Stadthibliothek Mainz W 36-02908794 Eugen Zabel und Alfred Bock — Der Gymnaſialdirektor Schanſpiel in vier Außügen Verlin W F. Fontane& Co. 1896 Der Gymnaſialdirektor Der Gymnaſialdirektor Schauſpiel in vier Aufzügen von Eugen Zabel und Alfred Bock 58/1u9 Berlin W 5. Fontane& Co. 1896 Kat. Zum erſten Mal aufgeführt am Reſidenztheater in Hannover, 8. Februar 1896. Direktion: Carl Waldmann. Regie: Carl Scholling. Die Verfaſſer behalten ſich und ihren Erben oder Rechtsnachfolgern das ausſchließliche Recht vor, die Erlaubnis zur öffentlichen Aufführung oder zum über⸗ ſetzen des folgenden Stückes zu erteilen. Bühnen gegenüber Manuſcript. Aufführungsrecht durch Felix Bloch Erben, Berlin. Perſonen. Geheimerat von Leuwardt, Schulrat. Dr. Friedrich Schmidt, Gymnaſialdirektor. Dubois, Fuchs, Oberlehrer. Becker, Dr. Sellmann. Dr. Meyer. Dr. Friedrich. Dr. Hippler. Sonnenberg, Händler, Paul, deſſen Sohn. Gaſtwirt Brinkmeier. Frau Tillmann. Robert, deren Sohn. Frau Brand. Friebel, Pedell. Auguſte, Dienſtmädchen. Ort der Handlung: Eine Provinzialhauptſtadt. Zeit: Die Gegenwart. Erſter Akt: Zimmer des Direktors.— Zweiter Akt: Bei Frau Tillmann. Dritter und vierter Akts⸗Konferenzzimmer der Lehrer. Erſter Aufzug. Erſter Auftritt. Schuldiener Friebel. Direktor Schmidt. Zimmer des Gymnaſialdirektors Friedrich Schmidt. Einfache altmodiſche Einrichtung. Rechts Schreibtiſch mit allerlei Skripturen bedeckt. Über dem Schreibtiſch eine große Büſte Shakeſpeares. Mehrere Regale, die mit Büchern vollgepackt ſind Links ledergepolſtertes, ebenfalls alt⸗ modiſches Sofa. In der Mitte Ausgang nach dem Flur. Links Thür nach dem Konferenzzimmer. Während der Vorhang aufgeht, hört man den lauten Klang der Schulglocke. Stimmengewirr und Lärm der Schüler. Ein vorlauter Junge öffnet die Thür von draußen und ſteckt neugierig den Kopf durch die Spalte, winkt dann einem anderen Jungen, der ebenfalls herbeikommt. Beide machen neugierig„Ah!“, indem ſie das Zimmer des Direktors betrachten. Der Schuldiener Friebel packt die beiden Jungen von hinten und ſchiebt ſie unſanft fort. Schuldiener. Dumme Jungens, macht Ihr, daß Ihr wegkommt! Was habt Ihr hier zu ſuchen? Na, wollt Ihr wohl? Sind das Schlingel! Die Jungen laufen lärmend davon. Der Direktor tritt auf(kräftig männliche Erſcheinung, mit Vollbart und beginnender Glatze. Er trägt ein Pack Hefte unter dem Arm, das er während des Folgenden auf den Schreibtiſch legt). Direktor(von links). Was war das für ein Spektakel, Friebel? Sorgen Sie dafür, daß die Kinder beim Ver⸗ laſſen der Schule keinen ſolchen Lärm machen. Friebel. Das thue ich ja, Herr Drekter. Aber die Bengels wollen nicht hören. Eben waren wieder zwei hier, von der ſchlimmſten Sorte, der Zimmermann und der Hennig. Zabel und Bock, Der Gymnaſialdirektor. 1 — 2— Ich kam gerade dazu, wie ſie die Köpfe durch die Thür ſchoben und dem Herrn Drekter ſeine Sachen anglotzten. Direktor. Ich werde den Jungen das unterſagen. Friebel. Schwarz kann man ſich ärgern! Und heute haben ſich der Zimmermann und der Hennig auf dem Schul⸗ hof wieder gehauen. Ich konnte ſie kaum auseinander kriegen. Direktor. Haben ſich die Jungen etwa Schaden gethan? Friebel. Daß ich nich wüßte, aber... Direktor. Nun, dann brauchen Sie auch weiter kein Aufhebens davon zu machen. Friebel. Aber, Herr Drekter, wenn ſie ſich ſo mit den Fäuſten traktieren. Direktor. Sind Sie niemals jung geweſen? Haben Sie nie gehört, daß ſich Kinder balgen müſſen? Friebel Na gut, mir ſoll's ſchon recht ſein. Direktor. Laſſen Sie di nun. Ich erwarte hier Herrn Oberlehrer Nuchs Wenn Sie ihn ſehen ſollten... Friebel(ſieht nach und ſagt. Hier kommt er grade. (Es klopft an die Mittelthüre. Friebel tritt vor dem in das Zimmer kommenden Fuchs bei Seite und geht mit einem neugierigen Seiten⸗ blick ab.) Zweiter Auftritt. Direktor Schmidt. Oberlehrer Fuchs. Fuchs(bleich, nervös). Sie haben mich zu ſprechen ge⸗ wünſcht, Herr Direktor. Direktor. Herr Oberlehrer, es ſind in der letzten Zeit wiederholt Klagen über Sie eingelaufen. Fuchs. Worauf beziehen ſich dieſe Klagen, Herr Direktor? Direktor. Auf die ungleichmäßige Behandlung, die Sie den Sohülern Ihrer Klaſſe angedeihen laſſen. Fuchs. Darf ich bitten, mir einen beſtimmten Fall an— zugeben, bei dem mich ein Vorwurf treffen würde? Direktor. Sie haben neulich einen Knaben, auf den der Verdacht gefallen war, einem Mitſchüler Geld wegge⸗ — 3— nommen zu haben, nach Schluß der Schule zurückbehalten, ihm die Taſchen umgekehrt und ſogar die Stiefel ausgezogen. Sie haben aber das Geld nicht gefunden. Der Penſions⸗ vater des Knaben hat ſich bei mir darüber beſchwert. Ich habe dem Mann nicht unrecht geben können. Wie kommen Sie dazu, mit dem Knaben eine ſo entehrende Unterſuchung vorzunehmen, ihn wie einen Verbrecher zu behandeln? Fuchs. Herr Direktor, dem Jungen konnte man ſo etwas wohl zutrauen. Direktor. Sie ſehen aber doch, daß ſich das Geld nicht bei ihm gefunden hat. Und um ein paar Pfennige auf einen ganz ungewiſſen Verdacht hin, einen Schüler wie einen Dieb zu behandeln! Ich kann Ihnen das nicht durchgehen laſſen, Herr Oberlehrer. Haben Sie mehr Achtung vor der Jugend. Wirkliche Ungezogenheiten werden bei mir immer geahndet. Ich will aber, daß den Schülern meiner Anſtalt ſo viel Freiheit bleibt, wie wir mit unſerem Gewiſſen als Lehrer verantworten können. Die Knaben ſollen ſich ſpäter mit Freuden an ihre Jugend erinnern. Fuchs. Ganz wie Sie wünſchen, Herr Direktor(vill gehen). Direktor. Das iſt nicht alles. Ich habe noch mehr mit Ihnen zu beſprechen. Ich muß es Ihnen ins Geſicht ſagen. Ich finde Sie, Herr Oberlehrer, beim Unterricht geradezu ungerecht und parteiiſch. Fuchs(erregt). Herr Direktor, ich muß doch ſehr bitten.. Direktor. Ich kann Ihnen das nicht erſparen. Ich höre von verſchiedenen Seiten, daß Sie die beiden Brands, obwohl es heillos ungezogene Jungen ſind, offenkundig bevorzugen. Fuchs. Stellen Sie mich den Denunzianten gegenüber. Ich möchte doch ſehen, wer die Stirne hat, ſo etwas zu behaupten. Direktor. Die Brands machen bei Ihnen in der Stunde, was ſie wollen. Fuchs. Das muß ich entſchieden beſtreiten. Direktor. Das dürfte Ihnen ſchwer fallen, Herr Ober⸗ lehrer. Ich bin zufällig ſelbſt Zeuge geweſen, wie die Knaben ſich während der Frühſtückspauſe dieſer Bevorzugung durch Sie laut rühmten und dabei ſagten:„Der Oberlehrer 1*⅔ — 4— Fuchs kommt ja faſt alle Tage zu uns ins Haus. Vor dem brauchen wir keine Angſt zu haben. Fuchs(verlegen). Ich bin mit der Familie Brand be⸗ freundet. Direktor. Das bringt mich auf den Punkt, den ich noch berühren muß, obwohl ich mich ſonſt in die Privat⸗ verhältniſſe meines Lehrerkollegiums grundſätzlich nicht miſche. Sie gingen vorige Woche mit Brands in das Klubkonzert? Fuchs(unruhig). Jawohl, Herr Direktor... ich... Direktor. Frau Brand verließ vor Schluß des Konzerts das Haus. Sie folgten ihr unmittelbar, Herr Oberlehrer. Fuchs. Ich ſah, daß Frau Brand mit einer Ohnmacht kämpfte.. Direktor. Wäre es da nicht natürlicher geweſen, wenn Herr Brand felbſt... Fuchs(ſchweigt). Direktor. Auf dem Rückwege haben Sie Frau Brand in Ihre Wohnung geführt... ich meine in Ihre eigene Wohnung, Herr Oberlehrer. Fuchs. Sie war in der That ſehr unwohl.(Aufwallend.) Ich kann wirklich niemand das Recht zugeſtehen.— Direktar. Mir iſt darüber von glaubwürdiger Seite und in den Ausdrücken höchſten Erſtaunens Mitteilung ge⸗ macht worden. Fuchs. Nun ja, ich leugne auch gar nicht. Direktor. Das Peinliche dabei iſt, die ganze Stadt er⸗ zählt ſich die Geſchichte und ſie wird mit allen möglichen Kommentaren und witzig ſein ſollenden Bemerkungen herum⸗ getragen. Fuchs. Das beunruhigt mich nicht. Direktor. Aber mich, Herr Oberlehrer. Unter ſolchen Klatſchgeſchichten leidet der gute Ruf meiner Anſtalt. Wir müſſen alles vermeiden, was ihnen Nahrung geben kann. Ich habe nicht zu beurteilen, wie weit Sie in Ihren freundſchaftlichen Beziehungen zur Familie Brand gehen dürfen. Wohl aber muß ich darauf ſehen, daß keiner meiner Lehrer in einen Stadtklatſch verwickelt und daß die Dis⸗ ziplin meiner Anſtalt in jedem Falle gewahrt wird. — 5— Ich muß das von Ihnen verlangen. Brechen Sie den Ver⸗ kehr mit der Familie Brand ab. Fuchs. Das kann ich nicht. „Direktor. Ich warne Sie auf das Alllerentſchiedenſte. Uber den Skandal kommen Sie nicht mehr hinweg. Fuchs. Ich kann nichts verſprechen, Herr Direktor. Direktor. Sie wollen nicht? Gut! So muß ich dem Provinzialſchulkollegium Anzeige machen. Fucs. Das würde an meinem Entſchluß nichts ändern, Herr Direktor. Direktor(heftig). Ich begreife Ihre Gleichgültigkeit nicht. Für mich iſt das ſehr wichtig. Sie wiſſen eben abſolut nicht, was Sie ihrem Berufe als Lehrer ſchuldig ſind. Ich erkläre Ihnen auf das Beſtimmteſte, der Verkehr mit Frau Brand iſt für Sie als Lehrer unſtatthaft. Können Sie den Weg nicht zurückfinden, ſo muß ich Ihre Verſetzung be— beantragen. Leben Sie wohl.(Fuchs in großer Erregung ab.) Dritter Auftritt. Direktor am Schreibtiſch. Händler Sonnenberg. Sonnenberg(tritt ins Zimmer, der Direktor bemerkt ihn nicht. Sonnenberg fängt an zu huſten). Direktor. Wer iſt da? Sind Sie es, Friebel? Sonnenberg. Nein, ich bin es, Herr Direktor. Sie kennen mich ja wohl. Sonnenberg iſt mein Name. Direktor. Jawohl, Herr Sonnenberg, aber...(auf ſeine Arbeit deutend). Sonnenberg. Entſchuldigen Sie nur, daß ich Ihnen ſo ins Zimmer geplatzt bin. Aber es war draußen niemand. Wenn ich auch ein einfacher Händler bin, ich weiß doch, was ich dem Direktor meines Jungen und einem ſo ge⸗ lehrten Mann wie Ihnen ſchuldig bin. Direktor. Was wiſſen Sie denn von meiner Gelehr⸗ ſamkeit? Sonnenberg Gieht eine Zeitung aus der Taſche). Sehr viel. Aus der Zeitung. Hier ſteht's drinne. Dacht ichs doch, Sie haben es nicht geleſen. Immer arbeiten und wieder — 6— arbeiten. Wenn ich von der Kneipe nach Hauſe komme, ſehe ich in Ihrem Zimmer ſchon Licht. Direktor. Ich pflege im Sommer und Winter um vier Uhr aufzuſtehen. Aber was meinten Sie denn eigentlich? Sonnenberg. Na, ich habe Ihnen das Zeitungsblatt mitge⸗ bracht. Da ſteht's drin. Sie waren neulich in Berlin und haben ſo'n großes Buch über den Shakespeare geſchrieben. Da werden Sie wohl'ne Stange Gold verdienen. Direktor. Nein, mein lieber Herr Sonnenberg, ſo ängſtlich iſt es damit nicht. Was die Zeitungsſchreiber auch alles herausbekommen! Ich war allerdings verreiſt, aber ich habe mit niemand über den Zweck meiner Reiſe geſprochen. Nun, das iſt aber doch nicht alles, was Sie mir mitzuteilen haben. Sonnenberg. Ganz recht, Herr Direktor. Ich komme eigentlich wegen meines Jungen. Sie wiſſen ja, ich habe Ihnen drei aufs Gymnaſium geſchickt. Direktor. Ja, ja. Die beiden älteſten ſind jetzt bei Ihnen im Geſchäft nicht wahr? Sonnenberg. J Gott bewahre. Der älteſte, was der Hugo iſt, dient bei die Huſaren. Koſtet mir ein Heidengeld, Herr Direktor. Direktor. Das kann ich mir denken. Sonnenberg. Der zweite ſpielt in Hamburg den Volontär.. Direktor. Und den dritten wollen Sie jetzt aus der Schule nehmen. Sonnenberg. Ja, wenn das nur ſo gänge. Aber der Einjährige, Herr Direktor... Direktor. Wie ſteht's damit? Sonnenberg. Montag kommt der Junge jammernd nach Hauſe. Rührt keinen Biſſen an. Meiner Schwieger⸗ mutter laufen die hellen Thränen über die Backen. Meine Schwiegermutter iſt nämlich— Direktor. Aber Herr Sonnenberg... Sonnenberg.„Was haſt De denn?“ frag ich Paulen. „Vater,“ heult er,„ich werde nich verſetzt.“„So,“ ſag' ich,„wer ſagt das?“„Der Herr Oberlehrer Becker,“ brüllt er,„weil ich im Lateiniſchen zu ſchwach bin.“ — 5 Direktor. Ja, da läßt ſich jetzt doch nichts mehr thun. Sonnenberg. Herr Direktor, der Junge iſt aber nich dumm. Direktor. Um ſo ſchlimmer, wenn er ſeine Pflicht nicht gethan hat. Sonnenberg. Meine Frau ſtammt aus einer gebildeten Regiſtratorfamilie. Sie hat ihm alle Vokabeln abgehört. Direktor. Ich werde mich bei der Lehrerkonferenz er⸗ kundigen, wo es bei Ihrem Sohne hapert, Herr Sonnen⸗ berg. Sonnenberg. Und ſchließlich das olle eklige Latein. Es reformelt doch auch bei Ihnen von wegen der lateiniſchen Exerzitien. Direktor. Das laſſen Sie wohl uns Lehrer beurteilen. Sonnenberg. Ich meine ja man bloß. Der Junge braucht in ſeinem ganzen Leben keine lateiniſchen Vokabeln. Direktor. Das hätten Sie ſich früher überlegen ſollen. Warum haben Sie Ihren Sohn nicht in die Volksſchule geſchickt? Sonnenberg(vehmütig). Wie können Sie mir ſo be⸗ leidigen, Herr Direktor. Ich meinen Sohn in die Volks⸗ ſchule unters Proletenpack? Nee, Herr Direktor. Lieber ein verkommener Gymnaſiaſte als ein ungebildeter Volks⸗ ſchüler. Direktor. Ich weiß wirklich nicht, was Sie jetzt noch vor der Verſetzung von mir wollen. Sonnenberg. Wenn der Junge ſitzen bleibt, Herr Direktor, meine Schwiegermutter überlebt's nich— ſag' ich Ihnen. Direktor. Das ſollte mir leid thun. Aber ich kann nicht einſehen, woher das große Unglück kommen ſoll, wenn Ihr Sohn ein Jahr zurückbleibt. Sonnenberg. Aber ich ſage Ihnen— es giebt einen Riß in mein ganzes Familienleben. Direktor. Dafür können Sie doch die Schule nicht verantwortlich machen. Sonnenberg udringlich bittend). Sie werden doch ſehen, was Sie thun können. So'n geſcheiter Mann und die vielen Bücher! Ich habe einen Verwandten. Der war Ihr — 8— Schüler. Der ſagt immer:„Der Direktor Schmidt ſchafft ſich den Gehorſam mit den Ang gen,“ hat er geſagt. Direktor. Wenn das der Fall wäre, hätten Sie mir ſchon längſt anſehen müſſen, daß meine Zeit koſtbar iſt. Ich werde die Sache im Auge behalten. Sonnenberg. Ich verſtehe den leiſeſten Wink und gehe ja ſchon. Alſo vergeſſen Sie meinen Paul nicht, Herr Direktor. Und nun Adieu und danke auch vielmals. Vierter Auftritt. Direktor(allein). Nachher Friebel. Direktor(ſtützt den Kopf in die Hand). Friebel. Herr Drekter. Direktor. Was wollen Sie, Friebel? Friebel. Es iſt jemand draußen, der Sie— Direktor. Schon wieder! Aber Sie wiſſen doch, ich will jetzt nicht geſtört ſein. Friebel. Ja aber.. Direktor. Ich muß mir ausbitten, daß meine Sprech⸗ ſtunde nachmittags zwiſchen vier und fünf Uhr einge⸗ halten wird. Merken Sie ſich das, Friebel. Halten Sie mir jeden unnützen Beſuch vom Leibe. Ich bin ſchon vorher geſtört worden. Wer iſt denn jetzt wieder da?— Friebel. Es iſt eine Dame, Herr Drekter— in Schul⸗ angelegenheiten. Direktor. Ich kann auch darauf keine Rückſicht nehmen. (ſtreng.) Hören Sie auf das, was ich Ihnen ſage. Friebel. Das thue ich ja. Aber wie ich ihr ſagte, der Herr Direktor ſind nicht zu ſprechen, traten ihr die hellen Thränen in die Augen. Und da that ſie mir ſo leid. Ich konnte wirklich nich— Direktor. Wie iſt denn der Name. Friebel. Den hat ſie mir nicht geſagt. Direktor. Nun meinetwegen, laſſen Sie die Dame eintreten.(Klappt ungeduldig das Manuſkript zu und geht mit langen Schritten im Zimmer auf und ab.) Friebel(geht ab, gleich darauf tritt Frau Tillmann ein). Fünfter Auftritt. Direktor. Frau Tillmann. Frau Tillmann(ſchöne edle Erſcheinung mit Zügen ſchweren Kummers, ſehr einfach, aber mit Geſchmack gekleidet). Verzeihen Sie, Herr Direktor. Ich habe es verſäumt, mich vorher nach Ihrer Sprechſtunde zu erkundigen. Direktor. Bei meiner großen Anſtalt muß ich auf ge⸗ naue Zeiteinteilung halten. Es treten ſo viele Wünſche an mich heran. Womit kann ich Ihnen dienen, gnädige Frau? Frau Tillmann. Ich war bereits in der vorigen Woche einmal hier, aber der Schuldiener. ſagte mir, Sie ſeien verreiſt.— Direktor. Ach ſo— Sie ſind— ich erinnere mich— Ihr Name iſt— Frau Tillmann. Frau Tillmann. Direktor. Der Ordinarius hat mir bereits von Ihrem Sohn Robert geſprochen. Denn um ihn handelt es ſich ja wohl, nicht wahr? Frau Tillmann. Jawohl, Herr Direktor. Direktor. Wollen Sie nicht einen Augenblick Platz nehmen, damit wir die Angelegenheit ſchnell erledigen können? Bitte.(Auf das Sofa zeigend.) Frau Tillmann. Ich möchte Sie um Rat fragen, Herr Direktor, meines Kindes wegen. Ich möchte mich dabei nicht allein an den Leiter der Anſtalt, ſondern ebenſo ſehr an den edlen hilfsbereiten Menſchenfreund wenden. Meine traurige Lage mag Ihnen als Entſchuldigung dienen. Direktor. Sie ſind Witwe, gnädige Frau? Fran Tillmann. Seit zwei Jahren. Ich ſtehe mit meinem Kinde völlig allein. Direktor. Das thut mir aufrichtig leid. Aber ich weiß noch immer nicht. Der Ordinarius ſagte mir, daß Robert ſo leidlich mitkommt. Hat er ſich etwa wider Erwarten doch etwas zu Schulden kommen laſſen? Frau Tillmann. O nein, Herr Direktor. Robert iſt ein durchaus gutgearteter Knabe. Und trotzdem macht er mir ernſtliche Sorgen. Ich befinde mich in einer verhängnis⸗ vollen, ja für eine Mutter entſetzlichen und unerträglichen Lage. Ich verſtehe mein eigen Fleiſch und Blut nicht. Ich fürchte, ich bin nicht mehr imſtande, mein Kind auf dem rechten Wege vorwärts zu bringen. Ich bin ſo ſchwach und hilfsbedürftig, daß ich...(mit Thränen in den Augen und in der Stimme) Verzeihen Sie einem geängſtigten Mutter⸗ herzen, wenn es ſich nicht beherrſchen kann... 3 Direktor. Faſſen Sie ſich, gnädige Frau— ich bitte Sie— Frau Tillmann. Der entſetzliche Tod meines Mannes— Sie werden davon gehört haben— Direktor. Ich bin erſt ein Jahr im Amt. Ich weiß nicht, was Sie meinen. Frau Tillmann. Dann erlaſſen Sie mir, davon zu ſprechen. Die bloße Erinnerung daran regt mich auf und macht es mir ſchwer, meine Faſſung zu bewahren. Direktor. Sie können immerhin frei und offen mit mir ſprechen. Frau Tillmann. Das Unglück, das mich damals be⸗ troffen hatte, war die Urſache einer ſchweren Krankheit, von der ich mich erſt ſeit wenigen Wochen zu erholen begonnen habe. Während dieſer Zeit war mein Sohn Robert in einer Penſion in Stettin und dort iſt er ganz ſich ſelbſt über⸗ laſſen geblieben. Direktor. Nun, man kann auch in Stettin etwas Tüchtiges lernen. Frau Tillmann. Gewiß. Aber ich kann meinem Kinde ſeitdem nicht in die Augen ſehen, ohne daß mich der Ge⸗ danke beſchleicht, er könnte auf Abwege geraten, mir wohl gar einmal Schande machen. Das iſt die Angſt, die mich nicht mehr losläßt und die mich zu Ihnen treibt. Helfen Sie mir, Herr Direktor, ich flehe Sie aus dem Grunde meines Herzens an. Direktor. Sie ſind aufgeregt, gnädige Frau und ſehen Geſpenſter am hellen Tage. Soll ich Ihnen meine offene Meinung über Robert ſagen? Frau Tillmann. Ich bitte Sie darum. Direktor. Robert iſt offenbar ein gut veranlagter Knabe. Er hat mir ſogar ein paarmal in der Stunde Antworten gegeben, über die ich mich aufrichtig gefreut habe und die auf eine eigentümliche, wenn auch nicht leicht zu erkennende — 11— Geiſtesanlage ſchließen laſſen. Man möchte ihm im ſpäteren Leben etwas Tüchtiges zutrauen. Was uns Lehrern aber an ihm gründlich mißfällt, iſt ſein merkwürdig ſcheues Weſen. Hat man mit ihm zu thun, ſo gewinnt man den Eindruck, daß er— niemand weiß allerdings aus welchem Grund— kein gutes Gewiſſen habe. Sollte er trotz Ihrer Aufſicht auf verbotenen Wegen wandeln? Frau Tillmann. O, nein! Noch kann ich dafür ein⸗ ſtehen, daß die Seele meines Robert von etwas wirklich Böſem nichts weiß. Aber es iſt mir manchmal, als ob ich ihn eines Tages verlieren müßte und zwar für immer. Direktor. Ich verſtehe Sie nicht ganz, gnädige Frau. Was uns Lehrer betrifft, ſo können wir im Weſentlichen nur für die geiſtige Ausbildung der uns anvertrauten Schüler einſtehen. Die Charakterbildung iſt Sache des Hauſes und ſpäter des praktiſchen Lebens. Frau Tillmann. Ich ſagte Ihnen bereits, daß ich ganz allein ſtehe und leider nicht die Kraft in mir ſpüre den Knaben zu leiten. Grade deshalb wollte ich Ihren Rat erbitten. Direktor. Hm, hm. Sie haben außer Robert keine Kinder? b Frau Tillmann. Nein. Direktor. Meine Kollegen können ſich noch ganz genau erinnern, Robert war früher ausgelaſſen luſtig. Das iſt alles vorbei ſeit etwa— nun ich möchte ſagen... Frau Tillmann. Seit dem Tode meines Mannes oder doch bald darauf. Seitdem laſtet ein ängſtlicher Druck auf dem Gemüt des Knaben. Direktor. Robert iſt mir in Wahrheit ein Rätſel. Frau Tillmann Gögernd). Ich könnte Ihnen den Schlüſſel dazu geben. Direktor. Da bin ich wirklich geſpannt, gnädige Frau. Frau Tillmann. Wenn Sie wüßten, wie ſchwer es mir wird, Ihnen alles zu ſagen. 1 Direktor. Ich bitte Sie, ſeien Sie ganz offen. Frau Tillmann(kämpft mit ſich, in heftiger Erregung aufſtehend). Ich will ſprechen, für meinen Sohn. Sie ſollen alles er⸗ fahren. Eines Tages kam Robert bleich und verſtört nach Hauſe. Es war nichts aus ihm herauszubringen. Den ganzen Tag brütete er in verhaltener Wut vor ſich hin. — 12— Erſt am Abend gelang es mir, ihn durch ernſten Zuſpruch zum Reden zu bringen. Die Schüler ſeiner Klaſſe hatten nach Studentenart eine Verbindung ins Leben gerufen. Sie hielten Zuſammenkünfte ab und trugen ſtudentiſche Abzeichen. Direktor. Ich weiß, dergleichen Verbindungen beſtehen im Geheimen noch immer, ſo ſehr ich auch bemüht bin, ſie auszurotten. Frau Tillmann. Robert hatte ſich zur Aufnahme in Schülerverbindung gemeldet. Aber man wies ihn zurück. Direktor. Wann war das, gnädige Frau? Frau Tillmann. Ich vergeſſe es nicht. Oſtern werden es zwei Jahre. Direktor. Ich war damals noch nicht hier. Warum wies man denn Ihren Sohn zurück? Frau Tillmann. Weil man ihn dieſer Ehre, wie es ſeine Mitſchüler nannten, nicht für würdig hielt. Direktor. Nun, das mußten Sie doch eigentlich von der humoriſtiſchen Seite nehmen. Frau Tillmann. Keineswegs, Herr Direktor. Direktor Die Sache hatte alſo doch wohl einen Haken. Frau Tillmann(in großer Bewegung, die Worte mühſam und langſam hervorpreſſend). Ja, Herr Direktor. Seine Mitſchüler ſagten ihm, Dein Vater hat als Beamter die Kaſſe ge⸗ plündert. Er hat ſich im Gefängnis das Leben genommen. Was will der Sohn des Zuchthäuslers unter uns?(Sie bricht in Thränen aus). Direktor. Und Sie haben dieſen empörenden Vorgang nicht ſofort zur Anzeige gebracht? Frau Tillmann(in tieſſter Bewegung). O mein Gott. Ich konnte ja nicht. Was ſie meinem armen Kinde ins Antlitz ſchleuderten, beruhte auf Wahrheit.(Setz ſich.) Direktor(Schweigt einen Augenblick beſtürzt). Das war mir ganz unbekannt. Frau Tillmann ſſchluchzt krampfhaft). Direktor(geht unruhig auf und nieder). Frau Tillmann. Bis dahin hatte ich es ihm verſchwiegen. Ich wußte freilich, daß er es einmal erfahren würde. Vor dieſem Augenblick zitterte ich. Als er nun doch kam, war ich ganz hilflos.. di ◻ — 13— Direktor. Sie verſuchten Ihren Sohn zu beruhigen? Frau Tillmann. Jawohl, aber vergebens. Damals gab ich ihn nach Stettin. Direktor. Unter dieſen Umſtänden hätten Sie ihn beſſer bei ſich behalten. Frau Tillmann. Ich ſagte Ihnen ſchon, Herr Direktor, ich war ſchwer krank, ich konnte mich um meinen Sohn gar⸗ nicht kümmern. Direktor. Ja, nun iſt mir alles klar. Ihr Sohn leidet gewiß unſäglich unter dieſem Gefühl. Frau Tillmann. Sie können ſich denken. Er iſt un⸗ glücklich und verbittert wie ſeine Mutter. Ich habe lange geſchwiegen. Aber nun mußte ich meinem gepreßten Herzen Luft machen. Wenn Sie wüßten, wie wohl es thut, ſein Leid ausſprechen zu dürfen. Direktor. Allerdings, Sie mußten endlich ſprechen. Sie hätten damit gar nicht ſo lange warten ſollen. Frau Tillmann Aber ich komme mir ja wie ausge⸗ ſtoßen aus der Geſellſchaft vor. Direktor(voll tiefen Mitgefühls). Sie hatten niemand— niemand, der Ihnen zur Seite ſtand? Frau Tillmann. Keine Seele, der ich ein Wort anvertrauen konnte. Und ſchuldlos verdammt. Ich kam jung und unerfahren hierher. Ich war noch nicht acht⸗ zehn Jahre, als ich mich verheiratete. Das Gehalt meines Mannes reichte nicht hin, ſeine Ausgaben zu decken. Er ſpielte an der Börſe. Seitdem war es mit unſerem häus⸗ lichen Frieden zu Ende. Um ſeine Verbindlichkeiten zu er⸗ füllen, vergriff er ſich an fremden Geldern. Ich ſelbſt hatte von alledem nicht die geringſte Ahnung. Mein Mann hielt mich über dergleichen Angelegenheiten in völliger Unkenntnis. Dann kam die Kataſtrophe. Aus dem Zuſammenbruch rettete ich nur unſer kleines Haus. Ich lebe vom Ertrag der Mieten. Lieber Gott, ich habe ſo viele Demütigungen erlitten. Aber ich ertrug ſie für mein Kind. Der Geſellſchaft zum Trotz wollte ich es zum anſtändigen Menſchen erziehen. Direktor. Darin muß Sie jeder gute Menſch unterſtützen. Fran Tillmann(zweifelnd). Herr Direktor, giebt es wirk⸗ lich gute Menſchen? — 14— Direktor ſieht ſie gütig, aber ernſt an). Ich hoffe doch. Iſt Ihr Sohn von ſeinen Schulkameraden wieder gekränkt worden, ſeit er von Stettin zurück iſt? Frau Tillmann. Geſagt hat er nichts. Aber ich fürchte faſt, es iſt geſchehen. Er iſt verſchloſſener und in ſich ge⸗ kehrter als je. Direktor. Haben ſie denn gar keinen Einfluß auf ihn? Frau Tillmann. Leider ſehr wenig. Und das bedrückt mich ſo ſehr. Dann quält mich oft der Gedanke, ein furcht— barer Gedanke, den ich garnicht auszuſprechen wage.(Sie ſcockt.) Direktor. Liebe Frau Tillmann, wenn ich Ihnen helfen ſoll— und ich möchte Ihnen gern helfen— ſo müſſen Sie mir alles bekennen, alles erklären— alles. Ich kann Ihnen nichts erſparen. Frau Tillmann. Es giebt Stunden und Tage, an denen ich meinen Sohn, ohne daß er es weiß, beobachte, den Blick ſtreng auf ihn gerichtet halte, dem Klang ſeiner Stimme lauſche, den ſeltſamen Gang ſeiner Gedanken verfolge. Dann iſt es mir oft, als ob ich Züge ſeines Vaters in ihm ent⸗ decke, die nichts Gutes verheißen. O, Sie wiſſen nicht, wie unglücklich mich dieſe Entdeckung macht. Direktor(beſtimmt). Sie dürfen ſolche Vermutungen unter keiner Bedingung in ſich aufkommen laſſen. Frau Tillmann. Glauben Sie deshalb nicht, daß mich das ungerecht gegen ihn macht. Direktor. Seien Sie ganz ruhig. Ich bin nicht macht⸗ los Ihnen zu nützen. Ich werde meine Maßregeln treffen. Niemand hat das Recht, ihren Sohn zu verſpotten. Niemand, ſage ich Ihnen. Und wehe dem, der es dennoch wagt. Ich bedaure nur, daß Sie nicht früher zu mir gekommen ſind. Frau Tillmann(warm und gerührt). Ich bin Ihnen ſo dankbar. Es iſt das erſte gute Wort, das ich nach langer, langer Zeit höre. Direktor(mit ſchlichter Empfindung). Und hoffentlich nicht das letzte. Ihr Sohn muß wieder Vertrauen zu ſeiner Um⸗ gebung gewinnen. Frau Tillmann. Ja, das fehlt ihm. Er fühlt ſich unter ſeinen Kameraden nicht ſicher. Zu Hauſe hat er nur mich. Aber Jugend braucht doch Jugend. Der einzige Verkehr, den er noch unterhält, der einzige dem er ſich allenfalls anſchließt, iſt der junge Sonnenberg. Direktor. Der Sohn des Händlers Sonnenberg? Frau Tillmann. Jawohl. Direktor. Ich weiß nicht, ob das der rechte Umgang für Ihren Sohn iſt. Frau Tillmann. Er hat eben keinen andern. Sonſt kann ich mich nicht erinnern, daß er je einen andern Bekannten mit nach Hauſe gebracht hätte. Direktor. In der That— Sie haben ganz recht. Hier muß etwas geſchehen. Wenn man es richtig anfaßt— ich bin überzeugt, man würde einen ganz anderen Menſchen aus ihm machen. Frau Tillmann. Das wäre mein größtes Glück, Herr Direktor. An Roberts Zukunft liegt für mich ja alles. Mein Schickſal iſt an das ſeinige unauflöslich geknüpft. Direktor. Sie ſind die Mutter. Aber ihr Sohn iſt ja auch meiner Obhut anvertraut. Wir ſind daher gewiſſer⸗ maßen Verbündete. Nicht wahr? Frau Tillmann. Sie können ſich nicht denken, wie ſchwer mir der Gang zu Ihnen geworden iſt. Hätte ich geahnt, daß mir hier ein Ratgeber in der Not erſtehen würde. Direktor. Sie haben ſich nicht nur an den Direktor, ſondern auch an den Menſchen in mir gewendet und da möchte ich Ihnen die Antwort nicht ſchuldig bleiben. Ich möchte Ihren Sohn kennen lernen, ich meine in ſeiner eigenſten Umgebung, bei Ihnen. Frau Tillmann(wie ungläubig zum Direktor emporblickend, dann freudig betroffen). Sie wollen zu ihm, zu uns kommen? O, er verdient es, Herr Direktor, denn er liebt Sie. Aber ich kann es noch immer nicht faſſen, Sie wollten— Soviel Güte! Dank, tauſend Dank! Direktor. Leben Sie wohl. Sie werden von mir hören.(Frau Tillmann ab.) Direktor. Merkwürdig! Man lernt im Leben nie— mals aus! (Vorhang fällt) Zweiter Aufzug. Erſter Auftritt. (Wohnung der Frau Tillmann. Ganz einfach möbliertes Zimmer. Rechts Tiſch. Davor drei Stühle aus Rohr geflochten. Links kleiner Mahagonitiſch. Zwei Puffs⸗Sofa. An den Wänden einige Kupferſtiche. Schwarzwälder Uhr. An der Wand rechts ein verſchließbarer Wand⸗ ſchrank, worin Robert Tillmann ſeinen Werkzeugkaſten aufbewahrt. Haupteingang durch die Mitte. Thür links. Robert Tillmann, Paul Sonnenberg*) am Tiſche rechts. Vor ihnen eine ziemlich große Elektriſiermaſchine, eine Leydener Flaſche, ſowie der Werkzeug⸗ kaſten. Auf dem Tiſche liegen Werkzeuge umher.) Robert. Nun wäre die Geſchichte in Ordnung. Du ſollſt mal ſehen, wenn ich jetzt die Kurbel in Bewegung ſetze, haben wir den ſchönſten elektriſchen Strom. Paul. Männeken, Du flunkerſt. Robert. Na, paß nur auf. (Dreht eine Weile die Kurbel und macht dabei ein verdrießliches Geſicht.) Paul. Aha, ſiehſt Du, es iſt doch nichts. Ich habe es Dir ja gleich geſagt. Robert. Halt, jetzt weiß ich, woran's liegt. Der Draht iſt mir dazwiſchen gekommen und hat die Iſolierung un⸗ wirkſam gemacht. Das wollen wir gleich in Ordnung bringen. (dreht wieder). So, ſo. Siehſt Du, wie jetzt die Funken über⸗ ſpringen? *) Die Verfaſſer legen den größten Wert darauf, daß die beiden Knabenrollen in keinem Fall von Damen, ſondern unbedingt nur von Herrn dargeſtellt werden. — 17— Paul. Wirklich famos, großartig! Robert. Du ſollſt mal ſeh'n, wie ſich die Elektrizität hier in der Leydener Flaſche angeſammelt hat. Halt mal den Finger an dieſen Knopf. Paul(hält den Finger an den Knopf der Leydener Flaſche und ſchreit laut auf). Au! Donnerwetter. Das geht einem aber durch Mark und Bein. Robert. Wer hat alſo ſchließlich doch recht behalten? Aber Geduld und Ausdauer muß man haben, wenn man zum Ziele kommen will. Paul. Und ganz allein haſt Du das Wunderwerk fertig bekommen? Robert. Ganz gewiß! Das heißt ein paar Kleinig⸗ keiten hat mir der Tiſchler hier nebenan gemacht. Die hätten mich zu lange aufgehalten. Alles Uebrige iſt mein Werk. Paul. Alle Achtung. Ich dachte zuerſt, es wäre ein altes Familienerbſtück, das Du aus Stettin mitgebracht haſt. Robert. Wie ſollte mein verſtorbener Onkel wohl zu einer Elektriſiermaſchine kommen? Paul. Robert, weißt Du was? Das Ding mußt Du mir leihen, wenn ich mein Abſchiedsfäßchen gebe. Damit ziehe ich'ne große Nummer ab. Robert. So'ne Idee! Haſt Du denn den Einjährigen ſchon in der Taſche? Paul. Nee, aber mein Alter war beim Direktor. Robert. Das wird Dir verflucht wenig helfen. Paul. Erſt abwarten, mein Vater ſteht gut mit dem Direktor. Robert. Wenn ich Direktor wäre, ich würde alle Väter zur Thür hinauswerfen, die vor der Verſetzung um gut Wetter bitten. Paul. Hoho! Robert. Was wollte denn Dein Alter beim Direktor? Dich durchdrücken! Doch weiter nichts. Paul. Ja, wozu ſind denn die Alten da? Robert. Kerl, Du haſt doch keinen Funken Ehrgefühl im Leibe. Paul. Ehrgefühl? Mumpitz! Zabel und Bock, Der Gymnaſialdirektor. 2 18— Robert. Zum Kuckuck, ich bin auch penalmüde.(Macht eine Bewegung nach dem Mund) Bis hierher ſteht mir der faule Zauber. Paul. Siehſte wol, da kimmt er! Robert. Aber dem Direktor um den Bart gehen! Lieber blieb ich dreimal hinter einander ſitzen. Paul Laß mich nur erſt aus dem Tempel draußen ſein. Dann ſollt Ihr was erleben. Robert. Warum nicht? Du kannſt es noch zu was bringen. Paul. Verlaß Dich drauf, mein Sohn. Robert. Du willſt nach Hamburg? Paul. Wenn ich den Einjährigen hinter mir habe— staute pede. Robert. Und dann fängſt Du wohl zu handeln an, Schacherſeele? Paul. Na, zunächſt wird natürlich gebummelt. Und der Schmerz für meinen Alten! Er kann mich nicht mehr ſo kurz halten. Robert. Du brauchſt Dich doch wahrhaftig nicht zu beklagen. Paul. So? Mein Alter giebt mir keinen Pfennig Taſchengeld. Robert. Lüg' nicht! Du haſt ja immer den Sack voll Moneten. Paul. Sehr einfach! Ich mauſe es meinem Alten. Robert lerſchrocken). Was, Du ſtiehlſt? Paul. Du wohl nicht, agnus dei? Robert. Gemeiner Kerl. Nein! Gewiß und wahr⸗ haftig nicht. Paul. Womit bezahlſt Du denn Deine Seidel bei Brinkmeier? Robert. Ich bekomme von meiner Mutter Taſchengeld, verſtehſt Du wohl? Paul. Das iſt klaſſiſch. Na, dann brauchſt Du ihr natürlich nichts zu nehmen. Robert. Und wenn ich keins bekäme, ſtehlen würde ich es ihr trotzdem nicht. Paul. Ach Gott, hab' Dich doch nicht ſo. Wir wiſſen ja. Robert. Was weißt Du? — 19— Paul. Du verſtehſt mich ganz gut. Robert. Ich will wiſſen, was Du meinſt. Paul. Na, daß es mit der Ehrlichkeit bei Euch auch nicht ſo weit her iſt. Robert. Unverſchämter Bengel! Paul. Na und der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm! Robert. Wirſt Du das gleich zurücknehmen? Paul. Ach halt Dein Maul, Robert. Robert. Ich frage Dich nochmal, willſt Du das gleich zurücknehmen? Paul. Ich denke nicht daran. Robert(ſtürzt auf Paul, packt ihn bei der Kehle, ſo daß dieſer ſofort in die Kniee ſinkt). Was unterſtehſt Du Dich, Unverſchämter? Paul(ängſtlich bittend). Laß mich doch los, Tillmann. Robert(außer ſich). Nimm's zurück oder ich ſchlage Dich tot. Paul ſfeige). Ja doch! Laß mich nur los! Robert. Diesmal kannſt Du von Glück ſagen, daß Du noch mit heiler Haut davonkommſt. Paul lſich vor Schmerz ſchüttelnd). Du biſt ja wie ein Ver⸗ rückter. Es war doch Spaß. Aber es iſt ja kein Wunder, wenn das ganze Jahr kein Menſch auf Deine Bude kommt! Robert. Hab' ich Dich etwa gerufen? Panl. Einen ſo anzufallen— Kaffer. Robert. Iſt Dir ganz geſund! Das nächſte Mal kannſt Du Dir Deine Knochen zuſammenſuchen. Paul. Pſt! Deine Alte! Rede keinen Ton. Zweiter Auftritt. Die Vorigen. Frau Tillmann. Frau Tillmann(legt Hut und Mantel ab, hängt beides an einen Haken). Guten Abend, Ihr Jungen! Paul(geht Frau Tillmann entgegen und reicht ihr mit freundlichem Geſicht, als ob garnichts geſchehen wäre, die Hand). Guten Tag! Frau Tillmann(erblickt den umgeworfenen Stuhl). Ihr ſeht ja ſo verwildert aus. Heb' den Stuhl auf!(Robert hebt den Stuhl auf). 2*† — 20— Paul. Ach, garnichts. Frau Tillmann. Was habt Ihr denn den Nachmittag über gemacht? Paul. Robert hat mir ſeine Elektriſiermaſchine gezeigt. Und da haben wir uns was erzählt. Frau Tillmann(zu Pauh). Aber wie Du ausſiehſt, Paul, Dein Hemdkragen iſt ja ganz zerknittert. Was habt Ihr nur gemacht? Paul. Ach Gott, Robert wollte mir nur was zeigen. Und da bin ich ausgeglitten und hingeſchlagen. Robert. Das iſt gelogen. Es war etwas ganz anderes. Frau Tillmann. Was hat es denn gegeben? Paul. Es war wegen der Schularbeiten. Da haben wir uns geſtritten.(Leiſe zu Robert.) Halt doch Dein Maul. Robert. Du kannſt den Mund nicht aufmachen, ohne zu lügen. Frau Tillmann. Kinder! Kinder, ſeid doch vernünftig. Ihr habt gewiß viel zu arbeiten? Paul. Ich mache überhaupt keine Präparationen. Robert. Na, wer’s glaubt. Renommiere nur nicht! Paul. Wozu hätten wir denn unſere Verſionen? Robert. Da kämſt Du bei uns hübſch an. Frau Tillmann. Was leſt Ihr denn jetzt im Lateiniſchen? Paul. Cicero. De imperio Gnei Pompeji bei Pro⸗ feſſor Becker. Robert. Das haben wir auch bei ihm auf der Sekunda gehabt. Paul. Natürlich, er rappelt das ſeit fünfundzwanzig Jahren herunter. Darum braucht er auch ſelbſt nichts mehr zu arbeiten. Frau Tillmann. Aber Paul, wie kann man ſo von ſeinen Lehrern ſprechen!(Nimmt eine Handarbeit vor.) Paul. Es iſt doch die reine Wahrheit. Robert. Was habt Ihr jetzt im Griechiſchen? Paul. Xenophon— die elende Anabaſis beim Profeſſor Hippler. Robert. Na, Du kommſt ja jetzt aus dem Penal. Da werden Dir die übrigen alten Herren geſchenkt. Paul. Ich danke auch ſehr für ihre Bekanntſchaft. — 214— Robert. Ja, es iſt zum Tollwerden. Bei uns exiſtiert liberhaupt nur Latein und Griechiſch und Griechiſch und Latein. Ich haſſe das Zeug. Mir müſſen ſie jeden Brocken abtrotzen. Frau Tillmann. Es ſcheint mir überhaupt, lieber Paul, als ob Dich garnichts mehr intereſſiere. Paul. Grade ſo wie Robert. Robert. Da irrſt Du Dich aber gewaltig. Aus den Klaſſikern mache ich mir allerdings verdammt wenig. Aber Phyſik und Chemie— die intereſſieren mich ungeheuer. Paul Und Du willſt Pfaffe werden— was? Frau Tillmann. Wie kommſt Du nur auf den Ge⸗ danken. Paul. Na, ich meinte nur ſo, weil er immer zu Hauſe ſitzt und mit keinem Menſchen verkehrt. Robert. Elektrotechniker werde ich. Frau Tillmann. Wie Du nur ſprichſt! Paul. Wozu läßt Du Dir denn den klaſſiſchen Blöd⸗ ſinn eintrichtern? Robert. Das iſt mir ſelber unklar. Paul. Donnerwetter! Ich an Deiner Stelle! Ich würde nach Amerika gehen auf und davon zu Ediſon und ſelbſt große Entdeckungen machen. Robert. Du haſt gut ſchwatzen. Und meine Mutter? Paul. Ach ſo, na das iſt Anſichtsſache. Um mich kümmert ſich zu Hauſe kein Menſch. Wurſt wieder Wurſt, ſage ich. Und erſt komme ich. Dann kommen meine Alten noch lange nicht. Robert. Du biſt ja ein nettes Pflänzchen. Ich ſitze meine Zeit auf dem Penal ab. Das weitere wird ſich finden. Paul. Schade um die ſchöne Zeit. Und ein Kerl wie u Robert. Na bitte, laß das. Paul. Weiß Gott, ſchade um Dich, Tillmann. Frau Tillmann(hat das Geſpräch der beiden Knaben mit wachſender Spannung belauſcht). Jetzt erſt verſteh' ich den Direktor. Dieſer Sonnenberg! Es iſt hohe Zeit, daß ich ihn aus dem Haus ſchaffe.(Laut.) Sag' mal, Paul, was habt Ihr denn geſtern wieder für einen Skandal gehabt? — 22— Paul. Woher wiſſen Sie denn das, Frau Tillmann? Frau Tillmann. Ich ging, gerade als ich vom Markt kam, an Eurem Klaſſenzimmer vorbei. Ihr habt ja ſo ge⸗ brüllt, daß man es zwei Stunden weit hören konnte. Paul. Es war eine großartige Sache. Ich habe zwei Mäuſe mit in den Cicero gebracht. 3 Robert(lacht). Ausgezeichnet. Paul. Ich ſage Dir, ein Hauptgaudium. Wie unſer Profeſſor Becker in die Klaſſe kommt, iſt alles mäuschenſtill. Robert. Das kommt bei Euch ſelten vor. Paul. Auf einmal ſchießt eine Maus am Katheder vorbei. Und gleich darauf noch eine. Und da ruft alles: Herr Profeſſor, Mäuſe. Unſer Becker kocht vor Wut. Aber er hat Angſt vor Mäuſen. Natürlich geht er keinen Schritt vom Katheder herunter.„Mein Gott, mein Gott!“ ruft er immer„jagen Sie ſie doch aus dem Zimmer heraus.“ Und jetzt ſchrei' ich auf einmal„Herr Oberlehrer, mir iſt eine Maus in den Stiefel geſchlüpft!“ Alles Schwindel natürlich. Und da wurde Becker aſchfahl.„Wer hat die Mäuſe mitgebracht?“ wimmert er in einem fort. Robert. Allgemeine Entrüſtung. Paul. Jawohl und ob er das nicht wüßte— das ganze Gymnaſium ſtecke voller Ratten und Mäuſe. 8 Frau Tillmann. Ein ſehr dummer Scherz, lieber aul. Paul. Ach, Frau Tillmann, Sie hätten dabei ſein ſollen. Sie hätten ebenſo gelacht wie wir. Nun giebt Becker das Zeichen, die Mäuſe zu fangen. Robert. Das habt Ihr Euch nicht zweimal ſagen laſſen. Paul. Nun gabs eine wilde Jagd! Und einen Heiden⸗ lärm! Und Tiſche und Bänke, alles wurde durcheinander geworfen. Becker ſah vom Katheder zu— ein Bild des Jammers. Frau Tillmann. Und Euer Cicero? Paul. Das war's ja eben— den hatten wir glücklich geſchunden. — 23— Dritter Auftritt. Vorige. Dienſtmädchen Auguſte. Frau Brand. Auguſte(übergiebt Frau Tillmann eine Viſitenkarte). Die Dame wünſcht ihre Aufwartung zu machen. Frau Tillmann llieſt die Karte) Frau Hermine Brand. Ich laſſe bitten.(Auguſte ab.) Frau Brand(ſich verbeugend. Elegant, modiſch, kokett, mit Lorgnette in der Hand). Gnädige Frau, Sie haben hier eine Wohnung zu vermieten? Frau Tillmann. Jawohl, die Beletage hier über uns. Aber wollen Sie nicht Platz nehmen? Frau Brand(nimmt auf dem Sofa links neben Frau Tillmann Plat). Danke ſehr. Kann ich die Wohnung wohl mal anſehen? Frau Tillmann. Gewiß, jeder Zeit. Frau Brand. Wann wird ſie frei? Frau Tillmann. Sie könnten ſofort einziehen. Die Wohnung iſt leer. Frau Brand. Das würde uns paſſen. Und der Preis, wenn ich fragen darf? Frau Tillmann. Eintauſend Mark. Es ſind ſechs ſehr ſchöne Zimmer. Frau Brand. Die Lage des Hauſes würde uns gefallen. Ruhig und nahe am Bahnhof. Mein Mann reiſt nänlich ſehr viel. Frau Tillmann. Es ſind höchſtens vier Minuten bis zum Bahnhof. Frou Brand. Laſſen Sie die Wohnung neu in Stand ſetzen? Frau Tillmann. Jawohl. Vollſtändig. Frau Brand. Wir wohnen jetzt allerdings in einer viel feineren Gegend. Aber mit den Leuten dort war nicht auszukommen. Frau Tillmann ggleichgiltig). So. Frau Brand. Sie können ſich gar keinen Begriff von der Taktloſigkeit gewiſſer Menſchen machen. Unſere Wirtin iſt eine ehemalige Schlächtersfrau— 241— Frau Tillmann. Und wahrſcheinlich reich. Frau Brand. Sehr reich und darauf pocht ſie. Frau Tillmann. Das läßt ſich denken. Frau Brand. Eine ganz ungebildete Perſon. Und dabei beanſprucht ſie, wir ſollen mit ihr verkehren. Frau Tillmann. Das iſt allerdings eine ſtarke Zu⸗ mutung. Frau Brand. Es fällt uns natürlich nicht ein. Aber aus Rache verfolgt ſie uns mit den infamſten Chikanen. Frau Tillmann. Das iſt freilich auf die Dauer ein unangenehmes Verhältnis. Frau Brand. Und dann unſere Nachbarn! Dieſe ent⸗ ſetzliche Neugierde— dieſe ewigen Zudringlichkeiten. Auf Schritt und Tritt wird man beobachtet. Wenn ich große Wäſche habe, zählen ſie jedes Stück nach. Frau Tillmann. Sie ſind gewiß Großſtädterin? Frau Brand. Jawohl— aus Berlin. Frau Tillmann. Da wird es Ihnen vermutlich ſchwer, ſich in unſere kleinen Verhältniſſe zu finden. Frau Brand. Ich gebe mir auch wirklich gar keine Mühe. Man lernt ſich zwar über vieles hinwegſetzen. Sehen Sie, ich bin allein. Mein Mann hat eine amerikaniſche Vertretung in Kamelhautleder⸗Treibriemen. Schauderhaft— was? Frau Tillmann. O warum? Frau Brand. Und da verlangen die Leute immer, daß wir Frauen dem Beruf unſerer Männer Verſtändnis und Intereſſe entgegenbringen. Wie wäre das bei dem Geſchäft meines Mannes wohl möglich? Schon der Gedanke daran beleidigt den guten Beſchüack denn einen Duft verbreiten dieſe Felle, einen Duft ſage ich Ihnen. Nun Gott ſei Dank, mein Mann iſt viel unterwegs. Und ich brauche Anregung, ſtarke Anregung... Frau Tillmann. Und die fehlt eigentlich ganz bei uns. Frau Brand. Man muß ſich zu helfen wiſſen. Ich leſe, muſiziere und correſpondiere viel. Und dann ein paar Menſchen, die einen verſtehen. Frau Tillmann. Sie haben doch Kinder? = 25 Frau Brand. Zwei Jungen, mein ganzer Stolz. Keine Schablonenweſen. Friſche, originelle Naturen, echte Race⸗ menſchen. Frau Tillmann. Soſo! Frau Brand. Sie ſind ungefähr ſo alt wie Ihre beiden Söhne. Frau Tillmann. Nur der ältere iſt mein Sohn. Robert! (Robert ſteht auf und verbeugt ſich.) Der andere iſt ſein Kamerad, der Sohn unſeres Nachbars Sonnenberg.(Paul verbeugt ſich auch) Sie haben gewiß auch mit Ihren Kindern viele Sorgen. Frau Brand. Das kann ich nicht grade ſagen. Jungen muß man ſich ſelbſt überlaſſen. Das muß austoben. Frau Tillmann. Ich ſollte meinen, grade Knaben be⸗ dürfen einer ſtrengen Aufſicht. Frau Brand Ich bitte Sie, und wenn Sie den ganzen Tag dahinter ſtehen, machen ſie nachher doch die tollſten Streiche. Und wozu wäre auch ſonſt die Schule da! Wir haben hier ja ein ſo vortreffliches Gymnaſium. Frau Tillmann. Mein Robert iſt ſelbſt auf Unterprima. Frau Brand. Nun dann wiſſen Sie es ja. Und das iſt das Angenehme. Die moderne Pädagogik legt auf den häuslichen Fleiß der Schüler kein ſonderliches Gewicht. In der Schule ſoll gearbeitet werden. Und das überhebt die Eltern einer läſtigen Kontrolle. Frau Tillmann. Ich habe trotzdem bis vor kurzem die Arbeiten meines Sohnes überwacht. Frau Brand. Das kann man wirklich getroſt den Lehrern überlaſſen. Die älteren Lehrer ſelbſt kenne ich zwar weniger. Aber die jüngeren! Da ſind geiſtvolle und inter⸗ eſſante Menſchen darunter. Da iſt namentlich der Oberlehrer Fuchs, ein ungewöhnlicher Menſch und ſo vielſeitig begabt. Ich könnte ihm ſtundenlang zuhören. Sie kennen ihn nicht? Frau Tillmann. Nur durch das, was mir mein Sohn von ihm erzählt. Es iſt jedenfalls eine Beruhigung, ſeine Kinder ſo gut aufgehoben zu wiſſen. 1 Frau Brand lſich erhebend). Ich habe Sie ſchon zu lange geſtört. Frau Tillmann. Ich bitte Sie, durchaus nicht. Frau Brand. Möchten Sie mir die Wohnung vielleicht zeigen laſſen? — 26— Frau Tillmann. Ich werde ſelbſt mit Ihnen gehen. Frau Brand. Sie ſind zu gütig.(Beide ab.) Vierter Auftritt. Robert. Paul. Robert. Du wenn's herauskommt, der Spaß mit den Mäuſen kann Dir noch vor Thoresſchluß den Hals brechen. Paul. Ach was! Der Becker ſagt keinen Ton. Der iſt froh, wenn wir ihm das Leben laſſen. Robert. Und dabei läufſt Du ſeiner Tochter nach. Paul(mit komiſchem Pathos). Weil ich ſie liebe. Und darauf kann ſie ſich was einbilden. Robert Kroniſch). Du biſt jedenfalls eine gute Partie. Paul. Nun ja, ich habe überhaupt Glück bei den Weibern. Robert. Hat Dir nicht auch die dicke Brinkmeier ihre Huld geſchenkt? Paul. Die Frau von unſerem Gaſtwirt? Na, ich danke ſchön. Die olle Schmierlieſe! Gehſt Du übrigens heut abend mit zu Brinkmeier? Robert. Ich weiß noch nicht— vielleicht. Paul. Du hör' mal. Dem Kerl möchte ich zu gern noch'nen Streich ſpielen, bevor ich abrücke. Robert. Was hat Dir denn der Mann gethan? Paul. Paß mal auf. Ich trinke wöchentlich meine zwölf Seidel bei ihm. Robert. Reicht das? Paul. Na, ich nehme den Durchſchnitt. Das macht pro Jahr 624 Seidel. Robert. Stimmt. Paul. Und in drei Jahren 1872 Seidel. So lange verkehre ich bei Brinkmeier. Robert. Ich habe keine Ahnung, was Du wieder ausheckſt. Paul. Bei jedem Glas Bier hat mich der Kerl durch ſein Spritzen um etwa fünf Pfennige betrogen. Fünf mal achtzehnhundertzweiundſiebzig Pfennige. — 27 Robert. Macht dreiundneunzig Mark und achtzig Pfennige. Paul. Ganz recht und die muß er wieder rausrücken. Robert. Hinausprügeln wird er Dich. Paul. Handgemein werden mit dem Kerl? Giebt's garnicht!(Er ziehr den Wachsabdruck eines Schlüſſels aus der Taſche.) Sieh' mal! Robert(betroffen). Wie kommſt Du dazu? Das iſt ja der Wachsabdruck eines Schlüſſels? Paul. Direkt von Brinkmeiers Geldſchublade genommen. Robert. Sonnenberg, Du biſt ein großer Hallunke! Paul. Na ja, ich ſtelle meinen Mann. Robert. Ein Glück, daß Du den Schlüſſel nicht machen kannſt. Paul. Nicht wahr? Das wäre ſo ein Geſchäftchen für Dich? Robert. Ich ſchlage Dir gleich eins hinter die Ohren. Paul. Wetten, daß Du den Schlüſſel nicht fertig kriegſt? Robert. Ach, laß mich ungeſchoren. Paul. Wetten? Robert. Ich mag nicht. Paul. Jawohl. Können iſt Trumpf.(Zeigt einen Schlüſſel.) Sieh mal her. Ich habe da ſchon ſo'n Ding mitgebracht. Aber das klappt noch nicht mit dem Bart. Die Sache iſt gar nicht ſo einfach— Robert. Du verſtehſt's! Sogar furchtbar einfach. Paul. Jawohl, für'n Schloſſermeiſter. Robert. Du haſt gar keinen Schimmer. Paul. Du aber auch nicht. Robert(ärgerlich). Gieb' mal her. Paul. Aber wiedergeben, Tillmann. Robert(nimmt ihm den Abdruck aus der Hand). So'ne Kleinigkeit. Paul. Na, ich laß mich hängen, wenn Du den Schlüſſel fertig kriegſt. Robert. Ich werd Dir's beweiſen. Aber bilde Dir nicht ein, daß Du ihn in die Hand bekommſt. Paul. Davon iſt ja gar keine Rede. Robert(ſchraubt einen kleinen Schraubſtock an den Tiſch feſt, zündet eine Spirituslampe an, holt allerlei Werkzeuge aus dem Schrank). — 28— Paul. Was ſchloſſerſt Du denn eigentlich immer auf Deiner Bude? Robert. Das geht Dich nichts an. Paul. Nu nee, aber immer Solo... Robert. Ich brauche keine Geſellſchaft. Paul. Ich ſchließlich auch nicht. Aber die andern machen ſich darüber luſtig. Robert. Wer denn zum Beiſpiel?(Ballt die Fauſt.) Ich kann mir zur Not helfen. Paul. Wann war's doch nur gleich? Ach ja, am letzten Bußtag. Die Penäler tranken Frühſchoppen. Robert. Bei Brinkmeier? Paul. Wo denn ſonſt? Robert. Und Du ſaßeſt bei Ihnen? Paul. Nein, nur neben in der Stuhe. Robert. Was gab's denn? Paul. Sollteſt Du nicht auch mal als Fuchs bei den Teutonen einſpringen? Robert(hört betroffen auf zu arbeiten). Das iſt ſchon lange her. Paul. Nun ja, davon ſprachen ſie. Robert(ſehr erregt) Wer war denn noch im Lokal? Paul. Brinkmeier— weiter niemand. Robert(geht unruhig auf und ab). Paul. Brinkmeier hielt natürlich Maulaffen feil. Schließlich ſetzte er ſich'ran und packte aus. Robert(tritt in drohender Haltung an Sonnenberg heran). Vas packte er aus? Puul. Neo, ich ſag's nicht. Robert(drohender). Willſt Du oder willſt Du nicht? Paul. Ja, aber nich hauen, Tillmann. Robert. Nein! Nun, was packte Brinkmeier aus? Paul. Na, die Geſchichte mit Deinem Alten. 7 Robert. Kerl, das iſt wieder einmal ſo'ne gemeine üge. Paul. Hier auf dem Platz will ich verrecken, wenn's nicht wahr iſt. Robert(bricht in Thränen aus. Dann übermannt ihn der Zorn). Der verdammte Schuft. Paul. Du kennſt den falſchen Hund garnicht. — 29— Robert. Das will ich ihm eintränken. Paul. Komm, mir fällt ein, wie wir ihm einen Poſſen ſpielen können. Schnell, bevor Deine Alte kommt. Die ängſtigt ſich ja immer, wenn Du fortgehſt.(Man hört draußen ſprechen.) Pack den Kram da ſchnell weg. Robert. Zu ſpät.(Er nimmt den Schlüſſel aus dem Schraub⸗ ſtock und ſteckt ihn ein). Fünfter Auftritt. Vorige. Frau Tillmann. Frau Brand. Frau Brand. Soweit wäre alſo alles in Ordnung. Ich möchte am liebſten gleich morgen einziehen, um aus der unangenehmen Nachbarſchaft herauszukommen. Frau Tillmann. Ganz nach Belieben, gnädige Frau. Sechſter Auftritt. Vorige. Der Direktor. (Das Dienſtmädchen übergiebt Frau Tillmann eine Karte. Frau Tillmann geht einige Schritte vorwärts der Thür zu.) Direktor. Guten Tag, Frau Tillmann. Ich ſtöre, wie ich ſehe. Frau Tillmann. Nicht im Geringſten. Wollen Sie die Güte haben, näher zu treten. Frau Brand(für ſich). Was bedeutet denn das? Frau Tillmann. Ich weiß nicht, ob die Herrſchaften ſich kennen. Frau Brand— Herr Direktor Schmidt. Direktor. Ich glaube doch wohl. Sie haben ja zwei Söhne in meiner Anſtalt. Frau Brand. Ganz recht. Wie ſehr freue ich mich, Ihnen hier zu begegnen. Ich wollte mir ſchon immer die Freiheit nehmen, Sie zu beſuchen. Direktor. Ich ſtehe ſtets zu Dienſten.(Zu den beiden Knaben.) Nun, ſeid Ihr fleißig? Ach ſo, ich glaubte, Ihr machtet hier Eure Schularbeiten zuſammen. Sie haben ſich — 30— ja eine förmliche Werkſtatt angelegt, Robert. Das iſt ja eine Elektriſiermaſchine. Wohl ein Weihnachtsgeſchenk. Robert. Bewahre, Herr Direktor. Die hab' ich mir ſelbſt gemacht. Frau Brand ffür ſich). Der Direktor und Frau Till⸗ mann! Ach ſo! Direktor. Sieh mal an. Wie hübſch. Sie ſcheinen Talent zum Techniker zu haben. Nun, was möchten Sie denn werden, Sonnenberg? Paul. Wenn ich verſetzt werde, gehe ich nach Hamburg. Direktor. Ah, Sie kommen in die Lehre? Paul. Ach nein, ich werde gleich Volontär— bei Müller, Meyer und Compagnie— Getreide en gros. Frau Brand. Sie ſprechen ja gerade ſo, als ob Sie ſich freuten, aus der Schule zu kommen. Paul. Das können Sie mir doch nicht verdenken, Frau Brand. Direktor. Sie ſollten ſich lieber zuſammennehmen und fleißig ſein, damit wir Sie verſetzen können. Paul(dummdreiſt). Am Fleiß allein liegt es doch nicht. Direktor. Nun, woran denn ſonſt? Paul. Unter mir ſitzen vier und die werden ſicher verſetzt. Direktor. Woher wiſſen Sie das ſo beſtimmt? Paul. Ach, ich meine nur ſo. Direktor(beſtimmt). So ſprechen Sie doch, wenn ich Sie frage. Wen meinen Sie! Robert. Gieb doch'ne vernünftige Antwort. Paul. Na, die Brands zum Beiſpiel! Frau Brand(empört). Meine Söhne. Sind die etwa nicht fleißig? Nicht wahr, Herr Direktor? Paul(hält die Hand vor den Mund, um das Lachen zu verbergen). Frau Tillmann. Was ſoll das Lachen, Paul! Benimm Dich anſtändig. Paul. Nun, Frau Tillmann, das wiſſen wir doch alle, daß die beiden Brands vom Oberlehrer Fuchs durchgedrückt werden. Direktor(mit Schärfe). Wie kommen Sie darauf? Frau Brand eeifrig). Jedenfalls muß Herr Oberlehrer Fuchs das vor dem Herrn Direktor vertreten. Außerdem entſcheidet er ja auch nicht allein. — 31— Direktor. Erzählen Sie doch mal, was Sie wiſſen. Frau Brand. Hören Sie doch nicht hin, Herr Direktor. Paul. Es war in der Geſchichtsſtunde. Und da wußte ich nicht, wann die Schlacht bei Cannae war. Direktor. Das will ich gern glauben. Paul. Und da bekam ich Note ſieben und einen Tadel. Nun kam Ludwig Brand an die Reihe. Der wußte aber auch nicht. Und da ſagte der Oberlehrer Fuchs:„Das wiſſen Sie doch? Raus damit! Zwei— hundert— ſechs..“ „Zehn“ ſchreit Brand.„Na, ſehen Sie wohl“, ſagt Fuchs und geht weiter. Direktor(für ſich). So weit iſt es ſchon gekommen. Frau Brand. Sie ſcheinen mir ein ſauberes Früchtchen zu ſein. So über Ihren Lehrer zu ſprechen? Direktor. Ihn deswegen zu tadeln, erlauben Sie wohl mir, Frau Brand. Paul. Fragen Sie doch in der Klaſſe nach. Frau Brand. Herr Direktor, Sie werden doch meine Kinder das Geſchwätz dieſes Jungen... Direktor. Seien Sie überzeugt, daß ich ſtets nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen entſcheiden werde. Frau Brand(ſieht den Direktor und Frau Tillmann abwechſelnd durch die Lorgnette an). Daran zweifle ich nicht im Mindeſten. Doch ich will nicht länger ſtören. Frau Tillmann Ich begleite Sie. Frau Brand. Ich bitte, nein! Sie haben ja ſo ange⸗ nehmen Beſuch und ich möchte Sie um keinen Moment beſtehlen. Wir werden uns ja als Nachbarn bald näher kennen lernen. Ich empfehle mich Ihnen.(Ab.) Siebenter Auftritt. Vorige, ohne Frau Brand. Frau Tillmann. Kinder, packt Eure Sachen zuſammen und geht in die andere Stube. Ich habe mit dem Herrn Direktor zu ſprechen. — 32— Paul(leiſe, ſehr ſchnell zu Robert). Zeig', daß Du ein ganzer Kerl biſt und kein bloßer Prahler. Mach' den Schlüſſel jetzt fertig.(Packen die Sachen zuſammen.) Robert. Aber jetzt können wir ja doch nicht fort. Mama würde es merken. Paul. Warum denn nicht? Wir ſpringen einfach durchs Fenſter auf den Hof. Die paar Fuß— pah! Robert. Du biſt ein unglaublicher Kerl. BBeide gehen nach links durch die Thür ab.) Achter Auftritt. Frau Tillmann. Direktor. Direktor. Ich wäre ſchon geſtern gekommen, aber ich wollte mich über Ihren Sohn erſt gründlich informieren. Er kann doch nicht hören, was wir hier ſprechen? Frau Tillmann. Keinen Laut. Wenn er mit ſeinem Handwerkszeug beſchäftigt iſt, hört und ſieht er nicht, was um ihn vorgeht. Aber Sie machen mich ängſtlich. Direktor. Dazu liegt keine Veranlaſſung vor. Ich bin jetzt meiner Sache ganz gewiß. Frau Tillmann. Was haben Sie gehört? Direktor. Ich darf Ihnen das nicht verhehlen. Es herrſcht bei meinen Kollegen eine förmliche Abneigung gegen Ihren Sohn. Sein Gebahren iſt ihnen vollſtändig unver⸗ ſtändlich. Einige halten ihn für geradezu beſchränkt. Frau Tillmann. Das iſt aber gar nicht der Fall. Direktor. Gewiß nicht. Die andern ſagen, es fehle ihm zwar nicht an Anlagen, aber er ſei grenzenlos teil⸗ nahmslos und zerſtreut.. Frau Tillmann(mit Thränen kämpfend). Das iſt für eine Mutter allerdings ſehr traurig zu hören. Direktor. Faſſen Sie Mut. Sie haben mich auf die richtige Spur gebracht. Vor allem weiß ich jetzt, warum Ihr Sohn ſeine jugendliche Unbefangenheit verloren hat. Aber ich habe noch tieferen Einblick in ſeinen Charakter und ſeine Neigungen erhalten. Zu der trotzigen Verſchloſſen⸗ — 33— heit geſellt ſich bei ihm ein faſt phyſiſcher Widerwille gegen einen wichtigen Gegenſtand unſeres Unterrichts. Frau Tillmann. Sie meinen Griechiſch und Latein? Direktor(erſtaunt). Wie kommen Sie darauf? Frau Tillmann. Weil er es mir oft geſagt hat. Direktor. Sehen Sie wohl, ich täuſchte mich alſo nicht. Und das alles wirkt bei ihm zuſammen, macht ihn ver⸗ drießlich und in ſich gekehrt. Frau Tillmann. So eingehend hat ſich allerdings noch Niemand mit ihm beſchäftigt. Direktor. Robert iſt offenbar durch den Beſuch des Gymnaſiums in eine ganz falſche Bahn gelenkt worden. Frau Tillmann. Wenn mir das nur jemand früher geſagt hätte. Direktor. Daran läßt ſich zunächſt nichts ändern. Er iſt jetzt ſo weit gekommen. Nun mag er das Gymnaſium auch durchmachen. Aber Sie werden ſehen, ſobald er es hinter ſich hat, tritt bei ihm eine Neigung zur praktiſchen Thätigkeit hervor. Und irgendwo wird er ſeinen Platz ordentlich aus⸗ füllen, davon bin ich überzeugt. Frau Tillmann. Aber wie wird es ihm das letzte Jahr auf dem Gymnaſium ergehen? Direktor. Auch das habe ich mir überlegt. Bis Oſtern laſſe ich den Dingen ihren Lauf. Ich möchte nichts übereilen und dadurch verderben. Nach Oſtern kommt er in die Oberprima und damit unter meine ſpezielle Aufſicht. Frau Tillmann. Das iſt jedenfalls ein großes Glück für Robert.— Direktor. Auch mit den Kollegen werde ich mich ver⸗ ſtändigen. Kommen ihm ſeine Lehrer im neuen Lehrjahre freundlich entgegen, ſo wirkt das auch auf ſeine Mitſchüler zum Guten ein. Er findet dann wieder mehr Anſchluß. Und hoffentlich auch an die beſſeren Elemente. Dieſer Sonnenberg, mit dem Ihr Sohn verkehrt, gefällt mir nicht. Er iſt ein Menſch mit rohen Geſinnungen und dabei, wie ich fürchte, unwahr und falſch. Zabel und Bock, Der Gymnaſialdirektor. 3 — 34— Frau Tillmann. Wenn Sie meinen, will ich ihn auf der Stelle. Direktor. Jetzt nicht, gnädige Frau, bitte, bleiben Sie. Frau Tillmann. Aber Sie ſind davon überzeugt, daß Robert ſchädlichen Einflüſſen leicht zugänglich ſei. Direktor. Wie meinen Sie das? Woraus ſchließen Sie— Frau Tillmann. Wenn ich allein mit ihm bin, und ihn bei ſeinen Schularbeiten betrachte, zuckt zuweilen etwas über ſein Geſicht, das mich an ſeinen Vater erinnert. Ich ſuche das Bild des Unglücklichen ängſtlich vor ihm zu ver⸗ bergen, aber oft blitzt es mir in unheimlicher Weiſe aus den Zügen meines Kindes entgegen wie eine Gefahr, eine Drohung, bei der mir eine innere Stimme zuruft:„Auch dieſes Kind trägt den Keim zum Böſen in ſich und die fluch⸗ würdige That ſeines Vaters hat auf den Sohn eine ver⸗ derbliche Anlage vererbt.“ Wenn ich daran denke, verliere ich die Faſſung und möchte verzweifeln. Als ich heiratete, war ich faſt noch ein Kind, ahnungslos, voll Vertrauen, daß die Menſchen im edlen Wetteifer bemüht ſein müßten, ſich den Himmel auf Erden zu ſchaffen. Und da packte mich das grauſame Schickſal, riß mich aus allen Träumen und Hoffnungen. Oh, es war entſetzlich. Dieſes Kind iſt der einzige Troſt, an den ich mich anklammere. Wenn es mir verloren gehen ſollte, würde ich nicht länger leben wollen. Direktor. Sie ſind außer ſich, Frau Tillmann. Frau Tillmann. Soll der alte bibliſche Fluch von den Sünden der Väter auch an meinem Sohn in Erfüllung gehen? Glauben Sie an die Möglichkeit einer ſolchen Vererbung? Sagen Sie mir aufrichtig Ihre Meinung. Ich bitte Sie. Direktor. Bis jetzt ſind unſere Kenntniſſe vom Weſen der Vererbung kümmerlich. Wir wiſſen nicht, was denn eigentlich und wie es vererbt wird. In Ihrem Fall würde es ſich hier um eine Vererbung von Vaters Seite handeln. Aber ſelbſt wenn man zugeben wollte, auf Ihr Kind ſei, eine Veranlagung zum Böſen übergegangen, darf man doch nicht vergeſſen, daß Sie es ſind, die ihm Ihr Fleiſch und Blut, Ihre reine Seele gegeben haben. — 35— Frau Tillmann. Sie wollen mich in meinem Unglück tröſten. Direktor. Aber nur durch die Wahrheit. Sehen Sie die ſelbſt nach, was Ihr Sohn in dieſem Augenblick macht. Frau Tillmann. Ich ſollte. Direktor(geht an die Thür links). Die Jungen ſprechen eifrig mit einander, ich höre das Klopfen des Hammers, das Raſſeln der Feile. Sicherlich iſt Ihr Sohn wieder mit einer nützlichen praktiſchen Thätigkeit beſchäftigt. Darauf ſetze ich für ſeine Zukunft meine ganze Hoffnung. Glauben Sie mir, Ihre Lage iſt keineswegs ſo verzweifelt, wie Sie fürchten. Wir können durch Gegenkräfte wieder gut machen, was das Blut des Vaters möglicherweiſe geſündigt hat. Zu ſolchen Gegenkräften rechne ich vor allem die volle körperliche, geiſtige und ſittliche Geſundheit des andern Elternteils. Frau Tillmann, Sie ſtehen vor mir in der vollen Blüte weiblicher Schönheit und Anmut....... (Pauſe, ſich faſſend.) Ich bitte Sie, hegen Sie Vertrauen, faſſen Sie Mut, ſehen Sie Ihrer und Ihres Kindes Zu⸗ kunft getroſt entgegen. Frau Tillmann. Aber wie kann ich das thun? Direktor. Laſſen Sie die Häuslichkeit auf Robert wirken, überwachen Sie ihn auch in Zukunft liebevoll. Und wenn Sie wünſchen, will ich Sie darin unter⸗ ſtützen. Frau Tillmann(mit Wärme). Ihre Güte beſchämt mich. Direktor. Ich darf es Ihnen jetzt wohl ſagen. Ihr Schickſal hat mich tief ergriffen und bewegt. Frau Tillmann ſſenkt gerührt den Kopf). Direktor. Sie haben ſo viel Trübes erfahren. Und Sie ſind noch ſo jung. Bei Gott, Sie müſſen wieder froh werden. Frau Tillmann. Faſt möchte ich ſagen, ich bin es ſchon in dieſem Augenblick(verſucht zu lächeln). Direktor. Die Menſchen haben an Ihnen viel gut zu⸗ machen. Das können Sie als Ihr Recht fordern. Frau Tillmann. Sie müſſen ein guter Menſch ſein, daß Sie ſo zu mir ſprechen. 3* — 36— Direktor. Glauben Sie das ja nicht. Ich bin im Grunde ein großer Egoiſt. Mein Amt und meine Wiſſen⸗ ſchaft haben einen ganz engen Kreis um mich gezogen. Ich bin in all den Jahren mit keinem Schritt darüber hinausgekommen.(Zögernd.) Als Sie ſich entſchloſſen, zu mir zu kommen, war es mir, als trete eine ganz neue Welt an mich heran. Frau Tillmann. Und ſeltſam! Ich hatte trotz meiner Angſt gleich das Gefühl, ich müßte Ihnen alles, was mich bedrückte, anvertrauen. Direktor. Wir haben nun beide eine gemeinſame Auf⸗ gabe. Frau Tillmann. Meinen Sohn. Direktor. Jawohl, und wir werden darüber noch ſprechen müſſen. Frau Tillmann. Bitte, kommen Sie wieder. Direktor. Ich komme! Frau Tillmann. Alſo auf Wiederſehen. Direktor. Auf Wiederſehen.(direktor ab.) Achter Auftritt. Frau Tillmann. Nachher Dienſtmädchen Auguſte. Frau Tillmann. Wenn das ein Hoffnungsſchein wäre! Mir iſt ſo froh und leicht ums Herz.(Läutet. Auguſte tritt ein.) Auguſte, ſehen Sie zu, daß die Wohnung oben ſogleich in Ordnung gebracht wird. Auguſte. Wer ſoll denn einziehen? Frau Tillmann. Die Dame, die eben hier war. Auguſte. So? Wann ziehen denn Brands ein? Frau Tillmann. Sobald es irgend geht— vielleicht ſchon morgen. Auguſte. So, na dann gehe ich! — 37— Frau Tillmann. Was fällt Ihnen denn ein? Auguſte. Wiſſen Sie denn das nicht? Die jungen Brands laſſen auf der Straße kein anſtändiges Mädchen nich in Ruhe. Mit die bleib' ich nicht in einem Haus. Frau Tillmann. Wer hat Ihnen den Unſinn er⸗ zählt? Auguſte. Na, ich bitt Ihnen, das iſt ja ſtadtbe⸗ kannt. Frau Tillmann. Halten Sie Ihren loſen Mund. Ich werde mich der Sicherheit halber noch mal erkundigen.(ruft) Robert!(zu Auguſte) Sie können gehen.(Nuft wieder.) Robert! Auguſte. Den jungen Herren können Sie lange rufen. Der iſt über alle Berge. Frau Tillmann. Wie ſoll er denn fort ſein? Ich habe mich doch nicht aus dem Zimmer gerührt. Auguſte(frech und höhniſch). Und unterdeſſen iſt der Herr Robert mit dem Herrn Sonnenberg aus dem Fenſter in den Hof geklettert und davongelaufen. Frau Tillmann. Wohin denn? Augnſte. Weiß ich nich. Fran Tillmann. Mein Gott, was hat das alles nur zu bedeuten? Anguſte. Das hat zu bedeuten, daß die beiden ein Paar ſaubere Früchtchen ſind. Der Sonnenberg iſt dem Herrn Robert natürlich noch über, aber auch der bringt ſich noch an den Galgen. Frau Tillmann. Sie ſind eine unverſchämte Perſon. Auf der Stelle verlaſſen Sie den Dienſt. Auguſte. Mit Vergnügen. Aber erſt möchte ich Ihnen doch auch ein bißchen den Staar ſtechen. Wiſſen Sie denn eigentlich, was das würdige Paar vorher getrieben hat? Einen Nachſchlüſſel haben ſie ſich gemacht. Frau Tillmann. Einen Nachſchlüſſel? Wozu? Auguſte. Na wohl nicht, um drauf zu pfeifen. Aus dem Küchenfenſter habe ich ihnen zugeſehen und alles gehört. Und dann ſind ſie davongelaufen, wie ein paar richtige Spitzbuben. So'n Haus! Nicht eine Minute bleib' ich länger hier. Zur Vorſicht habe ich ſchon meine Sachen gepackt. — 38— Na guten Abend, Frau Tillmann, wünſche viel Vergnügen! Das wird noch'nen ſcheenen Klumpatſch geben.(Ab). Frau Tillmann(in höchſter Angſt). Hier ſchwebt ein Unheil in der Luft. Ich bin ratlos in meiner Einſamkeit. Aber mein Kind muß gerettet werden— um jeden Preis!(Nimmt Mantel und Hut und ſtürzt fort.) (Vorhang fällt.) Dritter Aufzug. Erſter Auftritt. Conferenzzimmer des Gymnaſiums. An den Wänden die Büſten der Kaiſer Wilhelm I., Friedrich und Wilhelm II. In der Mitte Ausgang nach dem Flur. Rechts Thür zum Zimmer des Direktors. Rechts großer langer Tiſch, grün bezogen. Darauf Schreibmaterialien. In mäßigen Zwiſchenräumen Stühle. An dem nach rechts zugewandten Tiſchende iſt ein kleines Pult für den Direktor angebracht. Davor Seſſel. Wenn der Vorhang in die Höhe geht, hat die Lehrerkonferenz ſchon beinahe ihr Ende erreicht. Der Direktor blättert in Papieren. Direktor. Die Oberlehrer Dubois, Becker. Die Dr. Meyer, Hippler, Sellmann und Friedrich. Der Schuldiener bringt dem Direktor einen Brief, den dieſer öffnet und lieſt. Direktor. Meine Herren, ehe wir fortfahren, habe ich Ihnen ein Reſkript des Provinzialſchulkollegiums zu verleſen. Es iſt mir eben zugegangen.„In dem Disziplinar⸗Verfahren gegen den Oberlehrer Georg Fuchs iſt von uns beſchloſſen worden, den Beſchuldigten ſeines Amtes zu entſetzen. Dieſer Be⸗ ſchluß iſt dem Oberlehrer Fuchs ſofort mitgeteilt worden. Königliches Provinzialſchulkollegium. von Leuwardt.“ (Pauſe, Bewegung.) Direktor ggeſchäftlich). Wir haben noch verſchiedene Ver⸗ ſetzungsfragen zu erledigen. Wir beginnen mit der Unter⸗ ſekunda. Herr Oberlehrer Becker— bitte. Becker(nimmt ſeine Cenſurenliſte zur Hand). Bei mir kommen fünf in Betracht. Bei den Übrigen iſt an Verſetzung nicht zu denken. — 40— Direktor. Wie lauten deren Cenſuren? Becker(ſich beſinnend). Eh! Durchweg kaum genügend und ungenügend. Direktor. Hat einer der Herren etwas dazu zu bemerken? (Stillſchweigen.) Direktor. Die Betreffenden werden nicht verſetzt. Becker. Mir ſind in meiner Praxis ſolche Hohlköpfe noch nicht vorgekommen. Man ſollte den Eter raten, ſie aus der Schule zu nehmen. Sie wollen ſich offenbar nur das Einjährige erſitzen.(Dubois ſteht auf, lehnt rechts an die Wand.) Direktor. Wir haben kein Vorbereitungs⸗Inſtitut für Einjährig⸗Freiwillige. Ich werde den Eltern davon Mit⸗ teilung machen. u Becker gewandt.) Ich bitte fortzufahren. Becker. Eh! Hermann und Ludwig Brand ſind faſt durchgängig ungenügend und nur teilweiſe e each cenſiert. Nur in Geſchichte, Geographie, Deutſcher Aufſatz iſt ihnen das Prädikat gut gegeben. (Bewegung.) Direktor. Herr Doktor Meyer! Sie haben den Unter⸗ richt des Herrn Fuchs übernommen. Konnten Sie ſich über die Brands ſchon ein Urteil bilden? Meyer. Noch kein abſchließendes. Ich glaube aber nicht, daß ich gut cenſiert hurte Direktor. Der Fall iſt ſchwierig. Der Kontraſt in den Cenſuren hat hier eine beſondere Bedeutung. Wir könnten die beiden mit dem Vorbehalt einer Nachprüfung verſetzen. Hippler. Das wäre allerdings ein Ausweg. Becker. Beſtehen wird die Prüfung keiner. Eh! Direktor Mag ſein! Ich glaube aber, wir müſſen ſo verfahren. Bei der Nachprüfung wird ihnen nichts erlaſſen. Wir haben es dann ganz in der Hand. Sind Sie ein⸗ verſtanden? Becker(tauſchen leiſe einige Worte miteinander). Jawohl, Hippler] Herr Direktor! Becker(fortfahrend). 13 Paul Sonnenberg. Durchweg nicht genügend, ungenügend. Dagegen gut in Mathematik, Phyſik und Religion. Sellmann. Sonnenberg hat bei mir fleißig gearbeitet. Friedrich(mit Würde, einen Moment aufſtehend). In der Religion ſtelle ich ihm ein gutes Zeugnis aus. — 41— Becker. Er hat kein lateiniſches Extemporale ohne 10— 20 Fehler abgeliefert. Hippler. Und im Griechiſchen waren ſeine Leiſtungen unter aller Kritik. Sellmann. Ich kann nur wiederholen: bei mir hat ſich Sonnenberg tüchtig und fähig gezeigt. Direktor. Wir können ihn aber nicht verſetzen. Seine Cenſuren in den übrigen Hauptfächern ſind zu ſchlecht. Friedrich(wie vorher). In der Religion konnte ich ihm die Note„recht ſehr erfreulich“ geben. Hippler. Wie geſagt, im Griechiſchen... Direktor. Auch ein Kompromiß iſt da unmöglich. Wir wollen abſtimmen. Vier Stimmen dagegen, zwei dafür. Bleibt ein Jahr zurück. Wir kommen zur Unterprima. Herr Oberlehrer Dubois, bitte. Dubois(wieder am Tiſch). Ich habe nur zwei Dubioſen. Tillmann wird in allen Realfächern genügend bis gut cenſiert. In den alten Sprachen lautet dagegen das Zeugnis kaum genügend und ungenügend. Meyer. Im Franzöſiſchen und Engliſchen zeichnet er ſich durch grammatikaliſche Kenntniſſe und gute Ausſprache aus. Hippler. Im Griechiſchen glänzt er fortwährend durch fabelhafte Unwiſſenheit. Dubois. Vom Lateiniſchen kann ich das nur beſtätigen. Sellmann. In der Mathematik hat Tillmann großen Eifer und rühmlichen Fleiß gezeigt. In der Phyſik iſt er mein beſter Schüler. Dubois. Das wundert mich garnicht. Ihre Cenſur, Herr Kollege Sellmann, kontraſtiert faſt überall mit der meinigen und mit der des Kollegen Hippler. Hippler. Der Herr Kollege Sellmann möchte lieber heute als morgen die Humaniora aus dem Lehrplan ſtreichen. Direktor(begütigend). Aber meine Herren— Sellmann. Ich bin nur der Anſicht, daß es Aufgabe unſerer Anſtalt ſei, die Schüler nicht zu Griechen und Römern, ſondern zu deutſchen Männern zu erziehen. (Meyer nickt beifällig. Dubois und Hippler lachen.) Direktor. Vergeſſen Sie eins nicht. Wir ſtehen mitten in einer Übergangsepoche. Sie wiſſen, wie weit die — 42— Meinungen der Schulmänner auseinandergehen. Das macht uns zur ſtrengen Pflicht, an jeden Fall sine ira et studio heranzutreten. Perſönliche Motive kommen gar nicht in Betracht. Wir haben rein ſachlich zu urteilen. Jedenfalls iſt den Herren Kollegen Dubois und Hippler Rechnung zu tragen. Dubois. Ich rüge bei Tillmann am meiſſtn ſeine grenzenloſe Zerfahrenheit und ſeinen Mangel an Offen⸗ heit. Meyer. Tillmann iſt allerdings unberechenbar. Manch⸗ mal arbeitet er ganz brav. Plötzlich ſchlägt der Wind bei ihm um. Er wird träg und teilnahmlos. Und dann iſt nichts mit ihm anzufangen. Friedrich. Ich bedaure oft bei ihm, daß die Prügel⸗ ſtrafe abgeſchafft iſt. Hippler. Tillmann faßt leicht. Er weiß auch etwas. Aber wenn es ihm einfällt, verweigert er die Antwort. Ich werde nicht klug daraus. Dubois. Jedenfalls iſt es ſehr zweifelhaft, ob wir ihn verſetzen können. Direktor. Bei mir hat er zwei gute Extemporalien ge⸗ ſchrieben. Ich denke anders über den Fall. Sie wiſſen das wohl kaum. Tillmanns Vater war Steuerkommiſſar. Er unterſchlug Gelder und wurde in Haft genommen. Im Gefängnis gab er ſich ſelbſt den Tod. Dußbois. Ich wußte das... Direktor. Ja, das ſpricht hier doch ſehr mit. Der Junge ſteht ſeit Jahren unter dem Druck dieſer Kataſtrophe. Offenbar hat ſein Entwicklungsgang darunter gelitten. Und mir erklärt das alles. Hippler(einlenkend). Allerdings. Dubois. Ich halte ihn nicht für pſychiſch belaſtet, Herr Direktor. Direktor. Sie werden ihre Meinung vielleicht noch ändern. Mir iſt dann zu Ohren gekommen, Tillmann iſt ſeines Vaters wegen in brutaler Weiſe von ſeinen Mitſchülern beſchimpft worden. Dubois. Ich gebe das zu. Aber ich habe Tillmann ſo lange beobachtet, ich halte ihn für einen ganz durchtriebenen Burſchen. — 43— Hippler. Nach den Mitteilungen des Herrn Direktors möchte ich doch nicht ſo ohne weiteres den Stab über ihn brechen. Sicher ſpricht viel zu ſeinen Gunſten. Friedrich. Hat er denn keine Angehörigen hier? Direktor. Gewiß, ſeine Mutter. Gerade ſie würde es am ſchwerſten treffen, wenn ihr Sohn ein Jahr zurückbleibt. Dubois. Herr Direktor, wünſchen Sie, daß wir hier darauf Rückſicht nehmen? Direktor. Selbſtverſtändlich nicht ohne weiteres! Ich führe das nur zur Charakteriſtik des Falles an. Frau Tillmann hat ihr trauriges Los nicht verſchuldet. Wenn es irgend geht, erſpart man ihr eine neue Kränkung. Dubois. Es handelt ſich doch um den Sohn, Herr Direktor. Direktor(leidenſchaftlich). Und wenn— was den Sohn trifft, trifft die Mutter doppelt.(Steht auf.) Dubois. Ich bedaure, Herr Direktor, ich ſchließe mich Ihrer Anſicht nicht an. Ich kann grundſätzlich Tillmanns Verſetzung nicht befürworten. Direktor. Wir ſtimmen ab, meine Herren.(dafür: Sellmann, Meyer, Friedrich, dagegen die anderen). Drei Stimmen dafür, drei dagegen. Alſo Stimmengleichheit. Ich gebe mein Votum zu Gunſten Tillmanns ab. Er wird verſetzt. Damit ſind wir fertig. Die Abiturienten werden uns Sonnabend beſchäftigen. Ich danke Ihnen, meine Herren. Dubois(während des Abgehens zu Hippler). In Bezug auf Tillmann iſt unſer Direktor wie vernagelt. Er redet ſich da in eine Voreingenommenheit hinein, die mir unbegreiflich iſt. Hippler(leiſe. Cherchez la femme. Dubois. Meinen Sie?(Fuchs durch die Mitte eintretend.) Hippler(zuckt mit den Achſeln). Dubois. Dort kommt das Opferlamm, um ſich die Schlachtbank zu beſehen. Hippler. Sie meinen den entlaſſenen Fuchs? Gehen wir ihm lieber aus dem Wege.(Mit den anderen Lehrern ab.) Die Lehrer. Herr Direktor— ſſich verbeugend). — 44— Zweiter Auftritt. Direktor. Fuchs. Fuchs(nervös, fieberhaft erregt). Herr Direktor, ich komme noch einmal. Direktor. Haben Sie noch einen Wunſch? Fuchs. Allerdings, ich wollte gegen meine Entlaſſung in aller Form Proteſt einlegen— f Direktor. Der Beſchwerdeweg zum Miniſter ſteht Ihnen offen. Fuchs. Sie wiſſen recht gut, welchen Erfolg meine Beſchwerde haben würde. Man hatte kein Recht, ſo gegen mich vorzugehen. Direktor. Ich habe es Ihnen ja vorausgeſagt. Ihr Verhältnis war bei Ihrer Stellung ganz unmöglich. Fuchs(aufbrauſend). Die Stellung, immer die Stellung! Weiß Gott, ich beneide jeden anderen Menſchen um ſeinen Stand. Da kann man doch thun und laſſen, was man will. Direktor(etwas bedrückt). Die öffentliche Meinung beherrſcht uns alle. Aber niemand hat ſo ſtreng wie der Lehrer darauf zu achten, daß ſein Ruf unbefleckt bleibt. Fuchs. Ja, haben wir denn keine Schwächen? Sind wir aus Bücherſtaub oder aus Fleiſch und Blut zuſammengeſetzt? Direktor. Der Kampf bleibt Niemand erſpart. So lange wir leben, müſſen wir kämpfen. Fuchs(bitter). Aber darin zu unterliegen, alle Hoffnungen zu begraben— das iſt hart. Direktor. Herr Fuchs, ich begreife wohl Ihre Lage. Aber Sie machen mir da eine Scene— ich weiß wirklich nicht, was ich davon denken ſoll. Fuchs. Und wenn es in Wahrheit eine Tragödie wäre, in die ich hineingeſtoßen worden bin? Direktor. Bei Ihrer Begabung kann es Ihnen unmög⸗ lich ſchwer fallen, eine neue Anſtellung zu finden. Fuchs. Nur eine Anſtellung? Wenn Sie wüßten, wie gleichgültig mir das in dieſem Augenblick iſt. Direktor. Sie werden wieder Pflichten übernehmen und Arbeit lehrt vergeſſen. 3 Fuchs. Das mag bei Ihnen zutreffen, Herr Direktor, bei mir nicht. Ihr Leben ſpielt ſich auf dem Katheder und in der Stube des Gelehrten ab. Aber ich bin noch jung, ich fühle, wie mir das Blut heiß in den Adern rollt, wie mir jede Stunde, die alte horaziſche Weisheit zuflüſtert: „Pflücke den Tag!“(In Ekſtaſe.) O, wenn Sie wüßten, was es heißt, ein Weib zu beſitzen, das einen verſteht, das mit einem fühlt und denkt. Direktor. Sie lieben jene Frau? Fuchs. Unſere Beziehungen ſind durch meine plötzliche Entlaſſung und den Stadtklatſch an die Offentlichkeit gezerrt worden. Ich erwarte jede Stunde die Rückkehr des Herrn Brand. Ich werde mich mit ihm auseinander ſetzen müſſen. Aber wie ich den Knoten, der ſich um mich geſchlungen hat, löſen ſoll, weiß ich nicht. Ich bin auf das Außerſte gefaßt. Ich fühle, wie mir der Boden unter den Füßen fortgezogen worden iſt. Ich werde zu Grunde gehen. Aber freilich Sie werden das nicht verſtehen. Direktor(der das Vorige wie betäubt angehört hat, plötzlich auf⸗ fahrend). Ich? Fuchs(feierlich dumpf). Sie haben mich gerichtet, Herr Direktor, möge an Ihnen nicht Gleiches mit Gleichem ver⸗ golten werden.(Ab.) Direktor(blickt ihm nach). Gleiches mit Gleichem!(Fährt ſich mit der Hand übers Geſicht, als verſcheuche er einen trüben Gedanken, beugt ſich dann über die Papiere auf ſeinem Pult.) Dritter Auftritt. Voriger. Schuldiener Friebel. Friebel. Herr Drekter, der Gaſtwirt Brinkmeier wünſcht Sie zu ſprechen.. Direktor. Was will der Mann? Friebel. Ich weiß nicht, Herr Drekter. Direktor. Er ſoll wiederkommen. Ich habe jetzt keine Zeit. — 46— Friebel. Schön, Herr Drekter.(Ab.) Direktor(arbeitet weiter). Friebel(kommt zurück). Herr Drekter, der Mann läßt ſich nicht abweiſen. Er ſagt, er muß Sie ſprechen. Direktor(unwillig). Meinetwegen— laſſen Sie ihn ein⸗ treten.(Friebel ab.) Vierter Auftritt. Voriger. Brinkmeier. Brinkmeier(ſpricht ſehr laut). Juten Tag, Herr Direktor. Ick bin der Jaſtwirt Brinkmeier. Direktor. Sie kommen mir heute ſehr ungelegen. Was wollen Sie? Brinkmeier. Nichts für unjut, Herr Direktor. Die Sache is preſſant— Direktor. Was haben Sie denn? Brinkmeier. Ick bin jeſtern abend beſtohlen worden. Direktor. So gehn Sie doch auf die Polizei. Was geht mich denn das an? Brinkmeier. Jawohl, aber det Bürſchken jehört zu Ihre Jerichtsbarkeit. Direktor. Was ſoll das heißen? Brinkmeier. Nanu, et is'n Jymnaſte. Direktor. Können Sie das beweiſen? Brinkmeier. Allemal, Herr Direktor. Direktor. Wen haben Sie im Verdacht? Brinkmeier. Verdacht is nich. Jefaßt habe ick ihn. Direktor. Wen denn? Brinkmeier. Et is der Witwe Tillmann ihrer.... Direktor lentſetzt aufſpringend). Robert Tillmann? Brinkmeier. Ganz recht. Direktor. Menſch, das lügen Sie! Brinkmeier. Allen Reſpekt, Herr Direktor— aber det muß ick mir doch verbitten. Direktor. Robert Tillmann! Wie iſt das möglich? Brinkmeier. Der junge Tillmann verkehrt ſchon lange in meinem Lokal. — 17— Direktor. Seit wann? Brinkmeier. En jutet halbet Jahr. Direktor. Weiter— Brinkmeier. Na ick weeß ja. Sie ſollen nich kneipen jehn, die Herren Jymnaſten. Aber an det Seidel Bier und die Zijaren is noch keener nich jeſtorben. Direktor. Kommen Sie doch zur Sache. Brinkmeier. Mir beehren keene Hororatioren. Meiſtens Arbeeter, kleine Handwerker. Da ſaß er zwiſchen, der Till⸗ mann und redete klug wie'n Alter. Er hatte ſo wat an ſich, det jefiel den Leuten. Ein jeribener Bengel. Direktor. Kam er abends zu Ihnen? Brinkmeier. Jawohl, nach'n Eſſen. Jeſtern abend kommt mein Junge jejen Uhre achten. Fordert ſich janz manierlich'n Ilas Bier und die Zeitung. Direktor. Hatten Sie ſonſt Gäſte? Brinkmeier. Da liegt der Haſe im Pfeffer. Alleene ſaß er da. Wie er lieſt jehe ick mal n'bisken Luft ſchnappen. Wie ick zurückkomme, ſitzt der Tillmann auf'n ſelben Fleck.„Wo bleiben Sie denn, Herr Brinkmeier?“ fragt er.„Ich muß weg. Ich kann heute nich zahlen.“ „Thut nichts“, ſage ick„hat keene Eile nich.'s nächſte Mal.“ Mein Junge nu weg. Direktor. Ich verſtehe nicht, wo Sie hinauswollen. Brinkmeier. Später hatte ick andere Jäſte. Ick kam nich mehr vom Schanktiſch weg. Um neune will ick die Kaſſe ſtürzen. Der Schub is verſchloſſen. Ick ſchließe auf. Ick meine, ick müßte lang hinſchlagen. Et war nichts drin. Allens rausjekehrt. Ratzekahl bis auf'n letzten Pfennig. Direktor. Wie kommen Sie zu dem entſetzlichen Verdacht? Brinkmeier. Ick ſchlage mir auf’'n Kopp. Brinkmeier, ſage ick, wer hat det Jeld jemauſt? Um achte habe ick noch in fünf Märker reinjelegt. Det Schloß war unyverſehrt. Da hat einer'nen Nachſchlüſſel jehabt. Nu kommt meine Olle.„Jejen achte,“ ſagt ſe,„kam der Sonnenberg rin, wat den Händler Sonnenberg ſein Jüngſtes is, zapft ſich 'n Ilas Bier un jing jleich wieder.“„Hol mich der Kuckuck,“ ſage ick.„Da war ick jerade ins Irüne.“ Direktor. Wie können Sie denn da Tillmann ohne weiteres beſchuldigen? Brinkmeier. Det wird ſonnenklar. Ick dachte ja nun auch zuerſt: der Sonnenberg... Aber ick bitte Ihnen, ſo’n reicher Junge— Direktor. Das beweiſt ja gar nichts. Brinkmeier. Nee, der Tillmann, der Tillmann.... Der Gedanke ließ mir nich los. Direktor. Darauf iſt Ihre Frau wohl zuerſt gekommen? Brinkmeier. Det ick nich wüßte. Sie ſagte ja woll, bei den Tillmanns liegt det Mauſen in der Familie. Direktor. Das iſt dummes Gerede. Brinkmeier. Nu warten Se man. Um halb zehne bin ick bei Tillmanns in die Königſtraße— Direktor(geſpannt). Nun? Brinkmeier Na, det Vögelchen war noch ausjeflogen. Frau Tillmann, ſage ick zu ſeiner Mutter, Ihr Sohn hat mir 80 Mark jeklemmt. Direktor. Sie hatten gar kein Recht, ſo rückſichtslos aufzutreten. Brinkmeier. Det findet ſich allens. Um zehne kommt der Strick. Er zuckte zuſammen, wie er mir ſah.„Tillmann,“ ſage ick,„jeben Sie det Jeld heraus. Ick jehe nich eher vom Fleck.“ Natierlich weiß er von jar niſcht. Da habe ich ihm'n bisken jeſchüttelt.„Bürſchken,“ ſage ick,„det Jeld her.“ Da fällt ihm ein Schlüſſel aus der Taſche. „Nanu,“ ſage ick,„det is ja mein Kaſſenſchlüſſel“. Wie ick mir den Schlüſſel ankieke, ſeh ick, Dunner! Der is ja nachjemacht. Ein Kunſtſchloſſer hätte ihn nich ſcheener deichſeln können.(Holt zwei Schüſſel aus der Taſche.) Sehn Se mal, Herr Direktor. Det is mein Schlüſſel. Un det is 'et Tillmannſche Fabrikat. Direktor(nimmt erregt die beiden Schlüſſeh). Hat er geſtanden, daß er den Schlüſſel nachgemacht hat? Brinkmeier. Fiel ihm ja jar nich ein. So'n jewiegter Kunde! Davor haben wir die Polizei. Det Jeld wer ick wohl in den Schornſtein ſchreiben können. Direktor. Für mich iſt bis jetzt noch gar nichts erwieſen. Brinkmeier(frech). Noch nich? Na, da brat mir eener 'nen Storch! Aber Sie nehmen ja immer die Partei von dem Jungen. Hören Sie nur, was man ſich in der Stadt erzählt! Den Oberlehrer Fuchs haben Sie rausjeſchmiſſen, — 49— weil er ein Techtelmechtel mit Frau Brand hatte. Und Sie ſelbſt ſtecken den janzen Tag mit Frau Tillmann zuſammen. Wo iſt denn da der Unterſchied? Das iſt doch Jacke wie Hoſe!(Frau Tillmann tritt rechts auf.) Ah, das trifft ſich ja gut. Gratuliere Ihnen zu dem neueſten Genieſtreich von Ihrem Einzigen. Werden noch viel Freude an ihm erleben. Direktor. Unverſchämter! Machen Sie ſofort daß Sie hinauskommen. Brinkmeier. Na, glauben Sie etwa, ick werde hierbleiben? Aber mein Jeld muß ich wiederhaben— alles übrige iſt mir ſchnuppe. Im übrigen wiſſen Sie ja wohl, wo der Staatsanwalt wohnt. Wünſche viel Vergnügen.(Ab.) Fünfter Auftritt. Voriger. Frau Tillmann. Frau Tillmann(in höchſter Erregung). Er geht auf die Polizei! Rufen Sie ihn zurück. Direktor. Beruhigen Sie ſich— ich bitte Sie. Frau Tillmann(außer ſich). Er geht auf die Polizei! (Sie wankt, der Direktor fängt ſie auf, ſie bricht an ſeiner Bruſt zu⸗ ſammen. Direktor. Faſſen Sie ſich, liebe Frau Tillmann. Frau Tillmann(weint laut). Direktor. Ich kann es noch gar nicht glauben. Iſt es denn wirklich wahr? Frau Tillmann l(ſich langſam ſammelnd). Es war— eine fürchterliche Nacht—— Ich habe gerungen mit ihm— ich habe ihn gewürgt. Dann habe ich zu beten verſucht, aber ich konnte nicht. Direktor. Hat er geſtanden? Frau Tillmann. Um drei Uhr früh ging er weg. Direktor. Er iſt nicht zurückgekommen? Frau Tillmann. Doch— nach einer Stunde. Er brachte— das geſtohlene Geld. Direktor. Haben Sie eine Ahnung, wo er es verſteckt hatte? Zabel und Bock, Der Gymnaſaldirektor. 4 Frau Tillmann. Nein, keine Ahnung. Direktor. Sie werden ſehen, er hat einen Mitſchuldigen gehabt. Frau Tillmann verzweifelt). Und ich habe ihm das Werk⸗ zeug gekauft. Vor meinen Augen hat er den Nachſchlüſſel gemacht. Direktor. Quälen Sie ſich doch jetzt nicht damit. Frau Tillmann. Er ſollte gut machen, was ſein Vater geſündigt. Um die letzte Hoffnung bin ich betrogen. Und die Schande! Direktor. Seien Sie doch ſtark, liebe Frau Tillmann. Frau Tillmann. Ach, lieber Freund, helfen Sie mir. Direktor. Wenn ich wollte— ich kann nicht. Wo iſt er jetzt? Frau Tillmann. Ich habe ihn mitgebracht. Er ſteht draußen, aber er wagt nicht hereinzukommen. Er iſt ganz zerknirſcht. Er bereut. Es war ein tückiſcher Streich. Aber er iſt kein Verbrecher. Es iſt doch mein Kind. Ich kann's, ich will's nicht verleugnen. Ich gehöre zu ihm. Helfen Sie, lieber Herr Direktor! Direktor. Es liegt nicht in meiner Macht zu helfen. Sie ahnen gar nicht, was für mich dabei auf dem Spiel ſteht. Frau Tillmann(in Verzweiflung). Das iſt Ihr ganzer Troſt? Ich beſchwöre Sie, was werden Sie thun? Direktor. Was mir Amt und Pflicht vorſchreiben. Frau Tillmann(ſinkt niedergeſchmettert auf einen Stuhl). Er iſt alſo verloren! Direktor(geht erregt auf und nieder). Frau Tillmann(nach einer Weile ſich erhebend mit Größe und Faſſung). Verzeihen Sie mir, Herr Direktor. Ich war eine Thörin. Ich begreife vollkommen. Sie müſſen Ihre Pflicht thun. 4 Direktor. So ſchwer es mir wird— ich kann nicht anders. Frau Tillmann. Gewiß nicht. Direktor. Ich weiß wohl, wie Sie leiden, aber— Frau Tillmann. Ich ſcheide ohne ein bittres Gefühl von Ihnen. Haben Sie Dank für Ihre Güte und Freundſchaft. Direktor. Ich habe Ihnen ja gar nicht helfen können. — 51— Frau Tillmann(wehmütig). In dieſen Wochen iſt ein heller Schein in mir aufgedämmert— Direktor(leidenſchaftlich). Sagen Sie mir das jetzt nicht. Ich bitte Sie. Frau Tillmann(wie verklärt). Sie waren der erſte, der der Verſtoßenen die Hand bot. Sie kamen in mein geächtetes Haus. Sie dachten groß. Größer als all die Menſchen, die ich verachte. Ich habe in den Stunden unſeres Beiſammen⸗ ſeins ein unbekanntes Glück erlebt. Das liegt nun hinter mir. Direktor. Sie wiſſen gar nicht, wie weh Sie mir thun. Wenn ich Ihnen nur etwas ſein könnte. Frau Tillmann. Ich habe noch eine Bitte— Direktor. Sprechen Sie! Frau Tillmann. Robert wird beſtraft. Ich weiß es, ſehr hart. Er verdient das. Aber er iſt noch ſo jung. Ich bin ſicher, er geht in ſich. Er wird ſich beſſern. Wollen Sie ſich ſeiner annehmen, wenn er ſeine Strafe verbüßt hat? Direktor. Von ganzem Herzen gern. Und Sie? Frau Tillmann(zögernd). Ich— gehe weg von hier— weit weg. Direktor(erſchreckt'. Was haben Sie vor? Fran Tillmann. Fragen Sie nicht. Meines Bleibens iſt hier nicht. Direktor. Nein, Sie ſollen leben. Sie müſſen. Frau Tillmann. Laſſen Sie mich. Ich habe zehn Jahre gekämpft. Es war umſonſt. Aber ich will nicht ſehen, wie mein Sohn vor den Strafrichter geführt wird. Machen Sie mir dieſe Stunde nicht noch ſchwerer. Leben Sie wohl. Herzlich Lebewohl. Direktor(mit ſich kämpſend, dann entſchloſſen). Bleiben Sie. Ich will es. Frau Tillmann(ſchüttelt traurig den Kopf). Thun Sie, was Ihres Amtes iſt. Direktor(überwältigt). Ich verlaſſe Sie nicht. Frau Tillmann(will ihm mit einem Aufſchrei zu Füßen fallen). Sie werden ihn retten? Direktor(ſie ſanft auffangend). Hören Sie mich an— Frau Tillmann(dringender). Werden Sie ihn retten? Direktor(hoheitsvoll'. Frau Tillmann, können Sie den Mann achten, der ſich mit einer Unredlichkeit beſchmutzt? — 52— Denken Sie daran, was Sie in Ihrer nächſten Umgebung erlebt haben. Können Sie den Mann achten? Legen Sie die Hand aufs Herz. Nein! Das können Sie nicht. Und ich würde zum ehrloſen Wicht, wenn ich das vertuſchen wollte. Das wollen Sie nicht. da n Tillmann(leiſe). Bei Gott, nein, das will ich nicht. Direktor. Ihr Muttergefühl ſträubt ſich in dieſem Augen⸗ blick dagegen; aber für mich vollzieht ſich das mit Natur⸗ notwendigkeit. Ihr Sohn hat ſich ſchwer vergangen, er muß beſtraft werden. Frau Tillmann(weint). Direktor. Wollen Sie darum verzweifeln? Ihr Sohn fühnt ſeinen Fehltritt. Hoffentlich wird er ein anderer Menſch. Wohl aber bedarf er einer ſtarken Hand, die ihn leitet. Und dazu ſind Sie zu ſchwach. Und ich verſpreche es Ihnen: ich ſelbſt will ihn führen. Wenn Sie wollen, ſind Sie künftig nicht mehr allein. Ich ſtehe zu Ihnen— vor aller Welt. Frau Tillmann(ſieht ihn erſt zweifelnd an, dann von Glücks⸗ gefühl übermannt mit ruhiger Sicherheit). Ich will alles thun— alles, was Sie wollen... Direktor. Rufen Sie ihn herein. Frau Tillmann(hinausrufend). Robert, komm herein. Sechſter Auftritt. Vorige. Robert. Robert(zuckt beim Anblick des Direktors zuſammen, hält ſich die Hände vors Geſicht und ſchluchzt). Direktor(leiſe zu Frau Tillmann). Gehen Sie jetzt und auf baldiges Wiederſehen. Ich habe mit Ihrem Sohn zu reden. Frau Tillmann. Seien Sie nicht zu hart mit ihm— ich bitte Sie.(Ab.) Siebenter Auftritt. Direktor. Robert Tillmann. Direktor(nimmt Robert die Hand vom Geſicht, ſtreng). Tillmann, wo haben Sie geſtern abend das Geld hingebracht? Robert. Ich habe das Geld nicht weggebracht. Direktor. So? Sie haben es doch heute früh geholt? Robert. Jawohl. Ich habe es aber nicht weggebracht. Direktor. Sie haben es natürlich gar nicht genommen? Robert. Nein, Herr Direktor. Direktor. Hm! Es iſt ſchließlich nicht meine Sache, das zu unterſuchen. Aber ſoviel will ich Ihnen ſagen, Ihr plumpes Leugnen verſchlimmert nur Ihre Lage. Robert(beſtimmt). Ich habe das Geld nicht genommen. Direktor. Ich bedaure nur Ihre arme Mutter. Sie ſind alt genug, um das zu verſtehen. Das Leben Ihrer Mutter iſt eine ununterbrochene Kette der ſchwerſten Ent⸗ täuſchungen. Für Sie hat ſie ſich aufrecht erhalten. Für Sie hat ſie gedarbt und geſpart. Für Sie war ihr keine Arbeit zu niedrig. Um Ihretwillen hat ſie Niedertracht, Bosheit und Verleumdung ertragen. Das kann nur eine Mutter für ihr Kind. Aber Sie ſollten ihr eine Stütze werden, an Ihnen wollte ſie wenigſtens Freude erleben. Das war ihr gutes Recht. Nun haben Sie ſich und ſie zu Grunde gerichtet. Sie ſollten vor Scham verſinken. Dem verſtockteſten Böſewicht traue ich noch ein Gefühl für die Mutter zu. Aber auch das iſt in Ihnen erſtickt. Ich habe einen reuigen Sünder erwartet. Nun wollen Sie mir hier etwas vorlügen. Das laſſe ich mir nicht bieten. Aus meinen Augen— fort! Robert(zuckt zuſammen und ſchickt ſich an, zu gehen. An der Thüre wendet er ſich halb um und bricht in krampfhaftes Schluchzen aus). Herr Direktor— Direktor. Was wollen Sie noch hier? Robert(immer ſchluchzend, daher alle Worte kuürz hervorſtoßend, erſt allmählich ruhiger). Ich habe nicht geſtohlen. Ich habe mich nur rächen wollen— Direktor ſcheinbar gleichgültig, aber doch aufhorchend). An wem? Robert. An Brinkmeier. Direktor. Warum? Robert. Weil er mich beſchimpft hatte. Direktor. Was hatte er Ihnen gethan? Robert. Er hat geſagt, ich würde ein Lump werden, wie mein Vater— vor allen Gäſten. Direktor. Wann hat er das geſagt? Robert. Ich weiß nicht genau. Ich glaube am Bußtag. Direktor. Haben Sie ein ſo ſchlechtes Gedächtnis? Robert. Ich war ſelbſt nicht dabei. Direktor. Von wem haben Sie's denn gehört? Robert. Von Paul Sonnenberg. Direktor. Der war zugegen? Robert. Jawohl! Direktor. Und nun haben Sie den Plan ausgeheckt, Brink⸗ meier etwas anzuhaben? Robert. Nein, Sonnenberg ſagte zuerſt, er wolle ſein Geld von Brinkmeier wieder haben. Direktor. Welches Geld? Robert Er hat ihm immer zu wenig Bier eingeſchenkt. Das Geld wollte er heraus haben. Direktor. Und nun? Robert. Und da zeigte er mir einen Wachsabdruck. Direktor. Wohl von Brinkmeiers Schloß? Robert. Jawohl. Direktor. Konnte er denn danach einen Schlüſſel machen? Robert. Ich glaube nicht. Er behauptete, ich kriegte ihn auch nicht fertig. Direktor. So— und da haben Sie ſich daran gemacht? Robert. Ja, aber er ſollte ihn nicht in die Hand be⸗ kommen. Direktor. Bleiben Sie bei der Wahrheit! Robert. Und da erzählte er, wie Brinkmeier mich ſchlecht gemacht hat. Und da wurde ich wütend— Direktor. Und machten ihm den Nachſchlüſſel. Robert. Ja, aber ich habe das Schloß nicht berührt. Direktor. Waren Sie in der Wirtsſtube, als Sonnen⸗ berg die Schublade aufſchloß und das Geld herausnahm? Robert. Jawohl, Herr Direktor. Direktor. Hat er Ihnen nicht halbpart angeboten? Robert. Ein Drittel. Ich habe aber nichts gewollt. 55 — 55— Direktor. Sonnenberg nahm dann das Geld mit nach Haus? Robert. Jawohl. Direktor. Gab er's denn heute früh wieder gutwillig heraus? Robert. Nein, ich habe ihn erſt furchtbar gehauen. Direktor. Sagen Sie um Gotteswillen, was haben Sie ſich eigentlich bei der Sache gedacht? Robert. Ich wollte mich rächen an Brinkmeier. Direktor. Und da gab es keinen anderen Ausweg, als ſeine Kaſſe auszuplündern? Robert. An dem Geld ſelbſt lag mir gar nichts. Ich habe keinen Pfennig in die Hand genommen. Direktor. Wenn Sie ſich gekränkt fühlten, warum gingen Sie nicht zu Ihrer Mutter? Robert(ſchweigt). Direktor. Warum vertrauten Sie ſich keinem Ihrer Lehrer an? Robert. Ich hätte doch nicht Recht bekommen. Direktor. Mit dieſer ſchlechten Ausrede kommen Sie bei mir nicht durch. Nein, Ihre laſterhafte Verſtocktheit, Ihr unerhörter Trotz ſind an allem ſchuld. Lieber der Helfershelfer eines nichtsnutzigen Buben werden, als ein offenes Wort reden: das ſieht Ihnen ähnlich. Der Trotz, der ſich bei Ihnen eingeniſtet hat, iſt die Urſache all Ihrer Laſter. Ich kenne Ihr Vorleben ganz genau. Ich laſſe es gelten, wenn Sie ſich gegen den Spott der Kameraden mit den Fäuſten verteidigen Aber ſchlecht zu werden, weil ein ungebildeter Kneipwirt ſeine Witze über Sie geriſſen hat, das hatten Sie wahrhaftig nicht notwendig.„Ihr wollt mir etwas anhängen?“ hätte ein tüchtiger Charakter geſagt, „Gut, ich werde euch erſt recht beweiſen, daß ich brav ſein, daß ich etwas leiſten kann.“(Pauſe). Aber was Sie gethan haben, iſt unerhört und unverzeihlich, ein Schimpf für meine ganze Anſtalt. Sie werden mit mir ſofort auf die Polizei gehen und Ihre Ausſagen genau ſo wiederholen, wie Sie ſie vor mir gemacht haben. Robert.(aufſchreiend). Auf die Polizei? Nur das nicht, Herr Direktor!(Fällt ihm zu Füßen) Auf meinen Knieen bitte ich Sie. Thun Sie mir dieſe Schmach nicht an. — 86— Strafen Sie mich, ſo hart ſie wollen. Ich will mich vor Ihnen demütigen, aber ſtoßen Sie mich nicht von ſich. Ich flehe Sie an. Erbarmen Sie ſich, Herr Direktor! Direktor(mit äußerſter Energie). Steh'n Sie auf!(Robert ſteht auf.) Alles hätte ich Ihnen zugetraut, nur nicht, daß Sie feig ſein würden, wie Sie ſich jetzt zeigen. Sie ſollten wiſſen, daß wir alle unter dem Geſetz der Vergeltung ſtehen, daß jeder von uns für ſeine Thaten ſeinen Lohn erhält. Wie wollen Sie einmal ein nützliches Mitglied der Geſſelſchaft werden, wenn Sie ſich dieſer erſten aller Pflichten, vor ſich ſelbſt und vor der Welt wahr zu ſein, feige entziehn? Sie ſind ſchuldig und Sie müſſen dafür Strafe erleiden.(Legt ihm die Hand auf die Schulter.) Robert Tillmann, ſehen Sie mich an, nehmen Sie ſich zuſammen, damit ich nicht alle Achtung vor Ihnen verliere und folgen Sie mir. Wollen Sie? Robert(zu ihm emporblickend). Ich will. Direktor. So kommen Sie. Robert(im Abgehen). Meine arme Mutter! (Vorhang fällt.) Vierter Aufzug. Erſter Auftritt. Konferenz⸗Zimmer des Gymnaſiums. Ausſtattung wie im 3. Aufzug. Der lange, grünbezogene Tiſch fehlt. Statt deſſen einige kleinere Tiſche, davor Stühle. Auf den Tiſchen Stöße von Heften, Zeitſchriften. Die Lehrer in zwangloſen Gruppen, teils ſtehend, teils ſitzend. Becker. Hippler. Friedrich. Sellmann. Meyer. Hippler(von der Mitte hereinkommend). Kollegen, haben Sie ſchon gehört? Der Oberſchulrat iſt da.(Bewegung.) Becker. Seit wann? Hippler. Er iſt geſtern mit dem Abendzug gekommen und dann gleich zu Dubois gegangen. Becker. Es giebt eine regelrechte Unterſuchung ſſtehen bleibend.) Meyer. Ich fürchte, es ſteht ſchlimm um den Direktor. Hippler. Er hat ſchon in der Verſetzungskonferenz den jungen Tillmann mit einer Wärme verteidigt, die mich ſofort ſtutzig gemacht hat. Sellmann. Ich bin feſt davon überzeugt, der Direktor hat in der Konferenz nur ſeiner ehrlichen, innerſten Meinung Ausdruck gegeben. Hippler. Das iſt ja koſtbar, was Herr Profeſſor Friedrich erzählt. Sellmaun. Was denn? Becker. Nun, Herr Profeſſor? Friedrich. Meine Frau war geſtern bei Hofrat Steins in Kaffeegeſellſchaft. Zwiſchen der Kommiſſionsrätin Garnier und der Frau Brand kam es da zu einer förmlichen Boxerei. Becker. Was? Unerhört! Friedrich. Die Garnier war außer Rand und Band, weil ihr Aſinus von Filius ſitzen geblieben iſt. Die Brands waren mit Vorbehalt verſetzt. Das wurmte ſie. Sie ſtichelte auf Fuchs und ſein Verhältnis zur Brand. Und die blieb ihr natürlich keine Antwort ſchuldig. Ein Wort gab das andere. Schließlich ſtürzten ſie wie die Kampfhähne aufeinander. Alles ſchrie Zeter und Mordio. Der Brand wurde die Thür gewieſen. Seitdem läuft ſie in der Stadt umher und erzählt die unglaublichſten Dinge über unſeren Direktor. Hippler. Über unſeren früheren Direktor. Sellmann. Das klingt ja ganz unglaublich. Friedrich. Meine Frau iſt klaſſiſche Zeugin. Hippler. Das ſind die unausbleiblichen Folgen ſolcher Skandaloſa, wie wir ſie jetzt erleben. Becker. Eh! Ich war geſtern mit dem Kollegen Hippler im Club. Hippler. Das ganze Neſt ſteht in hellem Aufruhr. Becker. Die Skattiſche waren leer. Alles vereinigte ſich zu einem Entrüſtungsſturm. Hippler. Jawohl, die entrüſteten Väter wollen ihre Söhne aus dem Gymnaſium nehmen. Friedrich. Das kann ich ihnen nicht verdenken. Es löſen ſich alle Bande frommer Scheu. Hippler. Der Direktor wird allgemein verurteilt. Sellmann. Ja, aber warum denn? Hippler. Sehr einfach. Weil er ſich an dieſe Tillmann gehängt hat, die Frau eines Zuchthäuslers. Becker. Und was das Schönſte iſt, gerade in dem Augenblick, wo der junge Tillmann als gemeiner Dieb ein— geſteckt wird. Sellmann. Es ſcheint, ſie ſtehen auch auf dem Stand⸗ punkt der entrüſteten Väter. Hippler. Wozu das Verſteckſpielen? Der Direktor hat ſich ganz unmöglich gemacht. Meyer. Das ſtelle ich entſchieden in Abrede. Friedrich(zu Hippler, ihm die Hand drückend). Ich bin ganz Ihrer Meinung, Herr Kollege. Meyer. Der Direktor hat im Gegenteil vollkommen korrekt gehandelt. Sellmann. Das meine ich auch. Es trifft ihn auch nicht der leiſeſte Vorwurf. Meyer. Er hat die beiden Diebe ſofort der Polizei überliefert. Was verlangen Sie denn weiter von ihm? Sellmann. Selbſt wenn er Frau Tillmann heiraten wollte, würde das keinen Menſchen etwas angehen. Friedrich. Sie haben jedenfalls hierin ganz eigen⸗ tümliche Anſchauungen. Meine Moral geht einen anderen Weg. Hippler. Die nächſten Tage werden es ja zeigen. Er wird einfach gezwungen, zu demiſſionieren. Becker. Nach meiner Meinung bedarf es deſſen garnicht. Er wird von ſelbſt gehen. Sellmann. Was die Philiſter über ihn kannegießern, kann ihm ganz gleich ſein. Er braucht ſich ſelbſt nichts vor⸗ zuwerfen. Ich hoffe ſehr, er bleibt. Meyer. Mir ſollte es ſehr leid thun, wenn er dem Druck der ſogenannten„öffentlichen Meinung“ weicht. Friedrich. Was heißt öffentliche Meinung? Sellmann. Das heißt hier in dieſer würdigen Stadt: möglichſt viel Schmutz zuſammentragen, den infamſten Ver⸗ leumdungen ein williges Ohr leihen und dann erbarmungslos über einen verdienten Mann zu Gericht ſitzen. Zweiter Auftritt. Die Vorigen. Sonnenberg. Sonnenberg(üßlich, nachher zerknirſcht jammernd). Sie ver⸗ zeihen— Becker. Mit wem hab' ich— Sonnenberg. Sonnenberg— Händler Sonnenberg. Becker. Ah, Sie ſind der Vater des—— Sonnenberg. Paul Sonnenberg— jawohl—— — 60— Becker. Und Sie wünſchten? Sonnenberg. Ich möchte den Herrn Schulrat ſprechen. Becker. Das wird Ihnen ſchwerlich gelingen. Sonnenberg. Ich bitte aber dringend darum. Becker. Der Herr Geheimrat iſt den ganzen Tag be⸗ ſchäftigt. Er empfängt abſolut niemand. Und heute abend reiſt er wieder ab. Sonnenberg. Na, es läßt ſich vielleicht aber doch machen. Legen Sie'n gutes Wort für mich ein. Hippler. Was haben Sie denn? Sonnenberg. Herrjemerſch, ich bin ja außer mir. Meinen Sohn will ich frei haben. Becker. Und dazu ſoll Ihnen der Herr Geheimrat be⸗ hülflich ſein? Das iſt doch lediglich Sache des Gerichts. Wenden Sie ſich dorthin. Sonnenberg. Die Polizei hat mich ſozuſagen überrumpelt. Hätte mir der Lotterbube nur einen Ton geſagt. Ich hätte ihn weggeſchafft, ſo wahr ich Sonnenberg heiße! Sellmann. Das wäre Ihnen ſehr übel bekommen. Sonnenberg. Na, is denn mein Paul nich etwa ver⸗ führt worden? Von dem Lauſejungen Tillmann? Becker. Es wird gerade das Gegenteil behauptet. Aber wenn Sie das ſo genau wiſſen, laſſen Sie doch die Dinge ruhig an ſich herankommen. Sonnenberg. Alle Haare möchte ich mir ausraufen. Mein ehrlicher Name! Meine Frau ſtammt aus eine hoch⸗ jebildete Familie. Und ich bin 25 Jahre Armeelieferant. Das will was heißen. Un mein Junge ſitzt! Nee ſo was, nee ſo was. Sellmann. Es iſt ja ſehr ſchlimm für Sie. Aber meiner Anſicht nach iſt jeder Schritt, den Sie jetzt unternehmen, vergeblich. Alſo beruhigen Sie ſich. Sonnenberg. Nee, ich beruhige mich nich. Der Junge is verführt worden. Hippler. Das wird ſich bei der Verhandlung heraus⸗ ſtellen. Sonnenberg. Ich bitte Ihnen. Die Tillmanns, ſo'ne Lumpenfamilie! Der Alte hat in die Steuerkaſſe gegriffen. Der Sohn ſetzt das Geſchäft mit ungeſchwächten Kräften fort. — 61 Becker. Das entſchuldigt aber doch den Streich Ihres Sohnes nicht. Sonnenberg. Na, mir begegnete heute früh der Ober⸗ amtsrichter. Meyer. Haben Sie ihn geſprochen? Sonnenberg. Neeo, ich grüßte ihn. Er ſagte:„Juten Morgen!“ Meyer. Weiter nichts? Sonnenberg. Nee. Aber in dem„juten Morjen“ lag etwas.... Becker. Was denn? Sonnenberg. Na, ſo'’n Mann kann ja auch nich immer, wie er will. Aber ſagen wollt er: Sonnenberg, Ihr Junge is verführt worden. Becker. Ich will Ihnen den Glauben nicht nehmen. Sonnenberg. Der Junge iſt von guter Art. Ich kenne mein Blut. Wenn dem Jungen ein Haar gekrümmt wird, ich gehe bis zum König! Hippler. Das bleibt Ihnen unbenommen, aber jetzt... Sonnenberg. Und das wollte ich gerade dem Herrn Schulrat ſagen. Ich habe auch meine Beziehungen und da werde ich mal en bißchen aus der Schule plaudern, was das hier für Zuſtände ſind. In der Klaſſe geht alles nach Gunſt. Die Weiber pouſſieren die Herren Lehrer. Der Direktor fängt mit der Tillmann ein Verhältnis an. Und der Mann hetzt mir die Polizei auf'n Hals. Der ſoll man erſt den Schmutz vor ſeiner eigenen Thür wegkehren. Wie geſagt, meine Herrn, ich gehe bis zum König. Empfehl' mich!(Ab). Dritter Auftritt. Vorige, ohne Sonnenberg. Becker. Sie ſehen, es hat gar keinen Zweck, ſich hier pro oder contra zu ereifern. Den Direktor mögen die edelſten Motive geleitet haben. Als Bräutigam der Frau Tillmann, als Verteidiger ihres Sohnes, iſt er als Gymnaſialdirektor unmöglich. Volkes Stimme, Gottes Stimme! — 62— Sellmann. Ich freue mich, daß Sie nicht darüber zu entſcheiden haben. Becker. Und mir gewährt es eine große Beruhigung, im Provinzialſchulkollegium Männer zu wiſſen, von denen man ein klares, beſonnenes Urteil erwarten kann. Hippler. Sein Verdienſt wird ihm darum niemand ſchmälern. Er war nicht der Schlechteſte. Sellmann. Wollen Sie ihm ſchon die Leichenrede halten? Meyer. Unſer Gymnaſium kann ſtolz auf dieſen Chef ſein. Sellmann. Er hat einen neuen Geiſt in dieſe Anſtalt gebracht. Friedrich. Ich weiß nicht, mir gefällt dieſer Geiſt gar nicht. Sellmann. Nun, man kann da verſchiedener Anſicht ſein. Meyer. Gewiß, es giebt immer Leute, die dem Rück— ſchritt huldigen. Sellmann. Was früher hier für Zuſtände waren, davon ſprechen die Herren nicht. Es war eine koloſſale Aufgabe für den Direktor, hier Wandel zu ſchaffen. Dazu war über⸗ haupt nur ein Erzieher von ſeiner eminenten Fähigkeit im⸗ ſtande. Meyer. Ja, der Direktor hielt die Zügel ſtraff. Das macht ihm auf dieſem Gymnaſium ſo leicht keiner nach. Sellmann. Jetzt verlaſſen die Ratten das ſinkende Schiff. Friedrich. Herr Kollege, Sie werden beleidigend. Becker. Meine Herren, ich ermahne Sie zur Eintracht. Der Oberſchulrat ſteht ſozuſagen, vor der Thüre. Sie werden es noch dahin bringen, daß das ganze Gymnaſium auffliegt. Hippler. Ich habe auch das Gefühl, daß wir auf einem Vulkan ſitzen. Sellmann. Sprechen Sie im Plural Majeſtatis, Herr Kollege? Hippler. Sie ſind überhaupt Luft für mich...... Sellmann. Das Recht der freien Diskuſſion wird ſich kein Lehrerkollegium nehmen laſſen. Aber daß der erbärm⸗ lichſte Klatſch hier bei uns Eingang findet, das iſt höchſt traurig. Der Direktor ſteht turmhoch über allen Anfein⸗ dungen. Wie ein Mann mußte das Kolleg für ihn eintreten. — 63— Meyer. Und wenn er einer höheren Gewalt weichen muß; ein Mann von ſeiner Begabung geht nicht zu Grund. Über ſein Shakeſpearelexikon habe ich neulich eine Kritik in einer engliſchen Wochenſchrift geleſen. Darin wird unſer Direktor gradezu als der erſte lebende Shakeſpearekenner be⸗ zeichnet. Friedrich. Die Frau wird ihn ruinieren. Sellmann. Wiſſen Sie denn überhaupt, meine Herren was Direktor Schmidt für ein Mann iſt? Wir können von ihm doch nicht wie von einem gewöhnlichen Schul— pauker reden, von dem zwölf auf ein Dutzend gehen. Er kann das Gymnaſium entbehren, aber das Gymnaſium nicht ihn, denn er iſt eine Zierde unſers ganzen Lehrer⸗ kollegiums, eine Leuchte der Wiſſenſchaft. Direktor Schmidt iſt als Gelehrter ein Mann von europäiſchem Ruf. Das wird überall anerkannt, nur merkwürdiger Weiſe hier nicht, wo wir uns an den Früchten ſeines Geiſtes, an ſeiner menſchlichen Güte täglich eioge Grade die Kreaturen, die er gemacht hat, wenden ſich tückiſch von ihm ab. Wenn ich daran denke ſteigt die Galle in mir auf und ich möchte ſolche Geſchöpfe...(Auf Becker und Hippler zugehend.) Meyer. Still! Sie kommen! Vierter Auftritt. Vorige. Dubois. Schulrat von Leuwardt l(alter vornehmer Herr. Draußen an der Thür der Pedell). Leuwardt. Guten Tag, meine Herrn. Dubois. Geſtatten Sie, Herr Schulrat.. (Will vorſtellen.) Leuwardt. O, ich kenne die Herrn ja von der letzten Prüfung. Es iſt eine ſehr betrübende Angelegenheit, die mich ſo unerwartet hierhergeführt hat. Ich erwarte von dem guten Geiſt, der dieſe Anſtalt bisher immer beſeelt hat, daß ſie auch dieſen Schlag ohne ernſten Schaden überwinden wird. (Zu Dubois.) Ich habe den Staatsanwalt nicht getroffen. — 64— Dubois. Um dieſe Zeit iſt er ſonſt ſtets auf ſeinem Bureau. Er muß eine at u Abhaltung haben. Leuwardt. Ich werde gegen Abend nochmals zu ihm gehen. Dubois. Der Vorſicht halber ſchicke ich vorher den Schul⸗ diener hin, damit Sie ihn nicht verfehlen, Herr Geheimerat. Leuwardt. Sagen Sie, Herr Oberlehrer. Die Polizei iſt verhältnismäßig ſpät eingeſchritten? Dubois. Sie war vorſichtig. Geſtern iſt Brinkmeier vernommen worden. Heute früh wurden Tillmann und Sonnenberg verhaftet. Leuwardt. Steht der Direktor ſchon lange in Beziehungen zu Frau Tillmann? 3 Dubois. Soviel ich erfahren konnte, erſt ganz kurze eit. Leuwardt. Unglaublich! Wie konnte er ſich mit der Frau einlaſſen.(Pauſe.) Ich bin alt und grau im Amt geworden. Das hab' ich noch nicht erlebt.(Pauſe.) Dazu kommt der bedauerliche Präcedenzfall. Und der Fall Fuchs iſt in ſeiner Art nicht ſo kraß. Becker. Wir werden allerdings zu thun haben, die Scharte auszuwetzen. Leuwardt. Die Sache iſt ſtadtkundig, das iſt ſehr be⸗ denklich. Die Autorität des Aehrerkolleums kriegt einen derben Stoß. Die Eltern werden mit Recht Bedenken tragen, dieſem Gymnaſium ihre Kinder anzuvertrauen. Sellmann. Herr Geheimerat, wir bedauern den Vorfall aufs tiefſte, der Direktor hatte auf ſeinem Feld ein Falken⸗ auge. Ihm entging nichts. Leuwardt. Er war gefürchtet— Sellmann. Nein, er war nur gerecht. Leuwardt. Standen Sie ihm näher. Sellmann. Ich habe geſellſchaftlich nie mit ihm ver⸗ kehrt. Leuwardt. Neben ſeinem Amt war er vieffach litterariſch thätig. Sellmann Seine Kraft war unſchätzbar. Sein ganzes Leben war eigentlich nur Arbeit. Leuwardt. Darum lebte er ſo zurückgezogen? Dubois. Ja und das war vielleicht ſein Unglück— Leuwardt. Er kannte die Geſellſchaft nicht— Dubois. Am wenigſten die Frauen. Und der erſten ſchönen Frau, die ihm gegenübertrat, fiel er zum Opfer. Leuwardt. Wie iſt der Leumund dieſer Frau Tillmann? Dubois. Es kennt ſie eigentlich niemand. Sie ſoll auf⸗ fallend hübſch ſein. Er will nun öffentlich als ihr Ver⸗ lobter auftreten. Aber wie ich ihn kenne, hat er gar keine Ahnung, wie verhängnisvoll dieſer Schritt für ihn iſt. Leuwardt. Wir werden ja ſehen.(Pauſe. Zu den Lehrern.) Um 5 Uhr kommen Sie, meine Herrn, bitte hierher. Dubois. Jawohl, Herr Geheimerat.(Alle ab bis auf Leuwardt und Dubois). Leuwardt(zu Dubois). Nun rufen Sie mir den Pedell. Dubois. Sofort.(Verbeugung, ab.) Fünfter Auftritt. Leuwardt. Dubois. Pedell. Leuwardt. Iſt der Herr Direktor zurück? Pedell. Eben kommt er ins Haus. Leuwardt. Ich laſſe ihn hierher bitten. Pedell. Zu Befehl, Herr Geheimerat.(Ab.) Sechſler Auftritt. Vorige. Direktor. Leuwardt. Ich warte den ganzen Vormittag auf Sie, Herr Direktor. Direktor. Ich bedaure ſehr, Herr Geheimerat. Aber ich bin von Ihrer Anweſenheit gar nicht unterrichtet. Leuwardt. Allerdings. Erſt geſtern iſt uns der Fall Tillmann mitgeteilt worden. Herr Direktor, Sie haben es Zabel und Bock, Der Gymnaſialdireltor. 5 — 66— leider unterlaſſen, die Angelegenheit der Oberbehörde ſofort anzuzeigen. Ich mußte alles aus dritter Hand erfahren. Ich bin darauf zur Unterſuchung ſofort hierhergereiſt. Direktor. Ich bin zu jeder Auskunft bereit, Herr Ge⸗ heimerat. Leuwardt. Die werden Sie der Kommiſſion geben müſſen. Direktor. Wie Sie wünſchen, Herr Geheimerat. Leuwardt. Ich habe mich nur meines Auftrags zu entledigen. Direktor. Bitte, Herr Geheimerat. Leuwardt. Während der Unterſuchung übernimmt Herr Dr. Dubois einſtweilen Ihre Stelle. Dubois(verbeugt ſich). Direktor. Jawohl, Herr Geheimerat. Leuwardt. Können Sie die Geſchäfte heute noch abgeben? Direktor. Jeden Augenblick, Herr Geheimerat. Leuwardt. Es iſt gut.(Zu Dubois.) Bitte, erwarten Sie mich in meinem Hôtel. Ich bin in wenigen Minuten dort. (Dubois ab. Leuwardt ſchickt ſich an zu gehen, bſeibt dann ſtehen und wendet ſich zurück, mit verändertem Ton.) Die Reiſe hierher iſt mir nicht leicht geworden. Ich kenne Sie ſo lange. Sie galten mir als der pflichttreuſte Beamte. Direktor. Ich hoffe, daß ich bis zu dieſem Augenblick meine volle Schuldigkeit gethan habe. Leuwardt. Sie haben hier manchen Gegenſatz ausge⸗ glichen. Wir wußten das, Sie waren am Platz, ſtreng, aber gerecht gegen Lehrer und Schüler. Ich weiß nicht, was ich dazu ſagen ſoll, daß Sie— daß Sie gegen ſich ſelbſt nicht ſtrenger geweſen ſind. Direktor. Ich habe mir nichts zu verzeihen, Herr Ge⸗ heimerat, nichts. Aber niemand ſage darum, er kennt ſich ganz. Ich bin Lehrer und Erzieher aus voller Neigung. Leuwardt. Jawohl und berufen wie einer. Das wirft man doch nicht ſo weg— Direktor. Ich war in meiner Pflicht aufgegangen. Aber mein Amt iſt mir gründlich verleidet worden. Leuwardt. Ich fürchte, Sie ſind keiner guten Wallung gefolgt. Direktor. Darüber beruhigt mich mein Gewiſſen. Aber es brach bei mir mit elementarer Gewalt durch— Leuwardt. Weil Sie die Macht über ſich verloren haben. — 67— Direktor. Herr Geheimerat, ich brauche mich gar nicht zu verteidigen. Das beſte bliebe doch unausgeſprochen. Ich ſage nur ſoviel: Die Natur fordert ihr Recht von mir. Und ich gebe es ihr. Leuwardt. Ich habe hier nicht zu richten. Aber es ſchmerzt mich, Sie in dieſer Lage zu ſehen. Direktor. Ich danke Ihnen. Daß ich nicht bleiben kann, fühle ich, aber ſein Sie überzeugt, ich kenne meinen Weg. Leuwardt(geht langſam, bewegt ab). Siebenter Auftritt. Direktor(allein, öffnet das Fenſter). Es will mit Macht Frühling werden. Achter Auftritt. Direktor. Frau Tillmann. Frau Tillmann(in höchſter Erregung) Endlich finde ich Sie, Robert iſt verhaftet. Direktor. Ich weiß es, denn ich habe ihn ſelbſt ſeinem Richter übergeben. Frau Tillmann. Und Sie können das ſo ruhig ſagen? Helfen Sie— Sie müſſen helfen. Direktor. Ich werde helfen, aber nicht Robert, er muß büßen, was er verſchuldet hat. Frau Tillmann. Ich will alles, was ich beſitze, zuſammen⸗ raffen, meinen letzten Schmuck verkaufen. Bieten Sie ihnen Sicherheit. Direktor. Es nützt nichts. Frau Tillmann. So verſuchen Sie es doch wenigſtens. Ihr Wort gilt etwas. Direktor. Sie irren ſich, ich habe keinen Einfluß mehr. 5* — 68— Frau Tillmann. Wie ſoll ich das verſtehen? Direktor. Ich werde mein Amt niederlegen. In einer Stunde bin ich nicht mehr Direktor. Frau Tillmann. Unmöglich! Direktor. Ich könnte meinen Vorgeſetzten Rede ſtehen, ich könnte bleiben. Und wehe denen, die mich dann noch mit ſcheelen Augen anſehen wollten! Aber ich will frei ſein, frei vom Urteil der Menſchen. Ich verlaſſe dieſe Stadt. Frau Tillmann.(außer ſich auf ihn zueilend). O mein Gott, ich habe Sie mit ins Verderben geriſſen. Und Sie können nichts für Robert thun? Direktor. Nein, in dieſem Augenblick nichts mehr. Aber hören Sie mich ruhig an. Wir beide ſtehen an einem entſcheidenden Wendepunkt unſeres Lebens. Ich habe mit einer Thätigkeit, an der ich mit ganzer Seele hing, für immer abgeſchloſſen und wage den Sprung in die Freiheit. Was ich dort finden werde, hängt einzig und allein von Ihnen ab. Noch ſind Sie frei. Was gedenken Sie zu thun? Frau Tillmann. Ich weiß es nicht. Lauter unklare, wirre Gedanken ſtürmen durch meinen Kopf. Direktor(mit freiem Stolze). Ich fühle mich ſo ſtark wie nie. Meine Sehnen ſpannen ſich. Jetzt erſt fühle ich, daß ich arbeiten und ſchaffen kann, daß in dem Leben ein unend⸗ lich ſüßer Zauber enthalten iſt, von dem ich bisher nichts gewußt habe. Dies Jünglingsbekenntnis macht Ihnen ein Mann mit grauen Haaren— ſpotten Sie ſeiner nicht. on Tillmann. Sie ſind groß und edelmütig. Aber meine Nähe war Ihnen verderch Sie würde es auch in Zukunft ſein. Laſſen Sie mich n meine Straße ziehen. Direktor. Nein, ls! Frau Tillmann. Ich bin an m dieſes Kind gekettet. Ich habe es ſelbſt ins Verderben geſtürzt. O, ich bin eine ſchlechte Mutter. Direktor. Verſündigen Sie ſich nicht. Robert wird Ihnen wiedergegeben werden. Er wird ſeine Strafe durch Fleiß und Tüchtigkeit in Vergeſſenheit bringen. Wir können ihn zu einem braven Menſchen erziehen, wenn Sie wollen.(Pauſe). Sehen Sie mich an. Vor Ihnen ſteht kein ſchmachtender Liebhaber, ſondern ein ernſter, geprüfter Mann. Aber laſſen Sie es ſich ſagen, daß der Zauber Ihrer Perſönlichkeit, der Klang Ihrer Stimme, mich gefangen genommen und aus mir altem Knaben einen wunderlichen verliebten Schwärmer gemacht haben. Frau Tillmann.(aufſpringend). Ich kann nie die Ihrige werden, hören Sie wohl! Niemals! Was mich umgiebt, iſt ein Fluch— ich fühle es. Mein ganzes Leben ekelt mich an. Dächte ich nicht an mein Kind— ich hätte dieſem Daſein längſt ein Ende gemacht. Leben Sie wohl! Direktor. Gehen Sie nicht ſo von mir. Oder fühlen Sie nicht, was in dieſer Stunde für uns beide auf dem Spiele ſteht? Sie können ſo nicht weiter leben und ich auch nicht. Etwas Heiliges und Großes, die Erziehung eines Knaben, dem wir unſere edelſten Gedanken und Empfindungen einprägen können, hat uns zuſammengebracht. Was hindert uns, daß wir völlig eins werden? Die Welt dachte uns unglücklich zu machen und in Unehren zu ſtürzen. Aber wir wollen ihr trotzen, uns gegen ſie verbinden und unſer Glück, wenn es ſein muß mit blutigen Fingern, erarbeiten— unſerem Kinde zu Liebe. Frau Tillmann(bricht in Thränen aus. Bei den folgenden Worten des Direktors gewinnt ſie an zuverſichtlicher Haltung, ſo daß ſie zum Schluß wie verklärt zu ihm emporblickt). Direktor(zieht ſie zu ſich empor). Komm, Geliebte, wir wollen gemeinſam der Höhe freier ſchöner Menſchlichkeit zu⸗ ſtreben. Amt und Titel ſchüttle ich wie Staub von meinen Füßen und blicke froh in die Zukunft. Mein ganzer Ehr⸗ geiz ſoll fortan ſein, Dich glücklich zu machen und unſeren Sohn wieder aufzurichten. Willſt Du, Geliebte? Frau Tillmann(beſeligt an ſeiner Bruſt). Ja ich will. Direktor. So laß uns nicht zurück, ſondern vorwärts blicken. Unſere Zukunft birgt zwei heilige Güter: Freiheit und Liebe! (Vorhang fällt.) Satren Ende. 83 Druck von Gottfr. Pätz in Naumburg he⸗ 4 Verlag von F. Jontaue& Co. Verlin W. 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