Univ-Bidl. Gi Sessen Ueber Wolle und Schaafzucht * von — 7 Vicomte Perault de Jotemps, Fabry und Girod, 0 Geſammt⸗Eigenthuͤmer der Heerde zu Naz. Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſetzt und nach dem gegenwaͤrtigen Standpuncte — der Woll⸗ und Schaafkenntniß in Deutſe bearbeitet von—— SS — Albrechet Ihaee 1 „ 3 Berlin, h e i Aug u ſt R u cker. 1 825. Vorrede der Verfaſſer. De Unterſuchung der Fragen, welche uͤber die Erzeugung und Behandlung der Wollen aufgewor⸗ fen ſind, haben jetzt ein hoͤheres Intereſſe fuͤr die franzoͤſiſche Landwirthſchaft und Induſtrie als je⸗ mals. Wir werden uns deshalb damit beſchaͤfti: gen; zuvor aber ſey es uns erlaubt, unſern Anſpruch auf das Zutrauen unſerer Leſer zu begruͤnden. IV Die Merinoheerde zu Naz, im Kreiſe von Gex, Departement von l'Ain, ward vor etwa 26 Jahren unter den ſchoͤnſten Heerden in Spanien ausgewaͤhlt, mit einer Anzahl von Thieren, die Gilbert aus Spanien gezogen hatte, vermehrt und dann auf einen hohen Grad der Vollkommenheit gebracht, zuerſt durch die einſichtsvolle Sorgfalt des Hrn. Girod de Lepeneux und nachmals durch einen Familienverband, der ſich ihm anſchloß. Die ausdauernden Anſtrengungen und die zahl⸗ reichen Verſuche, welche man zur Vervollkommnung dieſer Heerde anwandte, haben die Eigenthuͤmer nicht zu bedauern Urſache. Die berathenden Behoͤrden der Kuͤnſte und Manufacturen zu Sedan und Rethel haben es durch ihre Berichte und Protocolle bezeugt, daß die Nazer Wollen die ſchoͤnſten in Frankreich an Schoͤnheit uͤbertreffen und daß ſie wenigſtens den ſchoͤnſten ſaͤchſiſchen gleich ſeyen. Dieſes Urtheil iſt feierlich beſtaͤtigt durch die Centraljury der letzten Ausſtellung im Louvre. Die Wollen von Naz ſind der erſten goldnen Medaille würdig erkläͤrt, V und die Hrn. Cunin Gridaine, von Sedan, und Friedrich Jourdain, von Louviers, haben gleichfalls goldene Medaillen fuͤr die aus dieſen Wollen ge⸗ machten Tuͤcher erhalten. Schon im Jahre 1821 decretirte die landwirthſchaftliche Societaͤt des De⸗ partements von l'Ain einen hohen Ermunterungs⸗ preis der Nazer Compagnie. Durch ſo ehrenvolle Zeugniſſe in der Meinung beſtaͤrkt, die wir von dem Erfolge unſerer ange⸗ wandten Mittel hatten, glauben wir, daß es nicht ohne Nutzen ſeyn koͤnne, dieſe bekannt zu machen, und die Reſultate unſerer Studien und unſerer Praxis dem Publicum vorzulegen. Dies thun wir hiermit, und wuͤrden uns gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn unſerm Vaterlande dadurch Nutzen erwuͤchſe. Der Hr. Vicomte Perault de Jotemps, welchem die Societaͤt zur Befoͤrderung des Gewerbs— fleißes im vorigen Jahre den von Hrn. Terneaux ausgeſetzten Preis auf die beſte Abhandlung uͤber die Merinos zuerkannte, hat den Hauptantheil an der Redaction dieſes Werks: als jetziger Director der Nazer Anſtalten hat er ſich beſonders einer lan⸗ gen Reihe von Verſuchen und Beobachtungen wid⸗ men koͤnnen; ein Umſtand, deſſen ſeine Mitarbeiter hier erwaͤhnen zu muͤſſen geglaubt haben. Vorrede des Ueberſetzers. N-⸗ Das ich dieſe Schrift fuͤr ſehr merkwuͤrdig und nutzbar fuͤr uns halte, erhellet daraus, daß ich ſie uͤberſetzte: eine Arbeit, die mir ſonſt wenig zuſagt. Ich habe ziemlich woͤrtlich uͤberſetzt und bin nur in dem Falle davon abgewichen, wenn es mir ſchien, der Sinn der Verfaſſer wuͤrde durch eine zu woͤrt⸗ liche Ueberſetzung verloren gehen. In meinen erlaͤuternden Anmerkungen, die ich jedesmal den Abſchnitten der Verfaſſer folgen laſſe und die mit Nummern bezeichnet ſind, habe ich den Verfaſſern oft widerſprochen. Hieraus folgt, daß ich Achtung habe fuͤr das, was ſie ſagen, und ihrer Meinung bin, wo ich nicht widerſpreche. Die VIII Uebereinſtimmung unſerer Meinungen iſt aber des⸗ halb um ſo merkwuͤrdiger, da die Verfaſſer nichts von dem zu wiſſen ſcheinen, was dieſſeits uͤber die⸗ ſen Gegenſtand in Schriften ſowohl als auch muͤnd⸗ lich verhandelt worden. Auch ſtimmen ſie in ihrer Methode des Vortrags voͤllig mit derjenigen uͤberein, nach welcher ich ſeit mehreren Jahren die Lehre von der Wolle in meinen Vorleſungen behandelt habe. Wie ſie betrachte ich die Wolle erſt im einzelnen Haar, dann in ihrer Verbindung im Stapel, dar⸗ auf im ganzen Vließ, nun in ihrer Vorbereitung zum Verkauf und endlich als Waare auf dem Markte, wo das Ziel des Producenten, den moͤglich hoͤchſten Geldertrag daraus zu loͤſen, erreicht werden ſoll. Meine Erwartung iſt um ſon geſpannter auf den zweiten Theil, der von der Schaafzucht ſelbſt handeln wird, um zu ſehen, wie der Verf. Beob⸗ achtungen und Reflexionen mit den meinigen auch dabei ſtimmen werden. Ich erwarte bei der Lehre von der eigentlichen Zuͤchtung viele Harmonie, ob⸗ gleich keine Monotonie, mit meinen neueren An⸗ ſichten. Die Vorſteher jener Nazier Schaͤferei haben das Problem geloͤſet, durch Inzucht aus IX ſpaniſchen Schaafen Electorale hervorzubrin⸗ gen, wovon ich die Moͤglichkeit auch aus Erfah⸗ rung anerkenne, obwohl es bei gewiſſen Staͤmmen ſchwieriger als bei andern iſt. Die Ueberſetzung des zweiten Theils werde ich ſchleunig beſorgen, wenn er bei meinem Leben noch erſcheint. Man hat mich gefragt: warum ich ſtatt dieſer Arbeit nicht die voͤllige Ausarbeitung meiner Lehre uͤber die hoͤhere Schaafzucht— die fuͤr meine Vor— leſungen doch ſchon entworfen ſey— unternaͤhme? Dies geſchiehet nicht, weil ich uͤber manche wichtige Fragepuncte noch keine klare und entſchiedene Ant— wort von der Natur erhalten habe und noch fort— fahre, ſie ihr vorzulegen. Meine perſoͤnlichen Schuͤler kann ich wohl auf den Standpunct fuͤh— ren, wo ich ſelbſt ſtehe und ihnen meine Anſicht in dem hoͤheren oder geringeren Grade der Klarheit zeigen, worin ſie ſich mir darſtellt; aber das geht mit meinen Leſern nicht und wuͤrde nur Mißver⸗ ſtaͤndniſſe erwecken, wozu ein eigentliches Lehr⸗ buch keine Veranlaſſung geben ſoll. Es ſchreckt mich jetzt noch ab, daß ich im Jahre 1812 ein X Handbuch der feinwolligen Schaafzucht— freilich auf dringende Veranlaſſung— voreilig her⸗ ausgab. Zwar ſteht nichts erhebliches darin, was ich zuruͤckzunehmen Urſache haͤtte, aber das Ganze iſt etwas ſehr unvollkommnes und zeigt nur, wie weit wir ſeitdem vorwaͤrts gekommen ſind. Um Andre zu ſchaͤrferen Beobachtungen und Nachdenken zu erwecken, iſt das Fragmentariſche, was die Moͤg⸗ linſchen Annalen und nun dieſe Bemerkungen ent⸗ halten, genuͤgend. Uebrigens wird nichts von mei⸗ nen Entwuͤrfen fuͤr die Nachwelt verloren ſeyn, wenn Gott mich fruͤher dieſer irdiſchen Sphaͤre entzieht, als ich zu ihrer Ausfuͤhrung gelangen kann.— Dies fuͤr meine perſoͤnlichen Goͤnner und Freunde! — ₰ Einleitung. Die Zucht der Merinoſchaafe iſt in vielen Schriften behan⸗ delt worden. Mehrere von dieſen, welche wir den ausge⸗ zeichneteſten Agronomen verdanken, enthalten uͤber dieſe Zucht die intereſſanteſten und nuͤtzlichſten Bemerkungen. Wir halten es nicht fuͤr noͤthig, dieſe Werke hier zu nennen, da ſie bekannt genug ſind, und die Namen ihrer Verfaſſer mit hoher Dankbarkeit von allen ausgeſprochen werden, denen der Wohlſtand des Landbaues und der Manufakturen in Frankreich am Herzen liegt. Es koͤnnte alſo anmaßlich von unſerer Seite ſcheinen, die Feder ſo hochgeſchaͤtzten Maͤnnern aus der Hand zu nehmen, wenn nicht andere Umſtaͤnde dem Gegenſtande eine ganz neue Anſicht gegeben haͤtten, und wenn nicht dieſe Induſtrie, wie jede andere, in einem beſtaͤndigen Fortſchreiten zur Vervollkommnung waͤre. Gewiß zeigt ſich die Wollerzeugungs⸗Induſtrie jetzt in einem ganz anderen Lichte, als worin ſie ſich zur Zeit der erſten Einfuͤhrung der ſpaniſchen Schaafe, und ſogar noch vor wenigen Jahren darſtellte. 2 Waͤhrend eines langen Zeitraums konnte uns aller⸗ dings nur die Einfuͤhrung und die Vermehrung dieſer Merinoraße beſchaͤftigen, und welche Schwierigkeiten, welche Vorurtheile, welche Anhaͤnglichkeit an alte Routine mußten nicht uͤberwunden werden, ſowohl bei den Pro⸗ ducenten als bei den Fabrikanten! Ehre den Maͤnnern, deren Eifer ſich durch keinen Widerſtand abſchrecken ließ und deren Arbeiten das Vaterland mit einem ſo koſtbaren Erwerbszweig bereichert haben! Aber wenn die fruͤhere Periode nur der Vermehrung dieſes ſchoͤnen Schaafſtammes gewidmet ſeyn konnte, ſo muß ſich die jetzige ganz mit ihrer Vervollkommnung be⸗ ſchaͤftigen. Denn die Produktion der Merino⸗ und Me⸗ ſtizwolle hat ſich in allen Laͤndern ſo vermehrt, und die Maͤrkte von Europa ſind damit ſo uͤberfuͤllt, daß ihre im⸗ mer ſinkenden Preiſe Mißmuth unter unſeren Producenten verbreitet haben. Es iſt alſo der Zeitpunkt da, wo die ganze Aufmerk⸗ ſamkeit, die nur zu lange auf die Vermehrung der Meri⸗ nos und des Gewichts ihrer Vließe gerichtet war, auf die Vervollkommnung ihrer Wolle verwandt werden muß, in⸗ dem es heute weit weniger auf die Quantitaͤt als auf die Qualitaͤt dieſes Produkts ankommt. Wir wollen nicht auf die Unterſuchung der Gruͤnde eingehen, welche die einſichtsvollſten Agronomen, und nach ihnen der groͤßte Theil der Heerdenbeſitzer veranlaßten, die Vervollkommnung der Merinos nur in die Vergroͤßerung des Koͤrpers und in Vermehrung der Wolle zu ſetzen. Dieſe Gruͤnde muͤſſen ſehr anſcheinend geweſen ſeyn, in— dem man bei dem angenommenen Zuͤchtungsſyſtem hoͤch⸗ 3 ſtens nur eine Nebenruͤckſicht auf die hoͤhere Feinheit nahm. Aber ohne uns dabei aufzuhalten, was man vormals that und was man haͤtte thun ſollen, wollen wir einen Blick auf den Standpunkt werfen, auf welchem ſich jetzt dieſer wichtige Zweig der Landwirthſchaft und der Indu⸗ ſtrie befindet. Wir erſtaunen uͤber den niedrigen Preis, worauf un⸗ ſere feinen Wollen herabgefallen ſind, waͤhrend unſere Manufakturen der erſten Claſſe genoͤthigt ſind, das Ma⸗ terial zu immer hoͤheren Preiſen vom Auslande zu bezie⸗ hen, indem ſie aus letzteren nur Fabrikate von der Guͤte machen koͤnnen, die ihnen den Vorzug und den gerechten Ruf ferner erhalten. Dieſer den Grundeigenthuͤmern ſo ſchaͤdliche Zuſtand. der Dinge erweckte ihre lauten Klagen, welche in der Kammer der Deputirten wiederhallten, aber ohne auf den wahren Grund der Sache zuruͤckzugehen, begnuͤgte man ſich, von der Regierung eine Erhoͤhung der Auflage auf auslaͤndiſche Wolle zu fordern. Dieſe Auflage ward aufs vierfache erhoͤht— aber ein neues noch ſtaͤrkeres Sinken des Preiſes unſerer inlaͤndiſchen Merinowolle erfolgte un⸗ mittelbar darauf und trieb die Entmuthigung aufs hoͤchſte. Die Beſorgniß ward alſo gerechtfertigt, welche wir ſogleich gegen die Wirkſamkeit dieſes Huͤlfsmittels zu erkennen gaben. Wir ſind uͤberzeugt, daß es die hoͤchſte Zeit ſey, der Merinozucht zu Huͤlfe zu kommen, denn ſonſt werden wir, und zwar ſchneller als manche es glauben, ihren gaͤnzli— chen Verfall erleben. Aber wir duͤrfen uns nicht darauf 1*† 1 beſchraͤnken, Douanen⸗Geſetze und Regierungs⸗Maaß⸗ regeln zu Huͤlfe zu rufen. Wenn dieſe auch noch ſo weis⸗ lich getroffen, und ſo richtig ausgefuͤhrt worden waͤren, ſo wuͤrden ſie doch ohne alle Wirkung ſeyn, wenn die Eigen⸗ thuͤmer der Heerden ſich keinen klaren Begriff von der Lage machen, worin ſich das Wollgeſchaͤft jetzt befindet, und von dem Ziele, wohin ſie mit aller Kraft ſtreben muͤſſen. Man hat bisher das Studium der Wolle viel zu ſehr vernachlaͤſſigt. Der groͤßte Theil der Schaafzuͤchter hat ſich mehr mit den Formen und Staturen der Thiere, und mit dem Volum und Gewicht ihrer Vließe, als mit den Qualitaͤten der Wolle, die zur preiswuͤrdigen Fabrikation erforderlich ſind, beſchaͤftigt. Man muß geſtehen, daß eine lange Zeit hindurch die Fabrikanten ſelbſt eine Art von Gleichguͤltigkeit dagegen aͤußerten, und daß ihre Routine und Vorurtheile, ihre unbeſtimmten Begriffe und Redens⸗ arten den Fortſchritten dieſes Studiums ſehr nachtheilig waren. Sie haben hieruͤber mit Recht unſere Vorwuͤrfe verdient, denn dieſes Benehmen haͤtte, ohne die Ausdauer gewiſſer tief eindringender Maͤnner, dieſe koͤſtliche Indu⸗ ſtrie in der Wiege eiſticken können. Nunmehr aber ſind dieſe Manufakturen keinesweges laͤnger auf einem Beharrungspunkte ſtehen geblieben, ſon⸗ dern haben auf dem Wege wahrer Vervollkommnung mit jedem Jahre neue Fortſchritte gemacht, und je hoͤher ſie die Kunſt der Fabrikation trieben, um deſto gruͤndlicher lernten ſie das Material kennen, welches ſie brauchten. Auch ſind wir weit entfernt, es ihnen zum Vorwurf zu machen, daß ſie gewiſſen fremden Wollen den Vorzug vor 5 denen geben, die ihnen Frankreich im Allgemeinen jetzt liefert. Jetzt beruhet dieſer Vorzug nicht mehr auf Vor⸗ urtheil und Gewohnheit, ſondern auf den Ergebniſſen einer auf entſcheidende Verſuche begruͤndeten Praxis. Deshalb duͤrfen nun aber auch die Producenten in dem ſo unerlaͤßlichen Studium der Wolle nicht zuruͤckbleiben, denn nur dieſes Studium kann, nach unſerer Ueberzeu⸗ gung, ihre Lage verbeſſern. Man muß durchaus davon abſtehen, eine Gattung von Merinowolle ohne Unterſchied ferner cultiviren zu wollen, welche durch ihren Ueberfluß auf allen Maͤrkten von Europa mit jedem Jahre im Preiſe ſinkt. Man muß bedenken, daß in manchen Laͤndern die Produktionskoſten dieſer Wolle um die Haͤlfte, ja um drei Viertel niedriger ſind, als in Frankreich, und daß dieſe Concurrenz uns jede Ausfuhr verſchließe, wenn wir nicht unſern Abſatz auf die Vorzuͤglichkeit unſers Produkts be⸗ gruͤndeten*). *) Zuverlaͤſſige Nachrichten aus London meldeten im Jahre 1821:„daß die franzoͤſiſchen Wollen allen Credit in England verloren haͤtten, daß die ſchönſten aus Deutſchland kaͤmen, und daß man, um mit dieſen in Concurrenz zu kommen, nur Wollen pro⸗ duciren muͤſſe, welche die beſten Leoneſer uͤbertraͤfen und den ſaͤchſiſchen ſich annaͤherten. Es ſeyen freilich dieſe Wollen noch ſelten, aber ſie wuͤrden ſich haͤuſiger finden, wenn die Producenten ihren wahren Vortheil verſtaͤnden. Man wuͤrde in Frankreich und in England immer nur nach Wollen der erſten Qualitaͤt fragen. Die ſaͤchſiſchen Wollen, welche 1820 mit 6 ½ Schill. bezahlt worden, gälten 1821 8 ½ Schill.; dagegen wuͤrden die durch warme Waͤſche weit mehr entfetteten ſpaniſchen, welche fruͤher 6 ½ Schill. gegolten, nun zu 33 Schill. ausgeboten. Dieſe Veraͤnderung ruͤhre von dem Begehr der ſuperfeinen Tuͤcher in allen Gegenden des Erdkreiſes und von dem Ueberfluß geringerer, hierzu nicht brauchbarer Wolle her u. ſ. w. Anmerk. d. Verf. 6 Niemand bezweifelt es mehr, daß man bei der Ver⸗ groͤßerung des Koͤrpers und der Gewichtsvermehrung des Vließes die Schoͤnheit der Wolle einbuͤße und die hohe Eigenthuͤmlichkeit der Merinoraße alterire. Dieſes Zuͤchtungsſyſtem, welches durch gewiſſe Zeit⸗ umſtaͤnde beguͤnſtigt ward*), muß nun einem richtigern Platz machen, deſſen Befolgung gebieteriſch von den Zeit⸗ verhaͤltniſſen gefordert wird. Da es unſere entſchiedene Abſicht war, die Merino⸗ zucht aus dem neuen Geſichtspunkte, worin ſie ſich jetzt ſtellt, zu betrachten, ſo haben wir vor allem eine tiefer eindringende Unterſuchung der Wollqualitaͤten unternehmen muͤſſen, und wir haben uns von ihrer Wichtigkeit um ſo mehr uͤberzeugt, je tiefer wir eindrangen. Wir beeilen *) Drei Urſachen haben vornaͤmlich das Syſtem der großen Sta⸗ turen und der ſtarken Vließe begruͤndet: 1) Die Concurrenz des Begehrs von Merinowolle, wobei kein erheblicher Unterſchied des Preiſes nach den Graden der hoͤheren Feinheit ſtatt fand. Jetzt aber iſt die Concurrenz des Angebots ſtaͤrker G). 2) Der Vortheil, welchen die Merinozucht abwarf, und der ſo groß war, daß man die ſtaͤrkere Nahrung, welche dieſe Thiere bei der Vergroͤßerung ihres Koͤrpers gebrauchten, nicht in Anſchlag brachte, was aber jetzt von einem verſtändigen Oekonomen gehoͤrig berechnet werden muß. 3) Gewiſſe Schlachtſteuern, die nach Koͤpfen erhoben werden. Man darf hoffen, daß eine erleuchtete Adminiſtration dieſes abaͤn⸗ dern werde. Anmerk. d. Verf. (*) Auf unſern Maͤrkten wird zwar ſchon lange ſcharfe Ruͤck⸗ ſicht auf die Qualitaͤt der Wolle, bei der Beſtimmung des Prei⸗ ſes, genommen. Auf den Maͤrkten aber, wo die Concurrenz des Begehrs uͤberwiegend war, z. B. 1818 und 1821, fiel das rich⸗ tige Verhaͤltniß weg und es ward manche ſchlechtere Wolle eben ſo theuer bezahlt, als weit beſſere. Anmerk. d. Ueberſ. 7 uns alſo, alle die Fragen, welche darauf Bezug haben, zu unterſuchen, bevor wir das Reſultat unſerer Betrach⸗ tungen und Erfahrungen uͤber die Sorgfalt, welche dieſe Heerden erfordern und uͤber die beſte Art ihrer Aufzucht mittheilen. Wir wuͤrden uns gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn es uns gelaͤnge, den Mißmuth, welcher ſich ſo vieler Eigen⸗ thuͤmer bemaͤchtigt hat, zu uͤberwinden und ihrem Streben eine nuͤtzlichere und vortheilhaftere Richtung zu geben. Frankreich ſollte in allen Zweigen der Induſtrie den Vorſchritt haben; wenn es dieſen in dem der Wollpro⸗ duktion verloren hat, ſo kann es ſich leicht wieder auf den Platz erheben, den es keinen Augenblick haͤtte aufge— ben ſollen. Es wird durch alles in dieſer Hinſicht beguͤn⸗ ſtigt, durch die Beſchaffenheit ſeines Klimas und ſeines Bodens, durch die Fortſchritte ſeines Landbaues und be⸗ ſonders durch das Gluͤck, die erſten Manufakturen der Welt zu beſitzen. In wenig Worten iſt folgendes der Plan, den wir uns vorgezeichnet haben: unſer Werk ſcheidet ſich in zwei Theile. Der erſte wird ganz der Wolle gewidmet ſeyn. Wir werden dieſes Naturerzeugniß in ſeiner erſten Ent— wickelung, ſeinen verſchiedenen Eigenſchaften und in den Verhaͤltniſſen, welche dieſe unter einander und mit dem Zuſtande der Haut und des Koͤrpers haben, betrachten. Auch werden wir verſchiedene aͤußere Zufaͤlligkeiten, deren Einwirkung auf die Wolle unbezweifelt iſt, unterſuchen und dann uͤber die Eigenſchaften, welche fuͤr die Fabri⸗ kation die erwuͤnſchteſten ſind, reden. Der letzte Gegen⸗ ſtand iſt ſo intereſſant, daß wir ihn zuerſt wuͤrden vor— genommen haben, wenn wir nicht noͤthig geſunden haͤtten, zuvor gewiſſe Begriffe feſtzuſtellen und die darauf Bezug habenden Definitionen zu geben, um dann jenen zweck⸗ maͤßig zu behandeln. Wir werden dann zur Unterſuchung der verſchiedenen Arten von Wolle auf dem Koͤrper der Thiere, der Laͤmmer ſowohl als der ausgewachſenen, uͤbergehen. Und endlich werden wir von der Schur, von der Claſ⸗ ſificirung der Vließe, von der Sortirung der ungewaſche⸗ nen Wolle, von der Waͤſche, vom Werth der Wollen, von ihrem Verkauf ſprechen, und zuletzt den Entwurf eines Plans zu einem neuen Inſtitute, deſſen Errichtung den Heerdenbeſitzern ohne Zweifel ſehr intereſſant ſeyn wird, vorlegen.— Das erſte Capitel dieſes Theils iſt natuͤrlich etwas abſtract; es erfordert daher eine ſchaͤrfere Aufmerkſamkeit, die wir unſere Leſer ihm zu widmen bitten. Wir haben uns unſererſeits ſorgfaͤltig gehuͤtet, irgend einer Theorie Raum zu geben, deren Richtigkeit und Nutzbarkeit nicht durch die Praxis beſtaͤtigt war. Der zweite Theil unſers Werks wird die Schaafe ſelbſt zum Gegenſtande haben, und wir werden uns bemuͤhen, die mannigfaltigen Fragen zu ergruͤnden, welche ſich auf die Anzucht dieſer koͤſtlichen Thiere beziehen. Obwohl wir nur die Merinoraße im Auge haben, ſo werden wir doch auch das Studium der Landracen nicht verſaͤumen und uns mit den Kreuzungen beſchaͤftigen*). *) Es ſcheint aber, als ob uns dieſer zweite Theil vorerſt noch vorbehalten bleiben werde. Anmerk. d. Ueberſ. 9 Beſonders werden wir uns uͤber die ſo wichtige Aus⸗ wahl der Zuchtthiere verbreiten, und dann uͤber Nahrung und Haltung der Schaafe, nicht blos in Hinſicht ihrer Geſundheit, ſondern auch in Bezug auf den Einfluß, welchen ſie auf die Vervollkommnung der Vließe haben, reden. Wir werden uns bemuͤhen, die jetzige Lage der Merinozucht in Frankreich darzuſtellen, ſowohl nach den verſchiedenen Lokalitaͤten, als nach den Principen, die man bei ihrer Zucht befolgte, und aus dieſer ſtatiſtiſchen Unter⸗ ſuchung Folgerungen ziehen und Mittel zur Verbeſſerung vorſchlagen. Entſchloſſen alle Vorurtheile zu bekaͤmpfen und Irr⸗ thuͤmer anzuzeigen, wo wir ſie treffen, werden wir ſelbſt mit Vergnuͤgen und Dankbarkeit Bemerkungen und Er— innerungen annehmen, wozu einige unſerer Behauptungen Veranlaſſung geben koͤnnten, und wir werden uns ver⸗— pflichtet fuͤhlen, diejenigen mitzutheilen, welche begruͤndete Kritiken oder neue Anſichten enthalten. Anmerk. d. Ueberſ. Wir muͤſſen es in dieſer Gegend von Deutſchland wohl mehr dem Zufall als irgend einer richtigen Einſicht verdanken, daß wir bei der Merinozucht anfangs nicht auf den falſchen Weg gerathen ſind, den man faſt allgemein in Frankreich und in den oͤſtreichſchen Staa⸗ ten— wo die Merinozucht ſonſt mit der hoͤchſten Ener⸗ gie und dem groͤßten Geldaufwande eingefuͤhrt ward— einſchlug: ein Weg, der, wie man jetzt beinahe ein⸗ ſtimmig erkannt hat und wie der Verf. in dieſem Werke zeigt, nicht zum bezweckten Ziele— dem moͤglich hoͤch— ſten Geldertrage einer Schaͤferei— fuͤhren kann. Aller⸗ 10 dings haben die Leipziger Handelshaͤuſer, dadurch daß ſie den Wollhandel mit England eroͤffneten und den eng⸗ liſchen Fabrikanten den Vorzug der Electoral⸗Wolle anerkennen lehrten, viel dazu beigetragen, daß man mit dem Ertrage der ſaͤchſiſchen Merinos zufrieden, ſich nicht oͤfter durch die Anpreiſungen gewiſſer ſogenannter Ori⸗ ginalraßen aus Frankreich und Oeſtreich— welche durch die hohen wirklich dafür bezahlten Preiſe beſtaͤtigt wur⸗ den— verleiten ließ, ſich ſolche anzuſchaffen. Allein dieſe Wollhaͤndler, zu wenig mit den Raßeeigenſchaften und ihrer Erblichkeit bekannt, ſchrieben den Vorzug der ſaͤchſiſchen Wolle und beſonders einiger Heerden dem Clima, der Weide und der maͤßigen Fuͤtterung zu, und ſo geſchah es, daß doch manche Zuͤchter, ſich in Anſe⸗ hung der Feinheit auf ihre Oertlichkeit verlaſſend, Boͤcke jener vollwolligen, faltigen, breiten Raße kommen ließen und ihre Heerde damit durchkreuzten und dadurch eine reichere Schur mit ihrer bisherigen Feinheit und Sanft⸗ heit zu verbinden glaubten. In den Jahren 1816 bis 1819, als der Wollhandel einen hohen Schwung wieder bekommen hatte und man hohe Preiſe fuͤr ausgezeichnete Zuchtthiere nicht ſcheuete, geſchah dieſes in Sachſen wie in Schleſien, den Marken und ſelbſt in Pommern nur zu haͤufig und wuͤrde noch mehr geſchehen ſeyn, wenn nicht eine andre Stimme gegen das Nachtheilige hete⸗ rogener Kreuzungen gewarnt und auf die verſchiedenen nun conſtant gewordenen Abarten der Merinos aufmerk⸗ ſam gemacht haͤtte: eine Warnung, die ſich den Auf⸗ merkſameren durch den Erfolg ihrer Kreuzungen bald beſtaͤtigte. 11 In ganz Frankreich gab die erſte Staats⸗Stamm⸗ ſchaͤferei zu Rambouillet das Signal zur Leitung der Zucht. Die Preiſe ihrer Wolle, welche ſie von großen Fabrikanten,— die beſonders in den Napoleo⸗ niſchen Zeiten eine Ehre darin ſetzten, ſie zu erſtehen— in den Auctionen erhielt und die enormen Gebote, die von den franzoͤſiſchen Großen— als die Schaafzucht beſonders am Hofe der Kaiſerin Joſephine zum Modeton geworden war— darauf geſchahen, beſtaͤrkten die Meinung, die man in ganz Frankreich von ihr hatte. Um ſo groͤßer war die Conſternation der Merinozuͤchter, als die Rambouilletter Wolle, die man fuͤr die erſte in der Welt hielt, immer tiefer im Preiſe fiel, und im Jahre 1822 gar nicht verkauft werden konnte, weil auf das Kilogramm nur 2 Fr. 10 Cent. geboten wurden. Es entſtand nun die Frage, ob die Merinozucht uͤber⸗ haupt in Frankreich vortheilhaft betrieben werden koͤnne; deren Beantwortung Hr. v. Gasparin in der Preis⸗ ſchrift, wovon ich in den Moͤglinſchen Annalen(Bd. 13, S. 120.) einen Auszug mitgetheilt habe, am gruͤndlich⸗ ſten unternommen hat. Eine andre Beantwortung er⸗ ſchien von dem Verfaſſer dieſes Werks, die mir ent⸗ gangen iſt, aber dadurch beſonders Aufmerkſamkeit er⸗ regte, daß nun die von der Rambouilletter und den meiſten andern franzoͤſiſchen Schaͤfereien ganz abweichen⸗ den Eigenſchaften der Nazer Heerde und die ihrer Wolle von angeſehenen Fabrikanten zugeſprochenen Vorzuͤge kund wurden. Dies erregte um ſo mehr Erſtannen, da man die Rambouilletter Heerde allgemein fuͤr das Vollkom⸗ menſte gehalten hatte, was, wenigſtens in Frankreich, 12 zu erzielen moͤglich ſey. Nun hallte das Lob der Na⸗ zer Heerde in allen darauf Bezug habenden Journalen und Zeitungsartikeln wieder, und dies Echo verbreitete ſich auch um ſo leichter in unſern Zeitungen, da es leeren Raum genug darin vorfand. Aus dem, was beſonders im Journal de Com- merce uͤber das aus dieſer Heerde gemachte Sortiment geſagt ward, gehet hervor, daß es unſern Electoral⸗ Sortimenten nahe komme. Ich hatte daher anfangs die Vermuthung, daß ſich dieſe Schaͤferei wohl aus electoralen angeſtammt haben koͤnne; aber das iſt ohne Grund. Es geht vielmehr beſtimmt genug hervor, daß ſie original ſpaniſch ſey und theils aus einem Transport, den die Regierung durch Gilbert aus Spanien ziehen ließ und aus welchem zugleich die Stammſchaͤferei von Perpignan gebildet wurde, theils aus einem, den Hr. Deleſſert durch ſeinen Credit beſorgte, entſtanden ſey; daß ſie aber durch die Sorg⸗ falt und die richtige Anſicht des Hrn. Girod ſo ver⸗ vollkommnet worden. Hr. Teſſier ſagt daruͤber im Juniſtuͤck 1824 der Annalcs d'agriculture S. 279: „Woher kommt denn der Vorzug dieſer Nazer Heer⸗ den? Vielleicht von der Lage der Schaͤferei an einer Berglehne? Oder von der Sorgfalt, womit die Thiere gewartet werden? Oder von der Nahrung, die man ihnen in Raufen giebt? Oder von der beſonderen Na⸗ tur der Weide? Ich zweifle zwar nicht, daß einige dieſer Umſtaͤnde einigen Einfluß auf die Qualitaͤt der Wolle haben; aber was am meiſten beigetragen, iſt die ununterbrochene Aufmerkſamkeit, die man ſeit — 13 fuͤnf und zwanzig bis dreißig Jahren darauf verwandt hat, alle Thiere ſogleich auszuſtoßen, welche ſich von dem Grade, den man erreichen wollte, entfernten. Man hat in der Nazer Heerde immer die ſchoͤnſten Thiere beider Geſchlechter ausgewaͤhlt und jetzt noch ſchickt man alles, was der Schoͤnheit der uͤbrigen nicht entſpricht, nach einer entfernten Schaͤferei.“ „Dies iſt ohne Zweifel das Wahre; aber der ſpani⸗ ſche Urſtamm, woraus dieſe Heerde gebildet wurde, war von denen, woraus die Rambouilletter und andre Heer⸗ den entſprangen, wahrſcheinlich verſchieden. Jene war mit der von Perpignan eines Urſprungs. Ich erin⸗ nere an das, was Hr. v. Gasparin von den Abarten der in Frankreich eingefuͤhrten Merinos ſagt:„Hin⸗ ſichtlich der Formen und der Staͤrke giebt es einen gro⸗ ßen Unterſchied unter den Merinoſtaͤmmen; man kann ſie jedoch unter zwei Hauptraßen bringen, die ſchwere gedraͤngte Raße(rage trapuc) und die leichte Raße.“ „Dieſe Racçe trapue, die man in ihrer ganzen Schoͤnheit und Entwickelung zu Rambouillet findet, iſt niedrig auf den Beinen, hat ein ſtarkes Gerippe und anſehnlichen Koͤrper, ſie iſt mit Wolle uͤber die Beine und das ganze Geſicht bedeckt. Das Gewicht des Schaafs iſt zwiſchen 42 und 30 Kiligrammen.“ „Die leichte Raße findet ſich beſonders zu Perpignan, Croiſſy u. a. Ihr Bau iſt gedehnt, ſie iſt hoch auf den Beinen, welche ſo wie das Geſicht ohne Wolle ſind. Die Heerde von Croiſſy hat die groͤßten und ſchwerſten dieſer Raße, die von Perpignan die kleinſten. Sie iſt geſchickter zur Wanderung und zum Reiſen; ihre Wolle 14 iſt ſehr fein, aber ihre Geſtalt zur Maſtung weniger geſchickt.“(Vergl. Moͤglinſche Annalen, Bd. 13. S. 136.) Dies klaͤrt die Sache hinlaͤnglich auf und man erkennt leicht, daß jene Racge trapue die iſt, die ich vormals Negretti, nachher Infantado nannte, die Perpig⸗ nanſche aber die, welche ich Escurial zu nennen vor⸗ ſchlug und die man jetzt unter dem Namen Electoral mit begreift. Aus letzterer ſind die hochfeinen Heerden bei uns, und die Nazer Schaͤferei gebildet. Alſo eines Urſprungs ſind ſie doch. In wiefern Frankreich die Superioritaͤt in allen Stuͤcken, alſo auch in der Schaafzucht, haben muͤſſe, wollen wir vorerſt dahingeſtellt ſeyn laſſen. Theil. Erſter Wol e. d i e Ueber Erſtes Capitel. Allgemeine Betrachtungen uͤber die Wolle. Erſter Abſchnitt. Ueber das Wollhaar, ſeine Natur und ſeine Entwickelung. Die Chemie, welche in unſern Tagen die meiſten Zweige der National⸗Induſtrie ſo große Fortſchritte hat ma⸗ chen laſſen, ſcheint ſich noch nicht genugſam mit der Wolle beſchaͤftigt haben; ſie hat allerdings die Subſtanzen zer— legt, woraus dieſe Materie gebildet wird, eben ſo wie ſie es bei andern Haaren des Kopfes und der uͤbrigen Theile des Koͤrpers gethan hat; allein es iſt nicht mit beſonde— rer Ruͤckſicht auf den Nutzen, welchen die Praxis davon ziehen koͤnnte, geſchehen. Dennoch darf der Landwirth und der Fabrikant von dieſer Wiſſenſchaft ſehr wichtigen Unterricht erwarten; ihr gebuͤhrt es, das Wollhaar von ſeiner erſten Bildung an, bis zu ſeiner voͤlligen Entwicke— lung zu verfolgen, und dann weiter von dem Augenblick an, wo es vom Koͤrper des Schaafes getrennt wurde, bis zu dem, wo es in das Gewebe der mannigfaltigen Zeuge eintritt; ihre Sache iſt es ferner, den Einfluß zu erfor— 2 18 ſchen, welchen aͤußere Umſtaͤnde auf die Qualitaͤten der Wolle haben, ſo wie die verſchiedenen Behandlungen, welche man mit ihr vornehmen kann, um aus dieſen Forſchungen Folgerungen zu ziehen, welche die Induſtrie bei der Aus⸗ wahl des beſten Verfahrens, bei der Anzucht ſowohl wie bei der Waͤſche und Fabrikation, leiten koͤnnen. Bis wir beſtimmtere Kenntniſſe uͤber alle dieſe Punkte und beſonders uͤber die Subſtanz, die Bildung und die Entwickelung des Wollhaares, welche den Gegenſtand die⸗ ſes erſten Abſchnittes ausmachen, erlangt haben, glauben wir, daß es von Nutzen ſeyn koͤnne, das Reſultat unſerer eigenen Betrachtungen daruͤber mitzutheilen, ſo unvoll⸗ kommen es auch noch ſcheinen moͤgte. Ueber das Wollhaar und ſeine Natur. Das Wollhaar iſt ein Faden von ſolider Subſtanz, eine erhaͤrtere gelatinoͤſe Materie, welcher ſich eine oͤhligte und ſeifenartige beimiſcht. Der feſte Theil iſt weder in kaltem noch in warmem Waſſer aufloͤslich, und in keinem Grade der Hitze; aber durch corroſiviſche Einweichungen kann ſeine Aufloͤſung bewirkt werden. Die oͤhligte Materie hat ihren Sitz im Innern und am Aeußern des Wollhaares. Im Innern bildet ſie das Mark oder, wenn man will, den Saft, am Aeußern macht ſie das aus, was man den Schweiß und das Fett der Wolle nennt(suint et surge). Der Schweiß(suint) loͤßt ſich in kaltem Waſſer auf. Das Fett(surge) wird nur durch warmes Waſſer aufgeloͤſt, und dies erfordert noch die Zumiſchung anderer Subſtanzen, oder des Schweißes(suint) ſelbſt. 19 Was den markartigen Theil im Innern des Haares anbetrifft, ſo duͤrfen wir ihn wohl als ſehr aͤhnlich mit jenen aͤußern Materien annehmen, und es ſcheint nicht zu bezweifeln, daß die Schwierigkeit ihn mit denſelben Mit⸗ teln wegzuſchaffen, wodurch jene uͤberwunden werden, ihren Grund nur in der aͤußern Umwickelung habe. Von dieſer innern Subſtanz haͤngt die Unmoͤglichkeit ab, ſelbſt durch mehrmals wiederholte Behandlung, die Wolle vollkommen zu entfetten, eine Unmoͤglihhkeit, wovon man ſich durch das nach einiger Zeit immer wie⸗ derkehrende Erſcheinen des Fettes uͤberzeugt. Ohne Zwei⸗ fel aber verdanken wir dieſem Umſtande die Sanftheit und Weichheit der wollenen Zeuge, denn wenn es moͤglich waͤre, das Wollhaar von aller fetten Materie zu befreien, ſo wuͤrde es dadurch ſeine Geſchmeidigkeit verlieren, und die aufgetrocknete Subſtanz wuͤrde hornartig werden. Ueber die Enkwichelung. Die Umſtaͤnde der Entwickelung des Wollhaares ſind fruchtbar an nutzbaren Folgerungen, wir wollen nur eine ſchnelle Ueberſicht davon geben, indem wir nur diejenigen betrachten, uͤber welche die Naturforſcher einig ſind, und welche auf den Zweck dieſes Werks den naͤchſten Bezug haben. Das Wollhaar nimmt ſeinen Urſprung in dem unter der Haut liegenden Zellgewebe. Sein Urſprung iſt in einer Bolle oder Zwiebel von runder oder ovaler Geſtalt, welcher die Zirkulation eine ſchleimige Materie zufuͤhrt, wodurch ſie ernaͤhrt wird. Dieſe Zwiebel iſt aus zwei Haͤutchen zuſammengeſetzt, einer aͤußern und einer innern, 2* 20 welche unmittelbar den Keim des Haares umgeben. Die⸗ ſer Keim des Haares ſchießt fort bis zu der Hautoͤffnung, die ihm den Durchgang geſtatten ſoll, und trennt ſich hier von der aͤußern Haut der Zwiebel. Wenn die Haarſpitze bis zum Oberhaͤutchen dringt, ſo hebt ſie ſolches in die Hoͤhe, ohne es zu durchbohren, und bildet ſich dar— aus eine Scheide, die ſich genau mit derjenigen vereinigt, welche ihr das innere Haͤutchen der Zwiebel gegeben hatte. Einige Phyſiologen haben behauptet, daß das Haar kein roͤhriger Koͤrper ſey, daß kein Saft in ſeinem Innern zirkulire, und daß es nur durch Anſetzung(juxta position) wuͤchſe, das heißt, daß ſich jeder ſeiner Theile an der Wurzel bilde, und dann die ſchon gebildeten Theile vor⸗ waͤrts ſchoͤbe. Dieſe Meinung aber wird von andern be⸗ ſtritten. Ohne uns auf dieſen Streit einzulaſſen, muͤſſen wir doch geſtehen, es ſey uns viel wahrſcheinlicher, daß das Haar ſich ernaͤhre und wachſe wie eine Pflanze, ver⸗ mittelſt des Umlaufs einer Fluͤſſigkeit, die es anfuͤllt und erweitert, und daß es nach der Meinung des Dr. Derham ein Organ der unmerklichen Tranſpiration ausmache. Die Poroſitaͤt des Haargewebes, folglich auch der Wolle, giebt ihm alſo das Vermoͤgen auszuhauchen, mit welchem das Einzuziehen verbunden iſt. Wenn wir von dem Einfluß der Feuchtigkeit reden, werden wir Gelegenheit haben, die Wichtigkeit der letztern Eigenſchaft zu betrachten. Wir erwaͤhnen hier eines Satzes, der von mehreren Naturforſchern ausgeſprochen worden, und der unſerer Einſicht nach nicht widerlegt iſt, naͤmlich, daß die Form des Haares geſtaltet werde, durch die Bildung 21 der Hautoͤffnung, wodurch es dringt, daß dies ihm alſo gleichſam zur Form diene. So behaupten ſie werde das Haar fein, ſchlicht, gewellt u. ſ. w. erſcheinen, je nachdem die Oeffnung der Haut enger, gerader oder gewunden ſey. Man kann aus dieſem Satze fuͤr die Praxis ſehr wich⸗ tige Folgerungen ziehen; eine lange und aufmerkſame Beobachtung hat uns gezeigt, wie vielen Einfluß die Nah— rung auf die Qualitaͤt der Wolle habe; kann nicht tiefere Erforſchung der Urſachen dieſes Einfluſſes uns dereinſt zu unerwarteten Reſultaten fuͤhren? Weiß man nicht, daß die Macht des Menſchen dahin gekommen iſt, die Koͤrper der Hausthiere in ihrer erſten Bildung verſchiedentlich ge⸗ ſtalten zu koͤnnen? Hat Bakewell nicht das Knochen⸗ gebaͤude ſeiner Schaafraße um die Haͤlfte des Gewichts vermidernt, und dagegen das Gewicht des Fleiſches ums Doppelte vermehrt? Hat er nicht die Geſtalten dieſer Thiere nach ſeiner Willkuͤhr abgeaͤndert? Man darf alſo nicht verzweifeln, eine gleiche Gewalt uͤber den aͤußern Auswuchs dieſer koͤſtlichen Thiere zu erlangen, wenn die Qualitaͤten der Wolle von der uͤbrigen Bildung des Koͤr⸗ pers abhaͤngen, und beſonders von dem Zuſtande der Haut, auf welchen die Nahrung ohne Zweifel einen Einfluß hat. Wir haben auch dieſe Gewalt zum Theil ſchon ausgeuͤbt, durch die Kreuzung der Raßen, weil wir dahin gekommen ſind, eine feine Haut, bedeckt mit zarter und gekraͤuſelter Wolle, an die Stelle einer dicken Haut, die nur mit gro— ben und ſchlichten Haaren bedeckt war, zu ſetzen. Doch wir werden auf dieſen Gegenſtand zuruͤckkommen. 22 I. Anmerk. des Ueberſ. Die Verfaſſer machen hier An⸗ ſpruͤche an die Chemie, deren Befriedigung ihr nicht leicht werden moͤgte. Die voͤllige Trennung der feſten organiſirten Subſtanz von der in ihr eingeſchloſſenen fettigen, moͤgte wohl große Schwierigkeiten haben, ja ſie ſelbſt halten ſie fuͤr unmoͤglich. Ohne dieſe phyſiſche Abtrennung kann aber jede beſonders keiner chemiſchen Analyſe unterworfen werden. Sonſt waͤre es wohl in⸗ tereſſant zu unterſuchen, ob der Unterſchied der ſanfte⸗ ren, geſchmeidigen Wolle und der barſcheren, ſtarreren von einer Verſchiedenheit des Stoffs, woraus ſie gebil⸗ det ſind, oder aber nur von einer Verſchiedenheit ihres Baues abhaͤnge. Hinſichtlich der Art und des Grades ihrer Entſte⸗ hung, wie ſie bei verſchiedenen Wollarten, zu ver⸗ ſchiedenen Fabrikaten und zur Annahme verſchiedener Farben am zweckmaͤßigſten iſt, kann uns aber die Che⸗ mie practiſch nutzbare Aufſchluͤſſe geben und hat es zum Theil gethan. Ein beruͤhmter franzoͤſiſcher Chemiker (deſſen Name mir entfallen iſt) hat gezeigt, daß ein gewiſſer Grad der natuͤrlichen Fettigkeit die Wolle zur Annahme gewiſſer Farben geſchickter mache und daß es fehlerhaft ſey, ſie ihr in der Fabrikwaͤſche ganz zu neh⸗ nehmen. Es iſt uͤbrigens bekannt, daß die Wolle nach der Fabrikwaͤſche allgemein wieder geoͤhlet und mit Fet⸗ tigkeit durchdrungen wird. Es ſcheint aber, als ob jener Chemiker dem natuͤrlichen Fette vor dem kuͤnſt⸗ lichen einen Vorzug gebe. Der Unterſchied zwiſchen dem Fettſchweiß(Suint) 23 und dem Fett(Surge) der Wolle iſt bei den Franzo⸗ ſen practiſch wichtig. Ungewaſchene Wolle nennen ſie en suint, in bloßem Waſſer gewaſchene en surge und unterſcheiden, ob es kaltes oder warmes Waſſer war— wonach dann auch der Einfuhrzoll modificirt wird— und unter lavée verſtehen ſie nur die fabrik⸗ maͤßig mit Alkalien oder Seifen gewaſchene Wolle. Die franzoͤſiſchen Producenten verkaufen ihre Wolle groͤßtentheils ungewaſchen(en suint). Nach neueren Analyſen iſt Suint der ſeifenartige Beſtandtheil des Wollfettes, der ſich deshalb mit bloßem Waſſer auswa⸗ ſchen laͤßt. Dann bleibt aber noch ein blos fetter Be⸗ ſtandtheil zuruͤck, der erſt durch Alkalien ſeifenartig ge⸗ macht werden muß, bevor er ſich in Waſſer aufloͤſet und dieſer iſt, was ſie Surge nennen. Man kann eben ſo wohl ſagen: der Fettſchweiß iſt eine Seife, die aber zu wenig Alkali beſitzt, der alſo dieſes noch zugeſetzt werden muß, um ſie voͤllig aufloͤsbar zu ma— machen, was in der Fabrikwaͤſche geſchiehet. Was die Verf. uͤber die Entſtehung und Ent⸗ wickelung des Haars ſagen, iſt zwar voͤllig richtig und ſtimmt mit den Unterſuchungen uͤberein, die ſcharfſin⸗ nige Phyſiologen daruͤber angeſtellt haben. Seine aͤußere Scheide nimmt es bei dem Durchbruche von dem Ober⸗ haͤutchen an und dieſe iſt eine Fortſetzung des letzteren. Die Noͤhre im Haar iſt augenſcheinlich; das Haar iſt aber auch ohne allen Zweifel ein organiſcher Koͤrper, der von innen ernaͤhrt wird, ein Pflanzenleben— aber kein thieriſches, keine Empfindlichkeit— hat.(Wenn 24 die Haare, wie man ſagt, zuweilen wehe thun; ſo ſind das nicht die Haare ſelbſt, ſondern die Empfindlichkeit ſitzt in der Haut, womit ſie in Beruͤhrung ſtehen.) Jenes beweiſet die Veraͤnderung, welche die Haare bei Krankheiten und im Tode erleiden und die wir beſon⸗ ders bei der Wolle bedauren. Aber dennoch iſt es rich⸗ tig, daß ſich das Wollhaar nicht aus ſeinem Innern entwickele, ſondern nur durch ſeinen Zuwachs von un⸗ ten in der Haut fortgetrieben und verlaͤngert werde. Man hat die Wolle mit einem Strich von haltbarer Farbe bei ihrem Austritt aus der Haut gezeichnet; dieſer Strich iſt dann bei ihrem ferneren Wachsthum fortgeſchoben worden und oberhalb deſſelben hat ſich die Wolle aber nicht mehr verlaͤngert. Hat die Wolle in einer Periode ihres Wachsthums eine Veraͤnderung durch Krankheit erlitten, ſo beſchraͤnkt ſich dieſe auf die Stelle, die damals aus der Haut hervortrat, woraus die abgeſetzte Wolle entſteht. Der Begriff aber, den ſich die Verf. von der Bildung des Haars durch die Hautporen machen und worauf ſie in der Folge zuruͤckkommen, iſt zu mechaniſch und hand⸗ greiflich. Sie ſcheinen ſich das ſo vorzuſtellen, wie die Bildung der Fadennudeln, wenn man den Brei durch einen Durchſchlag reibt. Die Form des Haars haͤngt von der Organiſation des Keims ab, und eben ſo we⸗ nig, wie die Form des Grashalms durch die Poroſitaͤt der Erde, wodurch er dringt, bewirkt wird, iſt es auch beim Haare der Fall. Daß jedoch ſeine Feinheit und Geſchmeidigkeit mit der Beſchaffenheit der Haut im Verhaͤltniſſe ſtehe, hat ſeine Richtigkeit. Das Ober— 25 haͤutchen wird durch die Haut gebildet und von jenem empfaͤngt das Haar ſeine aͤußere Scheide. Ueberdies aber ſteht die Bildung des Haarkeims mit der Bildung des ganzen Organismus des Thiers in Verbindung. Dieſe Bildung des Organismus haͤngt aber hauptſaͤch⸗ lich von der Erzeugung ab, wenn auch die Nahrung einige Modifikationen darin bewirken mag. Durch Lei— tung der Erzeugung im Mutterleibe der Thiere hat der Menſch die Macht uͤber die Bildung ſeiner Haus⸗ thiere bekommen und blos hierdurch hat Bakewell notoriſch die willkuͤhrliche Veraͤnderung in der Geſtalt ſeiner Viehraßen bewirkt. Was wir dadurch bei der Bildung der Wolle— die immer mit einiger Veraͤnderung in der Organiſation des ganzen Koͤrpers verbunden ſeyn muß— ausrichten koͤnnen, iſt jetzt wohl von jedem Schaafzuͤchter anerkannt. Ich will nicht behaupten, daß andere Umſtaͤnde gar keinen Einfluß auf die natuͤr⸗ lichen Qualitaͤten der Wolle haben— ich werde mich in der Folge daruͤber erklaͤren— aber den uͤberwiegend⸗ ſten und entſchiedenſten hat die Generation oder die Vererbung und nur durch ſolche koͤnnen wir aus— daurende Abäanderungen nach unſerm Wunſche her— vorbringen. Zweiter Abſchnitt. Aufzaͤhlung und Deſinition der Eigenſchaften der Wolle. Es hieße die Graͤnze, welche wir uns vorgeſetzt haben, uͤberſchreiten, wenn wir alle die Eigenſchaften in der Sub⸗ ſtanz der Wolle unterſuchen wollten, welche das Auge des 26 Forſchers dabei beobachten kann; es giebt darunter ſolche, welche keinen oder nur ſehr geringen Einfluß auf die Pra⸗ ris haben, und welche wir deshalb an die Seite ſetzen, um uns um ſo mehr an diejenigen zu halten, deren Er⸗ forſchung uns unerlaͤßlich iſt. Wir werden zudoͤrderſt die Eigenſchaften des verein⸗ zelten Wollhaares aufzaͤhlen und eine jede derſelben ge⸗ nauer beſtimmen, indem wir den Sinn,„ welchen wir im Laufe des Werks mit den Benennungen verſchiedener Qua⸗ litaͤten verbinden, feſtſtellen, und dieſe Definitionen mit Bemerkungen begleiten, zu welchen wir anderswo keinen Platz finden moͤgten. Die Eigenſchaften, welche unſere Aufmerkſamkeit im einzelnen Wollhaar anziehen, ſind: 4. 1) ſein Character, 2) ſeine Feinheit, 3) ſeine Laͤnge, 4) ſeine Geſchmeidigkeit, 5) ſeine Staͤrke im eigentlichen Verſtande, 6) ſeine verſchiedene Arten von Elaſtizitaͤt, 7) ſeine Sanftheit, 8) endlich die Eigenſchaften, welche ſein Gewebe hinſichtlich ſeiner Zuſammenziehung und ſeiner Ausdehnung, ſeines Einziehungs⸗ und Aus⸗ hauchungs⸗Vermoͤgens hat. Die Eigenſchaften, welche wir im einzelnen Wollhaar erkannt haben, werden wir in der zuſammengeſetzten Maſſe derſelben wiederfinden, wir werden ſehen, daß die Eigen— ſchaften der Maſſe beinahe ganz das Product der zuſam⸗ mengeſetzten Eigenſchaften aller einzelnen Haare, woraus 27 ſie beſteht, ſey. Nur eine Eigenſchaft koͤnnen wir nicht ganz aus der Vereinigung der Eigenſchaften einzelner Haare ableiten, naͤmlich die, woruͤber wir unter dem Namen der Elaſtizitaͤ des Volums reden werden. Bom Eharacter. Unter dieſem Ausdruck verſtehen wir die verſchiedenen Geſtalten, in welchen ſich das Wollhaar uns darſtellt; die merkwuͤrdigſten in dieſen Formen unterſcheiden wir durch beſondere Ausdruͤcke. So heißt das Wollhaar ge⸗ kraͤuſelt oder gewellt(frisé on ondulé), wenn s viele Bogen darſtellt, die mehr oder minder regulaͤr ſind. Wir nennen es gewunden(Vvrillé), wenn dieſe Bogen ſich ſpiralfoͤrmig entwickeln, es wird gezerrt(crépu) heißen, wenn es ohne gewellet zu ſeyn, einzelne Kruͤm⸗ mungen macht, oder eine kleine Zahl von irregulaͤren, uͤbergebogenen Kruͤmmungen, es wird endlich glatt*), gerade und ſchlicht heißen, wenn es gar keine Kraͤu⸗ ſelung oder Wellung beſitzt. Von der Feinheiz. Der Grad der Feinheit iſt nichts anders, als der Durchmeſſer des Wollhaares. Dieſes Maaß iſt in der *) Aus dem, was wir im erſten Abſchnitte dieſes Kapitels geſagt haben, daß naͤmlich das Wollhaar eine Röhre ſey, erhellet, daß, wenn es zuweilen platt gedruͤckt iſt, dieß nur zufaͤllig und nur in einzelnen Theilen ſeyn koͤnne; man muß alſo nicht glauben, daß der Ausdruck platte Wolle, deſſen man ſich in der Praxis bedient, eine wirkliche platte Structur des Wollhaares anzeige. Man bedient ſich dieſes Ausdrucks nur, um eine ſchlichte, gerade Wolle ohne Kraͤuſelung und Wellung zu bezeichnen. Anmerk. d. Verf. 28 Praxis noch nicht vollkommen beſtimmt, und es ſcheint ſehr ſchwierig zu ſeyn, dies zu erreichen. Ungeachtet die Form des Haars rund iſt, ſo folgt daraus doch nicht, daß es ein vollkommener Zylinder ſey, d. h., daß ſein Durchmeſſer in ſeiner ganzen Laͤnge ſich gleich bleibe. Dieſe vollkommene ſonſt ſo wuͤnſchenswerthe Gleichheit findet ſich faſt niemals; das Wollhaar iſt gewoͤhnlich fei— ner an ſeiner Wurzel als an ſeinem obern Ende, aus⸗ genommen in der erſten Wolle, die das Lamm mit zur Welt bringt, denn bei dieſer endet ſich das Wollhaar oben in einer Spitze. Die Neigung des Wollhaars an ſeinem aͤußern Ende dicker zu werden, laͤßt ſich vielleicht auf fol⸗ gende Weiſe erklaͤren. Das Wollhaar erhaͤlt einen Zufluß von der fluͤſſigen Subſtanz, welche in der Bolle, woraus es entſtand, ent⸗ halten iſt; es eignet ſich einen Theil davon an, und ſtoͤßt einen andern uͤberfluͤſſigen Theil davon wieder aus. Bei der erſten Lammwolle, deren aͤußerer Theil nicht abge⸗ ſchnitten war, und ſich in einer Spitze endete, konnte dieſer Auswurf nur durch das Gewebe des Haars ſtatt finden; nachdem aber die Schur die Roͤhre einmal geoͤff⸗ net hat, ſo wird der Auswurf durch ſelbige leichter vor ſich gehen koͤnnen, und die fluͤſſige Subſtanz wird dann die Neigung bekommen, ſich mehr nach dieſem abgeſchnit⸗ tenen Ende hinzuziehen. Auch ſcheint es glaublich, daß das Vermoͤgen zu abſorbiren, welche das poroͤſe Gewebe des Haares beſitzt, an dem aͤußern Ende, welches ſich auf der Oberflaͤche des Vließes befindet, wirkſamer ſey, als an dem Theile, der zunaͤchſt an der Wurzel ſich befindet 29 und mehr verdeckt iſt, und daß dieſes Haar deshalb an ſeinem aͤußern Ende dicker werde, als an ſeinem untern. Man beurtheilt gewoͤhnlich die Feinheit der Wolle nur comparativ, und die Uebung allein kann dieſe Beur— theilung mehr oder minder ſicher machen. Jedoch haben wir neuerlich beſondere Inſtrumente erhalten, wodurch eine ſolche Meſſung bewirkt werden ſoll, woruͤber wir bei einer andern Gelegenheit ſprechen werden. Von der Längfe. Die Laͤnge des Wollhaars iſt anſcheinend oder wirklich. Die erſtere iſt diejenige, die das Wollhaar in ſeinem natuͤrlichen Character und Lage angiebt, d. h., ohne daß es ausgedehnt wird, wenn es gewellt, gewun⸗ den oder gezerrt iſt; die zweite iſt diejenige, die es er— haͤlt, wenn es entwickelt oder gerade gezogen wird, ohne jedoch in ſeiner Subſtanz ſelbſt gedehnet zu werden. Bei dem voͤllig ſchlichten Wollhaar unterſcheidet ſich ſeine ſchein— bare nicht von der wirklichen Laͤnge. An einem andern Orte werden wir angeben, in wel⸗ chem Grade die verſchiedenen Wollarten ſich in ihrer Laͤnge unterſcheiden, und welches diejenige ſey, welche ſie zu ver— ſchiedenen Arten von Fabrikaten am geſchickteſten machen. Von der Geſchmeidigkeit. Dieſe iſt nichts anderes, als ihre Biegſamkeit, und ſie muß nicht, wie es haͤufig geſchieht, mit der Sanftheit verwechſelt werden, wovon ſie nur eine Bedingung iſt. Muſchenbroͤck verſteht unter der Biegſamkeit diejenige Eigenſchaft eines feſten Koͤrpers, wodurch er veraͤndert, 30 verlaͤngert oder verkuͤrzt werden kann, ohne daß eine Trennung von einander geſchieht. Dieſe Definition giebt einen richtigen Begriff von dem, was wir die Geſchmei⸗ digkeit eines Wollhaars nennen, indem eine ſolche Wolle, die wir geſchmeidig nennen, der ſchwaͤchſten Einwirkung nachgeben muß, wenn ſie die Richtung ihres Haars zu veraͤndern ſtrebt, ſowohl bei dem Umbiegen als wieder Aufrichten, und indem ſie ſich uͤber diejenige Laͤnge, welche wir ihre wirkliche genannt haben, noch ausdehnen laͤßt, ohne zu zerreiſſen. Was das Vermoͤgen ſich zu verkuͤrzen anbetrifft, ſo koͤmmt dies bei der Praxis in keinen Betracht, und wir werden uns alſo um dieſe Eigenſchaft nicht bekuͤmmern. Von der Staͤrke im eigentlichen Sinne des Worts. Sie ergiebt ſich durch das Maaß des Widerſtandes, welches ſie einer aͤußern Kraft, die ſie zu derreiſſen ſtrebt, entgegen ſetzt; ſie beſteht in dem mehr oder mindern Zuſam⸗ menhang der Partikeln, woraus ſie zuſammengeſetzt iſt. Ueber die verſchiedenen Arten der Elaſtizitaͤt. Die Elaſtizitaͤt iſt im Allgemeinen die Eigenſchaft der Koͤrper, ſich in die Geſtalt und die Ausdehnung wieder zuruͤckzuſetzen, aus welchen eine aͤußere Einwirkung ſie gezogen hatte. Wir werden aber im Wollhaar mehrere Arten der Elaſtizitaͤt unterſcheiden, indem ſich dieſe Eigen— ſchaft in verſchiedenen Wollarten auf verſchiedene Weiſe darſtellt, und jede derſelben verſchiedene Wirkungen bei der Fabriration aͤußert. Wir nennen 1) Elaſtizitaͤt der Kraͤuſelung oder Wellung 31 (ondulation) diejenige Federkraft, wodurch ein gekraͤu⸗ ſeltes oder gewelltes Haar ſeine vorige Geſtalt und Laͤnge wieder annimmt, nachdem die ausdehnende Kraft, die es in eine gerade Linie zog, zu wirken aufhoͤrt. Nicht alle Wollarten haben dieſe Art der Elaſtizitaͤt, beſonders nicht die ſchlichte und gerade Wolle, welche nicht mehr verlaͤn⸗ gert werden kann, ohne in ihrey Subſtanz ſelbſt ausge— dehnt zu werden, indem ihre wahre Laͤnge mit ihrer ſchein⸗ baren gleich iſt. 2) Elaſtizitaͤt der Aufrichtung: die Kraft, wodurch ein Wollhaar ſeine Richtung und Form wieder annimmt, nachdem man es auf irgend eine Weiſe gebogen hat; ſowohl das gekraͤuſelte als das ſchlichte Haar ſind dieſer Art der Elaſtizitaͤt faͤhig. 3) Zuruͤckziehende Elaſtizitaͤt: die Kraft des Haars ſeine vorige Laͤnge wieder anzunehmen, nach— dem man es uͤber ſeine wirkliche Laͤnge hinaus ausge⸗ dehnt hatte. 4) Endlich, zuſammenſchnirrende Elaſtizi⸗ taͤt:(elasticité de crispation) die Wirkung, die ſich zeigt, wenn man ein Haar bei der Ausdehnung abge⸗ riſſen hat. Von der Sanſtheit. Die Sanftheit wird durch das Gefuͤhl beurtheilt; das Wollhaar wird um ſo ſanfter ſeyn, je ebner, je runder und je geſchmeidiger es ſich zeigt. Daher haͤngt die Sanftheit theils von ſeiner Form, theils von ſeiner Geſchmeidigkeit ab, und wir werden in der Folge die Nuͤtzlichkeit dieſer Unterſcheidung zeigen. 32 Ueber das Vermögen ſich zuſammenzuziehen und ſich auszudehnen, einzuziehen und auszuhauchen. Dieſe Eigenſchaften definiren ſich durch ſich ſelbſt; man kann dem poroͤſen Gewebe, welches dem Wollhaar zur Scheide dient, die Eigenſchaft aͤußere Fluͤſſigkeiten einzuziehen, und die in ihm befindlichen auszuhauchen, ſo wie die ſich zuſammenzuziehen oder zu erweitern, je nach⸗ dem aͤußere atmosphaͤriſche oder andere Einfluͤſſe einwir⸗ ken, nicht abſprechen. Dieſe Einwirkungen ſind, wie wir in der Folge zeigen werden, fruchtbar an Folgerungen fuͤr die Behandlung der Wolle vor und nach der Schur. Von der Elaſtizitaͤt in der Maſſe⸗ Wir haben oben geſehen, daß es eine Eigenſchaft gebe, die wir mit dem Namen der Elaſtizitaͤt des Volums belegten, und die ſich practiſch im einzelnen Wollhaar nicht beurtheilen ließe, ſondern nur in der Vereinigung der Haare zu einer Maſſe; wir wollen ſie nun hier be⸗ ſchreiben. Wir verſtehen unter Elaſtizitaͤt des Volumens, die Eigenſchaft der Wolle im Volumen vermindert oder erweitert zu werden, durch die Wirkung des Drucks oder des Auseinanderziehens; dieſe Elaſtizitaͤt iſt dieſelbe, welche man bei mehreren Koͤrpern bemerkt, die, wenn ſie in ihrer Ausdehnung veraͤndert worden, den Raum aufs neue ein⸗ zunehmen ſtreben, den ſie vorher fuͤllten. Noch eine Eigenſchaft der Wolle, die wir nicht uͤber⸗ gehen duͤrfen, iſt ihre Farbe. Wir wollen nicht phyſio⸗ logiſch die Urſachen unterſuchen, welchen man die mannig⸗ faltigen Schattirungen beimeſſen kann, die ſich in den ver⸗ 33 ſchiedenen Arten der Haare und der Wollen finden, und ohne uns in die Frage einzulaſſen, welche die Gelehrten daruͤber aufgeworfen haben, beſchraͤnken wir uns auf die Bemerkung, daß es Wollen von natuͤrlich verſchiedenen Farben gebe(ſchwarze, braune, gelbe, falbe, greiſe), welche allen Waͤſchen und Entfettungen widerſtehen, und andere, welche ganz weiß ſind. Die letztern zeigen verſchiedene Schattirungen vor ihrer Entfettung, aber dieſe Behand⸗ lung bringt ſie alle zu einer und derſelben Weiße zuruͤck. Die weiße Wolle iſt natuͤrlich die ſchaͤtzbarſte, weil ſie geeignet iſt, alle Arten von Farben, und gleich— artig, anzunehmen, welches bei denen, die von Natur ſchon gefaͤrbt ſind, nicht der Fall iſt. — II. Anmerk. d. Ueberſ. Die Verf. nennen das einzelne Wollhaar, womit ſie ſich zuvoͤrderſt beſchaͤftigen, le Brin de la laine. Ich nenne es das Wollhaar. Gegen dieſen Ausdruck haben mehrere das Bedenken geaͤußert, daß Haare in der Wolle etwas tadelhaftes ſeyn und alſo ein Mißverſtaͤndniß daraus entſtehen koͤnne. Aber im— mer iſt die Wolle Haar, und hat die Natur und die meiſten Eigenſchaften mit anderen Haaren gemein. Nur iſt ſie eine beſondere Art von Haar, ſo wie das jedes Thiers und ſogar der verſchiedenen Koͤrpertheile deſſelben. Beim Menſchen iſt das Kopfhaar von dem anderer Theile merk— lich verſchieden. Wir haben aber im Deutſchen keine Aus— druͤcke fuͤr jede Art des Haars, bezeichnen ſie alſo genauer nur durch einen Zuſatz. Unter Wolle verſtehen wir das 3 34 Aggregat von mehreren Wollhaaren. Wenn man von die⸗ ſen einzelnen ſpricht, ſo haben ſie einige Faden, Faſern nennen wollen. Aber unter Faden verſteht man ſonſt et⸗ was zuſammengeſetztes, gewundenes und unter Faſer ein ganz einfaches, was die Wolle in ihrer roͤhrigen Geſtalt nicht iſt. Deshalb halte ich den Ausdruck Wollhaar fuͤr den richtigſten und beſtimmteſten und wenn in dieſer Wolle einige abnorme Haare vorkommen, ſo nennt man ſie Stichelhaare, Ziegenhaare, Hundehaare, Haſenhaare. Wollhaar iſt aber nur das regulaire. Es iſt gewiß von Wichtigkeit, den Begriff, den man mit gewiſſen Ausdruͤcken bezeichnen will, recht feſtzuſtellen. Fruͤher iſt die Sache nicht wiſſenſchaftlich behandelt worden und ungebildete Sortirer und Fabrikanten haben mancher⸗ lei unbeſtimmte Ausdruͤcke eingefuͤhrt, wodurch ſelbige nur verworren und unklar gemacht worden. Es iſt gut ſie zu kennen, um jene zu verſtehen; aber die Wiſſenſchaft muß ſich bemuͤhen, an ihrer Stelle beſtimmtere und ſolche aufzufinden, die eine koͤrperliche Eigenſchaft allgemein ver⸗ ſtaͤndlich bezeichnen; zumal, da jene ſogenannten Kunſt⸗ ausdruͤcke nicht allgemein guͤltig ſind, jeder ſeine eignen hat oder unter denſelben etwas anderes verſteht, als der andre. Ohne beſtimmte Sprache giebt es keine Wiſſenſchaft. Den Character der Wolle ſetzen die Verf. in die Art der Wellungen, Windungen oder Bogen, die das Wollhaar macht. Eigentlich beſtimmen wohl ihre verei⸗ nigten Qualitaͤten ihren Character; aber richtig iſt es, daß die Art der Wellungen vorzuͤglich die Wollgattungen, behufs ihres Gebrauchs in der Fabrikation, unterſcheide und daß wir bei ihrer Eintheilung allein darauf Ruͤckſicht 3⁵ nehmen muͤſſen. Ich habe alſo nichts dagegen, daß wir jenen Begriff beibehalten. Den Ausdruck Feinheit muͤſſen wir allerdings blos auf die Kleinheit des Durchmeſſers beſchraͤnken, obwohl er, im gemeinen Leben, haͤufig weiter ausgedehnt wird, und ich gefunden habe, daß Wollkuͤnſtler eine Wolle, die wirklich von kleinem Durchmeſſer war, aber andere tadel⸗ hafte Qualitaͤten hatte, nicht fuͤr fein erklaͤren wollten. Der Feinheit iſt die Grobheit entgegengeſetzt: aber es ſcheint mir, als ob es manche fuͤr grob halten, etwas grob zu nennen; ſie ſagen deshalb, um ihren Tadel hoͤf⸗ lich auszuſprechen, die Wolle ſey etwas ſtark. Die Staͤrke, wovon nachher, iſt aber eine ſehr gute Qua⸗ litaͤt, und deshalb giebt dies Verwirrung. Die Feinheit der Wolle iſt allerdings die wichtigſte Eigenſchaft der Wolle und ein unbedingtes Erforderniß ihres hoͤheren Werths. Deshalb wuͤrde ein zuverlaͤßiger Feinheits⸗ oder Durchſchnittsmeſſer ſehr erwuͤnſcht ſeyn. Der Dollondſche iſt ohne Zweifel der mathematiſch richtigſte und giebt den Durchmeſſer nach einem beſtimm⸗ ten und bekannten Laͤngenmaaße an. Aber er veranlaßt zu leicht Taͤuſchungen des Auges, wegen des Schimmers, den der aͤußere Rand des feinen Wollhaars giebt, und der verſchiedenen Strahlenbrechung, jenachdem das Licht auf das Objectivglas faͤllt. Der Koͤhlerſche giebt kein feſt beſtimmtes Laͤngenmaaß an, und ſeine Grade koͤnnen nur comparativ beſtimmt, ein Inſtrument kann nur nach dem andern gradirt und ausgeglichen werden. Doch ließen ſich ſeine Grade mit Huͤlfe des Dollondſchen Woll⸗ meſſers wohl auf ein beſtimmtes Maaß reduciren, wenn 2 3*† 36 es ganz ſicher waͤre, daß er durch die Temperatur und Luftfeuchtigkeit keine Aenderung erlitte; was erſt durch fernere Verſuche ausgemacht werden kann. Die Erklaͤrung der Verf., warum das Wollhaar in der Regel am obern Ende groͤber als am untern ſey, laſſen wir dahingeſtellt. Andre Haare werden oben duͤnner als ſie unten ſind, wenn ſie gleich ebenfalls abgeſchnitten waren. Die Wollhaare ſcheinen bei ihrem Wachsthume oben nicht groͤber zu werden, ſondern der nachmals obere Theil tritt gleich nach der Schur groͤber aus der Haut hervor, als der nachfolgende, weshalb — wie die Verf. nachmals auch bemerken— das Vließ in den erſten Monaten nach der Schur groͤber erſcheint, als wenn es ausgewachſen iſt. Ich moͤgte es eher ſo erklaͤren: der Nahrungsſtoff, der dem Haar aus ſeiner Wurzel zufließt, kann ſich, nachdem es abgeſchnitten worden, nicht mehr in der groͤßeren Laͤnge vertheilen, ſetzt ſich alſo in dem kurzen Ende ſtaͤrker ab. Hierin faͤnde ſich Analogie mit dem Pflanzenwachsthum, wo der Stamm dicker wird, wenn man die Spitzen der Zweige haͤufig abſchneidet. Die Unterſcheidung deſſen, was man unter Laͤnge des Wollhaars verſteht, muß wohl beachtet werden, wenn es nicht Mißverſtand geben ſoll. Wir frugen deshalb die Wollkenner auf dem Leipziger Convente, wie ſie es verſtanden? und mehrere ſagten, daß ſie die Laͤnge nach der Ausreckung angaͤben. Sie ſcheinen je— doch nur auf die Ausreckung eines Stapels oder Buͤ⸗ ſchels zu achten, die ſelten ſo groß iſt, als die, welche das einzelne oder wenige Haare annehmen. Wir ka⸗ 37 men daher uͤberein, die ſcheinbare Laͤnge des Sta⸗ pels ſeine Hoͤhe und die wirkliche, nach ſeiner Aus⸗ dehnung, ſeine Laͤnge zu nennen Die Geſchmeidigkeit des Wollhaars, welche wenig⸗ ſtens vor allem die Sanftheit in der Maſſe bewirkt, iſt, wie ich fruͤher ſchon bemerkt habe, mit der Dehnbar⸗ keit, d. h. mit der Eigenſchaft, ſich noch uͤber die gerade Linie hinaus ausdehnen zu laſſen, bevor es reißt, verbunden. Wird ein Koͤrper gekruͤmmt, ohne zu brechen, ſo muß die aͤußere Seite der Kruͤmmung eine Ausdehnung erleiden koͤnnen. Je groͤßer die Nachgie⸗ bigkeit gegen Ausdehnung iſt, deſto leichter wird er ſich biegen laſſen. Das geſchmeidige Wollhaar iſt vom ge⸗ ringſten Hauche biegſam und ohne dieſen ſenkt es ſich, wenn man es an einem Ende zwiſchen den Fingern haͤlt, durch ſeine eigne Schwere mit dem andern Ende herab oder ziehet ſich mit dieſem vielleicht nach der waͤrmeren und duͤnneren Luft, welche den Finger um⸗ giebt, hin.. Der Gegenſatz gegen die Geſchmeidigkeit iſt die Starrheit, welche deshalb auch mit der Barſchheit als Gegenſatz der Sanftheit verbunden iſt. Ueber das, was die Verf. unter Staͤrke im eigent⸗ lichen Sinne des Worts verſtehen, erklaͤren ſie ſich im folgenden Abſchnitte. Die vier Arten, wie ſich die Elaſtizitaͤt im Wollhaar zeigt, ſind von den Verf. beſonders gut auseinander geſetzt und da ihr Einfluß bei der Fabrikation gewiß von Be⸗ deutung iſt, ſo ſchien dies noͤthig. Sie wurden bisher von den Wollkennern unter dem Ausdrucke des Nervs 38 der Wolle zuſammen begriffen und was dieſe etwa Ela⸗ ſtizitaͤt nannten, iſt dasjenige, was der Verf. unter dem Namen Elaſtizitaͤt des Volums unterſcheidet. Noch eine Eigenſchaft der Wolle, die ſich freilich beſſer in der Maſſe als im einzelnen Wollhaare unter⸗ ſcheiden laͤßt, haben die Verf. uͤbergangen: dies iſt der Glanz. Man nennt dieſen ſchaͤtzbaren Glanz, welchen die Wolle auch nach ihrer Faͤrbung und nach der Fa⸗ brikation, wenn ſie gehoͤrig behandelt wird, beibehaͤlt, den Silberblick der Wolle. Er laͤßt ſich nicht wohl beſchreiben, ſondern nur von einem geuͤbten Auge er⸗ kennen. Dritter Abſchnitt. Ueber die Verbindung und die Einwirkung der verſchiedenen Eigenſchaften der Wolle untereinander. Wir muͤſſen hier unſere Leſer an das erinnern, was wir in der Einleitung uͤber die Unerlaͤßlichkeit genauer Definitionen und ſolcher Entwickelungen geſagt haben, die ſehr abſtract ſcheinen koͤnnen, und deren unmittelbare Anwendung man nicht ſogleich begreift. Wir muͤſſen da⸗ her nochmals um ihre ernſtliche Aufmerkſamkeit bei dieſem dritten Abſchnitte bitten. Im vorigen haben wir die Ei⸗ genſchaften der Wolle beſtimmt und entwickelt, jetzt wollen wir eine Ueberſicht nehmen von den Verhaͤltniſſen, in wel⸗ chen ſie ſich mit einander verbinden. Ihre Kenntniß iſt fuͤr die Praxis noͤthig, denn es iſt z. B. gewiß, daß wenn eine Wolle zur Bildung der feinſten Tücher geſchickt ſeyn ſoll, ſie fein, gleichartig, geſchmeidig u. ſ. w. ſeyn muͤſſe, 39 und wenn die Gegenwart einer dieſer Qualitaͤten die der andern anzeigt, und das Verhaͤltniß, worin ſie zu ſtehen pflegen, bekannt iſt, ſo wird die Unterſuchung der Wolle dadurch leichter und ſicherer. Die Feinheit des Wollhaars verbindet ſich mit ſeinem Character, ſeiner Geſchmeidigkeit, ſeiner eigentlichen Staͤrke, ſeiner Sanftheit, ſeiner Laͤnge und mit den ver⸗ ſchiedenen Arten ſeiner Elaſtizicaͤt. Verhaͤltniß der Feinheit zum Character des Wollhaars. Die Verbindung der Feinheit des Wollhaars mit ſei⸗ nem Character, oder mit der Bildung ſeiner Roͤhre, ſcheint uns ſo ſtark erwieſen, daß wir ſie als zuverlaͤßig anneh⸗ men koͤnnen. Unſere Praxis laͤßt uns keinen Zweifel dar⸗ uͤber, daß eine regulaire Wellung immer mit Feinheit ver— bunden ſey. Man trifft letztere allerdings auch bei voͤllig ſchlichten Wollen an, und wir haben Heerden geſehen, deren Vließe eine auffallende Schlichtheit mit einem hohen Grade von Feinheit verbanden; aber die Seltenheit einer ſolchen Wollart muß uns dieß nur als eine Ausnahme betrachten laſſen, denn ſonſt finden wir immer bei der regulairen und dichten Wellung oder Kraͤuſelung den hoͤch⸗ ſten Grad der Feinheit. 4 Einige engliſche und deutſche Beobachter haben die Unterſuchung der Wolle hinſichtlich dieſes Verhaͤltniſſes ſehr weit getrieben, und haben ſich daruͤber ein ordentli⸗ ches Syſtem gebildet. Nach ihnen ſteht die Feinheit des Wollhaars in gera⸗ dem Verhaͤltniſſe mit der Zahl und der Form der Wel⸗ lungen oder Bogen; jedoch geben ſie ſelbſt die Ausnah⸗ 40 men bei gewiſſen ſchlichten Wollen zu, die wir ebenfalls bemerkt haben. Sie haben gefunden, 1) daß die Zahl der kleinen Bo⸗ gen, welche die Kraͤuſelung ausmachen, auf der Laͤnge eines Zolles, nach der Feinheit und Gleichheit derſelben in allen Theilen, von 8 bis 36 gehe. 2) Daß bei der gleichen Zahl der Bogen auf einer gleichen Laͤnge diejenige Wolle die feinſte ſey, deren Bo⸗ gen die kleinſten, die regulairſten und die geradeſte Linie bildend, ſind. 3) Daß das Wollhaar ſich in ſeiner ganzen Laͤnge gleich bleibe, wenn ſeine Bogen, von einem Ende zum andern, ſich vollkommen gleich ſind. Dieſe Beobachtungen haben uns von großer Wichtig⸗ keit geſchienen, und uns zu ſehr genauen Unterſuchungen veranlaßt; wir haben dabei zwar einige Ausnahmen von obigen Grundſaͤtzen gefunden, jedoch ſo wenige, daß ſie an der allgemeinen Nichtigkeit jener Grundſaͤtze, uns kei⸗ nen Zweifel geſtatten. Verhaͤltniß der Feinheit zur Geſchmeidigkeit. Gewoͤhnlich ſteht die Feinheit mit dieſer ſo koͤſtlichen Eigenſchaft der Wolle in Verhaͤltniß. Man begreift dies leicht, denn ein Bindfaden wird immer biegſamer ſeyn als ein Strick, und ein Kopfhaar mehr als ein Barthaar. Jedoch kann es Ausnahmen von der allgemeinen Regel geben, daß Geſchmeidigkeit in Begleitung der Feinheit ſey; ſie koͤnnen abhaͤngen von der groͤßern oder geringern Weite der Roͤhre, bei einem Wollhaare von gleichem Durchſchnitte, 41 oder aber von der verſchiedenen Subſtanz des Wollhaars, die mehr oder weniger weich oder hart ſeyn kann. Verhaͤltniß der Feinheit zur eigentlichen Staͤrke. Wie ſich dieſes Verhaͤltniß ſtelle, iſt ſchwer zu beſtim⸗ men, aber daß es vorhanden ſey, laͤßt ſich nicht beſtreiten. Nach den phyſiſchen Geſetzen wuͤrde die Staͤrke im umge⸗ kehrten Verhaͤltniſſe mit der Feinheit ſtehen, wenn alle uͤbrigen Bedingungen gleich waͤren, aber dies laͤßt ſich nicht annehmen. Man hat behauptet, daß, weil die feine Wolle, gerade ihrer Feinheit wegen, ſchwaͤcher ſey, ſo koͤnne es nach— theilig werden, letztere Qualitaͤt zu ſehr verfolgen. Dies iſt aber ganz irrig, denn ohne uns an die andern Vor— zuͤge zu erinnern, welche die Feinheit hat, ſo kann man ſich doch leicht uͤberzeugen, daß dieſer Unterſchied in der Staͤrke des einzelnen Wollhaars bei der Behandlung durch die Kraͤmpel und das Spinnen gaͤnzlich verſchwinde, und daß ſogar von zwei Faden gleichen Durchmeſſers derjenige der kraͤftigſte ſeyn werde, welcher aus den feinſten Woll⸗ haaren zuſammengeſetzt iſt. Dies erklaͤrt ſich aus der Geſchmeidigkeit, deren genaue Verbindung mit der Fein⸗ heit wir erkannt haben. Die Staͤrke im eigentlichen Ver⸗ ſtande, ſo wie wir ſie bei der Wolle begreifen muͤſſen, beſteht in dem Grade der Anhaͤnglichkeit der Partikeln, woraus ſie gebildet wird. Wenn dieſe Kraft des Zuſam⸗ menhanges uͤberwunden wird, ſo reißt ſie, aber wenn ne⸗ ben dieſem Grade des Zuſammenhanges jeder ſeiner Par— tikeln(molécules) geſchmeidig und elaſtiſch, d. h. der Ausdehnung empfaͤnglich, iſt, ſo wird die Kraft, welche 42 ſie zu trennen ſtrebt, nicht nur die Staͤrke ihrer Anhaͤng⸗ lichkeit uͤberwinden muͤſſen, ſondern ſie muß auch ihr Ausdehnungsvermoͤgen erſchoͤpfen. Verhaͤltniß der Feinheit zur Sanftheit. Zwiſchen Geſchmeidigkeit und Sanftheit findet eine nothwendige Verbindung ſtatt, und wenn jene mit der Feinheit verbunden iſt, ſo muß es auch dieſe ſeyn. Um aber die Sanftheit beurtheilen zu koͤnnen, muß die Wolle gewaſchen und entfettet ſeyn, denn wenn die beiden Arten des Fettes das Wollhaar noch einwickeln, ſo koͤnnen dieſe, indem ſie fremde Koͤrper zuruͤckhalten, die aͤußere Geſtalt und beſonders die Glattheit der Wolle veraͤndern. Verhaͤltniß der Feinheit mit der Laͤnge. Wir koͤnnen daruͤber nur ſagen, daß ſich, der Erfah⸗ rung nach, der hoͤchſte Grad der Feinheit mit der mittlern Laͤnge verbinde, welche man zwiſchen 1 ½ bis zu 2 ¼ Zoll annehmen kann, naͤmlich nach der ſcheinbaren, nicht nach der wirklichen Laͤnge. Verhaͤltniß der Feinheit zur Elaſtizitaͤt. 1) Mit der Elaſtizita½ͤt der Wellung. Je regu⸗ lairer dieſe und je zahlreicher die Bogen ſind, um deſto vollkommener wird dieſe Elaſtizitaͤt ſeyn, d. h. um ſo mehr wird das Haar ſeine vorige Geſtalt annehmen, nach⸗ dem die Wirkung, welche es herausbrachte, aufhoͤrt; wir haben aber geſehen, daß die Feinheit mehrentheils im ge⸗ raden Verhaͤltniſſe mit der Zahl und Regularitaͤt der Bo⸗ gen ſtehe. 43 2) Die Elaſtizitaͤt der Zuſammenziehung. Je geſchmeidiger das Wollhaar iſt, um deſto mehr laͤßt es ſich ausdehnen, weil dieſe Eigenſchaft, ſich ausdehnen zu laſſen, eine Bedingung der Geſchmeidigkeit iſt, und mit⸗ hin wird es auch eine der Feinheit ſeyn, wegen der Ver⸗ bindung, die zwiſchen beiden Qualitaͤten ſtatt findet. Es fraͤgt ſich aber, welches von beiden Haaren, das feinere oder das groͤbere, nachher am ſchnellſten und vollſtaͤndig⸗ ſten in ſeinen vorigen Raum zuruͤckkehren werde. Dieſe Frage iſt ſchwer zu beantworten, und wir muͤſſen hier einen Unterſchied machen zwiſchen dem einzelnen Wollhaar und einer ganzen Flocke. Wenn letztere feiner und gleich⸗ artiger iſt, alle ihre Haare alſo parallel mit einander lau⸗ fen, ſo wird ſie ſich um ſo ſtaͤrker ausdehnen laſſen, und wird ſich dann auch mit mehrerer Regularitaͤt in ihren vorigen Raum und Form zuruͤckbegeben. Was das einzelne Haar aber betrifft, ſo ſcheint es, wenn man ſich auf das Auge verlaͤßt, um ſo mehr der Zuruͤckziehung faͤhig, je groͤber es iſt; jedoch muß man darauf Ruͤckſicht nehmen, daß, da die Verlaͤngerung des feinern Wollhaars groͤßer iſt, es auch bis auf einen ge⸗ wiſſen Punkt eine groͤßere Zuruͤckziehungskraft haben koͤnne, als das grobe Wollhaar, ohne jedoch, ſo leicht wie dieſes, in ſeine vorige Geſtalt voͤllig zuruͤckzutreten. 3) Die Elaſtizitaͤt der Wiederaufrichtung. Das umgekehrte Verhaͤltniß dieſer Art der Elaſtizitaͤt mit der Feinheit iſt augenſcheinlich. Je groͤber die Wolle iſt, und je weniger Geſchmeidigkeit ſie hat, deſto ſchneller wird ſie ſich wieder gerade machen, wenn ſie gekruͤmmt iſt. 44 4) Die zuſammenſchnirrende Elaſtizitaͤt. Das ſpiralfoͤrmige Zuſammenwickeln eines Wollhaars, welches erfolgt wenn es bei der Ausdehnung abgeriſſen iſt, ſteht in directem Verhaͤltniſſe mit der Geſchmeidigkeit und mithin mit der Feinheit; daher wird ein grobes und ſtarres Wollhaar gerader bleiben, wenn es zerriſſen wird, und ein ſehr feines und ſehr geſchmeidiges wird ſeiner ganzen Laͤnge nach zuſammenſpringen, ſo daß es eine kleine Locke ober einen Knoten bildet. 5) Die Elaſtizitaͤt des Volumens. Je feiner und geſchmeidiger die Wolle iſt, um deſto mehr wird ſich ihr Volumen durch den Druck zuſammenpreſſen laſſen, das Gegentheil aber wird ſtatt finden in der Kraft, die eine zuſammengepreßte Maſſe von Wolle anwendet, um ihre vorige Ausdehnung wieder zu erhalten; denn je groͤ⸗ ber das Wollhaar iſt, deſto ſtaͤrker wird ſich dieſe Aus⸗ dehnungskraft zeigen, weil es hier die Elaſtizitaͤt der Wiederaufrichtung iſt, welche die Wollmaſſe in ihrer vorigen Ausdehnung herſtellt. Wenn man das Volumen der Wolle auszudehnen ſucht, indem man die einzelnen Haare auseinanderrupft, ſo wird dieſe Entwickelung um ſo ſchwerer ſeyn, je feiner und je geſchmeidiger die Wolle iſt, dagegen wird ihr Zuſammenpreſſen in das vorige Vo⸗ lumen um deſto leichter und vollſtaͤndiger ſich bewirken laſſen. Ohue die Erklaͤrung dieſer Thatſache in dem Ge⸗ ſetze der Anziehung zu ſuchen, welchem alle Koͤrper unter⸗ worfen ſind, ſo koͤnnen wir ſie ſchon in dem gewellten Character ſinden, welcher die Haare natuͤrlich miteinander verbindet, und in der Elaſtizitaͤt der Kraͤuſelung, welche mit der Feinheit gewoͤhnlich in Verbindung ſteht. 45 Verhaͤltniſſe der Laͤnge. 1) Mit dem Character. Die Laͤnge des Wollhaars hat Einfluß auf ſeinen Character, denn eine groͤßere Laͤnge vermehrt das Gewicht, welches das Wollhaar zu tragen hat, und dieſes Gewicht muß der Erhaltung der Wellun— gen nachtheilig ſeyn. Eine lange Wolle wird ſich auch am Aeußern des Vließes weniger abrunden, und fladdriger bleiben, wodurch der uͤble Einfluß aͤußerer Dinge, der Feuchtigkeit, des Sandes u. ſ. w., beguͤnſtigt wird, welche den Character zum Theil zerſtoͤren koͤnnen. 2) Mit der Geſchmeidigkeit, der Sanftheit und der Staͤrke. Mit dieſen ſteht die Laͤnge nur in ſehr indirectem Verhaͤltniſſe. Auch ſtellt ſich uns kein Verhaͤlt— niß dar, worin ſie mit der Eigenſchaft des Wollhaars ſich zuſammenzuziehen, ſich auszudehnen, einzuſaugen oder auszuhauchen, noch mit den elaſtiſchen Kraͤften ſtaͤnde. Bei den Verſuchen jedoch, welche man mit dieſen Kraͤften anſtellt, muß man die Laͤnge des Theils des Haars in Anſchlag bringen, welchen man unterſucht. Wenn man z. B. die Elaſtizitaͤt der Aufrichtung zweier Haare ver— gleichen will, ſo iſt es eine weſentliche Bedingung, daß man ſie in gleicher Laͤnge anfaſſe, ſonſt wird das laͤngere Haar wegen ſeines groͤßern Gewichts ſich ſchwieriger aufrichten. Verhaͤltniß der Geſchmeidigkeit mit dem Character. In Betreff dieſer bemerken wir nur im Allgemeinen, daß je zahlreicher die Bogen auf einer gegebenen Laͤnge, je kuͤrzer, niedriger, gleichfoͤrmiger und von gerader Grund⸗ linie ſie find, die Geſchmeidigkeit um ſo groͤßer ſeyn werde. 46 Verhaͤltniß der Sanftheit zum Character. Unſere Leſer erinnern ſich, daß letztere zwei Urſachen habe, naͤmlich die Geſchmeidigkeit des Haars und die Glattheit ſeiner Oberflaͤche. Wir koͤnnen alſo auch zwei Arten, dieſe Qualitaͤt der Sanftheit zu unterſuchen, un⸗ terſcheiden; die erſte iſt die, ſich durch das Gefuͤhl zu uͤberzeugen, ob die Oberflaͤche des Haars glatt ſey, oder einige Rauhheiten habe; die zweite, den Grad ihrer Ge⸗ ſchmeidigkeit zu unterſuchen, indem man eine Flocke gelinde uͤber die Haut herzieht. Der Character einer regulairen Kraͤuſelung, ſo wie man ihn bei den hochfeinen Wollen ſindet, iſt an ſich ſchon ein hinreichendes Zeichen der Sanftheit. Hinſichtlich der Glattheit des Wollhaars wird die ſchlichte Wolle einen Vorzug vor der gekraͤuſelten zu haben ſcheinen, weil letztere, ihrer Geſtalt wegen, mehr geneigt iſt einen Anſatz des geronnenen Fettſchweißes und anderer fremden Koͤrper anzunehmen; aber dieß wird bei der Waͤſche verſchwinden, und damit der Vorzug der ſchlichten Wolle. Was auf die Verhaͤltniſſe Bezug hat, welche die Ge⸗ ſchmeidigkeit, die elaſtiſchen Kraͤfte und die Sanftheit ver⸗ binden, iſt ſchon geſagt, und um den Zweck dieſes Ab⸗ ſchnitts zu erreichen, bliebe uns nur noch uͤbrig, diejenigen zu unterſuchen, welche mit den Eigenſchaften der Zuſam⸗ menziehung und Ausdehnung des innern Gewebes des Wolhaars ſtatt finden koͤnnten. Wir geſtehen aber, daß wir in dieſer Hinſicht nur Muthmaßung mit mehrerer oder minderer Wahrſcheinlichkeit geben koͤnnten. Es ließe ſich z. B. annehmen, daß das Gewebe um deſto groͤßer ſeyn muͤſſe, je mehr es ſich auseinander ziehen laſſe, ohne zu 47 reißen, und daß die Wolle daher um ſo faͤhiger ſey, meh⸗ rere Feuchtigkeit einzuſaugen, je geſchmeidiger ſie iſt. Wir werden aber darauf zuruͤckkommen, wenn wir die Einwirkungen der aͤußern Umſtaͤnde auf die Wolleigen⸗ ſchaften unterſuchen. III. Anmerk. d. Ueberſ. Nach dem, was die Verf. von der Uebereinſtimmung der Feinheit mit den Wellungen oder Bogen ſagten, ſcheint ihnen doch einiges von den neueren deutſchen Verhandlungen uͤber die Wolle be— kannt geworden zu ſeyn, ohne dieſe jedoch gruͤndlicher ſtudiert zu haben. Denn ſonſt wuͤrden ſie ſich uͤber manches andere beſtimmter aͤußern; und gewiß kennen ſie das nicht, was in der ganzen Folge der Moͤglinſchen Annalen daruͤber geſagt worden. Die Uebereinſtimmung der Feinheit der Merinowolle mit der Dichtheit und Regularitaͤt ihrer Bogen iſt ge— wiß ſchon lange erkannt und jene nach dieſen in der Praxis beurtheilt worden. Aber Hr. Wagner hat ohnſtreitig das Verdienſt, dieſe Verbindung in ſeinem Buche uͤber Wolle zuerſt klar ausgeſprochen und gewiſ⸗ ſermaßen einen Maaßſtab fuͤr die Feinheit darauf be⸗ gruͤndet zu haben. Das Reſultat der Beobachtungen der Verf. ſtimmt nun voͤllig mit dem der meinigen uͤberein, welches ich mehrmals angezeigt habe: man kann bei der ſtark gekraͤuſelten Merinowolle den Grad der Feinheit ſicher nach der Zahl der Bogen, die in der Laͤnge eines Zolls enthalten ſind, angeben; aber die ſchlichteren, nur ſehr gedehnt gewelleten Merinowollen 48 machen eine Ausnahme und man wuͤrde dieſen hinſicht⸗ lich der Feinheit Unrecht thun, wenn man ſie danach beurtheilte. Es iſt bekannt, daß ich der Merinoraße, welche dieſe ſchlichtere Wolle traͤgt, fruͤher den Namen Moncey beilegte, weil ſie ſich in dem aus der Heerde dieſes Marſchalls erkauften Haufen am meiſten fand. Hr. R. André hat erklaͤrt, daß ſie ſich auch im Oeſt⸗ reichſchen in original⸗ſpaniſchen Staͤmmen finde oder gefunden habe und die Verf. haben ſie nun auch in Frank⸗ reich beobachtet und ihren Werth, ſo wie ich, anerkannt. Jetzt, wo man nur Tuchwolle ſucht, wird ſie wenig geachtet; aber es wird wahrſcheinlich eine Zeit kommen, wo man ſie ſehr hoch ſchaͤtzen wird, wenn man ſie noch wird haben koͤnnen. Sie muͤßte ganz in ſich veredelt werden, denn eine Kreuzung mit krauswolligern Meri— nos hat, wie ich aus eigner Erfahrung weiß, einen ſehr uͤblen Erfolg, auch wenn ſie uͤberwiegend fein waͤre. Hinſichtlich der Ausnahmen, die es in der Verbin— dung der Geſchmeidigkeit mit der Feinheit giebt, ſtimmen die Verf. mit mir und andern Wollkennern uͤberein. Sie ſind nicht ſo ſelten, als einige glauben, wenigſtens ſteht die Geſchmeidigkeit ſehr oft nicht in gleichem Verhaͤltniß mit der Feinheit. Ich habe Pro— ben von ſehr feinem Haar behandelt, die ſich ſehr ſtarr und ſproͤde zeigten, barſch anzufuͤhlen waren und beim Auseinanderziehen knirreten— wie es die Wollſortirer nennen— Muſik machten. Sie waren dann auch ganz bruͤchig und das Haar riß ab, wenn man es kaum gerade gezogen hatte. Es lag nicht an einer ſchlechten Behandlung in der Waͤſche oder zu ſtarken Entfettung, 49 noch an Veraltung; denn ſie waren aus einer friſchen Schur, worunter ſich auch ſehr ſanfte Wolle befand. Folglich konnte es nur in der Conſtitution der Thiere, wovon ſie genommen war, liegen. Was die Verf. uͤber das Verhaͤltniß und die Ver⸗ bindung der Feinheit mit den verſchiedenen Arten der Elaſtizitaͤt ſagen, iſt ſehr gruͤndlich und richtig. Die Ela⸗ ſtizitaͤt des Volums unterſcheidet ſich bei der feinen und ſanften Wolle dadurch, daß dieſe nach dem Zuſammen⸗ preſſen ſich langſam zu ihrem vorigen Volum wieder erhebt, dagegen die groͤbere und ſtarre Wolle ſich wieder auseinander draͤngt. Die Sanftheit der Wolle, welche von der Glattheit des Haars und die, welche von ſeiner Geſchmeidigkeit und Nachgiebigkeit abhaͤngt, wollen einige ſelbſt im Gefuͤhl unterſcheiden. Man kann dies Gefuͤhl aber wohl nur erlangen, wenn man viel mit gewaſchener Wolle umgeht. Unter der Staͤrke im eigentlichen Sinne des Worts verſtehen die Verf. ohne Zweifel diejenige, welche mit der Feinheit des Wollhaars in Verhaͤltniß ſteht. Man koͤnnte ſie die ſpecifiſche Staͤrke nennen, in dem Sinne, wie man ſpecifiſche Schwere ſagt. Ohne Zweifel iſt ein dickes Wollhaar ſtaͤrker als ein feines, d. h. jenes erfordert eine groͤßere Kraft, um es zu zer⸗ reißen. Daher kommt es auch ohne Zweifel, daß man oft ein ſtarkes Wollhaar ſtatt ein grobes ſagt. Aber hier kommt es darauf an, ob ein Haar bei glei⸗ cher Feinheit ſtaͤrker oder ſchwaͤcher ſey, und darin wird man einen großen und ſchon bei der Handhabung 4 50 erkennbaren Unterſchied finden. Man hat ein Inſtru⸗ ment, welches der Mechanikus Hr. Winckler in Berlin verfertigt und deſſen Erfinder ich nicht kenne, woran eine zweckmaͤßige Vorrichtung iſt, ſowohl die Dehnbar⸗ keit als die Staͤrke des Wollhaars zu meſſen(auch eine zur Meſſung der Feinheit, die aber nichts taugt). Fuͤr die Praxis iſt aber ſein Gebrauch zu ſchwierig und bei einiger Uebung wird man jene ſpecifiſche Staͤrke bald, dem practiſchen Zwecke genuͤgend, beurtheilen lernen. Gewiß iſt es, daß die ſproͤde Wolle im Verhaͤltniß ih⸗ res Durchmeſſers am wenigſten Staͤrke hat und bruͤchig iſt. Sie zerreißt auch mit einem mehr ſchallenden, die geſchmeidige mit einem dumpferen Ton. Kranke und Sterbewolle iſt ſehr ſchwach. Bei abgeriſſener Wolle achtet man wohl darauf, ob die geriſſenen Spitzen ſtarr in die Hoͤhe ſtehen, oder ſich zuruͤckkruͤmmen: letzteres iſt natuͤrlich ein Beweis von der Elaſtizitaͤt, welche die Verf. die kraͤuſelnde nennen, die ſich aber mannigfaltig kund giebt. Vierter Abſchnitt. Ueber das Verhaͤltniß der Eigenſchaften der Wolle mit dem Zuſtande der Haut und des ganzen Koͤrpers des Schaafes. Da die entfernteren und mittelbaren Einwirkungen auf die Eigenſchaften der Koͤrper ſehr oft verborgen und noch unbeachtet ſind, ſo muß man ſich in der Praxis begnuͤgen, die naͤheren und unmittelbaren zu erforſchen. Wenn ich z. B. uͤber die Feinheit und Gleichheit eines Goldfadens erſtaune, ſo werde ich ſie natuͤrlich der Bildung der Drath⸗ ſpinnmaſchine beimeſſen, wodurch er gegangen iſt, und ich 51 wuͤrde nicht unrichtig urtheilen, wenn ich auch unbekannt waͤre mit der großen Dehnbarkeit des in einen hoͤchſt duͤnnen Faden ausgeſponnenen Metalls, und der Haͤrte desjenigen, durch welches der Faden gezogen iſt. Indem wir dieſe Vorſtellung auf die Erforſchung der Wolle an⸗ wenden, wollen wir verſuchen, die Einwirkung darzuſtellen, welche der Zuſtand der Haut und des Koͤrpers des Thiers auf ihre Eigenſchaften hat. Die Anatomie lehrt uns, daß die Haut aus drei ver⸗ ſchiedenen Theilen beſtehe(die Lederhaut, das netzfoͤrmige Gewebe und das Oberhaͤutchen), und daß dieſe auf einem Zellgewebe liegen, welches das Fett, d. h. die uͤberfluͤſſigen und oͤhligten Theile der Nahrung in ſich aufnimmt. In dieſem Zellgewebe iſt es, wo ſich gewoͤhnlich die Bollen oder Wurzeln der Haare finden, und dieſe Bollen erhal⸗ ten, vermittelſt der Faſerwurzeln, welche ſie in der Fett⸗ haut verbreiten, die noͤthigen Saͤfte zur Bildung und Ent⸗ wickelung des Haars, ſo wie diejenigen, deren Ueberfluß durch das poroͤſe Gewebe dieſes Haars ausgeſchieden wer⸗ den ſoll. Der in der Bolle oder ſonſt verarbeitete Stoff tritt hervor, um in die Form, welche fuͤr ihn in der Haut gebildet iſt, uͤberzugehen, und bis an das Oberhaͤutchen zu gelangen; dieſes giebt ihm ſein aͤußeres Haͤutchen, und ſo erſcheint es im Zuſtande des Haars. Waͤren wir dieſer Erklaͤrung des Mechanismus zu Folge in alle Geheimniſſe der Bildung des Wollhaars eingeweiht, ſo wuͤrden wir beſtimmter die Umſtaͤnde angeben koͤnnen, welche auf die verſchiedenen Eigenſchaften der Wolle Einwirkung haben. Aber hinter dem Schleier, der uns dieſe Geheimniſſe verbirgt, koͤnnen wir nur mit Wahrſcheinlichkeit den Ein— 4*+ 52 fluß, welchen die Menge der Materie, die ſich der Haar⸗ wurzel aufdraͤngt, ſo wie die Beſchaffenheit der Haut, welche Einfluß auf die Bildung hat, vermuthen, und dar⸗ auf die Erklaͤrung der Erſcheinungen begruͤnden, welche uns die Erfahrung darbietet. Unter dieſen Erſcheinungen ſind uns folgende die merk⸗ wuͤrdigſten: Wenn von zwei Laͤmmern derſelben Raße, deren Vließ ſich anfangs moͤglichſt gleich zeigt, das eine durch ſehr reichliche Nahrung ſtark gemaͤſtet war, das andere aber nur die nothduͤrftige Nahrung erhielt, ſo wird man ſchon bei der erſten Schur bemerken, daß ſeine Wolle im Durch⸗ meſſer und in der Laͤnge zunahm und ihren urſpruͤnglichen Character verlor, ſo wie die Geſchmeidigkeit und folglich auch einen Theil der Sanftheit ſammt denjenigen Erſchei⸗ nungen der Elaſtizitaͤt, welche von dieſer Geſchmeidigkeit abhaͤngen. Bei der zweiten und dritten Schur wird aber dieſer Einfluß immer augenſcheinlicher werden. Das an⸗ dere Thier im Gegentheil wird ſich in ſeinen urſpruͤngli⸗ chen Qualitaͤten erhalten. Und wenn dann dieſer Verſuch bis zur zweiten oder dritten Generation und noch weiter hinaus fortgeſetzt wird, ſo wird man kaum noch eine Aehn⸗ lichkeit unter den Nachkommen entdecken. Dieſes unbe⸗ ſtrittene Reſultat, welches uns die Praxis taͤglich zeigt, ſcheint ſeine Erklaͤrung in folgender Theorie zu finden. Der Ueberfluß des Fetts vermehrt den Umfang des Thieres und muß daher ſeine nachgiebige Bedeckung, d. h. ſeine Haut ausdehnen, wodurch dann alle Poren dieſer Haut erweitert werden, alſo alle die Oeffnungen, die zum Durch⸗ gange und zur Bildung des Haars beſtimmt ſind; die 53 noch weiche Materie, welche dieſe Oeffnungen aufnehmen, wird von der Bolle in einem um ſo groͤßern Ueberfluß dahin gelangen, und ebenſo wie geſchmolzenes Blei in einer groͤßern Form eine groͤßere Kugel bilden wird, als in einer kleinen, wird auch das Haar dicker werden. Die Bolle, deren Behaͤlter ſich aus der Fetthaut naͤhrt, wird ſich eine groͤßere Menge von Nahrungsſaft aneignen, und dem Haare vielmehr zufuͤhren, und ſo wird ſich dieſes Haar um ſo mehr verlaͤngern. Man muß natuͤrlich annehmen, daß die Form des Hautkanals durch die Erweiterung der Haut erweitert werde, und zugleich durch den Ueberfluß der zuſtroͤmenden Materie. Wenn ſich dieſe Form des Haars erweitert, ſo werden ſeine Hoͤhlungen oder Windungen nicht ſo ſcharf ausgehoͤhlt ſeyn, und das Haar, was dadurch mehr oder weniger gewellet werden ſollte, wird ſeine Wellungen zum Theil verlieren, und mithin ſeinen Character abaͤndern. Man begreift endlich leicht, daß die Vergroͤberung des Haars auch ſeine Geſchmeidigkeit und alle davon abhaͤn⸗ genden und ſich damit verbindenden Qualitaͤten veraͤn⸗ dern werde. Die vorſtehenden Betrachtungen beziehen ſich nicht bloß auf das Beiſpiel jener beiden Laͤmmer, die einer verſchie⸗ denen Haltung unterworfen waren, ſondern ſie erſtrecken ſich auf alle wolltragende Thiere, welche durch die Kunſt, oder die Natur ſelbſt, eine hohe Statur, dicke Form und einen hoͤhern Grad von Maſtigkeit erhalten haben. Wenn dagegen ein Thier durch die Unzulaͤnglichkeit der Nahrungsmittel in einen Zuſtand von Magerkeit und Abnahme verſetzt worden, ſo wird ſein Vließ gerade ent⸗ 54 gegengeſetzte Erſcheinungen von denen, die wir ſo eben beobachtet haben, darbieten. Die Wolle ſcheint ſich dann zwar zu verfeinern, aber ſie iſt ſchwach, und erhaͤlt nicht ihre natuͤrliche Laͤnge, ſie wird bleich und trocken, verliert ihre Geſchmeidigkeit und andre Qualitaͤten, und endlich, wenn ſie nicht von ſelbſt abfaͤllt, ſo macht ſie in ihrer ganzen Laͤnge Ungleichheiten, die ihrem Gebrauche weſent⸗ lich ſchaden. Jede Magerkeit, welche nicht von einem ge⸗ ſunden Koͤrper herruͤhrt, vermindert den Nahrungszufluß im Zellgewebe, die Haarwurzel wird alſo eines Theils der Saͤfte beraubt, welche zur Bildung und Ernaͤhrung des Wollhaars erforderlich werden, und ſo iſt es natuͤrlich, daß dieſes kurz und ſchwach bleiben muß. Die Ausleerungen durch die Hautporen und die Er⸗ zeugung des Fettſchweißes muß ſich ebenfalls vermindern, daher alſo die Bleichheit und Trockenheit der Wolle, und daher die mindere Geſchmeidigkeit und die Veraͤnderung in allen damit verbundenen Qualitaͤten. Die den Koͤrper umgebende Haut hat ſich zuſammengezogen, ſo wie ſich der Umfang dieſes Koͤrpers verminderte, dadurch iſt eine Verengerung der Poren, dieſer Form des Wollhaars, ent⸗ ſtanden. Wenn die Verminderung des Nahrungsſaftes nicht aufgehoben wird, alſo der Durchgang des Haars ſich zuſammenzieht und ſeine Wachsthumskraft abnimmt, ſo wird es ſo ſehr verduͤnnt, daß es abreißt, oder ſich durch ſein eigenes Gewicht vom Koͤrper abloͤßt; wird dies ver⸗ beſſert, bevor dieſe Abloͤſung ſtatt findet, ſo erhaͤlt das Haar ſeinen Durchmeſſer und ſeine Kraft wieder, aber indem es aus zwei Theilen beſteht, welche gleichſam auf einander eingepfropft ſind, ſo muß ſich dieſe, ſeinem Ge⸗ brauche ſo nachtheilige, Ungleichheit erzeugen. Dies be⸗ merkt man oft an Thieren, die krank geweſen ſind, die durch Mangel an Nahrung abgemagert waren, oder die oft einen ſchnellen Uebergang von einer reichlichen zur kaͤrglichen Fuͤtterung und umgekehrt erlitten haben. Wenn alſo eine zu große Maſtigkeit einen uͤblen Ein⸗ fluß auf die Eigenſchaften der Wolle hat, ſo iſt der Zu⸗ ſtand der Abmagerung durch Mangel an Nahrung und Kraͤnklichkeit noch viel ſchlimmer. Wir gehen jetzt zu einer andern Betrachtung uͤber. Der Grad der Feinheit des Wollhaars ſteht im umgekehrten Verhaͤltniſſe mit der Dicke der Haut. Dies iſt eine wich⸗ tige Thatſache, die man nicht nur bei einer und derſelben Raße und bei allen verſchiedenen Raßen, ſondern auch an einem und demſelben Thiere, an den verſchiedenen Theilen ſeines Koͤrpers, bemerkt. Es hat vielleicht einige Aus⸗ nahmen, ob wir uns gleich keiner andern erinnern als der, welche wir am Bauche und am Hodenſacke bemerken, wo die Haut zwar fein iſt, aber nicht die beſte Wolle erzeugt, welches wir aber ſogleich zu erklaͤren ſuchen wer⸗ den. Uebrigens ſcheint uns lein Grundſatz richtiger wie jener, und wir koͤnnten die ganze Kunſt der Veredlung der Wolle darin ſetzen, daß wir der Raße die Eigenſchaft einer feinen Haut uͤber alle Theile des Koͤrpers gleichartig zu bewirken ſuchen. Wenn wir den Gerber fragen, an welchem Theile des Koͤrpers die Haut des Schaafes am dickſten ſey, ſo wird er uns das Knie, die Stirn, den Schwanz, die Kruppe und den obern Theil des Halſes, den untern, wenn ein Koͤder da iſt, die Keule und endlich den Ruͤckgrath nennen. 56 Fragen wir den Schaafzuͤchter, welches die Theile des Vließes ſeyn, welche ſich am ſchwerſten verfeinern laſſen, ſo wird er uns nach der Reihe alle die Theile nennen, die der Gerber angegeben hatte. Dazu kommt, daß es eine ſolche Raße von einlaͤndiſchen Schaafen giebt, deren Haut faſt dreimal ſo dick wie die der Merinos iſt, und was eben ſo merkwuͤrdig iſt, daß alle die Theile, welche die groͤbſte Wolle erzeugen, immer die ſind, wo nicht nur die Haut am dickſten iſt, ſondern wo ſich auch das meiſte Fett abſetzt. Wir ſagten eben, daß jene Regel beſonders eine Aus⸗ nahme erleide durch die geringere Qualitaͤt der Wolle, die der Bauch liefert, der Feinheit an dieſem Theile des Koͤr⸗ pers ungeachtet. Wir glauben aber nicht, daß dieſe Aus⸗ nahme die Allgemeinguͤltigkeit derſelben aufhebe. Denn wenn die Bauchwolle nicht einer beſtaͤndigen Reibung auf dem Boden, wo das Thier liegt, und den nachtheiligen Einwirkungen der Feuchtigkeit, beſonders der des Urins und der Excremente ausgeſetzt waͤre, ſo wuͤrde ſie vielleicht die feinſte des ganzen Vließes ſeyn, denn der untere Theil der Ribben, welcher die ſchoͤnſte Wolle liefert, iſt der naͤchſte am Bauche. Dieſe Vorausſetzung ſcheint uns da⸗ durch um ſo mehr begruͤndet, daß wir durch eine ſehr reich⸗ liche und ſehr trockene Streu es zuweilen dahin bringen, die Wolle des Bauches eben ſo fein als die der Schulter zu erhalten; dazu kommt, daß die Haut, welche die Ver⸗ dauungswerkzeuge des Thiers umgiebt, ſich taͤglich mehr⸗ mals ausdehnen muß, und daß dieſe Ausdehnung, wie wir oben gezeigt haben, einen großen Einfluß auf die Dicke des Wollhaars habe. 57 Wir machen ferner die Bemerkung, daß eine feinere Wolle an die Stelle der groͤbern tritt, wenn ſich die Haut verduͤnnt, und daß dagegen eine groͤbere Wolle ſtatt der feinen entſteht, wenn ſich die Haut verdickt, daß ſich end⸗ lich Hunde⸗ oder Ziegenhaare ſtatt der eigentlichen Wolle bilden, wenn die Haut ſchwielig wird. Die allmaͤhligen Fortſchritte der Verfeinerungen und der Kreuzungen zeigen es deutlich, daß die Wolle ſich vervollkommne, ſo wie ſich die Haut verduͤnnet, und daß man dagegen in der Veredlung zuruͤckgehe, und in der Feinheit abfalle, ſo wie ſich die Haut verdickt. Was das ſtarre Haar— Hundehaar— betrifft, ſo ſehen wir, daß es da entſtehe, wo die Haut ſich durch aͤußere Einwirkun⸗ gen verhaͤrtet. Bei dem jungen Lamm iſt das Knie und die Stirn oft mit feiner Wolle bedeckt, aber die Haut des Kniees wird bald dick und ſchwielig durch die Reibungen, welche ſie beim Niederknieen erleidet, und die Haut der Stirn verhaͤrtet ſich beſonders bei den Widdern durch das haͤufige Stoßen: daher iſt es denn ſelten, daß das Knie eines bejahrten Thiers etwas andres als ſtarre Haare trage, und daß die Wolle vor der Stirn des Widders nicht voller ſteifer Hundehaare ſey. Auf allen Narben treten dieſe ſtarren Haare an die Stelle der Wolle, und dieſe Narben ſind nichts andres als Schwielen der Haut. Bei dieſer Verwandlung der Wolle in ſtarres Haar bemerken wir die gaͤnzliche Abaͤnderung des Characters mit der Ver⸗ groͤberung der Haarroͤhre. Da alle dieſe Thatſachen aus einer Grundurſache ab⸗ ſtammen, ſo beſtaͤtigen ſie die practiſche Bemerkung, wo⸗ von wir ausgingen, und nach welcher wir im Allgemeinen 58 annahmen, daß der Grad der Feinheit des Wollhaars im umgekehrten Verhaͤltniſſe mit der Dicke der Haut ſtehe. Jetzt muͤſſen wir die Theorie nochmals zu Huͤlfe rufen, um dieſe Thatſachen zu erklaͤren. Wir erinnern alſo an das, was wir uͤber den Mechanismus der Bildung des Wollhaars geſagt haben, und ſchließen folgendermaßen: Je dicker die Haut ſeyn wird, welche das Wollhaar bei ſeiner erſten Bildung durchdringen muß, deſto groͤßer iſt der Widerſtand, den es zu uͤberwinden hat. Es kann ihn nur in dem Maaße uͤberwinden, als die Natur ihm dazu die Kraft giebt, dieſe Kraft aber ſchoͤpft es in dem Ueberfluß der Nahrungsſaͤfte, und ſie beſtehet in ſeiner Dickheit und ſeiner Gediegenheit. Daher kann das Woll⸗ haar, welches nur eine duͤnne Haut zu durchdringen hat, ſich mit weniger Nahrung begnuͤgen, und ſich ohne große Kraftaͤußerung entwickeln, wogegen das, was eine dicke Haut durchdringen muß, nur aus ſeiner Wurzel hervor⸗ ſchießen wird, wenn der Zufluß des Nahrungsſaftes in Verhaͤltniß ſteht mit dem Widerſtande, den es zu uͤber⸗ winden hat; es wird mithin um ſo groͤber ſeyn, je ſtaͤrker der Widerſtand geweſen iſt, ſo daß wenn es genoͤthigt iſt durch eine ſchwielige oder ſehr verhaͤrtete Haut zu drin⸗ gen, es ſich mit einer dicken und harten Scheide umgeben muß, worin dann der eigenthuͤmliche Character des Starr⸗ haars beſteht. So oft man alſo eine Wolle in einer mehr oder min⸗ der dicken Haut eingepflanzt findet, muß man erwarten, daß ſie mindere oder mehrere Feinheit und alle von der⸗ ſelben abhaͤngige Qualitaͤten zeigen werde. 59 IV. Anmerk. d. Ueberſ. Hier entwickeln uns die Verf. ihre vorerwaͤhnte Theorie der Ausſpinnung und Bildung der Wollhaare durch die Form der Hautporen. Ich glaube, ein anderer franzoͤſiſcher Schriftſteller hat ſchon dieſe Idee geaͤußert. Die Theorie wuͤrden wir nun ganz dahingeſtellt ſeyn laſſen, wenn die Thatſache, welche ſie erklaͤren ſoll, richtig und im Allgemeinen zutreffend waͤre. Aber das iſt ſie nicht!— und wenn der Verſuch, ſo wie ſie ihn angeben, wirklich ein oder anderes Mal aus⸗ gefallen waͤre,— was ſie aber nicht ausdruͤcklich ſagen— ſo hing es von anderen Urſachen ab. Denn ich mache bei den vielen Gelegenheiten, die ich habe, Schaͤ⸗ fereien in allen ihren Verhaͤltniſſen zu beobachten und zu unterſuchen, alljaͤhrig Erfahrungen, die jener geradezu widerſprechen. Alle meine Freunde und Schuͤler, welche die hoͤhere Schaafzucht mit Eifer und Kenntniß nach meinen Grundſaͤtzen betreiben, naͤhren ihre Schaafe und vor allen ihre Laͤmmer bedeutend ſtaͤrker als es vormals uͤblich war.— Vor 20 Jahren wuͤrde man eine ſolche Fuͤtterung unerhoͤrt gefunden haben— und dennoch wird ihre Wolle mit jeder Generation feiner und ſanfter! Ich ſelbſt fuͤttere gegen das vormals uͤbliche ſehr ſtark; taͤglich 2 Pf. Kartoffeln, 1 Pf. Heu und ſo viel Erbs⸗ Wicken⸗ und Sommerſtroh, als ſie freſſen wollen, iſt das gewoͤhnliche. Die Laͤmmer erhalten was ſie nur moͤgen und Hafer dazu. Im Sommer iſt reichliche Kleeweide da, welche außer der ſehr duͤrren Zeit— wo ſie Zu⸗ futter bekommen— nie kahl wird. Ob meine Wolle in der Feinheit und allen wuͤnſchenswerthen Qualitaͤten 60 ab⸗ oder zunehme, daruͤber befrage man alle Wollken⸗ ner, welche den Berliner Markt beſuchen. Das ent⸗ ſcheidendſte Reſultat geben aber die Koͤnigl. Stamm⸗ ſchaͤfereien in Frankenfelde und Panten. Staͤrker ge— futtert wird vielleicht nirgends, gewaltige Verdauungs— kraͤfte ſcheinen dieſe Raßen von Natur zu haben. Die Thiere ſind fett von ihrer Geburt an bis zum hohen Alter und triefen in gewiſſen Jahreszeiten von Fett⸗ ſchweiß. Aber ganz entſchieden und nach einſtimmigem Anerkenntniß hat ihre Feinheit, Sanftheit u. ſ. w. mit jeder Generation ſich verbeſſert und unter den Urſtaͤm⸗ men waren hoͤchſt wenige ſo feine, daß ſie jetzt dem bei weiten groͤßeren Theile an die Seite geſtellt werden koͤnnten.— Unter den vielen Schaͤfereien, die ich all— jaͤhrig ſehe und wovon ich Proben erhalte, ſind einige, die ſtark futtern und eine ſehr maſtige Weide— z. B. im Oderbruche— haben; andere, die kaͤrglich futtern und magere Weide haben. In beiden finde ich, wenn ſie ſich aus Sachſen angeſtammt, dann aber keine wei⸗ tere Auswahl getroffen hatten, Thiere mit Electa⸗ und Thiere mit Secunda⸗ und Tertiawolle. Alle ſind doch gleich genaͤhrt und gleich fett in derſelben Heerde.— Wie iſt es moͤglich, daß ich bei ſolchen Thatſachen, die ich taͤglich vor Augen habe, an einen bedeutenden Einfluß der ſtaͤrkeren oder ſchwaͤcheren Nahrung auf die Feinheit der Wolle glauben ſoll! Ich habe mich recht bemuͤhet, meine Meinung zu bezweifeln, weil ich erfahre, daß unter 10 Stimmen 9 gegen ſelbige ſind; aber ich kann es nicht! Man unterſuche die Faͤlle, wo ſich die Wolle vergroͤbert hat, wo moͤglich nur genau und man 61 wird finden, daß die Urſache in der Auswahl der Zucht⸗ thiere liege. Zugeben will ich, daß eine ſehr ſtarke Fuͤtterung die Roͤhre des Wollhaars etwas erweitere und alſo den Durchmeſſer verſtaͤrke. Aber dies iſt nichts ausdauren⸗ des; man hoͤre mit der ſehr ſtarken Fuͤtterung auf und das neu hervorſchießende Wollhaar wird wieder duͤnner werden. Am wenigſten wird ſich die, blos daraus er⸗ folgte, Vergroͤberung vererben. Auch das will ich nicht leugnen, daß eine harte, ſaure, moorige Weide die Wolle ſowohl durch Erhaͤrtung des Marks in der Roͤhre als der Subſtanz des Haars ſelbſt, barſcher und ſproͤder mache. Auch jede Kraͤnklichteit, die im Koͤrper des Thiers entſteht, verdirbt die Wolle. Der ſtarke Ge⸗ brauch der Boͤcke macht ihre Wolle fuͤr das Jahr ſproͤ— der. Endlich erkenne ich gewiſſe atmosphaͤriſche und andre Einwirkungen auf die Wolle, beſonders auf ihr aͤußeres Ende an. Aber alles dies iſt ganz unbedeu⸗ tend gegen den Einfluß, welchen die Generation oder die Auswahl der Zuchtthiere und ihre zweckmaͤßige oder widerſtrebende Paarung auf die Beſchaffenheit der Vließe hat und nur dieſer iſt von bleibenden und nicht leicht abzuaͤndernden Folgen. Was die Verf. hieruͤber beob⸗ achtet haben, werden wir erſt in dem noch zu erwarten⸗ den zweiten Theile dieſes Werks erfahren. Daß die Staͤrke der Fuͤtterung auf die Laͤnge des Wollhaars und dadurch auf die Maſſe des Vließes wirke, iſt keinem Zweifel unterworfen. Bei einem ſehr dicht und ſtark gewelleten Character der Wolle wird darum die Stoppel nicht ſehr hoch, aber das Vließ um 62 ſo dichter werden. Man kann nicht wohl annehmen, daß eine Verſtaͤrkung der Fuͤtterung eine Vermehrung der Wollhaare bewirke, außer etwa bei der Bildung des Lammes im Mutterleibe. Daß die Wolle durch wahren Hunger und durch Krankheit duͤnner aber zugleich matt werde, d. h. ihre elaſtiſchen Kraͤfte verliere, Abſaͤtze mache, ihren Glanz einbuͤße, endlich abfalle, und uͤberhaupt untauglich werde, darin ſtimmt dagegen alle Erfahrung mit den Verf. uͤberein. So haben ſie dann auch darin Recht, daß die Feinheit der Wolle im umgekehrten Verhaͤltniſſe mit der Dicke der Haut ſtehe, wie wir fruͤher ſchon erklaͤrt haben. Die Wolle des Bauches iſt in der That oft von beſonders kleinem Durchmeſſer, aber ſie hat mehren⸗ theils andre tadelhafte Eigenſchaften, die ohne Zweifel von dem Aufliegen herruͤhren und durch eine gute trockne Streu verbeſſert werden koͤnnen. Ueber die Entſtehung der Starrhaare(Jarre), bin ich voͤllig der Verfaſſer Meinung, ſo wie ich uͤberhaupt denſelben, hinſichtlich des umgekehrten Verhaͤltniſſes der Feinheit der Wolle mit der Dicke der Haut, voͤllig bei⸗ trete; wenn ich gleich ihrer mechaniſch⸗theoretiſchen Erklaͤrung meinen Beifall nicht geben kann. Die Fein— heit und Sanftheit der Wolle ſteht, wenn nicht bei jedem einzelnen Thiere, doch bei ganzen Raßen im Verhaͤltniß mit der Feinheit und Zartheit des ganzen Organismus und der Grundfaſer des Koͤrpers. Mit einem feinen aber kernigen Knochengebaͤude iſt eine feine Haut ver⸗ bunden. Einer meiner Freunde, ein großer Pferdeken⸗ 63 ner und beginnender Schaafzuͤchter, ſchaͤtzt ein Schaaf nach der Aehnlichkeit ſeines Koͤrperbaues mit einem ara⸗ biſchen Pferde und trifft es mehrentheils richtig. Ein feiner Knochenbau ſcheint mir faſt immer mit einer fei⸗ nen Wolle verbunden. Man vergleiche ein Skelet eines Electoralſchaafes und ſogenannten Infantadoſchaafes, oder auch zwei Widderkoͤpfe dieſer Raßen, und man wird ſich bald hiervon uͤberzeugen. Die feinere Orga— niſation, die ſich im Acte der Erzeugung bildet, macht die feinere Wolle. Fuͤnfter Abſchnitt. Ueber die Einwirkung gewiſſer aͤußerer Umſtaͤnde auf die Eigen⸗ ſchaften der Wolle. Nachdem wir gezeigt haben, wie ſich die verſchiedenen Eigenſchaften der Wolle mit einander verbinden, und wie ſie von dem Zuſtande des Koͤrpers und der Haut des Thiers abhaͤngen, ſo werden wir nun die zufaͤlligen Um⸗ ſtaͤnde angeben, welche am haͤufigſten jene Eigenſchaften abaͤndern, und deren nachtheilige Wirkung auf das Ganze nicht fehlen kann. Es iſt hier aber nicht unſre Abſicht, auf die verſchie⸗ denen Behandlungen uns einzulaſſen, welchen dieſes rohe Material bei der Waͤſche und Manufactur unterworfen wird; wir beſchraͤnken uns, es hier nur im Zuſtande ſeiner Ve— getation zu betrachten. In dieſem Zuſtande kann man die Wolle am beſten beurtheilen, alle characteriſtiſchen Zei⸗ chen erſcheinen dann auf einmal, und koͤnnen uns die wichtigſten Anzeigen, ihren wahren Werth treffend zu beurtheilen, geben. 64 Die aͤußern Einfluͤſſe, welche den Eigenſchaften der Wolle waͤhrend ihres Wachsthums nachtheilig werden, ſind: 1) die Feuchtigkeit, 2) die Sonnenhitze, 3) fremde Koͤrper, die ſich ihr anhaͤngen, 4) endlich die Reibungen, denen ſie ausgeſetzt iſt. Die Feuchtigkeit iſt mehr oder minder ſchaͤdlich nach ihrer Art und nach dem Grade der Waͤrme, womit ſie verbunden iſt. Die warme und naſſe Luft, der Nebel, der Thau, der Regen, der Schnee, ein zufaͤlliges Untertauchen des Thie⸗ res, endlich die taͤgliche Einwirkung des Urins und der Excremente ſind die Urſachen, welche dem Vließe die nach⸗ theiligen Wirkungen der Feuchtigkeit zuziehen; vergeblich hat die Natur das Wollhaar gegen den Einfluß der Feuch⸗ tigkeit zu ſchuͤtzen geſucht, indem ſie es mit den oͤhligten Materien uͤberzog, die wir Schweiß und Fett(suint et surge) nennen, denn wir wiſſen, daß das reine und kalte Waſſer ſchon fuͤr ſich zureichend iſt, die Schweißmaterie aufzulöſen, und das Fett vertheidigt, wie wir gleich zei⸗ gen werden, das Haar nicht gegen die ſtaͤrkeren Einwir⸗ kungen des Urins und Koths. Die Feuchtigkeit verdickt das Wollhaar, indem ſie es erweitert, ſie macht es fuͤr den Augenblick geſchmeidiger und ausdehnungsfaͤhiger, kurz ſie vertilgt einen Theil ſeines Characters. Dieſe Thatſachen werden keinem Beobachter entgehen, der ſich die Muͤhe giebt, ſie zu unterſuchen; die Urſache der Verdickerung der Haarroͤhre liegt aller Wahrſcheinlich— keit nach in ſeinem Einſaugungsvermoͤgen, vermoͤge deſſen ſeine Poren die Feuchtigkeit mehr oder minder anziehen. 65 Das groͤßere Ausdehnungsvermoͤgen, welches das Woll⸗ haar dadurch erhaͤlt, ſcheint uns nicht ſehr leicht erklaͤrbar, und ohne eine theoretiſche Erklaͤrung zu wagen, begnuͤgen wir uns, es nur als Thatſache anzugeben, und bemerken, daß dieſe Empfaͤnglichkeit ſchon lange anerkannt iſt, indem wir in den Schriften der Naturforſcher finden, daß dieſe Ausdehnungsfaͤhigkeit eines trocknen Haars gegen ein naſſes ſich verhalte wie 5 zu 35. Was die Veraͤnderung im Character des naßgewordenen Wollhaars betrifft, ſo laͤßt ſie ſich wohl durch die Ausdehnung und Vermehrung der Geſchmeidigkeit erklaͤren. Dieſe Veraͤnderung wird nicht ſehr merkwuͤrdig erſcheinen, wenn man einige wenige in einer Flocke vereinigte Wollhaare naß gemacht, und ſie dann wieder mit Vorſicht, und ohne ſie aus ihrer Lage zu bringen, getrocknet hat; aber ſie wird ſehr auffallend ſeyn, wenn dieſe Vorſicht nicht hat beobachtet werden koͤn⸗ nen. Indem die Feuchtigkeit das Gewicht am aͤußern Ende des Wollſtapels vermehrt, und dieſes immer mit angeſetz⸗ tem Schmutz beladen iſt, ſo entſteht daraus eine Anſpan⸗ nung, die viel beitraͤgt, den Character des Wollhaars zu verloͤſchen. Aber, wird man fragen, koͤnnen dieſe Wirkungen, welche wir der Feuchtigkeit auf die Wolle zuſchreiben, noch aus⸗ daurend ſeyn, wenn man ſie auf eine gehoͤrige Weiſe wie⸗ der getrocknet hat?— Wir koͤnnen dieſe Frage nicht an⸗ ders als bejahend beantworten: die Spuren, welche die Feuchtigkeit auf ein im Wachsthum begriffenes Vließ hin⸗ terlaͤßt, ſind eben ſo augenſcheinlich als verdrießlich: denn, indem die Feuchtigkeit das Gewebe des Haars erweitert, dringt der Nahrungsſaft in dieſe dadurch veranlaßte Er⸗ ⁹‿ 66 weiterung um ſo ſtaͤrker ein, ſo daß ſelbſt nach der Ver⸗ dunſtung der Feuchtigkeit das Wollhaar groͤber bleiben wird. Die Spannung, welche das Gewicht am aͤußern Ende des Stapels vermehrte, wird auf den naſſen Faden, welcher um ſo geſchmeidiger geworden war, um ſo ſtaͤrker wirken, und zum Theil ſeinen Character vertilgen, wor⸗ aus alſo folgt, daß das Wollhaar einen Theil ſeines ſoge⸗ nannten Nervs und die welligte Elaſtizitaͤt verliert, die ihm, wie wir in der Folge zeigen werden, ſo noͤthig bei der Behandlung in der Walke iſt. Indem endlich die Feuchtigkeit einen Theil des das Haar umgebenden Fett⸗ ſchweißes aufgeloͤßt hat, ſo wird die Sonnenhitze bei der ſchnellen Abtrocknung es um ſo mehr zuſammenſchnirren, und man wird finden, daß die Wolle um ſo weniger ſanft und geſchmeidig geworden ſey, je oͤfterer ſie naß und wie⸗ der trocken geworden. Die Wirkungen der Feuchtigkeit ſind nicht ſo nach⸗ theilig auf die abgeſchorne Wolle, und wenn gleich das Waſſer ihren Durchmeſſer erweitert, ſo ſcheint ſie doch, nachdem ſie wieder trocken geworden, ihre vorige Feinheit wieder anzunehmen; wir wollen nicht behaupten, daß dies ganz vollſtaͤndig der Fall ſey, und einige Verſuche, deren Reſultat nicht entſchieden genug iſt, um es hier anzuge⸗ ben, laſſen uns doch vermuthen, daß es nicht ohne Nach⸗ theil fuͤr die Feinheit ſeyn wuͤrde, wenn man die Wolle mehrere Male in kaltem Waſſer wuͤſche, und ſie wieder trocknen ließe. Die Feuchtigkeit, welche vom Urin und Excrementen entſteht, hat einen weit verderblichern Einfluß auf die im Wachsthum befindliche Wolle, als die bisher erwaͤhnten. 67 Dieſe Materien haben eine beizende Wirkung und greifen das Wollfett ſelbſt an; ihre Wirkung iſt um ſo groͤßer, wenn ſie ausdaurend iſt; ſie veraͤndert die Farbe des Woll⸗ haars, indem ſie es anfangs hellgelb faͤrbt, welche Farbe dann immer dunkler und endlich faſt ſchwarz wird. Dieſe Schattirungen zeigen eine fortgehende Verſchlechterung in der Subſtanz des Wollhaars an, welches zuweilen ſo an⸗ gegriffen wird, daß es alle Kraͤfte verliert, und eben ſo bruͤchig und muͤrbe wird, als die Strohfaſer in einem Miſthaufen nach ſeiner Gaͤhrung. Außer den Wirkungen der Feuchtigkeit alſo, naͤmlich der Vergroͤberung der Roͤhre und der Veraͤnderung der elaſtiſchen Kraͤfte, mithin des Characters, bringen alſo Urin und Excremente noch eine Veraͤnderung der Farbe und Verderbniß der Subſtanz ſelbſt hervor. Dies bemerkt man in der That beſtaͤndig am Vließe ſolcher Thiere, de⸗ ren Streu ſchlecht unterhalten wurde: die Wolle des Bau⸗ ches, der Keulen oder Hoſen iſt gelb, grob und trocken, die Enden der Stapel, beſonders an den Flanken, ſind mit einem feuchten Kothe beladen, und darum findet man im Innern denſelben Mangel an Character, an Feinheit und Staͤrke, und die Wolle zuweilen beinahe im Zuſtande der Zerſetzung. Wir haben bisher nur von dem unmittelbaren Einfluß der Feuchtigkeit auf das Wollhaar geſprochen; derjenige, welchen ſie mittelbar auf die Wolle hat, indem ſie den Zu⸗ ſtand der Haut und ſomit die Geſundheit des Thiers an⸗ greift, kann noch nachtheiliger werden. Es iſt ausgemacht, daß die Haut eine große Menge Feuchtigkeit einzieht, welche eines Theils ihre Gewebe erſchlaffen und ihre Po⸗ 5* 68 ren vergroͤßern muß, andern Theils aber auch eine Grund⸗ urſache vieler Krankheiten iſt. Die Feuchtigkeit iſt in man⸗ chen Schaͤfereien die Urſache des Verluſtes ganzer Heerden geweſen, und ihr muß man hauptſaͤchlich die großen Sterb⸗ lichkeiten an der Bleichſucht oder ſogenannten Faulkrankheit beimeſſen, worauf wir in der Folge zuruͤckkommen werden. Die Sonnenhitze iſt geneigt, einen Theil des Fettſchweißes im Vließe auszutrocknen, und mithin die Eigenſchaften der Sanftheit und Geſchmeidigkeit zu vermindern; ihr Einfluß iſt, wie wir es eben bemerkt haben, um ſo ſchaͤdlicher, wenn ſie eine naßgewordene Wolle trifft; denn weil dieſe Wolle einen Theil des Fettſchweißes, welcher ſie ſchuͤtzen ſollte, verloren hat, ſo kann ſie um ſo eher durch die Wir⸗ kung einer ſtarken Hitze ausgetrocknet und verhaͤrtet werden. Die fremden Koͤrper, deren Anſatz am Vließe gewoͤhn⸗ lich nachtheilig wirkt, ſind: 1) der Miſt in den Staͤl⸗ len, 2) der Sand, die Erde und der Staub, 3) die Abfaͤlle des Futters und der Streu. Von dem nachtheiligen Einfluß des Miſtes haben wir eben bei Gelegenheit der nachtheiligen Wirkung der Feuch⸗ tigkeit geſprochen, dem wir alſo hier nichts hinzuzufuͤgen haben. Der leichte Sand, welcher faſt ausſchließlich den Bo⸗ den an der Seekuͤſte ausmacht und von den Winden auf⸗ gehoben und allenthalben verbreitet wird, ſetzt ſich um ſo leichter in das Vließ, und verbindet ſich um ſo feſter da⸗ mit, je feiner und je gekraͤuſelter es iſt, und je reichlicheren Fettſchweiß es hat. Die Menge des Sandes, womit das Vließ beladen wird, iſt ſo groß, daß man die Haut nicht ſehen kann, wenn man die Stapel auseinander zieht. V 69 Der Sand verſchlingt zugleich 1) den Aushauch der Haut, welcher ſeiner Natur nach beſtimmt iſt, ihre Sanft⸗ heit zu erhalten, und 2) den Wollſchweiß, welcher dieſelbe Wirkung auf das Wollhaar hat. Auch widerſtrebt er der natuͤrlichen Verbindung der Wollhaare in jedem Stapel, eine Verbindung, wovon groͤßtentheils die Regularitaͤt des Characters abhaͤngt. Er traͤgt endlich noch mehr zur Verſchlechterung dieſes Characters bei, indem er ſich dem Schmutze anhaͤngt, womit das Ende des Stapels ſchon beſudelt iſt, und ſo das Gewicht vermehrt, welches das Wollhaar zu tragen hat, und wodurch es geſpannt wird. Vielleicht kann ſich auch der Sand der natuͤrlichen Einwirkung der Luft und des Lichtes auf das Innere des Vließes und auf die Haut widerſetzen. Man weiß aber, wie wichtig dieſer Einfluß auf die Entwickelung aller le⸗ benden Koͤrper iſt. Die Nachbarſchaft der Seekuͤſte ſetzt die koͤnigl. Heerde zu Perpignan allen den Nachtheilen aus, die wir angege⸗ ben haben, und die Qualitaͤt der Wollen, welche dieſe Heerde liefert, leidet dadurch augenſcheinlich. Die Erde und ihr Staub haben aͤhnliche Wirkungen wie der Sand. Waͤhrend des Aufenthalts der Heerden auf gewiſſen Arten von Boden ſetzen ſich dieſe fremden Koͤrper auf die Vließe ab, und man erkennt an der rothen, gelben und kreidigen Farbe die Thiere, welche ſich auf eiſenhaltigem, moorigem und kalkigem Boden aufhalten. Der Abfall des Futters und der Streu ſetzt ſich in die Wolle oft ſo feſt, daß es nur mit großer Muͤhe ge— lingt, ſie durch die Behandlungen der Waͤſche, des Klopfens und des Auspfluͤckens davon zu befreien. Dieſes Uebel 70 ſetzt den Werth der Wolle mehr herab, als man es glau⸗ ben ſollte, und wir werden an ſeinem Orte nicht verfeh⸗ len, den Wollzuͤchtern alle moͤgliche Vorſichtsmaaßregeln dagegen zu empfehlen: hier wollen wir nur noch bemer⸗ ken, daß die Gegenwart dieſer fremden Koͤrper den Thie⸗ ren ein Jucken erregt, und daß dadurch eine Verwirrung des Vließes und ſehr nachtheilige Zerrungen, vermittelſt des Kratzens, entſtehen. Die Reibungen, welche die Wolle auf dem Koͤrper der Thiere erleidet, veraͤndern ihre Qualitaͤten merklich: wir haben geſehen, daß die weſentlichſten dieſer Qualitaͤten unzertrennlich mit dem Character des Wollhaars verbun⸗ den waren, alſo auch mit ſeiner eigentlichen Staͤrke und ſeinen verſchiedenen Arten der Elaſtizitaͤt; dieſe letztern Eigenſchaften aber ſind um ſo vollkommner, je weniger man ſie angegriffen hat: ſo iſt z. B. die erſte Eigenſchaft des Wollhaarbogens die, daß er die Kraft habe, ſich ſchnell und vollſtaͤndig wieder zu bilden, aber die Kraft vermin⸗ dert ſich natuͤrlich, wenn ſie haͤufig angegriffen wird. Man begreift leicht, daß das Reſultat daſſelbe ſeyn muß, wenn die elaſtiſche Kraft durch haͤufige Reibungen und Zerrun⸗ gen erſchoͤpft iſt. Wir werden in dieſem Abſchnitte aber nicht von den Mitteln reden, welche uns die Praxis an die Hand giebt, um dieſen Uebeln zuvorzukommen, wir werden daruͤber ſpre⸗ chen, wenn wir auf die Behandlung der Heerden kommen. V. Anmerk. d. Ueberſ. Was die Verf. uͤber die aͤußern Einwirkungen auf die Wolle ſagen, iſt im Ganzen wohl 71 begruͤndet. Die Feuchtigkeit der Luft hat eine entſchieden nachtheilige Wirkung auf die Geſundheit der Schaafe; man ſieht es ihnen an, daß ſie dabei leiden; ſie fuͤhlen eine Wetterveraͤnderung voraus und ein erfahrner Schaͤfer ſagt dieſe vorher aus dem Benehmen ſeiner Thiere; das reichlichſte Futter ſchlaͤgt ihnen bei naſſer Witterung nicht an, ſie nehmen dabei mehr ab als zu. Hr. Amts⸗ rath Block hat dieſes bei den intereſſanten Verſuchen, welche er uͤber die Zunahme der Laͤmmer mittelſt raͤgli⸗ cher Abwaͤgungen anſtellte, entſchieden beobachtet: bei truͤber Luft war die Gewichtszunahme bei gleicher Nah⸗ rung bedeutend geringer als bei heiterer. Daß das Befinden der Schaafe auch von dieſer Seite auf das Wachsthum der Wolle einen Einfluß habe, hat keinen Zweifel. Man hat faſt immer bemerkt, daß die Schur nach gelinden und feuchten Wintern ſchwaͤcher ſey als nach ſtrengen und trocknen. Welchen Einfluß die Wit⸗ terung auf die Qualitaͤt der Wolle habe, wenn die Thiere dabei leidlich geſund bleiben, halte ich noch fuͤr unent⸗ ſchieden. Jedes Haar zieht allerdings Feuchtigkeit an und erleidet dadurch eine Veraͤnderung, wie der Gebrauch derſelben zu Hygrometern beweiſet. Aber mit der Ab⸗ trocknung ſcheint es in denſelben Zuſtand zuruͤckzutreten, wie ebenfalls bei dieſem Gebrauch erhellet. Deshalb hann ich an die große Schaͤdlichkeit, welche manche dem Naßwerden des Pelzes beimeſſen, nicht glauben, wende alſo zur Verhuͤtung deſſelben keine große Sorgfalt an, laſſe die Schaafe auch an regnigten Tagen, nachdem ſie auf dem Stalle ein trocknes Futter erhalten haben, auf die Weide gehen(denn die feuchte Luft, die ich ihrem 72 ganzen Koͤrper nachtheilig halte, kann ich auch vom Stalle nicht abſperren, und fie ſcheint mir minder ſchaͤdlich zu wirken, wenn das Thier dabei freie Bewegung hat); bin nicht daruͤber bekuͤmmert, wenn ein Schlagregen ſie auf dem Felde trifft, und finde durchaus nicht, daß die Wolle in irgend einer Qualitaͤt dadurch verliere. Das Vließ praͤſentirt ſich zwar wohl wochenlang minder gefaͤllig darnach, aber dann zeigt ſich daſſelbe wieder recht huͤbſch, es ſey denn, daß man zu letzterem eine ſchwaͤrzere Schat⸗ tirung der Oberflaͤche erfordere, die ſich allerdings durch oͤfteres Naßwerden verliert. Vielleicht kommt es hierbei einigermaßen in Betracht, daß meine Schaafe ſaͤmmtlich ſtumpfe Stapel und ein ſehr geſchloſſenes Vließ haben; vielleicht mag es bei ſpitzen Stapeln und fladdrigem Vließe ſich anders verhalten. Gewiß iſt dieſer Umſtand eine Miturſache, daß das Innere der Vließe durch Sand, Staub und Futter nie verunreinigt wird. Die Verunreinigung durch Urin und Koth moͤglichſt abzuhalten und den Thieren ein trocknes Lager zu ge⸗ ben, iſt eine Vorſorge, die bei uns wohl jeder anwen⸗ det, der auf den Namen eines Schaafzuͤchters Anſpruch macht. Wo ich Schaafe im Koth liegen finde, da ſehe ich ſie nicht weiter an. Der weiße Staub iſt meinen Thieren nur an den Tagen, nachdem ſie gewaſchen ſind, nachtheilig. Der ſchwarze und roͤthliche Staub iſt aber durch die gewoͤhn⸗ liche Waͤſche ſchwer oder gar nicht herauszubringen, zieht der Wolle Tadel zu und ſetzt ihren Werth herun⸗ ter. Ein ausgezeichneter Fabrikant hat mir aber geſagt, daß wenn er ſolche Wolle nur ganz ungewaſchen erhal⸗ ten koͤnne, er ſich nicht viel aus der rothlichen oder ſchwaͤrzlichen Farbe machen wuͤrde; ſey ſie aber einmal durch die Waͤſche in die Subſtanz der Wolle eingedrun⸗ gen, ſo ſey dem nicht weiter abzuhelfen. Hinſichtlich des Staubes ſowohl als der Verunrei⸗ nigung durch die Spreu des Futters und Strohes macht es ebenfalls einen großen Unterſchied, ob die geſchloſſe— nen ſtumpfen Stapel ein geſchloſſenes Vließ bilden oder ob dieſes fladdrich ſey und lauter Spitzen bilde. In jenes dringt ſelten etwas ein, innerlich bleibt es immer rein und was ſich aͤußerlich anſetzt, wird durch die ge⸗ woͤhnliche Waͤſche leicht abgeloͤſet. Deshalb iſt ſolche Wolle viel leichter zu waſchen. Die Vorzuͤge, welche manche Wollen in der Waͤſche haben, haͤngen mehr von ihrer Art als vom Waſſer ab. Eine ſtarke trockne Sonnenhitze ſcheint allerdings die Spitzen ſproͤde zu machen, aber wohl nur durch die Austrocknung und Erhaͤrtung des Fettſchweißes. Im Jahre 1819 war dies der Fall: mehrere machten die Bemerkung zu Anfange des Winters und waren wegen des Ausfalles ihrer Schur bekuͤmmert. Aber im Fruͤh⸗ jahr hatte es ſich verloren, die Spitzen waren wieder mit fluͤſſigerem Fette durchdrungen und geſchmeidig geworden. [O[— Sechster Abſchnitt. Ueber den Einfluß der Wolleigenſchaften auf ihre Verwendung⸗ zu den Fabrikaten. Da es der Hauptzweck des Wollerzeugers ſeyn muß, das zweckmaͤßigſte rohe Material fuͤr die Fabrikation her⸗ 74 vorzubringen, ſo wird das Reſultat unſerer Unterſuchun⸗ gen uͤber dieſen Gegenſtand nicht ohne Intereſſe fuͤr ihn ſeyn; und eben ſo ſehr hoffen wir den Beifall der Fabri⸗ kanten zu erhalten, welche in unſeren Bemuͤhungen die Abſicht, ſolche Kenntniſſe zu verbreiten, die den Fabriken nuͤtzlich werden koͤnnen, nicht verkennen werden. Denn wir ſtreben nicht bloß dahin, den Eigenthuͤmern der Heer⸗ den die beſte Anleitung uͤber die Behandlung zu geben, ſondern zugleich dahin, daß unſere einlaͤndiſchen Manufac⸗ turen von der druͤckenden und ſelbſt erniedrigenden Noth⸗ wendigkeit, im Auslande einen Theil des rohen Materials fuͤr ihre ſchoͤnſten und beſten Zeuge zu ſuchen, befreiet werden. Wenn bei dem, was wir daruͤber ſagen werden, ſich etwas faͤnde, was in Zweifel gezogen werden koͤnnte, ſo bitten wir die Herren Fabrikanten, uns daruͤber ihre Be⸗ merkungen mittheilen zu wollen, welche wir mit eben ſo viel Vergnuͤgen als Dankbarkeit aufnehmen werden. Wir duͤrfen jedoch ſagen, daß wir uns ſchon durch die einſichts⸗ vollen Mittheilungen, die uns von mehreren unter ihnen gemacht worden, genugſam unterſtuͤtzt gefunden haben, um uns beſonders uͤber die Richtigkeit derjenigen Thatſachen zu verſichern, auf welche unſere Aufmerkſamkeit beſonders gerichtet war. Unſere Abſicht iſt es zwar nicht, den Einfluß der er⸗ kannten Eigenſchaften der Wolle bei allen Details der Fabrikation zu verfolgen, ſondern wir werden uns begnuͤgen feſtzuſtellen, welches diejenigen Eigenſchaften ſind, die auf die weſentlichſten Operationen der Fabrikation Bezug haben, und ihr Verhaͤltniß zu dieſen Operationen zu beſtimmen. 75 Dieſe Unterſuchung wird uns zu unſerm Zweck fuͤhren, der dahin geht, den Producenten diejenigen Qualitaͤten anzugeben, welche ſie am meiſten zu verfolgen haben, und diejenigen Fehler, welche ſie am ſorgfaͤltigſten vermeiden muͤſſen. Wir bringen die mannigfaltigen Arten von Gewebe, welche aus der Wolle gemacht werden, nur in zwei Haupt⸗ klaſſen: naͤmlich in ſolche, welche der Walke unterwor⸗ fen werden, und in ſolche, wo dies nicht geſchieht. Den erſteren werden wir den allgemeinen Namen„der Tuͤcher“ geben, und den zweiten den„der glatten Zeuge“(d'étoffes rases). Und dieſe Eintheilung fuͤhrt eine andere fuͤr die Wol⸗ len ſelbſt herbei, die wir in Krempelwollen und in Kammwollen unterſcheiden. Es giebt gewiſſe Zeuge, die zwar aus Kammwollen gemacht werden, aber doch eine gewiſſe Art von Walke erleiden. Wir machen keine beſondere Abtheilung davon, weil das, was wir uͤber die andern ſagen, auf ſie eben- falls anwendbar iſt. Ueber die Wollen zu Tuͤchern. Die Haupteigenſchaft des Materials, woraus man Tuch macht, iſt, daß es der Filzung oder Krimpung faͤhig faͤhig ſey, weil ohne ſelbige die Entſtehung des Tuches unmoͤglich iſt. Alle Arten von Wollen ſind mehr oder minder geneigt, ſich zu verfilzen. Die Verfilzung iſt, wie man weiß, die Eigenſchaft gewiſſer Thierhaare und gewiſſer vegetabiliſcher Faſern ſich 76 um ſo mehr mit einander zu verbinden, wenn das Zeug, worin ſie verwirkt ſind, gemangelt und geſchlagen wird. Man gebraucht zu dieſer Operation große Hammer, die auf irgend eine Art in Bewegung geſetzt werden. Die Hammer bringen auf das Zeug drei Hauptwir⸗ kungen hervor; die Faſern auszudehnen, zu entwickeln und zu brechen, aus welchen der Faden des Gewebes gebildet iſt. Die Folge dieſer Wirkung iſt die Entwickelung derje— nigen Eigenſchaft der Wolle, die wir unter dem Namen der Elaſtizitaͤt der Wellung, der Zuruͤckziehung und der Zuſammenſchnirrung beſchrieben haben. Wir wollen dar⸗ uͤber noch einige Erklaͤrungen geben. Der Schlag des Hammers, oder der Act der Zuſam⸗ menpreſſung, greift die Faſern theils im Innern, theils am Aeußern des Garnfadens an. Im erſteren Falle wer⸗ den jene Faſern ihre vorige Lage wieder anzunehmen ſu⸗ chen, und ihr Beſtreben, dies zu thun, wird unter ihnen Kreuzungen und Verſchlingungen bewirken, welche den Anfang der Verfilzung im Innern des Fadens machen. Wie die Elaſtizitaͤten der Wellung und der Zuruͤckziehung bei dieſem Streben ſchon mitwirken, faͤllt ſo klar in die Augen, daß wir nicht noͤthig haben, es zu zeigen. Daſſelbe iſt der Fall bei der Wirkung des Hammers auf die Spitzen der Faſern, welche die Oberflaͤche des Garnfadens rauh machen. Wenn dieſe Spitzen nach allen Seiten zufammengepreßt ſind, ſuchen ſie ihre vorige Lage wieder anzunehmen, und je mehr ſie gepreßt worden, deſto ſtaͤrker werden ſie ſich, wenn ſie elaſtiſch ſind, bei ihrer Gegenwirkung mit einander verbinden. Indem ſich die Faſern auf der Oberflaͤche des Fadens mit denen auf der 77 Oberflaͤche des benachbarten Fadens einhaken, tragen ſie zur Verfilzung der Faden des ganzen Gewebes bei. Aber bei dieſem doppelten Effecte der Walke wird das Wollhaar nicht nur ausgedehnt und entwickelt werden, ſondern wird auch einen Bruch erleiden, und dieſer Um⸗ ſtand wird derjenigen elaſtiſchen Kraft, welche wir Zu⸗ ſammenſchnirrung genannt haben, Gelegenheit geben, ſich zu entwickeln und zur Verfilzung beizutragen. Denn jedesmal, wenn eine ſolche Faſer geriſſen iſt, verſchwinden ihre getrennten Extremitaͤten, indem ſie ſich zuſammen— ſchnirren, wodurch ſie ſich dann um ſo inniger mit an— dern Faſern verſchlingen, deren Zerreiſſung zugleich bewirkt wurde, und welche dieſelbe Geſchmeidigkeit und zuſammen⸗ ſchnirrende Elaſtizitaͤt beſitzen. Was wir hier geſagt haben, giebt einen hinreichenden Begriff von der Wirkung der Walke, um begreiflich zu machen, wie ein Stuͤck Tuch, welches duͤnn vom Weber— ſtuhl kommt, bei der Walke bedeutend dicker werde, indem es ſich zugleich in ſeiner Breite und ſelbſt in ſeiner Laͤnge zuſammenzieht. Es iſt uͤbrigens nicht unnuͤtz, daß wir hier von den Grundwirkungen der Walke geſprochen ha— ben, denn es erhellet daraus, daß die Elaſtizitaͤt unter ihren verſchiedenen Modificationen die einzige bewirkende Urſache der Filzung oder Krimpung ſey. Denn, warum laſſen ſich die aus verſchiedenen Wollen gemachten Zeuge beſſer oder ſchlechter walken? Deshalb, weil es Wollen giebt, welche die elaſtiſchen Kraͤfte mehr oder weniger beſitzen, und weil die verſchiedenen Vorbereitungen des Geſpinnſtes, Gewebes und Walkens der Entwickelung dieſer Kraͤfte mehr oder minder guͤnſtig ſind. Warum 78 wird anderer Seits ein Stuͤck Hanf oder Flachsleinen durch den Hammer eher in einen Teig verwandelt werden, als daß es ſich krimpen ließe? Deshalb, weil die Faſern, woraus ſeine Faden zuſammengeſetzt ſind, die Art von Elaſtizitaͤt nicht haben, wodurch die Verfilzung bewirkt wird. Wenn wir eine Hanffaſer unterſuchen, ſo finden wir ſie gerade und ohne Kraͤuſelung: die einzige Elaſti⸗ zitaͤt, welche ſie beſitzt, iſt die der Wiederaufrichtung, welche bei der Walke keinen Nutzen haben kann, in ſofern keine andere Art von Elaſtizitaͤt damit verbunden iſt. Daſſelbe iſt ohngefaͤhr der Fall bei der groben Wolle, die ſich kraͤftiger aufrichtet, aber die ſich ſchwieriger walkt als die feine Wolle. Ein Hanffaden iſt keiner Ausdehnung faͤhig, das grobe Wollhaar keiner bedeutenden: je feiner es aber iſt, deſto mehr iſt es Ausdehnungsfaͤhig. Dar⸗ aus laͤßt ſich abnehmen, daß die Ausdehnungßfaͤhigkeit der Walke ſehr guͤnſtig ſey. Endlich, wenn eine Hanffaſer abbricht, werden ihre beiden Enden gerade bleiben und keine Neigung ſich zu⸗ ſammenzuſchnirren zeigen, daher iſt unſerer Meinung nach der Grad dieſer Art der Elaſtizitaͤt die wirkſamſte Urſache der Walkfaͤhigkeit. Auch iſt die ſehr geſchmeidige Wolle, welche dieſe Elaſtizitaͤt im hoͤchſten Grade beſitzt, diejenige, welche am beſten walkt, wogegen bei der ſproͤden und groben Wolle das Umgekehrte eintritt. Wir haben uns bei dieſem Gegenſtande, ſeiner Wich⸗ tigkeit wegen, laͤnger aufgehalten, und wir halten es fuͤr rathſam, das, was wir geſagt haben, nochmals in ſei⸗ nen Reſultaten zu wiederholen. Dieſe ſind: 1) daß die Haupturſachen der Walkfaͤhigkeit in den 79 elaſtiſchen Kraͤften des Wollhaars liegen, die ſich mit dem Vermoͤgen ausgedehnt zu werden verbinden, welches wie⸗ der eine der Bedingungen der Geſchmeidigkeit iſt; 2) daß die Elaſtizitaͤt der Zuſammenſchnir⸗ rung, welche im geraden Verhaͤltniſſe mit der Geſchmei⸗ digkeit ſteht, am meiſten zur Walkung beitrage, und naͤchſt derſelben die Elaſtizitaͤt der Wellung eine der Qua⸗ litaͤten ſey, die gewoͤhnlich mit der hohen Feinheit in Ver— bindung ſtehen; 3) daß folglich die Feinheit und die Geſchmeidigkeit der Walkung am guͤnſtigſten ſind. Wir wollen jetzt unterſuchen, worin die nuͤtzlichſten und angenehmſten Eigenſchaften des Tuches beſtehen, um dann die Eigenſchaften der Wolle zu erforſchen, woraus ſolches Tuch gemacht werden kann. Dieſe Eigenſchaften ſind die Derbheit oder die Aus⸗ dauer, die Undurchdringlichkeit, die Feinheit, die Leichtigkeit, die Sanftheit und die Weichheit. Die Derbheit(solidité) des Tuches. Wir haben in der dritten Abtheilung dieſes Capitels gezeigt, daß ein aus feinen und geſchmeidigen Wollhaaren zuſammengeſetzter Faden bei gleichem Durchmeſſer eine groͤßere Widerſtandskraft aͤußere, als eine Vereinigung groͤberer und haͤrterer Haare*), und wir haben uͤberdies *) Dieſe beſondere Urſache der Derbheit findet noch mehr ihre Anwendung bei den Kammwollzeugen, als bei den Tuͤchern, indem die Wolle der letzten die Krempel erlitten hat, und bei dieſer Ope⸗ ration ſowohl wie bei der des Walkens die Haare aus ihrer paral⸗ lelen Lage gebracht und ſo zerriſſen ſind, daß ſie nicht mehr in ih⸗ 80 geſehen, daß aus den Eigenſchaften der Sanftheit und des gewelleten Characters die Faͤhigkeit der Haare ſich innig mit einander bei den Operationen des Spinnens und der Walke zu verbinden, hervorgehe. Wenn uͤberdies die Kraft der Zuſammenſchnirrung ſehr ſtark iſt, ſo wird der Faden nicht mit ſo ſtarker Rauhigkeit uͤberzogen zu ſeyn brauchen, um gehoͤrig zu walken, und deshalb kann man dann dieſem Faden eine ſtaͤrkere Drehung beim Spinnen und mithin mehrere Feſtigkeit geben. Hieraus glauben wir dann die richtige Folgerung ziehen zu koͤnnen, daß die derbſten Tuͤcher unter ſonſt gleichen Bedingungen die⸗ jenigen ſeyn werden, welche aus Wollen der hoͤchſten Fein⸗ heit gemacht worden, indem dieſe im Allgemeinen ihrer ganzen Laͤnge nach am regelmaͤßigſten gewellet, in jeder Art die geſchmeidigſten, dehnbarſten und zugleich im hohen Grade mit der Schnirrungselaſtizitaͤt begabt ſind. Ein Tuch aus ſolchen Materialien gemacht, wird am beſten den Reibungen und Zerrungen aller Art, ſo wie der Einwir⸗ kung der Zeit, widerſtehen. undurchdringlichkeit des Tuches. Die Undurchdringlichkeit des Tuches haͤngt von der Staͤrke der Verbindung der Faͤden und der Haare, wor⸗ aus dieſe geſponnen ſind, ab. Dieſe Eigenſchaft iſt ſehr wichtig, hinſichtlich des Wi— rer Laͤnge den Zuſammenhang haben, der ſonſt eine weſentliche Be⸗ dingeng der Staͤrke des Fadens iſt; aber es iſt bekannt, daß die Derbheit des Tuches weniger von der Kraft des einzelnen Fadeus, als von der verfilzenden Eigenſchaft der Haare, woraus er zuſam⸗ mengeſetzt iſt, abhaͤnge. Anmerk. d. Verf. 81 derſtandes, welchen ſie dem Eindringen der aͤußern Luft und der Feuchtigkeit leiſtet; ſie haͤngt weſentlich von der Vollkommenheit der Walke ab. Die ſich am beſten walkende Wolle wird alſo diejenige ſeyn, woraus man das undurchdringliche Tuch bereiten kann, alſo wird auch in dieſer Hinſicht die feinſte und geſchmeidigſte Wolle den Vorzug haben. Aber auch ſchon bei der Operation des Webens wird die Feinheit und Ge⸗ ſchmeidigkeit des Fadens einen Einfluß auf die Undurch⸗ dringlichkeit haben, weil das Tuch um ſo viel dichter und geſchloſſener ſeyn wird, als der Faden der Kette, wenn er ſich mit dem der Decke durchkreuzt, um ſo weniger Luͤcken im Gewebe des Tuches entſtehen laͤßt. Feinheit des Tuches. Man begreift von ſelbſt, wie dieſe Feinheit aus der Feinheit des Fadens und dieſe wieder aus der Feinheit des Wollhaars hervorgehe. Die Leichtigkett. Auch dieſe haͤngt von der Feinheit ab, weil man aus einem kleinern Gewichte von Wolle, die ſich gut verbindet, ein eben ſo derbes und dichtes, ſogar eben ſo warm hal⸗ tendes Tuch bereiten kann, als aus einem groͤßern Ge⸗ wichte von Wolle, der es an jenen Qualitaͤten fehlt. Dies ſcheint begreiflich genug, um es weiter entwickeln zu duͤrfen. Die Sanftheit und Weichheit. Welcher andern Urſache koͤnnten wir dieſe Eigenſchaften beimeſſen, als der Sanftheit der Endchen des Wollhaars, 6 82 die ſeinen Ueberzug machen? Da dieſe Qualitaͤt nun mit der Geſchmeidigkeit und Feinheit ſich verbindet, ſo ſieht man, wie dieſe Eigenſchaften in jeder Hinſicht die Schoͤn⸗ heit und den Werth des Tuches bewirken. Wir haben alſo die Haupteigenſchaften des Tuches be⸗ trachtet und erkannt, daß ſie in ihrem hoͤchſten Grade von der Feinheit und der Geſchmeidigkeit des Wollhaars ab⸗ haͤngig waren. Es giebt noch eine Eigenſchaft, deren wir nicht beſon⸗ ders erwaͤhnt haben, weil ſie im Verhaͤltniß mit den uͤbri⸗ gen ſteht, und ihre Wichtigkeit ſchon von ſelbſt ſo in die Augen ſpringt, daß es nicht noͤthig iſt, ſie beſonders zu entwickeln. Dies iſt die Gleichheit des Wollhaars in ſeiner ganzen Laͤnge, hinſichtlich ſeiner Geſchmeidigkeit, ſeiner Staͤrke und Elaſtizitaͤt. Eine Ungleichheit des Haars iſt aber nicht zweifelhaft, wenn die Wellungen, die an der Wurzel gedraͤngt und gleichfoͤrmig waren, in einer gewiſ⸗ ſen Hoͤhe anfangen groͤßer und mithin entfernter zu wer⸗ den, und am aͤußern Ende dann ganz verſchwinden. Letz⸗ teres kann noch verſchlimmert ſeyn durch die beizende Wir⸗ kung des Schmutzes, womit die Spitze umwickelt war. Dieſe Ungleichheit, die ſich in einigen hochfeinen ſaͤchſiſchen Heerden haͤufig findet, hat Veranlaſſung gegeben, daß man die Operation des Abſchnippelns(Eméchage) anwendet, welche darin beſteht, die aͤußern Enden der Stapel abzuſchneiden. Die Vereinigung aller wuͤnſchenswerthen Qualitaͤten des Tuches, die aus der Wolle von hoher Feinheit her⸗ vorgehen, verdient unſere hoͤchſte Aufmerkſamkeit. Wenn wir ſie verfolgen, ſo erklaͤrt ſie uns eine Thatſache, welche 83³ die meiſten Wollproducenten gar nicht begreifen koͤnnen. dies iſt der große Unterſchied des Preiſes, der ſich zwi⸗ ſchen der Wolle von hoͤchſter Feinheit und unter einer Wolle von maͤßiger Feinheit ſtellt, deren Verſchiedenheit man doch bei dem erſten Anblick kaum recht erkennen kann, und der doch ſo groß iſt, daß jene den doppelten Preis von dieſer erhalten wird. Dieſer Unterſchied wird durch die genaue Vereinigung aller vorerwaͤhnten Qualitaͤten der Wolle bewirkt, indem die feinſte Wolle, welche am regu— lairſten gewellt iſt, auch die geſchmeidigſte, die ausdehn⸗ barſte, die gleichartigſte, die am meiſten elaſtiſche u. ſ. w. ſeyn wird, mithin die geeignetſte, um alle Vollkommen⸗ heiten des Tuches zu bewirken, nicht bloß im einfachen Verhaͤltniſſe ihres hoͤheren Feinheitsgrades, ſondern im zuſammengeſetzten Verhaͤltniſſe aller jener Eigenſchaften, welche ſie in der Regel begleiten. Da keine dieſer Qualitaͤten fehlen darf, um ein Tuch vom hoͤchſten Werthe zu bilden, ſo begreift man, wie eine Abweichung zum beſſern oder ſchlechtern gleichſam multi⸗ plizirend auf den Erfolg der Fabrikation einwirke. VI. Anmerk. d. Ueberſ. Die Verf. betrachten hier die Ei⸗ genſchaften der Wolle, beſonders ihren Character und ihre elaſtiſchen Kraͤfte hinſichtlich ihrer Einwirkung auf die Fabrikation des Tuchs, aber nur bei der Walke. Sie kommen aber ſchon fruͤher und in einen weit be⸗ deutendern Betracht bei der Krempel und der Vorberei⸗ tung zum Spinnen des Tuchfadens. Hier werden die Wollhaare durchaus aus ihrer Lage und groͤßtentheils 6* 84 in kleine Stuͤcken geriſeen und das Ganze muß nun eine ganz gleichartige, aus lauter einzelnen Endchen beſtehende, aber doch innig und gleichmaͤßig zuſammen⸗ haͤngende Maſſe bilden. Dies geſchiehet nun allein durch ihre genaue Verhaͤkelung unter einander, welche allein durch ihre Kraͤuſelung und elaſtiſchen Kraͤfte bewirkt wird. Der Faden wird nun aus dieſer Maſſe von verſchlun⸗ genen Endchen ausgeſponnen und erhaͤlt ſeinen ganzen Zuſammenhang und Staͤrke durch die Innigkeit, Feſtig⸗ keit und Gleichheit dieſer Verſchlingungen. Je inniger und gleichartiger dieſe Verſchlingungen ſind, deſto fei⸗ ner kann der Faden geſponnen werden, ohne an ſeiner erforderlichen Staͤrke zu verlieren. Daher ſind Kleinheit und Gleichheit der Wellungen des Haars und ihre zuruͤckſpringende Kraft vielleicht wichtiger zur Bildung des feinen Tuchgarns, als ſeine Feinheit ſelbſt; aber beides iſt in der Regel mit einander verbunden. Der Faden des Tuchgarns muß zwar ſehr egal, aber er darf auf der Oberflaͤche nicht glatt ſeyn, ſondern muß einen ſammtartigen Ueberzug haben, der aus den Spitzen der nach verſchiedenen Richtungen gebogenen Haarend— chen gebildet wird und der dann in der Walke die Ver⸗ bindung der Faͤden bewirkt, wie es die Verf. beſchreiben. Jedoch haͤngt die Wirkung der Walke oder die Ent— ſtehung des Filzes nicht allein von der Kraͤuſelung und Elaſtizitaͤt der Wolle ab. Denn wir finden auch Haare dazu faͤhig, die gar keine Kraͤuſelung und Eaaſtizicaͤt beſitzen, wie das Kaninchen⸗ Biber⸗ und Kameelhaar, die bekanntlich einen ſehr dichten Filz geben und hierzu allein brauchbar ſind. Die Filzung iſt aber von der 85 des Tuches ſehr verſchieden, weswegen man letztere auch mit dem beſondern Namen der Krimpung belegt. Wie die vorzuͤglichen Eigenſchaften des Tuches aus den Eigenſchaften der Wolle hervorgehen, iſt von den Verf. ſehr lichtvoll dargeſtellt und begruͤndet die For⸗ derungen, welche die Fabrikanten an Wolle, die ſie zu preiswuͤrdigen Tuͤchern brauchen wollen, machen. Denn obwohl alle uͤbrigen Qualitaͤten ſich mehrentheils mit der Feinheit verbinden, ſo iſt dies doch nicht allgemein der Fall, wie wir fruͤher geſehen haben und wie alle Fabrikanten und Wollhaͤndler anerkennen. Zu den fein⸗ ſten und vollkommenſten Tuͤchern wird allerdings Wolle von der hoͤchſten Feinheit erfordert, da jene aber doch immer ſelten und theuer bleiben werden, ſo beduͤrfen wir auch minder feiner Wolle, die aber um ſo ſchaͤtz⸗ barer ſeyn und um ſo beſſere Tuͤcher geben wird, je mehr ſie die uͤbrigen Qualitaͤten beſitzt. Es giebt Wol⸗ len, die der Feinheit nach nur in die zweite Claſſe kom⸗ men konnten, aber in der Geſchmeidigkeit manchen fei— neren nicht nachſtehen und ſie in der Elaſtizitaͤt und Staͤrke(Nerv und Kern) uͤbertreffen. Es iſt wahr, daß das feinſte Tuch das dauerhafteſte ſey, ſich weniger abtrage und ſein Anſehen laͤnger be— halte. Auch bricht es da, wo es ſcharf eingebogen iſt — z. B. am Aufſchlage vor der Hand— weniger. Aber gegen eine ſtarke Gewalt haͤlt es doch minder aus, als gutes groͤberes und dichtes und reißt leichter. Da⸗ her wuͤrde es doch fuͤr diejenigen, welche ihre Kleidung dem Zerreiſſen oft ausſetzen muͤſſen, nicht paſſen. Wie bei der Wolle, ſo vergeſſen die Verf. auch bei 86 dem Tuche eine jetzt doch beſonders geſuchte Eigenſchaft, naͤmlich den Glanz. Es iſt wahr, daß dieſer ihm zum Theil nur durch die Kunſt gegeben wird, aber er haͤngt nach der Verſicherung ausgezeichneter Fabrikanten auch viel vom Material ab. Wolle von natuͤrlichem Glanz behaͤlt ihn auch nach der Faͤrbung und ſtellt alle Farben glaͤnzend dar, wogegen dieſe matt bleiben, wenn jener fehlte. Der durch die Kunſt bei der Preſſe und Schee⸗ rung gegebene Glanz verliert ſich, wenn der natuͤrliche fehlte. Dieſer iſt nun freilich auch mit der Feinheit und Ausgeglichenheit, aber doch nicht immer in gleichem Verhaͤltniſſe, verbunden und Wollkenner nehmen viele Ruͤckſicht darauf. Die Operation des Abſchneidens der Spitze— ciſe⸗ liren nennen es die Fabrikanten— iſt ſeltener noͤthig bei den Wollen, die geſchloſſene, ſtumpfe Stapel haben, als bei den ſpitzgeſtapelten, wenn dieſe auch feiner ſind, als erſtere. Daher mußten ihm die ſaͤchſiſchen Wollen, die vormals groͤßtentheils ſpitze Stapel hatten, vor allen unterworfen werden. Es kommt aber dabei in Betracht, daß aus ihnen nur ſehr feine Tuͤcher gemacht wurden, wo jeder Fehler um ſo mehr vermieden werden muß. Von den Wollen in Bezug auf die glatten Zeuge. Wenn man bei der Fabrikation des Tuches die groͤßte Walkfaͤhigkeit der Wolle beſonders aufſuchte, und wenn man bei der Operation der Krimpelung dieſe Faͤhigkeit durch die Trennung, Abkuͤrzung und Verwickelung der Haare am meiſten hervorzubringen ſtrebte, ſo ſcheint man auf eine gerade entgegengeſetzte Weiſe bei der Fabrika⸗ 87 tion der glatten Zeuge zu verfahren, weil der Zweck ganz verſchieden iſt: denn dieſe Zeuge unterliegen nicht der Wal⸗ kung, und deshalb braucht die Walkfaͤhigkeit der Wolle nicht hervorgezogen zu werden, um eine rauhe Oberflaͤche des Fadens zu bilden; im Gegentheil beſteht der Vorzug des glatten Zeuges in der Ebenheit des Fadens, weil dieſe ihm ſeinen Glanz und ſeine Sanftheit giebt. (Man muß nicht vergeſſen, daß die Sanftheit des Tu⸗ ches ganz von ſeiner Geſchmeidigkeit abhaͤngt, indem ſein Ueberzug nach allen Seiten leicht zuruͤckweicht, wenn man mit den Fingern daruͤber faͤhrt und keinen unangenehmen Widerſtand giebt, wogegen die Sanftheit des glatten Zeu⸗ ges von der Abweſenheit aller Rauhigkeit und Wider— ſtandes abhaͤngt.) Die Bedingungen, einen ganz ebenen und ſanft anzu— fuͤhlenden Faden zu erhalten, ſind: 1) daß die Wolle vor dem Spinnen ſo bereitet werde, daß alle Haare dieſelbe Richtung annehmen und parallel anein⸗ ander liegen: daher die Nothwendigkeit des Kaͤmmens; 2) daß die Haare ſo lang als moͤglich ſeyn, damit ihre minder zahlreichen Enden in einer gegebenen Laͤnge des Fadens ſeine Ebenheit weniger unterbrechen, wenn ſie ſich entwickeln; 3) daß dieſe Haare ſo ſchlicht wie moͤglich ſeyn, damit ſie ſich um ſo leichter und mit um ſo wenigern Abfall kaͤmmen laſſen. Ihre Oberflaͤche wird uͤberdies um ſo ſanfter ſeyn, je ſchlichter ſie ſind. Nach dieſen Bedingungen verlangt man von der Kaͤmm⸗ wolle Feinheit, Geſchmeidigkeit und Gleichheit, ſowohl in der Laͤnge des Haars ſelbſt, als der Haare untereinander. 88 Wir wollen uns aber bei dieſem Gegenſtande nicht weiter aufhalten, indem wir ſchließlich bemerken, daß es in Frankreich keine Kaͤmmwollen gebe, welche dieſe wuͤn⸗ ſchenswerthen Eigenſchaften vereinigen. Die laͤngſten und ſchlichteſten Merinowollen ſind doch nicht lang und nicht ſchlicht genug, um zu dieſem Zwecke recht tauglich zu ſeyn; unſere Landwollen aber haben zwar die Laͤnge und die Schlichtheit, es fehlt ihnen aber die Feinheit, die Gleich⸗ heit und die Geſchmeidigkeit. Es ließe ſich vielleicht viel hier ausrichten, ſowohl durch richtig geleitete Kreuzungen, als durch Einfuͤhrung von Thieren ſchon conſtanter Raße. Wir werden aber auf dieſe Veredlungsarten wieder zuruͤck⸗ kommen. VII. Anmerk. d. Ueberſ. Der Gebrauch der glatten, aus Kaͤmmwolle bereiteten Zeuge hat ſich ſehr vermindert und ſie ſind durch die baumwollenen und ſeidenen ver— draͤngt. Daher kommt es denn, daß man auf die Ver⸗ edlung der ſchlichten Wolle, deren ſie allerdings wohl faͤhig waͤre, keine Aufmerkſamkeit verwandt hat. Eng— land liefert ſie von einigen ſeiner Schaafraßen am ſchoͤn⸗ ſten. Ihre Ausfuhr im rohen Zuſtande und noch mehr der Thiere, die ſie tragen, war bisher ſtrenge verboten, iſt aber nun durch die neueſte Wollbill erlaubt worden. Hieruͤber war ein Theil der engliſchen Fabrikanten noch unwilliger als ein Theil der Grundeigenthuͤmer daruͤber, daß der hohe Einfuhrzoll auf die auslaͤndiſche Wolle aufgehoben ward. Die Regierung aber wollte durch beides das Intereſſe der Grundeigenthuͤmer und Fabri⸗ 89 kanten ausgleichen und das des Handels befoͤrdern. Das aus jener Wolle geſponnene Garn wird noch am meiſten zu Strumpfzeugen und zu Stickereien gebraucht, wegen der glaͤnzenden und dauerhaften Farben, die es annimmt. Vielleicht fallen die Eigenthuͤmer dieſer Heer— den nun bei vermehrtem Abſatz dieſer Wolle— denn ſie galt bisher in England auch wenig— darauf, ſie in dieſer Ruͤckſicht noch mehr zu veredeln. Es giebt aber auch, wie ich ſchon oͤfter erwaͤhnt habe, Merinos, deren reiner Urſprung nicht zweifelhaft ſcheint, die eine hinlaͤnglich lange, wenig und ſehr ge⸗ dehnt gewellete und durch das Kaͤmmen ganz ſchlicht zu machende Wolle tragen, die ſehr fein, geſchmeidig und glaͤnzend iſt und darin, auch nach der Erklaͤrung des erfahrnen Herrn Koͤhler auf dem Leipziger Woll⸗ konvente, alle andere Kaͤmmwolle uͤbertrifft. Wir erhal⸗ ten dieſe Raße noch einigermaßen in der koͤniglichen Stammſchaͤferei zu Panten. Aber jeder, der nur Tuch⸗ wolle ſucht, tadelt dieſe Wolle natuͤrlich und die Zucht— thiere davon will niemand haben, ungeachtet ſie ein großes Gewicht von Wolle tragen. Wenn man mit Widdern dieſer Art von Merinos eine von Natur gute, ſchlichte, nicht verfilzte Landwolle veredelte, ſo bin ich uͤberzeugt, daß es rentiren wuͤrde. Dieſe Wolle faͤnde gewiß Kaͤufer, die ſie gut bezahlten, wenn ſie in groͤßerer Menge vorhanden und bekannt waͤre. Und wenn auch der Centner vorerſt wohl nicht ſo theuer be⸗ zahlt wuͤrde als gute Tuchwolle, ſo iſt ihr Gewicht faſt doppelt ſo ſtark. Es ſcheint mir aber nicht zweifelhaft, daß, wenn es ſolcher feinen, geſchmeidigen Kaͤmmwolle 90 mehr gaͤbe, bald Fabrikate daraus hervorgehen muͤßten, die Beifall faͤnden;z wo dann ihr Preis bedeutend ſtei⸗ gen wuͤrde. Die engliſche Kaͤmmwolle und das daraus bereitete Garn muͤßte ſie ganz verdraͤngen.— Durch die Kreuzung der lang- und ſchlichtwolligen Schaafe mit krauſen Merinos wird aber nie eine gute Kaͤmmwolle hervorgebracht werden. Zweites Capitel. Ueber die verſchiedenen Arten der Wolle und ihr Studium. Unſere Naturforſcher wuͤrden der Induſtrie einen wichti⸗ gen Dienſt leiſten, wenn ſie alle Arten der wolltragenden Thiere im genaueſten Detail beſchrieben, und zwar in der beſondern Abſicht, die verſchiedenen Eigenſchaften ihres Products recht kenntlich darzuſtellen, und ſo den Landwir⸗ then und den Fabrikanten genuͤgende Hinweiſungen gaͤben, um ſie ſowohl in ihren Kreuzungen als in der Anwen⸗ dung der verſchiedenen Wollarten, deren jeder die ſchaͤtz⸗ baren Qualitaͤten derſelben entſpraͤchen, zu leiten. Es finden unter den Producten verſchiedener Raßen, ſowohl der einheimiſchen als fremden, gewiſſe Analogien ſtatt, die einer zweckmaͤßigen Kreuzung vortheilhaft zu ſeyn ſcheinen: die Nachforſchungen und die Verſuche, welche wir betreiben, um dieſe Analogien zu entdecken, und dar⸗ aus Vortheil zu ziehen, ſcheinen uns nicht fruchtlos gewe⸗ ſen zu ſeyn, und wir werden nicht verfehlen, ihre Reſul— tate bekannt zu machen, wenn ſie ferner unſerer Hoffnung 91 entſprechen. Es iſt uns nur nicht moͤglich, eine große Zahl von Raßen zu erforſchen, weil wir nicht Gelegenheit hatten, ſie kennen zu lernen, und es entgehen uns daher vielleicht ſolche Beobachtungen, welche gerade am vortheil⸗ hafteſten haͤtten ſeyn koͤnnen. Bis unſere Naturforſcher alſo dem Aufrufe, den wir hier an ſie ergehen laſſen, genuͤgen, werden wir die Wollen im Allgemeinen in drei Hauptclaſſen theilen, naͤmlich die gemeinen Wollen, die Meſtizwollen und die Me⸗ rinowollen. Die gemeinen Wollen und vor allen die Meſtizwollen, ſind es, welche die unzaͤhligen Abarten darſtellen, deren wir nur einen kleinern Theil haben unterſuchen koͤnnen, ungeachtet wir uns moͤglichſt beſtrebt haben, uns zahlreiche Proben zu verſchaffen, und ungeachtet unſere Reiſen uns Gelegenheit gegeben haben, viele Schaͤfereien zu beſehen. Wir haben deshalb nur wenig uͤber dieſe Wollen zu ſagen, und wir werden uns um ſo mehr mit den Merinowollen von reiner Raße beſchaͤftigen, weil es leichter iſt, ſie zu claſſificiren, und ihre Production ohnehin unſere landwirth⸗ ſchaftliche und Manufactur⸗Induſtrie mehr beſchaͤftigt. VIII. Anmerk. d. Ueberſ.„Nichts iſt ſchwieriger“, ſagt Humbold irgendwo,„als den Gang zu erforſchen, den die Natur bei der Bildung der Abarten von Pflanzen und Thieren nimmt; obwohl es gewiß iſt, daß ſie da— bei allgemeinen Grundſaͤtzen folge.“ Wir duͤrfen alſo wohl um ſo weniger hoffen, daß die Naturforſcher dem Aufrufe, den die Verf. an ſie ergehen laſſen, Gehoͤr 92 geben werden. Ja wenn es fremde Thiere waͤren, die in irgend einer Wuͤſte lebten! Aber unſere Hausthiere — welch ein gemeiner Gedanke!— Was darin ent⸗ deckt werden ſoll, muß alſo wohl allein durch die Auf⸗ merkſamkeit der Zuͤchter geſchehen. Dieſe werden ſich, in Bezug auf die Schaafe, nun wohl vorerſt mit den Merinos begnuͤgen, und andere Raßen nur in ſofern beachten, als ſie Kreuzungen damit vornehmrn wollen. Ich habe meine Anſicht uͤber die Tendenzen, nach welchen das Merinoſchaaf hinſichtlich ſeiner Wolle— aber zugleich auch ſeines Koͤrperbaues und ſeines Or⸗ ganismus— abzuarten geneigt iſt, bei Gelegenheit der Verhandlungen des Leipziger Wollkonvents mitgetheilt. (Moͤglinſche Annalen Bd. 12. S. 140. u. 201.) Wenn dieſe Abarten ſich ihren Extremen mehr naͤherten, mit⸗ hin entſchiedener und in den Raßen conſtanter wurden, habe ich ihnen Benennungen gegeben, die mehrentheils von ſpaniſchen Cavagnen hergenommen waren. Ich habe aber bevorwortet, daß ich darum den Urſprung dieſer beſondern Raßen aus jenen Cavagnen nicht hiſto⸗ riſch documentiren wolle.— Das Kind mußte nur einen Namen haben und darum habe ich jene Cavagnen zu Gevatter gebeten. Haͤtte ich deutſche Gevattern ge— waͤhlt, ſo haͤtten andre es uͤbel genommen, daß ich ihre vermeintliche Verwandtſchaft dabei uͤbergangen waͤre.— Ich muß mich auf das dort geſagte beziehen, wenn ich die Abtheilung der Verf. in drei Wollarten und der Merinowolle wieder in 4 Claſſen fuͤr ſehr unvollſtaͤndig und unbefriedigend erklaͤre. 93 Erſter Abſchnitt. Ueber die gemeinen Wollen. Es giebt in England, in Daͤnemark, in Sardinien und andern Laͤndern Wollen, die ſich durch beſondere Ei⸗ genſchaften unterſcheiden, und deren Unterſuchung wir hier gerne haͤtten vornehmen moͤgen; England beſonders beſitzt mannigfaltige Arten, die ſchon fuͤr ſich eine beſondere Ab⸗ handlung verdienten, in Betracht der Wichtigkeit ihrer Ver⸗ wendung zu den glatten und den Strumpfzeugen(tricots). Wir haben uns aber vorgenommen, ſie naͤchſtens mit all' der Aufmerkſamkeit, die ſie verdienen, zu unterſuchen. Die Raßen, welche dieſe Arten von Wolle erzeugen, feh⸗ len uns in Frankreich, und nichts waͤre wuͤnſchenswerther, als ihre Einfuͤhrung.— Wenn unſere Hoffnung uns nicht taͤuſcht, ſo werden wir vielleicht naͤchſtens im Stande ſeyn, zu dieſer Eroberung, die fuͤr die Nationalinduſtrie ſo wichtig waͤre, etwas beizutragen.— Unſere gemeinen Wollen bieten uns Schattirungen des Characters dar, die ſich ziemlich unterſcheiden laſſen; ſo findet man mehr oder weniger gekraͤuſelte oder gewellete, gewoͤhnlich aber iſt ihr Character entweder die Schlichtheit oder das Gefilzte.. Es iſt bemerkenswerth, daß unter den verſchiedenen Arten der gemeinen Wolle die, welche die meinſte Feinheit, Sanftheit und Geſchmeidigkeit zeigen(mit einigen Aus⸗ nahmen jedoch) diejenigen ſind, welche ſich am meiſten dem Character des Gekraͤuſelten oder Gewelleten naͤhern, und deren Wellungen ſich am regelmaͤßigſten zeigen. Man kann ſich davon leicht uͤberzeugen, wenn man gewiſſe Wol⸗ len der Normandie und der Piccardie und einiger 94 anderer Gegenden Frankreichs einer aufmerkſamen Unter⸗ ſuchung unterwirft, ganz beſonders aber die von Berry und die von Rouſſillon, welche uns am feinſten unter allen geſchienen haben. Die gemeinen Wollen, welche ſich gewellt zeigen, ſind auch im Ganzen die kuͤrzeſten; die laͤngſten ſcheinen in ihrer wirklichen Laͤnge 4 ½ Zoll nicht zu uͤberſchreiten, die kuͤrzeſten haben aber wenigſtens 3 Zoll. Was ſie vor al⸗ len unterſcheidet, iſt der Grad der Ausdehnungsfaͤhigkeit, welchen ſie beſitzen. Die Raßen, welche ſolche Art von Wolle tragen, ſind am leichteſten durch Mexrinoboͤcke zu veredeln. Die platten und ſchlichten gemeinen Wollen ſind in der Regel ſehr grob und beſitzen ſehr wenig von der⸗ jenigen Elaſtizitaͤt, die ſie walkefaͤhig machen koͤnnte; es fehlt ihnen aber doch nicht ganz diejenige Art von Sanft⸗ heit, welche aus der Glattheit des Haars hervorgeht, ihre Stapel ſind ziemlich egal und von einem ziemlich regulai⸗ ren Wuchſe. Ihre Laͤnge ſteht zwiſchen 3 und 10 Zoll; die Wollen von Rio de la Plata, weelche die letztere Laͤnge erreichen und deren ſich einige Manufacturen zu den Tuchleiſten bedienen, ſcheinen mir unter allen die laͤng⸗ ſten und die groͤbſten zu ſeyn; ſie gleichen in letzterer Hin⸗ ſicht faſt dem Pferdehaar. In Schwaben haben wir die kürzeſte, ſchlichte Wolle gefunden, die uns vorgekommen iſt. Dieſe Wolle, die nur 3 Zoll lang iſt, iſt ſehr grob und ſehr trocken. (Wir haben aber in einem Park Sr. Maj. des Koͤnigs von Wuͤrtemberg ein Schaaf aus Nubien geſehen, deſſen Wolle unſerer Aufmerkſamkeit werth ſchien: dieſe Wolle, welche im vorigen Fruͤhjahr geſchoren war, hatte in den 95 erſten Tagen des Januars ſchon einen Wuchs von 4 ½ Zoll und erhaͤlt wahrſcheinlich die Laͤnge von 7 bis 8 Zoll; ſie unterſcheidet ſich von allen ſchlichten gemeinen Wollen durch einen verhaͤltnißmaͤßigen Grad der Feinheit und der Gleichheit der Haare: ihr Wuchs ſchien uns ſehr regel⸗ maͤßig, d. h. die Stapel waren ſich ziemlich gleich in Laͤnge und Form, und die Haare, woraus ſie beſtanden, ver⸗ wickelten ſich nicht eins mit dem andern; das aͤußere Ende des Stapels verband ſie ſaͤmmtlich und es zeigten ſich auf der Laͤnge eines Zolls 2 bis 3 Wellungen. Auch fanden wir dieſe Wolle ziemlich ausdehnungsfaͤhig und ſanft. Wenn die Raße, wozu dieſes Schaaf gehoͤrte, zu erlangen waͤre, ſo wuͤrden wir nicht verfehlen, eine Kreuzung mit der Merinoraße zu verſuchen, in der Abſicht, eine gute Kaͤmm— wolle zu erhalten.) Die gemeinen Wollen, deren Character das Gefilzte iſt, zeigen einen ganz verworrenen Wuchs und Haare, die einander ganz ungleich ſind, ſie haben wenig ſanftes und zeigen nicht mehr Geſchmeidigkeit, als die ſchlichten Wollen. Wir haben eine Probe ſolcher afrikaniſchen Wolle unter Augen, deren Laͤnge ungefaͤhr 10 Zoll iſt, ihr Wuchs iſt bis auf 3. der Hoͤhe des Stapels ganz verwickelt, nach oben zu vermindert ſich dieſe Verfilzung und im oberſten Drittel der Laͤnge endigt ſie ſich mit einem ſpitzen und ſchlichten Stapel: ungeachtet dieſer Verfilzung hat ſie keine zuſammenſchnirrende Elaſtizitaͤt, denn das Haar laͤßt ſich zerreiſſen, ohne ſeinen Character zu veraͤndern. Die Haare ſind ſehr ungleich untereinander in der Feinheit und dieſe iſt auch ſehr verſchieden in demſelben Haare, indem das aͤußere Ende bedeutend groͤber iſt, als das untere. 96 Man findet auf einigen Merinos, deren Raßereinheit allerdings verdaͤchtig iſt, eine Art grober verfilzter Wolle, welche aus der Oberflaͤche des Vließes hervorſticht. Dieſe Wolle, welche man bald ziegenhaarig, bald haſenhaarig (bigotes) nennt, hat Aehnlichkeit mit der gemeinen gefilz⸗ ten Wolle, und iſt eine Anzeige, daß die Wolle des gan⸗ zen Thiers ſehr mittelmaͤßig ſey. Wir haben nicht vom Stichelhaar(jarre) geſpro⸗ chen, was gar keine Wolle iſt, ſondern eine beſondere Art von Haar, wir werden in der Folge Gelegenheit haben, etwas davon zu ſagen. Zweiter Abſchnitt. Von den Meſtizwollen. Die Claſſificirung dieſer Wollen, worunter wir nur die verſtehen, welche durch Kreuzungen der Merinowidder mit Landſchaafen entſtanden ſind, iſt wegen ihrer unendli⸗ chen Abartungen faſt unmoͤglich. Wir koͤnnen uns daher, wie wir ſchon geſagt haben, ſehr wenig mit dieſen Arten von Wollen beſchaͤftigen, weil ſie nur Modiſicationen aller andern darſtellen. Wir werden uͤberdies in dem zweiten Theile dieſes Werks, welcher von den Schaafen ſelbſt han— deln wird, Gelegenheit finden, uͤber die Grundſaͤtze der Meſtizirung zu ſprechen, und einige Anſichten in dieſem Bezug zu entwickeln, die uns nützlich ſcheinen. Vorlaͤufig wollen wir nur dies anerkennen, daß die Meſtizirung an einigen Orten einen ſehr gluͤcklichen Erfolg gehabt hat, und daß es Meſtizwollen— beſonders in Sachſen— gebe, deren Vollkommenheit ſie nicht von Merinowollen, ſelbſt 97 von hoͤherer Feinheit, unterſcheiden laͤßt: es bezieht ſich mithin auf ſie alles, was wir von letzteren zu ſagen ha⸗ ben. Was dagegen diejenigen betrifft, welche dieſen Grad der Veredlung noch nicht erreicht haben, ſo wird es immer leicht ſeyn, ſie an der Unausgeglichenheit der Feinheit und an der Irregularitaͤt ihres Wuchſes zu erkennen. IX. Anmerk. d. Ueberſ. Ich kenne Meſtizheerden, welche die Veredlung durch Boͤcke aus vorzuͤglichen Electoral⸗ ſchaͤferien etwa ſeit Anfang dieſes Jahrhunderts betrie⸗ ben, aber nie ein fremdes Mutterſchaaf aufgenommen haben und aus deren Schur doch wohl ein Electa und Prima ſortirt werden koͤnnen; aber ich kenne auch andere, die eben ſo lange veredelt und es nicht weiter gebracht haben, als man es oft ſchon in der dritten und vierten Generation bringt und deren Schur kaum andere, als Secunda und Tertia, untermiſcht mit ganz roher, liefert. Bei der Maͤrzung haben jene erſt ſeit einigen Jahren auf die Qualitaͤt Ruͤckſicht zu nehmen angefangen. Der verſchiedene Erfolg ſcheint wohl in der Auswahl der Boͤcke zu liegen, indem letz⸗ tere nicht conſequent dabei verfuhren, doch hat der Zu⸗ fall auch viel mitgeſpielt. Die Verf. hatten alſo wohl recht, wenn ſie uͤber die Meſtizwolle nichts allgemeines und characteriſtiſches ſag⸗ ten und ſie nicht beſtimmt zu unterſcheiden wagten. Nach einer einzelnen Wollprobe und ſelbſt nach einem einzelnen Thiere iſt es rein unmoͤglich zu beſtimmen, ob es von aͤchter Raße oder Meſtiz ſey. Es fallen in 7 98 Meſtizheerden und ſelbſt in ſolchen, die noch weit zuruͤck ſind, einzelne Thiere, die man von echten Merinos gar nicht unterſcheiden kann und ihrem Vater voͤllig gleich— kommen. Aber dieſe ausgezeichneten Thiere bringen oft, auch mit einem edlen Vater beſprungen, wieder ein Lamm, was ganz in das mutterliche Geſchlecht hinein⸗ artet. Eine Meſtizwolle und ein Meſtizſchaaf kann man alſo einzeln zuweilen nicht erkennen— ich ſage zuweilen, denn oft ſieht man es an der Ungleichheit der Haare und des Vließes. Aber wenn man eine ganze Heerde nach ihren Generationen und Jahrgaͤngen unterſucht, ſo wird man ſich nicht leicht irren. Es fallen darin immer Thiere, die ein ganz zuruͤckſchlagendes Vließ, oder, was noch characteriſtiſcher iſt, ein ſcheckiges haben, wo ſich Stellen von grober Wolle, beſonders an ſolchen Koͤrper⸗ theilen, die in der Regel nur die feinſte tragen, finden. Ob nun bei einer noch laͤngeren Fortſetzung der Veredlung mit richtiger Auswahl der Staͤhre das muͤt⸗ terliche Blut und dieſe Neigung zum Zuruͤckſchlagen ganz vertilgt werde, ſo daß man ſich auch ohne Nach⸗ theil der eigenen Boͤcke bedienen koͤnne, will ich dahin⸗ geſtellt ſeyn laſſen. Ich glaube es, wenn man auch eine ſtrenge Auswahl mit den Muͤttern bis in die funf⸗ zehnte Generation vornimmt. Dritter Abſchnitt. Von den Merinowollen. Wir haben den verſchiedenen Abarten der Merinowol⸗ len ein langes und aufmerkſames Studium gewidmet, um 99 dahin zu kommen, daß wir ſie auf eine, fuͤr die Praxis fruchtbare, Weiſe claſſiſiciren koͤnnten. Wir begreifen alle hochfeinen und feinen Wollen, die Merinos genannt werden, unter vier Claſſen, wie folgende: Erſte Claſſe. Wollen von hoher Feinheit. Zweite Claſſe. Wollen von guter Feinheit. Dritte Claſſe. Wollen von maͤßiger Feinheit. Vierte Claſſe. Wollen von geringerer Feinheit. X. Anmerk. d. Ueberſ. Die Claſſification, welche die Verf. hier annehmen, ſtimmt nun mit der gewoͤhnlichen unſerer Wollſortirer gewiſſermaßen uͤberein. Ihre erſte Claſſe iſt Electa, ihre zweite Prima, ihre dritte Secunda und ihre vierte Tertia oder wohl gar Quarta. Nur machen unſere genaueren Wollſortirer mehrere Unterab⸗ theilungen, worin ſie aber nicht alle mit einander uͤber— einſtimmen und wobei jeder ſeine eigenen Principien hat, welches in Ruͤckſicht auf die Manufacturen, an die ſie verkaufen, auch ſehr richtig iſt. Wenn ſie ihre Sorti⸗ mente einmal in Credit geſetzt haben, huͤten ſie ſich ſehr, von den Principien abzuweichen. Wir wuͤrnden dieſe Claſſen auf die mittleren Ergebniſſe der Meſſung begruͤndet haben, wenn die dazu erfundenen Inſtrumente allgemeiner bekannt waͤren, und ihre Anwen⸗ dung ihrer Natur nach nicht ſo ſchwer und ſo zart, daß ſie in der Praxis zu Mißgriffen und nachtheiligen Irrun⸗ gen verleitete. Ungeachtet wir alſo dieſes als Baſis der Claſſiſication verwerfen, ſo wird es doch unſern Leſern 7* 100 intereſſant ſeyn, den Durchmeſſer des Wollhaars zu erfahren, den wir einer jeden Claſſe der Wolle haͤtten beilegen koͤnnen. Erſte Claſſe. Durchmeſſer bis 1½ einer Linie. Zweite Claſſe. ⸗ Ar bis I1 ⸗ ⸗ N Dritte Claſeer⸗ ⸗ d⁴é bis ⸗ ⸗ Vierte Claſee- ⸗ Xéo bis 1h, ⸗ ⸗ Aber wir finden leichtere, dem Auge jedes Beobach⸗ ters auffallendere und dem Irrthum minder unterworfene Anzeigen, 1) in der Form oder dem Character des Stapels; 2) in dem individuellen Character der Haare, woraus er zuſammengeſetzt iſt; 3) in gewiſſen Verhaͤltniſſen, worin dieſe unterein⸗ ander ſtehen. Um uns deſto beſſer verſtaͤndlich zu machen, wollen wir einige Worte uͤber den Wuchs der Wolle und uͤber die Bildung der Stapel im Vließe ſagen. Bei dem Austritt aus der Haut ſcheinen ſich die Woll⸗ haare gleich einander aufzuſuchen; ſie vereinigen ſich auf verſchiedene Weiſe und in verſchiedener Zahl, je nach dem Character und der Feinheit der Wolle. Zuweilen lehnen ſie ſich aneinander und wachſen parallel in kleinen Maſſen mehr oder minder innig verbunden, wie wir es bei den Wollen von hoher Feinheit bemerken; bald laufen ſie eins durch das andere und verfilzen ſich ſo mehr oder weniger, wie in den Wollen von mittler und niedriger Feinheit; bald verfolgen ſie dieſelbe Richtung, ohne ſich ſehr an ein⸗ einander zu halten, aber ohne ſich zu durchkreuzen und zu verfilzen, wie in den gemeinen ſchlichten Wollen. Wenn dieſe verſchiedenen Buͤndel von Haaren oder Stapel ein⸗ 101 mal gebildet ſind, ſo ſind ſie mehr oder weniger von dem benachbarten abgeſondert und ſie gelangen ſaͤmmtlich zur Oberflaͤche des Vließes unter verſchiedenen Geſtalten. Der Wuchs der Wolle iſt alſo regulair und parallel, oder irregulair und verwickelt; der Stapel kann klein, dick, eckig, rund, ſpitz, platt u. ſ. w. ſeyn. Wir werden dieſe Bemerkungen zu benutzen ſuchen. XI. Anmerk. d. Ueberſ. Obwohl die Verf. auf Meſſung des Diameters der Wolle nicht fußen, ſo geben ſie doch ein Feinheitsmaaß ihrer Claſſen an, weil ſie ohne Zweifel fuͤhlen, daß dies, um ſich uͤber den Feinheitsgrad zu verſtaͤndigen, unumgaͤnglich noͤthig ſey. Geſetzt, wir haͤtten gar kein Inſtrument zu einer ſolchen Meſſung, ſo wuͤrden wir doch die Grade der Feinheit mit Zahlen ausſprechen muͤſſen, wenn wir unſern Begriff davon andern mittheilen wollten und wir wuͤrden endlich— aber freilich ſchwieriger— mit andern Wollkennern, blos nach dem Augenmaaße und nach Vergleichung, uͤbereinkommen, daß wir dieſer Wolle ſo viel und einer andern ſo viel Feinheitsgrade beimeſſen. Ob die Verf. nun die hier angegebenen Durchmeſſer wirklich durch Meſſung gefunden haben und mit welchem Inſtrumente dies geſchehen ſey, ſagen ſie nicht. Sie ſind ihnen wahrſcheinlich von irgend einem andern Woll⸗ kenner angegeben. Da bei uns die Dollondſchen Grade, ſelbſt denen, die das Inſtrument nicht einmal kennen, am bekannteſten ſind, ſo wollen wir der Verf. Angaben darnach reduciren. 102 Der franzoͤſiſche Fuß(pied du roi), mithin auch die Linie, verhaͤlt ſich zum engliſchen wie 144 zu 135,1344. Dollond theilt bekanntlich den Zoll in 10000 Theile: einen ſolchen Theil nennen wir einen Dollond⸗ ſchen Grad. Eine engliſche Linie hat 833 ¼ Dollondſche Grade. eine franzoͤſiſ. Linie hat 888 2 ⸗ Wenn die Verf. angeben den Durchmeſſer von Claſſe zu franzoͤſ. Linie, ſo betraͤgt der Grad Dollond approximirt I.- T1☛☚⸗ ⸗ 8,07- 6,34 8- 6 II. 1-rI⸗ ⸗ 11, 1- 8,07 11- 8 3 213,66- 11, 1— 13 ½ 11 . 5 ⸗ 22, 2- 13,66— 22- 13 ½ Dies ſtimmt nun wirklich mit unſern Meſſungen der Hauptwollclaſſen; nur muß Wolle, die groͤber iſt als 16 Grad, in eine noch tiefere Claſſe kommen. So wichtig dieſe Meſſungen zur Feſthaltung unſers Begriffs von der Feinheit und ihren Graden ſind, ſo finden ſie doch in der Praxis der Wolggeſchaͤfte keine unmittelbare Anwendung. Sie koͤnnten ſogar arge Taͤuſchungen verurſachen, wenn man ſich allein darauf verlaſſen wollte: denn es giebt Wollen, aus denen man einzelne Haare von ſehr hoher Feinheit herausziehen kann und die doch nur in eine ſehr niedrige Claſſe zu ſtehen kommen, theils weil man andre um ſo groͤbere darin findet und man doch nicht jedes Haar meſſen kann; theils weil ihnen andre Qualitaͤten fehlen. Es verraͤth daher voͤllige Unkenntniß des ganzen Wollgeſchaͤfts, wenn man glaubt, daß es auf die Fein— heit des Wollhaars bei der Beurtheilung der Wolle 3 III. 4, d ⸗ u — 4 1 A 103 allein ankomme und daß man aller andern Merkmale bei ihrer Werthsbeſtimmung entbehren koͤnne. Ein geuͤbter Wollſortirer faßt kaum die eigentliche Feinheit des einzelnen Wollhaars ins Auge, weil er andere we— niger truͤgliche Merkmale hat, welche ihm die Total⸗ feinheit der Maſſe neben andern Qualitaͤten angeben. Eins der wichtigſten iſt der Stapelbau, wovon die Verf. hier einen Begriff vorlaͤufig zu geben ſuchen. Man hat gefragt: warum man bei der Tuchwolle ein ſo großes Gewicht auf den regelmaͤßigen Bau der⸗ ſelben und die Stapelung ſetze, da dieſe bei der Krim⸗ pel und der Vorbereitung zum Spinnen doch voͤllig zer— ſtoͤrt und ſo zerriſſen werden muͤſſe, daß durchaus kein Haar in ſeiner vorigen natuͤrlichen Lage und Zuſam⸗ menhange mit dem andern bleibe, ſondern ſie in eine ganz neue aber verſchlungene Verbindung geſetzt werden muͤßten, um ein tadelloſes Tuchgarn daraus zu ſpin⸗ nen?— Allein es kommt, um einen ſolchen Woll— faden zu bewirken, vor allem darauf an, daß die Haare in allen ihren Qualitaͤten unter einander und mit ſich ſelbſt in ihrer Laͤnge, von einem Ende zum andern, moͤglichſt gleich ſeyn. Dies kann bei jedem einzelnen Wollhaar nicht unterſucht werden. Aber der mehr oder minder vollkommne Bau des Stapels deutet es an, in wiefern dies der Fall ſey. Deshalb wird bei der Fa⸗ brikſortirung auf den Stapelbau ſo geachtet, daß er die erſte und oft einzige Ruͤckſicht iſt, die man nimmt, wenn man die Theile des Vließes in die verſchiedenen Sorti⸗ mente bringt. Wo ein regelmaͤßiger und gleicher Sta⸗ pelbau iſt, da ſind ſich auch die Wollhaare in der Maſſe 104 gleich; denn ungleiche Haare geſtatten nicht, daß ſich ein regelmaͤßiger Stapel bilde. Obwohl alſo der Sta⸗ pelbau beim Gebrauch der Wolle ganz untergeht, ſo giebt er doch die ſicherſte, am meiſten in die Augen ſpringende und in großen Maſſen vorzuͤglich zu beach— tende Anzeige von der hoͤhern oder niedrigern Brauch⸗ barkeit der Wolle und deshalb iſt ſeine richtige Beur— theilung fuͤr den Zuͤchter, den Producenten, den Woll⸗ haͤndler, den Sortirer und den Fabrikanten ſo hoͤchſt wichtig. Es iſt uͤberdies ſchon oben die Rede geweſen von dem guten Einfluß, den ein geſchloſſener Stapel⸗ bau auf den Koͤrper der Thiere zur Abhaltung nach⸗ theiliger atmoſphaͤriſcher und aͤußerer Einwirkungen auf die Wolle habe. Wir wollen alſo das, was die Verf. daruͤber ſagen, etwas genauer erwaͤgen und erlaͤutern. Die Verf. ſprechen im folgenden Abſatze von Ag⸗ glomerationen, die aus 15 und hoͤchſtens aus 35 Haaren beſtehen. Dieſe ſind aber nicht das, was wir Stapel, die Franzoſen Méèches nennen; denn dieſe enthalten wohl nicht weniger als Tauſend Haare. Dieſe kleinen Verbindungen, die dadurch entſtehen, daß ſich eine kleine Anzahl von Haaren mit ihren gleichartigen Wel⸗ lungen oder Bogen genauer zuſammenlegt und dieſe ſich gewiſſermaßen in einander einfalzen, zeigen ſich in jeder regulairen und feinen Wolle. Ich habe ſie Straͤnge oder Verſtraͤngungen genannt, worunter man aber doch nichts Gewundenes verſtehen muß. Dieſe Straͤnge ſind aber nicht von einander getrennt, ſondern haͤngen zuſammen und bilden ſo das Convolut, welches man einen Stapel nennt. Oben ſondern ſie ſich zuweilen 105 wieder mehr von einander ab und machen, daß ein ſanft zuſammenhaͤngender Stapel ſich oben in viele kleine Enden, die aber abgeſtumpft und nicht ſpitz ſeyn muͤſ⸗ ſen, aufloͤßt. Sie geben, ohne das einzelne Haar zu entwickeln, die Geſtalt und die Zahl ſeiner Bogen an, durch die parallel laufenden Einkerbungen. Daher ſieht ein Stapel, beſonders wenn er etwas platt gedruckt iſt, wie ein feines Strumpfgewebe oder Geflechte aus(was er jedoch nicht iſt) und nach der Feinheit und Gleichheit der Maſchen beurtheilt man die Feinheit, Geſchmeidigkeit und Gleichheit(Treue) des Haars. Sind dieſe ſogenannten Maſchen oder eingekerbten Straͤnge nicht zu erkennen oder ſehr verwaſchen und undeutlich,— wie bei den meiſten Meſtizwollen— ſo beweiſet dies, daß die Haare ungleichartig ſind und ſich mit ihren Bogen nicht in einander falzen konnten und man nennt ſie dann Wolle von unklarem Bau. Man muß ſich aber nicht irren, wenn ein minder ſcharfes Auge ſie, ihrer Feinheit wegen, beſonders bei vertikal auffallendem Lichte, nicht gleich entdeckt; bei genauerer Beobachtung und wenn man das Licht ſchraͤg auffallen laͤßt, zeigen ſie ſich klar, aber ſehr fein.(Ich bemerke dies, denn ich habe nicht ſelten gefunden, daß ober— faͤhliche Kenner bei Thieren, die ſolche Wolle hatten, den Kopf ſchuͤttelten und nicht wußten, was ſie daraus machen ſollten.) Allein die Verbindungen der einzelnen Wollhaare duͤrfen auch nicht ſo ſtark, die Einfalzungen ihrer Bo⸗ gen nicht ſo feſt ſeyn, daß ſie ſich nicht durch Zupfen und Auseinanderziehen leicht entwickeln ließen. Sonſt 106 entſteht der jetzt ſo ſehr getadelte Fehler des Zwirnens, ſo genannt, weil dann die Verbindung der Haare einem Zwirnsfaden gleicht und ſich eben ſo ſchwer entwickeln laͤßt. Sie iſt jedoch nicht, wie einige glauben, gedre⸗ het oder zuſammengewunden, ſondern blos durch die ſcharfe Einfalzung der Bogen bewirkt. Luckok ver⸗ gleicht ſie mit zuſammengeſchmiedeten, verſchiedenartigen Eiſenplatten oder ſogenannten damaseirten Klingen. Iſt der Fehler ſtark, ſo trennen ſich dieſe Verbindungen einzelner Haare ganz von andern, es giebt dann keinen ordentlichen Stapel, ſie halten ſich nicht in paralleler, ſtehender Richtung, ſondern kruͤmmen ſich durch einan⸗ der und ſolche Wolle ſieht dann, beſonders gewaſchen, wie ein Knaul von Fadenwuͤrmern aus. An der Spitze winden ſich ſolche Conglomerationen wirklich ſpiralfoͤr⸗ mig, weshalb man ihnen dann auch den Namen von Propfenziehern gegeben hat. Und da ſich nun an der Oberflaͤche Schmutz damit verklebt, ſo werden ſie knoͤterich anzufuͤhlen und man nennt ſie auch knoͤtrige Vließe.(Auch ſagt man perlende.) Die Verf. er⸗ waͤhnen ihrer in der Folge unter dem Namen Laines nouées, ſcheinen aber den allgemeinen Tadel, dem ſie von Seiten aller Fabrikanten und mithin aller Woll⸗ haͤndler unterworfen ſind und der ſoweit gehet, daß ſolche Wolle auch bei der hoͤchſten Feinheit gleich unter die Locken geworfen wird, nicht zu kennen. Wenn das Uebel arg iſt, d. h. wenn die Verbindungen hartnaͤckig ſind, ſo iſt der Tadel ſehr begruͤndet: ſie laſſen ſich auf der Krempel nicht trennen, verderben die Maſchinen und geben beim Spinnen einen fehlerhaften Faden. 107 Geben ſie ſich aber beim Zupfen leicht auseinander und laſſen ſich dann beim Zuge voͤllig entwickeln, ſo werden ſie beim Wollgeſchaͤfte nicht beachtet. Eine große und faſt uͤbertriebene Scheu haben aber jetzt die ſorgſamen Schaafzuͤchter dafuͤr. Denn es iſt gewiß, daß dieſer Fehler ſich leicht vererbt und von dem kleinen Umfange, den er anfangs auf dem Nacken und dem vordern Theile des Ruͤckgraths einnimmt, ſich in der Generation leicht uͤber den groͤßten Theil des Vließes verbreitet, beſon— ders wenn ein Bock, der ihn auch nur in geringerm Grade an ſich traͤgt, Schaafe beſpringt, welche wegen der Loſigkeit ihres Vließes Neigung dazu haben. Meh⸗ rentheils iſt das Haar ſolcher gezwirnten Wolle ſehr fein und daher iſt es gekommen, daß man Thiere, die ſie tragen, vormals beſonders zur Zucht auswaͤhlte und das Uebel dadurch einwurzeln ließ. Jetzt, da man es kennt, ſcheuet man jede ſcheinbare Anneigung eines Bocks zu dieſem Fehler, d. h. jede gedraͤngtere Verſtraͤngung der Haare im Stapel; dies nenne ich aber uͤbertrieben, beſonders wenn die Heerde, worin man ihn brauchen will, keine Neigung dazu, ſondern ein gedrungenes Vließ hat, wobei er nicht leicht entſtehet. In der Re— gel findet ſich der Fehler nur bei loſen, hohlen Vließen. Hat aber eine Heerde einmal Neigung dazu, ſo wird man wohl thun, Boͤcke zu waͤhlen, welche einen dieſem Fehler ganz entgegenſtehenden Character haben, wenn ſie auch minder fein waͤren. Doch wir kommen auf das zuruͤck, was wir Sta⸗ pel nennen und was die Verf. auch ſonſt unter Mé- ches zu verſtehen ſcheinen. Dies ſind die ſich von 108 einander abſondernden Verbindungen der Haare, welche ſich ſchon bei dem neugebornen Lamme zeigen und dann waͤhrend des ganzen Wachsthums der Wolle unveraͤn⸗ dert beſtehen. Dieſe Verbindungen muͤſſen in ihrem Wuchſe geſchloſſen, ganz von einander abgetrennt ſeyn, was man freilich beſſer bei dem abgeſchorenen und aus⸗ gebreiteten Vließe, als auf dem Koͤrper der Thiere er⸗ kennt. Nur an der Baſis muͤſſen ſie durch netzfoͤrmig durch einander laufende gleich feine Haare, die von einem Stapel zum andern uͤbergehen und dem Vließe den Zu⸗ ſammenhang geben, verbunden ſeyn; jedoch duͤrfen ſie auch hier nicht filzartig zuſammenhaͤngen. Sind ſie oberwaͤrts nicht abgetrennt, ſondern durch uͤberlaufende Haare mit einander verbunden, ſo beweiſet dies, daß ein Theil der Haare eine heterogene Geſtalt und Cha⸗ racter habe und ſich deshalb nicht regelmaͤßig an die andern anſchmiege. Solche Haare nennt man Binder. Am lebenden Vließe ſieht man ſie auf der Oberflaͤche hervorſtehen, wenn man uͤber den Nuͤcken gegen das Licht herblickt und man ergreift ſie, wenn man mit den Fingern, wie mit einem Kamm, durch das Vließ herziehet, da ſie ſich leicht los geben.(Ich bemerke aber, daß man Jaͤhrlingsvließe ſelten ganz frei davon findet, weil ſie noch ein Reſt des Lammwollwuchſes ſind; nur muͤſſen ſie ſanft und fein ſeyn.) Die Form des Stapels muß cylindriſch oder doch nach oben nur wenig ſich verengend, kegelfoͤrmig, ſeyn. Wird er oben dicker, ſo zeigt das eine Vergroͤberung der Haare oder eine auseinanderſpreizende Starrheit. Nimmt er bedeutend ab, ſo muͤſſen manche Haare zu⸗ 109 ruͤckgeblieben, mithin ungleichartig ſeyn. Letzteres iſt noch entſchiedener der Fall, wenn der Stapel ſpitz zu⸗ laͤuft, und dieſes daher ſehr tadelhaft: man nennt ſie dann ſpießig. Er muß ſich ſtumpf und rund ſchließen. Spreizt er ſich oben auseinander, ſo zeigt das eine Starrheit der Haarſpitzen an und man bezeichnet dieſen Fehler mit dem Namen der buſchigen, ſchilfigen Wolle. Die guten Stapel muͤſſen rund oder gleicheckig, nicht platt ſeyn. Dies wird aber hoͤchſt ſelten durch das ganze Vließ der Fall ſeyn, indem ſie an gewiſſen Theilen platt zu ſeyn und ziegelfoͤrmig auf einander zu liegen pflegen, wovon wir noch zu reden Gelegenheit haben werden. Sie muͤſſen ferner aufgerichtet und vertikal, nicht ſeit⸗ waͤrts haͤngend, ſtehen; noch weniger gekruͤmmt ſeyn. Das Gegentheil beweiſet eine Mattheit oder Schlaffheit der Wolle. Man unterſucht die Wolle in Stapelproben: achtet zuvoͤrderſt beim Recken auf ihre Staͤrke, Ausdehnbarkeit und Elaſtizitaͤt im Zuruͤckziehen. Preiswuͤrdige Wolle muß ſich in einer maͤßigen Flocke um die Haͤlfte ihrer Laͤnge oder mehr ausdehnen laſſen und dann mehren⸗ theils— ſelten voͤllig— zu ihrer vorigen Laͤnge zu— ruͤckſpringen: ſie hat einen guten Zug ſagt man dann. Darauf entwickelt man einen Stapel, von der Spitze herab ſeitwaͤrts ziehend, nach und nach. Dieſes Entwickeln der Haare muß leicht, gleichmaͤßig und voll— ſtaͤndig vor ſich gehen, ohne Droͤhnung in den Fingern oder Kniſtern im Gehoͤre zu erregen.(Letzteres nennen einige Wollſortirer Muſik der Wolle, die hoͤchſt tadel— haft iſt, weil ſie Sproͤdigkeit andeutet.) Iſt jenes der 110 Fall, ſo heißt es: die Wolle hat einen guten Fluß oder ſie ſpinnt ſich ſchoͤn ab. Dazu gehoͤrt dann noch ferner, daß die Haare bei dem Auseinanderziehen eine Anhaͤnglichkeit an einander, eine gewiſſe Anziehung zu einander aͤußern und nicht auseinander ſpringen, als in ſo weit der Zug ſie dazu noͤthigt. Doch iſt es gut, wenn jedes Haar ſich einzeln zeigt, wenn man es vor dem Auge die Muſterung paſſiren laͤßt. Hier beurtheilt man dann auch am beſten die Gleichheit der Haare in ihrer ganzen Laͤnge, hinſichtlich der Feinheit, der Dicht⸗ heit, Form und Regularitaͤt ihrer Wellungen, wenn man mit dem Zuge nachlaͤßt, damit ſie ſich wieder in ihre natuͤrliche Lage zuruͤckziehen koͤnnen. Man nimmt dies am beſten vor, wenn man die Wollflocke gegen einen dunkeln oder ſchwarzen Gegenſtand haͤlt und das Licht ſeitwaͤrts darauf fallen laͤßt; nur bei wenigem Lichte, z. B. im Schaafſtalle, haͤlt man ſie wohl gegen das Licht. Es giebt noch eine Menge anderer Kennzeichen, die Guͤte der Wolle im Allgemeinen zu beurtheilen und noch groͤßer iſt die Menge der Namen und Redensarten, womit man ſie ausſpricht. Jeder Wollſortirer hat ſeine eigenen, eben weil die Sache bisher nicht wiſſenſchaftlich behandelt war, ſondern jeder empiriſch verfuhr, auch gewoͤhnlich aus den Reſultaten ſeiner Bemerkungen ein Geheimniß machte, dem er einen großen Werth beilegte, um ſo mehr, wenn es ihm ſolchen im Handel wirklich eingebracht haͤtte. Allein das Alles reducirt ſich auf das bereits geſagte und uͤber einiges werde ich mich noch zu erklaͤren ſuchen, wenn wir die Verf. in ihren Bemer⸗ 111 kungen uͤber das Vließ im Ganzen verfolgen. Hier haben wir uns ſchon zu lange aufgehalten; ich glaube aber, daß es zum richtigern Verſtaͤndniß und zur Beur⸗ theilung deſſen, was die Verf. nun uͤber die Eigenſchaf⸗ ten der vier Claſſen von Merinowolle ſagten, noͤthig ſey. Wir wollen alſo zur Unterſuchung der vier feſtgeſtell⸗ ten Claſſen der Merinowollen uͤbergehen und bitten um die Aufmerkſamkeit unſerer Leſer auf das feinere Detail, worauf wir uns bei den characteriſtiſchen Zeichen ihrer Unterſcheidung einlaſſen muͤſſen. Erſte Claſſe. Wenn man von dem Koͤrper eines hochfeinen Merinos eine Grundflaͤche etwa eines Thalers groß aus ſeinem Vließe abſchneidet und dieſe abgeſchnittene Wolle nun mit Vorſicht ohne ſie zu verzerren herauszieht, ſo wird man ſehen, daß ſie faſt ganz aus kleinen Verbindungen von Wollhaaren beſtehe, die ungefaͤhr ſo dick ſind, wie eine Stecknadel, zuweilen etwas dicker. Die kleinſten darun⸗ ter*) moͤgen etwa 15 bis 20 Haare enthalten, die min⸗ der kleinen 30 bis 35. Dieſe Haare ſind untereinander ſo gleich in ihrer parallelen Lage, ihre Wellungen ſind ſo gleichfoͤrmig und zuweilen ſo genau in einander ein⸗ gefalzt, daß ſie nur einen Faden zu bilden ſcheinen, wel⸗ cher ſehr deutlich und regulair in ſeiner ganzen Laͤnge gewellet iſt**). ») Man muß das nicht fuͤr groͤßere Verbindungen(agglomera- tions) halten, was die Vereinigung mehrerer kleinen iſt. Anmerk. d. Verf. **) Dieſe Regularitaͤt der Wellungen zeigt die Gleichheit der 112 Dieſe Verbindungen, Verſtraͤngungen, Agglomerationen oder kleinen Stapel*) wuͤrden jede beſonders zur Ober⸗ flaͤhe des Vließes gelangen, wenn nicht Zufaͤllgkeiten, wie z. B. Reibungen, ihre Symmetrie bei der Annaͤherung zur Oberflaͤche ſtoͤrten, und wenn der Schmutz und andere fremde Koͤrper ihre Enden nicht zufaͤllig vereinigten. Wie dem auch ſey, die genommene Wollprobe behaͤlt ein gleiches Volum in allen ihren Punkten der Hoͤhe, als Beweis der großen Regularitaͤt des Wuchſes und der pa⸗ rallel bleibenden Lage der Haare, und endigt ſich nicht in eine Spitze, wie das bei den nachfolgenden Claſſen geſchiehet. Wenn man nun auf einem Wollhaar oder, was leich⸗ ter iſt, an den kleinen Agglomerationen ſelbſt, die Zahl der Bogen zaͤhlt, die auf einen Zoll der Laͤnge gehen, ſo wird man hier 28 bis 38 und zuweilen mehrere zaͤhlen: acht und zwanzig iſt das Minimum, welches wir bei der erſten Claſſe zulaſſen**). Was die mittlere Feinheit in der ganzen Laͤnge des Haars an. Die Feinheit iſt, wie wir ſchon geſagt haben, in geradem Verhaͤltniſſe mit der Kleinheit und Gleichartigkeit dieſer Wellungen, aber nur, wir wiederholen es, bei den entſchieden gewelleten Wollen, aber nicht bei denen, die wir im dritten Abſchnitte des erſten Capitels davon ausgenommen haben. Anmerk. d. Verf. *) Man muß das nicht vergeſſen, was wir uͤber die Bildung des Stapels geſagt haben, und ihn von einer bloßen Flocke unter⸗ ſcheiden, worunter man eine groͤßere oder kleinere Maſſe von Wolle verſteht, die man vom Koͤrper eines Schaafs oder von einem Vließe abgeriſſen hat. Anmerk. d. Verf. **) Man muß bemerken, daß ſich dieſe Wellungen mit doppel⸗ ten Bogen darſtellen, einen nach oben und den andern nach unten, daß wir aber bei der Zaͤhlung nur auf eine Linie Ruͤckſicht nehmen, z. B. 12345675910., Man muß die Vorſicht gebrauchen, die Wel⸗ lungen nur zu zaͤhlen, wenn das Haar nicht mehr und nicht weniger gereckt iſt, als es ſolches in ſeiner natuͤrlichen Lage im Vließe war. Anmerk. d. Verf. 113 Laͤnge der Wollen von hoher Feinheit anbetrifft, ſo ſcheint dieſe ungefaͤhr 2 Zoll zu ſeyn, zuweilen etwas weniger, zuweilen mehr, wohl verſtanden, daß hier nur von der natuͤrlichen Laͤnge des Stapels die Rede ſey, nicht von der des einzelnen und ausgeſtreckten Haars; denn im letz⸗ tern Falle wuͤrde das Haar eines Stapels von 2 Zoll, 3 ½ bis 3 ½ Zoll meſſen, wenn es ganz auseinander gezogen wuͤrde. Dies Haar iſt, wie wir geſehen haben, in ſeiner ganzen Laͤnge ſich moͤglichſt in Feinheit gleich, es iſt ge— ſchmeidig*) und ausdehnbar im hoͤchſten Grade**), ſo wie mit den elaſtiſchen Kraͤften der Kraͤuſelung und Schnirrung(crispation) begabt, die ſich von ſelbſt erkennen laſſen. Man begreift, daß alle die Beobachtungen und Erpro⸗ bungen, die wir hier angegeben haben, nur in ungewa⸗ ſchenem Zuſtande der Wolle ſtatt finden, weil alsdann die Eigenſchaften der Wolle am wenigſten veraͤndert ſind, mit Ausnahme jedoch der Erprobung der Elaſtizitaͤt des Vo⸗ lums, denn bei dieſer wuͤrde es zweckmaͤßig ſeyn, ſie vor⸗ her von aller Fettigkeit zu befreien. *) Man beurtheilt dieſe Geſchmeidigkeit, wenn man damit an⸗ dere Wollhaare vergleicht, die man eben ſo wie jenes zwiſchen dem Daumen und dem Zeigefinger jeder Hand, aber getrennt von einan⸗ der, haͤlt. In dieſer Lage haucht man gelinde daran, und das Haar von hoher Feinheit wird ſich dann merklicher biegen und nach allen Seiten bewegen, als die minder feinen, die vielleicht gar keine Be⸗ wegung machen. Anmerk. d. Verf. **) Wenn man mehrere Haare ausreckt, um ihre Dehnbarkeit zu vergleichen, ſo muß man nicht außer Acht laſſen, daß dieſe Ver⸗ ſuche durch einen verſchiedenen Grad von Feuchtigkeit ſich abaͤndern; eine Abaͤnderung, die ſogar durch die mehrere oder mindere Feuch⸗ tigkeit der Finger oder durch eine längere Handhabung des einen Haars vor dem andern bewirkt werden koͤnnte. Anmerk. d. Verf. 8 114 Wir wollen der Beſchreibung der hochfeinen Wollen hier nichts mehr zuſetzen. Man wird vielleicht ſolche fin⸗ den, die nicht alle jene characteriſtiſchen Zeichen an ſich tragen, weil zufaͤllige Umſtaͤnde*) einige ihrer Eigen⸗ ſchaften veraͤndert haben koͤnnen, und weil es uͤberhaupt keine allgemeine Regel ohne Ausnahme giebt, und dieſe Wollen werden dennoch werth ſeyn, in die erſte Claſſe ge— ſetzt zu werden. Unſer Princip bleibt deſſenungeachtet unſerer Ueberzeugung nach feſtſtehend, und wir koͤnnen behaupten, daß jede Wolle, welche jene characteriſtiſchen Zeichen ver⸗ einigt, durchaus in die erſte Claſſe gehoͤre. XII. Anmerk. d. Ueberſ. Wenn die Verf. hier die Zahl der Bogen auf einen Zoll etwas hoch beſtimmen, ſo muß man erwaͤgen, daß dies ein franzoͤſiſcher Zoll ſey, der ſich zum engliſchen, nach welchem bei uns die Meſſungen gewoͤhnlich geſchehen, approrimirend verhaͤlt, wie 12 zu 11. Nach unſern Meſſungen ſind 25 Bogen auf einen *) Dieſe Umſtaͤnde koͤnnen oͤfter vorkommen, und wir haben ſie im vorigen Capitel angegeben: wenn man ſie nicht beachtete, ſo wuͤrde man verleitet werden, ein falſches Urtheil uͤber die Wollen und dann noch ein falſches uͤber den Werth des Thiers, was ſie erzeugt hatte, zu faͤllen. So kann man ein obwohl ſuperfeines Thier unguͤnſtig beurtheilen, erſtlich, wenn die Wolle von der erſten Schur genommen waͤre; zweitens, wenn es im Laufe des Jahres krank geweſen; drittens, wenn es entweder nicht genugſam genaͤhrt oder dagegen uͤbermaͤßig gemaͤſtet waͤre; viertens, wenn in dem Jahreslaufe das Vließ nicht gegen den Einfluß der Feuchtigkeit und fremder Koͤrper geſchuͤtzt worden. Anmerk. d. Verf. 115 preußiſchen oder rheiniſchen Zoll das wenigſte, was Electawolle haben muß. 30 Bogen hat nur die von hoͤchſter Feinheit. Herr Amtsrath Block hat mir und andern Freunden Proben mitgetheilt, die er mit dem Dollondſchen Eirometer gemeſſen und mit der Zahl der Bogen verglichen hatte. Die hier vorgenommenen Nach⸗ meſſungen ſtimmten voͤllig damit uͤberein und die Claſ⸗ ſification erhielt die Zuſtimmung aller Wollkenner auf dem Leipziger Convente. Erſte Elecla. a mit 30 Bogen hat 6 ½ Grad Dollond im Durchmeſſer. b 2 290 2 2 7 2 ⸗ ⸗ ⸗ c ⸗ 28* 2 71. ⸗ 2 2 2 Z weilte Electa. a mit 27 Bogen hat 8 Grad Dollond. b ⸗ 26 ⸗„ 8 ⸗.2 25 2„ S ⸗ ⸗ Erſte Prima. a mit 24 Bogen hat 8 ¾ Grad Dollond. b ⸗ 23 ⸗ 8 2. c 22 ⸗ 8 ⸗ 2 Zweite Prima. a mit 21 Bogen hat 8 ½ Grad Dollond. b ⸗ 20 2. 9 2 2 c. ½ 19 ⸗ 9 ⸗ Secunda. a mit 18 Bogen hat 10 ¼ Grad Dollond. b⸗ 17 ⸗ ⸗ 10 ⸗ ⸗ 16 10 2 2 A 116 Tertia. a mit 15 Bogen hat 10 Grad Dollond. b 1414 ⸗ 2 11 ⸗ ⸗ 6 13„⸗ ⸗ 13 ¼ ⸗ ⸗ Quart a. a mit 12 Bogen hat 13 Grad Dollond. b 10* 2 40 ⸗. c ⸗ 10 ⸗ ⸗ 8— 16 ⸗ ⸗ in verſchiede⸗ nen Haaren. Von einigen ſehr ſeltenen und hoͤchſt feinen Pro⸗ ben hat 33 Bogen nur 6 ½ Grad Durchmeſſer. 32 ⸗ 7 2 7 2 6 31 ⸗ 1 ⸗ ⸗ ⸗ 8 Sseite Claſſe. Die Verbindungen der Haare, woraus die Probe von hoher Feinheit zuſammengeſetzt war, finden ſich noch auf— fallend bei den Wollen, denen wir gute Feinheit beimeſ⸗ ſen. Jedoch wird die Probe, mit welcher Sorgfalt wir ſie auch aus dem Vließe herausgenommen haben, nicht ſo ganz aus dieſen Haarverbindungen zuſammengeſetzt ſeyn, ſondern ein Theil der Haare einzeln gewachſen ſeyn, ohne ſich mit dem benachbarten zu verbinden. Dieſe Verbin⸗ dungen(agglomerations) erſcheinen ebenfalls dicker und platter, und man bemerkt, daß die meiſten aus verſchie⸗ denartigen Filamenten zuſammengeſetzt ſind, wogegen bei den Wollen von hoher Feinheit dieſe Filamente nur einen Koͤrper zu bilden ſcheinen, wegen der großen Gleichfoͤr— migkeit ihrer Wellungen: ſie ſind zugleich geneigt, ſich 117 von der Wurzel des Stapels an eine mit der andern zu verbinden, und ſo verſchiedene Verbindungen von breitern und plattern Formen darzuſtellen, deren Wellungen man nach einer Art von horizontalen Einſchnitten, welche ſie darſtellen, zaͤhlen kann. Die Probe bleibt ſich im Volum noch gleich von unten bis oben; aber die kleinen einzelnen Spitzen, die den Stapel en⸗ den, ſind ſchon dicker, weil ſie aus der Verbindung einer groͤßern Zahl von Haarverbindungen entſtehen. Die Laͤnge bleibt in denſelben Graͤnzen, wie bei der erſten Claſſe. Die Zahl der Wellungen wird von 24 bis 27 auf einen Zoll ſeyn, und ſie werden eben ſo regulair erſcheinen, aber natuͤrlich groͤßer als bei den Wollen der hoͤchſten Feinheit. 1 XIII. Anmerk. d. Ueberſ. Ich bekenne, daß ich die Verf. hier nicht ganz verſtehe und daß mir ihre Abtrennung der zweiten Claſſe von der erſten nicht recht klar ſey. Es iſt aber allerdings auch ſchwer, den Unterſchied der Sortimente mit Worten ſo ganz deutlich zu machen, zumal da bei den Wollſortirern kein allgemeines Prineip daruͤber herrſcht und der eine das noch in Electa bringt, was der andere nur fuͤr Prima haͤlt und uͤberdies auch die Claſſen bei jedem Einzelnen keine ſcharfe, ſondern nur verwaſchene Graͤnzen oder Uebergaͤnge haben. Des⸗ halb kommt dann auch bei unſern Sortimenten, die beſonders fuͤr den engliſchen Handel gemacht werden, die Electa der untern Stufe mit der Prima der obern Stufe oft ſo uͤberein, daß ihnen der eine oder 118 der andere Name nur nach Maaßgabe der Handelskon⸗ juncturen oder des Wolllagers, wo ſie zum Verkauf ausgeſtellt werden, gegeben wird. Nehmen wir an, daß der Verf. zweite Claſſe das ſey, was unſere Sortirer beim engliſchen Handel Prima nennen, ſo kommt wohl zweierlei Wolle hinein. Erſtlich, die Vließe, welche nicht ganz den Feinheits⸗ grad und die Sanftheit haben, welche man von Electa fordert, uͤbrigens aber von untadelhaftem Wuchſe, aus⸗ geglichen, rein genug gewaſchen, hinlaͤnglich entfettet ſind. Zweitens aber auch ſolche Vließe, welche hohe Fein⸗ heit im Ganzen, aber doch einige untermiſchte groͤbere Haare, mithin keinen ganz regulairen Wuchs haben, hier und da ſtaͤrkere Spitzen zeigen, oder kleine zuruͤck— ſchlagende Stellen, um derenwillen man doch den Haupt⸗ theil des Vließes nicht zerreiſſen will, oder zuviel Fett enthalten, in der Waͤſche nicht gut behandelt ſind, oder ſonſt irgend einen Tadel haben, der Electawolle nicht treffen darf. Bei recht großen und genauen Sortirungs⸗ anſtalten wird erſtere Art von der zweiten wohl abge⸗ ſondert werden. Von der zweiten wird man vielleicht ſagen, es ſey wohl Electa, aber nicht ganz tadelloſe und deshalb wolle man ſie als Prima verkaufen. Die zweite Art wird fuͤr Fabrikanten paſſen, welche die Wolle zu hochfeinem Tuche nochmals ſorgfaͤltig auspfluͤcken, abſchnippeln und beſonders behandeln wollen; andere, welche ſie beſonders ſchnell verarbeiten wollen, werden erſtere vorziehen. So genau koͤnnen aber nur große Sortirungsanſtalten verfahren. 119 Dritte Claſſe. Man ſieht noch einige Verſtraͤngungen der Wollhaare in den Wollen dieſer Claſſe, aber ſie ſind ſchon ſeltener, und man moͤgte glauben, daß der Ueberfluß des Fettſchwei⸗ ßes ſie gebildet habe, ſo ſehr ſind ſie durch dieſe Materie zuſammengeklebt. Außer dieſen Verſtraͤngungen iſt der Wuchs der Wolle aber augenſcheinlich irregulair, d. h. die Wollhaare nehmen bald eine regulaire Richtung, bald aber werfen ſie ſich eins durchs andere, woraus denn folgt, daß bei der Geneigtheit eine gleiche Laͤnge anzunehmen, diejenigen, welche die meiſten Kruͤmmungen machen, die Oberflache des Vließes nicht erreichen, und daß alſo die Stapel eines ſolchen Vließes, ſtatt cylindriſch zu ſeyn, wie die Wollen der erſten und zweiten Claſſe, eine mehr oder minder ſpitze Form annehmen. Ein characteriſtiſcher Zug der Wollen von mittlerer Feinheit iſt alſo der, daß ſie ſich in genugſam abgeſonderte Stapel von verſchiedener Dicke an ihrer Baſis, aber im— mer abgeſpitzt an ihrem Ende, bilden. In dieſer Art der Wolle ſind die Haare ſchon merklich ungleich unter⸗ einander in Anſehung ihres Characters, und ein geuͤbtes Auge erkennt auch die damit verbundene Verſchiedenheit der Feinheit. Einige, die parallel wuchſen und in den Verſtraͤngungen enthalten ſind, zeigen regulaire und fort⸗ geſetzte Wellungen in ihrer ganzen Laͤnge, man zaͤhlt de— ren 22 und ſogar 24 auf einen Zoll. Andere haben nur 16 bis 20, wir nehmen alſo den Spielraum hier zwiſchen 16 und 23 an. Die Wellungen derer, die ſich außer den Verſtraͤngungen finden, ſtehen nicht mehr in gerader Linie, und ſind nicht regulair in ihren Bogen. Einige von die⸗ 120 ſen ſind groß und hoch, andere klein und niedrig; in einem Theil der Wollhaare gehen ſie nicht bis ans Ende, oder werden wenigſtens ſeltener und verloſchener, wenn ſie ſich ihm naͤhern. Dann wird aber auch dieſes Ende nicht mehr ſo fein ſeyn, als der andere Theil des Wollhaars. Was die Laͤnge der Wolle von der mittlern Feinheit betrifft, ſo iſt ſie noch ungleich verſchiedener, als bei den vorhergehenden, denn wenn wir in dieſer Stapel von etwa 2 Zoll finden, ſo finden wir wieder andere von 3 bis 3 ½ Zoll, weshalb man auch in Spanien dieſe Wollen largas mechas nennt; was aber ihre ausgedehnte Laͤnge anbe⸗ trifft, ſo uͤberſteigt dieſe ſelten 4 bis 44 Zoll, weil das Haar minder dicht gekraͤuſelt iſt. XIV. Anmerk. d. Ueberſ. Dieſe Claſſe, deren Charatceriſirung bei unſerer Secunda zutrifft, unterſcheidet ſich ſchon beſtimmter von der Prima als letztere von der Electa und man wird mehr mit ſich ſelbſt und mit andern eins ſeyn, wohin man ein Vließ dieſer Ark oder einen Theil deſſelben bringen ſoll. Aber man wird doch auch zwei Arten von Sortimenten fuͤr dieſe Claſſe zu machen ver⸗ anlaßt ſeyn. Einmal ein ſolches, was entſchieden groͤ⸗ ber und minder ſanft oder ſonſt gleichartig und in an⸗ derer Ruͤckſicht tadellos iſt; zweitens eins fuͤr ſolche Vließe deren Wolle in der Mehrheit fein und ſanft, aber doch ungleich, fehlerhaft gewachſen und zu einem tadello⸗ ſen Geſpinſte nicht geſchickt iſt. Jenes werden Fabri⸗ kanten ſuchen, die ſtarke, kraͤftige, ebene und tadelloſe ſo⸗ 121 genannte Campagne⸗Tuͤcher, die aber nicht die hoͤchſte Feinheit und Sanftheit haben, machen wollen. Dieſes dagegen ſolche, die leichte, ſanfte, geſchmeidige Tuͤcher aber zu geringern Preiſe und von minderer Vollkom⸗ menheit, Haltbarkeit und. Ausgeglichenheit,— gefaͤllige Marktwaare— zu liefern ſich beſtreben. Die Verfaſſer haben ſich wohl etwas aͤhnliches gedacht, denn in der Feinheit und Sanftheit iſt Wolle die 22 bis 24 Bogen auf einer gegebenen Laͤnge hat, von der gar ſehr ver⸗ ſchieden, die 16 bis 20 hat und die Extreme von 16 und 24 koͤnnten unmoͤglich in ein und dasſelbe Sorti⸗ ment kommen, wenn ſie ſich in den uͤbrigen Qualitaͤten gleich waͤre. Wenn aber die feinere Wolle Fehler hat und die groͤbere in ihrer Art tadellos iſt, ſo koͤnnen ſie allerdings in eine Werthsclaſſe zuſammenfallen. Dieſe aber entſcheidet nicht unbedingt den Gebrauch, der von der Wolle gemacht werden kann, noch den Werth der Thiere, wovon ſie genommen iſt. Vierte Claſſe. In dieſer zeigt ſich der Stapel noch ſpitzer als bei der Wolle von mittlerer Feinheit, weil naͤmlich ihr Wuchs verworrener iſt. Man bemerkt darin kaum Verſtraͤngungen, weil die Haare eine große Ungleichheit der Feinheit haben, ſowohl unter einander, als auch jedes in ſeiner Laͤnge. Bei ihrem allgemeinen Anblick ſieht ſie den beſſern ge⸗ meinen Wollen gleich, manchmal ſogar einer Hanfflocke. Wir ſetzen die Zahl der Wellungen allerhoͤchſtens auf 15 122 fuͤr den Zoll. Ihre Laͤnge iſt eben ſo verſchieden wie bei den Wollen der mittlern Feinheit. So beſchließen wir das, was wir uͤber die Claſſifica⸗ tion der Merinowolle zu ſagen haben; wir hoffen, daß uns unſere Leſer in dem Detail unſerer Bemerkungen gefolgt haben, und wir wuͤrden uns gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn wir etwas beigetragen haͤtten die Erkenntniß der Wolle leicht und ſicher zu machen. Dieſes Studium iſt von ſo gro⸗ ßer Wichtigkeit, daß wir es nicht genugſam empfehlen koͤn⸗ nen. So uberzeugt wir uͤbrigens von der Richtigkeit der Grundſätze ſind, worauf wir uns begründeten, ſo wieder⸗ holen wir jedoch, daß ſie einigen Ausnahmen unterworfen ſeyn koͤnnen. XV.— Ammerk. d. Ueberſ. So wie die Verfaſſer die Wolle der 4ten Claſſe beſchreiben, moͤgte ich ſagen, daß ſie noch etwas niedriger als unſre Tertia ſtehe, wenig⸗ ſtens die Quarta mit in ſich begreife. Es haben einige gemeint, daß ſich ſolche Wolle bei echten Merinos gar nicht faͤnde und daß es nur Meſtizen, und ſogar wenig veredelte waͤren die ſie tragen. Dem aber kann ich nach ſicheren Thatſachen widerſprechen, denn ich habe ſie auf Schaafen geſehen, deren reiner Urſprung aus ſpaniſchen und ſogar leoneſiſchen Heerden keinem Zweifel un⸗ terworfen ſeyn konnte. Meſtizen dritter Generation ha⸗ ben oft beſſere Wolle, als dieſe echten Merinos hatten. Die Verfaſſer haben die Wolle dieſer Claſſe unge⸗ waſchen auf dem Koͤrper der Thiere beſchrieben. Haͤt⸗ 123 ten ſie die Vließe nach unſerer Art gewaſchen und ge⸗ ſchoren auf einem Tiſche ausgebreitet unterſucht, ſo wuͤr⸗ den ſie ohne Zweifel manches klarer gefunden und be⸗ ſchrieben haben. Ihre Abſicht war zwar wohl nicht die Woll⸗Sortimente zu beſtimmen, ſondern ſie nahmen nur Nuͤckſicht auf die Characteriſirung, Bonitirung und Claſſificirung der Thiere, nach der Wolle, die ſie auf dem Koͤrper tragen. Allein auch zu dieſem Zweck iſt die Beurtheilung der gewaſchenen und geſchornen Vließe ſehr nuͤtzlich; wenigſtens fuͤr uns, die wir die Wolle in dieſem Zuſtande verkaufen. Unſer Streben muß doch dahin gehen, Thiere zu cultiviren, die eine Wolle geben, welche in dem Zuſtande, worin ſie gekauft wird, preiswuͤrdige Qualitaͤten zeigt. Wer aber nicht dar⸗ auf geachtet hat, weiß nicht, wie Wolle die ſich auf dem Koͤrper der Thiere ſo oder ſo ausnimmt, ſich ver⸗ halten werde, wenn ſie gewaſchen und geſchoren iſt, und der Ungeuͤbte erkennt ſie gar nicht wieder. Eben ſo wird derjenige, der nur mit geſchorner Wolle umgeht, das Vließ auf dem Koͤrper des Thieres nicht richtig beur⸗ theilen koͤnnen. Ich habe davon auffallende Beiſpiele geſehen; und man darf ſich auf das Urtheil manches ſonſt geſchickten Sortirers dabei durchaus nicht verlaſſen; obwohl es auch einige giebt, die es ſehr gut verſtehen. Will man eine Heerde recht genan und richtig bonitiren, ſo muß man beides vereinigen, die Unterſuchung vor und nach der Schur und Waͤſche. Wer dies dann ei⸗ nige Male mit aller Aufmerkſamkeit vorgenommen hat, der wird ſich freilich mit der Einen begnuͤgen koͤnnen. 124 Drittes Capitel. Ueber das Merino⸗Vließ auf dem Koͤrper des Schaafes. Nachdem wir im vorigen Capitel eingeſtanden haben: daß wir uns nicht im Stande befinden, von allen Arten der gemeinen und Meſtizwollen, wegen ihrer zu großen Ver⸗ ſchiedenheit genaue Unterſcheidungen anzugeben, ſo haben wir wenigſtens geſucht, die Merinowollen nach ihren ver— ſchiedenen Qualitaͤten genauer zu claſſificiren und die cha— racteriſtiſchen Zeichen anzugeben, woraus ſie ſich erkennen laſſen. Das Studium der Wolle wird nun auch den Gegen⸗ ſtand der beiden letzten Capitel dieſes erſten Theils ausma⸗ chen, und wir werden auch nun ferner die Benennung von Merinowolle auf alle Arten der feinen und ſuper⸗ feinen Wollen ausdehnen. Wenn daher unter den That⸗ ſachen und den Folgerungen die wir darausziehen, ſich ſolche finden, welche auch auf die Wollen anderer Raßen Anwen⸗ dung finden, ſo werden wir es dem Leſer uͤberlaſſen, dieſe zu machen. In dieſem dritten Capitel, welches drei Ab⸗ ſchnitte enthaͤlt, werden wir mit moͤglichſter Vermeidung der Wiederholungen dasjenige vervollſtaͤndigen, was wir vorher uͤber die Merinowolle in ihrem Vegetationszuſtande geſagt haben. Der erſte Abſchnitt wird von dem Vließe des ausgewachſenen Merino's, der zweite vom Vließe des Lammes und der dritte von der Schur handeln. Erſter Abſchnitt. Vom Vließe des ausgewachſenen Merinos. Die Unterſuchung deſſelben wird uns Gelegenheit zu mehreren wichtigen Bemerkungen geben, betreffend: erſtlich, 12⁵ die Qualitaͤt der Wolle auf den verſchiedenen Thei⸗ len des Koͤrpers und den Anblick des Vließes im Ganzen; zweitens, des Grades der Ausgeglichen⸗ heit, welcher moͤglicher Weiſe in allen dieſen Theilen er— reicht werden kann; drittens, die Beurtheilung, welche man uͤber die wahrſcheinliche Qualitaͤt einer Wolle beim Anblick ihres erſten Hervorſtechens aus der Haut nach der Schur faͤllen kann; viertens, das Gewicht des Vließes und ſeinen Ertrag. Ueber die Qualitaͤt der Wolle auf den verſchiedenen Koͤrpertheilen, und die Anſicht des Vließes im Ganzen. Wenn wir einen Merinowidder oder Schaaf unterſu⸗ chen, deſſen Vließ hinſichtlich der Ausgeglichenheit nicht ſo vollkommen iſt als es ſeyn koͤnnte, ſo finden wir ge— woͤhnlich, daß der mittlere und untere Theil der Rippen, der Schultern und der Flanken die ſchoͤnſte Wolle geben, ſowohl in Anſehung der Feinheit als der Gleichheit des Haars. Dieſe Theile ſind aber der Beruͤhrung des Mi⸗ ſtes und den daraus entſtehenden Folgen ausgeſetzt, und deshalb zeigen ſie ſelten die Reinheit und die Farbe der Wolle auf dem Ruͤcken, unter dem Halſe und auf dem Kreuze. Am untern Rande der Schultern und der Rippen findet man die Wolle gewoͤhnlich durch das Liegen des Thiers gedruͤckt, ſie iſt daſelbſt etwas weniger lang, ohne daß jedoch die Stapel zerdruͤckt und in ihrem Wuchſe ver— worren waͤren, wie unter dem Bauche. Die Wolle der Nierengegend und die des Ruͤckgrathes unterſcheiden ſich ſehr oft durch eine verſchiedene Feinheit zum Vortheil der letztern, aber beide ſtehen derjenigen nach, welche wir auf 126 der Schulter und an den Flanken finden, und um ſie in ein Sortiment vereinigen zu koͤnnen, muß entweder die Veredlung ſie beſonders ausgeglichen haben, oder aber das Thier muß in einer ſo niedrigen Claſſe ſtehen, daß man die Theile des obern Vließes keiner Abtrennung werth haͤlt. Die Wolle des Ruͤckgrathes und der Nierengegend verſchlechtert ſich gewoͤhnlich, je mehr ſie ſich dem Kreuze (Kruppe) naͤhert, die, welche auf dem letztern Theile ſitzt, ſteht noch um einen Grad niedriger und wird immer ſchlechter, ſo wie ſie ſich dem Schwanze naͤhert, welcher zu den Theilen gehoͤrt, die der Vervollkommnung am meiſten widerſtreben. Bei der Unterſuchung dieſer Theile finden wir keine Veraͤnderung im Character der Wolle als diejenige, welche gewoͤhnlich mit der Verminderung der Feinheit verbunden iſt, aber wenn wir vom Kreuze zur Flaͤche der Keule und ihrem aͤußern Rande heruntergehen(Theile, welche man gewoͤhnlich unter dem Namen der Hoſen begreift), ſo finden wir auf dem obern Theil dieſer Keulenflaͤche eine platte Wolle, welche laͤnger als an den andern Theilen des Vließes erſcheint: dies ruͤhrt daher, daß das Thier gewoͤhnlich darauf liegt. Die Wolle, welche unmittelbar unter der Graͤthe des Huͤftknochens waͤchſt, iſt augenſchein⸗ lich die groͤbſte, aber ſie verbeſſert ſich, wenn ſie ſich der Mitte der Keulenflaͤche naͤhert. Was den hintern ſcharfen Rand der Keule anbetrifft, ſo iſt das nicht der ſchlechteſte Platz, obwohl er bei den meiſten in dieſem Rufe ſtehet; die Wolle iſt daſelbſt mehrentheils gelb durch die Einwir⸗ kung des Urins, aber ſie hat ihren Character doch beſſer beibehalten als die unter dem Bauche. Am letztern Theile 127 iſt die Wolle ganz und gar gequetſcht, die Stapel ſind nicht mehr abgeſondert, und die Haare ſind mehr oder weniger verfilzt; die Feuchtigkeit des Urins und der Excremente haben uͤberdies ihre Farbe und zuweilen ſelbſt ihre Sub⸗ ſtanz veraͤndert, wie wir oben geſehen haben. Wenn wir vom Bauche ab nach der Bruſt hinauf gehen, ſo finden wir da die kuͤrzeſte und auch die laͤngſte Wolle, die Bruſt⸗ wolle kann man hinſichtlich der Feinheit der Kreuzwolle gleich ſetzen. Der untere Theil des Halſes zeigt eine Feinheit, die etwas groͤßer iſt als die der Bruſt und ungefaͤhr der der Nierengegend gleich kommt; der Stapel iſt da groͤßer wie an der Bruſt, wenn durchaus kein Koͤder da iſt; ſobald aber ſich dieſer findet, ſo wird der Stapel laͤnger und groͤber, und wenn dieſer Koͤder ſich recht deutlich zeigt, ſo wird das Haar ſo kurz und ſo grob, daß es nur ganz gemeine Wolle giebt. Daſſelbe muͤſſen wir von derjenigen Wollart ſagen, die auf den Falten waͤchſt, und welche ein ganz verſchrobener Eigenſinn, der den wahren Grund⸗ ſaͤtzen der Veredlung geradezu entgegenſtehet, ſorgfaͤltig hervorzubringen ſuchte, und dadurch nur die Merinowolle in ihrem Werthe herabſetzte. Es iſt nur durch die uͤber⸗ maͤßige Nahrung und dadurch, daß man vorzugsweiſe die fetteſten und dickſten Widder ausſuchte, bewirkt, daß in einigen Schaͤfereien dieſe Falten erblich geworden, die ſich anfangs nur am Nacken und Halſe zeigten, aber nach mehreren Generationen ſich uͤber den ganzen Koͤrper ver⸗ breiteten. Sollte man es wohl glauben, daß gewiſſe Leute ſo weit gegangen ſind, Thiere anzupreiſen, deren Kreuz, Flanken und Hals mit herabhaͤngenden Schwielen einer 128 dicken und verhaͤrteten Haut ſo bedeckt waren, daß ſie mehr einem Rhinozeros als einem Schaaf gleich waren! Vom untern Theil des Halſes bis zum Nacken findet man eine Wolle, welche der der Nieren ziemlich gleich iſt und die ſich mehr verlaͤngert und abplattet, je naͤher man dem Nacken kommt; die Wolle, welche den letzteren Theil bedeckt, unterſcheidet ſich gewoͤhnlich durch ihre Weiße und den wenigen Fettſchweiß, der ſie umgiebt. Was die Wolle der Backen, des Vorkopfs und der Beine anbetrifft, ſo wird ſie gewoͤhnlich in den Abfall geworfen, die der Backen kann jedoch zuweilen mit der des Schwanzes vermiſcht werden; wir bemerken aber bei⸗ laͤufig, daß Thiere von hoher Feinheit ſehr wenig Wolle an dieſen Theilen haben, außer etwa im erſten und zwei⸗ ten Jahre ihres Lebens. Einige Theile des Koͤrpers ſind beſonders der Erzeu⸗ gung von Stichel⸗ und von Hoſenhaar unterworfen, aber außer am Vorkopfe, wo Narben durch das Stoßen ſich gebildet haben, findet man ſelten ſtarre Haare, die in der Haut feſtſitzen, jedoch bemerkt man ſie zuweilen auf dem hintern Rande der Keule und wir haben ſie hier auf einer ſchmalen Linie von 1 bis 2 Zoll Läͤnge, ſelbſt bei vorzuͤglichen Thieren, gefunden und unter andern bei einem ſaͤchſiſchen Widder von erſter Auszeichnung in der Schaͤferei des wuͤrtembergiſchen Ackerbauinſtituts zu Ho⸗ henheim, ohne daß das Vließ dieſes Theils uͤbrigens mehr losſitzende Stichelhaare hatte, als man gewoͤhnlich in hochfeinen Vließen findet. Die Zahl der Stichelhaare vermindert ſich immer mehr, je mehr man in der Vervollkommnung fortſchreitet, aber 129 vergeblich iſt es, ſie ganz vertilgen zu wollen. Die Theile, woraus man ſie am ſchwerſten verbannen kann, ſind die minder ſchoͤnen des Vließes, jedoch mit Ausnahme des Nackens, welcher gewoͤhnlich nicht die groͤbſte Wolle hat. Was das Hoſenhaar(Ziegenhaar, Hundehaar) anbetrifft, ſo beweiſet es immer, und je mehr es ſich auf mehrere Theile des Koͤrpers verbreitet, einen geringern Grad der Veredlung, und oft verraͤth es eine Unreinheit des Bluts. Die Vervollkommnung vertreibt es zuerſt vom uͤbrigen Vließe und zuletzt von dem Theile ſelbſt, den man die Hoſen nennt, und woher es ſeinen Namen erhalten hat. Zuweilen gelingt es ziemlich ſchnell, ſich davon loszumachen, denn gewiſſe lange und mehr durch⸗ ſcheinende Haare, die ſich zuweilen in kleiner Zahl auf dem Nacken ſelbſt hochfeiner Merinos finden und die in der Mitte des Stichel- und des Hoſenhaars zu ſtehen ſcheinen, muͤſſen damit nicht verwechſelt werden. XVI. Anmerk. d. Ueberſ. Ich verweiſe im Betreff dieſer Verſchiedenheit der Wolle auf den verſchiadenen Koͤrper⸗ theilen auf das was neuerlich in meinen Miscellen uͤber Schafzucht(Moͤglinſche Annal. B. XIV. S. 57.) von Hrn. Menzel daruͤber geſagt iſt. Wenn Sortirer ſich vermeßen immer den Theil anzugeben, woher eine Flocke Wolle genommen iſt, ſo moͤgten ſie doch bei verſchiedenen Raſſen und ihrer hochgetriebenen Vered⸗ lung ſich wohl oft irren; denn die Abweichungen gehen hier, bei der jetzt angewandten Kunſt der Paarung ſehr weit. Eine ganz vollkommene Ausgeglichenheit der 9 130 Wolle wird man wohl nie erreichen, aber doch eine ſolche, daß das ganze zuſammenhangende Vließ in ein Handels⸗ und Fabrik⸗Sortiment aufgenommen werden kann. Die kurzen in der Oberflaͤche des Vließes gewoͤhn⸗ lich losſitzenden gebogenen Stichelhaare haben ſich in hochvervollkommten Schaͤfereien faſt ganz verloren und man muß lange ſuchen, um eins zu finden. Wenn ſie haͤufig ſind, vermindern ſie die Wolle um ihr Ge⸗ wicht und der großen Muͤhe wegen die man anwenden muß, ſie herauszuklopfen; ſie verderben aber die Wolle nicht zu irgend einem Gebrauch, weil ſie ſich mit andern Un⸗ reinigkeiten zugleich ausklopfen laſſen. Ich hahe nie ent⸗ decken koͤnnen, als ich ſie noch haͤufiger hatte, wo und wie ſie wachſen, weil ich ſie nie an der Haut feſtſitzend gefunden habe. Was aber die ſogenannten Hoſenhaare anbetrifft, ſo machen ſie die Wolle ſehr Tadelhaft, da ſie ſich nur mit vieler Muͤhe herauspfluͤcken laſſen. Sitzen ſie nur an dem Theile, den man die Hoſen nennt, ſo muß dieſer ganz abgeriſſen und unter die ſchlechten Stuͤcke geworfen werden, wenn ſeine Wolle uͤbrigens auch fein genug fuͤr die Sortimente waͤre. Finden ſie ſich in andern Theilen des Vließes, ſo verliert es dadurch ſehr am Werthe. Was die Verf. unter derjenigen Art von Haa⸗ ren verſtehen, deren ſie zuletzt erwaͤhnen, iſt mir nicht ganz klar. Wir gehen jetzt zur Anſicht des Vließes uͤber. Manche glauben ſchon im aͤußern Anblick eines Vlie⸗ ßes genugſame Anzeigen zu finden, um den Werth eines 131 Thiers zu beurtheilen: wir laͤugnen nicht, daß ein geuͤb⸗ tes Auge nicht einige Anzeigen daraus hernehmen koͤnne, aber ſie ſind oft truͤglich, und wir halten es daher fuͤr nuͤtzlich, die Irrungen anzudeuten, worin man leicht ver⸗ fallen kann, wenn man ſich zuviel darauf verlaͤßt. Das Bließ zeigt auf ſeiner Oberflaͤche zuweilen abge— rundete, zuweilen knotige, zuweilen ſpitze Stapel. Im erſten Falle ſagen wir, daß es rund und eben ſey, im zweiten, daß es knotig, im dritten endlich, daß es irre⸗ gulair und ſpitz geſtapelt ſey. Das runde und geebnete Vließ iſt dasjenige, deſſen Stapel ſich in gleicher Hoͤhe erhalten, und von außen eine glatte und gedrungene Oberflaͤche darbieten, welche ſich nur oͤffnet, wenn das Thier beim Gehen oder Biegen des Koͤrpers Bewegungen macht. Die Deutſchen geben dieſer Art des Vließes den Namen des geſchloſſenen Vließes, und dieſer Character wird bei ihnen ſehr geſchaͤtzt. Wir koͤnnen einen ſo großen Werth nicht darauf ſetzen: es iſt wahr, der runde und geſchloſſene Anblick des Vließes ſcheint eine große Regularitaͤt im Wuchſe des Stapels, in der Laͤnge und Gleichheit der Wollhaare, woraus er beſteht, und in der parallelen Lage dieſer Haare anzudeuten, und in dieſer Hinſicht waͤre er eine Anzeige wichtiger Quali⸗ taͤten; von einer andern Seite aber kann dieſer Anblick auch noch bemerklicher durch die Grobheit und Starrheit der Wollhaare in einem Vließe von geringerer Qualitaͤt, welches aber ſehr gedrungen iſt, hervorgebracht werden, und wir haben in der That nur ſelten und nur ausnahms— weiſe eine hohe Feinheit in ſolchen abgerundeten und ge— ſchloſſenen Vließen gefunden. Ein ſuperfeines Vließ wuͤrde 9*† 132 allerdings um ſo vollkommener ſeyn, wenn es aͤußerlich dieſe ebene Oberflaͤche zeigte, welche, wie wir eben geſagt haben, eine Anzeige großer Regularitaͤt im Wuchſe ſeyn wuͤrde; aber nur bei gleicher Schoͤnheit der Wolle duͤrfte man von zwei Thieren dasjenige vorziehen, was ein ge— ſchloſſenes Vließ truͤge, und man darf doch nicht zu ober⸗ flaͤhlich vom Werthe der Wolle nach dieſem einzigen An⸗ ſcheine urtheilen. Wir fuͤgen uͤberdies noch die Bemerkung hinzu, daß man bis auf einen gewiſſen Punkt eine gute Meinung uͤber den Grad der Feinheit eines geſchloſſenen Vließes faſſen kann, dadurch, daß es ſich nicht ſo leicht und ſo bemerklich oͤffnet, wenn es ſuperfein iſt, als wenn es grob und gedrungen iſt; im erſteren Fall wird es auch der Hand weniger Widerſtand leiſten, womit man es zu— ſammenzudruͤcken ſucht. XVII. Anmerk. d. Ueberſ. Die Verfaſſer ſtraͤuben ſich hier die Vorzuͤge eines gedrungenen, abgerundeten, geſchloſ⸗ ſenen Vließes,— worauf nicht nur die deutſchen Schaaf⸗ zuͤchter, etwa der Mode wegen, ſondern auch die Woll⸗ haͤnder und Fabrikanten ein ſo großes Gewicht legen— anzuerkennen; finden ſich dann aber doch gedrungen es zu thun. Darin wird ihnen zwar jeder Kenner bei⸗ ſtimmen, daß es keine Anzeige des hoͤchſten Feinheits— grades ſey, wohl aber der Ausgeglichenheit der Haare in ihrem Character, in ihren Wellungen, ihrer Elaſtici⸗ taͤt und in ihren Spitzen. Sind dieſe neben Dichtheit des Wuchſes vorhanden, ſo nimmt das Vließ auf ſeiner Oberflaͤche dieſe Geſtalt nur an, welche mithin eine 133 vorzügliche Brauchbarkeit der Wolle zu tadelloſen Fabri⸗ katen, die ſogenannte Echtheit oder Treue des Haars, andeutet. Man findet es bisher am haͤufigſten frei⸗ lich bei Wollen die ihrem Feinheitsgrade nach in die zweite Claſſe oder in Prima, zuweilen auch nur in Secunda zu ſte⸗ hen kommen; aber eben ſowohl verbindet ſich dieſer Wuchs mit der hoͤchſten Electafeinheit und erhoͤhet dann den Werth einer jeden Feinheitsclaſſe bedeutend. Den Staͤm⸗ men die wir Negretti und Infantado genannt haben, war dieſer Wuchs mehr eigen als den Electo⸗ rals, weil letzterer Stamm wohl nur dadurch gebildet ward, daß man lediglich auf die Feinheit des Haars Ruͤckſicht nahm. Nun aber iſt es uns gegluͤckt jenen Charakter eben ſowohl mit der hoͤchſten Feinheit zu ver⸗ binden und eine Raſſe zu bilden, in welcher es ſich mit dieſer vereinigt und die die Verf. noch nicht zu kennen ſcheinen. Dieſe Bildung iſt wohl auf zweierlei Wegen geſchehen, einmal indem man die Infantado⸗Raſſe in ſich, vielleicht auch durch den Gebrauch zweckmaͤ⸗ ßig ausgewaͤhlter nicht zu heterogener Elec⸗ toralboͤcke verfeinerte, und zweitens wenn man unter den Electorals ſolche Zuchtthiere vor allen herausſuchte, welche den geſchloſſenſten, gedraͤngteſten, gleichartigſten ſtumpfen Stapel hatten. Auf erſtere Art iſt es wahr— ſcheinlich in der beruͤhmten Geißlerſchen und mehre— rern andern Maͤhriſchen Schaͤfereien erreicht, ſo wie es auch in den koͤniglich Preußiſchen Stammſchaͤfereien unter meinen Augen bewirckt iſt; auf dem andern Wege bin ich in meiner Moͤgliner Schaͤferei, ſo wie mehrere andere, welche das naͤmliche Princip befolgten, dahin 134 gelangt, der hohen Feinheit dieſe erwuͤnſchte Geſtalt und Qualitaͤt zu geben. Was die Frage betrifft: ob man ein Thier mit min⸗ derer Freinheit aber ſchoͤn gebauetem Vließe, oder eins von hoͤherer Feinheit aber ſchlechterm Bau vorziehen ſolle; ſo kommt es— unter Vorausſetzung daß dieſe Frage vornaͤmlich bei der Auswahl eines Zuchtbocks aufgewor⸗ fen werde— darauf an, welche Qualitaͤt man ſeiner Heerde vorzuͤglich einimpfen oder in derſelben mehr be⸗ feſtigen will. So habe ich einmal einen Bock von min⸗ derer Feinheit als deren ich ſehr viele hatte, aber von reiner Electoralraſſe und mit einem ganz vorzuͤglich ſchoͤnen Wuchſe des Vließes gekauft und ihn bei un— gleich feineren aber mehr loswolligen Muͤttern mit treſſ⸗ lichem Erfolge gebraucht. Eine richtige und ſcharfſichtige Bemerkung iſt es, daß bei Schaafen von geſchloſſenem Vließe das feinere ſich bei Bewegungen und Kruͤmmungen des Koͤrpers nicht ſo ſtark oͤffne, ſo abgeſetzte Schuppen bilde, als dieſe groͤbere. Die Stapel haben mehr Anbanglichkeit zu, obwohl keine Verbindung mit einander. Ein knotiges Vließ heißt dasjenige, deſſen Stapel an ihrem Ende kleine Knoten machen, die zuweilen ſo feſt und ſo unaufloͤslich ſind, daß die Operationen der Waͤſche und des Klopfens ſie nicht entwickeln koͤnnen. Dieſe Ei— genſchaft gewiſſer Stapel findet ſich ſelten anders als bei ſehr feinen Thieren, und in Schaͤfereien, welche hinſichtlich der Reinheit der Vließe ſehr gut gehalten ſind. Man be— greift es wirklich leicht, wie Wollhaare, die eine große 13⁵ Duͤnnheit und zugleich einen hinreichenden Grad von Ela⸗ ſtiziaͤt haben, weit mehr als grobe Haare geneigt ſind ſich zuſammenzuſchnuͤren, wenn ſie ſich, indem ſie vorein— ander vorbeigehen, nicht gegenſeitig unterſtuͤtzen, und wenn ſich an ihren Spitzen kein Schmutz angehaͤuft hat, der ſie ſonſt in ihrer geraden Richtung wuͤrde erhalten haben. Es iſt merkwuͤrdig, daß man dieſe Knoten gewoͤhnlich nur auf den oberen Theilen des Koͤrpers findet, das iſt auf denen, die am wenigſten in Beruͤhrung mit dem Streu⸗ miſt kommen. Die Knoten am Ende des Stapels zeigen ſich auf zwei verſchiedene Arten. Im erſteren Falle ſind die Haare parallel gewachſen, aber einige ſind den andern vorgeſprungen und haben ſich an der Oberflaͤche des Vließes von der Verſtraͤngung los— gemacht. Wenn kein Schmutz ſie uͤberzogen und ſie da⸗ durch gerade erhalten hat, ſo ſind ſie ihrer Geſchmeidigkeit und Elaſtizitaͤt uͤberlaſſen geblieben, ſo wie den Folgen der Verwandtſchaft untereinander, und' haben ſich dann zuſammengeſchnuͤrt; in dem Fall iſt aber der Knoten we⸗ niger feſt und das Wollhaar in ſeinen Theilen ſelten ungleich. Im zweiten Falle ſind es die Extremitaͤten der Ver⸗ bindungen ſelbſt, die ſich ſpiralfoͤrmig gedreht haben, und in dem Fall iſt der Knoten am Ende weit ſtaͤrker zuſam⸗ mengeſchnuͤrt als im vorigen Falle und es findet ſich dann auch haͤufiger eine Ungleichheit des Haars. Der knotige Character des Vließes kann ſich in einem Jahre zeigen, und in einem andern auf einem und dem⸗ ſelben Thiere nicht bemerklich ſeyn. Wir halten ihn alſo nicht fuͤr erblich, als nur in ſo fern er die hohe Feinheit 136 begleitet, und eben dieſe, welche ſich vererbt, die Neigung auch zu dieſem Fehler fortpflanzt, was dadurch noch wahr⸗ ſcheinlicher wird, daß die Abkoͤmmlinge, die in der Feinheit gegen ihre Vorfahren zuruͤckbleiben, auch davon frei ſind. Wir muͤſſen zwar geſtehen, daß die Knoten am Ende des Stapels ein Fehler ſind, den man vermindern zu koͤn⸗ nen wuͤnſchen muͤßte, aber man muß ſich doch gegen das uͤbertriebene Vorurtheil verwahren, was gewiſſe Leute da⸗ gegen gefaßt haben. Die Juden, welche in Deutſchland gewoͤhnlich die Mittelsperſonen zwiſchen den Fabrikanten und Producenten ausmachen, bemuͤhen ſich, den Nachtheil dieſes Fehlers in den Augen der letztern zu vergroͤßern, damit ſie einen Vorwand haben, die Wollen der erſten Qualitaͤt uͤbermaͤßig herunterzuſetzen; aber es iſt ſelten, daß dieſer Fehler ſo weit gehe, um wirklich der Fabrika⸗ tion nachtheilig zu werden. Er wird uͤbrigens faſt immer durch ſo koͤſtliche Eigenſchaften erſetzt, daß man ihn nicht fuͤr zu wichtig halten muß, uͤberdies wuͤrde er ja leicht durch das Auspfluͤcken gehoben werden koͤnnen, wenn dies noͤthig ſchiene. XVIII. Anmerk. d. Ueberſ. Das Knoͤtrige der Stapelſpitzen habe ich noch immer mit dem Zwirnen im Innern des Stapels verbunden angetroffen. Ueber letzteres habe ich mich in der Erlaͤut. XI. hinreichend erklaͤrt. Sollte es knoͤtrige Vließe geben, die den Fehler des Zwirnens nicht haͤtten, ſo kann ich daruͤber nicht urtheilen, weil ich ſie nicht kenne. Sind aher beide Fehler mit einander ver⸗ bunden und eines Urſprungs, ſo iſt ihr Tadel nur zu 137 begruͤndet und ruͤhrt nicht von Juden— die uͤberhaupt das Wollgeſchaͤft in Deutſchland nicht vorzugsweiſe be⸗ treiben— ſondern von ſehr einſichtsvollen Feintuch⸗ fabrikanten her. Mich machte ein ſolcher zuerſt im Jahre 1813 darauf aufmerkſam, als ich von Wollhaͤnd⸗ lern noch nichts davon vernommen hatte und meine ge⸗ zwirnten Vließe fuͤr die ſchoͤnſten hielt, weil ſie die fein— ſten waren. Ich habe ſie ſeitdem in meiner Heerde ganz vertilgt und es erſcheint kein gezwirntes mehr. Zeigt ſich ein Schaaf, welches auf dem Schuft—. die Stelle, wo es am haͤufigſten iſt— nur einige Dispo— ſition dazu, durch ein zu ſtarkes Abſondern einzelner Straͤnge, verraͤth; ſo wird ihm ein Bock gegeben, der einen ganz entgegengeſetzten Character hat, und ſo iſt es von keinen weitern Folgen. Daß es aber nicht nur erblich ſey, ſondern auch entſtehe, wenn man Thiere, die beide eine Dispoſition— nur eine ſolche, die ihre Wolle noch gar nicht tadelhaft macht— dazu haben, zuſammen paart, iſt mir durch unzaͤhlige Beobachtungen erwieſen. Die Wolle, worin es zuerſt entſteht, ſcheint immer ſehr fein zu ſeyn; allein ich habe geſehen, daß ein Bock, der dieſen Fehler in hohem Grade hatte, ihn in einer Heerde von ziemlich grober Wolle auf einigen Stellen der Vließe auffallend verbreitete und dadurch dieſe noch ſchlechter machte. Man findet ihn in ſehr vielen Meſtizheerden, deren Beſitzer meinten, daß ſie wunderfeine Boͤcke ſich verſchafft haͤtten. Haͤufiger iſt der Fehler auf dem Schuft und Ruͤcken, er kommt aber auch an andern Stellen und nicht ſelten am Vorder⸗ theile des Bauchs vor. 138 Ein Vließ von ſpitzem Stapel ſieht dem Vließe eines Lammes von 18 Monaten gleich, welches man im erſten Jahre nicht geſchoren hat; die Stapel, obwohl von ziem— lich gleicher Laͤnge, ſind am Ende ſehr getrennt und un— verbunden untereinander. Dieſer Anblick des Vließes kann noch weniger als die vorigen eine Anzeige geben, wonach man den Werth eines Merinos beim erſten Anblick ab⸗ ſchaͤtzen zu koͤnnen ſich einbildet deshalb wollen wir uns nicht weiter dabei aufhalten. Die aͤußere Farbe des Vließes ſcheint nach der Meinung einiger Beobachter eine Anzeige ſeiner Qualitaͤt geben zu koͤnnen; geſchickte landwirthſchaftliche Schriftſteller haben ſogar geſagt, daß je ſchwaͤrzer dieſe Farbe ſey, um ſo groͤßere Feinheit zeige ſie an: es ſey uns aber erlaubt, ihnen hierin zu widerſprechen. Die Farbe des Vließes ſcheint uns nur durch die Unreinlichkeit und durch den Ueberfluß des Fettſchweißes, den es enthaͤlt, bewirkt zu werden; ſie iſt um ſo ſchwaͤrzer, je mehr das Thier Schweiß hat, je ſeltener die Streu erneuert wird, je kleiner der Raum des Schaafſtalles im Verhaͤltniß der Zahl, und endlich je feuchter der Boden dieſer Schaͤferei iſt. Alle dieſe Umſtaͤnde koͤnnen aber eben ſo wohl die minder fei⸗ nen als die ſchoͤnſten Schaafe treffen, und letztere ſind nicht immer diejenigen, welche den meiſten Schweiß haben, ſon⸗ dern es findet oft das Gegentheil ſtatt. Zuweilen zeigt ſich die Wolle im Innern des Vließes von einer dunkleren oder helleren gelben Farbe, zu⸗ weilen aber erſcheint ſie ganz weiß: dies haͤngt ohne Zweifel von der Farbe des Schweißes ab. Wir haben uns ſehr bemuͤht zu entdecken, ob es irgend ein bleibendes 139 Verhaͤltniß zwiſchen dieſen verſchiedenen Farben und der Qualitaͤt der Wolle gebe, aber wir haben durchaus keins entdecken koͤnnen. Es ſcheint aber gewiß, daß ein jedes Thier ſelbſt von der reinſten und daher conſtanteſten Art ſchon bei der Geburt eine natuͤrliche Dispoſition zu wei⸗ ßem oder gelbem Schweiß mitbringe, und daß dieſe Dis⸗ poſition ſich bei demſelben Thiere ſelten veraͤndere. Ueber⸗ dies zeigen ſich die verſchiedenen Arten der Merinowolle bald mit der einen, bald mit der andern Farbe, und wir koͤnnen durchaus nicht beſtimmen, welche unter uͤbrigens gleichen Umſtaͤnden den Vorzug habe, weil die Waͤſche ſie alle zu demſelben Grade von Weiße zuruͤckfuͤhrt. An einem andern Orte haben wir geſagt, daß die gelbe Farbe nur dann nichts tauge, wenn ſie durch Urin oder Koth erzeugt iſt. . XIX. Anmerk. d. Ueberſ. Hierin, ſo wie in dem, was uͤber die aͤußere ſchwarze Farbe des Pelzes geſagt iſt, muß ich den Verf. voͤllig beiſtimmen. Letztere nehmen die Thiere aus dem Infantadoſtamm zwar ſtaͤrker an, weil ihr Schweiß zaͤher und pechartiger iſt; aber man kann auch andre eben ſo ſchwarz machen, wenn man ihnen Branntweinstrank und Oehlkuchen haͤufig giebt. Aber uͤber die gelbe und ſchwarze Farbe des Schweißes haben mir alle meine Beobachtungen noch kein Reſultat gegeben und verſchiedene Bemerkungen, die ich von an⸗ dern vernahm, haben ſich mir nicht beſtaͤtigt. Einiger— maßen erblich ſcheint die Schweißfarbe jedoch zu ſeyn, wenigſtens in entſchiedener Mehrheit. 140 Die herabhangenden Koͤder und die Bewach⸗ ſenheit der Backen und des untern Theils der Beine mit Wolle ſind in Frankreich nur zu lange von der Mode an⸗ gewieſen, und von einer großen Zahl von Zuͤchtern aufgeſucht worden; vielleicht findet man noch heute Schaͤfereibeſitzer die mit großer Zufriedenheit den Erfolg ihrer Bemuͤhungen ſie in ihren Heerden fortzupflanzen kund geben; aber alles beweiſt, daß ſie bald von ihren Irrthum zuruͤckkommen wer⸗ den und dieſer Character, ſo wie alles das, was mit einer ſtarken Statur und einer uͤbermaͤßigen Maſtigkeit in Ver⸗ bindung ſteht, wird bald allgemein als eine faſt gewiſſe Anzeige einer mittelmaͤßigen Feinheit anerkannt werden. XX. Anmerk. d. Ueberſ. Ich habe ſchon, bevor ich eigene Beobachtungen daruͤber gemacht hatte, in meinem im Jahre 1811 geſchriebenen Handbuche der feinwol⸗ ligen Schaafzucht den Werth, dieſes von vielen Or⸗ ten her, ſo geprieſenen Koͤrperbaues in Zweifel gezo⸗ gen; nach dem bewaͤhrten Grundſatz der englichen Vieh⸗ zuͤchter daß man diejenigen Theile des Koͤrpers ſo ſchwach als moͤglich zu machen ſuchen muͤſſe, die das ſchlechteſte Product gaͤben; weil ſie nur die Nahrungstheile an ſich zoͤgen, welche an einem andern Theile ein werthvolleres erzeugen koͤnnten. Die Englaͤnder wandten dieſen Satz zwar nur auf die Fleiſchtheile an; allein er paßt meines Erachtens, noch mehr auf die Wollerzeugung. Da nun entſchieden auf jenen Wulſten und Hautfalten, ſo wie am Kopfe und Beinen die ſchlechteſte Wolle waͤchſt, die bei jeder Sortirung ausgeriſſen werden muß, ſo konnten 141 ich ſie nicht anders als fuͤr nachtheilig und fehlerhaft halten. Aber, ſagte man, dieſe Thiere ſind doch ſo ſchoͤn! — Ich erkenne bei unſern Hausthieren nichts fuͤr ſchoͤn, als was dem Zwecke angemeſſen und ihn foͤrdernd iſt, wozu wir ſie halten. Jetzt hat man ſich ziemlich allge— mein uͤberzeugt, daß ſie nichts taugen, und ſie wer⸗ den nur noch von denen vertheidigt, die keine glatte Schaafe haben. Bevor wir das, was den aͤußern Anblick des Vließes betrifft, ſchließen, halten wir es fuͤr noͤthig, noch ein Wort uͤber das zu ſagen, was man unter der Gedrungenheit(le 1assé) verſtehen muͤſſe. Die Vereinigung einer groͤßere Anzahl von Wollhaa— ren auf einem gleichen Raume der Haut iſt das, was man unſerer Meinung nach, unter der Gedrungenheit im eigent— lichen Sinne des Worts verſtehen muß. Nach dieſer Definition glauben wir behaupten zu koͤn— nen, daß ein ſuperfeines Vließ unwiderſprechlich gedrungener ſein muͤße, als ein Vließ von mittlerer Feinheit; denn es iſt außer Zweifel daß auf einem gegebenen Raume der Haut eine groͤßere Zahl von feinen Haaren wachſe, als von groben, und es iſt leicht dieſe Thatſache zu beweiſen. Wenn man aber unter dem Gedrungenen eine Ver⸗ einigung von Haaren, die bei einem gleichen Volum eine groͤßere Maſſe in ſich enthaͤlt, verſteht, ſo muß man zuge⸗ ben, daß die hohe Feinheit die Gedrungenheit ausſchließe, denn niemals wird ein ſuperfeines Vließ ſo compact und ſo ſchwer ſeyn als ein Vließ von ſchlechterer Wolle. Wenn man alſo das Gedrungene im eigentlichen 142 Sinne des Worts nicht mit dem Anſchein des Ge⸗ drungenen verwechſelt, ſo kann man daraus folgern, daß der Anſchein des Gedrungenen faſt immer eine maͤßige Feinheit anzeige, wogegen das Gedrungene im eigentli— chen Sinne ſich ſelten anders als bei ſuperfeinen Thie⸗ ren findet. 4 XXI. Anmerk. d. Ueberſ. Es iſt doch aber nicht zu leugnen, daß es auch bei gleicher Feinheit einen ſehr verſchiedenen Grad der Gedrungenheit gebe, der ſowohl wirklich als anſcheinend iſt. Er bildet ſich auf zweierlei Art, theils dadurch daß die Haare aus der Haut dichter hervorge⸗ kommen ſind, theils wenn die gleiche Anzahl von Haa⸗ ren durch dichtere oder hoͤhere Bogen ſich mehr zu⸗ ſammengedraͤngt haben. In letzterem Falle wird dann die ſcheinbare Laͤnge der Wolle oder die Hoͤhe des Stapels geringer ſeyn, im erſteren Falle koͤnnen aber auch lang und gedehnt geſtapelte Vließe bei gleicher * Feinheit gedrungener ſeyn. Dieſe Gedrungenheit iſt alſo doch eine ſehr zu beruͤckſichtigende Eigenſchaft bei gleicher Feinheit der Wolle, zumal da ſie mit andern gu— ten Qualitaͤten verbunden zu ſeyn pflegt, und insbeſon⸗ dre den Fehler des Zwirnens nicht zuzulaſſen ſcheint. Was aber das ſpeciciſche Gewicht anbetrifft, ſo glaube ich, daß dies bei feiner und zarter Wolle geringer i*ſt, ſo daß, wenn man feinere und groͤbere Wolle gleich compact in einen Cubus zuſammendraͤngen koͤnnte, jene leichter als dieſe ſeyn wuͤrde. Das Experiment hat aber zu große Schwierigkeiten. 143 Dennoch iſt ein feineres Vließ nach unſerer gewoͤhn⸗ lichen Waͤſche zuweilen ſchwerer als ein groͤberes, wenn ſie auch beide gleich hohe Stapel haben, und die Thiere, die ſie tragen, ſich in Groͤße und Umfang des Koͤrpers nicht unterſcheiden. Dies kann beim feinen Vließe durch nichts anderes als durch eine große Dichtheit der Haare auf der Haut erklaͤrt werden, die man dann auch da— durch erkennet, daß man beim ſtaͤrkſten Auseinander⸗ ſpreizen der Stapel nur einen ganz feinen Streifen der durchſcheinenden roͤthlichen Haut erblickt, der dagegen bei duͤnnwolligen Thieren viel breiter iſt. Solche Vließe gehoͤren aber noch zu den Seltenheiten— obwohl ſie ſich in einigen Schaͤfereien vermehren— und im allge— meinen muß man doch zugeben, daß die groͤberen Vließe in der Regel ſchwerer ſind. Daß eine ſtaͤrkere Fuͤtterung die Vließe ſchwerer mache, lehrt die allgemeine Erfahrung. Ich glaube daß dies doch hauptſaͤchlich nur durch die Vermehrung der wahren Laͤnge des Wollhaars bewirkt werde, welches nun wahrſcheinlich hoͤhere Bogen macht, und dadurch groͤßere Gedrungenheit hervorbringt. Denn daß meh— rere Haare aus der Haut hervorgetrieben wuͤrden, hat man nicht bemerkt, obwohl es bemerkbar ſeyn muͤßte. Wenn auch durch maſtige Fuͤtterung einige Verdickung des Wollhaars erfolgt, woruͤber wir uns unter Nr. IV erklaͤrt haben, ſo iſt ſie gewiß nicht ſo bedeutend, daß ſich dieſe Zunahme des Gewichts und der Gedrungenheit daher leiten ließe. Ihrer Natur nach ſtehen ſich Feinheit und Gedrun— genheit, mit Schwere des Vließes verbunden, einander 144 entgegen und in ihren hoͤchſten Graden wird man ſie nicht zuſammentreffen. Aber es giebt einen Punkt, wo ſie ſich durch die Kunſt der Zuͤchtung vereinigen laſſen, ein Punkt wo entſchiedene Electafeinheit, ſich mit einem hohen Grade von Gedrungenheit verbindet. Die⸗ ſen Punkt feſtzuhalten iſt ohne Zweifel das vortheilhaf⸗ teſte; aber dieſes kann nur durch eine mit Ueberlegung geleitete Paarung geſchehen. Wir halten uns gewiſſer⸗ maßen drei Claſſen von Boͤcken: eine wo dieſer Punkt richtig getroffen iſt, eine wo die Feinheit noch mehr her⸗ vorſteht, und eine wo die Gedrungenheit und Geſchloſ⸗ ſenheit des Vließes uͤberwiegt. Scheint eine Mutter von jenem Punkte nach der Tendenz zur Feinheit oder der Gedrungenheit abzuweichen, ſo bekommt ſie einen Bock entgegengeſetzter Tendenz. Die Faͤlle aber wo es noͤ⸗ thig ſcheint, werden immer ſeltner, weil dieſe Thiere be— harrlicher auf jenem Punkte ſtehen bleiben— Doch die Verfaſſer ſprechen von dem Ertrage oder Gewichte der Vließe in der Folge noch beſonders. Ueber den Grad der Gleichheit unter den verſchiedenen Theilen des Vließes, welcher zu erreichen moͤglich iſt. Dieſe Gleichheit, welche in einem Vließe von hoͤch⸗ ſter Feinheit ſo ſelten und ſo wuͤnſchenswerth iſt, findet ſich gewoͤhnlich in Vließen von geringer Qualitaͤt, iſt dann aber nicht von ſonderlicher Wichtigkeit: denn in der That je groͤber ein Thier iſt, deſto gleicher wird es ſeyn, weil uͤberhaupt ſeine ganze Schur ſich der letzten Claſſe mehr naͤhert, unterhalb welcher ſich alles zu einer Qualitaͤt ver⸗ 145 miſchen. Auch wird bei letzteren der Unterſchied der beſten und der ſchlechteſten Theile keinen ſo großen Unterſchied im Werthe machen, wenn das ganze Vließ nur einen ge⸗ ringen hat; in dem hochfeinen Vließe dagegen iſt der Vor⸗ theil, welcher aus der Gleichheit hervorgeht, um ſo wich⸗ tiger als es dann mehr Wolle der erſten Claſſe giebt, und dieſe im Handel den entſchieden hoͤchſten Preis erhaͤlt. Da es hier unſer Zweck iſt den Grad der Gleich⸗ heit anzugeben, den man in der Praxis erreichen kann, ſo werden wir auf die hoͤchſt ſeltenen Beiſpiele einer ganz vollkommenen Gleichheit nicht Ruͤckſicht nehmen, weil ſolche nur als Ausnahmen betrachtet werden koͤnnen. Aber wir glauben die Graͤnzen der Vervollkommnung nicht zu weit auszudehnen, wenn wir ſie nach folgenden Bedingungen feſtſtellen. Ein hochfeines Thier(zumal wenn es auf den Backen und andern Theilen der Beine keine Wolle hat) kann nur dann fuͤr hinreichend vervollkommnet gehalten werden, wenn ſein gan⸗ zes Vließ(ausgenommen einige Stapel auf der Graͤthe des Huͤftknochens, einige an der Schwanzwurzel, endlich einige auf dem Nacken und Vorkopfe) werth iſt, durch ſeine Gleich⸗ heit der Feinheit und anderer Qualitaͤten, in daſſelbe Sortiment aufgenommen zu werden, wohin die Wolle der Schultern der Rippen, und der Flanken kommt. Selbſt die Bauchwolle muß dazu gut genug ſeyn, und wir geſtat⸗ ten nur in dem Fall ſie abzuſondern, daß ſie gar zu kurz waͤre, wie das zuweilen in der Mitte des Bauchs der Fall iſt, oder aber wenn ſie bei der ſchlechten Erhaltung der Streu in der Farbe und andern weſentlichen Qualitaͤten zu ſehr veraͤndert waͤre. 10 146 Endlich ſelbſt unter Vorausſetzung einer gaͤnzlichen Abſonderung der Bauchwolle muß bei der allerſchaͤrfſten Sortirung dies Thier vier Fuͤnftel des Gewichts ſeines Vließes Wolle der erſten Claſſe und Qualitaͤt geben, und das uͤbrige Fuͤnftel darf hoͤchſtens nur zum achten Theil aus wirklich ſchlechter, oder Abfallswolle, zu ſieben Achtel aber muß es aus leidlicher Wolle beſtehen. Dieſe Forderungen, wir wiederholen es, ſind nicht zu ſtrenge; denn wenn man nicht annehmen kann, daß eine ganze und zahlreiche Heerde ein ſolches Verhaͤltniß im Ganzen bei der Sortirung gaͤbe, ſo muß wenigſtens, wenn man ſie in drei Claſſen von gleicher Zahl theilt, kein Thier der erſten Claſſe unterhalb dieſem Grade von Gleichheit ſtehen. XXII. Anmerk. d. Ueberſ. Durch den letzteren Zuſatz werden die Forderungen der Verfaſſer etwas gemildert. Es giebt ſolche Thiere die ſie erfuͤllen; aber im Durchſchnitt moͤchten wir unſere Forderung an eine vorzuͤgliche und gewiß noch ſeltene Heerde darauf beſchraͤnken, daß drei Viertel ihrer eigentlichen Vließmaſſe(den Abfall un⸗ gerechnet) in das erſte wahre Electaſortiment kommen. Bom Hervorſchießen der Wolle nach der Schur. Wir haben ſchon geſagt, daß das Wollhaar nachdem es mit der Scheere abgeſchnitten worden, nun auf beſtaͤndig ſeine Endſpitzen verloren habe, und daß es, ſtatt ſich bei dem Heraufwachſen zu verfeinern, im Gegentheil eine Nei⸗ 147 gung ſich zu vergroͤbern zeige; wir haben auch ſogar ver⸗ ſucht dieſe Vergroͤberung theoretiſch zu erklaͤren die in ge— wiſſen Arten von Wolle ſehr merklich iſt. Da alſo der Theil des Wollhaars, der nach der Schur auf der Haut ſitzen bleibt, derjenige iſt, der von Natur die hoͤchſte Feinheit hat, ſo folgt daraus, daß man ſich irren wuͤrde, wenn man unmittelbar nach der Schur die Feinheit des herangewachſenen Haars nach dem An⸗ ſchein, welchen dieſer Theil des Haares giebt, beſtimmen wollte: die Vorſtellung die man ſich dann davon machte, wuͤrde wahrſcheinlich zu guͤnſtig ſeyn. Einige Zeit nach der Schur dagegen, wenn das Woll⸗ haar wieder hervorgeſchoſſen iſt, koͤnnte man ein zu un— guͤnſtiges Urtheil faͤllen, weil es dann merklich groͤber wird, und daß es nur, nachdem die Vergroͤberung auf einen ge⸗ wiſſen Punkt gekommen iſt,(den man vielleicht auf die Haͤlfte ſeines Durchmeſſers annehmen kann) wieder an— faͤngt feiner zu werden, bis es ſeine Reife erreicht hat. Wir halten es fuͤr unnoͤthig die Urſachen dieſer Ver⸗ ſchiedenheit in der Feinheit beim Wiederheranwachſen der Wolle zu unterſuchen, es genuͤgt uns die Aufmerkſamkeit unſerer Leſer darauf gerichtet, und ſie gegen die falſchen daher genommenen Anzeigen gewarnt zu haben. XXIII. Anmerk. d. Ueberſ. Dieſe Bemerkung der Verfaſſer i*ſt ſehr richtig und praktiſch. Ich getraue mir nicht die hoͤhern Grade der Qualitaͤt einer Wolle fruͤher als 4 Monate nach der Schur richtig zu beſtimmen. Wer den Verſuch gemacht, junge Thiere fruͤher bonitiren zu 10* 148 wollen, wird mit uns gefunden haben, daß er ſich oft irre. Ein ganz ſicheres Urtheil maaßen wir uns nicht unter achtmonatlicher Wolle an. Vom Gewichte des Vließes und ſeiner Ergiebigkeit. Es wird immer unmoͤglich bleiben, ſich bei der Angabe des Gewichts der Vließe aus dieſer oder jener Heerde zu ver⸗ ſtehen, wenn man von dem Gewichte im rohen und unge— waſchenem Zuſtande ſpricht: der Producent z. B. der ſich ruͤhmt Vließe von 10 Pfund geſchoren zu haben wird ei⸗ nen großen Vorzug vor demjenigen zu haben glauben, der nur 5 Pfund angeben kann. Wenn aber das Vließ von 10 Pfund mit Sand und Koth beladen war und bei der Entfettung nur zwanzig Procent reine Wolle gegeben hat, das von 5 Pfund aber vierzig Procent,(wie letzteres bei feinen und ſorgfaͤltig behandelten Heerden der Fall iſt) ſo iſt der anſcheinende Vorzug durchaus null, aber der Vorzug des Erzeugers eines fuͤnfpfundigen Vließes, iſt durch die hoͤhere Qualitaͤt der Wolle entſchieden, welche nicht durch die Einmiſchung einer ſo großen Maſſe frem⸗ der Koͤrper verſchlechtert worden,(wir reden hier allein vom Gewichte, und nehmen auf den Werth der Vließe keine Ruͤckſicht, vom letzteren werden wir beſonders handeln, was, wie wir hoffen, nicht unintereſſant ſeyn wird.) Wir beſchraͤnken uns daher hier nur auf die einzige Bemerkung, welche von den aͤußerſten Graͤnzen der Er— giebigkeit bei der letzten und vollkommenſten Fabrikwaͤſche hergenommen iſt, ſie beweiſt hinlaͤnglich, daß es ganz un⸗ nuͤtz ſey das Gewicht eines Vließes im vollen Fettſchweiß 149 anzugeben, um daraus auf ſein wahres Gewicht zu ſchlie⸗ ßen, wenn man nicht zugleich den Abgang angeben kann, den es bei der vollkommenen Entfettung erleiden wird. XXVI. Anmerk. d. Ueberſ. Es wird unſern Leſern nicht un⸗ bekannt ſeyn, daß bisher faſt alle Wolle in Frankreich ganz ungewaſchen, gewogen und verkauft wurde, woher dann die großen Gewichtsangaben, die man von daher hat, ruͤhren. Im Durchſchnitt kann man annehmen, daß das Gewicht nach unſerer Waͤſche noch etwas un⸗ ter der Haͤlfte betragen haben wuͤrde, alſo ſo viel Pfunde als ſie dort Kilogramme angeben. Die Verfaſſer ſu⸗ chen in der Folge das Verhaͤltniß des Abganges bei den verſchiedenen Wollwaͤſchen genauer zu beſtimmen. Zweiter Abſchnitt. Vom Vließe des Lammes. Es wuͤrde von großem Intereſſe ſeyn, wenn man durch Erforſchung der Verhaͤltniſſe zwiſchen der Wolle des Lamm's und der des erwachſeeen Thiers dahin gelangen koͤnnte, die Qualitaͤten des letzteren vorauszuſehen. Wir duͤrfen nichts verſaͤumen um dieſes ſchätzbare Reſultat zu erhalten; denn man kann ſich einen Begriff von der Nuͤtzlichkeit die⸗ ſer Erforſchung machen, wenn man bedenkt, wie brauch⸗ bar ſie bei dem Verkauf der Laͤmmer und ihrer Claſſiſizi⸗ rung hinſichtlich der Auswahl der Zuchtthiere ſey. Bis jetzt aber koͤnnen wir daruͤber noch keine feſtgegruͤndete Meinung, ſondern nur Vermuthungen haben. Vielleicht 150 werden die neuen und ſehr genauen Forſchungen, welche wir jetzt daruͤber anſtellen, Licht uͤber dieſe Frage verbrei⸗ ten und uns in den Stand ſetzen, unſere Meinung auf ſichere und entſcheidende Thatſachen zu begruͤnden. Wir halten es jedoch der Aufmerkſamkeit unſerer Le⸗ ſer nicht unwerth, wenn wir ihnen das Reſultat einiger Unterſuchungen vorlegen, die mit Fleiß und nach einem ziemlich großen Maaßſtabe gemacht ſind. Es iſt wahr, daß dieſe Reſultate die Schwierigkeit noch nicht aufloͤſen, ſie koͤnnen aber doch den aufgeklaͤrten Practiker auf den Weg wichtigerer Entdeckungen leiten. Wir wollen uns alſo zuvoͤrderſt mit dem Anblick der Wolle in Lammvließe beſchaͤftigen und mit der Claſſification die daraus hervor⸗ gehen kann. Die erſte Wolle des Lammes unterſcheidet ſich durch die ſpitze Form ihrer Haarenden. Es iſt merkwuͤrdig, daß bei dieſer Geſtaltung, die bis zur erſten Schur fortdauert, das Vließ doch von der Geburt an aus groͤßern oder kleinern mehr oder minder zuſammengezogenen Knoͤtchen beſteht, welche durch dieſe ſpitzen Enden der Wollhaare gebildet werden, daß ſo wie das Lamm aͤlter wird, dieſe Knoͤt⸗ chen verſchwinden, und daß die Haare des Stapels die vorher zuſammgeſchnirt waren nun am Ende platt werden. Koͤnnte dieſe Abplattung(applatissement) nicht eine weiſe Vorſicht der Natur ſeyn, welche dadurch den Ablauf des Regen⸗ und Schneewaſſers haͤtte befoͤrdern und dadurch das Innere des Vließes und der Haut dagegen haͤtte ſchuͤtzen wollen? Außer dieſen kleinen knotigen Stapeln, welche das 151 Lamm mit zur Welt bringt, iſt ſein Vließ oft mit einer und ſogar mit zwei Arten von Haaren beſetzt. Die erſtere Art dieſes Flaums(duvet) wuͤrde dem Stichelhaare ziemlich gleich ſehen, wegen des Glanzes den ſie haben, wenn dieſe Haare grob, ſchlicht, ſtarr waͤren, und nur eine Kruͤmmung in ihrer ganzen Laͤnge hätten, wogegen ſie aber fein und mehr oder weniger gekraͤuſelt ſind. Zuweilen ragen dieſe Haare nicht uͤber die Stapel des Vließes hervor, zuweilen ſtehen ſie ſehr merklich dar⸗ uͤber weg. Die zweite Art dieſes Flaums beſteht aus Haaren die laͤnger und von weniger durchſcheinender Farbe ſind als die erſteren. Sie ſind ungleich in ihrer Laͤnge, in ihrer Feinheit und Sanftheit. Dieſe verſchiedenen Haare verſchwindeu einige Zeit nach der Geburt des Lammes, und dies hat uns bewogen, ſie Flaum(duvet) zu nennen, um ſie von denen zu un⸗ terſcheiden, welche die Laͤmmer der gemeinen Meſtizraſſe und ſelbſt gewiſſer ſchlechter Merinoraſſen mit zur Welt bringen, und wovon ſie ſich nicht losmachen. Wir machen alſo zwei Claſſen von Merinolaͤmmern: die eine wollen wir glatte Laͤmmer nennen, die durchaus beide Arten von Flaum gar nicht haben, oder deſſen Haͤr⸗ chen doch ſo klein ſind, daß ſie uͤber die Oberflaͤche nicht hervorragen; und die andere, haarige Laͤmmer, welche dieſe Arten von Flaum haben, gleichviel ob in groͤßerer oder kleinerer Menge. Im allgemeinen findet man in den Merinoheerden 152 von geringerer Feinheit die meiſten haarigen Laͤmmer, ob⸗ wohl man ſie auch in denen von hoher Feinheit antrifft. Wir gehen nun zu der Betrachtung uͤber wovon wir oben ſprachen. Wir haben dem Verſuche einen Haufen von Schaafen nnterworfen, der aus einer Heerde von ſehr reiner Raſſe ausgewaͤhlt war, und haben dieſen Haufen ſo ausgewaͤhlt, daß wir ihn nach der Feinheit der traͤchtigen Schaafe*) in drei Claſſen theilen konnten. Folgendes iſt das erhaltene Reſultat: [Mehr oder— minder haa⸗ ganz glatte rige Laͤmmer. Schaaſe der 1. Claſſe haben gegeben] 62 pr. Ct. 38 pr. Ct. ⸗ 2. ⸗ 2 ⸗ 72 ⸗[28 ⸗ 2 2 2 3. ⸗ 1*) ⸗ ⸗ 100 ⸗ ⸗ —·Qꝑ¶ *) Da unſere Regiſter noch nicht die Beſchreibung des Vlie⸗ ßes bei der Geburt der Laͤmmer enthielten, ſo haben wir nicht be⸗ ſtimmen koͤnnen, ob jene Muͤtter glatt oder haarig zur Welt ge⸗ kommen waren. Die Widder aber waren gewiß glatt geboren, weil wir ſchon lange unſere Sprungboͤcke nur unter ſolchen Laͤm⸗ mern auswaͤhlen. Anmerk. d. Verf. .*) Wir haben nur neun Schaafe in die dritte Claſſe ſetzen können, und haben es bedauert, daß die Zahl nicht groͤßer ſeyn konnte, es waͤre merkwuͤrdig, wenn eine groͤßere Menge von Thie⸗ ren dieſer Art uͤberall keine glatte Laͤmmer braͤchte. Anmerk. d. Verf. 153 Wir haben dann darauf geachtet was aus dieſen Laͤm⸗ mern in Anſehung des Grades ihrer Schoͤnheit geworden iſt, und folgendes iſt das Reſultat iſte 2te 3te Feinheit. Feinheit. Feinheit. Seheaß Glattgeb. Lämmer 78 p. Ct. 22 p. Ct. Claſſe.* Haariggeb. ⸗ 60 ⸗⸗ ⸗ 40 ⸗ ⸗ Szaffe Glattgeb. Laͤmmer. ⸗⸗ ⸗[67 ⸗ Claſſe. Haariggeb. ⸗ 13 5 ⸗⸗[62⸗⸗ Schaafe, Glattgeb. Laͤmmer⸗⸗⸗ ſ⸗2 ⸗ ⸗ Zter 5 4„ Claſſe.(Haariggeb. ⸗ 134 166 ⸗- ⸗ A 0 0 — N — ◻ A A 3 Wenn wir endlich alle Claſſen der Schaafe zuſammen nehmen, ſo finden wir, daß ſie 32 pr. Ct. uͤberhaupt an glatten Laͤmmern und 68 pr. Ct. an mehr oder weniger haarigen Laͤmmern gebracht haben; daß unter den erſten 58 pr. Ct. von erſter Feinheit, 34 pr. Ct. vom zweiten Grade und 8 vom dritten geweſen ſind, und daß unter den haarigen Laͤmmern 42 pr. Ct. vom erſten Grade, 31 pr. Ct. vom zweiten und 27 pr. Ct. vom dritten Grade der Feinheit ſich gezeigt haben. Dieſe Reſultate die ſich bald zu widerſprechen, bald cinander zu unterſtuͤtzen ſcheinen, ſind im Ganzen den glatten Laͤmmern guͤnſtig; jedoch, wir koͤnnen es nicht ge⸗ nug wiederholen, muß man ſehr vorſichtig in der Folge⸗ rung ſeyn, die man daraus ziehen will: denn wenn wir in das Detail der angefuͤhrten Verſuche eingehen, ſo fin⸗ 154 den wir Thatſachen, die uns in der Anwendung ſehr furchtſam machen. Eine beſondere Bemerkung womit wir uns hier be⸗ gnuͤgen, beweiſt wie ſehr die Qualitaͤt der Mutter in Er⸗ waͤgung zu ziehen iſt, wenn man eine Meinung uͤber die kuͤnftige Qualitaͤt des Lammes faſſen will. Ein vorzuͤglich ſchoͤnes Schaaf brachte im Jahre 1820 ein voͤllig glattes Mutterlamm; im Jahre 1822 brachte dieſelbe Mutter, ohne daß die Sprungboͤcke fuͤr dieſen Hau⸗ fen veraͤndert waren, eins der haarigſten Bocklaͤmmer, was wir jemals geſehen haben; heute(im Januar 1824) iſt je⸗ nes Mutterlamm eben ſo ſchoͤn wie ſeine Mutter, und das junge Bocklamm ſcheint ihm vollkommen gleich zu ſeyn*). Wir ſetzen noch mit groͤßerer Sorgfalt unſere Verſuche uͤber die Laͤmmer fort, und wenn wir dahin gelangten con⸗ ſtante Verhaͤltniſſe zwiſchen den Eigenheiten ihres Vlie⸗ ßes und den Qualitaͤten, die ſie in der Folge erlangen, aufzufinden, ſo wuͤrden wir unſere Geduld nicht unnuͤtz an⸗ geſtrengt zu haben glauben; denn ohne dieſes Verhaͤltniß zu kennen, wenn es wirklich ein ſolches giebt, iſt es un⸗ moͤglich uͤber die kuͤnftige Guͤte der Wolle eines Lammes etwas im Voraus zu berechnen. Wir haben uns deshalb *) Wir ſetzen hier die Bemerkung woͤrtlich aus unſerm Re⸗ giſter her: das Lamm Nr. 36, Sohn des Schaafs Nr. 160. eins der ſchoͤnſten im Haufen, iſt mit langen aufſtehenden Haaren be⸗ deckt, die des Bauchs, des Halſes und des Kopfes ſehen den Haa⸗ ren der Ziegen gleich; unter dieſen Haaren ſieht man dicUke ent⸗ fernte und grobe Locken, die Flaͤche der Keule iſt mit denſelben langen Haaren beſetzt, und der Halskragen mit einer ſcharfen Reihe derſelben, die noch ſtarrer als anderwaͤrts ſind und unter welchen die Wollſtapel gar nicht gebildet ſind. Anmerk. d. Verf. 155⁵ in dieſem Jahre auf ſehr feine Details eingelaſſen, unter andern die Zahl der kleinen Stapellocken auf einem gege⸗ benen Raume gezaͤhlt und auch den Zeitpunkt des Aus⸗ falls dieſer verſchiedenen Haare bemerkt. Nach der Zaͤh⸗ lung dieſer kleinen Stapel befinden ſich derer zwiſchen 36 und 76 in der Oberflaͤche eines Quadratzolls. Viel⸗ leicht kann dieſe Beobachtung zur Erkennung der kuͤnfti⸗ gen Feinheit des Vließes ſehr wichtig ſeyn. XXV. Anmerk. d. Ueberſ. Dieſe Unterſuchung der Verfaſſer iſt ſehr verdienſtlich. Denn wenn ſie gleich fuͤr uns, die wir in der Regel nur alte Thiere verkaufen, nicht ſo wichtig iſt, wie in Frankreich, wo faſt nur Merinolaͤmmer verkauft, die alten Thiere aber ſo lange, als ſie einiger— maßen tauglich ſind,— in Durchſchnitt bis ins elfte Jahr— beibehalten und dann getoͤdet werden; ſo waͤre es doch ſehr wuͤnſchenswerth, ag jungen Lamm gleich beurtheilen zu koͤnnen, welchen Grad preißlicher Qualitaͤten es erhalten werde, beſonders fuͤr den hoͤheren Schaafzuͤchter, der danach die Paarungen noch vortheil⸗ hafter reguliren koͤnnte. Wir haben deshalb ſchon lange unſere Aufmerkſamkeit mit darauf gerichtet. Freilich ob ein Thier fein oder grob, dicht⸗ oder loswollig werden wird, laͤßt ſich leicht erkennenz aber in dem Grade ha— ben wir uns haͤufig geirrt, und wenn wir ein Thier fuͤr feiner als das andere hielten, oft das Gegentheil er⸗ fahren. Eine recht genaue Unterſuchung aller moͤgli⸗ 156 chen Anzeigen, gleich nach der Geburt und ohngefaͤhr 6 Wochen ſpaͤter, mit Anzeichnung des Befundes, haben wir erſt bei der letzten Lammung begonnen, die dann bei der Schur wiederholt und fortgeſetzt werden ſollte; was aber in dieſem Jahre dadurch vereitelt worden, daß ich in der Zeit im Bade und mein thaͤtiger Gehuͤlfe Hr. Menzel zu einem andern Poſten abgegangen war. Ich werde jedoch dieſe Beobachtungen um ſo mehr fort⸗ ſetzen, da die Verf. aͤhnliche anſtellen und ſicherer irgend ein Reſultat zu erwarten iſt, wenn mehrere, aber unab⸗ haͤngig von einander, ſich mit einem Gegenſtande be⸗ ſchaͤftigen. Bis jetzt kann ich nichts weiter daruͤber ſa⸗ gen, als daß Laͤmmer, welche uͤber den ganzen Koͤrper oder an einzelnen Theilen des Vließes mit ſolchen Haa⸗ ren geboren werden, die nicht ausfallen, ſondern ſich nachher kraͤuſeln und zu Stapeln bilden, nie fein wer⸗ den. Seit vielen Jahren iſt mir ein ſolches aber nicht mehr vorgekommen. Andere mit langen Ziegenhaaren uͤber und uͤber beſetzte, die aber beim Heranwachſen der eigentlichen Woltapel ſich verloren, ſind hochfein und in jeder Ruͤckſicht ſchoͤn geworden. Uebrigens werden auch bei uns nicht blos die Haare, ſondern es wird auch die ganze Geſtalt des Wollwuchſes beachtet und unſer Prognoſticon uͤber den kuͤnftigen Werth des Thiers — ohne in dem Augenblicke die Abſtammung zu beachten— bemerkt, damit wir ſehen, wie oft wir es treffen oder nicht. 157 Dritter Abſchnitt. Von der Schur. Unſere Abſicht iſt nicht, uns auf die ganze Manipula⸗ tion der Schur, wovon ſchon ſo viele Schriften handeln, einzulaſſen. Jeder Schaͤfereibeſitzer hat die Vorſchriften, welche ſie enthalten, mehr oder minder benutzt, und hat ſich ein gewiſſes Verfahren fuͤr ſeine eigene Praxis gewaͤhlt. Wir beſchraͤnken uns alſo nur auf einige Bemerkungen, die uns wichtig ſcheinen. Wir ſind entſchieden der Meinung, daß es rathſam ſch, die Laͤmmer im erſten Jahre ihrer Geburt zu ſcheeren. Unſer Hauptgrund iſt, daß das junge Thier beſſer gedeiht, wenn es geſchoren iſt, als wenn es mit dem Vließe bela— ſtet bleibt; dies hat uns unſere Erfahrung erwieſen, wie man im zweiten Theile dieſes Werks ſehen wird. Ferner erleichtert dieſe fruͤhe Schur die Vertreibung des Ungezie⸗ fers, welche aus Vließen von 18 Monaten ſehr ſchwierig iſt. Nach der Zeit der Lammung koͤnnen die groͤßeren Laͤmmer im Fruͤhjahr, die ſpaͤtern im Monat Juli und Auguſt geſchoren werden; aber um dieſe Zeit muß es mit allen geſchehen ſeyn, ſelbſt wenn die Wolle bei einigen noch ſo kurz waͤre, daß man ſie faſt gar nicht brauchen koͤnnte. Eben ſo wie die Geſundheit und das Gedeihen der Laͤmmer, fordert auch das Intereſſe des Eigenthuͤmers, hinſichtlich des Werths der Wolle die Schur im erſten Jahre. Wenn wir auch annehmen, daß die achtzehnmonatliche Wolle ein gleiches Gewicht wie das Vließ des Lammes und des Jaͤhrlinges zuſammen gaͤbe, ſo wuͤrde doch die 158 Gleichheit des Gewichts keine Gleichheit des Werths erge⸗ ben; denn erſtlich iſt die Lammwolle jetzt ein koͤſtliches Material zu gewiſſen Zeugen, und ihr Preis uͤber⸗ wiegt den Preis der Mutterwolle, wozu noch der mindere Abfall bei der Waͤſche kommt, zweitens aber wird die achtzehnmonatliche Wolle immer von geringerer Qua⸗ litaͤt ſeyn, als die von allen küͤnftigen Schuren deſſelben Thiers, weil ihr Haar ungleicher und weniger elaſtiſch iſt, und, aͤußern Einwirkungen ſo lange ausgeſetzt, mehr ge⸗ litten hat.(Wenn man jedoch eine achtzehnmonatliche Wolle ihrer Länge wegen zu Kaͤmmwolle benutzen wollte, ſo koͤnnte vielleicht ihr Werth, den ſie unter der Krempel verliert, wieder hergeſtellt werden.) Manche Eigenthuͤmer vermeiden ſehr ſorgfaͤltig, daß die Heerde kurz vor der Schur einem Regen ausgeſetzt werde, weil ſie wiſſen, daß ein ſtarker Regen bis 1 Pfund oder gar mehr aus jedem Vließe auswaſchen koͤnne, und weil ſie auf das Gewicht ſehr viel halten. Wir ſind weit entfernt, ſie von der Vorſicht gegen den Regen abzuhal⸗ ten, aber nicht wegen der Gewichtsverminderung, die da⸗ durch bewirkt wird; denn wir werden bald zeigen, daß je reiner ein Vließ iſt, es um ſo vortheilhafter fuͤr beide Theile verkauft und gekauft werden koͤnne. Dann aber erſchwert auch der Regen die Schur bedeutend, wenn die Wolle noch naß iſt, und dieſe Naͤſſe kann ſogar die zuſammengeſchla⸗ genen und verpackten Vließe erhitzen und ſie ſehr ſchnell verderben. Die in Spanien allgemein eingefuͤhrte Methode, die Thiere in einen engen Naum einzuſperren und ſie ſtark ſchwitzen zu laſſen, bezweckt nicht, wie man es gewoͤhnlich 159 glaubt, eine Vermehrung des Gewichts. Man will da⸗ durch nur die Schur erleichtern, indem man den Wieder⸗ eintritt des Fettſchweißes bewirkt, und dieſe Vließe, die das ganze Jahr hindurch dem Regen und dem Staube ausgeſetzt, davon weit mehr entblößt ſind, als andere in Heerden, die beſſer gehalten wurden. Es iſt wahr, daß eine hinreichende Menge von Feuchtigkeit die Schur ſehr erleichtert, aber die ſpaniſche Methode taugt deſſen ungeachtet nicht, wegen der Gefahr, der ſie die Geſundheit des Thiers ausſetzt, und in dieſer Hinſicht muͤſſen wir ſie in Frankreich durch⸗ aus verwerfen, wo ſie uͤberdies jenen Nutzen nicht haben koͤnnte. Es iſt nicht gleichguͤltig, ob die ſaͤmmtlichen Wollhaare alle gleichartig abgeſchnitten ſind oder nicht, denn wenn ſie es ſind, ſo wird die Regularitaͤt des Wuchſes ſich um ſo ſchneller wieder herſtellen, Die Stapel werden gleicher und ſtumpfer am Aeußern des Vließes ſeyn, und beide Puncte ſind wichtig. In Deutſchland hatte man vormals in manchen Heer⸗ den die Methode, zweimal im Jahre zu ſcheeren, die aber jetzt nicht mehr viel befolgt wird. Man hatte ſie beibehal⸗ ten, weil ſie bei den Landſchaafen gewoͤhnlich war, und ſo gewoͤhnte die Meſtizraße ſich an ein Verfahren, welches in gewiſſen Climaten einen ſehr ungluͤcklichen Erfolg haben koͤnnte, wenn man es auf einmal einfuͤhren wollte. Bei Vließen, die ihrer Laͤnge nach von ungleicher Fein⸗ heit ſind, d. h. deren Spitze merklich groͤber als an der Wurzel iſt, koͤnnte es vortheilhaft ſeyn, alle ſechs Monate zu ſcheeren; denn wenn gleich der untere Theil des Haa⸗ res dann weniger Feinheit bekaͤme als wenn er laͤnger 160 hervorgewachſen waͤre, ſo wuͤrde doch die Wolle gleichar⸗ tiger, folglich ſanfter ſeyn, und einen hoͤheren Preis erhal⸗ ten, weil ein Mangel an Gleichartigkeit alle andern Vor⸗ zuͤge verloͤſcht. Auch eine ſehr lange Merinowolle, die jedoch fuͤr die Krempel beſtimmt waͤre, wuͤrde in dieſer Hinſicht gewinnen, wenn ſie zweimal im Jahre geſchoren wuͤrde. Aber man wuͤrde ſehr Unrecht thun, Thiere, de⸗ ren Wolle ſehr gleichartig iſt, zweimal zu ſcheeren, weil man dann ohne allen Erſatz einen Theil der Feinheit und beſonders der Elaſtizitaͤt aufopfern wuͤrde. Wir werden uns alſo bei dieſer Methode nicht laͤnger aufhalten, weil wir nach den angegebenen Gruͤnden nicht glauben, daß ſie in ſuperfeinen Heerden jemals angenom— men werden koͤnne, und ſelbſt nicht in andern, wegen der damit verbundenen Gefahr; ungeachtet man ſeit einiger Zeit wieder verſchiedenes zu ihrer Empfehlung geſagt hat. Hierdurch ſind wir verleitet worden, uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand einiges zu ſagen, was unſern Leſern hier nicht un⸗ paſſend ſcheinen wird. Das falſche Zuͤchtungsſyſtem, wovon wir in der Ein⸗ leitung dieſes Werks geſprochen haben und deſſen ungluͤck⸗ licher Erfolg die Eigenthuͤmer der Heerden ſo ſehr entmu⸗ thigt hat, findet doch noch ſeine Vertheidiger, die zwar der Evidenz der Thatſachen nachgeben muͤſſen, aber die Um⸗ ſtaͤnde verdrehen, und in truͤglichen Maaßregeln eine Huͤlfe ſuchen, die man allein von beſſer verſtandenen und beſſer geleiteten Anſtrengungen erwarten kann. Wenn ſie nicht mehr laͤugnen koͤnnen, daß es feinere Wollen giebt, als die von gewiſſen Heerden, welche man bisher als Ideal der 161 Schoͤnheit der Merinos anzuſehen ſich gewoͤhnt hatte, ſo wollen ſie dieſe hoͤhere Feinheit einem gewiſſen leidenden und kraͤnklichen Zuſtande der Thiere beimeſſen, und be⸗ haupten, daß dieſe Wollen andere Vorzuͤge bei der Fabri⸗ kation verloren haͤtten; und wenn ſie nun ungeachtet die— ſes Ausſpruches zu hohen Preiſen von den Fabrikanten gekauft werden, ſo behaupten ſie, daß dieſe ſich nun auf einmal aus Mode und aus Eigenſinn darauf geſetzt haͤtten, kurze Wolle vorzuziehen, und daß es alſo, um ſie zu befriedigen, nur darauf ankaͤme, zweimal im Jahre zu ſcheeren. Es iſt in die Augen fallend, daß man ſolche ſonderbare Irrthuͤmer vermeiden wuͤrde, wenn man ſich ohne Vorur⸗ theil auf ein wahres Studium der Wolle legte; denn man wuͤrde ſich bald uͤberzeugen, daß wenn Fabrikanten gewiſſe Arten von Wolle aufſuchen, ſie es wirklich durch ihre Qualitaͤten verdienen, aufgeſucht zu werden, und daß hier nicht die Rede von der groͤßeren oder geringeren Laͤnge des Wollhaars ſeyn koͤnne, woruͤber man ſich uͤberdies irrt, wenn man annimmt, daß die ſuperfeinen Wollen in ihrer wahren Laͤnge den andern nachſtehen. Wir haben eine Menge Proben hochfeiner Wolle verglichen, welche aus Stapeln beſtand, deren ſcheinbare Laͤnge 1 ¾ bis 2 Zoll betrug, und haben die entwickelten Wollhaare von gleicher oder noch groͤßerer Laͤnge gefunden, als den groͤßten Theil der Haare anderer Wollarten. Deshalb behaupten wir denn geradezu, daß eine dop⸗ pelte Schur, wenn man ſie auch in einigen Faͤllen vor⸗ theilhaft finden ſollte, doch niemals das wirkliche Uebel heben koͤnne, denn ſie wird nie aus einer mittelmaͤßigen 11 162 Wolle eine hochfeine und in allen andern Qualitaͤten der Fabrikation guͤnſtige Wolle hervorbringen. XXVI. Anmerk. d. Ueberſ. Auch bei uns haben einige die doppelte Schur bei Merinos verſucht, weil ihnen einige Wollhaͤndler, die ſich nicht beſtimmt genug und auch nach Vorurtheilen ausdruͤckten, geſagt hatten, ihre Wolle ſey zu lang gewachſen. Sie haben aber bald gefunden, daß es dennoch nicht beſſer wurde. Denn es iſt nicht eigentlich kurze Wolle, die man begehrt, ſondern die durch dichte Bogen niedrig gewachſene. Viertes Capitel. Von der feinen und ſuperfeinen Wolle nach der Schur. Wir kommen nun auf den Punct, wo wir dem Beſitzer einer Merinoheerde unſern Rath ertheilen ſollen, wie er den moͤglichſt hoͤchſten Nutzen von ſeinem Producte ziehe. Wir wuͤrden uns ſehr gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn die vorigen Capitel ihm hinſichtlich des unerlaͤßlichen Studiums der Wolle belehrend geweſen waͤren. Nur die Erkenntniß der Qualitaͤten dieſes koͤſtlichen Materials kann Aufklaͤrung geben uͤber die Sorgfalt, welche die gute Haltung und Leitung einer Heerde hinſichtlich des wichtigſten Puncts erfordert, und dieſe Erkenntniß iſt von der hoͤchſten Wich⸗ tigkeit, wenn man eine gerechte Belohnung ſeiner An⸗ ſtrengungen erhalten will. Eine Wahrheit, die uns ganz entſchieden ſcheint, und die wir nicht genug wiederholen koͤnnen, iſt die, daß die Producenten nie den entſprechenden Preis ihrer Wolle er⸗ halten werden, ſo lange ſie ſolche ungewaſchen verkaufen, beſonders wenn ſie nicht vorher eine Auswahl darunter machen, und wenigſtens nicht die Vließe ſortiren. Man wird das klar einſehen, wenn man erwaͤgt, daß der Kaͤu⸗ fer, um fuͤr ſich ſelbſt den Preis zu beſtimmen, den er fuͤr eine Wolle geben kann, durchaus eine beſtimmte Mei⸗ nung von ihrem realen Werthe faſſen muͤſſe: daß aber die mehrere oder mindere Reinheit der Schur, das Verhaͤltniß der verſchiedenen Qualitaͤten, woraus ſie zuſammengeſetzt iſt, und endlich die Natur dieſer Qualitaͤten ſelbſt in die— ſem wahren Werthe einen Unterſchied hervorbringen koͤn⸗ nen, der, wie wir nachher zeigen werden, ſich auf 80 pCt. belaufen kann. Wie wird alſo ein Kaͤufer bei dieſer Schwierigkeit der Werthsbeſtimmung obenein die Changen bei einer Waare, deren Cours ſo veraͤnderlich iſt, uͤbernehmen koͤnnen, wenn er ſich nicht durch ein vorſichtiges Gebot gegen jeden Ver⸗ luſt ſicherte? Hieraus geht aber nothwendig hervor, daß der Producent einen Theil ſeines Vortheils verliert, denn er kann durch die Ungewißheit, worin er ſich ſowohl als der Kaͤufer uͤber den wahren Werth ſeines Products be⸗ findet, nie gewinnen. Wir ſprechen hier ſogar nur von rechtlichen und ſoli⸗ den Kaͤufern, nicht von unrechtlichen Schacherern, die von der Unwiſſenheit der Eigenthuͤmer Vortheil zu ziehen und ihre Wolle uͤbermaͤßig herabzuwuͤrdigen ſuchen. Unabhaͤngig von dieſem erwaͤhnten Nachtheile, die Wolle 11* 164 ungewaſchen zu verkaufen, hat letzteres noch andere gleich uͤble Folgen; es unterdruͤckt naͤmlich das Intereſſe des Zuͤchters fuͤr die Vervollkommnung ſeiner Heerde. Er betrachtet nur das rohe Gewicht des Ganzen ſeiner Schur, verglichen mit dem Preiſe, den man ihm bietet, und ſo beſchaͤftigt er ſich nur mit der Vermehrung dieſes Gewichts, faſt immer zum Nachtheile der Qualitaͤt ſeiner Wolle, indem er die Fuͤtterung uͤbertreibt, nur die groͤßten und ſtaͤrkſten Widder zum Sprunge ausſucht, und zuweilen ſogar, indem er die Reinhaltung der Vließe vernachlaͤßigt und dadurch dem Kaͤufer Fallſtricke zu legen glaubt, deren Erfolg aber hoͤchſt ſelten gut, und allemal fuͤr die Folge nachtheilig iſt. Er lernt den Ertrag eines jeden ſeiner Thiere nicht kennen und weiß nicht, daß das eine ihm die Koſten ſeiner Nahrung zweimal bezahlt, wenn ein an⸗ deres nicht einmal dreiviertel dieſer Koſten eintraͤgt: eine richtige Idee von der wahren Vervollkommnung kann ſich hier nicht bilden. Welche Mittel giebt es gegen dieſes verdrießliche Ver⸗ haͤltniß der Dinge? Wir werden uns bemuͤhen, ſie in den Abſchnitten dieſes Capitels anzugeben, indem wir un⸗ ſern Leſern die Reſultate unſerer Nachforſchungen und Verſuche uͤber die beſte Bereitung der Wolle vor dem Verkauf mittheilenz aber wir wiederholen es nochmals, man muß vor allem ſich die Kenntniß dieſes Materials verſchaffen, ſonſt wird man ſich immer verrechnen und in nachtheilige Fehlgriffe verfallen, und wir wuͤrden dann lie⸗ ber rathen, auf dem gebahnten Wege der einmal ange⸗ nommenen Gewohnheit und der Routine zu bleiben, als einen andern richtigeren Weg einzuſchlagen. 165 Wit theilen dies Capitel in vier Sectionen. In der erſten reden wir von der Claſſification der Vließe und von dem Sortimente im ungewaſche⸗ nen Zuſtande. In der zweiten handeln wir von den verſchiedenen Methoden, die Wolle zu reinigen und zu waſchen, und wir werden unter dieſen diejenige vorſchlagen, die dem gemeinſchaftlichen Vortheil der Producenten und der Fa⸗ brikanten am angemeſſenſten ſcheint. Der dritte wird vom Werth der Wolle handeln und im vierten endlich werden wir einige Handelsverhaͤlt⸗ niſſe, welche auf dieſes rohe Material Bezug haben, erwaͤgen. Erſter Abſchnitt. Ueber die Claſſiſicirung der Vließe und die Sortirung im Fettſchweiße. In einer ordentlich gehaltenen Schaͤferei muͤſſen die Widder und Schaafe ſaͤmmtlich nummerirt und in das Regiſter eingetragen ſeyn*). Dieſe Thiere ſind in Claſ⸗ ſen getheilt nach dem Grade der Feinheit ihrer Wolle und beſonders nach der Ausgeglichenheit derſelben durch das ganze Vließ. Eine ſolche Abtheilung, wenn ſie gut ge⸗ *) Dies iſt das einzige Mittel, die Abſtammung zu ſichern, und methodiſch bei der Vervollkommnung ſeiner Heerde zu verfah⸗ ren. Schon ſeit mehreren Jahren haben wir das Einbrennen der Nummer in die Hoͤrner der Boͤcke und den Eindruck der Num⸗ mer auf einem Halsband von Blech bei den Schaafen als das leichteſte und vortheilhafteſte befunden. Dieſe Halsbaͤnder, die 5 Jahre und laͤnger halten konnen, koſten uns nur 24 Centimen. Anmerk. d. Verf. 166 macht worden, giebt dem Eigenthuͤmer ſelbſt und zugleich dem Kaͤufer einen beſtimmtern Begriff von dem ungefaͤh⸗ ren Werthe ſeines Products; aber ſie iſt noch beſonders noͤthig, um eine andere Claſſificirung vorzubereiten, welche vor der Schur vorgenommen werden ſoll, und die dann die Sortirung erleichtert. Die letztere Claſſificirung bewirkt man ſo, daß man in die erſte Abtheilung die Thiere nimmt, auf welchen man die beſte Wolle, d, h. die feinſte, die gleichartigſte und ſanfteſte findet, die Quantitaͤt derſelben mag in jedem Vließe auch noch ſo klein ſeyn, und dann die andern Abtheilungen von minder ausgezeichneten Thieren, nach ihren Graden. Man muß allerdings ſehr ſtrenge in der Beurtheilung dieſer verſchiedenen Veredlungsgrade ſeyn, aber man muß doch ein gewiſſes Maaß darin nicht uͤberſchreiten: denn obwohl der Zweck einer guten Sortirung der iſt, die Sor⸗ ten ſo gleichartig als moͤglich zu machen, ſo kann man doch eine ganz vollkommene Gleichheit nicht verlangen, denn ſonſt muͤßte man in manchen Heerden ſo viele Claſ⸗ ſen machen, als es Thiere giebt. Man muß ſich alſo nicht bei unbedeutenden Verſchiedenheiten aufhalten, wie z. B. die Laͤnge des Haars und die Farbe des Schweißes abgeben. Es giebt wenige Heerden, die ſo ungleich ſind, daß man Urſache haͤtte, mehr als 5 Claſſen zu machen(es ſey denn, daß man die uͤble Gewohnheit haͤtte, die Laͤm⸗ mer im erſten Jahre nicht zu ſcheeren, in welchem Falle man allerdings die Jaͤhrlingswolle abſondern muͤßte); die letzte dieſer Claſſen enthaͤlt die Thiere von entſchieden ge— 167 ringern Qualitaͤten, und es iſt darin alles gleich, weil alles ſchlecht iſt. Wir bringen in dieſe fuͤnf Claſſen jedoch nicht die Vließe von ganz bruͤchiger Wolle, d. h. von ſolcher, die wegen Alter, Krankheit oder Kummer der Thiere ein aus⸗ gemagertes Haar bekommen hat, welches dann unter beſ⸗ ſern Umſtaͤnden wieder ſtaͤrker geworden iſt, und ſo aus zwei ſchwach in einander eingepfropften Theilen beſteht. Dieſe Wolle muß man unter die Sterbewolle bringen, ihre Feinheit ſey ſo groß wie ſie wolle. Nachdem man die ausgewachſenen Thiere in Claſſen gebracht hat, geht man zu den Laͤmmern uͤber, von wel⸗ chen man aber nur 2 bis hoͤchſtens 3 Abtheilungen macht, ebenfalls auf den Grund der Feinheit, Ausgeglichenheit und Sanftheit. Wenn man üͤberdies Zeit und Arbeit erſparen will, ſo muß man es ſo einrichten, daß die Sortirung unmittelbar nach der Schur vor ſich gehe, und daß das Vließ aus der Hand des Scheerers gleich auf den Tiſch des Sortirers komme. Dann ſind die Vließe nicht zuſammengewunden, ſie haben dabei keine Riſſe bekommen, und die verſchiede⸗ nen Lagen der Wolle ſind nicht zuſammengeklebt, was manchmal ziemliche Schwierigkeiten macht, wenn man ſie wieder entwickeln und trennen will. Wenn man dieſe Methode, welche wir fuͤr die beſte halten, befolgen will, ſo muß man vor der Schur alles zur Sortirung vorbereiten. Wir wollen alſo dieſe Vorbereitungen genauer angeben. Man muß die Zahl der Sortirer und ihrer Gehuͤlfen nach der Zahl der Scheerer einrichten, deren Zahl nun 168 wieder in Verhaͤltniß ſteht mit der Staͤrke der Heerde und der Zeit, die man auf die Schur verwenden will. Dieſe Sortirung geht mehr oder minder ſchnell, je nachdem die Ausgeglichenheit der Vließe iſt. So nehmen die Vließe von hoher Feinheit, in welchen dieſe Ausgegli⸗ chenheit faſt vollkommen iſt, und wiederum die von ſehr niedrigem Feinheitsgrade, die ganz in das unterſte Sorti⸗ ment kommen, weit weniger Zeit weg, als die Vließe von mittlerer Veredlung. Auch wird die Schur der Schaafe ſchneller ſortirt, als die der Boͤcke. Auf der andern Seite wird der Scheerer mit einem Schaafe ſchneller fertig, als mit einem Vock, ſowohl we⸗ gen des groͤßern Koͤrperumfanges und der mehr verſteckten Theile, als wegen des groͤßern Widerſtrebens des Thiers; beſonders nimmt der gehoͤrnte Kopf viel Zeit weg. Man kann alſo uͤberhaupt das Verhaͤltniß der Schee⸗ rer und der mit der Sortirung beſchaͤftigten Leute nicht beſtimmen, ohne vorher die Geſchicklichkeit der einen und der andern und zugleich die Zuſammenſetzung der Heerde zu kennen. Wir glauben jedoch, daß zwei geuͤbte Sorti⸗ rer mit Beihuͤlfe von zwei Frauen, welche die Vließe zu⸗ tragen und auf den Sortirungstiſchen ausbreiten, bei wenigſtens zwoͤlf Scheerern genuͤgen koͤnnen. Man hat bei dieſer Operation wohl dazu beſonders eingerichteten Huͤrden den Vorzug vor den Tiſchen gege⸗ ben, weil auf ſolchen ein Theil des Kothes und andern Schmutzes ſich von dem Vließe abloͤſen und durchfallen kann; wir glauben aber doch, daß die Tiſche beſſer ſind, weil das Vließ beſſer darauf auseinandergleitet und keine Flocke unter die Fuͤße faͤllt. Dieſe Tiſche muͤſſen groß 169 genug ſeyn, damit das ausgebreitete Vließ Platz darauf habe, ſie muͤſſen aber auch nicht zu groß ſeyn, damit zwei Sortirer, die ſich mit demſelbigen Vließe beſchaͤftigen, alle Theile leicht uͤberſehen koͤnnen. Man muß es ja ſo einrichten, daß dieſe Tiſche in einem guͤnſtigen Lichte zu ſtehen kommen. Dieſe Vorſicht iſt von großer Wichtigkeit; denn die Anſicht einer Wolle, und folglich das Urtheil, was man daruͤber faͤllt, koͤnnen ſehr verſchieden ſeyn, je nachdem das Licht darauf faͤllt, und wir vermeiden, ſo wie faſt alle Kenner, daß die Son— nenſtrahlen nicht unmittelbar aufs Vließ fallen, und ſu— chen dabei den Schatten und das Licht zugleich. Wenn uͤbrigens die Sortirer geuͤbt ſind, ſo kann man ſich auf ſie verlaſſen, daß ſie ſchon den guͤnſtigſten Platz fuͤr ihre Tiſche auswaͤhlen werden. Man muß ſich auf genugſame Koͤrbe gefaßt machen, welche die verſchiedenen Sorten der Wolle aufnehmen ſol— len. Wenn man nur zwei Sortirer an einem Tiſche hat, oder vier Sortirer an zwei Tiſchen, die dicht genug an⸗ einander ſtehen, um die Wolle in dieſelben Koͤrbe werfen zu koͤnnen, ſo wird die Zahl der Koͤrbe nur den Sorti— menten gleich zu ſeyn brauchen, die man machen will. Der Ort, wo man die Wolle aufbewahrt, muß frei von aller Feuchtigkeit ſeyn, es muͤſſen ſich darin Abſchlaͤge fuͤr jede Wollart befinden, und man muß die Wolle nie— mals auf den Boden legen, wenn er auch noch ſo trocken und rein waͤre. Eine Waage neben den Sortirungstiſchen wird das Gewicht der vollen Koͤrbe angeben, bevor man ſie in die Magazinbehaͤlter ſchuͤttet, und wenn man die Tara dieſer 170 Koͤrbe ausgemittelt hat, ſo wird man daraus das Netto⸗ gewicht der Wolle folgern. Wir empfehlen es den Schaͤfereibeſitzern aber auch ſehr, das Gewicht eines jeden Vließes im Schweiße und die Verhaͤltniſſe der Qualitaͤten, welche dieſe Vließe enthalten, ſowohl in beſondern Abtheilungen als in Maſſe, genau zu notiren. Die Sortirung einer Heerde, wo alle Thiere nummerirt und regiſtrirt ſind, giebt uns hoͤchſt nuͤtzliche Anzeigen zur Vervollkommnung unſerer Wolle, wenn ſie mit der Sorgfalt, wie wir angegeben haben, bewirkt wird; denn jene Bemerkungen werden nach der Waͤſche und dem Verkauf eine richtige Idee von dem Werthe unſerer Vließe geben und uns mithin bei der Auswahl unſerer Zuchtthiere zur richtigen Leitung der Zuͤchtung wichtige Fingerzeige geben. Man wird oft ſelbſt erſtaunen uͤber den großen Unterſchied des Preiſes zweier in ihrer Qualitaͤt ungleichen Vließe, und nichts wird uns mehr ermuntern, unſre Wolle zu verbeſſern, als ſolche Bemerkungen. Wir werden wenig uͤber die Grundſaͤtze zu ſagen ha⸗ ben, welche bei der Sortirung ſelbſt befolgt werden muͤſſen, weil ſie von denen nicht verſchieden ſind, die man bei der Claſſification bei der Schur befolgen muß. Der Scheerer muß angewieſen werden, die ganz ſchlech⸗ ten und haarigen Theile, die er an den Beinen, dem Vor⸗ kopf und den Backen abſcheert, nicht unter das Vließ zu werfen. Denn ſie wuͤrden dieſes nur unrein machen, wenn ein Theil ihrer Stichelhaare ſich hineinſetzte. Sie werden gleich in einen beſondern Korb geworfen, wenn man nicht etwa das ganze Gewicht des Vließes vor der Sortirung 171 unterſuchen will: in dem Falle muß der Scheerer ſie be⸗ ſonders an die Seite legen. Man muß die Schur und Sortirung bei den Thieren der erſten Claſſe anfangen, um bei dem Uebergange zu den andern die Sorten, welche ſie liefern, mit den ſchon ge⸗ machten zu vereinigen, z. B. die erſte Sorte der zweiten Claſſe mit der zweiten Sorte der erſten Claſſe u. ſ. w., wenn dies anders angemeſſen ſcheint. Der Hauptgrundſatz einer guten Sortirung iſt die Gleichartigkeit der Sorten hinſichtlich der Feinheit, der Ausgeglichenheit und der Sanftheit. Die Laͤnge und die Farbe der Wolle ſind von geringerer Wichtigkeit, jedoch muß man die Farbe des Fettſchweißes ja nicht mit der verwechſeln, welche das Haar auf eine unausloͤſchliche Art vom Urin erhalten hat. Man wird Bauchwolle finden, die ſehr gut mit andern Qualitaͤten und ſelbſt mit ſehr hohen gemengt werden kann; wogegen es andere Bauch⸗ wolle giebt, die mit keiner einzigen gemengt werden darf, ſondern in eine beſondere Claſſe ſolcher gelben Wolle ge— worfen werden muß. Was die Laͤmmer anbetrifft, wovon wir vorher zwei oder drei Claſſen gemacht haben, ſo muß man den Schee⸗ rern empfehlen, die ſchlechten und ſtichelhaarigen Theile abzuſondern, die ſich bei dieſen jungen Thieren mehr als bei den ausgewachſenen finden. Dieſe Vorſicht muß um ſo weniger verſaͤumt werden, da die Lammvließe, wenn ſie ſo ausgereinigt ſind, ganz in ihr Sortiment kommen koͤnnen, ohne daß der Sortirer etwas auszuſchießen braucht; wenigſtens iſt dies der Fall bei denen der letzten Claſſe. Uebrigens verweiſen wir unſere Leſer auf die verſchie⸗ 17 nen Schriften, die von der Sortirung handeln, und wir ſagen ſchließlich nur noch, daß dieſe Operation leicht und ſicher iſt, wenn man wahre Wollkenntniß hat, daß ſonſt aber manche Nachtheile bedeutende Fehlgriffe und Verrech⸗ nungen dabei vorgehen koͤnnen. 2 XXVII. Anmerk. d. Ueberſ. Dieſe Sortirung der ungewaſche⸗ nen Wolle iſt wohl durchaus noͤthig, wenn ſie nachher auf die von den Verf. angegebene Art gewaſchen wer⸗ den ſoll. Denn dabei wird die Wolle ſo verzottelt, daß eine nachherige Sortirung aͤußerſt ſchwierig wird. Des— halb wird auch in Spanien die Wolle jeder Heerde bei der Schur in vier Claſſen ſortirt und dann, jede beſon- ders, warm gewaſchen. Da aber dieſe Sortirung be— ſonders bei der hoͤchſten Claſſe fuͤr gute Fabrikate nicht zureicht, ſo iſt es eine der Hauptbeſchwerden, die man gegen die ſpaniſche Handelswolle im Vergleich mit der unſrigen hat, daß dieſe genauere Sortirung ſo ſehr viel ſchwieriger ſey. Wir finden uns bisher bei unſern Handelsverhaͤlk niſſen nicht veranlaßt, eine ſolche Sortirung vorzuneh— men; denn, wenn in einer verſchiedenartigen Heerde Vließe, deren Abſtand in die Augen faͤllt, abgeſondert 1 werden, wenn man den Bein-Kopf- und gelben Bauch⸗ abfall nicht mit in die Vließe wickelt und aus dieſen ſelbſt einige kothige oder beſonders haarige Stellen ab⸗ reißt, ſo kann man dies nicht ſortiren nennen. Da der Landwirth ſich wohl ſelten geſchickte Sortirer bei 173 der Schur wird verſchaffen koͤnnen, ſo muͤßte er eine ſehr geuͤbte Kenntniß der Wollqualitaͤten beſitzen, wenn er es ohne Nachtheil uͤbernehmen will. Sonſt iſt es gewiß, daß die Handelsſortirung auch bei unſerer Pelz⸗ waͤſche zugleich mit der Schur vortheilhaft vorgenom— men werden koͤnne. Bei veraͤnderten Handelsconjunc— turen koͤnnte dieſe Sortirung jedoch einmal rathſam werden und es iſt wohl zu erwarten, daß die dazu er— forderlichen Kenntniſſe ſich bald unter den Landwirthen genuͤgend werden verbreitet haben, da ohne ſelbige eine hohe Stufe der Schaafzucht doch nicht wohl erreicht werden kann. Wir ſortiren in Noͤglin zwar nicht, aber wir bonitiren jedes Vließ in allen ſeinen Theilen und nach allen ſeinen Qualitaͤten— wobei der Stapelbau beſonders in Betracht kommt— und dieſe Bonitur wird dann gleich mit gewiſſen Zeichen protocollirt. Eine Sortirung wuͤrde wohl nicht mehr Zeit und mehr Kennt⸗ niſſe und Scharfblick erfordern. Jenes aber iſt inſtruc⸗ tiver. Den Bonitirungsausſpruch darf nur Einer thun, denn er muß nach einem im Kopfe gebildeten Maaß⸗ ſtabe geſchehen. Darum werden auch nicht leicht mehr als 12 Scheerer zur Zeit genommen, wobei dann noch einige verſtaͤndige Handreicher noͤthig ſind. Ich habe mannigfaltige Arten, die Schaafe zu nume⸗ riren, geſehen und verſucht, die alle bedeutende Maͤngel haben; die blechernen Halsbaͤnder kenne ich aber noch nicht. Die Nummerirung mit den Ausſchnitten in den vier Raͤndern des Ohres und deſſen Spitzen laͤßt aber faſt nichts zu wuͤnſchen uͤbrig, da ſie deutlich, unwan⸗ 174 delbar und, gleich nach der Geburt gemacht, das ganze Leben hindurch ausdaurend iſt. Zweiter Abſchnitt. Von der Wäͤſche. Die Wolle kann in den Manufacturen nur gebraucht werden, nachdem ſie gruͤndlich entfettet iſt, und dieſe letzte Operation wird immer nur in der Fabrik vorgenommen; aber die Wolle wird haͤufig bei den Producenten oder bei dem Kaufmann verſchiedenen Arten von vorlaͤufigen Waͤſchen unterworfen. In verſchiedenen Gegenden waͤſcht der Producent ſeine Vließe in kaltem Waſſer auf dem Koͤr⸗ per der Thiere; weit haͤufiger liefert er ſie(in Frankreich) dem Kaufmann in ihrem ganz ungewaſchenem Zuſtande ab, dieſer bekommt alſo die Wolle als Mittelsperſon zwiſchen den Producenten und Fabrikanten entweder im vollen Fett— ſchweiß oder ſchon auf dem Koͤrper gewaſchen; er unter⸗ wirft ſie dann der Sortirung und darnach einer warmen Waͤſche, die unter dem Namen der Handelswaͤſche bekannt iſt. Erſt nach dieſer Waͤſche bietet er ſie dem Fabrikanten, nach den verſchiedenen Qualitaͤten abgetheilt, welche letz⸗ terer fuͤr dieſe oder jene Arten der Fabrikation ſucht, an. Das Verfahren bei dieſen verſchiedenen Arten von Vaͤſchen iſt zu bekannt, als daß man hier eine genauere Beſchreibung deſſelben erwarten kann. Unſere Abſicht iſt nur ihre comparativen Reſultate hier zu unterſuchen, und uns dann mehr an diejenige Methode zu halten, die uns 175 den Vorzug vor allen andern, hinſichtlich des Intereſſe des Producenten und des Fabrikanten, zu haben ſcheint. Nach— dem wir ihre Vorzuͤge entwickelt, und ihre Anwendung empfohlen haben, werden wir uns genauer mit den Hand⸗ griffen beſchaͤftigen, die ihr einen gluͤcklichen Erfolg ſichern. XXVIII. Anmerk. d. Ueberſ. Was die Verf. nun uͤber die ver⸗ ſchiedenen Waſchmethoden und dann detalllirter uͤber die ihrigen ſagen, iſt zwar fuͤr uns von keinem unmit⸗ telbar practiſchen Nutzen, indem wir uns— den Fall ausgenommen, daß man in der Naͤhe durchaus kein taugliches Waſſer haͤtte— von unſerer im Wollhandel als gut und zureichend angenommenen Waͤſche abzuge⸗ hen nicht veranlaßt finden werden; jedoch enthaͤlt es manche Bemerkungen, die dem Wollkenner intereſſant ſeyn werden und ihm, auch ohne eine andere Waſch⸗ methode anzunehmen, nuͤtzliche Fingerzeige geben koͤnnen. Ich glaube alſo auch dies der Aufmerkſamkeit der Leſer empfehlen zu koͤnnen. Von der Waͤſche auf dem Koͤrper.(Pelzwaͤſche) Dieſe Waͤſche iſt in dem groͤßten Theile von Deutſch— land gebraͤuchlich, und in einigen Provinzen von Frank⸗ reich. Man muß bemerken, daß dieſe Waͤſche eine Neuerung in der Haltung der Merinos ſey, denn dieſe Raße wird ihr in Spanien, woher wir ſie gezogen haben, nicht unterworfen, und dieſer Gebrauch hat ſich wohl nur in Folge der Meſtizirung auf ſie ausgedehnt in den 176 Laͤndern, wo man ſchon fruͤher gewohnt war, die Land⸗ ſchaafe auf dieſe Art zu waſchen. Wir koͤnnen nicht glauben, daß dieſe Methode ganz ohne uͤble Folgen fuͤr die Geſundheit der Thiere ſey, denn es iſt in der That nicht ſelten, daß man dabei Schaafe umkommen ſieht, oder daß dieſe Operation wenigſtens ge⸗ faͤhrliche Krankheiten in ihrer Folge habe. Dieſe Unan⸗ nehmlichkeit zeigt ſich beſonders in der Nachbarſchaft hoher Gebirge, d. h. an Orten, die einer ploͤtzlichen Veraͤnderung der Temperatur unterworfen ſind. Vielleicht wird man ſagen, daß die Raßen der Schaafe an dieſe Behandlung gewoͤhnt werden koͤnnen, ſo daß ihre Einwirkung immer ſchwaͤcher werde und ſich am Ende ganz verliere, je laͤnger man bei dieſem Gebrauche verharret. Aber ohne dieſe Macht der Gewohnheit ganz zu laͤugnen, die ſich jedoch etwas ſchwer erklaͤren laͤßt, ſo glauben wir doch, daß man nicht ohne einige Gefahr dieſe Waͤſche auf dem Koͤrper ſchnell einfuͤhren koͤnne an Orten, wo ſie bisher nicht uͤb— lich war, und daß man auch an Orten, wo ſie im allge⸗ meinen Gebrauch iſt, doch nicht ganz gegen einen daraus entſtehenden Verluſt geſichert ſey. Neben dieſen Bedenklichkeiten ſcheint dieſe Waͤſche aber doch auch einige Vortheile zu haben, die wir erwaͤgen wollen. Wir haben ſchon geſehen, daß nichts ſchwankender ſey, als die Schaͤtzung der Wolle in ihrem vollen Fettſchweiße, wegen ihrer groͤßern oder geringern Reinigkeit, und folglich des verſchiedenen Abganges, den ſie bei der Entfettung erleidet. Dieſe ungewiſſe Abſchaͤtzung iſt es jedoch, wor⸗ auf der Produtent, der verkauft, von der einen Seite, 177 und derjenige, der ſie kauft, auf der andern Seite ſeinen Entſchluß begruͤnden muß; einer und der andere koͤnnen ſich dabei ſehr truͤgen; der Kaufmann aber wird ſich ſchon gegen einen Verluſt zu ſchuͤtzen wiſſen, den ihm eine falſche Schaͤtzung verurſachen koͤnnte, indem er nur einen Preis bietet, der auf das moͤgliche Minimum begruͤndet iſt, wo— gegen der Producent, der uͤber den wahren Werth ſeiner Wolle ungewiß iſt, ſich am Ende gezwungen ſieht, der Abſchaͤtzung des Kaͤufers ſich zu unterwerfen. Man hat alſo einen großen Schritt gemacht, wenn man nur dahin gekommen iſt, die Ruͤckſichten, worauf ſich der Verkauf der Wolle begruͤndet, zu vereinfachen, und dies bewirkt gewiſ⸗ ſermaßen die Waͤſche auf dem Koͤrper, indem ſie einen Theil des Fettſchweißes und der Unreinigkeiten wegnimmt, und ſo die Graͤnzen verengert, in welchen der Abfall ſtatt finden kann: die Erfahrung lehrt uns, daß dieſer Abfall ſich bei den ungewaſchenen Wollen auf 60 bis 80 pCt. ausdehnen koͤnne. Es iſt nur zu gewiß, daß einige Wollen im Fettſchweiß nur 20 pCt. bei der gruͤndlichen Entfettung hinterlaſſen haben, wogegen andere reinere bis 40 pCt. alſo das dop⸗ pelte gaben; aber der Abgang der auf dem Koͤrper gewa⸗ ſchenen Wolle kann bei der voͤlligen Entfettuug nicht mehr als 25 bis 40 pCt. betragen, weil die Wolle zuweilen bis 75 pCt. voͤllig reiner Wolle gaben; ein anderes Mal nur 60. Man ſieht alſo, daß der Kaͤufer nicht ſo große Gefahr laufe, ſich bei der Schaͤtzung der auf dem Koͤrper gewa⸗ ſchenen Wolle zu truͤgen, als bei der ungewaſchenen Wolle, und daß er alſo dem Producenten ein gerechteres Gebot machen koͤnne; wir hoffen aber in der Folge zu zeigen, 12 178 daß die Data, die der Schaͤtzung zum Grunde liegen, immer weniger ungewiß werden koͤnnen. Hier wollen wir nur die Gruͤnde angeben, warum man nicht hoffen darf, dieſen Zweck bei der Pelzwaͤſche ganz zu erreichen, dieſe ſind: weil es erſtlich ſehr ſchwer iſt, durch dieſe Art der Waͤſche das Vließ von allen Unreinigkeiten zu befreien, weil zweitens man nach dieſer Waͤſche genoͤthigt iſt, die Wolle eine Zeit⸗ lang trocknen zu laſſen, bevor man ſchiert, ſich indeſſen der Schweiß in groͤßerer oder geringerer Menge wieder erzeugt, und das Vließ einer Beladung mit neuen Unreinigkeiten ſowohl vor als waͤhrend der Schur ausgeſetzt iſt. Wir wollen noch die Bemerkung hinzufuͤgen, daß die franzoͤſichen Schaͤfereibeſitzer bei weitem nicht die Vorſicht wie die Deutſchen gebrauchen, um die Wolle zum Verkaufe vorzubereiten. Um einen moͤglichſt annaͤhernden Begriff uͤber den wahrſcheinlichen Werth ihres Products zu erhalten, und alſo den Preis vortheilhafter behandeln zu koͤnnen, begnuͤgen ſich letztere nicht blos mit dieſer Waͤſche, ſon⸗ dern ſie ſortiren auch ſo viel moͤglich ihre Vließe unterein⸗ ander, und bringen ſie nun zum Verkauf, nachdem ſie die ganz ſchlechten Theile abgeſondert haben. XXIX. Anmerk. d. Ueberſ. Daß ſich die Merinos an die Pelz⸗ waͤſche gewoͤhnen wuͤrden, wenn ſie ihnen ſonſt entſchie— den nachtheilig waͤre, iſt nicht wohl glaublich. Aber die Waͤſcher gewoͤhnen ſich daran und wenn man lauter unerfahrne Leute dabei anſtellte, ſo moͤgte ſich wohl manches Ungluͤck dabei ereignen. Nun aber faͤllt dies 179 ſo aͤußerſt ſelten vor, daß ſich wohl niemand aus die⸗ ſem Grunde von dieſer Methode abſchrecken laſſen wird. Unſere Beharrlichkeit bei derſelben wird aber dadurch begruͤndet, daß die ſo gewaſchene Wolle den allgemeinen Beifall der Wollhaͤndler und Fabrikanten hat, und bei derſelben von keiner Handelswaͤſche je die Rede iſt. Ob die ſo gewaſchene Wolle jemals bei der Fabrikwaͤſche noch 40 Procent verlieren koͤnne, laſſe ich dahingeſtellt ſeyn. Gut auf dieſe Art gewaſchene Electoralwolle ver⸗ liert aber nach der Ausſage aufrichtiger Fabrikanten bei der eigentlichen Fabrikwaͤſche nur 20 Procent und es findet ſich ſogar welche, die nur 15 Procent Abgang erleidet. Bei der Infantadowolle mit dem pechartigen Schweiß mag der Abgang, auch wenn die Waͤſche gut vollfuͤhrt iſt, wohl ſtaͤrker ſeyn. Auch hat mir ein Woll— haͤndler geſagt, daß aus einer Wolle 27 Procent Sand herausgeklopfet waͤren, was mir aber nur durch einen ſchaͤndlichen Kunſtgriff, Sand zur Vermehrung des Ge— wichts darunter zu ſtreuen, begreiflich wird. Durch eine ordentliche Pelzwaͤſche wird er ſonſt mit herausgeſpuͤhlt. Sey der Verluſt, den unſere gut und tadellos gewaſchene Wolle bei der Fabrikwaͤſche noch erleidet, groß oder klein, ſo geht das nur den Fabrikanten, nicht uns Producenten an. Der Preis beſtimmt ſich nun einmal fuͤr ſo gewaſchene Wolle. Geſetzt, daß ſie noch viel gegen die nach ſpaniſcher Art warm gewaſchene Wolle verliere, ſo waͤre dies ihrem innern Werthsver⸗ haͤltniſſe um ſo guͤnſtiger, da die auf dem Koͤrper ge⸗ waſchene und nachher ſortirte Electawolle jetzt den dop— pelten Preis der beſten leoneſer Wolle gilt. 12* 180 Uebrigens iſt es bekannt, daß in Deutſchland der bei weitem groͤßte Theil der Wolle von den Producenten durchaus nicht weiter gereinigt und ſortirt, ſondern in der Regel die Schur der ganzen Heerde unter einander gemengt, verkauft wird. Nur neuerlich hat man hier und da angefangen, die Kopf⸗ Bein- und glatte Bauch⸗ wolle abzuſondern und in ſehr gemiſchten Heerden die verſchiedenartigen Vließe in mehrere Claſſen zu bringen. Die Sortirung wird ganz und gar den Wollhaͤndlern uͤberlaſſen. Die Verf. muͤſſen alſo ſehr einſeitige Nach⸗ richten uͤber deutſche Schaafzucht erhalten haben. Von der Handelswaͤſche. Die warme Waͤſche, unter dieſem Namen bekannt, hat nicht eine vollkommene Entfettung der Wolle zum Zweck, ſondern nur alle Unreinigkeiten zu entfernen, und uͤberdies ihren Schweiß(suint) und ſogar einen Theil ihres Fetts. (Furgc.) Sie laͤßt ihr gewoͤhnlich nur einen Theil des Fettes, der zwiſchen 7 und 15 Procent betraͤgt. In Spanien iſt eine aͤhnliche Waͤſche im Gebrauch, man laͤßt der Wolle aber 15 bis 20 Procent Fett, es iſt hier alſo ein Spielraum von 7 und von 20 Procent, zwi⸗ ſchen dem Minimum und Maximum, welches in Frankreich und in Spanien vorkommt. Die warme Waͤſche hat alſo einen Vorzug vor der Pelzwaͤſche, weil ſie die Ruͤckſichten bei der Schaͤtzung mehr vereinfacht. Dieſe Vereinfachung wird aber noch bedeutend mehr befoͤrdert durch die Sortirung, welche die⸗ ſer Handelswaͤſche vorhergeht, und man begreift leicht, daß 181 ein Fabrikant, der eine ſchon ſortirte Wolle kauft, nur wenig Gefahr laͤuft, ſich in der Berechnung zu irren, die er ſeinem Handel zum Grunde gelegt hat. Aber dieſe Vortheile, die eine andere Methode auch gewaͤhren kann, wiegen die unvermeidlichen Unannehmlich⸗ keiten dieſer Handelswaͤſche nicht auf. Wir haben zwar ſchon von den Veraͤnderungen geſprochen, welche die we⸗ ſentlichen Qualitaͤten der Wolle durch aͤußere Einwirkun⸗ kungen vor der Schur erleiden koͤnnen, aber wir haben noch nichts von den zuweilen ſehr nachtheiligen Folgen der Behandlungen, denen ſie bis zu ihrer Fabrikation unterliegt, geſagt. Unter dieſen kann das Untertauchen in das warme Bad das nachtheiligſte werden. Dieſes warme Bad ver⸗ haͤrtet die Wolle oft ſo ſehr, daß ſie einen großen Theil ihrer Sanftheit und Geſchmeidigkeit verliert, es waͤre alſo zu wuͤnſchen, daß man es ganz vermeiden koͤnnte; aber das iſt ganz unmoͤglich, und die gruͤndliche Entfettung erfordert es unbedingt. Aber wenn die letzte warme Waͤſche unvermeidlich iſt, ſo iſt dies doch nicht der Fall bei jener Handelswaͤſche, und ihre Vermeidung wird dadurch, daß eine der Urſachen der Erhaͤrtung wegfaͤllt, eine wuͤnſchens⸗ werthe Verbeſſerung ſeyn. XXX. Anmerk. d. Ueberſ. Dieſe ſogenannte Handelswaͤſche i*ſt die ſpaniſche, die in der Regel auch dort nicht eigent⸗ lich von dem Producenten— welcher ſeine Wolle meh⸗ rentheils nach der Kopfzahl verkauft— ſondern vom Kaͤufer vorgenommen und geleitet wird. Sie unter⸗ ſcheidet ſich von der Fabrikwaͤſche dadurch, daß ſie nur 182 in bloßem, obgleich warmem, Waſſer geſchiehet und nichts laugenartiges dazu genommen wird, was bei letzterer nothwendig iſt. Sie iſt jetzt wohl allgemein im Wollhandel fuͤr nachtheilig anerkannt und ſelbſt rei⸗ ſende ſpaniſche Kaufleute haben dies eingeſehen; aber die Spanier haben etwas anderes zu denken, als auf ihre Wolle, und werden es ſo lange wohl noch beim Alten laſſen. Unbegreiflich iſt es, wie neuerlich deutſche Schriftſteller ſie noch empfehlen und von Nachahmung der ſpaniſchen Waſchanſtalten ſprechen koͤnnen. Von der gruͤndlichen Entfettung. Wir haben oben geſagt, daß dieſe allemal in der Fa⸗ brik geſchaͤhe: und es kann wohl nicht anders ſeyn. Man weiß, daß die Wolle, wenn ſie auch noch ſo gut entfettet war, doch immer einiges Fett wieder entwickelt, wenn ſie vor ihrer Anwendung laͤngere Zeit in Saͤcken oder zuſam⸗ mengepreßten Lagen erhalten wird: wir koͤnnen dieſes Hervortreiben des Fettes nur der markigen Subſtanz des Haares beimeſſen, welche das warme Bad gluͤcklicher Weiſe nicht ganz aufloͤſen kann, und welches, wie wir ſchon bemerkt haben, wahrſcheinlich zur Erhaltung der Geſchmei— digkeit und Sanftheit der Wolle dient. Wie dem auch ſey, ſo wuͤrde dieſes Fett, ſo unbedeutend es auch ſeiner Maſſe nach ſeyn mag, bei der Fabrikation große Hinderniſſe ver⸗ urſachen, wenn die letzte Entfettung ihr zu lange vorherginge. Alſo iſt dieſe Entfettung nicht nur unumgaͤnglich, ſon⸗ dern ſie muß auch der Fabrikbereitung unmittelbar vorher⸗ gehen und deshalb von Fabrikanten ſelbſt beſorgt werden. 183 Die Producenten ſo wenig als die Wollhändler koͤnnen ſie daher unternehmen, und es wuͤrde daher unnuͤtz ſeyn, den Vortheil dieſer Art von Waͤſche zu zeigen, den er ſonſt hinſichtlich der genauen Berechnung des wahren Werths der Wolle haben koͤnnte. Wir wollen alſo zu derjenigen Methode uͤbergehen, die wir fuͤr das gegenſeitige Intereſſe der Landwirthſchaft und des Handels als die vorzuͤglichſte erklaͤrten, und ihre Vor⸗ theile darzuſtellen verſuchen. Von der kalten Waͤſche nach der Schur. Dem Erzeuger den Werth ſeiner Wolle kennen zu lehren, indem man ihm ihre wahre Ergiebigkeit zeigt; ihn zu bewegen, die Vließe moͤglichſt rein zu halten, ihn von dem großen Nutzen zu uͤberzeugen, welchen die Veredlung der Merinozucht, beſonders hinſichtlich des Verhaͤltniſſes der Wolle erſter Claſſe, in ſeinem Vließe gewaͤhren kann, und ihn ſo zu bewegen, daß er diejenigen Qualitaͤten, die am ſchäͤtzbarſten ſind, bei der Wahl ſeiner Zuchtthiere am mei⸗ ſten im Auge behalte; ihn endlich zu ermuntern, daß er auf dem Wege der Veredlung feſt beharre— dies iſt es, wir wiederholen es, was man nicht aus dem Auge ver— lieren darf, wenn man dasjenige Verfahren aufſucht, wo⸗ durch man aus der Schaafzucht den moͤglich groͤßten Vor⸗ theil ziehen kann. Die kalte Waͤſche nach der Schur, ſo wie die Abſonderungen und Sortirungen, die derſelben vorhergehen müſſen, dienen de zu, jenes zu erreichen. Un⸗ ſere Ueberzeugung, wenn ſie richt durch das ſchon geſagte hinlaͤnglich gerechtfertigt waͤre, wird es durch das folgende werden. Wir hoffen, daß die allgemeinen Folgen, welche 184 aus der von uns angerathenen Methode entſpringen, der Aufmerkſamkeit unſerer Leſer werth ſcheinen, und daß ſie es nicht verſagen werden, ihren ganzen Umfang zu wuͤrdigen. Wir wiſſen ſchon, daß das kalte Waſſer zureiche, der Wolle allen Fettſchweiß und alle Unreinigkeiten zu beneh⸗ men, ſo daß ihr nur das bleibe, was man Fett im eigent⸗ lichen Verſtande(surge) nennt, und welches das warme Bad allein aufloͤſen kann. Es giebt daher einen Punct, uͤber welchen hinaus das kalte Waſſer der Wolle nichts entziehen kann, wenn man auch dieſe Waͤſche noch ſo oft wiederholt und die Einweichung noch ſo ſehr verlaͤngert. Dies iſt eine merkwuͤrdige Thatſache, worauf wir uns vorzuͤglich ſtuͤtzen duͤrfen. Wiederholte Verſuche, die mit der hoͤchſten Genauigkeit ausgefuͤhrt wurden, haben ſie uns vollkommen beſtaͤtigt, und uͤberdies liegt nichts darin, was ſich nicht leicht erklaͤren ließe. Eine Wolle freilich, die man nur unvollkommen ein⸗ und auch das anderemal gewaſchen haͤtte, wuͤrde allerdings beim dritten⸗ male noch etwas zu verlieren haben; wenn man ſie aber lange genug eingeweicht hat, um ihre Waͤſche ſo vollkom⸗ men als moͤglich zu machen, und wenn ſie nachher ſorg⸗ faͤltig ausgeſpuͤlt worden, ſo muß ſie in der erſten Waͤſche alles das verloren haben, was das kalte Waſſer ihr neh⸗ men kann, und man wird dann vergeblich verſuchen, ihr durch wiederholte kalte Waͤſchen mehr zu entziehen. Der Abgang, den ſie bei der vollkommenen Entfettung dann noch erleidet, wird nur ihr eigentliches Fett(surge) be⸗ treffen. Das Verhaͤltniß dieſer Art des Fetts veraͤndert ſich freilich nach den verſchiedenen Arten der Wollen, und unſere Unterſuchungen haben uns noch nicht belehrt, ob 185 dieſes Verhaͤltniß vom Gewichte, von der Feinheit oder von irgend einer andern Beſchaffenheit des Vließes ab⸗ haͤnge; aber davon haben wir uns wenigſtens verſichert, daß dieſe Abweichung in ſehr engen Graͤnzen beſchraͤnkt iſt, weil nur ein Unterſchied von 22 bis 29 Procent, als Minimum und Maximum des Abganges, den eine voll⸗ kommen kalt gewaſchene Wolle nach der gaͤnzlichen Ent⸗ fettung erleidet, ſtatt findet. Wir koͤnnen alſo nun die Reſultate der verſchiedenen Methoden, die wir betrachtet haben, mit einander vergleichen, beſonders in Hinſicht der Vereinfachung der Ruͤckſichten, die man bei dem Verkaufe zu nehmen hat: das folgende Tableau wird dieſe Verglei⸗ chung erleichtern. uUnterſchied Abfall Ruͤckſtand unter ſchia⸗ Höchſte ch nach Maximum Irrung, der ganglichen wer 155 und dedeun Entfettung. icheununnt Minmum. terworfen ſtandes. iſt. Wenn man naͤm⸗ Ungewaſchene Haͤlfte ſlich einen Ruͤckſtand Wolle des von 40 pCt. annaͤh⸗ 60 bis 80 pCt. 40 bis 20 20 pCt.Werths. me und nur 20 pCt. pCt. erhielte, ſo wuͤrde man ſich um die Haͤlfte des Werths geirrt haben. Wolle, die auf Wenn man in die⸗ dem Koͤrper ſem Falle auf einen der Thiere Ertrag von 75 pCt. gewaſchen ö5ter Theil rechnete und nur 60 iſt des erhielte, ſo wuͤrde 25 bis 40 pCt. 75 bis 60 15 pGt. Werths. man ſich um 15 pCt. PCt. geirrt haben. 186 Es erhellet alſo hieraus, daß die kalte Waͤſche nach der Schur diejenige iſt, welche die wenigſte Irrung beim Verkaufe zulaͤßt, und daß der Fabrikant ebenfalls Urſache habe, ſo gewaſchene Wolle vor allen aufzuſuchen, weil die Frrung, die hinſichtlich ihres wahren Abganges ſtatt finden koͤnnte, ſich nur auf den eilften Theil ihres Werths er⸗ ſtrecken kann, wogegen die Irrung bei andern Wollen ſehr bedeutend ſeyn und ſogar die Haͤlfte des Werths betragen kann. Man ſieht alſo, daß die kalte Waͤſche nach der Schur ſo vollkommen iſt, als ſie nur ſeyn darf, und in dieſer Hinſicht der Waͤſche auf dem Koͤrper der Thiere weit vorzuziehen, weil dieſe immer noch Schmutz, beſonders am Ende der Stapel, zuruͤcklaͤßt, und weil uͤberdies der Schweiß waͤhrend der noͤthigen Zwiſchenzeit zwiſchen der Waͤſche und Schur wieder hervorbricht, und auch waͤhrend derſelben die Vließe der Gefahr, mit Schmutz und fremden Koͤrpern beladen zu werden, ausgeſetzt ſind. Aber das iſt noch nicht alles, und bevor wir das Verfahren, welches wir am meiſten geeignet halten, der kalten Waͤſche nach der Schur den gluͤcklichſten Erfolg zu ſichern, genauer beſchreiben, wollen wir mit wenigem noch einige andere Vortheile angeben, welche fuͤr die Praxis daraus erfolgen. Dieſe ſind: 1) durch die Waͤſche nach der Schur werden alle Gefahren vermieden, die bei dem Waſchen der Thiere ſelbſt ihrer Geſundheit nachtheilig werden koͤnnten; 2) die Eigenthuͤmer koͤnnen einen großen Vortheil von der Abſonderung und Sortirung, die der Waͤſche vorhergehen muß, ziehen, hinſichtlich der Kenntniſſe, die ſie dadurch vom wahren Werthe ihres Products erhalten, und von den ver⸗ ſchiedenen Qualitaͤten der Wolle, wodurch ſie ſich dann auf 187 dem richtigſten Wege erhalten, um zu dem gewuͤnſchten Grade der Veredlung zu kommen. Sie werden dann nicht weiter auf die Gewichtsvermehrung rechnen, welche die Menge von Fettſchweiß und Unreinigkeiten ihren Vließen giebt, und werden demnach ihr Beſtreben mehr auf die Qualitaͤt richten; 3) die Wollen, welche nach der Sorti— rung kalt gewaſchen ſind, werden dem Fabrikanten will⸗ kommen ſeyn, ohne daß der Wollhaͤndler noͤthig hat, ſie noch einer warmen Waͤſche zu unterwerfen, deren unnuͤtze Schaͤdlichkeit wir erkannt haben; 4) die vollkommene Entfettung, welche weit leichter und vollſtaͤndiger vor ſich gehe bei einer Wolle, die noch keine warme Waͤſche erlit⸗ ten hat. Setzen wir nun voraus, daß alle Operationen der Schur und der Sortirung vorgenommen ſind, und gehen zu der Waͤſche ſelbſt uͤber. XXXI. Anmerk. d. Ueberſ. Ich war wirklich zweifelhaft, ob ich die nun folgende ausfuͤhrliche Beſchreibung der kal⸗ ten Waͤſche nach der Schur weglaſſen oder wenigſtens abkuͤrzen ſollte, indem wir, bei irgend guͤnſtigem Local zur Pelzwaͤſche, uns wohl nicht durch die Gruͤnde der Verf. bewogen finden werden, davon abzugehen. Allein dieſes guͤnſtige Local iſt nicht allenthalben, es fehlt an manchen Orten an tauglichem Waſſer und man hat ſich entſchließen muͤſſen, kuͤnſtliche Waͤſchen, die nicht immer dem Zweck entſprechen, anzuwenden, oder ſeine Heerde weithin zu beſſerm Waſſer zu treiben, was gewoͤhnlich nicht ohne vielfache Beſchwerden abgeht. In ſolchen 188 Faͤllen koͤnnte der Verf. Waſchmethode auch bei uns An⸗ wendung finden, da es doch immer leichter iſt, die Wolle nach einem guten Waſchorte hin zu transportiren, als die Heerde beſonders nach der Waͤſche die Ruͤckreiſe machen zu laſſen; deshalb laſſe ich hier der Verf. um⸗ ſtaͤndliche Beſchreibung folgen von ihrer Waſchmethode. Die Wolle, nachdem ſie eine zureichende Zeit hindurch eingeweicht worden, geht nach und nach zu den gehoͤrigen Vorrichtungen der Waſchanſtalt, der Abtroͤpfelungs⸗ anſtalt, der Abtrocknungsanſtalt und der Aus⸗ klopfungsanſtalt uͤber und kommt dann in Ballen zur Verſendung: dieſe Vorrichtungen muͤſſen daher eingerichtet ſeyn und von ihrer Einrichtung wollen wir jetzt ſprechen. Kufen, deren man ſich gewoͤhnlich bei der Waͤſche bedient, ſchicken ſich ſehr gut zur Einweichung der Wolle. Ihre Zahl und ihre Groͤße muß im Verhaͤltniß ſtehen mit den Claſſen der Wolle, die man waſchen will, ſo, daß ſie den Waͤſchern die Wolle darreichen koͤnnen, wie ſie ſolche verlangen. Als Baſis dieſes Verhaͤltniſſes kann man taͤg⸗ lich ungefaͤhr funfzig Kilogrammen Wolle(1 Centner) im Schweiße gewogen, fuͤr jeden Waſchkufen annehmen. Man vermeidet es gern, jene Kufen in das Wollmagazin ſelbſt zu bringen, wegen der Feuchtigkeit, die ſie verurſachen koͤnnten, aber fie muͤſſen auch nicht weit davon entfernt ſeyn; man ſetzt ſie auf einen Dreifuß oder jedes andere Geſtell, welches hoch genug uͤber dem Boden iſt, um eine hoͤlzerne Rinne anzulegen, durch welche man das ſchmutzige Waſſer nach Außen ableiten kann. 189 Die Kaſten, worin gewaſchen wird, koͤnnen von ver⸗ ſchiedener Form und Groͤße ſeyn: nach mehreren Verſuchen haben wir uns fuͤr die, welche folgende Conſtruction hat⸗ ten, als die bequemſten entſchieden. Ihre Form iſt ein Viereck von 4½ Fuß Laͤnge und 2 ½ Fuß Breite, die Hoͤhe iſt 2 Fuß; der Boden iſt von ſtar⸗ ken Dielen, die gut in einander gefugt ſind, gemacht; dieſer Boden ſteht an den langen Seiten des Kaſtens 8 Zoll vor, und dieſe ſind mit hoͤlzernen Leiſten, die einen halben Zoll Raum zwiſchen ſich laſſen, gebildet. Die bei⸗ den kleinen Seiten aber ſind von Dielen; dieſe Seiten des Kaſtens ſind an vier Stielen(ſenkrecht ſtehenden Staͤn⸗ dern) befeſtigt, und dieſe treten an den langen Seiten un— gefaͤhr ſo viel vor, als der Boden, des Kaſtens, d. h. 7 bis 8 Zoll; in einer Einfalzung, die in den vor— ſtehenden Stielen angebracht iſt, laͤßt man vor und hinter den Kaſten zwei Rahme ein, welche mit einem Canevas von ſehr klarem Gewebe beſchlagen ſind, und dieſe Rahme treten dann auch in Einfalzungen ein, welche in dem hervorſtehenden Boden, um ſie aufzunehmen, gemacht ſind. Es iſt oft ſchwer, alle Wolle, die an demſelben Tage gewaſchen iſt, auf die Trocknungsvorrichtung zu bringen, weil einer Seits alle Huͤrden noch von der Arbeit der vo⸗ rigen Tage voll liegen koͤnnten, und anderer Seits, weil es nicht der Muͤhe werth waͤre, die Wolle, welche am ſpaͤ⸗ ten Abend aus der Waͤſche kaͤme, auf dieſen Huͤrden aus⸗ zubreiten. Es iſt alſo rathſam, einen Zwiſchenplatz fuͤr die erſte Wolle zu haben, und dieſen nennen wir die Ab⸗ troͤpfelungsanſtalt(l'égouttoir). Dies iſt ein feſter Tiſch, 190 der mit Loͤchern durchbohrt und mit Rinnen durchſchnitten iſt, oder etwas Aehnliches. Huͤrden von 2 bis 4 Fuß Breite und ſo lang, als man ſie haben will, dienen zum Abtrocknen der Wolle; ſie ruhen auf Pfaͤhlen, die in gehoͤrigem Abſtande in die Erde geſchlagen ſind: die Staͤbe, woraus man dieſe Huͤr⸗ den gemacht hat: muͤſſen ſorgfaͤltig abgeglaͤttet ſeyn und nahe an einander gebracht. Netze uͤber einen Rahmen gezogen, ſcheinen den Huͤrden noch vorzuziehen zu ſeyn, weil die Wolle durch die Maſchen nſcht durchfallen kann, die Luft ſie mehr durchzieht und das Trocknen befoͤrdert; auf jeden Fall muͤſſen aber dieſe Huͤrden oder Netzrahme nicht auf die Pfaͤhle genagelt ſeyn, damit man ſie ſchnell abnehmen koͤnne, wenn ein Gewitter oder Regen uͤber⸗ raſchte. Wenn man auf einmal zu viele Wolle zu trock⸗ nen haͤtte, ſo koͤnnte man wohl ſeine Zuflucht zu Dielen nehmen, die man auf die Erde legte, oder im Nothfall koͤnnte man ſogar die Wolle auf den Raſen legen; aber ſie wuͤrde langſamer trocknen, und waͤre dem Schmutzig⸗ werden mehr ausgeſetzt. Diejenigen, welche ihre Wolle, nachdem ſie trocken ge⸗ worden iſt, klopfen wollen, bedienen ſich duͤnner Stoͤcke, die recht glatt gemacht ſind, und dieſes Klopfen geſchieht auf den Huͤrden ſelbſt. In großen Anſtalten hat man Maſchinen, die dieſes Ausklopfen ſchneller und vollſtaͤn⸗ diger verrichten; wir finden aber keinen Grund, hier ihre Beſchreibung zu geben. Da es nicht unſere Abſicht iſt, hinſichtlich des Ver⸗, packens der Wolle von den Preſſen zu reden, die in gro— ßen Waſchanſtalten gebraͤuchlich ſind, ſo haben wir nur 191 wenig uͤber die Vorkehrungen zu ſagen, die zu dieſer letz— ten Behandlung noͤthig ſind. Saͤcke von 4 bis 5 Fuß Hoͤhe und 2 bis 3 Fuß Breite werden mit ihrem obern offenen Ende auf einen Rahmen befeſtigt, der dann mit Stricken an eine Vorrichtung am Balken gehangen wird, damit der Sack ſich aufrecht und offen erhalte; dies muß man alſo vorher einrichten. Wenn alle dieſe Vorbereitungen gemacht ſind, ſo kann man zu der Waͤſche ſelbſt uͤbergehen. Das Waſſer, deſſen man ſich bedient, muß rein, klar*) und weich ſeyn. Dasjenige, welches die Seife am beſten aufloͤßt und worin ſich die Leinwand am beſten waſchen laͤßt, iſt es, dem man auch bei unſerer Waͤſche den Vor⸗ zug geben muß. Nach dem Grade der Unreinigkeit laͤßt man die Wolle laͤngere oder kuͤrzere Zeit in die Kufen einweichen; denn dieſe Einweichung iſt unumgaͤnglich noͤthig, um die Sta— pel von allem Kothe zu befreien, der ihnen anhaͤngt, und ſie erleichtert nachmals das uͤbrige Geſchaͤft ſo ſehr, daß man ſie nie vernachlaͤßigen muß. Die geſchorne Wolle koͤnnte wahrſcheinlich ſehr lange im Waſſer bleiben, ohne zu verderben, und wir haben ſie zuweilen 3 bis 4 Tage in den Kufen laſſen muͤſſen, ohne *) Wenn wir der eigentlichen Waͤſche nicht die Einweichung in dem oben beſchriebenen Kufen haͤtten vorausgehen laſſen, und dieſe Waͤſche alſo nicht allein zum bloßen Ausſpuͤlen der Wolle beſtimmt waͤre, ſo wuͤrden wir keinesweges auf die Klarheit des Waſſers dringen, ſondern vielmehr gerathen haben, die vortreff⸗ liche Wirkung des Waſſers, worin der Fettſchweiß ſchon aufgeloͤßt iſt, fuͤr die gute und ſchnelle Reinigung der Wolle wahrzunehmen. Anmerk. d. Verf. 192 daß ein Nachtheil daraus erfolgt waͤre; aber eine kuͤrzere Zeit iſt zureichend, und ſogar hoͤchſt ſchmutzige Wolle er⸗ fordert nicht leicht ein laͤngere Einweichung, als von 24 Stunden. So wie man die Wolle in die Einweichungskufen bringt, muß man auch anfangen, die Waſchkaſten an die Stellen zu bringen, die man fuͤr die zutraͤglichſten haͤlt. Man begreift, daß dieſe Waͤſche oder Ausſpuͤlung nur durch ein fließendes Waſſer bewirkt werden kann, und daß das Ge⸗ ſchaͤft um ſo ſchneller vor ſich gehen werde, je oͤfterer ſich dieſes Waſſer in dem Kaſten erfriſcht. Wenn dieſer Ka⸗ ſten in einen Fluß ſelbſt geſtellt waͤre, ſo wuͤrde das Waſ⸗ ſer nur ſchwer durch die erſte Wand des Canevas dringen und derjenige Theil, der eingedrungen waͤre, wuͤrde nur langſam wieder herausziehen, indem die Wollfaſern, welche durch die Leiſten gehen und durch den Waſſerfluß ange⸗ druͤckt wuͤrden, die inwendige Seite der zweiten Canevas⸗ wand ſo belegen moͤgten, daß der Abzug um ſo mehr ge⸗ hindert wuͤrde; der Waſſerfluß wuͤrde ſich alsdann an bei— den Seiten des Kaſtens herumziehen, und es wuͤrde ſehr ſchwierig ſeyn, ihm dieſen Zug ſo zu verſtopfen, daß es gezwungen waͤre, ſich durch die Kaſten ſelbſt zu ziehen. Dieſes Umſtandes wegen muß man ein Waſſer vorziehen, welches aus einem hoͤhern Niveau mittelſt einer Rinne in hinreichender Menge in den Kaſten geleitet werden kann. Wo moͤglich alſo muͤſſen die Kaſten bei einem natuͤrlichen oder aber kuͤnſtlichen Waſſerfall, wie bei einer oberſchlaͤch⸗ tigen Muͤhle, aufgeſtellt werden. Doch muß man einen zu ſtarken Waſſerfall vermeiden, denn dieſer wuͤrde eine zu große Bewegung in dem Kaſten erregen, und die Wolle 193 dadurch verſtricken. Deshalb muß man in ſolchem Falle ein mit Loͤchern durchbohrtes Brett uͤber den Kaſten legen, worauf das Waſſer aus der Rinne laͤuft und ſo die Ge— walt des Sturzes vertheilt. Um die Waͤſche zu erleich— tern, muß das Waſſer im Kaſten immer 6 bis 8 Zoll hoch ſtehen; man muß dieſen alſo in den Waſſerlauf ſtellen, daß dies bewirkt werde; wenn dies aber nicht angeht, ſo muß man den untern Theil bis zu dieſer Hoͤhe mit Bret— tern verſchließen, damit ſich die gehoͤrige Menge Waſſer auf dem Grunde erhalte. Alle Kaſten muͤſſen ſo nahe als moͤglich neben einander geſetzt werden, um die Auſſicht darauf zu erleichtern; ein Arbeiter kann zwei Kaſten beſorgen, wenn ſie neben ein— ander ſtehen, und dieſer Arbeiter muß eine dreizackige hoͤl— zerne Gabel, die recht glatt gearbeitet iſt und deren Zacken nur 3 Zoll von einander ſtehen, in der Hand haben. Ein Aufſeher kann die ganze Waͤſche beſorgen und leiten, es ſey denn, daß alle Kaſten nicht in demſelben Waſſerfluſſe ſtaͤnden und deshalb zu weit von einander entfernt waͤren; iſt letzteres nicht, ſo braucht man zu acht Kaſten nur 6 Arbeiter, naͤmlich einen Aufſeher, vier Waͤ— ſcher und einen Gehuͤlfen, deſſen Geſchaͤft darin beſteht, die Wolle, ſo wie ſie gewaſchen iſt, auf eine Bahre zu bringen, von welcher ſie nach den Abtrocknungsvorrich— tungen hingeſchafft wird. Dieſer Gehuͤlfe muß dazu einen niedrigen Korb haben, deſſen Rand und Inneres ſo gut als moͤglich abgeglaͤttet ſeyn muͤſſen. So wie die Wolle aus den Kufen, worin ſie einge— weicht worden, kommt, wird ſie mit gehoͤriger Vorſicht zu zu dem Kaſten gebracht und an der Seite deſſelben nie⸗ 13 194 dergelegt. Der Waͤſcher nimmt nach Verhaͤltniß der Groͤße des Kaſtens und der darin enthaltenen Waſſermenge eine Quantitaͤt Wolle, die er mit ſeinem Dreizack bequem von einer Seite des Kaſtens nach der andern ſchieben kann, die Gewohnheit wird ihm dieſes Maaß bald angeben. Der Waͤſcher darf die Wolle niemals nach allen Richtun⸗ gen herum bewegen, um ſie nicht zu verſtricken; er muß ſie vielmehr mit ſeinem Dreizack nur bei kleinen Portionen aufnehmen, um ſie ſo von der einen Seite des Kaſtens nach der andern zu bringen, indem er ſie moͤglichſt auf— lockert. Wenn dieſer Handgriff einige Minuten lang fort⸗ geſetzt iſt, ſo wird die Wolle hinlaͤnglich gereinigt ſeyn, doch muß der Aufſeher entſcheiden, ob dies ganz vollſtaͤn⸗ dig geſchehen ſey. Er wird ſich davon uͤberzeugen, wenn er einige Haͤnde voll Wolle aus dem Kaſten nimmt, das Waſſer ausdruͤckt und beachtet, ob es rein ausfließe. Zu⸗ weilen iſt die Einweichung nicht zureichend geweſen, um den Koth einiger Stapel aufzuloͤſen; in dieſem Falle muß man ſeine Zeit nicht verlieren, um dieſe Stapel jetzt zu reinigen; ſondern man muß ſie abſondern und an die Seite legen, um ſodann beſonders gewaſchen zu werden. Daſſelbe muß mit den gelben und mit Stroh verwickelten Stapeln geſchehen, die etwa bei der Sortirung uͤberſe⸗ hen waͤren. Die Wolle wird, wie wir eben geſagt haben, ſo wie ſie aus dem Kaſten kommt, in einen Korb gelegt und erſt auf die Bahre gebracht, nachdem ein Theil des Waſſers abgelaufen iſt; um dieſes beſſer auszupreſſen, kann der Arbeiter in einen Korb treten, nachdem er ſeine Schuhe ausgezogen und ſeine Fuͤße im Waſſer gereinigt hat. 195 Waͤhrend dieſer Operation werden leicht einige Woll⸗ flocken, ſo wie bei der Schur abgeloͤſete Haare und fremde Koͤrper, die nicht aufgeloͤſet werden konnten, durch die Leiſten dringen und ſich vor den Canevas anhaͤufen. Die Staͤrke des Waſſerlaufes druͤckt ſie daran ſo feſt, daß ſie der Behandlung nicht ſchaden koͤnnen und man braucht ſolche nur, wenn ſie ſich ſehr angehaͤuft haben, abzuneh— men, um ſie unter die uͤbrigen Abfaͤlle zu werfen. Die Abtroͤpfelungsanſtalt iſt, wie wir geſagt haben, der Ort, wo nach der Waͤſche die Wolle auf Huͤrden oder ausgeſpannten Netzen ausgebreitet wird. Da hieruͤber keine weitere Erklaͤrung noͤthig iſt, ſo gehen wir zu dem Verfahren bei der Abtrocknung uͤber. Wenn die Wolle im Schatten ſtatt in der Sonne trock⸗ nete, ſo wuͤrde ſie ohne Zweifel hinſichtlich der Sanftheit gewinnen, aber es geht zu langſam damit und deshalb iſt es bei einer etwas bedeutenden Maſſe von Wolle nicht wohl moͤglich. Bei dieſer Abtrocknung kann man ſich der Weiber be⸗ dienen; dieſe gehen, nachdem ſie die Wolle auf den Huͤr⸗ den oder Netzen in moͤglichſt duͤnnen Lagen ausgebreitet haben, immer an den Huͤrden herum, um die Wolle mit Vorſicht zu lockern, ohne die Vließe zu zerreißen, oder auch nur ſtark auseinander zu ziehen; ſie ſuchen dabei alle ſich etwa vorfindenden fremden Koͤrper heraus, ſo wie ſolche Stapel, die noch etwas ſchmutzig waͤren, oder gelbliche Flocken, und wenden endlich die Wolle um, ſo wie ſie trocken geworden. Die Erfahrung lehrt den zureichenden Grad der Ab⸗ trocknung bald kennen. Bis man dieſe aber erlangt hat, 13* 196 muß man ſich huͤten, ſich nicht dabei zu uͤbereilen; denn wenn man die Wolle zu fruͤh verpackt, ſo koͤnnten daraus große Nachtheile entſtehen. Dieſe noch feuchte Wolle wuͤrde ſich erhitzen, und es wuͤrde eine Gaͤhrung im Sacke entſtehen, und dann wuͤrde es nicht zureichen, den Sack etwa in die Sonne zu ſetzen; man muͤßte ihn auf das ſchnellſte ausleeren und die Wolle aufs Neue auf die Huͤrden auslegen. Wenn man bei der Waͤſche und Trocknung alle ange— gebenen Vorſichtsmaaßregeln braucht, ſo wird ſich die Wolle nicht verſtricken und wird genugſam gelockert und gereinigt ſeyn, um das Ausklopfen uͤberfluͤßig zu ma— chen. Weil jedoch dieſe Operation der Wolle einen ange⸗ nehmen Anblick giebt und die Abtrocknung voͤllig vollen— det, ſo moͤgten wir ſie doch immer anrathen: ſie beſteht darin, daß man die Wolle einige Augenblicke mit kleinen Stoͤcken, wovon wir ſchon geſprochen haben, ausklopft. Die Verpackung und Einſackung muß nun gleich er⸗ folgen, damit die Wolle nicht in Gefahr komme, in ihrem Aufbewahrungsorte wieder beſchmutzt zu werden. Man muß ſich bemuͤhen, ſie ſo feſt zu ſtopfen, als nur moͤglich iſt, um keinen leeren Raum im Sacke zu laſſen; dieſe Vorſicht iſt noͤthig, weil feſt verpackte Wolle weniger Feuchtigkeit aus der Luft anzieht und vom Re— gen, wenn ſie ihm ausgeſetzt werden muͤßte, weniger leidet. Die Oeffnung des Sackes iſt, wie wir geſagt haben, uͤber einen Rahmen gezogen und feſt geſchnuͤrt, und dieſer Rahmen wird an der Decke mit ſtarken Stricken aufge⸗ hangen, ſo daß der Sack mit ſeinem Fuße auf dem Bo— den aufrecht ſteht; ein an der Decke vorſichtig beſeſtigter 197 Strick wird dem, der das Einpacken verrichtet, das Ein⸗ ſpringen in den Sack erleichtern und ihn aufrecht darin erhalten, nachdem er, wie ſich verſteht, ſeine Schuhe aus— gezogen hat. So wie man ihm die Wolle zuwirft, wird er ſie mit ſeinen Fuͤßen feſttreten und beſonders die Seiten des Sackes auszuſtopfen ſuchen; und nachdem nun ſo die Wolle recht feſt und der Sack recht voll gepfropt worden, ſchnuͤrt man mit Bindfaden ſeine Oeffnung zu, nachdem man den Rahmen abgenommen hat. Man bezeichnet den Sack mit einer Nummer, ſo wie mit einer Angabe der Wollart, die er enthaͤlt. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß man waͤhrend aller dieſer Vorrichtungen die noͤthige Vor⸗ ſicht gebrauche, daß die bei der Sortirung abgetrennten Sorten nicht untereinander kommen oder verwechſelt werden. Man bringt nun die Saͤcke in das Magazin, bis ſie abgeſandt werden. Dies Magazin muß, wie wir ſchon geſagt haben, trocken ſeyn, unter dieſer Bedingung kann gut verpackte Wolle ſich ſehr lange Zeit darin halten, ohne zu verderben; denn theils iſt ſie nicht genug entfettet, um von inwendig angegriffen zu werden, und theils iſt ſie von allem Kothe gereinigt, welcher ihr im ungewaſchenen Zuſtande nachtheilig werden koͤnnte. Wir ſind nicht im Stande, die Zeit genau anzugeben, wie lange ſie ſich in den Ballen halten kann, ohne etwas von ihrer Guͤte zu verlieren, aber wir glauben, daß unter allen Arten, die Wolle aufzubewahren, dieſe die beſte iſt, und dies iſt eine ſehr wichtige Ruͤckſicht fuͤr die Producenten, welche wohl veranlaßt werden koͤnnten, mehrere Schuren auf ihren Boͤden zu halten, um einen vortheihaftern Verkauf ab⸗ zuwarten. 198 Wer uns in dem ganzen Detail dieſes Verfahrens gefolgt hat, wird ſich uͤberzeugt haben, daß nichts einfa⸗ cher und leichter auszufuͤhren ſey, als die kalte Waͤſche nach der Schur, und wir duͤrfen hoffen, daß man alle Vortheile derſelben werde anerkannt haben. Aber, wir wiederholen es, die Schwierigkeit beſteht einzig in der richtigen Auswahl und Sortirung, welche durchaus eine vollſtaͤndige Kenntniß der verſchiedenen Qualitaͤten der Wolle erfordert. XXXII. Anmerk. d. Ueberſ. Ich wiederhole es, daß bei dieſer Waſchmethode eine vollſtaͤndige und richtige Sortirung vorausgegangen ſeyn muͤſſe: denn, da die Vließe nicht zuſammenhaͤngend bleiben koͤnnen, ſo wuͤrde eine nach⸗ malige Sortirung ſehr große Schwierigkeiten haben, — noch groͤßere, als die Sortirung der ſogenannten Locken— und dadurch wuͤrde der Werth der Wolle mehr verlieren, als er durch die vielleicht etwas groͤßere Reinigung und Entfettung gewonnen haben koͤnnte. Man muß alſo ſicher ſeyn, eine ſolche Sortirung zu machen, als dem Feintuchfabrikanten genuͤgend iſt. Dritter Abſchnitt. Ueber den verglichenen Werth der verſchiedenen Theile eines Vließes und verſchiedener Vließe untereinander hinſichtlich ihrer Qualitaͤt. Wir haben im vorigen Abſchnitte den großen Unter⸗ ſchied bemerkt, welcher ſich im wahren Werthe dieſes oder 199 jenes Merinovließes nach dem Maaße des Abganges bei der Waͤſche und Entfettung ergiebt; es iſt aber nicht al⸗ lein das Verhaͤltniß dieſes Abganges, ſondern noch mehr das Verhaͤltniß der Qualitaͤt, was in dieſem Werthe eine bedeutende Veraͤnderung macht. In einer hinſichtlich der Reinheit der Vließe gut erhal⸗ tenen, aber wenig conſtanten, d. h. aus Thieren von un⸗ gleicher Schoͤnheit zuſammengeſetzten Heerde geſchieht es, wie wir zu Anfange dieſes Capitels bemerklich gemacht haben, daß einige Thiere einen bedeutenden Vortheil brin⸗ gen, andere aber weit entfernt ſind, auch nur die Koſten ihrer Nahrung zu bezahlen: das richtig verſtandene In⸗ tereſſe des Eigenthuͤmers muß ihn alſo augenſcheinlich da⸗ hin fuͤhren, die erſteren zu vermehren und die Zahl der andern ſo viel moͤglich zu vermindern. Wie wird er aber dieſen Zweck erreichen, wenn er ſich nicht in jedem Jahre den Ertrag eines jeden beſondern Thiers berechnen kann?— Die Operationen der Ausſonderung und der Sortirung, welche der kalten Waͤſche vor der Schur vorausgehen müſſen, haben alſo neben andern Nutzen den Vortheil, daß ſie den Producenten Gelegenheit geben, dieſes Stu⸗ dium, welches zur Ausmittelung des relativen Werths je⸗ des Vließes und ſeiner verſchiedenen Theile unter einander dient, gehoͤrig zu betreiben. Nichts wird ihn unſerer Meinung nach von der Nuͤtzlichkeit hoͤherer Veredlung mehr uͤberzeugen, als die Reſultate, die ſich ihm bei dieſen Unterſuchungen ergeben. Die Thatſachen und die Berechnungen, die wir unſern Leſern jetzt vorlegen wollen, werden die Wichtigkeit dieſes 200 Studiums immer mehr wuͤrdigen laſſen und ſie werden zugleich die Fragen in's Licht ſtellen, welche bei einigen, die bisher noch dem Syſteme der ſchweren Vließe anhaͤng— lich geblieben und die Quantitaͤt der Qualitaͤt vorzuziehen geneigt ſind, noch zweifelhaft waren. Die Benennungen von Prima, Secunda u. ſ. w., die man gewoͤhnlich zur Unterſcheidung der verſchiedenen Qualitaͤten der Wolle gebraucht, koͤnnen niemals im abſo⸗ luten Sinne gebraucht werden, indem vielleicht die Prima dieſer Heerde nur die Secunda oder Tertia einer an⸗ dern ausmachen wird: daher muͤſſen wir ſtatt der vier oder fuͤnf Sorten, welche die Sortirung einer und derſel⸗ ben Heerde geben wuͤrde, eine groͤßere Zahl annehmen, wenn wir alle Merinowollen im Allgemeinen claſſi⸗ ficiren wollen. Wir werden jeder dieſer kalt aber voll— kommen gewaſchenen Sorten einen Preis beimeſſen, der nicht fingirt iſt, ſondern mit dem mittlern Preiscourant des letzten Jahres 1823 ſtimmt. Hinſichtlich der ſeltenen und deshalb uͤbertheuren Prima werden wir abſichtlich unter dem wirklich erhaltenen Preiſe bleiben und das Kilogramm ſo gewaſchener Wolle nur zu 21 Francs annehmen. Was die niedern Sorten anbetrifft, ſo kann ihr Preis noch ſinken und alles laͤßt vermuthen, daß ſie in langer Zeit nicht wieder ſteigen werden; es iſt hier aber nicht der Ort, hieruͤber mehreres zu ſagen, und um nicht einen zu unguͤnſtigen Preis ihnen beizumeſſen, wollen wir anneh⸗ men, daß keine unter 3 Francs das Kilogramm nach einer vollſtaͤndigen kalten Waͤſche verkauft ſey, mit Ausnahme jedoch der ganz ſchlechten und haarigen Theile des Vlie⸗ 201 ßes, die man Cahidas nennt, und deren Preis nur zu 1 Fr. das Kilogramm geſtellt werden kann. Wir ſetzen nun zwiſchen dieſen beiden Extremen neun Grade des Werths und indem wir jedem einen proportio— nalen Preis beimeſſen, welcher mit dem im Jahre 1823 currenten und wirklich erhaltenen genau genug uͤberein⸗ ſtimmt, geben wir folgende Ueberſicht: 1ſte Qualitaͤt 21 Fr. das Kilogr. kalt gewaſchen. 2te 2 419 4 ⸗ ⸗ ⸗ 3te 2 417 ⸗ 2 4te 2 45 2 2 ⸗ 5te 2 43 5 ⸗ 2 6te 2 11 ⸗ 2 ⸗ ⸗ ⸗ 7te ⸗ 9 2 27u ⸗ ⸗ ⸗ 8te ⸗ t e ⸗ ⸗ ⸗ 2 9te 2 5 ⸗ 2 2 ⸗ 10te 2 3 7 2 2 1⸗ Abfaͤlle Wir muͤſſen jetzt das Reſultat der Sortirung eines Vließes, welches zur hoͤchſten Vollkommenheit gebracht worden, mit der Sortirung eines andern aus der niedrig⸗ ſten Claſſe vergleichen. Man findet ſuperfeine Vließe, die ſo ausgeglichen in ihrer Schoͤnheit ſind, daß ſie folgende Verhaͤltniſſe unter den Qualitaͤten ihrer verſchiedenen Theile gehen: Prima 10. 3 Secunda 165. Cahidas 187. 11 Dieſes Beiſpiel, ſo uͤbertrieben es ſcheint, iſt nicht außer der Wirklichkeit hergenommen: man muß geſtehen, daß 2 2 A d — A A u A Thiere, die ſolche Vließe tragen, nicht gemein ſind; aber ſie exiſtiren, und dies iſt eine beglaubigte Thatſache in unſern Schaͤfereien. Was die Merinovließe der lebin Claſſe anbetrifft, aus welcher wir unſern zweiten Vergleichungsſatz hernehmen, ſo haben wir uns ebenfalls uͤberzeugt, daß die Sortirung folgende Reſultate geben koͤnne: 9te Qualitaͤt 106. 10te 2 S5. Cahidas 186. Der Werth des erſten dieſer beiden Vließe ſtellt ſich in folgender Formel dar: (92 2 21)+(62 19)+(221) 100. woraus ſich der Werth von 20,48. ergiebt. Der Werth des zweiten berechnet ſich nach folgender Formel: (122 5)+(802 3)+(8 1) 100. ergiebt 3,08. woraus hervorgeht, daß das erſte ungefaͤhr 63mal ſo viel werth iſt, als das zweite. Es erhellt, daß wir bei dieſer Vergleichung das Gewicht beider Vließe nach der kalten Waͤſche gleich angenommen haben, und es wird wirklich oft der Fall ſeyn, daß die Verſchiedenheit des Gewichts im Schweiße, wegen der ver⸗ ſchiedenen Reinigkeit, nach der Waͤſche verſchwindet; oͤfterer wird jedoch das Vließ von minderer Qualitaͤt von einem Thiere groͤßerer Statur hergenommen, und auch ohne den Schmutz ſchwerer ſeyn, als das andere; aber dieſer Vorzug 203 des Gewichts wird immer nur von geringerer Bedeutung ſeyn: denn, um die geringere Qualitaͤt zu erſetzen, waͤre erforderlich, daß bei gleicher Reinheit 1) die Production des ſchweren Vließes dem Erzeuger nicht mehr gekoſtet haͤtte, als die des leichteren, 2) daß das erſtere 63mal ſo viel woͤge, als das zweite, d. h. wenn das ſuperfeine Vließ im Schweiß 5 Pfund woͤge und gewaſchen 2¾⁴ gaͤbe, ſo mußte das Vließ von ſchlechterer Qualitaͤt im Schweiße 33 Pfund wiegen und uͤber 18 Pfund gewaſchene Wolle geben. Es iſt aber wohl nicht zureichend, die Wahrheit in dieſen extremen Faͤllen geſagt und richtig gerechnet zu haben, weil man ſie nur als Ausnahmen koͤnnte gelten laſſen; wir wollen alſo das betrachten, was ziemlich all— gemein in zahlreichen Heerden, die aus Thieren von ver⸗ ſchiedenen Graden der Guͤte zuſammengeſetzt ſind, vorfaͤllt. Um jede Irrung zu vermeiden, wollen wir unſere Bei— ſpiele nur aus unſerer eigenen Praxis hernehmen, wo un⸗ ſere gefuͤhrten Regiſter folgendes ergeben: 1) in einer Schaͤferei von hochveredelten Schaafen ſind 452 Vließe in die erſte Claſſe, 2) in einer andern Schaͤferei zwar von feiner Raße aber von weniger vervollkommneten Thieren wurden 73 Vließe in die letzte Claſſe derſelben Sortirung gebracht. Wir waͤhlen dieſe beiden Beiſpiele, weil ſie uns einen hin⸗ laͤnglich beſtimmten Begriff vom relativen Werth der Vließe von hoͤchſter und von mittlerer Feinheit zu geben ſcheinen. Jene 452 Vließe lieferten im Schweiße 1085 Kilo⸗ grammen, die nach der Sortirung und kalten Waͤſche fol⸗ gendes ergaben: 204 1ſte Qualitaͤt 375 Kilogrammen. 4 2te 5 54 7 2 5te 2 28 2 2 6te ⸗ 115 2 2 Abfaͤlle 17 2 2 589 Kilogrammen. Wenn wir nun dieſen verſchiedenen Sorten die oben angegebenen Preiſe beilegen, ſo ergiebt ſich folgendes: 1ſte Qualitaͤt 375 Kilogr. kalt gewaſchen, à 21 Fr. 7,875 Fr. 2te ⸗ 54 ⸗ 2 2 à 19 ⸗ 1,026 ⸗ 5te 2 28 2 ⸗ 2 à 13 ⸗ 364 ⸗ 6te 1415 ⸗. ⸗ 411 ⸗ 1,265 ⸗ Abfaͤlle 17 3 ⸗ 4 12 17⸗ 10,547 Fr. Hieraus folgt, 1) daß das Durchſchnittsgewicht eines Vließes im Schweiße 2100 Kilogr. ſey, 2) daß es im gleichen Durchſchnitt nach der kalten Waͤſche 1400 Kilogr. gebe, 3) daß der Durchſchnittspreis des Kilogr. im Schweiße 9755 Fr. betrage, 4) der Durchſchnittspreis des kalt gewaſchenen Vließes 1749005 Fr. fuͤr das Kilogr. ſey,. 5) endlich, der Durchſchnittswerth jedes ganzen Vlie⸗ ßes ſich auf 23705 Fr. belaufe. Was nun aber die 73 Vließe der untern Claſſe betrifft, ſo wogen ſie im Schweiße 205 Kilogr. und gaben nach der Sortirung und kalten Waͤſche 5te Qualitaͤt 5 Kilogr. 7te 2 25 ⸗ 9te ⸗ 65 ⸗ abfäle 5 100 Kilogr. 205 Wenn wir nun dieſen Sorten die oben angegebenen Preiſe beimeſſen, ſo ergiebt ſich folgendes: 5te Qualitaͤt 5 Kilogr. à Fr. 13. 65. 7te ⸗ 25 2 Aà ⸗19. 225. 9te ⸗ 65 2na n 5. 325. Abfaͤlle 5 212 A4. 5. 100 Kilogr. 620 Fr. Hieraus folgt, 1) daß das Durchſchnittsgewicht eines Vließes im Schweiße 21 betrug, 2) nach der kalten Waͤſche 145 gab, 3) daß der Durchſchnittspreis des Kilogr. im Schweiße 3135 Fr. war, 4) daß ſich der Durchſchnittspreis jedes ganzen Vlie— ßes auf 840 belief*). XXXIII. Anmerk. d. Ueberſ. Gegen die Berechnungen der Verf. iſt nichts einzuwenden; obgleich die disparaten Verhaͤlt— niſſe der Extremen in der Wirklichkeit bei reinen Meri⸗ nos— wovon hier doch nur die Rede iſt— wohl nicht vorkommen koͤnnen. Das Verhaͤltniß des Ertrages zwi⸗ ſchen hochfeinen und mittleren echten Merinoſchaͤfereien kommt aber auch bei uns und nach unſerer Pelzwaͤſche *) Wir haben geſehen, daß der Abgang, den die kalt gewa⸗ ſchene Wolle durch die voͤllige Fabrik⸗Entfettung erleiden kann, ſich auf einen Spielraum von 22 bis 29„Ct. beſchraͤnkt. Man koͤnnte alſo im allgemeinen Durchſchnitt dieſen Abfall zu 25 pot. annehmen, und wenn man ihn auf die obigen Berechnungen anwen⸗ dete, wuͤrde man das Durchſchnittsgewicht und Preis aller Sorti⸗ mente jener beiden Arten von Vließen nach der voͤlligen fabrikmaͤ⸗ ßigen Entfettung finden. Anmerk. d. Verf. 206 nicht ſelten vor. In dem Jahre 1823, welches die nie⸗ drigſten Wollpreiſe hatte, ward die Wolle einer hochfei⸗ nen Schaͤferei der Stein zu 31 Rthlr. verkauft, woge⸗ gen einige andere, die vormals in Ruf ſtanden und deren Echtheit als Merinos außer Zweifel iſt, nur 14 Rthlr. auf demſelben Markte erhielten. Dies Verhaͤlt⸗ niß laͤßt ſich jedoch noch nicht als beſtaͤndig annehmen. Die Verf. machen in der Folge die ſehr treffende Be⸗ merkung, daß, wenn bei einer nicht ganz gleichartigen Waare das Angebot den Begehr uͤberwiegt, die meiſten Kaͤufer doch auf die beſte Qualitaͤt fallen, ſich aber von der ſchlechteren ganz abwenden; woraus dann folgt, daß jene uͤber das wahre Werthsverhaͤltniß, dieſe unter demſelben bezahlt werde. Ueberwiegt aber der Begehr das Angebot, ſo tritt leicht das Gegentheil ein und die ſchlechtere Wolle wird beſonders zu Ende eines Markts im Verhaͤltniß zu ihrem ſonſtigen Werthe theurer als die beſſere verkauft, wie dies im J. 1818 der Fall war. In dieſem Jahre 1824 ſcheinen ſich die Preisver⸗ haͤltniſſe wieder beſſer als in den vorigen Jahren fuͤr die Infantadoſchaͤfereien oder die, welche, nach der Verf. Ausdruͤcken, das Systeme des lourdes Toisons befolgt haben, in Deutſchland ſowohl als in Frankreich zu ſtellen. Die Ramboullletter Wolle iſt nach der im Juniſtuͤck 1824 S. 335 gegebenen Nachricht das Kilo⸗ gramm ungewaſchen zu 3 Fr. 90 Cent. in der Auction verkauft(ein Kilogramm ungewaſchener Wolle wird etwas uͤber ein Pfund nach unſerer Art gewaſchene geben), alſo doch wohl zu 1 Thaler Cour. das Pfund, und die Lammwolle zu 4 Fr. Dies ruͤhrt daher, weil die Mit— 207 teltuchfabriken allenthalben ſo gut gehen, alſo ungeach⸗ tet der Menge der hierzu tauglichen Wolle viele Nach⸗ frage darnach iſt. Auch wirkt auf ſolche Wolle die Auf⸗ hebung der engliſchen Abgabe beſonders, weil dieſe Wolle ſelbige nicht tragen konnte, folglich ſehr wenig nach England ging, wie nun aber wieder geſchehen wird. Da die Verf. im 2ten Capitel 3ter Abſch. 4 Hauptclaſſen der Merinowollen aufgeſtellt und characteriſirt hatten, ſo waͤre zu wuͤnſchen, daß ſie die 10 Qualitaͤten oder Sortimente, die ſie hier annehmen und verwerthen, mit jenen in Verhaͤltniß gebracht haͤtten. Es iſt wohl anzunehmen, daß ihre 1ſte, 2te und 3te Qualitaͤt in die erſte Claſſe, ihre 4te, 5te und éte in die 2te Claſſe, die 7te und Ste in die 3te Claſſe und die 9te und 10te in die 4te Claſſe gehoͤren. Was den in der Verf. Anmerkung erwaͤhnten Ab⸗ gang betrifft, den die kalt gewaſchene Wolle bei der Fabrik⸗Entfettung erleidet, ſo iſt er bei den Infantado⸗ wollen, die das pechartige Fett haben, gewiß bedeutend ſtaͤrker, als bei den Electoralwollen mit oͤhligtem Fette, und ich wundre mich, daß die Verf. hierauf nicht auf⸗ merkſam gemacht haben, da ſie ſonſt alles hervorſuchten, was zu Gunſten der letzteren geſagt werden kann. Die Infantadowolle ſchwitzt, wenn ſie liegt, immer wieder viel Fett aus, wenn ſie auch durch die kalte Waͤſche da— von befreiet ſchien. Hier gilt es alſo Vließe, die im Schweiße nur 4½ Pf. wogen und einen Werth von beinahe 23 ¼ Fr. hatten, wo⸗ gegen andere, die bis 5 ¾ Pfund wogen, nur ungefaͤhr 208 84 Fr. werth waren. Die Erzeugung der letztern hat je⸗ doch mehr gekoſtet, als die der erſteren, denn ihr groͤßeres Gewicht haben ſie zum Theil der groͤßern Statur der Thiere zu verdanken, und die Fuͤtterung, deren dieſe bedurften, mußte im Verhaͤltniß mit der letztern ſtehen: ſo wird alſo ein Theil des Vortheils, welchen die ausgezeichneten Thiere geben, nur zur Entſchaͤdigung des Landwirths wegen des Verluſtes, den er bei der Haltung der ſchlechtern Thiere erleidet, dienen. Indem wir auf das zuruͤckgehen, was wir in dieſem Abſchnitte und fruͤher uͤber den comparativen Werth der verſchiedenen Arten von Vließe geſagt haben, wiederholen wir, daß das Gewicht des ungewaſchenen Vließes auf keine Weiſe die Schaͤtzung deſſelben begruͤnden koͤnne, und wenn wir hoͤren, daß ein Schaͤfereibeſitzer ſich dieſes Gewichtes ruͤhmt, ſo erlauben wir uns ihn zu fragen: 1) was geben ſeine Vließe im Durchſchnitt nach einer vollſtaͤndigen kalten Waͤſche? 2) wie viele Qualitaͤten ergiebt die Sortirung ſeiner Wolle? 3) in welchem Verhaͤltniſſe ſtehen dieſe ver⸗ ſchiedenen Qualitaͤten? 4) endlich, welchen Grad der Schoͤn⸗ heit erreichen dieſe Qualitaͤten? Erſt, nachdem er alle dieſe Fragen genuͤgend beant⸗ wortet hat, kann man ein beſtimmtes Urtheil uͤber ſeine Production faͤllen: inzwiſchen legen wir ihm folgende An⸗ zeigen vor, die aus unſerer eigenen Erfahrung hervor⸗ gehen und die als allgemeine Regel in der Praxis dienen koͤnnen. 1) Wenn die kalte Waͤſche nicht 55 Procent des Ge⸗ wichts im Schweiße gegeben hat, ſo kann man eine von folgenden zwei Urſachen annehmen. 209 Entweder die Wolle war ſchmutziger als ſie ſeyn ſollte, oder die Waͤſche iſt nicht richtig vollfuͤhrt. 2) Wenn nach gut ausgefuͤhrter kalter Waͤſche der Ge⸗ wichtsdurchſchnitt des Vließes bedeutend uͤber 270 Pfund (140 Kil.) betraͤgt, ſo tritt die ſtaͤrkſte Vermuthung, um nicht voͤllige Gewißheit zu ſagen, ein, daß die Wolle von Thieren großer Raße genommen ſey und daß ihr die Qua⸗ litaͤt der hohen Feinheit fehle; denn nur ſehr ſelten und ausnahmsweiſe haben wir die hohe Feinheit bei großen Thieren angetroffen und 2 ½ Pfund gut gewaſchene Wolle ſcheint uns ein ſehr befriedigender Durchſchnitt von jedem Thiere mittlerer Statur zu ſeyn. Bevor wir dieſen Abſchnitt ſchließen, muͤſſen wir einige Worte uͤber den Werth der Lammwolle ſagen. Die Lammwolle, wie wir es ſchon an einem andern Orte bemerkt haben, wird oft zur Erzeugung gewiſſer Zeuge ſehr nachgeſucht und im Allgemeinen iſt ihr innerer Werth groͤßer als der Werth der Mutterwolle. Die Prima⸗Lammwolle er⸗ haͤlt wirklich im Handel einen gleichen Preis mit der Prima der hochfeinen Mutterwolle, und da ſie nun zugleich weni⸗ ger Fett und Schweiß enthaͤlt, ſo iſt ihr Ertrag viel vor⸗ theilhafter. Das Verhaͤltniß ihres Ertrages iſt ſo, daß, wenn die ungewaſchene Mutterwolle, wenn ſie recht rein gehalten iſt, 55 Procent nach der kalten Waͤſche giebt, die Lammwolle 65 geben wird, und wenn 100 Pfund gewaſchene Mutterwolle bei der voͤlligen Entfettung un— gefaͤhr 76 Pfund geben, ſo werden 100 Pfund Lamm⸗ wolle 80 Pfund liefern. 14 210 Vierter Abſchnitt. Vom Verkauf der Merinowollen. Der Verkauf einer Waare iſt um ſo leichter und ihr Ertrag um ſo gewiſſer, je weniger ihr Cours veraͤnderlich und ihr wahrer Werth nach dieſem Courſe leichter zu be— rechnen iſt. Das Gold z. B. iſt eine Waare, deren Cours am feſteſten ſteht und deſſen innerer Werth am meiſten entſchieden iſt, daher hat der Verkauf dieſes Metalls nie— mals Schwierigkeiten und ſein Preis wuͤrde immer ein und derſelbe ſeyn, wenn der Anſpruch auf den Profit des Verkaͤufers und Kaͤufers eben ſo geregelt waͤre, als das Gewicht und der Werth des Materials. Wir haben geſehen, daß die Wolle ſehr weit entfernt iſt, dieſe Annehmlichkeit zu haben; denn mehr vielleicht als viele andre Waaren dem Schwanken des Courſes un⸗ terworfen, zeigt ſie ſich oft in einem ſolchen Zuſtande, welcher es dem Kaͤufer unmoͤglich macht, einen richtigen Calcul ihres Werths anzulegen, woraus dann eine blos muthmaßliche Schaͤtzung erfolgt, die auch bei großer Ehr⸗ lichkeit ſelten zum Vortheil des Producenten ausſchlaͤgt, aber noch haͤufiger jene unrechtlichen Speculationen, welche auf die Unwiſſenheit der Verkaͤufer und auf ihre oft be⸗ draͤngte Lage begruͤndet ſind, veranlaßt. Der groͤßte Theil dieſer Unannehmlichkeiten beim ge⸗ woͤhnlichen Wollverkauf iſt jedoch von der Art, daß ſie bei richtig getroffenen Maaßregeln verſchwinden, und wir glauben daruͤber einige nuͤtzliche Anſichten geben zu koͤnnen. Wir werden dieſen Abſchnitt in zwei Theile trennen; in dem erſten werden wir uns mit den Mitteln, den vor⸗ theilhafteſten Verkauf der Wolle zu erlangen, beſchaͤftigen, 2411 ohne jedoch den Einfluß der Veraͤnderlichkeit ihres Courſes aufheben zu koͤnnen. Im zweiten Theile werden wir uns mit einigen Unter⸗ ſuchungen uͤber die Urſachen dieſer Veraͤnderlichkeit, ſo wie uͤber die allgemeinen Handelsconjuncturen, welche ſich da⸗ mit verbinden, beſchaͤftigen, und wir werden daraus einige Folgerungen zu ziehen ſuchen, welche den Gang des Pro⸗ ducenten fuͤr die Folge erleuchten koͤnnen. Wir haben genugſam erwieſen, daß es unmoͤglich ſey, den wahren Preis der Wolle zu erhalten, wenn wir ſie im Schweiße darſtellen, und daß die kalte Waͤſche nach der Schur, nachdem eine gute Sortirung vorhergegangen, ihre ſicherſte Darſtellung bewirke. Denn dieſe Waͤſche geſtat— tet, wie wir geſehen haben, die am meiſten approximirende Schaͤtzung ihres wahren Werthes, und zugleich laͤßt ſie dem Wollhaar diejenige Geſchmeidigkeit, die ſeine letzte Entfettung beguͤnſtigt und im Nothfall ſeine laͤngere Auf— bewahrung ſichert. Wir haben aber auch zugeben muͤſſen, daß, wenn gleich die Waͤſche, ſo wie wir ſie empfehlen, leicht auszufuͤhren und jedem moͤglich iſt, die Sortirung doch eine Woll— kenntniß vorausſetze, die leider noch zu wenig verbreitet iſt; und von der andern Seite koͤnnen wir nicht laͤugnen, daß der Handel an ſich noch manche Schwierigkeiten habe. Dieſe Schwierigkeiten beſtehen in dem Mangel directer Verbindungen zwiſchen dem Producenten und Fabrikanten und in der Nothwendigkeit, worin ſich der erſte befindet, zu Vermittlern beim Verkaufe ſeiner Producte Zuflucht zu nehmen. Es iſt gewiß nicht unſere Abſicht, uns hier uͤber die Wollhaͤndler beklagen zu wollen, aber wir müͤſſen doch 14* 212 geſtehen, daß einige unter ihnen ihre Kenntniß der Han⸗ delsconjuncturen und den Vortheil, den ihnen dieſe uͤber die damit unbekannten Producenten gab, zu ſehr benutzten, um Preiſe außer allem Verhaͤltniſſe mit dem wahren zei⸗ tigen Verkaufswerth zu ſtellen. Einige Kaufleute haben es in der Art, ſtatt den Erzeuger uͤber die beſte Leitung ſeiner Heerde aufzuklaͤren, ihn ganz in Irrthum zu fuͤhren, indem ſie das Reſultat ſeiner bisherigen Bemuͤhungen un⸗ gebuͤhrlich herabwuͤrdigen. So haben wir geſehen, daß kaufmaͤnniſche Reiſende in einer Schaͤferei das als einen Fehler tadelten, was ſie in einer andern ruͤhmten; daß ſie eine beſtaͤndige Ungewißheit uͤber die Eigenſchaften der Wolle, die man verfolgen ſolle, unterhielten, und daß ſie mit einem Worte alle Begriffe und Ideen verwirrten, um ſo beſſer von der Unwiſſenheit Vortheil ziehen zu koͤnnen, die ſie abſichtlich verbreiteten. Indem wir aber die Kunſtgriffe dieſer Art hier ange⸗ ben, muͤſſen wir zugleich den Kaufleuten huldigen, die ein entgegengeſetztes Syſtem annahmen und kraͤftig die Ver⸗ breitung der Merinoraße in Frankreich befoͤrderten, und deren Eifer unſer Vaterland die Einfuͤhrung dieſes koͤſtli⸗ chen Induſtriezweiges zu verdanken hat. Freilich hat ſich dadurch, daß ſie ihr Intereſſe zwiſchen das des Producenten und Fabrikanten einſchalten, der Gewinn des einen und die Koſten des andern vermehren muͤſſen, aber ihr Vor⸗ theil war rechtlich gewonnen, und ohne ſie waͤre ein ge⸗ wiſſes Vorurtheil gegen franzoͤſiſche Merinowollen nicht ſo ſchnell uͤberwunden, und ganze Provinzen, die von den Fabricationsorten zu weit entfernt waren, waͤren des Vor⸗ theils, den die feine Schaafzucht giebt, beraubt geblieben. 213 Wir koͤnnen aber doch unſern Wunſch nicht unter⸗ druͤcken, daß dieſer Zwiſchenhandel durch einen Commiſ⸗ ſionshandel, wobei die Kaufleute auf den Ankauf fuͤr eigne Rechnung ſo viel wie moͤglich Verzicht leiſteten, erſetzt werden moͤge; wir ſagen, ſo viel als moͤglich, denn freilich erfordert dieſer Handel ein ſolches Zutrauen auf die Recht⸗ lichkeit des Commiſſionairs, als wohl allgemein nicht zu erreichen ſeyn wuͤrde. Die directen Verbindungen der Wollerzeuger mit den Fabriken ſind zuweilen ſchwer zu bewirken: der Fabrikant kann nicht wohl nach Schaͤfereien, die von ſeiner Manu⸗ factur zu weit entfernt ſind, hinſchicken, um die Wollen, die ihm angetragen werden, unterſuchen zu laſſen; in dem Falle wird ſich der Producent ungern der Gefahr der Nicht⸗ annahme ſeiner nach den Ablieferungsorten hingeſchickten Wolle ausſetzen. Wenn alſo die Anſicht von bloßen Proben der verſchie⸗ denen Qualitaͤten, die man liefern kann, auch ſelbſt bei gegenſeitigem Zutrauen, nicht zureicht, einen Handel ab⸗ zuſchließen, ſo iſt es faſt unmoͤglich, dieſen zu machen, beſonders wenn die Quantitaͤten nicht bedeutend ſind; weil der Fabrikant auf der einen Seite die Ablieferung bei den Producenten nicht annehmen kann, und dieſer auf der andern Seite ſie ihm zuzuſchicken nicht wagen darf. Ferner paſſen aber auch nicht alle Arten von Wolle zu jeder Manufactur, und der Producent wird daher oft durch Gebote, die ihm hoͤchſt unangemeſſen ſcheinen, ohne es doch wirklich in dieſem Verhaͤltniſſe zu ſeyn, beleidigt werden, denn wenn er ſeine hochfeinen Wollen einem Fa⸗ brikanten anbietet, welcher nur Mitteltuͤcher macht, ſo wird 214 man ihm einen Preis bieten nach Maaßgabe derjenigen Arten von Wollen, welche dieſer Fabrikant gewoͤhnlich gebraucht. Endlich wird er neue Schwierigkeiten finden, wenn er ſeine ganze Schur an eine und dieſelbe Fabrik verkaufen will, denn es werden ſich in derſelben ſolche Wollgattungen finden, welche dieſe Fabrik nicht benutzen kann, und wo⸗ von ſie ſich wieder losmachen muß; ſie muß daher in dem Totalpreiſe der ganzen Schur einen Erſatz des Verluſtes finden, welchen ihr dieſer Wiederverkauf zuziehen kann. Aber wie koͤnnen dieſe Schwierigkeiten und manche andere, die wir hier nicht angegeben haben, uͤberwunden werden? Das einzige Mittel, welches wir anzugeben wiſſen, iſt ein ernſtliches Studium der Wolle. Wir kom⸗ men hier immer auf unſern Lieblingsſatz zuruͤck und rufen den Producenten zu: lernt den wahren Werth eurer Vließe kennen, und ihr werdet in der Zurichtung und im Verkauf eurer Wolle eine Erfahrung erlangen, die elich gegen alle Hinterliſt und alle uͤbertriebene Gewinnſucht ſchuͤtzt, ihr werdet dann auch die Verhaͤltniſſe eurer beſondern Lage beſſer zu beurtheilen wiſſen, ihr werdet den eurem Vortheil am meiſten entſprechenden Kaͤufer beſſer unterſcheiden ler⸗ nen, und endlich koͤnnt ihr dieſem Kaͤufer einen richtigern Begriff von dem wahren Werthe eurer Wolle geben und euren Handel auf feſtere Gruͤnde ſtuͤtzen und ihm ſo ge— genſeitig eine gewiſſe Beſtimmtheit und Rechtlichkeit geben! XXXIV. Anmerk. d. Ueberſ. Die Schwierigkeiten, die Wolle an den rechten Mann zu bringen und ſie im wahren 215 Verhaͤltniſſe ihres Werths bezahlt zu erhalten, ſind doch im oͤſtlichen Deutſchland— Dank ſey es unſern groͤße— ren Wollmeſſen— nicht ſo groß, als die Verf. ſolche in Frankreich angeben, obgleich hinſichtlich des gerechten Wollverkaufs auch bei uns manches zu wuͤnſchen uͤbrig bleibt. Ueber die Vortheile, welche die ſortirenden Woll⸗ haͤndler, als Mittler zwiſchen den Producenten und den Fabrikanten, in ganz Europa beiden Theilen leiſten, habe ich mich in meiner Recenſion von Luckoks Werke uüͤber die Wolle(Moͤgl. Annalen Bd. 8. S. 229 u. f.) ausfuͤhrlich geaͤußert und muß darauf verweiſen. Ueber die Wollmaͤrkte, wo die Wollhaͤndler mit den Produ⸗ centen zuſammenkommen, iſt ebenfalls vieles in jenen Annalen verhandelt, woraus erhellet, daß wir in dieſen Stuͤcken viel beſſer daran ſind, als die Franzoſen. Daß aber Magazinirungs⸗ und Commiſſionshandlungen, deren nun immer mehrere angelegt werden, fuͤr die Verwer⸗ thun unſerer Wolle noch erſprießlicher werden koͤnnen, hat meines Erachtens keinen Zweifel. Wenn ſie in Ruf kommen und durch die Vorraͤthe, die ſie aufgelagert ha⸗ ben, auslaͤndiſche Kaͤufer herbeiziehen, ſo wird es viel⸗ leicht rathſam werden, ihnen von feiner Wolle Sorti⸗ mente und keine rohe Schuren zu committiren. Die Wolle ſehr gemiſchter Heerden zu ſortiren und aus den mannigfaltigen Gattungen, die ſie enthalten, die zu dieſem und jenem Fabrikate brauchbarſten Sortimente zu machen, iſt freilich ſehr ſchwierig und erfordert viele Handelskenntniſſe. Aber bei der Schur feiner Electoral⸗ ſchaͤfereien muß das Sortiren und ſogenannte Accom⸗ modiren einem Schaafkenner ſehr leicht werden. Letz⸗ 216 teres beſteht im Ausklopfen und dann brauchen hoͤch⸗ ſtens drei Vließſortimente und drei Lockenſortimente ge⸗ macht zu werden. Jene werden engliſche Fabrikanten gern kaufen. Auf den diesjaͤhrigen Maͤrkten(1824) waren viele Englaͤnder, die viel kaufen wollten; aber daß ſie keine ſortirte Wolle, wie ſie geglaubt hatten, finden konnten, ſchreckte ſie ab und ſie wandten ſich nun lieber an deutſche Wollhaͤndler. Bevor aber die Eigenthuͤmer dieſe ſo noͤthige Kenntniß erlangt haben, kann die Entmuthigung, welche die Merino⸗ zuͤchter ſeit einigen Jahren betroffen hat, noch zunehmen, und fuͤr dieſen wichtigen Induſtriezweig die traurigſten Folgen haben. Nun iſt es aber nicht blos die Leſung einer Abhandlung uͤber die Wollen, woraus die Produ— centen hinreichenden Unterricht ziehen koͤnnten; ſie beduͤrfen durchaus einer Leitung durch practiſche Beiſpiele; viele unter ihnen ſind durch ihre anderweitigen Beſchaͤftigungen und ihre Lage in die Unmoͤglichkeit verſetzt, ſich den ſorg— faͤltgen Beobachtungen und der Leitung ihrer Heerde zu unterziehen, und endlich giebt es gewiſſe oͤrtliche Schwie⸗ rigkeiten, die man nicht beſeitigen kann. Die Exwaͤgung dieſer Umſtaͤnde hat unſere landwirth⸗ ſchaftliche Verbindung zu Naz ſo ergriffen, daß ſie die Idee eines Inſtituts gefaßt hat, deſſen Zweck und Nütz⸗ lichkeit wir hier angeben wollen. Nahe bei der Hauptſtadt, dieſem natuͤrlichen Brenn⸗ puncte aller Induſtrie, wuͤrde die Aſſociation eine Schaͤ⸗ ferei von Merinos anlegen, welche zur hoͤchſten Vollkom⸗ menheit der Feinheit und aller wuͤnſchenswerthen Quali⸗ 217 taͤten der Wolle gebracht waͤre. Sie wuͤrde allen Schaͤ— fereibeſitzern und ihren Agenten offen ſtehen; ihr Vorſteher wuͤrde angewieſen ſeyn, im genaueſten Detail Anweiſun⸗ gen uͤber alles, woruͤber er befragt wuͤrde, zu geben, bei Vergleichung der ihm vorgelegten Proben mit den aus der Muſterheerde genommenen, die Gleichheit und Verſchieden⸗ heit der Qualitaͤten klar vor Augen zu legen und zu er⸗ laͤutern, endlich alle Fragen zu beantworten, die man an ihn richtete. Neben dieſer hochvervollkommneten Heerde wuͤrde man eine andere, ebenfalls von echter Raße, aber weniger ver⸗ feinerte ſehen, die jedoch mit vorzuͤglichen Boͤcken bedeckt wuͤrde, damit man den Gang und die Fortſchritte der Veredlung verfolgen und beachten koͤnnte. Wenn ſich die Aſſociation in ihren Erwartungen nicht irrt, ſo wird ſie uͤberdies einen kleinern Haufen beſonderer Naße halten, welche fuͤr den Kamm geeignete Wolle giebt, und dabei ihr Beſtreben dahin richten, durch richtig gelei— tete Kreuzungen verſchiedener Raßen dasjenige Material hervorzubringen, welches unſern ſchoͤnen Fabriken von glatten Zeugen noch abgeht. Alle eifrigen Merinozuͤchter wuͤrden eingeladen werden, mit dieſem Inſtitute in Correspondenz zu treten, dieſes wuͤrde alle Nachrichten, die ſie ihm uͤber die Erfolge ihrer Praxis und ihrer Nachforſchungen geben wollten, auf's dankbarſte annehmen, und ihnen dagegen mit groͤßter Be⸗ fliſſenheit alles das mittheilen, was ſie verlangten. Aus dieſer Correspondenz und gegenſeitigen Mittheilung, ſo wie aus den Erfahrungen, die uͤber verſchiedene Puncte und in verſchiedenen Oertlichkeiten gemacht worden, wuͤr— 218 den ſolche allgemeine Begriffe und ſolche vereinzelte Be⸗ merkungen hervorgehen, welche die Herausgabe intereſſan⸗ ter Annalen begruͤnden koͤnnten. XXXV. Anmerk. d. Ueberſ. Der Plan des Schaͤferei⸗Inſtituts iſt ſehr gut angelegt. Ob es dieſer Societaͤt damit bei Paris gluͤcken werde, kommt auf viele Nebenumſtaͤnde an. Intereſſirt ſich der Koͤnig, die Prinzen und andere in Credit ſtehende Maͤnner dafuͤr; beehren ſie es mit ihrem Beſuche und wird alſo die Schaafzucht wieder Mode, ſo wird es vortrefflich damit gehen. Es ſcheint zwar, als ob ſich ein ſolches Inſtitut allein und ſicher auf das wohlverſtandene Intereſſe der Heerdenbeſitzer begruͤnden laſſen muͤſſe; aber die Erfahrung lehrt, daß man darauf nicht viel rechnen duͤrfe. Sie wollen wohl den Zweck, aber die Mittel dazu ſind ihnen zu weit⸗ laͤuftig. Geht es mit dem Wollverkaufe gut, ſo ſagt man: ich bin ja zufrieden, ich habe es ſo weit gebracht und werde es allein ſchon weiter bringen: was be⸗ darfs all der Haarſpaltereien!— Geht es ſchlecht da— mit, ſo heißt es: Ach! das kann doch alles nicht hel— fen!— Solcher Aeußerungen habe ich bei Gelegenheit des Berliner Schaafzuͤchtervereins, der anfangs viele Theilnahme fand, beſonders in den Sitzungen zur Marktzeit, genug gehoͤrt. Wie es in den Jahren 1817 und 18 gut ging, erhielt ich auf Einladungen in die Verſammlung zu kommen, nicht ſelten die Antwort: „ich habe meine Wolle gut verkauft, was gehts mir weiter an!“— und als es ſchlechter ging:„ſie wer— 219 den uns ja darum nicht mehr bieten, daß wir da zu⸗ ſammenkommen!“— Koͤnnten ſolche Inſtitute den Preis auf einmal erhoͤhen, dann wuͤrden ſie In— tereſſe genug finden; aber da ſie nur eine allmaͤlige Erhoͤhung des Werths bezwecken koͤnnen, ſo iſt das den Meiſten zu weit ausſehend. Zwar bin ich ſehr weit entfernt, mich fuͤr meine Perſon uͤber Mangel an Theilnahme bei meinem Be⸗ ſtreben, die Schaafzucht zu veredlen, zu beklagen. Ich habe mich vielmehr ſowohl privatim als beſonders bei Gelegenheit des Leipziger Wollconvents der liberalſten und thaͤtigſten Unterſtuͤtzung von Producenten, Fabri⸗ kanten und Wollhaͤndlern zu erfreuen gehabt. Aber dieſe perſoͤnliche Ruͤckſicht— wofuͤr ich meinen geliebten Freunden und Schuͤlern, ſo wie meinen geehrten Cor— respondenten um ſo herzlicher dankbar bin— mußte hinzukommen, um der Sache das Intereſſe und den Fortgang zu geben und zu erhalten. Mit dieſer Unterſtuͤtzung hat die Moͤgliner Schaͤferei vieles von dem geleiſtet, was die Verf. von ihrer anzu⸗ legenden Muſterſchaͤferei erwarten. Vor allem hat ſich die Wollkenntniß durch die auf der hieſigen Akademie ſtudirenden jungen Maͤnner verbreitet, aber auch andern Beſuchenden wird die Gelegenheit gegeben, Vergleichun— gen der Vließe anzuſtellen und ihnen der Urſprung der verſchiedenen Qualitaͤten durch Vorzeigung ausgezeichne⸗ ter Stammthiere klar gemacht, wenn ſie das, was dar⸗ uͤber in den Moͤgliner Annalen geſagt iſt, mit Aufmerk— ſamkeit geleſen haben. Alle Mittheilungen ſind dankbar aufgenommen und mit andern darauf Bezug habenden 220 erwiedert worden. Wenn dies in dem Maaße jetzt nicht mehr geſchehen kann, ſo iſt daran die Schwaͤche meines Alters und der Mangel eines ſchon genugſam geuͤbten Gehuͤlfen ſchuld. Mit der Moͤgliner Schaͤferei verbindet ſich die benachbarte Koͤnigl. Stammſchaͤferei zu Fran⸗ kenfelde und beide machen hinſichtlich des daraus zu zie⸗ henden Unterrichts ein Ganzes aus. Aus ganz ver⸗ ſchiedenen Urſtaͤmmen entſprungen, haben ſie beide nach dem Ziele geſtrebt, die hohe Feinheit und Ausgeglichen⸗ heit mit Dichtheit, Vollheit und Geſchloſſenheit der Vließe im moͤglich hoͤchſten Grade zu verbinden. Neben der Schaͤferei waͤre die Waſchanſtalt, die Wol⸗ len dieſer Muſterheerde wuͤrden mit den ſaͤmmtichen zu Naz gewonnenen daſelbſt ſortirt und nach der Methode, die wir angegeben und ausgefuͤhrt haben, gewaſchen wer⸗ den. Diejenigen Heerdenbeſitzer im Koͤnigreiche, welche dieſe Methode, die wir fuͤr die beſte erkennen, ihrer oͤrt⸗ lichen Lage wegen nicht ausfuͤhren koͤnnen, oder auch die, welche, nachdem ſie ſolche angenommen, Schwierigkeiten bei dem Verkauf faͤnden, koͤnnten ihre Schuren dieſem Inſtitute anvertrauen; ſie wuͤrden daſelbſt aufgenommen, ſortirt, gewaſchen und auf Rechnung der Eigenthuͤmer ver⸗ kauft werden, ohne daß das Inſtitut jemals von ſeinen feſten Grundſaͤtzen abwiche, und ſelbſt Kaͤufer dieſer Wol⸗ len wuͤrde. Der Erſatz, zu welchem es berechtigt waͤre, wird, nach der Abſicht und dem Zwecke der Begruͤnder, ſo billig als moͤglich ſeyn, und dieſer Erſatz wuͤrde unver— aͤnderlich und gleichartig fuͤr alle Producenten feſtgeſtellt werden. 221 Man wuͤrde eine genaue Rechnung uͤber das Product jeder Heerde bei der Sortirung im Schweiße anlegen, und man wuͤrde ſogar eine abgeſonderte Sortirung der verſchiedenen Claſſen der eingeſandten Vließe machen, da⸗ mit der Eigenthuͤmer den Unterſchied des Werths dieſer Vließe ſchon daraus beurtheilen koͤnnte. Jede dieſer Sor⸗ ten wuͤrde jedoch nicht beſonders gewaſchen werden, ſon⸗ dern man wuͤrde ſie mit den gleichartigen aus ſolchen Heerden verbinden, die auch in der Reinheit der Vließe damit uͤbereinſtimmten. Der Durchſchnitt des Reſultats bei der Waͤſche, welches dieſe vereinigten Qualitaͤten geben, wuͤrde die erſte dem Eigenthuͤmer zu ertheilende Note aus⸗ machen, um ihn zu unterrichten: 1) von der Zahl der aus den gewaſchenen Wollen ge⸗ machten Sortimente; 2 uͤber die Claſſificirung ſeiner Heerde im Schweiße, in Bezug auf die Zahl jener Sortimente; 3) uͤber den Ertrag jeder Claſſe der Vließe, deſſen Berechnung er abgeſondert zu haben wuͤnſcht; 4) uͤber den Abgang bei der Waͤſche, bei jedem Sor⸗ timente der Wollen. Nach voͤlliger Vollendung der Waͤſche wuͤrde der Ver⸗ kauf der Wollen angekuͤndigt und eroͤffnet werden, er wuͤrde unmittelbar auf Rechnung der Eigenthuͤmer zwi⸗ ſchen den Fabriken und dieſem Inſtitute abgemacht wer⸗ den, welches letztere fuͤr die Zahlung einſtaͤnde und ſolche auf dem kuͤrzeſten und ſicherſten Wege ſeiner Beſtimmung gemaͤß uͤberſchickte: die Producenten wuͤrden alſo gegen alle Zufaͤlligkeiten und mannigfaltige Verwickelungen geſi— chert ſeyn. 222 Wenn jedoch einige die Abſicht haͤtten, ihre Wolle ſelbſt zu verkaufen oder ſie zuruͤckzunehmen, ſo ſtaͤnde ihnen das frei, aber ſie muͤßten das Inſtitut gleich bei der Ueberſen⸗ dung ihrer Wolle davon benachrichtigen, damit die Sorti⸗ rung und Waͤſche abgeſondert geſchehen koͤnne. Dieſe Zuſammenhaͤufung von ſortirten Wollen, deren wahrer Werth nach unſerer Waͤſche in Verhaͤltniß mit dem gegenwaͤrtigen Courſe leicht gewuͤrdigt werden koͤnnte, wuͤrde ſowohl den Producenten als den Fabrikanten ent⸗ ſchiedene Vortheile gewaͤhren, und die letztern wuͤrden die Qualitaͤten, die ihnen am meiſten zuſagten, hier zuſam⸗ menfinden, und der Produtent wuͤrde den Werth jeder die⸗ ſer Qualitaͤten um ſo richtiger erhalten, weil ſie hier in groͤßeren Maſſen angehaͤuft die Werthsverminderung nicht erleiden wuͤrden, die oft kleine Quantitaͤten einer Art ſich gefallen laſſen muͤſſen. Wenn der beſſere Verkauf fuͤr die Eigenthuͤmer und beſonders fuͤr die, welche ſich mit Veredlung ihrer Wolle gluͤcklich beſchaͤftigt haben, ſchon ein ſehr wuͤnſchenswerther Punct iſt, ſo halten wir doch die Folgen fuͤr noch ungleich wichtiger, welche dieſe Einrich'ung hinſichtlich der kuͤnftigen Verbeſſerung der franzoͤſiſchen Heerden im Allgemeinen haben koͤnnte. Schon vom erſten Jahre an, wo die Eigenthuͤmer ihre Schaafe nach Maaßgabe ihrer Schoͤnheit in verſchiedene Claſſen gebracht und ſie gehoͤrig gezeichnet haͤtten, wuͤrden ſie uͤber die Verſchiedenheit des reinen Ertrages jeder die⸗ ſer Claſſen urtheilen koͤnnen. Sie wuͤrden ſich nun von den auffallenden Verſchiedenheiten, die wir angegeben ha⸗ ben, uͤberzeugen, und ihr Intereſſe wuͤrde ſie nun faſt 223 zwingen, ihre Heerde auf den Grad der Feinheit und Aus⸗ geglichenheit zu bringen, der ihnen am vortheilhafteſten waͤren Es wuͤrde bei ihnen nun kein Zweifel uͤber den richtigſten Weg der Veredlung entſtehen, weil ſie nur be⸗ kannte und augenſcheinliche Reſultate mit einander zu ver⸗ gleichen brauchten. Wenn ſie jedoch bei der Claſſification und der Auswahl ihrer Zuchtthiere wegen Mangel einer hinreichenden Wollkenntniß noch Schwierigkeiten faͤnden, ſo wuͤrde ihnen das Inſtitut auf ihr Verlangen immer im Laufe eines Jahres einen geſchickten Schaͤfer oder andern erfahrnen Mann ſchicken koͤnnen, ohne andere Koſten, als die der Ueberkunft, die in dem Falle hoͤchſt unbedeutend werden wuͤrden, wenn mehrere Eigenthuͤmer in derſelben Gegend ſich in dieſem Verlangen vereinigten.“ Dies wird zureichen, unſern Leſern einen genuͤgenden Begriff von dem Zwecke zu geben, den die landwirthſchaft⸗ liche Compagnie von Naz ſich vorgeſetzt hat. Wir ſind uͤberzeugt, daß bei dem jetzigen Zuſtande der Merinozucht in Frankreich ein ſolches Inſtitut ſehr große Dienſte lei⸗ ſten koͤnne; es waͤre im Grunde nichts anderes, als ein großer Verein von Eigenthuͤmern, die ſich gegenſeitig mit den Reſultaten ihrer Praxis und ihrer Erfahrung unter⸗ ſtuͤtzten, und welche bei dieſer Gemeinſchaft der Intereſſen Vortheile erreichten, die ſie iſolirt nicht erreichen koͤnnten. Wir glauben auch, daß die Fabriken den gluͤcklichen Er⸗ folg dieſes Planes mit Vergnuͤgen ſehen wuͤrden, denn wir ſind weit entfernt, die ungerechten Vorurtheile zu theilen, welche manche Producenten, die ihnen Unwiſſen⸗ heit, Eigenſinn und die Abſicht, franzoͤſiſche Producte her⸗ abzuwuͤrdigen, wegen des Vorzuges, welchen ſie fremden 224 Wollen bei ihren ſchoͤnſten Fabrikationen geben, beimeſſen, gegen ſie gefaßt haben. Unſere perſoͤnlichen Verhaͤltniſſe mit einigen der vorzuͤglichſten Fabrikanten des Koͤnigreichs haben uns uͤberzeugt, daß die Manufacturen weit ent⸗ fernt ſind, feindſelige Geſinnungen gegen die Eigenthuͤmer zu hegen, daß vielmehr alle ihre Wuͤnſche dahin gehen, ſich von dem Tribute zu befreien, den ſie an Deutſchland zu zahlen gezwungen ſind. Die Intereſſen der Fabrikan⸗ ten und der Producenten ſind zu genau mit einander ver⸗ bunden, als daß die einen lange leiden koͤnnten, ohne daß die andern es mit empfaͤnden, und ſie haben beide einen gleichen Vortheil, wenn ſie eine Verbindung, welche dieſem gegenſeitigen Intereſſe guͤnſtig iſt, eingehen. Endlich haben wir die Hoffnung, daß, wenn ſich die⸗ ſes beabſichtigte Inſtitut des oͤffentlichen Zutraues wuͤrdig machte, ſolches auch die beſondere Protection der Regie⸗ rung verdienen wuͤrde, deren Vorſorge jetzt beſonders auf die ungluͤckliche Lage gerichtet iſt, worin ſich der groͤßere Theil der Eigenthuͤmer befindet. XXXVI. Anmerk. d. Ueberſ. Was die mit der Muſterſchaͤferei der Verf. zu verbindende Waſch⸗ Sortir⸗ und Commiſ⸗ ſionsverkauf⸗Anſtalt betrifft, ſo draͤngt ſich die Frage auf: ob die in Paris nach einem großen Maaßſtabe angelegte und von dem Grafen Morel de Vindé beſchriebene noch exiſtire und lohnenden Fortgang habe? Iſt dies der Fall, ſo waͤre jene uͤberfluͤßig: iſt es nicht, ſo ſcheint das, was mich abgehalten hat, auf einen aͤhn⸗ lichen Vorſchlag einzugehen, Grund zu haben— die u* 225 Unmoͤglichkeit einer ſolchen oͤffentlichen Anſtalt volles Zutrauen zu verſchaffen! Faſt jeder hat von ſeiner Schur und den daraus zu machenden Sortimenten ei⸗ nen hoͤheren Begriff, als nachher die Wirklichkeit ergiebt, und ſo erzeugt und verbreitet ſich Unzufriedenheit und Mißtrauen. Mehr trauet man der Perſoͤnlichkeit eines Privatcommiſſionairs, als einer oͤffentlichen Anſtalt, wo⸗ bei viele Officianten angeſtellt ſind. Wir gehen nun zum zweiten Theil dieſes Abſchnittes uͤber, und beruͤhren einige Fragen, welche den Wollhandel im Allgemeinen betreffen. Ueber den Cours(Marktpreis) der Wollen. Es wuͤrde eine fruchtloſe Bemuͤhung ſeyn, alle die mit— wirkenden Urſachen angeben zu wollen, welche auf den Cours oder Kaufwerth irgend eines Gegenſtandes des Handels temporair einwirken koͤnnen. Er iſt ſo vielen zufaͤlligen Einfluͤſſen unterworfen, und ſeine Veraͤnderung haͤngt von ſo vielen entfernten, voruͤbergehenden und ſo unbemerklichen Umſtaͤnden ab, daß es ſehr gewagt ſeyn wuͤrde, irgend eine feſtſtehende Regel dafuͤr aufſtellen zu wollen. Es giebt jedoch gewiſſe allgemein wirkende Urſa⸗ chen, deren Vorhandenſeyn man immer erkennen kann, und die oft wirkſam genug ſind, um den Einfluß aller andern zu untandruͤcken. So wird imter die groͤßere Concurrenz des Ankaufs und die verminderte Concurrenz des Verkaufs den Preis in die Hoͤhe treiben, das entgegengeſetzte Verhaͤltniß aber 15 226 ihn herunterſetzen: dies iſt ein Grundſatz der Handels⸗ praxis, dem nie die Wirklichkeit widerſprochen hat. Vier Haupturſachen wirken auf dieſe Vermehrung und dieſen Mangel der Concurrenz und als ſolche erkennen wir folgende: 1) die mehrere oder mindere Veraͤnderlichkeit der Qua⸗ litaͤt der Waare; 2) die mehrere oder mindere Schwierigkeit ihrer Ver⸗ fuͤhrung; 3) das Maaß ihrer Production; 4) das Maaß ihrer Verwendung. Verſchiedenheit der Qualitaät. Je weniger eine Waare in ihren Qualitaͤten Verſchie⸗ denheit hat, um deſto regulairer wird ihr Marktpreis ſeyn. Wenn wir annehmen, daß ſich ein richtiges Gleichgewicht zwiſchen der erzeugten Quantitaͤt und ihren Bedarf feſt⸗ geſtellt haͤtte, ſo muͤßte, wenn die Qualitaͤt voͤllig gleich waͤre, auch die Concurrenz der Verkaͤufer und Kaͤufer in einem vollkommenen Gleichgewichte bleiben, weil ſie ſich dann gleichmaͤßig auf jeden Theil der ganzen dargeſtellten Maſſe wenden wuͤrde. Wenn dagegen dieſe Theile von verſchiedener Qualitaͤt ſind, ſo kann ſich die Wirkung die⸗ ſer Concurrenz bald auf den einen, bald auf den andern Theil dieſer Maſſe concentriren, und ſo wird dieſes Gleich⸗ gewicht aufgehoben, und der Preis des begehrten Theils wird ſteigen, und der des nicht begehrten um ſo mehr fallen. Dieſer Unterſchied des Preiſes wird dann ſelbſt nicht in den Graͤnzen des wahren relativen Werths der einen Qualitaͤt gegen die andere bleiben. Einige Beiſpiele werden dies erlaͤutern. Zehn Holz⸗ haͤndler ſtellen jeder einen Haufen Buͤchenholz aus, und zehn Kaͤufer finden ſich ein, mit der Abſicht, jeder einen zu kaufen. Es kann einiger Unterſchied in der Qualitaͤt dieſer Waare ſtatt finden, aber im Ganzen iſt er unbedeu⸗ tend und kann dieſe zehn Kaͤufer nicht veranlaſſen, auf einen Haufen dieſes Holzes vor dem andern beſonders zu verfallen; in dem Falle wird jeder Kaͤufer mit jedem Ver— kaͤufer ſeinen Handel abſchließen und das Gleichgewicht der Concurrenz wird ſich ſo erhalten, daß keine Ungleich⸗ heit in dem Marktpreiſe hervorgeht. Allein, wenn die Frage nicht Holzhaufen, ſondern La⸗ dungen von Weizen betrifft, und daß von den zehnen, die ausgeboten werden, einige eine ſo ſchoͤne Qualitaͤt haben, daß 90 Kilogrammen ſehr gutes Brod aus einem Maaße gebacken werden koͤnnen, wogegen andere nur 60 Kilo— grammen geben wuͤrden, ſo iſt es gewiß, daß die zehn Baͤcker hier in Concurrenz bei dem Kaufe des beſten Korns treten werden; und eine gleiche Concurrenz zum Verkauf wuͤrde unter den Eigenthuͤmern des ſchlechten Korns ent⸗ ſtehen. Dieſes doppelte Verhaͤltniß wird alſo nicht nur den Preis der beſſern Qualitaͤt in die Hoͤhe treiben und den der ſchlechtern herunterbringen, ſondern es wird auch nicht einmal das gehoͤrige Verhaͤltniß des wahren Werths beider Waaren ſich erhalten, und die Ladung des beſten Korns, die nach dem jetzigen Preiſe ungefaͤhr 15 haͤtte gelten muͤſſen, wird nun vielleicht zu 18 verkauft, wo— gegen das ſchlechtere Korn, deſſen wahrer Werth 12 geweſen waͤre, nun wahrſcheinlich auf 10 herabfallen wird. 15* 228 Die mehrere oder mindere Schwierigkeit ihrer Verfuͤhrung. Die Leichtigkeit, womit eine Waare von einem Orte zum andern gebracht werden kann, iſt ein Umſtand, wel⸗ cher die Concurrenz bei ſelbiger am meiſten vermehrt, und deshalb auf die Veraͤnderung ihres Marktpreiſes einen bedeutenden Einfluß haben muß. Eine Waare, die ſich nicht weit verfahren laͤßt, iſt nur oͤrtlichen und deshalb beſchraͤnkten Conjuncturen unterworfen, wogegen die, welche ſich auf viele und entfernte Maͤrkte bringen laͤßt, von den Veraͤnderungen eines jeden dieſer Maͤrkte beruͤhrt wird. Das Maaß der Produetion. Wenn dieſes nicht das Maaß des Bedarfs erreicht, ſo wird natuͤrlich der Preis ſteigen, weil die Concurrenz des Begehrs ſich vermehrt; in dieſem Falle iſt aber die Diffe⸗ renz des Preiſes hinſichtlich der Qualitaͤt viel geringer, als wenn der Kaͤufer unter einer uͤberfluͤßigen Menge aus— waͤhlen kann, denn in dem erſten Falle muß er ſich mit dem begnüuͤgen, was er kaufen kann, und im zweiten Falle kauft er nur das, was ihm beſonders gefaͤllt; der letztere Fall iſt der guten Qualitaͤt einer Waare beſonders guͤnſtig. Das Maaß ihrer Verwendung. Was wir uͤber das Maaß der Production geſagt ha⸗ ben, laͤßt ſich nun umgekehrt auf das Maaß des Bedarfs anwenden. Wir wollen nun das Geſagte auf die Merino⸗ wollen in Anwendung bringen, und dieſes Material unter den erwaͤhnten Verhaͤltniſſen betrachten, wo wir ſie dann den vier Urſachen der Veraͤnderlichkeit des Marktpreiſes unterworfen finden werden. 229 1) Die Qualitaͤten der Merinowollen ſind nichts we⸗ niger als gleichartig, ſondern im Gegentheil ſehr mannig⸗ faltig und weſentlich verſchieden. Dieſe Verſchiedenheit findet ſich nicht nur in verſchiedenen Heerden, ſondern auch unter den Thieren einer und derſelben Schaferei, und ſogar in einem und demſelben Vließe. 2) Ihr Transport iſt leicht, kann ohne Nachtheil fuͤr ihre Qualitaͤt geſchehen, und die Koſten ſind im Verhaͤlt⸗ niß des Werths der Waare ſehr geringe. 3) Das Maaß ihrer Production hat keine feſten Graͤn⸗ zen. Spanien hat laͤngſt aufgehoͤrt, ſie ausſchließlich zu liefern; ſie werden in mehr oder minderem Ueberfluſſe und mit hoͤherem oder geringerem Gewinn faſt in allen europaͤiſchen Laͤndern erzeugt, und ein neuer Welttheil bringt ſchon bedeutende Quantitaͤten hervor. 4) Das Maaß des Bedarfs dieſes Materials laͤßt ſich eben ſo wenig berechnen. Dem erſten Anblick nach ſcheint es der ſich taͤglich vermehrenden Production kaum gleich⸗ kommen zu koͤnnen; jedoch kann man hier keine Graͤnzen feſtſtellen, wenn man bedenkt, daß, wenn der Preis der ſchlechteren Gattungen noch mehr herunterfaͤllt, dieſe Gat⸗ tungen eine unermeßliche Verwendung erhalten werden, indem ſie nun an die Stelle der gemeinen Wollen treten, um ſo mehr, wenn ſich der vermehrende Wohlſtand und mit demſelben die groͤßere Neigung zum Luxus und zum Behaglichen unter alle Claſſen verbreitet, und Millionen Menſchen ihre grobe Kleidung in feineres Tuch umwand⸗ len, und ſo einen ungeheuren Vorbrauch von Merinowolle veranlaſſen. Bevor wir es jedoch wagen, auf jene allge⸗ meinen Grundſätze Wahrſcheinlichkeiten uͤber den kuͤnftigen 230 Marktpreis der Merinowollen zu begruͤnden, glauben wir, daß es nicht ohne Intereſſe ſeyn wird, zu unterſuchen: 1) in welchem annaͤhernden Verhaͤltniſſe unſere Pro⸗ duction jetzt mit unſerer inneren Conſumtion und der Aus⸗ fuhr unſerer Wollen und Zeuge ſtehe; 2) wie hoch ſich unſere Einfuhr belaufe und wie ſich dies mit den Umſtaͤnden unſerer Production und unſerer Ausfuhr vereinigen laſſe. Wir glauben nicht, daß bei dem Miniſterium des In⸗ nern jetzt eine genauere und neuere Ueberſicht der Zahl der Schaafe vorhanden ſey, als die Hr. v. Chaptal auf den Calcul begruͤndet hat, den ſein wichtiges Werk uͤber den Gewerbsfleiß in Frankreich enthaͤlt. Die Ueberſicht, die wir vor Augen haben, geht auf das Jahr 1812 zuruͤck. Nach Hr. v. Chaptal beſaß Frankreich im Jahre 1818: Merinos 2 766,310 Meſtizen-⸗⸗ 3,578,748 1 35,188,910 Landſchaafe ⸗ ⸗ 30,843,852 Und gewann: Merinowollen im Schweiß ⸗ 790,175 Kil. Meſtizenwollen 3,901,881 ⸗7† 37,928,543 Kil. Gemeine Wollen ⸗ 33,236,487 ⸗ Es iſt zu vermuthen, daß die letztere Annahme ſich nicht auf dieſelbe Epoche beziehe, wie die der Schaafe, denn es iſt darunter ein augenſcheinliches Mißverhaͤltniß. Denn das Durchſchnittsgewicht der Vließe im Schweiß waͤre dann nur 1139 Kilogr. bei den Merinowollen, 1135 Kilogr. bei den Meſtizen und 118 Kilogr. bei 231 den Landſchaafen, da man doch das Gewicht der feinen und Meſtizvließe nicht unter 2 ½ Kilogr. und das der ge⸗ meinen nicht unter 1½ Kilogr. annehmen kann. Im Jahre 1809 zählte Herr Teſſier ſchon 400,000 Merinos. Dieſe Zahl hat ſich ſeitdem ſehr vermehrt, je⸗ doch bezweifeln wir eine ſo ſtarke Vermehrung, als der Calcul des Hrn. v. Chaptal angiebt, und wir wiſſen nicht, auf welche Thatſachen dieſer einſichtsvolle Staatsverwalter den Stand von 1812 modificirt hat, um auf den von 1818 zu kommen. Wir haben ſelbſt mannigfaltige Unterſuchungen uͤber dieſen Gegenſtand angeſtellt, wir haben alles geleſen, was daruͤber herausgekommen iſt, und wir ſind gluͤcklich genug geweſen, auf unſern vielfachen Reiſen durch verſchiedene Gegenden des Koͤnigreichs mehrere wichtige Nachweiſungen zu erhalten. Wir halten es aber fuͤr ſehr wichtig, daß die Regierung bei dieſer Unterſuchung einſchreite, und daß ſie eine neue Zaͤhlung der Schaafe veranlaſſe, ohne welche alle Bemuͤhungen nur ſehr unſicher ſeyn koͤnnen, und man ſich auf die daraus gezogenen Folgerungen nicht verlaſſen kann. Nur furchtſam wagen wir daher, unſere eigene Meinung uͤber die Wollproduction mitzutheilen, und auf die Unterſuchung einiger Fragen einzugehen, die ſich dar— auf beziehen. Nach unſerm Calcul wuͤrde folgendes die Wollproduc⸗ tion in Frankreich ſeyn: Merinowollen 3 Meſtizwollen Gemeine Wollen A 1,400,000 Kilogr. 6,500,000 ⸗ 38,500,000 ⸗ 15,400,000 Kilogr. N A⁸ 232 Wenn wir dann fragen, welches annaͤhernd die Con⸗ ſumtion ſey, ſo finden wir noch groͤßere Schwierigkeiten bei ihrer richtigen Beantwortung. In einer ſehr intereſ⸗ ſanten Abhandlung, welche Hr. v. Gasparin der Societaͤt zur Ermunterung des Gewerbsfleißes eingereicht und kuͤrz⸗ lich herausgegeben hat, meint er, daß man im Durchſchnitt eine halbe pariſer Elle Tuch fuͤr die Conſumtion einer jeden Perſon in Frankreich annehmen koͤnne, und daß dieſe halbe Elle wenigſtens 1 Kilogr. 45 Cent. im Schweiß erfordere, und da die Population nun 30 Millionen Men⸗ ſchen betraͤgt, ſo wuͤrden dazu 43,500,000 Kil. erfordert. Der Grund, worauf Hr. v. Gasparin ſich ſtuͤtzt, iſt zwar mit vieler Ueberlegung gewaͤhlt, aber er giebt ge⸗ ringere Reſultate als die, welche wir auf einem andern Wege gefunden haben. Nach unſern Berechnungen wuͤrde ſich der innere Verbrauch auf 51,500,000 Kilogr. von allen Arten der Wolle belaufen, und in dieſer Summe wuͤrden von feinen und Meſtizwollen acht Mill. Kilogr. begriffen ſeyn, ſtatt der ſechs Millionen, worauf Hr. v. Gasparin ſie beſchraͤnkt. Die Etats der Douanen haben uns genauere Nach⸗ richten uͤber unſere Ausfuhren gegeben. In dem Auszuge, den wir daraus machten, haben wir ſo annaͤhernd als moͤglich den Abfall, welchen die Wollen bei ihren verſchie— denen Waͤſchen erlitten, geſchaͤtzt, und nachdem wir alles auf ungewaſchene Wolle reducirt haben, ergiebt ſich fol⸗ gende Ausfuhr: Feine Wollen. Gemeine Wollen. Im Jahre 1820 673,000 Kilogr. u. 157,000. 2⸗. 1821„ 532,000 ⸗ ⸗ 192,000. 521,000 ⸗ 205,000. A A V A ⸗ 1822 A A 233 Durchſchnitt der Ausfuhr in drei Jahren: Feine Wollen 2 ⸗ 575,000 Kilogr. Gemeine Wollen ⸗ 2 185,000 Kilogr. Wir haben eine ſo annaͤhernde Abſchaͤtzung als moͤglich der feinen und gemeinen Wollen, welche bei der Fabrika⸗ tion der ausgefuͤhrten Zeuge gebraucht ſind, zu machen uns bemuͤht. Die Angabe der Art von Zeugen, welche wir in den Douanen⸗Etats fanden, hat uns die Moͤg— lichkeit dazu verſchafft. Folgendes iſt darnach die Ausfuhr der Wolle, in Zeu⸗ gen verarbeitet: Feine Wollen. Gemeine Wollen. Im Jahre 1820 2,400,000 Kil. u. 1,600,000. 2 ⸗ 1821 ⸗ 1,800,000 ⸗ ⸗ ,700,000. „ 2 1822 ⸗ 4,900,000 ⸗ ⸗ 1,300,000. Durchſchnitt von drei Jahren: Feine Wollen 2 2 2,033,000 Kilogr. Gemeine Wollen⸗ 2 1,533,000 Kilogr. Wenn wir dieſe Data erwaͤgen, ſo finden wir, NA 8 Unſern jaͤhrlichen Bedarf Feine u. Meſtiz. Gemeine. zum Verbrauch 2 8,000,000. 43,500,000. Unſere Ausfuhr roher Wolle 575,000. 185,000. In Zeugen verarbeitet 2,033,000. 14,533,000. Summe 10,608,000. 45,218,000. Unſere Production ⸗. 7,900,000. 38,500,000. Unſer Defitit iſt alſo ⸗ 2,708,000 6,718,000. Was nun unſere Einfuhr betrifft, ſo muͤſſen wir Ruͤck⸗ ſicht nehmen auf den Abgang, den die fremden Wollen nach Art ihrer Waͤſche und den verſchiedenen Methoden derſelben in den Urſprungsorten, welche die Vebesſichten der Douanen angeben, erleiden. 234 Daraus erhellt, daß wir ungewaſchen eingefuͤhrt ha⸗ ben: Feine Wollen. Gemeine Wollen. Im Jahre 1820 ⸗ ⸗ 976,000. 4,677,000. 2 i⸗ 1821 ⸗ 1,400,000. 8,164,000. ⸗ ⸗ 1822 ⸗ ⸗ 4,020,000. 8,ͤ857,000. Durchſchnitt von drei Jahren: Feine Wollen 5 2,132,000. Gemeine Wollen ⸗ 7,233,000. Aus dieſen Berechnungen geht hervor, daß unſere Pro⸗ duction von feinen Wollen zu unſerer eigenen Conſumtion nicht hinreiche, und daß wir uͤberdies zu unſerer Ausfuhr noch † jener Production gebrauchen; und dennoch ſind dieſe Wollen ſo tief im Preiſe geſunken, daß unſere Pro⸗ ducenten genoͤthigt waren, ſie entweder aufzulegen, oder ſie zu ungebuͤhrlich niedrigen Preiſen zu verkaufen: daher die Entmuthigung, die ſich des groͤßten Theils derſelben bemaͤchtigt hat, und deren Wirkung ſo traurig fuͤr unſern Landbau und unſere Fabriken ausſchlagen koͤnnte. Woher kann dieſer ſonderbare Stand der Dinge ruͤh⸗ ren? Wir koͤnnen zwei Haupturſachen angeben: die erſte iſt, daß Frankreich nur noch ſehr geringe Qualitaͤten der hochfeinen Wolle, die zu den feinſten Tuͤchern erfor⸗ derlich iſt, hervorbringe, und daß es daher nothwendig iſt, ſie aus der Fremde zu ziehen, wenn man den großen Nuf unſerer Manufacturen erſten Ranges, und in Verbindung mit demſelben, den der franzoͤſiſchen Fabrikation uͤberhaupt nicht ſinken laſſen will. Die zweite iſt, daß wir mit an⸗ dern Laͤndern Europas und der neuen Welt bei der Pro⸗ duction nicht Preis halten koͤnnen, weil ſie dort ſo wohl⸗ feil werden koͤnnen, daß unſere Concurrenz in dieſer Hin⸗ N N 23⁵ ſicht ausgeſchloſſen wird. Die Erſparung bei den Erzeu⸗ gungskoſten betraͤgt in einigen Ländern die Haͤlfte, ja ſo— gar drei Viertel von denen, die wir verwenden muͤſſen, und Hr. Pictet von Nancy ſchaͤtzt ſie auf ſeinen Colonien bei Odeſſa zu acht Neuntel. Um den Einfluß der feinen fremden Wollen auf den Marktpreis der feinen franzoͤſiſchen Wollen zu beurtheilen, darf man nicht einmal bei der Importation der letzten Jahre, deren Reſultat wir angegeben haben, ſtehen bleiben. Es iſt entſchieden, daß eine groͤßere Maſſe dieſer Wollen ganz neuerlich eingefuͤhrt ſeyn wuͤrde, wenn der Preis der franzoͤſiſchen nicht ſo enorm geſunken waͤre, der neuen Auflage auf die fremde Wolle ungeachtet. Es iſt mehr der Zufluß dieſer feinen fremden Wollen auf den Haupt⸗ maͤrkten von Europa, als unſere wirkliche Einfuhr, was die unſrigen herabgewuͤrdigt hatz und wenn man nicht den Eingangszoll bis zu einem Satz erhoͤht, der einem vöͤlligen Einfuhrsverbote gleichkommt, ſo werden wir uns gegen die Wirkung dieſer Concurrenz doch nie ſchuͤtzen koͤnnen. Aber, welche große Nachtheile wuͤrde eine ſolche Maaß⸗ regel auf der andern Seite haben?„Wuͤrde ſie nicht den Wohlſtand unſerer Fabriken ganz unterdruͤcken, und iſt es nicht deren Wohlſtand, was unſerer Production Leben giebt? Wuͤrden die Ausfuhrpraͤmien, wenn ſie auch ſehr betraͤchtlich waͤren, den geringeren Preis des rohen Mate⸗ rials in auslaͤndiſchen Manufacturen aufwiegen, und wenn dieſe Praͤmien, die uͤberdies gaͤnzlich dem Schatze zur Laſt fielen, nicht zureichten, in welche Gefahr wuͤrden wir un⸗ ſere Fabriken verſetzen? Waͤren ihre Handelsverbindungen 236 einmal abgebrochen, ſo wuͤrden ſie ſich ſchwer wieder anknuͤpfen laſſen. Der fruͤhere große Ruf, in welchem ſie ſich fort— dauernd erhalten haben, wuͤrde ihnen unnuͤtz werden, und die Englaͤnder, die Niederlaͤnder, die Sachſen und Preußen wuͤrden dieſe Umſtaͤnde bald zu benutzen wiſſen. Wir wuͤrden ſogar Fabriken ſich erheben und gedeihen ſehen in ſolchen Laͤndern, die bis heute unſerer Induſtrie zinsbar geblieben ſind. Aber es genuͤgt nicht, unſere Augen auf unſern jetzi⸗ gen Zuſtand und auf den anderer Gegenden zu richten, wir muͤſſen nicht blos das Daſeyn des Uebels erkennen, ſondern auch das Mittel dagegen auffinden. Es ſcheint uns große Schwierigkeiten zu haben, bloße Palliativmittel anzuwenden, wenn man nicht auf die Wur⸗ zel des Uebels ſelbſt zuruͤckwirkt. Wir wuͤrden ſehr in Verlegenheit lommen, wenn wir unſere Meinung uͤber die Nothwendigkeit und Nuͤtzlichkeit eines neuen Douanen⸗ tarifs hinſichtlich der Einfuhr der feinen fremden Wollen ſagen ſollten, wir moͤgten es nicht einmal wagen, die Nuͤtzlichkeit des jetzt beſtehenden zu unterſuchen, denn wir ſind ſehr geneigt, den Einfluß der Douanen auf das fran⸗ zoͤſiſche Wollgewerbe fuͤr ſehr unbedeutend zu erklaͤren, und weit entfernt, ſie einer Vernachlaͤßigung der Inter⸗ eſſen dieſes Gewerbes, wie viele thun, zu beſchuldigen. XXXVII. Anmerk. d. Ueberſ. Wir laſſen der Verf. merkantiliſch⸗ ſtatiſtiſche Berechnungen und Anſichten dahin geſtellt ſeyn und geben dagegen einen Auszug aus der Ueber⸗ 237 ſicht, welche unſer hochverdienter Generalhandels⸗ und Fabriken⸗Commiſſarius Hr. Kunth von der Wollpro⸗ duction und Verwendung im preußiſchen Staate mitge⸗ theilt hat. Nach den Viehſtands-Tabellen vom Jahre 1820 betrug die Zahl der Schaafe im preußiſchen Staate 9,343,507 Stuͤck und zwar ganz veredelte ⸗. 902,446 Stuͤck halb veredelte 2 ⸗ 3,119,638 ⸗ unveredelte Landſchaafe 5,321,443 ⸗ und es kommen im Durchſchnitt des ganzen Landes auf die geographiſche Quadratmeile 1803 Stuͤck. Hr. Kunth bemerkt aber ſelbſt, daß die Angaben, worauf die Ta⸗ belle beruhet, wohl nicht zuverlaͤßig ſeyn— was der⸗ jenige, welcher die Vorurtheile kennt, womit dieſe Ta— bellen von den meiſten ausgefuͤllt werden, nicht bezwei— feln kann— und daß die Zahl nach aller Wahrſchein⸗ lichkeit ſich ungleich hoͤher belaufe. Die Graͤnze zwi— ſchen ganz veredelten und halb veredelten iſt wohl blos precaͤr, da der Begriff davon bei wenigen feſtſteht. Was man aber ſicher annehmen kann, iſt, daß ſich die Zahl der Schaafe nicht nur im Allgemeinen, ſondern beſonders die der veredelten Claſſen in dieſen 4 Jahren bedeutend, wahrſcheinlich um ein Viertheil, vermehrt haben. Von Mutterſchaafen, die nur einige Grade von Veredlung hatten, ſind hoͤchſt wenige geſchlachtet, die Maͤrze iſt immer wieder an andere, die in der Vered⸗ lung noch niedriger ſtanden, zur Zucht verkauft. Die Wollproduction des preußiſchen Staats nimmt Hr. K. an zu: A 238 2 Millionen Pfund ganz feiner(ꝛ) Wolle 8 Millionen ⸗ halb feiner 14 Millionen ⸗ Landwolle und ihren Kaufpreis zu 13 Millionen Thaler. Sehr gruͤndlich— und ſo wie man es nur von einem Manne, der ſo lange mit ſo vieler Einſicht und Eifer die Manufacturen und den Handel beobachtet hat, erwarten kann— unterſucht dann Hr. K., wie viel Wolle im Lande verbraucht werde. Das Reſultat iſt, daß, außer der von Kuͤrſchnern, Poſamentirern, Hut⸗ machern und Strumpfwebern verbrauchten, 18,200,000 Pfund Wolle auf den Weberſtuhl verarbeitet werden, und daß der Geſammtwerth dieſes Fabricats auf 30 Millionen Tha⸗ ler anzuſchlagen ſey. Die Ausfuhr der Wolle hat im J. 1819 49,378 Ctn. ⸗ 1820 49,011 ⸗ betragen. Da dies groͤßtentheils Wolle von beſter Qua⸗ litaͤt iſt— andere deckt den Ausfuhrzoll von 3 Thalern nicht— ſo kann der Centner zu 100 Thalern ange⸗ nommen werden.(2te Liefer. des Vereins zur Befoͤrde⸗ rung des Gewerbsfleißes in Preußen.) Es beweiſet uͤbrigens die unbefangene und hoͤhere Einſicht der Verf. und ihre reinpatriotiſchen Geſinnungen, daß ſie ſich gegen eine die Einfuhr faſt ſperrende Ab⸗ gabe von auslaͤndiſcher Wolle erklaͤren. In ihrer Lage haͤtten ſie in egoiſtiſcher Hinſicht vor allen Grund, dieſe Maaßregel zu vertheidigen. Denn ſie wuͤrde ihrer Schaͤ⸗ ferei⸗Compagnie gewiſſermaßen ein Monopo fuͤr Electa⸗ 239 wolle und Electaſchaafe verſchaffen, da es ſcheint, als ob vorerſt kein anderer ſolche in Frankreich erzeugen werde. Sie ſehen aber den großen Schaden ein, wel⸗ chen es dem allgemeinen Beſten bringen wuͤrde, wenn die Fabriken wegen Mangel oder Uebertheurung der hochfeinen Wollen die Fabrikation ſolcher Tücher, als daraus nur gemacht werden koͤnnen, aufgeben muͤſſen. Zur Beſtaͤtigung deſſen theilen ſie das Urtheil des Edin⸗ burger Reviews im Octoberſtuͤck 1823 uͤber die un⸗ gleich geringere brittiſche Impoſtirung der auslandiſchen Wolle mit, welches bald nachher zur allgemeinen Ue⸗ berzeugung ward, die nunmehr(1824) erfolgte Auf⸗ hebung des Impoſtes bewirkte und welches ich dieſer⸗ halb hier folgen laſſe. „Die Wollfabriken in England, ungeachtet ſie von den Baumwollenfabriken noch uͤbertroffen werden, ſind eine Hauptquelle des engliſchen Reichthums und der Macht. Sir F. M. Eden ſchaͤtzt den Werth des Wollmanufactur⸗ products zum innern Verbrauch auf eilf Millionen Pfund Sterling, woraus mit Hinzufuͤgung einer Ausfuhr von ſieben Millionen wenigſtens, eine Totalſumme von acht⸗ zehn Millionen Pfund St.(126 Millionen Thaler) her⸗ vorgeht: der Werth des rohen Materials wird im Allge⸗ meinen zum Drittel dieſer Summe angenommen: die Fa⸗ brikanten berechnen ſich 18 Procent als Profit und Unter⸗ haltungskoſten, das Uebrige wird zur Loͤhnung der Arbei⸗ ter verwandt und giebt einer Million und hundert Tauſend Seelen, d. h. dem dreizehnten Theil der Bevoͤlkerung von Brittannien, ihren Lebensunterhalt.“ 240 „Die Grund⸗- und Heerden⸗Eigenthuͤmer draͤngten die Miniſter, die fremden Wollen mit einem Einfuhrimpoſt zu belegen. Hr. Vanſittard, der ihre Stimmen noͤthig hatte, um andere Taxen im Parlamente durchgehen zu laſſen, bewilligte ihnen im Jahre 1819 die Erhoͤhung des alten Einfuhrzolls von ¾ Dennier auf's Pfund der fremden Wolle, bis zu 6 Denniers. Die Quantitaͤt der jaͤhrlich erzeugten einlaͤndiſchen Wolle wird geſchaͤtzt auf 144 Mill. Pfund: wenn wir auch annehmen, daß dieſe Schaͤtzung uͤbertrieben ſey, und ſie auf 100 Millionen herabſetzen, ſo ſieht man, daß die Eigenthuͤmer ſich einen bedeutenden Vortheil zu verſchaffen ſuchten, wobei ſie ſich aber, wie wir nachher ſehen werden, ſehr taͤuſchten. Wir muͤſſen hier beilaͤufig bemerken, daß, ſobald dieſe Auflage ent— ſchieden war, ſie durch ihr Geſchrei Hr. Vanſittard noͤ⸗ thigten, andre Taxen, welche mehr auf ſie druͤckten, zu wiederrufen. Seit dieſer Zeit hat der Verkehr mit Wollen in England bedeutend abgenommen. Es iſt von den be⸗ ſten engliſchen Staatsoͤconomen anerkannt, daß die fran⸗ zoͤſiſchen, preußiſchen und ſaͤchſiſchen Manufacturen in der Qualitaͤt der Producte die engliſchen jetzt weit uͤberwiegen, und daß ſie zu eben ſo annehmlichen, wenn nicht noch billige— ren Preiſen verkaufen; weshalb ſie die engliſchen im Nor⸗ den ſowohl als in der Levante herunterdruͤcken, und ſelbſt in beiden America's und in China Vortheil uͤber ſie er⸗ langen, ſowohl in feinen als gröbern Zeugen. Es iſt klar, daß jener Zoll keinesweges die Concurrenz der eng⸗ liſchen Manufacturen beguͤnſtigen konnte, denn er ver— mehrte den Preis der gemeinen Wollen um 20 Procent und den der feinen um 10 Procent, die doch den Manu⸗ 241 facturen unumgaͤnglich noͤthig waren, indem ſie in den zehn Jahren von 1809 bis 1819 im Durchſchnitt eine Quantitaͤt von eilf Millionen Pfund jaͤhrlich eingefuͤhrt haben, wovon ein Drittel 2 Sch. 6 D. und das uͤbrige 5 Sch. im Durchſchnitt galt. Obwohl die Ausfuhr der Fabrikate von langer einheimiſcher Wolle, die mit keiner Auflage belaſtet war, ſich ſeit 1819 eher vermehrte als verminderte, ſo nahm dagegen die der aus kurzer Tuchwolle oder Miſchung derſelben bereiteten auf eine hoͤchſt beun⸗ ruhigende Weiſe ab, wie folgende Ueberſichten beweiſen. Exportationszuſtand der Fabrikate aus kurzer Wolle, welche die Taxe hauptſaͤchlich betraf: 1816 2 2 fuüͤr 7,388,479 Pfund St. 1817 ⸗ ⸗ 5 5,872,191 ⸗ ⸗ 1818 2 2 2 5,498,250 2 ⸗ 1819 ⸗ 2 25,829,573 2 ⸗ 1820 ⸗ 2 2 4,361,334 2 ⸗ 1821 ⸗ ⸗ ⸗- 3,742,059 2 ⸗ 1822 2 2 2 4,432,072 2 2 Exportationszuſtand der Fabrikate aus gemiſchter Wolle, die nur zum Theil von der Auflage betroffen werden: 1816. ⸗ fuͤr 664,543 Pfund St. 1817 2 1 2 462,724 1818 2 2 ⸗ 506,062 2 ⸗ 1819 4 2 614,532 2 ⸗ 1820 ⸗ 4 ⸗ 391,978 7 1821 2 2 ⸗ 328,180 2 ⸗ 1822 2 ⸗ 388,843 7 7 Exportationszuſtand der Fabrikate aus langer Wolle, welche die Taxe gar nicht betraf: 16 242 1816 ⸗- fuͤr 2,167,944 Pfund St. 1817. 5* 2,069,612 ⸗„ 1818 2 41 b⸗ 1,954,615 ⸗ 1819 1 3 2,603,354 ⸗ 1820 7 ⸗ ⸗ 2,146,381„ 1821 2 2„ 2,208,925 2 ⸗ 1822 ⸗ ⸗ 2 2,480,521 ⸗ Hier zeigt ſich alſo klar die Wirkung einer Taxe, welche dem Staate doch nie mehr als 400,000 Pfund Sien is eingebracht hat.“ „Auf der andern Seite aber haben ſich die Eigenthü⸗ mer, die ſo ſehr darauf drangen, arg verrechnet, weil die Manufacturen nun in ihrer Arbeit ſehr nachließen und ſelbſt weniger engliſche Wollen kauften, ſo daß der Preis derſelben ſtatt zu ſteigen noch tiefer ſank.“ „Die Fabrikanten haben jetzt mehrere Conferenzen mit den Miniſtern daruͤber gehabt. Nach langen Verhandlun⸗ gen hat ihnen Lord Liverpool zuletzt geſagt: die Mini⸗ ſter ſeyen bereit, die Taxe aufzuheben, wenn die Fabri⸗ kanten die freie Ausfuhr der engliſchen oder langen Wolle zugeſtanden.— Sonderbarer Vorſchlag! weil nur diejeni— gen, welche kurze oder Tuchwolle verarbeiten, von dieſer Taxe leiden, wogegen die, welche nur aus langer Wolle fabriziren, es fuͤr ſich vortheilhaft finden muͤſſen, wenn die Ausfuhr dieſer Art von Wolle verboten bleibt.“(Edin⸗ burg Review, Octbr. 1823.) Die ganze Frage bezieht ſich unſers Ermeſſens auf die Qualitaͤt des Products, und das entſchiedene Mittel iſt alſo die Vervollkommnung dieſes Products. In der Ein⸗ leitung zu unſerm Werke haben wir die neueren Verhaͤlt⸗ 243 niſſe angegeben, in welche ſich unſere Heerden⸗Eigenthü⸗ mer verſetzt finden. Wir hoffen, daß ſie dieſe gehoͤrig erkannt haben und fuͤhlen werden, daß ſie nur durch ihr eignes Streben eine Verbeſſerung ihrer Lage erlangen koͤnnen. Wir kommen nun auf unſern Hauptgegenſtand zuruͤck, naͤmlich den kuͤnftigen Marktpreis der Wollen; indem die⸗ ſer Abſchnitt dem gewidmet iſt, was auf den Verkauf die⸗ ſes Materials Bezug hat. Die Muthmaßungen, welche wir hieruͤber mitzutheilen wagen, entwickeln ſich gewiſſer⸗ maßen von ſelbſt aus dem, was wir vorgetragen haben. So glauben wir denn 1) daß die feinen Wollen der nie⸗ dern Art noch in tieferem Fallen begriffen ſind, weil ihre Production im Ueberfluß, wenn auch nicht in Frankreich, doch im Auslande vorhanden iſt, und mithin die Concur⸗ renz zum Verkauf zu ſtark iſt; 2) daß die hoͤchſten Qualitaͤten ſich noch lange in hohen Preiſen erhalten werden, weil an ihnen nichts weniger als Ueberfluß iſt, und weil die Concurrenz der Kaͤufer ſich ganz auf dieſe hoͤheren Qualitaͤten wirft und die niedrigern vernachlaͤßigt, der Preis der hoͤchſten Qualitaͤten alſo ſelbſt die Graͤnze ihres relativen Werths uͤberſteigen wird. Wir muͤſſen uns daher ernſtlich und ohne Aufſchub mit der Vervollkommnung unſerer Wollen beſchäftigen, und um dies zu erreichen, muͤſſen wir den fehlerhaften Zuͤchtungsſyſtemen, die dieſen entgegenſtehen, entſagen. Die erſten gluͤcklichen Erfolge werden dem Landwirthe ſchon durch den Vorzug, den die Fabrikanten ſeinen Pro⸗ ducten vor den fremden Wollen geben werden, bezahlt werden, wogegen der niedere Preis der letztern ſie immer 244 anlocken wird, ſo lange unſere Qualitaͤten ſich nicht ver⸗ beſſern. So wie unſer Erfolg entſchiedener wird, werden wir ihnen jene ſuperfeinen Wollen, deren Preis bei dem Fall der uͤbrigen ſo hoch geblieben iſt, genugſam liefern koͤnnen. Und wenn der Bedarf unſerer Fabriken befriedigt iſt, ſo koͤnnen wir vortheilhaften Abſatz nach England, den ver⸗ einigten Staaten u. ſ. w. vorzugsweiſe vor den ſaͤchſiſchen Producenten finden; denn unſere Lage gewaͤhrt uns hier⸗ bei bedeutende Vortheile. Endlich, wenn man uns allent⸗ halben nachahmt, und wenn die zahlreichen Heerden im Auslande ſich ebenfalls mit der Zeit vervollkommnen, wird freilich auch der Preis der ſuperfeinen Wolle ſinken; aber wir behalten doch den Vortheil, zuerſt dieſen Weg der Vervollkommnung gewaͤhlt zu haben, beſonders aber den, den beſten Fabriken in der Welt, das beſte Material im Einlande liefern zu koͤnnen. Wenn wir dagegen die Frem⸗ den allein auf dieſem Wege vorlaſſen, ſo muß unſer Land⸗ bau die Production der feinen Wollen aufgeben, weil ſie dann nur nachtheilig fuͤr ihn ſeyn koͤnnte. Wir glauben nicht, daß es noͤthig ſey, den Einwurf zu beantworten, daß die ſuperfeine Wolle ausſchließlich nur zu gewiſſen Verwendungen geeignet ſey, und daß da— her ihre zu große Erzeugung laͤſtig werden koͤnne: ſo lange man nur Vließe von dieſer hohen Feinheit bei Hunderten in Frankreich zaͤhlt, kann ein ſolcher Einwurf nicht ernſt⸗ lich gemeint ſcheinen. Aber angenommen, daß wir nach einer langen Reihe von Jahren einen Ueberfluß von dieſer Wollart ſowohl zum eignen Gebrauch als zur Ausfuhr bekaͤmen, giebt es denn wohl irgend eine Benutzung, wozu nur mittelfeine Wollen dienen koͤnnen und wozu die ſu⸗ 245 perfeinen nicht paſſend waͤren? oder iſt ihre Production vielleicht koſtſpieliger und ſchwerer? Wir werden beide Fragen verneinend beantworten, und die letztere beſonders im zweiten Theile dieſes Werks mehr entwickeln. XXXVIII. Anmerk. d. Ueberſ. Obwohl ich, zumal bei dem jetzi⸗ gen Verhaͤltniſſe der Preiſe, den Verf. in dem Vorzuge, den ſie der Electoralraße vor der Infantado geben, im Allgemeinen voͤllig beiſtimme und ihre Haltung, dem der ſie einmal hat und auf einer hohen Stufe zu erhal⸗ ten weiß, vortheilhafter halte; ſo ſcheinen ſie mir doch, die rauhe, ſchwerwollige, breite und faltige Raße zu ſehr herabzuwuͤrdigen. Sie wollen ihr auch den Vorzug im Gewichte der Schur abſprechen und ſcheinen die Schwere der Vließe allein der Menge des zaͤhen Fetts und der daran haͤngenden Unreinigkeit beizumeſſen; aber das iſt nicht der Fall. Wir haben in der koͤnigl. Stammſchaͤ⸗ ſerei zu Frankenfelde von 91 Hammeln(denn wir laſſen von dieſer Raße als Boͤcke wenige mehr gehen, weil ſie wenig Liebhaber finden) 21 Stein geſchoren, was auf das Hundert uͤber 23 Stein betraͤgt. Sie hatte freilich noch mehr Fett in ſich als Electoralwolle nach derſelben Pelzwaͤſche, aber es ward doch nicht getadelt. Dieſe Wolle nur zu 16 Rthlr. pr. Stein gerechnet, giebt einen Wollertrag von 368 Rthlr. von 100 Stuͤck Hammeln. Im Fleiſch⸗ werth waren ſie ebenfalls hoͤher, als man Electorals bringen kann; auch iſt das Fleiſch beſſer als von dieſen und von Meſtizen. Zugegeben allerdings, daß ſie eine ſtaͤrkere Nahrung erfordern,(jene Hammel waren freilich 246 aufs hoͤchſte gefuͤttert) ſo ſind ſie doch fuͤr eine Schaͤferei, die Hammel haͤlt, ſehr vortheilhaft, zumal da die Wolle der Hammel ungleich ſanfter als die der Zuchtthiere wird. Und dann kann man dieſer Raße, wenn ſie echt iſt, das nicht abſprechen, daß ſie weniger zuruͤckſchlagend ſey, als die Electorals, und daß ſie alſo fuͤr jeden, der nicht eine beſondere Aufmerkſamkeit auf die Auswahl der Stammthiere verwenden kann und will, Vorzuͤge habe und ſich gleichartiger erhalte. Zu jedem Gebrauche ſteht ihre Wolle, wie die Verf. behaupten wollen, der Electoralwolle nicht nach. Zu den ſchwereren, waͤrmeren, die Naͤſſe mehr abhaltenden, dem Riſſe mehr widerſtehenden Campagnetuͤchern hat ſie wirkliche Vorzuͤge, und da deren Gebrauch doch im Ganzen uͤberwiegend bleiben wird, ſo hat ſie eigentlich einen hoͤheren Nutzungswerth. Im Preiſe aber wird dagegen die Electoralwolle wohl immer bedeutende Vor⸗ zuͤge behalten, weil ſie ſeltener iſt und es ihrer ſchwie⸗ rigern Erzeugung wegen bleiben wird und dennoch ihrer großen Annehmlichkeit wegen von allen Wohlhabendern immer mehr begehrt wird. Daß man dagegen jener Infantadoraße die Woll⸗ qualitaͤten der Electorals geben und ihren Wollreich⸗ thum, Koͤrperbau und Falten dennoch beibehalten koͤnne, glaube ich nicht, bis ich es ſehe. Man kann ſie aller⸗ dings durch Kreuzungen in einer laͤngern Reihe von Generationen, zu jenen hinuͤber fuͤhren; aber ſo wie ſich ihre Wolle der Electoralwolle naͤhert, verliert ſich auch ihr Character im Uebrigen. Nie habe ich ein Electoral⸗ wolle tragendes Schaaf mit den Falten und Koͤdern der —— 247 Infantados geſehen; bei den vielfachen Kreuzungen, welche ich mit dieſen Raßen beobachtet habe, fanden ſich wohl an einer Stelle etliche Electoralflocken, aber nie uͤber den ganzen Haupttheil des Vließes, ſo lange noch die ſchwieligen Falten da waren und der Koͤrper⸗ bau der Infantados. Das Hinuͤberfuͤhren der einen Raße zur andern kann wohl nie vortheilhaft ſeyn: man bleibe bei der, die man hat und ſuche ſie in ihren eigenthuͤmlichen Qualitaͤten zu vervollkommnen,— wozu auch die Infantadoraße an ſich felbſt ſehr faͤhig iſt— oder man ſchaffe ſich einen andern Stamm an. Wahr⸗ ſcheinlich werden die Verf. im zweiten Theile mir wohl mehr Gelegenheit geben, mich daruͤber zu erklaͤren; hier wollte ich nur ihren zu allgemeinen und uͤbertriebenen Tadel der Infantados moderiren. Ueberdies aber ſchei⸗ nen mir die Verf. die Neichwolligkeit der Electoralraße, die, unbeſchadet der Feinheit, ſehr cultivirt werden kann, zu wenig zu wuͤrdigen. Wir koͤnnen es den Verfaſſern keineswegs verargen, wenn ſie ihre Landleute auffordern, uns aus dem Sat⸗ tel— oder vielmehr aus der Wolle zu heben, worin wir ſo feſt ſitzen. Vielmehr muͤſſen wir ihnen fuͤr die Lection danken, die wir hier beilaͤufig erhalten. Vorerſt hat es nichts damit zu ſagen: denn, obwohl ich zugebe, daß die Nazer Schaͤferei recht feine und ſchoͤne Thiere haben mag, ſo getraue ich mir doch zu behaupten, daß wir allein im preußiſchen Staat jedem derſelben Hundert an die Seite ſtellen und eine bedeutende Menge aufweiſen koͤnnen, die ſie uͤbertreffen. Wir muͤßten ent— weder auf unſern Lorbeeren einſchlafen— was unſer 248 lebendiger Trieb zur Vervollkommnung wohl nicht geſtat⸗ ten wird— oder uns nochmals verleiten laſſen, durch Boͤcke, die wohl weit her ſind, aber doch nichts taugen, unſere Raße zu verderben, wenn uns die Franzoſen den Preis in der hochfeinen Schaafzucht abgewinnen ſollten. Stillſtehen duͤrfen wir freilich nicht, denn ſonſt koͤnnten ſie uns nachkommen, wenn ſie der Verf. Rath befolgen. Aber die hoͤchſtmoͤgliche Vervollkommnung der Wolle liegt noch ſo nahe nicht und wir behalten Raum genug, ihnen immer vorzubleiben und zwar in groͤßeren Maſſen. Auch ſind unſere mittleren Merino⸗ und ſelbſt gut ge⸗ leitete Meſtizſchaͤfereien weit mehr geeignet zu der ho⸗ hen Electafeinheit uͤbergefuͤhrt zu werden, als jene In⸗ fantados, die ſich in Frankreich faſt ausſchließlich ver⸗ breitet haben.. Der guͤnſtigſte Umſtand iſt aber der, daß unſre land⸗ wirthſchaftlichen Verhaͤltniſſe beſonders in den dieſſeitigen preußiſchen Provinzen einer großen und dennoch zarten Schaafzucht ſo vorzuͤglich zuſagen und daß wir ſie ſo oͤconomiſch betreiben koͤnnen. Dank ſey es dem ſchon lange beſtehenden, aber nun durch die Aufhebung der baͤuerlichen Verhaͤltniſſe und die neue Gemeinheitsthei⸗ lungsordnung auf den hoͤchſten Punct gebrachten Sepa⸗ rations⸗ und Accommodirungsſyſteme, daß unſere Laͤn⸗ dereien in ununterbrochenem Zuſammenhange und zur privativen Dispoſition jedes Eigenthuͤmers liegen und daß wir ſie nach unſerm Bedarf wechſelsweiſe zum Acker, Futterbau und zu cultivirten Weiden benutzen koͤn⸗ nen! Hierdurch hat unſere Schaafzucht die ausgedehn⸗ teſten, faſt unermeßlichen Graͤnzen bekommen, ohne daß 249 unſer Fruchtbau dabei leidet, ſondern ſich im Gegentheil im Ertrage vermehrt. Die franzoͤſiſchen Landverhaͤlt⸗ niſſe ſind dagegen in den meiſten und ſtaͤrker bevoͤlkerten Gegenden, wie Hr. v. Gasparin zeigt, durchaus nicht guͤnſtg. So wie in andern Gegenden die hochfeine Schaafzucht wegen Mangel an Cultur und Bevoͤlkerung nicht gedeihen wird; ſo ſteht ihr in Frankreich ſchon zu hoch getriebene Cultur und uͤbergroße Bevoͤlkerung haͤufig im Wege.— Moͤge man daher immerhin unſere feine Wolle durch hoͤhere Impoſtirung abſperren wollen, man wird ſich dadurch nur ſelbſt ſchaden, weil man ihrer nicht entbehren kann, wie England neuerlich gezeigt hat. Endlich wird man doch erkennen muͤſſen: quid quaevis ferat regio, quid ferre recuset; und ſich durch Austauſch der angemeſſenſten Producte jeder Gegend am vortheilhafteſten Alle aneignen lernen. Dies glaubte ich ſagen zu muͤſſen, um vielleicht manchen meiner Leſer alle Beſorgniſſe bei verſchiedenen Aeußerungen der Verfaſſer zu benehmen und ihnen ſo den Genuß dieſer Schrift noch erfreulicher zu machen. Mit Verlangen erwarte ich den zweiten Theil, der mir vielleicht noch mehrere Veranlaſſung geben wird, meine Erfahrungen und Anſichten mit denen der Verf. zu vergleichen und mich uͤber Manches noch beſtimmter auszuſprechen. 17 250 Wiederholende Ueberſicht. Da wir jetzt zum Schluß des erſten Theils dieſer Schrift gekommen ſind, ſo ſcheint es uns noͤthig, in wenigen Worten die Hauptſaͤtze zu wiederholen, auf welche wir beſonders uns begruͤnden zu muͤſſen geglaubt haben. Die gedraͤngte Ueberſicht, welche wir davon geben wollen, wird den Sinn und die Verbindung unſerer Schluͤſſe dem Leſer klar dar⸗ ſtellen und er wird mit einem Blick das Ganze unſerer Arbeit uͤberſehen und beſſer wuͤrdigen koͤnnen. Das Studium der Wolle iſt ſo vortheilhaft als noth— wendig. Die weſentlichſten Qualitaͤten der Wolle ſind die Feinheit, die Sanftheit, die Staͤrke und die elaſtiſchen Kraͤfte.. Der Character der hochfeinen Wollen beſteht in der Regularitaͤt und der Gleichheit ihrer Wellungen oder Bo⸗ gen durch die ganze Laͤnge des Wollhaars. Man kann mit einigen Ausnahmen die Feinheit des Wollhaars nach der Zahl und Regularitaͤt der Wellun— gen, die es in ſeinem natuͤrlichen Zuſtande darbietet, beurtheilen. Die Eigenſchaften der Wolle ſtehen untereinander und mit dem Zuſtande der Haut und des Koͤrpers des Thiers in genauer Verbindung. Zu große Feiſtigkeit, eine große Statur, breite Ge⸗ ſtalt und Falten der Haut ſchließen die Superfeinheit aus. Ein Krankheitszuſtand, duͤrftige Nahrung und aͤhnliche Umſtaͤnde haben auf die Qualitaͤt der Wolle einen noch nachtheiligeren Einfluß. 251 Die Wolle iſt um ſo feiner, je weniger die Haut, worauf ſie gewachſen war, dick iſt. Die Feuchtigkeit, die Hitze der Sonnenſtrahlen, die Gegenwart fremder Koͤrper, die ſich an das Vließ anhaͤn⸗ gen, endlich die Reibungen und Zerrungen, welchen es ausgeſetzt iſt, ſind die aͤußern Umſtaͤnde, die der Wolle in ihrer Wachsthumzeit nachtheilig werden koͤnnen. Hinſichtlich ihrer Verwendung zur Fabrikation werden die Wollen in zwei weſentlich verſchiedene Hauptclaſſen getheilt, naͤmlich 1) in die Wollen, welche fuͤr die Krem⸗ pel geeignet ſind, 2) in diejenigen, die fuͤr den Kamm tauglich ſind. Die Theorie der Walkung giebt uns ſchaͤtzbare An⸗ ſichten uͤber die Guͤte der Krempelwollen, weil die Haupt⸗ qualitaͤt dieſer Wollarten in der Vereinigung der verſchie⸗ denen elaſtiſchen Kraͤfte beſteht, in ſo fern dieſe eine beſ⸗ ſere Walkung bewirken. Diejenige Wolle, welche wir unter dem Namen der hochfeinen beſchrieben haben, iſt die, welche ſich am beſten walkt. Das aus dieſer hochfeinen Wolle bereitete Tuch ver⸗ einigt im hoͤchſten Grade alle wuͤnſchenswerthen Eigen⸗ ſchaften: die Staͤrke oder Ausdauer, die Undurchdringlich⸗ keit, die Feinheit, die Leichtigkeit, die Sanftheit und die Geſchmeidigkeit. Die wahren Kaͤmmwollen fehlen in Frankreich und die Einfuͤhrung der Raßen, die ſie hervorbringen, wuͤrde wohl⸗ thaͤtig fuͤr die Induſtrie ſeyn. Die Anzeigen, welche man vom aͤußern Anblick der Merinovließe uͤber ihre wirkliche Guͤte hernimmt, ſind oft truͤglich. Man muß die Gedraͤngtheit im eigentlichen Sinne des Worts nicht mit dem Anſchein des Gedraͤngten verwech⸗ ſeln, denn jene findet ſich faſt nur bei hochfeinen Thieren, wogegen dieſe faſt immer die Anzeigen einer nur maͤßigen Feinheit giebt. Der Vortheil, welcher aus der ausgeglichenen Fein⸗ heit aller Theile des Vließes hervorgeht, iſt von großer Wichtigkeit, und von um ſo groͤßerer je ſuperfeiner die Vließe ſind. Ein Thier kann nicht unter die ganz vollkommenen geſetzt werden, wenn es nicht wenigſtens vier Fuͤnftel des Gewichts ſeines Vließes von Wolle des erſten Sortiments giebt, und wenn von dem uͤbrigen Fuͤnftel mehr als ein Achtel aus wirklichem ganz ſchlechten Abfall und das uͤbrige aus maͤßig guter Wolle beſteht. Es iſt unmoͤglich, uͤber das wahre Gewichtsverhaͤltniß zweier Vließe zu urtheilen, wenn man ſie in ihrem Fett⸗ ſchweiße wiegt, es ſey denn, daß man den Abgang, den jedes bei der Waͤſche erleidet, genau angeben koͤnne. Die doppelte Schur, welche man ſeit einiger Zeit em⸗ pfehlen zu wollen ſcheint, weil ſie ein Mittel ſey, die Fabrikanten, welche nur kurze Wolle haben wollen, zu befriedigen, kann ohne Nachtheil nicht bei feinen Heerden eingefuͤhrt werden. Man wuͤrde ſich in den Exwartun⸗ gen davon ſehr taͤuſchen, denn ſie kann aus der mittel⸗ maͤßigen Wolle keine hochfeine machen, die alle die Qua⸗ litaͤten beſaͤße, welche zur Vollkommenheit eines Fabrikats erforderlich ſind. 2⁵3 Der Producent wird niemals einen dem wahren Wer⸗ the ſeiner Wolle angemeſſenen Preis erhalten, ſo lange er ſie im Schweiß verkauft, und um ſo weniger, wenn er die Wolle vorher auf keine Weiſe ſortirt, oder nicht wenigſtens eine Abſonderung der Vließe macht. Die Claſſification der Heerde muß der Schur vorher⸗ gehen und die Sortirung unmittelbar darauf folgen. Die Waͤſche auf dem Koͤrper und die warme Waͤ⸗ ſche, welche man die Handelswaͤſche nennt, haben manche Nachtheile. Die kalte Waͤſche nach der Schur vereinigt alle Vor⸗ theile, die man erlangen kann. Der Grad der Reinheit, das Gewichtsverhaͤltniß der verſchiedenen Qualitaͤten, welches die Sortirung ergiebt, der Grad der Schoͤnheit jeder dieſer Qualitaͤten koͤnnen im Werthe zweier Vließe einen ſolchen Unterſchied machen, daß das eine mehreremal ſo viel als das andere gilt. Das wohlverſtandene Intereſſe des Producenten erfor⸗ dert, daß er die Zahl der Thiere, die ihm den hoͤchſten Vortheil bringen, vermehre, und die Zahl derer vermin⸗ dere, welche das Gegentheil thun: er kann aber nur durch eine genaue Berechnung des Ertrages eines jeden dahin gelangen, daß er die einen von den andern richtig unter⸗ ſcheide und wuͤrdige. Das Verfahren bei der Waͤſche, welches wir empfohlen haben, wird dem Eigenthuͤmer den Verkauf ſeines Pro⸗ ducts ſehr erleichtern. Der Marktpreis der Wollen iſt natuͤrlich großen Ver⸗ aͤnderungen unterworfen, aber es iſt gewiß, daß die dar⸗ auf Einfluß habenden Umſtaͤnde immer die Wolle von den 254 ſchoͤnſten Qualitaͤten begünſtigen werden, oft ſogar in einem hoͤhern Verhältniſſe⸗⸗ als ihr ſanſtiger Werth es zit ſich bringt. eng 9= mi 34 Alle Anftrmgung muß daher auf die Vervollkomm⸗ nung der feinen franzoͤſiſchen Wollen gerichtet ſeyn, weil dieſe Vervollkommnung allein bei der entmuthigenden Lage, worin der groͤßte Theil der Heredenbeſiee f5 beffnhes vum leiſten kann. 1 r. 916 1. ⸗ jun ihe 4 — — — S19 b O14 edaeA I