—jjü— . Oiessen f 4 Die Versammlung der deutschen Natur forscher und Aerzte. Die Versammlung + der deutschen Naturforscher und Aerzte in Berlin i. J. 1828, — Es entbrennen im feurigen Kampfe die eife Großes wirket ihr Streit, Größeres wirket ihr Bund! Schiller. „6—.—— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1828. 1 ü U ³ ²·²⸗¹.- ²⁵ů2u1! ̃è P' q—8 Wenn, nach einer ernsten, durch immerdar sich erneuende Erfahrung für alle Zeiten bestätigten Lehre, alles Gute nur durch den Geist der Wahrheit entsteht, nur das in ihm Begründete zu höherem und immer höherem Gedeihen er— blüht, hingegen das ohne ihn Begonnene in sich, in unvermeidlicher Zerstörung bald zusammen— fällt: so muß auch der Congreß deutscher For— scher, geleitet von so reinen und erhabenen Prin⸗ cipien des gemeinsamen Interesses für die Er— weiterung physischer Erkenntniß, gewiß nur im Geiste heiliger Wahrheit begonnen haben; darum die Periodicität dieses zum siebenten Male sich wiederholenden Phänomens im anlaufenden Thei— le des Zeitenstromes; darum die mit jedem Jahre zunehmende Anzahl von Theilnehmern an dieser Versammlung, und darum auch das Anerkennt⸗ niß ihres schönen und erhabenen Zweckes in den großherzigen Beförderungen desselben von Sei— ten der edlen Regierungen Deutschlands. Wenn aber dessenungeachtet spöttelnde und witzelnde Stimmen hier und da gar nicht unlaut sich da— hin vernehmen lassen, als müßten den sieben magern Kühen die sieben fetten erst nachfolgen: 1 2 so dürfte, wenn auch nicht zur Beseitigung sol— cher unkräftigen Stimmen, doch um der Wahr⸗ heit selbst willen, es wohl an der Zeit sein, daß tüchtige, mit sachkundigem Beobachtungsgeiste wacker ausgerüstete Männer, welche durch die bisher gesammelten Akten der jährlichen Synode⸗ verhandlungen in die Geschichte derselben tief eingedrungen, in die öffentliche Beantwortung der bekannten drei hochwichtigen Fragen, die, nach Kant, der Verstand, die Urtheilskraft und die Vernunft an alle Erscheinungen zu richten hat, auch hierbei eingehen; denn es kann sowol für die Entwickelungsgeschichte der europäischen Cultur überhaupt als für den gegenwartigen Standpunkt der Naturwissenschaft zunächst nicht gleichgültig sein, zu wissen: welches Bedürfniß denn eigentlich diese Versammlung ins Leben ge⸗ rufen; was sie seitdem in ihrem Wirken genützt, und was auf ihren bisher verfolgten Wegen für die Zukunft daraus erblühen könne. Was indessen das Interesse der Entwicke⸗ lungsgeschichte der Menschheit dabei angeht, so dürften Rückblicke auf die große Vergangenheit leicht zu ergründen im Stande sein, in welcher Reihenfolge die Erfindungen und Entdeckungen sich so dargestellt haben, daß die Naturwissen— schaft, wegen ihres hohen Zweckes und engen Zusammenhanges mit dem Leben, gegenwärtig mit allem Rechte fast als die achtbarste erscheint; ja, die Andeutungen Buchholz's in seinem Aufsatze„über die Zusammenkünfte der Physiker unserer Zeit“(im Septemberheft der„neuen Mo⸗ natsschrift für Deutschland, 1828 dürften allein 2 2222 e r P TTFTTTPTTTTTTPPTCTCTTTTTTTT—T—T—T—T—TTTT ——————. P 3 schon hinreichen, zu erklären, wie das rollende Rad der Zeit eine Epoche herbeizuführen ver⸗ mochte, in der man, statt die Physiker wie im Alterthume zu fürchten und zu verfolgen, ihre Zusammenkünfte begünstigt und sich von ihren anhaltenden Bemühungen um die weitere Aus— bildung der Gesellschaft den unfehlbarsten Erfolg verspricht. Will man aber die Tendenz dieser Versammlung in Beziehung auf Erweiterung der Naturkunde verfolgen: so muß nicht nur auf den gegenwärtigen Standpunkt der Natur⸗ wissenschaft und die Art und Weise ihrer Culti⸗ virung, sondern auch auf die Tendenz der va— terländischen naturwissenschaftlichen Akademien und Societäten, und deren bisherige Erfüllung derselben genaue Rücksicht genommen werden, was aber Alles nur von einem Standpunkte aus geschehen kann, auf den wir uns hier am allerwenigsten zu erheben anmaßen wollen. Ref. begnügt sich mit folgendem Berichte über das, was er bei der diesjährigen Versamm⸗ lung selbst gesehen und gehört, nur ein winzi⸗ ges Scherflein für das Raisonnement anderer einsichtsvoller und gediegener Beurtheiler zu lie⸗ fern, und nur eingedenk Quintilian's:„Nemini praeseribo, dum sententias meas exprimoce, wagt er dabei seine unmaßgebliche Ansicht aus seinem begränzten Gesichtspunkte im Allgemei⸗ nen so anzudeuten, wie es der frühern Bestim⸗ mung seines Berichtes*) angemessen war; er fürchtet damit keinem Vorwurfe ausgesetzt zu sein, ) Für die„Blätter für literarische Unterhaltung.“ 1* 4 denn wo die Wissenschaft, wie auch die Kunst, sich ins Leben begiebt, wo sie, wie in hiesiger Residenz, bei offenen Hallen sich hingestellt und allerlei Zuhörer mit gedruckten Eintrittscharten eingeladen hat, ist sie einmal auch der Kritik der Correspondenz wie der Conversation verfallen, und was Wunder! daß es auch an berliner Sarkasmen in den kleinen Tageblättern und an Caricaturen nicht fehlte! Die Physik, als das Wissen vom Wirk— lichen, von dem, was ist, befaßte in der all— gemeinsten Bedeutung dieses Wortes schon früh den gesammten Kreis der Naturwissenschaft, als deren Object die Natur, oder, was dasselbe ist, — die ganze Welt, auseinandergelegt in Raum und Zeit, angesehen wird. Durch die Philo— sophie, als allgemeine Wissenschaft der Wissen⸗ schaften, wurde sie auch schon früh von der Ethik, als einem Wissen von dem, was sein soll, getrennt; man nahm die Natur mehr als ein Passives, Seelenloses, als ein Aggregat von Bestimmungen und Erscheinungen, stellte die. Erforschung des organischen Reiches zu absolut der der leblosen Welt gegenüber, sonderte zu schroff die Phänomene des gesunden Lebens von denen des krankhaften, erhob die Speculation allzusehr auf Kosten des Empirismus, wobei das Natürliche erst durch das Uebernatürliche er— klärt ward, durch welche Trennungen der ver— schiedenen Schulen für die Summe des periphe— rischen Wissens der Centralpunkt verloren ging, von dem aus der ordnende Verstand, als gei— stiger Bildner und Schöpfer in uns, mit dem größten Scheine des Rechts wenigstens, einen gewissen innern Zusammenhang dieses buntschek— kigen Chaos erblickt. Wie man aber erst in neuester Zeit immer mehr zur Ueberzeugung ge⸗ kommen, daß der thätige Mensch, schwebend zwischen Gott und Natur, nur dann seine hohe geistige Bestimmung erfüllt, wenn er, nach To— talitätserkenntniß ringend, die Realität und Idealität als beide Hauptextreme des Univer⸗ sums überall vermittelnd zusammenknüpft: so that man auch in dem mächtigen Bestreben, die Na⸗ tur in ihrem Zusammenhange zu erkennen, wo—⸗ durch in der Naturwissenschaft nichts anders als ein Bild der gesammten Schöpfung im Spiegel des menschlichen Geistes erscheint, einen überaus großen Schritt; denn Astronomen, Physiker und Chemiker, Mineralogen, Botaniker, Zoologen, Anatomen und Aerzte, insofern es für sie nur Eine Methode der Beobachtung giebt, und inso— fern sie Alle, gestützt auf vorangegangenes con— templatives, sammelndes und ordnendes Verfah⸗ ren, nur dahin streben, mittelst Principien in das innere Wesen der Erscheinung einzudringen, rük— ken, im wahren tiefen Gefühle der Einheit, im— mer näher und näher an einander; Alle erkennen im Wesen ihrer Naturbeobachtungen nur die Ver⸗ einigung des Einzelnen zum Ganzen, durch Zu⸗ sammenstellung des Aehnlichen und Verwandten und durch Scheidung des Ungleichartigen, wobei alle Untersuchungen der Einzelheiten mit der Anschauung des Naturganzen begonnen werden müssen. Demnach muß das Hauptaugenmerk unserer Naturforscher dahin gerichtet sein— und 6 es ist dies wahrlich keine geringfügige Forde— rung— das große, erhabene Bild der Schö⸗ pfung ungetrübt und vollständig in sich aufzu— Rehn damit es ohne fremdartigen Zusatz der denkenden Seele überliefert werde, die aus dem Gebiete der sinnlichen Wahrnehmung die höhere Wissenschaft gestaltet und aus den Erscheinun— gen die Gesetze des ewig Wechselnden und Ver⸗ änderlichen entwickelt; denn wie die gesammte Naturwissenschaft, in der 7 0 Thätigkeit wohl⸗ geübter Sinne wurzelnd, ihr Haupt in das Ge— biet der allwaltenden und nach dem Höchsten emporstrebenden Vernunft erhebt, ebenso soll An⸗ schauung und Beurtheilung in ihr eng verschwi— stert sein, eine die andere in ihr so ergänzen, daß die Einzelheit aus dem Ganzen begreiflich, und das Ganze hinwiederum in der Gesammt— heit der. 1 sei, wodurch der Anfangspunkt zugleich als Endpunkt alles For— schens erscheint. Somit ist also auch der Stand— punkt des Menschen nur der, vermöge dessen er als das höchste Erzeugniß der uns bekannten Wirklichkeit die gesammte Welt in sich begreift, wodurch er denn in der Physiologie— als der Lehre der menschlichen Wesenheit— der Natur wie des Geistes— der Mutter einer sogenann— ten physischen Philosophie— als concentrisches Band für alle Naturwissenschaft gleichsam als Einheitspunkt von der Erkenntniß aller Wirk⸗ lichkeit erscheint, ohne welche auch die Medicin geistlos, und die Psychologie äußerst dürftig zu nennen wäre; denn es steht fest,„daß der Mensch, durch irdische Bande an den Typus niederer Ge— bilde gekettet, die Reihe höherer Organisationen vollendet und in seinem physiologischen und pa— thologischen Zustande kaum eine eigne Classe von Erscheinungen darbietet.“ Daher auch der alle Zweige des physikalischen Wissens in sich so herr⸗ lich vereinigende Stifter dieses Vereins, auf eben so sinnige als gerechte Weise, die oft angefoch— tene wissenschaftliche Stellung und Bedeutsam— keit der Heilkunde dadurch auf das Genaueste bezeichnete, daß er ihn mit der Benennung „Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte“ belegte; denn in der That ist ja das Gebiet der Naturkunde von jeher durch Aerzte am meisten bereichert worden, und auch die Aerzte nehmen Theil an der Berechtigung der Naturforscher, nichts glauben zu dürfen, was sie nicht in der Erfahrung aus seinen natürlichen Ursachen er— kennen; daher auch ihr Recht bis an die Gren⸗ zen reicht, wohin das Recht des Naturforschers sich erstreckt. Bei diesem Standpunkte unserer physiolo⸗ gischen Doctrin, nach welcher die Natur die Ein⸗ heit der Welt und ihres Grundes so offenbar ausdrückt, ist es auch leicht einzusehen, daß die Physiologie in dem Zusammenhange der Welter⸗ scheinungen den unendlichen Grund derselben er—⸗ kennen und zur Anschauung des unbedingten Seins sich erheben kann, daß sie— mit weni— gen Worten sei's gesagt— erfahrungsmäßige Erkenntniß Gottes oder natürliche Theologie wer— den muß.„Die Natur in ihren schönen For⸗ men“, sagte schon Kant,„spricht feierlich zu uns, und die Auslegungsgabe ihrer Chiffernschrift ist 8 uns im moralischen Gemüthe verliehen“, und ahnte vielleicht damals noch nicht, daß er es sein würde, der, dieses Gefühl in Vernunft aufzulö⸗ sen, uns die Regeln angab.— Wie aber entschleierte Wahrheit nicht in ih— rem ganzen Umfange, überall und von Allen zugleich erkannt wird, weil die Lüftung des sie umhüllenden Schleiers nach dem weisen Plane des ewigen Weltengeistes nur sehr langsam, nicht ohne Kampf mit dem überall entgegentre— tenden Widerstande, durch die Masse der Zwei— fel und die Divergenz der Meinungen veranlaßt, hervorgehen kann: so führte auch von jeher jeder Schritt, der den Naturforscher seinem Zwecke scheinbar näherte, immer an den Eingang neuer Labyrinthe, weil, wie schon Haller bemerkte, der Mensch nur durch Fallen das Gehen lernt; und die gegenwärtige Höhe der gesammten Na— turkunde, von welcher der menschlichen Gesell— schaft so viele Wohlthaten herabkommen, konnte nur auf höchst mühsamen und gefährlichen We— gen erworben werden. Gar viele Jahrhunderte forderte die Zurücklegung eines Weges, ehe Vereine ins Leben treten konnten, die durch ihre gemeinschaftliche Kraft ein stets bedrohtes Da— sein vertheidigten und beschützten, und welche die Summe ihrer individuellen Anstrengungen, aus denen früh oder spät der Menschheit so großer und mannichfacher Nutzen entsprang, durch Ver— wandlung in Gesammtanstrengungen noch zu vermehren gedachten. Um nun vor Allem die mannichfachen Schwie— rigkeiten des Ideenverkehrs zu erleichtern, wohl 9 erkennend den Unterschied des Werthes zwischen dem lebendigen Worte und dem todten Zeichen der Schrift, ward vor einem Septennium unter mehreren deutschen Naturforschern der Wunsch immer lauter und allgemeiner, ihre Kraftverei⸗ nigung nach gleichem Streben dadurch immer en⸗ ger und enger zu concentriren, daß sie, nach Oken's Vorschlage, sich alljährlich in der Ferien⸗ zeit der akademischen Hochschulen zu gegenseiti⸗ ger Begründung persönlicher Freundschaftsver⸗ hältnisse, welche dem Leben heitere Anmuth, der Wissenschaft, Licht und den Sitten Duldsam— keit und Milde gewähren, an irgend einem Orte sich versammelten, um durch persönliche Annä⸗ herung derer, die dasselbe Feld der Wissenschaft pflegen, durch mündlichen und darum mehr an⸗ regenden Austausch von Ideen, sie mögen sich als Facta, Ansichten oder Zweifel darstellen, theils jene gehässige Schärfe der federspitzigen Kritik in der wissenschaftlichen Journalistik zu entfernen, und theils durch belebende und be— geistigende mündliche Vorschläge gemeinschaftli— ches Interesse für diesen oder jenen Gegenstand anzuregen und zu Wiederholungen dieser oder jener Versuche von Wichtigkeit aufzumuntern, auf welchen gebahnten äußern Wegen der Mit⸗ theilung bei wetteifernden, geistigen Bestrebun⸗ gen allerdings viel Heil der Wissenschaft zuflie⸗ ßen kann. So trat dieser Verein, anfänglich von klei⸗ nem Umfange, zuerst im Jahr 1822 in Leipzig, darauf in Halle, Würzburg und Frankfurt zu⸗ sammen und nahm, seit den letzten Jahren, in 10 den Hauptstädten Sachsens, Baierns und Preu— ßens durch die schmeichelhafte Theilnahme vieler benachbarten Staaten und Akademien, und be— schirmt von edlen deutschen Fürsten, die den wis⸗ senschaftlichen Geist, von dem dieser Verein be— seelt ist, sowie die Nützlichkeit seines erhabenen Bestrebens hochachten, an Interesse und an Um— fang immer mehr zu, sodaß er in diesem Jah⸗ re aus ungefähr 450 Theilnehmern bestand, zu welchen freilich unsere Residenz allein an 200 gegeben hat. Aus allen deutschen Gauen, von allen Seiten der warmen Rhein-, Main⸗, Nek⸗ kar⸗ und Donauländer, von allen Küsten der weitverbreiteten Nord- und Ostsee, aus den kal— ten aber lebensfrischen Nordländern, Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Rußland, aus Polens kühn sich erhebenden Hauptstädten, aus Holland und Frankreich, selbst vom stolzen Großbritannien kamen die achtbarsten Gäste zu dieser Versammlung zusammengeströmt. Oest⸗ reich allein blieb auf der Charte schneeweiß, als sollte kein Gelehrter aus ihm hervorgehen. Die Geschäftsführung für die diesjährige Ver⸗ sammlung war bekanntlich dem H. A. v. Hum⸗ boldt und dem Professor Lichtenstein über— tragen worden; die gedruckt erschienene Benach— richtigung an die Mitglieder der Gesellschaft zeigte genügend, mit welch außerordentlicher Umsicht und rastloser Thätigkeit von diesen Männern die mannichfaltigsten Anstalten getroffen worden sind, um dieses Beisammensein für jedes Gesellschafts— glied erfreulich und angenehm, sowie für jeden Zweig der Wissenschaft zugleich ersprießlich zu 11 machen; auch ist man von Seiten des königli⸗ chen Ministeriums, in hoher Anerkennung des viel⸗ fachen Nutzens der Bestrebungen dieser Ver⸗ sammlung, allen Wünschen der Geschäftsführer mit unbeschränkter Bereitwilligkeit zuvorgekom⸗ men, und mit ungemein liberalem Sinne sind sowol den preußischen Universitäts- als den Medicinalbehörden in den Provinzen die ermun⸗ terndsten Einladungen und nöthigenfalls Unter—⸗ stützungen zur Reise zugefertigt worden. In der gedruckten Benachrichtigung heißt es:„Zu bestimmten Stunden halten sich die Ge⸗ schäftsfuhrer am geeigneten Orte(in dem Se— natszimmer der Universität) zum Empfange der Fremden bereit, daß beiden Theilen nicht die Zeit mit dem Aufsuchen und dem Erfüllen der Höflichkeitsbezeigungen verloren geht. Dort treffen sich die von allen Seiten Angekommenen beisammen, alte Freunde sehen sich wieder, frü⸗ here, flüchtige Bekanntschaft wird erneut, andere in der Gunst des Augenblicks geknüpft und, in dem Gedanken an die kurze Dauer des Beisam— menseins, schnell befestigt.“ Lichtenstein, als zweiter Geschäftsführer, hat durch die überall ein-und umsichtsvoll ge⸗ troffene Anordnung genügend dargethan, wie er seine gefeierte Kunst im systematischen Naturord⸗ nen auch auf das Sinnvollste diesmal für das äußere Leben der zahlreichen Versammlung an⸗ zuwenden verstehe; wir übergehen hier alle diese Anordnungen und Einrichtungen, die in so vielen Blättern schon sattsam besprochen sind. Zu der beifallswürdigsten Vorkehrung ge⸗ 12 hört offenbar die, daß 1) auf die Absonderung der Mitglieder nach Fächern, für ausführlichere Mittheilung in andern Stunden außer den sechs allgemeinen Versammlungen, die vom 18. bis zum 24. Septbr. von 10 bis 2 Uhr Mittags Statt hatten, Rücksicht genommen ward. Denn in der That überboten die Specialversammlun— gen, des Morgens und Abends, in 7 Fächern (dem physiologisch-anatomischen, zoologischen, physikalisch⸗chemischen, botanischen, medicinischen, mineralogischen und physisch-geographischen) in den Zimmern des Beyermann'schen Café-Royal, unter den Linden, und auch im botanischen Gar— ten, mineralogischen und anatomischen Museum, an wahrhaft ersprießlichem Nutzen gar weit die öffentlichen Vorträge. Am 18ten September nach 10 Uhr hielt A. v. Humboldt, als erwählter Geschäftsfüh— rer, in dem herrlich decorirten Saale der könig— lichen Singakademie, seine geistvoll abgefaßte Eröffnungsrede, aus deren bald erschienenem Ab— druck in allen hiesigen und auswärtigen Blättern schon so viele Bruchstücke herausgehoben wurden, daß für unsere Mittheilung nichts übrig bleibt. Wir begnügen uns darum, dem Leser ihren In— halt nur gedrängt anzugeben. Der berühmte Redner dankte zuvörderst für die Auszeichnung durch die ihm übertragene diesjährige Geschäfts— führung, schilderte den Zweck und Umfang des Vereins und den Schutz, dessen er sich so ge— recht von den Fürsten Deutschlands erfreut, und indem er, in kühnen Schwungbildern seiner Phantasie die Welttheile zusammenfassend, den 13 wol kaum geahnten Verdacht beseitigen wolle, als sei durch seine Entfernung in fremden Welt⸗ theilen seine Theilnahme für deutsche Forschung entfremdet gewesen, gedenkt er der Bestre⸗ bungen einzelner, durch Erweiterungen der Wis⸗ senschaftlichkeit hervorragender Männer, bedau— ert, daß die Patriarchen vaterländischen Ruh⸗ mes, Göthe, Olbers, Sömmerring und Blumenbach, durch die Sorge für ihr der Nation so theures Leben entfernt gehalten wor⸗ den, geht somit zu den Wirkungen über, welche der alljährlich sich durch eine gleiche Ver⸗ sammlung verbreitende Ideenverkehr haben müsse, und schildert die Nothwendigkeit, außer den ge⸗ meinschaftlichen, öffentlichen Zusammenkünften, auch sectionsweise specielle Vorträge und Dis⸗ cussionen über einzelne Disciplinen zu halten. Hier schließt nun die Rede zunächst mit der ge⸗ rechten Anerkennung, daß der frohe und lehr⸗ reiche Genuß, den Berlins mannichfache Insti⸗ tute den Naturforschern gewähren, mit tiefstem Dankgefühl daran erinnere,„daß sie das Werk des erhabenen Monarchen sind, der geräuschlos, in einfacher Größe, jedes Jahr die Königstadt mit neuen Schätzen der Natur und Kunst aus— schmückt, der sich huldreich jedem Talent zuneigt und freier Ausbildung des Geistes vertrauungs— voll seinen königlichen Schutz verleiht.“ Prosessor Lichtenstein fuhrte darauf die Versammlung, welcher diesmal der Kronprinz, der Herzog von Cumberland, und viele Perso⸗ nen, selbst Frauen ersten Ranges, des Hofstaa⸗ tes und diplomatischen Corps beiwohnten, in die 14 Geschichte des Vereins, las die schon von frühern Jahren bestehenden Statuten und gab eine materielle Uebersicht des Verhandelten und zu Verhandelnden; man mußte auch hier die über— all so deutlich zu erkennende amtliche Bestimmt— heit bei der wissenschaftlichen Auffassung bewun— dern. Hierauf verlas er die Namen der Mit— glieder, die heute öffentliche Vorlesungen halten wollten, nebst Angabe des Inhalts. Die Form und Lange der nach der vorläufigen Anmeldung in Reihe kommenden Vorträge waren freilich sehr verschieden und von sehr ungleichartigem In— halte; dies hätte aber auch fast nicht anders sein können, da den erwählten Geschäftsführern we— der eine vorherige Prüfung der angemeldeten Vorträge, noch das Angeben einer bestimmten Zeitdauer, wielange Jeder vorlesen dürfe, zuge— standen war, was aber freilich auch bei Vielen solcher großen Männer, wie sie hier zum Theil doch auftraten, kaum zugestanden werden konnte. Gehen wir jetzt zu den Vorträgen selbst über, so scheint es uns am Passendsten, von ihnen hier so zu handeln, wie sie den Vorträgen der Spe— cialversammlungen am Leichtesten anzureihen sind; wir nennen demnach, a) die Vorträge für Physik und Astro— nomie. Professor Dr. Oersted, aus Kopenhagen (der die Reihe der Vorträge mit dem seinigen begann), sprach frei und klar über das Verhält— niß seiner Ansicht vom Elektromagnetismus zu der Ampeère's. Dieser mit Recht berühmte Physi— 15 ker stützte seinen schönen Vortrag auf viele höchst interessante Versuche, und die deutsche Sprache, im Munde dieses geistreichen Dänen, hatte in der That viel naiv Anziehendes; wir Deutsche dürfen uns freuen, daß die verwandten normän— nischen Stämme unsere Sprache so achten, um sie in Schrift und Conversation sich anzueignen. Dr. Weber, aus Halle(Mitverfasser der unlängst erschienenen„Wellenlehre“), sprach über ein von ihm erfundenes Normaltonmaß durch Vereinigung der Longitudinal- und Latitudinal⸗ schwingungen; er suchte seine neuen und äu⸗ ßerst klaren Ideen über Compensation der Ton⸗ höhe in zusammenschwingenden Körpern vorzugs⸗ weise auf die Construction der Orgelpfeifen an⸗ zuwenden; und in der That hat seine, durch Neuheit so überraschende, Ansicht von den ge— nannten Schwingungen die Physiker von Fach so angesprochen, daß Derselbe auf sehr schmei— chelhafte Weise von vielen Seiten um die spe— ciellere Erörterung derselben in der physikalischen Abendversammlung angegangen ward. Dieser Vortrag wird für ihn, so wie der von Göp— pert und Runge, nicht ohne nützliche Fol— gen sein. Professor Dr. Dove, aus Königsberg, theilte mehrere in meteorologischer Hinsicht neue Bemerkungen über gesetzmäßige Veränderung in der Richtung und Intensität der Winde und Wolkenzüge, etwas zu weitläufig, mit, welche als erfreulicher Beitrag für eine einstige Witte— rungslehre anzusehen sind. Professor Dr. Münchow, aus Bonn, 16 sprach in einem freien, aber manierirten Vor⸗ trage über farbige Schatten, deren Erscheinun— gen nicht der Theorie in Goethe's Farben—⸗ lehre das Wort zu reden schienen. Professor Pohl, von hier, las dumpf die vorzüglichsten Resultate seiner Galvani'schen Un— tersuchungen vor, wobei die polemischen Ansich— ten wiederholt wurden, über welche der humo— ristische Pfaff zu Kiel, in Dessen Schrift„die Umkehrung der voltaischen Pole“ jüngst nicht blos ihn, sondern, im Epiloge derselben, noch mehr seinen hiesigen philosophischen Lehrer so allerliebst aufgezogen: ridentem dicere verum, quid vetat!— Der hiesige Professor August führte in seiner Vorlesung die neuesten Fortschritte in der Hygrometrie sehr vortheilhaft vor und beschrieb das von ihm eingerichtete Psychrometer. Dr. Schottin, zu Köstritz, ließ durch Hrn. Hohl eine treue Abbildung von den elek— trischen Figuren auf der Haut solcher Personen, die der Blitz getroffen, vorlegen. Eine höchst interessante Mittheilung! Postdirector Dr. Nürnberger, aus So— rau, sprach ein Langes und Breites über die vermuthliche physische Einrichtung der Planeten und ihre Bewohner, ein Vortrag, der allenfalls in eine Abendunterhaltung von Damen gepaßt hätte. Der hiesige Professor Dr. Schultz trug in bündiger Kürze einige ihm mitgetheilte, recht interessante Notizen über die, bei Mittenwalde in der Mark(unweit Berlin) gefundenen, fossilen 17 Fischknochen vor und verbreitete sich auch zu⸗ gleich historisch uber diesen Gegenstand. Professor Egen, aus Soest, theilte sehr zahlreiche und genaue Betrachtungen über den Ursprung des Höherauches aus dem Moorbren⸗ nen der Versammlung mit. Er war aber dabei so umständlich, daß, ungeachtet des übrigens guten und lebhaften Vortrages, die Ungeduld wirklich laut wurde, besonders da schon bei vie— len andern Vorlesungen die Geduld der unter— richteten Mitglieder der Versammlung, durch weitschweifiges Wiederholen des längst Bekann⸗ ten, in ziemlich hohem Grade in Anspruch ge— nommen ward. Wie sehr wir in rhetorischer Hinsicht unsern französischen Nachbarn noch nachstehen, hatte man in dieser Versammlung am Besten Gele— genheit wahrzunehmen: die Meisten lasen matt herunter; die Andern stotterten oder gährten; die Meisten wußten nicht, wo sie standen; nur sehr Wenige waren es, die ganz freie und lebendige Vortrage hielten, die überhaupt wußten, wor⸗ auf es hier ankam. Superintendent Wagener, aus Potsdam, verlas im Kanzeltone eine gedruckte Rede„über das Leben des Erdballs“, die auch,„zur Erleich— terung des mündlichen Ideeneintausches über diesen Gegenstand, als Manuscript für die Ge⸗ sellschaft“— vertheilt ward. In dieser Rede vertauschte unberufener Weise der sonst immerhin achtungswerthe Priester der Kirche seine Kanzel mit dem lehrenden Katheder der Priester der Natur und des Lebens, um die, in seinem hier 2 18 unlängst erschienenen Werke(Das Leben des Erd— balls) ausgesprochene, Hypothese von Neuem anzuregen, daß die lebende Erde(gleichsam als ein großes Thier) von einer elastischen, gefühl— vollen Haut umgeben sei; daß die Ebbe und Fluth, als ein Anschwellen und Zurücksinken die— ser Erdhaut, dem bei unserm Respiriren sichtba— ren Anschwellen und Zurücksinken der Brust und Bauchgegend analog sei ꝛc. ꝛc. Wem dürfte wol von Denen, die sich mit des unübertroffe— nen Lichtenberg's Schriften je nur auf eini— ge Zeit vertraut gemacht haben, bei diesem Hy— pothetiker nicht die Schilderung von dem Su— perintendenten Ziehen, zu Zellerfeld, und das Buch„Chevilla“ einfallen! Wagener stellte, wie ein Referent in der allgemeinen Zeitung unterm 11. October schon berichtete,„mit sei— nem müßigen Phantasiespiele die Geduld der Versammlung hart auf die Probe“, und er hätte in der That sich's leicht ersparen können auf den, bei seinem pathetischen Vortrage lächelnden, Gesichtern aller Anwesenden das bekannte„Ne sutor ultra crepidam“ zu lesen; denn wenn es ihm um mehr als Glauben und Ahnung galt, wie sie in seinem Hirtenreiche herrschen, wenn es ihm wirklich um reine Wahrheitser— kenntniß, wie sie nur in dem erhabenen Reiche der Natur zu finden ist, zu thun war: so wür— den, im Fall es die Kritik hinsichtlich seines Werkes bisher noch nicht übernommen, in die— sem Kreise von Männern, welche in die verbor— genen Tiefen des Erdenlebens, wie in die be— deutungsvollsten Mysterien der Weltseele mäch— 19 tig eingedrungen, wol Einige bereit gewesen sein, ihm bei geräuschloser, persönlicher Annähe— rung mündlich den Weg zu zeigen, wie man erst mit scharf bewaffneten Augen empirisch an— schauen müsse, wenn die Speculation befruch— tend hinzutreten soll. b) die Vorlesungen für Chemie. Professor Dr. v. Berzelius, aus Stock— holm, der Schöpfer der Elektrochemie, und der bekanntlich die von Richter und Dalton begründeten Gesetze der numerischen Verhält— nisse so klar entwickelte, trug eine interessante Abhandlung über die uralischen Platinaerze und deren Mischungsverhältnisse vor. Professor Dr. Hünefeld, aus Greifs⸗ walde, machte einige gehaltreiche Mittheilungen über die dortigen Salinen. Professor Dr. Vogel, aus München, sprach über den Zersetzungsproceß der schwefel⸗ sauren Salze durch organische Stoffe. Sein klarer Vortrag beruhte auf mehreren von ihm mit kenntnißvoller Genauigkeit von Neuem wie— derholten Versuchen, welche die frühere von ihm geäußerte, von mehreren Andern aber angefoch— tene, Erfahrung durchaus bestätigten. Auch er— klärte er, daß das Pyrrhin nicht als eigener Grundstoff bestehen könne. e) die Vortrage über Geognosie und Mineralogie. Professor Dr. Pusch, aus Warschau, ent— hüllte in seinem Vortrage die geognostische Con⸗ 2 20 struction der Karpathen, eine Arbeit, welche große Kenntnisse, vieljährige Beobachtungen und rastlose Untersuchungen voraussetzt. Es war daher Schade, daß er durch allzugroße Umständ— lichkeit und eine kanzelartige Declamation die Aufmerksamkeit der Zuhörer ermüdete. Professor Dr. Hoffmann, aus Halle, entwickelte in dem nur etwas langen und dabei zu schnell gesprochenen Vortrage die geognosti— schen Verhältnisse und Flözauflagerung des nord— westlichen Deutschlands, mit Vorzeigung einer geognostischen Charte, die den vorgetragenen Gegenstand sehr anschaulich machte, und die auch ehestens, wahrscheinlich beim hiesigen statistischen Bureau, erscheinen wird. Oberbergrath Professor Nöggerath, aus Bonn, las, kurz und bündig, eine Untersuchung über das relative Alter der Gebirgsbildungen im Siebengebirge. Dr. Keilhau, aus Christiania, las über die geognostische Bildung der von ihm selbst be⸗ reisten Insel Spitzbergen, also neu und für die— sen Ort passend. Professor Dr. Glocker, aus Breslau, handelte über die Groß-Ullersdorfer Gebirge in Mähren. d) die Vorträge für Botanik. Professor Dr. Henschel, aus Breslau, hielt einen sinnvollen, auf siebenjährige Erfahrung gegründeten und wohlgeordneten Vortrag über die Bestäubung der Pflanzenblüthen mit dem Pollen. Wenn gleich diese Vorlesung hier und 2 da dem Gefühle der Decenz etwas zu nahe trat und auch in ihrer gedehnten Länge die Aufmerk⸗ samkeit der Zuhörer über Gebühr in Anspruch nahm: so muß sie doch für Jedermann von In— teresse gewesen sein, indem seine angestellte große Reihe von Versuchen, mit unterbliebener, künst— licher, modificirter und surrogirter Bestäubung der Pflanzen, die bisherigen Ansichten über die Zwitterarten in diesem Reiche sehr in Schatten u stellen sucht. Besonders verdienen die auf— 2 5— Versuche bei künstlicher und künstlich verhinderter Bestäubung(durch Abschneidung des Pistills) die weitere Aufmerksamkeit unserer botanischen Welt. Da indessen die erzählten Versuche unter den Anwesenden nur wenig Glau— ben gefunden haben: so fordert es das Interesse des Anstellers, daß er dieselben im Beisein an⸗ derer Botaniker wiederhole, nachdem er versäumt hatte, dieses vor seiner Mittheilung in der Ver— sammlung der meisten Naturforscher Deutsch— lands zu thun, wie es die Klugheit geboten hätte. Privatdocent Dr. Göppert, von dersel— ben Universität, theilte auch recht sinnreiche Ver— suche über die Einwirkung der Blausäure, des Kamphers und der narkotischen Gifte auf die Pflanzen mit; und wenn schon diese Vorlesung in die engern Schranken der botanischen Section zu verweisen gewesen wäre, so war es doch an⸗ genehm, auf diesem Wege zu erfahren, daß ei⸗ nige unserer gallischen Nachbarn in wahrem Ernste bemüht sind, Nervensysteme im Pflan⸗ zenreiche aufzusuchen. 22 Professor Dr. v. Martius, aus München, hielt einen höchst gediegenen Vortrag über die Architektonik in der Pflanzenblüthe durch die Blattmetamorphose und die spiralförmige Stel— lung aller Blüthentheile, was von den Einge— weihten mit Beifall scheint aufgenommen wor— den zu sein. Noch zwei andere junge Männer ließen sich in diesem Kreise, an Erfahrung und Leistung so hochgereifter Männer, vernehmen, nämlich— Dr. Runge, aus Breslau, über einen, im Pflanzenreiche gewisse Familien charakterisirenden, Stoff, eine Untersuchung, welche mit der Zeit auf die natürliche Anordnung der Pflanzen sehr einflußreich werden kann. Ferner Dr. Meyen, über Parasiten, na— mentlich Orobanche, welche aus den Wurzeln anderer Pflanzen von selbst entstehen. Da er aber gleich von Vorn herein seine Entdeckung als ein Wunder ankündigte: so erschlaffte das sonst so aufmerksame Ohr der anwesenden Botaniker bei diesem Wunder so sehr, daß dadurch der Erfah— rungssatz nur bestätigt ward, daß, wie unser erleuchteter Zeitgeist nirgends Wunder erblickt, die Wissenschaft am Allerwenigsten auf den Ruf „Wunder!“ hören darf; und es wird in der That auch bei dieser Erscheinung, wie uberall, mit naturlichen Dingen zugegangen sein. Hofrath Böttiger, aus Dresden, suchte in seinem freien Vortrage einige Aufklärung über das noch immer ungewisse Silphium oder Laser—⸗ pitium der Alten zu verbreiten, oder vielmehr zu zeigen, wie viel in den Alten noch aufzuklären 2 2 2 —— 2 2— 23 ist. Wir müssen diesem biedern, immer rüstigen Greise, der ein beneidenswerthes Gedächtniß von der erstaunungswurdigen Masse seiner Kennt⸗ nisse, und einen von der Forschungsbegierde ei— nes Jünglings durchdrungenen Geist in seinem gesegneten Alter bekundete, den etwas zu gedehn⸗ ten Vortrag gern zuguthalten; Böttiger leitete seinen Vortrag mit einigen Worten auf die Inschriften der, schon am ersten Tage der Versammlung von der Loos'schen Medaillen— münze herausgegebenen, Denkmünze, welche auf der Hauptseite die Natur(eine Isis) und an deren Füßen die ruhende Sphinx, welche die ägyptische Tempelhalle bewacht, mit der Um⸗ schrift:„Certo Digestum Est Ordine Corpus“ (NManilius) zeigt, und auf deren Kehrseite man die Worte:„In Memoriam Conventus Naturae Scrutatorum Totius Germaniae Se- ptimum Celebrati Berolini MDCCCXXVIII Mense Septembri“, liest. Am Schlusse seiner freien Rede knüpfte er den Antrag zur Beför— derung einer, schon früherhin in dieser Versamm— lung zu Dresden und München besprochenen, kritischen Ausgabe des Plinius, vermeinend, da König Ludwig von Baiern einen jungen Philo⸗ logen, zur Vergleichung der Handschriften, nach Florenz und Paris geschickt, der König von Sach⸗ sen für die Handschriftvergleichungen im Escurial und zu Toledo seine Unterstützung bereits zuge⸗ sagt habe, hier ein Gleiches wegen einer Verglei⸗ chung des Codex in Oxford eingeleitet werden solle. Professor Dr. Reinwardt, aus Leyden, sprach in einem sehr blühenden, trefflich in den 24 Gegenstand eingehenden Vortrag über den Cha— rakter der Vegetation auf den Inseln des indi⸗ schen Archipels. Derselbe geht in dieser muster⸗ haften Darstellung der Vegetationsverhältnisse auf den Molucken und besonders auf Java, wo er selbst viele Jahre verlebte, davon aus, daß hauptsächlich ein noch in seiner Eigenthümlich⸗ keit gefundenes Pflanzenleben dazu geeignet sei, die Natur und den Charakter eines Landes zu erkennen.(Die Abhandlung ist auf Kosten der hiesigen Akademie gedruckt und an die Mitglie⸗ der vertheilt worden.) e) Vorträge über Zoologie wurden nicht gehalten. 1) die Vorträge für Anatomie und Physiologie. Der Geheimemedicinalrath Dr. v. Har⸗ leß, aus Bonn, wollte, in einem sehr schläf— rigen Vortrage, den Gang, welchen die Wissen— schaft des Physiologen in ihrer Entwickelung ge⸗ nommen, bezeichnen. Er bemühte sich, darzu— thun, daß, wenn die Masse ungeordneter Er— fahrungen, die Coacervation von Thatsachen und die Summe der so mannichfach daraus entlehn⸗ ten Gründe und Schlüsse auch allerdings groß zu nennen sei, doch keinesweges damit viel ge⸗ wonnen wäre; unsere Fortschritte seien gar oft nur sehr scheinbar, und die Zeit rufe laut nach einer tüchtigen Kritik, welche die Wahrheit vom Truge, und das Echte vom Falschen mit Strenge sichte und scheide. Er gab unserer materiellen, wie speculativen Physiologie hierzu allerlei Vorschläge, 25 die aber, wie alles Allgemeine, hier nicht an ihrem Orte waren, und auch, ohne alle Energie vorge⸗ tragen, nicht Aufmerksamkeit erregen konnten. Der Hof- und Medicinalrath Dr. Bur⸗ dach, aus Königsberg, theilte in einem allge—⸗ mein gefallenden Vortrage seine Ansicht über die künftige Bearbeitung der Psychologie, als echter Erfahrungswissenschaft, mit. Indem er dieselbe, als einen Zweig der Physiologie, der Philosophie ganz entrissen haben will, warnte er, auf sehr heilsame Weise, gegen die Verwirrung unsers Zeitalters, durch Hinneigung zum Mysti⸗ cismus, wobei er vorzüglich Heinroth's An⸗ sichten ins Auge faßte, der(sonderbar genug!), als Lehrer der Psychiatrik, psychologische Unter⸗ suchung von der physiologisch-medicinischen ge⸗ trennt wissen will. Er schlug den bisher ver⸗ folgten comparativen Weg der Physiologie auch sür die Psychologie vor und endigte mit dem der Wissenschaft frommenden Wunsche, daß wir doch die Vornehmheit ablegen möchten, immer nur von einer Menschenseele, und niemals von einer Thierseele zu sprechen, da doch beide nur gleich— sam als Theile der großen Weltseele zu betrach⸗ ten sind. Dieser würdige, seit dem Anfange die⸗ ses Jahrhunderts für alle Zweige der Heilkun⸗ de so wacker arbeitende, Gelehrte trug auch noch auf eine psychologische Section an, die indessen wohlweislich nicht zu Stande kam; wahrschein⸗ lich wollte man die Philosophen und Theologen umgehen, die, derselben wol sogleich sich anzu⸗ schließen, bereit gewesen sein möchten, woraus aber nur Hader und gesährliche Spitzfindig⸗ 26 keiten in die Versammlung wurden eingeführt werden. Hofrath und Professor Schultze, aus Frei— burg(im Breisgau), hielt einen sehr anziehen⸗ den Vortrag über die Function der Milz und ihre Exstirpation bei Menschen und Thieren. Derselbe bewegte sich so leicht in diesem Thema, das in neuerer Zeit der Stapelplatz so vieler phy⸗ siologischer Fehden geworden ist(indem Jäckel gegen Tiedemann, und besonders Rudolphi gegen Wilbrand zu Felde zog), trug von einer Seite seine Versuche nach der Reihe vor und begleitete sie wiederum von der andern mit so viel Witz, auf die bekannte Infibulation hindeu— tend, daß er gewiß, nur mit wenigen Ausnah— men, die Zuhörer befriedigte. Professor Dr. Jörg, aus Leipzig, sonst als Lehrer der Geburtshülfe geschätzt, bemühte sich diesmal vergebens, durch seinen schlaffen, überdies durch faden und unschicklichen Witz un⸗ genießbar gemachten, Vortrag über die Puber— tätsentwickelung, die durchaus auf unzuläng⸗ licher Beobachtung und mangelhafter Benu— tzung anderer Schriften hierüber basirt war, die sonstige gute Meinung über ihn zu erhöhen. Indessen müssen wir auch von der andern Seite wiederum bedenken, daß der, mit dem Namen Pubertätsentwickelung bezeichnete Inbegriff von den höchsten und merkwürdigsten Phänomenen der organischen Lebensplastik noch in tiefem Dunkel liegt, daß die Entwickelungsgeschichte des Menschen, als eigentliche Charakteristik des Lebens, noch sehr gering cultivirt ist, und ehe wir gründliche und genügende physiologisch⸗psy⸗ chologische Aufschlüsse über diese wichtigste Epoche des menschlichen Lebenscyklus erhalten werden, noch eine sehr lange Zeit hingehen möchte, wel— che zu erleben oder gar herbeizuführen dem Ver— sasser wol nicht gegeben sein dürfte. Dr. Plagge, aus Steinfurt, theilte, ihm allein eigene, Bemerkungen über das Sehvermögen mit, die mit einem bescheidenen Plätzchen in Wagener's Erdhaut wol auch hätten fürliebnehmen können. Wir sollen nicht sehen durch das Licht, welches von Außen in uns kommt; sondern durch das, welches unsere Augen hinaus auf die Gegenstände werfen. Dennoch wunderte sich der Redner, daß die pa⸗ riser Akademie, so wie andere, denen er seine neue Erfindung zugeschickt hatte, ihn keiner Antwort würdigten. Daher wolle er sie der Ver⸗ sammlung seiner vaterländischen Physiker vorle⸗ gen, um gerechte Anerkennung zu finden. Hofrath und Professor Dr. Oken, der ge⸗ genwärtig die in großem und freiem Geiste eines edlen und weisen Monarchen gestiftete Hochschule Münchens ziert, trug, mit seinem überall so mächtig durchdringenden Geiste, auch hier mit bewundernswürdiger freier Darstellungsgabe sein numerisches Gesetz in der Fünfzahl der Wirbel⸗ knochen in der Rückgrathssäule des Menschen vor, und es war eine allgemeine innere Freude auf den Gesichtern aller Anwesenden in den Mo⸗ menten zu lesen, in welchen sie diesem kühnen Geiste, der die weiten Räume des organischen und unorganischen Reiches mächtig durchschritten 28 und in steter rüstiger Kraft unaufhaltsam noch durchschreitet, in der speciellen, lichtvollen De⸗ monstration seines angegebenen Zahlenprincips, auf comparativen Wegen, an verschiedenen Ske⸗ leten folgten. Professor v. Baer, aus Königsberg, las über die Formänderung in der Thierentwickelung und erläuterte seinen ziemlich verwirrten Vor— trag durch eine faßlichere Kreidezeichnung an ei⸗ ner großen Tafel. Wir haben durch Denselben eine sehr wichtige Widerlegung von Oken's fal⸗ scher Lehre: als müsse das große, vollständige Thier erst die Formen der niedern Thiere durch— laufen, für die Wissenschaft gewonnen. Derselbe bat auch noch die Anwesenden um gefällige Mittheilung etwaniger ähnlicher Erfahrung, als folgende seinige, über den, im diesjahrigen Som- mer in Ostpreußen stattgehabten, verheerenden Raupenfraß. Die Raupe von Phalaena N. Gamma war nämlich in solcher Menge erschie— nen, daß sie scheffelweise an die königlichen Aem— ter eingeliefert ward; sie hat das Kartoffelkraut, die Erbsen, am Meisten aber den Lein angegrif⸗ fen und diesen, auf den Feldern einiger Kreise, in wenigen Tagen ganz zerstört. g) die Vorträge für Medicin. Geheimer Medicinalrath Dr. Wendt, aus Breslau, hielt einen guten Vortrag uber einige seltene Fälle von abnormen, steinigen Bil— dungen in menschlichen Körpern; er gab aus seiner mehr als dreißigjährigen Praxis einige, in therapeutischer Hinsicht nicht unwichtige, Notizen 29 über diesen Gegenstand; indessen würden seine „historiae morborum“ weit eher vor die ärztli— che Specialsection gepaßt haben. Dr. Behr, aus Bernburg, theilte einen merkwürdigen Fall mit, von angebornem Man⸗ gel der Regenbogenhaut; ein fur die Ophthal— mologie nicht uninteressanter Gegenstand. Bergrath Dr. Lampadius, aus Freiberg, empfahl wiederum, indessen mit wenigen Wor— ten, den anwesenden Aerzten den Schwefelal— kohol als ein Heilmittel, das in Paralysen, chronischen Rheumatismen ꝛc. der weitern Ver⸗ suche sehr werth wäre. Obermedicinalrath Dr. v. Froriep, aus Weimar, hielt einen kurzen und gewandten Vor⸗ trag über eine seltene dreifache Monstrosität, die er abgebildet vorzeigte; die Kürze seiner Rede gab ihm Veranlassung, zu bemerken, daß in die⸗ ser Versammlung Niemand fordern sollte, auf lange Zeit das Wort zu haben, eine Warnung, die jedoch wenig beherzigt wurde und also ihre Wirkung im nächsten Jahre erwartet. Geh. Hofrath Dr. Sulzer, aus Ronne⸗ burg(der Veteran unter den anwesenden Gästen), berichtete über eine, vor 32 Jahren an einem Mädchen(das jetzt schon Großmutter ist) ope⸗ rirte, Knochengeschwulst in der Augenhöhle, die er, in ihrer jetzigen Verhärtung, auch vorzeigte; dieser biedere Greis zog die ganze Aufmerksam— keit der anwesenden Aerzte auf diesen merkwür⸗ digen Krankheitsfall, von dem bis jetzt noch kein solcher zweiter vorgekommen sein soll. Es ist schwer und übersteigt den Umfang 30 dieses Berichtes, auch nur des Ausgezeichne— ten aller Sectionsverhandlungen genaue Er— wähnung zu thun, ist auch weniger nöthig, da wir Alles in der Isis speciell zu erwar— ten haben. Wir zeigen darum nur kurz an, was in den besondern Versammlungen vorge— fallen ist. Die medicinische Section war bei Weitem die zahlreichste und mochte wol nicht selten aus mehr als 100 Personen bestanden haben. Der Vorsitz wurde dem Geheimen Medicinalrath und Professor Wendt(aus Breslau), und als Dieser verreiste, dem russischen Staatsrathe und Leibarzte Rehmann übertragen. Die berühm— testen Aerzte Deutschlands waren gegenwärtig. Auf Professor Lichtenstädt's(aus Breslau) zwar etwas zu weit ausgesonnene, jedoch wohl— überlegte Anregung soll die Abstellung des Uebel— standes, mit welchem die Mittel unserer preußi— schen Pharmakopöe neue Benennungen erhielten, der Obermedicinalbehörde dringend empfohlen werden. Ebenso erhob sich der hiesige Profes— sor Osann, mit mehreren andern, sehr nach— drücklich gegen die Neuerung, die Syphilis ohne Mercur zu heilen. Dr. v. Ammon's(aus Dresden) Bemerkungen, über die Verbindung der Linsenkapsel mit den Ciliarfortsätzen, wur— den von den anwesenden Augenärzten; des Hof— rath Brande's(aus Salzuflen) Vorträge über die Chinasorten, von den Pharmaceuten; Pro— fessor Vogel's(aus Rostock) Mittheilungen über den diagnostischen Apparat des Arztes; des Professor Harleß Vorträge über das unmä⸗ 31 ßige Blutlassen in unserer Zeit; Dr. Becker's (aus Mühlhausen) Versuche über die Anwendung des Magnets bei, Nervenübeln und Rheumatismenz Dr. Hertwig's(aus Berlin) auf interessante Beobachtungen gegründete Vorschläge zur Hei— lung der Hundswuth, von den anwesenden Prak— tikern mit Interesse aufgenommen. Auch sehr wichtige Worte über den Misbrauch der Brun— nencur und Bäder sprach Dr. Kranz, aus Kö— nigsberg; und eine Mittheilung des Leibarztes Rehmann, aus Petersburg, über die vielseitigen Kenntnisse der chinesischen Aerzte und ihre anato— mischen Abbildungen gefiel allgemein. Professor Wendt(aus Breslau) zeigte Lungen-, Speichel—⸗ und Nierensteine, von denen er in der öffentli— chen Versammlung geredet; Prof. Strempel (aus Rostock) eine Hydrometra; Dr. Romberg (aus Berlin) Präparate von Blutergießungen im Hirn; Dr. Hartmann(aus Frankfurt an der Oder) wollte willkürlich elektrische Fun⸗ ken aus seinen Fingern aussprühen, die aber Nie— mand sehen konnte; Dr. Göppert(aus Bres⸗ lau) zeigte, daß die vegetabilische Blausäure von der thierischen verschieden sey; Dr. Ascherson (a. B.) theilte Beobachtungen über giftige Pilze mit; Dr. Wutzer(aus Münster) über Cincho⸗ nin und Piperin; Professor Wolfart(a. B.) zeigte Fliegenlarven, welche mit dem Speichel abgegangen sein sollen; desgleichen Dr. Mes—⸗ serschmidt(aus Naumburg) und Dr. Sun— delin(a. B.) aus anderen Oeffnungen; Dr. Rehmann rühmt die Wirkung der Ballota lanata; Dr. Hartmann der Mercurialis an- 32 nua gegen Wassersucht; Dr. Strempel spricht über die Heilung der Amaurose; Dr. Bremer (aus Berlin) über die Kuhpockenimpfung, des⸗ gleichen Dr. L. Meyer(aus Berlin); Dr. Sachs(ebendaher) über ein elastisches Liga⸗ turwerkzeug; Dr. Hertwig(ebendaher) uber Wasserscheu; Dr. Michael Meyer über den Nachtheil der medicinischen Volksschriften. Weniger zahlreich, aber nicht weniger wich— tig, waren die Mittheilungen der zoologi— schen Section, in welcher, unter dem Scepter des um das hiesige höchst großartige zoologische Museum so verdienstvollen Lichtenstein's, die meisten Professoren und Conservatoren der deut⸗ schen, niederländischen und schwedischen Anstalten dieses Fachs, überhaupt mehr als dreißig Zoolo⸗ gen sich vereinigten, Entdeckungen mittheilten und ihre Ideen austauschten. Professor Wag⸗ ler(aus München) zeigte die Abbildungen zu sei⸗ nem amphibiologisch⸗osteol. Werke; desgl— Pro⸗ fessor Gravenhorst(aus Breslau); Inspector Eimbeck(aus Braunschweig) einen Vogel, der ein Mittelding zwischen Anas clangula und Mergus albellus zu sein schien; Dr. Gurlt (a. B.) Abbildungen von Monstrositäten des Rinds und des Hunds; Professor Müller(aus Bonn) über den Bau der Drüsen aus verschie⸗ denen Thierclassen; Dr. Rathke(aus Danzig) über die Entwickelung des Flußkrebses; Profes⸗ sor Hornschuch von Wallfischen und Robben; Professor Rosenthal, zu Greifswalde(durch Lichtenstein), über die Bildung der Wallfisch⸗ barten; Agassiz, zu München(durch Oken), — 33 von einem neuen Fische, Cyprinus uranoscopus, der auch in natura vorgezeigt wurde; Dr. Brandt und Dr. Ratzeburg(a. B.), von Wallfischen; Dr. v. Schönberg(aus Neapel) von mikroskopischen Schneckenschalen; Kaup, zu Darmstadt(durch Dr. Berthold, aus Gottingen), den Unterkiefer des Riesentapirs, welcher bei Alzey gefunden worden und eine neue Gattung, Deinotherium, bilden soll; Pro— fessor Nilson(aus Lund) legte neue Schollen arten vor; Dr. Berthold theilte seine Beob— achtungen über die Chalazae in den Eiern der Vögel mit; Dr. Wagner, aus Schlieben(durch Dr. d' Alton), über die Vipern; Dr. Rathke (aus Danzig), über Bernsteininsecten; Ober consistorialradkh Bellermann legte Hippuri⸗ ten, Dr. Chamisso Mammuthszähne vor; Dr. Schottin schickte eine Abhandlung ein über die fossilen Knochen bei Köstritz. Alexander v. Humboldt zeigte neuere Galvani'sche Versuche bei Unterbindung der Ner— ven; Conservator Schilling(aus Greifswalde) gab die beste Art, Medusen in Weingeist auf— zubewahren, an; Gloger(aus Breslau) legte seine Bestimmungen der Vögel des Aristote— les vor. In der botanischen Section waren an funfzig Mitglieder, unter dem Vorsitze des Pro— fessors Hornemann(aus Kopenhagen) zusam—⸗ mengetreten. Dr. Wallroth(aus Nordhau— sen) legte eine Menge Beispiele aus der Flech—⸗ tengattung Cenomyce vor und zeigte durch die Uebergänge, daß sie nicht mehr als vier Ar— 3 34 ten bilden können; Professor Schübler(aus Tübingen) zeigte seinen Hydrurus erystallo- phorus, nebst dessen Krystallen; Professor Hor— kel Abbildungen über den Bau der Frucht und das Keimen der Pflanze Stratiotes; Dr. Pö— nitz(aus Dresden) keimende Erbsen in verschlos— senen Gläsern ohne Licht; P. Zuccarini(aus München) Abbildungen von Knospen; Dr. Ra— tzeburg von Pelorien; Professor Henschel (aus Breslau) von Monstrositäten der Salix einerea, sowie Exemplare von andern Bastard— pflanzen; Professor Hornemann Abbildungen von Fucus buccinalis; Dr. Berger, zu Co— burg(durch Oken), von versteinerten Blättern, die Niemand kannte; Professor E. Meyer(aus Königsberg) versuchte eine neue Deutung der Befruchtungstheile der Farrenkräuter; Professor Schultz(aus Berlin) der Samentheile der Pflanzen überhaupt; Prof. Kunth(aus Pa— ris) der Blüthentheile der Gräser; Pr. Wende— roth(aus Marburg) zeigte zweifelhafte Pflan— zen; P. L. Bouche(aus Berlin) Ausartungen von Pflanzen; Dr. Wahlberg(aus Stockholm) ein Verzeichniß Linné'scher Pflanzen, die jetzt mit Unrecht anders heißen; Prof. Ehrenberg die Manna vom Berge Sinai, welche von einer Tamarix kommt; ferner die Abbildung der Al⸗ ge, welche das rothe Meer färbt; auch Abbil— dungen von Schmarotzerpilzen; Dr. Göppert sprach über die schädliche Einwirkung vieler Stoffe auf die Pflanzen; Dr. Meyen(aus Potsdam) gegen Henschel's Abläugnung des Pflan— zengeschlechts; Pr. Treviranus(aus Bres— 35 lau) über Licht- und Wärmeerscheinungen an Pflanzen; Pr. Linck(aus Berlin) gegen die von den schwedischen Botanikern vorgeschlagene Wiederherstellung der Linné'schen Namen; gegen Dr. Meyen's Meinungüber die Selbstentstehung mancher Schmarotzerpflanzen; ferner schiene es ihm, als wenn die Samen bei Veltheimia nicht am Rande, sondern an der Mittelrippe des Kapselblattes hingen; Pr. Hornemann sagt, man habe bemerkt, daß der Blitz selten in die Buche einschlage— Die mineralogische Section im Mine- raliencabinet, unter dem Vorsitze des um das⸗ selbe so verdienten Pr. Weiß, gab auch viel Wichtiges zu sehen und zu hören. Vor allem erregten Erstaunen die vom Herrn v. Olfers aus Brasilien mitgebrachten Versteinerungen von ungeheueren Knochen und Panzern, wahrschein— lich von einem riesenmäßigen Gürtelthiere, wel— che der Vorsteher umständlich zeigte und zusam⸗ menordnete. Pr. Pusch(aus Warschau) er— lauterte seine geognostischen Charten über die Karpathenländer; Major v. Oesfeld legte die vom Ingenieurgeographen Wolf gezeichneten An— sichten der Karpathen vor; Dr. Klipstein(aus Darmstadt) eine geognostische Charte der Wet⸗ terau; Pr. Hoffmann(aus Halle) desgleichen vom nordwestlichen Deutschland; Dr. Forch⸗ hammer(aus Kopenhagen) sprach über die Fä⸗ röerinseln und Seeland; Dr. Kli pstein über die kugeligen Absonderungen des Basaltes; L. v. Buch über die dauphineer Alpen, bei Vor⸗ legung einer Charte; Director Klöden über 3* die Geschiebe um Berlin; Pr. v. Kobell(aus München) über ein neues Mineral aus Grön⸗ land; Pr. Goldfuß, zu Bonn, ließ Trilobiten vorlegen, an denen er Spuren von Füßen be— merkt hat; Pr. Bredsdorf(aus Christiania) zeigte Abbildungen von Versteinerungen aus der Kreide, Pr. Germar(aus Halle) von Pflan— zenabdrücken aus der Steinkohlenformation. Ein Modell des Harzgebirges und mehrere Lie— ferungen der bei Schropp erscheinenden, geo— gnostischen Charte von Deutschland waren aus— gelegt. Mehrere neue Schriften wurden vorge— legt, und Vieles wurde mündlich verhandelt, was dem Gedächtniß entfallen ist. Die physisch-geographische Section, unter Professor Ritter's Vorsitz, eröffnete A. v. Humboldt. Pr. Gruithuisen, zu Mün⸗ chen, ließ(durch Archiater von Schönberg) eine Abhandlung über eine Lichterscheinung im Monde vortragen, worauf auch der Justizrath Ku— nowski seine Beobachtungen über den Mond, und Pr. Nöggerath(aus Bonn) Bemerkun— gen über die, den Vulcanen ähnlichen, Bildun⸗ gen auf demselben mittheilte. Die Hälfte der Nacht brachte man in Kunowski's Hause mit Mondbeobachtungen zu. Director v. Schlie⸗ ben(aus Dresden) sprach über die solenhofer Steinbrüche; Prof. Steininger(aus Trier) über seine Höhenmessungen auf den Ardennen, und deren geognostische Verhältnisse; Major v. Oesfeld legte Charten über die hypsometri— schen Unternehmungen im nördlichen Deutsch— land vor; Pr. v. Martius seine Charte von 37 Südamerika; Prof. Reinwardt(aus Leiden) sprach uber die sundaische Inselgruppe in Ostin⸗ dien; Dr. v. Chamisso und Dr. Keilhau uber die Temperatur der Erde, der Quellen und über das Grundeis gegen den Nordpol. Die anatomisch-physiologische Se⸗ ction versammelte sich in dem so außerordentlich reichen Museum der vergleichenden Anatomie, unter dem Vorsitze Rudolphi's, dessen Natu⸗ ralismus edlerer Art so vielen hypothetischen Schwindel schon zu Grabe getragen hat. Er zeigte unter vielen merkwürdigen Präparaten auch einen menschlichen Zwitter, welcher auf ei⸗ ner Seite männlich, auf der andern weiblich war. Pr. Tiedemann(aus Heidelberg) zeigte Abbildungen von einer Doppelmißgeburt und von den, durch Dr. Schott entdeckten, Nerven des Nabelstranges; ferner Präparate von Ner⸗ ven im Kalbsauge; eingespritzte Saugadern in der Milz; einen von Dr. Arnold, Prosector zu Heidelberg, entdeckten Nervenknoten, woraus der Spannmuskel des Paukenfells seine Nerven erhält; endlich Einspritzungen von Saugadern aus verschiedenen Theilen des menschlichen Kör⸗ pers von Dr. Fohmann, jetzt Prof. zu Lüt⸗ tich. Director Seiler(aus Dresden) theilte seine Bemerkungen über das Verhalten der Ei⸗ erstöcke während der Befruchtung mit; Professor v. Baer die seinigen über den ersten Zustand des Eies; Pr. Weber(aus Leipzig) uber die Entwickelung der Blutegel; Dr. Merrem (aus Cöln) zeigte einen Embryo in der Mutter⸗ trompete; Dr. Rathke(aus Danzig) seine 38 Abbildungen über die Entwickelung des Fluß— krebses; Pr. Schultze(aus Freyburg) schnitt einem Hunde die Milz aus. Er befindet sich wieder ganz wohl auf der Thierarzneischule. Pr. Otto(aus Breslau) die Doctoren d' Al— ton und Wiegmann(aus Berlin) haben auch ihre Arbeiten vorgelegt. Noch viel Anderes wurde gezeigt und gesprochen, was nicht zu un— serer Kunde gekommen ist. Dieses gilt natür— lich auch von den andern Sectionen. Wir haben nun die Summe der in den allgemeinen Versammlungen gewonnenen Ansich— ten und Bereicherungen für das Gesammtgebiet der Naturkunde angeführt, die aber noch einen weit größern Umfang erhalten wird, nachdem die Vorträge und Verhandlungen in ihrer aus— führlicheren Gestalt zur öffentlichen Kenntniß ge— langt sein werden. Nun noch etwas über den eigentlichen Gang der Gesellschaft. Beim Anfange der vierten öffentlichen Si— tzung eröffnete der Geschäftsführer v. Hum— boldt der Versammlung, daß, wegen der noch an diesem Tage bevorstehenden Abreise mehrerer angesehenen Gäste, verfassungsmäßig zur Wahl des nächsten Versammlungsortes geschritten wer⸗ den solle, zu welchem Behufe die Städte Frey⸗ burg, Stuttgart, Tübingen, Baden-Baden, Bonn und Heidelberg am Meisten vorgeschlagen worden wären. Die Anwesenden aus dieser oder jener der genannten Städte und ihrer Nähe erhoben sich nun, bald hier bald dort, von ihren Sitzen; Jeder wollte die Vorzüge seiner Gegend und seines Orts, in Beziehung auf sich darbie— 39 tende Naturschönheiten, oder in Rücksicht auf die von benachbarten Staaten fürs künftige Jahr dorthin leicht zu erwartenden Gäste geltend ma⸗ chen. Mit wahrer, rhetorischer Kunst wußte Jeder die Anstalten, Museen und naturhistori⸗ schen Schätze seines vorgeschlagenen Orts aufs Glänzendste hervorzuheben; Einige sprachen im Auftrage ihrer Collegen und nach Bericht einge⸗ zogener Erkundigungen von der Genehmigung ihrer Regierungen, und indem so insbesondere Prof. Schübler für Tübingen und Stuttgart, Prof. Schultze für Freyburg, Prof. Noegge— rath für Bonn, Geheimerath Pr. Tiedemann für Heidelberg das Wort sprachen: erachtete Pr. Oken für nothwendig, in einigen klaren und nachdrucksvollen Worten die Tendenz des Vereins aus dem Schatten des Hintergrundes hervorzuheben und den eigentlichen Zweck des⸗ selben hell zu beleuchten; er suchte zu zeigen, daß leicht der Zweck dieses Vereins verfehlt wer— den könne, wenn er sich zu oft hinter einander in Residenzen versammle, und entwickelte mit der bereits aus wiederholten Erfahrungen erwor— benen Ein- und Umsicht, warum Universitäts⸗ städte anderen Plätzen vorzuziehen seien, ohne daß man deshalb solche auszuschließen brauchte, wel⸗ che sich durch wissenschaftliche Bestrebungen aus⸗ zeichneten, wie es bei Frankfurt und Dresden der Fall gewesen, und stimmte so für die Ent⸗ scheidung durch Majorität der Stimmen über eine der genannten süddeutschen Universitäten. Da nun für Freyburg und Tubingen nicht mehr als ein Dutzend, für Bonn über ein hal⸗ 40 bes Hundert, für Heidelberg hingegen wol an Hundert aufgehobene Hände stimmten; so wurde letztere Stadt als der nächstjährige Versamm⸗ lungsort, und die beiden anwesenden Repräsen— tanten Heidelbergs, Geheimerath und Pro— fessor Tiedemann, der berühmte Anatom, und Hofrath, Professor Gmelin, der ausge— zeichnete Chemiker, einstimmig zu den Geschäfts— führern für das nächste Jahr ernannt. Der hiesige Professor Dr. Reich ließ, anstatt einer mündlichen, eine schriftliche Em— pfehlung seiner soeben aus der Presse gekom— menen Schrift„Die Grundlage der Heilkunde“ in einem kleinen gedruckten Aufsatze:„Was thut der Heilkunde Noth“ an die sämmtlichen Mit— glieder der Versammlung vertheilen. Der Ver— fasser ist der Meinung, daß durch den, die je— tzige medicinische Praxis leicht treffenden, Vor— wurf„Dat Galenus opes“, des Arztes wissen⸗ schaftliches Streben bald als zu einem Gewerbe herabgesunken erscheinen könne, welches, wie an—⸗ dere, der Besteuerung unterworfen zu werden verdiente. Er bezeichnet darin die Höhe des wahren ärztlichen Berufes und zeigt auf die Principien bei der Handlungsweise des Arztes hin, um so dem Sprichworte„Figulus figulum odit“— in Beziehung auf den ausübenden Arzt seine Gültigkeit zu nehmen, was ihm als das Wichtigste erscheint, was der Heilkunde Noth thut. Auch der Kanonikus und Rector Dessau, aus märkisch Friedland, vertheilte an mehrere Theilnehmer der Gesellschaft eine gedruckte Schrift: 41 „Versuch eines neuen erklärenden Systems in der Naturgeschichte, welches, von den äußern Erscheinungen ausgehend, den Anforderungen der Logik und Moral zu entsprechen sucht.“ Der Verfasser führt uns hier eine Classification vor Augen, die er bei seinen Schulvorträgen der allgemeinen Naturgeschichte zu Grunde legt, und es ist nicht in Abrede zu stellen, daß für die ersten Anfänger die hier befolgte Ordnung, in welcher das numerische Verhältniß der Vier in den obern und untern Abtheilungen der vier Naturreiche vorwaltet, einen recht faßlichen und naturlichen Ueberblick gewährt. Der Wissen⸗ schaft hingegen kann nur ein System dann nü⸗ tzen, wenn dasselbe auf die inneren anthropo⸗ tomischen, zootomischen und phytotomischen Er⸗ scheinungen in dem organischen Reiche, als über— haupt auch auf die übrigen eigentlichen integran⸗ ten Theile der Naturgeschichte, als die neueste Philosophie derselben, die allgemeine Physiolo—⸗ gie ꝛc., Rücksicht nimmt. In der letzten offentlichen Versammlung brachte Prof. Lichtenstein den vom Hofrath Böttiger angeregten Gegenstand, betreffend die neue kritische Ausgabe von Plinius, wieder— um zur Sprache und bemerkte, daß die berli⸗ ner Akademie, die schon für die Ausgabe des Aristoteles beträchtliche Opfer gebracht hätte, in diese Sache einzugehen keine Befugniß habe. Nach mehrseitigen Discussionen hierüber schlug Oken eine freiwillige Beisteuer vor, zu 1 Thlr. die Person— um eine Summe von 400 Tha⸗ ler zusammenzubringen. Vier angesehene Män⸗ 42 ner von Berlin, denen der Erfolg dieses Unter— nehmens am Herzen lag, erboten sich, das Feh— lende an der nöthigen Summe zuzuschießen. Auf diese Weise kann man nun auch den orxforder Codex vergleichen lassen. An demselben Tage legte v. Humboldt auch der Gesellschaft die Frage vor:„ob Jemand Veränderungen in den Statuten der Gesellschaft wünsche oder sonstige Anträge zum Besten der Versammlung zu machen habe.“ Es erfolgten von Mehreren Vorschläge, die aber alle nicht auf Abänderung der so einfachen und die freie Entwickelung der Versammlung be— absichtigenden Statuten, sondern blos dahin gin— gen, daß künftig weniger Zeit auf die öffentli— chen Sitzungen verwendet werden sollte, damit Jeder diese Stunden für die Vorträge und Dis— cussionen in den Sectionen benutzen könne, da— her die in den öffentlichen Sitzungen mitzu— theilenden Vorlesungen dem Ermessen der Ge— schäftsführer vorläufig zu unterwerfen sein möch— ten, damit alle Unzufriedenheit darüber möglichst entfernt würde. Es waren ja auch in der That diesmal gar viele, hiesige und auswärtige, an Alter, Erfahrung und gediegenen Leistungen wahrhaft hoch stehende Männer in der Versamm—⸗ lung, die ihre wahre Mündigkeit in der ewigen Lehrlingsschaft bekundeten, indem sie geschwiegen und den jüngern das Wort auf den Kathedern gelassen, die nicht selten an den Vorwurf erin— nerten, den man unserem Jahrhunderte macht, daß dasselbe ein Zeitalter der Theorie sei, in wel— chem Alles lehren, Wenige nur lernen wollen. 43 Oken nahm endlich das Wort und, durchdrun⸗ gen von glühendem Eifer für die Wissenschaft, und von der Wahrheit seiner Rede, bemerkte er: wie er nicht genug auf den wahrhaft zu ver— folgenden Zweck des Vereins hinweisen könne, der nicht darin bestehe, gleich einer Akademie Entdeckungen zu machen und sie der Welt mit— zutheilen; sondern nur den Gelehrten Gelegen— heit zu geben, sich persönlich kennen zu lernen, damit sich die Zwiste ausgleichen, das Harmo⸗ nische sich verbinden könne, um auf diese Weise aus den zerstreuten Gliedern der Gelehrtenre— publik endlich eine Familie zu bilden, aus deren Eintracht die Förderung der Wissenschaften von selbst hervorgehen würde; alles Meistern der Vorträge, alles Absondern in Sectionen führe zu Spaltungen und Unzufriedenheit, und mithin zur Zerstörung der Versammlung. Um die un⸗ berufenen Schwätzer abzuhalten, bedürfe es nichts weiter als daß sich die Unzufriedenheit darüber noch einige Male laut äußere. Er faßte dabei den Hergang in der diesjahrigen Versammlung so streng ins Auge und schilderte die Ursachen der vielen langweiligen und ungehörigen Vorträge mit so lebhaften Farben, daß diesem belebenden und begeistigenden Principe der Societät, auf diese krätige und wahre Rede, ein allgemeines lautes Bravo ertönte. Indessen erschienen den vie⸗ len Neulingen Tiedemann's Gründe für die vorgängige Prüfung der Vorträge um so zuläs⸗ siger, als er im nächsten Jahre diese bedenkliche Prüfung zuerst vorzunehmen wagen wollte; auch mochten gar nicht wenige von Oken's Worten 44 sich getroffen fühlen, und so kam es nicht uner⸗ wartet, daß, bei der Abstimmung, die Mehrheit für die vorgeschlagenen gewaltsamen Maßregeln sich entschied. Vor dem Schlusse der letzten öffentlichen Sitzung verlas Prof. Lichtenstein noch meh— rere eingegangene Berichte und Wünsche von ver— schiedenen naturforschenden Gesellschaften Deutsch— lands und nannte die große Zahl derjenigen Mitglieder, welche in der zoologischen, botani— schen, mineralogischen, physikalischen, medicini— schen ꝛc. Section Vorträge gehalten hatten. Darauf sprach v. Humboldt, als Ge— schäftsführer, zum Abschiede die wohlwollendsten Wünsche und Hoffnungen für die Versammlung aus, die er, im nächsten Jahre, an den Ufern des Irtisch im Geiste mitfeiern werde. Im Na— men aller anwesenden Gäste sprach nun einer der vorjährigen Geschäftsführer, Prof. v. Martius (aus München) den Dank aller fremden Mitglie— der gegen ihre Collegen in Berlin, gegen die obersten Behörden und alle Classen der Bewoh— ner; sprach ferner die tiefsten Gefühle der Hoch— achtung aus, welche die ganze Republik der Wis— senschaften vor Geschäftsführern hegen muß, von denen der Eine beim Besteigen des Chimbo— rasso, beim Durchwandern der südamerikanischen Mosquitosümpfe und noch bei vielen ähnlichen Gelegenheiten, der Andere bei mühsamen und gefahrvollen Excursionen in den, von so feindlich gesinnten Wilden bewohnten, afrikanischen Wü⸗ sten für das Heil der Wissenschaft ihr Leben preiszugeben bereit waren, und rühmte am 4⁵ Schlusse die Munificenz des, von seinem treuen Volke angebeteten, Monarchen, der seine Huld den fremden Gelehrten so reichlich spendete, und dessen großherzige Beförderung der Wissenschaf⸗ ten und Künste in allen so blühenden Instituten, Museen, Sammlungen und Kunsthallen so herrlich ans Licht trat, daß Aller Erwartung, so groß sie auch von Preußens Königsstadt ge⸗ wesen war, doch in jeder Hinficht weit überflü⸗ gelt wurde. Man ist auch in der That allgemein dar— uber einverstanden, daß der vor 6 Jahren aus so wenigen Männern zusammengetretene Ver⸗ ein bereits in dieser siebenten Versammlung, so— wol in der Zahl und in dem Range der hier versammelten Gelehrten als in den grandiosen Vorbereitungen zu ihrem Empfange, das Höchste erstrebt hat; und wer wollte es wol in Abrede stellen, daß der Hauptzweck der Gesellschaft„An— näherung und Befreundung durch persönliche Bekanntschaft“, reger mündlicher Verkehr geisti⸗ ger Mittheilung zur Entfernung gehässiger Kri⸗ tik auf das Mannichfaltigste zu erlangen war, da selbst die lebhafteste Discussion und Diver⸗ genz in den Specialversammlungen sich doch bei der gemeinschaftlichen Geselligkeit, wie wir deren hier noch übersichtlich erwähnen wollen, wiederum aufs Freundlichste ausgleichen mußten. Indem wir die schon anderwärts berichteten gemeinschaftlichen Beschauungen der Museen, In⸗ stitute, Sammlungen, Gärten ꝛc. hier bei Seite lassen, gedenken wir zuerst des täglichen gemein⸗ schaftlichen Zusammenspeisens an etlichen und 20 Tafeln, jede zu 24 Gedecken, in dem an 700 Speisende fassenden Lokale des neuerbauten, nach seiner ursprünglichen Bestimmung noch nicht ge⸗ brauchten, riesenmäßigen Exercirhauses des erst seit einigen Jahren neu hervortretenden Stadt— viertels in der Louisenstadt, das, auf Veranstal— tung der Geschäftsführer, von Schinkel und Gropius herrlich decorirt und mit eleganten Vorhängen drapirt worden. Mehrere Tafeln sonderten sich bald nach den Sectionen der Na⸗ turwissenschaften, als der Botanik, Chemie, Geo— gnosie ꝛc., ab, wobei immer ein einheimisches Mitglied eine Art von Marschallamt bekleidete; auch hatte jede derselben eine Nummer, welche sich hoch aus der, in der Mitte stehenden, Blu⸗ menvase erhob; allgemeine Toasts wurden nur von den Geschäftsführern allein ausgebracht. An mehreren Tafeln saßen auch die Frauen und Töch⸗ ter der auswärtigen Mitglieder. Um die Frem— den auch beim Genusse der Tafelfreuden mit aus⸗ gezeichneten Personen der Residenz bekannt zu machen, und auch solche Gebildete zuzulassen, die gern sich des Anblicks der anwesenden be— rühmten Männer erfreuen mochten, wurden täg⸗ lich eine bestimmte Zahl von einigen Hundert Einladungskarten vertheilt, und manche auf die— sem Wege geknüpfte Bekanntschaft konnte schnell zu dauernder Freundschaft erwachsen. Man wird zugestehen, daß diese Maßregeln kaum Etwas zu wünschen übrig lassen. Diesen geselligen Mittagsmahlzeiten wurde an dem Vorabende der Schlußsitzung die Krone dadurch aufgesetzt, daß sich, durch Lichtenstein's Bemühung, die 47 in Berlin bestehenden beiden Liedertafeln, unter Zelter und Rungenhagen, zu einer Bele— bung des gewaltigen Banketts vereinigten und in Pausen Lieder absangen, deren Inhalt und Vortrage der allgemeinste Beifall zurauschte. Zu einer wahren Flamme des loyalen Nationalsinns entzundete aber Arndt's, von Reinhard componirtes Lied„Das deutsche Vaterland“, und wie die Strophe darin erklang:„So weit die deutsche Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder singt“ brach unaufhaltsam ein Jubel deut⸗ scher Herzlichkeit aus, und das Lied mußte noch ein Mal wiederholt werden; aber auch folgendes allerliebst ausgeführte Lied verdient den resp. Lesern mitgetheilt zu werden: Den Naturforschern im Exercirhause. Mel. Am Rhein, am Rhein dc. Welch neu Mandͤvre mag man heut vollführen? Die ganze Stadt ist leer, Das große Haus, erbaut zum Exerciren, Faßt kaum das tapfre Heer. Die Uniform, die Alle angezogen, Ist Königin Natur, Die Forscher all' auf iker, omen, logen Verfolgen ihre Spur. Erst muß ich wol die Zoologen nennen, Die edle Reiterei; Equus caballus, das sie forschend kennen, Dient ihnen gern und treu. 48 Die Freiheit liebt ein jeder wackre Reiter, So auch der Zoolog, Ja, selbst im Sturme bleibt der frei und heiter, Drum tönt ihm dreimal hoch. Das schwere Fußvolk folgt, die Geognosten, Die Geographen auch, Sie gehen sicher, halten ihre Posten, Nach altem Kriegsgebrauch. Ein Chimborasso steht in ihrer Mitten, Als starker Schutz und Wehr, Drum mußt' Der auch die andern Alle bitten Hier zum Manövre her. Jetzt kommt die Artill'rie, die Ingenieure, Welch' überreiches Corps! Chemie, Physik, des Knalles, Schalles Lehre, Bringt solche Leut' hervor. Die Ingenieure sind, kaum braucht's der Reden, In guter Compagnie; Wie leuchten uns aus Dänenland und Schweden Die Männer von Genie. Nun folgt das leichte Fußvolk, die Doctoren, Die Herren Praktiker, Zum Tiraillirdienst sind sie wie geboren, Doch nicht zum Taktiker. Wenn solch' ein Doctor seine Feinde findet, Nimmt er die Büchs' heran, und wenn sein Pulver aus der Büchse zündet, Fällt sicher Mann für Mann. 49 Sind nun zusammen alle Legionen, Auf denn! aus Eurer Ruh! Herr Beyermann') vertheilt uns die Patronen, ö Wir beißen dann drauf zu. Hier können uns die Anatomen nützen, Sie sind gewiß bereit, Denn alle Muskeln richtig aufzuschlitzen, Ist keine Kleinigkeit. Im Ernst und Scherz laßt uns zusammenhalten, Mit treu vereinter Kraft, Hier, wo ja Friedlands, Preußens Sterne walten, Blüht Kunst und Wissenschaft. Laßt vorwärts, vorwärts uns in Allem streben, So heißt das Preußenwort, So bringen wir das wahre geist'ge Leben An jeden Einzugsort. Die Männer, die den kühnen Plan erfanden, Der uns begeisternd zog, Die spätern, die uns treulich beigestanden, Sie Alle leben hoch! Der Abend des ersten Tages der öffentli— chen Versammlung huldigte der edlen Gesellig⸗ keit durch eine eben so geschmackvoll angeordnete als zahlreich besuchte Eröffnungsfeier im C oneertsaale des königlichen Schauspielhauses, zu der über 700 Einladungskarten von Alexan— *) Der Restaurateur. 50 der v. Humboldt ausgegeben waren. Die ganze Einrichtung dieses Festes zeugte davon, in welchem hohen Sinne der edle Festgeber die Veranlassung zu derselben betrachtete: die höch— sten Staatsbeamten, vom Civil wie vom Mili⸗ tair, die angesehensten Gelehrten und Künstler, sogar auch jüngere Theilnehmer gelehrter und militairischer Schulen, die sich auszeichnen, wa⸗ ren eingeladen, und In- und Ausländer, Män⸗ ner und Jünglinge von allen Ständen und Al⸗ tern mischten sich hier im fröhlichen Gewühl; nicht das Verhältniß im Leben, sondern das Ver⸗ hältniß zur geistigen Höhe ward hier Maßstab, und die öffentliche Hochachtung intellectueller Leistungen kann auf das zur Größe sich erst ent⸗ wickelnde jugendliche Gemüth allerdings nicht ohne tief sich einpragende Influenz geblieben sein. Ganz dem Sinne dieses Festes entsprachen auch die in diesem so geschmackvoll erbauten Saale diesmal noch besonders angebrachten Ver— zierungen von Schinkel und Gropius, deren Virtuosität in dergleichen Leistungen hinreichend bekannt ist; der Saal war in einen Tempel deutschen Ruhmes verwandelt. Auf den him— melblauen Zwischenwänden der dem Eingange gegenüberliegenden Säulenreihen strahlten auf drei Feldern in einem Halbkreise, in goldener und silberner Schrift, 62 Namen dahingeschie— dener deutscher Heroen in der Naturwissenschaft, und in zwei Seitenfeldern glänzten Sprüche von Göthe und Schiller, um anzudeuten, daß auch die Schönheit als ein Element der Natur, und folglich als ein Gegenstand ihres Studiums 0 51 betrachtet werden müsse. Eine zu diesem Feste eigens gedichtete, von Mendelson-Barthol— dy componirte Cantate, ausgewählte Lieder von Zelter, und Flemming's componirte Ode des Horaz:„Integer vitae, scelerisque purus“, von den Opersängern und andern Freunden Poly⸗ hymniens gesungen, unterbrachen auf kurze Zeit die begeisternde Unterhaltung unter den theilneh— menden Augen des Königs und seines Hofes. Am Schlusse erscholl Rungenhagen's componirtes „Domine salvum fac regem“ in das jeder An— wesende mit segensvollem Herzen einstimmte. Nach den geschlossenen Sitzungen fuhr eine Cara— vane von mehr als 100 Naturforschern ins freund— liche Thal der Havel, in dem Potsdam liegt mit seinen Erinnerungen an Preußens Heldenkönig, Friedrich den Zweiten. Die königlichen Ober— castellane und Gartendirectoren zeigten Alles, was die vom jetzigen Könige in einen Feengar⸗ ten umgeschaffene Pfaueninsel, was Sanssouci, was das neue Palais, der Antikentempel Lehr— reiches, der Geschichte Würdiges, sowie der Beschauung Herrliches darbieten. Außerdem zeigten die zahlreichen, von aus— gezeichneten Männern der Residenz veranstalteten Reunionen, wie Humanität und Gastfreundschaft geübt werden soll. Wir heben von ihnen nur folgende heraus. A. v. Humboldt lud jeden Morgen vor der um 10 Uhr beginnenden Ver— sammlung eine Auswahl der interessantesten Gä— ste zum Frühstücke und zu gegenseitiger Berei⸗ cherung von Welt- und Naturansichten ein. Lichtenstein, der durch die Auswahl der Beyer— 4* 52 mann'schen Restauration für die leibliche Stär— kung der Gesellschaft sorgte, desgleichen Weiß hielten in den Sälen ihrer Amtswohnungen glänzende Abendunterhaltungen. Der Geheime— und Obermedizinalrath Ruft veranstaltete in sei— nem Landhause im Thiergarten ein Fest für sämmtliche Naturforscher. Beim Minister Schuck— mann, beim Bankier Mendelsohn, bei bei— den Hufelanden, Rudolphi, Link, Hayne, Horkel, Horn, Gräfe, Reich, Zenne, Mitscherlich, kurz bei den meisten Professoren, bei Otto im botanischen Garten, ferner in den vielen Kränzchen trafen die Frem— den, durch Einladungen geleitet, zusammen. Indem wir nun bisher den innern Gang dieses harmlosen und freien, für Licht und Wahr— heit erglühten Vereins, dem Preußens erhabe— ner Monarch, gleich den edlen Fürsten benach— barter Staaten in vorangegangenen Jahren, Aufnahme und Schutz verliehen, schilderten, ei— nen Theil der Summe von den in dieser peri— patetischen Naturschule gewonnenen Ansichten aufführten, und auch das äußere Leben und We— ben dieser Gäste während ihres Aufenthalts in der Königsstadt, die als ein so wahrhaft blü— hender Sitz der Künste und Wissenschaften im großen Deutschland hervorstrahlt, darlegten, wird es einleuchten, daß die diesmalige Versammlung wenig oder gar nicht die Besorgnisse rechtfertigt, die der geistreiche Fr. Buchholz am Schlusse seines Aufsatzes, dessen wir schon beim Eingange erwähnten, wohlmeinend uns zuwinkte. Nur in⸗ sofern er denselben Gedanken auffaßte, den die 53 diesjährigen Geschäftsführer so glücklich ausführ— ten, nämlich die Sonderung des ganzen Ver— eins in die erwähnten Sectionen zu veranlassen, wodurch diesmal so viel gewonnen worden, müssen wir ihm Beifall zollen. Denn wie auch Einzelne aus der großen Zahl der Denker und Forscher sich erheben und in ihrem kühnen Geiste das unermeßlich große Gebiet der Natur— wissenschaften in allen ihren Verzweigungen, und diese wiederum in allen ihren Einzelheiten über— schauen: so ist es doch gewiß, daß es nur sehr Wenigen vergönnt ist, auf dieser schwindel— erregenden Höhe ohne Irrthum sich zu erhalten; denn Alles zugleich zu umfassen, ist zu viel, zu viel für den gewöhnlichen Menschengeist. Wenn nun hierdurch angedeutet wird, daß nur durch sorgfältige Ausbildung aller einzelnen Zweige der Baum der Wissenschaften großartig sich entfalte: so widerspricht dieses keinesweges unserer früheren Behauptung,„daß alle Erschei— nungen der Natur in einem einzigen, nirgends absolut geschiedenen Zusammenhange stehen, nur durch einander sich bilden und wirken, woher auch jede Erscheinung die andere voraussetzt, und nur durch ihre Zusammenstellung mit derselben erklär⸗ lich wird.“ Wir haben damit blos jene bekann— ten Sonderungen der Architektonik eines ge— sammten wissenschaftlichen Gebäudes zugegeben, das aber freilich, wenn es nur durch die im Laufe der Zeiten sich empirisch heraufgestalteten Zweige der Wissenschaft zusammengesetzt wird, blos als ein lose Verbundenes erscheinen kann, wel— ches noch keinen innern Grund der Wahrheit hat, 54 indem die Fülle des Erfahrungsschatzes, wie es al⸗ lerdings von allen Seiten im höchsten Frieden und in stiller Einsamkeit recht gedeihend vermehrt zu werden vermag, sich dennoch nicht zu jener wis— senschaftlich lebendigen Gestaltung der Theorie erhebe, die eben nichts Anderes ist als das Schauen nach allen Seiten von Oben, das le— bendige Erkennen des innigsten Zusammenhan⸗ ges vom Centralpunkte aus. Daher giebt es denn auch, in Bezug auf einzelne Erscheinungen, Hergänge und Functionen, eigentlich keine Theo⸗ rie, sondern nur Momente derselben, theoreti— sche Ansichten, die erst dann sich bewähren, wenn sie mit allen übrigen übereinstimmen. Das wissenschaftliche Gebäude erhält somit auch nur lebendige Verbindung, wenn es aus sich selbst seine nothwendige Gliederung, von einem obersten Principe aus beginnt; dann erst ordnen sich die einzelnen bekannten Naturwissenschaften wieder an ihre Stelle, und die Ansicht kehrt nun mit Bewußtsein auf die bekannten zurück. Wir können aber auch den Reichthum der großen Natur als gegebenen Gegenstand der ge⸗ sammten physischen Wissenschaften aus bloßem Spiele der Materie allein durchaus nicht begrei⸗ fen; im heiligen Vertrauen auf die Wahrhaftig⸗ keit der Natur und der uns verliehenen Ahnung des Wahren vermögen wir dies nur durch den unendlichen Geist. Das Leitende und Bilden⸗ de, die Seele des Ganzen wie des Einzelnen muß demnach zuerst in seiner Abstraction auf⸗ gefaßt werden, um zu dem Begriffe eines concre⸗ ten Daseins zu gelangen; denn nur der Geist 55 ist das absolute Wesen an sich, das Ewige, un⸗ vergänglich Wahre, welches den unveränderlichen, höchsten Begriff aller Dinge ausmacht. Blicken wir nun, in Bezug zu dieser unse— rer unmaßgeblichen Ansicht, auf die besprochenen ösentlichen Vorlesungen zurück: so ist zwar mit ihnen fur die Betrachtung des Einzelnen und Thatsächlichen in ihrer specifischen Eigenthüm⸗ lichker für alle Zweige der Naturwissenschaften recht vel gewonnen worden; weit weniger aber vermögen wir aus ihnen zu reflectiren, zu resu⸗ miren und theoretische Ansichten als Resultate herauszuheben, welche wir etwa als ein Erwor— benes zurückugen könnten für eine solche künftige Theorie, wie vir sie vorhin angegeben, und wie sie für das geneinsame Band der Naturwissen— schaften durchaus nothwendig ist; woher denn auch für das eche, auf gebildetem Geiste beruhende Naturfudium, für die sogenannte physische Philosophe, als deren Pflegemutter wir schon im Anfarge dieses Berichts die allge⸗ meine Physiologie Her Biologie angesehen ha— ben, nichts Erheblichs hervorgegangen ist. Wir gehen nun einmal von dem Leben in uns aus, um das nämliche aufer uns zu begreifen. Die Natur selbst, als Ganzes, hat in ihrem Schöpfer ein Jenseits; in sich ist sie nur das allgemeine Lebenz daher der Naturforscher, unseres Erachtens, eigeitlich nur das Leben der Welt, seine Aeußerungn, die Kräfte und die materiellen Darstellungen derselben, die besondern Körper studirt und das allgemeine Leben über— all als ein besonderes aufaßt. Hierin scheinen ubrigens auch Viele der Gesellschaft, denen es nicht blos um Geltendmachung eines subjectiven Interesses zu thun war, mit uns einverstanden gewesen zu sein, worauf auch die schon erwähnte Verschiedenheit in den Ansichten über die künf— tige Beschränkung der allgemeinen öffentlichen Vorträge größtentheils zurückzuführen ist, für deren Bejahung die Pluralität sich— wie schon gemeldet— erklärt hat. Es ist indessen nicht zu leugnen, daß die wissenschaftliche Zendenz der Versammlung(ohne Nücksicht auf unser angegebenes Ziel für alle Zweige der physischen Wissenschaft) durch die Sectionen mit ihren eigenen, selbstgegebenen Regulativm, Wahl der Präsidien ꝛc., wie sie diesmal so wohlthätig zur Reife gediehen, erst recht zur algemeinen Klar— heit gelangt ist. Wir werden also das Ehabene und Ver— dienstliche dieses wissenschaftlchen Instituts für jeden Zweig der Naturwisenschaften aus der diesjährigen Zusammenkunft genugend erkennen; denn eben in diesen Privctversammlungen, in welchen sich eigentlich das rege, wissenschaftliche Leben des Vereins so herlich entwickelte, wer— den auch viele zu gehästgem Federkriege oft An⸗ laß gebende Misverständnisse durch wenig Worte beseitigt, vielseitige Dissoxanzen harmonisch auf— gelöst und in besten Einkang gebracht, alte Be⸗ kanntschaften zum Heile der Wissenschaft erneu⸗ ert, und neue begründct, viele gemeinschaftliche Versuche, wissenschaftlche Unternehmungen be⸗ sprochen, und viele litrarische Pläne verabredet, sodaß wirklich diese Versammlung— wie es * 2 57 Buchholz schon ausgesprochen— ohne die ei⸗ gentliche Absicht zu haben, für die Restauration der nach seiner Ansicht gesunkenen naturwissen⸗ schaftlichen Akademien und Societäten thätig wirkt, wie denn auch Lichtenstein am letzten Tage der Versammlung dankend der eingelaufe⸗ nen Glückwünschungsschreiben von Seiten der naturforschenden Gesellschaften zu Frankfurt am Main, Görlitz und Altenburg zu erwähnen hatte. Wir wollen darum der in so Manchem ausseigen dd, Besorgniß, als sei die diesmalige Zusammenkunst in ihrem Glanze der Culmina— tionspunkt dieses schönen Instituts gewesen, in⸗ wiefern Göthe's, bei der erwähnten Eröff— nungsfeier im Concertsaale golden prangende, Worte: „Es soll sich regen, schaffend handeln, Erst sich gestalten, dann verwandeln, Nur scheinbar steht's Momente still; Das Ew'ge regt sich fort in Allen, Denn Alles muß in nichts zerfallen, Wenn es im Sein beharren will!“ in prophetischem Sinne gewählt wären, keinen weitern Raum verstatten; nur wünschen wollen wir recht sehr, daß bei den allgemeinen öffent— lichen Vorträgen in den nächstjährigen Versamm— lungen auf das von uns hier angedeutete ge⸗ meinsame Band, das über alle Naturwissenschaf— ten die Forscher und Aerzte umschlingen soll, vorzügliche Rücksicht genommen werden möge. Nur auf dem Wege, in welchem die Natur, als ein lebendiges Ganzes, zugleich als die aus dem 58 Geiste herausgetretene, sich zuletzt immer wieder auf ihn zurückziehende Welt genommen wird, kann nach unserer unmaßgeblichen Meinung das Naturstudium, in seiner Gesetzmäßigkeit nach sei⸗ nem hohen und höchsten Zwecke, dem Menschen⸗ geiste den ganzen Reichthum der äußern Welt enthüllen, ihn auf sein Inneres zurückführen, dieses durch das Aeußere verstärken und ihn durch die Uebereinstimmung dieses Innern mit dem Aeußern kräftigen. Diese Harmonie seines Lebens soll es fördern, das dunkle Gefühl soll es als Wissenschaft zur äußern Wahrheit, Be⸗ stimmtheit und Zuverlässigkeit erheben. Noch freilich thut dasselbe alles dies leider in weiter Ferne! Nur daß wir diesen Springpunkt in dem anlaufenden Theile dieses überall mächtig vor schreitenden Jahrhunderts erkennen, daß wir uns ihm allseitiger nähern, daß wir unsern Blick schon auf Heil zubereitende Zeitalter für spätere Geschlechter richten lernen, sei unser redliches Bestreben, zu dem der Segen von Oben kom⸗ men möge!— 11 OI4 edeed