——— „——— 1. — — 4 ꝛ* — — Giessen U Ueber 1 die Gesetze der Natur, welche der Landwirth bei der Veredlung seiner Hausthiere und Hervorbringung neuer Raſsen beobachtet hat und befolgen muſs. Von Herrn THAER*). Sohon Drelingcourt zäühlte 262 verschiedene Hypothesen über die Fr- zeugung auf, die er sämmtlich für falsch erklärte. Nichts sey gewisser, sagt Blumenb ach, als daſs er dann die 263ste falsche hinzugefügt habe. Wie viele nun seitdem in unsern hypothesenreichen Zeiten noch hinzuge- kommen sind, würde sich kaum ausmitteln lassen, wenn auch jemand diese Mühe übernehmen wollte. Diese mannigfaltigen Theorien theilen sich in drei Hauptklassen: 1) In solche, welche den Keim bloſs für männlichen Ursprungs hal- dten, und das weibliche Organ nur als den Auffangungs- und Ernährungsort betrachten. Unter den Theorien dieser Classe haben die Leuwenhoekschen Samenthierchen zu ihrer Zeit die meiste Aufmerksamkeit erregt. 2) In solche, die den Keim im weiblichen Organe suchen, und die männliche Einwirkung nur in der Belebung desselben setzen; unter wel- chen die Bonnetsche Theorie von den seit Erschaffung der Welt präfor- mirten Keimen, in Ansehung des Beifalls, den sie eine Zeitlang erhielt, an der Spitze steht. 3) In solche, welche dem männlichen und weiblichen einen glei- chen oder fast gleichen Einfluſs bei der ersten Bildung des Keims zugeste- *) Vorgelesen den 1¹ten Juni 1812. 1 — 2 Thaer hen. Unter diesen ist ohne Zweifel die, welche die Bildung des Keims einer Krystallisation gleichsetzt, die aus der Verbindung zweier verschiede- ner Stoffe entsteht, wenigstens die einleuchtendste und analogisch begreif- lichste.. Wenn wir diese Theorien an die Erfahrung oder an die Erscheinun- gen halten, die uns, insbesondere dem Landwirthe, täglich vorkommen, so bleibt kein Zweifel übrig, daſs nur die dritte Classe der Wahrheit am näch- sten komine. Der gleiche oder fast gleiche Antheil, welchen der Vater um die Mutter an dem jungen Thiere haben, ist um so unverkennbarer und in die Augen springender, je heterogener das männliche und weibliche Thier war, was man zusammenbrachte.. 1 - Es fallen hierbei aber Verschiedenheiten vor, deren Gesetze noch nicht genugsam ergründet sind, und die man daher bis jetzt bloſs dem Zufalle zuzuschreiben geneigt ist. Zuweilen scheint es, daſs sich der Einfluſs beim Zeugungsakte 80 gleichmäſsig und so innig getheilt habe, dals der väterliche und mütterliche Charakter in der ganzen Gestalt und Bildung aller Theile verrischt sey. Man kann mickhit sagen, daſs in diesem oder jenem Theile des Körpers das Väterliche und das Mütterliche vorherrsche,— es scheint zuweilen so, als ob man den Vater hier erblicke, wenn man das Thier von einer Seite betrachtet; dagegen aber fällt an demselbigen Punkte wieder das Mütterliche auf, wenn man eine andere Ansicht wählt. Jedermann wird dasselbe auch bei den menschlichen Physionomien bemerkt haben, und wie verschieden die Urtheile sind, wenn von der Aehnlichkeit einer gegenwär- tigen Person mit dem Vater oder der Mutter, oder mit den Grolsältern, in einer Gesellschaft gesprochen wird. Zuweilen aber ist der gröſsere An- theil des Vaters oder der Mutter, an diesem oder an jenem Theile, oder auch am ganzen Charakter des Thiers, unverkennbar. Manche, die sich ins- besondere mit der Viehzucht beschäftigten, glaubten bemerkt zu haben, dals bei einer bestimmten Thierart dieser oder jener Theil des Körpers— die äuſsere Form oder die innere Organisation, das Temperament, gewisse nutz- bare Eigenschaften— sich mehr vom Vater, andere mehr von der Mutter vererbten. Eine weitere Umsicht aber, und schon der Widerspruch und die Verschiedenheit der Beobachtungen, welche diese und jene Praktiker für das Eine oder für das Andere anführen, zeigt, daſs hierin nichts Beständi- ges zu finden sey. Zuweilen ist aber auch bei einem jungen Thiere der einseitige Einfluſs des Vaters oder der Mutter in der ganzen Bildung un- Ver- über Veredlung der Hausthiere. 3 verkennbar, so daſs es durchaus in allen Theilen und Eigenschaften mehr jenem als dieser, oder umgekehrt, gleicht. Es giebt einige Gründe, diesen Erfolg nicht bloſs dem Zufalle, sondern der gröſsern Energie, welche der eine oder der andere Theil im Zeugungsakte äuſserte, beizumessen. Gewilſs ist es, daſs man bei dem Züchten der meisten Hausthierarten bemerkt hat, daſs ein Hengst, ein Stier, ein Widder vor dem andern die Eigenschaft be- sitze, seine Aehnlichkeit prädominirend zu vererben. Bei den kostbaren Hengsten der englischen sogenannten Blutpferde wird der Werth und das Sprunggeld eines solchen erstaunlich erhöhet, wenn er in den Ruf kommt, daſs er vorzüglich gut vererbe, und dieser Werth steht dann im Verhält- niſs gegen den eines andern von übrigens bessern Qualitäten so hoch, dals man es sich, ohne diesen Umstand zu kennen, nicht erklären kann. Dage- gen giebt es aber auch weibliche Thiere, deren Progenitur ihnen so ähn- lich bleibt, daſs man die Einwirkung des männlichen kaum bemerkt. Manch- mal aber bemerkt man auch, daſs wenn dieselben Thiere eine Reihe von Jahren hindurch gepaart werden, das Junge zuweilen sehr auffallend nur dem Vater, zuweilen nur der Mutter gleiche: eine Bemerkung, die auch bei dem Menschengeschlecht in den Ehen sehr hãufig gemacht wird. In jenem Falle kann man also wohl eine durchaus überwiegende Kraft, im letzteren nur eine, in dem besonderen Zeugungsakte mehr oder minder an- gespannte, annehmen. Bei Hengsten, Stieren und Widdern, die überhaupt, und vorzüglich wenn sie zum Zeugungsakte gelassen werden sollen, ein vorzügliches Feuer äuſsern, erwartet man die Vererbung der väterlichen Ei- genschaften am meisten, und macht es sich daher zur Regel, ein solches feuriges Thier zum Stammvater des Viehstapels auszuwählen, wenn man zugleich seine übrigen Qualitäten fortzupflanzen wünscht. Indessen hat man auch Beispiele, wo dieser Anschein und diese Erwartung sehr trog. Eine sehr auffallende aber zuverlässige Bemerkung ist die, daſs wenn ein Thier der ersten Generation auch seinem Vater oder seiner Mutter durchaus nicht gleicht, in seiner Progenitur oder in der dritten Generation dennoch das ganz verwischte Bild jenes Groſsvaters oder Groſsmutter wie- der hervorkomme; selbst dann, wenn die Paarung der zweiten Generation zwischen zwei Individuen geschehen ist, die aus derselben Paarung entstan- den, und die beide mit ihrem Vater oder Mutter nichts Aehnliches hatten. Man bemerkt das Wiedererscheinen der groſsväterlichen oder groſsmütterli- chen Physionomie auch bei den Menschen sehr häufig, wenn sie beim Va- Physik. Klasse 1812— 1813. B — † 8 Nhaer 2 ter oder bei der Mutter gar nicht bemerkbar war. Unter den Thieren hat man es am häufigten bei den Schafen beobachtet. Bei der Paarung unserer Landschafe mit Merinoböcken fallen nicht selten Lämmer schon in der er- sten Generation, die den Merinos beinahe gleich kommen. Verbindet man aber diese sogenannten Mestizen, auch mit strengster Auswahl der am mei- sten veredelten zusammen, so kommen wieder Thiere hervor, die ganz auf die Groſsmutter oder das Landschaf zurückschlagen, und ein solcher Schlag pleibt dann auch mehrere Generationen hindurch— d. h. wenn keine neue Zumischung von der reinen Raſse hinzukommt— lange inconstant; pflegt sich aber doch am Ende in eine Mittelgattung festzusetzen. Veredlung nennt der Landwirth, nach der Begriffssphäre seines Gewerbes, wenn er eine Thierraſse so verändert, daſs sie dem Zweckée oder der Benutzung, die er damit beabsichtigt, näher komme oder ihn besser er- fülle. Damit stimmt auch sein Begriff von der Schönheit eines Thiers über- ein, und er behält den alten empirischen Begriff: Uebereinstimmung aller Theile, zum Zwecke des Ganzen— bei, und setzt seinen Zweck viel- leicht an die Stelle des Naturzwecks. Um den ästhetischen Schönheitsbe- griff bekümmert er sich nicht; und sollte es auch in der Regel nicht um konventiomelle Schönheit, welche wie die Mode wechselt, thun. Er fordert daher ganz andere Formen und Eigenschaften bei einem schönen Reitpferde, als bei einem schönen Zug- oder Arbeitspferde, andere bei einem zum Fett- machen, zum Zuge oder zum Melken bestimmten Rinde, andere bei einem zum Wollertrage gehaltenen, als zu einem schnell schlachtbar werdenden Schafe. Der vorsichtige und nachdenkende Viehzüchter hat allemal einen bestimmten Zweck vor Augen, den er nach dem grölsesten Vortheil, wel- chen er bei seinen Verhältnissen erreichen kann, festsetzt, insbesondere, wenn ihn die Erfahrung gelehrt hat, daſs mehrere dieser Zwecke nicht zu- gleich erreichbar sind, wie z. B. feine Wolle und schnelle Ausbildung des Körpers beim Schafe, oder vorzligliche Mastfähigkeit, Milchergiebigkeit und gröſsere Theil der 5 Landwirthe hierbei oft zwecklos, aber er sollte es nicht thun, und die vor- Muskelkraft im Zuge beim Rinde. Freilich verfahrt der 21 iglichsten Viehzüchter, die es in einer Gattung zu einer hohen Vollkom- menheit brachten, hatten sich nur ein einziges Ziel, ein Ideal, vorgesteckt. über Veredlung der Hausthiere. 5 Diese Veredlung bewirkt der Landwirth hauptsächlich auf zwei We- gen. Der eine ist: die Veredlung einer constanten Thierraſse in sich selbst; der andere: mittelst Durchkreuzung zweier verschiedenen Raſsen. Der erste oder die Veredlung in sich selbst— von den Eng- ländern, die immer in dieser Angelegenheit unsre Méister bleiben müssén, breeding in and in genannt.— Wie die mehr oder minder auffallenden Verschiedenheiten derselben Thierarten, die wir Raſsen nennen, entstanden seyn mögen, liegt noch im Dunkeln. Erschuf die Natur nur ein gleichar- tiges Paar von Hunden, von dem Geschlechte des Rindviehs und von Scha- fen? und sind alle die Verschiedc neiten zwischen dem spitzohrigen Schä- ferhund, dem Dachshund, dem Windspiel und Pudel, dem Auer- Büuffel- und Hausochsen— die sich miteinander nachhaltig fruchtbar begatten— dem grobwolligen dickschwänzigen, wallachischen, russischen, und dem fein- wolligen Merino- oder leichtem gazellenartigen schottländischen Schafe, nur durch die Einwirkung des Klima, der verschiedenen Lebensart und Nah- rung entstanden?— Es läſst sich nicht bestimmen, welchen Einfluſs diese Umstände in der unabsehbaren Folge der Generationen in einem unenqdli- chen Zeitraume gehabt haben können; aber bemerkbar ist der Einfluſs die- ser Umstände auf die Abänderung des Wesentlichen einer Raſse nicht. Zwar erleiden diese Thiere eine anscheinende Ahänderung, wenn sie, auch ohne Einmischung fremden Bluts, in ein anderes Klima versetzt werden, oder eine andere Verpllegung und Nahrung erhalten. Aber die in den neueren Zei- ten mehr darauf gerichtete strengere Beobachtung hat gezeigt, daſs diese Abänderung nicht constant sey. Englische und schottische Thierarten, wel- che man in wärmern Ländern, in die heiſseste Zone brachte, zeigten in ih- rer Deszendenz eine merkliche Abänderung. Insbesondere bekam das Schaf eine gröbere, mehr haarigte und dünnere Wolle. Man brachte diese Thiere aber wieder nach England zurück; schon dieselben Individuen zeigten nach einem Jahre einiges Zurdokschlagen. ihre Deszendenz aber eine vollständige Rückkehr zu ihrer ursprünglichen Beschaffenheit. Das an reiche Fettwei- den gewohnte Niederungs- oder groſse Schweizervieh verkümmert bald auf mageren Weiden, und in seiner Deszendenz erkennt man kaum mehr sei- nen Stamm. Aber wenn er zurückgeführt wird auf reiche Weiden, oder kräftig genährt wird im Stalle, so kommt seine Progenitur allmählig wie- der zu der ursprünglichen Stärke und Gestalt seiner Voreltern. B 2 6 Thaer 1. Indessen giebt es unter den Individuen desselben Stammes oder der- selben Raſse einige, die sich in diesem oder jenem Stücke, in der Form oder in gewissen Qualitäten, besonders auszeichnen, und diese anfangs indi- viduelle Verschiedenheit erbt fort, insbesondere wenn ein männliches und weibliches Thier, welche sich auf eine gleiche Weise auszeichnen, ge- paart werden, und diese Paarung dann in derselben Familie, Wiederum mit Auswahl derjenigen Individuen, die den ausgezeichneten Charakter besitzen, konsequent fortgesetzt wird. Vorzüge und Fehler erben hier fort, und wenn man von der Begattung in derselben Familie Nachtheil verspürt hat, so war es nur in dem Falle, dalſs sie einige schlechte Qualitäten hatte, die sich dann immer verstärkten. Im Gegentheil vererbte man dadurch und ver- vollkommnete gute Qualitäten, und das vormals gefürchtete und vermie- dene Paaren in der nächsten Verwandtschaft ist in den neueren Zeiten von den glücklichsten Viehzüchtern mit besonderer Aufmerksam- keit angewandt worden, wenn sie eine gute Eigenschaft vererben und cine Raſse bilden wollten, die sich dadurch auszeichnete. Die Erfah- rung lehrt, daſs eine eminente Gröſse des Körpers, eine vorzügliche Aus- dauer des Athems beim Pferde, eine ungewöhnliche Milchergiebigkeit, aus- gezeichnete Feinheit und Vollheit der Wolle, auch besondere Eigenthüm- lichkeiten in den Verhältnissen des Gerippes, gich bei Individuen eines Stam- mes finden, und wenn diese ausgewählt zusammengebracht werden, sich in ihrer Deszendenz fortpflanzen. Ja, es scheint als ob die durch äuſsere, so- gar mechanische Einwirkungen verursachten Gestaltungen, sich vererbten. ich habe in den Zeiten, wie schon mehrere Generationen hindurch unter den vornehmeren Ständen die Füſse der Frauen, zuw- eilen auch der Män- ner, durch sehr enge Schuhe und hohe Hacken von Kindheit auf verunstal- tet wurden, sehr bestimmt bemerkt, daſs fast alle Kinder in diesen vorneh- meren Ständen mit herab- und seitwärts, n nach dem groſsen Zchen zu, ge- bogenen kleinen Zehen, und mit widernatürlich herausgebogenem Tarsus ge- poren wurden, so daſs ich mich daran ein Damen nkind von einem Weiberkinde zu unterscheiden vermaſs! Ich habe nachher irgendwo eine ähnliche Be- merkung gelescn. Unter mehreren Beispielen von Thieren führe ich eins an, welches mir genau bekannt ist: einer jungen Kuh schwor im dritten Jahre ihr linkes Horn ab; wodurch? ist nicht bekannt. Sie hatte nachmals drei Kälber, die auf derselben Seite nur lose an der Haut sitzende kleine Kolben, keine Hörner bekamen. Ist vielleicht die Raſse von kolbi igtem, — ——ʒ:·————-d—— —;—;— — iber Veredlung der Hausthiere. 7 hörnerlosem Rindvieh, welche sich an mehreren Orten, besonders in Schott- land findet, auf diese Weise entstanden? Diese Veredlung einer Thierraſse, durch sorgfältige Auswahl und Paarung der Individuen in derselben Familie, durch fernere Auswahl fort- gesetzt, ist es also, was man das Züchten in sich selbst nennt. Dies war die Methode des gröſsten Viehzüchters in der Welt, Bakewell zu Dishley in Leicestershire, welcher sie mit Pferden, Rindern, Schwei- nen, vorzüglich aber mit Schafen betrieb. Er brachte eine besondere Schaf- ralse hervor, welche sich durch folgende Eigenschaften auszeichnete und empfahl: sie brachte. im ersten Jahre ihres Lebens in der Regel zwei auch wohl drei Lämmer, säugte selbige auf, ward dann noch in demselben Jahre mit sehr mäſsigem Futter oder Weide gemästet, und kam zu einem reinen Fleischgewichte von 80 bis 100 Pfund. Knochen und alle Abfalls- theile waren äulserst fein, damit sich die nährenden Theile nur zu Fleisch und Fett absetzen mögten. Sie hatte zugleich ein sehr ruhiges phlegmati- sches Temperament, was für die Mastfähigkeit so wesentlich ist. Wolle gab sie reichlich, aber nur Kämmwolle, keine kräuselnde, und auch jene nicht von ausgezeichneter Feinheit; denn Bakewell vemogte es darin nicht auf den Grad zu bringen, den er wünschte, ohne andere Eigenschaften die- ses Thiers aufzuopfern. Er änderte diese Raſse mannigfaltig ab, nach dem Wunsche seiner Kunden, und bildete verschiedene sich auszeichnende Un- terraſsen. So hatte er es z. B. dahin gebracht, daſs die Beine so kurz wur- den, daſs die Thiere nur mit Mühe von einer Koppel zur andern gebracht werden konnten. Manchem war doch dies nicht passend, weil die Schafe dadurch zu weiten Wegen und zum Einbringen in die Horden unfähig ge- macht wurden. Er stellte also bei einem Theile sehr bald längere Beine wieder her.— Alle Engländer, selbst die Gegner seiner Raſsen, bezeugen einstimmig diese Kunst und diese Gewalt über die Bildung des thierischen Körpers. Lord Sommerville, der kompetenteste Richter und sonst ein Gegner der Bakewellschen Raſse, sagt von ihm: es sey als ob er sich ein Schaf nach seinem Ideale habe zusammensetzen und demselben dann das Leben geben können. Ein Theil seiner Böcke ward auf eine Springzeit bei den öflentlichen meistbietenden Vermiethungen mit 400 Guineen, einzeln noch ungleich höher bezahlt von solchen, welche sich diese für die engli- schen Verhältnisse so vortheilhafte Raſse anziehen wollten. Es ist indessen wahrscheeinlich, dals er den ersten Stamm dieser neuen Ralſse durch Kreu- 8 3 Thaer zung verschiedener Arten zuerst hervorgebracht habe, woraus er aber ein Geheimniſs machte. Nachmals paarte er aber nur in der nächsten Verwandt- schaft, je mehr eine Familie seinem Zwecke entsprach. Der zweite Veredlungsweg ist die sogenannte Durchkreuzung, und diese unterscheidet sich wiederum in zwei Methoden. a) Man will durch eine fortgesetzte Zubringung der männlichen Thiere eines edleren Stammes die mütterlichen Eigenschaften ganz verlö- schen und sie den väterlichen võöllig gleich machen. Diesen Zweck kann man unfehlbar erreichen, wie die Veredlung durch spanische Böcke bei uns augenschcinlich gezeigt hat. Man kann die Grade der fortgepflanzten Ver- edlung a priori berechnen, und dies trifft, an die Erfahrung gehalten, meh- rentheils zu. Wenn zwei Thiere von verschiedenen Raſsen, das männliche A und das weibliche B, gepaart werden, so bringen sie ein Junges C, welches in der Regel gleich viel von der Natur des Vaters und der Mutter hat. Wird dieses weibliche Thier wieder mit einem männlichen von der Ralse A besprungen, so erfolgt ein junges Thier D, welches zwei Theile von A und einen von B hat. Wird dieses wiederum mit A gepaart, so entsteht E, welches drei Theile von A und einen von B hat. Aus der Paarung von E mit A erfolgt F mit vier Theilen von A und einem von B u. s. f. Einige nehmen die Progression noch schneller an und sagen, dals die erste Generation nur die Hälfte von B, die zweite nur ¼, die dritte nur ½, die vierte nur., die fünfte nur l u. s. f. behielte, folglich in der sechsten und siebenten Generation die Natur der Stammmutter bis auf ein unmerkliches verloschen sey, und das Thier als ein völlig reines des väterlichen Stammes angesehen werden könne. Dies ist zwar oft der Fall, und es kommen in der vierten und fünften Generation veredelte Merinos vor, die von der völlig reinen durchaus nicht zu unterscheiden sind, andre aber, bei denen sich die urmütterliche Natur noch deutlich wahrnehmen läſst. Die aufmerksameren Schafzüchter sorgen daher dafür, keinen Widder, wenn er auch in der Gestalt und Wolle dem besten Merino gleichkommt, zuzulassen, falls sie nicht seiner reinen Abkunft aus der Merinoraſse, auch mütterlicher Seits, überzeugt sind, weil man gefunden hat, daſs sonst die mütterliche Natur wenigstens bei Individuen wieder zum Vorschein komme, und überhaupt die ganze Raſse leicht zurückschlagen könne. Deshalb wer- den die Widder aus solchen Schäfereien, von deren reinem Urstamme man überzeugt ist, so sehr gesucht und andern vorgezogen, welche sie manch- d iiber Veredlung der Hausthiere. 9 mal in der Feinheit und Stärke der Wolle überwiegen, deren Ursprung aber unsicher ist. Noch sorgfältiger sind die Engländer, so wie auch die Ara- ber, in Ansehung der Hengste ihrer hohen Raſse, deren Stammtafel zwei- fellos und beschworen seyn mufſs. Man übersieht bei ihnen Fehler, wenn nur die Reinheit der Raſse zuverlässig ist. In welcher Generation eine durch beständige Kreuzung mit Vätern von reinem Stamme entstandene Fa- milie völlig vollbürtig geworden, d. h. ganz und unveränderlich in die Na- iur des Vaters übergegangen sey, läſst sich noch nicht bestimmen. Es kommt dabei allerdings auf die Auswahl der Individuen an, indem man nämlich bei den Zuchtschafen auch kein mütterliches Haar an irgend einem Theile passiren läſst, ohne sie auszumerzen. Einige glauben, daſs die 12te, andere daſs die 16te Generation als völlig edel anzusehen sey, und daſs man nun Widder oder Hengste davon gebrauchen könne, ohne Inconstanz und Zu- rückschlagen zu besorgen. 5) Die zweite Absicht bei der Kreuzung ist eine Mittelgattung zwischen zwei zusammengebrachten, und manchmal noch mittelst einer drit- ten zugemischten, R Raſsen zu bilden, und so gewisse Qualitäten der verschie- denen Raſsen in einem Punkte zu vereinigen. Kommen daraus Individuen hervor, bei denen man die gewiinschte Vereinigung in dem gewünschten Grade antrifft, so paart man nur diese Individuen männlichen und weiblichen Geschlechts zusammen, und muſs deshalb hier in der nächsten Verwandtschaft, aber mit strenger Auswahl, bleiben. Anfangs werden immer einzelne hervorkommen, die wieder auf den urväterlichen oder urmütterlichen Stamm disproportionirt zurückschla- gen. Diese müssen ausgemerzt und nicht zu fernerer Zucht gebraucht wer- den, wenn man seinen Zweck erreichen will. Beobachtet man dies, so wird der Mittelschlag endlich ganz constant. Einige haben diese Bildung con- stanter Raſsen leugnen wollen, unter andern der als Hundefreund bekannte Maler Tischhein. Er hatte Hunde sehr heterogener Art gepaart, die Des- zendenz wieder mit einander verbunden, und es kamen in der 1oten bis weten Generation nur Hunde von der ersten väterlichen oder mütterlichen Art wieder hervor, die anscheinende Mittelgattung erhielt sich aber nicht; allein er hatte es ohne Zweifel hier an der gehörigen Auswahl der Indivi- duen bei der Bildung dieses Mittelschlages fehlen lassen. Daſs ein solcher Mittelschlag sonst wirklich erfolge und constant bleibe, erweisen manche auf diese W eise gebildete Viehraſsen, insbesondere aber der Schlag der engli- 10 TIIh aer schen Wettrenner, die Pferde von hohem Blut ſ high- Lblood 4 genannt wer- den. Dieser Schlag entstand, wie historisch erwiesen ist, aus barbischen und arabischen Hengsten, mit einem besonderen Schlage einheimischer Pferde vermischt. Nachdem er lange geschwankt hatte, gelang es einigen, einen Schlag zu erhalten, der in mehreren schätzbaren Eigenschaften die reinen Araber übertraf und gänzlich constant wurde. Diese Raſse würden die Be- sitzer um keinen Preis mit den edelsten Arabern weiter verbinden lassen, indem sie einen weit höheren Werth auf jene Mittelgattung als auf diese setzen. Und wenn noch arabische Hengste zu Zeiten von den Engländern eingeführt werden, so geschiehet es nicht, wie einige vermeint haben, um jenen Schlag zu erfrischen, sondern um mit Stuten minder edler Art eine andre Familie zu bilden. Hierauf beziehen sich auch diejenigen englischen Schafzüchter vornämlich, welche zwar die Einführung der Merinos billi- gen— denn alle thun das nicht— aber der Meinung sind, dals man durch eine bis auf einen gewissen Punkt getriebene, aber nicht bis zur völligen Einartung fortgesetzte Kreuzung einen Schlag hervorbringen würde, der die Merinos in der Summe der guten Eigenschaften überwöge, gröſsere Stärke und bessere, zum Fleischansatz mehr geeignete Form des Körpers mit der Feinheit der Wolle verbände— ja, sie behaupten, zum Theil diesen Schlag schon wirklich erlangt zu haben, und trachten nur darnach, ihn in sich selbst durch Auswahl der Individuen zu veredeln und constant zu machen, ohne fremdes Blut weiter einzumischen.. Diese Kreuzung erfordert aber, wenn sie gelingen soll, groſse Sorg- falt, Ueberlegung und Ausdauer. Manchmal begünstigt es zwar der Zufall, dals aus einer aufs Gerathewohl unternommenen Kreuzung preiswürdige Thiere hervorgehen, aber häufiger kommen verunstaltete und wenig nutz- bare Thiere hervor, zumal wenn man gar zu heterogene Raſsen zusammen- brachte. Will man auf die Veredlung nach einer Seite hinarbeiten, so kann dennoch z. B. eine solche ungestaltete Stute zur ferneren Zucht Vorzüge vor einer besseren haben, welche— wie man sich auszudrücken pflegt— noch kein Blut jener Raſse in sich hat, indem sie ein Füllen bringt, was dem Vater mehrentheils ähnlicher seyn wird; und wenn man dann fort- geht, wird man die höchste Aehnlichkeit früher erreichen, als wenn man jenes ungestaltete Thier der ersten Generation ganz verworfen und von vorn angefangen hätte. Will man aber einen Mittelschlag bilden, so muſs man nur wohlgestaltete, d. h. zweckmäſsige Thiere bei der ersten Generation zu erhal- 1 iiber Veredlung der Hausthiere. 11 erhalten suchen und auswählen. Vor allem ist diese Sorgfalt und Einsicht bei den Gestüten und bei der Veredlung der Landpferde durch Landgestüte von höchster Wichtigkeit. Man darf hier nicht bloſs auf die endliche Ein- führung und Bildung einer edlen Raſse Rücksicht nehmen, weil der Verlust zu grols seyn würde, wenn die in den ersten Generationen entstehenden Mulatten fehlerhaft und werthlos wären. Mangel dieser Einsicht und Ue- ber rlegung hat hier schon oft groſsen Nachtheil gestiftet, und bei den Un- terthanan einen groſsen Widerwillen gegen die ihnen aufgedrungenen Be- schäler edlerer Raſse erweckt. Es muſs hier Rücksicht auf die besondere Natur der in einer Gegend einheimischen Raſse, so wie auf ihre Weide und Verpflegung im Stalle genommen werden, wenn man einen angemessenen Hengst für sie auswählen will. Es wird hierzu eine seltene Erfahrung und Umsicht erfordert, die ich noch bei keinem Pferdekundigen in dem Grade angetroffen habe, wie bei meinem verstorbenen Freunde, dem vormaligen hannöverschen Landstallmeister Koch, welcher zuletzt als Universitätsstall- meister zu Erlangen angestellt war. Er wählte für die Stuten jeder Ge- gend, ein hohes Ziel vor Augen habend, manchmal Hengste aus, die ihnen nicht zu heterogen und gerade deshalb nicht von einer zu sehr veredelten Raſse waren, worüber manche Unverständige ihn tadelten. Erst ihrer Des- zendenz gab er Hengste von sogenanntem höheren Blute. Hierdurch be- wirkte er, daſs sich die Raſse allmählig veredelte, und zwar nach dem besonderen Ideale, welches er nach den örtlichen Verhältnissen jedes Di- strikts fiüir das zweckmäſsigste hielt, ohne daſs in den Mittelgenerationen unförmliche und wenig brauchbare Thiere erschienen. Er hatte sich hier- durch ein so groſses Zutrauen bei den Bauern erworben, daſs sie sich ihm ganz überlieſsen, und nie eine Unzufriedenheit mit den mehr oder minder schönen Hengsten äufserten, die er ihnen von einem Jahre zum andern zu- schickte, und manchmal besonders für die Stuten erster, zweiter und dritter Generation bestimmte. Die Pferdezucht ward dadurch in kurzer Zeit in de- nen Distrikten, die das Landgestüt mit Hengsten versorgte, auf eine un- glaubliche Weise gehoben, und es kamen schon die Saugfüllen in einen ho- hen Preis. Man hat sehr häuſig die Bemerkung gemacht, daſs Thiere von sehr heterogener Raſse keine Neigung sich zu begatten haben, und dals diese Be- gattung, wenn sie dennoch bewirkt wird, oft unfruchtbar bleibe. Ist sie aber fruchtbar, so kommt, wie ich oben schon erwähnt habe, oft ein ver- Physikal. Klasse 1812— 1813. 0 2 T haer unstaltetes Geschöpf heraus. Insbesondere hat man letzteres bemerkt, wenn man, um die Gröſse zu erzwingen, groſse männliche Thiere mit kleinen weiblichen paart. Das Bespringen selbst kann schon nachtheilige Folgen haben, wegen der groſsen Schwere des Hengstes oder Stiers auf einer schwa- chen Stute oder Kuh. Da es indessen männliche Thiere von besonderer Stärke im Kreuze giebt, die sich beim Bespringen auf den Hinterbeinen hal- ten, ohne das weibliche Thier stark zu drücken, so geht es doch oft gut und ohne Störung des coitus ab. Allein der durch die Einwirkung des Va- ters zu vorzüglicher Gröſse disponirte Keim findet bei seiner Entwickelung in der Mutter nicht die angemessene Nahrung, seine Ausbildung wird folg- lich mangelhaft und seine Gestalt unproportionirt.— So erkläre ich mir wenigstens die Sache.— Es giebt dann zuvörderst eine schwere Geburt, worüber ich selbst eine empfindliche Belehrung erlitten habe. Auf meinen Vorschlag lieſs die vormalige hannöversche, zu solchen Zwecken reichlich dotirte Landwirthschaftsgesellschaft ostfriesische Zuchtstiere kommen, und vertheilte sie unter einige Dorfgemeinden, die bisher kleine Haidkühe, aber sehr gute Weiden für bessere Raſsen hatten. Sie nahmen solche mit Dank an, aber bei der ersten Kalbezeit kam die Klage, dals die Kühe äu- ſerst schwer gekalbt hätten und viele in der Geburt gestorben wären, mit der Bitte, ihnen jene Stiere sogleich wieder abzunehmen. Die ungeschickte und gewaltthätige Behandlung bei der Geburt war freilich zum Theil an dem, Tode dieser Thiere Schuld, aber es waren doch hinlängliche Gründe vorhanden, ihnen diese groſsen Stiere zu nehmen, und sie mit neuen Kosten durch kleinere zu ersetzen. Geht die Geburt aber auch gut, so entsteht aus einem unverhältniſsmäſsig groſsen männlichen Thiere sehr häufig ein ungestaltetes junges. Dagegen findet man, insbesondere bei den Pferden, dals ein gegen die Stute verhãltniſsmäſsig kleinerer Hengst ein wohlgebilde- tes Füllen hervorbringe. Vorgedachte theoretische Erklärung mag richtig seyn oder nicht: es wird von allen erfahrenen und aufmerksamen Viehzüch- tern als ein ausgemachter Erfahrungssatz angenommen, daſs das mannliche Thier keine unverhältniſsmälsige Gröſse gegen das weibliche haben müsse, von Unverständigen aber wird sehr häuſig wegen der Sucht, den Viehschlag nur zu vergröſsern, dagegen gefehlt. Sie wählen nur zu häug Stiere und v/ idder nach der Gröſse und Schwere aus, und suchen sie durch starke Nah- rung im ersten Jahre zu der möglichsten Grölse zu treiben- über Veredlung der Hausthiere. 13 Ueberhaupt ist es bei uns noch etwas seltenes, daſs die durch Erfah- rung schon ausgemittelten Regeln bei der Viehzucht richtig angewandt wer- den. Es ist noch nicht lange, daſs man sie überhaupt hier erst kennen lernte. Unter den Engländern ist ihre Kenntniſs mehr verbreitet, aber doch auch bei weitem noch nicht allgemein. Ich habe geglaubt, daſs diese aus meinem Fache hergenommenen praktischen Bemerkungen von einigem Interesse für den Naturforscher, ins- besondere für den Zoologen, seyn könnten, und empfehle sie, in dem Falle, der Erwägung, besonders unserer hochverehrten Herren Collegen, Rudol- phi, IIliger und Lichtenstein.. —,,44 Ueber die sich fortpflanzenden Abartungen der kultivirten Pflanzen. Von Herrn THAER*). In meiner vorigen Vorlesung erlaubte ich mir, der Akademie einige Bemer- kungen über die Abarten der Hausthiere, und die vom Landwirthe beob- achteten Naturgesetze bei der Erzeugung und Fortpflanzung der seinen Zwek- ken besonders entsprechenden Ralsen, vorzulegen. Jetzt werde ich etwas von den Arten und Abarten derjenigen Pflanzen sagen, die dem Menschen gleich jenen Thieren fast in alle Klimate gefolgt sind, und dadurch sowohl, als durch den künstlichen Anbau, wahrscheinlich eine so beträchtliche Ab- aänderung von ihrem natürlichen Zustande erlitten haben, dafs es mir noch zweifelhaft scheint, ob wir sie irgendwo in ihrem ursprünglichen Zustande als einheimische Pflanzen auffinden können. Es ist gewiſs, dals einige dieser Pflanzen noch immer und schnell ge- nug, um es mit eigenen Augen bemerken zu können, Abänderungen anneh- men, welche sich, wenn wir die Individuen auswählen, fortpflanzen, und nach einiger Zeit constant werden. Daher ist bei diesen Pflanzengattungen die Schwierigkeit groſs, und nach der Regel der Botaniker kaum zu lösen, was wir als Art(species), und was als Abart(varietas) ansehen sollen. Botaniker, die hierüber entschei- dend haben absprechen wollen, Linné an ihrer Spitze, sind in offenbare Irrthümer verfallen; und die Geringschätzung, womit dieser von den Hor- tulanen und Floristen, die ihre Aufmerksamkeit auf Varietäten richteten, sprach, hat zuerst die allgemeine Pllanzenkunde zurückgehalten, indem sie sich auf seine Schüler vererbte. Dennoch sind die Erscheinungen, die wir *) Vorgelesen den isten April 1813. —-———:nnᷣOnn n:n— —xãxãxãxix— Thaer über die Abartungen der hultivirten Pflanzen. 15 bei der Abartung der Pflanzen wahrnehmen, gewiſs nicht unwichtig für die Pflanzen-Physiologie; für Landwirthschaft und Gärtnerei aber vom höch- sten Interesse. Wenn der Pflanzenkenner jedem Cryptogam aus entfernten Ländern seine Aufmerksamkeit schenkt und mit Recht schenken mag, so verdenke er es doch auch demjenigen nicht, der die Pflanzen, die uns so nahe stehen und uns ernäkren, mit gröſserer Aufmerksamkeit betrachtet, und leihe ihm dazu sein, auf feinere Merkmale mehr geschärftes, Auge. Es kommen hier vor allem die Cerealien in Betracht— diese durch die Gröſse und Nahrungsfähigkeit ihrer Saamen so wichtig gewordene, und durch die Kultur so allgemein verbreitete Gräser. Unter ihnen steht der Weizen in ökonomischer Hinsicht oben an, wegen seines Reichthums an nährender und dem thierischen Körper besonders homogener Substanz. Unsern gewöhnlichen Weizen haben Linné und nach ihm die mei- sten Botaniker in zwei Species, Triticum aestivinn und hyberninn, unter- schieden; haben sich hierin aber wohl mehr von der gemeinen Meinung, als von genauerer Beobachtung— deren sie eine so gemeine Pflanze nicht würdigten— leiten lassen. Beide sind entschieden nur als Abarten, und zwar als leicht in einander übergehende Abarten, zu betrachten. Man säe Sommerweizen vor Winter; ist der Winter gelinde oder giebt er der Saat eine anhaltende Schneedecke, so wird der gröſste Theil der Pflanzen durch- kommen; sie werden dann aber um 14 Tage früher blühen und reifen, als der zugleich gesäete Winterweizen. In einem herberen, jedoch nicht allzu- strengen Winter, wird zwar ein groſser Theil der Pflanzen ausgehen, ein anderer Theil aber wird bleiben. Nimmt man von diesem den Samen, und säet ihn wieder vor Winter aus, so wird er schon besser durchwintern, und dann in seiner Blüthe und Reifungszeit dem Winterweizen weniger voreilen. In der dritten und vierten Generation unterscheidet er sich in keinem Stücke von dem Winterweizen, und hat mit selbigem gleiche Härte, gleiche Vege- tationsperiode und gleiche Stärke der Körner. Dieselbe Umwandlung kann man beim Winterweizen bewirken, wenn man ihn zum erstenmale recht früh im Frühjahre, und dann immer später säet. Die erste Saat wird erst im Herbst und zum Theil gar nicht reif; aber mit jeder Generation reift sie früher, bis dieser Weizen völlig die Natur und die kürzere Vegetationsperiode des Sommerweizens erhält. Säet man ihn zum erstenmale nicht sehr früh im März, sondern erst gegen Ende Aprils, so wird er freilich in dem Jahre nicht in Halme schieſsen, oder doch nur einen einzelnen in die Höhe trei- 16 Thaer ben, der selten seine Vollkommenheit erhält. Ich nicht nur, sondern viele andere, haben diese Versuche mehreremale gemacht, und immer gleiche Re- sultate erhalten. Besonders haben manche sehr gepriesene Sommerweizen- Abarten aus wärmern Klimaten, die bei uns nur unvollkommen reiften, auf diese Weise in Winterweizen umgewandelt. Allein Linné und seine Nachfolger habon dem Winter- und Som- merweizen einen andern charakteristisch seyn sollenden Unterschied zuge- schrieben: jener soll begrannet, dieser unbegrannet seyn. Wären diese Grannen beständig, so wäre allerdings ein, die spezifische Absonderung hin- länglich begründendes Merkmal vorhanden. Aber Haller hat schon be- merkt, daſs die Grannen bei den Weizenarten nicht beständig seyen, und daſs dieselbe Weizenart Grannen bekomme und sie wieder verliere, wenn sie, von kaltem auf warmen, von bergigtem auf ebenen Boden verpflanzt wird. Ein Sommerweizen, den ich bei einem Freunde durchaus begrannet gesehen hatte, verlor bei mir schon im ersten Jahre die Grannen zum Theil, und wenn ich nicht sehr irre, kamen aus demselben Stamm begrannete und un- begrannete Aehren. In der dritten Generation fanden sich kaum noch Spu- ren von Grannen. Es war auf keine Weise wahrscheinlich, daſs dies von fremder Befruchtung herrühren konnte; denn weit und breit umher stand kein anderer Sommerweizen, und der Winterweizen, der doch auch nicht in der Nachbarschaft stand, hatte verblühet, wie mein Sommerweizen die Spelzen zu öffnen anfing. Und dann ist es ganz unrichtig, daſs der Som- merweizen immer Grannen, der Winterweizen keine habe; wir haben beide mit und ohne Grannen. Botanisch ist also der Unterschied zwischen T. hybernum und aesti- vum völlig unbegründet, und es ist richtiger, beide Abarten unter einem Specialnahmen(T. cereale) 2u begreifen. Die Abarten aber sind mannigfaltig verschieden, und es giebt einige, die nach den Regeln der Unveränderlichkeit, bei der Fortpflanzung durch samen, mit gröſserem Rechte als besondere Species betrachtet werden kön- nen, wie der Winter- und Sommerweizen, In Ländern, wo der Weizenbau mit besonderer Sorgfalt betrieben wird, und wo man deshalb dieses Getreide auch auf Boden bringt, der ihm nicht sehr angemessen ist, hat man unzählige Abarten. In den englischen landwirthschaftlichen Schriftstellern habe ich über 150 verschiedene Namen für Weizenarten gezählt. Aber bis die Landwirthschaftskunde mehr wissen- —õ—O§ͦ /˖·———————— 8 über die Abartungen der kultivirten Eflanzen. 17 schaftlich betrieben wird, bleibt es hier, wie in so manchen Fällen, zwei- felhaft, was man unter den Provinzialnamen zu verstehen habe. Der Landwirth unterscheidet die Weizenarten hauptsächlich, nach der Farbe der reifen Körner und des reifenden Strohes. Man hat braunrothen, gelben und weiſsen Weizen in verschiedenen Nüancen. Mit der Farbe der Körner stimmt die Farbe des Strohes zuweilen, aber nicht immer, überein. Die Engländer unterscheiden braunen und gelben Weizen mit weiſslichem Stroh, und weiſsen Weizen mit bräunlichem Stroh, als besondere Abarten. Der Botaniker beachtet die Farbe als ein bloſses Naturspiel vielleicht zu wenig. Aber sie deutet doch eine verschiedene Natur der Pflanze an, und bei genauer Beobachtung findet man doch oft, daſs bei verschiedener Farbe auch ein verschiedenes Verhältniſs der Theile in der Form da ist. Ob die Verschiedenheit der Farbe ausdauernd sey, auch wenn die Saat auf verschie- denem Boden oder in ein anderes Klima verpflanzt wird, scheint noch zwei- felhaft. Aber schnell, d. h. in den ersten Generationen, verändert sie sich nicht; wenn gleich der braunrothe Weizen, der nur dem thonigen weichen Boden angemessen ist, auf leichteren gebracht, im übrigen hochst küm- merlich wird.* Aber ein botanisch- und ökonomisch-wichtiger, obwohl noch wenig beachteter Unterschied des Weizens ist der, daſs einige Arten eine glatte Spelze(valvula laevis, muda), andere eine sammtartige filzige(dalvula lanu- ginosa, tonnentosa) haben. Eine von den Engländern besonders auf Höhe- boden sehr gerühmte und auch zu uns gekommene Weizenart, hat dieses tomentunn am auffallendsten, und wird daher von ihnen White vellbet, wei- ſser Sammtweizen, genannt. Ob dieser Filz so beständig sey, daſs er botanisch einen specifischen Unterschied bestimmen kann, wage ich noch nicht zu bestimmen; aber für die Landwirthschaft ist er sehr wichtig. Er ist ohne Zweifel ein sehr thätiges Einsaugungsorgan, die Feuchtigkeit hängt daran, und solcher Weizen bleibt nach Regen und Thau weit länger nals als der glattspelzige. Daher paſst er sich so sehr für hohe trockene Ge- genden; taugt aber durchaus nicht für feuchte neblige Niederungen. Vor wei Jahren(1311) sahe ich im Oderbruche ein Weizenfeld, was durchaus Staubbrand hatte, und bei genauerer Untersuchung fand ich, dalſs es die- ser Sammtweizen sey, den der Besitzer aus Dessau hatte kommen lassen. Die übermäſsige Feuchtigkeit der Aehre erzeugte ohne Zweifel diese, mit dem Kornbrande nicht zu verwechselnde, Krankheit.. 18 T h aer Man hat diese Art von Weizen mit dem auch von den Botanikern un- terschiedenen T. turgidum verwechselt, der aufgeschwollene bauchige Spelze hat. Aber unrichtig; denn jene Weizenart hat diese nicht, und dieses T. turgiduun hat zwar auch etwas haariges an den Spelzen, aber diese sind nicht 80 gleichmäſsig damit überzogen. Vermuthlich hat man letztern deshalb englischen Weizen genannt, ich finde seiner aber bei den englischen land- wirthschaftlichen Schriftstellern nirgends erwähnt. Der Wunderweizen(T. conpositum) ist anerkannt eine luxurirende Spielart, indem er sehr schnell zurückschlägt zum gewöhnlichen, wenn er nicht auf reichem Boden geräumig ausgesteckt wird. 1 Daſs der Spelz(T. spelca), das Einkorn(T. Monococcon) und der Gommer(T. polonicunn) entschieden verschiedene Species sind, die nie zu gewöhnlichem Weizen übergehen werden, brauche ich nicht zu sagen. Aber man hat ebenfalls manche Abarten davon, die ich aber nicht genug kenne. Vom Roggen giebt es anerkannt nur eine Species, aber mehrere ih- rer Natur nach abweichende Varietäten, die sich auch durch ein verschie- denes Verhaltniſs ihrer Theile auszeichnen, welches bei sinnlicher Verglei- chung zwar in die Augen fällt, aber sich durch Worte kaum aussprechen läſst, da es nur auf ein Mehr oder Weniger ankommt. Der gewöhnliche Winter- und Sommerroggen geht eben so wie der Weizen in einander über, wenn man seine Saatzeit allmãhlig verändert. Der Sommerroggen ist in allen seinen Theilen schwächer, weil seine kürzere Ve- getationsperiode die Verstärkung der Pflanze nicht wie beim Winterroggen gestattet. Ein anderes Unterscheidungsmerkmal lälst sich nicht auffinden. Aber eine constantere Art ist derjenige Roggen, den man Stauden- roggen nennt. Er unterscheidet sith vornehmlich durch eine längere Ve- getationsperiode und eine dadurch bewirkte vollkommene Ausbildung aller Theile. Er ist entschieden eine zweijährige Pflanze, und ich halte es nicht für möglich, ihn in einem Sommer zur Reife zu bringen, und ihn so in Sommerroggen umzuwandeln. Auch im März gesäet, bleibt er dennoch in der Erde, ohne Halme in die Hõöhe zu schieſsen. Wenn er mit dem ge- wöhnlichen Roggen gleichzeitig reifen soll, so erfordert er eine sehr frühe Saat, sonst kommt er später zur Reife und geräth schlecht. Früh gesãet breitet sich die Pflanze sehr aus, wenn sie anders Raum und Nahrung hat, macht unzählige Sprossen, die dann im künftigen Sommer in Halme und Aehren übergehen. Wir haben im vorigen Jahre 112 Aehren von einer Pflanze, uber die Abartungen der kultivirten Bflanzen. 19 Pflanze, die sehr räumlich stand, gezählet. Deshalb kann er, sehr weitläuf- tig aber früh auf kräftigen Boden gesäet, ein sehr dichtes Erntefeld bilden. Eigenthümlich ist diesem Roggen eine stärkere Ausdehnung in die Länge gegen den gewöhnlichen. Sein Halm ist oberhalb des zweiten Kno- tens dünner im Verhältniſs seiner Länge; die Aehre ist bei einer gleichen Anzahl von Körnern länger, weil die Spelzen entfernter stehen, das Korn selbst hat eine gröſsere Länge im Verhäaltniſs seiner Dicke. Dann habe ich ihn daran unterscheiden gelernt, daſs der Halm zwischen dem zweiten und dritten Knoten ein Knie macht, was natürlich von seiner starken Bestau- dung herrührt, welche den Halm anfangs seitwärts treibt. Aber diese ist auch die einzige constante Abart, die ich vom Roggen habe entdecken kön- nen. Was man unter dem Namen von norwegischen, archangelschen und amerikanischen u. a. Roggen gepriesen hat, war immer dieser selbige Stau- denroggen, so wie auch der, den man Johannisroggen nannte.— Eben so gut könnte man Ostern- und Pfingstroggen daraus machen, wenn man ihn um die Zeit säete. 4 Wenn gleich einige Gegenden wegen eines sehr guten Saatroggens in Ruf stehen, so dals man diesen daher kommen lälst und ihn danach be- nennt, so rührt dies doch nur von einem dem Roggen sehr angemessenen Boden, guter Kultur und Behandlung des Saatgetreides her, und der Vorzug dieses Saatkorns verliert sich in den folgenden Generationen bald. In Ansehung der kultivirten Gerstenarten muſs ich von den Botani- kern am meisten abweichen. Sie nehmen nur das Fordeurn vulgare, H. di- stichon und H. hexastichon als Species an, und halten II. coeleste und an- dere für Abarten des vulgare und distichon Aber diese unterscheiden sich so wesentlich in ihren Fructificationstheilen in der Gestalt des Korns,(auch in den näheren Bestandtheilen desselben), daſs man sie für besondere spe- cies halten muſs, wogegen ich mehr geneigt bin, das EI. vulgare und das H. hexastichon für bloſse Abarten zu halten. Linné ward ohne Zweifel dadurch verleitet, daſs selbst Ackerbauer einen Uebergang der nackten Gerste in die andere zu bemerken glauben. Es ist aber ein Irrthum, in welchen ich ohne genauere Untersuchung selbst verfallen wäre. Wenn einige Kör- ner des H. coeleste nicht völlig reifen, so behalten sie ihre innere Spelze, und trocknen damit, wie das vulgare, zusammen, bekommen folglich bei- nahe eben die Gestalt. Man braucht aber nur die Hülse abzulösen, so zeigt sich die eigenthümliche Form des H. coeleste. Physkal. Klasse 1812—1813. D ———————ͤ»ͤ»ͤ»ͤ»ͤ8ͤ8ͤ8ͤ8G8G8--—————— Thaer über die Abartungen der nultivirten Dflanzen. 20 Wahrscheinlicher ist mir der Uebergang zwischen H. vulgare und hexastichon. Gewöhnlich wird jenes fast in der Mitte des Sommers gesäet, und hat dann unter allen Getreidearten, nebst dem kleinen Mais, die kür- zeste Vegetationsperiode. So behandelt nimmt es eine sehr weichliche Na- und wenn man es früh säet und nun noch Nachtfröste eintreten, so wird es dadurch zerstört. Aber man hat, wahrscheinlich durch allmählige eine Abart, die früh gesäet werden kann, des- Abhärtung hervorgebracht, halb Märzgerste heiſst, dem Froste wiederstehet und eine längere Vegeta- Man findet sie im Oderbruche und in anderen Niede- H. vulgare; aber ich habe, wo sie üppig die durchaus von IH. hexastichon, wel- u unterscheiden waren. tur an, tionsperiode hat. rungsgegenden. Eigentlich ist es wuchs, Aehren darunter angetroffen, st nur als Wintergetreide gebauet wird, nicht 2 Dalſs H. zeocriton eine besondere Species sey, ve Man hat eine besondere Stauden- oder Blattgerste unter mancherlei Die, welche ich aber zweimal als solche ches fa rsteht sich von selbst. ausländischen Namen gerühmt. zeichnete sich von der zweizeiligen Gerste auf keine Weise ollständigen Samen und nicht gedrängt aus- eser Staudengerste zur Bedingung, daſs erhalten habe, aus, wenn man auch diese in v säete. Man machte es nämlich bei di sie sehr dünn auf kräftigen Boden atürlich, daſs sie sich besser. bestaudete un Gerste, die man mehrentheils zu dicht säet. bei dieser Gelegenheit bemerken, daſs die Vor- ausgesãet werden müsse; da war es denn n d vollkommener ward, als die andere Ueberhaupt muſs ich en Gegenden sich herstammenden, an geblich von Getreidearten, nach meinen schon vor 20 Jahren lediglich der sorgfältigen Behand- züge der aus entfernt den unsrigen verschiedenen mit den meisten gemachten Versuehen, äſst, beizumessen seyn, aber wegfallen, so- lung, die man ihnen angedeihen 1 bald man damit ins freie Feld und zur gewöhnlichen Kultur übergehet. Mit mir haben sich jetzt viele andere, die sonst sehr davon eingenommen on kein Gewinn für den Ackerbau zu hoffen sey. waren, überzeugt, dals dav agen verschiedener Ich werde diese Bemerkungen über die Abartur n die Kultur von ihrem wahrscheinlichen natürli- allem bietet das Geschlecht der Brassica bei keinem ist auch der Einfluſs fremder s darin mit dem Hundegeschlecht weil auch dieses Geschlecht Pflanzengeschlechter durcl chen Zustande fortsetzen. Vor auffallende Erscheinungen dar; Befruchtung so merklich, und man kann e unter den Thieren vergleichen. Vermuthlich seit undenklichen Zeiten unter der Hand des Menschen gestanden hat. 10 eg 100/8 enukM eldebehh pedsd olle«x u2⁴ ueAO Senounbe 4 6¹ 81 21 94 241 n1 21 61 4] ou 60 8 2 9 8 9 2 5 4 I—— I'— lo! 1 2 I 1 l8. 1—— ſr I 4 U 7 9 1 1 1 1. 21 8 1— L Suoul ——— 3——— 7