Dr Nlartareie Beber. 6 1 8 5* 1 8 . 4 p 9 1 5— 8 3 8 3 8 à 9 2 8 9 †—„ — 1 5 er is 50 Pfenniig. 1 1 w W 1 1 5 6 1— b— 3 88 8 5 3 8„ Me. 7 ₰ 3. 4 64 NN rtrag fliebt dem Roten Halbmond eu. 18* 1ctct. Drueck und Verlas von Frlodr. Sche Krieg und Kultur. Vortrag von Dr. Margarete Bieber. WNF X ₰ ₰ 9e8. 88¹ . Idn 8 AO OE N — e 1915. Druck und Verlag von Friedr. Scheel in Cassel. ⸗ 92 ¶/5 S„ν O ½ 8 3 1 De Begriffe Krieg und Kultur scheinen einander auszu- schließen. Wie oft hört man Klagen über die Vernichtung ungeheurer Werte durch den Krieg, über die Verrohung der Menschen, die Zerstörung von Kunstwerken, die Schädigung industrieller Unternehmungen. Alles das ist wahr und ist neben der Einbuße an zahllosen Menschenleben, durch die in Tausenden von Familien alles Glück vernichtet wird, die traurigste Begleiterscheinung des Krieges. Da durch diese Ereignisse der einzelne Mensch am tiefsten getroffen wird, so machen sie zunächst am meisten Eindruck. Betrachtet man aber den Krieg von einem höheren, allgemein mensch- lichen oder historischen Standpunkt, so kann man zwei Wechselwirkungen zwischen Krieg und Kultur feststelllen. Einmal arbeitet die Kultur für den Krieg: Sie befähigt die Nationen zu besserer und erfolgreicherer Kriegführung, indem sie ihnen die wirklichen und die moralischen Waffen dafür liefert. Je höher die Kultur eines Volkes ist, desto mehr Aussicht hat es auf Sieg, Zweitens hat der Krieg immer einen entscheidenden Einfluß auf die Kultur gehabt: In einem siegreichen Volk werden alle schlummernden Kräfte geweckt, entwickeln sich alle Keime zur höchsten Blüte. Die besiegten Völker öffnen ihr Land der überlegenen Kultur des Siegers oder versuchen, sich die Kulturgüter zu erwerben, die ihnen in der höchsten Not gefehlt haben. Mehrfach haben auch die Sieger Elemente der Kultur ihrer Gegner über- nommen und weitergeführt. 6 Die menschliche Kultur ist ja kein einheitlicher Bexgriff, sondern erstreckt sich auf die verschiedensten Gebiete. Es gibt politische, geistige, künstlerische, religiöse, moralische, Herzens- und Körperkultur. Ein Volk, das auf allen diesen Gebieten die erste Stelle einnehmen würde, würde unbe- siegbar sein, denn ein jedes davon ist wertvoll für siegreiche Kriegführung. Politische Kultur gewöhnt die Bürger an Ordnung und Gehorsam, organisiert schon im Frieden das Heer, schafft die für die Kriegführung so nötigen Geldmittel, einigt die Parteien zum Besten des Vaterlandes, erwirbt Freunde im Ausland. Geistige Bildung schmiedet die tech- nischen Waffen. Wissenschaft verwertet die Ergebnisse der Vergangenheit und der Forschung für die Gegenwart; sie und die Kunst halten den Verlauf und die Resultate der Kämpfe für Gegenwart und Zukunft fest. Die Religion und starkes moralisches Pflichtbewußtsein verleihen Mut und Beharrungsvermögen im Kampf. Herzensbildung weckt Kameradschaftlichkeit, Hülfsbereitschaft der Krieger unter- einander und der Daheimgebliebenen für die Krieger und ihre Angehörigen. Ausbildung des Körpers, Stählung der Muskeln und Abhärtung befähigt den Soldaten, die Strapazen im Felde zu ertragen. Nur in Ausnahmefällen können sich alle diese Eigenschaften in ein und demselben Menschen vereinigen. Nur in wenigen Nationen finden sich mehrere davon in hohem Maße ausgeprägt. Fragt man, welche davon die Völker am meisten zum Siege geführt haben, so ant- wortet die Weltgeschichte mit Entschiedenheit: die moralische Kultur, vereint mit geistiger Kultur. Das lehrt gleich der erste Krieg, der für die ganze Kulturentwicklung Europas ausschlaggebend geworden ist: der Krieg zwischen Griechenland und Persien im V. Jahr- 7 hundert v. Chr. Das ungeheure orientalische Reich überfiel das kleine, eben aufblühende Griechenland mit unzähligen Truppen, in der Überzeugung, daß diese Masse das kleine Vollc erdrücken würde, genau so wie jetzt Rußland, Frank- reich und England hofften, uns durch ihre dreifache Über- macht zu zerschmettern. Aber wie bei uns bisher und voraussichtlich bis zuletzt, so hat auch damals die Disziplin, die gute Leitung, der Geist der einheitlichen Truppen über die träge, willenlose, bunt zusammengesetzte Masse gesiegt. Das Riesenheer wurde bei Marathon, die ungeheure Flotte bei Salamis durch geschickte Taktik und opferfreudigen, mutigen Angriff vernichtet. Die Folgen dieses Sieges reichen bis in unsere Zeit herein. Die Siegesfreude, das erstarkte Selbstbewußtsein, die reiche Siegesbeute erweckten in dem so überaus begabten Voll einen märchenhaften Aufschwung. Es wurde die geistige Kultur geschaffen, die nicht nur in unseren Gymnasien, sondern vielen unbewußt auch im Leben noch immer die Grundlage unserer heutigen Kultur bildet. Die Wissenschaft, die Dichtkunst und die bildende Kunst erhielten Richtungen, die sie bisher in ständigem Weiter- schreiten nicht verlassen haben. 150 Jahre nach den großen Siegen über die Perser führte Alexander der Große, der König von Mazedonien, die geeinigten Griechen wieder gegen den Erbfeind. Alex- ander ist von dem größten Gelehrten Griechenlands, Aristo- teles, erzogen worden. Aristoteles war der erste große Organisator wissenschaftlicher Arbeit. Die Fachwissen- schaften, in die er das Gesamtgebiet einteilte und die er teilweise erst begründete, sind noch immer die Hauptgebiete gelehrter Forschung. Sein königlicher Schüler übertrug die wissenschaftliche Methode auf die Kriegskunst, so daß von 8 ihm eine neue Epoche der Strategie datiert. Von seinen großen organisatorischen Plänen konnte er in seinem kurzen Leben nicht alle durchführen; doch genügte die von ihm eingeführte neue Gliederung des Heers und die scharfsinnige Taktik, das Zusammenarbeiten der verschiedenen Waffen- gattungen, um die von seinem genialen Führer hingerissenen Truppen von Sieg zu Sieg zu führen. Ein orientalisches Reich nach dem anderen wurde erobert: Kleinasien, Persien, Syrien und Agypten wurden griechische Reiche, Alexander führte eine Schar von griechischen Gelehrten, Geschicht- schreibern, Dichtern und Künstlern mit sich, die die von ihm durchzogenen Gegenden studieren, die großen Ereig- nisse in Wort und Bild festhalten, neue Städte, wie Alexan- drien in Agypten, erbauen und nach griechischer Weise einrichten und schmücken mußten. So drang infolge von Alexanders Siegeszügen ein breiter Strom griechischer Kultur in zwei neue Erdteile ein. Weiter und weiter entwickelte sich diese Kultur in den von Alexanders Nachfolgern gegrün- deten griechischen Reichen und Städten. Während aber Wissenschaft und Kunst weiter blühten, nahm die politische und militärische Tatkraft und Tüchtigkeit der Griechen ab. Durch Uneinigkeit geschwächt, wurden ihre Reiche leicht ein Raub der Römer. Die Römer übertrafen die Griechen in den letzten Jahrhunderten vor Christus nicht nur an Kraft und Einigkeit, sondern auch an sittlichem Ernst und strenger Manneszucht. Dagegen fehlte ihnen jede eigene geistige und künstlerische Kultur. In kluger Selbsterkenntnis übernahmen sie nun diese einfach von den besiegten Griechen. Sie haben das überkommene Gut treu bewahrt, in allen ihren Provinzen verbreitet und so der Nachwelt überliefert, während es 9 sonst mit dem schwachen Griechenland vergangen wäre. Der nüchterne Römer, dem jeder Idealismus fern lag, stand besonders der Kunst ähnlich gegenüber wie der moderne Engländer. Es wurden massenhaft Kunstwerke eingeführt, aber auf Grund der Kenntnisse nur wenige eigenartige neue Werke geschaffen. Wie dem Engländer, so lag auch dem Römer besser der Handel, der ja ebenfalls ein wich- tiger Kulturträger ist. Infolge der Weltkriege, die Sizilien, Afrika, Agypten und Asien unter römische Herrschaft brachten, dehnte sich der römische Handel auf die ganze damals bekannte Welt aus. Dadurch strömten ungeheure Reichtümer in Rom zusammen, die teilweise zu Kultur- zwecken, wie Errichtung von Tempeln, öffentlichen Gebäuden, Palästen und Nutzbauten verwandt wurden, andererseits allmählich die von Natur so kriegerischen römischen Bürger verweichlichten. Das von Caesar und Augustus um Christi Geburt begründete Kaisertum brauchte aber zu seinem Schutz und zum Schutz des Reichs, besonders gegen die nordischen Barbaren Berufssoldaten. Es wurde daher— wie in England— ein Söldnerheer, vielfach aus den Provinzen und verbündeten Staaten, ausgehoben. Die gefährlichsten barbarischen Feinde der Römer im Norden waren die Gallier und die Germanen, die Vorfahren der Franzosen und der Deutschen. Als die Römer sie kennen lernten, waren die kühnen jugendfrischen Germanen gerade im Begriff, Gallien zu erobern. Wäre das geschehen, so bestände jetzt nicht der verhängnisvolle Gegensatz zwischen französischem und deutschem Wesen, der soviel Blut gekostet hat. Caesar hat die Verschmelzung der beiden Volksstämme und die Entwicklung einer gleichartigen Kultur in beiden verhindert, indem er Gallien vollständig eroberte. 10 Daher übernahm Gallien die römische Kultur, wurde der Hauptvertreter der hieraus entwickelten romanischen Kultur und als solcher lange Zeit— aber jetzt auch wohl die längste Zeit— die geistige Vormacht von Europa. Schwerer wurden die Römer mit unseren Vorfahren, den Germanen, fertig. Zwar gestattete es ihr Hauptfehler, die Uneinigkeit, den Römern, sich vorübergehend sogar bis zur Elbe festzusetzen., Doch bald erhoben sich freiheit- liebende Stämme unter Arminius, Hermann dem Cherusker, und vernichteten die römischen Legionen im Teutoburger Wald, wie es Kleist in der Hermannsschlacht geschildert hat. Die überlegene moralische Kultur ermöglichte es den Germanen, die sowohl an Zahl wie an politischer, militärischer und geistiger Bildung so weit überlegenen Römer zurück- zudrängen. Der große römische Geschichtschreiber Tacitus schildert die unverdorbene Einfachheit, Sittlichkeit und Kraft der noch ungebildeten und unverbildeten Germanen im Gegensatz zu dem verderbten römischen Leben mit seiner überfeinerten Kultur. Nur bis zum Rhein und bis zur Donau konnten die römischen Heere durch ihre siegreichen Feld- züge die Grenzen des römischen Reichs ausdehnen. Im Anschluß an die Heerlager entstanden in diesen Grenz- gebieten zahlreiche Städte wie Köln, Mainz, Trier, Worms, Speier, Straßburg, Basel, Augsburg und Wien, die im Alter- tum Stätten der römischen, in Mittelalter und Neuzeit Stätten der deutschen Kultur geworden sind. Man kann nicht von Romanisierung dieser Gegenden sprechen wie in Gallien; vielmehr entwickelte sich in den von Rom gegründeten Städten von Anfang an eine originelle Kultur, Später wurden sie durchaus germanisiert, als zur Zeit der Völkerwanderung die germanischen Stämme ihrerseits über die römischen 11 Grenzen brachen, um die Provinzen des römischen Welt- reichs und schließlich Rom selbst zu erobern. Schon längst waren viele Germanen freiwillig als Söldner in das römische Heer eingetreten. Jahrhunderte lang bildeten sie die Kern- truppen des Heers und als solche zuletzt infolge ihrer unge- brochenen Kraft und ihrer berühmten Treue gegenüber dem selbstgewählten Herrn die einzige Stütze des morschen, verrotteten römischen Kaisertums. Mit Recht wurden daher die Germanen die Erben des zusammenbrechenden Reichs. Sie übernahmen die Idee des Kaisertums und die damit zusammenhängenden kulturellen Aufgaben. Mit Recht setzte sich schließlich Karl der Große als Erbe der Caesaren, als römischer Kaiser deutscher Nation, die Kaiserkrone aufs Haupt. Die politische Kraft der Deutschen war jedoch zu gering, um die Macht des Reiches dauernd zu erhalten. Während deutscher Handel und deutsche Bildung sich entfalteten und östlich bis über die Memel, nach Rußland hinein, nördlich bis in die skandinavischen Reiche vordrangen, führte der deutsche Grundfehler, die Uneinigkeit zwischen den Stämmen und Ständen, zur Schwächung und zum Verfall der Staats- einheit. Nur die hohe geistige und sittliche Kraft, die Reli- giosität und tiefe Innerlichkeit der deutschen Nation haben es bewirkt, daß selbst unglückliche Kriege zum höheren Aufstieg der deutschen Kultur beigetragen haben. Über den Dreißigjährigen Krieg, der das größte materielle Elend über Deutschland brachte, konnte daher Schiller folgende herrliche Worte sagen: „Schrecklich zwar und verderblich war die erste Wirkung,..— ein dreißigjähriger verheerender Krieg, der von dem Innern des Böhmerlandes bis an die Mündung der Schelde, von den Ufern des Po bis an die Küsten der 12 Ostsee Länder entvölkerte, Ernten zertrat, Städte und Dörfer in die Asche legte; ein Krieg, in welchem viele tausend Streiter ihren Untergang fanden, der den aufglimmenden Funken der Kultur in Deutschland auf ein halbes Jahrhundert ver- löschte und die kaum auflebenden besseren Sitten der alten barbarischen Wildheit zurückgab. Aber Europa ging ununter- drückt und frei aus diesem fürchterlichen Krieg, in welchem es sich zum erstenmal als eine zusammenhängende Staaten- gesellschaft erkannt hatte; und diese Teilnehmung der Staaten an einander, welche sich in diesem Krieg eigentlich erst bil- dete, wäre allein schon Gewinn genug, den Weltbürger mit seinen Schrecken zu versöhnen. Die Hand des Fleißes hat unvermerkt alle verderblichen Spuren dieses Krieges wieder ausgelöscht; aber die wohltätigen Folgen, von denen er begleitet war, sind geblieben. Eben diese allgemeine Staaten- sympathie, welche den Stoß in Böhmen dem halben Europa mitteilte, bewacht jetzt den Frieden, der diesem Krieg ein Ende machte. So wie die Flamme der Verwüstung aus dem Innern Böhmens, Mährens und österreichs einen Weg fand, Deutschland, Frankreich, das halbe Europa zu entzünden, so wird die Fackel der Kultur von diesen Staaten aus einen Weg sich öffnen, jene Länder zu erleuchten. Die Religion wirkte dieses alles.“ Das Resultat des harten Krieges war Glaubensfreiheit, die beste Beförderin der Kultur. Zwar mußte zunächst die überlegene Kultur des Auslandes der danieder liegenden deutschen aufhelfen. Damals sind sehr viele Fremdwörter bei uns eingedrungen. Noch Friedrich der Große hatte rein fran- zösische Bildung. Er schrieb und dichtete in dieser Sprache, er lud geistreiche französische Gelehrte wie Voltaire an seinen Hof. Zeugen jener Zeit sind z. B. die Namen des von 13 Friedrich bei Potsdam erbauten Landhauses„Sanssouci“ und des von ihm gestifteten höchsten militärischen Ordens„pour le mérite“. Aber gerade Friedrich der Große hat gezeigt, wie man fremdes Gut in echt deutsches verwandeln kann. Alles, was er geschrieben hat, ist durchaus deutsch gedacht. Als im siebenjährigen Krieg ringsum Feinde das kleine Preußen bedrohten, hat sich erwiesen, was wohlausgerüstete Deutsche unter der Führung eines genialen, aufgeklärten, scharf beobachtenden und scharf denkenden Königs zu leisten verstanden. Der siegreiche Friede gab den Deutschen stärkeres nationales Bewußtsein und Preußen das moralische Recht, die führende Stellung in Deutschland einzunehmen. Das Recht, die führende Stellung in ganz Europa ein- zunehmen, erwarben dann die deutsche Wissenschaft und Kunst zu derselben Zeit, als Frankreich unter Napoleon Deutschland zu zertrümmern versuchte und sein Kaisertum tatsächlich allmählich vernichtete, Deutsche Literatur und Musik erreichten damals ihre höchsten Gipfel in Goethe und Schiller, in Beethoven und Schubert, Literatur und Kunst gaben den Deutschen die Einheit, zu der sie sich in politischer Beziehung erst soviel später wieder zusammen- schlossen. So hat die geistige Kultur gewissermaßen die Neugründung des Reiches vorbereitet, In der tiefsten nationalen Erniedrigung fühlten die scharfblickenden großen Männer die geistige Bedeutung der Zeit. Als Goethe bald nach Ausbruch der französischen Revolution den Feldzug mitmachte, den er in seiner„Campagne in Frankreich“ so lebendig geschildert hat, tröstete er während des unglück- lichen Rückzugs die entmutigten Offiziere mit den Worten: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Welt- geschichte aus, und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen.“ 14 Napoleon konnte Deutschland politisch erniedrigen und knechten, aber nicht seinen moralischen und geistigen Auf- stieg hemmen. Bald nach der tiefsten Demütigung Preußens wurde 1810 die Berliner Universität eröffnet. Große Männer bereiteten die Befreiung Preußens und damit die Deutsch- lands und ganz Europas vom französischen Joch vor. Fichte, Schleiermacher und Ernst Moritz Arndt bewirkten durch ihre Reden und Schriften eine Hebung aller sittlichen Kräfte, Der Freiherr vom Stein und Hardenberg bezweckten und erreichten durch ihre weisen Reformen auf den Gebieten des Rechts und der Verwaltung Erziehung zur Selbständig- keit und Selbstverantwortung. Scharnhorst und Gneisenau vermehrten nicht nur das Heer durch Einführung der allge- meinen Wehrpflicht, sondern veredelten es vor allen Dingen, Vor dem reinen deutschen Geist, vor der hohen sittlichen Kultur und dem feurigen Idealismus Deutschlands brach im Kriege 1813-14 das hohle Reich des kalten Usurpators zusammen.. Der siegreiche Krieg brachte Deutschland Befreiung, aber noch nicht die Erfüllung aller Wünsche. Die von den Besten ersehnte und erstrebte Aufrichtung eines deutschen Nationalstaates wurde als„Professorengedanke“ verspottet und scheiterte an vielfachem Widerstand. Ohne diesen Einheitsstaat war die freie Entfaltung deutscher Größe und deutscher Kultur jedoch undenkbar, und er mußte daher in dem Krieg 1870-71 erkämpft werden. Der glückliche Ausgang des Kampfes war zweifellos, denn die Geschicke Deutschlands vor und während der gewaltigen Zeit lagen in den Händen von drei zielbewußten, klarsehenden Geistes- heroen: des mit umfassender wissenschaftlicher Bildung aus- gerüsteten Kriegsministers von Roon, des genialen Strategen 15 Helmut von Moltke und des geistreichsten, weitschauendsten Staatsmannes Otto von Bismarck. Das erstrebte Ziel wurde voll und ganz erreicht. Deutschland wurde wieder ein Kaiser- reich und damit eine Großmacht, in der hochbegabte Männer Handel, Industrie und Bodenkultur, Recht, Wissenschaft, Literatur und Kunst unbehindert und ungestört, mit ihrer vollen Kraft und mit reichen Mitteln pflegen und weiter entwickeln konnten. Die Friedensjahre haben vor allem eine großartige Entwickelung des Wirtschaftslebens, besonders der Landwirtschaft, der chemischen und Textil-Industrie, der Roheisen- und Stahl-Produktion, der Exportindustrie und des auswärtigen Handels, und damit große Reichtümer nach Deutschland gebracht. Dies alles wird nicht dem natürlichen Reichtum des Bodens, nicht einem ausgedehnten Kolonial- reich verdankt, wie bei anderen Völkern, besonders Eng- land. Wir verdanken es vielmehr der durch die erkämpfte Einheit möglich gewordenen Zusammenfassung der bisher zersplitterten reichen inneren, geistig-sittlichen Kräfte des deutschen Volks. Diese Kräfte sind die Intelligenz, die gute Schulung, der Fleiß, die Gründlichkeit, die Gewissenhaftig- keit und die Ausdauer, die alle Volksklassen in Deutschland haben, die führenden Politiker und die erfindenden Gelehrten und Ingenieure ebenso wie die Arbeitgeber und die Arbeit- nehmer. Den jetzigen großen Krieg führen wir gegen neidische Feinde, die diese von den bedeutendsten Männern der Welt aufgebaute Kultur vernichten wollen, indem sie uns heuch- lerisch Barbaren schelten. Wenn die Deutschen Barbaren sind, so muß das ein hoher Ehrenname sein, ebenso wie gentleman bald nur noch ein Schimpfwort sein wird. Der Krieg ist eine Prüfung, in der es für uns und für unsere 16 Feinde gilt, alle vorhandenen Eigenschaften und Kräfte zu zeigen, zu entfalten und zur Geltung zu bringen. Die ersten sechs Monate des Krieges haben offenbart, wie weit in Deutschland alle Schichten der Bevölkerung auf allen Ge- bieten der Kultur vorgedrungen sind. Heimtückisch haben unsere Feinde uns eingekreist. Sie rechneten darauf, uns wie in früheren Jahrhunderten uneinig und unvorbereitet zu treffen und zu vernichten. Daß Deutsch- land wirklich unerwartet überfallen worden ist, beweist schon die Tatsache, daß der Kaiser in den kritischen Tagen vor Kriegsausbruch außer Landes war. Unsere Feinde haben sich aber vollständig verrechnet. Die Zwietracht zwischen den deutschen Stämmen ist bereits bei Kriegsausbruch 1870 begraben worden, die zwischen den Ständen jetzt bei Kriegs- ausbruch 1914. Als ein einzig Volk von Brüdern haben sich die Deutschen erhoben. Der Kaiser kennt keine Parteien mehr, und die Parteien kennen keine Sonderinteressen mehr. Durch die fürsorglichen sozialen Gesetze, denen keine andere Nation gleichwertige an die Seite zu stellen hat, sind sogar die Sozialdemokraten voll und ganz für das Deutsche Reich gewonnen, wie sich jetzt gezeigt hat. Jeder Soldat, der Prinz wie der Knecht, der Gelehrte wie der Bauer, ist auf den Platz geeilt, den ihm die großartige Organisations-Arbeit des Reichs schon in Friedenszeiten für den Fall eines Krieges angewiesen hat. Der riesige Eisenbahn-Transport vollzog sich glatt nach vorher geregeltem Plan, Reiche Mittel lagen bereit und sind durch aufopfernde Gebefreudigkeit des Volkes vermehrt worden, Es hat sich ferner gezeigt, daß die herrschende Wissen- schaft des XIX. Jahrhunderts, die Technik, in Deutschland eine Höhe erreicht hat, wie in keinem anderen Land. Unsere 17 Zeppeline, unsere Flugzeuge und unsere Riesenkanonen, die „Brummer“, nötigen selbst den Feinden Bewunderung ab und haben uns die Eroberung der stärksten Festungen Belgiens in unwahrscheinlich kurzer Zeit ermöglicht. Unsere Unterseeboote bedrohen sogar die Küstengewässer des meer- beherrschenden Albions,— Von den übrigen Wissenschaften ist es vor allem die Medizin, die unmittelbar zum Erfolg der Feldzüge beiträgt. Die erfolgreiche Bekämpfung der Seuchen und die aseptische Behandlung der Wunden erhält dem Vaterland unzählige Soldaten, die in früheren Kriegen — und teilweise jetzt noch bei unseren Gegnern— durch Ansteckung und Wundbrand oft in gleicher Zahl getötet wurden wie durch Kugeln. Für die glänzende Arbeit der deutschen Arzte spricht die erfreuliche Tatsache, daß in deutschen Lazaretten von 1000 Verwundeten nur 3 sterben (bei unseren gebildetsten Gegnern, den Franzosen, fast 3 von Hundert und ebensoviele bei uns 1870-71).— Die Geschichts- schreibung sammelt sorgfältiger denn je bereits jetzt die Dokumente für die Geschichte des Krieges, ja, es erscheinen schon in Serien Darstellungen der großen Ereignisse. Die Verzeichnisse der Verleger zeigen eine mehr und mehr anschwellende Kriegsliteratur. Gelehrte, Schriftsteller und Dichter äußern sich über Ursache und Bedeutung des Krieges-. Viele schöne neue Soldaten-Lieder sind entstanden, neben den prachtvollen, altbekannten, bei deren Klängen die Sol- daten froher und mutiger ins Feld ziehen. Überhaupt stellt sich die Musik jetzt unter allen Künsten am meisten in den Dienst des Vaterlandes. Abgesehen von der Regiments- Musik sprechen Berichte und Feldpostbriefe von Angriffen unter Gesang, von requirierten Cellos und Klavieren, von Guitarren, Mandolinen, Musikdosen und Ziehharmonikas, 18 die in den Schützengräben mit feineren oder gröberen Effekten durch ihren Rhythmus die angestrengte Arbeit erleichtern oder die Langeweile vertreiben. Daheim tröstet die Musik die Trauernden und Angstlichen und lenkt die Verwundeten für Augenblicke von ihren Schmerzen ab. Diese große Rolle, die die Musik jetzt spielt, ist nur bei einem innig und warm empfindenden Volk möglich. Der Krieg hat auch vor allem das tiefe religiöse Gefühl und das starke moralische Pflichtbewußtsein der Deutschen offenbart. Man hört von ergreifenden Feld- gottesdiensten, von rührender Kameradschaftlichkeit in Ge- fahr und Not draußen im Feindesland. Die deutsche Mannes- zucht, der vielberufene Militarismus, erntet Sieg auf Sieg. Dieser Militarismus steht nicht im Gegensatz zur deutschen Geistesbildung, wie unsere Feinde behaupten. Derselbe Geist, dieselbe straffe Disziplin, dieselbe strenge Selbstzucht, dieselbe selbstlose Hingabe, dasselbe eiserne Pflichtbewußt- sein herrscht in der deutschen Wissenschaft wie in dem deutschen Heer. Wie 1813 und 1870 hat sich auch jetzt wieder die akademische Jugend in erster Reihe freiwillig zu den Fahnen gemeldet. Den Wert der Küultur für die Kriegführung hat kürzlich ein russischer Hofbeamter richtig erkannt, indem er sagte: „Wir hätten den Krieg nicht eher beginnen sollen, als bis auch der russische Bauer lesen und schreiben gelernt hatte. Die Größe der elementaren Unkenntnis des gemeinen Soldaten kann uns die Niederlage und den Zusammenbruch, kann uns die Revolution bescheren, wenn nicht noch Wunder geschehen. Bedenke, es fehlen Mechaniker, Techniker, es fehlen die gelernten Arbeiter, die Handwerker, ohne die wir keine Kanonen, keine Munition, keine Flugzeuge, 19 keinen von all den Tausenden komplizierter Apparate an- fertigen können, die uns vordem aus dem Lande unseres Feindes geliefert wurden...... Unsere deutschen Soldaten können noch mehr als alles das. An ihrer Spitze steht als oberster Kriegsherr der geliebte, hochherzige, auf allen Gebieten gebildete Kaiser, neben ihm geniale Offiziere und Führer wie Hinden- burg, denen die Soldaten mit Freuden und Begeisterung gehorchen. Jeder deutsche Soldat hat gelernt, daß er frei sein kann, auch wenn oder gerade weil er den vernünftigen Befehlen wie den bestehenden Gesetzen gehorcht, deren Sinn er begreift und anerkennt. Jeder deutsche Soldat kann nicht nur gehorchen, sondern, wenn es nötig ist, auch befehlen, weil er dank der einzig dastehenden Höhe des deutschen Unterrichtswesens und der Fürsorge für die Arbeiter zu geistiger Selbständigkeit erzogen ist. Jeder deutsche Soldat hat daher außer seinen Berufskenntnissen einen klaren gebildeten Geist und Verständnis für die Gebote der Pflicht und der Gesittung. Die Daheimgebliebenen tun mit derselben Pflichttreue ihre Arbeit für das Vaterland wie die Soldaten draußen. In nie dagewesener Weise wird für die heimkehrenden Ver- wundeten und Kranken und für die Angehörigen der Krieger gesorgt. Vor allem arbeiten die Arzte, die Krankenpfleger und die Krankenschwestern hinter der Front im Feindesland und im ganzen Deutschen Reich aufopferungsvoll Tag und Nacht, um den Helden, die Leben und Gesundheit für uns alle aufs Spiel gesetzt haben, Heilung, Linderung ihrer Schmerzen und Erholung zu schaffen. Aber auch jeder andere Mensch versucht etwas zu ihrer Pflege zu tun oder die draußen stehenden Krieger durch Sendungen ins Feld 20 oder Unterstützung ihrer Angehörigen zu stärken und zu erfreuen. Jeder wahre Deutsche bringt jetzt sein Herz, seine Kraft und sein Vermögen dem allgemeinen Besten dar und ist glücklich, wenn er irgendwie als Glied des Ganzen sich betätigen kann. Die Wenigen, die sich von der gemeinsamen Arbeit für das Vaterland ausschließen, die jetzt noch selbstsüchtig nur an ihr eigenes Behagen oder Bereichern denken, straft die allgemeine Verachtung. Noch niemals war das moralische Gewissen einer Nation so empfindlich, noch niemals waren sittlicher Ernst und Pflichtbewußtsein in einem ganzen Volk so gleichmäßig hoch entwickelt, wie sie jetzt in den Deutschen infolge des Krieges sich offenbart haben. Noch niemals war z. B. die weibliche Arbeit so gut organisiert wie jetzt, wo besonders in dem am Tage der Mobilmachung gegründeten Nationalen Frauendienst die klügsten, gebildetsten und warmherzigsten Frauen an der Spitze stehen. Die Prüfung durch den Krieg hat also bewiesen, daß die heutigen Deutschen die Kraft und den Idealismus der alten Germanen mit den Errungenschaften der geistigen, aus der Antike erwachsenen Kultur vereinigen. Darum müssen und werden sie in dem jetzigen Krieg siegen, und dann wird deutsche Kultur, wie es einst die griechisch- römische war, gleichbedeutend werden mit Weltkultur. Die Hauptaufgabe dieser deutschen Weltkultur aber wird es sein, einen dauernden Frieden zu schaffen, damit sich Bildung und Gesittung weiter entwickeln, steigern und in der ganzen Welt verbreiten können.