* — 685585800068da—— S 980,8. 8 5 O G 8597 So 9989,3 Total-Ansicht der Stadt Giessen. 882s5 60☛ 1* S 2 8 4 7 —Sn—2. 5 Eduard Duller. Mit sechs Stahlstichen. — So 6. SUPPLEMENT 8 5, 8 F Aum 6¼ S. S malerischen und romantischen 8 c. ₰½ C; „8 , Schiffenberg. e De utſchland. * anduapea ld -9Seee N SNNSAN 65558d Lnd- Ein 35 — 6 9—— — 5 Giessen 1841, V 8 Verlag von G. F. MHeyer, Vater. 0 6 6) 40. 3 3/6,e N 655555d5888 555555de . 0 5e Der Marktplatz zu Giessen. SSo 00 —(SLLOOKOeoeee W ₰ 8 L e 8 5 8 3 GIESSEN 3 8 ₰ 42 8 ½ 3 und 8 8 5½ AS 5. 5 *. SS seine Umgebungen, 5 4 1 8238 85 8 23 geschildert. 2 25 82 4 858 8₰ 53 5 8. 8 29 98 30 8 41 GIESSEN und seine DUmgebungen, geschildert Eduard DNuller. Mit sechs Stahlstichen. SUPPLEMENT malerischen und romantischen Giessen 1841, Verlag von G. F. Heyer, Vater. A 2 8* 82 ½ 3 ag. 3 3 85 1„ 7nuH adAAle 3 ä AA1ASE n 5oa Sestiei 4 9. iad — 181 126305:5 5 5 4*=dI 8 11 7 I Einleitung. Wemn ihr im Winter, des Abends einsam am Kamine sitzend, wüährend euch der Frost Eisblüten an die Fensterscheiben malt, eines eurer Liebslingsbücher aufschlagt, so findet ihr wohl zuweilen eine verblichene Blume oder ein dürres Laub, wie alte Gefangene, zwischen den Blättern. Ihr hattet sie vielleicht längst vergessen, und nun, da ihr sie plötzlich wiedersehet und aus ihrer Haft erlöset, dünkt euch: sie sprächen ganz leise und doch so bekannt zu euch. Da wird das zarte Geäder des Laubes zu Hieroglyphen eurer eigenen Vergangenheit, und ihr leset so manchen schönen Augenblick, den ihr mit frischen Sinnen genossen habet, als die Blume noch in der Muttererde wurzelte, als das Laub noch saftig am Zweige hing, der sich gastlich über euch wölbte. Ihr pflücktet die Blume, ihr brachet das Laub, als ihr von einem lieben Orte oder von lieben Freunden Abschied nahmet; ihr brachtet sie heim als einstige Merkzeichen der Erinnerung. Und jene Zeit, jener Ort,— nun so fern,— wie nahe werden sie euch plötzlich wieder! Wie eigen traulich umfriedet euch jetzt der magische Kreis dieser nahen Ferne, dieser gegenwärtigen Vergangenheit! Der Zufall, wie er euch vielleicht einst in der Wirklichkeit verstimmte, hat darin nicht Raum; ihr beherrschet euer ideales Reich wie ein unumschränk- ter Monarch, und bunte Reihen gefälliger Gedanken, welche euch umgaukeln, weben über jede düstre Ecke gar schnell einen leichten Teppich voll goldschimmernder Arabesken. 1* — 4— Von solcher Art mun wie jenes Laub und jene Blume sind auch die folgenden Blätter, nämlich anspruchslose Merk- zeichen der Erinnerung an reizende Landschaften, welche man einst,— das Herz voll frischer Jugendlust, die Scheitel von tausend Hoffnungsrosen umduftet,— Arm in Arm mit dem Jugendgenossen oder Gastfreunde durchwanderte, an freie Bergesgipfel, auf denen man die ragenden Burgen, wie greise Hochwächter der Geschichte und Sage, weithin überschaute. Wie durch's sonnige Thal sich der Strom in gefälliger Krümmung Windet, und, wenn er dem Blick eben, der neckende, schwand, Hlinter dem Walde hervor dort plötzlich wieder dich grüsset, Gleich als lenkte den Lauf Liebe ihm traulich zurück; Also umschlinget dich auch der Erinnerung goldener Faden, Den zum magischen Kreis leise die Liebe gewebt. Giessen. Seht, welch ein eigenthümlicher Zauber ist über die Landschaft ausgegossen, deren Mittelgrund die Stadt Giessen einnimmt,— der Zauber idyllischer Ruhe, unter deren lindem Odem sich das Herz so wohl und heiter fühlt, während das Auge mit Befriedigung auf der Schönheitslinie der Bergeshöhen ruht, welche den Horizont schliessen! Es war wohlgethan, dass ich den Spuren des Künstlers nachging, um einen Gesammtüberblick der Stadt zu gewinnen;— man geht nie irre, wenn man das Auge des Künstlers zum ästhetischen Kompass nimmt. Die Spur leitete mich in den Buschischen Garten vor der Stadt. Hier bin ich denn und kann mich über meinen Führer nicht beklagen. In der That: wenige Standpunkte in Giessens naher Umgebung eignen sich wie gerade der vom Buschischen Garten zu einer so vollkommenen Auffassung des Gesammtüberblickes der Stadt und der Landschaft zugleich, wobei die eine durch die andere gleichsam ergänzt wird. Da wechseln im Vorder- grund die zierlichen Baumgruppen, bunten Blumenbeete und dunklen Lauben des geschmackvoll angelegten Gartens mit Gruppen fröhlicher Menschen, welche die nahe Stadt verlassen haben und sich nach des Tages Lasten am Anblick der lieb- lichen Natur erlaben, welche sie umgiebt. Und schweift mein Auge über diese Menschen und jene Blumen hinweg, so folgt es dem hellen Streifen der Strasse, der sich scharf hervorhebt aus dem saſtigen Grün des Wiesengrundes, bis hin zur Stadt, 6 welche sich mir hier fast in ihrer ganzen Breite darstellt. Ein grüner Laubgürtel umschmiegt sie. Ueber ihre Dächer ragt der alte Thurm der Stadtkirche empor. Am äussersten Ende links(von meinem Standpunkt), wo sich die Heerstrasse von Frankfurt allmälig niedersenket, seh' ich auf dem Seltzerberg den spitzen Thurm der neuen katholischen Kirche und das jetzige Universitätsgebäude; es nimmt sich ja fast wie ein hohes stattliches Herrenhaus mit Thürmen und Zinnen aus;— am äussersten Ende rechts fesselt der alte Kanzleithurm mit sei- nem vieleckigen Oberbau meine Blicke. Im Hintergrunde, zu beiden Seiten des Thurmes der Stadtkirche erheben sich zwei Bergesgipfel— Vetzberg(links) und Gleiberg(rechts)—, beide— Burgruinen als Mauerkronen tragend; der breite Rücken des Dünsberges überwölbt sie im sanften Bogen. Rechts endlich schliesst sich an den Gleiberg die kahle Kuppe des Wettenbergs, dessen eigenthümlich abgestufte Vorberge ich von hier aus, wo einer den andern deckt, nur durch ein gutes Fernrohr erkennen kann. So vollendet sich das Landschafts- bild, anmuthig im Ganzen und reich an reizenden Einzelheiten, von deren einer der Blick zur andern eilt, um zur ersten wiederzukehren und mit Behagen darauf zu verweilen. Das also ist die Musenstadt, von der ich in aller Weise so Vieles hörte, bevor ich sie endlich sah! Ich kenne so manchen ernsten Mann, der über Vielem, was er vom Leben lernte, das Lächeln verlernt zu haben scheint,— auf dessen Stirne in Faltenschrift eine lange Geschichte von holden Hoff- nungsblüten, aus denen keine Frucht geworden ist, geschrieben steht. Auch so manchen Greis kenne ich, der, kinderlos in seiner einsamen Stube sitzend, sich dennoch des jungen frischen Lebens draussen in der Welt vor seinen Fenstern freut. Zu- weilen kam das Gespräch, wenn ich den Einen oder den Andern sah, auf Giessen, wo sie studirt hatten. Wie wurde da dem vielgeprüften, ernsten Geschäftsmanne, wenn er von Giessen sprach, das trübe Auge viel heller, als wenn er irgend eine angenehme Neuigkeit erfahren hätte; die Falten auf seiner Stirne glätteten sich und ein ungewohntes Lächeln verschönerte und veredelte die starren Züge des bleichen Angesichts. Denn es war nicht jenes Lächeln, das Aushängeschild eines ironischen — 7— Mitleids gegen sich selbst, womit man in reiferen Jahren Ju- gendthorheiten gleichsam zu entschuldigen sucht; es war das Lächeln der Pietät, das Lächeln einer Versöhnung, welche Vergangenheit und Gegenwart tief im Grunde der Seele feiern. Und sprach der Greis mit dem Silberhaar, dem die schönsten Blumen auf den Gräbern wachsen, sprach er von Giessen, so saly ich wohl, wie eine Thräne an seinen Wimpern hing, eine Thräne der stillseligen Wehmuth, wie sie oft nach einem hal- ben Jahrhundert noch aus dem unversiegten Bronnen der ersten Liebe zu Tage kommt.— Und es ist auch eine erste Liebe, die der Jüngling auf der Hochschule anknüpft und die wie ein leuchtender Faden in allen dunklen Irrgängen des ganzen Lebens ihn leiten soll. Mit dem vollen Feuer einer gesunden, unverdorbenen Seele tritt er aus dem stillen, engumfriedeten Familienkreise des Vaterhauses, welcher die brausende Gäh- rung des jungen Herzens noch weniger fassen kann, als dieses selbst sich versteht,— kommt er aus der Schule, wo der fruchtbare Keim gepflegt wurde, welcher nun die klemme Hülle zu zersprengen, Wurzel zu fassen und sich in hundert Trieben, Aesten und Blüten am Licht der Sonne rasch auszuleben strebt. So betritt der Jüngling die Hochschule. Da ist es ihm zu Muth, als fühle er nun erst plötzlich festen Boden unter seinen Füssen, und doch ist es ein rein idealer Boden, worauf er wandelt;— und doch ist dieser ideale Boden auch wieder ein fester, für jene Herzen nämlich, die im Jugendalter auch wirk- lich jung sind;— leider sieht man so oft auch das Gegentheil! Und eben das Ideal wird des Jünglings erste Liebe. Wie eine Göttin, rein und im überirdischen Glanze zu ihm niederschwe- bend, tritt es aus Rosenwolken vor ihn hin, und alles, was die junge Brust bis jetzt so schmerzlich-wonnig durchtobte, der ganze Elementarkampf des Frühlings, den sie in sich nur fühlte, nicht begriff,— ordnet sich plötzlich zu bestimmten Bildern, scheidet sich in besondere Begriffe, und das junge Herz unterlegt, im rastlosen schöpferischen Drange, den Bildern jene Begriffe, es kleidet die Begriffe in jene Formen, es gibt ihnen jene Namen, wozu es den Antrieb entweder aus den Grundstoffen seiner eigenen Wesenheit oder aus der Richtung der ganzen Zeit empfängt oder aus dem ewig Schönsten aller 8 Zeiten, aller Völker. Diesem erscheint die erste Liebe als Freiheit, Jenem als Poësie, dem Dritten als Wissenschaft,— wehe Dem, dem sie blos als Nährerin erscheint. Doch, wem sie die reine, hehre Göttin ist, o wie reich schmückt sie Der mit dem ganzen Lenz seiner Jugend! Gleich einem fahrenden Ritter schwingt er sich auf das bäumende Ross, den Traum, und durchjaget die Welt nach allen vier Winden, um die Lieb- lingsfarbe seiner Dame auf allen Zinnen aufzustecken. Sein ganzes Leben rollt er wie einen Teppich vor ihren Füssen auf. Und so feurig, so verzehrend wie seine Liebe ist auch sein Hass; ihr seht freilich gar so oft nur die dunklen Rauchwolken aufwirbeln und würdiget die Opferglut nicht, welche diese erzeugte. Wer einen Blick in diese Welt der Jugendzeit gethan, der begreift wohl jenes Lächeln des Freudelosen, jene Thräne des Greises,— Beides, Lächeln und Thräne, hervor- gerufen durch die Erinnerung, Beides vermittelt durch eine andre Welt, die zwischen einer solchen ersten Liebe und einer langsamen, kalten, lebenslangen Selbstentäusserung oder jenem Zeitpunkte liegt, wo man seine Jugend durch die leise lindernde Sühnkraft des Alters wiedergewinnt. Wie manches Andre, Verwandte knüpft sich noch so oft an die Zeit der Universi- tätsjahre! Zunächst jene einfache und unschuldige Liebe des Jünglings zur Jungfrau, jene Liebe, welche, entzündet oder gestanden in einem Augenblick der Begeisterung und Hinge- bung, sich wie ein fröhlicher Schiffbrüchiger nicht blos an den Mastbaum, nein an jeden Strohhalm der Hoffnung anklammert und aus jedem Thautropfen Nahrung saugt,— jene Liebe, die oft Jahre lang wie scheintodt im Sarge liegt und sich dann plötzlich beim ersten Sonnenstrahl wieder so mächtig aufrichtet, die mit so beschränkten Erfüllungen, dennoch so ehrenwerth bescheiden, so jugendlich frisch an den Treu- und Traualtar tritt, wie sie einst—„ihr' Sach' auf Nichts gestellt«— keck hinaussegeln wollte in die offne See. Lächelt nicht über solche Erfüllungen alter Studentenliebe! Es ist etwas Rührendes in dieser Zärtlichkeit des alten Jünglings und der gealterten Jung- frau, in diesem Verhältniss, dem die Zeit den Schmelz der sinnlichen Schönheit nur abgestreift hat, um der Seelenschön- heit Platz zu machen, damit diese ihr Siegel auf die reine —— Treue drücken kann. Und nicht dies allein! Lasst uns auch nach andern Seiten des Universitätslebens hinblicken, nach jenen schroffen eckigen Gestalten, die in den Gleisen des bürgerlichen Lebens ganz ungewöhnlich sind, und die unter der wunderlichen Schale des bemoosten Hauptes so viel Kern, so viel Bieder- keit, bei oft so viel stiller langer Noth, verbergen,— ferner nach jenen edlen und reinen Männerfreundschaſten, die sich, auch als eine erste Liebe, gleichfalls bei grauem Haare jung erhalten,— eine so ungefährliche geheime Verbindung— der Herzen nämlich— als Liebe ist, eine Art von Freimauerei, welche in der Folge zuweilen sogar die schroffen Standesunterschiede ausgleicht und den Staatsrath mit dem ärmlichen Magister gleichstellt. Dies alles passt vorzugsweise auf die Hochschule in der Provinzialstadt, wo sie die hervorragende Hauptsache, wo sie gleichsam Mittelpunkt und Achse des Lebens ist, wo, wenn auch nicht ihre Selbstständigkeit, doch gewiss ihre Eigenthüm- lichkeit schärfer und bestimmter hervortreten kann, als in der Ebbe und Fluth der verschiedenartigsten Interessen, welche das Leben in der Residenz bewegen. In der Provinzialstadt erhält sich im Allgemeinen die feste Gliederung des akademi- schen Lebens; dieses durchdringt meistens das bürgerlich-ge- sellige und überträgt auf dasselbe seine besondre Färbung. Auch der reine und erhebende Genuss der Naturschönheit ist dem akademischen Bürger in der Provinzialstadt mehr erleich- tert, als in der Residenz; denn meistens beherrscht jene eine reizende Umgebung, welche mit ihr ein harmonisches Ganze bildet. Dann hallet jeder kühle Wald, jede Felsenwand und jede Ruine vom Rundgesang der akademischen Jünglinge, und Gôttes Natur ist der grosse Salon, wo es keines Thees und keines Opernenthusiasmus bedarf, um die Herzen zu erwär- men und das bürgerliche Leben mit dem akademischen zu verschmelzen. Und eine solche günstige Lage zeichnet nun Giessen aus. Am linken Ufer der Lahn, in welche die Wieseck rinnt, liegt die Stadt in einer schönen fruchtbaren Ebene, von Wäl- dern und sanften Anhöhen in der Nähe umgeben, von Ge- birgszügen in der Ferne umschlossen. Nähe und Ferne aber — 10— geh'n ganz unmerklich ineinander über, und zu dem Interesse an den Reizen der Natur,— einem Interesse, welches durch die mannichfaltige Abwechselung von Höhen und Thälern, von Wald und Strom, durch die effectvollsten Gruppirungen der Hintergründe stets frisch und neu bleibt,— gesellt sich noch das historische Interesse für das Alter und die gewesene Bedeut- samkeit der umliegenden Schlösser, Kirchen und Ortschaſten. Schon der Gesammtüberblick der Stadt vom Buschischen Gar- ten aus lässt die Schönheit der Umgebungen ahnen. In ihrer vollen Pracht und Grossartigkeit aber soll ich diese vor mir entfaltet sehen, wenn ich den Seltzerberg besteige, und auf dessen Hochrücken meine Blicke die Runde machen lasse. So räth mir ein trefflicher Freund, und rasch befolge ich seinen Rath und nehme seinen Arm; wir steigen hinan. Unser Stand- punkt ist einige Schritte vom Kreuzweg. Da liegt die Stadt mit ihren beiden Kirchthürmen tiefab zu unseren Füssen, nur das Universitätsgebäude raget mit seiner hellen Façade hoch und breit hervor. Gerade über demselben erheben sich unsere Blicke zu dem Wettenberg, den das Volk die»sie- ben Köppel« nennt; und es sind auch eigentlich sieben Hü- gel, welche sich schichtenartig übereinandergipfeln. Von den beiden höchsten Spitzen senkt sich rechts die Linie des Berg- rückens hernieder. Wir verfolgen nun das Rundgemälde in der Richtung nach rechts. Am Fuss des Bergrückens, am rechten Ufer der Lahn, die im Silberglanze schimmert, liegt das Dorf Launsbach; die Thurmspitze der katholischen Kirche weist wie ein Zeiger gerade darauf hin. In der nächsten Schlucht liegt das uralte Pfarrdorf Wissmar. Nun schliesst sich an die Absenkung jenes Bergrückens ein aufsteigender anderer; von dessen beiden kahlen Gipfeln ist der erste breitere der Altenberg, der kleinere rechts nebenan der Lützelberg. Wo sich dieser Bergrücken in den Waldgrund niedersenkt, da öffnet sich ein reizendes Thal, zur andern Seite von einem bewaldeten Bergrücken geschlossen; aus diesem Thale eilt die Lahn von Marburg her, an Bellenhausen, Friedels- hausen, Kirchberg und der Badenburg vorbei nach Launsbach und Giessen zu; den Hintergrund dieses Thales schliessen die blauen Berge, an welchen ich durch ein gutes — 11— Fernrohr das Marburger Schloss erkennen kann. Gerade über dem Buschischen Garten sehe ich die Dörfer Wieseck und Altenbuseck. Nun bilden Waldparthieen den Vorder- grund, auf dem sich mein Auge erholet, bevor es die Berg- züge wieder verfolgt. An dem dichtbewaldeten, hohen Berge gewahr ich hierauf Grossenbuseck und Rödchen; dann steigt der Giesser Wald mählig bis zu der Höhe hinan, auf welcher die wohlerhaltenen Gebäude der weiland Deutsch- Ordens-Kommende Schiffenberg thronen. Den Raum im Hintergrunde, wo er sich zwischen den Senkungen dieser Höhe und jenes Waldberges öffnet, füllen die blauen Spitzen des Vogelsberges in beinahe horizontaler Richtung. Ich habe mich indessen unvermerkt gewendet und sehe jetzt in der äus- sersten Ferne einen Höhenzug beginnen, dessen kahlen Saum der römische Pfahlgrahen markirt, der sich nach Pohlgöns fortzieht. Auf dem höchsten Punkte steht das Pfarrdorf Grü- ningen, nicht weit davon stand einst das im 30jährigen Krieg erloschene Dorf Obersteinberg. Wo dieser Höhenzug sich zu senken scheint, steigt ein anderer aus dem Walde der Lindner Mark empor, und hinter dem Einschnitte, welchen Beide bilden, zeigt sich in der Ferne die Höhe bei Friedberg. Der Mittelgrund ist jetzt fortwährend Wald; im Hintergrund aber erhebt sich jetzt der Hausberg bei Butzbach, und scheint sich in dem langen und hohen Rücken des Hüttenberges, hinter welchem bei günstiger Beleuchtung die Spitze des Feld- berges zu erkennen ist, fortzusetzen. Der nächste Gipfel dieses Zuges ist der Stoppelberg, an dessen Fuss in der Schlucht Mänchholzhausen liegt. Ich sehe Lützellinden und Kleinlinden und in einiger Höhe das freundliche Duten- hofen. Nun gleitet der Gebirgsrücken allmälig in die Ebene hinab, welche er mit einem schmalen Vorsprung schliesst. Hier verlässt die Lahn das schöne breite Thal, in welches ich sie bei Launsbach eintreten sah, und wendet sich hinter jenem Vorsprung, um gen Wetzlar zu eilen. Längs der Oeffnung des Thales gruppiren sich jetzt die Gebirge des fernsten Hin- tergrundes zauberisch schön. Am rechten Lahnufer zeigen sich zunächst Dorlar und Atzbach, dahinter an dem hohen Berg- rücken, dessen Umrisse scharf aus dem Horizont hervortreten, — 12— im plauen Duft halb verschleiert Greifenstein. Vor diesem schiebt sich jetzt ein langer schöngeschwungener Gebirgszug, an dessen Fuss liegt am rechten Ufer der Lahn und am Bie- berbach das anmuthige Heuchelheim, da steht bei der Mühle die breitschattige Linde, unter der schon so manche Jugend- freundschaft geschlossen ward; die Heuchelheimer Mühle (ungefähr eine halbe Stunde von Giessen entfernt) ist das beliebte Ziel so mancher Ausflüge. Weiter oben in der Mit- telhöhe zeigt sich mir Kinzenbach. Auf den Bergen, welche sich hinter diesem Augenpunkte des Mittelgrundes hinziehen, kann man Königsberg, und etwas weiter rechts drüber auf dem Saum des Gipfels Hohensolms gewahren. An diesen Gebirgszug schliesst sich nun der hohe mit dichtem Wald bewachsene Dünsberg. Vor diesem winkt mir der Vetz- berg mit dem Vetzberger Hof. Dann in der Hochebene der weisse Hardthof und auf dem hohen Gipfel rechts die stattliche Ruine des Schlosses Gleiberg, die wie ein Lugins- land auf Giessen herabblickt. Hinter dem Gleiberg ruhet mein Auge auf dem dunklen Crofdorfer Wald von der langen Rundschau aus. Diese ist jetzt abgeschlossen. An den Glei- berg reihet sich nämlich wieder der Wettenberg.— Es wäre schwierig für den Zeichner, das herrliche Panorama in seiner ganzen Grossartigkeit aufzunehmen und dabei alle jene lieb- lichen Einzelnheiten der Gebirgsgruppen getreu bemerkbar zu machen, welche bei jeder wechselnden Beleuchtung andere Formen zu gewinnen, sich bald enger aneinander zu schlies- sen, bald wieder schärfer zu sondern scheinen,— diesen köst- lichen Wechsel von Fruchtfeldern, Wiesen, Wäldern und Höfen; die Wirklichkeit, welche sich bei jeder neuen Beschauung neue Ueberraschungen vorbehält, würde wohl auch die sorgfältigste Aufnahme des Zeichners selbst bei der möglichst besten Aus- führung weit hinter sich lässen. Wie viel schwieriger aber gar, dieses Panorama durch Worte zu skizziren, ohne allzu ausführlich oder unverständlich zu werden! Die Skizze in Worten, welche ich eben versucht habe, sollte auch blos eine Nachhülfe der Erinnerung für Den sein, der sich selbst schon auf dem Standpunkt befand, welchen ich eben einnahm, und der, jetzt vielleicht manche hundert Meilen davon entfernt, sich 8— 13— die Rundschau mit Geistesblicken erneuern will. Wer aber Giessen noch nicht kennt, mag sich dadurch vielleicht einen ungefähren Begriff verschaffen von dem reichen Kranze seiner näheren und ferneren Umgebungen,— einem Kranze, gewo- ben aus dunklem Waldesgrün und duftigem Bergesblau, die Schlösser und Thürme, im Abendroth glühend, schimmern wie Edelsteine darin, und die Lahn ist das Silberband, welches die beiden Enden des Kranzes schön verbindet. Und nun folge ich dem Wege, der mich von dem Hoch- rücken des Seltzerberges zwischen wogenden Saatfeldern gegen die Frankfurter Heerstrasse zu führt, welche gerade nach der Stadt hineinweiset. Da steht an der Strasse die neue katho- lische Kirche, ein einfaches, schmuckloses Gebäude, welches man gut und gern eine Kapelle nennen könnte. Ihr gegenüber seh' ich auf der anderen Seite der Strasse die geräumigen Ge- bäulichkeiten der Universität, die Bibliothek, und das schöne Wohnhaus des Bibliothekars. In einem Seitenanbau befindet sich das chemische Laboratorium. Es ist gewiss eines der merkwürdigsten auf dem Kontinent. Wer kommt wohl nach Giessen, und versäumt, es zu besuchen? Wer? Nur Der, den von der Menschheit nichts interessirt als sein kleines „grosses Ich«. O man muss es sehn, dies Laboratorium, auch wenn man kein Chemiker ist. Der Gelehrte gehe hinein, wie der Studirende und der Gewerbbtreibende. Dies Laboratorium hat einen Ruf, welcher der ganzen Hochschule zu Gunsten kommt,— den Ruf des Mannes, dem es seine vollständige Fimxichtung verdankt. Und tritt man nun hinein, wie ist da nichts mittelalterlich-Düstres, nichts, was uns an Fausts ge- heimnissvolle Studirstube erinnern könnte,„wo’ selhst das liebe Himmelslicht trüb durch gemalte Scheiben bricht.“ Und doch waltet auch hier ein Zauberer, der die Schmerzens- und Zorn- worte des alten Magus:„Geheimnissvoll am lichten Tag lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben«, diesen hingeworfe- nen geistigen Fehdehandschuh kühn aufgenommen hat. Was viele Worte: hier waltet Justus Liebig, dieser scharfe, unermüdliche, schöpferische Geist, dessen Verdienste um die ganze wissenschaftliche Gestaltung der organischen Chemie Frankreich und England anerkannt haben, und dessen anre- — 14— gende Kraft Wissbegierige aus Calcutta und Mexiko um sich her versammelt. Licht, wie des Meisters Geist, ist sein Labo- ratorium; ich möchte sagen: es drückt gewissermassen den Charakter aus, welchen seine Wissenschaft in der neuesten Zeit— und zwar grösstentheils durch seine Beihülfe— end- lich entfaltet hat. Ja, hier umtönet es mich leise, wie Gei- sterstimmen: zit „»Wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und strebt; Wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen Und sich die goldnen Eimer reichen, Mit segenduftenden Schwingen. Vom Himmel durch die Erde dringen, Harmonisch all' das All durchklingen!“ Ich fühle hier tief die Wonne des Forschers nach vollbrachter Forschung, wenn ich ihm auch nicht folgen kann,— dies erhebende Gefühl: das Todte zu beleben durch die Kraft des freien Geistes,— eine ächte Herrscherwonne, wie sie so leicht kein Herrscher fühlt, lässt sich dem Forscher nachfühlen, der keine Autorität anerkennt, als die des ewigen Gesetzes und auch diese nur, weil er sie geprüft hat und probehaltig fand. Doch ich muss mich von dieser Stätte trennen, die ich nicht beschreiben,„ sondern deren Eindruck ich nur andeuten wollte. Geschmackvolle und freundliche neue Gebäude zieren den Seltzerweg, welchen ich jetzt, in die Strasse links einbie- gend, zur Seite lasse, um durch Gärten und Wiesen an's Ufer der Lahn zu eilen. Welch ein reich gesegneter Fruchtboden, wohin ich rings blicke! Von welcher üppigen Fülle strotzt die Vegetation! Es ist eine wahre Freude, diese Gärten zu betrachten, wo jeder Obstbaum ein kleiner offner Tempel scheint, dessen schlanke hölzerne Säulen die Stützen sind, auf denen die Zweige wie eine Kuppel rühen, und wo Laub und Obst mannigfaltig- zierliche Kapitäle und reiche Festons bilden. Schade, dass die Blumen, diese sprachlosen und doch so sinnigen Jungfrauen, sich nicht auch in ihren Festkleidern zeigen, womit sie die mütterliche Erde hier so gerne ausstat- ten möchte, wenn auch der Mensch darauf Gewicht legte, wie zum Beispiel in dem nahen Wetzlar, wo Göthe’'s Jugendgeist — 15— über den Blumen schwebt. Hier in den Gärten Giessens neh- men sich die Blumen einfach wie hübsche Landmädchen oder brave zierliche Bürgerstöchter zwischen den sorglich gepfleg- ten Gemüsen aus; der praktische Hausmannssinn opfert das Schöne gern dem Nützlichen oder begnügt sich wenigstens, das Erstere von der Natur zu empfangen, während er das Letz- tere zu veredeln strebt. Dies gilt natürlich nur im Allgemei- nen; denn in einzelnen Gärten reicher Besitzer empfängt uns Flora wie die elegante Dame vom Hause im reichsten Schmuck. Und nun bin ich plötzlich bis vor das Neustädter oder Lahn-Thior gekommen. Dicht vor mir rauschet die Lahn, welche hier eine Fuhrt gestattet, weiter oberhalb derselben wölbt sich die alte und hohe steinerne Brücke. Ein Denkmal alter Zeit! Ich gönnte dieser Brücke gern ihr Dasein, wenn sie nur bequemer wäre, so dass man sie zu Wagen passiren könnte,— nämlich ohne Gefahr, dabei den Hals zu brechen. Vielleicht macht dieser fromme Wunsch Eindruck auf sie, und sie wird einmal über Nacht etwas humaner. So lang sie es aber nicht ist, gesteh' ich gern, dass ich sie lieber gar nicht sähe, sondern eine bequeme und solide neue statt ihrer. Es ist gewiss gar schön, das Alterthümliche zu ehren, aber es ist noch schöner, den Anforderungen der Gegenwart bereitwillig zu entsprechen; denn der Lebende hat doch wohl die nächsten Rechte! Der Fremde, der zum erstenmal hierher kommt, kann sich eines ironischen Lächelns wohl kaum erwehren, wenn er sieht, dass jedermann es vorzieht, mit der elegantesten Equi- page— durch die Lahn zu fahren, statt über die Brücke, welche kaum hundert Schritte oberhalb der Fuhrt steht; und so ist die Lahn, statt von Schiffen, von Fuhrwerk aller Art belebt. Ueberhaupt erweckt der Anblick der Lahn allerlei andre Gedanken. Da fliesst sie an der gewerbfleissigen, wackren Stadt so traurig hin, als schäme sie sich, dass man sie bisher noch nicht gewürdigt hat, ihr befrachtete Schiffe anzuvertrauen, welche sie in den Rhein hinabtrüge. Und es ist doch etwas Eigenes um den Verkehr! Ein neuer Verbindungsweg, der ihm geöffnet wird, belebt gar schnell elf andere, und alle zwölf sind dann eben so viele Gäste, welche sich bei der Industrie zu Tisch einfinden und sie freundschaftlich nöthigen, — 16— mehr aufzutragen, als bisher für den Hausbedarf grade aus- reichte. Was gilt die Wette: jener fatale„dreizehnten Tisch- genosse, der vielleicht bis dahin der einzige war, nämlich Meister Stillstand, der so gern breit im Lehnstuhlsitzt, der so gesund aussieht und doch die Abzehrung in sich trägt, stirbt dann, wie irgend ein ominöser»Dreizehnter«, bevor ein Jahr vergeht. Hiermit will ich übrigens keineswegs sagen, dass der»Stillstand“, oder wie er seiner Charge nach wohl heissen sollte: der»Rückschritt«, gerade hier in Giessen zu treffen sei. Im Gegentheil: dieser traurige Schmarotzer, die- ser Spassmacher nach der Leiche findet hier allzuviel Rührig- keit, als dass es ihm gefallen könnte. Allein,— wer kann uns denn dafür gutstehen, dass er sich hier nicht— aller möglichen polizeilichen Aufsicht zum Trotz— dennoch mit der Zeit einschmuggelte, wenn das naturgemässe Bedürfniss des hiesigen industriellen Bürgerthums: gleichen Schritt mit der Gegenwart zu halten, nicht befriedigt werden sollte? Giessen ist eine von den lebhaſten Schlagadern der Provinz Oberhes- sen, deren Blutcirkulation nicht ins Stocken gerathen darf, ohne dass der ganze Organismus darunter leidet. Und unsre Zeit folgt bei solchen Fällen dem alten Grundsatz des Hippo- krates:»Was die Arznei nicht heilt, heilt das Eisen.“ Die Arznei ist die Schiffahrt, die Eisenbahnen sind das Eisen. Es ist, um wieder auf Giessen zurückzukommen, ganz unberechen- bar, welche Vortheile Giessen gewänne, wenn es durch eine Eisenbahn mit dem Rhein einerseits und mit dem Norden ander- seits als natürlicher Mittelpunkt in nähere Berührung gebracht würde. Ueberhaupt, wer hat die Vortheile der Eisenbahnen bis jetzt ndch völlig richtig berechnet? Man rechnet meistens gar zu ausschliesslich nach Zahlen, ohne auch jenes Kapital in Anschlag zu bringen, dessen Zinsen, statt Jahren, oft blos Augenblicke bedürfen, um selbst zum Kapital zu werden und wieder Zinsen zu tragen. Doch, wie kam ich denn nur auf einmal mitten in diese Gedankenarabesken, wo sich eine Ranke aus der anderen entspinnt und neue Triebe ansetzt? Halt, ich vermuthée es. Mir war's, als hätt' ich dort durch die Zweige der Ufergebüsche eine Jungfrau in reizender Blässe gesehen; sie tauchte aus den Wellen empor und schlug einen — 17— grünen nassen Schleier zurück; einen blauen Blumenkelch hielt sie in der Hand, und aus den goldnen Staubfäden wuchsen die Arabesken hervor; und ein leises Klingen zog drüber hin, ein melodisches Rauschen, wie ein Lied von ferner Zeit. Ge- wiss: das war die schöne Lahnnixe. Aber war Vergangenheit oder Zukunft der Inhalt des Liedes? O lasst mich laâuschen und alles vergessen, was rings um mich ist. So sass ich lange einsam auf einer Bank(denn mein Freund, der mich auf den Seltzerberg begleitet, war in die Stadt zurückgekehrt) und horchte; aber das leise Klingen wollte sich nicht wieder verncehmen lassen. Und mittlerweile ist es Abend geworden, die Dämmerung webt ihre Schleier über das Landschaftsbild. Nur wenige Wandrer sind noch auf den Strassen und Feldwegen, der Landmann, der vom Acker ins Dorf kehret, der Landkrämer, der seinen bescheidnen Einkauf in der Stadt besorgt hat;— bald schwinden die dunklen Gestalten in den Schatten. Auch die Formen der Gebüsche am Ufer, welche noch vor kurzem so scharf hervorgetreten in der letzten Helle des Horizonts, verschwimmen jetzt in breite und undeutliche Massen. Da tritt der Mond aus den schweren Wolkenschichten hervor und grell beleuchtet sein bläulicher Schein den alten Thurm auf dem Gleiberg; in der gespenstigen Beleuchtung scheint mir dieser jetzt näher als am Tage. Schaurig still ist's rings um mich her; nur der gedämpfte Schall eines Studentengesanges dringt aus der Stadt herüber. Bald verstummet auch er und lauter wird jetzt das Rauschen der Wasser. Gewiss: das ist die Nixe hinter den Büschen. Sie hat jede Hülle abgelegt und wiegt sich auf den Wassern im Mondenstrahl und erzält von Geschicken alter Zeiten, die sie gesehen. Ich horche, was sie verkündet. Wie die magischen Töne leise erklingen, verändert sich vor meinen Blicken das Bild der ganzen Landschaft. Ich sehe die Wasser frei und wild dahin rauschen, noch trägt der Strom kein Brückenjoch. Dichter Urwald bedecket die Höhen und die Ebene an beiden Ufern; unter den alten heiligen Bäumen aber streifen kühne Jäger umher, mit durchdringenden Blicken aus blauen Augen. Hier wandeln Jünglinge, ungeduldig nach 2 — 18— dem ersten Feindesleben; denn schon tragen sie den Bart und lange wallt ihr Haar, und die Sitte gebeut, ihnen Haupthaar und Bart wachsen zu lassen, bis sie einen Feind erlegt. Die Männer dort tragen eiserne Ringe, wie schmäliche Fesseln; aber sie haben sich diese selbst angethan, bis sie durch Fein- desmord sich davon lösen. Hier schwächt das Alter die wilde Tapferkeit und die Freiheitslust nicht, die dem stämmigen Volk eigen sind, das den Frieden hasset, das das Feld nicht bauen mag, und das, hat es keinen Feind, mit dem gewalti- gen Hochwild ringet. Es sind die Katten, die hier hausen. Hoch und schön, stolz und züchtig tritt die Jungfrau mit dem langen Goldhaar in der kriegerischen Männer Mitte; die Mutter hüllt ihr neugeborenes Kind nicht in warme weiche Decken, sie trägt es hinaus an die kalte Fluth und taucht es hinein und weiht ihm den Leib zu Kraft, das Herz zu Muth und Freiheitslust. 3 Horch: römischer Heeresruf schallt durch den Urwald. Nun kann sich die unzähmbare Tapferkeit mit erprobter Kriegskunst messen; nun gibt es Ringe zu lösen, nun Kinn und Stirn und Nacken in Feindesblut zu enthüllen. Denn die Freiheit der Katten ist in Gefahr; und schon hat der Römer den Pfahl- graben als einen Grenzwall seiner Herrschaft gezogen. Der Kampf entbrennt und für ferne Zeiten bleiben seine Spuren auf den Wahlplätzen; von Geschlecht zu Geschlecht geh'n die Namen Leichenau, Römerloch, Kattenfeld*) über.— Es ist nicht der einzige Kampf zwischen Katten und Römern; viele folgen und die Römer lernen der Katten Tapferkeit ken- nen. Aber auch gegen andere deutsche Stämme zieht das gewaltige Volk in den Streit aus; Siege und Verluste wech- seln; und endlich schmilzt der Name der Katten in dem gros- sen Bund der Stämme ein, in dem gefürchteten Gesammtnamen: Franken. Wie schwere Gewitterwolken, vom Sturm gepeitscht, am Himmel sich jagen, so auf Erden die Geschicke der Völker. Eine sternlose Nacht liegt lange über diesem Boden, und wie die dichten Nebel sich wieder erheben und zerstreuen, tritt *) jetzt»Katzenfeldæ. — 19— (vom siebenten Jahrhundert an) allmählig der Namen Hessen hell hervor. Ein grosses Frankenreich hat sich aufgethan, von Königen beherrscht. Die deutschen Lande sind in Gaue getheilt, denen Grafen vorstehen, die Unterabtheilungen der Gaue heissen Centen und Marken. Die hiesige Gegend wird theils dem Nie- derlahngau, theils der Wetterau zugerechnet und christliche Glaubensboten durchziehen sie. Welch ein verändertes Bild der Landschaft! Das Christenthum hat sie gelichtet; es hat die uralten heiligen Eichen, unter denen die Väter ihren ein- fachen Naturgottesdienst hielten, gefällt. Auf der Höhe, die sich zur Fuhrt der Lahn herniederneigt, steht jetzt ein Dörf- lein, genannt Selters und ein Kirchlein, St. Peter zu Ehren geweiht, am jenseitigen rechten Ufer ein anderes Dörflein Croppach. Die Herren der Gegend sind aus dem Konradi- nisch-salischen Geschlecht; in kirchlicher Hinsicht gehört sie zur Trierschen Diözese, und zwar zum Archidiakonat Diet- kirchen, zum Dekanat Wetzlar. Mittlerweile hat sich das Lehenswesen entwickelt, und mächtige Geschlechter breiten sich aus, und stattliche Burgen erheben sich auf den Bergesgipfeln zu Schutz und Trutz. Schon wächst dort auf dem Gleiberg aus Basaltquadern der Thurm heran. Von seinen Zinnen über- schauen zwei Grafen aus Lothringen das schöne Land, das ihr Eigen ist; eine Erbiochter des fränkischen Hleræogshauses brachte es an jenes Geschlecht. Und herrlich ist dieser Stamm der Grafen von Gleiberg; stolz stehen sie unter den Gros- sen des Reiches. Eine Tochter des Geschlechts, die Gräfin Klemenzia, stiftet in der Nähe das Kloster Schiffenberg, und nun schwindet immer mehr das Dunkel der Wälder und statt ihrer kommt immer mehr neuangerodetes Land hell an's Licht der Sonne. Noch heisst die Gegend blos das„Wiesecker Thal«, vom Wieseckflüsschen, das es durchrinnt. Da erbauet Graf Wilhelm von Gleiberg(gegen Ende des 12ten Jahr- hunderts) diesseits der Lahn eine Burg zur Vorhut für die neuangelegten Dörfer und die Burg heisst fortan»zu den Giessen«. Seine Erbtochter Salome nennt sich(1197)»Gräfin von Giessen.“ Durch ihre Vermälung mit Hugo von Eberstein erbt ihre Tochter Mathilde die Herrschaft Giessen als einen Theil der Graſschaft Gleiberg, und Mathildens Sohn von dem 2* — 20— Pfalzgrafen Rudolf von Tübingen so wie ihr Enkel sind fort- während Herrn von Giessen. Der letztere, Ulrich Pfalzgraf von Tübingen, verkauft 1265 die Herrschaft Giessen an Hein- rich das Kind, Landgrafen von Hessen, einen Enkel der heiligen Elisabeth und Sohn des Herzogs Heinrich II. von Brabant. Schon 15 Jahre vor diesem Verkauf kommt Giessen urkundlich als Stadt vor. Zwar kann sich die Burg»zu den Giessen« an Umfang mit jener stattlichen älteren nicht messen, welche stolz und frei vom hohen Felsengipfel auf sie herabblickt. Aber so tief die Burg zu den Giessen in der Ebene liegt,— sie ist doch fest und sicher durch die Wasser; sie ist der Liebling der Nixe, die ihre Arme um sie breitet, um sie vor Gewalt zu schützen, und, käme ein Feind, so erhöbe sich die Nixe zürnend und riefe die Wasser der Ebene herbei, die ihr gehorchen. Sieh, wie die ausgesteckten Fähnlein auf den Zin- nen wallen! Da kommt der Adel von seinen offnen Sitzen in der Nachbarschaft herbeigeritten, und bauet sich an neben der Burg und ziehet fröhlich ein, des guten Schutzes sich freuend, den er hier findet. Da wird so mancher Freie und Adelige ein Burgmann zu Giessen, und die Burgmänner rich- ten mit Gottes Hilſe den Burgfrieden unter sich auf, zu ihrer Aller Ordnung, Gesetz, Heil und Ansehn weit und breit. Es sind bedeutende Dynasten unter diesen, so die Herrn von Buseck, von Merenberg, von Falkenstein, von Nordeck, von Cleen, von Weitholshausen, von Schwalbach, die Riedesel, die Schenk zu Schweinsberg. Sie haben erbliche Burglehen und sind die Schöffen und stellen den Schultheiss. Sie schützen die Stadt in der bösen Zeit der Fehden gegen jeden Feind. Dieser Schutz, welch ein köstliches Gut, lockt immer mehr fleissige Leute aus dem Volke herbei; und sie siedeln sich, weil innerhalb der Ringmauer kein Platz mehr ist, auch um dieselbe ausserhalb an. So wächst gegen die Lahn hin all- mählig die Neustadt heran; immer kräftiger entfaltet sich dabei das edle, deutsche Bürgerthum. In der Stadt Giessen aber erhebt sich eine Kapelle, dem heiligen Pankratius und der heiligen Maria geweiht, noch immer abhängig von der alten Mutterkirche zu St. Peter in Selters. Landgraf Otto — 2— stellt(1325) alle Bürger, die ausserhalb der Ringmauer wohnen, an Rechten und Freibriefen mit jenen innerhalb der Ringmauern völlig gleich. Die Stadt führt den Buchstaben G von Silber, oben mit einer goldnen Krone geziert, im Wappen; in dem G aber steht ein rother Löwe mit schwarzen Flügeln, im blauen Felde. Das junge Bürgerthum lässt seiner nicht spotten. Durch Mauern fest, ist es noch fester von Sinnesart; die Kraft und der Muth der Urväter, denen Mauern verhasst waren, hat sich im Bürgerthum erhalten und in neuer Weise erfreulich entfaltet; der uralt eingeborene Freisinn hat durch den Sim für Ord- nung und Gesetzlichkeit seine Weihe bekommen. Die Tüch- tigkeit der Bürgerschaſt von Giessen zeigt sich schon bald nach jener Anordnung des Landgrafen Otto. Er hatte langen Zwiespalt mit dem Kurfärsten Peter Aichspalter von Mainz. Dessen Nachfolger, Matthias, belagert, mit dem streitbaren Kurfürsten Balduin von Trier verbündet, 1327 das feste Gies- sen und erstürmt es nach mannhaſtem Widerstand. Nun wal- tet das Kriegsvoll in der eroberten Stadt voll Uebermuth gar übel gegen Zucht und Recht. Aber die Bürger erdulden's nicht lang. Wenige Wochen vorbei; da schallt es in allen Gassen:»Waffen zur Hand!« und die Bürgerschwerter blitzen, die Uebermüthigen flieh'n; die Bürger aber übergeben die Stadt ihrem Landgrafen getreulich wieder. Sagt an: was gibt es Edleres im Staat als Bürgersinn? Was stützt Fürsten so sicher? Und was ſestigt so gut, wie Freiheit, die Kräſte zu üben, die sich in schlimmen Zeiten erprobten? Und immer stattlicher wächst die Bedeutung Giessens heran, wie die Landgrafen die Stadt mit Freibriefen begaben, so Heinrich, zubenannt der Eiserne(1367), so Hermann, zubenannt der Gelehrte(1400), und Wilhelm(1498). Kaiser Maximilian I. verleiht der Stadt(1497) einen freien Jahrmarkt auf 8 Tage. Auch die neue Richtung des Handelsweges wird für Giessen von grossem Einfluss. Die Verbindung zwischen dem deutschen Norden und Süden verfolgt den Zug über Giessen und Marburg. Die Heerstrasse bringt der Stadt Güter und Kaufleute; die engen krummen Gassen wimmeln von Menschen, und die Münze mit aller Herren Wappen rollt rascher von Hand zu Hand. Wohl- — 22— habenheit hat stets auch auf das Zunehmen der politischen Bedeutung einer Stadt für's Land wichtigen Einfluss, denn sie dient dem Selbstgefühl als Pfeiler, wenn auch nicht als Fun- dament; dies bleibt stets die Gesinnung. Und die Gesinnung ist in Giessen eine unwandelbare Liebe zum Fürstenhause. In der verhängnissvollen Zeit der Irrungen zwischen den beiden Brüdern, dem Landgrafen Ludwig dem Freimüthigen und Hein- rich III, steht die Stadt Giessen(1469) in der Reihe der Vermittler. Nach dem Tode des Landgrafen Wilhelm II. soll sie mit Kassel, Marburg und Eschwege dessen letzten Willen vollziehen;— Beweise der höheren Bedeutung, welche sie errungen hat, der achtunggebietenden Stellung, welche sie im Lande behauptet. Was rauschen die Wasser plötzlich so mächtig? Das klingt wie Gesang von alten Helden, wie ein hohes Lied von deutscher Kraft und Herrlichkeit! Welche Zeit, o Nixe, sahst du so sonnig über dir aufgehen, dass du alle Töne der Freude so hell und voll austönen lässest? Der Frühling kommt, mit Helm und Speere, Ein leuchtend Schwerdt in seiner Hand; Er zieht heran für deutsche Ehre, Sein Ruf: Ein freies Vaterland! Nicht länger soll in dumpfen Mauern Des Volkes allgemeiner Hort, Der Geist— als ein Gefangner trauern, Nicht länger sei gebannt, o Wort! Da spannt der Lenz den goldnen Bogen, Die Pfeile fliegen weit und breit; Und Fürsten kommen hergezogen Zu ihm als ritterlich Geleit. Sie reichen sich die starken Rechten, Und freudig ruft ihr bester Held: „Die Wahrheit treulich zu verfechten Gilt mehr als alles Gut der Welt!“ 3 Das sind die Grundklänge des hohen Liedes: Reformation, und stark hallt ein Fürstenname hindurch: der Name Philipps des Hochherzigen. Wie durchgreifend tritt seine markige Gestalt aus den zahlreichen Gruppen seiner Zeit in den Vor- dergrund, zur rechten Zeit handelnd, entscheidend, wo die Andern bedenklich zögern, und durch Beharrlichkeit im Leiden doppelt ehrwürdig. Wie erhebt die unerschütterliche Treue der Hessen für ihn! Er verdient sie durch jene Treue, welche er selbst der höchsten Idee seiner Zeit auch noch im Kerker bewahrt. Er ist ein durch und durch deutscher Charakter, gross und bewusst als Fürst in jeder Epoche seines wechselvollen Lebens. Seine Worte in Worms zu Luther,— seine Worte in Augsburg zu Karl V., sein Streben, Luther und Zwingli zu versöhnen, seine kühne That für den Gastfreund Ulrich von Würtemberg, die Volksüberlieferung von jener Münzle- gende:»besser Land' und Leut verloren, als einen falschen Eid geschworen“, sein Leben in der niederländischen Haft;— welche Blüten für einen Kranz! Noch heute strömt ihr Duft Begeisterung. In welcher völlig veränderten Gestalt zeigt sich nun das Bild Giessens zur Zeit Philipps des Hochherzigen! Vier Jahre, bevor er den evangelischen Gottesdienst in Marburg einführte und die Leiche seiner Ahnfrau, der heiligen Elisabeth, einer abergläubischen Verehrung entzog,— findet Luthers Refor- mation in Giessen Eingang(1535). Daniel Grieser ist dort der erste evangelisch-lutherische Prediger. Der Landgraf erfasste hohen Sinnes vorzugsweise in der Reformation ihr erhaltendes Prinzip. Wodurch ein erhaltendes? Durch Volksbildung, durch Volksveredlung. Dieses Prinzip, in Philipps Herzen festwur- zelnd, trieb in der Stiftung der Universität Marburg eine der edelsten Blüten. Es wirkte heilsam auf das ganze Schulwesen; es brachte— durch Stiftung von Spitäler den— Leidenden, den Kranken und Hilflosen Trost und Linderung, und es befestigte das auf wechselseitiges Vertrauen begründete, innige Verhält- niss zwischen dem Fürsten und dem Volke. Als Fürst, der es gewagt hatte, für die Behauptung einer Idee der ganzen Macht eines Karls V. gegenüberzutreten, sucht Philipp sein Land auch für alle Wechselfälle des Geschickes zu schützen. Desshalb befestigt er die wichtigsten Orte Hessens mit Ein- sicht, Sorgfalt und jener durchgreifenden Raschheit, die den entschiedenen Charakter bekundet. So wird auch Giessen in eine Festung verwandelt! Philipp beginnt das Werk 1530, und dabei entgeht seinem geübten Blick keine Gelegenheit des — 24— Ortes; die Häuser wie auch die Peterskirche im alten Dorfe Selters werden niedergerissen, damit die neue Festung keinen haltbaren Ort in der Nachbarschaſt habe. Und, wie der klare, kräftige Geist es gewollt und angeordnet, so wird das Werk vollbracht; nach Verlauf von vier Jahren stehen die Werke festgemauert, die Wälle, die tiefen Gräben fertig zu Schutz und Trutz. Aber nur wenige Jahre vergehen, da bricht das Unglück über die Protestanten herein; da lässt Kai- ser Karl V. den Landgrafen, diese starke rüstige Rechte des Protestantismus, in Haft halten und die hessischen Festungen schleifen. Dieses Schicksal muss auch Giessen(1547) theilen und der Graf von Solns, als kaiserlicher Kommissär, entledigt sich mit grossem Diensteifer des ihm gewordenen Auſtrages, die Befestigungswerke Giessens zu zerstören. Wie aber Phi- lipp in Folge des Passauer Vertrages von 1552 nach fünfjäh- riger harter, oft unerträglicher Haft in sein Land wiederkehret, da greift der vielgeprüfte Fürst, ungebeugten Sinnes, den alten Plan wieder auf, und beginnt(1560) den Bau der Festungs- werke Giessens auf's neue. Wie viel Treue, wie viel Auf- opferung des Volkes liegt innerhalb des Kreises, der jene „Kustodie“ des Landgrafen umschliesst! Und wie viel ächt fürstliche Gesinnung liegt wieder in seinem Testament bewahrt, in den Eemahnungen an seine Söhne: dem evangelischen Glau- ben, dem Recht und sich selber treu zu bleiben! Durch die Landestheilung Hessens nach Philipps Tode (1567) steht nun das Oberfürstenthum Hessen mit Giessen unter dessen siebentem Sohn, dem Landgrafen Ludwig IV. von Hessen-Marburg. Dieser erbaut in Giessen ein fürst- liches Schlossund überweist die alte Burg dem Stadthaupt- mann zur Wohnung; er baut ferner die steinerne Brücke über die Lahn und(1586) das geräumige Zeughaus mit sei- nen vielen hohen Giebeln, ein treues Denkmal des verfallen- den Geschmackes in jener Zeit. Da stehen die metallenen Geschütze mit ihren drohenden Umschriften, da prangen in zierlicher Ordnung die Schwerter und Hellebarden und, wie in Schlachtreih gestellt, blitzen die reichen Rüstungen. Er sorgt für die Verbesserung der Festungswerke, wie die von Petrus Paganus verfasste Inschrifſt auf dem Selzer Thore besagte: — 25— „Caplus erat princeps uon Marte sed urte Philippus, Cum bene manitum destrueretur opus. MNominis hoc patrü Ludovicus amore refecit Anno bis septem lustra sequenle nouo. Principe dignus honos, patriae sarcire ruinas, A quibus Hassiacos, Christe, luere polos. Und als Ludwig IV.(1604) stirbt(mit ihm erlischt auch seine Linie), erwächst gar bald eine bedauerliche Spannung zwischen den Gliedern des fürstlichen Hauses. Zwar hat Ludwig IV. in seinem letzten Willen verordnet:»Marburg soll eine Ge- sammtuniversität, so wie das stattliche Zeughaus in Giessen mit seinem reichen Kriegsbedarf unzertrennt, der evangelisch- lutherische Glaube bei allen Nachfolgern aufrecht bleiben und endlich das Testament selber in voller Kraft.“ Aber alle diese Satzungen vermögen den Unfrieden zwischen den Linien Darm- stadt und Kassel nicht zu ersticken. Endlich wird ein Aus- tragsgericht, um den Zwist zu schlichten, bestellt, und dies entscheidet also:»der Kasselschen Linie soll die Universität Marburg, der Darmstädtischen die Festung Giessen mit dem Zeughaus verbleiben.“ Aber auch damit ist die Irrung noch nicht ausgeglichen. Sie nimmt vielmehr zu, als Landgraf Moritz von Hessen-Kassel die reformirte Glaubenslehre in Marburg einführen will, und zwar mit Gewalt,— das schlechteste Mit- tel, um religiöse Ueberzeugungen zu begründen. Welche Be- ziehung hat dies für Giessen? Es scheint: keine; und den- noch ist's eine wichtige, in einer Zeit, wo eine religiöse Form noch so vielen Brennstoff in sich trägt. Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt nimmt nämlich die lutherisch- gesinnten Theologen und Professoren von Marburg, welche sich weigern, die sogenannten Verbesserungspunkte des Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel zu unterschreiben und desshalb flüchtigen Füsses aus Marburg fortziehen, mit offnen Armen in seinem Lande auf. Er stiftet nach Uebereinkunft mit seinen Land- ständen 1605 in Giessen ein„gymnasium illustre“ und ein „paedagogium trilingue“. Erster Rektor des Gymnasiums ist Johann Winkelmann. Aber damit ist der eifrige Landgraf Ludwig V. nicht zufrieden. Eine Hochschule soll sich in — 260—- / seinem Lande, soll sich in Giessen erheben; desshalb reiset er selber zum Kaiser Rudolf II. nach Prag und ruhet nicht und sparet kein Geld, bis er am 19ten Mai 1607 dessen Be- stätigung und Freibriefe dafür erhält. Inzwischen wird unterm Schall von Pauken und Trompeten am 25. August desselben Jahre der Grundstein zum Kolleggebäude gelegt und am 5ten Oktober findet die feierliche Einweihung der neuen Hochschule im Rathhaussaale statt. Der Landgraf selbst eröffnet sie mit einer Rede, sein Kanzler verliest die kaiserlichen Privilegien, und als Symbole derselben werden der Hochschule zwei sil- berne Scepter mit goldenem Zierrath überreicht. Hierauf ruft der Landgraf den Doktor Antoni zum Rektor und Kanzler der Universität aus, dann werden 28 Kandidaten mit der Magi- sterwürde und dem Bakkalaureat bekleitet und eine religiöse Handlung in der Stadtkirche, wobei die Scepter eingesegnet werden, beschliesst die Feierlichkeit. Die neue Universität wird reich begabt und die Studenten erhalten grosse Vergünstigun- gen. 1609 schenkt der Landgraf einen Theil des Burggartens hinter dem Kolleggebäude, welcher zum botanischen Garten eingerichtet wird. So erlangt Giessen, zuerst Burg, dann Stadt, hierauf Festung, jetzt eine höhere geistige Bedeutung; und die Hochschule erhält ihren Sitz unter den Landständen auf der Prälatenbank. Kräftig blühet die junge Universität durch den Eifer ihrer Lehrer, und unter den Jünglingen, welche heraneilen, sind selbst Fürstensöhne. Doch gar bald entspinnen sich hinwieder auch schon theologische Streitigkei- ten, die jedoch in den Hintergrund treten gegen die wichti- geren zwischen Hessen-Kassel und Darmstadt und gegen die Gefahren des 30jährigen Krieges. Im Jahre 1621 streift Her- zog Christian von Braunschweig mit seinen wilden Schaaren durch's Hessenland. Giessen ist mit einer Belagerung bedroht und schon wollen manche Studenten die Universität verlassen; aber der Rektor Winkelmann ruft sie auf, sich in Waffen zu üben, und sie schaaren sich unter einer Fahne, welche die Inschrift führt:»Literis et armis ad utrumqçue parali!« In- dessen: die gefürchtete Gefahr geht vorüber. Bald darauf kommt das Glück der kaiserlichen Waffen der Linie Hessen- Darmstadt zu statten und durch einen kaiserlichen Spruch — 27— erhält Landgraf Georg II. das gesammte Oberfürstenthum mit Marburg. Da verlegt er die Universität Giessen 1625 nach Marburg und vereinigt sie mit der dortigen. Dort bleibt sie mit geringer Unterbrechung(1634) bis 1650. Erst in diesem Jahre wird ein Vergleich zu Stande gebracht, die Hessen- Darmstädtische Hochschule von Marburg wieder nach Giessen verlegt und die Hessen-Kasselsche Hochschule(unter dem Landgrafen Wilhelm VI.) in Marburg wieder hergestellt. Wäh- rend jener Zeit(von 1631—1645) hält Landgraf Georg II. von IHessen-Darmstadt seinen Hofsitz in dem wohlbefestigten Gies- sen, um während der argen Kriegsläufte sicher zu sein. Da wohnt er, unangefochten von allen Wechselfällen des dreissig- jährigen Krieges, im Kolleggebäude und wandelt, wenn er sich den Regierungsgeschäften widmen will, über die schwebende Brücke, welche das Kanzleigebäude mit jenem verbindet. Einige Zeit war man unschlüssig gewesen, an welchen Ort die Hes- sen-Darmstädtische Hochschule zu versetzen sei, ob nach Darmstadt, der Residenz, oder nach Alsfeld oder Grünberg. Und als man sich endlich für Giessen entscheidet, da gibt diese Stadt der Hochschule durch allerlei nicht unbedeutende Zugeständnisse und Bewilligungen ihre Dankbarkeit zu erken- nen; sie begreift gar wohl die Wichtigkeit, welche ihr der Musensitz verleiht. Die Universität erhält bei ihrer Todthei- lung mit Marburg den silbernen mit goldnen Zierrathen ver- sehenen Scepter mit dem Reichsadler, dem Bilde Karls V. und der Inschrift: 3 „Carole quinle, vale, tu sceptra scholamque dedisti; Benipotens patrias ego fundo Philippus Athenas“ und prachtvoll ist das Fest der Wiedereinführung in Giessen. Im ganzen Lande wird für ihr Aufblühen gebetet, die Prinzen des Hauses, der Adel, die ganze Geistlichkeit und alle Magi- strate des Oberfürstenthums erscheinen dabei im feierlichen Zuge. Von jener Zeit an wird es immer mehr Sitte, dass die Prinzen von Hessen die Würde eines Rector magnificus an der Universtät Giessen bekleiden. Der Einfluss, welchen die warme Liebe der Fürsten für die Hochschule auf die ganze Physiognomie der Stadt äussert, ist von Jahr zu Jahr deut- — 28— licher zu erkennen. Der nahe Wald heisst jetzt der„»Philoso- phenwald«; die Sümpfe vor dem Selzerthor werden(vom Jahr 1652 an) ausgetrocknet. 1622 wird ein Ballhaus erbaut, dies aber 1658 in eine Burgkirche umgewandelt. Der Befestigung, welche Landgraf Georg II. durch Anlegung von Ravelins und Aussenwerken verstärkt hatte, schenkt auch Ludwig VI. be- sondere Aufmerksamkeit. Der Wall ist ziemlich hoch und sehr breit, mit den herrlichsten Obstbäumen rings herum, aus- senwärts am breiten und tiefen Graben mit einem grünen Hag umgeben und ein Arm der Lahn fliesst unter den Wäl- len mitten durch die Stadt. Im Jahre 1707 wird das erste Jubiläum der Hochschule mit grossem Prunk begangen. Der Landgraf Ernst Ludwig selbst entwirft das Programm der Feierlickheiten, der Erb- prinz Ludwig(VIII.) ist Rector magnificus, Prinz Franz Ernst führt ihn an der Spitze der berittenen Studenten unter Kano- nendonner in die Stadt ein. Während des Tedeums donnern die Kanonen auf den Wällen und das Militär gibt Salven, ebenso während des Banketts bei jedem Trinkspruch. Das ist am 18. Oktober. Am folgenden Tage werden 23 Doktor- promotionen vorgenommen, am dritten Tage 20, und Vorträge gehalten in lateinischer, griechischer, hebräischer, chaldäischer, arabischer und äthiopischer Sprache. Am 4ten Tage beschliesst eine Disputation, eine Abschiedsaudienz und eine Fackelmusik die Feierlichkeiten des Jubiläums, zu dessen Andenken acht Medaillen geprägt werden. Und das achtzehnte Jahrhundert macht dieser Jubilar-Ein- leitung alle Ehre; die Universität hat bedeutende Namen von Professoren aller Fächer und eine grosse, steigende Frequen⸗ der Studirenden aufzuweisen. Anderseits aber wird die Stadt von den Wechselfällen des siebenjährigen Krieges erreicht und 1759 den Franzosen übergeben, welche sie bis 1763 besetzt halten. Gegen Ende des Jahrhunderts aber höre ich wieder ein gewaltiges Rauschen, doch wilder als jenes, in welchem ich das hohe Lied von deutscher Kraft und Herrlichkeit erkannte. Die Farben der französischen Republik schimmern um Giessen und Bajonette schreiben Gesetze vor. Es ist das Jahr 1796. — 29— Giessen fällt in die Hand der Franzosen und hat durch Requi- sitionen manches zu leiden. Da bewährt die Wissenschaft ihre weltversöhnende Zauberkraft. Mitten im Sturm des Krie- ges, welcher sonst selbst die Kirchen nicht verschonet, bleibt die Hochschule eine heilige Freistätte und erzwingt sich Achtung von Feldherrn, welche blos das traurige Recht der Gewalt zu achten angewiesen sind. So gebietet Hoche, so gebietet Bernadotte in Giessen dem zügellosen Ungestüm: „Halt!«„Und siehe, trotz aller stürmischen Forderungen des Augenblicks, trotz aller Bedürfnisse eines Heeres, welches im Feindeslande steht, bei allen Zugeständnissen freilich, welche der Bürger der hereinbrechenden Uebergewalt machen muss, herrscht strenge Ordnung in allen Strassen, bleibt der Eigen- thümer geschützt, bleibt die Wissenschaft unangetastet in ih- rem stillen, friedlichen aber ewigen Wirken. O es ist etwas Grosses um diesen Zauber, der die entfesselte Leidenschaft zähmt, der das starre Kommando des Feldherrn als Diener der unsichtbaren höheren Macht behandelt, der das Eigenthum, die Freiheit, das Leben unter deren Schutz stellt. Ein gerechter Entgelt, dass die Hochschule Bernadotte, ihrem Beschützer in sturmvoller Zeit, eine akademische Würde verleiht! Ueber- haupt hat die Stadt dem klugen und umsichtigen Benehmen der Professoren damals viel zu verdanken. Am elſten Sep- tember rücken endlich die Kaiserlichen in die Stadt ein; aber deren Bedrängniss ist dadurch keineswegs vorbei, vielmehr noch vergrössert. Und als sie endlich nach kurzer Zeit überstanden ist, bluten die Wunden noch lange fort, welche der Krieg dem Bürgerthum geschlagen hat. Unter solchen Umständen denkt man im Jahre 1807 an keine zweite Sä- kularfeier. Bei allem Wechsel der Geschicke aber bleibt Giessen fort und fort dem Fürstenhause treu, und behält die Hochschule ihren Charakter als Landesuniversität, auch in dem neuen Grossherzogthum Hessen(seit 1806). Immer gespannter wird jetzt meine Erwartung auf die Entwicklung der neueren Geschicke. Ach, die Geschichte ver- wöhnt unsere Phantasie; wir sind, möcht' ich sagen, unge- duldig nicht blos nach vorwärts, sondern auch nach rückwärts, — 30— und möchten auch für die Zeit, die wir selbst kaum verlebten, schon so gerne den poetischen Zauber der Ferne antipiciren. Leise und den Blicken unmerkbar verwachsen die neueren Geschicke Giessens mit denen der Universität und auch diese greifen grösstentheils fördernd, zum Theil aber auch hemmend, mehr nach innen ein, als sie sich nach aussen zu wahrnehmen lassen. Es vermehren sich die Subsistenzen, die Hülfsmittel, die Institute der Hochschule, während anderseits auch die Fortschritte der Intelligenz(— oder besser: der Humanität, denn diese umfasst ja die Intelligenz, wie sie sie durchdringt und ihr höhere Bedeutung gibt—) einen solchen Zuwachs be- dingen, ja vielleicht einen noch grösseren gebieterisch verlangen. Die Sammlungen der Hochschule wachsen an durch Schen- kungen oder Ankäufe; so wird die Bibliothek,— schon früher bereichert durch jene des ehemaligen Kugelhauses zu Butzbach, so wie durch die May'sche und Koch'sche,— durch das gross- artige Vermächtniss des Freiherrn von Senkenberg bedacht, bestehend aus einer Sammlung von Büchern und interessanten Handschriften(ungefähr 9000 Bände), einem Kapital von 10,000 Gulden, von dessen Zinsen der Gehalt des Bibliothekars be- stritten werden soll, und einer freien Wohnung für denselben. Beachtenswerth sind die neuen Sammlungen physikalischer und chirurgischer Instrumente, anatomischer Präparate und das mineralogische, wie das zoologische Kabinet. Sodann erhält die Hochschule von dem Grossherzog Ludewig I den ehema- ligen Amtsgarten, welcher in einen hotanischen Garten ver- wandelt wird zum Geschenk, sie erhält eine verbesserte Ein- richtung des anatomischen Theaters und der Sternwarte, ein Klinikum, ein chemisches Laboratorium. Sie übersiedelt(1821) in das grosse neue Gebäude auf dem Selzerberg, welches kurz vorher(von 1817 bis 1819) als Kaserne errichtet worden; wo Mars geherscht, zieht jetzt Minerva ein. Ein philologisches Seminar, eine Gebäranstalt und eine Forstlehranstalt schliessen sich als wichtige Institute an das grosse akademische Ganze an. Diesem erweiterten Wirkungskreise, dieser Ausdehnung der Hülfsmittel entspricht denn auch die geistige Regsamkeit der Hochschule durch die Kräfte hochverdienter Lehrer, deren Namen ehrenvoll dastehen in allen Fächern der Wissenschaft. — 31— Eine andre wichtige Veränderung neuerer Zeit betrifft den Organismus der Hochschule. Im Jahre 1808 wird die alte Uni- versitätsgeschäftsführung umgewandelt, werden Administration und Disciplin getrennt,— die Administration einer Kommission, die Disciplin einem Disciplinargericht übergeben. Im Jahre 1822 begibt sich die Universität ihrer eigenen Gerichtsbarkeit und 1831 wird ein besonderer Universitätsrichter bestellt, welcher ausgedehnte Vollmachten und wichtig eingreifende Befugnisse erhält. In den ständischen Verhandlungen des hessischen Landta- ges von 1834 nimmt die Dotirung der Hochschule das allgemeine Interesse in Anspruch. Da werden verschiedene Stimmen laut und die Streitfrage darüber führt in beiden Kammern zu tiefer eindringenden Erörterungen über das ganze Wesen und die Wirksamkeit der Hochschule, so wie über ihre besondere Stellung als Landesuniversität,— Erörterungen, welche wohl verdienten, in einer besondern neueren Geschichte derselben vollständig aufgenommen zu werden; denn sie sind Schlaglichter des Geistes der neueren Zeit. Und nun lasst sehen, wie sich die neueren Geschicke der Stadt neben jenen der Hochschule entfalten! Einstilles, unschein- bares und doch so nachhaltiges Wirken und Schaffen belausche ich, nachdem der unheimliche Lärmen der Kriegsjahre verhallt ist, und mit wahrem Wohlbehagen blicke ich in das Innere des Bürgerlebens, wie es seiner höheren Lebensfrage immer klarer bewusst, die Kreise seiner Wirksamkeit immer mehr erweitert. In dreifacher Weise sehe ich diese schöne Vervollkommnung vorwärts schreiten, in jeder ohne Prunk, aber um so gedie- gener, und alle drei greifen so harmonisch ineinander, dass man sie sogleich als innigverwandte Erscheinungen einer und derselben innerlich wirkenden Kraft erkennt. Wie nenne ich sie? Es ist dieselbe, welche heutzutage über den Trümmern der alten Vorurtheile hinweg die Völker einander näher bringt, es ist das Bewusstsein, dass der Einzelne noch etwas Höhe- res als ein Einzelner, dass er ein Glied der grossen Mensch- heitsfamilie ist. Wo dies Bewusstsein heutzutage das Bür- gerthum durchdringt, da muss Heil und Segen sein; denn es fordert zunächst die einzelne Kraft auf, sich zu regen, und es weist ihr in der grossen Familienverbindung, wie sie sich — 32— auch in kleineren Kreisen abstufe, neben dem engeren Platz— den grösseren Gewinn. Jene drei Erscheinungen sind die In- dustrie, das Volksschulwesen und die Humanität. Am hell- sten leuchtet mir die letztere ins Auge, am wärmsten ins Herz. Die Armenanstalt, das Bürgerhospital, die Plock'sche, Schott'sche und Todtanwarbsche Stiftung, vor allen die Ar- menschule, in welcher jedes Kind des Mittellosen bis zur Konfirmation Speise, Bekleidung und Unterricht erhält,— welcher grossartige Wirkungskreis für den Wohlthätigkeits- sinn,— und welcher grossartige Wohlthätigkeitssinn(füge ich hinzu), der sich einen solchen Wirkungskreis liebevoll erschafft! Und wie schöner, wenn Industrie und Volksschulwesen, die ich beide unter dem höheren Begriffe der Humanität zusam- menfasse, durch ihre heranreifenden Folgen, durch die gei- stige und moralische Bildung der Nachkommenschaſt auch die Möglichkeit verschaffen, von früh auf durch eigene Kraft die Kluft zwischen Armuth und Wohlstand auszufällen! Und wie verknüpfet das heilige Band der Menschenfreundlichkeit die geselligen Kreise immer enger und fester! Dies schöne Wir- ken zaubert über die Physiognomie des geselligen Lebens jene behagliche Heiterkeit hin, die mich von vornherein gewinnt; es ist jene wahre innere Zufriedenheit, die aus der Reinheit des Bewusstseins entspringt und mit ihrem reinen Abglanz Alles um sich her verschönert. Und wie das Léeben, so gewinnt auch die Stadt von Jahr zu Jahr ein helleres, freundlicheres Aeussere. Sie streift(von 1807 bis 1810) das alte steinerne Gewand mit den steifen Spitzen und Zacken der Aussenwerke und Wälle ab und schmückt sich dafür mit frischem Grün. Die düstren engen Festungsthore mit ihren Zugbrücken werden niedergerissen, und frei zieht jetzt Handel und Verkehr in die Stadt, frei die Wissenschaft, die ja Geméingut der ganzen Menschheit ist, die sich unter keinem Schlagbaum, vor keiner Thorwache, wie überhaupt vor nichts Irdischem bücken soll. Nein, die Wis- senschaft braucht keine Festungsmauern, ist sie doch selbst die feste Burg des Nationalgeistes! Wo sonst das Schilder- haus stand, wie eine ausgespreitzte hölzerne Livre, in welche der Soldat hineinschlüpfte, wo dieser sonst trotaig auf- und —⁴ 33— niederwandelte, da steht jetzt der lachende Fruchtbaum und beut dir Gottessegen; statt der mit grünem edlem Rost über- zogenen Kanonen auf den Wällen gibt jetzt der Lenz dort seine Allarmsignale, wenn die Gefangenen aus ihrer dunklen Haft hervorbrechen,— die grünen Halme aus der Muttererde. Und wie diese steinernen Fesseln zersprengt sind, weht rings umher eine reinere Luft. Des Menschen Fleiss wird nimmer müde, nachzuhelfen. Der Graben, einst so sumpfig, wird breiter und tiefer gezogen; die Wieseck muss ihren alten Weg verlassen, dem sie wie einem vielhundertjährigen Schlendrian nachging, und dem neuen folgen, welchen ihr der praktische Verstand vorzeichnet; eine zierliche neue Brücke wölbt sich über sie, und ihre Launen, denen sie sich vor Zeiten je zuwei- len nach vollem Belieben überlassen konnte, haben jetzt nichts Gefährliches mehr. Kurz die Neuzeit hat gewissermassen die ganze physische Lage Giessens wesentlich modificirt; das heisst: das Erdreich von ehedem ist wohl noch dasselbe; aber die Sümpfe von ehedem sind verschwunden; sie und alle Uebel, die ihr blasses verstörtes Gefolge bildeten, haben der rothwangigen Gesundheit Platz gemacht. Wie man doch eine Nacht wachend durchträumen kann! Ich träumte beim Rauschen der Wasser vom Wechsel der Geschicke, von veränderten Bildern der Stadt. Wie eines unmerklich in's andre überging! Und jetzt beleuchtet der Morgen schon die Wirklichkeit vor mir, die ganze freundliche Gegenwart. Schon seh' ich die Felder wieder von fleissigen Landleuten belebt; Wagen rasseln zum Thor heraus und die hessischen Bauernmädchen in ihrer malerischen Tracht, die der fleissige von der Embde auf seinen Genrebildern so gerne anbringt, eilen, die schwerbeladenen Körbe auf den Köpfen, hinein. Der Platz vor dem Thore wird zum Markt, der sich immer dichter und dichter füllt mit„schwerhinwandelndem Hornvieh« aller Art, wie es der Oekonom gezogen. Aus der Neustadt schallen die Taktschläge der Gewerbthätigkeit; der muntere Musensohn macht seinen Ritt, bevor er mit der Mappe unter dem Arm in die Kollegien eintritt, der Beamte seinen Morgenspaziergang um die Thore, bevor er seine Tagesarbeit im Büreau beginnt; in den Gärten wird der Eimer gewunden 3 * und der Spaten gehandhabt;— eine reiche bunte Staffage des Landschaftsbildes! Und nun trete ich durch das Neustädter- oder Lahn- Thor in die Stadt. Ich befinde mich in der Neustadt. Wie? diese engen Seitengassen, welche in die Hauptstrasse münden, ja die letztere selbst mit ihren Häusern, von denen die mei- sten ein durchaus alterthümliches Gepräge haben— und die Neustadt? Gewiss! Doch ich erinnere mich: es ist freilich schon etwas lange her, dass dieser Stadttheil den Namen „Neustadt“« bekam. Je länger ich mich in Giessen umsehe, um so schärfer tritt der Gegensatz hervor zwischen den Neu- baatten an und vor den Thoren und dem Inneren der Stadt. Dort offne lichte Räumlichkeit, einfach aber zweckmässig und wohnlich, und vor allem heiter;— hier im Innern die unver- wischten Reste alterthümlicher Lebensweise, hohe schmale Häuser und enge gewundene Gassen. Man möchte glauben: das Haus sei hier nicht des Menschen wegen erbaut worden, sondern habe vor ihm schon dagestanden und der Mensch sich in alle wunderlichen Capricen des Hauses fügen müs- sen;— wollte der Mensch hier hinein, so gebot ihm das Haus:»dort hinein!« wollte er ein geräumiges Zimmer, so konnte ihm das Haus statt dessen nur mit drei oder vier vieleckigen Kammern dienen, und bedurſte er eines stillen traulichen Kabinets, so erhielt er von dem eigensinnigen Hause einen ganzen Saal dafür. Das war nun einmal die Wunder- lichkeit unserer Altvordern. Wenn wir heutzutage den Ge- meingeist bestaunen, der es ihnen möglich machte, Riesen- werke für gottesdienstliche Zwecke zu erschaffen, wie wir sie nicht mehr zu Stande bringen, obwohl wir ihre Kennt- nisse belauscht haben und unsere eigenen Kenntnisse so- wie unsere heutigen Geldmittel noch dazuschiessen können, wenn wir ihre grossartigen Rathhäuser(z. B. in den Nieder- landen) bewundern müssen, die unsre volle Ehrfurcht erwecken vor den alten, kunstreich in einander gegliederten Städtever- fassungen, wenn wir ihre massiven hohen Gebäude für Waa- renlager betrachten, der königlichen, ja oft wahrhaſt kaiser- lichen Kaufherren dabei gedenkend, welche noch in etwas Reellerem spekulirten als— Papier,— wie beschränkt dnd — 35— unbequem erscheinen uns— durchschnittlich wenigstens— die meisten Privathäuser aus alter Zeit, mit ihren himmelho- hen Giebeln, Dächern und Schornsteinen, mit ihren unsymme- trischen Fensterlagen, mit ihren dunklen Hausgängen und ihren halsbrecherischen Treppen. Und doch hat diese Erschei- nung etwas Verwandtes mit jenen Eigenthümlichkeiten der alten deutschen Malerei, welche nichts weniger als deren Vor- züge sind. Es ist in dieser grossen Unbequemlichkeit der alten Privathäuser immer noch ein Eckchen Bequemlichkeit, etwa so gross wie ein Grossvaterstuhl, gerade recht für das Maas eines Menschen, und dieses Eckchen genügt dem Men- schen eigentlich statt des ganzen Hauses. Eben so ist bei der altdeutschen Malerei selten das ganze Bild des Menschen volle Wahrheit, wohl aber ist es der Kopf oder der einzelne Finger, und diese Wahrheit im Detail ersetzte die Schönheit im Ganzen. Das Gleichniss hinkt, wie jedes; aber das dem- selben zu Grunde liegende Motiv lässt sich wohl nicht füglich abstreiten. Und hält man den Gedanken fest:„mein Haus ist meine Welt«,— so mag man wohl die Folgerung daran knüpfen: diese kleine Welt entsteht nicht auf einmal, sondern sie setzt sich erst nach und nach um einen bestimmten Mittel- punkt an; da wird hier zugegeben und dort— ungern etwas weggenommen, weil man das Alte ehrt und noch benützen zu können hofft, wär's auch nur als Rumpelkammer; behielt man ja doch das ganze heilige Reich auch als solche so lange bei! Anders bei Bauwerken, welche der religiöse oder bürgerliche Gemeingeist schuf; hier zeichnete die Bestimmung des All- umfassens zur gemeinsamen Theilnahme an den höchsten In- teressen von vorneher den bestimmten Plan.— Es ist Schade, dass Giessen kein einziges öffentliches Gebäude von Bedeu- tung aus der Zeit des reinen deutschen Baustyls mehr be- sitzt; die Epoche des Stylverfalls in der letzten Hälſte des 16ten Jahrhunderts und sofort herrscht noch vor. Und den- noch liegt eben darin auch wieder eine Eigenthümlichkeit, welche nur theilweise durch neue Gebäude unterbrochen wird. Der Markt ist nicht allzugross; er gleicht mehr einer breiten unregelmässigen Strasse, in welche mehre Haupt- und Seitengassen einmünden, als einem öffentlichen Platze, Er 3* — 36— bietet nichts Merkwürdiges als das alte Rathhaus mit seiner Vorhalle und mit dem bunten Wappen der Stadt auf der Gie- behwand. Um so hübscher sieht sich das frische Leben auf dem Markt an; wie das kernige Landvolk sich hier herum tummelt; wie die Hausfrauen emsig wählend zwischen den Reihen umherwandeln, hier eine Gruppe Studenten, dort rol- lende Wagen. Vom Markt ist's nicht weit zur Stadtkirche. Es ist nicht mehr die alte. Diese wurde 1809 abgebrochen (wie die Burgkirche), von der alten Stadtkirche steht nur noch der Thurm. Die neue, welche 1821 vollendet wurde und mehr Geld gekostet hat, als ihre architektonische Schön- heit werth ist, sieht mich etwas nüchtern an; ich will nicht entscheiden, ob dieser Eindruck seinen Grund in ihrer Kon- struktion oder in meiner Stimmung hat, denn mir stehen noch die grossen mittelalterlichen Kirchenbauten vor Augen, deren ich kürzlich gedachte; jedenfalls ist es nichts Neues unter der Sonne, dass neue Kirchen meistens entweder mit einem inne- ren organischen Fehler oder mit einem nichtssagenden Gesicht zur Welt kommen; man hat freilich auch Ausnahmen und es würde mich freuen, wenn ich die Giesser Stadtkirche zu die- sen Ausnahmen zählen könnte. Ich wende mich nun zum sogenannten„»Brand«, einem Platze, der seinen Namen von einer Feuersbrunst erhielt, welche 1560 wohl über anderthalbhundert Gebäude vernichtet hatte. Dort steht das Schloss, dessen alterthümliche Formen unter der Modernisirung grösstentheils verschwunden sind; es heisst jetzt das Kanzleigebäude; nur noch das untere Mauerwerk und der Thurm, der sogenannte Kanzleithurm(oder „Heidenthurm«, weil einmal Zigeuner drin gefangen gehalten worden), gehören dem ersten Burgbau, also dem 12ten Jahr- hundert an; doch bemerk' ich, dass auch der obere Theil des Thurmes neuer ist. In einem Theile des Gartens hinter dem Schlosse befindet sich das Accouchirhaus, dessen Bau 1809 begonnen und 1822 ganz vollendet wurde. Sodann zeigt sich uns am Brande das Zeughaus, welches der Landgraf Lud- wig IV. von Marburg, der Sohn Philipps des Hochherzigen, 1586 erbaute. Bei diesem Gebäude imponirt zwar nicht der Styl,— welcher weder schön, noch grossartig, sondern blos — 37— ausgeartet und überladen ist,— wohl aber der bedeutende Umfang und die Solidität. Das Innere des Zeughauses ist jetzt in verschiedene Abtheilungen gesondert, welche zu man- nigſachen Zwecken dienen. Eine davon wird sogar als Schau- spielsaal verwendet; wo hat ein Heldenspieler wohl einen so klassischen Boden unter seinen Füssen als hier? er vertritt die Stelle der alten Kanonen. Das ist eine ganz artige Ironie des Schicksals;— die Bretter, welche die Welt bedeuten, statt der Menschenvertilgungsapparate, welche sie einst be- herrschten! Scherz bei Seite: hier war einst eine reiche Fülle von Kriegsherrlichkeit, und sie erhielt ihre höhere Bedeutung durch den begeisternden Gedanken:„für's Vaterland zu käm- pfen und zu sterben!« Folgende Inschrift, welche uns Win- kelmann aufbewahrte, stand auf einem Geschütz, wohl einer Feldschlange, wie das Wortspiel anzudeuten scheint: „Herculeam supero coluber erroribus hydram Marlius et leor principis arma mei. Wlere me Cattüum ductor Ludovice potentum, Vlere me contra quod fuit omne cadet!⸗ »Das sehr geräumliche und schöne Zeughaus, so mit vielen metallenen Kanonen, allerhand Gewehr, Waffen und anderen unzählbaren Kriegsrüstungen für viele tausend Mann wohlver- sehen und angefüllet ist;« so beschreibt es auch noch der Antiquarius des Lahnstroms, der so viel auf gute Treue nach- geschrieben. Er weiss uns auch noch Manches zu erzählen von der Länge und Breite des»kosthar erbauten Collegiums«, das»unten und oben mit sehr geräumlichen Auditoriis für alle Fakultäten versehen«, von dem Himmelsglobus, der im Herzen des Löwen das Bild des Landgrafen und in dem der Jung- frau jenes seiner Gemahlin enthielt, den Oktanten, Sextanten, Quadranten und»insonderheit dem schönen Quadrans azimu- thalis“, welche Instrumente alle»der Landgraf Philipp“(näm- lich Philipp von Butzbach, ein Bruder Ludwigs des Getreuen, gestorben 1643)»als ein fürtrefflicher Mathematicus und guter Astronomus selber verfertigt(manche unter Zurathziehung Kepplers) und der Universität Marburg verehrt«, von wo sie nach der Hand an die Universität Giessen gelangt sind; — 38— der brave Antiquarius hat auch noch die schwebende Brücke gesehen, vermittelst deren man aus dem schönen Collegio in das alte Schloss gelangete. Von allem dem sind wenige Spuren mehr vorhanden. Die einst so bewunderten astro- nomischen Instrumente beachtet heutzutage niemand mehr; die schwebende Brücke ist im Jahr 1763 abgebrochen, die Kanonen, die»Kriegsrüstungen für viele tausend Mann«, die schönen alten Schwerter und die kunstreich gearbeiteten Harnische sind in schlimmen Zeiten verschleudert worden; nur wenige kärgliche Reste wurden in das sogenannte alte Museum zu Darmstadt gerettet, wohin auch ein metallenes Bild aus Giessens germanischer Zeit gewandert sein soll, welches man 1822 bei Erweiterung des Stadtgrabens fand*). So schwin- det spurlos Das, was man einst für das wichtigste Vehikel der Fürstenmacht hielt. Doch was ist das für ein Verlust? Wird er nicht vollhältig aufgewogen durch die bessere Einsicht, die sich heutzutage festgestellt hat, und die schon jener Eberhard von Würtemberg in den Worten aussprach:»Ich kann im Schooss eines jeden Unterthans sicher schlafen«? Gewiss: es ruht sich nicht bloss weicher, sondern auch sichrer auf dem Vertrauen des Volkes als auf Kanonen, und in sofern lasst es uns nicht so sehr beklagen, dass das vermeintliche Palladium, auf dessen Untrennbarkeit Landgraf Ludwig IV. in seinem letzten Willen ein so grosses Gewicht legte, zersplittert wor- den ist. Immerhin ist und bleibt der„Brand«“ einer der interes- santesten, wenn auch nicht der lebhaſtesten Plätze in Giessen, wo man eich unter den schattigen Bäumen gar leicht in vergan- gene Zeiten zurückträumt und gerne deren Eigenthümlichkeiten sich vergegenwärtigt, ohne desshalb gegen die Gegenwart un- gerecht zu sein. Das weiland Kolleggebäude daselbst hatte die Bildnisse von 10 Landgrafen und von 112 Professoren auf- zuweisen, und in dem unteren Stockwerke wurde der katho- lische Gottesdienst gehalten, zu welchem Behufe jetzt eine eigene Kirche erbaut worden ist.— In den»neuen Bäuen«, welche sich nicht weit vom Brand befinden, ist das Pä da- ) Vergl. Nebels treffliche Geschichte der Universität Giessen(in Justi's Vorzeit 1828. S. 118.) — 39— goggebäude; auch diese„neuen Bäue«“ sind nichts weniger als modern nach unseren Begriffen. Nahebei ist das Klubb- gebäude mit seinem geschmackvollen neuen Bankett- und Tanzsaale, würdig, die schöne Welt zu vereinigen. „Die schöne Welt!« Was ist die schöne Welt? Die ganze Welt an und für sich ist schön; der heitere Grieche drückte dies in dem einzigen Worte Kosmos aus und kannte die Kos- metik unserer Boudoirs noch nicht. Es gibt Herren und Da- men mit grauem Haare, die unbedingt zur schönen Welt ge- hören, weil die Schönheit der Seele ihre Herzen jung erhält. Diese ist»die gesalbte Braut des Perserkönigs«, wie einer unserer edelsten Dichter(Teinrich von Kleist) sie so treffend bezeichnet, und der Abglanz ihrer innersten Wesenheit, die- ser ewigklaren Sonne, verschönert die Aussenwelt rings um sie her. Das Wesen der Seelenschönheit aber ist eins und dasselbe, ob es sich nun bei dem Kinde als Unschuld, bei der Jungfrau als hingebende Liebe, bei der Mutter als auf- opfernde Liebe, beim Manne als vollendeter Charakter kund gebe. Sie ist die innere Musik des geselligen Lebens, jede Bewegung desselben geschieht nach dem Impuls, den es von dieser erhält und der so mächtig in uns fortbebet, wie der Hall der Glocken in unsern Nerven noch lange nachzittert, wenn wir den Thurm besteigen, wie uns dann die Luft selbst und das weite vor uns ausgebreitete Panorama noch von den Schwingungen zu pulsen und leise zu wogen scheint. Die Schönheit bringt meine Gedanken auf den Schön- heitssinn, und in diesem habe ich ein sehr bezeichnendes Merkmal der Giesser vor mir, so wie zugleich die geeignete Veranlassung, einige Züge zum Charakterbild derselben zu ent- werfen. Ja, der Schönheitssinn ist hier in Giessen zu Hause, und er äussert sich in doppelter Weise, nämlich als warme Em- pfänglichkeit für die Reize der Natur und als rege Theilnahme für die Werke der Kunst. Aufwachsend in einer Landschaſt voll der mannigfachsten Naturschönheiten, lernt der Giesser den Sinn dafür von früh auf ausbilden, und dieser verwächst ihm mit der Liebe zur Heimath. Und mit welcher Innigkeit hängt der Giesser an seiner Heimath! Sie ist sein Stolz und seine Freude und bleibt's auch in der Ferne. Dieser Empfäng- — 40— lichkeit für Naturschönheiten entspricht nun bei ihm eine gleiche für die Werke der Kunst. Er theilt seine Liebe zwischen bei- den und die Kunst kommt dabei nicht zu kurz. Hier lässt sich der geistige Einfluss nicht verkennen, der alle jene star- ren Unterscheidungslinien der Kasten verwischt, bei deren Be- trachtung uns anderwärts oft das Auge schmerat. Bürger, Beamte und Lehrer, als der bleibende Kern der Bevölkerung, wetteifern in der Liebe zur Kunst, welche das Leben ver- edelt und verschönt. Ich will nur ein Beispiel davon erzäh- len. Giessen liegt weit ausserhalb des Kreises, welchen die verbundenen rheinischen Kunstvereine geschlossen haben, und in Folge dieser Lage kann es an dem Turnus der Gemälde- ausstellungen nicht füglich Theil nehmen. Gleichwohl sah ich im Jahre 1839 auf den während der Ausstellung in Darm- stadt aufgelegten Unterzeichnungslisten plötzlich die Giesser in grosser Masse aufrücken— als neue Mitglieder des Darm- städter Vereins. Sie hatten keinen höheren Anspruch als auf die Verloosung und das Nietenblatt, und sie sprachen keinen anderen Wunsch aus als den bescheidenen: die zur Verloo- sung in Darmstadt angekauften Bilder für kurze Zeit zu sehen. Kurz, sie begaben sich von vorn herein des Vergnügens im Grossen, um einen Kunstzweck zu fördern. Man legt in der Regel auf solche Umstände kein Gewicht, aber man sollte es wohl thun, weil sich auch darin der in einer Stadt herr- schende Geist kund gibt. Ich könnte noch mehre solcher Bei- spiele für den Kunstsinn in Giessen anführen. Brauche ich wohl noch erst zu erwähnen, dass die Musik dort ein will- kommener Gast ist? Die Musik, welche— ganz abgesehen von der selbstständigen Würde der Kunst überhaupt—, eigent- lich die»gesellige Kunst« par eæcellence genannt werden kann; die sich in der Familie nicht erst durch ihre vornehme Base „die Kritik« vorstellen zu lassen braucht, sondern ganz ein- fach in ihrer natürlichen Grazie eintritt und dadurch sogleich alle Herzen erwärmt,— nicht blos für sich selbst, sondern auch für diese untereinander! Die Geselligkeit der Giesser beschränkt sich nicht etwa streng patrizisch auf die Familienglieder; nein, sie erweitert ihren Kreis zur Gastfreundlichkeit, um jeden Fremden darin — 41— aufzunehmen. Da hat dieser nicht nöthig, vor allen Dingen seinen Stammbaum aufzurollen, oder sich durch ein Schock Empfehlungsbriefe gehörig zu legitimiren, auf dass man dem „Vorzeiger derselben allen gehörigen Vorschub leiste.“ Auch ist die Gastlichkeit in Giessen nicht damit abgethan, dass man den Fremden zum Thee oder»auf einen Löffel Suppe“ einla- det, wobei die Hausfrau ihren Luxus an Silber, der Hausherr die Matadore seines Kellers und beide zusammen ihre ganze Selbstgefälligkeit zur Schau ausstellen, wie man dergleichen Dinge in grossen und reichen Handelsstädten wohl erleben kann, wo dir die Etikette jeden Bissen vergällt und wo deine Sehnsucht nach Beendigung der Mahlzeit grösser ist als dein Appetit vor Beginn derselben war. Das sind Schaugerichte, bei denen das Herz hungrig bleibt, und doch verdirbst du dir den Magen durch eitel Süssigkeiten;; bei allen pikanten Saucen vermissest du die gute Hausmannswürze, ohne welche nicht blos die Gerichte, sondern auch die Gesellschaft fade schmecken, nämlich du vermissest die Herzlichkeit. Gänz anders in Giessen. Hier findest du mehr wahren Genuss bei weniger Prunk, weniger feine ausländische Weine als— gut vaterlän- dische und doch auch feine Menschen. Hiier steht der Be- griff der Gastfreundschaft über dem niedrigen Maasstab der Abfütterung. Ein deutscher Handschlag eröffnet dir gleich von Anfang das ganze Verständniss dieses Begriffes. Man schenkt dir nicht bplos eine Einladungskarte, nicht blos eine auf der Goldwage des Anstandes abgewogene Viertelstunde, sondern gleich— sich selbst, und über dies reiche Geschenk kannst du frei verfügen. Und das ist der sicherste Beweis der ächten Bildung, die so himmelhoch über der glatten und kalten Scheinbildung steht, wie Gottes warme Sonne über der Eisfläche, welche freilich auch glänzet. Die ächte Bil- dung wird immerhin stets die Formen achten, so wie es keine Wahrheit gibt, die nicht auch der schönen Form als Maas und Gränze, ja als Leib bedarf, um sinnlich erscheinen zu können; aber sie wird nie die Porm über den Inhalt, die Erscheinungen über die Wesenheit setzen. Mit einem Wort: die ächte Bil- dung wird sich von der Konvenienz nie tyrannisch beherr- schen lassen, sondern vielmehr diese zu sich erheben. Und — 42.— eine solche Bildung, auf Biederkeit gegründet, durch Herz- lichkeit vollendet, könnt ihr in Giessen finden; sie athmet die- selbe frische Lebenslust im engen winterlichen Familienkreise, wie des Sommers auf freiem Bergesgipfel, wenn der helle Klang der Abendglocken von den Dörfern in der Runde sich in den vollen Chor der Menschenstimmen mischet. Ja, es ist gut sein innerhalb deiner Mauern, unter deinen. wackren Menschen, freundliche Musenstadt! Es ist erfreulich, in deinen engen alten Gassen das stille aber rüstige Schaffen und Streben des Gewerbfleisses zu belauschen und zugleich dies oder jenes Wort zu erhaschen, welches der verständige Bürger während der Arbeit oder Ruhe über Verhältnisse der Zeit ausspricht. Es ist interessant, der geistigen Entwickelung so unbemerkt den Puls zu fühlen. 1 1 Ich schliesse, mit einem Hinblick auf die Frequenz der Hochschule vom Jahre 1840. Vierhundert und vier Studierende befanden sich von Ostern bis Michaelis in derselben, darunter dreihundert und neun Inländer,(nähmlich aus dem Grossher- zogthum Hessen) und fünf und neunzig Ausländer, worunter neun und zwanzig gegen elf Inländer(ein bedeutendes Ver- hältniss!) sich der Pharmacie und Chemie widmeten, und ausser diesen besuchten ein ausländischer Professor und drei aus- wärtige Doktoren das chemische Laboratorium. Aus der ganzen summarischen Uebersicht ergibt sich das Verhältniss der In- länder zu den Ausländern 309 zu 95; ein Verhältniss, welches sich dadurch erklären lässt, dass ce Inländer in Folge der letzten Grossherzogl. Ministerialverordnung(vom 25ten. Septbr. 1834) gehalten sind, die Landesuniversität zu frequentiren.— Das Amt eines„Grossherzogl. ausserordentlichen landesherr- lichen Bevollmächtigten“ ist jetzt mit der Würde eines Kanz- lers der Universität in einer Person vereinigt; die unabhängige und wichtig eingreifende Stellung des Universitätsrichters habe ich schon früher erwähnt. Der akademische Senat ist ein doppelter. Der ganze besteht aus dem Rektor(als Direktor) und aus dem Kanzler, dem Syndikus und sämmtlichen ordent- lichen Professoren(als Mitgliedern);— der engere aus dem Rektor(als Direktor) und dem Kanzler, dem Syndikus und den Dekanen der fünf Fakultäten(als Mitgliedern). Die Imma- — 43— trikulationskommision ist aus dem Rektor, dem Kanzler, dem Syndikus und dem Universitätsrichter zusammengesetzt. Das akademische Disciplinargericht besteht aus dem Rektor und theils ständigen, theils wechselnden Mitgliedern; ständige sind: der Kanzler, der Syndikus und der Universitätsrichter; wech- selnde: ein Mitglied von jeder der fünf Fakultäten; in jedem Jahr tritt ein Fakultätsmitglied aus und der nachfolgende Pro- fessor in der Fakultät dafür ein. Die akademische Bibliotheks- kommission steht unter dem Direktorium des Kanzlers und hat den Rektor, den Kanzler und den ersten Bibliothekar zu stän- digen, sodann je ein Mitglied aus den beiden theologischen, der juristischen und medizinischen Fakultät und zwei aus der philosophischen zu unständigen Mitgliedern. Die akademische Administrationskommission unter dem Direktorium des Kanz- lers besteht aus dem Rektor, dem Kanzler, dem Syndikus, vier Professoren und dem Kanzleirath. Ich übergehe das Universitäts-Kanzlei- und Polizeipersonal und erwähne nur noch, dass seit 1830 neben der älteren evangelisch- theologi- schen Fakultät noch eine katholische besteht; der Vortritt zwischen beiden wechselt jährlich. Folgende Institute und Sammlungen sind mit der Hoch- schule verbunden: 1) das philologische Seminar, 2) die ver- einigte Universitäts- und Senkenbergische Bibliothek, mit deren höchst interessanten handschriftlichen Schätzen der erste Biblio- thekar, Dr. Adrian, welcher das Münzkabinet und die Sen- kenbergische Bibliothek geordnet, das wissenschaftliche Publi- kum kürzlich bekannt gemacht hat, 3) das anatomische Theater 4) das akademische Hospital mit dem medizinischen und oph- thalmischen und dem chirurgischen Klinikum, 5) das Entbin- dungsinstitut, 6) das chemische Laboratorium, 7) der botanische Garten, 8) die Sternwarte, 9) das physikalische Kabinet, 10) das mathematische Kabinet, 11) das technologische Kabinet, 12) das architektonische Kabinet, 13) das zoologische Kabinet, 14) das mineralogische Kabinet, 15) das pathologische Kabi- net, 16) die Sammlung geburtshilflicher Instrumente, 17) die Sammlung der chirurgischen Instrumente, 18) das Kunst-, Münz- und Antiken-Kabinet, 19) der Marstall. 5» 4 Gleiberg und Vetzberg. * Da stehst du ernst und blickst in's Thal hernieder, Das wie ein holdes Kind sich dir zu Füssen schmiegt! Die Freude sendet dir den Schall der schönsten Lieder;— Er scheucht dir wohl das dunkle Raubgefieder, Doch nicht den Trotz, der auf dir liegt! Was sinnst du denn, du greiser Bergeswächter? Vergang'ner Herrlichkeit? Und schmerzt es dich so tief, Dass du noch stehen musst in alter ungeschwächter Urkraft, da längst gewaltige Geschlechter Die Mutter Erde zu sich rief? Ein treuer Knecht sahst du vom edlen Stamme Den Letzten in die Gruft mit Schild und Helm versenkt. Wähnst du, du wehrtest ab, gleich einem Felsendamme, Die neue Zeit, die herwogt, Strom und Flamme Zugleich, und tödtend Leben schenkt? Du wardst nicht müd', bist, Riese, nur verdrossen Und denkst im alten Stolz:»Wie klein die Gegenwart! Wo kriegerisches Volk einzog auf starken Rossen, Jetzt wird das Thor dem Bürger nicht verschlossen, Vor dem er einst umsonst geharrt!- Ja frei und froh, so heben wir die Becher, Und ebenbürtig zieh'n wir in das Schloss hinein; Wir klingen wacker an mit goldnem Sorgenbrecher; Es gilt der alten Zeit, ihr todten Zecher, Wir bringen's ihr in altem Wein. — 45— Wir ehren sie, da wir, der eignen Kräſte Uns vollbewusst und froh, sie auch zu üben, stehn; Wir fühlen noch in uns gesunder Ahnen Säfte Und schaffen am begonnenen Geschäfte, Dass Enkel es vollendet sehn. „Was ist's?“ Du fragest noch, o Greis von Steine, O sähst du wie dies Thal— das ganze Vaterland!— Wie hier durchs Thal der Strom, der klare, silbereine, So winde sich um Hohe und Gemeine 4 Still des Vertrau'ns lebendig Band. Dann wird der Mensch den Menschen höher achten Als einst des Standes Schein; ein jeder Schein verbleicht;— Dann adelt nur die Lieb' und stellt als ew'ge Wachten Die Geister aus, die sich zum Opfer brachten Und so der Menschheit Ziel erreicht. Aber diese Antwort klingt ja wie eine Prophezeiung. Wohl wahr; doch welcher einzelne Mensch kann von sich sagen:»Jetzt habe ich mein Buch abgeschlossen und die Rech- nung ist richtig?« Und um wie viel weniger ein ganzes Geschlecht! Immerhin; man sagt der Menschheit heutzutage keine blosse Artigkeit, wenn man ihr gesteht, dass sie ihren höchsten Zweck zu begreifen anfängt; aber man würde sie beleidigen, wenn man ihr zumuthen wollte, sie habe ihn schon erreicht. Sie wird, gerade wie der einzelne Mensch, so lange streben und ringen, als sie lebt. Und das Streben ist so schön! Oder nennen wir's lieber das Leben; denn das ist's ja doch eigentlich. Zu solchen Betrachtungen kann uns eine Reliquie der Ver- gangenheit verleiten. Ich weiss nicht, was an jenen Betrach- tungen Poetisches sein mag; diese Reliquie selbst ist es wenig- stens gewiss. Hat ja doch der unbedeutendste Stein, der uns aus der Vergangenheit übrig blieb, eine goldene Ader der Poesie in sich. Und nun gar dieser Thurm auf dem Gleiberg, der uns noch obendrein durch Das imponirt, was dem Men- schen so oft imponirt, durch seinen Trotz. Steht er nicht so keck und gewaltig da, als läse er uns, wie wir so lebens- freudig heranwandeln, schon den Tod auf der Stirne? O, er könnte uns sagen:»Ich sehe das Häuflein Staub zu meinen Füssen, das einst euer Ich war;— diesen ganzen Gliederbau, — 46— diese funkelnden Blicke, diese nervigen Arme, diese hochath- menden Brüste, alles das, was ihr Kraft und Schönheit an euch nennt, kann euer Enkel zwischen zwei Fingern fassen.“ Nicht umsonst blickt er uns so ernst wie ein Prediger an, dieser steinerne Hochwächter, und doch— ich weiss nicht: seine Leichenpredigt hat durchaus nichts Abschreckendes für mich, obwohl ich sonst schon dem Gedanken an Leichen, wie erst gar den Leichen selbst, so weit ich kann, gern aus dem Wege gehe. Warum? der Verwandlungs-Prozess ist mir zu unästhe- tisch. Ist er vollendet, nun gut, dann mag ich mich mit den Ergebnissen wohl zu recht finden und einen tüchtigen Schädel ebenso liebgewinnen, wie einen lebendigen Freund, ja vielleicht noch lieber, da ich vom Schädel gewiss weiss, dass er mir die Wahrheit sagt. Ging es doch jenem berühmten Metaphy- siker, dem Prinzen Hamlet von Dänemark, auch nicht besser! Theilt ihr diese Sympathie nicht, meine Freunde? O ich wälze feierlich alle Schuld auf den grauen Thurm dort. Was gilt die Wette: ein Zauberer hat ihn einst geweiht, und der alte Zauber dringt noch durch alle Fugen heraus, und weht um die Zinnen und verbreitet sich in weiten Kreisen rings umher. Lockt er doch auch eben uns hinan! Und wir können nicht widerstreben. Wir kommen schon. Wir haben die Lahnbrücke in der That glücklich über- schritten und wandeln nun(auf preussischem Gebiete) quer- feldein, bis wir unter Fruchtbäumen den Hohlweg hinansteigen, der uns zu dem alten Flecken Gleiberg führt. Da machen wir Rast in den Gartenanlagen des hochgelegenen Wirthschafts- gebäudes, wo sich die schöne Welt Giessens fast alltäglich einfindet, um die herrliche Aussicht zu geniessen. Ich löse mir dort ein Billet, welches zur Oeffnung des Schlossthurms erforderlich ist, und klimme nun zum Schlosse hinan. Sei mir herzlich gegrüsst, liebe kleine Kapelle!l Warum drückst du dich so bescheiden an den Bergeshang? Gottes Wort braucht doch wahrhaftig dem weltlichen Leben nicht so auszuweichen! Aber, wo es auch sei, man sucht es doch so gerne, wie das Kind seine Mutter in der Ecke. Ich stehe jetzt im Burghofe. Vor mir erhebt sich nuún der gewaltige runde Thurm, aus Basaltblöcken gefügt, und fussend —— auf den Basaltsäulen des Berggipfels, und an ihn schliesst sich das Hauptgebäude der alten Burg, auch in seinen Ruinen noch stark und schön. Ob beide, Thurm und Hauptgebäude aus einer und derselben Zeit stammen,— wer vermag die Frage mit unumstösslicher Bestimmtheit zu beantworten? Ein hochachtharer Forscher, Professor Nebel in Giessen, welchem man eine genaue Geschichte und Beschreibung des Schlosses Gleiberg*) verdankt, hält es für möglich,»dass der erste Bau und der noch stehende hohe Wartthurm aus den Zeiten der fränkischen Herzoge herrühren;« er will es aber auch nicht in Abrede stellen,»dass die Lothringischen Brüder Richwin und Siegfried, in der Mitte des 10ten Jahrhunderts, die Gründer einer Burg seien, von welcher aus sie das Lahn- thal und einen grossen Theil ihres Gebietes überschauen konnten, und, dieses angenommen, stehe der runde Thurm nebst den Hauptmauern nun schon beinahe ein Jahrtausend.“ Jedenfalls war diese Burg einst eine grosse und stattliche Hofburg. Ich erinnere mich hier an Ort und Stelle lebhaft der trefflichen Arbeit Leo's über»Burgenbau und Burgenein- richtung in Deutschland vom 11ten bis zum 14ten Jahrhun- dert,«**) und indem ich die Hauptmomente derselben mit der Einrichtung vor mir vergleiche, ergänzt mir die Phantasie rasch- geschäftig alle Lücken, welche Feindeshand und der Arm der Zeit gebrochen haben. Eine Hofburg hatte zuvörderst eine Um- gebung aus Mauerwerk oder Pfahlwerk, eine äusserste Umfas- sung, die»Zingeln«; zwischen diesen und der inneren Mauer befand sich der Zwinger, und aus diesem trat man in den von den Umfangsmauern und den Burggebäuden eingeschlossenen Burghof. Beide Mauern, die des Zwingers und der Zingeln, sind hier noch zu erkennen; um die letztere läuft die soge- nannte»Stadtmauer«(welche jedoch erst nach 1331 errichtet worden ist) mit zwei Thoren, dem einen in der Richtung nach Crofdorf, dem andern in jener nach Heuchelheim zu. Unter den, den Burghof einschliessenden Gebäuden fehlen(nach Leo) zwei bei keiner grössern Burg, nämlich der»Palas“ und *) In P. Wigands Wetalar'schen Beiträgen 1839. „) In Raumers historischem Taschenbuch, Ster Jahrgang, 1837. — 48— das»Berchfrit« Der Palas nahm in der Regel die eine Seite des Burghofes ein und war sowohl dem Gebrauch als auch dem Umfange nach das Hauptgebäude mit einem weithinschim- mernden Dache, mit einem Halbsouterrain im unteren Stocke und der Thüre im oberen, zu welcher von aussen eine Treppe hinanführte; er war ein grosser Saal, an welchen sich zu bei- den Seiten die kleineren Gemächer, die„Kemenaten« reihten; in den breiten Fensternischen des Palas hatten die Frauen ihre Ehrenplätze. Die Wände waren zuweilen mit Teppichen be- kleidet, der Fussboden in der wonnigen Frühlingszeit mit duf- tigen Rosen überstreut. Die Kemenaten waren aber nicht etwa blos mit dem Palas verbunden, sondern auch mit den aus den Umfassungsmauern vorspringenden Thürmen; und die streng abgesonderte Wohnung der Frauen,»der Frouwen Heim- liche,« wird»die Kemenate« schlechthin genannt. Hier auf dem Gleiberge sind die Grundmauern des stattlichen Palas noch gut zu erkennen; die Formen tragen das Gepräge jenes massiven Baustyls, den man den byzantinischen nennt, beson- ders auffallend sind die Reste zweier Gewölbe und Nischen, welche Nebel für die Ueberreste der kleinen Burgkapelle hält. Das»Berchfrit« war(nach Leo's Angabe) ein hoher empor- ragender Thurm, in welchem man durch Treppen in die Höhe stieg, der aber keinen Eingang gleicher Erde hatte, sondern ein Stockwerk hoch. So hatte auch der runde Thurm hier auf dem Gleiberg ursprünglich keine Pforte gleicher Erde. Die jetzige wurde durch die sieben Puss dicke Mauer erst in neuester Zeit gebrochen, nachdem im Jahre 1838 eine Gesell- schaft von Natur- und Alterthumsfreunden in Giessen für die Erhaltung dieses grossartigen Denkmals einer längst entschwun- denen Zeit Sorge zu tragen beschlossen hatte. In ganz kurzer Frist kam eine beträchtliche Summe zusammen, welche König Friedrich Wilhelm III. von Preussen, auf dessen Gebiet der Gleiberg liegt, vervollständigte. Alsobald wurde nun rüstig „Hand an's Werk gelegt, nach vorhergegangener genauer Be- rathung jene Pforte in den Thurm gebrochen, im Inneren des- selben eine ebenso zweckmässig konstruirte als bequeme und gefahrlose, massive Holztreppe angelegt, die Zinne ummauert und mit einer Fallthüre versehen.— Das„Berchfrit war — 49— (bemerkt Leo weiter) in der Regel frei von anstossenden Gebäuden, an die Mauer angebaut und auf dem kühnsten Vor- sprung des Burgraumes. Beides letztere trifft auch hier zu; in Bezug auf das erstere findet hier eine Ausnahme von jener Regel statt, wiewohl es möglich ist, dass der Thurm ursprüng- lich frei gestanden und die Mauer später daran gebaut worden. Hat doch die ganze Burg im Verlauf der Jahrhunderte und unter verschiedenen Besitzern so mancherlei Veränderungen und Anbauten erfahren! So zeigt auch,(wie Nebel bemerkt) der Burgzwinger Brustwehren mit Umgängen, eine Befestigungs- weise, welche man erst im späteren Mittelalter findet; so liessen die Grafen von Nassau, seit dem 14ten Jahrhundert Besitzer der Herrschaft und der Burg, ein neues Schlossgebäude auf- führen, dessen Küche noch ziemlich erhalten ist. Und da die Burg bis in die Zeiten des dreissigjährigen Krieges bewohnt war, so lässt sich denken, dass bis dahin von Zeit zu Zeit manches verändert, oder neu angebaut wurde, wie es die Be- quemlichkeit oder der Geschmack der Besitzer verlangte. Ich denke mir aber jetzt diesen Burghof so, wie er wohl in der allerfrühesten Zeit aussah. Da steht der hohe Thurm frei, daneben das Hauptgebäude noch etwas niedrig und ge- drückt, durchaus noch mit dem Gepräge des Zweckes der Beschützung; der Palas ist noch das Heiligthum des Hauses, wo der Herd als geweihter Mittelpunkt steht, wie im»Saal« der germanischen Urzeit. Die Gewölbe sind noch breit und rundbogig, die Fenster nicht hoch, aber schmal, und jedes besteht aus zwei durch eine kurze dicke Säule getrennten, im Halbkreise überwölbten Bogen, über welchen sich ein um- fassender dritter Rundbogen spannt. Die Sitte der Bewohner und der Styl ihres Schutz- und Trutzhauses stimmen gut zu dem Berge, aus dessen Gipfel unterirdische Glut die mächtigen Basaltsäu- len hervorgetrieben; die Urkraſt des Menschen stützt sich hier auf die Urkraft der Natur. Und im ersten Dämmerlicht der Geschichte seh' ich in diesem Burghof hier starke, trotzige Männer wandeln, Stammesvettern jenes Königs Konrad, Her- zogs von Ostfranken, welcher sterbend(918) seinen Bruder Eberhard bat die Krone dem Sachsenherzog Heinrich zuzu- wenden, und eben dieses Eberhard, der es versprach und hielt, 4 — 80— aber später, dem sächsischen Hause feindselig, 939 im Kampfe erlag. Diese Stammesvettern aus Konradinischem Geblüt, Hermann und Udo, sind mächtige Grafen in der Wetterau und im Oberlahngau; sie erfreuen sich gar grossen Gebietes weit und breit; nur eine Freude bleibt ihnen versagt, ein männlicher Leibeserbe, welcher die Macht des Geschlechtes fortpflanze. Doch Töchter blühen ihnen und eine von diesen, die reiche Erbin, gibt einem Grafen von Niederlothringen ihre Hand. Und so zieht ein neues Geschlecht freudig hier ein. Die junge Hausfrau lässt den Mann ihres Herzens von den Zinnen hinabschauen auf das schöne Land umher und spricht zu ihm:»sieh, es ist dein eigen! Ein herrliches Geschlecht, dies niederlothringische! Doch nicht lange behält es hier diesen Namen. Siegfried, ein Graf desselben Geschlechtes, erwirbt durch Tausch vom Stift St. Maximin bei Trier das Schloss Lützelburg(Luxemburg) und von da an nennt sich sein Ge- schlecht das der Grafen von Luxemburg, auch von Glei- berg(»Glizberg, Glipperg, Glichberg«)*) und Salm. Dieses Siegfried's Tochter heisst Kunigunde, eine fromme Jungfrau; um sie freit Heinrich der Baiernherzog und erhält ihre Hand; es ist derselbe Heinrich, der nach Kaiser Otto's III Tode zum König der Deutschen und Kaiser gekrönt wird. Diese Kuni- gunde, so fromm sie ist, kann dennoch dem bösen Leumund nicht entgehen. Sie wird der ehelichen Untreue bei ihrem Herrn verdächtigt; aber siehe da: das Gottesurtheil beweist ihre Schuld- losigkeit, denn unversehrt wandelt sie über glühende Eisen wie über rothe Rosen dahin. Jener Graf Siegfried hat noch einen Sohn Friedrich, der nach des Vaters Tode in Niederlothringen und in Luxemburg die Herrschaft führt und ein zahlreiches Geschlecht hinterlässt. Von dessen Söhnen war Friedrich, der älteste, Herzog in Niederlothringen, und Giselbert Graf von Luxemburg; dieser(† 1057) zeugt einen Sohn Hermann, Grafen von Luxemburg und von Salm in den Ardennen, welcher auch Graf von Gleiberg genannt wird; das ist die Seitenlinie des *) Man leitet den Namen Gleiberg,(alterthümlich auf Glizberg) von „glänzen, gleissen⸗ her, oder vom Bache Glippach, welcher nicht weit vom Berge entspringt. — 51— Geschlechts. Die Hauptlinie aber wird durch einen andern Grafen Hermann fortgepflanzt, welcher wahrscheinlich ein Neffe jenes Herzogs Friedrich von Niederlothringen und somit ein Geschwisterkind des zuerst erwähnten Hermann's, Grafen von Luxemburg ist. Beide Grafen Hermann, sowohl jener von der Nebenlinie als dieser von der Hauptlinie, greifen mächtig in die grossen Geschicke ihrer Zeit ein. Und welche Zeit! Ein Kampf um die Freiheit gegen die Willkühr des König- thum's, wurzelnd in der alten Stammfeindschaft zwischen Franken und Sachsen, breitet sich aus über alles deutsche Land. Ich brauche blos den Namen: Kaiser Heinrich IV zu nennen, diesen so vielfach verlästerten und doch so ehrwür- digen Namen! Sein Vater aus Fränkischem Stamme, jener grosse Charakter, Kaiser Heinrich III, erhebt das deutsche Königthum auf den höchsten Gipfel moralischer Bedeutung und streckt seinen gewaltigen Arm auch über die Kirche aus; er will sie nicht blos von ihrer Verderbniss reinigen; nein, er will auch ihre Anmasungen zurückdämmen. Aber seit der Ge- waltige im Dom zu Speier schlummert(Seit 1056), artet das Königthum in Willkührherrschaft aus; da erheben sich die Sachsen gegen Heinrich IV und ein vernichtender Hass ent- brennt, wie er leider Deutschen gegen Deutsche eigen sein kann. Aber wer trägt die Schuld, dass der junge König von der Kindheit an seine Stellung verkennen lernte? Zwei Geistliche, die Erzbischöfe Anno von Köln und Adalbert von Bremen. Auf ihnen haftet die Zurechnung alles Unheils, welches Hein- rich IV und das deutsche Volk in der Folge trifft. Das Herbste dadurch, dass Heinrich IV, vem Hasse gegen die trotzigen Sachsen hingerissen, gegen sie den Papst Gregor VII als Autorität aufruft. Indem er diesen Schritt thut, erkennt er stillschweigend die letztere an und dies muss er noch theuer bezahlen. Bald darnach nimmt sein Glück einen raschen Um- schwung, und er will es benutzen, um den Widerstand der Sachsen mit einem Schlage für immer zu vernichten. So führt er(1075) ein zahlreiches Heer gegen sie an die Unstrut und bei Hohenburg kommt es zur entscheidenden Schlacht. Und als sie schon schwankt, und als ihm schon Boten kommen, das Schicksal seiner Schaaren sei an den Untergang ge- 4* — 52— drängt,— da wallen plötzlich von der einen Seite her die Fähnlein des Babenbergischen Kriegsvolkes, von der andern eilt Graf Hermann von Gleiberg herbei und entscheidet den Sieg für Heinrich IV. Dieser hat den vollständigsten Triumpf über seine Feinde errungen; aber er missbraucht ihn, von Leidenschaft verblendet, und furchtbar rächt diesen Miss- brauch seine Demüthigung zu Canossa(1077), wo er im wol- lenen Busshemde drei Tage lang, barfuss in strenger Winter- kälte, vor dem Papste Gregor VII harren muss, bis ihn dieser vom Banne löset. Und wesshalb erträgt er, der kluge König, für den sogar allenthalben das Volk einsteht, diese Demüthi- gung? weil er einsieht, dass die allzumächtigen Grossen gegen ihn sind, und dass die öffentliche Meinung gegen ihn ist, und dass ihm die Krone nicht eher wieder fest auf dem Scheitel sitzen wird, bevor er den Fluch des Papstes davon abgeschüttelt hat. Aber damit ist noch nicht alles gethan. Gott kann verzeihen, die Hierarchie nie. Wenn die Hierarchie hasst, so hasst sie bis in den Tod; aber sie selbst stirbt nicht, denn sie ergänzt sich; nur der Einzelne, den sie vernichtet, kann sich nicht als moralische Person reproduziren. Die Hie- rarchie salbt Gegenkönige, zuerst jenen Rudolf von Schwaben, dem Gottfrid von Bouillon im Gefecht die rechte Hand abhaut, womit er Heinrich IV Treue geschworen; dann nach Rudolfs Tode 1081 eben jenen Grafen Hermann von Luxemburg aus der Gleibergischen Seitenlinie. Ein arger Kampf ist's, den dieser andre Hermann kämpft. Das Unglück adelt Hein- rich IV in den Augen des Volkes, und desshalb spielt der Gegenkönig Hermann von Luxemburg, trotz seines Muthes, gar bald eine traurige Rolle. Das Volk nennt ihn den Pfaffen- könig, spöttisch blos den»Knoblauchskönig«, weil er in Eis- leben gekrönt ward, wo ein grosser Knoblauchsmarkt; selbst die Sachsen, der Franken alte Feinde, verlassen ihn, da ent- sagt Hermann von Luxemburg voll Scham über die unwürdige Stellung, die er einnimmt, der Krone 1087 und unterwirft sich dem Kaiser, um durch dessen Gnade seine eingezogenen Gü- ter wieder zu erlangen. Nun aber tritt der andere Hermann. der Graf von Gleiberg,— als Sieger an der Unstrut einer der mächtigsten Grossen, bisher so treue,— plötzlich gegen — 53— den Kaiser auf. Aus welcher Veranlassung? Heinrich IV bringt es dahin, dass sein zweiter Sohn Heinrich, als fünfter dieses Namens, zum deutschen König erwählt wird, und darüber grollen mehre Grosse, unter ihnen Graf Hermann von Gleiberg. Aber der junge Heinrich V, ein entschlossener Character, greift zu den Waffen und führt ein stattliches Heer wider die feste Burg Gleiberg. Da schimmern die weissen Zelte im Thal, und eine glänzende Schlange von Waffen windet sich den Berg hinan; die Trompete ertönt, die Sturmleitern liegen an den Mauern, das Kriegsvolk klettert hinan, während die Wurfmaschinen ihre Steinlasten auf Mauern und Zinnen schleu- dern. Der Uebermacht des jungen Königs kann die feste Burg nicht lange widerstehen. Sie wird erobert und zerstört, und Graf Hermann muss sich umwilligen Herzens dem Sieger unter- werfen. Dies geschieht im Jahre 1103. Aber wie bald wen- det sich das Geschick! Der junge König hat noch andre Waffen, als Schleudern, Pfeile, Speere und Schwerter. Er hat die Waffen der schlauen Rede und er hat die Hierarchie zur geschäftigen und verlässigen Freundin, obwohl sie sich seine Herrin dünkt, welche ihm jene Waffen vergiftet und heiligt. Eine entsetzliche Taktik, welche sie anwendet, um das Königthum zu stürzen! Sie vergiftet die Treue, sie bewaffnet den Sohn gegen den Vater. Aber dieser Sohn, welcher sie durchschaut, und nur als Mittel für seinen Egois- mus braucht, während sie ihn blos als Mittel betrachtet, wird für das Prinzip des Vaters fortfechten. In dieser traurigen Zeit der Verwirrung, da nichts mehr heilig ist vor Roms So- phismen, weiss der junge König Heinrich den gewaltigen Grafen Hermann von Gleiberg für sich zu gewinnen und versöhnt sich mit ihm. Graf Hermann gelangt nun wie- der in den Besitz seiner Feste und stellt sie her. Bald da- rauf(1104) wirft Heinrich V die Maske weg und fällt von seinem Vater ab; der Papst Paschalis II ertheilt ihm dafür den apostolischen Segen und vollständigen Sündenablass hier auf Erden und im anderen Leben. Da weichen alle unzufrie- denen Grossen des Reiches von dem unglücklichen Vater und auch Graf Hermann von Gleiberg schliesst sich an die Parthei des Sohnes. Rasch bricht jetzt die Katastrophe der Kaiser- — 54— tragödie herein. Der Vater sieht sein volles Vertrauen von dem treulosen Sohne getäuscht und sich selbst in dessen Ge- walt als Gefangener, zuerst in Böckelheim, dann in Hammer- stein. Dort zwingt ihn der Sohn abzudanken. Noch Schlim- meres befürchtend und von Treuen heimlich gewarnt, entflieht er. In Lüttich bricht endlich dem alten Kaiser(1106) das Herz. Aber selbst seine Leiche soll vor dem Grimm der Hierarchie im Grabe noch keine Ruhe finden, sie wird in Lüttich ausgegraben und nach Speier gebracht; dort steht sie, unbesungen von der Geistlichkeit, fünf Jahre lang in einer ungeweihten Kapelle. Schon im Jahre 1125 stirbt auch Kai- ser Heinrich V, kinderlos, wie ihm die Kindespflicht nicht heilig gewesen war. Und, als ob die Genossen den Fluch theilten, wie sie den Verrath getheilt, so erlischt schon um's Sahr 1168 der Mannsstamm der Grafen von Gleiberg, dieser stolzen proceres imperü, mit Wilhelm und Otto, den Enkeln jenes Hermann, welcher die Parthei des Sohnes gegen den Vater ergriffen hatte. Hermam's vollständige Geschlechts- folge ist diese: Er hatte zwei Söhne, Hermann und Dieterich und eine Tochter Klemenzia. Hermann und Dieterich hinter- liessen wieder zwei Söhne Wilhelm und Otto diese beiden Vettern theilten die Herrschaft Gleiberg, und Graf Wilhelm erbaute bei dieser Gelegenheit die Burg»zu den Giessen«. Wilhelm hatte einen Sohn, gleichen Namens, welcher entweder noch vor, oder doch kurz nach dem Tode seines Vaters (vor 1167) starb. Nun zieht ein neues Geschlecht in der Burg ein und ein neues Wappen, das Andreaskreuz mit Rosen in den Winkeln, prangt über dem Thore. Es ist das Wappen der Herren von Merenberg, welche, geringer an Rang und Macht als die Grafen von Gleiberg, deren Besitzthümer erworben haben. Da seh ich den edlen Hartrad von Merenberg wie er leibte und lebte, vor mir, an der Hand seiner Gattin Irmengard, der Erbtochter von Gleiberg, umgeben vom Kreise blühender Kinder. Und mich dünkt, ich hörte Harfenklang und Minne- gesang; ist's doch die holde Maienzeit der ritterlichen Poésie, unter deren Blüten er einzieht. Und unterm süssen Schall der Minnelieder, dünkt mich's als säh' ich die alte Burg sich ver- — 55— jüngen. Der zierliche Spitzbogen verdrängt, wo er kann, den Rundbogen; statt der massiven kurzen Säule, dieses steinernen Urstamms, erheben sich schlanke junge Stämme, wie durch einen Zauberring zusammengefasst, so dass sie mit gleicher Stärke die Last des Gewölbes tragen. Höfische Pracht schmücket die Wände; bei Kleidern, Geräthen und Schmuck vervielfältigt der Wetteifer im Luxus die Bedürfnisse. Alle Räume sind heller und heiterer geworden und die Menschen sind es auch. Das Ritterthum hat den weiten Mantel seiner Romantik entfaltet. Welch' ein rühriges Leben auf der Burg! Da wandelt der schöne Edelknabe hinter der hohen Herrin. Da tummeln sich die Knappen gar emsig in Schmiede und Stall. Der Koch mit seinen Jungen hat vollauf zu thun, den Gästen ein stattliches Mahl zu rüsten, deren Ankunft der Thurmwart durch seine Hornsignale verkündigt. Das Thor wird aufgethan; sie reiten in blanken Harnischen so freisam heran und grüssen zu den sittigen Jungfrauen hinauf, die dort an den Fenstern weilen. Alle Mienen verkünden ein Fest. Die»Schwertleite« soll vollzogen, der Jüngling durch Ertheilung des Ritterschlages und Umgürtung mit dem Schwerte zum Ritter geweiht werden, und der Spruch erschallt: »Zu Gottes und Marien Ehr' Empfange dies und keines mehr, Sei kühn, biderbe und gerecht, Besser Ritter denn Knecht.- So ist er gerüstet und geweiht, das Recht zu behaupten, für den Glauben zu fechten und die Frauen zu schützen mit Schwert und Schild, mit Blut und Leben, und die Ehre führt er im Banner. Auch ein Turnier seh' ich hier im Geiste, die Trompeten schallen, die Schranken thun sich auf, die Ritter messen ihre Kraſt und Gewandtheit, und das edle Fräulein spendet dem Sieger den»Dank«. Stolzfreudig steckt er dies Ehrenzeichen an den Helm. Das ist die Zeit, während welcher die Herren von Merenberg hier in der Burg hausen,— von der zweiten Hälſte des 12ten bis in die erste des 14ten Jahr- hunderts. Im Jahre 1328 stirbt ihr Mannsstamm mit Hartrad VI aus. Finster blickt der alte basaltene Thurm auf die vielen kleineren Thürme und spitzen Giebel herab, welche das er- — 56— loschene Geschlecht einst, so fröhlich und hoffnungsreich, auf den Mauern rings um den Berg erbaut hatte. Die Erbtochter Hartrads VI von Merenberg war an den Grafen Johann von Nassau-Saarbrücken vermählt, an wel- chen nun durch diese Verbindung der Besitz der Burg und Herrschaft Gleiberg übergeht. Von letzterer ist aber nur ein kleiner Theil ihres ehemaligen Umfanges übrig geblieben; Fa- milientheilungen und fromme Stiftungen haben im Laufe der Zeiten manchen schönen Bestandtheil abgerissen und so wird nur das Amt Gleiberg, aus den Ortschaften an der Lahn, aus dem Hätten- und dem Stoppelberge bestehend, nassauisch, und selbst dies ist, mit Ausnahme von Gleiberg, Vetzberg, Atzbach und Dorlar, gemeinschaftlich mit Hessen. Im Besitz der Grafen von Nassau erhalten die Gebäulichkeiten der Burg, wie die Be- festigung, manche Zusätze und Veränderungen. In den herr- schaftlichen Gebäuden,(welche jetzt der Besitzer der Wirth- schaft bewohnt,) befanden sich das Justizamt und die Rentei; noch jetzt erinnert hie und da eine Jahrszahl oder ein Name auf einem Steine an das Ende des Mittelalters. Unfern der Wirthschaftsgebäude rechter Hand, wenn man in den Burghof hinaufkommt, ist der Eingang zum grossen Burgkeller; aus ihm soll ein unterirdischer Gang in den Wald geführt haben; jetzt ist derselbe verschüttet. Vielleicht stammt der Schloss- brunnen ausserhalb der Ringmauer(ein kleinerer verschütteter Brunnen befindet sich im äusseren Burghof) aus der Mitte des 16ten Jahrhunderts; wenn anders nämlich die sinnige Schrift, welche bis vor einigen Jahren auf einem Steine des Brunnen- geländers zu sehen war, der Spruch:»Christus ist die Quelle des Lebens« mit dem Namen des Pfarrers, der um 1550 lebte, nicht später als die Entstehung des Brunnens anzunehmen ist. So steht die Burg Gleiberg, im Besitz der Grafen von Nassau, fest und wohlbehalten bis in die traurigen Zeiten des 30 jährigen Krieges. Da schlägt ihr die Stunde des Verfalls. Der deutsche Kaiser, dem Grafen Ernst Kasimir von Nassau schwer zürnend, legt 1635 Beschlag auf Burg und Amt Gleiberg, und übergiebt sie 1637 pfandweise der ihm treu ergebenen Darmstädtischen Linie des fürstlichen Hauses Hessen, und diese lässt die Burg durch Kriegsvolk von Giessen besetzen. Im — 57— Jahre 1646 erhält der Graf von Nassau das Amt und die Burg zurück. Mittlerweile hatte im grossen allgemeinen Kriege, welcher ganz Deutschland entzweit, auch der Streit zwischen den beiden Linien Hessens, der Darmstädtischen und Kassel schen immer zugenommen; da zieht in eben jenem Jahre 1646 plötzlich Hessen-Kasselsches Kriegsvolk gegen die Burg heran, in welcher ein Darmstädtischer Hauptmann das Kommando hat; der feindliche General will sich ihrer durch einen raschen Ueber- fall bemeistern; und als dies durch die Tapferkeit der Besatzung vereitelt wird, umringt der Feind die Thore und hält jede Zu- fuhr von Lebensmitteln ab. Noch einige Zeit lang hält sich die Besatzung wacker, bis endlich die Noth wächst; da ergibt sich jene auf die Bedingung eines freien Abzugs. Dies wird bewilligt und nun zieht das Kasselsche Kriegsvolk in die Burg ein, plündert sie und schleudert die Brandfackel in die schönen Gebhäude. Hochauf lodern die Flammen, die Zinnen und Mauern stürzen bis auf wenige zusammen und ihr Schutt bedeckt weit- hin die untersten Räume; doch der ehrwürdige Thurm spottet der Wuth der Flammen und des Menschen. So ist in wenigen Stunden das Werk zerstört, welches Jahrhunderte stand, und öde ist die Stätte, wo einst schöne Frauen und hohe Ritter fröhlich wandelten. Noch mehr verödete sie, als im Jahre 1731 auch der Sitz des Amtes von Gleiberg nach Atzbach verlegt wird. Da nahm auch der Flecken Thal-Gleiberg an Wohlstand und Menschen ab, dem einst Kaiser Ludwig der Baier das Recht eines Wochenmarktes gab, und den die Nas- sauer Grafen mit städtisch-bürgerlichen Freiheiten begabten; niemand mochte gerne mehr in Thal-Gleiberg wohnen, und die Bewohner zogen ins uralte Crofdorf, wo es ihnen wohn- licher war. Wohl aber ist der Flecken heutzutage, da Glei- berg(in Folge des Staatsvertrages von 1816) aus dem nassaui- schen Besitz in den preussischen überging, wieder belebt von einer wandernden Bevölkerung, welche sich unter die blei- bende des Ortes mischt, und oft wimmelt es von frohen Wall- fahrern aus Giessen, welche heranziehen zu einem Wunderbilde. Ja, ein solches ist hier oben zu schauen,— das Wunderbild der Natur, und auch hier könnt ihr einen Ablass gewinnen,— einen Ablass von allen Sorgen und trüben Gedanken, die euch — 58— in der engen Stube quälend umringen. Auch hier vor diesem Bilde könnt ihr freudig beten, dem grossen Meister huldigend, der es schuf; hier stimmt das fühlende Herz in Mahlmanns Worte ein: „Du hast deine Säulen dir aufgebaut Und deine Tempel gegründet!-— Doch, um diess Bild in seiner ganzen Ausdehnung zu be- trachten, lasset uns den Thurm besteigen.— Die Zinne ist erreicht; welcher Anblick! Hier bleibt nur ein Herz kalt, das nie erwarmen kann. Versuch' ich's auch hier, das Bild durch Worte nachzuschildern? Ich will wenigstens die Perlen in diesem Kranze erfassen und sie am geistigen Bande aneinander- reihen; so wird diess vielleicht ein Leitfaden für Befreundete. Ich nehme auf der Zinne den Standpunkt, von wo aus das Auge seine Wanderung in der Runde beginnen soll, so, dass Crofdorf, das hübsche Pfarrdorf, welches(nebenbei bemerkt) schon zur Zeit der Karolinger erwähnt wird, die Mutterkirche Gleibergs, gerade unter mir liegt. Eine Strasse führt an den Wald, und an der Strasse steht eine alte Stein- säule mit dem Wappen von Merenberg und Nassau. Das ist das sogenannte»Frauenkreuz«, von dem die Sage geht: einst habe auch eine Kapelle dabei gestanden(und allerdings sind noch Spuren von Mauerwerk da) und beide, Säule und Kapelle, seien errichtet worden zum Gedächtniss und zur Sühne, weil ein Graf(von Gleiberg oder von Nassau) hier seine Hausfrau ermordet habe. Hinter dem Crofdorfer Walde zeigt sich kaum erkennbar einer der höchsten Berge des sogenannten»Hinter- landes«; doch da ich der Schärfe meines Auges und der meines Fernrohrs nicht traue, so will ich seinen Namen nicht bestim- men. Nun zieht sich die Linie des Gebirges in sanften, kaum merklichen Schwingungen nach rechts. Da seh’ ich den spitzen Frauenberg bei Marburg, dahinter etwas weiter rechts den hohen Lohr, noch weiter rechts ganz deutlich die Amöne- burg, wo Winfried-Bonifacius einst das Kreuz für Hessen gepflanzt und das Gotteshaus gegründet hatte. In gerader Richtung, unterhalb dem Frauenberg liegt näher zu mir heran die kahle Höhe des Altenberges, und weiter hin rechts, ungefähr unter Amöneburg, Wissmar. Jetzt zeigt sich die Lahn, die aus dem Thale hervoreilt, sie scheidet den Vorgrund vom Mittelgrund. In diesem letzteren erhebt sich die malerisch schöne Stauffenburg auf dem Gipfel des runden Berges, im Thalein- schnitt rechts liegt Mainzlar; dicht daran ein etwas niedrige- rer, aber gleichfalls scheinbar freistehender Berg, dann ein Wald- grund, vor welchem sich die Lahn hinwindet; zwischen diesem Wald und der Lahn liegt die Ruine der Badenburg. In gleicher Linie mit der Richtung von der Stauffenburg bis zur Baden- burg zieht sich darüber der Hintergrund hin, und über der Badenburg erscheint Schloss Nordeck in der dunklen Ver- tiefung des Thales, in welches sich rechts Berge vorschieben. Am Vorsprung der letzten ist die sogenannte Teufelskanzel, der Höhenzug selbst heisst der hangende Stein. Unter Mainzlar aber, im Vorgrund nämlich, also diesseits der Lahn, seh' ich Lollar, und unter der Badenburg Launsbach; und blicke dann zunächst auf den Wettenberg hinab, dessen eigenthümliche Formationen sich hier von der Vogelperspective aus am besten erkennen und überschauen lassen. Eine Volks- sage erklärt den Ursprung des Namens Wettenberg(We- dinberg) also: Es hätten in uralter Zeit drei Brüder gelebt, von denen habe der Erstgeborene eine Burg erbaut und weil sie gar fest gewesen, Festberg getauft(das ist Fetzberg); der andere Bruder aber habe auf dem nächsten Berge auch ein Schloss gebaut, gerade wie das erste und desshalb auch Gleichberg genannt und das sei eben der jetzige Gleiberg; der dritte endlich habe mit ihnen gewettet:»ich will euch ein Schloss auf dem drittnächsten Berge hinbauen, das die eurigen noch übertrifft;« und das ist der Wettenberg. Die Sage scheint nicht sehr alt zu sein und bedarf wohl keiner Widerlegung. Von dem Schloss, welches sie auf dem Wettenberg bauen liess, ist übrigens nur noch eine geringe Spur zu finden; aber ein Schanzenaufwurf ist noch zu erkennen. Nun blicke ich wieder über die Lahn und gewahre im Hintergrunde, hinter dem hangenden Stein, das unfern der Wieseck liegende uralte Pfarrdorf Altenbuseck, von welchen eine adelige Familie den Namen führt. Noch weiter hinten dehnt sich ein Höhen- zug aus; da liegt: Grossenbuseck mit seinem schönen weissen Schlosse. Dort, zwischen Grossenbuseck und Alten- — 60— buseck, kämpfte im 30 jährigen Krieg Christian von Braun- schweig mit den Truppen der Liga und musste den Rückzug ergreifen. Weiter unterhalb gegen die Heerstrasse zu, die sich hier in gleicher Richtung mit der Lahn, aber jenseits derselben hinzieht, liegt das Dorf Wieseck. Den Horizont schliessen die blauen Höhen des Vogelsberges, die höchste spitze Kuppe ist der Ulrichstein(1924 pariser Fuss über der Mee- resfläche) mit den Schlossruinen. Während nun die Linie des Vogelsberges fortwährend den Horizont schliesst, zeigt sich, immer in der Richtung nach rechts, gegen den Hintergrund zu das Pfarrdorf Rödchen(einst hiess es Rode), und der Giesser Wald beginnt. Jetzt begrüsse ich Schiffenberg über dem dunklen Gehölze, und unten an der Lahn weiterhin das freundliche Giessen. Nun beginnt die Höhe, welche sich nach Grüningen hinanzieht, und darunter liegen Watzen- born und Steinberg; der ferne Spessart, wenn ich dem- Auge trauen darf, bildet den Hintergrund. Hinter Grüningen liegt Münzenberg; in gleicher Richtung ganz im Vorgrund unter mir der Hardthof. Ich folge jetzt dem Grüninger Hö- henzuge, wo ich im Mittelgrunde Grosslinden, Lützellin- den und Kleinlinden gewahre, und entdecke hinter dem Thaleinschnitte die Höhe bei Friedberg, vor welche sich rechts der(1350 pariser Fuss hohe) Hausberg bei Butzbach scheinbar hereinschiebt. Der Hüttenberg schliesst sich daran, hinter welchem wieder die höchsten Gipfel des Taunus ganz deutlich zu erkennen sind. Der Häüttenberg tritt jetzt schärfer am Horizont hervor und an ihn reiht sich der Stoppelberg. Ungefähr in der Mitte dieses Gebirgszuges erkenne ich das alte Dutenhofen, welches ungefähr in der Halbscheid des Weges zwischen Giessen und Wetazlar liegt; die Sage leitet Dutenhoſens Namen also her: dort sei in uralten Zeiten der Todtenhof vom ganzen Hüttenberg gewesen. Etwas näher, rechts nämlich, liegt Kinzenbach, wovon sich eine Adels- familie schrieb, weiterhin Atzbach am rechten Ufer der Lahn, ein alter Ort(Ettisbach, Adisbach) jetzt der Sitz des Justiz- amtes. Und wo die Lahn sich am Stoppelberge hin in's fer- nere Thal windet, kann ich mit dem Fernrohr am Saume des Abhanges links ganz deutlich einen Wartthurm und den Karls- — 61— munt bei Wetzlar erkennen, sodann in der Mittelhöhe des zweithinteren Bergrückens, das hochgelegene Braunfels mit dem stattlichen Schlosse des Fürsten zu Solms-Braunfels, endlich Dahlheim mit der Ruine. Den Hintergrund schliesst der Westerwald. Nun breitet sich der imposante Königs- stuhl im Mittelgrunde vor mir aus, im Vorgrunde lehnt sich an dessen Fuss der Schmidthof(einst ein adeliges Haus »„zur Schmiede“ genannt), weiterhin Rodheim. Im Hinter- grunde gewahr' ich auf dem fernsten Berge: Schloss Greifen- stein und gedenke der Belagerung desselben durch Türenne, und des Spruchs, der dies Ereigniss im Volksmund erhielt.*) Zwischen diesem und dem Königsstuhl breitet sich ein andrer Höhenzug aus, auf dessen Mittelhöhe(1176 pariser Fuss über der Meeresfläche) Königsberg thront, wohl schon den Rö- mern bekannt und wahrscheinlich durch Marquard von Hohen- solms in der ersten Hälfte des 13ten Jahrhunderts erbaut. Auf dem höchsten Gipfel seh' ich dann Hohensolms mit dem Schlosse des Fürsten zu Solms-Lich. Fast in gerader Rich- tung näher zu mir her, steigt im Vordergrunde die Kuppe des Vetzberges empor, während im Hintergrunde der hohe be- waldete Dünsberg(1432 pariser Fuss über der Meeresfläche) vortritt. Vom Dünsberg aber erzählt die Sage: auf seinem Gipfel habe einst ein Schloss gestanden, das nun schon längst verschwunden ist; zu gewissen Zeiten öffne sich der Berg, und wer das Zauberwort wisse, der könne in das Innere tre- ten und die Schätze holen, die drinnen verborgen seien. Zu- nächst vor dem Dünsberg begegnet mein Blick wieder dem *) Die Ueberlieferung lautete also: Türenne habe sich überzeugt, dass er das feste Schloss Greifenstein nicht einnehmen könne und habe dies dem Grafen Wilhelm II von Solms-Greifenstein mitgetheilt. Da habe ihn der Graf zum Male geladen und nach der Tafel um Gewährung einer Bitte ersucht. Sie bestand darin, dass Türenne zum Abschied an jedem Thore des Schlosses einen Becher Wein leere. Türenne versprach's, konnte es aber nicht erfüllen, denn der Thore waren zu viele. Und auf das Thor, wo er sein Unver- mögen weiterzutrinken bekannte, habe der Graf den Spruch schrei- ben lassen: „Greifenstein, du edles Haus, Nuüchtern hinein, trunken heraus!- — 2.— Crofdorfer Walde und findet sich so auf dem Ausgangs- punkt seiner Wanderung wieder angelangt. Ungefähr eine halbe Stunde von Gleiberg gegen Westen liegt auf einem frei emporsteigenden Berge die Ruine des Schlosses Vetzberg. Nicht so umfangreich und stattlich wie die Gleibergs, nimmt sie sich doch äusserst malerisch aus; und, wenn auch mehr zerfallen, blickt sie doch gar hell und freundlich auf das schöne Thal ringsum herab. Das zerklüftete Mauerwerk lehnt sich gleichsam an den schlanken Thurm, als suche es bei ihm Schutz; dieser selbst blickt(wie ein Sohn zum Vater) zu dem alten ernsten Thurm Gleibergs hinauf. Unterhalb der Ruine schmiegt sich das ärmliche Dörflein an den Berg; kein Gottes- haus ladet die Bewohner mit Glockentönen zu sich ein; einst— doch das ist wohl schon an vierhundert Jahre her— stiegen sie zur Burgkapelle hinan, welche jetzt in Trümmer zerfallen ist. Nahebei liegt der Vetzberger Hof. Welch' einen mäch- tigen Eindruck auch die Ueberreste Gleibergs und das gross- artige Panorama von dessen Thurm hervorbrachten,— es ver- lohnt sich doch der Mühe, nach Vetzberg hinüberzuwandern und dessen Trümmer in der Nähe zu beschauen. Woher der Name»Vetzberg« stammt? Man hat schon mancherlei verschiedenartige Ableitungen desselben versucht. Einige meinen: er stamme vom Worte Vogt(im Volksmund: „Voit“ oder»Fond), weil ein Landvogt hier im Schlosse gesessen. Andere nehmen an, ein gewisser Vodo habe dies Schloss erbaut, und daher heisse es ursprünglich„Vodosberg«. In alten Ukmsln kommt der Name in den Varianten»Vodin- burg, Voitsberg, Näisbeig, Voydesberg, Nogedenberg und Fondsberg« vor..* Wie Vetzberg Descheiden und friedlich neben dem stolzen trotzigen Gleiberg liegt, 80 folgt auch seine Geschichte einem gleichen Verhältniss. Es ist nicht das Stammschloss eines eige- nen Herrengeschlechts. Die adeligen Vasallen der Herren von Gleiberg bauten sich auf dem benachbarten Berge an und er- — 64— hielten das Schloss Vetzberg von diesen zu Lehen. Sie thaten sich als„Ganerben« zusammen, und kommen als solche ur- kundlich schon 1245 vor; mehrere adelige Mitglieder dieser Ganerbschaft fügten ihrem Namen noch bei:„von Vetzberg«. Im Jahre 1454 waren ihrer neunzehn; diese errichteten einen Burgfrieden unter sich und ihre Vorsteher hiessen„Buwen- meister«(Baumeister); die darüber ausgefertigte Urkunde, das pactum ganerbicum von Vetzberg*), ist ein interessanter Bei- trag zu den deutschen Rechtsalterthümern. Unter den adeligen Familien, welche zur Vetzberger Ganerbschaft gehörten, fallen uns manche berühmte Geschlechter auf, die von Nordeck, von Buseck, von Holzhausen, die Schenk zu Schweinsberg, die von Schwalbach, die von Breidenbach, die Holzapfel. Die letztgenannten flochten 1467 das einzige romantische Blümchen in die friedliche Geschichte Vetzbergs. Die Holzapfel und ihre Genossen entführten nämlich damals eine Jungfrau vom Hofo des Grafen Johann IV von Nassau-Dillenburg, und flohen mit der Geraubten hieher. Kaum vernimmt der Graf die That, so schwingt er sich, von Zorn entbrannt, mit seinen Mannen zu Rosse und jagd hinter den flüchtigen Räubern her, und unter- wegs ruft er alles Volk in den Dörfern auf, ihm gegen sie beizustehen. Am Fuss des Vetzberges erreicht er endlich die Verhassten und ein furchtbarer Kampf beginnt. Vergeblich ihr Muth, vergeblich ihre Tapferkeit; der zürnende Graf trägt den Sieg davon; die Holzapfel und ihre Genossen ergreifen endlich die Flucht, während manche Leiche auf dem Wahlplatz und mancher Verwundete in der Gewalt des Grafen bleibt.— Im Verlauf der Zeiten kam die den Ganerben gemeinschaftliche Burg, zu welcher weiter nichts als ein Stück Feld und ein Stück Wald gehörte, allmälig sehr in Abnahme. Es konnte, seit der Erfindung des Pulvers und der Einführung der Feuer- gewehre, nicht mehr eine Vorhut für das bei weitem festere Gleiberg sein; man vernachlässigte es. Manche ganerbschaft- liche Familie erlosch und kein neues Geschlecht meldete sich zur Aufnahme in den ganerbschaftlichen Verband. Ueberhaupt war die ganze Zeit unvermerkt eine andere geworden, und *) Mitgetheilt in Abicht's„Kreis Wetzlar⸗ 1. Thl. 4. Beilage. — 64— jene wundersame Gliederung des mittelalterlichen Ritter-, Adel- und Lehnswesens war aus den Fugen gewichen und durch neue Kombinationen im Staatswesen ersetzt worden. So waren im Jahre 1765 nur noch vier ganerbschaſtliche Familien übrig: die von Lesch zu Mölnhem, die von Schwalbach,(die auch in Giessen als Burgmänner so lange ausgehalten) die Schenke zu Schweinsberg und die von Nordeck. Diese überliessen dem damaligen Landesherrn, dem Fürsten Karl von Nassau-Weil- burg, all' ihr Gerechtsame für 2000 Gulden und der Fürst hob die Ganerbschaft auf. Die Gebäulichkeiten der Burg, schon früher ziemlich vernachlässigt, zerfielen nun immer mehr, und es bedurſte blos der Zeit, um sie völlig in Ruinen zu ver- wandeln. Der Stein an und für sich ist etwas Todtes; und so ist's auch das ganze Gebäude, wenn es nicht, wie bei einer Burg die Erinnerung, sei es nun Geschichte oder Sage, weiht, wenn ihm nicht, wie bei einem Rathhaus oder bei einer Kirche, die geistige Richtung des Volkes, sei es für das Gesammtbe- wusstsein der Freiheit und des Rechtes, oder für den Glau- ben, das Siegel einer höhern Bedeutung aufdrückt; und dann lebt das Gebäude auch bis zum letzten Stein, wie uns das Schlachtfeld lebt, selbst wenn kein Hügel mehr das Grab eines Gefallenen bezeichnet. Aber die Vergangenheit selbst, im Ganzen ist immer poetisch und wird es noch mehr, wo du blos noch zertrümmerte Reste siehst. Gerade dann tritt nämlich die Phantasie liebreich hinzu und, wie sie empfänglich ist für alles, was da war, weil sie die Kraft in sich trägt, es aus Rosenwolken neu zu erschaffen,— so neigt sie sich auch über das Detail und fasst es als Ganzes auf, das sie mit tausend neuen Wesen bevölkern kann. So erweitert und veredelt sie das, was einst vielleicht nur als Genrebild zur grossen ganzen Komposition gehörte. Wer möchte ihr darüber gram sein? Wenn auch der strenge Gelehrte vom Fach sie, als eine un- ruhige muthwillige Bettina von sich stösst, die alle Bücher durcheinanderwirft und alle Merkzeichen aus denselben zieht, wenn sie auch alle mühsam gesammelten Notizen und Auszüge wie für ein Kalleidoscop durcheinandermengt,— sie ist doch ein liebes, herziges Kind, diese Beherrscherin aller Luftschlösser. — 65— Und sind denn die festesten Schlösser für die Dauer fester als diese ihre Luftschlösser? Lasst sie doch immer emsig nach ihren Launen bauen, lasst sie hie und da umherschweifen, und überall, wo sie Trümmer sieht, die schönsten Formen sich merken, welche sie dann verwendet oder gefällig, wie sie ist, dem Künstler mittheilt. Für den Künstler ist Vetzberg ein schöner Fund, überhaupt für jeden, der Schönheitssinn hat. Er beut ihm den Mittelpunkt eines reizenden Bildes, zu wel- chem die Natur rings umher einen Mittel- und Hintergrund liefert, so still-heimelig, dass jeder Beschauer den Wunsch in sich aufsteigen fühlt:„»Dolce far niente! hier kann man sich dir mit vollem Behagen ergeben!“ Badenburg, Altenberg, Kirchberg und Stauffenberg. Was ist das heute nur für ein Drängen und Treiben zum Wall- thor hinaus? Bürger, Studenten und Beamte bunt durcheinan- der gemengt, zu Fuss, zu Pferd und zu Wagen,— so eilt die Menge mit fröhlichen Gesichtern durch die Vorstadt vor dem Wallthor und füllt die breite Heerstrasse, welche nach Marburg führt.»Wohin?« frage ich den vergnügten Musen- sohn.„»Nach der Badenburg!« ist die Antwort.»Wohin?« so frage ich den Handwerksmann, der seinen saubern Sonn- tagsrock angezogen und seine Frau am Arme hat, während er sich eben für den gestopften Pfeifenkopf Feuer schlägt und während ihn die liebe Jugend, in ihrer Art stattlich heraus- geputzt, vor den Beinen herumläuft, um den Weg gewiss dreimal zu machen.»Ei wohin anders, als auf die Baden- burg;“ gibt er mir lachend zur Antwort, und in seinem Tone ist eine solche bestimmte Voraussetzung:»ein vernünftiger Mensch kann heute nirgends anders hin als nach der Baden- burg gehen,« dass ich mich völlig schämen muss, erst gefragt zu haben. Somit frage ich denn auch gar niemand weiter, — 67— sondern werfe mich getrost in den lustig wogenden Men- schenstrom hinein und lasse mich von ihm forttreiben; geschehe nun mit mir, was da wolle,— ich bin mit allem zufrieden. Es ist aber auch heute ein Pfingstfeiertag, der dem Früh- ling alle Ehre macht. Aus allen Kreaturen lacht der Wieder- schein der reinen Himmelsbläue über uns; ich spreche von mir in der vielfachen Zahl, denn ich betrachte mich als Theil der Volksmenge; es ist überhaupt so schön, sich als Theil eines Ganzen zu denken! Ja, unser denn ist heute der Himmel mit seinem hellen Blau, unser die Strasse, unser das Feld und die Wiese, unser dünkt uns heute die ganze Welt. Liege daheim heute, du ernste Arbeit, die uns so lang um- sponnen; heute sind wir dir entschlüpft, wir heben die ge- lähmten Fittige der Sonne entgegen, wir geben sie dem Wind der Freude hin, der sie schwellt und forttreibt. Gewiss: auch die Freude steckt an, wie der Schmerz. Wenn hunderte mich anlachen, so ganz vom süssen Augenblick trunken, als hätten sie nie eine düstre sorgenvolle Stunde durch und durch em- pfunden, da schlüpft die Sorge, da verbirgt sich der Gram in der Brust des Einzelnen recht tief hinab, als ob sie beide schliefen, und der Einzelne täuschet sich so gern, als trüge er sie gar nicht mehr mit sich.— Aber was sind das für Feier- tagsgedanken! Und stecken jene zwei Kobolde nicht gerade ihre Köpfe durch den Sack, in dem sie eingenäht sein sollen? Fort mit euch! lieber dicht hinter jenen schmucken Sammtröcken gewandelt, von denen ich eben zufällig einen grossen Namen gehört, den Namen eines Erfinders, den ihr in allen Geschichts- büchern umsonst nachschlagen werdet, den Namen eines Kö- nigs, vor dem ich Respekt habe, denn er hat schon viele hun- derttausend Menschen froh gemacht. Es ist ein fabelhafter König, dieser brave Mann; aber seine Erfindung ist und bleibt eine Wahrheit. Kurz er heisst Gambrinus, König von Flan- dern und Brabant, und hat— das Bier erfunden. Ich gestehe: sein Name, wie ich ihn hier aus wackrer Studenten Munde hörte, hat mich elektrisirt; denn wir sind alte Bekannte, König Gam- brinus und ich; er schuldet mir und dem Professor Massmann in München noch seinen Dank, dass wir einst,— Massmann 5* — 68— gelehrt, wie immer, ich etwas oberflächlich-romantisch,— Beiträge zu seiner Biographie veröffentlichten. Wahrscheinlich hat uns der König vergessen, aber alte Liebe rostet nicht und verschmerzt auch den Undank. Ich hatte längst schon dran gedacht, ein Monument für diesen guten alten König von Flan- dern in Anregung zu bringen. Nun denkt euch meine Freude, als ich mich den Studenten anschliesse und von ihnen ver- nehme:„sie beabsichtigten nächstens sein Jubiläum zu feiern und zwar auf der Höhe des Felsenkellers zu Giessen.“ Ein glücklicher Einfall, bei so vielem Jubel unserer Tage auch dem gesunden Spass sein Recht wiederfahren zu lassen! Die Idee müsste grossartig ins Werk gesetzt werden, mit allem, was zu einem deutschen Mummenschanz gehört; der Witz müsste dabei vollen freien Spielraum haben; doch—— bald hätte ich ver- gessen, dass wir ja selbander zur Badenburg ziehen, und nachdem das Gespräch nun einmal angeknüpft ist, so bitte ich meine gefälligen Begleiter um nähere Auskunft über das, was die Volksmenge dort heute wohl besonders suchen mag. Ich erinnere mich im alten Johann Just Winkelmann gelesen zu haben: „Zur linken Hand des Busecker Thals gegen den Lohnstrom an einer Waldecke liegt das mit schönen künstlichen Gemäld- und Feld-schlachten gezierte adelige Haus Badenburg, denen von Schrautenbach zuständig.« Es ist schon lange her, seit Winkelmann von jenen„künstlichen Gemäld- und Feldschlach- ten« schrieb; aber selbst, wenn diese seither nicht verblasst sind, so begreife ich doch kaum, wie so vieles Volk zu ihnen hinausströmen mag, heute, da der Festtaghimmel das belebte reichere Gemälde der Natur beleuchtet. Und es ist auch nicht an dem. Die Gemälde sind verschwunden, und die Natur ist's, welche die Volksmenge hinauslockt. Die Badenburg(so lautet die Auskunft, welche ich erhalte) ist überhaupt einer von den Lieblingspunkten der Giesser, unter denen sie in ihren herrlichen Umgebungen so viel zu wählen haben, dass einem wirklich die Auswahl schwer wird. An Feiertagen aber, wie der heu- tige, eilt Jung und Alt, vorzugsweise zur Badenburg und ein wahres Volksfest ist dort zu schauen, ein grosses Rendez- vous, welches sich alle Stände geben und wobei sich jeder auf seine Weise vergnügt. 7 — 69— Mittlerweise haben wir längst von der ansteigenden Mar- burger Heerstrasse links ab in den Feldweg eingelenkt, wo uns, die wir in der Tiefe wandern, der Anblick Giessens durch die nächsten Höhen, welche die Stadt auf dieser Seite umgeben, verborgen bleibt; dafür seh' ich die Lahn wieder ganz in der Nähe und das stattliche Burgenpaar, Gleiberg und Vetzberg, welche man in Giessens Umgebungen fast nie aus dem Gesichtskreise verliert, so mannichfach sie scheinbar ihre Lage zu einander, zu ihren Nachbarbergen und zu dem Düns- berg wechseln, so erweisen sie dem Wanderer in Giessens Um- gebungen doch stets getreulich denselben Dienst, wie ein hoch- ragender Dom dem Fremden, der sich in einer grossen mittel- alterlichgebauten Stadt ohne Führer zurechtfinden will. Mein Weg führt grösstentheils zwischen gesegneten Fruchtfeldern in der Ebene hin, bis er sich wieder zu einem Hügel erhebet, hinter welchem ich Wald gewahre. Vor mir liegt am anderen (rechten) Ufer der Lahn Launsbach, malerisch vor den hinter dem Dorfe emporsteigenden Höhen, weiter hinauf Wissmar, mit seinem neuen hell in die Augen gleissenden Kirchthurm, dessen Architektur übrigens, nebenbei bemerkt, meinem Ge- schmacke nicht entspricht. Nun wenden wir uns rechts um die Ecke und betreten eine gar hübsch umfriedete Wiese— vor uns ländliche Gebäude, rechter Hand auf den Anhöhen ein kühles Wäldchen. Nur noch wenige Schritte und wir stehen vor der Mühle, deren Werk die Lahn treibt, und sehen hinan zur Badenburg. Wie? diese einzelne kahle Mauer, durch deren zerrissene Fenster das Grün des Laubes dahinter blickt, und— die Ba- denburg,»das mit schönen künstlichen Gemäld- und Feld- schlachten gezierte adelige Haus, denen von Schrautenbach zuständig«? Es war die Badenburg, die im Jahr 1358 Johann von Weitershausen(Weitholshausen) erbaute, deren Besitzer, die Weitholshausen, genannt Schrautenbach, sich auch nach ihrem Schlosse hier schrieben. Wie kommt es, dass von — 70— dem ganzen Umfang der Schlossgebäude fast nur diese Mauer noch steht? Wessen Feindes Hand zerstörte hier?— Keines Feindes Hand; wird mir zur Antwort. Anfangs der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts machte man das Schloss unbewohnbar; man brach Holzwerk, Oefen, Fenster, kurz alles, was einen prekären Werth zu haben schien, aus, und sagte dann zur Zeit, wie König Philipp zum Grossinquisitor:„Thun Sie das Ihre!« Ungefähr im Jahre 1820 erkaufte die Gemeinde Wieseck die ganze Badenburg von den Freiherrn von Schrau- tenbach; die Gebäude brachte der Kaufmann Tasché aus Gies- sen an sich, welcher viel zur Verschönerung des Berges beitrug, und namentlich hübsche Anpflanzungen machte. Seit der Zeit ist es ein Lustort. Diese letztere Bestimmung seh' ich auch deutlich. Welches Leben rings umher! Jedes Plätz- chen oben auf dem Berge ist von Giesser Familien mit Be- schlag belegt, und unten in der schmalen Passage zwischen dem Berg und der Mühle drängen sich immer mehr frische Gäste heran. Ich habe eben im Gewühle meine bisherigen Begleiter verloren und will der Menge folgend, den schmalen Fuss- steig zum Berge hinanwandeln. Da fasst mich plötzlich jemand am Arme; ich blicke mich um und erkenne einen Freund, der zwar nicht ausübender Künstler ist, aber ein für die geeig- netste Auffassung schöner Landschaften so geübtes. Auge hat, dass ich ihm stets Vorwürfe mache, wesshalb er kein Künsler geworden ist. Er zieht mich sachte aus dem Menschengewühle, und führt mich— ich lasse mich willig lenken,— ans Ufer, wo ein Kahn angebunden steht. Wir steigen ein; ein rüstiger Bursche stösst ab und rudert uns rasch an's jenseitige Uſer. Hier führt mich mein Freund an den Weidenbüschen vorüber, etwa einige hundert Schritte stromabwärts, und bittet mich, das Bild, welches sich mir gegenüber darstellt, zu betrachten. lch muss gestehn: es macht seinem Geschmack alle Ehre, und ich bin in der besten Hand, die ich mir wünschen kann. Im Vorgrunde links das breite Wehr, wo ein Arm der Lahn schäumend, weiss wie Schnee, herabstürzet, dahinter die Au der Insel, vor mir der geebnete Wasserspiegel, rechts hinter demselben die malerische Mühle, vom Walde auf der Hõöhe — 7— begrenzt. Die Mitte des Bildes nimmt die letzte noch übrige Hauptmauer der Badenburg auf dem Berge ein, an welche sich links das einfache offene Tempelchen reiht, wo man die herrliche Aussicht geniesst. Das Bild hat nach jenen vielum- fassenden Fernsichten, die ich bereits genossen, gleichwohl einen grossen Reiz für mich; es ist so in sich abgeschlossen und vollendet, möcht' ich sagen, dass man mit Behagen alle Details verfolgen kann, deren Zusammenwirken in uns den wohlthuenden Eindruck hervorbringt. Nun will mich mein Freund stillschweigend wieder an den Kahn führen, aber ich lasse es mir nicht nehmen, auch die entgegengesetzte Land- schaft zu überblicken. Ich muss es rasch thun, denn mein Freund lässt mir keine Zeit, indem er mich versichert, von dem, was ich hier, mit dem Rücken gegen die Lahn, sehen könnte, hätte ich das Eine(links den Gleiberg und weiterhin Wismar) schon gesehen, und das Andre(den Stauffenberg) würde ich bald noch besser sehen; ich dürfe mir den ersten Eindruck nicht verderben, und so fort. Nun gut, ich gehorche ihm. Er sieht etwas bedenklich auf meine Beine, als wollte er fragen, ob diese noch eine tüchtige Wanderung aushielten, und nachdem ich ihm dies, auf deren Ehre bedacht, unbedingt versichert habe, führt er mich lächelnd wieder in den Kahn. Ich glaube bemerkt zu haben, dass dies Lächeln ein wenig ironisch war. Und nun wandeln wir zusammen den Fusspfad zum Berge hinan und droben zwischen den fröhlichen Menschen umher, welche sich alläberall gelagert haben. Ja wohl ist's ein wah- res Volksfest; man braucht nur die frischen Gesichter anzu- sehen und man glaubt es gerne. Das geht ab und zu, das scherzt und lacht; es ist doch eine rechte Freude, harmlose, frohe Menschen zu sehen. Hätten sich's die alten Herrn von Weitholshausen wohl je träumen lassen, dass— zwar nicht in denselben Räumen, wo sie selbst guter Dinge waren, wenn sie ihre Harnische abgeschnallt hatten,— nein, dass auf der Stätte, wo einst ihre Prunkstuben standen, die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts ohne Harnisch, ohne Allongeperücken und ohne Zöpfe so herzensvergnügt sein würden, dass hier einst so manches»gaudeamus igitur“ erschallen, dass so — 22— manche erste Liebe durch einen Händedruck eingeleitet oder gestanden würde? Wahrhaftig, wenn sie die Töne der Straus- sischen Walzer hören könnten, die eben jetzt in dem neuer- bauten Tanzsaal gespielt und getanzt werden,— wer weiss, ob sie nicht heraufkämen(erzählt uns doch die Sage so viel von der Zauberkraft des Tanzes) und sich in ihrer urväterli- chen Tracht mit vor die Reihen der Tänzerinnen stellten und ein schönes Kind aus Giessen mit aller steifen Ehrbarkeit ihrer damaligen Manieren aufforderten?— Uebrigens hatte die Baden- burg, wie ich mich eben bei einem Spaziergang durch die Gärten und Umgebungen überzeuge, keinen ganz unbedeuten- den Umfang und es mag wahrlich schön wohnen gewesen sein in den hohen geschmückten Gemächern, schön herabzu- sehn auf die Lahn geradeunten. auf die Thäler und sanft an- steigenden Höh'n. Aber mein Freund macht jetzt Ernst zum Weiterwandern. „Wohin denn?«—»»Auf die Marburger Strasse.««—„Warum? ich habe sie ja nicht weit vor Giessen verlassen?«—„» Thut nichts; oder vielmehr eben darum! Wir wollen nach Kirch- berg und zur Stauffenburg und uns unterwegs— von ferne wenigstens— die Teufelskanzel am hangenden Stein besehen. Auch das herrliche Busecker Thal ver- diente wohl, dass wir es besuchten. Auf mein Wort, weit und breit kann man suchen, bis man seines Gleichen findet; und für Sie, als Freund der Geschichte, hat es gewiss noch ausserdem Interesse. Denken Sie nur an die langwierigen Streitigkeiten, welche die Herren von Buseck mit den Land- grafen von Hessen-Darmstadt hatten, denen sie nicht als Land- sassen unterthan sein wollten; noch im vorigen Jahrhundert währte ja der Prozess vor dem Reichshofrath und dem Reichs- tag in Regensburg. Doch ich will heute Gnade für Recht ergehen lassen und wir versparen uns den Besuch des Busecker Thales für ein andresmal; denn heute haben wir allerdings noch manches Stück Weges zu durchmessen.“«—„Wie weit rechnet man die Entfernung nach Kirchberg?“ frage ich hier- auf den trefflichen Freund; er zuckt schweigend die Achseln und führt mich auf die Marburger Strasse. Der Weg ist schön und die Landschaft voll rcchge — 73— lung. Da seh ich endlich rechter Hand von der Strasse, feld- einwärts den sogenannten„hangenden Stein«. Es sind eingestürzte Trümmer einer gigantischen Felsmasse, von denen einzelne so drohend hoch überhängen, als sei das Werk der Zerstörung noch nicht vollbracht und müsse sich in jedem Augenblicke erneuern. Aber schon längst hat sich junges Leben zwischen und über den Felsentrümmern verbreitet und verhüllt mit lachendem Waldesgrün die zerklüſteten Massen. Dort an der Ecke raget noch eine eigenthümliche Felsgestalt aus dem Waldesdunkel hervor; das ist die sogenannte»„Teu- felskanzel«, wo der leidige Gottseibeiuns sein Wesen treibt, wie die Sage berichtet. Der arme Teufel hat sich schon so vielen Spott und Grimm von uns Menschenkindern gefallen lassen müssen, dass man billig einmal auch seine Ehrenrettung versuchen müsste; oder spricht es wohl nicht für ihn, dass er gerade die wildromantischen Punkte einer Landschaft auf- sucht und sich dort umhertreibt? Der runde Berg in der Nähe von Lollar heisst der»L et larer Kopf.“ Wir kommen jetzt an den Lum dabach, der von dem alten Dorfe Mainzlar her aus dem Thale hervoreilt und sich bei Lollar in die Lahn ergiesst; dies letztere Dorf liegt zwischen beiden Wassern. Nun nähern wir uns allmälig dem freundlichen Pfarrort Kirchberg. Das Kirchengebiet desselben umfasste einst Ruttershausen, Mainzlar, Daubringen, Lollar, Heibertshausen und mehre später eingegangene Ort- schafſten und entsprach dem Gericht Kirchberg, welches aus der Hinterlassenschaft der Herrn von Merenberg an die Grafen von Nassau kam. Graf Johann hatte hier an der Lahn eine Burg erbaut; diese zerstörte ihm Landgraf Hermann, und da- rüber kam es 1366 zwischen beiden zum Krieg. Im Jahre 1396 vertauschte Graf Philipp von Nassau seinen Antheil an seinen Schwager, den Landgrafen Hermann. Seitdem blieb das Gericht Kirchberg, gleich mehren andern benachbarten Gerichten zwischen Hessen und Nassau gemeinschaftlich, bis endlich im Jahr 1585 eine Theilung zu Stande kam und dieses Gericht ausschliesslich hessisch wurde.*) ) Schmidt, Gesch. des Grossherzogth. Hessen iter Bd. S. 231. — 74— Wir überschreiten jetzt den schmalen wankenden Steg, der hier über die Lahn führt, um zu dem Afenberg hinan zu steigen. Der Weg durch den breiten Hohlweg bis zu der Ecke des an die Lützelmark sich schliessenden Waldes ist nicht weniger als anmuthig. An der Waldesecke angelangt, seh' ich jetzt, etwas bedenklich, die ziemlich steile kahle Kuppe des Altenherges vor mir, die noch zu ersteigen ist; aber mein Freund, der die ganze Gegend genau kennt, ver- sichert mich, die Aussicht vom Gipfel sei so lohnend, dass ich die kleine Mühe des noch übrigen Klimmens nicht bereuen würde. Nun den, frischen Muth! Ich bin von uns beiden am ersten oben und wahrlich: mein Freund hat nicht über- trieben. Unzweifelhaft stand einst auch hier eine Burg, denn im ganzen Umkreise des Gipfels erkenne ich deutlich die Spuren des Mauerwerks; die Geschichte schweigt indessen gänzlich darüber. Ich blicke hinab in das Lahnthal zu meinen Füssen, wie es rings von reizenden Gebirgsgruppen um- schlossen ist nnd rufe freudig:„Dort seb' ich ja Marburg:“ Die Sonne beleuchtet gerade das Schloss auf dem Berge und die Stadt unter demselben so günstig, dass sich fast jedes Ge- bäude deutlich erkennen lässt. Begeisternd weht der Odem der Geschichte vom fernen Marburg zu mir herauf und die Gestalten der Vorzeit wandeln durch's Thal. Ich sehe die fromme Dulderin Elisabeth mit ihren zwei Fräulein, ich sehe ihren ge- waltthätigen Schwager, den Landgrafen Heinrich Raspe und den wackern Rudolf von Vargula, wie er ihm als deutscher Mann Stirn an Stirn die Wahrheit sagt; ich sehe den fanatischen Ketzer- richter Konrad von Marburg, dessen Angedenken noch heute der Ketzerbach im Volke lebendig erhält; ich sehe das Kind von Brabant und die lange stattliche Reihe der Kommenthure und Ritter des deutschen Ordens, der dort eine Landkommende besitzt. Jetzt schreitet Philipp der Hochherzige in seiner Kraft voran; er gründet(1526) die Universität und sucht zwei Männer zu versöhnen, beide die Vorfechter der Glaubensfreiheit, beide gewaltig von Willen und entzweit über eine religiöse Frage; — 75— keiner von beiden weicht von seiner Ueberzeugung; da reichen sie sich die Hände und scheiden von einander und das Mar- burger Religionsgespräch bleibt ohne Folgen, zur Freude aller Feinde der Reformation. Auch einen Mann der Gegenwart sehe ich— im Geiste— vor mir, der dort im Schlosse sitzt, und zu dem der innige Ostergruss des Dichters hinaufklingt! Da verhüllt eine dunkle Wolke die Sonne. Ich kann das alte Schloss nicht mehr erkennen; ich mag's auch nicht, und hebe die Blicke zu dem hohen Frauenberg im Hintergrunde, wo auf dem Gipfel eines ausgebrannten Vulkans die hohen Mauerreste des Schlosses ragen, welches die Herzogin Sophie von Brabant (die Tochter der heiligen Elisabeth) zwischen 1254 und 1256. erbaute, um sich gegen die feindlichen Angriffe, besonders von der nahgelegenen, damals kurmainzischen Feste Amöneburg zu sichern; weil eine Frau es erbaut, ward das Schloss»Frauen- berg« genannt. Jetzt schweifen meine Blicke zur Amöneburg hinüber, deren Gebäude sich eben jetzt in schärferen Umrissen von dem Horizont abscheiden. Nun folgt mein Auge dem mäandrischen Laufe der Lahn und erkennt an deren linkem Ufer im Mittelgrunde Bellenhausen, dann weiter vor Frie- delshausen, das einst dem Herrn von Rollshausen gehörte. Da gedenk' ich jenes tapferen Kriegshauptmanns Rollshausen, der zu Zeiten Philipps des Hochherzigen in Frankreich focht, und von dem allerlei Züge im Volksmunde lebten. So heisst's: „er sey in seiner Jugend sehr arm gewesen, also dass er den Pflug unterweilens geführt; endlich sei er des elenden Feld- lebens überdrüssig worden und hätte gehört, dass eine Trom- mel gerühret und Werber da seien. Da er von seiner Mutter Abschied genommen, hätte ihm diese achtzehn Turnos gegeben und gesagt:»Lieber Sohn, ich habe nicht mehr, ziehe hin, Gott gebe dir Glück und Ehr.“ Und der Mutter Segen habe sich auf seinem Haupt erfüllet. Auch erzählte man sich, wie er aus Frankreich viele Maulthiere, mit Kronen beladen, in's Hessenland geschickt und ein Haus erbauet habe, so damals „klein Frankreich“ genannt worden; endlich die Antwort, die der alte Kriegsmann dem Grafen von Nassau gab.»Es hätte nämlich ein Graf von Nassau in seiner Krankheit die Einbil- dung bekommen, wenn er einen solchen ihm wohlgeschmeckten — 76— Roggenbrei hätte, wie ihm derhessische Obrister Rollshausen, da sie mit einander in den französischen Kriegen gedienet, bereitet hätte, vermeinte er, wieder gesund zu werden. Der von Rolls- hausen wird aus Hessen abgeholet, richtet zwar einen solchen Brei zu, allein er wollte Ihrer Gnaden nicht schmecken. „„Ja,«« sprach der von Rollshausen,—»»Herr Graf, lasset uns zuvor vierzehn Tage Hlunger leiden, wie damals in Frank- reich geschahe,— was gilt's: bittre Bohnen werden uns süss schmecken!««— Und was derlei Züge mehr. Von Friedels- hausen wendet sich der Strom im grossen Bogen und eilt gegen Kirchberg zu; da steht plötzlich der runde Berg vor uns, auf dessen Spitze die Trümmer der Stauffenburg, wei- ter unten am Abhang die der Schabenburg stehen, während das Städtchen Stauffenberg sich amphitheatralisch den Berg hinan windet. Am rechten Lahnufer liegt ganz im Vorder- grunde auf preussischem Gebiet das alte Pfarrdorf Odenhau- sen an der Grenze zwischen dem Kurfürstenthum und dem Grossherzogthum Hessen; das Flüsschen Salzböden mündet hier in die Lahn. Die alte Odenhäuser Kirche hat ein eigen- thümliches Mauerwerk, welches aus lauter ausgemauerten Schwibbögen besteht. Weiterhin am Flüsschen Salzböden liegt das gleichnamige Dorf am Abhange eines Berges, ein uralter Ort, nach welchem sich eine adelige Familie schrieb. Weiter im Mittelgrund zeigt sich Frohnhausen. Hinter dem Berge, an welchem Salzböden liegt, öffnet sich links ein idyllisches Thal, aus welchem eine Glashütte hervorblickt. Kaum kann ich mich von dieser Aussicht trennen. Aber mein Freund drängt zum Aufbruch, indem er mich auf die Ruine der Stauffenburg hinweist, die wir noch zu besteigen haben. So rufe ich ein Lebewohl ins Thal hinab und gen Marburg hin sende ich einen stillen, aber treugemeinten Gruss. Und nun folge ich dem Führer. Wir lassen den niedrigeren und ebenfalls kahlen Lützelberg, der sich an den Altenberg reihet, links zur Seite und eilen wieder nach Kirchberg hinab. Jetzt rasch die Höhe hinan, auf welcher das interes- — 77— sante alte Gotteshaus steht. Wir nehmen auf der niederen Kirchhof-Mauer Platz, und so haben wir die Kirche in der Perspektive ihrer Längenseite vor uns mit dem Thurm, dessen Dach ganz kürzlich neu aufgesetzt worden ist und ein altes Kreuz für seine Spitze erhalten hat; das Portal mit dem Wap- pen zeigt sich uns in der Verkürzung. Mehr rechts gewahre ich vor mir in einer geringen Entfernung den Stauffenberg. Am westlichen Abhange desselben zeigen sich die bescheidenen Häuser der sogenannten Stadt bis zu den Ruinen hinan, meist von Obstbäumen unterbrochen. Nun verweilet der Blick auf der unteren oder Schabenburg, bis er sich zum laubum- kränzten Gipfel des Berges erhebt, auf welchem die wonigen Reste der oberen Burg ragen. Durch den wohlgepflegten Garten des Pfarrhauses von Kirchberg wandeln wir nun auf die Strasse hinaus, um das Städtchen— Stauffenberg und die beiden Burgen zu besuchen. Der Berg, den wir hinansteigen, besteht— eigenthümlich genug— mitten in einer Gegend, wo⸗Sandstein vorherrschend ist, durchweg aus Ba- saltgebilden, deren imposante Fülle, wo sie frei zu Tage liegen, uns überrascht. Durch ein altes Thor, treten wir in einen Hof und stchen plötzlich vor den hohen Resten der Schabenburg. Die Spuren der Zerstörung sind überall noch so frisch, dass ich meine Neugierde nicht zurückhalten kann. Ich ersuche denn meinen Freund um genauere Angaben, und bereitwillig giebt er mir folgende Auskunft, welche allerdings weiter in den Hintergrund der Zeiten zurückgeführt, und mit der oberen Burg beginnt.„Da wir hinaufsteigen,« bemerkt mein Freund,»so thut mein Bericht ein Gleiches.“ Den Namen Stauffenberg. hat man wohl in älteren Zeiten von einem altgermanischen Gotte Stuffo ableiten wol- len, dessen Existenz übrigens schwerlich anderswo als in dem Kopfe des braven Mannes zu suchen ist, welcher den Namen Stauffenberg dadurch zu erklären versuchte. Im Miittelalter — 78— kommt die Burg(ich spreche nämlich bis jetzt noch immer von der oberen Burg, der eigentlichen alten Stauffenburg, nicht von der unteren, vor welcher wir eben stehen) unter den Benennungen:»Stauffinberg, Stoyphenberg« u. s. w. vor, und zwar, soweit geschichtliche Nachrichten reichen, im Besitze der Grafen von Ziegenhain, welche Stauffenberg von der Abtei Fulda zu Lehen trugen. Durch Vermählung mit einer Erbtochter von Ziegenhain erhielt Friedrich, ein Sohn des Landgrafen Ludwig des Eisernen von Thüringen(er lebte von 1186 bis 1229) nebst einem Antheil an den Besitzungen des Geschlechtes Ziegenhain, auch einen an der Stauffenburg. Bei dem Vergleich über die Erbschaft zwischen Thüringen und Ziegenhain aber, welcher nach Friedrichs Tode im Jahre 1233 vorgenommen wurde, verzichtete Landgraf Konrad auf die Stauffenburg. Im Jahre 1296 wurde sie durch Kaiser Adolf den Nassauer mit einem stattlichen Heere belagert und zwar aus folgendem Anlass: Landgraf Heinrich von Hessen hatte das Land zwischen seinen Söhnen getheilt und darüber entstand ihm ein Streit mit seinem Sohne Otto, der eine Hausfrau genommen hatte wider des Vaters Willen. Da begab es sich, dass der Landgraf schwer erkrankte und schon für todt gesagt wurde. Als Otto diese falsche Botschaft bekam, zog er gen Kassel und liess sich huldigen, und vein Schwager Graf Gottfried V. von Ziegenhain bestärkte ihn in seinem Be- ginnen. Da schickte der Landgraf Klagebriefe an den Kaiser Adolf und bat ihn um Hilfe. Der Kaiser kam herbei und der Landgraf erhob sich alsbald vom Siechbette und zog mit dem Kaiser und vielen Herren und reisigem Volk vor die feste Stauffenburg. Nun versprach Gottfried von Ziegenhain in der Bedrängniss, er wolle seinen Schwager Otto zur Unter- werfung bewegen. Und solches geschah auch nach langem Bedenken, also dass Otto die Theilung annahm, wie sie sein Vater bestellt hatte. Elisabeth, die Tochter des Grafen Ludwig von Ziegenhain, erhielt bei ihrer Vermählung zur Aussteuer die Hälfte der Stauffenburg; 1305 wurde diese von Mechtilde, der Wittwe des Grafen Gottfried von Ziegenhain, erkauft. 1314 nahm Graf Johann von Ziegenhain den Grafen Johann von Solms als Burgmann von Stauffenburg auf. 1341 schloss — 79— Landgraf Heinrich II. ein Bündniss mit Johann von Ziegenhain, worin ihm dieser die Oeffnung der Burg versprach. Johanns Sohn, Gottfried, verpfändete 1359 die Burg»mit den zwei Dalen, beide alt und neuere, die darunter sein gelegen,« an die Ritter Heinrich von Rollshausen und Vollprecht Schabe; unter diesen»zwei Dalen“ sind wahrscheinlich die jetzige sogenannte Stadt und Vorstadt zu verstehen. Die Auslösung fand erst 1409 statt. Die Burg wurde in der Folge noch öſter verpfändet, sowohl im Ganzen, als auch theilweise,— so an Mainz, an Edle von Feuerbach und von Rodenhausen, eben so auch noch später, als sie nach dem Erlöschen des gräflichen Geschlechts von Ziegenhain(1450) mit allen Besitzungen der- selben an Hessen fiel; ein Weitershausen, ein Berlepsch, die Edlen von Rollshausen erscheinen, die letzteren bis 1564, als Pfandbesitzer der Stauffenburg. Die untere Burg oder Scha- benburg, deren Ruinen noch stehen, wurde erst im 16ten Jahrhundert erbaut, und zwar durch die Rollshausen; den Namen Schabenburg hat sie von der die Familie Schabe. Aus diesem Wechsel der Pfandbesitzer kann man sich die Verbindung der Wappen erklären, welche man am Stadtthore erblickt. Da ist das Wappenbild der Ziegenhainer, der Ziegenkopf auf dem Helm, und an dessen Hals ihr Stern; zwischen den Hörnern befinden sich die zwei verkreuzten Schaufeln der Rollshausen, und unter dem Stern die WWa pen der Familien Schabe und Rau. Die obere Burg wurde während des Krieges zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt, dieser traurigen Epi- sode in dem blutigen Epos des dreissigjshnigen Krieges zerstört, ob aber»durch untergelegtes Pulver in die Luft gesprengt,« wie Winkelmann versichert, möchte ich diesem Gewährsmann nicht unbedingt nacherzählen. Die untere Burg, ein zwei Stockwerk hoher Bau im länglichen Viereck mit gleich hohen vorspringenden Thürmen und Zinnen, stand wohlerhalten mit ihrer ganzen inneren Einrichtung, kurz: völlig bewohnbar, bis noch vor ungefähr 25 Jahren.— Sie befand sich im Besitz reicher Privaten, welche sich— wie man sagt— um den Knoten einer sehr verwickelten Erbtheilung mit dem Schwert zu durchhauen, — 380— kurz entschlossen, das stattliche Gebäude, welches eine wahre Zierde der ganzen Umgebung war, zu verkaufen, und zwar auf den Abbruchtl für einen wahren Spottpreis, wenn man den Umfang der Gebäulichkeiten und der dazu gehörigen Grundstücke ermisst. Der Kauf wurde abgeschlossen, und der neue Besitzer beeilte sich mit dem Abbruch nur allzusehr, um Steine zu gewinnen, obgleich sich in der Nähe Stauffen- bergs ein ganz vortrefflicher Sandsteinbruch befindet. Und welche Mühe hatte man bei dem Werke der Zerstörung! Die Burg setzte dem modernen Vandalismus einen solchen Wider- stand ihrer Solidität entgegen, wiée eine starke Mannesnatur in den besten Jahren der Ungeschicklichkeit eines Charlatans. Man musste alle Gewalt anwenden, um den beklagenswerthen Zweck zu erreichen. Darum sind denn die Spuren der Zer- störung überall noch so frisch, wie von gestern, und allerdings scheint das Werk noch nicht ganz vollbracht zu sein. Stehn ja doch die Hauptmauern noch in ihrer vollen Höhe, die Thürme, die Pforten;— also: welche schöne Menge— von Steinen ist noch übrig! Etwas nordöstlich oberhalb der Burg stand bis vor ganz kurzer Zeit eine Kirche,— sie war freilich nicht sehr alten Baustyles, wenn man mich recht berichtet, und obendrein etwas baufällig,— gleichviel, da, wo sie stand, liegt jetzt ein wüster Trümmerhaufe. Warum greift der Mensch der Zeit vor? Genügt es ihm nicht, ihren Arm auf seinem eigenen Nacken zu fühlen? Warum will er im Frieden nachholen, was der Krieg vergass? Hier, umrauscht von den Erinnerungen der vaterländischen Geschichte, hätte ein Mann wohnen müssen mit einem Herzen, erfüllt von treuer Liebe zu ihr; hier in den urahnlich geschmückten Räumen, die so traulich winkten, hätte er still forschen und wirken müssen, und hätte sich, an's Fenster oder auf die Thurmzinne tretend, erholen können in der Betrachtung der lieblichen Natur. Hier, in der Mitte des Weges, der die beiden Hoch- schulen Giessen und Marburg verbindet, hätte er ihre Gelehrten gastlichen Empfanges vereinigen können, und wie manche Frucht eines Gedankenaustäusches beim traulichen Symposion wäre der Wissenschaft und dem Vaterlande gereift!— Doch fort jetzt mit den trüben Gedanken! Verscheuche — 8— Du sie, freundliche Natur, die Du stets über der Zerstörung Dein frisches grünes Gewebe ausspannest und selbst über Leichen deine glühenden Blumen ausstreuest, dass uns der Anblick des neuen Lebens, das aus dem Tode keimt, an das grosse, unvergängliche erinnere,— Natur, die Du sogar, wenn Du selber im Todesschlummer gebannt zu sein scheinst, Deine Schneekristalle spriessen lässest, während unter dem starren weissen Leichentuche schon die lebendige junge Saat dem Lichte entgegenwächst.— Der jetzige Besitzer der Scha- benburg hat,— man muss es ihm nachsagen— einen guten Willen und sucht die verödeten Räume in einen Garten umzu- wandeln. Arm in Arm mit dem Freunde durchwandle ich diese Anlagen, und unvermerkt sind wir dabei zwischen Mauerresten und aus den Erdschichten hervorquellenden Ba- salten immer näher hinangestiegen, bis wir uns plötzlich, überrascht, mitten in den Ruinen der oberen Stauffenburg finden. Welche Aussicht auf das Lahnthal! Ueberall in der Runde find' ich liebe Bekannte, diese Ruinen vom Frauenberg an bis zum Vetzberg, bis Giessen hin. Und welche andre, dem Auge so wohlthuende engere Aussicht in die Waldgründe und Thalschluchten, wie ich jetzt mich wende und zwischen den Trümmern an den Rand des Berges hintrete. Die Feier- stille des Abends ist drüber ausgegossen; des Menschen Tagewerk ist vollbracht und die Poesie beginnt ihr geheim- nissvolles Schaffen in der ungestörten Waldeinsamkeit. Und nun, bevor uns die Nacht nöthigt, den Bergesgipfel zu verlassen, und uns zur Heimkehr anzuschicken, noch einen flüchtigen Blick über die Ruinen hin! Kaum lässt sich aus ihnen die Konstruktion der Burg erkennen, wie sie einst hier stand, und ich muss den wackern alten Merian anrufen, der Phantasie zu Hilfe zu kommen; leider hat er aber gerade die Stauffenburg auf seinem Blättchen gar stiefväterlich bedacht. Wie es scheint, so erhoben sich ein viereckiges Hauptgebäude mit vier Erkerthürmchen, ein hoher Thurm mit Zinnen und ein kleinerer mit einem spitzen Dache im Schlosshofe; diesen umgab eine Mauer, welche sich nach der Stadtseite hinzog und starke Ringmauern wanden sich längs des Bergabhanges bis zur Schabenburg hinab. 6 — 82— „Scheiden und Meiden thut weh! Aber es muss geschie- den sein. Und so lebet wohl, ihr Ruinen der Stauffenburg! Eilenden Fusses steig' ich mit dem Freunde den Berg hinab. Die Nacht hat ihre Herrschaft angetreten, als wir unten an- kommen, und unsern Heimgang nach Giessen beginnen. Noch einmal betracht' ich jetzt die Landschaft, welche wir durch- wallen, in zauberischer Mondbeleuchtung; ich verbinde alle Bilder, welche ich in mich aufgenommen, leise zum schönen Ganzen und erfreue mich dabei eines stillen erquickenden Nachgenusses. Schiffenberg. Wemn man zum Neuweger Thore hinauswandelt und den Weg nach dem Buschischen Garten rechts ab lässt, so kommt man auf einem durch Felder und Gärten hinziehenden Fuss- pfade in ein ziemlich sandiges Terrain, durch welches die Strasse nach dem Walde führt. Vor sieben Jahrhunderten ragte dieser Wald, der»Wiesecker Wald« genannt, noch weit in die Gegend herein, vielleicht bis an die Stätte, wo heut- zutage Giessen steht, und gehörte, wie die ganze Gegend den mächtigen Grafen von Gleiberg. Die Tochter jenes Grafen Hermann von Gleiberg, welcher zur Zeit des Kaisers Heinrich IV, zuerst für diesen in der Schlacht an der Unstrut gegen die Sachsen, dann gegen ihn, mit Heinrich V eine so bedeutende Rolle spielte, hiess Kle- menzia und war an den Grafen Gerhard von Geldern ver- mählt. Nach dem Tode ihres Gemahls stiftete sie mit Be- willigung ihrer Neffen, der Grafen Otto und Wilhelm von Glei- berg dort auf der beträchtlichen Höhe im Wiesecker Wald, welche ich am Ausgange der Strasse vor mir sehe, nämlich auf dem Schiffenberg(»Sceffenberg,“«„Scheffenberg heisst er in den Urkunden des Mittelalters) im Jahre 1129 eine Kir- che und ein Kloster für Chorherrn von der Regel St. Augustins und begabte diese Stiftung mit 20 Huben angerodeten Landes im Wiesecker Wald und zwei Huben in Konradsrode(einem Dorfe, welches in der Folge erloschen ist). Später wurden 6* — 84— —. die 20 Huben auf 30 ausgedehnt; die auf dem angerodeten Lande angelegten neuen Dörfer, Steinbach, Watzenborn und Gariwarthsteich(das heutige Garbenteich) nebst zwei anderen, Lotthen und Kronebach,(die längst eingegangen sind) wurden nach Schiffenberg eingepfarrt. Ausser diesem Chorherrnstift auf der Hõhe des Schiffenberges wurde später am Fusse desselben ein Nonnenkloster,»Zelle“ gestiftet, dessen im Jahre 1274 zuerst erwähnt wird; es stand unter dem Propst des Chorherrnstiftes, welches Landgraf Heinrich I(»das Kind«) nach Erkaufung der Herrschaft Giessen von dem Pfalzgrafen von Tübingen, mit mancher Schenkung trefflich bedachte. Wie es nun den reichen geistlichen Herrn auf dem Schiffen- berge so wohl erging, auf dass sie sich, unbekümmert um die Sorgen des zeitlichen Lebens, um so besser mit jenen für das ewige befassen möchten, war ihnen das erstere doch immerhin gut genug. Statt sich zu käasteien, Seelmessen zu lesen, und Tag und Nacht zu beten, sassen sie lieber in ritter- licher Tracht auf schönen Rossen, hatten die Armbrust auf dem Rücken und den Falken auf der Faust und ritten zum edlen Waidwerk in den Wald hinaus. Und kamen sie von der Jagd heim, so stand ein ausgesuchtes Mal gerüstet, wobei die Kunst des Koches allen Fastengeboten Trotz bot; da floss feiner Wein, reichlicher als vonnöthen; Saitenspiel, Gesang und Lachen erscholl im Refector. Oder sie ritten zu Hofe und tändelten dort gerne mit schönen Frauen. Der Cölibat war zwar eingesetzt, aber wer mochte das Gebot so genau nehmen?„Keine Regel ohne Ausnahme!“ dachten diese geist- lichen Herren, und so kam's unvermerkt dahin, dass die Aus- nahme bei ihnen zur Regel wurde,— zu einer Regel, an die der heilige Augustin wohl nicht gedacht hatte. Kurz es war ein Leben in Saus und Braus auf dem Schiffenberg. Nun die lustigen Chorherrn dort waren nicht die einzigen Geistlichen in damaliger Zeit, welche sich hier auf Erden einen Vor- schmack des ewigen Lebens bereiteten, wo der Himmel nach dem Volksspruch voll Geigen hängt. Die Entartung der Geist- lichkeit war etwas sehr Gewöhnliches, wie heſtig auch die- jenigen höher gestellten Männer desselben Standes dagegen eiferten, welche wohl einsahen, dass diese Entsittlichung den — 85— Spaten für das Grab der Hierarchie schon immer tiefer und tiefer eingebohrt hatte. Ich habe gewiss nicht übertrieben, in- dem ich das allgemeine Sittengemälde auf dieses einzelne Stift übertrug. Ich kann einen Gewährsmann vor mich hin- stellen, dem man wohl glauben wird, weil er selbst ein Geist- licher ist; nämlich den Erzbischof Balduin von Trier(im 14. Jahrhundert) unter dessen Sprengel Schiffenberg wie Giessen gehörte. Der beste Beweis für die Treue des Bildes ist der, dass der strenge Erzbischof daran verzweifelte, den Lebens- wandel der dortigen Chorherrn in strengere Gleise zu bringen. Desshalb übergab er denn die geistliche Stiftung zu Schiffenberg dem deutschen Ritterorden zu Marburg, mit der Bedingung, dass dieser zwölf geistliche Ordensbrüder und darunter wenigstens sechs Priester zu Schiffenberg halten solle,— eine Bedingung, welche im Jahre 1325 die Abände- rung erlitt, dass nur sechs geistliche Brüder und darunter drei Priester und sechs Ritter in Schiffenberg wohnen sollten und zwar die geistlichen Brüder unter einem Propst, die Ritter unter einem Kommenthur.— Der deutsche Orden rech- nete damals die Ballei Hessen zu seinen bedeutenderen Balleien. Seit dem Jahre 1233 war er in Marburg ansässig, wo der fünſte Meister, Landgraf Konrad von Thüringen, unter thätiger Mitwirkung seiner Ordensbrüder und der hessischen Ritterschaft den Grundstein zu der Elisabethskirche gelegt hatte, in welcher er selbst, so wie viele Landgrafen und deutsche Herrn begraben liegen und die Wappen der Land- kommenthure aufgehängt waren. Die Ballei Hessen bestand aus der Landkommende Marburg, der Kommenthurei Griff- städt in Thüringen, der Kommenthurei Flörsheim in der Pfalz und der Kommenthurei Schiffenberg. Bei der Ueber- gebung Schiffenbergs an den Orden der deutschen Herrn war das Nonnenkloster Zelle ausgenommen gewesen, des erhielt einen eigenen Propst und musste die Hälſte seiner Güter an Schiffenberg abtreten. Was hatte aber diese»Emanzipation der Frauen« von den Herrn zur Folge? Die armen Nonnen waren, wie es scheint, keine guten Hausfrauen und verstan- den die Wirthschaft so schlecht, dass ihr Kloster schnell in Abnahme kam. Kein adeliges Fräulein hatte Lust sich bei — 86— demselben zur Einkleidung zu melden, die Nonnen mussten jetzt nämlich, statt aus bunten Lappen zierliche Kleider für das Christkindchen zu nähen, sich selber Leinwand spinnen, wenn sie halbwegs anständig aussehen wollten; sie mussten sich ihren Kohl selbst bauen, wenn sie nicht hungern wollten. So kam's dahin, dass im Jahre 1449 die Oberin des Klosters nur noch vier Nonnen unter ihrer geistlichen Herrschaft hatte. Da baten die Frauen, man möchte ihr Kloster doch wieder mit Schiffenberg vereinigen, und dies letztere wurde ihnen auch 1470 bewilligt. Ich weiss nicht, ob sich das Nonnen- kloster dadurch wieder bedeutend erholte; es scheint jedoch nicht; denn nach dem Jahre 1485 geschieht desselben keine Erwähnung mehr. Um so stattlicher blühte die Deutsch- Ordens-Kommenthurei Schiffenberg fort; der Kommenthur von Schiffenberg kam zu den Hessischen Landtagen und nahm seinen Platz unter den Ständen ein. Gleichwohl gab es schwere Irrungen zwischen dem Orden und den fürstlichen Häusern Kassel und Darmstadt, Irrungen, welche bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinabreichten und durch Schriften für und wider die Streitfrage der öffentlichen Meinung zur schiedsrich- terlichen Beurtheilung unterlegt wurden. Diese Streitfrage betraf eben die Landkommende Marburg und die Kommende Schiffen- berg und drehte sich um die Anerkennung oder Nichtaner- kennung der Reichsunmittelbarkeit der Ballei Hessen, deren Landsässigkeit die Fürstenhäuser zu ihren Gunsten diplo- matarisch beweisen wollten. Da erschien von Seiten des Or- dens ein»historisch diplomatischer Unterricht und gründliche Deduktion von hohen Ordens und Ballei Hessen Immedietät, Exemption und Gerechtsamen,« von Seiten Hessen-Cassels eine»historische und rechtshegründete Nachricht von dem Ursprung, Wachsthum und Landstandschaft des deutschen Hauses und der Landkommende Marburg«, von Seiten Hessen- Darmstadt's eine»beurkundete Nachricht von dem Deutsch- Ordens-Haus und Kommende Schiffenberg«, von Seiten des Ordens hinwieder ein»ventdeckter Ungrund derjenigen Ein- wendungen, welche gegen des hohen deutschen Ritterordens, löbliche Ballei Hessen, insbesondere der Landkommende bei Marburg und Kommende Schiffenberg wohlhergebrachten Im- — 8— medietät, Exemption und gerechtsamen fürgebracht worden,— alle mit Urkunden belegt, um Gründe und Gegengründe der Ansprüche zu beweisen.— Das verhängnissvolle Jahr 1809 entschied die ganze Streitfrage rasch und durchgreifend. Na- poleon hob nämlich am 24. April des genannten Jahres den deutschen Orden im ganzen Umfang des Rheinbundes auf und vereinigte dessen Besitzungen mit den Domänen jener Fürsten, in deren Gebiete dieselben lagen. So kam die Kommende Schiffenberg an Hessen-Darmstadt, der letzte Landkommenthur von Hessen war Alexander Friedrich Wilhelm, Freiherr von Seckendorf, welcher 1814 starb. Seit 1809 ist nun Schiffen- berg ein beträchtliches Domänialgut, welches in Pacht gegeben wird; dort oben, wo einst die Chorherrn so lustig und dann die deutschen Herrn so fürstlich hausten, sitzt nun ein Pächter, welcher von Seiten des Eigenthümers verpflichtet ist, eine Wirthschaft zu halten; und zwar, wie es scheint, nicht zu seinem Nachtheil, denn Ausflüge nach Schiffenberg, welches nur eine Stunde von Giessen entfernt ist, werden mit Recht oft genug von dort aus unternommen. Indem ich im Walde geradeswegs fortwandere, um den Schiffenberg zu erreichen, sehe ich rechts den forstbotani- schen Garten. Er gehört zu der im Jahre 1825 errichteten Forstlehranstalt, welche mit der Universität verbunden, den ordentlichen Professor der Forstwissenschaſt zum Director, einen zweiten Lehrer für die praktische Unterweisung der Forst-Akademiker hat und unter der obersten Leitung und Disciplinargewalt der Universität steht. Dieser forstbotanische Garten ist eben so zweckmässig und schön angelegt als weit ausgedehnt und verdient wohl einen eigenen Besuch. Bald erreiche ich jetzt den Fuss des Schiffenberges und steige auf engen traulichen Pfaden, die von jungem Laubholz überwölbt sind, zu dem Gipfel empor; so mancherlei halbver- wachsene Kreuzwege durchschneiden den Forst; durch das zarte Laub schimmert das Sonnenlicht, wie durch die bunten Fenster eines alten Doms und die Säume der schlanken Stämme glänzen von Gold; man sieht das Original einer Claude-Lor- rain'chen Beleuchtung mit allen ihren poetischen Zaubern.— Nun habe ich die kunstlose Bergtreppe erstiegen und stehe — 88— auf der von bunten Gruppen belebten Terasse, welche sich vor der Umfassungsmauer der weiland Kommende ausbreitet. Hier eröffnet sich mir wieder eine herrliche Aussicht. Da seh' ich in der Gluth des Abends die zwei stattlichen Thürme der Ruine Münzenberg auf dem Bergesgipfel und gedenke der mächtigen Dynasten, welche einst dort sassen, und deren Mannsstamm im Jahre 1255 erlosch. Dort hinter Grüningen liegt Friedberg, und dort gewahre ich auch unter den ein- zelnstehenden Bäumen die Stätte, wo Ney am 21. April 1797 von den Oesterreichern gefangen wurde. Weiter vorn zeigen sich die Dörfer Watzenborn und Steinberg. Rechts win- ket mir Giessen, umgeben vom Vetzberg und Gleiberg, vom Dünsberg und Wettenberg. Nun trete ich durch das Pförtchen in den Hof der wei- land Kommende. Gerade mir gegenüber sehe ich die uralte Kirche, mit ihrem in der Mitte sich erhebenden, niedrigen, achteckigen Thurm. Die eine Abseite der Kirche ist jetzt in eine offene Halle verwandelt worden. Im Inneren der Kirche deren Raum durch Zubauten ganz verengt worden ist, befin- det sich gar wenig alte Plastik, in der Mitte ein Taufstein aus Tuff. Eine zerschlissene alte Fahne, noch über dem weiland Altare befestigt, weht wie ein Panier der Zerstörung in der Zugluft; der kalte Grabesboden der Vergänglichkeit spielt mit ihren letzten verblichenen Fasern. Ich denke: um Mitternacht steigt der Kommenthur, der sie dem Feinde abge- wann, aus seinem Grabe und greift nach ihr hoch hinauf, um sie mit sich hinabzunehmen in sein steinernes Haus? denn es jammert ihn, wie sie so verloren und einsam in der ent- weihten Kirche über den aufgewühlten, zerbrochenen Steinen Wache hält:„komm', du letztes Kleinod unserer Herrlich- keit«, flüstert er zu ihr hinauf;„komm', und ruhe auf mei- nem Herzen.« Aber vergeblich müht er sich ab, sie zu errei- chen; die Glocke schlägt eins und der Todte muss unwillig wieder hinabsteigen zu seinen schlafenden Brüdern. Mich gemahnt diese Fahne in der düstern Kirche, als wäre sie selbst eine Leiche. Es ist interessant, den alten Kirchenbau umwandelnd zu betrachten; leider aber ist es unmöglich, alle einzelnen Theile — 89— genauer zu untersuchen; denn bald hier, bald da ward ver- mauert und verstellt, und wo man eindringt, wühlt man im Dunkeln auf bestaubten morschen Brettern, die unter dem Tritte zusammensinken, oder man stösst auf wüste Trümmer- haufen. Gespenstiges Schaffen der Verwesung rings umher! Ich trete wieder im den Hof hinaus, sauge die balsamische Abendluft und blicke rings um mich her. Das emsige Treiben der Landwirthschaft in diesen alterthümlichen Räumen, weit entfernt die Illusion zu zerstören, vervollständigt sie vielmehr. Wie hier, zum Thore mir gegenüber, der schwere Frucht- segen hochgepackt auf Wagen hereingebracht wird, wie dort links am Brunnen die sehmucke Dirne den Eimer emporwin- det, wie hinter mir zum Pförtchen herein die Knechte und Mägde mit Rechen und Sicheln lustig singend kommen;— da denkt man sich leicht in die Zeit der Ordensherrschaft zurück und erwartet, dass der ernste Schaffner aus der Thüre des Hauses unter das dienstbare Volk trete, den Seegen Gottes in Empfang nehme, die Säumigen zurechtweise, dem Fleissigen ein freundliches Wort sage und wie über allen unsichtbar die Ordnung des Hauses schwebe, in welche sich jeder Unter- gebene willig füget, weil er sich unter ihrem Schutze wohl- befindet. Und wie wohlerhalten und traulich ist das Wohn- haus der Herrn, über dessen Thüre sich das stattliche Wappen befindet. Man merkt wohl, dass es noch kein volles Menschen- alter her ist, seit es die alten Eigener verlassen haben, welche die nöthigen Reparaturen von Epoche zu Epoche dem herr- schenden Geschmack anpassten, ohne doch den alterthümlichen Grundcharakter des Ganzen verwischen zu können.— diese eigenthümliche Mischung von Klösterlichkeit und Noblessé. Denn durchwandert man das Innere mit allen seinen Gelassen, deren viele jetzt dem Wirthschaftszwecke überlassen sind, so findet man sich wohl leicht angemuthtet, d'ran zu denken, dass hier einst keine Hausfrau gewaltet, nach deren Verlangen diese oder jene Ecke zu irgend einem häuslichen Gebrauche benützt worden sei, um im Ganzen und Grossen Raum oder Kosten zu sparen; man sieht, dass hier reiche edle Herrn zusammengelebt, welche von einer solchen beschränkten Oeko- nomie nichts gewusst, welche sich nur in weiter Räumlich- 7 90— keit gefielen und von ihrer Wohnung, deren Anständigkeit ihrer Herkunft und ihrer selbstständigen Würde entsprechen musste, jene kleinen hausbürgerlichen Einrichtungen ferne hielten, welche eine Hausfrau oft für unentbehrlich halten würde, und welche, obwohl sie alles gleich zur Hand stellen sollen, doch die Bequemlichkeit meistens eher hindern, als fördern. Um übrigens einen malerischen Gesammtüberblick Schif- fenbergs selbst, das ist: des Herrenhauses mit den Wirth- schaftsgebäuden und dem eigenthümlichen Kirchthurme zu ge- winnen, muss man einen ausserhalb desselben etwas unter- halb gelegenen Standpunkt auf dem Kornfeld, unfern des Waldsaumes, aufsuchen. Dann zeigt sich rechts der Abhang des Berges mit hübschen Baumgruppen besetzt, oben die Gebäulichkeiten in der Perspective,— links der Wald hinab, und zwischendurch öffnet sich die reizendste Fernsicht auf Felder, Vorhöhen und Berge, deren sanfte Konturen in einer magischen Abendbeleuchtung verschwimmen. Es ist indessen Zeit geworden, an die Heimkehr nach Giessen zu denken, und ich schicke mich dazu an. So ver- lasse ich denn das Haus Schiffenberg und folge wieder dem anmuthigen Waldpfade, der mich den Berg hernieder auf die breite Fahrstrasse bringt. Hier seh ich wieder den forstbota- nischen Garten und kann nicht umhin, demselben gegenüber in den Wald einzulenken, um mir den Weg nach dem Lud- wigsbrunnen zu suchen, von dessen anmuthiger Lage ich schon manches vernommen habe. Da komme ich aufwärts steigend, zuerst zu einem mit Basalt eingefassten runden Bassin, einem Plätzchen, wohl werth, sich eben so gut einen Herman bei Dorotheen als Staffage hinzu zu denken, wie bei jenem Brunnen vor Wetzlar. Zwar ist die Oertlichkeit hier durchaus nicht so eng umschlossen wie dort, wo die Treppe hinab in der engen Brunnennische gerade nur Raum genug für ein liebendes Paar ist; aber hier kommen aus allen Schluchten der Waldeinsamkeit die freundlichen Elfen herbei, und schlin- gen unsichtbar den unlösbaren Kreis um Jüngling und Jung- frau, und Vöglein singen ihnen von allen Zweigen ein süsses Brautlied. Ich eile die Höhe im Walde weiter empor; da — 91— steh' ich plötzlich vor dem Brünnlein, das aus dem Felsen quillt, rings von Basaltblöcken umgeben. Zur Seite ab senkt sich eine tiefe Schlucht, worin noch vor wenigen Jahren die junge Welt gern bei Fackelschein tanzte; steil über dem Brunnen geht es zum offenen ländlichen Tempel, der auf Baumstämmen ruht; moosbewachsene Felsblöcke bieten sich ringsum zu Sitzen, und nach allen Seiten hin laufen, wie Strahlen vom Centrum, die Waldgänge aus. Jetzt sind diese grösstentheils wieder verwachsen und die ganze liebliche An- lage wird nur selten mehr besucht. Und nun verdopple ich die Schritte, um Gieesen zu errei- chen. Es ist Nacht geworden, und von ferne winken mir die Lichter der gastlichen Stadt. Noch eine kurze Sommernacht— und ich mass auch von ihr scheiden, die ich mich nach allen Ausflügen in die Um- gegend, immer mehr wie meine Heimath zu betrachten ge- wöhnte. Ihr freundlichen Bilder, die ich hier geschaut, ich rufe euch nicht:„»kommet und durchflechtet meine Träume! Ihr kommt ungerufen und bleibet dem Herzen, wie alles Schöne. — n— .— 1— 5 18* 6192101 moh zus 2nb ai ianans mab 0⸗ datsöin Aaa² da ain2 u ae wen naa het 07 t an oni9 vNe nolla onu an a& mn⸗. NI aih annadax) me7 ne 1e oib 4 Pe in botur Ahachn seers lon2sd atoir n138„ n nen 3e — Klaurtino, IA onio or 1 e dou 3r imo4 aull doi aib 1uohiod: nui⸗ Aℳ 4 aneenae we Semee uneeeaee eiepee e mneaee auneeae Sanenae u Se nmaee