Weklar. Eine kopographiſch-hiſtoriſche Skizze. * Feſtgabe zum Fünfzigjährigen Stiftungsfeſt des Kreis-Schützenvereins Wetzlar gelegenklich des 5. Bundesſchießens. des Gau-Derbandes Beſfen und Daſſau am 10., 11. u. 12. Unli 1892 dargebracht von Rektor Luerßen. * . 23 Druck u. Nerlag von J. Amgardt. Wetzlar. Wetzlar Eine kopographilch-hiſtoriſche Skige. H. Luerssen Rektor in Wetzlar. Weklar. Eine kopographilch-hiſtoriſche Ski)ze. Feſtgabe zum Fünhzigjährigen Stiftungsfeſt dos Rreis-uchühenverein Wehlar gelogenklich des 5. Bundesſchießens des Gau-Verbandes HDellen und Daſfau am 10., 11. u. 12. Auli 1892 dargebrachk von Rektor Luerßen. 8 7 Vorwort. Zweck des vorliegenden Büchleins iſt, den Gäſten, welche bei Gelegenheit des fünften Bundesſchießens des Gauverbandes Heſſen und Naſſau Wetzlar ihren Beſuch abſtatten, ein Mittel an die Hand zu geben, um ſich in der Stadt und der nächſten Umgebung orientiren zu können. Unter dieſem Geſichtspunkte hat der Verfaſſer vom Orte und ſeinen Sehenswür— digkeiten eine kurze Beſchreibung zu entwerfen ge— ſucht, welche dem Fremden als Führer vielleicht will— kommen ſein dürfte. Soll aber der Eindruck nicht nur ein oberflächlicher, ſchnell verwiſchter ſein, ſo muß der Beſchauer im Stande ſein, das Geſehene geſchicht— lich einigermaßen einzuordnen und unterzubringen. Da⸗ her ſchließen ſich an die Beſchreibung gelegentliche Erörterungen, ſowie am Schluſſe ein kurzer geſchicht— licher Abriß, worin die wichtigſten Vorgänge in dem Leben und der Entwicklung der Stadt geſtreift werden, ſoweit ſie ein weitergehendes Intereſſe beanſpruchen dürfen. Der Natur und dem Zwecke des Schriftchens entſprechend verzichtete Verfaſſer darauf, aus eigner, ſelbſtändiger Forſchung heraus Neues zur Geſchichte Wetzlars beizutragen, zumal die knapp bemeſſene Zeit — es ſtanden zur Ausarbeitung kaum vier Wochen zur Verfügung, die außerdem durch vielſeitige Berufs⸗ thätigkeit in Anſpruch genommen waren— ein er⸗ ſchöpfendes Eingehen auf die Sache nicht geſtattete. Er mußte ſich daher darauf beſchränken, aus bereits vorhandenen Arbeiten dasjenige zuſammenzutragen, was ihm für ſolche Beſucher von Intereſſe zu ſein ſchien, die einige Sommertage unſerm Städtchen zu widmen geſonnen ſind, und ſpäter vielleicht zu Hauſe ſich den Eindruck des Geſehenen zurückrufen wollen. Dem Kreisſchützenverein, deſſen fünfzigjähriges Jubiläum die nächſte Veranlaſſung zu dieſem Büch— lein iſt, zu ſeinem Ehrenfeſte ein herzhaftes vivat, floreat, crescat! vom Wetzlar, den 30. Juni 1892. 2 42 ==A 49 Tfffffffi Introite, et hic dii sunt. Der Reiſende, welcher auf dem Bahnhofe Wetzlar den Zug verläßt, erhält keineswegs den Eindruck, daß er in eine alte Reichsſtadt einziehen will. Er empfindet vielmehr den kräftigen Pulsſchlag des modernen Lebens; rings um die Schienenſtränge gelagert, welche zahl⸗ reich hier zuſammenlaufen, ſenden hohe Schornſteine ihre Rauchwolken in die Luft, mächtige Feuergarben ſchlagen aus den gewaltigen Hochöfen, und Schlacken— berge ſcheinen das weite Thal, welches es von Gießen her durchfahren hat, zu verbauen, Zeugniß dafür ab⸗ legend, daß hier das Ergebnis des heimiſchen Berg— baus dem Dienſt der Menſchen nutzbar gemacht wird. In der That befindet er ſich noch gar nicht auf ſtädtiſchem Grund und Boden; der Bahnhof ſowie der größte Theil der induſtriellen Anlagen liegen auf dem Gebiet des Dorfes Niedergirmes. Die Stadt ſelbſt birgt ſich noch hinter dem Lahnberge, welcher ſchroff von Südoſten gegen den Fluß vorſpringt und vorerſt nur einen Blick auf den Dom und die alte Burg⸗ ruine geſtattet. Erſt wenn man nach etwa fünf Minuten im Schatten einer ſtattlichen Allee auf gutem Cement⸗ pflaſter der Kreisſtraße folgend, den Schiffahrtskanal überſchritten hat, welcher die bei der Stadt liegenden Wehre umgeht und wenig weiter abwärts eine Schleuſe bildet, gelangt man auf Wetzlarer Gebiet. Hier teilen ſich die Wege. Die Hauptſtraße führt geradeaus auf die rechts von der Lahn gelegenen Vorſtädte zu. Wer ihr folgt, hat unmittelbar, nachdem er ein in der Gabelung der Straßen ſtehendes Gaſthaus zur linken Hand hat liegen laſſen, ein prächtiges, wohl ab— gerundetes Bild vor ſich. Zur Rechten ſieht man durch Pappeln, Weiden und Obſtbäume die Häuſer der Vorſtadt hindurchſcheinen, während der gegen das Thal ſteil abfallende Kalsmunt mit dem einſamen Bergfried den Blick begrenzt. Zur Linken ſenken ſich die Abhänge des Lahnberges zu den nordöſtlichen An— fängen der Stadt nieder, hier und da aus dem dichten Buſchwerk einen Hausgiebel hervorblicken laſſend. Den Mittelpunkt aber bildet der altehrwürdige Dom, der auf dem Vorſprunge des zur Lahn ſich ſenkenden Plateaus gelegen, beherrſchend in die weite Thalland— ſchaft hinausſchaut. Um ihn lagern mit ihren hohen, ſchieferbekleideten Dächern die Häuſer der Mittelſtadt, während die der Oberſtadt meiſtens hinter ſeinem breiten Rücken ſich bergen. Zu ſeinen Füßen, gleichſam unter ſeinem Schutze, zieht ſich eine Reihe ſtattlicher Gebäude hin, die ihre dem Beſchauer zugekehrten Mauern und Giebel im Waſſer wiederſpiegeln. Fluß, Buſch und Wieſe bilden den lieblichſten Vordergrund, und der Beſchauer, welcher ſoeben aus dem Bereiche rauchender Schlote, ſchrillpfeifender Lokomotiven, des geräuſch— vollen, nüchternen Alltagslebens herangetreten iſt, wird ſich ſagen müſſen, daß Natur und Menſchenhand in ſeltener Eintracht und Jahrhunderte langer Arbeit zuſammengewirkt haben, um das Stadtbild zu einem wirkungsvollen zu geſtalten. Um jedoch zu erfahren, was jenes anmutige Bild in ſeinem Innern birgt, ſchlagen wir zunächſt den andern Weg ein, welcher von der Kanalbrücke im rechten Winkel nach links biegt und nach wenigen Schritten auf einer eiſernen Hängebrücke über die Lahn führt. Eine in den rechten Sandſteinpſeiler des rechten Ufers eingelaſſene eiſerne Platte nennt als die Bauherrn vier Gewerke, welche im Jahre 1873 die Brücke auf eigene Koſten errichteten, ein bleibendes Denkmal, welch reichen Gewinn der Bergbau des Wetzlarer Reviers im Anfang der ſiebziger Jahre ab⸗ geworfen hat. In ausdrucksvollem Gegenſatz zu dieſem Gebilde der Neuzeit führt uns ein altes Thor, eingezwängt zwiſchen Berg und Fluß, überragt von ſchattigen Bäumen, in das engere Stadtgebiet. Es iſt die Ziegel pforte, auch Hauſerthor genannt, weil es die Vorſtadt Hauſen gegen Norden hin ſchloß. Zwiſchen Mauern leitet die Hauſergaſſe der Stadt zu, vorbei an der Badeanſtalt, welche dem von der Eiſenbahn— fahrt Erhitzten doppelt willkommen ſein wird und deshalb beſonders zu empfehlen iſt, weil ſie dem rüſtigen Schwimmer geſtattet, im offenen Fluſſe zu baden. Nach wenigen Schritten mündet von links her ein anmutiges Thal, welches von dem zur Lahn ſtrömenden Waſſer geriſſen, die die Stadt tragende Berglehne von dem Lahnberge ſcheidet. Ein kleiner Bach, der Haarbach, führt ſpärliches Waſſer die Thal— ſohle herab, nur bei plötz lehem Regen wird er un— geſtüm. An den ſonnigen Thalwänden liegen ſtatt⸗ liche Häuſer und wohlgepflegte Gärten, und zur linken Seite ſteigt eine Treppe zu einem hübſchen Ausſichts— punkte über Stadt und Thal, der Metzeburg, hinauf. Wer vom Bahnhof her den Feſtplatz erreichen will, ohne die Stadt zu berühren, thut wohl„dieſem Thalwege zu folgen, der ihn in kurzem zu einem denkwürdigen Platze führt. Innerhalb der Schleife, welche der Fahrweg bildet, um zur Stadt hinan zu klimmen, fließt in der Tiefe aus zwei Röhren ein Quell klaren Waſſers, der Wöllbacher Brunnen*), in alten Urkunden Wodelnbach genannt, eine Stelle, die für alle Zeiten durch die Fußſpuren unſers größten Dichters geweiht iſt. In Werthers Leiden findet ſich folgende Stelle“**):„Ich weiß nicht, ob täuſchende *) P. Wigand, Wetzl. Beiträge, Wetzlar 1840, B. 1 Nekrolog u. ſ. w.§ 11, 27, 28, 58, 62. Wydelnbach, Weidelnbach, dar⸗ aus Wildbach, ſpäter Wöllbach verdorben. Nach denſelben Zeuguiſſen haben hier in alten Zeiten Weinberge gelegen. **) Gothe, Leiden des jungen Werther, Brief vom 12. Mai. —½ 4— Geiſter um dieſe Gegend ſchweben, oder ob die warme, himmliſche Phantaſte in meinem Herzen iſt, die mir alles rings umher ſo paradieſiſch macht. Da iſt gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin, wie Meluſine mit ihren Schweſtern. Du gehſt einen kleinen Hügel hinunter und findeſt dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten das klarſte Waſſer aus Marmor⸗ felſen quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Einfaſſung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher bedecken, die Kühle des Orts, das hat alles ſo was Anzügliches, ſo was Schauerliches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde da ſitze.“ Jetzt kommen kaum noch, wie zu Göthes Zeiten, die Mädchen aus der Stadt und holen Waſſer; denn die alte Quelle iſt durch den Bergbau unterbunden, und die neu eingelenkte fließt nur ſpärlich; die Schauer der Einſamkeit, die dieſen Ort umwehten, haben den vordringenden Häuſern weichen müſſen, die Bäume*) ſind der Zeit und dem Sturm zum Opfer gefallen; aber wer einſt mit heimlichem Entzücken jenes hohe Lied der leidenſchaftlichen Empfindung geleſen, der fühlt mit frommer Rührung neben den guten Geiſtern des Orts um ſich den Genius des Dichters ſchweben, der aus mächtigem Empfinden ſich zur Klarheit durch— zuringen ſuchte. Die Straße vom Wöllbacher Brunnenplatz auf— wärts führte einſt in die Stadt durch das nach ihm benannte Thor, welches, wie die ganze Stadtmauer an⸗ dieſer Seite, verſchwunden iſt. Der Weg zum Feſt⸗ platze biegt gegenüber dem alten Kirchhofe zur Linken in die längs der Kreisſtraße ſich hinziehenden An⸗ lagen, die große Promenade genannt, ein und trifft *) Der Stumpf der alten Göthelinde, lange Zeit mühſam aufrecht erhalten, iſt vor zwei Jahren gefallen nud im Gärl⸗ chen des Deutſchen Hauſecs, dem Lottezimmer gegenüber auf⸗ geſtellt worden; ein Bild von dem alten Göthebrunnen findet man noch in den Buch⸗ und Kunſthandlungen der Stadt. 849 — die aus der Stadt führende Straße vor dem jetzt ab⸗ getragenen Oberthor. Die Lage deſſelben wird be⸗ zeichnet durch zwei einander gegenüberliegende Häuschen, die früher zu Octroizwecken gedient haben. In alten Zeiten war dieſe Straße eine der ver⸗ kehrsreichſten. Hier verkündete das Schmettern des Poſthorns die Ankunft fremder Gäſte, nit Peitſchen⸗ knall und Zuruf ermunterten die Fuhrleute die keuchenden Roſſe, welche ſchwere Laſtwagen den Berg hinan⸗ ſchl eppten, zur Zeit der Frankfurter Meſſe zogen vor fünfhundert und mehr Jahren hier die Wetzlarer Kaufleute und Handwerker in ſtattlichem Trupp zum Thore hinaus, um geſchloſſen gegen räuberiſche An— fälle die Fahrt durch die Wetterau zu wagen. Jetzt hat die Eiſenbahn dn Verkehr unerbittlich ins Thal gezogen, und nur ſpärliche Fuhrwerke der Ackerbürger beleben den alten Heer— Puns Handelsweg. Kreuzt man denſelben, ſo gelangt man, einen mit Goldfiſchen beſetzten Teich umſchreitend zu einem Platze, von dem man im Schatten einer Platane einen hübſchen Ausblick auf die das Lahnthal umſäumenden Höhen des Weſterwaldes im Weſten, auf das grüne Wetz⸗ bachthal im Süden hat; zwiſchen beide Thäler ſchiebt ſich trotzig die Baſaltmaſſe des Kalsmunt ein. Zur Rechten erkennt man die Reſte der alten Stadtmauer, welche vom Oberthor bis in die Nähe der Lahn die Stadt umzieht. Doch ſchwerlich noch lange, denn überall brechen ſchon die Häuſer aus dem alten Rahmen heraus und bordclen ſcheinbar regellos das zu den Füßen des Schauenden ſich breitende hügelige Gelände. Verfolgt man den um dieſen Ausſichtspunkt, die ſoge— nannte kleine Promenade, ſich ziehenden Weg gegen Südoſten in der Richtung auf den in der Ferne ſicht— baren alten Turm, die Brühlsbacher Warte, ſo gelangt man nach einer Wanderung von etwa zehn Minuten an den Feſtplatz. Wir aber kehren zurück, um die Stadt auch in ihrem Innern kennen zu lernen, und verfolgen die an 6 6 94 der Einmündung der Haarbach verlaſſene Hauſergaſſe. Die Anſiedlung auf dem ſchmalen Raum zwiſchen dem Domberge und dem Fluſſe, welchen dieſe Straße mäßig anſteigend durchzieht, dürfte an Alter die übrige Stadt übertreffen und gleichzeitig mit dem Gotteshauſe auf der Höhe entſtanden ſein. Hier ließen ſich unter dem Schutze des Stiftes kleine Leute nieder, die der Kirche dienſtbar waren, Fiſcher, welche die Stiftsherrn mit der begehrten Faſtenſpeiſe verſorgten, und die Mühlen, welche hier durch das in einen Graben ge— leitete Lahnwaſſer getrieben werden, mögen ſchon vor faſt tauſend Jahren iher Erzeugniſſe in die Küche der Geiſtlichen geliefert haben.*) Wenige Häuſer neue rlieken wir zur Rechten, gegenüber einer zum Dom aufwärts führenden Treppe, ein ſtattliches Gebäude mit breiter Front und zwei vorſpringenden Flügeln, welche s mit ſeinen lebhaften Farben und modernen Ornamenten gar fremdartig in die altmodiſche Umgebung ſich einfügt. Es klingt faſt wie eine Ironie des Schickſals, daß an der Stelle jetzt ein Poſtpalaſt, das Wahrzeichen des neu erſtandenen Reichs, ſich erhebt, wo vor kaum einem Dutzend Jahren noch das Reichskammergerichtsgebäude ſtand, bis zum Jahre 1806 das Sitzungshaus derjenigen Behörde, welche den Namen Wetzlars durch alle deutſchen Lande und über dieſelben hinaus, wenn auch nicht gerade rühmlich, bekannt gemacht hat; daß jetzt die rührigen Jünger Stephans ſchalten, wo einſt eine der letzten und kläglichſten Inſtitutionen des alten heilgen Römſchen Reichs deutſcher Nation den Traum eines kummer⸗ volten Daſeins zu Ende geträumt hat. Möge das neue Kaiſertum mit allem Schutt der vergangenen Jahrhunderte ſo gründlich räumen, wie es hier gethan! Ulmenſtein, welcher den größten Theil ſeiner Geſchichte *) Wigand, a. a. O. Nekrolog u. ſ. w.§ 12, 17, 31, 47. Die eine der Mühlen gehörte dem Collegialſtift bis t9, Auflöſung deſſelben. S. Ulmenſtein III. S. 108. Wetzlars zu einer Zeit ſchrieb, als das Reichsgericht noch beſtand, giebt von dieſem Gebäude eine ein⸗ gehende Schilderung“) und bedauert, daß es durch die Nähe des an der hinteren Seite vorbeifließenden Lahn⸗ ſtromes einer den Gerichtsakten ſehr nachteiligen Feuchtigkeit ausgeſetzt ſei, und daß man die Akten ſehr häufig mit Schimmel bedeckt gefunden. Deshalb wurde nebenan ſeit dem Jahre 1782 ein Gewölbe für das Reichskammergerichtsarchiv gebaut, auf deſſen Grundmauern ſpäter das jetzige Königl. Preußiſche Amtsgericht errichtet worden iſt. Jetzt befindet ſich in dem alten Gewölbe ein preußiſches Staatsarchiv mit einer ſchätzenswerten Bibliothek und demjenigen Teile der alten Gerichtsakten, welche bei der Ver⸗ teilung an die einzelnen Bundesſtaaten als preußiſche und ſogenannte inseparabilia(unteilbare) zurückbehalten wurden. Für das Studium der allgemeinen Rechts⸗ und Kulturgeſchichte bietet daſſelbe ſehr wertvolles Material, welches noch lange nicht genügend aus⸗ gebeutet iſt und von dem Vorſteher deſſelben, Herrn Archivrat Veltmann, in der zuvorkommendſten Weiſe zugänglich gemacht wird. Schräg gegenüber der Weinſtube von Ortenbach, an deren Längsſeite eine Treppe den ſogenannten Eſelsberg zur alten Lahnbrücke hinabſteigt, führt eine enge, winklige Gaſſe aufwärts zum Buttermarkt. Den Namen Baugaſſe hat ſie vermutlich von der Bauhütte, in welcher, wie bei allen großen Kirchenbauten der gothiſchen Zeit, die Pläne zum Dombau ausgearbeitet und das Material hergerichtet wurde, über deren Lage aber Nachrichten nicht mehr vorhanden ſind. Den be⸗ quemern Zugang zum Buttermarkt aber bildet die Schwarzadlergaſſe. An der obern rechten Ecke ſteht *) F. W. v. Ulmenſtein, Geſchichte und topographiſche Be⸗ ſchreibung der Kaiſerl. freien Reichsſtadt Wetzlar, 3 B., Hadamar 1802— 10 I. Tl. S. 86 ff. Als Wetzlar preußiſch wurde, verwandte man das Gebäude zu einer Kaſerne für das 8. rheiniſche Jägerhataillon. -— 8- ein ſtattliches, mit einem ſchwarzen Doppeladler ge⸗ ſchmücktes Gebäude, welches vor dem jetzigen der Stadt als Rathaus diente und dem Reichskammergericht bei Verlegung nach Wetzlar für ſeine Sitzungen zur Ver⸗ fügung geſtellt wurde, bis dieſes gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts in die oben beſchriebene Be⸗ hauſung an der Hauſergaſſe überſiedelte. Ein weiter, geräumiger Platz breitet ſich vor unſern Blicken; die kleinere Abſeite zur Rechten, der Fiſchmarkt, ſendet zwei ſteile Abſtiege zur Unterſtadt, der Hauptplatz, der ſchon genannte Buttermarkt, öffnet ſich in verſchiedenen breiten und ſchmälern Zugängen gegen d die Oberſtadt. Eine Reihe ſtattlicher Häuſer umgiebt ihn; auf der Nordyneſſſeite neben verſchiedenen Pewenreohnungen und Läden an der Ecke der Baugaſſe ſteht das jetzige Rathaus, welches das ſtädtiſche Archiv und eine Anzahl auf die Geſchichte Wetzlars bezüglicher Urkunden nebſt einigen nicht unintereſſanten Altertümern birgt. Der größte Teil der alten Akten und Papiere hat kurz— ſichtige Verblendung vor Jahren als Platz raubend verſchleudert und damit eine wichtige Quelle für die Geſchichte der Stadt für immer vernichtet. Auf der rechten Seite des Marktes, der ſüdweſt⸗ lichen, liegen zwei Gaſthöfe. Das herzogliche Haus an der Ecke des Fiſch⸗ und Buttermarktes, führt ſeinen Namen von einer Herzogin Pauline von Würtemberg, welche in den zwanziger Jahren dieſes Jahrhunderts getrennt von ihrem Gemahl hier reſidierte. Nach deren Tode zum Gaſthofe eingerichtet, erinnert es durch ſeine weiten Hofräume und Stallungen an die gute, alte Zeit, als noch das luſtige Horn des Poſtillons ſein Recht behauptete, und der Reiſende, wenn er ſich den Tag über auf holperiger Landſtraße hatte durch⸗ rütteln laſſen, die Gaben einer guten Herberge zu ſchätzen wußte. Das Gebäude oberhalb, erſt in neueſter Zeit als Gaſthaus zum Dom eingerichtet, ſollte ſchon, als Ulmen- ſtein ſchrieb, fünfthalbhundert Jahre alt ſein und im — 9— vierzehnt enund fünfzehnten Jahrhundert als Wohnung für den Probſt des Collegiatſtiftes gedient haben. Die mäch tezen anderthalb Meter dicken Mauern ſchützten es bei den zahlreichen Bränden, welche die Stadt heim— ſuchten, und von denen namentlich die Feuersbrunſt von 1789 den größten Teil der Häuſer am Butter⸗ markt in Aſche legte. Es dürfte daher von allen Privat— gebäuden den Anſpruch auf das höchſte Alter haben. Das Haus darüber an der Ecke des Platzes, jetzt einen Laden enthaltend, bis zum Jahre 1884 Sitz des Kaiſerl. Poſt⸗ und Telegraphenamts, war zu Göthes Zeit unter dem Titel„zum Kronprinzen“ der erſte Gaſthof der Stadt. Hier hatte er ſeinen Mittagstiſch und fand jene luſtige Geſellſchaft, aus der ihm, wie er in Wahrheit und Dichtung erzählt, ein drittes aka⸗ demiſches Leben entgegen ſprang. An der linken Seite der den Platz gegen Süd⸗ oſten ſchließenden Häuſerreihe, dem aus der Schwarz⸗ adlergaſſe Kommenden gerade gegenüber, ſteht ein flaches Gebäude aus rotem Sandſtein; der ſteinerne Lands⸗ knecht über dem Portal und die beiden Adler auf den Ecken weiſen auf die militäriſche Beſtimmung. An ihm wird ſchwerlich ein Wetzlarer ohne ein Gefühl der Wehmut vhrubergehen⸗ Es iſt die vor dreißig Jahren erbaute Hauptwache, die aber nach kaum fünfzehnjähri⸗ ger Benutzung beruflos wurde, als das achte rheiniſche Jägerbataillon, durch lange Garniſonzeit auf's engſte mit der hieſigen Bürgerſchaft verwachſen, zum großen Schmerze derſelben von dannen ziehen mußte, um im neu dewonnenen Reichslande die Grenzwacht zu übernehmen. Die nördliche Seite des Platzes, mächtig in den⸗ ſelben hineinragend, nimmt der Dom*) ein, in ge⸗ ſchichtlicher wie künſtleriſcher Beziehung die Perle der Stadt. Reihen von Kaſtanienbäumen und wohlgepflegte *) Genaueres über die Einzelheiten des Baues findet man bei P. Lehfeldt, die Bau⸗ und Kunſtdenkmäler des Regierungs⸗ bezirks Koblenz. Düſſeldorf, 1886. Roſenbeete, znſchon denen die Büſte des jugendlichen Ghe aufgeſtellt iſt, ſchließen ihn im Weſten gegen 8 as Alltagsleben der Straße ab, während in der Front d ſeinen Füßen das Markttreiben wie ſchon vor einem halben Jahrtauſend ſich tummelt. Geteilte Empfin⸗ dungen ſind es, die den Beſchauer beim Anblick dieſer halbfertigen Steinmaſſe bewegen müſſen, Bewunderung für den hohen Sinn unſerer Vorfahren, der einen ſolchen Plan zu faſſen vermochte und einem idealen Bwock Mittel zur Verfügung ſtellte, welche dem leben— den Geſchlecht unerſchwinglich erſcheinen müſſen, Stau⸗ nen über die ſtolze Kraft des deutſchen Bürgertums im Mittelalter, welches in ſich das Vermögen empfand, ein ſolches Unternehmen zur Ehre Gottes und ſeiner eigenen zur Vollendung zu führen; Wehmut aber, daß auf die Dauer dii Kraft verſagte, und einem ſpätern, ſchwächeren Geſchlechte nur vergönnt blieb, die Beweiſe einer großen Zeit, die im Entſtehen ſchon Ruinen wur⸗ den, unter ſchlechtem Dach in die Gegenwart hinüber zu retten. Viele Geſchlechter haben dieſem ruauis längſt verſchwundener Jahrhunderte verſtändnislos ge⸗ genüber geſtanden, und erſt ſeitdem das deutſche Bür⸗ gertum ſich ſelber wiedergefunden, mag es auch die Fähigkeit gewinnen, die ſtumme und doch ſo beredte Sprache der Zeugen ſeiner eigenen großen Vergangen⸗ heit zu verſtehen. Vielleicht ſchöpft daraus auch das Wellarei Bürgertum einmat die Kraft, dem hohen Denkmal der einſtigen Bedeutung ſeiner Vaterſtadt eine würdigere Ausſtattung zu verierhene als ihm bis jetzt zu teil geworden iſt. Hat der Wetzlarer Dom dieſen trümmerhaften Zuſtand mit manchem alten Bauwerke des deutſchen Vaterlandes gemein, ſo ſteht er doch einzig da durch die Mannigfaltigkeit und Verſchiedenheit der Bauſtile, die in den einzelnen Teilen zu Tage treten. Eine Jahrhunderte lange Entwicklung vom romaniſchen Stil bis zur ſpäten Gothik in den mannigfachſten Abſtufun— gen iſt an ihm zu verfolgen, und eine Geſchichte des Dombaus würde wahrſcheinlich identiſch ſein mit der rſehit e der Landſchaft, dere gottesdienſtlichen Mit⸗ telpunkt die Kirche bildete. Wenn freilich das Volk in dem romaniſchen Baſaltbau mit den ihm fremd ge⸗ wordenen Ornamenten, dem eigenartigen Adlerkapitell an der Mittelſäule des Portals und den ſchlangenarti⸗ gen Voluten unter dem innern Rundbogen ein Denk— mal aus der Heidenzeit ſehen will und den noch erhal— tenen nördlichen Turm den Heidenturm nennt, ſo ſchießt es damit über das Ziel hinaus. Doch mag ſich immer auch hierin die unverwüſtliche Kraft des Volksgedächt— niſſes offenbaren; denn es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß die chriſtlichen Glaubensboten, welche d Spuren Winfrieds folgend in dieſe Thäler Kultur und Geſit tung trugen, das Wahrzeichen iiſres Gottes auf alt— heidniſcher Opferſtätte errichteten. Die Anlage in ihrer jetzigen Geſtalt dürfte nicht über die Mitte des zwolſ⸗ ten Jahrhunder ts zurückreichen; ſie entſtand, wie Leh— feldt“) in überzeugender Weiſe durch die genaue Prüfung der Zuſammengeh örigkeit der eieſnen Ornamentteile am Portal und am Turmgeſimms nachgewieſen hat, durch eine Combination älterer, der Blütezeit der romaniſchen Kunſt angehörender Stücke, die einem be⸗ reits vorhandenen Bau entnommen wurden. Während auf der Scheide zwiſchen dem Chor und dem ſüdlichen Kreuzhauſe eine ſeltſame Vermiſchung des romaniſchen und gothiſchen Stils bemerkbar wird, gehört der Chor ſelbſt nebſt Teilen des Kreuzhauſes und des ſüdlichen L Lindeſchiffes den früheſten Ausfüh⸗ rungen der Gothik in Deutſchland an, in denen der franzöſiſche Einfluß nalt zu verkennen iſt. Von Wetzlar aus fand höchſt wahrſcheinlich eine Uebertragung der Jormen auf die berühmte Eliſabethenkirche in Adrfdur ſtatt, nicht umgekehrt, wie das reicher und ſorgfältiger tntwickelte Maßwerk in den Fenſtern jener Kirche ſchließen läßt. Ein regerer Verkehr zwiſchen deiden *) Bau⸗ und Kunſtdenkmäler, S. 743 f. Städten war ſchon bedingt, als die Tochter der from— men Landgräfin, Gertrud, das eine kleine Stunde von Wetzlar entfernte Kloſter Altenberg gründete, deſſen Kirche ebenfalls verwandte Formen zeigt. Nachdem die Bauthätigkeit längere Zeit geruht zu haben ſcheint, wurde mit dem Jahre 1336 unter der Regierung Ludwigs des Baiern, wo die Entwickelung der Stadt ihren Höhepunkt erreicht, eine Erweiterung und Ver⸗ ſchönerung der Kirche in großartiger Weiſe in Angriff genommen. Jener Zeit entſtammt der reichere nord⸗ weſtliche Vierungspfeiler, ebenſo der in edelſter Gothik gehaltene Lettner, der in erſter Linie den Zweck ge⸗ habt haben dürfte, einen durch die Bauthätigkeit unge⸗ ſtörten Raum für den Gottesdienſt abzugrenzen. Be⸗ ſonders aber ging der Plan auf eine Erweiterung der Kirche nach Weſten, indem man das Schiff über den romaniſchen Turmbau hinaus um zwei Joche verlän⸗ gerte. Die alten Türme ſollten bei fortſchreitender Vollendung der auf den weſtlichen Seitenſchiffsjochen ſich aufbauenden neuen allmählich niedergelegt werden. Aber je länger, je mehr verſagten die Mittel, nicht zum wenigſten, weil das Intereſſe ſchwand; ſo blieb der nördliche Turmbau ganz liegen, der ſüdliche ge⸗ langte bis zur Plattform, und als mit Einführung der Reformation der Bau ganz ins Stocken geriet, erhielt er einen Holzaufſatz mit Schieferhelm, welcher nach dem Brande von 1561 durch das jetzige Krondach erſetzt wurde. Bemerkt mag hier noch werden, dan der bekannte Wetzlarer Spruch „Zu Wetzlar an dem Dom Sitzt der Teufel auf der Nonn.“ auf einem durch ungenaues Beobachten veranlaßten Mißverſtändniſſe beruht. Das über dem Portal des ſüdlichen Langhauſes befindliche Conſol zeigt in Relief einen Teufel, wie er einen bärtigen Mann, nicht eine Nuune un ſchlingt) *) Lehfeldt a. a. O. S. 742. Die Kirche gehörte dem Marienſtift, einem wohl im zehnten Jahrhunderte gegründeten Collegiatſtift, welches bald eine bedeutende Zahl von Mitgliedern aufzuweiſen hatte. Schon im vierzehnten Jahrhundert trennten ſich die Domherrn von der Stadtgemeinde. Erſtere hielten mit ihrer Dienerſchaft ihren Gottes⸗ dienſt in dem durch den Lettner abgeſchloſſenen Chor, während das Schiff der Gemeinde zur Verfügung blieb; doch war der Stadtpfarrer einer von den Scholaſtern. Zur Zeit der Regierung Kaiſer Siegmunds war das Stiftsvermögen durch Kriegsnot, Peſt, jedenfalls auch durch die großen Kirchenbaukoſten ſo zuſammengeſchmol⸗ zen, daß mit päbſtlicher Genehmigung die Zahl der Geiſtlichen, welche bis dahin außer dem Probſt und dem Dechanten aus fünfzehn Kanonikern und ſechs und vierzig Vikarien beſtanden hatte, bedeutend verringert werden mußte. Als im Jahre 1805 das Collegiaatſtift aufgelöſt wurde, beſtand es noch aus einem Dechanten, zwei Scholaſtern und einem Kantor, nachdem die Würde des Probſtes ſchon vor mehr als einem Jahrhundert dauernd auf den Erzbiſchof von Trier übertragen war. Seit Einführung der Reformation durch den Scholaſter Antoni, der 1542 mit der geſammten Gemeinde zum evangeliſch⸗lutheriſchen Bekenntnis übertrat, während die Chorherrn mit ihrer Dienerſchaft dem katholiſchen Glauben treu blieben, hat zwiſchen beiden Confeſſionen der Streit über den Anteil am Beſitz des Domes niemals geruht. Erſt in neueſter Zeit hat derſelbe zu der immerhin noch proviſoriſchen Einigung geführt, daß die katholiſche Gemeinde die ausſchließliche Eigen— tümerin des Chors iſt, der evangeliſchen das Schiff zufällt mit der Beſtimmung, ihre Gottesdienſte auf die Stunden von ſieben bis neun Uhr des Morgens und von zwölf bis zwei Uhr des Mittags zu beſchränken. Übrigens entbehrte das Verhältniß der beiden Bekennt⸗ niſſe nicht der humorvollen Beziehungen; bis zur Auf⸗ löſung des Collegiatſtiftes hatte der Dechant den evangeliſchen Oberpfarrer, der neu in ſein Amt ein⸗ trat, auf die Augsburgiſche Confeſſion zu verpflichten und denſelben einzuführen. Zum letzten Male geſchah dies im Jahre 1792 mit dem Oberpfarrer Ziegler und beweiſt, mit welcher Zähigkeit ſich geſchichtlich ge— wordene Einrichtungen in einer Zeit erhalten, wo ſie längſt zu Überlebſeln geworden ſind. Auf der nördlichen Seite des Domes befindet ſich ein mäßig geräumiger, freier Platz, der kleine Kirchhof, von dem man einen prächtigen Blick auf das Lahn⸗ und Dillthal und auf die Schornſteine der Induſtrie⸗ ſtadt hat. In der Mitte des Platzes hat der Bild⸗ hauer Lehr in Berlin, ein Wetzlarer Kind, ein Denkmal für die im letzten Kriege gegen Frankreich gefallenen Bürgerſöhne errichtet und der Stadt zum Geſchenk ge— macht. Das grüne Laub der Linden bildet einen ſtimmungsvollen Hintergrund und ſcheidet in wohl⸗ thuender Weiſe das Gebilde der modernen Renaiſſance von dem altersgrauen gothiſchen Gemäuer des Doms. Schwerlich hätte ein würdigerer Platz für das Gedächtniß der Vaterlandskämpfer gefunden werden können, und wer vom Denkmal ſich abwendend von der Brüſtung der Terraſſe hinunter ſchaut in das lachende, fruchtbare Gelände, auf die Zeugen der ſo kräftig ſich entwickelnden heimiſchen Induſtrie, der empfindet in dankbarem Herzen, daß auch für die, welche auf Frankreichs Erde im Kampfe für das neue Reich ihr Grab gefunden, Schiller die Grabſchrift ge⸗ ſchrieben hat: „Ruhet ſanft, ihr Geliebten! Von eurem Blute begoſſen, Grünet der Olbaum, es keimt luſtig die köſtliche Saat.“ Doch kehren wir, den Dom an der Chorſeite um⸗ gehend*), zum Buttermarkt zurück, um unſere Wanderung durch die Stadt fortzuſetzen. Die große Straße führt *) Hier wohnt an der Ecke des kleinen Kirchhoſs der katholiſche Küſter, bei dem man deu Schlüſſel zum Chor, da⸗ neben in dem neuen Hauſe der cvangeliſche, wo die Schlüſſel zum Schiff und zum Lottezimmer zu haben ſind. an der Hauptwache und dem katholiſchen Pfarrhauſe auf der einen, der St. Michaelskapelle auf der andern Seite nach dem ehemaligen Wöllbacher Thor, vor dem ſie ſcharf nach rechts biegt und in die bereits erwähnte, an der großen Promenade ſich entlang ziehende Straße übergeht. Lenkt man aber bei der Hauptwache in die enge, zwiſchen Gartenmauern eingezwängte Pfaffengaſſe und wendet ſich bei der erſten Querſtraße, der ſo⸗ genannten Gänſeweide, zur Rechten, ſo gelangt man vor ein offenes Thor, welches in einen geräumigen Hof leitet. Im Hintergrunde ein ſtattliches, maſſives Haus, zur Rechten ein umzäunter, mit Bäumen ange— pflanzter Platz, in deſſen Mitte ein alter Baumſtumpf ſteht, zur Linken niedrigere, zum Teil zu Wirtſchafts⸗ zwecken beſtimmte Gebäude. Wir ſtehen vor dem Deutſchen Hauſe, früher Eigenthum des Deutſchen Ordens, der in dieſer Gegend anſehnliche Beſitzungen und Einkünfte hatte und zu deſſen Commende Schiffen— berg dieſes Anweſen gehörte. Jetzt iſt das Haus von der Stadt zu einem Heim für eltern⸗ und mittelloſe Kinder eingerichtet, und um den alten Baumſtumpf tummeln ſich im Schatten der Kaſtanien die Zöglinge einer Kleinkinderſchule Ein enges, ſteiles Treppchen führt uns aus der erſten Thür des beſcheidenen Seitenbaues zu zwei Räumen, von denen der größere die Ecke des Hauſes gegen das Hofthor zu einnimmt. Hunderte von Fremden ſteigen jährlich die unſichern Stufen empor und laſſen ſich die kleinen und niedrigen Zimmer aunfſchließen, deren dürftiger Hausrat heute kaum den Anſprüchen der beſcheidenſten Arbeiterfamilie genügen würde. Es iſt das Lottezimmer, und das Haus war vor hundert⸗ undzwanzig Jahren die Wohnung des Ordensamtmanns Buff, der Schauplatz des Göthe⸗Wertherromans in Wetzlar. Einzelne ganz unbedeutende Gegenſtände, zum Teil von Lottes Hand, erinnern an die einſtige Be⸗ wohnerin, und pietätvoller Sinn hat die Räume in zeitentſprechender Weiſe auszuſtatten geſucht. Aber — 16— wenn auch geſchickte und ſorgliche Mädchenhände ihnen damals ein wohnlicheres Anſehen verleihen mochten, ſo empfinden wir doch mit Rührung, in wie beſcheidenen Verhältniſſen unſere Vorfahren glücklich zu ſein ver⸗ mochten, erkennen vielleicht mit Genugthuung, wie viel reicher unſer Leben geworden. Zaubern wir uns jedoch in dieſe ärmlichen Zimmer die ſchönen Menſchen hinein, die einſt dieſelben belebten, und von denen keine Pracht der Umgebung den Blick abzieht, ſo mag manchem auch das Gefühl nicht erſpart bleiben, daß wir anſpruchsvollen Kindern der Gegenwart nicht ge⸗ ringe Gefahr laufen, in unſern reich dekorirten Räumen ſelbſt zu Dekorationsſtücken herabzuſinken. Vom Thore des Deutſchen Hauſes und links wendend gelangen wir in die Schmidgaſſe, welche vom Buttermarkt herauf auf einen zweiten größeren Platz führt, den Kornmarkt. In den alten Regiſtern führt derſelbe die Bezeichnung„am Kornreyne“*), wie der ſchon erwähnte Name Gänſeweide ein Beweis, daß man Feld und Weideplätze in die Stadtummauerung hereinzog, die erſt bei fortſchreitender Entwicklung be⸗ baut wurden. Unter den Häuſern, welche den Platz umrahmen ragt in der ſüdlichen Reihe der Gaſthof zum Römiſchen Kaiſer hervor, kenntlich an dem ſtaat— lichen Standbilde über ſeiner Thüre. Nach Ulmenſtein wurden in ſeinem geräumigen Saale ſchon ſeit dreißig Jahren die Konzerte und größere Luſtbarkeiten, be⸗ ſonders zur Karnevalszeit die Maskenbälle abgehalten, eine Beſtimmung, der er bis heute noch treu geblieben iſt. Vor den Anfängen der Stadt lag in dieſer Gegend eine königliche Anſiedlung, welche zwiſchen dem Kornmarkt und der ſüdlichen Stadtmauer ihren Aus⸗ gangspunkt gehabt haben dürfte, und ſich an den ſonnigen und fruchtbaren Berghängen, durch ihre Lage vor den ſcharfen Nord⸗ und Oſtwinden geſchützt, gegen *) Wigand, Wetzl. Btr. I Heberolle von 1434§ 39; registr. cens. von 1390§ 49. den Wetzbach und die Lahn hinunterzog. Zu dieſem Schluſſe berechtigt der Name Saalhof“), den ein zwei Häuſer über dem Römiſchen Kaiſer gelegenes, jetzt neu eingerichtetes Gebäuden) ſeit Alters her trägt, ſowie der Umſtand, daß dieſer ganze Bezirk in alten Ur⸗ kunden als Burg bezeichnet wird, in deren Bereich das alte Rathhaus lager). Am Fuße des Herrenhofes *) Saalhof bedeutet Herrenhof. S. Gebr. Grimm, deutſches Wörterbuch Auch findet ſich die Nebenform Selehof, vrgl. Lexer, Mittelhochdeutſch. Wörterbuch. **) Das frühere Gebäude, welches jedoch auf ſolch hohes Alter kaum Anſpruch machen dürfte, brannte vor vierzehn Jahren ab. Dabei wurde durch unvermutet ſtürzende Balken ein wackerer Wetzlarer Bürger, der Gerbereibeſitzer Chriſtian Rübſamen, erſchlagen, als er den armen Abgebrannten ihre dürftige Habe retten wollte! Möge dem edlen Manne im Herzen ſeiner Mitbürger ein ehrendes Gedächtniß erhalten bleiben. 1**) Wigand, a. a. O. I. Heberolle§§ 19, 34, 40. An der letzten Stelle iſt die Rede von einer v»area, sita in der Burg, retro domum dictam das alde rathus.“ Auf das Vorhanden⸗ ſein einer alten Burg in dieſer Gegend weiſt neben dem Namen der an den Kehrſeiten der Häuſer des Kornmarktes ſteil abſteigenden Gaſſe, der Jäcksburg, die Bezeichnung des ſtattlichen Krafft'ſchen Hauſes, auf welches dieſe Gaſſe un⸗ mittelbar führt, als„zum Kalsmunt“, welche auf eine enge Beziehung zum ſpäteren Sitz des königlichen Vogtes auf dem Kalsmunt ſchließen läßt. Meiner Anſicht nach ſteht ſogar jenes Haus unmittelbar auf dem Grunde jener alten Burg. Schon die beherrſchende Lage des Platzes, die am ſchärfſten in die Augen ſpringt, wenn man von der Ecke der Korn⸗ blumen⸗ und Roſengaſſe zur Krafft'ſchen Wohnung hinauf⸗ ſchaut, mußte für eine ſolche Anlage vorteilhaft erſcheinen, und bezeichnend iſt, daß von ihr aus die Scheunengaſſe un⸗ mittelbar auf die Hofſtadt hinunter führt. Geſtützt wird dieſe Annahme durch eine Urkunde, welche ſich unter Nr. XIX. bei Ulmenſtein B 1, S. 680 findet. Darin verkauft der Aſſeſſor des Kaiſerl. Kammergerichts Georg Melchior von Ludolf im Jahre 1736 an den Kaiſerl. Rat Konrad Birkenſtock„ſeine eigenthümbliche, von denen Verdrießiſchen Erben erkaufte, und anno 1726, aus Baufälligem Weeſen gantz neu zugerichtete Wohnung zum Kalsmunt genannt.“ Im folgenden Abſatz heißt es:„Von der Wohnung zum Kalsmunt, gleichwie Herr Verkäufer Zeit ſeiner Beſitzung Keine Schatzung erlegt, — 18 3 breiteten ſich die alte Hofſtadt-Hobeſtad— ſowie die weiteren Hofanlagen aus, deren Spuren ſich in den Namen Selhofergaſſe, Selhoferthor— jetzt Sillhöfer— ſtraße, Sillhöferthor— erhalten haben. Zur Linken ſteigt neben dem Hauſe zum Kals— munt eine Treppe hinab, welche ihren Namen von dem gegenüberliegenden ehemaligen reformirten Pfarr⸗ hauſe führt. Hier war einſt im Oberſtock die Wohnung des herzoglich Bremiſchen Geſandtſchaftsſekretärs Johann Chriſtian Keſtner, im Werther als Lottes Bräutigam Albert genannt, welcher bei Göthes Anweſenheit in auch vergewiſſert worden, daß in dem alten Statt⸗Schatzungs⸗ Buch dieſe Behauſung nicht begriffen; alſo will Herr Ver⸗ käufer darüber eine hinlängliche declaration von beſagtem Statt⸗Rath erſchaffen, und allenfalls die Gewahrſchaft leiſten“. Ulmenſtein bemerkt dazu in Anmerk. r B. 1, S. 218:„Die von den Eigentümern dieſes Hauſes von alter Zeit her be⸗ hauptete Schatzungsfreiheit deſſelben iſt um ſo auffallender, da es ſonſt in der ganzen Stadt keine ſchatzungsfreien Häuſer giebt, als die, welche entweder noch gegenwärtig dem Wetz⸗ lariſchen Collegiatſtifte gehören, oder in der neueren Zeit auf einem dieſem Collegiatſtifte vorhin zuſtändig geweſenen, und von demſelben erkauften Grund und Boden erbauet ſind. Nach einer vorhandenen Überlieferung ſoll es auch noch mehrere Häuſer in der Stadt geben, welche in dieſer älteren Zeit Wohnungen Kalsmunter Burgmänner geweſen ſein ſollen. Man hat uns verſchiedene dieſer Häuſer genannt. Da man uns aber keine weiteren hiſtoriſchen und diplomatiſchen Be⸗ weiſe hat vorlegen können, ſo tragen wir Bedenken, ſie genauer anzuzeigen, und dies um ſo mehr, da es wenigſtens gewiß iſt, daß ſie auf Schatzungsfreiheit keinen Anſpruch mehr machen.“ So weit Ulmenſtein. Mir ſcheint dieſe exceptionelle Schatzungsfreiheit jenes Hauſes ſich am ungezwungenſten bei der Annahme zu erklären, daß hier früher die Burg des königlichen Vogts ſelbſt ſtand. Als dieſer ſpäter, um dem immer mehr erſtarkenden Bürgertum gegenüber ſeine Hoheits⸗ rechte zu wahren, ſeinen Sitz auf den ſeine Perſon und ſein Amt gegen freundſchaftliche und feindliche Uebergriffe wahrenden Berg verlegte, behielt die alte Burg ihre Immunität, die auf Grund und Boden haften blieb, und in dem Namen zum Kalsmunt erhielt ſich das Gedächtniß ihrer älteſten Beſtimmung. Darnach hätte alſo der alte Saalhof ſeinen Mittelpunkt nicht, wic man bisher aunahm, in der Thalniederung, ſondern auf der erſten Höhenſtufe gehabt. Wetzlar bereits fünf Jahre in der Stadt weilte und nach kaum halbjährigem Aufenthalte ſich mit Charlotte Buff, wenn auch nicht öffentlich, verlobt hatte. Göthe weilte manche Stunde in den beſcheidenen Räumen bei dem anſpruchsloſen, aber gediegenen und warm empfin denden Manne, deſſen ruhige Beſonnenheit nicht wenig dazu beigetragen hat, daß die Wetzlarer Epiſode in dem Leben des Dichters ohne Kataſtrophe endigte. In dem ſtillen Schatten des gegen die Stadtmauer ſtoßenden Gartens hielt er am 10. September als Gaſt Keſtners ſein letztes Mittagsmahl in Wetzlar, ohne daß dieſer eine Ahnung davon hatte, daß bereits die tiefe Bewegung der bevorſtehenden Trennung das Herz des Freundes durchzuckte. Am folgenden Morgen war er ohne Abſchied verſchwunden“). Den oberen Schluß des Kornmarktes bilden alter⸗ tümliche Gebäude, welche zum Königlichen Gymnaſium gehörig ſich an der linken Seite der zum Thore gleichen Namens“*) führenden Oberthorgaſſe entlang ziehen; das Gymnaſium ſelbſt, weiter rückwärts ge⸗ legen, wurde, als Wetzlar in preußiſche Hände kam, eingerichtet in den Räumen einer Niederlaſſung der Jeſuiten, welche im Gefolge des Reichskammergerichts eingezogen waren und hier eine Schule errichtet hatten. Jetzt erhebt ſich an der Stelle ein vor etwa zwanzig Jahren errichteter ſtattlicher Neubau, und nur die von ihm durch den Schulplatz getrennte Aula erinnert noch an die einſtigen Bewohner). Abwärts vom Kornmarkt ſenkt ſich das Terrain gegen Weſten ſteil zur Unterſtadt, und die zahlreichen Gaſſen, welche hinunterführen, müſſen die Steigung zum Teil durch Treppen überwinden. Schlagen wir die obere derſelben, die Gewandsgaſſe, ein, zu der an *) Vergl. W. Herbſt, Göthe in Wetzlar 1772. Gotha, 1881. *r) Hier mündet für die aus der Stadt kommenden Be⸗ ſcher des Feſtplatzes die Straße in den oben beſchriebenen eg. 1**) Vgl. C. Berr, Wetzlar u. ſeine Umgebungen. Wetzlar 1882. — ½% 20 4—. der Einmündung der Schmidgaſſe in den Kornmarkt neben der Imgardt'ſchen Buchhandlung Stufen hinunter⸗ führen, während der Fahrweg ſich um einen Brunnen henanevindene ſo bemerken wir an dem vierten Hauſe zur Linken eine einfache Marmortafel, welche uns an— zeigt, daß hier einſt Göthe ſeine Behauſung hatte. Unſcheinbar und niedrig, doch den damaligen Ver⸗ hältniſſen durchaus entſprechend, war dieſelbe für ihn bequem und wohlgelegen. Von hier aus hatte er wenige Schritte zu ſeinem Freunde Keſtner, zu ſeinem Mittagstiſch im Kronprinzen, zu dem Sitzungshauſe am Buttermarkt und wohin es üh wohl öfter ziehen mochte, als an den Ort ſeiner weniſ ichen Thätigkeit, zum Deutſchen Hauſe. Sie bildete alſo auch örtlich den Mittelpunkt ſeines Wetzlarer Intereſſenkreiſes. Weiter abwärts vereinigt ſich die Gewandsgaſſe auf dem Liebfrauenberg mit der Schuhgaſſe, und beide münden mit jähem Abfall auf den Eiſenmarkt. Trotz ſeiner geringen Größe und der dem Verkehr wenig günſtige Bodengeſtalt bildet dieſer dritte Platz den eigentlichen Mittelpunkt Wetzlars. Hier ſtehen die Häuſer am engſten gepackt, laufen die Gaſſen am zahlreichſten zuſammen, und ſchon die Namen derſelben, die Schuh⸗ und Gewandsgaſſe, der Brodſchirm, wo vor alters die Bäcker und Metzger ihre Ware feil boten*), die Krämergaſſe und etwas weiter entfernt die Beutel- und Pfannenſtielsgaſſent) zeigen uns an, daß hier das eigentliche Kaufmanns⸗- und Handwerkerviertel lag, welches zwiſchen die kirchliche und königliche Nieder— laſſung unwiederſtehlich hineinſchob. Hier empfängt der Beſchauer am unmittelbarſten trotz aller an den *) Schirm iſt ein Schutzdach, unter dem die Waare feil geboten wird, ähnlich den Zeltdächern auf dem Jahrmarkt. S. Lexer, Mittelhochd. Lexikon. Daß auf dem Brodſchirm gleich⸗ zeitig ein Fleiſchſchirm war, weiſt die Urkunde bei Ulmenſtein B. III. Urkundenbuch S. 224 nach. **½) Beutelgaſſe— Gaſſe des Beutels. Die Pfannenſtiel⸗ gaſſe hieß früher Pfannenſchmiedgaſſe. Häuſern vorgenommenen Umbauten den Eindruck der dem Mittelalter entſtammenden Stadt, und wer ſpät abends bei Vollmondſchein des Weges kommend, von der Ecke der Lahngaſſe ſeine Blicke ſchweifen läßt über den plätſchernden alten Brunnen in der Mitte, über die altertümlich ſpitzgiebligen Häuſer, deren Oberſtock zum Teil noch über die Grundmauern hinausragt, in greller Beleuchtung, während die dunkeln Schatten die einmündenden Gaſſen mit ihren Häuſerreihen mehr ahnen als erkennen laſſen, wird ſich unwillkürlich um Jahrhunderte zurückverſetzt glauben und geſtehen müſſen, daß dieſes alte Städtebild ſich ohne Scheu den viel— gerühmten von Nürnberg und Augsburg an die Seite ſtellen darf. Die Hauptſtraße, welche vom Hauſerthor her die Stadt unter verſchiedenen Namen, der Hauſer-, der Weißadler-, der Krämergaſſe in der Richtung des Lahnfluſſes durchzieht, ſetzt ſich von hier unter dem ſchon erwähnten Namen der Sillhöferſtraße fortund führt, von beiden Seiten verſchiedene Gaſſen in ſich aufneh⸗ mend, zu dem vierten ſtädtiſchen Platze, der ſeit dem hundertjährigen Geburtstage Schillers nach dieſem ſei⸗ nen Namen trägt. Der dreieckige Raum iſt mit Ka⸗ ſtanien umpflanzt, doch hat die oft erneute Schillereiche in der Mitte nicht gedeihen wollen, gleichſam als hätte die Stadt an den Erinnerungsmalen eines großen Dichters genug. Den Platz ſchließt im Süden das Kirchengebäude eines ehemaligen Franziskanerkloſters, jetzt im Chor für den evangeliſchen Gottesdienſt ein— gerichtet; das geräumigere Schiff wird zu Stadtſchul⸗ zwecken verwandt, nachdem es nach Aufhebung der Ordensniederlaſſung manche der ehemaligen Beſtimmung wenig entſprechende Wandlungen hat durchmachen müſſen. Deſto ſinnvoller iſt die Verwendung der hinter der Kirche liegenden Kloſterräume zum Gefängniſſe des hieſigen Amtsgerichts, und wenn jemand gefänglich ein— gezogen wird, ſo hat dafür der Wetzlarer kaum eine andere Bezeichnung als die: Er iſt ins Kloſter gekom— . 8 5 22— men. Ganz ihrer Beſtimmung treu geblieben iſt nur die alte Kloſterbrauerei*). In der nördlichen Häuſerreihe, die den Platz um— ſäumt, fällt, hinter den Kaſtanien verborgen, durch ſeine zwei vorſpringenden Erker ein Haus in die Augen, welches ebenfalls durch Wetzlars größten Gaſt ſeine Berühmtheit erlangt hat. Eine kleine Marmortafel meldet uns, daß hier am 20. Oct. 1772 Karl Wilhelm Jeruſalem ſtarb, jener unglückliche, viel verſprechende Sohn des Abts von Riddagshauſen, welcher aus hoff⸗ nungsloſer Liebe und gekränktem Ehrgefühl freiwillig aus dem Leben ſchied, und deſſen tragiſches Ende der Dichter ſeinem Werther ſubſtituirt hat. In Bezug auf ihn ſchreibt Göthe nach Vollendung ſeines Romans: „Ich ſtelle darin einen jungen Menſchen dar, der mit einer tiefen, reinen Empfindung und wahrer Penetra⸗ tion begabt, ſich in ſchwärmende Träumereien verliert, ſich durch Spekulation untergräbt, bis er zuletzt durch dazu tretende unglückliche Leidenſchaften, beſonders eine endloſe Liebe zerrüttet, ſich eine Kugel vor den Kopf ſchießt.“ Leſſing, welcher dem Vater eng befreundet war und dem Sohne warmes Intereſſe entgegen brachte, ſuchte das Andenken des unglücklichen jungen Mannes zu retten, indem er ſeine geſammelten kleinen Aufſätze herausgab und in der Vorrede nachzuweiſen ſuchte, daß das im Werther gezeichnete Portrait ſeines Freundes ein falſches Bild von ihm entwerfe.**) Doch wenden wir uns dem weſtlichen Ausgange der Stadt zu, um auch von dieſer Seite einen Ueber- *) Wer von dieſem Stadttheile aus zum Feſtplatze ge⸗ langen will, biegt vom Schillerplatz aus zur Linken in die Schwanengaſſe ein, die ihn in ihrer Verlängerung durch die Stadtmauer am Wetzbach entlang leitet. Vor der ſteinernen Brücke biegt er um eine Gartenmauer links und verfolgt die aufſteigende Straße in gerader Richtung. Nach etwa fünf Minuten kreuzt er den zum Feſtplatz führenden oben ange⸗ gebenen Weg. n) Vergl. Julian Schmidt, Geſchichte des geiſtigen Lebens in Deutſchland, Leipzig, 1863. B. 2, Seite 6.6. ff. . 93 3 —x 23— blick über dieſelbe zu gewinnen. Geradeaus führt die große Straße, nachdem wir zwiſchen den Reſten der alten Stadtmauer das verſchwundene Sillhöferthor durch⸗ ſchritten und auf einer Brücke, die als ſolche kaum bemerkt wird, den Wetzbach paſſirt haben, lahnabwärts zwiſchen wohlgepflegten Gärten und ſtattlichen Häuſern hindurch zu einem mit herrlichen alten Linden bepflanzten Platze, der Starkenweide. Zur Linken zieht vom Thore aus eine Straße ins Thal der Wetzbach auf⸗ wärts gegen das Dorf Nauborn, deſſen in den Tradi⸗ tionen des Kloſters Lorſch ſchon unter dem Jahre 789 Erwähnung gethan wird“). Unſer Hauptaugenmerk aber nimmt der Burgberg in Anſpruch, deſſen Maſſe ſich beherrſchend in die Gabelung der beiden Thäler einſchiebt. Der Weg zieht zwiſchen dem Schützen⸗ garten, einem im Sommer viel beſuchten Gartenlokale, in dem ſich zugleich die alten Schießſtände des Kreis⸗ ſchützenvereins befinden, und den ſtattlichen, von ge⸗ ſchmackvollen Anlagen umgebenen Gebäuden der optiſchen Fabrik von Leitz durch eine noch erhaltene Vorſtadt⸗ pforte gegen den Berg. Leider wird die Reinheit ſeiner Höhenlinien empfindlich geſtört durch die Stein⸗ brüche, welche von der Oſt⸗ und Nordſeite immer tiefer in die Bergformen eindringen und den Geſammtein— druck häßlich beeinträchtigen. Auch hat die Tannen⸗ gruppe, welche nach der Stadtſeite das Haupt des Berges wie eine dunkle Haarkrone umgab, ſtark ge⸗ lichtet werden müſſen, nachdem ein Käfer die ſchönſten Bäume zerſtört hatte. Um ſo prächtiger iſt der Anblick, der ſich uns, nach einer Wanderung von etwa zehn Minuten auf mäßig ſteigendem Fußwege zuerſt durch Baumſtücke und am oberen Drittel durch jene Tannen hindurch, auf der Höhe darbietet, und der rührige Wetzlarer Verſchönerungsverein hat in ausgiebiger Weiſe durch zahlreiche Bänke Sorge ge⸗ tragen, uns dieſem Genuſſe ungeſtört hingeben zu *) Wigand, a. a. O. S. 48. 2 können*). Zwar iſt von der alten Reichsburg“*) außer dem trotzigen Bergfried nicht viel über geblieben, und nur die baſaltnen Trümmer des alten Thors und des ſchlanken, kühn gegen das Thal vorhängenden Mauer⸗ turms, welche die Anlage gleichſam aus den Einge— weiden des Berges herausgearbeitet erſcheinen laſſen, geben uns ein Bild von der Geſtalt und Feſtigkeit des alten Herrenſitzes. Steigt man aber, durch den zur oberen Erde erſt in neuer Zeit gebrochenen Eingang *) Man verſäume vor dem Aufſtieg nicht, ſich den Schlüſſel zu der Turmthür beim Kaufmann A. Waldſchmidt am Schiller⸗ platz geben zu laſſen; der Ausblick iſt vom Turm aus beden⸗ tend freier und ungehemmter. tr) Über Alter und Urſprung des Kalsmunt iſt viel ge⸗ ſtritten worden. Schon der Name hat zu manchen Conjecturen Anlaß gegeben, von denen die Ableitungen des Worts von calvus mons, kahler Berg, oder Caroli mons, Karlsberg, wohl kaum weiteren Wert haben, als daßtz ſie die Verlegenheit des Erklärers beleuchten. Am meiſten Wahrſcheinlichkeit dürfte noch immer haben, das Wort mit Wigand(Wetzl. Beitr. 1, S. 92) als eine Zuſammenſetzung aus dem deutſchen Worte „kahl“ und„Munt“, welches Gewalt, Schutz bedeutet, zu be⸗ trachten. Dagegen vermag ich dem verdienten und zuver⸗ läſſigen Manne in ſeiner Neigung, dem Turm römiſchen Ur⸗ ſprung zuzuerkennen, nicht beizutreten. Wer am Neckar und Main gewandert iſt, wird die gleiche Form an vielen Türmen alter Schlöſſer, wie der Minneburg über Neckargerach und der alten Feſte Götz vom Berlichingens, der Hornburg über Neckarelz, haben beobachten können. Die Funde römiſcher Münzen aber, mit denen er in einem ſpäteren Aufſatz(a. a. O. S. 378.) ſeine Anſicht zu ſtützen ſucht, können wenig ins Gewicht fallen. Denn die Münzen hat er weder ſelbſt ge⸗ ſehen, noch bemerkt er, daß dieſelben von einem Kenner als römiſch feſtgeſtellt ſeien; die Umſchrift Romanorum Imperator aber tragen auch deutſche Kaiſermünzen. Andrerſeits aber fragt man ſich, was ſollte hier ein römiſcher Turm? Für eine statio speculatoria lag er zu weit außerhalb des Limes, der vom Main durch die Wetterau bis über Grünburg nach Norden ſtreicht, dann aber auf den Taunuskamm zurück⸗ wendet. Ein praesidium mit größerer Beſatzung hätte aber nur Sinn gehabt, wenn es was im feindlichen Gebiet zu be⸗ ſchützen gab, d. h. wenn hier eine römiſche Handelsſtraße vorbeigeführt hätte. Das war aber nach Profeſſor J. Schneiders eingehenden Unterſuchungen über die alten Heer⸗ und Handels⸗ — 25 34. in den Turm eintretend, auf der eiſernen Wendeltreppe zur Höhe, ſo hat man einen Rundblick, wie ſich wenige in ſolcher Mannigfaltigkeit in den deutſchen Gauen finden dürften. Im Nordoſten ſenkt ſich dem Be⸗ ſchauer gerade entgegen die Stadt vom Berge zum Thal hinunter, ein Meer von grauen Schieferdächern, hie und da von anſpruchsvolleren Farben unterbrochen, beherrſcht von der mächtigen roten Sandſteinmaſſe des Doms. Ueber ihr ragt auf der§ öhe des Berges ein einſamer Turm, die Garbenheimer Warte, und ſchaut nach den beiden Burgen, dem Vetzberg und Gleiberg, welche die das Lahnthal umſäumenden Höhen krönen. Hinter der Warte liegt, dem Beſchauer nicht ſichtbar, in einer Seitenbucht des Thals das Dorf Garbenheim, das Götheiſche Wahlheim, wohin er oft und gern ſeine Schritte lenkte, um im Schatten der Linden auf dem Dorfplatze ſeinen Homer zu leſen und dem Treiben der Kinder zuzuſchauen. Den Hintergrund bildet nach dieſer Seite die Kuppe des Dünsbergs, des Beherrſchers der Gegend, die ihm vorgelagerten Aus⸗ läufer des Weſterwaldes mächtig überragend. Nördlich von ihm treten mäßige Erhebungen hervor, zwiſchen denſelben das bei guter Beleuchtung ſcharf ſich ab— hebende Schloß von Hohenſolms. Rings ſind alle Höhen mit Wald bedeckt, an den Hängen weite Korn— breiten, die ſich zu zahlreichen den Thalrand ſäumenden wege“(vergl. Heft 9 die Karte) nicht der Fall. Meine An⸗ ſicht über die Entſtehung der Burg habe ich in der Anm. S. 17 f. angedeutet. Dabei iſt nicht ausgeſchloſſen, daß der alte Turm, der allerdings mit der übrigen Burganlage nicht in organiſchem Zuſammenhang zu ſtehen ſcheint, ſchon früher als Wart⸗ turm oder letzte Zuflucht in Feindesnöten das Haupt des Berges gekrönt hat und bei der Erbauung der Burg in dieſelbe hereingezogen wurde. Daß die Feſte in einer Fehde oder einem Kriege abgebrochen worden ſei, wird nirgends ange⸗ geben; ihr jetziger Zuſtand dürfte daher weniger auf gewalt⸗ ſame Weiſe herbeigeführt ſein, als dadurch, daß man, nachdem die Burg als Wohnſitz aufgegeben war, den Einwirkungen von Wind und Wetter freies Spiel ließ, wohl gar durch Ab⸗ fuhr von Baumaterial zur Zerſtörung mithalf. Dörfern hinabſenken. Zu den Füßen des Beſchauers dehnt ſich die weite Niederung, durchzogen von vie⸗ len aus Lahn und Dill gebildeten Waſſeradern, die ſich alle in der Nähe der Starkenweide zu einem Strome vereinigen. Sie umklammern die beiden Vorſtädte, welche unter ſich und mit der Altſtadt durch alte, maſſive Steinbrücken verbunden ſind, während weiter⸗ hin das Bahngeleiſe die hemmenden Waſſerläufe in leichterem Sprunge zu überwinden weiß. Gegen Weſten hin ſchlängelt ſich, dem Leibe einer ſchillernden Rieſen⸗ ſchlange vergleichbar, der ungeteilte Lahnſtrom durch grüne Wieſen, an rauchenden Schloten, den Schorn ſteinen des Hochofens von Burgſolms, vorbei, bis die ſich zuſammenſchiebenden Berge ihren Lauf zu hemmen ſcheinen. Über ihr hängt, wo ſie hart an die rechts— ſeitige Bergwand ſtößt, das maleriſch gelegene Kloſter Altenberg, über dem in weiter Ferne aus dem Wald— meere heraus der Turm der Dianaburg ſich erhebt, ein Platz, ſo recht gemacht, um der Weidmannsluſt im verſchwiegenen Waldesdickicht nachzugehen. Rechts von Altenberg, neben den ſpärlichen Trümmern des ehe⸗ maligen Dorfes Dalheim erkennt ein gutes Auge einen einfachen Obelisken, den Denkſtein einer ſiegreichen Schlacht, die Erzherzog Karl von Oeſterreich hier den Franzoſen lieferte*). Darüber werden auf der Höhe bei günſtiger Beleuchtung die ſchimmernden Ruinen der Burg Greifenſtein ſichtbar, die aber bei bedecktem Himmel in den grünen Laubwellen ſich bergen. Gegen Südneſten ſchließt ſich der Kalsmunt mit mäßig ſich ſenkender Kehle an die Ausläufer des Tau— nus, welche die Lahn auf dem linken Ufer begleiten, und von denen zu den Füßen des Beſchauers eine be⸗ buſchte Bergzunge, der Weinberg, ſcharf gegen das Thal einſpringt. *) Das Denkmal trägt auf der Vorderſeite die Inſchrift: „Karl, Erzherzog von Oeſterreich, ſchlug die franzöſiſche Armee unter dem Kommando des Obergenerals Jourdan am 15. Juni 1796.“ Sie wird ieirah von den fernen Türmen des Braunfelſer Fürſtenſchloſſes. Wer irgend kann, möge nicht verſäumen, jenem in ſelten ſchöner Umgebung gelegenen alten, mit allen Mitteln der Gegenwart neu ausgeſtatteten Herrenſitz einen Beſuch abzuſtatten; in unmittelbarer Folge gewinnt er eine Anſchauung von den Repräſentanten zweier Entwicklungsreihen des Mit⸗ telalters, der bürgerlichen und dynaſtiſchen, deren ſchroffe Gegenſätze unsegleichan erſt der moderne Staat unter⸗ nommen hat. Gegen Süden ſteigt das Bergland allmählich zu beträchtlicher Höhe, bis es in blauer Ferne in die den Geſichts kreis fein umgrenzenden Linien des hohen Tau⸗ nus verläuft. Die höchſte Erhebung iſt der große Feldberg, und bei klarem Wetter ſieht man ohne Mühe das Haus auf ſeiner Kuppe. Im Vordergrunde gräbt ſich der Wetzbach eine tiefe, von ſaftigen Wieſen ge— füllte Thalfurche, deren oberer Teil, das Siebenmühlen⸗ thal, reich an landſchaftlicher Schönheit iſt. Nach Süd⸗ oſten füut den Raum die mächtige Maſſe des Skonpet⸗ berges mit ſeinen ſanft ſich abdachenden bewaldeten Ausläufern; er iſt in der unmittelbaren Umgebung Wetzlars die bedeutendſte Bodenerhebung, und der Turm auf ſeinem Baſaltkopf, der vom Verſchi unerungs⸗ verein errichtet iſt, zemahmn einen weiten Blick über Weſterwald, Taunus, Vogelsberg und das heſſiſche Hügelland; zu ſeinen Füßen, unter der ſchon genannten Brühlsbacher Warte, hat ſich der Kreisſe ltzenverein ſeine neuen Schießſtände eingerichtet, deren 1 durch das gegenwärtige Feſt in würdiger Weiſe vor⸗ genommen wird. Unſer Rundgang durch die Aliſtendt iſt beendigt: doch bietet uns der Rückweg zum Bahnhof Gelegen— heit, auch den Vorſtädten einen Beſuch abzuſtatten. Vom Eiſenmarkt führt die L Lahngaſſe, trotz ihrer Enge eine der verkehrsreichſten Straßen, zu der alten ſtei— nernen Brücke, die ſchon vor mehr als einem halben Jahrtauſend“) den Verkehr zwiſchen beiden Ufern ver⸗ mittelt haben dürfte. Ein prächtiger Ausblick bietet ſich von ihr ſtromabwärts, beſonders wenn die Sonne über der Hoſpitalkirche zu Rüſte geht und über Waſſer, Buſch und Wieſe ihr ſattes, warmes Licht ergießt. Aber auch ſtromaufwärts haftet das Auge mit Wohl— gefallen, wo über dichtbelaubter Inſel die Häuſer der Stadt mit dem Dome ragen, und wer ermüdet von der langen Wanderung dies Bild mit Ruhe genießen will, findet dazu vom glasbedeckten Altan der rechts vom Ausgange der Brücke gelegenen Küſter'ſchen Gaſt— wirtſchaft die beſte Gelegenheit. Vorbei an der Hoſpital⸗ kirche, dem eigentlichen evangeliſch⸗lutheriſchen Gottes⸗ hauſe der Stadt, leitet die Straße geradeaus auf eine zweite über die Dill führende alte Brücke, welche die vordere Vorſtadt mit der äußern, der Neuſtadt, ver⸗ bindet. Gegenüber dem alterthümlichen Gebäude, deſſen Fresken in„Colorit und Farbengebung, Modellirung und Verkürzung“ einem Meiſter Fludribus Ehre machen würden und unwillkürlich die Befürchtung er— wecken, es könnte den Geſtalten bei unſerm Winter recht tüchtig in die Hände frieren, biegt die Haupt— ſtraße zur Rechten durch die Langgaſſe und geht jen— ſeits einer kleinen Brücke in die Bahnhofsallee über. So gelangen wir an einer Reihe ſtattlicher Häuſer vorbei, unter denen das in der wiſſenſchaftlichen Welt hohen Ruf genießende optiſche Inſtitut der Gebrüder Seibert und das 1888 in edlen, ſoliden Formen er⸗ baute Kreishaus hervorragen, zurück an die Stelle, wo wir beim Beginn unſerer Wanderung den erſten Ausblick auf die Stadt gewonnen haben. *) Die erſte Erwähnung derſelben findet ſich in einer Ur⸗ kunde vom Jahr 1288. S. Ulmenſt. B. 3, 338. Historischer Anhang. Als ich vor nunmehr faſt fünfzehn Jahren nach Wetzlar kam, wußte jedermann zu erzählen von dem ſchweren Schaden, welcher der Stadt durch die Ver⸗ legung des Jägerbataillons zugefügt worden ſei. Zu— nächſt wurde die Stimmung noch in der Schwebe ge— halten durch die Hoffnung, daß der Staat dafür Erſatz bieten werde, indem er Wetzlar zum Mittelpunkt eines der damals neu eingerichteten Landgerichtsbezirke machen werde. Als aber dieſer nach dem viel unbedeutenderen Limburg verlegt wurde, da war des Klagens kein Ende und des Hinweiſes, daß den Bürgern ihre Er⸗ werbsquellen unterbunden würden, und es fehlte nicht an düſtern Prophezeihungen, der wirtſchaftliche Niedergang der Stadt ſei unvermeidlich. Waren auch jene Beſchwerden nicht ohne Grund, ſo bewies doch die leidenſchaftliche Weiſe, wie bei der großen Zahl der Bürger die Fragen behandelt wurden, die Anklagen gegen den Staat, welchen man der Parteilichkeit beſchuldigte und dem man die Verpflichtung zuwies, für die Stadt in erſter Linie zu ſorgen, der Mangel an Verſtändnis für die Gründe, welche ihn zu ſeiner Handlungsweiſe beſtimmen mochten, daß ſeit lange ein Zug in die Entwicklung des ſtädtiſchen Weſens eingedrungen war, der ihm ur— ſprünglich fremd geweſen. Jetzt ſind jene Klagen faſt verſtummt, das Gefühl des erlittenen Unrechts iſt verſchwunden; von den Un⸗ — 30— heil verkündenden Prophezeihungen iſt keine in Er⸗ füllung gegangen. Auf dem Boden der Stadt, aus der eigenen Kraft der Bewohner ſelbſt heraus haben ſich neue Induſtriezweige entwickelt, ſind gewerbliche Anlagen entſtanden und zu einer Blüte gelangt, die für jene verloren gegangenen, von außen gewiſſermaßen mechaniſch wirkenden Erwerbsquellen zehnfachen Erſatz aluen haben. Dem entſprechend hat ſich das Außere der Stadt in einer jedem unbefangenen Auge über— raſchenden Weiſe gehoben. Ueberall bezeugen neue, ſtattliche Häuſer die ſich mehrende Bevölkerungszahl, die reicheren Läden mit ihren geſchmackvollen Schau fenſtern den ſteigenden Wohlſtand, und die zahlreichen gemeinnützigen Anlagen, die gebeſſerten Straßen und wohl gehaltenen Plätze und Promenaden, nicht zum wenigſten die neueſter Zeit in großem Sinne unter— nommene Canaliſation und Waſſerleitung zeigen zur Genüge, daß die Stadt leitung ſich ihrer geſteigerten Aufgabe wohl bewußt iſt. Der Geſchichtsforſcher aber erkennt aus dieſem allen mit hoher Genugthuung, daß der Druck, der ſeit dem dreißigjährigen Kriege auf dem deutſchen Bürgertum gelaſtet, auch von unſerer Vater ſtadt hinweggenommen iſt, daß auch hier unter der Sonne des neu erſtandenen Reiches die Früchte zur Reife gelangen, zu denen der größte Sohn des Lahn⸗ thals durch ſſeine Städteordnung vom 13. November 1808 die Saat geſtreut hat. Wenige aber mögen eine Vorſtellung davon haben, daß Stein, als er den preußiſchen Städten die Selbſt⸗ verwaltung verlieh und ſie dadurch befähigte, in dem politiſchen Leben des modernen Staates diejenige Stellung zu gewinnen, die ſie gegenwärtig einnehmen, nicht etwas Neues ſchuf, ſondern an eine lange hiſtoriſche Entwicklungsreihe anknüpfte, die nur durch die un— ſeligen Schickſale unſers Vaterlandes im ſiebzehnten und achtzehnten Jahrhundert unterbrochen worden war. Ein kurzer Rückblick dürfte gerade in Wetzlar, wo die Zeugen des Altertums und der Neuzeit ſo zahlreich 31 2+ und unmittelbar neben einander geſtellt, nicht ohne Intereſſe ſein.“) In den meiſten Fällen entſtehen die deutſchen Städte des Mittelalters aus Märkten, die an beſonders für den Verkehr geeigneten Plätzen im Frieden des Königs unter dem Schutze einer königlichen oder kirchlichen Niederlaſſung abgehalten werden. Die Kaufleute, welche an ſolchen Orten ihre Waare auslegen, bald auch dort anſäſſig werden, genießen beſonderer königlicher Privi⸗ legien, welche ſie unmittelbar unter den Schutz des Königsbanns ſtellen und ſie ausnehmen von den allge⸗ meinen Volksgerichten. Daher werden ſie in den zahl— reichen Urkunden allgemein als„Leute des Kaiſers“ homines imperatoris bezeichnet. Im zehnten Jahrhundert werden dieſe urſprünglich perſönlichen Privilegien an die geſammte Kaufmannſchaft der könig⸗ lichen und bald aller größern Städte im Reich ver⸗ liehen; nur ein Schritt führt von da zur Uebertragung des Rechts auf die ganze Stadt. So iſt der Urſprung der Städte als politiſch geſchloſſener Körperſchaften in erſter Linie zurückzuführen auf kaufmänniſche und ge— werbliche Grundlagen, ihr Recht iſt ein kaufmänniſches, welches nach den verſchiedenen Verhältniſſen verſchieden, aber immer nach demſelben Zielpunkte ſich entwickelte, ein geſchloſſenes Gemeinweſen zu begründen, ſtark genug, nicht nur dem Andrängen der partikularen Gewalten, ſondern ſelbſt den zeitweiligen feindſeligen Maßregeln des Oberherrn des Reiches ſtand zu halten. Wenn ich im Beginn der vorſtehenden Schilde— rung das an dem Bahnhofe zu Wetzlar neuentſtandene Induſtrieviertel im Gegenſatz zur Altſtadt geſtellt habe, *) Die nachſtehende, freilich auf das Notwendigſte be⸗ ſchränkte Entwicklung ſchließt ſich, ſoweit ſie den Urſprung der Städte im allgemeinen zum Gegenſtande hat, au die Aus⸗ führungen meines hochverehrten Lehrers, des Herrn Proofeſſors Dr. K. Höhlbaum in Gießen, au, deſſen Auſichten über die Entſtehung der Städte im Mittelalter ich auch bei unſerer Stadt als zutreffend nachzuweiſen geſucht habe. ℳ 32 3⸗ L ſo iſt doch die Entſtehung beider genau aus demſelben Geſichtspunkte zu betrachten. Laufen jetzt die Schie— nenſtränge von Köln und Weſtfalen, von Koblenz, Frank⸗ furt, Kaſſel zuſammen, um den Fabriken und Werken ihre Rohſtoffe und Materialien zuzuführen und ihre Erzeugniſſe auf den Markt zu werfen, ſo ſind dieſelben Kräfte und Bewegungen auch für die Gründung der alten Stadt maßgebend geweſen. Die Lage des Platzes am Weſtende einer weiten Flußniederung des mittle— ren Lahnlaufes, am Eingange der Thalrinne, welche ſich der Fluß zwiſchen Taunus und Weſterwald hin— durch gegraben hat, um nahe der Moſelmündung in den Rhein zu fallen, die von der Natur gebildete Straße an der Dill aufwärts über die Waſſerſcheide zur Sieg, wo ſich die Wege zur alten Handelsmetropole des nord— weſtlichen Deutſchlands, Köln, und nördlich zu den früh erblühten Weſtfäliſchen Städten öffneten, die leichte Verbindung in die Wetterau), die den Verkehr nach Frankfurt und den Main aufwärts zwanglos vermittelte, während der Oberlauf der Lahn in das Weſerthal und nach dem Oſten hinüberwies, beherrſchte in viel höherm Maße als jetzt eine der wichtigſten Nebenſtraßen des großen deutſchen Handelsweges, des Rheinlaufs, und mußte frühzeitig zu einer Handelsniederlaſſung einla— den. Naturgemäß lehnte ſich der Markt an die ſchon ältere kirchliche Gründung an. Hier ſtrömten bei den kirchlichen Feſten die Umwohnenden von weit her zu ſammen, hier war die größte Nachfrage und das größte Angebot, hier unter dem Schutze der Heiligen und des Königlichen Saalhofes die größte Sicherheit für Perſon und Ware. Wann jene erſte Niederlaſſung ſtattgefun⸗ den hat, läßt ſich ebenſowenig ſagen, als über die Grün— dung des Marienſtifts und der königlichen Anlage Sicher⸗ **) Daß die Bedeutung Wetzlars nach dieſer Seite hin lag, beweiſt ihre Zurechnung zu den Wetterauer Städten Frank⸗ furt, Gellnhauſen und Friedbera. Auch führte die Handels⸗ ſtraße mit Umgehung des damals unbedeutenden Gießen direkt von Friedberg nach Wetzlar. — heit zu gewinnen iſt. Jedenfalls aber iſt Wetzlar erſt zur Stadt im rechtlichen Sinne geworden, als jene kaufmänniſchen Privilegien durch kaiſerliche Verleihung auf die geſammte Siedelung ausgedehnt wurden und die alte Burg und das Gotteshaus mit in ihren Bereich zogen, d. h. als das Kaufmannsrecht zum Stadtrecht wurde“*). Daß jene Entwicklung im engern Anſchluß an den Königlichen Hof als an das Collegiatſtift ſich vollzog, ſcheint daraus hervorzugehen, daß das alte Rat⸗ haus im Bereich der Burg lag*). Bald aber ent⸗ wickelte ſich das Bürgertum in ſo kraftvoller Weiſe, daß beide Gewalten Mühe hatten, ihre Gerechtſame den ſtädtiſchen gegenüber aufrecht zu erhalten*). Die erſte Urkunde†), welche nachweiſt, daß der Ort Stadt⸗ *) Die Annahme, daß Wittlara, welches 943 als Aufent⸗ halt Kaiſer Otto IJ. erwähnt wird(Hondheim, hist. Trev. 1, 278), mit unſerem Wetzlar identiſch ſei, ſcheint mir, obgleich Berr a. a. O. S. 9 u. Lehfeldt a. a. O. S. 721 ſich ihr an⸗ ſchließen, ſprachlich unhaltbar zu ſein. Das f fehlt in dem Namen der Stadt, mag ſie nun Wetflar, Weteflar oder Wetzflar genannt werden, in den Urkunden niemals. ) S. die Ausführungen S. 17. Intereſſante Nachweiſe über das Verhältnis des vom Probſte des Marienſtifts ernannten Schultheißen zum Königlichen Voate und beider zum Rate der Stadt giebt Dr. L. H. Euler,„Der Vogt und Schultheiß zu Wetzlar“, Separat⸗ abdruck aus dem erſten Band der neuen Folge des Archivs für Franlfurter Geſchichte und Kunſt, 1860, denen nachzugehen es mir an Zeit und Raum gebricht. ) Die Urkunde findet ſich abgedruckt bei Val. Ferd. Guden, Sylloge I. variorum diplomatariorum e. c. t., Frank⸗ furt a. M. 1728. S. 470. Ihrer charakteriſtiſchen Faſſung wegen laſſe ich ſie im Wortlaut folgen: Friedericus divi-- na favente clementia Romanorum JImperator et semper Augustus. Noverit universitas Imperii nostri fidelium, quod nos Burgensibus nostris de Weteflare illud Juris, quod duondam in Areis suis habebant, nostra imperiali autoritate confirmavimus: Eo tenore, ut quivis eorum de area sua annu- atim quatuor denarios domino, a quo tenet, pro censu per- solvat, et eam sine alia exactione quiete teneat. Post mor- tem vero ipsorum, filii vel proximi heredes eorum, vel ad quos forte transferre voluerint, XII. denarios ad manus per- solvant; et deinceps, sicut preordinatum est, annuatim 34 N. recht erlangt und ſich zum Range einer königlichen Stadt erhoben hat, iſt vom Jahre 1180. Friedrich 1. beſtätigt darin ſeinen Bürgern von Wetzlar die Rechte, die ſie von alters her an ihren Hofſtätten haben, und verleiht ihnen,— man bemerke, daß ſie hier ausdrück— lich als homines nostri. alſo als Kaufleute, bezeichnet werden— wenn ſie mit ihren Waaren ausziehen oder zurückkehren, dieſelben Rechte wie ſeinen Leuten in Frankfurt. Die Kürze der Faſſung ſowie die Bezug⸗ nahme auf das althergebrachte Recht laſſen unſchwer erkennen, daß wir es hier nicht mit einer Neuverleihung, ſondern lediglich mit einer Beſtätigung bereits vor⸗ handener Privilegien zu thun haben, daß alſo die Er⸗ hebung Wetzlars zur Stadt in eine frühere Periode zurückzuſetzen iſt. Wetzlar war jedoch keineswegs ein bloßer Markt und Durchgangspunkt für Handel und Warenverkehr, ſondern die Production und Verarbeitung der in den heimiſchen Bergen gewonnenen Erze, beſonders des Eiſenſteins, die jetzt eine der Haupterwerbsquellen für Stadt und Um⸗ gegend bildet, muß ſchon in den älteſten Zeiten eine große Rolle geſpielt haben. Auf die Bedeutung der Eiſeninduſtrie weiſen nicht nur die in dem Kaufmanns und Handwerkerviertel erhaltenen Namen des Eiſen⸗ markts, der Schmid- und Pfannenſtielsgaſſe, ſowie die Bemerkung Ulmenſteins“) über die große Zahl der Wetzlarer Schmiede in der Mitte des vierzehnten Jahr⸗ hunderts, die ſich infolge deſſen zu einer Zunft zuſammen⸗ duatuor denarios persolvant. Si vero quispiam, vivens, aream suam vendere voluerit, emptor eodem jure, quo et heres potiatur. Preterea auctoritate nostra statuimus, ut prescripti- nomines nostri in eundo et redeundo cum mercibus suis, eodem jure et libertate gaudeant, qua homines nostri de Frankinfurt potiunntur. Ut autem nostrum statutum ratum et inconvulsum permaneat, presentem cartam inde fecimus conscribi, et sigilli nostri impressione communiri. Datum apud Geilin- husin, anno Domini MOLXXX. Indictione XII., Kal. Aprilis. *) Ulmenſt. a. a. O. B. 1, S. 264. — ½ 35 2— ſchloſſen, ſondern auch zahlreiche Urkunden, welche einen uralten Bergbau in der Gegend nachweiſen“*). Die älteſte Nachricht findet ſich nach Riemann in dem ſchon erwähnten Lorſcher Codex aus der Zeit um 780. Aus den noch vorhandenen Reſten alter Schmelzſtätten weiſt derſelbe gleichfalls nach, daß die ſogenannte Rennarbeit auf Eiſenſtein ſchon vor einem Jahrtauſend in der Gegend in Betrieb geweſen ſein muß, und vermutet, daß der in Wetzlar ſehr verbreitete Familienname Waldſchmidt, der urkundlichtt) ſchon im Jahre 1288 vorkommt, dieſem Betriebe ſeinen Urſprung verdankt. Der ſtarke Wetzlarer Eiſenhandel aber wird bezeugt durch eine im Stadtarchiv befindliche Urkunde vom 26. Auguſt 1277, worin die Frankfurter Bürger den Wetzlarern, welche mit ihren Eiſenwaaren die Frankfurter Meſſe beziehen, eine Zoll— ermäßigung zugeſtehen*). *) Die auf Bergbau und Eiſeninduſtrie bezüglichen Aus⸗ führungen ſind vorwiegend der„Beſchreibung des Bergreviers Wetzlar“ vom Königl. Bergrat W. Niemann, Bonn 1878, S. 17 ff. entnommen. **) Die Urkunde, ein Geſchenk des Prinzen Hermann zu Solms⸗ Braunfels, befindet ſich im Beſitz des Herrn J. A. Waldſchmidt. †rr) Dieſelbe lautet nach der in dem erwähnten Buche S. 72 enthaltenen Ueberſetzung:„Wir Schultheiß Heinrich, Schöffen, Conſuln und ſämmtliche Bürger der Stadt Frank⸗ furt wünſchen, daß zur Kenntnis aller jetzt und in Zukunft Lebenden gelange, daß wir beabſichtigen, den Zweifel und die Unklarheit, welche wegen des jährlichen Zolles entſtanden ſind, durch Zeugniß dieſes unſeres Briefes zu beſeitigen. Wir er⸗ klären, daß die mit Eiſen heladenen Wagen unſerer lieben und beſondern Freunde, der Bürger zu Wetzlar, während der Meſſe, nämlich während des jährlichen Marktes zu Frankfurt, an Zoll zwei leichte Denare für jeden Wagen geben ſollen. Außer der Meſſe ſoll dagegen jeder Wagen der vorgenannten Bürger einen Denar zahlen. Und wenn beſagte Wetzlarer Bürger ihr Eiſen auf der Meſſe in der Stadt Frankfurt ver⸗ kauft haben oder aus der Stadt wegführen, ſo ſoll jeder Centner Eiſen mit einem leichten Denar verzollt werden. Außer der Meſſe aber ſoll jeder Centner Eiſen, welchen ſie in der Stadt Franlfurt verkaufen, einen leichten Obolus als Zoll geben. Zum Zeugnis deſſelben haben wir unſer Siegel an dieſen Brief gehangen. Geſchehen und gegeben am 26. Auguſt im Jahre des Herrn 1277. . 36 ₰ — 36 ,— Ich muß es mir an dieſer Stelle verſagen, näher auf die Entwicklung der Stadt im Mittelalter einzugehen; ſie ſteigt und fällt mit der des Städteweſens im weſt⸗ lichen Deutſchland überhaupt. Mit den Städten der Wetterau, mit denen ſie im Landfriedensverband ſteht'), hebt ſie ſich zur Blüte, ſie macht in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts die ſtürmiſchen Kämpfe der demokratiſchen Zünfte gegen die Geſchlechter durch und hat nur in ſo fern einen ſchwereren Stand, als ſie ihre Freiheit und Autonomie gegen größere und kleinere Dynaſten, welche ihr Gebiet zahlreich und begehrlich um— gaben, in oft ſchwierigen Fehden zu verteidigen gezwungen war. Doch bewahrte ſie ihre reichsunmittelbare Stellung bis zur Auflöſung des Reichs. *), Auch in ſeiner Parteinahme für den falſchen Fried⸗ rich II., genannt Tilo Kolup, deſſen Erſcheinen um die Stadt einen Kranz von Sagen gewunden hat, geht Wetzlar mit ihnen Hand in Hand. Bei den mangelhaften Nachrichten iſt es ſchwer, von dieſer merkwürdigen Geſtalt ein klares Bild zu gewinnen. Doch dürfte darin in erſter Linie eine Reaktion weiter Kreiſe, beſonders des Bürgertums, gegen das neue Königtum Rudolfs von Habsburg, welcher nicht mehr über den Parteien ſtand, ſondern ſelbſt im höchſten Maße Partei war, zu erkennen ſein, getragen von den chilliaſtiſchen Er⸗ wartungen jener Zeit, welche früh an die Perſon Friedrichs II. anknüpften und von Italien aus nach Deutſchland drangen. In Unteritalien war ſchon 1261 der erſte falſche Friedrich aufgeſtanden. Beruhend auf prophetiſchen Ergüſſen und ſagen⸗ haften Traditionen, meiſt entſtanden in den Kreiſen kirchlich und politiſch intereſſirter Kleriker, dringen ſie in die Maſſe des Volks ein, werden in volkstümliche Form umgegoſſen und von weiter ſehenden, vorurteilsfreien Perſonen als poli⸗ tiſche Hebel von nicht geringer Tragkraft benutzt. Nach den Berichten der Chronik des Fra Salimbene zum Jahre 1284 kamen, als die Kunde von dem Auftreten des falſchen Friedrich nach Italien gedrungen war, Geſandte von den lombardiſchen Städten und ſelbſt vom Markgrafen von Eſte nach Deutſchland, um über den Sachverhalt Erkundigungen einzuziehen. Siehe Grauert, zur deutſchen Kaiſerſage, hiſt. Jahrbuch der Görres⸗ geſellſchaft, B. XIII., Heft 1 und 2, 1892, S. 107. Näheres über den kühnen Abenteurer findet man in der fleißigen Arbeit von Victor Meyer, Tilo Kolup und die Wiederkunft eines ächten Friedrich. Wetzlar, 1868. 2 — 3 3 — 7 9— Wie die aller Städte und in noch höherm Maße wurde ihre Kraft gebrochen in dem unſeligen großen Kriege, der die Heerhaufen faſt aller ſtreitenden Parteien in ihre Mauern führte. Durch die dreißigjährige Kriegs⸗ not war ihr der Lebensnerv, der Handel und Verkehr, abgeſchnitten, und ſie ſank herab zu einem bedeutungs⸗ loſen, armſeligen Ackerſtädtchen, welches kaum die Er— innerung an ſeine einſtige Bedeutung bewahrte. Für den Erwerb der Bürger mußte es daher als eine Wohl— that empfunden werden, als ſich die Ausſicht eröffnete, das Reichskammergericht in ihre Mauern aufzunehmen. Dieſes war nach langen, vergeblichen Verſuchen als die oberſte ſtändiſche Gerichtsbehörde des Reichs im Gegenſatz zum kaiſerlichen Hofgericht am 7. Auguſt 1495 auf dem Reichstag zu Worms von Kaiſer Maximilian zugleich mit ewigen Landfrieden verkündet und am 31. Oktober deſſelben Jahres von dem erſten Kammer⸗ richter Eitel Friedrich, Grafen von Zollern, zu Frank⸗ furt eröffnet worden. Nach wechſelvollen Schickſalen hatte es endlich in Speier einen Sitz gefunden; als aber die Raubkriege Ludwigs XIV. die weſtliche Reichs— grenze zu bedrohen begannen, ſuchte man eine gedecktere Unterkunft. Aber keine Stadt im Reich wollte ſeine oberſte Behörde aufnehmen, und gegen die beiden Orte, welche ſich eifrig um dieſeibe bemühten, wehrten ſich die Mitglieder aufs heftigſte. In der That war die Schilderung der beiden Abgeordneten, welche 1681 die beiden Städte in Augenſchein genommen hatten, nicht gerade ſehr empfehlend. Es heißt darin unter anderem über Wetzlart):„Die Häuſer in den beiden Vorſtädten ſowohl, als in den entlegenen Straßen der Stadt ſeien nur mit Stroh gedeckt. Die Straßen ſeien teils gar nicht, teils ſehr übel gepflaſtert und äußerſt unflätig. Dagegen ſei Luft und Waſſer geſund und gut, die Lebensmittel wohlfeil. In der Stadt ſei keine Poſt, ſondern die Brieſe müßten nach Gießen getragen werden. *) S. Ulmenſt. II S. 250. — 38— Die Zahl der Bürger betrage etwa vierhundert Mann; ihre Nahrung ſei Viehzucht und Tabacksbau,“ u. ſ. f. Eine zweite Commiſſion von fünf Mann, welche un— mittelbar nach der Plünderung Speiers am Pfingſtfeſt 1689 Wetzlar zum gleichen Zwecke aufſuchte, faßt ihr Urteil dahin zuſammen:„Die Stadt ſei zwar eine Reichsſtadt, aber ſo ganz unanſehnlich, daß das Kammer⸗ gericht ohne eine Verminderung der ihm gebührenden Achtung, und ſelbſt ohne Nachteil der Hoheit des heiligen Römiſchen Reichs darinnen nicht wohnen könne.“ Dennoch wurde Wetzlar gewählt. Ausſchlag gebend war neben der bequemen Lage in der Mitte des Reichsgebiets, daß die drei anerkannten chriſtlichen Confeſſionen daſelbſt freie Religionsübung hatten, nicht zum wenigſten aber wohl, weil das Gericht außer in Friedberg nirgendwo anders ein Unterkommen ſah. Denn wenn es in dem Reſkript des Kaiſers Leopold vom 28. März 1693 heißt, daß es einſtweilen ad interim in der Reichsſtadt Wetzlar zu eröffnen ſei, ſo hat doch dieſes Interim gedauert bis zum ſeligen Ende beides, des Reichs und ſeines Gerichts. Eröffnet wurde es in ſeiner neuen Heimſtätte am 15. Mai 1693 durch den damaligen Kammerrichter, den Kurfürſten Johann Hugo von Trier, die letzte Eintragung in das Matrikelbuch findet ſich unter dem 10. Mai 1806. Iſt der materielle Vorteil, welcher der Stadt von dieſen neuen Gäſten erwuchs, und von dem manche ſtattlichen Bauten aus jener Zeit noch jetzt Zeugnis geben, nicht zu verkennen, ſo darf man wohl gerechte Zweifel hegen, ob die moraliſche Einwirkung derſelben eine ebenſo günſtige war. Wurde auch der Name Wetzlars durch das ganze Reich bekannt und genannt, ſo konnte doch nicht ausbleiben, daß dem zahlreichen Beamtenheere gegenüber das an ſich ſchon gedrückte Bürgertum immer mehr in den Hintergrund gedrängt und das Selbſtbewußtſein der alten Einwohner ge⸗ ringer wurde. Man wird kaum irre gehen, wenn man jene frühere, noch vor fünfzehn Jahren bemerkbare Schwäche, alles Heil von außen zu erwarten, ſtatt auf die eigene Kraft und Arbeit zu vertrauen, auf eine Nachwirkung jener Einflüſſe zurückführt. Daß ſie jetzt geſchwunden, iſt wohl eine der ſchönſten Ergebniſſe unſerer nationalen Erhebung, die auch das deutſche Bürgertum in ſtrenge Zucht genommen hat und von jedem einzelnen Gliede ein ſtarkes Streben zum Ganzen verlangt und fördert. Wie ein die trübe Dämmerung durchleuchtender Sonnenſtrahl fällt in jene Epoche die Anweſenheit des jungen Göthe, der nach Beendigung ſeiner Straßburger Studien Wetzlar aufſuchte, um hier einen praktiſchen Kurſus am Reichskammergericht durchzumachen. Auch verwandtſchaftliche Bande knüpften ihn an dieſe Stadt:; denn ſeine Großmutter mütterlicherſeits, eine geborene Lindheimer, ſtammte von dort. Seine Eintragung in das Matrikelbuch, die wortgetreu lautet:„Johann Wolfg. Goethe von Frfurt am Mayn d. 25. May 1772“, und die er zugleich mit vier andern Süddeutſchen vornahm, iſt jedoch die einzige Spur ſeiner juriſtiſchen Thätigkeit an dieſem Platze. Deſto erkennbarer ſind die Spuren ſeines Privatlebens während ſeines ſaſt viermonatlichen Aufenthalts geblieben; denn hier durchlebte er ſeine eigentliche Sturm- und Drangzeit. Das Ferment, welches durch Herders Einwirkung in ihn hineinge— worfen und welches in Straßburg in ſeinem Verhältnis zu Friderike mehr nach der äſthetiſchen Seite von ihm empfunden worden war, kam in Wetzlar in leidenſchaft— licher Weiſe zum Durchbruch. Das Unhaltbare und Gefährliche in der Neigung zur Braut ſeines Freundes, die ihrerſeits das Verhältnis, wenn auch mit der zeit⸗ üblichen Sentimentalität, aber innerlich kühler aufgefaßt zu haben ſcheint, hat zweifellos der Kriegsrat Merk, der Mentor des Dichters, wenn auch in mephiſtopheli⸗ ſchem Gewande, aus der Ferne wohl erkannt. Als er nach Ablauf der üblichen drei Praktikantenmonate er⸗ ſchien, er traf mit Göthe Mitte Auguſt im Höpfner— ſchen Hauſe in Gießen zuſammen, hütete er ſich wohl, ſeinen jugendlich ſchwärmenden Freund, den er nach Wetzlar begleitete, durch direkte Vorſtellungen zu reizen; er ſchlug vielmehr den ſeiner Eigenart entſprechenden Weg ein, ihm das Verhältnis, ſo ſehr er Lotte ſelbſt geſchätzt zu haben ſcheint, lächerlich zu machen. Wie empfindlich aber der Dichter gerade einem ſolchen Ver dachte gegenüber war, verraten ſeine gereizten Außerungen über den ſpottluſtigen Herder in Straßburg. Gelang es Merk auch nicht, ſeinen Schützling ſogleich mit ſich zu ziehen, ſo band er ihn doch durch einen feſten Termin zum Zuſammentreffen in Koblonz Am 10. September riß Göthe ſich los, mit welchen Empfindungen, bezeugen ſeine Abſchiedsworte an Lotte, die er unmittelbar nach der eenn. am Abend vor⸗ her auf ſeinem Zimmer niederſchrieb“):„Wohl hoff! ich wieder zu kommen, aber Gott weiß wann! Lotte, wie war mir's bei Deinen Reden um's Herz, da ich wußte, es iſt das letzte Mal, daß ich Sie ſehe! Nicht das letzte Mal, und doch gehe ich morgen fort. Fort iſt er. Welcher Geiſt brachte Euch auf den Diskurs! Da ich alles ſagen durfte, was ich fühlte ach! mir war'’s um's Hienieden zu thun, um Ihre Hand, die ich zum letzten Mal küßte. Das Zimmer, in das ich nicht wiederkehren werde, und der liebe Vater, der mich zum letzten Mal begleitete! Ich bin nun allein und darf weinen. Ich laſſe Euch glücklich und gehe nicht aus Euern Herzen. Und ſehe Euch wieder, aber nicht mor⸗ gen iſt nimmer! Sagen Sie meinen Buben: Er iſt fort. Ich mag nicht weiter.“ Diesmal ſchied er nicht wie aus Straßburg im Gefühl der Schuld, aber vielleicht in dem für ihn noch empfindlicheren, aus jenem Herzensduell nicht als Sie— ger hervorgegangen zu ſein. Was aber bei ſchwächeren Naturen in jener empfindſamen Zeit vielleicht zum Selbſtmord geführt hätte, das brach aus ſeiner geſun⸗ J. Schmidt, a. a. O S 501. — 41— den Seele als die ſchönſte Blüte der Poeſie. Seine Rache war der Werther. Dem Geiſte, aus dem heraus dieſes Büchlein ge— ſchrieben iſt, würde es widerſprechen, wollte ich nicht zum Schluſſe der Manen des Mannes gedenken, der wenige Jahre ſpäter ebenfalls ein Gaſt unſerer Stadt war. In der ſchon mehrfach erwähnten Matrikel des Reichskammergerichts findet ſich unter dem 20. Mai 1777 eigenhändig eingetragen: Henricus Fridericus Carolus de Stein eod d. et ao Wir beſitzen vom Frei⸗ herrn vom Stein aus jener Zeit einen franzöſiſchen Brief, in dem er n Freunde Reden ſein Leben in Wetzlar ſchildert. Ich laſſe denſelben, weil er wenig bekannt und für die Perſon des Schreibenden, wie für die geſchi lderten Zuſtände charakteriſtiſch iſt, im Aus— zuge?) hier folgen: Im übrigen iſt der Aufenthalt zu Wetzlar auf die Dauer recht langweilig, denn der geſellige Ton iſt ſteif und bürgerlich, und man findet ſehr wenig Einklang. Ein Ort wie dieſer, wo wichtige Angelegenheiten verhandelt werden, muß immer geteilt ſein— es finden ſich dort notwendig arteirn welche von einander unabhängig ihre Feindſchaften ſelbſt auf die Vergnügungen erſtrecken. Kennt man die Lage der Dinge, ſo weiß man vorher, wer zu einem ge⸗ wiſſen Gaſtmahl gehören, wer in einer gewiſſen Ge⸗ ſellſchaft zugelaſſen, und wer davon ausgeſchloſſen ſein wird. Alles dieſes verſcheucht die Einigkeit aus den Ge⸗ ſellſchaften, macht ſie weniger angenehm, verbannt daraus Leichtigkeit und Wohlbehagen— und beengtebisweilen den Fremden, der auf beiden Seiten achtungswerte Menſchen findet und ſich ihnen nicht nach ſeinem Ge⸗ ſchmack hingeben kann. Zudem beſteht unſere Geſell— ſchaft allein aus Rechtsgelehrten, deren Beruf durch die Maſſe der Begriffe, womit er das Gedächtnis be— laſtet, n den Geiſt ermüdet und die Einbildungskraft er— *) Nach Pertz, das Leben nes 3 Miniſter⸗ Freiherrn vom Stein, Berlin, 1849. B. 1. S. 42 ſtickt— woraus man leicht folgen kann, daß unſere Männer nicht gerade zu den liebenswürdigſten gehören. Unſere Weiber ſind größtentheils Kleinſtädterinnen, denen der Kaiſer durch das Adeln ihrer Männer nicht auch ihren kleinen, kreiſchenden kleinlichen, förmlichen Ton genommen hat. Vergebens ſucht man bei uns höfliche, unterhaltende Menſchen voll Aufmerkſamkeit— ſondern man findet ſie entweder in einer Ecke über ihre Rechts⸗ händel ſprechend, oder die Karten in der Hand, und ſie nehmen die Artigkeit, welche man ihnen erzeugt, entweder mit einer unpaſſenden Rauheit, oder mit lächerlicher Verwirrung auf, oder finden keine Worte, um ſie zu erwidern. Kurz, Wetzlar hat die Mängel der kleinern Städte—“ Wir werden dieſe ſcharfen Worte dem zwanzig— jährigen Jünglinge nicht übel nehmen, denn was er verurteilte, war etwas Fremdes, welches abge— ſtoßen wurde, als ſeine Zeit gekommen war. Wer aber das Bild, das er von Wetzlar entwirft, ver⸗ gleicht mit unſerer heutigen Entwicklung, die nicht zum wenigſten unter dem Anhauche ſeines Geiſtes geworden iſt, der wird nicht umhin können, dem alten Grobian wenn nicht auf öffentlichem Platze, ſo doch in ſeinem Herzen ein Denkmal zu ſetzen mit der Inſchrift: „Des Guten Grundſtein, des Böſen Eckſtein, des Deutſchen Edelſtein.“ Druck von. Imgardt, Wetzlar. G- -EE