durch die oͤſtlichen Bundesſtaaten in die Lombardey, und zurück uͤber die Schweiz und den oberen Rhein, in beſonderer Beziehung auf Voͤlkerkunde, Landbau und Staatswirthſchaft C. Fr. v. Rumohr. 1 An—C—;—;e —————-——— I. I Univ-Hibi.] Giessen uüͤber Vl durch die oͤſtlichen Bundesſtaaten in die Lombardey, und zuruck uͤber die Schweiz und den oberen Rhein, in beſonderer Beziehung auf Voͤlkerkunde, Landbau und Staatswirthſchaft 3—— Fortunatus et ille, Deos pni agrestis. Virg.(. II. Lübeck 1838. In der v. Rohden'ſchen Buchhandlung. (v. Rohden u. Bruhn.) Laeto pinguique campo non desideratur influens rivus, meliunsque habetur foenum, quod suapte natura suc- coso gignitur solo, quam quod irrigatum aquis elicitur; quae tamen sunt necessariae, si macies terrae postu- lat; nam et indensa et resoluta, humo quamvis exili, pratum fieri potest. Colum. Lib. II. c. 15.(17.) ℳ 3. d ——ÿÿ ——yyyy— 1 Dem Freyherrn Senfft⸗Pilſach auf Gramenz in Pommern; dem Herrn Steuereinnehmer Hillmer in Suderburg; dem Hrn. O. Landesdkonomieconductor Ludwig in Ueltzen; dem Andenken des ſchon verſtorbenen Amtsvoigt Helmfried in Suderburg; welche ſchon gegenwaͤrtig uͤber tauſende Segen ver— breitet, und den Grund zum kuͤnftigen Wohlſtande von Millionen gelegt haben, indem Sie durch Bey⸗ ſpiel und Anweiſung die Vortheile der Bewaͤſſerung und Berieſelung nunmehr auch im Norden Deutſch⸗ lands, ſowohl anſchaulich zeigten, als populaͤr und faßlich lehrten; ,“ —— ic —————— widmet dieſen Reiſebericht, voll Verehrung Ihres aͤchten, menſchlichen, wie buͤrgerlichen, Verdienſtes und Werthes, gehorſamſt der Verfaſſer. —ö ꝛ— —— Vorbericht. Die Feld und Wieſenbewaͤſſerungen der lombardiſchen Ebe— nen erlangten innerhalb der letztverfloſſenen ſechs Jahrhun⸗ derte allmaͤhlich ihre gegenwaͤrtige Ausdehnung und jenen kunſtvollen Zuſammenhang, welcher den orientaliſchen alter und neuerer Zeit ſie beynah' gleichſtellt. Die wiederholte Beobachtung dieſes großartigen, wie mancher eingeſchraͤnk— teren Bewaͤſſerungsſyſteme— in der Feldmark von l Aricia bey Rom, in der Ebene des luccheſiſchen Gebietes, in den Legationen des Kirchenſtaates, auch in einigen deutſchen Gegenden—, erweckte zeitig in mir den Wunſch, daß in unſerem Vaterlande die Vortheile der Irrigation in groͤßerer Ausdehnung, als bisher, moͤgen anerkannt werden.— VIII Unerwartet entdeckte ich vor einiger Zeit, daß meine Wuͤnſche der langerſehnten Erfuͤllung ſchon naͤher ſtehen, als ich bis dahin zu hoffen gewagt hatte. Denn, gleiche Beduͤrfniſſe haben an mehr, als einer Stelle Berieſelungen hervorgerufen, deren in die Augen fallende Erfolge wieder— um zur Nachahmung anreizten und mit der Idee die Sache ſelbſt in immer weiteren Kreiſen verbreiteten. Im Privatleben, was allerdings vorangehen mußte, iſt dieſe hochwichtige Angelegenheit alſo bereits feſt eingewurzelt. Indeß hat ſie zugleich auf das oͤffentliche Beziehungen, denen man bisher wenig Aufmerkſamkeit zugewendet hat. Ein fluͤchtiger Blick auf die Geſchichte unſerer laͤnd⸗ lichen Verhaͤltniſſe innerhalb der letzten ſechs Jahrhunderte, wird uns zeigen, ſowohl aus welchem Grunde die Staats⸗ regierungen bisher die Angelegenheit der Bewaͤſſerung un— beachtet konnten zur Seite liegen laſſen, als auch weßhalb es gegenwaͤrtig ihre naͤchſte und dringendſte Pflicht iſt, derſelben ſich anzunehmen. In verſchiedenen Gegenden unſeres Vaterlandes zeigen ſich vereinzelte Bewaͤſſerungsſyſteme von meiſt geringer Aus— dehnung, deren Andenken haͤufig bis in das zwoͤlfte und folgende Jahrhundert hinaufreicht. Dieſe konnten indeß — — über ſich ſplitte ſeinen Fotm durch ſtande und aß meine er ſtehen, , gleiche eſelungen wieder⸗ Sache ißte, iſt vurzelt. ungen, hat. laͤnd⸗ derte, taats⸗ g un⸗ eßhalb ht iſ zeigen er Aus⸗ fte und indeß IX uͤber die Grenzen eines Kloſter oder Stadtgebietes hin nicht ſich ausbreiten, weil dazumal, bey jener vielartigſten Zer— ſplitterung des Grundeigenthumes, welche das Colonat in ſeinen, theils altgermaniſchen, theils modern mittelalterlichen Formen herbeygefuͤhrt hatte, umfaſſendere Culturſyſteme durchhin erſchwert, oft ganz unausfuͤhrbar waren. Auch ſtanden die zuſammenhaͤngenden Beackerungsweiſen der Stadt und Dorfgemeinden denſelben entgegen. Obwohl zu Mayland die Archive durch Brand und anderweitige Unfaͤlle ihre aͤlteſten Urkunden eingebuͤßt haben, daher die Gelegenheit fehlte, wie vormals fuͤr Siena mirs gelungen iſt, aus den Protocollen alter Gemeindebeſchluͤſſe und aus den fortgehenden Abaͤnderungen der Statute zu zeigen, wann und wie der Grundbeſitz die alten Verwicke— lungen allmaͤhlich abſtreifte; ſo erhellt es doch aus den Annaliſten, aus den Statuten der benachbarten Staͤdte und anderen Umſtaͤnden und Zeugniſſen, daß ſchon im zwoͤlften Jahrhundert, alſo fruͤher als in Toscana, im maylaͤndi— ſchen Gebiete der bedingte Beſitz in unbedingten ſich ver— wandelt hatte, der hoͤrige und eigene Bauer aber in jene moraliſch, wie rechtlich ungebundene Lage des Lohnarbeiters und Zeitpaͤchters hinuͤbergetreten war, in welcher noch ———.— ☛ — gegenwaͤrtig wir ihn finden. Im zwoͤlften Jahrhundert aber, um 1170, ward von den Mitgliedern der Stadt⸗ gemeinde, welche damals bereits viel Land beſitzen mußten, der Bau des Ticinello beſchloſſen und dieſer bald darauf bis Mayland verlaͤngert. Wir lernen aus dem Zuſam— mentreffen dieſer Umſtaͤnde, daß ganz ſo wie bey uns, auch in der Lombardey die Bewaͤſſerungsangelegenheit nicht fruͤher die Aufmerkſamkeit der Regierungen auf ſich ziehen konnte, als nachdem aus den beſchraͤnkteſten Privatverhaͤltniſſen ſie durch Ausdehnung ihrer Anwendung in das oͤffentliche Leben hinuͤbergetreten war. Um ein halbes Jahrtauſend ſpaͤter, als das noͤrdliche und mittle Italien, ſind wir nun ebenfalls dahingelangt, was unter uns an mittelalterlichen Verwickelungen noch übrig iſt, vollends abzuſtreifen. Immerhin mag aus ſchneller Veraͤnderung lang beſtandener Verhaͤltniſſe einiger Nach⸗ theil entſtehen; denn ungeſtraft ruͤttelt und ruͤckt man nie⸗ mals am Alten. Allein unlaͤugbar eroͤffnet ſich gegenwaͤrtig, wie jedem groͤßer angelegten Culturſyſteme, ſo beſonders der Acker und Wieſen Bewaͤſſerung ein Spielraum, der bis dahin ihr verſagt war. Und je thaͤtiger die Landwirthe unſerer Tage auf ſie durch Beyſpiel und Lehre hingewieſen werden, nie⸗ rtig, 8 der dahin unſerel verden, XI um ſo dringender ſcheint es, ins Auge zu faſſen, was in dieſer Beziehung auch den Regierungen obliege. Nach ſo viel guten und brauchbaren Buͤchern, als fruͤher in Italien, ſpaͤter in Belgien und Frankreich, in letzter Zeit ſogar in deutſcher Sprache uͤber das techniſche der Bewaͤſſerung erſchienen ſind, wuͤrde ein neues Lehr— buch, wenn es uͤberhaupt in meinem Abſehn laͤge, doch mit wenig Ausnahmen nur Wiederholungen des laͤngſt bekannten enthalten koͤnnen. Hingegen mache ich mirs zur Aufgabe, an ſolches zu erinnern, was in Norditalien von republica— niſchen und monarchiſchen Regierungen fuͤr die Ausdehnung und Erweiterung, wie anderſeits fuͤr die geſetzliche Be— gruͤndung der Bewaͤſſerungscultur geſchehen iſt. Unfehlbar wird man darauf einen Blick zu werfen haben, ſowohl um Fehlgriffen und halben Maßregeln auszuweichen, wie auch um große, durch eine ſechshundertjaͤhrige Erfahrung gewon— nene Reſultate ohne koſtbare Verſuche und ſchwere Opfer muͤhlos ſich anzueignen. Denn nicht auf ein Mal iſt man in der Lombardey auf den Punct gekommen, auf welchem dieſe Sachen ſich befinden; und noch gegenwaͤrtig leidet man dort nicht ſelten an den Folgen fruͤherer Verſehen und Mißverſtaͤndniſſe. —————— XII Moͤgen dieſe Zeilen die wichtige Angelegenheit, welche ſie vornehmlich bezielen, auch denen zur Anſchauung brin— gen, welche ſpeciell landwirthſchaftliche Schriften nicht zu leſen pflegen; aber auch bey den kunſterfahrenen, denen ich allerdings nichts voͤllig neues zu lehren habe, diejenige all— gemeine gute Stimmung erwecken, aus welcher die Luſt zum wirken in jeglicher Lage des Lebens ſich entwickelt. Rothenhaus im December 1837. Im ſei 1 Im öſtlichen Deutſchland. An einem trübkalten Wintertage fuhr ich über ſchlechte Landwege, welche der Froſt halbhin fahrbar machte, bis zur Straße nach Ratzeburg. Der Blankenſee blieb zur rechten; ein kleiner Waſſerſpiegel von beträchtlicher Tiefe, in welche der hier ausgehende Höhenzug ſteil abfällt. Könnte man beym Anblick dieſer und ähnlicher Geſtaltungen der Vermuthung ſich enthalten, daß in Dänemark, im nördlichſten Deutſchland, in Preußen und in den weiter hinausliegenden Landſtrichen den Anſchwemmungen und Anſpülungen der jüngſten Epoche, oft in geringer Tiefe, das Feſte zum Grunde liege?— Wenn künftig einmal Naturforſcher, ſtatt, wie bisher, die Flachlän— der des Nordens ſchnell zu durchreiſen, in ihnen wohnen und hauſen werden, dürfte die Ableitung von Erſcheinungen, welche ſie darbieten, das Hypothetiſche, das ihnen anhängt, allmählich abwerfen ſollen. Der Zufall ſcheint ihnen vorzuarbeiten, in— dem er mancherley unerwartetes gelegentlich an den Tag för— dert. Gyps zu Lübtheen und bey Dömitz an der mecklenbur⸗ giſchen Seite des Elbthales. In Holſtein mehrmaliges Her— vortreten des ſegebergiſchen bis auf drey Stunden weit von dem bekannten Felſen. Gemeinen Kalk bricht und benützt man ſeit einigen Jahren unweit Lütjenburg; er zeigt ſich ferner um einige Meilen ſudlicher, bey Neuſtadt. Auf dem Gute Emken— (10) — —— — dorf an der nördlichen Grenze Holſteins entdeckte ich vor eini— wieder gen Jahren ſchichtweis im Sande abgelagerte, tropfſteinähn— Flußb liche, kalkäre Druſen, deren abwärts gekehrte, ſehr zerbrech— und E liche Zapfen von wohlerhaltenen Kryſtalliſationen umgeben 4 waren. Dieſes mürbe Geſtein kann nicht wohl herbeyge— gegen ſchwemmt ſeyn, muß vielmehr an der Stelle ſich gebildet ha⸗ nördli ben, in Folge von Durchſickerungen, die wiederum zu dem komm Schluſſe nöthigen, daß in dem nahen, etwa dreyhundert Fuß auf d hohen Berge die analoge feſte Bildung unter den weichen Er— müſſen den, die ſeine Oberfläche bedecken, verborgen liege. ſelben Hingegen iſt bisher keine Kuppe von Granit, oder ver⸗ nothw wandtem Geſtein ermittelt worden; was indeß früh' oder ſpät vorgen doch geſchehen dürfte. An verſchiedenen Puncten, z. B. in den dehnun Feldmarken der Dörfer Schiering und Sprengten, ragen große Verſtä Granitflächen um weniges aus dem angeſchwemmten Boden ſehr hervor, die für rieſige Geſchiebe gelten, indeß bisher nicht bis auffall auf den Grund ſind ausgegraben worden. Kordteutſchland lünebu und die übrigen Länder von ähnlicher Bildung dürfte mit vorneh den weiten Flächen ſich vergleichen laſſen, aus welchen der in Hol Miſſiſippi und der Sanct Petersfluß den Urſprung nehmen. allerdin Dort erheben ſich aus den weit verbreiteten Alluvionen ver— deßhalb einzelte niedrige Kuppen des unterliegenden Geſteines. Und führt ſ ſcheint deren Folge und Anreihung(ſ. die neueren amtlichen 4 Berichte uüber die nordamerikaniſchen Expeditionen ins Innere) von Ar den Schluß auf eine locale Granitbildung, welche die nieder— deckten ſächſiſchen Haidländer von ſüdſüdweſt nach nordnordoſt durch— praciſ ſetzen möchte, nicht durchaus abzuweiſen. Der Rücken ſten u dieſes niedrigen Bergzuges dürfte(wenn meine Vermuthung Auch nicht zu gewagt iſt) in der Nähe von Hamburg unter dem Dreler Bette der Elbe hindurchgehn, wo vormals, dem Dorfe Nien— durhan ſtedten gegenuüͤber, bey ungewöhnlich ſeichtem Waſſer ein auf⸗ 1 fallend großer, nach den Umſtänden nothwendig flacher Stein rän, 3 vor eini⸗ feid wiederholt bemerkt wurde, bis die fortgehende Erhöhung des ahn⸗ Flußbettes, in Folge der Eindeichungen, denſelben durch Schlamm Feüiec und Sand allmählich überdeckte. ungehen Dem allen ſtehet die Annahme berühmter Männer ent⸗ kejge gegen, die jene zahlloſen granitartigen Trümmer, welche die di ha⸗ nördlichen Flachländer überdecken, aus weiter Ferne heran⸗ tda kommen läßt. Sie würde denn auch auf das Gerölle, ja ſogar Sni auf die unermeßlichen Sandablagerungen ausgedehnt werden Er⸗ müſſen, da ſolche gleichfalls aus nur kleineren Trümmern deſ⸗ ſelben Geſteines beſtehn. Indeß bezweifle ich, daß eine ſolche, nothwendig doch erſt in einer ſpäten Lebensepoche der Erde ſpät vorgegangene Wanderung des Bodens, in ſo großer Aus— in den dehnung, jemals habe ſtattfinden können. Und glaube ich eine große Verſtärkung dieſer Zweifel in dem Umſtande zu finden, daß Boden ſehr oft auf meilenweiten Strecken die vorkommenden Trümmer ht bis auffallend gleichartig ſind. So zeigt ſich auf dem Rücken der hland lüneburgiſchen Haide, in der Gegend der Poſtſtation Bergen e mit vornehmlich Gneis und Glimmerſchiefer; an der oberen Eider n der in Holſtein iſt hingegen ein rother Sandſtein vorwaltend, der hmen. allerdings dem nordiſchen ähnelt, oder gleicht; doch wird er ver⸗ deßhalb nicht ganz unerläßlich aus ſo weiter Ferne herbeyge⸗ Und führt ſeyn. lichen Aus einer genaueren Kenntniß der Geſtaltung unſerer, nnere) von Anſchwemmungen oftmals in ſehr beträchtlicher Tiefe uber⸗ nieder⸗ deckten Länder, wird, nächſt dem wiſſenſchaftlichen, auch ein durch⸗ practiſches Intereſſe entſtehen. Der Gewinn an Baumateria— Rücken lien und Düngſtoffen iſt nicht wohl im voraus zu berechnen. uthung Auch Thon zu mancherley Verarbeitung, Mineral- und Salz— er dem Quellen möchten ſich darbieten. Das alles ſetzt freylich eine Nien⸗ durchaus veränderte Richtung der Betriebſamkeit voraus. en auf⸗ Auf Landwegen bis zur mecklenburgiſchen Poſtſtation Vel⸗ er Stein lahn, wo jenes großartige Syſtem mit Verſtand und Kunſt (1*) 4 angelegter Heerſtraßen den Anfang nimmt, das ſeit dem letzten Frieden die Vorausſicht, Ordnung und Weisheit einiger nord⸗ teutſchen Adminiſtrationen hervorgerufen hat. Es wird bis Hamburg fortgeſetzt; von da kann auf gebahntem Wege Kiel erreicht werden. Freylich wird hiedurch dem Bedürfniß des öſtlichen Holſtein nicht abgeholfen, deſſen Erzeugniſſe wohl noch für lange Zeit auf ungemein ſchlechten Wegen ihren oftmals entlegenen Markt werden aufſuchen müſſen. Für angeſchwemmte Landſtriche haben die Schuttſtraßen den zufälligen Vortheil, eine beſſere Kenntniß des Bodens vor⸗ zubereiten, durch welchen ſie geführt werden. Die häufig ſehr mühſame Nachſuchung des Materials veranlaßt, tiefere Ein⸗ ſchnitte zu machen, und führt hiedurch nicht ſelten zur Auffin— dung unerwarteter Dinge. So bemerkte ich, von Copenhagen zurückkehrend, auf den Höhen, welche die neue Schuttſtraße von Lübeck nach Travemünde nunmehr durchſchneidet, ſehr in⸗ tereſſante Trümmeranhäufungen, die an verſchiedenen Stellen ein feſtes Conglomerat, eine Art Nagelfluhe bildeten. Eine Stunde weit ſah ich unter der Beſchüttung, wie längs des Weges an den Wänden des Einſchnittes in den Hugel, einen ſchiefrigen Kalk vorwalten. In den Anhöhen von Waldhuſen entſpringen Quellen, die einen perennen klaren Bach ernähren, was zu ſchließen geſtattet, daß ſie nicht Sanddünen ſind, wie der äußere Ueberzug und die rundliche Geſtalt einiger Ab⸗ ſtürze auf erſten Blick vermuthen läßt. Vielleicht enthalten ſie daſſelbe Geſtein, deſſen Trümmer hier, mit anderem, mehr ab⸗ geſtumpftem Gerolle gemiſcht, zu einem halbfeſten Conglomerat ſich geeinigt haben. Von Vellahn nach Redevin führt der Weg über die Beſitzungen der Familie von Könemann, welche durch ihre hohe Culturſtufe und gleich ſehr durch ſinnvolle Entwickelung maleriſcher Reize ſich auszeichnen. In der That könnten dieſe 5 Güter als Muſter ſtudirt werden der Vereinigung wirthlicher Zwecke mit dem Beſtreben, ländliche Schönheiten theils zu be— wahren und heranzupflegen, theils auch ſie ganz neu hervor— zurufen. Wohlvertheilte Gruppen vollausgediehener Eichen und Buchen dienen den räumigen Feldern zur Schutzwehr gegen den verderblichen Nordweſt, ohne jedoch den Blick über das unterliegende Elbthal bis zu den Höhen des jenſeitigen Landes ganz auszuſchließen. Der Boden dieſer Güter ſcheint etwa einhundert Fuß über der Fläche erhoben zu ſeyn, die längs der Elbe in ziemlicher Breite ſich hinzieht. Ich bemerkte einige Bäche, welche der unterliegenden ſandigen Ebene zufließen und künftig einmal, gleich der waſſerreichen Sude und Elde, dienen werden, dieſelbe in ergiebige Wieſen umzuwandeln. Um Redevin, dem Sitze einer großherzoglichen Stuterey von Belang, ſenkt ſich der Boden allmählich in jene ausge⸗ dehnte mooſige Fläche hinab, deren belebtes Jagdrevier die Anlage des Schloſſes Ludwigsluſt veranlaßt hat. Dieſes Bau⸗ werk gehört zu den erheblichſten der erſten Hälfte des acht— zehnten Jahrhunderts. Gute Verhältniſſe, ein durchdachter Grundriß. Die Terraſſe hinter dem Schloſſe, gegenwärtig ein regelmäßig begrenzter Raſenplatz, gewährt, gleich dem künſtlichen Waſſerfalle an der Vorſeite, einen breiten, zum großartigen ſich hinneigenden Anblick. Ein Herzog von Meck— lenburg hat dieſes Waſſer, man ſagt ſieben Meilen weit, her— beyleiten laſſen. Sollte es nach dieſer Erfahrung noch ſo gar unerreichbar zu ſeyn ſcheinen, daß auch zu nützlichen Zwecken, zur Wieſen- und Feldbewäſſerung, Flüſſe und Bäche von nah und fern den ſandigen Ebenen unſeres Vaterlandes zugeführt würden? Sollte nicht in den meiſten Fällen der Vortheil den 7 Aufwand decken können? Die Lombardey, wo das Waſſer den Grundwerth verzehnfacht, iſt noch bey weitem nicht ein ſüdli⸗ ches Land und hat, climatiſch angeſehn, vor den mittlen Rhein⸗ ——- —— —— 6 gegenden nur in der winterlichen Zeit einige Wärmegrade voraus. Vor Jahren habe ich zu Ludwigsluſt den Ausführungen der großherzoglichen Capelle beigewohnt, welche im ganzen, wie einzelnen, höchlich befriedigt. Ich hörte die große Sym— phonie Mozarts trefflich ausführen; dann ein Solo des Clarinettiſten, Herrn Eichhorſt. Die Möglichkeit, alltäglich gute Muſik zu haben, muß dem Aufenthalt in dieſer ungemein kleinen Stadt einen ganz eigenthümlichen Reiz verleihen. Und wird der Künſtler, da nur Befreundete ihm zuhören, hier in der Wahl ſeiner Muſikſtücke ganz unabhängig ſeyn von der Wechſelſucht und Anmaßung des großen Haufens. Ueber eine ſanftanſteigende Ebene, in welcher ſogar die Föhre nur dürftiges Wachsthum zeigt, gelangt man zur preu— ßiſchen Grenze. Jenſeit erhebt und beſſert ſich der Boden, hat die neue Heerſtraße auf den Anbau bereits mehr Einfluß, als in der Umgebung von Ludwigsluſt. Dort, in dem Bezirke an⸗ ſehnlicher Domanialdörfer, ſcheint der Gemeinbeſitz ſehr großer Weideplätze einer weiteren Ausdehnung des Anbau's noch ent⸗ gegenzuſtehn. Wie ſonſt auch in den ähnlich gelegenen mär— kiſchen Gemeinweiden, ſo zeigen ſich noch immer in den meck— lenburgiſchen jene zahlloſen, warzenähnlichen kleinen Erhebun— gen; die vielhundertjährige, nie geſtörte Arbeit des Maulwurfs. Daß man nirgendwo darauf verfallen iſt, die ebeneren Gemein⸗ weiden in drey Felder abzutheilen, das dritte jedesmal im Herbſte ohne Dünger zu beſtellen, und im Frühjahr darauf es mit Hafer, Graͤſern und Futterkräutern zu beſäen; damit ſie fein eben bleiben und ſtets eine gute Weide gewähren kön— nen?— Es wird an dem Umſeande liegen, daß eine große Menge beſchränkter und ungebildeter Menſchen nicht leicht zu gemeinſamen Vortheilen ſich einigen läßt. 7 In Perleberg übernachtet. Hier, wie ſchon in Mecklen— burg an mehr, als einer Stelle, hat man in alter Zeit den Backſtein gut bereitet und ſehr verſtändig angewendet. Weiter⸗ hin jedoch, in der alten und mittlen Mark, hat man dieſes Material mit noch größerer Kunſt in Anwendung gebracht, worüber ein vortreffliches Bilderwerk mit Erläuterungen des Dr. Kugler die beſte Auskunft gewährt. Zu Perleberg genoß ich der Ehre, in dem Bette zu ſchla— fen, das weiland Karl X. auf ſeiner Reiſe von Hamburg nach Prag für einige Stunden eingenommen hatte. Dieſem Umſtande verdankte ich den Vortheil, für dasmal behaglich mich ausſtrecken zu können. Denn es hatte dieſe Bettſtattung eine, für nordteutſche Gaſthäuſer, ungewöhnliche Länge, und war ſie, wie man ungeſäumt mir berichtete, in Erwartung des hohen Gaſtes angelegt und zum Andenken an das ſeltene Er— eigniß in beſtem Stande erhalten worden. Fremde beklagen ſich häufig über die beengte Anlage der deutſchen Betten, die freylich noch immer ſich hier und dort bemerklich macht, indeß auch bey uns mehr und mehr den Fortſchritten des Zeitalters Raum zu geben ſcheint. Zu Perleberg fehlt es nicht an mancherley Betriebſamkeit; neben dem Handel auch Fabrication, und in der nahen Feld⸗ mark einiger Ackerbau. Der Wirth, ein ſchöner, noch lebens⸗ froher Greis, vereinigte alle dieſe Geſchäftszweige und ſchien durch Thätigkeit und freyes Nachdenken vielfach berufen, auch über Gemeindeſachen ſeine eigene Meinung zu hegen und gel— tend zu machen. Zwar enthielt er ſich pflichtmäßig jeglicher Aeußerung über die Verwaltung der Gemeine, deren Mitglied er ſelbſt war. Hingegen ſprach er, von mir angeregt, mit Freymüthigkeit uͤber die Mißgriffe anderer. Uebereilt war irgendwo ein trefflich beſtandener Gemeindewald auf ein Mal abgetrieben, das ſo gewonnene Capital theils unter die Buͤr⸗ 8 2 gerſchaft vertheilt und verausgabt, theils ohne viel Umſicht für das Geſammte angelegt worden. Mancherley kam auf dieſe Veranlaſſung zur Sprache. Zunächſt, wie die Eiche, nach⸗ dem ſie von theoretiſchen Forſtmännern aus vielen Domanial⸗ waldungen längſt verdrängt worden ſey, nunmehr bey über⸗ handnehmender Theilung der Gemeingüter mit dieſen ihre letzte Zuflucht einzubüßen drohe. Woher denn künftighin man Eichen⸗ holz werde nehmen ſollen? Sodann ward auch beklagt, daß beſchränkter, nur auf das augenblickliche gerichteter Eigennutz, daß praktiſcher Unverſtand, Ungeſchicklichkeit, träges Nachgeben der meiſten, und was der Art mehr iſt, den Gemeindebeſchlüſſen nicht ſelten eine verderbliche Richtung gebe. Der wackere Phi— lanthrop und Patriot ſchien von Erfahrungen und Thatſachen auszugehn; und bezweifle ich keinesweges, daß eine ſo gar neu bewilligte Gemeindefreyheit ebenfalls ihre bedenklichen Seiten habe. Es liegt in der Zeit, daß niemand den andern hört, auch wenn er von den Sachen, die vorkommen, mehr Kenntniß und Einſicht beſäße; daß Allgemeinheiten, die zur leeren Phraſe ausgeartet ſind, mehr Eingang finden, als Gründe, die mit Verſtand und Sachkenntniß am Platze wären entwickelt worden. Ueberhaupt iſt eine lebhafte Theilnahme an den localen Verhältniſſen, ein geſchickt auf das Nächſte ſich einſchränkender Verſtand, die eigentliche Bedingung derjenigen Lebens- und Kraftentwickelung, welche bey Wiederherſtellung alter und Gründung neuer Gemeindeverfaſſungen im allgemeinen doch wohl bezweckt wird. Denn Regierungen, die auf hiſtoriſchen Grundlagen fortbauen, können nicht wohl, gleich der franzöſi⸗ ſchen Revolution, in den Communalverfaſſungen eben nur das äußerſte und letzte Glied in dem Mechanismus der Staatsver⸗ waltung herſtellen wollen, vielmehr auch in dieſen untergeord— neten Formen den lebenvollen Organismus des Ganzen ſich abſpiegeln und wiederholen ſehn. Nichts in der That kann ———P ½—z—.,,——,——— — 9 den Werth ſelbſtſtändig fühlender, denkender, wirkender Ge⸗ meinden in ein günſtigeres Licht ſtellen, als der gegenwärtige ſehr blühende Zuſtand eines nicht kleinen Theiles von Italien. Mit Verwunderung ſieht der Reiſende, was hier, ſo bald nach langen und verwüſtenden Kriegen, an Haupt- und Nebenſtraßen, und an öffentlichen Gebäuden aller Art hat errichtet werden können. Ein großer Theil aber dieſer Werke iſt unmittelbar von den ſelbſtſtändigen Gemeinden unternommen und ausge⸗ führt worden; ein anderer freylich auf Anordnung der ver⸗ ſchiedenen Regierungen. Allein, daß auch dieſe letzten bey öffentlichen Bauwerken den Tadel des Volkes nicht zu ſcheuen haben, daß jeder einzelne auch bei den koſtbarſten Unterneh⸗ mungen deren Zweck erkennt und deren Ausführung richtig beurtheilt; iſt es nicht die Folge der Gewöhnung, das ge— meinſame, alſo umfaſſende und große zu beſprechen, Entwürfe zu beurtheilen, deren Ausfuhrung zu lenken, oder mindeſtens auf ſie einzuwirken? Ich habe in Italien rügen hören, daß in den Gemeinden die Menge, die ſchon in ihrer Geſammtheit viel Einfluß und Macht ausübe, in deren einzelne Zähler zerlegt, eine überwie⸗ gende Stimmenmehrheit beſitze und, bald als blindes Werkzeug ſeiner Schmeichler, bald aus bloßer Laune, ſowohl Gutes auf⸗ halte, als Verderbliches begünſtige. Vielleicht hat dieſelbe, oder ähnliche Unbequemlichkeit auch in die neugegründeten Ge⸗ meinden Preußens ſich eingedrängt, worüber mir keine Ent⸗ ſcheidung zukommt. Bey Theilungen von Gemeindegütern, von welchen ich oben ausging, haben die ärmeren Mitberechtigten gerade die dringendſten Anſpruche geltend zu machen, ſcheint daher auf erſten Blick eine völlige Gleichheit in der Abſtimmung der Bil— ligkeit gemäß zu ſeyn. Die Landſtrecken indeß, welche bey erſter Entſtehung ländlicher Gemeinden zu gemeinſchaftlicher 10 Wald-, Trift⸗ und Weidebenutzung ſind ausgeſondert worden, pflegen irgend ein Hinderniß des Anbau's zu enthalten, das mehr noch, als das Bedürfniß ſelbſt, den Gemeinweiden ihre lange Dauer möchte geſichert haben. Entweder ſind ſie ſteinicht, felſicht, ſteil; oder, wenn ſie eben ſind, periodiſchen Ueber⸗ ſchwemmungen ausgeſetzt. Wenn nun Gemeinweiden vertheilt werden, mag freylich bey abhängigem und felſigem Boden dem Fleiße der einzelnen all und jegliches zu überlaſſen ſeyn; hin⸗ gegen ſollten bey ebeneren Gründen Nivellirungen des Bodens den Gemeinheitstheilungen ſtets vorangehn, auf welche ſodann die Anlage der Hauptabzugsgräben zu gründen wäre. Wann das Gemeingut einmal in viele Privatbeſitzungen zerſplittert iſt, hält es ſchwer, fällt es oft unmöglich, ſo viel einzelne Stimmen für großartige Veranſtaltungen zu gewinnen, deren Vortheile einzuſehn, mehr Bildung, Nachdenken, Vorausſicht erheiſcht, als der Menge wohl beyzuwohnen pflegt. Und mag es daher ſich erklären laſſen, daß auf dem Wege von Perle⸗ berg nach Berlin die neuerlich getheilte Gemeinweide des Städt— chens Frieſack gegenwärtig ein ſo gar planloſes, buntſchäckiges Anſehn gewährt. Allerdings haben vereinzelte Theilhaber durch breite Gräben örtlich gegen die winterliche Feuchtigkeit ſich zu ſchützen geſucht; doch ohne ſonderlichen Erfolg, weil ein Haupt— graben fehlt, deſſen Herſtellung und Erhaltung eine Gemeinde— angelegenheit hätte ſeyn und bleiben müſſen; vielmehr bey der weiten Ausdehnung jener niedrigen Ebene, die bey Frieſack beginnt, einer fortbeſtehenden Vereinigung unter allen darin betheiligten Communen. Zwey ſehr gleichartige Niederungen laufen in dieſer Ge⸗ gend einander faſt parallel, doch bey entgegengeſetzter Richtung ihrer ſanftabfallenden Neigung; beide ſind der Boden und Niederſchlag hier vormals ſtagnirender Gewäſſer. Die eine, worin Ludwigsluſt gelegen iſt, hat bey weſtlicher Richtung ein — 11 lebhafteres Abzugsgefälle; doch neutraliſirt dieſen Vorzug vor der anderen, mehr oſtwärts gegen Fehrbellin und weiter hin⸗ aus ſich erſtreckenden Niederung ein ſtärkeres Eiſengehalt des unterliegenden Sandes. Beide, mehr jedoch die letzte, ſcheinen mir eines belohnenden Anbau's fähig zu ſeyn; freylich nur unter der Bedingung einer vorangehenden genauen Beſtimmung des Waſſergefälles und darauf gegründeten Anlage eines Haupt⸗ abzugscanales mit deſſen etwa erforderlichen Zuflußgräben. Denn in den feuchteren Jahreszeiten bedarf dieſe Ebene der Entladung ihres Waſſerüberfluſſes; für die trockeneren hingegen dürfte es vortheilhafter ſeyn, zeitig durch kleine Schleuſen die Feuchtigkeit zurückzuhalten. Vielleicht wird hier, wie bei den fruchtbarſten Ländereyen der holſteiniſchen Marſchen, die Er— fahrung ſich wiederholen: daß in einem ſehr niedrig gelegenen Boden die verbreitete Feuchtigkeit den etwa fehlenden Humus großentheils erſetzt. Es möchten dieſe Niederungen in beſonderem Maße zum Anbau des türkiſchen Waizens geeignet ſeyn, der zwar, als Volksnahrung angeſehn, ſchwerlich in Nordteutſchland jemals die ſchmackhaftere Kartoffel, oder den zuckerhaltigen Buchwai— zen verdrängen wird, hingegen jeglichem Hausthiere eine er— wünſchte und bekommliche Nahrung gewährt. Beſonders eignet ſich das Türkenkorn, von welchem gegenwärtig auch zeitige, ſtets reifende Abarten zu haben ſind, dem Geflügel ein dichtes und weißes Fleiſch und die nöthige Feiſtigkeit mitzutheilen. Das beſſere Geflügel kommt gegenwärtig aus weiter Ferne auf den berliniſchen Markt; ich vermuthe daher, es dürfe die Zucht und Mäſtung deſſelben in der Mark Brandenburg mit Vortheil zu betreiben ſeyn. Indeß ſetzt das Verbeſſerungen in der erſten Auferziehung des Geflügels voraus, die bisher nur im Kleinen iſt betrieben worden, wo denn das Product nicht immer den aufgewendeten Fleiß hinlänglich belohnen mag. 1² Von einer einzuführenden künſtlichen Ausbrütung der Eyer ſchreckt der Umſtand zurück, daß ſogar in Aegypten nur wenige Dorfgemeinden darauf ſich verſtehen. Hingegen iſt in dieſer Beziehung jedem Landſtriche ein Verfahren anzuempfehlen, das in Baiern, wo große Städte nahe liegen, nicht ſelten in An⸗ wendung kommt. Dort pflegen Wittwen und veraltete Mäd⸗ chen, die einſam wohnen, in ihrem geheizten Wohnzimmer die Wände ringsum mit Käfigen zu verſehn, die bisweilen drey Stockwerke über einander aufgebaut ſind. Dieſe Vorrichtung macht es ihnen möglich, auch in der rauheren Jahreszeit eine große Menge auf die übliche Weiſe gebrüteten Geflügels her⸗ anzuziehen, das ihnen bald einen ergiebigen Nebenverdienſt, bald ſelbſt ein hinreichendes Auskommen gewährt. Das Talent, Erwerbszweige aufzufinden, die außerhalb aller Benennungen liegen und in ihrer Veränderlichkeit jeder Art der Claſſification ſich entziehen, iſt in der That die beſte und ſicherſte Schutzwehr gegen gänzliche Verarmung. Dieſes Talent, welches verbreiteter iſt, als man anzunehmen pflegt, wird ſelten von denen in vollen Anſchlag gebracht, ſo über Armenverſorgung denken, oder, was nicht immer daſſelbe iſt, darüber reden und ſchreiben. Wo kein Hinderniß im Wege ſteht, entwickelt es ſich gleichſam von ſelbſt. Indeß können wohlwollende, aufmerkſame Lenker ihm zu Hülfe kommen, we⸗ nigſtens ſich enthalten, ihm entgegenzuwürken, ſey's durch ge⸗ dankenloſes ſpenden und geben, oder auch durch methodiſches beſchränken und hemmen. Im allgemeinen läßt es ſich annehmen, daß niemand ſo leicht verarmen wird, der irgend eines der weſentlicheren Ge— werbe gründlich erlernt hat und wohl auszuüben verſteht. Unter dieſen aber ſcheint keines zu ſeyn, das einen größeren Umfang von Kunden und Kenntniſſen, eine feſtere Gewöhnung an Arbeit, Frugalität und Ordnung vorausſetzte, als eben der — 2— 13 Landbau von den einfachſten bis zu den complicirteſten For⸗ men, deren er empfänglich iſt. Von Vagabunden, Bettlern und ähnlichen Perſonen mag daher vielleicht ein Genieſtreich, eine unerwartete Erfindung, ein neuer Ausweg und Behelf ge⸗ hofft und erwartet werden können; doch nimmermehr, daß er plötzlich die Erfahrungen, Kenntniſſe, die ſtillen und regelmä— ßigen Sitten des Landwirthes ſich aneigne. Allein, ſo gewiß und richtig dieſe Bemerkung ſeyn mag, ſo ſcheint ſie doch von denjenigen nicht gemacht zu ſeyn, die ſeit einigen Jahrzehenden auf alle Weiſe eine neue Ländereyenvertheilung anempfehlen, die, nach den Anſichten des einen, der Noth verarmter Fami⸗ lien gründlich abhelfen, nach der Anſicht anderer, dem Ackerbau einen höheren Aufſchwung geben ſoll. Nicht ſo leicht aber dürfte, wer den Landbau verſteht und dabey ländliche Gewöhnungen und Sitten angenommen hat, jemals in die Lage kommen, dauernder Wohlthaten zu bedür— fen. Im Gegentheil wird er, auch ohne eigenen Beſittz, leicht— lich ein Unterkommen finden, das immerhin weit vortheilhafter iſt, als die Lohnarbeit in den Fabriken und ſonſtigen Kunſt— gewerben. Die Armen daher, die man durch Vertheilung von Ländereyen zu verſorgen denkt, ſind meiſt zum Ackerbau un⸗ taugliche Individuen. Und würde man, alſo, dem mit Land zu beſchenkenden Armen nun auch einen Colonen, Heloten, oder Sclaven verehren müſſen, damit er ſein neuerworbenes Eigen— thum gehörig anbauen könne. Sehr befürchte ich, daß bey den Verſuchen und Vorſchlägen dieſer Art der Sclavenſtand und andere bedingtere Abhängigkeitsverhältniſſe des Alterthumes zu wenig in Ueberlegung kommen; daß man verſäume, ſich's deutlich zu machen, wie's ſo ganz ein anderes iſt, ob man Aecker unter Leute vertheile, die ſie perſönlich beſtellen ſollen, oder vielmehr, nach antiker Art, unter ſolche, die beliebigen Falles ſie von anderen können anbauen laſſen. 14 Indeß war ich ausgegangen von dem niedrigen Cultur⸗ ſtande der märkiſchen Niederungen, einem Bodenverhältniß, dem überall nur durch Vereinbarungen unter allen Betheilig— ten, durch gemeinſchaftliche Beſchlüſſe und Anſtrengungen bey— zukommen iſt. Um ſo weniger darf ich unerwähnt laſſen, daß hingegen die jenen benachbarten trockenen, hoch belegenen Län— dereyen eine fortgehende Zunahme des Ackerbau's darlegen und von Jahr zu Jahr ein blühenderes Anſehn gewinnen. Es lag nahe, den Urſachen dieſes Aufſtrebens und theil— weiſen Gedeihens weiter nachzugehn. In den Preiſen der Er— zeugniſſe können ſie nicht wohl geſucht werden; denn ſeit etwa zwanzig Jahren ſtanden dieſe bisweilen ſo niedrig, daß ſie den Aufwand der Erzeugung nicht mehr deckten, und erhoben ſie ſich höchſt ſelten über die Linie der Ausgleichung. Allein auch im Ackerbau, dieſer ſicherſten Grundlage der allgemeinen Wohl— fahrt, kann das Beſtreben, dem Geſammten förderlich zu ſeyn, den augenblicklichen, nächſten Vortheil des Einzelnen in den Hintergrund zurückdrängen. Ich dächte, es ſey nicht ohne Beyſpiel, daß Landwirthe ihr Haus zu Grunde richten, indem ſie die Kunſt der Ackerbeſtellung in ihrem Vaterlande zu fördern ſuchen. Irgend etwas von dieſer Art patriotiſcher Schwär⸗ merey mag denn wohl auch ganzer Landſtriche ſich bemächtigen können. Unter allen Umſtänden iſt Steigerung der Cultur kein ſicherer Maßſtab für den Wohlſtand der einzelnen Land⸗ wirthe; woher das Paradoxon engliſcher Theoretiker entſtan— den ſeyn wird:»daß derjenige Ueberſchuß, den Neuere das produit net zu nennen pflegen, nach Maßgabe der Vermeh⸗ rung und Vervollkommnung des rohen Products, alſo der Stei⸗ gerung in der Cultur als einer Kunſt, ſich fortgehend verrin⸗ gern werde.« Allerdings ſind die Vortheile, welche die Meh— rung und Beſſerung der Bodenerzeugniſſe immer doch gewähren muß, ſehr oft nur für das Geſammte reine Vortheile. Allein — —-—.—— 15 auch da, wo dieſe niederſchlagende Erfahrung eintritt, welche glücklicher Weiſe minder allgemein iſt, als jene annehmen, kommt der gemehrte Wohlſtand Aller indirect auch denen zu Statten, welche durch Geldaufwand und ſonſtige Anſtrengun⸗ gen dazu beygetragen haben. Als eine untergeordnete Urſache der Fortſchritte im Acker— bau möchten denn wohl auch die ſtattlichen Heerſtraßen in An— ſchlag kommen, die nunmehr in verſchiedener Richtung alle Theile der Monarchie durchziehen und der Regierung Friedrich Wilhelm des dritten ein dauerndes Denkmal ſind. Daß fahr⸗ bare Wege den Abſatz der Producte erleichtern, weiß und ſagt ein jeglicher. Seltener indeß beachtet man, daß mancherley directe Hinderniſſe des Anbau's ſie aufheben. Bey ſchwerem Boden nöthigen die tiefen Fahrgieiſen nicht ſelten vom Wege abzulenken und in den anſtoßenden Feldern Verwüſtungen an— zurichten. Bey leichtem aber wird in den Feldwegen der Sand aufgewühlt und über die nächſten Aecker verbreitet. Wenn nun ſchon hierin etwas lähmendes, entmuthigendes liegt, wel⸗ ches die Kunſtſtraße beſeitigt, ſo wirkt ſie zuletzt auch darin günſtig, daß eine bisher unſichere Grenze ſie durch eine be— ſtimmter vorgezeichnete erſetzt. Die Idee einer feſten, unwan⸗ delbaren Begrenzung, möge dieſelbe durch Fels, Berg, Strom oder See, oder auch durch künſtliche Canäle und Landſtraßen erweckt werden, führet überall zu mehr Ernſtlichkeit und Prã⸗ ciſion des Anbau's. Und gehet es hier, wie ſonſt in allen Dingen: daß ohne feſtes Ziel und End' kein menſchliches Stre⸗ ben jemals zu recht gedeihlichen Erfolgen hilft. Die Straße von Perleberg nach Berlin durchſchneidet in ihrer neuen Richtung den fruchtbaren Bezirk des Städtchens Nauen. Minder von der Natur begünſtigt iſt die Gegend von Kyritz, weßhalb daſelbſt ein Gut ſehr in die Augen fällt, das neuerlichſt durch Erwerbungen von den benachbarten Dörfern 16 und Rittergütern(ſo vernahm ich) allmählich zu dem Umfang einer größeren Wirthſchaft ſich vereinigt hat. Weit und breit fallen hier die ſchonſten Oelfrüchte, die beſten Waizenerndten. Dem wird im Inneren der anſpruchlos angelegten, practiſchen Gebäude der Viehſtand höchſt wahrſcheinlich durchaus ent⸗ ſprechen. In dieſem längſt nicht mehr vereinzelt daſtehenden Factum kündigt ſich das auch bey uns einbrechende neue Zeitalter an, in welchem aus den Trümmern der alten, theils bäuerlichen, theils herrſchaftlichen Beſitzesart ganz neue Landgüter entſtehen werden, deren Zuſammenſetzung rein wirthſchaftliche Zwecke mit ſchärfeſter Begrenzung des Privatvortheils bezielt. Unauf⸗ haltſam wird auch bey uns, wie fruher in Italien und Bel⸗ gien, ſpäter in England und zuletzt in Frankreich, ſein Ende erreichen, was noch aus dem Mittelalter an ländlichen Ver⸗ hältniſſen uns übrig iſt. Vergeblich werden Einzelne, vergeb— lich die Staatsverwaltungen der allmähligen Umwandlung vor— zubeugen ſuchen. Es liegt nun einmal in den Sachen und Umſtänden, daß Clientelverhältniſſe dem Ganzen läſtig, dem Einzelnen unnütz geworden ſind, hingegen ein reiner Gewinn, ein baarer, nach dem Gelde abzumeſſender Vortheil geſucht wird, der wiederum eine beſſere Ausründung der ländlichen Beſitzthümer, ein genaueres Abwägen der Beſtellungskoſten nothwendig macht. Wer dem entgegenwürken möchte, ent— wöhne zuvor die Staaten ihrer wachſenden Bedürfniſſe und die Menſchen überhaupt der heutigen Art, allen Werth und alles Vermögen nach dem Gelde zu berechnen. Die Lettenablagerung, auf welcher die natürliche Frucht— barkeit des Bezirkes von Nauen beruht, ſcheint ſehr mächtig zu ſeyn. An einer Stelle haben die Thongruben für benach— barte Ziegelöfen den Durchſchnitt einer Anhöhe bloßgelegt. Nach dem Augenmaße glaubte ich denſelben auf etwa vierzig Fuß 17 Fuß ſenkrechter Höhe ſchaͤtzen zu dürfen. Abwärts gegen Potsdam hin, tritt beſonders in den Niederungen, die mit den Havelſeen in Verbindung ſtehen, wiederum eine verbreitete Verſandung ein. Doch wird jenes Thonlager vormals bis jenſeit der Havel ſich fortgeſetzt haben und von den weſtwärts der Elbe zuſtrömenden Gewäſſern durchbrochen und theilweis überſandet ſeyn. In dieſer und in ähnlichen Thonablagerun⸗ gen beſitzen die brandenburgiſchen Marken einen bisher nur von einzelnen Bezirken und Landwirthen ausgebeuteten Schatz der Bodenverbeſſerung. Die Bevölkerung dieſes Landes iſt bekanntlich von ſehr verſchiedener Abkunft. Coloniſten, die in der Heimath einen ſchweren Boden beackerten, mögen die Lettenlager ſich angeeig⸗ net haben. Andere, vielleicht die urſprünglichen Bewohner des Landes, waren nur auf Bearbeitung der Sandſtriche eingeübt und an deren Producte gewöhnt, den Rogken, Hafer und Buchwaizen. Wie dem auch ſey, ſo wird doch nicht ſo leicht auf andere Weiſe ſich erklären laſſen, daß in einigen Theilen der Mark die ſandigen Ebenen angebaut, die anſtoßenden Let— tenflötze hingegen ſo lange Zeit vernachläſſigt und nur als Ge— meinweiden und Hölzungen benutzt wurden. Nicht früher, als vor etwa dreißig Jahren, ward in der Nähe von Berlin eine thonige Anhöhe zum erſten Male aufgebrochen und in Cultur geſetzt, durch einen Niederrheiner, deſſen weitere Erfolge mir unbekannt ſind. In noch jüngerer Zeit ward im Weichbilde des Städtchens Lenzen ein Gemeindewald abgetrieben, welcher die einzige Lettenablagerung des ſtädtiſchen Bezirkes ſeit un— denklicher Zeit bedeckt hatte. So fand ich vormals auch jen— ſeit der Oder in der Neumark entſchiedene Abneigung, dort vorhandene kalkhaltige Thonhugel über die anſtoßende ſandige Culturebene auszubreiten, was mit geringem Aufwande hätte geſchehen können. Seitdem freylich hat die Vermiſchung ver⸗ (2) 18 ſchiedenartiger Erden auch in den Marken Eingang gefunden, die nur in angeſchwemmten Ländern möglich, dort aber von der Natur geboten iſt. Wie denn überhaupt die Erfahrung, die Nothwendigkeit, oft ſogar der blinde Zufall, dem Menſchen jederzeit mehr ge⸗ nützt und gedient hat, als Theorieen, ſo richtig ſie im übrigen ſeyn mögen; ſo haben wir auch die Entdeckung der großen Erfolge, welche die Erdvermiſchung herbeyführt, dem ſchlichten Menſchenverſtande einer Colonie freyer Bauern zu danken, welche ſudlich vom Kieler Meerbuſen das Gebiet des adelichen Fräuleinſtiftes zu Preetz ſeit etwa ſechshundert Jahren beſetzt hält. Ihre Güter ſind groß, ihr Wohlſtand alt, unter einer gütigen Verwaltung haben ſie nicht alle Gemeinderechte einge⸗ bußt, deren Grundzüge ſie wahrſcheinlich aus ihrer frieſiſchen Heimath mit herüberbrachten. Zuvörderſt wendeten ſie nur kalkige Zerſetzungen an, Kreide, Muſcheln und ähnliches; was denn freylich in jenem feuchten Himmelsſtriche ſich wirkſam erzeigen mußte. Das Uebermaß in deren Anwendung führte ſie jedoch im Verlaufe der Zeit zu der Anſicht, daß Fruchtbar⸗ keit des Bodens vielmehr auf einem glücklichen Verhältniß der aufgelöſeten Erden unter ſich beruhe, welches letzte dann wie— derum durch climatiſche und andere allgemeine Umſtände auf das mannichfachſte bedingt wird. Als in der Folge ihre Ma⸗ nier der Bodenverbeſſerung, zunächſt in Holſtein, ſpäter auch in den aͤngrenzenden Ländern bis in das Lüneburgiſche und in die Mark hin Nachahmer fand, ging man noch ein Mal den Kreis der Erfahrungen hindurch, welchen die Bauern der Probſtey Preetz längſt durchlaufen hatten. Noch immer be⸗ ſchraͤnken ſich viele Landwirthe auf den Zuſatz von mürber Kreide, oder thoniger Gypsauflöſung, oder von Muſchelſand, ohne jederzeit auf die Beſchaffenheit des Bodens Rückſicht zu nehmen, den ſie damit zu überfahren denken. Auch bedienen — 1 ————— 19 ſich manche bey ihren roheſten chemiſchen Verſuchen nicht etwa der Salpeterſäure, nein des Scheidewaſſers, das auch über Metallen brauſet, daher nicht ſelten ſie verleitet, ihre Felder mehr zu verderben, als beſſern. Von Nauen bis Spandau ſenkt ſich die Straße allmählich gegen die Niederung, in welcher die Spree der Havel zufließt. Die Spree bildet noch immer einige Seen und Sümpfe, die vormals die geſammte Thalfläche müſſen eingenommen haben. Denn überall zeigt ſich in derſelben ein vegetabiliſcher Nieder— ſchlag, welcher dem leichten Spülſande flach aufliegt. Spandau hat wohlangelegte Straßen und ſtattliche Ge— bäude in neuerer Weiſe. Jenſeit der Stadt geht der Weg in der Ebene fort, dann eine durre Anhöhe in ſchräger Richtung hinan, von dieſer wiederum abwärts nach Charlottenburg, deſſen waldreiche Gärten und weitausgedehntes Schloß durch den Gegenſatz ſehr gehoben werden. Von Charlottenburg nach Berlin erlangt die Heerſtraße, die nun ſchon Zugang zur Hauptſtadt iſt, eine ſtattliche Breite. Da ſie den Thiergarten durchſchneidet und durch ein anſehnli— ches, obwohl zu viel gerühmtes Thor in eine der beſuchteſten Straßen führt, ſo muß der Ankömmling von der Stadt eine günſtige Meinung faſſen. Ueberhaupt hat Berlin ſeit dem letzten Frieden in allem, was Bequemlichkeit und Schönheit angeht, ungemein viel gewonnen. Breite Fußbänke von ſchön— ſtem Granit, wo ſonſt ein ſehr holperichtes Pflaſter den Weg durch langgedehnte Straßen zur beſchwerlichſten Reiſe machte. Die Canäle erweitert, mit Quaderſteinen eingefaßt und mit ſchönen Brücken verſehen. Die prachtvolle Säulenhalle, welche die Vorſeite des Muſeum zum ſchönſten Bauwerke der neueren Zeit erhebt; vor demſelben das regelmäßige Gartenparterre mit ſeinen Springbrunnen und der coloſſalen Tazza von Gra⸗ nit; weiter hinaus die anſehnlichen Mauthgebäude und, ſchon (2*) 5 —— —— 20 am Strome, die neuentſtehenden Waarenhäuſer, welche, bey guten Verhältniſſen, ſenkrecht aus dem Waſſerſpiegel aufſteigen; alle dieſe Gebäude und Anlagen machen nicht allein im ein— zelnen ſich bemerklich, vielmehr auch gruppiren ſie ſich günſtig und erfuüͤllen einen weitläuftigen vormals unerträglich öden Raum mit Geſtalt und Weſenheit. Die eigenthümlichſte Schöpfung indeß, welche Schinkels Genius in Berlin hervorgerufen hat, ſcheint mir die neue Bauakademie zu ſeyn, ein Werk, das man verſtehen ſoll, um es zu bewundern. Während dem großen Künſtler das Formengebiet der Architectur noch zu eng ſchien, ſein geſtaltender Sinn auch in der Sculptur und Malerey ſich mit Glück verſuchte, war das Ziel ſeines verborgeneren Trach— tens und Nachdenkens die Conſtruction und das Material in ihrem gegenſeitigen Verhältniß. Alles war gewonnen, wenn es gelang, den Backſtein und die gebrannten Erden überhaupt zu der ausnehmenden Vollkommenheit zurückzuführen, die ſie vom 12ten bis 15ten Jahrhundert in den brandenburgiſchen Marken erreicht hatten, und eine Conſtructionsart und einen Styl aufzufinden, welche zugleich den Anforderungen der Ge— genwart und den Bedingungen jenes Materials genügend ent— ſpräche. Der erſte Verſuch in dieſer Weiſe iſt das Packhaus, das, ſeiner practiſchen Beſtimmung gemäß, alles bildneriſchen Schmuckes entbehrt, nur durch Verhältniß, Solidität und Maſſe die ſchöne Wirkung hervorbringt, welche Kenner ihm zuge⸗ ſtehen. Indeß erhebt ſich die Bauakademie ſo weit über jenen erſten Verſuch, als der Gipfel über die Grundlagen. Die Gemäldegallerie fand ich bereichert durch ſpaniſche Bilder, italieniſche, niederländiſche. Für die Sammlungen klei⸗ nerer Kunſtgegenſtände, Münzen, Kupferſtiche und Handzeich⸗ nungen war ein beſonderes Gebäude angekauft worden. Ueber— haupt macht unter den europäiſchen Monarchen unſerer Zeit Se. Maj. der König von Preußen für künſtleriſche und wiſſen⸗ 21 ſchaftliche Dinge bey weitem den größten Aufwand. Doch geſchieht es in ſo vielſeitiger, verſchiedenartiger Richtung, daß wenige den Geſammtbelang der Erwerbungen durchaus über— ſehn. Ganze Gemäldeſammlungen, viele Statuen, antike Mün— zen, campaniſche und hetruriſche Gefäße, Handzeichnungen und Kupferſtiche, Bücher und Handſchriften, ein vollſtändiges ägyp— tiſches Muſeum. Und neben ſo viel nützlichem und ſchönem fand zuletzt auch das ſeltſame und befremdliche ſeine Stelle. Wer denn auch könnte läugnen wollen, daß ſolches ebenfalls zum Apparat unſerer eclektiſchen Zeit gehöre, alſo nicht fehlen dürfe, wo Samnmlungen in hiſtoriſcher Folge herzuſtellen ſind. Jenes geiſtige, beinahe wiſſenſchaftliche Intereſſe, jene Allgemeinheit des Standpunctes, die ſowohl in den öffentlichen, als in den Privatſammlungen Berlins ſich geltend macht, ſcheint allerdings mit dem behaglichen Genuſſe vereinzelter ſchöner Werke ſich nicht ausgleichen zu laſſen. Man will hier lernen, Reſultate gewinnen, iſt daher gleichgültiger gegen das Schöne und minder glücklich in deſſen Auffindung. Doch macht hierin die Sammlung von Abgüſſen antiker Statuen Ausnahme, welche. in einem Saale der Gewerbsſchule aufgeſtellt iſt. Freylich ward auch dieſe mit der entſchiedenſten Einſchränkung auf wenig bekanntes, in Berlin noch nicht vorhandenes, vereinigt. Allein, da anderſeits der fein gebildete Sinn ihres Stifters, des hochverehrten Beuth, durchhin die glücklichſte Wahl ge— troffen; da nur Gegenſtände, welche der Bemühung und des Aufwandes werth waren, er hat formen und ausgießen laſſen; ſo verbindet dieſe Sammlung mit dem Intereſſe der Neuheit auch das höhere des Schönen. Ich habe ſie vormals durch eine ſtrenge Auswahl aus den florentiniſchen Bronzen vermeh— ren helfen. Ihr läßt eine Gemäldeſammlung ſich entgegenſtellen, welche in der beſtimmteſten Abſicht vereinigt worden iſt, die Leiſtungen — ————ſęC.eꝑcee————— 3 22 der neueſten deutſchen Schulen mit guten Gemälden älterer Zeit in einen gewiſſen Wettſtreit zu bringen. Ihr Beſitzer, Graf Raczinsky, greift mit fürſtlicher Freygebigkeit in das Wirken einer Kunſtepoche ein, die ſeine Gunſt und Neigung erworben hat. Auch nimmt er die ſchwer zu löſende Aufgabe auf ſich, der Gegenwart und Nachwelt die neueſte Kunſtepoche in ihren Hauptzügen darzuſtellen, von welcher großen Arbeit die Hälfte bereits erſchienen iſt und Anerkennung gefunden hat. Das Beſtreben unſerer Zeitgenoſſen, möglichſt vieles und vielfältiges zu geordneter Kenntniß und deutlicher Anſchauung zu bringen, hat mehr, als irgendwo ſonſt, zu Berlin alle ge— bildetere Claſſen der Geſellſchaft durchdrungen. Es mag aus der Gleichförmigkeit der umgebenden Naturſcenen, aus der un— hiſtoriſchen Neuheit auch der ſchönſten ſtädtiſchen Anlagen ſich erklären laſſen, daß Berlin noch weit entfernt iſt von dem Fluche der größeren Mittelpuncte: jener falſchen Selbſtgenüg⸗ lichkeit, die jedes höhere Intereſſe allmählich verzehrt und zu— letzt dahin führt, ſogar an den heimiſchen Albernheiten ein thöricht Gefallen zu nehmen. Indeß hat auch dieſer Vorzug ſeine Schattenſeite. Die— ſelbe Allgemeinheit des Sinnes, welche richtig und glücklich das Nichtige verſchmähet, kann auch gegen das Nützliche, Löb⸗ liche und Edle eine lähmende Gleichgültigkeit erwecken. In der That wird, mit Ausnahme des Königlichen Hauſes, nicht leicht in Berlin bey den reichen und wohlhäbigen Einwohnern von den mannichfaltigen ſchönen Erzeugniſſen des heimiſchen Kunſtfleißes irgend etwas mehr, als gewöhnliches anzutreffen ſeyn. Alles iſt pariſiſch und engliſch, oder dem einen und an⸗ deren nachgeahmt und untergeſchoben. Daher kommt es, daß nicht ſelten, was ſchon erfunden und geſichert war, aus Mangel an Abſatz wiederum abſtirbt und vergeſſen wird. Oder muß es, weil Lager fehlen, jedesmal neu beſtellt werden, wie die 23 Papiertapeten, denen man, da ſie friſch und noch unausge⸗ trocknet angeleimt werden müſſen, nach der Hand wohl den Vorwurf macht, daß ſie nachtheilig auf die Geruchsnerven ein⸗ wirken. Oder auch ergreifen gewitzigtere, thätigere Völker die Erfindung mit dem Erfinder zugleich, wie's mit gewiſſen Gold⸗ ſchmidtarbeiten ergangen iſt, die gegenwärtig zu Paris einen wichtigen Handelszweig bilden und in ihren Anfängen ſehr leicht hätten in Berlin ſich feſthalten laſſen. Unſtreitig fehlt es auch dem Haudelsſtande zu Berlin an dem wünſchenswer⸗ then Eifer, das Heimiſche zu vertreiben. Kein Lager zu Ham⸗ burg, Bremen, Lübeck, wo die engliſchen Fabrikanten mit größtem Prunke den Amerikanern und Nordländern ihre blen⸗ denden Waaren auslegen. Indeß ſollen verſilberte Geräthe von berliniſcher Arbeit in dieſen Städten Abſatz finden und geſucht werden. Unter ſolchen Umſtänden ſcheint mir die Zunahme der Be⸗ völkerung von Berlin, die gegenwärtig etwa dreymalhundert⸗ tauſend Seelen betragen ſoll, ein ſtatiſtiſches Räthſel zu ſeyn. Weder im Zudrange reicher Gutsbeſitzer, noch in einer weſent⸗ lichen Vermehrung der Staatsbeamten wird hievon der wahre Grund geſucht werden können. Und klagt man zwar am Orte über bedachtloſe Aufnahme unbehülflicher, nahrungsloſer Perſonen; ſo macht Berlin doch im Ganzen den Eindruck einer Stadt in Aufnahme. Vielleicht erzeugten ſich, theils durch Sparſamkeit, theils auch durch bloße Glückesfälle, bey den häufig ſehr wirth⸗ lichen Einwohnern der Stadt Capitalien, die jederzeit um ſo mehr der Wahrnehmung zu entgehen pflegen, als ſie verbrei⸗ teter und in viele Hände vertheilt ſind. Auch dürfte der zunehmende Anbau der brandenburgiſchen Marken hier nicht ſo ganz ohne Einfluß ſeyn. Denn Stadt und Land ſtehen überall in einer ſich gegenſeitig belebenden Wechſelwirkung. Vor bald Einhundert Jahren ſagte Voltaire 24 von der Bewirthung am preußiſchen Hofe: nous y soupàmes tout aussi bien que l'on peut dans un pays, o il n'y a pas une bonne pièce de volaille, et où le froment vient de Mag- debourg. Und noch im Jahre 1806 hörte ich einen nach fran⸗ zöſiſcher Art reflectirenden Mann ausrufen: quelle folie de batir une si belle ville dans un pays qui ne peut la nourrir! Beide kannten, weder die Culturfähigkeit aller ebenen, dabey nicht völlig waſſerloſen Länder, noch den Einfluß, den ein ſtabiler Markt im Verlaufe der Zeit auf den Landbau zu ge⸗ winnen pflegt. Voltaire würde gegenwärtig die Mark ſeiner Zeit ſo wenig wiederkennen, als wir ſelbſt die der unſrigen nach dreyßig Jahren. Denn unſtreitig iſt dieſe Gegend berufen, eine der blühendſten Landſchaften des Nordens zu ſeyn. Das zunehmende Verlangen des Berliner Marktes nach mehr und beſonders nach beſſerem Schlachtvieh, Geflügel, Getraide und ſonſtigen Nahrungsſtoffen, muß dem aufmerkſamen Landwirthe immerfort neue Ausſichten eröffnen, ihn zu Unternehmungen anſpornen, die, wenn ſie belohnend ſind, Nachahmung erwecken und ſich verbreiten werden. Und in ſo fern ſolche Unterneh⸗ mungen häufig ein weiteres Feld und einen großartigen Betrieb erfordern, wird indirect auch die ſtattgefundene Regulirung (Separation) des Grundeigenthumes zu den Urſachen hinzutreten, welche die Marken und mit denſelben ihre Hauptſtadt zu heben berufen ſind. Was gerade an der Zeit iſt, dazu drängt den Menſchen ein unbeſtimmtes bangen und ſehnen, von welchem er gern ſich Rechenſchaft ablegen würde, doch nicht ſelten den rechten Grund verfehlt. Daß im landwirthſchaftlichen Betriebe eine Aende— rung vorgehe, daß naturwiſſenſchaftliche Kunden und mecha⸗ niſche Hülfswege auf den Landbau können angewendet werden und bereits nicht ſelten in Anwendung kommen; ſo viel ſah man. Hingegen ward verkannt, daß Kenntniſſe, Einſichten, 25 und Verſtandesbildung überhaupt in den minder begünſtigten Lebensverhältniſſen nur dem Genie, und ſogar dieſem nur in den glücklichſten Fällen, zugänglich ſind. So kam es, daß man eben dem armen und ärmeren Landwirthe den Grundbeſitz wähnte in die Hand zu ſpielen, indem man betrieb, was bald die Mobiliſirung, bald die Regulirung und Separation des Grundeigenthumes man nennt und unter dem einen oder an— deren Namen in verſchiedenen Staaten bereits mit großem Aufwande in Ausführung gebracht hat. Während dieſe Ver— anſtaltungen, wenn überhaupt, doch nur in ſo fern Vortheile gewähren konnten, als hiedurch dem Capital, dem gebildeten Verſtande, der wiſſenſchaftlichen Einſicht, die Möglichkeit er— öffnet ward, die mancherley Schranken zu durchbrechen, welche verwickelte Beſitzesverhältniſſe den Fortſchritten des Landbau's nicht ſelten entgegenſtellen. In der That werden die Vortheile, welche daraus entſtehen, vornehmlich aufſeiten der Capitalien, der Einſichten, und der entwickelten Verſtandeskräfte ſich nei— gen müſſen, dürfte hingegen der Eigenthümer beſchränkter Grundſtücke in dem Maße, als jene Eigenſchaften und Kräfte ihm fehlen, mehr und weniger dabey in Nachtheil kommen. Ein ganz anderes Ergebniß freylich erwarteten, wie be— merkt, ſowohl die theoretiſchen, als die practiſchen Staats— wirthe, welche die Mobiliſation des Grundeigenthumes theils gelehrt, theils ſogar eifrig befördert haben. Denn ſie bezweck— ten Verkleinerung des Grundeigenthumes, Vermehrung der bäuerlichen Beſitzthümer; und erinnere ich mich aus dem Mſ. eines einflußreichen Projects, welches der verſtorbene Scharn— weber auch mir, wie ſo viel anderen, vorgeleſen, daß er demſelben als Grundſatz vorangeſtellt hatte: je weiter gen Norden, je kleiner müſſe der Beſitz ſeyn; denn, ſagte er, je mehr Mühe und Arbeit erfordere es, den Boden zum Ertrage geſchickt zu machen. 26 Welche Fülle von Irrthümern vermag nicht die vielge— rühmte menſchliche Sprache in einem einzigen Satze zuſammen⸗ zudrängen! Beſitzesrechte, deren ungefährdete Idee für das Geſammte vollig ſo wichtig iſt, als für den Einzelnen die Sache ſelbſt, werden überhaupt nicht leicht ohne die ſchlimmſten Fol— gen in Frage gerufen, angegriffen, erſchuͤttert. Und hätte ein ſolcher Angriff, auf der Baſis hypothetiſcher Vortheile für das Ganze, nicht von den Rechtsgelehrten ausgehen ſollen, eignete er ſich mehr für ſtürmiſche Volksverſammlungen. Allein, da⸗ von abgeſehn, möchte ich fragen: wie denn Norden und Süden jemals einem halbhin beſonnenen Menſchen für allgemeine Qualificationen der Bodenverhältniſſe haben gelten können? Gegen die Sandwüſten Arabiens und Africa's gehalten, ſind ja ſogar die elenden Bergwieſen der Isländer ein landwirth— ſchaftliches Paradies zu nennen! Wollten wir aber, ohne Be⸗ rückſichtigung der Lage zum Markte, welche doch in dieſer Frage ſo viel entſcheidet, alle gleichmäßig fruchtbare Gründe nach den Breitengraden einander gegenüberſtellen; ſo wuͤrde ſich er— geben, daß Scharnwebers frivole Behauptung, um mit der Wahrheit übereinzuſtimmen, völlig auf den Kopf geſtellt, ganz umgekehrt werden muß. Denn im Suden gewährt die längere Dauer der vegetabiliſchen Temperatur, die größere Mannich⸗ faltigkeit und Köſtlichkeit der Producte, die Möglichkeit, auf einem viel kleinern Raume die ackerbauenden Familien ſowohl zu ernaͤhren, als zu beſchäftigen; welches letzte, aus dem Geſichts⸗ puncte Scharnwebers, doch eigentlich zu ermitteln geſucht wird. Potsdam und ſeine Umgebungen, die gegenwärtig win— terliche Oede bedeckte, ſind mir durch wiederholten Sommer— aufenthalt genau bekannt. Die ausgedehnten, bald ſehr groß— artig, bald mehr zierlich angelegten Gärten des königlichen Hauſes werden von Grundſtücken und Wäldern getrennt, denen man gar leicht durch Aenderung der Culturart ein reizendes —— — 27 Anſehn geben könnte. Vom zierlich und reinlich gehaltenen Garten zum nachläſſig angebauten Felde iſt der Abſtand zu fühlbar. Ueberall möchte ich die Fahrwege von lebendigen Hecken eingefaßt ſehn, und die königlichen Forſten der Umge— gend einer minder proſaiſchen Bewirthſchaftung unterworfen. Allerdings beſchäftigt den einſichtsvollen Director der königli— chen Gärten der großartige Plan, die umliegende Gegend ganz in das Gebiet ſeiner Verſchönerungen hinüberzuziehn. Ob indeß für die ungeſchmückte Natur und für die Reize eines ſchlichten, einfältigen Landbau's er ſein Auge gebildet habe, oder nicht, darüber wäre die Entſcheidung noch voreilig. Kleine Meye⸗ reyen, deren Felder von lebendigen Hecken eingefaßt und au gelegenen Stellen durch Bäume geziert wären, möchten den Thalgründen innerhalb der königlichen Forſten einen beſonderen Reiz gewähren. Wo, um Ausſichten zu gewinnen, der Wald gelichtet, oder ganz geöffnet würde, müßte der Boden, der auf den Höhen meiſt ſehr dürre und ſandig iſt, mit Geniſten— arten, Haiden, Olonis spinosa und ähnlichen Pflanzen dicht beſetzt werden. Sie bilden einen ſchönen, langwährenden Blüthenraſen und würden eben hier in großer Vollkommenheit ſich ausbilden. Zu wunderbarer Größe und maleriſcher Wild⸗ heit erwächſt in den Marken die Föhre, vorausgeſetzt, daß man ſie zeitig gelichtet habe. Allein gerade dieſer ſchöne Baum, den Engländer und Dänen vergeblich in ihre Parks zu ver— ſetzen ſuchten, findet in der Umgegend von Berlin gar wenig Anerkennung. Was man hat, oder leicht haben kann, das will man ſelten. Bey Dresden, wo die Föhre ebenfalls ſich pinien⸗ artig zu geſtalten pflegt, legt man auf ſie ſchon größeren Werth. Die Föhre ſchmückt indeß nur die hohen und trocken be— legenen Stellen; in den Tiefen hingegen bilden ſich Linden, Ulmen, Ahorn, Eſchen und ſogar die Eichen zu ſeltener Schön⸗ heit aus. Bisweilen fordert der Boden eine dichtere Bepflan⸗ 28 zung; allein bey veränderter Culturart dürfte er überhaupt die atmoſphäriſchen Feuchtigkeiten länger feſthalten. Lebendige Hecken und verſtreute Bäume an den offeneren Culturſtellen, mehr Laubholz in den Waldungen, und das vegetative Clima würde ſich bemerklich und zu ſeinem Vortheil verändern. Neh— men wir hinzu, daß ausgedehnte Seen, intereſſante Hügelbil⸗ dungen, anmuthige Luſtſchlöſſer mit ihren theils altbepflanzten Gärten, bereits vorhanden ſind; ſo läßt ſich vorausſehen, daß allmählich und in dem Maße, als neben der Gärtnerkunſt auch der ländliche Reiz mehr Anerkennung findet, in dieſem Bezirke ein Fürſtenſitz ſich heranbilden werde, des Regentenhauſes werth, in welchem Gerechtigkeit und mildes Wohlwollen neben fein unterſcheidender Empfänglichkeit für jede Einſicht, Kennt— niß und Tugend, längſt ſchon angeborene und erbliche Eigen— ſchaften ſind. Die Thalwände erheben ſich in der Gegend von Pots— dam an einigen Stellen bis zur Höhe von etwa dreyhundert Fuß. Wiederholt angeſtellte Einbohrungen haben in denſelben bis in beträchtliche Tiefe nur Sand zu Tage gebracht, leichte— ren, oder gröberen. In der Niederung hingegen tritt inmitten der Havelſeen ein ausgedehntes Lettenlager zu Tage, welches der größten Ziegelſtätte des Landes ihr Material und den um— liegenden Wirthſchaften Gelegenheit gibt, ihre Aecker zu ver— beſſern. Man ſagt mir, daß deren Eigenthümer kürzlich ein zweytes, ihm benachbartes Rittergut angekauft und die Einge— ſeſſenen ſeiner früheren Beſitzung ſämmtlich in die neue hin— übergeſiedelt habe. Ein anderes Beyſpiel des eintretenden Wechſels, der unaufhaltſamen Verdrängung des mittelalterlichen, zur Scholle verpflichteten, aber auch berechtigten Bauernthu— mes durch das Capital und den großartigen Gewerbsbetrieb. Das Zieglergut, zugleich Fabrik und Landweſen, iſt nicht un— maleriſch von verſtreuten Bäumen, von Obſtgärten und ſchma— ———Q—ę—ÿ—M—Z——B—F—’—ꝛ—õ——õ—⁄— 29 len Waldſtreifen durchzogen; mir ſcheint die Aenderung, welche vorgegangen, allen Betheiligten und zuletzt ſogar den Vorüber— fahrenden genützt zu haben. Und meinte ich nichts Anderes, als ich vor Jahren vorſchlug, zu ſehr verkleinerte Rittergüter nun vollends unter die nächſten Dorfbewohner zu vertheilen, hingegen bey anderen, die noch zu halten ſind, durch Einlöſung zubehöriger Bauerngüter die etwa wünſchenswerthe beſſere Aus⸗ ründung der Wirthſchaften herzuſtellen. Im Fortgang der Reiſe fand ich Gelegenheit wahrzunehmen, daß eins, wie das andere, nunmehr ſchon zu den alltäglichen Vorgängen gehört. In der bezeichneten Gegend iſt denn auch das Städtchen Werder ſehr bemerkenswerth durch ſeinen Obſt- und Gemüſe⸗ bau. Es verſieht Berlin mit einem großen Theile ſeiner Be— dürfniſſe dieſer Art. Der Strom gewährt, daß man Gemüſe und Obſt in der nöthigen Friſche und wohlfeil zu Markte bringen kann. Es iſt das Geſchäft der Weiber, welche die Schiffe auf- und abwärts rudern und in der Hauptſtadt den Verkauf beſorgen, während daheim ihre Männer der härteren Arbeit im Felde gewarten. Es wäre der Bemühung werth, zu ermitteln, ob Werder nicht etwan eine deutſche Gärtner— colonie ſey, gleich jenen, welche, nach den urkundlichen Mit— theilungen der neueſten Zeit, im zwölften und dreyzehnten Jahrhundert von ſchleſiſchen Fürſten und Biſchöfen ſind ange⸗ legt worden. Wo das Gewerbe ſo viel Triebkraft verräth, als hier, pflegt es tief eingepflanzt und durch Verjährung feſt eingewurzelt zu ſeyn. Erfreulich iſt es, die anſehnliche Er⸗ weiterung der Obſtbaumpflanzungen zu ſehn, die ſeit einigen Jahren durch die ſandige, doch wahrſcheinlich jetzt mit Letten befahrene Ebene bis an die neue Heerſtraße ſind vorgerückt worden. Die zunehmende Bevölkerung Berlins mag für den Abſatz des heranwachſenden Products hinreichende Gewähr leiſten. 30 Nicht früher, als ſchon auf ſächſiſchem Gebiete, gelangte ich zur Grenze jener ausgedehnten Anſchwemmungen, welche das nördliche Deutſchland bedecken; betrat ich wiederum Länder von zu Tag gehender feſter Bildung. Im Geiſte blickte ich auf jene zurück. War die gegenwärtige Reiſe doch in der be— ſonderen Abſicht unternommen, das lombardiſche Culturſyſtem umſtändlicher zu erforſchen und auszufinden, was aus dem— ſelben auch auf unſere Länder anwendbar ſey. In bergigen Gegenden ſetzt die Natur dem Anbau nicht ſelten unüberſteigliche Hinderniſſe entgegen, die Höhe, den jähen Abſturz, den nackten Fels. In den Ebenen hingegen, möge deren Boden an ſicch ſelbſt fruchtbar ſeyn, oder nicht, iſt der Anbau überall möglich, wo hinreichende Feuchtigkeit ſchon vorhanden iſt, oder zugeführt werden kann. Allein, im ganzen genommen und abgeſehn von der hohen Trefflichkeit vereinzelter Landwirthſchaften, zeigen die Ebenen des nordlichen Deutſchlandes von zuſammenhängenden Cultur— ſyſtemen noch keine Spur. Die wohlangebauten Landſtriche ſind noch immer, den Oaſen gleich, von ſehr vernachläſſigten, oder ſelbſt ganz unangebauten rings umgeben. Vielleicht ver— hinderte der Stolz auf die große Freyheit ſpeculativer Rich— tungen, die man beſaß und gebrauchte, eben dort Vorbilder aufzuſuchen, wo man ſich gewöhnt hatte, in allen Dingen eine gewiſſe Verwirrung der Begriffe und Beengung des Geiſtes anzunehmen. Unter beſtimmten gegebenen Verhältniſſen, lehrte man noch vor vierzig Jahren, ſey die Induſtrie ſo gut, als die Speculation, gehemmt und ſelbſt unmöglich. Daß Men— ſchen, was ſie entwickeln, ſtets nur einſeitig entwickeln; daß bei vielen Fehlern ſie dennoch irgend ein Gutes haben können, das ihre Tadler nicht beſitzen; kommt überhaupt gar ſelten in Erwägung. Gewiß gingen die landwirthſchaftlichen Erfahrun⸗ gen Flanderns und der Lombardey, der beiden Muſterländer — 2— ————— ———————— 31 für den Ackerbau in angeſchwemmten Gegenden, Jahrhunderte lang für das nördliche Deutſchland verloren, bis in ganz neuer Zeit unternehmende Landwirthe mit ihnen ſich bekannt zu ma— chen und nicht ohne ſchnellen, faſt augenblicklichen Erfolg ihnen nachzugehen verſuchten. In Dresden hinderte mich die Kälte, die winters im Gal— leriegebäude zu herrſchen pflegt, deſſen unvergleichbare Gemälde wiederum zu beſichtigen. Indeß beſchäftigten ſie mich im Geiſt und ergötzte ich mich wiederholt, die Richtung, in welcher ſie geſammelt worden, derjenigen entgegenzuſtellen, welche bey Vereinigung der Kunſtſchätze im Königlichen Preußiſchen Muſeo befolgt worden iſt. Wie dort ein gleichſam wiſſenſchaftliches Kunſtintereſſe, ſo ſcheint hier Geſchmack und Genuß bey den Erwerbungen die Wahl gelenkt zu haben. Wie vormals alte Leute mir wiederholt bezeugten, fanden die Könige von Pohlen, Auguſt II. und III. an guten Bildern Vergnügen, kauften ſie, obwohl von einſichtsvollen Rathgebern geleitet und geſchickten Unterhändlern bedient, doch eigentlich nur ſolches, woran ſie ſelbſt ſich erfreuen konnten. Die Conſequenz und Weisheit, mit welcher dieſem Zwecke nachgegangen ward, iſt ſehr bemer— kenswerth. Indem man nach damaligen Umſtänden zu billigen Preiſen viele vortreffliche Niederländer und einige ſehr ausge— zeichnete Stücke von älteren Deutſchen erwarb, ſchonte man in Italien, wo die Bilder erſten Ranges noch immer hoch im Werthe ſtanden, des Geldes nicht, wenn Gelegenheit ſich dar— bot, das ſchönſte und beſte anzukaufen. Die berühmte Ma⸗ donna di ſ. Siſto, von Raphael, möchte, wenn ſie feil wäre, in unſeren Tagen zu keinem höheren Preiſe, als damals, ver— handelt werden können; auch die modeneſiſche Gallerie, in welcher die Stücke von Coreggio, Tizian und Paolo Veroneſe den eigentlichen Geldwerth ausmachen, ward zwar nicht zu theuer, immer doch hinreichend bezahlt. Eine ſo feine Unter⸗ 32 ſcheidung deſſen, was zwar wünſchenswerth iſt, doch allenfalls entbehrt werden kann, von dem, ſo das Glück nur ein Mal darbietet, bringt denen, welche ſie zu machen wußten, die größte Ehre. Möchten die Vorſteher der Königlichen Sächſi— ſchen Gallerie aus den Briefſchaften, Contracten, Rechnungen und Verzeichniſſen, welche zum Theil in ihrem eigenen Archiv liegen, die Geſchichte dieſer ausgezeichneten Stiftung ſpecieller bekannt machen. Die Männer, welche dabey mitgewirkt ha— ben, ſind wahrlich eines löblichen Andenkens werth. Den Genuß der umliegenden anmuthigen Gegend ver— ſagte die winterliche Witterung, in welcher Schneefall und Thauwetter mißbehaglich wechſelten. Beachtet ward hingegen die neue Vorſtadt, die jenſeit der Elbe in den ſandigen Umge— bungen der Neuſtadt ſchon einige Ausdehnung gewonnen hat. Ueberhaupt iſt ein ernſtliches Studium Dresdens allen denen zu empfehlen, die mit Erweiterung und Verſchönerung ſtädti— ſcher Ortſchaften ſich zu befaſſen haben. Sie können hier lernen, wie man's anſtellen müſſe, wenn man nun einmal zerſtückeln will, was des Zuſammenhanges und der Uebereinſtimmung be⸗ darf. So lang als Dresden von Gräben und ſoliden Stein— wällen umſchloſſen war und noch als eine Feſtung angeſehen ward, durfte und ſollte in deſſen Vorſtädten all und jegliches von der eigentlichen Stadt ſich unterſcheiden und ſondern. Allein nach erfolgter Abtragung jener Wälle mußte man alles daran ſetzen, dieſen Unterſchied völlig aufzuheben. Die Moritz— ſtraße hätte quer durch den abgetragenen Wall der Vorſtadt zugeführt, dort in ziemlich gleicher Breite durch die weitläuf— tigen, wenig bebauten Inſeln fortgeſetzt werden ſollen. Ange— nommen, daß in dieſer Straße, wenn auch nicht ſchöne, doch ſtattliche Gebäude wären errichtet worden, ſo hätte Dresden wenigſtens von dieſer Seite her eine ſehr glänzende Avenüe erhalten, die unſtreitig, bey der Nähe des großen Gartens, auch 33 auch durch Lebhaftigkeit und Bewohnbarkeit ſich duͤrfte ausge⸗ zeichnet haben. Indeß iſt Dresden nicht die einzige Stadt, in welcher der Zufall mit dem Zeit erſparenden Lineal um den Ruhm kämpft, den Leuten ihre Bauplätze anzuweiſen; und fragt es ſich, ob wilde Regelloſigkeit nicht einige Vorzüge be⸗ ſitze vor einem Zwange ohne den rechten Grund und Zweck. Schwer mag es halten, in dieſem Fache Perſonen aufzufinden, welche die Vorausſicht künftiger Bedürfniſſe mit der Anſchauung gegenwärtiger Forderungen vereinigen, welche Ordnung, Zu⸗ ſammenhang und gefällige Gruppirung vieler und verſchieden⸗ artiger Gebäude im Geiſte aufzufaſſen verſtehen, ohne doch den Launen des Zufalls alle Auswege abzuſchneiden. Allein, wenn ſolch ein Mann nun auch entdeckt würde, der weder, gleich den macedoniſch⸗-griechiſchen Baumeiſtern ein großes Vogelbauer anzulegen geneigt wäre, ein Antiochia, Alexandria, Palmyra, noch eine nackte, formenarme Reſidenzſtadt, gleich ſo vielen deutſchen; wie denn möchte er den beharrlichen Egoismus der einzelnen Bürger überwinden, die unter uns noch weit davon entfernt ſind, ihr beſonderes Recht gemeinſamen Zwecken und Vortheilen bereitwillig unterzuordnen?— Unſere Städte werden noch für lange Zeit innerhalb der beiden Extreme hin und her ſchwanken: des unbedingten Willens derer, die nicht unmittelbar dabey intereſſirt ſind; des Widerſtrebens von Einzelnen, die weder von ihren Rechten, noch von ihren Launen dem Gemeinſchaftlichen das mindeſte aufopfern wollen. Jenes wird ihnen Monotonie, dieſes Verwirrung bringen, fortan, wie bisher. Es iſt nicht zufällig, daß in Italien ſowohl große, als mittle und kleine Städte, der allge— meinen Anlage nach ſo klar und verſtändig, dabey im Ein⸗ zelnen ſo formenreich und mannichfaltig ſind. An ihnen haben ſeit vielen Jahrhunderten die Städter ſelbſt unabläſſig fortgebildet; nach Bedürfniſſen und Wünſchen, die frühe ſich (3) 34 fühlbar gemacht hatten und, bis man die Mittel erworben, ſie zu befriedigen, oft und lang waren überdacht worden. Ich benutzte das kurze Intervall von einem Schneegewitter zum anderen, um über das Gebürge nach Böhmen zu entkom⸗ men. Doch fand ich die hohe Kuppe jenſeit Peterswalde, den Nollendorfer Berg, noch immer von tiefem Schnee bedeckt, der abentheuerlich, gleichwie in den höchſten Alpenübergängen, ſich angehäuft hatte. Ein dichter Nebel machte das Bild noch eiſiger. Als nun uͤber dieſen Paß ich hinausgelangt war und ſchon unfern Culm, theilten ſich die Nebel und zeigten mir die ſchönſte Winterlandſchaft, die jemals ich geſehen. Vor mir ein Gehölz von friſch grünenden Tannen im warmen Streiflichte der Abendſonne. In einiger Ferne ſchimmerten violettblau ge⸗ färbte anſehnliche Berge durch die Lichtungen des Waldes. Ueberall, wo die Nebelwolken ſich theilten, glänzte der Himmel im ſchönſten Ultramarinblau. Als kurz vorher, noch zu Peterswalde, die mancherley Geſtalten des Gaſtzimmers mich beſchäftigten, fielen meine Blicke, von der gehaltloſen Schlauigkeit wandernder Händler und Spieler abgleitend, auf zwey kräftige, ruhevolle, ihrer Wünſche und Ausſichten ſich bewußte, wohlgeſicherte Perſonen, in welchen ich allgemeinhin den achtenswerthen und ſtets in— tereſſanten deutſchen Handwerker zu erkennen glaubte. Der ſtattliche Ledergürtel ſchien große Geldſummen enthalten zu haben, war indeß bereits geleert, was mich vermuthen ließ, daß ſie Schlächter ſeyen, die im Böhmenlande Einkäufe ge⸗ macht haben. Doch ergab es ſich, daß ſie Zimmerleute waren, die man ausgeſandt hatte, nach gutem Bauholze ſich umzuſehn, es zu veranſchlagen, zu bedingen und, nach den Umſtänden auch es anzukaufen. Von ihnen erhielt ich die erſte Kunde von einer Bierbräuerey, welche unweit Dresden von einer Actiengeſellſchaft nach breitem engliſchen Maße ſoll angelegt ge⸗ es. nel ley eine dler rer een, in⸗ Der en z ließ, ffe ge waren, nouſelr, nſtänder e Ande oltlller atgelet ————˖—᷑—ÿ—x—:—·—’˖V˖˖VB—VH.y ···——— —ᷣ—ᷣ—ᷣ—:::—;:;——————õy————— 35 werden. Zu Teplitz fand ich am Abend deſſelben Tages Ge⸗ legenheit, meine Kunde von dieſem Unternehmen nach Bedürf⸗ niß zu vervollſtändigen. Statt an der Seite des Plauiſchen Grundes, wo Felſenkeller, Waſſer und Feuerung ſo nahe und leicht zu erlangen waren, hatte man über die Elbe hinaus in dem ſandigen Bezirke der Neuſtadt ſich angekauft, dort mit Brunnen graben viel Zeit und Geld verſchwendet, unangeſehn, daß tiefe Keller in felſigem Grunde an dieſer Stelle unerreich⸗ bar ſind. Wie bey der erſten Anlage, ſo dürfte nicht weniger bey der ferneren Ausführung des Projects die Unbekanntſchaft mit der Geſchäftsart mancherley Hinderniſſe hervorrufen, deren Beſeitigung einer abſtracten Actiengeſellſchaft ſchwerlich gelin— gen wird. Ein wenig verſpätet, doch immer noch zu rechter Zeit kommt das neuerdings erwachte Beſtreben, die mittlen und niederen Volksclaſſen auch im nördlichen Deutſchland mit einem geſunden und nährenden Getränke zu verſehen, welches dem baieriſchen Biere an Güte ſo ziemlich nahe kaͤme. Allein ich befürchte, daß auf dem bisher eingeſchlagenen Wege dieſer löbliche Zweck ſo leicht nicht dürfte erreicht werden. Es be⸗ ruhet hier alles auf jener inneren geſetzlichen Ordnung des baieriſchen Bräuweſens, über welche die mehrgerühmte Schrift des Prof. Linck zu Erlangen viel Auskunft gewährt. Es ſichert dieſelbe den Bräuſtellen die Möglichkeit, ihr Geſchäft im großen zu betreiben, durch eine weiſe Beſchränkung der Zahl derer, denen man Bräubefugniſſe ertheilt; den Conſumenten andern⸗ theils ein gutes Product durch freye Concurrenz aller Braͤu⸗ ſtellen unter ſich, noch mehr indeß durch Aufrechterhaltung des geſetzlichen Malzgehaltes. Wem große Vorberechtigungen er⸗ theilt werden, der ſoll und kann auch große Pflichten uͤbernehmen. Hingegen ſind im nördlichen Deutſchland die Befugniſſe, Bier zu brauen, theils ſeit älteſter Zeit unſäglich vervielfältigt, (3 36 theils auch in keiner Beziehung geregelt und ſtrengeren Ver⸗ pflichtungen unterworfen worden. Ich vermuthe, daß urſprüng⸗ lich jeder anſäſſige Bürger ſein eigen Hausbier ſelbſt gemacht und deſſen Ueberfluß an ärmere, der Vorlage und des nöthigen Geräthes entbehrende Mitbürger verkauft habe. Daß in der Folge, wie bey den übrigen Gewerben, ſo auch bey dieſem die Anmaßung eines präcluſiven Rechtes bey denen entſtanden ſey, die gerade ſeit verſchiedenen Generationen im Beſitze und in der Gewohnheit des Bierbrauens waren. In der That er⸗ hebt ſich die Kunſt des brauens im nördlichen Deutſchland nirgendwo über die niedrigſte Stufe, oder die Bereitung des „housebeer« der Engländer. Mit dem Unterſchied, daß bey verkäuflichem, oder nicht zu eigenem Gebrauche gemachten Biere gar häufig das Malz geſpart, der Hopfen aber durch nichtswürdige Surrogate erſetzt wird. Die bisweilen gar ſelt— ſamen Nebenbeſtimmungen der Bräubefugniſſe(z. B. die: nicht eher, als nachdem der eine Brauer ſein Bier abgeſetzt hat, dem nächſtfolgenden den Verkauf des ſeinigen zu geſtatten) weiſen ebenfalls auf Verträge unter Privaten hin; weil nicht leicht eine Regierung, oder regierende Geſammtheit aus eigenem Antriebe ſo rein perſönliche Begünſtigungen beſchließen und verordnen dürfte. In Baiern hingegen wird die alte monar— chiſch⸗ſtändiſche Regierung den Anmaßungen der einzelnen zeitig eine Grenze geſetzt haben. Unter allen Umſtänden iſt gegen— wärtiges Syſtem, in welcher Zeit es ſeinen Anfang möge ge— nommen haben, nothwendig das Werk einer bewußten, grund⸗ ſatzmäßigen Ausgleichung von Rechten, oder nur Anmaßungen der Privaten mit den Erforderniſſen der Wohlfahrt Aller. Indeß, wie bey anderen Gewerben, ſo denn auch bey dieſem ſind jene zu öffentlichem Nachtheil vervielfältigten Bräu⸗ ſtellen ganz unerwartet mit den Bierfabriken in eine Colliſion gerathen, welche denſelben größere Gefahren droht, als aus —————ͦ—ÿ—;’é———— S—= 31 der Aufopferung einiger unhaltbaren Vorrechte jemals ihnen hätte erwachſen können. Zum Glücke für die Realberechtigten ſind jene Unternehmungen bisher von Perſonen ausgegangen, die ohne Verſtändniß des Gewerbes bloß den Zweck verfolgten, ihr Capital zu möglichſt hohen Zinſen auszubringen, haben daher Verdünnungen und Surrogate aller Art ſich in die Fa⸗ brication eingedrängt, was deren Product nicht beliebt machen, noch deſſen Verbrauch weiter ausbreiten konnte. Verſchiedene dieſer Fabriken ſind daher bereits wieder eingegangen. Indeß liegt es nicht außerhalb der Möglichkeit, daß mit der Zeit auch unter uns die Bierfabrication im Großen end⸗ lich gelingen und das aufgewendete Capital hoch genug ver— zinſen werde. Ob aber das Geſammte dabei gewinnen ſollte? — Ich bezweifle es. Die monopoliſirenden Bräuſtellen Eng— lands haben, nach vorangegangener Bewältigung der Concur— renz, durch Surrogate und Miſchungen aller Art ihr Product in dem Maße verſchlechtert, daß Porter und Ale, die noch in meiner Jugend ſtark ausgeführt wurden, gegenwärtig nicht einmal in England ſelbſt wie ſonſt beliebte und volksmäßige Getränke ſind. Es fällt dieſer Gegenſtand mit der Frage zuſammen, ob es gerathen ſey, oder nicht, das Gewerbe, nach Art der fran— zöſiſchen Revolution, den Gewerbsleuten, alſo Sachkundigen, zu entreiſſen, um dem Geld-Capital deſſen Vortheile allmäh⸗ lich ganz in die Hände zu ſpielen. Allerdings ſind, oder wa— ren unſere Gewerbsinnungen in ihrer Anlage nicht ſelten höchſt wunderlich, in ihren Anmaßungen hemmend und ſelbſt verderb— lich. Hingegen haben die deutſchen Zunftordnungen von jeher die beſten Handwerker gebildet und herangezogen, findet man daher überall in den größeren Mittelpuncten Europa's, ja ſogar der neuen Welt, den deutſchen Handwerker, bald als geſuchten und beliebten Arbeiter, bald ſelbſt als hochgeachteten 38 Unternehmer auf eigene Rechnung. Alſo wenigſtens in päda⸗ gogiſcher Beziehung hat das deutſche Zunftweſen vor dem laxen, verbandloſen Gewerbsweſen der meiſten übrigen Staaten einen bemerkenswerthen Vorzug; wogegen Geſchäftsneid, und daher entſtehende, nicht ſo gar ſeltene Präcluſionen von Individuen, die zur Anſiedlung durch Talent, Geſchick und Gewerbsgeiſt ſich beſonders eignen würden, zu deſſen unbeſtreitbaren Nach⸗ theilen gehören. Und erklärt es ſich aus dem einen und anderen Umſtande, daß einestheils die brauchbarſten Profeſſioniſten wir heranbilden, anderntheils aber von dieſen gerade die allerbeſten ſo häufig in der Fremde ihr Fortkommen ſuchen müſſen und finden. Von Teplitz, deſſen ſchöne Gegend ſommers recht lebhaft an die von Olevano erinnert, ging es uͤber den waſſerſcheiden⸗ den Höhenzug ins Elbthal nach Lowoſitz und Thereſienſtadt. Die wohlangebaute Ebene war bereits von Schnee befreyt, ja ganz aufgetrocknet, was mir wahrzunehmen geſtattete, daß in dieſem Theile Böhmens die Agricultur, wenigſtens auf den zahlreichen größeren Ackerhöfen, nach einem wohldurchdachten Plane und ſehr energiſch betrieben werde. Die kleine Cultur ſchien eben⸗ falls auf gutem Fuße; vortrefflich gehaltene Obſtbäume bilde⸗ ten laͤngs einer Hügelreihe, welche gegen die Mulde ſich hin— zieht, ein fortgehendes Wäldchen. Die Obſteultur iſt in Deutſchland nicht ſo verbreitet und mannichfaltig, als ſie wohl ſeyn könnte, weil nur in den Mayngegenden der Obſtwein in größeren Quantitäten erzeugt wird und in der Kunſt, die Früchte von Jahr zu Jahr genießbar zu erhalten, wir nicht ſo gar weit uͤber den einfachen Proceß des Därrens in der Ofen⸗ wärme hinausgelangt ſind, der Verbrauch aber des friſchen Obſtes überall ſeine angewieſenen Grenzen hat, über welche hinaus Ueberfüllung und Preisloſigkeit eintritt. Möchte denn auch der Cider von patriotiſchen Landwirthen mehr berück⸗ ſichtigt werden, als bisher geſchehen iſt! — 39 Beym Uebergang über die Mulde erfreuten mich die weit⸗ läuftigen Anpflanzungen von Bäumen aller Art, die längs des Stromes ſich hinziehn und zum Park einer Chrodeckſchen Herr⸗ ſchaft gehören. Freylich ſchien die canadiſche Pappel darin vorzuwalten; doch ſetzte der Winter den gedrängteren Wuchs europäiſcher Baumformen mit jenen ſchilfigen Gewächſen einiger Maßen in Uebereinſtimmung. Von jeher war die Miſchung nordamerikaniſcher Gehölze und Buſche mit unſeren heimiſchen mir in der Seele zuwider. Welche Unvereinbarkeiten in der Zweigbildung, den Blattformen, ja ſelbſt der Färbung!— In dem vortrefflichen Werke über Landſchaftsgärtnerey, welches Fürſt Pückler mit ſo viel Geiſt, als Erfahrung und Sach⸗ kunde verfaßt hat, machte daher keine Stelle für ſich genom— men ſo großen und erfreulichen Eindruck auf mich, als jene, worin die Unvereinbarkeit entgegengeſetzter Vegetationscha⸗ raktere ſo höchſt treffend dargelegt wird. In der Nähe menſch⸗ licher Wohnungen, ſetzt dieſer feine Kenner feſt, möge man die fremden Pflanzen anbringen, an deren Blüthenreichthum und ſonſtiger Eigenthümlichkeit ſich erfreuen. Allein, was an Wald und Wildniß grenzt, oder als zwangloſe Natürlich⸗ keit ſich melden will und erſcheinen ſoll, werde durch Ein— miſchung ganz fremdartiger Geſtaltungen nothwendig ver⸗ wirrt und geſtört. Ich näherte mich der Hauptſtadt Böhmens, als bereits die Dunkelheit eingetreten war. In den drey Linden, einem guten Gaſthauſe, fand ich ein bequemes Lager und erwachte am nächſten Morgen voll Begier, nach ſo viel Jahren die ſchönſte Stadt des nördlichen Europa wiederzuſehn. Ein Blick aus dem Fenſter auf die Häuſer gegenüber machte mir ſogleich anſchaulich, daß Prag zwar immer noch das alte, doch eben— falls ſchon im Begriffe ſey, der neuen Zeit ſich anzumodeln. Eine Reihe ſehr artiger Gebäude, deren gluͤckliches Verhältniß 40 mich erfreute, wie ſeltſam auch deren untergeordnete Theile ſich gehaben mochten, ward ſichtlich von der linken Seite her bedroht. Man hatte dort begonnen, in der Bauart neuerer Städte Gebäude zu errichten, welche, nach der Schnur voran⸗ geführt, jene zierlichen Sächlein gar bald werden verſchwin— den machen. Da wird denn eine Folge wohl geweißter Häuſer von gleicher Höhe an die Stelle eigenthümlicher und glücklich gruppirter Gebäude treten. Möchte man nur dabey ſtehen bleiben, nicht in dem Beſtreben, aus Prag eine Stadt des neunzehnten Jahrhunderts zu machen, auch die wichtigeren Denkmale zerſtören, die theils aus dem Mittelalter, theils aus der glanzreichen Zeit von Ferdinand J. bis Rudolph II. in der herrlichen Stadt ſich erhalten haben. Hat man doch die Thein— kirche, an welcher ein Blitzſtrahl viele Außentheile zerſchmettert hatte, glücklich nach dem Muſter anſtoßender Partien reſtaurirt. So wird denn hoffentlich das ehrwürdige, ſchöne und hiſtoriſch ſo denkwürdige Rathhaus nicht etwan in den Wirbel des Er⸗ neuerungsgeiſtes hineingezogen werden, der auch, wo nur Steine und träge Maſſen von ihm ergriffen werden, als ein bedenkliches Symptom angeſehn und gehemmt werden ſollte. In Prag verdankte ich der wohlwollenden Aufopferung der Grafen Thun zu Tetſchen, daß es möglich ward, in wenig Tagen die ſchöne Stadt in allen ihren Theilen und von den günſtigſten Seiten her wiederum mir anzuſehn. Das Wetter war herrlich und, obwohl erſt zu Anfang des Märzen, hielt man die Fenſter geöffnet, als wäre es Rom und nicht Prag. Um eine Woche ſpäter freylich bedeckte ſich halb Europa von neuem mit dichtem Schnee. Unter den Stiftungen, welche der Gemeinſinn des boͤhmi— ſchen Adels in letzter Zeit hervorgerufen, verdient das Muſeum den erſten Rang, deſſen wiſſenſchaftliche Sammlungen den künſtleriſchen weit voraneilen. Indeß werden auf der Biblio⸗ ——: —.—— 41 thek Miniaturen vorgezeigt, die außer Zweifel ſtellen, daß den Slaven, mindeſtens den Böhmen, das Talent für die bildenden Künſte angeboren ſey. In einem Coder(50. 8.) finden ſich Malereyen dieſer Art, die byzantiniſchen Vorbildern frey nach⸗ geahmt ſind, deren eine die gleichſam Bildniſſe des Schreibers und des Malers enthält, daneben: ORA PRO SRE(scriptore) VACEDO, und: ORA PRO ILLRE(illuminatore) MIROSLAO. A. M. C.lI. In einem anderen Coder derſelben Bibliothek ler⸗ nen wir einen anderen Miniator kennen, welcher die Richtung jenes erſten ſchon weiter vorangeführt hatte. Er nennt ſich: BOHVSSE LVTOMES(Lutomericensis) M. CC. LVIIII. Um ein Jahrhundert ſpäter ſchrieb ein anderer Maler: Sbisco de trotina p. zu einer der zahlreichen Miniaturen eines Coder, welcher ganz erweislich in Karl des vierten Zeit fällt. Dieſer Sbisco hatte den gleichzeitigen Sieneſern, dem Simon Mar⸗ tini und anderen, ſich genau angeſchloſſen, bewegte ſich indeß ſehr frey und ſelbſtſtändig in der angenommenen Kunſtform. Die italieniſchen Geſchichtenſchreiber melden, daß Karl IV. auf ſeinem Römerzuge ſich längere Zeit in Siena aufgehalten habe, um den dortigen Staat, in ſo weit es ohne Orts und Per— ſonen Kenntniß geſchehen konnte, auf beſſeren, friedlicheren Fuß zu ſtellen. Vielleicht gab dieſes Ereigniß dem Sbisco Gelegenheit und Veranlaſſung, mit den ausgezeichneten Malern jener Republik ſich bekannt zu machen und ihre Manier zu erlernen. Von den Thoren Prags bis weit jenſeit Tabor iſt die Bevölkerung rein ſlaviſch, redet ſie keine andere Sprache, als die czechiſche, was denn für einen Tag mich, nach dortiger Redeweiſe, verſtummen machte. Doch ſuchte ich den Charakter des Landes und Volkes mit den Augen mir aufzufaſſen. Die Slaven ſind hier ſo beſtimmt gezeichnet, als irgendwo ſonſt in dem weiten Umfang ihrer Anſiedlungen. Ein braunes Haar, 42² ein dunkles Auge iſt bey ihnen vorwaltend; das Gegentheil, wo es vorkommt, wird aus Vermiſchung und fremder Abkunft ſich ableiten laſſen. Es beweiſet alſo ſchon dieſer äußere Ha— bitus, daß, vor ihrem Einbruch in Europa und ihrer Verbrei— tung bis in den hohen Norden, die Slaven eine längere Zeit unter einer ſüdlichen Sonne gewohnt haben. Doch iſt die ſüdliche Herkunft nicht genügend, den Charakter des Volkes, ſo, wie derſelbe vor uns liegt, in allen Theilen zu erklären; vielmehr wird mancher abweichende Zug aus ſeinem kriegeri⸗ ſchen Wanderleben in den Steppenländern abzuleiten ſeyn, welche an der Grenze beider Welttheile ſich ausbreiten. Aus den Gewöhnungen, welche damals er angenommen, erklärt ſich eben ſowohl die unerhorte Ausdehnung ſeiner gegenwärtigen Anſiedlungen, als anderſeits die Reinheit, in welcher vollendete Sprachformen bis in die kleinſten Inflectionen aus dem höch— ſten Alterthume er bewahrt hat. Noch immer iſt der Patrio⸗ tismus der Slaven nicht an die Scholle gebunden; er umfaßt aber die Stammgenoſſen, als ſolche, bis in deren entlegenſte Wohnſitze. In rein ſlaviſchen, von fremden Einflüſſen ganz unabhängigen Anſiedlungen verräth nichts, daß man durch feſte Gebäude, wie bey den Italienern, oder durch ſchöne Bäume, wie bey den Deutſchen, der mütterlichen Scholle gleich⸗ ſam Dank und Liebe habe bezeugen wollen. Vielmehr iſt, von Böhmen bis ins Innere von Rußland, jedes ungemiſcht ſlavi— ſche Dorf, zwar fur den gegenwärtigen Nothbedarf nicht un⸗ zweckmäßig angelegt, hingegen entblößt von architectoniſchen und vegetabiliſchen Geſtaltungen, welche die Phantaſie und das Gefühl anregen, Erinnerungen erwecken, die Stammesliebe gleichſam localiſiren könnten. Alle Geiſtesbildung ſcheint bey dieſem abweichenden Volke durch das Ohr einzugehn. Der gewichtloſe Schatz zahlloſer Begriffeszeichen und zierlicher Un⸗ terſcheidungen ſogar der leiſeſten Abweichung in den Verhält⸗ * 43 niſſen der Dinge ließ allerdings von Indien bis an das Eis— meer, von Oſt nach Weſt ſich leicht davon tragen. Und ſchützte ſie vor Vermiſchung eine ungeheuere, doch in ihrer Art groß⸗ artige Maßregel: durch Wüſteneyen ihre ſpäter gewonnenen feſten Sitze von den benachbarten Völkern abzuſcheiden. Sie erwarben ſich eben hiedurch zuerſt in der Weltgeſchichte Namen und Stellung. Und erkennen wir die Fortſetzung dieſes Sy⸗ ſtemes in jener weit vorgeſchobenen wagriſchen Colonie, welche noch im zwölften Jahrhundert gegen Hamburg durch den Sach⸗ ſenwald, gegen Schleßwig durch den Däniſchen von den be— nachbarten Völkern in Abſonderung erhalten ward. Aehnliches melden deutſche Chroniſten und Heidenbekehrer von den üͤbrigen Grenzen; und ſo hat auch Böhmen, das von waldreichem Mit⸗ telgebürge rings umgeben iſt, die nicht ſlaviſchen Nachbarn bequem und mühelos von ſich entfernt gehalten. Frühzeitig indeß zeigte ſich hier, ganz wie in dem nahen Schleſien, bey den ſlaviſchen Fürſten des Landes große Vor⸗ liebe für die Deutſchen, deren Anſiedlungen begünſtigt wurden. Sie waren beſſere Ackerwirthe und Gärtner, Handwerker und Kaufleute. Sie beſaßen mehr Stetigkeit, Vorausſicht und Ueberlegung, weil ſchon ſeit längerer Zeit ſie feſte Sitze und von den römiſch civiliſirten Völkern viele Gewerbe und Künſte der alten Welt ſich angeeignet hatten. Indeß folgt daraus nicht, daß die Slaven zu jener Zeit arbeitſcheu, träge waren. Gewiß werden ſie gegenwärtig in Böhmen, als Lohnarbeiter, den Deutſchen vorgezogen. Und es iſt etwas ganz anderes, ob zum arbeiten man aufgelegt ſey, ob ſeinem Fleiße man ein feſtes Ziel, eine Vortheil bringende Richtung zu geben verſtehe. Gewiß unterſcheiden ſich noch immer die deutſchen Land— ſtriche Böhmens von den ſlaviſchen durch die Art ihres An⸗ bau's und andere Zeichen einer vorausſichtigen, planvollen und häuslichen Betriebſamkeit. In den rein ſlaviſchen Bezirken * 44 aber, von Prag bis etwa gegen Neuhaus, wo die Bevoͤlkerung bereits gemiſcht iſt, verräth nichts jenen Wohlſtand, der aus vieljähriger Anhäufung von Erſparniſſen, aus überdachtem Fleiße entſpringt. Allerdings führet dieſe Straße durch ein dürres, kaltes, hochbelegenes Land, deſſen Ergiebigkeit gering ſeyn mag. Doch hat es ſo, wie's iſt, immer noch einige na— türliche Vorzüge vor manchen, dennoch ſehr blühenden Berg⸗ gegenden Deutſchlands. Ich bin nicht einig mit mir ſelbſt, ob ich die Sachen an— ders zu haben wünſche, als ſie ſind. Mögen jene baumloſen Dörfer unländlich ſeyn; jene einzelnen Häuſer, die über völlig entblößten Höhen bisweilen ſich erheben, daß man nicht weiß, weßhalb eben da und nicht überall ſonſt, mögen ſie immerhin verwünſchten Schlöſſern gleichen; ſo werde ich doch nicht um— hin können, an dem beweglichen, ſchlankgebildeten Menſchen⸗ ſtamme die Fülle inneren Lebens zu bewundern, der, als wäre er nur bis auf weiteres hier angeſiedelt, ſeine Umgebungen zwar vernachläſſigt, doch mit ſeinen Stamm und Sprachge— noſſen lebhaft und feurig, Gefühle, Neigungen und Begriffe auswechſelt. Auch mir Stummen und Fremden ward durch Blicke und Zeichen an dem allgemeinen Geplauder einige Theil— nahme vergönnt; und hörte ich nicht ungern die ſonoren Rol⸗ lungen ächtſlaviſcher Demonſtrationen, Geheiſſe, Repliken, und ſchämte mich dabey im Stillen der formenarmen und klangloſen Sprache, welche ich handhabe. Auch gedenke ich der vielge⸗ rühmten Anmuth ſlaviſcher Schönen, die freye Scherze leicht zu nehmen gewohnt ſind und mit einer Lieblichkeit ſie erwiedern, an welcher das Herz mindeſtens ſo viel Theil hat, als die Ge— wandtheit ihrer leichten Geſtalten. Ein Volk, das vormals mit ſo viel Haſt und Eile über endloſe Wuͤſten bis zu den Grenzen der bewohnten Welt ge⸗ wandert iſt, mußte jenen kurzen, foͤrderſamen Trott in Gunſt A 45 nehmen, in welchem der Reiſende noch immer von Poſthaus zu Poſthaus gefahren wird. Sogar in den Städten bleibt es bei demſelben Tact und Tempo, wie dicht auch das Gedränge dort ſeyn möge. Es mag dieſes Tactgefühl zuſammenhängen mit dem Talent für Ausübung in der Muſik. Als unweit Prag ich anhielt, um Pferde zu wechſeln, hörte ich in dem baufälligen, abſchreckenden Poſthauſe die Geige mit ſo viel Geiſt und ſo klangvoll ſpielen, daß ich nicht umhin konnte, Paganini's zu gedenken, der vieleicht meiſterlicher, ſicher jedoch minder naiv und herzig geſpielt haben würde ,‚als jener Ge— ſelle; den ich mir etwas älterlich, abgeriſſen und nicht ſonder— lich genährt denke. Denn ich verſäumte, abzuſteigen und in das Haus einzutreten. Neuhaus iſt ein ſtattlicher und gewerbſamer Ort, der Mittelpunct ausgedehnter Beſitzungen des Grafen Czernin. Jenſeit verdeutſcht ſich das Land mehr und mehr. Obwohl noch höchlich ergötzt von den Anſchauungen des vorangehenden Tages, hörte ich nicht ungern die verſtändlicheren Laute und erfreute ich mich an den anſehnlichen Wohnungen und anderen Kennzeichen wieder zunehmenden Wohlſtandes. Auf den Poſt⸗ ſtationen fand ich bis weit nach Oeſterreich hinein noch immer ſlaviſche Fuhrknechte. Einer, den ich fragte, ob er Deutſch verſtehe, antwortete in ſeiner Sprache: ich trinke deutſch. Gar vieles konnte er damit geſagt haben wollen; ob ein leicht⸗ ſinniger Scherz, oder eine bittere Abweiſung in den zwey kurzen Worten lag, oder eins mit dem anderen; wer könnte es ermitteln? In Köſpritz übernachtet, wo mir das Zimmer der Schwie⸗ gertochter eingeräumt ward. Mancherley gab es dort zu be— achten. Wieneriſches Mobiliar; wohl die Mitgabe der jungen Frau; weibliche Putzſachen und Kleidungsſtücke, die man weg⸗ zuräumen unterlaſſen hatte. Wie nur dieſer ſtädtiſche Plunder 46 bis dahin ſeinen Weg gefunden? Das Gaſtzimmer, in welchem ich mein Nachteſſen einnahm, war hingegen ſehr breit und tüchtig nach oberländiſch deutſcher Weiſe angelegt. Ein Wein⸗ bergsbeſitzer aus Unteröſterreich war mein Mitgaſt; er reiſete weiter aufwärts, um das Erzeugniß ſeiner Güter zu verhan— deln. Sein bedachtiges, abgemeſſenes, ordnungsliebendes und achtungsvolles Gehaben ward in einem Geſpräche mit der Wirthin, das ich behutſam nährte, ſehr conſequent hindurchge⸗ führt. Anfänglich ſprach man vom Anbau und Abſatz der öſterreichiſchen Weine, den Eigenſchaften der Jahrgänge. Da nun aber von einer Flüſſigkeit zur anderen der Uebergang ſtets nahe liegt, gelangte man zuletzt von den Weinen zu den Bie⸗ ren, welche in unſeren Tagen überall in höhere Geltung ge— kommen ſind. Der Inhaber einer Bierfabrik, welcher in den Vorſtädten Wiens durch den Umſchwung ſeines Geſchäftes große Reichthümer ſoll erworben haben, ward nicht ſowohl in Anſehung ſeines Products, deſſen Werth man klüglichſt auf ſich beruhen ließ, als in Bezug auf ſeine Freygebigkeit gegen Beduürftige ſehr geprieſen. Bey der letzten Ueberſchwemmung, ſagte man, habe er ich erinnere nicht welche große Zahl von Bedrängten eine längere Zeit mit allen Bedürfniſſen verſehn. Darauf habe der hochſelige Kaiſer das Ehrenzeichen, welches ob cives servatos ihm war zuerkannt worden, durch ſeinen erhabenen Sohn, S. M. den jetzt regierenden, dem biederen Manne perſönlich überbringen laſſen. Hier ward die Haſt und Verwirrung in der, bey allem neuerworbenen Reichthum noch bürgerlich verfaßten Haushaltung in wenigen maleriſchen Zügen recht meiſterlich geſchildert. Und wahrſcheinlich iſt dieſer Hergang, dem ich nicht weiter nachgeſpürt habe, buchſtäblich wahr. Denn Sympathie mit allen wohlwollenden Richtungen liegt im Charakter heutiger Fürſten und vornehmlich derer von deutſchem Stamme. — —=———.,—m————— —,—.——— S——— X.12 ———C—— ◻⏑— 47 Von Köſpritz nach Wien führt der Weg über abwechſelnd angebaute, oder waldige Höhen allmählich dem Donauthale zu, das in Mittelöſterreich eine anſehnliche Breite gewinnt. Die jenſeitigen Thalwände bilden hier den Hintergrund einer rei— chen und ausgedehnten Landſchaft, doch nähert ſich die Straße dem Donauſtrome erſt bey Wien, das zwar von den buſchigen Ufern noch verdeckt wird, allein durch ein regeres Leben in den Dörfern und Landſtädten frühe ſich ankündigt. Die Er— wartung des Ankömmlings wird freylich durch die hölzerne Donaubrücke etwas heruntergeſtimmt. Hier, wenn irgendwo ſonſt, ſcheint auf erſten Blick eine hinreichend erhöhete Ketten⸗ brücke an ihrer Stelle zu ſeyn. Allein es hat die vorhandene hölzerne Brücke, weil ſie leicht abgeworfen, oder verbrannt werden kann, in Kriegesunfällen längſt bewährte Vortheile, weßhalb es wahrſcheinlich damit beym alten bleiben wird. Es heißt, daß an den Grenzen, wie der Länder, ſo be— ſonders der Hauptſtädte ſich erkennen laſſe, in welcher Art und Richtung ſie gelenkt und beherrſcht werden. Und könnte man angeſichts der Zugänge Wiens wohl auf die Vermuthung kommen, daß Oeſterreich überhaupt mehr ſeyn, als ſcheinen wolle. In der Leopoldſtadt hat all und jegliches ein gewerb⸗ ſames, thätiges Anſehn, ohne doch von der Hauptſtadt, zu der ſie fuhrt, eine blendende Vorſtellung zu erwecken. Erſt an der Thoreinfahrt zum eigentlichen Wien überraſcht den Ankömm— ling von jenſeit des Stromes ein wahrhaft großartiger An⸗ blick: gegen die Niederung der Leopoldſtadt rieſenhaft empor⸗ ragende Futtermauern des Hauptwalles, welche die hiſtoriſche Beſtimmung Oeſterreichs trefflich allegoriſiren. Aus heteroge— nen Elementen und auf ungewöhnlichem Wege hat die Ge— ſchichte, in welcher mehr Lenkung iſt, als menſchliche Weisheit ſich träumen läßt, dieſes merkwürdige Reich zuſammengeſetzt, eben als die europäiſche Geſittung eines Bollwerkes gegen die 48 Macht der osmaniſchen Pforte bedurfte. Allein auch der Er⸗ oberungsſchwindel Ludwig XIV. brach ſich an der Beharrlich⸗ keit Oeſterreichs und um ein Jahrhundert ſpäter hemmte es erfolgreich die Wirbel und Strömungen einer wilden, plan— loſen, phantaſtiſchen Zerſtörungswuth; weil ihm die Kraft nicht ausging, den Augenblick machtloſer Abſpannung zu er— warten, in welcher ſtuͤrmiſche Gewalten zu enden pflegen. Indeß waren Betrachtungen dieſer Art in der geräuſchvollen, zerſtreulichen, lebensfrohen Stadt nicht lang feſtzuhalten. In der That beſchäftigte mich dort die Gegenwart etwas ernſtlicher, als Vergangenheit und Zukunft. Zunächſt war, für die bevorſtehende italieniſche Reiſe und die Studien, welche ſie Hezielte, in Wien der Schutz der Mächtigen nachzuſuchen. Was mir gelungen ſeyn wird, nach den mannichfaltigen För⸗ derungen, welche in den lombardiſch-öſterreichiſchen Provinzen in der Folge mir zu Theil wurden. Freylich waren ſolche nicht etwa perſönliche Begünſtigungen; im Gegentheil iſt es der Grundſatz S. D. des Fürſten Staatskanzlers und der öſterreichiſchen Staatsverwaltung überhaupt, jegliches Streben nach poſitiver Kenntniß und jede ernſtliche Wahrheitserfor— ſchung kräftig zu unterſtützen. Beſtätigen werden dieſe That— ſache die Hrn. Profeſſoren Ranke und Förſter zu Berlin, be⸗ ſonders aber Hr. Dr. Böhmer zu Frankfurth, der neuerlichſt und kurz vor mir, mit einem allgemeinen Eingangsſcheine ver— ſehen, die lombardiſch venezianiſchen Archive durchblättert hat, und wiederkehren wird, die Abſchriften derjenigen hiſtoriſch wichtigeren Urkunden zu beſorgen, welche den Steiniſchen scriptores rer. Germ. ſollen beygegeben werden. In Wien ſelbſt iſt des Intereſſanten und Schönen ſo viel, daß bey unausgeſetzter Benutzung der Morgenſtunden ein mo⸗ nathlicher Aufenthalt nicht hinreichte, darin ein Ende zu finden. Immerhin gewann ich dort über Kunſt und Alterthum die reich⸗ ₰ reichhaltigſte Belehrung und die Gewißheit, daß ſowohl der Kunſtfreund, als der Gelehrte bey mehrjährigem Aufenthalt in dieſem großen Mittelpuncte, nie aufhören wird, in den um— gebenden Dingen die lebhafteſte Anregung und nützlichſte Be⸗ ſchäftigung zu finden. Mancherley habe ich dort mir angezeichnet; doch iſt hier nicht die Stelle, von Kunſtſachen zu reden. Genug, daß in der köſtlichen Sammlung S. K. H. des Erzherzog Karl unter den freylich ſehr gemiſchten Handzeichnungen fur Raphael und Albrecht Dürer ich die wichtigſten Data gewonnen. Die klei⸗ nere, doch gewählte Sammlung des Herrn Hofmedailleur und Director Böhme ergänzte, was etwa dort in der Gliederung noch zu fehlen ſchien. In der Kaiſerlichen Hofbibliothek ſah ich, nächſt der reichen Sammlung von alten Kupferſtichen, auch die beruhmten Holzplatten zu Kaiſer Maximilian I. Triumph⸗ zug, verglich einige ihrer alten Aufſchriften mit deren hand— ſchriftlicher Copey, und begnugte mich, da jene mit dieſer übereintrafen, von der letzten eine Abſchrift nehmen zu laſſen. Im antiquariſchen Kabinett bewunderte ich vornehmlich eine ſilberne, ſehr maſſive Tazza mit Masken und Thiergebilden, welche nach Großgriechenland mir zu verweiſen ſchien und in Ungarn ſoll aufgegraben ſeyn. Ferner, jene herrliche Bronze⸗ figur, einen kampfbereiten Mars, oder Heros. Von der Kaiſerlichen Gallerie des Belvedere, deren Katalog in Aller Händen iſt und welche jeder Reiſende geſehen hat, erwaͤhne ich nur des ſchönen Bildes, das man irrig dem Pordenone beymißt und ſogar unter dieſem Namen geſtochen und litho— graphirt hat. Es iſt aber dieſes Bild unſtreitig eines der ſchönſten Werke des Aleſſandro Bonvicino genannt Moretto. Vor kurzem habe ich die Gründe zu dieſer Behauptung in einem mayländiſchen Journal, dem Echo, abdrucken laſſen. In den zahlreichen Privatſammlungen Wiens gibt es mehr, als (4) 50 ein Bild, welches, bey großem Kunſtwerthe, auch in hiſtori⸗ ſcher Beziehung wichtig iſt. Und hebe ich unter dieſen ein nicht völlig beendetes Temperagemälde des Lionardo da Vinci hervor, in der Gallerie des Fürſten Eſterhazy. Ein früherer Director hatte es in Ungunſt genommen und in einem entlege⸗ nen Kabinett aufgehängt. Die Madonna mit dem Kinde, faſt lebensgroß. Ein Gefäß, nach welchem das Kind auslangt, iſt nur grob angelegt; wahrſcheinlich ſollte es Früchte ent— halten. Auch ſind die Extremitäten des Kindes noch unbeendet. Selten wird in Erwägung gezogen, daß Lionardo, als um das Jahr 1490 er nach Mayland kam, ſchon ein vierziger war, daß mithin ſeine früheren, meiſt ganz verſchollenen Arbeiten die Kunſtſtufe damaliger Florentiner, z. B. des Lorenzo di Credi, nur in der Potenz, nicht in der Art, überſchreiten konnten. Gewiß war dieſer Umſtand dem vorigen Director der fuͤrſtl. Eſterhazy'ſchen Sammlung nicht erinnerlich, oder unbekannt, als er an dem rohen Naturalismus der noch un⸗ vollendeten Extremitäten des Kindes hier Anſtoß nahm. Lio⸗ nardo ward erſt in Mayland und im Verlaufe ſeiner Arbeit an dem berühmten Abendmahle des Kloſters alle Grazie der Schöpfer und Stifter der neuen Kunſtepoche, in welcher Michelangelo und Raphael auf den Grundlagen, die er ge— funden, ſich ſo weit erhoben, als Allen bekannt iſt. Noch als Lionardo mit dem Entwurfe des Abendmahles ſchon ernſtlich beſchäftigt war, klebte ihm die Unbehuͤlflichkeit und Steifheit der alten Zeit an; wie ſolches durch einen Federentwurf zu dieſem großen Werke über jeden Zweifel erhoben wird, den zu Dresden der treffliche Bildnißmahler, Herr Grahl, in ſeiner gewählten Sammlung von Handzeichnungen aufbewahrt. In dem Gemäldekabinett des Herrn Hofrath von Adamo— vicz, der während meines Aufenthaltes zu Wien mir viel Gunſt bewieſen, fand ich ein anderes Bild von hiſtoriſcher Wichtig⸗ — hite⸗ ſeen ei Vinc rüherer utlege, e, fit langt, ent⸗ endet. ndas war, beiten zo di reiten ector oder un⸗ Lio⸗ beit er als lich heit fu den einer mo⸗ unſt tig⸗ — 1 ————õmmm keit. Es iſt ein Altarblatt, auf ſtarkem Holze gemalt, das vormals im Beſitze des Staatskanzlers, Fürſten Kaunitz war und demſelben von einem Papſte(Pius VI.?) ſoll verehrt wor— den ſeyn. Gewiß ſteht auf der Rückſeite des Bildes ein Siegel mit den päbſtlichen Inſignien. Soviel von der unſtreitig guten Herkunft dieſer intereſ⸗ ſanten Tafel, auf welcher die Madonna, Sta. Katherina, S. Johannes Bapt. und andere Heilige dargeſtellt ſind. Nach wiederholter Beſichtigung überzeugte ich mich ſelbſt vollkommen, daß Correggio dieſe Tafel um einige Jahre früher, als das älteſte der vier Altargemälde der Dresdener Gallerie, gemalt haben müſſe. Ich genoß der Befriedigung, daß eine Vereini⸗ gung der beſten Hiſtorienmaler Wiens, der Herren Führich, Kampelviſer, Steinle, hierin nach längerer Beſichtigung und mehrſeitiger Erwägung meiner Gründe, zuletzt mir unbedingt beyzupflichten ſchienen. Die Gemäldeſammlungen Wiens laſſen allgemeinhin ſich eintheilen in ſolche, die des eigenen Genuſſes willen geſammelt worden ſind, und in andere, die nur eine gewiſſe Familien⸗ größe zu manifeſtiren ſuchen. Zu jenen zähle ich vor anderen die ausgeſuchte des Grafen Czernin, welche in ihrer Subjecti⸗ vität den gemuthenden Eindruck eines zuſammenhängenden, in ſeinen Theilen wohl übereinſtimmenden Ganzen macht. Meine Ankunft ſiel in die heilige Woche, deren Feyer die Straßen mit Bewegung, die Kirchen mit Andächtigen erfüllte. Hingegen waren die Vergnügungen der großen Welt zu Ende; die populären aber, welche Reiſende hoch anzuſchlagen pflegen, verzögerte der Schneefall, welcher um dieſe Zeit den halben Welttheil überraſcht hatte. Und ſo begnügte ich mich mit einem Blicke durch die halbgeöffnete Thuüre, der jedoch mich zu bezweifeln veranlaßte, ob Wien in der einen und anderen Be— ziehung ſo viel gewähren konne, als häufig angenommen wird⸗ (4*) 52 In einer ſo ganz modernen Stadt konnte jener mittelalterliche Sinn für eigentliche Pracht, bey welcher Kunſt und Anord⸗ nung mehr in Betracht kommen, als Verſchwendung und Reich⸗ thum, nicht wieder aufwachen; und Volksbeluſtigungen beduͤrfen eines deutlichen Zieles, was hier zu fehlen ſcheint. Auch die berühmte Walzermuſik des Lanner, und die berühmtere des Strauß, ſchien mir weniger aufregend, als einſchläfernd auf deren ruhevolle Zuhörer einzuwirken. Indeß hörte ich die Me— lodie des god save the king von dem Straußiſchen Orcheſter bewundernswürdig abgemeſſen, abgeſetzt und in einem Style vortragen, welcher nicht ſo gar weit von der Intention des urſprünglichen Tonſetzers mag abgewichen ſeyn und daher große Wirkung machte. Zu verwöhnt durch den Anblick von Prag, wo das Ver⸗ häͤltniß der Häuſer unter ſich und zu der Breite der Straßen und Plätze bey größter Mannichfaltigkeit überall ſo glücklich ſich auflöſt, fand ich nothwendig an den hart gegeneinander abgeſetzten, auf hohen Miethzins und zahlreiche Miether platt— hin berechneten Gebäuden Wiens gar wenig Behagen. Ein⸗ zelnes macht ſich gut, ſo beſonders die Stephanskirche mit ihren Umgebungen. Anderes iſt bald zu gedrängt, bald zu offen. Doch abgeſehn vom architectoniſchen, gewinnt man das treffliche Straßenpflaſter, die noch beſſere Ordnung und Po— lizey, die Sicherheit bey lebhafteſtem Straßengewimmel, nach wenig Tagen ungemein lieb. Höchlich ergötzte mich auf mei— nen Wanderungen zu Fuß die Mannichfaltigkeit der Stamm und Landes Charaktere. Neben dem Deutſchen von ungemiſchter guter Art, den Slaven, den Magyaren, den zweifelhaften Slowaken. Seltner ſchon gehen unter dieſen Verſchiedenartig— keiten die Italiener, Griechen, Türken und levantiſchen Juden einher. Ich beſuchte das Kaffehhaus der Orientalen; eine weite Wanderung. Doch ward ich in meinen Erwartungen ——mWer—õ getäuſcht; denn ich fand das junge Volk ganz europäiſeirt und mußte mich mit einer Gruppe alter orientaliſcher Juden be⸗ gnügen, die, unter einem Fenſter und in geſchloſſenſter Beleuch— tung ſitzend, ein Gemälde darſtellten, welches Rembrandt gern gemalt, doch in der ſchönen Zeichnung ſchwerlich erreicht haben dürfte.— Unter den Vorſtädten Wiens iſt die Leopoldſtadt, weil ſie ohne viel Lenkung aus dem Bedürfniß ſich hervorgebildet hat, die behaglichſte. In den übrigen iſt viel unüberdachte Lineali— rung; obwohl der Theil, welcher der Burg gegenüberliegt, einen herrlichen Blick über Stadt und Land gewährt und wohl zur Niederlaſſung mich hätte anreizen können. Mit lebhafter Dankbarkeit gedenke ich der Förderungen und mit Vergnügen erinnere ich mich der Geſellſchaft verſchie— dener Gelehrten und Künſtler, denen ich Empfehlungen zu— brachte, oder ſonſt bekannt war. Durch Alexander von Hum⸗ boldt dem Herrn Dr. Endlicher empfohlen, konnte ich freylich von dieſer Seite der beſten Aufnahme gewiß ſeyn. Durch dieſen vielſeitig empfänglichen und in Allem gleich trefflichen Gelehrten genoß ich, was nach den Umſtänden für mich von größtem Werthe, des Vortheils, meine Spätabende mit guter Lectüre belehrend hinbringen zu koͤnnen; und erneuerte ich in ſeinem gaſtfreyen Hauſe die Bekanntſchaft mit dem Geſchicht⸗ ſchreiber Ferdinand IJ. Herrn von Bouchholtz. Ueberhaupt ſchien mir in der öſterreichiſchen Gelehrtenwelt, ſo weit ſie mir zu— gänglich ward, eine Friſche der Theilnahme zu walten, die vortheilhaft gegen die Ueberſättigung ſich abſetzte, die nicht ſelten in anderen Gegenden das niederſchlagende Ergebniß eines in ernſtlichen Anſtrengungen hingebrachten Lebens iſt. Auf der Kaiſerlichen Bibliothek, wie vornehmlich auf der Münz und damit verbundenen Sculpturen Sammlung genoß ich der beſonderen Beguünſtigung ihres Präſidenten, des Grafen — 54 Moritz zu Dietrichſtein, der bey meinen Beſchauungen meiſt gegenwärtig und dem Director, Herrn von Arnett, behülflich war, mir von ſo viel Sehenswerthem mindeſtens einen Ueber— blick zu ſichern. Ich bin mit dieſem allverehrten Gönner der Wiſſenſchaften ſeither in Verbindung geblieben und wünſche dieſelbe lebhaft zu unterhalten. Meine Abreiſe nach Italien, wo ein milderer Himmel mir Geneſung zu verſprechen ſchien, konnte nicht länger ausgeſetzt werden; in wenig Tagen war Unterdſterreich und Steyer durchmeſſen, in welchem letzten Herzogthume viel Beachtens— werthes mir ſich darbot: ein emſiges, verſtändiges Volk, zweck— mäßige Lebenseinrichtungen, viel Abwechslung in den Geſtalten und Producten des Bodens. Sehr überraſchte mich die ſtatt— liche Anlage von Leoben und der maleriſche Reiz ſeiner Umge— bungen. Jenſeit dieſes Ortes, in welchem die Sonntagsfeyer eine Menge gut gekleideter Landleute vereinigt hatte, erhebt ſich der Boden, ſteigt die Landſtraße in die Region jener an— ſehnlichen Gruben und Hüttenwerke auf, die größerentheils der vermögenden, mächtigen, dabey auch in gewerblichen Din— gen ſehr unternehmenden Ariſtokratie des Kaiſerreiches ihre Entſtehung verdanken. Die Landariſtokratie(ſte iſt keinesweges die einzige) hat denn bisweilen auch ihr gutes und heilbrin— gendes. Unter allen Umſtänden iſt ſie den Oligarchieen von Neulingen weit vorzuziehen, weil dieſe ihr Glück und ihre Ge⸗ walt theils erſt begründen, theils mindeſtens feſtſtellen ſollen, und in der Wahl von Mitteln, welche dahin zu führen ſchei— nen, nicht jederzeit gewiſſenhaft ſind. Allein, was unter dieſer Sonne könnte jemals ohne fortdauernde Anſtrengung ſich be— haupten! Die, ſo das Glück vor anderen begünſtigt, vergeſſen leicht, daß nur um ſo größeren Gefahren ſie ausgeſtellt ſind, und verſäumen daher, denſelben vorzubeugen, ſo lang es noch Zeit iſt. Die Macht, das Anſehn, der Einfluß anſehnlicher * mir 55⁵5 Familien kann nur durch Beſitz, Charakter, Fähigkeiten, vor⸗ nehmlich aber durch eine unausgeſetzte Bereitwilligkeit erhalten werden, mit Allem ſich zu verbünden, was im Verlaufe der Zeiten ſey's materielle, ſey's moraliſche und intellectuelle Kräfte entwickelt. Wiederholt iſt ſchon ein Adel, der für die Ewig— keit gegründet ſchien, durchaus geſtürzt worden und in die tiefſte Unbedeutendheit zurückgeſunken. Und jedesmal ging dieſe Umwälzung von denen aus, die mit leichter Bemühung man für ſich hätte gewinnen, in ſein Intereſſe ziehen können; von denen, die eben Raum nöthig hatten, ihre weſentliche Ueber— legenheit in aller wünſchenswerthen Breite und Ausdehnung geltend zu machen.— Allein es liegt in den Sachen, daß es dem Gluͤcke ſtets an Vorausſicht fehlt, nie jedoch an jenem geiſttödtenden Uebermuthe, in welchem das Geheimniß ſeiner Veränderlichkeit verſchloſſen liegt. Unzmarkt, ein ſchon ſehr hoch belegener Ort, in unfreund— licher Gegend; indeß fand ich dort ein gutes Nachtquartier und treffliche Bewirthung. Die ländliche Geſellſchaft im Gaſt⸗ zimmer ſchien ſich vollkommen zu behagen; in dem Seiten— gemache ward mit dem Aufſeher benachbarter Bergwerke ein Geſpräch angeknüpft; ich gab das Neueſte aus der Hauptſtadt, er hingegen die nöthige Auskunft über das Oertliche. Es iſt etwas dem Oeſterreicher ganz eigenthümliches, daß kein unbe— friedigtes Sehnen aus ihm hervorſpricht, vielmehr ein ruhiger Genuß alles deſſen, was ihm das Schickſal gewährt, eine leidenſchaftsloſe Betrachtung der Dinge, welche ſich zutragen, auch dieſe noch mehr der Belehrung, als einer müſſigen Unter⸗ haltung willen. Uebrigens glaubte ich wahrzunehmen, daß in den deutſchen Provinzen des Kaiſerreiches die Geiſtesentwicke— lung um ſo größere Fortſchritte mache, als jeder ausſchließlicher mit dem ſich beſchäftigt, was ſeines Berufes, Amtes und Schickſals iſt. ——— — 56 Frieſack, mit altrömiſchen Inſchriften ſchon an der Ein⸗ fahrt ins Poſthaus, in einem Thale, das in der Nähe Klagen⸗ furths gegen die Drawa hin ſich ausmündet, ſcheint im Mittel⸗ alter bedeutender geweſen zu ſeyn, als gegenwärtig; denn es hat anſehnliche Kirchen in gothiſcher Art und eine runde Tauf— cappelle in noch älterem Style. An der letzten ſind die Thüren mit alter Kleinſchmidtarbeit belegt, deren Verſchlingungen von gothiſcher Weiſe noch keine Spur zeigen und aus dem zwölften Jahrhundert, oder ſelbſt noch älter ſeyn müſſen. Ein Paar römiſche Marmorbuſten in runder Niſche ſind in der äußeren Mauer dieſes Gebäudes eingelaſſen worden und erhöhen die Alterthümlichkeit ſeines Anſehns. Möge dieſes ehrwürdige Gebäude den Sturm der Zeiten noch ferner überdauern!— Allein, abzureiſſen, was eben nicht mehr zu nützen verſpricht, zu erneuern, was noch in Gebrauch iſt, wird ja wohl hier, wie überall ſonſt, an der Tagesordnung ſeyn. Einige Stunden jenſeit Frieſack erweitert ſich das Thal, zeigt ſich dem Reiſenden, nach der ermüdenden Gleichförmigkeit der ſteyriſchen Bergzüge, wiederum ein mannichfach unterbro⸗ chener Horizont. In den Mittelgründen viele ſeltſam iſolirte Hügel, die bald mit Wald, bald auch mit Gebäuden und Ort— ſchaften beſetzt ſind. Ungeachtet der frühen Jahreszeit grünte die Winterſaat herrlich, waren die Wieſen bereits voll vege— tativen Lebens, was alles gegen das tiefe Dunkel kraftvoller Tannen und Fichten Wälder, und gegen die beſchneiten Wipfel der höheren Berge ganz erfreulich ſich abſetzte. Noch vor Ein— bruch der Nacht langte ich in Klagenfurth an, einer ſehr an— ſehnlichen Stadt, in welcher fürſtliche Paläſte der hier umher angeſeſſenen großen Herrn, ohne alles verbindende Mittelglied, den zwar behaglichen, doch ſehr beſcheidenen Wohnungen der Bürger zur Seite ſſtehn. —— —— —=m —— 23 Von Klagenfurth nach Villach füͤhret die Landſtraße fuür einige Meilen den ſchönen Wertherſee entlang, deſſen Waſſer— fläche, als ich vorbeyfuhr, das ſchönſte Spiegelbild mir darbot. Zerriſſene Felſenhöͤhen, welche den Paß nach Italien hoch uberragen, mächtige, theils noch mit Schnee bedeckte Verg— wände, näheres, waldiges Gelände, der Himmel ſelbſt mit ſeinen leichten an der Sonne hinſchmelzenden Gewölken; alle dieſe Herrlichkeiten ſpiegelten ſich in der unbewegten Waſſer⸗ fläche ab und erhielten von ihr einen allgemeinen, ſehr har— moniſchen Ton, eine unvergleichliche Zartheit und Weichheit. Das Clima ſcheint hier umher nicht unmäßig rauh zu ſeyn; denn ich bemerkte einige ſehr alte Rebſtöcke an den Gebäuden, ſogar einen kleinen Weinberg, der indeß wohl nur zur Luſt unterhalb eines alten Felſenſchloſſes angelegt war. Das heitere Villach in freundlicher Umgebung. Noch ein Mal, weiter hinaus, zu Arnoltſtein, die ſchönſte Landſchaft in ganz deutſchem Charakter. Sie erinnert lebhaft an die Eiſack— gegenden des Tyrol. Ein fröhlich gedeihender Büchenwald er— heitert den Berg oberhalb des Schloſſes, das über dem Orte auf einem abgeſtürzten Felſen ſich erhebt. Unten ein bewegter Bach, der Mühlen treibt und mit ſeinem Waſſerüberfluſſe auch ſonſt viel ungebundene Scherze treibt. Ich ſtand nun an der Schwelle des Landes, wo der Baumwuchs durch eine karge Cultur theils ganz verbannt, theils gehemmt, in vorgeſteckte Grenzen eingeengt, und bis auf das letzte Reis für die tägliche Nothdurft ausgebeutet wird; wo man das Waſſer in Canäle faßt und nach ſtrengem Rechte den dürſtenden Aeckern es zoll⸗ weis zumißt. Alſo noch ein Mal ſättigte ich mein Herz an dem Anblick von kräftigem Waldwuchſe, von hellem, mit ju— gendlichem Ungeſtüm vorandringendem Gewäſſer. Von hier bergaufwärts überraſchte mich die Nacht. Der Mond brach abwechſelnd durch winterliches Gewölke; doch 58 brachte ſein ungewiſſes Licht nur größere Verwirrung in die rings mich umgebenden Gebilde. Der ſchon halbaufgelöſte, naſſe Schnee machte in einiger Entfernung den Eindruck ſo vieler Waſſerſtellen, bis man ihm näher kam. Je höher der Berg, je niedriger die Verhältniſſe in den verſtreuten Woh⸗ nungen. Dabey ging es in der ſchlammigen, vom Thauwetter durchweichten Landſtraße nur langſam voran. Unter ſolchen Umſtänden beſchloß ich in Tarfis zu übernachten. Häufig findet ſich an den Grenzen der Länder und Staaten ein Gemiſch von zweyerley Stämmen, Sitten, Sprachen. Hier indeß tritt zum deutſchen und italieniſchen Weſen ein drittes, beide durchkreuzendes Element, das ſlawiſche. Unverkennbar meldete es ſich ſchon auf dem Hofe und am Eingang des Poſt— hauſes. Oben im Prunkgemache angelangt, blieb ich eine Weile zweifelhaft, ob ich in Böhmen, ob in Deutſchland, ob in Italien ſey, Indeß machte der lang vergeblich herbeygeſehnte Schlaf der unheimlichen Verwirrung zuletzt ein Ende. — Florentissimum Italiae latus, quantum inter Padum Alpesque camporum et urbium. Mac. h. II. Phantaſtiſch ausgezackte Felſengipfel überragen den Berg— paß, der bey dem unfreundlichen Tarfis ſeinen höchſten Punct erreicht, dann gegen Pontafel, oder, wie's an der waͤlſchen Seite heißt, Pontéba, ſich ſchnell in die Tiefe hinabſenkt. Oben lag Schnee, der überall bis an die ſtagk befahrene Straße reichte. Bey Pontéba hingegen war ſelbſt auf den fernliegenden Höhen kein weißes, doch eben ſo wenig irgend ein grünes Fleckchen auszuſpähen. Das Land umher ſcheint in jeder Jahreszeit unwirthlich zu ſeyn. In den Grenzdörfern iſt die Bevölkerung windiſch. Dieſer ſlaviſche, oder nur halb⸗ ſlaviſche Volksſtamm liebt ebenfalls in ſeinen Umgebungen Ver⸗ wüſtung und Oedigkeit zu verbreiten. Oberhalb, in ſolcher Naͤhe weiter Schneefelder, erfreute mich der Anblick des bun— ten Anemonenflors in dem Kiesbette und an den bewachſenen Rändern des Bergſtromes. Unten im Thale erweckte die vene— zianiſche Bauart des artigen Städtchens jenſeit der Brücke mir gleichſam heimathliche Gefühle. Der ſtumpfere Dachwinkel, die weiteren Fenſterabſtände, das gute Verhältniß der Häuſer von Pontéba bezeugen, in ſolcher Nähe eines ganz deutſchen Grenzortes, wie ſtark der Einfluß von Regierungen ſey, die in der Stille wirken und mit Beharrlichkeit ihr Ziel verfolgen. 60 Jenſeit Pontéba fährt man viel Meilen lang in einem engen Thale hin, das nicht fruͤher, als bey Gemona, gegen die Ebene ſich öffnet. Ungeachtet des rauſchenden Bergſtromes zur Seite, ungeachtet der gefälligen Bauart der Städte, Dörfer und vereinzelten Wohnungen, ermüdet dieſer Landſtrich durch die Gleichförmigkeit ſeiner Thalwände, die nur an vereinzelten Stellen, zur Schutzwehr gegen drohende Bergſtürze, mit jungem Walde angeſaäet ſind. In Anſehung der phyſiſchen Verhält— niſſe verſpricht derſelbe zu gedeihen, wird jedoch ſchwerlich gegen die waldfeindlichen Volksſitten ſich behaupten koͤnnen. Für die ſüdlichen Alpengehänge entſtehet, gleichwie den Appenin entlang, in Südfrankreich, Spanien und ſo fort, aus deren Entwaldung der eigenthümliche Nachtheil, daß Schnee und Regengewäſſer unaufgehalten an denſelben fortſtrömen und die Culturanſtalten jeglicher Art, bald mit allmähliger, bald mit jählinger Verwüſtung bedrohen. Auch die wundervolle Landſtraße, die von Pontéba abwärts führt, das großartige Werk der gegenwärtigen, thätigen, auf das allgemeine Beſte unausgeſetzt Bedacht nehmenden Verwaltung, iſt in dieſem Engthale bis zur Gemona hin alljährigen Beſchädigungen durch herabſtürzende Felsſtücke ausgeſetzt. Als ich dieſe Straße ent— langfuhr, war man gerade damit beſchäftigt, was nach dem letzten Thauwetter ſich gelöſet hatte, nun vollends bis in die Tiefe hinabrollen zu machen. Es waren daher am Wege einige Wächter aufgeſtellt, um verſchiedenen in der Höhe mit dem titaniſchen Werke beſchäftigten Leuten zuzurufen, ſo oft Rei— ſende herankamen, damit ſie anhalten, bis jene vorübergezogen. An einzelnen Stellen bedeckten noch friſche, eben herabgefallene Felstrümmer die Futtermauern und Ränder der Straße, was von dem machtvollen Gepraſſel, das gelegentlich ſie beginnen mögen, bey mir große Meinung erweckte. 61 Gleich bedrohlich iſt die Gewalt voruͤbergehender Sturz— bäche in der Gegend von Gemona, von deſſen edlen Weinber— gen ein Drittheil ihres alten Umfanges bereits unter Kies und Rollſteinen verſchüttet liegt. Der Augenblick, in wel— chem der Schnee ſich auflöſet, muß in dieſen Gegenden etwas entſetzendes haben. Nach ſolchen Schreckniſſen wird dem Reiſenden, der von Deutſchland kommt, die jenſeitige Ebene den beſten Eindruck machen, ſchon weil mancherley ſüdliche Culturformen und an den Hügeln ſchöne Kaſtanienwälder ſeinem Auge hier zuerſt begegnen. Gelegentlich zeigt ſich eine Villa in venezianiſcher, oder vicentiniſcher Manier, umher halbwüchſige Cypreſſen, deren Anblick ihn durch Neuheit anzieht. Die zahlreichen klei— nen Ortſchaften, unter welchen Collalto ſich auszeichnet, ent— halten gute Gebäude. Allein in größerer Nähe des Hauptortes, Udine, läßt man nun auch jene niedrigeren Hügelreihen zurück, die bis dahin die Landſchaft geſchmückt hatten. Die natürlich fruchtbare, doch, nach Maßgabe climatiſcher Verhältniſſe nur unvollkommen benutzte Ebene iſt größerentheils mit Feldfrüchten beſtellt; nur an vereinzelten Stellen zeigen ſich Reben, Obſt und Maulbeerbäume, deren Anpflanzungen geringe Pflege und wenig Regel verrathen. Der Landbau in dem alten venezia— niſchen Gebiete, ſogar die blühenderen Provinzen, Vicenza, Breſcia und Bergamo, ſelbſt die Poleſine di Rovigo nicht aus— genommen, ſtehet dem lombardiſchen durchhin ſehr weit nach. In Anſehung des tiefen Verfalles, in welchem Mayland und ſeine Provinz nach dem ſpaniſchen Succeſſionskriege der öſter— reichiſchen Regierung übergeben ward, muß die letzte, durch Hinwegräumung thörichter Hemmungen des Kunſtfleißes, oder durch poſitive Anregungen, oder auch durch eine kluge Ver— einigung des einen mit dem anderen, um die gegenwärtige Proſperität jenes Landſtriches ein unbeſtreitbares Verdienſt haben. e Udine erhebt ſich um ſo viel über die umliegende Ebene, als hinreicht, deſſen ſtattliche Thürme und Zinnen höchſt ma— leriſch gegen den Horizont abzuſetzen. Das Innere der Stadt iſt indeß noch über die Erwartung, welche der erſte Anblick erweckt, geſtaltenreich und ſchön. In dieſe, ſeine Vaterſtadt war Giovanni da lUdine, wie deſſen Freund Georg Vaſari er— zählt, ſchon vor Erhebung Clemens VII. zurückgekehrt; und mag er damals zum Palaſt der Familie Antonini, und einem anderen jenem quer gegenüber, der Sarnazai, der am Orte ihm gleichfalls beygemeſſen wird, die Zeichnung gemacht und deren Ausführung eingeleitet haben. Hingegen dürfte jenes Haus in ſo viel ſpäterem Style, welches am alten Markte belegen und von ihm al fresco gemalt iſt, in die Zeit ſeiner dauernden Niederlaſſung in Udine einfallen. Nach 1550 kehrte er von dort nach Rom zurück, wo denn Vaſari ihn im Pilger⸗ kleide erkannte und wiederum in höfiſche Verhältniſſe verwickelte. Es erinnern jene Paläſte im einzelnen an den Styl des Bal— daſſare Peruzzi, im ganzen an Raphaels Baugeſchmack; die Malereyen aber ſind unter den Hervorbringungen der verwil— dernden Schule Raphaels keinesweges die ſchlechteſten, viel— mehr gediegener, als die genueſiſchen Arbeiten des Fattore und des Perino del Vaga. Andere, ſehr ſtattliche Gebäude machen in Udine ſich bemerklich, welche, theils in der älteren des fünfzehnten Jahrhunderts, theils in jener neueren vene— zianiſchen Manier gebaut ſind, die bis in das ſiebzehnte Jahr— hundert und noch ſpäter viel Charakter und, in Anſehung der Zeit, auch eine gewiſſe Reinheit bewahrt hat. Das Mißbehagliche der Lebenseinrichtung in einem ſchlecht angelegten und überfüllten Gaſthauſe, entfernte mich früher, als ich vorausbeſtimmt hatte, aus Udine, wo zudem nicht ein— mal ein Paar Monographieen aufzutreiben waren, die meiner Unkunde hätten zu Hülfe kommen ſollen. Selten werden dieſe ————————ꝑxê——õ,õ 2 63 Gegenden von wißbegierigen Reiſenden beſucht; es iſt daher für deren nächſtes Bedürfniß nichts vorgerichtet. Mir wenig⸗ ſtens gelang es nicht, weder einen geſchäftigen Lohnbedienten, noch einen gedruckten Wegweiſer aufzutreiben; obwohl ein ſolcher am Orte ſelbſt herausgekommen iſt.* Unter den ungünſtigen Eindrücken, die meine Abreiſe be⸗ ſchleunigten, gebührt den künſtlich verkrüppelten Bettlern der Ehrenplatz, an welchen dieſer Bezirk noch überreich iſt. Als ich, in Udine anlangend, vom Wagen ſtieg, fand ich den Zu— gang zum Gaſthofe im eigentlichſten Sinne geſperrt durch eine Verſchanzung der ſeltſamſten Geſtalten, die mit einem durch— dringenden Schelmenblicke und mit gellender Stimme den Weg— zoll von mir einforderten. Menſchen ohne Beine, Arme und andere gleich weſentliche Gliederungen des Körpers, wie ſelbſt in Rom ſie gar nicht leicht in gleicher Vollendung ſich zeigen duͤrften. Später vertrieb mich ein völlig geſpenſtiſches Unding aus dem ſchön belegenen Conegliano. Zum Erſatz ward mir eine herrlich mondhelle Nacht und zu Treviſo ein vortreffliches Unterkommen. Auf dem Wege von Udine nach Treviſo kommt man durch eine Reihe kleiner Ortſchaften, die theils, wie Pordenone, zu verfallen und ärmlich ſind, um mit Aenderungen der alten und Unternehmung von neuen Gebäuden ſich zu befaſſen, theils, wie Sacile, eben wohlhabend genug, das Alte in beſtem Stande zu halten. Dieſe Ortſchaften ſollten von den Architecten wohl ins Auge gefaßt werden, weil ein vortrefflicher Styl in ihren bürgerlichen Gebäuden waltet, die ausnahmlos vom Ende des fünfzehnten bis gegen die Mitte des ſechzehnten Jahrhunderts errichtet ſeyn muͤſſen. Unſere deutſchen Architecten können hier *) Auch fehlte mir das Werk des: Co. Fabio di Maniago, storia delle belle arti Frinlane. Die zweyte Ausgabe iſt die reichere und beſſere. 6⁴ lernen, was in kleinerem Maßſtabe und bey ſehr beſchränkten Mitteln an ſchönen Verhältniſſen und ſinnvollen Formenbil⸗ dungen dennoch zu leiſten möglich ſey. Gemeiniglich uͤberträgt der gereiſete Banmeiſter die Eindrücke mächtiger Paläſte und die Studien, welche an dieſen er gemacht hat, auf die ärmli— chen Beſtellungen, die ſeiner in der Heimath warten. Und will ſolches Begiunen nicht jederzeit diejenige Einheit, den vollen Guß hervorbringen, auf welchen es doch abgeſehen iſt. In gleicher Beziehung hatte ich in den italieniſchen For— ſchungen die kleine Stadt Pienza, welche Bernardo Roſſellini fur Pius II. und deſſen Höflinge aus einem Stücke erbaut hat, den reiſenden Kuͤnſtlern empfohlen. Indeß möchten die Land⸗ ſtädte des Friaul Muſter darbieten, welche der Sinnesart unſerer Zeitgenoſſen ungleich mehr zuſagen. Schon in Pordenone hatte ich, theils in der Hauptkirche, theils in einem verfallenen Hauſe, welches der Maler dieſes Beynamens bewohnt haben ſoll, ſeinen geiſtreichen, talentvollen, doch fluchtigen und beynahe lüderlichen Malereyen die nöthigſte Aufmerkſamkeit zugewendet. In Treviſo fand ich ein, wenn nicht fleißigeres, doch anſpruchvolleres Werk, die Wandmale⸗ reyen in einer Cappelle des Domes, die Corticelli, das iſt ſein Geſchlechtsname, auch bezeichnet hat.*) Um einiges ſpäter beſah ich mir zu Cremona, im Hauptſchiffe des Domes, deſ⸗ ſelben Küͤnſtlers ſchon berühmtere Werke und vergegenwärtigte mir, was er ferner in Piacenza und auf einigen bezeichneten Tafeln ſchönes gemalt hat. Ich werde alſo des Pordenone Künſtlerleben ſo ziemlich in ſeinem Fortgang und in ſeiner Geſammtheit überſehen, und mich nicht ſcheuen dürfen, über ihn auszuſprechen: daß er allerdings ein Genie geweſen; daß glu⸗ *) Unter der Anbetung der Könige lieſt man: Broccardi Malcano Tar. cura atque sumptu. Jo. Ant. Corticellus P. M. D. XXX. 65 glühende Tinten ihm zu Gebote ſtanden; daß, nach dem Leben, nicht ſelten ihm treffliche Köpfe gelungen ſind; daß hingegen er ein elender Zeichner war, und ſowohl in der Anordnung, als in den Gewändern alles Styles entbehrte. Unter ſolchen Umſtänden iſt es beynahe eine Gewaltthä⸗ tigkeit zu nennen, wenn die gediegenſten Werke des Breſcia⸗ ners Aleſſandro Bonvicino, genannt Moretto, in der Fremde dem Pordenone zugewendet werden; wie ſolches, zu Wien, der heil. Juſtina, in Rom, der Madonna aſſunta des Cardinals Feſch geſchehen iſt. Allein ich werde Gelegenheit finden, auf den Moretto zurückzukommen. Treviſo iſt eine anſehnliche Stadt, die zwar mehr, als Udine, weniger doch als die kleineren Ortſchaften des Friaul im Wohlſtande geſunken iſt. In den anſehnlichen Kirchen hat ſie gute Gemälde, unter welchen eine Altartafel des Fra Se⸗ baſtiano del Piombo(in S. Niccold di Bari, Dominikanerkirche) ſich auszeichnet. In den Triviis(Trebbj) begegnete ich ſtets denſelben, auf mühloſe Vortheile harrenden Perſonen, was die Meinung in mir befeſtigte, daß hier, in ſo großer Nähe der vormals reichen Haupt und Handelsſtadt Venedig, die Kunſt des Müſſigganges noch immer nach den alten Principien be⸗ trieben werde. Ein mildes Clima, ein Boden, welcher auch in den minder günſtigen Fällen die Arbeit ſtets belohnt, möchten beſſere Ausſichten gewähren; wenn es überhaupt ſo leicht wäre, als viele meinen: von ſtädtiſcher Muße und Zerſtreu— lichkeit zu ländlicher Stille und Ordnung überzugehn. Unter den vielen ſehr anſehnlichen Gebäuden der Stadt Treviſo intereſſirte mich, in ſeiner gegenwärtigen Verlaſſenheit, der vorgothiſche, uralte Palaſt der Familie Polo, welche in letzter Zeit höchſt tragiſch geendet haben ſoll. Doch liegt die Begebenheit noch im Duncfen. Und will ich hier, der an— muthigen Gärten in den Vorſtädten und des leidlichen Anbau's (59 66 der benachbarten Aecker im Fluge gedenkend, von einem Orte abbrechen, der mir im ganzen doch etwas langweilig und ge— ſchäftlos zu ſeyn ſchien. Im Friaul und in den anſtoßenden Bezirken hat die Be— wäſſerung bisher nur ſchwache Fortſchritte gemacht. Es fehlen jene großen Landſeen, die mehr weſtwärts die Alpengewäſſer aufnehmen und, erwärmt und beruhigt, ſie weiter hinaus in die Ebene entſenden. Wilde Bergſtröme, deren Kiesbetten oft eine beträchtliche Breite haben, und zu beiden Seiten die an— gebauten Ländereyen alljährlich mit Verwuͤſtungen bedrohen, werden nicht ſo leicht in Canäle zu faſſen und für landwirth— ſchaftliche Zwecke auszubeuten ſeyn. Hingegen duürfte es, nach der Analogie lombardiſcher Erfahrungen, unter dem Schutt⸗ boden der Ebene an Quellen und verdeckten Rinnſalen nicht fehlen, die, ans Licht gezogen, mindeſtens einen Theil des Landes in Wieſen und Reisfelder verwandeln könnten. Auch möchten die Bergſtröme, an denen Wöhre und Schleuſen nun einmal nicht anzubringen ſind, doch unten in der Tiefe ihrer Betten anzuzapfen ſeyn, durch unterirdiſche Canäle, welche, bis in die Mitte des Strombettes geführt, das Waſſer durch ſtarke und enge Gitterwerke einſickern ließen. Für den Augen— blick indeß ſcheint die Cultur des Maulbeerbaumes und die Ausdehnung der Seidenproduction die Aufmerkſamkeit der unter⸗ nehmenderen Landbeſitzer durchaus zu abſorbiren. Bey Udine ſah ich tauſende junger Maulbeerbäume, welche in beſtem Wachsthum ſtanden und nicht älter, als ſechs bis zehn Jahre zu ſeyn ſchienen. Und in Treviſo führte mich der Zufall in ein Haus, deſſen anſtoßender, weitläuftiger Garten in eine Pflanzſchule unzähliger junger Schößlinge derſelben Art ver⸗ wandelt war. Dieſe ſchnelle Zunahme der Maulbeerpflanzun⸗ gen dürfte erſt nach 1830 eingetreten ſeyn, da Burger, deſſen Werk ich ſpäterhin oft anziehen werde, ſie vermißte und leb⸗ 67 Orte haft herbeyſehnte. Vielleicht hat dieſer wohlwollende und pa⸗ nd ge triotiſche Staatswirth viel Antheil an den bemerkten Fort⸗ ſchritten. Was denn auch mich in der Hoffnung beſtärkt, daß eR meine Reiſe ebenfalls viel Gutes befördern werde. fejle In den Preiſen der Seide iſt kürzlich ein bedenkliches baſſer Schwanken eingetreten; und es möchte gefragt werden können, 1s in ob ein Product, das nur zu Luxuswaaren verarbeitet wird, noſt gefahrlos ins Unendliche ſich vermehren laſſe? Bey Dingen hre des erſten, unerläßlichſten Bedürfniſſes, die freylich ebenfalls heu, zu ſteigen und fallen pflegen, darf man im Umlauf der Jahre nhe. der Rückkehr mittler und, nach den Umſtänden, ſogar hoher nach V Preiſe mit ziemlicher Sicherheit gewärtig ſeyn. Allein bey utta Sachen, deren Bedürfniß nur eingebildet iſt, möchte Ueberful— ſich I lung des Marktes gar leicht eine dauernde Werthloſigkeit her— des V vorbringen können. uch V Sehr viel wird davon abhängen, ob in den tropiſchen un und ſubtropiſchen Ländern Bevölkerung und Wohlſtand ſich ter V mehre. Denn hier werden leichte Gewebe, alſo beſonders l, V eben die ſeidenen Stoffe, in gewiſſem Sinne ſtets ein Bedürf⸗ 1. niß ſeyn und nicht aufhören, geſucht und begehrt zu werden. Immerhin bleibt es verwunderlich, zu ſehen, wie nunmehr, bey 2 complicirteſtem Zuſtande des Menſchenlebens, jeder unbeküm— ⸗ mert um den anderen ſein Geſchäft betreibt. Der arbeitet ne mit haſtigem Drange, Seide über Seide zu erzielen, nur den m Preis im Auge, der bey letztem Rechnungsabſchluſſe ihm zu⸗ re gefallen. Jener wiederum mindert ſein Rindvieh, um mehr in Schafe zu halten und Wolle zu ſcheren. Was am Ende der ne V Dinge aus ſeinen Producten werde, das kümmert, weder den er⸗ b einen, noch den anderen. Indeß befürchte ich, daß wie die ⸗ Italiener, ſo nicht weniger auch wir ſelbſt auf die Länge wer⸗ en den darauf ſinnen müſſen, wie durch eigene Verarbeitung un⸗ ⸗ V ſeres rohen Products wir deſſen Werth erhöhen und von den (5*) 8 — 68 fremden Käufern nus minder abhängig machen. In der Pro⸗ duction gehen wir täglich voran, darben aber bey unſeren neuerworbenen Reichthümern. Ich dächte, daß wer mehr Wolle hat, als er verkaufen kann, daran denken müſſe, ſein Haus mit warmen Fußteppichen zu verſehn; wer mehr Seide, ſeine Wände mit reichen Stoffen zu bekleiden. In den Provinzial— ſtädten von Toscana laſſen die Gutsbeſitzer, wenn die Seide nichts gilt, im Lande daraus dauerhafte Stoffe weben, womit gelegentlich in der Folge ein oder mehr Zimmer ausgeſchlagen werden. Man ſammelt darauf, wie bey uns ſonſt für den Linnenſchrank geſorgt wurde, und kommt hiedurch in die Lage, den Käufern ein feſtes Ziel vorzuſtecken. Ich ließ Venedig, dem ich ſo nahe gekommen war, zur Seite liegen, und ſchlug den Weg nach Vicenza ein, welcher durch eine leidlich angebaute Ebene führt. Ein Paar alter Pinien bey einer verfallenen Villa von guter Bauart, waren (das Gebürg lag zu fern) der einzige recht auffallende Gegen⸗ ſtand. Einige alte Befeſtigungen, beſonders die zu Cadore, mit durchlöcherten Mauern und hohen Epheuranken würden an einer anderen Stelle mehr Wirkung machen, als eben hier, wo an Erſcheinungen dieſer Art der größte Ueberfluß. In der Nähe von Vicenza tritt das Gebürg wiederum gegen die Ebene vor; es ſetzt ſich fort bis zu den vielgerühm⸗ ten und gewiß ſehr anmuthvollen euganeiſchen Höhen. Indeß wird das Land erſt jenſeit Vicenza wiederum maleriſch; denn, wo man von Treviſo kommend der Stadt ſich nähert, iſt es zwar vortrefflich angebaut und, hier zuerſt in größerer Aus⸗ dehnung, auch bewäſſert, doch übrigens mißbehagend. Wer hätte nicht des ſchönen Vicenza gedacht, mindeſtens der Bauwerke, die Palladio theils ſelbſt errichtet, theils durch ſein Vorbild bis in die neueſte Zeit in ähnlichem Style her— vorgerufen hat? Mehr indeß, hätte die Zeit nicht gefehlt, — 3——————ę———C——B—B—D—D—— ———————————————————— 69 er Pn würden die ſchöͤnen Hügel mich angezogen haben, welche die unſern Stadt umgeben und von Villen, Baumgruppen und kleinen rTult Wäͤldchen bedeckt ſind. Hier iſt die aſiatiſche Pinie ſchon häu— t Haui V fig, die Cypreſſe bisweilen ſtattlich. Weiter aufwärts, jenſeit ſeie der Etſch und des Mincio, gedeihen beide nur an den Seen 'inzig- und in den ſuͤdlich ausgehenden Schluchten. Seide Der Weg nach Verona iſt reizend. Eine Reiſe zu Pferd, vomit oder zu Fuß, die Seitenthäler hinauf und wiederum durch das lagen nächſte herab, oder auf gleicher Höhe längs der Hügel, müßte r den für Maler und Naturfreunde äußerſt belohnend ſeyn. Mir Lage, hat dazu bald die Zeit, bald die Laune gefehlt. Schon in der Nähe der Stadt fällt eine ſehr anſehnliche Kirche von eigen— „ zur thümlichſter, nicht unſchöner Bauart auf; das Werk eines dlcher alten Gemeindebeſchluſſes. Die Stadt ſelbſt, welche alter durch ihre ſehr geſicherte Lage an einem wichtigen Strome, in aren der Mitte des Reiches, zum Hauptorte des venezianiſch-lom— gen. bardiſchen Königreiches ganz ſich zu eignen ſcheint, macht auch or, in ihrer gegenwärtigen Verödung einen großartigen Eindruck. den Dem Reiſenden wird der Aufenthalt durch die Gaſthäuſer wenig -,. erleichtert. Anderſeits iſt der Charakter der Bevölkerung zu⸗ vorkommend, gefällig und gütig. Ein wohlgekleideter Mann, m V den ich nach dem Beſitzer eines Hauſes fragte, deſſen Thor m⸗ V zierliche Sculpturen enthielt, begleitete mich eine weite Strecke eß und bis jenſeit des Stromes, zu neuen Ausgrabungen, welche mn, Theile des alten Theaters bloßlegen. Es ſtand unterhalb der es oberen Feſtung am Abhange des Felſens. Die Proftlirungen lus⸗ einiger ioniſchen Capitäle verrathen die Nachahmung griechi— ſcher Muſter. dens Die Befeſtigungen, welche rings um Verona errichtet werden, bringen den maleriſchen Reizen der Stadt und ihrer Gegend keinen Nachtheil. Und wäre es, müßte ichs beklagen,⸗ üt, da ſelbſt in Italien wenig Orte ſchöner belegen ſind und eine d 70 größere Mannigfaltigkeit auch hiſtoriſch anziehender Architectu⸗ ren haben. Das Amphitheater iſt noch aus guter Zeit, an— deres Gemäuer aus dem dritten Jahrhundert, einige Kirchen aus dem dunkleren Mittelalter; eine größere Zahl, nach Baſi— likenplan, in freygenommener gothiſcher Bauart. Dieſe letzten berechtigen in Anſehung ihrer Räumigkeit, für das vierzehnte Jahrhundert, auf eine ſehr große Bevölkerung zu ſchließen. Dann folgen die Paläſte für öffentliche oder Privatzwecke, welche von halbgothiſcher Anlage durch Mittelglieder zu der moderneren des ſechzehnten Jahrhunderts übergehen. Nehmen wir hinzu, daß einige der wichtigſten Plätze neuerlichſt mit Granitplatten auf das genaueſte ſind überlegt worden, die um— ſtehenden Gebäude daher uͤber deren reine Horizontalfläche ſich erheben, wie felſige Ufer über glatte Waſſerſpiegel; ſo haben wir Elemente ſtädtiſcher Schönheit, wie ſie gar ſelten vereinigt vorkommen. Dabey der mächtige Strom in ſchöner Windung, gute Brücken und, im Hintergrunde, die ſüdlichen Voralpen, die hier um ſo präciſere Formen bilden, als rechtshin die Etſch, linkshin der Gardaſee, ſie in mächtiger Breite auseinander— klüften, ſo daß ſie nirgend zuſammenhängende Bergwände bil— den; die etwas beengendes zu haben pflegen. Jenſeit Verona und gegen Peſchiera hin, beſtehet der Bo— den aus Schutt und Kies. Er geſtealtet ſich in verſchiedene, ſtufenförmige Hochflächen, welche von vielen Waſſeereinriſſen quer durchſchnitten werden. Wie denn hier ſchwerlich jemals Bewäſſerung wird ſtattfinden können, ſo ſcheint man längſt auf andere Arten des Anbau's ſich eingeſchränkt zu haben. Keine eignete ſich mehr, keine verſprach größere Vortheile, als die Anpflanzung von Maulbeerbaͤumen. In der That iſt deren Menge unermeßlich; und, wiewohl man deren Pflege, vor⸗ nehmlich das beſchneiden, bisher nicht zu der Vollkommenheit gebracht hat, deren die Bergamasker ſich rühmen, ſo möchte nit ſich ben igt n, 3 1 ——, 71 quantitativ das Seidenproduct der Provinz Verona doch an⸗ ſehnlich, ja das erheblichſte ſeyn, das auf gleicher Fläche in den öſterreichiſchen Staaten erzielt wird. Hingegen vernach— läſſigt man den Weinbau, der eben hier an wohlbelegenen Abhängen und auf ſteinigem Boden, bey ungemiſchten, an trockenen Stöcken gezogenen Reben von guter Art, doch wohl das aufgewendete Capital würde belohnen müſſen. Ein Hin⸗ derniß, das mir nicht entgeht, iſt der hier und längs den Alpen ſo häufige Hagelſchlag, der beſonders eben den Wein⸗ bau trifft, weil dieſer, bey ſpäter Erndte, etwa drey Monathe länger, als die Winterſaaten den Zufälligkeiten der Witterung ausgeſetzt bleibt. Auch pflegen die heftigſten Gewitter in dieſen Gegenden erſt im Hochſommer einzutreten. Unweit Peſchiera erblickt man vom Gardaſee den gegen die Ebene vortretenden, weitausgedehnten Buſen. Peſchiera, ein mißbehaglicher Militärpoſten, wird vom Mincio durch⸗ ſtrömt, deſſen Ueberfluß ſchon, als Dante ſchrieb, die unter⸗ wärts gegen Mantua belegenen Ebenen bewäſſerte.*) Doch hat dieſe Art der Cultur im Mantuaniſchen keine ſo große Verbreitung erlangt, als man erwarten ſollte; vielleicht weil ſie dort, wo der Boden oft feucht und nicht ſelten ſogar ſumpfig iſt, nicht überall zu nützen verſprach. Deſenzano, ein bluͤhender, wohlgebauter Ort, in welchem das räumige Gaſthaus unmittelbar am Ufer des Sees und in der Nähe des kleinen, doch belebten Hafens liegt. Am fruühen Morgen und Abends ſpät gewährt der Ueberblick des breiten Waſſerbeckens mit den mächtigen, ihn, mehr einwärts, umge— benden Bergformen einen höchſt erquicklichen und ſtärkenden Eindruck. *) Com. div. Inferno canto XX.— E fassi fiume giù pei verdi paschi.— 1 9 4 1 72 Ein Ausflug nach der Halbinſel Sermione. Die Trüm⸗ mer alter Villen ſind unbedeutend; hingegen belohnet der Blick von den Vorſprüngen des Felſens die Bemühung, und den Zeitaufwaud, welchen die Waſſerfahrt dahin etwa veranlaſſen könnte. Die Inſel iſt von einem dichten Oelwalde bedeckt, der gut gehalten wird und daher nicht völlig ertraglos iſt. Rings um den Gardaſee gibt es viele und ausgedehnte Anpflanzungen von Oelbäumen; doch, mit Ausnahme der Inſel Sermione und der Felſenhöhe über Arco, ſollen ſie unergiebig ſeyn. Sie haben an dieſer Stelle bereits die geographiſche Linie erreicht, in welcher ſie zwar noch vegetiren, doch ihre Früchte nicht mehr zur Reife bringen; weßhalb das venezianiſche Oel durch— hin ins grüne fällt. Dieſe Grenzlinie pflegt an den Cultur⸗ pflanzen häufiger, als bei den gemeinen beachtet zu werden, deren Früchte nicht eben in Anſchlag kommen. Ueber den Gardaſee, nach Riva und Arco. Auch in dieſen beglückteren Gegenden ward die Temperatur noch immer durch die Schneeluft gedrückt, die von den nahen Bergen ſich in die Ebenen ſenkte. Der Fruhling war, für die Mitte des Aprils, noch weit genug zurück, kein Baum begrünt, als die Wintereiche(lecce, elce), der Oelbaum und was ſonſt die Blätter nie völlig abwirft. Ich ſelbſt fand jedoch, nach menſch— licher Art zu fühlen, die Witterung höchſt angenehm. Denn leider ſympathiſiren wir nicht jederzeit mit den Bedürfniſſen und Wünſchen des vegetativen Lebens. Zu Arco und Riva ein herzliches Wiederbegegnen mit der Familie und näheren Befreundung des Grafen Leopold zu Arco. Eine Empfehlung aus Mayland erwarb mir eine neue Bekannt⸗ ſchaft, die des Herrn Figaroli, welcher in der kleinen Ebene am oberen Gardaſee unſtreitig die überdachteſte Landwirthſchaft betreibt. Iu Deutſchland iſt es ſchwer von dem Ertrage eines ſo kleinen Grundſtückes ſich die rechte Vorſtellung zu machen. ——— 73 Ein Quadrat von 15 bis 20 Morgen Größe, das von drey Seiten durch hohe Mauern eingefaßt, an der vierten vom Gardaſee begrenzt wird. An die Gartenmauer lehnt ſich in ſchräger Lage ein rohes Holzwerk, über welches die Reben in uppigſter Fülle ihre Zweige und Ranken verbreiten. Da ſie ſpät ausgrünen, dient ein Theil des von ihnen beſchatteten Bodens zum Anbau von Gemüſen und Kräutern, von welchen letzten viele an dieſer Stelle Winterpflanzen ſind, andere wäh— rend der heißen Zeit unter den leichten Schatten des Reben— geländes beſſer gedeihen, als auf offeneren Gründen. Das Viereck in der Mitte des ringsumlaufenden Rebendaches iſt mit Bäumen in regelmäßigen Abſtänden beſetzt. Unter dieſen werden Feldfrüchte angebaut. Einige Morgen Land hat Fi— garoli durch Eindeichung dem hier äußerſt ſeichten Ufer abge— wonnen. Solche Werke werden indeß hierorts aus Quader⸗ ſteinen errichtet, was denn, nächſt vieler Schönheit und Zierde, die Gelegenheit gewährte, für die Barke des Hauſes einen Hafen und Landungsplatz einzurichten. Auch blieb für eine Anſtalt Raum, in welcher alljährlich viel hundert Lachsforellen gefangen werden, die bekanntlich, voran, ſehr kecke Sprünge machen, allein den Rückweg ſelten zu finden wiſſen. Das Abweichende in Figaroli's Wirthſchaftsart beruhet auf ſeinem Grundſatze: daß man die verſchiedenen Culturen geſondert halten ſolle. Den Wein hat er an den Rand ver⸗ legt, und in ſeinen Baumpflanzungen jede Gattung in einem beſonderen Stücke zuſammengehalten, hier Maulbeer, dort Obſtbäume. Auch ſäet er unter der einen und anderen Baum— art, was denſelben jedesmal am beſten zuſagt, z. B. unter den Maulbeerbäumen nur Türkenkorn, oder anderes, das, gleich dieſem, fleißig behackt werden muß. Er ſondert ſogar die Fiſolen vom Türkenkorn, dem nicht ſo ganz unzweckmäßigen Gebrauche von halb Italien entſagend. 74 Naturen ſeiner Art ſind nicht ſelten bis zur Bizarrie con— ſequent. Allein der Grundſatz, den er feſthält, iſt unſtreitig der rechte; und ſcheint es mir wünſchenswerth, daß er ihn hindurchführen möge, weil der italieniſche Landwirth häufig zu viele Pflanzen auf einem Flecke vereinigt und in dem Wahne befangen iſt, daß die vielartige Quantität ihm erſetze, was an Qualität und an Menge der einzelnen Producte er einzubüßen eingeſteht. Im Umkreiſe von Mayland ſah ich einmal auf demſelben Acker, ſehr dichtgeſäetes Türkenkorn von Ranken— bohnen bis zum Gipfel überzogen, mittinnen junge Spargel— pflanzen und niedrig wachſende Gemüſe verſchiedener Art. Freylich darf man die Kraft des Bodens bewundern, der ſo vielerley vereinigt hervorbringt. Doch bezweifle ich, ob dabey Vortheil ſeyn könne, der Mannichfaltigkeit die Güte und Voll⸗ ſtändigkeit der Erzeugniſſe aufzuopfern. Nirgendwo in der ganzen Ausdehnung Italiens habe ich ſinnvoller beſchnittene, in Stamm und Zweigen geſundere Maulbeerbäume geſehen, als hier in der Beſitzung, welche Figaroli bewirthſchaftet. Auch iſt deren Blätterfülle, in An— ſehung ihrer Jugend, ſehr anſehnlich und der baare Ertrag daher nicht unerheblich. Von den Reben werden die beſſeren Trauben auf dem Holze verkauft; von dem, was übrig bleibt, macht Figaroli ſeinen Haustrank, den ich, dreyjährig, mehr— mals gekoſtet habe. Ich fand ihn den beſſeren Weinen der Gegend von Perugia ähnelnd, gleich dieſen etwas adſtringent. Ueberhaupt nehmen die haltbaren italieniſchen Weine ſelten jene Milde an, welche bey Getränken erwünſcht iſt. Nur die jungen und moſtartigen haben eine gewiſſe eigenthümliche Lieb⸗ lichkeit, der ſelbſt die Fremden zuletzt viel Geſchmack abge— winnen. Der Wohnung Figaroli's grad' gegenüber iſt ein beträcht— licher Raum vor wenig Jahren von dem ausbrechenden Wild⸗ 75 bache mit einem mächtigen Kieslager überdeckt worden. Und ſcheint es den Eigenthümern an der nöthigen Vorlage zu fehlen, daſſelbe hinwegzuſchaffen, oder auch die alte Culturkrume wie⸗ derum heraufzubringen. Figaroli hat dieſen Zufall zu ſeinem Vortheil gewendet und einen Theil jenes Kieslagers benutzt, in der ſeewärts vorgenommenen Erweiterung ſeines Beſitzes dem Boden die nöthige Erhöhung zu geben. Die fruchtbare, wohlangebaute Ebene von Riva nach Arco hat uͤberhaupt von den Bergſtrömen und Wildwaſſern viel zu beſtehen, die weniger Kies und Gerölle mit ſich fortwälzen dürften, wenn das um— herliegende Gebürg minder entwaldet wäre. Zu Riva vernahm ich, daß ſelbſt in den höheren Bergen die Holzverwüſtungen auf bedenkliche Weiſe überhandnähmen; und ſpäter ſagten mir Reiſende, daß bis in die deutſchen Thäler des Tyrol das Uebel ſich fortzupflanzen beginne. In dieſem letzten Fact, wenn es anders ſich beſtätigen ſollte, würde ich ein Symptom zunehmen⸗ den Einfluſſes italieniſcher Sitten und Anſichten wahrzunehmen glauben. Der Nationalcharakter unterliegt nicht ſelten, und beſonders bey den Grenzvölkern, dem überwiegenden Einfluß politiſcher und kirchlicher Verhältniſſe. Nach einer glücklich verlebten Woche verließ ich dieſe ſchönſte Gegend Norditaliens, der, um vollkommen zu ſeyn, nichts fehlt, als vereinzelte alte Bäume in der Ebene und Wälder von einiger Ausbreitung an den Abhängen der Berge. Mit dem Dampfſchiffe ging ich nach Deſenzano zurück, und von dort ungeſäumt voran nach Breſcia. Die älteren Verordnungen lombardiſcher Obrigkeiten unter— ſagen wiederholt die Anlage von Canälen in der Nähe von Wegen, welche ſie hätten überſchwemmen und auf andere Weiſe beſchädigen können. Hingegen verwendet man gegenwärtig die hoch und feſt angelegten Heerſtraßen nicht ſelten zur Verdäm— mung ſogar der größeren Canäle. Auch die Straße nach Breſcia 76 geht eine längere Zeit an einem ſolchen Waſſerlaufe hin, der einen Theil der niedriger belegenen Ebene mit zahlreichen klei— neren Zuflüſſen verſieht. Breſcia iſt weniger maleriſch, als Verona, doch in ſeiner eigenen moderneren Weiſe eine ſehr gefällige Stadt. Man ſieht überall durch Portale und Thüren der Paläſte und beſſe— ren Häuſer ſehr zierlich angelegte, wohlgehaltene Gärten. Das neuerlich ausgegrabene alte Gebäude, kein Tempel, vielmehr ein Gerichtshof, iſt merkwürdig durch ſeine ungewöhnliche An— lage, übrigens ein Werk aus ſchon vorgerückter Zeit. Man hat darin ein Muſeum angelegt. Unter deſſen antiken Denk— malen iſt die viel geprieſene Victoria das erheblichſte. Einige rohe Sculpturen, welche nicht wohl neuer, doch leicht viel älter ſeyn können, als das zehnte Jahrhundert, einige andere, die man für longobardiſche will gehalten ſehen. Es war kein glücklicher Gedanke, die intereſſante Ruine wiederum unter Dach zu bringen; allein, wenn es nun durchaus geſchehen ſollte, konnte dem antik-modernen Gebäude keine angemeſſenere Be— ſtimmung gegeben werden, als dieſe, den Alterthümern der Stadt und Provinz einen Sammelplatz zu eröffnen. Andere Ueberreſte römiſcher Bauwerke ſind in der Stadt verſtreut, doch werden ſie durch ein, zwar unbeendigtes, Werk verdunkelt, das römiſche Derbheit mit der Eleganz und Laune des Cinquecento verbindet: den Stadtpalaſt am Hauptplatze. Man ſcheint in Breſcia jederzeit nach einem großen Maßſtabe ent— worfen und gebaut zu haben. Daß noch immer dazu die Nei— gung und die Hülfsquellen vorhanden ſind, bezeugt das neueſte öffentliche, eigentlicher Municipalwerk, der allgemeine Beerdi— gungsplatz außerhalb der Stadt. Er iſt ſo ausgedehnt und von ſo prächtiger Anlage ſeiner Gallerieen und Cappellen, daß kein anderer in Italien, geſchweige denn im übrigen Europa ihm gleichkommt. Der ſinnvolle Entwurf kommt von Vantini 77 und bringt dieſem geiſtvollen, mehrſeitig gebildeten Künſtler ſo viel Ehre, als die Ausführung ſelbſt, ſo weit ſie beendigt iſt. Breſcia hat ſeine eigenthümlichen Schulen der Architectur, der Sculptur und Malerey aufzuweiſen. Unter den Malern hat Romanino, doch beſonders Aleſſandro Bonvicino, genannt Moretto, ſich ausgezeichnet. Obwohl ſchon Vaſari von dieſem Kunſtler viel Aufhebens macht(ſ. vita di Gir. da Carpi), in ihm raphaeliſche Züge entdecken will, Lanzi, nach ſeiner Weiſe, einen noch höheren Ton anſtimmt; ſo ward Moretto doch nicht früher, als inner⸗ halb der letzten Jahrzehende in weiteren Kreiſen bekannt und anerkannt. Den Umfang ſeines Talents, die Hauptepochen ſeiner Leiſtungen zu kennen, ſetzt in der That einen längeren Aufenthalt zu Breſcia voraus, zu welchem gegenwärtig die neueren Ausgrabungen häufiger die Veranlaſſung herbeyführen. Dort enthalten die meiſten Kirchen und viele Privathäuſer mehr und weniger gute Gemälde ſeiner Hand und einige aus ſeiner Schule. Moretto iſt immer edel, bisweilen naiv und herzig, ſelte— ner ſtark und pathetiſch. Allein dem Styl und der Manier nach zerfällt ſeine Küͤnſtlerlaufbahn in drey, völlig verſchiedene Epochen. In der erſten malte er mit ſtarkem Impaſto, unterlegte das Fleiſch in den Schatten durch ein helles Grau, welches er nach der Hand mit einer warmbraunen Laſur überzog, die freylich theils beſchädigt, theils ganz verwaſchen zu ſeyn pflegt, doch in einzelnen Bildern ſich noch anfindet. In derſelben Epoche beobachtete Moretto in der Anordnung eine gewiſſe Ruhe und Symmetrie; auch war ſeine Zeichnung überdacht und ſtudirt. Gemälde dieſer Zeit und Art befinden ſich, zu Breſcia, das eine auf einem Seitenaltar der Kirche S. Giovanni, ein * 78 Kindermord, der an jenen von Marcantonio geſtochenen, zwar nicht in den einzelnen Figuren, allein doch im Style erinnert; das andere in der Kirche S. Nazaro; das dritte und beſſere über dem Hauptaltar der Kirche Sta. Maria de' Miracoli. Alle ſchei⸗ nen älter zu ſeyn als eine kleine Madonna mit dem heil. An— tonius Abbas, Halbfiguren, in der fürſtlich Lichtenſteiniſchen Gallerie zu Wien. Die heil. Juſtina aber in der Kaiſerlichen bezeichnet den Gipfel der erſten, den Uebergang zur zweyten Manier. Die Heilige ſelbſt verweiſet in vielen Stücken auf die erſte zurück; die knieende Bildnißfigur aber gehet bereits in die zweyte über.— Ich bemerke hier gegen Wieneriſche Kenner, daß zu Breſcia eine gute alte Schulcopie nach dieſem Gemälde im Hauſe des Grafen Lana aufbehalten wird und ſeit undenklicher Zeit alldort für eine Compoſition des Moretto gegolten hat. In der zweyten Epoche nahm Moretto, ohne den ſtren⸗ geren Styl der früheren völlig aufzugeben, in der Carnation bereits ſehr ſchön gemiſchte Palletttinten an, worin Tizian ihm mag den Weg gezeigt haben, was jedoch nicht ausgemacht iſt. Die knieende Figur im eben berührten Bilde der heil. Juſtina zeigt davon bereits den beſonnenen, vorſichtigen An— fang. Ein Chriſtus im Hauſe der Martha und Magdalena, auf einem Seitenaltar der Kirche Sta. Maria della Calchera zu Breſcia, zeigt dieſelben zarten, mit Zurückhaltung gemiſchten Tinten. Kühner werden ſie in jenem immer noch ſtark im— paſtirten Gemälde des Chriſtus in Emaus, das gegenwärtig im Ospedale maggiore derſelben Stadt aufgeſtellt iſt. Auf dieſe folgt eine Reihe guter Altargemälde in verſchiedenen Kirchen, unter welchen die Madonna aſſunta des alten Do— mes, bey einiger Abweichung in der Compoſition, mit jenem Bilde des Cardinal Feſch zu Rom viel ähnliches und, gleich der heil. Juſtina, weil man des Moretto eben vergeſſen, —— —— 79 lange Zeit für ein unerhörtes Meiſterwerk des Pordenone ge⸗ golten hat. Zu Breſcia in der Kirche Sta. Maria de' Miracoli iſt ſeit— waͤrts am Eingang ein herziges Bild, ein Prieſter, der vier ſehr artige, doch etwas kindiſche und alberne Knaben, ſeine Schüler, der Madonna vorſtellt. Dieſe ſitzt zur Seite auf einem Throne und ſiehet, zwar mit zukommender Wurde, immer doch mit einem leichten Anfluge von Ironie auf ihre nachwach— ſenden Schützlinge hinab, welche das Anſehn haben, nicht durchaus bey der Sache zu ſeyn. Dieſes Bild iſt bereits ohne Unterlagen, doch mit markigem Pinſel gemalt. Es hat das Jahr 1536; ein treffliches Bildniß beym Grafen Fenaroli hin— gegen 1526. Aus dieſen Jahreszahlen wird der Umfang der zweyten Epoche herzuſtellen ſeyn und überhaupt die Chrono⸗ logie Moretto's Gewinn ziehen können. Daß in einer dritten er wenigſtens bis auf 1554 gemalt und, wenn auch im Tech⸗ niſchen, doch an Kraft der Auffaſſung bis dahin nichts einge— buͤßt habe, lernen wir aus dem Chriſtus nach der Abnahme vom Kreuze, bey dem breſcianiſchen Patricier, Herrn Brugnoli. Uebrigens finden ſich aus dieſer letzten Epoche des Künſt— lers viele zwar correcte, doch froſtige Gemälde, über welche zu Breſcia die Meinung feſtſteht, daß nur Schüler und Ge⸗ ſellen ſie gemalt haben können. Der Art ſind die Seitenbilder in S. Clemente, ja ſogar der heil. Petrus Martyr der ambro— ſtaniſchen Gallerie zu Mayland, ungeachtet der Aufſchrift: Alexander Morettus f. Denn unter Umſtänden wurden ſolche Zeichen und Schriften auch durch gewerbliche Rückſichten her— vorgerufen. d ————,—— ———— — — — — — 1 80 Während eines mehrwöchentlichen Aufenthaltes zu Ber⸗ gamo, in dem gaſtfreyen Hauſe bewaͤhrter Freunde, der Herren Frizzoni, wurden für den Lauf des Sommers verſchiedene kleine Ausflüge und Landreiſen verabredet, die um einiges ſpäter in Ausführung gekommen ſind. Ihr ausgedehnter, da⸗ bey weit verſtreuter Grundbeſitz verſprach mir Gelegenheit, die lombardiſchen Wirthſchaftsarten in verſchiedenen Gegenden und unter ſehr abweichenden Verhältniſſen ins Auge zu faſſen. Allein für den Augenblick war ein Beſuch in Mayland dringender, deſſen altes Gebiet die übrigen lombardiſchen Provinzen in allem, was die Bewäſſerung angeht, weit übertrifft. Sieht man hier die mächtigen Canäle, die zugleich Schiffe tragen und dem Landbau behülflich ſind, gleich jenen des alten Babyloniens, ſo drängen ſich die Fragen gebieteriſch auf: wo— her die erſte Anregung zu dieſen rieſenhaften Unternehmungen? und weßhalb eben hier im Gebiet des alten Herzogthums May— land mehr Umfang, mehr Kunſt in den Anlagen, mehr Weis⸗ heit und Sparſamkeit in deren Anwendung auf den Landbau? Die erſte dieſer Fragen beantwortet man ſich in May— land, indem man die Bewäſſerung der Felder und Wieſen von den Arabern ableitet, und beſonders eben von den ſpaniſchen. Ich vermag nicht zu entſcheiden, ob dieſe ganz hypothetiſche Ableitung nur ein Nachklang aus fruͤherer Zeit, oder in der neueſten aus den Kunden entſtanden ſey, welche die ſchöne Arbeit des Jaubert de Paſſa*) über Frankreich und die an— grenzenden Länder verbreitet hat. Dieſer gründliche Forſcher iſt, was leicht ſich erklärt, für die alte mauriſch-arabiſche Bevölkerung von Spanien ſehr ein— ge⸗ *) Voy. en Espagne dans les années 1816— 19 ou Recherches sur les arrosages, sur les lois et coutumes etc.— Paris 1823. 8. Ich verdanke Herrn Profeſſor Huber die nähere Bekanntſchaft mit dieſem wichtigen Werke. 81 genommen. Und ſeine Darſtellungsweiſe, welche zum abge⸗ riſſenen und uͤberſpringenden ſich hinneigt, laͤßt nicht allein ſeine Leſer, nein auch ihn ſelbſt nicht ſelten das eine über das andere aus den Augen verlieren. Nach ſeiner eigenen Angabe iſt ein großer Theil der vorhandenen Bewäſſerungswerke erſt in neueren Zeiten zur gegenwärtigen Ausdehnung und Groß⸗ artigkeit erhoben worden, was die von ihm ſo feurig geprieſe⸗ nen Culturen der Araber dem Raum nach ſehr einſchränkt. Von den alten Werken aber iſt es nicht ſelten zweifelhaft, ob die Araber ſie im Mittelalter neu gebaut, oder nur vorge⸗ funden und benutzt haben. Richtig bemerkt Héricart de Thüry,*) als Berichterſtatter der großen franzöſiſchen Ackerbaugeſellſchaft, daß jener merk⸗ würdige Siphon der»Azequia de Castellon de la Plana,« den Jaubert beſchreibt**), mit den Lehren Vitruvs, im ſieben⸗ ten Capitel des achten Buches im Ganzen übereintrifft; und ſchließt daraus auf die Möglichkeit, daß er ein Römerwerk ſey. Allein auch die Karthager hätten an denjenigen Stellen, welche ſie beherrſchten, oder nur kaufmänniſch benützten, ſowohl auf die gewöhnliche, zu Tage liegende Weiſe, als durch unter— irdiſche Werke, gleich dem erwähnten, für die Bewäſſerung ihrer Güter ſorgen können. Denn ſie bewäſſerten ihre Fel⸗ der;**r) und was im Bergbau und in den Hafenwerken**rr) ſie leiſteten, mußte ſie fähig machen, auch für die Feldbewäſ⸗ ſerung das ungewöhnliche zu thun. *) Daſ. T. 1.— Extrait du Rapport etc. p. XX. s. 24) Daſ. T. 1. ch. 3. rn) S. Heeren, Ideen, Karthager. Diodor iſt hierin der Gewährs⸗ mann; für die ſpaniſchen Colonieen hingegen Plinius:(h. n. lib. III.)— Tader fluvius, qui Carthaginiensem agrum rigat— Baeticae primum ab Oligetania infusus amoeno blandus alveo crebris dextra laevaque accolitur oppidis. rrn) S. Polyb. libri X. Rcel. c. 10. (6) — V 1 1 1 1 3 6 5 8² Unter allen Umſtänden verliert Jaubert in ſeiner wärm⸗ ſten Bewunderung nicht ſelten aus den Augen, daß die Araber des Mittelalters, obwohl ein empfängliches und gelehriges, immer doch kein primitives Culturvolk waren; daß alſo die Geſchichte der Bewäſſerung an keinem Puncte der Erde mit ihnen den Anfang nehmen kann. In der Vorrede freylich gibt er ihnen die Perſer und andere Völker des Alterthumes zu Lehrern; auch ſtellt er ſie dar als Wüſtenbewohner, welche im erſten Sturme der Eroberung nicht alſobald den Ackerbau in Beachtung genommen; auch rühmt er ihre Duldſamkeit gegen die chriſtlichen Gemeinden, welche die Eroberung überdauert hatten. Das alles hätte Jaubert auf die Vermuthung hinlei⸗ ten ſollen, daß ſeine Araber Bewäſſerungen mögen vorgefun⸗ den, beybehalten, und beſtenfalls ſie weiter ausgedehnt haben. Auf der anderen Seite widerſpricht nichts der Annahme, daß ſie bereits mit allen Kunſtvortheilen der Bewäſſerung ver⸗ traut waren, als ſie Spanien ſich unterwarfen. Denn un⸗ mittelbar nach Anfang ihrer Zeitrechnung haben ſie über Ge⸗ genden ſich ausgebreitet, deren Bewäſſerungen ſchon im hohen Alterthume berühmt waren. Bagdad, der Sitz des Chalifats, lag innerhalb der Grenzen des alten Babyloniens und ward die Verbindung mit dieſem großen Mittelpuncte bekanntlich nicht alſobald nach der Eroberung Spaniens abgeriſſen. Es ſcheint mir demnach voreilig, über die Frage abzu— ſprechen, ob die Araber die Bewäſſerungsanſtalten der Alten in Spanien noch vorgefunden und deren Gebrauch nur wieder⸗ aufgenommen, oder beybehalten haben; ob ſie hingegen unter den Weſtgothen in Vergeſſenheit gekommen waren, was aus dem Schweigen der Geſetze, weil dieſe die Gothen allein an— gingen, durchaus noch nicht erweislich iſt. Unter allen Um— ſtänden konnten die Vortheile der Bewäſſerung ihnen nicht fremd ſeyn, mögen ſie dieſelben nun in Spanien verjüngt Wͤͤͤͤ——C—ꝛꝛ—————————. ——————— 8³ 39 haben,(neu eingeführt, ware jedenfalls trrig) oder vielmehr ci nur ſich angeeignet, was in dieſer Art vor ihnen war ange⸗ dſe n legt und benutzt worden.. dden Neberhaupt iſt die Bewäſſerungscultur nicht etwan als ijm eine ſinnreiche Erſindung aufzufaſſen, ſondern als ein noth— wendiger, durch beſtimmte äußere Umſtände den Menſchen ab⸗ 4 1 gedrängter Behelf. Denn in den ſubtropiſchen Gegenden, die jein weder die periodiſchen Regengüſſe der heiſſen, noch die Ge⸗ hn witterregen der gemäßigten Zonen, vielmehr eine fortwährende ſegen Dürre haben, iſt, wie ſchon Herodot*) geſehen, die Bewäſſe⸗ 15 rung eine unerläßliche Bedingung der Agricultur. Jene von uii den Alten ſo hoch geprieſene Fruchtbarkeit der aſſyriſchen Ebe— fan⸗ nen war bekanntlich ganz das Werk der Canäle und Bewäſ⸗ ben. ſerungsgräben, welche ſie durchſchnitten.**) Eben wie noch ſne jetzt in Südchina und Nordindien, wo dieſe Form der Cultur er mindeſtens gleich alt iſt, wie viel denn auch, in ſpäterer Zeit, un⸗ durch mongoliſche Herrſcher für deren weitere Ausbreitung Oe⸗ mag geſchehen ſeyn.***) den Indien und China lag außerhalb des Horizontes der alten dti Welt; und die Perſer, deren heilige Bücher die Bewäſſerung vadd ebenfalls begünſtigen**rr), wurden nicht lang nach dem Ver⸗ tüch falle der macedoniſchen Größe wiederum aus den Augen ver— loren. Allein die Bewäſſerungsanſtalten Babyloniens über— ägzu⸗ dauerten die verſchiedenen Weltreiche, deren Macht ſie hatten Alten eder⸗*) I. cap. 193. zu Anfang. Inter*r) Herodot daſ. im Fortgang. Und, III. c. 117, von Perſien. .**n) S. was über Indien und China in neueſter Zeit aus orientaliſchen ali Quellen iſt ausgezogen und übertragen worden. Vgl. die flüchtige, an⸗ doch ſehr umfaſſende Arbeit: L. Reynier, de l'Economie publique Un⸗ et rurale des Perses et des Phéniciens, Genève 1819. 8.; bey niht deren Benutzung jedoch die größte Umſicht zu empfehlen iſt. rrr) S. Zend Aveſta, in Anquetils franzöſiſcher, oder deren deutſcher Ueber⸗ ngt ſetzung, an leicht auffallenden Stellen. Vgl. Chardin, voy. en Perse. (6*) 8⁴4 ſtützen helfen, mindeſtens bis zum vierten Jahrhundert unſerer Zeitrechnung*). Mehr als ſechshundert Jahre lang waren ſie demnach den Griechen und Römern ein zugänglicher Gegen⸗ ſtand der Beobachtung und Nachahmung. Herodot und Feno⸗ phon hatten ſie geſehen und durch ihre Schriften die Aufmerk⸗ ſamkeit der Griechen auf ſie hingelenkt. Häufig wurden ſie in der Folge von Hiſtorikern, Geographen, Naturforſchern, bald mehr in Beziehung auf Krieg und Handel, bald mehr in agrariſcher aufgefaßt. Der ſpäte Plinius erwähnt ihrer daher als einer ſchon allgemein bekannten, der näheren Erörterung ganz unbedürftigen Thatſache**). So ſcheint denn von Ba⸗ bylonien aus die Bewäſſerungscultur über die geſammte alte Welt des Weſtens ſich verbreitet zu haben. Die Bewäſſerungen des alten Aegyptens konnten den Alten nie in dem Maße, als jene Babyloniens, ein Gegenſtand der Nachahmung ſeyn. Die jährlichen Ueberſchwemmungen des Nil, auch die Fruchtbarkeit ſeines Schlammes, mußten als ein Geſchenk der Natur ſich darſtellen; die künſtlichen Veranſtal⸗ tungen aber, der Moeris und was dahin gehört, als das un⸗ nachahmliche Product einer von allem bekannten und wün⸗ ſchenswerthen zu weit abweichenden Staatseinrichtung. Ueber Syrien alſo möchte die Feldbewäſſerung zu den Carthagern gekommen ſeyn und weiter bis zu den griechiſchen *) Ammian. Marc. lib. 24.(vom Euphrat): Amne enim repente extra margines evagato— cataractis avulsis ad diffundendas reprimendasque aquas, rigare suetas, opere saxeo structis.— Dieſe Schleuſen waren in Anſehung ihrer Conſtruction wahrſchein— licher Ueberreſte aus der Zeit des maccedoniſch-ſyriſchen Reiches. Neuere Reiſende wollen noch immer alte Anlagen dieſer Art wohl erhalten, und ſogar noch in Gebrauch, vorgefunden haben. *) h. n. lib. VI.— Sed longo tempore Euphratem praeclusere Orcheni, et accolae agros rigantes. Etwas früher von dieſem Strome: priusquam distrahitur ad rigua; und, lib. IX.— eirca Babylonis rigua. — 8⁵ 45 Colonien in Siellien und Italien.*) In welcher Ausdehnung Gege ſie beh den üͤbrigen Griechen in Gebrauch war, iſt gegen⸗ Bn wäͤrtig nicht wohl auszumachen, weil deren agrariſche Lite⸗ fner ratur nur aus ſpät geſammelten Anszügen bekannt iſt⸗ in den⸗ dt ſ ſelben aber, aus welchem Grunde es ſey, die Bücher fehlen, ſcher, 3 whs den eigentlichen Feld und Wieſenbau**) hätten lehren ollen. äi V Die Beantwortung indeß der oben aufgeſtellten Frage: ob dihe V die Araber in Spanien Bewäſſerungsanſtalten und auf ſie ge⸗ klung V gründeten Feldbau haben vorfinden können, oder nicht? wird ä V nicht die griechiſche, noch auch die ältere, vielmehr nur die aün römiſche Specialgeſchichte gewähren ſollen. In dieſer aber V nimmt die Feld und Wieſenbewäſſerung bekanntlich einen ſehr Ain breiten Raum ein. d der V Anweiſungen zur Einrichtung und Bewäſſerung der Wieſen d V finden ſich an ihrer Stelle bey den Schriftſtellern vom Acker⸗ ein bau***); Auszüge aus dieſen in dem großen Werke des älteren nſta⸗ Plinius*n); Beziehungen auf ſie ſogar in den Dichtern †). — vin⸗ b*) Virg. Georg. lib. IV. v. 126: V— qua niger humectat flaventia culta Galaesus. den**) Geoponicon, lib. III. c. XI. No 7. heißt es in dem Wirthſchafts⸗ kalender:„Bewäſſere die Wieſen, die gewohnt ſind, bewäſſert zu ſchen werden.“ Für unſeren Gegenſtand iſt in dem ſonſt belehrenden Werke nichts weiter aufzufinden. epente***) Columella, lib. II. Cato, c. VIII. et IX. dendas Fee) h. n. lib. XXVII. tis.— †) Virg. Georg. lib. I. v. 106 ss. rſchein⸗— Et quum exustus ager morientibus aestuat herbis Reiches. Ecce supercilio clivosi tramitis undam itt wol Elicit.— Dieſe Stelle iſt um ſo wichtiger, als bey den Scr. de R. R. eclusere die leicht erhöhete Anlage des»Maestro« oder des eigentlichen dieſem Bewäſſerungsgrabens, nicht hinreichend deutlich gemacht wird.— eirca Vielleicht war ſchon, als Virgil ſchrieb, die gegenwärtige Lombar⸗ dey in der Wieſencultur den ſüdlicheren Gegenden voraus. 86 Auch in der Gemüſecultur*) ward, gleichwie im heutigen Rom, im Luccheſiſchen und ſonſt überall, wo dazu Gelegenheit iſt, die Berieſelung dem üblicheren Begießen, aus leicht verſtänd⸗ lichen Gründen, vorgezogen. Allein bey weitem die reichhaltigſten Quellen für die Ge⸗ ſchichte der Bewäſſerung innerhalb der Grenzen des römiſchen Reiches ſind deſſen Geſetze und Rechtsſchriften. Die Digeſta haben uns die Anſichten und Ausſprüche älterer Gelehrten und Obrigkeiten aufbehalten**); die Codices aber laſſen nicht be— zweifeln, daß bis auf Theodoſius und Juſtinian herab die römiſche Geſetzgebung veranlaßt war, den Bewäſſerungsange⸗ legenheiten einige Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Es galt da⸗ mals vornehmlich, den Mißbräuchen in der Benutzung öffent— licher Waſſerleitungen vorzubeugen**). Alſo glaube ich, in Anſehung der langen Dauer und weiten Ausbreitung der Bewäſſerungscultur in der alten Welt, die Vermuthung wagen zu dürfen: daß in der lombardiſchen wir eben nur ein traditionelles Denkmal des höheren und claſſi— ſchen Alterthumes vor uns haben. Daß für die Fortdauer der Bewäſſerung während und nach der longobardiſchen Einwanderung die ſchriftlichen Zeug— niſſe ſelten, dunkel und mehrdeutig ſind, dürfte in dieſem be— ſonderen Falle keinen ganz überwiegenden Gegengrund her⸗ ſtellen können. In dem langen Zeitraume vom ſechsten bis zwoͤlften Jahrhundert ward überhaupt nicht viel geſchrieben *) S. scr. de R. R. Pallad. I. c. 34. Theophraſt, und nach ihm Plinius, unterſcheiden die Gemüſepflanzen in ſolche, die geſalzenes, in andere, die ſüßes Waſſer vorziehn. Vgl. Hor. Sat. IV. v. 15 s. **) S. L. 1. 2. De servitutibus praediorum(Dig. lib. 8. tit. 3.). Be⸗ ſonders aber den ganzen Abſchnitt: De aqua cottidiana et aestiva (lib. 43. tit. 20.). *rr) LI.. 1. ad 7. de aquaeductu(C. J. lib. II. tit. 42.).— Vgl. die Baſiliken. Non, di ſ rſtänd⸗ Ge⸗ iſchen igeſta und be⸗ die ange⸗ t da⸗ ffeut⸗ eiten die wir aſſi⸗ und ug⸗ be⸗ her⸗ bis ieben h ihm lzenet, y. 15 8. ) W, aestiſd gl. die . 87 und bis auf den Creſcenzi*), deſſen Werk erſt nach 1300 beendigt ward, haben wir, zwar einen ſpaniſchen, doch keinen italieniſchen Schriftſteller vom Ackerbau. Die Chroniſten der⸗ ſelben Zeit richten ſelten ihre Aufmerkſamkeit auf das weſent— liche. Die Urkunden aber ſind für ältere und älteſte Zeiten ſelten, und oft ſehr dunkel abgefaßt. Durch Zuſammenſtellung indeß und mit Zuziehung allgemeinerer Umſtände wird ſelbſt aus dieſen dürftigen und zweifelhaften Kunden einige Klarheit zu gewinnen ſeyn. Beginnen wir mit den Umſtänden. In den ſüdlicheren Gegenden, alſo, bewaͤſſerte man die Felder und Gärten; ohne ſie gab es weder Getraide, noch Gemüſe und Oelpflanzen. In den Ländern hingegen, deren Clima eine glückliche Mitte hält, mußte man zwar auf Wieſen⸗ bewäſſerung ſchon bedacht nehmen, ein Hauptaugenmerk ward ſie indeß erſt in den nördlicher belegenen.— Columella be⸗ gnügte ſich, das einebenen ſolcher Aecker anzuempfehlen, welche zu Wieſen dienen ſollen. Virgil hingegen, der Norditalien vor Augen hatte, ſtellt uns in den ſchon benutzten Verſen den er— höheten Hauptgraben mit deſſen zu beiden Seiten abfließenden Rieſelungen höchſt anſchaulich vor Augen. Ich ſchließe dar⸗ aus, daß Wieſenpflege und Milchwirthſchaft, die beide in ſüd⸗ licheren Gegenden nicht völlig an ihrer Stelle ſind, daher dem mittlen und ſüdlichen Italien ſtets fremd blieben, hingegen in den Ebenen, die jenſeit des Padus lagen, ſchon in der Römer— zeit beliebte und vorwaltende Culturformen waren. Dem Julius Cäſar ward in Mayland von ſeinem hospes ſtatt des Oeles, unguentum, zum Spargel gereicht, was *) Piero de' Crescensci, Trattato dell' agricoltura, Milano. 1805. Voll. III. 8.— Urſprünglich war dieſes Werk lateiniſch abgefaßt. Die zahlreichen älteren Editionen ſind ausnahmlos ſelten. Unter dieſen eine franzöſiſche und ſogar eine deutſche Ueberſetzung. 88 ſeinem Gefolge als ein lächerlicher Provincialismus erſchien*). Dieſes unguentum war nothwendig zerlaſſene Butter; denn Plinius**) meldet uns, daß bey den Barbaren durchhin, bey den Römern aber bloß für Kinder ſie verwendet werde, die Haut nach alter Manier damit zu ſalben und einzureiben. *) Ungeachtet langen Suchens und Bläͤtterns iſt es mir nicht gelun⸗ 5e) gen, den Schriftſteller und Locus wieder aufzufinden, der ſchlecht⸗ hin, unguentum, hat, die eigentliche Quelle der Anecdote, Oppius, iſt verloren. Allein in den Edd. des Plutarch(J. Caeſar), wo der mayländiſche, hospes Valerius Leon genannt wird, finde ich: uν0ν νυνι ε‿ον aτιααννινν— Plutarch ſagt an einer andern Stelle(adv. Colot. 4.) w*ν»* ⁵μι τ τ εμπυιον, ̈ν Sodνπινινςσον dυεανε‿ναραμαν— zα ν uνοονστνα τ νυνηννιο da¹ u⁴‿νον ειειιεςα ◻ νσαυdec.— hatte demnach Kunde von der Anwendung der Butter als Salbe. Dennoch bezweifle ich nicht, daß er (˙ν 0 geſchrieben habe, weil es die verſtändlichere Ueberſetzung des lateiniſchen Wortes, unguentum, iſt. So hatte wahrſcheinlich der für uns verlorene Gewährsmann dieſer Anecdote, Oppius, geſchrieben. Denn Sueton(Julio, c. 53.), der ihn citirt, hat: conditum oleum pro viridi—; was Dacier verleitet haben möchte, obige Stelle des Plutarch durch, huile à senteur, zu überſetzen. Es iſt ſehr erklär⸗ lich, daß Plutarch und Sueton, da Butter in ihren Gegenden nicht in Küchengebrauch war, den Ausdruck: pro oleo unguentum, jeder auf ſeine Weiſe auslegten, überſetzten, umſchrieben. Jedenfalls beweiſen ihre gegenſeitigen Abweichungen, daß ſie dem Originaltext der Erzählung nicht können treu gefolgt ſeyn. Und da es gegen alle Wahrſcheinlichkeit iſt, daß man beim Val. Leo Parfüms zum Spargel gegeben; weil, wenn es geſchehen wäre, dieſes als eine Trimalciontiſche Geſuchtheit, und nicht als eine rusticitas(Suet.), hätte den Römern auffallen können; da, ferner, der trockene Spar⸗ gel einen Fettſtoff natürlich zu begehren ſcheint; und da, wo das Oel ſelten und von fern hinzugeführt war, die zerlaſſene Butter deſſen nächſtes Surrogat iſt; da endlich die Butter(ſ. folgende Note) bey den Römern diente, die Kinder zu ſalben, alſo denen, welche an deren Küchengebrauch nicht gewöhnt waren, als eine Salbe erſcheinen konnte: ſo wird es nunmehr ziemlich erwieſen ſeyn, daß man ſchon damals jenſeit des Po in den Küchen der alten Bewohner, wie nicht minder in denen der römiſchen An⸗ ſiedler, das mangelnde Oel durch Butter erſetzt habe. h. n. Lib. XI. c. 41.— pingue butyrum— non omittendum in eo olei vim esse, et barbaros omnes infantesque nostros ita ungi. 89 5) Apicius erwähnt der Butter gar nicht; was zu vermuthen dem giebt, daß zu ſeiner Zeit deren Kuchengebrauch nicht bis in de die Gegenden vorgedrungen war, in welchen der Oelbaum die gedeiht und reichliche Erndten gewährt. ben. In den Ebenen alſo jenſeit des Padus, werden die römi— ſchen Coloniſten von den alten Landesbewohnern(Galliern, un.. oder Germanen) die Art der Feldwirthſchaft angenommen ha⸗ 4 ben, auf welche die Natur dort ſehr gebieteriſch hinweiſt. Die er ſo viel ſpäter eingewanderten Longobarden aber mußten um : ſo mehr ſie beyzubehalten geneigt ſeyn, als darin befreundete 5 und wohl bekannte Elemente ihnen entgegentraten. Gewiß b9 b begunſtigen ihre Geſetze“) die Rindviehzucht; obwohl anfäng— ur lich in dem entvölkerten und verwilderten Lande, wie noch 8s jetzt im nordweſtlichen America und, für alte Zeit, bey jenen 7 Griechen, welche die Odüſſee uns darſtellt, die Triftſchweine m noch mehr Gewinn brachten, alſo auch mehr Schutz verdien— es ten**).— Und weßhalb hätten die Longobarden das, was nt ihnen ſo nahe lag, von ſich abgewieſen, da ſie doch in ihren der neuen Sitzen ſo viel anderes von den alten Bewohnern ange⸗ d nommen haben, das ihnen durchaus neu war: als die Archi⸗ oa tectur, oder Baukunſt in Bruch- und Backſteinen***); den zum Weinbau***). 4 Nach dieſen Vorausſetzungen, welche einleuchtend nicht drar willkührlich angenommen, ſondern begründet ſind, werde ich 1 aufſtellen dürfen, daß jenes in den longobardiſchen Geſetzen dende*) S. LL. Longob.(ap. Murat. scr. R. It. To. I.; Canciani, LL. enen, barbaror. vol. 1.) Rotharis Regis LL. 330— 63.— L. 337. b— Si quis percusserit vaccam praegnantem etc. d**) S. in den longobardiſchen Geſetzen die anſehnliche Buße für den 1 Todſchlag eines, magister porcarius, und deren Hälfte für deſſen n lh Lehrjungen, oder Gehülfen. 4*⁵) S. Rumohr, ital. Forſchungen, Thl. III. p. 170 ff. un werr) Rotharis LI. 297— 301. ungi. —öWöWö — 4 re ee eeer n 90 mehrmal wiederholte Verbot, auf fremdem Boden Canäle, oder Gräben zu öffnen*), mit eben ſo gutem Grunde von Zulei— tungscanälen könne verſtanden werden, als von bloßen Grenz— oder Abzugsgräben. Es umfaßte höchſt wahrſcheinlich, ja noth⸗ wendig die einen mit den anderen, weil es gleich nahe lag für den einen, wie für den anderen der nicht ausgeſprochenen, aber möglichen und denkbaren Zwecke Gräben zu öffnen. Erwägen wir aber, daß nach allgemeinem Rechte kein Nachbar dem anderen den Abzug des Waſſers nach deſſen na⸗ türlichem Gefälle wird hindern, oder aufhalten dürfen, ſo wird jenes Geſetz vornehmlich ſolchen Streitigkeiten vorbeugen wol— len, welche aus dem Eröffnen von Zuleitungsgräben auf frem— dem Grund und Boden entſtehen konnten und ſchon damals häufig mögen entſtanden ſeyn. In den Urkunden der longobardiſchen und carolingiſchen Epoche, ſo weit ich dieſelben in Bezug auf dieſen Gegenſtand durchlaufen habe, ſtehet allerdings nur weniges, das auf ihn Bezug hat, oder zu haben ſcheint. Das häufig vorkommende »cum aquis aquarumque decursibus« war allerdings zur leeren Formel ausgeartet, kann daher auf keine Weiſe hier in Be⸗ trachtung kommen. Hingegen möchte das ſeltenere»usus aquae,« oder»aquarum,« hier wie im römiſchen Rechte**), ſchon eine beſtimmtere Bedeutung haben. Denn meiſt wird es unmittel— bar mit»pratis et pascuis« verbunden**); unangeſehn, daß es oftmals bey ſolchen Beſitzungen in Anwendung kommt, deren Lage die Zuleitung und landwirthſchaftliche Anwendung des *) Long. LL. Luitprandi, lib. V. Tit. 17. Lib. VI. 97.— si quis fossatum in terra aliena fecerit etc. **) L. 3. D. de servit. praed. rusticorum. 25. nr) S. Lupi, cod. dipl. Bergom. T. I. p. 685. s.(anno 840.) p. 891. (anno 879.) p. 911.(anno 881.); To. II. p. 70.(a. 909.) p. 86. (a. 913.). —— Waſſers begünſtigt*). Gewiß war in den dunkleren Zeiten der Fall nicht unerhört, daß, in Folge vorangegangener Unter⸗ handlungen und ſchriftlicher Verträge, auch auf fremdem Grund ui und Boden Canäle ausgegraben und Waſſeerleitungen angelegt ln wurden**). Ob zu bloß häuslichem, oder zu landwirthſchaft⸗ gen, lichen Zwecken blieb unausgeſprochen; und gehörte es, genau ). zu nehmen, eigentlich nicht in Contracte, welche den Gebrauch, 2 oder das Eigenthum eines Waſſerlaufes ohne Beſchränkung d⸗ noch Vorbehalt dem Käufer, oder ſonſtigen Erwerber zugeſtehn. d Und darf es überhaupt nicht befremden, daß ſo lang, als l⸗ die politiſchen Verhältniſſe gemeinſame Unternehmungen aus⸗ n⸗ ſchloſſen, das Waſſer daher nur in geringer Menge und für als das Bedürfniß vereinzelter Wirthſchaften herbeygeleitet ward, davon nur ſpärliche, oft zweifelhafte Kunden bis auf uns ge— hen langt ſind. Eben ſo wenig aber, daß im Verlaufe des zwölften and Jahrhunderts die lang entbehrte hiſtoriſche Gewißheit in über— ihn raſchender Helligkeit aus den Nebeln des Mittelalters hervor⸗ ende bricht. Denn auch dieſes lag in den Umſtänden. Die ſchnelle eren ve⸗ 21 4.. *) Daſ. To. II. p. 78. s.(anno 911.): vendo tibi— una pecia di ae¹ terra prativa que habere visus sum in fundo et fenita Aule- eine nasca loco ubi dicitur a pratu ad Brembo ad fossato—. Bey tte Fantuzzi, mon. Ravennati, To. VI. p. 5.(An. 893.)— caput ttel⸗ aguis cun terris, Campis, Pratis.— Auch die hier genannte daß Quelle kann, gleich den, sorzedillis, der ſpäteren Urkunden, Be⸗ deren wäſſerungszwecken gedient haben. * α) Muratori, antt. Ital. To. I. p. 668.(anno 760.)— spondeo ego des Godolus subdiac. Ecclesie Brixiane vobis Anselberge Abbatisse mon. Dni salvatoris intra predictam civ. Brix. fundatum de curriculo illo per quam graditur aqua ad suprascriptum mon. i guis vestrum et estat in parte constitutus in terra que proprietario juris mei pertinere videtür, usque ad pedes septuaginta sex per longum——— liberam licentiam habeat pars monasterii vestri l. omni in tempore fodere et aperire terram que erga ipsum g.(curriculum) constat ad recooperandum in quo lesum et con- torbatum fuerit etc. Zunahme der lombardiſchen Städte an Macht und Bevölke— rung, die Ausdehnung ihrer Gewalt uͤber die benachbarten Landſtriche, erklären es hinlänglich. Und kommt hier in Be⸗ trachtung, daß, bey mehr geregelter Staatsverwaltung, eine größere Sorgfalt eintrat, ſowohl im verfaſſen, als auch im aufbewahren ſchriftlicher Urkunden. Wir verdanken dieſen Umſtänden, nächſt dem was ſie un— mittelbar gewähren, auch einige Stützpuncte, von denen aus wir rückwärts ſehen und auf das dunklere Mittelalter zurück⸗ ſchließen können. Das erſte, ſo hier in dieſen ſchon deutlichen Regionen der Geſchichte dem Forſcher entgegentritt, iſt die Thatſache: daß in der Lombardey ſowohl die Theorie und Praxis der Bewäſ⸗ ſerung, als auch die ſie betreffenden Geſetze und Gerichtsfor— men in keinem Stücke auf den Orient, vielmehr durchhin auf das römiſche Alterthum zurückverweiſen. So bemühte ſich der ſchon erwähnte Creſcenzi, der um 1300 ſein Werk vom Landbau in lateiniſcher Sprache verfaßte, die Lehren der Alten mit ſeinen eigenen Erfahrungen und An— ſichten in Uebereinſtimmung zu ſetzen. Gerade da, wo die Anlage und Haltung der Wieſen gelehrt wird, beruft er ſich wiederholt auf den Palladius*); und es finden ſich den Grund— zügen nach ſeine Regeln auch im Columella wieder**). Ueber⸗ *) Trattato dell agric. lib. VII. c. 2.— secondo che dice Palla- dio; und c. 3.— come dice Palladio. **) Daſ. c. 2. von neuangelegten Wieſen: E non si dee prima ad- aquare, che'’l suo suolo sia divenuto duro, acciochè la forza dell'* adua, che vi corre per entro non meni via la sua debile e non dura corteccia.— Columella lib. II. c. 17.(18.)— deinde locum rigare— si tamen terra densior est. Nam in resoluta humo non expedit inducere majorem vim rivorum, priusguam con- spissatum et herbis colligatum sit solum. Der lateiniſche Text des Creſcenzi, der meines Wiſſens nur bandſchriftlich ſich vorfindet, würde den Vergleichungen dieſer Art 93 haupt moͤchte es gegenwaͤrtig unmöglich ſeyn, unter den allge⸗ meingültigen, verbreiteten Kernſprüchen der italieniſchen Land⸗ wirthe das traditionelle von dem zu ſondern, was in ſpäterer Zeit aus den Schriftſtellern des claſſiſchen Alterthumes all⸗ mählich in die Volksweisheit übergegangen iſt. Ausgemacht alſo wäre es, daß ſchon zur Römerzeit die Wieſen, Feld und Gartenbewäſſerung den Italienern bekannt war. Und in Anſehung, daß die Rebe, der Oelbaum, alle üubrigen Baum und Feldfrüchte des Alterthumes, im Verlaufe des Mittelalters ſich erhalten haben, wäre es mehr als wahr— ſcheinlich, daß auch die Vortheile der Bewäſſerung bey den Italienern dieſer Zeit ſtets bekannt blieben und nach Maßgabe der Umſtände, auch in Ausübung kamen. Weßhalb denn ſoll⸗ ten wir, ohne den mindeſten hiſtoriſchen Beweggrund, nach einer ganz unbegründeten Hypotheſe, die Bewäſſerungscultur der Lombarden von den ſpaniſchen Arabern ableiten wollen? Hätten nicht mit den Bewäſſerungsanſtalten zugleich auch die Producte des ſpaniſch-arabiſchen Feldbaus auf jenen des ita— lieniſchen und beſonders des lombardiſchen Mittelalters über⸗ gehen müſſen? Allein davon zeigt ſich bekanntlich gar keine Spur. Der Reisbau, der bis in das ſechzehnte Jahrhundert den Italienern fremd blieb*), war nicht lang nach der Eroberung noch mehr Sicherheit geben. Doch ſcheint er hier, wie an anderen Stellen, nicht eigentlich abgeſchrieben, noch ſelbſt überſetzt, vielmehr überein und beygeſtimmt zu haben. *) Burger, Thl. I. S. 265 f. führt unter den Autoritäten für obige, erſt neuerlich ganz feſtgeſtellte Thatſache auch den Villani und Creſcenzi an, welche(um 1300) vom Reisbau noch nichts zu mel⸗ den wußten. Auch ſtellt er dieſe alten Originalſcribenten mit den Sammlern alter Kunden, einem Muratori und a. m. zuſammen. Indeß beruhet Burgers großes Verdienſt nicht auf dem literäriſchen und hiſtoriſchen Theile ſeiner Arbeit. ——— 94 /·/¶¶···˖˖·.····· von Valencia durch die Könige von Aragonien daſelbſt ver⸗ breitet“) und, wie man glaubt, im Lande ſo alt, als die Araber ſelbſt**). Hingegen lag den ſpaniſchen Arabern, wie noch jetzt ihren Nachkommen, die Gras und Heuwerbung und darauf gegrün— dete Milchwirthſchaft nothwendig aus der Hand. Und könnte dieſe Vergleichung im Falle des Bedurfniſſes durch alle Puncte hindurchgefuhrt werden. Doch nicht allein in der Manier und in den Zwecken der Bewäſſerung, nein auch in der Geſetzgebung und Rechtspflege, welche jene begleitete und lenkte, findet ſich, ſtatt der geſuchten Uebereinſtimmung, vielmehr die größte Verſchiedenheit. Die Geſetzgebung der Norditaliener begründete ſich in Be⸗ wäſſerungsangelegenheiten auf das römiſche Recht***). Was über die Autorität rein polizeylicher Beamten hinauslag, der »campari,« fiel in den gemeinen Rechtslauf. Dieſem waren juriſtiſch gebildete Richter vorgeſetzt, welche fremde ſeyn mußten*en). Hingegen trat zu Valencia bald nach Unter⸗ *) Beſchränkungen des Reisbau's durch die Geſundheitspolizey von Valencia dd. 1342. Bey, Cavanilles, descripcion del Reyno de Valencia, lib. II.§. 101. Dſ. daſ.: comunmente se cree que lo introduxeron los Arabes con su dominacion. **) *) Schon in den: Consuetudines Mediolani anni 1216. cum auto- grapho per Dr. Raph. Fagnani diligenter collatae(Ambrosiana P. 42.)»Incipit liber« etc.—(Alſo kein authographum, wie Verri und unter ſo vielen, auch Bruſchetti, dieſes Mſ. citiren, ſon⸗ dern eine Abſchrift aus dem ſechzehnten Jahrh. doch frey von ab⸗ ſichtlichen Verfälſchungen und ziemlich zuverläſſig) finden ſich De— finitionen, als: Servitus est constitutio, qua domus servit domui ete.— Rusticorum vero praediorum servitutes sunt haec: via iter— aquaeductus et aliae similes etc. Vergl. die ſpäteren Redactionen des Statuts, von 1396. 1498. vwrr) Statut. Mediolani(Ms. Ambr. fol. CLI. Ed. Carpani cap. 280.) De electione offitialis aquarum. Eligatur unus offitialis fora- sterius Jurisperitus, qui non habeat aliud offitium etc. —————õõõ——— 95 ver⸗ werfung der arabiſchen Bevölkerung eine hoͤchſt eigenthümliche di Gerichtsbarkeit an das Licht, welche die Bewäſſerungsſtreitig⸗ keiten ſummariſch zu entſcheiden befugt iſt und von Sachkun⸗ hren digen(Beſitzern, Pächtern, Intereſſenten) ohne Rechtsſubtili⸗ tn⸗ täten nach Brauch und Billigkeit gehandhabt wird. Gemeinhin inte wird angenommen, dieſes Gericht ſey arabiſchen Urſprunges. cte Indeß ſcheint niemand bisher ſich die Mühe gegeben zu haben, hiſtoriſch zu beweiſen, daß es den Anſichten und Sitten des er Orients im ganzen, oder der ſpaniſchen Araber insbeſondere , angehöre. Daß man der arabiſchen Bevölkerung ihre Her— en kommen, Geſetze und Ordnungen zu bewahren verſprach*), be⸗ weiſet nichts für das Alter der gegenwärtig beſtehenden Ein— ⸗ richtung jenes eigenthümlichen Gerichtshofes. In den Rechts— 13 regeln, Präcedenzen, in der Anwendung überhaupt wird un⸗ e fehlbar Vieles bis in die arabiſch⸗mohamedaniſche Zeit hinauf— n reichen. Allein die Einrichtung des Gerichtshofes an ſich ſelbſt, m die Formen ſeiner Herſtellung und Verwaltung, erinnern an deutſche Zunftgerichte, finden ſogar noch im gegenwärtigen Deutſchland in der freyburgiſchen Runſengeſellſchaft ein ſehr *) Nach, Jaubert de Passa, voy. en Espagne etc. To. I. p. 305. ſcheint, was an geſchriebenen Geſetzen vorhanden iſt und den»aze— quieros,« unſerer Tage zur Richtſchnur dient, erſt ſeit 1350 all⸗ mählich verabredet, beſchloſſen und feſtgeſtellt zu ſeyn. Allein an einer anderen Stelle(To. II. p. 115 s.) ſagt er, auf die Autorität des Pav. Borull: or, c'est ce que le Roi Jayme Ier a prouvé par le code qu'il donna aux Valenciens en avril 1239 et sept 3 mois après la conquéèéte.— il(y) est dit que toutes les con- testations, tous les travaux et dommages seront jugés selon la forme et l'ancien usage.— Dans un autre acte le mèême Roi déclare qu'il emprunt aux Maures quelquesunes de leurs lois Rurales, de même que leur mode de construire des canaux etc. — Im neueren Orient emanirt dieſe Gerichtsbarkeit von der Staats⸗ gewalt und wird ſehr willkührlich gehandhabt. S. Chardin, voy. en Perse etc. To. III. p. 99 s.(de l'Ed. 1735. 4.), wo zudem intereſſante Nachrichten über die Art der Perſer, das Waſſer zu finden, leiten und abzumeſſen. 96 entſprechendes Gegenbild. Es moͤchte alſo eben aus dem klu⸗ gen Zugeſtändniß der Eroberer, daß die neuen, durch Sprache, Sitten und Religion ſich unterſcheidenden Unterthanen in eige⸗ nen Sachen ſich ſelbſt das Recht gewähren mögen, allmählich der Begriff und Sinn einer unabhängigen Verwaltung ſich entwickelt haben; in der Folge aber aus dem Bedürfniß, oder aus der Nachahmung deſſen, was bey den Herrn des Landes, den Chriſten, uͤblich war, diejenige Form der Verwaltung her⸗ vorgegangen ſeyn, deren Alter mit Sicherheit nicht über das vierzehnte Jahrhundert aufwärts nachzuweiſen iſt. Unter allen Umſtänden kann nichts verſchiedener ſeyn, als die cort de los azequieros von Valencia und der ausländiſch und juriſtiſch gebildete ofſitialis, oder judex aquarum im Gebiete von May— land und anderer lombardiſchen Städte. Ich konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, die Lücke nach Kräften auszufüͤllen, welche die Geſchichtſchreiber der lombardiſchen Bewäſſerungen bis dahin offen gelaſſen. Dieſe pflegen mit dem zwölften Jahrhundert anzuheben. Sogar das neueſte Werk dieſer Art und Beziehung*), die Geſchichte der mayländiſchen Bewäſſerungen von Bruſchetti, begnügt ſich, für die älteſten und mittlen Zeiten drey bis vier, theils noch zwei— felhafte Thatſachen anzuführen. Hingegen werde ich für die ſpäteren Zeiten auf dieſe treffliche Arbeit aufmerkſam machen ſollen, von welcher eine deutſche Ueberſetzung in Arbeit iſt und bald erſcheinen wird. Zwey Hauptmomente treten daraus mit Deutlichkeit dem Leſer entgegen: zuerſt, der praktiſche Verſtand und die Energie, *) Guil. Bruschetti, Storia dei progetti e delle opere per la irri- gazione del Milanese. Lugano 1834. 4to. Der Atlas, zu wel⸗ chem ich verſchiedene Zeichnungen geſehen habe, war indeß 1837 noch unfertig, wenigſtens noch nicht ausgegeben. ———— —2 97 führt haben; ſodann die Klugheit in der Austheilung des zu⸗ geleiteten Waſſers unter die unzähligen Eigenthuͤmer und Päͤchter, welche daraus gegenwärtig nicht zu berechnende Vortheile ziehn. Die großeren Unternehmungen der Lombarden beginnen von 1177 bis 1179 mit der Anlage des Canals, der früher der Ticinello, der kleine Ticino, genannt ward, doch gegen⸗ wärtig, ſeitdem man bis an die Mauern von Mayland ihn verlängert hat, der Canal grande heißt. Er hatte urſprüng⸗ lich keinen anderen Zweck, als den der Feld und Wieſen Be— wäſſerung, indeß hat man ihn in der Folge ſchiffbar gemacht. Nicht lang nach dieſem großen Werke ward an der Oſtſeite des mayländiſchen Gebietes der Canal della Muzza begonnen, der indeß erſt im Jahre 1220 aus der Adda neue Zuflüſſe und mit dieſen den Namen, nuova Adda, erhielt. Um 1239 ſetzte man denſelben durch einen neuen Einſchnitt mit dem Flüßchen Lambro in Verbindung. Sodann, um 1285 gruben die Lode⸗ ſaner einen Canal, um den Abfluß der Muzza in ihr Gebiet zu leiten, was Streitigkeiten mit den Inhabern des oberen Zufluſſes und 1286 eine Vereinbarung veranlaßte, vermöge deren die Gemeinde von Lodi in den Mitbeſitz des Waſſer— laufes eintrat, allein auch zur Theilnahme an den Arbeiten zur Weiterung der Zuſtrömungsmündung ſich verpflichtete. End⸗ lich ward unter Francesco I. Sforza der Canal der Marte⸗ ſana unternommen, welcher von der oberen Adda abgeleitet ward und bis Mayland geht. Er iſt gegenwärtig, eben wie der Canal grande und der von Pavia ſchiffbar. Gleichzeitig aber ward jedes Flüßchen, jede Quelle, deren man ſich be— mächtigen konnte, theils zur Mehrung des Waſſers in den größeren Canälen, theils für den unmittelbaren Bedarf der näher gelegenen Grundſtuͤcke, bis auf den letzten Tropfen ausgebeutet. Nun hätte dieſe Füͤlle in der Nähe gewonnenen, oder von fern herbeygeleiteten Waſſers die Vorſtellung eines unerſchöpf⸗ (7) ——————————— 1 ———— ſſ—“ —— ) 98 lichen Ueberfluſſes erwecken und zur Verſchwendung verleiten können. Allein ſie bewirkte das entgegengeſetzte. Denn gerade im mayländiſchen ſuchte man zuerſt das Waſſer, ſowohl nach ſeinem Inhalt, als nach der Schnelligkeit ſeines Laufes abzu— meſſen, nach dieſem Maße aber die Berechtigungen, Anſprüche und Bedürfniſſe eines jeden annähernd feſtzuſtellen. Das zugeleitete Waſſer von einem Berechtigten zum an— deren uͤberzuwechſeln, alſo nach der Zeit es abzumeſſen, iſt, als die kunſtloſeſte, höchſt wahrſcheinlich auch die älteſte Weiſe, die Intereſſen benachbarter Landwirthe unter ſich auszugleichen. In den römiſchen Rechtsſchriften wird ihrer gedacht*); und noch jetzt iſt ſie im Orient“*), in Südſpanien, in einem großen Theile Italiens, auch in Deutſchland die übliche. Doch hat ſie erhebliche Nachtheile. Zuvörderſt, verſchwenderiſch zu ſeyn. Denn, wer in feſtgeſetzten Stunden, Tagen, Wochen, den ganzen Inhalt eines gegebenen Waſſerarmes genießt, wird leichtlich mehr Waſſer haben können, als ſein augenblickliches Bedürfniß erheiſcht. Ferner, den Landbau zu hemmen und einzuengen. Denn eben die ergiebigſten Culturen, die Winter— wieſen(prati a marcita), der Reisbau, dieſer wenigſtens für Italien, fordern in ihren Jahreszeiten unausgeſetzte Waſſerzu⸗ flüſſe, werden daher bey intermittirender Austheilung vom Landbau völlig ausgeſchloſſen. Der erſte Schritt darüber hinaus iſt die Meſſung des Waſſers nach der Größe der Mündung, durch welche daſſelbe aus dem Hauptcanal in den Zuflußgraben des Berechtigten *) De aqua quottidiana, Dig. 43. 1. 2.— cujus servitus intermis- sione temporis divisa est.— Basil. He magno aqugeductu. 3. — to 7εοινον ᷣ vvæεινον ενυειιν ενων, dövdru Sy dAdr dog SAxsv. *) S. Chardin, voy. en Perse, To. III., und ſo viele andere Rei⸗ ſende, welche die Bewäſſerungen des Orients berühren. 99 hinuͤbertritt. Schon die Römer duͤrften eine Meſſung dieſer Art bisweilen angewendet haben*). Das Maß, über welches man im mayländiſchen zuerſt ſich vereinbart hatte, die ſogenannte»oncia di Milano,« beſtand in einer Mündung von drey Zoll in der Breite, vier Zoll in der Höhe, durch welche das Waſſer aus dem allgemeineren Zu⸗ leitungscanale, bey ſchwachem Drucke, in den beſonderen des Berechtigten abzufließen hatte. Allein man gewann hiedurch nur eine Annäherung an die geſuchte Gleichmäßigkeit, weil bey verſchiedener Schnelle des Stromlaufes durch dieſelbe Muͤn— dung bald eine größere, bald eine geringere Waſſermenge abfloß. Dieſer Unbeſtimmtheit ſuchte man auf verſchiedene Weiſe ab— zuhelfen. Am Canal della Muzza hält man noch immer eine ſonſt veraltete Methode feſt, nach welcher das Waſſer nicht unmittelbar an der Stelle, wo daſſelbe vom allgemeinen Zu⸗ flußcanale abfließt, ſondern erſt in einiger Entfernung von der Mündung gemeſſen wird. Ein Behelf, der mehr practiſch, als ſtreng wiſſenſchaftlich, allein nicht durchaus zu verwerfen iſt. Wie weit indeß, ſeit den Bemühungen des verdienten Mathe⸗ matikers Soldati(von 1571 bis 1574) und bis zu den ſpä⸗ teſten des Bergamaskers Taddini, man in der Kunſt gelangt ſey, mit dem Volumen des Waſſers zugleich, auch die Schnel— *) S. Gruteri Inscriptiones, 475. 3.— ut aquae digitus in domo sua flueret.— Vgl. Frontin(de aquaeductibus c. 24.) und was J. Polenus S. 73. zu dieſer Stelle anmerkt.— Das: neque earum fistularum, quas matrices vocant, cursum et soliditatem atten- tare(Codd. Th. et Just.), möchte freylich wohl etwas mehr als eine bloße Sicherungsmaßregel ſeyn, auch einige Berückſichtigung der ausfließenden Waſſermenge andeuten können. In den Baſiliken, Quemadmodum servitutes amittantur, 10. möchte— 6 G 28 Sdαiνοσ— ebenfalls auf Meſſung des Waſſers zu beziehen ſeyn. Doch iſt die Sache nicht völlig klar, wohingegen die Vertheilung innerhalb der Zeit ganz ſicher die vorwaltend übliche war. (22) — —— 8) ligkeit, mit welcher daſſelbe ſich voranbewegt, den beſtimmteſten Maßen zu unterwerfen, findet ſich genügend in mehr erwähn⸗ tem Hauptwerke des Bruſchetti und für die, welche tiefer ein— gehn wollen, in verſchiedenen Monographieen*) hiſtoriſch und V theoretiſch dargeſtellt. V Indeß würde die Meſſung des Waſſers, was Bruſchetti V ſo wenig, als ſeine Vorgänger, anerkennt, nicht leicht ſo große Fortſchritte gemacht haben, wenn nicht die verſchiedenen Re⸗ gierungen des mayländiſchen Staates, von den Viſconti bis zu den Spaniern, die größeren Canäle ſämmtlich, und ſogar einen Theil der kleineren, wiederholt als Regalien in Anſpruch genommen hätten. Allerdings war ihr Abſehn ganz auf fisca⸗ liſche Vortheile gerichtet. Denn eben die Zuflüſſe, deren ſie ſich auf ziemlich gewaltſame Weiſe bemächtigten, wurden alſo⸗ bald wiederum an die, welche derſelben bedurften, verliehen, verkauft und vermiethet. Allein auf ſolche Veranlaſſung ward dieſe große Aufgabe nun zum erſten Male unter einen allge— meinen Geſichtspunct gebracht, der Verſchwendung des Waſſers eine feſte Grenze geſetzt und die Möglichkeit perenner, nicht wie bisher bloß alternirender, Zuflüſſe hergeſtellt. Deutlich erkennt die wohlthätigen Folgen jener an ſich ſelbſt ungerechten Maßregel, wer das Mayländiſche mit den benachbarten Provinzen vergleicht, die ſchon im Jahre 1428 ——.—— *) Unter dieſen genießen beſonderer Meinung die Schriften des eben erwähnten Taddini: Della misura e del movimento delle acque correnti. 1816. Milano. 4to. Tavole idrometriche per la dispensa delle acque correnti, per uso della Regia città di Bergamo. In Bergamo 1825. kl. fo. Dieſes letzte Werk iſt nicht im Handel und muß durch Guͤnſt er— worben werden. Estensione delle tavole idrometriche etc. In Bergamo 1830. Vgl. De Regis, uso della tavola parabolica per la misura dell' acqua. Milano, 1807. ſten dn⸗ ein⸗ und hetti roße Re⸗ bis gar ruch gla⸗ ſie alſo⸗ hen, vard lge⸗ ſers icht ſich den 428 eben 1816. renti, kl.fo. nſt er⸗ 1890. surd 101 von den Viſconti an Venedig waren abgetreten worden. Denn hier, wo lange Zeit hindurch am beſtehenden nichts geändert worden, machen die Mängel der alten Verträge und Rechts⸗ gewohnheiten noch täglich ſich fühlbar. Reisbau und Winter⸗ wieſen ſind, bey vorwaltendem alterniren der Waſſerbenützung, ſo gut als ganz ausgeſchloſſen. Und hat ein alter Vertrag durch die Unbeſtimmtheit in der Abmeſſung der zugeſtandenen Waſſermenge neuerlichſt einen verwickelten Rechtshandel her— vorgerufen, dieſer wiederum einige Druckſchriften*) veranlaßt, deren Sächliches der Beachtung nicht unwerth iſt. Wie nun hier der Deſpotismus jener Uſurpatoren uner⸗ wartet zu günſtigen Erfolgen Veranlaſſung gegeben hat, ſo duͤrfte von der gegenwärtigen Verſchmelzung der verſchiedenen Staaten, in welche die Lombardey vormals zerſplittert war, ebenfalls manch eigenthümliches Gute zu hoffen ſeyn. Gewiß hat der frühere Zuſtand den Fortgang und die Ausbreitung der Bewäſſerung im ganzen aufgehalten. Denn über die Benützung von Flüſſen, die Grenzen bilden**), nun gar von ſolchen, deren oberer Lauf unter anderer Hoheit und Herrlichkeit, als der untere, gelegen iſt***), werden die Parteyen nach alter Erfahrung um ſo langſamer ſich verſtaͤndigen, als neben dem Privatintereſſe auch ein öffentliches und allgemeines zu beſei— tigen iſt. Und mag es daher ſich erklären laſſen, daß einige *) Bettoni(ſ. die Vorrede), Osservazioni in risposta alla consul- tazione del Sig. Aovocato Carlo Maroeco ed alla Relazione peri- tale del Sig. Ingegnero Anastasio Calvi. In punto: della com- petenza d'acqua dovuta dalla Regia città di Bergamo ai com- partecipi della coda del Serio per effetto della convenzione 12. Ott. 1813.— E sul metodo prattico di misurare acque cor- renti nella provincia Bergamasca. Bergamo, 1821. 4to. **) S. Bruſchetti, uüber die Arbeiten längs der Adda, welche damals Grenzſtrom war. *r) S. dſ. über die Canäle, welche Lodi und Cremona verſorgen. ——— — * 10² dürre Gegenden der Lombardey*) noch immer des Waſſers entbehren, das hier nur aus ſehr weiter Ferne man hätte her— beyleiten können; wozu zwar die practiſche Möglichkeit ſtets vorhanden war, die politiſche aber erſt eintrat, nachdem dieſe Provinzen in ein einziges anſehnliches Reich ſich verſchmolzen haben. Zwey Grundſätze demnach ſollte man in den Ländern, welche die Vortheile der Bewäſſerung ſich aneignen wollen, von vorn herein auffaſſen und feſthalten. Der eine: daß bey erſtem Entwurfe von Bewäſſerungscanälen und Zuleitungs— gräben ſtets das geſammte Gebiet des Stromes oder Baches in Beachtung komme; daß man nicht ſtehen bleibe bey den Anſprüchen derer, welche die erſten ſind, ſie geltend zu machen. — Ueber einen ſehr intereſſanten dreyfachen Rechtsſtreit dieſer Art und Beziehung, der gegenwärtig im piemonteſiſchen an— hängig iſt, ward mir der actenmäßige Bericht verſprochen, der indeß bisher noch nicht eingelaufen iſt. Man hatte den unteren Stromlauf voralters den Anwohnern zur Benützung überlaſſen, die nunmehr die Ausbeutung des oberen zu verhindern ſuchen. — Der andere: daß man zeitig die beſtimmteſte Waſſermeſſung einführe und bey jedem Grundſtücke, deſſen Bewäſſerung in Frage kommt, ſein eigentliches Bedürfniß annähernd zu er— mitteln ſuche. Von dieſen Grundſätzen waren die Mayländer des Mittel⸗ alters keinesweges ausgegangen. In ungelehrter Zeit ward von ſtürmiſchen Volksverſammlungen früher beſchloſſen, als berathen, was geſchehen ſolle. Man verſchwendete daher viel Anſtrengung und Aufwand, ſowohl am Ticino, wo davon Ueberreſte geſehen werden(pan perduto nennt ſie der Volks⸗ witz) als, in viel ſpäterer Zeit, auch an der Adda. Sogar *) S. Burger, Reiſe durch Oberital. Thl. I. S. 192 und an anderen Stellen. 103 was der Hauptanlage nach als practiſch ſich bewährt hat und fortbeſteht, mußte im Fortgang der Zeit verſchiedentlich, und ſtets mit beträchtlichen Koſten erweitert und verbeſſert werden. Unangeſehn, daß nach dem Urtheil der Sachverſtändigen, die Waſſervergeudung in Folge früherer Freygebigkeit gegen Ein⸗ zelne, durch die Maßregeln der nachfolgenden Regierungen nie ganz beſeitigt wurde. Suchen wir daher ſowohl aus den Fehlern der alten Lom— barden, als aus dem, worin ſie vorbildlich und muſterhaft- ſind, allen möglichen Gewinn zu machen. Bemühen wir uns, ihre Mißgriffe und Fehler zu erkennen, damit wir ſie vermei⸗ den lernen; hingegen ihren allgemeinen Blick, und im einzelnen die Kunſt uns anzueignen, mit welcher ſie Canäle, Schleuſen, Waſſerbrücken und unterirdiſche Waſſerdurchgänge eben ſo wohl⸗ feil, als dauerhaft herzuſtellen wiſſen; ihre Kunſt und ihre lange Erfahrung in der Anwendung des Waſſers auf ſolche Zweige des Landbau's, welche auch in unſeren Himmelſtrichen möglich ſind. Endlich wird auch die Geſetzgebung der Lombardey, in ſo weit ſie die Bewäſſerungen näher angeht, wenn nicht durch⸗ hin zum Muſter genommen, doch von denen beachtet und durch⸗ forſcht werden ſollen, welche hierin einer weſentlichen Lücke in der unſrigen abzuhelfen haben. Der Rubrik vom Waſſer und von den Waſſerleitungen, die ſeit dem vierzehnten Jahrhundert in den Statuten der lom— bardiſchen Städte viel Raum einnimmt, liegen allerdings die römiſchen Definitionen und geſetzlichen Beſtimmungen häufig zum Grunde. Bisweilen hat man ſie wörtlich beybehalten. Das ſpeciellere indeß bildete ſich allmählich aus localem und gegenwärtigem Bedürfniß hervor. Burger*) klagt, daß man in Deutſchland nicht an Bewäſ⸗ *) Thl II. S. 61. — ö 104 ſerung denken könne, ohne ſogleich einen Schwarm von Müllern ſich auf den Hals zu ziehen. Und ſtanden auch in Italien die Müller, welche bey noch mangelhaftem Mechanismus im Mit⸗ telalter zahlreicher waren, als jetzt, den Landwirthen vormals ſehr im Wege. In den Statuten der italieniſchen Städte*) heißt es von ihnen: quorum favor publicus(usus favorabi- lis) est. Man pflegte daher bey allem, ſo den Landwirthen zugeſtanden ward, die Mühlen und ihre Anſprüche an be⸗ ſtimmte Waſſerarme ſtets vorzubehalten. Hingegen verbot man den Müllern, das Mahlwaſſer für andere Zwecke auszubeu⸗ ten**). Durch Verbeſſerung der Mühlenwerke concentrirte ſich dieſes Geſchäft mehr und mehr, verringerte ſich mithin die Zahl der einzelnen Mühlen zum Vortheil des Landbau's. Nach longobardiſchem Recht konnte, ſieh' obige Anfüh— rung, ſo wenig, als nach altrömiſchem, der Durchgang von Zuleitungsgräben durch fremdes Eigenthum erzwungen werden. Man war genöthigt, deßhalb mit dem Eigner beſondere Ver— träge abzuſchließen, wovon ich ebenfalls ein Beyſpiel angezogen habe. Ich finde nicht, bis wie lang in dieſer Beziehung das longobardiſch-römiſche Recht in Kraft geblieben ſey. Doch mußte ſchon bey der erſten größeren Unternehmung, ſchon bey Anlage des Ticinello(1171— 1174) das Bedürfniß eines Entäußerungsgeſetzes ſich gemeldet haben, welches jenem neue— *) Das Mayländiſche Statut iſt durch wiederholte Ausgaben ſehr zu⸗ gänglich. Die Redaction von 1396, von welcher in der Ambroſiana B. 19. eine gleichzeitige Abſchrift, ward abgedruckt: Mediol. 1480 fo. und wieder aufgelegt 1482 daſ. Die übrigen ſeit 15 2 zahlreich publicirten Edd. ſind Abdrücke der ſpäteren unter Ludwig Sforza veranſtalteten Redaction von 1498.— In den Bewaͤſſerungsgeſetzen weicht dieſe letzte von der älteren nur in unwichtigen Ausdrücken und Beſtimmungen ab. **) Stat. Mediolani, Rubr. gen. de aqua etc.(ed. Carpani cap. 295.) — Quod liceat Molenariis adaquare certas insuletas— dum non sint ultra perticas quingçue. — —— ——— d—— ren*) in den Statuten von 1396 und 1498 höchſt wahrſchein⸗ lich zum Grunde liegt. Carl V. ließ das mayländiſche Statut von neuem ſichten und vereinfachen, auf welche Veranlaſſung die Rubrik vom Waſſer, welche fruͤher einige hundert Geſetze enthielt, im Drucke auf zwey Seiten in Quarto zuſammenſchmolz**). Allein eben dieſe Kürze und Allgemeinheit brachte in die Rechtspraxis ſo viele Zweifel und Dunkelheiten, daß in der Folge eine Lite— ratur des mayländiſchen Waſſerrechtes entſtand, die, mit Ein⸗ ſchluß der gedruckten plaidoyers gegenwärtig etwa zweytauſend Bände ſtark ſeyn möchte. Unter den Hauptwerken iſt das weitläuftige Buch des Pecchi***), obwohl es gute Bemerkun⸗ gen und viel Beleſenheit enthält, doch neuerlich durch die Schriften des Romagnoſi**) ganz verdrängt worden. Allein in eben dem Maße, als ſeit drey Jahrhunderten die Gelehr— ſamkeit und Philoſophie, des Waſſerrechtes eifriger ſich an— nahmen, häuften und verwickelten ſich die Rechtsſtreitigkeiten. Die Lombarden, welche die Verwickelung fortſchreitend ſich ſteigern ſehn, empfinden darüber Unruhe und eine unbe⸗ ſtimmte Sehnſucht nach ſummariſchen Entſcheidungen durch *) Ib.(cap. 248.) de aquis conducendis— liceat derivare et con- ducere— per quascunque terras et possessiones cujuslibet Personae communis et universitatis Ducatus Mediol.— ipsis tamen derivantibus et conducentibus, prius solventibus omne et totum illud terrenum, quod occupabitur etc.— Et hoc tam respectu Preci et valoris Rei, quae oceupabitur, quam etiam damni dandi, quod estimari possit usgue in duplum et non ultra. — Auch die Geiſtlichkeit ward angehalten, dieſer Verfügung nach⸗ zuleben. Als ſie ſpäter dagegen ſich aufzulehnen verſuchte, entſchied der heil. Carl Borromeo, als Erzbiſchof von Mayland, gegen ſie. S. die Belege. *) Constitutiones novae Car. V. *rm) Franc. Mariae Pecchii etc. Tractatus de aquaeductu etc. Ti- cini Regii, Lib. I. 1670. II. 1673. III. 1680. IV. 1686. fo. rrr) Della condotta delle acque etc. —— 9 — 106 Sachkundige, etwan in der Art der Cort de los azequieros, oder de la Seo, zu Valencia in Spanien. Sie halten dieſelbe für ein Geſchwornengericht, eine jury, weil irgend jemand den Ausdruck: jurados, der eine ſtädtiſche Behörde, die Munici— palität, bezeichnet, ich weiß nicht wie auf ein ſolches gedeutet, und ſich und andere überredet hat), daß er ſo viel ſage, als das»jury« der Engländer und Franzoſen. Cavanilles, auf den man in Mayland ſich zu berufen pflegt, hat überhaupt nichts von jener eigenthümlichen Gerichts⸗ barkeit der Intereſſenten an den Bewäſſerungen der berühmten „»huerta de Valencia.« Herr Prof. Huber, der bekanntlich in ſeinen geiſtvollen Skizzen aus Spanien die cort de Seo in den Hintergrund einer anziehenden Schilderung verlegt hat, empfahl mir, auf meine Anfrage, das Buch des Jaubert de Paſſa. Dieſes ſchien auf erſten Blick allen meinen Wünſchen zu genügen, weil es eine große Fülle von hiſtoriſchen That— ſachen und feinen Wahrnehmungen enthält, die größerentheils mir völlig neu waren. Allein, nachdem meine Neugier befrie— digt war, hingegen die erſte Frage, nach der Abkunft, Orga⸗ niſation und Befugniß des valencianiſchen Waſſergerichtes, wiederum in ihre Rechte eintrat, fand ich nicht ganz, was ich ſuchte. Das materielle in der Organiſation des valencianiſchen Bewäſſerungsgerichtes iſt nach Jaubert folgendes. *) Cavanilles, observaciones sobre la hist. natural etc. del Reyno de Valencia. En Madrid, 1795. fo. To. I. p. 173. lib. II.§. 104. » El Rey D. Pedro— 1342 confirmò las prohibiciones que en varios tiempos habian hecho los Jurados de Valencia.«— Es iſt hier von einer Maßregel der Geſundheitspolizey gegen den Reis⸗ bau die Rede, nicht aber von Sachen des Landbau's und der Be— wäſſerung an ſich ſelbſt. Allein bey Zaragoſſa wird, nach Jaubert, den Richtern in Bewäſſerungsſachen der Titel»jurados« beygelegt. ros, ſbe den inic⸗ autet als ufen hts⸗ 107 Die verſchiedenen Aemter und Befugniſſe, in welches daſ— ſelbe eingetheilt iſt, werden aus der Mitte der Intereſſenten beſetzt, unter denen, vermuthe ich, neben den Eigenthümern auch die Pächter zugelaſſen werden. Auf welche Weiſe dieſe Wahlen gemacht werden, ob von den einzelnen, ob hingegen von Gruppen und untergeordneten Corporationen, wird aus Jauberts Darſtellung nicht klar. Jene Aemter nun ſind folgende: Der Richter; der Syndicus, der Schreiber, der Schatzmeiſter. Offen⸗ bar ſind dieſe Poſten, deren Befugniſſe ſchon in ihrer Benen— nung ſich ausdrücken, die jedoch bey Ausſprüchen gleiches Stimmrecht zu haben ſcheinen, den Municipalämtern der Städte nachgebildet. Alſo iſt an ihnen nichts eigenthümlich, als die Beſchränkung der Wahl auf Mitintereſſenten, auf Sachkundige. Und hierin, wiederhole ich, iſt die cort de los azequieros unſeren deutſchen Zunftgerichten vergleichbar, vornehmlich aber der Runſengeſellſchaft, welche zu Freyburg im Breisgau) noch fortbeſteht. Wenn ich unſeren Berichtgeber nicht falſch verſtehe, ſo hat jede huerta ihre eigenen Magiſtrate und erfordert die cort de la Seo das Zuſammentreten aller, oder doch der meiſten dieſer localen Behörden. Jaubert üͤberreichte der franzöſiſchen Geſellſchaft für Acker— bau einen Folioband voll Abſchriften von Geſetzen und Urkun⸗ den, welche auf die Bewäſſerungscultur von Catalonien und Valencia Beziehung haben. Leider verſagte die Geſellſchaft ihm die Mittel, ſolche für ſich und in ihrer vollen Ausdehnung abdrucken zu laſſen. Denn es moöchte leichter gefallen ſeyn, *) S. Schreibers, trefflich ausgewähltes, Urkundenbuch der Stadt Freyburg im Breisgau. Daſ. 1828. 8.; und deſſen: Freyburg mit ſeinen Umgebungen, daſ. 1825. S. 174 ff. 5 — —““ rrTomere 5 — 1 2 . — — — — — — 108 ſeinen Materialien ein Reſultat abzugewinnen, als ſeiner Bearbeitung und Darſtellung. Unter allen Umſtänden hat er eine Fülle neuer Kunden verbreitet und die Bahn vorgezeichnet, auf welcher Unterſu— chungen dieſer Art und Beziehung an der Stelle fortgeſetzt werden ſollen. Auch ſcheint ſein patriotiſcher Wunſch, die Bewäſſerungscultur in Frankreich auszubreiten, bereits in Er⸗ füllung zu gehen. Die dominirenden Vorſtellungen Jauberts ſind folgende. Zuerſt, daß in Spanien die Araber, nicht etwan ein bloßes Mittelglied der Geſchichte, ſondern in Bezug auf die Bewäſ⸗ ſerungscultur Begründer und Stifter wären. Ferner, daß Ackerbau von den allgemeineren Regierungsbehörden unabhangig ſeyn müſſe; und in dieſer Beziehung ſcheint es ihm nicht völlig deutlich zu werden, daß Gemeindeverband, oder gewerbliche Corporation, jene von ihm erſehnte Unabhängigkeit, ſo weit ſie erreichbar iſt, durchaus bedingen. Die dritte, daß Bewaͤſ— ſerung das großartigſte und wirkſamſte Förderungsmittel der Agricultur ſey; und hierin muß ich aus voller Ueberzeugung ihm beypflichten. Allein wenden wir uns nunmehr von den Umſtänden, welche die Bewäſſerungscultur im ganzen begünſtigen, im ein— zelnen vielleicht noch behindern und aufhalten, zur Sache an ſich ſelbſt. In der Theorie dieſer Culturform ſollte man den Begriff der Ueberſchwemmung ſorgfältig von dem entgegengeſetzten der Berieſelung unterſcheiden. Auch Ueberſchwemmungen können befruchten, wie jene bekannteſten des Nil und ſo viel anderer, geringerer Fluſſe, deren Schlamm dungende Stoffe über den Boden verbreitet. Allein es iſt das Waſſer in ſolchen Fällen, weil die Befeuchtung nur temporär und ſodann meiſt über— mäßig iſt, eben nur als die mechaniſche Kraft anzuſehn, welche iner unden terſu⸗ deſetzt „die grif der nnen erer, den ällen, über⸗ elche 109 beſtimmte Duͤngſtoffe herbeifuͤhrt, fortſtößt und verbreitet. In der Berieſelung hingegen beruhet die Befruchtung des Bodens auf dem Waſſer an ſich ſelbſt, auf der Art ſeiner Bewegung, auf der fortgeſetzten und ſtets wohlermäßigten Befeuchtung, die es verbreitet, auf einer hieraus entſtehenden localen Tem— peratur und Wechſelbeziehung des Bodens zu den Thätigkeiten der Atmoſphäre*). In Bezug auf das letzte erinnere ich an das bekannte Factum, daß aus den ſchweren Wolken, die über glühende Sandwüſten fortziehen, auf dieſe kein Tropfen nieder— fällt. Und ſehen wir ſelbſt in Europa nicht ſelten nach langer ſommerlicher Dürre den Himmel täglich ſich bewölken, ohne den langerſehnten Regen jemals herabzuſenden. Wie dort Ab⸗ ſtoßung, ſo muß umgekehrt in den lombardiſchen Ebenen viel Anziehung der atmoſphäriſchen Feuchtigkeiten, und, in An— ſehung der häufigen Gewitter, wohl auch der electriſchen Thä⸗ tigkeiten ſtattfinden. In der That iſt die Luft hier ungemein dicht, und dichter, wo die Bewäſſerung verbreiteter iſt. Von einer Höhe geſehen, erſcheint ſie wie Dunſt, oder Rauch; und, wenn eben ein Strichwind hineinfährt, die Nebelmaſſe bewegt und theilt, tauchen vorübergehend Gebäude, Bäume und Felder aus ihrer halben Verhüllung in blendender Klarheit hervor, ſcheinen im Nu dem Auge näher zu kommen, verwirren auf ſolche Weiſe die Perſpective des Bildes, täuſchen über die Entfernung der Gegenſtände, welche darin ausgebreitet liegen. Die Lombarden indeß, deren Erfahrung ihnen Anſpruch giebt, vernommen zu werden, legen in dieſen Sachen alles *) Einer der erſten Phyſiker unſerer Zeit, an welchen ich indirekt um Erklärung jener Thatſache mich gewendet hatte, verſuchte ſie ne⸗ gativ aus der nachtheiligen Wirkung des ſtagnirenden Waſſers her— zuſtellen. Hingegen glaubte der, eben dieſen Wiſſenſchaften nicht fremde, erhabene Vermittler dieſer Erklärung auf Erregung des pflanzenlebens durch eine wohlermäßigte Bewegung der ihm ana⸗ logen Flüſſigkeit ſchließen zu dürfen. — “ — +— = — 1 85 h ½ 110 Gewicht auf die Fragen: ob das Waſſer Duͤngſtoffe einſchließe; ob es eine warme Temperatur habe und ſie feſthalte? Fließendes Waſſer, das einige Procente thieriſcher Excre— mente, oder vegetabiliſcher Auflöſungen aufgenommen hat, er⸗ ſparet unſtreitig die Mühe, den Dünger zu ſammeln, bereiten und auszuführen. Man hat daher ſchon im zwölften Jahrhundert um den Beſitz des Waſſers, welches durch Mayland geht und den Unrath der Gaſſen und vieler Cloake dort aufnimmt, ſich eifrigſt beworben. Die Ciſterzienſer waren bald nach Grün— dung ihres Kloſters, der Abtey Chiaravalle in geringer Ent⸗ fernung von Mayland, zu dem Beſitze der Vecchiabbia, oder Vettabbia, gelangt; eines elenden Bächleins, welches ſchon damals, wie noch immer, durch Mayland floß und den gedop⸗ pelten Zweck der Bewäſſerung und Düngung auf ihren Land⸗ gütern erfüllte. Da nun von ihrem Ueberfluſſe ſie einiges zu hohem Preiſe an ihre Nachbarn überließen, begann ihr Reich⸗ thum in die Augen zu fallen und Scheelſucht zu erwecken. Woher denn einige Rechtsſtreitigkeiten den Anfang nahmen, deren Acten für Mayland die früheſte Kunde von einer aus— gedehnteren Bewäſſerung einſchließen. Wie denn gewöhnlichſt, was eben zuerſt bekannt wird, auch für dasjenige gilt, das zuerſt geweſen iſt, ſo ſchloß man auch hier, daß jener aus Frankreich neu angeſiedelte Orden die Bewäſſerung im Mayländiſchen eingeführt habe. Was auf erſten Blick für dieſe Vermuthung zu ſprechen ſcheint, iſt der Umſtand, daß man die guten Mönche ruhig in dieſen reichen Beſitz hatte gelangen laſſen, und nicht eher den— ſelben zu ſchmälern bemüht war, als nachdem ſie deſſen Vor— theile anſchaulich entwickelt hatten.— Wer könnte indeß, bey jährlichem Wandel der Behörden, dafür einſtehen, daß noch dieſelben Perſonen am Ruder waren, welche das Kloſter zum Beſitze jenes Abfluſſes hatten gelangen laſſen? Und wer könnte 9 —y ehe, rcre , er⸗ nund dert und ſich rn⸗ Ent⸗ oder chon dop⸗ and⸗ 5 zu eich⸗ ken. nen, 111 noch beſtimmen wollen, wie unbedacht und übereilt die Frey⸗ gebigkeit der Mayländer in den erſten Augenblicken der Stiftung geweſen ſey? in welchem Maße ihr Eifer in der Folge ſich abgekühlt habe? Was ferner dafür zu ſprechen ſcheint, iſt der Umſtand, daß zu Freyburg im Breisgau und an einigen anderen Puncten der Schweiz und des Badiſchen die Ciſterzienſer die lombar— diſche Bewäſſerung mit größtem Erfolge in Anwendung ge— bracht haben, welche denn, ihre klöſterlichen Stiftungen über— dauernd, alldort noch gegenwärtig in beſtem Flor iſt. Allein dieſe Stiftungen ſind durchgehend neuer, als jene mayländiſche, und zu Freyburg namentlich, wo ſie ebenfalls eben desjenigen Waſſerlaufes ſich bemächtigt hatten, welcher den Straßenun— rath abführt, iſt nach der Verleihungsurkunde“*) die Bewäſſe⸗ rung an der Stelle ſelbſt um einige Generationen älter, als die Niederlaſſung des Ordens in dieſer Stadt. Aus der Vergleichung beider Thatſachen ſcheint alſo her— vorzugehn: daß jener neue Orden zwar auf dieſe Art der Waſſerbenützung ſich trefflich verſtanden; vielleicht nicht weniger auf Gunſtbewerbung“); allein, ſo lang uns beſtimmtere Kun— den fehlen, auf den Ruhm nicht Anſpruch habe, die Bewäſſe⸗ rung zuerſt verſucht und bei den Lombarden eingeführt zu haben. In der Schweiz und den Rhein entlang mögen ſie immerhin zur Verbreitung, mindeſtens zur Verbeſſerung der Bewäſſerun⸗ gen mitgewirkt, könnten ſie namentlich, da Chiaravalle bey Mayland die ältere Stiftung iſt, die Zubereitung des Wieſen— *) Schreibers Urkundenbuch, Thl. I. S. 46 f.— praeterea cujusdam aque deductionem, per cujus beneficium agri predicte curtis irrigantur, cujus aque usum idem C. de manu Ducis Bertholdi feodaliter habebat, cujus etiam aque proprietas hereditario jure, mediante jam dicta conjuge mea ad nos etiam devoluta etc. Lupi, c. d. B. To. II. p. 927, a6 1126,— cum— usibus aquarum aqua- rumque ductibus—. Alſo auch hier früher, als die Ciſterzienſer. r) S. Landulph. jun. ad a. 1134. Bey Muratori(Scr. R. It.) 3 2 — —— — —₰ — 11² bodens nach lombardiſcher Weiſe gelehrt und gezeigt haben. Allein, wenn überhaupt der klöſterlichen Betriebſamkeit und beſonnenen Reflection die Verbreitung der Bewäſſerung aus dem Orient über das chriſtliche Europa beyzumeſſen wäre, ſo möchte dieſe Wohlthat mit ungleich mehr innerer Wahrſchein— lichkeit von ſolchen Ordensgeiſtlichen ausgegangen ſeyn, deren Stammſitze und Mittelpuncte in Paläſtina lagen, als von den Eiſterzienſern, die von Frankreich ausgingen. Es wird denn wohl alſo ſich verhalten: daß jenes indu— ſtrielle Princip, welches der heil. Bernhard in ſeine Mönche eingepflanzt hatte, ſie für Vortheile, welche ſich darboten, hell— ſichtig machte. Mit friſcheren Augen werden ſie bey ihrer An— kunft im Gefolge des heil. Bernhard die Bewäſſerungen der Lombarden ſich angeſehen haben, als dieſe ſelbſt, und energi— ſcher ſie angewendet. Allein, wie zu Freyburg gewiß, ſo möchten ſie auch bey Mayland nur in die Spuren ihrer Vor⸗ gänger eingetreten ſeyn; mit billigem Vorbehalt urkundlicher Beweiſe für das Gegentheil. Die Vettabbia iſt ſo reich an Düngſtoffen aller Art, daß weislich den Ländereien, welche ſie bewäſſert, alle ſonſtige Düngung entzogen wird. In der Beſitzung des Herrn Vitta⸗ dini unfern Mayland, vor dem römiſchen Thore, beobachtete ich den Bodenſatz, den innerhalb weniger Stunden das Waſſer zurückgelaſſen. Er war in noch weichem Zuſtande verſchiedene Linien ſtark; und eben ſo viel wird im Laufe des Jahres täg— lich hier abgeſetzt werden. Nur die natürliche Unfruchtbarkeit des Bodens, Kies über einem Lager zähen Lettens, mag an dieſer Stelle vor Ueberdüngung ſicher ſtellen. Denn gewiß giebt es nach Maßgabe des Bodens, des Clima und der Fruͤchte, welche man anzubauen gewohnt iſt, eine Linie, über welche hinaus die Düngung aufhört, vortheil— haft zu ſeyn. In den Ebenen Niederbaierns bringen ausge— dehnte 113 aten dehnte Landſtriche, ungedüngt, aber nach reiner Brache, jedes t und dritte Jahr eine Waizenerndte von ungewöhnlich hohem Er— G and trag; gedüngt aber würden ſie nur Lagerkorn und faules Stroh re, ſo liefern. Wie jeder Wirthſchaftshof uns zeigt, ſchließt nichts ſchein die Vegetation ſo vollſtändig aus, als ein Miſthaufe. Es deren folgt daraus, daß überdüngt werden kann. Glücklicher Weiſe i den kommen die Landwirthe ſelten in-die Lage, den Boden über das Erforderniß hinaus bedüngen zu können. indu⸗ Schon die Alten legten auf zerfallenen, ganz aufgelöſeten onche Dünger beſonderen Werth; und habe ich ihn an manchen ,hell⸗ Stellen, in dieſem Zuſtande mit den Händen ausgeſtreut, ſehr er An⸗ große Wirkung machen ſehn. Allein in noch geringerer Menge en der befruchtet er den Boden, wenn die düngenden Stoffe vorher nergi⸗ in Waſſer aufgelöſt und in flüſſigem Zuſtande den Aeckern und , ſo Wieſen zugeführt werden. Ehe man in der Umgegend von Vor⸗ Florenz die Milchkühe einführte, was erſt ſeit letztem Frieden licher geſchehen iſt, düngte man dort faſt ausſchließlich durch ſtark verdünnten ſtädtiſchen Abfall jenen dürren und felſigen Boden, daß auf welchem die Erndten aller Art einander unabläſſig nach⸗ ſtige folgen. Aehnliche Erfahrungen bieten viele Gegenden der itta⸗ Schweiz. Die herrlichen Wieſen aber, die außerhalb Frey— htete burg ſich ausdehnen, werden, bey gleichem Erfolge, mit einem gaſſer ungleich ärmeren Waſſer berieſelt, als jenes der Vettabbia bey jdene Mayland. Ich wage daher die Vermuthung aufzuſtellen: daß tig⸗ Zuſätze von Jauche, thieriſchen Excrementen, Aſche und von arkei anderen gleich auflösbaren Stoffen auch bey geringer Menge man die Wirkſamkeit des Waſſers, deſſen inan zur Jerigation ſich bedient, bemerklich erhöhen möchten. Bisweilen erweiſet ſich— d ein Waſſer, das aus, oder über kalkigen Erden hinfließt, als ti beſonders wirkſam, weßhalb man nach Befinden auch den thi Mergel den Bewäſſerungszufluſſen beymiſchen könnte. Fur Gi dieſen Zweck würden gemauerte Ciſternen, oder nur im Letten (8) ehnte 11⁴4 ausgegrabene flache Teiche, durch welche man das zufließende Waſſer zu leiten hätte, bequem und mit geringem Aufwande ſich einrichten laſſen. In der Lombardey, wo man auf das, was der Zufall in der Art darbeut, ſo großen Werth legt, habe ich doch an keiner Stelle wahrgenommen, daß man durch künſtliche Vorrichtungen, gleich den bezeichneten, das Waſſer habe zu verbeſſern geſucht. Was daher entſtehen mag, daß in Italien die Jüllen, oder Jauchengruben nach Art der ſchweizeriſchen, als peſtilenzialiſch angeſehen werden, deren Anlage daher an den meiſten Stellen ſtreng verboten iſt. Schon den Alten war es bekannt, daß eine wärmere Temperatur des Waſſers, welches zu Berieſelungen verwendet wird, der Vegetation gedeihlich ſeyn könne?*). Die Lombar— den indeß dürften feiner, als jene, die wenigen Wärmegrade beachten und unterſcheiden, welche die Quellen und Zuflüſſe vor einander voraus zu haben pflegen. Für ſie hat dieſe Zu⸗ fälligkeit eine größere Bedeutung, als fuͤr die Alten, weil einige Grade mehr, oder weniger, bey Anlage ihrer berühmten Winterwieſen den Ausſchlag geben. Denn auch in der kälteren Jahreszeit werden die Kühe milchend erhalten, indem ſie von den Winterwieſen häufig friſches Gras als Zugabe zur trocke— nen Nahrung erhalten. Weßhalb denn eine Kuh in den beſten Käſegegenden das Jahr auf dreyßig Ducaten ausgebracht wird, allein auch fruüher ſich abnutzt und häufiger durch jungen Ein⸗ ſchuß erſetzt werden muß. Bey den mancherley Speculationen und Verſuchen, welche die großen Vortheile der Winterwieſen täglich hervorrufen, mag glaubwürdig ſeyn, was ein alter *) De aqua quottid. Dig. I. 11.— et cum calidae sunt, irrigandis — 132 tamen agris necessariae sunt, ut Hieropoli. Constat enim apud Hieropolitanos in Asia agrum aqua calida rigari. — — ezende fwande ufall i Ikeiner rungen, jeſucht oder jaliſch tellen ermere vendet mbar⸗ egrade uflüſſe e Zu⸗ weil mten teren von rocke⸗ beſten wird, n Ein⸗ ationen rwieſen in alter rrigmds nim apud 115 Landwirth mir erzählte: daß in ſeiner Jugend er, unweit Pavia, das Waſſer über einen Kalkofen habe leiten ſehn, um es zu erwärmen. Leider wußte derſelbe Berichtgeber über die Wirkung dieſes ſonderbaren Verſuches auf den Graswuchs der Winterwieſen nichts ſicheres anzugeben. An der Stelle ſelbſt war deſſen Andenken durchaus erloſchen, weßhalb ich vermuthe, daß man die Sache, wenn ſie je ſtattgefunden, doch wieder aufgegeben habe, weil ein künſtlich erwärmtes Waſſer ſich ſchuell wieder abkühlt und in der Folge nur um ſo williger gefriert. Indeß fühlte ich mehr und mehr das Bedürfniß, mir den Gegenſtand meiner Nachforſchungen wiederum recht anſchau— lich zu machen, weßhalb ich Mayland, wo durch Begünſtigung einflußreicher Perſonen Archive und Bibliotheken mir zu Gebot ſtanden, für einige Zeit wiederum mit dem Lande vertauſchte. Zunächſt ging ich mit meinem lang bewährten Freunde, Herrn Gio. Frizzoni über Lodi und Crema nach deſſen ausgedehnteſter Beſitzung, Ticengo, und weiter hinaus über Cremona, Breſcia, den See von Iſeo, bis in das Gebiet von Bergamo zurück, um den Reſt des Vorſommers im ſchönſten Familienkreiſe auf dem Colle di Paſta zuzubringen. Am dritten Juni dieſes Jahres 1837 fuhren wir durch das römiſche Thor aus Mayland der weiten Ebene zu, die, clima— tiſch, dem ſüdweſtlichen Deutſchland mehr, als den Ländern jen— ſeit des Apenins ſich vergleichen läßt. Doch iſt die Luft hier ſchon weicher, haben die Pflanzen daher, wo die Cultur ihre Entwickelung nicht abſichtlich hemmt, durchhin ein behagliches, völliges Anſehn, welches in Deutſchland nach ungünſtiger Wit— terung nicht ſelten vermißt wird. Alles ſproßt und grünt; was bey hellem Sonnenſchein, ungeachtet ſeiner Gleichförmig— keit, den Sinn erfreut und Sympathieen anregt. Wir beſuchten jene Abtey der Ciſterzienſer, Chiaravalle, die in der Geſchichte der lombardiſchen Bewäſſerungen ſo viel (8*) ’ 6 8 — 4 — — * 8 116 Bedeutung erlangt hat. Sie iſt längſt nicht mehr im Beſitze des Ordens; die umliegenden Ländereyen aber zeigen gegen⸗ wärtig weder eine ungewöhnliche Fruchtbarkeit, noch ſelbſt viel Sorgfalt im Anbau. Alle Umſtände haben ſich verändert. Die Rönche von Chiaravalle erhielten das Waſſer der Vettabbia unmittelbar aus der Stadt, alſo imprägnirt von den reichhal⸗ tigſten Duͤngſtoffen. Gegenwärtig aber iſt dieſer Vortheil auf Guüter übergegangen, welche der Stadt viel näher liegen. Die alten klöſterlichen Beſitzungen möchten demnach minder reichlich und vornehmlich mit ärmerem Waſſer berieſelt werden, als vormals. Das, nach Maßgabe des Landes, ärmliche Anſehn der Felder und Wieſen, Hecken und Bäume dieſer ſonſt fruchtbaren Beſitzungen erweckte in mir einen Zweifel, den ich weder zu beſeitigen, noch für den Augenblick feſter zu begrunden ver⸗ mag: ob nicht unter allen Umſtänden ein bey reichlicher Dün⸗ gung ſtark benutzter Boden, wenn man plöoͤtzlich den Dunger ihm entzieht, eine gleich traurige Miene werde annehmen und etwan erſcheinen müſſen, wie jegliches, das unter dieſer Sonne nach höchſter Anſpannung der Kräfte plötzlich ſeiner Stützen beraubt wird?— Pächter, welche die Kunſt des ausbauens verſtehen, möchten dieſe Frage befriedigend löſen können. Die Abteykirche iſt ein Denkmal der mayländiſchen Bau⸗ kunſt im zwölften und folgenden Jahrhundert; in der Berei⸗ tung und Anwendung des Backſteins blieb dieſelbe unter dem Mittelmäßigen. Ueber der Thüre, die aus der Kirche in den Kloſtergang führt: anno gratie M. C. XXXV. XI. kl. Febr. constructum e hoc monasterium abto Bernardo abbe Cla- reval. M. CC. XXIe. consecrata est eccla ista addo Henrico Mediolanensi archepo VI. nonas maji. Die älteren Theile liegen dem Garten zu. In der Sacriſtey ſieht man einen ſtark übermalten Lovino von ungewöhnlicher Compoſition und xöize gegen⸗ ſt vie t. Di tabbi ichhal⸗ il auf . Die ichich , als fu der ſtbaren der zu iI ver⸗ Dün⸗ unger n und Sonne ützen iens Bau⸗ Berei⸗ er dem in den JFebr. de Cle- Jenrico KCheil Ijeülen du und 117 uͤber einer Treppe, noch in der Kirche, ein ſehr beſchädigtes Mauergemälde von derſelben Hand. Wir lenkten wiederum in die Hauptſtraße ein und ließen nicht früher, als in Melegnano wiederum anhalten; wo die neuangelegte Mühle unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Der Bach, an welchem ſchweizeriſche Capitaliſten dieſes Mühlenwerk vor kurzem angelegt haben, ſetzt bey geringem Waſſergehalt, doch ſtarkem Gefälle, einen ſehr complicirten und kunſtvollen Mechanismus in Bewegung, von welchem in⸗ deß nur ein Theil uns zur Anſicht bloßgelegt ward. Doch hörten wir, daß ſtatt der gewöhnlichen Mahlſteine ſtählerne Cylinder darin verwendet werden. Das Product war von ein⸗ ladender Friſche und Reinlichkeit. Schon liefert dieſe Mühle einen großen Theil des Bedarfs von Mayland, was die Zweck⸗ mäßigkeit ihres Mechanismus bezeugt, der, außer den Mahl⸗ werken an ſich ſelbſt, auch die Kornſäcke und alles übrige, das aus und eingebracht wird, gar tactmäßig und regelrecht auf⸗ und abgehn läßt. Der Weg dahin führet durch ein weitläuftiges, halbver⸗ fallenes Schloßgebäude; die Muhle ſelbſt liegt etwas mehr in der Tiefe und hat ein ſehr nordiſches, practiſches, nützliches Anſehn. Ein befremdlicher Contraſt, in welchem die Gegen⸗ wart mir ſich abzuſpiegeln ſchien: über den Trummern für lange Dauer begründeter Größe die raſche, augenblickliche Ge⸗ walt des berechnenden Verſtandes und ſeines Bundesgenoſſen, des Geldes. Lodi, das auf ſchönſtem Wege in wenig Stunden erreicht ward, hat einen ſchönen Platz mit anſehnlicher Domkirche und guten Privathäuſern, deren eines, der Kirche gegenüber, ein bemerkenswerthes Backſteingebäude in halb gothiſcher Manier, und in der Art des herzoglichen Palaſtes zu Pavia. Im übri⸗ gen iſt die Stadt, für Italien, beynahe weniger, als gewöhnlich. 118 Schlechter Backſtein, viel Mörtel, ein roher Bewurf, gibt den niedrigen Häuſern ein verfallenes Anſehn. Neben der Domkirche, deren Vorſeite mit wohleingepaßten Ergänzungen aus dem fünfzehnten Jahrhundert ein glückliches und ſehr harmoniſches Flickwerk iſt, verdient auch die acht— eckige Cappelle dell' Incoronata geſehen zu werden. Die In— ſchrift über dem Bogen vor der Altarniſche zeigt das Jahr 1487. Der wohlgezeichnete Stucco an den nächſten Pfeilern wird gleich alt ſeyn; an den übrigen iſt dieſe Arbeit von Fresco⸗ malereyen verdrängt worden, welche dem Caliſto von Lodi zugeſchrieben werden und offenbar um vieles neuer ſind, als das Gebäude ſelbſt. Von dieſem Maler ſieht man im Dome ein gutes Altar— bild und einige andere ſtanden eben im biſchöflichen Palaſt, welche der Kirche dell' Incoronata gehören, und, nach been⸗ digter Ausbeſſerung derſelben, wiederum dahin zurückkehren ſollen. Dieſe Zufälligkeit gab uns Gelegenheit, jenen Maler, den neuere Kunſtgeſchichten ſehr hoch ſtellen, mit aller wuͤn— ſchenswerthen Muße zu ſtudiren. Und wer könnte dem ehren— werthen Kuünſtler viel Talent, eine gute Schule, und Sinn für die beſten Muſter wohl abſprechen wollen? Niemand wird Bilder von ſeiner Haud geradehin an die Seite ſtellen, jeder ſie gern ſehn. Sie haben Kraft, Farbe, und beſonders, wo Naturmotive benutzt werden konnten, auch glückliche Stellungen und charaktervolle Köpfe. Allein die Plünderungen, beſonders aus A. Dürers Formſchnitten zur kleinen Paſſion, zeugen, da ſie meiſt eben nur das Zufällige, die Nebenfiguren, betreffen, von geringer Beobachtung und Erfindung. Mit Ausnahme eines gewiſſen Zuges von unverdroſſener, heiterer Ruſtigkeit, der ſeinen Bildern eigen iſt, wüßte ich nichts anzugeben, das ſeine Geiſtesart unterſchiede und bezeichnete. 119 dt de Sein Vorgänger Alberto della Piazza hat ebenfalls aus den Werken des Pietro von Perugia vielerley entnommen, ohne paßten es ſo recht mit den ubrigen Theilen ſeiner Bilder in Einigung cliches zu bringen. Immerhin war es eine glückliche Zeit, als ſogar acht⸗ verfallene Provinzialſtädte Maler hervorbrachten, deren Arbei— ie In⸗ ten nicht ſo ganz unerfreulich ſind. Jahr Man lieſt auf dieſen Bildern: Calistus de Platea faciebat. feilern M. D. XXX. Calistus de Platea Laud. faciebat. M. D. XXXVIII. resco⸗ Das neuere zeugt von zunehmender Flüchtigkeit; auch iſt es Lodi weniger gedeckt, als die kleinen Paſſionsbilder, alſo wahrſchein— , als lich auf ein Mal gemalt. Die Künſtler arbeiteten an ſolchen Orten für ſo mäßige Bezahlung, daß ſie eilen und hudeln Atar⸗ mußten. Das hat ſogar beſſere Gaben, als dieſe unſeres Ca— Palaf liſto, auf die Länge zerſplittert und aufgerieben. Die Talente been⸗ zweyter Größe, welche in mageren ſtaunen machen, verlieren fehren ſich in den großen Kunſtepochen unter dem Haufen. galer, Den Nachmittag ward in der umliegenden, reichangebauten win⸗ Ebene umhergefahren und vornehmlich auf die Wechſelwieſen hren⸗ Acht gegeben. rfir Die deutſchen Landwirthe, welche in den letzten Jahren wird lombardiſche Wieſen angelegt und bereits deren Vortheile er⸗ eder probt haben, hielten ſich an die Form der Winterwieſen; den „w Hauptzuflußgraben(maestro) leicht erhöht in der Mitte des ungen Beetes, deſſen ſanfte Abhänge(ale, Flügel) gegen den Ab⸗ enders zugsgraben(colatore) geneigt). Indeß würde dieſe Einrich⸗ n. tung auf Wechſelwieſen(praui a vicenda) nicht anwendbar rffn, ſeyn, da ſolche der Reihe nach bald beackert, bald zur Heu⸗ werbung benutzt werden. Man pflegt daher die Wechſelwieſen, nn wenn überhaupt, doch ſtets in breitere, dem Pfluge zugäng— / n, dos *) Sieh die Tafeln bey, Berra, dei prati del basso Milanese, oder, in Burgers Reiſe durch Oberit. Thl. II. 1 A. 3 1 5 1 1 9 3 — 2 * — — — 120 liche Stücke einzutheilen und dem ganzen Felde, oder auch den einzelnen Breiten ein ſolches Gehänge zu geben, daß in den Bewäſſerungszeiten das Waſſer überall ſich verbreiten, doch nirgendwo ſtagniren könne. Die Vorbereitung des Bodens iſt daher bey den Wechſelwieſen, ſo künſtlich ſie immer ſeyn mag, doch faſt unbemerklich und erhellt ſie meiſt nur aus der Rich⸗ tung des Waſſerlaufes, deſſen die practiſchen Landwirthe in dieſem Lande ſich häufig bedienen, um das Gefälle ihres Bo— dens ſich anſchaulich zu machen. Man geht darin ſehr ſicher; obwohl durch häufiges zugeben und hinwegnehmen, bis man in Ordnung kommt, nothwendig viel Arbeit verſchwendet wird. Die Wechſelwieſen haben einige Aehnlichkeit mit der Dräſch— wirthſchaft der Holſteiner, obwohl dieſe letzte in einem feuch— teren Clima auch ohne künſtliche Bewäſſerung kann betrieben werden, welche bey jenen eine Grundbedingung iſt. In der Gegend von Lodi wird ungemein viel Flachs er— zielt, der in Anſehung ſeiner trefflichen Qualität ſtark geſucht und weithin verführt wird. Wir ſahen ausgedehnte Felder in Leinſaat beſtellt, das ſehr gleichmäßig und ſchon in Bluthe ſtand. Man läßt hier, nach Befinden, Waſſer hinzu. Auch in unſeren Gegenden, wo nicht ſelten die Duͤrre die Leinſaat nicht aufkommen läßt, oder ſchon halbwüchſig ſie wiederum verwelken macht, möchte die Bewäſſerung auf die Flachs⸗ erzielung einen günſtigen Einfluß erlangen können, wie nicht minder auf andere Sommerfrüchte, als Türkenkorn, Hirſen. Es möchte daher den deutſchen Landwirthen, die zur Bewäſ— ſerung, beſonders ſandiger Striche die Lage haben, wohl zu empfehlen ſeyn, daß nicht alle Gruünde nach Art der maylän— diſchen Winterwieſen ſie anlegen wollen, vielmehr einen Theil ihres bewäſſerbaren Bodens zu Wechſelwieſen ſich einrichteten. Jenſeit der Adda entſpringen die Zufluſſe der Bewäſſerungs⸗ gräben nicht mehr aus dem genannten Fluſſe, ſondern aus — uich den in de , doch dens iſ mag, the in Bo⸗ ſcher; man. wird. Dväſch⸗ feuch⸗ trieben hs er⸗ geſucht der in gluthe Auch ſaat erum achs⸗ nicht irſen. ewäſ⸗ ohl zu aylän⸗ Theil hteten. ruryi⸗ r aud 121 vielen Quellen, vornehmlich aber aus einem ſumpfigen Land⸗ ſee, welcher»il moso« heißt. Dieſes Wort iſt dem oberdeut⸗ ſchen Moos(Moor) gleichbedeutend, und wird von longobar— diſcher Abkunft ſeyn, eben wie einige Ortsnamen derſelben Gegend, welche auf vengo« ausgehn. Uebrigens iſt es hier, wie weiterhin bey Cremona, ohne Charte zur Hand, faſt un— möglich aus der Verwirrung der vielen Canäle, Zuflüſſe und Ableitungsgräben ſich hervorzufinden, die nach den Umſtänden, bald aus großer Ferne, bald aus nächſter Nähe herbeykommen, ſich vermiſchen und wieder ſondern, über und unter einander fortgehn, auf Brücken, oder durch unterirdiſche Gräben. Oeffentliche, oder gemeinſam erſprießliche Werke von ſolchem Umfang ſetzen voraus, daß die Hervorbringung des unentbehrlichen, der ſogenannten erſten Bedürfniſſe des Lebens, nicht alle Kräfte verzehre; daß ein Ueberſchuß von Menſchen⸗ kräften vorhanden ſey, die man durch verſtändigere Austhei⸗ lung, oder Anwendung, den nothwendigen Künſten und An⸗ ſtrengungen abgewonnen habe. In unbelebten Staatskörpern meldet ſich dieſer Ueberſchuß als Uebervölkerung, Armuth und Elend, wird er durch eine officielle, oder ſemi-officielle Armen⸗ verpflegung, gleich unheilbaren Schäden, allmählich auch die geſunden Theile ſchwaͤchen, wohl auch zuletzt ſie ganz aufzehren. Allein, wo ein inneres Leben vorhanden, die Theilnahme am gemeinſchaftlichen geweckt iſt, oder das Auge für entfernt lie— gende Vortheile geſchärft, oder auch die Regenten und Macht— haber ein geſtaltender, ſchaffender Sinn erfuͤllt; da wird jener Ueberſchuß ein Capital, das wohlangelegt, ſchon der Gegen— wart, noch mehr der Zukunft die großten Vortheile bringt. Alſo auch aus dieſem Geſichtspuncte aufgefaßt, wird die Bewäſſerung unfruchtbarer Landſtriche, die bereits an einzelnen Puncten mit ſo großem Erfolge verſucht worden iſt, zu wei— terer Ausdehnung ſich empfehlen. Sie wird Kräfte in Bewe— 1²² gung ſetzen, welche ruhen und, weil ſie ruhen, für den Augen— blick ſich ſelbſt und anderen zur Laſt fallen. In Crema, einer etwas modernen, doch in dieſer Weiſe ſehr wohlgebauten Stadt, wurden die Kirchen ſchnell durch⸗ laufen. Sie enthalten nur unerhebliche Gemälde. Die Vor— ſeite des Domes iſt in Backſteinen aufgeführt, die trefflich gearbeitet und ſorgfältig gemauert ſind. Hoch oben war die Freſcomalerey ſammt dem Bewurfe herabgefallen, hatte alſo die Mauer bloßgedeckt, auf welcher die Unterzeichnung hiedurch wiederum hervorgekommen war. Nur Wappenſchilder und eine Inſchrift, worin die Worte: suprascripte picture facte fue- runt tempore Regis Roberti etc. geleſen wurden. Die alten Maler(hier des dreyzehnten Jahrhunderts) beſaßen kein gro— bes Papier und das feinere war noch zu theuer, als daß nach heutiger Art ſie Cartons von der Größe ihrer Gemälde hätten machen können. Sie zeichneten daher mit Röthel, wie zu Florenz und Piſa, oder mit Ruß und Schwärze, wie hier zu Crema, ihre Umriſſe auf die Mauer und ließen Tag für Tag ſo viel, als ſie bemalen wollten, mit friſchem Mörtel über— ſetzen. Es diente mindeſtens, die Größen nicht zu verfehlen, da, hier das ſchon bemalte, dort die Zeichnung auf der Mauer, ihre Tagesarbeit jedesmal in die Mitte nahm, ſo daß im gro— ben ſie nicht wohl ſich verſehen, noch mit ihren Figuren zu weit vom Platze ſich verirren konnten. Der Menſch iſt von Natur bewundernswürdig aufgelegt, aus Verlegenheiten dieſer Art ſich herauszuziehn, und eigentlich nie mehr am Ende aller Weisheit, als da, wo die Umſtände ihm zu viel gewähren und die Wahl ganz frey ſtellen. Wir ließen nun die gefährliche Mittagsſtunde vorübergehn (denn in dieſem Lande mordet und raubt man beſonders in dieſer und überläßt die Mitternacht den Geſpenſtern) und fuhren, bey wieder eingetretener Bewegung auf der Landſtraße, unbe⸗ . ugen⸗ Weſe durch⸗ Vor⸗ reflich er die alſo durch eine fue- alten gro⸗ nach ätten en und ergehn ers in Ahren, Unbe⸗ 12²3³ helligt bis nach Ticengo, wo der jüngere Frizzoni uns ſchon erwartete. Dort war, zum Jaͤten der Reisfelder, ein großes Volk aus den Bergen jenſeit des Po zuſammengelaufen, deſſen Ge— ſichtsbildung und Körperbau mir auf barbariſche Abkunft hin— zuweiſen ſchien. Wie bey den übrigen Miſchlingen, ſo trat denn auch hier bald ein germaniſcher, bald ein altitaliſcher Chetruriſcher?) Zug aus ihrem Antlitz hervor. Allein die Menge gehörte offenbar keinem der bekannteren Volksſtämme an. Vor⸗ längſt ſchon hatten andere Beobachtungen im Laufe ſo vieler Jahre, als ich in Italien verlebte, mich auf die Vermuthung hingeleitet, daß unter der ländlichen Bevölkerung vieler, und beſonders eben der bergigen Gegenden Italiens ein nicht kleiner Theil aus Nachkommen römiſcher Sclaven beſtehe. Die von edlerem Stamme, welche gute Anlagen des Geiſtes, oder Schönheit der Geſtalt empfahl, bildeten die Dienerſchaft des Hauſes, blieben in der Nähe des Herrn, wurden Freygelaſſene, Bürger, Ritter, und verloren ſich allmählich in der Maſſe des Volkes. Hingegen wurden die, welche von ganz barbariſcher Abkunft waren, auf den Landgütern vertheilt, kamen dem Herrn kaum zu Geſicht, gelangten daher höchſt ſelten zur Freyheit. Es mag daher aus ihnen zeitig eine an die Scholle gebundene ackerbauende Bevölkerung ſich hervorgebildet haben, derjenigen nicht unähnlich, welche im Mittelalter zwar deutlicher, als im römiſchen Alterthume, allein ſchon in dieſem ſich zeigt*). Auch kommt hier in Betrachtung, daß barbariſche Sclaven wohl— feiler waren, Aermere daher(die Negerſclavin im Mörſerge— richte) mit denſelben ſich behelfen mußten; welche Regel auf *) S. die treffliche Schrift unſeres Savigny, über den Colonat, vornehmlich im letzten bereicherten Abdrucke. Die italieniſchen For⸗ ſcher halten die Colonen des ſinkenden Reiches durchhin für ger— maniſche Anſiedler, was mir unhaltbar ſcheint. — — 12* 8 1 1²⁴ ſchlecht belegene Municipien und ganze Landſtriche ſich wird ausdehnen laſſen. So und nicht anders erklärt ſich das vor— kommen ganz fremdartiger, weder germaniſcher, noch antiker, Bildungen in den dürftigeren Landſtrichen Italiens, den ſüd⸗ licheren, wie den nördlichen. Wie denn auch die edleren, herrſchenden Stämme neben einander geſondert fortbeſtehen, wie man hier den Germanen in größter Reinheit des Blutes, dort Griechen, italieniſche Urbewohner, Araber und anderes mehr, vornehmlich auf dem Lande hervortreten ſieht, iſt eine andere Frage, deren Beantwortung einer maleriſchen Reiſe obliegt. Durch einige Spenden an Geld und Wein ermuntert, be⸗ gannen dieſe Leute, es war eben Sonntag, nach den Stöhnun⸗ gen ihrer Sackpfeifen vor uns zu tanzen. Die äußeren Linea— mente, die Touren, ſchienen engliſchen oder polniſchen Ur— ſprungs, alſo nur eingeſchleppt zu ſeyn. Allein im Grunde der Sachen lag offenbar noch etwas eigenthümliches in jener tact— loſen Tactmäßigkeit, welche aus dem muſikaliſchen Wiegen und Schwanken der enthuſtaſtiſch-phlegmatiſchen Sackpfeife noth— wendig hervorgeht. Die Sackpfeife hat Rhythmus, allein kein Metrum. In größeren Abſtänden kehrt ſie zu gewiſſen Maßen zurück, in kleineren aber unterliegt ſie den Unvollkommenheiten ihrer Conſtruction. Die ſehr muſikaliſchen Abruzzeſen laſſen daher die Schalmey ſtets vorangehn, geben der Sackpfeife die zweyte Stimme, wodurch es ihnen gelingt, deren Unregelmä— ßigkeiten ſo ziemlich zu verſchleiern. Hingegen ſcheint dieſes rohere Volk an Mißklängen Gefallen zu nehmen. Jeder Haufe hat ſeinen eigenen Sackpfeifer. Während wir dem Tanze der früher angelangten zuſahn, kam ein zweyter Haufe aus einiger Entfernung heran, den Muſiker an der Spitze, der unbeküm⸗ mert um die Melodie des erſten in eigener Weiſe fortblies, bis durch Geſchenke und Drohungen wir ihn zum Schweigen brachten. wid d vor⸗ antü, en ſuͤd⸗ dleren, ſtehen, (lutes, deres eine Neiſe t, be⸗ hnun⸗ Linea⸗ n Ur⸗ de der tact⸗ nund noth⸗ kein nßen eiten aſſen edie elwä⸗ dieſes Haufe ze der einiger beküm⸗ 6s, hib nchten. 1²⁵ Wir verweilten die folgenden Tage zu Ticengo, einem Landgute, das 12000 Pertiche enthält; in dieſem Lande ein ſehr ausgedehnter Beſitz. In der That iſt Ticengo zu beträcht⸗ lich, um von nur einem Mittelpuncte aus bewirthſchaftet zu werden, daher in drey Pachthöfe abgetheilt, deren anſehnlichſter neben der Herrenwohnung liegt, daher genauer, als die ent— fernteren beſichtigt werden konnte. Hier fanden ſich alle Eigenthümlichkeiten der lombardiſchen Landwirthſchaft; Reisbau, Winterwieſen, Käſereyen. Der Pächter iſt ein begüterter, thätiger Mann, der ſehr ländlich ſich kleidet, einfach eingerichtet iſt, hingegen durch Wort und Haltung das Bewußtſeyn großer Unabhängigkeit, Energie, Ver⸗ ſtandeskraft an den Tag legt. Die Italiener, denen alles an⸗ dere mehr, als der Tact, die Feinheit der Wahrnehmung, ab⸗ zuſprechen wäre, verſtehen meiſterlich die Form aufzufinden, in welcher ein Menſch gegen den anderen, ohne deſſen Selbſt— gefühl zu verletzen, immerhin ſehr nachdrücklich ſich geltend machen kann. Man denke ſich einen ſechziger von etwas mehr, als mittler Größe, beleibt, aber kräftig, das Antlitz gebräunt, in kurzen Kleidern, mit breitem Strohhut; wenig redend, ſeine Worte abwägend; mit zwangloſem, wie zufälligem Scharfblick; vertraulich ſich bezeigend, weſentlich zurückhaltend; niemand ſchmeichelnd, doch keinen verletzend; nichts gewährend, nichts fordernd, und dennoch nichts verſäumend, das, unterlaſſen, die nöthigſten Geſchäftsbeziehungen völlig abreiſſen könnte. Dieſer Mann, welcher in ſeiner großen Vollkommenheit die italieniſchen Landwirthe von Beruf, mögen ſie Pächter, Verwalter, oder auch Beſitzer eigener Wirthſchaften ſeyn, ſammt und ſonders mehr und weniger vertreten und darſtellen könnte, bewohnt aus eigener Wahl die Ueberreſte eines alten Schloſſes, das etwa zwanzig Fuß über der umliegenden Ebene erhöht liegt. Ringsumher hat es Reisfelder und bewäſſerte 126 Wieſen, weßhalb auch eine geringe Erhebung hier in Anſchlag kommen und vor den Wechſelfiebern, die jene zur Folge haben, einiger Maßen beſchützen wird. Wir machten in dieſer Burg, nachdem wir das anmuthige Pfarrhaus noch bey Tage beſehen hatten, in Begleitung des Geiſtlichen unſeren Abendbeſuch. Das geräumige Wohnzimmer war von altem Caminrauch har⸗ moniſch gebräunt, das Hausgeräth für das Bedürfniß hinrei— chend, etwas alterthümlich, doch ſehr feſt und von dauerhaftem Anſehn. Man trug uns Wein auf, der wenig mundete und meiſt abgelehnt ward. Nach einer Stunde lebhaften Geſprä— ches, dem Sachkenntniß und Verſtand Stoff und Würze ver⸗ lieh, machten wir der»Converſazione« ein Ende. Abwechſelnd waren die Söhne des Hauſes und deren Gattinnen ein und ausgetreten; die jüngeren Familienglieder blieben in dem weit— läuftigen, zur Küche eingerichteten Vorſale am Feuer vereinigt; was ſich zeigte, als wir gingen, damit das ſchon verſpätete Nachteſſen nicht länger verzögert werde. Es dürfte zwar ſehr reichlich, doch einfach ausgefallen ſeyn, in Polenta, oder in Reis mit Butter und Käſe beſtanden haben, den Producten der eigenen Wirthſchaft. So lebt in Italien der Pächter eines anſehnlichen Gutes, das ſechzig wohlgenährte Schweizerkühe auf dem Stalle füttert, welche das Stück an dieſer Stelle doch etwa zwanzig Zecchinen (dreißig bey Mayland und Lodi) einbringen werden; der in manchen Jahren mehr als tauſend Sack Reis zu Markt bringen wird, zudem in einiger Entfernung ein eigenes Landgut beſitzt, das einer ſeiner Söhne für ihn verwaltet. Bey ſolcher Ent— haltſamkeit weniger von den reelleren, als von den Genüſſen der Eitelkeit und Wechſelſucht, ſammeln unzählige Perſonen ſeiner Art und Richtung Capitalien, die ſelten müſſig zur Seite liegen bleiben, meiſtens wiederum in den Gewerbsbetrieb zurück— fließen, und deſſen Kräfte mehren. Unter ſolchen Umſtänden 1²⁷ ſchla kann es nicht befremden, daß hier der Landbau, obwohl auf dade altem Culturboden, doch alljährlich neue Eroberungen macht; Aurn eher, daß im lombardiſchen Königreiche nach allgemeinem An— beſehen ſchlage etwan eine Million Pertiche noch unbebaut und wüſt beſuch. liegen, wovon ein Theil in kieſigen Hochflächen, der andere in ch har⸗ reichen Torflagern beſteht, deren Product erſt ſeit kurzem die hinrei⸗ Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hat, doch immer noch unbe— haftem nutzt liegt. te und Dem Pächter, deſſen Lebenseinrichtung ich oben geſchildert heſpräͤ⸗ habe, ſtehen größere Bewäſſerungsmittel zu Gebot, als ſeinen ze ver⸗ Nachbarn, weßhalb ſeine Reisfelder und Winterwieſen ausge⸗ ꝛchſelnd dehnter ſind, als jene der beiden oberen Wirthſchaftshöfe des ein und Gutes. All und jegliches fand ich im beſten Stande, allein m wei⸗⸗ meiſt in derſelben Art der Bewirthſchaftung, über welche Burger reinigt; bereits an vielen Stellen ſeines mehrerwähnten Werkes gute ſpätete Auskunft gegeben. So denn will ich nur das abweichende ar ſehr hervorheben, das beſonders in der Anlage einiger Bewäſſerungs⸗ der in terraſſen mir zu liegen ſchien. Dieſe hat man der natürlichen ducten Geſtaltung und Senkung des Bodens, welche jede ſtrenge Regel⸗ mäßigkeit ausſchloß, auf eine ſinnreiche Weiſe angepaßt. Die ütes, Reisfelder erheben ſich das eine über dem anderen, weßhalb ttert, das Waſſer von den oberen zu den unteren bequem abfließen chinen kann. Ueberhaupt ſind die Anlagen dieſes Pächters meiſt auf der in eine gänzliche Ausnutzung des nicht überflüſſig vorhandenen ringen Waſſers gerichtet. Daher denn auch die Winterwieſe, welche beſt dem Herrenhauſe gegenüber er angelegt hat, von der gewöhn⸗ Ene⸗ lichen, nun auch in Deutſchland bekannten und nachgeahmten enuͤſen Weiſe ſehr abweicht. Je mehr im allgemeinen der Landwirth rſonm geneigt iſt, bey regelmäßigen Bodenconfigurationen ſtehen zu r eii bleiben, je mehr bewunderte ich die Unabhängigkeit des Geiſtes b und die Erfindungsgabe des Künſtlers, von welchem dieſe auric⸗ Neuerung ausgeht. ſänden 128 Der Grund, auf welchem gedachte Winterwieſe anzulegen war, iſt ein unregelmäßiger Abhang von etwa zehn Fuß Er⸗ hebung über ſeiner niedrigſten Stufe. Alſo konnte man den⸗ ſelben nicht in die gewohnten Parallelogramme abtheilen, noch der Leitung des Waſſers eine gradausgehende Richtung geben. Er ward daher in ungleiche Terraſſen abgetheilt, deren jede, bey ſanfter Abhängigkeit, die Stelle der Seitenflächen(ale) in den üblichen Bewäſſerungsbeeten vertritt. Oberhalb aber jeder dieſer Terraſſen gehet ein Graben in ſanfter Senkung voran, von welchem aus vermöge der üblichen kleinen Seiten— einſchnitte das Waſſer auf die nächſte Terraſſe hinabrieſelt. Dieſe wird unterwärts von einem zweyten Graben begrenzt, welcher das abfließende Waſſer aufnimmt und, wie der oberen Terraſſe zum Abzugsgraben(colatore), ſo der unteren zum Hauptgraben(maestro) dient, indem von ihm deren Berieſe— lung ausgeht, und ſo fort bis zur niedrigſten Stufe. Indeß liegt die Spitze dieſer ſinnreichen Anlage eigentlich darin, daß die Gräben abwechſelnd in entgegengeſetzter Richtung ſich ſenken, das Waſſer in ihnen hin und her fließt, alſo im Laufe aufge— halten und dergeſtalt bis auf den letzten Tropfen ausgebeutet wird. Hingegen war eine auf Koſten des Herrn Frizzoni neuan— gelegte Winterwieſe von beträchtlicher Ausdehnung, bey ebenem, ſanft abſinkendem Boden, völlig auf die Weiſe angelegt, welche Berra, und vor und nach ihm ſo viele andere beleuchtet haben. Sie war, als ich ſie beſah, noch zu neu, um ſchon berieſelt zu werden. Der Boden beſtand aus einem Gemiſch von Kies und zähem Letten, mit allen Anzeichen großer Dürftigkeit. Allein nach einigen Jahren muß er, durch Berieſelung und Düngung geweckt, die ſchönſten Gräſer hervorbringen, die fünf bis ſechs Male zu mähen ſeyn werden. Der ———— — 4 ———— ———— 1²9 mäulege Der Haupthof von Ticengo enthält viele neue Gebäude, Ju E⸗ die von den gegenwärtigen Beſitzern mit ungemeiner Einſicht nan der und Ueberlegung, auch mit weiſer Hintanſetzung eines müſſigen ſln, nah und eitlen Prunkes, ſind angelegt worden. Alles war im J geben übrigen anders, als jenſeit der Alpen. Hier wird das Ge— en jde, traide nicht im Spätjahr unter Dach geführt, um den langen r(ale) Winter hindurch nach und nach ausgedroſchen zu werden. Hin⸗ lb aber gegen birgt man das Heu ſorgfältig vor Näſſe, was denn venkung immer noch etwas den Scheunen des Nordens verwandtes er— Seiten⸗ forderlich macht. Man bringt es über die Winterſtälle und ſucht brieſelt. denſelben möglichſt viel Raum abzugewinnen, indem man die egrenzt, Stichbalken ſo niedrig legt, daß kaum ein gehöriger Menſch woberen in den Kuhſtällen aufrecht ſtehen und gehen kann. Burger en zun fand dieſe Einrichtung tadelnswerth; und ich glaube mit Recht. Berieſe⸗ Die Lombarden, denen ich gelegentlich einwarf, daß in den Indeß niedrigen Räumen die Luft ſich verpeſten müſſe, lachten dazu n, daß und meinten, die Kühe lägen in dieſer Bedrängniß nur um ſo ſenken, wärmer und milchten daher um ſo beſſer. In der That habe ufße⸗ ich ſelten ſo geſundes und kräftiges Rindvieh geſehen, als das heutet lombardiſche, moͤchten ſie daher recht haben und behalten kön⸗ nen. Denn es kommt hier in Erwägung, daß in der Lom— euan⸗ bardey die Winterkälte geringer iſt, als bey uns, weßhalb enem, man die Thuren, Thore und Fenſter ſelbſt im Winter häufiger velche öffnen und vielleicht am Tage ſtets offen halten wird, während haben. wir Nordländer nicht ſelten genöthigt ſind, ſie feſt zu ver— ereſel ſchließen. n Kies Gewiß alſo werden wir unſere Viehſtallungen ſtets um fggät vieles höher und luftiger anlegen ſollen⸗ als die Lombarden; m md dahingegen ſcheint mir die Anlage ihrer Sommerſtälle auch e fuf bey uns anwendbar, und überhaupt ſehr muſterhaft zu ſeyn. 1 Dieſe beſtehen in einem Dache auf Pfeilern, deren Zwiſchen⸗ gr räume unausgefullt und völlig offen ſind. Wie nun hiedurch (9) — — —yjj—B—B— ð%— 130 der Luft ein freyer Durchgang geſichert iſt, ſo ſchuͤtzt anderſeits ein weit überſtehendes Dach gegen Sonnenhitze, Regen und Hagelſchlag. Der Boden iſt gepflaſtert und ſanft abſchüſſig, ſo daß alle Unreinigkeiten bequem abfließen, oder hinwegge⸗ ſchafft werden. Die Anlage dieſer Ställe iſt nach den Umſtänden ſehr verſchieden. Ich habe ſie ringsum offen geſehn; andere nur von der einen Seite. Im letzten Falle nicht aus Wahl, ſon⸗ dern weil eine Mauer da war, an welche man das Halbdach anlehnen, alſo einen Theil der Koſten ſich erſparen konnte. Zu Ticengo iſt der Sommerſtall ringsumher offen. Eine Reihe viereckiger Pfeiler zu beiden Seiten ſtützt die Stich und Quer⸗ balken, auf welchen das Halbdach ruht. Dieſes ſenkt ſich an der Seite der Viehſtände; an der entgegengeſetzten iſt es völlig offen. Im Winter dienen dieſe Ställe, Holz, Stroh und an⸗ deres der Art gegen die Witterung zu ſichern. Unter den lombardiſchen Wirthſchaftsgebäuden ſcheint kei⸗ nes mir in dem Maße nachahmenswerth, als eben dieſes; be— ſonders empfiehlt es ſich für Länder, die von der Weidewirth⸗ ſchaft zur Stallfütterung übergehen wollen. Was der letzten nur ſich entgegenſetzen läßt, als: mangelhafte Einrichtung der Ställe für den Sommer; Gewöhnung des Viehs an die Luft; Mangel an Raum, weil die Viehſtälle in Weideländern den Spätſommer und Herbſt hindurch auch als Scheuern benutzt werden; alle dieſe Einwürfe fallen weg, wenn man ſechs Monate lang das Vieh in Sommerſtällen unterzubringen Ge— legenheit macht. Im Norden möchte ein doppelſeitiges, dem Halbdache der Italiener ſich vorziehn laſſen. Ein ſchmaler Gang zum füttern in der Mitte, zwey Reihen Viehſtände zu den Seiten, würde für das Ganze doch nur eine Breite von höchſtens dreißig Fuß erforderlich machen. Die Länge nach der Kopfzahl der derſeits en und ſchiſ uwegge⸗ een ſehr ere nur l, ſon⸗ albdach konnte. e Reihe dQuer⸗ ſich an es völlg und an⸗ eint kei⸗ ſes; be⸗ dewirth⸗ letzten ing der e Luft; ern den benutt an ſeche gen Ge⸗ dache der m füͤtien in, wünd dreißi ajall de 131 Kühe. Niedrige, ſechs bis acht Fuß hohe Pfeiler von Bruch oder Backſteinen in Abſtänden von 15— 20 Fuß; in der Mitte, jenen entſprechende Steinpfeiler, oder nur Holzſtützen; darüber her die Stichbalken und ein leichtes Dach, gedeckt mit dem was zur Hand liegt; das alles möchte keine ſo gar erhebliche Koſten verurſachen können, obwohl der Anſchlag nach den Umſtänden bald höher, bald niedriger ſich ſtellen würde. In Ticengo, wie überhaupt in der Lombardey, doch be— ſonders auf dem Lande, habe ich wiederholt den außerordent— lichen Bauverſtand der gemeinen Maurer bewundert. Da, wo kein academiſcher Architect ſie durchkreuzt, oder in eine falſche Richtung bringt, oder ſie hemmt und hindert, finden ſie unbe⸗ wußt, oder kennen ſie traditionell ſchöne Verhältniſſe, verſtand⸗ volle Conſtructionen und die jedesmal beſte Anwendung ihres Materials. Hingegen wird das Holzwerk, zwar nicht ganz unverſtändig, allein techniſch auf eine Weiſe behandelt, die unſere Zimmerleute empören müßte. Ganze Dachſtühle richtet man aus krummen, roh behauenen Bäumen auf. Um nach der Hand die Verlattung in Ordnung zu bringen, nagelt man, die Vertiefungen auszugleichen, allerley Holzendchen daran feſt; es iſt nicht ohne Kummer anzuſehn. Solcher Dachſtühle gibt es ſogar in den Städten. Und erinnere ich mich, daß ein Pabſt von Carl dem Großen ſich Zimmerleute erbat, um die verfallenen Dachſtühle der römiſchen Baſtliken auszubeſſern; Mauerleute würde er nicht verlangt haben, weil die von Como (die magistri Comacini) ſchon damals in wohlverdientem Rufe ſtanden. Alſo ſcheint durch Tradition aus dem hohen Alterthume die Maurerkunſt unter dem Volke ſich erhalten, das Zimmerhandwerk hingegen ſeine Grundregeln und Handgriffe eingebüßt zu haben. Wenn ſolches überhaupt bey den Römern jemals ſo feine Ausbildung erlangt hatte, als bey den nörd— licheren Völkern. Die Römer wagten bey vorübergehenden (9*) 1³² Holzconſtructionen das unglaubliche; doch ſtürzten ſie wohl auch zuſammen, wie jenes Amphitheater zu Fidene*). Am folgenden Morgen ward eine Spazierfahrt angeſtellt, um die entlegeneren Theile dieſes Landgutes zu beſichtigen. Wir fuhren einen gut beſtandenen Wald entlang; in dieſen Gegenden eine ſeltene Erſcheinung. Das Unterholz wird von acht zu acht Jahren abgetrieben, das Großholz beſtand aus Eichen von ſchönem Wuchſe und ziemlicher Größe. Jenſeit dieſes Waldes verließen wir den Wagen, um den Mechanismus zu beſehn, der einen Theil des Gutes mit Waſſer verſieht. Ticengo, das überhaupt nur zum kleineren Theile perenn bewäſſert werden kann, erhält ſeinen Bedarf von ſehr verſchiedenen Seiten. Einiges fließt dieſem Landgute aus eigenen Quellen zu, anderes aus alten Theilrechten an den vielen hin⸗ durch und daran hinſtrömenden Canälen. Der anſehnlichſte Zufluß kommt indeß aus dem Canal der»compagnia della marca,« welche gegen den jährlichen Pachtzins von Ein⸗ hundert Zecchinen drittehalb Mayländer Normalmaße(oncie) dem Gute Ticengo überlaſſen hat. Zudem muß Ticengo die Maſchinerie unterhalten, durch welche dieſer Waſſerantheil etwa zwanzig Fuß hoch gehoben wird. Sie iſt einfach, doch ſinnreich den Umſtänden abgewonnen. Während ein Arm des Zuflußcanals in beträchtliche Tiefe hinabfallend das Hauptrad in Bewegung ſetzt, geht ein zweyter und kleinerer Arm deſſelben dem Schöpfrade zu. Die ſanfte Abſenkung der lombardiſchen Ebene und daraus entſtehende Möglichkeit, das Waſſer durch Canäle und Gräben über das ganze Land auszubreiten, macht den Landwirth von Veranſtaltungen, gleich der beſchriebenen, im ganzen ſo ziemlich unabhängig, weßhalb ſolche, die vorkommen, als eine Beſonderheit und Abweichung *)— neque firmis nexihus ligneam compagem superstruxit— Tacit. Ann. lib. IV. ſe woll ngeſtlt ſcctigen. in dieſen vird von and aud um den Waſfer Theile von ſehr eigenen elen hin⸗ ehnlichſte ia della on Ein⸗ (oncie) engo die rantheil einfach, nd ein end das kleinerer lbſenkung oglickei unze Land gen,glit „weßtah bweichung rstrulit— 133 auffallen. In anders geſtalteten Ländern indeß, möchte, wenn die Bewäſſerung darin mehr und mehr ſich verbreiten ſollte, die Mechanik häufiger in Anſpruch genommen werden und Aus⸗ hülfe gewähren müſſen, wo die natürlichen Senkungen des Bo⸗ dens nicht hinreichen, die Bedürfniſſe des Landbaus zu befriedigen. Wir gingen von hier aus zu Fuß durch den ſchön bewach⸗ ſenen Thalriß und weiter fort durch Holz und Buſch zu dem Pachthofe des Mazzetti; einem Gebäude von ſehr alter Anlage, das um weniges über die unterliegenden Wieſengründe erhaben, mit ſeinem dunkelen Gemäuer unter verſtreuten Bäumen, we⸗ nigſtens von einer Seite einen ländlich erfreulichen Anblick gewährt. An der Seite des Hofes geben weit vorſpringende Dächer, von hohen Backſteinpfeilern unterſtützt, eine mittags nicht unwillkommene Beſchattung, in welcher wir auf eigen⸗ gemachten Rohrſtühlen von ganz nordiſchem Anſehn Platz nah⸗ men. Von artigen, friſchen Kindern umgeben, und anderen gleich jugendlichen Hausthieren, ließen wir uns die hier wal⸗ tende behagliche Nachläſſigkeit für ein halbes Stündlein ganz wohl gefallen. Am Abend zuvor hatte ich in den Hallen des Haupthofes die Frugalität des großen Pächters bewundert; jetzt erſchien mir deſſen Einfachheit als eine breite, an Verſchwen⸗ dung grenzende Einrichtung des Lebens. Indeß waren die Kinder wohl gekleidet, ihr Anſehn geſund, was auf Genüg⸗ ſamkeit ohne Kärglichkeit zu ſchließen gab. Mazzetti bewirthſchaftet 1800 Pertiche, von welchen 1300 theils perenn, theils abwechſelnd bewäſſert werden können. Alſo hat er nicht ſo gar viel weniger zu überſehn, als mancher gentleman farmer in England, allein bey größerer Einfach⸗ heit der Lebenseinrichtung mehr Ausſicht, Capitalien zu ſam⸗ meln und ſeine Nachkommen wohl ausgerüſtet in die Welt hinauszuſtellen. Ob anderſeits die Frugalität der italieniſchen Landwirthe nicht etwa gegen Ausdehnung ihrer Vortheile, Meh⸗ 134 rung ihres Gewinnes ſie gleichgültig machen, ihre Thätigkeit lähmen, ihre Ausſichten beſchränken möchte?— Allerdings wohl, ohne jene Neiguug zum capitaliſiren, welche dem Lom⸗ barden angeboren iſt, und nicht immer auf gemeine Habſucht, häufiger auf elterliche Zärtlichkeit, oder, bey unbeerbten Per⸗ ſonen, auf Anhänglichkeit an ihre Stammgenoſſenſchaft ſich zurückführen läßt. Unter allen Umſtänden verringerten dieſe Erſcheinungen die Verehrung, welche die Frugalität eines Cin— cinnatus, oder Fabricius bis dahin mir eingeflößt hatte. Unter einem ſüdlicheren Himmel iſt manches, das im Norden wahr⸗ haft Entbehrung iſt, nur eben eine Verminderung der Störun⸗ gen des ſubjectiven Behagens. Auf dem Rückwege ward auch der mittle Pachthof be— ſehen, der in jeder Beziehung der minder begünſtigte mir zu ſeyn ſchien. Dort, auf ſchon trocknerem Boden, war der Zu⸗ kunft durch Anpflanzung von Maulbeerbäumen vorgearbeitet, welche in dieſen niederen Gegenden weniger verbreitet und ſchlechter gehalten ſind, als auf den Hügeln und Hochflächen am Abhange des Gebürges. Der Boden des Landgutes von Ticengo erhebt ſich an vielen Stellen bis fünfzig Fuß über den umliegenden Gründen und ſie durchſtrömenden Canälen, was die Möglichkeit der Bewäſſerung, auch bey künſtlichen Vorrichtungen nach Art der ſchon erwähnten, für einen Theil ſeines Bodens ganz unmöglich zu machen ſcheint. Um ſo mehr, dächte ich, mßten hier die Irrigationen auf beſtimmte Theile des Gutes feſt eingeſchränkt, hingegen die übrigen der kleinen Cultur, dem Weinbau, der Seidenerzielung, durchaus gewidmet werden. Auf dieſem Areal wiederholt ſich im kleinen die Ein— theilung des geſammten lombardiſchen Reiches in ein Ober und Niederland. Alſo, ſcheint mir, hätte auch der Anbau den⸗ ſelben Geſetzen zu folgen, hier ganz Bewäſſerungsanbau, dort ganz kleine Cultur zu ſeyn. digki endans n Lon. tſuch 1 Per⸗ ſi ſc dieſe d Cin⸗ Unter wahr⸗ törun⸗ ſof be⸗ nir zu er Zu⸗ beitet, t und ſächen bon über len, ichen Theil mehr, Theile kleinen widmet je Ein⸗ Ober au den⸗ u, dokt 135 Wir ſtiegen von dem hochbelegenen Pachthofe in die Nie— derung hinab, um einen Waſſerarm zu beſehen, der neuerlichſt durch Aufgrabung verborgener Quellen war gewonnen worden. Auf dem Wege dahin trafen wir einen Haufen piacentiniſcher Reisjäter an, die, im Graſe gelagert, ihr dürftiges Mittags⸗ brodt verzehrten. Eine andere als die fruͤher beobachtete Bande, deren Geſichtsbildung bey manchen Individuen ſogar zum edlen ſich hinneigte. Aus ſehr verſchiedenen Gegenden kommen ſie in geſchloſſenen Geſellſchaften in die Ebenen herab, um die beſchwerlichſten Arbeiten des Landbau's, beſonders eben das jäten des Reiſes zu übernehmen, wobey man den langen Tag im Waſſer ſteht und unabläſſig ſich zu bücken hat. Eine eigene Claſſe von Vorkäufern, oder Unternehmern, ſchließt mit den Pächtern und Eigenthuͤmern Contracte ab, geht dann in das Gebürge, um nach jedesmaligem bedürfen eine Zahl arbeits⸗ luſtiger und unbemittelter Perſonen für dieſe und andere Feld⸗ arbeiten in Sold zu nehmen. Bekanntlich werden die unge⸗ ſunden und ſchwach bevölkerten Ebenen Toscana's und des Kirchenſtaates auf ähnliche Weiſe von zahlreichen, in Maſſe bedungenen Bergbewohnern beſtellt und abgeerndtet. Dort erklärt ſich das ſeltſame Verhältniß der Berge zu den Niederungen aus der nothwendigen Entvölkerung der letzten. In dem lombardiſchen Königreiche aber, wo 15000 Menſchen auf die deutſche Quadratmeile gehen, von denen ein nicht kleiner Theil als Arme oder Miſſethäter den Wohlthätigkeits oder polizeylichen Anſtalten zur Laſt fallen, muß die jährliche Einwanderung der armen Bergbewohner einen anderen Grund haben, der nicht weit liegt. In einem Lande, das ſo reich iſt an alten Capitalien und jährlich ſich verjüngender Production, gewöhnen ſich auch die ärmeren Volksclaſſen an Genüſſe und Bequemlichkeiten, deren unmäßiger Gebrauch nicht ſelten die erſte und die fortwirkende Veranlaſſung ihrer Armuth iſt. Da⸗ 126 4—ÿ—ÿ’;———— her Abneigung gegen die härteſten Arbeiten, Verachtung des kleinen Lohnes, aus welchem das arme Bergvolk nur bey 1 größter Frugalität noch einen Ueberſchuß gewinnt. Ländliche Arbeiter freylich möchten ſich bereitwillig zeigen; allein dieſe 1 verwerthen ihre Kräfte vortheilhafter an den Stellen, die ſie einnehmen, und iſt uüberhaupt der unbeſchäftigte, diſponible Theil der Bevölkerung nur in den Städten und ſtädtiſchen Ortſchaften aufzuſuchen. Es bewährt ſich demnach auch hier, wie überall, die Regel: daß ſtädtiſcher Pöbel(einen eigentlich ländlichen gibt es nicht) allen landwirthſchaftlichen Arbeiten 1 abgeneigt ſey, und die zufälligen Vortheile und mühlos erwor⸗ 3 benen Genüſſe, welche in ſein Elend Abwechſelung zu bringen pflegen, dem ſicheren Gewinn bey harter Arbeit vorziehe. Es möchte daher die Annahme, welche zu Mayland mir entgegen⸗ getreten iſt: daß in der Lombardey die Bevölkerung, bey 15000 Seelen auf die deutſche Quadratmeile, noch unzureichend ſey, vielmehr ſo gefaßt werden ſollen: daß in dieſer ſchon über⸗ großen Bevölkerung eine nicht kleine Zahl unbrauchbarer Indivi⸗ 1 b duen enthalten ſey, die jene Einwanderungen nothwendig machen. Uebrigens gehören die gewerblichen Völkerwanderungen der Italiener zu den Eigenthümlichkeiten dieſer in jeder Be⸗— 3 ziehung ſo höchſt beachtenswerthen Nation. Wir haben in dem hollandgehn der Weſtphälinger und in den Fahrten nord⸗ teutſcher Taglöhner zu den däniſchen Inſeln etwas weithin verwandtes.— Auf der Straße von Oeſterreich zur Grenze begegneten mir zu tauſenden italieniſche Ziegler, welche in der Umgebung des bauluſtigen Wiens den Sommer hindurch Be⸗ ſchäftigung finden. Die Bewohner der Berggegenden, die nördlich von Bergamo ſich ausdehnen, gehen wiederum nach Mayland und Genua, um als Packknechte dem Handel zu dienen, ſchließen ſich dort in eine freye Zunft zuſammen, ſtehen ſolidariſch für die Sicherheit ihnen anvertrauter Guüter und w ag des dur bey andliche in diſe die ſe ponüble tiſchen hier, entlich beiten erwor⸗ ringen 2. E gegen⸗ [5000 dſey, über⸗ divi⸗ achen. ungen Be⸗ en in nord⸗ veithin Grenze in der rh Ve⸗ n, de i nach udel zu n ſhen ter und — ———— 1³37 genießen daher in der Handelswelt eines ehrenwerthen Glau⸗ bens. Aus dem Bezirke von Como hingegen verbreiten ſich, ſchon ſeit mehr, als tauſend Jahren, die Maurer über ganz Italien. Doch werde ich auf dieſe Erſcheinung zurückkommen ſollen.— 187 Nachdem wir das ausgedehnte Landgut in jeder Richtung durchmeſſen hatten, war die Ruhe in den wohleingerichteten Zimmern des Herrenhauſes nicht unerwünſcht. Hier fand ſich bald eine Geſellſchaft zuſammen. Der Pfarer führte einen Geiſtlichen ein, der aus dem Gebiet von Mantua kam, daher von der neulich aufgefundenen Bronzefigur(Victoria über einer Kugel, welche die Inſchrift enthält) manches ſie angehende zu berichten wußte. Dieſe bemerkenswerthe Figur iſt in der Pro⸗— vinz Cremona, Gebiet von Calvatone, in der Beſitzung»della Vittoria« des Herrn Aloigi di Piadena aufgefunden worden. Die Statue war in Mayland ausgeſtellt, als ich anlangte, und ſchien mir bemerkenswerth durch ihre Annäherung an den Styl und die Manier des Giulio Romano. Wie denn über⸗ haupt Mantua im ſechzehnten Jahrhundert für die Hervor⸗ bringung und den Handel mit falſchen Antiken ein Mittel— punct war; ſo drängte ſich mir anfänglich die Beſorgniß auf, daß auch dieſes ſchwer beſchädigte Werk in der Abſicht ver⸗ fertigt ſey, die Kunſtfreunde zu täuſchen. Doch ſcheint mir der Aufwand, den ſie müßte veranlaßt haben, für eine bloße Speculation ſehr groß zu ſeyn; auch würde man dieſe Figur nicht in dem Maße verbogen haben, wäre ſie in der Abſicht, zu täuſchen, beſchädigt worden. Alſo wird nichts übrig blei— ben, als unter den Antiken von höchſt modernem Anſehn ihr einen ehrenvollen Platz anzuweiſen. Allmählich denn kehrte das Geſpräch in das Geleiſe des Tages zurück, zu den landwirthſchaftlichen Angelegenheiten, welche für den Augenblick das Intereſſe lebhafter in Anſpruch 138 nahmen. Herr Baſſi, welcher das Gut beaufſichtigt, und viel mit der Anlage von Winterwieſen ſich beſchäftigt hat, beant⸗ wortete eine Reihe von Fragen, welche an ihn gerichtet wur⸗ den, mit vieler Präciſion. Und weil in manchen Dingen er von Berra mir abzuweichen ſchien, nahm ich die Feder zur Hand und ſchrieb ſeine Antworten auf, die, wenn ſie nun wohl nichts völlig neues, oder doch nur locale Abweichungen an— zeigen mögen, doch einen gewiſſen Charakter ſachkundiger Po⸗ pularität an ſich tragen, welcher mich veranlaßt ſi ſie hier ziem⸗ lich wörtlich ins deutſche zu überſetzen. Winterwieſen. Tiefe des bearbeiteten und etwas gedüngten Bodens?— Drey mayländer Zoll, oder ein halber Fuß. Herſtellung der Oberfläche des Bodens?— Man gibt gewöhnlich den abhängigen Hälften(ale) der Beete die Breite von zwölf Elen(braccia), dem Hauptgraben(maestro) aber einen halben Fuß(drey oncie) Erhöhung über dem Abzugs⸗ graben, und einen halben mayländer Zoll(oncia) Senkung auf hundert Elen(braccia) Länge. Wo der Abfall ſtärker iſt, oder in Anſehung der Lage ſtärker ſeyn muß, pflegt man den Lauf des Waſſers von Abſtand zu Abſtand durch einige Raſenſtücke oder andere Hinderniſſe zu brechen. Düngung?— Der Dünger muß ſehr kurz, verfault, ver⸗ arbeitet, ſeyn. Man gibt jeder Pertica zwey Karren Miſt (otto quadrini cubi, braccio Milanese), im Frühling und Herbſt.— Verſteht ſich, daß ſolches nur von ſchwachem und dabey mager bewäſſertem Boden gilt. Winterbewäſſerung?— Man beginnt nach den Witterungs⸗ anzeichen im September, oder October, und bey früheintre— tender Kälte noch zeitiger, das Waſſer in ſanfteſter Bewegung üͤber die, wie oben, vorbereiteten Grüͤnde rieſeln zu laſſen; d vil bemt⸗ t wu⸗⸗ gen er er zur twohl i an⸗ r Po⸗ jiem⸗ 87— n gibt Breite ober dzugs⸗ nkung arker man lnige ver⸗ Miſt g und n und rungs⸗ eintre⸗ vegulg liſen; 139 weil die Erfahrung lehrt, daß die Teneatit in das rie⸗ ſelnde Waſſer gemildert werde. 3 Unterbrechungen der Berieſelung?— Wann das Gras geſchnitten werden kann, was im Februar und Märzen einzu⸗ treten pflegt. Ferner, an warmen Frühlingstagen, ſo lang die Sonne am Himmel ſteht, damit ſie die Grasnarbe erwärme. Ferner, wann die Kälte über zehn Grade ſteigt. Sommerbewäſſerung?— Nach dem Bedürfniß. Erſte Beſtellung der Wieſe?— Hafer mit Grasſamen. Den Winter nach dieſer Erndte wird die Wieſe nicht bewäſ— ſert, weil die Graspflanzen noch zu ſchwach ſind und zu ver— einzelt ſtehn, daher das Waſſer Rinnſale hervorbringen, die Oberfläche verderben würde. Ertrag?— Erſter Schnitt von der Pertica, 16 Pfund Gras. Zweyter, drey hundert Pfund(libre grosse) Heu, das Hundert(der fascio) fünf mayländiſche Liren(etwas mehr, als fünf zwanziger) an Werth. Dritter, dritthalb hun⸗ dert Pfund, das Hundert vier Liren werth. Vierter, zwey hundert Pfund, drey ein halb Lire das Hundert. Der fünfte, anderthalb hundert Pfund, zu drey Liren das Hundert. Alſo bringt eine Pertica(vierundzwanzig zwölffüßige Quadrat⸗ ruthen) im Verlaufe des Jahres 52 ½ mayländiſcher Liren ein, ungefähr 21 Gulden rheiniſch. Die Angaben, welche Burger theils aus Berra's Werk entlehnt, theils in den einzelnen Wirthſchaften, welche zu be— ſuchen er Gelegenheit fand, an der Stelle aufgenommen hat, ſtimmen mit den obigen nicht durchhin überein, was auf der Verſchiedenheit localer Ergebniſſe beruhen wird. Doch iſt die Abweichung in Bezug auf den Geſammtertrag äußerſt gering, bleibt dieſer, woher man die Berechnung entlehnen möge, ſtets der höchſte, welchen unter einem gemäßigten Himmel der Feld⸗ bau von einer gegebenen Fläche ſich würde jemals verſprechen 140 dürfen. Was übrigens dieſer außerordentliche Ertrag noch leiſte, indem er in alle übrigen Theile einer Wirthſchaft ein⸗ greift, dem Viehſtande aufhilft, den Dünger und durch ihn den Kornertrag vermehrt, das möchte nur durch Vergleichung ge⸗ nauer Wirthſchaftsrechnungen, die theils vor, theils nach der Anlage von Winterwieſen gemacht wären, ſich ſtreng ermitteln laſſen. Nun folgte die Auseinanderſetzung der verſchiedenen Arten, die Oberfläche des Bodens für die Berieſelung vorzurichten, nach den längſt durch Berra beſchriebenen und durch Grund⸗ riſſe beleuchteten Manieren; a riprese, mit einem tiefen Zwi⸗ ſchengraben, welcher das von oben abfließende Waſſer auf— nimmt, um ſodann die Zuflüſſe(maestri) der niedriger bele— genen Wieſenabſtufung zu ſpeiſen; a gradini, wo der Abzugs⸗ graben in der nächſtunterliegenden Wieſenabtheilung Hauptzu⸗ flußgraben wird; maschio e femmina, was mir daſſelbe zu ſeyn ſchien. Auf das ſchon erwähnte, nach meinem Bedünken, ſinnreiche Auskommen des Pächters ward indeß ein ſcheeler Seitenblick geworfen. Wahrſcheinlich mißfiel es eben durch ſein Verdienſt: den Zufälligkeiten des Bodens ihr beſtes abge⸗ wonnen zu haben. Denn es klebt den Verwaltern(fattori) durchhin etwas theoretiſche Pedanterey an, von welcher der Pächter und ackerbauende Gutsbeſitzer ſich freyer zu halten pflegt, weil er mit eigenen Mitteln zu eignem Vortheil, oder Schaden wirthſchaftet. Nach Cremona auf Seitenwegen, die ſchwer zu finden, dafür gut gebahnt waren. Es iſt eine Freude, zu ſehn, wie leicht man ſich hierlandes verirren kann. Denn es entſteht aus der überall gleich guten Beſchaffenheit der Nebenſtraßen, denen nie abzugewinnen iſt, ob ſie nach dem Hauptorte, oder nach einem bloßen Dorfe führen, ehe man durch fragen und forſchen den rechten Sachbeſtand ermittelt hat. Nachweiſungen Eur u itſchſt i durch ihn a rgleichun 1 heils nch d treng ernit ſiedenen Aun vorzurictn, durch Grmn⸗ m tiefen zu⸗ Waſet uf niednger u bder Alhu dung Huxt ir diſäll n tem Vaͤinin, Fein ſczelr s eben duch jbeſtö ae ern(ati) wecchr de er zu baben orthel, der r zu fud ſtu, ni dz entſeht tencrahen ra, oder rnu und peiſiten 141 moͤchten, wo zwey und mehr Wege ſich ſcheiden, an überall ſich darbietende Mauern gemalt werden können. Indeß hat das Bedürfniß der Wegweiſer in dieſem bevölkerten Lande bis⸗ her nicht ſich fühlbar gemacht, da ſelten mit eigenen Pferden gereiſt wird und die Fuhrleute von Amt und Beruf viel Orts⸗ ſinn und Landeskenntniß beſitzen. Das flache Land hier umher wird von unzähligen Canälen durchſchnitten; an einer Stelle wurden dreyzehn neben einander hinſtrömende aufgezählt. Das gibt für den kleinen Krieg der Banditen und Straßenräuber herrliche Gelegenheiten, den Reiſenden, nachdem er die erſten Brücken überſchritten hat, von allen Seiten einzuſchließen. Viele dieſer Zuflußgräben erhalten ihr Waſſer aus dem Canal Pallavicini, der in noch ſtattlicher Breite längs dem Landgute Ticengo hinfließt, doch in der Nähe von Cremona, nachdem er unzählige Zuflußgräben ge⸗ ſpeiſet hat, ſich ſpurlos verliert. Der Canal Pallavicini iſt das Privateigenthum einer ver⸗ zweigten Familie. Er enthält gegen tauſend mayländiſche Maße(oncie) Waſſer, das auch in dieſer Entfernung von der Hauptſtadt immerhin großen Werth hat, da meine Freunde zu Ticengo für das Normalmaß(die oncia) vierzig Ducaten Pachtzins bezahlen. Wie dieſes, in ſeiner Art einzige Privat⸗ eigenthum vereinigt und gewonnen ſey, lehrt das eigene Be⸗ kenntniß der Beſitzer, welches im Archiv S. Fedele zu May— land ich ausgeſchrieben habe und unter die angelegten Beweis— ſtücke aufnehmen will. Anfänglich hatte ich den kühnen Plan gefaßt, deſſen Geſchichte zu ſchreiben; von welchem indeß, bey ſehr beſchränkter Zeit, der unermeßliche Umfang ihn betreffen⸗ der Proceßacten mich abſchreckte. Nicht allein im Archiv von S. Fedele, nein auch in einem anderen ihm untergeordneten zu S. Damiano können ſie, in mächtigen Papierſtößen von berechtigten, oder begünſtigten eingeſehn werden. Unſtreitig 142 wird an dieſem einen Beiſpiel das mayländiſche Waſſerrecht in allen ſeinen Theilen ſtudirt und nachgezeigt werden können. Doch möchte auch bey längerer Anweſenheit hiezu die Ausdauer mir gefehlt haben. Im Gebiet von Cremona können etwa ſechs Zehntheile des angebauten Landes bewäſſert werden, welche ihr Bedürfniß theils aus dem erwähnten, theils aus einem anderen und grö⸗ ßeren Canale beziehen, welcher der Stadtgemeinde von Cre— mona gehört und nach ihr benannt wird. Die übrigen Län⸗ dereyen entbehren dieſes Vortheils, weil ſie zu hoch belegen und den vorhandenen Waſſerzuflüſſen nicht erreichbar ſind. Unſer Weg durchſchnitt vornehmlich die trockenen Culturebenen, auf welchen Maulbeerbäume von hohem Alter und kräftigem Wuchſe in langen Reihen ſtanden und mit ihren frey herab⸗ hängenden Zweigen erfreulich zu ſehen waren. Frizzoni's Kut⸗ ſcher indeß, ein Bergamasker, der ſelbſt Land beſitzt und auf Verſtändniß ſolcher Dinge viel Anſpruch macht, tadelte die ungebundene Weiſe und freye Haltung dieſer Bäume. In ſeiner Provinz glaubt man in das Geheimniß ganz eingedrun⸗ gen zu ſeyn und beſtimmt zu wiſſen, auf welche Weiſe den Maulbeerbäumen der höchſte Ertrag abzugewinnen ſey. Gewiß haben dieſelben in der Gegend von Bergamo ſelten jenes ver— wildert⸗verwickelte Anſehn derer im Veroneſiſchen und im Ge⸗ biet von Breſcia. Indeß ſcheint es mir, daß über die erſte Erziehung der jungen Bäume auch zu Bergamo keine feſte Grundſätze ſich gebildet haben. Richtig ſagt man, daß die Zweige ſich nicht verwickeln dürfen, damit die Sonne, wie ſpäter die Hand des Blätterſammlers, überall eindringen könne. Allein man legt es nicht von Anbeginn darauf an, den Haupt— zweigen eine divergirende Richtung zu geben, wie Figaroli es macht; vielmehr begnügt man ſich nach der Hand darin umher⸗ zuſchneiden, im einzelnen zu beſſern, was im ganzen nicht ſerreht Künren lusdauer äntheie dürfniß nd gro⸗ Cre⸗ i Län⸗ belegen t ſind. kbenen, äftigem herab⸗ 5 Kut⸗ d auf te die An drun⸗ den :wiß ver⸗ Ge⸗ erſte feſte die wie onne. aupt⸗ li e nher⸗ nicht 143 wieder herzuſtellen iſt. Es geht hierin, wie mit den Obſtbaͤu— men, die, wenn nicht zeitig bey erſtem ſetzen ſie richtig gemo— delt werden, ſpäterhin weder durch Axt noch Säge befriedigend herzuſtellen ſind, weil nach Amputationen von Hauptzweigen die jungen Schößlinge ſtets eine ausſtrahlende, abnorme Rich⸗ tung annehmen. Mancherley haben die Maulbeerbäume bey den Lombarden zu beſtehen; man haut ſie bis auf den Stumpf ab, wie die Weidenbäume im Norden; man nimmt ihnen Aeſte, die ſchon kleine Bäume ſind; man läßt ſie zur Ader, gibt ihnen»Sa— lassi.« Das letzte beſonders findet Burger höchſt abſurd. Allein es geſchieht nur auf feuchtem, ſehr fruchtbarem Boden, und mag dort ſeinen Grund haben. Wenigſtens habe ich un— zählige Bäume dieſe Heilart überſtehen und nach längerem Siechen wieder aufleben ſehn. Was ein ganzes Volk eine längere Zeit hindurch beybehält, das hat wenigſtens in der Erfahrung einen Boden, den man kennen muß, eh' mans ver⸗ wirft. Ueberhaupt neigt ſich in dieſem feucht-milden Lande die geſammte Vegetation zur Ueberfülle der Säfte und erträgt die Zurechtweiſungen, welche ſie zu beſtehen hat, auf andere Weiſe, als in den kälteren, oder trockneren Gegenden. Indeß waren wir an das Thor des heiteren Cremona und durch ſchöne, nicht überweite Straßen zum Hauptplatze gelangt, an welchem wir Quartier nahmen. Dieſer Platz hat aus dem Mittelalter öffentliche Paläſte, eine achteckige Taufkappelle, eine prachtvolle Domkirche; die gemeineren Gebäude machen ſich wenig geltend, ſtehen daher jenen Denkmalen alter Herrlichkeit nicht eben im Wege. Hier, wie ſonſt an tauſend anderen Stellen, fiel mir der gluͤckliche Sinn auf, mit welchem die Italiener in ſtädtiſchen Anlagen ein Gebäude dem anderen bey, oder unterzuordnen verſtehn. Verſtöße gegen das Verhältniß im ganzen kommen nur an 144 Orten vor, in denen fremder Einfluß nachzuweiſen iſt, beſon⸗ ders zu Mayland und Florenz, ſtellenweis ſelbſt in Rom, wo noch immer, gleichwie im Alterthume, das fremde gar leicht Einfluß gewinnt. Innerhalb der Kirche Malereyen, welche der localen Schule angehören und ſchon von Lanzi durchmuſtert ſind. Hier, wie zu Lodi, bey den älteren Malern Nachahmung des Peter von Perugia, bey den neueren von allem, was nach 1510 zu Rom geglänzt hat. Gegen den Eingang ſieht man die be⸗ rühmten Mauermalereyen des Pordenone, die kräftig gefärbt, voll guter Köpfe, doch ohne Anordnung, ohne Durchdringung der jedesmaligen Aufgabe, ohne ein anderes geiſtiges Princip ſind, als jenes ganz ſubjective der Leichtigkeit, des Leichtſinnes, und eines gewiſſen Kraft und Lebensgefühles, das nicht uner— freulich auf den Beſchauer einwirkt. Die Gewänder ſind unter der Kritik, die Zeichnung iſt durchhin ſchwach; weßhalb er nicht ohne allen Grund von italieniſchen Kennern ſchlechthin ein, tintore, Färber, Coloriſt, genannt wird. Die Entlegenheit ſogar der nächſterreichbaren Steinbruͤche verſetzte die Cremoneſer ſeit früheſter Zeit in die Nothwendig— keit, den Backſtein gut zu bereiten. Nach vorgothiſcher Bauart in ſchieren Mauerflächen zu einem Guſſe vereinigt, bewunderte ich dieſes Material an der Domkirche, an S. Agoſtino und S. Domenico. Als in der Folge die gothiſche Manier die herrſchende ward, welche bildneriſche Zierden begünſtigt, be⸗ mühte man ſich, dieſelben in gebrannter Erde herzuſtellen. Daß man gelernt hatte, die beſte Thonart zu wählen, die gehörige Temperatur der Ofenhitze zu treffen, daß man dieſe und andere Kunſtvortheile gewonnen, auf welchen es beruht, daß gebrannte Erden ſtehen und nicht im Feuer ſich verziehen; das alles machte es in der Folge, als die große Kunſtepoche des Cinque— cento eingetreten war, den Cremoneſern möglich, ihre Gebäude durch —— . heſon⸗ ton, wo ar lict localen d. Hier, 5 Peter 510 zu die be⸗ efärbt, ingung Princip ſſinnes, t uner⸗ dunter alb er echthin brüche ndig⸗ zwart derte und r die . be⸗ Daß pörige indere aannnte alles nque⸗ iude urch 145 durch Büſten und halberhobene Arbeiten auszuſchmuͤcken. Unter den letzten iſt der Friis mit dem Centaurenkampfe der Lapither, am Hauſe Meli Lupi Sorelli, neben der alten Baſilica S. Michele, ſo ſchön, daß er verdiente geformt und als ein gutes Muſter der Anordnung und des Styles bey bewegteſter Hand⸗ lung in den Kunſtſchulen aufgeſtellt zu werden. Ein anderer, gleich trefflicher, doch von jenem verſchiedener Künſtler hat, zu Cremona, Geſimſe und Büſten an einem Palaſt angebracht, der gegenwärtig zum Leihhauſe(monte di Pietà) eingerichtet iſt. Die Büſten entſprechen denen im In— neren der Kirche dell' Incoronata zu Lodi. Die Malereyen des Giulio Campi und einiger anderen Eclektiker wurden aufgeſucht und beſehen. An Kunſtlern dieſer Art offenbart ſich nicht ſelten viel Talent und großes Studium. Alle die Einzelnheiten indeß, die ſie wahrgenommen, gewürdigt, erkannt haben, liegen da unverbunden nebeneinander, weil in den Seelen dieſer Leute ein Mittelpunct fehlte, in welchem es hätte ſich einigen und wahrhaft lebendig werden können. Das beſte Werk des Giulio Campi ſah ich außerhalb der Stadt, über dem Hauptaltar der ſchönen Kirche S. Sigismondo. Correggio, Raphael und Giulio Romano hatten dazu verein— zelte Beyträge geliefert, vielleicht auch Bagnacgavallo, deſſen Färbung zum Muſter genommen war. Vergegenwärtigt man ſich dieſe Fülle ausnehmender Ta⸗ lente, großer Geſchicklichkeiten und Kunſteinſichten, welche um die Mitte des ſechzehnten Jahrhunderts an Gemälde ohne alles Intereſſe iſt verſchwendet worden; ſo wird man nicht umhin können, ſich zu fragen, woher denn nur dieſes Mißverhältniß der Anſtrengung zum Ergebniß jemals abzuleiten ſey?— Ein Erlöſchen, vermuthe ich, nicht allein der Begeiſterung für die— jenigen beſtimmteren Gegenſtände, welche die Kirche bedurfte und forderte, nein auch für jedes andere tiefere Intereſſe der (10) 146 Seele, hat über die Productionen der bezeichneten Epoche jene unerträgliche Kälte verbreitet, die niemand jemals nicht auf— gefallen wäre. Denn es zeigt ſich dieſe Gleichgültigkeit nicht allein in den Kirchenbildern, auch in den hiſtoriſchen, der Zuc— cheri in Caprarola, des Vaſari im alten Palaſt zu Florenz; ja ſelbſt in den mythologiſchen und antikhiſtoriſchen, etwa des Arpino im Capitol, des Vaſari in der Concelleria zu Rom. Ich glaube nicht, daß bey ſolcher Abſpannung der Seele die Kunſt von einer niedrigen Stufe ſich hätte neu erheben können. Allein eben damals war ſie kaum erſt von ihrer höchſten Stufe herabgeſtiegen, weßhalb alle jene geiſt- und ſeelenloſen Hand— werker einer Schule genoſſen hatten, wie ſie gar ſelten Kunſt— lern zu Theil wird. Auch erhielt der Anſpruch auf Meiſter⸗ ſchaft und die Rivalität in Geſchicklichkeiten und Einſichten, das ein Mal erlernte noch eine Weile, zwar nicht lebendig, doch in einer gewiſſen äußerlichen Energie und Thätigkeit. Den Eclekticismus aber, das borgen, ſtehlen, zuſammenleſen auch des untergeordneten und vereinzelten, halte ich nicht für die Urſache, vielmehr für das Symptom und die Folge der inneren Höhle und Leere, welche jene Epoche von ſo viel an— deren minder glänzenden ſehr unvortheilhaft unterſcheidet. Es iſt ein Leiden, daß man auf dieſe Sachen gelegeutlich doch einen Blick werfen, ihnen gerecht werden muß! In der Umgebung von S. Sigismondo hatte ich jene ſchon von den Alten gerühmte Fruchtbarkeit der Ebene von Cremona bewundert, welche ein trefflicher Anbau noch mehr heraushebt. Der Adel, oder, was in Italien daſſelbe iſt, die größeren Grundbeſitzer von Cremona ſtehen in dem Rufe, ſparſam und reich zu ſeyn, was ſie in den Stand ſetzen wird, an ihre Guter Vorlagen zu wenden, die nicht ſogleich, obwohl in der Folge gevoppelte Vortheile bringen. Es möchte zu den Urſachen des hohen Culturſtandes der Lombardey gehören, daß es dem —— Epoche ine lo ritt af ltigkeit nict ſen, der zu⸗ uu Foren, in, etwa des ri zu Nun der Seele de heben künme. ochſten ehi aloſen pan⸗ ſelten Kuſ⸗ auf Miſer d Einſchwn, ct lebendin Thätigkeit ſanmenleſen ch nich für Folge der dP biel an⸗ lidet. Es llich doch jene ſchon nCremona heraushebt jgrößeren arſm und iyre Güter der Fohe nſachen w h deul 1⁴⁷ Grundbeſitze nur ausnahmweis an dem nöthigen Capital fehlt. Nirgend habe ich mehr, als dort, für künftige Vortheile Auf⸗ wand machen ſehen; allein ſtets aus dem eigenen Säckel. Bey verfallendem, ſinkendem Vermögensſtande unterbleiben nicht allein die neuen Anlagen, nein auch die Verbeſſerungen und zuletzt ſelbſt die Unterhaltung des eben vorhandenen. Unfälle der Art pflegen beſonders bey langen Minderjährigkeiten einzu— treten, weil in dieſem Verhältniß der Verkauf von Grund— ſtücken, welche des nöthigen Betriebscapitales entbehren, ſtets bedenklich, oftmals ungeſetzlich iſt. Auf dem Wege nach Breſcia erhielt ſich die Fruchtbarkeit des Bodens, den wir abends zuvor in größerer Nähe der Stadt mit Bewunderung wahrgenommen hatten, bis zum Oglio. Wir überſchritten dieſen, hier ſchon breiten Strom bey einem Dorfe voll anſehnlicher Villen, deren etwas erhöhete Lage der Wirkung, welche ſie machen, bedeutend nachhilft. Sogar ein Theater gibt es hier zur Mehrung der ländlichen Herbſtbe— luſtigungen. Im kleinen erinnert das an die Villeggiaturen der alten Römer längs der campaniſchen Küſte. Wir Nordländer haben keinen rechten Begriff von jenem gänzlichen Mangel an ländlichen Sympathieen. Die Schönheit und anmuthige Ein— richtung der Städte mag dazu beytragen, daß man nur in ihnen und in ihrer Weiſe zu leben glaubt. Man geht aufs Land, wann die wichtigſten Erndten fallen, oder die Jagd ergiebig iſt, oder weil alle dahin gehn, alſo die Stadt nicht mehr in der Stadt, ſondern auf dem Lande zu ſuchen iſt. Aus demſelben Grunde mußte denn ſogar die Gartenkunſt, anſtatt der ſchönſten Natur, dem lachendſten Anbau ſich anzu— ſchließen, vielmehr der Mode, den ſtädtiſchen Uebereinkömm— lichkeiten, ſich fügen. Durch ganz Italien haben die herrlichſten alten Waldgärten der Art unterliegen müſſen, neuerlichſt hat man ſogar den unvergleichbaren Park von l'Aricia ſchonungslos (10*) 148 abgehauen; wo ſchon in altrömiſcher Zeit ein Luſtwald geſtan⸗ den, deſſen Wurzeln den Boden noch immer befruchten mögen. Dieſe ächt italieniſchen Anlagen waren, ungeachtet des lebhaf— teſten Anſpruches auf jede nationale Gloriola, aus der Mode gekommen, aus den ſtädtiſchen Meinungen verdrängt worden durch Anlagen, die man engliſch nennt, obwohl die Engländer ſie nicht anerkennen wollen. Ueberall daher ſieht man ebene Ländereyen mit großem Aufwande in unebhene verwandeln, Teiche und Canäle ausgraben, alte Wirthſchaftsgebäude, oder ganz neues Gemäuer in einem freyen gothiſchen Style bemalen; alles in den kleinſten erdenklichen Dimenſionen. Ein Italiener ſagte mir gelegentlich der gothiſchen Architectur, es ſey dieſelbe außer Gebrauch, fuorché usano a dipignerla ne' giardini. Man denke ſich dieſe buntgemalten Mauern umgeben von all dem lichten, faden Grün der americaniſchen Baumwelt, die hier in dem fruchtbaren Boden und weichen Clima noch ſchil— figer und ſchwankender, als jenſeit der Alpen emporwächſt. Zu Breſcia ward in den Kirchen, Muſeen und Paläſten manch' alte Bekanntſchaft wieder angefriſcht und auf der Bi— bliothek mit Fleiß beſehen, was dort an ſpätrömiſchen und longobardiſchen Kunſtdenkmalen aufgehoben wird. Für die Epoche des ſinkenden Reiches und der longobardiſchen Herr⸗ ſchaft iſt hier recht vieles zu gewinnen. Doch habe ich mir vorgeſetzt, die Kunſt in dieſem Brrichte ſo viel, als möglich, unberührt zu laſſen. Bis Palazzuolo, auf dem Wege, den ich um weniges früher zuruckgelegt hatte. Dieſe Gemeinde hat ganz neuerlich auf den Grundlagen alter Befeſtigungsmauern einen Glocken— thurm errichtet, der weithin geſehen wird und in der Ferne die Gegend angenehm belebt. Man hat dieſes Gebäude mit Statuen und dem übrigen Zubehör modern italieniſcher Bau⸗ kunſt mehr decorirt, als geziert. Es iſt zu bedauern, daß die — 149 1 Kunſkrichtungen der Gegenwart den kialieniſchen Gemeindeſim ne. nicht beſſer unterſtützen.— In der alten Kirche jenſeit des d läge Stromes eine alte Schartecke, worauf deutlich: d der Ma Vincentius Civerchius de Crema pinxit M. D. XXVI. ugt wond Auch ein Monogramm; alſo jegliches Erforderniß eines nach Englände heutiger Weiſe intereſſanten Kunſtalterthumes. man eben Von Palazzuolo zum See von Iſeo. Zur linken behielten verwandel, wir das tiefe Strombette des Oglio, zur rechten blieb ein bäude, der iſolirter Berg zurück, deſſen uns zugewendeter Abhang zur le bemmle Hälfte von einem eingehegten Walde bedeckt iſt. Nach halb— in Italiene ſtundiger Fahrt durch die friſche, ſchön angebaute Ebene ge⸗ ſey dieſebe langten wir zu den Hügeln, in welchen der Hauptſtock des e gürrdlin. Gebürges gegen die Ebene ausgeht. Hier führt die Straße en von al eine Anhöhe hinan, deren felſiger Gipfel von alten Feſtungs— mwelt, die mauern umgeben iſt. Oben angelangt ſieht man Sarnico, den noch ſchil⸗ Oglio, und ſeitwärts den breiten Waſſerſpiegel. Ein uner⸗ wachſt. warteter, überraſchender Anblick. Nläͤſten Wir ſuchten in Sarnico für die Nacht uns einzurichten, f der Bi⸗ machten indeß noch an demſelben Abend von dort aus eine then und Ausflucht nach Montecchio, einer ſchön belegenen Villa, deren Für die Name poetiſchen Klang hat. Die zubehörige, ausgedehnte Be⸗ n Herr— ſitzung iſt hügelig und hoch belegen, daher größtentheils mit ich mir Reben beſetzt, die einen leidlichen Wein geben. Rings um die möglich, Villa gehen verfallene Terraſſen und verwilderte Baumpflan⸗ zungen, von welchen die Ausſicht, beſonders gegen den mächtig weniges rauſchenden Oglio hin, ſchön, mindeſtens intereſſant iſt. Zur reuerlih rechten die Ebene; gegenüber das anmuthige Hügelland, welches Glocken⸗ wir heute durchſchnitten hatten; zur linken der See. Das der Fem weitläuftige Schloß war nach dem Tode des Erbauers halb baude ni beendet wiederum dem Verfalle Preis gegeben worden. Ich ſuchte von den Miethern durch Umwege zu erkunden, ob nicht cher Bau⸗ 3 bey nächtlicher Weile ſie unheimliche Dinge geſehen, geſpen⸗ 5 duß die — ——— ————— 150 ſtiſche Laute vernommen haben; doch ward mein Vorwitz auf geheimnißvolle Art zurückgewieſen, was mir genügen durfte. Am nächſten Morgen eine Waſſerfahrt nach der größeren von dreyen Inſeln, welche dieſer See umſchließt. Sie heißt mit Recht die Berginſel, Monte Iſola; denn ſieben bis acht— hundert Fuß erhebt ſie ſich üͤber dem Spiegel des See's. Die öſtliche Seite iſt ſteil, die weſtliche ſanft abhängig. Hier be— ſahen wir eine der anmuthigſten Landbeſitzungen der Welt, Menzino, ein Gütchen, das nordiſche und ſüdliche Reize ver— einigt. Ein ſehr einfaches Wohngebäude, Hof und Garten nicht ſonderlich angelegt, noch wohl unterhalten; hingegen eine ſchattige Weinlaube von anſehnlicher Länge, auf welcher man, was hier Werth hat, ohne zn ſteigen hin und her wandeln mag. Sie verlängert ſich an einer Seite bis da, wo der Weg zur Landungsſtelle an Gruppen der herrlichſten alten Caſtanien⸗ bäume vorbeyfuͤhrt. Durch die weitgeſpreizten, knorrigen, laub⸗ reichen Aeſte glänzte der blaugrüne Waſſerſpiegel, ſchimmerten weiße Segel. Hingegen verdeckten ſie das gegenüberliegende ſchroffe und waldloſe Gebürge, welches hier, wie am Garda und Comer See, nicht ſelten das Behagen herabſtimmt. Etwas ſtörend wirkte jedoch die platt forſtmäßige Waldbenutzung auf den Anhöhen, welche das Gütchen oſtwärts begrenzen. Ich vermuthe, daß hier die Winter noch milder ſind, als am Garda— ſee, in Anſehung des üppigen Wuchſes der Oelbäume, welche den wohlgebauten Hauptort am Strande rings umgeben. Die Aufziehung von Orangeriepflanzen möchte demnach hier eben— falls möglich ſeyn. Indeß ſind in neueſter Zeit, durch ver— mehrte und beſchlennigte Verbindung mit den ſuͤdlichen Küſten— ländern des Mittelmeeres, die Limonen und andere Fruchte dieſer Gattung in dem Maße werthlos geworden, daß überall, wo ſie winters gedeckt werden müſſen und einer ſorglichen Pflege bedürfen, bey dieſer Cultur der Vortheil zu gering iſt, 151 du daher wohl die alten Pflanzungen erhalten, neue jedoch längſt d nicht mehr angelegt werden. ſühen Wir gingen nach Sarnico zurück und nachmittags über 8 di verwickelte Landwege nach dem Colle di Paſta, der Villeggia⸗ 5 g. tura er Familie Frizzoni. 1 4 Das Hügelland, welches bis dahin wir durchmeſſen hatten, Dier be⸗ lehnt ſich unmittelbar an die ſudlichſten Vorſprünge des Alpen⸗ 1 Tet, ſtockes. Ein einziges, winziges Fluͤßchen, der Cherio, durch⸗ ee ver⸗ ſchneidet es in ſüdſudweſtlicher Richtung. Er iſt der Ausfluß Garten des Lago di Spinone, den wir um einige Wochen ſpäter eben— ggen eine falls beſichtigt haben. Viel Buſchwerk in den Thalriſſen; die ſer man, offneren Gehänge mit Wein und Obſtbäumen beſetzt; der wandell Maulbeerbaum indeß weniger verbreitet, als jenſeit der Hügel der Veg in der Ebene von Bergamo, oder in der unteren Valle Seriana. ſtanien⸗ Die Villa Frizzoni, oder Colle di Paſta, wie ſie nach einem 7, laub⸗ frheren Beſitzer genannt wird, iſt eine ſeltſame Anhäufung merten von Bautheilen verſchiedener Zeit, worin es jedoch an Raum legende und Gemächlichkeit nicht fehlt. Ihre hohe und freye Lage Garda ſetzt ſie beſonders im Winter ſchweren Stürmen aus, welche Atwas die erſten Erbauer genöthigt haben, alle Verhältniſſe zu drücken. g auf Sie erinnert daher an die Bauart in den hohen Alpenthälern Ich der italieniſchen Seite. Doch, nach ſo viel unbehaglicher Groß⸗ jarda⸗ artigkeit der italieniſchen Städte, Dörfer und Villen, ſchien die welche anmuthige Verworrenheit und bequeme Verflechtung der Zimmer, . Die Säle und Kammern, mit der halboffnen Loge in der Mitte ebeu⸗ und freyen Terraſſe vor dem Geſellſchaftsſale, mir großen h ver⸗ Reiz zu haben. Mit ſolchen Freunden hätte denn auch ein minder ſchöner Küſten⸗ grüche Aufenthalt mir zuſagen müſſen. Die Brüder Frizzoni, welche überxl, nun ſchon ſeit vielen Jahren die herzlichſte Geſinnung mir zu⸗ nüten wenden, vereinigen alle Vorzüge der deutſchen mit denen der D m i italieniſchen Schule. Wenn die letzte ihr Gehör mehr gebildet l, hat, als unter uns gewöhnlich iſt, ſo verdanken ſie hingegen der erſten jenen Umfang der Begriffe und Vorſtellungen, den wir Deutſche im Süden wohl zu vermiſſen pflegen. Das alles ruhet auf gründlicher Beleſenheit in der claſſiſchen Literatur, wird von einem edlen und reinen Gefühle durchdrungen, ge— hoben, und fruchtbar gemacht für das Geſpräch ſowohl, als für das Leben im ganzen. Wie denn eine gute Erziehung die höchſte Gabe, eine gelungene aber das beſte Zeugniß für eine gute iſt; ſo verbindet dieſe trefflichen Männer, auf deren Wohlwollen ich ſtolz bin, die herzlichſte Freundſchaft mit ihrem früheren Lehrer, dem Dr. Gündel, der, ſeine Pfarre im ſäch— ſiſchen Erzgebürge aufgebend, nun ſchon ſeit einigen Jahren wiederum in ihrer Mitte lebt. In dieſen Kreis brachte die Gattin des älteren Frizzoni, als ſchönſte Zugabe, das Element der Muſik und, mit der Anmuth ihres Geſchlechtes, auch deſſen Scharfſinn und geiſtige Gewandtheit. Aus Stadt und Land kam mancherley, oft ſeltſamer, ſtets intereſſanter Beſuch, und verhinderte jedenfalls, daß uns das beſte nicht alltäglich ward. Die hohe Lage der Villa hinderte zwar die Sonnenſtrahlen gar nicht, unſere Zimmer wohl zu durchwärmen, gewährte indeß eine ſo leichte Luft, daß ich vorzugsweis in der Mittags⸗ hitze ſpazieren ging und dabey ſelten aller Begleitung entbehrte. Der Anbau beſchränkt ſich an den Gehängen dieſer trocke⸗ nen Höhen auf Reben und Maulbeerbäume.— Würde hier nicht einige Seide erzielt, ſo dürfte ſogar in guten Weinjahren bey dieſer Wirthſchaft für den Grundherrn wenig Gewinn ſeyn. Die Halbbergen(colonia partiaria, mezzeria) ſind in den Hügelländern längs der Alpen, vom Friaul bis in den Piemont, die übliche Verpachtungsart. Weil hier der Oelbaum fehlt, oder ohne Erzrag iſt, der Wein häufig mißräth, oder vom Hagelſchlage beſchädigt wird, ſo ſtehet der Theilpächter (massér) in dieſem Lande weniger im Vortheil, als in Tos— —— —— ngegen hen, de Das alls iterntn, gen, ge⸗ oohl, als hung de füͤr ein uf dere nit ihrem in ſät⸗ Jahren ache die Element ch deſſen d Land h, und ward. krrahlen wahrte tags⸗ ehrte. trocke⸗ e hier jahren i ſeyn. ſind in in den delbaum 153 cana und in den Marken des Kirchenſtaates. Die Seiden⸗ erzielung, deren Abnahme er ſchwerer empfinden würde, als der Grundbeſitzer ſelbſt, hilft ihm von Zeit zu Zeit wieder auf. Im ganzen jedoch iſt ſeine Lage ſehr ärmlich. Sehr wohl erkläre ich mir daher, daß Burger den Halb— bergen, die nur aus lombardiſchen Verhältniſſen ihm bekannt geworden, in ſeinen gehaltvollen Reiſebemerkungen entſchieden den Stab bricht. Er ſah nur deren örtliches Ergebniß. Und vielleicht hat ſie, wenigſtens für die Lombardey, bereits ſich überlebt; denn im Fortgang meiner kleineren Zwiſchenreiſen traf ich auf Stellen, an welchen nun auch der Weinbau mehr im großen und durch Lohnarbeiter betrieben wird. Nach dem äußeren Anſehn der Rebpflanzungen, mit ſtarker Hoffnung auf einen günſtigen Erfolg. Urſprünglich empfahl ſich die colonia partiaria, die viel— leicht ſchon den Karthagern), gewiß aber dem ſinkenden Reiche bekannt war, als ein Schutzmittel gegen mögliche Beſchädigung, oder nur Vernachläſſigung der perennirenden Culturpflanzen. Deutlich zeigt es ſich in den Zeitpachtcontracten des dreyzehnten Jahrhunderts**); und liegt es überhaupt in den Verhältniſſen. *) S. Polyb. über die Auflehnung des offenen Landes gegen Kar— thago, nach dem erſten puniſchen Kriege. **) S. Rumohr, Urſprung der Beſitzloſigkeit des Colonen im neueren Toscana, Hamburg bey Perthes und Beſſer, 1830.— Dieſe kleine Schrift, die mindeſtens durch die Thatſachen, die hier zuerſt mit— getheilt, oder zuſammengeſtellt wurden, einige Berückſichtigung ver— dient hätte, iſt in Deutſchland gleichgültig aufgenommen, oder ſelbſt ungünſtig gedeutet und beurtheilt worden. Um ſo mehr er— freute es mich, in den: Atti de' Georgoſili, Firenze, 1836. davon einen ſehr vollſtändigen Auszug, ohne den leiſeſten Widerſpruch, weder im hiſtoriſchen, noch im örtlichen und ſächlichen, abgedruckt zu finden, deſſen Abſehn dieſes war: den toscaniſchen Landbeſitzern noch immer gültige Urſachen zu zeigen, Beweggründe zu enthüllen, aus welchen die Halbpacht von ihren Voreltern anderen Verpach— tungs oder Bewirthſchaftungsſyſtemen vorgezogen ward. Herzlich Denn auch in unſeren Gegenden werden die Obſtgärten bey den Verpachtungen auf beſtimmte Zeit durch keine Clauſel, oder Rechtsformel, welche ſie ſey, gegen Vernachläſſigung, oder Beſchädigung völlig geſichert. Ob ſie verdorben, ob erhalten werden, hängt gänzlich von dem guten Willen des Pächters ab. Es ſind daher auch bey uns die Weinberge von jeher, wenn uͤberhaupt, doch nur auf Halbbergen, verpachtet worden. Ich finde die Theilpacht am Züricher See ſchon im vierzehnten Jahrhundert“*); und um wenig ſpäter auch im würtenbergiſchen, in Sachſen und ſo fort. Indeß ward die eigene Verwaltung des Herrn, oder ſeines Beauftragten, unter uns meiſt vorgezogen, weil nicht ſowohl reichlichen, als guten Wein man haben, alſo über die Wahl der Reben und deren Anpflanzung mit dem Halbpächter nicht im Streite liegen wollte. Auf gedoppelte Weiſe ſichert die Theilpacht die Pflege und gute Haltung der perennen Culturpflanzen. Zuerſt durch das, beiden Theilen offenſtehende Recht halbjähriger Aufkündigung, welches ſchon ſeit dem dreyzehnten Jahrhundert von den meiſten italieniſchen Stadtrechten anerkannt, oder feſtgeſtellt wird. Wenn ich nicht irre, ſo fehlt dieſe Seitenbeſtimmung dem römiſchen Rechte, wäre ſie demnach erſt in neuerer Zeit aus der Erfahrung hervorgegangen, daß unverbeſſerliche Nachläſ— ſigkeit oder Bosheit den Colonen bisweilen auch gegen den eigenen Vortheil verblenden könne. Sodann aber, was in den meiſten Fällen ausreicht, durch gleichen Antheil am Jahres⸗ ertrage, der jeden halbhin verſtändigen Colonen das Intereſſe des Grundbeſitzers als mit dem ſeinigen eng verflochten anſehn lehrt. erfreute es mich, wahrzunehmen, daß meine Arbeit nicht ganz ver⸗ loren iſt, was zu befürchten ich Veranlaſſung hatte. *) S. J. v. Müllers Schweizer Geſchichten. ten bey dl dder , dder -rhalten achters jeher, orden. ehnten ſchen, ng des zogen, n, alſo it dem ge und hdas, gung, neiſten wird. dem aus hlaſ⸗ den n den ahres⸗ tereſſe anſehn anh hel⸗ 155 Wo das Gut nicht zu klein iſt, wo das Clima geſtattet, werthvolle Producte zu erzielen, und ein ſicherer Markt nicht fehlt, iſt dieſe Art der Verpachtung dem Pächter guünſtiger, als dem Verpächter, dem alle Capitalanlagen, alle Staats und Gemeinde Abgaben zur Laſt fallen, der alſo weit davon entfernt iſt, die Hälfte der Producte rein zu genießen, wie jener. Wo hingegen das Gut zu klein, oder zu ſteril, oder der Abſatz ſchwach iſt: da ſtellt ſich das Verhältniß ungünſtig für den Pächter. Ein Fall dieſer Art in der Gegend von Monſelice ſcheint Burger gegen die Theilpacht in dem Maße befangen zu haben, als ſeine Reiſebemerkungen darlegen. Allerdings ſcheint ſie auch mir in der Lombardey den Um— ſtänden weniger ſich anzumeſſen, als im mittlen Italien. Allein der Fehler liegt nicht ſelten an einer zu geringen Ausdehnung, oder unüberwindlichen Sterilität des Bodens, oder auch an der Art der Cultur. Denn auch hier, wie überall ſonſt, ver— fällt der kleine Landwirth nicht ſelten in den Fehler, durch üͤberhäufte Nutzungen den Boden zu entkräften; auch erwehrt er ſich, beym Alten hartnäckig beharrend, ſogar ſolcher Neue— rungen, die unzweifelhaft ihm Vortheil bringen würden. Der Einfluß der Grundbeſitzer auf ihre Halbpächter möchte in der Lombardey viel ſchwächer ſeyn, als in Toscana; oder auch iſt der toscaniſche Landbewohner geiſtig entwickelter.“ Denn gewiß verſtehet ſich der letzte auf den Anbau vieler Gemüſe und Han— delspflanzen, welche dem lombardiſchen Maſſér völlig unbe— kannt ſind, hört und ſpricht er gern über Anbau in anderen Gegenden und fügt ſich bereitwillig in Neuerungen, deren Vor— theile ihm einleuchten. So fand ich neuerlich die Milchkühe auf vielen Colonaten der Umgegend von Florenz, wo doch vor kaum zwanzig Jahren, mit Ausnahme der großherzoglichen Caſcinen am Spaziergange dieſes Namens, keine einzige vor— handen war. 156 Sowohl in der Beſitzung meiner Freunde, als uberall in den umherliegenden, fand ich auf den kleinen Ackerſtückchen, welche die Reben umfaſſen und verſtreute Maulbeerbäume be— ſchatten, entweder Türkenkorn, oder Waizen, und hörte, daß man alljahrlich eins ums andere dieſe beiden Kornarten darin anſäe. Der Ertrag ſey zwar gering; allein man bedürfe der Streu und was ſolcher Vorwände mehr war, um jene Miſchung von Begierlichkeit und Pedanterey zu verdecken, welche der Sache eigentlich zum Grunde liegt. Unbekannt war grüne Düngung durch Lupinen, die gewiß, durch Haidkorn, das wahr— ſcheinlich, fruh ausgeſä't, eine gewiſſe Höhe erreichen wurden. Unbekannt war die Eſparſette, die wenigſtens im Frühſommer einen Schnitt gewähren und hier fortkommen dürfte, weil ſie in Spanien heimiſch iſt. Unter den Gemüſen, welche auf trockenem Boden gedeihen, war ſowohl die Kichererbſe, als die Linſe bis dahin nie angebaut worden.— Fünf bis ſechs Kartoffeln, welche ein Bauer zur Probe ausgepflanzt hatte, zeigten noch in der Mitte des Sommers ein verſprechendes Anſehn. Doch möchte der gleichfalls vernachläſſigte Kürbiß in irgend einer ſeiner zahlreichen Arten noch mehr ſich em— pfehlen, da hier in allen Richtungen unzählige Steinhaufen liegen, welche den Ranken dieſer luxuriirenden Pflanze eine gute Unterlage gewähren möchten. Doch ſetze ich voraus, daß man ihrer Wurzel ein wenig lockeren Boden und hinreichende Feuchtigkeit ſichern könne; was allerdings nicht überall, doch an vielen Stellen unzweifelhaft innerhalb der Möglichkeit liegt. Mehr jedoch, als jene theils noch zweifelhaften Eroberun— gen, beſchäftigten meine Freunde die vorzunehmenden Verbeſſe— rungen des Weinbau's und der Weinbereitung im großen. Dieſe mußten indeß vorerſt im kleinen verſucht und erprobt werden, weßhalb ſie beabſichtigten, einige der Morgenſonne gunſtig ausgeſtellte Berghänge fur eigene Rechnung ganz mit all in achen, ne be⸗ e, daß darin fe der ſchung e der grüͤne wahr⸗ unden. ommer deil ſe che auf e, als zſechs hatte, cendes Kürbiß jh en⸗ haufen g eine 6, daß ichende „doch tliegt. berun⸗ tbeſſe⸗ roßen. rxrobt 3 ſonne jnit 157 Reben zu bepflanzen. Der zweyjährige Wein, den wir ge⸗ noſſen, war mild und lieblich, hinreichend doch nicht uͤbermäßig ſtark und gar nicht erhitzend. Was mir Hoffnung gewährt, daß ihr Beſtreben, ihn zu verbeſſern, nicht erfolglos bleiben werde. Mit ſo viel Umſicht behandelt man in dieſen Gegenden den Halbpächter, daß man durch Beyſpiele ihn zu gewinnen, ihm beliebt zu machen ſucht, was man doch ihm gebieten und auflegen könnte. Denn bey gleichem Intereſſe ſcheint in den Berathungen auch ihm eine Stimme zu gebühren; und bey der Ausführung iſt er allerdings die Hauptperſon, weßhalb ſeine Bereitwilligkeit bey landwirthſchaftlichen Unternehmungen noth— wendig in Anſchlag kommt. Wer Burgers Schilderung geleſen, möchte glauben können, das wenigſtens in der Lombardey alle Halbpächter ſich in der armſeligſten Lage befinden. Indeß erfreuen ſich einzelne eines den Umſtänden angemeſſenen Wohlſtandes. Von den zwanzig Familien, die in der Beſitzung meiner Freunde die Theilwirth— ſchaft betreiben, hat wenigſtens eine, nicht allein keine Schul— den, nein auch etwas Capitalbeſitz. Mit Vergnügen ſah ich die ſchon bejahrte Hausmutter, als eines Tages ich bei ihr vorſprach, ihre heurige Linnenwerbung zuſammenlegen. Es lag in ihrem Ausdrucke etwas von jenem halbausgeſprochenen, halbverſchwiegenen Selbſtgefühle, womit deutſche Hausfrauen ähnliche Denkmale ihres winterlichen Fleißes zu handhaben pflegen. Und will ich auf dieſe Veranlaſſung dem Leſer die Bemerkung nicht vorenthalten, daß ein ungeflicktes und rein— liches Hemde von gutem eigengemachtem Linnen dem lombar— diſchen Maſſér, ſo arm er im übrigen ſeyn mag, doch nie zu fehlen pflegt. So möchte denn auch hier, wohl eine Beſſerung möglich und wünſchenswerth, doch kein ſo dringendes Bedürfniß vor⸗ 4 3 4 V ☛—— — 158 handen ſeyn, die Partialverpachtung ganz abzuſchaffen, als Burger anzunehmen ſcheint. Sein Vorſchlag aber, ſie durch Erbpacht zu erſetzen, ſcheint mir den allgemeinen Umſtänden durchaus unangemeſſen. Wäre es ihm, bey Abfaſſung ſeiner Reiſebemerkungen, bekannt geweſen, daß einzig das Bedürfniß, die perennen Culturpflanzen zu ſichern, die Halbpacht den Italienern em— pfohlen und mehr als fünfhundert Jahre lang ſie bey denſelben in Gunſt erhalten hat; ſo würde er eher vorgeſchlagen haben, durch beſſere Ausründung der Güter, durch Einwirkung auf die Colonen und ähnliches mehr ſie zu heben, als die Erbpacht an ihre Stelle zu ſetzen. Auf welcher Baſis kann man denn in einem Lande vererbpachten, wo der Werth der Bepflanzung durch Reben und Maulbeerbäume*) den abſoluten Werth einer ſteinigen, dürren Erdoberfläche um das mehrfache überſteigt? — Doch nur auf der Baſis des abſoluten Grundwerthes?— Denn wer ſichert dem Verpächter auf lange, nun gar auf ewige Zeiten, daß nicht eben das, was ſeinem Beſitze vor⸗ nehmlich Werth giebt, die Bepflanzung mit Reben und nutz⸗ baren Bäumen aller Art, allmählich ganz eingehn werde? Ein nachläſſiger, und ſchon ein verarmender Wirth kann ſolchen Pflanzungen eben ſo viel Schaden verurſachen, als ein bös— williger, den ich zu den Ausnahmen zählen will.— Der Ver⸗ pächter müßte demnach den ganzen Werth ſeiner dermaligen Bepflanzung baar ſich auszahlen laſſen, die Rente nach dem abſoluten Grundwerthe ermäßigen. Was denn leichter zu ſagen und rathen, als auszufuühren iſt. Denn woher nimmt der Erb— pächter jene Kaufſumme? in welchen neuen Unternehmungen legt der Verpächter ſie wiederum an? — ☛‿ — *) Burger ſelbſt, Th. II. gegen Ende, hat dafür einige Data geſammelt und aufgeſtellt. 1, als drch danden ungen, rennen n em⸗ ſelben aben, Jauf bpacht denn unzang einer ſteigt? 2— rauf vor⸗ ult⸗ Ein chen bos⸗ Ver⸗ ligen dem agen Erb⸗ ngen nntelt Alſo nicht ohne Urſache ſind die lombardiſchen Grundbe⸗ ſitzer den Erbpachtverhältniſſen ſo wenig geneigt, daß ſie, weit entfernt, neue anzuknüpfen, vielmehr die kleine Zahl aus dem Mittelalter noch übriger Emphytheuſen, vom Friaul bis zum Piemont, auf alle Weiſe zu verringern ſuchen. Von einer Vererbpachtung in ganz neuer Zeit iſt mir ein einziger Fall bekannt, in der Valle Brembana. Doch hat derſelbe bereits ſo viele Mißhelligkeiten erzeugt, daß er ſchwerlich zur Nach⸗ folge anreizen wird. Denen, welche allen Boden ſo gern in den Händen des eigentlichen Ackersmannes ſähen, und den Erbpachten wohl nur das Wort reden, weil ſolche als ein Surrogat des etwan unerreichbaren kleineren Grundbeſitzes ihnen ſich darzubieten ſcheinen, muß die ausnehmende Zerſtückelung des Grundbeſitzes in den eigentlichen Bergländern der Lombardey die größte Freude machen. Allein daſſelbe Factum zeigt, was ſie nicht ſuchen: daß bey freyem Handel mit Ländereyen die kleinen Beſitzthümer nur in ſolchen Gegenden ſich erhalten können, welche die Speculation des Capitaliſten nicht anlocken. Und in der That finden ſich unter jenen zahlreichen kleinen Beſitzun— gen ſehr wenige, die ſo ausgedehnt und ergiebig waͤren, daß eine Familie von ihrem Ertrage ſich ernähren könnte. Im allgemeinen ſind ſie nur Stützpuncte anderer Gewerbe, welche als häusliche Niederlaſſungen unſtreitig ihren Eigenthümern von erheblichem Nutzen ſind, doch keinen hinreichenden Ertrag gewähren. Das Nebengewerbe dieſer Bergbewohner iſt ſelten, gleich der Linnenbetriebſamkeit in Weſtphalen und Flandern, ein häusliches; gewöhnlich nöthigt es einen großen Theil der männlichen Bevölkerung zu einem Wanderleben, gleich dem, wovon bereits zu Ticengo mir ein Beyſpiel vorgekommen war. Die Bevölkerung im Friaul und im Vicentiniſchen ent— ſendet alljährlich tauſende von Ziegelknechten nach Oeſterreich — — 2 —— —— —õ— 3 ' 4 — 1 160 und Ungarn; das bergamaskiſche Gebürge ſchickt Packknechte nach Genua und Mayland; das Hochland von Como erzeugt Maurer, die über ganz Italien ſich verbreiten, und Klein— händler, die häufig zu großen Mitteln gelangen. Und ſo geht es fort von Berg zu Berg. In der That kommen bäuerliche Wirthſchaften, die nur auf Ackerbau und Viehzucht gegründet ſind, die weder gärt— neriſch in tauſend Nebenzweigen ſich entfalten, noch auf ein— trägliche Nebengewerbe ſtützen, auch bey dem glücklichſten Ver— hältniß der Grundſtücke unter ſich, in Bezug auf den reinen Ertrag und baaren Ueberſchuß gegen größere Güter ſtets in Nachtheil. Man vergleiche nur, um der Sache gewiß zu wer— den, den Pachtwerth der kleineren Ackerwirthſchaften mit dem der größeren. Wobey jedoch mir nicht entgeht, daß beſtimmte Umſtände kleinen Grundſtücken bisweilen einen relativen Werth ertheilen können, welcher den abſoluten Werth der größeren weit überſteigt. Allein in ſolchen Fällen kommen die Umſtände in Betrachtung und nicht die Sache ſelbſt. Bey den Unterſuchungen dieſer Art kommt ſelten in Er— innerung, wie ſchwer, ja unmöglich es ſey, auf Bauergütern, ohne Nebenbetrieb, für den ganzen Umlauf des Jahres Be— ſchäftigung zu finden. Geſtattet das Clima, der Boden, die Gelegenheit des Abſatzes, dem Ackerbau eine Hinneigung zur Gärtnerey zu geben, können Obſt, Wein, Gemüſe, Handels— pflanzen gezogen werden, nun ja, dann geht es. Allein iſt das noch Ackerbau?— Man wird mir antworten: nun denn, ſo werde überall Gärtnerey betrieben! Allein ſolche Einwürfe können nur von denen gemacht werden, die über die Sachen hinſehn und nicht unterſcheiden, was ein Haupt, was nur ein Nebenbedürfniß iſt. Ackerbau und Viehzucht aber befriedigen ein unerläßliches und allgemeines, die Gärtnerey hingegen nur ein ein kinecte enyegt Klen⸗ ſo gaht die nur r gär⸗⸗ auf ein⸗ en Ver⸗ reinen ſtets in zu wer⸗ nit dem ſtimmte Verth ößeren ſttände I Er⸗ ltern, Be⸗ die g zur dels⸗ ſt das n, ſo wüͤrfe zachen ur ein ddigen en nur ein 161 ein eventuelles Bedürfniß. Es kann alſo nur ein kleiner Theil alles Grundes und Bodens gärtneriſch beſtellt werden. Man faſſe den Bauern nur recht ins Auge, um zu ſehen, daß überall, wo nicht ein faſt ſtaͤdtiſches Nebengewerbe, oder ein gärtneriſch betriebener complicirter Anbau von mancherley Nebenproducten ſeine Aufmerkſamkeit und Thätigkeit unaus— geſetzt in Spannung erhält, unzäͤhlige müſſige Tage und Stun— den ihm übrig bleiben. Daß nicht allein er dieſe mit allen Vortheilen, die ſie gewähren könnten, durchaus verliert; daß ſogar, was ſchlimmer iſt, er in denſelben üble Gewöhnungen annimmt, welche in anderen Zeiten dringender, unumgänglicher Anſtrengung ſehr ſchädliche Nachwirkungen haben. Denn ein gedankenloſes beginnen und ſchlaffes hindurchführen der Feld— arbeiten unterſcheidet leider in ſehr vielen, und wohl in den meiſten Fällen die eigentlichen(nicht gärtneriſchen) Bauern— wirthſchaften von denen auf größeren Guͤtern. Wer das Gegentheil meint und ſagt, hat weder ſeinen Gegenſtand recht hindurchgedacht, noch in der Welt ſich umgeſehn und die Er— fahrung zu Rath' gezogen. Sind nun zudem die Bauergüter, mögen ſtie geſchloſſene, oder auflösliche ſeyn, gar ſelten auf ſolche Weiſe ausgerundet, daß an Arbeitsvieh und Menſchenkraft nichts überflüſſig ſey und verloren gehe; ſo erklärt es ſich auf alle Weiſe, daß ſie den Reinertrag nicht erreichen können, welchen dieſelbe Grund— fläche in einem wohlzuſammengeſetzten Gute von größerem Um— fang bey richtiger Bewirthſchaftung gewährt. Die größeren Grundbeſitzer werden demnach die bäuerlichen Grundſtücke, weil ſie dieſelben höher, als der Bauer, ausbringen können, wenn dazu Gelegenheit ſich zeigt, auch theuerer bezahlen, als jener und ſeines gleichen. Was nicht ausſchließt, daß Neigungen und Leidenſchaften bisweilen dem ſich entgegenſtellen, und den Bauern beſtimmen werden, ſeinen baaren Vortheil einer Ab— (11) 16² neigung, oder Vorliebe aufzuopfern. Ich wiederhole, daß Alles hier geſagte nur von reinem Ackerbau gilt. Dieſes Reſultat der Mobiliſation, das, wie vor Zeiten in Italien, Flandern, dann in England und Frankreich, nun auch in unſeren Ländern hervorzutreten beginnt, lag be⸗ kanntlich nicht in den Abſichten und Hoffnungen derjenigen Theoretiker, welche dieſelbe herbeyzuführen ſtrebten und zum Theil ſchon herbeygeführt haben. Nach ihren laut ausge— ſprochenen, nicht verhehlten Zwecken, wollten ſie die Zahl kleiner Eigenthümer vermehren, denen ſie, mit Hintanſetzung der Erfahrung, eine beſſere Manier des Ackerbau's und größeren Fleiß willkuhrlich beylegten. Sollten ſie nun verſpätet wahr— nehmen, welches Reſultat ihre Theorie in der Anwendung her— beyfuhre; ſo dürften Verſuche, die unerwartete Wirkung auf⸗ zuhalten, nicht ausbleiben. Allein, unangeſehn, daß man die Sachen damit nur immer mehr verwirren würde, möchte es überhaupt unmöglich ſeyn, den einmal gegebenen Anſtoß zurück⸗ zuhalten, weil derſelbe in der That zeitgemäß iſt. Scheinkäufe und Vorwände aller Art wuͤrden an die Stelle offener, red⸗ licher Verhandlung kommen, wie's überall ſchon eingetreten iſt, wo dem freyen Kauf und Verkauf von bäuerlichen Gründen geſetzliche Hinderungen entgegenſtehn. Alſo würde man nur den Charakter des Geſchäftes verderben, ohne deſſen Fortgang zu hemmen. Ungern freylich trennt man ſich in der Vorſtellung von der behaglich-gemuͤthlichen Seite des deutſchen Bauernlebens, die ſeit drey Jahrhunderten unſeren Malern und Dichtern ſo viel ergötzlichen Stoff geliehen hat und jeden, mehr und we— niger, irgend einmal erfreulich berührt haben wird. Tröſtlich iſt es daher, zu denken, daß innerhalb beſtimmter Grenzen er dennoch gegen die Allgewalt des beweglichen Capitals ſich werde erhalten können und muͤſſen. —— —————— 163 ole, daß Ale 1— „dhas Dieſes wird ſtattfinden uüͤberall, wo ein ſehr durchſchnitte— ner Boden den größeren Culturunternehmungen unbezwingliche ie vor Ii. uur Jin Hinderniſſe in den Weg ſtellt. Dem Speculanten, der an— cantric,u ſehnliche Capitalien in landwirthſchaftlichen Unternehmungen unt, lgt zu den höchſten etwan erreichbaren Zinſen anzulegen hofft, liegt ſen deriunn nicht gar viel an Beſitzungen, die ſchon die Natur zerſtückelt bten und m und in viele unter ſich wenig zuſammenhängende Theile zer— luut un ſpalten hat. Denn er will und ſucht denjenigen Zuſammen⸗ ſee di a hang und die Ausründung des Beſitzes, welche den höchſten Hintanſtza Reinertrag zu gewähren verſpricht. Schon im römiſchen Welt⸗ Hund gißmn reiche gab es weder in den Bergen, noch in den Hügelländern erſpätet win. eigentliche Latifundien). Und haben, wie oben bemerkt wurde, wendung er ſelbſt in den lombardiſch-venezianiſchen Provinzen die Hoch⸗ Wirkung df thäler und Bergruͤcken nie den Städter gereizt, darin ſeine daß wan Capitalien anzulegen. Denn, wo Schönheit der Lage, oder de, möcet Milde der Temperatur die Reichen veranlaßt, in den Berg— Anſioß zurit gegenden ſich anzukaufen, iſt es nur auf Luſtorte abgeſehen, Scheikun die bloß Aufwand verurſachen und nichts einbringen. offener, d Auch in den Ebenen wird der bäuerliche Grundbeſitz bis⸗ engerrerr i weilen da ſich erhalten können, wo die Entlegenheit des Marktes chen Grinde den Abſatz erſchwert, mithin den Reinertrag des Anbau's im de un w großen um ſo viel vermindert, als hinreichen wird, die Spe— ſen fru culation von ſo belegenen Ländereyen abzuwenden. Es ſind bereits einige Jahre verfloſſen, ſeitdem ich, nur rilun n halb ernſtlich, in Vorſchlag gebracht, man ſolle die zu weit uciiu*) Niemand iſt es unbekannt, zu welcher Ausdehnung, ſchon vor Unter⸗ diten ſ gang der Republik, der Landbeſitz in offenen Gegenden angewach⸗ ehr und be⸗ ſen war. Daher iſt: Varro de re rust. L. I. cap. 17,— Omnes agros coluntur hominihus servis aut liberis aut utrisqune. Li- beris, aut cum ipsi colunt, ut plerigue pauperouli eum sua pro- Grerzer genie; nur von durchſchnittenen Stellen und Gegenden zu verſte— a aſe ſch ben. So auch die Naivetät des Ariſtoteles, Polit. I. 2: 0„l avltn— 2».— 7. 2. 30 dvr dlreroν νος réẽni grlν. (11*) V 1 G 3 164 vom Markte entlegenen Ritter und Domanialgüter überall in Bauergüter zu vertheilen und hiedurch die Bevölkerung örtlich zu mehren trachten. Es ſchien mir einleuchtend zu ſeyn, daß eine örtlich vermehrte Bevölkerung auf gedoppelte Weiſe das fehlende Gleichgewicht der Production und Conſumtion wieder⸗ herſtellen könne; durch Verminderung des Products und Meh⸗ rung der Conſumenten. Denn Bauerwirthſchaften gewähren einen geringeren Ueberſchuß verkäuflicher Producte, als die großen, und beſchäftigen anderſeits eine größere Zahl von ländlichen Handwerkern jeglicher Art, welche nothwendig eben ſo viele neu hinzukommende Conſumenten ſind. Dem practiſchen Staatswirthe kann in dieſem Argument nichts unverſtändlich, nichts verdächtig ſeyn. Indeß bin ich über den Vorſchlag, den es unterſtützt, verſchiedentlich hart angelaſſen worden. Man hat darin die Abſicht vermuthet, dem Adel alle guten und fruchtbaren Ländereyen in die Hand zu ſpielen. Als wenn das, ſo gegenwärtig der Adel genannt wird, der einzige, oder auch nur der Haupttheilnehmer an jenen umfaſſenden Landſpeculationen wäre, oder werden könnte, die nothwendig in allen dazu wohlgelegenen Bezirken den Bauern des Mittelalters allmählich zu verdrängen haben?— Im Gegentheil werden bewegliche Capitalien und induſtrielle Ten⸗ denzen, die beide insgemein dem Adel fehlen, in dieſer Um⸗ wälzung die Hauptrolle übernehmen. Alſo hätten meine Tadler vielmehr ſagen müſſen:»ich wolle den Capitaliſten und der ſcientifiſch-techniſchen Indüſtrie alle guten Ländereyen in die Hände ſpielen.« Allein auch dieſes wäre unrichtig; denn ich will es nicht, ich ſage es nur voraus, in ſo fern nicht von Ländereyen die Rede iſt, die an ſich ſelbſt gut, oder ſchlecht, ſondern von ſolchen, die von Natur oder durch ihre relative Lage geeigneter ſind, im großen bewirthſchaftet zu werden, als im kleinen. 165 überul in ung init ſenn, di Indeß ſcheint es denen, welche die Erhaltung und Mehrung bäuerlicher Beſitzthümer vor Augen haben, nicht völlig deutlich zu ſeyn, daß nur innerhalb gewiſſer Bedingungen ſtie jene ſitt— ien lichen. Politiſchen und induſtriellen Vortheile gewähren, welche und N die Theorie allgemeinhin vorausſetzt. A Von der alten Behauptung, daß kleine Eigenthümer unter venühjs allen Umſtänden und gleichſam nothwendig die fleißigſten, ver— häi die ſtändigſten, glucklichſten Landwirthe ſeyn werden, möchte die Jäl von Erfahrung diejenigen, welche darauf Ruückſicht nehmen, allmäh— ndig ben lich zurücklenken. Die ſittlichen Vorzüge aber, die man den kleinen Grundeigenthümern beyzulegen pflegt, ſind theils nicht Argunen ausſchließlich die ſeinigen, ſondern der geſammten ländlichen bin ic Bevölkerung, theils wohl ſelbſt völlig eingebildete. Denn häuftg tlch han entwickelt der bäuerliche Grundeigenthümer, wenn er iſolirt ernuthen ſteht, ihm eigene, ganz aus ſeinem Lebensverhältniß entſte— di Hand hende, Charakterfehler. Der Ausdruck: Bauernſtolz, iſt in genannt unſerer Sprache ſehr alt; bey beſchränkteſter Geiſtesbildung hmer au ruft ihn ein relativer Reichthum, oder doch Wohlſtand hervor. könnte, Stolz aber iſt Selbſtgenügſamkeit; ein ernſtliches, feſt hindurch— Bauern geführtes Beſtreben, ſein Vermögen durch verbeſſerte Cultur, Im Ordnung, Sparſamkeit zu vermehren, findet ſich daher bey den Ten⸗ kleineren Grundbeſitzern gar nicht ſo allgemein verbreitet, als er Um⸗ häufig angenommen wird. Hingegen tauchen aus der Claſſe Tadler der ländlichen Gehülfen alljährlich unternehmende und thätige ind der Landwirthe auf, die, wenn das Gluck ſie begünſtigt, zu Wohl⸗ it die ſtand und Reichthum gelangen. ent ich Und ſo wage ich denn die Behauptung aufzuſtellen: daß tt von ein iſolirt, oder für ſich daſtehender Bauer, wie die Gegen— glech wart ihn uns darzubieten pflegt, für den Staat, oder für das llgtie Geſammte keinesweges ſo wichtig iſt, daß man ſeinen bevor— erde ſtehenden Untergang zu beklagen hätte. Ob hingegen in einem lebendigen Gemeindeverbande er Vorzüge entwickeln könne, 166 die ſeine Erhaltung wünſchenswerth machen, iſt eine Frage für ſich. Häufig glaubt man in unſeren Tagen den Bauern über ſich ſelbſt zu erheben, indem man ihm Elementarkenntniſſe bey— zubringen ſucht, die nur in ſo fern Werth haben, als zu fer— nerer Befliſſenheit ſie die Grundlage bilden. Ich will nicht in Abrede ſtellen, daß gelegentlich auch aus dieſem Bemühen einige Vortheile entſtehen können. Allein im ganzen genommen iſt Erfahrung, eignes Nachdenken, Thätigkeit und Anſtrengung aller Kräfte, die eigentliche Schule derer, welche in den Staaten unſerer Zeit die ſogenannten unteren Claſſen ausmachen. Allein auch dieſe Schule wird von dem Bauern in einem zu engen Kreiſe gemacht, aus welchem nur das Gemeindeleben ihn herauszureiſſen vermag. Verläugnen wir uns nicht, daß eben der Bauer, deſſen ſinnreicher Fleiß, deſſen verſtändig an— muthvolle Lebenseinrichtung und Sitte, deſſen geſammte Er— ſcheinung uns erfreut und entzückt, und für ſein Lebensver⸗ hältniß uns gewinnt und beſticht, ohne Ausnahme in längſt beſtandenen, uralten Gemeindeverhältniſſen gelebt habe und lebe.— Das, was, vereinzelt, er nimmer entwickeln würde, reift und bildet ſich in der Geſammtheit, deren Mitglied er iſt. Unter allen Umſtänden wird künftighin nur innerhalb lebendig entwickelter, von ſtarken Gefuhlen, reinen Geſinnun— gen, klaren Anſichten getragener, beinahe ſtädtiſcher Vereini⸗ gungen, der Bauer, in ſo weit er gegen den Andrang des beweglichen Capitals ſich zu behaupten vermag, uͤber das ge— wöhnliche und gleichgültige hinaus zum thätigen und edlen ſich erheben können. Die ländlichen Gemeinden von älterem Urſprung ver⸗ danken ihre Entſtehung gemeiniglich beſtimmten Naturverhält⸗ niſſen, welche theils ſie äußerlich begrenzten, theils auch ge— meinſame Anſtrengungen und Arbeiten ganz unerläßlich machten. — —. 167 e dng So wurden, in den Alpen, durch unerſteigliche Thalwände, in den Marſchen durch die Fluthen, dort Schweizer, Tyroler 5 ühe und andere, hier die zahlreichen Völkerſchaften friſiſchen Stam— niſe be mes, vorlängſt in feſte, gedrängtere Gruppen vereinigt. Allein, b zt fe⸗ daß auch in ganz offenen Ländern Begriff, Gewöhnung und nict i Geſinnung, die fehlenden Naturgrenzen erſetzen können, zeigen en einige die Gemeindeverhältniſſe der lombardiſchen Ebenen und andere men iſt näher liegende Beyſpiele. rengung Die lombardiſchen Landgemeinden werden zwar nicht in Staaten jeglicher, immer doch in einer Beziehung uns vorleuchten ſollen: n. in ſo fern ſie Reiche und Arme, Vornehme und Geringe, deren in einen locales Intereſſe ſo häufig zuſammentrifft, durch eine fortge— indeleben hende Vergegenwärtigung dieſes Umſtandes auf das glüͤcklichſte ct, doß unter ſich verbinden und verſchmelzen. Es liegt in den Zeit— dig am⸗ verhältniſſen, daß man geneigt ſeyn könnte, den kleinen Grund— inte Er⸗ beſitzer von dem größeren noch mehr abzuſondern, als ſchon bensver⸗ der Fall iſt; jenem daher, ſtatt eines Gemeindelebens, vielmehr n längt ein corporatives einzuimpfen. Mag es daran liegen, daß abe und einige das römiſche Colonat, andere die Hörigkeit des Mittel— wütde, alters, oder das Erbpächter und Meyer Verhältniß noch ſpä— lid ee terer Zeiten, zu feſt ſich eingeprägt haben; gewiß aber ſchwebt nerhalb unſeren Zeitgenoſſen noch immer die Vorſtellung von einem ſinnun⸗ bäuerlichen Stande, oder beſſer, Zuſtande vor Augen. Indeß Vereini⸗ individualiſirt ſich der Bauer ſchon längſt nicht mehr, wie vor— ng de mals; iſt er auch da, wo vom alten ihm noch einiges anhängt, das ſe im Begriffe es abzuwerfen. Jür uns gibt es daher, in der daſſh Theorie, nicht länger Bauern, vielmehr nur Landwirthe, bald auf kleineren, bald auf größeren Gütern, ärmere und reichere. Davon abgeſehn, kann überhaupt nichts ſchwankender ſeyn, als die unter uns waltende Anwendung des Wortes: Bauer. Viele denken ſich dabey nur einen möglichſt bedürftigen, mühſam l⸗ 3— u von Tag zu Tag durch Hacke und Grabſcheid ſich ſelbſt und ſachkenn 168 den ſeinigen das Leben friſtenden Ackersmann. Indeß nennt man bekanntlich auch ſolche: Bauern, die reicher ſind, als viele Bürger und Edelleute. So hörte ich bey Lomatzſch, unweit Meiſſen, von Bauern reden, die man auf Einhunderttauſend Reichsthaler ſchätze, und fand ähnlich beguterte auch in der Ebene bey Dresden und unweit Pirna in den Anhöhen. In einem mir benachbarten holſteiniſchen Kirchdorfe, Eichede, ward ein ſogenannter Bauerhof von dem Eigner für Eintauſend Reichsthaler jährlich verpachtet; für ein anderes Gut, mit welchem Wirthſchaftsgerechtigkeit verbunden iſt, hat ein Kauf— luſtiger kürzlich 25000 Reichsthaler ſchweren Geldes darge⸗ boten. Auch bemerkte ich, daß Baſel gegenüber, im Mark— grävler Lande, die großen Weinbauern, zum Vortheil des Pro— ducts, das Capital und Schwung erfordert, ihren Beſitz ſehr ausgedehnt haben; einzelne werden bis auf eine halbe Million Gulden geſchätzt. Auch haben, wenigſtens in den Eiderſtedti— ſchen Marſchen, die Nachkommen der alten Friſen ſich in Wohl— ſtand erhalten, wohnen auf anſehnlichen Gütern und genießen aller der Bequemlichkeiten und Vortheile, welche die nahe See und der ausgedehnte Handel den holſteiniſchen Ländern zuführen. Und bemerke ich auf dieſe Veranlaſſung, daß jene alten Friſen, welche vormals ihre Freyheit ſo männlich behaupteten, nicht, wie man wohl meint, arme Leute waren, ſondern mächtige Landbeſitzer, welche den ſo viel neueren Ritteradel unter ſich nicht wollten aufkommen laſſen. Daſſelbe wird von den kleinen Cantonen der Schweiz gelten, wo noch immer die ſogenannten Rathsherrnbauern, die früher auf Majoraten ſaßen, ungeachtet der nun längſt ſchon eingeführten gleichen Erbtheilung bis auf ſechzig Kühe zu halten pflegen, die ſo viel eintragen, als in Deutſchland Einhundert und fünfzig. Sieht man hingegen in vielen deutſchen Ländern, z. B. unweit Göttingen, an der Werra, im Tyrol an mehr, als einer Stelle, die Nachkommen ritter⸗ — 169 9 dm licher und gräflicher Geſchlechter, ihre wiederholt getheilten älzril Stammbeſitzungen mit eigener Hand beackern und anbauen; ſo ' unmät zeigt es ſich deutlich, daß unſere Zeitgenoſſen von dem, was ain ſie Bauern nennen, einen höchſt verworrenen, undeutlichen Be— in de griff haben. hen. I Und in der That kann es nicht anders ſeyn, da unter de, wan uns der Bauer, weder durch ein geringeres perſönliches Ver— ntauſend mögen, noch durch eine beſtimmte, ihn ausſondernde politiſche ut, mit Stellung von anderen Landwirthen ſich unterſcheidet. Denn n Kauf⸗ auch, wo einige veraltete bäuerliche Verhältniſſe dem bloßen darge⸗ Namen nach fortbeſtehen, haben dieſelben doch ſo viele Be— Nart⸗ ſchränkungen und Zurichtungen erlitten, daß man annehmen des Pro⸗ kann, ſie haben dem Weſen nach zu ſeyn längſt aufgehört. eſit ſehr Und ſcheint mir darin eine Aufforderung zu liegen, den Begriff, Milion Bauer, als eine hiſtoriſche Merkwürdigkeit an die Seite zu erſtedti⸗ ſtellen, hingegen aus der noch gegenwärtig anwendbaren Staats— Wohl⸗ lehre ihn völlig auszumerzen, damit man nicht in die Ver— enießen ſuchung komme, das, was dem Weſen nach längſt nicht mehr he See vorhanden iſt, in eine Gewerbscorporation zuſammenzufaſſen, ihren. die nirgendwo in der Gegenwart einen Grund und Boden riſen, finden dürfte. Denn eben, indem man der Mobilität des nicht, Grundbeſitzes auf alle Weiſe Vorſchub leiſtet, wird eine ſo chtige große Fluctuation des ländlichen Vermögens entſtehen, daß ſcch eine Corporation ärmerer Grundbeſitzer dem Geſetzgeber faſt kleinen unter den Händen zerfließen dürfte, wollte er auf deren Grün— aunten dung ausgehn, was der Himmel verhüten möge. actt Nach den Erfahrungen der letztverfloſſenen fünfhundert is alf Jahre wird nun allerdings der kleine Wirth außerhalb der Ils in Verhältniſſe, welche ihn hervorgerufen, nicht überall ſich er⸗ ger halten können. Ich habe bereits gezeigt, daß nur in Gegen— gann den, welche die Speculation nicht anlocken, der kleinere Grund⸗ rite⸗ beſitz gegen den Andrang des Capitals völlig ſicher geſtellt ſey. ——„·p·— 170 Allein es iſt der Beſitz von Grundſtücken eben ſo wenig die unerläßliche Bedingung des landwirthſchaftlichen Betriebes, als der Beſitz eigner Häuſer und Gebäude des gewerblichen. Der kleinere Landwirth kann ſo gut, als der größere, Ländereyen und ganze Wirthſchaften in Pacht nehmen. In vielen, der kleinen Cultur faſt ganz gewidmeten Ländern ſitzen die Land— wirthe durchhin auf gepachteten Gründen; ſo in Flandern, deſſen Spatencultur ſo berühmt iſt; ſo im Emmenthale; ſo in den Weichbildern und weiteren Umgebungen vieler Städte, welche durch Gartencultur ſich auszeichnen. Und iſt es ein Gluck, daß betriebſame Leute, bey unzureichendem Vermögen, das Grundcapital zu billigen Zinſen borgen und ihre eigenen Mittel ganz zur Herſtellung des erforderlichen Betriebscapitales verwenden können. Dieſes Creditverhältniß beſitzt vor dem Ankauf mit frem— dem Gelde, oder vor dem verſchuldeten Grundeigenthume, un— verkennbare Vorzüge. Der Pächter kommt nicht in die Ver— legenheit, ihm aufgekuͤndigte Hypotheken wieder anzuſchaffen, was in ſeinem Verhältniß viel bedenkliches und ſchwieriges hat, weil Verbindungen und auf dieſe gegründeter Credit in beengter Lage nicht ſo gar leicht erworben werden. Der Pächter iſt ferner nicht alle den zufälligen Schädigungen ausgeſetzt, welche den Grundbeſitz nicht ſelten ſchwer betreffen. Der Grundbeſitzer, und vornehmlich eben der beſchränkte und kleine, ſollte daher nicht allein ſtets ſchuldenfrey, nein ſelbſt bey einigem baaren Gelde ſeyn, was bey geringem Vermögen faſt uner— reichbar iſt. Man vergleiche nur die Lage jenes ſo häufig, ſchon durch die Erbtheilungen, ſchwer verſchuldeten Bauern vieler deutſcher Gegenden mit derjenigen, in welcher ſich der flandriſche be⸗ findet, oder der zu hohem Preiſe, ruthenweis pachtende vier⸗ länder Gemüſebauer im hamburgiſchen Gebiete, oder endlich nig de bes,1 n. Der dereyen en, der e Land⸗ undern, ſo in Stadte, ds ein nögen, eigenen pitales t frem⸗ he, un⸗ e Ver⸗ haffen, teriges dit in ichter eſetzt, Der lleine, nigem uner⸗ durch tſcher je be⸗ vier⸗ nolich 171 die Zeitpächter vieler ſchweizeriſchen Bezirke; ſo wird man dieſe letzten minder ſorgenvoll, gluͤcklicher und, bey vollem Ge— brauch der wenigen Kräfte, ſo das Glück ihnen verliehen, auch unternehmender, thätiger und, in gewerblicher Beziehung, viel— ſeitiger finden. Allein eben dieſe Verpachtung im kleinen, welche den großen Grundbeſitzern überall ſich empfiehlt, wo Clima, Boden und Markt ihn auffordern, der Landwirthſchaft eine Hinneigung zur Gärtnercultur zu geben, oder auch, wo der Landwirth zugleich Spinner, Weber, kurz ein Gewerbsmann iſt, pflegt von ſo vielen wenig aufmerkſamen Beobachtern ge— meinhin unter die Beyſpiele ſehr vertheilten und verkleinerten Grundbeſitzes geſtellt zu werden. In dieſer großartigen Manier, über die Thatſachen hin— zuſehn, oder gewaltſam dieſelben unter ſchon vorgefaßte Be— griffe zu bringen, mögen ſie hineinpaſſen oder auch nicht, hat der Geſchichtſchreiber der Hohenſtaufen, Herr v. Raumer, in ſeinem Werke über England, ganz neuerlich den Verpachtungen aller Art ſummariſch den Stab gebrochen. Grund und Boden, ſagt er, iſt die Maſchine, mit welcher der Landwirth arbeitet. Niemand, ſagt er ferner, wird eine Maſchine verpachten. Alſo, ſchließt er, ſolle man fernerhin nicht mehr zulaſſen, daß liegende Gründe verpachtet werden. Wäre nun Grund und Boden, nicht etwa der Inbegriff lebendiger Naturkräfte und göttlichen Segens, wäre er viel— mehr, nach Herrn v. Raumers näherer Beſtimmung, eine un— ſelbſtſtändige Maſchine, welche für ſich unthätig, erſt durch menſchlichen Willen und Anſtoß in Bewegung käme; ſo würde ſein Mittelſatz ja mit dem Vorderſatze in unvereinbarem Wider⸗ ſpruche ſich befinden. Denn in Anſehung, daß ſeit mehr, als zweytauſend Jahren Grundſtücke verpachtet werden, könnte, wenn ſolche ſo viele Maſchinen wären, nicht ohne grobe 172 Unrichtigkeit geſagt werden: daß Niemand Maſchinen ver⸗ pachte. Allein es werden auch ſolche Dinge verpachtet, welche wir anderen Menſchen Maſchinen, oder Maſchinenwerke nennen; zum Beyſpiel, Mühlen, Dampfſchiffe, ſogar Fabriken. Wenn bey den letzten dieſer Fall ſeltener eintritt, ſo entſtehet ſolches aus der Unſicherheit ihres Ertrages, aus deren Abhängigkeit von ſchwankenden Handelsverhältniſſen, welche nicht wohl mit einiger Sicherheit ſich vorausſehen laſſen. Allein wären nun auch Vor und Mittelſatz nicht, wie ſie's ſind, ſowohl jeder für ſich, als in ihrer logiſchen Zuſammen— ſtellung völlig unrichtig; wäre es nun auch erwieſen, daß Pachtverhältniſſe der allgemeinen Wohlfahrt widerſtreben; ſo würden ſie doch nicht wohl in dem Maße verderblich ſeyn können, als die Ausführung der Maßregel, die Herr v. Rau⸗ mer in Vorſchlag bringt. Denn wahrlich überſteigt ſie die kühnſten Richtungen der franzöſiſchen Revolution, welche be— kanntlich zwar einen großen Theil der Beſitzer von Haus und Hof getrieben hat, allein die Idee des Grundbeſitzes an ſich ſelbſt ſtets unangetaſtet ließ. Woher die Möglichkeit entſtand, daß nach beruhigtem Sturme der Grundbeſitz, wie die Land— wirthſchaft uüberhaupt, wiederum Zutrauen erwecken, und Reiz haben konnten. Es mag mit jenem Argument zuſammenhängen, daß man in letzter Zeit wohl auch den Grundbeſitz an ſich ſelbſt für ein bloßes Vorurtheil erklärt und in Bezug auf denſelben denje— nigen Zuſtand ſich herbeywünſcht, der bey den Juden des Alter— thumes und bey verſchiedenen germaniſchen Völkerſchaften ſoll ſtattgefunden haben. Allein wohin führte es die Juden, daß ihre Capitalien nur im Handel anzulegen waren? Würde man in unſeren Tagen die einſeitige Richtung, welche ſchon im Alterthume ſie eingeſchlagen hatten, ſich zum Vorbilde nehmen, den ver⸗ elchewr nennen; Vemn ſolches ingigket ohl mit wie ſies ſawwen⸗ en, dß eeben; ſo lich ſeyn v. Nau⸗ ſie die iche be⸗ aus und an ſich niſtand, Land⸗ d Neiz aß man für ein jdenje⸗ Alter⸗ ten ſol z, daß de man for in thmen, 173 oder, in anderer Manier, den Freybeuterſtaat der Sueven und ſonſtiger germaniſcher Vagabunden wiederherſtellen wollen? Ich bezweifle es. Und würde es jemals geſchehen ſollen, ſo möge das Experiment nach keinem zu großen Maßſtabe an⸗ geſtellt werden. Obwohl es in der Zeit liegt, daß man zwar im kleinen denkt, hingegen ſeine Verſuche im großen macht. Und iſt es nicht zufaͤllig, daß hier in dem munteren Fa⸗ milienleben, bey den luftigen Spaziergängen und freyen Aus— ſichten des Colle di Paſta, mir ſolche Digreſſionen in die Feder fließen. Denn es vergehet kein Tag, an welchem nicht irgend etwas wahrgenommen, gehört und beſprochen würde, das auf Landbau Bezug hat. So ward mir kürzlich zugebracht, daß ein reicher Grundbeſitzer zu Bonate, im Gebiete von Bergamo, jedem ſeiner zahlreichen Pächter das Gut, das er bisher in Halbpacht bewirthſchaftete, zu freyem Eigenthume vermacht habe. Vorfälle dieſer Art ereignen ſich auch in Toscana nicht ſelten; und nach der Anſicht unſerer Theoretiker müßte daraus eine Claſſe kleiner Grundbeſitzer allmählich ſich hervorbilden können. Allein es entſtehet daraus nichts der Art. Nach einigen Generationen findet man hier die glücklichen, klugen und ſparſamen Wirthe von dieſen kleinen Anfängen zu anſehn— lichem Vermögensſtande hinaufgeſtiegen, dort aber die minder glücklichen wiederum in ihre frühere Stellung zurückgeſunken. Was mit den neuen Eigenthümern zu Bonate ſich zutragen wird, mögen unſere Nachkommen beobachten und berichten. Ich ſelbſt wünſche denſelben den beſten Fortgang. Die nahe Seidenerndte gab denn, wie ſonſt weit und breit, auch meinen Wirthen Veranlaſſung zu kleineren und größeren Ausflügen. Ein Gut in der Ebene, Snenga, deſſen großartig begonnenen, doch nur zur Hälfte beendigten Bau ich früher mit Intereſſe mir beſehen hatte, gibt dem Colle einen täglichen Zuſchuß von Maulbeerblättern, wann die Entwickelung der 4 n — 174 Seidenraupen die letzten Stufen, oder wann deren Gefräßig⸗ keit ihren Culminationspunct erreicht hat. Bey weitem die Mehrzahl der Halbpächter des Colle di Paſta würden bey deſſen ſteinigem und dürrem Boden nicht beſtehen können, wenn nicht die Seidenerndte ihnen die Mittel gewährte, ihr Brodtkorn und ſonſtiges Bedürfniß zu bezahlen. Und ohne den Zuſchuß aus der Ebene würden ihre Maulbeerbäume nicht hinreichen, der Seidenzucht die begehrenswerthe Ausdehnung zu geben. Und zeigt es ſich ſchon an dieſem Beyſpiel, daß Iſolirung des Colonen keinesweges ſo wünſchenswerth ſey, als viele an— nehmen. Sein Geſchäft und Gewerbe wird häufig genug durch eben die Verflechtungen und Beziehungen, welche man zu ent— fernen ſucht, über das beſchränkte und kümmerliche hinausge⸗ hoben. In unſerem kleinen Kreiſe ging es übrigens wie ſonſt, ſo weit Menſchen wohnen. Unter uns ſtimmten wir in einigen Sachen überein, in anderen ſchon weniger, in verſchiedenen aber ganz und gar nicht. Beſonders lebhaft ward über die Frage geſtritten: ob kleinere Wirthſchaften nothwendig beſſer angebaut werden, als die größeren; in welcher Beziehung un— erwartet eben der größte unter den anweſenden Grundbeſitzern mit vieler Wärme die Anſicht neuerer Dilettanten, oder, was auf daſſelbe hinausläuft, Theoretiker verfocht. Nicht etwa für beſtimmte und deſignirte Fälle, oder unter gegebenen Umſtän⸗ den, ſondern durchhin, behauptete er, ſey der kleinere Grund⸗ beſitz beſſer beſtellt, als der größere. Es kam bey dieſen Streitigkeiten mir in Erinnerung, daß zu Wien, am Tage meiner Abreiſe, mir ein Buch über dieſen Gegenſtand war geſchenkt und anempfohlen worden, welches dort in allen Buchhandlungen zu haben iſt, daher mir ſehr unverdächtig zu ſeyn ſchien. Ich holte es hervor. Worauf nach fluͤchtigem durchblättern, da nicht alle Gegenwärtige 175 cfißg geneigt waren, das Ganze anzuhören, einem unter uns der peiten die Auftrag ertheilt ward, davon einen Auszug zu fertigen, dabey, be uſa nach Art der Recenſenten, dem Urtheil der übrigen beliebig wenn nit vorzugreifen; doch mit der Bedingung, daß er dem trockenen Brodtkon Gegenſtande eine heitere Seite abgewinnen möge, zu Gunſten zuſthz derer, denen das ideale Weltbeſte etwa nicht hinreichend zu jureiche Herzen ginge. zu geben. Eines Tages, als man eben vor Beſuchen ſicher zu ſeyn tung des glaubte, meldete der Referent, daß ſeine Arbeit beendet ſey. viele au⸗ Worauf denn auf der Terraſſe unter einem luftigen Zeltdache nug durch die Stühle um den Tiſch zuſammengerückt wurden und der an zu ent⸗ Berichterſtatter mit anmuthig pedantiſcher Geberde anhub, wie hinausge⸗ folgt: Dr. Carl Wolfgang Chriſtoph Schüz, Privatdocent an eſonſt, ſo der ſtaatswirthſchaftlichen Facultät zu Tubingen, Ueber den n einigen Einfluß der Vertheilung des Grundeigenthums auf das Volks ſchiedenen und Staatsleben. Stuttgart und Tubingen in der J. G. über die Cotta'ſchen Buchhandlung, 1836. 8. dig beſſer Schon auf der ſechsundzwanzigſten Seite finde ich die ung un⸗ nachſtehende etwas poetiſche Tirade, in welcher der Autor beſitzern ſelbſt ſpricht: er, was—»Wie die Bauern die chriſtliche Freyheit auffaßten, iſt twa fur bekannt. Aber die Bauernrevolutionen, eine ſchreckliche Rache Umſtän⸗ der Geſchichte, wurden unterdruckt und die Zügel gekürzt.— Grund⸗ Der freye Geiſt des Proteſtantismus, den in Deutſchland die Bauern ſchon practiſch gefaßt gehabt, brach in Frankreichs ung, daß weithinwirkenden Schriftſtellern, theoretiſch aber mit der Rich— er dieſen tung aufs bürgerliche und politiſche Leben hervor. Die ameri— welche kaniſche Revolution rief den geiſtigen Keim, der in Frankreichs nit ſir fauler Schale verſchloſſen lag, ins Leben. Ein zweyter Bauern— gernif krieg entſtand. Ein Geiſt, der Jahrhunderte niedergedruͤckt wwirige war und halb ſchlummerte, erwachte nun, und war groß und 176 furchtbar im Guten wie im Böſen.«— Was könnte fur die hohe Duldſamkeit unſerer politiſchen Cenſur beredter ſprechen, als daß ein Buch, das eine ſolche Stelle enthält, zu Wien, und wahrſcheinlich in der ganzen Ausdehnung der Monarchie, öffentlich verkauft werden darf?— Um ſo mehr, da ſie in engſter Verbindung ſteht mit den eigenſten Anſichten und Rich— tungen des Autors, die eigentlich nur in der zweyten und größeren Hälfte des Buches deutlicher hervortreten; in der erſten hingegen unter dem Wuſte ſeltſam angeordneter Aus— zuüͤge aus den verſchiedenartigſten Scribenten ſich verlieren oder, wie man ſagen könnte, verſtecken. Sie werden daraus ent— nehmen, verehrte Zuhörer, daß wir einen wahrſcheinlich jungen und hoffentlich enthuſiaſtiſchen Schriftſteller vor uns haben, von welchem nichts weniger zu erwarten iſt, als eine ruhige Abwägung der Gründe, als eine ſtrenge Beurtheilung und Verwerthung der Thatſachen, welche, gerade, ihm zu Gebot ſtanden. Vermuthlich gehört er in die Claſſe derjenigen, die glauben, daß auf dieſer Erde die beſte denkbare Welt herzu— ſtellen ſey, und nicht bezweifeln, daß den Weg dahin ſie ſchon aufgefunden haben. 5 Seine, uns hier vor Augen liegende Arbeit läßt aus einem gedoppelten Geſichtspuncte ſich auffaſſen. Zuerſt als bloße Compilation; dann auch als Verſuch einer Demonſtration der eigenen Grundſätze, oder nur Anſichten und Wünſche des Verfaſſers. Die compilatoriſche Seite der Arbeit würde in der Wahl, Zuſammenſtellung und Beurtheilung von einzelnen Ausſprüchen und Angaben der Schriftſteller ein Verdienſt haben können. Allein, was läßt in dieſer Beziehung von einem Autor ſich er— warten, der Niebuhrs römiſche Geſchichte auszieht, um das liciniſche Geſetz ſeinen Leſern als eine Präcedenz der von ihm empfohlenen Beſchrankung des Grundbeſitzes aufzuführen? Haben denn . fur de orecen, Vin, narchie ſie in Nich⸗ n und in der Aus⸗ oder, ent⸗ jungen haben, rühige ig und Gebot n, die herzu⸗ ſchon aus als ation e des Wahl, rüchen zanen. ich er⸗ n das n ihn. zaben denn 177 denn jene fünfhundert Joche ſonnigen Landes, die neben ſon— ſtigem angeerbten Eigenthume dem römiſchen Bürger aus der gemeinſchaftlichen Kriegesbeute zugeſtanden wurden, dem Maß, noch Werthe nach irgend etwas gemein mit den chimäriſchen Ackervertheilungen unſerer modernen Gracchen“*)? Hat die kärgliche Philanthropie des modernen Liberalismus irgend etwas gemein mit den Streitigkeiten der Vergliederungen eines weit— hin gebietenden, mächtigen Staatskörpers, der Plebejer und Patrizier, die mit einander um ihren Antheil an der Krieges⸗ beute, an der Macht und Herrſchaft rangen?— Doch nicht allein die alten Ereigniſſe, Anſichten, Verhältniſſe, bringt Herr Dr. Schuz ſehr falſch in Anwendung; auch in Auffaſſung und Verwendung der modernen verfällt er uberall in ſeltſamliche Mißnahmen. So ruhet er**) mit Wohlgefallen auf dem Bilde eines engliſchen gentleman farmer, das aus Chaptal, von den Weinen, er entlehnt; und ſcheint dabey nicht zu ahn— den, daß ein gebildeter engliſcher Landwirth, der abends ſich umkleidet, um zum ſpäten Nachteſſen in der Familie ſich ein— zuſtellen, der Livreebedienten hält und jegliches Decorum ge— bildeter Sitten beobachtet, für ihn, den Autor, dem ſchon der große Bauer deutſcher Länder viel zu ariſtokratiſch iſt, durch— aus kein paßliches Beyſpiel frugaler ländlicher Sitten abgibt. So ſchreibt er dem Sismondi nach, daß bey Rom die weite, ungeſunde Einöde von vierzig Pächtern»beſeſſen« werde, ſtatt aus des Lullin de Chateauvieux halbofficiellem Berichte über die eigentliche Verfaſſung des großartigen Anbau's der römi⸗ ſchen Campagna durch eine Aſſociation von Capitaliſten und Landwirthen eine beſſere Kenntniß ſich zu erwerben. So wirft er hin, daß kein deutſcher Edelmann mit dem Landbau ſich *) Drey Tonnen, vier bis fünf Morgen, gewährt ein ſolcher irgendwo ſeinen idealen Staatsbürgern. **) S. 63. (12) 178 abgebe, während ſolcher eine Hauptbeſchäftigung derer iſt, die heutzutag Edelleute genannt werden. Und ſo geht es fort durch alle Beziehungen auf thatſächliche Verhältniſſe. Die Demonſtration aber ſeiner Anſichten kann, eben weil ſie eben nur Demonſtration aus mißverſtandenen Thatſachen iſt, nicht anders, als ſeyn wie ſie nun eben iſt. Deren eigent— liche Achſe iſt: daß der Staat, weil derſelbe»die dauernde Realiſirung der Rechtsidee« ſey,»eine arme Bevölkerung aber ohne Grundeigenthum« den»Keim einer ſpäteren Auflöſung« in ſich einſchließe,»berechtigt« ſey, denen, welche eben im Be⸗ ſitze ſind, als Capitaliſten, große Bauern ꝛc. ihr Eigenthum zu nehmen, um es unter jene zu vertheilen. Wie die Revo⸗ lution den Regierungen als ein Popanz vorgeführt worden, um dieſelben in Dr. Schüzens Anſichten hineinzuſchrecken, ſo werden nun auch die lombardiſchen Straßenräuber zu Hülfe genommen, welche nach Burgers etwas gewagter Meinung aus der beſitzloſen ländlichen Bevölkerung entſpringen ſollen; während ſie vielmehr nach polizeylichen Beobachtungen und Criminalacten größerentheils aus den nicht unbemittelten Claſſen der Geſellſchaft entſpringen, die Muße haben, der allgemeinen Verderblichkeit des menſchlichen Naturells ſorglos ſich hinzu⸗ geben; während ſie weſentlich in ſittlichen Grundanſichten wurzeln, deren Entſtehung bis in die Zeit der ſpaniſchen Ver⸗ waltung ſich aufwärts verfolgen läßt.— Was nach der Hand die Milde des öſterreichiſchen Coder, der in Beccaria's Zeit und jener faſt religiöſen Scheu vor den Juſtizmorden iſt ab— gefaßt worden, an der Verlängerung des Uebels verſchuldet haben möge, wollen wir auf ſich beruhen laſſen, weil es ganz außerhalb der Aufgabe Herrn Dr. Schüzens zu liegen ſcheint. Ueberhaupt möchten Unterſuchungen dieſer Art, auch bey wahrhaft glänzenden Anlagen ſophiſtiſcher Art, im ganzen 179 erer iſ, d 4 4 4 ziemlich erfolglos bleiben, in ſo fern ſie dahinausgehn, das 1 d fit ganz unmögliche nicht allein wahrſcheinlich, nein auch factiſch 1. möglich zu machen. Denn, ſetzen wir, in irgend einem Jahre —, eben wel der chriſtlichen Zeitrechnung habe der Staat»die Rechtsidee realiſirt,« indem er alle bis dahin im Beſitze des Grundeigen— thumes befindlichen Perſonen, welcher Art und Abkunft ſie ſelbſt, oder ihre Rechtsanſprüche ſeyn mögen, zum größeren Theil, oder auch durchaus ihres Grundeigenthumes beraubt und daſſelbe, nach den Vorſchlägen des Herrn Dr. Schüz und vieler anderen, die ähnliches lehren, anrathen, oder thätig in Ausführung zu bringen ſich bemühen, unter ſo viele bedürftige Tharjacer deren igen⸗ die duunde kerung abe t Auflöſunge eben in e Eigenthen edie Nehe ausgetheilt, als in dieſer Art befriedigt werden können; wie irt worden denn möchte es nach einigen Generationen mit dieſen kleinen ſchrecen, ſ Eigenthümern noch ausſehn? er zu Hſ Im römiſchen Weltreiche ereigneten ſich die neubeliebten er Meinung Gleichſtellungen des Grundbeſitzes bey Anlage von Militär— nen ſollen colonien. Allein es blieb nicht lang bey dieſer Gleichheit*). rungen und Und möchte dieſelbe Erfahrung auch in unſeren Tagen ſich tten Elaſſen wiederholen können, da bekanntlich nicht jeder Landwirth gerade gemeinen ſo geſchickt, thätig und glücklich iſt, als ſein Nachbar. Vor— ich hinzu⸗ nehmlich möchten eben die alten und eigentlichen Landwirthe danſichten die neueren und ſtädtiſchen gar bald wiederum überflügeln ſchen Ver⸗ dürfen. Nun denn, wird Dr. Schüz mir einwenden, ſo be⸗ Hdet Haud ſchneiden wir ihnen die Flügel; erlaſſen wir ein Strafgeſetz Ariis züt gegen das Beſtreben, durch Fleiß, Sparſamkeit und Einſicht aden iſ über ſeine Nachbarn ſich zu erheben. Oder laſſen wir die s vojchude 1*) S. Rei agrariae auctt. legesque etc. cura Wil. Goësii, Amst. ſen, wel 1674. p. 54. des: Aggeni Urbici comm. in Frontin.— Namque ens zu liegen hoc comperi in Samnio, ut agei quos Divus Vespasianus vete- ranis assignaverat, cos ab ipsis, quibus assignati erant, jam aliter possideri. Quidam enim emerunt aliqua loca, adjecerunt- Att, auch te que suis finibus—. Sed nec vendentes ex acceptis suis, aut N, in gaten ementes adjicientesque ad acceptas etc. (12*) — —— 3* * 180 Sitte der Corſicaner walten, die ſchon ſeit Jahrhunderten die Gleichheit unter ſich erhalten, indem ſie die Pflanzungen über— fleißiger Nachbarn zerſtören und deren etwa unbeſiegbare In⸗ düſtrie durch einen Schuß aus den Büſchen an die Seite räumen. Es läge das allerdings wohl in ſeiner Conſequenz, weil er ignorirt, oder ignoriren will: daß Ackerbau eben nur ein Gewerbe iſt, gleich ſo viel anderen, deſſen Aufnahme und Leb⸗ haftigkeit auf der Zuverſicht beruht, daß man für ſich und die ſeinigen aus den eigenen Anſtrengungen Vortheile erzielen werde; daß eben dieſe Zuverſicht gar nichts anderes iſt, als das Bewußtſeyn, von den Geſetzen und Einrichtungen des Landes, dem man angehört, in dem Beſitz und Gebrauch des ſchon erworbenen, oder noch zu erwerbenden kräftig geſchuͤtzt zu werden. Denn wer das alles recht erwägt, der wird den gegenwärtigen Beſitzſtand weder durch muſſige Drohungen beun⸗ ruhigen, noch jemals ihn ernſtlich erſchüttern wollen. Eine Partey kann die entgegengeſetzte aus dem Beſitze drängen; dafür gibt es viele Beyſpiele. Allein wie eifrig bemüht ſich in ſolchen Fällen die ſiegende, ihren neugewonnenen Beſitzſtand zu legaliſiren?— Im Sinne aber einer bloßen Idee, oder beſſer ideellen Chimäre einen vorgefundenen Beſitzſtand um⸗ ſtürzen, ohne perſönliche und parteyliche Abſichten eine ganz neue Ordnung darin grunden zu wollen, das blieb dem heu— tigen, an ſolchen Erſcheinungen ſo fruchtbaren Zeitalter vor— behalten. Möge denn Herr Dr. Schütz, wenn ſeine Kräfte dazu auslangen, auch bey uns eine yim Guten wie im Böſen gleich große und furchtbare Revolution« zu bewirken ſuchen; möge er die Freude erleben, daß alle, auch die, welche damit nichts anzuſtellen wiſſen, ein unhandliches Stuckchen Land beſitzen; möge er dann aber auch ſo alt werden, als Methuſalem, damit er ſein eignes Werk überlebe, was nicht ausbleiben könnte. ne underen di zuungen üher ſeegbare d ceie räunn quenz, wit eben nur a me und(e ſich und d eile enil res iſt, ac htungen de ebrauch de tig geſchut er wird de ungen beu⸗ len. Ein e drängen, emüht ſich Beſitzſtand dee, oder tand um⸗ eine ganz dem heu⸗ alter vor⸗ räfte dazl öſen gleih hen; möße nnit vich d beſibel ſem, dami könnte. 181 Dieſe letzten mit Salbung ausgeſprochenen Wunſche ſchie⸗ nen jedoch unter uns keinen Anklang zu finden. Vielleicht ward unſere Aufmerkſamkeit durch andere Sorgen davon ab⸗ gelenkt. Denn ſchon ſeit einigen Tagen war ein neuer Aus⸗ flug vielfältig beſprochen worden, der beſſeres und reelleres, als jene ausgehöͤhlten Gemeinplätze bitterſußer Philanthropie, uns entgegenbringen ſollte: die reizenden Thäler und ſchim— mernden Landſeen der Nachbarſchaft, mit allem was ſie um— gibt, bekleidet und ſchmückt. Durch das Thal des Cherio wollten wir an dem See von Spinone hinaufgehen bis gen Lovere an der nördlichſten Spitze des Lago d'Iſeo. Von hier aus ſollte das reizende Menzino noch einmal beſucht werden. Ruckwärts gedachten wir bis zum hochbelegenen Cluſone, dann raſch durch das Thal des Serio zur Ebene hinabzugehn. Häufige Gewitterregen hatten die Luft erfriſcht und weit und breit in dem zwar noch nicht hochſüdlichen, immer doch an das ſüdliche hinſtreifenden Hugellande das ſchon abſterbende Pflanzenleben zu neuer Kraft und Regſamkeit erweckt, als die Frizzoni an einem herrlichen Sommermorgen mit mir ſich in einen leichten, fur die Bergwege wohleingerichteten Wagen ſetzten. Billiglich machten ſie in dem Lande, in welchem ihre Beſitzungen verſtreut liegen, die Wirthe nach breiteſtem Maß— ſtabe. Und ließ ich nach ſo viel Unbilden, als ich erfahren, das Gute, welches ſie mir boten, nicht ungern mir gefallen. Der öſtliche Abhang des Hügels, den wir hinabfuhren, iſt fruchtbarer und bewachſener, als der weſtliche; auch ver— ſchlingen ſich in dem nahe gegenüberliegenden Gebürge die Linien gefälliger, als an der anderen Seite, wo ſteile Abhänge gegen die Horizontallinie der lombardiſchen Ebene zu ſchroff ſich abſetzen. Unten, ſchon im Thale des Cherio, hielten wir zu Cenate vor der Pfarrkirche, deren räumiges Schiff durch gute Verhältniſſe für den Mangel an untergeordneten Schön— — — — ——— —— ———— ——— ———— ᷣ— 7 182 heiten einigen Erſatz gewährt. Hier ſollte ein Gemälde des Salmeggia*) ſich vorfinden, eines Malers, der nach dem Jahre 1600, gleich vielen unſerer Zeitgenoſſen, den Raphael, beſon⸗ ders deſſen mittle Kunſtſtufe, ſich zum Vorbilde erwählt hatte. Eine himmliſche Herrlichkeit; ſchwebende Engel aus Raphaels Diſputa; höchſt bekannte Heiligengeſtalten; die Anordnung gut. Allein auf der anderen Seite kein eigenthümlich dem Maler angehörender Zug, kein neuer, kein friſcher Blick, weder in die Ideenwelt, an welche ſein Gegenſtand ſich anſchließt, noch in die Natur. Seine zahlreichen Gemälde haben durchhin, bey großer Ausdehnung, zu wenig Impaſto, weßhalb die dünnen Unterlagen, das viele Oel, die dicken Laſuren, ſie flach, ver— worren, undeutlich erſcheinen machen. Mir ſcheint, daß Sal— meggia mehr Geſchmack an der Kunſt, als Genie verrathe. Allein eben in ſeiner Negativität macht er gewiß eine ſehr beachtenswerthe Erſcheinung. Wenn ich dieſes ſogenannten Dorfes Cenate, und der un— mittelbar anſtoßenden, Treſcore und ſo fort gedenke, kann ich nicht umhin die architectoniſche Grandioſität dieſer elenden Dörfer im Geiſte mit der Aermlichkeit deutſcher Hauptorte zu ver— gleichen. Es wird mir jetzt erklärlich, daß Alfieri in ſeiner Autobiographie ſagen konnte: er habe ſich angeſchickt, die »miserabili magnificenze del Norte« zu beſichtigen. In der That möchten der Hauptplatz und die beſte Straße ſo vieler ſogenannten Dörfer der Lombardey in mehr als einer deutſchen Reſidenz nicht ihres Gleichen finden. Jenſeit Cenate ſchließt ſich das Thal des Cherio enger zuſammen; man nennt es hier Val Cavallina. Es war noch früher Morgen, daher fielen an dem Gebürge gegenüber die Son⸗ *) Zu Breſcia fand ich ein Kirchenbild in Reſtauration, worauf: Aencas Salmetia, Bergomensis F. M. DC. XXIIII. —— g„»„ mädde des dem Nüre del, beſ. ählt hat Naphaet dnung gu em Male der in di t, noch in thin, ben die dunner flach, ver „daß Ea e verrathe eine ſehr und derm⸗ 4, kannic den Dörfer e zu ver⸗ in ſeiner hickt, de . In der ſo villr deutſchen erio enget war noch rdie Son⸗ , vorauf: 183 nenſtrahlen nur auf die ſcharfen Kanten des kalkären Ruͤckens und auf die rundlichen Flächen oberhalb der bauchigen Vor— ſprünge des Abhanges; alles übrige lag im duftigſten Schatten, deſſen ungewiß bläuliche Tinten herrlich gegen die grünlichen oder gelbgrünen Lichter ſich abſetzten. Lebhaft ward ich hier an die ſommerlichen Erſcheinungen erinnert, welche das römiſch⸗napolitaniſche Geburge mir in jüngeren Tagen wieder⸗ holt dargeboten hat. Weiß ich doch nicht, was dem warmen Dufte italieniſcher Berggegenden dieſen oft geprieſenen Reiz beylegt? Iſt es der Schmelz, der unſer Auge beſticht? Iſt es der Begriff eines milderen Himmels, den er zu wecken ſcheint? Oder ein allgemeines ſinnliches Wohlbeſinden, bey dieſer lieb— lichen Miſchung von morgenlicher Kühle und, mit ſteigender Sonne, ſanft darin ſich verbreitender Wärme? Wenig indeß entſprachen der See und deſſen Umgebungen dem Bilde, das nach der Landcharte, ungeachtet der Warnung des älteren Frizzoni, ich mir davon hatte machen wollen. Es iſt die gleichguͤltigſte unter den vielen Bergſpalten, welche den lombardiſchen Seen ihr Bette ſcheinen geſchaffen zu haben. Zwey einander ähnelnde Seitenwaͤnde, deren nach Weſten ge— kehrte begruͤnt und theilweis mit alten Kaſtanien beſetzt war, die öſtliche nackt, ohne großartig felſicht zu ſeyn. In der Tiefe ein ſchmaler See mit ſumpfigen Ufern. Der Anbau unentſchieden, die Ortſchaften wenig bedeutend. Das Clima ſcheint hier, wie an vielen Stellen des ſüdlichen Alpenhanges, ſchneller, als in dem nördlichen, zum rauhen und kalten uͤber— zugehn. Die kleine Hochfläche, die wir um die Mittagszeit überſchritten, kann nicht wohl mehr, als zweytauſend Fuß über dem Meere liegen; und dennoch ſieht man hier nur magere Wieſen, kein Ackerfeld, keine Weinberge. Allein ſchneller, als der Süden uns entſchwunden war, gewannen wir ihn wieder. Nur eine Stunde Weges hat es von der Hochfläche abwärts bis an das Ufer des Lago d'Iſeo, der eben hier, an ſeiner nördlichſten Grenze, den mildeſten Eindruck macht. Ehe man das Städtchen Lovere erreicht, noch auf halber Höhe, hat die nächſte Umgebung der Landſtraße entzückende Einzelnheiten. Anmuthig beraſete Hügel, aus deren rundlichen Flächen bizarre Kalkfelſen hervorragen, verſtreute Gruppen uralter Kaſtanienbäume. Von ſolchen Gründen und Vorgrün⸗ den aus uͤberblickt man eine grüne, im Sonnenlichte herrlich blitzende, glitternde, glänzende Waſſerfläche und jenſeit die hohen, freylich düſteren und einförmigen Bergzüge. Mehr zur linken zeigt ſich eine breite Fläche und fernes Gebürg im Grunde des weithinaus ſich erſtreckenden Bergthales, deſſen Gewerbsthätigkeit geprieſen wird. Bey der Einfahrt in Lovere macht ein wohlangeweißter, langgedehnter Palaſt nicht ſowohl durch ſeine Größe, als viel— mehr durch ſeine ſchlechten Verhältniſſe ſich geltend. Dieſes Denkmal tiefgeſunkener Kunſt hat der Graf Taddini errichtet und bey ſeinem neuerlich erfolgten Tode der Stadt Lovere zum Eigenthum vermacht. Erdgeſchoß und Mezzanin wird an arme Leute vermiethet, die bereits in der viel zu hoch ange— legten Loggia den Schmutz und die Unordnung verbreitet haben, die beſonders in Südeuropa mit ſolchen Lebensumſtänden gern gemeine Sache machen. Oben, in dem verhältnißmäßig nie— drigen Stockwerke hauste vordem der Erbauer des Palaſtes in einer prachtvoll geräumigen Reihe von Sälen und Zimmern, worin ſeine nachgelaſſenen Gemälde und Seltenheiten gegen— wärtig aufgeſtellt ſind. Unter fünfhundert Gemälden, deren dieſe Gallerie ſich rühmt, ſuchte ich lang nach irgend etwas bemerkenswerthem, und fand es zuletzt in einer faſt lebensgroßen Madonna, mit der Aufſchrift: ACHOBVS BELINVS. Dieſes Stück iſt doäer, mibeſten euf halber ztzüͤckende undlichen Gruppen Lorgrün⸗ herrlich nſeit di ſehr zur ürg im „deſſen veißter, viel⸗ Dieſes richtet overe d an nge⸗ ben, gern nie⸗ laſtes mern, gjegen⸗ (e ſich rthen, „ mit df iſt ſehr hell in Leimfarben gemalt, und ſcheint, obwohl durchher beſudelt von dünnen Oelretouchen, doch an ſich ſelbſt noch ganz wohl erhalten zu ſeyn. Jacob Bellino, deſſen Gemälde äußerſt ſelten ſind, zeigt ſich in dieſer Probe als ein feiner und an⸗ muthiger Künſtler in der Art der älteren Arbeiten des Andrea Mantegna. Er macht ſeinen berühmteren Söhnen, Gentile und Giovanni, keine Unehre. Noch las ich: PARIS BORDONVS TARVISINVS P. auf einem leidlich erhaltenen Kirchenbilde aus der mittlen Zeit dieſes ehrenwerthen Meiſters; auf einem anderen: Hieronymus Tarvisia; der ſeiner Vaterſtadt die Schande nicht hätte machen ſollen, zu malen, und auf ſeinen Gemälden ſich zu nennen.— Auch fand ſich hier noch einmal und ganz wie zu Crema: Vincentius Civertius de Crema civis Brixie donatus fecit. M. D. XXX. VIII. Dieſer Maler iſt bemerkenswerth, weil er bezeugen hilft, daß Niemand ungeſtraft verſäumt, in löblichen Dingen mit ſeinen Zeitgenoſſen gleichen Schritt zu halten. Zum Schluſſe ward das berühmte Denkmal von Canova, in der Cappelle deſſelben Palaſtes, im Fluge beſichtigt; die weltbekannte Geſtalt von Marmor im Begriffe zu ſchmelzen wie Wachs, oder in eine Thränenweide ſich umzuwandeln. Dieſer von der Kunſt erweichte, in ſüße Wehmuth zerfließende Stein verewigt den Tod des einzigen Sohnes und Erben, der während des Bau's durch den Einſturz eines Gerüſtes ganz zufällig umgekommen iſt. Ein ſolcher Unfall ohne Charakter, ohne allgemeinere Bedeutung, hätte eben ſowohl zu irgend einer modernen Tragödie, als zu einem Werke von Canova's Mei— ſterhand die Veranlaſſung und den Stoff hergeben können. Indeß war die Barke uns nachgekommen und hatte dem Palaſt gegenuber an dem ſtattlichen Hafendamme angelegt. Denn füͤr den Nachmittag war eine Spazierfahrt nach Monte Iſola und Menzino beſchloſſen, welches letzte nicht allein mich 186 ſelbſt, nein auch meine Begleiter zu bisher unerfüllten Wün— ſchen und Hoffnungen anreizte. Die Fahrt bis dahin war nicht angenehm; das Wetter bedeckt und ſchwül; die Berge, welche den See umgeben, blieben, was ich dagegen mir einreden mochte, immer doch ſehr einförmig, düſter, zu hoch, um behaglich, zu niedrig, um erhaben, zu bewachſen, um felſicht, zu felſicht, um waldig zu erſcheinen. Auch dauerte die Ueberfahrt viel länger, als wir erwartet hatten; wir kamen erſt gegen Abend zur Stelle. Allein die Schönheit der anmuthigen Beſitzung, zu der wir über Felſenſtücke und durch ſüdliches Geſtruppe hinaufkletterten, bewährte ſich auch bey der heutigen, höchſt ungünſtigen Tem— peratur und Beleuchtung. Es ward daher beſchloſſen, den Beſitzer in ſeinem Wohnorte, Sale, an der breſcianiſchen Seite des Landſees aufzuſuchen, wo ein leidliches Unterkommen in dem ländlichen Gaſthofe dieſes Ortes von den Schiffern uns verſprochen ward. Ich werde dieſes höchſt eigenthümlichen Gaſthauſes nicht ſo leicht wiederum vergeſſen, deſſen Anlage eine gewiſſe ſüd— liche, napolitaniſche, oder beſſer, ſpaniſche Simplicität dar— legte, allein im weſentlichen nichts zu wünſchen uns übrig ließ. Nach einem trühen Nachmittag hatten wir eine mondhelle Nacht, welche den Hofraum des Gaſthauſes um ſo lichter machte, als deſſen Mauerwerk rundumher neu überweißt war. Im Grunde war die Küuͤche und vor dieſer eine vorſpringende Bogenhalle, Loggia, mit Bänken und Tiſchen, was an römiſche Malerkneipen erinnerte. Hier ward die Tafel gedeckt und nach den Kräften des Hauſes reichlich beſetzt. Es war, da bey größter Stille der Luft auch die Lampen ein friedliches Licht gewährten, eine, nach meiner Art zu fuͤhlen, beneidenswerthe Situation. 187 Um das fremde und vielartige dieſer Einrichtungen noch um einiges zu erhöhen, mußte der Wirth, der alsbald, der Koch, der nach vollendeter Arbeit zur Unterhaltung herbeykam, der eine dem Kaiſer in Deutſchland, der andere den Fran⸗— zoſen in Spanien gedient haben. Wie bey dem einen das öſterreichiſche Weſen, bey dem anderen das ſpaniſche ſich ab— ſpiegelte, gab zu ergötzlichen Wahrnehmungen Anlaß. Auch der Steuermann unſerer Barke hatte das Pulver gerochen, indem er acht Jahre lang auf einem öſterreichiſchen Krieges— fahrzeuge gedient und mit eigenen Augen, was ſtets Werth hat, die geſammte Levante ſich beſehen hatte. Da man nun ſelten der Verſuchung, ſeine Welt und Sprach Kenntniß darzulegen, auf die Länge widerſteht, ſo nahm das Geſpräch ſehr bald eine gewiſſe Hinneigung zur Verwirrung aller Sprachen und Gegenſtände, der wir durch ein feſtes beherrſchen und eingreifen möglichſt vorzubeugen ſuchten.— Wo mehr, als ein Menſch auf demſelben Fleck Erde beyſammen ſtehen, iſt es nicht eben nachtheilig, daß einige über die anderen eine Art Ueberlegenheit ausüben, da— mit nicht alles durch einander falle, wie's nur zu nahe liegt. Endlich, nachdem man uns vorher ans Ufer verlockt hatte, beym Lichte kniſternder Fackeln dem Fang der kleinen Fiſche zuzuſehn, welche ſommers in dieſem und anderen lombardiſchen Seen in unzähliger Menge dem Ufer ſich nähern, nahmen wir von unſeren Zimmern Beſitz, wo die Betten mit außerordent— lichem Fleiße für uns in Stand geſetzt und mit ſehr reinlichem Linnen mehrmal bezogen waren. Die Beſchränktheit der übri— gen Einrichtung gebot uns, dieſen feſten Hinblick auf das wahrhaft erforderliche mit Anerkennung und Dankbarkeit auf— zufaſſen. Am nächſten Morgen fuhren wir, da der Beſitzer von Menzino abweſend war, oder ſich melden ließ, in gewiſſem — 9q— 18 Sinne unverrichteter Dinge nach Lovere zurück; doch nicht ohne mancherley höchſterfreuliche Erinnerungen mit uns fort— zunehmen. In Italien ſtreift die Aufnahme in den ländlichen, ſelten von eigentlichen Fremden beſuchten Gaſthäuſern an die Formen uneigennuütziger Gaſtfreyheit; und, wenn nicht immer, ſo doch bisweilen ſtimmt die Billigkeit der Zeche mit der Ma— nier überein, in welcher man aufgenommen, bedient und ent— laſſen wird. In Lovere freylich iſt das Gaſthaus ein alter Palaſt, in deſſen oberen Theilen bereits die Holzconſtructionen des Nor— dens ſich geltend machen. Indeß ſind die Haupttheile des Gebäudes, ſogar die Säulen, die gegen den Hof das Vordach ſtützen, ſehr derb und ſicher in behauenem Steine ausgeführt. Die Treppe iſt ſinnreich in die Säulenhalle eingeflochten und ein ſchöner Beweis für die gute Wirkung richtig motivirter Abweichungen von den Durchſchnittsregeln, die, ſelbſt wenn ſie an ſich ſelbſt richtig wären, dem evolviren zufällig ſich auf— drängender Motive niemals entgegenſtehen ſollten. Da man das Erdgeſchoß zu Stallungen und Wagen⸗ ſchoppen benützt, iſt der einzige bewohnbare Theil des Hauſes das erſte Stockwerk. Dieſes enthält neben den Fremdenzim— mern und Speiſeſälen auch die Kammern, worin die zweyte und dritte Generation der zahlreichen Familie ſich nächtlich zu bergen pflegt. Allein bey Tage dient der breite, weite und luftige Säulengang zum allgemeinen Sammelplatze. Auch während unſerer Anweſenheit blieb er ſtets beſetzt und belebt. In einem Winkel kauerte eine junge Frau, um welche die un— mündige Jugend ſich drängte; mehr in unſerer Nähe hatte die unverehelichte, ſchon etwas veraltete Tochter des Hauſes Platz genommen, und ſang und trillerte zu ihrer Arbeit mit größter Anmuth, was an belliniſchen, oder ähnlichen Weiſen ſie an— deren abgelauſcht hatte. Selten, vielleicht niemals, ſchließen 189 ſich die italieniſchen Naturaliſten zu mehrſtimmigem Geſang, zum Chore, zuſammen; obwohl ſie den deutſchen Soldaten, oder Handwerker nicht ungern in dieſer Weiſe ſingen hören. Hingegen finden ſie ſich leicht in freye Geſangweiſen und be— gleiten dieſe, wo dazu Aufforderung, ſchnell und treffend durch eine genau ſich einpaſſende Secunde. In derſelben geräumigen Säulenhalle machten wir Be— kanntſchaft mit einem geiſtlichen Herrn aus Albino, im Thale des Serio, der an demſelben Abend uns dort aufſuchte und ſehr behuͤlflich war, die Merkwürdigkeiten ſeiner Vaterſtadt aufzuſpüren. Dieſe Bereitwilligkeit, dem Reiſenden nachzu— helfen, iſt mir, wie ſo vielen anderen, in allen Theilen Italiens oft nützlich und förderlich geweſen. Und ſcheint ſie theils aus allgemeinem Wohlwollen und freundlicher Geſinnung, theils wohl auch aus dem Bedürfniß hervorzugehn, jene ſchöne Muße ergötzlich auszufüllen, der unter einem milderen Himmel jeder ſo gern ſich hingibt.— Auch ſahen wir einen einſam reiſenden Britten, in dem Augenblicke, als er mit ſchreckhaftem Erſtau— nen erfahren ſollte, daß ſchon ſeit einigen Tagen er ſtatt des Lago di Garda, auf welchem er zu ſchiffen wähnte, nur den wenig bekannten See von Iſeo befahren habe. Er ſchien dar— üͤber höchlich betroffen zu ſeyn, und hatte ganz das Anſehn von Leuten, die unerwartet in Kunde bringen, daß, ſtatt vornehmer Perſonen, ſie nur mit gemeinen und dunkelen ver— kehrt haben. Von Lovere aufwärts nach Cluſone. Wir ſahen auf dieſem Wege bereits einen dünnen Tannenwald und, ſchon jenſeit Cluſone, Bergwieſen mit kleinen, darin verſtreuten Heuſchobern. — Heute, am frühen Morgen, ſchifften wir bey Sale und Montiſola vorbey, wo der Oelbaum noch herrlich gedeiht; ſpäter fuhren wir von Lovere bergauf den ſchönſten Kaſtanien⸗ wald entlang; und nun hatten wir, noch ehe es Mittag ward, —— — — 190 ein Land erreicht, worin alles das Anſehn der ſchlechteſten V ic Berggegenden des mittlen Deutſchlands hatte. Da nun ohne V de Vorſpann dieſelben Pferde in wenig Stunden von Lovere uns V nach Cluſone brachten, ſo muß ich annehmen, daß genannter V Ort nicht ſo gar hoch belegen ſeyn könne.— Wie nun mag 1 eine ſo ſchnelle Abnahme der Temperatur ſich erklären laſſen? — In den Etſch und Eiſack Thälern ſteigen die ſüdlicheren 4 Culturformen um ſehr viel weiter aufwärts; weßhalb ich ver— 3 muthe, daß in der Entwaldung der italieniſchen Berggegenden d der Grund ihrer verhältnißmäßig kälteren Temperatur ver— 3 borgen liege. Um ſo mehr, da in geringer Erhebung über 3 dem Meere, an der Grenze von Toscana gegen das bologne— 3 ) ſiſche, die Natur manche Producte verſagt, welche in Deutſch— land bey gleicher Höhe immer noch fortzubringen ſind. In dem kühlen, doch wohlgebauten Cluſone ward Mittag gehalten. Verleitete uns nun die nördlich erſcheinende Gegend, oder das nüchterne Mahl, denn es war ein Faſttag, genug 1 daß wir durch unbemerkliche Uebergänge auf den Gegenſtand 1 zurückkamen, den kurz vor unſerer Abreiſe wir ſo lebhaft be— b ſprochen hatten. Meinen billig geſinnten Reiſegefährten ſchien das ſummariſche Aburtheilen unſeres Recenſenten mißfallen zu haben. ’ Auch mir, ſagte ich begütigend, iſt es aufgefallen, daß unſer Freund jenes artige Buch, welches ich ſchon ſo lang mit mir umherführe, ohne jemals es recht geleſen zu haben, mit einer gewiſſen faſt unziemlichen Leichtigkeit behandelte. Zwar 1 bin ich ebenfalls nicht durchaus mit denen einverſtanden, welche 1 ohne Sachkenntniß, Erfahrung, gereiftes Nachdenken(was 6 alles durch excerpiren der Buücher und hin und herwiegen ihrer 3— Ausſpruche, den eignen Finger ſtets am Zünglein der Wage, nicht ſich erſetzen läßt) über den Grundbeſitz und Ackerbau ihre d Anſichten und Projecte gleichſam improviſiren. Auch verſtehe ſ 14 dleſen dhe re uns annter tmag nſen? heren ver⸗ nden ver⸗ über ogne⸗ utſch⸗ ittag gend, enug kand 191 ich nicht, wo das alles eigentlich hinaus will. Einige werden damit nur die Feinheit ihres Witzes, die Univerſalität ihres Geiſtes zeigen wollen, oder auf Aemter und Würden oſtenſible Anſprüche erwerben. Doch wiederholt ſich dieſelbe Erſcheinung auf eine wahrhaft bedenkliche Weiſe, weßhalb ichs ganz natür— lich finden würde, ſollte irgend jemand einmal darin etwas mehr, als bloßen Vorwitz vermuthen wollen. In der That iſt es in Krieg und Frieden ein uralter Kunſtgriff, der Menge die Ausſicht auf Gewinn und Beute zu eröffnen. Und mag es, wenn wir die Geſchichte hören, viel leichter ſeyn, ſie in Bewegung zu ſetzen, als nach der Hand ſie zu lenken und zügeln. Jedenfalls iſt es tröſtlich, daß auch für den Anſtifter jederzeit ein Winkelchen an der Laterne offen bleibt. Allerdings iſt es nicht leicht, den deſultoriſchen Scribenten beyzukommen, welche den Vortheil leichter Truppen haben, bald hier, bald dort aus den Büſchen zu ſchießen. Allein, wenn man nur wüßte, ob ſie's ehrlich meinen, ob ſie wahr— haft das Wohl, bald der leidenden Menſchheit, bald nur des Staates, oder aller Staaten zuſammt, befoͤrdern wollen, oder auch nur ſich ſelbſt geltend machen; ſo möchte es nicht unmög⸗ lich ſeyn, mit ihnen ſich zu verſtändigen. Setzen wir etwa, daß eine kränkliche Philanthropie ihr Gemüth beunruhige, daß ſie nichts anders wollen, als glück— liche machen, indem ſie die materiellen Grundlagen des Gluͤckes in möglichſt viele Hände bringen; ſo können wir ſie fragen, zuerſt: ob denn Grundeigenthum und Ackerbeſitz für alle und jegliche die unerläßliche Bedingung ihres Glückes ſey? ſodann: ob es dem menſchlichen Willen erreichbar ſey, dieſen Zuſtand herbeyzufüͤhren und, herbeygeführt, ihn feſtzuhalten. Vor Beantwortung der erſten Frage, wäre zu beweiſen, daß Ackerbau, ſtatt ein Gewerbe zu ſeyn, welches eine be— ſtimmte, einſeitige Richtung und dauernde Beſchäftigung vor⸗ — — — —— — — 19² ausſetzt, vielmehr ein Bedürfniß der menſchlichen Natur ſey, gleich dem eſſen, trinken und ſchlafen. Es wäre zu zeigen, daß vom Miniſter bis zum Bettler das pflügen und graben, das mähen und erndten, etwan als Leibesbewegung zur Ge⸗ ſundheit erforderlich ſey; wofür man den Kaiſer von China, der jährlich ein Mal den Pflug führen ſoll, und ähnliche Bey— ſpiele anführen könnte. Die zweyte Frage indeß kann ſichtlich nur verneinend beantwortet werden. Denn, jedem ein Stückchen Land zu geben, iſt doch nur ausführbar, nachdem man denen, welche gerade im Beſitze ſind, die Köpfe einſchlägt; ein Experiment, das nicht ſo ganz nach Belieben angeſtellt werden kann, weil der Fall nicht ſelten eintritt, daß jene ſich ihrer Haut erwehren. Und wäre man nun auch irgend einmal mit dieſer großen Maßregel zu Stand gekommen; ſo würde es doch unmöglich ſeyn, ihrem Ergebniß die wünſchenswerthe Stabilität zu ver⸗ leihen. Denn, wie man's anſtellen möge, ſo wird der glück— liche, der kluge, der thätige, der ſparſame Wirth doch in kurzer Friſt den unbeglückten, einfältigen, faulen und verſchwende— riſchen uͤberflügeln; weßhalb jährliche Reviſionen ganz unver— meidlich ſeyn dürften. Vielleicht würde es gelingen, die flei— ßigen und ſparſamen Wirthe zu entmuthigen, indem man innerhalb beſtimmter Zeitabſchnitte ihnen den Lohn ihrer Mühen, ohne viel Umſtände zu machen, abnähme, um damit den faulen und verſchwenderiſchen wieder aufzuhelfen. Wobey denn für das Geſammte der lieben Menſchheit weſentlich nichts gewonnen ſeyn dürfte. Denn es iſt ſeit den älteſten Zeiten von Allen wahrge— nommen und allein von unſeren ſtaatswirthſchaftlichen Impro— viſatoren überſehen worden: daß Ackerbau das weſentlichſte und ergiebigſte aller der Gewerbe iſt, welche die materielle Wohlfahrt der Staaten alljährlich verjüngen. Für den Staat, fuͤr fü ar ſeh, gägen, Jraben, zur Ge⸗ Gfing, e Ver⸗ einend d zu pelche ment, „weil dehren. großen töglich ver⸗ glück⸗ kurzer ende⸗ ver⸗ flei⸗ man cen, aulen für onnen ayrge⸗ mpro⸗ lichſe erielle Ftaat, für 193 für das Geſammte, iſt es daher minder wichtig, daß Ackerbau eventuell auch das Glück derer befördert, welche ihn betreiben, als daß er die Wohlfahrt aller bedingt, welche deſſen Product theils als Lebensbedürfniß verzehren, theils verarbeiten und zu Handelswaaren umgeſtalten. Wo dieſer Zweck vortheilhafter durch größere Wirthſchaften erreicht wird, als durch kleine, wo, hingegen, ſicherer durch kleine, als durch größere, das wer— den die Betheiligten bald aufzufinden und zu ermitteln wiſſen. Und da ſolches von tauſend Umſtänden abhängt, die nur den Betheiligten ſelbſt recht fühlbar und deutlich zu werden pflegen, möchte es unmöglich ſeyn, dieſes mancherley unter Regeln und Grundſätze zu bringen. Um ſo weniger, da ein Jahr— hundert in dieſer Beziehung alles durchaus verändern kann. Eins noch kommt mir da in Erinnerung, was mir oft im leſen und in den Unterredungen über dieſen Gegenſtand auf⸗ gefallen iſt. Daß man ſo gar ſelten wahrnimmt, wie Kräfte, die bey dieſem, oder jenem anderen Gewerbe erſpart werden, ſo viel anderweitig verwendbare, wahrhaft gewonnene Kräfte ſind, wenn nur Scharfblick und Thätigkeit genug in einem Volke, oder in einer Regierung vorhanden wäre, ſie zu ent— decken und in den rechten Gebrauch zu ſetzen. Es iſt nicht die Schuld derer, die mit geringerem Kraftaufwande daſſelbe und vielleicht ein größeres Ergebniß hervorbringen, wenn bis— weilen die Frage ſich meldet, wie man die müſſigen Hände beſchäftigen, dem bedürftigen Arbeiter Verdienſt und Brodt zuwenden ſolle; vielmehr der Phantaſieloſigkeit und Trägheit derer, die berufen wären, dieſen Schatz ruhender Menſchen⸗ kräfte auf Werke zu verwenden, welche theils gegenwärtige Bedurfniſſe erfüllen, theils zu künftigen Vortheilen den Grund legen. S Allein davon zeigt ſich bey den Scribenten keine Ahndung. Unterbringen, verſorgen, nicht beſchäftigen wollen ſie. Und, (13) —— 8 — 194 ſeltſam genug, ſoll der Ackerbau hierin büßen, was die ſtädti⸗ ſchen Gewerbe verſündigt haben. Denn jene Schaar von Be⸗ duͤrftigen, welche man auf Koſten der Landbeſitzer zu verſorgen hofft, wird bekanntlich vom ſtädtiſchen Gewerbe herangezogen, das ſchärfer zu rechnen pflegt, als das ländliche, und die Menſchenkräfte, welche zu untergeordneten Hülfsleiſtungen darin verwendet werden, ſtets ſo knapp, als möglich zu be— lohnen ſucht. Der ländliche Gehülfe hingegen, der Taglöhner, erziehet ſeine Kinder meiſt aus eigenen Mitteln und pflegt gar nicht ſelten im Laufe ſeines arbeitſamen Lebens ein kleines Capital zu erübrigen, wozu der Fabrikarbeiter, oder ſtädtiſche Handlanger ſelten Gelegenheit findet, oder Luſt und Hoffnung bezeigt. Dort alſo wäre Aufforderung in das Lebensſchickſal der Menſchen einzugreifen, den armen Arbeitern ein beſſeres Loos zu bereiten; ſtände nicht zu befürchten, daß hiedurch viele Fabrikgeſchäfte ein unzeitiges Ende nehmen würden. Da nun unvermeidlich eine große Menge unbeglückter Familien alljaͤhrlich im ſtädtiſchen Gewerbe geiſtig noch mehr, als körperlich aufgerieben wird, und es den Anſchein hat, als durfe es einſtweilig bey dieſer Menſchenverarbeitung fortbe⸗ harren; ſo möchte es vor der Hand nicht ſo gar dringend ſeyn, für das Glück derer zu ſorgen, die in einer ſchon ungleich günſtigeren Lage ſich befinden. Jenes Uebel, in ſo fern es ein Uebel iſt, ſcheint mir aus der kaufmänniſch induͤſtriellen Richtung unſerer Tage hervor⸗ zugehn. An die Stelle des ruhigen, beſonnenen, auf das ge— wiſſe und ſichere gerichteten Gewerbfleißes alter Zeit iſt ſeit einem Jahrhundert allmählich der ſpeculative Schwindel der großen Unternehmer getreten, die einander durch Wohlfeilheit des Products vom Markte zu verdrängen, daher den Arbeits⸗ lohn zu umgehen, oder tief hinabzudrücken ſuchen. Doch iſt der Sache vor der Hand nicht abzuhelfen. — 4 5——ynn n 195 wie ſidi⸗..... bd Ob denn nicht, ſagte einer meiner Reiſegefährten, viel— 4 2 leicht in Beantwortung des Schüziſchen Angriffs auf die Capi⸗ erſörgen taliſten und größeren Landbeſitzer, ob denn nicht bey den Be— gahog trachtungen dieſer Art auch dieſes in Erwägung kommen müßte, ind di daß in der Welt niemand ſeines Vermögens ſo ganz allein aſtungen genießt, als die Leute denken mögen, die niemals irgend etwas 3u be beſeſſen haben. Je größer der Reichthum, je mehr Individuen glöhner, beſchäftigt deſſen Verwaltung, je mehr Kräfte ſetzen die Be— legt gar dürfniſſe und Wünſche deſſen in Bewegung, der ihn beſitzt. llines Und wird da nicht wohl als Regel anzunehmen ſeyn, daß eben äͤdtiſch dieſe Wünſche nur auf thörichtes und verderbliches gerichtet offnung ſeyn werden, da wir täglich das Gegentheil erleben. ſchicſal Freylich wohl, erwiederte ich. Sogar der Schlemmer beſſeres bedarf der Miteſſer und niemand verſteckt ſo leicht die ſchönen h viele Gebäude und Gärten und anderen Herrlichkeiten, deren Beſitz ſeiner Eitelkeit ſchmeichelt. Wichtiger indeß wird das Vor— lückter handenſeyn großer Capitalien und Reichthümer, in ſo fern es mehr, die Möglichkeit von Unternehmungen eröffnet, deren Vortheile , ald theils noch problematiſch ſind, theils ſo entfernt liegen, daß rthe⸗ nur ſolche ſie berückſichtigen können, deren Daſeyn nicht durch— eyn, aus vom täglichen Gewinne abhängt. Eine Nation von durch— leich hin gleich armen Leuten möchte mit einer Armee ſich vergleichen laſſen, die Mann für Mann gleich tief im Sumpfe ſteckte, ſo aus daß keiner dem anderen Hülfe leiſten könnte. Es liegt im evor⸗ Weſen eines Gegenſtandes, der nach allen Seiten und bis in z ge⸗ die entlegenſten Winkel des bürgerlichen Lebens Beziehungen ſeit hat, daß über ihn auch nach den längſten Reden und Ge— der ſprächen immer noch irgend etwas nachzuholen und in Erin— eilheit nerung zu rufen übrig bleibt. Weßhalb ich ſchon befürchtete, beits⸗ daß es ſo bald kein Ende nehmen dürfe, als die Peitſche cᷓſ des Poſtillons und die Zeche des Wirthes zur gelegenſten Stunde daſſelbe unterbrach. (153) Von Cluſone geht es ſchnell abwärts. Bis zur Brücke über den Serio, der hier noch ein wilder Bergſtrom, behält die Gegend den deutſchen und nördlichen Charakter. Sogar gibt es Bäume auf halber Höhe der näheren Berge; doch nur verſtreute und ſtark gelichtete. Die Bergwieſen mit ihren, hier doch gemauerten, Heuſchobern blieben zur linken. Das Grün hatte eine angenehme Friſche, war jedoch lichter und gelblicher, als an der deutſchen Seite. Der Serio ſehr angeſchwollen durch ſommerliche, allmähliche Auflöſung des Schnees in den höheren Bergen, und voller Triftholz, was alles mehr und mehr in den Norden verſetzte. Jenſeit verſchönert ſich das Land. Zur rechten ward eine ſanft geſenkte Hochfläche ſicht— bar, welche auf halber Höhe des Berges einer verſtreuten, dorfartigen Niederlaſſung Raum und Gelegenheit gewährt. Sie iſt von zerſtreuten Bäumen umgeben und von grünenden Feldern und Wieſen. Die Erndte, die in der Ebene ſchon beſeitigt war, ſchien hier noch weithinauszuliegen. In dieſem Dorfe hauſen die Beſitzer und Selbſthirten ſehr großer Vieh⸗ heerden, die theils in der lombardiſchen Ebene die Weide und Fütterung von den Grundbeſitzern pachten, theils in ſommer— licher Zeit ſie tiefer ins Geburge treiben. Der Menſchenſchlag wird mir als kräftig und ſchön, ſeine Sitte als patriarchaliſch und edel gerühmt. Leider habe ich verſäumt, ihn näher kennen zu lernen. Vielleicht eine weit vorgeſchobene germaniſche Co— lonie aus der Epoche der Völkerwanderung, die zufällig ſich ungemiſchter bewahrt hat. Mehr und mehr ſenkt ſich der Weg in die Tiefe. Schon zeigen ſich, bey noch vorwaltenden Wieſengründen, Rebenge⸗ hänge an den artigen Gebäuden, und ſogar kleine Weinberge. Der Dachwinkel beginnt wiederum ſtumpfer zu werden. Das geſammte Thal hat ſehr maleriſche, ſanft abfallende, ſchön ſich durchſchneidende Bergumriſſe, mit anmuthig belebten Hoch— t Frich 1, bͤit Soga doch wur ren, hier s Grün lblicher hwolen in den üör und ſch das e ſiht⸗ treuten, waͤhrt nenden ſchon dieſem Vieh⸗ e und mer⸗ hlag liſch unen Co⸗ ſch Schon benge⸗ berge. Da in ſch hoch⸗ 197 flächen und reizendem Wechſel friſcher, gedeihlicher Vegetation und feſter Felſenbildung. Ueberall an den Mauern der artigen Landkirchen Ueber⸗ reſte alter Malereyen von handwerksmäßigen Künſtlern des Landes im Geſchmacke des vierzehnten bis ſechzehnten Jahr— hunderts. Dieſe Ländlichkeiten ſind hier an der Stelle und geben dem Geſammtbilde noch mehr Charakter. Allein was bleibt genießbares an ſolchen Werken der beſchränkteſten Nach— ahmung, wenn eine ſcrutinirende, auf das ſeltſame mit Vor⸗ liebe gerichtete Kunſtliebe ſie von ihrer Stelle verſetzt und den Gemäldeſammlungen einverleibt? Bey Fiorano ſind wir bereits wiederum in Italien ange— kommen. An einer freyliegenden Kirche von artiger Bauart ein halbrundes Mauergemälde, Madonna Halbfigur, zwey Engel zu den Seiten. Ein angenehmes Bild in noch etwas alterthümlicher Manier von einem mir völlig unbekannten Meiſter. Am Architrav lieſt man 1520. Alſo wird das noch wohlerhaltene Gemälde über demſelben wohl um einiges neuer ſeyn müſſen. Die Ortſchaften längs der Straße ruͤcken einander immer näher, bis ſie zuletzt ganz zuſammenfließen. Stattliche Paläſte und Villen bezeugen, daß hier ſchon die Städter, die Berga— masken, der fruchtbaren Gründe des Thales ſich bemeiſtert haben. In Albino, einem Dorfe, welches in Deutſchland eine ſehr ſchöne Stadt ſeyn würde, beſuchten wir die Villa der Gräfin Spini von Bergamo und vereinigten den ſchuldigen Höflichkeitsbeſuch mit der Beſichtigung zweyer lebensgroßer Bildniſſe des berühmten Morrone. Von ſpäterer Hand war auf dem weiblichen Bildniß obiit 1613. aetatis 72. auf dem männlichen obüt 1612. aetatis 76. geſchrieben, was in An— ſehung des noch jugendlichen Anſehens beider Bildniſſe anzu⸗ nehmen geſtattet, daß ſolche um 1570 gemalt wurden. Auch die Kirche, deren Thurm mit den Ueberreſten des Vorhofes bezeugt, daß man dort ein gutes Werk aus dem ſechzehnten Jahrhundert zerſtört habe, um ein ſchlechtes des neunzehnten an deſſen Stelle zu ſetzen, enthält einige ſehr ſchwache Altargemälde, welche dem Morrone beygemeſſen wer⸗ den. Dieſer treffliche Maler iſt bekanntlich hier geboren, weß⸗ halb man ihn insgemein Morrone d'Albino nennt. Zu allen dieſen Herrlichkeiten geleitete uns Don Antonio, der geiſtliche Herr, deſſen Bekanntſchaft wir zu Lovere gemacht hatten, nicht ohne ſeine größte Beſchwerde, weil der Tag ſehr heiß und die Hauptgaſſe von unzähligen Menſchen erfüllt war, welche der Jahrmarkt herbeigezogen hatte. Und, wie damals, ſo erſcheint mir noch immer dieſer einzige Tag, in Anſehung der großen Verſchiedenheit von Land und See, Berg und Thal, von ſüdlichem und nördlichem Anſehn, von länd— licher Sitte und Einfachheit, von ſtädtiſcher Pracht und Be— weglichkeit, als enthalte er in ſich eine ganze Reihe von Tagen. Von Albino bis zur Ausmündung der Valle Seriana gegen die Ebene iſt die Straße ohne Unterbrechung mit anſehnlichen und ſelbſt prachtvollen Gebäuden und Villen beſetzt. Im Fluge machten wir zu Redona unweit Bergamo dem älteſten der drey Brüder Frizzoni in ſeiner artig engliſirten Villa einen Abendbeſuch und ſuchten darauf in Bergamo ſelbſt unſer Nacht— quartier. Noch lag es in unſeren Plänen, die Valle Brembana, das Thal des Brembo, zu durchreiſen, von welcher nur der viel verſprechende Eingang mir bekannt iſt. Dieſes Thal ſoll ſchöne Waldſtrecken, vornehmlich viel lichtes Kaſtanienholz enthalten; und hätte ich gewünſcht, eine dortige Beſitzung meiner Freunde zu beſehn, weil dieſelbe in erblicher Pacht liegt, daher zu den ſeltneren Erſcheinungen dieſes Landes gehört. Allein was da— mals verſäumt ward, konnte ſpäter nicht eingeholt werden, ——— 8 L—* ' 199 1) 3 weil bald nach dieſer Reiſe ich nach Mayland und auf uner⸗ nad wartete Veranlaſſung von dort auf anderem Wege in die Hei— . math zurückkehrte. dg ſir In Mayland hatte der Gubernialſecretär Herr von Czoernig hene⸗ indeß auf das frenndlichſte für mich geſorgt, mancherley mir 2n,we in die Hand gearbeitet, auf Bibliotheken und Archiven mich inſtändigſt empfohlen, ſo daß ich hoffen durfte, ein Stück ſutonio Arbeit zu beſchaffen, da's an Fleiß mir eben nicht gebricht. hemacht Indeß ſollte es anders kommen. r Tag Ich hatte die Begünſtigungen dieſes trefflichen Staats⸗ effäͤllt beamten vornehmlich durch ſolche gelegentliche Aeußerungen d, wie und Schriften mir erworben, welche auf Staatsverwaltung ag, in eine allgemeine, oder nähere Beziehung haben, vornehmlich „Verg eben durch meine hiſtoriſche Darlegung der Urſachen und Ver⸗ lͤnd⸗ anlaſſungen, welche in Italien den gegenwärtigen Stand der d Be⸗ ländlichen Verhältniſſe herbeygeführt haben. Wie ſehr wir agen. in unſeren Grundanſichten übereinſtimmen, erſah ich aus einer gegen Reihe von durchdachten und fleißig vorbereiteten Aufſätzen, ichen welche handſchriftlich von ihm mir anvertraut wurden. Gleich luge mir geht Czoernig in dieſen Sachen von dem Grundſatze aus: der daß der Staat ein Organismus iſt, kein Aggregat todt neben inen einander hingeſtellter, nur mechaniſch bewegter Theile. Auf acht⸗ hiſtoriſchem Wege, wozu ſeine frühere Stellung Gelegenheit bot, war er tief eingedrungen in die zerſtörenden Folgen der , das mechaniſch aufgefaßten Staatslehre, die man in Anſehung ihrer rviel mehr in die Augen fallenden Wirkungen etwa die revolutionäre ſchöne nennen könnte. Eben daher war es ihm nicht entgangen, daß alten; auch ohne Pöbelbewegungen, auch ohne Mord und Verheerung, teunde unter dem trügeriſchen Anſchein eines ruhigen Fortſchreitens u de V zum beſſeren, allmählich eine gleichverderbliche Auflöſung aller de jener geiſtigen Bande und zarteren Verknüpfungen erfolgen rden kͤnne, welche die Einzelnen nicht, wie man's liebt, zur bloßen / 200 Menge, ſondern zu einem lebenvollen, organiſchen Ganzen machen. Es war ihm klar geworden, daß jene von den neueren leidenſchaftlich erſtrebte äußere Gleichförmigkeit wohl als ein Symptom innerer Abgeſtorbenheit, nie jedoch als ein ſicheres Zeichen organiſcher Einigung aufzufaſſen iſt; daß, im Gegen⸗ theil, die Fuͤlle und Mannichfaltigkeit der localen und corpo⸗ rativen Entwickelungen dafür Gewähr leiſte, daß in dem Staate, worin ſie möglich ſind, noch immer viel innere Triebkraft vor⸗ handen ſey. Doch iſt das alles nur das ungefähre, die Ueber— ſetzung ſeiner Anſicht in meine Sprache. Auch verdanke ich dieſem werthen Freunde die perſönliche Bekanntſchaft mit zween Männern, welche von dem Gegen⸗ ſtande meiner Bemühungen beſondere Kenntniß haben: dem Ingenieur Bruſchetti; und dem Dr. Lomeni, einem ſonſt be⸗ liebten Arzte, der gegenwärtig ganz der Landwirthſchaft und ſtatiſtiſchen Forſchungen ſich hingegeben hat. Als dieſen ſchönen, hageren, etwas ältlichen Mann, deſſen äußeres Erſcheinen allgemeinhin an Jacobi erinnert, ich zum erſten Male beſuchte, kam die Rede auf des Baſſi Heilungs⸗ verſuche des Calcino, der bedenklichſten Krankheit des Seiden— wurmes, welche in der Lombardey gewiß ungleich mehr Theil— nahme erweckt, als Krieg und Frieden. Lomeni war der von jenem vorgeſchlagenen Anwendung des Laugenſalzes entgegen. Er hatte eine Reihe von Verſuchen mit ärztlicher Sorgfalt und Genauigkeit angeſtellt, die Krankheit, welche anſteckend iſt, einigen dieſer armen Geſchöpfe eingeimpft, ſie darauf in ver— ſchiedene Lazarethe vertheilt, die Kranken darin verſchieden behandelt. Das gleich hoffnungsloſe Ergebniß der einen und anderen Heilmethode ward am Schluſſe ſeines Berichtes mit Rührung und feyerlichem Ernſte ausgeſprochen. Wie ſolches denn allerdings einem Gegenſtande zukam, von welchem gegen⸗ wärtig das Wohl und Weh ſo vieler tauſende abhängig iſt. 201 kiun Während zu Mayland etwa ſechs Wochen läng ani dem 8 1 Archiv in S. Fedele, oder auf den Bibliotheken, mit bläͤttern, 1 überleſen und abſchreiben die beſten Tagesſtunden vorüber— Rſiha gingen, fand ſich doch bisweilen für den Beſuch benachbarter 1Gtge Landwirthſchaften ein freyer Augenblick. In einem ſolchen de⸗(den erſten Julii 1837) fuhr ich mit Herrn von Czoernig auf Staut, der Straße nach Pavia einige Miglien weit über die Villa aft dor⸗ V Annone zu der weiter hinausbelegenen und größeren Land⸗ e Ueber⸗ wirthſchaft des Duca Visconti Modrone, wo der einſichts⸗ volle Aufſeher uns einige Stunden lang auf den Feldern und rſönlich in den Wirthſchaftsgebäuden umher führte. Gegen- Die Villa ſelbſt iſt ein halbhin befeſtigtes Viereck, das 1 den gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts aus vortrefflichem enſt be Backſtein und in ſehr eigenthümlicher Weiſe erbaut iſt. Die ift und Eintheilungen und Verhältniſſe näheren ſich der moderneren Bauart des ſechzehnten Jahrhunderts, die Verzierungen hin— deſſen gegen und die Bögen über den Thüren und Fenſtern neigen ) zum ſich zum ſogenannten gothiſchen. Dieſe gemiſchte Manier ungs⸗ ſcheint am Hofe des Visconti ſich ausgebildet zu haben; der den⸗ Palaſt zu Pavia iſt deren ſchönſtes Beyſpiel. Wer Paläſte heil⸗ und Häuſer von moderner Anlage und Einrichtung zu gothi— von ſiren wünſcht, möchte ſolche über die Niederungen der Lom— egen. bardey verſtreute Backſteinpaläſte mit Vortheil ſtudiren können. gfalt Die Villa Modrone hat einige, ihr nachtheilige Reparaturen d it, erleiden müſſen, in mißverſtandener Nachahmung der gothiſchen mver⸗ Bauart. Beſonders ſtörend aber wirken die umher angelegten ieden Gärten voll fader Akazien und gothiſch bemalter Hütten. t und Der Sommerſtall war hier an die Hauptmauer des Außen— z mit werkes der alten Schloßbefeſtigung angelehnt, daher halb ge— ſlche ſchloſſen. Ich ſah darin etwa 60 vortreffliche Kühe, die zum gau⸗ Theil an der Stelle erzogen waren; was auch von denen ge— ſ meldet wurde, die kurz vorher in der Villa Annone uns vor— ( 20² kamen. Weil der Preis des Parmeſankäſes ſeit einigen Jahren ſehr abgeſchlagen hat, glaubte man beym Aufziehn des Jung— viehs, das früher ohne Ausnahme aus der Schweiz bezogen wurde, augenblicklich ſeinen Vortheil zu finden. Im ganzen geſehn, duͤrfte indeß bey dieſen ſo häufig ſich wiederholenden Beſtrebungen, in allen Dingen ſich ſelbſt zu genügen, der Vor— theil nicht herauskommen, den man wohl davon ſich zu ver— ſprechen pflegt. Der Austauſch von Producten, die jedes an ſeiner Stelle in beſter Qualität und gemeiniglich auch mit ge— ringerem Aufwande erzielt werden, möchte für das Geſammte, wenigſtens für diejenigen Völkergruppen, die mit einander zu handeln Gelegenheit finden, den größten möglichen Gewinn verheiſſen und nach den Umſtänden auch gewähren. Denn was iſt Handel im großen und ganzen anders, als das hin— wegſchaffen von Dingen, deren Ueberfluß den heimiſchen Markt verdirbt und eine wahre, oft nur zu eindringlich gefühlte Laſt iſt, um dafür herbeyzuführen, was man bedarf, oder nur zu bedürfen glaubt. Nun aber entſteht nicht, ſelten aus den Ab⸗ ſchließungsverſuchen, gleich dem erwähnten, eine Stockung, nun gar Unterbrechung des gewohnten Umtauſches und Han— dels, der nach der Hand nicht jederzeit ſich wiederum will an— knüpfen und in das alte Geleiſe zurücklenken laſſen.— Was in der letzten Zeit dem Abſatze des Parmeſankäſes Eintrag ge— bracht hat, ob die franzöſiſchen Zölle, oder die ſpaniſchen Un— ruhen, oder die fortſchreitende Abnahme des Geſchmackes an guten Speiſen, welche auf dieſer Reiſe mir überall aufgefallen iſt; darüber bin ich nicht völlig ins klare gekommen. Vielleicht iſt es nur die Vermehrung des Products auf der einen Seite, die Verminderung der Conſumtion auf der anderen. Denn auch bei den Italienern, den Hauptconſumenten dieſes Artikels, bemerkte ich einige Neuerung in der Diät. Die Käſeprodu⸗ centen ſollten an einigen Mittelpuncten auf eigene Rechnung 203 r en groͤßere Niederlagen errichten, um den Debit zu erleichtern. dun Nicht ſelten fehlt es in entlegenen Gegenden den Kleinhändlern an Gelegenheit, den Parmeſankäſe auch in geringeren Quan— n ganza titäten und wohlfeil ſich zu verſchaffen. tholenden Der Aufſeher des Duca Modrone ſchätzte den mittlen Er— der Vor⸗ trag einer Kuh auf etwa dreyhundert Zwanziger(100 fl. Wie⸗ zu ver⸗ ner W.). In dem Wahrkeller beſah und koſtete ich die äußerſt an reinlich gehaltene, ſehr ſchmackhafte Butter. Die herrlichen mt ge⸗ gothiſchen Gewölbe des Erdgeſchoſſes kamen offenbar der hier ſammte, betriebenen Milchwirthſchaft ungemein zu ſtatten. indet zu Indem wir auf den näher belegenen Feldern umhergingen, Gevim fragte ich nach der höchſten ihm vorgekommenen Ergiebigkeit Denn 1 des Reisbau's. Der Aufſeher zeigte mir in Beantwortung as hin⸗ dieſer Frage ein Feld, auf welchem er ein Mal das ſieebzigſte Markt Korn geerndtet haben wollte. Doch habe daſſelbe vorher ge— lte Laſt ruht, und das Jahr ſey günſtig geweſen. Da nun der Reis nur zu ſtets um fünfzig Procent höher im Preiſe ſtehet, als Waizen, en Ab— ſo darf man dieſen Ertrag ſo hoch anſchlagen, als etwan einen ckung, hundertfältigen vom Waizen. Im Durchſchnitt jedoch erhebt Han⸗ ſich der Reisertrag nur vom zehnten zum fünfundzwanzigſten an⸗ Korne, was immerhin, nächſt den Winterwieſen, der höchſte Was iſt, den nach lombardiſcher Wirthſchaftsart ein Landwirth von ag ge⸗ ſeinem Boden ſich verſprechen darf. n Un⸗ Bald nachher beſuchte ich in Geſellſchaft Bruſchetti's ein kes an anderes, vor dem römiſchen Thore belegenes Gut; Gamba efallen Loito nennt man die Stelle, und es gehört einem mayländiſchen elleicht Bürger, Herrn Vittadini. Hier machte der Eigenthümer ſelbſt Seite, den Erklärer, wie denn er täglich hinausfährt und die Wirth— Denn ſchaft auf dieſem Hofe perſönlich leitet. ttkele Dieſe Beſitzung iſt groß: 900 Pertiche; davon liegen 400 rde⸗ in Winterwieſen, 300 in Wechſelwieſen. Nur 200 hat der taung Beſitzer dem Ackerbau vorbehalten, damit er ſeinen Taglöhnern 204 ihr Brodtkorn geben, oder dazu den Boden anweiſen könne. Auf dieſem, nach Maßgabe unſerer Güter im Norden, ſo klei— nen Areal hält Vittadini neunzig große Schweizerkühe, deren Ankauf ihm durchſchnittweis 30 Zecchinen koſtet. Er ſchießt, da bey der ſtarken Milchwerbung die Kühe ſich zeitiger ab— nutzen, jährlich ein Fünftheil ein, wobey, nach Abzug des Ver— kaufpreiſes der ausgeſchoſſenen, auf den Kopf fünfzehn Zecchi— nen eingebüßt werden. Er berechnet die Einnahme von der Kuh, bloß für Butter und Käſe, denn Milchverkauf in die Stadt verſpricht in dieſer Entfernung keine Vortheile, zu dem hohen Preiſe von dreißig Zecchinen. Das macht von 90 Kühen: brutto 2700 Zecchinen. Davon Verluſt für Verjüngung des Viehſtapels: 20» bleibt 2430 Zecchinen, von denen freylich die Wirthſchaftskoſten, die Leiſtungen und Vortheile, die man dem Käſer(Milchpächter) zugeſteht und ähnliches mehr wird abzuziehen ſeyn. Unter allen Umſtänden iſt der Ertrag dieſer Milchkühe der einzige, in Geld zu ver— werthende des Gutes, deſſen Nebenproducte an Gemüſen und Körnern nicht hinreichen können, die Wirthſchaftskoſten zu decken. Indeß war Vittadini, der höchſt wahrſcheinlich keine ſehr ſpeciale Bücher führt, die Sachen mehr im großen über— ſteht, in Bezug auf ſeine Rechnungsabſchlüſſe gegen mich ſehr zurückhaltend. Er ſchien mir zu jener Claſſe induüſtrieller Perſonen zu gehören, welche ihre Intereſſen mehr anſchaulich, als arithme⸗ tiſch auffaſſen und in der Regel ſo ziemlich ſicher gehn. Die Beſitzung hatte, als er ſie kaufte, wenig Waſſer und viel ſehr ſchlechten, ertragloſen Weinbau. Nun glückte es ihm, aus dem dungreichen Waſſer des Bächleins Seves, welches durch Mayland fließt, vier mayländiſche Normalmaße(oncie) für 100000 Zwanziger zu erſtehen, die um ſo mehr ihm zu ſtatten ——— 205 iame kamen, als unterhalb der Beſitzung, welche ich beſah, noch ſo le⸗ zwey andere ihm angehören, die zuſammen etwa ſo viel Aus— e, derm dehnung haben, als jene. Er ließ daher ſeine Rebſtöcke aus⸗ ſchießt reiſſen und verwandelte den größten Theil ſeines Gutes in get ab⸗ Wieſen, deren üppiger Graswuchs in der That alles über⸗ des Ver⸗ ſteigt, was ſogar in der Lombardey mir vorgekommen iſt. zecchi⸗ Unter den genialen Zügen und Einfällen, an welchen dieſe Wirthſchaft überreich iſt, fiel es mir beſonders auf, daß Vit⸗ Butter tadini längs eines mit Kohl bepflanzten Feldes hatte Fiſolen dieſer pflanzen laſſen, um die Kühe, die zur Weide an dieſem nur dreißig leicht befriedigten Felde vorbeygetrieben werden, davon abzu— cchinen. ſchrecken. Denn eben, wie ſie nicht ungern die Kohlpflanzen „ benaſchen, verabſcheuen ſie den befremdenden Geruch der Veits⸗ cehinen, bohne. en und Die Beſitzung des Vittadini gewährt einen Maßſtab für öt und die Waſſermenge, welche ein unterwärts dichter, nicht ſandiger, tänden Boden bey den hier üblichen Berieſelungen abſorbirt. Sein u ver⸗ Waſſerzufluß beträgt vier mayländiſche Normalmaße. Mit en und dieſen bewäſſert er drey Güter, zuſammen 1800 Pertiche. Es en zu bleiben ihm übrig drittehalb mayländiſche Normalmaße, welche keine die Beſitzer von unterwärts liegenden Ländereyen für 700 Zwan⸗ uber⸗ ziger von ihm gepachtet haben. Alſo abſorbiren jene 1800 hſehr Pertiche nur anderthalb. Auf ſandigem Boden wird das Verhältniß ſich anders ſtellen muſſen. Hingegen möchte in einem kühleren Clima der ne Verluſt durch Ausdünſtung geringer ausfallen, als eben hier. 1Ai Unter allen Umſtänden lehrt obiges Factum, daß, um gute dt ſchr Wieſen herzuſtellen, keine ſo gar unermeßliche Waſſermenge in d erforderlich ſey. 1 , an Ueber den Ertrag der Winterwieſen finden ſich in Bur— 17, gers Reiſe verſchiedene mit ſtatiſtiſcher Specialität entworfene ie fnteu Ueberſichten. Allein weder, was damals jenem Staatswirthe, ſta .—.— 206 noch was ſpäter mir ſelbſt gelegentlich mitgetheilt ward, führet zu einem ganz ſicheren allgemeinen Ergebniß. Im beſten Falle erlangt man eben nur ein örtlich richtiges. Von den Winterwieſen heißt es, daß, wenn ſchon im November ſie gemäht worden, ſie dann im Februar wiederum gemäht werden können. Daß im Durchſchnitt ſie von ſieben zu acht Schnitten gewähren können. Einige melden, ſogar bis zehn. Das alles ſcheint mir indeß nicht bloß vom Boden und der Bewäſſerung, ſondern auch vom Grade der Reife ab— hängig zu ſeyn, den man das Gras erreichen läßt. Mehr, als drey Heuerndten von Gräſern, deren Samen ſchon etwas angeſetzt hätte, gewinnt man, ſo weit meine Kunde geht, weder in Italien, noch in Deutſchland. Die Grünfutterſchnitte, welche außer jenen Heuerndten in Oberdeutſchland zwey Male im Fruͤhling und Spätherbſt ſtattfinden können, mögen in Italien vielleicht um ein bis zwey Male häufiger gemacht werden. Wo man aber auf eine, oder zwey Heuerndten verzichtet, mögen die Grünfutterſchnitte bis acht und neun Male wiederholt werden können, und auf ſolche Weiſe die verſchiedenen An— gaben unter ſich auszugleichen ſeyn. Vittadini theilte mir die intereſſante Erfahrung mit, daß ſeine Wechſelwieſen, welche längere Zeit in Gras zu liegen pflegen, als an anderen Stellen, mit den Jahren beſſer wer— den; umgekehrt wie in der Gegend von Lodi, wo ſie ſchon nach dem zweyten Jahre verlieren. Ich vermuthe, daß der Grund genannter Abweichung in der Qualität des Waſſers aufzuſuchen ſey, mit welchem ſeine Wieſen berieſelt werden. Vittadini hat daher auch eigentliche Wieſen(prati stabili), die gleich den Winterwieſen eingetheilt und bewäſſert werden. Er zeigte mir eine ſolche, die bis zum erſten Julii ſchon vier Male war gemäht worden. Ich bewunderte die Dichtigkeit ihrer Narbe. 207 ditre Vittadini hatte ſeinen Arbeitern einige ſehr gute Haͤuſer ſen u gebaut, oder vorgefundene benutzt, ihnen Wohnung zu geben, welche, nebſt ihrem Nebeneinkommen und feſtgeſetzten Taglohn, ſtan in die Exiſtenz dieſer Leute behaglicher zu machen ſchien, als jene wiederun der Halbpächter an den Huͤgeln und Bergen. Dieſes Ver— in ſeeben hältniß iſt ganz daſſelbe, welches in Nordteutſchland die Koth— t, ſogar ſaßen, Käthner, Inſten, Brinkſitzer, und was der Namen mehr r Boden iſt, einzunehmen pflegen. tefe ab⸗ Der wichtigſte Gegenſtand indeß, die Verarbeitung der Mehr, Milch zu Butter, beſſerem, zweytem und drittem Käſe, iſt on etwas das Geſchäft des Käſers(casciaro, casér), welcher nach Art dht, weder unſerer nordteutſchen Holländer und Meyer zu dem Beſitzer, tte, welche oder Hauptpächter in ein ſpeciales Pachtverhältniß eintritt. Male in Ich wünſchte der Käſebereitung beyzuwohnen, welche in Italie allerdings mit unſerer unvollkommneren ſehr wenig Ueberein— ft werden. ſtimmung zeigte. tet nöͤgen Zunächſt ftel mir ſchon die Form des Keſſels auf, die wiederhot einem umgekehrten Kegel gleicht; offenbar, damit die geron— denen An⸗ nene Milch im Grunde ſich beſſer ſammeln und dichter anhäufen könne. In der Schweiz bedient man ſich ähnlicher. ni, daß Laben, die Molken abſchöpfen, den Käſeſtoff mit den Händen a lege krümeln; in ſo weit glich alles ſo ziemlich unſerem Verfahren. ſer vr⸗ Abweichend aber war, daß alsdann die Molken wiederum über den ſe ſthn Käſeſtoff aufgegoſſen, mit dieſem eine halbe Stunde lang über „di dr leichtem Feuer ſtark erwärmt wurden. Der Käſer hielt dabey z Paſets die Hand ſtets in dem Gefäß, um ſicher zu ſeyn, daß ſein ( veden. Inhalt ſich nicht überhitze. Von Zeit zu Zeit zog er etwas jsnabil) von dem Käſeſtoffe hervor, bis er ſah, daß derſelbe ſich in ddir. Fäden ziehen laſſe, alſo eine klebende, zähe Eigenſchaft erlangt ü t hatte. Hierauf wurden einige Gran gepülverten Safrans hin⸗ n zugethan und ſtark in den Molken umgeruhrt. Nicht lang nachher ruckte man den ſchweren Keſſel mit ſcheinbarer Leich— —.ͤ———— 208 tigkeit vom Feuer und begann darauf die Molken mehr und mehr abzuſchöpfen. Als wenig zuruckgeblieben war, arbeitete der Altgeſelle ein Stuck groben Linnens unter die verdichtete Maſſe; eine harte Arbeit, weil, an den Füßen ſich aufhängend, er wohl fuͤnf Minuten lang mit dem ganzen Körper überkopf in dem heiſſen Keſſel liegen mußte. Man ließ der Maſſe Zeit, ſich zu ſetzen, hob ſie darauf vermöge jenes Linnentuches aus dem Keſſel, und ſetzte ſie in eine hölzerne Wanne hinüber. Auch hier ließ man ſie eine Weile in den Molken ſtehen, welche ſie ohne Druck abſonderte. Zuletzt aber ward ſie mitſammt dem Tuche in einen flachen hölzernen Reif verſenkt, der auf eine ſteinerne Tafel geſtellt war. Man hat ſeit vierzig Jahren aufgehört den Käſe mit Gewichten zu beſchweren, weil man erkannt hat, daß ſchon durch ſich ſelbſt er hinreichende Cohä⸗ ſion gewinnet. Und ſelten ereignet es ſich, daß ein Käſe ſich aufwerfe, blättere, hohl werde, was der Käufer jedoch vor Abſchluß zu ermitteln bemuͤht iſt und, daran klopfend, am Klange erkennt. Nach dreyen Tagen beginnt man, den Käſelaib von außen mit Seeſalz zu beſtreuen und fährt damit vierzig Tage lang fort. Später wird deſſen Rinde mehrmal mit Oel eingerieben, um ſie luftdicht zu machen und die Ausduünſtung zu hindern. Einige rieſenhafte Männer, der Altgeſelle, Geſelle und Lehrburſche, die faſt unbekleidet ihre Kraft und Gewandtheit in den verſchiedenſten Bewegungen und Stellungen an den Tag legten, gewährten das maleriſche Beywerk zu dem Ge⸗ ſchäfte, welches ich oben chronologiſch verzeichnet habe. Dieſes Geſchäft, das ſichtlich viel Tact, Griff, Erfahrung und eine körperliche Kraft erheiſcht, welche in unſeren Tagen nicht ge⸗ wöhnlich iſt, befindet ſich daher ganz in den Händen einer eigenen Menſchenart, deren Gewerbseinrichtung an das zunft⸗ mäßige, vielleicht ſelbſt caſtenartige, wenigſtens nahe angrenzt. Offenbar meht und arbeitte verdichtete fbängen, überkopf laſe zeit rches aus hinüber. 7, welche nitſammt der auf g Jahren veil man de Cohaäͤ⸗ Käſe ſich doch vor nd, am taußen ſe lang rieben, ern. le und andtheit an den emm Ge⸗ Dieſes und eine ſnicht ge⸗ en einer s zuuf⸗ ngrenzt. pfenbar 209 Offenbar war unter denen, welche an der Arbeit Theil nahmen, oder ihr zuſahn, weil andere Geſchäfte eben ruhten, oder auch, weil ſie darin noch zu lernen hatten, eine gewiſſe Unterord⸗ nung, welche Grade des Geſchäftsalters, Stufen in der Kunſt— bildung, mir anzudeuten ſchien. Ueberhaupt iſt es erfreulich zu ſehn, daß in der Lombardey, wo Zünfte geſetzlich nicht an— erkannt werden, doch in ſo vielen, und eben in den weſent— lichſten Gewerben zunftähnliche Gewohnheiten und Herkommen im ſtillen ſich behaupten und fortpflanzen. Sehr befriedigt verließ ich dieſe herrliche Wieſenwirth— ſchaft, wo der wiederum bevorſtehenden Heuerndte faſt drey Fuß hohes dichtes Gras entgegenwuchs. Um wie viel aber der Ertrag dieſer Art, den Boden zu benutzen, jenen der un⸗ bewäſſerten Ländereyen auch bey der beſtunterhaltenen Bepflan⸗ zung in Reben und Maulbeerbäumen überſteige, zeigt ſich in dem Pachtwerthe von Grundſtücken der einen und anderen Art. Wenn bewäſſerte Gründe die Pertica um zwanzig bis dreißig Zwanziger verpachtet werden können, ſo erhält man hingegen von unbewäſſerten nur 6, bis 15. In denſelben Tagen über Monza nach Lecco, Varenna und Belagio. Der Weg führt anfangs den Canal der Marteſana ent⸗ lang, welcher in der Nähe Maylands minder breit und waſſer— reich iſt, als oberhalb. Er hat an dieſer Stelle bereits an die Irrigationen des umliegenden Landes leichtlich die Hälfte ſeiner Waſſerfülle abgegeben. In der Gegend von Monza erhebt ſich das Land mehr und mehr. Die Erndte verſprach ſehr wenig; in Folge nicht ungewöhnlicher Dürre war das Türkenkorn ohne anzuſetzen verwelkt. Daß mit ſo viel Beharrlichkeit ſtets wiederum ver— ſucht wird, eine Getraideart fortzubringen, die von zweyen Malen das eine ſicher aus Mangel an Regen vertrocknet, ent⸗ (14) 3 210 ſtehet ohne Zweifel aus der Halbpacht, welche hier wiederum an die Stelle tritt der größeren Wirthſchaftshöfe in der be⸗ wäſſerten Ebene. Vom Vorurtheil abgeſehn, das bey den kleineren Landwirthen überall ſo viel Macht ausübt, hat der Halbpächter auch ein Intereſſe an dieſer Art der Bewirth— ſchaftung, oder glaubt es zu haben. Denn in dem Falle, daß die Witterung ſie begünſtigt, hat er abwechſelnd einmal ſein Brodtkorn umſonſt; und im entgegengeſetzten erwartet er, daß ſein Verpächter ihm daſſelbe aus ſeinen Vorrathskammern vor⸗ ſchießen werde, wo denn oftmals die Bezahlung ſo lang ſich hinzieht, bis der Herr ſtirbt und ſeinen Bauern ihre Schulden teſtamentariſch erläßt. Indeß glaube ich annehmen zu durfen, daß in dieſen Hügelländern eine durchgehende, zuſammenhängende Rebencultur bey weitem mehr an ihrer Stelle ſeyn würde, als die ubliche gemiſchte. Das lombardiſche Königreich erzielt weniger Wein, als es bedarf; hingegen hat es gemeinhin Ueberfluß an Ge⸗ traide. Auch unterliegt es keinem Zweifel, daß nicht allein die Menge, nein auch die Guüte des Products gemehrt und erhöht werden könnte. Es überraſchte mich daher ſehr ange⸗ nehm, als in der Gegend der Poſtſtation Carzaniga ein günſtig belegener Abhang mir in die Augen ſiel, welcher durchaus mit niedrig gehaltenen Reben beſetzt iſt. Sie hatten ein gedeih⸗ liches Anſehn; und es verriethen die Erdarbeiten an den nahen Hügeln, daß man damit umgehe, die ſchon beträchtliche Anlage fortgehend zu erweitern. An dieſer Stelle alſo hatte man be⸗ reits angefangen, die Halbpacht durch Lohnarbeit zu erſetzen, wodurch die Cultur der Hugelgegenden unſtreitig gewinnen und jener der Ebene im Werthe näher kommen wird. Auch möchte dieſe Ausdehnung und Verbeſſerung des Weinbau's vortheilhaft auf die Waldcultur zuruͤckwirken, da ohne Plan und Ordnung nicht möglich ſeyn dürfte, die benöthigten trockenen Pfähle zu 211 hier wie 3 3 viia gewinnen. Und fällt es dabey mir ein, daß in der Lombardey dd b man gar wohl thun wuͤrde, das römiſche Rohr(jene wich⸗ das bey de tige Culturpflanze, die man zu Rom la canna, auch wohl la canna Romana nennt, die jedoch wahrſcheinlich dorthin ver⸗ pflanzt iſt) zu cultiviren, deſſen kräftige Sproſſen in der Um⸗ suüͤbt, hat der der Beui den ul, wj gebung von Rom durchhin zu Rebpfählen benutzt werden. id eima ſi Dieſe genügſame Pflanze, welche im Park von Sansſouci und wunit er, d in der Umgebung von Berlin uüberall gedeiht, möchte alſo auch öimnn vr⸗ in den noch unangebauten Haiden der Lombardey mit Vortheil ſo h ſt angepflanzt werden können; vornehmlich, wann deſſen Abſatz ihre Scuden durch die bevorſtehenden Fortſchritte des Weinbau's erſt hin⸗ länglich wird geſichert ſeyn. Die lombardiſchen Haiden, in daß in diſſ denen ich die Anlage von Rohrfeldern nach Art der römiſchen de Robeneulter empfehle, ſind meiſthin der Bewäſſerung unerreichbare, hoch— ls die llice belegene Kiesebenen, welche dem Hügelbezirke nahe liegen, der veniger ein, allein geeignet iſt, dem Weinbau eine weitere Ausdehnung zu erfluß an Ge⸗ geben. Ich bemerke hier, daß jenes Rohr auf trockenen Grün⸗ jauicht alein den zwar anfänglich ſiecht, doch in der Folge die Feuchtigkeit, gemehtt und deren ſie bedarf, theils beſſer zuſammenhält, theils vielleicht fehr ange⸗ ſelbſt einſaugt und niederſchlägt. ein günſtig Der große See und der Lago di Garda gehen beide in rchaus mit anſehnlicher Ausdehnung gegen die Ebene aus. Der See von in gedeih⸗ Como hingegen iſt rings von Bergen eingeſchloſſen. Die beiden den nahen Arme, welche er gegen die Ebene ausſtreckt, ſcheinen anzu⸗ iche Anlage deuten, daß er lang geſchwankt habe, auf welchem Wege er te mau be⸗ ſeine mächtige Waſſermaſſe in die Ebene ergießen ſolle. Mit zrerſän welcher Macht er ſodann bey Lecco durch hohes Gebürge ſich winnen ud einen Ausweg erzwungen habe, wird anſchaulich, wenn man Auch nöthe die Felſenwände und, in der Tiefe, das noch immer ungere⸗ vorthühri gelte Strombette ins Auge faßt. Die Wildheit der Gegend id Orduung wird durch den üppigen Waldwuchs gemehrt, der hier ſchneller gfüülen voranzugehen ſcheint, als die Zerſtörung ihm folgen kann. (14*) 212 Von Lecco nach Varenna führt der Weg an verſchiedenen Stellen durch jene bewundernswerthen Felſenhöhlen, oder, wie man hier ſagt, Gallerieen, welche die gegenwärtige Regierung mit ſo viel Einſicht, als Aufwand hat ſprengen und zugänglich machen laſſen. Es iſt nur ein kleiner Theil jenes Rieſen⸗ werkes, der Krieges und Friedensſtraße, die über den Splügen nach Deutſchland führt. Das alles geſchiehet in dieſem Lande ohne einiges Geräuſch. In wenig Jahren von Ponteba bis Pavia, von Cremona den See von Como entlang, das Valtellin hinauf bis in die höchſten Alpen eine Straße zu bauen, welche Römerwerke beſchämt, das alles geſchieht, iſt geſchehen, be⸗ ſteht, als könne es nicht anders ſeyn. In Varenna hat man die Villa eines mayländiſchen Herrn von gutem Namen zum Gaſthauſe eingerichtet. Ein artiges Gärtchen, in welchem die Cypreſſen mächtig gedeihen, worin Orangerie, Aloe und andere ſüdlichere Pflanzen den Ankömm⸗ ling aus mehr nördlichen Gegenden ſehr angenehm üͤberraſchen müſſen. Eine elende Kammer war alles, was man mir an⸗ bieten konnte, nächſt dem Mitgenuſſe des räumigen Sales. Das Haus war durchaus beſetzt von engliſchen gentlemen, welche die Damen an der Spitze der Finger über die verfal⸗ lenen Treppen hinauf, herab führten, daß nichts geſitteteres erdenklich iſt. Auch war es ein Sonntag; weßhalb überall in dem Gärtchen, wohin man ſich wenden mochte, fromme Leſe⸗ rinnen anzutreffen waren. Ich fluchtete mich nach der anmu⸗ thigen Landſpitze von Belagio, wo ein trefflich eingerichtetes Gaſthaus unbeſetzt und leer zu meiner Verfügung ſtand. Un⸗ ſtreitig iſt Belagio der einzige freye, heitere, durchaus wohl— belegene Ort am Comerſee, deßhalb jedem zu empfehlen, der hier für längere Zeit ſich anzuſtedeln Beruf und Neigung em⸗ pfinden ſollte. b berſchidene dn dder, vie ge Nagienug id zugingich enes Nieſen⸗ den Splünan deſem Lande onteba bis as Valtellin zuen, welche ſchehen be⸗ iſchen hern Ein arties hen, worin Ankömm⸗ überrſhen mir au⸗ uI Sales. Itlemer. verfal⸗ itteteres berall in me Leſe⸗ er anmu⸗ erichtetes nd. lu⸗ us wohl⸗ glen, der gung en— 213 An dieſer Stelle überraſchten mich die erſten Anzeichen einer Begebenheit, welche in der Folge mich nöthigte früher, als es in meinen Plänen lag, in den Norden zurückzugehn. Nicht entging es mir, wieviel ich dabey unwiederbringlich ein⸗ bußte. Denn ich bezweifle, ob in künftigen Zeiten noch ein Mal Archive und Bibliotheken, adminiſtrative Anſichten und Thatſachen, mir gleich zugänglich ſeyn, ob ich ſelbſt noch ein Mal in gleicher Stimmung und, möchte ich ſagen, mit gleicher Reſignation, einer wichtigen, doch einſeitigen Bemühung mich hingeben werde. Indeß raffte ich in Eile zuſammen, was durch eigenen, was durch fremden Fleiß noch zu gewinnen war. Vornehm⸗ lich beſchäftigten mich, ſo weit ſie mir zugänglich wurden, die Vorbereitungen zu einer amtlichen Statiſtik des lombardiſchen Königreiches, welche den Vortheil eines höheren Standpunctes und einer lebendigen Anſicht, mit der vollſtändigſten Beruͤck⸗ ſichtigung jegliches, auch des meiſt untergeordneten einzelnen, mit der ſorgfältigſten Genauigkeit im hiſtoriſchen und thatſäch⸗ lichen verbindet. Unter den Ergebniſſen, auf welche ſie führt, gehören die nachſtehenden dem Gegenſtande meiner Forſchungen näher an. Ungeachtet gleicher Erbtheilung und beynahe gänzlicher Abweſenheit von Majoraten, verkleinert ſich alljährlich die Zahl derer, welche in der fruchtbaren, die Speculation locken⸗ den Ebene Ländereyen beſitzen. Die Zahl der Grundbeſitzer in der fruchtbaren Ebene iſt ſchon in ihrer Generalſumme klein genug, muß aber noch ver⸗ ringert werden um den Betrag derer, welche bloß Haus und Garten, oder nur einen Stützpunct für anderweitigen Erwerb, beſitzen. Wie nun hier die Ausſicht auf eine ſichere Rente die Ca⸗ pitaliſten beſtimmt, ihr Geld in möglichſt großen und wohl— 2²¹¹ ausgerundeten Grundſtücken und Landwirthſchaften anzulegen; ſo entfernt ſie ſchon ihr Tact, noch mehr die Erfahrung, daß Bergländereyen ſelten mehr, als die Arbeit bezahlen, die man daran wendet, von aller Speculation auf dieſe letzten. Wo climatiſche Verhältniſſe, ſchöne Naturſcenen, Familienerinne⸗ rungen und ähnliches mehr irgend eine Situation den Reichen beliebt machen, da legen ſie Landhäuſer an, die jedoch nur Luxusbeſitzungen ſind und wenig Raum einnehmen. Es bleibt daher in ſolchen Berggegenden der Kaufluſt derer, welche nur geringe Summen anzulegen haben, ein weiter Spielraum offen. Und es halten ſich dieſe kleineren Grundbeſitzungen ziemlich im Preiſe, weil ſie im Durchſchnitt nicht ſowohl darauf angelegt ſind, eine Familie durch Landwirthſchaft zu ernähren, als viel⸗ mehr nur, um als ſo viele Stutzpuncte unzähliger Nebenge⸗ werbe zu dienen. Viele dieſer meiſtentheils wandernden Ge— werbsleute erwerben ein anſehnliches Vermögen, welches ſie wenigſtens zum Theil in dem geliebten und ſchönen Vaterlande anzulegen ſuchen. Andere bedurfen mindeſtens für ihre Fa⸗ milie, welche ſtets zu Hauſe bleibtz, ein Obdach mit allen den wirthſchaftlichen Erleichterungen und Vortheilen, welche be— ſchränkten Haushaltungen das ſelbſterzielte Korn und Zugemuſe gewährt; oder nur zu gewähren ſcheint. Denn es möchte hierüber nichts auszumachen ſeyn, da man in ſolchen Lagen die Ausgabe gar ſelten mit der Einnahme vergleicht. Auf dieſe Veranlaſſung ward auf die ſtatiſtiſchen Arbeiten des Gioja*) ein Blick geworfen, welche das Verdienſt haben, ſehr anſchaulich zu machen, wie die ebenen und hügligen Ge⸗ genden der Lombardey einander gegenſeitig unterſtützen und aufhelfen. Die Kornfrüchte und der Milchertrag der Ebene findet in den Hügel und Berggegenden einen ſtets ſicheren, *) Statisica del Dipartimento dell' Olona. wanzutge ahrung, de en, die man lezten, g nilienexinne, den Reichen jedoch nn Es bleibt welche nur raum offen. ziemlich im uf angelegt in, als viel⸗ r Nebenge⸗ ernden Ge⸗ velches ſſe Vaterlande ihre Fa⸗ allen den elche be⸗ ugemuſe G wochte en Lagen Arbeiten iſt haben, ligen Ge⸗ ützen und der Ebene ſccheren, A. 215 faſt nothwendigen Markt; wie, hingegen, die Früchte und der Wein dieſer letzten in der Ebene conſumirt werden, ja ſelbſt für deren Bedarf nicht hinreichen; was denn, wiederhole ich, auffordern ſollte, deren Production weiter auszudehnen. Dieſen jährlich ſich erneuenden Umſatz erleichtern die inneren Waſſer— verbindungen“). Was denn alles mag beygetragen haben, die Provinz Mayland ſo blühend zu machen, als wir ſie ſehn. Zu Mayland ſcheint man Burgers großem Verdienſt nicht ſo viel Anerkennung zu gewähren, als die Billikeit mir zu erheiſchen ſcheint. Nothwendig ſieht und weiß man an der Stelle ſehr vieles richtiger und beſſer, als es dem Reiſenden ſich darſtellen kann. Beſonders ward an ſeinem Werke ge⸗ tadelt, daß einzelne Wirthſchaften darin nicht ſelten als allge— meine Normen angenommen und hingeſtellt werden. Die Art der Bewirthſchaftung, ſetzte man dem entgegen, ſey, bey größter Unabhängigkeit der einzelnen Beſitzer, oder Pächter, in der Ebene bey weitem mannichfaltiger, und abweichender, als Burger ſie darſtelle. Da mir die Zeit fehlte, dieſem Einwurfe nachzugehn, bat ich den trefflichen Lomeni**), mir die verſchie— denen Fruchtfolgen aufzugeben, von denen er beſtimmt wiſſe, daß in der Lombardey ſie vorkommen. Er antwortete, daß nachſtehende Rotationen ihm vorgekommen und ſicher bekannt ſeyn. Die arabiſchen Ziffern bezeichnen die Jahre. I. 1. Waizen. 2. Maiz— Rappſaat(colzat) oder Lupinen, um das eine, oder andere grün unterzupflügen. *) S. daſ. c. 2. aque,§. 3. Naviglj. Vgl. Gius. Bruschetti, della navigazione interna del Milanese. 4*) Derſ., deſſen varieta agrarie, economiche e tecnologiche, Milano, Vol. I. 1834. II. III. 1835. auch unter uns bekannt ſind. 216 II. 1. Maiz, Rappſaat, oder Lupinen, wie oben. 2. Waizen mit Kleeſaat. 3. Klee(prato artificiale). III. . Maiz in umgebrochener Grasnarbe. . Waizen; dreymaliges ſommerliches umpflügen. . Waizen, oder Rogken, mit Kleeſaat. Klee. 8— IV. 1. Leinſaat in der umgepfluügten Grasnarbe. 2. Waizen; drey Male umpflügen, oder Rogken, ihn grün zur Fütterung abzumähen. 3. Maiz; Rappſaat, oder Lupinen zum unterpflügen. 4. Waizen mit Kleeſaat. 5. Klee(künſtliche Wieſe). V. 1. Leinſaat in aufgebrochener Grasnarbe; ſchnellreifendes Türkenkorn(quarantino), oder Hirſen. 2. Maiz; Rappſaat, oder Lupinen, zum unterpflügen. 3. Waizen; Lupinen zum unterpflügen. . Waizen, oder Rogken mit Kleeſaat. 5. Klee. 6. Ueberjährige Graswerbung. VI. 1. Maiz in aufgebrochener Grasnarbe. 2. Leinſaat; ſchnellreifendes Maiz(quarantino). 3. Waizen; dreymaliges ſommerliches umpflügen. 4. Hafer; ſchnellreifender Maiz; Rappſaat zum unter⸗ pflügen. gen. en, ihn grin flügen. reifendes ügen. um untr⸗ 217 5. Waizen mit Kleeſaat. 6. Klee. 7. Maiz. 8. Reis für zwey, drey, und ſelbſt vier Jahre. VII. 1. Maiz, in aufgebrochenem Reislande. 2. Waizen; pflügen im Auguſtmonat; Rappſaat zum ein⸗ erndten.. 3. Rappſaat; ſchnellreifender Maiz. 4. Lupinen zum reifen, mit panico zur Fütterung gemiſcht. 5. Leinſaat; ſchnellreifender Maiz. 6. Waizen; dreymaliges ſommerliches pflügen. 7. Hafer, mit Kleeſaat. 8. Klee. 9. Maiz, in umgebrochener Grasnarbe. 10. 11. 12. Reis.— Aus eigener Wahrnehmung ſetze ich hinzu, daß hier auf kleinere Nebenproducte und mancherley Launen, Verſuche und Abweichungen im einzelnen, nicht einmal iſt Rückſicht genommen worden. Auf meine Frage, in welcher Ausdehnung die Landwirth⸗ ſchaften in der Ebene den größten Reinertrag gewaͤhren, ant— wortete Bruſchetti: daß bey durchgehend bewäſſertem Boden drey tauſend Pertiche, bey unbewäſſertem fünf bis ſechs tauſend das größte reine Product gewähren durch Erſparung von mancherley koſtbaren Bewirthſchaftungserforderlichkeiten und durch großartigere Fruchtfolge. Zu Mayland fand ich nicht Zeit, der Kunſt nachzugehn, die, wenn gleich weniger, als in ſo viel anderen und ärmeren Städten Italiens, doch immerhin einer gewiſſen Gunſt und Berückſichtigung auch an dieſer Stelle ſich erfreut. Die Brera, die Ambroſiana, die Kirchen S. Celſo, vornehmlich das Mo— 218 naſtero maggiore und das Refectorium des Kloſters alle Grazie verdienen beachtet und geſehen zu werden. Ausnehmend jedoch iſt eigentlich nur der Dom, der zugleich mit der bewunderns— werthen Karthauſe bey Pavia bezeugt, daß jene alten Herzöge von Mayland aus dem Geſchlecht der Viſconti üͤber unermeß⸗ liche Hülfsquellen müſſen geboten haben. Wie nur dieſe nach heutigem Maße kleinen Fürſten, denn nur vorübergehend be⸗ ſaßen ſie auch Genua, Bologna und die nachmaligen venezia— niſchen Provinzen des feſten Landes, wie das Herzogthum Mayland mit Parma und Piacenza jemals die Mittel hat ge⸗ währen können, eine anſehnliche Kriegesmacht, zehn bis zwanzig tauſend Pferde, Feſtungen ohne Zahl, und zugleich ſo viel höfiſche Pracht und Herrlichkeit zu unterhalten?— Es muß an irgend einem noch unaufgeſchloſſenen Geheimniß liegen, daß im vorgerückten, ſchon halb modernen Mittelalter ſo viele kleine Staaten im Krieg und Frieden Hulfsquellen entwickeln konnten, die häufig in unſeren Tagen die Kräfte der größeren und großen weit überſteigen. Die indüſtrielle Haſt der Einen, die unruhige Thätigkeit der Anderen, mag da mehr Kräfte von ihrer Stelle verſetzen, oder ganz aufreiben, als man wohl denkt. Eine glänzende Ausſtellung moderner Kunſtproducte, mit coloſſalen Marmorſtatuen ſchon im Hofe der Brera, dann auf der Treppe, mit kleineren Statuen und vielen Büſten in den inneren Räumen, mit noch zahlreicheren Gemälden von ſchla⸗ gender Wirkung und anderen, die nicht einmal dem Haufen imponirten. Dem eigentlichen Kunſtfreunde mag in dieſer Fülle nicht alles, ja vielleicht gar nichts in allen ſeinen Theilen zugeſagt haben. Mich indeß erfreute die Dreiſtigkeit der ita— lieniſchen Kunſtbemühung, ſich äußerlich zu entfalten, mit freyer Stirne aufzutreten. Ueberhaupt geſchiehet der licht⸗ ſcheuen Innigkeit und Gediegenheit unſerer Tage ihr Recht, wenn ſie von falſchem Glanze, von gehaltloſer Oſtentation ers ale brnje ehmend ſdech bewundenn, alten derzoge ber unerms⸗ ur dieſe nac ergehend be⸗ ggen veneji Herzogthun iittel hat ge bis zwanzg leich ſo vil — Es mſß liegen, daß ter ſo viele tentwickeln er größeren der Einen, Kräfte bon ohl denkt. ncte, mit dann auf en in den von ſchla⸗ n Haufen in dieſer en Theilen it der ita⸗ ſten, mit der lich⸗ ihr Yech Oſtentaton 219 gelegentlich verdunkelt wird. Die Scheu auch vor derjenigen Meiſterlichkeit, welche die nothwendige Folge beſtimmteren Wiſſens und Denkens, und unausgeſetzter Thätigkeit iſt, muß den Kunſtler innerlich beengen und hemmen, eine Befangenheit ihm mittheilen, welche, wie die Hervorbringung, ſo auch den Genuß ſeiner Arbeiten unfehlbar trüben wird. Während meines Aufenthaltes zu Mayland ward ich zur Mitarbeit an einer deutſchen Zeitſchrift herangezogen, welche Herr Graf von Pachta daſelbſt herausgibt. Der Gedanke, dem deutſchen Leſer italieniſche Kunden aus erſter Hand zuzu⸗ wenden, den Beamten, Anſiedler und Reiſenden aber mit ſeinem entfernten Vaterlande in einiger Verbindung zu erhalten, ſcheint an und für ſich mir glücklich und deſſen Ausführung des pa⸗ triotiſchen und geiſtreichen Stifters völlig werth zu ſeyn. In der Schweiz. In Begleitung des älteren Frizzoni und meines Freundes und ſonſtigen Zöglings, Fr. Nerly, verließ ich Mayland am Abend eines ſehr ſchwülen Tages. Obwohl das réaumürſche Thermometer ſelten über 210° anzeigte, machte ſich dieſe ver— hältnißmäßig niedrige Temperatur mehr fühlbar als 300 zu Florenz, oder Neapel; weil der feuchte Himmel der Lombardey die Wärme auf andere Weiſe vermittelt, als dort die leichte und trockene Luft. Es war noch voller Tag, als wir bey Saronno umſpannten, wo meine Begleiter die herrlichen, doch in franzöſiſcher Zeit ſtark ubergangenen Malereyen des Lovino und Gaudenzio Ferrari im Fluge ſich beſahen. Ihr hoher Werth beruhet freylich mehr auf den ſchönen und charakter— vollsn Köpfen und deren anmuthvoller Haltung, als auf dem Style der Anordnung, oder dem Geiſte in der Auffaſſung ihres Gegenſtandes, oder dem Schwung und Feuer der Darſtellung. Ich ſelbſt hielt indeß im Wagen die Waffenwache; denn wir hatten uns ſo ziemlich gerüſtet, vorkommenden Falles ein Abentheuer zu beſtehn, da erſt am Abend zuvor auf eben dieſer Straße einige Karrenführer in Mißhelligkeiten gerathen waren, an deren Aufkommen man zweifeln wollte. Gegen Vareſe, da wo das Land allmählich ſich erhebt und verſtreute Bäume ihm ſchon ein waldiges Anſehn geben, ward es dunkler und dunkler; hinter Feldeappellen, im Dickicht, und wo ſonſt ein halber Verſteck ſich ermitteln ließ, waren Poſten ausgeſtellt, Gens⸗ d'armen, oder Infanterie, oder eins mit dem anderen; was uns die tröſtliche Zuverſicht gewährte, in Glück und Unglück nicht allein zu ſtehn. gi es Freundes Nayland an waumürſch dieſe ver⸗ als 300 zu Lombardey die leichte ls wir bey lichen, doch des Lovino Ihr hoher charakter⸗ 3 auf dem ſung ihres rrſtellung. denn wir alles ein ben dieſer n waren, areſe, da aume ihm dunkler; in halber t, Gens⸗ en; ved UInglüc 221 Indeß langten wir ohne Unfall zu Vareſe an, wo in dem trefflichen Gaſthauſe zur Poſt uns die beſte Aufnahme zu Theil ward. Ein ſchönes halbwüchſiges Töchterlein des Hauſes ſchien uns auf ſpaniſche Abkunft, oder ſtradiotiſch-griechiſche Anſpruch zu haben. Das liegt in dieſen Gegenden ſo nahe eins beim anderen, die germaniſche Helligkeit, das ſudliche Dunkel, wie Mond und Sonnen Licht. Bey Vareſe prangen viele Villen reicher Mayländer, mit ihrem modernſten Zubehör, den engliſchen, oder nur halbeng— liſchen Gärten. Doch gehören die letzten unter denen, die mir vorgekommen ſind, nicht eben zu den ſchlimmeren ihrer Art. Jenſeit dieſes Gartenbezirkes geht es mehr und mehr bergan. Ein ſchon hoch belegenes, von lichtem Caſtanienwalde ſchön umgebenes altes Schloß mit erhaltenen Ringmauern ſchien uns allen eine gar anziehende Landbeſitzung zu ſeyn. Ein wenig Sicherung gegen den Ueberfall zudringlicher, unge— betener Gäſte mag an ſolchen Stellen den Umſtänden wohl angemeſſen ſeyn. Obwohl der Poſtillion uns verſichern wollte, daß im Geburg das Volk zu rechtlich ſey, um zweydeutige Individuen in ſeiner Mitte aufkommen zu laſſen. Der Schleich— handel, der an dieſen verwickelten Grenzen ſehr lebhaft ſeyn dürfte, mag den Talenten dieſer Art eine hinreichende Be— ſchäftigung gewähren, welche vermuthlich ſowohl ehrenvoller, als ſelbſt minder gefährlich iſt, als der Straßenraub. Der Bergpaß, der zur Grenze führt, iſt ungemein male— riſch. Ein ſchönes, ſchön eingeſchnittenes Kalkgebürg, deſſen anſprechende Formen die Sehnſucht nach Bäumen gar nicht aufkommen laſſen. Wo der Weg wiederum ſich hinabſenkt, giebt es, noch oben, einen glücklichen Durchblick auf die aben— theuerlich geſtalteten Berge bey Lugano. In der Tiefe wal⸗— dige Abhänge, ein ſchilfreicher kleiner Bergſee, daneben ein ärmliches, kleinlich angelegtes Kloſter, aber herrliche Nuß— 222 bäume in waldgleicher Verbreitung. So gelangt man von Hand zu Hand bis an die Grenze, oder bis zu dem breiten Strome, durch welchen der Luganer See in den großen, oder langen(den Lago maggiore) ſich ergießt. Sollte mans denken, daß eine politiſche Grenze, bey glei— chen localen Verhältniſſen, ſo viel ausmachen könne, wie's überall doch ſich zeigt? Ein anderer Habitus, andere Gewöh⸗ nungen, Richtungen auch hier, dieſſeit und jenſeit. Kaum wage ichs aus gegenwärtigen Verhältniſſen und Lagen abzuleiten, daß man hier ſich mehr gehen läßt, als dort, dort mehr, als hier berückſichtigt, was anderen gefallen, oder mißfallen könnte. Denn es iſt im Weſten der Unterſchied von einem Staate zum anderen weſentlich ſehr gering; unter verſchiedenen Benen— nungen regiert man hier wie dort ſo ziemlich nach denſelben Grundſätzen, gehet man in Irrthum und Wahrheit demſelben Ziele nach. Und dennoch dürfte es ein ganz neues Ereigniß ſeyn, welches den Bewohnern des Canton Ticino das Anſehn gibt, als erfülle ſie ein ungewöhnlich mächtiges Selbſtgefühl. Vor kurzem noch waren ſie die Unterthanen theils von Uri allein, theils auch der übrigen Schweizer. Sie wurden hart regiert; denn Republiken ſind ſtrenge Gebieter. Nun aber ſind ſie in Folge einer Reihe von Umwälzungen, die mit dem Einbruche der Franzoſen beginnen, Herrn ihrer ſelbſt worden, ſtehen ſie mit ihren ehmaligen Gebietern auf gleichem Fuße. Das muß denn ihnen die Bruſt wohl anſchwellen. Ganz anders freylich war das Gehaben von Perſonen, welche in verſchiedenem Grade, als Officiere, als Gemeine, im Dienſte fremder Fürſten ſich verſucht hatten. Man merkte es ihnen wohl an, daß ſie den wohlbewährten Grundſatz vom leben und leben laſſen ſich tief eingeprägt hatten. Indeß ſcheint auch mit den übrigen Bewohnern des Cantons ein Auskommen möglich zu ſeyn, da ſie an äußerer Ehrenbezeugung ⸗ gef Er lich hol bek Sp ihre Bez ſtell ver. tigke See brei lieg mel kan Ber Wo got ein abſt man von em breiten ößen, ader „bey glei⸗ ne, wies e Gewöt⸗ dum wage bzuleiten, nehr, als len toante. taate zum n Benen⸗ denſelben demſelben Ereigniß s Anſehn bſegefuhl. von Uri den hart zun aber nit dem worden, n Fuße. Verſonen, Hemeine, n merkte ſatz vom Andeß tons ein zellgung 223 nicht mehr fordern, als ſie ſelbſt gewähren; wie denn ihre nicht übelanſtehende derbe Traulichkeit am Ende wohl ſo viel Werth hat, als eine bloß äußerliche Abgeſchliffenheit der Sitten. Als ein gewiſſenhafter Hiſtoriker ſollte ich freylich hier meine Quelle näher bezeichnen. Und ſo will ich eingeſtehn, daß meine Vorſtellung von einem Ticinenſer, der in fremdem Krieges⸗ dienſte ſich abgeſchliffen hat, vornehmlich auf zwey Subjecten beruht; dem Schiffer, der auf dem See mich ſpazieren ge⸗ fahren, dem Poſtillion, der mich Tages darauf nach Bellinzona gefuͤhrt hat; beide ganz vortreffliche Leute, die militäriſchen Ernſt mit republicaniſcher Würde und italieniſcher Annehm⸗ lichkeit der Manieren vereinigten. Ein ehemaliger Offtzier in holländiſchen Dienſten, der gegenwärtig eine hohe Magiſtratur bekleidet, wird hier nicht in Anſchlag kommen, da in dieſer Sphäre die Europäer überall ſich zum ſprechen gleich ſehn und ihre etwa vorkommenden Abweichungen weniger das äußere Bezeigen, als vielmehr nur die Grillen und eigenſinnigen Vor⸗ ſtellungen angehn, in welchen die einen und anderen eben ſich verwickelt und innerlichſt befangen haben. Der See von Lugano gewährt eine größere Mannichfal⸗ tigkeit von maleriſchen Anſichten, als die übrigen lombardiſchen Seen zuſammt. Nach allen Seiten hin drängen ſich deſſen breite, wohlausgerundete Buſen in die Zerkluftungen der um— liegenden Berge, weßhalb von dieſem Landſee an keiner Stelle mehr, als etwa der fuͤnfte oder ſechste Theil gemeinſchaftlich kann überſehen werden. Da nun auch die ihn umgebenden Berge bizarre und nicht unſchöne Formen haben, ſo mußte die Waſſerfahrt, die nachmittags unternommen ward, höchſt er— götzlich ausfallen. Der Stadt gegenüber hat man in den Felſen eine Reihe von Kellern angelegt, wohin, als wir vom Ufer abſtießen, viele Barken mit Geſang und Inſtrumentalmuſik ihren Lauf richteten. Wir ließen ebenfalls darauf hinſteuern, und 224 langten mit den übrigen zugleich an dem Landungsplatze an. Zufällig hatte Frizzoni an eine Perſon dieſer Geſellſchaft einen Empfehlungsbrief, der, auf der Stelle abgegeben, uns eine freundliche Aufnahme vermittelte. Wir wurden eingeladen, von der ausnehmenden Friſche dieſer Keller uns fühlbar zu überzeugen, ſodann mit einem Trunke aus thönernen Schalen von antiker Form nach Durſt bewirthet. Da nun an der Stelle der Aufenthalt mißbehaglich war, ſo wurden wir ver— anlaßt, der Geſellſchaft nach einer nahen Bergſchlucht zu folgen, wo ein Waſſerfall die Luft abkühlt und fabelhaft hohe und ſchlanke Nußbäume die Sonnenſtrahlen abhalten, ohne Luft und Licht bedränglich auszuſchließen. Man kann in dieſem, ſchon ziemlich warmen Clima nichts angenehmeres ſich erdenken, noch wünſchen, als dieſen friſchen und kühlen, luftig beſchat— teten, rauſchend und murmelnd vom Waſſer angefriſchten Thalriß. Mit ſinnreicher Behelflichkeit hatten an dieſer anmuthigen Stelle die verſchiedenen Geſellſchaften Bänke und Tiſche her— beygeſchafft, oder auf friſcher That errichtet und hergeſtellt aus den Materialien, die eben ſich ihnen darboten. Uner— meßliche Weinflaſchen, die zierlich mit Rohrſtäben umflochten waren, kalte Küche in größtem Ueberfluß, das alles ward ausgelegt und aufgeſtellt und mit herzlicher Eß und Trinkluſt dem menſchlichen Organismus aſſimilirt. Klüglich hatten wir indeß, noch ehe wir das Schiff be— ſtiegen, die ſchönen Malereyen Lovino's beſehen, in einem Kirchlein(degli Angioli) am Strande und in dem anſtoßen⸗ den Kloſterhofe. Die Mauer, welche das Chor von der äußeren Kirche trennt, enthält in ihrer ganzen Höhe und Breite die Kreuzigung Chriſti, und in den kleineren, wohlausgetheilten Figuren des weiten Grundes die geſammte Paſſion. Dieſe, nicht unglücklich angebrachte Einſchaltung des vorangegangenen iſt, Hüge feruun Theilc . 4 Thal warts gehän jene n und w tereſſa Matth, J. ſichtbar an der 225 göplaße m. ſchaft ine 1, uns eine eingelda, iſt, meines Wiſſens, einzig in ihrer Art. Die großen Figuren des Vorgrundes dienen den zurückbelegenen Begebenheiten gleich— ſam zur Einfaſſung. In der Anordnung und Austheilung der unzähligen Figuren noch eine gewiſſe Symmetrie, in deren uiu Ausführung viel Studium, viel Beſonnenheit. In den Köpfen unverkennbare Nachahmung des Pietro Perugino und des I an de Francesco Francia. Alſo auch dieſen verdankte Lovino einen wir ver⸗ Theil ſeiner Bildung.— Mir ſchien dieſes große Werk das ufulge, durchgeführteſte des Künſtlers. Nothwendig in ſehr viel ſpä— fohe und terer Zeit hat er das Halbrund über einer Thüre des zweyten iu bit Kloſterhofes gemalt; jene durch Kupferſtiche ſehr bekannte, diſſen, angenehme, gar häufig von ihm und anderen nach ihm wieder— erdenken holte Darſtellung der heiligen Familie. beſtha⸗ Als wir darauf gegen den Abend wiederum ans Land friſchten traten, beſahen wir in Begleitung unſeres neuen Bekannten eine Villa, deren Lage und Anlage meine kühnſten Wünſche nuthigen weit überſtieg. Ein gutes Haus in einiger Erhebung über he her⸗ dem See, an der Nordſeite gedeckt von einem ſchön bewaldeten geſtellt Hügel, der nicht in beengender Nähe, ſondern in einiger Ent— Urer⸗ fernung vom Hauſe ſich über dem angebauten und offneren vchten Theile der Beſitzung erhebt. ward Der Weg von Lugano nach Bellinzona führt ein artiges inkluſt Thal hinan, das in der Tiefe von ſchlanken Nußbäumen, auf— wärts aber von Caſtanien erfüllt iſt. Erſt am jenſeitigen Berg⸗ iff be⸗ gehänge wird der nördlichſte Uferrand des langen See's und einem jene weite Thalebene ſichtbar, die vom See bis gen Bellenz ſoßen⸗ und weiter ſich hinauferſtreckt. Dieſer Ueberblick iſt mehr in— üßeren tereſſant, als maleriſch, und erinnert an die Proſpecte des alten ite die Matthaeus Merian. heilte In der Bauart von Bellinzona ringt das italieniſche Weſen Düſf ſichtbarlich mit dem älteren deutſchen. Bemerkenswerth iſt hier nua an der Vorſeite der Hauptkirche die Vermiſchung modern grot⸗ (15) iſt lſt, 226 tesker und gothiſcher Verzierungsart. Es geſtattet dieſe Er⸗ ſcheinung auf einen ländlichen Architecten zu ſchließen, der talieniſcher Reminiſcenzen zwar nicht durchaus ſich enthalten können, im ganzen doch ſeine geiſtige Unabhängigkeit bewahrt hatte. Die Gegend von Bellenz und Lugano ſendet noch immer, gleich der benachbarten von Como, alljährlich viele Maurer nach Italien. Ein traditioneller Architect dieſer practiſchen Schule mag denn auch jene Kirche erbaut haben. Bis Giornico, wo noch bey hohem Tage angehalten ward. Jenſeit des Ticino liegen zwey alte Kirchen. Die eine, S. Nicolao, hat dem Anſehn nach einen ſehr alten Unterbau, der bis in das longobardiſche Zeitalter hinaufreichen könnte. An den Tragſteinen einer Seitenthüre bemerkte ich zwey Köpfe, deren Styl mich lebhaft an altgriechiſche Sculpturen erinnerte. Es möchte das charakteriſtiſche der ſparſam vorkommenden Bildnerarbeiten und Ornamente der oſtgothiſch-longobardiſchen Epoche ſeyn, daß ſie dem altgriechiſchen ähnlicher ſind, als dem ſpätrömiſchen. Wie zu Pavia an den ſogenannten longobardiſchen Kir⸗ chen, ſo zeigen ſich auch hier die Zierden im Geſchmacke des eilften bis zwölften Jahrhunderts überall in das alte Mauer⸗ werk eingelaſſen; nicht hervorgearbeitet aus deſſen Werkſtücken; oder auch gehören ſie der ungleich ſpäteren Erhöhung an. Von Giornico bis Faido, der nächſten Poſt, giebt es neben den Felstrümmern alter Bergſtürze noch immer ſehr kräftige Caſtanienwälder und reichlich bewäſſerte friſch und dunkel grü⸗ nende Wieſen. Später treten düſtere Fichtenwälder ein, welche nicht ſelten von großer Höhe herabfallende Bäche halb ver— hullen, halb ihnen zur Einfaſſung dienen. Wo man dem Ti— cino nahe kommt, gewährt auch dieſer wilde Strom mit ſeinen tauſendfältigen Stürzen und Schnellen dem vorüberreiſenden viel Unterhaltung. Gegen Airollo indeß, wo ſogar die Rog— diſe Er hen, der enthalten bewahlt hinner Marer netiſchen ward. ne, S. au, der te. An Käöpfe, innerte. menden diſchen d, als Ku⸗ e des auer⸗ ſcken; neben räftige ( grü⸗ welche b ver⸗ em Ti⸗ ſeinen ſſenden Nog⸗ 227 kenfelder allmählich zu Gartenbeeten einſchrumpfen, gewinnt das Land ein hochnördliches Anſehn. Fällt dann gerade ein Sonnenblick quer durch das Thal hin, in welches man hier meilenweit hinabſieht, ſo hat dieſes Gebuͤrgsweſen unſtreitig etwas gar mächtiges und ernſthaftes. Ich beſitze in meiner Sammlung eine Zeichnung von Joſeph Koch, worin dieſer für die Berge geborene Maler aus der Erinnerung den Einſchnitt des Ticino, den Gotthard aufwärts, ſehr meiſterlich dargeſtellt hat. Jenſeit Airollo windet ſich die neue Heerſtraße den ſteilen Fels hinan bis zum alten Capuzinerhoſpiz des S. Gotthard— berges. Einige hundert ſchöne junge Pferde, von berniſcher Zucht und Art, kamen den Schneckenweg herab und blieben zu meiner größten Luſt eine Viertelſtunde lang mir nahe, zeigten ſich zuerſt über, dann neben, endlich wieder unter mir. Der Canton Ticino hat eine regelmäßige, europäiſche Poſteinrichtung, welche der übrigen Schweiz noch fehlt. Indeß ward ich ſchon in Airollo einem deutſchen Fuhrknechte aus Andermatt übergeben, der mich wohlbehalten zur Stelle brachte. Vom Hoſpiz, wo mit Ausnahme weniger Mooſe und Alpenpflanzen kaum irgend etwas vegetirt, geht es ziemlich ſchnell bergab nach dem Thale, worin Hoſpital und Andermatt in weiten Wieſengründen liegen, wo immerhin noch, obwohl nicht ohn' einige Sorgen und viele Muhen, die einzige Heu⸗ erndte alljährlich eingebracht wird. Das zwar ſehr ländliche, doch ſehr bequeme Gaſthaus in Andermatt beherbergte neben mir einen reiſenden Italiener, verſchiedene Britten, und ſogar eine Abtheilung des fellenbergiſchen Erziehungsweſens, welche, nächſt vielen Europäern aus verſchiedenen Gegenden, auch eine Anzahl Americaner aufzeigte. Ich behagte mich ungemein an der vor mir ausgelegten ethnographiſchen Muſtercharte, und kam im Umſehn zu dieſer mannichfaltigen Jugend in ein trauliches, für mich ſehr belehrendes Verhältniß. Möge dieſen (15*) —ꝛ—ꝛ::Oů 228 offenen Seelen eine glückliche Zukunft bevorſtehn; mögen ſie die Stelle, welche das Schickſal ihnen beſtimmt, mit Ehren ausfüllen!— Ergötzlich contraſtirte dieſes noch ungeregelt aufſprudelnde Leben mit der Abgemeſſenheit einiger Engländer, die morgens in dem gemeinſchaftlichen Speiſezimmer ihr Früh— ſtück einnahmen. Die wilden Naturſcenen, das ländliche Gaſt⸗ haus, das haſtige Gehaben der abreiſenden, und derer, die mit ihnen noch abzurechnen fanden, das alles brachte zwar keine Unterbrechung, doch ſichtlich eine gewaltſame Störung in ihre Reiſeförmlichkeiten. Was denn mich daran erinnerte, daß Niemand in dieſer Welt unter allen Umſtänden Herr und Reiſter bleibt; daß es nicht genügt, eine edle Maske ange— nommen zu haben, daß man auch einer Bühne bedarf, um ſeine Lebensrolle gehörig abzuſpielen. Daher machen ſo viele große Männer eine höchſt traurige Figur, wann die Ungunſt des Schickſals ſie aus den Verhältniſſen, in welchen ſie glänz— ten, herausreißt. An dieſem Tage und in der ihm nachfolgenden Nacht regnete es unaufhörlich, weßhalb auf den hohen Bergen der Schnee ſich gelöſet hatte und die Reuß davon ſehr angeſchwollen war. Ich habe nicht zu melden, daß hiedurch die Gegend der weltberühmten Teufelsbrücke in ihren beſten Vortheil kam. Waſſerfälle und Felſenmaſſen im Geſchmacke Everdingens, wo— zu denn auch die Nebel und dichten Wolkenmaſſen ſtimmten. So wild das obere, ſo bewachſen und abwechſelnd ange— baut iſt das untere Thal der Reuß, in der Gegend von Am— ſteg, wo angehalten und in einem ſehr reinlichen Gaſthauſe ein herrliches Frühſtuͤck eingenommen ward. Der Handel mit S. Gotthards Mineralien beſchäftigt hier Alt und Jung. Das Thal der Reuß, durch welches die Landſtraße nach Italien führt, iſt eng und rauh; den Wohlſtand des Landes ſoll man in den Seitenthälern aufſuchen, die breite Hochflächen und zu⸗ —Q—Q——— 229 ſühe ſe gängliche Alpen haben. Daher an der Landſtraße viele Bettler t Ehnn und läſtige Kleinhändler, die von dem alten Heldenſtamme igereget nichts übrig behalten. Wenn überhaupt von ihm ſie entſproſſen lnde, ſind, nicht vielmehr die Nachkommen von Knechten der alten t Fui⸗ Freyen des Landes. Das niedrige Volk im Canton Uri hat he Gſ⸗ in ſeiner Geſtaltung viel Aehnlichkeit mit dem ſonſt leibeigenen er, die Landmann der Inſel Seeland und der Südſpitze Schwedens. e zwar Die großen Bauern hingegen, welche hier Rathsherrnbauern ung in genannt werden, ſind nach den Umſtänden noch immer ſehr t, daß anſehnliche Leute. Daß germaniſche Freye in den älteſten tr und Zeiten, wenn überhaupt Vermögen, ſtets Knechte hatten, iſt ange⸗ für die dunkleren Zeiten des Mittelalters nicht durchhin, doch f, un oft genug mit hiſtoriſcher Sicherheit nachzuweiſen. Die Ge— viele ſetzſammlungen der Völker, welche in Italien, Gallien und Ungunſ Spanien ſich niedergelaſſen haben, und für etwas neuere Zeiten, glän⸗ die Umſtände der norwegiſchen Anſiedlung in Island, ſtellen dieſe Thatſache völlig ſicher. Und werden demnach auch die— Nacht jenigen germaniſchen Freyen, welche in dieſen Bergen ſich r der niederließen, welcher Stammverwandtſchaft ſie nun auch an— ollen gehören mögen, der longobardiſch-ſächſiſchen, oder allemanni⸗ der ſchen, immerhin ihre Knechte theils mitgebracht, theils an der kam. Stelle erworben haben. Gewiß zeigen die Bewohner der Ge— „wo— gend von Altorf, vornehmlich die Schiffleute, in Geſtalt und jen. Geſichtsbildung nichts, das ihnen auf germaniſche Abkunft ange⸗ irgend Anſpruch gäbe. An⸗ Ueber den vierwaldſtedter See nach Lucern. Der Anfang izauſe der Fahrt iſt trüb und düſter; erſt wo die Kalkbildung anfängt, el mi beſſert ſich der Waldwuchs, tritt in der Geſtaltung der Berge Das mehr Wechſel ein. Vermuthlich ſieht man hier alles mit an— Stalien deren Augen an, wenn man vom Norden herankommt. Doch lum läugne ich nicht, daß am Spätabend, bey Gerſau, die Gegend mir Reize zu beſitzen ſchien. Und die Ueberfahrt nach Lucern V ra 230 bey klarem Mondenlichte, bey dem ſtillſten, mildeſten Wetter der Welt, muß ich für einen der ſchöneren Augenblicke meines Lebens halten. Ich langte um Mitternacht am Landungsplatze an und fand, nach langem Pochen, zuletzt Aufnahme in dem ſtattlichen Gaſthauſe zum Schwanen. Am nächſten Morgen eine Spazierfahrt in der Umgegend. Durch die wohlgebaute Stadt und Vorſtadt, worin vieles an Italien, anderes an die beſten alten Städte in Deutſchland erinnert, ging es nach Winkel, von wo aus der Seeweg nach Unterwalden kürzer iſt. In der Nähe ein weitläuftiger Wieſen⸗ bruch, mit hohem ſauerem Graſe, welches eben jetzt halbreif abgemäht ward. Man bedient ſich dieſes harten Graſes zur Streu, die, bey ſehr eingeſchränktem Kornbau, hier zu fehlen ſcheint.— In den baieriſchen Hochlanden faßt man die Waſſer— riſſe durch Linden, Eſchen, Ahornbäume und Roßkaſtanien ein, deren herbſtlich abfallendes Laub, zuſammengerecht, getrocknet und eingebracht wird, um zur Streu benutzt zu werden.— Von dort bis zur Stadtmauer auf neuem, anmuthigem Seiten⸗ wege, dann ſeitwärts den Strom hinab zur Badewirthſchaft eines Elſaſſers, Herrn Wagners, deſſen kleine Cultur mir war gerühmt worden. Ich fand den wackeren Hausvater ſehr bereitwillig, meine Fragen zu beantworten. Ich hörte von ihm, daß weiter in's Land hinein die Milchwirthſchaften mehr Ausdehnung haben, 50 bis 100 Kuühe zu halten pflegen. Der Anbau der Eſpar— ſette, welche ſeit einigen Decennien den Klee in dieſem Canton großentheils verdrängt habe, mache es möglich, um ein Drit— theil mehr Vieh zu halten, als zuvor. Auch meldete er, daß im Elſaß unweit Baſel die Wieſenberieſelung in lombardiſcher Weiſe betrieben werde. Die Dörfer Habsheim und Siren wurden genannt, in deren Mitte, am Weyerbach, weite Wieſen⸗ 4 Vetter genblicke an und attlichen gegend. les an ſchland g nach Lieſen⸗ albreif es zur fehlen Laſfer⸗ nein, ocknet ſ. eiten⸗ tzaft war neine in's ſaben, ſpar⸗ anton Drit⸗ „daß diſcher Süren ieſen⸗ 231 ſtrecken liegen. Dieſe gehören verſchiedenen Ortſchaften; ge⸗ mäht werden ſie gleichzeitig und nach obrigkeitlicher Anord⸗ nung.— Leider fehlte es mir an Zeit, von Baſel aus dieſe Orte zu beſuchen und an der Stelle zu erkunden, nach welchen Grundſätzen und in welcher Art und Form das Waſſerrecht alldort gehandhabt werde. In die Stadt zurückgekehrt beſuchte ich den Medicinal— director Herrn Dr. Elmiger, ein thätiges Mitglied der lucer⸗ niſchen Geſellſchaft zur Beförderung des Ackerbau's. Von ihm vernahm ich, daß Lucern die Einführung der Eſparſette dem Pfarrer Schindler in Aich verdanke, der ſie aus dem Elſaß, den er häufig beſuchte, um die Jahre 1810 bis 1820 dahin verpflanzt habe. Er beſtätigte mir, daß ſeit dieſer Zeit die Rindviehzucht um ein Drittheil zugenommen habe. Es iſt er⸗ freulich und tröſtlich, zu ſehn, wie ſo haͤufig ein einziger wohl⸗ geſinnter, verſtändiger Mann über unzählige Mitburger und Zeitgenoſſen im ſtillen den größten Segen verbreitet. Und ſollte man das Andenken ſolcher Stifter ſtets aufbewahren, die nicht verſchmähen, in Dingen den Anfang zu machen, bey denen jeder zögert, eben weil ſie nahe liegen und wenig Ge— räuſch zu erwecken verſprechen. Die Unebenheit des lucerniſchen Landes verſagt an den meiſten Stellen die Möglichkeit ſehr ausgedehnter Bewäſſerun⸗ gen. Indeß werden ſie zu Reiden, an der äußerſten Grenze des Cantons, mit Vortheil angewendet. Dort ſoll bei allen neuen Unternehmungen dieſer Art der Boden vorher in größerer Ausdehnung nivellirt werden. Nachmittags fuhr Herr Dr. Elmiger mit mir auf ſein Landgut, das nur eine Viertelſtunde von Lucern und ſehr reizend auf einem Huͤgel belegen iſt, von welchem aus der See durch ſchöne Obſtbänme blinkt, uber welche die näheren Berge des —.— —— —— 232 lucerner und unterwaldner Landes und die ferneren des ber— neriſchen einen prachtvollen Horizont bilden. In der Umgebung des Hauſes Hügelwieſen, von denen einige Striche aus Quellen, andere durch hinzugeführte Miſt— jauche bewäſſert werden. Mir ſchien, als habe man den Bo⸗ den nicht hinreichend zur Aufnahme der Bewäſſerung vorbe— reitet und überlaſſe die Verbreitung der oben aus den Fäſſern geſchöpften Jauche großentheils dem Zufall. Doch mag ich hierin, wie's bey ſchnellen Beſichtigungen nicht ſelten eintritt, irgend etwas überſehn, oder falſch geſehen haben. Denn zufällig kann es nicht ſeyn, daß überall in der ganzen Ausdehnung der Beſitzung der Graswuchs gleiche Fülle und Ueppigkeit zeigte. Hier, wie überall in den lucerniſchen Hügeln, ſind die Hügelwieſen überher mit Obſtbäumen, beſonders mit Birnen bepflanzt. Man macht daraus einen leidlichen Moſt und be— nutzt deſſen Trebern, die man in Fäſſer zuſammengeſtampft überwinters liegen läßt, im Frühling daraus gebrannte Waſſer zu diſtilliren, die von guter Art ſind. Der Mechanismus der Preſſen dürfte merklich vereinfacht werden können; dem Anſehn nach ſind ſie von ſehr alter Form und Anlage. Ungemein geſtel mir die Einrichtung des einfachen Wirth— ſchaftsgebäudes. Das einzige Abſteigezimmer für den Herrn lag unmittelbar neben der behaglicheren altſchweizeriſchen Ge— ſindeſtube, wo wir ſpäterhin auf meine Bitte zum Nachmit— tagstrunke Platz nahmen. Die uübrigen Räume füllen die ver— ſchiedenen Wirthſchaftsgelegenheiten und Vorrathskammern für Korn, gedörrtes Obſt, Nüſſe, wovon noch drey Fäſſer über— jährig bereit ſtanden, Branntewein von verſchiedenen Jahr⸗ gängen und was ſonſt mehr dort vorhanden war. Die Obſtdärre bilden ſechs eiſerne Roſte, die übereinander in einem großen viereckigen Ofen angebracht werden. Dieſen erhitzt der Wärmeüberfluß des nahen Diſtillirheerdes. — des ber⸗ n denen e Miſ⸗ den Bo. vorbe⸗ Fäſſern ag ic utitt, nfällg ing der eigte. nd die Birnen nd be⸗ ampft Laſſer s der ſſehn rth⸗ errn Ge⸗ ſwit⸗ ver⸗ n für iber⸗ Jahr⸗ nander Dieſen N⁸ ——————————— v 233 Muſterhaft ſchien mir, beſonders für kleinere Wirth— ſchaften, die Anlage des Kuhſtalles im Erdgeſchoſſe und an der Ruckſeite des Wohn und Wirthſchaftshauſes. Die Kühe, zehn bis zwölf Stücke, ſtehen zu beiden Seiten einer räu— migen mit ebenen Sandſteinplatten ſorglich belegten Fiur, auf welcher das Futter angehäuft, verarbeitet, ausgetheilt wird. In einem anſtoßenden bedeckten Gange befindet ſich ein ſteiner— ner Waſſerbehälter, an welchem das Vieh getränkt wird. Der Stall liegt an der Seite des Hauſes, welche dem Abhange zugewendet iſt, was denn möglich macht, die Stall und Dünger Jauche unmittelbar von dem Orte, wo ſie geſammelt wird, über die anſtoßenden Wieſen abfließen zu machen. In einiger Entfernung von dieſem Gebäude lag der halb— offene Heuſchober. Das Riedgras, das man bereits aus jenem bey Winkel ſich ausbreitenden Bruche hier eingefahren hatte, lag unter den Vorſprüngen des Daches; beſſer geſichert war das Heu, das zur Fütterung dient und an der Stelle geworben wird. Die Land und Hauswirthſchaft beſorgten zwey unverehe— lichte Perſonen in mittlem Alter. Sonſtige Handdienſte wur— den von Taglöhnern geleiſtet, mit welchen man auf längere Zeiten, ich erfuhr nicht, unter welchen Bedingungen, Verträge abſchließt. In den lebendigen Hecken, welche die kleinen Landbeſitzun— gen dieſer Gegend umſchließen, werden ſchöne Eichen und andere Waldbäume herangezogen, welche mit all den vielen Obſtwäldern denſelben ein reiches Anſehn geben. Herr Dr. Elmiger glaubte dieſe Gewohnheit tadeln zu müſſen. Indeß thut er hierin, wie die übrigen Nachbarn und möchte ich ſeinen Werken lieber, als ſeinen Worten beypflichten. Denn von der Anmuth abgeſehn, welche die derberen Waldbäume in ihrer Verſtreuung über das lucerniſche Hugelland verbreiten, ge— 6—— 234 währen ſie auch den gebrechlicheren Obſtbäumen den benöthigten Schutz gegen die Bergwinde. Ich läugne nicht, daß Wald— bäume an der Stelle, welche ſie einnehmen, den zunächſtſte— henden Culturpflanzen nachtheilig werden. Indeß möchte das Kutzholz, welches aus ihnen doch endlich gewonnen wird, die örtliche Schädigung ſchon hinreichend vergüten, daher der Vor— theil, den ſie als Schutzwände gegen die Witterung den zar— teren Culturpflanzen gewähren, bereits ein reiner Vortheil ſeyn. In Lucern hatte ich an der Wirthstafel nur kleine Geſell— ſchaft gefunden, weil die zahlreichere vornehme Welt erſt in den ſchönſten Nachmittagsſtunden, um fünf bis ſechs Uhr, hier zu Mittag ſpeiſet. Penſionirte Offtziere mit dem Ludwigs— kreuze, Tagſatzungsdeputirte, Engländer, die noch zu jung waren, um des Lebens Freuden in der Anerkennung anderer, oder außerhalb ihrer ſelbſt zu ſuchen. Eine geiſtreiche franzö— ſiſche Schweizerin, die mir Kunde zu geben wußte von Per— ſonen und Sachen, die Antheil einflößten, ließ eine Weile mich nicht bemerken, daß neben mir ein junger Mann ſaß, deſſen äußeres Anſehn, und ruhige, behagliche Manieren unter an— deren Umſtänden mich hätten ſogleich veranlaſſen müſſen, ſeine Bekanntſchaft zu ſuchen. Er war in Zug angeſeſſen, wohin ich am folgenden Tage zu reiſen dachte. Er hatte die Güte, mir zum Führer in ſeiner Vaterſtadt ſich anzubieten. Mein Weg führte mich uber Meggen, wohin ich dem Herrn Friedensrichter eine Empfehlung zubrachte, indeß ihn nicht antraf. Da wendete ich mich zum Wirthe des Dorfes, der ebenfalls mir als ein wackerer Land und Hauswirth war anempfohlen worden. Meggen an einem Buſen des Lucerner See's, längs einer ſanften Anhöhe, welche den herrlichen Horizont vom Pilatus⸗ berge bis gen Uri beherrſcht. Ländliche Beſitzungen haben ſogar in der Schweiz ſelten mehr Annehmlichkeit, als die, — ühigre Wa⸗ ſachtne chte das ird„die er Vor⸗ en zar⸗ il ſeyn. Geſel⸗ erſt in zr, bier dwigs⸗ u jung nderer, franzo⸗ m Per⸗ ſe mich deſſen r an⸗ ſeine oohin Huͤte, jdem ß ihn oorfes, hwar zeiner ilatus⸗ haben 6 die, 235 welche im Umkreiſe Lucerns liegen. In der Nähe die unver⸗ gleichbar friſchen Raſengründe mit der anmuthigen Verſtreuung von Obſt und Waldbäumen; in der Ferne See und Gebürg. Indeß wollte ich eigentlich nur über die Wirthſchaft Erkundi— gungen einziehn, welche dieſem Dorfe in der Umgegend einige Namhaftigkeit erworben hat. Der Unterboden beſtehet hier, wie in der geſammten um— liegenden Hügelreihe, aus Nagelfluhe, die bald in feſter Maſſe, als ein Geſtein, an das Licht tritt, bald als Geröͤlle und Schuttboden dem AOckerbau eine natürlich dürftige Krume dar— bietet. Vor einigen Decennien war daher die Feldmark von Meggen unfruchtbar und das Dorf ſelbſt ärmlich. Die Um— wandlung, welche dieſer Bezirk erfahren hat, verdankt er einer langfortgeſetzten, doch in neuerer Zeit wieder aufgegebenen Düngung durch Seifenſiederaſche. Der wackere, ganz practiſche Gaſt und Landwirth ant— wortete mir auf die Frage, ob man die Aſche dick aufgefahren, oder vielmehr ſie dünn ausgebreitet habe: man habe ſie mit Maßen angewendet. Auf meine Frage, weßhalb denn in neuerer Zeit man dieſes Düngmittel wieder aufgegeben habe, wußte er mir nicht zu antworten. Es ſchien dabey hergegan— gen zu ſeyn, wie häufig in dieſen und ſo viel anderen Dingen. Irgend einer hatte den Grund mehr und minder deutlich er— kannt; die anderen aber waren unnachdenklich ihm nachgefolgt. Der Menſch iſt und bleibt ein Heerdenvieh; was, ſeltſam genug, nur die Engländer ſich ſelbſt eingeſtehn, und dafür ein eigenes Wort gemacht haben. Ich vermuthe, daß man gemerkt habe, es könne auch dieſes guten zu viel werden. Unangeſehen, daß bey ſchon ver⸗ beſſertem Boden, und nach Einführung der Eſparſette, welche auf Nagelfluhe und überhaupt auf gebrechlichem Felsgrunde 236 beſonders gut fortkommt, im Dorfe ſelbſt die Dungwerbung nothwendig zugenommen hat. In dem artig mit Holzvertäfelungen ausgekleideten Gaſt— zimmer empfing mich die Wirthin gar freundlich und ſuchte, bis ihr Gatte vom Felde heimgekommen war, die Zeit mir durch mancherley Reden zu kürzen. Zunächſt fragte ſie mich, aus welchem Canton ich ſey? Und, als ich geantwortet hatte, daß ich überhaupt kein Schweizer ſey, ſagte ſie: ſo ſeyd Ihr wohl aus America? Es hatte das Anſehn, als gäbe es nach ihren Begriffen in der Welt, außer der Schweiz, nur noch dieſes einzige Land. Ich hatte den Wirth von ſeiner Heuerndte abrufen laſſen, erwartete daher, nach ſo ungelegener Storung, nichts weniger, als die ungezwungene, freundliche Bereitwilligkeit, mit welcher meinen vorwitzigen Fragen er Gehör und Antwort gewährte. Es hatte ganz das Anſehn, als habe er einen nicht unge— wohnten, nicht überraſchenden, allein bequemen und erfreu— lichen Beſuch erhalten. Die Landwirthſchaften dieſes Dorfes hegen, ſelten mehr, als zehn Milchkühe, die meiſten weniger. Es würden dem— nach in der Verarbeitung ihres Products, der Milch, viele Kräfte verſplittert, Einrichtungen verſchwendet werden müſſen, hätte nicht der geſunde Menſchenverſtand dieſer Leute den Aus— weg gefunden, gemeinſchaftlich die Milchwerbung von fünf bis ſechs Wirthſchaften an denſelben Käſebereiter zu verpachten. Der Wirth hatte dazu die Gebäulichkeiten hergegeben, und lud mich ein, ihn dahin zu begleiten. Der Unterwaldner, welcher dieſe Milchpachtung einge— gangen war, hatte ſeinem achtzehnjährigen Sohne deren Ver— waltung überlaſſen, den wir eben beſchäftigt fanden, die Molken von ſeinem jüngſten, erſt entſtehenden Kunſtwerke abzuſchöpfen. Auch hier ſind die Keſſel, in welchen die Milch zum gerinnen — erbung Gaſ⸗ ſuchte eit mir e mich, hatte, d Ihr Hnach hoch laſſen, eniger, velcher ährte. unge⸗ . rfreu⸗ mehr, dem⸗ viele ſſen, Aus⸗ ff bis chten. nd lud einge⸗ Ver⸗ Nolken öpfen rinnen 237 kommt, wie jene der Lombardey, gleich umgeſtürzten Kegeln geformt. Darauf ward mir der Käſebehälter gezeigt, kein Gewölbe, vielmehr eine luftige obere Kammer. Ueberhaupt erreicht dieſes Product in der Ebene nicht die Gute, welche dem Jura und Bernerhochlandskäſe ſo viel Ruf erworben hat. Ich nahm herzlichen Abſchied von der Familie des Wirthes, von ihm ſelbſt und zuletzt auch von dem Käſebereiter, deſſen wohlgeſtaltete Einfachheit und behagliche Seelenruhe mit den übrigen mich umgebenden Dingen gar wohl übereinſtimmte. Und wenn ich die mancherley Eindrücke im Geiſte zuſammenfaſſe, die mir im Schweizerlande auf dieſer Reiſe zu Theil geworden, ſo kann ich denen nicht beypflichten, welche aus dem Schweizer unſerer Tage einen durchhin abſichtvollen, berechnenden, kalten, verſchmitzten Egoiſten machen wollen; obwohl es auch an ſol— chen nicht fehlen mag; und obwohl nur ſolche denen begegnen mögen, welche auf Reiſen eben nur die Gaſthäuſer und den uͤbrigen Zubehör der großen Landſtraße ſich ins Auge faſſen. In der Schweiz bildet jenes ſchöne Hügelland, das rings um die hohen Berge hinläuft, gleichſam die Vorſtadt, den Gartenbezirk der letzten. Nicht allein die Unebenheit des Lan— des, welche der Bildung größerer Höfe ſich entgegenſetzt, nein vornehmlich eben die Möglichkeit, ja Nothwendigkeit des Ab— ſatzes von Obſt, Obſtwein und Branntwein, und von ſo viel anderen Producten milderer Climate, verweiſet in dieſem Be— zirke jeden verſtändigen Landwirth auf die kleine, gärtneriſche Cultur, die wiederum beengtere Anlage der Wirthſchaften, Ausrundungen der Beſitzthümer vorausſetzt und erheiſcht. Dieſe Art der Eintheilung und Bewirthſchaftung von Grundſtücken entſtehet demnach aus allgemeineren Verhältniſſen, die überall, wo ſie ſich wiederholen, auch ähnliche Erfolge herbeyführen werden. Allein es folgt daraus keinesweges, daß kleinere Wirthſchaften unter allen Umſtänden mit größerem Gewinn, . — 238 3 noch weniger, daß ſie mit mehr Fleiß und Kunſt betrieben t werden. Der gärtneriſche Anbau erheiſcht allerdings einen b geringeren Umfang der Wirthſchaften, weil deſſen Erfolg von einer unausgeſetzten Aufſicht abhängig iſt auf vielfältige, un— gleichartige, in verſchiedenen Jahreszeiten wachſende, oder rei— fende, viel Wartung, Schonung und Pflege begehrende Pro— ducte. Allein es ſetzt dieſe Art des Anbau's jederzeit einen Markt voraus für ſein vielartiges Product, den hiſtoriſche, oder, wie in der Schweiz, natürliche Verhältniſſe bisweilen darbieten, der jedoch ſich nicht erzwingen läßt. Der Verſtand und Fleiß, mit welchem die kleine Cultur in den ſchweizeriſchen Hügelländern betrieben wird, macht es nur um ſo verwunderlicher, daß unter den Millionen der herr— lichſten Obſtbäume mir kein einziger vorgekommen iſt, der ſchon in erſter Ingend richtig geformt und in ſpäteren Jahren fort— gehend nach einem feſten Grundſatze wäre beſchnitten worden. Entweder läßt man hierin die Sachen gehen, wie ſie gehen wollen, oder auch glaubt man durch ein zu häuftges ſtutzen und nur zur Hälfte abſchneiden der Zweige mehr Tragholz und reichlichere Erndten zu gewinnen. Den Schweizern, denen b ich meine Einwürfe mittheilte, glaubte ich anzuſehn, daß ſie bedenklich wurden und meinen Tadel nicht übel aufnahmen. Gegenwärtig ſind ihre Obſtbäume voll von verflochtenem, ſich durchkreuzendem Holze, verwickelt, gleich den beſchorenen Hecken; was die Güte und, in guten Jahren, ſogar die Menge ihres Products beeinträchtigen muß. Einen ſchlecht gewachſenen Zweig ſollte man jederzeit ſcharf am Stamme, oder an den Hauptäſten abnehmen, damit die Wunde wiederum ſich ver— narben könne; hingegen die geſunden, in ſchöner Richtung wachſenden nicht abſtutzen, damit ſie nicht verkrüppeln. Jenſeit Küßnach verliert ſich der ſchöne Anbau und male⸗ riſche Reiz des Lucerner Landes. Der Canton Schwyz hat nieben änen lg vn e, un⸗ er rei⸗ Pro⸗ einen tiche eilen ultur ht es herr⸗ ſchon fort⸗ den. gehen uitzen holh nen ſie nen. ſch ken; ihres ſenen den ver⸗ ſtung rale⸗ hat 239 etwas dürres und nüchternes. In dem offneren Lande wird bereits ein wenig Getraide angebaut. Die Ortſchaften ſind häßlicher gebaut und planloſer angelegt. Jenſeit Art indeß, längs des Sees, führt der Weg nach Zug durch ſchöne Dörfer und ergötzliche Waldendchen, in welchen die Buche vorwaltet. Zug, ein artiges Städtchen in oberdeutſcher Art, lehnt ſich an den breiten Fuß eines ſchön gebildeten Berges. Der Anbau dieſes Cantons iſt dem lucerniſchen ähnlich und in derſelben Manier vielleicht noch ausgebildeter. Die Obſtbäume ſchienen mir beſſer gehalten und die Wieſen noch friſcher. Doch brachte ich die beſte Meinung hinzu, und habe vielleicht davon mich beſtechen laſſen. Nitten im Orte ein ſchöner, räumiger Gaſthof mit einem offenen Säulengange rings um den Hof und durch alle Stock— werke. Hier iſt überall für die Reiſenden gut geſorgt, die, vornehmlich aus Holland und England, alljährlich den Rhein hinauf in die Schweiz ziehn. Mein junger Freund ſtellte als— bald ſich ein und fuhrte mich zunächſt in der Stadt umher, wo die zweyte Pfarrkirche, S. Oswald, ein frugales, doch gut angelegtes Gebäude in ſpäter gothiſcher Manier, ſehr ſchön geſchnitzte Chorſtühle enthält. Die trefflichen kleinen Statuen verweiſen auf Martin Schön und überhaupt in die oberrheiniſche Schule. Ich las an dem Vorſprunge zur linken das Jahr 1484. Vielleicht findet ſich daran auch ein Name; allein das Gitter zum Chore war verſchloſſen und niemand zur Hand, es aufzuſchließen. Wir gingen zur Stadt hinaus durch Wieſen, unter Bäu— men, zur eigentlichen Pfarrkirche, die ebenfalls ein gutes Ge⸗ bäude iſt. Dann weiter zu einer Burg aus dem ſechzehnten Jahrhundert, mit einem äußerſt zierlichen Gärtchen voll ſelte— ner, wohlgehaltener Pflanzen in ſymmetriſcher Anordnung, worin, die Rittergeſchichte vollſtändig zu machen, die Dame — 240 des Hauſes mit vieler Anmuth uns empfing. In dem aͤlteren Fluͤgel des Schloſſes zeigt man einen Sal von Holzwerk mit alter Malerey auf dem Getäfel, etwa aus der Mitte des ſechzehnten Jahrhunderts, doch mit unzähligen Zuſätzen der nachfolgenden Zeit. Was aus dieſer Epoche auf uns gekom— men iſt, befriedigt weniger als die gewöhnlichen Holzbauten und getäfelten Zimmerbekleidungen des oberdeutſchen Land— manns unſerer Tage. Es will mich bedünken, als habe man, nachdem die gothiſche Manier abgekommen war, in der neu— beliebten gleichſam italiſchen nicht alſobald ſich zurecht finden können. Hier, wie im Lucerniſchen, fand ich die Wieſen voll hoch— aufwachſenden Löwenzahns. Man hegt in der Schweiz die Meinung, daß er, grün gegeben, die Abſonderung der Milch befördere und von den Kühen begierig gefreſſen werde. Auch im nördlichen Deutſchland muß dieſe Pflanze vormals in gleich gutem Rufe geſtanden ſeyn, weil man ſie dort noch immer, ohne dabey etwas zu denken, die Butterblume zu nennen pflegt. Ich möchte in Erfahrung bringen, ob dieſe Meinung gegrün— det ſey. Im Canton Zug ſollen die größeren Milchwirthſchaften, die jedoch gegen die Ebene hin zum Ackerbau allmählich über— gehen, gar ſelten mehr, als etwa dreißig Kühe halten. In der Nähe des Ortes beſitzen die Bürger viele losgeriſſene Grundſtücke, die, für ſich bearbeitet, die Wirthſchaftskoſten und nöthigſten Vorrichtungen nicht decken würden. Auch Herr Weiſſe, mein neueſter Freund, beſaß einige Wieſen und hatte, als guter Hauswirth, ſie an einen ſeiner Mitbürger verpachtet, der aus der Landwirthſchaft ein Gewerbe macht, daher mit den eigenen Gründen auch viele hinzugemiethete gemeinſchaft— lich beſtellt. In vielen deutſchen Landſtädten ſind einige Mor— gen Land feſt und unabtrennlich mit dem Beſitze von Häuſern ver⸗ ilteren veri mit itte ds hen der gekom⸗ tzbauten Land⸗ e man, er neu⸗ finden hoch⸗ heiz die Nilch Auch Pgleich immer, pflegt. egrun⸗ fften, uber⸗ A riſſene en und Herr hatte, achtet, er wit ſcch⸗ quſern ver⸗ N 241 verbunden. Doch pflegt man ſie meiſt, wie hier, an diejenigen ſeiner Mitbuͤrger zu verpachten, welche aus der Landwirthſchaft ein Gewerb machen. Ich habe nicht zu ſagen, daß auch dieſe Er— fahrung der Zerſplitterungstheorie unſerer Tage wenig guünſtig iſt. Weiſſe meinte, daß im Canton Zürich der Landmann ſei⸗ nen ſchlechteren Boden höher ausbringe, als hier im Zuger Lande. Hingegen hörte ich in Lucern den Landbau der Züricher tadeln. Wer von beiden Recht habe, war bey ſo kurzem Aufenthalte nicht wohl auszumachen. Jedenfalls erinnerte mich dieſe Abweichung in den Anſichten zweyer glaubwürdigen Per— ſonen an die Unſicherkeit aller der Kunden, welche Reiſende nur im Fluge aufhaſchen. Melden kann man, gleich dem He— rodot, was man theils ſelbſt geſehn, theils von anderen ver— nommen hat. Wer darüber hinausgehn und im ganzen über die Sachen abſprechen will, der wird vielleicht ſeinen Leſern imponiren, die Wahrheit indeß gar leicht verfehlen. Herr Weiſſe iſt ſeines Geſchäftes ein Gerber und Leder— händler, und hat in Frankreich ſich aufgehalten, wo man in Nachahmung der Engländer die Lederbereitung beſſer, als in Deutſchland verſtehen und ausüben ſoll. Er hat daher viel Zulauf von Geſellen, die bey ihm zu lernen finden, und es bildet, dem Anſehn nach, ſeine Werkſtätte einen jener unzähligen Mittel— puncte, aus welchen das Gewerbsleben unſerer Tage geräuſch— los Licht und Wärme zieht. Geſetzlich iſt in der neueren Schweiz das geſammte Zunftweſen aufgehoben. Nothwendig indeß ſtellt ſich der Lehrling und Geſelle zu dem Meiſter in ein unter— geordnetes Verhältniß, das ohne gewiſſe Lebensregeln, Sitten, Ordnungen, auf die Länge nicht wohl beſtehen köͤnnte. Doch wagte ich es nicht, meinem Freunde durch ein zu dreiſtes Ein⸗ dringen in ſeine Lebensverhältniſſe beſchwerlich zu fallen, und begnügte mich, ſein durchaus geſundes, ruhiges, beſonnen dem in erreichbarer Nähe ausgeſteckten Ziele nachgehendes Weſen (16) 242 mir ins Gedächtniß zu faſſen, in ſo weit er ſelbſt es offen darlegen und zeigen wollte.— Ich ſuchte mir deutlich zu ma⸗ chen, was dem deutſchen Profeſſioniſten, wenn ſein Schutzengel vor ſtädtiſcher Sittenverderbniß ihn bewahrt, oder vor Zei⸗ tungspolitik und Demagogen, jenes ſichere und feſte auf ſich ſelbſt beruhen ertheilt, dem Niemand ſo leicht die gebührende Achtung verſagen wird. Es ſcheint mir darin zu liegen, daß ihm die Zeit fehlt, verderblichen Grillen und unabreißlichen Leidenſchaften ſich hinzugeben. Daher wenigſtens ſeine Ruhe und Sammlung. Die Friſche und lebhafte Spannung aber, mit welcher ſich darbietendes ergötzliche er auffaßt, entſtehet uͤberall, wo des Lebens Freuden nicht gar zu mühelos ge— wonnen werden. Das Zuger Unterland iſt voller Waldſtreifen und kleinerer Gehölze, deren Lage und Richtung die Abſicht verräth, den rauhen Bergwinden den Zugang zu wehren. Ob nicht unſere engliſirenden Gärtner ſammt und ſonders auf einige Jahre hieher zu ſenden wären, um ihre chineſiſche Schuppen abzu— ſtreifen und für ländliche Schönheit ihren Sinn und Geſchmack zu bilden?— Hier iſt eben nur Feld und Wieſe und ver— ſtreuter Baumwuchs; ſelten ragt einmal ein ferner Berg, oder naher Hügel über den Wald hinaus. Und dennoch, ſo viel maleriſcher Reiz, ſo viel Wechſel, bey ſo viel Vernunft und ländlicher Ordnung! Das Züricher Land erſcheint denn im Gegenſatze um vieles dürftiger; man würde ſagen, proſaiſcher; doch ſcheint mir dieſer Ausdruck keinen ſo ganz klaren Sinn zu geben. Es war ein ungewöhnlich heiſſer Tag, der, an welchem ich mittags in Zürich anlangte, zu ſpät, um noch an der erſten, zu früh, um an der zweyten Tafel zu ſpeiſen; weßhalb ich nach einigen Ruheſtunden mich genöthigt ſah, an einem der Luſtorte am See mir ein Mittagseſſen aufzuſuchen. Dort er⸗ ———— 243 d offen hielt ich durch freundliches Bitten, daß einige Kartoffeln mir um⸗ V abgeſotten wurden, mit welchen ich eine herrliche Mahlzeit zu hußeng V machen glaubte. Dieſe Landſtelle beſitzt viele unverwerfliche ar ,6 Annehmlichkeiten, weßhalb es daſelbſt an ſtereotypiſchen Gäſten du ſh V nicht fehlte, deren äſthetiſche Pedanterey einen ganz deutſchen 8 V Anſtrich hatte. Indeß war der Abend zu ſchön, um bey Cha⸗ n, daß 7, rakterbildern im Geſchmacke Ifflands oder Chodowiecky's mich ißlichen aufzuhalten, eilte ich daher ans Ufer zu meinem Nachen, um éuhe den Sonnenuntergang und die Dämmerung auf dem herrlichen aber, kleinen Meere nach Herzensluſt mir zu genießen. Der Albis, ntſehet mir gegenuͤber, lag in tiefem, allein duftigem und tranſparen⸗ los ge⸗ tem Dunkel, das allmählich auch über die Stadt ſich verbreitete und deren architectoniſche Formen ſehr günſtig ins ungewiſſe linerer ſtellte. Hunderte von ſchwimmenden und badenden jeden Ge— c, den ſchlechtes und Alters belebten die glänzende Waſſerfläche, die, unſere nachdem Berg und Land ſchon längſt in tiefer Nacht lagen, Jahre immer noch Licht auszuſtrahlen ſchien; möge ſie nun wahrhaft abzu⸗ geleuchtet, oder nur den Himmel abgeſpiegelt, oder beides ver— hmack einigt haben.— Seit Neapel erinnere ich mich keines gleich ver⸗ ſommerlichen Eindruckes. oder Am folgenden Morgen ſchlug ich den Weg nach Baſel viel ein, nachdem ich vorher dem Herrn Prof. Hottinger meine t und Ehrfurcht bezeugt hatte. Selten zeigen ſich in unſeren Tagen zugleich gruͤndlich und wohl gearbeitete Werke, gleich ſeiner vieles Fortſetzung der mülleriſchen Schweizergeſchichten. Noch ſeltener nt mir aber beſitzen literariſche Werke, gleich dem ſeinigen, neben dem wiſſenſchaftlichen Werthe, auch den Vorzug, die Frucht eines elchem thätig hingebrachten bürgerlichen Lebens, daher von den tief⸗ an der ſten und ernſtlichſten Geſinnungen bis in das innerſte Mark veßhal durchdrungen zu ſeyn. Gewiß darf vornehmlich der erſte, ge⸗ en der reiftere Band, als Kunſtwerk, den mülleriſchen Geſchichten uit er gleich geſtellt werden. Faſſen wir aber Hottingers Werk (16*) 244 auf, als den Ausdruck der ſchwermüthigen, und dennoch nicht völlig hoffnungsloſen Stimmung eines gereiften Staatsmannes und warmen Patrioten, ſo gewinnt es ein Intereſſe, welches Joh. von Müllers welthiſtoriſcher und allgemeiner Standpunct in ſolcher Art nicht wohl erwecken kann. Zurich hat vorgothiſche und gothiſche Kirchen von gutem Entwurf und ſehr einfacher Ausführung. In letzter Zeit hat man die Stadt in verſchiedenen Richtungen erweitert, breite Straßen ausgeſteckt, anſehnliche Gebäude erbaut, die mit der engen Anlage der alten Stadt ſo leicht nicht werden in Ueber⸗ einſtimmung zu ſtellen ſeyn. Eine der unvergleichlichen alten Linden, zu den ſchönſten Alterthümern Zürichs gehörend, iſt auf dieſe Veranlaſſung herrenlos worden und in die neuen Bau⸗ plätze hineingerathen, man weiß nicht wie. Es ſchien für dieſen ſchönen Baum viel Antheil gefühlt zu werden. Indeß hatte man in den Verſchönerungsplänen nun einmal, auf dem Papier, ſich feſtgebaut, und würde eher dieſes Werk dreyer Jahrhunderte zerſtören, als das Papier, auf welchem der Plan gezeichnet iſt, durch eine Correctur, durch ein Pentimento, be⸗ ſchmutzen wollen. Alſo, wie überall, ſo auch hier, verſchmähet man jene Zufälligkeiten, welche dem fruchtbaren, geſtaltenreichen Sinne bey neuen Anlagen dieſer Art ſtets erwuͤnſcht und huͤlf— reich entgegenkommen. Von vorn herein, von Grund aus, ſoll jegliches ganz neu hergeſtellt werden.— Wie conſequent iſt nicht das Menſchengeſchlecht! oder auch, wie monoton! Das Verhältniß der Städter zum platten Lande ward mir ſehr verſchieden dargeſtellt. Der Commis des Hauſes, an welches ich empfohlen war, ſagte mir abends, daß man in Zürich mit ländlichem Grundbeſitze ſich wenig befaſſe. Die Capitalien, die im Handel ſich nicht verwerthen laſſen, lege man auf Hypotheken. Das Land ſey der Stadt ſehr ver— ſchuldet. Hingegen meldete Hottinger, daß Landbeſitz in Zürich 1 ncc niht tömannes „velches andpuna n gutem eit hat breite nit der Ueber⸗ in alten „iſ auf en Bau⸗ hien für Indeß ruf dem dreyer er Plan i, be⸗ mäͤhet feichen dhulf⸗ d aus, gequent ton! de ward auſes, an man in ſſe. Die ſen, le ſehr ber⸗ in zin 245 von altersher eifrig geſucht und feſtgehalten werde. Die Städter haben ſchon privatim beſeſſen, ehe die Stadt publice ein Land⸗ gebiet erwarb, deßhalb der Stadt für ihre auswärtigen Grund⸗ ſtücke und Beſitzthümer ſteuern müſſen. Beide können Recht haben, jeder nach ſeinem Geſichtskreiſe. Was der Kaufmann meldete, mag von kaufmänniſchen Verhältniſſen zu verſtehen, was der Geſchichtsforſcher und Staatsmann ſagte, in weiterer Ausdehnung richtig und gültig ſeyn. Indeß fehlte es mir an Zeit, den Sachen weiter nachzugehn. Ehe ich Zürich verließ, gewährte mir der Zufall ein in⸗ tereſſantes Zwiſchenſpiel. Von Lucern hatte ich, in Erman⸗ gelung regelmäßiger Poſtbeförderungen, einen Bologneſer bis Zürich in Dienſt genommen, der mit drey elenden Pferden mich in zwey Tagen den kurzen Weg voranförderte; hinrei— chend ſchnell, weil es uͤberall etwas zu ſehen und hören gab. Der arme Menſch war ältlich und nicht weniger abgezehrt, als ſeine Beſpannung; er ſchien ohne Unterlaß mit einer Rech⸗ nung beſchäftigt zu ſeyn, die nicht aufgehn wollte. Weil er kein Wort deutſch verſtand, war es ihm nicht unerwünſcht in meiner Geſellſchaft zu reiſen, da häufig die Wege zweifelhaft waren und andere Umſtände eintraten, welche Verabredung und Mittheilung erforderlich machten. In Zürich hoffte er aufs neue bis Baſel mit mir abzuſchließen, ſpannte jedoch ſeine Forderungen zu hoch, weßhalb an ſeiner Stelle ein Baſeler Kutſcher angenommen ward. Nachdem es ſo weit gekommen war, hätte der Italiener, der indeß ſich eines beſſeren beſonnen hatte, nicht allein zu dem Preiſe des anderen mich fahren wollen, nein auch demſelben ein Abſtandsgeld gegeben; welches letzte nicht zu Stande kam, weil jener ſeine Forderungen zu hoch ſpannte. Die äußere Lebhaftigkeit des wälſchen, die be⸗ harrliche, etwas tückiſch laſſende Feſtigkeit des deutſchen Kut— ſchers, ſtellten bis zum Augenblicke der Abfahrt einen artigen 7 — — ——— — — — ———— — 246 Contraſt her. Offenbar, lernte ich damals, gewährt eine ge⸗ wiſſe äußere Gelaſſenheit der Liſt einen beſſeren Stützpunct, als jene Fluctuationen der Stimmung, jene Ausbrüche der heftigſten Leidenſchaftlichkeit, denen der italieniſche Roſſebän⸗ diger ſich hingab. Die Spitze indeß lag in dem, was nun erſt mir zur Kunde gelangte. Der deutſche Miethskutſcher hatte ſeinerzeit bis tief ins Wälſchland ſich gewagt, war in Bologna liegen geblieben, und alldort von ſeinen italieniſchen Zunftgenoſſen ſehr unbrüderlich behandelt worden. Zur Rache daher an allem wälſchen Blute, hatte er ſo feſt an ſeinem Rechte gehalten.— In dieſem kleinen Kriege, der weithinaus ſich verfolgen läßt, bilden und nähren ſich die nationalen Ab⸗ ſtoßungen heran, bis der Bruch unheilbar geworden. Wie ſolche nach der Hand bis in die höheren Regionen ſich fort— pflanzen und von hier aus ihre Blitze wiederum in die niede— ren zurückſenden, bleibt meiſt unbeachtet und verborgen; doch liegt es in einzelnen Fällen vor Aller Augen. Die Unarten und läppiſchen Reizbarkeiten untergeordneter Perſonen haben mehr, als ein Mal, durch eine lange Verkettung der Ereigniſſe zuletzt den Untergang von Staaten, Völkern und von all dem guten und löblichen herbeygeführt, das mit ihrem Daſeyn etwa verbunden war. Ich dächte, man ſolle ſichs hinter die Ohren ſchreiben: daß in der Politik muthwillige und zuchtloſe Handlun⸗ gen auch unbemerkbar kleiner Perſönlichkeiten zwar niemals ein poſitives Gute, doch häufig genug ein großes Uebel herbeyführen. Von Zürich bis Stein am Rhein. Anfänglich ein offenes, dürres, doch wohlangebautes Land. Es waren die Halm⸗ früchte bereits eingebracht. Im Frühling mag dieſes Land ſich friſcher anlaſſen. Die Obſtbäume verſchwinden aus den Fel— dern; ſie würden den Cerealien im Wege ſtehen; auch möchte in dieſen Gegenden der Abſatz weniger geſichert ſeyn, als am Fuße des Hochgebürges. 247 in e Im anſtoßenden Canton Aargau ebenfalls noch ganz offenes uun, Ackerland; an den ſteileren Abhängen viel Rebencultur, die ich de häufigen und ſchwachen Wein bringt, wie bey Zürich. Große, iſttae ganz neue Fabrikgebäude an der unteren Reuß. Von der as nun Höhe, welche hier die Thäler der Reuß und Aar von dem kutſcer Rheine abſcheidet, ein herrlicher Blick die Aar hinan mit den var in Berner Alpen im Hintergrunde. Unten liegt Schinznach, ein tiſchen großes Ackergut mit einer Badeanſtalt und anderem Neben⸗ Nache gewerbe. In dieſer Gegend, wo zur kleinen Cultur nicht mehr einem ſo viel natürliche und relative Vorausbeſtimmung vorhanden hinaus iſt, ſetzen die Capitaliſten von Zürich, Schaffhauſen und Baſel en Ab⸗ mehr und mehr in größeren Beſitzungen ſich feſt, oder ver— Wie einigen ſie aus kleineren, nach Möglichkeit, und nach Ausſicht hfort⸗ auf Vortheil. Der Weg ſenkt ſich ins Frickthal, deſſen ſchon niede⸗ mehr zerriſſene Aecker und Wieſengründe wiederum in kleineren Jdoch Austheilungen bewirthſchaftet werden. Die großen Dörfer narten ſcheinen bluͤhend zu ſeyn. Hier zuerſt wiederum eine Spur haben von geregelter Wieſenbewäſſerung. Aufwärts von Zurſee bis gniſſe Aarau ſoll das Surenthal beſſer und in uüberdachterem Zuſam— dem menhange bewäſſert ſeyn. etwa Bis nach Sonnenuntergang genoß ich zu Stein am Rhein hren eines bey leicht bewölktem Himmel bezaubernd ruhigen, mild— dlun⸗ warmen Abends. Eigentlich anziehend war unter nah' und ls ein fernen Gegenſtänden nur der breite, glänzende Strom, der ühren. ſeine hier ſchon beträchtliche Waſſerfülle immer noch mit jugend⸗ fenes, lichem Ungeſtüͤm und lautaufrauſchend vorandrängt. Jenſeit Haln⸗ Seckingen, deſſen alterthümelndes Anſehn an Merians Abbil⸗ nd ſch dungen deutſcher Städte erinnert, blinkte etwas langes und Fe ſchmales im Zwielicht, das anfangs mir Waſſer zu ſeyn ſchien, nächt doch nur auf eine Bleiche, oder Weberey, kurz auf ein leidiges Ib an Fabrikweſen hinauslief.— Wie nur dieſer, alle Familienbande zerſprengende, mechaniſche Kunſtfleiß unſerer Tage die ſtille 5 9 248 — häͤusliche Betriebſamkeit alter Zeiten ſo ganz hat überwältigen können! Und wie man dem allen ſo gleichgültig zuſteht, als d könne es nicht anders ſeyn, und alle ſeine gerade vorräthige 1 ſ Humanität den Landwirthen und ihren Handarbeitern zuwendet! Am Rhein hin, über Augſt, wo römiſche Alterthümer und Pflanzſchulen für Maulbeerbäume, nach Baſel, wo ich vor— mittags und noch frühe genug eintraf, um alſobald auf die 1 Bibliothek zu gehn. Hier fand ich bey dem Bibliothekar, Herrn 1 Profeſſor Gerlach, eine freundliche Aufnahme, der, in Geſell⸗ ſchaft des Herrn Profeſſor Wackernagel, viel beygetragen hat, die Tage, welche in Baſel zu verweilen mir geſtattet war, zu den angenehmſten meines Lebens zu machen. Und ſoll ich in 14 dieſer Beziehung auch Herrn Peter Viſchers erwähnen, der mit anderen Kunſtgegenſtänden auch eine Sammlung aztekiſcher Bildwerke beſitzt, welche der Zahl, wie der Auswahl nach in Europa ſchwerlich ihres gleichen hat. Der größere Theil meiner Zeit ward auf Kunſtbeſichti— gungen verwendet, von welchen an einer anderen Stelle ich einige Rechenſchaft abgelegt habe. An einem ſchönen Nach— mittage fuhr ich in Geſellſchaft genannter Herrn bis jenſeit Lörrach das berühmte Wieſenthal hinauf. Der kleine Bach, welcher jenem Thale den Namen gibt, dient zur Bewäſſerung ſehr ausgedehnter Wieſengründe, die bis drey Stunden auf— wärts ſich ausdehnen ſollen. Indeß liefen die Zuflußgräben überall zu tief, weßhalb man unzählige Schütten, oder Stem— men von Holzwerk überall aus dem Graſe hervorragen ſah, deren viele bey anderer Anlage der Gräben erſpart werden könnten. Die Bewäſſerungen ſtehen hier noch auf der niedrig— ſten Stufe; ſie ſind eigentlich nur Ueberſchwemmungen, oder Beſpülungen. Die Benutzung des Waſſers alternirt; eigent— liches Waſſereigenthum iſt hier, wie vielleicht bisher an keiner Stelle Deutſchlands vorhanden. —— —— — y—y— —— Ntige t, als ritge endet ter und vor⸗ uf die Herrn eſell⸗ Rat, -, z ich in , der kiſcher ich in ſcchti⸗ le ich lach⸗ nſeit ach, ung auf⸗ äben Stem⸗ ſal, erden edrig⸗ oder igent⸗ keiner 249 Die Heuerndten ſind demnach in dieſem Thale zwar gut, doch weder ſo reich, noch ſo häufig, als unter anderen Um⸗ ſtänden ſie ſeyn könnten. Sehr bedauerte ich daher, daß mir die Zeit fehlte, nach Habsheim im Elſaß einen Ausflug zu machen, wo man erhöhter Rinnſale ſich bedienen ſoll. Auf dem Wege nach Lörrach begegnete mir ein kleiner, mit einem einzigen Pferde beſpannter Erndtewagen, der etwa dreißig Hafergarben zu enthalten ſchien. Nebenher ging Vater, Mutter und ein erwachſener Sohn, nothwendig mit dem müͤden Rößlein Schritt haltend. Zweyerley kam mir bey dieſem An— blicke in Erinnerung. Einmal, wie viel Kräfte bey einer ſol— chen, faſt kindiſchen Wirthſchaft zerſplittert und verſchwendet werden. Zweytens, wie ſehr bereits in dieſen Gegenden der kleinere Landmann den Folgen der Mobilimtion erlegen iſt. Denn es ſind die jämmerlichen Kleinwirthſchaften, von denen ein Probeſtück uns vor Augen lag, eben nur die letzten Athem— züge der allmählich ausgehenden, ganz erlöſchenden alten Bäuerlichkeit. Um funfzig Jahre ſpäter werden auch dieſe nicht mehr vorkommen; denn mehr und mehr gelangen die großen Capitaliſten der oberrheiniſchen Städte in den Beſitz der umliegenden reichen Ländereyen, oder vergrößern ſich die geſchickteren, klügeren und dabey wirthlichen, ſogenannten Bauern zu beiden Seiten des Stromes bis zu reichen Land— beſitzern. Daher wird denn auch, was mir tröſtlich zu ſeyn ſcheint, eben in dieſen Gegenden der Landbau aus einem höheren Ge— ſichtspuncte aufgefaßt, zeigt ſich Empfänglichkeit für ſolche Unternehmungen und Förderungen, deren gegenwärtige Koſten gewiß, deren Vortheile weit hinausliegend und nicht durchaus ſicher ſind. Was man gethan, um die Seidenwerbung längs des Oberrheines in Aufnahme zu bringen, überſteigt allerdings 250 nicht die Kräfte der Einzelnen. Allein man geht auch damit um, vom Rheine jenſeit Baſel einen Canal abzuleiten, welcher einen großen Theil der elſaſſiſchen Ebene mit Bewäſſerungs— mitteln verſehen ſoll. Dem gegenüberliegenden badiſchen Lande möchte eine Veranſtaltung dieſer Art noch größeren Vortheil verſprechen, weil es im ganzen minder fruchtbar iſt, als das Elſaß. Baſel iſt gegenwärtig, als Stadt, Gemeinweſen, auch als ein unabhängiger Staat angeſehn, ein äußerſt intereſſanter, belehrender Punct unſeres Welttheiles. Nichts dürfte in unſeren Tagen die Macht der Städte im ſpäteren Mittelalter dem Hiſtoriker beſſer und deutlicher zur Anſchauung bringen können. Durch eine faſt muthwillige Revolution ihres anſehnlichen Land— gebietes beraubt, ſogar ihrer reichen Kirchenſchätze, die gegen— wärtig in Berlin, Frankfurt am Mayn, in Baſel ſelbſt, ver— trödelt werden, oder in Sammlungen von Seltenheiten ſchon ihre Stelle gefunden haben, iſt dieſe Stadt gegenwärtig mäch— tiger und einflußreicher, als je zuvor; durch ihr Capital, ihre Handelsverbindungen, durch ſehr tiefe Gewerbseinſichten. Das Bewußtſeyn, zu haben und zu können, gibt, ſo weit meine Er— fahrung reicht, den Bewohnern dieſer Stadt eine höchſt er— freuliche Feſtigkeit, eine Zuverſicht, die nicht abweiſend, ſon— dern verbindlich und anziehend iſt. Wer den Reichthum be— herrſcht, bewegt, als Mittel einer großartigen Thätigkeit mit ſtarker Hand und kühnem Sinne ihn hin und herwirft, der wird ſelten jene ablehnenden Manieren derer annehmen, die ehen nur, dem zitternden Flämmchen über den vergrabenen Schätzen vergleichbar, die ihrigen mit zaghafter Sorglichkeit behüten. Uebrigens befinden ſich Leute, die wohl daran ſind und etwas zu verlieren haben, nothwendig in einer ſtillen Op— poſition gegen jene Richtung, welche den Lauf der Dinge ganz von neuem anzuheben trachtet, die Vergangenheit, ohn' umzu⸗ blicken, hinter ſich wirft. 5 1 3 251 hdmit 4 72 Die politiſche Grundanſicht aller Volker germaniſchen ain Stammes ſcheint, nach dem Ergebniß, dieſe zu ſeyn: daß nach d mer den hiſtoriſchen und localen Verhältniſſen die Menſchen, nicht 9 aber nach den Menſchen die Verhältniſſe ſich zu richten haben; vorthe daß freylich, was uns das Schickſal, was die Natur gewährt, 3 Elſi bisweilen für menſchliche Zwecke benutzt, nach menſchlicher An⸗ nuc al ſicht zum Beſten könne gelenkt, doch nicht von Grund aus 4 ſanter neu hergeſtellt werden. Nirgendwo mehr, als in der Schweiz, unſeren hat dieſe Anſicht bis um das Jahr 1798 ſich thätig und wirk⸗ er dem ſam erwieſen. Wenn aber die Mannichfaltigkeit politiſcher konnen Geſtaltungen, welche ſie hervorgerufen, in den letztverfloſſenen eland Jahrhunderten von einer gewiſſen Gleichgültigkeit und charak⸗ egegen⸗ terloſen Stille begleitet ward, ſo war dieſe nicht die Folge iſt, ver jener Anſicht, entſtand ſie vielmehr aus allgemeineren geſchicht⸗ en ſchon lichen Verhältniſſen. Bis gegen den Ablauf des fünfzehnten gnaäch⸗ Jahrhunderts hatte der Schweizer Bund wiederholt, für ſeine nI, ihre Unabhängigkeit kämpfend, alle ſeine beſten ſittlichen, wie ma— n. Dab teriellen Kräfte anſtrengen müſſen. Nach dieſer Zeit hingegen ine Er⸗ gewährte die Eiferſucht der größeren Mächte ihm eine mühe— iſt er⸗ loſe Sicherheit. Bis um 1520 beſeelte, bald ein glühender ,ſolt Haß, bald eine leidenſchaftliche Vorliebe den Kriegesdienſt in m be⸗ fremdem Solde. Später ward ein Gewerb daraus, mit un⸗ it mit gleich mehr kaufmänniſchen, als ritterlichen Grundſätzen von „ der Treu' und Redlichkeit. Das alles macht freylich die politiſche , di Geſchichte der neueren Schweiz bis zum verhängnißvollen Jahre abenen 1798 etwas einſchläfernd. Indeß zeigt ſie immerhin viel ehren— ichkei werthe Züͤge, in der Literatur, im Familienleben, in gewerb— mn ſind licher und municipaler Thätigkeit. Und überhaupt iſt die lang— en Op⸗ weiligſte politiſche Geſchichte an Bildern perſönlichen, harm— g gnn loſen Glückes und beſcheidener, doch folgenreicher Wirkſamkeit unu⸗ nicht ſelten um vieles reicher, als jene der bewegteren und thatenreichen Zeiträume. —— 25² Nunmehr wird auch dieſes intereſſante Land, gleich ſo viel anderen, durch eigene Erfahrungen ermitteln ſollen: daß Ein⸗ förmigkeit und organiſche Einheit nicht durchaus gleichbedeu— tende, vielleicht ſelbſt einander ganz entgegengeſetzte Begriffe ſind. Zu Baſel unterſcheidet ſich der ältere Ring der Stadt, in der Nähe der Rheinbrücke, noch immer von dem ſpäteren, ge— räumigen Umkreiſe durch ausnehmend enge Gaſſen. Vornehm⸗ lich die Hauptſtraße, die vom Rathhauſe abwärts zur Brücke führt, und die Schweiz und Frankreich mit Schwaben und dem Reiche verbindet, ſchien einer beträchtlichen Erweiterung zu bedurfen. Ich habe die Entwürfe zu dieſer Aenderung nicht ge— ſehen, die vielleicht berückſichtigen werden, daß nach den Um— ſtänden die grade Hauptſtraße ſowohl ſchöner, als bequemer in einer ſanften Beugung der Rheinbrücke ſich zuwenden dürfte, als in irgend einen Winkel gebrochen; denn ein rechter iſt hier über— haupt unerreichbar. Die ſanften Biegungen eröffnen phantaſie— reichen Architecten die artigſten Veranlaſſungen zu mannich⸗ faltiger Formenbildung.— Nicht ohne Schmerz hörte ich, daß einige ſehr maſſive und ſtattliche Thürme hinweggerämt wer— den ſollen, die wenig im Wege ſtehn. Die Lücke wird ſehr bald ſich fühlbar machen. Ueberhaupt möchte Baſel, das nun einmal den Charakter altdeutſcher Städte hat, darin beharren müſſen, wenn Uebereinſtimmung, wie man doch annimmt, die Grundbedingung alles ſchönen iſt.— Das Rathhaus, das gleich alte Waarenhaus, beide in ſpät gothiſcher Bauart, der Dom, einige andere Kirchen, alte Brunnen, gute Befeſtigungs— thürme und ähnliches mehr wird noch für lange Zeit das eigentlich hervorſprechende dieſer Stadt ſeyn, das ganz mo— derne aber damit nicht leicht ſich einigen. ſovvil Em⸗ ſbeda fe ſin. nadt, in en, ge⸗ mehm⸗ Brücke n und terung iht Ne⸗ en Um⸗ emer in fte, als rüber⸗ intaſie⸗ unich⸗ h, daß wer⸗ ſehr nun datren a, die d, dad aat, der ſſägungs⸗ zeit das dan mo⸗ Im weſtlichen Deutſchland. Nicht weit von Baſel, auf dem Wege nach Freyburg im Breisgau, führet der Weg über jenen Bewäſſerungsbach, die Wieſe, aus welcher auch noch an dieſer niederen Stelle viele Zuflußgräben abgehn. Allein erſt um einige Stunden weiter voran, bey Heidesheim, hat man dem Waſſer, nach lombar— diſcher Weiſe, einen leicht erhöheten Lauf gegeben. Obwohl dieſe verbeſſerte Einrichtung bis Freyburg nicht wiederkehrt, ſo benützt man doch alle vom Schwarzwalde herabſtrömenden Bäche in den Dörfern zur Gartenbewäſſerung und abwärts zur Beſſerung der Wieſen, ſo weit es reicht. Unſtreitig iſt die Anwendung des Waſſers auf den Feldbau in keiner Gegend Deutſchlands verbreiteter, als zu beiden Seiten des Oberrheins. Bey Freyburg im Breisgau indeß begegnete ich zuerſt wiederum der Wieſenbewäſſerung in ihrer größten Vollkom⸗ menheit. Auch hier, wie an anderen Puncten, haben die Ciſtercienſer Verdienſt um deren höhere Ausbildung. »In der Gegend von Langenthal im Canton Bern, ſchreibt mir der ältere Frizzoni, der bald nach mir die Schweiz durch⸗ reiſte, an der Grenze des Aargau's und lucerniſchen Landes, fand ich ganz die mayländiſche Manier der Bewäſſerung mit dem Maeſtro und ſo fort. Ich erfuhr, daß ſolche von der Ciſtercienſer Abtey S. Urban im lucerniſchen ausgehe. Die Gegend ſey ſchon von der Natur der Bewäſſerungscultur vor⸗ ausbeſtimmt, weil die Bäche dieſer Gegend über Mergel gehen und denſelben in ſich aufnehmen. Der Ueberfluß des Waſſers mache deſſen genauere Abmeſſung und Vertheilung hier un⸗ 254 nöthig. Die Wieſen werden, obwohl 1630 Fuß über der Meeresfläche, ſechs Male im Jahre geſchnitten. Das Waſſer habe eine warme Temperatur, und unter der Oberfläche des Bodens ſeyen viele heiße Quellen verborgen, die zu Schinznach und ſelbſt bey Langenthal ſich Luft machen. S. Urban iſt 1193 geſtiftet worden. Allein auch in der Gegend von Baden, bey der Abtey deſſelben Ordens zu Wettingen, geſtiftet 1227, zeigen ſich gute Bewäſſerungsanſtalten.« Da zu Freyburg, wie die Urkunden lehren, gewiß ſchon vor Anſiedlung dieſes Ordens bewäſſert wurde, ſcheint es ge⸗ wagt, demſelben, wo es nun ſeyn möge, die erſte Einführung dieſes Kunſtvortheils, ohne ſpeciellere Beweiſe, beyzumeſſen. Allein die feinſte Kenntniß ſeiner allgemeinen Bedingungen und die beſte Art ſeiner Anwendung nach den beſonderen Umſtän⸗— den, werden wir ihm nicht wohl abſprechen können. Auch zu Freyburg, wie dort bey Mayland, haben die Ciſtercienſer ſich bemüht, eben denjenigen Waſſerarm zu erwerben, welcher die Stadt durchfließt und deren Unreinigkeiten aufnimmt. An einer anderen Stelle, bey Langenthal, haben ſie gezeigt, daß auch der Einfluß einer wärmeren Temperatur des Waſſers auf die Wieſenflächen, welche davon berieſelt werden, ihnen frühzeitig bekannt waren. Demnach wird es außer Zweifel ſtehn, daß, wenn auch nicht um die Erfindung, immer doch um die Ver— feinerung der Kunſt ſie ſich höchlich verdient gemacht haben. In dem weitläuftigen vorſtädtiſchen Bezirke, welcher an den ſogenannten Tennenbacher Hof anſtößt, der alten Nieder— laſſung jenes Ordens, fand ich das nun bald zum dritten Male zum Schnitte gereifte Gras wohl ſo hoch und dicht, als jenes auf dem Landgute des Vittadini bey Mayland. Man ſagte mir, daß von dieſen Wieſen drey Heuerndten gemacht werden, und zwey Male, im Märzen, oder April, dann wiedernm im November, auch Gras gemäht werde, zu grüner — ₰— X 8 Stallfütterung. Die erſte Heuerndte, ſagte mir ein alter Land⸗ mann, falle bisweilen ſchon in den May. Winterwieſen ſchien man verſucht zu haben. Denn jener Alte machte mancherley Einwürfe gegen die winterliche Bewäſſerung, welche demnach ihm aus der Erfahrung bekannt ſeyn mußte. Eine Sandgrube gewährte mir die Gelegenheit, den Schutt— boden dieſer Ebene bis in die Tiefe von etwa zwölf Fuß ken— nen zu lernen. Er beſteht aus Geröllen mit gelbrothem, eiſen— haltigem Letten, iſt alſo dem ſchlechteſten lombardiſchen ſehr ähnlich; wie denn überhaupt das obere Rheinthal in Anſehung ſeines verbreiteten Trümmerbodens, und ſeiner räthſelhaften Quellſümpfe in der Niederung, durchhin dem Stromgebiete des Po entſpricht. Die Fruchtbarkeit ſeiner Oberfläche ver— dankt er bey Freyburg, auf den Wieſengründen, dem Waſſer und dem, was ſolches im Laufe der Jahrhunderte allmählich abgeſetzt hat; auf den unbewäſſerten Aeckern aber, der all— mähligen Humusmehrung durch ſtarke Düngung, deren Mög— lichkeit wiederum aus dem hohen Ertrage der anſtoßenden Wieſen entſtanden iſt.— Die Freyburger Wieſen ſind großen— theils mit alten Obſtbäumen in angemeſſenem Abſtande beſetzt, gleichen alſo in dieſer Beziehung den Hügelwieſen der Schweizer. Die Organiſation, das Alter, die Praxis der freyburgi— ſchen Runſengeſellſchaft zu ſtudiren, erfordert mehr Zeit, als mir zu Gebot ſtand. Herr Profeſſor Schreiber, der mit großer Aufopferung in Freyburg und in der Umgebung mich umher— geführt hat, verſprach mir ausführlichere Kunden, als jene, welche ſeine Schriften bereits enthalten. Mehr noch, als dieſe bis jetzt mir nicht zugefloſſenen Mittheilungen, würde ein eigenes Werk, eine urkundliche Geſchichte der freyburgiſchen Runſengeſellſchaft, von ſeiner Feder mich erfreuen, welche alle vormalige Ciſtercienſerabteyen des Landes, den Elſaß, und, — 256 wenn es möglich wäre, ſogar die Schweiz in ihren Kreis ziehen ſollte. Ehe wir unſere Wanderung antraten, erquickte und ſtärkte mich Profeſſor Schreiber durch einen trefflichen rothen Wein von naher Lage. Behaglich ward dabey der edle Gegenſtand des Weinbau's beſprochen, das Verdienſt ſolcher Lagen ge— würdigt, welche auf die Anerkennung des Kenners einen wohl— gegründeten Anſpruch haben. Der Weinbau hat beſonders im Markgrävler Gebiete neuerlich ſich gehoben, wo einzelne Bauern bis auf eine halbe Million an Geld und Gut beſitzen, daher im Stand ſind, ſowohl das Geſchäft auszudehnen, als das Product zu beſſern. Im Dom ward all und jegliches beſehen und bewundert. Man hat aus dieſem Gebäude entfernt gehalten, was den Ge— ſammteindruck hätte ſtören können, hingegen darin viel Ord— nung und Reinlichkeit gemacht, was ihm ein heiteres und neues Anſehn gibt. Das Altargemälde von Hans Baldung, leichtlich deſſen Hauptwerk. Er war ein nürnbergiſches Propf⸗ reis auf dem ſchon abſterbenden Stamme der alten anmuth— vollen oberrheiniſchen Schule. Unſtreitig ein Maler voll Ta⸗— lent und Geiſt. Doch wüßte ich nicht, weßhalb er mir ge— fallen ſollte. Das Fenſtergemälde in einer Seitencappelle von, oder nach Baldung, würde mir um einiges beſſer zu ſeyn ſcheinen, wenn über Meiſter dieſer Art mir ein Urtheil zukäme. Andere Merkwürdigkeiten, Handſchriften, Münzen, Ge— mälde, wurden bey Herrn Domcapitular und Profeſſor Hug in Augenſchein genommen. Dieſer werthe Freund hatte das Andenken an unſeren früheren lebhaften Umgang feſtgehalten, wendete mir daher noch immer viel Gunſt und Liebe zu. Eine wohlangelegte vorgothiſche Kloſterkirche war kürzlich im nahen Gebürge abgetragen, das Material in die Stadt geführt und unter der Leitung des Architecten, Herrn Profeſſor Hübſch Hübſch zu Carlsruhe, dort wiederaufgerichtet worden. Ich bewunderte die gute Ausführung, und hätte in Erfahrung bringen mögen, ob eine ſolche Verſetzung weniger Unkoſten mache, als ein ganz neuer Bau von gleichem Belang. Hübſch war indeß, als ich zu Carlsruhe ihn aufſuchte, in ein Bad, oder aufs Land gereiſt, was mir das Vergnügen des wieder— ſehens und die Belehrungen entzog, auf welche ich mir Hoff⸗ nung gemacht hatte. Von Freyburg nach Carlsruhe, zur rechten waldiges Mittelgebürg, zur linken eine unüberſehbare, meiſt ganz offene Acker und Wieſenfläche. Kürzlich hatte ein Italiener mir die Bemerkung gemacht, daß im oberen und mittlen Deutſchland das Land in endloſe Wälder, oder gleich unbegrenzte Acker⸗ flächen getheilt ſey; es ſchien ihm dieſer Umſtand nicht eben angenehm aufgefallen zu ſeyn. Nun hätte man freylich nicht gerade auf die vorbeyreiſenden Rückſicht zu nehmen. Ich be⸗ gnügte mich daher, mir die Frage vorzulegen, ob für die Cultur, im ganzen, oder einzelnen, bey dieſer Art Vertheilung ein rechter Gewinn ſeyn könne? Entſtanden iſt ſie unſtreitig nicht ſowohl aus wirthſchaft⸗ lichen Berückſichtigungen und Anſichten, als vielmehr aus der Gemeindewirthſchaft der ackerbauenden Städte und Dörfer, aus der Dreyfelderwirthſchaft, welche dem einzelnen Beſitzer über ſein Eigenthum keine durchaus freye Diſpoſition zugeſteht. Empfehlen aber mag ſie auch noch in unſeren Tagen die Er— fahrung, daß vornehmlich die Cerealien, allein wohl auch manch anderes Sommerproduct in luftigen, offenen, ſonnigen Lagen beſſer gedeiht, als in ſchattigen und beſchloſſenen. Auf der anderen Seite möchte die Offenheit des Landes in minder günſtigen Jahren und Jahreszeiten nicht ſelten zur Folge haben, daß Wechſel der Temperatur, ſchnell eintretende Kälte und ähnliches mehr, ſogar den Saaten großen Nachtheil (17) 258 bringen, noch mehr den Fruchtbäumen und Reben. Als ich zu Baſel verweilte, ſah ich abends ſieben Uhr das Thermo⸗ meter im Gaſtzimmer immer noch auf ſieben und zwanzig Grad Réaumur ſtehen; am nächſten Morgen hingegen und bis gen Freyburg litt ich, obwohl feſt eingehüllt, von ſehr empfind— licher Kälte. Das ganze weite Rheinthal war in Folge von Gewittern, die im Odenwalde ſich entladen hatten, innerhalb weniger Stunden zu einer um etwa fünfzehn Grad niedrigeren Temperatur ubergegangen, was oft genug ſich wiederholen mag. In der That fand ich von der Schweiz bis in die Ge⸗ gend von Heidelberg alle jene unzähligen Obſtbäume von Früchten entblößt; woraus ich ſchloß, daß in dieſen offenen Gegenden ein Wechſel, wie der bemerkte, in der Blüthenzeit, auch des Getraides, ſehr ausgedehnte Verheerungen anrichten müſſe, denen verſtreute Frucht und Waldbäume möchten vor⸗ beugen können. Indeß läugne ich nicht, daß im mittlen und oberen Deutſchland die Bildung des Landes ſehr gebieteriſch auf gegenwärtig beſtehende Eintheilung hinzuweiſen ſcheint. Ein ſo großer Theil des Landes beſteht in ſterilen Hochflächen und in ſtumpfem Mittelgebürge, daß, um hinreichenden Acker⸗ boden zu haben, man darauf kommen mußte, die milderen Thalebenen ganz zu öffnen und dem Ackerbau ſie ausſchließlich zu widmen. An welchen Stellen, und in welcher Art man künftig von dieſer Einrichtung wiederum abgehen werde, iſt nicht wohl im voraus zu beſtimmen. An vielen aber möchte es beym Hergebrachten bleiben ſollen. Denn nicht leicht wird von beſonnenen Leuten, was überwiegend gut iſt, um eines Nachtheils willen abgeſtellt werden. Vor Emmendingen glaubte ich wahrzunehmen, daß ein Paar niedrig belegene Stücke mit herrlichem Türkenkorn und wohlgerathenem Hanf aus dem nah' daran hingeleiteten Zu⸗ flußgraben bewäſſert worden ſeyen. Doch ward es von den —— 259 Landleuten mir abgeläugnet. Ueberhaupt hatte man in dieſen Gegenden von der Feld und Ackerbewäſſerung die ſchlechteſte Meinung. Und in Anſehung, daß nach dem Regen der letzten Nacht der Letten, in einen feſten Teig zuſammengeſchwemmt, an vielen Stellen die Aecker verdorben hatte, mag dieſes Vor— urtheil in localen Erfahrungen ſeinen Grund haben. Anders jedoch möchte es ſich verhalten, wo ein lockerer und ſandiger Boden mit türkiſchem Waizen, Hanf, Leinſaat und anderen Sommererndten beſtellt wird. Hier würde das Waſſer die Oberfläche nicht verhärten können. Auch iſt es ein anderes, ob man berieſele, oder nur überſchwemme, worauf die Wieſen⸗ bewäſſerung von Freyburg abwärts ſich zu beſchränken pflegt. Der Hanf, der ein Hauptproduct des badiſchen Landes, war in dieſem Jahre weniger, als mäßig wohl gerathen. Wenn davon nicht etwa dem kalten Frühſommer die Schuld beyzu⸗ meſſen wäre, wenn er vielmehr von unzeitiger Durre ſollte gelitten haben, würde ich darin einen Beweis für das gele⸗ gentlich entſtehende Bedürfniß der Bewäſſerung auch von Acker⸗ feldern zu finden glauben. Doch erheiſchen ſolche Dinge, von allen Seiten beſehen und ernſtlich geprüft zu werden.— Man baut in dieſen Gegenden abwechſelnd Hanf und Waizen; oder ſä't den Hanf nach dem Klee. Doch ſcheint die Fruchtfolge hier keiner feſten Regel zu unterliegen. Man dünge die Hanffelder, ſagten mir die Poſtillione und Poſthalter, mit gemeinem Stalldünger. Horn, Knochen, Leder, thieriſcher Abfall jeglicher Art, womit bey Ravenna und Ri⸗ mini ſo herrlicher Hanf erzielt wird, ſchien nicht in Gebrauch zu ſeyn. Dieſe concentrirten Düngmittel ſind allerdings nicht in großen Mengen zu haben. Allein ſie reichen weit. Man ſtreut ſie da, wo man davon Gebrauch macht, mit den Händen aus. Die Nacht und mit ihr ſich mehrende Käͤlte zwang mich, in einem Dorfe anzukehren; was in dieſer Gegend nie gewagt (17*) 260 iſt. Das Glück führte andere Reiſende herbey, die zum ge⸗ meinſchaftlichen Nachteſſen an einem Winkel der weiten Tafel ſich zuſammendrängten. Ein Paar junger Cavaliere von gutem böhmiſchem Geſchlechte, die gerade in Inſpruck ſtudirt hatten und vor ihrer Rückkehr ein Stückchen Welt beſehen wollten, erwieſen ſich als werthe und behagliche Mitgäſte. So lieb ward mir nach kurzem Verweilen in den öſterreichiſchen Staa⸗ ten der offene Sinn, die friſche Empfänglichkeit, das redliche Herz ſeiner Bewohner, daß neben dieſen, ihrem Vaterlande wohl entſprechenden jungen Leuten mirs wie heimathlich an⸗ wandelte. Auch ward die ſchnelle Stunde benutzt, um neue Kunden einzuziehen. Erfragt ward, daß im Tyrol die Wieſen⸗ bewäſſerung in lombardiſcher Manier ſehr ſtarke Fortſchritte mache und immer mehr Land gewinne; daß hingegen die Wald— verwüſtung auf ſchreckhafte Weiſe überhand nehme. Es ward darauf das Wohl des Vaterlandes und ſeines Herrſcherſtammes ausgebracht, an welchem jedoch ein vierter Gaſt, den bisher ich für den Begleiter der jungen Herrn gehalten, nicht lebhaft Theil nahm. Was jedoch überſehen ward, da indeß vom Ernſt zu heiteren Scherzen der Uebergang von ſelbſt ſich ge— macht hatte. Am nächſten Morgen gaben meine jungen Freunde mir bis an den Wagen das Geleite, woraus ich entnahm, daß mein Wohlwollen nicht ohne Erwiederung geblieben war. In der Gegend von Raſtadt und Carlsruhe eine verbreitete Verſandung, in welcher nicht allein Wieſen, vielmehr auch Feldbewäſſerung dem Landwirthe Vortheil bringen duürfte, vor— ausgeſetzt, daß Waſſer in hinreichender Menge heranzuleiten wäre, was mir nach oberflächlichem Ueberblicke der Gegend nicht überall möglich zu ſeyn ſcheint. Raſtadt iſt unter den vielen in franzöſiſcher Manier angelegten Reſidenzſtädten un— ſtreitig die artigſte. Das Schloß liegt etwas erhöht; die Ge⸗ gend iſt nicht ungefällig; die Hauſer ſind ſo ziemlich im Stande. n g dn igtd hatte V ollte b lich Otan⸗ dliche lande an⸗ veue ſieſen⸗ hritte Wald⸗ ward umes iöher haft vom ge⸗ de daß itete auch vor⸗ eiten gend den it⸗ ge⸗ de. 261 Hingegen haben die Straßen eine mißbehagliche Offenheit und Breite. Unter allen Umſtänden iſt es ſchwer, einzuſehn, weß⸗ halb die Beherrſcher des Landes dieſe artige Niederlaſſung auf— gegeben und mit Carlsruhe vertauſcht haben, das nach allem darauf gewendeten Fleiß und Aufwand immer noch minder breit und ſtattlich ins Auge fällt, als dieſe längſt verlaſſene Reſidenz.. In Carlsruhe giebt es unvergleichbar anſehnliche und wohleingerichtete Gaſthäuſer. Weßhalb dieſelben ſo zahlreich, ſo wohl eingerichtet, ſo weitläuftig ſind, wird der Umſtand erklären, daß viele in der Hauptſtadt Geſchäfte haben, ohne veranlaßt zu ſeyn, darin ſich eine eigene Niederlaſſung zu gründen. In der kleinen Gemäldeſammlung des Großherzogs be— merkte ich neben ſchönen Cabinetsſtücken ein ausgezeichnetes Bildniß von Georg Pentz, der mehr, als irgend ein anderer deutſcher Maler, den Geiſt der raphaeliſchen Schule ſich an— geeignet hatte. Bey Durlach und weiterhin auf dem Wege nach Heidel⸗ berg ſieht man an einzelnen Stellen Bewäſſerungsanſtalten. So läuft bey dem Dorfe Bingelheim längs der Straße ein Zuflußgraben, aus welchem das Waſſer über das unterliegende, ſehr abſchüſſige Grasland ſich verbreitet. In der Nähe von Heidelberg, bey Wißlach, iſt ein Bach oberhalb in einen Canal abgeleitet, in welchem kleinere Schleuſengeſtelle von Abſtand zu Abſtand angebracht ſind. Vom Zuflußgraben bis zum Bette des unten fließenden Baches war der Wieſenboden ſanft ab⸗ ſchuſſig und hatte man ihn ſichtlich ein wenig geebnet. Allein von Beeten und hochlaufenden Zuflußgräben zeigte ſich keine Spur; alſo auch hier mehr Ueberſchwemmung, als Berieſelung. Nach heidelbergiſchen Meldungen ſchlichtet der Oberamtmann zu Schwetzingen vorkommende Streitigkeiten der Berechtigten, 26² oder ſetzt ihnen die Zeit und Art feſt, in welcher ſie das Waſſer benutzen und anwenden duürfen. Vielleicht entſpringt ſeine Autorität aus den Bedürfniſſen der Waſſerwerke im ſchwetzinger Schloßgarten. Am linken Rheinufer ſind die Bewäſſerungen von älterer Abkunft und in lombardiſcher Weiſe viel ausgedehnter, reichen ſie bis in das limburgiſche, wo der berühmte Käſe dieſes Kamens auf einer höchſt ausgebildeten Bewäſſerungscultur durchaus beruht, und bis in Belgien, wo dieſem Gegenſtande ſchon in früher Zeit viel Beachtung iſt zugewendet worden. Am rechten indeß nehmen die Wieſenbewäſſerungen von Heidel— berg nordwärts zwar nicht durchaus ein Ende, gehen jedoch mehr und mehr zur ſchlichten Flächenüberſchwemmung über. »Von den unzähligen Bächen und Rinnſalen, ſchrieb mir der treffliche Oberbaudirector Georg Moller zu Darmſtadt, welche von unſeren Höhen dem Rheine zugehn, ſollte nicht ein Tropfen dieſen Strom erreichen; und könnten in unſerem Lande Millio— nen durch eine planmäßige Benutzung dieſer kleinen Gewäſſer erworben werden.« Allein eben das darmſtädtiſche, deſſen ausgedehnte Sandbezirke allein durch Berieſelung von äußer— ſter Unfruchtbarkeit zu dem höchſt möglichen Ertrage geſteigert werden könnten, ſcheint bisher weniger, als die nächſt an— grenzenden Länder auf dieſen Gewinn Bedacht zu nehmen. In Frankfurt am Mayn ward, obwohl nur im Fluge, die entſtehende Kunſtſammlung des Städelſchen Inſtituts be— ſehn. Die Gypſe ſind ausgewählt und wohl aufgeſtellt, in der Gallerie ſehr brave holländiſche Bilder; unter den italie— niſchen aber war ein Moretto von mittler Güte mir eine will— kommene Begegnung. Unter den neueren Werken nimmt das ausgedehnte, trefflich gedachte und wohl ausgeführte Mauer— gemälde die erſte Stelle ein, welches die Städelſche Stiftung Herrn Philipp Veit, dem gegenwärtigen Director der Anſtalt, terer ichen ieſes lltur ande den. del⸗ doch über. der elche pfen llio⸗ ſer ſſen jer⸗ ert an⸗ uge, be⸗ „in alie⸗ will⸗ das auer⸗ fung alt . 263 ganz neuerlich aufgetragen hat. Bey dieſem werthen Kunſt⸗ freunde ward der Abend des einzigen Tages, den ich erübrigen konnte, auf das angenehmſte hingebracht. Schon in Lucern war ich durch einen ſächſiſchen Reiſen⸗ den, Herrn Grafen Vizthum, lebhaft an die ruhmwürdigen Bemühungen des Baron Senfft⸗Pilſach auf Gramenz in Pom⸗ mern erinnert worden, der bekanntlich der Wieſenbewäſſerung auf ſeinen Gütern großen Fleiß zuwendet und durch Beyſpiel und Lehre ſeinem Vaterlande bereits große Vortheile zugewendet hat. Ich erbat mir daher von dem preußiſchen Geſandten, Herrn von Radowitz, eine Empfehlung an dieſen hochverdienten Mann.— Herr von Radowitz zeigte mir einen ſchönen Chriſtuskopf von Franceſco Francia, deſſen zarte Ausführung mit den Gemäl⸗ den des Francia zu Lucca, in S. Frediano und im herzoglichen Schloſſe, genau übereinſtimmt, alſo in die letzte Epoche dieſes großen Kuͤnſtlers einfallen dürfte. In der Gegend von Darmſtadt wurden Heeresübungen vorbereitet, was in der Hauptſtadt, wie auf dem Wege nach Frankfurt und von dort bis Gießen viele Truppenabtheilungen und Tranſporte von einberufenen Soldaten an mir vorbey— führte. Mit größtem Vergnügen ſah ich durch die freye, doch feſte Haltung dieſer zahlreichen Jugend, ein geſundes, kräftiges und reines Naturell hervorblicken, das von dem Menſchen⸗ ſchlage der heſſiſchen Länder mir die beſte Meinung erweckte. Ein beſonnenes, ruhiges, ernſtes Weſen war bis gen Caſſel überall, wo ich anhielt, oder im Vorüberfahren zum ſehen Ge— legenheit fand, der vorwaltende Charakter dieſes biedern Vol— kes, das verſchiedentlich große Beharrlichkeit beym Guten be— währt und in allen Verhältniſſen ſeine Ehre behauptet hat. In der Gegend von Butzbach und Gießen bemerkte ich eine eigene Art, die Garben im Felde aufzuſtellen. Eine in der Mitte, acht umher, und die zehnte als Regendach umge⸗ 264 kehrt über die erſten ausgebreitet. Man ſagte mir, daß in dieſer Anordnung ſie nicht ſelten zwey Monate lang hauſſen ſtehen bleiben, ungefährdet von den Ungleichheiten der Witterung. Jenſeit des maleriſchen Marburg, bey der landgräflichen Domäne Schönſtädt, nach einem guten Plane berieſelte Wieſen. Man wird in dieſer Gegend von den berieſelten Wieſen drey Schnitte nehmen, denn es hatte das hohe Gras am vierten September noch keine Blüthe angeſetzt, war demnach voraus⸗ ſetzlich ſchon zwey Male gemäht worden.— Auch bey Caſſel hat die ausgedehnte Ebene längs der Fulda bewäſſerte Wieſen. Doch ſcheint der Boden nicht ſorgfältig eingeebnet zu ſeyn, und gewiß liegen die Zuleitungsgräben durchhin zu tief. Auch an der Leine, jenſeit Göttingen, giebt es nach deut— ſcher Weiſe angeordnete Wieſenbewäſſerungen. Bey Ganders⸗ heim, wenn die Erinnerung mich nicht täuſcht, haben ſie theils eine weitere Ausdehnung, theils auch mehr kunſtgemäße Aus⸗ bildung. Indeß begegnete ich ſeit Freyburg im luͤneburgiſchen zuerſt wiederum einer, nach lombardiſcher Weiſe beſchafften Vorbereitung des Bodens, über deren Entſtehung und Fort— gang in ganz neuer Zeit ich mittheilen will, was bisher dar— über aufzuraffen mir gelungen iſt. Ich geſtehe, daß eine Unterredung auf dem Poſthofe zu Eſchede, der, nach Art des Landes anmuthig von uralten Eichen umpflanzt, jeden Reiſenden, gleich mir, anlocken wird, darin ein wenig umherzugehn, von den lüneburgiſchen Berieſelungen die allererſte Kunde mir zugeführt hat. Denn, indem ich bey dem niederen, dort verſammelten Perſonale der Poſthalterey nach der Herkunft eines Mergelhaufens mich erkundigte, wel— cher aus microscopiſchen Schaalthieren, oder aus deren zer⸗ fallenen Körpern mir zu beſtehen ſchien, fand ich ſo viel rege Theilnahme, Klarheit, Dienſtbereitwilligkeit bey dieſen treff— lichen Leuten, daß auch nach anderen Angelegenheiten dortiger S t u ſtͤen ung. füchen gieſen. drey ſierten raus⸗ Laſſel jeſen. ſeyn, deut⸗ nders⸗ theils Aus⸗ iſchen afften Fort⸗ dar⸗ e zu ichen darin ungen h bey lterey wel⸗ 1 zer⸗ lrege tref⸗ tiiger — 265 Betriebſamkeit ich zu fragen begann, und von Hand zu Hand zur Wieſenbewäſſerung gelangte. Unglaublich belebte die Er— wähnung dieſes Gegenſtandes, der ſehr populär zu ſeyn ſchien, die Augen, Mienen und Geſticulationen jener wackeren Leute. Der eine nahm alsbald meinen Stab, um damit auf dem Sande den Lauf des maestro, die abhängigen Seitenwände des ſanft erhöheten Beetes, kurz alle Eigenthümlichkeiten der orientaliſch-lombardiſchen Vorrichtungen zur Feld und Wieſen⸗ bewäſſerung auf das genaueſte mir vorzuzeichnen. Als nun zum hiſtoriſchen ich überging, ward mit gleicher Lebhaftigkeit gemeldet: in Suderburg und in Herſering am Bodenteiche wohnen die weitberühmten»Wiſchenmakers«, die gegen an— ſehnlichen Lohn weithin berufen werden, den Boden für das Erforderniß der Berieſelung einzurichten. Als Hauptperſonen wurden, Licht, in Suderburg, Eggers, in der Gegend dieſes Ortes, mir genannt, deren einer gegenwärtig nach Pohlen, der andere nach Oſtfriesland ſey berufen worden.— Auf dem Wege von Eſchede nach Ebsdorf ward angehalten, um eine ausgedehnte Fläche in Augenſchein zu nehmen, welche im Laufe dieſes Jahres zur Berieſelung war neu vorbereitet worden. Der magerſte Haidboden, etwas harzige ſchwarze Erde und viel weiſſer Quarzſand. Und dennoch iſt der künftige Erfolg dieſer Anlage durch die vorangegangenen Erfahrungen völlig ſicher geſtellt. Ein ſpäter eingelaufener Bericht des Poſtverwalters zu Eſchede, Herrn Lichtenbergs, enthält folgendes nähere: »Seit unvordenklichen Zeiten, ſchreibt derſelbe, ſind bey Suderburg die Schwemmwieſen in Gebrauch, waren jedoch von mangelhafter Einrichtung, weßhalb denn weder ſo gutes und vieles Gras erzeugt wurde, als gegenwärtig, noch das Waſſer gehörig benutzt werden konnte. Erſt vor etwa dreißig Jahren machte ein dortiger Verfertiger von hölzernen Tobacks⸗ — „ Sh, . ——— 8— 1 266 pfeifenköpfen, Namens Hillmer, den Verſuch, mit Huͤlfe einer Waſſerwage den Feldern ein gleichmäßiges Gefälle zu geben, das Waſſer wiederaufzufangen und dergeſtalt es öfter zu be— nutzen. Er machte die Felder ſchmaler und gab ihnen ein ſtärkeres Gefälle; fing ſchon im Herbſte an, dieſe Wieſen zu bewäſſern und fuhr damit fort, ſo lang die Strömung des Waſſers dem gefrieren widerſtand. Der erſte Verſuch wurde mit einer Wieſe des dortigen Amtsvoigts Helmrich gemacht, welcher ſeit der Zeit zur Verbreitung dieſer verbeſſerten Ein— richtung mitwirkte. Der oben genannte Hillmer iſt jetzt Steuer⸗ einnehmer in Suderburg, befaßt ſich aber noch fortwährend mit dieſem Geſchäft. Die Größe derartiger Wieſenanlagen in der Nähe von Suderburg iſt ſchon ſehr beträchtlich, da ein über ſtundenlanges Thal ſo eingerichtet iſt. Doch vermag ich den wahren Flächeninhalt derſelben nicht anzugeben.« Von einer anderen Seite ſind über denſelben Gegenſtand mir noch vollſtändigere Benachrichtigungen zugefloſſen.»Die vortrefflichen, den italieniſchen Winterwieſen ganz entſprechen⸗ den Bewäſſerungswieſen unſerer Gegend, heißt es darin, ſind nicht vermittelſt der Leitung eines Beamten hieſiger Gegend entſtanden, ſondern hier und da in einigen lüneburgiſchen Aemtern einzeln unlängſt ſchon früher vorhanden geweſen, in— dem die Noth— der Mangel an natürlichen Wieſen— auch hier die Mutter der Erfindung war. Doch waren dieſe erſten Anfänge bey weitem nicht das, ſo weiterhin daraus geworden iſt. Eine von der Königl. Landwirthſchaftsgeſellſchaft in Celle gekrönte Preisſchrift des Commiſſär J. F. Meyer, herausge⸗ geben von Thaer(in deſſen Annalen der niederſächſiſchen Land⸗ wirthſchaft derſ. Aufſatz ſchon fruͤher war abgedruckt worden) hat wohl vornehmlich zur nachmaligen hohen Ausbildung dieſes Culturzweiges die Veranlaſſung gegeben. Ihr Titel iſt dieſer: Ueber die Anlage der Schwemmwieſen im Lünebur⸗ une ee, u be⸗ n ein en zu des purde naht, Ein⸗ euer⸗ drend en in a ein ag ich 267 giſchen und der Wieſenbewäſſerung uͤberhaupt, mit fünf Kupfertafeln. Celle, bey G. E. F. Schulze d. jün⸗ geren. 1800. Indeß hatte der, vor einigen Jahren verſtorbene Amts— voigt Helmrich zu Suderburg um die Förderung dieſer Ange— legenheit das größte practiſche Verdienſt, indem er einen tüch— tigen Arbeitsmann, Hillmer zu Suderburg, der Luſt zur Sache hatte, unterrichtete und unterſtützte, und dieſer wiederum ſeine Söhne und einige vierzig andere anlehrte, um Wieſen dieſer Art zu ſchaffen und als Vorſteher dabey gebraucht zu werden. So ſind denn nicht nur im Lüneburgiſchen viele tauſend Fuder Heu ſeitdem neugewonnen, ſondern auch dieſe Wieſenculturen durch jene dazu nach Schweden, Mecklenburg, Preußen und Pommern berufenen Arbeiter auch in dieſen Ländern bereits zur Ausführung gekommen. Die allerneueſten Wieſenanlagen, zu Böddenſtedt, Hamers⸗ dorf, Bahnſen, ſind indeß, zwar, mit Hülfe Helmrichs und Hillmers, der Väter, doch unter Oberaufſicht des Landesöko— nomieconductor, Herrn Ludewig zu Uelzen, angelegt worden. Sie ſind das vollkommenſte, das in dieſer Art bis jetzt hier zu Stand gekommen iſt. Der landwirthſchaftliche Provincialverein hat daher Herrn Ludewig vermocht, eine genaue und ausführ— liche Beſchreibung dieſer Wieſenanlagen, mit beygefügten Ta— feln, auszuarbeiten, welche eheſtens in der Zeitſchrift des Ver— eins erſcheinen wird.« Wie denn hier bereits ein Mittelpunct ſich gebildet hat, von welchem aus die Kunſt der Bewäſſerung ſich mehr und mehr ausbreitet, ſo zeigt ſich ähnliches auch an anderen Puncten des nördlichen Deutſchlands. In Jüterbock z. B. vernahm ich, auf dem Wege von Berlin nach Dresden: es habe ein Guts— beſitzer(ich glaubte zu verſtehen, des genannten Bezirkes) an achthundert Morgen des incohärenteſten Sandlandes durch Be⸗ 268 wäſſerung in üppige Wieſen verwandelt. Doch könnte mein Zeuge, ein königlicher Domänenpächter, den Baron Senfft⸗ Pilſach gemeint haben, deſſen Wirkſamkeit in Preußen ſehr be— kannt iſt. Ferner hörte ich in Lucern von Herrn Grafen Viz⸗ thum: daß im ſächſiſchen Erzgebürge dieſe Art der Wieſenver⸗ beſſerung große Fortſchritte mache. Daß auch im benachbarten Böhmen ſie Aufmerkſamkeit erregt habe, ſchließe ich aus dem Verlagsorte des neuerſchienenen Werkes des Dr. M. von Len⸗ gerke, Anleitung zum practiſchen Wieſenbau, Prag, 1836. Unter den ſpeciellen Benachrichtigungen, welche verſchie— dene Gönner im Verlaufe dieſer Arbeit mir haben zufließen laſſen, iſt unſtreitig die nachſtehende des Freyherrn Senfft— Pilſach auf Gramenz in Pommern die erheblichſte. Ich hoffe, nicht gegen Pflicht, noch Anſtand zu verſtoßen, indem ich ſolche faſt in den Worten des hochverehrten Berichtgebers hier auf— nehme. »Als ich, ſagt derſelbe, im Jahre 1822 Landwirth wurde, und namentlich das Gut Rothenow bey Greiffenberg in Pom— mern kaufte, ſtieg mir bald der Gedanke auf, dem in unſeren Gegenden beſonders nachtheiligen Mangel an Futter auf dem Wege der Bewäſſerung abzuhelfen. Ich blickte dabey zunächſt auf die Reſultate, welche in cultivirteren Gegenden zum Theil ſchon ſeit vielen Jahrhunderten durch Ueberrieſelung erzielt worden waren, und wenn gleich mir von Seiten erfahrener Landwirthe entgegnet wurde, daß bey uns Waſſer, Boden und Clima, die Bewäſſerungen erfolglos mache, ſo entnahm ich doch aus der Befruchtung, welche faſt jeder Fluß, oder Bach, im Bereich der Ausdehnung ſeiner Ueberſchwemmungen, durch dieſe gewährte, den Beweis, daß jene Beſorgniſſe ungegründet ſeyen. Indeß vergingen einige Jahre, bis ich, im Wege eines mit einer Reihe von Nachbarn zuvor abzuſchließenden gütlichen 269 Abkommens, die freye Dispoſition über den Grenzbach erhielt, durch welchen ich die dortige Ueberrieſelung auszuführen beab⸗ ſichtete; und erſt im J. 1827 konnte dieſe beginnen. In Ro⸗ thenow beſteht die meliorirte Fläche aus ſchlechtem Torfboden, dazu iſt das Waſſer unfruchtbar und reicht nur bis in die erſte Hälfte des May's. Alſo konnten unter dieſen Umſtänden die dortigen Wieſen nur mittelmäßig werden. Gleichwohl belebten ſie den ganzen landwirthſchaftlichen Betrieb des Gutes, ſtei— gerten deſſen Ertrag bedeutend und gaben mir den Muth, das hieſige(zu Gramenz) ungleich größere, ſchwierigere, aber auch weit belohnendere Unternehmen auszuführen. Dieſes ward im Jahre 1831 begonnen, konnte aber erſt im Jahre 1834 gehörig angegriffen werden, weil ich mir zu⸗ vor durch die Regulirung mit den hieſigen Bauern die unein⸗ geſchränkte Dispoſition über die betreffenden Flächen verſchaffen mußte*). Gegenwärtig erſtreckt ſich die hieſige Bewäſſerung über 1700 Morgen Preußiſch. Dieſe Fläche enthält viel wellen— förmigen Boden mit zum Theil ſteilen Abdachungen, allein auch Sümpfe, die faſt alles Gefälles ermangeln. Einige Wieſen haben Dammerde, andere Torf, andere Lehmboden, und noch andere Sand. Alle dieſe Wieſen kommen, in ſo weit ſie voll— endet ſind, dahin überein, daß ſie geſundes, nahrhaftes und reichliches Futter gewähren. Am vortheilhafteſten zeichnen ſich aber die Sandwieſen aus; und elende Hügel, die man früher fuͤr ganz unbrauchbar gehalten hatte, ſind jetzt üppige Wieſen. Sie abſorbiren indeß ungleich mehr Waſſer, als alle anderen Bodenarten, und nur, wo dieſes in hinreichender Menge ge— währt werden kann, ſind ſie empfehlenswerth, weil im ent— gegengeſetzten Falle der Raſen in der dürren Jahreszeit verdorrt. *) Ein belehrendes Beyſpiel desjenigen wohlthätigen Reſultats jener großartigen Regierungsmaßregel, welches allein daraus hervorgehn konnte.. —. ——— ——-— — — —— —— —————-— —— 270 Zu Schöpfrädern meine Zuflucht zu nehmen, war unndͤ⸗ thig, indem ich durch eine Canalleitung von ungefähr zwey Meilen Länge, das Waſſer mittelſt ſeines natürlichen Gefälles den betreffenden Flächen habe zuführen können. Allein, da in trockenen Sommern ich an Waſſer Mangel leiden würde, habe ich einen hoch gelegenen Bach zugleich ſo geleitet, daß er zwey von mir angelegte Behälter im Winter ſpeiſen muß. Von dieſen hat das eine zwölf Fuß Tiefe und 118 Morgen Fläche; das andere bey 13 ½ Fuß Tiefe eine Ausdehnung von 152 Morgen. Beyde ſollen noch um 2 Fuß höher angeſpannt werden, haben jedoch ſchon bey vorgedachter Tiefe große Dienſte geleiſtet. Sie waren übrigens durch die Natur vor— gebildet, ſo daß ich kaum acht Procent der Peripherie zu ver⸗ wallen hatte. Gleichwohl haben dieſe Dämme mit den Schleu— ſenbauten große Koſten veranlaßt. In ſpäterer Zeit beabſich— tige ich dieſe Baſſins nur alternativ mit Waſſer zu füllen, und ſie zugleich in Teichwirthſchaft zu benutzen. 1 Die zu berieſelnden Flächen laſſe ich nur in ſo weit ebe— nen, als erforderlich iſt, um ſie mähen zu können. Die übrigen Unebenheiten bleiben; der Wieſenmeiſter hat ein jedes Terrain ſo mit Rinnen zu verſehen, daß auch den unebenſten Theilen das Waſſer zugeführt und eben ſo raſch wiederum davon ent⸗ fernt werden kann.— Eine Zubereitung des Bodens auf lom— bardiſche Weiſe würde für unſere Verhältniſſe*) viel zu koſtbar ſeyn. Nur ganz im kleinen habe ich mir dieſen Luxus erlaubt. Das Geſchäft eines Wieſenmeiſters iſt übrigens ſchwierig, und die meinigen habe ich mit vieler Muühe durch eine Reihe von Jahren gebildet, ſo daß einem derſelben von Eſthland her *) In der lüneburgiſchen Haide indeß, wo die Verhältniſſe nicht we— ſentlich von den pommeriſchen verſchieden ſeyn dürften, geſchieht es mit Vortheil. S. oben. ent⸗ lom⸗ viel dieſen ierig, Reihe id her icht we⸗ eſcheht 271 ein Jahrgehalt von 1000 Rthlr. iſt angeboten worden. Gegen wärtig gehe ich damit um, zu dieſem Zwecke ein Inſtitut an⸗ zulegen, über welches die Beylage das nähere ergiebt; und habe ich derſelben nur die Bemerkung beyzufügen: daß bereits zur Eröffnung dieſes Inſtituts eine mehr als hinreichende Zahl von Subſcribenten ſich gefunden hat, ſo daß ſolches am erſten März künftigen Jahres, ſo Gott will, ins Leben treten ſoll. Die Qualität des Waſſers iſt ſehr verſchieden. Gleich⸗ wohl macht auch das ſchlechteſte Waſſer, wenn es nur quan⸗ titativ ausreicht, ſtets die größte Wirkung. Das beſte Waſſer iſt dasjenige, welches viel Humustheile mit ſich führt, oder mit Kalk geſchwängert iſt. Allein ſelbſt reines Quellwaſſer wirkt ſehr wohlthätig, wenn es viel kohlenſaures Gas enthält. Je kälter*) übrigens das Waſſer iſt, um ſo erfolgreicher wird ſeine Benutzung. Die Bewäſſerung wirkt ſehr verſchieden; düngende oder kalkäre Theile zuführend; poröſen Boden conſolidirend, durch Hinzuführung von Sand und Erde, oder durch Compreſſion. Allein auch durch ſein kohlenſaures Gas belebt das Waſſer die Vegetation; und unter allen Umſtänden befeuchtet es. Natur⸗ gemäß können dieſe letzten Elemente der Befruchtung nur im Sommer in Thätigkeit kommen, die übrigen aber ſind eben dann am wirkſamſten, wann die größten Waſſermaſſen zur Hand ſind, folglich im Herbſt und Frühjahr, da ſtarke Regen— güſſe die Aecker ihres Düngers berauben. Hier wird das ganze Jahr hindurch täglich gerieſelt, mit Ausnahme der Unterbrechungen, welche der Froſt gebietet.« Obwohl in Beantwortung meiner allgemein geſtellten Fra⸗ gen ſchnell und flüchtig in einem Briefe hingeworfen, erfüllet *) Hier weicht mein Berichtgeber von den Anſichten und Erfahrungen der Lombarden, Schweizer und anderer Irrigatoren auffallend ab, möchte daher ſeine Beobachtung durch beſondere Nebenumſtände veranlaßt, oder auch nur Schreibfehler ſeyn. —õ—— — — — öD“ 272 dieſer klare Bericht immerhin alle billige Wünſche. Wir ſehen darin aus kleinen Anfängen große Dinge entſtehen und, was 9 mir wichtig ſcheint, eine Bewäſſerungskunſt ſich entwickeln, welche dem Bedürfniß ihre Entſtehung und der Berückſichtigung — aller örtlichen Verhältniſſe ihre Fortbildung verdankt. Doch geſtatte ich mir den folgenden Einwurf. Wenn das erreich— bare Product auf der einen, der Markt auf der anderen, der Arbeitspreis auf der dritten Seite in Pommern die ſauberen lombardiſchen Wieſenbeete ausſchließen ſollte, wie Herr von Senfft⸗Pilſach anzudeuten ſcheint; ſo möchte doch, durch hin und herleiten des Waſſers, auf abhängigen und welligen Grün— den der Vortheil jener Beete mit geringeren Koſten großen— theils erreicht werden können. In der Lombardey entſpringen die regelmäßigen Geſtaltungen des Wieſenbodens weniger aus einem unerläßlichen Bedürfniß, mehr aus der ebenen, ſanft abhängigen Bildung des größeren Theiles der bewäſſerten Grundſtücke. An den wenigen Stellen, an welchen der Boden wellig und ſtark abhängig iſt, erreicht man, dieſer Unregel— maßigkeit ſich anſchließend, beynahe gleiche Erfolge; wovon oben bey dem Haupthofe des Gutes Ticengo im cremoneſiſchen ein Beyſpiel in Erwähnung kam. Doch vielleicht nähern ſich demſelben jene Arbeiten des Wieſenmeiſters zu Gramenz, deren Plan und Richtung in dem mitgetheilten brieflichen Berichte unerörtert geblieben ſind. Wir hätten demnach eine Reihe älterer Bewäſſerungen, welche zum Theil bis ins zwölfte Jahrhundert aufwärts reichen, in der Schweiz, zu beiden Seiten des Oberrheins, im limbur— giſchen, in Belgien*), bey Erfurt**). Wir *) S. Salle de l'Etang(M. de la), Prairies artificielles. Bruxelles — 1758, in 120. **) S. kurtzgefaßte hiſtor. Nachricht von denen bey der Thüringiſchen Hauptſtadt Erfurt gelegenen ſogenannten dreyen Brunnen, deren 273 r ſche Wir hätten eine Reihe neu entſtandener und fort entſte⸗ d, ns hender, im Tyrol, im ſächſiſchen Erzgebürge, im lüneburgiſchen, nmüt in Pommern, mit deren ſchon unzähligen Affiliationen. ſſin Hingegen fehlt uns ein durchgebildetes Waſſerrecht, eine t. dot Methode der Waſſermeſſung), eine vollſtändige Kenntniß des zerrech⸗ Gefälles der Fluͤſſe, Bäche und regelloſen Waſſerzuläufe, in eren, der ihrem Verhältniß zu den Ländereyen, welche im Fortgang der ſaubetn Zeit unfehlbar ſie in Anſpruch nehmen werden. Beiden Be⸗ Herr von dürfniſſen können nur die öffentlichen Behörden abhelfen, die durch hin nicht ſäumen werden, der großartigſten Eroberung zu Huͤlfe gen Gruͤn⸗ en großen⸗ Beſchaffenheit, Cultur, Nutzen, und dahineinſchlagenden Rech⸗ . ten u. ſ. w. von Chriſtian Reinhardt. Erfurt 1745. 8. 144 S.— etſpringen Von dieſem ſeltenen Buche, welches der verehrl. Magiſtrat zu Er⸗ eniger ald furt mir zur Anſicht gefälligſt mitgetheilt hat, möge man jedoch nicht zu viel ſich verſprechen. Die dortige Irrigation iſt überhaupt en, ſauft 1 3 nen, ſti nur eine beſchränkte, von Gemuſe und Obſtgärten, beſonders von gewäſerten verſenkten Brunnenkreßbeeten(John, Gieß, oder Brunnenkreb⸗ der Boden Klingern). Allein bemerkenswerth iſt die auch hier ſich bewährende Kraft des Waſſers, S. 12. f.:—„werden in dieſer Gegend des t Uuregel Dreyen Brunnen vorjetzo die allerſchönſten und frühzeitigen ſe; wöovon Gartenfrüchte gezeuget; wie denn Weißkraut, Mörſing, Artiſchocken, . mehrentheils ſchon im Mittel des Maymonats zu bekommen noueſſche ſind;—.“ Das rechtliche, vielmehr polizeyliche(S. 22. ff.) iſt von rähern ſch geringer Bedeutung, trifft indeß mit einzelnen Verfügungen der lombardiſchen Stadtgeſetze wohl überein. Merkwuͤrdig, daß zwey vorſtädtiſche Gemeinden und das Karthäuſerkloſter im Beſitze dieſer mLerictte Bewäſſerungszuflüſſe; daß eine Art Waſſermeſſung Lorkommt(S. 26.—„und das Waſſer durch eine ſonderbare darzu gelegte Röhre, dreyer Finger weit— aus ihrem Fluß des Dreyen Brunnens nenz deren ſerungen, darein führen mögen“ d. i. die Karthäuſer in ihren Garten).— t reihen, An älteren Urkunden ſcheint es zu fehlen; allein nach einer freylich ge, noch bedenklichen Inſchrift ſcheint der eine Brunnen ſchon im Jahre Ilunbur 1232 ausgemauert zu ſeyn, was die Vermuthung erweckt, daß die Gir erſte Einrichtung auch dieſer kleinen Bewäſſerungsanſtalt jenen am Oberrhein gleichzeitig ſeyn dürfe. ruweles*) Die inalieniſchen Schriftſteller über die Bewegung des Waſſers und die beſte Weiſe, daſſelbe zu meſſen, ſind wiederholt in einem eige⸗ nen corpus zuſammengeſtellt und gedruckt worden, zu Florenz, zu Parma, bey Carmignani, und zuletzt in Bologna, bey Cardinali. (18) viniſten , deren —————— — — yy ———..— — 274 zu kommen, welche die Kunſt des Ackerbau's nunmehr auch im Norden zu machen ſich anſchickt. Unter den deutſchen Ländern, die einen großen Theil ihrer kuͤnftigen Proſperität der Bewäſſerungscultur verdanken wer⸗ den, haben einige bereits ſie mit größter Lebhaftigkeit in An— wendung gebracht. Andere, die noch zu zögern ſcheinen, werden nicht lang mehr anſtehn, dem Beyſpiel ihrer Nachbarn zu folgen. Erwägen wir, abgeſehn von den fruchtbaren Ländereyen, deren Ertrag durch Bewäſſerung nur erhöht, nicht eigentlich ganz von neuem hergeſtellt werden kann, die große Ausdehnung von durchaus unfruchtbaren Ländereyen, welche in Deutſchland durch Bewäſſerung zum höchſten landwirthſchaftlichen Ertrage könnten erhoben werden, ſo werden wir nicht anſtehn, einzu— räumen, daß nicht leicht ein adminiſtrativer Gegenſtand mehr, als dieſer verdient, von den Behörden beachtet zu werden. Beginnen wir mit dem Kiesboden der Hochebene Ober— baierns und mit den gleichartig gebildeten Theilen Schwabens und Oberöſterreichs. Jedem, der nur oberflächlich mit dieſen Landſtrichen bekannt iſt, wird die große Leichtigkeit auffallen, die Bergſtröme, welche ſie durchſchneiden, an ihrem oberen Laufe in Canäle abzuleiten, und vermöge dieſer in großer Aus— dehnung über die unterwärts belegenen Ebenen zu vertheilen. Ein Blick auf die Canäle, welche ſeit einem Jahrhundert die Waſſerwerke von Nymphenburg und Schleißheim ſpeiſen und im abfließen bereits zu Bewäſſerungen verwendet werden koͤnn⸗ ten, zeigt ſowohl die Ausführbarkeit, als auch die Art, wie ſolche Unternehmungen anzuſtellen ſind. Das weite ſandige Becken des inneren Frankens iſt we— niger reichlich mit fließendem Waſſer verſehen; doch würden Teiche, gleich denen Senfft⸗Pilſachs und gleich jenen unzähligen Tanks in Indien, die winterlichen Waſſer an vielen Stellen für den Sommergebrauch bewahren köonnen. — ar duch i Theil ihre anken wer⸗ keit in A⸗ den, verden zu folgen. anderehen deigentlic lusdehnung Deuiſchland cen Errage iſehn, einn⸗ enſtand walt u werden. chebene Dber⸗ en Schwabens lich widiſer geit affelen ihren dbern .„ iu gri i⸗ zx wrbole abrhundet de m ſpeiſer u t werden li⸗ die Ar, ni rankens it we punden Bdoch 1 enen unthli wielen Stcle 275 Einige ſandige Bezirke laängs des Rheines und Maynes, bey Carlsruhe, Darmſtadt, Aſchaffenburg, Hanau, ſtehen mit jenen fränkiſchen in ähnlichen Verhältniſſen. Man würde auch dort Reſervoirs anlegen ſollen. Das Elbthal von Dresden abwärts iſt ebenfalls voll von Verſandungen, denen häufig ohne viel Aufwand Bewäſſerungs⸗ gräben zugeführt werden könnten. Weiter nordwärts durch Niederſchleſien, die Lauſitz, das Herzogthum Sachſen, die Marken, Lüneburg, und überall in der ganzen Ausdehnung der angeſchwemmten deutſchen Länder, von Flandern bis an die Weichſel, iſt der Flächeninhalt der ganz unfruchtbaren Bezirke, Gegenden und Strecken, zwar bisher nie aufzunehmen verſucht worden, doch ſichtlich unge— mein groß. Auf einige Hundert deutſche Quadratmeilen ſie anzuſchlagen, möchte wahrſcheinlicher unter, als über dem wahren Belang ſeyn. Denken wir uns nun von dieſen nur die Hälfte in, theils gute, theils ſelbſt vortreffliche Wieſen verwandelt, dieſe wiederum tief in die, mit ihnen verflochtenen Landwirthſchaften eingreifend, ſie tragend und hebend; ſo wird die unermeßliche, innerhalb der nächſten Decennien den deut⸗ ſchen Landen bevorſtehende Eroberung uns zur Anſchauung kom— men, die, ſcheint es mir, jeden Wohlgeſinnten mit freudiger Erwartung erfüllen ſollte. Das alles wird auch ohne Mitwirkung der Regenten und Staatsbehörden im einzelnen und kleinen geſchehen und in Er— füllung kommen. Die Aufmerkſamkeit iſt nun einmal auf dieſen Punkt hin gelenkt, nicht bloß durch Schriftſteller, nein, viel erwecklicher durch erfolgreiche Beyſpiele. Allein, da Waſſer⸗ leitungen aus weiter Ferne im allgemeinen über die Krafte von bloßen Privatleuten, ſelbſt über die Kräfte von Aſſocia— tionen hinausliegen; weii dieſe, vielleicht die Geldmittel, doch gewiß fur ſich ſelbſt der nöͤthigen Berechtigungen und Rechts⸗ — ——ꝛ——— ——— 276 hülfen entbehren, ſo wird die Bewäſſerungscultur unter uns niemals jene Verbreitung, jenen großartigen Zuſammenhang erlangen können, welche im Orient alte und neuere Reiche, in Europa und in der Gegenwart die Lombardey und Südſpa— nien darlegen, als nachdem Regenten und Staatsbehörden dieſer Angelegenheit ſich ernſtlich werden angenommen haben. Feſtſtellung liegt ihnen ob, wiederhole ich, des Gefälles der wichtigſten Stromläufe, Feſtſtellung der Rechtsverhältniſſe, der einzelnen Bewäſſerungswirthe ſowohl unter ſich, als zum Staate. Das techniſche aber dieſer Cultur wird nunmehr ſchon ohne Nachhülfe und viel ſchneller ſich ausbreiten, als in dieſer Beziehung die Forderungen der einzelnen an den Staat moͤch⸗ ten erledigt werden können. Die hiſtoriſchen Belege, auf welche ich wiederholt mich bezogen habe, ſollen für ſich gedruckt und beſonders ausge— geben werden. Lübeck, gedruckt bei H. G. Rahtgens. n. A I. 3 4 3 nere he un Jommen H Gefälen erhaltnſtn ich, J m nunmat ſcan „als in dii 1 Stant uich ꝛderholt mich ders albhe⸗ beck 1838. Lu⸗ — — — — — 2 ‿ — — 8 —2 — & 2 — ' G” A 1 4₰ 45 1 12 1 '.' — 8 1 1 5 ” G 92 6 1an at ſetalatefalale aleſlel ſ 1Kaan aann Raſaenagaakaagngannegenaanaaeg 3 5 6 7 8 9 10 11 12 13. 1. Oem 1 2 6 8 —— Golour& Grey Control Chart 352, Blue CQyan Green Vellow Hed Magenta Wuite Grey 1— Grey 2. 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