über die am 22 ſten Januar 1843 in der Aula der Königlichen Thierarzneiſchule zu Berlin ſtattge⸗ fundene Verſammlung von Landwirthen und Thierärzten behuſs Austauſches der Erfahrungen und Anſichten über die Anſteckungsfähigkeit und Gelegenheits-Urſachen Lungenſeuche des Rindviehes. Berlin 1843. Verlag von Veit und Comp. — — Vo 1. 2. 3. Inhalt. rwort.......... Verzeichniß der Theilnehmer der Verſammlung.... Sitzungs⸗Protocorll........... Beilagen: A. Proſpectus anzuſtellender Verſuche über die Anſteckungs⸗ Fähigkeit und die Gelegenheitsurſachen der Lungenſeuche des Rindviehes..... .Ueber Schlempefütterung und Lungenſeuche des Rind⸗ viehes. Vom Rittergutsbeſitzer Paalzow auf Kuͤtzkow „Beurtheilung der Lungenſeuche des Rindviehes u. ſ. w. in Gemäßheit der Aufforderung des Königl. Landes⸗ Oeconomie⸗Collegiums vom 7. Deembr. 1842. Vom Oberamtmann Wendler zu Rittergut Potsdam Ueber Lungen⸗Krankheit und Lungen⸗Seuche des Rind⸗ viehes. Vom Oberamtmann Lindſtedt zu Lichtenberg „Ueber die Anſteckungsfähigkeit der Lungenſeuche des Rindviehes. Vom Oberamtmann Engelbrecht zu Dahlheim(Reg. Bez. Minden). Ein von Sr. Excel⸗ lenz dem Hrn. Ober⸗Präſidenten von Vincke erforder⸗ ter Bericht. 67 80 Vorwort. Ueber Veranlaſſung und Zweck der Verſammlung, welche am 27. Januar in der großen Aula der Königlichen Thier⸗ arzneiſchule Statt gefunden, bedarf es hier keiner weiteren Auseinanderſetzung. Der in der Beilage A. abgedruckte Pro⸗ ſpectus und die in der Eröffnungsrede des Vorſitzenden ent⸗ haltenen Aeußerungen geben darüber hinlängliche Auskunft. Nur in Beziehung auf den folgenden Bericht iſt zu er— wähnen, daß derſelbe ſowohl nach den übereinſtimmenden No⸗ tizen der drei Protokollführer, als nach bewirkter Reviſion von Seiten des größeren Theiles derjenigen Anweſenden, die den meiſten Antheil an den Debatten genommen, iſt verfaßt worden. Die gehaltenen Reden ſelbſt ſind zum größten Theile nicht in voller Ausführlichkeit, ſondern nur ihrem weſent⸗ lichſten Inhalte nach wiedergegeben und Aeußerungen, die nur als Zwiſchenreden oder Wiederholungen des bereits Ge⸗ 4 ſagten betrachtet werden konnten, ganz übergangen. Doch glauben wir nicht, irgend Etwas ausgelaſſen zu haben, was auf die Erörterung der Fragen in directer Beziehung geſtan⸗ den hat. Außer den im Protokolle ſelbſt erwähnten drei ſchriftli⸗ chen Abhandlungen wird hier auch eine vierte als Beilage mit⸗ getheilt, welche das Landes⸗Oeconomie⸗Collegium der gütigen Mittheilung Sr. Excellenz des Herrn Ober-Präſidenten der Provinz Weſtphalen zu verdanken hat. 1. Verzeichniß der Theilnehmer der ſammlung. Ver⸗ 16 17 1 Namen. Stand. Wohnort. ————— Ackermann Oberamtmann Rotzis Albers, Dr. Geh. Medizinalrath Berlin Auguſtin, Dr Geh. Medizinalrath Potsdam Beckedorff, v., Dr. Geh. Ober⸗Regier.⸗ Rath Berlin. Becker Amtmann Wuſtrau. Beuther Amts⸗Aſſiſtent Amt Loehme. Beuther Oeconomie⸗Inſpektor desgl Blumnau Landwirth Berlin. Bode Oeconomie⸗Inſpector desgl. Bredow, v. Haupt⸗Ritterſchafts⸗ Schwanebeck(Weſt⸗ Director V Havelland). Bredow, v. Rittergutsbeſitzer Bredow. Chriſtiani Rittergutsbeſitzer Kerſtenbruch. Cochius Thierarzt Nauen. Cramer Landwirth Stettin. Daun Oeconom Schulzendorf. Dansmann Kreisſchulze Dyrotz. Delius Gr. Ammensleben. —— Nr. Namen. Stand. Wohnort. 18 Dieterichs Profeſſor Berlin. 19 Dieterici, Dr. Geh. Ober⸗Regier.⸗ Rath Berlin. 20 Dietrich Kreisthierarzt Calau. 21 Doenniges Geh. Regierungsrath Berlin. 22 Dommerich Domainenpächter Wolmirſtädt. 23 Droſedow, v. Rentier Berlin. 24 Eggert Amtmann N. N. 25 Erdmann, Dr. Profeſſor Berlin. 26 Freytag Amtsrath Wolmirſtädt. 27 Friederici Geh. Regierungsrath Berlin. 28 SFriedrich Kaufmann Rathenow. 29 Fuchs Departem.⸗Thierarzt Berlin. 30 Gurlt, Dr. Profeſſor Berlin. 31 Hamilton Lieutenant Königsberg in Oſt preußen. 32 Hannemann, v.. Berlin. 33 SHeinſch Amtmann Potsdam. 34 Henry Rittergutsbeſitzer Fredersdorf. 35 Hertwig, Dr. Profeſſor Berlin. 36 Hobe, v. Landrath Dyrotz⸗ 37 Hoffmeiſter Vorſteher der Lehr⸗ ſchmiede der Kngl. Thierarznei⸗Schule Berlin. 38 Huter, Dr. Kreis⸗Phyſicus Angermünde. 39 Kalckſtein, v. Volontair Guſow. 40 Kampmann Kreisthierarzt Landsberg a. W. 41 Kaskel Adminiſtrator Trampe. 42 Kautmann Thierarzt Angermünde. 43 Kette Geh. Regierungsrath Berlin. 44 Knüpffer Cand. phil. Reval. 45 Körner Gutsbeſitzer Rangsdorf. 46 Koppe Amtsratb Wollup. 47 Kröcher, v. Gutsbeſitzer Vortsbrügge. 48 Kühne Rittergutsbeſitzer Fahlhorſt bei Potsd 49 Kuers, Dr. Docent. Möglin. Nr. Namen. 50 Küſter 1 Kupſch 52 Lehnhardt 53 Lehnhardt II. 54 Lengerke, v., Dr. 55 Lindenberg 56 Lindſtedt 57 Lochow, F. v. 58 Luchan 59 Luckow 60 Lüdke 61 Luther 62 Lutter 63 Ockel 64 Palm 65 Petitjean 66 Piſtorius 67 Rabe 68 WRappard, v. 69 Reyne 70 Rüder 71 Samſon, Dr. 72 Sander 73 Schmidt, A. 74 Schmidt 75 Schmidt 76 Schmidt, Dr. 77 Schmolke 78 Schwieger 79 Simon 80 Spinola, Dr. 7 1 Stand. Wohnort. Oeconomie⸗Commiſ⸗ ſarius Königsberg. Oberamtmann Lietzen bei Seelow. Kreisthierarzt Belzig. Kreisthierarzt Schweinitz. Landes⸗Oeconomie⸗ Berlin. Rath Ackerbürger Cöpenick. Oberamtmann Lichtenberg. Oeconomieverwalter Petkus bei Baruth. Thierarzt Werneuchen. Thierarzt Berlin. Gutsbeſitzer Alt⸗Landsberg. Rittergutsbeſitzer Ferbitz. Gutsbeſitzer Heinzendorf. Oberamtmann Frankenfelde. Inſpector Fürſtenwalde. Gutsbeſitzer Werneuchen. Gutsbeſitzer Weißenſee. Kreisthie Königsberg. Landwirt Berlin. Oberamtmann Grimnitz. Wirthſchaftsinſpector Rüdersdorf. Rittergutsbeſitzer Dahlewitz i. Teltow'⸗ ſchen Kreiſe. Mütiersutsbeizar Wolmirſtädt. Thierarzt Mehrin. Domainen⸗Kammer⸗ Rath Berlin. Gutspächter Dobberzin. Kreisphyſicus Zoſſen. Thierarzt Berlin. Landwirth Neuendorf. Gutsbeſitzer Malchow. Lehrer an der Köngl. Thierarzneiſchule(Berlin. Nr Namen. Stand. Wohnort. 81 Spott Amtmann Batzlow. 82 Stachow Gutsbeſitzer Blumenfelde. 83 Stangefeldt Gutsbeſitzer Schmelze. 84 Stiehr Gutsbeſitzer Cöpenick. 85 Stilow Rittergutsbeſitzer Karzow. 86(Störig, Dr. Profeſſor Berlin. 87 Straub Regiments⸗Pferde⸗ Arzt Stuttgart. 88 Thaer Landes⸗Oeconomie⸗ Rath Möglin. 89 Treskow, v. Rittergutsbeſitzer Friedrichsfelde 90 Twardowski, Pavier,v. Student Berlin. 91 Twardowski, T., v. Akademiker Möglin. 92 Ulrich Thierarzt Berlin. 93 Ullerich Schuhmacher Berlin. 94(Vater Amtmann Batzlow. 95 Webrand Amtmann Geilsdorff. 96 Wendenburg Repititor der Köngl. Thierarzneiſchule. Berlin. 97[Wendler Oberamtmann Potsdam. 98 Werner Inſpector Marrau(Oſt⸗Havel⸗ land). 99 Weyde Gutspächter Blankenfelde. 100 Wichmann Ober⸗Roßarzt Berlin. 101 Wilckens Oeconom Schulzendorf. 102(Willcke Landthierarzt Lübben. 103 Zimmermann Thierarzt Guſow. 104 N. N. Amtmann Pinnow. 24 Sitzungs⸗Protokoll. Nachdem der größte Theil der im vorſtehenden Verzeich— niſſe aufgeführten Mitglieder ſich verſammelt, außerdem aber auch eine namhafte Menge von, die Königl. Thierarzneiſchule frequentirenden, Theilnehmern ſich eingefunden hatte: eröffnete der Director des Landes⸗Oeconomie⸗Collegiums, Geh. Ober⸗ Regierungs⸗Rath v. Beckedorff die Verſammlung— 10 ½ Uhr — mit folgender Anrede: „Eine hochgeehrte Verſammlung wolle mir erlauben die heutige Verhandlungen mit einigen Worten einzuleiten. Ueber den Zweck unſerer Zuſammenkunft brauche ich mich nur kurz zu äußern. Der landwirthſchaftliche Verein des Ober⸗Barnimſchen Krei⸗ ſes hat die jedenfalls ſehr verdienſtliche Abſicht gehabt, zur Er— mittelung der Anſteckungsfähigkeit und der Gelegenheits⸗Ürſa⸗ chen der Lungenſeuche der Rinder, dieſer für die dortige wie für die hieſige Gegend häufig ſo verderblichen und daher mit Recht gefürchteten Krankheit, durch angeſtellte Verſuche beizu⸗ tragen. Der Verein hat die erforderlichen Geldmittel mit be⸗ reitwilliger Freigebigkeit zuſammengebracht und die Ausführung einem eigens dazu erwählten Comité übertragen. Als die auf die Contagioſität bezüglichen Verſuche bis zu einem gewiſſen Punkte geführt waren, iſt es dem Comité wünſchenswerth er⸗ ſchienen, ſich des Antheils des landwirthſchaftlichen Publikums und der eigentlichen Sachverſtändigen, alſo vor allen der Herren Thierärzte dadurch zu verſichern, daß Gelegenheit zu einer öf⸗ ſentlichen Beſprechung der Angelegenheit gegeben würde. Das Landes⸗Oeconomie⸗Collegium ward deshalb um ſeine Interceſ⸗ ſion angegangen und glaubte ſich dieſem Wunſche um ſo we— 1⁰ niger entziehen zu dürfen, als die Sache ſelbſt nur dadurch gewin⸗ nen kann, wenn ſie recht vielſeitig und ſcharf in's Auge gefaßt und bei dem fernern Verfahren alle die Rückſichten gewonnen werden, die nach dem Urtheile der Betheiligten und der Sachverſtändigen genommen zu werden verdienen. Außerdem hat die Angelegen⸗ heit bereits in den Provinzen Aufmerkſamkeit und Antheil er⸗ regt. Das Landes⸗Oeconomie⸗Collegium hat daher die ihm ge⸗ machten Anträge höhern Ortes gern unterſtützt, vornehmlich aber wünſchen müſſen, daß auch die Königl. Thierarzneiſchule, als das eigentliche amtliche gremium der Sachkenntniß, ver⸗ anlaßt werden möchte, ihre Mitwirkung nicht zu verſagen. Die Königl. Thierarzneiſchule iſt dieſem Wunſche mit der bereitwil⸗ ligſten Gefälligkeit entgegengekommen und hat ſogar ihre Räume geöffnet, um die Verſammlung aufzunehmen, welcher gegenüber zu ſtehen ich heute die Ehre habe. Was nun die Verhandlungen ſelbſt betrifft, ſo zerfallen ſolche meines Erachtens ſchon nach ihrem materiellen Objecte von ſelbſt in zwei geſonderte Theile; der eine bezieht ſich auf die Contagioſität, der andere auf die Gelegenheitsurſachen der Krankheit; in Beziehung auf jenen ſind bereits Verſuche ange⸗ ſtellt worden, über dieſen ſollen ſie erſt noch angeſtellt werden; bei dem erſteren haben wir alſo eine factiſche Grundlage, die Gegenſtand der Beurtheilung und Erörterung werden kann, bei dem zweiten wird die Beſprechung mehr die Form einer Berathung über das erſt künftig zu beobachtende Verfahren an⸗ nehmen können. Es erſcheint daher rathſam, daß auch die Berhandlungen in dieſer Sonderung gehalten werden. Sie werden eröffnet werden durch einen Vortrag des hier anweſenden Hrn. Dr. Kuers, welcher die bisherigen Verſuche geleitet hat, und an den Inhalt dieſes Vortrages werden ſich dann von ſelbſt die weiteren Dis⸗ cuſſionen in freier Bewegung anreihen. Endlich wird auch in Beziehung auf das Formelle der heutigen Verhandlungen noch Einiges zu bemerken, Anderes zur verabreden ſein. Zu bemerken iſt, daß ein Protocoll wird aufgenommen 11 werden. Die Führung deſſelben zu übernehmen haben die Ge⸗ fälligkeit gehabt Herr Landes⸗Oeconomie⸗Rath v. Lengerke für das Landes⸗Oeconomie⸗Collegium, Herr Kreisthierarzt und Repetitor Wendenburg für die Königl. Thierarzneiſchule und Herr Rittergutsbeſitzer Chriſtiani für das Comité des Ver⸗ eins. Dieſe Herren werden hier nur die ihnen nöthig ſcheinen⸗ den Notizen kurz vermerken und das nach gemeinſchaftlicher Verſtändigung nachmals redigirte Protocoll wird demnächſt durch den Druck zur öffentlichen Kenntniß gebracht werden. Zu verabreden endlich ſind die Normen, unter denen die Verhandlungen geführt werden ſollen. Es wird deren nur we⸗ nige bedürfen, aber es ſcheint nöthig, daß ſie zum voraus be⸗ ſtimmt werden. Ich habe mir erlaubt ſie zuſammenzuſtellen. Sie lauten ſo: 1) Wer zu reden beabſichtigt, fordert das Wort unter Nen⸗ nung ſeines Namens. 2) Wenn Mehrere zu gleicher Zeit das Wort fordern, ent⸗ ſcheidet der Anfangsbuchſtabe der Namen nach alphabeti— ſcher Ordnung über die Reihenfolge der Vorträge. 3) Wer das Wort hat, darf von Niemandem, als erforder⸗ lichen Falles von dem Vorſitzenden, unterbrochen werden. 4) Die Debatten und Argumente werden ſich jederzeit auf die Sache beziehen und jede Wendung wird vermieden werden, die den Anſchein einer perſönlichen Beziehung oder gar Verletzung haben könnte. 5) Der Vorſitzende iſt verpflichtet, auf die Befolgung dieſer Regeln zu halten.“ Die nunmehr ergehende Anfrage an die Verſammlung: ob ſie ſich mit dieſen Normen einverſtanden erkläre? dann noch ſpeciell: ob ſie den Vortragenden mit der Machtvollkommenheit bekleiden wolle, auf die Wahrnehmung derſelben zu achten?— wurde durch Acclamation bejaht; und es forderte nunmehr der Präſident den Dr. Kuers zu dem angekündigten Vortrage auf. Dr. Kuers: Hochgeehrte Herren! Bevor ich auf die Sache näher eingehe, geſtatten Sie mir gütigſt, daß ich im Auftrage des Comité's, dem anzugehören ich die Ehre habe, unſern 42 innigſten Dank abſtatte gegen die Königl. hohen Behörden, welche die heutige Verſammlung veranlaßt und in's Leben ge⸗ rufen, welche nicht allein unſere Verſuche gebilligt, ſondern ſelbſt durch namhafte Geldſummen ihre Anſtellung unterſtützt haben. Herzlichen Dank Allen, welche zur Förderung der gemeinnützi⸗ gen Sache beigetragen haben! Und auch Ihnen, meine Hoch⸗ geehrten Herren, die Sie heute hier verſammelt ſind, um bera⸗ then zu helfen, was ferner in der Angelegenheit geſchehen möchte und ſollte! Wir glaubten, unſeren ſchuldigſten Dank für das uns ſo allgemein geſchenkte Vertrauen hier am angemeſſenſten öffentlich ausſprechen zu dürfen. Um ſo weniger nehmen wir jedoch Ihre Nachſicht in Anſpruch und bitten vielmehr, daß Sie das, was wir bisher geleiſtet haben, ſtrenge, doch gerecht beurtheilen. Wo wir auch gefehlt haben mögen: unſer Wille war gut und die Erforſchung der Wahrheit unausgeſetzt unſer Beſtreben. Wohl keine Gegend der Preußiſchen Monarchie iſt durch die ſo verheerende Lungenſeuche der Rinder mehr beeinträchtigt, als das Oderbruch, und namentlich der Oberbarnimſche Kreis. Aber ungeachtet der tauſendfachen Beobachtungen hat man doch noch nicht entſcheiden können, ob die Lungenſeuche durch An⸗ ſteckung ſich verbreitet, oder immer durch Gelegenheitsurſachen erzeugt werde. Dieſer Grund mußte vorzugsweiſe zu Verſu⸗ chen anregen. Ich habe zwar behaupten gehört, daß eine Be⸗ obachtung im Großen mehr Werth habe als ein Verſuch im Kleinen, allein ich bemerke dagegen, daß man beim Verſuche alle äußere, das Reſultat ſtörende Einflüſſe abzuhalten, auch den Gegenſtand, an dem der Verſuch zu machen iſt, für den Zweck paßlich auszuwählen vermag, was bei der Beobachtung im Großen nicht angeht, um ſo mehr bei der Lungenſeuche, weil zwiſchen ihrem Ausbruche und der eingewirkten ſie veran— laſſenden Urſache gar oft ein Zeitraum von Monaten liegt. Ein anderer Beweggrund zu den Verſuchen war auch die Veterinär⸗Polizei⸗Geſetzgebung in Bezug auf die Verminderung der Weiterverbreitung der Lungenſeuche. Dieſe polizeilichen Maaßregeln ſind faſt überall unausführbar. So erinnere ich 13 daran, daß die Hütung der ſeuchenden Heerde 500 Schritte entfernt von der geſunden ſich beſinden ſoll; die crepirten Thiere ſollen 800 Schritte vom Gehöft vergraben werden, der Dün⸗ ger aus dem inſicirten Stalle ſoll im Garten des Gutes 2 Fuß tief eingegraben, alles Holzwerk im Stalle nach aufge⸗ hobener Seuche verbrannt und der Boden des Stalles 2 Fuß tief aufgegraben werden. Acht Wochen nach dem letzten Kran⸗ kenanfall ſoll angenommen werden, daß die Seuche aufgehört habe, aber erſt vier Wochen nach dieſem Termine darf Rind— vieh und Rauhfutter verkauft werden. Wenn nun die Seuche Monate lang, oder, wie Beiſpiele ergeben, Jahre lang währt, ſoll da die ganze Strenge der Geſetze in Anwendung kommen, und kann ſie das, ohne den gänzlichen Ruin der Wirthſchaften herbeizuführen? Solche Beweggründe waren es, welche den landwirthſchaft— lichen Verein des Oberbarnimſchen Kreiſes zur Anſtellung von Verſuchen vermochten, wie ſie der heute hier vertheilte Pro⸗ ſpectus(ſ. Beilage A.) des Näheren angiebt. Nach vielfältigen Beobachtungen hatte ich allerdings die ſubjective Ueberzeugung gewonnen, daß die Lungenſeuche nicht anſteckend ſei, allein um ſo ſtrenger glaubte ich gegen mich han— deln zu müſſen, um dem Vorwurfe, daß ich zu Gunſten mei— ner Anſicht die Verſuche ausführte, begegnen zu können. Ich darf wohl vorausſetzen, daß die gedruckten Berichte über die bereits angeſtellten Verſuche zur Kenntniß der meiſten hier ge⸗ genwärtigen Herren gelangt ſein werden, um mich darauf be⸗ ziehen zu können. Es ſind hierbei nicht blos die geſunden Thiere zu den kranken geſtellt worden, ſondern weit mehr iſt geſchehen. Das Blut ſehr ſchwer erkrankter Thiere wurde in die Naſenhöhlen geſpritzt, die Haut damit gewaſchen, Klyſtiere von dem Bruſt⸗ waſſer der Getödteten in den Maſtdarm gebracht, Stücke der im höchſten Grade entarteten Lunge in die Naſengänge ge— pfropft u. ſ. w. In dem zweiten Verſuche wurden die 5 Ver⸗ ſuchsthiere ſo eng bei einander mit den Kranken aufgeſtellt, 14 daß ſich die Atmosphäre des Stalles im höchſten Grade mit den krankhaften Ausdünſtungen ſchwängern mußte. Die Reſultate der vollendeten beiden Verſuche ſind aus den drei erſten gedruckten Berichten bekannt. Für meine Per⸗ ſon habe ich daraus den Schluß ziehen müſſen, daß keines der 8 Verſuchsthiere von der Lungenſeuche ergriffen war. Beim erſten Verſuche litt das eine Thier zufolge der Einſpritzung von Blut in die Halsader an einer bald geheilten Aderfiſtel. Beim Schlachten des einen Rindes fanden ſich zwar Tuberkeln in der Lunge vor, welche allerdings mit leberartig verhärteter Lungenmaſſe umgeben waren, allein dieſe Veränderung konnte ich um ſo weniger eingetretener Lungenſeuche zuſchreiben, als die Thiere ſich beſtändig vollkommen wohl gezeigt hatten. Bei dem zweiten Verſuche mit 5 Thieren waren zwar 4 derſelben erkrankt, allein keines litt mit den characteriſtiſchen Zeichen der Lungenſeuche. Daß dieſe nicht eingetreten war, be⸗ wies der Verlauf des mit Arzeneien nicht behandelten Uebels, deſſen ſehr baldiges Verſchwinden und die ſpätere Obduction. Allerdings befanden ſich in der Lunge des einen Verſuchsochſen weſentliche Veränderungen, allein gerade dieſes Thier war wäh⸗ rend der Zeit gar nicht leidend geweſen, hatte ſich aber im Be⸗ ginn des Verſuches als organiſch lungenkrank ausgewieſen. Die in den Lungen zweier anderen Verſuchsthiere vorgefundenen Abweichungen konnten noch weniger den Wirkungen der Lun⸗ genſeuche zugeſchrieben werden. Die Verſuche haben mich dahin belehrt, daß ich künftigen Falls nicht wieder Thiere als völlig geſund auswählen werde, an welchen die Augen nicht voll, glänzend und klar blickend ſind. So hatten die Augen der beiden Ochſen, welche in den Lungen die bedeutendſten Abänderungen zeigten, einen eigenthüm⸗ lichen matten Schimmer, welcher ſich nicht wohl beſchreiben läßt und der vielleicht immer auf mangelhafte Blutbereitung hindeutet. Der dritte Verſuch mit wiederum 5 Rindern iſt noch nicht beendet; bis jetzt hat ſich noch keine Krankheitserſcheinung eingeſtellt. Würde auch dieſer Verſuch die Anſteckungsfähigkeit der Lungenſeuche verneinen, ſo würde nach dem Proſpectus zu den Verſuchen über Erzeugung der Seuche durch anderweitige Gelegenheitsurſachen übergegangen werden. Der hier gegenwärtige Herr Profeſſor Dieterichs hat vor mehr als 20 Jahren Anſteckungsverſuche an 8— 10 Thie⸗ ren gemacht und vor mehreren Jahren ſind ſie von dem ver⸗ ſtorbenen Geſtüts⸗Director Giesker auf dem Kreuzkloſter bei Braunſchweig an 5 Rindern angeſtellt worden; beide Verſuche ergaben, daß die Lungenſeuche nicht anſteckend war. Ich weiß zwar auch, daß andere Verſuche das Gegentheil beweiſen ſol⸗ len, ich leugne jedoch die Richtigkeit der aus ihnen gezogenen Schlüſſe, will aber vorläufig unterlaſſen, hier meine Gründe dafür anzugeben. Landesoeconomierath Thaer: Es ſei mir geſeattet, dieſem Vortrage lediglich die Erläuterung hinzuzufügen: daß das Comité nach Beendigung des laufenden dritten Verſu⸗ ches die auf die Anſteckungsfähigkeit der Krankheit abzielen⸗ den Verſuche bei der in Anwendung gekommenen Füt⸗ terung als geſchloſſen betrachtet. Präſident: Die geehrte Verſammlung wird mit mir darin übereinſtimmen, daß jedenfalls die uneigennützige Mühe⸗ waltung, das Opfer von Zeit und Arbeit, welches die Ver— ſuchs⸗Anſteller gebraucht, dankbare Anerkennung verdient. Der Zweck des gehörten Vortrages iſt geweſen, die Nicht⸗ Contagioſität der Lungenſeuche zu erweiſen. Bisher iſt jedoch dieſe Krankheit faſt allgemein für anſteckend gehalten worden. Es liegen daher zwei Fragen ſehr nahe: 1) iſt die Krankheit, mit welcher die Verſuche vorgenommen, auch wirklich die näm⸗ liche, welche bisher als anſteckend iſt betrachtet worden, und 2) laſſen ſich etwa gegen das bei den Verſuchen beobachtete Verfahren oder gegen deren Reſultate oder gegen die daraus gezogenen Schlüſſe gegründete Bedenken erheben? Um dieſe beiden Fragen werden die nun folgenden Erör⸗ terungen muthmaßlich ſich bewegen. Geh. Medicinalrath Auguſtin: Ich ehre den Fleiß, womit die Verſuche angeſtellt worden, halte dieſe ſelbſt aber 16 nicht für entſcheidend. Bei 4 Thieren haben ſich Affectionen der Lungen, Tuberkeln, Expectorationen, Fieberanfälle u. ſ. w. gezeigt, und dadurch iſt eher ein Beweis für die Anſteckung als dagegen gegeben worden. Will man hierbei gewiß gehen, ſo müſſen die Verſuchsthiere länger, wohl ein Jahr lang auf⸗ geſtellt bleiben, weil die Erfahrung zeigt, daß bei vielen In⸗ dividuen die Anſteckung nicht ſo raſch, ſondern langſam, gleich⸗ ſam ſchleichend, geſchieht, und oft erſt nach langer Zeit zum Vorſchein kommt. Hätte man die Verſuchsthiere länger am Leben erhalten— hätte man ſie ſpäter getödtet, ſo würden die pathologiſchen Sections⸗Ergebniſſe ſich in einem größeren Umfange herausgeſtellt haben. Es war in unſerem Regierungs⸗Bezirke nicht ſelten der Fall, daß das Gutsvieh eines Dorfes von der Lungenſeuche befallen wurde, während das Vieh des Dorfes nicht litt, aber faſt kein Fall, wo nicht endlich, wenn auch erſt nach*† Jahre, das letztere in dieſelbe Krankheit verfallen wäre. Ich an meinem Theile würde mich nach den gemachten vielfachen Erfahrungen beſtimmt für die Anſteckung ausſpre⸗ chen müſſen, wenn bei beantragter Abänderung der polizeilichen Sicherheitsmaßregeln die Medicinal⸗Collegien der Provinzen zur Begutachtung aufgefordert würden. Die Einſammlung und das Ergebniß ſolcher Erfahrungen würden zum gründli⸗ cheren Anhalte dienen können als iſolirte Verſuche. Präſident: Dennoch erſcheint es mir ſehr wünſchens⸗ werth, daß Verſuche für den vorliegenden Zweck in allen Pro⸗ vinzen gemacht würden. Wenn Erfahrungen ſich als gelegent⸗ liche Reflexionen über den Verlauf gewiſſer natürlicher Erſchei⸗ nungen in Beziehung auf ihren cauſalen Zuſammenhang dar⸗ ſtellen: ſo ſind Verſuche dagegen an die Natur gerichtete Fra⸗ gen, auf welche dieſe jederzeit verſtändlich antwortet, wenn nur beſtimmt gefragt iſt. Und inſofern überwiegt ein gründlich angeſtellter Verſuch eine Menge ſogenannter Erfahrungen. Geh. Medicinalrath Auguſtin: Dagegen würde Ein Verſuch, der die Anſteckung bewieſe gegen hundert Verſuche ſprechen, die die Nichtanſteckung zu Folge gehabt haben. Präſident: Allerdings. Das iſt die nothwendige Ei⸗ genſchaft aller Verſuche, die darauf gerichtet ſind, zu erforſchen, ob etwas nicht ſei. In ſolchen Fällen ergiebt ſich als Re⸗ ſultat immer nur, daß unter den beſonderen Verhältniſſen, un⸗ ter welchen der Verſuch angeſtellt iſt, der fragliche Erfolg nicht eingetreten.— Landrath v. Hobe⸗Dyrotz: Ich war 14 Jahre lang Landrath in einem Kreiſe, wo ich mehr denn zu viel Gele⸗ genheit hatte, die Lungenſeuche des Rindviehes zu beobachten, und dieſes auch mit ſo vielem Intereſſe that, daß ich mir faſt überall durch den Augenſchein eine Kenntniß der Facta ver— ſchaffte, zuerſt in Begleitung der Kreisphyſici, ſpäter in Ge⸗ ſellſchaft der, allerdings zu Viſitationen dieſer Art als quali— ficirter erkannten, Kreis⸗Thierärzte. Geſtatte man mir aus dem Vorrathe meiner Beobachtungen und Erkundigungen nur einzelne Mittheilungen: Amtsrath Meyer zu Königshorſt war, in Ermangelung beſſerer Tränke, genöthiget, ſein Vieh im hohen Sommer in Luchlöchern(Pfützen) zu tränken; als unmittelbare Folgen die⸗ ſes Verfahrens ſchien ſich die demnächſt unter jenem ausbre⸗ chende Lungenſeuche zu bethätigen. Nachdem man ſpäterhin dem Viehſtapel(500 St.) reichlich und regelmäßig friſches Brunnenwaſſer bieten konnte, verſchwand hier die, ſonſt rund umher unter ganz gleichen Loealitäten graſſirende Krankheit, gegen welche freilich zugleich die Abſperrung angewendet wurde, und auch ſchützen mochte. Das Factum wird mir der hier gegenwärtige, ſeit 30 Jahren dort lebende Schulze Dans⸗ mann beſtätigen. Der Herr Präſident wird dieſen ſchlichten beſcheidenen Mann vielleicht hernach auffordern, uns ſeine An— ſicht von der Krankheit mitzutheilen. Jener obige Fall zu K. ſtellt ſich offenbar als einer der⸗ jenigen dar, welche darauf hinleiten, die Verſuche noch fort— zuſetzen, bevor man auf den Grund derſelben einer erheb— lichen Modiſication der Geſetze das Wort rede. In einem Orte, wo Referent die Krankheit beobachtete, wurde Antragsmäßig ein Stall von 7 Stück Rindvieh ge⸗ 2 18 tödtet, von denen 3 die Seuche hatten, und für diesmal war das Uebel dadurch abgeſchnitten. In Nauen hat ſich die Krankheit Jahre lang geſchleppt. Dr. Spinola und Thierarzt Cochius haben die erkrankten Thiere behandelt, und es hat ſich bei dieſen entſchieden die Anſicht gebildet, daß Anſteckung der Grund ihrer Erkran⸗ kung ſei⸗. Im Allgemeinen haben ſich in meinem Kreiſe ⁵ aller verſtändigen Landwirthe für die Contagioſität ausgeſprochen. Ich will bei dieſer Gelegenheit bemerken, wie das Intereſſe an dieſem Gegenſtande durch zwei verſchiedene Triebfedern geleitet wird. Die eine Parthei wünſcht volle, genaueſte Aufklärung, um ſich dadurch gegen das Uebel ſichern zu können, die andere verlangt nur Abhülfe durch Beſeitigung oder Deſinirung der ſanitäts⸗polizeilichen Vorſchriften. Dieſes iſt mir auf einem Kreistage, wo ich präſidirte, klar geworden, indem ſich ſehnlich der Wunſch um Abänderung der, in ihrer jetzigen Strenge nicht vollſtändig ausführbaren Geſetze ausſprach. Präſident: Der Vorwurf der heutigen Verſammlung kann es jedenfalls nicht ſein, Reſultate zu erhalten, welche ſofort für die Modiſication der Geſetzgebung von weſentlicher Bedeutung ſeyn möchten. Es liegt vielmehr hier nur der Zweck vor, Materialien zu ſammeln, wodurch wir zu einem reiferen Urtheile über den Gegenſtand ſelbſt, und über die Wege, welche wir zu ſeiner gründlicheren Erforſchung einzu⸗ ſchlagen haben werden, gelangen können. Ich fordere jetzt den Schulzen Dansmann auf, uns ſeine Meinung zu ſagen. Dansmann: Nach meiner Anſicht iſt die Krankheit nicht anſteckend. Im Jahre 1835 bekam mein Vieh(22 Stück) einen Huſten, was mir Beſorgniſſe erregte. Bald war eine der Kühe ſehr leidend und krepirte. Der Scharfrichter öffnete ſie und erklärte mir, der Fall habe nichts weiter zu bedeuten, der Grund des Todes ſei keinesweges die Lungen⸗ ſeuche; anderwärts aber äußerte derſelbe das Gegentheil. An den Platz der gefallenen Kuh wurde eine geſunde geſtellt. In⸗ — 19 zwiſchen nahm das Uebel im Stalle ſeinen Fortgang, ließ bei einigen Thieren den Tod ſehr plötzlich, lediglich unter einem heftigen Anfall von Zittern eintreten, zog ſich bei anderen 4 Wochen hin. Nachdem ich im Ganzen 7 Haupt eingebüßt, verlor ſich die Krankheit. Man empfahl mir darauf, den Stall zu reinigen, neue Krippen und Raufen anzuſchaffen, oder dieſe zu übertheeren. Von dem Allen geſchah, nach dem Rathe meines Onkels, nichts. Die neuangekauften Kühe ka⸗ men in den ungeſäuberten Stall, erkrankten nicht, und mein Vieh iſt fortan geſund geblieben. Geh. Medicinalrath Auguſtin: Woher wiſſen Sie denn, daß in Ihrem Stalle wirklich die Lungenſeuche herrſchte? Dansmann: Das ergab die Oeffnung der krepirten Thiere.— Es referirt nun von Bredow⸗Bredow über den Ausbruch der Lungenſeuche bei ihm(i. J. 1835.), einen Beleg gebend zu der langſamen Vertragung des Anſteckungsſtoffes. Nachdem nämlich durch den Ankauf einer Kuh, die einen Tag in einem in ficirten Stalle geſtanden, die Krankheit in Wernitz ausgebrochen, ſei ſie erſt nach Jahr und Tag bei ihm ſelbſt, in Bredow und wieder ein Jahr ſpäter auf dem dritten ſeiner zuſammenliegenden Gü⸗ ter eingezogen.— Daß eine Anſteckung möglich, wolle er glauben, durch bloße Berührung erachte er ſelbige aber für ſehr unwahrſcheinlich. Mehr ſuche er den Grund des Uebels darin, daß man die Futterböden der Ställe, worin die Lungenſeuche geherrſcht, zu nachläſſig reinige, daß man mit den Ausdün⸗ ſtungen lungenkranken Viehes durchdrungene Futtermittel ge⸗ ſundem Viehe reiche ꝛc. Zur Beſtätigung deſſen allegirt er einen Fall, wo eine von ihm ausgethane Milchkuh, von de⸗ ren völligen Geſundheit er überzeugt geweſen, dadurch daß ſie an dem fremden Orte mit Heu genannter Beſchaffenheit gefüttert worden ſei, in die Krankheit verſiel. Hieran ſchließt Oberamtmann Lindſtedt-⸗Lichtenberg die Erzählung des ſehr raſchen und heftigen Verlaufes der Lungenſeuche zu * 2 —— ‿ —₰½ Lichtenberg, gleichfalls(i. J. 1835.). Zwiſchen Ausbruch und Tod der Krankheit ſeien nicht ſelten nur 10 Minuten ver⸗ floſſen. Von ſeinem geſammten Viehſtapel(80.) ſeien nur wenige geſund geblieben, 30 Stück aber habe er eingebüßt. Da er vorher das Unglück gehabt, abzubrennen und genöthigt geweſen ſei, ſchlechtes Miethenheu zu füttern, ſo ſuche er die Grund⸗Urſache des Uebels in verdorbenem Futter.— Das Factum ſelbſt werde Dr. Spinola, der die gefallenen Thiere ſecirt, beſtätigen. Letzteres geſchah; zugleich wurde— auf ſpeeielles Be— fragen über das plötzliche Fallen des erkrankten Viehes in Lichtenberg— die Erörterung gegeben, daß der Tod auf der Höhe der Krankheit apoplektiſch erfolge.“*) Es ergreift demnächſt Dr. Kuers das Wort, bemerkend, daß das, was im Laufe der bisherigen Discuſſion für die Anſteckungsfähigkeit der Lun⸗ genſeuche und über die Art, ſie zu ermitteln geſagt worden ſei, ihm keinesweges als beweiskräftig und zum Ziele führend er⸗ ſchiene. Auf dem gewöhnlichen Wege der Beobachtung zu entſcheiden, ob die Lungenſeuche durch Anſteckung ſich verbreite, oder durch Gelegenheits-Urſachen entſtehe, ſei häuſig ſo ſchwierig, weil zwiſchen der Zeit, in welcher letztere eingewirkt hätten, und dem Eintritte der Krankheit, Monate verfloſſen ſeyn könnten, es alſo unmöglich ſei, die Urſache noch zu er— mitteln. Er wiſſe zwar, daß vom Profeſſor Dr. Hertwig und vom Profeſſor Vix in Gießen Verſuche angeſtellt worden ſeien, welche für die Anſteckung entſcheiden ſollten, er müſſe die daraus gezogenen Schlüſſe aber in Abrede ſtellen. Der Profeſſor Vix habe Stücke der aus dem Cadaver entnom— menen kranken Lungen unter die Haut des Halſes zweier Rinder gebracht, ſie 10 Tage in der Wunde faulen laſſen, *) Herr Oberamtmann Lindſtedt hat ſeine Erfahrungen und An⸗ ſichten über die Lungenkrankheiten des Rindoiehes in einem eigenen Aufſatze niedergelegt, welcher uns nach der Verſammlung communicirt worden und welchen wir uns erlaubt haben hier unter den Beilagen, sub D, mit aufzunehmen. ——— 21 hierdurch die ausgedehnteſte Entzündung und jauchige Zer⸗ ſtörung erzeugt, worauf allerdings die Lungenſeuche einge— treten wäre. So wie nun aber verborgenes in die Blut⸗ gefäße gelangendes Eiter erfahrungsmäßig Lungenkrankheit erzeuge: ſei auch hier die Veranlaſſung dazu gegeben. Wenn übrigens— wie bemerkt worden— die Krankheit ſich Jahre lang verſchleppen könne: dann begreife er nicht, wie es über all möglich zu machen wäre, polizeiliche Maaßregeln genügend in Ausführung zu bringen, denn Jahre lange Sperren würden erforderlich und die jetzigen ſchon ſo drückenden Maaßregeln nicht einmal ausreichend ſein. Er biete eine Wette von 50 Louisd'or aus,(Unterbrechung durch viele Stimmen, anſchei⸗ nend zur Beſeitigung eines ſolchen Vorſchlages), daß ſeine gegen die Contagioſität ſprechenden Verſuche ſich, unter den in Anwendung gekommenen Bedingungen, beſtätigen würden u. ſ. w. Geheime Medicinalrath Albers. So ehrenwerth auch ich das Unternehmen des löblichen Comité erachte: ſo will es mir doch nicht einleuchten, daß auf dem eingeſchla⸗ genen Wege ein ſicheres Ergebniß zu gewinnen iſt. Meines Erachtens ſind die Kuers'ſchen Verſuche verſchiedener Deu— tung fähig. Bei dem einen Thiere des erſten Verſuches fand ſich in der Lunge ein ungefähr 8 Quadratzoll großes Stück feſtes Exrſudat von marmorirtem Anſehen. Der Ochſe Nr. IV. des zweiten Verſuches zeigte ſchon, nachdem er 10 Tage lang aufgeſtellt geweſen, Krankheitsſymptome und wurde nachher zum zweiten Male krank. Das Ferſenkalb des nämlichen Verſuches verendete am 15ten Tage ſeiner Aufſtallung, es ließ einen beſchleunigten Puls, beſchwerliches Athmen, verminderte Freßluſt und Traurigkeit wahrnehmen; es zeigten ſich mithin die Krankheitserſcheinungen wie ſie im Invaſionsſtadium der Lungenſeuche beobachtet werden. In der weiteren Verſuchszeit war es munter, nur huſtete es abwechſelnd. Bei der Section fand man zwei verhärtete Stellen in den Lungen, das Lun⸗ gengewebe war mißfarbig von einer zaſerigen durch einander geſilzten Textur;— ich kann hierin nur den plaſtiſchen Erguß 22 von Faſerſtoff erkennen, gerade ſo wie er der Lungenſeuche eigenthümlich iſt. Wie geſagt, ich kann die vorgelegten Reſultate durchaus nicht als entſcheidend anſehen, ſinde vielmehr, daß wir uns erſt von vorn die Frage zu ſtellen haben:„Wie müſſen Ver⸗ ſuche angeſtellt werden, um zu Beweiſen zu führen?“— Je⸗ denfalls erheiſcht es dazu vielen Geldes, vieler Zeit, ganz ab⸗ geſehen von der Qualification derjenigen, die das Experiment machen.— Dr. Kuers. Ich muß um Entſchuldigung bitten, wenn ich dem geehrten Redner darin widerſpreche, daß nicht der Ochſe Nr. IV. im zweiten Verſuche zweimal erkrankt war, ſon⸗ dern der Ochſe Nr. III. Profeſſor Hertwig. Ich trete dem Herrn Geheimerath Albers bei, daß es der Verſuchsochſe Nr. IV. war; indeß kömmt auch darauf weiter nicht viel an. Dr. Kuers. Der Inhalt des gedruckten Berichtes weiſet es nach, daß dies ein Irrthum iſt. Der Ochſe Nr. IV. ſtellte ſich, nachdem durch das Maſtfutter Vollblütigkeit erzeugt, und nun die Lunge ihre Verrichtung nicht wie zuvor leicht ausüben konnte, als organiſch lungenkrank am zehnten Tage ſeiner Aufſtallung, und am zweiten Tage des begonnenen Verſuches heraus. Er war aber gerade das alleinige Verſuchsthier, welches während des Vierteljahres von jeder Kränklichkeit unangetaſtet blieb; übrigens hatte die in ſeiner Lunge angetroffene Verän⸗ derung nichts mit der bei der Lungenſeuche anzutreffenden ge⸗ mein. Wenn nun aber der Ochſe Nr. III. zweimal erkrankte, ſo fehlten doch die charakteriſtiſchen Erſcheinungen der Lungen⸗ ſeuche; ſein Leiden ging ohne Anwendung eines Heilverfahrens gänzlich vorüber, und auch die in ſeiner Lunge vorgefundene, nußgroße, verknöcherte und mit honigartiger Flüſſigkeit gefüllte Geſchwulſt, ſo wie die äußerſt geringfügige Verwachſung der Lunge mit der Bruſthaut ſind durchaus nicht zu vergleichen mit den bei der Lungenſeuche ſich einſindenden Entartungen. Desgleichen fand ſich in der Lunge des Färſenkalbes keine pla⸗ ſtiſche Ausſchwitzung, ſondern es war nur das Gewebe an 23 zwei ſehr unbedeutenden Stellen zaſerig, gleichſam verfilzt, aber keine Spur ſtatt gefundener Entzündung um dieſelben vorhanden. Piſtorius-Weißenſee. Geſtatten ſie auch mir ein Wort zur Schlichtung des obwaltenden Meinungsſtreites. Beweiſen möchte ich Ihnen: 1) daß ſchlechtes Futter die Lungenſeuche nicht hervorbringe; 2) daß dieſelbe anſtek⸗ kend ſei. Als ich vor vielen Jahren— ein völliger Laie in der Landwirthſchaft— mein Gut Weißenſee erkaufte, machte ich, Behufs der hier errichteten Brennerei, ſogleich eine ſehr bedeu⸗ tende Kartoffelausſaat(80 Wiſpel) ſäete in meine ausgedehn⸗ ten Rockenſaaten Klee, und gewann dergeſtalt ſofort viel Futtermaterial bei verhältnißmäßig wenigem Vieh. Jene über⸗ mäßigen Erndten an Futter, Unbekanntſchaft mit der Manipu⸗ lation ſeiner Bergung, endlich Mangel an Gebäuderaum hat⸗ ten bald zur Folge, daß große Vorräthe mehr oder minder verdorbenen(dumpſigen, ſchimmeligen, ganz mit Pilzen über⸗ ſäeten) Futters ſich häuften, womit ich nichts angelegentlicher zu thun hatte, als es, um es aus der Welt zu ſchaffen, in immer reichlicherem Maaße mit meinem alten ſchlechten Viehe, außerdem aber auch bedeutende Gaben von Schlempe, die nicht minder, wegen des Ueberfluſſes daran und ſchlechter Aufbewah⸗ rung, faul geworden war, zu füttern. Nichts deſto weniger hatte dieſes Verfahren im Laufe von 7 Jahren bei ſich ſucceſſive vergrößerndem Viehſtapel, keine ſchlechten, vielmehr die wohl— thätigſten Folgen für mich, indem ich viel Milch, viel Fleiſch producirte und der Geſundheitszuſtand in meinen Ställen der beſte blieb. Im achten Jahre wurde, wie oft ſchon, und zwar zu ei— ner Zeit, wo man hier und da von Lungenſeuche hörte, eine Parthie von 15 Kühen gekauft, wovon 2 Tage nach der Ein⸗ ſtallung zwei erkrankten, und am 5ten Tage des Todes ver⸗ blichen. Die Lungen waren doppelt ſo groß als geſunde, auch fand ſich Waſſer in der Bruſtz das Factum der Lungen⸗ 24 ſeuche war daher genügend conſtatirt. Wiederholt ſtellte ſich ſolches an 6 neuen Krankheitsfällen heraus, wovon 4 töodtlich verliefen. Das Uebel nahm nun zwar einen gelinderen Cha⸗ racter an, verſchonte aber von dem angekauften Vieh kein ein⸗ ziges Stück und graſſirte noch bis nach einem halben Jahre unter dem alten Viehſtamm.— Als weiterhin abermals ein Einſchuß von 10 Haupt erhandelt ward, blieb dieſer geſund, ſo lange er in der Scheune aufgeſtallt war; ſo wie er in den Viehſtall gebracht wurde, erkrankte er. Nun glaubte ich den Grund des Uebels in der Beſchaffenheit des letzteren ſuchen zu müſſen. Ich bauete deshalb einen neuen Stall, band allen neuen Ankauf nur in dieſen an und erhielt mir ſolchen zwei volle Jahre hindurch geſund, während in dem alten Kuhſtall die Seuche ununterbrochen mit gleicher Stärke fortwährte. Die Fütterung war in beiden Ställen gleich, indeſſen waren dieſel⸗ ben Milchmädchen und Hirten in einem wie dem anderen Stalle beſchäftigt. Vielleicht dadurch oder auch durch einen anderen mir unbekannten Umſtand brach endlich auch in meinem neuen Stalle die Krankheit aus. Ein Viertel des Viehſtandes ging dabei verloren; der übrige erkrankte zwar auch, die Thiere bekamen ein gelindes Fieber, Huſten u. ſ. w., aber ſie gena⸗ ſen wieder und wurden auch nachher nicht wieder angeſteckt. Dieſe Erfahrung berechtigt mich zu der Behauptung, daß die Verſuchsthiere des Dr. Kuers, als ſie zu fiebern und zu hu⸗ ſten anſingen, ebenfalls an dem erſten Stadium der Lungen⸗ ſeuche gelitten haben. Denn das habe ich bemerkt, daß, wäh⸗ rend einige Thiere bei der Anſteckung ſehr ſchwer und rettungs⸗ los erkranken, andere nur leicht afſicirt werden und leicht wie⸗ der geneſen. Solche leicht erkrankten und geneſenen Rinder werden, wie mich vielfältige Erfahrungen belehrt haben, nie⸗ mals wieder von der Seuche ergriffen und ich muß daraus folgern, das das Einimpfen der Lungenſeuche ein ſicheres Prä⸗ ſervativ dagegen iſt. Seit 2 Jahren, nachdem ich, auf Er⸗ fahrungen geſtützt, neue Einrichtungen und Maßregeln getrof⸗ fen habe, iſt die Lungenſeuche in meinen Viehſtällen nicht wie⸗ der zum Vorſchein gekommen. 25 Departements⸗Thierarzt Fuchs: Entſprechend der oben geäußerten Anſicht geben meine Beobachtungen der Krank⸗ heit Belege für deren Anſteckungsfähigkeit. Inzwiſchen bin ich weit entfernt, eine Erzählung jener vorzubringen; ein Theil der geehrten Verſammlung wird es mir zugeſtehen, daß ich im Stande bin, eine thierärztliche Beobachtung zu machen, wäh⸗ rend Andere nur geneigt ſeyn dürften, den von mir gewonne⸗ nen Thatſachen blos einen ſubjectiven Werth beizulegen. Er— lauben will ich mir aber zu bemerken, daß ſich die meiſten der intelligenteren Thierärzte Preußens für die Contagioſität der Lungenſeuche erklären, wie ich mich ſeit 4 Jahren aus den Ve— terinär⸗Berichten der Königlichen Regierungen überzeugt habe. Auch die meiſten veterinär-pathologiſchen Schriftſteller ſprechen ſich für die Anſteckungsfähigkeit der in Rede ſtehenden Krank— heit aus; und ſcheint ihrem Ausſpruche um deswillen ein Gewicht beigelegt werden zu dürfen, da ihnen die Erfahrungen aller Län— der und aller Völker vorliegen, und anzunehmen ſeyn möchte, daß ſie die fremden Thatſachen mit der erforderlichen Critik benutzten. Zu den wichtigſten neueren Erfahrungen aus dieſem Gebiete dürften die des Franzoſen Delafond, des Profeſſors an der Thierarzneiſchule zu Alfort gehören, welcher, bis dahin ſelbſt Anti⸗Contagioniſt, von dem franzöſiſchen Gouvernement beauf⸗ tragt war, die Natur und das Weſen der Krankheit in dem von ihr heimgeſuchten Braylande(Uinter-Seine⸗Gebiet) zu er⸗ forſchen. Auf das Ergebniß, welches nach einem zweimonatli⸗ chen Aufenthalte in jenem Lande gewonnen wurde, und auf die Anſichten geſtützt, welche Delafond von vielen anderen Sachverſtändigen geſammelt hatte, ſpricht er ſich nunmehr ent— ſchieden für die Contagioſität der Lungenſeuche aus. Verſuche, wie die von dem löblichen Comité des Vereins Ober⸗Barnimſchen Kreiſes ausgegangene, erſcheinen von zwei⸗ felhaftem Werthe, indem ſie wohl unter Umſtänden Zeugniß für die Contagioſität ablegen können, das Gegentheil aber durch ſie nicht mit Beſtimmtheit dargethan werden kann. Wer da weiß, von welchen Bedingungen der Erfolg einer Anſteckung abhängig iſt; wer weiß, daß dieſe einen Anſteckungsſtoff, die Integrität 26 und die Ueberführung deſſelben vermittelſt der Gefäß⸗Reſorption, und endlich die Empfänglichkeit von Seiten des Verſuchsthieres vorausſetzt, der kann unmöglich ein Paar Verſuche für entſchei⸗ dend halten. Und wer bürgt uns dafür, daß es nicht einem bloßen Zufalle beizumeſſen iſt, daß man zu den angeſtellten Verſuchen nur ſolche kranke Thiere nahm, welche überhaupt kein Contagium erzeugten, oder in einer, für die Entwickelung deſſelben ungünſtigen Periode der Krankheit waren. Es dürf⸗ ten daher nur ſehr viele, an verſchiedenen Orten, unter den verſchiedenſten Verhältniſſen und in großer Ausdehnung unter⸗ nommene Verſuche ein nützliches Ergebniß liefern. Vor allen muß bei denen, welche die Verſuche leiten, Leidenſchaftlichkeit und Vorurtheil aus dem Spiele bleiben. Wir kennen die Schwächen der Menſchen, daß ſie nicht ſelten, wenn ſie in einer leidenſchaftlichen Idee befangen, die Beobachtungen zu deren Gunſten deuten. Nur viele Verſuche, von verſchiedenen Perſonen angeſtellt, können dieſen Nachtheil neutraliſiren. Prof. Hertwig: Was hier die Hrn. G. R. Augu⸗ ſtin und Albers und Thierarzt Fuchs bezüglich der Anſteck⸗ barkeit der Lungenſeuche äußerten, entſpricht nur der Anſicht, die die Lehrer der Kgl. Thierarzneiſchule von derſelben und den darauf abzielenden Verſuchen und deren negativen Erfolgen ha⸗ ben. Aus dem Bericht des Hrn. Kuers ergiebt ſich, daß ein Paar der Verſuchsthiere durch Anſteckung erkrankten. Es wird hierdurch nur die alte Erfahrung beſtätigt, daß da, wo Gele⸗ legenheit zur Anſteckung vorhanden, die Thiere häuſig nur die erſte Epoche der Krankheit durchmachen, ſich wieder beſſern, und daß der gewöhnliche Beobachter dann nichts Verdächtiges gewahrt oder gewahrt haben will. Die Anſteckung iſt von ver⸗ ſchiedener Intenſität unter verſchiedenen Verhältniſſen und in verſchiedenen Perioden. So wie eine gewiſſe Entwickelung des Contagiums, erheiſcht es auch von Seiten des anzuſteckenden Thieres einer gewiſſen Empfänglichkeit zur Aufnahme des An⸗ ſteckungsſtoffes. Es iſt bekannt, daß nicht ſelten auch das er⸗ wieſenſte und reichſte Contagium an gewiſſen Individuen nicht haftet. Der Landwirth erfährt dies an den von den Pocken — 27 befallenen Schafheerden, wo dieſe auf natürlichem Wege ent⸗ ſtehen, bleiben doch oft 5— 6 der Thiere geſund, ja es giebt Beiſpiele, daß der Pockenſtoff oft gar nicht haftete. Aehnli⸗ ches gewahren wir an dem Menſchen bei dem Nervenſieber. Ich ſelbſt bin 8 Wochen hindurch zwiſchen Sterbenden im Hospitale geweſen, wo jenes graſſirte, wurde nicht krank, ver⸗ trug aber den Anſteckungsſtoff durch die Kleidung in meine Heimath, wohin ich zum Beſuche reiſte, inſicirte meine Ange⸗ hörigen. Als ich ſpäter einen meiner Lehrer im Nervenfieber verpflegte, mußte auch ich, an dem alle früheren intenſiven Einflüſſe abprallten, an die Krankheit glauben. In Holland hat es ſich durchaus herausgeſtellt, daß, wo immer in einer Gemeinde die Lungenſeuche ausgebrochen, der Anfang derſelben nachzuweiſen und Anſteckung durch eingeführ⸗ tes fremdes Vieh die Veranlaſſung ihres Auftretens war. Die Lungenſeuche iſt auch weder hier noch in der Schweiz— wo jene Thatſache noch auffallendere Beſtätigung findet,— in ihren primären Urſachen nur einigermaßen genügend nach⸗ gewieſen. v. Bredow⸗Schwanebeck: Der Beweis, daß die Lun⸗ genſeuche unter keiner Bedingung anſteckend ſei, iſt zwar noch nicht gegeben, allein es fragt ſich, iſt die Gefahr der Anſtek— kung wirklich ſo groß, daß die ſeit langer Zeit her beſtehenden polizeilichen Sperrmaßregeln— bei deren Anordnung die Ge⸗ ſetzgebung offenbar von der einſeitigen Anſicht eines peſthaften, ſeuchenartigen Weſens der Krankheit ausgegangen iſt— noch fortdauern ſollen? Wenn die Lungenſeuche in unſere Ställe gelangt, haben wir mit zwei Uebeln zu kämpfen, mit einem kleineren, mit der Lungenſeuche nehmlich, und einem größeren, mit den angeordneten polizeilichen Sicherungsmaßregeln. Die Verluſte und Opfer, welche dieſe Maßregeln herbeiführen, ſind enorm und oft viel empfindlicher, als die der Krankheit ſelbſt. Ich wünſche, daß die begonnenen Verſuche fortgeſetzt werden, damit wir mehr Aufklärung über die Natur der Krankheit er⸗ langen, aber ich wünſche auch das Aufhören der ſtrengen Po⸗ lizeimaßregeln. Dieſe haben bisher Nichts geleiſtet, und wäh⸗ 28 rend ſie in dem einen Kreiſe mit Nachſicht gehandhabt werden, ſind ſie in dem anderen drückend ſtrenge. Der Präſident wiederholte hier die Bemerkung, daß eine Discuſſion über die Angemeſſenheit der beſtehenden ſani⸗ tätspolizeilichen Geſetze nicht in dem Zwecke der heutigen Ver⸗ ſammlung liegen könne. Geh. Medizinal⸗Rath Albers: Hier ſpeciell auf den Punkt der Geſetzgebung einzugehen, iſt nicht an Ort und Zeit. Einer⸗ ſeits iſt es Faktum: daß die Geſetzgebung 40 Jahre alt iſt, alſo für die Gegenwart des wiſſenſchaftlichen Fundamentes ent⸗ behrt; andererſeits können wir aber auch nicht wiſſen, ob nicht bereits von der Behörde Materialien geſammelt werden, um die ſanitäts⸗polizeilichen Vorſchriften über die Lungenſeuche des Rindviehes zu reformiren. Erlauben Sie mir nur, in Bezug auf den Vortrag des geehrten Redners vor mir, hinzuzufügen: daß wir eine abſolut anſteckende Krankheit in der Natur überhaupt nicht haben. Kreisphyſikus Dr. Schmidt: Jedenfalls wird der Staat ſich der Beobachtung der Krankheit nicht entziehen können. Es ſteht noch keinesweges feſt, ob das Fleiſch von lungenſüch⸗ tigen Thieren nicht unter Umſtänden ſchädlich werden könne. Was ſoll man dazu ſagen, wenn man von Schlächtern ver⸗ nimmt:„Könnten wir nicht noch mit dem lungenkranken Viehe etwas verdienen, ſo ginge es uns herzlich ſchlecht!“ Auf ſol⸗ che Weiſe erhalten jedenfalls die Conſumenten, die bei freier Wahl gewiß nicht zum Ankauf des Fleiſches von lungenkranken Thieren, ſich entſchließen würden, daſſelbe, ohne es zu kennen und erſtehen ſelbiges alſo in der guten Meinung, es rühre von geſundem Viehe her, ſie werden demnach geradezu und im ju⸗ ridiſchen Sinne betrogen. Dr. Kuers: Der Angabe des Hrn. Prof. Hertwig, daß beim Impfen der Schafpocken 5— 63 der Heerde unange⸗ ſteckt bleiben, muß ich auf den Grund von Impfungen an wohl 50 bis 60,000 Thiere während der Jahre 1826 und 1827, bei ſtattgefundener Inoculation am Schwanze, wider⸗ ſprechen; nicht 1 pCt. blieb unangeſteckt.— Was aber die 4 29 hieſigen Verſuche betrifft: ſo muß ich beſtreiten, daß von den acht Thieren auch nur eines wirklich an der Lungenſeuche ge— litten hat, denn bei keinem derſelben ſind die charakteriſtiſchen Erſcheinungen derſelben hervorgetreten. Die früheren Verſuche von Dieterichs und Giesker haben ein gleiches Reſultat ge⸗ geben, und es ſcheint mir daher, daß kein Grund vorhanden ſei, zur Vermeidung der Weiterverbreitung der Krankheit drük⸗ kende Maßregeln in Anwendung zu bringen. Amtsrath Koppe: Die Sachverſtändigen ſtreiten hier über das Prinzip, und dieſer Streit wird uns ſchwerlich weiter führen. Sie wollen wohl erwägen, daß wir Landwirthe es ſind, welchen die Lungenſeuche ſo großen Schaden zufügt, und daß die Thierärzte ſie nicht zu heilen vermögen. Es iſt gewiß gut, die Verſuche noch zu vervielfältigen, aber ich kann es nicht billigen, daß man unſere bisherigen Verſuche ſo wenig würdigt. Bei denſelben iſt es uns um Ermittelung der Wahrheit zu thun geweſen, denn unſere Anſichten von der Sache waren keinesweges übereinſtimmend, ſondern abweichende, wie ſie ſich in der heutigen Verſammlung ausſprachen. Warum ſollen wir aber nicht gebührend die Verdienſte deſſen anerkennen, der ſich mit raſtloſem Eifer und großer Aufopferung von Zeit der Lei⸗ tung der Verſuche unterzogen hat? Schon, um die Unzweck⸗ mäßigkeit der drückenden Polizeimaaßregeln darzuthun, war es zu wünſchen, daß die Verſuche gemacht würden. Ich führe dazu nur ein Beiſpiel an: Wenn auf einem einzelnen Gehöft eines Dorfes die Lungenſeuche ausbricht, iſt es da nöthig, den ganzen Ort zu ſperren? Dies iſt nur ein Fall von den vie— len, welche die Nothwendigkeit darthun, daß die Geſetze mit der Praxis in Uebereinſtimmung gebracht werden müſſen. Geh. Medizinalrath Auguſtin: Es werden von den be⸗ treffenden Behörden, nach Maßgabe der obwaltenden Umſtände, häufig Ausnahmen gemacht, ſtatt ganzer Oerter nur einzelne Gehöfte geſperrt. Contraventionen geſchehen gegen alle Geſetze; deshalb kann man ſie nicht aufheben. Geh. Medizinalrath Albers: Die Geſetzgebung iſt, wie geſagt, eine veraltete, hier aber nicht der Ort, über ſie zu verhandeln. 30 Amtsrath Koppe: Ich beſcheide mich gern, ſpreche dage⸗ gen den Wunſch aus, daß fortan bei der Verhandlung der eigentlichen Frage:„In welcher Art und Weiſe ſollen unſere Verſuche fortgeſetzt werden?“ jede Bitterkeit vermieden, jede Animoſität an die Seite geſtellt werde. Präſident: Mit Ausnahme Einer einzigen gelegentlichen Bemerkung iſt mir im Laufe der Discuſſion keine Aeußerung aufgefallen, die als animos zu bezeichnen wäre. Ich ſinde es aber natürlich und ganz in der Ordnung und Regel, daß eine Ueberzeugung auch mit Lebhaftigkeit und Wärme vorgetragen und motivirt werde. Amtsrath Koppe: Meine eigenen Beobachtungen über die Lungenſeuche anlangend: ſo datiren ſich ſelbige faſt 30 Jahre zurück. Im Jahre 1814 brach ſie auf den von Eckard⸗ ſtein'ſchen Gütern zu Beauregard, nach einer vorhergegan⸗ genen Ueberſchwemmung, aus. Hier ſchien ſie offenbar durch die letztere veranlaßt zu ſein, denn das Vieh, was nicht auf den überſchwemmten Weiden gegangen, blieb davon verſchont. Ein Jahr ſpäter erkrankten die Reichenower Kühe daran bei Schlempe⸗Fütterung. Ich habe die Lungenſeuche bei jeder Füt⸗ terung gehabt, und kann am wenigſten der Meinung des Hrn. Piſtorius beipflichten, daß verdorbenes Futter eine unweſent⸗ liche Rolle dabei ſpiele. Thierarzt Schmidt: Auch bei mir hat ſich in ſpäte⸗ ren Jahren die Anſicht gebildet, daß die Krankheit auch ſehr oft auf andere Weiſe als durch Anſteckung entſtehe. Ich bin auf der Königl. Thierarzneiſchule gebildet, und bin in mei— nen thierärztlichen Wirkungskreis mit der Ueberzeugung ein⸗ getreten, daß die Lungenſeuche anſteckend ſei. In einer länge— ren und mannichfaltigen Praxis, in welcher ich in meiner Ge⸗ gend nur zu häufig dieſe Krankheit zu beobachten Gelegenheit gehabt, hat ſich indeſſen meine Ueberzeugung bedeutend verän⸗ dert. Auch gehöre ich zum Comité, und halte die Fort⸗ ſetzung der Verſuche zur Aufklärung in der Sache für nützlich, kann aber den Vorwurf nicht gelten laſſen, daß aus den bis⸗ herigen ſich der Beweis für die Anſteckung folgern laſſe. Bei 31 dem einen Verſuchsthiere waren allerdings Tuberkeln vorhan⸗ den, aber umgeben von dichtem, ſie vom benachbarten geſun⸗ den Gewebe der Lunge abgrenzenden, Zellgewebe. Derglei⸗ chen Entartungen trifft man in vielen Fällen, ohne daß die Lungenſeuche graſſirt; ſie lieferten alſo keinen Beweis für die geſchehene Anſteckung. Landoeconomierath Thaer: Es iſt allerdings in Be⸗ tracht zu ziehen, daß das Futter, welches wir bei unſeren Ver⸗ ſuchen gegeben haben, von ausgezeichneter Qualität war; ſolch Futter kann wohl ſelten Jemand ſeinem Viehe auf die Länge der Zeit verabreichen. Nach meiner Anſicht müſſen nun, um die Extreme zuvörderſt einander gegenüber zu ſtellen, die Ver— ſuche zur Erzeugung der Krankheit mittelſt verdorbenen Fut⸗ ters folgen, und dann fernere Verſuche, um zu ermitteln, ob eine Anſteckung unter gewiſſen Bedingungen erfolgen könne. Präſident: Die Erörterung wendet ſich den auf die Gelegenheitsurſachen bezüglichen, künftig erſt anzuſtellenden Ver⸗ ſuchen zu, und würde ſomit der erſte Theil unſerer Berathung wohl als geſchloſſen betrachtet werden können. Landrath v. Hobe: Erlauben ſie mir noch die Mit⸗ theilung einiger Thatſachen: 1) Es ſind mir drei Fälle bekannt, wo die Weiterverbreitung der Krankheit von der Richtung des Windes abhängig war: die Orte unterhalb des Windes wurden inſtcirt, während die Orte oberhalb deſſelben verſchont blieben. 2) Von 7 Wirthen, die ihr Vieh gemeinſchaftlich weideten, hatten 3 oder 4 demſelben im Herbſt, vor dem Austriebe auf die gereiften Aenger, eine Strohgabe gereicht, die übrigen hatten dies unterlaſſen. Bei den Kühen der letz— teren entſtand die Lungenſeuche ſofort, bei den Kühen der erſteren aber 6—9 Monate ſpäter. Kreisphyſikus Dr. Schmidt: In Bezug auf die vor⸗ gehende Mittheilung, daß die Verbreitung der Seuche vom Winde abhängig geweſen ſei, bemerke ich noch, daß man bei 32 Epidemieen häufig die Beobachtung gemacht hat, wie ſie von Oſten nach Weſten gehen. Geh. Medicinalrath Auguſtin: Wo einmal die Lun⸗ genſeuche ausbricht, da werden immer die meiſten Thiere,, ergriffen werden. Eben wegen dieſes langſamen Verlaufes wünſchte ich, daß die auf die Contagiöſität abzielenden Ver— ſuche verlängert werden möchten. Landesoeconomierath Thaer: In den von den ver⸗ ehrten Rednern aufgeführten Thatſachen finde ich keinen Grund zu den daraus gezogenen Schlüſſen für die Contagiöſität, ſon⸗ dern es ſcheint mir darin mehr ein Beweis des Gegentheils zu liegen. Das langſame, Jahre lange Fortſchreiten der Seuche in einer Heerde erlaubt wohl den Schluß, daß die Seuche von localen nachtheiligen Umſtänden, von Futter und Weide her⸗ rührt, und bei einem Thiere früher, bei dem anderen ſpäter, durch die der Krankheit widerſtrebende Kraft der Thiere über⸗ wunden wird. Wenn je Seuchen aber, wie geſagt worden, durch Winde von Oſten nach Weſten verbreitet werden, ſo ge⸗ hen ſie nicht den langſamen Gang, ſie erſcheinen vielmehr ſchnell und verſchwinden wieder ſchnell. Prof. Hertwig: Wir finden aber doch ſelbſt da, wo ein ſixer Anſteckungsſtoff vorhanden, die Verbreitung oft ſehr langſam. Wie lange z. B. dauert es, ehe die Schafpocken in einer Heerde aufhören, wenn ſie auf natürlichem Wege aus⸗ gebrochen ſind? Landoeconomierath Thaer: Gewöhnlich 6 Wochen. v. Bredow⸗Schwanebeck: Fünf Wochen. Dr. Kuers: Für die Anſicht, daß die Lungenſeuche ſich nicht auf dem Wege der Anſteckung verbreitet, ſcheint dieſes Jahr einen bedeutenden Beweis zu geben. Im größeren Um⸗ kreiſe meines Wohnortes, und namentlich im Oderbruche, wo ſonſt die Seuche faſt nie aufhörte, iſt ſie in dieſem Jahre wie verſchwunden. Daſſelbe ſoll auch in der Umgegend von Ber⸗ lin der Fall ſein, worüber gewiß mehrere der hier anweſenden Herren Aufſchluß geben können. Die wenigen zu meiner Kennt⸗ niß gekommenen Seuchfälle hatten entweder ihren Entſtehungs⸗ 33 grund in verdorbener Tränke des ſehr trocknen Sommers, oder das Futter hatte durch ſchlechte Aufbewahrung gelitten. Wenn aber die Seuche in dieſem Jahre in Gegenden, wo ſie ſonſt immer zu finden war, gänzlich verſchwunden, oder doch höchſt ſelten iſt, ſo iſt die Urſache lediglich im Futter zu ſuchen, denn ſelten wohl wird Stroh und Heu in ſo geſunder Qualität ge— wonnen, als es im verfloſſenen Jahre der Fall war. Dr. Schmidt: Die Krankheit kommt doch noch oft ge⸗ nug vor; aber das anſtößige Vieh wird von den Beſitzern bei Zeiten ausgenutzt, und deshalb hört man von der Seuche ſel⸗ tener ſprechen. Präſident: Wenn es mir erlaubt iſt, nunmehr das Weſentliche aus den bisherigen Erörterungen zuſammenzufaſſen; ſo dürften ſich folgende Puncte als ſolche herausgeſtellt haben, über welche keine Verſchiedenheit der Anſichten Statt findet: 1) die Lungenſeuche des Rindviehes iſt nicht abſolut contagiös; 2) die Fälle, wo ſie nicht anſteckt, kommen auch eben nicht ganz ſelten vor; 3) es erſcheint jedenfalls wünſchenswerth, daß die beſproche⸗ nen Verſuche nicht nur von dem Comité des Land— wirthſchaftlichen Vereins des Ober⸗Barnimer Kreiſes fort⸗ geſetzt, ſondern daß dergleichen wo möglich in allen Pro⸗ vinzen und unter den verſchiedenartigſten Verhältniſſen ꝛc. angeſtellt werden mögen. Es wird dem Landes-Oecono⸗ mie⸗Collegium nicht an Gelegenheit fehlen, dahin zu wirken, daß ſolches geſchehe, und ich glaube äußern zu dürfen, daß es dieſe Gelegenheit beſtens zu benutzen nicht verſäumen werde. Streitig dagegen iſt geblieben: 4) ob die Krankheit überhaupt anſteckend ſei oder nicht, in— deſſen war es zum Voraus anzunehmen, daß ſolches hier auch nicht wohl entſchieden werden konnte. Ich habe jetzt noch die Pflicht, zwei, ſich auf unſere gepflogenen Verhandlungen beziehende eingereichte ſchriftliche Mittheilungen vorzutragen.—— Die erſte der hierauf verleſenen Abhandlungen(ſ. Beil. B.) 3 34 war eingereicht von dem Rittergutsbeſitzer Paalzow auf Kütz⸗ kow bei Brandenburg. Verf. erklärt die Lungenſeuche für an⸗ ſteckend, und erkennt in der Schlempe keine Gelegenheitsur⸗ ſache derſelben an, ſofern ſie rein abgegohren und gut abge⸗ brannt und nicht im Uebermaaße bei zu wenigem Rauhfutter gegeben wird. Der Verfaſſer der zweiten Abhandlung(ſ. Beil. C.), Oberamtmann Wendler zu Rittergut Potsdam, ſtellt die Anſteckungsfähigkeit der Lungenſeuche ganz in Abrede, empfiehlt bei dem Ausbruche ein ſchnelles, kräftiges und ausdauerndes Heilverfahren, wozu er Anleitung giebt und hebt unter den Gelegenheitsurſachen derſelben beſonders hervor: Erhitzung auf weiten Triften bei heißer Witterung und darauf erfolgendes gieriges Saufen; ſo wie zu kaltes Saufen in harten Wintern bei ſehr warmen Ställen. Der Präſident glaubt im Sinne der Verſammlung, deren Dank für dieſe Mittheilungen ausſprechen zu dürfen, er⸗ klärt nunmehr den zweiten Theil der Verhandlung, nämlich die Berathung über die veranlaſſenden Urſachen und die auf deren Ermittelung abzielenden Verſuche, für eröffnet und fordert den Dr. Kuers auf, ſich auch hier⸗ über zuerſt auszuſprechen: Dr. Kuers: Nach den Vorſchriften des Proſpectus ſind die anzuſtellenden Verſuche feſtgeſetzt worden, und es haben diejenigen Perſonen, welche zur Anſtellung der Verſuche Geld⸗ mittel hergegeben haben, das Recht zu verlangen, daß wir uns an jene halten. Ich bin demgemäß der Anſicht, daß die heu⸗ tige Verſammlung ſich vorzugsweiſe über die im Proſpekt auf⸗ geworfenen Fragen, angeklagte und vermeintliche Gelegenheits⸗ Urſachen betreffend, ausſprechen wolle. Für die hieſigen Ge⸗ genden iſt dabei am wichtigſten die Erörterung über ſchädliche Einwirkung von Kartoffeln und Schlempe, ſo wie des mit ih⸗ nen verwendeten Strohes und Heues. In meiner Gegend, alſo in der Nähe des Oderbruches, ſcheint ſich immer ſicherer herauszuſtellen, daß vor allem andern mehr und minder ver⸗ dorbenes Heu und Stroh neben Verwendung reichlicher Kar⸗ toffelbranntweinſchlempe die Gelegenheits⸗Urſachen der Lungen⸗ 35 ſeuche ſind. Aus den Wirthſchaſten des Oderbruchs iſt nur ſelten gutes, nicht mulſtrig gewordenes Stroh zu verkaufen, und das Heu hat häufig gleichfalls ſchlechte Beſchaffenheit, in⸗ dem man in den tiefſten und naſſen Orten gewachſenes für gut genug erachtet, um es an Rindvieh zu verfüttern; ſo dürfte denn wohl dieſer Umſtand ſehr in Betracht zu ziehen ſein. Um ſo mehr aber wäre ich der Meinung, daß vor allen anderen Einwirkungen die ebengenannte geprüft würde, weil ſie auch nach den Wahrnehmungen praktiſcher Wirthe die weſentlichſte Entſtehungs⸗Urſache der Lungenſeuche zu ſein ſcheint. Namentlich erlaube ich mir, die Angabe des Herrn Baron von Eckardſtein auf Prötzel hier anzuführen, der, nachdem er der Contagioſität der Lungenſeuche ſehr das Wort geſpro⸗ chen hatte, jetzt eingeſteht, daß ſie auf ſeinen Gütern da graſ⸗ ſirt habe, wohin Rauhfutter angekauft worden, weshalb er die⸗ ſes als Erzeugungsgrund anklage. Was nun aber die Ausführung der Verſuche über die Ge⸗ legenheits⸗Urſachen der Lungenſeuche betrifft, ſo dürfte weſent— lichſt in Betracht zu ziehen ſein, ob dem Comité hinrei⸗ chende Geldmittel dazu verbleiben werden. Es werden zwar nach dem Schluß des jetzigen Verſuches im Falle, daß die aufgeſtellten Verſuchsthiere zur Schlachtbank verkauft werden können, etwa 600 Rthlr. und mit Hinzurechnung der vom Königl. Hohen Miniſterium des Innern in Ausſicht geſtellten 300 Rthlr. 900 Rthlr. in Beſtand ſeien; allein es würde ſich auch fragen, ob die Anſteckungs-Verſuche nicht noch fort— zuſetzen und zu verlängern wären. Ich bitte ergebenſt, daß die hier anweſenden Herren ſich gütigſt ausſprechen wollen. Präſident: Die Verſammlung wird in dieſer Beziehung nur Wünſche äußern und unmaßgebliche Anſichten ausſprechen können; wiefern dieſelben bei den Verſuchen ſelbſt zu berückſichti— gen ſein werden, darüber wird dem Comité des landwirth⸗ ſchaftlichen Vereins des Ober⸗Barnimer Kreiſes immer die Ent— ſcheidung verbleiben müſſen. Landes⸗Oeconomierath Thaer: Was die für die früher feſtgeſtellten Verſuche bereits gezahlten Beiträge anlangt, 2* 36 ſo wird die Beſtimmung über deren Verwendungsart wohl le⸗ diglich dem Comitè des landwirthſchaftlichen Vereins Ober⸗ Barnimſchen Kreiſes zuſtehen, welches die Geber mit dem Ver⸗ trauen beehrten, die dienlichſten Mittel zum Zwecke zu wählen. Departements⸗Thierarzt Fuchs: Es war aber doch die Abſicht des Vereins, auch die Anſichten Fremder zu ver⸗ nehmen über die Art und Weiſe, wie die Verſuche am zweck⸗ mäßigſten anzuſtellen wären. Ich wiederhole: ſollen die Ver⸗ ſuche irgend ein wahrſcheinliches Ergebniß liefern, ſo müſſen ſie an vielen Orten von verſchiedenen Perſonen angeſtellt wer⸗ den. Die Thiere müſſen in Verhältniſſe gebracht werden, die denen analog ſind, unter welchen die Lungenſeuche gewöhnlich entſteht. Dr. Kuers: Das iſt zum Theil geſchehen. Departements⸗Thierarzt Fuchs: Zugegeben, ſo ſind doch auch gleichzeitig mehre thieriſche Stoffe zur Impfung der Verſuchsthiere angewandt worden. Wer weiß, ob ſich nicht die Natur gegen turbulente Verſuche ſträubt, und dann der Organismus eine das Contagium vernichtende Reaction ent⸗ wickelt? Wer weiß, ob nicht durch die Ueberführung verſchie⸗ denartiger thieriſcher Stoffe, wie es im obſchwebenden Falle geſchehen, eine, der Entwickelung des Contagiums ungünſtige Säftemiſchung in den Thieren entſteht? Wer weiß endlich, ob nicht gerade das Eontagium der Lungenſeuche es fordert, daß ihm ſo zu ſagen Gelegenheit gegeben werde, ſich in den Organismus einzuſchmeicheln?— Verſuche ſind nichts weiter, als zu einem beſtimmten Zwecke abſichtlich eingeleitete Beobach⸗ tungen. Man verfolge daher den Gang der Natur, bringe kranke Thiere unter geſunde. Solche Verſuche an 20, 30 Or⸗ ten unter verſchiedenen Verhältniſſen von Vorurtheilsfreien an⸗ geſtellt, könnten dann ſchon der Wahrheit näher führen. Dr. Kuers: Der geehrte Redner hat unberückſichtigt gelaſſen, daß die Verſuche nicht von einer einzelnen Perſon, nicht von mir allein, ſondern von einem Comité von 10 Mit⸗ gliedern angeſtellt worden ſind. Daß ſie aber ohne Vorurtheil begonnen und ausgeführt worden, laſſen wohl die gedruckten 37 Berichte zureichend erkennen. Die Verſuche wurden öffentlich betrieben; Jedermann konnte die Veranlaſſung nehmen, ſich da⸗ von im Verſuchsſtall perſönlich zu überzeugen und das täglich über den Fortgang der Verſuche gefertigte Protokoll in dem Protokollbuche einſehen. Wenn ich auch die Anſicht habe, daß die Lungenſeuche keinen Anſteckungsſtoff entwickele, ſo kann man mich deshalb noch nicht als eine in einem Vorurtheile befan⸗ gene Perſon bezeichnen, am wenigſten iſt aber zu dulden, daß das geſammte Comité ſo bezeichnet werde. Ob ich aber die geſunden Thiere zu kranken bringe, oder umgekehrt verfahre, muß durchaus gleichgültig ſein, da es doch nur auf die Nähe und Berührung der Geſunden mit den Kranken ankommen kann. Uebrigens iſt der Verſuchs⸗ ſtall der Art, daß ſich darin der Anſteckungsſtoff, wäre ein ſolcher vorhanden, ſehr bald und allgemein verbreiten muß. Denn er hat nur 7 Fuß Höhe, 12 Fuß Tiefe und 24 Fuß Länge, und es waren darin 6—7 große Rinder aufgeſtellt worden, die ſich gegenſeitig berühren und belecken konnten. Und dann muß ich ferner aufs Beſtimmteſte beſtreiten, daß der ſo ſehr vertheilte Anſteckungsſtoff in der Atmoſphäre leichter zur Anſteckung ſollte führen können, als die Impfung ſie bewirkt. Bei unſeren Verſuchen wurden innere und äußere Oberflächen des Körpers, ſo viel geſchehen konnte, mit den Erzeugniſſen der Krankheit in innige Berührung gebracht; es wurden alſo weit mehr Wege benutzt, auf welchen der Anſteckungsſtoff in den Körper zu gelangen vermochte, es wurde die Anſteckung weit intenſiver herbeizuführen geſucht, als die Atmoſphäre um die kranken Thiere ſie veranlaßen kann. Amtsrath Koppe: Es iſt allerdings nicht in Abrede zu ſtellen; daß es einen Unterſchied macht, wenn man geſunde Thiere in einen Stall von vielen kranken bringt. Profeſſor Störig: Ueber die Lungenſeuche äußerte ſchon der verſtorbene Staatsrath Thaer vor vielen Jahren, als ich mit ihm darüber ſprach, daß ſie höchſt gefährlich, ſchlei⸗ chend und anſteckend ſei. Geh. Medicinalrath Albers: Bei den Contagien kann 38 durchaus nicht eines wie das andere behandelt werden, da ſie mit den verſchiedenſten Eigenthümlichkeiten auftreten, ſir oder flüchtig ſind u. ſ. w. Die Natur deſſen, was Träger eines Contagiums der Lungenſeuche ſeyn mag, iſt uns noch ganz unbekannt, wir können uns in dieſer Beziehung bis jetzt nur in Vermuthungen bewegen. Nach den vorliegenden That⸗ ſachen ſcheint es höchſt wahrſcheinlich, das Contagium der Lungenſeuche ſei ein ſehr flüchtiges nicht palpables, und es ſteht daher durchaus zur Frage, ob die Krankheit ſich auf dem von Dr. Kuers verſuchten Wege übertragen laſſe, ob er ein natürlicher iſt. Wenn man geſunde Thiere neben kranke ſtellt und dieſe nicht von der Seuche befallen, ſo folgt daraus,(wie auch ſchon angeführt) im Allgemeinen nur, daß ihnen die Recepti⸗ vität dafür fehlt.— Nochmals: nur viele, umfaſſende, und lang fortgeſetzte Verſuche können Reſultate geben. Prof. Dieterichs: Impfungen, Behufs Ergründung der Anſteckung der Lungenſeuche, habe ich bereits vor einigen 20 Jahren gemacht und man wird mir wohl zutrauen, daß ich alle dabei zu nehmenden Rückſichten gekannt und auch wohl beachtet habe. Die damals gewonnene Anſicht von der Nicht⸗ Contagiöſität hat ſich mir ſeitdem in zahlreichen Fällen beſtä⸗ tiget, ich kann deshalb nur den Wunſch ausſprechen, daß man darauf abzielende Verſuche nicht ſchließe, bevor ſich ein eviden— tes Ergebniß herausſtellt. Landesöconomierath Thaer: Es würde uns zu weit führen, ſofort die Verhältniſſe alle zu ermitteln, unter de⸗ nen die Krankheit anſteckt. Es lieget eine ſo große Menge von Thatſachen vor, bei denen ſich die Meinung aufdringen muß, das Uebel ſei nicht durch Anſteckung entſtanden, ſondern Gelegenheitsurſachen zuzuſchreiben, daß es zweckmäßig erſcheint, vorläuſig zu den Verſuchen über deſſen Erzeugung durch ver⸗ dorbenes, verſchlämmtes Futter ꝛc. zu ſchreiten. In der Nie⸗ derung an der Ihna ſteht, nach des Landraths von Wedel— Crampzow Angabe, als Erfahrung feſt, daß wenn im Juni dort noch Entenjagd auf den Wieſen ſtattfindet, im nächſten 39 Winter die Lungenſeuche ausbricht, weil durch den langen und hohen Stand des Waſſers das Gras verſchlämmt und unge⸗ ſund wird.. Thierarzt Fuchs: Mit Mehreren erſcheint mir die Fortſetzung der Verſuche über die Anſteckungsfähigkeit wün⸗ ſchenswerther. Bezüglich der Hervorrufung der Krankheit durch anderweitige äußere Einflüſſe, ſo hat es ſeine großen Schwie⸗ rigkeiten, die urſächlichen Verhältniſſe ſo herbeizuführen, wie ſie die Natur zuſammenſtellt. Daß die Lungenſeuche einer ſpontanen Entwickelung fähig ſeyn, und in der Wirklichkeit nicht ſelten in Folge einer ſolchen auftreten mag, das wird Niemand ernſtlich bezweifeln wollen. Man darf nur einfach die Frage aufwerfen: wo kommt denn dieſe Krankheit urſprüng⸗ lich her? Die Antwort hierauf wird auf die endliche ſpontane Entwickelung zurückkommen müſſen. Landesöconomierath Thaer: Was 500 Jahre lang an⸗ erkannt, aber noch nicht verſucht worden, ſagt Dombasle, bedarf dennoch einer Beſtätigung durch Verſuche, kann durch einen einzigen erſchüttert werden. Landrath v. Hobe: Die Verſuche müßten jedenfalls ſehr vervielfältigt werden. Die nöthigen Geldmittel zur vielſeitigen, großartigen und beharrlichen Durchführung derſelben werden ſchon zuſammenkommen. Die Sache iſt in ſehr guten Hän⸗ den, und jeder den ſie näher angeht, namentlich der Land⸗ wirth, wird gern dazu beiſteuern. Chriſtiani⸗Kerſtenbruck: Da von mehrern Seiten der Einwand gemacht worden, daß die bisherigen Verſuche nicht lange genug fortgeſetzt worden ſind, indem die Lungen— ſeuche oft langſam ſchleiche und nach Monaten erſt auftrete, und ferner auch der Einwand gemacht werden dürfte, daß das den Verſuchsthieren gereichte Futter von ſo ausgczeichnet rei⸗ ner und geſunder Beſchaffenheit geweſen iſt, als man es ge⸗ wöhnlich nicht zu geben pflegt und auch nicht geben kann, ſo lege ich der geehrten Verſammlung folgenden Vorſchlag zur Prüfung vor: Der jetzige Verſuch über die Anſteckungsfähig⸗ keit iſt der dritte und nach dem Proſpectus der letzte. Es 40 mögen nun aber die bis jetzt geſund gebliebenen Verſuchsthiere noch längere Zeit und bei demſelben Futter von Hafer und Heu aufgeſtellt bleiben, um zu ſehen, ob ſich ſpäterhin die Krankheit bei ihnen entwickele. Gleichzeitig aber und in demſelben Stalle ſollen noch 3— 4 andere geſunde Thiere aufgeſtellt werden, denen nicht ſo auserleſen reines und geſun— des Futter gereicht wird, als den bisherigen Verſuchsthieren, ſondern die ein Futter erhalten, wie man es gewöhnlich über— all zu geben pflegt, welches zwar gemeiniglich für geſund ge⸗ halten wird, aber in ſeiner Maſſe doch auch manche minder geſunde Beſtandtheile enthalten mag. Man gebe den Häckſel, Kaff und Heu von gewöhnlicher Beſchaffenheit und daneben entweder geſunde Kartoffeln oder geſunde Schlempe. In ei⸗ nem abgeſonderten Stalle könnten denn auch bei demſelben Futter von Kaff, Heu, Kartoffeln u. ſ. w. einige geſunde Thiere aufgeſtellt werden. Alſo zwei Verſuchsabtheilungen bei einem und demſelben allgemein gebräuchlichen Futter, wo aber auf der einen Seite die Anſteckung verſucht, auf der anderen entfernt gehalten wird. Ich halte dieſen Doppelverſuch für ſehr belehrend und den Uebergang bildend zu den folgenden Verſuchen über Er⸗ zeugung der Krankheit durch ausgeſucht ſchlechtes und verdor⸗ benes Futter, und glaube, daß man ſpäterhin, wenn er jetzt nicht ausgeführt werden ſollte, doch wieder darauf zurückkom— men wird. Jetzt aber iſt er ſehr leicht den Anſteckungsverſu⸗ chen anzureihen und bequem mit dem Verſuche zu vereinigen, die der Anſteckung ausgeſetzten Thiere lange Zeit mit den Kranken in Berührung zu laſſen. Dr. Kuers und Profeſſor Dieterichs entgegneten hier⸗ auf, daß der eben vorgeſchlagene Verſuch jetzt nicht zuläſſig ſei, man müſſe die Verſuche ganz rein darſtellen, denn wolle man jetzt ungeſundes Futter geben, und die Krankheit bräche aus, ſo wiſſe man ja nicht, ob ſie in Folge der Anſteckung oder des Futters entſtanden ſei. Landesöconomierath Thaer: Die Verſuche über Hervor⸗ bringung der Seuche, ſie mögen uun ein poſitives oder nega⸗ 41 tives Reſultat geben, werden jedenfalls ſehr belehrend ſein, wes⸗ halb ich wünſche, daß bald dazu übergegangen werde. Dr. Kuers: Dem Beginne der Verſuche über die Ge— legenheits-Urſachen der Lungenſeuche müßten noch unerläßlich chemiſche Unterſuchungen der zu verabreichenden, als erzeugen⸗ den Grund der Krankheit angeklagten Futtermittel vorausge— hen. Mehrere Chemiker haben ihre Mitwirkung verſprochen, und namentlich hat der Aſſiſtent des Geheimraths Dr. Mit⸗ ſcherlich, Herr Trommer, ſich gegen mich geäußert, daß er recht bald ſich mit einer Analyſe der Kartoffel-Brannt⸗ weinſchlempe, welche noch gänzlich fehlt, beſchäftigen werde. So lange dieſe Vorarbeiten nicht gemacht worden, dürfte wohl mit den allerdings ſehr intereſſanten Verſuchen über Erzeugung der Seuche durch Futterſtoffe nicht gut begonnen werden können. Dr. Schmidt: Seit die Brennereien mehr aufgekom⸗ men, iſt offenbar die Lungenſeuche viel häufiger geworden In der Zuſammenſetzung der Kartoffelſchlempe und des Oder⸗ bruchheues, dürfte vornämlich eine mitwirkende Urſache begrün⸗ det ſein, welche bei den Verſuchen Berückſichtigung verdienen möchte. Landrath v. Hobe: Zu wünſchen wäre es wohl, daß der Staat dem Verſuchscomité noch einen zweiten Thierarzt beigeſellte, wozu ich den Departements⸗Thierarzt Fuchs vor⸗ ſchlagen möchte.— Präſident: Nach den hier verſchiedentlich geäußerten Wünſchen in Beziehung auf die ferner anzuſtellenden Verſuche möchten vielleicht dieſe Verſuche unter drei Categorien zuſam⸗ menzufaſſen ſeyn: 1) fortgeſetzte Verſuche mit beſtem Futter, ob bei dieſem die Anſteckung erfolge. 2) Verſuche, ob bei dem gewöhnlichen Futter, wie es in Wirthſchaften, wo die Krankheit herrſcht, gegeben zu werden pflegt, etwa eine größere Dispoſition zur Auf⸗ nahme des Anſteckungsſtoffes ſich hervorbringen laſſe. 3) Verſuche, ob durch ſchlechtes Futter die Krankheit auch ohne Anſteckung ſich erzeugen laſſe. 42 Dr. Kuers: Ob und wie die Verſuche fernerhin vom Comité angeſtellt und ausgeführt werden ſollen und kön⸗ nen, iſt wohl ſehr abhängig von den uns zufließenden Geld⸗ mitteln. Deshalb erlaube ich mir nochmals die Frage an die hochgeehrte Verſammlung: ob ſie einen Beſchluß über die Fort— ſetzung der Anſteckungs⸗Verſuche und über die Art ihrer Aus⸗ führung faſſen wolle? Profeſſor Hertwig: Wir können dem Comité un— ſere Anſicht über dieſen Gegenſtand ausſprechen, müſſen es demſelben aber anheim ſtellen, den geeigneten Gebrauch davon nach eigenem Ermeſſen zu machen. Prof. Dieterichs: Allerdings; iſt es aber nicht wün⸗ ſchenswerth, daß das Landes⸗Oeconomie⸗Collegium ſich höhe⸗ ren Orts dafür verwende, daß die Fortſetzung von Verſuchen beregter Art durch Herſchießung von Mitteln dazu gefördert und unterſtützt werde? Präſident: Dies iſt bereits von mir im Laufe der Discuſſion angedeutet worden; ich habe mich aber einer nähe⸗ ren Auslaſſung darüber enthalten, da ich natürlich Namens des Collegiums ohne deſſen ausdrückliche Zuſtimmung keine beſtimm— tere Zuſicherung ertheilen kann. Ich hoffe, daß dieſe Ver⸗ ſammlung nicht die letzte ihrer Art geweſen ſeyn werde. Je⸗ denfalls läßt ſich vorausſehen, daß ſie dazu beitragen werde, das Intereſſe für die Sache ſelbſt und den Antheil für das verdienſtliche Unternehmen, ſie durch Verſuche aufzuklären, in weiterem Kreiſe zu vermehren. Eine folgende Zuſammenkunft wird dies ohne Zweifel beweiſen und vielleicht auch darthun, daß die Anſichten ſich von beiden Seiten modificirt und einander genähert haben. Der wohlthätigen Früchte dieſer Berathung werden wir uns alsdann nur um ſo gegründeter verſichert halten dürfen. Ich glaube, daß für den Augenblick keine weitere Erle⸗ digung des Gegenſtandes zu erwarten ſteht, und ſchließe da⸗ her die heutige Verſammlung mit dem Ausdrucke lebhaften Dankes für die Unterſtützung und Theilnahme, welche dieſelbe, in ſo erfreulicher Weiſe von allen Seiten gefunden hat. — 3. Beilagen. A. Proſpectus anzuſtellender Verſuche über die Anſteckungs⸗Fähig⸗ keit und die Gelegenheitsurſachen der Lungenſeuche des Rindviehes. In der Verſammlung des landwirthſchaftlichen Vereins Ober⸗ Barnimſchen Kreiſes, am 24. November d. J., war von einem Mit⸗ gliede der Antrag geſtellt worden, daß der Verein Verſuche veranlaſſen möchte, welche die ſichere Entſcheidung über die Fragen:„Iſt die Lungenſeuche der Rinder eine anſteckende Krankheit, und durch welche äußere veranlaſſende Urſachen wird ſie erzeugt?“ gewinnen laſſen würden. Er wurde mit ſo allgemeiner und reger Theilnahme aufge⸗ faßt, daß, nach vorläufiger Berathung über die einzelnen anzuſtellen⸗ den Verſuche, die Verſammlung erklärte: Dieſe Angelegenheit zur Sache des Vereins zu machen, ſofort ein Comité von 12 Perſonen zu deren näherer Berathung und demnächſtiger Ausführung zu erwäh⸗ len, und bei den anweſenden Mitgliedern die Subſcription von Geld⸗ Beiträgen zu eröffnen. Die Wahl zu Mitgliedern des Comité traf die Unterzeichneten, als: 1) v. Bredow, Ritterſchaftsrath und Rittergutsbeſitzer auf Ihlow; 2) Chriſtiani, Rittergutsbeſitzer auf Kerſtenbruch; 3) Gobbin, Rittergutsbeſitzer auf Herrnhof; 4) Hering, Adminiſtrator des Ritterguts Prädikow; 5) v. Jena, Rittmeiſter und Rittergutsbeſitzer, auf Cöthen; 6) Kaskel, Adminiſtrator des Ritterguts Trampe; 7) Körte, Profeſſor und Rittergutsbeſitzer, auf Lüdersdorf; 8) Koppe, Amtsrath auf dem Königl. Amte Wollup; 9) Kuers, Dr., Kreisthierarzt und Docent zu Möglin; 10) Ribbach, Pächter des Rittergutes Schulzendorf; 11) Schmidt, Thierarzt und Gutsbeſitzer, zu Gißhof; 12) Thaer, Landes⸗Oekonomie⸗Rath und Rittergutsbeſitzer auf Möglin. —— 44 Von dieſen wurde der Dr. Kuers zum Geſchäftsführer und der Amtmann Ribbach zum Rendanten des Comité ernannt. Das Comits iſt befugt, ſeine Mitglieder, je nach Erforderniß, zu ergänzen und zu vermehren. Die in der Verſammlung eröffnete Unterzeichnung ergab, mit In⸗ begriff von 70 aus der Kaſſe des Vereins der Oderbrücher bewilligten Thalern, die Summe von 374 Thalern Preuß. Courant. War nach dieſem Reſultat abzuſehen, daß die ferneren Unter⸗ zeichnungen der Herren Gutsbeſitzer und Pächter im Ober⸗Barnimſchen Kreiſe wohl eine Beiſteuer von etwa 500 Thalern zu den Verſuchen ergeben dürfte: ſo konnte dennoch keine Frage darüber obwalten, daß dieſe Summe nicht ausreichen werde, um auch nur die wichtigſten der unten aufgeführten Verſuche in der wünſchenswerthen Ausdehnung anzuſtellen. Demgemäß beſchloß der Verein, einen allgemeinen Auf⸗ ruf an diejenigen Landwirthe des preußiſchen Vaterlandes, welche ein Intereſſe an der Vertilgung dieſer, die Rindviehhaltung ſo ſehr ge⸗ fährdenden Krankheit nehmen, ergehen zu laſſen, damit auch ſie Bei⸗ träge zu den projectirten Verſuchen einſenden. Indem wir Unterzeichnete hierdurch dieſem Verlangen unſerer Comitenten nachkommen, dürfen wir, bei der ſo großen Wichtigkeit des Gegenſtandes, gewiß der wohlwollenden Unterſtützung recht vieler Gewerbsgenoſſen uns gewärtigen. Es handelt ſich ja nicht um mild⸗ thätige Gaben, ſondern um ſolche, welche den Gebern ſelbſt Nutzen ſchaffen ſollen, ſogar ſie ſehr bedeutende Vortheile erreichen laſſen. Denn, wer dürfte leugnen, daß nach Ermittlung der Grundurſachen des Uebels es auszurotten iſt? Und würde auch allein die Frage über die Anſteckungs⸗Fähigkeit der Lungenſeuche mit Sicherheit verneinend durch die Verſuche beantwortet, oder ſtellte ſich nur eine gewiſſe re⸗ lative Anſteckungs⸗Fähigkeit durch ſie heraus, ſo wäre ſchon der Ge⸗ winn für alle Betheiligte nicht unbedeutend. Laſſen Sie uns alſo mit vereinten Kräften an's Werk gehen! Wir Unterzeichnete verſichern aber, mit größter Treue uns den übernommenen Verpflichtungen unterziehen zu wollen. Insbeſondere werden wir auch gewiſſenhaft über die rechtlichſte und ſparſamſte Ver⸗ wendung der Beiträge wachen, wie die vierteljährlichen öſſentlichen Nachweiſe ergeben ſollen. Keiner von uns wird für ſeine Bemühun⸗ gen bei den Verſuchen irgend einen Lohn annehmen, und wir werden uns beſtreben, die Verſuche mit größter Genauigkeit und aller mög⸗ lichen Umſicht auszuführen. 45 So hoffen wir denn, daß das uns von den Landwirthen des Ober⸗Barnimſchen Kreiſes geſchenkte Vertrauen ſich nicht minder auf ferne Gewerbsgenoſſen übertragen werde. In dieſer Ausſicht erſuchen wir nunmehr, Beiträge zu den Verſuchen unſerem Rendanten, dem Amtmann Ribbach, zu Schulzendorf bei Wriezen, und anderweitige Schreiben in der Angelegenheit unſerem Geſchäftsführer, dem Dr. Kuers, zu Möglin bei Wriezen, zuſtellen zu wollen. Die eingegan⸗ genen Beiträge werden, mit dem Namen der Herren Einſender, in den vierteljährlich über den Fortgang der Verſuche erſcheinenden ge— druckten Berichten aufgezeichnet werden. Vorſchläge, die uns in Betreff der projectirten Verſuche zukom⸗ men ſollten, werden wir thunlichſt und dankbarlichſt benutzen, ſo wie wir auch mit Dank ſolche Berichte über die Krankheit entgegen neh⸗ men würden, welche beſonders mit unſeren Verſuchen in Beziehung ſtehen und Thatſachen aus der Erfahrung liefern. Die Löſung der Frage über die Anſteckungs⸗Fähigkeit der Lun⸗ genſeuche halten wir fuͤr die erſte und wichtigſte Aufgabe, zu welcher deshalb zuerſt geſchritten werden ſoll. Sind zwar ſchon umſichtige Verſuche über dieſelbe, namentlich durch den Profeſſor Oberthierarzt Dieterichs ⸗), zu Berlin, und den Geſtüts⸗Director Giesker**), zu Braunſchweig, gemacht worden, und haben ſie zwar ſehr trifftige Beweiſe gegen die Anſteckungs⸗Fähigkeit geliefert, haben dies gleich⸗ falls eine große Anzahl Beobachtungen von Seuchen und ſehr vielen einzeln vorgekommenen Krankenfällen gethan; ſo ſtehen doch wiederum andere vermeintliche Verſuche und viele Beobachtungen gegenüber, welche auf das Gegentheil hindeuten. Dieſe Ungewißheit könnte und müßte durch Verſuche beſeitigt werden, damit einer Seits entweder auf Aufhebung der ſo höchſt drückenden polizeilichen Sicherungs⸗Maß⸗ regeln, oder, je nach der Art der etwa geſchehenden Anſteckung, doch auf deren Abänderung bei den Behörden angetragen werden könne, anderer Seits aber, bei nicht nachzuweiſender Anſteckungs⸗Fähigkeit, die ungetheilte Aufmerkſamkeit auf die veranlaſſenden Urſachen gerich⸗ tet würde. Bei den Verſuchen über die Frage der Anſteckung müſſen wir für ganz weſentlich erachten, daß die Geſundheit der Verſuchsthiere *) Ueber die häufig herrſchende Lungenſeuche des Rindviehes. Berlin, 1821. **) Land⸗ und forſtwirthſchaftliche Zeitſchrift für Norddeutſchland ꝛc. Redig. von Dr. C. Sprengel. Bd. 2. H. 1. S. 60— 74. ——ʒ—⸗—ꝛ—— 46 unzweifelhaft feſtgeſtellt werde, weshalb ſie auch aus einem Orte und einer Heerde gewählt werden ſollen, worin ſeit mindeſtens 10 Jahren die Lungenſeuche nicht graſſirt hat, und daß die Fütterung und War⸗ tung derſelben möglichſt ihrer Geſundheit zuträglich ſei. Aus jener erſteren Rückſicht ſollen dir Verſuchsthiere in einen Stall gebracht werden, worin ſeit Jahr und Tag kein Rindvieh ge⸗ ſtanden hat, um 8 Tage hindurch beobachtet zu werden. Und zwar wird der Kreisthierarzt Dr. Kuers die Rinder jene 8 Tage hindurch bei ſich aufgeſtallt erhalten, der ſich auf ſeinen Amtseid verpflichtet hält, alle einzelne, ihren geſunden Zuſtand bekundende Erſcheinungen zum Nachweis ihrer individuellen Geſundheit, der Wahrheit getreu aufzuzeichnen. Erſt, nachdem hierbei die völlige Geſundheit derſelben nachgewieſen worden, ſollen die Verſuche mit ihnen beginnen. In Betreff der Fütterung beſtimmten wir aber, daß ſie in Verwendung von vorzüglichem Heu und Stroh mit Getreideſchrot, beſſer mit Ha⸗ ferkörnern, während des Sommers von grünem Stallfutter, neben Quell⸗- oder Brunnenwaſſer beſtehe, um die Thiere in gut genährten und gemäſteten Zuſtand zu verſetzen. Denn ſie ſollen nach beendig⸗ tem Verſuche mit ihnen, im Falle, daß die Anſteckung erfolglos gewe⸗ ſen, verkauft und in Gegenwart eines Sachverſtändigen geſchlachtet werden, um deren inneren Zuſtand auf's Beſtimmteſte nachzuweiſen. Zunächſt ſollen: 1) Drei Rinder der Atmosphäre Lungenſeuchkranker, deren mög⸗ lichſt genauer Berührung und der Einimpfung mit warmen Säften aus einem oder mehren Kranken ausgeſetzt werden, und zwar in dem⸗ jenigen Stalle ſelbſt, worin die Lungenſeuche ausgebrochen iſt. Sie ſollen im Falle der ſich nicht zugetragenen Anſteckung mindeſtens 3 Monate im Krankenſtalle bei derſelben Fütterung verbleiben. 2) Gelang deren Anſteckung nicht, ſo ſollen, bei ausreichenden Mitteln, um die größere Gewißheit zu erlangen, noch zehn andere Rinder, jedoch von möglichſt verſchiedenartiger Conſtitution, auf die— ſelbe Weiſe wie jene 3 aufgeſtallt und geimpft werden. Nur je 5 dieſer Verſuchsthiere ſind in einen und denſelben Ort und Kranken⸗ ſtall zu bringen, damit die Infection von 2 Seuchen verſchiedener Ortſchaften geprüft werde. Wie ſich die Seuche an dem Verſuchsorte zeigt, iſt von dem Be— ſitzer der Heerde, oder, wo möglich, von dem hinzugezogenen Thierarzt zu beſchreiben, auch deren Gelegenheitsurſache, wenn ſie zu ermitteln aufzuführen. 47 3) Reichen die Mittel aus, ohne daß wir in der Anſtellung der nachfolgenden Verſuche beſchränkt werden, ſo ſollen die Verſuche über die Anſteckungs⸗Fähigkeit in noch mehren Krankenſtällen vervielfältigt werden. 4) Gelang es nicht, irgend eins der Verſuchsthiere anzuſtecken, ſo ſoll angenommen werden, daß die Lungenſeuche nicht anſteckt, und nunmehr werden wir die Verſuche auf Erzeugung der Lungenſeuche durch anderweitige äußere Einflüſſe richten. Wäre aber ein oder das andere Thier während der Verſuchszeit erkrankt, ſo ſoll deſſen Beob⸗ achtung ſorgfältig geſchehen und daſſelbe, Behufs der ſicherſten Ueber⸗ zeugung von der Art ſeiner Krankheit, geſchlachtet und ſachverſtändig geöffnet werden. In ſolchem Falle hat unterzeichnetes Comité zu beſchließen, ob die Verſuche über die Anſteckung noch fortzuſetzen ſind. Fall's aber die Lungenſeuche ein Verſuchsthier oder deren mehre er⸗ griffen haben ſollte, müſſen die Verſuche unbedingt erneut und, je nach den Umſtänden, modifizirt werden. In den Verſuchen über die Erzeugung der Lungenſeuche durch anderweitige äußere Einflüſſe ſoll ſich unſere Aufmerkſamkeit zunächſt auf die am häufigſten beſchuldigten, auf die Kartoffel⸗Branntweins⸗ ſchlempe und die Kartoffel hinzuwenden haben. Zuvor iſt die Schlempe eines vortrefflichen Maiſchgutes, welches mindeſtens 500 p. C. Alcohol an Ertrag gewährte, einem tüchtigen Chemiker zur genauen chemiſchen Zerlegung zuzuſenden, damit ein ſicherer, bisher fehlender Maßſtab über die Zuſammenſetzung guter Schlempe vorhanden ſei. Desgleichen hat derſelbe zu ermitteln, ob die, 60— 70 Grad R. heiße Schlempe von völlig abgekühlter in ihrer Zuſammenſetzung verſchieden ſei. Ferner ſoll von ihm die chemiſche Prüfung jedes Futters geſchehen, welches in den alsbald anzugeben⸗ den Verſuchen zur Erzeugung der Lungenſeuche zu benutzen iſt; we⸗ nigſtens wird dies in Betreff ſeines Gehaltes an näheren Beſtand⸗ theilen gelten. Dieſe Analyſen zu machen, hat der Profeſſor Körte auf Lüders⸗ dorf übernommen. Vorläufig werden ſich die Verſuche auf die Beantwortung folgen⸗ der Fragen beziehen: a) Erzeugt die in größter Maſſe gereichte gute Kartoffel⸗Brannt⸗ weinsſchlempe die Lungenſeuche? 48 b) Iſt die Säure in der Schlempe der ſchädliche, die Lungen⸗ ſeuche hervorbringende Beſtandtheil? Zu dieſem Behufe iſt die doppelte und dreifache Menge derjeni⸗ gen Säure, welche auch in der beſten Schelmpe enthalten iſt, Fall's die Beſchaffung derſelben nicht zu ſchwierig ſein ſollte, mit der guten Schlempe zu geben. Der Chemiker würde auch zu prüfen haben, ob die Säure der Schlempe ſich durch Stehenlaſſen in dem Aufbewahrungs-Behälter vermehrt, oder, ob die faulige Gährung eintritt ohne vorhergegangene Vermehrung des Gehaltes an Säure. c) Bringt das Solanin in den Kartoffeln oder in der Schlempe die Lungenſeuche hervor? Es ſind 1) rohe Kartoffeln mit ihren drei Zoll langen Keimen und 2) dieſelben mit dem Zuſatze von Keimen einer gleich großen Maſſe Kartoffeln als Maſtfutter zu geben, 3) unreife, nicht völlig ausgebildete, Kartoffeln als Maſtfutter zu verwenden, und 4) iſt, wenn es ſein kann, die aus unreifen oder gekeimten und mit ihren Keimen verarbeiteten Kartoffeln gewonnene Schlempe als Maſtfutter zu verabreichen. Der Gehalt an Solanin in der Schlempe iſt chemiſch feſtzuſtellen. In dieſen vier Verſuchen iſt hinlänglich nebenbei Stroh und Heu zu fuͤttern, weil ſonſt ſicher die Fußräude eintreten würde. d) Bringt neben der Schlempe reichlich gefüttertes ſogenanntes ſauergründiges Heu mooriger und torfiger Wieſen, welches gut ge⸗ wonnen worden, die Lungenſeuche hervor? e) Erzeugen angefrorne, nach dem Aufthauen friſch gefütterte Kartoffeln die Lungenſeuche? f) Vermag die Schlempe eines Maiſchgutes, welches aus ange⸗ faulten Kartoffeln bereitet worden, die Lungenſeuche hervorzubringen? g8) Entſteht ſie durch Verfütterung angefaulter Kartoffeln? h) Oder durch die in dem Schlempe⸗Behälter faulig zerſetzte Schlempe? In den Verſuchen e—h iſt gleichzeitig gutes Heu oder Stroh zu verabreichen. i) Wird die Lungenſeuche erzeugt, wenn man neben mäßig reich⸗ licher Maſſe von Schlempe mulſtrige Nahrung, namentlich mulſtriges Heu oder Stroh füttert? 49 Hierzu ſoll: 1) der Verſuch mit dem verdorbenen Futter allein gemacht wer⸗ den, und zwar mit beſchlammtem Heu, mulſtrigem Heu, mulſtrigem Stroh, auch wohl ſchimmeligen Oelkuchen neben der erforderlichen Maſſe ſolchen unverdorbenen Futters, welches die Verſuchsthiere ne— ben jenem gern freſſen. Nachdem in dieſen Verſuchen die Erzeugung der Lungenſeuche gelungen ſein wird, iſt 2) gute Schlempe mit einem oder dem andern genannter ver⸗ dorbener Nahrungsmittel zu geben. Sind alle dieſe für die Schlempewirthſchaften und Stallmaſtun⸗ gen der Rinder höchſt wichtigen Fragen zur Genüge durch die Ver⸗ ſuche erledigt worden, dann erſt würde zu den Verſuchen mit noch anderweitigen Einflüſſen der Weide und des Aufenthalts⸗Ortes ge⸗ ſchritten werden, uͤber deren Anſtellung für jetzt noch kein Beſchluß gefaßt werden ſoll. Uebrigens können wir uns nicht verpflichten, die Verſuche in der oben angegebenen Folge anzuſtellen, indem wir uns nach dem Erfor⸗ derniß der Geldmittel und der ſich darbietenden Gelegenheit zu dem einen oder anderen Verſuche zu richten haben. Ueber den Fortgang und die Ergebniſſe der Verſuche wird das Comité vierteljährlich ausführlichen gedruckten Bericht erſtatten. Alle diejenige Herrn Subſcribenten, welche mindeſtens 5 Thaler zu den Verſuchen beigetragen haben werden, haben zu verlangen, daß ihnen von unſerem Gefchäftsführer vierteljährlich der Bericht unfran— kirt unter Kreuz⸗Couvert durch die Poſt zugeſchickt werde. Wriezen, den 26. Dezember 1841. v. Bredow. Chriſtiani. Gobbin. Hering. v. Jena. Kaskel. Körte. J. G. Koppe. F. A. Kuers. Ribbach. A. Schmidt. A. P. Thaer. B. Ueber Schlempefütterung und Lungenſeuche des Rindviehes. Vom Rittergutsbeſitzer Paalzow auf Kutzkow. Durch Unwohlſein behindert, der intereſſanten Verſammlung von Landwirthen und Thierärzten am 27. dieſes Monats in Berlin bei⸗ 4 50 zuwohnen, ſei es mir vergönnt, zum allgemeinen Beſten auch meine Erfahrungen über Schlempefüͤtterung und Lungenſeuche mitzutheilen. Seit 27 Jahren im Beſitz einer Brennerei, von der durchſchnitt⸗ lich 5— 6000 Rthlr. Blaſenzins und Maiſchſteuer bezahlt wurden, und eines Rindviehſtandes von 110— 130 Stück, den ich im Winter, Früh⸗ jahr und Herbſt mit Schlempe fütterte, verlor ich, zu meinem Glücke, noch nie Ein Stück Rindvieh an der Lungenſeuche. Dieſelbe Er⸗ fahrung machte mein Bruder, der Rittergutsbeſitzer Paalzow auf Meſendorf in der Priegnitz, obgleich er, bei Mangel an Heu, noch weit ſtärker als ich Schlempe füttern mußte, und fütterte. Daſſelbe war bei mehreren andern, mir genau bekannten Brennereibeſitzern, in weiterer Entfernung von Berlin und Potsdam, der Fall und ſelbſt der Guts⸗ und Brennereibeſitzer Herr Ichlin, zu Dyrotz, kannte 30 Jahre hindurch und ſo lange die Lungenſeuche nicht, als er bloß Rind— vieh mäſtete und nicht Milch verkaufte! Bald aber, nach dieſem Zeitpunkte, bei öfterem Wechſel ſeines Kuhviehbeſtandes, erhöhter Fütterung und dem ſteten Streben, den Milchertrag zu erhöhen, machte auch er mit der Lungenſeuche Bekannt⸗ ſchaft und theilte mit den meiſten Brennereibeſitzern und Milchverkäu⸗ fern bei Berlin und Potsdam daſſelbe Loos.— Zu letzteren rechne ich den Rittergutsbeſitzer und Amtmann Stielow zu Mötlow, der weder hier noch in Karzow bei Potsdam, eine Brennerei hat und dennoch nicht unbedeutend an der Lungenſeuche Rindvieh verlor. Ebenſo könnte ich eine Menge von Aemtern und Gütern im Her⸗ zogthum Magdeburg, jenſeits der Elbe, im Anhaltiſchen, Mansfeld⸗ ſchen und in Schleſien namhaft machen, wo die Lungenſeuche, ohne Schlempefuͤtterung, zu jeder Jahreszeit, durch übertriebene Som⸗ mer⸗ und Winterfütterung ausbrach und den Beweis lieferte: daß übertriebene Füͤtterung leicht den Geſundheitszuſtand des Rindviehs verderben und Lungenſeuche zur Folge haben kann, von noch nachtheiligerem Einfluß aber ſein muß, wenn der Viehſtand jährlich durch Zu⸗ und Verkauf verändert und erſetzt wird. Dieſelben Erſcheinungen liefern auch die Schäfereien, wo ſtets Mangel und Hunger mit Ueberfluß wechſelt und es dem Beſitzer un⸗ möglich iſt, ſeine Schäferei ſtets gleich zu weiden und zu füttern; und ebenſo iſt mit Beſtimmtheit anzunehmen, daß der größte Theil armer Leute, bei plötzlich veränderter Lebensart, die beſten und fetteſten Spei⸗ ſen, nebſt ſtarkem Bier und Wein, in Maſſe genoſſen, nicht ertragen, vielmehr dieſer Schwelgerei unterliegen und erkranken würde! — 54 Ich bin daher durch 27jährige Erfahrung der Meinung, daß 1) Korn und Kartoffelſchlempe, rein abgegohren und gut abgebrannt, ein vorzügliches Futter für Rindvieh iſt und nur dann 2) zur Entſtehung der Lungenſeuche beitragen kann, wenn die Schlempe tadelhaft war oder in zu großen Maſſen, bei weni— gem Rauhfutter, gegeben wurde, wie dies auch bei andern Fut— terarten der Fall ſein wird und muß. Uebrigens halte ich die Lungenſeuche— am beſten von dem Kam⸗ merdirektor Plathner in den Schleſiſchen Annalen beſchrieben— für anſteckend, und bin mit jenem der Meinung, daß es hohe Zeit iſt, Seitens des Staats, Mittel gegen weitere Verbreitung derſelben in Anwendung zu bringen und dadurch den enormen Verluſt an Rind⸗ vieh zu vermindern. Endlich mache ich zur Unterſtützung meiner oben angegebenen Meinung, noch auf einen Aufſatz über Erfahrungen bei der Schlem⸗ pefütterung von Herrm. Niedner in Pohls Archiv, Bd. 1. Ja⸗ nuar— Juni 1842 aufmerkſam und werde mich freuen, recht bald mit den Reſultaten der Berathung am 27ſten c. bekannt zu werden ꝛe. Kützkow bei Brandenburg, den 23. Januar 1843. Paalzow, Rittergutsbeſitzer. C. Beurtheilung der Lungenſeuche des Rindviehes ꝛc., in Ge⸗ mäßheit der Aufforderung des Königl. Landes⸗Oekonomie⸗ Collegiums vom 7. Decbr. 1842. Vom Oberamtmann Wendler zu Rittergut Potsdam. Möge es mir vergönnt ſein, mit meinen über dieſen Gegenſtand gemachten Verſuchen und Wahrnehmungen hier den Anfang machen zu dürfen. 1. Verſuche und Wahrnehmungen. In den Jahren von 1813 bis 1818— genau weiß ich dies nicht mehr anzugeben— kam es zu meiner Kunde, daß in Groß-Beeren, Teltower Kreiſes, Falckenhagen, jetzigen Oſthavelländiſchen Kreiſes und in mehreren entfernten Ortſchaften das Rindvieh von der Lungen⸗ 4* 52 ſeuche befallen ſei, wodurch eine große Anzahl deſſelben hingerafft werde. Der Rindviehſtand des hieſigen Guts, welcher, incluſive 7 Ochſen, aus etwa 70 Häuptern beſtand, war zu jener Zeit, dem Anſchein nach völlig geſund, gleichwohl ordnete ich für denſelben, als Präſervativ, 1 einen Aderlaß an, weil ich mir dieſe Krankheit, bei ihrer Entſtehung, nur als eine Lungenentzündung dachte, deren Beſeitigung, durch Ab⸗ zapfung von Blut, beſchleunigt werden müßte. Mit Ausführung dieſer Maasregel, womit ich den Königl. Beſchlagſchmied Schröder beauftragt hatte und welcher dieſelbe an einem Tage unternahm, wo ich anderweit beſchäftigt war, war ich freilich nicht ganz zufrieden, weil er jedem Haupte ungefähr nur ein halbes Quart Blut entzogen hatte. Das Vieh ging nach wir vor auf die Weide und ließ lange Zeit nachher keine Krankheitsſpur an ſich wahrnehmen; etwa gegen den Herbſt aber wurden zwei Ochſen vom Huſten befallen und erkrankten und ſo ſucceſſive auch ſechs Kühe. Ich hatte von Anfang an die Behandlung des erkrankten Viehes dem hieſigen Thierarzt Pfeil übertragen, allein ſieben Stück crepirten, das achte, eine Kuh, ließ ich tödten und forderte die ſtädtiſche Polizei-Behörde zur näheren Beur⸗ theilung der Krankheit auf, wozu ich mich bei der Lage des Guts, in der Vorſtadt einer volkreichen Stadt, deren Bewohner mit demſelben wegen deſſen Erzeugniſſe im ſteten Verkehr ſtanden und um jedem üublen Urtheile vorzubeugen, veranlaßt fühlte; allein jene Behörde er⸗ kannte die Krankheit nicht für die Lungenſeuche, wenn gleich der rechte Lungenflügel der getödteten Kuh, zu Zweidrittel ſeiner Länge (von vorn angerechnet) und wenigſtens fünffach ſtärker war, als der noch geſunde Theil deſſelben und eine ganz dunkelbraune Farbe hatte. Nachdem ich mich inmittelſt in Groß-Beeren und Falkenhagen, wo noch einige Krankheitsfälle vorkamen, mit den Krankheits⸗Symptomen näher bekannt gemacht hatte, entließ ich den Thierarzt und unterzog mich der Behandlung des Viehes ſelbſt, wobei ich mir die von dem Thier⸗ arzte Rohlwes in ſeinem Thierarzeneibuche(eine von der Märkiſchen Oekonomiſchen Geſellſchaft, zu Potsdam gekrönte Preisſchrift) bei der ſechsten Abtheilung: von den Urſachen, Kennzeichen und Heilung der innerlichen Krankheiten des Rindviehes und zwar im Anhange ad. „von der Lungenſeuche, Lungenfäule dc.“ in der erſten Periode gege⸗ benen Vorſchriften größtentheils habe zur Richtſchnur dienen laſſen. Sämmtliches Vieh wurde im Stalle behalten und jedem Stück, ob vom Fuſten befallen oder nicht,(ſtatt der vorgeſchriebenen Fonte⸗ 53 nellen) ein Eiterband oder Haarſeil vor die Bruſt gezogen, wozu ſich die Vorſchrift im Schlußanhange zum gedachten Thierarzneibuche ad 3 „vom Legen der Fontenellen und vom Ziehen der Haarſeile,“ aufge⸗ führt findet. Hierauf wurde Anfangs a) dem geſunden Vieh von der Abkochung von fein geſtampfter oder gemahlener Eichenrinde (ein Pfund Eichenrinde mit zehn Quart Waſſer gekocht) und von dem Pulver, beſtehend aus: Gartenraute Kalmuswurzel Wachholderbeeren Rothe Enzianwurzel, von jedem ſechs Loth Teufelsdreck, vier Loth täglich ein Trank von einem halben Quart mit zwei Loth Pulver vermiſcht, eingegeben. Nach Verlauf einiger Tage wurde dieſe Ein— gabe gänzlich wieder eingeſtellt und nur bei ſolchen Häuptern Vieh angewendet, wo die Eiterbänder keine beſondere Anſchwellungen wahr⸗ nehmen ließen, mithin keine wünſchenswerthen Wirkungen hervorge⸗ bracht hatten; es wurde ferner auch bei Nacht eine Wache im Stalle angeordnet, um von jeder Veränderung genau unterrichtet zu ſein. Dies Vieh erhielt ſein gewöhnliches Futter an Heu und Hechſel und wurde auf dem Hofe am Tränktroge mit reinem Waſſer getränkt; b) dem mit Huſten befallenen, noch die gewöhnliche Freßluſt zeigenden Vieh: wurde täglich zweimal ein halbes Quart von dem ad a. gedachten Trank, jede Gabe mit zwei Loth Pulver vermiſcht, eingegeben. Dieſe Stücke wurden mit lauwarmem Trank von Weizenkleie im Stall getränkt und erhielten öfter, in geringen Gaben, gutes Heu zum Futter; c) das Vieh, bei welchem die Freßluſt ſich vermin⸗ dert hatte: ſollte gleichfalls täglich zweimal ein halbes Quart Eichenrinde⸗Abko⸗ chung mit zwei Loth Pulver vermiſcht, erhalten; aus einem Verſehen aber waren ihnen ſtatt zwei Loth Pulver— vier Loth deſſelben— beigemiſcht worden. Bei der Wahrnehmung dieſes Irrthums und damit er keine nachtheilige Folgen mit ſich führe, wurden nun die Einga— ben von Eichenrinde⸗Abkochung und Pulver folgendermaaßen angeordnet: des Morgens ein halbes Quart mit vier Loth Pulver; 54 des Mittags und Abends jedesmal ein halbes Quart mit zwei Loth Pulver. Zum Futter erhielt daſſelbe, jedesmal nach ſeiner Freßluſt, gutes Heu vorgelegt und zum Saufen lauwarmen Weizenklei⸗Trank im Stall, jeden Eimer, nach Vorſchrift des Rohlwes, mit vier Loth Sauerteig oder vier Loth Eſſig beigemiſcht. Demjenigen Vieh aber, was das Freſſen und Saufen gänzlich verſagte, ward an Futter nichts verabreicht, wohl aber wurden demſelben täglich dreimal die vor⸗ gedachten arzeneilichen Eingaben gemacht und zweimal von dem „Kleitranke, jedesmal zwei bis drei Quart, lauwarm eingegoſſen. Ein paar Fälle, wo ſich noch Verſtopfung hinzugeſellte, wurden noch mit Klyſtiren, wie ſie der Rohlwes in der 6ten Abtheilung, im 2ten Kapitel,„von der Verſtopfung oder Darmgicht“ vorgeſchrieben hat, behandelt. Die ſtark erkrankten Häupter wurden täglich wenigſtens einmal mit Stroh abgerieben, Naſe, Maul und Augen mit lauwarmen Waſ⸗ ſer abgewaſchen; der Dünger wurde ein um den andern Tag aus dem Stall entfernt, der Stall ſelbſt aber täglich öfters gelüftet, je⸗ doch ſo, daß kein Zugwind entſtand, welcher den ſchwer Erkrankten eine unangenehme Empfindung zu erregen ſchien. Stallräume, um einen Krankenſtall zu etabliren, beſaß das Gut nicht. Der Rindviehſtall, worin das Vieh ſtand und noch jetzt ſteht, iſt ein langes Gebäude von geringer Tiefe, durch deſſen ganze Länge nur ein Futtergang führt, woran zu beiden Seiten die Viehſtände ſind, der jedoch ſo breit iſt, daß das gegenüberſtehende Vieh ſich gegen⸗ ſeitig nicht belecken kann. In dieſem Stalle ſtand das geſunde, leicht, ſchwer, ja tödtlich erkrankte Vieh untereinandergemiſcht. Ohngeachtet deſſen, obgleich ich vielleicht zu ängſtlich verfahren ſein mag, hatte ich doch die große Freude, durch die von mir vorbeſchriebene, aufmerk⸗ ſame und ſorgſame Behandlung von Achtzehn erkrankten Häuptern Rindvieh, die am Freſſen bedeutend nachließen, worunter ſogar drei oder vier Stück in ein Paar Tagen nicht das Mindeſte mehr fraßen, nicht ein einziges Stück zu verlieren, ohne derjenigen Stücke, die bloß vom Huſten befallen waren, weiter zu gedenken. Dieſe achtzehn Stücke blieben beim Einholen der Luft mehr und minder beengt, wurden ſucceſſive angefüttert, wurden zum Theil ſehr fett und dann verkauft, auch einige davon in der Wirthſchaft geſchlachtet. Bei die⸗ ſen letztern ward ebenfalls eine Verletzung der Lunge wahrgenommen, wie oben bei der getödteten Kuh angegeben worden, jedoch mit dem unterſchiede: daß der erkrankte und ſehr angeſchwollene Theil des Lungenflü⸗ gels in ſeiner ganzen Stärke(nicht Länge) bis zu dem daran noch beweglichen, geſunden Theil deſſelben mit einem dunkelgel⸗ ben härtlichen Strich verſehen war, woraus wohl erhellen dürfte, daß die angewendeten Mittel den Fort⸗ ſchritten der Krankheit dort Einhalt gethan hatten. Iſt mir mein Gedächtniß nicht untreu, ſo wurde das Vieh, an welchem die Eiterbänder große Geſchwülſte, und Eiterungen erzeugt hatten, theils wenig, theils gar nicht von der Krankheit befallen. Nach der vorſtehenden Beſchreibung des Herganges der Sache deſſen Richtigkeit ich verbürge, will mir ſcheinen, daß die hier in Rede ſtehende Rindviehkrankheit nicht einen ſo verderblichen Charakter an⸗ nehmen könne, wenn derſelben bei ihrem Entſtehen ſofort mit Kraft und Ausdauer entgegengewirkt wird und daß zu ſpäter Hülfe oder deren Vernachläſſigung nur große Viehverluſte zuzuſchreiben ſein düͤrften, weil die Krankheit eben ſo raſch in ihrem Verlaufe iſt, wie MM eine Lungenentzündung beim Menſchen. 2. Die Anſteckungsfähigkeit. Bei den von mir ad 1. angeführten Sachverhältniſſen und den ſich durch meine Verfahrungsweiſe ergebenen Reſultaten, muß ich bei einer ſchnellen, kräftigen und ausdauernden Hülfe, die Anſteckungsfä⸗ higkeit der in Rede ſtehenden Rindviehkrankheit ganz in Abrede ſtel⸗ len, weil ja ſonſt auf dem hieſigen Gute, wo geſundes und krankes Vieh untermiſcht, in einem Stalle ſtand, in welchem ſieben Haupt ſo⸗ gar an der Lungenſeuche gefallen waren, auch nicht ein einziges Stück hätte gerettet werden können, ja ich muß ſogar bezweifeln, daß bei geſunder Nahrung, Reinlichkeit und geſunder Luft im Stalle, ohne alle Arzneimittel, ſich die Krankheit weiter hätte verbreiten können, als auf diejenigen Stücke, welche eine Geneigtheit zur Krankheit be— reits in ſich trugen und bei welchen ſie, ſelbſt in abgeſonderten Behäl⸗ tern zu ſeiner Zeit doch zum Ausbruch gekommen ſein würde; denn es erkrankten hier ja nicht gerade diejenigen Stücke, welche an Kran⸗ ken oder Gefallenen ſtanden, ſondern meiſtentheils ſolche, welche jenen entfernt waren. Zu 1. iſt angeführt, daß das ſcheinbar geſunde Vieh bis dahin, wo ich die Behandlung des kranken ſelbſt übernahm, nach auf die 56 Weide ging, woraus erhellt, daß diejenigen Stücke, welche ein Krank⸗ ſein verriethen, nur ſucceſſive aus der Heerde zurückbehalten wurden. Das hieſige Gut hat das Weiderecht in idem Königl. Potsdamer Forſt, auf einem, meiſt hohen Terrain, welches noch mit einigen, wenn gleich nicht ſehr bedeutenden Thälern durchſchnitten iſt. Hiervon iſt der dem Gute zunächſt gelegene Forſttheil privative Hütung des Guts; eine zweite Koppelhütung mit der Dorfſchaft Bergholz; eine dritte Koppelhütung mit der Dorfſchaft Neu⸗Langerwiſch und eine vierte Kop⸗ pelhütung mit dem Gute und einigen Coloniſten zu Caputh. Da nun dieſe Viehheerden vermöge der Hütungs⸗Verhältniſſe bald hier bald dort ſtets in unmittelbare Berührung kamen, ſo will mir doch ſcheinen, daß wenn die Anſteckungsfähigkeit in ſolchem Grade vorhanden wäre, wie ſie bisher gedacht worden und noch gedacht wird, auch jene drei Ortſchaften von der Lungenſeuche des Rindviehes hät⸗ ten heimgeſucht werden müſſen, was aber nicht der Fall war. Es liegt nicht in meiner Abſicht, die Anordnungen der Behörden tadeln zu wollen; die Wirkungen derſelben aber, in Betreff des vor⸗ liegenden Gegenſtandes, etwas näher zu beurtheilen, ſcheint mir hier am rechten Ort zu ſein. Sobald dieſelben Kunde erhalten, daß das Rindvieh eines Orts von der Lungenſeuche befallen worden ſei, wird wegen der angenom⸗ menen Anſteckungsfähigkeit derſelben, in Betreff des Rindviehes und Futters, die Sperre über dieſen Ort verhängt. Angenommen nun, der Krankheit wohne die Eigenſchaft der An⸗ ſteckungsfähigheit auf Vieh und Futter bei, ſo dürfte doch wohl noch keinesweges mit voller Gewißheit erwieſen ſein, daß das Anſteckungs⸗ gift nicht auch noch durch andere Gegenſtände und durch Menſchen ſollte weiter verbreitet werden können, und daher würde eine ſolche Maaßnahme noch nicht als genügend erſcheinen. Wäre die angenommene Anſteckungsfähigkeit wirklich vorhanden, ſo müßte ein von der Lungenſeuche befallener Ort nie wieder davon befreit werden, bis nicht auch der letzte Futterhalm vernichtet worden wäre, denn den vorhandenen Futtervorrath auch nur als Streu be⸗ nutzen zu wollen, würde ja nicht minder gefährlich ſein, weil der da— mit genährte und geſtreuete Viehſtand von demſelben wieder ange⸗ ſteckt, dieſer aber die Anſteckung der neuen Futtervorräthe herbeiführen, und auf dieſe Weiſe ſich die Krankheit bis ins Unendliche verlän⸗ gern würde. Die Vernichtung des Futters erfolgt indeß nicht, der Beſittzer 2. verwendet es zur Nahrung für ſeinen vorhandenen Viehſtand, dieſer bleibt geſund, wenn die mit der Krankheitsanlage behaftet geweſenen Stücke daraus durch Herſtellung oder Tod ausgeſchieden ſind. Und wer hat den Anſteckungsſtoff aus dem Futter entfernt, wer hat es desinficirt?— Niemand!— Andererſeits will eine ſolche Anordnung auch nicht zweckentſpre— chend und zum Wohl des Landes nicht geeignet ſcheinen, weil, abge— ſehen von dem gehemmten Verkehr, die ſchon empfundene Angſt und Bekümmerniß des Viehbeſitzers bei der ausgeſprochenen Anſteckungs⸗ fähigkeit der Krankheit und bei ſeiner Unbekanntſchaft mit den Heil⸗ mitteln dagegen, dadurch nur noch vermehrt, ſein Vertrauen geſchwächt und ſeine Thätigkeit und ſein Muth gelähmt werden und doch iſt das von dieſer Krankheit befallene Rindvieh nur durch eine ſchnelle, muthvolle, thätige Wirkſamkeit allein vom Untergange zu retten. Mögten wir auch in dieſem Fall aus dem Jahr 1831, wo ſich unter den Menſchen eine bösartige Brechruhr mit Krämpfen begleitet (Cholera genannt) verbreitete, welche eine ſolche Anſteckungsfähigkeit beſitzen ſollte, daß jeder geſunde Menſch bloß vom Anſehen eines da⸗ von befallenen Kranken erkranken müßte, eine Belehrung nehmen. Denn ſo lange der Bruder ſich von ſeinem unglücklichen Bruder mit Abſcheu abwendete, ſtarb alles dahin; als man aber wahrnahm, daß Räucherungen, Päſſe und Abſperrungen nicht ſchützten, hob ſich der Muth und das Vertrauen wieder, der Bruder reichte ſeinem unglück⸗ lichen Bruder liebreich die Hand und die Mehrzahl wurde wieder her— geſtellt und ebenſo wird es mit dem von der Lungenſeuche befallenen Rindvieh geſchehen, wenn ihm ohne Furcht und Zagen eine ſchnelle, ſorgſame Hülfe gewährt wird und die angebliche Anſteckungsfähigkeit wird dann gleichfalls ihren Laufpaß erhalten. 2 3. Gelegenheitsurſachen der Lungenſeuche des Rindviehes. Zuvörderſt erlaube ich mir zu bemerken, daß es wohl unbeſtritten ſein mögte: daß auch die einzelnen Lebensorgane des thieriſchen Körpers nicht alle gleich ſtark und kräftig gebildet ſind, ſondern daß hierunter ein ſehr weſentlicher Unterſchied ſtattfindet, was ſich auch noch beſonders durch die verſchiedenen Krankheitsformen erklärt; nicht minder unbezweifelt mögte es wohl ſein: daß auch die Thiere durch die Nahrung, welche ſie zu ſich nel 58 men, nicht allein ihr Leben und Gedeihen erhalten und bewirken, ſondern daß dies noch in ſehr hohem Grade durch die Witterung und nächſte atmosphäriſche Luft und deren Gefolge, an Staub, ſchädlichen Nebeln, Duͤnſten, Thauen dc., welche auf Nahrung und Körper einen weſentlichen Einfluß üben, bedingt wird; woraus es ſich dann wohl mit Recht erklären läßt, daß das eine Thier zu dieſer, das andere zu jener Krankheitsanlage Geneigtheit habe. Wird nun die Anlage zu einer Lungenkrankheit durch die angedeute⸗ ten Witterungsverhältniſſe noch mehr ausgebildet, dann bedarf es meines Erachtens nur eines einfachen Anlaſſes, um die Lungenſeuche, welche bei ihrem erſten Entſtehen nur eine Lungenentzündung genannt werden kann, bei denjenigen Stücken des Rindviehes zum Ausbruch kommen zu laſſen, welche eine beſondere Diſpoſition zu dieſer Krank⸗ heit in ſich tragen. Dieſe Krankheitsausbildung erfolgt aber ſeit der Zeit weit leich⸗ ter, wo dem Landmann die Wohlthat des Steinſalzes für ſeine Vieh⸗ ſtände ſo ſehr vertheuert, zuletzt ſogar entzogen worden iſt. Das ihm dafür gebotene Surrogat des gemiſchten Salzes, was ohne manchar⸗ tige Weitläuftigkeiten auf den Salzniederlagen nicht einmal zu haben iſt, wird nie dem beabſichtigten Zwecke, in Betreff der Rindviehſtände, entſprechen, aus dem natuͤrlichen Grunde: weil es vom Vieh nicht gern gefreſſen wird, weil es freſſen muß, wenn man es ihm verabreicht, wohingegen dieſes durch Lecken am Salzſteine ſtets das naturgemäße Bedürfniß befriedigt wird, was vermöge der Witterungseinflüſſe auf Nahrung und Körper bald ſtärker bald ſchwächer iſt. Den Anlaß zum Ausbruch der Krankheit können meines Dafür⸗ haltens theils geben: Erhitzung auf weiten Triften bei heißer Witterung und darauf erfolgendes gieriges Saufen;(welche Umſtände auch zum Aus⸗ bruch der Krankheit auf dem hieſigen Gute beſonders eingewirkt zu haben ſcheinen, zumal das Hütungsrevier bergigt iſt, wenn gleich das Vieh faſt täglich an die Havel kommt); zu kaltes Saufen in harten Wintern bei ſehr warmen Ställen; theils kann er aber auch noch durch diejenigen Umſtände herbeigeführt werden, welche der ꝛc. Rohlwes bei der Lungenſeuche als Urſachen ihrer Entſtehung angegeben. 59 4. Gang der ferner zu nehmenden Maaßregeln. a) So wie ſich in einer Ortſchaft die geringſte Spur der Lungen⸗ krankheit zeigt, würden ſämmtlichem Rindvieh des Orts, wenn nicht etwa bei dem geſunden noch verſuchsweiſe ein Aderlaß angewendet werden ſoll, möglichſt ſchnell Eiterbänder oder Haarſeile vor die Bruſt zu legen ſein; b) mit den erkrankten Häuptern, welche bereits vom Huſten be⸗ fallen ſind, würde dann das von mir ad 1. angegebene, oder ein an⸗ deres ſchon mehrfach erprobtes Heilverfahren anzuwenden ſein; c) wenigſtens zwei zuverläſſige thätige Männer(um ſie nicht täg⸗ lich ihren eigenen Beſchäftigungen zu entziehen) würden zu beſtellen ſein, um die vorſchriftsmäßige Behandlung des kranken Viehes ſpeciell zu überwachen, da hierzu wohl nicht jeder Viehbeſitzer geeignet ſein durfte; d) die Beſtimmung eines Lokals zum Krankenſtall würde ſich, nicht etwa der Anſteckung wegen, ſondern um deswillen nöthig machen, da es, wie ich aus Erfahrung weiß, unendlich ſchwierig iſt, geſundes, leicht und ſchwer erkranktes Vieh in einem Stalle zu verpflegen; deſ⸗ ſen ordnungsmäßige Behandlung aber noch weit mehr erſchwert wer⸗ den würde, wenn die Aufſeher ſich ſtets von einem Gehöfte zum an⸗ dern begeben müßten, wo ſie im Frühling, Sommer und einen Theil des Herbſtes ſogar oft in den Fall kommen mögten, auf manchem Ge⸗ höfte zur Ausführung ihrer Anordnungen Niemand vorzufinden. e) Jeder Viehbeſitzer würde bei Vermeidung einer zu beſtimmen⸗ den Strafe gehalten ſein müſſen, von der erſten Spur des Erkran⸗ kens ſeines Viehes, dem Schulzen des Orts ſofort Anzeige zu machen, das erkrankte Stück in den Krankenſtall abzuliefern und der Anord⸗ nung der Aufſeher zu unterſtellen, den nöthigen Verrichtungen aber ſich ſelbſt oder durch einen tüchtigen Stellvertreter, nach dem Erforder⸗ niß, zu unterziehen haben. Der Schulze würde ſich der ſofortigen Anzeige bei der landräth⸗ lichen Behörde, Behufs landesherrlicher höherer Beaufſichtigung, gleichfalls nicht entziehen dürfen. f†) In den Weidemonaten würde das geſunde Vieh, wenn die Weide geſund und nicht zu entfernt iſt, auf die Weide getrieben wer⸗ den können, wo es ihm aber nicht an gutem Waſſer mangeln muß; der Hirte aber würde, wie ad e. der Viehbeſitzer, zur ſofortigen An⸗ zeige des veränderten Geſundheitszuſtandes des ihm anvertrauten Vie⸗ hes gleichfalls zu verpflichten ſein. 60 9) Ebenſo würde das geſunde Zugvieh, nachdem die Eiterbänder herausgezogen und geheilt, mit mäßiger Arbeit beſchäftigt werden können, jedoch im Sommer bei großer Hitze nur des Morgens und Nachmittags, wogegen es während der Sonnenhitze, um die Mittags⸗ zeit, im Stall zu verpflegen ſein würde. h) Die Entlaſſung des Viehes aus dem Krankenſtall würde re⸗ ſpective vom Nachlaſſen des Huſtens und der wiedergewonnenen Freß⸗ luſt deſſelben abhängig ſein. i) Die Wiedererlangung des bisher ſchmerzlich entbehrten Stein⸗ ſalzes wird gewiß jedem Viehbeſitzer fuͤr ſeine Viehſtände äußerſt wünſchenswerth erſcheinen. k) Die ganze Sperre des Orts würde nur dahin anzuordnen ſein, daß während der Dauer der Lungenſeuche kein Zucht⸗ oder Zug⸗ Vieh verkauft oder zu Markt geführt werden dürfte, nicht etwa der Anſteckung wegen, ſondern um den Käufer gegen Nachtheile zu ſichern, da ihm nicht verbürgt werden kann, ob das von ihm auserſehene Stück Vieh die Krankheitsanlage in ſich trägt oder nicht. 0) Dem Viehbeſitzer würde zu geſtatten ſein, wohlgenährtes Vieh, wenn es noch die gewöhnliche Freßluſt beſitzt, ſelbſt wenn es ſchon vom Huſten befallen ſein ſollte, unter Vorwiſſen der ad c. gedachten Aufſeher und des Ortsſchulzen an den Schlächter veräußern zu dür⸗ fen, da unter allen Umſtänden die Freßluſt den Beweis liefert, daß das davon gewonnene Fleiſch der menſchlichen Geſundheit nicht nachtheilig ſein kann, indem dann die Lunge zwar ſchon beläſtigt iſt, die Entzündung ſelbſt aber erſt anhebt, wenn die Luſt zum Freſſen ſich vermindert, wo ſich dann bei den Kühen auch die Milch in Ab⸗ nahme ſtellt. Die Schlachthäuſer beweiſen zur Genüge, daß viel Vieh mit ſehr vielen Schäden an den innern Theilen, namentlich an den Lungen, geſchlachtet und ohne Nachtheil der menſchlichen Geſundheit conſumirt wird und wenn man alle dieſe Schäden der menſchlichen Geſundheit für nachtheilig erklären, wollte, dann würden die Beſitzer großer Branntweinbrennereien dem unberechenbaren Nachtheile an⸗ heimfallen, den größten Theil ihrer Rindviehſtände einbüßen zu müſſen. m) Um das Gemeineband enger und feſter zu knüpfen und die Theilnahme am Wohl und Wehe der Mitglieder unter ſich anzuregen, würden die Kur- und Aufſichts⸗Koſten nach dem Viehbeſitz aufzubringen ſein, zumal Niemand zu beſtimmen vermag, ob ſein Vieh von der Krankheit frei bleiben werde oder nicht und der Unglückliche hierin die liebreiche Bruderhand gewiß nicht verkennen würde; 61 n) die Mittel zur Verpflegung des erkrankten Viehes würden jedoch vom Eigenthümer deſſelben allein zu beſchaffen ſein. 0) Den Dorfgerichten würde dagegen das Recht zuſtehen müſſen, die läßigen Wirthe in Hinſicht der Verpflegung ihres Viehes, der Rei⸗ nigung und Lüftung ihrer Stallräume unter Controlle zu nehmen, ſie zu einer ſachgemäßen Behandlung deſſelben anzuhalten, um der Krank⸗ heit ſo wenig als möglich Vorſchub zu thun. p) Das frühere Einſcharren der Häute von dem an der Lungen⸗ krankheit gefallenen Vieh(wie es jetzt gehalten wird, iſt mir unbe— kannt) würde bei etwa vorkommenden Fallen nicht mehr erſorderlich ſein, wenn der Cadaver gehörig verſcharrt und die Haut in Tücher geſchlagen vom Abdecker mitgenommen wird, was überhaupt bei allen Abfällen vom gefallenen Vieh gewiſſenhaft geſchehen müßte, weil es ja zur Genüge bekannt iſt, daß das Rindvieh beim Auffinden ſolcher Gegenſtände auf Triften und Weiden eben ſo in auffallende Unruhe geräth, wie es beim Auffinden derſelben von geſchlachtetem Rindvieh geſchieht. Der Verluſt der Haut iſt auch ein Verluſt für den Staat und ihre Mitnahme wird eben ſo wenig eine Anſteckung bewirken, als der Karren des Abdeckers, auf welchem alle Krankheitsarten gelagert geweſen ſind, eine Anſteckung hervorgebracht hat. D. Ueber Lungenkrankheit und Lungenſeuche. Vom Oberamtmann Lindſtedt zu Lichtenberg. Meiner Anſicht muß ein unterſchied gemacht werden zwiſchen Lungenkrankheit und Lungenſeuche des Rindviehes. Erſtere hat einen allmähligen Verlauf und milden Charakter; die erkrankten einzelnen Thiere ſtecken die geſunden nicht an und pflegen wieder zu geneſen, Letztere hingegen tritt unverſehens und raſch auf; ſie graſſirt unter der ganzen Heerde; das befallene Vieh leidet heftig, verendet meiſt ſchnell, und die Contagiöſität der Krankheit, wenn ſie dieſen hohen Grad erreicht hat, ſtellt ſich als unzweifelhaft heraus. Zum Belege deſſen erlaube man mir, aus meiner Praxis Fol⸗ gendes mitzutheilen. 62 Im Jahre 1835 erkrankten mehre meiner Kühe ſehr ſchnell hin⸗ tereinander, ohne alle vorhergegangenen Zeichen eines Unwohlſeins. Nach 8 Tagen waren bereits einige derſelben verendet, und das Uebel hatte ſich inzwiſchen unter den ganzen 80 Haupt großen Stapel ver⸗ breitet. Kamen auch Fälle vor, wo deſſen Ausgang ſich mehrere Wochen hinzog, ſo war doch in der Regel zwiſchen dem Befallen und dem eintretenden Tode ein nur ſehr kurzer Zwiſchenraum; buchſtäblich ſtarben manche Thiere mit dem Heu im Maule. Alle angewandten Mittel blieben ohne Erfolg. Zu verſchiedenen Zeiten während der Krankheit angekaufte Kühe mußten auch daran glauben. Nachdem das Uebel dem Anſcheine nach gewichen war— etwa 6 Wochen nach deſſen Ausbruch— ließ ich den ganzen, erſt vor einem halben Jahre neu erbauten Stall reinigen, das Pflaſter, die Krippen ꝛc. mit heißem Waſſer zu wiederholten Malen abwaſchen, dieſe und das ganze Innere des Gebäudes mit Kalk übertünchen, auch oft und ſtark räuchern. Erſt als alles dies geſchehen war, glaubte ich mit Sicher⸗ heit friſches Vieh wieder in den Stall bringen zu können. Was ge⸗ ſchah? Obwohl die Schlempefuͤtterung aufgehört hatte und jetzt nur Grünes gefüttert ward, wurden doch binnen kurzem von den neu auf⸗ geſtellten Thieren wieder mehre, wenn auch nicht ſo raſch und heftig wie früher, leidend; ich mußte verſchiedene abſchaffen; die Krankheits⸗ fälle dauerten den ganzen Sommer hindurch und zogen ſich bei ein⸗ zelnen bis in den Winter hin. Eine kleine Anzahl, vor der Benutzung des großen Stalles, in einen Nebenſtall gebrachter Kühe, die ein beſonderer Wärter fütterte und molk, welche nicht in Berührung mit dem übrigen Viehe kamen, blieben geſund. Sobald ich jedoch einige derſelben in den Hauptſtall hinübergenommen, wurden mehre, bei ganz gleichem Futter, wie ſie früher erhalten hatten, krank. Seit dem hier geſchilderten ſeucheartigen Auftreten der Krankheit hat ſich ſelbige bei mir nach und nach in ein gelindes Lungenübel modificirt, woran meines Erachtens faſt jedes Stück Rindvieh mehr oder minder laborirt.— Von der Anſteckungsfähigkeit der Lungenſeuche bin ich, wie geſagt, an meinem Theile überzeugt. Was die Ermittlung derſelben durch Verſuche anlangt: ſo mußten dieſe wohl, wie vorgeſchlagen, ſofern ſie ein wirkliches Reſultat ergeben ſollen, in verſchiedenen Provinzen und auf verſchiedene Weiſe gemacht, namentlich müßte, wie das bei mir 63 ſtattfand, geſundes Vieh aus fremden Orten in Ställe gebracht wer den, worin ſich viele lungenkranke Thiere befinden. Daß das Futter theilweiſe mit Urſache von ſchweren Lungenkrank⸗ heiten iſt: deſſen bin ich auch gewiß. Mein Gehöft war abgebrannt. Ich ſah mich genöthigt, von der Erndte des Jahres 1834 viel Getreide in Miethen zu ſetzen, in denen das Stroh dumpfig ward; ein gleiches fand mit dem, übrigens trocken geborgenen, Kleeheu ſtatt, welches ich in den neuen Kuhſtall brachte. Die nachtheiligen Wirkungen, welche von mir in vergleichender Weiſe beobachtet wurden, waren augenſcheinlich. Nicht minder hat Erfahrung mich gelehrt, daß ein plötzlicher Fut⸗ terwechſel, der ſchnelle Uebergang von mäßiger zu kräftiger Fütterung, welches hier bei Berlin faſt überall vorkömmt, eine mitwirkende Ur⸗ ſache des Uebels ſein dürfte. Die Kartoffel iſt im Ganzen ein recht geſundes und kräftiges, Milchbringendes Futter für Rindvieh, jedoch im Uebermaaße gefüttert, behaupte ich, daß ſie Lungenkrankheiten erzeugt. Die hieſigen Bauern, welche ihren Kühen viel gekochte Kartoffeln geben, haben überwiegend mit dem Uebel zu kämpfen, ſo lange jenes anhält; beim Grünfutter kommt es viel ſeltener vor. Schlempe, bei regelmäßigem Brennereibetrieb, wenn die verwen⸗ deten Kartoffeln geſund, nicht lang ausgekeimt, gewaſchen, die Maiſche gehörig ausgegohren, bildet nach meiner Erfahrung keine veranlaſſende Urſache der Lungenſeuche, ſofern ſie, wie ich das vorausſetze, nicht im Uebermaaße, nicht über 24 Stunden alt verfüttert, und der Behälter, worin man ſie aufhebt, ſehr oft gereinigt wird. Wie ich früher an der Elbe wirthſchaftete, habe ich ſogar meine Kälber mit Schlempe aufgezogen. Nachdem ſelbige 4— 6 Wochen Milch bekommen hatten, wurden ſie allmählig an jene gewöhnt, bis ſie den erſten Winter hin⸗ durch neben Heu und Hafer nur Schlempe zu ſaufen erhielten. Den folgenden Sommer führte ich ſie auf die Weide. Im zweiten Winter fütterte ich wieder nur Schlempe mit ihnen u. ſ. w. Die ſo aufge— zogenen Thiere, mindeſtens 50, gediehen vortrefflich und ich habe ſel⸗ bige 10— 15 Jahre als Milchkühe benutzt.— Es ſoll hier nicht gerade die Schlempefutterung für Zuchtkälber empfohlen werden, ich möchte durch die Erzählung dieſes Factums nur den Beweis beſtärken, daß Schlempe, mäßig gegeben, geſundem Vieh nicht ſchadet, wenn ich mich dagegen anderer Seits verſichert halte, daß bei zu Lungenkrankheiten disponirtem Viehe Schlempe das Uebel hervorzurufen vermag. 64 Wiewohl ich bis jetzt an der Richtigkeit meiner Anſicht von der Lungenſeuche nicht zweifle, ſo werde ich mich doch gerne da, wo ich irrte, durch Gründe eines Beſſern belehren laſſen. Möchte es doch bald gelingen, ſolche Mittel zu entdecken, welche mindeſtens dem ver⸗ heerenden Umſichgreifen der Krankheit Schranken ſetzte! Lichtenberg bei Berlin, den 31ſten Januar 1843. L. Bericht des Ober-Amtmanns Engelbrecht zu Dalheim an Sr. Exellenz den wirklichen Geheimenrath und Ober⸗Präſiden⸗ ten Freiherrn von Vincke, betreffend die Lungenſeuche des Rindviehes. Indem ich Ew. Exellenz die anliegende hochverehrliche Marginal⸗ Verfügung nebſt Anlagen hierneben zurück reiche, bemerke ich, daß meine hier gemachten Erfahrungen über die Anſteckungsfähigkeit der Lungenſeuche des Rindviehes, den Reſultaten der im Oberbarnimſchen Kreiſe des Frankfurther Regierungs-Bezirks angeſtellten Verſuche wi⸗ derſprechen. Nach den beiden, von dem Dr. Kuers zu Möglin entworfenen Berichten, über die zur Ermittelung der Anſteckungs⸗Fähigkeit und Gelegenheits-Urſachen der Lungenſeuche des Rindviehs angeſtellten Verſuche, iſt es faſt als erwieſen anzunehmen, daß die Lungenſeuche nicht anſteckend iſt. Da dieſe Anſicht, wenn ſich dieſelbe durch fortgeſetzte Verſuche im Oberbarnimſchen Kreiſe noch ferner beſtätigen ſollte, in ſanitätspoli⸗ zeilicher Beziehung ſehr gefährlich werden könnte, ſo nehme ich Ver⸗ anlaſſung hier zu beweiſen, daß die Lungenſeuche des Rindviehs in hieſiger Gegend wirklich anſteckend iſt und von allen Brennerei⸗ Beſitzern, beſonders in dem benachbarten Kurheſſen, als der furcht⸗ barſte Feind der Maſtſtälle gefürchtet wird. Bis zum Jahre 1834 war die Lungenſeuche des Rindviehs auf der hieſigen Domaine und in den benachbarten Ortſchaften ſeit Men⸗ ſchengedenken nicht vorgekommen und kaum dem Namen nach bekannt. 65 Im Monat Auguſt 1834 kaufte ich auf dem Viehmarkte zu Arol⸗ ſon 4 Stück Maſtochſen, welche dem äußern Anſcheine nach ganz ge⸗ ſund waren. Vier Wochen nach dem Ankaufe erkrankte einer von dieſen Ochſen und ſchien an Verſtopfung zu leiden. Ich ließ dem Pa⸗ tienten Abführungsmittel geben, allein die Mittel wollten nicht wirken und nach drei Tagen wurde das Thier, während meiner Abweſenheit früh Morgens todt im Stalle gefunden. Da die ganze Heerde von 46 Stück Ochſen, welche noch auf die Weide ging, geſund und in vor— zuglich gutem Stande war, ſo wurde der eine Sterbefall nicht weiter beachtet und ich wurde erſt aufmerkſam, als mir der Hirt anzeigte, daß der Kamrad des krepirten Ochſen auch an Verſtopfung leide. Ich renen Thierarzt kommen und nachdem die Ochſenheerde unterſucht war, erklärte derſelbe, daß ſich bei mehren Ochſen Symp⸗ tome der Lungenſeuche zeigten, die ich ſelbſt noch nicht kennen gelernt atte. Der erkrankte Ochſe wurde geſchlachtet und es ergab ſich, daß er eine Lungenflügel an den Rippen feſtgewachſen und auf die, die Lungenſeuche charakteriſirende Weiſe entartet war. Aller angewandten Mittel ohnerachtet griff die Krankheit jetzt ſchnell um ſich: es erkrank ließ einen erfo ten bis Mitte Oktober 18 Stück Ochſen, wovon 11 Stück eingingen. Beim Ausbruche der Krankheit wurden die Ochſen aus den Maſt⸗ ſtall genommen und in einem, hundert Schritt von dem Kuhſtalle, in welchem das Zuchtvieh ſtand, entfernten Schaafſtalle aufgeſtellt. Die Ochſen waren auch vor Ausbruch der Krankheit mit dem Zucht⸗ vieh nicht in Berührung gekommen. Gegen Ende Oktobers ſchien die Krankheit ihre Endſchaft erreicht zu haben, alle Ochſen fingen wieder an mit vielem Appetit zu freſſen und beſſerten ſich täglich, ſo daß gegen Mitte December die Hälfte der Ochſen ſchon ſchlachtbar war, an die Krankheit nicht mehr gedacht und die ſtrenge Abſonderung des Zuchtviehs von den Maſtochſen nicht mehr beachtet wurde. Im Anfang December ließ ich von dem Vorwerke Huſen zwei alte Zugochſen und einen dritten Ochſen, den ich von einem Bauer in Huſen gekauft hatte, nach Dalheim holen und bei den übrigen Maſtochſen ſtellen. Dieſe drei Ochſen, die aus einem völlig geſunden Orte kamen, in welchem vor und nachher nie die Lungenſeuche ge— herrſcht hat, wurden, nachdem ſie drei Wochen zwiſchen den Dalheimer Maſtochſen geſtanden hatten, krank, und die Krankheit nahm einen ſo rapiden Fortgang, daß alle drei Ochſen nach acht Tagen todt waren. 66 Die Section ergab, daß die Lunge bei allen drei Ochſen auf die, die Lungenſeuche charakteriſirende Weiſe entartet, aber nur leicht an—⸗ gewachſen war. Die Krankheit der drei von Huſen hierher geführten Ochſen gab das Signal zu dem Wiederausbruch der Krankheit, die jetzt mit ver⸗ doppelter Wuth unter dem Zuchtvieh ausbrach, welches ganz vortreff⸗ lich im Stande war und bei dem man 5 Tage vor Ausbruch der Krankheit keinen Anſtoß von Huſten, ja nicht die leiſeſte Spur einer Krankheit bemerkt hatte. Von 60 Stück Kühen und 2jährigen Rindern, erkrankten in Zeit von 4 Wochen 36 Stück, wovon bei der ſorgfältigſten Behandlung 27 Stück eingingen. Neun Stück ſind wieder geheilt und mit allen uͤbrigen fett gemacht und verkauft, weil man hier der Meinung iſt, daß die Lungenſeuche nur durch gänzliche Entfernung alles Viehs und radikale Reinigung der Ställe von einem Hofe zu entfernen iſt. Ich muß hier noch bemerken, daß ein großer Theil meiner Kühe hoch tragend war und daß dieſe tragenden Kühe von der Krankheit zuerſt ergriffen und ohne Ausnahme ein Opfer derſelben wurden. Ich habe, wie ſchon geſagt, den ganzen Rindviehſtand fett gemacht und verkauft, die Ställe neu gepflaſtert, die Steinkrippen ausgehauen und die Wände mit Kalk überzogen. Das neu angeſchaffte Rindvieh und circa 100 Stück Maſtochſen, die ich ſeitdem jedes Jahr angekauft, ſind geſund geblieben, ſo wie man überhaupt in der Nachbarſchaft von der Lungenſeuche nichts weiß. Dagegen iſt dieſelbe in dem be⸗ nachbarten Kurheſſen einheimiſch und es giebt daſelbſt viele Güter, die ſich von derſelben gar nicht befreien können, weil die Beſitzer nicht zu dem Entſchluſſe kommen, ihren Viehſtand radikal abzuſchaffen. Ein Gutsbeſitzer im Waldeckſchen hat die Lungenſeuche 5 Jahre hinterein⸗ ander in ſeinem Maſtſtalle gehabt und erſt nachdem er das geſammte Vieh abgeſchafft und den Stall auf die oben von mir beſchriebene Art gereinigt hat, iſt er davon befreit worden. Schließlich muß ich noch bemerken, daß auf beiden Vorwerken der hieſigen Domaine, auf denen das Jungvieh und die Zugochſen ſtehen, und bei 20 Stück Kühen der hieſigen Arbeiterfamilien, welche unmittelbar vor dem Amthofe wohnen, die Lungenſeuche nicht zum Ausbruch gekommen iſt und daß nur die drei Ochſen von der Krank⸗ heit ergriffen ſind, welche ich von dem Vorwerke Huſen hierher führen ließ. Es iſt die Anſteckungs⸗Fähigkeit der Lungenſeuche des Rindviehs 67 mithin hier erwieſen, was vielleicht ſeinen Grund darin hat, daß die Krankheit unter den hieſigen klimatiſchen und anderen örtlichen Ver⸗ hältniſſen heftiger auftritt, als in dem Oderbruche. Ebenſowohl iſt es erwieſen, daß nicht jedes Thier von der Lungenſeuche angeſteckt wird und daß eine Dispoſition zu der Krankheit in dem Körper des Thieres vorhanden ſein muß, wenn es der Anſteckung unterliegen ſoll Auffallend iſt es, daß von 16 Stück zweijähriger Rinder, welche hier mit den Kühen in demſelben Stalle ſtanden und den Kühen ganz gleich gehalten waren, nur 1 Stück leicht erkrankte, während von 44 Kühen 35 Stück von der Krankheit im höchſten Grade ergriffen wurden. Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin. Farbkarte 13 ar 1843 in der Aula der ieiſchule zu Berlin ſtattge⸗ ing von Landwirthen und ierärzten r Erfahrungen und Anſichten über und Gelegenheits- Urſachen des Rindviehes. in 1843. Veit und Comp.