22 275 860 — nagranaan Verlag von Emil Roth in Giessen. Wertvolles Hand- und Nachschlagebuch für jedermann. Bürgerliches Hausbuch. Ein rechts- und geschäftskundiger Führer und Ratgeber für alle Stände und Berufsklassen. von Aug. Heckelmann, Handelslehrer in Offenbach a. M., Dozent an der Grossh. Hessischen Technischen Hochschule zu Darmstadt. S= Würgerliches VIII, 216 Seiten gr. 80. Hausbuche Gediegene Ausstattung. Preis brosch. M. 1.60. In elegant. Leinenband mit Goldpressung M. 2.—. xdededete tpd Das Werk, ein Unicum =— ndgechäfts. 72 L fehbaltigkeit . bunchger Führer undh an Reichhaltigkeit SRalgeber TFalaf gehört in jedes Haus tände und Beruſs-. 828 Rlalſen eamals wirklicher Ratgeber. * benad oon.... Emil Rofn. Giesten Verkleinerte Abbildung des Einbandes. de de d de do de dode Df/, WS A —— / 7 Verlag von Emil Roth in Giessen. Heckelmann, Bürgerliches Hausbuch. Kurze Inhalts-Übersicht. . Die deutsche Reichsverfassung. 11. . Von den Verträgen. Die deutsche Gerichtsverfassung. . Von der Schrift-, 1. Vom Entwicklungsgang der ver- 18. Die Verzehrung der Güter. schiedenen Berufsarten. 19. Der Luxus. 2. Kaufmännisches Wissen u. Können. 20. Die Spar- und Versicherungsan- 3. Wann ein Handwerker zu den Kauf- stalten. leuten gezählt wird. 21. Die bürgerliche Ehe. 4. Das Gesellschafts- und Genossen- 22. Das Erbrecht. schaftswesen. 23. Was man unter Erbrecht versteht. 5. Vom Registerwesen. 24. Das Geld und seine Bedeutung. 6. Die neue soziale Gesetzgebung. 25. Die kaufmännischen Zahlungs- 7. Vom Konkurswesen.. mittel. 8. Von den Strafen im allgemeinen. 26. Das Wechselgesetz. 9. Von den Strafen im besonderen. 27. Wie man seine Ersparnisse zins- 10 tragend anlegt. Rechnungs- und Buchführung. 13. Das Einkommen. 29. Der Bank-Kontokorrentverkehr. 14. Besitz und Eigentum. 30. Kaufmännisches Rechnen. 15. Pfandrechte an Grundstücken. 31. Triumphe der Arbeit. 16. Pfandrechte an beweglichen Sachen 32. In Geldsachen hört die Gemütlich- Hausbuch“ die verdienstliche Aufgabe gelöst, und Forderungen. . Was im Civilprozess nicht ge- pfändet werden kann. keit auf. Anhang: Der Kalender. er durch seine YVorträge in den Gewerbevereinen und seine langjährige Thätigkeit als Handelslehrer und Dozent an der Grossh. Hess. Techn. Hochschule rühmlichst bekannte Uerfasser hat in diesem„Bürgerlichen das wirtschaftliche Getriebe in rechtsgemässer und kaufmännischer Beleuchtung gemeinverständlich darzu- stellen. Das Hausbuch bietet eine anziehende und fesselnde Lektüre und wird — als Anwalt und Hauslehrer— wohl allenthalben beste Aufnahme finden. Die aus obigem Inhaltsverzeichnis ersichtlichen, aus der Praxis für die Praxis entnommenen reichen Schätze werden gewiss von allen Ständen, von Handwerkern, Gewerbs-, Privat- und Kaufleuten, von Rentnern, Lehrern und Studierenden als willkommene und zeitgemässe Gabe begrüsst, zeitgemäss bei den zahlreichen neuen Gesetzen, die in dem geeinigten deutschen Vaterland erlassen worden sind. Das„Bürgerliche Hausbuch“ findet allenthalben die beste Auf- nahme. Von den günstigen Besprechungen sei nur erwähnt: Gewerbeblatt rür das Grossherzogtum Hessen. 64. Jahrgang Nr. 26. 28. Juni 1901. . Die Hauptaufgabe des Buches gipfelt in der rechtsgemässen kauf- männischen Beleuchtung des gegenwärtigen sozialen und wirtschaftlichen Ge- triebes, in der Popularisierung der Rechts- und Handelskunde für die breiteren Volksschichten, ganz besonders für den Gewerbe- und Handwerkerstand be- rechnet, der die Weckung des Sinnes für Aushildu ie Stärkung des Standes- bewusstseins, die Belebung des Unternehmugssgeistés, die Ausrüstung für den 1 Bin den Geist des Fort- E Ist, wie schon ein ober- üͤberwältigender, aber E eine interessante, hrend, warnend und itten auf 224 Seiten schrittes vornehmlich nötig hat. flächlicher Blick die Darstellung desselben ist so durqo ührt,“ angenehme und leichtverständliche Mtüre aufmunternd nach jeder Seite hin. E alles irgend Wissenswerte. 3 Bei seiner Reichhaltigkeit und dd Hausbuch einer besonderen, ausdrückli Verlag von Emil Roth in Giessen. Frommann's Karte vom Grossherzogtum Hessen und den angrenzenden Ländern. 28. Auflage.— Massstab 1: 280 943. Preis in Umschlag Mk. 2.80, auf Leinwand aufgez. m. Holzrollen(Wandkarte) M. 4.50, in Etui(Taschenausgabe) M. 4.50. Weitaus beste und aufs genaueste nachgetragene Hand-Karte des Gross- herzogtums Hessen und der angrenzenden Länder. Hoth’'s Spezial-Karte Oberhessen, Vogelsberg, Westerwald, Taunus, Lahnthal. Neueste Touristen- und Radfahrerkarte. Massstab 1:200 500. 2 Auflage.— Preis 1 Mark. Welzbacher's Karte der Provinz Oherhessen mit Angabe der Eisenbahnen, Staatsstrassen und Kreisstrassen. Massstab 1: 80 000. Grösse 110) 110 cm. . Aufl. Preis roh in 4 Blatt Mk. 3.50, auf Leinw. aufgezog. mit Stäben Mk. 8.—. Führer durch den Vogelsberg. Im Auftrage des Vogelsberger Höhenklubs herausgegeben von Prof. Dr. Otto Buchner. Dritte Sinlich umgearbeitete Auflase. Badekerband üle. 1* 60. Wanderung durch die nördliche W9etterau von Butzbach über Münzenberg und Arnsburg zum Pfahlgraben. Von Prof. Dr. August Roeschen. Mit 20 Abbildungen und 1 Karte.— Leinenband 1,50 Mk. Das Soolbad Salzhausen Burg Gleiberg. in der Wetterau. Ein Führer Herausgegeben von H. Tasché und für Fremde und Einheimische. K. Schnittspahn. Herausgegeben vom Gleiberg-Verein. Mit vielen IlIlustrationen. Preis 50 Pfg. Zweite vollständig umgearbeitete Aufl., mit Illustrationen und 2 Karten. Mk. 1.— Ie ernt Kidiher Wie's klingt am Rhei'. Mundartliche Gedichte aus der heſſ. Pfalz Mundartliche Gedichte aus der heſſ. Pfalz von Elard Briegleb. von Elard Briegleb. Preis Mk. 1.—, Leinenband mk. 1.50. Preis mk. 1.—, Leinenband me. 1.50. Wetterauer Sang und Klang. Heimaltlängeaus der Weltorau. Dreißig neue Gedichte in Wetterauer Gedichte in Wetterauer Mundart von mk. I.—, in eleg. Kalikoband Mk. 1.50. mk. I.—, in Kalikoband Mk. 1.50. Beide Teile in einem Band Mk. 1.50, gebunden Mk. 2.—. Mundart von Friedrich von Trais. V Friedrich von Trais. S.nun V u .371 dml ruI Il A Roth's illustrierter Lahnführer. Das LAHNTHAL von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen. Bearbeitet von Heinrich Luerssen Wetzlar. Mit ca. 100 IIlustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Ubersichtskarte. Verlag von Emil Roth in Giessen. 1902. Alle Rechte vorbehalten. Inhaltsübersicht. Seite Routenverzeichnis und Wege-Markierungen... X- XIV Von der Lahnquelle bis Laasphe....... 1—12 Von Lannhof nach Laasphe....... 12— 18 Von Laasphe nach Marburg.........19— 41 Von Marburg nach Giessͤen......... 52— 85 Von Giessen nach Wetzlar........ 86. 120 Dillthal, Sinn, Herborn, Dillenburg...... 112— 120 Von Wetzlar nach Weilburg......... 21 144 Von Weilburg nach Limburg...... 145 162 Westerwaldcd............. 169— 172 Ausflüge von Limburg....... 163— 172 Diez und Umgebung....... 1!. 773— 183 Von Diez nach Nassau.. 184.206 Von Ems bis zur Lahnmundung.... 207 219 Register....... 220— 228 Empfehlenswerte Hotels, Restaurationen und Ge. schäftsfirmen.......... 1— 52 Spezial-Karten im Masstab 1: 200 000. Hinterland.... 8. 16 Giessen und Umgebung....... 64 Wetzlar und Umgebung.......112 Ems, Diez, Limburg und Umgebung 176 Stadtpläne: Die.......... 175 Giessen 48 Limburg 160 Marburg................ 32 Wetzlar S..... 96 Grosse Ubersichtskarte 1: 200000 GBeigabe) Eisenbahn-Übersichtskarte(Rückseite des Einbandes). Der Wanderer an der Lahn. U Fels zum Thale hin grüsset Hochragend der Bergfried und frei, Durch grünende Wiesen ffiesset Leis' rauschend der Strom vorbei; Die Bergesränder umreihen Die Wälder in schimmernder Pracht, Geweckt von dem Kusse des Maien Blaublümlein im Thale erwacht. Hell jauchzet des Wanderers Stimme Vom Berg durch den dämmernden Forst; Sie schrecket das Reh in den Gründen, Sie scheuchet den Falken vom Horst. Weit über das Waldthal hebt sich Hochtürmig des Domes Gebäu; Er spiegelt sein Bild in den Wellen Und nickt ihm und winkt ihn herbei. Und rings über Wälder und Hügel Und Städtchen und Gotteshaus, Da breitet die Abendsonne Still webend ihr Goldnetz aus. Und lockend im Abendwinde Raunt leise der Fluss ihm zu: „Komm zu mir Wandergeselle! Hier unten findest du Ruh'.“ Gern folgt er den werbenden Lauten Und tritt aus dem Walde heraus, Steigt nieder auf dunkelndem Pfade Zum Städtchen, zum wohnlichen Haus. Ein Mägdlein kredenzt ihm den Becher Hold lächelnd; er setzet ihn an Und grüsst, ein stets durstiger Zecher, Das gastliche Wirtshaus zur Lahn. 82 VORWORT. orstehende Verse kamen mir in die Feder, als hiech im vergangenen Winter am Lahnführer ar- beitete und, während der Winterfrost Berg und Thal umfangen hielt, mich in die wanderfrohen Tage des Sommers zurückversetzte. Sie bezeichnen zugleich die Stimmung, welche ich bei denjenigen zu erwecken wünsche, welche an der Hand dieses Führers unserm schönen Thale einen Besuch abstatten und ihm einige Wochen ihrer be- rufsfreien Zeit widmen wollen. Denn wenn das Wandern unter allen Sportgattungen zweifellos am meisten geeignet ist, dem überarbeiteten und überhetzten Menschenkinde die erschlafften Nerven zu stärken und Schaffenskraft und Schaffenslust zurückzugeben, so kann es doch diesem Zwecke nur gerecht werden, wenn der Wanderer beim Staube der Akten, der Bücher oder woran ihn sonst seine Berufs- pflicht binden mag, sein Sinnen und Sorgen zurücklässt und sich mit leichtem Gepäck und leichtem Herzen auf den Weg macht. Nur so kann sich die schöne Gabe des Wan-— derns, das volle Freiheits- und Unabhängigkeitsgefühl, frei entfalten und ungehindert seine Wirkung ausüben. Wer griesgrämig und unzufrieden an allem mäkelt, was sich ihm bietet, und es in Vergleich setzt zu dem, was er zu Hause gelassen, der sollte lieber gleich zu Hause bleiben. Für die Jugend mit ihrem leichten Sinn, ihren freien Lungen und noch nicht durch Unthätigkeit erschlafften Muskeln wird es dieser Mahnung nicht bedürfen; desto mehr aber für den älteren Mann, der sich schon an eine gewisse Gleichmässigkeit und Bequemlichkeit der äusseren Lebens- führung gewöhnt hat. Und doch vermag es gerade für uns, denn auch ich VI Vorwort. habe längst die Fünfzig überschritten, eine Quelle hohen und reinen Genusses zu werden, ein Gesund- und Jugend- brunnen von wunderbarer und nachhaltiger Wirkung. Denn das sorglose Schweifen dureh Wald und Feld, über Berg und Thal ist so recht dazu angethan, uns in die Jugend- zeit zurückzuversetzen. Da erwachen in der Einsamkeit des Waldes die alten, längstvergessenen Lieder, die Ge- stalten der alten Jugendfreunde steigen vor uns auf und wandern mit uns. Das Versenken in eine rückwärts liegende Zeit hat aber nicht das Wehmütige, welches sonst mit dem Gedanken an das nahende Alter verbunden ist. Die rüs- tige Thätigkeit des Wanderns, das Bewusstsein, noch Schwie- rigkeiten überwinden zu können, wie in der Jugendzeit, die frische Luft, der kräftige Wind, sie leihen ein Gegen- gewicht dar, wie es schwerlich etwas anderes zu bieten vermag. Für diesen Wanderzweck ist aber das Lahnthal und seine Umgebung mit seinen mannigfaltigen Höhenbildungen, seinem Waldreichtum, seinen zahlreichen stillen und heim- lichen Seitenthälern, seinen Schlössern, Burgen, Klöstern, die ebensoviele Wanderziele sind, wie geschaffen. Wenn wir aber mit Mephisto sprechen:„Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran, wo wir was Gut's in Ruhe schmausen mögen“, und uns, der Waldwanderung müde, nach einem guten Quartiere, nach Menschen und mensch- lichen Veranstaltungen umsehen, so bieten die zahlreichen Städte und Städtchen am Stromlaufe von Laasphe bis Nie- derlahnstein eine Reihe von Ruhe- und Ausgangspunkten, die durch die mannigfachsten Reize ihrer Lage und Um- gebung, ihre bedeutsame Vergangenheit, ihre baulichen Denkmäler eine Fülle von Anregung und Abwechslung ge- währen. Es kommt hinzu, dass das Lahnthal, im Herzen Deutschlands gelegen, von allen Seiten schnell und bequem zu erreichen, dass es fast seiner ganzen Länge nach von Schienensträngen durchzogen ist, dass zahlreiche Seiten- bahnen in dasselbe einmünden und sich dem Reisenden Vorwort. VII für die Seitenwege zur Verfügung stellen. So haben denn auch die Bemühungen der zahlreichen Orts-Verschönerungs- vereine, besonders aber des Lahnverbandes der Zweigver- eine des Taunusklubs, welche rastlos thätig sind, durch Anlage und Verbesserung von Wegen und durch Wege- zeichen die schönsten Punkte zu erschliessen und ihren Besuch zu erleichtern, von Jahr zu Jahr mehr Erfolg, und auch des Verfassers schönster Lohn würde sein, wenn es ihm durch dieses bescheidene Büchlein gelingen sollte, der lieblichsten Rheinestochter, deren Reize noch lange nicht genügend gewürdigt wurden, zahlreiche Liebhaber zuzu- führen. Das Lahnthal gehört seiner ganzen Ausdehnung nach dem rheinischen Schiefergebirge an, welches es auf der Strecke von Kölbe bis Giessen im Osten umsäumt und von den Ausläufern des Vogelsberges trennt, während es von Giessen bis zur Mündung sich meist als tiefe, vielfach ge- wundene Schlucht in ostwestlicher Richtung durch dasselbe hindurchzieht und die Scheidung zwischen Taunus und Westerwald vollzieht. Das rheinische Schiefergebirge tritt unter den Mittelgebirgen Deutschlands weder durch den Reichtum seiner Gliederung noch durch den Grad seiner Erhebung besonders hervor, führt daher im Grunde seinen Namen mit Unrecht, da es mehr den Charakter eines wei- ten, thaldurchfurchten Plateaus, als den eines stark geglie- derten Gebirges trägt; nur sanft auf- und abwellend hält es zwischen 400 und 800 m Höhe und besitzt eine durch- schnittliche Erhebung von ca. 500 m. Im Westen an die Ardennen, im Osten an das hessische Hügelland sich anlehnend, legt es sich quer vor das süd- deutsche Becken, dessen Abwässerung zur Nordsee es ver- hinderte, bis der Rhein sich durch dieses Plateau von Bingen bis Bonn eine tiefe Rinne grub und es dadurch ziemlich symmetrisch in einen östlichen und westlichen Flügel schied. Erst mit der Entstehung des Rheinthals und der grossen Seitenthäler dieses Gebiets, welche sämtlich wie jenes Ero- VIII Vorwort. sionsthäler sind, tritt eine Gliederung der Masse ein und wird der Eindruck eines wirklichen Gebirges hervorgerufen. Die Lahn, deren Thalbildung durchaus abhängig war von der Vertiefung der Rheinrinne, war bis dahin keines- wegs ein einheitlicher Fluss, sondern bestand aus mehre- ren gar nicht mit einander verbundenen Absehnitten, deren Mittelpunkte die- weite von Marburg bis Löhnberg reichende Niederung von Giessen und der Kessel von Limburg waren. In diese flossen die Gewässer vom Taunus und Wester-— wald konzentrisch zusammen und bildeten zwei Süsswasser- becken, von denen der Limburger seinen Abfluss durch die Idsteiner Senke östlich von Wiesbaden in den grossen See hatte, welcher die jetzige oberrheinische Tiefebene be- deckte und von Süden gegen den heutigen Taunus bran- dete. Erst als das Rheinbett tiefer und tiefer sank, grub sich das Flüsschen, welches an Stelle der Lahn in den Rhein fiel, in demselben Verhältnis rückwärts schneidend durch Erosion ein Bett in das östlich gelegene Plateau, bis es das Limburger Becken anschnitt und nach Westen ent- wässerte. Ahnlich war der Vorgang beim zweiten Absehnitt, indem der östliche Einfluss des Limburger Beckens bei Löhnberg den See der Giessener Niederung anzapfte und dadurch die Einheitlichkeit des Lahnlaufs herstellte. In der Eiszeit, wo eine Steigerung der Niederschlagmengen stattgefunden, wurde die Wasserkraft verstärkt und die Ver- bindung der einzelnen Becken gefördert. Die Abschnitte des Stromlaufs von Löhnberg bis Eschhofen und von Diez bis gegen Ems bezeichnen die eigentlichen Durchbruchs- strecken des Flusses, wo der Lauf besonders gewunden ist, die Thalränder steil und ohne Vorland zum Wasser abfallen, wo daher für Fahrwege am Flusse entlang kein Raum ge- blieben ist. Die Eisenbahn muss diese Schwierigkeiten durch zahlreiche Tunnel überwinden. Die Wasserläufe aber, welche auch auf diesen Durchbruchstrecken der Lahn zuströmen, wie der bei Kloster Arnstein mündende Dörs- bach und Gelbach, der Mühlbach bei Nassau, haben in viel Vorwort. IX höherem Grade als die andern Zuflüsse, einen ausser- ordentlich gewundenen Unterlauf und scharf gerissene, schluchtartige Thalrinnen, weil ihnen die Energie des Ge- fälles fehlte, und sie daher weit mehr durch die Lagerung des Gesteins bestimmt wurden. Die Thäler der genann- ten drei Flüsse gehören daher unbedingt zu den grossar-— tigsten und wildesten des ganzen Lahngebiets. Die beiden grossen Becken von Giessen und Limburg bezeichnen aber auch noch jetzt den Zusammenstrom des Verkehrs. Hier laufen aus den verschiedenen Seitenthälern her die Verbindungswege zusammen, hier finden sich in den fruchtbaren und geschützten Thalbreiten die ältesten Ansiedlungen, jetzt die grössten Städte. Gemäss dem Namen, welchen die Gesamterhebung trägt, setzt sich dies umgebende Gebirge vorwiegend aus Schiefern zusammen, der Westerwald hauptsächlich aus Thonschiefern, der Taunus aus Grauwacke und Grauwacke- schiefern. Doch sind zahlreiche andere Gesteine aus frü- heren Perioden neptunischen und plutonischen Ursprungs charakteristisch für einzelne Stellen des Lahnthals und seiner Umgebung, die Basaltlagerungen auf dem hohen Westerwald und die zahlreichen Basaltkegel der Thalränder, die Grünsteine in ihrer verschiedenen Zusammensetzung bei Weilburg, Gräveneck, Diez, die Lahnporphyre, die Schal- steine verschiedenster Art. Vor allem aber bilden die Phos- phoritlager, die Eisen-, Blei-, Kupfer-, Nickel- und Silber- erze, die mächtigen Kalksteinbrüche die Grundlage für den blühenden Bergbau und die Bergindustrie des Lahnthals, dessen Name ausserdem durch die zahlreichen und edlen Mineral- und Heilwasser, die in Selters, Fachingen, Geil- nau, Ems u. s. w. dem Boden entquellen, weit über die Grenzen Europas hinausgetragen wird. Wetzlar, im Juni 1901. H. Luerssen. Routenverzeichnis nebst Angabe der Haupt-Wege-Markierungen. Das Lahnthal von der Lahnquelle bis Laasphe Hilchenbach. Hilchenbach- Lahnhof und umgekehrt 4 Strassebersbach-Lahnhof und umgekehrt. Der Lahnhof.. Vom Lahnhof nach Laasphe Wegezeichen. Lahnhof-Heiligenborn-IIsethal-Feudingen-Laasphe: roter Strich—. UÜber den Ilseborn: weisses Zeichen. Von Laasphe nach Marburg Wegezeichen. Biedenkopf-Sackpfeife: roter Strich—. Kaldern-Rimberg: roter Strich— Kaldern-Marburg: blauer Punkt*. Wetter-Mellnau-Christenberg: gelbes Kreuz+. Kirchhain-Amöneburg-Marburg: blaues Dreieck M. Marburg und Umgebung Wegezeichen. Marburg(Haupt-Bahnhof)-d Lriegelalnsi: roter Strich. Marburg(Weidenhausen) Spiegelslust: roter Punkt- Marburg(Weid.)--Hansenhaus: blaues Dreieck. Marburg(Weid.)-Frauenberg: plauer Strich— Frauenberg-Nehbrücke-Nieder-Weimar: blaues Kreuz+. Marburg(Ketzerbach)-Augustenruhe-Kirchspitze: rotes Dreieck. Marburg(Ketzerbach)-Marbach: roter Strich—. Seite 1— 18 2—5 5 ‧— 9 9— 11 11— 12 12— 18 19- 27 27— 41 Routenverzeichnis.— Haupt-Wege-Markierungen. Von Marburg nach Giessen. Wegezeichen. Gladenbach-Blankenstein-Hünstein: gelber Strich—. Friedelhausen-Altenberg: roter Strich—. Lollar-Hangelstein Giessen: rotes Kreuz+. Hangelstein-Badenburg: blauer Strich—. Giessen und Umgebung Die Stadt Giessen Die nähere Umgebung Kloster Arnsburg. Der Pfahlgraben Bad Nauheim Wegezeichen. Giessen-Gleiberg-Fellinghausen-Dünsberg: roter Strich—. Krofdorf-Vetzberg-Rodheim: blaues Dreieck. Bieber-Dünsberg: schwarzer Punkt-. Giessen-Forstgarten-Garbenteich-Kloster Arnsburg: roter Strich—. Forstgarten-Schiffenberg: gelber Punkt ⸗. Haltestelle Schiffenberg-Schiffenberg: blauer Str.—. Giessen-Hohe Warte-Annerod-Ganseburg-Grossen- buseck: blauer Punkt ⸗. Lich-Kloster Arnsburg: roter Punkt ⸗. Kloster Arnsburg-Münzenberg: roter Strich—. Wieseck-Hangelstein-Lollar: rotes Kreuz+. Haltestelle Schiffenberg-Pfahlgraben, Main-Weser- Bahn: blauer Strich; weiter nach Butzbach: gelber Strich—. Forstgarten-Hausen-Garbenteich-Kloster Arnsburg: roter Strich—. Windhof-Heuchelheimer Mühle-Kinzenbach-Himberg- Bubenrod: schwarzes Dreieck. Launsbach-Krofdorfer Forsthaus-Schmelz-Fron- hausen: schwarzer Punkt-. XI Seite 42— 48 48— 85 48— 62 62—71 71—76 77— 80 80— 85 XII Routenverzeichnis.— Haupt-Wege-Markierungen. Seite Von Giessen nach Wetzlar........ 86.— 88 Wegezeichen. Giessen-Dutenhofen-Münchholzhausen-Stoppelberg- Kirschwäldchen-Wetzlar: schwarzer Strich—. Dünsberg-Obermühle-Bubenrod-Wetzlar: roter Strich—. Dünsberg-Obermühle-Bubenrod-Dicke Eiche-Naun- heim-Wetzlar: gelber Strich—. Gleiberg-Kinzenbach-Atzbach-Dorlar-Garbenheim- Wetzlar: roter Punkt-*. Wetzlar und Umgebung........ 88. 120 Stadt Wetzlar...:q.......... 88.106 Das Sjebenmühlenthal....... 106 110 Das Dillthal, Dillenburg, Herborn etc..... 111— 120 Wegezeichen. Wetzlar-Kalsmunt: schwarzes Dreieck. Wetzlar-Kirschwäldchen-Stoppelberg: schwarzer Strich—. Wetzlar-Hohestrasse-Dianaburg: schwarzerstrich—. Wetzlar-Siebenmühlenthal-Brandoberndorf: roter Strich—. Brandoberndorf-Eschbach: blauer Strich—. Eschbach-Usingen: schwarzes Dreieck. Wetzlar-Hermannstein: gelbes Dreieck und blauer Strich—. Nach Asslar: blauer Strich—. Ehringshausen-Dianaburg: schwarzes Dreieck. Katzenfurt-Greifenstein-Beilstein: schwarz. Punkt*. Sinn-Greifenstein-Dianaburg: blauer Strich—. Dillenburg-Batterie-Kronbuche-Rondel-Adolfshöhe- Bismarcktempel: roter Strich—. Dillenburg-Kaiserlinde: blauer Strich—. Dillenburg-Friedrichsruhe: gelber Strich—. Dillenburg-Feldbacher Wäldchen: blauer Strich—. Dillenburg-Forstdenkmal: roter Strich—. Routenverzeichnis.— Haupt-Wege-Markierungen. Von Wetzlar nach Weilburg Braunfels.... Stadt Weilburg.. Umgebung der Stadt Das Weilthal Wegezeichen. Wetzlar-Kalsmunt-Magdalenenhausen-Schmelze- Braunfels: schwarzes Dreieck. Wetzlar-Altenberg: roter Punkt*. Wraunfels(Bahnhof)-Leun-Dianaburg: blaues Drei- eck N. Braunfels(Bahnhof)-Leun-Heisterberger Hof-Diana- burg: roter Strich—. Braunfels(Bahnhof)⸗Wintersburg-Stadt Braunfels: blaues Dreieck. Braunfels(Bahnhof)-Wintersburg-Wildungenstein- Stadt Braunfels: roter Strich—. Stadt Braunfels-Tiergarten-Philippstein: blauer Punkt-. Stadt Braunfels-Hirschhausen bezw. Frankfurter Chaussee: schwarzes Dreieck M. Frankfurter Chaussee-Weilburg: schwarzer Strich—. Hirschhausen-Frankfurter Chaussee: schwarzer Punkt-*. Nach Weilburg direkt: blaues Kreuz+. Stockhausen-Dianaburg: blauer Strich. Weilburg-Kanapee: blauer Strich—. WWallbuns Nausloy⸗ roter Punkt*. Weilburg-Merenberg: schwarzer Strich—. Weilburg-Hermannsküppel: schwarzes Dreieck M. Neuweilnau-Altweilnau: schwarzer Punkt ⸗. Neuweilnau-Landstein-Treisberg-Schmitten: gelber Strich—. Treisberg-Pferdskopf: grüner Strich—. Schmitten-Feldberg: grüner Strich—. Schmitten-Oberreifenberg: blauer Strich—. Von Weilburg nach Limburg Wegezeichen. Aumenau-Niederselters: schwarzer Punkt-*. Schadeck-Christianshütte: schwarzes, dann blaues Dreieck △. XIII Seite 121— 144 123— 129 131— 136 136— 140 140— 144 145— 155 XIV Routenverzeichnis.— Haupt-Wege-Markierungen. Limburg und Umgebung. Stadt Limburg.. Das Emsbachthal. Das Elbbachthal Diez und Umgebung Stadt Diez mit Oranienstein. Das Aarthal. Wegezeichen. Diez-Oranienstein: blauer Punkt-. Diez-Birlenbach-Hohlenfels: rotes Kreuz+. Hahnstätten-Hohlenfels: rotes Quadrat—. Zollhaus-Hohlenfels: rotes Kreuz+. Zollhaus-Katzenelnbogen: blauer Strich. Von Diez nach Nassau Schloss Schaumburg. Kloster Arnstein und Umgebung Das Dörsbachthal(Jammerthal) Stadt Nassau und Umgebung Wegezeichen. Diez-Birlenbach-Schaumburg: roter Strich—. Balduinstein bzw. Schaumburg-Wasenbach-Ruppach- thal-Laurenburg: schwarzer Strich—. Balduinstein(Fähre)-Geilnau: roter Strich—. Obernhof(Fähre)-Goethepunkt-Charlottenberg: blauer Punkt ⸗*. Obernhof-Arnstein-Jammerthal: blauer Punkt. Arnstein-Nassau: grüner Strich—. Nassau-Mühlbachthal: blauer Strich—. Bad Ems und Umgebung. Von Ems nach Niederlahnstein — n;— Seite 155— 172 155— 163 163— 167 167— 172 173— 183 173— 178 178— 183 184— 206 186— 189 192— 197 198— 202 202— 206 206— 212 213— 218 ☛ Die Verlagsbuchhandlung bittet, etwaige Un- richtigkeiten mitteilen zu wollen. Touristische ☛ vLotizen, Nachrichten über Wege, Aussiehts- ☛ punkte ete. ete. werden dankbar entgegen- genommen. An die Verlagsbuchhandlung Emil Roth, Giessen. Betreff des IlIlustr. Lahnführers habe ich folgendes zu bemerken: Das Lahnthal von der Lahn- Quelle bis Laasphe. ie Lahnquellle liegt auf der breiten, am Ost- rande des rheinischen Schiefergebirges von Norden nach Süden sich erstreckenden Bodenerhebung, 9. welche die Verbindung zwischen dem Westerwald e und dem Rothaargebirge bildet, so dass man unsicher sein kann, welchem von beiden man dieselbe zurechnen soll. Man Se beueichnet die ganze Bodenschwellung wohl mit dem Namen Ederkopf, doch versteht man im engeren Sinne darunter diejenige der zahlreichen flachen Kuppen, an welcher, die Quelle der Eder liegt und die, wenn auch einigermassen in der Mitte liegend, mit 645 m doch keines- wegs die höchste Erhebung der Gegend bildet. Diese finden wir nordöstlich vom Ederkopf, unweit des Fleckens Erndte- brück, unter dem Namen Epschloh, zu einer Höhe von 691 m ansteigend, während der zweithöchste Punkt, der Jagdberg, die bedeutendste Erhebung im südlichen Teil der Gruppe ist. Zwischen beiden liegen in einer Entfernung von etwa 6 km die Quellen dreier bedeutender Wasserläufe, der Lahn, welche nach Osten abfliesst, der Sieg, die direkt westlich ihr Thal nach dem Rheine gräbt, und der Eder, deren Quelllauf nordwärts gerichtet ist, die aber nach wenigen Kilometern sich ostwärts wendet, parallel der Lahn, gleich dieser ihr Wasser in die hessische Senke zu führen. Etwa 6 km südlich der Lahnquelle hat der wichtigste Zufluss der Lahn, die Dill, mit südwärts sich senken- dem Thal seinen Ursprung. Wir haben also in dieser Boden- Illustr. Lahnführer. 1 2 Hilchenbach. schwellung ein richtiges Quellencentrum, welches seine Gewässer nach allen vier Himmelsrichtungen entsendet. Trotzdem macht sie wenig den Eindruck eines wirklichen Gebirges, da die flach gewölbten, waldüberzogenen Kuppen, deren weiche Linien jede schroffe Form ausschliessen, sich auf eine Hochfläche aufsetzen, deren durchschnittliche Höhe 450 m betragen mag, und nur wenn man einen der wenigen Pankte erreicht, welche einen Ausblick auf die abwärts führenden, teilweise tief eingeschnittenen Thäler gewähren, gewinnt man den Eindruck, dass man sich auf einer der bedeutendsten Erhebungen des ostrheinischen Schiefer- gebirges befindet. Trotzdem ist eine Wanderung durch die weitgedehnten, herrlichen Waldungen eine sehr lohnende, nur möge man die- selbe in nicht zu früher und nicht zu später Jahreszeit unter- nehmen, da das Klima ziemlich rauh ist, der Schnee bis in den Mai hinein sich auf der Höhe hält und schon im September oft Frostwetter eintritt. Es passt für diese ganze Gegend, was Jung-Stilling in Bezug auf das am Quelllauf der Eder gelegene Dorf Lützel(in seiner Lebensgeschichte Zellberg genaunt) sagt:„Die Lage dieses Ortes ist bezaubernd schön, besonders im späten Frühling, im Sommer und im Anfange des Herbstes; der Winter aber ist daselbst fürchterlich. Das Geheul des Sturmes und der Schwall von Schnee, welcher vom Winde getrieben, hinstürzt, verwandelt dieses Paradies in eine norwegische Landschaft.“ Freilich gewährt gerade im Herbst der Wald mit seiner mannigfaltigen Färbung dem Wanderer einen doppelten Reiz. Wer zur Lahnquelle will, erreicht dieselbe am besten, von den Stationen Hilchenbach oder Strassebersbach aus, wenn er nicht den Fluss selber aufwärts gehen will. Hilchenbach. Hilchenbach, Station der Bahnstrecke Creuzthal-Mar- burg, H. über N. N. 346 m, Stadt, Kreis Siegen, Regierungsbezirk Arnsberg, 2281 Einw., meist evangelisch, Sitz eines Amtsge- richts und Kgl. Lehrerseminars, letzteres seit 1867. Gasthöfe: Kölner Hof von Ww. Eckardt, L. Fr.*) 2,25 Mk.; Deutscher Hof von Ernst Nielinger; Gasthof Müller, L. Fr. 1,50 Mk., Pens. 3 Mk. Restaurationen: Bahnhofrestaurant; Restaurant Gimbel. Café von C. Müller. Buchhandlung: L. Wiegand. Abteilung des Sauerl. Gebirgs-Vereins. Abteilung des Siegerländer Radfahrer-Clubs; Bundes-Gasthof Phil. Müller, Schützenstr. 159, ebenda Reparaturwerkstätte bei Wilh. Müller. Post- und Telegraphenamt in der Nähe des Bahnhofs. *) L. Fr. bedeutet: Logis und Frühstück. Hilchenbach. 3 Hilchenbach, 1687 durch den Fürsten Wilhelm Moritz von Nassau-Siegen von einem Dorfe zum Flecken erhoben, erhielt Stadtrecht mit der Errichtung der westfälischen Pro- vinzialstände. Seine weitere Entwickelung verdankt es seiner sehr bedeutenden Sohlleder- und Leimfabrikation. An der Ferndorfer Sieg, am Fusse des Gebirges gelegen, wo zahlreiche Quellbäche zusammenrinnen, macht das Städtchen mit seinen sauberen, schieferbekleideten Häusern, zwischen welche sich einzelne reichere Bauten mischen, seiner verhältnismässig guten Pflasterung einen anmutenden und wohlhabenden Eindruck. In der That ist durch die Leder- industrie und ver- schiedene andere Fabrikationen hier ein nicht unbedeutender Reichtum aufge- stapelt. Die Sie- gerländer sind ein ausserordentlich intelligentes, be- triebsames und sparsames Volk, n. A. v. Stephani Bledenkopf. dessen vorwie- Hilchenbach. 26 gend mathemati- sche und technische Beanlagung sich seit alters her im Berg- bau, im musterhaften Wiesenbau, sowie in der stets ohne fach- männische Hilfe ausgeführten Berechnung und Einteilung des komplizierten Haubergsbesitzes bethätigt. Auf der Südostseite der Stadt finden sich auf dem Herrenberge hübsche Anlagen, welche schöne Ausblicke auf die umgebenden Berge, den Ort und das Thal gewähren. Die Kirche liegt auf einer Anhöhe über dem Marktplatz; sie ist modernen Ursprungs und wurde mit Beihilfe Friedrich Wilhelms IV. aufgeführt, der den Plan selbst prüfte und eigenhändig korrigierte. Vor der Kirche befindet sich das Denkmal Jung-Stillings, durch dessen Lebens- geschichte der Ort auch unter dem Namen Florenburg bekannt wurde. Das Denkmal ist ein einfacher Obelisk mit Unterbau von Sandstein. An der dem Marktplatz zugekehrten Seite ist in den Stein ein Marmormedaillon eingelassen mit der Unter- schrift:„Joh. Heinr. Jung, gen. Stilling.“ Jung-Stilling war geboren am 12. September 1740 in dem Dörfchen Grund(in der Lebensbeschreibung Tiefenbach genannt), zu welchem der Weg von dem Ausgange der Stadt nach Vorm- wald zu über den Weiler Sterzenbach und den Berg in weniger 1* 4 Jung-Stilling. als einer Stunde führt. Es hat seinen Namen von seiner Lage zwischen Bergen, an deren Füssen die Häuser zu beiden Seiten des Wassers hängen, das sich aus den Thälern von Süd und Nord her just in die Enge und Tiefe zum Fluss hinsammelt. Der öst- liche Berg heisst der Giller, geht steil auf und seine Abdachung, nach Westen gekehrt, ist mit Buchen dicht bewachsen. Unten am nördlichen Berg, der Schlossberg genannt, der wie ein Zuckerhut gegen die Wolken steigt und auf dessen Spitze die Ruinen eines alten Schlosses liegen, steht das Haus, worin Stillings Eltern und Voreltern gewohnt haben. In seiner Lebensgeschichte, die er auf Antreiben Goethes in seinem dreissigsten Jahre zu schreiben begann und der vorstehende Schilderung mit geringen Anderungen ent- nommen ist, hat Jung-Stilling einen köstlichen Zauber poetischen Empfindens über jene an sich schon an Reizen so reiche Gegend ausgegossen. Im Frieden dieser einsamen, abgeschlossenen Welt verlebte er seine Jugendjahre unter der Hut eines pietistischen, aber strengen und hypochondrischen Vaters, der abwechselnd als Schneider und Schulmeister sein Brot verdiente, unter dem tiefer gehenden Einflusse seines gemütvollen Grossvaters, des alten, ehr- baren Eberhard, der Kirchenältester und russiger Kohlenbrenner, den Knaben in die Kirche und in den Wald mitnahm und ihm an dem Schatze seiner Bibel- und Sagenkunde reichlichen Anteil gewährte. Von hier aus besuchte er, während er in seinen freien Stunden seinem Vater beim Schneidern helfen musste, die Latein- schule zu Hilchenbach, an der er 12 Jahre später beinahe Rektor geworden wäre. Noch nicht 15 Jahre alt, wurde ihm die Schule in dem benachbarten Lützel übertragen; aber dort sowohl wie an verschiedenen anderen Orten des Siegerlandes, wo er sich als Schul- meister versuchte, wurde er immer wieder abgesetzt, weil er durch die Eigenart seines Wesens und seiner Methode bald bei der Ge- meinde, bald bei seinen Vorgesetzten Anstoss erregte. Immer musste er zu seinem Leidwesen zum Schneidertische seines Vaters zurückkehren, dem bei den beständigen Misserfolgen der Glaube an die Zukunft seines Sohnes zu schwinden begann. Endlich wurde ihm dieser Zustand so unerträglich, dass er, 21 Jahre alt, auf die Wanderschaft ging, ohne recht zu wissen, wohin. Trotz- dem verliess ihn der Glaube an die unmittelbare göttliche Hilfe niemals und brachte ihn über die misslichsten Lagen hinweg. Lediglich auf diesem Grunde unternahm er es, nachdem ihm der Zufall ein Manuskript über Augenheilkunde in die Hand gespielt, fast 30 Jahre alt, in Strassburg Medizin zu studieren und erlangte in der Folge einen bedeutenden Ruf als Augenarzt. In Strass- burg lernte ihn Goethe kennen und gewann ihn lieb, so dass er ihn in Dichtung und Wahrheit einen Mann nennt, der„des- Glauben an Gott und die Treue gegen die Menschen immer zu seinem köstlichen Geleite hatte“. Jung-Stillings späterer Lebenn Hilchenbach-Lahnhof. 5 weg rechtfertigte sein Gottvertrauen in vollem Masse. 1787 er- hielt er einen Ruf als ordentlicher Professor der Oekonomie-, Finanz- und Cameralwissenschaften an die Universität Marburg. Er starb im hohen Alter am 2. April 1817 als badischer Hofrat zu Karls- ruhe. In seiner hervorragend praktischen Beanlagung, die sich in eigenartiger Weise mit einer mystisch-pietistischen Weltanschauung mischte, stellt er eine interessante Verkörperung des Siegerländer Volkscharakters dar. Hilchenbach-Lahnhof. (19 km.) Den ersten Teil dieser Tour kann man bis zum Dorfe Lützel mit der Bahn zurücklegen, die hier auf eine Entfernung von etwa 6 km Luftlinie 234 m Steigung zu überwinden hat. Die Bahnanlage ist daher eine der grossartigsten und interessan- testen in Deutsch- land und kann sich würdig der Schuarzwaldbahn von Hornberg nach Triberg an die Seite stellen. Oberhalb der Stadt verlässt sie das Wiesenthal und arbeitet sich, e eephant uledenbope rechts biegend, in Hinterländer Tracht. mächtigen Kur- ven zur Höhe. Mehrere Male hat man einen prächtigen Blick auf die in der Tiefe liegende Stadt und nach etwa 5 Min. Fahrt eine weite Aussicht über das mit Ortschaften und Fabriken übersäte Thal nach Creuzthal zu. Nach 18 Min. erreicht man die Station Vormwald(H. über N. N. 480 m, Restauration), welche, auf einer Plattform gelegen, rings von Hochwald umgeben ist. Von hier führt ein Weg in ¼ Std. zu dem oben beschriebenen Dörfchen Grund hin unter. Oberhalb der Station durchbricht die Bahnlinie den Schlossberg in einem Dunnel und windet sich um die west- liche Abdachung des Giller, den sogenannten Strahl, herum 6 Hilchenbach-Lahnhof. nach der Station Lützel, unterwegs schöne Ausblicke zur Rechten in die Waldthäler bietend. Das Dorf Lützel(Höhe über N. N. 580 m, 240 Einw., Gasthäuser Klein und Schneider, beide einfach aber gut), ge- hört bereits zu dem Edergebiet. Von hier führt die Bahn nach Erndtebrück, Centralstation der Eisenbahnen nach Creuzthal, Raumland und Marburg, und erreicht auf letzterer Strecke in Feudingen das Lahnthal. Die Fusswanderung von Hilchenbach(etwa 1 ½ Std.) nach der Lützel ist entschieden die lohnendste der Gegend, weil sie bei schönen Waldwegen reiche Abwechslung gewährt. Man verlässt die Stadt auf der Chaussee nach Vormwald. Nach etwa 25 Min. biegt man bei der Telegraphenstange 31 in den schmalen, zwischen einem Drahtzaun abwärts führenden Fuss- weg ein, überschreitet auf einem Knüppelsteg den Bach, den man links aufwärts verfolgt. Wo im Orte links ein anderer Fussweg von der Landstrasse her einfällt, folgt man der Fahr- strasse rechts bis zum letzten Hause. Oberhalb desselben führt der Fussweg, der über dem Fahrweg läuft, in wenigen Minuten zum Walde und in 10 Min. wieder zur Chaussee. Rechts hat man jetzt die Station Vormwald. Bei Kilometerstein 14,7 biegt ein Fahrweg nach Lützel ab, man folge ihm aber nicht, sondern schlage erst bei Telegraphen- stange 74 den Waldpfad ein, der in 2 Min. durch Buchenwald zur Lützeler Strasse und rechts in weiteren 9 Min. zum Schloss- berg führt. Bei der Bank unter der grossen Buche biegt man rechts aufwärts, verfolgt den Rasenweg, der teilweise auf dem alten Schlosswall entlang läuft, zur Höhe, wo ein Holzgerüst an der Stelle des alten Burgturms schöne Aussicht in die Berge und Thäler des Siegerlandes bietet. Von der Burg sind nur noch spärliche Trümmer vorhanden, welche, mit Bäumen und Strauchwerk durchwachsen, kaum eine Vorstellung von der Anlage des Ganzen gewähren. Aber reich an Erinnerungen, war sie ein Lieblingsplatz des Knaben Stilling, der von hier aus die ersten Blicke in die Ferne schweifen liess. Erbaut im 13. Jahrhundert von den Grafen von Nassau, war sie schon im 17. Jahrhundert ein Trümmerhaufen. Sage von dem Räuber Johann Hübner, der von hier aus die Gegend brandschatzte und seinen Verfolgern zu entgehen wusste, indem er den Pferden die Hufeisen verkehrt anschlagen liess, bis ein Graf von Dillenburg, der schwarze Christian genannt, ihn tötete und das Schloss zerstörte. Vom Schlossberg führen zwei Wege nach Lützel, welche gleich lohnend und gleich empfehlenswert sind. Auf dem einen verfolgt man den Lützeler Fahrweg weiter über das sog. Vieh- hofer Feld, lässt den Hof Ginsberg und die Forsthäuser zur Hilchenbach-Lahnhof. 7 Linken liegen und wendet sich nach etwa 15 Min rechts durch die Fichten der Höhe des Giller zu, welcher mit 678 m die höchste Erhebung des Siegerlandes darstellt. Von dem eisernen Aussichtsturm, welchen der Sauerländer Gebirgs-Verein von Hilchenbach hat errichten lassen, hat man den grossartigsten Rundblick der Gegend. Gegen O. sieht man in das Ederthal, hinter welchem die flache Kuppe des Epschloh und die Wittgen- steiner Berge aufragen. Gegen NO. und N. ruht der Blick auf den waldigen Höhen des Rothaargebirges, hinter welchen bei klarem Wetter der Turm auf dem Kahlen Asten sichtbar wird. Im NW. über den Schlossberg hin liegt Hilchenbach, während nach W. hin das Auge das Thal der Ferndorfer Sieg verfolgt, an dessen nördlichem Rande sich der stattliche Kin- delsberg erhebt. Südlich von ihm sind gegen WSW. bei gün- stiger Beleuchtung der grosse Oelberg und die Löwenburg im Siebengebirge, sowie einzelne Höhen der Eifel erkennbar. Im SW. verfolgt das Auge das Netpherthal, welches scheinbar durch den Siegener Schlossberg abgeschlossen wird. Gegen S. und S0. aber weilt der Blick auf den waldigen Quellbergen der Eder, Sieg und Lahn, von denen besonders der Ederkopf und der Jagdberg sich abheben. Vom Giller kehre man auf dem Fahrweg nach Lützel zu- rück. Will man direkt nach dem Lahnhof gehen, so biegt man vor dem Dorfe, nachdem man aus dem Walde heraus- getreten, rechts ab und gewinnt die Chaussee bei Kilometerstein 19,1.(Fortsetz. s. unten.) Wählt man vom Schlossberge aus den andern Weg, so folge man der Fahrstrasse nach Lützel 2 Min., steige auf dem allerdings kaum erkennbaren Pfade durch den Wald an der kleinen Schlucht entlang abwärts zur Chaussee, die man auf- wärts verfolgt. Am Wegweiser bei Kilometerstein 17,2 zweigt sich rechts die Chaussee nach Netphen und Siegen ab. Im Winkel der beiden Landstrassen liegt ein sorgfältig geebneter, freier Platz im Walde, an dessen Eingange eine kräftige, von starkem Eisengitter umgebene Eiche steht. Auf einer Platte am Gitter steht die Inschrift: Kronprinzen-Eiche, von Sr. Maj. Friedrieh Wilhelm IEV. als Kronprinz am 16. Oktober 1833 ge- pflanzt. Hier kommen alljjährlich im Herbste die vornehmen Söndc des Siegerlandes zusammen, um ein Schützenfest zu eiern. Verfolgt man die Chaussee, die hier in scharfer Wendung um den Strahl herum nach Osten biegt, weiter, so hat man zur Linken über den Felsen die steile Tannenwand, rechts den Einblick in das waldige Bergland, tief unten die Bahn, eine der grossartigsten Berglandschaften, die es in Mitteldeutsch- land giebt. Bei Kilometerstein 19,1 kreuzt der oben beschrie- 8 Lahnhof-Hilchenbach. bene Weg vom Giller her die Landstrasse. Will man, ohne Lützel zu berühren, zum Lahnhof, so biegt man rechts in diesen Weg ein, überschreitet den Bahnkörper auf einer eisernen Brücke und verfolgt die Strasse, welche ziemlich gerade in südlicher Richtung immer durch schönen Wald auf dem Höhen- rücken entlang führt. Kommt man in Lützel mit der Bahn an, so wende man sich, wenn man aus dem Stationsgebäude tritt, rechts, gehe nach etwa 90 Schritten über die Bahn, ver- folge den Weg quer durch das kleine Bachthal gegen den Berg, den sog. dicken Rücken zu, den man links liegen lässt. Nach etwa 7 Min. erreicht man die oben erwähnte Hochstrasse. Die Bewohner bezeichnen sie mit dem Namen„die Eisenstrasse“, weil früher über dieselbe ein reger Eisenstein- und Holzkohlen- verkehr führte. Nach etwa 1 ¼¾ Std. gelangt man an eine durch einen Wegweiser bezeichnete Strassenkreuzung, wo der von dem Dörfchen Benfe nach Netphen führende Weg die Eisenstrasse schneidet. Verfolgt man diesen Weg 5 Min. nach rechts, so kommt man an das Forsthaus Hohenroth(Wirt- schaft beim Förster). Von hier aus lassen sich sehr lohnende Touren durch den prächtigen Hochwald unternehmen, besonders in ¾ Std. zur Allen Burg, einem Berg mit altgermanischen Ringwällen und schönem Ausblick ins Siegerland, über Obernau nach Netphen, 1 ½ Std., über Nauholz nach Deuz, etwa eben- so weit. Auch gelangt man von hier aus am leichtesten zur Ederquelle, wenn man von der Wegkreuzung die Strasse nach Benfe 12 Min. verfolgt, 50 Schritte links in den Wald und dann rechts geht. Die Ederquelle, mitten im Walde 621 m hoch gelegen, ist von einer steinernen Fassung umgeben, neben der eine Bank steht. Zum Lahnhof folgt man der immer mehr nach Osten biegenden Eisenstrasse, die nach 1 Std. von der aus dem Lahn- thal nach Siegen führenden Chaussee gekreuzt wird. 250 Schritte weiter entspringt seitwärts an der Strasse, in gleicher Höhe mit der Eder, die Sieg an einem köstlichen, von herrlichen Buchen überschatteten Platze. Die Quelle ist von einer kleinen Mauer eingefasst, und ein borkenbekleidetes Häuschen nebst einigen Bänken ladet zum Verweilen ein. Hier wendet sich die Eisenstrasse wieder nach Süden und führt in etwa 40 Min. zum Lahnhofe. Umgekehrte Tour vom Lahnhof nach Hilchenbach. Man verfolge die Eisenstrasse nordwärts bis zur Sieg- quelle, 40 Min. Kurz darauf Kreuzung der Lahn-Sieger Chaussee. In 1 Std. führt die von hier westlich laufende Strasse zum Strassebersbach-Lahnhof. 9 Kreuzweg auf dem Hohenroth, in weiteren 1 ¼ Std. allmählich wieder nördlich biegend, zu der über den Bahneinschnitt west- lich von Lützel führenden eisernen Brücke und zur Chaussee Lützel-Hilchenbach beim Kilometerstein 19,1. Will man den Aussichtsturm auf dem Giller besuchen, kreuzt man diese und verfolgt den Weg, bis man auf die Strasse von Lützel trifft, auf der man nach links weitergeht. Nach Besteigung des Giller kehrt man auf die Strasse zurück und erreicht auf ihr, Hof Ginsberg und die Forsthäuser rechts liegen lassend, in 15 Min. den Sohlossberg. Wählt man den Weg über die Kronprinzen-Eiche, so folgt man vom Kilometerstein 19,1 der Chaussee nach links an der Kronprinzen-Eiche vorbei um den Strahl herum, bei Kilometer- stein 16,1 steige man den schmalen und steilen Pfad an der Schlucht aufwärts. Nach etwa 250 Schritt trifft man auf die Strasse von Lützel auf der man nach links gehend in 2 Min. den Schlossberg erreicht. Nach Besichtigung des Schlosses geht man auf dem Lützeler Weg 7 Min. weiter, biegt in den Fussweg links abwärts und gelangt nach 2 Min. auf die Land- strasse, die hier eine kurze Strecke neben dem Bahnkörper herläuft. Bei der Station Vormwald schlägt man den Fussweg links ein, auf dem man in 10 Min. in das Dorf kommt. Im Dorfe folgt man eine kurze Strecke dem Bache abwärts, über- schreitet ihn auf dem letzten Knüppelstege und steigt auf dem schmalen Pfade zur Chaussee aufwärts, die in etwas mehr als 20 Min. nach Hilchenbach führt. Strassebersbach-Lahnhof. (10 km.) Strassebersbach ist Endpunkt der Sekundärbahn Niko- lausstollen-Strassebersbach, welche die Köln-Giessener Strecke in Dillenburg berührt. Fahrzeit von Dillenburg 40— 50 Min. Die Bahn steigt das Thal der Dietzhölz auf- wärts, ein ziemlich weites Wiesenthal, dessen begleitende, flach ansteigende Berge waldgekrönt, weiter oberhalb vielfach mit Haubergen bedeck tsind. Von der unmittelbar über der Oberförsterei gelegenen Station blickt man auf das langge- streckte Dorf hinab(Gastwirtschaft von Schmidt und von Birkelbach), während das Kirchdorf Bergebersbach gegen- über auf der Anhöhe liegt. Bei feuchtem Wetter wähle man den etwas weiteren aber bequemeren Weg die Chaussee ent- 10 Strassebersbach-Lahnhof. lang nach Rittershausen. Nach etwa 40 Min., kurz nachdem man den Ort passiert, teilt sich dieselbe; die Strecke links führt am Dillberge hin, an dessen südlichem Abhange die Dill entspringt, über Hainchen in etwa 3 Std. nach Deuz ins Siegthal; man schlage die Chaussee rechts ein, welche in 1 Std. zum Dietzhölzer Forsthause und in weiteren 20 Min. auf die von Banfe herkommende Eisenstrasse führt. Dieser nachfolgend gelangt man in 40 Min. zum Lahnhof. Bei trockenem Wetter wähle man den steileren, aber kürzeren und reizvolleren Weg, welchen man von der Station aus jenseits der Schienen den Berg nach links hin aufwärts steigend mit den Augen verfolgen kann. Vom Bahnhof geht man entweder durch die kleinen Anlagen über den Hof der Oberförsterei, oder man steigt, wenn man diesen Privatweg nicht benutzen mag, die Holztreppe vor dem Bahnhof in die Wiese hinab und geht links um die Oberförsterei herum zum Bahnübergange. Man wendet sich nach links den Berg hin- auf, nach 5 Min. Wegkreuzung, gerade aus, nach 3 Min. führt ein Pfad rechts, man halte links, nach 100 Schritten bei den Fichten rechts. Nach kurzer Zeit tritt der bisher steinige Weg in niederen Fichtenbestand, wendet sich rechts um den Berg und wird allmählich gangbarer. Von rechts tritt die Ecke eines Buchenwaldes heran, links schlechter Hauberg. Nach- dem man links eine Partie junger Tannen passiert, biegt der Weg rechts und führt durch Hauberg und niederes Birken- holz, über welches man hübschen Blick ins Dietzhölzthal hat. Nach einer Wanderung von etwa 45 Min., vom Bahnhof ge- rechnet, trifft man auf Hochwald, der nach aussen von hohen Tannen umrahmt ist. Nach wenigen Schritten Wegkreuzung, man schlägt den Weg links ein und gelangt durch herrlichen Buchenbestand in 17 Min. auf eine Lichtung bei Forststein 33/70, wo von rechts her zwei andere Wege münden. Man wendet sich links gerade aus und erreicht in 10 Min. den an der Quelle des Fischelbachs gelegenen Weiler Sohl. Derselbe besteht aus 4 ärmlichen Häusern, in deren vorderstem rechts eine primitive Wirtschaft sich befindet. Von Sohl verfolgt man den alten Weg, Tannen zur Linken, zur Rechten das flache Wiesenthal, hält sich nach 7 Min, wo der Weg in den Wald tritt, links; in weiteren 20 Min. trifft derselbe, zur Rechten Tannen-, zur Linken Buchenbestand, auf die Strasse von Banfe nach dem Lahnhof an der Stelle, wo die Chaussee vom Dietzhölzer Forsthause von links einmündet(s. oben). Lahnhof. 11 Lahnhof-Strassebersbach. Vom Lahnhof verfolge man die Eisenstrasse südlich 40 Min., bis dieselbe nach Banfe links biegt, rechts die Chausse nach dem Dietzhölzer Forsthause abzweigt. Entweder schlage man letztere ein, welche in 1 ½¼ Std. kurz vor Rittershausen auf die Chaussee Strassebersbach-Deuz, von da links in weiteren 40 Min. nach Strassebersbach führt, oder man wähleden Weg, welcher zwischen den Chausseen nach Banfe und Rittershausen geradeaus in den Wald leitet. Nach 20 Min. tritt man aus dem Walde und verfolgt den Weg an den Tannen entlang rechts. Nach 7 Min. Sohl, nach weiteren 10 Min. biegt man angesichts der Berghöhe bei Forststein 33/70 rechts in den Waldweg, welcher durch hohen Buchenbestand über dem oberen Dietzhölzer Thal hin in 17 Min. eine Wegkreuzung und rechts in wenigen Schritten den Waldausgang erreicht. In etwa 40 Min. gelangt man von hier, anfangs geradeaus gehend, nach 10 Min. vor den jungen Tannen links biegend, ins Thal zur Station Strassebersbach. Der Lahnhof. Der Lahnhof, 607 m über N. N., besteht aus drei Wohn- häusern und einigen Scheunen und liegt auf einer weiten Lichtung, welche im Westen von den Wäl- dern der 635 m hohen Stiegelburg umzogen ist. Von letzterer schöner Blick ins Sie- gerland. Wirtschaft peim kgl. Förster, wo man(bei 4—5 Per- sonen) auch übernach- ten und Pension haben kann, und bei Heinrich. Früher befand sich oben eine meteorolo- 5 gische Station, die vom Lahnhof. Förster besorgt wurde. Die Mess-Einrichtungen, welche sich am Fuss der Siiegelburg befanden, sind aber seit einiger Zeit in Verfall geraten und entfernt worden. In dem vorderen Keller des Forsthauses, wohin sie 1897 12 Lahnhof. aus dem hintern verlegt wurde, befindet sich nach der land- läufigen Annahme die Quelle der Lahn. In dem viereckigen ausgemauerten Loche sieht man einen ziemlich kräftigen Wasserstrom aus der Erde quellen, der selbst in trockener Jahreszeit nie ganz versiegt. Augenscheinlich sammelt sich, da das Forsthaus in einer Senke liegt, nach diesem Punkte das von der amphitheatralisch sich aufbauenden Stiegelburg her- abfliessende Wasser, um hier als Quelle hervorzutreten. Aus dem Keller wird es in den zwischen Forsthaus und Backhaus etwa 1 m tiefer gelegenen Teich geleitet, aus dem es dann durch die Wiesen nach Westen abströmt. Immerhin ist die Quelle so stark, dass sie zur Berieselung einer bedeutenden Fläche ausreicht und, wo sie sich weiter abwärts sammelt, schon einen kräftig strömenden Bach bildet. Dennoch wird man, wenn man den hinter dem Backhaus abwärts führenden Pfad verfolgt und nach 10 Min. die Strasse erreicht, den Ein- druck haben, dass das Thal, welches an dieser Stelle von Süd- westen einstösst, sowohl die längere Entwickelung als die grössere Wassermasse hat, wenn auch das Gefälle nicht so stark erscheint. Es setzt sich dieser Wasserlauf schon aus verschiedenen Bächen zusammen, welche ihr Wasser von den südlich liegenden Waldhöhen beziehen, und scheint wohl ge- Rene der angeblichen Lahnquelle ihren Anspruch streitig zu machen. Vom Lahnhof nach Laasphe. Lahnhof-Feudingen 9,5 km, Feudingen-Laasphe 10 km. Sill man an der Lahn abwärts gehen, so folge man vom Forsthause dem oben erwähnten Wiesenpfade, nach — 10 Min. dem auf der linken Seite des Baches entlang führenden Fahrwege durch das schmale Wiesenthal, in welches von rechts der Tannenwald tief zum Bach hinunterstösst, während links Niederwald mit Hochwald wechselt. Nach 45 Min. die zerstreuten Gehöfte des Oertchens Welschengeheu, 5 Häuser, in der Thalenge eine Sägemühle. Nach 15 Min. trifft man auf den kleinen Weiler Glashütte, nach weiteren 15 Min. das Dorf Volkholz, dessen Häuser sich in ein von links mündendes Seitenthal hinaufziehen. Hier erreicht die Strasse die von Laasphe nach Siegen führende Chaussee, welche aus dem Lahn- thal in dieses Seitenthal einbiegt und auf der Höhe, unfern der Siegquelle, wie oben erwähnt, die Eisenstrasse kreuzt Bisher hat der Wanderer ein frisches, liebliches Thal durchschritten, voll Quellengemurmel und Bachesrauschen, voll Wiesengrün und Waldesdunkel. Von Volkholz an verflacht sich das Thal und die Gegend nimmt den ausgesprochenen Charakter einer Hochebene an mit flachen Bergen, die das muldenförmige Lahn- thal ziemlich weit umsäumen. Nach 40 Min. erreicht man auf der Chaussee, die auf dieser Strecke wenig Reize aufweist, das stattliche Dorf Feudingen, welches hier einen kräftigen Zufluss, den Feudinger Bach, aufnimmt, 400 m über N. N., mit 8 8 14 Lahnhof-Laasphe. 1300 Einw., Gastwirtschaft Wi. Müller im Orte, Restauration Doer dem Bahnhofe gegenüber. Es ist die erste Station der das Lahnthal durchziehenden Bahnen. Um zu ihr zu gelangen, muss man etwa 5 Min. durch den Ort gehen und nach Ueber- schreitung des Baches sich rechts wenden. Landschaftlich lohnender, wenn auch ¾ Std. weiter ist der Weg durch das lieblich romantische und für Botaniker interessante Thal der Else(auch Ilse genannt), welche auf den nördlichen Abhängen des Jagdberges entspringend, parallel der Lahn nach NO. abfliesst und 5 Min. unterhalb Feudingen bei der Feudinger Hütte in dieselbe mündet. Vom Lahn- hof verfolge man die Eisenstrasse nach SO. 25 Min. bis zum Wegweiser, welcher bei Forststein 5/10 links nach Heiligen- born in den Wald weist. Auf diesem Waldwege gelangt man in 15 Min. zu dem aus vier Häusern bestehenden Dörfchen Heiligenborn. In der Nähe des obersten Hauses(Wirt- schaft) befindet sich eine Quelle, zu welcher früher gewall- fahrtet wurde und welche dem Orte den Namen gegeben. Vor alten Zeiten hatte Heiligenborn eine ungleich grössere Be- deutung und muss ein stattliches Dorf gewesen sein. Hier fanden die Kranken Unterkunft, um aus dem benachbarten Ilseborn, dessen Wasser für ausserordentlich heilkräftig galt, Linderung und Genesung zu schöpfen. Will man von Heiligen- born den kürzeren Weg nach Feudingen einschlagen, so gehe man beim Austritt aus dem Walde links auf dem durch die roten Striche bezeichneten Fusswege weiter, der an dem oben erwähnten Hause vorbei durch die Wiese in den gegenüber- liegenden Wald und in 18 Min. ins Ilsethal führt. Folgt man von hier den weissen Zeichen abwärts, so erreicht man in 25 Min. das Dörfchen Linnefeld und von da in 1 Std., bei der Feudinger Hütte links biegend, Feudingen. Wenn man den etwa ¼ Std. betragenden Umweg nicht scheut, so gehe man beim Austritt aus dem Walde vor Heiligen- born rechts den weissen Zeichen nach, welche in etwa 12 Min. zu der am Waldrande gelegenen ummauerten Quelle, dem IIse- born, und in weiteren 45 Min. am Waldrande entlang thalab- wärts nach Linnefeld leiten. Von Feudingen nach Laasphe kann man die Bahn be- nutzen, Fahrzeit 26 Min., Haltestellen Sassmannshausen und Friedrichshütte. Letztere gehört schon zu Laasphe und ist von der Stadt 10 Min. entfernt, während der Bahnhof Laasphe etwa 7 Min. unterhalb der Stadt liegt. Doch lohnt sich auch die Fusswanderung durch das Lahn- thal, besonders wenn man über Schloss ittgenstein gehen will. Von Feudingen verfolgt man die Chaussee abwärts, welche sich am linken Ufer des Flusses hält. Nach der Einmündung Lahnhof-Laasphe. 15 des Elsebaches, durch dessen Zufuhr die Lahn schon zu einem kräftigen Wasserlauf erstarkt, beginnt das Thal sich wieder zu schliessen, die Berge erscheinen höher und sind schön be- waldet. Nach 25 Min. Bermershausen, nach weiteren 20 Min. Sassmannshausen. Die Haltestelle liegt 5 Min. oberhalb des Ortes; am Eingange desselben zweigt sich nach N. die Post- strasse über Leimstruth nach Berleburg ins Ederthal ab, die vor Eröffnung der Bahn stark befahren wurde. Das Dörfchen, wunderhübsch gelegen zwischen tannen- und buchengekrönten Höhen(Gastwirtschaft H. Müller, Pension 3— 4 Mk., auf 6 Per- sonen eingerichtet) ist bemerkenswert durch seine Zigeuner- kolonie. Geht man der genannten Gastwirtschaft gegenüber zum Flusse hinunter, so trifft man auf einen von mangelhaftem Holzstacket umfriedeten Raum, in welchem eng zusammengepfercht 9 Hütten stehen, jede vielleicht so gross, wie ein gewöhnlicher Eisenbahn- wagen, nur eine trägt einen Oberstock. In diesen hausen die Zigeuner, etwa 50 an der Zahl, von denen aber nur wenige mehr reines Blut haben, da sie sich vielfach mit den sogenannten Meckes, den herumziehenden Gesellen des Sieger und Wittgen- steiner Landes vermischt haben. Auch ihre alte Sprache ist ihnen verloren gegangen. Indessen haben sie noch manches von ihrer Eigenart erhalten, augenscheinlich, weil sie eine von den übrigen Bewohnern streng abgeschlossene Genossenschaft bilden, welche nicht zur Dorfgemeinde, sondern zum Schloss Wittgenstein gehört. Ein Graf von Wittgenstein hat sie gegen Ende des 18. Jahr- hunderts als Kolonie Sassmannshausen angesiedelt, um sich ihrer als Boten, Spassmacher, vielleicht auch als Spione zu bedienen. Dem Fürsten liegt noch jetzt die Verpflichtung auf, die Alten und Erwerbsunfähigen zu unterstützen, eine Last, die ihn monatlich 70 bis 80 Mk. kostet. Wenn die Zigeuner auch von den übrigen Bewohnern nicht gerade gern gesehen werden und insbesondere streng darauf gehalten wird, dass sie ausserhalb ihrer Umzüunung keinen Grundbesitz erwerben, so ist doch das Urteil über sie ein nicht gerade ungünstiges. Man lobt sie als verhältnismässig rein- lich und nicht diebisch, nur seien sie von ziemlich hitzigem Tem- perament, so dass man sie, wenn sie angetrunken seien, vorsichtig behandeln müsse. Die Männer arbeiten meist im Forst und in der Wiese, während die Frauen zum Teil mit Kleinkram herum- ziehen. Die Chaussee von Sassmannshausen nach Laasphe, 1 ½¼ Std., führt an verschiedenen Eisengiessereien und Hoch- öfen vorbei, von denen die an der Mündung des Bdnfebaches gelegene Friedrichshütte die bemerkenswerteste ist. Lohnen- der ist der bequeme, durch schönen Wald führende Weg über Schloss Wittgenstein. Man verfolgt die Chaussee nach Laasphe 16 Schloss Wittgenstein. 8 Min. Bei Telegraphenstange 138 biegt man links in den wohlgehaltenen Fahrweg, welcher allmählich ansteigend, bald in schönen Wald, in kaum 40 Min. vor den Eingang zum Schlosshofe führt. Schloss Wittgenstein, 499 m über N. N., 168 m über der Stadt, liegt beherrschend auf dem zwischen den Thälern der Lahn und des Laasphebaches aufsteigenden Bergrücken, von schönem Hochwald umgeben. Das Schloss, aus dem 9. Jahrhundert stammend und seinen Namen von dem Erbauer Wittekind tragend, ist der Stammsitz des Geschlechts WMittgen- stein, welcher ur- kundlich zuerst 1174 genannt wird. Mitte des 13. Jahrhun- derts gewannen die Grafen v. W. die Umgegend von Ber- leburg und gründe- ten 1258 die Stadt Berleburg, so dass ihre Besitzungen Ende des 14, Jahr- — hunderts etwa den 4 n. A. v. Stephani Biedenkopf. jetzigen Kreis um- Schloss Wittgenstein. tassten, als das Ge- schlecht im Mannesstamm ausstarb und das Erbe durch die Tochter des letzten Grafen auf die Grafen von Sayn, deren Stammburg bei Coblenz liegt, überging. Im 16. Jahrhundert bildeten sich zwei Linien heraus, Sayn-Wittgenstein-Berleburg, welche 1796, und Sayn-MWittgenstein-Hohenburg, welche 1806 in den Fürstenstand erhoben wurde. Letzterer gehört jetzt noch Schloss und Standes- herrschaft Wittgenstein, nachdem die Landesoberhoheit 1806 an Preussen übergegangen und das Territorium der Provinz Westfalen zugewiesen ist. Das geräumige Sehloss, welches mit den langgestreckten Nebengebäuden auf drei Seiten einen grossen rechteckigen Hof umfasst, bietet architektonisch nichts Bemerkenswertes. Eben- sowenig das Innere des Schlosses, bis auf die Kapelle und den Bildersaal, welche allerdings eine Besichtigung lohnen. Die vierte Seite des Hofes ist durch ein hohes Eisengitter von der Strasse und dem gegenüberliegenden Schlossgarten ge- schieden, welcher sehr hübsche Felspartieen aufweist. Geht man rechts am Schlossgarten und verschiedenen Wirt- schaftsgebäuden vorbei, so führt der obere Weg durch den ROTH’S TIIIUSTR.LXHINEFIIHRER. BI.AII HINTERI.NPD. 8 2 1 S“ Sauuicg) AdTaas ZM X 2 2 Sba Br. ur L te t rere Ae 2 Suae 8— A⸗ reese 71 55. BJaf rund, ℳ 591 s rbad 8 Sadk deeee Maßstab l: 200000. Neurroer AnSL. 4 hao ————„„ 0 1 2 5 4 5 i0 AMoneter Verlag v Emril Roth Giessen Vom Lahnhof durch das Banfethal. 17 Wald aufwärts in 10 Min. zu einem mit hohen Buchen be- standenen Ringwall, der alten Burg. Die ganze Umgebung des Schlosses ladet durch ihre gut gepflegten Anlagen und Wege, sowie durch den herrlichen Wald zu Spaziergängen und Ausflügen ein. Zur Stadt steigt man gegenüber der Restau- ration durch die schönen, den Schlossberg auf der Stadtseite bekleidenden Tannenbestände in 25 Min. hinunter.(Aufstieg siehe bei Laasphe.) Ein dritter, sehr lohnender Weg, der das Lahnthal erst am Ende berührt, führt vom Lahnhof in 3 ½ Std. durch das Banfethal nach—;— Laasphe(16 km). Man verfolgt die Eisenstrasse in südöstlicher Richtung 5 Min. über die Abzweig- ung der Chaussee nach Ritters- hausen, im gan- zen 45 Min., bis zu ihrem Endpunkt. Wo in der mit Fichten bestan- denen Niederung der Weg sich Laasphe. teilt, schlage man den links bergauf führenden ein, auf dem man, sich immer links haltend, in etwa 12 Min. einen auf der Höhe stehenden trigonometrisehen Turm erreicht; schöne Fernsicht. Man folge den auf dem Bergrücken entlang führenden weissen Zeichen ½ Std. bis zu Wegweiser, und von hier den rot-weissen durch die Fichten. Man trifft auf die durch das Thal der Banfe führende Chaussee kurz oberhalb des Dorfes Banfe. Gastwirtschaft bei Göbel, Frank, Blecher. Von hier erreicht man auf der durch das schöne Thal abwärts führenden guten Strasse über Herbertshausen die Laaspher Hütte, in 1 ¼ Std. das Lahnthal bei Friedrichshütte und in weiteren 10 Min. Laasphe. Laasphe, H. über N. N. 331 m. Stadt, Kreis Wittgenstein, Regierungsbezirk Arnsberg, 2321 Einw., meist evangelisch, Sitz eines Amtsgerichts, einer Spezialkommission und einer Kgl. Präparanden-Anstalt. Das Post und Telegraphenamt ist am Stadthahnhof. Gasthäuser: Wit’gensteiner Hof, bewührtes altes Haus, L. Fr. 2 Mk., Pens. 4 Mk.; Hotel Fasanerie beim Bahnhof Friedrichshütte hübsch gelegen, L. Fr. 2 Mk., Pens 4,50 Mk.; Gasthaus und Restauration zum Lahnhof von Schäfer der Station gegenüber, L. Fr. 2 Mk, Pens. 1 Mk.; Hotel zur Stadt Illustr. Lahnführer. 2 n. A. Stephani Biedenkopf. 18 Laasphe. Marburg, zur Sonne, beide L. Fr. 1,50, Pens. 3,50; Restauration zum Schloss- berg, ebenso, Pens. 3,50. Restauration und Pension von Kohlstädt, L. Fr. 2 Mk., Pension für Erwachsene 4, für Kinder unter 12 Jahren 2 Mk., eingerichtet für 12 bis 15 Personen, ist zur Sommerfrische sehr geeignet und viel besucht. Abteilung des Sauerl. Gebirgsvereins. Die Stadt führt ihren Namen von dem sie durchfliessenden Bache und bedeutet Lachswasser(die in der Gegend häufig an Bach- und Ortsnamen vorkommende Endsilbe phe oder fe entspricht dem gotischen ahva= lat. aqua). In der That wurde hier früher ein schwunghafter Lachshandel betrieben. Auch jetzt weist das Städtchen neben landwirtschaftlichem Betriebe nicht unbedeutende Industrie auf. Besonders ist der Holzhandel in Schwung gekommen seit Eröffnung der Bahn nach Creuzthal, wodurch das reiche Waldgebiet des Wittgen- steiner Kreises erst erschlossen wurde. Trikotage, Bettfedern- Jabril, Dampfziegelei und in der Umgegend zahlreiche Hütten- werke, deren bereits Erwähnung geschehen. Laasphe liegt in einem Gebirgskessel, in den mehrere Bäche zusammströmen und durch ihre Thäler bequeme und landschaftlich lohnende Zugänge zu den Wäldern und Aus- sichtspunkten des umgebenden Gebirges eröffnen. Der nächste und schönste Ausflug ist der auf das Schloss, zu dem ver- schiedene Wege führen. Der nachstehend beschriebene ist zu empfehlen. Wenn man vom Baknhof kommt, geht man am Wittgensteinerhof vorbei, die Lahnstrasse aufwärts bis zum Hause Nr. 14, um dieses herum in die Gartenstrasse, dieselbe mündet in die Schlossstrasse bei einem Wirtshause mit einem Brief- kasten, dem gegenüber ein Wegweiser steht. Der linke Arm zeigt den Fahrweg nach dem Schlosse, 1,5 km, der rechte einen schmalen Fusspfad, 1,4 km, der 5 Min. über Feld, dann durch die Tannen aufwärts zum Schlosse führt. Laasphe eignet sich durch seine Lage, Verbindungen und Pensionsverhältnisse— die Errichtung eines grösseren Kur- hotels ist in Aussicht genommen— gut zu längerem Auf- enthalt. Von Laasphe nach Marburg. (39 km.) ie Chaussee begleitet die Lahn stets auf der linken (Seite, nur bei dem starken Haken, den der Fluss- S lauf bei Kölbe macht, tritt sie auf 2 km Länge auf das rechte Ufer, kehrt aber unterhalb des Ortes auf das andere Ufer zurück. Da das Thal breiter und die begleitenden Höhen flacher werden, so wirkt eine Fusswanderung für die weite Strecke ermüdend, deshalb ist eine Benützung der Bahn vor- zuziehen, um die sehenswerten Plätze zu erreichen, zumal die vielen Stationen und die geringe Fahrgeschwindigkeit(Fahrzeit 1 Std. 50 Min. bis 2 Std.) Musse genug gewähren, um Um- schau zu halten. Immerhin aber weist das Thal verschiedene, auch landschaftlich bemerkenswerte Punkte auf, denen einige Stunden zu widmen sich wohl der Mühe lohnt. Vom Bahnhof Laasphe abwärts 2 km Haltestelle Amalien- hütte; das dortige Eisenwerk heisst auch Nieder-Laaspherhütte, nach dem an der Mündung des Puderbachs gelegenen Orte.— 4 km, Wallau, grosses Kirchdorf, 1500 Einw., an der Mün- dung des Hainbachs in die Lahn, Gastwirtschaft von Manneschmidt. Bedeutende Ziegelei- und Papierfabrik. Gegenüber Wallau öffnet sich von S. her der Breidenbacher Grund, durchflossen vom Perf- bache, welcher hier in die Lahn mündet. Am Eingange des Grundes liegt das Städtchen Breidenstein, Gastwirtschaft Meissner, 1398 von Kaiser Wenzel zur Stadt erhoben, noch jetzt Stammsitz des alten Geschlechts von Breidenbach zu 2* 20 Die Sackpfeife. Breidenstein. Die spärlichen Reste ihrer Burg schauen vom steilen Berge in das Perſthal herab. 50 Min. thalaufwärts das Pfarrdorf Breidenbach, 700 Einw., Gastwirtschaft aur Post, Sinner, Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Am Ausgange des Dorfes teilt sich die Chaussee, beide Strecken führen nach Dillenburg, die rechte durch das Thal der Diete über Nieder- und Ober-Dieten, Simmersbach in das Dietzhölathal, wo sie in Eibelshausen die Bahn Strasseberbach-Dillenburg er- reicht, die andere durch das Gansbachthal über Lixfeld in das Scheldethal, wo sie auf die Bahnstrecke Nikolausstollen- Dillenburg stösst. Auf der ersteren Strecke beträgt die Ent- fernung von Wallau bis Dillenburg für den Fussgänger etwa 5 ½ Std., auf der zweiten etwas mehr. 6 km, Haltestelle Ludwigshütte, grosse Eisengiesserei, welche der Umgegend bedeutenden Verkehr und Verdienst zu- führt, schon im Mit- telalter ein wichtiger Sitz der Eisenindu- strie. Sehr lohnend und bequem ist von hier aus der Besuch der Sackpfeife— Entfernung 2 Std.—, einer waldbedeckten Höhe, welche mit 674 m den höchsten Punkt des Hinter- landes, der Wasser- A. d Sdean Pfoſenkdee scheide zwischen Ludwigshütte bei Biedenkopf. Lahn und Eder, also zwischen Rhein- und Wesergebiet bildet. Der Weg führt auf der Chaussee nach Hatzfeld im Ederthal das schöne Hainbachthal aufwärts bis hinter Kilometerstein 4,2. Hier verlässt man die Landstrasse und folgt den von Biedenkopf ausgehenden Zeichen aufwärts durch den Wald zu einem zu trigonometrischen Zwechen er- richteten Holzturm, der freilich nur auf Leitern zugänglich ist, aber eine prächtige Rundschau bis weit ins Sauerland bietet. ¼ Std. südlich ist auf starker Untermauerung ein neuer Aus- sichtsturm erbaut, von dem man eine schöne Aussicht nach Südosten auf Wetter und die Amöneburg geniesst. Nahe dabei befindet sich ein Schutzhäuschen. Den Abstieg kann man nach Norden nehmen gegen das Ederthal, welches man in etwa 1 Std. bei Ederlust, der Villa eines höheren englischen Offi- ziers, erreicht,— 20 Min. thalaufwärts das Städtchen Hatzfeld (Gasthof Rind) in malerischer Lage am linken Ederufer, oder Biedenkopf. 21 nach Westen zum Dorfe Weifenbach. ¾ Std., von da über Bellinghausen ins Lahnthal zurück. Am sichersten geht man, da in der bergigen Waldgegend, wo man selten einen Menschen trifft, die Wege ohne ortskundigen Führer leicht zu verfehlen sind, den Zeichen nach auf die Chausee Ludwigshütte-Hatzfeld zurück. Bei Kilometerstein 4,2 kann man dann, denselben Zeichen folgend, den Weg links von der Strasse nach Bieden- kopf einschlagen. 9 km, Station Biedenkopf, Höhe über N. N. 273 m, Kreis- stadt, Regierungsbezirk Wiesbaden, Provinz Hessen-Nassau, 2855 Einw., meist evangelisch, Sitz eines Landratsamtes, eines Amtsgerichts, zweier Oberförstereien, eines Realprogymnasiums. Post- und Telegra- henamt in der ähe des Bahn- hofes in der Ho- spitalstrasse. Fahr- postverbindung nach Battenberg. Gasthäuser: Hotel zum Hirsch L. Fr. 2 Mk., 8 Pens 3 bis 4 Mk.; Hotel zur Krone L. Fr. 2 Mk., Pens. 3,50 bis 4 Mk., beide am Markt ge- legen, in beiden Fuhr- werk zu haben. Hotel- Restaurant Roode. ge-——— genüber dem Bahnhof n. A.I. Risse Marburg. Hotel-Restaurant Kur- haus in der Hainstr. Bledenkopf. mit schattigem Garten. Restaurationen: Bahnhofrestauration, Balbach, Nörper, Braun, Kramers Berggarten am Altenberg mit schönem Blick auf Stadt und Umgegend. Radfahrerverein der Abteilung des Gaues Frankfurt, Reparaturwerk- stätte bei Hacker neben Hotel Roode. Die Stadt liegt auf dem linken Lahnufer, umgeben von hohen bewaldeten Bergkuppen, die hier das Thal einengen und die Umgebung zu einer sehr reizvollen gestalten. Die schöne alte, am Fusse des Schlossberges hochgelegene Stadtkirche wurde, nachdem sie längere Jahre wegen Baufälligkeit ge- schlossen gewesen, 1888 niedergelegt und an der alten Stelle mit Erhaltung der schönen alten Fenster und Thüren 1892 wieder neu aufgebaut. UÜber der Stadt erhebt sich das alte Schloss auf dem steilen, isolierten, 390 m hohen Schlossberg, Man geht vom Marktplatz entweder durch die Kottenbach- strasse, an der Balbachschen Brauerei vorbei, den Fussweg links, oder beim Hotel zum Hirsch durch die Stadtgasse an der neuen Stadtkirche vorbei durch den Schlosshain aufwärts zum Burgeingange. Man versäume nicht, sich in der Nähe 22 Biedenkopf. der Kirche bei Wu. Brosius, Obergasse 1, den Schlüssel geben zu lassen. Die hohen Umfassungsmauern umschliessen den Burghof und den zweistöckigen Palas, dessen Räume wohl erhalten, resp. wiederhergestellt, aber nicht möbliert sind. Aus der Südmauer springt der starke Bergfried vor, welcher in seinem oberen Teile etwas schwierig zugänglich, eine pracht- volle Aussicht auf Stadt und Thal bietet Die Burg wurde wahrscheinlich von Otto, dem Sohne des Landgrafen von Hessen, Heinrich I., 1293 erbaut. Aelter ist die Stadt, deren zuerst im Jahre 1240 Erwähnung geschieht, deren Schicksale aber im Mittelalter mit denen des Schlosses identisch sind. Gegen Ende des 30 jährigen Krieges wurde sie von Kaiser- lichen geplündert und zum Teil verbrannt, 70 Jahre später legte eine grosse Feuersbrunst einen Teil derselben in Asche; auch im sieben- jährigen Kriege hatte sie durch die Franzosen viel auszustehen. Des- halb hat sie ausser dem Schlosse kaum altertümliche Gebäude aufzu- weisen. 1866 wurde sie mit dem gan- zen Hinterland von dem Grossherzog- tum Hessen an Preussen abgetreten. Das vorwiegend ackerbau- treibende Städtchen, welches in den letzten 50 Jahren in seiner Bevölkerung nicht unbedeutend zurückgegangen ist— 1840 zählte es 3374 Einw.—, sucht sich in neuerer Zeit zu einem Luftkur- orte für Sommergäste auszubilden, wozu es durch seine schöne, wald- freiche Umgebung wohl geeignet n. A. v. W. lilsse Marburk. ist, besonders seitdem der unter Hessische Tracht. dem Vorsitz des Bürgermeisters 1895 ins Leben getretene Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs für gut gehaltene, mit Weg- weisern und Zeichen versehene Wege Sorge trägt. Besonderen Reiz gewähren für den Fremden die in der Umgegend von Bieden- kopf in ausserordentlicher Mannigfaltigkeit und Originalität erhaltenen Volkstrachten. Wer einmal Gelegenheit hatte, an einem Markttage die Frauen und Mädchen zu beobachten, welche die Erzeugnisse aus der Umgegend zum Verkaufe bringen, oder gar ein landwirtschaftliches Fest mitzufeiern, zu welchem die Bewohner des Breidenbacher Grundes und anderer Ortschaften der Gegend in ihrem besten Sonntagsstaate in der Kreisstadt zusammenströmen, wird sich dem Reize des an- Von Biedenkopf nach Buchenau. 23 mutigen und farbenfreudigen Bildes nicht entziehen können. Dem beobachtenden Wanderer aber, welcher die waldumsäumten Seitenthäler und ihre malerisch gelegenen Dörfer durchzieht, werden diese Volkstrachten mit ihren feinen Nuancierungen, die ein kräftiger, wohlgebildeter Menschenschlag besonders wirk- sam zur Darstellung bringt, ein lebendiges Stück deutschen Volkslebens vor die Augen zaubern und ihm die Wanderung doppelt reizvoll machen. Bei längerem Aufenthalt in Biedenkopf und Umgegend ver- weise ich für Fusstouren auf den Führer durch das Hinterland von einem Freunde hessischer Landeskunde, Marburg, Elwertsche Verlagsbuchhandlung, und auf den Führer durch das obere Lahn-, Edder-, Nuhme-, Ohm- und Schwalm- thal von E. Schneider, Marburg. Litteratur, Pho- tographien, Post- karten etc. in reicher Auswahl bei Max Stephani, Buchhand- lung in Biedenkopf. Unterhalb Bie- denkopf über- schreitet die Bahn den Fluss und hält sich auf dem rechten n. A. v. Stephanl Rle SWahe Ufer bis zur Halte- Hessische Trachten(Hinterland). stelle Buchenau 19 km(von Laasphe gerechnet). Haltestellen auf dieser Strecke: Wilhelmshütte, Friedensdorf, Karlshütte. Die Chaussee führt zunächst nach Eckelshausen, wo sich nach rechts die Gladenbacher Landstrasse abzweigt. Dieselbe über- brückt die Lahn und biegt nach ½ Std. hinter der Wilhelms- hütte in das Dautphethal ein, an dem uralten, schon 790 erwähnten Dorfe Dautphe vorbei, dessen Kirche aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammt. Von Eckelshausen wird der Fusswanderer nach Buchenau die alte, landschaftlich schönere, über Kombach durch die Berge führende Strasse vorziehen. Sie ist zudem kürzer als die ebene und einförmige Chaussee, welche, dem Flusslauf folgend, Friedensdorf gegenüber ein rechtwinkeliges Knie beschreibt. Buchenau, Gastwirtschaft von Damm am Bahnhof, von Bürgermeister Scheu im Orte, Kirchdonf mit 600 Einw. am linken Lahnufer, dessen aus dem Ende des 11. Jahrhunderts stammende Kirche vier Grabdenkmäler der alten hessischen Adelsfamilie von Dôring einschliesst. 24 Von Kaldern nach Marburg. 24 km, Bahnhof Kaldern, ¼ Std. von dem am rechten Ufer des Flusses auf einer Anhöhe reizend gelegenen Kirch- dorf Kaldern, Gastwirtschaft zum grünen Baum. Die romanische Kirche stammt aus dem Anfang des 13. Jahr- hunderts. Von der alten Gerichtsstätte giebt der wohlerhaltene mittelalterliche Gerichtsstuhl in der Nähe des Schulhauses Kunde. Die Einkünfte des ehemaligen Klosters der Cisterzienserinnen Maria Cella, unter dessen Aebtissinnen eine Tochter der heiligen Elisabeth zählt, und von dem noch einige Mauerreste gezeigt werden, wurden nach Einführung der Reformation von Landgraf Philipp dem Grossmüütigen der Universität Marburg zugewiesen. Für den Touristenverkehr gewinnt Kaldern neuerdings erhöhte Bedeutung dadurch, dass sich von hier aus der nahe Rimberg(489 m) am bequemsten erreichen lässt. Seitdem der Oberhessische Touristenverein einen Aussichtsturm auf dem- selben errichtet hat, ist er, namentlich von Marburg aus, ein vielbesuchtes Ziel. Die wundervolle Rundsicht, die sich von hier aus bietet, lohnt auch reichlich den Aufstieg.(Der Schlüssel zum Turm ist u. a. in der Gastwirtschaft zum grünen Baum in Kaldern zu haben.) Von Kaldern aus biegt man, die Landstrasse nach Damshausen links liegen lassend, rechts in den Feldweg ein, der in fast westlicher Richtung um den Fuss des Feiselsberges zum Rimberg führt(etwa 20 Min.). Wenn eine Wanderung von Buchenau nach Kaldern durch das von waldbedeckten Bergen umsäumte Thal nicht ohne Reiz ist, so dürfte eine solche von Kaldern abwärts nach Kölbe bei der zunehmenden Erweiterung und Verflachung des Thals sich kaum empfehlen. Dagegen ist der direkte Weg von Kal- dern über das Gebirge nach Marburg, welcher den von der Bahnlinie bei Kölbe gebildeten rechten Winkel abschneidet, der schönen Wälder wegen entschieden lohnend. Entfernung etwa 2 Std. Man verfolge vom Dorfe aus die Chaussee nach Marburg, welche sich anfangs über dem Lahnthal hält, nach etwa 10 Min. rechts ins Gebirge einbiegt. Man kann einen rechts neben der Chaussee laufenden Fusspfad benutzen, wel- cher bei Kilometerstein 7,9 wieder auf die Phausse⸗ trifft. Bei Kilometerstein 5 biege man links in den Fussweg, den man bis zum Ausgang des Waldes innehält. Wenn man auf die von Marburg führende Chaussee trifft, kreuze man diese und gehe das Thal abwärts nach dem Bade Marbach, von wo aus man durch die Ketzerbach zur Stadt gelangt. Indessen kann man auch einer der beiden Chausseen folgen, von denen die südlich laufende am Sellhof, die andere an der Ritscherschen Ziegelei vorbeiführt und welche beide schöne Ausblicke aufs Schloss und das gegenüberliegende Bergland gewühren. Das Wetschaftthal. 25 Umgekehrte Tour Marburg-Kaldern. Der Elisabethkirche gegenüber gehe man die Ketzerbach auf- wärts bis Marbach, dann links durch den Ort das Thal aufwärts bis zur Chaussee, welche sich hier mit der anderen von Mar- burg kommenden vereinigt und in nordwestlicher Richtung nach Kaldern weiterführt. Will man den angegebenen Waldweg einschlagen, so kreuzt man die Chaussee und verfolgt den Fusssteig in der Richtung derselben, die man bei Kilometer- stein 5 wieder erreicht. Bei Kilometerstein 7,9 schlage man den Fusssteig links neben der Chaussee ein. Benützt man von Kaldern die Bahn lahnabwärts, so sind die nächsten Haltestellen Sterz- hausen, 27 km— Gossfelden 29 km, die beide für Touristen ohne grösseres Interesse sind, — Bahnhof Sarnau, 32 km. Unterhalb Sarnau mündet von links her der Wetschaftbach und eröffnet durch sein Thal für die seit 1890 eröffnete Nebenbahn eine bequeme Zuwegung ins Ederthal nach Frankenberg, 26 km. Die Bahn stösst im Bahnhof Sarnau an die Kölbe- Laaspher Strecke, doch gehen 1Ae e. W. Risse Masburg. die Züge von Marburg aus. Wenn auch das Metschaft- thal unmittelbar landschaftlich nichts Hervorragendes bietet, so lassen sich doch mit Hilfe der Bahn einige schöne und interessante Punkte erreichen. Von Station Wetter, 4 km, führt die Landstrasse in 50 Min. zu dem am Abhange eines gegen das Thal vorspringenden Sandsteinberges wundervoll gelegenen Kirchdorf Mellnau, Gastwirtschaft Busch. Die auf der Höhe des Berges aufragenden Ruinen der gleich- namigen Burg bieten einen prächtigen Ausblick auf den im Osten sich ausbreitenden Burgwald und weithin in das hessische und sauerländische Bergland. Von Station Münchhausen, 12 km, ist in der gleichen Zeit der sagenumwobene Christenberg zu erreichen, ein runder, 384 m hoher Berg, der Spuren alter Umwallung zeigt. Oben steht ein Kirchlein mit einer Küsterei daneben(Wirtschaft), Hessenländerin. 26 Amöneburg. da hier die Toten der benachbarten Gemeinden begraben wer- den. Von der Marienruhe hat man ebenfalls eine herrliche Fernsicht. Man kann auch durch den Wald von Mellnau auf den Christenberg gehen. Unterhalb der Station Sarnau überschreitet die Bahn den Fluss. 35 km Station Kölbe, wo sich die Strecke Marburg- Creuzthal von der nach Kassel führenden Hauptlinie der Main- Weserbahn trennt. 2 km oberhalb Kölbe nimmt die Lahn die entschiedene Richtung nach Süden, die sie bis Giessen behält, undnimmt Kölbe gegenüber von links her die Ohm auf, welche hier das Gebirge durchbricht, um die Gewässer der nordwestlichen Abhänge des Vo- gelsberges dem m. A. v. W. Risse Marburs. Hauptflusse Zzu- Kirchhain. zuführen. Von Kölbe lässt sich am leichtesten ein Besuch der Amöneburg aus- führen. Man benützt die Main-Weserbahn bis zur Station Kirchhain, Kreisstadt, 2017 Einw.(Bahnhotel Mosebach), 11 km, geht vom Bahnhof durch die Stadt und verfolgt die über die Ohmlrücke gerade nach Süden führende Strasse, welche in 45 Min. hinführt. Das Städtchen Amöneburg (= Burg an der Amana, Ohm), 729 Einw., Gastwirtschaft Ruez, liegt auf einem 363 m hohen, aus dem fruchtbaren Ohmthale aufsteigenden Basaltfelsen, welcher nach Osten steil abfällt. Bonifacius gründete hier 732 ein Kloster, nachdem er 10 Jaher früher die Herren des Berges, die Brüder Detik und Deorulf, sowie eine grosse Menge Volkes für das Christentum ge- wonnen und bei der Lindauer Kapelle, am Wege nach Kirch- hain gelegen, getauft hatte. Anfangs des 12. Jahrhunderts ging das Kloster, von dem noch Ruinen vorhanden sind, ein; später bauten die Erzbischäfe von Mainz auf dem beherrschend gelegenen und schwer angreifbaren Berge eine Burg, die besonders für Hessen lange Zeit eine stets drohende Gefahr bildete. Im dreissigjährigen Kriege wurde Burg und Stadt nebst Kirche und Chorherrenstift von den Schweden genommen und zerstört. Nach der Säkularisierung des Erzbistums Mainz im Jahre 1802 kam Amöneburg an Hessen. Amöneburg. 27 Die Rundsicht von oben ist eine hervorragend schöne und freie; bei klarer Luft sieht man in der Runde die hohe Rhön, den Vogelsberg, den Taunus, Westerwald, die Berge des Sauer- landes und den hohen Meissner. Statt nach Kirchhain zurück- zukehren, kann man, dem blauen Dreieck folgend, direkt in 2 ½ Std. über Kleinseelheim, links an Bauerbach vorbei, durch den Marburger Wald nach dem unteren Hansenhaus, einer Garten-Wirt- schaft mit schönem Blick auf Mar- burg, und von da über Weidenhau- sen nach Marburg gehen. Unterhalb Kölbe geht die Bahn wieder auf das linke Lahn- ufer und indem sie die starke nördliche Ausbuchtung ver- meidet, zu der der Fluss durch eine von w w. Wſooe Mathurk, den ostseitigen Lahn- Amöneburg. bergen nach Norden vorgestreckte Bergzunge gezwungen ist, hält sie sich am linken Thalrande bis zum Hauptbahnhof Marburg, 39 km, Höhe über N. N. 178 m, Station der Main-Weserbahn, wo sämtliche Schnellzüge halten, zugleich Ausgangspunkt für die Strecken Marburg-Creuzthal und Marburg-Frankenberg- Warburg. Marburg. Gasthäuser: Hotel Pfeiffer, Elisabethstr. 12, L. Fr.*) 2,50 bis 3,70 Mk; Hotel zum Riiter, Ketzerbach 1, gleiche Preise; Kaiserhof(früher Schweins- berg), Bahnhofstr. 1, alle drei ersten Ranges mit Omnibus zu allen Zügen am Bahnhof, von welchem sie indessen durch die Bahnhofstr. bald zu erreichen und leicht zu finden sind. Einfacher und billiger, aber gut: Hessischer Hof, Elisabethstr. 17, Bahnhofhotel, beim Austritt aus dem Bahn- hof gleich links; Hotel du Nord, gegenüber; Hotel Nikolai, Bahnhofstr. 23, ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs; Hotel Freidhof, Kasernen- strasse 2. Restaurationen: Alle angeführten Hotels mit Ausnahme von Bfeilfer. Ferner in der Reitgasse Seebode, Moritz Lederer(Wirt Schweinsberg), Bopp, alle drei neu ausgebaut und der Neuzeit entsprechend eingerichtet, mit ge- *) L. Fr. bedeutet: Logis und Frühstück. 28 Marburg. räumigen Terrassen, welche einen entzückenden Ausblick auf das Lahn- thal und die gegenüber liegenden Berge gewühren; viel von Studenten besucht Die Acdeutsche Weinstube von Blenke, Wettergasse 29; Wein- und Frühstücksstuben von Kratz, Marktgasse 31. Fronkhof(Wirt J. Bärtsch, be- kannt durch sein gutes Geigenspiel). Gartenlokale: Lahnlust an der Strasse nach Wehrda; Zum Schlossgarten am nördl., Turnergarten und Bückings Garten am südl. Schlossberg; Pfeiffers Garten am Kämpfrasen im Süden der Stadt, ebenso der Schützenpfuhl an der Gisselbergerstr. gegenüber dem Bahnhof Marburg-Süd. Cafés und Konditoreien: Breitstadt, Scharmann,„Wilhelma“, Matthäi. Privatlogis sind vom August bis Oktober während der Universitäts- ferien zahlreich zu haben. Landes-Heil- und Pflegeanstalten: Medizinische Klinik und Poliklinik, Klinikstr. 1, Sprechstd. 10— 12 Uhr Vorm. Chirurgische Klinik und Poli- Klinik, Untere Rosenstr. 3, Sprechstd. 11— 12 Uhr Vorm. Augen-Klinik und Poliklinik Rosenstr. 4, Sprechstd. 11— 12 Uhr Vorm.; Privatbehandlung 10— 12 Uhr. Poliklinik für Ohren, Nasen- und Halakrankheiten, Marbacher- Weg 1, Sprechstd. 10— 11 Uhr. Zahnäratliche Klinik, Ketzerbach 54 a, Sprechstd. 9— 10 Uhr Vorm. Frauenklinik(Entbindungsanstalt), Pilgrim- stein 3. Iyrenheilanstalt(Psychiatrische Klinik) nahe bei der Station Marburg Süd. Badeanstalten: 3 öffentliche Anstalten für Flussbäder, 2 für warme Bäder, Ausserdem Badevorrichtungen in den besseren Gasthäusern. Post: Das Hauptpost- und Telegraphenamt Bahnhofstr. 4 nahe dem Kaiserhof, Nebenamt gegenüber der Universitätsbibliothek, Universitäts- strasse 18. Telephonverbindung nach Giessen, Frankfurt, Kassel, Berlin, ausserdem mit den kleinen Orten der näheren Umgebung. Fahrgelegenheiten: Droschken beim Bahnhof. Tarif: Nach der Stadt 1,50 Mk., Zeitfahrten durch die Stadt 2,50 Mk. für die Stunde. Omnibus à Person 20 Pfg. vom südlichen Stadtteil nach dem Bahnhof und umge- kehrt. Motorschiff nach Wehrda 15 Pfg. Ausserdem sind Fuhrwerke zu haben bei Kekstein, Zwischenhausen 5; Heppe, Obere Rosenstr.; Ochs, Casselerstr. 7; Pets, Gisselbergerstr.; Deckmann, Augustinerg. 1; Becker, Wilhelmstr. 8. Tarif für Dienstmänner: Bis ½ Stunde 25 Pfg., mit Gepäck bis 10 kg 30 Pfg., 15 kg 40 Pfg., 25 kg 50 Pfg, 50 kg 60 Pfg, über 50 kg pro 10 kg 5 Pfg. mehr. ½ bis 1 Std. ohne Gepäck 40 Pfg., mit Gepäck 10— 50 kg 50— 80 Pfg. Rückweg für Antwort die Hälfte der Taxe. Es bestehen zwei Radfahrer-Gesellschaften, der Radfahrer-Club und der Raufahrer-Verein, Gauverband Frankxfurt. Reparaturwerkstätte: Fr. Engel. Meechaniker, Bahnhofstr. 17, Georg Sailer, Untergasse. Bundesgast- höfe: Kaiserhof, Bahnhofstr. 1 und Hevsischer H% Elisabetstr. 17. Marburg, Kreishauptstadt des gleichnamigen zum Regie- rungsbezirk Casse! gehörenden Kreises, 17 500 Einw., darunter etwa 1600 Katholiken, 370 Juden, ist Sitz eines Landratsamts, eines Landgerichts, eines Amtsgerichts, Garnison des hessischen Jägerbataillons Nr. II(Inhaberin Königin-Witwe Margherita von Italien). Ferner befinden sich hier das kgl. Staatsarchiv für den Regierungsbezirk Cassel und den Kreis Biedenkopf, das Kgl. preuss. und grossherzogl. hessische Gesamtarchiv(im Schloss), eine Irrenanstalt, ein Hauptsteueramt, eine Eisenbahnbetriebs- inspektion und verschiedene andere Behörden, an Unterrichts- anstalten die Universität mit zahlreichen, den Anforderungen der Neuzeit entsprechend eingerichteten akademischen An- stalten, ein kgl. Gymnasium, eine Oberrealschule, städtische Röhere Mädchenschule, landwirtschaftliche Winterschule, Fachschule Marburgs Geschichte. 29 für weibliche Handarbeiten, sowie verschiedene Knaben- und Mädchen-Pensionate. Marburgs Lage und Aufbau ist dadurch gegeben, dass der Schlossberg vom Westen her schroff gegen die Lahn vorstösst und sie zwingt, einen Bogen nach Osten zu beschreiben, wäh- rend von dieser Seite die Berge ebenfalls, wenn auch allmäh- licher abfallend, dem Flusse unmittelbar nahetreten. Da dieser sich gerade hier verschiedentlich teilt und mehrere Inseln bildet, so war es für die Herren des Schlossbergs leicht, das]Thal zu sperren und von der schwer angreif- baren Höhe herab das obere wie un- tere Thalgelände sowie den Thalweg zu beherrschen. Die erste Er- wähnung des Schlos- ses als Burgsitz fällt in das erste Drittel des12. Jahrhunderts, wo in einer undatier- ten Urkunde des thüringischen Gra-.A. v. W. Riase Marburg. fen Ludwigs III. Marburg und Lahn. ein Burgmann des- selben, Ludwig von Marburg, als Zeuge vorkommt. Doch war die Burganlage jedenfalls bedeutend älter. Von der Hofstadt am Fusse des Berges, dem Wirtschaftshofe der auf der Höhe gelegenen Burg(der Name hat sich bis jetzt erhalten) ist vermutlich der Ursprung der Stadt ausgegangen, indem sich von hier die Siedelung um den Berg zog und durch Zuzügler aus der Umgegend, die den Schutz der Burg suchten, allmählich den verfügbaren spärlichen Raum am Abhange und am Fusse des Berges ausfüllte. Noch jetzt bilden die engen und steilen Gassen der Altstadt einen seltsamen Gegen- satz zu den weit vorgeschobenen modernen Stadtteilen abwärts und jenseits des Flusses. Helleres Licht fällt auf Burg und Stadt, als Elisabeth von Thüringen, deren Gemahl Landgraf Ludwig IT. bei der Abfahrt nach dem heiligen Lande im welschen Hafen der Pest zum Opfer gefallen war, hier im Jahre 1229 ihren Wittwen- sitz suchte, nachdem sie durch ihren Schwager Heinrich Raspe von der Wartburg vertrieben worden. Den Anschauungen der Zeit entsprechend suchte sie die Sünden des geliebten Mannes durch Werke der Nächstenliebe und der Askese zu sühnen und wurde ein Opfer ihres harten und unerbittlichen Beichtvaters, des Domi- nikanermönchs Konrad, der von Marburg aus allenthalben im 30 Heilige Elisabeth. Herzen Deutschlands die Ketzerfeuer entzündete und von dessen finsterm Thun in Marburg selbst noch der Name Ketzerbach Kunde giebt. Er bestärkte das fürstliche Beichtkind in seiner aske- tischen Lebensweise, und Elisabeth, gänzlich ihrer fürstlichen Würde entsagend, verschmähte es, auf dem Schlosse zu wohnen, und ver- brachte ihr Leben unter den Kranken und Elenden des Hospitals, welches sie neben dem Franziskanerkloster am Fusse des Berges errichtet hatte. Schon nach 2 Jahren, am 19. November 1231, wurde sie infolge der grossen Entbehrungen und aufreibenden Buss- übungen von ihrem jammervollen Leben durch den Tod erlöst, um als Heilige weiter zu leben. Konrad von Marburg aber, vom Papst Gregor IX. zum Ketzerrichter in Deutschland ernannt, waltete seines finstern Amtes nicht lange; denn als er es gewagt, den Grafen von Sayn vor sein Gericht zu ziehen und ihn zu einer schimpflichen Busse zu verurteilen, wurde er 1233 von aufge- brachten Edelleuten, als er von Mainz zurückkehrte, in der Nähe des Frauenberges erschlagen. Beide Gestalten stellen in ergreifen- der Weise eine Verkörperung der weltentsagenden und weltver- achtenden Lebensauffassung der Zeit dar in ihrer unendlichen Liebe, in ihrer vernichtenden Härte. Wenn aber Konrad für alle Zeiten ein Schreckbild finstersten Fanatismus abgeben wird, und über den Schauplatz seines Wirkens in der Ketzerbach sich ge- deihendes und heiteres Leben breitet, liegt noch heute durch die heilige Elisabeth über der Stätte ihres Duldens ein idealer Hauch, und ihr rührendes Bild steht vor unsern Augen ungetrübt und rein, wie das herrliche Bauwerk, welches ihren Namen trägt. Schon zu Elisabeths Lebzeiten waren Wunder von ihr erzählt worden; von ihrem Grabe verbreitete sich der Glaube daran in immer weitere Kreise und lockte zahlreiche Pilgerscharen heran. Auf Betreiben des Landgrafen Konrad, welcher am Todestage seiner Schwägerin im Jahre vorher das Kreuz der Brüder vom deutschen Hause genommen, wurde sie am 27. Mai 1235 vom Papst Gregor IX. heilig gesprochen; am 14. August desselben Jahres legte Konrad den Grundstein zu der Elisabethkirche an dem Platze des Con- vents der Franziskaner, denen er ein geräumigeres Kloster im Süden der Stadt erbauen liess, und am ersten des Maimonats 1236 trug der aufgeklärteste der deutschen Kaiser des Mittelalters, der Hohenstaufe Friedrich II., um seine Rechtgläubigkeit zu erweisen, barfuss in grauem Gewande die Gebeine der Heiligen in feierlicher Prozession zu ihrer endgültigen Ruhestätte. Aber Elisabeth lebte nicht nur als Heilige fort; durch ihre Tochter, die Landgräfin Sophie, die Mutter des Kindes von Brabant, wurde sie die Stammmutter des hessischen Hauses, dessen Residen⸗z Marburg bis ins 17. Jahrhundert blieb. Auf dem Schlosse wurde 1504 Landgraf Philipp der Grossmütige geboren, welcher in Hessen die Reformation einführte und 1527 durch die Stiftung der Marburgs Geschichte. 31 ersten protestantischen Universität den Grund der jetzigen be- deutenden Entwicklung der Stadt legte. Hier fand auf seine Ver- anlassung am 2. und 3. Oktober 1529 das berühmte Religionsge- spräch zwischen Luther und Zwingli über die Abendmahlslehre statt, dessen Ergebnis die dauernde und für die Geschicke des deutschen Volkes so unheilvolle Entzweiung der beiden Konfessionen war. Als Landgraf Moritz 1605 das reformierte Bekenntnis in seinem Lande einführte, wandten sich vier Professoren, welche sich weigerten, die Verpflichtung auf die verhasste Konfession ein- zugehen, an den Landgrafen Lud- uig V. von Hessen- Darmstadt, der mit ihnen die Universi- ☚ 5 tät Giessen grün- 8 dete. Mannigfaltige Unbilden hat die an der Heerstrasse ge- legene Stadt im dreissigjährigen und siebenjährigen Krie- ge, sowie in der Zeit der napoleonischen Fremdherrschaft zu erfahren gehabt, bis Marburg. für sie nach Ver- treibung der Franzosen friedlichere Zeiten mit ruhiger Entwicklung heraufzogen. Eine neue Blütezeit aber begann erst, als das Kur- fürstentum Hessen 1866 von Preussen annektiert und Marburg Universität der neugebildeten Provinz Hessen-Nassau wurde. Eine Vorstellung von dem ungeahnten Aufschwung dieser letzten Jahre erhält der Besucher, wenn er vom Hauptbahn- hof durch die ganz moderne Bahnhofstrasse nach der Stadt geht, mehr aber noch, wenn er eine Wanderung durch die im Süden der Altstadt und des Schlossbergs im Entstehen be- griffenen Teile unternimmt. Er wird sich zugleich der Wahr- nehmung nicht verschliessen können, dass die Leitung der Stadt sich in vorzüglichen Händen befindet und von grossen, weitausschauenden Gesichtspunkten ausgeht, die Altüberliefertes mit modernen Bedürfnissen wohl zu vereinigen wissen. n. A. v. W. Risse Marburg. Beschreibung der Stadt.. Vom Hauptbahnhof führt die breite gerade Bahnhofstrasse, an deren beiden Seiten gleich zu Anfang verschiedene Gast- häuser und Restaurationen liegen, in westlicher Richtung der 32 Marburg.„ 8. Stadt zu. Nach Ueberschreitung der neuen Lahnbrüeke, er- öffnet 1867, gelangt man auf eine von der Lahn und ihren Armen umschlossene Insel, welche in ihrem südlichen Teile von zahlreichen Universitéts-Instituten besetzt ist. Gleich links leitet ein Pfad flussabwärts zu der medizinischen Klinik und Poliklinik, einem umfangreichen Gebäudekomplex aus roten Sand- und Backsteinen, vollendet 1886, mit vorzüglicher Ein- richtung, zugleich Landkrankenhaus und Militärlazarett. Un- mittelbar daneben erheben sich die stattlichen Gebäulichkeiten der chirurgischen Klinik. Zwischen einem für Frauen und einem für Männer bestimmten Bau schiebt sich der mäch- tige mit den modernsten Einrichtungen versehene Operations- saal, untereinander durch Bogengänge verbunden. Die innere Einrichtung entspricht in jeder Beziehung den modernen Anforderungen. Der Klinik gegenüber in der Rosenstrasse erhebt sich der mächtige Neubau der Anatomie. Wo die Bahnhofstrasse die Rosenstrasse kreuzt, liegen links an der rechten Seite der letzteren die Augenklinik, eröffnet 1885, das pathologische Institut, eröffnet 1889, Zugang Rosen- strasse, an der Bahnhofstrasse links kurz vor der zweiten Brücke das chemische Institut, vollendet 1881, sowie jen- seits der Brücke schräg gegenüber an der rechten Seite das im deutschen Renaissancestil 1884 erbaute kaiserliche Haupt- postamt. Gegenüber dem hessischen Hofe mündet die Bahn- hofstrasse in die Elisabethstrasse, auf welcher wir links am Hotel Pfeiffer vorbei in wenigen Schritten zur Kirche der heiligen Elisabeth gelangen. Einige Stufen führen ab- wärts zum Portal des tiefgelegenen Gotteshauses, welches da- her öfter der Gefahr der Ueberschwemmung durch die bei plötzlichen Regenfällen reissende Marbach ausgesetzt war. Als man die den Kirchplatz schützenden Mauern niedriger gemacht, drang bei einem Wolkenbruch am 3. August 1842 das Wasser des Baches über dieselben hinweg in das Portal ein und rich- tete in dem durch Gräber unterhöhlten Fussboden arge Ver- wüstungen an, deren Spuren indessen durch die stilgerechte Restauration vom Jahre 1860 vollständig wieder getilgt sind. Keineswegs begünstigt durch seine Lage, ebensowenig impo- nierend durch die Wucht und Mächtigkeit seiner Masse wirkt dieses Bauwerk lediglich durch die keusche Einfachheit seiner Formen, durch die wundervolle Harmonie seiner Teile, in denen die Vermittlung zwischen tragenden und lastenden Massen in künstlerisch vollendeter Weise zur Darstellung gelangt ist. Be- gonnen in einer Zeit, wo die junge Gotik von Frankreich aus ihren Siegeszug durch Deutschland unternahm und gerade im Lahnthal eifrige Pflege fand, wurde der Bau ohne Hast vollendet, aber schnell genug, um den ursprünglichen Plan einheitlich und unbe- kel.— Vnirersitut „Ee, Plan von Marburg. Khcheghnu 2. Mess Aor DN X Gnh,ni . ₰ 8 I d. Chirurg Kirnik ane 7 A N Jzhu Se 3 6 5 Bebnloftokl, SLane — Taæ. Tuoynle, neu 3 1 A F Bibliothex S Pibliothek neu 9 em. dustitut E.- Mineral.„ Khgsiol.„ I. Lliscbelh Kürehe In. SDostolische T. Lllherlésche„ d. Kalh. Kirche P. N. Michael Schloss 7. LanddqFerichl g. Hakhcrus k. Eymnasium I. Seohterschule v. Knahenschule W Turnhalle X. Rernvarle Tolachthgus Z. Hqupt Tost Za. Postamt I Zb. Ober Eedlschule Verlag x Emiil Rotn i Eressen. Elisabethkirche. 33 einflusst durch Wandelung des Stils zur Vollendung zu bringen. 48 Jahre waren erforderlich gewesen, bis am 1. Mai 1283 das Schiff der Kirche geweiht werden konnte, während die beiden Türme erst 77 Jahre später vollständig fertig gestellt wurden. Das Ganze steht vor unsern Augen als ein Muster edelsten gotischen Stils, welches noch seine ursprüngliche Reinheit und Strenge be- wahrt hat, ein Baudenkmal, das in seiner Art in Deutschland kaum seines gleichen hat. Durch das zwischen den beiden Türmen sich öffnende präch- tige Hauptportal, in dessen Giebelfelde zwischen einem blühenden Rosenbusch und einem mit Trauben behangenen Weinstoch die heilige Jungfrau mit dem Christuskinde, die Schützerin des Deutschherrnordens, dem das Got- teshaus zu eigen war, thront, tritt man in das sechsjochige Langhaus. Fünf schlanke Säulenpaare trennen r 1 das Hauptschiff von den beiden Seitenschiffen von gleicher Höhe und halber Breite und tragen auf ihren mit Blätter- und Knospen- ornamenten in mannigfacher Ab- wechslung geschmückten Kapitälen die reichgegliederten Rippen des Kreuzgewölbes. Die Kirche ist also eine Hallenkirche, wie solche sich in Hessen und Westfalen schon in vorgotischer Zeit häufiger finden. Noch hat man nicht ge- wagt, wie bei den gotischen Domen der Blütezeit, die zwischen den Strebepfeilern befindliche Wandfläche durch ein hohes Fen- ster zu durchbrechen, sondern deren zwei kleinere über einander angebracht, welche ebenfalls in ihrem Masswerk die schlichte Einfachheit der alten Gotik aufweisen. Das Hauptschiff wird im Osten abgeschlossen durch den dem Anfange des 14. Jahrhundert entstammenden Lettner, welcher sich zwischen die beiden west- lichen Vierungspfeiler einfügt und, so stilgemäss er auch ge- halten ist und so sehr er auch durch reichen Farben- und Figuren- schmuck das Auge des Beschauers fesselt, doch die Gesamtwirkung der Kirche beeinträchtigt. Der Lettner findet seine Foptsetzung in den Seitenschiffen durch ein hohes Eisengitter, welches die Ab- schliessung des Kreuzschiffes durchführt, so dass fast die Hälfte der Kirche für den Klerus reserviert blieb. Die Flügel des Quer- schihs sowie der Chor sind durch die fünf Seiten eines regel- Illustr. Lahnführer. 3 n. A. v. W. Riase Marburg. Elisabethkirche Marburg. 34 Marburg. mässigen Achtecks geschlossen. In dem nördlichen Kreuzarm dem Elisabethenchor, welcher den ältesten Teil der Kirche darstellt, befindet sich zwischen dem Marienaltar zur linken und dem Katharinenaltar zur rechten Seite unter dem baldachinartigen Mausoleum die Grabstätte der Heiligen, jedoch ohne deren Sarg. An einem dritten, dem Elisabethenaltar vorbei, gelangt man durch eine Thür in den Raum zwischen den mächtigen Vierungspfeilern, welcher, vom Hauptschiff durch den Lettner, von den beiden Kreuz- armen durch eine Mauer abgeschlossen, nur gegen den Chor sich öffnet. Zwei Reihen amphitheatralisch aufsteigender, aus Eichen- holz in streng gotischem Stil gearbeiteter Sitze umgeben von drei Seiten diesen Raum. Es sind dies die dem Ende des 13. Jahr- hunderts entstammenden Chorherrenstühle der deutschen Ordens- ritter, welche sich hier, abgeschlossen von der Gemeinde, zum Gottesdienst versammelten. Die Mitte des Hauptchors nimmt der aus Sandstein in edlem gotischen Stile mit reichem Gold- und Farbenschmuck ausgeführte Hochaltar ein, geweiht am 1. Mai 1290, dessen Wirkung durch die schönen dem 13. und 14 Jahrhundert entstammenden Glasmalereien der Chorfenster gehoben wird. In der Nordwand des Chors führt eine Thür zu der Sabristei, welche den höchsten Schatz der Kirche, den Sarkophag der heiligen Elisabeth birgt. Auf einer hölzernen Truhe unter einem Gehäuse von starkem Spiegelglas ruhend, ist derselbe von Eichenholz her- gestellt, welches mit stark vergoldetem Kupfer- und Silberblech überzogen ist. Zahlreiche, zum Teil kostbare Edelsteine und Perlen schmücken den Sarg, aus dem jedoch Philipp der Grossmütige 1539, als er die Reformafion in der Kirche einführte, die Gebeine der Heiligen hatte herausnehmen lassen. In der Franzosenzeit wurde derselbe nach Cassel übergeführt, und als er 1814 zurück- geliefert wurde, fehlten 117 der grössten und wertvollsten Steine. Ueber der Sakristei zeigt der führende Küster, allerdings nur auf ausdrückliches Verlangen, in dem ehemaligen Ordensarchiv mehrere interessante Kampfschilde alter Deutschherren sowie zwei Original- schilde hessischer Landgrafen. Der südliche Kreuzarm, der Fürsten- oder Landgrafenchor, birgt die Grabstätten zahlreicher Fürsten und Fürstinnen Hessens unter Grabdenkmälern, die zum Teil künstlerisch bedeutend sind, während das des Landgrafen Wilhelm II. in seiner nackten Natür- lichkeit wahrhaft abschreckend wirkt. Beim Ausgang aus der Kirche versäume man nicht, den an der Westseite des südlichen Längsschiffes aufgehängten wertvollen Teppich in Augenschein zu nehmen, an dem die heilige Elisabeth selbst gearbeitet hat. Er ent- hält eine Darstellung der Geschichte vom verlorenen Sohn. Ueber- haupt bietet neben dem Geschilderten die Kirche an Altarbildern, Schnitzereien, Bildhauereien u. s. w. noch manches Erwähnenswerte. Wenn man die Kirche verschlossen findet, schelle man Elisabethkirche. 35 stark an dem gegenüberliegenden Hause Elisabethstrasse 2. Der Küster, welcher die Führung übernimmt, hat zu bean- spruchen für 1 Person 50 Pfg,, für mehrere je 25 Pfg., für 9— 20 Personen zusammen 2 Mk, bei mehr als 20 für die Person 10 Pfg. Letzteres ist auch die Taxe für Schüler und Schülerinnen von Lehranstalten. Die Gebäude und das Gelände hinter und südwärts von der Kirche gehörten bis zum Jahre 1809 zur Deutschordens- Commende Marburg, wo dieselbe nach einem Bestande von fast 6 Jahrhunderten von Napoleon aufgelöst wurde. Die Gebäude wurden zum Teil abgerissen, zum Teil umgebaut. Letzteres geschah 1884 mit dem an der Nordseite des Chors gelegenen Comthurhause, in dessen Westflügel sich das mineralogische Institut(freier Eintritt Mittwochs 1—3 Uhr nachm.) befindet, während im Ostflügel das zoologische Institut und Museum (freier Eintritt Mittwochs und Samstags nachm.) Unterkunft gefunden hat. Neugebaut wurde 1884— 88 das stattliche, aus weissem Sandstein errichtete physiologische Institut südlich von der Kirche, in dessen Garten die Kapelle des ehemaligen Elisabethhospitals eingezogen ist. Weiterhin trifft man in derselben Richtung am Pilgrimstein, der Strasse, welche auf der Thalsohle weiterführt, auf das pharmakologische und da- hinter das hugienische Institut, daran anschliessend das präch- tige, im gotischen Stil aufgeführte Gebäude der Frauenklinik und Hebammenlehranstalt. Ihm gegenüber breitet sich der schön angelegte botanische Garten, welcher an den Werktagen dem Publikum von 6— 12 und 1—6 Uhr bei freiem Eintritt ge- öffnet ist, während die Gewächshäuser nur nachmittags, im Sommer von 4—6 im Winter von 2—4 Uhr zugänglich sind; er umschliesst das pharmakognostisch-botanische Institut. Der Elisabethkirche schräg gegenüber öffnet sich eine breite, von zwei Reihen Akazien durchzogene Strasse, die schon erwähnte Ketzerbach, an deren Ecke der Gasthof zum Ritter liegt und unter welcher in ihrem seit 1859 überwölbten Bette die Marbach abwärts fliesst. In der Ketzerbach wurden, so lange die Landgrafen auf dem Scblosse residierten, zahl- reiche Turniere abgehalten, unter anderen das bekannte vom Jahre 1466, bei welchem nicht weniger als 1400 Pferde in der Stadt einquartiert werden mussten. Am oberen Ende der Strasse liegt rechts die 1839— 42 im Rundbogenstil erbaute Anatomie, ihr gegenüber das zahnärztliche Institut. An der Ecke vom Marbacherweg und Schlag die Klinik für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten. Dieser gegenüber das pharma- kologisch-chemische Institut. Der Anatomie gegenüber führt das Leckergässchen aufwärts zu der mit dem mathematisch- physikalischen und geologisch- paläontologischen Institut ver- 3*½ 36 Marburg. bundenen Sternwarte am„Renthof“, welche auf dem Grunde eines ehemaligen Burgsitzes, des Dörnberger Hofes, erbaut ist. Ein viereckiger Turm ist als Rest der alten Befestigung stehen geblieben. Der kurz vorher nach rechts abbiegende Hainweg leitet aufs Schloss. Vom Gasthaus zum Ritter führt in drei übereinander ge- legenen Terrassen der Steinweg aufwürts in die altertümliche Stadt, zunächst in die Neustadtgasse, die ihrerseits wieder in die Wettergasse übergeht. Von ihr leiten mehrere Parallel- gassen, unter ihnen die Marktgasse, auf den 260 m über N. N., also 82 m über dem Bahnhofe gelegenen Marktplatz, an dessen südlichem Ende das anfangs des 16. Jahrhunderts aus rotem Sandstein in spätgotischem Stil erbaute Rathaus liegt. Bemerkenswert an demselben ist eine kunstvolle Uhr, sowie ein über dem Eingang zum Treppenturm angebrachtes Stein- relief, welches die heilige Elisabeth, das Kirchenmodell in der Hand haltend, als Schutzherrin der Stadt darstellt. Vom Markt aus erreicht man am schnellsten und be- quemsten das Schloss. Entweder steigt man am Nordende des langgestreckten Platzes die Schlosstreppen auf 52 Stufen zu dem 1575 erbauten Landgericht hinauf, von dem ein breiterer Weg oberhalb der evangelischen Pfarrkirche bis zu dem Thorbogen des âusseren Schlosshofes führt, oder man biegt am Fusse der genannten Treppe in die Ritterstrasse ein, welche an der Nord- seite des Pfarrkirchhofs entlang auf das früher vermauerte, seit 1874 wieder geöffnete Kalbsthor stösst. Bevor man dieses erreicht, biegt man einem Brunnen gegenüber rechts eine Treppe aufwärts, die auf den oben erwähnten Schlossweg leitet. Vorher ist jedoch die jetzige evangelische Pfarrkirche, früher„Unser lieben Frauen Pfarrkirche“ genannt, deren Chor am 1. Mai 1297 sgeweiht wurde, während das Schiff der Mitte des 14., der schiefe Turm dem 15. Jahrhundert entstammt, eines Besuches wohl wert, da sie neben anderen Sehenswürdigkeiten die Orab- denkmäler verschiedener Landgrafen und Gräifinnen enthält. Der mit Platanen besetzte Kirchplatz, auf den verschiedene Strassen münden, ist mit seiner lieblichen Aussicht auf das südliche Lahnthal der schönste und ansprechendste der Altstadt. Das Schloss. Durch den oben erwähnten Thorbogen tritt man in den äãusseren Schlosshof, durch welchen man rechts gehend zum inneren Sehlosshof gelangt. Gleich am Eingange links wohnt der Sehlossführer, den eine Schelle herbeiholt. Taxe: 1 Person Schloss, Universität. 37 50 Pfg., 2—5 Personen je 30 Pfg., bis 20 Personen 1 Mk. 50 Pfg., Mittwochs von 2 bis 4 Uhr Eintritt frei. Der Hauptbau des Schlosses ist ein aus 3 Flügeln be- stehender mächtiger Steinkasten, der mehr durch die Wucht seiner Massen, als durch seine architektonische Gliederung wirkt. Die Hauptsehenswürdigkeit ist der im Nordfligel be- findliche Rittersaal mit seinen hohen Kreuzgewölben und dem prächtigen Renaissanceportal, dessen Ursprung eine Inschrift in das Jahr 1573 verweist. Als das Schloss anfangs des 17. Jahr- hunderts aufgehört hatte, Residenz der hessischen Fürsten zu sein, wurden der Rittersaal und andere grosse Räume lange Zeit als herrschaftlicher Kornspeicher benutzt. In der französischen Zeit diente es als Militärlazarett, und nach der Wiederherstel- lung des alten Regimes musste es seine ehrwürdigen Räume sogar zum Zuchthaus für schwere Gefangene entwürdigen lassen. Erst als es mit dem Jahre 1866 in preussischen Be- sitz überging, trat ein Wandel ein. Die Haupträume wurden in würdiger Weise wieder hergestellt und ausgestattet und in denselben das hessische Gesamtarchiv mit wichtigen und interes- santen Urkunden von der Zeit der Karolinger bis in die Jetat- zeit, sowie die Sammlungen des hessischen Geschichtsvereins verlegt. Dasjenige Gebäude, welches in Marburg neben der Elisa- bethkirche das grösste bauliche Interesse in Anspruch nimmt, ist ohne Zweifel die Universität. Man erreicht dieselbe, wenn man die Richtung der Wettergasse, welche wir verliessen, um nach dem Marktplatz abzubiegen, durch die Reitgasse verfolgt, bis man an der reformierten Kirche vorbei auf den von 2 Flügeln des Universitätsgebäudes umschlossenen, von einer breitästigen Linde überschatteten Platz stösst. Von ihm aus gelangt man in den prächtigen Kreuzgang mit seinen schönen Kreuagewölben, um welchen sich die mit Bildnissen khessischer Fürsten und ehe- maliger Professoren ausgestatteten Hörsäle herumlegen. Der Haupteingang aber befindet sich auf der entgegengesetzten Seite, wo ein breiter Zugang mit mächtiger Freitreppe zu der reich verzierten Portalhalle führt. Die Hauptfront wendet sich mit ihren drei hochragenden Giebelm gegen den Strom und gewährt von der alten Brücke aus, die zu den Füssen des Gebäudes die Lahn überwölbt, einen überaus präch- tigen Anblick. Sehr sehenswert ist die geräumige, reich ausgestattete Aula, welche auf Verlangen von dem Univer- sitätscustos aufgeschlossen wird. Der Bau wurde an Stelle des alten Dominikanerklosters 1874— 78 in edelstem frühgoti- schen Stil in weissem Sandstein von Professor Karl Sehäfer ausgeführt, welcher die ehemalige aus dem Ende des 13. Jahr- hunderts stammende Klosterkirche als Universtätskirche in den 38 Marburg. Bereich des Gebäudekomplexes einzog. Das Ganze macht auf den Beschauer einen überaus würdigen und stimmungsvollen Eindruck und dürfte unter den Universitätsgebäuden Deutsch- lands nicht seinesgleichen finden. In der That aber entspricht es durchaus dein Aufschwung, den die Universität seit 1866 ge- nommen hat. Damals kaum 300 Hörer zählend, wird sie jetzt im Winter von etwa 1100, im Sommer von 1200 Studenten besucht, unter denen sich besonders im Verbindungsleben noch ein gutes Stück alter, stets jugendfrischer Studentenromantik erhalten hat. Die meisten der angeseheneren farbentragenden Verbin- dungen haben ihr eigenes Haus. Wendet man sich vor dem Universitätsgebäude stehend zur Linken, so gelangt man über die vorerwühnte Brücke nach der Vorstadt Weidenhausen, zur Rechten aber führt die Untergasse an dem Kgl. Gymnasium vorbei auf einen Platz„Am Plan genannt, wo wir links die ehemalige Bibliothek, deren Räum- lichkeiten jetzt zu Unversitätsseminaren eingerichtet sind, und daneben den Saalbau vor uns liegen sehen, in welchem sich das arehäologische Museum befindet.(Zugang Sonntags von 11 bis 1 Uhr frei). Beide Gebäude liegen auf dem Gebiet des ehe- maligen Franaiskanerklosters, welches von dem Gründer der Elisa- bethkirche hierher verlegt worden war. Es erinnert an das- selbe der Name der an der nordöstlichen Ecke des Platzes beim Landratsamt(im„Fürstenhaus“, einem früher kurfürst- lichen Palais) einmündenden Bavfüsserstrasse, welche auf den Markt zurückführt. Parallel mit der Untergasse verläuft süd- lich von derselben die breite Universitätsstrasse, an der sich das neue Bibliotheksgebäiude erhebt, ein mit allen Sicher- heits- und Bequemlichkeitsvorrichtungen ausgestatteter, archi- tektonisch freilich nicht besonders wirksamer Bau. In ihrer Verlängerung leitet die Strasse an dem links liegenden Kqgl. Amtsgericht vorbei in die Ockershäuser Allee und zu dem gleich- namigen Dorfe; biegt man aber an der Ecke des Museums, des Vereinshauses der Marburger Gesellschaft mit reich aus- gestattetem Lesezimmer, zur Linken, so gelangt man durch die Kasernenstrasse zu der Kaserne des Jägerbataillons und weiter die rechts verlaufende F'rankfurter Allee entlang, in welche die Haspelstrasse und die zum Friedrichspalz führende Friedrich- strasse einmünden, zur Gisselbergerstrasse, an der die Garten- wirtschaft„zum Schützenpfuhl' liegt, nach landläufiger An- nahme das durch das allbekannte Studentenlied berühmt ge- wordenen„Wirtshaus an der Lahn“, welches in früherer Zeit in unmittelbarer Nähe des Flusses lag. Von ihm kann man in 2 Min. über die Schützenpfuhlbrücke den neu errichteten Bahnhof Marburg-Süd erreichen. Umgegend von Marburg. 39 Mit Recht wird Marburg wegen seiner schönen Lage, bei der Berg und Thal, Wasser und Wald mit architektonischen Meisterwerken von Menschenhand zusammenwirken, um ein Bild von packender Gesamtwirkung zu schaffen, die Perle des oberen Lahnthales genannt. Die Umgebung bietet eine Fülle von schönen Spaziergängen und Aussichtspunkten, die zu näheren und weiteren Ausflügen einladen, von denen hier aber nur die hervorragendsten beschrieben werden können. Unter ihnen ist der beliebteste und lohnendste der Spaziergang auf Spiegelslust, die am linken Lahnufer der Stadt gegenüber gelegene waldige Höhe, welcher sich bequem mit Aufenthalt in 2 Std. machen lässt. Vom Hauptbahnhof kommend, geht man vor der ersten Brücke links den sog. Krummbogenweg lahnabwärts den roten Strichen nach, biegt nach etwa 5 Min. links, überschreitet die Bahnüberführung und verfolgt den Weg dem Walde zu, in welchem man den Zeichen nach zur Höhe aufwürts steigt. Auf dem höchsten Punkte(360 m) erhebt sich auf quadratischer Basis der massive, runde mit quadratischem Aufsatz gekrönte Kaiser-Wilhelmsturm(36 m, Zutrittskarte 10 Pfg. in der Wirtschaft), von dessen Plattform man eine grossartige Aussicht auf Stadt und Schloss, auf das Lahnthal mit seinen Waldhöhen, auf die den Horizont umsäumenden Linien des Taunus, des Vogelsberges, des hessischen und sauer- ländischen Gebirgslandes geniesst. Im Anbau des Turmes, welcher 1890 vollendet wurde, befindet sich eine Sommerwirtschaft, die Umgebung ist für Waldfeste hergerichtet. In 3 Min. ge- langt man den blauen Kugeln nach zu der alten Wirtschaft, die auch im Winter geöffnet ist. Den Namen führt der Platz von dem als Domherrn in Halberstadt verstorbenen Freiherrn von Spiegel, der hier 1828 einen Pavillon errichten liess und für Wege und Sitzplätze sorgte. Ein bequemer Spaziergang ist nach den 20 Min. östlich von Weidenhausen gelegenen Hansenhäusern, zwei beliebten Sommerwirtschaften, von denen man einen schönen Blick auf die Stadt hat. Man geht von der VUniversität aus über die Lahnbrücke durch die ganze Länge der Hauptstrasse der ge- nannten Vorstadt, verfolgt nach Überschreitung des Weiden- häuser Grabens den Weg geradeaus über das Bahngeleise hin und geht dem blauem Dreieck nach bis zum Ziel. Am unteren Handehans vorbei führt der Weg weiter nach der Amöneburg s. oben. Umfassender und grossartiger als von Spiegelslust ist die Fernsicht von dem auf derselben Lahnseite etwa 1 ¾ Std. süd- lich von Marburg gelegenen 380 m hohen Frauenberge, dessen Basaltkuppe die Ruinen einer von der Herzogin Sophie von Brabant 1252 erbauten Burg krönen. Auf dem vorbeschriebenen — „ / / 1 7 40[Umgegend von Marburg. Wege wendet man sich nach Überschreitung des Weidenhäuser Grabens vor dem Bahnübergange bei der Wirtschaft von Zeiss, wo eine Wegetafel steht, rechts den blauen Zeichen nach an der Irrenanstalt vorbei. Die letzten 45 Min. führt der Weg durch schönen Tannen- und Buchenwald aufwärts zunächst zu den Frauenberger Höfen, 2 Wirtshäusern, von da in 12 Min. zum Gipfel. Die allerdings spärlichen Trümmer der Burg sind durch eine Treppe zugänglich. Die Rund- und Fernsicht von oben ist eine selten schöne. Die Entfernung von Marburg kürzt sich um fast ½ Std., wenn man die Tour vom Bahnhot Marburg-Süd unternimmt, von dem aus ebenfalls blaue Striche den Weg bezeichnen. Diejenigen, welche nach Giessen weiter wollen, können den Abstieg nach der Station Nieder-Weimar an der Bahnstrecke Marburg-Giessen nehmen. Derselbe leitet, durch blaue Kreuze markiert, über Ronhausen zu Nehbrücke über die Bahn und erfordert etwa 1 ½ Stde. Auf der rechten Lahnseite führt ein beliebter und ange- nehmer Spaziergang auf den Dammelsberg, die Höhe, welche im Westen den Schlossberg überragt. Man geht entweder auf der Fitterstrasse durch das Kalbsthor und biegt beim Turner- garten, einer Gartenwirtschaft, rechts in die Lutherstrasse auf- wärts, oder geht übers Schloss, indem man die Verlängerung der Schlossgasse, in westlicher Richtung, den Breitenweg, ver- folgt, oder man benutzt den nördlich vom Schloss am sog. Gõtzehain vorbeiführenden Hainweg. Der mit hohen Eichen bestandene Bergrücken bietet bei wohlgepflegten Wegen und zahlreichen Sitzplätzen eine Fülle von schönen Ausblicken. Das gilt auch von den übrigen Anlagen, mit denen die ganze Höhe des Schlossberges bedeckt ist. In unmittelbarer Nähe der Stadt liegen Augustenruhe und Kirchspitze, zwei herrliche Aussichtspunkte. Der Aufstieg er- folgt am besten von der Elisabethstrasse aus auf der Treppe gegenüber der Kirche. Der Weg führt an der alten Michaelis- Kapelle vorüber, durch rotes Dreieck bezeichnet, zur Höhe. Die mit Schutzhäuschen und schönen Anlagen versehene Au- gustenrubhe, von der man namentlich einen wundervollen Blick auf die Kirche hat, trägt ihren Namen zu Ehren einer preus- sischen Prinzessin, die im Mai 1814 auf dieser Höhe weilte, ein Besuch, an den ein Denkstein erinnert. Verfolgt man den durch rotes Dreieck markierten Weg nordwestlich weiter, so erreicht man in 15 Minuten die Kirchspitze, von deren Pavillon aus sich ebenfalls ein schöner Blick eröffnet. Den Abstieg nimmt man zweckmässig nach der anderen Seite, indem man das in die Anlagen der Augustenruhe einmündende Gässchen einschlägt, das, durch rotes Dreieck bezeichnet, zum„Schlag“ und weiter zur Ketzerbach führt. Umgegend von Marburg. 41 Sehenswert ist der neue Stadtpark eine herrliche Schöpfung zwischen Breiten- und Hainweg. In ¼ Std. gelangt man vom Dammelsberg westlich gehend zum Sellhof, einem guten länd- lichen Wirtshause an der Mehrshäuser Höhe, welche, 347 m hoch, eine vorzügliche Aussicht gewährt. Bequem ist auch der Ausflug nach dem im engen Thale der Marbach gelegenen Bade gleichen Namens. Man geht von der Ketzerbach aufwärts den Marbacher Weg, welcher in 20 Min. zu dem Orte führt. Hotel Schneider, Pens. von 3 Mk. an, Wirtschaft von Nost, beide mit schönen Gartenanlagen zur Abhaltung von Sommerfesten. Für alle, welche sich über Marburg und Umgebung genauer unterrichten wollen, sei auf nachstehende Schriften hingewiesen: Doerbecker, Heinr., Marburg, Führer durch die Stadt und Umgebung, 80 Pfg. Bücking, Dr., Die Kirche der heiligen Elisabeth, mit 6 Ab- bildungen, 60 Pfg. Bücking, Dr., Leben der heiligen Elisabeth, mit 8 Abbild., 80 Pfg. Kolbe, Wilh., Der Christenberg im Burgwalde nach Sage und Geschichte, 75 Pfg. Kolbe, Wilh., Die Kirche der heiligen Elisabeth nebst ihren Kunst- und Geschichtsdenkmälern, illustriert, 2 Mk. Führer durch das Hinterland, mit mehreren Karten, 1 Mk. Führer durch Biedenkopf und Umgebung. Sämtlich im Verlage der Elwertschen Universitäts-Buchhandlung. E. Schneider, Marburg und seine Umgebungen, Verlag von M. Spiess. Von Marburg nach Giessen. (30 km, Fahrzeit 27, Schnellzug, bis 47 Min., Personenzug). lon Marburg südlich weitet sich das Thal beträcht- lich, so dass zu beiden Seiten des Flusses Land- strassen abwärts führen. Nur an einer Stelle, bei Friedelhausen und Odenhausen, treten die Berge wieder näher an den Fluss, dann aber weichen sie weiter und weiter zurück, so dass Giessen in einem weiten Thalbecken liegt. Auf der linken Flussseite läuft die Landstrasse von der Vor- stadt Weidenhausen über Kappel, Ronhausen, Wolfs- hausen, Bellnhausen, Sichertshausen, Kirchberg, Lollar, an Wieseck vorbei, auf der rechten Seite über Gisselberg, Niederweimar, Wenkbach, Niederwalgern, Fronhausen, Odenhausen, Ruttershausen, Wissmar, Launsbach nach Giessen. Ueber die Lahn führen Verbindungswege von Ron- hausen über die oben erwähnte Nehbrücke nach Wenkbach, von Wolfshausen an Roth vorbei nach Niederwalgern, von Bellnhausen nach Fronhausen, von der rechts von der Landstrasse gelegenen Haltestelle Friedelhausen nach Oden- hausen, von Kirchberg nach Ruttershausen. Die meisten dieser Orte sind wohlgebaut und entsprechend der Fruchtbar- keit des Thales wohlhabend, bieten aber weder landschaftlich noch geschichtlich und baulich genügende Reize, um eine Thal- wanderung von Marburg nach Giessen zu rechtfertigen. Man thut daher besser, die von Kölbe nach Giessen das Thal durchziehende Mainweserbahn zu benutzen und von den ein- Von Marburg nach Giessen. 43 zelnen Stationen aus die seitwärts gelegenen sehenswerten Punkte zu besuchen. Vom Hauptbahnhof Marburg aus umzieht die Bahn, sich dem Flusslauf anbequemend, bis zur Haltestelle Marburg-Süd, 3,5 km, die Stadt in einem weiten Bogen, so dass man die ganze Strecke einen freien Blick auf das Schloss und die Um- gebung hat. Weiter südlich zwischen Gisselberg und Kappel tritt die Bahn auf die rechte Lahnseite und erreicht die Halte- stelle Niederweimar, 7,9 km. Von hier Weg auf den Frauenberg, s. oben S. 40. 14,6 km Bahnhof Niederwalgern. Von hier zweigt sich nach Westen eine Sekundärbahn ab, welche bei Damm in das obere Salzbödethal tritt und dieses über Lohra, Mornshausen bis Weidenhausen aufwärts verfolgt(Fahrzeit etwa 40 Min.). Die vorletzte Station ist Gladenbach, der Ort liegt ½¼ Std. nördlich in einem Nebenthal der Salzböde. Der Marktflecken Gladenbach, 1351 Einw, ist der Haupt- ort des zum Kreise Biedenkopf gehörenden Hinterlandes, Sitz eines Amtsgerichts, und liegt anmutig in einem von wal- digen Höhen um- schlossenen Thal- kessel. Gasthäuser: Zur Post, Fuhrwerk; Zum Blankenstein, Berliner Hof, Wirtschaft von Friebertshäuser mit Saal. In der Umge- gend finden wir regen Bergbau(Au- rorahütte, Justus- 4— hütte), bedeutende n. A. v. Stephani Biedenkopr. Schieferbrüche und Gladenbach. mannigfache Indu- strie, die durch die seit 1896 erbaute Bahn im Aufblühen begriffen ist. ¼ Std. nördlich liegt neben einer ausgedehnten Schiefergrube ein steiler Basaltfelsen mit den letzten Resten des Schlosses Blankenstein, welches Ende des 30 jährigen Krieges zerstört und seitdem von der Umgegend als Stein- pruch benutzt wurde; neuerdings ist von dem aus ihm ent- nommenen Material das Amtsgerichtsgebäude in Gladenbach errichtet worden. Die Gegend zwischen Blankenstein und dem 1 Std. westlich in stiller Weltabgeschiedenheit gelegenen Dorfe Dernbach wird wegen ihrer schluchtenartigen Thäler wohl die Hinterländer Schweiz genannt, an deren Nordseite die 530 m 44 Von Marburg nach Giessen. hohen Alberge sich erheben. Von der einen Spitze derselben, dem Hünstein, welcher noch Spuren altgermanischer Be- festigung trägt, hat man herrliche Fernsicht. 14,6 km Station Fronhausen wohlhabendes Pfarrdorf, Gasthaus zur Linde nahe dem Bahnhof, war vor Eröffnung der Bahnstrecke Niederweimar-Weidenhausen Ausgangspunkt für die Ausflüge in das berg- und waldreiche Hinterland. An der Stelle einer alten Burg stehen jetzt Bauernhöfe. Unterhalb Fronhausen tritt die Bahn wieder auf die linke Lahnseite. Beim Uebergange hat man links einen hübschen Blick auf das auf waldiger Höhe über dem Flusse gelegene, der Familie Nordeck von abenau gehörige Schloss Friedel- hausen, welches am bequemsten von der gleichnamigen Station erreicht wird. 18,6 km Haltestelle Friedelhausen, Bahnhof für das ge- nannte Schloss, zu welchem man durch das kleine Dorf in etwa 20 Min. gelangt, indem man sich vor der Lahnbrücke auf der Strasse rechts hält, und für das auf der rechten Lahn- seite gelegene Dorf Odenhausen,(Wirtschaft Kregling), welches mit ihm qurch eine dreibogige Brücke verbunden ist. Oberhalb Odenhausen mündet die Salzböde, deren von waldigen Berghöhen eingeengtes Wiesenthal auch in seinem unteren Teil überaus anmutig ist. Westlich vom Dorfe erhebt sich der 297 m hohe Altenberg, dessen östliche Abdachung sich bis unmittelbar an die Lahn vorschiebt und mit dem von der anderen Seite vor- springenden Berggelände eine kurze Thalverengung schafft, so dass sich die Thalstrecke von Marburg bis hier als ein ge- schlossenes Becken charakterisiert. Der Altenberg ist auf seinem Gipfel ganz kahl und gewährt eine prachtvolle Aussicht bahn- aufwärts bis Marburg und Amöneburg, lahnabwärts bis Wetzlar und Braunfels. Früher stand oben eine Burg, deren Bau 1396 gemeinschaftlich von dem Landgrafen Hermann dem Gelehrten und dem Grafen Philipp von Nassau begonnen wurde; wann und durch wen sie zerstört wurde, ist unbekannt. Jetzt finden sich nur noch Reste der Fundamentmauern, welche neuerdings der Verein für Oberhessische Landeskunde bloszulegen begonnen hat. Von der Haltestelle Friedelhausen lässt sich ein bequemer und lohnender Abstecher auf den kaum ½ Std. entfernt liegen- den Staufenberg machen. Man geht die Treppe hinab unter dem Bahnkörper durch, entweder direkt auf den Staufenberg zu, kreuzt nach etwa 10 Min. die Marburger Strasse und verfolgt den aufwärtsführenden Weg bis zu dem alten Thorturm, in den man links einbiegt, oder man nimmt den kleinen Umweg über Kirchberg indem man kurz oberhalb der Station sich rechts hält und die Marburger Strasse weiter abwurts erreicht, die in Von Marburg nach Giessen. 45 wenigen Minuten zu dem kleinen, rechts von der Chausse ge- legenen Orte führt. An der Landstrasse ein gutes ländliches Wirtshaus mit schattigen Gartensitzen. Die kleine gotische Hallenkirche, für Kenner nicht uninteressant, mit zahlreichen gut erhaltenen Grabsteinen aus älterer und neuerer Zeit, ist für eine Anzahl umliegender Ortschaften das gemeinsame Gottes- haus. Der Ursprung der kirchlichen Anlage ist uralt und wird auf die Zeit vor Bonifacius zurückgeführt. Gegenüber liegt auf der rechten Lahnseite, durch eine Holzbrücke mit Kirch- berg verbunden, das grössere Dorf Ruttershausen, von dem sich ebenfalls der oben beschriebene Altenberg leicht er- reichen lässt. In Kirchberg zweigt sich etwas oberhalb der Kir- che von der Land- strasse der Weg nach Staufen- berg links ab und führt in ¼ Std. zu dem nach einer Inschrift 1401 von Fried- rich von Rols- hausen erbauten Thorturm, durch—— den man zu- Staufenberg bei Giessen. nächst in das noch Stadtrechte geniessende Dorf eintritt. Der Basaltkegel trägt zwei Burganlagen; die untere, jüngere und grössere, in welche man zunächst gelangt und in der sich auch die Wirtschaft befindet, führt den Namen Schubenburg; die obere auf dem Gipfel des Berges 266 m hoch gelegene ist die eigent- liche Staufenburg, jetzt Eigentum des hessischen Fiskus. Schöne Garten- und Waldanlagen umgeben die spärlichen Trümmer, die auf einer Treppe erstiegen werden können und einen prachtvollen Rundblick bieten. Schon zu Ende des 13. Jahrhunderts stand die obere Burg und gehörte damals den Grafen von Ziegenhain. Der Kaiser Adolf belagerte sie 1296. 1324 wurde Graf Johann zu Solms Burg- mann des Grafen Johann von Ziegenhain auf Staufenberg. Eine neue Fehde brach 1370 zwischen dem Grafen Hermann dem Ge- lehrten von Hessen und den Burgmannen und Bürgern von Giessen gegen den Grafen Gottfried von Ziegenhain aus. Aber 1450 fiel die Grafschaft Ziegenhain und Nidda und damit auch Staufenberg an Hessen. Staufenberg war nie eigentliche Hofburg, ebensowenig 46 Von Marburg nach Giessen. eine Raubritterburg. Ihr Zweck war, in Kriegszeiten vor dem Feinde eine Zuflucht zu gewähren und die Umgegend und die Land- strasse zu beschützen. Während des hessischen Bruderkrieges wurde 1647 die obere Burg durch den schwedischen General Königs- mark zerstört und die Umgegend geplündert. Die viel ausge- dehntere und sehr starke untere Burg wurde im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts zur Ruine durch vandalische Gläubiger, welche Fenster, Treppen, brauchbare Steine u. s. w. ausbrechen und weg- schleppen liessen. Jetzt ist dieselbe Eigentum S. K. H. des Gross- herzogs von Hessen, unter dessen Vater dieselbe wieder unter Dach gebracht wurde. Einige Gelasse wurden zu Wohnzimmern berge- stellt, besonders aber gute Wirtschaftsräume hergerichtet, die in der guten Jahreszeit aus der Uingegend, besonders von Giessen und Marburg her gern besucht werden, da man aus dem Garten eine entzückende Aussicht ins Lahnthal geniesst. Den Abstieg kann man, besonders wenn man nach Giessen weiter will, nach Lollar nehmen, wohin eine gute Strasse in ½ Stunde führt. Macht man die Tour umgekehrt, so biege man, vom Bahnhof Lollar kommend, links in den Ort ein, verfolge die Strasse nach Marburg etwa 10 Min. und biege dann rechts in die auf den weithin sichtbaren Staufenberg zu- führende Strasse ein. Beim Abstieg nach Haltestelle Friedel- hausen biege man beim Austritt aus dem alten Thorturm rechts und gehe den zweiten Pfad links hinab; derselbe mündet in eine breitere Strasse, der man rechts bis zur Marburger Chaussee folgt. Dem dort stehenden Wegweiser nach gelangt man in knappen 10 Min. unter dem Eisenbahnviadukt durch zu dem Stationsgebäude. Auch von Lollar kann man nach dem Staufenberg bequem den Weg über Kirchberg nehmen. 21,6 km Station Lollar. Von hier zweigt eine am Nord- rande des Giessener Beckens über die Haltestellen Wissmar, Launsbach, Krofdorf, Kinzenbach, Dorlar nach Wetzlar führende Teilstrecke der Berlin-Metzer Bahn ab. Dieselbe wird nur als Sekundärbahn betrieben und hat vorwiegend militärische Zwecke, um im Falle einer Mobilmachung den Bahnhof Giessen zu entlasten. Eine andere Bahn, das Thal der bei Lollar von links in die Lahn mündenden Lumda auf- wärts, ist projektiert. Postverbindung auf dieser Strecke über Treis nach Allendorf u. s. w. Lollar(Bahnhafrestauration, Germaniaq am oberen Ende der Hauptstrasse, Schönhof nahe beim Bahnhof) ist ein hübsches, wohlhabendes Pfarrdorf mit 1523 Einw., welches besonders durch die Main-Weser-Hütte Bedeutung gewonnen hat. Diese 5 Min. oberhalb des Bahnhofs gelegene, hochbe- deutende Hütte nebst einem Schlösschen bildete ehemals eine Abteilung der Buderusschen Eisenwerke, der grossartigsten des Von Marburg nach Giessen. 47 Lahnthals, ging aber, als die Werke in eine Akliengesellschaft umgewandelt und in zwei Gruppen getrennt wurden, durch Kaufvertrag vom 20. Juli 1895 in den Besitz der Aktienge- sellschaft„Eisenwerke Hirzenhain und Lollar“ über. Die Strecke von Lollar nach Giessen 8,1 km, durchmisst der Zug in 9 Min.; doch ist auch eine Fusswanderung nach Giessen auf der linken Seite der Lahn lohnend. ½ Std. süd- lich von Lollar liegt die Badenburg. Der kürzeste Weg ist ein Fussweg, welcher an der linken Seite des Bahndammes entlang, dann rechts durch einen Viadukt am Flussufer hin führt. Derselbe ist aber nur bei ganz trockenem Wetter rat- sam. Am sichersten verfolgt man die Chaussee nach Giessen 25 Min., bis blaue Striche dieselbe kreuzen; ihnen folgt man nach rechts. Die Baden- burg, ein un- mittelbar an Lahn und Eisen- bahn(keine Halte- stelle) gelegener viel besuchter Punkt mit Re- stauration(Duill) ist ein alter, jetzt 5 sehr zerfallener Badenburg pei Giessen. Herrensitz. Sie war nie eigentliche Ritterburg, und die geschichtlichen Notizen darüber sind sehr dürftig. 1385 befreite Landgraf Heinrich VII. dem Johann von Weitershausen sein neu erbautes Haus Badenburg und belehnte ihn damit nebst 5 Hufen Landes. Die Familie von Weitershausen oder Weitolshausen, gen. Schrautenbach, blieb im Besitze des Schlosses bis 1820. Es war seiner Zeit sehr kostbar eingerichtet; in J. J. Winkelmanns hess. Chronik 1697 heisst es von demselben:„An einer Waldecke liegt das mit schönen künstlichen Gemäld- und Feldschlachten gezierte Haus Badenburg, denen von Schrautenbach zuständig“. Aber schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde von der Familie selbst, um das Pfandobjekt wertlos zu machen, alles Holzwerk, Fenster- und Treppensteine u. s. w. ausgebrochen und verkauft. So ent- stand die Ruine und der zerstörende Feind war der Eigentümer selbst. Nur ein Teil ist wieder in leidlich wohnlichen Zustand gebracht. Das Anwesen mit Garten gehört seit 1820 der Gemeinde 48 Von Marburg nach Giessen. Wieseck und ist verpachtet. Leider ist der Garten durch die Eisenbahn quer durchschnitten. Der Blick von der Ruine(die 1883 durch den Geschichts- verein in Giessen vor drohendem Untergange bewahrt wurde), oder von den obern Fenstern des Wirtschaftsgebäudes ist sehr schön. Unmittelbar zu Füssen rauscht die Lahn, die oberhalb des Wehrs eine bewaldete Insel bildet und eine Ockermühle treibt. Das Dorf gegenüber ist Wissmar. Will man direkt nach Giessen weiter, so gehe man die blauen Striche zurück bis zur Landstrasse, auf der man rechts liegend, an dem einsamen Wirtshaus zur Wellersburg vorbei, das Wallthor in 1 Std. erreicht. Wählt man den Umweg über den Hangelstein, so folgt man über der Chaussee den blauen Strichen weiter, welche durch Wald zum Gipfel aufwärts führen. Ausserdem führt ein direkter Weg rechts den Eisen- bahndamm entlang in einer kleinen Stunde nach Giessen. Von Lollar direkt nach dem Hangelstein wendet man sich vor dem Orte links von der Landstrasse, den roten Kreuzen nach, welche den Lollarer Kopf, eine bewaldete, auf ihrem Gipfel aber so verwachsene Basaltgruppe, dass eine Aussicht nicht vorhanden ist, links liegen lässt. Die Höhe erreicht man bedquem in 40 Min. an dem auf der Nordwestseite gelegenen grossen Basaltbruch vorbei, der ein gut Teil des in der Um- gegend erforderlichen Strassenmaterials liefert. Der Hangel- stein ist ein von N. nach S. gestreckter, 299 m hoher Wald- hügel, der neben dem erwähnten grossen verschiedene kleine aufgegebene Brüche mit Säulenbildung aufweist und von meh- reren Punkten, besonders der 293 m hohen Teufelskanzel prächtige Ausblicke gewährt. Durch schönen Wald steigt man in ½ Std. den roten Kreuzen nach zum Dorfe Wieseck (2632 Einw., Wirtschaften Dorfeld, Sehneider) hinunter. Durch einen alten Thorturm, den Rest der ehemaligen Befestigung, betritt man den freundlichen Ort, welcher älter als Giessen ist. In einer knappen ½ Std. gelangt man von hier auf der Landstrasse nach Giessen. Will man vom Hangelstein über die Badenburg nach Giessen, so folge man den blauen Strichen in westlicher Richtung. S. oben. Giessen. Station der Main-Weser-Bahn, Höhe über N.⸗-N. 166,562 und Haltepunkt für sämtliche Schnellzüge, nach Frankfurt 65,8 km, Schnellzug 1 Std. 15 Min., nach Cassel 134 km, Schnellzug 2 Std. 20 Min., Ausgangspunkt für die Lahnbahn aeeeen eesheee N S.e MWapen. 9. L9lK 5. En T V2 Wutemlu Suden 8 Ladm e Planv(iiessen!] 4 N- 9 ☛ M 2 8 6 G P AAͤE —, ARAE FONSN Be e K d2 Sr“ 6 el unſ Eesius Ser 2 87 2a ,e 15— —— a. Radk⸗Krche L. Kruben-Schule 0 Vnggoge G.Iurnhalle elnuPlilhek d. PMdohen chale gTlebigdennal e. Héalschulle F. Soll21 f Gymnasiunmn S Ple Agerne 4 upipost E. Mililärlczarel daiehandzuz. G u2psle G häd⸗ 7 hMäizchenschule e eniiik Kdnatomiece lKth. Kirghe I. Stadtnark due erhenn zHeumaln meüumrmetslerci V Keisaml ee Shnnesbrche Værlag y Eriil Eoth i ftiessen. Giessen. 49 nach Coblenz, 116,4 km., Schnellzug 2 Std. 20 Min. bis 2 Std. 38 Min., für die Bahn nach Köln, 169,8 km, Personenzug durchschnittlich 4 ½ Std.(Schnellzug 3 ½ Std.), für die sog ober- hessischen Bahnen nach Gelnhausen und Fulda, erstere 69,8 km, Personenzug durchschnittlich 2 ½¼ Std., letztere 106 km, Personenzug annähernd 3 Std., beschleunigter Zug etwa ½ Std. weniger, endlich die seit 1898 eröffnete Bieberthalbahn Giessen-Bieber(Abfahrt vom Neustädter Thor). ————— Panorama von Giessen von der kathol. Kirche. Gasthöfe: Hotel Kuhne, in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, L. Fr. 3 Mk.; Grocsherzog von Hessen, Ecke der Bahnhofstr. und Westanlage, L. Fr. 2,50 bis 3 Mk., mit Restauration und Wiener Café; Zum Prinz Kart, Selters- weg 40, L Fr. 2,50 Mk, von Geschäftsreisenden bevorzugtes Haus; Zum Einhorn, Lindenplatz(bei der Stadtkirche), L. Fr. 2,50 Mk, mit Restauration; Zum Rappen. Wallthorstr. 35 an der entgegengesetzten Seite der Stadt, L. Fr. 2.50 Mk., altes renomiertes Hotel; AHotel Viktoria, Bahnhofstr. 77, 2 Min. von der Bahn, mit Restauration und Gartenwirtschaft; Hotel Lenz, dem Bahnhof unmittelbar gegenüber, mit Restauration; Hotel Schütz, Ecke der Bahnhofstr. und Westanlage, mit Restauration. Restaurationen ausser den bereits bezeichneten: Gute Bahnhof- restauration; Lenz Felsenkeller, Liebigstr. 5; Hesstscher Hof, Frankfurterstr. 7; Restauration Hohenzollern, Bahnhofstr.; Frankfurter Hof, Lindenplatz; Friede? d. Asprion, früher Lotz, altes Studentenlokal am Seltersweg; nahe dabei zZum Perkeo, neues Restaurant; Stadt Mainz am Kreuzplatz; Zum Andres von Andreas Weidig, Sonnenstr. 29, alte Studentenwirtschaft in einem soliden Neubau; Katserhof, Ecke der Schul- und Sonnenstr., Restauration Ehel hinter der Kirche mit Garten(Alpenverein); Sfeins Garten an der Illustr. Lahnführer. 4 50 Giessen. südöstlichen Seite der Stadt, Gartenstr. 36(auch Fremdenzimmer), grosses Gartenlokal mit Anlagen und Spielvorrichtungen für die Jugend, im ge- räumigen Saale wie im Garten häufig Konzerte. Ausserdem noch zahl- reiche andere, die nicht namentlich aufgezählt werden können. Cafés und Konditoreien: Ausser dem in Verbindung mit dem Gross- herzog von Hessen stehenden Wiener Cafe das Gafé Hettler mit Konditorei, Südanlage 24; Café Royal mit Restauration, Seltersweg 70; Café Ebel, Burg- graben 9 nahe der Stadtkirche, zugleich Restauration und besuchte Speise- wirtschaft; Café Leib, Wallthorstr. 38 mit Restauration und grossem Saal (häufig Konzerte), zugleich Lokal des Giessener Stadt-Theaters; Café Krämer, Ecke der Neuen Bäue- und Weidengasse. Weinstuben: Eberhard Metzger, Seltersweg 70; F. Schott, Bahnhofstr. 35; Zur Ludwigsburg am Ludwigsplatz. Landes-Heil- und Pflegeanstalten: Medizinische Klinik, Klinikstr. 32 f, Sprechstd. 11— 1 Uhr; Chirurgische Klinik, Liebigstr. 16, Sprechstd. 12 bis 12 ½ Uhr; Augenkxlinik, Liebigstr. 16, Sprechstd. 10— 1 Uhr; Ohrenklenik, Liebigstr. 20, Sprechstd 3 ½— 4 ½ Uhr; Frauenklinik(Entbindungsanstalt), Klinikstr. 32 a, Sprechstd. 10— 12 ½ Uhr; Kinder-Poliwlinik, Frankfurter- str. 10; Psychiatrische Klinik, Frankfurterstr. 99, Sprechstd. 10— 12 Uhr, privatim 12— 1 Uhr; Feterinäranstalt und Tierspital, Frankfurterstr. 85. allgemein zugängliche Anstalten: Archäologisches Institut, Ludwigstr. 23. Mo., Mi., Fr, 11— 12, Di., Do. 4— 5 Uhr; Kunstwissenschaftl. Institut, Ludwig- str. 23. Mi. 11 ½— 12 ½ Uhr; Botanischer Garten So. von 9— 12, an den übri- gen Tagen 8— 12 vorm, und 2—6 nachm; Mineralogische Schausammlung Ludwigstr. 25. Fr. 11—- 12, Forstgarten am Schifenberger Weg. Badeanstalten: Mehrere Anstalten für Flussbäder unterhalb der Lahnbrücke. Warme Bäder bei 4. Euler, Nordanlage 5, besonders aber in dem nach Muster des Hrankfurter vorzüglich eingerichteten Volksbade mit prächtigem Schwimmbassin und Vorrichtungen für Dampf- und römisch- irische Bäder, Seltersweg 58(ein Schwimmbad ohne Wäsche 40 Pfg.). Post: Das Hauptpost- und Telegraphenamt Bahnhofstr. 85 in der Nähe des Bahnhofs, Postamt 2 Schulstrasse 11 in der Nähe des Kaiserhofs. Fahrgelegenheiten: Vom Bahnhof ausgehend durchziehen die Stadt zwei Omnibuslinien, welche sich auf dem Marktplatz kreuzen, die eine durch die Bahnhofstr., Schulstrasse, Neue Bäue nach der Grünbergerstr., die andere durch die Liebigstr., Frankfurteratr., den Seltersweg, die Wallthorstr. nach der Marburgerstr. Sie beginnen bei je 26maliger Hin- und Rücktour ihre Fahr- ten gegen ½ 7 morgens und schliessen gegen 10 Uhr abends. Fahrpreis 10 Pfg. Droschken zu jeder Zeit am Bahnhof, sonst bei Hoflohnkutscher Karl Huhn, Rittergasse 23 I, Lather, Wallthorstrasse 41 u. a. Tarif: 1 Pers. 60 Pfg. 2 Pers. 80 Pfg., 3 Pers. 1 ℳ., 4 Pers. 1,20 ℳ für die Viertelstunde, jede weitere Viertelst. für die Pers. 30 Pfg. mehr. Die Fahrt vom Bahnhof in die Stadt und umgekehrt, oder von einem Punkt der Stadt zum andern gilt als Viertelstunde. Jedes Gepäckstück über 25 Pfund 20 Pfg. Die Preise für Fahrten in die nähere Umgebung Giessens sind mässig. Tarif für Dienstmänner: Für einen Gang innerhalb der Stadt ohne Gepäck 15 Pfg., mit Gepäck bis 10 kg inkl. 20 Pfg.; 10 bis 25 kg 30 Pfg. Bis zu ½ Std. 30 Pfg., über ½ Std. bis 1 Std. 40 Pfg., über 1 Std. für jede ¼ Std. 10 Pfg mehr. Es bestehen in Giessen 2 Sektionen des deutschen und österreichischen Apenvereins, Sektion Oberhessen, Cafeé Ebel, und Sektion Giessen, Restauration Weidig. Ausserdem zwei Rad- fahrerklubs, der Radfahrer- Verein und die Radfahrer-Gesellschaft „Die Wanderer“, Gauverband Frankfurt. Reparaturwerkstätten: FEr. Krogmann, Bahnhofstrasse 30, H. Kraft, Neuenweg 46, Wilhelm Hamel, Bleichstrasse 7, Conrad Hamel, Nordanlage 29. Bundesgasthof: Hotel Schütz, Bahnhofstr. 52, Bundes-Einkehr: 4 Giessen, Lage und Geschichte. 51 Restaurant Royal, Seltersweg 68. Giessener Rudergesellschaft, Lokal: Seltersweg 13. Giessen, Hauptstadt der zum Grossherzogtum Hessen- Darmstadt gehörigen Provinz Oberhessen, 25 543 Einw., darunter 22 000 Protestanten, ist Sitz des Provinzialdirektors, eines Kreis- amts, eines Landgerichts, eines Amtsgerichts, Garnison des Grossherzogl. hessischen Infanterieregiments II6(Inhaber Kaiser Wilhelm II.). Ferner befinden sich hier ein Hauptsteueramt, zwei Eisenbahn-Betriebs-Inspektionen, eine Eisenbahn-Verkehrs- Inspektion, eine Eisenbahn- Maschinen- Inspektion, zwei Ober- förstereien und verschiedene andere Behörden, an Unterrichts- anstalten die Universität mit den dazu gehörigen akademischen Anstalten, die namentlich für die medizinische Fakultät vor- zügliche Anlagen und Einrichtungen aufweisen, ein Gross- herzogl. Gymnasium, ein Grossherzogl. Realgymnasium mit Real- schule, höhere Mädehenschule, die Alicenschule für Weiterbildung junger Mädchen u. s. w. Giessens Ursprung führt zurück auf eine Burganlage. Sie wurde gegründet von der Gräfin Clementine von Gleiberg im Jahre 1130 zum Schutz des 1 Std. südlich von Giessen gelegenen Augustiner-Klosters Schifenberg. Sie war eine Wasserburg, daher ihr Name ze den Gizin, und ihre Sicherheit beruhte auf ihrer Lage zwischen Lahn und Wieseck, die unmittelbar abwärts mündet, und auf dem damals an dieser Stelle durchaus sumpfigen Charakter des Lahnthals. Durch die Wiesech war die Burg getrennt von dem viel älteren Dorfe Selters, welches als Saltarissa schon zur Zeit Karls des Grossen in einer Urkunde des Klosters Lorsch vom Jahre 775 erwähnt wird, und dessen Gedächtnis fortlebt in dem Namen der schon mehrfach erwähnten Hauptstrasse der Stadt, des Seltersweges und dem südlichen Stadtteil, Seltersberg. Von dieser ältesten Burganlage ist kaum etwas erhalten; nur der Name der Burggasse und die Bezeichnung einiger alter Häuser hinter der Studtkirche als„Burgmannenhäuser“ erinnern an dieselbe. Später entstand eine neue Burg auf dem Kanaleiberg und Brand, die in ihren Umrissen mit dem Burgfried noch erhalten ist. An diese neue Anlage schliesst sich allmählich eine Stadt, die 1265 durch Landgraf Heinrich I., das Kind genannt, mit Hessen vereinigt wurde. Starken Zuwachs erhielt dieselbe im Anfang des 14. Jahr- hunterts während der Fehde mit Nassau, in der die Umgegend von Giessen schwer heimgesucht wurde und viele Bewohner der Umgegend sich nach der Stadt zogen und vor derselben anbauten. So entstanden die Neustadt nach der Lahn hin, ebenso die An- bauten vor der Selterspforte und der Wallpforte. Manche Ort- schaften der Umgegend verschwanden in den zahlreichen Fehden des Jahrhunderts vom Erdboden, unter andern das nahe der Baden- burg gelegene Dorf Achstadt, welches 1375 zum letztenmal ur- 4* 52 Giessen. kundlich erwähnt wird, an welches aber nur noch der Name des Asterweges, also eigentlich Achsterweges, einer Strasse im nörd- lichen Teile der Stadt, erinnert. Wesentliche Förderung erhielt die Stadt unter Philipp dem Grossmütigen, der auch eine Zeitlang während der Sickinger Fehde 1518 mit seiner Mutter in Giessen wohnte und unter dem auch in Giessen die Reformation eingeführt wurde, nachdem die- selbe durch die bekannte Homberger Synode am 20. Oktober 1526 für ganz Hessen angenommen war. Philipp liess 1530 bis 33 die Stadt mit Wall und Graben befestigen, die Wieseck ableiten und die Gebäude von Selters, welche die Sicherheit der Festung zu beeinträchtigen drohten, abbrechen. Damals wurden auch die Fried- höfe auf dem Kirehplai= und zu Selters aufgehoben und im Osten der Stadt weit ausserhalb der Befestigungen ein gemeinschaftlicher angelegt. Der neue Friedhof befindet sich am Radberg, Marburger- strasse(s. S. 60). Zwar wurde nach der Mühlberger Schlacht die neue Festung auf Befehl Karls V. durch den Grafen von Solms geschleift, aber Philipp liess die Werke sofort nach seiner Be- freiung stärker wieder herstellen. Grösser war der Schaden, als in dem durch einen Blitzstrahl entzündeten Brande am Pfingsttage 1560 vor dem Wallthore nicht weniger als 168 Häuser in Asche gelegt wurden. Der Name des grössten freien Platzes der Stadt am Brand sowie die Brandgasse geben noch jetzt Zeugnis von dem Unglückstage. Bei der Teilung des Marburger Erbes 1604 fiel Giessen an Hessen-Darmstadt und wurde unter Ludwig V. Sitz der Regierung der Provinz Oberhessen. Unter ihm fand 1605 die Gründung der Universität statt, deren Anlass bereits unter Marburg(S. 32) er- wähnt wurde. Die feierliche Eröffnung erfolgte am 7. Oktober 1607; einen Teil des Burggartens schenkte der Landgraf der neuen Anstalt zur Einrichtung eines Botanischen Gartens, des dritten in Deutschland. Noch jetzt bildet derselbe mit seinen schönen alten Bäumen einen Lieblingsspaziergang des Giessener Publikums. Dass Giessen die Wirren des 30 jährigen Krieges ohne schwerere Kriegsschäden überstand, verdankte es seinen für die Zeitverhält- nisse starken Befestigungswerken; um so härter wurde es 1635 durch die Pest mitgenommen, der nicht weniger als 1503 Menschen erlagen, und die auch zu anderen Zeiten unverhältnismässig viele Opfer forderte, wohl eine Folge der niedrigen und sumpfigen Lage der Stadt, deren nachteiligen Einflüssen die Hygiene der damaligen Zeit nicht gewachsen war. Schwer wurde Giessen durch den siebenjährigen Krieg geschädigt; am 9. November 1758 besetzten die Franzosen die Festung und hielten sie bis zum Friedens- schlusse, obgleich die Preussen verschiedene Versuche machten, dieselbe zu gewinnen. Noch jetzt bezeichnen die Schanzen im Philosophenwald und bei Krofdonf die Plätze, wo sich die feind- Giessen, Industrie und Universität. 53 lichen Truppen gegenüberstanden. Auch in den Revolutionskriegen am Schlusse des 18. Jahrhunderts wurde die Stadt verschiedent- lich von den Franzosen besetzt. Da man einsehen musste, dass Giessen als Festung bei der fortschreitenden Vervollkommnung des Geschützwesens wegen seiner Thallage nicht haltbar war, dagegen der Umgegend viel Schädigung und Elend verursachte, so wurden 1805 bis 1810 die Festungswerke geschleift und dadurch zu einer gedeihlichen Entwicklung der Grund gelegt. Die Lage der alten Festungswerke aber hebt sich jetzt noch deutlich ab, noch jetzt scheidet der Finggraben die enge und winklige Altstadt von den geraden und breiten Strassen der neuen Stadtteile, noch jetzt sind die vier Festungsthore durch Thorhäuser markiert, und auf den ehemaligen Glacis erheben sich die Anlagen, welche rings die Altstadt umziehen und eine hohe Zierde der Stadt bilden. Voll zur Geltung gekommen sind die Vorzüge der geo- Praphisehon Lage Giessens in der Mitte des weiten Lahn- beckens, welches sich, abgesehen von der kurzen Einschnürung bei Friedelhausen, von Marburg bis Löhnberg über 60 km weit erstreckt, erst, als die Eisenbahnen neue Verkehrswege er- öffneten. Mit natürlicher Notwendigkeit laufen hier die Schienen- stränge von Frankfurt durch die Wetterau, von Coblenz durch das Lahnthal, von Köln durch das Dillthal, von Cassel, Fulda, Gelnhausen zusammen und haben aus Giessen einen Verkehrs- mittelpunkt geschaffen, von dessen Bedeutung am besten die riesigen, von Jahr zu Jahr sich erweiternden Bahnhofsanlagen Zeugnis geben, denen das jetzige Bahnhofsgebäude schon seit langer Zeit nicht mehr entspricht. Im Gegensatz zu Marburg trägt Giessen daher nicht so sehr das Gepräge einer Univer- sitäts- und Beamtenstadt als eines Verkehrs- und Industrieplatzes. Zahlreiche Tabak- und Cigarrenfabriken, Maschinenwerkstätten, Brauereien, Möbelfabriken, Spinnereien, Thonwerke, eine Eisen- giesserei, eine Dampfziegelei, eine elektro-chemische Fabrik be- schäftigen Tausende von männlichen und weiblichen Arbeits- kräften und erwecken den Eindruck, dass Giessen auch auf diesem Gebiete noch eine bedeutende Zukunft hat. Dass aber auch die Universität in gedeihlicher Entwickelung steht, beweist die stets zunehmende Zahl der Studenten. Während das Sommersemester 1870 nur 309 Studierende aufweist, betrug die Zahl der Immatrikulierten im Winter 1901 über 800, von denen der Prozentsatz der Nichthessen in steter Steigung begriffen ist. Für das rege wissenschaftliche Leben legen eine Anzahl wissenschaftlicher Vereine Zeugnis ab, die sich keines- wegs auf akademische Mitglieder beschränken, sondern durch regelmässige gediegene Vorträge auf möglichst weite Kreise zu wirken suchen, die Oberhessische Gesellschaft für Natur- und 54 Giessen. Heilkunde, die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde, der Ober- hessische Geschichtsverein. Die Sammlungen des letzteren sind zu einem Museum vereinigt, welches im alten Rathaus unter- gebracht ist und Sonntags von 11—1 Uhr unentgeltlich be- sicht werden kann; sie bieten inbezug auf die Vergangenheit Hessens manches Interessante. Beschreibung der Stadt. In Bezug auf schöne und interessante Bauwerke steht Giessen hinter Marburg zurück: an alten Gebäuden sind wenige vorhanden, was aber an Universitäts- und Regierungs- bauten aus dem 18. und den ersten zwei Dritteln des 19. Jahr- hunderts stammt, ist nüchtern und stillos. Erst mit den 1870 er Jahren tritt auch hier ein Wandel ein, und die neueren öffent- lichen wie bessere Privatbauten zei- gen ein anerken- nenswertes Stre- ben, auch nach dieser Seite den Aufschwung der Stadt zur Geltung zu bringen. Vom Bahnhof aus führt die Bahnhofstrasse am Hauptpost- amt, dem Haupt- Giessen aus der Vogelschau. steueramt(beide rechts) und der Anatomie(links) vorbei, kreuzt beim Hotel Victoria die Liebig- styasse, überschreitet die Wieseck und trifft beim Hotel Gross- herzog von Hessen auf die Westanlage. Um einen Ueberblick über die Lage Giessens zu gewinnen, welches sich bei dem niedrigen Gelände nicht plastisch wie Marburg dem Auge entgegenstellt, machen wir zunächst einen Umgang um die Alstadt, biegen links an der Mädchenschule vorbei und gelangen zwischen Ringgraben und Bahndamm entlang zum Neustädter Thor, von dem nach rechts eine der Hauptstrassen der Stadt, die Neustadt, sich zum Marbktplatz zieht. Nach links kommen wir durch die dreibogige Bahndammunterführung auf die 1846—48 an Stelle einer etwas oberhalb gelegenen ältern erbaute fünfbogige Lahn- brücke, von der man eine schöne Aussicht auf das Lahnthal und die dasselbe im Norden begrenzenden Höhen, den Gleiberg, Vetzberg, Dünsberg u. s. w. hat. Gang durch die Stadt. 55 Nach Rückkehr durch die erwähnten Bahndammbogen halten wir uns links an dem grossen freien Platz vorbei, Oswalds Garten genannt, auf welchem die öffentlichen Volks- feste, Krämermärkte, Vieh- und landwirtschaftliche Ausstellungen u. s. w. abgehalten werden, und gelangen, die Turnhalle zur linken, die Alicenschule und die Knabenvolksschule, ein statt- liches, musterhaft eingerichtetes Gebäude, zur rechten Hand lassend, zu der Nordanlage, an welcher die höhere Mädchen- schule ihren Platz gefunden hat. Auch befindet sich hier das 1892 errichtete Denkmal des Professors der Forstwissenschaft, Heyer. Gerade in dieser Gegend entfaltet sich in neuerer Zeit eine rege Bauthätigkeit, die einige geschmackvolle und ansehnliche Gebäude, unter andern die neue Synagoge, geschaffen hat, und wir er- halten zugleich einen Ein- blick in die energische und planvolle Weise, mit der die Stadtvertretung mit den engen und ungesunden Teilen der Altstadt aufräumt und neue breitere Strassenzüge schafft. Das nächste Thor, welches wir treffen, ist das Wallthor, von welchem die Marburger Strasse nach Nor- den läuft, um später in die Marburger Chaussee überzu- gehen. Wir setzen unsern Rundgang fort und gelangen, das Garnisonlazarett zur rechten, den Justizpalastzur linken Seite lassend, in die hübsche Ostanlage, in deren südlichem Teile, vom bota- nischen Garten durch den Ringgraben getrennt, das Liebigdenkmal(von Schaper) seinen Platz gefunden hat. Der berühmte Chemiker wirkte in Giessen als Universitätsprofessor in den Jahren von 1824 bis 1852; hier machte er den grössten Teil seiner epochemachenden Ent- deckungen, durch welche er die gesamte Chemie in neue Bahnen lenkte und Schüler aus allen Kulturländern der Welt hierherzog. Die Hochschule gelangte durch ihn zu ungeahnter Blüte und Berühmheit. Beim Neuenweger Thor beginnt die Südanlage, welcher gegenüber auf der Ecke die Bürger- meisterei, daneben die ältere Synagoge und etwas weiter Liebigdenkmal. 56 Giessen. das Grossherzogl. Gymnasium liegt, dessen Leiter(bis zum Sommer 1899) lange Jahre hindurch der weit über die Grenzen Deutschlands bekannte Pädagoge Schiller war. Ihm gegenüber auf der Ecke der Bismarckstrasse erhebt sich ein schöner Re- naissancebau, die Rickersche Univ.-Buchhandlung. Am westlichen Ende dieser Anlage hat die Stadt durch den Berliner Bau- meister Griesebach ein neues Gotteshaus, die Johanniskirche, aufführen lassen, da die alte Stadtkirche den Bedürfnissen der stets wachsenden Gemeinde schon seit lange nicht mehr ge- nügte. Baulich ist die hübsche, im Renaissancestil erbaute Kirche, welche keineswegs durch die Grösse ihrer Masse imponiert, entschieden das ansprechendste Gebäude der Stadt, das sich gegen die im allgemeinen nüchterne Bauweise wohlthätig abhebt. Bei dem jetzt folgenden vierten Thor, dem Seltersthor, haben wir den Rundgang beinahe vollendet, denn nur wenige Schritte durch die Westanlage trennen uns noch von dem Ausgangspunkte beim Grossherzog von Hessen. Die Thorhäuser haben in Giessen noch insofern Bedeutung, als bei ihnen auf Schlachtvieh, HWildpret, Fleisch- waren, alkoholische Getränke und Brennmaterialien Oktroi erhoben wird, aus dessen Erträgnis die Stadt einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Verwaltungskosten deckt. Am Seltersthor, dessen rechtes Thorgebäude zu einer an Wochentagen abends 6— 10, an Sonntagen 11— 1 Uhr mittags geöffneten Volkslesehalle eingerichtet ist, biegen wir rechts in den Seltersweg, die Hauptverkehrsader Giessens, an dessen linker Seite abseits der Strasse das Giessener Volksbad liegt, eine Musteranstalt in Anlage und Ausstattung, welche zum grossen Teil aus freiwilligen Zeichnungen für ca. 190 000 Mk. aufgeführt und 1898 eröffnet wurde, ein ehrendes Denkmal des Gemeinsinns der Einwohnerschaft. Der Seltersweg führt uns nach dem Kreua, einem Schnittpunkt verschiedener Strassen, und durch die sog. Mäusburg gelangen wir auf den Marktplatz, welcher durch einige altertümliche Gebäude anziehend ist,. Gleich an der Ecke liegt die hübsche, erkergezierte Hirsch- apotheke mit einer Gedenktafel, welche anzeigt, dass hier am Gang durch die Stadt. 5/* 1. März 1610 Joh. Balth. Schuppius geboren wurde, berühmt durch die Predigt, welche er beim Friedensschlusse 1648 zu Münster hielt, links schräg gegenüber steht das alte Rathaus in dem das Museum des Oberhessischen Geschichtsvereins eine vor- läufige Unterkunft gefunden, ein Holzbau aus dem 16. Jahr- hundert, dessen Front 1900 erneuert wurde, um die Holzkon- struktion ornamental zur Geltung zu bringen. Auf dem Platze befindet sich das 1900 von Bildhauer Habich in Darmstadt ausgeführte Kriegerdenkmal, welches aus freiwilligen Bei- trägen der Bürgerschaft aufgerichtet wurde; ein dreiseitiger Brunnenbau trägt eine Gestalt des Krieges. An den Markt- platz schliesst sich unmittelbar der Kirchplatz an mit der an Stelle der alten Pankratiuskirche 1808— 21 erbauten Stadtkirche. Dieselbe ist im griechischen Stil gehalten, neuerdings renoviert, sehr einfach und nüchtern. Der Glo- ckenturm an der Südwestseite ist ein Ueberbleibsel des alten Baues. An der Ecke beim Gasthof„zum Einhorn“ geht der Kirchenplatz in den dreieckigen Lindenplatzüber, von dem die Wall- thorstrasse sich zum—— Wallthor zieht. Alte Kaserne mit Offlzierscasino früher Zeughaus. Wir biegen rechts über den Lindenplatz durch die Markthalle zum Brand- platz, an dem sich die ältesten Gebäude der Stadt befinden. Gleich links an der Ecke, in dem Turmhaus hat der Kunst- verein für das Grossherzogtum Hessen eine Gemäldeausstellung neuerer Meister mit vier- bis sechswöchentlichem Wechsel veranstaltet. Die Kunstsammlung ist täglich mit Ausnahme des Samstags von 11 bis 1 Uhr geöffnet, Mittwochs auch von 3 bis 5, Sonntags von 11 bis 3 Uhr. Vom 15. Juli bis 15. Sep- tember bleibt dieselbe geschlossen. Eintrittspreis für Nicht- mitglieder 50 Pfg., für Studierende und Sonntags 20 Pfg. An derselben Seite des Platzes an der Reitbahn vorbei trifft man auf das Gebäude der Grossherzogl. Provinzialdirektion, in dem auch das Kreisamt sich befindet. Gegenüber auf der anderen Seite des Platzes erhebt sich das Uniuersitäts-Kanzleigebäude, das neue Schloss, 1570 bald nach dem verhängnisvollen Brande erbaut. In früherer Zeit 58 Giessen. mehrfach Residenz der Landgrafen, diente es bis zuletzt zu Universitätszwecken; 1901 wurde eine Restauration nach alten Plänen vorgenommen. An dasselbe lehnt sich nach rückwärts im rechten Winkel die alte Kaserne(altes Zeughaus), ein mächtiger Bau aus Bruchsteinen mit besonders hübschem Portal. Erbaut vom Landgrafen Ludwig dem Aelteren, dem Sohne Philipps des Grossmütigen, 1585, diente sie früher als Zeughaus, jetzt als Kaserne des 2. Bataillons der Hundert- sechzehner(Offiziers-Casino). Flankiert werden diese Ge- bäude durch die am botanischen Garten entlang führende, neu angelegte Senckenbergstrasse, welche den Brand mit den Ost- anlagen verbindet und an der das Physiologische Institut liegt. Universitüt und chemisches Laboratorium. An der Ecke von Brand und Senckenbergstrasse steht das frühere Universitätsgebäude, 1839 an Stelle des alten Kollegien- hauses erbaut, ein Muster von Nüchternheit und Stillosigkeit. Umso köstlicher aber ist sein Inhalt, denn es birgt die gegen 300 000 Bände nebst 1400 Handschriften zählende Universitäts- bibliothek, welche in der Regel von 9— 1 und 3— 6 Uhr, im Winter nicht so lange, geöffnet ist. Sie trägt die Aufschrift Bibliolheca Academica et Senckenbergiana, zur Erinnerung an den Freiherrn Kar! Renatus von Senckenberg, welcher als reicher Privatmann in Giessen ganz seinen Studien lebte und hier im Jahre 1800 an den Blattern starb, nachdem er testa- mentarisch seinen ganzen gelehrten Nachlass nebst seinem Hause und einer beträchtlichen Geldsumme der Hochschule vermacht hatte. Rechts von der Bibliothek ist der Eingang zum botanischen Garten(s. S. 50), in welchem sich ein einfaches Denkmal ge- Gang durch die Stadt. 59 fallener Studenten, sowie ein ziemlich geräumiges Glashaus mit manchen botanischen Sehenswürdigkeiten befindet. Jen- seits des Garteneinganges treffen wir auf das älteste Gebäude der Stadt, die alte Kanzlei, auch das alte Schloss genannt. Erbaut um die Mitte des 14. Jahrhunderts, war es ein Muster alter Wasserburgen. Hoch ragt der Burgfried, im Volksmund der Heidenturm, über den Palas und die dazu gehörigen Ge- bäude, die sich um einen engen finstern Hof gruppieren. Das Dach des Burgfrieds muss in der Mitte des 15. Jahrhunderts erbaut worden sein, denn in der Windfahne sind die Abzeichen von Ziegenhain und Nidda enthalten, die 1450 an Hessen fielen. Bis auf Landgraf Luduwig IV. wohnten in dem alten Schlosse die hessischen Landesherren mit ihren Familien; auch Philipp der Grossmütige hielt sich hier während der Sickinger Fehde auf. Nach Erbauung des neuen Schlosses war es vorwiegend der Sitz der höchsten Behörden, und Georg II., der während des dreissigjährigen Krieges das daneben stehende Kollegienhaus bewohnte, baute zur bessern Verbindung mit seinen Behörden nach dem alten Schloss eine Brücke, die erst 1763 wieder entfernt wurde. Auch während des grössten Teils des letzten Jahrhunderts waren hier verschiedene Be- hörden untergebracht, dann diente es zwei Jahre lang bis 1867 als Kaserne. Seit jener Zeit ist es unbewohnt und macht, einen ziemlich zerfallenen Eindruck, soll aber demnächst gründlich renoviert und wieder bewohnbar gemacht werden. Am alten Schlosse vorbei gehen wir über den Kanaleiberg zur Sonnenstrasse, welche nach wenigen Häusern die Neuenbäue kreuzt. Das zweite Gebäude links jenseits der Kreuzung ist das Klubhaus des Giessener Gesellschaftsvereins mit reich- haltigem Lesezimmer. Hier werden die Klubbälle und sonstige Festlichkeiten abgehalten, auch veranstaltet der Giessener Konzert-Verein die meisten seiner durchweg gediegenen Konzerte in dem geräumigen Saale dieses Hauses. Biegen wir beim Eckhause Sonnenstrasse 15, der einstigen Wohnung des Professors Höpfner, in welcher ihn von Wetzlar aus der junge Goethe aufsuchte, links in die Neuenbäue ein, so zeigt links an Nr. 9 eine Marmortafel das Geburtshaus des berühmten Begründers der romanischen Philologie, Friedrich Diez, an, der hier am 15. März 1794 auf die Welt kam. Jen- seits des Neuenweger Thors, mit dem die Neuenbäue aufhört, führt die Gartenstrasse an der Freimaurerloge und an dem städtischen Gas- und Wasserwerk vorbei in gereder Richtung über den Ludwigsplate zu dem S. 50 erwähnten Steins Garten. Am Luduwigsplatz biegt nach links die Grünberger Strasse, von der nach einigen Minuten die Licherstrasse nach rechts abzweigt. An ihrer rechten Seite erstreckt sich jen- 60 Giessen, Friedhof, Liebigshöhe, Philosophenwald. seits der freundlichen Anlagen der frei und beherrschend ge- legene Friedhof der Stadt, welcher ihr schon 370 Jahre als Ruheplatz ihrer Toten dient. Infolgedessen ist derselbe viel- fach erweitert worden und enthält manche interessante alte Grabsteine. Unter den neueren Denkmälern heben sich hervor das Gailsche Familiengrab an der Mauer gegenüber dem Ein- gangsthor, ausgeführt nach dem Entwurf des Geh. Baurats Professor v. Pitgen, und das im Entwurf noch bedeutendere Grabdenkmal der Familie Mahla(von Schaper, Berlin) auf einem der höchsten Teile des Friedhofs(Neuer Friedhof, am Rodberg, Marburgerstrasse, s. S. 52). Hinter dem Friedhof treffen wir zwischen der Licherstrasse und dem alten Steinbacher Weg abermals auf städtische An⸗ lagen, innerhalb deren zwei Gedächtnisbäume stehen, die Luthereiche, gepflanzt am 300 jährigen Gedächtnistag der Re- formation, am 31. Oktober 1817, und die Schillereiche zur Er- innerung an den 100 jähr. Geburtstag des Dichters. Von beiden hat man eine schöne Aussicht über Stadt und Thal. Hinter den- selben liegt der Niederdruckbehälter der städtischen Quell- wasserleitung, welcher zum Teil vom Annaberg her, zum Teil von Grossen-Buseck(Queckborn) aus gespeist wird. Kreuzen wir hier die Licherstrasse, so gelangen wir in ein Lärchen- wäldchen, hinter dem sich die mächtigen, weithin sichtbaren Bauten der im Herbst 1887 eröffneten neuen Kaserne erheben. Der zu derselben gehörige nahe Exerzierplatz, der Tyrieb ge- nannt, wurde seinerzeit von Kaiser Friedrich als der schönste Deutschlands bezeichnet. An der Kaserne vorüber trifft man wieder auf die Grün- bergerstrasse, von der aus man zwei beliebte Ausflugspunkte mit leichter Mühe erreichen kann. Nach der Liebighöhe, einem am Rande des Trieb gelegenen einfachen Wirtshause mit Garten, welches gern von Familien besucht wird, zweigt der Weg bei der Wirtschaft von Duill, Grünbergerstrasse 89, links ab und führt in wenigen Minuten hin. Hier liegen auch die Versuchs- felder, die seiner Zeit dem Professor Liebig von der Stadt Giessen zur Verfügung gestellt wurden, um seine Entdeckungen praktisch zu erproben. Nach dem Philosophenwald kann man bei dem Corpshause der Teutonen, Grünbergerstrasse 77 von der Chaussee abgehen, um dann den ersten oder zweiten Weg rechts einzuschlagen. Der Philosophenwald, ein Ausläufer des im Süden von Giessen sich erstreckenden grossen Wiesecker Waldes, der seinen Namen schon seit Gründung der Universität führt, hat schöne Anlagen und Spaziergänge, sowie eine gute Wirtschaft. Der viereckige Wall neben derselben erinnert an die Besetzung durch die Pranzosen, welche von hier aus die preussische Armee auf der gegenüberliegenden Lahnseite be- obachteten. Realgymnasium, Universität, Neue Kliniken. 61 Von hier aus leitet ein hübscher Weg durch Wiesen nach dem Seite 48 erwähnten Dorfe Wieseck. Kebren wir zur Grünbergerstrasse zurück und kreuzen am Ludwigsplatz die Gartenstrasse, so öffnet sich vor uns die breite und gerade Ludwigsstrasse, welche von 3 Parallelstrassen, der Bismarek-, Goethe- und Pleichstrasse gequert wird. Vor der Ein- mündung der ersteren liegen links die ausgedehnten Baulich- keiten des Realgymnasiums, auf derselben Seite zwischen Bismarek- und Goethestrasse das chemische Labaratorium, ein im Jahre 1888 erbautes, mit, den neuesten Einrichtungen ausgestattetes Institut, und das Universitätsgebäude, erbaut 1879, ein im Verhältnisse zu seiner Bestimmung recht schmuck- loses Gebäude, dessen Räume den Anforderungen der auf- blühenden Universität schon lange nicht mehr genügen. Im Erdgeschoss findet sich eine hübsche Sammlung von Gipsab- güssen nach Antiken. Im wohlthuenden Gegensatze dazu'steht der hinter demsel- ben aufgeführte imposante Bau des Physikalisch- Chemischen In- stituts, eines der besteingerichteten der deutschen Hochschulen. Wir biegen kurz vor der Bahn- unterführung von der Ludwigsstrasse nach rechts in die——— vierte Strasse, die Neue Kliniken. Alicenstrasse ein, welche an der Wieseck entlang zur Frankfurterstrasse leitet. Nach rechts überschreitet letztere die Wieseck und stösst vor das oben erwähnte Seltersthor, nach links kreuzt sie bei der 1840 eingeweihten katholischen Kirche die Liebigstrasse und führt über den Bahnstrang der oberhessischen Bahn nach den neuen klinischen Gebäuden, welche mit der Front nach der Klinikstrasse zu ein vollständiges Häuserviertel ansmachen und 1890 im Beisein S. K. H. des Grossherzogs eröffnet wurden. Es sind dies die Frauenklinik, die medizinische Klinik und das eine wertvolle Sammlung pathologisch-anatomischer Prä- parate enthaltende pathologische Institut mit den betr. Direktorialwohnungen und sonstigen Nebengebäuden. An sie schliesst sich die nicht minder hervorragende psychiatrische Klinik aus den Jahren 1895— 1897. 62 Giessen, Kleinlinden. . In ihrer Verlängerung führt die Frankfurterstrasse nach dem ½ Std. entfernten Dorf Kleinlinden(Wirtschaft von Rinn), einem beliebten Ausflugsort der Giessener Familien. Biegt man aber angesichts der Kliniken nach der entgegengesetzten Seite in die Klinikstrasse ein, so mündet dieselbe auf eine die Giessener Bahnhofgeleise überspannende Hängebrücke, von der man einen hübschen Niederblick auf das Bahnhofsgetriebe, so- wie auf das Lahnthal mit den gegenüberliegenden Bergen und Burgen hat. Jenseits der Brücke führt links ein mit schwarzen Strichen markierter Weg an der früheren Margaretenhütte und der elektro-chemischen Fabrik von G. Thärom auf der anderen Seite vorbei in den Hessler, niedrige mit Erlen, Pappeln und Weiden bestandene Flusswiesen, und in ½ Std. auf die Chaussee nach Dutenhofen resp. Wetzlar; der Weg ist jedoch nur bei trockenem Wetter ratsam. Vor der beschriebenen Bahnüberbrückung kann man von der Klinikstrasse rechts in den sog. Wetzalarer Weg einbiegen, der zum Teil durch Gärten entweder direkt über die hinter dem Hotel Lenz angelegte Ueberbrückung über die oberhessi- sche Bahn zum Bahnhof, oder rechts in die Frankfurterstrasse zur Katholischen Kirche führt. Bei dieser wenden wir uns links in die Liebigstrasse, an der auf der linken Seite gleich an der Ecke beim Bahnsteig für Fussgänger die Universitäts-Ohren- klinik, dann etwas zurück im Garten die Chirurgische und Augenklinik(Neubauten bei den Neuen Kliniken) und end- lich das alte chemische Laboratorium liegen, in welchem Justus Liebig bis 1852 gewirkt hat. Der Plan, an der Arbeits- stätte des berühmten Mannes ein Liebigmuseum zu schaffen, ist noch nicht zur Ausführung gekommen. Am Hauptsteuer- amt vorbei gelangen wir wieder zur Bahnhofstrasse und links biegend zum Bahnhof. Giessen ist trotz seiner niedrigen und verhältnis- mässig ebenen Lage, überaus reich an landschaftlich schönen und historisch interessanten Ausflugspunkten in der näheren und weiteren Umgebung. Namentlich bietet das Gebirge im N. und NW. der Stadt mit den das Thal umsäumenden Vor- hügeln und einer Anzahl zum Teil mit Burgruinen gekrönter Basaltkuppen überraschend schöne Aussichtspunkte dar, unter denen die Burg Gleiberg zweifellos alle anderen übertrifft. Der Weg nach dem Gleiberg, 1 Std., geht von der Lahnbrücke aus, wo ein Wegweiser nach Gleiberg und Krofdorf steht, nach 1 Min. von der Chaussee rechts ab, wieder Wegweiser; nach 3 Min. trennen sich die Wege nach Krofdorf und Glei- berg, letzterer biegt dem Wegweiser und den roten Streifen nach zur Linken und stösst in etwa ⁴ Std. vor den Abfall der Hardt, auf die ein anfangs ziemlich steiler Fussweg zum Hardt- Burg Gleiberg. 63 hof hinaufführt. Schon hier hat man rückwärtsschauend einen überaus anmutigen Ausblick auf Giessen und Umgebung, links sieht man bis zum Staufenberg und Frauenberg bei Marburg, gegen O. auf die waldigen Höhen jenseits Giessen mit dem Schiffenberg, über welchen bei klarem Wetter die Höbenlinien des Vogelsberges sowie im S. die des hohen Taunus sichtbar werden. Der Feldweg führt vom Hardthof, welcher links liegen bleibt, über die hier tief in das Gelände eingeschnittene Berlin-Metzer Bahn hin(der Bahnhof Gleiberg liegt etwas weiter rechts) auf den burggekrönten, aber kahlen Basaltkegel zu, von dessen Fusse ein mässig steil ansteigender Pfad zur alten Dorflinde aufwärts leitet. Von hier aus benutzt man entmeder den Fahrweg durch die Burgmauer rechts, oder den sich steil aufwärts windenden Pfad, um in 5 Minuten zum Burgthor zu gelangen, vor wel- chem sich zu bei- den Seiteneine aus- sichtsreiche Ter- rasse breitet. Gute Burgwirtschaft(Nie- bergall). Der schöne Burg Gleiberg(bei Giessen). 313 m hohe Basalt- kegel, welcher sich beherrschend über das weite Thal erhebt, hat schon frühzeitig zur Anlage einer Burg eingeladen. Wahr- scheinlich fällt die erste Gründung in die Zeit von 905 bis 917, als Otto der Salier, Bruder König Konrads I., Gaugraf des mittleren Lahngaus zwischen Heil und Salzböde war. Im folgenden Jahrhundert spielen die Grafen von Gleiberg eine nicht unwichtige, aber wechselnde Rolle in den Kämpfen Kaiser Hein- richs IV. mit seinen aufrührerischen Vasallen, in denen die Familie zum Teil auf seiten des Königs, zum Teil auf gegnerischer Seite stand. Nachdem Heinrich V. 1103 die Burg erobert hatte, wurde sie dem königstreuen Grafen Hermann von Gleiberg zum Alleinbesitz überwiesen, der sie nicht nur wieder herstellte, son- dern auch nebst seinen Erben eine rege erweiternde Bauthätigkeit entfaltete. Seine Tochter Clementia errichtete 1129 den Augustinern ein Kloster auf dem Schiffenberg und gab dadurch, wie oben weiter ausgeführt worden, Anlass zu der Gründung der Burg und Stadt Giessen. Mit dem Erlöschen des Mannesstammes der Gleiberger Grafen 1177 fiel die ansehnliche Erbschaft zur Hälfte an den 64 Burg Gleiberg. Efalzgrafen von Thüringen, Rudolf I., zur andern an Hartrad II. von Merenberg. Als der Enkel des erstern seinen Anteil, insbe- sondere Giessen, 1265 an den Landgrafen von Hessen, Heinrich I., veräusserte, wurde der Besitzstand so geregelt, dass die Burg im Alleinbesitze der Merenberger blieb, welche dieselbe fünf Genera- tionen hindurch behaupteten und während dieser Zeit durch Er- weiterung der Aussenwerke sowie durch Ausbauten im Innern be- deutend erweiterten und verstärkten. Als aber bei dem Aussterben des Merenberger Mannesstammes 1328 das Gleiberger Erbe, aller- dings durch anderweitige Erbschaft und Schenkung stark ver- kleinert, durch die Tochter des letzten Grafen Hurtrad VI. an deren Gemahl, den Grafen Johann von Nassau-Weilburg, fiel, wurde sie der Sitz eines Nassauischen Amtmanns und verschiedener Burgmannen. Trotzdem hörte auch unter dieser Herrschaft, wenn sie auch nicht mehr als Residenz diente, die Bauthätigkeit, wie der sog. Nassauer Bau anzeigt, nicht ganz auf, und die Feste stand stolz und im ganzen wohl erhalten bis in den 30 jährigen Krieg hinein, dessen Ende sie jedoch nicht erlebte. Während des ver- derblichen Marburger Erbfolgekrieges zwischen Hessen-Cassel und Hessen-Darmstadt wurde sie 1646 von Hessen-Casselschen Truppen im Bunde mit den Schweden beschossen und musste nach tapferer Gegenwehr von dem Kommandanten, Hauptmann Hoffmann, am 9. Juni übergeben werden. Die Burg wurde geplündert und ver- brannt und ist seitdem Ruine. Nur die noch unter Dach ge- bliebenen Teile, der Albertus- und Nassauer Bau, dienten längere Zeit als Zehntscheuern und zu ähnlichen Zwecken, zuletzt standen auch sie leer und drohten ihrem Verfall rasch entgegen zu gehen. Da machte man anfangs der dreissiger Jahren gelegentlich der trigonometrischen Landesvermessung, für welche der Gleibergturm als Dreieckspunkt gewählt und durch Leitern zugänglich gemacht worden war, die zufällige Entdeckung, dass derselbe eine ent- zückende Aussicht gewähre. 1837 bildete sich infolge dessen der Gleiberger Geselligkeitsverein mit seinem Sitz in Giessen, der so- fort unten im Turm eine Thür brechen und eine Treppe hinauf- führen liess, bei seinen geringen Mitteln sich aber zunächst darauf beschränken musste, einem weitern Verfall des Vorhandenen Ein- halt zu thun. Erst als derselbe 1879 sich beträchtlich erweiterte und durch Ausgabe von Anteilscheinen bedeutende Mittel verfüg- bar machte, konnte er seinem weiteren Zwecke gerecht werden, die geeigneten Teile der Burg, deren Eigentumsrecht ihm in dem- selben Jahre vom Preussischen Fiskus überwiesen war, wohnlich wieder herzustellen. Nach Entwürfen des Baumeisters von Ritgen, des Wiederherstellers der Warthurg, wurden zunächst die Räume des Nassauer Baues ausgebaut und stilgemäss eingerichtet, und zugleich eine gute, unter Kontrolle des Vereins stehende Wirtschaft eingerichtet, die auch grösseren Ansprüchen gerecht zu werden Burg Gleiberg. 65 vermag. Die Ruine wurde vom Schutt befreit, baufällige Teile, welche dem Einsturz drohten, untermauert und durch Ausbesserung vor dem gänzlichen Verfall bewahrt. Auf diese Weise ist durch den Verein in dem Gleiberg ein Anziehungspunkt geschaffen, der auf nah und fern seine Wirkung ausübt, zugleich aber bietet er als Muster einer grossen Ritterburg auch für den Sachverständigen eine Fülle des Interessanten und Sehenswerten dar, so dass eine kurze Orientierung nicht unwillkommen sein mag. Von der oben erwähnten Terrasse treten wir durch das Burgthor in den unteren Burghof, der teils mit Buschwerk und Obstbäumen bepflanzt, teils als Wirtschaftsgarten angelegt ist. Links öffnet sich im Albertusbau die grosse alte Burgküche mit ihrem weiten Schornsteinbusen, ein grosser kühler Raum, dessen Wände mit zahlreichen Sprüchen ausgestattet sind. Rechts erhebt sich der Nassauer Bau, in dessen Erdgeschoss vor- wiegend Wirtschaftsräume ein- gerichtet sind; eine Holztreppe führt zum Obergeschoss mit den stilgemäss wieder hergestellten Gastzimmern, unter denen be- sonders der Kaisersaal mit den bunt verglasten Fenstern, deren Wappen die Geschichte der Burg von ihrem Beginn bis zur Jetzt- zeit wiederspiegeln, einen stim- mungsvollen Eindruck macht. Steigt man vom unteren Burg. hof links die Steintreppe hinauf zur Ruine, so gelangt man in den ältesten Teil der Burg, wo unmittelbar neben dem nur noch in seinen Umfassungsmauern vorhandenen Palas der mäch- tige runde Bergfried steht(Ein- tritt 10 Pfg., Schlüssel beim Burgwirt). Derselbe hatte seinen Zugang vom Palas aus und erweitert sich in vier übereinander liegenden Stockwerken so, dass die oberen geräumige Wohnzimmer abgaben. Jetzt tritt man durch die am Fusse gebrochene Thür in das Turmverliess und steigt auf 137 Stufen zur Plattform, auf der eine Orien- tierungstafel die überaus herrliche Rundschau erleichtert. Westlich vom Bergfried lagern die Trümmer eines späteren Teils der Oberburg, der Merenberger Bau, von dem besonders die Ueberreste einer Burgkapelle erhalten sind. Auch hier fehnte sich der Palas an einen Bergfried, dessen viereckige Ruine Gleiberc. Illustr. Lahnführer. 5 66 Vetzberg, Krofdorf, Dünsberg. Grundmauern erst nach Wegräumung des Schuttes blossgelegt wurden, und welcher mit einer Ecke in den 4bertusbau hinein- ragend, diesen einst mit seinen starken Mauern gegen die Ver- nichtung durch den Brand geschützt zu haben scheint. An der West- und Nordseite werden diese Bauten von mächtigen Zwingern flankiert, die aber noch zum Teil mit Schutt ge- füllt sind. Der eigentliche Burgeingang befand sich auf der Nordseite, wo das Thor gegenüber der äusseren Burgkapelle auf den alten Burgweg stösst und zu dem auf der Ost- und Nordostseite gelegenen Dörfchen Gleiberg führt. Nördlich vom Gleiberg liegt der ansehnliche Ort Krofdorf, urkundlich schon 817 erwähnt, zu dem in ¼ Std. die roten Striche hinunterführen. Von hier erreicht man in etwa 20 Min. die Tochterburg des Gleiberg, den Vetzberg, indem man die Strasse nach Rodheim ein- schlägt und bei der Wegteilung sich rechts wendet. Die Burg, welche nebst einem kleinen Dörfchen auf einem 309 m hohen Basaltfelsen liegt, wird 1152 zum erstenmal genannt. Sie wurde von den Grafen von Gleiberg in unmittelbarer Nähe der Hauptburg aufge- führt, um diese zu entlasten und zu decken. Die auf ihr hausenden Burgmannen thaten sich 1244 als Ganerben zu- sammen, und diese Ganerb- schaft erhielt sich ungeachtet der üblichen Zwistigkeiten 3 unter den Hausgenossen bis Dhünsbersturm. 1765. Erst seitdem wurde die nicht mehr bewohnte Burg zur Ruine. Weil der Zugang zu ihr unbequem, der Bergfried gar nicht zugänglich ist, wird sie weniger besucht, als sie verdient, da die Aussicht vom Fusse des Turms der vom Gleiberg wenig nachgiebt. Der Rückweg nach Giessen ist am bequemsten, wenn man zu dem nur ¼ Std. entfernten Rodheim hinuntersteigt und von da die Bieberthalbahn benutzt. Vom Gleiberg führen die roten Striche über Krofdorf und Fellinghausen nach dem nordwestlich gelegenen 500 m hohen Dünsberg. Von Giessen aus erreicht man ihn am bequemsten mit der neu erbauten Bieberthalbahn. Der Bahnhof liegt unmittelbar vor dem Neustädter Thor links, die Heuchelheim, Windhof, Rodheim, Bieber. 67 Bahn läuft über die Lahnbrücke, dann an der Rodheimer Strasse entlang. 3 km Haltestelle Heuchelheim, wohlhabendes Pfarrdorf mit, 2145 Einw. an der Bieber, einem rechtsseitigen Zuflusse der Lahn; das Dorf wird urkundlich zuerst 1245 erwähnt, gehörte zur Burg Gleiberg und kam 1585 an Hessen. Es ist ver- schiedene Male durch Feuersbrunst vollständig eingeäschert worden, zuletzt durch zwei Brände 1866, daher sein durchaus modernes Aussehen, zumal in demselben bedeutende Cigarren- fabrikation betrieben wird. 4 km Haltestelle Windhof, einzeln gelegener Hof, auf dem 1898 ein grossartiges Restaurationslokal in altdeutschem Stil (vom Gastwirt Chr. Duill) erbaut worden ist. Es ist ein be- liebter Ausflugspunkt für die Giessener, zugleich Mensurlokal der Giessener Corps und Burschenschaften. Bemerkenswert ist der geräumige, mit landschaftlichen Fresken ausgestattete Saal, deren Motive vorwiegend aus süddeutschen, mit der Ge- schichte des Vaterlands verflochtenen Orten genommen sind; der Turm bietet eine hübsche Rundsicht. 5 km Haltestelle Abendstern, hier die bedeutenden Kalk- und Marmorwerke von Aug. Gabriel, sowie Verladestelle für die seitwärts im Gebirge liegenden Eisensteingruben, unter ihnen eine Grube Abendstern. 8 km Haltestelle Rodheim(Wirtschaft, K. Schlierbach, Zur Germania), Pfarrdorf an der Bieber mit interessantem, alten Kirchlein und mehreren Filialen der Giessener Cigarren- fabrikation. Schöne Villa mit prächtigen Parkanlagen des Comm.-Rats Wilh. Gail, Giessen. 10 km Bieber, vorläufige Endstation der Sekundärbahn, mit sehenswerten mächtigen Kalksteinbrüchen. Vor dem Sta- tionsgebäude Wegetafel; die schwarzen Punkte führen auf einem neu angelegten Wege in etwa 40 Min. auf den Gipfel des Dünsberges, des Beherrschers der Gegend, dessen schöner waldbedeckter Kegel, aus dem Bieberthal unmittelbar auf- steigend, die umliegenden Höhen mächtig überragt. Im Gegen- satz zu den zahlreichen vorgeschobenen Basaltköpfen der Um- gegend ist er nicht vulkanischen Ursprungs, sondern besteht aus Grauwacke und Kieselschiefer. Der Name hat zu vielen Deutungen Anlass gegeben. Dass derselbe weder mit Odin noch mit Dünsten zu thun hat, bedarf kaum der Erwähnung. Ebensowenig wahrscheinlich ist es, dass er seinen Namen führt, weil auf dem Gipfel„Ding gehegt“«, d. h. Gericht, gehalten wurde; dazu war er doch zu weit von den menschlichen Wohn- stätten abgelegen und zu schwierig zu erreichen. Auch hätte es dazu der mächtigen Ringwälle nicht bedurft, deren man zwei beim Aufstieg zu überwinden hat, während von dem 5* 68 Dünsberg, Obermühle, Bubenröder Hof. dritten sich noch Spuren finden. Dieselben lassen mit Sicher- heit den Schluss zu, dass der Gipfel lange Zeit die Zufluchts- stätte einer zahlreichen Volksmenge war, welche sich hier leicht verteidigen konnte, eine Annahme, welche durch den Fund eines Handmühlensteines innerhalb des oberen Ringes und die Anlage von zahlreichen Grabstätten an der Nordseite des Berges bestätigt wird. Der Berg war daher wahrschein- lich dem deutschen Kriegsgott Tyr oder Ty“s geheiligt und hat seinen Namen in derselben Weise erhalten wie unser Dienstag. Die herrliche Aussicht, welche man von oben geniesst und welche die grossartigste im ganzen Lahnthal sein dürfte, kommt erst recht zur Geltung, seitdem an Stelle des alten Triangulationsturmes ein Aussichtsturm errichtet worden, an den eine Schutzhütte angebaut ist. Der Bau wurde im Jahre 1899 von den aus Mitgliedern der Sektionen Giessen und Oberhessen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins, sowie des Taunusklubs Wetzlar auf Grund eines bereits vor- handenen Fonds mittelst freiwilliger Beiträge durch den Archi- tekten Meyer in Giessen ausgeführt. Auf quadratischem Unter- bau erhebt sich ein massiver Rundturm, in dem eine Wendel- treppe zu der ausgelegten Plattform führt. Schlüssel zu Turm und Schutzhütte sind gegen Hinterlegung von 2 Mk. und 20 Pfg. Beitrag zu haben auf den Stationen Bieber und Rodheim, sowie in Giessen bei Fr. Kühn, Seltersweg 36(Sekt. Giessen d. D. Oe. A. V.) und Otto Roth, Marburgerstrasse 20 (Sekt. Oberhessen d. D. Oe. A. V.); in Wetzlar bei Kaufmann Bernhard Waldschmidt, Krämerstrasse und August Wald- schmidt am Schillerplatz. Vom Dünsberg führt ein sehr lohnender Weg in 3 Std. nach Wetzlar. Man folgt in südwestlicher Richtung den gelben Strichen abwärts, welche das Bieberthal oberhalb der Obermühle kreuzen. An derselben befindet sich eine Gedenktafel, welche anzeigt, dass in dem Hause der Kupferstecher oh. Georg Wille, Ritter der Ehrenlegion und Mitglied vieler Kunstakademien anno 1715 das Licht der Welt erblickt habe. Die Familie ist noch im Besitz der Mühle. Von hier führen die gelben Striche aufwärts zum Bubenröder Hof, einem auf weiter Lichtung rings von Wald umgebenen Wirtschaftshof mit guter Restau- ration, auch als Pension für die Sommerfrische gesucht. Man folge den gleichen Zeichen durch schönen Buchenwald zur Dicken Eiche, einem hervorragend schönen Baume, unter welchem Sitzplätze angebracht sind, um die hübsche Aussicht geniessen zu können, und weiter nach dem Dorfe Naunheim, lässt sich auf einer Fähre über die Lahn setzen, überschreitet den Eisenbahndamm und kommt auf die Strasse nach Wetzlar. Von Bubenrod kann man auch über Niedergirmes gehen, Schiffenberg. 69 wenn man vom Hof den Weg rechts am Teiche hin gerade- aus geht und sich dann links hält. An der Waldecke trifft man auf rote Striche,. welche links über Blasbach hin zu dem genannten Dorfe und von da nach Wetz- lar führen. Ein besuchter Ausflugsort ist im Süden von Giessen der schon mehrfach erwähnte Schiffen- berg(281 m), Halte- stelle der Bahn Giessen-Gelnhausen. (Der Perren diese— Bahn liegt dem Schiffenberg bei Giessen. Hauptbahnhof ge- genüber). Blaue Striche bezeichnen von der Haltestelle Schiffen- berg den Weg auf den Berg. Doch ist auch ein Spaziergang von Giessen aus, welcher für den Hinweg etwa 1 Std. 10 Min. erfordert, empfehlenswert. Vom Neuenweger Thor aus verfolgt man die Gartenstrasse an Steins Garten vorbei, hinter welchem sie auf den mit roten Strichen markierten Schiffenbergerweg stösst. Wer vom Bahnhof aus geht, biegt von der Bahnhof- strasse rechts in die Liebigstrasse, von dieser nach dem Ueber- gang über die Schienen links in den Riegelpfad, der am Bahnkörper 4 entlang läuft und bei der Eisenbahnwerk- stätte links über den Bahndamm auf den Schiffenbergerweg, den man in der Rich- tung auf das weit- hin sichtbare Ge- bäude des Schiffen- berges verfolst. An- fangs schattenlos, führt der Weg in einer guten halben ——. Stunde in prächtigen Paukerei auf Schiffenberg(1854). Tannenhochwald undin weiteren 8Min. zu dem rechts von der Strasse gelegenen Universitäts-Forst- garten, in welchem sich eine gute, von Giessener Familien — 70 Forstgarten, Schiffenberg. viel besuchte Gartenwirtschaft befindet. Von hier folgt man den gelben Punkten durch den Wald aufwärts und gelangt zuletzt auf einem Treppenweg zu der vor der Pforte gelegenen Terrasse, welche bereits eine schöne Aussicht nach Süden bietet. Das Pförtchen leitet uns in den geräumigen von Ge- bäuden eingefassten Hof, wührend das Hauptthor auf der — entgegengesetzten Seite liegt. Auf der Höhe des Schiffenbergs (vielleicht= Schöf- fenberg), welcher sich beherrschend aus dem damals viel weiter reichenden Wiesecker Walde hervorhob, gründete die Besitzerin des- selben, die Gräfin — Clementia von Glei- Forstgarten bei Giessen. berg, mit Zustim- mung des Erzbi- schofs Meginer von Tyrier[1129 ein Augustinerkloster, dessen Kirche der Jungfrau Maria geweiht war. Das Klostergut wurde von der Gräfin während ihres Witwenstandes um sechs Dörfer vermehrt, von denen noch drei, Steinbach, Garbenteich(= Gari- warts Eich) und Watzenborn bestehen. Hundert Jahre später wird ein am Fusse des Berges gelegenes Nonnenkloster Cella er- wähnt, über dessen Gründungszeit nichts bekannt ist, von dem sich aber noch schwache Fundamentreste im Walde finden. Ueberhand- nehmende Zuchtlosigkeit der Mönche bewog den Erzbischof Bal- duin von Trier, das Kloster aufzuheben und seinen Besitz dem Deutschherrnorden zu überweisen nebst der Hälfte des Stiftsguts von Cella, während die andere Hälfte beim Eingehen des Nonnen- klosters hundert Jahre später dem Schihenberg zufiel. Der Deutsche Orden bildete daraus eine Ordenskommende, welche bald, wie die alte aus dem 14. Jahrhundert stammende Propstei mit ihrem Erker, mehr noch das jüngere Kommentureihaus bezeugen, zu Reichtum und Ansehen gelangte. Als aber am 24. April 1809 Napoleon im ganzen Gebiet des Rheinbundes, zu dem ja auch Hessen gehörte, den Deutschen Orden aufhob, wurde die Kommende Schiffenberg grossherzogliche Domäne. Jetzt sind die weiten Bau- lichkeiten nebst den umliegenden Ländereien verpachtet und dienen zum Teil zu Restaurationsränmen, welche besonders an Sonntagen aus der Umgegend zahlreich besucht werden. Die sehr alte Kirche ist in der letzten Zeit aus ihrem Hohe Warte, Güningen. 71 früheren unwürdigen Zustande wenigstens einigermassen be- freit worden. Haupt- und linkes Seitenschiff sind zugänglich; Querschiff und Chor zwar verschlossen, werden aber auf Wunsch geöffnet, während der Turm nicht mehr bestiegen werden kann. Der Reiz des Schiffenberges liegt indessen weniger in dem, was er aus der Vergangenheit bietet. Es ist die schöne Natur, die entzückende Aussicht von den Fenstern des Hauptgebäudes und von der Terrasse, welche der Höhe stets ihre Anziehungs- kraft bewahren werden. Da liegt der Taunus bis zu dem grossen Feldberg, dessen Häuser deutlich sichtbar sind, in der Nähe und Ferne zahlreiche Dörfer und scharf heben sich im Südosten die beiden Türme der Ruine Münzenberg ab. In weiter Ferne umsäumen bei klarem Wetter die Höhen des Vogelsberges, der Rhön, des Spessart und Odemwaldes und weit rechts jenseits Giessen des Westerwaldes und des Hinterlandes den Horizont. Aus der Masse der Gipfel ragen hervor der Dünsberg hinter Giessen, der Stoppelberg bei Wetzlar. der Haus- berg bei Butzbach, der Winterstein bei Bad Nauheim. Hohe Warte, 250 m hoch, mit neuerbautem Aussichts- turm, von dem weithin eine hübsche Aussicht über den schönen Laubwald in der nächsten Umgebung, dann die neue Kaserne, Lahnthal mit Giessen, weiter Gleiberg, Vetzberg. Dünsberg, Ausläufer von Westerwald, Lollar, Staufenberg, Vogelsberg, Schiffenberg, Wetterau u. s. w. Wegzeigen blaue Punkte vom Neuen- wegerthor(1 Std.), Licherstrasse, im Walde links die Wannenschneise bis zum Fusse des Berges. Unmittelbar nach Süden blickt man in das zwischen dem Schifenberg und dem auf der gegen- überliegenden Höhe sichtbare Dorf Grüningen sich öffnende Thal hin-—xixmi uennun unter, in welchem Kloster Arnsburg. am 21. April 1797 General Ney in einem Gefecht von den verfolgten Oester- reichern gefangen genommen wurde.. Ein landschaftlich überaus lohnender Ausflug, welcher zu- gleich in kunst- und kulturgeschichtlicher Beziehung reichste Ausbeute gewährt, den daher niemand bei irgend genügender Zeit 72 Lich— Kloster Arnsburg. versäumen sollte, lässt sich mit leichter Mühe auf derselben Bahn- strecke nach dem ehemaligen Kloster Arnsburg an der Wetter unternehmen. Am bequemsten benutzt man die Eisenbahn bis zur Station Lich, 15,3 km,(Gasthäuser: Holländischer Hof, Zum Lömen), einem freundlich an der Wetter gelegenen Städtchen von 2409 Einw., Sitz eines Amtsgerichts und Residenz des Fürsten von Solms-Lich, dessen Schloss in einem jedermann zu- gänglichen, mit selten schönen Bäumen bestandenen Park liegt. Von Lich aus erreicht man Arnsburg zu Fuss in 50 Min. Bei feuchter Witterung ist die auf dem rechten Ufer der Wetter entlang laufende Landstrasse, zu der man durch die Stadt ge- langt, vorzuziehen. Bei trockenem Wetter aber wähle man unter allen Umständen den auf dem linken Ofer entlang führenden Waldweg, welcher Schatten bietet und reich an Ab- wechslung ist. Wenn man vom Bahnhof kommt, gehe man an der Stelle, wo die Strasse nach der Stadt rechts biegt, links über das Bahngeleise den roten Punkten nach, oder man über- schreite die Brücke und wende sich links dem fürstlichen Park zu, welchen man durch eine Pforte bei einem Thorhause be- tritt. Im Park halte man sich links nach der lyetter hin, an der ein Pfad unter der Eisenbahnbrücke durch auf die Fluss- wiesen leitet. Diesen verfolge man am Flusse entlang, über- schreite denselben nach etwa 7 Min. auf der kleinen Brücke und gehe auf dem schmalen Wiesensteige dem Walde zu, wo man auf den markierten Weg trifft. Besonders das letzte Drittel des Weges ist von grosser Anmut, wenn man von dem markierten Wege ab rechts auf die Wiese tritt und das lieb- liche, von Laubwald umrahmte und vielfach sich windende Thälchen am Waldrande bis zum Kloster durchwandert. Bei einer mächtigen Eiche, die ihre Aeste über das Flüsschen streckt, geht man auf einem Knüppelstege über dasselbe, steigt die Treppen hinauf und gelangt links biegend gegenüber der in der ehemaligen Klostermühle eingerichteten guten Gastwirt- schaft von Thörner(auch Pension) in den äusseren Hof. Der mächtige Gebäudekomplex, dessen einzelne zum Teil noch wohl erhaltene Baulichkeiten Repräsentanten sümtlicher Stilperioden vom romanischen bis zur Renaissance des acht- zehnten Jahrhunderts aufweisen, bildet zu der stillen, weltab- geschiedenen Waldeinsamkeit einen ausserordentlich wirkungs- vollen Gegensatz. Und doch bezeichnen diese bis ins 12. Jahr- hundert zurückreichenden Klosterbauten nur einen Teil des Ent- wicklungsganges, den dieser Fleck Erde durchgemacht hat. Um diesen vom Beginn an zu verfolgen, gehen wir durch das Hauptthor, biegen vor demselben links in den an der Um- fassungsmauer und spüter an der Wetter entlang laufenden ziemlich steinigen, aber schattigen Weg, der in 10 Min. an Kloster Arnsburg. 73 vulkanischen Gesteinmassen hin zur Bergermühle und weiter zu einer Brücke über einen kleinen Zufluss der Wetter führt. Jenseits desselben hebt sich eine mässige Anhöhe mit ziem- lich steilen Abfällen nach drei Seiten, kenntlich durch eine weithin sichtbare, einsame Linde, welche aus dem Ackerland herauswächst. Es ist dies die Altenburg, auf welcher der hoch- verdiente Erforscher der Limes-Kastelle, Kofler aus Darmstadt, 1893 die zum Teil vorzüglich erhaltenen Grundmauern eines rõmischen Kastrums blosslegte. An Flächeninhalt stand es dem berühmten Taunuskastell der Saalburg wenig nach, nur hatte es andere Längen- und Breitenverhältnisse; auch zeigte es in- sofern eine Abnormität, als das Süd- und Ostthor Doppelthore waren. An der Römerstrasse, welche vom ersteren nach Süden ins Dekumatenland führte, wurden zahlreiche Gräber mit Urnen und sonstigem Inhalt aufgedeckt. Leider mussten die Reste der Bauten und Anlagen, welche Theodor Mommsen bei der Besichtigung den schönsten und am besten erhaltenen aller bis jetzt in Deutschland aufgedeckten Kastelle des Limes bei- zählte, aus wirtschaftlichen Rücksichten wieder zugeworfen werden; durch die Bemühungen des Oberhessischen Geschiehts- vereins ist es gelungen, einige charakteristische Reste, die Nord- ostecke der Umfassungsmauer und die porta principalis dertra blossgelegt und der Besichtigung zugänglich zu erhalten. Mitten im Lager nun, auf den Fundamenten des Prätoriums, legte Kofler die Grundmauern einer romanischen Kirche frei, deren Altar an der Stelle stand, wo jetzt die alte Linde dem Boden entwächst. Es waren dies die Spuren der ursprünglichen Kloster- anlage der Benediktiner, welche Konrad von Arnsburg 1151 gründete, die sein Schn Kuno aber nach 32 jährigem Bestehen wegen Entartung des Ordens aufhob, um statt ihrer an der Stelle seiner Stammburg an der Wetter 1174 die Cisterzienserabtei Aensburg zu stiften, nachdem er seinen Sitz nach dem benachbarten Schloss Münzenberg verlegt hatte. Das Kloster gewann bald unter der rührigen Leitung des Ordens, der damals in starkem Aufstreben begriffen war, grosse Bedeutung; mehrere Klöster waren der Auf- sicht der Abtei unterstellt, zahlreiche Pfarrkirchen der Nachbar- schaft nebst ihren Filialen dem Kloster einverleibt. Im Verhält- nis dazu wuchs sein Besitzstand in überraschender Weise; es er- warb Güter in der nähern und weitern Umgebung, und noch jetzt bezeugen die Bezeichnungen Arnsburger Hof, Arnsburger Strasse in Friedberg, Wetzlar, Frankfurt und verschiedenen anderen Orten die weitreichenden Verbindungen des Klosters. Dass es ihm gelang, seinen Besitzstand durch die Jahrhunderte selbst aus den Unbilden des dreissigjährigen und siebenjährigen Krieges zu retten, zeigen die noch jetzt vorhandenen bedeutenden Baulichkeiten, welche allen Epochen angehören. Als aber der Reichsdeputationshauptschluss 74 Kloster Arnsburg. vom Jahre 1803 den geistlichen Stiftern in Deutschland ein jähes Ende bereitete, fielen die Güter des Klosters zum grössten Teile an das Haus Solms, die Abtei selbst an die Linie Solms-Laubach, in deren Besitz sie noch jetzt ist. Treten wir, von der Altenburg zurückkehrend, durch das nach W. sich öffnende Hauptthor, über dem das Standbild des heiligen Bernhard, des Begründers des Cisterzienserordens, thront, so liegt vor uns ein langgestrecktes massives Gebäude, der Bursenbau, ehemals die Wirkungsstätte des Pater Bursa- rius, dem die Verwaltung des Klostervermögens anvertraut war. Seit 1847 ist der Bau zu einem Rettungshaus für ver- wahrloste Mädchen umgewandelt, die hier von einer Lehrerin und fünf Schwestern unterrichtet und erzogen werden. An der Spitze des Vorstands der Anstalt steht der Graf von Solms- Laubach. Ein Thorweg führt durch diesen Bau in den inneren Klosterhof, wo an dem Gebäude rechts sich die Schelle be- findet, um den mit der Führung durch die Ruine betrauten gräflichen Obergärtner herbeizurufen(Trinkgeld). Man lasse sich, um bei der Besichtigung möglichst dem Gange der ge- schichtlichen Entwickelung zu folgen, sogleich zu dem ältesten Teile, zu der das Kloster auf der Nordseite abschliessenden Kirche führen. Auf alle werden diese Ruinen in ihrer stillen Entlegenheit mitten im üppigen Gartengrün, in die nur das Rauschen der hohen Bäume hineintönt, einen unauslöschlichen Eindruck machen, der nur durch den Gedanken an den Van- dalismus gestört wird, der ein solch edles Menschengebilde dem Verderben überliefern konnte. Und doch würde der Zauber, den das unversehrte Gotteshaus ausüben könnte, kaum grösser sein, als die so jammervollen Trümmer in ihrer stummen Be- redsamkeit, die sich in ihrer Wirkung vollrechtlich den be- rühmten Resten der Klosterkirche von Paulinzell in Thüringen an die Seite stellen dürfen. Unmöglich aber ist es, sich eine Vorstellung zu bilden von der zauberischen Schönheit, mit der die Ruinen auf den wirken, dem es vergönnt ist, am späten Sommerabend bei Vollmondschein in ihnen verweilen zu dürfen. Da werden sie lebendig und scheinen hervorzutreten aus den schwarzen Schatten der scharf umrissenen Pfeiler, die alten Mönche und Aebte, die einst hier beteten, deren Grabdenk- mäler noch jetzt zum Teil in den Wänden der Seitenschiffe eingelassen sind, und die dereinst in stillen und entsagungs- reichem Wirken Kultur und Aufklärung in die deutschen Wälder trugen. Da müssen wir Achtung gewinnen vor einem viel geschmähten Stande, aus dem heraus ein schlichter, frommer Sinn Gebilde zu schaffen vermochte, vor denen' wir jetzt in Bewunderung und Beschämung stille stehen müssen. Kloster Arnsburg. 75 Der älteste Teil des Gotteshauses, welches dem letzten Drittel des 12. Jahrhunderts entstammt, stellt einen romanischen Pfeiler- bau dar mit einfachstem Grundriss. Von dem Vierungs- quadrate aus stösst ein Quadrat nach O. als Chor vor, je eines nach N. und S. bilden das Querschiff, zwei Quadrate nach W. das Hauptschiff, an welches sich ein rechtes und linkes Seiten- schiff in halber Breite anlegen. Bald aber muss die Kirche zu klein geworden sein; man verlängerte daher das Haupt- schiff um 2 ½ Quadrate, und dem entsprechend die Seitenschiffe genau im Sinne des vorhandenen Planes; aber unwillkürlich stiehlt sich in die Verbindung der Pfeiler, welche Haupt- und Nebenschiff scheiden, statt des bisherigen Rundbogens der flache Spitzbogen des früheren Uebergangsstils ein. An die Längsschiffe schliesst sich eine Vorhalle, das sog. Paradies, welches durch ein jetzt vermauertes Portal im rechten Seiten- flügel mit der Kirche zusammenhing, daher nur vom Hofe her zugänglich ist. An das nördliche Querschiff legt sich der alte Friedhof, ein überaus lauschiges und heimliches, von Bäumen überschattenes Plätzchen, auf dem noch die Toten der nächsten Umgebung ihre Ruhestätte finden. Wir wenden uns zu dem in der Verlängerung des süd- lichen Querschiffs, getrennt von ihm durch die Sakristei, ge- legenen Kapitelsaal, einem etwa 100 Jahre jüngern gotischen Bau, welcher bei wichtigeren und feierlichen Gelegenheiten die Mitglieder des Ordenskonvents versammelte. Vier schlanke Pfeiler tragen neun rippenlose Kreuzgewölbe, die ihre übrigen Stützpunkte auf den an den Wänden angeordneten Säulen finden. Die Ostwand ist durchbrochen durch drei Fenster- anordnungen, in deren jeder ein gotischer Bogen drei Fenster- öffnungen überspannt, von denen aber die mittlere Gruppe neuerdings zu einem Eingang vertieft ist. In der Westwand öffnen sich zwei ebenfalls von Spitzbögen umrahmte Doppel- fenster, zwischen denen das Portal auf das sog. Brunnen- gärtehen führt, jetzt eine Obstanlage, deren Raum jedoch zu Mönchszeiten von dem Kreuzgang des Klosters eingeschlossen war. An der Nordseite desselben, an der Aussenwand des linken Seitenschiffs der Kirche, befindet sich ein beachtens- werter Grabstein des Ritters Johann von Falkenstein, † 1365. In der Verlängerung des Kapitelsaals liegt das Konventshaus mit dem Dormitorium, den Schlafräumen der Mönche im Ober- stock, welches jetzt wenig Bemerkenswertes mehr bietet. Daran schliessen sich die für den Abt bestimmten Räume, welche in langer Flucht die Südseite der Klostergebäude abschliessen, unter ihnen der Küchen- und der Prälatenbau. Sie entstammen alle, wie die über den Portalen angebrachten Jahreszahlen ausweisen, der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts und sind 76 Kloster Arnsburg— Münzenberg. wohl erhalten, aber ebenso wie der von der Wetter umflossene Garten nicht zugänglich, da der junge Graf von Laubach in denselben Wohnung genommen. So kann der Beschauer auf diesem reizenden Fleckchen Erde an der Hand zum Teil wohl erhaltener Zeugen einen Entwicklungsgang der Kulturgeschichte von fast achtzehn Jahrhunderten an sich vorüber ziehen lassen, eine Gelegen- heit, die ihm auf deutscher Erde in solcher Weise sich nicht oft bieten dürfte. Genaueres über das Kloster und seine Geschichte findet man in„Aug. Röschen, Wanderung durch die nördliche Wetterau“, mit vielen Abbildungen und Plänen. Giessen, Verlag von Emil Roth, Preis 1,50 Mk. Den Rückweg von Arnsburg nehme man entweder nach Lich, wobei man darauf achte, dass man von der Wirtschaft aus links am Bursenbau und am Paradies vorbei gehen muss, um dann rechts die Treppe hinunterzusteigen, die auf den über den Bach führenden oben erwähnten Knüppelsteg leitet. Nach- dem man die Wiese überschritten, halte man sich, wenn sie gangbar ist, auf dieser links am Walde entlang, um nach etwa 10 Min. rechts auf den Waldweg zu treten, oder man gehe gleich den roten Punkten nach in den Wald. Wernicht den- selben Weg zu- rückzumachen wünscht, kann vor dem Hauptthore, dem sog. Pforten- bau, zwischen „. zweien wählen. Der Münzenberg. eine führt in etwa 2 ¾ Std. nach Butz- bach über Münzenberg und wird wegen der hier gelegenen Burgruine gern gewählt. Man schlage vor dem Thore links den S. 72 beschriebenen Weg nach der Bergermühle ein und folge den roten Strichen über Trais-Münzenberg bis Münzen- berg(Wirtschaft von Jaeger). Zu dem soeben verlassenen Kloster stellt sich die auf einer Basalthöhe über dem kleinen Städtchen thronende Schloss- ruine, die mächtigste der Wetterau, dem Besuchenden in wir- kungsvollsten Gegensatz. Die beiden Türme, welche aus den Schmalseiten des ovalen Unterbaus aufstreben, überragen be- Pfahlgraben. 77 herschend die Gegend. Der eine der Türme ist besteigbar und gewährt von seiner Plattform eine weite Rundschau.(Näheres s. in dem erwähnten Führer von Röschen(Verlag v. E. Roth Giessen). Von Münzenberg führt die Strasse über Rockenberg und Griedel nach Butzbach(s. unten). Der zweite Weg vom Thore der Arnsburg auf führt rechts und folgt ebenfalls den roten Strichen. Auf einem anmutigen Pfade(Jägerpfad), der nach einer Waldwanderung von etwa ¾ Std. auf die Strasse von Hof Güll her stösst, führen dieselben in 1 ½ Std. nach der Halte- stelle der Oberhessischen Bahn Garbenteich, durch welche man, um zur Station zu gelangen, hindurchgehen muss. Da, wo die Strasse von Dorf Güll nach Garbenteich aus dem Walde tritt, quert sie den Pfahlgraben, der zu beiden Seiten als flacher, buschbewachsener Wall mit davorherziehen- dem Graben deutlich erkennbar ist. Da wir denselben noch öfter auf unserer Wanderung treffen werden, so mag an dieser Stelle einiges zur Orientierung darüber gesagt werden, zumal das Interesse daran seit Einsetzung der Reichs-Limeskommission und dem Wiederaufbau der Saalburg in den Vordergrund ge- drängt ist. Nachdem Kaiser Tiberius den Germanicus nach seinem dritten mit sehr zweifelhaftem Erfolge unternommenen Feldzuge gegen die Germanen abberufen hatte, beschränkten sich die Römer Germanien gegenüber auf die Verteidigung der Rhein- und Donaulinie, hielten aber zur Sicherung derselben einen Teil des rechtsrheinischen Landes, das sog. Dekumaten- land, besetzt, welches sie mit Militärstrassen durchzogen und durch eine Grenzwehr gegen plötzliche Anfälle des kriegs- lustigen Volkes schützten. Diese Grenze ist der Limes, welcher sich in einer Länge von etwa 550 km von der Donau zum Eheine zog und durch zahlreiche, durchschnittlich in einer Entfernung von 13 km dicht hinter der Verteidigungslinie gelegene Kastelle gedeckt wurde, wie wir ein solches in der oben beschriebenen Altenburg bereits kennen gelernt haben. Er beginnt oberhalb der Altmühlmündung bei Kelheim und zieht sich in flachem nach N. ausgebuchtetem Bogen gegen W. bis in die Nähe des Städtchens Lorch im Remsthale. Hier wendet er sich in scharfem Winkel nach N., läuft ziemlich parallel dem Neckar und zieht sich durch den östlichen Oden- wald, bis er bei Miltenberg den Main erreicht. Auf längere Strecke wird er durch den Fluss ersetzt, bis zum Dorfe Gross-Krotzenburg oberhalb Hanau, von wo er nach N. laufend die Wetterau umspannt, um, nachdem er bei Grüningen in derselben seinen nördlichsten Punkt erreicht hat, nach SW. biegend am Ostabhange des Taunus entlang dem Hauptkamm des Gebirges zuzustreben. Er gewinnt denselben südlich von 78 Pfahlgraben. Bad Nauheim auf dem Winterstein und folgt ihm auf der Nord- seite bis in die Nähe von Langenschwalbach. Hier ändert er die bisherige westliche Richtung in nordwestliche, überschreitet die Lahn bei Bad Ems und stösst endlich zwischen Rhein- brohl und Hönningen auf den Rhein. Dieses ganze gewaltige Werk geht aber keineswegs auf eine Anlage und auf eine Zeit zurück. Zunächst unterschieden die Römer den limes Raeticus, die Strecke von der Donau bis Lorch umfassend, und den limes kransrhenanus, worunter sie die Strecke von Lorch zum Rheine begriffen. Während der erstere vorwiegend eine gemauerte dammartige Anlage mit vorgezogenem Graben aufweist, vom Volksmunde auf weite Strecken die Teufelsmauer genannt, besteht die rheinische Grenzwehr vorwiegend aus Erdwall und Graben, entsprechend dem Abschnitt, welcher sich uns auf dem Wege von Arnsburg nach Garbenteich bot. Weil aber der ganze Befestigungszug so viel als möglich die Höhenlinien einhielt, der Graben also nur in den seltensten Fällen mit Wasser zu füllen war, so waren in demselben auf der ganzen Strecke Palissaden ein- serammt, welche ihm im Volksmunde den Namen Pfahlgraben erwarben. Zahlreiche Ortschaften, Efahldorf bei Kipſenberg, Pahlheim bei Ellwangen, Pfahlbronn bei Lorch, Pfedelbach bei Oehringen, Pohlgons bei Butzbach, sowie die Pohlschlucht bei Ems führen von ihm ihre Namen. Der neueren Forschung ist es zudem gelungen, die Spuren der Palissadenreste fast auf der sanzen Linie nachzuweisen. Aber auch die rheinische Strecke war keineswegs ein Werk aus einem Gusse. Denn abgesehen davon, dass dieselbe eine innere Parallellinie aufweist, die von Cannstatt bis Gunzenheim bei Wimpfen den Neckar innehält, von da auf den das Mümmlingthal auf der rechten Seite begleitenden Odenwaldhéhen entlang zieht, bis sie zwischen Miltenberg und Aschaffenburg bei Wörth an den Main stösst, wies auch der Hauptzug namentlich in den sog. Begleithügeln, welche meist innerhalb, zuweilen aber auch ausserhalb desselben lagen oder von ihm qurchschnitten wurden, niemals aber eine konstante Lage zu demselben behaupteten, eine Abnormität auf, die man aus der Anlage des Ganzen nicht zu erklären vermochte. Es ist das Verdienst der Mitglieder der Reichs-Limes-Kommission für das Grossherzogtum Hessen, W. Soldan und C. Anthes, die Bedeutung der Begleithügel aufgeklärt zu haben, als sie 1895 die Odenwaldlinie einer genauen Untersuchung unterzogen, der sie im folgenden Jahre die Wetterauer Strecke von der Capersburg bis Arnsburg folgen liessen, und dadurch zu Ergeb- nissen gelangten, die für die weitere Limesforschung grund- legend geworden sind. Sie stellten fest, dass diese Hügel von Rundgräben umgebene, tennenartig hergerichtete Plattformen Pfahlgraben. 79 waren, auf denen sich, wie die aufgefundenen Pfostenlöcher bewiesen, Türme von starkem Holzwerk erhoben. Auf der ganzen Linie dieser Hügel aber legten sie ein stets in dem gleichen Abstand von 30 m vor demselben herlaufendes Gräbchen auf, in dem sie die Spuren von eingelassenen Pfählen in jeweiligem Abstand von 1,40 m nachwiesen. Wahr- scheinlich waren diese Pfähle durch Flechtwerk verbunden und dienten, wenn sie auch nicht imstande waren, einen An- sturm auf die Dauer zu hemmen, doch dazu, den Feind für den Augenblick aufzuhalten. Dadurch gewann der Posten bei dem Turme Zeit, durch Entzündung eines Fanals auf dem- selben der zurückgelegenen Station ein Zeichen zu geben, welches von dort her um so eher gesehen werden musste, als sich diese Anlagen so weit als möglich auf der Wasserscheide halten. Wir haben in dieser Grenzsperre die älteste Limesanlage zu erblicken, welche in die Zeit des Kaisers Domitian fällt und im Anschluss an den Chattenkrieg des Jahres 83 auf- geführt wurde. Zwei spätere, durchaus selbständige und stärkere Züge, von denen der erste in die Zeit des Antoninus Pius, der zweite in die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts fällt, waren in dem Bereiche der Wecterau weiter gegen das Feindesland vorgeschoben. Der letzte, zugleich der äusserste und festeste, ist—. derjenige, dessen Spuren wir am häu- figsten begegnen. Bei seiner Anlage scheinen nicht lediglich militä- rische Gesichts- punkte massge- bend gewesen zu sein; soweit es sich mit ihnen vertrug, zog man das gute und nutzbare Land—— auf der Germanen- Rutzbach(alter Markt). seite in den Be- reich der Befestigung, und noch jetzt unterscheidet der Bauer am Pfahlgraben in bezug auf Bonität sehr genau zwischen dem Ackerboden auf römischer und germanischer Seite. Selbstver- ständlich liegt es nicht im Rahmen des Büchleins, weiter auf dieses interessante Thema einzugehen. Wer sich genauer unterrichten will, den verweise ich auf den schon erwähnten Führer von A. Rüschen,„Wanderung durch die nördliche Wetterau, 80 Butzbach, Bad Nauheim. für ein eingehenderes Studium auf das von F. Hettner redi- gierte Limesblatt. Die Besichtigung eines Abschnittes des äusseren Grenzwalls in dieser Gegend lässt sich bequem vor- nehmen, wenn man von der Haltestelle Schiffenberg den blauen Strichen nach S. durch Watzenborn folgt. Wo dieselben die Strasse von Steinberg nach Grüningen kreuzen, treffen sie auf die nördlichste Spitze des anfangs allerdings nicht erkennbaren Pfahlgrabens, den sie starke 1 ½ Std. bis zum Durchschnitt der Main- Weserbahn zwischen Langgöns und Butz- bach begleiten. Vor dem Durchschnitt führen die Zeichen links in den Wald. Biegt man von ihnen nach einigen Minuten in den ersten Waldweg links und von diesem wieder den ersten rechts, so führt letzterer in etwa 100 Schritten zu dem Platze, wo Geheimrat Soldan 1896 zwei Begleithügel aufgedeckt hat. Die charakteristischen Profile sind noch deutlich zu er- kennen, und wenn man von dem hintern sich westlich durch den Wald arbeitet, trifft man in 30 m Entfernung auf den erwähnten Graben. Leider ist die Strecke von den blauen Strichen an nicht markiert, sodass ein Auffinden des Platzes nicht ohne Schwierigkeit ist. Nach der Besichtigung kehre man auf demselben Wege zu den blauen Strichen zurück, welche nach links in der alten Richtung bald durch Unterholz zu einem Wärterhäuschen beim Eisenbahnübergang führen. Man überschreite das Bahngeleise und fol- geden gelbenZeichen durch schönen Wald nach Butzbach (3943 Einwohner), einer Station der Main-Weserbahn. Gasthöfe: Hess. Hof, Restauration Kalb- fleisch, beide am — A Bahnhof, Zum Löwen, Bad Nauheim aus der Vogelschau. Markt 1; ausführ- liche Beschreibung, Röschen, Wetterraufihrer. Die ganze Wanderung erfordert, abgesehen von der bei der Besichtigung zugebrachten Zeit, etwa 3 Std. Wer auf einer Lahntour Giessen erreicht, wird nicht leicht versäumen, dem benachbarten Bad Nauheim einen Besuch abzustatten. Aus diesem Grunde seien ihm, wenn es auch streng genommen, nicht in den Bereich dieser Schilderung fällt, einige Seiten gewidmet. Bad Nauheim, Station der Main-Weserbahn, Haltestelle Bad Nauheim. 81 für alle Schnellzüge, Höhe über N. N. 138 m, erreicht man vom Hauptbahnhof Giessen, Entfernung 27,9 km, mit dem Personenzuge in 45— 50, mit dem Schnellzuge in 30 Min. auf der Main-MWeserbahn, welche unmittelbar jenseits Giessen das Lahnthal verlässt, um über die trennenden Höhenzüge hinweg durch zum Teil tiefe Einschnitte bei Butzbach die Wetterau zu gewinnen. Gasthöfe: Hotel Kaiserhof in der Bahnhofsallee, L.*) 5— 10, Fr. 1,25, M. 3— 3,50, Pens. 9— 14 Mk. Hotel Bristol, Grand Hotel Imperial, Sprengels Sarkhotel, Hotel Auguste-Victorig, Sprudel-Hotel, sämtlich ersten Ranges mit ähnlichen Preisen. Ferner Europäischer Haf, Hotel Kursaal in der Kurstr., Hotel de Londres, Bahnhofsallee, Hotet Lnglischer Ho, Mühlstr, Hotel Hellevue, Parkstr., Hotel du Nord, Burgallee, Hotel Reichshof, Sprudel-Hotel-Restaurant Langsdonf in der Kurstrasse, das Eisenbahnhotel in der Nähe des Bahnhofs. Die Zimmerpreise sind verschieden nach Lage und Ausstattung. Billigeren Mittagstisch von 1,50— 1 Mk. und Bier erhält man bei Naberl in der Bahn- hofsallee, bei Burk und im Gambrinus, beide in der Reinhardstrasse, im Teichhaus am Teich im Kurpark u. a. Gafés: Café Metropole in den Colonnaden, Konditorei Fritz am Alicenplatz, Konditorei Görtz, Parkstr. u. a. Post: Post- und Telegraphenamt Ecke der Park- und Terrassenstr. in der Nähe des Kurhauses. Telephonverbindung nach allen Richtungen bis Berlin. Droschken zu jeder Zeit in grösserer Zahl am Bahnhof und an ver- schiedenen Halteplätzen. Tarif: Vom Bahnhof nach der Stadt oder dem Kurhause oder umgekehrt 1—2 Pers. 70, 3— 4 Pers. 90. Pfg. für die ein- spännige, 90 Pfg. und 1,10 Mk. für die zweispännige Droschke. Für eine vier- tel Stunde 1— 2 Pers. 80 Pfg., 3— 4 Pers. 1 Mk. einspännig, 1— 1,40 Mk. zweispännig. Die halbe Stunde 1,50 und 1,90 resp. 1.90 und 2,70 Mk., drei- viertel Stunden 2,10 und 2,70 resp. 2,70 und 3,90 Mk., eine Stunde 2,60 und 3,40 resp. 3,50 und 4,50 Mk, für jede viertel Stunde mehr 40 und 50 Pfg. resp. 80 Pfg. und 1 Mk. Für Fahrten in die Umgegend bestehen eben- falls feste Tarife. Tarif für Dienstmänner: Für eine Kiste oder einen Koffer bis 50 kg vom Bahnhof in die Stadt oder umgekehrt 50 Pfg. Bei Aufträgen für die viertel Stunde durchsehnittlich 30 Pfg. Es bestehen in Nauheim zwei Radfahrervereine, der Rad- fahrer-Club und der Bicycle-Ciub, Gauverband Frankfurt. Re- paraturwerkstätten: W. Wagner, Mechaniker, Riesstr., H. Sprengel, Mechaniker, Riesstr., Chr. Salzmann IX, Fahrrad- handlung, Parkstr., Jean Beck, Hauptstr. Bundesgasthof: Sprudel-Hotel-Restaurant Langsdorf, Kurstr. Turn-Verein mit eigenem Haus(Restaurant). Bad Nauheim, Stadt an der Usa mit 4516 Einw., wo- runter ungefähr 3500 evang., ist der Sitz eines Grossherzogl. Amtsgerichts, einer Badedirektion, eines Salinenamts u. s. w. Schon zur Zeit der Römer wurde hier Salz gesotten, doch weisen keine Spuren darauf hin, dass die hier zu Tage tretende Sole zu Badezwecken benutzt worden ist. Im Mittelalter gehörte der Flecken den Grafen von Münzenberg und kam 1255 durch Erbschaft an die Grafen von Hanau, in deren Besitz er bis ins 18. Jahrhundert verblieb. Als er nach Aussterben der Hanauer *) L. Logis, Fr. Frühstück, M. Mittagstisch. Illustr. Lahnführer. 6 82 Bad Nauheim, Quellen. Linie 1736 an Hessen-Cassel flel, suchte dieses besonders die Salz- gewinnung zu fördern, auf deren Bedeutung der Umstand schliessen lässt, dass Napoleon I. 1810 die Salinen seinem Günstling Davoust, Prinzen von Eekmiihl, als Geschenk überwies, der sie bis 1813 besass. Die Anfänge des Bades aber fallen erst in das Jahr 1835, als im jetzigen Hotel Kursaul 9 Wannen zu Badezwecken auf- gestellt wurden. Doch dauerte es trotz der Bemühungen der Ein- wohner, besonders des rührigen Badearztes Dr. Bode, geraume Zeit, ehe das Bad zu einer gedeihlichen Entwicklung gelangte, obgleich am 22. Dezember 1846, gewissermassen ein Weihnachtsgeschenk, nach längeren vergeblichen Bohrungen der Durchbruch des grossen Sprudels den Grund zu Nauheims späterer Entwicklung gelegt hatte. Die Kufürstliche Regierung betrachtete das Bad lediglich als eine Einnahmequelle, und aus diesem Grunde erteilte der Kur- fürst einer französischen Gesell- schaft die Konzession, 1854 eine Spielbank zu errichten, deren sittliche Gefahren er in landes- väterlicher Fürsorge von seinen Unterthanen abzuhalten ver- suchte, indem er ihnen das Spie- len verbot. Dennoch ist diese bedenkliche Massregel derspätern Entwicklung des Ortes, welcher im selben Jahre zu einer Stadt erhoben wurde, zum entschiede- nen Vorteil ausgeschlagen. Denn die Bedingungen, unter denen die Gesellschaft die Bank übernahm, waren für diese äusserst drückend, für das Bad aber im hohen Masse günstig. Denn ihnen verdankt 2 es die Erbauung des grossartigen —— Kurhauses mit seinen Pracht- Sprudel(Bad Nauheim). sälen, seinen zahlreichen Gesell- schafts- und Wirtschaftsräumen, die Anlage des 65 Hektar grossen Kurparkes, der an Grösse und Schönheit unter den ähnlichen Deutsch- lands seinesgleichen sucht, eines Meisterwerks des genialen Hof- gartendirektors H. Siesmayer aus Bockenheim; ferner die Auf- führung der ebenso geräumigen als zweckmässig angelegten Trink- halle mit daranstossendem Gewächshause, die Unterhaltung einer guten Kurkapelle, alles Einrichtungen, welche die Pächter ohne Entgelt, ja ohne eine Kurtaxe erheben zu dürfen, aus- führen mussten und welche ohne die Spielbank in dieser Gross- artigkeit wohl niemals zustande gekommen sein würden. Als daher, bald nachdem Nauheim 1866 preussisch und unmittelbar darauf Bad Nauheim. 83 durch Umtausch gegen Homburg hessen-darmstädtisch geworden, die Spielbanken 1872 aufgehoben wurden, fürchtete man allen Ernstes, dass es jetzt auch mit dem Bade zu Ende gehen werde. Aber die Nauheimer Sole, die am 15. Mai 1855 noch durch das Hervorbrechen einer neuen Quelle, des Friedrich-Wilhelm-Sprudels, verstärkt worden war, hatte sich als so heilkräftig und wirksam erwiesen, dass das Gegenteil eintrat; besonders seit der Mitte der achtziger Jahre nahm Nauheim einen derartigen Aufschwung, dass es von Jahr zu Jahr einen grössern Weltruf erlangte und jetzt mit über 20 000 Badegästen zu den besuchtesten Badeorten Deutsch- lands zähllt. Die Nauheimer Quellen vereinigen in glücklichster Zu- sammensetzung die verschiedensten und wertvollsten Eigen- schaften. Infolge ihrer natürlichen Wärme, die für viele Zustände gerade passend ist, wirken sie als Thermalbad, wie Wildbad, Teplitz, Ragatz, Gastein u. a., durch ihren Salzgehalt wie Kreuznach, Kösen u. s. w. als Solbad, durch ihren Reich- tum an Kohlensäure wie Schwalbach, Pyrmont u. a. als Stahl- bad, und die vorhandenen Einrichtungen gestatten, Bäder jeder Art, von den schwächsten bis zu den stärksten, zu verabfolgen. Frübjahr 1900 wurde die Solezufuhr Nauheims durch eine neue Quelle vermehrt. Nach längeren Bohrversuchen, welche nach Anweisung des hessischen Landesgeologen Prof. Dr. Lepsius angestellt waren, erschloss sich am 7. März der neue, sehr salz- und kohlensäurehal- tige Sprude! Nr. 14, ohne dass der ganz in der Nähe gelegene grosse und der Fried- rich-Wilhelm- Sprudel dadurch wesentlich beein- trächtigt wurden. Die Haupt- krankheiten, zu deren Hebung der Gebrauch der Nauheimer Bäder zu empfehlen ist, sind Herzleiden, Gicht und Gelenkrheuma- tismus, Katarrhe, Rhachitis u. s. w. Nauheim ist aber nicht nur als Badeort für heilsbedürftige besuchenswert, sondern gewährt durch seine schöne Umgebung, durch seine musterhaften Anlagen, besonders aber durch das bunte Badetreiben während der Saison auch dem Vergnügungs- 6* Friedberg. 84 Friedberg. reisenden und Touristen eine angenehme und willkommene Abwechslung. Von der Station gehe man durch die breite Bahnhofs- Allee um das gegenüberliegende Badehaus III herum zu den Sprudeln VII, XII und XIV, wende sich nach Besichtigung der- selben um das Badehaus Nr. II herum links der Stadt zu, und nach Ueberschreitung der Usabriüeke links zur Trinkhalle, vor der des Morgens bis 8 Uhr die Kurbapelle spielt. Vor der Trink- Ralle biege man rechts in die Kurstrasse und verfolge links den Pfad, welcher an den Siedhäausern vorbei zu den Gradierwerken führt, 6 mächtigen, mit Schwarzdornen gefüllten Holzgerüsten, durch welche die Sole einen Verdünstungsprozess durchzu- machen hat. Sie erreicht auf diese Weise einen Salzgehalt von etwa 24 Grad und wird dann in die Siedhäuser geleitet, um in ihnen durch Verdampfung vollends in Salz verdichtet zu werden. Einem dieser Häuser kann man, wenn man sich für den Vorgang der Salzgewinnung interessiert, auf dem Rückwege einen Besuch abstatten, oft wird aber ein Gang zu den Salinen mit einem Spaziergang nach Friedberg(Hotel Trapp, gut) verbunden, welches von dem letzten Gradierwerk aus auf gutem, allerdings noch schattenlosem Wege in ½ Std. erreicht wird. Den Rückweg kann man mit der Bahn nehmen, auch vermittelt ein Omnibus den Verkehr zwischen Nauheim und Friedberg. Bleibt am Vormittage noch Zeit, so mache — man einen Spazier- gang über die schöne Parkstrasse, die eigentliche Verkehr- strasse der Fremden in Nauheim, und besteige in der Ver- längerung derselben den Johannisberg, eine waldbedeckte, 266 m sich erheben- de Höhe im Westen der Stadt, zuaelcher— der Weg an Villen und Weinbergen vor- bei, dann durch Wald in etwa 25 Min. führt. Oben befindet sich neben der guten und vielbesuchten Restauration ein Turm, welcher weiten und lohnenden Ausblick auf die Wetterau und den Fogelsberg gewährt. Den Nachmittag widme man dem Besuch des Parks, in dem das reizend gelegene Teichhaus eine willkommene Raststelle bietet, sowie dem inmitten schöner Anlagen gelegenen Kurhause, welches ein reichhaltiges Lese- Ziegenberg. 85 zimmer sowie in der Regel eine Ausstellung moderner Gemälde bietet. Von 4 Uhr an ist vor oder in demselben regelmässiges Konzert der guten Badekapelle, während dessen sich das volle Treiben des Badelebens entfaltet. Ein beliebter Ausflugsort für die Badegäste ist nach dem im Usathale in einer Entfernung von 8 km. an der Strasse nach Usingen gelegenen Dörfchen Ziegenberg(Wirtshaus Zur Linde mit schönem, freien Platze im Angesichte des Schlosses). Das malerisch über dem Thale gelegene Schloss entstammt der Mitte des 16. Jahrhunderts und gehört jetzt Herrn Richard Passavant in Frankfurt a. M. Anziehend ist es nicht nur durch seine Lage und Umgebung, sondern besonders, weil Goethe hierhin den Schauplatz der Handlung in seinen Wahlverwandt- schaften verlegt. Von Giessen nach Wetzlar. 12,5 km, Fahrzeit 14(Schnellzug) bis 18 Min.(Personenzug). Tie Bahn hält sich auf dem linken Flussufer. 5,4 km Haltestelle Dutenhofen(nicht für alle Züge), 3 grösseres Dorf, dessen Häuser sich auf die Höhe hinaufziehen, neuerbautes Wirtshaus„Zum Jagdschlösschen“ neben der Haltestelle. Kurz vor der Station Wetzlar über- schreitet die Bahn, nachdem sich die Strecke Lollar-Wetzlar ihr angeschlossen hat, den Fluss. Für den Fusswanderer bieten sich zwei Wege. Auf der rechten Flussseite führt die Strasse von der Lahnbrüche in Giessen durch das weite, ebene Thal nach dem Dorfe Heuchel- heim(s. S. 67), überschreitet in demselben die Bieber und er- reicht nach etwa 1 Std. 20 Min. das am Berghange gelegene Atzbach. Nach dem alten Amthause, in welchem jetzt eine Cigarrenfabrik betrieben wird, wurde nach Kestners Tagebuch am 15. Aug. 1772 Goethe von Lotte geschickt, um der Frau Rentmeisterin eine Aprikose zu überbringen. In dem Orte mündet der Weg von Kinzenbach her, und man trifft auf rote Punkte, welche von Gleiberg nach Wetzlar führen. Bevor man zum nächsten Dorfe Dorlar kommt, liegt rechts die Haltestelle Dorlar. Atzbach der Lollar- Wetzlarer Bahn. Im Dorfe wendet sich die Strasse nach links(man achte auf die Wegzeichen, resp. folge den Telegraphenstangen!), überschreitet die Lahn und am gegenüberliegenden Thalrande die Bahn und wendet sich rechts nach dem Dorfe Garbenheim. Der reizend in Von Giessen nach Wetzlar. 87 die Bergbucht eingebettete Ort hat seine Berühmtheit durch Goethe erlangt, welcher hier gern weilte und ihm in den Leiden des jungen Werther unter dem Namen MWahlheim ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat.„Du kennst mein Wahl- heim“, schreibt er im Briefe vom 21. Junius;„dort bin ich völlig etabliert, von dort habe ich nur eine halbe Stunde zu Lotten, dort fühl' ich mich selbst und alles Glück, das dem Menschen gegeben ist.“ Freilich sieht der Ort seit dem Brande von 1866, in welchem der grösste Teil nebst der Kirche in Asche gelegt wurde, ganz anders aus, als zur Zeit, wo Goethe von Wetzlar über den Berg hinauswanderte, um auf dem Donf- platze zu rasten.„Was über alles geht“, heisst es im Briefe vom 26. Mai,„sind zwei Linden, die mit ihren ausgebreiteten Aesten den kleinen Platz vor der Kirche bedecken, der rings- um mit Bauernhäusern, Scheunen und Höfen eingeschlossen ist. So vertraulich, so heimlich hab' ich nicht leicht ein Plätz- chen gefunden, und dahin lass' ich mein Tischchen aus dem Wirtshause bringen und meinen Stuhl, trinke meinen Kaffee und lese meinen Homer.“ Der Platz ist am hundertjährigen Geburtstage des Dichters mit einem einfachen Obelisken be- zeichnet, das erwähnte Wirtshaus, welches links etwas zu- rückgelegen ist, ist ebenfalls neugebaut und jetzt unter dem Namen„Zum Goetheplatz“ eine von Wetzlarer Familien viel besuchte Gartenwirtschaft. Auf der Rückseite des Dorfes führt ein Weg über die Höhe in ½ Std. nach Wetzlar an der Garbenheimer Warte vorbei, einem alten Wartturm an der städtischen Gemarkungsgrenze, von dem man eine prächtige Aussicht hat, und der wurde durch den Kreis Wetzlar zu einem Bismarekturm ausgebaut wurde. Die Landstrasse geht im Thale weiter an verschiedenen Roteisensteingruben, durch deren Ab- bau die Thalwand sehr zerklüftet ist, sowie an steilen, durch Steinbrüche ausgeklüfteten Felswänden vorbei zum Hauser Thor. Die ganze vorstehend beschriebene Tour von Giessen nach Wetzlar erfordert etwa 2 ³ Stunden. Dieselbe Zeit nimmt die Fusswanderung auf der linken Lahnseite in Anspruch. Man verfolge die Frankfurter Strasse nach dem Dorfe Kleinlinden(½ Std.), biege beim Eintritt ins Dorf gleich rechts und halte sich auch bei späteren Wegab- zweigungen im Dorf rechts auf der Wetzlarer Chaussee. ¼ Std. jenseits des Dorfes zwingt ein mit Kiefern und Fichten bewachsener Bergvorsprung die Strasse zu einer starken Ausbuchtung nach rechts. Man kann dieselbe abschneiden, wenn man beim Apfelbaum 133 in der Nähe der Telégraphen- stange 187 den indes nur bei trockenem Wetter ratsamen Pfad aufwärts geht, welcher hinter jenem Waldstück herum- führend die Chaussee im Thale des Kleebach gegenüber der 88 Wetalar. sogenannten Teufelsmühle wieder gewinnt. Für die beschriebene Wegstrecke kann man von Giessen aus auch den Wiesenpfad durch den Hessler(s. S. 50) benützen, welcher beim Bahn- wärterhäuschen gegenüber dem Bergvorsprung auf die Chaussee stösst. Letztere überschreitet um die Bachwiese herumbiegend den Kleebach und führt gerade aus in das obere Dorf Duten- hofen(etwa 1 ½ Std.). Jenseits des Dorfes folgt man der Chaussee etwa 50 Min. und biegt mit den gelben Punkten rechts in den niedrigen Wald auf die alte Giessener Strasse, die man ½ Std. einhält, um dann unmittelbar vor der Stadt links den gelben Zeichen nach an einer Gartenmauer aufwärts wieder auf die Hauptstrasse zu gelangen. Geht man aber ganz der Chaussee nach, welche bald darauf auf die Wetalar- Butzbacher Landstrasse stösst, so trifft man, bevor man thal- abwärts geht, auf das alleinstehende Wirtshaus zur schönen Aussicht oder auch die Charlottenburg senannt, welches von der auf der Hinterseite des Hauses gelegenen Veranda einen prächtigen Blick auf den Stoppelberg und das Nauborner Thal bietet. Von hier abwärts schreitend hat man links eine schöne Aussicht auf das Lahnthal und die Stadt, in welche man durch das Oberthor eintritt. Wetzlar. Station der Giessen-Coblenzer und der Giessen-Kölner Bahn, welche sich hier trennen, Höhe über N. N. 152 m, ist Haltestelle für sämtliche Schnellzüge. Die Coblenzer Züge fahren auf dem südlichen Bahnsteig, wo auch die Wetz- lar-Lollarer Linie einläuft, die Kölner auf dem nördlichen ab. Der Bahnhof liegt von der Stadt 20 Min. entfernt. Gasthöfe: Herzogliches Haus(Besitzerin Frau Treine), in der Stadt am Buttermarkte dem Dom gegenüber gelegen, Hotelwagen am Bahnhof. L. Fr. 2,50 Mk., M. 2 Mk., Pens. 4 Mk., recht gut, bes. gute Küche. Hotel Kaltwasser(Besitzerin Frau Grethen), an der Bahnhofstr. 3 Min. vom Bahn- hof gelegen, L. Fr. 2,25 Mk., M. 1,75 Mk.; Hotel Kessel, unmittelbar am Bahn- übergang mit hübschem Garten, gleiche Preise, beide gut; Hotel Luy, Ecke der Bahnhofstr. und der Strasse nach der neuen Lahnbrücke; Hotel Zum Dom am Buttermarkt. Weinstuben: G. Ortenbach, Weissadlergasse C. 129, oberhalb des Post- gebäudes, weit bekannt durch gute Weine und feines Essen. Altdeutsche MPeinstube(von Jensen) am Fusse der Domtreppe. Bierrestaurationen: In allen Hotels mit Ausnahmen des Herzogl. Hauses, wo nur Flaschenbiere geführt werden; ferner Römischer Kaiser am Kornmarkt in der Oberstadt, Deutsches Haus in der Silhöferstr., in beiden auch Zimmer; Alte Post, Brauerei von G. Almenröder. Silhöferstr.; Zum Riesen bei Hufnagel in der Güllgasse(sog. Groschenjakob, gutes Bier und billiges Essen); Wirtschaft von Luw, Brauerei, nahe der Post; Küster, jenseits der alten Lahnbrücke gegenüber der Hospitalkirche, mit glasge- deckter Veranda, welche schöne Aussicht auf Fluss und Stadt gewährt und verschiedene andere. Wetzlar. 89 Gartenwirtschaften: Schitzengarten am Aufstieg nach dem Kalsmunt mit grossem Saal und schattigem Garten; Gartenwirtsch. von Bersch, Sil- höfer Chaussee gegenüber der Starkenweide, schöne Kastanienbäume. Konditoreien: Franz, Schmidtgasse; Koch, Krämergasse; Gerlach, Langgasse. Badeanstalten: Flussbäder in der Bade- und Schwimmanstalt am Hauserthor, angenehm, weil man im offenen Flusse schwimmen kann. Warme Bäder an der alten Lahnbrücke sowie im Hotel Kessel. Post: Das Post- und Telegraphenamt Hausergasse gegenüber der Domtreppe. Telephonverbindung mit Frankfurt, Weilburg und den Zwi- schenstationen. Es besteht in Wetzlar ein sehr rühriger Zweigverein des Taunusklubs, welcher die Wegemarkierung der Umgegend mit Sorgfalt ausgeführt hat,(Wege- und Farbentafeln an der neuen Lahnbrücke, am Silhöfer- und Oberthor) dann ein zum Gauver- band Frankfurt gehöriger Radfahrer- Ferein. Reparaturwerk- stätte: R. Goldmann, Fahrradhandlung, Bahnhofstrasse; Bun- desgasthof: Hotel— Kaltwasser, Bahnhof- strasse. Wetzlar, Stadt von 8909 Einw., da- runter etwa 7000 evang., Hauptort des zum Regierungsbe- zirk Coblenz gehöri- gen Kreises, der in- des von der Rhein- provinz durch die ganze Breite des ehe- maligen Herzogtums Nassau, des jetzigen Regierungsbezirks Wiesbaden getrennt wird, ist Sitz des Kgl. Landratamts, eines Kgl. Amtsgerichts, eines Staatsarchivs, eines Bergamts, eines Untersteuer-Amts, einer Eisenbahn-Betriebs- Inspektion, zweier Gemeinde-Oberforstereien u. s. w. An ÜUnter- richtsanstalten finden sich ein Kgl. Gymnasium, eine Hõhere Töchterschule, eine Bergvor- und Steigerschule, eine landwirt- schaftliche Winterschule u. s. w. Die Altstadt Wetzlar zieht sich vom Flusse, welcher hier scharf gegen den linken Thalrand vorstösst, den Berg hinauf, im nordöstlichen Teile gegen den Dom ziemlich steil, allmählicher im Südwesten, wo sich der Berg gegen den Wetzbach senkt und vor der Mündung desselben ein breiteres Vorland freilässt. Die beiden Vorstäüdte liegen auf dem rechten Ufer in der Flussniederung, die Langgasse auf einer Lahninsel, die Neustadt zwischen der Lahn und der Dill, dem bedeutendsten Zuflusse von rechts, welcher unmittelbar unterhalb der Stadt mündet. Die älteste Anlage ist die kirchliche auf dem beherrschend gelegenen Domberge, welche Wetzlar. 90 Geschichte Wetzlars. die Sage in das 8. Jahrhundert zurückgelegt, die jedenfalls aber schon im 10. Jahrhundert bestanden hat. Nicht viel jünger ist auf der südwestlichen Abdachung die Königliche Niederlassung, der Saalhof, von dem noch jetzt die Namen Saalhof, Hofstatt, Silhoferstrasse Kunde geben. Aber die Lage des Platzes im Westen der weiten Flussniederung des mittleren Lahnlaufs, am Eingange der Thalrinne, welche sich der Fluss zwischen Taunus und Wester- wald hindurch gegraben hat, die von der Natur gebildete Strasse an der Dill aufwärts über die Wasserscheide zur Sieg, wo sich die Wege zur alten Handelsmetropole des nordwestlichen Deutsch- lands Köln und nördlich zu den früh erblühten westfälischen Städten öffneten, die leichte Verbindung in die Wetterau, die den Verkehr nach Frankfurt zwanglos vermittelte, während der Oberlauf der Lahn in das Weserthal und nach Osten hinüber wies, beherrschte in viel höherem Masse als jetzt eine der wichtigsten Nebenstrassen des grossen deutschen Handelsweges, des Fheinlaufs, und musste frübzeitig auch zu einer Handelsniederlassung einſaden. Naturgemäss lehnte sich der Markt an die schon bestehende kirchliche Gründung an. Hier strömten bei den kirchlichen Festen die Umwohnenden von weit her zusammen, hier war die grösste Nachfrage und das bequemste Angebot, hier unter dem Schutze der Heiligen und des könglichen Saalhofes die grösste Sicherheit für Person und Ware. Die Kaufleute, welche ihre Waren auslegten, bald aber sich dauernd ansässig machten, genossen besonderer königlicher Privilegien, welche sie unmittelbar unter den Schut⸗ des Königsbannes stellten und sie ausnahmen von den allgemeinen Volksgerichten. Im rechtlichen Sinne wurde Wetalar zur Stadt, als jene Kaufmännischen Privilegien durch kaiserliche Verleihung auf die gesamte Siedelung ausgedehnt wurden und die alte Burg und das Gotteshaus mit in ihren Bereich zogen, d h. als das Kaufmannsrecht zum Stadtrecht wurde. Die erste Urkunde, welche nachweist, dass der Ort Stadtrecht erlangt und sich zum Range einer königlichen Stadt erhoben hat, ist vom Jahre 1180, in welchem Kaiser Friedrich I. seinen Bürgern von Wetzlar dieselben Rechte verleiht, wie den Bürgern von Frankfurt. Wetzlar war jedoch keineswegs ein blosser Markt und Durch- gangspunkt für Handel und Warenverkehr, sondern die Verar- beitung der in den heimischen Bergen gewonnenen Erze, besonders des Eisensteins, die jetzt eine der Haupterwerbsquellen für Stadt und Umgegend bildet, muss schon in den ältesten Zeiten eine grosse Rolle gespielt haben. Auf die Bedeutung der Eisenindustrie weisen nicht nur die in dem Kaufmanns- und Handwerkerviertel erhaltenen Namen des Lisenmarkts, der Sehmied- und Pfannen- stielsgasse(— Pfannenschmiedsgasse), sowie die grosse Zahl der Wetzlarer Schmiede in der Mitte des 14. Jahrhunderts, die sich infolgedessen zu einer Zunft zusammenschlossen, sondern auch Wetzlar. Das Reichskammergericht. 91 zahlreiche Urkunden, welche einen uralten Bergbau in der Gegend nachweisen. Die älteste Nachricht findet sich in dem Lorscher Codex aus der Zeit um 780, und aus den noch vorhandenen Resten alter Schmelzstätten lässt sich nachweisen, dass die sogenannte Fennarbeit auf Eisenstein schon vor einem Jahrtausend in Betrieb gewesen sein muss. Der starke Eisenhandel aber wird bezeugt durch eine im Stadtarchiv befindliche Urkunde vom 26. August 1277, worin die Frankfurter Bürger den Wetzlarern, welche mit ihren Eisenwaren die Messe beziehen, eine Zollermässigung zu- gestehen. Die Entwicklung der Stadt im Mittelalter steigt und fällt mit der des Städtewesens im westlichen Deutschland überhaupt. Mit den Städten der Wetterau, Frankfurt, Friedberg, Gelnhausen, mit denen sie im Landfriedensverband steht, hebt sie sich zur Blüte, welche in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts unter Luduig dem Bayern ihren Höhepunkt erreicht, sie macht in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die stürmischen Kämpfe der demokratischen Zünſte gegen die Geschlechter durch, gerät dadurch in äusserste finanzielle Bedränguis, welche sogar zeitweise die Er- klärung der Stadt in Acht und Bann zur Folge hat, und hat besonders einen schweren Stand, weil sie ihre Freiheit und Auto- nomie gegen grössere und kleinere Dynasten, die ihr Gebiet zahl- reich und begehrlich umgeben, in oft schwierigen Fehden zu ver- teidigen gezwungen ist. Doch bewahrt sie ihre reichsunmittelbare Stellung bis zur Auflösung des Reichs. Wie die aller Städte und in noch höherem Masse wurde ihre Kraft gebrochen in dem unseligen grossen Kriege, der die Heer- haufen fast aller streitenden Parteien in ihre Mauern führte. Durch die dreissigjährige Kriegsnot war ihr der Lebensnerv, der Handel und Verkehr, abgeschnitten, und sie sank herab zu einem bedeu- tungslosen, armseligen Ackerstädtchen, welches kaum die Erinnerung an seine einstige Stellung bewahrte. Für den Erwerb der Bürger musste es daher als eine Wohlthat empfunden werden, als sich die Aussicht eröffnete, das Reichskammergericht in ihren Mauern aufzunehmen, welches durch die Raubzüge Luduwigs XIV. aus seinem bisherigen Sitz Speyer vertrieben und heimatlos geworden war. Aber keine Stadt im Reich wollte seine oberste Behörde aufnehmen, und gegen die beiden Orte, welche sich eifrig um dieselben be- mühten, Friedberg und Wetalar, wehrten sich die Mitglieder aufs heftigste. Die Kommission, welche am Pfingstfest 1689 Wetzlar aufsuchte, fasste ihr Urteil dahin zusammen. die Stadt sei zwar eine Reichsstadt, aber so ganz unansehnlich, dass das Kammerge- richt ohne eine Verminderung der ihm gebührenden Achtung, und selbst ohne Nachteil der Hoheit des heiligen Römischen Reichs darinnen nicht wohnen könne. Dennoch wurde Wetzlar gewählt. Ausschlaggebend war neben der bequemen Lage in der Mitte des 92 Goethe in Wetzlar. Reichsgebiets, dass die drei anerkannten christlichen Konfessionen daselbst freie Religionsübung hatten, nicht zum wenigsten aber, weil das Gericht ausser in Friedberg nirgend wo anders ein Unter- kommen sah. Denn wenn es in dem Reskript des Kaisers Leopold vom 28. März 1693 heisst, dass es einstweilen— ad interim— in der Reichsstadt Wetzlar zu eröffnen sei, so hat doch dieses Interim gedauert bis zum seligen Ende beider, des Reichs und seines Gerichts. Pröffnet wurde es in seiner neuen Heimstätte am 15. Mai 1693 durch den damaligen Kammerrichter, den Kurfürsten Johann Hugo von Trier, die letzte Eintragung in das Matrikel- buch findet sich unter dem 10. Mai 1806. Wetalars Name wurde durch das ganze Reich bekannt und genannt, wenn auch nicht gerade auf rühmliche Weise. Aber wie ein die trübe Dämmerung durchleuchtender Sonnenstrahl fällt in jene Epoche die Anwesenheit des jungen Goethe, der nach Beendigung der Strassburger Studien die Stadt aufsuchte, um hier einen praktischen Kursus an dem„höchstadeligen“ Gerichts- hof durchzumachen. Auch verwandtschaftliche Bande knüpften ihn an Wetalar, denn seine Grossmutter mütterlicherseits, eine geborne Lindheimer, stammte von dort, und noch wohnten dort seine Grosstante, die alte Geheimrätin Lange, mit ihren zwei Töchtern. Seine Eintragung in das in Archiv aufbewahrte Matrikel- buch, die wortgetreu lautet:„Johann Wolfg. Goethe von Frfurt am Mayn d. 25. May 1772“*, ist jedoch das einzige Ueberbleibsel seiner juristischen Thätigkeit an diesem Platze. Desto erkennbarer sind die Spuren seines Privatlebens während seines fast viermonat- lichen Aufenthalts geblieben; denn hier durchlebte er seine eigent- liche Sturm- und Drangzeit. Das Ferment, welches durch Herders Einwirkung in ihn hineingeworfen und welches in Strassburg in seinem Verhältnis zu Friederile mehr nach der ästhetischen Seite von ihm empfunden worden war, kam in Wetzlar Lotten, der Tochter des Deutschherrnamtmanns Buf, gegenüber in leidenschaft- licher Weise zum Durchbruch. Das Unhaltbare und Gefährliche in der Neigung zur Braut seines Freundes, die ihrerseits das Ver- hältnis, wenn auch mit der zeitüblichen Sentimentulität, aber inner- lich kühler auffasste(s. seine Sendung nach Atzbach S. 85), hat zweifellos der Kriegsrat Merk, der Mentor des Dichters wenn auch in mephistophelischem Gewande, aus der Ferne wohl erkannt. Als er nach Ablauf der üblichen drei Praktikantenmonate erschien, er traf mit Goethe Mitte August im Höpfnerschen Hause in Ciessen zusammen, hütete er sich wohl, seinen jugendlich schwärmenden Freund, den er nach Wetalar begleitete, durch direkte Vorstellungen zu reizen; er schlug vielmehr den seiner Eigenart entsprechenden Weg ein, ihm das Verhältnis, so sehr er Lotte selbst geschätzt zu haben scheint, lächerlich zu machen. Wie empfindlich aber der Dichter gerade einem solchen Verdachte gegenüber war, verraten Neuere Entwicklung Wetzlars. 93 seine gereizten Aeusserungen über den spottlustigen Herder in Strassburg. Gelang es Merk auch nicht, seinen Schützling sogleich mit sich zu ziehen, so band er ihn doch durch einen festen Termin für ein Zusammentreffen in Coblenz. Am 10. September riss Goethe sich los, ohne Abschied zu nehmen, und wanderte, wie er uns in Dichtung und Wahrheit beschreibt, das Lahnthal abwärts. Diesmal schied er nicht wie aus Strassburg im Gefühl der Schuld, aber vielleicht in dem für ihn noch empfindlicheren, aus jenem Herzensduell nicht als Sieger her- vorgegangen zu sein. Was aber bei schwächeren Naturen in jener empfindsamen Zeit vielleicht zum Selbstmord geführt hätte, das brach aus seiner gesunden Seele als die schönste Blüte der Poesie. Seine Rache war der Werther. Fünf Jahre später zog in Wetzlar in gleicher Eigenschaft als Praktikant ein Jüngling ein, der als Mann nicht minder tief in das politische Leben der Nation eingegriffen hat, wie Goethe in das geistige. In der erwähnten Matrikel findet sich unter dem 20. Mai 1777 eingetragen: Henricus Fridericus de Stein od. d. et ao., die Handschrift des späteren grossen Staatsmannes, des Freiherrn vom Stein, dem wir auf unserer Wanderung abwärts noch öfter begegnen werden. In dem merkwürdigen Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 wurde Wetzlar neben Aschaffenburg und Regens- burg dem Reichskurerzkanzler von Dalberg zugewiesen, dem es auch verblieb, als ihm drei Jahre später als Fürstprimas von Na- poleon der Vorsitz des Rheinbundtages zu Frankfurt übertragen wurde. An die siebenjährige Herrschaft desselben erinnert der reiche Dalbergsche Fond, den er aus den Ergebnissen der einge- zogenen geistlichen Güter der katholischen Gemeinde überliess und aus dem noch jetzt die gesamten Kirchen- und Schulkosten der- selben bestritten werden. Auf dem Wiener Kongress fiel Wetzlar an Preussen, welches daraus mit dem mediatisierten Solms-Braunfelsischen und einigen anderen Gebieten einen Kreis bildete und denselben dem Regierungs- bezirk Coblenz zufügte. Die preussische Regierung errichtete in der Stadt ein Gymnasium und verlegte dorthin das rheinische Jägerbataillon Nr. 8, welches in fünfzigjähiger Garnisonszeit aufs engste mit der Bürgerschaft verwuchs, bis es zum grossen Schmerze derselben im Herbst 1877 von dannen ziehen musste, um in dem neugewonnenen Reichslande an der Grenzwacht teilzunehmen. Mit der Eröffnung der Schienenwege und Eisenbahnen im Anfang der 1850 er Jahre hat sich auch in Wetzlar eine kräftige Industrie entwickelt; Zeugnis davon geben die ver- schiedenen Eisenwerke, welche sich um den Bahnhof herum lagern, die Sophienhütte, das Walzwerk, zwei Eisengiessereien, ferner eine chemische Fabrik, zwei Cementfabriken, eine Kalk- 94 Wetazlar, Beschreibung der Stadt. brennerei, Anlagen, welche die Ergebnisse des heimischen Berg- baues verarbeiten. In der Stadt selbst beschäftigen mehrere Gerbereien, Handschuhfabriken, eine bedeutende Haarfabrik hunderte von fleissigen Händen, besonders haben die oplischen Institute von Leitz und Gebrüder Seibert, denen sich neuer- dings ein drittes von Hensold angereiht hat, einen Weltruf erworben. Immerhin aber leidet Stadt und Kreis unter dem Umstand, dass sie zu einer Provinz gehören, mit der sie weder äusserlich durch gemeinsame Grenzen, noch innerlich durch Lebens- und Interessengemeinschaft verbunden sind. Der Bahnhof sowie der grösste Teil der industriellen Anlagen liegen auf dem Gebiet des Dorfes Niedergirmes; die Stadt selbst birgt sich noch hinter dem Lahnberge, welcher vorerst nur einen Blick auf den Dom und die alte Burgruine gestattet. Erst wenn man nach etwa 5 Min. im Schatten einer stattlichen Allee auf gutem Cementpflaster der Kreisstrasse folgend den Schifffahrts- kanal überschritten hat, welcher die bei der Stadt liegenden Wehre umgeht und wenig weiter abwärts eine Schleuse bildet, gelangt man auf städtischen Grund. Hier teilen sich die Strassen. Wer die geradeaus zu den Vorstädten führende Kreisstrasse weitergeht, hat unmittelbar, nachdem er das in der Strassen- gabelung stehende Hotel Luy passiert hat, ein prächtiges, wohl abgerundetes Bild vor sich. Zur Rechten sieht man durch Pappeln, Weiden und Obst- bäume die Häuser der Forstadt hin- durchscheinen, während der gegen das Thal steil ab- fallende Kals- munt mit dem ein- samen Bergfried A den Blick begrenzt. Wet⸗lar. Zur Linken senken sich die Abhänge des Lahnberges zu den nördlichen An- fängen der Stadt nieder, hier und da einen Hausgiebel aus dem dichten Buschwerk hervorblicken lassend. Den Mittel- punkt aber bildet der altehrwürdige Dom. der auf dem Vorsprunge des zur Lahn sich senkenden Plateaus gelegen, beherrschend in die weite Thallandschaft hinausschaut. Um ihn lagern mit ihren hohen, schieferbekleideten Dächern die Häuser der Mittelstadt, während die Oberstadt hinter seinem breiten Rücken sich birgt. Zu seinen Füssen, gleichsam unter Wetzlar. Goethebrunnen. 95 seinem Schutze, zieht sich eine Reihe stattlicher Gebäude hin, die ihre dem Beschauer zugekehrten Mauern und Giebel im Wasser wiederspiegeln. Fluss, Busch und Wiese bilden den lieblichsten Vordergrund und helfen, das Stadtbild zu einem wirkungsvollen zu gestalten. Biegt man aber vor dem genannten Hotel nach links, so kommt man in wenigen Schritten zur neuen Hängebrücke über die Lahn; eine in den rechten Sandsteinpfeiler des rechten Ufers eingelassene eiserne Platte nennt als die Bauherrn vien Gewerke, welche 1873 die Brücke auf eigene Kosten errichteten, ein bleibendes Denkmal, welch reichen Gewinn der Bergbau des Wetzlarer Reviers abwirft. Jenseits der Brücke, an deren Ausgang links eine vom Taunusklub angebrachte doppelte Wegetafel steht, gelangt man auf die Strasse von Garben- heim, welche nach rechts durch ein altes, zwischen Berg und Fluss eingezwängtes Thor, die Ziegelpforte, auch Hauserthor ge- nannt, in die zwischen Gartenmauern an der Badeanstalt vorbei zur Stadt leitende Hausergasse führt. Nach wenigen Schritten mündet von links unmittelbar vor dem in parkartigem Garten gelegenen stattlichen Direktionshause der Buderusschen Eisen- werke ein anmutiges Thälchen, welches von dem zur Lahn fliessenden Wasser gerissen, die die Stadt tragende Berglehne von dem Lahnberge scheidet. Ein kleiner Bach, der Haarbach, führt spärliches Wasser die Thalsohle herab, nur bei plötz- lichem Regen wird er ungestüm. An den sonnigen Thal- wänden liegen stattliche Häuser und wohlgepflegte Gärten, und auf der linken Seite steigt eine Steintreppe zu einem hübschen Aussichtspunkte über Stadt und Thal, der Metzeburg, hinauf(oben einfache Restauration). Innerhalb der Schleife, welche der die Haarbach aufwärts leitende Fahrweg bildet, um zur Stadt hinanzuklimmen, fliesst in der Tiefe aus zwei Röhren ein Quell klaren Wassers, der Wöllbacher Brunnen, gewöhnlich aber Goethebrunnen genannt. In Werthers Leiden findet sich im Briefe vom 12. Mai folgende Stelle:„Ich weiss nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme, himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so paradiesisch macht. Da ist gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin, wie Melusine mit ihren Schwestern. Du gehst einen kleinen Hügel hinunter und findest dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Ein- fassung macht, die hohen Bäume, die den Platz ringsumher be- decken, die Kühle des Orts, das hat alles so was Anzügliches, so was Schauerliches. Es vergeht kein Tag, dass ich nicht eine Stunde da sitze.“ Jetzt kommen kaum noch, wie zu Goethes Zeit, die 96 Wetzlar, Beschreibung der Stadt. Mädchen aus der Stadt und holen Wasser; denn die alte Quelle ist durch den Bergbau unterbunden, und die neu eingelenkte fliesst nur spärlich; die Schauer der Einsamkeit, die diesen Ort um- wehten, haben den vordringenden Häusern weichen müssen, die Bäume sind der Zeit und dem Sturm zum Opfer gefallen. Aber wer einst mit heimlichen Entzücken jenes hohe Lied der leiden- schaftlichen Empfindung gelesen, der fühlt mit frommer Rührung um sich den Genius des Dichters schweben, der aus mächtigem Empfinden sich zur Klarheit durchzuringen suchte. Die Strasse vom Goethebrunnen aufwärts führte einst am alten, jetzt geschlossenen Kirchhof vorbei, auf welchem an nicht mehr bekannter Stelle Jerusalem-Werther begraben liegt, in die Stadt durch das Woöllbacherthor, welches wie die ganze Stadtmauer der linken Seite verschwunden ist. Auf dem Zuge derselben führt jetzt die Kreisstrasse entlang, auf der linken Seite be- gleitet von Anlagen, der sogenannten grossen Promenade. Auf derselben erblicken wir das Sammelbassin der Wetzlarer Wasser- leitung sowie etwas weiterhin ein einfaches Denkmal, einen Obelisken mit den eingelassenen Medaillons der beiden ver- storbenen Kaiser. Kreuzt man weitergehend beim jetzt abge- tragenen Oberthor, dessen Lage durch zwei einander gegen- überliegende Häuschen bezeichnet wird, die aus der Stadt führende Frankfurterstrasse, so gelangt man, einen mit Gold- fischen besetzten Teich umschreitend, zu einer Art Kanzel, von der man einen hübschen Ausblick auf das Lahnthal und die dasselbe umsäumenden Höhen des Westerwaldes und den Kalsmunt hat. Zur Rechten erkennt man die Reste der alten Stadtmauer, welche vom Oberthor bis in die Nähe der Lahn die Stadt umzieht. Wir kehren zurück, um die Stadt auch in ihrem Innern kennen zu lernen, und verfolgen die an der Einmündung der Haarbach verlassene Hausergasse weiter an den ehemaligen Stiftsmühlen(in denselben gute Wellenbäder) vorbei zu dem stattlichen Postgebäude, welches an der Stelle des alten Reichs- kammergerichts aufgeführt und 1884 eröffnet wurde. Das alte Gebäude, dessen Lage noch nach den im Vorhofe stehenden Linden zu erkennen ist, hatte bis 1806 als Sitzungshaus gedient. Gegenüber an der Ecke der Domtreppe erhebt sich ein modernes Haus im Stil des Mittelalters, jetzt eine Weinhandlung mit Weinstube, welches ein interessantes Beispiel für sorgsamste Raumausnützung ist. An das Postgebäude schliesst sich das Kgl. Amtsgericht, in dessen Gewölben sich jetzt das Preussische Slaatsarchiv mit demjenigen Teil der alten Reichskammergerichts- abten befindet, welcher bei der Verteilung an die einzelnen Bundesstaaten als preussische und sogenannte inseparabilia uussog 1 2ON IuNA T 21 uld ,T A2J5!, I Dorr do dol,I.SSn z3, L Loe eeesS21721173, 22585N 72007. 4EppEX7!290 7,6 es.75Sul9, g SS21oSn, maede, Whuupe eueacgn 2ldldᷣ 3, Snvg 2ueno, II Lonlirie o Snv 6 000˙§ 2dubs de 2041118D1: dlue 9 Sndek V vnv 521/5P2.n T, eeynd Wetzlar, Der Dom. 97 unteilbare) zurückbehalten wurden. Für das Studium der Rechts- und Kulturgeschichte bietet dasselbe sehr wertvolles Material, welches noch lange nicht genügend ausgebeutet ist und von dem Vorsteher desselben, dem Geheimen Archivrat Veltmann, in der zuvorkommendsten Weise zugänglich gemacht wird. Hier wird auch das erwähnte Matrikelbuch mit den Eintragungen Goethes und Steins aufbewahrt. Während bei der Weinstube von Ortenbach und etwas weiter rechts verschiedene Treppen zur alten Lahnbrüecke hinabsteigen und dem Fremden einen interessanten Einblick in den Aufbau der Stadt gewähren, biegt links die Schwarz- adlergasse auf den Buttermarkt, den grössten und schönsten Platz der Stadt. An der Ecke der kleinern Abseite zur Rechten steht ein stattliches, mit einem schwarzen Doppeladler ge- schmücktes Gebäude, welches dem Reichskammergericht für seine Sitzungen diente, bevor dieses in die neue Behausung in der Hausergasse übersiedelte. Auf der Nordwestseite des Buttermarktes steht an der Ecke der Baugasse das jetzige Rathaus, welches in dem städtischen Archiv zahlreiche auf die Geschichte Wetzlars bezügliche Urkunden, besonders eine Reihe vorzüglich erhaltener Kaiserurkunden, nebst einigen nicht uninteressanten Altertümern birgt. Auf der rechten Seite des Marktes, der südlichen, liegen zwei Gasthöfe. Das Herzogliche Haus an der Ecke des Fusch- und Buttermarkts, führt seinen Namen von einer Herzogin Pauline von Württemberg, die in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts getrennt von ihrem Gemahl hier resi- dierte. Das Gebäude oberhalb, in noch späterer Zeit als Gasthaus zum Dom eingerichtet, dürfte das älteste Privathaus der Stadt sein und diente schon im vierzehnten und fünf- zehnten Jahrhundert für den Propst des Kollegiatstifts als Wohnung. Die mächtigen, 1 ½ m dicken Mauern schützten es bei den zahlreichen Bränden, welche die Stadt heimsuchten. Das Haus darüber am Eingange der Enten- und Schmiedgasse, jetzt den Eisenwarenladen von Brenner enthaltend, war zu Goethes Zeit unter dem Titel„Zum Kronprinzen“ der erste Gasthof der Stadt. Hier hatte er seinen Mittagstisch und fand jene lustige Gesellschaft, aus der ihm, wie er in Dichtung und ahrheit erzählt, ein drittes akademisches Leben ent- gegensprang. An der ehemaligen Hauptwache vorbei, einem flachen Gebäude aus rotem Sandstein, dessen Bestimmung dunch den steinernen Landsknecht über dem Portal und die beiden Adler an den Ecken angedeutet wird, gelangen wir zum Dom, welcher die nördliche Seite des Platzes, mächtig in denselben hineinragend, einnimmt, in seschichtlicher wie künstlerischer Illustr. Lahnführer. 7 98 Wetzlar, Dom. Beziehung die Perle der Stadt. Reihen von Kastanienbäumen, unter denen die Büste des jugendlichen Goethe aufgestellt ist, schliessen ihn im Süden gegen das Alltagsleben der Strasse ab, während am Fuss der Türme, welche wegen des bröckeln- den Mauerwerks mit einer hölzernen Barriere umgeben sind, an den Markttagen das Treiben der Käufer und Verkäufer wie schon vor einem halben Jahrtausend sich tummelt. Ge- teilte Empfindungen müssen den Beschauer beim Anblick dieser halbfertigen Steinmasse bewegen, Bewunderung für den hohen Sinn unserer Vorfahren, die einem idealen Zwecke —— Mittel zur Verfügung stellten, welche dem lebenden Geschlecht unerschwinglich scheinen müs- sen, Staunen über die stolze Kraft des deutschen Bürgertums im Mittelalter, welches in sich das Vermögen empfand, ein sol- ches Unternehmen zur Ehre Gottes und seiner eigenen zur Vollendung zu führen; Wehmut aber, dass auf die Dauer diese Kraft versagte und einem spä- teren, schwächeren Geschlecht nur vergönnt blieb, die Zeugen einer grossen Zeit, die im Ent- stehen schon Ruinen wurden, unter schlechtem Dach in die Gegenwart herüber zu retten. Hat der Dom diesen trümmer- haften Zustand mit manchem alten Bauwerke des deutschen Vaterlan- des gemein, so steht er doch einzig da durch die Mannigfaltigkeit der Baustile, die in den einzelnen Teilen zu Tage treten und eine Jahrhunderte lange Entwicklung vom romanischen Stil bis zur späten Gotik in den mannigfachsten Abstufungen verfolgen lassen. Die älteste Anlage ist der hinter den Türmen sich bergende, aus Basalt aufgeführte sogenannte Heidenturm mit dem eigenartigen romanischen Portal, die in ihrer jetzigen Gestalt nicht über die Mitte des 12. Jahrhunderts zurückreicht, aber augenscheinlich, wie aus der mangelnden Zusammengehörigkeit der einzelnen Ornament- teile am Portal und am Turmgesims hervorgeht, durch Zu- sammenfügung von Bau- und Ornamentstücken entstanden ist, die einem früheren romanischen Bau entnommen wurden. Während auf der Scheide zwischen dem Chor und dem süd- lichen Kreuzhause eine seltsame Verquickung von romanischem und gotischem Stil bemerkbar wird, gehört der Chor selbst dem — Dom zu Wetzlar. Wetzlar, Dom. 99 Uebergangsstil an. Nachdem dann die Bauthäütigkeit längere Zeit geruht zu haben scheint, wurde in dem Jahre 1336 unter der Regierung Ludwigs des Bayern, unter dem die Entwicklung der Stadt ihren Höhepunkt erreichte, eine Erweiterung und Ver- schönerung der Kirche in grossartiger Weise in Angriff genommen. Jener Zeit entstammt der durch eine unschöne hölzerne Erweite- rung verunzierte Lettner, der in erster Linie den Zweck gehabt haben dürfte, einen durch die Bauthätigkeit ungestörten Raum für den Gottesdienst der Stiftsherrn abzugrenzen. Der Plan ging auf eine allmähliche Erweiterung der Hallenkirche nach Westen, indem man schliesslich die Längsschiffe über den romanischen Turmbau hinaus um zwei Joche verlängerte. Die alten Türme sollten bei fortschreitender Vollendung der auf den westlichen Seitenschiffs- jochen sich aufbauenden neuen nach und nach niedergelegt werden. Aber je länger, je mehr versagten die Mittel, nicht zum wenigsten, weil das Interesse schwand; so blieb der nördliche Turmbau ganz liegen, der südliche gelangte bis zur Plattform, und als mit Ein- führung der Reformation der Bau ganz ins Stocken gerieht, erhielt er einen Holzaufsatz mit Schieferhelm, welcher nach dem Brande von 1561 durch das jetzige Krondach ersetzt wurde. Der bekannte Wetalarer Spruch: „Zu Wetzlar auf dem Dom Sitzt der Teufel auf der Nonn,“ beruht auf einem durch ungenaues Beobachten veranlassten Miss- verständnis. Das über dem Portal des südlichen Langhauses be- findliche, arg verwitterte Consol zeigt im Relief einen Teufel, wie er einen bärtigen Mann, nicht eine Nonne, umschlingt. Die Kirche gehörte dem Marienstift, einem wohl im 10. Jahr- hundert gegründete Kollegiatstift, welches bald eine bedeutende Zahl von Mitgliedern aufzuweisen hatte. Schon im 14. Jahr- hundert trennten sich die Domherrn von der Stadtgemeinde. Erstere hielten ihren Gottesdienst in dem durch den Lettner abgeschlossenen Chor, während das Schiff der Gemeinde zur Verfügung blieb; doch war der Stadtpfarrer einer von den Scholastern. Als im Anfang des 19. Jahrhunderts das Kollegiatstift aufgelöst wurde, bestand es noch aus einem Dechanten, zwei Scholastern und einem Kantor, nachdem die Würde des Propstes schon vor mehr als einem Jahr- hundert dauernd auf den Erzbischof von Trier übertragen war. Seit Einführung der Reformation durch den Scholaster Antoni, der 1542 mit der gesamten Gemeinde zum evangelisch-lutherischen Bekenntnis übertrat, während die Chorherrn mit ihrer Dienerschaft dem katholischen treu blieben, hat zwischen beiden Konfessionen der Streit über den Anteil am Besitz des Domes niemals geruht. Erst in neuerer Zeit hat derselbe zu der immerhin noch proviso- rischen Einigung geführt, dass die katholische Gemeinde die aus- schliessliche Eigentümerin des Chors ist, der evangelischen das 7* 100 Wetzlar, Dom, Lottezimmer. Schilf zufällt mit der Bestimmung, ihre Gottesdienste auf die Stunden von 7 bis 9 Uhr des Morgens und von 12 bis 2 Uhr des Mittags zu beschränken. Uebrigens entbehrte das Verhältnis der beiden Bekenntnisse nicht der humorvollen Beziehungen. Bis zur Auflösung des Kollegiatstifts hatte der katholische Dechant den evangelischen Oberpfarrer, der neu in sein Amt eintrat, auf die Augsburgische Konfession zu verpflichten und denselben einzuführen. Zum letztenmal geschah dies im Jahre 1792. Auf der nördlichen Seite des Domes befindet sich ein mässig geräumiger, freier Platz, der kleine Kirchhof, von dem man einen prächtigen Blick auf das Lahn- und Dillthal und auf die Schorn- steine der Industriestadt hat. In der Mitte desselben hat der Bildhauer Lehr, ein Wetzlarer Kind, für die im letzten Kriege gegen Frankreich gefallenen Bürgersöhne ein Denkmal errichtet und der Stadt zum Geschenk gemacht. Das grüne Laub der Linden bildet einen stimmungsvollen Hintergrund und scheidet es in wohl- thuender Weise von dem altersgrauen gotischen Gemäuer des Doms. An der Ecke des Platzes nach dem Chor zu wohnt der katholische Küster, welcher die Kirche aufschliesst, daneben die evangelische Küsterei, in welcher der Schlüssel zum Lottezimmer zu haben ist. Kehrt man von hier zwischen Dom und St. Michaelskapelle auf den Buttermarkt zurück und lenkt bei der ehemaligen Hauptwache in die enge, zwischen Gartenmauern eingezwängte Pfahfengasse ein, so gelangt man bei der ersten Querstrasse, der sogenannten Gänsweide, vor ein offenes Thor, welches in einen geräumigen Hof leitet. Im Hintergrunde ein stattliches, massives Haus, rechts ein mit Bäumen angepflanzter, umzäunter Platz, in dessen Mitte ein alter Baumstumpf, der Rest der Goethelinde vom Wöllbacher Brunnen, steht, links niedrige, zum Teil zu Wirtschaftszwecken bestimmte Gebäude. Wir stehen vor dem deutschen Hause, früher Eigentum des deutschen Ordens, zu dessen Commende Schiffenberg das Anwesen gehörte, jetzt von der Stadt zu einem Heim für eltern- and mittellose Kinder eingerichtet. Ein enges, steiles Preppchen führt uns von der ersten Thür des bescheidenen Seitenbaues zu zwei Räumen, von denen der grössere die Ecke gegen das Hofthor einnimmt. Es ist, wie die an der Aussenseite angebrachte Marmortafel anzeigt, das Lottezimmer, und das Haus war vor 130 Jahren die Wohnung des Ordensamtmanns Bufl, der Schauplatz des Goethe-Wertherromans in Metzlar. Einzelne unbedeutende Gegenstände, zum Teil von Lottes Hand, erinnern an die einstige Bewohnerin, und pietätvoller Sinn hat die Räume in zeitentsprechender Weise auszustatten gesucht. Aber wenn auch geschickte und sorgliche Mädchenhände ihnen damals ein wohnlicheres Ansehen verleihen mochten, so Wetzlar, Goethe.! 101 empfinden wir doch mit Rührung, in wie bescheidenen Ver- hältnissen unsere Vorfahren glücklich zu sein vermochten, wie viel reicher unser Leben geworden ist. Vor dem Thore des deutschen Hauses links wendend gelangen wir in die Schmiedgasse, welche links zu einem zweiten grösseren Platze, dem Kornmarkt, führt. Unter den Häusern, welche ihn umrahmen, ragt in der südlichen Reihe der Gast- hof zum Römischen Kaiser hervor, kenntlich an dem stattlichen Standbilde über seiner Thür, in welchem schon zu Goethes Zeiten die Konzerte und grössern Lustbarkeiten, besonders zur Karnevalszeit die Maskenbälle, abgehalten wurden, eine Bestimmung, der es bis heute treu geblieben ist. Vom obern Ende des Kornmarbts führt die Oberthorgasse an den auf dem Terrain der ehemaligen Jesuitenniederlassung errichteten Ge- bäuden des Kgl. Gumnasiums vorbei aus der Stadt heraus auf die Franbfurterstrasse. Biegt man aber vorher rechts in die erste, ziemlich steil abwärts führende Gasse, die enge Näksburg ein, so gelangt man neben dem Hause zum Kalsmunt links zu einer Treppe, welche ihren Namen von dem am obern Ende gelegenen ehemaligen reformierten Pfarrhause führt. Hier war einst im Oberstock die Wohnung Johann Christian Kestners. im Werther als Lottes Bräutigam Albert genannt, welcher bei Goethes Anwesenheit in Wetzlar als Sekretär der Bremischen Subdelegation der Reichskammergerichtsvisitation bereits seit fünf Jahren in der Stadt weilte und sich nach kaum halb- jährigem Aufenthalt mit Charlotte Buff, wenn auch nicht öffent- lich, verlobt hatte. Goethe weilte manche Stunde in den pescheidenen Räumen bei dem anspruchslosen, aber gediegenen und warm empfindenden Manne, dessen ruhige Besonnenheit nicht wenig dazu beigetragen hat, dass die W etzlarer Episode in dem Leben des Dichters ohne Katastrophe endigte. In dem stillen Schatten des gegen die Stadtmauer stossenden Gartens hielt dieser am 10. September als Gast Kestners sein letztes Mittagsmahl in Metalar, ohne dass dieser eine Ahnung davon hatte, dass bereits die tiefe Bewegung der bevorstehenden Trennung das Herz des Freundes durchzuckte. Am folgenden Morgen war er ohne Abschied verschwunden. Vom Kornmarbt senkt sich das Terrain gegen W. ziemlich steil zur Unterstadt, und die Gassen, welche hinunter führen, müssen die Steigung zum Teil durch Treppen überwinden. Schlagen wir die obere derselben, die Gewandsgasse, ein, zu der neben der Imgardtschen Buchhandlung Stufen hinunterführen, so bemerken wir an dem vierten Hause zur Linken eine ein- fache Marmortafel, welche anzeigt, dass hier einst Goethe seine Behausung hatte. Von hier aus hatte er wenige Schritte zu seinem Freunde Kestner, zu seinem Mittagstisch im Kron- 102 Wetzlar, Gang durch die Stadt. prinzen, zu dem Silaungshause und wohin es ihn wohl öfter ziehen mochte, als zum Orte seiner beruflichen Thätigkeit, zum deutschen Hause. Sie bildete auch örtlich den Mittelpunkt seines Wetzlarer Interessenkreises. Weiter abwärts vereinigt sich die Gewandsgasse auf dem Liebfrauenberg mit der Sehuhgasse, und beide münden mit jähem Abfall auf den Eisenmarkt. Trotz seiner geringen Grösse und der dem Verkehr wenig günstigen Bodengestalt bildet dieser dritte Platz den eigentlichen Mittelpunkt der Stadt. Hier stehen die Häuser am engsten gepackt, laufen die Gassen am zahlreichsten zusammen, und schon die Namen derselben zeigen an, dass hier das eigentliche Kaufmanns- und Hand- werkerviertel lag, welches sich zwischen die kirchliche und könig- liche Niederlassung unwiderstehlich hineinschob. Leider ist der alte Brunnen bei Anlage der Wasserleitung in Rücksicht auf den Verkehr entfernt worden; aber wer spät abends bei Voll- mondschein des Weges kommend von der Ecke der Lahngasse seine Blicke schweifen lässt über die scharf beleuchteten, altertümlich spitzgiebeligen Häuser, deren Oberbau zum Teil über die Grundmauern hervorragt, während die dunkeln Schatten die einmündenden Gassen mit ihren Häuserreihen mehr ahnen als erkennen lassen, wird sich unwillkürlich um Jahrhunderte zurückversetzt glauben und dieses alte Städte- bild dem vielgerühmten von Nürnberg und anderen an die Seite stellen. Die Hauptstrasse, welche vom Hauserthor her die Stadt unter den verschiedenen Namen der Hauser, der Weissadler-, der Krémergasse durchzieht, setzt sich von hier unter dem Namen der Silhöferstrasse fort und führt, von beiden Seiten verschiedene Gassen aufnehmend, zu dem vierten städtischen Platz, der seit dem hundertjährigen Geburtstage Schillers nach diesem seinen Namen trägt. Den dreieckigen Raum schliesst im S. das Kirchengebäude eines ehemaligen Franziskanerklosters, jetzt im Chor für den evangelischen Gottesdienst eingerichtet, während das geräumige Schiff, welches zu diesem Zwecke mit einem aufgesetzten Stock und einem Treppenturm ver- sehen ist, für die evangelischen Volksschulen verwendet wird. In der Häuserreihe, welche im N. den Plat⸗z umsäumt, fällt hinter den Kastanien durch seine zwei vorspringenden Erker ein Haus in die Augen; eine kleine Marmortafel meldet, dass hier am 20. Oktober 1772 Kar! Wilhelm Jerusalem starb, jener unglückliche, vielversprechende Sohn des Abts von Rid. dagshausen, welcher aus hoffnungsloser Liebe und gekrünktem Ehrgefühl freiwillig aus dem Leben schied, und dessen tragisches Ende Goethe seinem Werther substituiert hat. Wetzlar, Kalsmunt. 103 Wenden wir uns dem westlichen Ausgange der Stadt zu, so führt die grosse Strasse, nachdem wir zwischen den Resten der alten Stadtmauer das verschwundene Silhéferthor durch- schritten und auf einer Brücke den Wetzbach passiert haben, lahnabwärts zwischen wohlgepflegten Gärten und stattlichen Häusern hindurch zu einem mit herrlichen alten Linden bepflanzten Platz, der Starkenweide, der gegenüber die Garten- wirtschaft von A. Bersch liegt. Zur Linken zieht vom Thore aus eine Strasse ins Thal der Wetzbach aufwärts nach dem Dorfe Nauborn, unser Hauptaugenmerk aber nimmt der Burgberg in Anspruch, dessen Masse sich beherrschend in die Gabelung der beiden Thäler einschiebt. Der Weg zieht sich, von schwarzen Dreiecken bezeichnet, zwischen dem Schützengarten, einem im Sommer vielbesuchten Gartenlokale, und den stattlichen, von Anlagen umgebenen Gebäuden der optischen Fabrik von Leitz durch eine noch erhaltene Vorstadt- pforte gegen den Berg. Leider wird die Reinheit seiner Höhenlinien empfindlich gestört durch die Steinbrüche, welche von der Südost- und Nordseite immer tiefer in die Bergformen eindringen und den Gesamteindruck beeinträchtigen. Um so prächtiger ist der Anblick, der sich uns nach einer Wanderung von etwa 10 Min. zuerst durch Baumstücke und im obern Drittel durch spärlichen Tannenbestand auf der Höhe darbietet, wo der Wetzlarer Verschönerungsverein durch Anbringung mehrerer Bänke Gelegenheit zum Ausruhen ge- geben hat. Zwar ist von der alten Burg ausser dem trotzigen Berg- fried nicht viel übrig geblieben, und nur die basaltnen Trümmer des Thores und des schlanken, kühn gegen das Thal vor- hängenden Mauerturms, welche die Anlage gleichsam aus dem Berge herausgewachsen erscheinen lassen, geben uns ein Bild von der Gestalt und Festigkeit des alten Herrensitzes. Die Feste war eine Reichsburg; auf derselben sass ein Vogt, welcher die kaiserlichen Rechte in der reichsfreien Stadt zu wahren hatte. Ueber Alter und Ursprung ist gestritten worden; schon der Name Kalsmunt hat zu manchen Vermutungen Anlass gegeben, von denen die, welche das Wort auf eine Zusammensetzung aus „kahl“ und„Munt“= Schutz zurückführt, am meisten Wahr- scheinlichkeit haben dürfte. Dem viereckigen Bergfried hat man römischen Ursprung zuerkennen wollen; doch sind die Gründe, die dafür ins FPeld geführt werden, nicht ausreichend, und wer in den Vogesen, am Rhein und Main gewandert ist, wird die gleiche Form an den Türmen vieler mittelalterlicher Burgen„haben be- obachten können. Doch ist nicht ausgeschlossen, dass derselbe schon früher als Wartturm oder letzte Zuflucht in Feindesnöten das Haupt des Berges gekrönt hat und bei der Erbauung der 104 Wetzlar, Kalsmunt. Burg, welche in die Zeit der Hohenstaufen fallen dürfte, in die- selbe hereingezogen wurde. Dass die Feste in einer Fehde oder einem Kriege gebrochen worden sei, wird nirgends angegeben: ihr jetziger Zustand ist daher wohl weniger auf gewaltsame Weise herbeigeführt, als dadurch, dass man, nachdem sie als Wohnsitz aufgegeben war, den Einwirkungen von Wind und Wetter freies Spiel liess, wohl gar durch Abfuhr von Baumaterial zur Zer- störung mithalf. Auch die Sage umrankt mit ihren Gebilden diese Trümmer einer versunkenen Zeit. Nach ihr soll Tuile Kolup, der sich in den achtziger Jahren des 13. Jahrhunderts am Niederrhein als Gegenkaiser Rudolfs von Habsburg aufstellte, auf dem Kalsmunt seine letzte Zuflucht gefunden haben. Doch auch dieses roman- tische Bild hält vor der geschichtlichen Beleuchtung nicht Farbe. Nach Angabe unserer Chronisten fand dieser Schwindler, der sich für den aus dem heiligen Lande zurückgekehrten Hohenstaufen Friedrich II. ausgab, und dem der Wunderglaube und die chiliasti- schen Erwartungen der Zeit zu gute kamen, besonders Anhang bei dem deutschen Bürgertum, welches Rudolf wegen seiner anspruchs- vollen Steuerforderungen nicht günstig gesinnt war. Er suchte daher Aufnahme in Wetzlar, dem damals hochgeachteten Gliede des Wetlerauer Städtebundes. Als aber Rudolf, der anfangs der Bewegung keine Bedeutung beigemessen, mit Heeresmacht heranzog, wurde den Bürgern doch bange, und sie lieferten ihren Schützling aus, ohne es auf einen Kampf ankommen zu lassen. Der Habs- burger machte der kurzen Herrlichkeit des Pseudokaisers dadurch ein Ende, dass er ihn nach der gewöhnlichen Annahme— doch sind auch hierüber die Angaben verschieden— im Kaisersgrund, einem in unmittelbarer Nähe der Stadt gelegenen Seitenthälchen am Engen Wege, welches von diesem Vorgang den Namen behielt, verbrennen liess. Steigt man auf der Wendeltreppe des Turms, zu dem man in der Stadt sich den Schlüssel beim Kaufmann A. Wala- schmidt am Schillerplate oder im Sehützengarten geben lässt (10 Pfg.), zur Hlattform, so geniesst man einen Rundblick, wie sich wenige in gleicher Mannigfaltigkeit in den deutschen Gauen finden dürften. Eine vom Taunusklub TWetzlar ange- brachte Tafel erleichtert die Orientierung. Im NO. senkt sich dem Beschauer gerade entgegen die Stadt vom Berge zum Thal hinunter, ein Meer von grauen Schieferdächern, hier und da von anspruchsvolleren Farben unterbrochen, beherrscht von der roten Sandsteinmasse des Doms. Ueber ihr ragt auf der Hochebene der einsame Turm der Garbenheimer Warte und schaut nach den beiden Burgen, dem VFetzberg und Gleiberg, welche die das Lahnthal umsäu- Kalsmunt. 105 menden Höhen krönnen. Den Hintergrund bildet nach dieser Seite die Kuppe des Dünsberges, dessen weit sichtbarer Aus- sichtsturm beherrschend auf die ihm vorgelagerten Ausläufer des Westerwaldes nieder blickt. Nördlich von ihm treten niedrigere Erhebungen hervor, zwischen denselben das bei guter Beleuchtung scharf sich abhebende Schloss von Hohen- solms. Rings sind alle Höhen mit Wald bedeckt, an den Hängen weite Kornbreiten, die sich zu zahlreichen, den Thal- rand säumenden Dörfern hinabsenken. Im N. dehnt sich zu den Füssen des Beschauers die weite Niederung, durchzogen von vielen, aus Lahn und Dill gebildeten Wasseradern, die sich alle in der Nähe der Starken- weide zu einem Strome vereinigen. Sie umklammern die beiden Vorstädte, welche unter sich und mit der Altstadt durch massive Steinbrücken verbunden sind, während weiterhin das Bahn- geleise die hemmenden Wasserläufe in leichterem Sprunge zu überwinden weiss. Gegen W. hin schlängelt sich, dem Leibe einer schillernden Riesenschlange vergleichbar, der ungeteilte Lahnftuss durch grüne Wiesen an rauchenden Schloten, den Schornsteinen des Hochofens von Burgsolms vorbei, bis die sich zusammenschiebenden Berge seinen Lauf zu hemmen scheinen. Ueber ihm hängt, wo er hart an die rechtsseitigen Bergwand stösst, das malerisch gelegene ehe- malige Kloster Altenberg, über dem in der Ferne aus dem Waldmeere heraus der Turm der Dianaburg sich erhebt, ein Platz so recht gemacht, um der Weidmannslust im ver- schwiegenen Waldesdickicht nachzugehen. Rechts von Alten- berg, neben den Kalksteinbrüchen des ehemaligen Dorfes Dal- heim, welche mit den Buderusschen Hochöfen durch eine Draht- seilbahn verbunden sind, erkennt ein gutes Auge einen ein- fachen Obeliskten, den Denkstein einer siegreichen Schlacht, welche am 15. Juni 1796 Przherzog Karl den Franzosen unter dem Obergeneral Jourdan lieferte. Darüber werden bei güns- tiger Beleuchtung die schimmernden Ruinen der Burg Greifen- stein sichtbar, die aber bei bedecktem Himmel in den grünen Laubwellen sich bergen. Im SW. schliesst sich der Kalsmunt mit mässig sich senkender Kehle an die Ausläufer des Taunus, welche die Lahn auf dem linken Üfer begleiten, und von denen zu unsern Füssen eine bebuschte Bergzunge, der Weinberg, scharf gegen das Thal einspringt, überragt von den fernen Türmen des Braunfelser Fürstenschlosses. Gegen S. steigt das Bergland allmählich zu beträchtlicher Höhe, bis es in blauer’ Ferne in die den Gesichtskreis fein umgrenzenden Linien des hohen Taunus verläuft. Die höchste sichtbare Erhebung ist der grosse Feldberg, und bei klarem Wetter sieht man ohne Mühe 106 Wetzlar, Stoppelberg. die Häuser auf seiner Kuppe. Im Vordergrund gräbt sich der IWetzbach eine tiefe, von saftigen Wiesen gefüllte Thalfurche, jenseits deren die mächtige Masse des Stoppelberges mit seinen sanft sich abdachenden bewaldeten Ausläufern den Raum füllt, in der unmittelbaren Umgebung die bedeutendste Bodenerhebung. Für den Rückweg zum Bahnhof kehren wir zum Eisen- markt zurück; von ihm führt die Lahngasse, trotz ibrer Enge eine der verkehrsreichsten Strassen, zu der alten steinernen Brücke, die schon vor mehr als einem halben Jahrtausend, die erste Erwähnung findet sich in einer Urkunde von 1288, die Verbindung zwischen beiden Ufern herstellte. Hübscher Ausblik von ihr nach beiden Seiten. Geradeaus leitet die Strasse an der Hospitalkirche vorbei zur Neustadt, rechts biegend dagegen durch die breite Langgasse in die Bahnhofs- allee, in der wir an einer Reihe stattlicher Häuser, unter ihnen das optische Institut der Gebrüder Seibert und das 1888 erbaute Kreishaus, vorüber zu unserm Ausgangspunkt zurück- gelangen. Auch die Cmgebung Wetzlarsist überaus ansprechend und die zahlreichen Aussichtspunkte, zu denen man auf den Spazier- gängen gelangt, bieten mit der Stadt im Mittelpunkte stets ein geschlossenes, oft überraschend schönes Bild. Wer jemals über die Höhen gewandert ist, wenn in der Morgensonne das Thal im Frühlingsgewande prangt, die den Blick begren- zenden Wälder ins erste lichte Grün sich kleiden, und überall über Gärten und Felder der Blütenschnee sich breitet, der wird den bewundernden Ausruf Goethes verstehen, dass ringsumher eine unaussprechliche Schönheit der Natur aus- gegossen sei.„Jeder Baum, jede Hecke ist ein Strauss von Blüten, und man möchte zum Maikäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können.“ Neben dem Kalsmunt verdient vor allem der Aussichts- lurm auf dem 402 m hohen Stoppelberg, welcher sich bequem in 1 ½ Std. erreichen lässt, einen Besuch. Vom Oberthor biegt man der Turnhalle gegenüber in den engen Weg ein, welcher durch schwarze Doppelpunkte bezeichnet unter dem neuen Kirchhof hin allmählich zur Höhe führt. Das erste kleine Seitenthal links, nachdem man zwei unter der schonen Aussicht gelegene Häuser passiert hat, ist der erwähnte Kaisersgrund, in welchem zwei mit lateinischer Inschrift versehene Denk- steine an die Verbrennung des Tile Kolup erinnern. Oberbalb zweier links gelegenen Fichtenstücke, dem sogenannten Sturz- kopf, welche mit guten Pfäden durchzogen sind und von Spaziergängern gern aufgesucht werden, überschreitet die Strasse an einem Reservoir der Wasserleitung vorbei die alte, Volpertshausen, Dutenhofen. 107 noch als Graben erkennbare Landwehr des städtischen Gebiets, gelangt auf die Hochebene, wo rechts im Felde ein einsamer Turm, die Brühlsbacher Warte, sichtbar wird, und führt in 1 ⁄¶ Stunden, den Stoppelberg rechts liegen lassend, nach dem Dorfe Volpertshausen, während man zum Aussichtsturm am besten an der Waldecke den Fahrweg rechts einschlägt, der in wenigen Minuten auf ein Försterhaus stösst. In Volperts- hausen fand der von Werther im Briefe vom 16. Januar beschriebene Ball statt, bei welcher Gelegenheit Goethe Lotte kennen lernte. Er holte sie in einem Wagen ab in Wirklich- keit vom deutschen Hause, seiner Darstellung nach von einem seitwärts vom Wege gelegenen Gutshofe, für den ihm augen- scheinlich jenes jetzige Försterhaus vor Augen geschwebt hat. Jenseits desselben weist links eine Tafel„nach dem Aussichts- turm“, man geht geradeaus am Pflanzengarten vorbei bis zur Bank, von der man entweder links in den bequemeren Pfad biegt, oder die man umgeht, um hinter derselben auf enger Stiege steil aufwärts zu klimmen. Aufstieg vom Forsthaus etwa 18, Abstieg 12 Min. Der hölzerne Turm auf der Kuppe, welchen der Wetzlarer Verschönerungsrerein errichtet hat und der auf 50 bequemen Stufen erstiegen wird, gewährt eine weite und herrliche Rundsicht. Den Abstieg nehme man ent- weder auf demselben Wege, indem man bei der Tafel vor dem Forsthause links biegend den früheren Waldweg nach dem Kirschwäldchen weitergeht, bei irgend feuchtem Wetter vorzuziehen, oder man folge den schwarzen Strichen auf ziemlich verwachsenem Wege abwärts. Am Fusse der Kuppe führen dieselben links über Münchholzhausen, Dutenhofen in etwa 2 ¾ Stunden zum Teil durch schönen Wald nach Giessen, wir biegen aber rechts und treffen bei einem Weg- weiser auf die oben bezeichnete Strasse nach dem Kirsch- wäldchen. Letzteres ist ein kleiner auf dem Gebirgssattel gelegener Weiler aus drei Wirtshäusern bestehend, in denen Kaffee, Bier u. s. w. zu haben ist. Dieselben stossen unmittelbar an den Wald und sind auf den andern Seiten von weiten Anpflanzungen von Kirschbäumen umgeben, bieten daher zur Zeit der Kirschblüte und Reife einen reizenden Ausflugspunkt, welcher von den Wetzlarern und von Fremden gern auf- gesucht wird. Der Abstieg nach der Stadt, den schwarzen Strichen folgend, nimmt etwa 40 Min. in Anspruch und bietet, bevor er auf die Nauborner Chaussee stösst, einige schöne Ausblicke. Die ganze Rundtour über den Stoppelberg nimmt abgesehen vom Aufenthalt etwa 2 ½ Std. in Anspruch. Ein weiterer, aber ebenfalls sehr lohnender Ausflug ist nach der Dianaburg, die allerdings leichter von der Halte- stellen Ehringshausen oder Braunfels(siehe unten) erreicht 108 Dianaburg. wird, aber einem guten Fussgänger als Wanderziel direkt von Wetzlar— etwa 3 Std.— durchaus zu empfehlen ist. Aus der Stadt geht man über die alte Lahnbrücke gerade- aus in die Nustadt, überschreitet die Dillbrücke, gleich da- rauf das Bahngeleise und biegt bei Kilometerstein 0,9 den schwarzen Strichen nach rechts in den Feldweg, welcher unter der Drahtseilbahn durch an der Ziegelei vorbei aufwärts führt. Anfangs ist derselbe schattenlos, bietet aber weiter oben dem Rückschauenden prächtige Ausblicke auf die Stadt und Umgegend. Nach 35 Min. tritt der Weg in niedrigen Eichenbestand, nach 5 Min. aber wieder auf offenes Feld, (man achte auf die Wegzeichen) und nach weiteren 7 Min. biegt ein Pfad in schönem Eichen- und später Buchenbestand, durch welchen man in ¼ Std. auf die sogenannte Hochstrasse gelangt. Nach 12 Min. kommt man auf ein ziemlich ödes Plateau, rechts werden der Turm und die Dächer von Berg- hausen im Dillthal sichtbar, der Weg führt erst gerade aus, beim zweiten Birnbaum etwas links in 8 Min. zu einer Schlucht, an deren oberem Ende ein Wegweiser des Taunusklubs(Wetzlar 6 km, Dianaburg 7,5 km) steht. Rechts führt der Weg ins Dillthal, man gehe links über den Rasen aufwärts an der Reihe einzelner Buchen entlang. Am Ende derselben dem Kieferstücke gegenüber führt der Weg weiter über Feld auf die beiden einzeln im Felde stehenden Birnbäume zu, bei denen der Turm der Dianaburg in der Ferne sichtbar wird. Von da an senkt sich der Weg dem Walde zu, den man in 7 Min, erreicht. 2 Min. weiter liegt rechts ein PEflanzengarten mit einem Hüttchen, hinter welchem ein Wegweiser steht. R. führt der Pfad in 25 Min. durch den Wald abwärts nach Ehringshausen. Man gehe den Weg geradeaus nach Hof Heisterberg, zugleich der Weg nach der Dianaburg, den man, immer den schwarzen Strichen folgend, nicht verfehlen kann, Die Dianaburg, dem Fürsten von Braunfels gehörig, ist ein Jagdturm auf einer vulkanischen Anhöhe von 386 m Lr- hebung, welcher aus riesigen Felsblöcken sich mächtig heraus- hebt. Einige einfach eingerichtete Zimmer bieten dem Jagd- herrn und seinen Gästen Unterkunft. Der Rundblick von oben auf das weithin sich erstreckende Wäldermeer ist ein ent- zückender. Am Fusse des Turms steht eine Försterei, in wel- cher man Unterkunft und einfache Restauration findet, wie auch den Schlüssel zum Turm. Den Rückweg nehme man entweder nach der Haltestelle der Köln-Giessener Bahn Ehringshausen, wohin die schwarzen Dreiecke in einer guten Stunde durch den Wald hinunterführen, oder nach dem Lahnthal zur Station Braunfels. Hierhin führen zwei Wege, ein etwas kürzerer direkt über Leun den blauen Wetzbachthal, Nauborn. 109 Dreiecken nach in 1 ¼ Std., oder über Hof Heisterberg, etwas weiter, aber bequemer den roten Strichen folgend. Beide Wege treffen in Leun zusammen. Nachdem man den Ort passiert, geht man über die Lahnbrücke und wendet sich links der Station zu. Näheres über Wetzlar und Umgegend findet man in: Berr, Wetzlar und seine Umgebungen. 1.50 Mk. Lochau, Heimatkunde des Kreises Wetzlar. geb. 1.40 Mk. Himmelreich, Greifensteiner Chronik. 1 Mk. — Fürstenhaus Solms-Braunfels. 50 Pfg. Verlag der Schnitzlerschen Buchhandluug in Wetzlar. Bei Wetzlar laufen zwei Seitenthäler ein, das des Wetz- bach aus dem Taunus, das der Dill aus dem Westerwald. Das Wetzbachthal ist für den Verkehr von keiner grösseren Be- deutung, und die Versuche, dasselbe durch eine Seitenbahn zu erschliessen, haben bisher ebenso wenig, wie bei dem eine Meile weiter abwärts mündenden Solmsbachthale, ein Ergeb- nis gehabt. Dagegen ist es landschaftlich namentlich in seiner mittleren Partie von grossem Reize und einer seltenen Lieblichkeit, deren Wirkung durch eine gute Strasse gehoben wird. Von Nauborn aufwärts führt es den Namen Sieben- mühlenthal nach sieben in demselben gelegenen Mühlen, die jedoch nicht mehr alle in Betrieb sind und wobei die unter- halb Nauborn befindliche Nonnenmühle mitzuzählen ist. Von dem Silhoferthor verfolgt man links die Chaussee nach Nauborn, welche kurz darauf den Wetzbach überschreitet und rechts biegend anfangs durch Häuser und Gärten am rechten Thalrande aufwärts führt. Nach 30 Min. Nauborn, Wirt- schaften von Hofmann und von Schneider, grösseres, sehr altes Dorf, welches bereits im 10. Jahrhundert erwähnt wird, mit hübscher Kirchlage, Geburtsstätte des Lahndichters Hofmann. Man durchwandert den Ort, biegt bei trocknem Wetter vor der Wetabachbrücke den roten Strichen nach scharf links und verfolgt den Pfad zwischen Bach und Berg, bis ein schmaler Steg rechts auf die Strasse zurückführt, oder man überschreitet die Brücke und geht der Strasse nach, die links zum Orte hinaus biegt. Wenig oberhalb desselben teilt sie sich(Weg- weiser), rechts biegt sie nach Schwalbach, ¼ Std., Wirtschaft von P. Bähr, grösserem Ort mit Bürgermeisterei, in dessen Nähe sich ein neuerdings in den Handel gebrachter wohl- schmeckender Sauerbrunnen befindet, geradeaus gelangt man ins Siebenmühlenthal und in etwa 1 Std. nach Niederwetz. Die roten Striche verlassen hier die am Ortseingange rechts biegende Strasse, leiten durch das Dorf und bei der Kirche, dieselbe links liegen lassend, aufwärts über das Ackerland auf einem Pfade nach Oberwetz, Wirtschaft von W. Bauer, und 110 Usingen, Saalburg. von da in 1 Std. über den Köhlerberg, Aussichtsturm, nach Brandoberndorf im Solmsbachthal, Wirtschaft von Chr. Nather. Wer vom Lahnthal aus zu Fuss das Taunuskastel Saal- burg aufsuchen will, welches wie kein anderes die Anlage eines römischen Standlagers veranschaulicht, besonders seitdem es auf kaiserliche Initiative in sachgemässester Weise wieder hergestellt worden ist, wird mit Vorteil und Genuss den eben beschriebenen Weg einschlagen. Von Brandoberndorf folge man anfangs der Strasse nach Gräfenwiesbach, biege aber 2 Min. vor dem Orte in die Strasse links nach S. den blauen Strichen nach. Dieselben führen durch prächtigen Wald in etwa 3 Std. über Eschbach nach Usingen. Beim Austritt aus dem Walde kurz vor Esch- bach links eine interessante Felspartie, welche isoliert mauer- artig aus dem Felde aufragt. Usingen, 291 m, Gasthöfe„Zur goldenen Sonne“ und „ZLum Adler“, ist eine kleine Kreisstadt des Reg.-Bez. Wies- baden mit 1900 meist evang. Einw., Sitz eines Kgl. Amtsgerichts und Lehrerseminars. Es wird schon 1207 urkundlich erwähnt, besteht aber viel länger. Die Kirche, im spätgotischen Stil Ende des 15. Jahrhunderts erbaut, ist nüchtern und bietet kaum Bemerkenswertes. In den letzten Jahren, besonders seit Eröffnung der Sekundärbahn Homburg-Usingen, ist der Ort als Sommerfrische in Aufnahme gekommen. Um nach der Saalburg, zu gelangen, benützt man am besten diese Bahn — Bahnhof 8 Mi. von der Stadt jenseits des Hahnbachs, Restauration— bis zur Haltestelle Saalburg, 11 km, und steigt von der Lochmühle, Wirtschaft und Pension, am Pſahlgraben aufwärts den weissen Strichen nach in 30 Min. bis zur Land- strasse, verfolgt diese nach links 3 Min. und gelangt rechts biegend durch die porta principalis deztra in das Kastell, dessen Rückseite mit der porta decumana bereits wieder her- gestellt ist, während zu dem Prätorium, dem zukünftigen Saalburgmuseum im Oktober 1900 in Anwesenheit Sr. Maj. des Kaisers der Grundstein gelegt wurde. Bad Homburg ehemalige Residenz der Landgrafen von Hessen-Homburg, liegt am Südostabhange des waldreichen Taunus auf einem gut ventilierten Bergrücken, 189 m über dem Meere. In unmittelbarer Nähe ausgedehnte Laub- und Nadelholzwaldungen mit beduemen Fuss- und Fahrwegen bis zum Kamm des Gebirges, der sich in den beiden Gipfeln des Feldbergs und Altkönigs bis nahe 900 m erhebt. Näheres findet man in: Jacobi, Das Römerkastell Saalburg. 608 S. Text, mit 1 Karte, 80 Taf. und 110 Abb. Preis 25 Mk. Kleiner Führer. Pr. 1 Mk. Verl. von Staudt Supp in Homburg. Asslar, Hermannstein. 111 Von der Saalburg führen schöne Wege in etwa ¾ Std. nach Homburg vor der Höhe, mit dem es zugleich durch eine elektrische Bahn verbunden ist. Von ungleich grösserer Bedeutung wie das Wetzbachthal ist das Thal der aus dem Westerwald herabströmenden Dill, durch welches die bei Wetzlar das Lahnthal verlassende Köln-Giessener Bahn sich aufwärts zieht. 4,1 km vom Bahnhof Wetzlar Haltestelle Asslar, grösseres Kirchdorf auf dem linken Dill- ufer, schräg gegenüber unter dem scharf gegen den Fluss vorstossenden Berge liegt Klein-Altenstädten. Die Land- strasse überschreitet vom Bahnhof Wetzlar aus rechts das Bahngeleise und erreicht den blauen Strichen nach in ½ Std. das Dorf Hermannstein, welches zum Kreise Biedenkopf ge- hört, obgleich es vor den Thoren Wetzlars liegt. Bemerkens- wert ist es durch die Burgruine, welche trotz ihrer niedrigen Lage durch ihre zwei hochragenden Schornsteine weithin sichtbar ist. Man gelangt zu ihr, wenn man vor der Kirche rechts am Bache aufwärts geht und am Eingange zum Guts- hofe, dessen Gebäude Wappen und alte Schnitzereien am Gebälke aufweisen, sich wieder rechts hält. Den Schlüssel erhält man beim Förster. Die Besteigung des Turmes ist für Damen kaum rätlich, da die Treppen sehr schlecht und Wege und Gänge zum Teil mit Gestrüpp verwachsen sind. Die Burg wurde 1373— 79 vom Landgrafen Hermann dem Gelehrten von Hessen gegen den Sternerbund erbaut und nach seinem Namen genannt. 1481 wurde sie von dem Hofmarschall des Landgrafen Heinrichs III., Johann Schenck zu Schweinsberg durch Pfandeinlösung erworben und gehört noch jetzt neben dem Gutshofe dieser Familie. Der geräumige, im Grundriss fast trapezförmige Donjon, an den sich ein halbrunder, nicht zugänglicher Turm anlegt, weist jetzt drei Stockwerke auf, von denen das untere und mittlere von je vier spitzbogigen, auf schlanker Mittelsäule ruhenden Kreuzgewölben überdacht sind. Beide Stockwerke waren jedoch durchschossen, so dass jedes zwei übereinander gelegene Räume aufwies. Die ziemlich verfallene Burg, deren Zustand offenbar durch Verwahrlosung herbeigeführt ist, bietet auf weithin das einzige Beispiel eines normannischen MHohnturms. Bei Hermannstein öffnet sich gegen das Dillthal von N. her der Blasbacher Grund, durch welchen eine schöne Wald- strasse in 2 ½ Std. nach Hohensolms hinaufführt. Dieselbe berührt zunächst das friedlich gelegene Dorf Blasbach(4 km), wohl das älteste Dorf der Umgegend, welches schon im Lorscher Coder Erwähnung findet. Etwa 40 Min. oberhalb des Ortes bei Kilometerstein 7,5 biege man abkürzend links, nach 20 112 Hohensolms, Werdorf. Schritten rechts und kommt nach 10 Min. wieder auf die Strasse gegenüber dem rechts von der Strasse aufsteigenden 407 m hohen Altenberg, welcher von seinem steinernen Aus- sichtsturm eine prächtige Rundsehau bietet. Von der Solmsschen Burg, welche im Mittelalter den Gipfel krönte, sind Spuren nicht mehr vorhanden, wohl aber Reste des altgermanischen Fingwalls, der sogar auf der einen Seite als doppelter sichthar ist. Man kehrt zur Strasse zurück und verfolgt dieselbe bis zum Dorf Hohensolms, 437 m, Wirtschaften von G. Führer und Ch. Sänger, Sitz eines zum Kreise Wetzlar gehörenden Bürgermeisteramts. Ueber dem Orte erhebt sich weithin sicht- bar das von mächtigen Linden umstandene Sehloss des Fünsten von Solms-Lich, von welchem man eine weite, bis zum Meissner und Inselsberg reichende Aussicht hat. Die Burg, zuerst 1323 erwähnt, wurde verschiedene Male, zuletzt im dreissigjährigen Kriege, zerstört. Das jetzige Schloss entstammt der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, bietet aber, da von den stehen- gebliebenen Resten der früheren Anlagen einzelne Räume zum Teil modernisiert in den Neubau eingezogen wurden, ein wenig einheitliches Ganzes. In den Fürstenzimmern des Obergeschosses finden sich Gobelins aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit Landschaften und Jagdscenen, sowie Stühle mit Stickereien des 18. Jahrhunderts. Ursprünglich zu dem gemeinschaftlichen Besitz der Solmsischen Hauptlinien gehörig, wurde Hohensolms bei der Erbteilung 1436 Sitz einer eigenen Linie unter Johann von Solms-Lich, dessen Erben es noch besitzen. Etwas kürzer ist der Weg direkt von Wetzlar nach Hohensolms. Beim Uebergang über das Köln-Giessener Ge- leise biegt man gleich rechts den roten Strichen nach, die an dem Walzwerk vorbei zunächst über Feld nach dem Dorfe Niedergirmes, jenseits desselben auf die Höhe und oberhalb Blasbach an Bubenrod vorbei(S. 68) zum Altenberg und nach Hohensolms führen. Unmittelbar jenseits Asslar überschreitet die Köln-Giessener Bahn die Dill, während die Landstrasse sich auf der rechten Flussseite hält. 7 km. Haltestelle Werdorf. L. am Bergrande liegt Berghausen, während der gegenüberliegende grössere Ort Werdorf mit der Station durch eine Brücke verbunden ist. Das Geschlecht der Herren von Werdorf war im 17. Jahr- hundert ausgestorben und ihr Besitz dem Grafen von Solms- Greifenstein zugefallen. Graf Wilhelm II. überliess das Gut Werdorf für gemachte Vorschüsse seiner zweiten Gemahlin Sophie von Hohenlohe-Schillingsfürst, welche hier Ende des 17. Jahrhunderts ein schmuckloses Burghaus als Witwensitz erbauen und schöne Gärten um dasselbe anlegen liess. Jetzt IMLAIHNEBHRER BLATT WETZLAR. — 4 95 —= K s 8 Sr ees Sleibe! 8 2 e 41 2 S.—— iAe 2, Sdr — 2. 7 2 N—17z 6 4 5 J ped 9 4 8 1 A2E dee, ee 6/ 0 2, N ₰ Jer2den, 7 raba 8* 8 7 2— t NX Nederwetke h8X— u. 9 Naen, Nald Horn Srakaus ₰ℳ Oernels, Wal —f. Verlag v Enil Roth Giesseit- Malsstab 1:200000. ——, 0 1 21 23 1 Io ⁴tometer Eartogr Anst. d. Hofbuchdruckerei Eisenach H. Kahle. 1 e E= S=Z — ———— 8— 88 4 * * 1— — 4 2 * K — — * ◻ — „ + — .— 8 1 7 Ehringhausen— Sinn. 113 das Schloss Eigentum des Fürsten von Solms-Braunfels, der darin eine Erziehungsanstalt für Mädchen besserer Stände unter Leitung einer Oberin eingerichtet hat. 9,9 km Haltestelle Ehringshausen, 174,6 m über N. N. Auch hier befindet sich der Bahnhof auf dem linken Dillufer, während der ansehnliche Ort, 1250 Einw., durch eine Bricke verbunden, auf der rechten Flussseite an der Landstrasse liegt. Ehringshausen, Bahnhofrestauration, Bahnhotel von TII. Wallbruch, nahe dem Bahnhof, Wirtschaft von H. Wallbruch am Ausgange nach Dillheim, ist Sitz einer zum Kreise Wetzlar gehörigen Bürgermeisterei, eines Kgl. Amtsgerichts, dessen neues Gebäude hochragend über dem Orte auf dem Berge liegt, und hat nicht unbedeutende Holzindustrie. Von Ehringshausen Bhrt ein hübscher Weg über die Berge nach Wetzlar(s. 108). Vom Bahnhof folgt man rechts der gepflasterten Strasse Wa 100 Schritte, überschreitet bei der Trajekthahn das Geleise biegt um das Sägewerk links. Der mit Obstbäumen be- zte Feldweg(jenseits des Sägewerks nicht rechts gehen!) eitet in 10 Min. zum Walde, 3 Min. am Walde entlang und ann ziemlich steigend durch den Wald um zwei Schluchten lerum in 15 Min. zum Banzengarten, wo ein Wegweiser links ach Wetzlar, 7 km, weist. Man folge von jetzt an den hwarzen Strichen. Auch ist von Ehringshausen am leich- ten die Dianaburg zu erreichen(S. 108). Von der Haltestelle ohe man links in der Richtung nach der Dillbrücke und an ser vorbei, überschreite das Geleise und gehe gegen den ald zu den schwarzen Dreiecken nach, welche in 1 ³ Std. nauf führen. 13,5 km Haltestelle Katzenfurt; kurz oberhalb Ehrings- misen erblickt man rechts auf dem linken D'illufer das arrdorf Dillheim mit hübscher Kirchlage. 18,5 km Haltestelle Sinn. Von beidem Stationen führen Wege auf die westlich im Gebirge malerisch gelegene Burg- ruine Greifenstein, zu deren Füssen sich das Dorf Greifen- stein breitet.(Wirthschaften von Simon und Keller). Vom Bahnhofsgebäude Katzenfurt, der Ort selber liegt auf dem linken Dillufer, führen schwarze Punkte auf die Strasse nach Greifenthal, von derselben jedoch gleich rechts direkt auf lie Burg zu. Etwas weiter, gegen 1 ½ Std., ist der durch laue Striche bezeichnete Weg von Haltestelle Sinn aus, ieben der die Gute-Hoffnungshütte mit Hochofen, Puddel- und Walzwerk aufgeführt ist, während das Dorf ebenfalls auf der undern Flussseite liegt. Man geht den Fusspfad am Bahn- Körper entlang, überschreitet beim nächsten Wärterhäuschen die Schienen und verfolgt den Fussweg durch das Feld nach dem Dorfe Fleisbach, jenseits dessen die blauen Striche Illustr. Lahnführer. 8 114 Greifenstein. anfangs über Feld, dann durch Wald nach dem Dorf und der Burg führen. Greifenstein war der Sitz des gleichnamigen Dynastenge- schlechts, welches im 12. und 13. Jahrhundert das untere Dillge- biet beherrschte. Erwähnt wird es zuerst mit Meribodo von Greifenstein im Jahre 1160. In den Kämpfen um die Königs- herrschaft nach dem Tode Rudolfs von Habsburg standen die Greifensteiner auf seiten Albrechts von Oestreich, ihre Burg wurde daher von den Solmser und Nassauer Grafen gebrochen, sie selbst aus ihren Besitzungen vertrieben, und wenn auch nach dem Tode Adolfs von Nassau der Habsburgische König ihnen die Berech- tigung erteilte, ihre Burg wieder aufzubauen, vermochten sie doch gegen die mächtigen Nachbarn nicht aufzukommen. Das Geschlecht verscholl im Laufe des 14. Jahrhunderts, seine Güter aber blieben während dieser Zeit ein Zankapfel zwischen den Grafengeschlechtern von Solms-Burgsolms und Nassau- Dillenburg, während die Burg wohl nur notdürftig wieder auf gerichtet wurde. Nach dem Aussterben der Burg-Solmsschen Linie fiel die Burg Greifenstein in der Teilung von 1420 an die Grafen von Solms-Braunfels, welche dieselbe behaupteten und ausbauten. Eine vollständige Umgestaltung aber erfuhr sie unter dem Grafen Wil- helm I., welch 1602 eine neue Linie Solms-Greifenstein eröff- nete und seinen neuen Sitz der- art befestigte, dass er einer der stärksten Plätze Westdeutsch- lands wurde und den Stürmen . des dreissigjährigen Krieges er- 5— 5 folgreich zu widerstehen ver- Greifenstein. mochte. Auch Ludwigs XIV. grosser Feldherr Turenne lag 1673 vergeblich vor dem Greifen- stein. Die gastliche Aufnahme, welche ihm nach aufgehobener Belagerung in der Burg zu teil wurde, soll Anlass gegeben haben zu dem Greifensteiner Spruche:„O Greifenstein, du edles Haus, nüchtern hinein und trunken heraus“. Die Sage erzühlt, Graf Wilhelm II. habe seinem Gaste angeboten, er wolle ihm die Burg übergeben, wenn jener an jedem Thore einen Becher Wein zu leeren vermöge. Lange bevor er den Umtrunk an den 22 Thoren des Schlosses vollendet, habe der französische Marschall Greifenstein. 115 die Unmöglichkeit erkannt, jener Forderung gerecht zu werden, und sei in jene Worte ausgebrochen. Wenn letzteres auch wenig Wahrscheinlichkeit für sich hat, so legt der Spruch doch Zeugnis ab von der Trinkfestigkeit und Trinkfreudigkeit der Greifensteiner Herren im 17. Jahrhundert. Nur nahmen die Trinkgelage nicht immer ein solch harmloses Ende; denn nach einem solchen erschoss wenige Jahre vorher derselbe Graf Wilhelm seinen Neffen, den Hohensolmser Grafen Christian vor den Thoren der Burg in einem Zweikampf, der ihm von diesem in trunkenem Mute aufgenötigt worden war. Sein Sohn Graf H'ilhelm Moritz siedelte 1689 etwa 190 infolge der Aufhebung des Edikts von Nantes aus Frankreich vertriebene Hugenotten in dem benachbarten Daubhausen an, welche bald ihren Dank für die gewährte Gastfreiheit durch Er- öffnung neuer Betriebszweige, besonders der Hut- und Seidenin- dustrie bethätigten. Noch jetzt erinnern zahlreiche Familiennamen der Umgegend an den franzésischen Ursprung. Ihm verdankt Greifenstein die schöne, jetzt von der Gemeinde benutzte Schloss- kirche, deren reiche, im Barockstil ausgeführte Stuckarbeiten von einem italienischen Künstler Paerini herrühren und Figuren von reizender Erfindung aufweisen. Als 1693 der letzte Braunfelser, Graf Heinrich, im Kampfe gegen Frankreich bei Neerwinden gefallen war, und mit ihm jene Linie des Solmser Geschlechtes ausstarb, verlegte Graf Iilhelm Moritz seine Residenz nach dem ihm zugefallenen Schlosse Braunfels, und die Burg Greifenstein ging schnell ihrem Verfalle entgegen; Witterung und die Uebergriffe der Umwohner, welche die zerbröckelnde Feste als Steinbruch be- nutzten, vereinigten sich, um den stolzen Bau zur Ruine zu machen. Von der mächtigen Anlage fallen vor allem die durch einen zweigeschossigen Bau verbundenen Doppeltürme in die Augen. Der mit einem Halbkuppeldach überwölbte Nassauer- turm und der mit einem Kegeldach versehene Zwillingsbruder mit dem Greifen, in welchem die Kirchenglocken hängen. An ihn lehnen sich die ansehnlichen Mauerreste des dem Ende des 17. Jahrhunderts entstammenden Wilhelm-Moritz- Baues, dessen Dach zu Anfang des 19. Jahrhunderts durch einen Sturm herabgeworfen und nicht wieder aufgesetzt wurde. Daneben ein mächtiger Rundturmrest, die sogenannte Ross- mühle und die bereits erwähnte, 1885 restaurierte Kirche— alles andere ist ein ziemlich wüster Trümmerhaufen, in dem es nicht leicht ist, den Anlageplan zu erkennen. Auch ist Vorsicht wegen abbröckelnder Mauerreste zu empfehlen. Von Greifenstein führt ein lohnender, durch blaue Striche bezeichneter Weg über den Elgershäuser-Hof, jetzt Heilstätte für Lungenkranke von Dr. Liebe, meist durch schönen Wald in 1 ½ Std. nach der Dianaburg(s. S. 109), ein anderer in westlicher Richtung über den 483 m hohen Hinstein den 8*¾ 116 Herborn. schwarzen Punkten nach in 1 Std. zu dem im obern UIm- bachthal gelegenen, von bewaldeten Höhen umgebenen Dorfe Beilstein, Wirtschaft von Feld. In dem Walde vor dem Orte trifft man auf eine Basaltxuppe mit mächtigen, regel. mässig achteckigen Pfeilern, das Beilsteiner Pasaltmeer. Die auf einem Felsen über dem Orte gelegene Basaltruine ist der Rest einer von den Herrn von Bilstein, deren Name im 12. und 13. Jahrhundert urkündlich vorkommt, gegründeten, später nassauischen Burg, welche 1813 von den Pranzosen auf Abbruch verkauft wurde. 22,9 km Station Herborn. Die Bahn geht oberhalb der Haltestelle Sinn auf die linke Dillseite, so dass der Bahnhof Herborn mit der Stadt durch eine Brücke verbunden ist. Nebenbahn Herborn- Meidenhausen-Marburg. Gasthäuser: Hotel zum Ritter, Nassauer Hof, Hotel Metzler am Bahn- hof, Gasthaus zur Sonne, Gasthaus Louis Lehr. Restaurationen: Bahnhofsrestauration, Restaur. Hickengrund, Schumann, Haselhuhn, letztere mit Garten. Post: In der Bahnhofstrasse. Fahrpostverbindung nach Rennerod und Bischoffen. Es besteht ein Radſahrer- Verein, zum Gau Frankfurt gehörig, Bundesgasthöfe Zum Ritter und Nassauer Hof, Repa- raturwerkstätte von Chr. Krimmel, Mechaniker, Obergasse und Richard Karl, Uhrmacher, Neugasse. Herborn, zur Provinz Hes- sen-Nassau, Regierungsbezirk Wies- baden, gehörig, ist eine Stadt von 3469 Einw., vorwiegend evange- lisch, Sitz eines Amtsgerichts, eines Kgl. Predigerseminars, einer Kol. Präparanden-Anstalt, einer Real- schule. Urkundlich wird es zuerst 1048 als Dorf erwähnt, für welches König Wilhelm von Holland den nas- sauischen Grafen Walram und 0do 1251 Stadtrecht verlieh. Sie er- bauten daselbst eine Burg, das jetzige Schloss, und Herborn wurde Oberhof für die Centgerichte der Umgegend, bald auch ein nicht un- bedeutender Mittelpunkt für den Handel, und Herborner Münze, Mass und Gewicht galten weithin. Besonders gedieh die Wollweberei, die in Frankfurt eine eigene Warenniederlage besass. 1584 gründete Graf Johann der Aeltere von Nassau-Hillenburg hier die Academia Joannea, eine Uni- versität für die vier Fakultäten und räumte ihr zu Auditorien und Schloss Herborn. Dillenburg. 117 zur Bibliothek das Schloss ein. Gleichzeitig errichtete er zu diesem Zwecke das hohe Schulgebäude, einen schlichten Renaissancebau, in dem sich noch jetzt die alte Aula mit den Bildnissen der Pro- fessoren der Hochschule und einiger Grafen und Prinzen von Oranien befindet. Die Universität wurde 1817 aufgehoben und statt ihrer ein Predigerseminar für Nassauer Theologen eingerichtet. Die Stadt, von dem an sich schmucklosen Schlosse überragt, gewährt mit den Resten der Stadtmauer und Thore und den zahlreichen be- schieferten Holzhäusern aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert einen altertümlichen, anheimelnden Eindruck und rechtfertigt wohl einen Besuch. 28,5 km Station Dillenburg. 230 m über N. N. Das Thal wird von Herborn aufwärts enger, die Bahn überbrückt daher zweimal 1 die Dill, während die Landstrasse, welche bei Her- born den Fluss— 3 überschritten— 3 hat, sich auf dem rechten Ufer hält. An derselben ¼ Std. oberhalb Herborn an der Mündung des Am- dorf-Baches und der Aar das Dörf- chen Burg mit einem Eisenwerk. 3 n. A. v. M. Weidenbach Dillenburg. Der Bahnhof Dillenburg. Dillenburg, zu- gleich Hauptstation der das bei Niederscheld einmündende Joheldethal mit dem Dietzhölethal verbindenden Nebenbahn Nikolausstollen-Strass-Ebersbach(s. S. 9), befindet sich auf der linken Flussseite und ist mit der auf dem rechten Ufer 10 Min. entfernt gelegenen Stadt durch eine Brücke verbunden. Gasthöfe: Hoôtel Neuhofy, Stadt Frankfurt, Hirsch in der Hauptstr., alle 3 mit Garten, Hotel Schwan am Wilhelmsplatz, alle mit ziemlich gleichen Preisen: L. Fr. von 2 Mk., Pens. von 3,50 Mk. an; zum deutschen Hause, das städtische Kurhaus, direkt am Wald gelegen. Restaurationen: Neben den genannten Gasthöfen Bahnhofrestauration, Rest. Schlossgarten(von Klomann), Kahm beim Bahnhof, Oranienbrauerei von Meuser. Konditorelen und Cafés: P. Beutter, Bahnhofstr.; GC. Sager, Marktstr. Postamt in der Poststr.— Badeanstalt für warme und kalte Bäder in der Schulstrasse. Es besteht ein regsamer Verschönerungsverein, welcher für die Herstellung und Erhaltung der Wege und Aussichtspunkte 118 Dillenburg. Sorge trägt, ebenso ein Radfahrerklub, Gau IX, Nordbezirk, Bundesgasthäuser Hotel Zum Hirsch und Hotel Schwan, Repa- raturwerkstätte von Christ. Stun⸗, Wilhelmstrasse. Dillenburg, Hauptstadt des Dill-Kreises, Provinz Hessen- Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, mit 4476 meist evange- lischen Einw., ist Sitz eines Landratsamtes, eines Amtsgerichts, zweier Oberförstereien, einer Berginspektion, eines Bergamts, eines Landesgestüts u. s. w., sowie eines Kgl. Gumnasiums, Lehrerseminars mit Präparandenschule und einer Bergschule. Die Stadt ist der Mittelpunkt eines bedeutenden Berg- und Hütten- betriebs, sowie einer regen Leder- und Tabakindustrie. Besonders aber hat Dillenburg sich in den letzten Jahren als Luftkurort herausgebildet, wozu es durch die örtlichen Verhältnisse, die schöne Umgebung, besonders aber deshalb geeignet erscheint, weil der herrliche Wald von mehreren Seiten unmittelbar an die Stadt herantritt. Das 1900 neuerbaute Kurhaus mit Depen- dance enthält 38 Zimmer. Nicht minder aber wird unser Interesse durch die geschicht- lichen Erinnerungen in Anspruch genommen, welche sich besonders an die alte Burglage knüpfen. Wahrscheinlich hat Graf Heinrich der Reiche um 1240 zum Schutze des noch nicht lange seinem Hause zugefallenen Landes auf der in drei Thäler schauenden Bergspitze diese Burg angelegt, die 1255 zuerst urkundlich erwähnt wird. Gleichzeitig entstand zu ihren Füssen die Stadt an der Dill. Unter Heinrich I.(† 1343) wurde sie vermutlich in der dernbachischen Fehde verbrannt, aber grösser wieder aufgebaut. Seir Graf Tyil- helm dem Reichen, welcher um 1536 die riesige, über 20 m hohe und über 300 m lange Mauer von Basaltsäulen an der der Stadt zugekehrten Seite aufführen liess, blieb das Schloss bis 1739, wo die 1652 gefürstete Linie ausstarb, die ständige Residenz des Regenten von Nassau-Dillenburg. Graf Johann VI. versah das- selbe um 1567 mit neuen stärkeren Festungswerken und einem Zeughause, sodass es den Stürmen des dreissigjährigen Krieges zu widerstehen vermochte. Im siebenjährigen Kriege aber wurde es, nachdem es vom 28. Juni bis 16. Juli 1760 belagert und in Brand geschossen worden, von den Franzosen unter Marquis de Cameras genommen und zerstört; die Ruinen lieferten später das Material zu einer grossen Stadterweiterung, durch welche die Wilhelmstrasse, die schönste Strasse der Stadt, und später die Marktstrasse ent- standen. Der Bruder jenes Grafen Johann war Wilhelm, welcher 1533 auf dem Schlosse geboren wurde und 1544, als ihm durch Erb- schaft von seinem Vetter Renatus das Fürstentum Orange im süd- lichen Frankreich an der Rhone zufiel, sich Prinz von Oranien nannte und Begründer der Linie Nassau-Oranien wurde. Als Schöpfer und Vorkämpfer der Freiheit der Niederlande ist er es, der über Dillenburg. Wilhelmsturm. 119 Dillenburg einen weit über das engere Vaterland erstrahlenden Nimbus breitet, und ihm zu Ehren wurde auf den Trümmern des alten Stammschlosses 1873— 75 durch gemeinsame Beisteuern der Nassauer und Niederltnder der im gotischen Stil gehaltene Wil- helmsturm errichtet, ein schönes Denkmal des Dankes der nach- geborenen Geschlechter. Von dem Altertumsverein der Stadt ist der- selbe zu einem würdigen Museum eingerichtet worden, welches dem Andenken Wilhelms des Verschwiegenen geweiht ist, und in dem besonders mehrere Gemälde des holländischen Hof- malers Kleyn v. Brandes Scenen aus dem Leben des grossen Oraniers darstellen. Von der Höhe des Turmes hat man eine prächtige Aussicht auf Stadt und Umgegend; in seiner Nähe grünt noch immer die alte Linde, unter welcher Wilhelm der Verschwiegene am 14. April 1568 die nieder- ländischen Gesandten empfing. (Schlüssel zum Turm Mar- pachstrasse 1, Eintritt 30 Pf., für Kinder 15 Pf) Von Spaziergängen in unmittelbarer Nähe der Stadt sei erwähnt die Adolfshöhe, ein ziemlich steil abfallender, mit prächtigem Laubwald bewachsener Berg auf der linken Dillseite, zu dem man vom Bahnhof rechts gehend gelangt. Zu den Hauptpunkten, der Batterie mit dem Denkmal Wilhelms V., von wo aus das Schloss zerstört wurde, der Kronbuche, dem Rondel, der Moosbank, der Adolfshöhe mit Hütte, der Kaiserlinde mit Lusthäuschen, der Presberlust, der Priedrichsruhe, dem Bis- marektempel, gelangt man aukf trefflich gehaltenen Wegen; ferner das Caap, ein Berg neben dem Bahnhof mit einem Turm, der schöne Rundsicht gewährt; endlich auf der rechten Dill- seite das Feldbacher'äldchen mit Pavillon und dem Forst- denkmal, zu welchem man von der Wilhelmstrasse gelangt. Näheres findet man in: Führer durch Dillenburg und Umgegend mit Karte. 1 Mk. wilhelmsturm-Album. 12 Photogr. mit Text. 2 Mk. Schreiner, M., Aus der Geschichte Dillenburgs. 1 Mk. Wilhelmsturm. 120 Dillenburg. Presber, P., Das Schloss und die Stadt Dillenburg. 40 Pfg. — Wilhelm der Verschwiegene. 50 Pfg. — Die Burg Tringenstein im Dillkreis. Vortrag 15 Pfg. Müller, C. W., Die Zerstörung des Sohlosses Dillenburg. 50 Pfg.; sämtlich im Verlag von M. Weidenbach in Dillenburg. 5 km oberhalb Dillenburg verlässt die Bahn das Dillthal und steigt über Haiger, einem alten, zum Dillkreise gehörenden Städtchen mit 1793 Einw.(Hotel Stiehl), dann den Hieckengrund, ein anmutiges Wiesenthal, umfahrend, zur Wasserscheide, welche sie zwischen Nieder-Dresselndorf und Würgendorf überwindet, um durch das industriereiche Hellerthal bei Betz- dorf die Sieg zu erreichen. Hier teilt sich die Linie, thal- abwärts führt sie nach Köln, thalaufwärts über Siegen in das Lennethal nach Hagen in Westfalen- Von Wetzlar nach Weilburg. 23 km, Fahrzeit 24 bis 50 Min. aber allmählich, bis bei Löhnberg die Berge von 1 peiden Seiten unmittelbar an den Fluss treten. Während die von der Neustadt-Wetzlar ausgehende Landstrasse sich dauernd am rechten Thalrande hält, verlässt die links- seitige, nachdem sie das Dorf Steindorf passiert, unterhalb Albshausen das Thal und windet sich, bei Oberndorf das Solmsbachthal querend, nach Braunfels zur Höhe. Die Bahn, welche im N. der Stadt die Dill überschreitet und bald darauf die Lahn, hält sich im Wiesengrund vorläufig auf der linken Flussseite. 5,5 km Haltestelle Albshausen, Drahtstiftfabrik und Kalkbrennerei, Wirtshäuser„Zum deutschen Kaiser“ und von Dietrich. Während der Fahrt sieht man rechts jenseits des Flusses zunächst die weitscheinenden Kalksteinbrüche der Buderusschen Eisenwerke, welche mit der Sophienhütte in Wetzlar durch eine Drahtseilbahn verbunden sind. Bis vor kurzem stand auf der Höhe ein Mauerrest, die sogenannte Dahlheimer Kapelle, das letzte Ueberbleibsel eines früh erwähnten, verschwundenen Dorfes Dahlheim; derselbe ist jetzt den fortschreitenden Sprengungen zum Opfer gefallen. Wenig oberhalb im offenen Felde steht ein einsamer Obelisk, das Denkmal des von Erazherzog Karl am 15. Juni 1796 über 2 as Thal bleibt vorläufig noch weit, verengt sich = 8 122 Altenberg. Burgsolm. die Franzosen unter General Lefeure erkämpften Sieges, welches 50 Jahre später von den Bürgern Wetalars in Erinnerung an diesen für die Stadt bedeutsamen Tag errichtet wurde. Wenig abwärts fällt das auf mässiger, aber schroff vor dem Fluss zurückspringender Anhöhe gelegene, von Wald und Park umgebene Altenberg ins Auge, bis zu seiner Säkularisation ein adliges Prämonstratenser Nonnen kloster. Gegründet 1180 von dem Kloster Wülfersberg bei Rommers- dorf im Kreise Neuwied, gelangte Altenberg aus kleinen und ärm- lichen Anfängen zu grosser Bedeutung, als die Tochter der heiligen Elisabeth, die 21 jährige Gertrudis, zur dritten Aebtissin des Klosters gewählt wurde. Sie nahm alsbald den Bau der schönen Kloster- kirche in Angriff, welche schon 1267 eingeweiht werden konnte und noch heute die Höhe des Berges ziert. Der Bau weist den frühgotischen Stil auf, und der Einfluss der Marburger Elisabeth- kirche wie des Wetzlarer Domes sind unverkennbar. Der Chor ist aus fünf Seiten des Achtecks gebildet, an die Vierung setzt sich nur der nördliche, einjochige Kreuzarm und das einschiffige, sechs- jochige Langhaus. Im 15. Jahrhundert wurde spätgotisch eine Nonnen-Empore in den vier westlichen Langhausjochen gebaut und davor ein quadratischer, niedriger Kapitelsaal gelegt. Seit 1536 unter hessischer Schutzgerechtigkeit stehend, litt das Kloster sehr in den Kriegen des 17. Jahrhunderts, bis es bei seiner Aufhebung 1802 zu einer Solms-Braunfelsischen Domäne wurde. In der Kirche wird alle 4 Sonntage von dem Pfarrer des benachbarten Dorfes Oberbiel Gottesdienst abgehalten. Der Blick von einigen Stellen des Parks, sowie von der reservierten Klosterterrasse in das Thal ist ein hervorragend schöner. Zu dem Denſmal, der Dahlheimer Kapelle und dem Kloster gelangt man am besten auf der von der Neustadt-Wetalar lahnabwuͤrts führenden Chaussee; der Weg nach dem Kloster ist durch rote Punkte bezeichnet. Will man letzteres von Albshausen aus besuchen, etwa ½ Std., so überschreitet man von der Haltestelle aus die Schienen, weiter abwärts die Lahnbrücke und wendet sich im Dorfe Oberbiel auf der Chaussee nach rechts, um bei dem nächsten Waldvorsprung links das schluchtartige Thälchen aufwärts zu geben. 7,5 km Haltestelle Burgsolms, grosses, stark wachsendes Dorf mit bedeutender Industrie nahe der Mündung des Sohms- bachs in die Lahn. Gasthäuser von Renkhof und von Praun. Die St. Georgshütte, erbaut von dem Fürsten Georg von Braunfels, ist jetzt ein Teil der Buderusschen Eisenwerke Wetzlar und verhüttet die Eisenerze der zahlreichen be- nachbarten Gruben. Auf der anderen Seite des Baches befindet sich eine bedeutende Fabrik für landwirtschaftliche Solmbachthal. Braunfels. 123 Maschinen. Mitten im Ort bezeichnen die formlosen Trümmer eines quadratischen Turmbaues die Lage der schon 1384 vom Bunde der wetterauer und schwäbischen Städte zerstörten Stamm- burg des Solmser- Geschlechts. Von Burgsolms führt eine Landstrasse durch das zum Teil sehr anmutige Solmsbachthal über Oberndorf, Bombaden, Neukirchen, Kraftsolms, Kröffelbach nach Brandoberndorf(s. S. 110). 10,7 km Bahnhof Braunfels, Höhe über N. N. 144,7 m, Haltepunkt für alle Schnellzüge, Station für Braunfels und das am entgegengesetzten Flussufer gelegene Städtchen Leun. Restauration im Bahnhof und im gegenübergelegenen Wirts- haus zum Lahnthal. Ueber Leun führt ein beliebter Weg nach der Dianaburg (s. S. 108). Man folgt vom Bahnhof aus rechts der am Bahndamm entlang laufenden Landstrasse, links schöner Ein- blick in das Waldthal des Iserbaches; an der abgesprengten Felswand erste Farbenzeichen, blaue Dreiecke und rote Striche, nach 10 Min. Wegweiser, der Weg links führt, nach dem Dorfe Tiefenbach, rechts über die Brücke in 5 Min. nach Leun, nach welchem man links einbiegt, Im Orte bei der Wirtschaft von Piskator trennen sich die Zeichen, die blauen Dreiecke führen rechts am Standesamt, dann links an der Kirche vorbei oberhalb des Ortes durch einen Hohlweg aufs Feld zum Wald und in 1 Std. zur Dianaburg. Die am Aus- gange des Dorfes rechts abzweigende Strasse führt nach Ehringshausen; rechts auf dem Berge erblickt man das Leuner Kriegerdenkmal, rückwärtsschauend hat man bald eine schöne Aussicht ins Lahnthal. Bequemer und bei nicht ganz trockenem Wetter vorzu- ziehen ist es, wenn man von dem Wirtshaus von Piskator die durch rote Striche markierte thalabwärts führende Land- strasse weiter verfolgt. Nach etwa ¼ Std. biegt man bei Kilometerstein 12,6 rechts den Farbenzeichen nach, welche über den Heisterbergerhof ebenfalls meistens durch Wald zur Dianaburg leiten. Der letztere Weg ist ein Viertelstunde weiter. Vvom Staatsbahnhof Braunfels läuft die Ernstbahn, ursprünglich ein für Eisensteintransport gelegtes Geleise, durch des reizende Iserthal über die Haltestellen Obermühle und Stikt nach der Station Braunfels-Stadt, in der Vorstadt St. Georgen gelegen, von der aus man den Wegweisern nach in etwa 10 Min. zu dem Städtchen und dem hochragenden Schloss emporsteigt. Fahrzeit 20 Min. Auch eine Fahrpost geht von der Station Braunfels neben dem Bahngeleise her nach der Oberstadt. 124 Braunfels. Für den Fusswanderer bieten sich verschiedene lohnende und bequeme Wege, zunächst die Thalstrasse durch den sogenannten Mühlengrund an der Bahn entlang, zu beiden Seiten der fürstliche Wildpark. Nach 10 Min. trifft man die Wolfsmühle, früher eine weitberühmte Hundezüchterei des kürzlich verstorbenen Prinz-Regenten Albrecht von Solms-Braun- fels, bei der rechts ein Weg zu dem köstlich in einer Wald- lichtung auf der Höhe gelegenen Försterei, dem Homburger Hofe, abzweigt. Während der Wanderung durch das sich schlängelnde Thal hat man mehrere Male einen schönen Aus- blick auf das Schloss. Kurz vor der Obermihle windet sich dHie Strasse links zur Stadt hinauf. Wege- (zeit eine gute Std. Ein zweiter etwas kürzerer Weg führt vom Bahnhof links den Berg hinauf un- mittelbar in den Wald durch die Win- tersburg, und tritt nach ½ Std. ange- sichts der Stadt und des Schlosses auf freies Feld. Wegezei- chen blaue Striche. Kurz nach dem Eintritt in den Wald zweigt sich von diesem Wege rechts, wo ein Schild mit der Aufschrift Privatweg angebracht ist, ein dritter ab, welcher neu angelegt oberhalb des Thalrandes durch den Wald über den Wildungenstein und den Herbergueg führt und kurz vor Braunfels auf die Fahrstrasse mündet. Wegezeichen rote Striche. Lohnend ist die Fusswanderung direkt von Wetzlar nach Braunfels, welche etwa 2 Stunden beansprucht. Man geht in Wetzlar zum Silhéferthor hinaus die Chaussee entlang; jenseits der Starkenweide, nachdem man eine kleine Brücke passiert, biegt man in den Feldweg links; nach 7 Min. kommt man an einen waldigen Berghang, an dem ent- lang rechts ein beliebter Spaziergang zum Jieinberg, den früheren Schiessständen des Jägerbataillons, führt. Man geht aber geradeaus und hält sich im Thälchen, in welchem schwarze Dreiecke aufwärts leiten, immer rechts bis zu den 7 Linden, jenseits derer der Weg rechts aufwärts zum Mag- dalenenhäuser-Hofe führt. Man geht vor dem Hauptgebäude desselben vorüber, wendet vor dem Schafstall links und Braunfels(Försterhaus). Braunfels. 125 gelangt unter der Drahtseilbahn durch, welche die Grube Amanda mit der Sophienhütte Wetzlar verbindet, in 7 Min. zum Walde. Hier gehe man auf dem Wege gerade aus den schwarzen Dreiecken nach, die nach ½ Std bei einem Gruben- weiher auf offenes Feld führen. Man überschreitet dasselbe, indem man bei der Wegkreuzung die alte Richtung beibehält, und gelangt nach 8 Min. abermals zum Walde, durch den der Weg in weiteren 15 Min. sich allmählich ins Solmsbachthal abwärts zieht. An der breiten, mitten in den Eisenstein- förderungen— links sind dieselben fürstlich braunfelsisches, rechts Puricellisches Eigentum— stehenden Eiche vorbei, gelangt man links zu dem neuerbauten guten Wirtshause von TIollmann mit freundlichem Garten; auch Pension. Wenn man die unterhalb des Wirtshauses gelegenen Gebäude der soge- nannten Oberndorfer Schmelze, in denen eine Fabrik für land- wirtschaftliche Geräte sich befindet, passiert hat, quert man das Thal und steigt auf der entgegengesetzten Thalseite den Feldpfad empor, welcher durch Gestrüpp auf das Plateau und in 20 Min. zu dem bald sichtbar werdenden Braunfels leitet. Am Eingange des Ortes die neuerbaute katholische Kirche. Gasthäuser: Schlosshotel, Aktiengesellschaft,(Pächter Witkop) L. Fr. 3,50 Mk., Mittagstisch ohne Wein 2.50, Pens. 5— 6 Mk., Kinder bis 10 Jahren 3,50 Mk., schöne, neuerdings sehr. erweiterte Anlage mit aussichtreicher Terrasse, in Verbindung mit dem Herren- und Schlossgarten; Solmser Hof am Eingange zum Schloss, Pens. von 4 Mk. an, Hotel Seyb, Hotel zur schönen Aussicht, zugleich Bundesgasthaus für Radfahrer. FPensionat für Damen: Villa Ponnenberg. Restaurationen: Obermühle an der Haltestelle der Ernstbahn, Restaur. im Tiergarten beim Aufseher, hübscher Aufenthalt im Freien, besonders wenn die Obstbäume blühen; oft sind Rudel von Rehen und Damwild sichtbar. Post am Marktplatz, Fahrpost nach Station Braunfels. Telephonver- bindung nach Fraukfurt, Wiesbaden und den näher gelegenen Städten. Lohnfuhrwerke bei Betzenberger, Münster, Hodius. Nach der Station 3 Mk., nach der Dianaburg 10 Mk., nach Wetzlar 10 Mk. und Weilburg 12 Mk. Sanatorium: Sanitätsrat Dr. Gersters Kurpension. Badeanstalt: Kiefernadelbad bei J. Pfeilfer. Ein Zweigverein des Taunusklubs sorgt für Anlage und Instandhaltung guter, bei der schönen Umgebung genussreicher Spazierwege und Anbringung von Wegezeichen. Braunfels, Höhe über N. N. 236 m an der kath. Kirche, 273 m im Schlosshof, Hauptort der zum Kreise Wetzlar ge- hörigen Bürgermeisterei Braunfels, mit 1500 meist evang. Einwohnern, ungerechnet die 88 Personen zählende Schloss- gemeinde, ist Residenz der regierenden Fürsten von Solms- Braunfels— bei der Minderjährigkeit des Erben führt Prinz Priedrieck zu Solms die Regierung— eines Kgl. Amisgerichts und verschiedener fürstlicher Behörden. Die Entwickelung und Bedeutung des Städtchens stand bis zur Einverleibung des Fürstentums in Preussen im engsten 126 Braunfels. Zusammenhange mit dem auf hoher Basaltkuppe gelegenen Fürstlichen Schlosse. Die Tradition verweist den Ursprung des Solmser Geschlechts in das 10. Jahrhundert, der erste beglaubigte Repräsentant des- selben, Marquard von Solms, erscheint erst 1129 als Zeuge in der Gründungsurkunde des Klosters Schiffenberg(s. S. 69). Häufig genannt werden die Grafen in Kämpfen mit der freien Reichsstadt Wetzlar im 13. und 14. Jahrhundert. Sie gewannen hier 1337 sogar Bürgerrecht, worauf gestützt sie namentlich in den Ge- schlechterkämpfen gegen Ende des Jahrhunderts eine für diese verhängnisvolle Rolle spielten. Der streitbare Graf Johann II. be- mächtigte sich sogar 1375 derselben, behielt sie drei Jahre und ängstigte sie auch später noch in verschiedenen Fehden. Die Neffen Johannes, Bernhard II. und Johann III. teilten 1420 das gemein- . same Erbe und wur- den Begründer der Bernhards- und Jo- hanneslinien, deren erster Braunfels, Greifenstein und Haiger zufielen und die ihrerseits 1602 nach dem Tode des Grafen Konrad sich wieder in drei die obigen Namen füh- rende Zweige teilten. Als 1693 der letzte Braunfelser, Graf Heinrich Trajectin, sogenannt, weil er zu Trajectin-Utrecht geboren war, in der Schlacht bei Neerwinden als niederländischer Feldzeugmeister kinderlos fiel, kam Braunfels an den Greifensteiner Wilhelm Moritz, der seine Resi- denz hierher verlegte(s. S. 115) und den Namen des Geschlechtes nach dem neuen Sitz weiter führte. Durch Kaiser Karl VII. wurde dasselbe 1742 in den Fürstenstand erhoben, 1806 bei Auflösung des Reiches mediatisiert und auf dem Wiener Kongress das Gebiet als Hauptbestandteil des Kreises Wetzlar zur Fheinprovinz hinzu- gefügt. — Schloss Braunfels. Das Schloss Braunfels, welches in den verschiedenen Zeit- läufen schwere Schicksale durchzumachen hatte, namentlich auch in den Jahren 1514 und 1679 fast vollständig durch Feuer zer- stört worden war, verdankt seine Ausschmückung dem Fürsten Ferdinand(1837— 1873), einem Kunst. und Altertumssammler von Geschmack und Glück, vor allem aber dem Fürsten Georg, Braunfels. 127 welcher 1880— 1891 regierte und 1885 die volle Wiederher- stellung des Schlosses mit feinem Verständnis unternahm. Zu Grunde gelegt wurde dem Restaurationsplan die Meriansche Zeich- nung von 1640, jedoch mit mannigfachen Modifikationen, und, da die Mittel nicht gespart wurden, so wurde in der That ein Bau geschaffen, der in seiner Art seinesgleichen sucht. Bei der Reich- haltigkeit der Kunst- und Altertumsschätze, die mit Geschmack und Verständnis verteilt sind, sollte niemand versäumen, dem Schloss einen eingehenden Besuch abzustatten. Als Kaiser Friedrich als Kronprinz am 14. Mai 1887 auf seiner Rückreise von Ems nach Berlin, wo unmittelbar darauf die entscheidungsvolle Konsultation der Aerzte stattfand, in Braunfels vorsprach und das Schloss und die Schätze desselben mit kunstverständigem Auge besichtigt hatte, war er von der Schönheit des Gesehenen so entzückt, dass er mehr- fach äusserte:„Wie konnte man nur so alt werden, ohne Braun- fels gesehen zu haben!“ Vom Markfplatz gelangt man am Solmser Hof vorbei durch drei der äussern Befestigung angehörige Thore zu einem über- wölbten Durchgange, über dem die Sehlosskirche sich erhebt. Derselbe führt in den äussern Schlosshof zur Schlosswache, welche Karten zur Besichtigung des Schlosses verabfolgt und den Führer stellt. Eintrittspreis für alles Zugängliche 50 Pfg., für Rittersaal und Burgfried allein 10 Pfg. Neben der Wache zeigt eine Tafel ein Beil über einer blutenden Hand mit der Warnung:„Wer diesen Burgfrieden bricht, wird also gericht.“ Durch einen weitern Gewölbegang tritt man in den geräumi- gen, malerisch von Gebäuden und Türmen eingeschlossenen innern Hof, der sich nur nach rechts gegen den sogenannten Rosengarten öffnet. Nach dieser Seite hin liegen die ältesten Burgteile, die sich noch sichtbar dem„braunen Felsen“ an- schmiegen. Eine breite Freitreppe steigt zu einer Loggia em- por, die eine köstliche Aussicht auf die Stadt und das Lahn- thal erschliesst. Rechts öffnet sich eine Thür in den alten Stock, einen Turm, der zahlreiche interessante und wertvolle Erinnerungen an die Geschichte des Geschlechtes und Hauses enthält. Links tritt man von der Loggia in den Rittersaal, weitaus den mächtigsten und imposantesten Raum des Schlos- ses. Eine achteckige Mittelsäule trägt vier rippenlose Gewölbe und teilt so den Saal in vier Abteilungen, deren jede mit einem prächtigen Kronleuchter geschmückt ist. Ein geharnischter Ritter hoch zu Ross hütet den Eingang zu dem anstossenden Friedrichsturm, geharnischte Gestalten umstehen die Säule, die über denselben mit Schilden geziert ist, während Waffenstücke aller Art die Wände bedecken. Den wirkungsvollsten Gegen- satz zu dieser die Waffenfähigkeit des alten Herrengeschlechts in stilvoller Weise zur Anschauung bringenden Halle bildet 128 Braunfels. das anstossende Treppenzimmer, welches auf den Kunstfreund einen wahrhaft überwältigenden Eindruck machen muss. Eine kunstvoll gearbeitete Treppe, an deren Pfosten ebenfalls ein geharnischter Ritter Wache hält, führt mitten in das Zimmer hinunter, wirkt aber in keiner Weise störend, sondern hilkft vielmehr im Bunde mit dem gedämpften Oberlicht, dem Raume einen lauschigen und anheimelnden Charakter zu verleihen. Der Farbenton der Täfelung, die kunstvollen Schnitzereien, die schweren Möbel, die Teppiche, die Ahnenbilder an den Wän- den, der Schrank mit kostbaren Gold- und Silbergefässen, alles in Form, Farbe und Anordnung aufs kunstsinnigste abgestimmt, weckt in dem Beschauer in unvergleichlicher Weise die Vor- stellang, dass er sich in dem Prunkgemache eines alten, rei- chen Hauses befinde, dem kein Millionär der Gegenwart etwas Aehnliches nachschaffen kann. Wenn auch die übrigen Räume des weiten Schlosses sich den beiden beschriebenen an Grösse und Pracht der Ausstattung nicht vergleichen dürfen, so bieten doch auch sie an Gobelins, Stiekereten und Sehnitzereien, an echten Religuien, an Gläsern- und Porzellanen, an Gemälden, von denen die im Korridor befindlichen Tierstücke des Düssel- dorfer Malers Hans Deicker hervorstechen, eine solche Fülle des Sehenswerten, dass eine Aufzählung hier unmöglich ist. Der mächtige Bergfried auf der Nordseite des Schlosshofes birgt auf halber Höhe für die Wasserversorgung des Schlosses ein grosses Bassin, neben dem vorbei man auf einer Wendel- treppe zu den Lücken der Turmkrönung steigt, um eine gross- artige Aussicht weit in die Landschaft zu geniessen. Rechts von dem Bergfried führt ein altertümliches Thor zu einem mit einer Fontäne gezierten Rasenplatz, welcher über riesigen Un- terwölbungen durch Aufschüttung gewonnen ist, der sogenann- ten„scharfen Ecke“, wo verschiedene alte Geschütze an die frühere Wehrfähigkeit der Feste erinnern; auch von hier ist der Einblick in das umgebende Waldgebiet höchst reizvoll, wenn auch beschränkt. Man folge rechts dem Fahrwege, der um den Friedrichsturm herum zwischen Stock und Rosengarten durch zum däussern Schlosshof und von dort unter dem Archiu- bau hin zum entgegengesetzten Eingange leitet. Wendet man sich bei demselben links an den Marstéillen vorbei, so gelangt man durch den dussern Schlossgarten, welcher die ganze südliche Bergböschung bedeckt, zu dem in reizender Umgebung aufge- stellten Denkmal Kaiser Friedrichs in den sogenannten Herren- garten. Der Aufenthalt in Braunfels war vielleicht die letzte Stunde reinen Genusses gewesen, die dem allgeliebten Herr- scher in seinem zu kurzen Leben beschieden war. Sein Ver- sprechen:„Ich komme wieder!“ hat er nicht halten können. Gleichsam als Ersatz dafür haben die Braunfelser dieses Denk- Braunfels, Stockhausen. 129 mal gesetzt, eine von Begas gegossene Erzbüste unter goti- schem Sandsteindach mit der Unterschrift: Seinem edlen un- vergesslichen Kaiser Friedrich III. das Solmser Land. Wäh- rend unterhalb des Denkmalplatzes sich die zur Schlossanlage gehörenden Gewächshäuser breiten, steigt man aufwärts zu ei- ner prächtigen, mit alten Linden bestandenen Terrasse, die den Besuchern des stets zugänglichen Fürstlichen Herrengartens jederzeit kühlenden Schatten und Ruheplätze gewährt. Braunfels entwickelt sich bei seiner ruhigen, abgeschie- denen Lage, seinen herrlichen Laub- und Nadelwäldern, die den Berg von allen Seiten umgeben, seiner würzigen und reinen Wald- und Höhenluft immer mehr zu einem vornehmen Luftkurort ersten Ranges. Die Stadtgemeinde und das fürst- liche Haus sind durch Schaffung mustergültiger Einrichtungen (z. B. einer vortrefflichen Quellwasserleitung, schöner Alleen, neuer gesunder Bauquartiere u. s. w.) unausgesetzt bemüht, den Ort auch nach dieser Seite hin zu heben. Sanitätsrat De. Gerster, vom verstorbenen Prinzregenten Albrecht zu Solms als Kurarzt nach Braunfels berufen, hat in der Stadt ein Sanatorium(Kurpension) eingerichtet, das 15— 16 Kurgästen behagliche Unterkunft gewährt und zur Kursaison(Mai-Sep- tember) meist voll besetzt ist. Wegen Ansiedelung, Erwerb von Bauplätzen und Villen wende man sich an die Terraingesellschaft Braunfels m. 5. H. Näheres findet man im Inseraten-Anhang. 14,3 km, Bahnhof Stockhausen, Höhe über N. N. 142,8 m, Gasthaus zum Solmser-Hof gegenüber dem Bahnhof, einige Zimmer zum Logieren. Kurz vorher hat die Bahn den Fluss überschritten, weshalb der Bahnhof auf der rechten Lahnseite liegt. Von der unterhalb des Bahnhofes errichteten Verlade- gallerie führt ein Schienenstrang über die Privatbrücke zu den Kruppschen Eisensteingruben Würgengel und Anna. Auch von Stockhausen führt ein Weg auf die Dianaburg. Vor dem Solmser-Hafe geht man rechts auf der. Chaussee nach Leun- Wetzlar, biegt von derselben links die Dorfstrasse aufwärts pei der Wirtschaft von Enders vorbei über den Stockbach. Die Wegemarkierung, blaue Striche, beginnt erst nach 5 Min. an einem kleinen Hause auf der linken Seite, Dianaburg 1 Std. 25 Min. Kurz darauf folgt man dem Feldweg rechts, welcher sich den kahlen Berg hinaufwindet. Nach 6 Min. trifft man das blaue Wegzeichen an einem alleinstehenden, halbabge- storbenen Kirschbaum 20 Schritte links abseits vom Wege. Nach 3 Min. erreicht man die Höhe, schöner Rundblick aufs Lahnthal, und nach weitern 5 Min. den Wald, durch den die Zeichen weiter führen. Wendet man sich vor dem Solmser-Hof in Stockhausen Illustr. Lahnführer. 9 130 Löhnberg. links der Chaussee nach, so kommt man in einer Viertelstunde nach Biskirchen, einem an der Mündung des Ulmbach gelegenen grösseren Pfarrdorf; Gasthaus von Lotz, Gasthaus zum Preussi- schen Adler, zum Deutschen Kaiser. 5 Min. oberhalb des Ortes entspringt im Bachthale der Gertrudisbrunnen, eine dem Fürsten von Braunfels gehörige wohlschmeckende Mineralquelle, deren Wasser in der Umgegend viel getrunken wird. Eine gute Strasse führt das Ulmthal aufwärts über Allendorf, Ulm, Holzhausen, Wallendorf in 2 ½ Std. nach Beilstein (s. S. 115). 20,2 km Bahnhof Löhnberg, Höhe über N. N. 138,7 m. Die Bahn von Wetzlar her hält sich auf dem rechten Lahn- ufer. Bald nachdem man Biskirchen passiert hat, sieht man links unmittelbar am Bahndamme die Gebäude der 1892 erbohrten St. Georgsquelle. Wenig weiter abwärts ebenfalls in den Lahnwiesen liegt auf der andern Seite des Flusses der Original-Seltersbrunnen, welcher, wie der vor mehreren Jahren erschlossene neue Selters-Sprudel, seinen Namen nach dem am Bergabhauge links von der Bahn gelegenen Dörfchen Selters führt. Um die Konkurrenz des Namens abzuschneiden, wurde die erstere von dem Berliner Konsortium Siemens& Komp., welche die berühmten Quellen von Fachingen, Nieder- selters und Geilnau gepachtet haben, aufgekauft; die Versand- stelle befindet sich in der Nähe des Bahnhofs Löhnberg. Der Flecken Löhnberg, Wirtschaften von Ochs, Böhm, Neu, Knodt, zur Krone, alle an der Hauptstrasse, liegt auf einem Bergvorsprung, welcher sich zwischen Lahn und dem Venter- resp. Kahlenbergbache einschiebt und das Leuner Becken auf der rechten Flussseite abschliesst, während sich auf der linken bereits beim Dorfe Selters ein Waldrücken mit zum Teil steiler Felswand unmittelbar an den Fluss drängt. Das Schloss, ein alter zweiflügeliger Steinbau ohne wesentliche Gliederung von spätest gotischen Formen, liegt auf dem öst- lichen Bergvorsprunge und schaut beherrschend in das weite Wiesenthal. Es ist eine Gründung des Grafen Johann von Nassau-Dillenburg aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts, der hier auf dem Steinfelsen die Lahneburg= Löhneburg, anlegte. Jetzt ist es teils Gemeinde- teils Privatbesitz und wird als Scheune und Wirtschaftsgebäude benutzt. Vor dem Schlosse breitet sich auf dem Berge der Ort mit holperigem Pflaster, nur hier und da fesselt den Blick ein hübsches Hausornament. Durch die vom Bahnhof aufwärts führende Hauptstrasse wird ein bedeutender Fuhrmannsbetrieb vom Westerwald her vermittelt. Die Strasse bildete einstmals die Grenze gegen das Weil- burgische Gebiet. Unterhalb des Bahnhofes liegt die gross- artige Löhnberger Aktienmühle mit Fruchtspeicher. Weilburg. 131 23 km Bahnhof Weilburg, Höhe über N. N. 139,4, Halte- stelle für sämtliche Schnellzüge. Die Berge treten unmittel- bar an den Fluss und lassen auf der rechten Seite nur geringen Raum für eine Fahrstrasse und den Bahndamm. Schon ober- halb Löhnberg hat die Lahn ihre seit Giessen ostwestliche Richtung in eine nord-südliche verwandelt, die sie bis Aumenau beibehält. Gasthöfe: Deutsches Haus, Gasthaus zur Traube, beide an der Neu- gasse in der Nühe des Schlosses, L. Fr. 2,50, Pens. von 4 Mk, an; Nas- sauer Hof in der Nähe des Bahnhofs, L. Fr. 2 Mk. Pens. 4, Mk. ¼ Std. un- terhalb der Stadt am Eintritt der Weil in das Lahnthal Hotel Sommerfrische Guntersau, durch die schöne Waldumgebung und ruhige Lage zu längerem Aufenthalt geeignet, Pens. 4 Mk. Restaurationen: Neben den genannten Gasthöfen, die sämtlich Bier führen: Bahnhofrestauration, Christ. Hündt, Heinr. Hündt, vor dem Thore Frankfurter Haf, Saalbau Müller, Webersberg(mit Garten und schöner Aus- sicht), Felsenkeller mit Garten. Weinstuben: WWilh. Moser; Karl Rosenkeranz, auch Weinhandlung, altes, 1793 gegründetes Lokal mit gutem Wein. Die kleine Terrasse bietet einen entzückenden Blick auf die Hausley. Caféês: Heinr. Goertz und Aug. Hahn. Post: Das Post- und Telegraphenamt befindet sich am Poslplatz in der Bahnhofstr. auf der rechten Lahnseite. Telephonverbindung innerhalb des Bezirkes Frankfurt a. M. Fahrgelegenheit bei H. Meurer und Jul. Baurhenn. Bäder: Warme Bäder bei der Gasanstalt, Flussbäder bei H. Mühl. Weilburg ist der Sitz eines rührigen Zweigvereins des Taunusklubs, welcher zahlreiche Wegemarkierungen in der Umgegend ausgeführt hat, Wegetafeln an der Gastwirtschaft von Heinr. Hündt und am Kgl. Gymnasium gegenüber der Traube, sowie eines zum Gauverband Frankfurt gehörenden Radfahrer- Vereins, Bundesgasthöfe: Zur Traube, Zum deutschen Haus und Sommerfrische Guntersau; Reparaturenwerkstätte bei O. Göhring, Wilhelmstrasse. Weilburg, Hauptstadt des zum Regierungsbezirk Wies- baden gehörenden Oberlahnkreises der Provinz Hessen-Nassau mit 3722 Einw., ist Sitz eines Kgl. Landratsamtes, eines Amts- gerichts, einer Oberförsterei, eines Domänen-Rentamts, eines Bergrevieramts, eines Archivs der Grossherzoglich Luxemburgischen Schlossverwaltung u. s. w. ferner eines Kgl. Gumnasiums, einer Unteroffizier- Vorschule, einer städtischen Landwirtschaftsschule und einer städtischen höheren Mädchenschule. Die Lage des Ortes auf einer von der Lahn umflossenen, buschumrauschten Felsinsel, die nur nach Osten mit dem Gebirgs- lande durch eine verhältnismässig schmale Kehle zusammenhängt, ist eine unvergleichlich schöne, zumal die das rechte Ufer um- rahmenden waldigen Höhenzüge im Westen und Süden zum Teil schroff gegen das Wasser abstürzen und Stadt und Schloss wie eine Perle mit schimmerndem Grün umfassen. Zugleich aber musste dieser durch die Natur geschützte Bergkegel, dem die Lahn von 9* 132 Geschichte Weilburgs. mehr als drei Seiten als schwer übersteiglicher Festungsgraben dieute, schon frühzeitig zu einer Burganlage einladen. So erscheint die Wilinaburch schon im Beginn des 10. Jahrhunderts als eine der Stammburgen der fränkischen Konradiner, welche Gaugrafen des Niederlahmgaues waren und bald damit die Herzogswürde in Franben vereinigten. König Konrad I. weilte gern in dieser Burg und gründete hier 912 das Chorherrnstift 2u St. Halpurgis; auch wird unter ihm 918 Weilburg bereits als Stadt bezeichnet, die sich zweifellos im Anschluss an die Burg und unter dem Schutz der- selben gebildet hatte. Dennoch steht Konrads Denkmal nicht hier, sondern auf der Bodensteiner Ley lahnabwärts zwischen Villmar und Runkel. Als sein Bruder und Nachfolger im fränkischen Herzogsamt Eberhard im Kampfe gegen Kö- nig Otto den Grossen 939 Besitz und Leben verlor, fiel Stadt und Herrschaft Weilburg an das sächsische Kö- nigshaus. Im Jahre 1000 schenkte Kaiser Otto III. die Burg, zwei Jahre später sein Nachfolger Hein- rich II.die Stadt und die ganze Herrschaft dem Bistum Worms, dem die Kaiserin Agnes 1062 das gesamte Königsgut im Niederlahngau hinzu- fügte. Im Jahre 1195 erscheint Graf Malram I. von Nassau als Vogt des Bischofs von Morms in Weilburg; bald aber ge- wannen die Nassauer Grafen die sämtlichen Güter und Rechte als Pfandbesitz, so dass König Adolf von Nassau das ganze Wormser Eigentum 1294 für eine verhältnismässig geringe Kaufsumme, 200 Pfund Heller, endgültig für sich und sein Haus erwerben konnte. Zur ständigen Residenz aber wurde Weilburg erst seit 1355 durch den Grafen Johann erhoben, der durch Heirat die Herrschaft Merenberg und die Grafschaft Gleiberg(s. S. 64) gewann, den alten Konradiner Burgbau niederlegte und ein neues Schloss auf- führte, den noch heute stehenden alten Bau. Auch bewehrte er die Stadt mit einer starken Mauer aus Basaltblöcken und liess an Stelle der bisherigen hölzernen eine steinerne Brücke über die Lahn führen. Graf Philipp III. führte schon 1526 das lutherische Bekenntnis ein, hob bald darauf die Niederlassungen der Domini- kaner und Franziskaner auf und gründete an Stelle der bisherigen Stiftsschulen eine nach den Grundsätzen Melanchthons eingerichtete Weilburg. Geschichte Weilburgs. 133 Lateinschule, aus der später das Gymnasium hervorgegangen ist. Grausam war das Schicksal der Stadt während des dreissigjährigen Krieges, wo sie wiederholt, 1635 sogar dreimal in einem Viertel- jahr, von den Spaniern und Kaiserlichen erstürmt und geplündert wurde, so dass am Schluss des Krieges nur noch acht Personen darin zurückgeblieben sein sollen. Ein Sohn der Stadt, der be- kannte Kulturhistoriker W. H. Riehl, giebt uns in seiner Novelle „Fluch der Schönheit“e, welche sich unter seinen Geschichten aus alter Zeit findet, eine lebensvolle Schilderung von den Zuständen in derselben vor dem Ende des Krieges. Eine andere, die kultur- geschichtlichen Novellen eröffnende Erzählung desselben Verfassers versetzt uns nach Weilburg zur Zeit des siebenjährigen Krieges, dessen Wetter ohne grösseren Schaden an dem Orte vorüberzogen, während im Jahre 1792 die Franzosen unter Custine in Stadt und Schloss auf das rücksichtsloseste brandschatzten. Die Spuren jener vandalischen Thätigkeit bewahrt noch jetzt der Thronsaal, wo der Obergeneral eigenhändig ein viereckiges Stück aus dem roten Samt der Tapeten ausschnitt, während die Offiziere die Goldborten der Portieren abrissen und mitnahmen. Während der napoleonischen Zeit gehörten die bedeutend vermehrten und zu einem Herzogtum verschmolzenen nassauischen Lande zum Rhein- bunde unter der gemeinsamen Herrschaft des Fürsten Friedrich Wilhelm von Weilburg und des Herzogs Friedrich August von Nassau-Usingen. Als nach Wiederherstellung der alten Zustände der erstere am 8. Januar 1816 durch einen Sturz im Schlosse ein frühes Ende fand und wenige Wochen später Herzog Friedrich August ihm ohne männlichen Erben in den Tod folgte, wurde der junge Fürst Wilhelm von Weilburg alleiniger Landesherr und nahm den Titel Herzog von Nassau an. Er verlegte seine Resi- denz nach Biebrich am Rhein, und Weilburg trat namentlich hinter Wiesbaden immer weiter zurück, wenn auch eine Anzahl Behörden hier bestehen blieb und ihm zum Ersatz eine Garnison von zwei Bataillonen und ein Landesgymnasium gegeben wurde. Segensreich für die Stadt und die Hebung ihres Wohlstandes war vor allem die Regulierung der Lahnschiffahrt vom Jahre 1846, welche die Lahaschlinge und das Wehr durch einen durch die Bergkehle geführten Schiffahrtstunnel zu vermeiden wusste, sowie durch die 1862 erfolgte Eröffnung der Lahn-Eisenbahn, wodurch Weilburg mit einem Male mit den grossen Verkehrsstrassen in Ver- bindung gesetzt wurde. In die mächtige Umwälzung der deutschen Verhältnisse 1866 wurde auch Nassau hereingezogen, als der Herzog 4dolf I., welcher seit 1839 regierte, sich auf Oesterreichs Seite stellte. Sein Land wurde infolgedessen von Preussen: annektiert und mit dem Kurfürstentum Hessen zu der neuen Provinz Hessen- Nassau zusammengefügt, in welcher es mit Frankfurt a. M. den Regierungsbezirk Wiesbaden bildet. Indessen behielt Herzog Adolf 134 Gang durch Weilburg. als Privatbesitz die Schlösser von Bicbrich und Weilburg, die jetzt, nachdem der greise Fürst 1890 noch die Regierung des Grossher- zogtums Luxemburg übernommen, unter grossherzoglich luxem- burgischer Verwaltung stehen. Doch hat weder der Grossherzog noch ein Mitglied seiner Familie es über sich gewinnen können, unter dem neuen Regime dem alten Stammsitze einen Besuch ab- zustatten. Dass Weilburg durch diesen Wechsel in seiner Ent- wickelung keinen Nachteil davongetragen, zeigt das Aussehen der Stadt, welches durchgehends auf den Besucher einen soliden, be- häbigen und wohlhabenden Eindruck hervorruft. Vom Bahnhofe führt die Bahnhofstrasse, von der sich rechts die Wilhelmstrasse abzweigt und mit neuen stattlichen Häusern besetzt sich den Berg hinaufzieht, über Gartenanlagen hin, die links in Terrassen zum Fluss hinabstei- gen, wührend auf der gegenüber- liegenden Seite der umbuschte Schlossfels, das Gebück genannt, steil zum Wasser hinunterstürzt, an dem schönen Hostgebäude vor- bei zur alten Weilburg. Lahnbrücke. Die breite Landstrasse, welche kurz vorher rechts abbiegt, ist die Chaussee nach Limburg und nach dem Westerwalde. Jenseits des Flusses steigt man die Niedergasse aufwärts und geht entweder dem Fahrweg nach bis zum Kriegerdenkmal vor dem Komöödienhause, jetzt die Aula des Gymnasiums enthaltend, um beim Gasthaus Zur Traube in die Neugaese einzubiegen, oder man biegt vorher links die steile Ritsche aufwärts, um durch die Langgasse ebenfalls in die Neugasse zu gelangen. Dieselbe führt geradeswegs über den mit Bäumen bestandenen Schlossplatz, an dem wasserlosen Delphinbrunnen, dem runden Turm und den Gewehrständen der früheren Schlosswache vor- bei in den geräumigen, fast quadratischen Hof des obern Schlosses. Dieser ältere Teil, dessen Bauten zum Teil, wie die eingehauenen Zahlen angeben, vom Grafen Philipp III. Mitte des 16. Jahrhunderts aufgeführt sind, ist ein gross- artiges und interessantes Werk der Frührenaissance mit vielen gotischen Erinnerungen und besteht aus vier den Hof ein- schliessenden Flügeln, die durch einen grossen Turm, mehrere Weilburg, Schloss. 135 Vorbaue, zahlreiche Erker und Dachgiebel eine reiche und mannigfaltige Gestaltung empfangen haben. Zur Besichtigung der Schlossräume, die zum Teil noch reich und geschmackvoll ausgestattet sind und deren Zahl 320 beträgt, wendet man sich an den rechts im Hof wohnenden Schlossdiener, welcher durch eine Schelle herbeigerufen wird und gegen ein Trinkgeld die Führung übernimmt. Vom Hofe aus gelangt man zu den im östlichen Flügel gelegenen, leider nicht ausgestatteten Rittersaal mit einer Reihe runder Schafte und mit Sternge- wölben, deren einfach hohlge- gliederte Rippen aus den Schaften in schräger Rich-uͤͤ- tungherauswach- 1 sen. An der süd- lichen Schmal- seite des Saales ist ein längere Zeit als Schloss- apotheke einge- richtet gewese- nes quadrati- schesGemach mit Sterngewölbe ab- Weilburg. getrennt, dessen Schlussstein die Zahl 1560 trägt. Von den übrigen Räumen des Schlosses sind besonders zu nennen das Treppenhaus, über dessen Geländer 1816 Fürst Friedrich Wilhelm hinunterstürzte; das Gesellschafts=immer mit roten Seidentapeten in reichen Gold- rahmen und Möbeln im Stil des Empire. Ein Gemälde von David stellt Napoleon I. im Krönungsornate mit goldenem Lorbeerkranz auf dem Kopfe dar; auf der andern Seite Kaiser Adolf von Nassau und Katharina II. von Russland. Ferner ein Schlafzimmer mit gelber Seidentapete und grossem aus der Rhein- Nacht des Kurfürsten von Trier stammenden Himmelbett, an den Wänden einige wertvolle Porträts Wilhelms v. Oranien, des Grossen Kus fürsten u. s. w.; vor allem der Thronsaal in reichster Ausstattung mit den hellroten Sammettapeten, reichen Damastportieren mit Goldstickereien, schwer vergoldeten Möbeln und dem Thronhimmel von roter Seide. Hier haben die Franzosen unter Custine die oben erwähnten Vandalismen verübt. Ein wertvolles Gemälde von Tischbein, den Fürsten Friedrich Wilhelm im Kreise seiner Familie darstellend, ziert die Wand. n. X. v. P. Flum Weoilburg. 136 Gang durch Weilburg. Das dem Anfang des 18. Jahrhunderts entstammende halb- runde Orangeriehaus vermittelt die Verbindung mit der äusser- lich nüchternen, im Innern aber reich ausgestatteten, 1711 eingeweihten Schlosskirche, die aber auch als Stadtkirche dient und so in hübscher Weise symbolisch eine Vermittelung zwischen Schlossbewohnern und Bürgerschaft darstellte. Neben der Kirche befindet sich der Haupteingang zum Schlossgarten, welcher jedermann zugänglich ist, aber auch vom Schlosshof aus betreten werden kann. In dem obern, dem Schlossgebäude zunächst gelegenen Teile, der mit seltenen und schönen Bäumen angelegt ist, befindet sich ein 1896 gesetztes Denkmal des Grafen Johann Ernst von Nassau-Weilburg, des Schöpfers eines grossen Teils dieser Anlagen. Auf zwei breiten Freitreppen steigt man hinab zu dem Lustgarten, an den sich abwärts eine zweite mit Springbrunnen versehene Terrasse schliesst. Von beiden hat man einen reizenden Blick auf die Lahn hin- unter und das gegenüberliegende waldige Gelände. Die Westseite des Berges nimmt vorwiegend die Altstadt ein, deren meist kleine, aber sauber und akkurat gehaltene Häuser, ihrem Stil nach meist der Mitte des 18. Jahrhunderts angehörend, nur selten von einem grösseren herrschaftlichen unterbrochen werden. An die Kirche ist das Rathaus angebaut mit einer gegen den Markt sich öffnenden Säulenhalle. Von ihm gehen eine Anzahl Gassen aus, die alle in die die Stadt von der Westseite umfassende Mauerstrasse auslaufen. Dieselbe führt uns durch die Vorstadt nach dem Landthor, einem dem römischen Triumphbogen im kleinen nachgebildeten Bau, welches früher die Stadt nach dieser durch den Fluss nicht bewehrten Seite abschloss. Jetzt liegen an der Frankfurter Chaussee, welche über die Bergkehle nach O. läuft, stattliche Häuser, deren Zahl in stetem Zunehmen begriffen. Gleich rechts trifft man auf den Eingang zum Kirchhof in herrlicher Lage über dem Flusse. Eine alte, mit Laub umsponnene Kapelle, sowie ein Denkmal der 1870 und 71 gefallenen Krieger fesselt hier den Blick. Wenig weiter aufwärts zweigt von der Chaussee rechts zwischen dem von Dungernschen Hause und der neuerbauten Villa des Reichstagsabgeordneten Mischke der Weg nach dem Webersberg ab, einer bekannten Gartenwirt- schaft mit schöner Aussicht. Ein Weg führt weiter auf den bewaldeten Gänsberg mit einem Schutztempel des Taunus-Klubs und abwärts zu der Sommerfrische Guntersau. Sehr lohnend und in kurzer Zeit ausführbar ist ein Umgang über die die Stadt im W. und S. umkränzenden Wald- höhen jenseits der Lahn. Wenn man von der Stadt kommend die Lahnbriücke passiert hat, biegt man links den Fluss ab- wärts und trifft nach reichlich 5 Min. auf eine Tafel, welche Umgebung Weilburgs. 137 nach der Prophetenkanzel und dem Kanapee weist; Wege- zeichen blaue Striche. Auf dem mit Treppen versehenen Wege aufwärts steigend gelangt man nach 2 Min. zu einer unter dem Schieferfelsen angebrachten Bank. Der links führende Weg leitet an dem Felsen in halber Höhe entlang zu den Wölwenlöchern, Höhlungen im Felsen, in denen zu heidni- schen Zeiten eine Wölwa, weise Frau, gehaust haben soll. Rechts aufwärts führt der Weg zum Kanapee und bietet beim Rückschauen schöne Blicke auf das Schloss und die enggepackte Stadt, die hier von einem geschlossenen Höhenkranz umgeben erscheint. Die Wirtschaft von Timmer, in deren Nähe ein alter Wasserleitungsturm steht, ist einfach, Pens. 3 Mk. Von hier folge man links der Landstrasse, die nach 8 Min. zum Walde herausführt und einen schönen Blick auf die Hausley und die Lahn gewährt. Bei Strassenstein 1,0 biegt man links und verfolgt die Lindenallee, an deren Ende der Taunusklub über dem steilen Felsen der Hausley einen sechseckigen Aus- sichtstempel errichtet hat. Ein Pfad führt in 10 Min. abwärts zum Fluss, über den man auf einer Rollfähre zur Stadt zurückgelangt. Hält man sich unten zwischen den Resten der alten Stadtmauer und dem Flusse, so trifft man links gehend auf die Kgl. Unteroffiziervorschule, deren jetzt drei- stöckiges Gebäude einst für die Münze bestimmt war, 1876 aber um die zwei Flügel erweitert ihrem heutigen Zwecke übergeben wurde. Um dieselbe herumbiegend gelangen wir in den Hainweg, der uns in die obere Stadt zurückleitet. Die Schwebebrücke, welche in verfallenem Zustande den Fluss überspannt, rührt aus der Zeit, wo das Wasser der städtischen Leitung auf den Höhen des jenseitigen Ufers gefasst wurde. Vom Bahnhof kann man in kurzer Zeit, allerdings nur zu Fuss, direkt zu dem Landthore und zur Prankfunter Chaussee gelangen, wenn man über die Eisenbahnbrücke geht, von der man einen hübschen Einblick in die beiden Tunnel hat, und vor dem Eisenbahntunnel rechts den Weg aufwärts geht. Ueberschreitet man aber nach links die Schienen, so steht man jenseits der Strasse vor dem Eingange zum von Dungern- schen Park, dessen schöne Anlagen die ganze Bergwand ein- nehmen. Der Eintritt ist jedermann gestattet. In 5 Min. steigt man auf schattigen Pfaden zu einem Pavillon, von dem man einen schönen Blick auf die Lahn, das Gebück, das Schloss und das Kanapee geniesst. Der Weg am Flusse entlang führt zur PBadeanstalt und an der Gasanstalt und der Helbigschen Brauerei vorbei nach dem Dorfe Ahausen.„ Ist so die nähere Umgebung Weilburgs eine überaus reizende und im Bunde mit den übrigen Vorzügen des Ortes wohl geeignet, zu längerem Verweilen einzuladen und den 138 Von Braunfels nach Weilburg. Aufenthalt am Platz zu einer angenehmen und genussreichen Sommerfrische zu gestalten, so gewähren auch die weiteren Ausflüge eine reiche Ausbeute. Näheres über Weilburg findet man in: Spielmann, Fiührer durch Weilburg und Nordost-Nassau. 1,30 Mk. — Geschichte von Weilburg, geb. 3,50 Mk. Verlag von H. Diesterweg in Weilburg. Ausserordentlich lohnend ist schon eine Fusswanderung von Braunfels nach Weilburg, welche etwa 2 ½ Std. in Anspruch nimmt. In Braunfels gehe man, entweder von der Obermühle her kom- mend rechts, oder vom Bahnhof St. Georgen kommend links die Chaussee, welche südlich vom Mühlenweiher auf- wärts am Waldes- rande entlang führt. Nach einer halben Stunde kann man rechts den Weg nach Hirschhausen ein- schlagen, der jenseit Hirschhausen, von schwarzen Punkten markiert, am Tiergarten entlang wieder auf die Chaussee nach Weilburg führt; besser aber hält, man die Chaussee ein, von welcher sich nach einer weitern halben Stunde der Weg nach Philippstein, einem Dörfchen am Möttbach mit hübsch gelegener Ruine abzweigt; nach einer Viertelstunde trifft man an der Ecke des H'eilburger Tiergartens auf die Franlfurter Chaussee, welcher man rechts am Tiergarten entlang folgt. Unter einer jenseit des Tier- gartens beginnenden herrlichen Alleec wandert man nach Weilburg weiter, in welches man durch das Landthor ein- tritt. Die umgekehrte Tour von Weilburg aus ergiebt sich danach von selbst, nur muss man, wenn man den eine Vier- telstunde näheren Weg über Hirschhausen wählen will, noch drei Viertelstunden links den durch schwarze Punkte markier- ten Weg einschlagen; jenseit Hirschhausen schwarze Drei- ecke. Immerhin ist der Weg auf der Chaussee vorzuziehen. Ein weiterer, oft unternommener Ausflug von Weilburg führt zum Westerwald aufwärts nach der weithin sichtbaren Ruine Merenberg. Wegezeit etwa eine Stunde, Zeichen schwarze Striche, einmal am Tage geht dorthin eine Fahrpost. Wenn Philippstein bei Braunfels. Merenberg. 139 man von der Stadt kommend die Lahnbrücke überschritten hat, schlägt man die Limburger Chaussee ein, welche, ziemlich steil zum Westerwald ansteigend, nach mehrfacher Biegung in den Wald eintritt. Kurz vor der bewaldeten Basaltkuppe des 361 m hohen Herrmannsküppels, auf dem sich ein vom Taunus- klub Weilburg errichtetes hölzernes Aussichtsgerüst befindet, zweigt sich links die Strasse nach dem Dorfe Hasselbach ab, die Chaussee, in nordwestlicher Richtung weiter führend, teilt sich, bald nachdem sie aus dem Walde herausgetreten ist. Links führt sie über die weite, mit Gestrüpp, Ginster und Eriken bewachsene und mit Basaltblöcken übersäte Allendörfer Heide und senkt sich, nur die Dörfer Allendorf, Heckholzhausen und Obertiefenbach berührend, über den Kamm der Vorberge des Westerwaldes in südwestlicher Richtung in das Limburger Becken hinab. Der rechte Arm der Chaussee führt gerade aus in etwa 20 Min. nach Merenberg, einem grösseren Flecken, (Gasthaus„Weisses Ross“ am Eingange links) über dem sich im Nordwesten auf steiler Basaltkuppe die Ruinen der gleich- namigen Burg erheben. Schlüssel zum Turm in der Schule, Eintritt 20 Pfg. Die Burg war Sitz der Herren von Merenberg, deren erster, Hartrad I., urkundlich 1129 erwähnt wird. Hartrad II. erbte durch seine Gemahlin Irmengard 1186 Burg und einen Teil der Herr- schaft Gleiberg(G. S. 63), in deren Besitz sein Geschlecht bis zum Aussterben des Mannesstammes 1328 blieb. Die älteste Tochter des letzten Merenbergers, Hartrad II., Gertrud, war mit dem Grafen Johann I. von Nassau vermählt, dessen Geschlecht dadurch in den Besitz der Herrschaft Merenberg nebst dem Gleiberger An- teil gelangte. Die Burg wurde während des dreissigjährigen Krieges zerstört und nicht wieder aufgebaut. Besser erhalten blieb nur der mächtige runde Bergfried, den der Taunusklub Weilburg 1895 mit einem Kostenaufwand von 2800 Mk. ausbaute und besteigbar machte. Die Aussicht von der Plattform des Turms ist eine hervorragend freie und weit umfassende. Die Chaussee steigt von Merenberg sehr allmählich über Rennerod und Emmerichenhain zum hohen Westerwald, der in dem Saalberg, 654 m, auch Salzburger Kopf genannt, und den Fuchskauten, 657 m, hier seine bedeutendste Erhebung erreicht. In dem Dörfchen Neukirch am Fusse des Salzbur- ger Kopfes berührt die Strasse das höchst gelegene Dorf, um von hier in das Thal der zur Sieg fliessenden Heller hinabzu- steigen, wo sie bei dem Städtchen Burbach die Köln-Giessener Bahn gewinnt. Da uns unser Weg noch öfter in den Westerwald führen wird, so müssen hier einige allgemeine Bemerkungen Platz 140 Der Westerwald. finden, die dem Westerwaldführer, herausgegeben vom Wester- wald-Club(Peis 2 Mk.), entnommen sind. Der Westerwald ist ein Hochplateau, welches in drei Ter- rassen aufsteigt. Die oberste heisst der hohe Westerwald. Er bildet die Wasserscheide zwischen Lahn, Rhein und Sieg, ist ziemlich eben und mit weiten, zum Teil fruchtbaren Aeckern und Wiesen bedeckt, aus denen kleine Gehölze, Hecken ge- nannt, und zahlreiche Dörfer inselartig hervortreten. Selbst über die höchsten Erhebungen, den Fuchskauten und den Sala- burger Kopf, zieht der Pflug. Dieser Teil des Westerwaldes bietet somit ausser der Fernsicht, welche man von seinen Höhen hat, keine landschaftlichen Reize. Anders ist es mit dem zwei bis drei Stunden breiten Gürtel, welcher die oberste Terrasse umschliesst. Hier erheben sich nordöstlich und häu- figer noch südwestlich vom hohen Westerwalde Basaltberge mit ihren wunderbaren, engzusammengefügten Säulen oder ihrem weitverbreiteten Geröll. Meist sind sie mit Laubwald bedeckt und oft mit Burgen oder hohen Ringwällen versehen. In dieser Zone liegen Marienberg, Westerburg, Beilstein. Die unterste Terrasse umgiebt die mittlere in verschiedener Breite und ist wie die obere ziemlich eben und wenig bewaldet. Die Thäler des Westerwaldes sind im allgemeinen flach. Nur die Nister, der Gelbach und die kleinen Flüsse, welche sich in den Rhein ergiessen, schneiden tief in das Bergland ein und gewähren in ihren vielfachen Windungen und mit ihrem dichten Laub- wald reizende Landschaftsbilder. Die Bewohner, ein schlanker Menschenschlag, beschäftigen sich hauptsächlich mit Acker- bau und Viehzucht(Rinder, Schweine und Schafe). Ihre Felder bestellen sie mit Kühen, die grösseren Grundbesitzer auch mit Ochsen. Der fruchtbarste Boden befindet sich im Elbthal. Hier gedeiht der Weizen in üppigster Weise. In den übrigen Gegenden sind Hafer, Gerste und Kartoffeln die hauptsächlich- sten Feldfrüchte. Bei Rennerod wird ausserdem vorzüglich Kappus und bei Höhr Hopfen gebaut. Obst gedeiht auf dem hohen Westerwald nicht. Wenig über 1 km unterhalb Weilburg bei der Sommer- frische Guntersau mündet der Fluss, welcher der Burg, und damit der Stadt ihren Namen gegeben hat. Die Weil entspringt auf dem Westabhange des Grossen Feldbergs und bildet sich in nördlicher Richtung zur Lahn hin ein etwa 9 Stunden langes Thal, welches von einer vorzüglichen Landstrasse durchzogen, mit seinen wohlhabenden Dörfern, seinen malerischen Ruinen und dem dauernden Wechsel von Feld, Wiese und Wald von Norden her einen ebenso bequemen wie reizvollen Zuweg zu der beherrschenden Kuppe der Taunuskette gewährt, die mit einer Meerhöhe von 880 die bedeutendste Erhebung des gesam- Das Weilthal. 141 ten Rheinischen Schiefergebirges darstellt. Erleichtert wird der Zugang durch die 1891 eröffnete Weilthalbahn, welche vom Bahnhof Weilburg ausgehend das Thal bis Weilmünster durchzieht und von hier aus in einem Seitenthälchen bis Laubus- eschbach ihre Fortsetzung findet. Ein Ausbau der Strecke Weilmünster-Usingen über Grävenwiesbach ist bereits in Angriff genommen. Eine Benützung der Bahn, um die Wan- derstrecke abzukürzen, ist entschieden anzuraten, da das Weil- thal seine Hauptreize erst im obern Teile entfaltet. 4 km Station Freienfels, Gasthof Sommerfrische Freienfels. Die Sekundärbahn, anfangs an der Hauptstrecke nach Coblenz entlang laufend, biegt kurz vor Guntersau links ab und ge- winnt durch einen Tunnel die Weil, deren Lauf sie auf der linken Seite folgt, wührend die Land- strasse das rechte Ufer inne hält. Ueber dem gleichnamigen Dorfe erheben sich die ausgedehnten Ruinen der malerisch gelegenen Burg Freienfels, gegründet— um diapdurch den—— Grafen Walram von Nassau, urkundlich Schloss Freienfels. jedoch erst 1327 erwähnt. In den späteren Jahrhunderten bewohnt von nassauischen Burglehnmännern und Amtleuten, wurde sie im 18. Jahrhundert zur Ruine. Der viereckige, durch einen tiefen Felsgraben geschützte, vierstöckige Bergfried ist noch romanisch, während die übrigen Bauten vorwiegend gotische Formen zeigen. 7 km. Station Essershausen, Wirtshaus zum Weilthal, Stammsitz der ehemaligen adligen Familie von Eschhausen, deren Burg 1724 als trierisches Lehen an Nassau- Weilburg überging, jetzt aber verschwunden ist. 9 km Station Ernsthausen. 11 km Station Weilmünster. Der Bahnhof liegt oberhalb des grossen, in der Weilniederung sich ausbreitenden Fleckens, welcher bereits 821 erwähnt wird, obgleich die wenig bedeutende Kirche, die dem Orte den Na- men gegeben hat, erst 1217 urkundlich vorkommt. Reste einer Burg mit einem kleinen runden Turm sind noch oberhalb des Ortes sichtbar. Wirtschaften von Haibach und Jung. 142 Das Weilthal. Von Weilmünster kann man entweder an der neuerbau- ten Irrenanstalt des Regierungsbezirks Wiesbaden vorbei über Audenschmiede, ein früheres Buderussches Eisenhüttenwerk, Winden nach Emmershausen auf der schönen Chaussee thal- aufwärts wandern, man kürzt jedoch wesentlich ab, wenn man die Bahn bis zur Endstation Laubuseschbach, 16 km, weiter benutzt und hier erst die Fusswanderung antritt. Man gehe durch den ganzen Ort hindurch und verfolge den Weg, welcher direkt nach Süden geht und vom Ort an durch rote Striche bezeichnet ist. Sobald aber der Wald von links an die Strasse tritt, biegt man, während die roten Zeichen gerade aus weiter führen, links in eine ziemlich verwachsene Schneise ein, die nach 10 Min. auf die von Aumenau nach dem Weilthale in west- östlicher Richtung führende Landstrasse trifft. Diese kreuzt man und hält den Weg ein, welcher durch verschiedene Wege- zeichen markiert in südöstlicher Richtung durch schönen Wald nach Emmershausen zu der Weilthalchaussee abwärts steigt. Dieser folgt man flussaufwärts und erreicht in 1 ¾ Std. das im engen Thal gelegene Rod an der Weil, dessen neue, auf hohem, vorspringenden Felsen gelegene Kirche fast die Strasse zu sperren scheint. Wirtshäuser von Bäppler, Schmidt, zum Weilthal. Das Weilthal wird enger und gewundener, von beiden Seiten tritt der prächtige Wald unmittelbar an die Wiesen. Eine Wanderung von 1 Std. führt auf der Chaussee nach dem schönsten Punkte des Weilthals, Neuweilnau, dessen Berg- kuppe sich von W. in das Thal einschiebt. Wo die Strasse scharf links biegt, um auf das rechte Weilufer überzugehen, folge man bei Kilometerstein 28,0 dem durch den Wegweiser angezeigten Wege, welcher an der rechten Bergseite unter der Burg hin zu dem Dorfe leitet. Die Wirtschaft Zur schönen Aussicht, zugleich Posthalte- und Touristen-Auskunft- stelle, wird viel besucht und bietet von ihrer gedeckten Halle eine prächtige Aussicht, besonders auf das gegenüberliegende Altweilnau. Sommerfrischler wie Touristen finden hier behagliche Unterkunft, Pension 3 ½ Mk. Die über dem Orte gelegene Burg ist zum grössten Teil Ruine, das Thorgebäude dient als Oberförsterwohnung. Sie wurde 1302 von dem Grafen Gerhard IV. von Diez erbaut und seinen Vettern Heinrich und Reinhard von Meilnau überlassen, die ihm dafür ihren Anteil an Altweilnau abtraten. Durch Pfandschaft gelangte sie 1326 an das Haus Nassau, dessen Regenten hier oft ihre Residenz aufschlugen. Neuweilnau hat in den letzten Jahren Ruf als Luftkurort bekommen, wozu es sich durch seine reizende Lage in unmittel- barer Waldnähe vorzüglich eignet. Das Weilthal. 143 Zum Weitermarsch nach Schmitten, dem Punkte, von welchem aus man den Aufstieg auf den Feldberg bewerk- stelligt, bieten sich vorwiegend zwei Wege. Man folgt im Weilthal aufwärts der Chaussee, zu der die schwarzen Punkte hinunter, und in 20 Min. über dieselbe hinaus nach dem Dorfe Altweilnau mit malerisch gelegener Burgruine führen. Die Grafen von Weilnau werden urkundlich zuerst 1208 erwähnt, der letzte derselben starb als Abt in Fulda 1476. Die Burg kam dann an Nassau-Saarbrücken, wurde aber 1609 ab- gebrochen und die dazu gehörigen Be- sitzungen bildeten mitNeuweilnau zu-— sammen den Haupt- 5 bestandteil der Graf- schaft Nassau- Usingen. Der runde, nicht sehr hohe Berg- fried, welcher frei inmitten der Burgringes steht, wurde 1895 von dem Taunus-Klub Eiankfurt zugünglich gemacht und bildet einen hervorragend schönen Aussichtspunkt. Schwarze Striche leiten in 10 Min. zu der Weilthalchaussee, der sogenannten Kanonenstrasse, zurück, die man bei der Wollspinnerei Neu- hammer wieder erreicht und über Hundstall(= Hunoldsthal), Brombach und Dorfweil(beide lässt man links abseits der Strasse liegen) bis Schmitten verfolgt. Wanderzeit etwa 2 Std Will man auf den Besuch von Altweilnau Verzicht leisten, so schlage man von dem Gasthof Zur schönen Aussicht den Weg direkt zum Walde den gelben Strichen nach ein, welche thalaufwärts zur Chaussee führen. Bei der Landsteiner Mühle, wo die Reste einer Kirche Kunde von einem wahrscheinlich im dreissigjährigen Kriege verschwundenen Dorfe geben, ver- lässt man das Thal, biegt rechts in die Strasse nach Idstein ein und steigt bei der Försterei Altweilnau links zu dem hoch- gelegenen Dörfchen Treisberg hinauf, von wo man herrliche Aussicht auf das Weilthal, besonders auf Altweilnau mit der Burgruine hat. Um dem 663 m hohen bewaldeten Pferds- kopf, dem höchsten Punkte des nördlichen Taunus, auf welchem der Taunus-Klub einen eisernen, eine umfassende Rundsicht gewährenden Turm hat errichten lassen, einen Besuch abzustatten, folge man den grünen Strichen, kehre Altweilnau. 144 Schmitten. aber nach der Besichtigung zu den gelben zurück, welche in etwa 50 Min. durch schönen Wald und zuletzt durch ein kleines Seitenthal nach Schmitten hinunter führen. Schmitten im Taunus, 460 m, Gasthaus Zum Oeksen, Wirtschaft Wentzel, Frankfurter Hof(Bundesgasthaus der Rad- fahrer mit 786 Linw zur Hälfte evangelisch, ist ein im Weilthal reizend gelegenes Städt- chen, welches in den letzten Jahren seiner gesunden, kräftigen Gebirgsluft wegen als Luftkurort und Sommerfrische immer mehr in Aufnahme gekommen ist. Die herrlichen Waldungen, welche den Ort rings umgeben, die guten Strassen und Wege, welche nach allen Seiten Spaziergänge eröff- nen, die genügenden Wohnungen, die auch in Privathäusern zu haben sind, machen es zu längerem Aufenthalt durchaus ge- eignet. Der Ort hat tägliche Post- verbindung nach Oberursel. Von Sehmitten aus hat man ausser- dem den kürzesten und bequem- sten Aufstieg zu dem 420 m höher gelegenen Grossen Feld- berg. Man folgt der Fahrstrasse nach Reifenberg etwa 20 Min., steigt dann dem Wegweiser und den blauen Strichen nach in Schlangenlinien zur gänz- lich zerfallenen, aber köstlich vom Waldesgrün um- und durch- wachsenen Burgruine Hattstein empor, und geht von hier um die Westseite des Sangelbergs herum immer im Walde bleibend nach dem Kirchdorfe Oberreifenberg: Gasthäuser von Un- geheuer und Sauer. Die Kirche links lassend, folgt man von hier den Telegraphenstangen, welche zuletzt ziemlich steil, bis zur Spitze des Feldbergs hinaufführen. Wegezeit 1 ¾ Std. Etwas kürzer ist der Weg, welcher zum oberen Orte hinaus über Arnoldshain, das tief im Thal links liegen bleibt, hin den grünen Strichen nach führt. Auf der Höhe gewähren drei gute Gasthäuser behagliche und den Verhältnissen nach nicht zu teuere Unterkunft und Verpflegung. Pferdskopf b. Neuweilnau. & Von Weilburg nach Limburg. 29,2 km. ie Bahn geht unmittelbar unterhalb des Bahnhofs Weil- burg auf die andere Lahnseite, durchbricht die Berg- masse parallel dem Schiffahrtstunnel und hält sich bis zur Station Aumenau auf dem linken Ufer. Die mässig hoben Berge treten immer näher an den Pluss und lassen kaum Raum für den Bahnkörper, welcher die vielfachen Hindernisse der Fluss- krümmungen und der sich entgegenstellenden Felsen bis zur nächsten Station Fürfurt in nicht weniger als fünf Tunnel überwinden muss. Die Ortschaften liegen daher auf der Höhe und sind durch über das Plateau führende Strassen mit ein- ander verbunden, während ein durch das Thal laufender, zu- sammenhängender Weg nicht vorhanden ist. Nichtsdesto- weniger bietet eine Wanderung am Fluss entlang gerade in diesem Abschnitte für den, der sich nicht scheut, auf ein- zelne Strecken den am linken Ufer entlangführenden, aller- dings steinigen Leinpfad zu benutzen, einen ebenso seltenen wie eigenartigen Reiz. Die steilen Kalk- oder Schieferfelsen, welche sich mit ihrem Buschwerk im Wasser spiegeln, die schmalen Wiesenbänder, welche sich ihnen von Zeit zu Zeit vorlagern, der herrliche Wald, der überall die Höhen kront und oft bis unmittelbar an den Fluss hinunter steigt, bieten Bilder dar, die für den Landschaftsmaler eine unerschöpf- liche Fundgrube bilden, dem Wanderer aber durch den Zauber IIlustr. Lahnführer. 10 146 Fürfurt, Aumenan. der tiefsten Einsamkeit den Eindruck erhöben. Nur von Leit zu Zeit winken ihm von der Höhe die Dächer und Giebel der Ortschaften, die unten keinen Platz haben finden können, zu- nächst vom rechten Ufer her das Dorf Odersbach(früher Odensbach oder Odinsbach), ein beliebtes Ausflugsziel für Weil- burger Spaziergänger, schräg gegenüber das Dorf Kirsch- hofen auf einer Bergzunge, welche die Lahn im spitzen Winkel umfliesst, um in südöstlicher Richtung dem sich entgegen- stellenden mächtigen Scheuernberger Kopf auszuweichen, wäh- rend die Bahn in einem langen Tunnel unter dem Berge ver- schwindet. Weiterhin erscheint links auf der Höhe das Dörf- chen Gräveneck mit den kaum noch sichtbaren Ruinen der gleichnamigen Burg. 1385 war hier von dem benachbarten Pandesherrn die Steuerburg erbaut worden, um den verwegenen Uebergriffen der in der gegenüberliegenden Wasserburg Neu- Plkerhausen sitzenden Raubritter zu steuern, wurde aber schon ein Jahr darauf von dem kecken Gegner gewonnen und ver- brannt. Zehn Jahre später erstand sie wieder unter ihrem jetzigen Namen und wurde meistens von nassauischen Burg- mannen bewohnt, bis sie, von ihren Insassen verlassen, der Gemeinde Gräveneck das Material zum Bau eines Hofhauses liefern musste. In alles dieses gewährt die Bahnfahrt gar keine oder nur sehr flüchtige Einblicke. 8,2 km Station Fürfurt, an dem Bahnkörper grössere Fabrikanlage, die neuerdings in eine solche für Farbwerke um- gewandelt ist; rechts auf der Höhe das Dorf Falkenbach. Von Fürfurt abwärts weitet sich allmählich das Thal, ein Deldweg führt an der Bahn entlang, die Berge werden nied- riger und treten zurück und lassen hie und da Platz für Wiese und Ackerfeld, bis sie Raum für das grosse Dorf Aumenau gewähren. 12 km Bahnhof Aumenau, Höhe über N. N. 126 m, Bahn- hofrestauration, bedeutender Verladeplatz für die in einem Seiten- thal bei Langhecke gebrochenen Schiefer, sowie für die zahl- reichen Phosphorite und Eisensteine, welche in der Nähe ge- fördert und zum Teil durch eine etwas unterhalb einlaufende Drahtseilbahn herangeschafft werden. Das ansehnliche und freundliche Dorf, Gasthäuser von Müller und Lehnhardt, liegt auf dem rechten Ufer 10 Min. aufwärts und ist mit der Station durch eine hübsche, auf Marmorpfeilern ruhende Brücke ver- bunden, welche 1870 erbaut worden ist. Die Lahn nimmt bei Aumenau ihre alte Richtung von Osten nach Westen wieder auf, die sie allerdings mit starken Krümmungen pis oberhalb Diez beibehält. Auch hier bildet der durch Wiesen führende Leinpfad im Thal für den Wanderer zunächst die einzige Ver- bindung. Die Bahn überschreitet zwischen der Station und Villmar. 147 dem rechts auf dem Berge liegenden Kirchdorf Arfurt die Lahn, und erreicht, nachdem sie an der Flusskrümmung einen Tunnel durchfahren, die nächste Station. 18,7 km Bahnhof Villmar, Höhe über N. N. 121,4 m. Der Weg, von dem man einen Ausblick in die schroff gegen den Fluss vorstossenden Kalksteinfelsen mit ihren Marmorbrüchen hat, führt vom Stationsgebäude links in einer Kehre zu der eleganten, 1896 vollendeten Sandsteinbrücke, welche den auf dem linken Lahnufer gelegenen Ort mit der Bahn verbindet. Wirtshäuser: Gasthaus zum Zahnthal, unmittelbar an der Brücke ge- legen, mit Veranda, 4—5 Logierzimmer, Pens. 3 Mk., oben im Orte Germania mit Garten, Zum deutschen Kaiser mit Garten, nahe der Bürgermeisterei, Zum Nassauer Hof, Zum grünen Baum. Villmar ist ein zum Oberlahnkreise des Regierungsbezirks Wiesbaden gehöriger Flecken von 2047(meist katholischen) Einwohnern, welcher besonders durch seine Marmorbrüche und die daran anschliessende, in den letzten Jahren stark auf- plühende Marmorindustrie bekannt geworden ist. Sehr hübsch ist die Lage der nach einem Brande von 1884 restaurierten Kirche auf der Höhe nebst dem links daneben befindlichen schlossähnlichen katholischen Pfarrhause, hinter denen sich die Häuser des Ortes ausbreiten. Beide liegen im Bezirk des ehe- maligen St. Matthiasstiftes, an welches noch verschiedene Bau- lichkeiten, unter anderen der Mattheiser Turm, erinnern. Dem Trierer St. Euchariusstift, welches später in das St. Matthiasstift überging, wurde 1053 Villmar vom Kaiser Heinrich III. geschenkt. Die die Vogtei über das Stift ausübenden Grafen von Isenburg bauten daselbst eine Burg, welche im 14. Jahrhundert Sitz einer gefährlichen Wegelagerei wurde, so dass die verbündeten Rheingauer und Wetterauer Städte 1359 den Ort eroberten und gründlich zerstörten. Als Graf Philipp von Isenburg nach Wieder- herstellung der Villmarer Feste auf dem am gegenüberliegenden Ufer sich erhebenden Berge die Zwingburg Gretenstein, nach seiner Gemahlin Margaretha genannt, erbaute, wurde dieselbe von den Limburgern sogleich berannt und zerstört. Vom Greltenstein ist nichts übrig geblieben, während von den Villmarer Befestigungen noch Spuren vorhanden sind. Die Besitzungen des St. Matthias- stiftes wurden beim Reichsdeputationshauptschluss dem Fürsten von Wied-Runkel als Entschädigung für die verlorenen links- rheinischen Besitzungen überwiesen. Wer den Marmorwerken von Dykerhoff& Neumann einen Besuch abstatten will, verbindet dies am besten mit dem Aus- flug nach der Bodensteiner Ley, auf welcher das Denkmal König Konrads I. steht. Von der Brücke ab geht man’ rechts die Chaussee, welche von hier den Fluss wieder auf dem linken Ufer zu begleiten beginnt, thalabwärts; bald kündigen die aufgestapelten mächtigen Marmorquadern, die des Zersägt- 10* 148 Villmar, Runkel. werdens harren, die Nähe der Fabrik an, durch welche die Strasse mitten hindurch führt. Rechts liegt ausser dem Ver- packungshaus die Schneiderei, in welcher die Blöcke durch zahnlose, vermittelst Wasserkraft bewegte Sägen in Platten geschnitten werden, links die Hauerei und Schleiferei, wo den Marmorkörpern ihre Form und vermittelst Schmirgel und Blei ihre Politur verliehen wird. Die Besichtigung wird nach An- frage gern gestattet und ist sehr interessant. Die Villmarer Brüche haben zu vielen Prachtbauten im Nassauischen das Material geliefert. Jenseits der Marmorwerke führt die Chaussee an einem wenig betriebenen Marmorbruche vorbei in 10 Min. zur Boden- steiner Ley, dem äussersten Vorsprung des westlich von Villmar gegen die Lahn vortretenden Bergrückens, welcher die Lahn zum Ausweichen, die Strasse zum Steigen zwingt. Das von L. Cauer gefertigte und, wie die hintere Inschrift sagt, auf Anregung des Landrats Bindewald 1894 nach dessen Tode von seinen Preunden errichtete Denkmal stellt König Konrad I. die Front nach Villmar gerichtet, dar. Die statt- liche Gestalt ist von einem Mantel umwallt, die Rechte stützt sich auf das mächtige Schlachtschwert, während die Linke die Krone hält, die er sinnend betrachtet, entsprechend der Inschrift:„Conrad I. 911— 918 deutscher König und Graf des Lahngaus übertrug in treuer Sorge für des Reiches Sicher- heit und Macht sterbend Heinrich von Sachsen Krone und Herrschaft“. Von dem Denkmalsfelsen hat man eine reizende Aussicht sowohl aufwärts gegen Villmar wie abwärts gegen Runkel, wohin die Chaussee in starker Biegung, eine Schlucht umwindend, in etwa 35 Min. flussabwärts führt. Auch von der Bahn, die am rechten Ufer dem Plusse folgt, hat man einen schönen Blick auf das Denkmal und den zum Wasser stürzenden Felsen, dessen Fuss die Wellen umspielen. 21,6 km Bahnhof Runkel, Höhe über N. N. 120 m, liegt auf dem rechten Ufer und ist mit dem Orte durch eine alte, auf drei mächtigen Pfeilern ruhende Steinbrücke verbunden. Runkel, Stadt des zum Regierungsbezirk WMiesbaden ge- hörenden Oberlahnkreises, mit 1053 meist evangelischen Ein- wohnern, ist Sitz eines Kgl. Amtsgerichts, emer Oberförsterei, eines Fürstl. Wiedischen Rentamtes. Im Schlosse befinden sich Teile des Archives des Fürsten zu Wied-Runkel aus den Jahren 1500 bis 1824, ausserdem eine Haushaltungsschule für junge Mädchen. Das alte Städtchen mit seinem, das ziemlich enge Thal überragenden Schlosse, das teilweise noch bewohnt ist, pietet einen überaus malerischen Anblick dar. Das trotzige, dunkle Gemäuer mit den wenigen Fenstern, den drei hohen, Runkel. 149 grauen Türmen, welche zwischen den Häusern des enggebauten Ortes hervorragen, gewährt so recht das Bild eines mittel- alterlichen Dynastensitzes. Wirtshäuser: Pundscher Garten von Thomas, zum Weinberg von Ger- hard, auch mit Garten, beide in der Nähe des Bahnhofs auf der rechten Bahnseite mit hübscher Aussicht auf die Burg, im Orte Zum Wiedischen Ho†, Zum Anker, Zur Traube, Brauerei zum Adter. Post 2 Min. vom Bahnhof an der Gartenfeldstr. Wahrscheinlich entstand die Burg um das Jahr 1100 und die Er- bauer nannten sich nach ihr Herren von Runkel. Ein Sifrid von Runkel wird 1159 erwähnt. 1492 gewann Dietrich IV. von Runkel durch Heirat die Grafschaft Wied und verschmolz beide Ge- schlechter zu einem, welches sich 1698 in die Linien Wied-Runkel und Wied-Neuwied teilte. Die Burg trotzte mancher mittelalterlichen Fehde, bis sie im Sommer 1634 nach der Niederlage der Schweden bei Nördlingen von den Kroaten Isolans erstürmt und nebst der ganzen Stadt unter Mordthaten angezündet und zerstört wurde. Seitdem liegt der obere Teil der Burg in Trümmern, und nur der untere ist, wie uns eine In- schrift an einem Erker im inneren Schlosshof darthut, wieder auf- gebaut und dient zum Teil als Bürgermeisterei und Standesamt, während die ländliche Haushal- 3 Runkel. tungsschuleim Mittelbau eingericht ist. Hier befindet sich auch der Ahnensaal, das einzige Zimmer, welches eine Besichtigung lohnt; es weist eine Anzahl alter Möbel, sowie etwa 80 Oelbilder auf, welche meist Runkelsche Grafen und deren Verwandte darstellen. In diesem Mittelbau- führt eine dunkle Wendeltreppe zu einem reizenden Terrassengärtehen, von dem man einen hübschen Blick lahnaufwärts auf das beschrie- bene Denkmal hat. Auch ist der eine der Türme zugänglich, den Schlüssel erhält man beim Rentmeister. In den Kellereien des Schlosses lagert der berühmte„Runkeler Rotéu. Die Wein- berge, welche denselben liefern, liegen an den Berghängen des rechten Ufers und gehören sämtlich wie das Schloss den Fürsten von Wied-Neuwied, welche seit dem Aussterben der Runtelschen Linie 1824 im Besitze dieser Herrschaft sind- Dieser Familie entstammt die als Schriftstellerin unter dem Namen Carmen Sylva bekannte Königin von Rumänien. 150 Runkel. Gegenüber Runkel auf der rechtsseitigen Berghöhe liegt der Ort Schadeck, zu dem ein mit Steintreppen versehener Weg ziemlich steil hinaufführt. Von den oberen Stufen am Eingange des Dorfes bietet sich ein köstlicher Rückblick auf Runkel und Umgebung. Die Burg Schadeck, die Stirne des Berges krönend, architektonisch jedoch ohne Interesse, wurde um 1260 von Heinrich I. von Westerburg, welcher von seinem Bruder Dietrich aus der Burg Runkel vertrieben war, diesem zum Trutz aufgeführt, daher angeblich ihr Name. Mitte des 15. Jahrhunderts von dem Erabischof Balduin von Trier erobert, blieb sie Triersches Lehen der Westerburger und diente den Gräfinnen dieses Hau- ses als Witwensitz. Jetzt befinden sich in demselben das Rats- zimmer, Schulräume und verschiedene Pri- vatwohnungen. Geht man durch das Dorf hindurch und biegt nach Nordosten in die Weilburgerstras- se, so hat man von (dem freien Plateau 5 einen weiten Blick Runkel. nach allen Seiten hin- aus auf den Wester- wald, die Gebirge der unteren Lahn und des Rheins, auf den Taunus in der Ferne, während in der Nähe der Limburger Dom, die Kirche von Dietkirchen, das Schloss von Dehrn, nach der anderen Seite Fillmar und verschiedene hochgelegene Dörfer das Auge fesseln. Bald tritt die Strasse in weit sich dehnenden Hochwald mit schönen Buchenbeständen, den sie bis Weilburg durchzieht. Wir folgen den schwarzen Dreiecken bis zum Forsthause, biegen hier rechts in den Wald den blauen Dreiecken nach, die uns, von Schadeck aus gerechnet, in etwa 1 ½ Std. nach Christianshütte führen, einem am Waldrande über dem Wiesenthal hübsch gelegenen Ausflugsort, der auch als Sommerfrische zu längerem Aufenthalt empfehlenswert ist. Christianshütte ist ein früheres Eisenwerk der Familie Buderus, jetzt Eigentum der Kerkerbach-Bahn-A klien-Gesellschaft, die das Thal des Kerkerbachs zur Eisensteinförderung von Heckholz- hausen bis zur Haltestelle, in deren Nähe der Bach in die Lahn mündet, mit einer Sekundärbahn durchzogen und hier ihre Geschäfts- und Betriebsräume eingerichtet hat. Zugleich hat sie auf einer Anhöhe die Villa Silwa erbaut, die mit einer An- Steeten, Dehrn. 451. zahl Logierzimmern und den dazugehörigen Räumen Gästen eine behagliche Unterkunft gewährt, Den Rückweg nimmt man am besten auf der erwähnten Bahn, die in 22 Min. zu der Haltestelle Kerkerbach und damit zur Hauptlinie an der Lahn zurückführt. Der Fluss, welcher sich von Runkel an hart an dem linksseitigen Bergrande hält, wird durch diesen abwärts des Bahnhofs Kerkerbach gezwungen, eine starke Biegung nach Norden zu machen, um das Limburger Becken zu erreichen. Die Kerkerbachbahn folgt dieser Flusskrümmung noch um zwei Stationen, Steeten und Dehrn, doch ist es auch für Fuss- gänger lohnend, dieser Krümmung auf der von Runkel auf der rechten Lahnseite entlang laufenden Chaussee zu folgen. Hinter dem Dörfchen Steeten, der nächsten Station der Kerkerbachbahn, welches von der Station in 25 Min. zu Fuss zu erreichen ist, öffnet sich bei einem Kalksteinbruch die enge, malerische Schlucht des Tiefenbachs, eines auf dem Grunde sich hinziehenden schwachen Wasserfadens. Ueber eine Schutt- halde gelangt man rechts zu einer steilen Felsenwand, an der sich die Zugänge zu zwei Höhlen finden, rechts dem Wildhaus und links der Wildscheuer, der grösseren. Der Zugang zu den Höhlen ist sehr unbequem, und ihr Inhalt mag den einfachen Touristen enttäuschen, wenn auch die Eigenartigkeit und Ab- geschiedenheit der Landschaft nicht ohne Reiz ist, dagegen nehmen sie in naturwissenschaftlicher und anthropologischer Beziehung bedeutendes Interesse in Anspruch, weil sich hier die ersten Spuren menschlicher Ansiedlung im Lahnthal finden. Schon seit 1820 wurden hier zahlreiche Knochen gefunden, seit Oktober 1874 stellte der bekannte Altertumsforscher Oberst von Cohausen aus Wiesbaden eingehendo wissenschaftliche Untersuchungen beider Höhlen an, deren zahlreiche Ergebnisse in dem Museum zu Wiesbaden untergebracht sind. Die grössere Höhle öffnet sich in einem spitzbogigen Por- tale von 6 m Weite und gleicher Höhe und hat eine Tiefe von 18 m. Die Fundstücke, welche Cohausen in der den Boden pedeckenden, vom Thale her eingeschwemmten Lössschicht aufdeckte, waren von höchster Wichtigkeit für die Frage, ob der Mensch auch in dieser Gegend, wie in so vielen anderen, gleichzeitig mit dem Mammut gelebt habe. Es fanden sich neben stark benagten Knochen von Mammut und Nashorn solche von der Höhlenhyäne und dem Höhlenbären, von Rind, Pferd, Schwein, Hirsch, Renntier, Luchs, Fischotter und Fuchs, sowie zahlreiche Reste von kleinen Nagern, Ein Bärenknochen war angebrannt, viele waren im frischen Zustande gespalten worden. Dazwischen eingestreut fanden sich Feuerstein- und Hornsteinmesser, Schaber, Aschenhaufen und rohe Thonscherben, 152 Steeten, Dehrn. im hinteren Teile aber vorwiegend Menschenknochen. Wahr- scheinlich war also die Höhle in ihrem vorderen Teile Wohn- platz, im hinteren dunkeln dagegen Beerdigungsplatz für Er- wachsene und Kinder. Die zweite Höhle, welche sich 65 m thalabwärts an der senkrechten Felswand öffnet, ist niedriger und enger, aber tiefer und mehrfach gekrümmt. Ein Betreten derselben ist nur mit Licht zu empfehlen, wobei wegen der von oben und von den Seiten vorspringenden Felsen Vorsicht anzuwenden ist. Auf dem von keinem Löss, sondern nur von einer schwar- zen Schicht Erde und Steinen bedeckten Boden wurden un- bearbeitete Reste von Mammut und Renntier nicht gefunden, dafür aber eine dolchartige, 40,5 cm lange Waffe, wahrschein- lich aus einem Beinknochen des Mammut. Ausserdem wurden zahlreiche Steinmesser, geschabte und zugespitzte Knochen, Thonscherben in grösserer Anzahl als in der Wildscheuer, und Ueberreste von erwachsenen Menschen und Kindern zu Tage gefördert. Eine aufgefundene Pfeilspitze aus Bronce ist zweifel- los jüngeren Ursprungs. Wenn auch nach dem chemischen Verhalten die Mammutreste wahrscheinlich höheres Alter als die gefundenen Menschenknochen beanspruchen, so ist es immerhin möglich, dass der Urmensch von Steeten frische Mammutknochen bearbeitete. In einer, 1882 entdeckten, dritten Höhle, die sich am Ende zu einer bequemeren Wohnung erweiterte, fand sich eine mächtige Ablagerungsstätte von Resten verzehrter Jagdtiere der Tertiärzeit und hinter einer dicken Steinwand im Hinter- grunde sieben erhaltene Menschengerippe, von denen drei nach Wiesbaden gebracht sind. Zwischen den beiden senkrechten Felswänden, in denen sich die Höhlenöffnungen befinden, zieht sich eine steile und schwer ersteigbare Schutthalde aufwärts zu einem Plateau über dem Felsen, dem sogenannten Herrnplatz, dessen oberer Teil durch einen uralten Ringwall eingefriedigt ist Im Laufe der Zeit ist derselbe fast vollständig eingeebnet und um so schwerer bemerkbar, als dorniges Buschwerk den grössten Teil bedeckt; er lässt aber erkennen, dass auch von oben der Zugang zu den Höhlen gesichert war. Die gefundenen Reste des Renn- tiers, des Lemmings, des Schneehuhns und anderer Tiere der nordischen Fauna sprechen dafür, dass diese ersten Ansiede- lungen der Menschen im Lahnthal stattgefunden haben zu einer Zeit, als lappländisches Klima in Mitteleuropa herrschte. 2 km lahnabwärts erreicht die Sekundärbahn ihre End- station in dem Dorfe Dehrn an der Lahn, zu dem von Steeten aus eine Fusswanderung in 20 Min. führt. Wirtschaft von Dehrn. 153 Kilbinger. Bei dem Orte finden sich Kalkwerke und Phosphor- industrie, über demselben das Schloss des Freiherrn von Dungern, welches in die alte Burglage eingebaut ist. Von der Dorf- strasse steigt man, da der Hauptweg durch ein Gitterthor gesperrt ist, den Fusspfad in die Höhe, der zunächst zu den Wirtschaftsgebäuden führt. An dem Gewächshaus mit schönem Obstgarten vorbei gelangt man in den Park, in dessen Hinter- grunde das leider nicht zugängliche Schloss sich über dem Thal erhebt. Man geniesse daher die Aussicht auf die Lahn und das Limburger Becken vom Aufstieg aus, wenn dieselbe auch nicht mit der vom Turm und der Schloss- terrasse zu verglei- chen ist. Ein Burgmann Henricus Frio de Derne wird schon 1190 ur- kundlich erwähnt, doch gehörte die Burg bis ins 15. Jahrhundert den Grafen von Diez und noch 1492 wird sie ls WeBe——— eine Diezer Landesburg Schloss Dehup. erwähnt Allmählich aber gelangten die Freien von Dern in den Besitz derselben, der nach Aussterben des Geschlechts 1737 an den Herrn von Greifenclau überging. Durch den vorletzten Besitzer, Herrn Trombetta, ist die Burg wieder hergestellt worden. Von der alten Burg sind noch vorhanden der runde Bergfried und das südlich sich anschliessende rechteckige Wohngebäude im Ueber- gangsstil des 13. Jahrhunderts. Von Dehrn verfolgt man entweder die auf der rechten Lahnseite laufende Strasse, die in 20 Min. nach Dietkirchen führt, oder man benutzt das zwischen Dehrn und Limburg verkehrende Dampfboot, welches in Dietkirchen anlegt. Letz- tere Fahrt ist bei schönem Wetter anzuraten, da man vom Schiffchen einen hübschen Rückblick auf Dehrn hat, besonders aber die Aussicht auf den schroff aus dem Fluss ansteigenden, von der Kirche gekrönten Felsen von Dietkirchen ein ebenso geschlossenes wie reizvolles Bild gewährt Man sieht nur Fels, Kirche und Fluss. Das zweitürmige, weit ins Land hinausschauende Gotteshaus gilt als die älteste Kirchenanlage des Thales und soll über den Gebeinen des Apostels desselben, des kheiligen Lubentius, errichtet worden sein. Urkundlich wurde sie zuerst 841 erwähnt; jetzt 154 Dietkirchen. Pfarrkirche, war sie ehemals Kirche des 1802 aufgelösten Chor- herrnstifts St. Lubentius und Juliana, dessen Probst Archidiakon aller Trierischen Kirchen rechts des Rheines war. Die jetzige romanische dreischiffige Lfeilerbasilika mit schlanker Doppelturm- anlage am Westende stammt in den Hauptteilen wahrscheinlich aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts. Die mit Kreuzgewölben überspannten Seitenschiffe öffnen sich nach dem Mittelschiff, welches eine Holzdecke trägt, an den Langseiten in je 4, an der Turmseite mit 2 Arkadenbogen. Die doppelte Arkadenreihe trägt wesentlich zur Belebung der schweren, ungegliederten Mauermassen des hohen Mittelschiffs bei. Den Längs- schiffen ist in der Breite des Haupt- baus ein durch Pfeilerstellung gebildetes Querschiff vorgelegt, welches nach Osten durch eine halbrunde Apsis geschlossen ist. In späterer Zeit ist durch Restau- ration manches verdorben worden. Als man bei solcher Gelegenheit den Boden des Chors tiefer legte, fand man einen alten Steinsarg mit der Inschrift: Hie quiescit corpus Sti. Lubentii confessoris, 2 der unter dem Hauptaltar unter- gebracht ist und jetzt wie früher das Ziel zahlreicher Wallfahrten der Umgegend bildet. Anfang Oktober wird all- äährlich in Dietkirchen ein altberühmter, dreitägiger Markt abgehalten, zu dem vom Wester- wald, aus dem Lahnthal und dem Taunus Tausende von Menschen zusammenströmen. Eine Chaussee führt in einer starken halben Stunde über die Höhe nach Limburg, ebenso ein Fahrweg an der Lahn entlang. Doch kann man die Strecke auch mit dem erwähnten Dampfboot machen, wobei man längere Zeit auf den Limburger Dom einen freien, durch keine Vorbauten gehemmten Ausblick hat, wie er sich sonst nicht leicht gewinnen lässt. Dietkirchen. Den weiten Bogen, welchen die Lahn von Kerkerbach bis oberhalb Limburg macht, kürzt die Bahn ab, indem sie unterhalb der Station Kerkerbach unmittelber nach Ueber- schreitung des Flusses die sich entgegenstellende Bergmasse in einem Tunnel durchbricht und gleich darauf das Thal des Emsbachs überschreitet. Limburg. 155 26 km Haltestelle Eschhofen, wo sich die Strecke Lim- burg-Frankfurt resp. Wiesbaden von der Hauptlinie abzweigt. 29,2 km Bahnhof Limburg. Limburg. Der Bahnhof Limburg, Höhe über N. N. 123,071, ist Sta- tion für sämtliche Schnellzüge der Giessen-Coblenzer Bahn, sowie Ausgangspunkt für die Strecken Limburg-Frankfurt resp. Wiesbaden(Fahrzeit 1 Std. 33 Min. bis 2 Std. 40 Min, resp. 1 Std. 22 Min. bis 2 ¼ Std.), Limburg-Diez-Langen- schwalbach-Wiesbaden(Pahrzeit etwa 2 ½ Std.), Limburg- Hadamar-Altenkirchen(Fahrzeit etwa 2 ½ Std.) und Lim- burg-Siershahn-Altenkirchen(Vahrzeit etwa 2 ³ Std.). Gasthöfe: Preussischer Hof, Ecke Bahnhofstr. und obere Grabenstr., I., Fr. 2,50 Mk.; Nassauer Hof, am Neumarkt, ähnliche Preise; in beiden kein Bier. Alte Post, am Ende des Neumarkts, L. Fr. 2 Mk., auch Bier- restauration; Deutsches Haus, nahe dem Bahnhof, Ecke der Obern Schiede- und Hospitalstr., mit Bierrestaur. und Garten; ferner Stadt Diez, Alte Krone, Gasthaus v. Jost, Frankfurter Hof. Restaurationen: Bahnrestauration, Aldeutsche Bierstube, Barfüssergasse, Wilhelmshöhe mit Garten; Schützengarten; Restaur. Dillmann. Cafés: Hensler Ww.; Conditor Maldaner. Post: Postamt nebst Telegraphenamt und Telephonverbindung in der Frankfurter Str.; Fahrpost nach Obertiefenbach. Dampfboot nach Dietkirchen und Dehrn(s. S. 154), Abfahrtstelle beim Schützengarten. Badeanstalten: Flussbäder in der Badeanstalt oberhalb des Dom- berges in der Nähe des Schützengartens. Dem Schwimmer bietet sich schöne Aussicht auf den Domberg. Krankennäuser: St. Vincentius-Hospital. In Limburg besteht ein Radfahrer- Verein, Gauverband Prankfurt, Reparaturwerkstätte bei G. Schäfer, Frankfurter- str. 5, J. A. Häfner, Aug. Jung. Bundesgasthaus„Zur alten Post“. Limburg, Hauptstadt des Kreises gleichen Namens, Re- gierungsbez. Wiesbaden, Prov. Hessen-Nassau, mit 8464 Einw.,(die Mehrzahl katholisch, evang. etwa 2300) ist Sitz eines bischöflichen Ordinariats, eines Domkapitels, des Landrat- amts, eines Landgerichts, eines Amtsgerichts, eines Steueramts I. Klasse, einer Handelskammer, einer Reichsbanknebenstelle, einer ausgedehnten staatlichen Eisenbahnwerkstätte, einer Eisen- bahnbetriebsinspektion, einer Maschineninspektion und versch. anderer Behörden. An höheren Unterrichtsanstalten befinden sich hier ein Gymnasium, eine katholische und eine evan- gelische höhere Töchterschule sowie ein katholisches Priester- seminar und Lehrerseminar. Durch diese zahlreichen Behörden 156 Limburg. und Anstalten ist Limburg vorwiegend eine Stadt der Be- amten, die sich namentlich in den neuen Stadtteilen angesie- delt haben. Doch hat sich vermöge der günstigen Verkehrs- lage auch eine nicht unbedeutende Industrie herausgebildet; es finden sich unter andern mehrere grössere Brauereien, drei Maschinenfabriken, eine Blechemballage-Fabrik, eine Papierwaren- fabrik, eine Tababfabrik, während die auf dem rechten Lahn- ufer gelegene Brückenvorstadt vorwiegend eine Ackerbau trei- bende Bevölkerung birgt. Immerhin ist Limburg ein in ziem- lich schneller Entwickelung begriffener Ort. Die Lage Limburgs ist gegeben als Mittelpunkt des weiten Thalbeckens, in welches drei wichtige Zuflüsse der Lahn vom mittleren Taunus und Westerwald her nicht nur das Wasser, sondern auch den Verkehr sammeln. Berge und Wälder ziehen sich weit von dem Flusse zurück, und vor den Blicken breitet sich weites, zu sanften Höhen ansteigendes Fruchtgelände, der Boden des ehemaligen Süsswassersees, der durch die Idsteiner Senke seinen Abfluss nach dem Main hatte, bis er vom Rhein her abgezapft wurde. Nur hie und da ragen Kalksteinbildungen und Basaltköpfe hervor und schaffen einige Abwechslung in der flachen Gegend. Die Stadt lagert sich in dem Winkel zwischen dem Flusse, der durch den steil abfallenden Schloss- berg in nordwestliche Richtung gedrängt wird, und dem Bahn- damm, der sich an den das Thal im Süden begrenzenden Höhen entlang hält. Beherrscht wird sie von dem Schlossberge, um den sich von Südwest nach Nordwest die Altstadt mit ihren Treppen, ihren engen und winkligen Gassen herumlegt, ihrer- seits wieder umzogen von den breiten und wohlangelegten Strassen und Plätzen der Neustadt mit ihren stattlichen und modernen Gebäuden. Aber auch den Mittelpunkt des Interesses in kunst- und kulturgeschichtlicher Beziehung bildet jene Höhe, denn sie trägt zugleich die Domaulage, die in unvergleichlicher Weise namentlich für den von Osten Kommenden das weite Plussthal beherrscht und in dieser Beziehung unter den Gottes- häusern an der Lahn zweifellos den Sieg davonträgt. Zahl- lose Apbildungen in illustrierten Zeitschriften und Kunstblättern haben daher die Anschauung dieses Bauwerkes weit über die Gaugrenzen hinausgetragen. Wer für Limburg nur kurze Zeit zur Verfügung hat und diese vorwiegend dem Dom zu widmen wünscht, geht am besten vom Bahnhofsgebäude gerade aus, durchschreitet die Bahnhofstrasse und den Neumarkt, eine schöne Anlage, auf deren rechter Seite sich das Kriegerdenkmal befindet. Der Bahnhofstrasse weiter folgend gelangt man auf den Kornmarkt, von wo man rechts durch die Domtreppengasse(mit Stufen) Limburg, Dom. 157 zum Dom aufwärts steigt. Derselbe ist vormittags meist offen; sonst meldet man sich bei dem gegenüber wohnenden Küster. Ein Stein über dem Portal weist die Inschrift: Basilica St. Georgii martyris erecta 909. Dieselbe bezieht sich aber auf den älteren Bau, welchen Konrad Kurzbold, Vetter König Kon- rad I., Herr des westlichen Niederlahngaus, in seinem Burggebiet aufführen liess. Die jetzige Anlage fällt in die Jahre 1213 bis 1243 und gehört dem Uebergangsstil an. Während in der etwas mehr denn 20 Jahre jüngeren Elisabethenkirche in Marburg der neue Konstruktionsgedanke des gotischen Systems, der von Frank- reich aus, wo er schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahr- hunderts zur Entwickelung gelangt war, nach Deutschland vor- dringt, voll zur Herrschaft durchgedrungen ist, finden wir ihn hier noch im Kampf mit der alten Bauweise, die im Grundriss, wie in den äusseren Formen abgesehen von den Strebepfeilern noch streng das gebundene romanische System aufweist. Namentlich wahren die Türme, welche sich mit Ausnahme des achteckigen Kuppel- turms auf quadratischer Grundfläche in fünf Etagen unverjüngt erheben, während die kräftigen Friese zwischen den Etagen die aufstrebenden Linien wirksam durchbrechen, durchaus den roma- nischen Charakter. Im Innern tritt der gotische Gedanke in den schlanken Halbsäulen, die das spitzbogige, im Verhältnis zur Breite des Hauptschiffes sehr hohe Gewölbe tragen, in ausgesprochener Weise hervor. Bewunderungswürdig ist die perspektivische Kunst, welche der beschränkten Grundfläche den Schein der Grossräumig- keit abzugewinnen vermag. Man hat den Eindruck, in einer weit angelegten Kirche zu stehen, obgleich das Langhaus nur aus zwei Jochen besteht. Erreicht wird dies durch das Verhältnis der Breite zur Höhe, sowie durch die feingegliederten Säulenstellungen, welche sich über den Nebenschiffsarkaden erheben und sich von den Em- poren und dem oberen Rundgang, dem Triforium, aus sowohl gegen das Hauptschiff wie gegen die Querschiffe öffnen. Reichlich ergiesst sich das Licht durch die gewaltige achtseitige Vierungs- kuppel und die Fenster in das Innere des Baues und belebt die Mannigfaltigkeit der Formen, belebt auch die Farben der Malereien, der Decken- und Wandornamente, welche während der letzten Restauration in den Jahren 1872 bis 77 auf Grund der unter der überdeckenden Tünche vorgefundenen Reste von dem Maler Witt- kopf und dessen Sohn mit meisterhaftem Kunstverständnis und seltener Diskretion ausgeführt worden sind. So bildet das Innere der Kirche eine der edelsten Darstellungen des Uebergangsslils und bietet uns das Bild eines Gotteshauses, wie es sich mit geringen Abweichungen vor 600 Jahren den Augen der Gläubigen darstellte. An monumentalen Kunstgebilden weist der Dom weniger auf, als man nach seiner Vergangenheit erwarten sollte. Gegenüber 158 Limburg, Dom. dem Hochaltar erblicken wir das Denkmal Konrad Kurzbolds, † 948, des Gründers der ersten Stiftskirche, die jedoch ihrerseits schon wieder auf einer älteren Anlage entstanden zu sein scheint. Es entstammt dem 13. Jahrhundert und ist wahrscheinlich von dem dankbaren Stifte in der neuerbauten Kirche errichtet worden, um das Andenken an den freigebigen Stifter nicht erlöschen zu lassen. Die Aufschrift auf der Vorderseite: Conradus D. S. F. H. E., welche die mannigfachsten Deutungen erfahren hat, dürfte, nach- dem festgestellt ist, dass er in verschiedenen Annalen als der Weise bezeichnet wird, am zwanglosesten erklärt werden: Conradus dictus sapiens, fun- ditor hujus ecclesiae(Konrad, genannt der Weise, Gründer dieser Kirche). Als ein goti- scher Turmbau besten Stiles fällt am Ende des Hauptschiffes das in einer Höhe von etwa 30 Fuss aus grauem Sandstein ausgeführte Sakramentshäus- chen entgegen, dessen zarte Formen jedoch durch aufge- tragene Kalk- und Oelfarbe überdeckt und des vollen Ein- drucks beraubt werden. Be- merkenswert ist endlich der links am Eingange stehende Taufstein, ein mächtiges, acht- eckiges, aus rauhem Sand- stein ausgeführtes Becken, getragen von einem quadratischen Sockel und acht romanischen Säulen, auf welche sich ebensoviele Gestalten in hebender und gedrückter Stellung aufsetzen. Das aus einem Stein her- ausgearbeitete, mit mannigfachen symbolischen Verzierungen ver- sehene Werk entstammt gleichfalls dem 13. Jahrhundert. Be- merkenswert sind ferner die in frühgotischem Stile ausgeführten Ohorstühle in der Apsis. Das Bildnis des Gründers der neuen Kirche, Heinrichs von Isenburg, befindet sich am Hauptportal oberhalb der Säulenstellung rechts, ihm gegenüber die Gestalt eines ruhigen, ernsten Mannes, in dem wir ohne Zweifel den Bau- meister des Werkes zu erblicken haben. Wenn sein Name aber auch nicht erhalten worden, so gilt doch von ihm mit Recht das Wort: Dom zu Limburg. Des Baumeisters Name ist unbekannt, Man findet seines Gleichen nicht in dem Land. Limburg, Dom. 159 Der Dom diente als Kirche für das Kollegiatstift wie für die Gemeinde, war daher ähnlich wie in der Marburger Elisabethen- kirche durch einen Lettner in zwei Teile geschieden, wodurch der Raum zwischen den Vierungspfeilern an den Chor herangezogen wurde und durch Dorsalwände gegen die Kreuzschiffe abgeschlossen war. Hier war daher auch der Platz des alten Gestühls. Da die Anzahl der Geistlichen, die ursprünglich ein gemeinsames Leben führten, sich bedeutend mehrte und bis auf 58 stieg, so suchten dieselben ausserhalb der Ringmauern der Kirche selbständige Woh- nungen in der Stadt; die alten Stiftsbauten, welche sich an den östlichen Teil der Kirche anlegten, kamen in den Besitz der Burg- herrn und wurden 1370 durch einen grossen Brand zerstört. Später, als die Einnahmen des Stiftes zurückgingen, sank die Zahl der Kapitelglieder immer mehr, zuletzt auf acht, bis das Stift durch den Reichsdeputationshauptschluss im Jahre 1803 säkularisiert wurde. Auf dem steilen Ost- und Südrande desselben Felsplateaus, auf welchem der Dom steht, erhebt sich das Schloss, eine Reihe zusammenhängender, aus verschiedenen Zeiten stammender Gebäude, die zwei in stumpfem Winkel aneinanderstossende Flügel bilden, architektonisch aber wenig bieten. Den ältesten Teil bildet ein grosser, viereckiger Wohnturm in der Mitte des Ostflügels mit drei überwölbten Geschossen aus dem 13. Jahrhundert. Von den älteren Anlagen ist nichts vorhanden, auch lässt sich die Annahme, dass hier ein römisches Kastell bestanden habe, weder durch Altertumsfunde noch durch römische Mauerreste stützen. Doch besass schon der öfter erwähnte Graf des Niederlahngaus, Konrad Kurzbold, auf der Höhe die Lintburc= Wasserburg, von der er die Vogtei über das von ihm gegründete Stift übte. Auf Grund dieser Stiftsvogtei entwickelte sich die weltliche Macht der Limburger Dynasten; als Reichslehen gelangt sie gegen Ende des 12. Jahrhunderts in den Besitz der Grafen von Isenburg, die seit 1246 eine besondere Linie Isenburg-Limburg bilden und unter denen wir eine stattliche Zahl von Burgmanns-Geschlechtern am Fusse des Burgberges angesiedelt finden. Eine Tochter des Geschlechts Imagina war mit dem Grafen und späteren deutschen Kaiser Adolf von Nassau vermählt. Um diese Zeit beginnt auch die Stadt Limburg, die im 13. Jahrhundert zuerst als solche be- zeichnet wird, emporzublühen. Im Jahre 1279 war die Bürger- schaft durch Handel und Gewerbe bereits soweit erstarkt, dass sie sich von der Herrschaft der Isenburger Grafen frei machen und dieselbe auf die Burg und die Schutzherrschaft über die Stadt beschränken konnte. Den Höhepunkt im Gedeihen der Stadt, welcher nicht zum wenigsten dadurch gefördert wurde, dass an dieser Stelle der Handelsweg von Frankfurt nach Köln die Lahn kreuzte— die steinerne Brücke entstand um das Jahr 1315—, 160 Geschichte Limburgs. fällt in das folgende Jahrhundert, wo die Bürgerschaft sich der umwohnenden Landherrn mannhaft erwehrte und, wie wir dies am Gretenstein bei Villmar(S. 148) gesehen haben, die Burgen der Raubritter an der Lahn brechen half.„In dieser Zeit stand Lim- burg, die Stadt und die Burg, in grossen Ehren und Herrlichkeit von Leut und Reichtum, denn alle Gassen und Ahlen waren voll Leut und Guts und wurden geachtet, wenn sie zu Feld zogen, mehr denn 2000 Bürger und berittene Leut mit Panzer und mit Harnisch und was dazu gehört. Und zu Ostern, die Gottes Leich- nam empfingen, wurden geachtet mehr den 8000 Menschen“. Da- nach müsste Limburg mindestens 20 000 Einwohner gehabt haben, eine für die damalige Zeit ausserordentlich hohe Bevölkerungszahl. Die Nachricht entstammt den bekannten Fasti Limburgenses, einer Limburger Chronik aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts, welche die Zeit von 1336 bis 1398 umfasst und besonders nach kultur- geschichtlicher Seite hin wertvolle Beiträge zur Zeitgeschichte liefert. Der Verfasser ist der kaiserliche Notar Tilemann Elheln von Wolfhagen und schrieb sein Werk nach 1402 in deutscher Sprache. Wie der meisten Städte, hat auch Limburgs Blüte im Mittel- alter nicht sehr lange gedauert. Durch Brand, Ueberschwemmungen und Seuchen wurde der Wohlstand und die Kraft der Bürgerschaft gebrochen, und als im Jahre 1406 der letzte Isenburger starb, zog der Erzbischof von Trier die ihm zu grossem Teil verpfändete Vogtei und Stadt an sich. Unter der geistlichen Herrschaft, die ihrerseits wieder Teile derselben verpfändete, verschwanden die Burgmänner, die reicheren Bürger zogen sich nach anderen Orten, besonders nach dem durch die Handelsbeziehungen vertrauten Frankfurt, wo jetzt noch das Haus Limburg von dieser Ansied- lung Kunde giebt. Während die umliegenden kleineren Terri- torien in der Reformationszeit zum grössten Teil evangelisch wurden, blieb Limburg wegen seiner trierischen Beziehungen katholisch und pildet noch heute den Mittelpunkt der katholischen Bevölkerung an der Lahn. In den Kriegen der folgenden Jahrhunderte hatte die Stadt viel zu leiden, im dreissigjährigen, im österreichischen Erbfolgekriege, im siebenjährigen Kriege wie in den französischen Revolutionskriegen war das Lahnbecken sehr oft der Tummelplat⸗z feindlicher Scharen; besonders verhängnisvoll war die dreitägige Schlacht an der Lahn am 15.—17. September 1796. Einen nachhaltigen Umschlag zum Bessern brachte das 19. Jahrhundert. Nachdem Limburg am 28. Dezember 1802 in den Besitz von Nassau-Weilburg übergegangen, zog 1827 der erste Bischof ein, dem die Katholiken Nassaus und der Sladt Frankfurt untergestellt wurden. Als gegen Ende der dreissiger Jahre sich der Bergbau an der Lahn bedeutend entwickelte, brachte die Regulierung des Wasserwegs eine Hebung des Verkehrs, besonders aber die Er- vossa-e 2 120TLu,A Hlu2 Trusoe, 2uopund—, 9 Sirosueodus I Bodd uunsis vu ulig—i LAOLfsv 9] NPAadsD70212027N 2, 5½ ν Lriol Tuuspue, Vhch Whſcchh Seeeeeeg quueusul 2 2Sobe, Nou Tobund h 2o Vull 28 ⁸ drudνεν SID Wuos dl ulelipuee,„ 20071 Péuur, — S Sze 2 1 uerf pre Banqu uX ULId Limburg. 161 öffnung der Lahnbahn im Jahre 1862, welche Limburg mit den grossen Verkehrswegen wieder verband und der bald die Erschlies- sung des Taunus und Westerwaldes durch nach hier laufende Schienenstränge folgte. Vor allem aber ist die Einverleibung Nassaus in das Königreich Preussen Limburg zugute gekommen; 1879 wurde es der Sitz eines Landgerichts, erhielt 1886 bei Ein- führung der neuen Kreisordnung das Landratsamt und ist nun der Mittelpunkt des Kreises Limburg. Die Zahl der Einwohner hat sich daher seit Beginn des 19. Jahrhunderts um mehr als das Dreifache gehoben, und unter allen Lahnstädten sieht Limburg neben Giessen und Marburg wohl der bedeutsamsten Ent- wickelung entgegen. 6 Wer von dem ansehnlichen Sta- tionsgebäude zur Stadt will, geht durch die Anlagen, die neue evangelische Kirche links liegen lassend, in die breite Bahn- hofstrasse, die auf den bedeutendsten Platz Limburgs, den Neumarkt führt. Der- selbe wird von einer Allee durchzogen und trägt auf der rechten Seite das 1870 er Kriegerdenkmal(aus Sandstein) mit vier Brunnenschalen am Fusse. Die Bahnhofstrasse läuft aus in dem Kornmarkt, auf welchem der Wochenmarkt abgehalten wird. Wendet man sich am Ende dieses Platzes zur Rechten, so gelangt man durch die Barfüssergasse auf den Bischofs- platz, an welchem der bischöfliche Palast, ein ehemaliges, 1813 aufgehobenes Franaiskanerkloster, stösst. An ihn lehnt sich die dem heil. Sebastian geweihte Stadtkirche, auch Bar- füsserkirche genannt, ein gotischer Bau mit auffallend schmalen Seitenschiffen und geräumigem Chor. Die ursprünglich flache Decke über dem Hauptschiff ist bei einer in der Mitte des 18. Jahrhunderts vorgenommenen Restauration durch eine Konstruktion im Rokoko-Stile ersetzt worden und wirkt ent- schieden unruhig. Der grössern Sicherheit wegen wird in der Sakristei der Stadt- Kirche der berühmte Limburger Domschatz aufbewahrt und von dem neben der Kirche wohnenden Küster gezeigt.(Regel- mässige Besichtigungszeit nur Mittwochs von 11 bis 12 und von 3 bis 6 Uhr, 1 bis 5 Personen 3 Mhk.). Die meisten Inlustr. Lahnführer. 11 Limburg. 162 Limburg. Gegenstände sind Teile des ehemaligen churtrierischen Metro- politanschatzes, welche vor der Gefahr der vordringenden Franzosen in der Revolutionszeit nach dem Ehrenbreitstein geschafft wurden und im Luneviller Frieden samt dieser Feste in den Besitz von Nassau-Weilburg gelangten. Zur Zeit der Verhandlungen über Errichtung des Bischofssitzes 1822 schenkte Herzog Wilhelm den Schatz der Limburger Kathedral- Kirche, nicht ohne vorher einige der kostbarsten Edelsteine herausgenommen und durch kleine herzogliche Wappenschilde in Email ersetzt zu haben. Der Reichtum dieser Gegenstände, bestehend aus den dem 12. und 13. Jahrhundert angehörenden bischflichen Insignien, zwei goldenen Kelchen, einer Monstranz, einem Reliquienschrein, dem Stab des hl. Petrus in mit Goldblech überzogener Kapsel, ist ein enormer an Edelmetall und Gesteinen. Weist doch allein die Mitra 3353 Pretiosen auf, unter ihnen über 2900 Diamanten. Bei weitem das wertvollste unter den Kunstwerken ist das berühmte byzantinische Reliquiarium, mehrfach beschrieben und abgebildet, unter andern von dem Sekretär des Rheinischen Altertumsvereins Aus'm Wert unter dem Titel: Das Siegeskreuz der byzantinischen Kaiser, Bonn 1866. Nach der griechischen Inschrift stammt es aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts und wurde an- gefertigt auf Befehl des byzantinischen Kaisers Constantin Porphyrogenitus als Behältnis eines grossen Stückes echten Kreuzesholzes, welches in Kreuzesform im Innern der Theke bewahrt wird. Die Hülle, welche neben den genannten noch verschiedene andere Reliquien umschliesst, ist von Gold und mit Edelsteinen, Perlen und dem kostbarsten Email aufs reichste geschmückt. Die bildlichen Darstellungen und die Emailarbeiten gehören zu den vollendesten, die Menschenkunst geschaffen hat. Eine andere Reliquie, der Stab des Apostels Petrus, ist in einer mit Goldblech überzogenen Büchse von Eichenholz auf- bewahrt, welche durch einen goldenen, mit Emailbildern und ungeschliffenen Edelsteinen gezierten Deckel in Form einer Krone geschlossen wird. Doch ist nur die obere Hälfte des Stabes echt, die untere, welche hier ersetzt ist, wurde im Domschatz zu Köln aufbewahrt, bis sie auf der Flucht nach Magdeburg im dreissigjährigen Kriege spurlos verloren ging. Jedenfalls gehört dieser Domschatz zu den hervorragenden Sehenswürdigkeiten nicht nur Limburgs, sondern des ganzen Lahnthals, und wer irgend Gelegenheit hat, sollte nicht ver- säumen, denselben in Augenschein zu nehmen. Näheres findet man in: Ibach, Der Dom von Limburg, 3. Auflage. 60 Pfg. Verlag von H. A. Herz in Limburg. Limburg. Elmsbachthal. 163 Biegt man von dem obenerwähnten Kornmarkt links, so gelangt man durch die Salzgasse in den innersten Teil der Altstadt, wo manche Gebäude durch ihre altertümliche Bau- weise und ihr Holzschnitzwerk das Interesse in Anspruch nehmen; insbesondere fesselt der HMalderdorffer- Hof, ein um- fangreicher Gebäudekomplex, aus dem 17. Jahrhundert stam- mend, die Aufmerksamkeit. Wenige Schritte führen von hier zur steinernen Lahnbrücke, welche die Vorstadt mit der Altstadt verbindet und an deren Ende als Rest der alten Stadtbefesti- gung ein als Polizeigefängnis dienender massiver Brückenturm steht. Der Blick von dieser Brücke auf den Dom ist ein hervorragend schöner. Den Rückweg zum Bahnhof kann man entweder vor der Brücke links biegend durch die untere Grabenstrasse oder durch die die Stadt im weiten Bogen umspannende Anlage der Untern und Obern Schiede nehmen, welche am Landge- richtsgebände vorbeiführt, oder man wendet sich rechts und benutzt den Pfad an der Lahn aufwärts, welcher unter dem Domberge hinführend, die Mächtigkeit der Choranlage voll zur Geltung bringt. Ausflüge von Limburg. Abgesehen von seiner Domlage ist Limburg insbesondere des mangelnden Waldes wegen landschaftlich wohl die am wenigsten begünstigte Stadt des Lahnthales. Dagegen eignet es sich vorzüglich als Mittelpunkt für weitere Ausflüge in die vom mittleren Taunus und Westerwald her mündenden Seiten- thäler. In unmittelbarer Nähe Limburgs finden wir noch zwei sehr schöne Aussichtspunkte, beide auf dem linken Ufer der Lahn, den Greifenberg und den Schafsberg. Von beiden Punkten, die mit schönen Anlagen geziert sind, hat man einen herrlichen Fernblick auf das Lahnthal und den Westerwald. In der Nähe des Greifenbergs befindet sich das Pallotiner Klos- ter. In dieser Niederlassung bereiten sich die Missionäre teils für ihren mühe- und arbeitsvollen Beruf vor, teils erholen sich die vom mörderischen Klima Westafrikas krank Gewordenen von ihren Anstrengungen und Strapazen. 1. Das Emsbachthal. Limburg ist Ausgangspunkt für die hessischhe Ludwigs- bahn nach Frankfurt, welche den Emsbach aufwärts führend in der Idsteiner Senke den Taunuskamm überwindet und von Niedernhausen aus einen Schienenstrang nach Wiesbaden 11* 164 Elmsbachthal, Niederselters. entsendet. Das Thal des Emsbaches ist das weiteste und flachste aller Nebenthäler der Lahn und führt wegen seiner weiten Fruchtfelder und seiner Ertragsfähigkeit mit Recht den Namen des Goldenen Grundes, ist aber landschaftlich gerade deswegen weniger anziehend. Die Landstrasse führt von der Frankfurter Vorstadt aus im S. den Greifenberg umgehend, welcher die von Anlagen umgebene Kreuakapelle trägt und hübsche Fernsicht gewährt, nach dem Dorfe Lindenholzhausen, überschreitet eine halbe Stunde weiter das Bahngeleise und den Emsbach, der hier einen Zufluss, den Wörsbach aufnimmt, am Fuss der einsam gelegenen, sehr alten Berger Kirche, dem Ueberbleibsel des ehemaligen Dorfes Bergen, welches 1490 durch die Pest verödete. Die Eisenbahn benutzt bis zur Haltestelle Eschhofen den Bahnkörper der Hauptstrecke, um sich hier nach S. in das Thal des Emsbaches abzuzweigen, welcher ¼ Std. nördlich unterhalb des Dorfes Mühlen in die Lahn mündet. 10 km Haltestelle Niederbrechen. Das sehr alte Dorf, welches auf der rechten Bachseite liegt, war schon 893 im Besitz der Abtei Maximin bei Trier, kam dann an die Herrn von Molsberg und nach dem Aussterben dieses Geschlechts an Trier, welches den Ort befestigte. Reste der alten Mauern und Türme sind noch vorhanden. Bei dem Orte finden sich Marmorbrüche und Marmorfabriken. Von der Station der Lahnbahn Villmar erreicht man Niederbrechen zu Fuss in 50 Min., wenn man am obern Ausgange Villmars bei der kleinen Kapelle in den Fussweg links biegt. 12 km Haltestelle Oberbrechen, Dorf am Einflusse des Münsterbaches in die Ems, früher königliche Villa, die Ludwig das Kind 910 an die Limburger Kirche schenkte. Mit Limburg kam der Ort an Trier und 1802 ebenso wie Niederbrechen an Nassau- Weilburg. Von Villmar, dessen Filiale es ehe- dem war, führt ein Fahrweg, der ebenfalls am obern Ausgange dieser Stadt, aber bevor man an die Kapelle kommt, links abbiegt, in 1 Std. herüber. 16 km Bahnhof Niederselters. Der unterhalb der Station gelegene, etwa 2000 Einw. zählende Ort kommt als Saltarissa schon 772 vor. Ansässig war hier das Geschlecht der Herrn v. Molsberg, die bei ihrem Aussterben 1369 ihren Besitz an Churtrier vererbten. Berühmt ist der Ort durch seinen in der Nähe des Bahnhofes gelegenen Sauerbrunnen, welcher das echte Selterser Wasser liefert. Perlend und schäumend steigt es aus 4 gemeinsam gefassten Quellen auf, um in dem Tempelchen täglich in Tausenden von Krügen gefasst und versandt zu werden. Der Wert des prickelnden, stark kohlen- Elmsbachthal, Camberg. 165 säurehaltigen, aber eisenfreien Wassers besteht hauptsächlich darin, dass es bei geringem Verlust seines Kohlensäuregehalts auch den weitesten Transport verträgt. Schon im 16. Jahr- hundert rühmlich bekannt, wurde die Quelle im dreissigjährigen Kriege verschüttet und 1681 neu gefasst; die weite Verbrei- tung des Säuerlings beginnt aber erst in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Brunnen ist Eigentum des Fiskus, der ihn an ein Konsortium verpachtet hat(siehe Näheres darüber unter Fachingen, S. 184). Für die, welche von der obern Lahn kommend, das Ems- thal aufwärts wollen, führt eine lohnende Fusswanderung in etwa 2 Std. von Aumenau nach Niederselters. Von dem Stationsgebäude des erstern Ortes wendet man sich links am Bahndamm entlang flussaufwärts, nach einigen Minuten an der Brücke vorbeigehend bei dem Wirtshause zur Lahnbahn rechts in das von Langhecke kommende Seitenthal und bald darauf rechts den Berg hinauf den schwarzen Punkten nach, welche über die Eisensteingrube Gottesgabe und das Dorf Münster auf die sogenannte Hessenstrasse führen, auf der man rechts biegend in etwa 40 Min. Niederselters erreicht. 21 km Bahnhof Camberg. Die Landstrasse, welche von Niederselters das Thal heraufführt, berührt die Pfarrdörfer Oberselters und Erbach und mündet unmittelbar in die am rechten Emsufer gelegene Stadt, während der Schienenstrang auf der entgegengesetzten Thalseite bereits die Höhen zwischen Ems und Wörsbach zu erklimmen beginnt, so dass das Stationsgebäude gute 10 Min. von der Stadt entfernt ist. Camberg, Höhe über N. N. 210 m, Schnellzugsstation, ist Stadt des Regierungsbezirkes Wiesbaden, Kreis Limburg, mit 2386(überwiegend katholischen) Einw., mit einem Amls- gericht, einer Taubstummenanstalt mit Industrieunterricht und einer privaten höheren Knaben- und Töchterschule. Gasthäuser: Gasthaus zum Guttenberger Hof, zum Nassauer Hof, zum Turm,(Wilh. Sendt, daher genannt Turm-Sendt). Bierbrauerei von Hausen, von Tering; Wirtsch. und Metzgerei Glössner. Postamt in der Limburger Strasse, Telephonverbindung mit Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Darmstadt u. s. w. Droschken für Tagestouren 16 Mk. Die Stadt ist der Mittelpunkt des Fruchthandels im ge- treidereichen goldenen Grunde, und die Einwohner treiben vorwiegend Ackerbau. Sie wird zuerst 1156 erwähnt, 1281 von König Rudolf von Habsburg zur Stadt erhoben und 1357 durch Mauern und Türme befestigt. Das Oberthor, ein Turm und die Zwinger am zerstörten Unterthor nebst einigen Teilen der Stadtmauer sind Reste derselben. Die Kirche wurde im Jahre 1778 erbaut, wobei Altar und Kanzel der alten an die Kapelle von Oberselters abgegeben wurden, deren Schmuck 166 Idstein. sie jetzt noch sind. Ueber der Stadt liegt die Kreuzkapelle, zu der Stationen hinaufführen. An Stelle der alten Diezischen Burg steht ein der Familie von Schütz gehörendes Schlösschen mit Park und Hofgut. Ein Mitglied dieser Familie, der taub- stumme Freiherr I. v. Schütz, gründete 1820 das erwähnte Taubstummeninstitut. Bemerkenswert ist ferner das schöne Lieber-Hospital vom Jalhlre 1859. 25 km Haltestelle Wörsdorf. Die Bahn verlässt bei Camberg das Emsbachthal, überschreitet die Höhe und kreuzt den Wörsbach unterhalb von Wörsdorf. Von der Chaussee, welche das Emsthal weiter aufwärts führt bis zum Dörfchen Esch, um bei Glashütten den Taunuskamm zu überwinden, trennt sich bei Walsdorf ein Zweig und trifft ebenfalls bei Wörsdorf in das Wörsbachthal, welchem sie aufwärts bis Idstein folgt. 30 km Bahnhof Idstein, Höhe über N. N. 265,65 m; das Stationsgebäude liegt auch hier gegen 10 Min. von der Stadt entfernt. Gasthäuser: Goldenes Lamm am Markt, Deutscher Kaiser, Obergasse, Hotel Merz, Obergasse, Ecke Zuckerberg, Hotel Merz am Bahnhof. Brauereien von Wilh. Merz, Wiesbadenerstr., und zum Felsenkeller, Schulgasse. Zwei grössere Gartenwirtschaften in der Nähe des Parks. Das Postamt liegt in der Stadt. Telephonverbindung wie bei Camberg. Droschken für Tagestouren 12—15 Mk. Die Stadt ist Sitz einer sehr rührigen Sektion des Taunus- Klubs,(Centralfarbentafel), sowie zweier Radfahrer-Klubs, Gau- verband Frankfurt, Reparaturwerkstätte H. Reichert, Judengasse, L. Link, Wiesbadenerstr.; Bundesgasthaus„Deutscher Kaiser“. Idstein, Stadt, Regierungsbezirk Wiesbaden, Untertaunus- Freis mit 3064 Einw.(meist evangelischer Konfession) ist Sitz eines Amtsgerichts, zweier Oberförstereien, einer Kgl. Baugewerkschule, einer Realschule, einer Idiotenanstalt. Die Hauptbeschäftigung der Einwohner ist Landwirtschaft, da- neben findet sich eine nicht unbedeutende Lederfabrikation. Im Hochthal des Wörsbach in freier Bergluft und waldreicher Umgebung gelegen, eignet es sich wohl zu einem Luftkur- ort, sowie zum Ausgangspunkt für Taunustouristen, die eine Menge lohnender und wohlmarkierter Waldwege vorfinden. Die Burg Etichenstein, deren Rest wir in dem einzeln stehen- den Bergfried, dem sogenannten Hexrenturm, zu sehen haben, wird 1201 zuerst erwähnt und ist seit Mitte des 13. Jahrhunderts eine der Hauptfesten und dauernde Residenz der Walramschen Linie des Nassauischen Grafengeschlechts. Zahlreiche Burgmannen finden sich um dieselben angesiedelt. Unter dem Grafen und späteren König Adolf gewann der Ort 1287 Stadtrechte. Das jetzige, 1901 Elbbachthal. 167 im Innern renovierte Schloss wurde von 1614 an vom Grafen Ludwig im Renaissancestil neu aufgeführt. Die bis zur Refor- mation mit einem Kollegiatstifte verbundene Stadtkirche, welche Mitte des 17. Jahrhunderts zu ihrer jetzigen Gestalt umgebaut wurde, ist bemerkenswert durch ihre Decken- und Wandgemälde von Sandrart und Imrath aus Amsterdam. Auch ein Haus aus Fachwerk, welches nach der Inschrift 1615 erbaut wurde, erregt Aufsehen durch seine reichen und zierlichen Reliefschnitzereien. 38 km Bahnhof Niedernhausen, Höhe über N. N. 259 m. Die Bahn überwindet südlich von Idstein die Wasserscheide; Niedernhausen liegt, wie der Name andeutet, bereits jenseits derselben an dem Lorsbach, welcher sein Wasser zum Main abführt. Wirtschaft am Bahnhof, Gasthaus zum Kellerskopf, zur hessischen Ludwigsbahn; im Ort: Zum Taunus. Niedern- hausen ist Ausgangsstation der Zweigbahn Niederhausen- Wiesbaden. 2. Das Elbbachthal. Das aus dem TVesterwalde sich gegen das Limburger Becken öffnende Thal des Elbbachs, welcher unterhalb Limburg bei dem Dorfe Staffel in die Lahn mündet, ist in seinem Unterlaufe nur schwach eingeschnitten und bietet landschaftlich zunächst wenig Reize. Nur langgestreckte Höhenrücken treten hervor, unter ihnen als höchster das waldbedeckte Heidenhäuschen. Erst im Mittel- und Oberlaufe treten die Thalränder näher aneinander, doch hält der Wald, welcher vorwiegend die Berge im Westen krönt, sich meist in beträchtlicher Entfernung. 5,3 km Haltestelle Staffel. Die Westerwaldbahn wendet sich, nachdem sie den Bahnhof Limburg verlassen, nach Norden, führt am Fusse des Schaafbergs, ihn links lassend, vorbei und überschreitet die Lahn bei Staffel kurz vor der Haltestelle. Bei der letzteren befindet sich eine Thonwaren- Fabrik. Nördlich der Haltestelle zweigt sich die Westerwaldlinie Limburg-Siershahn-Engers, resp. Altenkirchen in ein Nebenthal des Elbbachs, den Erhach, ab; die Linie nach Hadamar nähert sich dem Elbbach. 7,4 km Haltestelle Elz. Das grosse in der Gabelung der beiden Bahnlinien gelegene Dorf, dessen Kirche, eine geräumige romanische Basilika, in der Nähe der Haltestelle sichtbar wird, ist die Heimat der Boheme nassovienne, jener Sänger, Harfen- mädchen, Seiltänzer und anderer Künstler, welche die weite Welt durchziehen, einmal aber im Jahre, zur Zeit der Kirch- weih im September, im dem Heimatdorfe sich sammeln, um hier die Früchte ihres Wanderlebens zu geniessen. 168 Hadamar. 10,3 km Bahnhof Hadamar. Hadamar, Stadt, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Limburg, mit 2211 vorwiegend katholischen Einwohnern, ist Sitz eines Amtsgerichts, eines Steuer- und Domänen-Rentamts, einer Oberförsterei, eines Kgl. Gymnasiums, eines Kgl. Lehrer- seminars, eines Korrigenden- und Landarmenhauses. Die Haupt- beschäftigung der Einwohner ist Landwirtschaft. Die Stadt liegt anmutig in einem Thalkessel zu beiden Seiten des Elb- bachs. Ihre regelmässige Bauart, die mehrfachen freien Plätze und Gartenanlagen verraten neben dem geräumigen Schlosse die ehemalige Residenz. Gasthäuser: Nassauer Hof, Gasthaus zum Adler, Hotel Stahl; Restau- ration Lippmann. Erwähnt wird der Ort als Oberhadamar— das Dorf Nieder- hadamar liegt 20 Min. thalabwärts an der Chaussee nach Limburg — zuerst im Jahre 1212. Nach Erwerb des dem Kloster Eber- bach gehörenden Hofes baute hier Graf Emich I. von Nassau im Jahre 1320 eine Burg, und unter ihm gewann der Ort 1324 Stadt- recht. Nach dem Aussterben der Nassau-Hadamarschen Linie Ende des 14. Jahrhunderts ging der Besitz nach mannigfachem Wechsel anfangs geteilt, 1557 ganz an Nassau-Dillenburg über. 1540 legte eine Feuersbrunst den grössten Teil der Stadt sammt der Burg in Asche. Das jetzige Schloss, dessen weitläufige Bau- lichkeiten sich am linken Elbufer um 4 Höfe herum gruppieren, wurde im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts von dem Grafen Johann Luduig aufgeführt, der auch den Hofgarten anlegte. Jetzt dient es dem Gymnasium und dem Steueramt als Unterkunft. Der genannte Graf, der Begründer der jüngeren Linie Nassau-Hadamar, der später die Fürstenwürde gewann, trat 1629 in Wien ohne Wissen seiner Gemahlin Ursula zur katholischen Kirche über und zwang seine Unterthanen ihm zu folgen. Ursula blieb ihrem Be- kenntnis treu, wusste aber mit seltenem Takt manche Härten in den Massregeln ihres Gemahls auszugleichen. In der Folge dieses Schrittes entstand 1637 auf dem danach benannten Mönchsberge das Franaiskanerkloster, in welchem sich jetzt die Korrigenden- anstalt befindet. Auch gewannen gegen Ende seines Lebens 1652 die Jesuiten hier eine Niederlassung. Ihre 1755 erbaute Kirche ist die jetzige Stadtkirche, und aus ihrer Schule ist das heutige Gumnasium hervorgegangen. Von dem im Osten sich erhebenden Herzberge, welchen die Marienkapelle krönt, hat man einen hüb- schen Blick auf Stadt und Umgebnng. 13,4 km Haltestelle Niederzeuzheim. Die Bahn verlässt oberhalb derselben das Elbbachthal und hält sich bis Willmen- rod an dem westlichen Höhenrande. 18,3 km Haltestelle Frickhofen. Das grosse, 1500 Einw. zählende Dorf(Wirtschaften C. Heeg, 4A. Heeg und ver- Elbbachthal, Dornburg. 169 schiedene andere), liegt einige Minuten entfernt. Es wird 1449 zuerst erwähnt, ist aber sehr alt. Bekannt ist es als bequemster Zugangspunkt für die ½ Std. nördlich sich er- hebende Dornburg, die gegen das Elbbachthal abfallende, 396 m hohe Endkuppe eines 1 ½ Std. von Westen nach Osten sich erstreckenden, meist waldigen Bergrückens, des Watzehahns. Eine nur wenig niedrigere, nach Süden vorspringende Wald- kuppe im Westen der Dornburg trägt die weithin sichtbare St. Blasiuskapelle. Vom Dorfe aus führt ein Fahrweg nach der Dornburg, doch kann man direkt von der Station aufwärts gehen, bei dem schwarz-weissen Wegweiser dem blauen Kreuz auf dem Wege nach Langendernbach kurze Zeit folgen, dann über die kreuzende Strasse dem Heideweg rechts in der Rich- tung auf die hohen Tannen folgen, welche, weit sichtbar, am Südwestabhange der Dornburg stehen. Allmählich beginnt das Gelände zu steigen und die schwarzen Basaltmassen des Berges treten immer schärfer hervor. Nach 25 Min. gelangt man zum Walde; an der Edeltanne rechts weisses und blaues Kreuz, welche nach weiteren 5 Min. zum Wirtshaus zur Dornburg führen. 9 Fremdenzimmer, Pens. 3 Mk., schöne Waldlage, freundliche Leute. Von dem Wirtshaus führt rechts über den Hof ein Pfad in den Wald mit roten Dreiecken bezeichnet zu den beiden Eisstollen; bevor man sie erreicht, biegt ein enger, mit weissen Feldern an den Tannen bezeichneter Waldpfad rechts, welcher in 5 Min. an den Fuss des äusseren Ringwalls stösst, jenseits dessen man in weiteren 3 Min. über den inneren Wall auf das Plateau gelangt. Dasselbe ist durchzogen von Hecken und Steinwällen, deren Geröll von den Bauern aus dem guten Acker aufgelesen ist, um als Felderscheiden zu dienen. Nach Aus- sage der Landleute wächst hier oben kräftigere Frucht als im Thale. Die Aussicht ist leider dadurch beeinträchtigt, dass kein beherrschender Punkt vorhanden ist, welcher freien Rund- blick gewährt. Für den Rückweg merke man sich das weisse Zeichen auf dem Basaltsteine am Walle. Während das Plateau, welches auf einer abgestumpften Basaltpyramide in einer Länge von 600 und einer Breite von 500 m sich entwickelt, gegen die Thalseite und nach Süden steil abfällt, ist die westliche, dem Angriff ausgesetzte Seite durch die zwei oben erwähnten Basaltwälle geschützt, von denen der untere nach der Aussen- seite 6— 10 m, nach der Innenseite 3— 4 ½ m steil abfällt, während der obere nach aussen nur 1 ½ m Höhe hat, den Plate⸗ urand aber kaum einen halben Meter überragt. Naturgeschichtlich merkwürdig ist der Berg durch das im Innern desselben befindliche Eisfeld, welches in den beiden, durch Herausnehmen von Geröllblöcken in der Basaltschutt- 170 Elbbachthal. halde gebildeten und mit Reisig gedeckten Eisstollen zu Tage tritt und selbst im heissesten Sommer nicht schmilzt. Ein eisiger Luftstrom, dessen+ 2 bis 0 Grad R. betragende Kälte mit der Steigerung der äusseren Temperatur zunimmt, strömt aus der Oeffnung dieser Löcher entgegen, in deren Hintergrund festes, körniges Eis lagert, ohne wesentliche Feuchtigkeit ab- zusetzen. Am Fusse des Berges entspringen Quellen, deren Wasser eine konstante Temperatur von 3 ½ Grad aufweisen und welche als die kältesten Europas gelten. Auch die Keller- wände des Gasthauses überziehen sich gerade in der heissesten Jahreszeit am stärksten mit Eiskrystallen; eine auf Grund dieses Sommereises angelegte Bierbrauerei ist indessen wieder eingegangen. Warme Luft dagegen strömt aus den auf einem Drittel der Höhe gelegenen Spalten der aus dem Gerölle ragenden Basaltfelsen und er- wärmt den Boden so, dass selbst im härtesten Winter der Schnee sofort schmilzt und Was- serdampf in die Höhe steigt. An solchen Stellen sollen in manchem Jahre im Februar blühende Kartoffeln gesehen worden sein. Auf- dee M fallend ist ferner, 5 dass an den entge- gengesetzten Abhängen der Dornburg eine entgegengesetzte Polarität des Kompasses beobachtet worden ist. Eine Erklärung obiger auffallender Erscheinungen ist von vielen Seiten versucht worden, ohne dass indessen volle Klar- heit geschaffen worden ist ¹). Wer vorzieht, anstatt nach Frickhofen zurückzukehren, vom Plateau der Dornburg weiter zu wandern, halte sich in nordwestlicher Richtung an dem sich etwas biegenden Haupt- wall, nicht dem Steinwall, entlang bis auf den nächsten veld. weg, dem er nach links folgt. Nach 2 Min. senkt sich der- selbe thalab und trifft nach weiteren 5 Min. auf eine von Süd- westen kommende Strasse, auf der man, rechts biegend, in Westerbu *) Vergl. Verhandl. der Ges. f. Erdkunde, Berlin, Bd. 8, Nr. 4, S. 160 u. ff. Ferner Jahrb. des Naturh. Vereins in Nassau IV., 164. Annal. 1, 2, 110, auch die Abhandlung von J. Troost:„Die Dornburg und die praktische Ausnutzung,“ Coblenz 1873. Elbbachthal. Westerburg. 171 25 Min. nach Wilsenroth, einer Haltestelle der Eisenbahn, gelangt; doch liegt dieselbe eine Viertelstunde vom Orte öst- lich. Will man die Bahn nicht benutzen, so gehe man oberhalb Wilsenroth von der Strasse links ab, am Kirchhof vorbei, ins Dorf hinunter und aus demselben links am oberen Ende wieder hinaus, wo ein Wegweiser an der Ecke nach Westerburg zeigt. Am Tannenstück vor dem Orte, wo der Weg durch ein rotes Dreieck bezeichnet ist, hat man zur Rechten einen reizen- den Blick auf die Höhen des Westerwaldes und das Elbthal. Der Weg führt an einem Bergvorsprung mit Basaltschutthalde undSteinbruch vorbei in 20 Min. nach dem Dörfchen Berzahn. und in weiteren 25 Min,, teilweise durch schönen Buchenwald, nach Willmenrod. Doch kann man von Berzahn aufkürzerem Wege über Wenge- roth in etwa 50 Min. direkt nach Wester- burg gehen. Bei Willmenrod, Haltestelle, 25,4 km von Limburg, quert die Bahn das Elbbachthal, um sich auf die gegenüberliegenden Höhen, um den 408 m hohen Stromberg herum nach Westerburg hinauf zu winden. Der Fahrweg von Will- menrod läuft in gerader Richtung nördlich auf das weithin sicht- bare Westerburg mit seinem weissschimmernden Schlosse zu, Wegezeit etwa 40 Min. Wenn man nach etwa 10 Min. die Höhe erreicht, tritt der Hochebenen-Charakter der Gegend immer mehr hervor in den weiten Wiesenflächen und den flachen, muldenförmigen Thälern, in welchen die Bäche laufen. 28,6 km Bahnhof Westerburg, auf dem linken Thalrande des Schafbachs, 10 Min. von der Unterstadt entfernt. Gasthäuser: Hotel Zum Löwen, Pens. 4 Mk.; Gasth. Zur goldenen Krone, Zum deutschen Kaiser, Zur schönen Aussicht, Zum Adler, Zum grünen Wald; in allen auch Bier. Westerburg, Kreishauptstadt, Regierungsbezirk Wies- baden, mit 1326 Einw., meist evangelischer Konfession, ist Sitz eines Landratsamts und einer Oberförsterei. Die Hauptbe- schäft'gung der Einwohner ist Landwirtschaft, doch finden sich in der Nähe bedeutende Braunkohlengruben in Betrieb. In- mitten ausgedehnter Waldungen und hoher Berge hat Wester- burg zweifellos die schönste Lage von allen Städten des Kloster Marienstatt. 172 Westerwald. Westerwaldes und eignet sich durch seine Umgebung recht wohl zu einer Sommerfrische. Es besteht aus einer Unter- und Oberstadt; die letztere wird wieder überragt von dem auf einem Basaltkegel gelegenen, altertümlichen Schlosse der Grafen von Leiningen- Westerburg, welches zugänglich ist und alte Waffen und sonstige Altertümer enthält. Die 1806 mediati- sierten Grafen wohnen auf dem Schlosse. In der Nähe führt bei der Restauration zur schönen Aussicht ein Fusssteig auf den Katzenstein, einen be- waldeten Basaltfel- sen, von dem man eine hervorragend schöne Fernsicht ge- niesst. 20 Min. nörd- lich von Westerburg befindet sich die Liebfrauenkirche, ein vielbesuchter Wall- fahrtsort. Von Wester- burg führt die Bahn in etwa 50 Min. über die Haltestellen Langenhahn, Erbach, Korb nach Hachenburg, der einzigen Stadt des Oberwesterwaldhreises. Gasthöfe: Zur Krone, Nassauer Hof, Westendhalle. Hachenburg liegt malerisch um den vom mächtigen Schlosse gekrönten Schlossberg zwischen der grossen Nister und einem Quellflusse des Windbachs. Für Touristen ist der Ort beson- ders anziehend als bequemster Ausgangspunkt für eine Wan- derung durch die Kroppacher Schweiz, das Thal der grossen Nister zwischen Marienstatt und Helmeroth, entschieden die landschaftlich schönste Partie des Westerwaldes. Eingehende Schilderung findet man im Westerwaldführer, herausgegeben vom Westerwald-Club, 3. Aufl. 1901, Preis 2 Mk., Verlag der Dietzschen Hofbuchdruckerei in Koburg. isterbrücke. Diez und Umgebung. ie schon erwähnt, entfernt sich in Limburg die Lahn- thalbahn von dem Flusse, der durch das Limburger HDecken einen flachen Bogen nach N. beschreibt und erst bei Oranienstein wieder in die Felsengen eintritt. 3,6 km Bahnhof Diez, Höhe über N. N. 119,4 m, Halte- stelle für sämtliche Schnellzüge, Abzweigungsstation für die von Limburg ausgehende Aarthalbahn nach Langenschwalbach- Wiesbaden. Gasthäuser: Hotel Victoria, Hof von Holland, beide an der Wilhelm- str., L. Fr. 2 50 Mk. Wirtschaften: Deutscher Kaiser, Deutsches Haus, Wirt- schaft von Jung und W. Stoll, beide am Markt; mit Garten: K. Stoll, Frit⸗ Stoll, W. Maxheimer, Ph. Hüttenbrandt, zur Ecke, Bierhalle Lorenz. Cafés: Schildknecht; Nold; Schmitt. Postamt in der Bahnhofstr. Telephonverb. Droschken: 4 Droschkenbesitzer ohne feste Taxe. Badeanstalten: Städt. Badehaus, Lahnbäder. 1 Privatbadeanstalt In Diez besteht eine rührige Sektion des Taunusklubs, (Parbentafel gegenüber dem Bahnhof, auch giebt es eine hand- liche Karte der mit Farbenzeichen versehenen Wege für 20 Pfg.); ein Radfahrerklub, Gauverband Frankfurt. Reparaturwerkstätte pei W. Möbus und Fr. Reusch. Bundesgasthaus Hotel Victoria. Diez, Hauptstadt des Unterlahnkreises, Regierungsbezirk Wiesbaden, mit 4309 Einw.,(darunter etwa 1400 katho- lischen), ist Sitz eines Kgl. Amtsgerichls, des Landratsamtes, eines Bergrevieramtes, verschiedener Bauinspektionen, einer Ober- försterei und einer Städt. und Kgl. Reaulschule, Garnison des T. Bataillons des 160. Infanterie-Regiments. Die Stadt liegt 174 Diez. am westlichen Ende des Limburger Beckens, wo die aus dem Taunus zuströmende Aar in die Lalm fällt, und gruppiert sich um das auf steilem Porphyrfelsen aufragende gewaltige Schloss, das mit seinen festen Mauern schon unter der Nassauer Regierung in eine Strafanstalt verwandelt wurde und bis heute leider dieser Bestimmung erhalten blieb. Doch ist dasselbe zugänglich. Dagegen macht das Städtchen, welches durch seine Lage vor dem Zutritt rauher Luft- strömungen geschützt ist, und daher ein ungewöhnlich mildes und gesundes Klima besitzt, mit seinen saubern Strassen und zum Teil noch altertümlichen Häusern, seinen freundlichen, n. A. v. Ph. II. Meckel, Diez. Diez. wohlgepflegten Gärten einen überaus anheimelnden Eindruck, der wohl geeignet ist, den Fremden auf längere Zeit zu fesseln, und von hier aus Ausflüge in die herrliche weitere Vmgebung zu machen. In Diez befinden sich bedeutende Marmorschleifereien, zu denen die mächtigen Marmorbrüche der Umgegend das Material liefern, ferner grössere Kalkwerke, Ziegelbrennereien und ausgedehnte Gärtnereien. Erwähnt wird der Ort als Didesse zuerst 1073; um diese Zeit ist wahrscheinlich auch die Burg gebaut worden. Die Graf- schaft Diez umfasste den grössten Teil des alten Niederlahngaus und reichte weit auf den Taunus und den Westerwald hinauf. Als der letzte des Diezer Mannsstammes, Graf Gerhard III., 1388 starb, vererbte sein Land auf seinen Schwiegerschn Adolf von Nassau-Dillenburg. Im Jahre 1420 kam die Hälfte an Eppstein, so dass, nachdem letzteres wieder die Hälfte seines Anteils an 1²5 Schloss-ark v Ceis2erg Tampelchen- Se,8 8 Diez-Oranienstein. u Sdun. 2. S 4 6 Tkooofauenuueg. 13. Jataee d.. Nach Zeichnung von Ph. H. Meckel, Diez. 176 Diez. Catzenelmbogen, bezw. Hessen veräussert hatte, drei Gemeinschafts- herren auf dem Schlosse zu Diez geboten und hier 1469 einen gemeinsamen ständigen Obergerichtshof für die ganze Grafschaft errichteten. Seit 1557 war Nassau-Dillenburg im Besitz des ganzen Gebiets. Der letzte Fürst, Wilhelm Friedrich, von Napoleon aller seiner Stammlande beraubt, erhielt dieselben 1813 zurück, trat sie aber 1815 an Nassau ab und wurde König der Niederlande und Grossherzog von Luxemburg. Der Ort erhielt 1329 Stadtrecht und wurde mit Mauern umgeben, von denen noch Reste zu sehen sind. Zur Stadt geht man vom Bahnhof dem Bahndamm ent- entlang, bis die Bahnhofstrasse vor der Aar rechts biegt, um nachher ihre Fortsetzung in der Wilhelmsstrasse zu finden. ———— Dieser Teil ist 3 durchaus mo- dern. Erst wenn man von der Wilhelmstrasse durch die 4l- stadtstrasse zum alten Markt wei- ter geht, werden die Strassen winkliger und enger, die Häu- ser altertümli- cher. Biegt man beim Wirtshaus zum Lahnthal links, so kommt man zur Lahnbrücke, welche die am rechten Flussufer ge- legene Vorstadt anschliesst. Die Brücke selbst ist, eine moderne Gitterbrücke, ruht aber auf zwei umgefallenen Pfeilern der alten, welche 1634 von den Schweden gesprengt worden ist. Ueber der Vorstadt hängt auf steilem Felsen das älteste Gotteshaus der Stadt, die jetzt evangelische Peterskirche, welche aus dem 13. Jahrhundert stammt, 1846 aber erneuert worden ist. Wendet man sich vom alten Markt rechts auf- wärts, so gelangt man den Schlossberg hinan steigend zum Schlosse, einem aus schmucklosen Bauten zusammengesetzten Gebäudekomplex, welches aber mit der daneben gelegenen alten Kirche durch die beherrschende Lage auf dem Felsen und die malerische Gruppierung einen überaus fesselnden Ein- druck macht. Jetzt beherbergt es 2— 300 Sträflinge, die mit Weben, Stroh-, Draht- und Stuhlflechten beschäftigt werden. Das Schloss wird noch überragt von der alten Receptur, dem heutigen Domänenrentamt, welches in ältester Zeit als Wit- Diez. ROTIIS IIILSTR LAINEüHIRNER BIITI ENS IIMBTRG. — Wa d Mo u l 2 — on Whal(M A. Seelbad A K Karloer AuuSt. d. Ilofbucluclruckerei Bisenach H. Kahle — * 10 Artometer Verlag v bmil Rotlt, Giessen. Merlstab 1 200.000. 5——— 3 4* Oranienstein. 12⁷ wensitz der Diezer Gräfinnen diente. Der Blick von oben auf die Stadt und zum Lahnufer ist hervorragend schön. Nach dem Schloss Oranienstein wendet man sich vom Bahnhof kommend beim Postamt rechts die hübsche Villen- strasse aufwärts den blauen Strichen nach, welche in 10 Min. zu einem ginsterbedeckten Pavillon führen, den sogenannten 12 Säulen, die jedoch durch 12 Linden repräsentiert werden. Hübscher Blick auf Freiendiez, das Aarthal, die Ruine Ardeck, ferner Limburg, Westerwald, Taunus. In der Nähe befindet sich inmitten hübscher städtischer Anlagen eine vom Diezer Ver- schönerungsverein angelegte Trink- halle, gute Restau- ration, welche im Sommer von 9 Uhr morgens bis 10 Uhr abends geöffnet ist. Von der Halle leiten links durch junges Holz die blauen Striche auf dem gut gehaltenen Hainweg in 8 Min. auf den Sternplatz und von ihm an der gegen- überstehenden Bu- che in 3 Min. zu der von Diez kommenden Chaussee, welche den geräumigen auf zwei Seiten den Wald perührenden, gegen die Lahn offenen Exerzierplatz durchschneidet und gerade auf das Schloss stösst; rechts abwärts gehend gelangt man bei einem einfachen Wirtshaus zur Lahnfähre, welche den Verkehr nach dem gegenüberliegenden Dörfchen Aull vermittelt. Das auf einer Felskuppe gelegene Schloss wurde 1676 an der Stelle des ehemaligen Nonnenklosters Dirstein im Spätrenaissancestil von der verwitweten Fürstin Alberline von Diez erbaut und nach ihrem Familiennamen Oranienstein genannt. Es besteht aus dem Hauptbau und zwei Flügeln mit breit ausgelegtem Seitenpavillon. Im rechten Seitenflügel befindet sich eine Kapelle mit hübschem Deckenschmuck und dem Wappen der Nassauer und der umwohnenden Dynasten. 1866 wurde es in eine Kadettenanstalt umgewandelt und 1876 durch die neuen Seitenflügel erweitert, 1901 wurde das Lehr- gebäude und das Lazaret neu erbaut. Die Zahl der Kadetten beträgt jetzt ca. 200. Zur Besichtigung der Räume wende man sich an den am Eingange rechts wohnenden Portier. Der hinter dem Schlosse gelegene Garten, welcher auf einer Terrasse gegen Illustr. Lahnführer. 12 Oranienstein. 178 Oranienstein, Aarthal. die Lahn vorgeschoben ist, ist für den Kommandeur reserviert, für Fremde aber zugänglich. Der Kalkfels, auf welchem der hübsche Aussicht lahnaufwärts gegen den Schafberg bietende Gartenpavillon liegt, führt den Namen„der Oranienstein“. Biegt man aus dem Schlosse kommend rechts abwärts, so kommt man zum Mühlchen, einem für Sommerfrischler und Touristen empfehlenswerten Gasthaus an der Lahn, in welchem man gute Unterkunft findet. Pensionspreis 3,50 Mk. Das Haus, eine frühere Mühle, ist schon seit hundert Jahren in Besitz der jetzt darin wohnenden Familie. Vom Mühlchen kann man am Flusse entlang nach der Stadt zurückkehren, doch ist der Weg bei feuchtem Wetter nicht zu empfehlen. Oder man steigt die Treppen aufwärts zurück und schlägt dem Wegweiser nach die Chaussee nach Diez ein, die ent- weder rechts an der Bataillonskaserne vorbei, oder über den Ererzierplatz die schöne Doppel-Allee entlang bei schöner Aus- sicht auf die Kalkfelsen an der Lahn und die oben gelegene peterskirche auf gutem, selbst bei nassem Wetter festem Wege zur Oberstadt zurückführt. Man trifft, hier auf die alte Receptur und das Schloss. Nüheres findet man in: Bossong, Das Aarthal. IIlustr. Führer, Preis 75 Pfg. Weniger, Sohloss Oranienstein. 1 Mk, sowie sonstige Litteratur, Karten etc. bei Ph. H. Mecke!, Buchhaudlung und Verlag in Diez. — Das Aarthal. Die Aar ist der dritte der grösseren dem Limburger Becken zuströmenden Wasserläufe, welches sie indes nicht mehr er- reicht; die Aar mündet in die Lahn, nachdem diese schon in die Felsengen eingetreten ist, und öffnet den Weg gegen den westlichen Taunus. Ihr Thal, von den dreien entschieden am schärfsten eingeschnitten, ist namentlich in seinem obern Teile reich an Naturschönheiten und malerischen Punkten, so dass es eine Wanderung durchaus lohnt. Zudem ist es von einer Bahn durchzogen, welche in Diez das Lahnthal ver- lässt und diesen Ort mit Langenschwalbach und Wiesbaden verbindet; im vorzüglich eingerichteten Wagen, die besonders auf das Geniessen der Aussicht berechnet sind, kann man daher, um Leit zu sparen, die minder interessanten Strecken nament- lich des untern Thales, wo dasselbe ziemlich breit ist und die Wälder weiter zurücktreten, durchfahren. Wäͤhrend die Chaussee von der Bahnhofstrasse in Diez durch Aarthal, Hahnstätten. 179 den Bahndurchlass nach dem grossen und wohlhabenden Dorfe Freiendiez führt und sich hier von der Limburger Landstrasse nach S. abzweigt, umfährt die Bahn, auf kurze Strecke den Bahnkörper Dicz- Limburg benutzend, diesen Ort in weitem Bogen, und durchläuft das schöne weite Wiesenthal, welches von flachen, meist Fruchtgelände tragenden Höhen ohne bedeutende Formen umrandet wird; nur auf dem linken Ufer tritt der Waldrand näher heran. An der rechten Thalseite, also für den von Diez Kommenden links, ragen auf vorspring- endem kahlen Felsen die mächtigen Trümmer der 1395 vom Grafen 4Adolf von Nassau-Dillenburg erbauten Burg Ardeck, welche während des 30jährigen Krieges zerfallen ist. Von oben schöne Aussicht. 4 km Haltestelle Flacht auf der rechten Aarseite, während der Ort auf dem entgegengesetzten Bachufer liegt. Das grosse Kirchdorf, in der Mitte der dorfreichen sogenannten goldenen Grafschaft, ist von altersher berühmt durch seine fetten Triften und schweren Fruchtfelder, deren Produkte seit frühen Zeiten die Fruchtmärkte von Diez speisten. 7 km Haltestelle Oberneisen, stattliches Dorf mit hübscher Kirchlage, ehemaliger Burgsitz der Herren von Nesen, welche denselben 1288 vom St. Albanstifte zu Mainz als Erblehen empfingen. Von der Burg ist nur noch eine hohe Mauer vor- handen. Der Ort wird 1092 zuerst erwähnt. 9 km Haltestelle Hahnstätten, stattliches Kirchdorf von 1100 Einw. mit schöner Kirche. Der Ort wird schon 790 erwähnt. Wirtschaften von Schnell, Nassauer Hof, Bierbrauerei von Heckelmann. Bei dem Orte Schloss und Park des Freiherrn Marschall von Bieberstein; das Besitztum, früher Nassauische Domäne, wurde dem langjährigen und verdienstvollen Nassauischen Minister, Freiherrn Ernst von Marschall, † 1834, als Majorat vom Herzog Wilhelm zum Geschenk gemacht. Sehr lohnend ist von Hahnstätten aus ein Ausflug auf das nahe gelegene Schloss Hohlenfels(Bahnstation der Linie St. Goaurshausen-Zollhaus), welches auf schönem Waldwege in etwa 50 Min. zu erreichen ist. Man geht von der Station Hahnstätten den roten Quadraten nach rechts über die Schienen die Strasse entlang, beim Nassauer Hof rechts, dann links. Nach dem letzten Hause steigt man bei den Schieferplatten den Fussweg rechts hinauf, der ziemlich steil aufwärts führt. Auf der Höhe zieht sich der vorzüglich gangbare Pfad immer den Zeichen nach durch Tannenbestand, dann Laubhochwald. Beim Austritt aus dem Walde schöner Blick aufs Schloss. 12 ¾ 180 Aarthal, Hohlenfels. Mitte des 14. Jahrhunderts wurde auf dem hohlen, zerklüfte- ten Kalkielsen die Burg, die daher wohl ihren Namen erhielt, auf Anlass des Grafen Johann I. von Nassau- Weilburg durch den Ritter Daniel von Langenau erbaut, aber unter beständigem Ein- spruch des Grafen Gerhard von Diez, der sich 1363 das Oeffnungs- recht auf der Burg erzwang. Als im Jahre 1604 die Herren von Mudersbach, in deren Besitz sie nach manchen Wirrungen gelangt war, ausstarben, kam sie an Hartmut von Cronberg, mit dem die einzige Tochter Elisa- beth vermählt war. Während des 30 jähri- gen Krieges mehrere Male hart mitgenom- men, war sie während mehr als sechzig Jah- ren unbewohnt, bis der letzte Cronberger, Johann Niklas, wel- cher unvermählt blieb, hier seinen Sitz nahm und daselbst auch 1704 verstarb. Sein Grab befindet sich in der Hahnstätter Kirche. Der neue Besitzer, Herr Hugo Waldecker von Kempt, dessen Wappen noch heute über dem äusseren Thore sichtbar ist, liess 1713 das jetzt noch bewohnte Schloss aufführen. Nach seinem Ende wurde es von Nassau-Usingen in Anspruch genommen und behauptet. Jetzt ist es, wie das im Thal gelegene Hofgut, staatlich. Durch das Aussenthor, vor welchem eine prächtige Buche steht, gelangt man in den äusseren Zwinger, durch vier weitere stark bewehrte Thore in den Burghof, welcher sich über einer mächtigen, von zwei viereckigen Türmen flankierten und mit einem Wehrgang versehenen Schildmauer erhebt. Hinter der- selben ragt der fünfeckige Bergfried; der Zugang zu demselben ist allerdings unbequem, da die Treppen schmal und ausge- treten und zum Teil in der Mauerdicke des Turms angebracht sind. Dagegen ist der Ausblick von oben in das die Burg umziehende Wäldermeer ein entzückender, wenn auch grössere Fernsicht fehlt. Nur nach Nordosten weicht der Wald etwas hinter dem Fruchtfeld und Wiesenthal zurück. Die Wirtschaft befindet sich in den unteren Räumen des Schlosses und bietet Unterkommen für etwa 25 Logiergäste. Pensionspreis 3.50 Mk. Von hier prächtige Waldwanderung in 2 ½ Std. nach Schloss Schaumburg. Markierung rote Kreuze. Den Rückweg wählt man am besten nach der Station — Burg Hohlenfels. Zollhaus, Burgschwalbach. 181 Zollhaus. Durch rote Kreuze markiert, ist er anfangs derselbe wie nach Hahnstätten. Nach 15 Min. trennen sich die Kreuze von den roten Quadraten und führen rechts durch schönen Buchenwald, dann über eine Lichtung und beim Kreuzweg rechts wieder durch Hochwald auf die von Katzenelnbogen her führende Landstrasse, der man nach links folgt. Wegezeit ½ Std. 11 km. Bahnhof Zollhaus, Bahnhofrestauralion; Gasthaus Zur Eisenbahn, gegenüber dem Stationsgebäude. Das alte Zoll- haus lag an der Einmündung— des Mudershäuser Weges in die Aarthalchaussee, wo drei Territorien: Nassau- Oranien, Nassau-Usingen und Hessen zusammentrafen. Zollhaus ist ein durch Fabriken und gewerbliche Anlagen aufblühender Platz mit regem Güterverkehr, be- sonders durch die von St. Goarshausen über Nastätten und Katzenelnbogen hier einmündende Bahnlinie. Na- mentlich erwähnt seien: Farbwerke Hammerschlag& Beyer, Portland-Cement- und Thonwerke„Gewerkschaft Mirke“w, ༠Std. oberhalb Zollhaus die Anlage des Johannisbrunnens, eines ge- schätzten Sauerwassers. In dem bei Zollhaus von rechts mündenden Seitenthale des Palmbachs liegt in einer Entfernung von 20 Min. die Ruine Burgschwalbach, welche mit ihren wuchtigen Mauern das Thal zu sperren scheint. Man überschreitet die Schienen schräg gegenüber dem Eisenbahnhotel und folgt den roten Dreiecken. In der Burg gute Restauration mit Pension(3.50 Mk.). Angenehmer Aufenthalt für Sommer- frischler. Die Burg wurde 1368— 71 vom Grafen Eberhard von Catzen- elnbogen erbaut, kam 1479 mit dieser Grafschaft an Hessen und später an Nassau-Weilburg. In Verfall geriet sie erst, als sie im Anfang des 19. Jahrhunderts ihrer Dächer beraubt wurde. Immerhin gehört sie auch jetzt noch zu den schönsten, durch Re- gelmässigkeit ihrer Anlage sehenswertesten Ruinen Nassaus und pietet von dem das Burggebäude mächtig überragenden runden — Burg Schwalbach. 182 Das Aarthal, Hohenstein. Bergfried, zu welchem 171 Stufen in der ausserordentlich dicken Mauer aufwärts führen, eine prächtige Aussicht dar. 15 km Haltestelle Rückershausen. Das Thal, dessen Ränder sich unterhalb Zollhaus enger zusammengeschlossen hatten, erweitert sich wieder zu der sogenannten Burgschwal- bacher Au. 17 km Haltestelle Kettenbach; auch hier bpleibt die Thal- bildung noch einförmig. 18 km Haltestelle Michelbach. Der Ort birgt sich seit- wärts in einem von Westen einstossenden Nebenthal, nur die Kirche liegt hübsch auf einem Tannenhügel. Die bewaldeten Berge werden höher und felsiger und schliessen sich enger zusammen. 22 km Laufenselden, Haltestelle für das etwa 1 Std. westlich auf der Höhe gelegene gleichnamige Pfarrdorf. 24 km Haltestelle Hohenstein. Gasthaus Zur Burg Hohen- stein, Pension 3,50 Mk., auf niedrigem Bergvorsprung hübsch gelegen. Oberhalb der Haltestelle stösst das Gebirge von Süden her mit einem schroffen und steilen Felsvorsprung vor und zwingt die Aar zu einem weiten Bogen, während die Bahn die thalsperrende Bergzunge in einem Tunnel durchbricht. Auf dem Felsen heben sich hoch und kühn die Ruinen der Burg Hohenstein, welche auch dem dahinter gelegenen Dorf den Namen gegeben hat. Der Weg zu ihr führt von der Station an den Schienen entlang an einem einsam ragenden Schiefer- felsen vorbei, jenseits dessen man rechts und beim Laufbrunnen am Eingange des Ortes links den Berg hinauf biegt. Oben im Sommer gute Restauration; beliebter Ausflugsort für die Kur- gäste von Langenschwalbach. Erbaut von den Grafen von Katzenelnbogen, die nach ihr seit 1190 auch den Namen von Hoynstein führen, kam die Burg Hohenstein, nach einer Zerstörung wieder aufgebaut, 1479 mit der Grafschaft an Hessen und wurde von Landgraf Moritz wohn- lich eingerichtet. Im dreissigjährigen Kriege wurde sie abermals und zwar bis auf die Grundmauern verwüstet, und nur zum Teil wieder aufgebaut. Trotzdem ist sie eine der imposantesten Burgen des Taunus, an der namentlich anziehend wirkt, wie das Burggemäuer mit dem meist aus Grauwacke und Glimmer- schiefer bestehenden Gestein auf das innigste verbunden ist. Die Thoröffnungen sind zum Teil durch den Felsen hindurch- gesprengt. Von dem kleineren Nordwestturm, in dem man hinaufsteigt, führt ein hoher Verbindungsgang zu dem Haupt- turm, von dem die Aussicht eine weite und grossartige ist. Nur ist zu bedauern, dass man eine Rundsicht nicht gewinnen kann, da die zu hohen Mauerreste nur Durchblicke durch die Oeffnungen gestatten. Von einer zweiten Burganlage, welche Adolphseck. 183 unmittelbar unter dem Hohenstein nordwärts auf einem Felsen- vorsprung gelegen ist, dem Greifenstein, sind nur noch Reste der Grundmauern vorhanden. Wer weiter thalaufwärts will, wird gut thun, den weiteren Weg zu Fuss zu machen. In diesem Falle kehrt man nicht zur Station zurück, sondern wendet sich beim Austritt aus der Burg in das obere Dorf, lässt die Kirche zur Rechten und schlägt bei den letzten Häusern den Weg links ein, der an- fangs über Feld, dann durch niederen Wald bei Kilometerstein 21,6 wieder auf die Chaussee führt. Das Thal behält dauernd den Charakter eines lieblichen, stillen Waldthales mit saftigen Wiesengründen. Bei Tiefenbachs Mühle, eine gute halbe Stunde oberhalb Hohenstein, hemmt abermals eine von Westen vor- springende Bergzunge den Lauf des Baches und zwingt ihn, nach Osten auszuweichen. Die Bahn bildet hier wieder einen Tunnel, aber auch die Strasse pricht sich hier durch den Felsen durch. Am Eingange dieses Durchbruchs das Gasthaus zum Felsenthor, während man am Ausgange einen reizenden Blick zur Rechten in das nach Kemel hinaufführende Seitenthal hat. Oberhalb der Frankenbergmühle flachen die Bergformen sichtlich ab, man sieht, dass man zur Höhe steigt. Nur der Bergrücken am linken Aarufer, dessen Vorstoss gegen den Bach der Felsen von Adolphseck bildet, ragt kräftiger hervor. Die flache Bergzunge, auf welcher das freundliche Dorf liegt, ist nicht nur von dem Eisenbahntunnel und dem Durchlass der Landstrasse, sondern auch von einem Lünstlichen Aararm durchschnitten. Auf dem östlichen Vorsprunge dieses Felsens liegen die spärlichen Trümmer der ehemaligen Burg Adolphs- eck, die früher durch Stauung der sie umgebenden Aar nahezu in eine Wasserburg verwandelt werden konnte. In dem ehemaligen Burggarten, zu welchem man vVon der Land- strasse links biegend gelangt, liegt am Fusse der Burganlage die hübsche Gartenwirtschaft von M. Otto. Die Haltestelle, 29 km, findet sich oberhalb des Tunnels. 31 km Bahnhof Langenschwalbach. Die Bahn hält sich noch im Aarthal; um jenseits der Haltestelle Hahn den Taunus- kamm zu übersteigen, während das berühmte Stahlbad in einem von Westen mündenden Seitenthal sich seinem Namen ent- sprechend lang hinzieht, so dass das Kurhaus vom Bahnhof 25 Min. entfernt liegt. v Von Diez nach Nassau. 22,8 km. Fahrzeit 28 Min.(Schnellzug) bis 45 Min. Sie Lahn tritt in ein enges, felsiges Bett, welches sie vielfach zu bedeutenden Krümmungen und Fluss- schlingen zwingt. Die Bahn überwindet dieselben durch zahlreiche, zum Teil lange Tunnel, wodurch die vielen und hohen Schönheiten der Flussufer den Augen der Reisenden ent- weder ganz entzogen werden, oder denselben nur ein flüchtiger Anblick gegönnt wird. Wer daher Zeit und Mühe nicht zu sparen braucht, sollte wenigstens einzelne Teilstrecken auf den einsamen Pfaden zur Seite des stillen, berg- und waldumsäumten Flusses zu Fusse durchwandern, wo selten ein Förster oder Bauersmann ihm begegnet, der vielleicht sein Gras auf der entlegenen Plusswiese gewendet hat, noch seltener ein Ort oder eine An- lage seine Aufmerksamkeit von dem reinen Naturgenusse ab- zieht. Freilich bedarf der Wanderer guter Schuhsohlen und nicht zu empfindlicher Füsse, denn in vielen Fällen bietet sich ihm kein anderer Weg, als der steinige Leinpfad, der sich oft zwischen den Steilfelsen und den Fluss zwängen muss. 2,3 km Haltestelle Fachingen. Die Bahn überschreitet, nachdem sie die Station Diez verlassen, die Aar, tritt auf kurze Zeit an die linke Lahnseite und durchfährt den Fachinger Tunnel. Lohnend ist die Wanderung auf der rechten Fluss- seite entlang. Man geht über die Lahnbrücke und verfolgt die Strasse gerade aus durch Sachsenhausen, welche in 15 Min. zu einer Kalkbrennerei innerhalb mächtiger Kalkbrüche führt. Fachingen, Balduinstein. 185 Schöner Rückblick auf das domartig aufsteigende Schloss. Weiter benützt man den Leinpfad. Bald treten die Felsen, mit je zwei Zacken einander entgegenragend, mächtig gegen den Fluss vor und bilden ein förmliches Felsenthor, durch welches die Lahn in Strudeln sich Bahn bricht. Der von Süden ragende Fels heisst die Kreualey, die Steinbrüche in der Nähe gehören dem Geh. Kommerzienrat Krupp. Nach einer halben Stunde langt man gegenüber dem Dörfchen Fachingen an, welches auf der linken Lahnseite liegt, und lässt sich auf einer Fähre übersetzen, von der man durch die Wiese zu dem Linden- und Kastanienplatze geht. Die Bäume gehören bereits zu den Brunnenanlagen. In dem Brunnenhäuschen nahe dem Fluss- ufer entquillt der Erde das berühmte Fachinger Mineral- wasser, dessen Be- trieb vom Staate an die Firma Siemens & Co. in Berlin ver- pachtet ist. Mit Ein- schluss der Brunnen von Niederselters(s. S. 165) und Geilnau (S. S. 190) zahlen die Pächter 310 000 Mk. jährliche Pacht und haben dafür das Recht, 2700000 Krü- ge zu füllen, müssen aber jedes diese Zahl übersteigende Quan- tum besonders vergüten. Die Umwohnenden haben das Recht, sich während je einer halben Stunde des Vormittags und Nach- mittags gegen Gutscheine eine beschränkte Anzahl von Krügen zu ihrem Privatgebrauche zu füllen. 5,6 km Haltestelle Balduinstein, Höhe über N. N. 108,8 m. Die Bahnlinie geht bei Fachingen auf das rechte, jenseits des Tunnels wieder auf das linke Lahnufer. Wer den Weg zu Fuss zurücklegen will, verfolge von der Fachinger Fähre aus den Leinpfad am Flusse abwärts weiter und lasse sich bei dem Balduinsteiner Stationsgebäude übersetzen. Wirts- häuser von Noll und Hergenhahn, beide einfach. Der Ort ver- dankt seinen Ursprung und seinen Namen der in einer Seiten- schlucht auf steilem Felsen hängenden Burg Balduinstein, welche 1319 von dem streitbaren Erebischof Balduin von Trier in einer Fehde gegen die Grafen von Mesterburg erbaut wurde. In den Trümmern des längst verfallenen Schlosses hat sich ein Herr Herber aus Wiesbaden eine hübsch gelegene Villa Balduinstein. 186 Schloss Schaumburg. gebaut. Bekannt und besucht aber ist Balduinstein als nächster Zugangsort zu dem auf der Höhe gelegenen Schlosse Schaumburg. Vom Stationsgebäude wendet man sich nach Ueberschreitung der Schienen rechts in den Ort hinein, biegt vor dem alten achteckigen Turm, einem Rest der alten Ortsbefestigung, links in die aufwärts führende Schlucht an der Kirche vorbei. Wenn man den Thorbogen passiert hat, führt unterhalb der Ruine Balduinstein an dem zwischen 2 Eschen stehenden Kruzifix ein ziemlich steiler Fussweg gerade auf das Schloss zu; besser folgt man den schwarzen Kugeln nach der rechts biegenden Fahrstrasse, welche in der doppelten Zeit, etwa 40 Min., durch einen Tunnel in ein schönes parkartiges Wiesenthal und auf weiten Win- dungen— dieselben lassen sich aber vom sogenannten Thalhofe an durch Richtpfade abkürzen— zum Schlosse aufwärts zieht. Unterwegs trifft man zur Linken, un- mittelbar nachdem der Weg aus dem Walde getreten, eine Marmortafel am Felsen über einem versiegten Brunnen mit der Inschrift: K. J. A. M. K. J., die Anfangsbuchstaben der fürstlichen Gäste, welche bei der Hochzeit des Erzherzogs koseph, des Bruders des Erzherzogs Stephan, im Jahre 1862 auf dem Schlosse anwesend waren. Nicht minder lohnend, wenn auch etwas weiter(eine starke Stunde), ist der Weg von Diez nach der Schaumburg, der besonders denen zu empfehlen ist, welche von der oberen Lahn her kommen. Von der Wilhelmstrasse in Diez geht man in der Nähe des Holländer Hofes links durch die Ober- gasse über die Aar, vor der katholischen Kirche links über den Bahnübergang und folgt der ziemlich steil ansteigenden Land- strasse. Auf der Höhe zweigt sich nach rechts die Strasse nach Fachingen ab, während die geradeaus führende zum langgestreckten Dorfe Birlenbach abwärts fällt. Jenseits desselben gelangt man den roten Strichen folgend in wenigen Min. in den Wald, an dessen Eingang links hinter Tannen versteckt der Kirchhof des Dorfes liegt. Nach 200 Schritten zweigt sich nach links die mit roten Kreuzen markierte Strasse nach Schönborn und Hohlenfels, ein prächtiger Waldweg von 1 ½ Std., ab; man geht jedoch gerade aus auf dem links neben der Chaussee im Buchenwald laufenden Fussweg, der bald darauf den roten Strichen nach links in die Tannen biegt. Nach 25 Min. tritt man aus dem Walde und hat das Schloss Schaumburg auf dem umbuschten Basaltfelsen vor sich. An der Ecke der Mauer zahlreiche Wegezeichen, welche durch die weite und köstliche Waldumgebung führen. Gleich am Eingange links neben dem französischen Garten Gasthaus zum Waldecker Hof, schöne Gartenwirtschaft, im * Schloss Schaumburg. 187 Sommer viel besucht, Pension für 25 Gäste; Pensionspreis durchschnittlich 4,50 Mk. Das prachtvolle Schloss, welches sich beherrschend auf einem 279 m hohen Basaltkegel über der Lahn erhebt, macht keineswegs den Eindruck, dass es aus einer der ältesten Burgen des Lahngaus heraus- gewachsen ist. Schon 915 wird die Schaumburg in einer Urkunde Konrads I. erwähnt. Nach mannigfachem Besitzwechsel kommt sie 1279 in den Besitz der Grafen von Westerburg, welche im 14. Jahrhundert hier residierten, und gegen welche Balduin von Trier die Burg Balduinstein erbaut.— Längere Zeit an Catzeneln- 5 bogen und nachher an Hessen verpfändet, wurde Schloss und Herrschaft nach ihrer Einlösung von dem Grafen Wilhelm von Westerburg-Leiningen 1656 an die Gräfin Agnes von Holz- appel, Witwe des aus dem dreissigjährigen Kriege bekann- ten und in demselben ge- fallenen kaiserlichen General- feldmarschalls Peter Melander, um die Summe von 70 000 Gulden verkauft. Die Tochter des 1812 verstorbenen letzten Fürsten, Viktor II., brachte die 1806 mediatisierte Herr- schaft durch Vermählung an den Palatin von Ungarn, Erz- herzog Joseph, während zwei jüngere Töchter an den Gross herzog von Oldenburg und den Fürsten von Waldeck verheiratet waren. Der Sohn Josephs, Erzherzog Stephan, ebenfalls erwählter Palatin von Ungarn, welcher sich aber durch seine liberale Haltung während des Revolutionsjahres 1848 am Wiener Hofe missliebig gemacht hatte, wählte die Schaumburg zu seiner Residenz. Mit Hilfe des Oberbaurats Boos und des Architekten Frickhöfer hat dieser kunstliebende Fürst, dessen Leutseligkeit und Wohlthätigkeit, noch jetzt in der Gegend in jedermanns Munde ist, und der durch seine Gastfreiheit zahlreiche Fremde anzog, eine Schloss- anlage geschaffen, die in deutschen Landen ihresgleichen suchen darf. Ihm verdanken der im englisch-gotischen Stile, gehaltene Neubau, die Façade des Mittelbaus, die Gewächshäuser, das Schweizerhäuschen, der Marstall, die Gartenanlagen ihre Ent- stehung, während von den ältesten Anlagen der Burg kaum noch Schloss Schaumburg. 188 Schloss Schaumburg. etwas zu erkennen ist. In seinem Testament vermachte Erzherzog Stephan das wertvolle Besitztum seinem Neffen, dem Herzog Georg Ludwig von Oldenburg, der indessen in seinem Besitzstande bald von der dritten Linie, der Waldeckischen, angefochten wurde. Als Fideikommiss wurde dasselbe nach langem und kostspieligen Pro- zess den letzteren zugesprochen, so dass der Besitzer der Schaum- burg seit 1888 der Fürst Georg Victor von Waldeck ist. Für den Besuchenden ist dieser Besitzwechsel nur dadurch nachteilig ge- worden, dass die wertvolle Mineraliensammlung, welche Erzherzog Stephan mit vielem Interesse und Verständnis im unteren Stock- werk des neuen Baus angelegt hatte, dem Schlosse und der Pro- vinz entfremdet wurde. Sie wurde von dem Landtagsabgeordneten Rumpf in Berlin aufgekauft und nach dessen Tode von der Witwe dem Staats- muscum überwiesen. Vom Wirts- hause gelangt man auf dem durch den parkartigen Schloss- garten aufwärts führenden Haupt- wege zu dem äus- seren Thor und durch dieses in den ãusseren Burghof. Hier hat man den ein längliches Viereck bildenden, von vier achteckigen Eck- türmen flankierten Haupthau vor Augen, durch den ein hohes Hortal in den innern, fast quadratischen Hof führt. Vor dem zweithürigen Portale des Mittelbaues fallen links zwei Erastandbilder, Herolde darstellend, in die Augen, welche von Professor Keil herrühren. Neben dem Hauptturm das Standbild Melanders, von dem Kölner Bildhauer Menzenbach aus Sandstein hergestellt. Aus dem Hofe steigt, vom Haupt- bau vorspringend, der achteckige Turm auf, das Ganze mächtig überragend, zugleich der Mittelpunkt der Nassau- ischen trigonometrischen Landesvermessung. Leider ist er neben dem Gewächshause der einzige Raum in dem Schlosse, zu dem der Zugang gestattet ist; die Erlaubnis, die übrigen, allerdings durchaus modern eingerichteten Räume besichtigen zu dürfen, wurde zurückgezogen, nachdem eine Anzahl Gäste sich gegen den anwesenden Fürsten höchst aufdringlich und rücksichtslos benommen hatte. Zur Besichtigung des Turmes erhält man in dem Hauptportal, wo eine Schelle den Pförtner Schloss Schaumburg. 189 herbeiruft, für 10 Pfg. eine Karte. Doch dürfen nicht mehr als 3 Personen zugleich aufsteigen; auch ist die Besteigung des obersten Teils zum Schwindel neigenden und sehr starken Personen nicht anzuraten, da die über der Plattform ange- brachte, um eine eiserne Maststange aufwärtsführende Wendel-⸗ treppe ziemlich schmal und schwankend ist. Wer aber irgend kann, sollte den an sich ganz ungefährlichen Aufstieg nicht versüumen; von dem mastkorbartigen Raum oben hat man eine Rundsicht, die in ihrer Art unvergleichlich ist. Inter- essant ist vor allem der Einblick in das scharf eingerissene, vielgewundene Lahnthal, dessen bewaldete Ränder steil zum Flusse abfallen, während oben die korntragende, flache Hoch- ebene sich dehnt, im Hintergrunde von flachen bewaldeten Höhenrücken umzogen. Gegen Südosten aber schaut man in das liebliche Wiesenthal hinab, darüber in ein unübersehbares Wäldermeer, die Forsten der Schaumburgischen Herrschaft. Wahrlich, wenn je, so hat man hier den Eindruck, dass der Besitzer dieses Fleckchens Erde zu beneiden ist, und wird man sich gerne in der gastlichen Schlosswirtschaft einquar- tieren, um die Umgebung des Schlosses nach Herzenslust zu durchstreifen. Den Abstieg nimmt man entweder nach der Station Balduinstein, sei es auf direktem Pfade dem Eingange zum französischen Garten gegenüber, den Schlossberg zur Linken lassend, oder um den franz. Garten herum auf der neuen Land- strasse, nach der anderen Seite hin den Schlossberg umgehend, indem man der Wegmarkierung schwarze Kugeln folgt (Wegezeit für erstere Strecke eine gute Viertelstunde, für letz- tere das doppelte), oder nach Diez, indem man von der Wirt- schaft an der Mauer des französischen Gartens entlang und an der Ecke desselben auf dem gelben Fusswege gerade aus den roten Strichen nach zum nahen Hochwalde geht. Sehr em- pfehlenswert ist auch die schöne Waldwanderung von Schloss Schaumburg nach Burg Hohlenfels, ca. 2 ½ Std., Markierung rote Kreuze. Näheres findet man in: Ibell, Schloss Schaumburg. Verlag von P. H. Meckel in Diez. Preis 30 Pfg. 11,6 km Haltestelle Laurenburg. Der von Diez kom- mende Abendschnellzug hält hier, der nach Diez gehende korrespondierende dagegen in Balduinstein. Die Bahn durch- fährt den längsten Tunnel der Strecke, welcher nach dem auf der Höhe liegenden Dorfe Cramberg benannt wird, und ver- meidet dadurch den mächtigen nach Nordwesten gerichteten Lahnbogen. An demselben liegt eingeschlossen von dem wald- umkrönten Wiesenthal, gegen welches von Nordwesten her mehrere reizende Waldschluchten sich öffnen, das Dörfchen 190 Geilnau, Laurenburg. Geilnau, einer der zahlreichen berühmten Brunnenorte Nassaus. Man lässt sich gegenüber dem Stationsgebäude von Balduin- stein auf der Fähre über die Lahn setzen,— vom Schiff aus herrlicher Rückblick auf die Schaumburg, welche im Berg- ausschnitt liegt— und folgt stromabwärts dem durch rote Striche bezeichneten Wege, welchen man durch den Fuss- pfad über die Wiesen etwas abkürzen kann. Rechts zeigen sich sogar einige Weinberge. Nach etwa 40 Min. gelangt man an das einsam gelegene Verwaltungshaus, vor welchem links nach dem Flussufer zu das Quellenbassin sich be- findet. Dasselbe ist geschlossen und wird auf Verlangen von einer in einem Nebengebäude wohnenden Frau geöffnet. In dem Bassin sprudeln 2 Quellen, die links gelegene schwefel-, die rechte kohlensäure- und eisenhaltig. Die Quellen sind ebenfalls vom Staate an die Firma Siemens& Co. in Berlin verpachtet, doch wird die Füllung des Wassers, welches an Heilkraft die anderen übertrifft, nur auf Verlangen vorgenom- men, weil der Gesellschaft die Ausbeute des Fachinger Brun- nens lohnender und bequemer ist, dann aber, weil das Geil- nauer Wasser beim Einfüllen durch Zutritt der atmosphärischen Luft in der Flasche gelblichflockig wurde. Indessen hat In- spektor Blume, der technische Leiter des Unternehmens, eine Klärmethode gefunden, bei der durch Verhütung des Eintritts der äusseren Luft diesem Uebelstande abgeholfen wird. Wer nicht nach Balduinstein zurückkehren will und sich scheut, die von Westen vorstossende lange Bergzunge, welche von der Lahn umflossen wird, auf dem Leinpfade zu umwan- dern, kann auf kürzerem Wege von Geilnau über das auf der Höhe gelegene Dorf Scheid nach Laurenburg gehen. Nachdem man das etwa 10 Min. unterhalb der Brunnenanlage gelegene Dorf passiert, hält man sich auf dem Wege, der am oberen Wiesenrande entlang führt, bis zum Lahnknie, wo der Wiesenweg gegen den Berg stösst. Der Pfad setzt sich steil aufwärts durch Niederholz fort, kreuzt innerhalb 6 Min. drei- mal den Fahrweg, dem man beim vierten Mal nach links folgt. Nach 5 Min. erreicht man die Höhe des Plateaus mit freiem Ausblick über die Lahn nach beiden Seiten, die Schaumburg im Hintergrunde. Nach 3 Min. trifft man auf die Strasse von Holzappel, der man nach links folgt. Jenseits des Dorfes, dessen grösster Teil rechts liegen bleibt, windet sie sich in mächtigen Kehren zu Thal. Von der zweiten Kehre aus kann man auf einem Fusspfad, welcher beim eisernen Geländer nach rechts abzweigt, der alten Burgruine einen Besuch abstatten-. Das Dorf Laurenburg(Gasthaus zur Laurenburg) liegt in malerischer Thalenge auf dem rechten Lahnufer, mit dem gegenüber befindlichen Stationsgebäude durch eine Brücke ver- Die Laurenburg, Obernhof. 191 bunden. Stromabwärts erblickt man die Aufbereitungswerke für die in der Gegend gewonnenen Silber- und Bleierze, Eigen- tum der Rheinisch-Nassauischen Aktiengesellschaft. Die sor- tierten Blenden und Erze gehen von hier nach Stollberg zur Verhüttung, monatlich 100 bis 120 Waggons. Ueber dem Orte hängt auf dem steilen Felsen, welcher zwischen Lahn und dem von Norden her mündenden Holzappeler Thal vorstösst, ein einsamer Bergfried, der letzte Rest der alten Laurenburg, des Stammsitzes des Nassauischen Hauses. Die erste Erwähnung der wohl noch älteren Burg findet sich in der Stiftungsurkunde der Abtei Laach vom Jahre 1093, in der ein Graf Dudo von Laurenburg vorkommt. Im Anfange des 12. Jahrhunderts erbaute das Geschlecht die Burg Nassau, von der es seit etwa 1160 den Namen annahm. Die Burg blieb ge- meinsames Eigentum der verschiedenen nassauischen Linien, zerfiel aber schon während des 30 jährigen Krieges. Der Aufstieg führt vom Gasthaus zur Laurenburg die Trepden aufwärts, hinter der der Aktiengesellschaft gehören- den Kegelbahn herum; derselbe ist langwierig und wenig lohnend, da weder vom Pfade noch oben sich Aussicht bietet, der alte fünfeckige Turm aber, welcher das Felsplateau des ehemaligen Schlosses gegen die östliche Angriffsseite deckt, nur auf Leitern zugänglich ist. Kurz oberhalb Laurenburg mündet von Süden das an- ziehende Ruppbachtahl, durch welches von der Station aus eine gute Strasse sich nach Klingelbach und Katzenelnbogen, für den Fusswanderer in etwa 2 ½ Std., hindurchzieht. Ausser den Diabaswerken, Mühlen, Schiefergruben u. a. trifft er keine menschlichen Anlagen. Lohnend ist eine Wanderung vom Bahnhof Laurenburg nach der Schaumburg. Man geht die genannte Strasse lahnaufwärts, biegt mit ihr nach ½ Std. rechts in das Ruppbachthal, nach etwa 25 Min. links den schwarzen Kugeln nach, welche in etwa 1 ¼ Std. über Wasen- bach zum Thalhof am Fusse der Schaumburg führen, wo man entweder auf den oben beschriebenen Wegen zur Schaumburg hinauf oder nach Palduinstein hinunter gehen kann. 18,4 km Haltestelle Obernhof, Höhe über N. N. 97,6 m. Die Bahn hält sich wie bisher auf dem linken Lahnufer und macht, nachdem sie abwärts einen kurzen Tunnel durchfahren, alle Krümmungen des Flusses mit bis auf eine, die sie kurz vor Obernhof mit einem längeren Tunnel durchstösst. Die Berge ragen auf dieser Strecke über dem Lahnufer am mäch- tigsten auf und engen es so ein, dass für Flusswiesen nur selten Raum bleibt. Daher nicht die Lieblichkeit des Geilnauen Thals, indes sind die Scenerien grossartiger. Anfangs führt 192 Obernhof. links an der Lahn ein guter, wenn auch schmaler Pfad ent- lang, verliert sich aber bald in die Berge. Wer daher den Wesg an der Lahn entlang zu Fuss machen will, muss auch hier den Leinpfad am rechten Ufer wählen, der allerdings stellenweise holperig, aber für nicht verwöhnte Füsse noch gangbar ist. Unterhalb des auf der Höhe gelegenen Dorfes Dörnberg führt derselbe über das zwischen Berg und Pluss sich einzwängende Oertchen Kalkofen. Das auf dem rechten Lahnufer lang sich hinstreckende, reizend gelegene Obernhof ist mit der Haltestelle durch eine Fähre verbunden, zu der man von letzterer durch den Bahndurchlass gelangt. Wirts- haus von Bingel im Ort nahe der Fähre, einfach, aber sauber und gut. Auch Platz für einige Pensionsgäste. Wer indessen einige Tage verweilen will, um die Natur- schönheiten, besonders erwähnt sei der Goethepunkt(s. S. 195), die sich an keiner Stelle der Lahn so eng und zahlreich zusammendrängen, die man bei der Eisenbahn- fahrt entweder gar nicht oder nur flüchtig zu Gesicht bekommt, zu geniessen, der nehme Quartier in der Arn- steiner Mühle, einer mit Pension(4 Mk.) für 25 Personen eingerichteten Feestauration, zu der man von der Haltestelle kommend, vor dem Bahndurchlasse links biegt. Entfernung 7 Min. Ihre Lage am Eingange des lieblichen, von mächtigen Felspartien überragten Dörsbachthales, am Fusse des Kloster- berges, macht sie bei der gastfreien und freundlichen Auf- nahme, die man hier findet, vorzüglich geeignet, sich dort- hin eine Zeit lang zurückzuziehen vor dem geräuschvollen Weltgetriebe, um vom behaglichen Ruhepunkt aus Einschau zu nehmen in die verschiedenen Thäler, die hier zur Lahn drängen, die prächtigen Wälder zu durchstreifen, welche die Berge krönen, zu den Felskuppen emporzuklimmen, welche Aussichten gewühren, wie sie an wenigen Stellen reizvoller zu finden sind. Die Anordnung der Gegend wird vornehmlich dadurch be- dingt, dass zwei bedeutende Zuflüsse hier in einer Entfernung von kaum 500 m in die Lahn münden, der Dörsbach, welcher sein vielgewundenes Bette durch das Taunusplateau gräbt, der Gelbach, welcher, nicht minder reich an Krümmungen, sein Wasser vom Westerwald herunterführt. Zwischen letzteren und den Hauptfluss zwängt sich von Nordosten her ein langer, schmaler Berggrat ein, der sich aber im Westen im Bernshahner Kopf wieder erhöht und verbreitert und die Lahn nötigt, bei Obernhof eine scharfe Wendung nach Süden zu machen; durch denselben Bergzug wird der Gelbach gezwungen, seinen Lauf fast 1 ½ km lang westwärts zu richten, und den weiten Thal- kessel zu bilden, in dem das Dorf Weinähr liegt. Nach einer Südwendung von nicht ganz 1 km Läünge, während deren sie Arnstein. 193 den Dorsbach unfern der Arnsteiner Mühle aufnimmt, wird die Lahn wieder durch die entgegenstehende hohe Bergwand scharf nach Westen gedrängt, um bald darauf einen Bogen nach Norden zu beschreiben. So entsteht eine Halbinsel, in deren westlichen Teil die von dieser Richtung einstossende Bergmasse ebenfalls einen Ausläufer entsendet. Auf der letzten Abstuf- ung derselben, unmittelbar über dem den Süden der Halbinsel ausfüllenden Schwemmlande erhebt sich das Schloss Langenau. Der Gelbach aber zwüngt sich zwischen diesem Ausläufer und dem Bernshahner Kopf hindurch und teilt so, die Mauern des genannten Schlosses bespülend, die Halbinsel in zwei ungleiche Teile. Die südlich der Lahn aufragende Bergmasse aber sendet zwischen diese und den Dörsbach einen ausserordentlich sym- metrisch geformten Bergkegel, der das Thal des Baches scheinbar schliesst und aufseinem Schei- tel das Kloster Arnstein trägt. Die- ses bildet ohne Zwei- fel den Mittelpunkt, der Gegend, und wer bei sinkender Sonne von der Haltestelle zur Arnsteiner Mühle geht, versäume nicht, unter dem letzten Birnbaum links, wel- cher durch einen blauen Punkt bezeichnet ist, einige Augen- plicke dem Anschauen des sich vor ihm ausbreitenden unver- gleichlichen und merkwürdig symmetrischen Landschaftsbildes zu widmen. Von beiden Seiten neigen sich die bewaldeten Bergränder gegen den von der schönen, alten Kirche mit ihren vier Türmen gekrönten Klosterberg, das Ganze übergossen vom goldenen Abendlicht, gegen welches die tiefen Bergschatten gleichmässig und scharf sich abheben. Am Fusse des Berges die durchwachsenen Ruinen einer Kirche, sonst kein Zeichen einer menschlichen Ansiedlung, vielleicht das weihevollste Bild, welches die Lahn zu bieten vermag. Zum Kloster Arnstein führt der neben der Restauration herlaufende Weg in 7 Min. aufwärts. Köstliche Blicke links ins Dörsbachthal, dessen hohe und steile Thalränder, sich ku- lissenförmig voreinander schieben. Durch einen verfallenen Thorbau gelangt man von der Bergkehle aus in den äusseren und zwischen Hecken und Gebäudetrümmern, den Resten alter Kloster Arnstein. Illustr. Lahnführer. 13 194 Kloster Arnstein. Wirtschaftsgebäude, durch ein zweites Thor in einen inneren Hof, welcher links von einem langen, dem 18. Jahrhundert entstammenden Gebäude flankiert wird, dem jetzigen Pfarrhaus für die katholische Pfarrei Seelbach-Arnstein, früher Kellerei und Verwaltungshaus der Abtei; auch diente es zeitweilig bis zum Jahre 1869 als Besserungsanstalt für katholische Geist- liche der Diöcese Limburg. Zur Besichtigung der alten Stifts- kirche, die jetzt für die genannte Gemeiade als Pfarrkirche dient, melde man sich am Pfarrhaus; der Weg führt rechts von diesem an dem baufälligen Konventsgebäude vorbei zu der Vorhalle des sehr sehenswerten Gotteshauses. In alten Zeiten stand an der Stelle des Klosters die Burg Arnoldstein, später Arnstein genannt, der Sitz der mächtigen Grafen vom Einrich-Gau, welcher sich südwärts von der Lahn zum Rhein hin erstreckte. Der erste bekannte Besitzer dieses Hauses, Graf Hugo, wird um 978 genannt. Von seinen beiden Söhnen Wigger und Arnold erbaute der jüngere die Burg, welche er nach seinem Namen nannte. Einer seiner Nachkommen, Ludwig III., eine kräftige, rauflustige Natur, benutzte die feste Lage der Burg, um von hier aus die Umgegend zu vergewaltigen. Arnstein war damals, wie sein Biograph berichtet,„eine grausige Stätte, eine wahre Wildnis, bequem zum Rauben, ein Stein aller Laster und Schande, ein Diebshaus ein- und auszureiten, zu berauben alles Fremde auf Strasse, Fluss und Fähre“. Endlich des wüsten Treibens müde, benützte Graf Luduig, zumal er ohne männliche Erben war, seine reiche Habe, um verschiedene Klöster zu stiften, und gründete zuerst auf seiner Stammburg eine Prämonstratenser- Ablei, welche 1139 einer Kolonie von 24 Brüdern aus Sachsen überwiesen wurde. Er selbst vertauschte nebst 6 Rittern seines Hofstaates das Kriegsgewand mit der Mönchskutte, und seinem Beispiele folgte auch seine Frau Jutta; in einer besonderen Zelle neben der Kirche, aus der sie durch ein Fenster der Messe bei- wohnen konnte, verbrachte sie ihre noch übrigen Lebenstage. Luduwig starb 1185 auf einer Reise in dem von ihm gestifteten Kloster Gummersheim in der Pfalz. Seine Leiche wurde vor dem Altar der Klosterkirche zu Arnstein beigesetzt. Bald blühte das Kloster durch reiche Begabungen mächtig auf und genoss hohen Ruf als hervorragende Kulturstätte des Lahnthals. Unter den 27 Aebten, welche im Laufe der Jahr- hunderte demselben vorstanden, ist der bedeutendste Wilhelm von Staffel in der Mitte des 14. Jahrhunderts, der 1360 die Stiftskirche ausbauen und erweitern liess. Sein Grabmahl befindet sich im Chor derselben. Als 1542 die Grafen von Nassau, welche bisher die Vogtei über das Kloster ausgeübt, evangelisch wurden, ging die Schutzherrschaft auf den Kurfürsten von Trier über. Der Goethepunkt. 195 Nachdem noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine gründ- liche Renovierung der alten Klostergebäude vorgenommen var, wurde die Abtei 1803 aufgehoben und ihre reichen Einkünfte der Nassau-Weilburgischen Domäne überwiesen, die bisherige Stifts- kirche aber zur Pfarrkirche der Gemeinde Seelbach-Arnstein be- stimmt. Seitdem ist die alte Pfarrkirche, die am Fuss des Berges gelegene Margaretenkirche, aufgegeben und zur Ruine geworden. Während die meisten Klostergebäude sich in Verfall pefinden, ist die Kirche restauriert und sehr sehenswert. In ihrer Anlage romanisch, weisen Chor und Querschilfe, der Erweiterung durch Abt Wilhelm von Staffel entstammend, gotische Formen auf. Die Querschiffe sind erst 1885 auf Veranlassung und nach Anordnung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm dem Stil angemessen neu gebaut worden. Im Chor ist der alte Steinboden bemerkenswert; einige Steine vor dem Altar sind herausgenommen, um als Muster für den Fussboden in der Gruft der Hochmeister in Marienburg zu dienen. Im südlichen Querschiff schönes altes Gestühl, im südlichen Seitenschiff Grabmal des Gründers, welches dem 13. Jahrhundert entstam- mend, vermutlich von dem Stifte gesetzt wurde. Von dem Felsvorsprung vor dem Kloster, wo eine Bank angebracht ist, hat man eine prächtige Aussicht ins Lahnthal auf Obernhof, Langenau und das jenseitige Gebirge, aus dem namentlich die mit einem Pavillon gekrönte Felskuppe der Hohenlei hervorragt. Ueber die verschiedenen von hier aus- gehenden Wege siehe weiter unten. Derjenige Punkt, welcher neben dem Kloster Annstein die Aufmerksamkeit des Wanderers am meisten anzieht, ist von jener Stelle nicht sichtbar. Es ist dies der Goethepunkt, ein schroffer Felsvorsprung von 170 m über dem Lahnspiegel, welcher von dem rückwuärts liegenden Plateau aus sich peherrschend zwischen das Lahn- und Gelbachthal vorschiebt und von Goethe bei seiner Anwesenheit— die Angaben über den Zeitpunkt derselben schwanken zwischen den beiden Jahren 1814 und 1828— für den schönsten Aussichtspunkt an der Lahn erklärt worden sein soll. Man erreicht denselben vom Dorfe Obernhof, indem man von der Führe am Bingel- schen Wirtshause vorbei durch den Ort aufwärts geht und rechts den blauen Punkten nach dem durch Weinberge führ- enden, ziemlich steilen Pfade folgt. Dieser trifft, wo der Wald beginnt, auf die von Nassau nach Holzappel laufende Strasse, die gleich darauf eine scharfe Wendung nach links macht. Nach 2 Min. wendet sie sich wieder rechts, zum Goethepunkt aber schlägt man den rasigen Waldweg nach links ein, bezeichnet durch ein an einem Eichbaum angebrachtes Blech- 13* 196 Das Gelbachthal. schild, welches allerdings wenig in die Augen fällt, manchmal auch ganz abgerissen ist. In 5 Min., von Obernhof im ganzen 25, erreicht man den Pavillon, von dem man einige Schiefer- stufen zu einer mit Bänken versehenen, geräumigen Terrasse abwärts steigt. Mag nun das oben erwähnte Wort Goethes sgefallen sein oder nicht, jedenfalls ist die Aussicht in das vielgewundene grüne Wiesenthal des Gelbachs mit seinen Waldrändern, in das scharfgerissene Lahnthal, welches sich durch die Wälder der Hochebene hindurchgräbt, auf das Kloster Arnstein mit den es umkränzenden Höhen, während zu Füssen die Dörfer Obernhof und Weinähr sich lagern, gerade in ihrer Beschränktheit und Geschlossenheit eine unvergleichliche. Will man nach Obernhof zurück, so steige man von der vorderen Seite der Terrasse einige Stufen abwärts; man gelangt dann links auf einen schmalen Pfad, der durch nied- rigen Wald auf die Nassauer Strasse stösst. Dieselbe führt rechts auf der Höhe des Berggrats entlang, so dass man einen hübschen Blick auf Weinähr zur Rechten, Obernhof zur Linken hat. Sehr bequem lässt sich indessen mit dem Besuch des Goethepunktes ein Abstecher in das reizende Gelbachthal verbinden. Man kehrt vom Parillon auf dem ersten Wege zur Strasse nach Holzappel zurück, die man den blauen Punkten nach aufwärts weiter verfolgt. Sie führt meist durch schönen Buchenwald in etwa einer halben Std. zu dem Dorfe Charlottenberg, einer Gründung der Fürstin Oharlotte von Sehaumburg, deren Denkmal am Eingange des Ortes steht. Links an diesem vorbei die Dorfstrasse einschlagend, biegt man nach dem fünften Hause links in einen Fussweg, der an einem Brunnen vorbei zu einer Waldschlucht leitet, und steigt auf dem linken Rande derselben ziemlich steil abwärts. Nach etwa 20 Min. erreicht man angesichts der Bruchhäuser Mühle das Thal. Leider führt kein Pfad durch die Wiesen abwärts; man überschreitet daher den Bach auf dem unterhalb der Mühle gelegenen Stege, geht 20 Schritte rechts und biegt den Pfad links in den Wald, der über dem Thalrande in kurzem in einen Fahrweg mündet. Diesem folgt man derartig, dass man sich bei Wegverzweigungen möglichst nahe dem Wald- rande über dem Thale hält; in etwa einer Stunde kommt man über den in einer Lichtung erbauten Eschenheimer Hof zu der im Thal gelegenen Weinährer Hütte. Die Ausblicke, die man von Zeit zu Zeit ins Gelbachthal hat, auf die bewaldeten Bergzungen, die sich voreinander schieben, auf die Bergkuppen, die sich mitten ins Thal legen, am Fuss umzogen von dem grünen Wiesenbande, sind zum Teil von ausserordentlicher Schönheit und Eigenart. Schloss Langenau. 197 Von der Weinährer Hütte, welche der Rheinisch-Nassauischen Abktien-Gesellschaft gehört, aber nicht mehr betrieben wird— bei dem im Betriebshause wohnenden Arbeiter erhält man bereit- willig ein Glas Milch— folgt man der Strasse thalabwärts. Nach 5 Min. Obernhofer Hütte auf der linken Bachseite; wer direkt nach Obernhof zurück will, geht hier über die Holz- brücke und folgt rechts dem berganführenden Wege, der auf die Nassauer Sirasse führt. Geht man nach Weinähr weiter, so tritt man nach 10 Min. in die Thalweiterung, in welcher der Ort weltabge- schieden liegt. An den nördlichen Hängen sieht man ziemlich umfangreiche Weinberge, deren Erzeugnis wohl dem Dorfe den Namen gegeben hat. Der Wein, den man in den Wirt- schaften von Kahai und von Lindscheidt erhält, ist in der That recht trinkbar, der rote ähnelt dem Assmannshäuser. Die Strasse am Gelbach entlang, welche jenseits Weindhr sich wieder nach S. wendet und sich durch das Gebirge zur Lahn Bahn bricht, stösst nach 20 Min. auf Schloss Langenau, dessen Westmauern unmittelbar aus dem Flusse aufsteigen. Das Geschlecht der Herrn von Langenau, welches hier seinen Stammsitz hatte, wird zuerst 1247 erwähnt; nach dem Erlöschen des Geschlechts 1613 ging der Besitz über an die Elz von Rübe- nach und später an die Herrn von Marioth, deren letzter 1847 starb. Die Tochter des Freiherrn vom Stein, Gräfin von Giech, kaufte das Schloss und errichtete in den weitläufigen Gebäuden ein Hospital und Rettungshaus für verwahrloste Kinder, welches indessen 1865 nach Scheuren verlegte wurde. Jetzt dienen die Gebäude lediglich Oekonomiezwecken. Die Schlossummauerung bietet dem sich von Norden Nähern- den eine breite Front, welche zur rechten Seite von einem quadratischen Eekturm flankiert wird. Durch einen Thorturm tritt man in den geräumigen Hoj, auf dessen Ostseite das dem Unde des 17. Jahrhunderts entstammende Hauptgebäude steht, überragt von dem mächtigen alten Bergfried, welcher in die Rückseite des Baues eingezogen ist. In dem Rittersaal findet sich schöne Stuckarbeit an der Decke und am Kamin, an der Fensterseite hübsche Eichentäfelung, doch verfällt alles in jämmerlichster Weise. Von der südöstlichen Umfassungsmauer hat man einen schönen Blick auf Kloster Arnstein und die von hohen Bäumen gekrönte Bergwand, doch muss man mit Hilfe einer Leiter erst zur Mauertreppe hinaufsteigen. Vor dem Thore gelangt man links auf dem Feldwege zur Nassauer Chaussee, der man links biegend folgt. Nach Ueber- schreitung des Gelbachs hält man sich unten an der Lahn und kommt in etwa 20 Min. nach Obernhof. 198 Katzenelnbogen, Dörsbachthal. Zu den interessantesten und lohnendsten Ausflügen, die das Lahnthal mit seinen Seitenthälern zu bieten vermag, gehört eine Wanderung durch das Dörsbachthal von Katzeneln- bogen bis Arnstein, die allerdings mit Zu- oder Abgang einen Tag in Anspruch nimmt und nur bei trockenem Weftter zu empfehlen ist. Man unternimmt dieselbe aus verschiedenen Gründen am vorteilhaftesten von Diez aus, indem man nach Zollhaus mit der Bahn fährt, von dort nach Katzenelnbogen zu Fuss geht, um von hier aus die Thalwanderung zu unter- nehmen, die dann in der Arnsteiner Mühle ihren Abschluss findet. Erleichtert wird die Tour wesentlich durch die Bahn von Zollhaus über Katzenelnbogen nach Nastätten und St. Goarshausen. Vom Bahnhof Zollhaus folgt man der Poststrasse, welche durch blaue Striche bezeichnet, bei der Wirtschaft von Dem- bach rechts in ein kleines Seitenthal der Aar und in 1 Std. 25 Min. nach dem 7 km entfernten Katzenelnbogen führt. Anfangs steigt sie das hübsche Wiesenthälchen hinauf, welches zu beiden Seiten von schönem Buchenwald eingefasst ist, und tritt nach 15 Min, ganz in den Wald, wo sie verschiedene Kalksteinbrüche berührt. Am Ausgange des Waldes nahe der Wasserscheide liegen bedeutende Brauneisensteingruben, zum Teil der Gesellschaft Vulkan gehörig, die ihre Förderungen in Zollhaus verlädt. Von der auf der Höhe gelegenen Wirt- schaft von Th. Hofmann an senkt sich die Strasse langsam und stetig über freies Feld nach Katzenelnbogen hinunter. Am Eingange des Ortes links das Amtsgericht, rechts die Nervenheilanstalt von Dr. Diehl. Katzenelnbogen, Hotel Bremser, recht gut, auch Pen- sion) ist ein am Dörsbach gelegener Flecken mit etwa 1200 Kinw., Sitz eines Kgl. Amtsgerichts, einer Obenförsterei und ver- schiedener Anstalten. Das alte Schloss, zum grössten Teil Ruine, zum Teil bewohnt, liegt beherrschend über dem Orte, entbehrt aber jeglichen Kunst- und baulichen Interesses. Die frühere Ausdehnung desselben erkennt man auf einem Stahl- stiche im Gastzimmer des Hotel Bremser. Ebenda wird auch eine Landkarte vom Jahre 1745 gezeigt, welche die zahl- reichen und durcheinander gewürfelten Territorien in der Gegend zwischen Fhein, Lahn, Emsbach und Wisper aus jener Zeit in vorzüglicher Weise zur Anschauung bringt. Die Burg wird 1102 zuerst genannt und war wahrscheinlich nicht lange vorher auf einem dem Kloster Bleidenstadt gehörigen gehörigen Felsenhügel erbaut worden. Die Herrn von Katzeneln- bogen, welche 1140 den Grafentitel annahmen, waren im westlichen Taunus, sowie jenseit des Rheins und Mains reich begütert. Als der Mannesstamm im Jahre 1479 mit dem Grafen Philipp aus- Dörsbachthal, Jammerthal. 199 starb, kam die Herrschaft durch dessen Tochter Anna, welche mit dem Landgrafen Heinrich I. von Hessen vermählt war, an dieses Haus, bis sie im Anfang des 19. Jahrhunderts zum grössten Teil Nassau zugewiesen wurde. Zunächst ist das Thal unterhalb Katzenelnbogen noch ziemlich flach und bietet nichts Bemerkenswertes. Man geht durch das benachbarte Klingelbach, dessen evangelische Kirche auch für Katzenelnbogen Pfarrkirche ist, an der Wirtschaft von Bornwasser vorbei nach Ergeshausen. 160 Schritte jen- seits des letzten Hauses dieses Ortes biegt der Weg rechts, man geht aber gerade aus dem Wegweiser nach, welcher nach dem Dörsbachthal und Arnstein zeigt. Bald senkt sich der Feldweg über der Kesselmühle hin, welche links liegen bleibt, und man erreicht die Thalsohle pei der Haarmühle, von der abwärts das Thal sich zu schliessen beginnt und seinen hoch- romantischen Charakter gewinnt. Früher musste man, wenn man das Jammerthal, denn diesen Namen führt es in seinen wildesten Partien, durchwandern wollte, seinen Weg durch die Wiesen suchen, wobei man öfter gezwungen war, den Bach, der wiederholt von einer Bergwand scharf zur andern hinüber- stösst, zu durchwaten, was natürlich nur bei niedrigstem Wasserstande ratsam war. Jetzt ist aber auf der rechten Bachseite ein mit blauen Punkten bezeichneter Pfad angelegt, welcher meistens im Thale läuft, manchmal aber auch an der Bergwand in die Höhe klimmt, aber, wenn auch nicht immer sehr bequem, doch eine Passage zu jeder Zeit ermöglicht. Auf ihm gelangt man in etwa 7 Min. zur Dittenberger Mühle, jen- seit deren das Thal einen fast schluchtartigen Charakter ge- winnt. Auf der rechten Seite sieht man die durchbrochenen Schieferrippen schroff gegen den Bach ragen, während auf der linken Seitée eine herrliche Waldlehne allmäblicher sich zu ihm hinuntersenkt. Kurz vor der Jammerthalsmühle schieben sich die Bergzüge dreimal auf kurze Entfernung vor einander, die Schieferfelsen zur Rechten stehen steil gegen Nordwesten an und zeigen eine merkwürdige Zerrissenheit und Verwitterung. Kaum hält man es für möglich, aus dem engen Felskessel einen Ausgang zu finden. Nach 15 Min. von der Dittenberger Mühle gerechnet er- reicht man die Jammerthalsmithle. Und jammervoll ist auch der weitere Fussweg, voll Schiefergeröll und so mit Nesseln bewachsen, dass man nur mit hochgehobenen Armen hindurch- gehen kann. Aber mit einem Male gewinnt das Thal eine un- vergleichliche Lieblichkeit, man glaubt am Rande der Ilse im Harz herzuwandeln. Ueber Geröll und moosiges Gestein rauscht der Bach dahin unter überhängendem Gebüsch, durch welches auch der Pfad unmittelbar am Ufer daherzieht. Bald aber be- 200 Das Jammerthal. ginnt wieder die schroffe Felsbildung zur Rechten, man muss auf Schiefertreppen zur Höhe steigen, wenn man nicht den hier ziemlich tiefen Bach durchwaten will; um eine Felsnase herum tritt man in einen herrlichen Thalkessel, der von hohen Waldrücken eingefasst ist. Rin kaum sichtbarer Pfad führt durch die Wiese abwärts, dem man bis zur Reifenmühle folgen kann, dann aber sucht man wieder den Bergpfad zur Rechten, der allerdings, obgleich gezeichnet, von ziemlich halsbreche- rischer Beschaffenheit ist und an die schlimmsten Alpenpfade erinnert. In etwa 10 Min. erreicht man die Neuwagen Mühle, wo man ein Glas Milch erhalten kann. Die nächste Mühle abwärts, Waldschmidts Mühle genannt, ist fast ½¼ Std. entfernt. Anfangs weist das Thal einen lieblichen Charak- ſter auf, bald aber gewinnen wieder die schrofferen Formen die Oberhand. Besonders fesselt den Blick ein von rechts scharf vorstossender, von einer Lhöheren Wand überragter Berg- (kegel, welcher den Bach zwingt, eine weite Schlinge (zu machen. Jenseits desselben ““ steigen auch die Berge zur Partie aus dem Jammerthal. Linken schroffer und höher auf und zeigen teilweise Schieferschotterfelder, welche den Baumwuchs unterbrechen. Bei Waldschmidts Mühle, bis wohin man vom Eintritt ins Thal bei der Haarmühle etwa 2 Std. gebraucht, geht das eigent- liche Jammerthal zu Ende, und in dem durch den Zufluss des von Süden kommenden Hasenbachs erweiterten Grunde liegen zahlreiche Mühlen. In der dritten, der Attenhüuser Mittel- mühle, kann man Erfrischungen haben. Unterhalb derselben über- schreitet man den Bach auf einem sehr primitivem Stege und hält sich auf dem linken Ufer bis zur letzten, der Neubäcker Mühle, über deren Hof man geht, um auf das rechte Ufer zu- rückzukehren. Man folgt auf kurze Strecke dem Altenhäuser Wege, biegt aber bei der Rechtswendung in den sich nach links abzweigenden, übrigens deutlich gezeichneten Pfad, welcher stellenweise freilich durch Steine und Gestrüpp unbequem ist, bald aber die Mühe des Wanderns reichlich lohnt. Denn es treten von beiden Seiten Felspartien von solcher Wucht und Von Arnstein nach Nassau. 201 Grossartigkeit an den breiter werdenden Bach, dass sie den wildesten Partien des Jammerthals nichts nachgeben, nur dass der Lauf desselben nicht mehr so gewunden ist. Eine grössere Schlinge bildet es nur noch einmal. Kurz vor derselben, nach einer Wanderung von etwa 40 Min. von der Mittelmühle an gerechnet, geht man auf einem Stege über den Bach, dann quer durch die Wiese in den Wald, hüte sich aber, von dem Waldwege rechts zum Bache abzubiegen. Es fehlen gerade hier die Zeichen. In einer guten halben Stunde erreicht man über den Klosterberg die Arnsteiner Mühle, doch kunn man sich auch im Thale am Waldrande halten. 22,8 km Bahnhof Nassau, Höhe über N. N. 88,6 m, Halte- stelle für alle Schnellzüge. Die Bahn geht unterhalb Obernhof auf das rechte Lahnufer, schneidet die Halbinsel, welche der Fluss bildet, mittelst zweier durch das Gelbachthal getrennter Tunnel ab— zwischen beiden hat man einen hübschen, aber flüchtigen Blick auf Schloss Langenau— und kürzt die abermalige Südwendung der Lahn durch einen dritten Punnel. Die Landstrasse, welche oberhalb Obernhof auf dem Berggrat entlang läuft, senkt sich in ihrer Südwendung allmählich zu Thal, trifft kurz vor der Gelbach- mündung mit dem von Obernhof führenden Thalwege zusammen und folgt auf der rechten Lahnseite den Krümmungen des Flusses. Da sie indes ziemlich schattenlos ist, wählt der Wanderer besser den meist durch Wald führenden, reizvolleren Weg auf der linken Flussseite. Wenn man von der Arnsteiner Mithle den Klosterberg hinansteigt, steht man vor der Aussen- pforte des Klosters einer dreifachen Wegeteilung gegenüber. Links senkt sich ein Weg den blauen Kugeln nach zum Dörsbachthal hinunter, der mittlere steigt ziemlich steil zur Hochebene auf- wärts und führt nach dem auf derselben gelegenen grossen Dorfe Singhofen, unterwegs Gelegenheit bietend, einen über- raschend schönen Aussichtspunkt in das Dörsbachthal zu ge- winnen, indem man kurz vor dem Saalscheider Hof den Pfad links in den Wald einschlägt, der rechts sich abzweigende, mit grünen Strichen gezeichnete geht, nach Nassau. LZuerst hält sich derselbe auf der halben Höhe der Berglehne und gestattet von Zeit zu Zeit hübsche Durchblicke auf das gegen- über liegende Schloss Langenau, später auch auf Arnstein und den Goethepunkt. Aus dem Walde tretend geht man ein Stück Wegs über offenes Feld und kommt in ein kleines Wiesen- thal, wo bei einem versprengten Felsen mehrere Mühlen und Gehöfte liegen. Zur Rechten sieht man jenseits der Lahn die Gebäude der Elisenhülte. Der Pfad tritt wieder in schönen Buchenwald und hält sich über der Lahn, die ein Wehr bildet; jenseit des Tunnelausgangs auf der andern Flussseite 202 Nassau. erreicht man das offene Feld und gelangt unter dem zur Linken gelegenen untern Gutenauer Hofe hin nach einer Wanderung von etwa 1 ¹¼ Std. in dem Dorfe Bergnassau auf die Singhofener Chaussee und über die Lahnbrücke nach Nassau. Gasthöfe: Hotel Müller, dem Bahnbof gegenüber, L. Fr. von 2,50 Mk. an, Pension von 4,50; Hotel zur Krone, ebenfalls nahe dem Bahnhof, etwas pilliger; Hotel Bingel: Hotel Bellevue, Hotel Nassauer Ho, die beiden letztern jenseits der Lahn, Preise ähnlich wie in der Krone. Pension in den Villen Kilp, Kunge u. s. w. Restaurationen: Unionsbrauerei mit Garten und ver- schiedene andere, Restauration auf der Burg von J. Lauer. Postamt nahe dem Bahnbof. Telephonverbindung Fahrgelegenheit: Ständige Droschken mit fester Taxe für die Um- gegend. Nassau, Stadt des Unterlahnkreises im Regierungsbezirk Wiesbaden, mit 1900(meist evang.) Einw., ist Sitz eines Kgl. Amigerichts, einer Oberförsterei, einer Realschule, Thchter- schule, besonders jedoch bekannt wegen seines vor- züglich eingerichte- ten Kurhauses für Nervenkranke und Rheumatiker(leiten- der Arzt Dr. Poens- gen). Seine Lage inmitten der frucht- baren und wasser- reichen Thalnieder- ung, in welche ver- schiedene Nebenthä- ler auslaufen, über- ragt und geschützt durch wohlgeformte, burg- und waldgekrönte Berge, macht Nassau hervorragend geeignet zu einem Luftkurorte und bietet reichlich Gelegenheit zu interessanten Ausflügen. Der Ort wird frühzeitig erwähnt; schon zur Zeit Karls des Grossen soll hier ein Weiler gestanden haben, und der erste Frankenkönig Konrad I. schenkte die königliche Villa Nassova = nasse Au an das von ihm gegründete Walpurgisstift in Weil- burg. Bekannter wurde sein Name, als die Herrn von Laurenburg, welche auf dem Berge am linken Lahnufer eine Burg gebaut hatten, sich nach ihm Herrn von Nassau nannten. Im Jahre 1348 ge- wann es Stadtrechte, doch stammen die spärlichen Mauer- und Turmreste aus einer spätern Zeit. Das einzige bemerkenswerte Gebäude des Städtchens ist das Schloss der gräflichen Familie von Kielmannsegge, ein Renaissancebau in einem parkartigen Garten inmitten des Bad Nassau. Schloss Stein. 203 Ortes, auf der rechten Seite flankiert von einem stark vor- springendem Flügel, links von einem abgestumpften gotischen Turm. Es ist die Geburtsstätte des MWinisters Freiherrn vom und zum Stein, des Neuschöpfers des preussischen Staates, der hier am 25. Oktober 1757 das Licht der Welt erblickte und einen grossen Teil seines reichen Lebens hier verbracht hat. Das architektonisch wenig bedeutsame Hauptgebäude wurde, wie uns die die Jahreszahl 1621 tragende Inschrift über dem Por- tale anzeigt, im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts aufgeführt von der Reichsfreiherrlich Steinschen Familie, als sie ihren Sitz vom Berge in das Städtchen verlegte und so ihrem letz- ten und grössten Repräsentanten, dem Reorganisator des deut- schen Vofks- und Bürgertums, die Stätte seines Wirkungsfeldes vorbildlich anwies. Der achteckige gotische Turm, der einzig zugängliche Deil des Schlosses, ist vom Freiherrp selbst im Jahre 1815 erbaut worden als Gedächtnishalle für die Zeit der Freiheitsriege. Der erste Stock enthält das einfach, aber wür- dig eingerichtete Arbeitszimmer desselben mit einer Büste von Pfuhl und einem Porträt von Rincklage in Münster aus dem Jahre 1804, welches ihn als Staatsminister darstellt und merk- würdige Aehnlichkeit mit gleichalterigen Abpbildungen Goethes verrät. In dem obern, gleichfalls einfach gehaltenen Zimmer steht in der Mitte das Modell des Steindenkmals von Schie- velbein auf dem Dönhofsplatze in Berlin, dann die Büsten der drei verbündeten Monarchen und die in Erz ausgeführten Ge- dächtnistafeln mit Angabe der ereignisvollen Tage aus den Freiheitskriegen. Die Tafeln von 1870 und 1871, sowie die Büste Kaiser H'ilhelms I. sind von der Gräfin von Kielmanns- egge zugefügt, der letzten Enkelin des Freiherrn, deren Gemahl schon nach einjähriger Ehe auf einer Wagenfahrt nach Ems verunglückte und starb Die Besichtigung der beschriebenen Räume ist gestattet am Montag, Mittwoch und Freitag von 8 bis 11 und von 2 bis 6 Uhr; statt Trinkgeld legt man einen Beitrag zu einer milden Stiftung in die Büchse am Ein- gang. Der Garten ist an den Wochentagen von 8 bis 12 und von 2 bis 7 Uhr unentgeltlich zugänglich. Mit dem Tode der Gräfin von Kielmannsegge, welcher An- fangs Februar 1901 auf ihrem Gute Kappenberg in Westfalen erfolgte, demselben, wo 70 Jahre vorher ihr Grossvater starb, ist das Steinsche Geschlecht erloschen, und der Besitz fällt an den Grafen von der Groeben, Geh. Legationsrat bei der Deut- schen Gesandtschaft in Madrid. Der nächste und lohnendste Ausflug gilt natürlich dem auf der linken Lahnseite gelegenen Burgberge. Man geht nach Ueberschreitung der Schienen, jenseit deren rechts eine Farbentafel angebracht ist, über die 1829 als Ersatz für die 204 Burg Stein, Steindenkmal. zu öftern gesprengte Steinbrücke ausgeführte Kettenbriüche— die alte sogenannte Bäderstrasse von Coblenz über Ems nach Nassau und von hier über Singhofen und Holzhausen nach Langenschwalbach, Schlangenbad und Wiesbaden überschreitet hier die Lahn— und steigt entweder neben Hotel Bellevue den Pfad rechts oder von der lahnabwärts führenden Strasse den ersten Fussweg links hinauf. Durch schönen Buchenwald gelangt man bequem und durch mannigfache Wegweiser geleitet zunächst zu den Trümmern der alten Burg Stein, die durch eine Felsscharte vom Berge getrennt ist. Die grauen Steintrümmer bieten nichts Besonderes, wirken aber, da sie rings mit Bäumen und grünem Strauch- und Rankenwerk durch- wachsen sind, sehr stimmungs- voll. Von der Höhe unter der breitästigen Eiche hat man einen hühschen Blick auf das Lahnthal und das Steindenk- mal, besonders aber links in das liebliche Mühlbachthal. Ein Freier Hugo de lapide kommt urkundlich zuerst 1158 vor. Seit 1173 erscheinen die Ritter vom und zum Stein als Dienst-und Burgmannen der Ora- fen von Nassau. Die Burg ist zerfallen seit 1636, nachdem das Geschlecht in sein Stadtschloss übergesiedelt war. Zu Füssen der Burg auf dem Vorsprunge des Berges gegen das Lahnthal steht unter gotischem Ueberbau aus Rotsandstein das Marmordenkmal des Letzten des alten Hauses, von dem die an der Vorderseite angebrachte Inschrift nachstchende Kunde giebt: Heinrich EFr. Karl Freiherr vom und zum Stein, geb. 25. Okt. 1757 gest. 29. Juni 1831. Während die linke Hand kräftig nach unten weist, hebt die rechte die Urkundenrolle über die Aufhebung der Erbunterthänig- keit empor, auf der mit goldenen Lettern„Nassau im Taunus 1807 eingegraben steht“. Es ist damit augenscheinlich der Zeitpunkt bezeichnet, in welchem er während seiner zeitweisen Entlassung den Entwurf zu jenem ersten grundlegenden Gesetze ausarbeitere. Er selbst schaut aufwärts zu seiner Ahnenburg. Der Gesichtsaus- druck ist ausserordendlich energisch und in den Zügen spricht sich Burg Nassau, Mühlbachthal. 205 der unbeugsame Wille aus, allen seinen Reformen entgegentreten- den Widerstand rücksichtslos zu brechen. Auf der linken Seite liest man:„Vollendet im Jahre der Wiedererrichtung des deutschen Reichs 1871%, auf der Rückseite die Worte„Gewidmet vom deut- schen Volke“ und auf der rechten die Widmungsworte von Ernst Morite Arndt:„Des Guten Grundstein, Des PBöôsen Eekstein, Der Deutschen Edelstein.“ Der Oberbau ist von dem Homburger Bild- hauer Mai, die Statue von Prof. Lfuhl in Berlin. Vom Denkmal kehrt man zur Burgruine zurück, umgeht dieselbe und steigt rechts in 15 Minuten auf bequemen Pfaden, die mit geschützten Ruhesitzen versehen sind, zur Burg Nassau aufwärts, deren Ruinen den Gipfel des Berges krönen. Ueber dem Aussenthor ist das Nassauische Wappen ange- bracht mit der Umschrift,, Gemeinschaftliche Stammburgte Ausser dem Bergfried, von dem man nach allen Seiten eine prächtige Rundsicht hat, stehen noch einige Mauern mit mehreren Fensterreihen, innerhalb deren sich eine gute Restauration(zur Stammburg Nassau-Oranien) pefindet; hier erhält man gegen ein Trinkgeld den Schlüssel zum Turm. Erbaut wurde die Burg Nassau von den Grafen von Laurenburg auf dem damals Worms gehörigen Berge im Anfange des 12. Jahrhunderts; unter Konig Lothar(1125— 37) war sie schon vorhanden. 1159 ging sie durch Tausch auf das Erzbistum Tyier über und wurde von diesem als offenes Lehen den Herren von Laurenburg übergeben, die sich seitdem Herren von Nassau zu nennen pflegten. Der Erabischof behielt sich auf der Burg nur eine Stelle zum Bau einer Wohnung nebst Kapelle vor. Als 1255 zwischen den Grafen Walram II. und Otto I. die Teilung ihrer bis dahin gemeinschaftlich regierten Erblande vorgenommen wurde, wobei die Lahn als Scheidung diente, blieb die Burg beiden Linien gemeinsam. Noch im Jahre 1530 war sie in gutem Zu- stande, scheint aber dann, besonders nachdem sie des Daches be- raubt war, bald in Verfall geraten zu sein. Das Mühlbachthal. Kurz unterhalb Nassau bei der Eisenbahnbrücke mündet von Süden her der Mühlbach, nachdem er den Burgberg im Westen in einem Bogen umflossen hat, so dass dieser zwischen ihm und der Lahn eine Berginsel bildet, die mit dem Plateau im Süden nur durch eine schmale Kehle verbunden ist. Ein Ausflug in das Mühlbachthal, welches in seinen vielen Windungen und seinem oft schluchtartigen Charakter dem Jammerthal ähnelt, nur dass die schroffen Formen desselben hier gemildert erscheinen und die Waldhänge noch unmittel- barer an die Ufer sich drängen, gehört zu dem Eigenartigsten 206 Das Mühlbachthal. und Lieblichsten, was dér Taunus zu bieten vermag. Um die interessantesten Partien kennen zu lernen, gehe man auf der Chaussee nach Singhofen, biege vor der Kirehe in die Strasse rechts, deren Fortsetzung man vor dem Orte nach links übers Feld verfolgt. Der Weg führt nach einer schroffen Linkswen- dung in ein kleines Wiesenthal und gleich darauf in den Wald, wo er sich an einem kleinen Bache abwärts zieht. Kurz vor der Mündung verlässt er den Bachlauf und zieht sich links, um sich gleich darauf zu tBeilen. Links steigt man zur Sehul- mühle, rechts zur Schildemühle hinab, und sucht von einer der- selben aus den Pfad bachabwärts. Weiterhin finden sich blaue Striche als Wegezeichen. Kurz vor seiner Mündung durch- fliesst der MWühlbach am südlichen Fusse des Burgberges das Dorf Scheuern, in welchem die früher auf Schloss Langenau eingerichtete Idiotenanstalt untergebracht ist. Doch kann man, um den Rückweg nach Nassau abzukürzen, sich schon vor- her bei der beginnenden Thalweiterung, auf dem Wege am rechten Bachufer entlang halten, der sich von der Langauen Mühle an auf dem rechten Wiesenrande hält und kurz vor Bergnassau auf die Chaussee stösst. Ueber die zahlreichen andern Ausflüge, welche sich von Nassau unternehmen lassen, giebt eine kleine Vebersichtskarte über die mit Farbenzeichen versehenen Wege der Umgebung, welche der Nassauer T'er- schönerungsverein herausgegeben hat, willkommene Auskunft. Von Ems bis zur Lahn-Mündung. le Bahn tritt unmittelbar unterhalb Nassau auf die linke Uferseite und fügt sich bis kurz vor der Mündung allen Krümmungen des Flusses an, den hält sich meist nahe dem Ufer. Eine Fusswanderung auf derselben nach Ems, die annähernd 2 Stunden in An- spruch nimmt, bietet, wenn sie auch meist schattenlos ist, in dem sich weitenden und streckenden Thal doch man- nigfache Reize. Namentlich gewährt das am Ausgange des gleichnamigen Thales schön gelegene Dausenau eine will- Pommene Unterbrechung(Gasthaus zum Lahnthal und Nassauer Hof). Der kleine, namentlich von Emser Kurgästen viel- fach besuchte Ort, welcher innerhalb seiner Thore und Mauer- reste seinen altertümlichen Charakter bewahrt hat, war schon 1324 pefestigt und erhielt 1348 durch Karl IV. Stadtrechte. Bald kündet sich durch den gepflegteren Weg und manche andere Zeichen die Nähe der Badestadt Ems an. Bad Ems. 30,7 km Bahnhof Ems, Höhe über N. N. 85,3 m., Station für alle Schnellzüge. Gasthöfe l. Ranges: Die Königlichen Kur- und Badehäuser, das Kur- haus auf der rechten Lahnscite, das Kommissariatsgebäude im Kurgarten. 208 Ems. Die Preise der Zimmer sind zwischen 1.50 und 10 Mk. je nach Lage, Grösse und Ausstattung. Table d'hôte um 1 Uhr 3 Mk, um 5 Uhr 4.50 Mk„Früh- stück 1.20 Mk., Pens. ausschliesslich des Zimmers 6 Mk.,; in allen auch Restau- ration. Private Kur- und Badehäuser sind das Hotel zu den vier Türmen an der Römerstr. im Kurgarten gelegen, Zimmer von 2 Mk., Pension ohne Z. von 6 Mk. an; zu den Vier Jahreszeiten an der Römerstr., Zimmer v. 2.50 Mk., Pens. von 7 Mk. an; Trinz v. Pales und Kömerbad an der linken Lahnseite, Z. 2 bis 10 Mk. Ferner: Hotels l. Ranges: Englischer Hof, Z. v. 3 Mk. an. T. d'h. 3.50 Mk.; Hotel Guttenberg, Darmstädter Hoaf am Kurgarten, Z. 2.50 bis 9 Mk, T. d'h. 3 Mk.; Eussischer Ho inmitten den Kuranlagen, ähnliche Preise. Hotels II. Ranges: Hotel de Flandre am Bahnhof; Hotel zum Löwen und Steinernes Haus, Z. 1.50 bis 2.50 Mk., gutes Bier; Meisses Hoss, Z. Vv. 2 Mk. an, grosses Restaurant mit Weinhandlung, auch Bier; Weilburger Hof in der Grabenstr., Z. 1 50 bis 2.50 Mk, auch Bier; Stade Wiesbaden, gegenüber der Wandelbahn, Z. 1 50 bis 9 Mk.; Hot. Schützenhof, Römerstr. 31, Z. 2 bis 4 Mk.; Hot. Bristol, ebenfalls an der Römerstr. gegenüber den Vier Türmen, Z. 1 50 bis 3 Mk. An der Coblenzerstr. in der untern Stadt heinischer Hof mit Garten, viel von Emsern besucht und Gasthaus zur Krone, beide einfach und billig, Z. 1.50 Mk. Ausser den angeführten giebt es noch zahlreiche andere Gasthäuser sowie viele Fillen, welche Fremde aufnehmen und meist volle Pension gewähren. Restaurationen: Ausser den meisten vorstehenden der Kursaal, die Villa Bériot am linken Lahnufer, beide 1. Ranges; Hot. Metropole an der Römerstr., in dem sich das Kurtheater befindet; Goldenes Fass, gegenüber dem Kursaal, Alldeutsche Weinstube u. s. w. GCafés und Konditoreien: Albert Ziegert, Bahnhofstr. 10, Jakob Deisner, Kaiser-Cafe. Post und Telegraphenamt: Römerstr. 25, ebenda auch Telephonver- bindung. Fahrgelegenheit: Ständige Droschken mit fester Taxe für die Stadt und die Umgegend. Eine Fahrt im Bereiche des Kurorts zweispännig 1 Mk.,, einspännig 70 Pfg. Maultierfuhrwerke sowie Pferde und Esel zum Reiten ebenfalls nach festem Tarif. Dienstmänner erhalten innerhalb des Stadtbezirks einschl. Bahn- hof für 1 Koffer u. s. w. über 25 kg 30 Pfg., von 7 bis 25 kg 25 Pfg., unter 7 kg für den Gegenstand 10 Pfg. Badeanstalten: Kurbäder erhält man in den fskalischen und Privat- badehäusern zum Preise von 1 bis 3 Mk nach feststehendem Tarif. Für die dauernde Benützung der fiskalischen Trinkquellen ist eine Brunnentaxe für 3 Mk. zu lösen. Flussbäder in der Badeanstalt in der untern Stadt. Kurtaxe: Jeder Fremde, welcher sich lünger als 7 Tage in Ems aufhält, muss eine Kurkarte von 15 Mk. lösen, für jedes weitere Familien- glied eine Beikarte für 6 Mk. Kinder unter 8 Jahren, zum Hausstand der Kurfremden gehörige Dienstboten, sowie fremde Aerzte mit Familie sind befreit. Die Erhebung der Kurtaxe findet statt vom 1. Mai bis 30. Septem- ber. Der Besitz der Kurtaxkarte berechtigt während der Saison zur Be- nützung sämtlicher unter der Verwaltung der Kur-Kommission stehenden Anstalten, insbesondere der Lese-, Musik- und Spielzimmer, zum Besuch der Promenadenkonzerte, welche täglich morgens von 7 bis 8 ½, nachmittags von 4 bis 5 ½ im Kurgarten, abends von 8 bis 9ua entweder im Kurgarten oder im Kursaal gegeben werden, sowie der wöchentlichen Symphoniekonzerte, der Reunions und Bälle. Sonderveranstaltungen werden besonders bezahlt. Passanten lösen eine Tageskarte für 50 Pfg. Der Besuch der Morgenkon- zerte ist frei. Als Radfahrerstation gehört Ems zum Gauverband Fhein- land, welcher lahnaufwärts bis Nassau reicht. Bundesgast- höfe sind: Hotel zum Löwen, Burg Gutenfels und Goldener Ring in der Römerstr. und Hotel BPristol. Ems. 209 Ems, Stadt des zum Regierungsbezirk Wiesbaden gehö- rigen Unterlahnkreises mit 6487 Einwohnern, ist Sitz eines Kgl. Amtsgerichts, eines Kgl. Kur- und Bade-Polizei- Kom- missariats, einer Kgl. Bade- und Brunnen-, sowie Kurverwal- tung, eines Steueramts I. Kl., einer Realschule, einer städt. höheren Töchterschule, u. s. w. Die Bedeutung von Ems liegt in seiner Eigenschaft als Badeort, welche durch seine zahl- reichen und wirkungsvollen Thermalquellen begründet und durch seine herrliche und geschützte Lage begünstigt wird. Schon die Römer scheinen die Quellen gekannt zu haben, wenigstens schliesst der Pfahlgraben, welcher hier die Lahn über- schreitet, dieselben in den Bereich des rômischen Gebiets. Der Lauf desselben lässt sich südlich und nördlich von Ems in man- nigfachen Ueberresten verfolgen. Vom Mühlbachthale, welches er bei der Dick- mihle verlässt, streicht er, in den Waldbezir- ken noch deut- lich erkennbar, an den Dörfern Dornholzhausen, 8 Sehweighausen 4“ und Becheln vor- E bei und stösst“— mit einer Nord- Sr— wendung von der Höhe östlich des Braunebaches, wo auf dem Win- terberge ein rö- mischer Wacht- turm nach den auf der Trajanssäule gefundenen Darstellungen wieder hergestellt ist, gegen den Fluss vor, den er in der Höhe des jetzigen Bahnhofs erreicht haben muss. Nördlich vom Flusse finden sich Spuren des Pfahlgrabens in der in die Graben- strasse mündenden Pfahlgrabengasse bei dem Hause Stadt Breslau beginnend und führen in nördlicher Richtung neben der neuen Promenade her zu der 459 m hohen schönen Aussicht, in deren Nähe ebenfalls die Fundamente eines Wachtturmes zu finden sind. Dass aber in dem Thalkessel eine ausgedehnte römische Niederlassung geblüht haben muss, geht aus zahlreichen Funden von römischen Anlagen und Mauerresten, von Münzen, Urnen u. s. w. hervor. So legte Oberstleutnant Dahm 1895 ein in Dorf Ems gelegenes Kastell bloss, welches in dem von der Coblenzer Strasse und dem Emsbach gebildeten Winkel sich nach Illustr. Lahnführer. 14 Bad Ems. 210 Ems, Quellen. Norden bis in den Hof der evangelischen Kirche, im Westen bis zur Marktstrasse erstreckt und dessen Porta decumana im jetzigen Garten des„Fheinischen Hofes“ lag, woselbst ein Plan der Befestigung aufgehängt ist. Zweifellos diente dieses auch zur Deckung der Silbergruben, welche im Emsbachthal aufwärts sich finden. Die jetzige Römerstrasse war in römischer Zeit die Gräber- strasse, an der entlang zahlreiche Grabstätten mit den üblichen Beigaben aufgedeckt worden sind, und zwei Brücken, deren Spuren bei der jetzigen Gilterbricke und der Gasfabrik nachgewiesen sind, führten auf das linke Lahnufer, wo nach gefundenen Resten viele reich ausgestattete Villen und Bäder gelegen haben müssen. Im fränkischen Mittelalter gehörte Ems den Herrn des Niederlahngaus, den Konradinern, nach deren Niedergange die Erzbischöfe von Trier Grundherren des Ortes wurden, denen der grösste Teil der Bevölkerung leibeigen war. Die erste Erwähnung der Quellen findet sich in Verbindung mit den Silbergruben im Jahre 1172, demselben, in welchem zuerst die Grafen von Nassau im Besitz der schirmherrlichen Rechte erscheinen. Stadtrecht erhielt der Ort durch Ludwig den Baiern 1324, und aus dieser Zeit stammen auch wohl die wenigen Reste der alten Befestigungen. Seit 1443 teilten sich in die Vogtei die Grafen von Nassau-Dillenburg und von Catzenelnbogen, deren Anteil sich 1479 auf Hessen-Darmstadt vererbte. Diese Gemeinschaft, die indessen der Entwicklung des Bades nicht zum Heile gereichte, da jeder dasselbe zu seinen Vor- teil auszubeuten suchte, dauerte bis 1803. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Herzogtum Nassau gehörig, ging Ems mit der Annexion desselben 1866 an das Königreich Preussen über, so dass die Badeanlagen nebst den Hauptquellen nunmehr Eigen- tum des preussischen Fiskus sind. Die Entwicklung zum Mell- bade fällt in die letzte Hälfte des 19. Jahrhunderts, besonders seitdem Kaiser Wilhelm I., auf dessen Anwesenheit die mannig- fachsten Erinnerungszeichen hinweisen, Ems zu seinem Lieblings- bade wählte, in dem er nicht weniger als zwanzigmal als Kurgast weilte. Die Zahl der Gäste, welche bei den Quellen als Badende und Trinkende Heilung suchen, sowie der vorübergehend sich aufhaltenden Reisenden beträgt jetzt jährlich gegen 23 bis 24 000, und das Badepublikum weist zur Zeit der Hochsaison ein durch- aus internationales Gepräge auf. Das Wasser der Emser Mineralquellen ist krystallklar und rein und entwickelt im Glase perlartige Gasbläschen; der Ge- schmack ist weich, säuerlich und prickelnd. Die Quellen werden vorwiegend gebraucht gegen Frkrankungen der Atmungs- und Verdauungsorgane, gegen Blasenleiden und weibliche Krankheiten verschiedener Art, bei Störungen des Nervensystems, gegen däus- sere Hautkrankheiten u. s. W. Die berühmtesten fiskalischen Quellen sind der Kesselbrunuen mit einer Temperatur von Ems, Kurgarten. 211 46,6⁰0 C., das Kränchen mit 35,809, der Fürstenbrunnen mit 39,4, der Kaiserbrunnen mit 28,59, dieser besonders als Trink- quelle beliebt, der Wappenbrunnen mit 35⁰, die neue Quelle mit 50⁰0 C. Alle entspringen in dem Königl. Kurhause aus dem Felsen mit Ausnahme der neuen Quelle, welche am linken Lahnufer in einem 5 Meter tiefen Schacht zu Tage tritt. In Privatbesitz befinden sich die Römerquellen auf dem linken Lahnufer, Eigentum des Herrn C. Rücker, sowie die einer Aktiengesellschaft gehörenden König-Wilhelms-Felsen- quellen, vier aus dem rechtsseitigen Felsen hervorsprudelnde Quellen, welche ebenfalls zum Trinken und Baden dienen. Die Anlage von Ems ist dadurch bedingt, dass hier in das enge, von waldbedeckten, felsigen Anhöhen eingeschlossene Lahnthal zwei Seitenthäler münden, von Süden das enge Wald- thal des Braunebachs, von Norden das geräumigere des Ems- bachs. In die Oeffnung des ersteren schiebt, sich das soge- nannte Spiess-Ems, welches sich am linken Lahnufer am Puss des Malbergs als neues Villen-Viertel mit hübschen An- lagen entlang zieht; das eigentliche Bad-Ems zwängt sich langgestreckt von der Bäderlei bis zur Emsbachmündung auf der vechten Seite zwischen Berg und Fluss, während Dorf- Ems das untere Thal des Emsbachs füllt. Die drei Ortschaften bilden eine Stadtgemeinde, deren Verbindung durch vier Brücken über die Lahn vermittelt wird. Wer mit der Bahn kommend der Bäderstadt einen vor- übergehenden Besuch abstatten will, geht vor dem in Spiess- Ems gelegenen Stationsgebäude durch die Bahnhofstrasse nach der Bogenbrüche, von der man einen hübschen Blick auf die gesamten Badeanlagen geniesst; pesonders abends, wenn die zahllosen Lichter im Strome sich spiegeln, ist das Bild ein überaus reizvolles. Jenseits der Brücke trifft man auf die Strasse, welche rechts nach Dausenau führt, zunächst auf der Bergseite von Häusern begleitet, welche vor den steil- abstürzenden Felsen nur mühsam Platz gefunden, links als wohlgepflegte Allee zu dem Kurhause leitet. Dieses ist mit dem Kursaal durch eiserne Kolonnaden verbunden; auf der einen Seite derselben sind zahlreiche, elegante Läden ange- pracht, während auf der anderen nach dem Flusse zu bereits die Kuranlagen beginnen, von denen die Gitterbrücke nach dem Neuen Badehaus hinüberführt. Vor dem Musiktempel er- innert eine Marmorplatte mit der Inschrift„13. Juli 1870, 9 Uhr 10 Min. Morgens“ an die bekannte Begegnung zwischen König Wilhelm und Benedetti. Der 1839 errichtete Kursaal, auf drei Seiten vom Kurgarten umgeben, enthält eine Anzahl glänzend eingerichteter Säle, ein reiches Lesekabinet und, eine vornehme Restauration nebst Café. Jenseits des Kur- 14* 212 Ems, Winterberg. gartens führt eine gedeckte Wandelbahn(zum Gebrauch der Kurgäste bei schlechtem Wetter) am Lahnufer abwärts, zu beiden Seiten begleitet von schattigen Alleen, die weiterhin künstlerisch arrangierte Blumenbeete einfassen. Am Ende des- selben erhebt sich ein in karrarischem Marmor von Proſfessor Otto in Berlin ausgeführtes Denkmal Kaiser Wilhelms I., wel- ches den alten Herrn in Civilkleidung, wie er im Bade zu weilen pflegte, zur Darstellung pringt. Auf der Rückseite steht das von E. v. Wildenbruch verfasste Distichon:„Hier, wo so oft er von Thaten geruht, um zu Thaten zu schreiten, hielt sein dankbares Ems liebend für immer ihn fest“. Wo die Anlagen, welche neben dem Hotel zu den Vier Türmen den Hintergrund zu diesem Denkmal bilden und in ihrer Ver- längerung bis zum Emsbach reichen, von der Strasse durch- schnitten werden, steht die neue katholische Kirche, bei wel- cher die dritte, die Kaiserbrücke, über den Fluss führt und Gelegenheit giebt, auf der andern Lahnseite zurückzukehren. Die vierte noch weiter abwärts gelegene Remy-Byicke dient zugleich als Ueberleitung der aus dem Emsbachthal kommen- den Hüttenbahn, die bei der Silberau in die Hauptbahn mündet. Von der Kaiserbrücke wendet man bei der Villa Quisisana in die schattige König-Wilkelms-Allee, an der die 1876 nach Plänen von Goldmann erbaute, sehenswerte russische Kirche liegt. Von ihr gelangt man durch schöne Anlagen in 10 Min. zum Bahnhof zurück. Ueberaus reich ist Ems an reizvollen Promenadewegen und schattigen und wohlgepflegten Waldspaziergängen, die meist zu lohnenden Aussichtspunkten und malerischen Fels- partien führen. Auf der linken Lahnseite führt ein Spaziergang in einer halben Stunde auf den Winterberg. Vom Bahnhof geht man über die Schienen und dann links biegend zur alten katholischen Kirche, biegt kurz vor derselben rechts und gelangt in kurzer Zeit auf den schattigen Waldweg, der in bequemen Anstieg zu der 222 m hohen Kuppe führt. Von dem auf den Grund- mauern des römischen Wachtturms aufgeführten Aussichtsturm hat man eine schöne Aussicht auf das obere Ems und das Lahnthal. Daneben Restauration. Eine Stunde erfordert der Aufstieg zum Malbergturm, der den Gipfel des Malbergs, 333 m, krönt. Mannigfach, aber immer bequem durch schönen Wald bergan steigend, sind die Wege, die hinauf- führen. Den Anstieg wählt man entweder von der BPrau- bacherstrasse bei dem Hause Spaa durch die Kirschenallee, oder von der am Fuss des Malbergs gelegenen englischen Kirche über die Restauration zum Schweizerhäuschen, oder von der weiter abwärts gelegenen Restauration zur Lindenbach, einer Ems, Malberg, Bäderlei. 213 Haltestelle der Staatsbahn. Bei starkem Sonnenschein wähle man des Schattens wegen den letzteren vormittags, den ersteren nachmittags. Wer das Steigen scheut, kann die Malbergbahn benutzen, die erste Drahtseilbahn in Deutschland mit einer Geleislänge von 540 m und einem Steigungswinkel von 21 bis 28 Grad. Zum Stationshause gelangt man, wenn man von der Kaiser- prüeke an der Villa Quisisana vorbei geradeaus geht. In einer Fahrzeit von 8 Min., wobei sich dem Hinauffahrenden ein wechselreiches Panorama bietet, erreicht man das obere Sta- tionshaus, unmittelbar neben dem Aussichtsturm gelegen, von dem man eine entzückende Rundsicht geniesst. Ein schattiger Weg, welcher abends clektrisch erleuchtet ist, führt in 5 Min. zu dem Hotel Hohenmalberg, einem namentlich im Hochsommer empfehlenswerten Aufenthalte; Pension von 5 Mk. an. Auf der rechten Seite bietet sich zunächst ein Spaziergang auf die Bäderlei, einen zerklüfteten, schroff aufsteigenden Schieferfelsen von 265 m Höhe, welcher von einem Aussichtsturm, dem Concordiaturm, gekrönt wird. Der Aufstieg erfordert vom Kurhaus gerechnet etwa 45 Min. Man biegt vor diesem in die Grabenstrasse, steigt nach 1 Min. rechts 53 Stufen auf- wurts und verfolgt den sich anschliessenden Zickzackweg. welcher an den Hanselmannshöhlen, dem Kriegerdenkmal und der Mooshitte, einem massiven Pavillon, welcher noch von früher her den Namen trägt, vorbei zur Höhe. Oben befindet sich eine Restauration. Hat man schon von den genannten Punkten überaus schöne Ausblicke, so übertrifft doch die Aus- sicht vom Turme alle andern in der Nähe von Ems an Schönheit und Grossartigkeit. Ein vielbesuchter und sehr lohnender Aussichtspunkt ist die Kemmenauer Höhe mit der Restauration Zur Schönen Aussicht und einem Pavillon, pei 459 m Höhe die bedeutendste Erhebung in der Umgegend, die auf Taunus, Hunsrück, Eiſel eine weite Fernsicht gewährt, während zu Füssen gegen Osten das Dorf Kemmenau, nach Nordwesten und Norden die Ruinen der Sporkenburg jenseits des Emsbachthals und die beiden Ara- bacher Köpfe, zwei spitze Trachytkegel, sichtbar werden. Von Ems geht man die Grabenstrasse aufwärts bis zum Wegweiser, welcher nach der neuen Promenade zeigt. Durch schönen Wald führt dieselbe allmählich ansteigend in etwa 1 ¼ Std. zur Höhe. Keineswegs ist hiermit die Reihe der Sehenswürdigkeiten in und um Ems erschöpft. Wer sich über dieselben eingehen- der unterrichten will, sei auf die verschiedenen Spezialführer und Karten von Ems verwiesen. 214 Von Ems bis zur Lahnmündung. Von Ems nach Niederlahnstein. Die Bahn läuft auf dem linken Ufer, sich den Krüm- mungen des Flusses anschmiegend, dessen tief eingeschnitte- nes, von hohen, waldbedeckten Bergen eingeschlossenes Thal dennoch breit und gestreckt genug ist, um dem Bahn- körper ohne Tunnel den Durchzug zu gestatten. Kurz vor Niederlahnstein unmittelbar unterhalb der Oberrheiner Hütte tritt die Wetzlar- Coblenzer Bahn auf das rechte Üfer, während die ältere Bahnstrecke, welche nur noch für Lokal- und Güterverkehr benutzt wird, auf dem linken Ufer bleibt und in Oberlahnstein an die rechtsrheinische Bahnlinie anschliesst. Die auf der Strecke befindlichen Haltestellen, welche weniger touristisches Interesse bieten, deren Anlage vielmehr durch die bei ihnen gelegenen Hütten und Gruben bestimmt worden ist, sind 2,7 km Lindenbach, Haltestelle für das westliche Ems(s. S. 212), 3,9 km Haltestelle Nievern, Dorf am flachen Ufer des Flusses, der hier ein Knie bildet; bei dem Orte wächst ein ganz trinkbarer Wein. Eine Fähre stellt die Verbindung mit dem rechten Ufer und dem etwas oberhalb gelegenen Dorfe Fachbach her. Auf der Insel unterhalb des Lahnknies steht die grosse Nieverner Hütte mit ihren Giessöfen und einer Anstalt zum Emaillieren der Guss- waren. 7,4 km Haltestelle Friedrichssegen, Verladeplatz für das ¼½ Std. entfernt in einem Seitenthale gelegene gleichnamige Silber- und Bleibergwerk, in welchem schon zur Zeit des römi- schen Kaisers Claudius Silbererze gefſördert wurden. Das Werk ist mit der Lahnbahn durch eine Zahnradbahn verbunden, hat eigene Kirche und Schule, und in dem Kasino findet der Wan- derer gute Verpflegung. In der Nähe der Station liegt die Ahler Hütte und ein einfaches Wirtshaus, 30 Min. weiter abwärts, gegenüber der Hohenrheiner Hütte die Wolfsmühle, Restauration mit Garten, ein sehr beliebter Ausflugspunkt. Am Bahnhof Niederlahnstein, welcher unterhalb der Stadt liegt, stösst die Wetzlar-Coblenzer Bahn mit der rechts- rheinischen zusammen, läuft dann eine Strecke rheinabwärts parallel neben derselben, um bei Horchheim über den Rhein zu setzen. Fussgänger halten sich von Ems aus ständig an der rechten Uferseite auf der guten, aber meist schattenlosen Land- strasse, welche über Fachbach(Gasthaus zur Stadt Coblenz und zum Engel-Müllen), sowie an den Gebäuden der Hohenrheiner Von Ems bis zur Lahnmündung. 215 Hülte(jetzt Drahtflechtwerk) vorbei in etwa 2 ½ Std. nach Niederlahnstein führt. Empfehlenswerter sind zwei andere Wege von Ems über die Berge an den Rhein. Der eine führt das Braunebachthal aufwärts über das Oberlahnsteiner Forsthaus nach Braubach, der andere auf der rechten Lahnseite über Fachbach, Aren- berg nach Ehrenbreitstein. Beide Wege erfordern 2 ¼ bis 2 ½ Std. Wanderzeit. Wählt man den ersten Weg, so geht man vom Bahnhof links über die Schienen, wo rechts eine Tafel mit der Aufschrift„Nach dem Forsthaus 3,6 km“ steht. Hat man die Häuser von Spiess-Ems hinter sich, so steigt der Weg langsam an in einem engen, stillen Wiesenthal, in welches der Wald von beiden Seiten bis zur Sohle hereinragt. Bald hören die Wiesen ganz auf und der Bach wird zum Waldbach. Nach 25 Min. wird der Blick freier, der Wald hält sich nur zur rechten Seite, das Thal weitet sich. Nach weiteren 10 Min. stösst man bei einer schwachen Wegkrüm- mung auf einen Wegweiser an einem Baume, welcher rechts in den Wald nach dem Forsthause weist. Wenn man nicht vorzieht, die Hauptstrasse einzuhalten, kann man dem Wald- pfade folgen, welcher, anfangs ziemlich eng und verwachsen, bald sich lichtet und nach etwa einer Viertelstunde bei einem an einer Tanne angebrachten Wegweiser in einen breiteren übergeht. Dieser führt rechts über einen Wiesengrund, jen- seits dessen der Welsche Hof sichtbar wird. An einem Apfel- baume zeigt ein Wegweiser nach links auf einen schmalen Feldpfad, der über einer kleinen, mit Obstbäumen bestandenen Hohle hinleitet und bald angesichts des Forsthauses auf die Früchter Strasse stösst. Im Forsthause ist eine gute, saubere Wirtschaft, vor dem- selben schöne Plätze, um im Freien unter den Bäumen zu sitzen, dem Hause gegenüber ein Pavillon. Es treffen hier die Strassen von Ems, Nassau, Braubach, Oberlahnstein und Frücht zusammen. Nach letzterem Orte, der 20 Min. entfernt ist, kann man von hier aus einen Abstecher machen, um die Familiengruft der Freiherren vom Stein zu besichtigen. Bequeme und hübsche Wege führen dorthin auch vom Malbergkopf über den Malbergs-Hof in etwa einer Stunde und von der Haltestelle Friedrichsegen aus in ¾¼ Std. In der südlich vor dem Orte Frücht am Friedhof gelegenen goti- schen Grabkapelle liegt der letzte männliche Spross des Geschlechtes, der grosse Ppreussische Staatsminister, bestattet. Ein Monument aus karrarischem Marmor deckt sein Grab mit einem Reliefbildnis und der Inschrift:„Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein, geb. 27. Okt. 1757, gest. 29. Juni 1831, ruhet hier, der Letzte seines über 7 Jahrhunderte an der Lahn blühen- 216 Braubach. den Rittergeschlechtes, demütig vor Gott, hochherzig gegen Men- schen, der Lüge und des Unrechts Feind, hochbegabt in Pflicht und Treue, unerschütterlich in Acht und Bann, des gebeugten Vaterlandes ungebeugter Sohn, in Kampf und Sieg Deutschlands Mitbefreier. Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein“. Vom Oberlahnsteiner Forsthause verfolgt man die Braubacher Landstrasse; jenseits des ersten Wegweisers kann man den rechts neben der Strasse im Wald herlaufenden Fussweg be- nützen. Nach etwa 40 Min. tritt die Strasse aus dem Walde auf offenes Feld, welches mit zahlreichen Obstbäumen besetzt ist, und führt in Windungen in einem kleinen Seitenthale des Braubaches abwärts. Jenseits des Thales erblickt man auf der Höhe zwei Schornsteine, Rauchabzüge für das Blei. und Silberwerk der Aktiengesellschaft Braubach, deren im Thal ge- legene weite Baulichkeiten mit demselben durch eine Draht- seilbahn verbunden sind. Mächtige Schutthalden künden die Bedeutung des Werkes an. Von Braubach, einem Rhein- städtchen mit 2500, der Mehrzahl nach evangelischen Einwohnern (Gasthäuser: Kaiserhof, Deutsches Haus, Nassauer Hof, Reheini- scher Hof u. s. w.), über dem die malerische Marksburg, die einzige wohlerhaltene Rheinfeste, auf steilem, zackigen Felsen aufragt, kann man entweder die rechtsrheinische Bahn nach Niederlahnstein oder das Lokal-Dampfboot nach Coblenz benützen. Wer den zweiten Weg von Ems über Arenberg nach Ehrenbreitstein einschlagen will, verfolgt zunächst auf dem rechten Lahnufer die Coblenzer Strasse bis zum Dorfe Fachbach. Bei Telegraphenstange 28 geht man rechts an der Stad Coblenz vorbei, den Bach aufwärts, biegt bei der Kreuzi- gungsgruppe über den Bach nach links und verfolgt den an- fangs schwach, nachher kräftiger ansteigenden Pfad aufwärts, der in 35 Min. zum Lahnberger Hof führt, wo Erfrischungen zu haben sind. Jenseits des Hofes geht der Weg weiter auf- wärts und teilt sich beim Stock kurz vor dem Walde. Man wählt den links führenden Waldpfad, auf dem man, sich immer rechts haltend, nach etwa 10 Min. auf eine Wiese kommt. Man hält sich anfangs am Walde entlang, geht dann gerade- aus über die Wiese zur Höhe, biegt aber 1 Min. vorher von dem breiteren Wege rechts ab auf den schmäleren Wiesen- pfad. Von der Höhe sieht man rechts den Mühlenbacher Hof. Man verfolgt den Pfad weiter nach dem innersten Winkel des gegenüberliegenden Waldes und nach rechts in demselben den Pfad, welcher zwischen Hochwald zur Linken und Nieder- wald zur Rechten hinführt. Nach 3 Min. tritt man aus dem Walde, hält sich kurze Zeit links am Waldesrande hin, über- schreitet den Bach und verfolgt den Weg, der vom Mühlbacher Arenberg. 217 Hof kommt, das Mühlenbachthal abwärts. Wo das Thal sich gegen die sichtbar werdenden Schornsteine einer Hütte links wendet, kreuzt man den von dort kommenden Weg und geht gerade aus den gegenüberliegenden, bebuschten Berghang links wendend hinauf. Wenn man auf der Höhe aus dem Walde tritt, sieht man die Häuser von Arenberg vor sich. Arenberg ist ein vielbesuchter Mallfahrtsort, im Volks- mund„Roter Hahn“ genannt, nach dem(ursprünglich einzigen) Gasthause Rother Hahn, auch jetzt noch durchaus empfehlens- wert. Neben demselben bestehen jetzt viele Gasthöfe, da der Fremdenverkehr zu Fuss und Wagen von Ehrenbreitstein her sehr gross ist, besonders durch die elektrische Bahn. Man hat von oben einen prächtigen Blick auf Ehrenbreitstein mit seinen Festungswerken, auf Coblenz, das Mosel- und Rheinthal. Zu seiner jetzigen Bedeutung hat der Ort sich erst entwickelt durch die unaplässigen und aufopfernden Bemüh- ungen des 1893 verstorbenen Pfarrers Kraus, dessen Anlagen, der Kreuzweg, der Oelberg und die Erléserkapelle, auch für den Nichtkatholiken sehr sehenswert sind. Der Kreuzweg, dessen 14 Stationen jede durch eigene Gestein- und Pflanzenarten charakterisiert werden, beginnt bei dem 10 Min. entfernten Pilial Immendorf. Die Christusstatue auf dem Oelberge ist von der Kaiserin Augusta, die der Anlage grosses Interesse ent- gegenbrachte, gestiftet worden. In dem Kloster haben die Dominikanerinnen ein grosses Haushaltungspensionat errichtet. Der Abstieg nach Ehrenbreitstein, welcher verschiedene schöne Aussichtspunkte aufweist, erfordert auf der guten Chaussee etwa ¼ Std., doch kann man bei Telegraphenstange 38, wo ein Wegweiser nach links zeigt, einen Fussweg einschlagen, der nachher wieder auf die Hauptstrasse führt. Von Ehren- breitstein benütze man die elektrische Bahn nach Coblenz, wenn man nicht vorzieht, über die Brücke zu Fuss zu gehen. Nachdem die Lahn aus ihren Bergen in das hier ziemlich breite Schwemmland des Fheines eingetreten ist, fliesst sie zwischen den beiden Städten Nieder- und Oberlahnstein hindurch und mündet unfern der ersteren mit einer Wendung nach Norden. An der rechten Mündungsseite liegt in stiller Weltabgeschiedenheit unter Nussbäumen die frühere Pfarr- kirche von Niederlahnstein, die spätromanische Johannis- kirche, welche im 30 jährigem Kriege zerfallen und seitdem verwahrlost und fast zur Ruine geworden, neuerdings aber wieder hergestellt ist.— Beide Städte gehören ihrer Lage und Entwicklung nach mehr dem Rhein als dem Lahnthale an. 218 Nieder- und Oberlahnstein, Lahneck. Niederlahnstein(Gasthöfe: Hotel Douqueé, Noll, Weisses Ross, Wochner, Strassburger, Herrmann) mit 4015 meist kathol. Einwohnern, ist ein kräftig aufstrebendes Städtchen, welches sich durch seine Lage als Centralpunkt für die rechtsrheinische und die Lahn-Bahn auch als Verkehrs- und Industrieplatz gün- stig entwickelt. Eine Brücke über die Lahn verbindet den Ort mit dem rheinaufwärts dem Schloss Stolzenfels gegenüber gelegenen Oberlahnstein,(Gasthöfe: Hotel Weller, Einhorn, Deutsches Haus, Hot. Weiland, Hotel-Restaurant Breitenbach, Rheinischer Io/), einerStadt mit gegen 8000, der Mehrzahl — nach katholisch. Einwohnern, ur- kundlich schon 890 erwähnt. An die kurmain- zische Zeit erin- nern noch einige wohlerhaltene Türme der ehe- maligen Befes- tigung. Ober- lahnstein ist Dampfschiffsta- Tahneok. tion kur Ems, die Landungsbrücke liegt in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Von hier aus Lokal-Dampfschifffahrt nach Stolzenfels, Brau- bach etc. Oberlahnstein ist ein bevorzugter Ausgangspunkt von Ausflügen in die schöne Umgebung des Rhein, Mosel- und Lahnthals. Ueber Oberlahnstein erhebt sich auf einem steilen, am Eusse von Weinbergen bedeckten Bergkegel, dem äussersten Vorposten, den das Taunusbergland zwischen Lahn und EFhein vorschiebt, die Burg Lahneck; ein sonniger Fussweg führt von der Rheinseite und ein schattiger Fahrweg von der Lahn- seite hinauf. Zuerst im Jahre 1224 erwähnt, ist sie wahr- scheinlich vom Erzbischof Gerhard von Mainz zum Schutze seiner Besitzung Oberlahnstein angelegt worden und diente oft als Wohnsitz mainzischer Kurfüursten. Noch nach der Merian- schen Abbildung vom Jahre 1646 gut erhalten, wurde sie 1689 von den Franzosen zerstört. Seit 1860 wurde sie mit Be- nutzung der vorhandenen Baulichkeiten wiederhergestellt und ging später in Privatbesitz über, die Besichtigung des Innern ist gestattet Von dem fünfeckigen, zinnengekrönten Bergfried Lahneck. 219 hat man namentlich morgens einen schönen Blick auf Stolzen- fels und das Rheinthal. Als Goethe im Juni 1774 mit Lavater und Basedow von Ems, wo er mit den peiden längere Zeit zugebracht hatte, zu Schiff die Lahn hinunter fuhr, um jene perühmte Rheinreise zu unternehmen, schrieb er angesichts der Burgruine dem Begleiter Lavaters, Lips, den Geistergruss ins Stammbuch: Hoch auf dem alten Turme steht Des Helden edler Geist, Der, wie das Schiff vorübergeht, Es wohl zu fahren heisst. „Sieh, diese Senne war so stark, Dies Herz so fest und wild, Die Knochen voll von Rittermark, Der Becher angefüllt. Mein halbes Leben stürmt' ich fort, Verdehnt' die Hälft' in Ruh, Und du, du Menschen-Schifflein dort, FPahr immer, immer zu.“ Und mit dem Aufblick zu unserm grössten Geisteshelden, der, ein Naturfreund wie wenige, sein ganzes Leben ein Wan- derer geblieben und unser Lahnthal oft und gern durchzogen hat, will auch ich dies Büchlein auf die Wanderschaft ent- lassen mit dem Wunsche, dass es vielen ein Führer werden möge zu reinem Genusse und herzlicher Erquickung, und dass es ihm gelingen möge, unserer schönen Heimat neue Freunde zu erwerben. e 14 Register. Die Zahlen bezeichnen die Seiten. Aarthal 177, 178. Abendstern 67. Adolphseck 183. Adolfshöhe b. Dillenburg 119. Ahausen 137. Alberge 44. Albshausen 121, 122. Allendorf a. Lumda 46. — b. Braunfels 130. — b. Weilburg 139. Allendörfer Heide bei berg 139. Altenberg(b. Odenhausen) 44, 45. — Kloster 105, 122. Alte Burg b. Benfe 8. Altenburg(röm. Kastrum) b. Arnsburg 73, 77. Altweilnau 142, 143. Amalienhütte 19. Amöneburg 26, 44. Ardeck 177. Arenberg 214, 216. Arfurt 147. Arnoldshain 144. Arnsburg, Kloster 72, 78. Arnstein, Kloster 193 ff. Arnsteiner Mühle 192, 193, 201. Asslar 111, 112. Attenhäuser Mittelmühle 200. Atzbach 86. Audenschmiede 142. Augustenruhe(b. Marburg) 40. Aumenau 142, 145, 146, 165. Meren- Badenburg 47. Bad Ems s. Ems. — Nassau s. Nassau. — Nauheim s. Nauheim. Bäderlei b. Ems 212. Balduinstein 185, 186, 190. Banfe 10, 11, 17. Banfebach 15. Banfethal 15, 17. Bauerbach 27. Beilstein 116, 130. Bellingshausen 21, 42. Benfe 8. Bergebersbach 9. Bergen b. Limburg 164. Berghausen 108, 112. Berg-Nassau 206. Berleburg 15. Bermershausen 15. Bernshahner Kopf 193. Berzahn 171. Bieber 67, 68. Bieberthalbahn 66. Biedenkopf 20, 21 ff. Birlenbach 186. Biskirchen 130. Bismarcktempel b. Dillenburg ¹ 19 Blankenstein 43. Blasbach 69, 111, 112. Blasbacher Grund 111. Bodensteiner Ley 148. Bohdme nassovienne 167. Bombaden 123. Brandoberndorf— Dillheim. 221 Brandoberndorf 110, 123. Braubach 143, 215. Braunfels 44, 107, 123 ff. Försterhaus 124. Gasthöfe 125. Geschichtliches 126. Herrengarten 129. Kaiser-Friedrich-Denkmal1 29. Obermühle 123. Rosengarten 127. Sanatorium 125. Schloss 126. Schlosshotel 125. Schlosskirche 127. Taunusklub 125. Terraingesellschaft 129. Tiergarten 125. Braunfels bis Weilburg 138. Breidenbach 20. Breidenbacher Grund 19, 22. Breidenstein 19. Brombach 143. Brühlsbacher Warte 107. Bubenrod 68, 112. Bubenröder Hof 68. Buchenau 23. Buchenau-Kaldern 24. Buff, Charlotte 101. Burbach 139. Burgberg b. Wetzlar 103. Burgberg b. Nassau 203. Burgschwalbach 181. Burgsolms 122, 123. Butzbach 76, 80, 81. Caldern s. Kaldern. Camberg 165. Camberger Grund 165. Carmen Sylva 149. Catzenelnbogen s. K. Christianshütte 150. Christenberg b. Mellnau 25, 26. Coblenz 141, 215, 216. Cölbe s. Kölbe. Concordiaturm b. Ems 213. Cramberg 189. Creuzthal 5, 6, 18. Dahlheim 121. Dammelsberg(b. Marburg) 40, 41. Damm 43. Damshausen 24. Dausenau 207. Dautphe 23. Dehrn 151, 152 ff. Dernbach 43. Deutz 8, 10. Dianaburg 107, 108, 115, 129. Dicke Eiche b. Bubenröder Hof 68. Dicker Rücken b. Lützel 7. Dietkirchen 153 ff. Dietzhölz 9. Dietzhölzthal 10, 11, 20. Dietzhölzer Forsthaus 10. Diez 9, 20, 173 ff. Anlagen 177. Gasthöfe 173. Geschichtliches 174. Hain 177. Hainweg 177. Radfahrerklub 173. Sachsenhausen 184. Schloss 175. Taunusclub 173. Trinkhalle 177. Weg nach Oranienstein 178. — ins Aarthal 179. — nach Nassau 184. — Schaumburg 186. — Balduinstein 189. — ins Dörsbachthal 198. Dillberg 10. Dillenburg 9, 10, 20, 117 ff. Adolfshöhe 119. Bismarcktempel 119. Gasthöfe 117. Geschichtliches 118. Kurhaus 118. Radfahrerklub 118. Verschönerungsverein 117. Wilhelmsturm 119. Dillfluss 1, 10, 111. Dillheim 113. 222 Dillthal 108. Dittenberger Mühle 199. Dörnberg 192. Dörsbach 192, 193. Dörsbachthal 192, 198, 199. Dorf-Ems 210. Dorfweil 143. Dorlar 46, 86. Dornburg 169. Dünsberg 67 ff, 71, 105. Dutenhofen 62, 107. Eckelshausen 23. Ederfluss 1. Ederkopf 1, 7. Ederlust 20. Ederquelle 8. Ederthal 7, 15, 20, 25. Ehrenbreitstein 213, 216 Ehringshausen 107, 108, 123. Eibelshausen 20. Eisenstrasse b. Lützel 7, 8, 10, 14, 17. Eisstollen b. Hadamar 169. Elbbachthal 167. Elgershäuser Hof 115. Else(auch IIse) 14. Elsebach 15. Elz 167. Emmerichenhain 139. Emmershausen 142. Ems, Bad 207 ff. Bäderley 213. Cafés 208. Concordiaturm 213. Gasthöfe 207. Geschichtliches 209. Kaiser-Wilhelm-Denkmal 212. Kurgarten 211, Kurtaxe 208. Malbergbahn 213. Mineralquellen 210. Radfahrer-Verein 208. Ems— Lahnmündung 207. Emsbach 163, 164. Emsbachthal 163. Epschloh 1, 7. Dillthal— Garbenheimer Warte. Erbach bei Limburg 165. Erbach(Westerwald) 172. Ergeshausen 199. Erndtebrück 1, 6. Ernstbahn 123. Ernsthausen 141. Eschbach 110. Eschhofen 155, 164. Essershausen 141. Fachbach 213, 214. Fachingen 184, 185. Falkenbach 146. Feiselsberg 24. Feldberg(Taunus) 71, 105, 144. Fellinghausen 66. Ferndorfer Sieg 3, 7. Feudingen 6, 13, 14. Feudinger Bach 13. Feudinger Hütte 14. Fischelbach 10. Flacht 179. Fleisbach 113. Florenburg 3. Forstgarten b. Giessen 69. Forsthaus Hohenroth 8. Frankenberg 25. Frankfurt a. M. 163. Frauenberg b. Marburg 39, 63. Freiendiez 177, 179. Freienfels 141. Frickhofen 168, 170. Friedberg 84. Friedelhausen 42, 46. — Schloss 44. Friedensdorf 23. Friedrichshütte 14, 15, 17. Friedrichssegen 214. Fronhausen 42, 44. Frücht 215. Fürfurt 145, 146. Gänsberg b. Weilburg 136. Gansbachthal 20. Garbenheim 86, 95. Garbenheimer Warte 104. Garbenteich— Heisterberger Hof. Garbenteich 77, 78. Geilnau 190. Gelbach 193. Gelbachthal 201. Georgenhütte 122. Georgsquelle 130. Gertrudisbrunnen 130. Giessen 26, 40, 43, 46, 47, 48, 62, 63, 68, 69, 71, 81. Alpenverein 50. Badeanstalten 50. Badenburg 47. Bieberthalbahn 49. Dienstmänner-Tarif 50. Droschken 50. Fahrgelegenheiten 50. Friedhof 60. Gang durch die Stadt 54. Gasthöfe 49. Geschichtliches 51. Hardthof 62. Heil- und Pflegeanstalten 50. Heyer-Denkmal 55. Industrie 53. Kaserne, Alte 57, Neue 60. Kliniken 61, 62. Kriegerdenkmal 57. Liebig-Denkmal 55. Luther-Eiche 60. Philosophenwald 60. Post 50. Radfahrer-Verein 50. Schiffenberg 63. Schiller-Eiche 60. Schloss 57. Schulen, öffentl. Gebäude 54,55. Umgebung 63 ff. Universität 51, 52. Giller b. Hilchenbach 4, 5, 7, 8, 16, Aussichtsturm 9. Ginsberg 6. Ginsberg-Hof 9. Gisselberg 42, 43. Gladenbach 43. Gladenbacher Landstrasse 23. Glashütte 13. V V V V 223 Gleiberg 62, 63 ff, 67, 86, 104. Goarshausen 198. Goldener Grund 164, 165. Gossfelden 25. Goethe in Wetzlar 92, 101. —— Ems 209. —— Garbenheim 86. — Rheinreise 219. Goethebrunnen bei Wetzlar 96. Goetheplatz bei Wetzlar 87. Goethepunkt b. Arnstein 195. Gräveneck 1 46. Grävenwiesbach 146. Greifenberg b. Limburg 163, 164. Greifenstein b. Sinn 113, 114 ff, 183. Greifenthal 113. Gross-Krotzenburg 77. Grund b. Hilchenbach 5. — Goldener 165. Grüningen 71, 77, 80. Guntersau 136, 140. Gute Hoffnungshütte 113. Haarmühle 199. Hachenburg 172. Hadamar 167, 168. Hahnstätten 179. Hain b. Diez 177. Hainbachthal 20. Hainchen 10. Hanau 77. Hangelstein 48. Hansenhäuser 27. Hardthof b. Giessen 62. Hasenbach 200. Hasselbach 139. Hattstein 144. Hatzfeld 20. Hausberg b. Butzbach 71. Hausley 137. Heckholzhausen 138. Heidenhäuschen 167., Helmeroth 172. Heiligenborn 14. Heisterberger Hof 108, 109. 224 Herbertshausen 17. Herborn 116. Hermannstein 111. Herrenberg b. Hilchenbach 3. Herrmannsküppel b. Weilburg 139. Hessische Senke 1. Hessische Volkstrachten 22. Heuchelheim 67, 86. Hilchenbach 2, 6, 7, 9. Hilchenbach-Lahnhof 5. Hinterland 19—26, 43, 44. Hinterländer Schweiz 43. Hirschhausen 138. Hof Güll 77. Hof-Heisterberg hausen) 108. Hohe Warte b. Giessen 71. Hohenlei 195. Hohenroth 9. Hohenrheiner Hütte 214. Hohensolms 111, 112. Hohenstein 182. Höhlen b. Steeten 151. Hohlenfels 179 ff, 186. Holzappel 195, 196. Holzhausen 130. Homburg, Bad 110, 111. Hönningen 78. Horchheim 214. Hundstall, Hunoldsthal 143. Hünstein 44. (b. Ehrings- Jagdberg 1, 7. Jagdschlösschen 86. Jammerthal 199, 200. Jammerthals Mühle 199. Idstein 143, 166. Ilse(Else) 14. Ilseborn 14. Ilsethal 14. Johannisberg b. Nauheim 84. Johannisbrunnen 181. Iserthal 123. Jung-Stilling 3. KadettenanstaltOranienstein 1 77. Herbertshausen— Lahnhof. Kahlen Asten 7. Kaldern 24, 25. Kalkofen 192. Kalsmunt 94, 103. Kanapee 137. Kappel 42, 43. Karlshütte 23. Katzenelnbogen 199 ff. Katzenfurt 113. Kelheim 77. Kemel 183. Kemmenauer Höhe b. Ems 213. Kerkerbach 151, 154. Kesselmühle 199. Kestner in Wetzlar 101. Kettenbach 182. Ketzerbach 24, 41. Kindelsberg 7. Kirchberg 42, 44, 45, 46. Kirchhain 26. Kirchspitze b. Marburg 40. Kirschhofen 146. Klein-Altenstädten 111. Klein-Linden 62, 87. Kleinseelheim 27. Klingelbach 199. Kölbe 19, 24, 26, 27. Kombach 23. Korb 172. Kraftsolms 123. Kreuzley 185. Kröffelbach 123. Krofdorf 46, 62, 66. Kronprinzen-Eiche b. Siegen 79. Kroppacher Schweiz 172. Kruppsche Gruben 185. Laasphe 14, 15, 17. Laasphe-Marburg 19. Laaspher Hütte 17. Lahn 1, 2, 12. Lahnberg b. Wetzlar 94. Lahneck 217. Lahnhof 7, 8, 10, 11, 17. Lahnhof-Hilchenbach 9. Lahnhof-Strassebersbach 13. Lahnhof— Nauheim. Lahnhof-Laasphe 13. Lahnmündung 217. Lahnquelle 11, 12. Landsteiner Mühle 143. Langenau, Schloss 193, 197, 201. Langendernbach 169. Langenhahn 172. Langenschwalbach 78, 178, 182, 183. Langgöns 80. Langhecke 146, 165. Laubuseschbach 141, 142. Laufenselden 182.. Launspach 42, 46. Laurenburg 189, 191. Leimstruth 15. Leun 123. Lich 72, 76. Liebig(Giessen) 62, 152. Liebigshöhe 60. Limburg 154, 155 ff, 167, 178. Dom 157 ff. Gasthöfe 155. Geschichtliches 160. Radfahrer-Verein 155. Umgebung 163. Lindenbach 213. Lindenholzhausen 164. Linnefeld 14. Lixfeld 20. Löhnberg 121, 130. Löwenburg(Siebengebirge) 7. Lohra 43. Lollar 42, 46, 47. Lorch 77, 78. Lottezimmer in Wetzlar 100. Lützel 2, 5, 6, 7, 8, 9. Ludwigshütte 20. Lumda 46. Luthereiche b. Giessen 60. Magdalenenhäuser Hof 124. Malberg b. Ems 211, 212. Marbach 25. Marbach, Bad 24, 41. Illustr. Lahnführer. 225 Marburg 6, 24, 27 ff, 44, 54. Badeanstalten 28. Dienstmänner-Tarif 28. Elisabethkirche 32 ff. Fahrgelegenheit 28. Gasthöfe 27. Geschichtliches 29 ff. Heil- und Pflegeanstalten 23. Post 28. Radfahrer-Verein 28. Schloss 36 ff. Umgebung 39 ff. Universität 37 ff. Marburg-Giessen 42. Marburg-Kaldern 25. Marienruhe(b. Mellnau) 26. Marienstatt 172. Mellnau 25, 26. Merenberg 138, 139. Metzeburg b. Wetzlar 95. Michelbach 182. Miltenberg 77, 78. Mineralquellen s. Ems, Fachingen, Geilnau, Nauheim, Selters, Zollhaus. Mittelmühle 201. Mornshausen 43. Mühlbachthal 205. Mühlen 164. Mühlengrund b. Braunfels 124. Münchhausen 25. Münchholzhausen 107. Münzenberg 76. Nassau 195, 201, 205, 215. Berg-Nassau 203. Burg-Nassau 205. Nastätten 198. Nauborn 103, 109. Nauheim, Bad 78, 80, 81 ff. Gasthöfe 81. Geschichtliches 81. Kurhaus 82. Radfahrer-Verein 81. Sprudel, Mineralquellen 82,83. Umgebung 84, 85. 15 226 Nauholz 8. Naunheim 68. Nehbrücke 40. Netphen 7, 8. Netpherthal 7. Neubäcker Mühle 200. Neukirch 139. Neukirchen 123. Neuwagen-Mühle 200. Neuweilnau 142. Niederbrechen 164. Nieder-Dieten 20. Niedergirmes 68, 94, 112. Nieder-Laaspherhütte 19. Niederlahnstein 213, 214 ff, 217. Niedernhausen 163, 167. Niederselters 164, 165. Niederwalgern 42, 43. Nieder-Weimar 40, 42, 43. Niederwetz 109. Niederzeuzheim 168. Nievern 213. Oberbiel 122. Oberbrechen 164. Ober-Dieten 20. Oberlahnstein 213, 215, 217. Obermühle, Braunfels 123. Obermühle(Bieberthal) 68. Obernau 8, i. Bieberthal 68. Oberndorf 123. Oberndorfer Schmelze 125. Oberneisen 179. Obernhof 121, 191, 192, 195, 196, 201. Oberreifenberg 144. Oberselters 165. Obertiefenbach 139. Oberursel 144. Oberwetz 109. Odenhausen 42, 44. Odenwald 71. Odersbach 146. Oelberg(Siebengebirge) 7. Oranienstein 177, 178. Nauholz— Schiffenberg. Pallotiner Kloster(b. Limburg) 163. Palmbach 181. Perfthal 20. Pfahlgraben(Limes) 77 ff. Pferdskopf 143. Philippstein 138. Philosophenwald(Giessen) 60. Prophetenkanzel b. Weilburg 137. Puderbach 19. Raumland 6. Reifenberg 144. Remsthal 77. Rennerod 139. Rheinbrohl 78. Rheinisches Schiefergebirge 141. Rhöngebirge 71. Rimberg b. Kaldern 24. Rittershausen 10, 11, 17. Rod a. d. Weil 142. Rodheim(Bieber) 66, 67, 68. Ronhausen 40, 42. Roth b. Marburg 42. Rothaargebirge 1, 7. Rückershausen 182. Runkel 148 ff, 151. Ruppachthal 191. Ruttershausen 42. 45. Saalberg(Salzburger Kopf) 139. Saalburg 110. Saalscheiderhof 201. Sackpfeife 20. Salzbödethal 43. Sangelberg 144. Sarnau 25, 26. Sassmannshausen 14, 15. Schadeck 150. Schafsberg b. Limburg 163, 167. Schaumburg 186 ff, 190. Scheldethal 20. Scheuern 206. Scheuernberger Kopf b. Kirsch- hofen 146. Schiefergebirge, Rheinisches 1, 2. Schiffenberg 63, 69, 80. 1 Schillereiche— Welschengeheu. Schillereiche b. Giessen 60 Schlossberg(Hilchenbach) 6, 7, 9. Schmitten im Taunus 143, 144. Schönborn 186. Schwalbach b. Wetzlar 109. — Burg b. Zollhaus 181. Schweiz, Hinterländer 43. Seelbach-Arnstein 194. Sellhof b. Marburg 24, 41. Selters b. Weilburg 130. Sichertshausen 42. Siebengebirge 7. Siebenmühlenthal 106— 110. Sieg 1, Quelle 8. Siegen 7, 8. Siegener Schlossberg 7. Siegthal 10. V Simmersbach 20. Singhofen 201. Sinn 113 Sohl 10, 11. Solmsbachthal 121, 123. Sophienhütte(Wetzlar) 93, 125. Spessart 71. Spiegelslust b. Marburg 39. Spiess-Ems 211, 214. St. Georgen 123. St. Georgenhütte 122. St. Goarshausen 198. Staffel 167. Staufenberg 44, 45, 63. Steeten 151. Stein, Freiherr 93, 203, 215. Steinberg 80. Steindorf 121. Sterzenbach 3. Sterzhausen 25. V Steuerburg 146. Stiegelburg 10, 11. Stift b. Braunfels 123. Stockhausen 129. Stollberg 191. Stolzenfels 218. Stoppelberg b. Wetzlar 71, 106. V Strassebersbach 2, 11. — Lahnhof 9. 227 Taunus 63, 71, 77, 105, 178. Teufelskanzel 48. Tiefenbach 3, 123. Treis 46. Treisberg 143. Ulm b. Wetzlar 130. Iniversitäts-Forstgarten b. Gies- sen 69. Usingen 110. Vetzberg 66, 104. Viehofer Feld 6. Villmar 147, 148. Vogelsberg 26, 63, 71. Volkholz 13. Volkstrachten, Hessische 22. Volpertshausen 107. Vormwald 3, 5, 6 ff, 9. Waldschmidts Mühle 200. Wallau 19. Wallau-Dillenburg 20. Wallendorf 130. Watzehahn 169. Watzenborn 80. Webersberg b. Weilburg 136. Weilburg 131 ff, 137, 138, 140, 145. Gasthöfe 131. Geschichtliches 133. Guntersau 136. Orangeriehaus 136. Radfahrer-Verein 131. Schloss 135. Taunusklub 131. Unteroffiziervorschule 137. Weidenhausen 27, 42. Weifenbach 21. Weilfluss 141. Weilmünster 141, 142. Weilnau s. Alt- u. Neu-Weilnau. Weinähr 192. 197. Weinährer Hütte 196, 197. Wellersburg 48. Welschengeheu 13. 15* 228 Wenkbach— Zollhaus. Wenkbach 42. Werdorf 112. Westerburg 171. Westerwald 1, 71, 105 140, 171. Wetschaftbach 25. Wetter 25. Wetzbachthal 109. Wetzlar 44, 62 ff, 88 f, 109 ff. Dom 94, 98, 99. Gang durch die Stadt 102. Gasthöfe 88. Geschichtliches 89 ff. Goethe in Wetzlar 92, 100, 101. Goethebrunnen 95. Industrie 93 ff. Kalsmunt 94, 103 ff. Lottezimmer 100. Metzeburg 95. Oeffentl. Gebäude 96, 97. Post 89. Radfahrer-Verein 89. Taunusklub 89. Wiesbaden 163, 178. Wieseck 42, 48. Wildungenstein 124. Wilhelmshütte 23. Wilhelmsturm b. Dillenburg 118. Wille, Kupferstecher 68. Willmenrod 171. Wilsenroth 171. Winden 142. Windhof 67. Winterberg b. Ems 211. Wintersburg 124. Winterstein b. Nauheim 71, 78. Wissmar 42, 46, 48. Wittgenstein, Schloss 14, 16. Wittgensteiner Berge 7. Wolfshausen 42. Wolfsmühle b. Oberlahnstein 214. — b. Braunfels 124. Wölwenlöcher, Höhlen 137. Wörsbach 164. Ziegenberg 84, 85. Zigeunerkolonie in Sassmanns- hausen 15. Zollhaus bei Diez 181, 182, 198. Verzeichnis—o- der im Inseraten-Anhang empfohlenen Hotels, Restaurationen und Geschäftsfirmen. Seite Seite Arnsteiner Kloster- Giessen Muhle b. Obernhof 2 Jul. Schulze, Tricotwaren etc. 23 Biedenkopf Schuster& Co., Sportartikel 24 Heinzerling'sche Buchhandlung 3 A.& G. Wallenfels, Colonialw. 25 Braunfels Chr. Zimmer, Phot. Atelier 26 Brauerei Obermühle 4 Guntersau b. Weilburg Café Franz, Weinstube 4 Hotel u. Pension Guntersau 27 Terrain-Gesellschaft 5 Hohlenfels bei Zollhaus Diez Restauration H. Schmidt 28 Hotel Victoria 6 Kirchheimbolanden Dillenburg Robert German, Weinhandlung 38 Städt. Kurhaus, Kurverwaltung 7 Kosten Bez. Posen 4 Bad Ems Gust. Selle, Pilulae roborantes 38 Hotel de Russie 7 Laasphe i. W. Giessen Hotel u. Kurhaus G. Kohlstaedt 27 Gg. Appel, Spenglerei 8 Limburg a. L. Carl Becker, Gärtperei. 10 Hotel Nassauer Hof 29 Wh Ponüns, Tapoaiere und 10 Hotel Preussischer Hof. 29 ekorations-Geschä- Ln,. 4 Marburg Brühl'sche Univ.-Druckerei 9 N. Freidhof's Hotel u. Restaur. 30 Café Ebel, Restauration. 11 n Fritz Eccari 1. t 14 Verein zur Hebung des ritz Pccarius, Lampen ditg. Fremden-Verkehrs. 30 Joh. Fischer, Kohlenhandlung 14 A. Gabriel, Kalk- u. Marmor- München 4 werke 51 Joh. Gg. Frey, Lodenfabrik. 39 Hotel Grossherzog- von Hessen 12 Bad Nassau 8 Veunbäch, wPelh eden 13 Josef Bauer, Rest. zur Burg. 31 . Hettler, Wiener Ca 3 7. A. Kröll Söhne, Eisenwaren 16 Pad Neuehahr der 32 H. Kühn, Papierhandlung,— Lhroe Photogr. Apparate.. 16 Schmitten i. 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Schwächezustände, Reconvalescenz, Altersschwäche.— Herr Dr. Zacharias schliesst seine Kritik in der medicinischen Zeitung: „Meinen Herren Collegen kann ich nicht dringend genug die Verordnung der Pilulae roborantes Selle anrathen.“Ü“— Nach Orten, in welchen die Pilulae roborantes Selle nicht zu haben sein sollten, postfrei zu Original- preisen von der privilegirten Apotheke in Kosten, Provinz Posen, zu beziehen a Schachtel 1,50 M. — dopots: Giessen, Pelikan-Apotheke; Würzbung, Rosen-Apotheke; München, Adler-Apotheke; Frankfurt a. M., J. M. Andreae; Berlin, Schering's grüne Apotheke. — gelteste Lodenfabrik Deutschlants= b LrKKLKLL-LL KKrK LKKALLrLrKh— Hünchener Lodenfabrik Joh. Gg. Frey, ÜNCHEN, Windenmacher- u. Maffeistr. fabriziert aus besten Wollen wasserdichte Loden Gebirgsloden, Tuche, Velour, Melton, Damenloden und verarbeitet solche in — eigener Schneiderei— N ATLMAIMDIIMIIT zu Havelocks, Kaiser- u. 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Fünftes Buch: Hessische Volkslieder. Sechstes Buch: Industrie und Gewerbe im Grossherzogtum Hessen. Von Regierungsrat Dr. Edm. Hesse in Darmstadt. Topographische, geologische und statistische UÜbersichten. Von Th. Tecklenburg, Grossh. Ober-Bergrat in Darmstadt. Siebentes Buch: Geschichte Hessens in UÜbersichten. Von Prof. F. Soldan. Das Neuerscheinen des Werkes ist von der gesamten Presse als ein litterarisches Ereignis von grösster Wichtigkeit begrüsst worden und die Neubearbeitung hat durchgängig die ausgezeichnetste Beurteilung gefunden. Darmstädter Zeitung: Alles in allem genommen ist die neue Ausgabe von Künzels„Gross- herzogtum Hessen“ eine echte Perle deutscher Volkslitteratur, möchte sie nur auch bis in die tiefsten Kreise des hessischen Volkes Verbreitung finden, und möchten alle, die dazu berufen sind, Vaterlandsliebe, Treue zum angestammten Fürstenhaus, edle Sitte, Bildung des Herzens, Sinn für Wissen und Erwerbung nützlicher Kenntnisse im Volke zu verbreiten, sich dafür bemühen, den Eingang des Buches in Haus, Familie und Schule mit allen Kräften zu fördern. Die äussere Ausstattung des Werkes ist vorzüglich, der Preis mässig.„, — 41— Verlag von Emil Roth in Giessen. beschichte des brossherzogtums Hessen vom Auſtreten der Chatten bis zur Gegenwart. Von Professor F. Soldan. 8⁰. VIII, 220 Seiten. Mit Titelbild„Landgraf Philipp der Grossmütige“. Geheftet 3 Mk., in eleg. Leinenband(Farben- und Golddruck) 4 Mk. Luxusausgabe in Prachtband mit Goldschnitt 6 Mk. Inhalts-Verzeichnis: I. Alteste Zeit, I— 1247. Die Chatten und die Römer.— Die Chatten und das Frankenreich.— Die Einführung des Christentums bei den Chatten= Hessen.— Hessen in der Zeit Karls des Grossen.— Die Konradiner, Werner, Gisonen.— Hessen unter den Landgrafen von Thüringen.— II. Ausbildung der Landgrafschaft Hessen, 1247— 1567. Der hessisch-thüringische Erbfolge- streit.— Heinrich I. das Kind von Hessen und seine Söhne Johann und Otto. — Heinrich II. der Eiserne.— Hermann der Gelehrte.— Ludwig I. der Fried- fertige.— Ludwig II. der Frei- mütige.— Heinrich III. der Reiche.— Wilhelm I.— Wil- helm II.— Wilhelm III.— Philipp der Grossmütige.— III. Die Landgrafschaft Hessen- Darmstadt, 1567— 1806. Georg l. der Fromme.— Lud- wig V der Getreue.— Georg Il. der Gelehrte.— Ludwig VI.— Ludwig VII.— Ernst Ludwig. — Ludwig VIII.— Ludwig IX. — IV. Das Grossherzogtum Hessen-Darmstadt, 1806 bis zur. ſetztzeit. Ludwig l.— Lud- wig II.— Ludwig III.— Lud- wig IV.— Ernst Ludwig. Aus einer längeren Be- sprechung: „... Mit hohem Interesse folgt der Leser der mit durch- sichtiger Klarheit geschriebe- nen Darstellung des Verfassers und durchlebt nochmals im Geiste all die schweren Kämpfe und Mühen mit, unter denen tüchtige Fürsten und Staatsmänner allmählich das jetzt so wohl arrondierte und organisierte Hessenland ge- schaffen haben.“ 42 Verlag von Emil Roth in Giessen. Hessens Fürstenfrauen von der heiligen Slisabeth bis zur Gegenwart in ihrem Leben und Wirken dargestellt von Alfred Börckel, Hofrat, Bibliothekar an der Mainzer Stadtbibliothek. Die Widmung des Werkes ist von Ihrer Königlichen Hoheit der Grossherzogin Viktoria Meſita, Gemahlin Seiner Königlichen Hoheit des Grossherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein, huldvollst angenommen worden. Mit 16 Porträts und zahlreichen Vignetten. Gross-Oktav-Format. XII und 152 Seiten. urſtenfrauen e Mlfred Mörckel Geheftet 3 Mk., in eleg. Leinenband 4 Mk. In diesem Werke wer- den sämtliche hessische Fürstenfrauen, von der Stammmutter„EFElisabeth die Heilige“ bis zur dermaligen Grossherzogin„Victoria Melita“, in lebensvollen Charakterbildern und chro- nologischer Reihenfolge zur Darstellung gebracht. Der Verfasser schildert nach ge- treuen Ueberlieferungen das Leben und Wirken der einzelnen Fürstinnen im Kampfe mit den Nöten der Zeit, wie im Sonnenschein des Glückes und unter dem Sternenhimmel der Freude. Es erschien auch eine „Fürsten-Ausgabe““ in Folioformat, gedruckt auf feinstem Kunstdruckpapier in Gold-, Rot- und Schwarz- druck, mit 16 Original- photographien, Vignetten, Initialen, Zierleisten; in hervorragend schöner Aus- stattung, gebunden in feins- tem Lederband(Prachtband) mit Goldsechnitt. Preis: 20 Mk. — 43— Verlag von Emil Roth in Giessen. Bei vielen Standesämtern amtlich eingeführt. Die Familien-Stammbücher werden jetzt von allen Standes- ämtern, Pfarrämtern u. s. w. benutzt. Der praktische Gedanke hat sich dank der Unterstützung der Behörden rasch eingebürgert. Viele kennen diese so sehr wertvolle Einrichtung noch nicht, diesen wird es lieb sein, für ihre Kinder noch nachträglich selbst das einzutragen, was sonst der Standesbeamte thut. Das Familien-Stammbuch ist nach den Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches eingerichtet und ent- hält Formulare für Standesamt und Kirche. Vorzüge der Ausgabe sind: Sehr sorgfältige Bearbeitung, vorzügliches Schreibpapier, deutliche Schrift, übersichtlich angeordnete Schemata, gediegene Ausstattung mit Bilderschmuck, handliches Oktav-Format, billigster Preis. Beigefügt sind die in Betracht kommenden allgemeinen gesetzlichen Be- stimmungen, auch über das Impfwesen. Auf eine würdige Ausstattung ist alle Sorgfalt verwendet worden. Preis: Einfache Ausgabe in Halbleinenband 50 Prfg.: Feine Ausgabe, Ganzleinenband m. Goldschnitt u. Goldpressung 1 Mk. Vierte Auflage. — 44— Verlag von Emil Roth in Giessen. Als vorzügliche Jugendschrift bestens empfohlen: Im Forsthaus Falkenhorst. Erzählungen und Schilderungen aus dem Leben im Bergforsthause und Bergwalde. Der deutschen Knabenwelt gewidmet von Hlbert Kleinschmidt. Mit 4 Aquarelldrucken und vielen Textbildern, in Prachtband Mkx. 4.—, brosch. Mk. 3.—. Das Buch will unserer Jugend durch anziehende, aber lebrreiche ruhige Schilderung des Lebens im einsamen Bergwalde den Geist bereichern, das Ge- müt veredeln, die Liebe zur Heimat stärken und festigen! Inhalt: I. Ankunft in Falkenhorst. 2. Abend im Forsthause. 3. Auf froher Streife im Frühlingswalde 4. Mancherlei Abenteuer. Heimkehr. 5. Pfingst- zeit in Falkenhorst. 6. Sommerleben in Falkenhorst. 7. Zur Herbstzeit in Falken- horst.§. In harter Winterszeit. Herr Forstrat Dr. Dieffenbach schreibt: „Mit grosser Befriedigung hade ich„Im Forsthaus Falken- horst“ gelesen. Das Buch ist für Knaben von 10—14 Jahren be- stimmt, als Ersatz für die sog. Indianergeschichtchen. In das Ge- müt des Knaben solchen Alters bringt es in äusserst anregender und spannender Weise Bilder aus dem deutschen Forst- und Jäger- leben ohne Ubertreibung, doch die zur Schilderung passenden Ereig- nisse in den Zeitraum eines ein- zigen Jahres zusammendrängend. Bei voller Frische im Ausdruck hält sich die Sprache des Ver- fassers frei von phantastischen Sprüngen und bleibt korrekt und prägnant. Er fesselt die Knaben an seinen Stoff, regt ihr Gemüt an und begeistert sie zu tüchtigem und edlem Thun. Herr Schulrat F. Polack urteilt in den Pädagogischen Brosamen(1901, 2): Das ist gesunde Lebenskunst, 8 anmutige Wissensbereicherung u. 1 bildende Geistes- und Herzens- kost. Durch das Buch weht frische Bergesluft und gesunder Waldesduft; Wahr- heit und Schönheit gehen Hand in Hand. Nichts von spannenden Abenteuern und doch spannend, nichts von fremdländischem Gewürz, aber heimatwürzig; nichts von unglaublichen Heldenthaten und doch anfeuernd zu rechtem Thun und Leben. Verlag von Emil Roth in Giessen. Ein neues vaterländisches Werk zur Unterhaltung Belehrung: Aus deutscher Vorzeit. Erzählungen für Jugend und Volk von Albert Kleinschmidt. Preis pro Band brosch. Mk. 1.—, in Cafico Mk. 1.25. und Band I.: Brinno, der Ghattenfürst. E. 2 Aus der Zeit der Varusschlacht. 3˙, 150 Seiten mit Titelbild. A 8 Band II.: Wehe den Besiegten. Aus der Zeit des Germanicus. 8⁰, 140 Seiten mit Titelbiid. * Band III.: indmuth. Aus der Zeit des Bonifacius. ———— 83⁰, 140 Seiten mit Titelbild. Seine Königliche Hoheit Grossherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein geruhten die Widmung dieser Sammlung von Erzählungen aus deutscher Vorzeit allerhuldvollst anzunehmen. Pädagogische Brosamen 1901, Nr. 2. Diese Jugend- und Volksschriften haben alle Vorzüge: geschichtliche Färbung, heimatlichen und vaterländischen Geist, spannende Handlung, fesselnde Charakter- zeichnung, schöne Sprache und einen wahrhaft poetischen Hauch. Schulrat F. Polack. ☛ Weitere Bände in Vorbereitung. ☚ d — 46— Verlag von Emil Roth in Giessen. Deutsche Sagen in ihrer Entstehung, Fortbildung und poetischen Gestaltung. Von Professor Dr. Jakob Nover. Band l. Faust. Till Eulenspiegel. Der ewige Jude. Wilhelm Tell. 380 Seiten. Mit 4 Titelbildern. Band ll. Nibelungen. Gralsage und Parcival. Lohengrin. 494 Seiten. Mit 3 Titelbildern. Preis pro Band kartoniert M. 2.50, in Ganzlein wand M. 3.—. Novers deutsche Sagen behandeln in übersichtlicher und gemeinver- ständlicher Weise das Wichtigste und Wertvollste der darüber bis jetzt ge- wonnenen wissenschaftlichen Resultate, welche, kritisch gesichtet, den gebildeten Leser über den Stand der heutigen Forschung orientieren, ihm ein tieferes Eindringen in unsere Sagenwelt vermitteln und ein besseres Verständnis der- selben anbahnen. Berühmte Forscher auf dem Gebiet der deutschen Sage haben den Arbeiten J. Novers ihre Anerkennung geschenkt. Von den zahlreichen günstigen Beurteilungen über Nover, Deutsche Sagen, seien hier nur einige angeführt: Berliner Tagblatt.„Der Verfasser hat sich zweifellos in seinem Thema eine glückliche Aufgabe gestellt, da der Gegenstand seiner Arbeit ebenso interessant als zur populären Behandlung geeignet ist.—— Nover zeigt grosse Vertraulichkeit mit der(einschlägigen) Litteratur. Im ganzen wird jeder Leser dieses Buch— mit Nutzen und Genuss studieren.“ Oesterreichisches Litteraturblatt, redigiert von Dr. Franz Schnürer, Wien:...„Die vorliegenden Essays geben in recht ansprechender Weise eine Darstellung der Entstehung und allmählichen dichterischen Ausgestaltung deutscher Sagen. Im I. Bande hat der Verfasser„beliebte deutsche Volks- sagen“: Faust, Till Eulenspiegel, den ewigen Juden, Wilhelm Tell— im II. Bande„deutsche Sagen des Mittelalters“: Nibelungen, Gralsage und Parcival, Lohengrin behandelt. Neues Material hat der Verfasser nicht beige- bracht, ebensowenig war es seine Absicht, neue Perspektiven in den Stoff zu eröffnen; die beiden Bücher bieten eine auf fleissiger Lektüre älterer und neuerer Quellen beruhende Einführung in das Reich der deutschen Sagenwelt in einer Form und Auffassung, die das Werk besonders als Geschenk an be- gabtere Schüler geeignet erscheinen lassen. Als Lektüre für die reifere Jugend dürften die beiden Bände ihrem Zwecke am besten nachkommen.“ Verlag von Emil Roth in Giessen. Empfehlenswerte ‿— populär-Wissenschaftliche == eetüre. Büchner, Dr. Ludwig,(Verfasser von„Kraft und Stoff“), Kaleidoskop. Skizzen und Aufsätze. Mit Vorwort von W. Bölsche. 440 S. Br. ℳ 6.—, Leinenband ℳ 7.—. — Im Dienste der Wahrheit. Ausgew. Aufsätze aus Natur und Wissenschaft. 468 S. Br. ℳ 6.—, Leinenband ℳ 7.—. — Am Sterbelager des Jahrhunderts. Blicke eines freien Denkers aus der Zeit in die Zeit. 2. Aufl. 372 S. Br. ℳ 5.—, Leinenband ℳ 6.—. — Der neue Hamlet. Poesie und Prosa aus den Papieren eines verstorbenen Pessimisten. 196 S. Br. ℳ 2.—, geb. ℳ 2.50. Das tolle Jahr. Vor, während und nach Büchner, r. Alex. 1848. Von einem, der nicht mehr toll ist. Erinnerungen. 380 S. Br. ℳ 4.—, Leinenband ℳ 5.—. Für meine Freunde. Lebens-Erinnerungen. Moleschott, Jab., Volksausgabe. 326 Seiten. Mit Porträt. Br. ℳ 3.—, geb. ℳ 4.—. Empfinden und Denken. Eine physiologische Rau, Albrecht, Untersuchung über die Natur des menschlichen Verstandes. gr. 80. 385 S. Br. ℳ 8.—, geb. ℳ 9.50. — Ethik Jesu. Ihr Ursprung und ihre Bedeutung vom Standpunkt des Menschentums, gr. 80. VIII, 221 S. Br. ℳ 4.50, geb. ℳ 5.50. Aus einer kleinen Universitätsstadt. Bock, Alfred, e nen Vnzvaral ¹ 2(Giessen). Kulturgeschichtliche Bilder. 115 S. Mit Porträt von Höpfner. Preis geh. ℳ 1.50, geb. ℳ 2.—. — 48— Verlag von Emil Roth in Giessen. Das Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Volk, erläutert von Geh. Justizrat Dr. F. Reatz in Giessen, Mitglied des Vorstandes der Hessischen Anwaltskammer, des Vorstandes des Deutschen Anwaltvereins, der ständigen Deputation des Deutschen Juristentags. Zweite Stereotyp-Auflage. Lex. 8*. VIII, 552 S. Preis br. ℳ 6.—, in eleg. Leinenband ℳ 7.80. Dieses Werk— anerkannt als die beste Ausgabe des Bürgerlichen Gesetzbuches in gemeinverständlicher Sprache— ist von der gesamten Presse vorzüglich beurteilt; von den Empfehl- ungen seien nur einige auszugsweise angeführt: Zeltschrift für Aktien- gesellschaften und Der Handelsgesellschafter. Juristische Monatsschrift. In dem Reatz'schenBuche, das in jeder Privat- und Geschäftsbibliothek wegen seines bleibenden Wertes einen Platz finden soll, ist nichts undeutlich oder zweifelhaft, nein, in schlichter Sprache, in ein- facher und klarer Weise erläutert derVerfasser das Bürgerliche Gesetzbuch, so dass wir das Werk aufs beste empfehlen können. Zeitschrift für das ge- samte Aktienwesen. Juris- tische Monatsschrift.... .. dass demselben keine andere Arbeit mit dem gleichen Ziele ebenbürtig an die Seite gestellt werden kann. Handels-Akademie Leip- zig. Diese Erläuterungen sind sehr reichhaltig und geistvoll und ermöglichen daher ein gutes Verständ- nis des Gesetzes. Das Werk kann, soweit der Inhalt in Betracht kommt, als ein praktisches Buch empfohlen werden. 49— Möbel-Fabrik mit Dampfbetrieb ilh. Reiber, Giessen (Inhaber: Christ. Reiber). (Geschäftsgründung 1815). Verkaufshäuser: Fabrik: Seltersweg 38, Löwengasse I. Bahnhofstrasse 63/65. Kunstgewerbliches Etablissement der Möbel- und Dekorationsbranche. Specialität: Wohnungseinrichtungen. Referenzen u. Kostenberechnungen stehen zu Diensten. Permanente Möbel-Ausstellung. Komplette Zimmereinrichtungen, einzelne Stücke. Vollständige Betten in jeder Preislage. 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ROUTENKARTE zu TAUNUS-FÜHRER. 1 Die roten Linien und Zahlen correspondiren mit den iI führer beschrieherlell WNand LlallSIleeACl GeeObehel Sticle denn Orten enthäalt der Führer eingehendere Beschreibung. 25 320 östl LvFerro— 1 2 e D 2 Leen E a Gebeg Lalben S 1 1 7 2 Le 88 — 2 ezn 2 hAA; B 3. 5 5—— 3 3 6 N„ 3 4 1 3.. 4. 8 8— N 3 8 8„,— LEAn. —— Aeke e. N Höllsladlt, p *.—— 4 e. Gee Feis Grense Eisenbaen Qhaussee fauuen ueg Local Danerboor Srese lgaben Verlags der geographischen Anstalt von L. Ravenstein in Frankfurt M. STADT Markt O5archdorf Dort oeller.Maucs a Aenle Schloss Raumne 4 Hoster Eapelle fbrsehuμ IA agdhus DGases 4 KssicIESfnne Hald. Hotten in Aeter Naasstab 1: 170 000——jy ** 3 Lahnkalk- und 8 Marmor-Industrie ⁸ Aug. babriel jr., biessen. Telefon-Anschlüsse 84 und 88. Massenfabrikationen.—o Kalk- und Marmor-Werke.* DampfLéiegelei. Marmor-Brech- und Mahlwerke. Rege!mãssigern Sommer- und Winter-Betrieb. Zahlreiche vorzügliche Atteste. 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