h. in der Wildnis fand?*) Am 15. Auguſt 1879 fand ich auf dem Randenplateau nordwärts von Schaffhauſen ein Feld, auf welchem Weizen, Spelz und Einkorn friedlich untereinander wuchſen. Da ſchoß mir der Gedanke durch den Kopf: So mag der Pflanzenbeſtand ausgeſehen haben, von welchem der Menſch die erſten Ähren ſammelte, und derartige Beſtände hat Olivier in der Wildnis wirklich gefunden. Damit genug hiervon.— Für den deutſchen Landwirt, dem unſere Anleitung zum Getreidebau in erſter Linie gewidmet iſt, kommt es nun vor allem darauf an, zu *) Hat ja doch Mac Douall Stuart ſogar in Auſtralien eine wildwachſende Getreideart entdeckt,„die dem Weizen völlig glich, nur daß die Körner kleiner, das Stroh um vieles zäher war.“ A. Nowacki, Jagd oder Ackerbau? 1885, S. 100. — 259— wiſſen: Welche Bedeutung haben die eingangs aufgezählten ſieben Weizen⸗ arten für die Kultur? Die Antwort auf dieſe Frage iſt leicht gegeben; ſie lautet: Der alter⸗ tümliche Gommer oder ſog. polniſche Weizen iſt für Deutſchland ohne (Wert. Dasſelbe gilt von dem hitzeliebenden Glasweizen und von dem unedlen bauchigen Weizen. Der Dinkel, der Emmer und das Einkorn, gleichfalls altertümliche Formen, haben nur untergeordnete und lokale Bedeutung. Ihnen allen weit voran ſteht der gemeine Weizen, die — Königin des Feldes. Fig. 145. Keimling des Weizens, Tri- Fig. 146. Kleberſchicht n des Weizens, ticum vulgare. Vergl. Fig. 17. Tritieum vulgare. Vergl. Fig. 20. 1 Demgemäß haben wir uns hauptſächlich mit dem gemeinen Weizen zu beſchäftigen, den Dinkel, den Emmer und das Einkorn nur neben⸗ ſächlich zu behandeln; die übrigen Arten überlaſſen wir den Liebhabern und den botaniſchen Gärten, denn es iſt zu wünſchen, daß dieſe Formen nicht ausſterben, ſondern im Intereſſe der Wiſſenſchaft erhalten bleiben. Der gemeine Weizen, Triticum vulgare. Haben wir uns für die„Art“ entſchieden, ſo tritt nun die Frage an uns heran: Welche„Sorte“ ſollen wir zum Anbau wählen? Hier wird die Entſcheidung ſchwieriger. Denn einmal iſt der Weizen— unter dieſer abgekürzten Bezeichnung verſtehen wir jetzt immer den gemeinen Weizen, Triticum vulgare— in viele Spielarten oder Varietäten auseinandergegangen, und überdies hat jede Vari etät 17 V 260— eine größere oder geringere Menge von Sorten hervorgebracht. So finden wir in dem Handbuch des Getreidebaus von Körnicke und Werner 22 Varietäten und 348 Sorten aufgezählt und mehr oder minder ausführlich beſchrieben. Danach läßt ſich die Mannigfaltigkeit der Formen und Farben einigermaßen beurteilen. Zum Glück hat jedoch die Mehrzahl von dieſen Sorten für unſere Verhältniſſe keinen Wert. Selbſt von den Varietäten können wir die meiſten ſtreichen, ſo namentlich diejenigen mit bläulich oder ſchwärzlich gefärbten Ähren, ſowie ferner auch diejenigen mit ſamtig behaarten Ähren, weil der pelzartige überzug der Spelzen das Waſſer wie ein Schwamm einſaugt und feſthält und daher bei regneriſchem Erntewetter das„Auswachſen der Körner“ begünſtigt. Somit kommen nur diejenigen Varietäten auf die engere Wahl, bei welchen die Ahren weißlich oder rötlich gefärbt, und bei welchen ſie zugleich kahl, d. h. nicht ſamtig behaart erſcheinen. Zu dieſen Varietäten gehören die Sorten, welche für die Kultur Bedeutung haben. Die wichtigeren derſelben ſind in der folgenden Üüberſicht aufgeführt. Überſicht der wichtigeren Varietäten und Sorten des gemeinen Weizens. 1. Abteilung: Kolbenweizen. Ahre unbegrannt. I. Gruppe: Weißkörnige Kolbenweizen. Körner weißlich oder hellgelb. Sorten: 1. Frankenſteiner Weizen O.*) Stammt aus Schleſien. Seine Heimat iſt das Hügelland an der oberen Ohlau zwiſchen Münſterberg und Frankenſtein. Dort iſt er ſehr konſtant. Anderswo ſoll er leicht ausarten. Ich kenne aber ein Gut in Weſtpreußen, wo er ſich ſogar verbeſſert hat. Es kommt alſo auf den Boden an, der für dieſen edlen Weizen trocken gelegen, mild und namentlich auch talkhaltig ſein muß. Die Körner haben eine ſchöne weißgelbe Farbe und ſind überwiegend„mehlig“. In einer Originalprobe fand ich 90 pCt, weißgelbe und 10 pCt. rotgelbe Körner. Der Weizen beſteht alſo ſchon in ſeiner Heimat aus zwei Varietäten. Dies thut ſeinem Wert keinen Abbruch, kann aber die mehrfach beobachtete Umwandlung in Rotweizen erklären. Im übrigen iſt er, worauf bei jeder Sorte immer beſonders zu achten, winterfeſt. 2. Kujawiſcher Weizen. O 3 Stammt aus Kujawien d. i. die Gegend an der oberen Netze mit der Stadt Kruſchwitz als Zentrum. Dieſe Sorte iſt der vorigen dich 2 namentlich enthält ſie ebenfalls neben den weißen eine Anzahl roter Körner. Darum paßt auf ſie die Bezeichnung: bunter polniſcher Weizen. *) Das Zeichen bedeutet Winterweizen, das Zeichen O bedeutet Sommerweizen. — 10. 11. — 261— Auch dieſer Weizen liebt den milden Boden, ſtrengerem Boden nicht. Winterfeſt. verſagt aber auch auf . Sandomir⸗Weizen. O Stammt aus dem Gouvernement Radom an der oberen Weichſel. Ähren rötlich. Körner weißlichgelb. Starke Beſtockung; ſtrohwüchſig. Liebt ebenfalle den milden, verträgt aber auch den ſchweren Niederungs⸗ boden. Winterfeſt. Whittington⸗Weizen. Soll 1830 aus der Schweiz nach England eingeführt worden ſein. Man ſagt auch von dieſer Sorte, daß ſie leicht ausartet. J. Kühn fand dies nicht beſtätigt. Paßt nur für leichteren Boden: ſandigen Lehm und ſandigen Lehmmergel. Winterfeſt. Amerikaniſcher Sandweizen. S Im Jahre 1875 von Oekonomierat Grüttner aus Chicago bezogen. Seitdem ſchnell über Weſtpreußen, Poſen und Schleſien verbreitet. Wertvoll für leichteren und mittleren Boden. Winterfeſt. . Hunter's weißer Weizen. Verbeſſerte Form: Hallet's Pedigree Hunters white Wheat. O. Stammt aus Schottland bezw. aus England. Auf reichem Boden: auf humoſem, tiefgründigem Thon und Thonmergel, Lehm und Lehmmergel ſehr ergibig, aber nicht winterfeſt. Weißer Victoria⸗Weizen. Verbeſſerte Form: Hallet's Pedigree white Victoria Wheat. O. Stammt aus England. Verlangt gleichfalls reichen Boden. Nicht winterfeſt. . Weißer Talavera⸗Weizen. O und O. Soll aus Spanien nach England gebracht worden ſein. Als Winter⸗ weizen zu weichlich; daher bei uns nur als Sommerweizen auf kräf⸗ tigem Lehm und Lehmmergel anzubauen. Chiddam.-Weiz en. G. Der unter dieſem Namen in England und Frankreich verbreitete Winter⸗ weizen iſt bei uns nicht winterfeſt. Aus ihm züchtete M. Garnot in Frankreich durch Auswahl einen Sommerweizen, der auf reichem Voden Beachtung verdient. Dattel⸗Weizen. O. Neue Züchtung von Vilmorin, hervorgebracht durch künſtliche Kreu⸗ zung von Chiddam und Prinz Albert- Weizen. Wahrſcheinlich nicht winterfeſt. II. Gruppe: Rotkörnige Kolbenweizen. Körner rotgelb, rot oder bräunlich. Sorten: Däniſcher Weizen. Shiriffs Square-headed Wheat. Gezüchtet von Samuel D. Shiriff(nicht von Patrick Shirreff) in Schottland. Von dort in kurzer Zeit über Dänemark und Dentſch⸗ land bis nach der Schweiz verbreitet. Sehr ertragreich trotz der geringen Beſtockung. Dieſe Sorte liefert den Beweis für die Rich⸗ tigkeit der S. 28 entwſtelken Anſicht, daß es bei einer Getreideart, die Körner liefern ſoll, auf die reichliche Beſtockung viel we⸗ niger ankommt, als man gewöhnlich meint. Der däniſche Weizen paßt beſonders für den ſchweren und reichen Weizenboden. Winterfeſt. 12. 13. 14. 17. 18. 19. 20. 21. — 262— Beſtehorn's brauner Kolbenweizen. O. Neue, noch wenig bekannte Züchtung aus Shiriff's Square-headed und märkiſchem Braunweizen.— Beſtehorn hat noch andere Sorten ge⸗ züchtet; ſein Beſtreben, den Weizen durch künſtliche Kreuzung zu ver⸗ beſſern, verdient alle Anerkennung. Kaiſer⸗Weizen. O. Für naſſen, aufziehenden Boden beachtenswert, obwohl die Qualität des Kornes nicht vorzüglich. Sehr winterfeſt. Keſſingland⸗Weizen. O. Stammt aus England. Wegen ſeiner Ergiebigkeit an Korn und Stroh am Rhein und in Sachſen ꝛc. angebaut, trotzdem er in ſtrengen Wintern gänzlich auswintert. 5. Spalding's Prolific⸗Weizen, Engliſcher Sandweizen. O. Aus Schottland nach Deutſchland eingeführt. Für leichteren Boden geeignet. Nicht ganz winterfeſt. .Roter Goldtropfen-Weizen. Verbeſſerte Form: Hallet's Pedi- gree Golden-drop(Red). O. In England und Nordfrankreich ſehr verbreitet. Auch am Rhein und in Sachſen angebaut. Nach den vergleichenden Verſuchen in Rothamſted die beſte der Hallet'ſchen Züchtungen. Verlangt reichen Boden. Nicht winterfeſt. Prinz Albert-Weizen. O. Stammt aus England. In bezug auf den Boden nicht ſehr anſpruchs⸗ voll. Ziemlich winterfeſt. Roter deutſcher Weizen. O. Seit 1873 von W. Rimpau in Schlanſtedt, Provinz Sachſen, gezogen. Auf Lehm⸗ und Lehmmergelboden ertragreich. Winterfeſt. Rotähriger Probſteier⸗Weizen. O. Stammt aus der Probſtei in Holſtein. Ergiebiger als der weißährige Probſteier. Für gute Lehm⸗ und Mergelböden geeignet. Saatgut aber nicht einheitlich, weil aus begranntem und unbegranntem Weizen ge⸗ miſcht. Winterfeſt. II. Abtheilung: Bartweizen. Ähre begrannt. I. Gruppe: Weißkörnige Bartweizen. Körner weißlich oder hellgelb. Sorten: Shirreffs weißer Bartweizen. Shirreff's bearded White. O Durch Auswahl gezüchtet von Patrick Schirreff in Schottland. Als Winterweizen ſelbſt für Weſtdeutſchland zu weichlich. Als Sommer⸗ weizen der Beachtung wert. Korn weißlichgelb, klein, aber ſchwer. II. Gruppe: Rotkörnige Bartweizen. Körner rotgelb, rot oder bräunlich. Sorten: Clever Hochland⸗Weizen. S 3 Stammt aus Holland und den nördlichen Diſtrikten der Rheinprovinz. Seine Kultur iſt auch in den öſtlichen Provinzen des Reichs verbreitet. — 263— Auf ſehr reichem Boden neigt er zum Lagern, dagegen paßt er für mittleren Lehm- und Lehmmergelboden. Winterfeſt. 2. Fuchsweizen. S Stammt aus der Wetterau(Wiesbaden). Paßt für Lehmboden und rauhes Gebirgsklima. Winterfeſt. 23. Sandweizen aus Münſter. S Paßt für leichteren, aber feucht gelegenen Boden. Sehr winterfeſt. 24. Ghirka⸗Weizen. O Stammt aus den ſüdruſſiſchen Steppen. In den Nordweſtſtaaten Amerikas unter dem Namen„Red Russian“ ſehr verbreitet. Paßt für reichen Weizenboden. Winterfeſt. 25. Fern⸗ oder Aprilweizen. In Schottland und auch in Deutſchland häufig angebaut, namentlich in der Provinz Sachſen nach Zuckerrüben, alſo als Sommerweizen. 26. Rivetts Grannenweizen. Der ertragsreichſte von allen engliſchen Weizen, aber auch am wenigſten widerſtandsfähig gegen den Winter. Trotzdem in Deutſchland, namentlich in der Provinz Sachſen, viel in Kultur. Auch dieſe Sorte beſtockt ſich nicht beſonders ſtark. Neuer Beweis für die Richtigkeit meiner Anſicht, daß eine normale Getreidepflanze nur wenige Halme entwickeln darf.— Nach dieſer Überſicht wird es dem praktiſchen Landwirt nicht ſchwer werden, für den Fall, daß die bisher angebaute Sorte nicht befriedigt, eine neue Sorte auszuwählen, um ſie mit der alten in Vergleich zu ſtellen. Derartige komperative Verſuche, womöglich mit Maß und Ge⸗ wicht kontroliert und vorerſt im kleinen ausgeführt, ſind überhaupt uner⸗ läßlich, wenn man ſich ein begründetes und richtiges Urteil darüber ver⸗ ſchaffen will, ob die bisher kultivierte Sorte das Maximum leiſtet, was in quantitativer und qualitativer Beziehung unter den gegebenen Verhält⸗ niſſen(Boden, Klima, Düngung, Bearbeitung ꝛc.) gefordert und erreicht werden kann. Nur hüte man ſich vor Einſchleppung gefährlicher Un⸗ kräuter und Krankheiten und ſcheue die Mühe und die Koſten nicht, das fremde Saatgut durch Vermittelung der Samenkontrolſtation auf die Reinheit beſonders von Stein⸗ und Kaulbrand(Anguillulen) unterſuchen zu laſſen, ſofern man die Unterſuchung nicht ſelbſt vornimmt. Das Ein⸗ beizen mit Kupfervitriol ſchützt zwar, wenn es vorſchriftsmäßig ausge— führt wird, doch muß von ſeiten der Landwirte feſt und unentwegt darauf hingearbeitet werden, daß ſämtliche Handelswaare frei iſt von Unkräutern und von Krankheitskeimen. Dieſe Forderung gilt ſowol für die ver— kaufenden, wie für die kaufenden Landwirte; und es liegt auf der Hand, daß der Samenhändler, der das Geſchäft lediglich vermittelt, ſeinen Ab⸗ nehmern nur dann Garantie für Reinheit der Waaren leiſten kann, wenn die an ihn verkaufenden Landwirte ihm ebenfalls Garantie leiſten.— Eine Hand wäſcht die andere und wie man in den Wald hineinruſt, ſo ruft es wieder heraus. ——.—᷑Oʒʒ·-——-—-—————QC—C— ⁰— — 264— Ohne Vertrauen im Samenhandel kann man ſich zu vergleichenden Verſuchen mit neuen Sorten nicht entſchließen. Daß aber, wenn dieſe Vorbedingung erfüllt iſt, auch bei dem verpönten Pröbeln etwas heraus⸗ kommt, lehrt ein Blick auf die S. 179 mitgeteilten Verſuche in Rothamſted. Wir finden dort 22 Weizenſorten nebeneinander unter gleichen Verhält⸗ niſſen angebaut. Der höchſte Ertrag, dem Maße nach, hat Nr. 2, den niedrigſten hat Nr. 17 geliefert; die betreffenden Zahlen ſind: 51,8 hl pro ha- 31,4„„„ ifferenz: 20,4 hl pro ha. Berückſichtigen wir das Hektolitergewicht, ſo ſtellt ſich der Ertrag bei Nr. 2 am höchſten, bei Nr. 16 am niedrigſten; die betreffenden Zahlen ſind: D 3729,6 kg pro ha 23360,0„„ e Differenz: 1368,7 kg pro ha. Bei dieſen beiden Sorten war aber das Hektolitergewicht ſehr niedrig; es betrug bei Nr. 2 nur 72,0 kg, bei Nr. 16 nur 72,2 kg, während es bei anderen Sorten über 77, bei einer Sorte ſogar über 79 kg erreichte. Tragen wir dem Umſtande Rechnung, daß in dem Hektolitergewicht die Qualität des Kornes zum Ausdruck gelangt, ſo werden wir, unter gleichzeitiger Berückſichtigung der Quantität des Ertrages, von den angebauten Sorten, Nr. 13 am höchſten und Nr. 16 am niedrigſten tarieren, denn es ſtehen ſich folgende Zahlen gegenüber: hl pro ha. Gewicht pro hl. kg pro ha. Nr. 13. 41,4 77,2 3196,1 Nr. 16. 32,7 72,2 2360,9 Differenz: 8,7 5,0 835,2. Dieſe Verſchiedenheiten in der Quantität und Qualität des Ertrages wurden in mehrjährigem Durchſchnitt erzielt bei gleichem Boden, gleichem Klima, gleicher Düngung, gleicher Vorfrucht, gleicher Arbeit. Hiernach wird wohl jeder, der es nicht ſchon war, davon überzeugt ſein, daß der Erfolg des Getreidebaues ganz weſentlich abhängt von der Auswahl der richtigen Sorte.— Wir gehen jetzt über zu einer kurzen Beſprechung der anderweitigen Anbauverhältniſſe. Klima.— Der Weizen verlangt im Winter und im Sommer mehr Wärme, als der Roggen. Doch iſt er in Deutſchland überall als Winterfrucht zu kultivieren, mit Ausnahme der höheren Gebirgslagen, wo er nur als Sommergetreide angebaut werden kann. — 265— Die engliſchen Sorten ſind durchweg weniger widerſtandsfähig gegen den Winter, als die deutſchen, polniſchen und ruſſiſchen Sorten. Doch laſſen ſich die engliſchen Sorten mit der Zeit akklimatiſieren und namentlich auch dadurch erhalten, daß man die Ausſaat früh, etwa 14 Tage vor Michaeli, vornimmt, denn es hat ſich herausgeſtellt, daß diejenigen Pflanzen auswintern, welche bei Eintritt des Froſtes nur Keimwurzeln, während diejenigen Pflanzen durchkommen, welche bereits Kronenwurzeln entwickelt haben. Der Teil der Pflanze, welcher der Zerſtörung durch den Froſt anheimfällt, iſt das rhizomartige Glied zwiſchen dem Samenkorn und dem Beſtockungsknoten(Vergl. Fig. 59. und 63). Gegen Näſſe des Klimas und des Bodens iſt der Weizen weniger empfindlich, als der Roggen. Dürre ſchadet ihm auf bündigem Boden nicht erheblich; auf leichterem Boden leidet er aber ſehr durch trockenes Wetter. Boden.— Bündig, thon⸗, kalk⸗ und talkhaltig. Höchſte Erträge auf reichem, tiefgründigem Thon⸗ und Thonmergelboden. Feinſte Qualitäten auf kräftigem, mildem Lehm und Lehmmergel. Er gedeiht in friſcher Lage auch auf ſandigem Lehm und Lehmmergel, wenn man eine paſſende Sorte auswählt. Auf lehmigem Sande iſt der Roggen, auf magerem Thon iſt der Hafer dem Weizen vorzuziehen. Die loſen Sand⸗, Grand⸗ und Kiesböden, ſowie die Humusböden(Riet- Moos⸗ und Heidehumus) ſind für den Weizen ausgeſchloſſen.*) Stellung in der Fruchtfolge.— Beſte Stellung nach reiner Brache. Je ſtrenger der Boden, deſto notwendiger die Brache. Gute Vorfrüchte: Raps, Rübſen, Kohl, Tabak, Hanf und Bohnen, zu denen ſtark gedüngt worden. Zu den guten Vorfrüchten gehört auch der Klee, beſonders der ein— jährige. Weniger gute Vorfrüchte: Grünwicken und Lein, noch ſchlechtere: Samenwicken und Erbſen. Schlechte Vorfrüchte ſind ferner: Grünmais und Hackfrüchte, es ſei denn, daß letztere früh abgeerntet werden. Dagegen kann Sommerweizen nach Hackfrüchten folgen. Weizen nach Halmfrüchten empfiehlt ſich nicht, am wenigſten Weizen nach Weizen. Düngung.— Der Weizen beanſprucht einen großen Vorrat an Nahrung. Doch iſt al te Kraft beſſer, als friſche Stallmiſtdüngung. *) Eine Einteilung und Beſchreibung der Bodenarten findet man in: A. Nowacki, Kurze Anleitung zur einfachen Bodenunterſuchung 1885. — 266— Letztere in ſtärkerer Quantität nur auf ſchwerem Boden am Platz, in mäßiger Verwendung auch auf milderem Boden zuläſſig— Fehlerhaft iſt es, zur letzten Furche zu düngen, oder das Land muß 4— 6 Wochen liegen, ehe geſäet wird. Auf Boden, der in guter Kultur, Stallmiſt zur Vorfrucht vor⸗ zuziehen. Beidüngung mit gedämpftem Knochenmehl, auf ſchwerem kalt⸗ gründigem Boden mit Superphosphat(etwa 300 kg pro ha). Bei⸗ düngung mit Stickſtoff mäßig, auf kräftigem Boden ganz zu vermeiden. Fig. 147. Normale Fig. 148. Ein junges Weizenpflänzchen. Fig. 149. Abnorme Keimung des Weizens, Vergl. Fig. 55. Keimung des Weizens. Triticum vulgare.% der natürlichen Größe. Vergl. Fig. 38. Unter Umſtänden kann auch Beidüngung mit Kali in Frage kommen. Über die zuläſſigen Quantitäten an Phosphorſäure, Stickſtoff und Kali vergleiche S. 169. Zeit der Verwendung im allgemeinen der Herbſt; Nachhilfe mit Chiliſalpeter im Frühjahr. Auf kalkarmem Thon- und Lehmboden empfiehlt ſich die Zufuhr von Kalk; enthält dieſer zugleich Talk oder Magneſia, ſo wird er um ſo beſſer wirken. Zum Zwecke der Düngung iſt demnach der unreine oder magere Kalk vorzuziehen; handelt es ſich dagegen um die phyſikaliſche Verbeſſerung des Bodens, ſo verdient der reine oder fette Kalk den Vorzug. Der Kalk wird bekanntlich im gebrannten Zuſtande auf das Feld gebracht und nach dem Zerfallen ausgebreitet und untergepflügt. Auch kalkreicher Mergel leiſtet gute, oft noch beſſere Dienſte, als der Kalk. — 262— Zubereitung des Landes.— Hierüber iſt das Nötigſte ſchon im allgemeinen Teil S. 163 ff. geſagt worden. Saat.— Auch über die Saat haben wir ſchon im allgemeinen Teil S. 173 ff. geſprochen. Es mag hier nur auf folgende Punkte aufmerk⸗ ſam gemacht werden. Bei dem Saatgut iſt das Einbeizen in Kupfervitriol nicht zu vergeſſen (S. 208). Der 12— 14 Stunden lang eingeweichte Weizen wird auf der Tenne ausgebreitet und mehrmals durchgeharkt; er kann nach 6 Stunden ſchon mit der Hand, nach 12 Stunden auch mit der Maſchine geſäet werden. Saatzeit: 8 Tage vor und 8 Tage nach Michaeli. In nordiſchen und höheren Lagen 8— 14 früher, in milderen Lagen 8— 14 Tage ſpätkr. Engliſche Sorten bei Zeiten(ſ. Klima). Sommerweizen ſo früh als möglich, im Februar oder März, ſpäteſtens Mitte April. Saatmethode: Unterbringung mit der Drillmaſchine weitaus am beſten. Das Behacken, welches durch die Reihenſaat ermöglicht oder wenigſtens ſehr erleichtert wird, lohnt bei keiner Halmfrucht ſo, wie bei dem Weizen. Entfernung der Drillreihen: 10— 15 cm auf leichterem Boden und für den Fall, daß nicht mit der Hackmaſchine gehackt werden ſoll. Auf mittlerem Boden 15— 20 cm; bei 20 cm iſt die Hackmaſchine ſchon anwendbar. Auf ſehr kräftigem Boden und bei früher Saat 20 bis 25 cm. Größere Entfernung der Drillreihen nicht ratſam wegen der Gefahr des Auswinterns ꝛc. Schon bei 25 em erleidet man in der Regel einen Ausfall an Stroh. Tiefe der Unterbringung: 4 em für gewöhnlich; bei leichterem, trocknerem Boden 6 cm. Saatquantum: 2—3, im Mittel 2,5 hl bei Breitſaat pro ha. 1,6— 2,2, im Mittel 1,8 hl bei Drillſaat. Vorſtehende Zahlen gelten für Winterweizen. Sommerweizen, deſſen Anbau man möglichſt vermeidet, ſäet man etwas ſtärker. Pflege.— Hinſichtlich der Pflege ſind hier nur folgende Beſonder⸗ heiten nachzutragen. Es empfiehlt ſich, bei Drillſaat den Boden zwiſchen den Reihen durch Behacken im Herbſt rauh zu machen, weil hierdurch die Riſſe längs der Saatenreihe vermieden und die Pflanzen vor dem Auswintern weſentlich geſchützt werden. Auch bildet ſich dann im Frühjahr auf dem Acker nicht ſo leicht eine Kruſte. Das Behacken im Frühjahr kann auf leichterem Boden unterbleiben; dagegen darf es auf ſchwererem zur Kruſtenbildung geneigtem Boden nicht unterlaſſen werden. — 268— Bei breitwürfiger Saat wird auf bündigem Boden mit ſcharfen Zinken geeggt, um die Oberfläche krümelig zu machen und das Unkraut zu zerſtören. Der Zeitpunkt dazu iſt gekommen, wenn der Boden ſoweit abgetrocknet, daß er den Fußtritt des Pferdes erträgt. Es beginnt dann gewöhnlich auch die Vegetation. Auf leichterem Boden werden Diſtel, Rade, Veronica und anderes Unkraut ausgeſtochen und ausgejätet. Fig. 150. Blütchen des Fig. 151. Ähre des Weizens Fig. 152. Ähre des Weizens Weizens. Vergl. Fig. 13. im Zuſtand der Reife. im jugendlichen Zuſtande. Vergrößerung 3fach.%⅞ der natürlichen Größe. Vergrößerung 40 fach. Ein Behäufeln des Weizens, wenn er ſich ſchon erhoben hat, iſt ſehr nachteilig. Er treibt dann an den unteren Knoten nicht allein neue Wurzeln, ſondern auch neue Halme und wird zweiwüchſig. Schädliche Pflanzen und Tiere, ſ. S. 199 des allgemeinen Teils. Ernte, ſ. S. 140 und S. 228. Ertrag.— Nach der Zuſammenſtellung des Königlichen Statiſtiſchen Bureaus über die Ernteausſichten im Juli 1885 wird im Preußiſchen Staat eine Mittelernte an Weizen pro Hektar angenommen: — 269— Im Durchſchnitt zu 1567 kg Maximum„ 3400„ „ Minimum„ 764„ Im deutſchen Reiche werden ſich die Zahlen nicht viel anders ſtellen. In den einzelnen Provinzen differiert der Ertrag beinahe ebenſo ſehr, wie im ganzen Staate. Wir ſtellen nur die Mittelernten von folgenden 5 Provinzen nebeneinander: Sachſen. Schleswig⸗Holſtein. Poſen. Rheinland. Oſtpreußen. Durchſchnitt. 1926 1855 1484 1424 1340 Maximum. 3400 3000 2600 2000 2125 Minimum. 800 1100 1200 1000 764 Es überraſcht uns nicht, daß Sachſen und Schleswig-Holſtein im Durchſchnitt und im Maximum obenan ſtehen. Dagegen hätten wir nicht erwartet, daß das geprieſene Rheinland im Durchſchnitt ſowohl wie im Maximum und Minimum von dem kalten Poſen, und im Maximum auch von dem bis nach Memel vorgeſchobenen Oſtpreußen übertroffen wird. Die Zahlen lehren, daß das Klima auch im Oſten des Reiches für den Weizenbau genügt, und ſie lehren ferner, daß der beſte Weizen⸗ boden in Poſen und Oſtpreußen beſſer ſein muß, als im Rheinland. Wir zweifeln auch nicht daran, daß die öſtlichen Provinzen in der Qua⸗ lität des Weizens den weſtlichen überlegen ſind; doch können wir aus Mangel an Raum hierauf nicht näher eingehen.— Das Gewicht des Weizens pro hl beträgt, nach den Angaben von G. Krafft, 71—73 kg bei leichter Waare, 73—78 kg bei mittelſchwerer und 78—88 kg bei ſchwerer Waare. Der Ertrag an Stroh wechſelt, nach den mir vorliegenden Angaben von G. Krafft und J. Kühn, bei Winterweizen zwiſchen 1800 und 6000 kg, und bei Sommerweizen zwiſchen 1600 und 4000 kg pro ha. Das Verhältnis des Körnerertrags zum Strohertrag ſchwankt, nach der im Jahre 1884 veröffentlichten Zuſammenſtellung von H. Thiel, bei Winterweizen zwiſchen 49:51 und 20:80, und bei Sommerweizen zwiſchen 52:48 und 27.73. Zieht man das Mittel und rundet man die Zahlen ab, ſo iſt das Verhältnis von Korn: Stroh bei Winter⸗ weizen 1:2, und bei Sommerweizen 2:3.— Das Verhältnis 1:2 oder 33:67 bei Winterweizen entſpricht den allgemeinen Erfahrungen; und es mag noch bemerkt werden, daß in der Thiel'ſchen Zuſammenſtellung der ertragreiche Rivett⸗Weizen das Verhältnis 35: 65, und der ebenfalls ertragreiche däniſche Weizen(Shiriff's Square-head) das Verhältnis 33: 67 zeigt. Dieſes Verhältnis ſcheint daher in der That das normale zu ſein. — 270— Der Spelz, Triticum Spelta. Der Hauptſitz des Spelzbaus iſt Württemberg und die Schweiz. Hier ſieht man dieſe, in Norddeutſchland unbekannte oder wenigſtens ungebräuchliche Kornart immer noch häufig kultiviert, doch iſt ihr Anbau in den letzten Jahrzehnten zu gunſten des Weizens(und der Futter⸗ gewächſe) eingeſchränkt worden und wahrſcheinlich wird er mit der Zeit noch mehr zurückgehen, da der Spelz vor dem Weizen doch nur unter⸗ geordnete und lokale Vorzüge beſitzt. Man findet in der Literatur oft die Behauptung aufgeſtellt, daß der Spelz ſich nicht ſo leicht lagert, wie der Weizen. Schwerz, der in Hohenheim die beſte Gelegenheit hatte, den Spelz mit dem Weizen zu vergleichen, will von dieſem angeblichen Vorzuge, den er nur für den Emmer anerkennt, in bezug auf den Spelz durchaus nichts wiſſen; er ſagt:„Die Gefahr, ſich zu lagern, iſt gegenteils beim Dinkel ſo gewöhn⸗ lich, daß nicht leicht ein Jahr iſt, in welchem er demſelben nicht ausge— ſetzt wäre; daher man ihn auch in der Regel alljährlich ſchröpft.“ Ich muß nun allerdings geſtehen, daß ich in der Schweiz öfter gelagerte Weizen⸗-, als Spelzfelder geſehen habe. Aber dies kann zum Teil darin begründet ſein, daß dem Spelz das magere, dem Weizen das fettere Land zugewieſen, und daß ferner der Veſen— ſo nennt man die in den Ährchen ſteckende Saatfrucht— bei der faſt allgemein üblichen Handſaat nicht ſo leicht überſäet wird, wie man denn auch gewöhnlich den Be⸗ ſtand auf den Spelzfeldern weniger dicht findet, als auf den Weizen⸗ feldern. Immerhin iſt nicht in Abrede zu ſtellen, auch Schwerz gibt dies zu, daß der Spelz ein„ſteifes“ Stroh hat. Andererſeits iſt es aber nicht im geringſten zweifelhaft, daß es unter den Nacktweizen und ſpeziell auch unter den gemeinen Weizen mehrere Sorten gibt, welche es in bezug auf die Widerſtandsfähigkeit gegen das Lagern völlig mit dem Spelz aufnehmen. Ungefähr ebenſo verhält es ſich mit der Widerſtandsfähigkeit gegen Roſt. Ich habe mehr als einmal den Weizen im höchſten Grade roſtig geſehen, während der dicht danebenſtehende Spelz faſt völlig roſtfrei war. Genau dasſelbe findet man aber auch bei verſchiedenen Weizenſorten(zu Triticum vulgare gehörig), ſo daß auch in dieſer Beziehung dem Spelz ein durchgreifender Vorzug nicht zugeſchrieben werden kann. Was die Widerſtandsfähigkeit gegen Brand betrifft, ſo vertritt Schwerz die Anſicht, daß dieſe Krankheit bei dem Dinkel nicht ſo ge⸗ wöhnlich iſt, als bei dem Weizen. Ich will dies im allgemeinen zu⸗ geben, muß aber doch konſtatieren, daß ich im Juli 1877 in der Um⸗ gegend von Meggen am Vierwaldſtätter See ſämtliche Spelzfelder, die t — 271— ich genauer beſichtigte, in ſchauderhafter Weiſe brandig gefunden habe. Hat ſich der Brand alſo einmal eingeniſtet und man thut nichts dagegen, ſo fällt ihm der Spelz gerade ſo gut anheim, wie der Weizen. Da man es nun ferner nur als einen bedingten Vorzug betrachten kann, daß der Spelz, obſchon er auf richtigem Weizenboden am beſten gedeiht, dennoch einen Boden verträgt, der für Weizen etwas zu leicht oder zu trocken iſt, und daß er ſich mit weniger Dung behilft und weniger alte Kraft erfordert, als der Weizen, ſo bleiben als eigentliche Vorzüge des Spelzes nur übrig, daß er von dem Vogelfraß auf dem Felde wenig oder nichts leidet, daß er bei der Ernte ein ſchnelleres Einfahren gleich hinter der Senſe geſtattet und ſich auch auf dem Schüttboden, weil die Körner von den Spelzen umhüllt ſind, beſſer hält als der Weizen, was für das feuchte Gebirgsklima allerdings von Bedeutung iſt. Der Nachteil, daß der Spelz vor dem Vermahlen„gegerbt“ werden muß, um die Körner von den Spelzen zu befreien, iſt nicht ſehr hoch zu veranſchlagen, denn wo die Mühlen mit der erforderlichen Vorrichtung verſehen ſind, macht das Gerben nur wenig Umſtände. Bei der Saat benutzt man den Spelz im ungegerbten Zuſtande und muß dementſprechend das Ausſaatquantum ungefähr doppelt ſo ſtark nehmen, als beim Weizen. Man ſäet breitwürfig gewöhnlich 4—5 hl, zuweilen aber auch 7 und ſelbſt 11 hl Veſen pro ha, bei Drillſaat, die ſelten vorkommt, 3— 4 hl pro ha. Die am meiſten angebauten Sorten ſind der weißährige und der rotährige Winter⸗Kolbenſpelz, von den allemanniſchen Bauern einfach Weißkorn und Rotkorn genannt. Häufig ſind beide Sorten ge⸗ miſcht, und dies hält man für vorteilhaft.(Analogie mit dem bunt— polniſchen Weizen). Beſondere, und zwar weißährige Sorten ſind der Vögeles⸗Dinkel und der Schlegel⸗Dinkel, die ſich beide durch ſtarke Beſtockung auszeichnen, was für den Strohertrag ein Vorteil, für den Körnerertrag eher ein Nachteil iſt. Der Anbau des Spelzes als Sommer⸗ frucht empfiehlt ſich nicht. Will man einen Spelzweizen als Sommerung anbauen, ſo wähle man den Emmer. Der Ertrag des Spelzes an Körnern oder Veſen iſt auf geringem Boden 25— 34 hl pro ha; als mittlerer Ertrag ſind 42— 64, als ſehr hoher Ertrag 74— 96 hl im Gewicht von 39— 45 kg anzunehmen. Der Beſen gibt gegerbt 36— 45% reine Körner oder Kernen. Der Strohertrag fällt gewöhnlich etwas geringer aus als beim Weizen, weil der Spelz meiſt auf geringerem und nicht ſo ſorgfältig zubereitetem Boden angebaut wird; auf gleichem Boden ſtellt ſich der Strohertrag gleich. Fig. 155. Ahre des Ein⸗ coccum. korns, Triticum mono- lichen Größe. 30 2 = 2 5 E 5 2 83 S F , 8E8 4 der natuͤr Fig. 153. 9 Spelzes, Ahre des Emmers, leum. Triticum amy Fig. 154. Der Emmer, Triticum amyleum. Der Emmer wird mit Vorteil nur als Sommerung angebaut. Es gibt bei dieſer Art überhaupt keine winterfeſte Varietät oder Sorte. Bemerkenswert iſt ſeine Widerſtandsfähigkeit gegen das Lagern. Durch dieſe und ſeine ſonſtigen Eigenſchaften empfiehlt er ſich beſonders für das rauhe und feuchte Gebirgsklima; doch wird ſein Anbau wohl auf das Gebiet des Spelzes beſchränkt bleiben, wo die Mühlen mit einem Gerb⸗ gang verſehen ſind. Die beſten Sorten ſind der weißährige und der rotährige Emmer, beide mit kahlen, d. h. nicht ſamtartig behaarten Spelzen, beide aber begrannt, wie überhaupt alle Emmerſorten. Im Anbau und auch im Ertrag kommt der Emmer mit dem Spelz ziemlich überein, nur das iſt verſchieden, daß die Ausſaat im Frühjahr geſchieht. Das Einkorn, Triticum monococcum. Das Einkorn wird mit Vorteil nur als Winterung angebaut. Sein Vorzug oder ſein Wert beruht auf der Anſpruchsloſigkeit an den Boden und auf der Widerſtandsfähigkeit gegen das Klima. Es iſt eine Gebirgspflanze. Das Ausſaatquantum beträgt bei breitwürfiger Saat 3— 4 hl pro ha. Der Noggen, Secale cereale. Für die wilde Stammform des Roggens erklären einige Botaniker“) Secale montanum, welches in Marokko, Südſpanien, am Ätna, in Dalmatien, Serbien, Griechenland, Kleinaſien, Armenien, am Kaukaſus, in Kurdiſtan und in Zentralaſien gefunden worden iſt. In Schugnan und Taſchkent ſind an paſſenden Stellen die Wieſen ſo dicht damit beſtanden, als ob es geſäet wäre, es wird dort als Viehfutter benutzt. Secale montanum unterſcheidet ſich von Secale cereale„im weſent⸗ lichen nur durch die Zerbrechlichkeit der Spindel, durch die kleinen ein⸗ geſchloſſenen Früchte und durch die lange Lebensdauer, indem es viele Jahre hintereinander fruchtet“. Das iſt für mich geräde genug, um unſeren Roggen artlich von jenem wildwachſenden Graſe zu trennen. Ich gebe die Verwandtſchaft beider Formen ohne weiteres zu, aber wenn ich behaupte, daß der *) Vergl. Körnicke u. Werner a. a. O. I, S. 124. Getreidebau. 18 — 274— Roggen ſchon eine zähe Spindel beſaß und bereits einjährig war, als er zuerſt in Kultur genommen wurde,— wer will das Gegenteil beweiſen? Nach A. Regel gibt es in Zentralaſien auch eine großfrüchtige Form; da haben wir alſo ſchon eine Abänderung. Sucht man weiter nach, ſo wird man vielleicht die eigentliche Stammform des Kultur⸗ roggens noch finden. Vorläufig haben wir in jener angeblichen Stamm⸗ form weiter nichts als ein Futtergras, welches mit unſerem Roggen in eine Gattung gehört. Es genügt uns nicht, irgend eine indirekte Stamm⸗ form zu kennen; wir wollen wiſſen, welches der direkte Vorgänger war. Wie ſah die Pflanze aus, von welcher der Menſch die Körner zur erſten Ausſaat ſammelte? Wo wuchs ſie wild, wo war das erſte Kulturfeld, Fig. 156. Keimling des Roggens, Secale cereale, mit vier deutlichen und einem fünften undeutlichen Würzelchen. k das Keimpflaͤnzchen, s das Schildchen. 1 Vergrößerung 12 fach. und wer war der erſte Anbauer? Das ſind die Fragen, die uns intereſſieren, und auf dieſe Fragen iſt uns die Wiſſenſchaft bis jetzt die Antwort ſchuldig geblieben. Die Hauptſache iſt und bleibt indeſſen, daß wir die Kulturpflanze haben. Wir freuen uns im Beſitz. Und wir wollen ſie immer mit Liebe hegen und pflegen, denn ſie liefert uns unſer tägliches Brot und nebenbei ein vortreffliches Stroh. Der Roggen wechſelt nicht ſo viel die Farbe und die Form, wie die übrigen Getreidearten, er iſt von allen am meiſten konſervativ. Er ſchmiegt ſich dem Klima und paßt ſich dem Boden an, aber bei alle⸗ dem gilt für ihn das Wort: Immer derſelbe! 10. 11. Überſicht der wichtigeren Sorten des Roggens. I. Minterroggen. .Johannis⸗Roggen. Stammt, nach Thaer, aus den ruſſiſchen Oſtſeeprovinzen. Seine Eigen⸗ ſchaften, die er bei ſpäter Ausſaat bald verliert, ſind bekannt. 2. Probſteier Roggen. Stammt aus der holſteiniſchen Probſtei und deren Umgegend. Paßt mehr für beſſeren, als für geringeren Boden; doch gedeiht er auf gemeinem Sandboden, dem es an Kultur nicht fehlt, noch vortrefflich. . Däniſcher Roggen. Stammt von den däniſchen Inſeln. Dem vorigen ähnlich. . Schwediſcher Staudenroggen. Wird von Metz& Comp. aus der Landſchaft Schonen und aus der hoch und rauh gelegenen Gegend nördlich von Skara bezogen. Früh⸗ reifend. 5. Böhmiſcher Gebirgs⸗Staudenroggen. Der Name beſagt ſchon, woher er ſtammt und wohin er paßt. Geringe Anſprüche an Klima und Boden. 6. Montagner oder Alpenroggen. Stammt aus den ſteyeriſchen Alpenländern. .Heſſiſcher oder Wallburger Roggen, auch Garde du Corps- Roggen genannt. Kommt aus der Gegend von Wallburg. Geringe Bodenanſprüche. . Spaniſcher Doppelroggen. Im Jahre 1861 aus Spanien bezogen. Seitdem in Deutſchland mit Recht ſehr verbreitet. Gedeiht auf beſſeren, namentlich aber auch auf leichteren Roggenböden. Korn von feiner Qualität. . Campiner Roggen. Stammt aus der belgiſchen Campine. Paßt für die verſchiedenſten Bodenarten. Nach Werner reift er zeitig; nach Metz dagegen fällt die Reifezeit etwas ſpäter, als ſie durchſchnittlich bei anderen Sorten eintritt. Pirnaer Roggen. Metz& Comp. beziehen ihn von den hochgelegenen Gütern der Pirnaer Gegend. Für leichteren Boden geeignet. Zeeländer Roggen. Kommt von den Inſeln der holländiſchen Provinz Zeeland. Verlangt reichen Thon⸗, Lehm⸗ und lehmigen Sandboden. Nach Werner nicht ganz winterfeſt. 2. Roggen vom Weſterwald bei Dierdorf. Paßt für guten Roggenboden. Spätreifend. . Klafterbrunner Roggen. Verbeſſert von Graf Walderdorff zu Klafterbrunn bei Wien. Wert⸗ voll für reichen ſchweren Boden. .Correns⸗Staudenroggen. Zuerſt von Elsner von Gronow, Kalinowitz, Schleſien, kultiviert. Paßt nur für leichteren Boden(lehmiger Sand ꝛc.) und verlangt frühe lusſaat Ende Auguſt, Anfang September, wie die übrigen Stauden⸗ roggen. 18* = 216 15. Petersburger Staudenroggen. Kommt aus den ruſſiſchen Oſtſeeprovinzen, wo er auf reichem Boden gebaut wird. 16. Beſtehorns Rieſenroggen. Neue Züchtung. Nach Werner für ſehr reichen Boden und zur Grün⸗ futtergewinnung geeignet, da die Früchte geringwertig ſind. II. Sommerroggen. 17. Sächſiſcher Sommerroggen. Verlangt kräftigen Boden. 18. Gewöhnlicher Sommerroggen. Für leichteren und ſchwereren Boden geeignet. Über den Anbau nur folgende wenige Bemerkungen. Klima. Der Roggen paßt für unſer Klima noch beſſer, als der Weizen. Es gibt nur wenige Roggenſorten, welche nicht ganz winter⸗ feſt ſind. In der Üüberſicht der Sorten iſt dies beſonders bemerkt. Die abgehärteten ſind ſo widerſtandsfähig, daß ſie bis hoch hinauf in die Gebirge überall als Winterung angebaut werden können, wo überhaupt Ackerbau noch möglich iſt; nur die Sommergerſte ſteigt noch etwas höher. Gegen andauernde Näſſe, namentlich gegen ſtagnierendes Waſſer iſt der Roggen empfindlich. Man darf daher die Anlegung der Waſſer⸗ furchen nicht vergeſſen und ziehe lieber eine zu viel, als zu wenig. Bei dem Abgang des Schneewaſſers iſt zuweilen eine beſondere Nachhilfe nötig. Boden. Obwol der Roggen, wenn man die richtige Sorte aus— wählt, auf leichten und ſchweren Böden angebaut werden kann, ſo iſt doch der Sand ſeiner Natur angemeſſener, als der Thon. Auf thonigen Böden gedeiht der Roggen nur dann, wenn ihre Geſchloſſenheit und Zähigkeit durch einen genügenden Gehalt an Humus oder Kalk gemildert iſt. Die höchſten und ſicherſten Erträge liefert er auf kalkhaltigem Lehm, ſandigem Lehm und lehmigem Sand. Kaltgründiger, naſſer, zum Aufziehen geneigter Boden ſagt ihm nicht zu, mag derſelbe ſchwer oder leicht ſein. Auf Humusböden, die gebrannt oder mit Sand befahren worden, kommt er eher fort, liefert hier aber in der Regel ſchmale Körner. Naſſer, ſchwammiger, nicht meliorierter Humus iſt ihm gänz⸗ lich zuwider. Dagegen verſchmäht er den gemeinen Sandboden nicht und begnügt ſich ſelbſt mit dem dürftigſten Sand⸗ und Grandboden, auf dem jede andere Halmfrucht den Dienſt verſagt. Düngung, Beackerung und Vorfrncht. Auf magerem Lande ver⸗ langt oder liebt der Roggen eine friſche Düngung. Auf reicherem Boden ſteht er beſſer in zweiter Tracht. Künſtlichen Dünger bezahlt der Roggen nur bei mäßiger Verwendung. 1 Seinen beſten Stand hat auch der Roggen nach der Brache. Gute Vorfrüchte ſind: Raps, Rübſen, Tabak, Lein, Bohnen, Erbſen, Wicken, Lupinen, Buchweizen, Spörgel, Hirſe. Auch nach Frühkartoffeln kann auf leichterem Boden Roggen folgen. Stoppelroggen iſt für beſſeren Boden nicht zu empfehlen, wohl aber für leichteren Sandboden, ſofern die Made der Heſſenfliege nicht vorhanden iſt. Roggen nach Gerſte oder Hafer iſt im allgemeinen fehlerhaft; nur nach gedüngter Gerſte darf Roggen folgen. Bei der Beackerung kommt es darauf an, den Boden locker und mürbe, aber nicht loſe zu machen. Die letzte Furche drei Wochen vor der Saat, damit das Land Zeit hat, ſich zu ſetzen. Die Beackerung zu Sommerroggen wird im Herbſt vollführt; im Frühjahr iſt das Pflügen nur auf verſchlämmtem Boden rätlich. Im übrigen vergl. S. 166. Saatzeit. Die alte Regel:„S Tage vor, 8 Tage nach Michaeli iſt die beſte Saatzeit“ gilt auch für den Roggen. Staudenroggen früh. Trockenes Wetter zur Saat, namentlich auf ſchwerem Boden.— Sommerroggen früh: Februar, März, Anfang April. Saatmethode. Auch bei Roggen iſt die Drillſaat vorzuziehen. Entfernung der Reihen: 10—12 em, wenn nicht gehackt werden ſoll; im anderen Fall 20 cm. Tiefe der Unterbringung: 2 em für gewöhnlich.„Der Roggen will den Himmel ſehen.“ Bei leichtem, trockenem Boden 5—6 cm; auf ſehr leichtem Sand höchſtens 8 cm. Saatquantum. 2,0— 2,6, im Mittel 2,2 hl bei Breitſaat pro ha. 1,4— 2,2, im Mittel 1,8 hl bei Drillſaat. Nur bei ſehr früh beſtelltem Staudenroggen darf man mit dem Saatquantum unter das angegebene Minimum herabgehen. Vorſtehende Zahlen gelten für Winterroggen. Sommerroggen ſäet man etwas ſtärker. Pflege. Auch bei dem Roggen empfiehlt es ſich, den Boden zwiſchen den Drillreihen durch Behacken im Herbſt rauh zu machen. Vergl. S. 267. Das Eggen im Frühjahr iſt zu vermeiden. Dagegen iſt das Walzen, namentlich auf aufziehendem Boden, ſehr vorteilhaft. Das Überdüngen der Saat im Frühjahr mit Chiliſalpeter hat ſich bei dem Roggen nicht bewährt. Schädliche Pflanzen und Tiere ſ. S. 199. Ernte ſ. S. 140 und 228. Ertrag. Nach der S. 269 angegebenen Quelle wird im Preußiſchen Staat eine Mittelernte an Roggen pro ha angenommen: 278 Im Durchſchnitt zu 1370 kg „ Maximum„ 3024„ „ Minimum„ 605„ In den einzelnen Provinzen geht der Ertrag des Roggens dem⸗ jenigen des Weizens parallel. Das Gewicht des Winterroggens pro hl ſchwankt zwiſchen 66 und 80 kg und beträgt im Mittel 73 kg. Der Ertrag an Stroh wechſelt bei Winterroggen zwiſchen 2900 und 6000 kg, und bei Sommerroggen zwiſchen 1500— 3000 kg pro ha. Das Verhältnis des Körnerertrags zum Strohertrag(vrgl. S. 269) ſchwankt bei Winterroggen zwiſchen 46:54 und 11:89, und bei Sommer⸗ roggen zwiſchen 41:59 und 27:73. Bei dieſen großen Verſchiedenheiten der Verhältniszahlen hat es kaum einen Zweck, den Durchſchnitt zu berechnen. Die Gerſte, Hordeum. über die Abſtammung und Entſtehung der Gerſte hat Körnicke folgende intereſſante Theorie aufgeſtellt. Die wilde Stammform iſt Hordeum spontaneum. Dieſe Form iſt vom Kaukaſus bis Perſien gefunden worden. Wir kennen daher zugleich die Gegend im allgemeinen, in welcher dieſe Getreideart zuerſt in Kultur genommen wurde. Wir finden ſie alſo zuerſt ungefähr an der Stelle des Paradieſes. Dies iſt um ſo mehr von Intereſſe, als die Gerſte wahrſcheinlich die erſte Kulturpflanze der Welt bildete. Bei der Kultur wurde die Spindel von H. spontaneum zäh und verlor ihre Eigenſchaft auseinanderzufallen. Die Ähren verlängerten und die Früchte vergrößerten ſich und die Grannen wurden dünner. So ent⸗ ſtand die nickende zweizeilige Gerſte. Aus dieſer entſtand die aufrechte zweizeilige Gerſte, indem die Spindelglieder ſich verkürzten. Aus dieſer bildete ſich die Pfauengerſte heraus durch noch ſtärkere Verkürzung der Spindelglieder, Vergrößerung der Früchte nach der Baſis zu und Spreizen derſelben mit ihren Grannen. Als nun auch die Seitenährchen fruchtbar wurden, da entſtand aus der nickenden zweizeiligen Gerſte die vierzeilige; ferner aus der aufrechten zweizeiligen Gerſte die parallele ſechszeilige und aus der Pfauengerſte die pyramidale ſechszeilige. Das ungefähr iſt der Inhalt der Theorie. Wäre ſie richtig, ſo wären wir in der Erkenntnis allerdings um ein weſentliches Stück weiter gekommen. Aber eine Theorie kann wahr, kann auch falſch ſein. Wir wollen die vorliegende nicht ganz von der Hand weiſen, erlauben uns aber doch einige Einwände: 1. Die angebliche Stammform der Gerſte(H. spontaneum) iſt nicht bloß vom Kaukaſus bis Perſien gefunden worden, ſondern auch, wie Körnicke ſelbſt anführt, in den Wüſten des ſteinigen Arabiens, in Paläſtina, in Syrien und in Kleinaſien. 2. Ob das Paradies— zwiſchen dem Kaukaſus und Perſien lag, bleibt zweifelhaft, eher kann man ſingen und ſagen: In jener Gegend liegt der Ararat, Wo Vater Noah aus dem Kaſten trat. / 1 8 Fig. 158. Fig. 159. . 9„... Fig. 158 und 159 zweizeilige Fig. 157. Keimling der Gerſte, Gerſte, Hordeum distichum. Hordeum distichum, mit 8 Würzel⸗ chen, im Längsſchnitt. k das Keim⸗ pflaͤnzchen, s das Schildchen. Vergrößerung 15fach. Fig. 158 ein normales Korn, Fig. 159 ein Zwillingskorn mit gabelförmig geteilter Granne. sp Ahrenſpindel, k Klappen, g Granne. Vergrößerung 2 fach. 3. Zur Zeit der Pfahlbauten war die ſechszeilige Gerſte(H. hexa- stichum sanctum und densum) die häufigſte Form; die zweizeilige Gerſte (H. distichum) war dagegen ſehr ſelten. Folglich iſt es wahrſcheinlich, daß die ſechszeilige Gerſte die ältere, die zweizeilige Gerſte die neuere Kulturform iſt. 4. Die Seitenährchen der zweizeiligen Gerſte ſind verkümmert. Folglich iſt es wahrſcheinlich, daß ſie aus einer vier⸗ oder ſechszeiligen Form hervorgegangen iſt. 280 5. Die vierzeilige Gerſte iſt heutzutage viel gemeiner und anerkannter⸗ maßen nutzbarer und wertvoller, als die ſechszeilige Gerſte. Folglich iſt es wahrſcheinlich, daß die vierzeilige Gerſte jünger iſt, als die ſechs⸗ zeilige, da nach dem Grundſatz der Zuchtwahl die beſten Kulturformen die letzten ſind. 6. Die edelſte, vollkommenſte, gegenwärtig in Mitteleuropa am meiſten kultivierte, in England vorzugsweiſe oder ausſchließlich ge⸗ baute Form iſt die zweizeilige Gerſte. Folglich iſt es wahrſcheinlich, daß ſie die jüngſte Kulturform iſt. — 7. Der Anbau der echten ſechszeiligen Gerſte hat faſt gänzlich auf⸗ gehört. Folglich iſt es wahrſcheinlich, daß ſie die älteſte Kulturform iſt. Wie man ſieht, kommen die Sätze 3 bis 7 gerade auf das Gegen⸗ teil von dem hinaus, was Körnicke annimmt. Daß die Formen der kultivierten zweizeiligen, vierzeiligen und ſechs⸗ zeiligen Gerſte auseinander hervorgegangen ſein können, muß zugegeben werden. Die Zwiſchenformen, die Körnicke und andere gefunden, bezw. gezüchtet haben, ſtellen die Möglichkeit einer ſolchen Entwicklung außer Zweifel. Ich ſelbſt kann beſtätigend hinzufügen, daß ich im Auguſt 1885 in der Gegend zwiſchen der Stadt Berleburg und dem hohen Aſtenberg auf einem Felde, das mit zweizeiliger Gerſte, gemengt mit etwas vier⸗ zeiliger, beſtellt war, in Zeit von einer halben Stunde eine ganze Hand voll Ähren geſammelt habe, welche im unteren Teil(etwa zu der Länge) regelmäßig zweizeilig, in dem oberen Teile dagegen vierzeilig oder ſechszeilig waren. Bei keiner Ähre zeigte ſich eine derartige Ab⸗ änderung an dem mittleren oder unteren Teil-). Aus dieſem Grunde *) Auf demſelben Felde fand ich auch eine Anzahl zweizeiliger Ahren mit je einem Zwillingskorn, d. h. es befanden ſich je zwei vollkommen entwickelte, mit Keimling und Laͤngsfurche verſehene, nackte Körner unter einer gemeinſchaftlichen Deckſpelze, deren Granne zuweilen einfach, zuweilen aber merkwürdigerweiſe bis zum Grunde geſpalten war. Fig. 158 zeigt das normale Ährchen der zweizeiligen Gerſte mit einem Korn. einer Deckſpelze, einer Granne und zwei Klappen; Fig. 159 zeigt das abnorme AÄhrchen mit einem Zwillingskorn, einer Deckſpelze, zwei Grannen und zwei Klappen; bei beiden Figuren in zweifacher Vergrößerung. Um die Stellung der Zwil⸗ lingskörner, von außen und oben geſehen, ſichtbar zu machen, iſt die darüber liegende Deckſpelze zum größten Teil fortgenommen worden, und die beiden Klappen ſind rechts und links daneben gezeichnet. Da derartige Zwillingskörner nicht blos einmal, ſondern auf dem betreffenden Felde ziemlich haͤufig und zwar immer nur an dem mittleren Teil der Ähre vorkamen, ſo möchte ich die Erſcheinung nicht für ein zufälliges Naturſpiel, ſondern für einen Ruͤck⸗ ſchlag erklären. Iſt dieſe Annahme richtig, ſo ſcheint das Vorkommen der Zwillings⸗ körner in Verbindung mit der Teilung der Granne dafür zu ſprechen, daß das Ahrchen der Gerſte urſprünglich zweibluͤtig war und durch Verwachſung der beiden Bluͤtchen nach und nach einblütig geworden iſt. Hieraus ließe ſich ferner eine Stütze fuͤr die Anſicht halte ich die Abänderung für ſpontan. Körnicke wird und kann nun aus dieſen Zwiſchenformen eine neue Stütze für ſeine Theorie herleiten; man kann die Erſcheinung der Vier⸗ oder Sechszeiligkeit an der Spitze der zweizeiligen Ähren aber auch als einen Rückſchlag auffaſſen. Kurz, es iſt noch nicht ausgemacht, ob die erſte Kulturgerſte eine ſechszeilige oder eine zweizeilige Form war, und es bleibt zweifelhaft, ob die Kulturgerſten in der Weiſe, wie es Körnicke annimmt, aus dem wildwachſenden H. spontaneum entſtanden ſind. Die von K. ſo ſehr betonte Zerbrechlichkeit der Ährenſpindel ſpricht mehr gegen als für dieſe Annahme. War oder iſt die Spindel ſo zerbrechlich, daß,„wenn man die Gerſte auch einige Zeit vor der völligen Reife ſchneidet, es doch nicht möglich iſt, ſie aufzuheben, indem die Ähren in einzelne Stücke zerfallen liegen bleiben“, ſo muß vom landwirtſchaftlichen Geſichtspunkte aus be— trachtet eine ſolche Pflanze für die Kultur im höchſten Grade ungeeignet erſcheinen. Dagegen läßt ſich mit der ſechszeiligen Gerſte der Pfahl— bauern, die ich im Jahre 1871 in faſt unveränderter Form mit nur 3 cem langen Ähren im Berner Oberlande auf einem kleinen Feldchen gefunden habe, eher anfangen und wirtſchaften. Wenn wir dahin neigen, dieſe kleine ſechszeilige Pfahlbauergerſte als die älteſte und erſte Kultur⸗ form zu betrachten, ſo möchten wir damit doch nicht die Möglichkeit aus⸗ ſchließen, daß der Menſch auch eine zweizeilige Gerſte mit nicht zerbrech— licher Spindel, vielleicht die Pfauen- oder Fächergerſte(2), aus den Händen der Natur empfing. Trotz den nachgewieſenen Übergangsformen halten wir aus dem weiter oben S. 257 dargelegten Gründen die Trennung der Arten auf— recht; und die praktiſchen Landwirte, die hier doch auch ein Wort mit⸗ zureden haben, werden ſich wohl nie dazu verſtehen, die zweizeilige und die vierzeilige Gerſte zu einer Art zu vereinigen. Zu dieſen beiden Arten gehören alle Sorten, welche für die Kultur in Deutſchland Be⸗ deutung haben. Alle übrigen Arten, Varietäten und Sorten laſſen wir bei ſeite; ebenſo diejenigen mit ſchwarzen und mit nackten Früchten, bezw. Scheinfrüchten, wenn ſie auch zu den beiden erſtgenannten Arten gehören. herleiten, daß die beiden Klappen an dem Ahrchen der Gerſte nicht, wie Körnicke will, als die beiden Teile einer und derſelben Klappe aufzufaſſen ſind, ſondern daß ſie viel⸗ mehr der unteren und oberen Klappe bei den anderen Gräſern, z. B. bei Elymus arenarius und bei Secale cereale, entſprechen, wie denn auch E. Hackel(Bot. Cen⸗ tralblatt 16(1883) S. 172) nachgewieſen hat, daß die beiden Klappen der Gerſte bei ihrer Anlage ſich gegenüberſtehen und erſt bei ihrer weiteren Ausbildung mehr oder weniger nahe nebeneinander zu ſtehen kommen. Überſicht der wichtigeren Gerſten-Sorten. I. Gemeine Gerſte, Hordeum vulgare. Ahre vierzeilig, oder eigentlich unregelmäßig ſechszeilig. Alle drei Ährchen fruchtbar(mit Fruchtknoten und Staubgefäßen verſehen). Sorten: A. Wintergerſten. 1. Gemeine Wintergerſte. Verlangt reichen Boden. Nicht winterfeſt. Nur in den Marſchen mit einiger Sicherheit zu kultivieren, wo die Nähe des Meeres die Strenge des Winters mäßigt. 2. Mammuth⸗Wintergerſte. Stammt aus Kanada. In bezug auf Boden und Klima wie die vorige zu beurteilen. B. Sommergerſten. 3. Gemeine Pierzeilige Gerſte. Kleine Gerſte. Sandgerſte. Für leichteren Boden geeignet. Kurze Vegetationszeit. Reift in 100 Tagen. Deshalb in den höchſten Lagen kultivierbar. 4. Kleine Warthebruchgerſte. Paßt ebenfalls für leichteren Boden. Reift in 110 Tagen. 5. Schleſiſche Zeilgerſte. Paßt für beſſeren Gerſtenboden. Reift in 107 Tagen. 6. Vierzeilige Oderbruchgerſte. Verlangt reichen Boden. Reift in 110 Tagen. 7. Viktoriagerſte. Dt= Stammt aus Ayrſhire. Reift in 107 Tagen. Widerſtandsfähig gegen ungünſtige Witterung. Paßt für die höheren Gebirgslagen. Bemerkung: Die abſonderliche Gabelgerſte, Hordeum trifurcatum (Fig. 77) hat für die Kultur keinen Wert. 3 II. Zweizeilige Gerſte, Hordeum distichum. 5 ÄAhre zweizeilig. Nur das mittelſte Ahrchen fruchtbar und begrannt; die beiden ſeiten⸗ ſtändigen mäͤnnlich(nur mit Staubgefäßen verſehen) und grannenlos. Sorten: Alle Sorten: Sommergerſten. 8. Probſteier Gerſte. h 113 Stammt aus der Probſtei in Holſtein. Reift in 113 Tagen. Paßt für kalkreichen Lehm⸗ und Lehmmergelboden. Gute Braugerſte. 9. Kalina⸗Gerſte.— Gezüchtet durch Elsner von Gronow, Kalinowitz, Schleſien. Reift in 113 Tagen. Eignet ſich beſonders für ſandigen Lehmboden, doch gedeiht ſie auch auf reicheren und ſchwereren Böden. Gute Braugerſte. 10. Chevalier⸗Gerſte. Verbeſſerte Form: Hallets Pedigree-Chevalier-Barley.. Urſprünglich von dem Engländer Chevalier aus einem Korn gezüchtet. Reift in 116— 121 Tagen. Verlangt reichen Thon⸗ und Thonmergel⸗ oder Lehm⸗ und Lehmmergelboden. Gedeiht indeſſen auch noch auf ſandigem Lehm, ſofern derſelbe in guter Kultur. Vorzügliche Braugerſte. 11. Annat⸗Gerſte. 1— Von Gorrie zu Annatcotage, Schottland, zuerſt 1835 gebaut. Gelangte um 1840 nach Deutſchland. Reift in 115 Tagen. Nur für fruchtbare milde Lehm⸗ und Lehmmergelböden geeignet. Leichter und ſchwerer Boden ſagt ihr nicht zu. Näſſe im Frühjahr verträgt ſie, aber nicht eine rauhe Lage. Leidet leicht durch Roſt. Beſſer zu Graupe als zu Malz geeignet. 12. Imperial⸗Gerſte, identiſch mit Jeruſalemer Gerſte. Für milden, gut kultivierten Lehmboden geeignet. Reift in 110 Tagen. Verlangt mildes Klima. Gute Braugerſte. 13. Slowakiſche Gerſte., Wir machen auf dieſe Sorte beſonders aufmerkſam, weil ſie bei den in der Provinz Sachſen im Jahre 1885 mit Chevaliexgerſte(Saalgerſte), Mähriſcher, Däniſcher und Slowakiſcher Gerſte auf 19 Gütern aus⸗ geführten komparativen Anbauverſuchen zwar nicht in der Quantität, aber in der Qualität den erſten Preis davontrug. Bemerkung: Die Pfauen⸗oder Fächergerſte, Hordeum zeocrithum, mit faͤcherförmig ausgebreiteten, abſtehenden Grannen, ſteht den gewöhnlichen zweizeiligen Gerſten, mit anliegenden Grannen, im Werte nach. Nachdem wir im allgemeinen Teil und beſonders auch in der vor⸗ ſtehenden Überſicht der Gerſtenſorten auf die Anforderungen an Klima und Boden hingewieſen und dort auch ſchon über die Stellung in der Fruchtfolge, ſowie über die Beackerung einige Andeutungen gemacht haben, bleibt uns hier noch übrig, zunächſt der Düngung zu gedenken, welche bei der Gerſte ein Punkt von be⸗ ſonderer Wichtigkeit iſt. Die Wintergerſte verträgt eine ſtarke Stallmiſtdüngung; bei ihr iſt es ſogar zuläſſig, den Dünger mit der Saat zugleich unterzupflügen. Anders verhält ſich die Sache bei der Sommergerſte, namentlich wenn dieſelbe als Malzgut dienen ſoll. Bei ihr iſt eine friſche Miſt⸗ düngung nur auf naßkaltem Boden am Platz, im übrigen möglichſt zu vermeiden. Man läßt die Sommergerſte daher gewöhnlich nach gedüngten Hackfrüchten(Rüben oder Kartoffeln) folgen. Im beſonderen iſt zu bemerken, daß ſtarke Stickſtoffbüngungen zwar den Ertrag und den Proteingehalt der Gerſte erhöhen, aber den Stärke⸗ mehlgehalt herabdrücken und dadurch das Produkt zur Malzbereitung unbrauchbar und wertlos machen, von der Gefahr des Lagerns ganz abgeſehen. Die Qualität der Braugerſte ſteht in der innigſten Beziehung zum Proteingehalt. Ie ſtärker die Stickſtoffdüngung, deſto ſtickſtoffreicher die Gerſte und deſto ſchlechter als Malzgut. Bei den Verſuchen in der Provinz Sachſen hat ſich dies evident herausgeſtellt. Wir verweiſen auf den Bericht von Märcker vom — 284— 18. September 1885, als Separatabdruck aus der„Magdeburgiſchen Zeitung“ erſchienen, und heben aus demſelben nur einige Zahlen hervor. Der Proteingehalt der Originalgerſten verglichen mit demjenigen der nachgebauten, ſtellte ſich wie folgt. Saal⸗ däniſche mähriſche ſlowakiſche Gerſte a) Originalſaat.. 8,10 7,70 7,70 7,70% Eiw. b) Nachbau mit 100 kg Chili⸗ falveter. 9,19 9,16 9,18 892„ c) Nachbau mit 200 kg Chili⸗ ſalpeter... 948 9,56 9,78 9,52„ Mehrprotein gegen a) bei b) 1,09 1,46 1,48 1,22% Eiw. „ 1, 7 c) 64 1,38 1,86 2,08 1,87 1 Der Proteingehalt iſt alſo im Vergleich zur Originalſaat bei dem Nachbau geſtiegen, und zwar um ſo mehr, je ſtärker die Düngung mit Chiliſalpeter gegeben wurde. Intereſſant iſt es, das Urteil der Preisrichter mit dem Proteingehalt der Gerſte zu vergleichen. Es enthielten nämlich: die Proben I. hochfein... 8,09% Eiweiß im Mittel 3„ II fein 8,67„„„„ „„ TLI. gut... 8,93„„„„ „„ 1V. mittel... 9,78„„„ 5 „„ V. unter mittel 10,24„ 6„„ Das Urteil der Preisrichter wurde ſomit in ſchlagender Weiſe durch die chemiſche Analyſe beſtätigt. Die Zahlen für den Proteingehalt bilden eine aufſteigende Reihe. Je höher der Proteingehalt, deſto ſchlechter die Qualität der Gerſte. Daß gelegentlich ſchlechte Qualität, mit niedrigem Proteingehalt vereint, vorkommt, kann nicht in Abrede geſtellt werden, dagegen kann man im allgemeinen ſagen, daß hoher Proteingehalt mit guter Qualität unvereinbar iſt. Die Preisrichter legen auf die mehlige und mürbe Beſchaffen⸗ heit des Kornes bei der Beurteilung das allergrößte Gewicht. Es iſt natürlich, daß die Mehligkeit im allgemeinen abnimmt, wenn der Protein⸗ gehalt zunimmt, und da letzterer mit der ſtärkeren Stickſtoffdüngung ſteigt, ſo wird zugleich die Mehligkeit herabgedrückt. Hierfür dienen nachſtehende Zahlen zum Belege. Prozent mehlige Körner. Saal⸗ däniſche mähriſche ſlowakiſche Gerſte. Originalſaatgut..... 80,0 90,0 90,0 92,0 Nachbau m. 100 k Chiliſalpeter 62,4 70,1 68,7 77,5 „„ 200,. 64,9 65,9 66,8 64,7 Hiernach werden meine Unterſuchungen über die Mehligkeit und Glaſigkeit vom Jahre 1870 ſo vollkommen beſtätigt, wie man es nur wünſchen kann. Das praktiſche Reſultat jener Unterſuchungen, zunächſt bei Weizen gewonnen, aber auch für Gerſte geltend, faßte ich in folgende Sätze zuſammen: „Iſt es daher dem Landwirt darum zu thun, Körner von mehliger Beſchaffenheit zu produzieren, ſo bleibt ihm, da er die Witterungs⸗ verhältniſſe meiſtens gar nicht, die Bodenverhältniſſe oft auch nur in beſchränktem Maße umzugeſtalten im ſtande iſt, in der Mehrzahl der Fälle nichts weiter übrig, als 1) eine„ſtarke, namentlich ſtickſtoffreiche Düngung“, welche (bei Gegenwart der anorganiſchen Nährſtoffe) unzweifelhaft auf eine reichere Erzeugung der Proteinkörper in der Pflanze hinwirkt, direkt zu Weizen(oder Gerſte) zu vermeiden, und 2) ſolche Varietäten zu wählen, welche erfahrungsgemäß mehr zur Bildung mehliger Körner hinneigen. Wer andererſeits glaſige Körner zu ernten wünſcht, der wird zur Erreichung ſeines Zweckes den entgegengeſetzten Weg einſchlagen müſſen.“ Es verdient hinzugefügt zu werden, daß nach dem Bericht von Märcker vom Jahre 1885 auch 5 Gerſtenproben zur Beurteilung und zur Unterſuchung kamen, welche ohne jede Stickſtoffdüngung, aber mit einer ſtarken Phosphorſäuredüngung angebaut waren. Dieſe Proben zeichneten ſich allerdings größtenteils durch eine hochfeine Beſchaffenheit aus. Es wurde ihnen ſeitens der Preisrichter das Prädikat Ia, Ib, Ie, Id und II zuerkannt, während V die niedrigſte Nummer der Klaſſifikation war. Der Proteingehalt bei dieſen fünf Proben ſchwankte zwiſchen 7,7 und 8,8%, war alſo ſehr niedrig; die Mehligkeit ſchwankte zwiſchen 82 und 88%, war alſo ſehr hoch. Hiernach iſt für die Produktion von Braugerſte eine ſtarke Phosphorſäuredüngung anzuraten. Bei den Verſuchen in der Provinz Sachſen wurde auch die Wirkung der Kaliſalze geprüft. Das Reſultat war, daß man durch die Kali⸗ düngung eine proteinreichere, aber weniger wertvolle Braugerſte erhält. Dagegen hat ſich bei den Verſuchen in leichtem Boden herausgeſtellt, daß die Kaliſalze die Quantität des Ertrages in außerordentlich günſtiger Weiſe beeinfluſſen. Hierfkach iſt die Kalidüngung auf leichtem Boden voll— ſtändig rationell, auf beſſerem Gerſtenboden dagegen von Nachteil. Ansſaatqunantum. Nach dem Bericht über die Wirkſamkeit der agrikulturchemiſchen Verſuchsſtation des landwirtſchaftlichen Zentral⸗ Vereins der Provinz Sachſen im Jahre 1884 wurden dort auch eine große Anzahl Verſuche mit Dick- und Dünnſaat und weiter und enger — 286— Drillweite ausgeführt. Früher wurde bei den Verſuchen immer ſo operiert, daß z. B. auf 6 Zoll Drillweite mit 50 Pfund Ausſaat, bei 12 Zoll mit 25 Pfund Ausſaat(pro Morgen) beſtellt wurde; natürlich ſtand unter dieſen Verhältniſſen in den Reihen immer eine gleiche An⸗ zahl Pflanzen. Das wurde nun im Jahre 1884 ſo abgeändert, daß ſowohl Reihenweite, als auch Ausſaatſtärke bei gleicher Reihenweite viel⸗ fach variiert wurden. Das Reſultat war, daß die Reihenweite ohne Einfluß auf die Zuſammenſetzung der Gerſte, daß aber die Stärke der Ausſaat von erheblichem Einfluß iſt, indem bei ſchwacher Ausſaat die Gerſte ſtickſtoffreicher wird und dadurch an Wert einbüßt. Natürlich, wenn zu ſchwach ausgeſäet wird, ſo wird der einzelnen Pflanze eine zu große Produktion zugemutet; ſie hat eine viel größere Anzahl von Halmen und Ähren zu treiben, und dabei ſieht man, daß die mittleren Ähren ſehr vollkommen entwickelt, die außenſtehenden dagegen mehr oder weniger verkümmert und kunreif ſind.(Neue Beſtätigung meiner Theſe: Bei einer Getreidepflanze, welche Körner produzieren ſoll, iſt die allzureichliche Beſtockung vom übel!) Alle Verſuchszahlen ſprechen dafür, daß eine zu weit getriebene dünne Ausſaat ungünſtig iſt der Er⸗ zeugung einer guten Qualität von Braugerſte. Märcker warnt deshalb vor zu dünner Ausſaat und ſchlägt vor, 50 Pfund pro Morgen oder eher etwas mehr zu wählen. Hiernach würden wir 100 kg pro Hektar erhalten, oder, da feine Braugerſte ein Hektolitergewicht von 67 kg hat, rund 1,5 hl pro Hektar, natürlich bei Drillſaat. In manchen Fällen mag das vielleicht genügen, für die allgemeinen Verhältniſſe ſcheint es uns noch zu wenig zu ſein. Wir empfehlen folgendes Ausſaatquantum pro Hektar: a) 2zeil. Sommergerſte: 2,5— 3,5 hl, im Mittel 3,0 hl bei Breitſaat 1,8 2,5„„„ 2,2„„ Drillſaat b) 4zeil. Sommergerſte: 3,0— 3,5„„„ 3,3„„ Breitſaat 2,4 2,8„„„ 2,0„„ Drillſaat c) 4zeil. Wintergerſte: 2,0— 3,0„„„ 2,3„„ Breitſaat 1,6 2,5„„„„ 2,0„„ Drillſaat Entfernung der Drillreihen: 12 cm, wenn nicht mit der Hack— maſchine gehackt werden ſoll, ſonſt 20 cm. Tiefe der Unterbringung: 5 cm für gewöhnlich, bei leichtem, trockenem Boden 7—8 cm. Saatzeit. a) Bei zweizeiliger Gerſte früh. Auf leichterem Boden Mitte März, Anfang April. Auf bündigerem Boden Mitte April. Auf ſchwerem, kaltem Boden Anfang bis Mitte Mai. b) Bei vierzeiliger oder gemeiner Sommergerſte ſpät. Ende Mai, Anfang Juni. c) Bei vierzeiliger oder gemeiner Wintergerſte früh. Ende Auguſt, Anfang September. Pflege. Bei allen Gerſten Wahrnehmung trockener Witterung bei der Saat, da die Gerſte eine Kruſte nicht zu durchbrechen vermag. Ent⸗ ſteht eine ſolche nach der Saatbeſtellung, ſo muß ſie mit der Egge ge— brochen werden, namentlich auf ſchwerem Boden. Im übrigen wird die Gerſte bei genügender Drillweite gehackt, ſonſt wenigſtens von Hand oder mit der Maſchine) gejätet, um Hederich, Ackerhanf ꝛc. zu ver⸗ tilgen. Es wird viel Jätearbeit geſpart, wenn das Land zu Gerſte vor Winter gepflügt und im Frühjahr nur mit Egge und Krümmer be⸗ arbeitet wird. Schädliche Pflanzen und Tiere, ſ. S. 199. Ernte. Zeitpunkt Gelbreife.— Mähen auf das Schwad und Wenden iſt bei der Gerſte das übliche und beſte Verfahren. Naß werden möglichſt zu vermeiden, weil die Gerſte dann die helle Farbe verliert. Keine Stunde verſäumen! Aber trocken einfahren! Gerſte erwärmt ſich ſehr leicht und dann geht die Farbe in der Scheune verloren. Gleich— zeitiges Mähen, Einfahren und Abdreſchen befördert gleichmäßiges Keimen der Gerſte beim Malzen. Alſo zu verſchiedener Zeit Gemähtes zu trennen, eventuell durch Dazwiſchenlegen von Stangen. Ertrag. Nach der S. 269 angegebenen Quelle wird eine Mittel— ernte an Gerſte, wobei zweizeilige und vierzeilige nicht unterſchieden worden, im Preußiſchen Staat angenommen pro Hektar: Im Durchſchnitt zu 1520 kg „ Maximum„ 3000„ „ Minimum 421 Nach anderen Angaben ſchwankt der Ertrag an Körnern: a) bei der zweizeiligen Sommergerſte zwiſchen 10 und 59 hl pro ha b)„„ vierzeiligen„, 10 und 25 C)„„„ Wintergerſte 3 30„ 60 /„ 7 / 7 Der Ertrag an Stroh wird angegeben: a) bei der zweizeiligen Sommergerſte zu 1500— 3000 kg pro ha b)„„ vierzeiligen„„ 1000 2500„„„ C)„„„ Wintergerſte„ 2000— 3000„„„ *) Hederich⸗Hand⸗Jäteapparat von Hagedorn und Sander in Osna⸗ brück. Preis 9,50 M. Leichte Handhabung. Leiſtung pro Mann und Tag ½ bis 3% ha- 7 4 ha. Hederich⸗Jätemaſchine von Ingermann teuer(400 Mark) und nicht dauerhaft. — 288— Das Verhältnis von Korn: Stroh ſchwankt bei der Gerſte im allgemeinen zwiſchen 62:38 und 25: 75. Bei Hallet's Pedigree betrug es in einem näher angebenen Fall 50:50. Wir heben dies hervor, weil dieſe Sorte die beſte Gerſte der Welt iſt. Der Hafer, Avena. Bei dem Hafer unterſcheiden wir vornehmlich zwei Arten: Riſpen⸗ hafer und Fahnenhafer. Beide ſtehen ſich ſehr nahe, wie ſchon daraus hervorgeht, daß Rimpau den, allerdings ſehr ſeltenen Fall einer natür⸗ lichen Kreuzung zwiſchen weißem Riſpenhafer und ſchwarzem Fahnenhafer beobachtet hat. Auch einigen Formen, die beſonders im ſüdlichen Europa als Unkraut auf den Äckern vorkommen, namentlich dem Flughafer, Avena fatua—, dem Sandhafer, Avena strigosa—, dem Nackthafer, Avena nuda—, dem kurzen Hafer, Avena brevis— ſteht der Kultur⸗ hafer ſehr nahe, und es iſt wol möglich, daß dieſer aus einer jener wildwachſenden zum Teil auch angebauten Formen hervorgegangen iſt. Jedenfals aber, das wiſſen wir ſicher, hat die Natur die kultivierten Formen ebenſowol wie jene wildwachſenden erzeugt, und die bewußte Kunſt des Menſchen hat hierzu ſo gut wie nichts gethan. Wir werfen die Hauptkulturformen nicht zuſammen in ein Fach, ſondern wir legen jede in ihr beſonderes Fach. Denn wir lieben die Ordnung. Die für die Kultur in Deutſchland wertloſen Arten mit ihren Varietäten und Sorten laſſen wir auch hier wieder bei ſeite, die übrigen, uns näher intereſſierenden bringen wir in folgende Üüberſicht der wichtigeren Haferſorten. I. Riſpenhafer, Avena sativa. Riſpe gleichmäßig nach allen Seiten ausgebreitet. Sorten: 1. Warthebruch⸗Hafer. Frühhafer. Reift in 113 Tagen. Für ſehr humoſen, feuchten Boden geeignet. Einträchlich, aber meiſt leicht im Korn. 2. Probſteier⸗Hafer. 3 Verbeſſerte Form;: Beſelers Anderbecker⸗Hafer. Stammt aus Holſtein. Späthafer, in 133 Tagen reifend. Mr ſchwereren Lehm, ſandigen Lehm und lehmigen Sand und feuchtes Klima geeignet. Sehr ertragreich. Korn je nach dem Boden ſchwerer oder leichter. 3. Hopetoun⸗Hafer. Züchtung von Patrick Schirreff aus einer zu Mungowells, Schott⸗ kand, gefundenen Haferpflanze. Späthafer, in 120— 133 Tagen reifend. — 289— Beanſprucht guten Lehmboden. Sehr ertragreich. Korn ſchwer, aber etwas dickhülſig. 4. Schottiſcher„Long Fellow“ Hafer. 4 Gleichfalls Züchtung von Patrick Schirreff. Späthafer, in 125 Tagen reifend. Stroh ſehr lang, aber widerſtandsfähig gegen Lager. Ertrag⸗ reich, beſonders an Stroh. 5. Amerikaniſcher Kartoffelhafer. American Potato-Oat. Späthafer, in 130 Tagen reifend. Paßt für reichen Boden. 6. Sibiriſcher Frühhafer.. Sehr früh, in 110 Tagen reifend. Für reichen humoſen Boden, auch für Moorboden geeignet. . Podoliſcher Hafer. 1 Späthafer, in 135 Tagen reifend. Für mittleren Haferboden paſſend. Korn ziemlich ſchwer, aber dickſchalig. 8. Weißer kanadiſcher Hafer. Verbeſſerte Form: Halléèt's Pedigree White Canadian-Oat.. Frühhafer, in 120— 124 Tagen reifend. Für rauhes Klima und Torf⸗ und Moorboden beachtenswert; auch auf beſſerem Bodeu gedeihend. Kornertrag hoch; Qualität der Körner wegen des Stickſtoffreichtums vorzüglich. 9. Weißer auſtraliſcher Hafer. Späthafer. Für reichen humoſen Niederungsboden geeignet. 10. Wittgenſteiner Gebirgshafer. 3 Späthafer. Wenig bekannt, aber empfehlenswert wegen ſeines ſchweren Korns und ſeiner Widerſtandsfähigkeit gegen rauhes Klima bei mäßigen Bodenanſprüchen. Bezugsquelle: A. Nilaſch, Sekretär des landw. Vereins, Berleburg, Weſtfalen. ₰1 II. Fahnenhafer, Avena orientalis. Riſpe zuſammengezogen, nach einer Seite gewendet. Sorten: 11. Weißer engliſcher, oder weißer tartariſcher Fahnenhafer. Späthafer, in 132 Tagen reifend. Auf reichem humoſem Boden ertrag⸗ reich an Korn, namentlich aber an Stroh. 12. Schwarzer tartariſcher Fahnenhafer. Verbeſſerte Form: Hallet's Pedigree Black Tartarian-Oat. Frühhafer, in 120 Tagen reifend. Nur für reichen humoſen Thon⸗ und Lehmboden geeignet. Hier ſehr ertragreich. Auf Humusboden artet er leicht aus. 13. Weißer ungariſcher Fahnenhafer. Späthafer, in 125 Tagen reifend. Paßt für reiche, humoſe Böden. 14. Schwarzer u ngariſcher Fahnenhafer. Späthafer, in 125 Tagen reifend. Paßt für reiche Thon⸗ und Lehm⸗, aber auch für Torf⸗ und Moorböden. Qualität des Kornes nicht be⸗ ſonders gut, wie bei allen Fahnenhaferſorten, die ſich im allgemeinen mehr zur Stroh⸗ und Grünfutter⸗, als zur Körnergewinnung eignen. An dieſe Überſicht knüpfen wir einen Auszug aus dem Bericht⸗ 8 über Verſuche mit 10 verſchiedenen Haferſorten von O. Beſeler⸗Ander⸗ *) Der vollſtändige Bericht findet ſich in d. Zeitſchrift d. l. Central⸗Vereins d. Provinz Sachſen 1885, Heft 3 Getreidebau. 19 — 290— beck und M. Märcker⸗Halle a./S., um an einem Beiſpiel zu zeigen, wie derartige vergleichende Anbauverſuche anzuſtellen und zu kon⸗ trolieren ſind.. Der Zweck der Verſuche war, zu ermitteln, welche Haferſorten unter den gegebenen lokalen Verhältniſſen bei ſtarken Stickſtoffgaben am ſicherſten die höchſten Erträge zu liefern vermögen. Es wurden 10 Haferſorten in Vergleich gezogen. Der zu dem Verſuche ausgewählte Boden iſt ein warmer humoſer Lehmboden 2. und 3. Klaſſe. Derſelbe befindet ſich in bezug auf ſeinen Gehalt an Stallmiſt in einem mittleren Kraftzuſtande. In folge jahre⸗ langer ſtarker Zufuhr von Phosphorſäure haben ſich große Üüberſchüſſe von dieſem Nährſtoff im Boden aufgeſpeichert. Der Acker wird in Nor⸗ folker Fruchtfolge bewirtſchaftet und erhält jedes vierte Jahr eine Stall⸗ miſtdüngung von 24— 30 000 kg pro ha. Das Verſuchsſtück trug: im Jahre 1881: Kartoffeln gedüngt mit Stallmiſt 1882: Weizen„„ künſtlichem Dünger „ 1883: Zuckerrüben„ 5 1. Die künſtliche Düngung zum Hafer beſtand pro Hektar aus 300 kg Chiliſalpeter und 100„ Superphosphat, darin 37,5% waſſerlösliche und 5,5% citratlösliche Phosphorſäure*).. Da eine Umackerung der Rübenſtoppel vor dem Winter nicht mög⸗ lich war, ſo wurde das Verſuchsſtück erſt unmittelbar vor der Beſtellung am 30. März in Angriff genommen, zweimal mit dem Kultivator durch⸗ zogen, mehrere Male geeggt und geringelt. Am 31. März wurde der Hafer gedrillt und darauf der Eggenſchlag mit der Cambridgewalze zu— gewalzt. Die weitere Kultur beſtand in je einmaligem Hacken mit der Pferde⸗ hacke(Hackmaſchine Fig. 93) und mit der Handhacke. Die Drillweite betrug 21 cm. Die Einſaat pro Hektar ſchwankte zwiſchen 66 und 72 kg, gewiß ſtark genug für die großkörnigen Sorten und nicht zu ſtark für die kleinkörnigen. Eine normale Beſtellung und Kultur vereinigte ſich mit außerge⸗ gewöhnlich günſtigem Wetter, ſo daß jede Sorte in dieſem Wettkampf das Beſte aus ſich machen konnte. / 7/ *) Wenn der Boden wirklich, wie Herr Beſeler hervorhebt, einen großen Über⸗ ſchuß an Phosphorſaͤure beſaß, ſo laͤßt ſich die Zufuhr von 43 kg nutzbarer Phos⸗ phorſäure wohl nur durch den in's Auge gefaßten Geſichtspunkt rechtfertigen, einem etwaigen Nachteil der ſehr ſtarken Stickſtoffdungung möglichſt vorzubeugen. — 291— So kann denn auch berichtet werden, daß alle Sorten ſich dem Augenſchein nach in normalſter Weiſe entwickelten. Die Parzellen 2, 1, 6 und 8 zeichneten ſich allerdings ſehr bald durch beſonders kräftige Halmbildung aus, während No. 3, 5 und 10 durch ſchwache, zierliche Halme auffielen. So kam es denn, daß Anfang Juli auf dieſen letzteren 3 Parzellen ziemlich ſtarkes Lager eintrat, während auf den übrigen Parzellen erſt Ende Juli in folge anhaltenden Regens die Halme mehr oder weniger ſtark niedergedrückt wurden. Durch eine beſonders kurze Vegetationszeit zeichneten ſich Kylbergs Pedigree(No. 10) und Hallet's kanadiſcher(No. 9) aus, welche am 31. Juli bezw. 2. Auguſt vollſtändig reif abgemäht wurden. Die übrigen Sorten reiften ziemlich gleichzeitig und wurden am 11. und 12. Auguſt abgemäht. Die Vegetationszeit betrug ſomit: bei Kylbergs Pedigree= 122 Tage „ Hallet's kanadiſchen= 124 „ allen übrigen Sorten⸗ „ 133— 134 Tage. Ernte von Gehalt 1 ha der Haferkörner. Bezei— Bezeichnung Gewicht. 4 = der— 2 8 Sorte. 5 5. ⸗ 22. — 8. 1 S 5 kg kg kg e kg Stch, — Weißer tartariſcher Fahnen⸗Hafer. 32216544 976533:67 50 356 10,1 9,9 3,0 4,7 57,3 2. Lüneburger Kley⸗. 39186553 10471,37:63 52 306 9,8 9,2 2,7 4,3 59,0 3. Schwarzer Prolific⸗. 3282 6335 9617 34:66 47 362 9,8 10,2 3,0 5,4 56,6 4. Probſteier Original⸗. 3994 6094 10088 40:60 51 293 9,3 9,5 2,8 4,6 58,8 5. Hopetoun⸗ 3300 6582 988233:67 54 325 11,2 9,8 2,3 4,7 57,0 Beſeler's Anderbecker 418869291111788:62 52 271 8,7 Auſtraliſcher R& — ‿ S 2,8 4,3 58,7 iſtra 33686485 9853,34:66 56 312 10,2 9,3 1,3 5,1 58,1 8. Däniſcher. 40245888 991241:59 52 330 8,5 9,5 2,5 4,3 60,2 9. Hallet's kanadiſcher. 38036550 1035337:63 50 323 11,7 9,0 2,1 4,6 57,6 10. Kilberg's Pedigree⸗ 31825729 891136:64 60 281 9,5 12,8 2,6 4,5 55,6 1 1 1 1 Prüfen wir nun, an der Hand der vorſtehenden Tabelle, die Ernteergebniſſe, ſo ſehen wir, daß Nr. 2, 4, 6, 8: Lüneburger Kley, Probſteier Original, Beſelers Anderbecker, Däniſcher =— 292— ſich durch ihre Körnererträge entſchieden vor allen anderen Sorten aus⸗ zeichnen, während ſie im Strohertrage allerdings dieſes übergewicht nicht behaupten. Dieſen 4 Sorten auch im Körnerertrage faſt ebenbürtig iſt nur noch Nr. 9:. Hallets kanadiſcher, der außerdem den Vorzug beſitzt, eine 10 Tage kürzere Vegetationszeit zu haben. Die übrigen 5 Sorten bleiben im Körnerertrage und dadurch auch im Geldertrage ſoweit hinter den erſtgenannten 5 Sorten zurück, daß man ſie wohl als ungeeignet bezeichnen kann, eine hohe Kultur und ſtarke Düngung entſprechend auszunutzen. Intereſſant iſt es, die Ertragsfähigkeit des Hafers mit dem Protein⸗ gehalt der Körner zu vergleichen. Die in der Tabelle aufgeführten Zahlen zeigen, daß im allgemeinen diejenigen Sorten, welche ſich als die ertragreichſten erwieſen, den verhältnismäßig niedrigſten Protein⸗ gehalt beſaßen. Es ſind dies die hervorgehobenen Sorten Nr. 2, 4, 6 und 8. Die Beobachtung:„außergewöhnlich hoher Ertrag und Protein⸗ armut“ iſt übrigens nicht einzeln ſtehend; wir wollen nur ganz kurz auf die längſt bekannte Thatſache hinweiſen, daß die ſo außerordentlich ertragreichen engliſchen Weizenſorten faſt durchweg ſehr arm an Protein zu ſein pflegen.— Wenn man aber die pro Hektar geerntete Proteinmenge berechnet, ſo ergibt ſich, daß dieſelbe bei den verſchiedenen Haferſorten nicht ſehr erheblich differiert. Eine Ausnahme hiervon machen nur Kylbergs Pedigree, welcher bei einem niedrigen Ertrage gleichzeitig auch einen niedrigen Proteingehalt beſaß, und ferner Hallets kanadiſcher, welcher bei einem mittleren Ertrage den höchſten Proteingehalt aller Haferſorten des vorliegenden Anbauverſuchs aufwies. Wegen dieſes Umſtandes muß Hallet's kanadiſcher mit zu den beſten Sorten gerechnet werden, denn ein guter Futterhafer muß proteinreich ſein. Ich für mein Teil leſe aus den vorliegenden Zahlen das Reſultat, daß Hallet's kanadiſcher es mit den übrigen Sorten vollkommen aufnimmt, denn er lieferte pro Hektar in den Körnern 445,0 kg Protein, während von den anderen Sorten die beſten, nämlich Lüneburger Kley und Probſteier Original nur 384,0 bezw. 371,4 kg Protein pro Hektar in den Körnern erzeugten. Es ſind deshalb die von Beſeler für den Geldwert angeſetzten, hier fortgelaſſenen Zahlen nicht ganz zutreffend, weil für alle Sorten derſelbe Preis pro 100 kg Körner berechnet worden iſt, ohne auf die Qualität, beſonders auf den Proteingehalt der Körner Rückſicht zu nehmen. — 293— In der am Schluß des Berichtes von Märcker mitgeteilten Berechnung der pro Hektar in Korn und Stroh geernteten Nährwert⸗ einheiten(Protein und Fett= 5, ſtickſtofffreie Ertraktſtoffe= 1) ergibt ſich nachſtehende Rangordnung der 5 beſten Haferſorten: 1. Beſelers Anderbecker.8184,9 Nährwert⸗Einheiten 2. Hallet's kanadiſcher. 8067,5„„ 3. Probſteier.... 7756,5„„ 4. Lüneburger Kley. 7726,2„„ 5. Däniſcher..... 7434,3„„ Wie man ſieht, rückt hier Hallet's kanadiſcher an die zweite Stelle. Der Fettgehalt der verſchiedenen Haferkörner wies keine erheblichen Differenzen auf. Im Gehalt an Rohfaſer, der ein Maßſtab iſt für die Dicke der Schale, zeichnet ſich nur Kylbergs Pedigree mit 12,8% ungünſtig aus, während die übrigen neun Sorten zwiſchen 9,0 und 10,5% Rohfaſer ſchwanken. Die ſtickſtofffreien Ertraktſtoffe ſtehen natürlich, da ſie aus der Differenz berechnet werden, im engen Zuſammen⸗ hang mit dem Gehalt an ſonſtigen Stoffen und auch hier iſt Kylbergs Pedigree die geringwertigſte Sorte. Endlich iſt über die Zuſammenſetzung von Stroh und Spreu zu bemerken, daß Märcker auf Grund der bei dieſem Verſuch vor— genommenen Analyſen ſich von neuem zu ſeinem früheren Ausſpruch berechtigt fühlt, daß durch die Drill⸗Hackkultur und ſchwache Ausſaat, trotz hoher Stickſtoffdüngung, ein proteinarmes, grobſtengeliges Stroh von geringem Nährwert erzeugt wird. So viel über dieſen wertvollen und lehrreichen Verſuch. Wir möchten im Anſchluß an denſelben nur noch einige Daten mit— teilen, die ſich auf allgemeine Erfahrungen ſtützen und die Saat und Ernte des Hafers betreffen. Saatquantum. Als Saatquantum berechnet man 2,5— 4,5 hl pro ha bei Breitſaat; auf Neuland, wo der Hafer vorzüglich gedeiht, ſogar 5,5 hl.— Bei Drillſaat nicht viel weniger, nämlich 2,3— 3,0 hl. Das gewöhnliche Ausſaatquantum iſt alſo auch bei Drillſaat erheblich ſtärker, als es Bejoler bei ſeinem Verſuch angenommen und für ausreichend er⸗ achtet hat. enn in Kilogramm berechnen ſich ungefähr 100— 140 kg, während das O uantum bei jenem Berſuch nur 62— 72 kg betrug. Entfernung der Drillreihen: Die gewöhnliche Entfernung der Drillreihen iſt 10— 12 cm. Mehr als 15 cm zu nehmen, iſt nur auf ſehr kräftigem Lande zuläſſig. Soll aber mit der Hackmaſchine gehackt werden, was ja ſehr zweckmäßig iſt, dann muß die Drillweite 20 cm. betragen; nur iſt auch in dieſem Fall auf ein genügend ſtarkes Ausſaat⸗ quantum bedacht zu nehmen. — 294— efe der Unterbringung: 3 cm für gewöhnlich. Bei leichtem, taschrert Boden 6 cm. Ernte. Nicht zu ſpät, weil ſonſt viel Ausfall. Bei unſicherem Wetter, im Gebirge, gleich hinter der Senſe aufbinden und in Stiegen oder Puppen mit Schutzhaube, oder auch ungebunden in kleine Kegel ohne Hut aufſtellen. Das längere Liegen auf dem Schwad er⸗ leichtert zwar das Dreſchen, aber es geht dabei viel verloren. Man wird auch den Hafer möglichſt trocken einfahren, doch ſchadet ihm die Erwärmung in der Scheune nicht ſo leicht, als dies bei der Gerſte der Fall iſt. Ertrag. Im Preußiſchen Staat wird eine Mittelernte an Kör⸗ nern pro ha deineſemeüeh Im Durchſchnitt zu 1357 kg „ Maximum„ 2600„ „ Minimum„ 500„ Wie aus dem Verſuche von Beſeler zu entnehmen, kann der Er⸗ trag an Körnern bis auf 4188 kg ſteigen. Der Ertrag an Stroh ſchwankt im allgemeinen zwiſchen 1000 bis 2500— 4000 kg pro ha.— Der höchſte Ertrag in dem eben erwähnten Verſuch war 6929 kg an Stroh und Spreu. Das Verhältnis von Korn: Stroh ſchwankt nach der Zuſammen⸗ ſtellung von H. Thiel zwiſchen 57:43 und 16:84.— Das Verhält⸗ nis 40:60 ſcheint dem Normalen am nächſten zu kommen, wenn man auf Körner- und Strohertrag ein gleichmäßiges Gewicht legt. B. Die Getreidearten des wärmeren Klimas. Frucht nackt oder beſpelzt, ſtets ohne Längsfurche. Nur ein Wurzelchen am Keimling. Von den Getreidearten, welche in dieſe Abteilung gehören, iſt die Mehrzahl aus klimatiſchen Gründen für Deutſchland ohne Wer So namentlich Reis, Durra, Dochen, Korakan(Daguſcha), Tef. Auch von dem Anbau der Zuckerhirſe, Sorghum saccharatum zur Grün⸗ futtergewinnung muß ich entſchieden abraten, denn von zwei Verſuchen, die ich zu verſchiedener Zeit in den 70 er Jahren auf dem Verſuchsfelde bei Zürich einleitete, hatte der eine, kleinere zwar ein günſtiges Reſultat, der andere, größere dagegen ſchlug ſo vollſtändig fehl, daß das Land umgepflügt werden mußte. Die Pilduze paßt nicht für unſer Klima. Es bleiben demnach nur Mais, H Hirſe, Fennich und Kanarien⸗ gras übrig. Das Kanariengras, das wahrſcheinlich den meiſten deutſchen Landwirten gänzlich unbekannt ſein wird, können wir kurz mit Mehl zum Schlichten der Baumwollengewebe benutzt wird. Hat man, was ſelten der Fall ſein wird, Veranlaſſung, die Pflanze anzubauen, ſo behandelt man ſie wie die Hirſe. Die übrigen drei Getreidearten: Mais, Hirſe und Fennich wollen wir, gemäß der Bedeutung, die ſie für unſere Verhältniſſe haben, mehr oder weniger ausführlich beſprechen. Der Mais, Zea Mays. Es gibt eine odſchibwäiſche Sage von einem himmliſchen Jüngling h. als„Geiſteskorn“ wieder aus dem Grabe ſprang.* Der Mais war die heilige Pflanze zur Zeit der Inkas in Peru, von welcher alljährlich in dem berühmten Tempel am Titicacaſee dem Sonnengotte Körner zum Opfer dargebracht wurden, und ebenſo wurden ₰ Fig. 160. Spelzmais, Zea Mays tunicata. bei den Mexikanern die Erſtlinge der Maisernten der Göttin des Land⸗ baus dargebracht, welche vom Getreide den Namen(Centeotl) trug, wie bei den Römern die Ceres und bei den Griechen die Demeter.**) Wir führen dies an, um zu zeigen, daß die Rothäute Menſchen ſind, ſo gut wie wir. Zugleich aber auch, um zu betonen, daß der Mais aus Amerika ſtammt. Dort iſt ſeine eigentliche und einzige Heimat. Die Europäer haben ihn an den Weſtküſten Südamerikas, wie in Virginien, überall in Kultur gefunden, wo ſie das Land betraten. Dadurch iſt es erſchwert, mit Sicherheit auszumitteln, in welcher Gegend dieſes großen Weltteils er ſich urſprünglich vorfand. Doch verdient *) E. B. Tylor, Die Anfänge der Kultur, deutſch von Spengel und Poske, 1873, I, S. 400. **) O. Heer, Über Vaterland und Verbreitung der nützlichſten Nahrungspflanzen. Vortrag, 1847, S. 10. Dort ſind zugleich die Gründe dargelegt, weshalb der Mais amerikaniſchen, und nicht zugleich auch aſiatiſchen Urſprungs iſt. Wir fügen hinzu, daß die Chineſen ihn erſt in der Mitte des 16. Jahrhunderts von den weſtländiſchen Völkern, d. h. Portugieſen, erhielten. E. Bretſchneider bei Körnicke a. a. O. S. 355, wo ausfüͤhrlicher uͤber dieſe Frage gehandelt wird. — 296— hervorgehoben zu werden, daß nach A. St. Hilaire die Maisſorte, welche unter dem Namen Spelzmais bekannt geworden iſt, in den Wäldern von Paraguay wild wachſen ſoll. Daß dieſe eigentümliche Sorte, bei welcher jedes Korn in zwei Häuten ſteckt(Fig. 160.) in Paraguay vorkommt, wird von Renger beſtätigt; aber er führt an, daß ſie von den Indianern kultiviert wird. Trotzdem iſt es wahrſcheinlich, Fig. 161. Verſchiedene Formen und Größen von Maiskörnern, a von der Keimſeite, b von der andern Seite. daß dieſe Form die wilde Stammform iſt, oder wie Körnicke ſich ſehr fein ausdrückt,„der urſprünglich wilden am nächſten ſteht“. Der Mais iſt in eine große Zahl von Varietäten und Sorten auseinandergegangen, die nach der Form, Farbe und Größe der Körner unterſchieden worden. Die Form- und Größenunterſchiede ſind zum Teil aus den obenſtehenden Figuren 161 zu erſehen. Über die Farbe be⸗ — 290— merken wir, daß folgende Abſtufungen derſelben vorkommen: weiß, hell⸗ gelb, dunkelgelb, rot, braun, blau, violett, ſchwarz und rotgeſtreift auf weißem, gelbem oder blauem Grunde. Wir fügen hinzu, daß die Länge der Kolben variiert zwiſchen 5 und 42 cm, während die Größe der Körner zwiſchen 5 und 25 mm ſchwankt. Überſicht der Varietäten und Sorten. I. Spelzmais. Körner mit häutigen Spelzen umhüllt. Für die Kultur in Deutſchland ohne Wert. II. Spitzkörniger Mais. Körner mit hakenförmig gekrümmter Spitze. Für Deutſchland ohne Wert. III. Zuckermais. Körner runzelig. Für Deutſchland ohne Wert. IV. Großkörniger Mais. Körner ſehr groß, 15— 25 mm lang. Für Deutſchland ohne Wert. V. Pferdezahnmais. Körner an der Krone vertieft. Sorten: In Deutſchland nur als Grünfutter zu kultivieren. Oft aber, auch für dieſen Zweck, andere ſchnellwüchſigere, weniger großſtengelige 2. Gelber amerikaniſcher Pferdezahnmais. Weniger gebräuchlich, als der vorige. VI. Kleinkörniger Mais. Körner ſehr klein, nur 6 mm lang. 3. Kleiner gelber Hühnermais.. 1 Im Weinklima Deutſchlands kultivierbar. Klein, aber ergibig. Körner gut als Hühnerfutter zu gebrauchen. VII. Gemeiner Mais. Körner mittelgroß. 4. Früher gelber badenſcher Maäis.. In Süddeutſchland(Baden) häufig als Körnerfrucht angebaut. Er⸗ tragreich. 5. Weißer Oberländer Mais aus Baden. Wird ſicherer reif, als der vorige, da ſeine Vegetationszeit um 14 Tage bis 3 Wochen kürzer iſt. .Heinemann's September⸗Mais. Sehr früh. Seit 1880 bekannt. Empfehlenswert. Reifte nach Werner, Poppelsdorf, von allen gleichzeitig angebauten Sorten am früheſten. 7. Früher ungariſcher Mais. 8. Früher ſteyriſcher Mais. 9. Cinquantino. Beanſprucht in Deutſchland eine Vegetationszeit von 4 ½ Monaten; in Poppelsdorf, nach Werner, von 132 Tagen. 10. Früher kanadiſcher Mais. Beachtenswert, weil er in den Nordſtaaten der Union häufig angebaut wird, wo die größeren Sorten nicht mehr gedeihen. 11. Weißer König⸗Philipp⸗Mais. Ertragreich, auch als Futtermais. Vegetationszeit aber über 5 Monate. Anderweitige Anbauverhältniſſe. Klima. Die klimatiſchen Verhältniſſe Deutſchlands entſprechen den Anforderungen des Maiſes nur zum Teil und eigentlich nirgends in voll— kommener Weiſe. Immerhin läßt ſich die Pflanze, auch als Körnerfrucht, in allen denjenigen Gegenden kultivieren, wo die Rebe im Freien ge— deiht und genießbare Trauben liefert. Das iſt namentlich am Rhein von Mainz aufwärts bis Baſel der Fall, und da ſieht man denn auch den Mais häufig angebaut. Ebenſo im benachbarten Elſaß und in Württemberg. Im ganzen übrigen Gebiete des deutſchen Reiches hat die Maiskultur, ſofern ſie ſich auf Körnerproduktion erſtreckt, bis jetzt eine nennenswerte Bedeutung nicht erlangen können. Und ich glaube, es iſt gerechtfertigt, der Verbreitung dieſer heiklen Pflanze nicht das Wort zu reden. Ich zweifle zwar nicht, daß es bei richtiger Auswahl der Sorten und bei beharrlich und planmäßig fortgeſetzter Zuchtwahl gelingen würde, die Pflanze ſo weit zu akklimatiſieren, daß ſie in der Breite von Berlin und Bromberg auf allen wärmeren und ſandigen Böden mit Erfolg angebaut werden könnte, aber iſt dies zu wünſchen oder zu befürworten? Ich ſage: Nein, und zwar aus dem Grunde, weil die Ausdehnung der Maiskultur nur auf Koſten des Roggenbaues geſchehen könnte, indem gerade der beſte Roggenboden dem Mais zu— gewieſen und eingeräumt werden müßte. An dem Roggen aber müſſen wir feſthalten. Er iſt, ſo zu ſagen, unſere Nationalpflanze. Der Mann von echtem deutſchem„Schrot und Korn“ bedarf das Roggenbrot zu ſeiner Nahrung. Geben wir dieſe Nahrung auf, ſo opfern wir ein Stück von unſrer Kraft. Ueberdies iſt der Roggen unentbehrlich und unerſetzlich wegen des vortrefflichen Strohs, das er uns in reicher Menge liefert. Offnen wir alſo dem Maisbau die Thore nicht zu weit, und überlaſſen wir dieſe Kulturpflanze denjenigen Ländern, wo die Sonne heißer glüht, als bei uns. Selbſtverſtändlich iſt damit nicht — 299= ausgeſchloſſen, daß wir den Mais auch fernerhin als Grünfutterpflanze benutzen. Boden, Beackerung, Düngung und Vorfrucht. In bezug auf den Boden iſt der Mais nicht wähleriſch. Auch die Vorfrucht iſt ihm ziemlich gleichgültig. Er gedeiht auf Sand-, auf Lehm-, auf Thonböden, ſofern dieſelben nur in guter Kultur ſind. Denn Nährſtoffe verlangt der Mais als Körner⸗ und namentlich auch als Grünfutterpflanze mehr, als unſere gewöhnlichen Getreidearten. Das Land wird vor Winter tief gepflügt und am beſten im Herbſt friſch gedüngt. Doch kann der Stallmiſt, der in dieſem Fall mehr verrottet ſein muß, allenfalls auch noch mit der Frühjahrsfurche untergeackert werden. Auf ſchwerem Boden iſt die Frühjahrsdüngung ſogar vorzuziehen. Im übrigen liebt der Mais reines und mürbes Land. Saat und Pflege. 8 Saat erfolgt früheſtens Ende April, ſicherer erſt Anfang oder Mitte Mai, beſonders in den norddeutſchen Gegenden. Dun der Mais keimt erſt t bei 10° Bodenwärme, und er macht beim ufgang nicht gern Bekanntſchaft mit den drei geſtrengen Herren Kamertus, Pankratius und Servatius.) Beim Körnermais iſt das Dibbeln die Regel. Das gut geebnete und unkrautreine Land wird mit dem Reihenzieher markiert. Entfernung der Reihen bei kleineren Sorten 60 cm, bei größeren Sorten 80 cm. Entfernung in den Reihen bei kleinen Sorten 25— 30 em, bei großen Sorten 30— 40 cm. Will man die Pflanzen ins Quadrat ſtellen, was beim Mais eigentlich richtiger iſt und zugleich eine leichtere und voll⸗ kommenere Bearbeitung geſtattet, ſo markiert man das Land auf 50 bez. 60 cm der Länge und der Quere nach. An jeden Kreuzpunkt werden 3—4 der beſten Körner mit einer Handhacke gelegt und 4—6 em hoch mit Erde bedeckt. Einfach und zweckmäßig iſt es auch, mit dem Abſatz des Stiefels ein Loch zu machen, die Körner hineinzulegen und mit der Fußſpitze zuzuſcharren.** 3 Der Grünfuttermais wird erſt im Mai entweder breitwürfig mit der Hand, oder beſſer mit der Drillmaſchine in Reihen von 50— 60 cm Entfernung geſäet. Durch das Drillen erzielt man im Vergleich zum 1 Auf M ) Eisbein, der Mais als Körner⸗, als Gruünfutter⸗ und als Sauerfutterpflanze. Vortrag. Zeitſchrift d. l. V. f. Rheinpreußen 1884, Nr. 5. **) Sehr einfach und eigentümlich iſt der Maisbau in den Amerikaniſchen Urwäldern. Bouſſingault(Die Landwirtſchaſt ꝛc.) berichtet darüber aus eigener Anſchauung. Die Wäͤlder werden niedergehauen und verbrannt. Zwiſchen den Stöcken und verkohlten Baumſtämmen macht der Pflanzer mit einem Stachelſtocke nicht ſehr tiefe Löcher, wirft 2— 3 Maiskörner hinein und deckt ſie mit Aſche zu, indem er eine leichte Bewegung mit dem Fuße macht. Dann überläßt er die Saat ihrem Schickſal und kehrt erſt zur Ernte wieder zurück. Dibbeln eine größere und namentlich auch beſſere, weniger grobſtengelige Futtermaſſe. Bei noch engeren Drillreihen iſt die gewöhnliche Pferde⸗ hacke nicht gut anwendbar.. Saatquantum bei Körnermais und Dibbelſaat 0,2— 0,3 hl pro ha; dagegen bei Grünfuttermais und Drillſaat 1,0—- 1,5 hl pro ha. Bei dem Grünfuttermais beſchränkt ſich die Pflege auf ein ein⸗ maliges oder zweimaliges Behacken. Bei dem Körnermais dagegen erfordert die Pflege mehr Arbeit und Sorgfalt. 3 Sobald der Mais aufgegangen, wird er zum erſten Mal behackt, um das Unkraut zu zerſtören und die Kruſte zu brechen. Die Krähen ſind um dieſe Zeit arg hinter ihm her, und lohnt es ſich, ſie durch Ab⸗ ſchießen zu verjagen und einige der getöteten Thiere auf die Fläche ver⸗ teilt an Stangen aufzuhängen. Iſt der Mais handhoch, ſo wird er vereinzelt, ſo daß auf jeder Pflanzſtelle nur zwei kräftige Pflanzen ſtehen bleiben. Hierauf folgt ein zweites und drittes Hacken, wie bei den Zucker⸗ rüben, und wird bei dem dritten Hacken die Erde auch etwas an die Pflanzen herangeſchafft, ohne daß ein eigentliches Häufeln ſtattfindet. Das Häufeln geſchieht, wenn der Mais 40—50 em hoch iſt, und beeilt man ſich bis Anfang Juli damit fertig zu werden. Eine beſondere und notwendige Pflege bei dem Körnermais beſteht in dem Ausbrechen der Seitentriebe, damit der Hauptſtamm ſeine volle Kraft zur Ausbildung der Kolben verwenden kann.(Neue Beſtätigung meiner Theſe: Bei einer Getreidepflanze, welche Körner liefern ſoll, iſt die allzureichliche Beſtockung vom Übel. Bei dem Mais hat ſich die Erfahrung ja geradezu für die Einhalmigkeit entſchieden). Während der Blüte darf der Mais in keiner Weiſe geſtört, das Feld während dieſer Zeit alſo gar nicht betreten werden. Iſt das Blühen vorbei, ſo wird die Pflanze geköpft, d. h. die männ⸗ liche Riſpe etwas oberhalb des oberſten Kolbens fortgenommen, da nach den Verſuchen von Wollny ſich herausgeſtellt hat, daß der Gipfeltrieb die Entwicklung der Kolben und der Körner beeinträchtigt. Der Gipfel⸗ trieb ſowohl, wie die ſchon früher beſeitigten Nebenſchößlinge ſind ein vortreffliches Milchfutter. Von pflanzlichen und tieriſchen Paraſiten hat der Mais im allgemeinen wenig zu leiden. Gegen den Mais⸗ oder Beulenbrand, Ustilago Maydis, der nur vereinzelt auftritt, ſichert das Einweichen der Saatkörner in Kupfervitriol. — 301— —₰‿ Ernte. Der Zeitpunkt für die Ernte iſt gekommen, wenn die Deck⸗ blätter oder Lieſchen an den Maiskolben gelb und trocken und die Körner hart geworden ſind. Da die Körner nicht ausfallen, ſo wartet man die völlige Reife derſelben ab. Für den Fall, daß Frühfröſte das Ausreifen der Körner verhindern ſollten, empfiehlt Krafft, etwa 14 Tage vor der Ernte die Deckblätter aufzuſchlitzen und herabzubiegen, damit die am Stamme verbleibenden Kolben leichter austrocknen und die Körner er⸗ härten können. Geſchieht der Maisbau im kleinen, wie gewöhnlich in Süddeutſch⸗ land, ſo werden bei der Ernte die Kolben ausgebrochen, und nachdem man die Deckblätter zurückgeſtreift, zu je 2 zuſammengebunden auf dem Speicher über geſpannte Schnüre gehängt, ſo daß der Luftzug ſie von allen Seiten frei beſtreichen kann. Sind größere Quantitäten zu ver⸗ ſorgen, ſo werden bei der Ernte die Lieſchen mit der Hand oder einem Meſſer, einem Nagel aufgeſchlitzt, die Kolben abgenommen, auf dem Schüttboden flach ausgebreitet und fleißig umgeſchaufelt, damit ſie nicht verſchimmeln und ſchnell austrocknen. Das Austrocknen erfordert in unſerem Klima immerhin einige Wochen. Das Entkörnen oder Abrebbeln geſchieht entweder von der Hand mit einem ſtumpfen Meſſer oder über dem eiſernen Steg eines Scheffels, oder bei größeren Quantitäten durch Abdreſchen auf einem Lattenroſte, oder durch eine einfache Maſchine, den ſog. Maisrebbler, mit welchem drei Mann täglich 15— 22 hl Körner fertigen können. Für den Samenbedarf bewahrt man die Kolben in den Lieſchen bis zum Frühjahr auf und rebbelt nur die Körner in der Mitte oder von dem unteren Drittel des Kolbens ab, weil hier die größten und vollkommenſten Körner ſitzen. Die Stengel werden im Spätherbſte abgehackt und bei Futtermangel ſamt den Spindeln zu Häckſel geſchnitten, gewöhnlich aber als Kompoſt⸗ oder Brennmaterial benutzt. Ertrag. Körner 20— 80 hl pro ha. Stroh 2500— 6000 kg pro ha. Grünfuttermais: Badenſcher 5000— 7000 kg, Pferdezahn 7000 bis 12000 kg pro ha. In bezug auf den Futterwert ſind 4 kg Badenſcher gleich 5 kg Pferdezahnmais. Die Hirſe, Panicum miliaceum. Die Hirſe iſt zwar ebenfalls ein Kind des warmen Klimas, aber ie paß t doch beſſer in die norddeutſchen Wirtſchaftsverhältniſſe, als der Mais. Sie hat ſich ſeit alten Zeiten bei uns eingebürgert, und wir werden ſie wohl niemals ganz fallen laſſen, wenn ſie ſich auch mit unſeren Hauptgetreidearten: Weizen, Roggen, Gerſte, Hafer in bezug auf allgemeine wirtſchaftliche Bedeutung nicht meſſen kann. Ihre Frucht⸗ barkeit und der liebliche Geſchmack ihrer nahrhaften Körner mögen die Urſache ſein, daß ſie in gewiſſen Gegenden zu einer Art Nationalgericht geworden iſt, denn bekanntlich darf der Hirſebrei in den ehemals ſlaviſchen Provinzen des deutſchen Reiches bei keiner Hochzeit oder Kindtaufe auf dem Tiſche fehlen. Mit der Entwicklung des Verkehrs iſt freilich die Hirſe in neuerer Zeit mehr und mehr durch den Reis aus ihren alten Rechten verdrängt worden; doch halten die konſervativen Bauersfrauen bei den genannten Feſtlichkeiten auch heute noch an dem Hirſebrei feſt. Boden. In landwirtſchaftlicher Beziehung hat die Hirſe das für ſich, daß ſie ſich zur Ausnutzung gewiſſer Bodenverhältniſſe vorzüglich eignet. So gibt ſie namentlich ſehr hohe Erträge auf humoſem Neubruch und auf dem humusreichen Schlamm trocken gelegter Teiche. Sonſt liebt ſie den kräftigen, warmen, humoſen Sandboden, während ihr kalter, feuchter und ſchwerer Boden nicht zuſagt. Sie gedeiht indeſſen auch auf ziemlich bündigem Boden, wenn derſelbe nur eine warme und trockene Lage hat. Denn WärmeV iſt bei dieſer Pflanze die erſte Bedingung. Nächſtdem iſt es wichtig, daß ihr reines Land zugewieſen wird, da ſie bei ihrem anfänglich ſehr langſamen Wachstum ungemein vom Unkraut leidet. Deshalb folgt ſie am beſten nach gedüngten Hackfrüchten, während friſche Stallmiſtdüngung wegen der Begünſtigung des Unkrauts möglichſt zu vermeiden iſt. Höchſtens iſt eine Düngung mit Rindvieh⸗ miſt im Herbſt zuläſſig. Saatzeit. Wegen der Froſtgefahr darf die Hirſe erſt ſpät, Mitte und Ende Mai geſäet werden. Selbſt noch Ende Juni kann die Aus⸗ ſaat ſtattfinden, weil die Vegetationszeit der Pflanze nur eine kurze iſt. Immerhin iſt jene frühere Saat vorzuziehen, weil ſie ſchönere und reichlichere Früchte liefert. Sorten. Was die Sorten betrifft, die man zum Anbau zu wählen hat, ſo iſt zu bemerken, daß die Hirſe in drei Varietäten vorkommt, welche als Flatterhirſe, Klumphirſe und Dickhirſe bezeichnet werden. Die Dickhirſe mit zuſammengezogener und aufrechter Riſpe iſt für den Anbau ohne Bedeutung. Die beiden übrigen Varietäten unterſcheiden ſich dadurch, daß bei der Flatterhirſe die Riſpe ausgebreitet, nach allen Seiten über⸗ hängend iſt, während die Klumphirſe eine zuſammengezogene, nach einer Seite überhängende Riſpe beſitzt. Bei beiden Varietäten gibt es Sorten mit grüner und brauner Riſpe, und die Farbe der Körner, die von den beiden Blütenſpelzen feſt umſchloſſen ſind, variiert zwiſchen: weiß, hellgelb, dunkelgelb, gelbbraun, dunkelbraun, rot, grau und ſchwarz. Die Farbe ſitzt alſo nicht an dem eigentlichen Kern der Frucht, ſondern an der äußeren Schale, welche aus den beiden Blütenſpelzen gebildet wird. Von dieſen beiden Kulturvarietäten empfehlen ſich nun zum Anbau in Deutſchland namentlich die Klumphirſe mit gelben und die Klumphirſe mit grauen Körnern. Die graue Klumphirſe hat den Vorzug, daß ihre Vegetationszeit um etwa 8 Tage kürzer iſt, indem dieſelbe nur 92 Tage beträgt. Saatmethode. Gewöhnlich wird die Hirſe breitwürfig ausgeſäet, es iſt aber ſehr zweckmäßig ſie in 15— 20 cm weit entfernten Reihen zu drillen, weil dadurch das Behacken und Jäten weſentlich er— leichtert wird. Samenbedarf bei Breitſaat 0,3— 0,7 hl; bei Drillſaat 0,2 bis 3,0 hl pro ha. Unterbringung ganz flach, 1 cm. Pflege. Die Pflege beſteht bei Breitſaat in einem Üübereggen, wenn die Pflanzen etwa 5 cm hoch ſind; bei Drillſaat in zweimaligem Behacken, das erſtemal, wenn die Pflanzen 5 cm, das zweitemal, wenn ſie 10 bis 15 cm hoch ſind. Häufig iſt das Jäten unerläßlich. Ernte. Die Ernte hat ihre Unannehmlichkeiten, weil wegen der ungleichmäßigen Reife der Körner der Zeitpunkt ſchwierig zu beſtimmen iſt, und weil die reifgewordenen Körner ſehr leicht durch Ausfall ver⸗ loren gehen. Man ſchneidet daher, wenn die Hälfte der Körner reif iſt, was man an der Farbe erkennt, und driſcht die Körner ſogleich ab. Das Stroh, das zur Fütterung wertvoll, wird nachher zum Trocknen ausge⸗ breitet, die Körner werden fleißig umgeſchaufelt. Ertrag. Der Ertrag an Körnern ſchwankt zwiſchen 12 und 40 hl pro ha. Der Ertrag an Stroh ſchwankt zwiſchen 1000— 3000 kg pro ha. Die Hirſe bewahrheitet alſo das im erſten Teil gebrauchte Wort: Ein Korn bringt viele in kurzer Zeit. Der Fennich, Setaria italica. Der Anbau des Fennichs oder der ſogenannten Kolbenhirſe ſtimmt mit demjenigen der Hirſe vollkommen überein. Gegenwärtig hat die Pflanze nur noch eine untergeordnete Bedeutung; ſie wird in Europa jetzt nur noch zur Gewinnung von Vogelfutter angebaut, während der — 304— nahe verwandte Mohar, Setaria germanica, auf trockenem Sandboden hier und da als Grünfuttergewächs benutzt wird. Ehemals war das anders. Vtelleicht iſt dieſe Hirſeart das älteſte Getreide der Welt. Im fernen Oſten, bei den Chineſen, ſpielt ſie immer noch eine ſehr bedeutende Rolle; ſie gehört zu den geheiligten Pflanzen, deren Same ſeit dem Jahre 2822 v. Chr. bei dem alljährlich wiederkehrenden Feſte von des Kaiſers eigener Hand ausgeſäet wird. Und bei den älteſten Völkern, welche im erſten Dämmern der Geſchichte auf dem Schauplatz von Europa auftreten, bei den Iberern und Kelten, war ſie die gewöhnliche Brotfrucht. Auch in den deutſchen Landen war ſie in vorhiſtoriſcher Zeit allgemein verbreitet. Denn wir finden überall bei uns auf ſandigen Ackern ihren verwilderten und verkümmerten Abkömmling: den grünen Fennich, Setaria viridis. * * Schauen wir rückwärts, ſo verliert ſich der Anfang des Getreide— baus im Dunkel der Vergangenheit. Schauen wir vorwärts, ſo wiſſen wir nicht, was da kommen wird. Bis jetzt aber iſt die Verheißung in Erfüllung gegangen, welche Noah erhielt, als nach der Sündflut die Sonne durch die Wolken brach und ihr gegenüber am ſchwarzen Firmament der farbige Bogen erſchien, das Zeichen des Bundes und des Friedens: 4 So lange die Erde ſtehet, ſoll nicht aufhören Same und Ernte, Froſt und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Berlin, Druck von W. Büxenſtein. Illuſtriertes Landwirtſchafts⸗ Lexikon. Unter Mitwirkung von Baurat F. Engel, Berlin; Dr. p. Funk, Helmſtedt; Profeſſor Dr. Th. Frh. v. d. Goltz, Königsberg; Profeſſor Dr. w. Rirchner, Halle, Garteninſpektor W. Tauche, Potsdam; Dr. C. Tehmann, Berlin; Landſtallmeiſter G. Graf Tehndorff, Graditz: Landrat h. v. Mathuſius, Althaldensleben; Profeſſor Dr. E. Perels, Wien; D. v. Riefenthal, Charlottenburg; Profeſſor Dr. E. v. Rpdirzki, Ung.⸗Altenburg; Profeſſor Dr. P. Hiedamgrozky, Dresden; Pro⸗ feſſor Dr. F. Stohmann, Leipzig; Profeſſor Dr. H. Thaer, Gießen; Profeſſor Dr. E. v. Wolff, Hohenheim, herausgegeben von Dr. Guido Krafft, Profeſſor an der k. k. techniſchen Hochſchule in Wien und Verfaſſer des„Lehrbuch der Landwirtſchaft auf wiſſenſchaftlicher und praktiſcher Grundlage.“ Mit Toνv in den Text gedruckten Holzschnitlen. Ein ſtarker Band in gr. Ortau-Format. Pr. 20 M. Gebd. 23 M. Paxvy in Berlin SW. 32 Wilhelmstrasse.. Saat und Pflege der landwirtschaftlichen Kulturpflanzen. Handbuch für die Praxis von Dr. Ewald Wollny, 0. ö. Professor der Landwirtschaft an der technischen Hochschule in München. Mit Textabbildungen. Gebunden, Preis 20 M. Der„Landwirt“ urteilt über das Werk in Nr. 84 vom 20. Oktober 1885 wie folgt:.... Der Verfasser nennt sein Buch»Saat und Pflege der landwirtschaftlichen Kulturpflanzen«, damit dessen Aufgabe und Ziele treffend charakterisierend; es soll dem Praktiker die Grundsätze darlegen, nach denen er die Saat und die Pflege der Ackergewaächse unter verschiedenen Verhältnissen einzurichten habe. Der Inhalt gliedert sich zunächst in zwei grössere Abschnitte, deren erster die Saat der landw. Kulturpflanzen behandelt, während der zweite deren Pflege ge- widmet ist. Ersterer enthält in seinem theoretischen Teil folgende Kapitel: Das landw. Saatgut, die Keimung und die Keimfähigkeit desselben, die Beschaffenheit des Saatgutes, Veredelung und Züchtung der Kulturpflanzen, Samenwechsel, Wertbestimmung des Saatgutes, wi dessen Vorbereitung, Grösse des Bodenraums, Verteilung desselben, je Saatzeit etc. Der praktische Teil wendet sich zunächst zur Her Il. stellung des Saatgutes, erörtert dann die aus den Kapiteln über Wert- bestimmung des Saatguts, Bemessung des Aussaatquantums und des Standraumes, über die Saatzeit und die Saattiefe für die Praxis sich ergebenden Grundsätze, beleuchtet ferner die bei der Auswahl der le Gemengefrüchte zu berücksichtigenden Gesichtspunkte und bespricht ia endlich die Anlegung der Samenbeete, sowie die Pflanzung und einige besondere Saatmethoden. Der Abschnitt über die Pflege der landw. Kulturpflanzen giebt eine Darstellung der Mittel zur Beseitigung der Hindernisse des Pflanzenwachstums, an welche sich die Erörterung derjenigen Massnahmen, die das Pflanzenwachsthum fördern, schliesst. Aus dieser Inhaltsübersicht dürfte der Gedankengang, welchem der Verf. folgte, erhellen, sie zeigt, welche Fülle des Stoffs geboten wird. Das resumierende Urteil kann nicht anders lauten, als dass das vorliegendeh 3 Werk als eine der wertvollsten und hervorragendsten Publikationen der neueren landwirtschaftlichen Litteratur zu bezeichnen ist; es ver- dient in vollem Sinne des Worts grundlegend genannt zu werden. Zu bezichen durch jede Buchhandlung. — NVerlas von Paur Pauvr iu Berin SW. 32 Wilhelmstrasse.— Schlipf's Populäres Handbuch der Landwirtschaft. D Gekrönte Preisschrift.— Zehnte, vollständig neu bearbeitete Auflage. Mit 405 in den Text gedruckten Holzschnitten. Gebunden, 6 M. 5o Uf. Wem es um ein Handbuch zu thun ist, welches alle Zweige der Landwirtschaft auf Grund der neuesten Erfahrungen für den Mann der Praxis in besonders verständlicher Schreibweise behandelt, derruu eden ² darf das bewährte, in der zehnten Auflage sorgfältig revidierte Werk von SCIILIPF unbedingt empfohlen werden. e ge. Der Umstand, dass das Buch nicht nur bei den praktischen Landl n wirten sich von Jahr zu Jahr mehr einbürgert, sondern dass dasselbe di 3 auch an vielen landwirtschaſtlichen Schulen als Lehrbuch gebrauclit Gute Wird, erforderte eine Vervollständigung mehrerer Abschnitte, ohne dass Aber edoch die Tendenz des Buches, ein Ratgeber für den praktischen He 3 Landwirt zu sein, darunter leiden durfte. Es wurde daher auch bei den mannigfachen Einschaltungen stets die populaâre Sprache, dunch welche das Buch sich gerade bei den mittleren und kleineren Landwirten einer so grossen Beliebtheit erfreut, sorgfältig inne ge- halten. Der Inhalt gruppiert sich in folgende Abschnitte: Ackerbau, Pflanzenbau, Wiesenbau, Weinbau, Obstbau, Viehzucht und Wirtschaftsbetrieb. Trotz vielfacher Erweiterungen und der Zu- gabe des zuletzt erwähnten Abschnittes wurde der Preis des gut go- 1 bundenen, in grosser Schriſt gedruckten, 670 Seiten grossen Formats umfſassenden, mit 405 Abbildungen versehenen Buches noch um 50 Pf. ermässigt, so dass man behaupten kann, in Anbetracht des Gebotenen ist diese neue, zchnte Auflage des bewährten Werkes das billigste landwirtschaftliche Buch. Zu beziehen durch jede Buchhandlung. 51s b OiK ee8ed