Vrivx.-Bibi. Giessen] — Ueber die Abarten der Merinoschafe, ihre Entstehung und Vervollkommnung. Von Herrn THAER*), Wem die Schafzucht in gegenwärtigem Zeitpunkte einer der wichtigsten Gegenstände für das landwirthschaftliche Gewerbe ist, so scheint sie mir auch nicht ohne Interesse für die Naturwissenschaft zu seyn, und ich werde sie daher zum Gegenstande einiger Vorlesungen machen. Keine Thierart giebt uns so viele Data über die Fortpflanzung und Erzeugung gewisser Eigenschaften durch die Generation und die Verbindung des männlichen und weiblichen Geschlechts, wie diese; theils weil der Ge- genstand in anderer Hinsicht wichtig genug ist, um eine ununterbrochene Aufmerksamkeit darauf zu richten; theils weil das Resultat gemachter Ver- suche sich schnell ergiebt, indem dieses Thier schon im zweiten Jahre zeu- gungsfähig wird, Unzählig sind die Arten des Schafgeschlechts, indem die in demsel- ben willkührlich zu bewirkende Begattung beständig neue Mittelgattungen und Abarten hervorbringt, die, in sich selbst fortgepflanzt, nach einer Reihe *) Vorgelesen den 8. Mäarz 1816. Physik. Klasse. 1816— 1817. 4A 2 TI haer von Generationen völlig constant werden. Brittannien hat über dreiſsig ver- schiedene Schafarten, die sich durch charakteristische Eigenheiten unterschei- den. Man hat neuerlich durch Kunst mehrere Mittelarten hervorgebracht, und sie, wenn sie dem wirthschaftlichen Zwecke angemessen waren, dann in sich fortgepflanzt und constant gemacht. Dieser Zweck war bei den Engländern starker, schneller Fleischansatz und Mastfähigkeit, auch schnelle Vermehrung; die Wolle war ihnen nur etwas Untergeordnetes. Schafe, die auch bei mäſsiger Futte- rung und Weide schon im zweiten Jahre ihre volle Ausbildung erreichten und mehrere Lämmer brachten, dann geschlachtet ein bedeutendes Gewicht von Fleisch und Fett lieferten, war ihr Ziel, welches sie auch zuvörderst durch die Bemühungen des berühmten und bei ihnen unsterblichen Schaf- züchters Bakewell, nachmals auf andere Art durch mehrere Schafzüchter, welche seine Grundsätze befolgten, möglichst erreichten. Es ist bekannt, daſs die ausgezeichneten Stöhre seiner Race zu ungeheuren Preisen bezahlt wurden, daſs er solche auf eine Sprungzeit zu 300 Guineen vermiethete und zu 500— 600 Guineen verkaufte, ungeachtet sie in der Wolle andern ein- heimischen Racen weit nachstanden. Der grolse Bedarf und der feine Ge- schmack am Fleisch bei dieser Nation macht den hohen Werth allein er- klärbar, bei der Ueberzeugung, die man davon hatte, dals ein solcher Stöhr seine Eigenschaften, wenigstens zum Theil, auf seine Nachkommenschaft fortpflanzen, und daſs eine wiederholte Zulassung solcher Stöhre endlich eine beständige und vollkommne Erhaltung dieser Eigenschaften hervorbrin- gen werde. Durch besonders ausgewählte und überlegte Kreuzungen wuſste Bakewell alles, vas bei einem Schafe überhaupt erreichbar war, zu er- zeugen und zu vereinigen, und man sagte von ihm, daſs er sich das Ideal eines Schafes zuvor schnitze, und es dann, durch wohlgeordnete Begattun- gen, in der Wirklichkeit darstelle. Bei uns und fast allen übrigen Europäischen Nationen ist dagegen die Wolle das Hauptziel, und das Fleisch nur ein Nebenzweck der Schaf- zucht geworden. Kein Schaf aber liefert, hinsichtlich der Feinheit und an- derer schätzbarer Qualitäten, vollkommnere Wolle als das Spanische Meri- noschaf, und deshalb sind wohl alle auf Verfeinerung der Wolle gerichtete Veredlungen durch dasselbe bewirkt. Dies Schaf aber ist keinesweges Spanischen Ursprunges, sondern eben- iber die Abarten der Merinoschafe. 5 falls daselbst eingeführt. Zu der Römer Zeiten war es daselbst nicht vor- handen, und die Spanische Wolle stand selbst der Italienischen bei weitem nach. Auch sind jetzt noch, auſser den wandernden Heerden, die eigentli- chen einheimischen Schafe in Spanien, unter den Namen Scurros, gröber von Wolle als unsere Landschafe. Ueber die Art und die Zeit dieser Einfüh- rung haben wir bis jetzt keine dokumentirte Nachrichten, sondern nur Tra- ditionen und Muthmalsungen, und diese lauten verschieden. Wahrschein- lich aber ist es zu Anfange des vierzehnten Jahrhunderts geschehen. Wo- her sie gekommen, liegt noch mehr im Dunkel; aber über das Meer ist es geschehen, und die Spanier selbst leiten den Namen Merino von Marino, Transmarino her. Aus dem Vaterlande der Mauren stammen sie nicht her, denn in den Akfrikanischen Küstenländern findet sich keine Spur von fein- wolligen Schafen, und überhaupt ist nirgends ein Schaf anzutreffen, was den Merino's in der Feinheit der Wolle gleichkäme oder sie überträfe, als in einigen am Persischen Meerbusen liegenden Gegenden, dem Lande Caschi- mir und der Persischen Provinz Kerman, woselbst die hochfeinen Tücher, die ursprünglich mit dem Namen Caschimir und Shawls benannt und zu ungeheuren Preisen im Oriente bezahlt wurden, herkamen. Dieses Schaf soll aber in seiner Natur wenig Aehnliches mit dem Merino haben. Es ist daher wahrscheinlich, daſs diese Race, so wie sie ist, nicht von auswärts eingeführt, sondern durch fortgesetzte Kreuzung der Spanischen Landschafe mit auswärtigen Widdern entstanden sey, und daher lälst es sich erklären, daſs es in dieser Race selbst noch so bedeutende Verschiedenheiten— die freilich nur dem geschärften Auge des Kenners recht auffallend sind — gebe. Bis vor Kurzem bestanden nur die groſsen wandernden Heerden, die das Recht der Mesta haben und jährlich zweimal, von Süden nach Norden im Frühjahre, und von Norden nach Süden im Herbste, die Mitte des Reichs durchziehen und die Unkultur eines breiten Streifens begründen, aus Meri- no's. Sie heiſsen deshalb Transhumantes, kommen nie in den Stall, auſser bei der Schur, welche auf der Mitte ihres Weges in dazu eingerichteten Schurhäusern geschieht. Vormals gab es gar keine feine Schafe in Spanien als in diesen wandernden Heerden, und man hatte auch daselbst das Vor- urtheil, daſs diese Race nicht anders als bei diesen Wanderungen gedeihe A 2 4 T haer und sich in ihrer Feinheit erhalte. Aber vor dem verheerenden Kriege hat- ten sich schon in Spanien viele kleine stehende Schäfereien(Estantes) ge- bildet, mehrentheils durch solche Edelleute und Gutsbesitzer, die den gro- ſsen Schäferei-Eigenthümern als Majoralen gedient hatten und Gelegenheit fanden, sich aus den wandernden Heerden einen Stamm anzueignen. Sie muſsten sich aber damit nach auſser dem Bereiche der Mesta liegenden Or- ten hinbegeben. Ein Theil dieser Estantes-Heerden hat durch die gröſsere darauf verwendete Sorgfalt und Auswahl der Individuen eine gröſsere Voll- kommenheit erreicht, als die besten wandernden Heerden; man muſste sie aber in den entferntern Gegenden des Reichs mühsam aufsuchen. Die Be- rühmteren fingen schon an, einen sehr hohen Preis auf ihre Thiere zu sSetzen. Unter den wandernden Heerden findet eine bedeutende Verschieden- heit statt, in der Qualität der Wolle sowohl, als in der Bildung des Kör- pers und den Formen einzelner Theile. Man unterscheidet zuvörderst die Leoneser-, Segovianer-, Sorianer-, Catalaner- und Extreminos-Heerden. Die Wolle behält diesen Namen im Handel, und der Unterschied des Preises ist bedeutend. Aber auch unter den einzelnen Heerden dieser Hauptstämme ist noch eine groſse Verschiedenheit, vorzüglich unter den Leonesern, die am meisten geschätzt sind. Die groſsen Heerden von Escurial, Infantado, Ne- gretti, Guadaloupe, Paular, Perales u. s. w. haben ihre besondern Eigenhei- ten. Jede Heerde hat ihren eigenthümlichen Stempel, der im Gesichte ein- gebrannt wird, und ich besitze eine Liste vom Jahr 1791, worin 140 Heer- den nach ihren Namen, damaligen Besitzern, Anzahl, Schurertrag, Schurhäu- sern und Stempeln aufgeführt sind. Den Stempel nachzuahmen, würde ein groſses Verbrechen seyn. Da die Verschiedenheit des Werths der Wolle so bedeutend ist, so scheint es fast unerklärbar, warum man nicht die schlech- tern Heerden durch Kreuzung mit Stöhren aus den bessern längst vervoll- kommnet hat, und es ist zweifelhaft, ob man es bloſs der Indolenz oder einem stolzen Eigensinne der Besitzer und ihrer Majoralen zuschreiben soll. Doch mag es auch seyn, daſs Manche durch eine gröſsere Quantität der Wolle das wieder zu gewinnen glauben, was ihr an der Qualität und dem Preise abgeht, wie das gegenwärtig bei uns der Fall ist. Uebrigens schei- nen vormals die Schäferei-Besitzer mit den einmal vorhandenen Eigenschaf- — iiber die Abarten der Merinoschafe. 5 ten ihrer Heerden zufrieden gewesen zu seyn, indem sie im Allgemeinen keine Auswahl unter ihren Stöhren machten, obwohl sich bei genauer Be- achtung, auch in der constantesten Race, einer vor dem andern auszeichnet und dann dies Auszeichnende vererbt. Sie lassen alle Widder unverschnit- ten zwischen der Heerde gehen und die Begattung geschehen, wie der Zu- fall es fügt. Daher dann die bedeutende Verschiedenheit der aus Spa- nien nach andern Ländern geholten Stämme. Ohne mich in eine ausführliche Geschichte der Einführungen der spanischen Merino's in die meisten Europäischen Staaten einzulassen, will ich hier nur einiges, uns zunächst liegendes, das von besonders groſsem Er- folge gewesen ist, erwähnen. Im Jahr 1764 kam eine Heerde nach Sach- sen, die dem Kurfürsten vom Könige von Spanien zum Geschenk gemacht wurde. Sie war wohl eine der ausgesuchtesten und feinwolligsten, die aus spanien gekommen sind, aber nur klein von Statur, gröſstentheils aus der Schäferei von Escurial genommen. Da sie, wie fast alle weit hergeführte Heerden, räudig ankam und man eine groſse Furcht für dieses Uebel hatte, dessen gründliche Heilung man nicht verstand, so ward sie nicht geachtet wie sie es verdiente. Man lieſs jedoch einige Jahre später eine andre Heerde in Spanien ankaufen und überbringen, die aus verschiedenen Schä- fereien herstammte und von stärkerem Körperbau, aber nicht von jener Feinheit und Gleichheit war, und deren Ueberbringer die Behandlung der Räude besser gelernt hatten. Jene erste Heerde muſste der letzteren Platz machen, ward verschiedentlich herumgeführt, und manche Private hatten Gelegenheit, sich aus derselben Thiere zu verschaffen; vor allen der um die Schafzucht so sehr verdiente Finck zu Lösitz, den man wegen der Räude zu Rath zog, und der sich dafür ein Häuflein vorzüglich angegriffener und unheilbar scheinender Thiere ausbat. Dieses Häuflein hat in den Händen des verständigen Mannes vielleicht am meisten zur Verbreitung der veredel- ten Schafzucht im nördlichen Deutschland beigetragen. Nachmals kam der noch übrig gebliebene Stamm der ersten Heerde, aber wohl nicht ganz rein erhalten, nach Lohmen und bildete die daselbst befindliche Stamm- Schäferei. Die zweite Heerde aber ward als Stamm-Schäferei auf den ver- schiedenen Vorwerken des Amts Stolpe aufgestellt. Aus den Abkömmlin- gen beider hat sich die eigenthümliche Sächsische Race gebildet, welche in 6 T h A Feinheit und Sanftheit der Wolle ohne Zweifel alle andre Racen in Eu- ropa übertrifft und jetzt entschieden den höchsten Preis auf allen Märkten erhält. Auſser der vorzüglichen ursprünglichen Feinheit ist dieses dadurch bewirkt, dals man in mehreren von ihr abstammenden Schäfereien eine Sorgfalt in der Auswahl der Individuen, wie bis dahin nirgends, anwandte, und dabei immer den Zweck der höchsten Verfeinerung, mit Hintansetzung anderer Qualitäten, vor Augen hatte. Kliphausen, Dahlen, Machern, Roxburg u. m. a. liefern eine Wolle, die bisher nirgends in gleicher Schönheit zu finden war, und die von Roxburg zeichnet sich durch ihre höchste Sanftheit noch vor allen aus, so daſs sie gewissermaſsen eine beson- dere Race constituirt.„ In den Oesterreichischen Staaten, besonders nach Mähren, sind schon zu Anfange des vorigen Jahrhunderts, in der Folge aber sehr häufig, von Seiten der Regierung und der Magnaten bedeutende Transporte von Meri- no's aus Spanien geholt und sowohl Kaiserliche als Erzherzogliche und private Stamm-Schäfereien davon angelegt worden. Es hatte sich daselbst aber ein anderes Ideal von Merinoschaf wie in Sachsen gebildet, welches man mit groſser Anstrengung verfolgte und wirklich erreichte. Man sah auf groſsen breiten Körperbau, Vollwolligkeit, Gedrungenheit des Flieſses, starken Fettabsatz in der Wolle, stark bis an die Spitze bewollete Beine und Köpfe, und setzte einen vorzüglichen Werth auf tief herabhangenden Kö- der, auf starke, Wulsten-bildende Hautfalten, besonders um den Hals, die den Thieren, besonders den Widdern, ein auffallendes, rauhes, imponirendes Ansehn gaben. Hiierauf richtete man die Aufmerksamkeit bei dem Ankauf in Spanien und bei der Auswahl der Zuchtsöthre in den Stamm-Schäfereien. Man vernachlässigte dagegen wohl zu sehr die Bücksicht auf höhere Fein- heit und Sanftheit der Wolle, wahrscheinlich in der Meinung, daſs diese bei Merinoschafen ohnehin hoch genug und bei den Leonesischen Racen in Spanien unübertrefflich sey. Daher rührt es, daſs bei den groſsen Anstren- gungen und ungemeinem Aufwande die Wolle aus den vorzüglichsten Oe- sterreichischen Schäfereien bei weitem den Preis nicht erreicht hat, der jetzt für die Sächsische Wolle auf allen Märkten bezahlt wird. Indessen ist es noch nicht entschieden, ob sie durch den stärkern Wollertrag, den ihre Hauptrace giebt, das ersetzen, was ihr am Werthe abgeht. Die Ener- iiber die Abarten der Merinoschaſe. 7 gie, womit übrigens die Veredlung der Schafzucht im Oesterreichischen be- trieben wird, geht aus den uns bisher unglaublich scheinenden Preisen her- vor, welche für die vorzüglichen, ihrem Ideale entsprechenden Zuchtsöthre in den öffentlichen Auctionen schon seit 18 Jahren bezahlt worden sind. 1500, 2000, 3000 Gulden silberwerth sind nichts Seltenes. Neuerlich scheint sich jedoch unter mehrern vorzüglichen Schäferei-Eigenthümern daselbst eine andere Ansicht zu verbreiten und der Zweck einer höhern Verfeine- rung des Haars mehr aufgefalst zu werden. Auch fängt man an, das Un- zweckmäſsige der groſsen Köder und anderer Auswüchse, so wie der Rau- heit der untern Beine und des Gesichts, anzuerkennen, indem sich auf die- sen Theilen immer nur grobe und haarige Wolle erzeugt; und es werden deshalb Stöhre aus Schäfereien Sächsischen Stammes daselbst beliebter und gesucht. Bei dem Grunde der Vollwolligkeit, den man dort gelegt, kann diese Kreuzung allerdings von dem glücklichsten Erfolge seyn; vielleicht nicht in den ersten Generationen, indem die Kreuzung zu heterogener Thiere oft unzweckmäſsige Verbindungen, hier vielleicht eine Vermischung von här- terer und sanfterer Wolle, hervorbringt, aber um so mehr in den folgen- den. Vorerst können wir die Oesterreichischen Merino's wieder als eine eigenthümliche Race betrachten, die von einem Kennerauge sogleich er- kannt wird. In die Preuſsischen Staaten lieſs schon Friedrich der Groſse gleich nach dem siebenjährigen Kriege zu wiederholten Malen Spanische, so wie auch andere ausländische Schafe einführen. Sie kamen aber in Hände, die sie nicht zu schätzen wulsten, und es ist nur hin und wieder noch eine schwache Spur von der Nachkommenschaft dieser ersten Stämme geblieben. Auf den Betrieb des Ministers Struensee lieſs unsers jetzt regierenden Kö- nigs Majestät die Erlaubniſs, eine bedeutende Anzahl aus Spanien auszufüh- ren, bei dem dortigen Hofe bewirken, und übernahm die allgemeinen Ko- sten bei diesem sonst auf Rechnung einer groſsen Anzahl von Gutsbesitzern zu machenden Ankaufe. Der jetzige Oberpräsident zu Münster, Herr Baron von Vinke, übernahm, ohne eigenes Interesse dabei zu haben, bloſs in pa- triotischer Hinsicht das Geschäft, und besorgte auf eine sehr mühsame Weise den Ankauf in Spanien, den er so vortheilhaft für die Interessenten ausführte, daſs das Stück, hierher gebracht, nicht über 30 Thaler zu stehen „ 3 T haer kam. Aus diesem Stamme sind viele und anfangs rein erhaltene kleine Heerden gebildet worden, die, je nachdem einer vor dem andern vorzügli- che Thiere erhielt und die ersten Begattungen glücklich traf, verschieden- artige Stämme gebildet haben. Jedoch kann meines Wissens keiner in der Feinheit und Sanftheit der Wolle den bessern Sächsischen Schäfereien gleich gesetzt werden, obwohl einige sie am Gewichte der Wolle übertreffen mö- gen Die meisten Besitzer dieser ächten Heerden sind nachher auch wohl zu Kreuzungen mit Sächsischen Stöhren geschritten. Die bei weitem grõſste Zahl der feinen Schäfereien in unserm Staate stammt aber doch ganz von Sächsischen her und ist mit ihnen gleichartig, so daſs auch die Wolle der vorzüglichsten unter dem Namen der Sächsischen Wolle in den Han- del kommt. Neuerlich aber, im Jahre 1815, ist bei der Anwesenheit unsers Kö- nigs zu Paris und durch dessen landesväterliche Vorsorge ein bedeutender Ankauf aus den dortigen vorzüglichsten und berühmtesten Merino-Schäfe- reien gemacht worden, wodurch nunmehr 3— 4 Staats-Stammschäfereien in verschiedenen Provinzen errichtet werden sollen, deren Oberaufsicht und Lei- tung Se. Majestät mir allergnädigst übertragen haben*). Um über diese höchst merkwürdige Heerde und ihre künftige beabsichtigte Behandlung Auskunft zu geben, muſs ich zuvor etwas über die Einführung der Meri- no-Racen in Frankreich sagen, indem uns diese Stämme dadurch mittelbar zugekommen sind. Ich rede nicht von den ältern Versuchen, die man mit Einführung der Merino's und ihrer Kreuzung mit Landschafen schon zu Anfange des vorigen Jahrhunderts in Frankreich gemacht hatte, noch von der durch Tru- 4) Diese Stamm-Schakereien sind jetzt in der Kurmark zu Frankenfelde, in Schlesien zu Parken, in Sachsen zu Petersberg eingerichtet, und eine vierte soll, sobald es die Vermehrung der Heerde erlaubt, in Preufsen angelegt werden. Die Administration der zu diesen Instituten eingeräumten Domainen-Güter ist aus dem Ressort der übrigen Do- mainen-Verwaltung geschieden und dem Oberaufseher untergeben. Aus dem Ueberschuſs des Ertrages über das bisherige Pacht-Quantum wird ein Fonds zur Beförderung der Landwirthschaft, auch in wissenschaftlicher Hinsicht, nach des Königs allerhöchster Be- stimmung gebildet. A. d. V. iüber die Abarten der Merinoschaſe. 9 Trudaine und Daubenton begründeten Stamm-Schäferei zu Rambouillet und Alford, und verweise deshalb auf Lasteyrie Histoire de Pintroduction des moutons à laine fine d Espagne, Paris 1802. Dieses Institut ward durch den thätigen Eifer des jetzigen Intendant géenéral des bergeries royales et des depòts de mérinos, Mr. Tessier, in den rohesten Zeiten der Revolu- tion nicht ohne Gefahr aus den Klauen der mörderischen Räuber gerettet und schon unter dem Direktorium wieder hergestellt und gesichert. Ich fange nur da an, wo Lasteyrie aufhört. Napoleon erkannte die Wich- tigkeit dieses Gegenstandes für den National-Reichthum, und er hat auf keinen Zweig der Industrie so viele Sorgfalt und ein so bedeutendes Capi- tal verwendet, als auf diesen. Er setzte Macht, Geld und Kenntnisse in Bewegung, um das Beste nach Frankreich herüber zu ziehen, was in Spa- nien aufzufinden war. Er benutzte selbst den Ehrgeiz der Grolsen seines Reichs, um einen Wetteifer über den Besitz der schönsten Heerde zu erre- gen. Die Kaiserin Josephine hatte, wie für alle ländliche Gegenstände, so auch für die Schafe, eine besondere Liebhaberei, und sie bewirkte es, daſs der schon auf dem schwankenden Throne sitzende König von Spanien und sein Friedensfürst ihr die Galanterie mit dem Geschenk einer bedeu- tenden Heerde machten, die sie aus ihren eigenen Schäfereien auswählen lassen konnte, was durch die geübtesten Schafkenner sogleich ausgeführt wurde. Sie theilte die Heerde mit ihrem Sohne Eugen Beauharnois, und sie ward theils in Malmaison, theils in Ferté Beauharnois aufgestellt. Am Hofe und in den engern Zirkeln der Bonapartischen Familie war fast nur die Rede von Merino's, die der Kaiserin in Malmaison aus der Hand fraſsen. Die Generale und die Minister benutzten fortwährend ihre Macht und ihren Einfluſs in Spanien, um sich und ihren Protégés die schönsten Merino's, die aufzutreiben waren, aus Spanien zu verschaffen, durch Geld, durch Versprechungen und durch Raub, wie es die Umstände mit sich brachten. So ging dann das Beste, was in Spanien war und was man schon lange vorher mit scharfem Auge ausgekundschaftet hatte, nach Frankreich über, und wenn die Spanischen Heerden es verloren, so ward es doch für Europa gerettet, indem das dort Verbliebene durch die Verhee- rungen des Krieges fast unterging. Die Zahl der Merino's in Spanien hat sich, nach ziemlich bestimmten Angaben, von 10 Millionen auf 3 ½ Million vermindert, und was da geblieben, ist so schlecht und so vermischt, daſs Physik. Klasse. 1816— 1817. B 10 7 hAAr die Wolle zu sehr niedrigen Preisen verkauft werden muſs; weswegen sich auch bei den vormaligen groſsen Schäferei-Eigenthümern kein Trieb äuſsert, sie wieder herzustellen, um so weniger, da ihnen das Recht der Mesta strei- tig gemacht wird, und die Krone und die Geistlichkeit, die ihre Schäfereien ganz verloren haben, sich nicht darum bekümmern. Einige verständige kleine Grundbesitzer bemühen sich, aus Frankreich wieder etwas Preiswür- diges zu erhalten. Nach Frankreich muſste man also gehen, um hochedle Merino's zu holen, und der Zeitpunkt war sehr günstig. Die groſse Vorliebe war mit dem Abgange der Kaiserin Josephine schon erkaltet, und die immer zu- nehmende Herrsch- und Eroberungssucht Napoleon's gab diesem friedli- chen Betriebe keine Nahrung mehr. Wie nun die Drangsale des Krieges auf Frankreich zurückprallten, ein Theil der Schäferei-Eigenthümer sich ge- Hüchtet oder versteckt hatte, und man bei der Ueberströmung fremder Heere das Geld für sicherer als die Heerden hielt, konnte man zu billigen Preisen kaufen. Denn alles, was zu uns gekommen, ist vom Staate und mehreren Privaten richtig bezahlt, nicht geraubt oder abgedrun- gen worden. Die Heerden, welche, oder aus welchen auf königliche Rechnung ge- kauft worden, sind: 1) Die des Hrn. Bourgois zu Roseau, Administrators von Rambouil- let, welche, nach dem Urtheil aller Kenner, der von Rambouillet völlig gleich kommt. 2) Eine dem unglücklichen Murat gehörige und einem Herrn Dailly zu Trappe übertragene. 3) Eine dem Marschall Moncey gehörige und von ihm aus Spanien geschickte. 3 4) Eine dem Hrn. Dailly zu Sartorie gehörige. über die Abarten der Merinoschafe. 1 5) Eine einem gebornen Engländer, der sich bei Paris angesiedelt, Hrn. Parcker, gehörige. 5 6) Die des verdienstvollen Grafen Morel de Vindée, aus welcher wir aber nur Stöhre, worunter einige von ausgezeichneter Schönheit, andre sehr mittelmäſsig sind, und gar keine bedeutende Mütter er- hielten*). So krankhaft diese Thiere nach einer sehr beschwerlichen Winterreise hier angekommen sind, und so groſs der Verlust ist, den sie schon erlitten und noch erleiden werden, so ist es doch ein unschätzhares Geschenk, was der König seinem Lande gemacht hat, und der dafür bezahlte Preis ist in Hin- sicht des Vortheils, den sie bringen werden, unbedeutend. Es ist nicht zu leugnen, daſs sich viel Mittelmäſsiges und auch einiges ganz Schlechtes dar- unter befinde, aber auch manches so Vorzügliches, daſs es, auſser diesen Conjuncturen, zu erhalten vielleicht unmöglich gewesen wäre; gewiſs nicht zu Napoleon'’ss Zeiten. Die aus den genannten Schäfereien gekauften Stämme sind mehr oder weniger, einige aber sehr auffallend in der Natur ihrer Wolle, auch in ih- rem Körperbau und ihrer Physionomie verschieden. Nicht alle aus einer und derselben Schäferei herkommende, aber doch die Mehrheit, haben ein eigenthümliches Gepräge. Würden sie ohne Auswahl bei der Begattung un- ter einander gemischt, so würden ohne Zweifel sehr tadelhafte Progenitu- ren entstehen, und viele Generationen erforderlich seyn, bevor sich wieder etwas Harmonisches bildete. Was also in den Stämmen charakteristische Ei- genheiten hat, muſs abgesondert in sich erhalten und fortgepflanzt werden. *) Auch ward bald nachher eine beträchtliche Heerde, die von dem General Castella aus Spanien nach der Schweiz geschickt war, auf königliche Rechnung erkauft. Und wie nachmals die Herren Gebrüder B ö king den Rest der oben erwahnten Heerden zu Mal- maison und Ferté Beauharnois, so wie einen Theil der Chaptalschen zu Chanteloup, zu erstehen Gelegenheit gefunden hatten und sie dem Staate antrugen, wurden sie eben- falls auf allerhöchsten Befehl gekau ft und sämmtlich dem Stammschaferei-Institute einverleibt. B 2 12 TI haer Jedoch wird man einige zweckmäſsig scheinende Kreuzungen mit Vorsicht versuchen*). Zwar ist von allen erfahrnen Viehzüchtern die Besorgniſs, daſs eine Begattung in naher Verwandtschaft ein geschwächtes und tadelhaftes Ge- schlecht hervorbringe, als ein Vorurtheil anerkannt. Vielmehr siehet man es jetzt als den einzigen sichern Weg an, vorzügliche und seltene Qualitä- ten zu erhalten und in der Descendenz constant zu machen, daſs man die Thiere, die sie vom Vater oder Mutter ererbt haben, in nächster Verwandt- schaft zusammenbringt. Aber eben so gewiſs ist es, daſs Fehler sich ver- erben und immer dabei vergröſsern. Selbst an sich gute und wünschens- werthe Qualitäten werden im Uebermaaſs zum Fehler. So gehet Sanft- heit der Wolle in tadelhafte Weichheit und Schlaffheit, eine starke, elasti- sche Kräuselung in Verworrenheit und Zwirnung über, wenn diesem Ueber- maaſse nicht durch eine richtig ausgewählte Begattung vorgebeugt wird. Und in so fern ist die alte Meinung, daſs zu Zeiten eine Erfrischung des Bluts— wie man es nennt— durch fremde männliche Thiere nöthig sey, *) Nach völlig hergestellter Gesundheit der Thiere, und bei der zweiten und dritten, unter zweckmäſsiger Haltung herangewachsenen Schur, hat sich die Wolle doch anders gestal- tet, wie es bei der ersten schien. Theils gingen die Eigenthümlichkeiten einiger Racen bestimmter hervor, theils zeigte es sich aber auch, dals das, was man dafür annahm, nur eine Folge der Kranklichkeit und widernatürlichen Haltung gewesen war. Es sind da- her jetzt in der Frankenfelder Schaferei folgende vier Hauptstämme constituirt worden, deren Benennung von ihrem Ursprunge beibehalten worden. 1) Die Moncey's, zu welchen ein Theil der Malmaison's gekommen. 2) Die Rambouillet's, zu welchen ein anderer Theil der ilinen homogenen Mal- maison's gekommen. 3) Die Murat', mit welchen der grölste Theil der Dailly's verbunden. 4) Die Chanteloup's. Ein Haufen minder charakteristischer Mütter ist auf Antrag des Administrators Herrn Lezius mit Möxgliner Stöhren aus dem Roxburger Stamm jetzt zusammengebracht, um den Ver- such dieser Verpflanzung der höchstfeinen Wolle auf Körper mit gedrungenerm Fliels zu machen; so wie dagegen in Möglin höchstfeine Sächsische Schafe mit Stöhren von Mo- rel de Vindée und Malmaison begattet sind. In Parken werden die Malmaison's bisher abgesondert erhalten. Nach Petersberg sind ausgewahlte Sröhre aus Frankenfelde zu den dortigen Castellaschen Schafen gesandt worden, da eine Kreuzung dieser Heerde drin- gend nöthig schien. A. d. V. uüber die Abarten der Merinoschaſe. 13 dennoch richtig. Dies ist nun auch wohl der Fall mit den hochfeinen’, in Sachsen gewissermaſsen gebildeten, Merino-Stämmen— denn sie finden nirgend ihres Gleichen— die aber ein zu loses, fladdriges, weniger ergie- biges Flieſs, ein zu weiches Haar mit zu geringer Elasticität, einen zu schmalen Körper hin und wieder zu bekommen anfangen. Hiergegen fin- den wir ein sicheres Gegenmittel in unserer aus Frankreich erhaltenen Stammschäferei, indem wir Thiere haben, die in der Dichtheit des Flieſses, einer wohlgeordneten Kräuselung und Elasticität des Haares und gedrunge- nem breitem Körperbau alle Sächsischen Heerden bei weitem übertreffen, ohne ihnen in der Feinheit nachzustehen; ob ich gleich nicht behaupten kann, daſs wir irgend eines hätten, was in letzterer Qualität den vorzüg- lichsten Sachsen den Rang abgewönne. In dieser Hinsicht wird also unsere Stammschäferei auch für diejenigen, welche schon einen hochfeinen Stamm Sächsischer Abkunft besitzen, sehr wohlthätig seyn, wenn sie mit Kenntniſs wählen. Für diejenigen aber, welche die Veredlung erst angefangen haben, oder darin begriffen sind, ohne schon einen hohen Grad erreicht zu ha- ben, kann unsere Stammschäferei einen sicherern und derberen Grund legen und wahrscheinlich schnellere Fortschritte bewirken, als es durch Stöhre aus den hochfeinen Sächsischen geschehen würde. Dichtheit, Elasticität und guter Körperbau muſs hier besonders berücksichtigt werden; die höchste Feinheit und Werth der Wolle ist doch erst in späteren Generationen zu erreichen. Herr Piotet hat schon längst die Behauptung aufgestellt, daſs die Veredlung mit den aus Rambouillet erhaltenen Stöhren weit schneller als mit Sächsischen vorschreite, und ich glaube, daſs er in gewisser Hinsicht Recht habe, obgleich sein angegebener Grund— weil alle Sachsen Metis wären— offenbar falsch ist. Freilich sind bisher viele Metis als Sprung- stöhre genommen worden, weil man sie wohlfeil haben konnte, und damit ist man nun sehr wenig vorgeschritten. Aechte, reine Merinostöhre werden immer theurer, und es bleibt unsicher, ob man sie aus Privatschäfereien er- hält. Die aus den Französischen Heerden sind zuverlässig reiner Abkunft, wenn sie auch zum Theil minder fein sind, wie vielleicht ein oder anderer Metisbock. Zur Veredlung sind daher auch die weniger feinen, die vorerst in unseren Stammschäfereien noch fallen werden, höchst schätzbar, wenn 14 Thaer über die Abarten der Merinoschafe. man sie gleich denen, die es schon hoch gebracht haben und Electa- und Prima-Wolle erzeugen, nicht empfehlen kann. Die in der Stammschäferei enthaltenen mannigfaltigen Stämme und ausgezeichneten Individuen werden mir Gelegenheit geben, manche Versuche anzustellen und Beobachtungen zu machen, die vielleicht wichtige Resultate hinsichtlich des Einflusses des männlichen und weiblichen Geschlechts bei der Zeugung geben können, und die der Beachtung einer hochpreislichen Akademie nicht unwürdig seyn möchten. Jetzt habe ich nur den Stand- punkt derselben zu Anfange darstellen wollen. OelG 10100/9 nluUM PruebeN P8 MOIIOAX u1 uAO onlG 801eulgdee 81 21 84— 6 2n 9 oi 8 8 2— U 1 ſ 1 ſo 11 1 1 1 ſs. 4. le. 1 14 b 1— ſe