Ansichten von Giessen und seiner Nachbarschaft. O GR:HESS: 1 BILIOTBER = Wh— Ansichten und Seiner Nachbarschaft. — eSerss 8 Nach Originnheichnungen van J. Heinzerling, in Suhl gestochen won J. J. Canner. nebst einem beschreibenden Texte von Praf. Dr. Ph. Dieffenbach. GR:HESS: EANB m enr orir GISSNM. Ferber'sche Universitätsbuchhandlung. Emil Roth. 1 26„G 2K Vorwort. Vor etwa neun Jahren erschienen von mir in einer andern Ver- lagshandlung, als besonderer Abdruck aus einem grösseren Werke, Nachrichten von Giessen und seinen Umgebungen. Hier erscheinen dagegen Ansichten von Giessen und seiner Nachbarschaft, denen ich auf den Wunsch des Herrn Verlegers einen erklärenden Text beigefügt habe. Hieraus ergibt sich die Verschiedenheit beider Werkchen. Jenes musste wohl weitläufiger sein; der aufmerksame Leser wird indessen, wenn er beide vergleicht, neben der veränderten Form auch wesent- liche Unterschiede und manches hier finden, was dort übergangen war. Ich habe mir bei diesem meine Aufgabe so gedacht. Die Forderungen der Gegenwart sind auf anschauliche Erinnerungen an Orte gerichtet, die für uns Interesse haben. Die Kunst aber ist, indem sie den An- forderungen zu genügen sucht, oft gar sehr im Raume beengt und bedarf darum nicht selten eines Commentars. Der Commentarschreiber dagegen mag sich nicht so beengen lassen und gibt gerne auch seine eigenen Ansichten. So wird denn der Leser auch hier zunächst einen 4 Text zu den Ansichten des Künstlers, nebenbei aber auch mehrere eigene Ansichten des Schreibers finden, und ich wünsche nur, dass sie den Leser nicht langweilen und ihm wie die des Künstlers ein ange- nehmes Bild vor sein geistiges Auge hinstellen möchten. Indem ich diesen Wunsch ausspreche, fühle ich das Bedürfniss, denjenigen Männern, welche mich bei Fertigung meines Werkchens so bereitwillig unterstützten, meinen herzlichsten Dank hier abzustatten. Friedberg, Ende Januar 1853. Philipp Dieffenbach. Inhalt. I. Giessen. 1) Das alte Giessen. 2) Das neue Giessen. 3) Die öffentlichen Anstalten, Schulen, Behörden etc. 4) Bevölkerung. 5) Geschichtliches. II. Bilder aus der Yachbarschaft von Giessen. 1) Grossenlinden. 2) Schiffenberg. 3) Wieseck und das Busecker Thal. 4) Die Badenburg. 5) Kirchberg und Staufenberg. 6) Die Heuchelheimer Mühle und der Windhof. 7) Das Bieberer Thal mit der Obermühle. 8) Die Hardt. 9) Vetzberg, Gleiberg und die sieben Hügel. IJ. Giessen. Das alte Giessen. Vor fünfzig Jahren hatte die Stadt Giessen ein ganz anderes Aus- sehen als jetzt, und wohin man sich wandte, da gewahrte man die Reste aus dem sechszehnten nnd siebenzehnten Jahrhundert.*) Wenn der geneigte Leser gern wissen möchte, wie es damals sich ausnahm, so will ich ihm hier ganz kurz ein getreues Bild davon hinstellen, denn ich lernte es ziemlich genau kennen, als ich in jener Zeit mit den Augen eines Siebenzehnjährigen, und die sind in der Regel ziemlich scharf, mich daselbst umsah. Damals brauchte der alte Postwagen gar lange Zeit, bis er glück- lich durch die Wetterau kam, denn die Pferde setzten sich nur eben in Trab, wenns nahe am Wirthshaus war. Hatte aber der„lederne Postillon“ glücklich die„lederne Höôh“ erreicht, dann gings ziemlich rasch hinunter. Diese„lederne Höh“ war nämlich der Selzersberg (Seltersberg), der sich ziemlich steil nach Giessen zu senkte. Bevor aber der Wagen die Stadt erreichte, hatte er noch eine hölzerne Brücke über den Siechbach(so hiess dort die Wieseck von einem in der Nähe befindlichen Siechhause) zu passiren, was, wenn der Bach etwas ange- schwollen war, gefährlich werden konnte. Endlich langte man vor der Stadt an. Aber gerade da, wo jetzt das sogen. Selzerthor(Seltersthor) steht, konnte man weder in dieselbe gelangen, noch irgend etwas von ihr sehen; denn hier befand sich ein wohl über hundert Fuss breiter Graben, und jenseits desselben erhob sich ein haushoher Wall, der alle *) Wie es in früherer Zeit aussah, das zeigen die von Pilich-Schäffer und Merian gegebenen Ansichten. 8 Aussicht in die Stadt verhinderte. Um in dieselbe zu gelangen, musste man sich links wenden. Hierauf beugte man rechts ein über eine Brücke und kam dann in die Thorschanze, in welcher ein Wachthaus stand. War's Sonntag vor Beendigung des Gottesdienstes, so musste der Fussgänger seinen Kreuzer Sperrgeld erlegen; dann gings über den zweiten und breitern Graben der Pforte hinein, über welche sich ein Thorthurm erhob, und endlich gelangte man durch einen ziemlich dunkeln überwölbten Gang, der gegen die Mitte eine Beugung machte, in die eigentliche Stadt, d. h. zunächst auf den Selzersweg(Seltersweg) der aber damals einem Dorfe ähnlicher sah, als einer Stadt, und in welchem jeder Professor oder andere Staatsdiener Anstands halber nicht gut hätte wohnen können. Wir schliessen schon aus dem wenigen eben Gesagten, dass Giessen da- mals noch eine Festung war*), rund herum mit tiefem und breitem Graben und hinter demselben mit einem bedeutenden Walle versehen, zwischen welchen eine Mauer hinzog. Diese Hauptbefestigung war noch durch 11 Bollwerke geschützt, so dass die Stadt zu einer gewissen Zeit den Namen einer Festung mit Recht verdiente, und wenn auch wegen der benachbarten Höhen, welche Giessen mehr oder minder beherrschen, der Platz eigentlich für eine solche äusserst ungünstig war, so darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Einrichtung getroffen war, die nächsten Umgebungen sämmtlich unter Wasser zu setzen, so dass die Stadt wohl zu beschiessen, aber sehr schwer zu erobern war. In- dessen hatten die strategischen Erfahrungen, welche nur Hauptfestungen an den wichtigsten Strassen wollten, dargethan, dass Giessen sich eigent- lich zu einer Festung nicht eigne, als die Franzosen anfingen, die Brust- wehr auf dem Walle abzutragen. Als sie jedoch bemerkten, dass man solches gerne sah, so unterblieb die Arbeit, und der Wall hatte nun keinen andern Zweck, als dem Commandanten ein erklekliches Accidenz an Obst und Futterkräutern abzuwerfen, den Spaziergängern einen hübschen Fusspfad um die Stadt darzubieten und die hässlichen Baraken, die sich damals noch ziemlich häufig zeigten, dem Fremden zu ver- stecken. Als in den Jahren 1806— 1812 der Wall auf Kosten der einzelnen Bewohner gänzlich geschleift wurde, verursachte letzterer Umstand freilich einen gewaltigen Misstand, der jedoch mit den Jahren *) Ueber die Errichtung dieser Festung werden wir später noch einige Mittheilun- gen machen und bemerken hier nur, dass Giessen vor Philipp dem Grossmüthigen eine mittelalterliche Befestigung hatte, wie gewöhnlich die Städte. Sie bestand in einer 5— 6 Fuss dicken Mauer mit Mauerthürmen, einem Haingraben und zwei Wartthürmen. 9 gehoben wurde. Da und dort blieben von dem Walle einzelne Reste stehen, die man noch jetzt als Hügel bemerkt. Auch von den Case- matten(Mordkellern) und Schanzen sind hier und da die Spuren sehr deutlich*). Zwei Kirchen hatte die alte Stadt; die Eine war die Stadt- oder Pancratius-Kirche, die Andere, die sogenannte Burgkirche, stand unweit der jetzigen Amtswohnung des Provinzial-Superintendenten. Beide waren in jammervollem Zustande. Die erstere wurde 1809 abgebrochen und an ihrer Stelle ein neuer Bau begonnen, der erst 1821 vollendet wurde, wie man ihn noch jetzt sieht. Der alte Thurm blieb, jedoch von ihr etwas getrennt, stehen. Die Burgkirche war ursprünglich ein Ballhaus gewesen und 1646 errichtet worden. Abgebrochen wurde sie 1824. Da, wo jetzt die Aula steht, befand sich das Collegienhaus, ein 140 Fuss langes und 34 Fuss tiefes Gebäude. In seinem Innern befand sich: die alte Universitäts-Bibliothek, in welcher auch die von Landgraf Philipp von Butzbach verfertigten astronomischen Instrumente ihren Stand hatten, sodann die Hörsäle der 4 Fakultäten, in welchen jedoch keine Vorlesungen gehalten wurden. Ein grosses Portal war bestimmt, den Eingang zu zieren, konnte aber dem Geschmacke unserer Zeit nicht entsprechen. Auf dem dabei stehenden Thurme war eine Sternwarte. — Mit diesem Gebäude war früher durch einen brückenförmigen Gang**) der Kanzleibau verbunden gewesen, damit Landgraf Georg II., der sich lange in Giessen aufgehalten, bequem von dem einen zum andern Ge- bäude sich begeben konnte. Hier muss wohl sonst eine alte Burg ge- wesen sein, und noch steht von derselben ein alter runder Thurm, der Heidenthurm genannt. Vor der Kanzlei(Regierung) heissts der Burgberg oder Kanzleiberg; jener gegenüber befand sich die Commandantenwohnung; dem Collegienhaus gegenüber war die Reitbahn, an welche die Anatomie stiess. Weiter auf dem Brand befand sich links die Hauptwache, rechts das Schloss, dessen IHIof ausser dem eigentlichen Schlossgebäude von dem Zeughaus, der Amtskellerei und dem Marstall eingeschlossen war. Von *) Von den ehemaligen Schanzen(Ravelins) ist die am Wallthor, worauf sich das Wirthschaftsgebäude des Herrn König befindet, noch am sichtbarsten. Die am Neu- wegerthor ist unter dem Heyerschen Hause. Die am Selzerthor ist im Schneiderschen Garten zu suchen. Zwei deckten den Einfluss und Ausgang des Abzugsgrabens und eine andere ist jetzt am Neustädterthor durch den Bau der Eisenbahn verschwunden. Die Schanze auf dem Selzersberg ist längst unsichtbar geworden.— Von den Casematten ist eine unweit dem Brande noch ziemlich erhalten. **) Dieser Gang wurde schon im Jahr 1763 abgebrochen, 10 allen diesen Gebäuden war das noch jetzt stehende Zeughaus bei Wei- tem das Interessanteste und Grossartigste; es war im Jahre 1586 vom Landgrafen Ludwig IV. erbaut und enthielt eine grosse Menge ver- schiedenartiger Waffen, Rüstungen etc., die jedoch im Laufe der Zeit theils von Feinden mitgenommen, theils verschleppt, theils öffentlich versteigert wurden. Von Privatgebäuden in der Stadt mögen das von Gatzertsche in der Neustadt(jetzt die Gailpche Tabaksfabrik), das von Senkenbergische auf dem Brand(in-der- Gegend wo jetzt das Gymnasialgebäude steht), das von Grolmansche Haus in den neuen Bäuen(das jetzige Clubbge- bäude), das Müllersche Gebäude auf dem Asterweg und die neue Post (jetzt die alte Post) die bedeutendsten gewesen sein. Ein besonders alterthümliches Ansehen hatte und hat wohl noch die Hirsch-Apotheke auf dem Markte, ein hölzernes Gebäude mit fünf Stockwerken und Giebeln. Ausser diesem zeichnete sich das damalige Pädagogialgebäude mit seinen dicken hölzernen Pfosten aus; es war das Eckhaus, wenn man von der Gegend in der Sonne nach dem Neuenwege geht. Das alte Rathhaus steht auch noch. Auf dem Marktplatze vor ihm war ein Brunnen, über welchem eine geschmacklose Figur(das sogen. Marktbrunnen-Männchen). Vor den Thoren befanden sich, ausser den Mühlen*), dem Schiess- haus und der Todtenkirche nur wenige oder gar keine Gebäude. So ungefähr war Giessen vor etwa 50 Jahren. Es besass eine chaussirte Strasse, die von Butzbach kam, durch die Stadt ging und nach Marburg zog, aber weder eine Chaussee nach dem Hinterlande, noch nach Wetzlar, noch nach Grünberg, noch nach Lich, noch gar nach dem Schiffenberg war zu sehen. Dafür stand noch die alte Brücke über die Lahn, zu welcher man, wenn der Fluss nur einigermassen angeschwollen war, trocknes Fusses nicht gelangen konnte, und am Neuweger-Thor ausser dem„grossen Steinweg“, der, wenn die Wieseck stieg, auch nicht zu Fuss passirt werden konnte, der kleine Steinweg, *) Von diesen Mühlen existirt die sogenannte Kleine Mühle seit geraumer Zeit nicht mehr. Sie und die Pulvermühle waren eine Zeit lang Orte, welche von Studenten gern besucht wurden. Erstere musste jedoch abgebrochen werden, um dem überhand nehmenden Eindringen des Wassers in die Keller der Bewohner zu steuern und dem durch die Stadt und neben derselben vorbeifliessenden Wasser ein stärkeres Gefälle und ein tieferes Bette zu verschaffen.— Im Jahre 1630 hatte Giessen, ausser den zwei städti- schen Mühlen, wovon die Erste mit 6, und die Andere mit 2 Mahlgängen, 1) eine Pulvermühle, 2) eine Lohmühle, 3) eine Poliermühle und 4) eine Walkmühle. 11 ein schmaler gepflasterter Hochweg, der mit vielen Durchlässen ver- versehen war und in der Regel die einzige Passage nach dem Kirch- hofe, dem Buschischen Garten etc. abgab.— Die Stadt hatte im Jahre 1805 ohne die Garnison(das jetzige dritte Regiment lag dort) 5174 Einwohner, meist Protestanten(nur sehr wenige Katholiken und Juden befanden sich dabei). Die Universität, welche seit 1803 durch die Vergrösserung des Landes zugenommen hatte, zählte damals 19 ordent- liche, 5 ausserordentliche und 2 Honorar-Professoren und gegen 200 Studenten.*) Als es seine hohen Wälle und seine Thorthürme verloren hatte, sah es geraume Zeit ziemlich kahl und mit seinem einzigen Thurme wie ein grosses Dorf aus. Erst nachdem die Bäume in den neuange- legten Gärten etwas herangewachsen waren und die starke Brücke, welche vor dem Selzerthor über die Mieseck sich wölbt, den Selzersberg mit der Stadt verbunden und die dazwischenliegende Vertiefung aus- geglichen hatte, die darüber führende Strasse angebaut, besonders die katholische Kirche mit ihrem Thurme errichtet war, erst da gewann Giessen ein anderes Aussehen. Bevor wir jedoch den Leser nach dem neuen Giessen führen, wollen wir ihn erst noch etwas bekannter mit dem alten Giessen machen, wie es jetzt ist, und glauben ihm zu dem Ende Folgendes mittheilen zu müssen. Die Namen der vier Thore, des Selzer-, Neuweger-, Wall- und Neustädter-Thores, sind geblieben. Statt der alten Thorthürme gewahrt man jedoch jetzt an beiden Seiten der Eingänge Thorhäuser, die, wie man sieht, urspünglich zu Wachthäusern bestimmt waren. Daraus ist zu ersehen, dass ihre Erbauung sich aus den Zeiten datirt, da Giessen noch eine Garnisonsstadt war.**) Das wenige Militär, welches jetzt auf Commando in Giessen zu liegen pflegt, hat seine kleine Kaserne in einer Seitengasse, rechts am Selzersweg.— Neuerdings wurde ausser diesen vier alten Eingängen zu der Stadt ein neuer an dem Asterweg eröffnet.— Durchgeht man die Stadt in ihrer Länge von Südwest nach Nordost, so gelangt man nach Beendigung des Selzerswegs auf den ersten freien Platz,„auf dem Kreuz“ genannt, in welchen sich fünf *) Bei einem feierlichen Leichenzug, der im Jahr 1803 einem in der Lahn ertrun- kenen Studenten zu Ehrey veranstaltet wurde, erschien ein Gedicht, welchem die Namen sämmtlicher damaligen Studenten beigedruckt waren. Interessant ist es, die damaligen Chargen der Anführer zu lesen. **) Einige dieser Häuser präsentiren sich dem Fremden unfreundlich, weil sie ihm nur eine Mauer darbieten. 12 Strassen einmünden. Von hier gehts über die Mäusburg nach dem Marktplatz, auf dem wir uns ebenfalls einen Augenblick umzusehen bitten. Ein klein wenig weiter erscheint der Kirchenplatz, auf welchem sich die protestantische Stadtkirche befindet*). Gleich jenseits des Kirchenplatzes, gegenüber dem Gasthaus zum Einhorn, ist der Linden- platz, auf welchem jedoch jetzt keine Linden mehr sichtbar sind. Weiter gehts etwas mehr rechts nach der Wallthorstrasse und etwas links nach dem Asterweg.— Wendet man sich von dem Kreuz mehr rechts, so ist man bald„in der Sonne“, gelangt zuerst zu den„neuen Bäuen“, lässt den Neuenweg rechts und kommt dann über den Kanzleiberg nach dem schon oben erwähnten Brand. Beide stossen unmittelbar an einander und bilden bei weitem den geräumigsten unter den öffentlichen Plätzen. Von der oben erwähnten Mäusburg zieht links eine Strasse, jetzt die Wettergasse, sonst die Kühgasse genannt, ab, vereinigt sich mit der von dem Markte kommenden Marktstrasse und führt nach der sogen. Neustadt. An ihrer Gre stand vor nicht viel Jahren noch ein kräf- tiger viereckiger Thortfürm; er wurde im Jahre 1837 abgebrochen. Dass unter der Neustadt keine neue Stadt zu verstehen sei, wird der Fremde bei dem ersten Besuche derselben inne werden**). Gegenwärtig hat die alte Stadt Giessen zwar durch die Menge enger und krummer Gassen und Gässchen und durch manchfache vor- und überbaute Häuser immer noch kein sehr freundliches Aussehen und wird solches auch schwerlich je erhalten können; dennoch hat sie dadurch, dass die belebtesten und wichtigsten Strassen für ihr altes, lang verrufenes Pflaster ein neues gutes Strassenpflaster erhielten, hier und da kräftige und geschmackvolle Gebäude an die Stelle alter Baraken getreten sind, andere zweckmässig reparirt wurden, im Einzelnen viel gewonnen, und ein Fremder, der sie in 40. Jahren nicht mehr gesehen, möchte sich an gar manchen Stellen nicht mehr zurecht finden können. *) Wenn der Leser Lust hat, den alten Thurm zu besteigen, so wird er oben nicht nur eine sehr weite Aussicht, sondern auch in dem Innern unter den 5 Glocken zwei sehr alte finden, die eine von 1481 mit der Umschrift:„Anna nennt man mich alle böse Wedder verdriben ich“, die andere noch viel ältere mit der Umschrift:„O Maria virgo pia protege domine plebem tuam.“ **) Wir wollen hier die Namen der übrigen Strassen, resp. Gassen anführen: Wolkengasse(sonst Schindergasse), Kasernenstrasse, Löwengasse, Reichesand, Tiefen- weg, Maigasse, kleine und grosse Mühlgasse, Kalteloch, Kaplaneigasse, Neuweg, Erlengasse, Waidgasse, Wagengasse, Schlossgasse, Brandgasse, Braugasse, Juden- gasse, Lindengasse, Flügelgasse, Hinterstrasse, Stallgasse, Sandgasse, Schulstrasse, Catharinengasse etc. 13 Dagegen sind die schon damals bekannten Gasthäuser zum Einhorn und zum Kappen auch jetzt noch die renommirtesten in der Stadt. Bevor wir die alte Stadt verlassen, werden wir noch einen Blick nach der auf den Fundamenten des ehemaligen Universitätsgebäudes, oder, wie man es nannte, des Collegienhauses neu errichteten Aula wenden, in welcher gegenwärtig die Vorlesungen gehalten werden*). Hinter diesem Gebäude befindet sich der botanische Garten, der einen Raum von mehr als 10 Morgen einnimmt, und in dessen Innerm der Freund und Kenner der Pflanzenkunde eine Menge mehr oder minder seltener Gewächse finden wird. Für die zarteren exotischen Pflanzen sind besondere Gewächshäuser errichtet. Wenn der Fremde diesen Garten besucht, möge er nicht versäumen, das dem als Gelehrten und Menschen gleich ausgezeichneten Friedrich Ludoig Walther(gestorben im Jahr 1824) errichtete Denkmal zu besuchen**). Schliesslich wollen wir hier noch andeuten, dass an diesen botani- schen Garten das Entbindungshaus mit seinen Umgebungen, der Amts- wohnung des Direktors des Entbindungs-Instituts etc. stösst. Das erst- genannte Gebäude ist dem Aeussern nach keineswegs schön zu nennen; in wie weit das Innere den Bedürfnissen der Anstalt entspricht, ver- mögen wir nicht anzugeben; wir wissen nur im Allgemeinen, dass die Anstalt einem längst gefühlten Bedürfniss abhalf und manches Gute stiftete, wenn wir nur allein die Ausbildung der Hebammen hier ins Auge fassen. Das neue Giessen. Im alten Giessen war Alles auf den engen Raum zwischen den Wällen zusammengedrängt***); desto behaglicher dehnt sich das neue Giessen in seiner Länge von Südwest nach Nordost aus, so dass, wer von dem Koch'schen Hause auf dem Selzersberg nach dem Pfauen zu gehen Lust hat, wohl eine halbe Stunde unterweges zubringen kann. Wollen wir nun dem geneigten Leser ein Bild von diesem neuen Giessen *) Vor Errichtung der Aula hielten in der Regel die Professoren ihre Vorlesungen in ihren Wohnungen. **) Er hat sich unter anderm auch um den botanischen Garten sehr verdient ge- macht. Wir glauben hier beifügen zu müssen, dass diese Gartenanlage eine der ersten ist, deren sich Hochschulen zu erfreuen haben, und schon im Jahr 1609 entstand. ***) In seiner grössten Ausdehnung vom ersten Haus am Selzerthor bis zum letz- ten am Wallthore waren's kaum 1100 Schritte. 14 geben, so nehmen wir an, er sei, wie jetzt die meisten Fremden, mit einem Zuge auf der Eisenbahn angekommen, und der in diesem Augen- blicke noch sehr unvollkommene Bahnhof*) wäre bereits mit allen seinen Gebäuden fix und fertig, und der Fremde hätte Zeit und Musse genug, sich umzuschauen, so würde er sich bald überzeugen, dass er hier zwar so keine prachtvolle Aussicht habe, wie auf dem Bahnhof zu Marburg; aber schon der erste Blick in das fruchtbare Lahnthal und weiter jenseits nach den beiden alten Schlössern Vetzherg und Gleiberg, hinter welchen sich der bewaldete Dünsberg erhebt, wird einen angenehmen Eindruck auf ihn machen. Je genauer er überhaupt Giessen mit seinen Umgebungen kennen lernt, desto mehr wird er sich überzeugen, dass es zwar nicht viele sogenannte malerische Ansichten, noch weniger grossartige(pittoreske) Stellen darbietet, desto mehr aber freundliche, und dass, wohin er sich auch wendet, es überall sich an- ders gestaltet, darum auch grosse Abwechselung und Mannigfaltigkeit dem Auge gewährt. Es hält die glückliche Mitte zwischen engen, dunkeln Thälern mit schroffen Felswänden, aus welchen man sich nur zu bald wieder heraussehnt, und dem ewigen Einerlei der Flächen und Ebenen, die, seien sie auch noch so fruchtbar, im- mer ermüden. Die Gegend von Giessen wird von einem Kranze von meist kegelförmigen und mit Waldbäumen versehenen Ber- gen**) eingeschlossen, jedoch in grösserer oder geringerer Entfernung, und was derselben eigentlich den Reiz gibt, das sind die hier und da vor oder neben den Bergen aufstrebenden alten Burgen und sonstigen hochgelegenen Oerter und Häuser. Da plinkt, ausser den beiden eben genannten alten Schlössern Fetzberg und Gleiberg, hier in der Ferne das Städtchen Königsberg und sein Nachbar, Hohensolms in der Morgen- sonne, links liegt das Dorf Dudenhofen, näher sieht man den Westphälischen Hof und die sogenannte Hardt und in ihrer Nähe diese und jene neuere Anlage— weiter das Dörfchen Kinzenbach; neben den sieben Hügeln blickt Krofdonf, ihnen rechts Launsbach und Wismar hervor; noch lieblicher zeigt sich die Badenburg, thront weiter rechts der Staufenberg; *) Folgende Gebäude stehen auf demselben jetzt schon: a) der Werkstättenbau, dessen Mittelbau zur Reparatur der beim Eisenbahnbetriebe nothwendigen Maschinen be- stimmt ist, auch eine zu deren Bewegung angebrachte Dampfmaschine enthält, b) ein Wagenschuppen, c) der Güter- und Kohlenschuppen. Im Laufe des Jahres wird das Stationsgebäude dazu kommen, welches ausser den Lokalen für die Reisenden die Bü- reaus für die Post und die Telegraphen enthalten wird. **) Wir wollen von ihnen ausser dem bereits erwähnten Dünsberge nur den Lol- larer Kopf, Hangelstein, den Hohenwarthberg, Himberg, den Stoppelberg nennen. 15 und wie abwechselnd ist der Blick in das Busecker Thal, in dessen Hintergrund sich Alten- und Grossen-Buseck zeigen, während links die Wellersburg hervortritt. Wendet man sich mehr östlich oder südöstlich, so zeigt sich zunächst das stille Dörfchen Annerod, weiter steigt aus waldiger Höhe der Schiffenberg, welchem rechts die Dörfer Watzenborn, Steinberg, hinter ihnen das Städtchen Grüningen, weiter der Oberstein- berger- und der Neuhof sich anschliessen. Doch wir kehren nach Giessen zurück, und wollen zuerst die her- vorstehenden Einzelheiten der neuen Stadt, dann aber was in der Um- gegend Interesse für uns hat, kennen lernen. Wir beginnen mit dem Selzersberg, als demjenigen Theile der Stadt, welcher zwar der jüngste, zugleich aber auch der am höchsten gelegene ist, und über kurz oder lang der wichtigste und bedeutendste werden wird, wenn er es nicht jetzt schon ist. Unser Künstler hat von diesem Theile der Stadt zwei Ansichten geliefert. Die Eine stellt(vom Riegelpfade aus) fast die gesammte Stadt vor das Auge des Be- schauers. Die ihm links liegende grössere Hälfte umfasst den Selzers- berg mit seinen Gebäuden, worunter die sogenannte Clinik und die katholische Kirche vor Allem hervorragen. Die Ferne bildet der Veta- berg und Gleiberg nebst der Hardt, hinter ihnen ragt der Dunsberg hervor. Die kleinere Hälfte rechts, und zwar von dem Thurme der Stadtkirche an, stellt das alte Giessen dar. In der Ferne sieht man einzelne Dörfer, als Wieseck, Launsbach, Krofdorf und unweit der mit einer Pappelallee versehenen Strasse nach Marburg die sogenannte Wellersburg. Nehmen wir diejenige Ansicht, worauf sich die neue Lahnbrücke abgebildet findet, so erscheint uns über derselben links (dem Beschauer) zuerst die katholische Kirche mit ihrem spitzen Thurme. Es ist ein neues, im byzantinischen(romanischen) Style er- richtetes Gebäude ähnlich der alten Basilika, das den Beschauer ganz freundlich anspricht, aber auch wesentlich dazu beiträgt, diesem Stadt- theil ein städtisches Ansehen zu verleihen. Der Thurm hat etwa 20 Fuss ins Gevierte; an denselben lehnt sich nach Osten das ungefähr 54 Fuss breite und 112 Fuss lange Schiff, dessen östliches Ende sich in eine den Hochaltar enthaltende Apsis erweitert. Von seinem schö- nen Thurme, den der geneigte Leser auf unseren Ansichten deutlich sehen kann, vernimmt man nicht nur zur gewissen Zeit das feierliche Geläute, das den Katholiken zur Andacht und zum Gottesdienste ruft, sondern auch seit dem November 1852 die Verkündigung der Zeit- stunden durch eine neu errichtete Uhr, deren Mangel von den Bewoh- nern des Selzerberges lange schmerzlich empfunden wurde. Wäahrend 16 unter- und oberhalb dieser Kirche neue und grossentheils geschmack- volle Wohnhäuser sich befinden, treten wir auf der andern Seite der Heerstrasse, da, wo die neue Universitätsstrasse sie durchschneidet, in einen grossen viereckigen, mit Staketen versehenen Raum, in dessen Mitte die oben genannte Clinik steht; ein gewaltiges dreistöckiges Ge- bäude; die Ecken des eingeschlossenen Raumes sind ebenfalls mit Ge- bäuden versehen. Es ist bekannt, dass jenes grosse Gebäude, das in den Jahren 1817 bis 1819 errichtet wurde, ursprünglich zu einer Ka- serne für das jetzige dritte Infanterie-Regiment bestimmt war. Es war noch nicht lange von dem Militär bewohnt, als Streitigkeiten zwischen ihm und den Studenten entstanden, in deren Folge das Regiment(1821) von Giessen verlegt werden musste. Später wurde das Gebäude der Universität eingeräumt, und findet sich jetzt unter Anderm in dem südöstlichen Theile die vereinigte Universitäts- und Senkenbergische Bibliothek, das Antiken- und Münz- Cabinet etc. und in dem nordwestlichen Theile das akademische Hospital mit den beiden Cliniken. Die vier Thürmchen in der Mitte, mit Zinnen versehen, erinnern noch an den ursprünglichen Zweck des Gebäudes. In dem Einen der südöstlichen Eckgebäude des Hofraumes ist die Gensdarmerie, das andere ist Amtswohnung des ersten Bibliothekars. In dem nordwestlichen Ende des Hofraumes nimmt das von Liebig ins Leben gerufene chemische Laboratorium unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Dagegen mag das nächstfolgende Gebäude, das von einer hohen Mauer umgeben, und über dessen Eingang ein besonderes Thorgebäude errichtet ist, einen minder erfreulichen Anblick gewähren; es ist das Provinzial-Arresthaus. An dasselbe schliesst sich das neue Anatomie- Gebäude. Beide bilden schon dem Aeussern nach einen recht schroffen Gegensatz; jenes ist mit wenigen kleinen und schmalen Fensteröffnungen versehen, als wolle man dem Bewohner jeden Lichtstrahl abschneiden; dieses besitzt eine reiche Fülle von Fenstern, als könne man jeden Gegenstand darin nicht genau und scharf genug betrachten. Von beiden hat man zwar eine schöne, freie Aussicht; doch mõgen die Bewohner des Ersteren davon wenig Gebrauch machen. Dagegen ist uns das Anatomie- Gebäude zu wichtig, als dass wir ihm nicht noch eine kurze Zeit unsere Aufmerk- samkeit schenken sollten. Der Hauptbau ist vorne zwei- und hinten dreistöckig. Er hat eine Länge von 140 Fuss und 54 Fuss Tiefe, ist jedoch von der Strasse etwa 140 Fuss zurückgerückt und hat in der Mitte nach Süden zu einen aus dem Achteck construirten Anbau für den akademischen Hörsaal. Es enthält, ausser den unteren Räumen (Souterrains), unter Anderm den Secirsaal, überhaupt was für mensch- 17 liche Anatomie und operative Chirurgie nöthig ist, im ersten Stock, im zweiten befinden sich die für Physiologie und vergleichende Anatomie bestimmten Räume. An diesen Hauptbau stossen zwei der Strasse sich nähernde Flügel, deren jeder 80 Fuss lang und 30 Fuss tief ist. Sie haben ein flaches, mit Zink gedecktes Dach und enthalten im untern Stock die pathologisch-anatomische und physiologisch-anatomische, im zweiten Stock die zoologische und vergleichend-anatomische Sammlung.*) Beiden zuletztgenannten Gebäuden gegenüber stehen nicht nur freund- liche Wohnungen mit reicher Aussicht, sondern befinden sich auch die viel besuchten Anlagen um den Loosischen Felsenkeller für Freunde der schönen Natur und guten Bieres. Wir wenden uns, die Betrachtung der neuen Bahnhofsgebäude dem ankommenden Fremden überlassend, nach der Nordwestseite der Stadt, wo uns beim Ausgange aus dem Neustädter Thor ein neuer Viaduct empfängt, unter welchem wir den Bahndamm durchschneiden, um nach der Lahn zu gelangen. Was uns ausser dem Flusse hier zunächst auffällt, ist die neue, äusserst geschmackvolle, aus 5 flachen Bogen bestehende und aus Basaltquadern von Londorf(Lungsteinen) errichtete Brücke. Sie wurde in den Jahren 1845 bis 1848 mit einem Kosten- aufwande von 290,000 Fl., wie man sagt, erbaut, und ist der Baumeister der Provinzialbaumeister Mäller, welcher jedoch die Vollendung des schönen, aber auch kostbaren Werkes nicht erlebte.**) Es wird den Fremden nicht gereuen, sie zu überschreiten. Rechts sieht er, ausser den Badehäusern, zunächst die Stadtmühle mit ihren 6 Mahlgängen; links liegt die Pulvermühle, und dem Thale hinab schweift der Blick nach verschiedenen entfernteren Gegenständen. Hat. der Wanderer das jenseitige Ufer erreicht, so empfängt ihn rechts zuerst der freie Platz, auf welchem der Haupthandel an Markttagen statt findet; etwas weiter *) Nach der Bekanntmachung von 1844 belief sich der Voranschlag zu diesem allerdings zweckmässig eingerichteten Gebäude auf 46,837 Fl. 44 Xr. Ausser den dazu von den Landständen bewilligten 60,000 Fl. wurde später nachträglich die Summe von 30,000 Fl. verwilligt, und als auch diese nicht ganz ausreichten, so wurden auf einem folgenden Landtage noch 5000 für Meublirung für nothwendig erachtet. Wer sich über das Gebäude und seine Einrichtung noch weiter belehren will, den verweisen wir auf das kürzlich erschienene Werk:„Das neue Xnatomiegebäude zu Giessen von Dr. Th. L. W. Bischoff. Mit 4 lithogr. Tafeln. 4. Giessen 1852.“ **)„Jeder Bogen hat 60 Fuss Sprengweite; die Zwischenpfeiler betragen 8 Fuss, die Widerstandspfeiler 16 Fuss, so dass die ganze Länge der Brücke mit den Flügel- mauern am Lande etwa 390 Fuss beträgt. Da die Wölblinie aus sehr flachen Stich- bogen besteht, so hat der Bau etwas höchst Kühnes und Imposantes.“ Nach Mit- theilungen. 2 18 liegen die Bleichen. Von hier aus wird er die Stelle finden können, welche der Künstler zu einer der obenerwähnten Ansichten benutzte und worin man über der Brücke den neuen Theil der Stadt auf dem Selzersberg erblickt. Es wäre eine Versündigung gegen unsere Lahn, wollten wir derselben nicht mit ein Paar Worten hier gedenken. Sie führt zwar bis jetzt keine Fracht- und Dampfschiffe, wie der Rhein und Main, dennoch ist ihr Dasein für die Bewohner von Giessen von unberechenbarem Nutzen, und wird es bald noch mehr werden, da ihre Schiffbarmachung der Vollendung nahe ist. Vor 50 Jahren benutzte man ihr Wasser fast nur für die Mühlen und zum Waschen in der Haushaltung. Sonst hatte der Fluss für den Bewohner etwas Grausenhaftes, und daher rührt auch die alte Sage, vom Hessler her höre man zu Zeiten einen unheim- lichen Ton, worauf besorgte Eltern ängstlich ihre Kinder zu Hause hielten, denn dann hiess es,„die Lahn hätte gerufen“, und wenn sie rufe, dann wolle sie allemal ihr Opfer haben. Damals badeten fast nur Studenten, die von andern Orten her ans Baden gewöhnt waren. Wer aber baden wollte, der suchte sich kurzer Hand ein Plätzchen am Ufer, wohin er seine Kleider legen konnte, und sprang dann ins Wasser. Nachgerade legte man hier und da Badehäuschen an, und als man sich von den wohlthätigen Einwirkungen des Lahnwassers auf den mensch- lichen Körper überzeugt hatte, vermehrten sich diese in auffallender Weise. Der Neuzeit genügte aber auch das gewöhnliche Bad im stillen Wasser nicht mehr; man wollte, wie in anderen Dingen so auch hier, Piquanteres(der Feinschmecker würde es haut-goüùt nennen) und errichtete in der Nähe der Mühlen und Mühlräder sogenannte Wellenbäder. Kurz, die Lahn ist jetzt schon um der Bäder willen ein durchaus unentbehrliches Wasser für die Bewohner von Giessen, und sie sind jetzt eben so innig mit ihr befreundet, als sie sich früher vor ihr fürchteten. Wollen wir nun die neue Stadtanlage betrachten, welche sich nach Nordosten an die alte Stadt anschliesst, so werden wir uns wieder zurück nach dem Neustädter Thore wenden müssen, dann einen Theil der sogenannten Schur(so heisst der Umgang um die alte Stadt) unter Bäumen wandeln und endlich an dem Wallthore die Marburger Strasse einzuschlagen haben. Man sieht diesem Theile der Stadt an, dass er sich nach dem Bedürfnisse gebildet hat, nicht wie der auf dem Selzers- 19 berg nach einem Plane ausgeführt wurde. Doch besteht der grösste Theil aus freundlichen Wohnungen. Ein weiterer Gang um die Stadt führt uns nach dem Neuweger Thore. Ausser einigen neuerrichteten, zum Theil geschmackvollen Häusern entdeckt hier das Auge links eine grosse Wiesenfläche, die weit in das Busecker Thal der Wieseck entlang sich erstreckt und auf der einen Seite von dem Philosophenwalde und dem sogenannten Tyieb begrenzt wird. Vom Neuweger Thore an führt eine mit vielen Kosten angelegte Dammstrasse über diese Wiesenfläche und auf einer kunstvoll gewölbten Eisenbrücke weiter östlich, um bald wieder in mehreren Richtungen aus einander zu gehen. Geradeaus gelangt man in den Bush'schen Garten, dem schon seit mehreren Menschenaltern vielbesuchten Vergnügungsorte, von dessen vorderer, nach der Stadt gekehrten Seite unser Künstler eine Ansicht mittheilt. Das muss man dem Erbauer zugestehen, dass er die Kunst verstand, nicht nur dem Gebäude die rechte Stelle anzu- weisen, von wo man die Stadt mit einem grossen Theile der westlichen Umgegend gleich einem Panorama zu’ überschauen vermag, sondern dem Gebäude auch ein solches Aussehen gab, dass es zum Schmucke der Gegend wesentlich beitrug.*)— Die Anhöhe unmittelbar hinter dem Busch'schen Garten führt den Namen Nahrungsberg;**) er steht mit dem oben erwähnten Tyieb, auf welchem vor etlichen Jahren Herr von Liebig ein Landhaus errichtete, in Verbindung. Geht der Wanderer weiter, so bemerkt er bald, dass die beiden neuen Kunststrassen, welche von der oben erwähnten links abgehen, über diesen Trieb***) ziehen; die eine führt eine geraume Strecke in gerader Richtung durch den Wald zunächst nach dem Dorfe Steinbach, dann weiter nach Lich, die zweite führt über mehrere Orte nach Grünberg, wo sie mit einigen andern Strassen zusammenkommt.— An den Trieb stösst der oben *) Das Ganze war ursprünglich viel zu schmal, und musste dem steigenden Mangel an Raum durch Errichtung von Hintergebäuden später abgeholfen werden. In dem vor nicht vielen Jahren errichteten Saale finden die öffentlichen Sitzungen des Assisengerichts wenigstens vor der Hand statt. In den Zwischenzeiten mag er auch noch Raum darbieten zu Bällen und Commercen. **) In einem der Gärten an diesem Nabrungsberg steht ein uralter schöner Taufstein. ***) Auf diesem Trieb befand sich früher eine Anzahl alter, an den Spitzen zum Theil abgestorbener Eichbäume. Einer alten Sage zufolge ruhte auf ihnen der Fluch eines Fremdlings, der hier unschuldig hingerichtet wurde und vor seiner Hinrichtung noch ausrief:„Gott werde ein Zeichen an diesen Eichbäumen thun und sie gipfeldürr machen vor der Zeit, zum Beweise, dass er unschuldig sterbe.“ 2* 20 berührte Philosophenwald, der in jüngster Zeit mit einigen Anlagen geziert und mit manchen Wegen versehen wurde, die, wenn dem Ganzen noch etwas mehr nachgeholfen wird und hier und da das Buschwerk sich gestreckt und verbunden hat, dem Wanderer gewiss schöne Spazier- gänge darbieten werden. Wir wollen noch aufmerksam darauf machen, dass sich in dem höheren Theil dieses Waldes eine ziemliche Anzahl alter sogenannter Hünengräber oder Heidenküppel befindet, die freilich vor mehr als hundert Jahren fast alle durchwühlt sind.*) Nähern wir uns wieder der Stadt, so kommen wir ohnweit dem Kirchhofe vorbei, der in neuerer Zeit ziemlich erweitert wurde. Wer hier sich umsehen will, wird Veranlassung zu ernsten Betrachtungen genugsam finden. Hier liegt gar mancher biedere Mann, gar Mancher, der im Leben durch Wissenschaft sich auszeichnete, und gar mancher wackere Jüngling, der Stolz seiner Kameraden und die Hoffnung seiner Eltern.— Unter den Grabmälern befinden sich neben ganz einfachen zum Theil recht kunstreiche und geschmackvolle. In dem älteren Theile des Kirchhofes steht eine Todtenkapelle; weiter hinten ist dem biederen Wortmanne zu Ehren von seinen Freunden ein Leichenhaus errichtet, das die Aufschrift führt: UNSERM WORTMANXN. 3. Die öffentlichen Anstalten Giessens, Schulen, Behörden etc. Wir glauben den geneigten Leser nun auch ein wenig mit den inneren Verhältnissen, Einrichtungen, den Behörden, öffentlichen An- stalten Giessens etc. bekannt machen zu müssen, nachdem wir ihm das Aeussere der Stadt kurz vor Augen gestellt haben. 1 Die Stadt Giessen besitzt zuerst in der Landes-Universität, ihrem erhabenen Stifter zu Ehren„Ludwigs-Universität“ genannt, eine Anstalt, die sie vor allen andern Städten des gesammten Grossherzogthums voraus hat und auf welche die Stadt mit Recht stolz sein kann. Ge- schichtlich wollen wir hier nur mittheilen, dass dieselbe im Jahr 1607 in Folge der zu Marburg entstandenen kirchlichen Misshelligkeiten vom Landgrafen Ludavig V. gegründet wurde, während des dreissigjährigen Krieges aber, da Marburg dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt zu- *) Auch südlich von Giessen, in der sogenannten Linder Mark, ist eine bedeu- tende Anzahl solcher alten Gräber, sowie an der Grünberger Strasse unweit Annerod. 21 getheilt worden war, nämlich von 1625 bis 1650, wieder mit der zu Marburg vereinigt war und von da an sich unausgesetzt in Giessen befand. Unter ihren vielen Schwestern im deutschen Vaterland hat sie freilich nie die erste, aber auch niemals die letzte Stelle eingenommen*) und nicht allein eine grosse Anzahl ausgezeichneter Männer unter ihren Lehrern besessen, sondern auch ausgezeichnete Männer gebildet. Es möchte uns zu weit führen, wollten wir hier näher erzählen, wie sie sich nach und nach zu dem gebildet, was sie jetzt ist, und auf den Standpunkt gebracht wurde, worauf sie nun steht. Die Zahl der Lehrer bestand 1707 aus 19, im Jahre 1787 aus 15 ordentlichen, 1 ausserordentlichen Lehrer, 2 Lectoren, 1 Prosector und 4 Maitres, 1805 aus 19 ordentlichen, 5 ausserordentlichen und 2 Honorar-Professoren. Gegenwärtig(Winter 185 ⅜) zählt sie 32 ordentliche, 2 Honorar-, 17 ausserordentliche Pro- fessoren, 1 Repetenten, 6 Privatdocenten und 1 Lehrer der freien Künste, zusammen 59 Lehrer. Die Zahl der Studirenden ist beständigem Wechsel unterworfen; hier wollen wir nur angeben, dass sie im Jahre 1813= 241, 1823= 351, 1826= 418, 1835= 301, 1840= 404, 1845= 512, 1847= 570, 1850= 438, 185%= 413, 185 ½ ä= 379, 1852= 411, 185= 392**) betrug. Nach altherkömmlicher Weise bestand bis 1830 die Universität aus 4 Facultäten, so dass, was nicht zur theologischen, juristischen und medicinischen Facultät gehörte, der philosophischen zugetheilt war. Im Jahr 1830 wurde eine fünfte neue Facultät gegründet, nämlich die katholisch-theologische. Beide theologische Facultäten wechseln alljähr- lich im Vortritt, sowie das Amt eines Rectors alljährlich je nach den fünf Facultäten wechselt.***) Mit der Universität sind noch folgende Institute und Anstalten ver- bunden: 1) das philologische Seminar, das jährlich unter die ausgezeich- netsten seiner Zöglinge Preismedaillen vertheilt; 2) die vereinigte *) Sie hat von jeher mit dem Uebelstand zu kämpfen gehabt, der in kleineren Staaten bei kleineren Anstalten der Art nicht zu entfernen ist, dass sie Akademie und Hochschule zugleich sein muss. Der Akademiker hat die Wissenschaft zu fördern, der Professor die künfligen Staatsdiener auszubilden. Freilich will auch dieser die Wissen- schaft kultiviren, jener gerne, was er zu Tage gefördert, Zuhörern mittheilen. **) Dies ist ungefähr die mittlere Zahl der Frequenz aller deutschen Universitäten. ***) Nach gleich altherkömmlicher Weise erhält der Rector das Prädicat„Magni- ficenz“. In der lateinischen Anrede erhält er das Prädicat magniſicus. Die Mitglieder der theologischen Facultät werden mit viri summe reverendi, die der juristischen mit viri consultissimi, die der medicinischen mit viri experientissimi, die der philosophischen mit viri excellentissimi angeredet. 22 Universitäts- und Senkenbergische Bibliothek, über welche 2 Bibliothe- kare gesetzt sind. Wenn diese Büchersammlung sich auch mit mancher anderen, wie der zu Göttingen, nicht messen kann, so besitzt sie doch viele vortreffliche Druckwerke, Incunabeln und Manuscripte. 3) Ein anatomisches Theater.*) 4) Ein zootomisches und thierheilkundiges In- stitut. 5) Ein anatomisches Hospital mit einem medicinischen und chirurgischen Clinikum.**) 6) Das oben bereits erwähnte Entbindungs- Institut. 7) Das chemische Laboratorium, dessen ebenfalls früher ge- dacht ist. 8) Das physiologische, 9) das pharmakologische Institut. 10) Der botanische und 11) der forstbotanische Garten. 12) Die Stern- warte und das meteorologische Cabinet. 13) Das physikalische, 14) das mathematische, 15) das technologische, 16) das architektonische, 17) das zoologische, 18) ein doppeltes mineralogisches, 19) ein pathologisches Cabinet. 20) Eine Sammlung geburtshülflicher, sowie 21) chirurgischer Instrumente. 22) Ein Kunst-, Münz- und Antiken-Cabinet, und endlich 23) eine Sammlung von Sanscrit- und Zend-Typen.***) Dass dergleichen Anstalten nur mit bedeutenden Kosten geschaffen und erhalten werden können, ist Jedem begreiflich, und es wird Nieman- dem auffallen, wenn vor nicht langer Zeit in der ersten Ständekammer die Aeusserung gethan wurde, dass für keine Staatsanstalt und für kein Institut des Landes verhältnissmässig seit 30 Jahren so viel geschehen sei, wie für die Universität.— Bekanntlich ist die erste hessische Universität in Folge der Einführung der Reformation entstanden und wurde ihr Fond aus den aufgehobenen Klöstern gebildet. Die Univer- sität Giessen verwaltete auch lange Zeit ihre Einkünfte selbst und es bestanden bis in neuere Zeiten besondere Universitäts-Oekonomien zu Alsfeld, Giessen, Gladenbach und Grünberg, früher auch noch besondere Universitätsförster. Die Einkünfte reichten jedoch in neuerer Zeit nicht mehr zur Dotirung der erweiterten Anstalt hin, und der Staat musste noch Beiträge liefern, obgleich der Mainzer Universitätsfonds theilweise auch in Anspruch genommen wurde. Schon bei dem ersten Landtage betrug diese Summe 28,000 Gulden. Ob nun wohl gegenwärtig die eignen Einkünfte der Universität die Summe von 43,800 Gulden be- *) Ein Näheres hierüber in der früher in der Note(S. 17) angezeigten Schrift des Herrn Bischoff. **) Genauere Nachrichten hierüber mit geschichtlichen Nolizen findet man in Nr. 10 der Grossherzogl. Zeilung von 1848. ***⁸) Siehe über alles dieses den halbjährlich erscheinenden„Personalbestand der Grossherzogl. Hess. Ludwigs-Universität Giessen.“ 23 tragen, so belaufen sich doch die weiteren Anforderungen der Staats- regierung bei der letzten Ständeversammlung noch auf 63,950 Gulden, so dass also die Gesammtausgabe für die Universität auf 117,750 Gulden angeschlagen ist.*) Was die Behörden betrifft, so werden sie zum Theil aus ihrer Mitte gewählt, wie der Rector, der Kanzler, der engere Senat,**) das Disciplinargericht, die Bibliothekscommission, die Administrationscom- mission, die evangelische Kirchencommission, theils bestehen sie aus besonders Angestellten, als dem Universitätsrichter, dem Universitäts- secretär mit dem Gerichtsactuar und den Universitätsdienern, sodann dem Universitätsrentamtmann und Quästor, ausserdem einem Polizei- personal und einem Hausverwalter. Wir knüpfen unmittelbar die Mittheilung über die übrigen Unter- richtsanstalten hier an. Giessen besitzt zuerst ein Gymnasium, das ehemals der Universität anhing, jetzt aber ganz von derselben geschieden ist, und wozu der Staat, wenn wir nicht irren, etwa 8000 Gulden jährlich beiträgt. Gegenwärtig besteht es, mit Inbegriff des Directors, aus 8 ordentlichen Lehrern, einem Hülfs- und einem Gesanglehrer. 2) Die im Jahre 1837 ins Leben getretene Provinzial-Realschule, zu deren Unterhaltung die Stadt Giessen einen bedeutenden Beitrag liefert, hat mit dem Director 7 ordentliche Lehrer und 2 Hülfslehrer (für Gesang und Schönschreiben).***) 3) Die eigentlichen Stadtschulen bestehen a) aus einer höheren Töchterschule, welche in 3 Klassen getheilt ist, und woran 3 ordentliche Lehrer, eine Lehrerin für den französischen Sprachunterricht, eine andere für weibliche Arbeiten, ein Lehrer für den Gesang, ein anderer *) Es sind in beiden Kammern bei der Discussion in utramque partem manche beherzigungswerthe Worte gesprochen worden. Wir haben sehr gerne, wenn recht verschiedene Ansichten sich bei solchen Gelegenheiten geltend machen, weil man dadurch in den Stand gesetzt wird, der Wahrheit näher zu kommen; nur muss freilich Alles gehörig durchdacht und mit Kenntniss der Verhältnisse gesprochen sein. **) Der weitere besteht aus sämmtlichen ordentlichen Professoren unter dem Rector und Kanzler. ***) Im Winter 1852 auf 53 zählte das Gymnasium 126, die Realschule 115 Schüler. 24 für das Zeichnen angestellt sind(auf Verlangen wird auch Unterricht im Englischen ertheilt). b) Die Knabenschule. Auch sie besteht aus 3 Klassen mit 3 ordentlichen Lehrern. In den beiden obern Klassen ertheilen noch 2 Hülfslehrer Unterricht im Zeichnen und im Gesang. c) Die Mädchenschule besteht aus 3 Klassen, wie die vorige. Sie hat 3 ordentliche Lehrer; ausserdem geben Hülfslehrer Unterricht im Zeichnen und Gesang; eine Hülfslehrerin gibt Unterricht in weiblichen Arbeiten. d) Die Elementarschule oder vielmehr Vorbereitungsklasse für die untersten Klassen der beiden vorhergenannten Schulen. An derselben ist ein Lehrer angestellt. Der Cursus dauert ein Jahr. Die Geschlechter sind hier nicht getrennt. 4) Die Freischule besteht aus 2 Klassen, woran 2 Lehrer arbeiten. Die Geschlechter sind auch hier ungetrennt. Die Kinder haben Unter- richt, Bücher und Schreibmaterial frei, ja sie erhalten zum Theil auch noch Kleider und Brod. Unter den Privatinstituten und Schulen nennen wir das Lehr- und Erziehungsinstitut des Pfarramtscandidaten Dr. Steinmetz. Es wirken an derselben mehrere Lehrer. Sodann haben die Herren Roth, Rahn, Franz und Lehr besondere Privatschulen für Knaben. Endlich führen wir noch das Mädcheninstitut der Fräulein Hilger an, wobei mehrere Lehrer und Lehrerinnen thätig sind. Auch der Kleinkinderbewahranstalt, welche seit mehreren Jahren besteht und grossen Theils durch Privatbeiträge entstanden ist und erhalten wird, müssen wir schliesslich mit ein Paar Worten gedenken. Eine Vorsteherin überwacht die Anstalt und wirkt in derselben. Das besuchende Kind bezahlt täglich 1 Kreuzer und erhält dafür auch freie Kost. Ueber alle diese öffentlichen sowohl als Privatanstalten ein Urtheil zu fällen, kommt uns nicht zu. Doch das können wir mit Fug und Recht sagen, dass mehrere von ihnen seit der Zeit ihres Entstehens schöne Früchte getragen haben. Im Allgemeinen erlauben wir uns nur das anzudeuten: Je mehr eine Unterrichts- oder Erziehungsanstalt sich dem Familienleben zu nähern sucht, je mehr die Vorsteher und Lehrer mit Liebe der Jugend zugethan und liebevoll gegen einander selbst sind, desto mehr wird in der Regel die Anstalt Gutes wirken. Je mehr aber eine Anstalt sich von dem Familienleben entfernt oder zur Finanz- speculation wird, und je mehr die Lehrer fremd und kalt einander 25 gegenüber stehen, desto unnatürlicher ist sie und desto schwieriger wird es, auf den eigentlichen Menschen mit Erfolg einzuwirken. Sie trägt den Keim des Siechthums in sich.*) Giessen ist Provinzialhauptstadt von Oberhessen, zugleich aber auch Kreisstadt eines nach ihr benannten Kreises. Als solche ist sie der Sitz einer Anzahl von Beamten und Behörden, deren Bedeutung für die Stadt in die Augen springt. Wir führen hier zuerst das Hofgericht an, das für die gesammte Provinz ein Gericht zweiter Instanz ist. Es besteht gegenwärtig aus einem ersten und zweiten Director, 14 Räthen, 1 Assessor, 3 Sekretären, woran sich eine bedeutende Anzahl Gerichts- accessisten knüpft, 2 Registratoren, 1 Protokollisten, 1 Registratur- gehülfen, 1 Kanzlei-Inspector, 3 Kanzellisten, 2 Pedellen und 1 Acten- träger. Die zweite Behörde ist der Criminalsenat, wozu wir ausser dem Staatsanwalt und seinem Substituten einen ersten und zweiten Criminalrichter, 2 Sekretäre und 1 Arresthausverwalter zählen. Die Zahl der in Giessen wohnenden Hofgerichtsadvokaten und Prokuratoren beträgt 25. Giessen ist auch der Sitz eines Stadt- und eines Landgerichts. Zu jenem gehören 1 Richter, 4 Assessoren und 1 Actuar. Das Personal von diesem besteht in dem Richter, 2 Assessoren und einem Actuar. Bei jedem sind 2 Gerichtsdiener angestellt.— Eben so haben mehrere Bezirksärzte und Bezirkswundärzte zu Giessen ihren Sitz und ausser ihnen praktiziren noch mehrere Aerzte und Wundärzte. Was die Administration anbelangt, so sind die Provinzialbeamten mit denen des Kreises vereinigt, und wir zählen hierher einen Kreisrath, einen zweiten Verwaltungsbeamten, einen Kreisassessor und einen Kreis- amtsdiener. Ferner hat in Giessen ein Kreisbaumeister, ein Oberpolizeikasse- rechner, ein Criminalkasserechner und ein Rechner des Provinzialschul- fonds seinen Sitz. Weiter befinden sich daselbst eine Obereinnehmerei, ein Steuercommissariat, zwei Steuereinnehmereien, ein Rentamt, ein Hauptzollamt, und von dem Forstpersonal ein Forstmeister. Auch die Eisenbahnbau-Direction hat hier ihren Sitz, sowie das Postamt mit seinem Personale. *) Wir haben nichts dagegen, wenn Seminarien auch nach diesem Maassstabe beurtheilt werden. 26 Was das Kirchenwesen betrifft, so ist Giessen der Sitz eines Pro- vinzial-Superintendenten. Die Stadt besitzt zwei protestantische und einen katholischen Geistlichen. Die Israeliten haben einen Rabbiner, welcher die Rabbinatsgeschäfte beinahe der ganzen Provinz besorgt. Gegenwärtig besteht der Stadtvorstand aus 1 Bürgermeister, 2 Bei- geordneten und 12 Gemeinderathsmitgliedern. Die polizeilichen Geschäfte besorgt ein Polizeicommissär. Aus allem diesem ergibt sich, wie gross die Zahl der in Giessen lebenden Beamten und Angestellten sein muss. 4. Bevölkerung. Nach Inhalt der amtlichen, im Dorfbuche von 1577 befindlichen Angaben hatte die Stadt und Festung Giessen an sogenannten Haus- gesessen„sampt deren von Schwalbach, Rodenhausen, Riedesell zu Bel- lersheim, Schenken zu Schueinsperck, Dernbach, Busseck genannt Münch, Sehlaun von Linden und dero Sahlfelth Burgksitzen“— zusammen 605. Im Jahr 1630 ist die Zahl der Bürger zu 636 Hausgesessen angegeben, worunter 313 Mannspersonen über 30 Jahren, 178 unter 30 Jahren, 121 Wittwen und 116 Vormundschaften. Nimmt man die Hausgesessen als gleichbedeutend mit Familien und rechnet dieselben durchschnittlich zu 5 Personen, so ergibt sich eine Bevölkerung von 3025 Scelen im Jahr 1577, und eine solche von 3180 im Jahr 1630. Zugleich ergeben sich aus Obigem die Burgmannen von Giessen im Jahr 1577. Dagegen wohnten 1630 in Giessen: Adam Arnold von Oyenhausen mit 5 Söhnen und 4 Töchtern, Johann Melchior von Schwalbach mit 1 Tochter, letzterer war jedoch in sächsischen Diensten, und Friedrich von Schwal- bach, Johann Curths Sohn, mit 4 Schwestern.*) *) Heinr. Reinhard von Buseck mit 2 Söhnen und 1 Tochter wohnte zu Grossen- linden, Konr. Adam v. Rodenhausen mit 1 Sohn und 1 Tochter zu Daubringen, Magnus Eberh. Rud. v. Rodenhausen mit 1 Sohne, ebendaselbst, Gebhard Schlaun v. Linden mit 2 Töchtern bei seinem Tochtermann, Joh. Wolf v. Weitolshausen, gen. Schrauten- bach, mit 1 Sohn und 2 Töchtern, sowie Casp. Reinhard v. Weitolshausen, gen. Schrautenbach, mit 2 Söhnen und 2 Töchtern zu Badenburg, Hans Phil. Lesch v. Mühlheim der Keltere mit 1 Tochter auf der Schmitten bei Rodheim, und Hans Phil. Lesch v. Mühlheim der Jüngere zu Rodheim. 27 Wir haben oben die Bevölkerung von Giessen im Jahre 1805 zu 5174 angegeben; im Jahre 1843 betrug sie 8803, und nach der neuesten im December 1852 vorgenommenen Zählung 9049, worunter 8228 Lutheraner, 44 Reformirte, 483 Katholiken, 6 von anderer christlicher Confession und 288 Juden. Unter obiger Bevölkerung war eine Person von 93 Jahren; ausserdem befanden sich darunter 7 Waisenkinder, 6 Blinde, 8 Blöd- und Wahnsinnige, 5 Taubstumme. Der grössere Theil der Bewohner nährt sich von Garten- und Feldbau, denn das Weichbild der Stadt ist gross*) und das Feld zum grossen Theil fruchtbar. Auch die Viehzucht ist bedeutend. Noch mehr mögen ihnen die vielfältigen Handwerke, sowie der Handel, die Fabriken und endlich die Universität und übrigen Dikasterien und Behörden zum Lebensunterhalte einbringen. In früheren Zeiten waren die Bewohner von Giessen sehr arbeitsam und thaätig, dabei äusserst nüchtern und sparsam. Ob dem jetzt noch ist, getrauen wir weder zu. bejahen noch zu verneinen, da wir dort nicht mehr einheimisch sind. Wo übrigens viele junge Leute beisammen leben, die nicht selten mehr verzehren, als sie gerade nöthig hätten, und öfter die Wirthshäuser und Schenken besuchen, als der Durst sie antreibt, auch sonst an Kleidern Aufwand gemacht wird, da hält es schwer, seinen stillen Gang fort- zugehen und zu sparen. Beispiele wirken bei der Jugend vielfältig; der Schüler wills gar gerne dem Studenten, der Lehrling dem Gesellen, dieser dem Meister, der Meister dem Professor nachthun— an Aufwand.— Wohin das oft führt, lehrt die Erfahrung. Wir haben oben der Fabriken erwähnt. Es ist uns über dieselben aus neuester Zeit keine spezielle Nachricht zugekommen; doch ist uns bekannt, dass sich darunter sehr bedeutende befinden. Da wir voraus- setzen, dass es unsere Leser wenig interessirt, wie viel Centner Tabak etc. hier fabrizirt werden, so begnügen wir uns, hier nur anzu- geben, dass in Giessen folgende Tabaksfabriken bestehen: 1) die von Bender& Comp., 2) von Bücking, 3) von Gail, 4) von Georg Noll und 5) von Schirmer. Sodann führen wir die Leinen- und Baum- wollenfabrik von Gebrüder Homberger an. Bei Erwähnung der Fabriken werden wir an eine Anstalt ähn- licher Art, aber eine öffentliche erinnert, die, als wir sie sahen, ihrem *) Man rechnet die Gemarkung zu etwa 6000 Morgen; eben so viel mag der Wald. betragen. 28 schönen Zwecke gemäss eingerichtet war; wir meinen die städtische Armen-Arbeitsanstalt, die ihr Lokal in einem Seitengässchen des Selzerswegs hat. Wir wünschen ihr ein freudiges Fortbestehen. 5. Geschichtliches. Wir glauben dem Leser hier auch einige geschichtliche Notizen in der Kürze mittheilen zu müssen.— Wenn es auch nicht erwiesen werden kann, dass einst die Römer in der Gegend für längere Zeit sich aufgehalten haben, so beweisen doch die vielen alten Grabhügel, deren wir zum Theil schon früher gedachten, wie die im Philosophenwalde, in der Linder Mark, auf der Anneroder Haide etc., besonders aber die bedeutenden Ringwälle auf dem Dünsberge, dass zu einer Zeit, die wohl nicht jünger ist, als die des Aufenthalts der Römer am Rhein, hier Menschen gelebt haben müssen, die bereits eine gewisse Stufe der Kultur erreicht hatten. Ja wir getrauen uns, den Beweis zu liefern, dass lange, lange vor dieser Zeit in der Gegend Menschen sich auf- gehalten, die auf einem so niedern Grade der Kultur standen, dass sie noch keine Kenntniss von irgend einem Metalle hatten, wenigstens sich dessen noch nicht zu bedienen verstanden. Die Nachrichten der Römer lassen keinen Zweifel, dass zu ihrer Zeit das bekannte hochherzige Volk der Chatten(Katten) auch in dieser Gegend gewohnt haben müsse. Mit dem achten Jahrhundert tauchen allmälig einzelne Ortsnamen in der Nachbarschaft auf, wie Gns, Girmes, Linden, Selters, Wieseck, Lich etc.; aber der Name Giessen*) kommt zum ersten Mal in einer Urkunde von 1197 vor, und zwar wird in derselben eine Gräfin Salome von Gysen als Zeuge genannt. Bleibt es hier auch zweifelhaft, ob der Name nur eine Burg bedeutet, so weist doch eine Urkunde von 1248, welche von Schultheis, Schöffen und Burgern zu Giessen spricht,**) auf *) Es wird in älteren Urkunden sehr verschieden geschrieben, als Gysen, Giezen, Gizen, Gyezen, Gisin, Gyzcin, Giezin etc., etwas später: zu den Gizen, nachmals„zun Giessen“— d. h. zu den Wassern, zu den Bächen. **)„Cunradus scultetus, scabini et burgenses universi in Gizen.“ Etwas später (1276) wird der Capelle in Giessen urkundlich gedacht. Als Ritter(milites) und wahr- scheinlich Burgmannen werden genannt: Adolf v. Heuchelheim, Hedenrich v. Elker- hausen, Gernand der Aeltere und Jüngere v. Schwalbach, Walter Schlaune, die Ge- brüder Eckhard und Synand, Gilebert Boppo und Konr. v. Kinzenbach; als Schöffen: 29 das Dasein einer städtischen Gemeinde hin. Damit lässt sich recht gut die Sage verbinden, dass Giessen ursprünglich nur eine Burg und erst durch die Vereinigung mit den Dorfern Selters, Kroppach und Astheim eine Stadt geworden sei. Die Namen dieser 3 Orte kommen noch jetzt, wenn auch nur als Strassen- oder Feldnamen vor; die der beiden erste- ren erscheinen auch in früheren Urkunden. Jene Salome war eine Gräfin von Gleiberg; sie war mit Hugo Grafen von Eberstein vermählt. Durch ihre Tochter Mathilde, die mit dem Pfalzgrafen Teudolph von Tübingen vermählt war, kam Giessen auf kurze Zeit an das Tübingische Haus, aber schon im Jahre 1265 durch Kauf an den Landgrafen Heinrich I. von Hessen. Im Jahre 1325 ver- lieh Landgraf Otto und seine Gemahlin A!heyd den Bürgern der Neu- stadt Giessen gleiche Rechte mit denen der Altstadt. Bald nachher bewährte die Stadt in der Fehde des Erzbischofs Matthias von Mainz und Balduins von Trier gegen den Landgrafen Otto ihren Muth und ihre Treue gegen Letzteren. Nach einem heldenmüthigen Widerstande, den sie vier Wochen lang geleistet, war der Feind Herr der Stadt geworden; die Ausschweifungen und Mordthaten, die er sich hier erlaubte, brachten jedoch die Bürger so auf, dass sie sich erhoben und ihn wieder aus der Stadt jagten(1327). Als unterdessen der Landgraf gestorben war, rüsteten die Feinde sich von Neuem gegen seinen Sohn Heinrich den Eisernen. Dieser aber schlug sie(1328) entscheidend bei Wetzlar und befreite dadurch auch die Stadt Giessen.— Nicht lange nachher rettete in der Fehde, welche Landgraf Hermann der Gelehrte mit dem Ritterbunde zu der alten Minne zu bestehen hatte, ein treuer Bürger aus Giessen, Namens Eekhard Holaschuher, dem Landgrafen das Leben. Er hatte nämlich in einem hohlen Baume gehört, wie die Feinde den Landgrafen überfallen wollten, und hinterbrachte den An- schlag seinem Fürsten, der nun auf seiner Hut war. Herbord v. Garbenteich, Gerlach Becker(pistor), Herbord v. Linden und Gerlach Trage- fleisch(Dragevleisch. In einer Urkunde von 1293 wird der Name Drefleys und 1310 Dray-Fleysch geschrieben). Daselbst kommt auch der Herr Didericus plebanus in Gyzen vor. Wir könnten hier aus den neuerdings von Hrn. Baur veröffentlichten Urkunden von Arnsburg noch mehreres Interessante über Giessen mittheilen, wenn wir nicht fürch- ten müssten, zu weitläufig zu werden. Hier wollen wir nur bemerken, dass unterm Jahr 1310 eine Wiese an der Stebinsmarke vorkommt, was jetzt„in der Stephansmark' heisst, sodann ein Acker im Lützelfeld und auf dem Altenfeld(aldinfelde). Der Sand- gasse geschieht 1330 und des Stelzen Morgen 1370 urkundlich Erwähnung.— Minkel- mann nennt als alte Burgmannen von Giessen die von Westerburg, v. Busech, Elcker- hausen, Kinzenbach, Oyenhausen, Riedesel, Rodenhausen, Weitolshausen, Schwal- bach, von der Tanne, Schenk von Schweinsberg und von Trohe. 30 Unter Landgraf Philipp dem Grossmüthigen wurde Giessen inner- halb eines Zeitraumes von 4 Jahren mit neuen Festungswerken verschen, die jedoch während der Gefangenschaft dieses Fürsten geschleift, später aber wieder hergestellt und unter Ludwig IV. und Georg II. erweitert wurden. Hier wollen wir noch der grossen Feuersbrunst gedenken, die am 27. Mai im Jahr 1560 durch den Blitz veranlasst wurde, und allein 160 Wohnungen vernichtete. Daher der Name des öffentlichen Platzes, dessen wir oben unter dem Namen„der Brand“ erwähnten, sowie der der Brandgasse. Während des schrecklichen dreissigjährigen Krieges war Giessen einer der wichtigsten, wo nicht der wichtigste Punkt des Landes und die eigentliche Schutzmauer für dasselbe; es war darum auch geraume Zeit die Residenz des Landgrafen. Wenn es aber auch während der ganzen Dauer dieses Krieges nicht erobert wurde, so konnte es sich eines gleichen Glückes im siebenjährigen Kriege nicht rühmen, indem es die Franzosen vom Jahr 1759 bis nach dem Friedensschlusse, näm- lich bis 1763, besetzt hielten.— Als im Juli 1796 Jourdan mit der Sambre- und Maas-Armee wieder von Neuwied aus vordrang, musste sich der viel schwächere östreichische General Wartensleben zurück- ziehen und die Franzosen besetzten die Stadt, bis sie im September dieses Jahres durch das Vordringen des Erzherzogs Karl genöthigt wurden, sie wieder zu verlassen, um die Bewohner durch ein Bombar- dement in neue Schrecken zu setzen. In den damaligen Kämpfen sah die Gegend manche ausgezeichnete Männer, unter welchen wir ausser den schon angeführten nur Lefebore, Bernadotte, Kleber, No«y und Hoche*) nennen wollen.— Welche Massen von Einquartierungen und Durchmärschen die Stadt bis zum Jahr 1815 zu erfahren hatte, ist den älteren ihrer Bewohner gewiss noch recht gut erinnerlich. *) Hoche starb am 18. September 1797 zu Weltzlar. Ney(der als Fürst von der Moskwa so unglücklich endete) wurde am 21. April 1797 zwischen Steinberg und Grüningen von östreichischen Husaren gefangen genommen. II. Bilder aus der Nachbarschaſt von Giessen. I. Grossenlinden. Wir beginnen unsere Wanderungen in den Umgebungen von Giessen mit einem Gange nach Grossenlinden. Zu dem Ende schlagen wir die alte Chaussee ein, welche ziemlich Berg auf, Berg ab geht und uns an dem Dorfe Kleinlinden*) vorbei führt. Hier trennt sich die nach Wetzlar ziehende Strasse und nimmt die Richtung nach Westen, während wir weiter südlich wandern. In Grossenlinden, einem alten Landstädtchen, das sonst mit einem bedeutenden Walle umgeben und mit Thorthürmen versehen war, jetzt aber durch Entfernung derselben ein heiteres Aussehen gewonnen hat, interessirt uns ganz besonders die alte Kirche. Das Gebäude mit seinem dicken viereckigen Thurme ist eben nicht sehr schön. Es bildet ein Kreuz; die Ecken der nach der *) Es ist irgendwo angegeben, dass dieser Ort sich erst gegen 1580— 1590 zu einer Gemeinde gebildet habe, als einige Familien sich von Grosslinden dort angesiedelt. hätten. Letzteres mag richtig stehen, das Erstere aber nicht. Der Name Kleinlinden ist allerdings neu und beweist, dass Diejenigen, welche ihn aufbrachten, nicht wussten, dass bereits ein Zützellinden existirt und was dieser Name bedeutet. Wenn nämlich in älteren lateinischen Urkunden minus Linden vorkommt, so ist dies auf Lützellinden zu beziehen; wenn aber in der bekannten Urkunde von 1280(Guden. C. D. III. 1159) von einer minori villa, dicta Lindes gesprochen wird, so bezeichnet dies Kleinlinden, das früher immer unter dem Namen Lindes vorkommt, wie es das Volk auch immer noch mit Linnes, und nie anders, benennt. Nach dem Dorfbuche von 1577 hat dieses „Dorf Lindes“ 17 Hausgesessen(also ungefähr 85 Einwohner)„sampt Georgen von Weitershausen 2 Höffen, 5 Wagen mit Weitershausen Hoffleuthen, so dienstfrei seindt. Pfarrt gen Grossenlinden.“— Dieses Weitershausensche Gut war später und bis in die neueren Zeiten bei der Familie Wreden, ists aber jetzt nicht mehr. So viel mir bekannt, steht noch der Rest eines alten Thurmes in der Nähe des Wohnhauses. 32 Hauptstrasse liegenden Façade sind mit runden Thürmchen versehen, die sich wie kleine Bastionen an alten Burgen ausnehmen. Zwischen beiden ist der Haupteingang mit einem Rundbogen versehen. Das Merkwürdigste dabei ist, dass auf sämmtlichen zu dieser Thüre ver- wendeten Steinen allerlei groteske Figuren angebracht sind, deren Erklärung den gelehrten Leuten schon gar viel zu schaffen machte. Alt ist das Ganze, das ist keinem Zweifel unterworfen; was es aber bedeutet, wollen wir eben nicht verrathen, um dem scharfsinnigen Beschauer nicht vorzugreifen. Dagegen machen wir den Fremden auf einen schönen, alten Taufstein aufmerksam, der aus porösem Basalte gebildet und mit bogenförmigen Verzierungen versehen ist, welche den sogenannten byzantinischen Geschmack verrathen. Der Stein steht gegenwärtig an der Nordseite der Kirche. Nicht weit davon fällt ein im sogenannten gothischen Style errichtetes Gebäude auf, das ursprüng- lich wohl zu einer Nebenkirche bestimmt war und dessen Thüren ein- fache schöne Formen zeigten. Gegenwärtig trägt es ein modernes Gewand und ist zu einem Schulhause eingerichtet. Unter ihm befand sich der„Hüttenberger Weinkeller“ und nicht weit davon stand sonst das Narrenhaus(so nannte man häufig die Ortsgefängnisse). Von den alten Burgen oder adeligen Wohnhäusern, welche früher in Grossen- linden zu finden waren, ist jetzt kaum noch eine Spur oder ein Name übrig geblieben. Der Reisende wird, wenn er ein Freund der Naturkunde ist, wohl thun, wenn er seinen Rückweg durch die Lindener Mark nimmt und das reiche Braunstein-(Mangänerz-) Lager besieht, das jetzt stark betrieben wird und von grosser Bedeutung ist. 2. Schiffenberg. Wer hat sich wohl längere Zeit in Giessen aufgehalten und den Schiffenberg nicht besucht? Freilich wird dem Wanderer die erste Hälfte des Weges dahin im Sommer etwas warm werden; dafür hat er aber in der zweiten Hälfte einen schattigen Waldgang und erfreut sich des Gesanges und Gezwitschers der befiederten Waldbewohner. Wenn man am Fusse des Berges angelangt ist, so findet man rechts den forst- botanischen Garten, in dessen Mitte eine einsame Wohnung steht; sie wird öfter besucht. Noch häufiger fand man wenigstens noch vor etlichen Jahren in den schattigen Anlagen, welche sich links der Strasse 33 darbieten, Besucher. Schattige Wege führen hier zuerst zu einem Bassin, weiter aufwärts zu einem Borne, dessen Wasser frisch aus dem Felsen kommt. Es ist dies der Ludoigsbrunnen, dessen Umgebungen an heissen Sommertagen zu Tanz und Spiel einladen, und wo man Hütten aufschlagen möchte. Noch weitere Gänge führen auf der einen Seite zur sogenannten Woyfsschlucht, auf der andern zum Gipfel der Höhe, wo ein aus Baumstämmen verfertigtes und mit Stroh überdecktes Tempelchen eine weite und schöne Aussicht gewährt.— Von hier aus kehren wir wieder zurück, um den Schiffenberg zu ersteigen*). Die herrliche Aussicht, welche man hier oben hat, belohnt reichlich die geringe Mühe des Ersteigens. Setzt man sich in die sonnigen Weinlauben an der Südseite, so liegt der ganze südliche und östliche Theil der Provinz vor uns ausgebreitet. Besucht man den oberen Stock des Hauses, so erscheint vor unseren Blicken die Stadt Giessen und weiter die ganze gesegnete Umgegend der Lahn und dieser rechts die gebirgige Strecke des Hinterlandes. Steigt man noch hôher, so breitet sich das Hessenland vor uns aus mit seinen Höhen und Thälern. Wir treten in den Hof und finden schon an dem Wohngebäude (dem Herrenhaus) einen alterthümlichen Stein mit dem Nordeckischen Wappen und der Umscchrift: éudwigk von Uordecken zu d'(der) rabrau dutſch o'des(ordens) hat dit hus gebuet, anno 1493.— An einigen Thüren der Ställe, sowie am Brunnen hat sich der Commenthur Eugen von Donhoff verewigt. Vor Allem verdient jedoch die Kirche eines Besuches. Es rührt dieses Gebäude wohl aus der ersten Zeit des Anbaues vom Schiffenberg, das heisst aus dem zwölften Jahrhundert, und ist im byzantinischen Style errichtet; Schade ist's, dass ein Theil davon vernichtet ist, ein anderer, das Langhaus, zu fremden Zwecken benutzt wird**).— Das östliche Gewölbe der Kirche ist jüngeren Ursprunges; auf dem Schlussstein steht das Riedeselsche Wappen mit der(verkehrt gesetzten) Jahrzahl 1516. Ausser einigen Grabsteinen, die fast alle aus spätern Zeiten herrühren, verdient der schöne, aus porösem Basalt verfertigte Taufstein betrachtet zu werden. Wer sich *) Gleich links vor dem südlichen Eingange in den Hofraum befand sich sonst ein alter steinenner Tisch unter einer Linde. Beide sind seit Jahren verschwunden. **) Der hessische Verein zur Aufnahme mittelalterlicher Denkmale hat sich ein bleibendes Verdienst auch dadurch erworben, dass er in 3 Tafeln, Grundriss, Durch- schnitt und Details von dieser Kirche mitgetheilt hat, und zwar nach Zeichnungen von Herrn Kreisbaumeister Dr. Müller zu Bingen. 3 34 die Mühe nehmen will, den uralten Thurm zu besteigen, der findet oben neben einer ausgebreiteten Aussicht zwei ganz alte Glocken*). Einst war auf dieser frischen Höhe nur Wald. Im Jahr 1129 stiftete hier die Gräfin Clementia von Gleiberg ein Kloster für Augusti- ner, das sie wohl begabte. Aber schon im Jahr 1323 wurde dasselbe wegen des unsittlichen Wandels seiner Bewohner aufgehoben und die Besitzung dem deutschen Orden verehrt. Als Commende dieses Ordens bestand es bis zur Aufhebung desselben durch Napoleon im Jahr 1809, wo es dem Grossherzog von Hessen zufiel. Seit geraumer Zeit ist auf dem Schiffenberg eine Oekonomie und eine Wirthschaft. Die Gefälligkeit des Wirthes, verbunden mit der Anmuth der Gegend, wird Jedem, der den Ort besucht, angenehme Erinnerungen zurücklassen**). 3. Wieseck und das Busecker Thal. Sonst ging der Bursche viel lieber nach Wieseck als nach Annerod, theils, weil jenes näher bei Giessen liegt, theils und besonders, weil man dort einen guten Pfannkuchen und ein gutes Butterbrod bekam. In neuerer Zeit hat sich Wieseck ziemlich erweitert; es hat ein geräumiges Schulhaus erhalten, das schon von Weitem in die Augen fällt, es haben sich Wirthshäuser etablirt und dergleichen mehr. Doch giebt es auch noch Altes daselbst für Diesen und Jenen, was Interesse hat. So stceht noch eine alte viereckige Pforte an der Nordseite des Ortes, die ein ganz malerisches Aussehen hat. So sieht man auch an dem östlichen Theile des Chores der Kirche, welches sich dem Kirchthurme anschliesst, einen alten achtstrahligen Stern, und nicht weit davon die Jahrzahl 1497. Wer gut zu Fuss ist, der wird, falls er Zeit hat, auch dass sonnige Busecker Thal genauer kennen lernen wollen und kann auf seiner Wan- derung nach Altenbuseck, Grossenbuseck, Beuern, Trohe und Rödgen manchen bemerkenswerthen Gegenstand und auch gar manches liebliche *) Die Eine hat die Umschrift: o rex glorie criste veni cum pace. Die andere ave maria gra(gracia) plena dis tecü(dominus tecum). Eine dritte Glocke ist seit 1811 nicht mehr da, und ein viertes Glöckchen, sonst auf dem Herrenhause, befindet sich jetzt in Daubringen. **) Hier wollen wir nur noch beifügen, dass in der Nähe, und zwar nach dem Baumgarten(Bangerte) hin, ehemals das Frauenkloster Zelle stand. Gegenwärtig sind jedoch von demselben kaum noch etliche Spuren bemerkbar. 35 Plätzchen finden. Man kann den Rückweg auch über die Ganseburg oder, wie der Besitzer vor einiger Zeit seinem Hause die gelehrte Auf- schrift gegeben, das„Gasthaus zu den Römerhügeln“ auf der Grün- berger Strasse zurück nehmen. 4. Die Badenburg. Eine gute Stunde nördlich von Giessen liegt eins der lieblichsten Plätzchen von allen Umgebungen der Stadt, es ist die vielbesuchte Badenburg, die jetzt durch den tiefen Einschnitt, den man auf der Ost- seite der Eisenbahn gegeben hat, auf der Einen und durch das Lahn- thal auf der andern Seite so zu sagen zu einer Insel geworden ist. Nach Osten und Nordosten erheben sich zwei steile Waldgipfel der Hangelstein*) und der Lollarer Kopf. Dicht neben zur Seite ist die Anhöhe mit Buschwerk versehen, vor dem in Trümmern liegenden Gebäude fliesst die Lahm und bildet hier eine waldige Insel, neben ihr klappert eine Mühle, etwas weiter erscheinen die preussischen Dörfer Wismar und Launspach und die Ferne schliesst sich mit den beiden Bergschlössern Vetzberg und Gleiberg**). Fürwahr, das Herz erweitert sich, wenn man an einem schönen Sommertage hier weilt. Noch anmuthiger, weil stiller und einfacher, war es hier vor vierzig Jahren und an Sommermorgen. Die Gegend ist nicht mehr ganz das, was sie damals war. Die eigentliche Badenburg ist eine moderne Ruine und war ein Rittersitz, der im Jahr 1358 von Johann von Wei- tolshausen(Weitershausen), genannt von Schrautenbach, errichtet wurde. Sie blieb der Familie bis in neuerer Zeit und soll noch vor 100 Jah- ren mit den herrlichsten Malereien geziert gewesen sein. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wurde das Haupthaus seines Daches, der Fenster etc. beraubt und sank darum so schnell zur Ruine herab. Die Gemeinde Wieseck kaufte das dazu gehörige Feldgut, der Kauf- mann Tasche zu Giessen die Gebäulichkeiten mit dem nächstgelegenen Gelände und lies hier eine Wirthschaft errichten und zugleich einige Anlagen machen, wodurch das Ganze allerdings für das Publikum gewann und die Fremden wohl angezogen werden mussten. *) Im XVI. Jahrhundert kommt er unter dem Namen„der hangende Stein“ vor. **) Unser Künstler hat seine Ansicht von der rechten Lahnseite gegenüber der Mühle genommen. Eine andere und gewiss ebenfalls sehr malerische würde sich auf der linken Lahnseite etwas weiter oberhalb der Padenburg nehmen lassen. 36 5. Kirchberg und Staufenberg. Ein anderes Bild führt der Künstler vor unsere Blicke. Im Vor- dergrunde steht auf einem einsamen Kirchhofe eine alte Kirche mit einem ebenfalls alterthümlichen viereckigen Kirchthurme. Im Hinter- grunde zeigen sich auf dem Gipfel einer Bergkuppe die Trümmer einer oder vielmehr zweier alten Burgen, umgürtet von einem Städtchen.— Wir werden hierbei ergänzen müssen, was der Kunst darzustellen ver- sagt ist. Auf einem felsigen Vorsprunge, den die Lahn bespült, liegt die alte Kirche und in ihrer Nähe das Pfarrhaus, Schulhaus und ein Wirthshaus. Dies ist das etwa anderthalb Stunden nördlich von Giessen liegende Kirchberg, wohin man jetzt auf der Eisenbahn leicht gelangen kann. Lassen wir uns bei dem Geistlichen, einem gastfreundlichen Greise, Jemanden mitgeben, der uns die Kirche öffne. Bevor wir ein- treten, ist es nöthig, dass wir uns etwas umschauen und das Panorama, welches sich hier darbietet, aufnehmen. Ueber dem Eingange am Thurme befindet sich ein Doppelwappen(der von Schaben und von Rau) nebst der alterthümlichen Jahrzahl 1497(wenns nicht eher 1495 heisst). Im Innern der Kirche zeigt sich an den Wänden eine Anzahl früherer Grabsteine mit zum Theil interessanten Inschriften, und wer sich die Mühe nehmen will, den Thurm zu besteigen, der kann hier 3 uralte Glocken sehen, wie man sie heut zu Tage selten noch an- trifft*). Ausserhalb der Kirche sind hier und da noch einige Wappen, deren Betrachtung wir jedoch den Alterthumsforschern überlassen müssen, um nach dem benachbarten Städtchen hinanzusteigen, das wir bisher nur aus der Ferne gesehen, wir meinen Staufenberg**). Seine *) Von den Grabsteinen steht gleich beim Eingange links der des Michel Lucht, „gewesner Schultheis zu Staufenberg von Schlesewigk’ von 1588 und dabei der des Pfarrer Halbinner von 1613. Im Chor ist der des Friedr. von Rolshausen und sei- ner Gem. Anna v. Eringshausen, sodann der von Hans v. Rolshausen nachgelassene Frawetling von 1575, ferner der Anna Augusta von Selle auf Friedelhausen, gest. 1699, des Philipp von Rodehausen und seiner Gem., sowie des Eberhard Magnus von Rode- hausen und seiner Gem. von 1587(resp. 1586). Ein anderer Stein enthält die Lebens- schicksale des im J. 1732 verstorbenen Benedictus v. Düring.— Unter den Glocken ist die grösste 1380 von Johannes Wydekyndy zu Marburg, die zweite mit dem Spruche „Qum trahor audite voco vos ad sacra venite“ im Jahr 1310 und die dritfe im J. 1432 „yn die urbany ppe' gegossen. **) Der Name Slaufenberg und Staufen kommt in Deutschland öfter vor und ist von dem altdeutschen Worte stouf abzuleiten, das so viel bedeutet als Felsen. Aeltere Forscher wollten es von einem Gotte Stuffo herleiten, der jedoch nirgends vorkommt. 37 alte Kirche wurde vor etlichen Jahren abgebrochen; dagegen existirt noch ein alter viereckiger Thorthurm, ein kräftiger Bau mit alten Wappen und Inschriften, von welchen Eine besagt, dass er im Jahr 1401 durch Friedrich von Feoollshausen errichtet wurde. Wir gehen durch denselben weiter in das Städtlein und gelangen zuerst nach der unteren oder sogenannten Schabenburg, welche jetzt theilweise zu einer Wirthschaft eingerichtet ist. Ihre Errichtung fällt in das Jahr 1422. Es muss aber auch noch später an ihr gebauet worden sein, da eine zweite Inschrift das Jahr 1515 angibt. Man erfreut sich hier einer weiten und herrlichen Aussicht. Noch ausgezeichneter ist die von der oberen Burg, von welcher jedoch nur einiges Mauerwerk sich erhalten hat, das freilich mit Sorgfalt unterhalten wird. Diese obere Burg ist zweifelsohne der älteste Theil des Ganzen. Urkundlich erscheint jedoch der Name erst im Jahr 1233. Im dreissig- jährigen Krieg, und zwar gegen das Ende desselben im J. 1647, wurde sie, als der Kampf zwischen den beiden hessischen Bruderhäusern am ärgsten wüthete, durch den schwedischen General Königsmark zerstört. Noch aber nennt sich nach derselben eine jetzt in Bayern lebende Familie*), und ihre Trümmer verkündigen von weiter Ferne dem Wanderer ihr Dasein und spornen zu einem Besuche auf der felsigen Höhe. Wer Lust am Wandern hat, findet in der Umgegend noch gar manche beherzigungswerthe Stelle. Wir empfehlen u. A. den Besuch der beiden oben schon erwähnten Waldberge, des Hangelsteins mit sei- ner Teufelskanzel, des Lollarer Kopfs und weiter nördlich des Hauses Friedelhausen, in dessen Nähe der gegenwärtige Besitzer jetzt grossartige Gebäude aufführen lässt, besonders aber des nahe bei dem preussischen Orte Odenhausen liegenden Berges Altenburg, auf dessen Gipfel wenige Spuren uralter Befestigung sichtbar sind, der Wanderer aber eine Aus- sicht geniesst, wie er sie nur selten finden wird. 6. Die Heuchelheimer Mühle und der Windhof. Ein freundlicher Tag lockt wohl auch den Freund ländlicher Sitten und Natur nach der Heuchelheimer Mühle. Es verschlägt uns nichts, wenn wir ein Paar Schritte umgehen, um das Dorf Heuchelheim etwas *) Ein Freiherr Sehenk von Staufenberg wird als Präsident der Kammer der Reichs- räthe in Bayern im Jahr 1849 in öffentlichen Blättern öfler genannt. 38 kennen zu lernen und einen alten guten Freund zu begrüssen. Dieses Heuchelheim ist ein bedeutender und wohlbevölkerter Ort von 1353 Einwohnern, lauter Lutheranern bis auf 35 Juden. So nahe einer Universitätsstadt haben die Bewohner bisher mehr als andere ihre alten Sitten und Gewohnheiten so sehr als möglich beizubehalten gesucht. Eins und das Andere muss freilich dem veränderten Zeitgeiste nach- geben*). Die Leute sind insgesammt thätig und fleissig; im Sommer arbeiten sie im Feld, im Winter spinnen die weiblichen Personen, während die Männer stricken. Wir wollen dem Freunde des Mittelalterlichen vergönnen, in dem Pfarrhofe einen alten, aus porösem Basalte verfertigten Taufstein und auf dem Thurme einige alte Glocken zu betrachten und gehen dem das Dorf durchfliessenden Bieberbache entlang aufwärts nach der welt- bekannten Heuchelheimer Mühle, von welcher uns der Künstler ein Bild gibt. Die Nähe des Baches, der sich eine geraume Strecke neben der felsigen Anhöhe herwindet, dann sich„auf die Räder stürzt mit Brau- sen“ erinnert gar sehr an des Dichters Mühlbach, und der freundliche Ort und die gefälligen Wirthsleute ziehen im Sommer gar manche Gäste an;(die Frau Mandler bäckt auch gute Pfannkuchen). Doch können wir nicht bergen, dass der Ort früher malerischer war. Das alterthümliche Haus, das jetzt durch neuere Gebäude ersetzt ist, und die ehrwürdige Linde, welche mitten im Hofe stand, umgeben von einer Bank, und den ganzen Raum beschattete, passten sehr gut zusammen und gaben ein Platzchen ab, das gar gemüthlich und behaglich war. Einige hundert Schritte nördlich der Mühle liegt auf der Hoch- ebene an der nach dem Hinterlande führenden Strasse ein Wirthshaus, der Windhof oder wie er in unserm Bilde bezeichnet ist, der West- phälische Hof genannt. An frischer Luft und freier Aussicht fehlts hier nicht. Das Gebäude hat seit 40 Jahren allerlei Schicksale und allerlei Herren gehabt. Im J. 1810 stand es noch zu Kirchberg. Dar- auf wurde es auf den Abbruch verkauft, und an der Stelle wieder auf- gerichtet, wo es jetzt steht. Die Lage schien wegen der neu angelegten Chaussee günstig zu einem Wirthshause, und die ersten Besucher gaben ihm den Namen Windhof. Von der Zeit an bis jetzt wechselten die *) Es ist auch nicht alles Alte gerade gut. Vor noch nicht langer Zeit pflegte zu Heuchelheim bei einer ordentlichen Bauernhochzeit Folgendes drauf zu gehen: ein Ochse (von ca 600 Pf.), 3 Schweine, 10 Kälber, 2 Hämmel, 3 Malter Mehl zu Kuchen oder 7 Backöfen voll(20 Kuchen für einen Ofen gerechnet). Noch jetzt gehen daselbst bei Hochzeiten die Mädchen mit Schnapskrügen durch das Dorf und bieten Jedem, der ihnen begegnet, einen Labetrunk an. 39 Besitzer so schnell, dass man deren 6 zählt. Eine Zeitlang wurde es stark von Studenten besucht; aber eine ärgerliche Scene, die vorfiel, verscheuchte sie wieder auf einige Zeit. Von einem der Besitzer hatte es später den Namen Westphälischer Hof erhalten.— In unserm Bilde erscheint auf einer Seite des Hintergrundes der Fet⸗berg. . 7. Das Bieberer Thal und die Obermühle. Jenseits des vorhin genannten Hofes engt sich auf eine geraume Strecke das Gebiet des Grossherzogthums Hessen so zwischen dem preussischen ein, dass es nur etliche hundert Schritte breit ist; die Strasse führt sodann unweit der Schmitte vorbei, einem äusserst lieblich gelegenen Landsitze, und zieht zunächst nach dem Orte Kodheim. Gleich jenseits desselben beugt sie rechts nach der Höhe, und wer Lust hat, der kann sie bis nach Fellingshausen verfolgen, um sodann den nahgelegenen Dünsberg zu ersteigen. Dies ist die bedeutendste Höhe in der Umgegend von Giessen; sie verdient in manchfacher Beziehung eines Besuches. Der Gipfel des Berges wird von zwei uralten Ring- wällen eingeschlossen. Verlassen wir jenseits Rodheim die Strasse und bleiben im Thale, so sehen wir uns bald in demselben beengt, besonders in dem Dörfchen Bieber. Nachgerade führt uns der Weg an mehreren Mühlen vorüber, bis wir endlich an die Stelle gelangen, die unser Künstler sich zum Vorwurfe genommen; es ist die Obermühle. Hier glaubt man sich in eines der schönsten Thälchen des Odenwaldes versetzt. Es ist aber noch mehr als das, was uns besonders anzieht. Hier wurde im Jahre 1714 Johann Georg Wille geboren, der, weil der Vater keine Anlagen zu einem Müller in ihm verspürte, frühe nach Giessen kam, um Büchsen- macher zu werden. Auf seinen späteren Wanderungen machte er die Bekanntschaft eines jungen Mannes, der ihn in der Kupferstecherkunst unterrichtete. So kam er nach Paris, hatte hier lange mit Noth zu kämpfen, bis sein Talent endlich erkannt und er zum Hofkupferstecher ernannt wurde. Als solcher erlangte er einen grossen Ruf und starb hochbetagt und hochgeehrt im Jahr 1808. Er ist als der Stifter der neuen Kupferstecherschule zu betrachten. Wenn wir nicht irren, so ist der gegenwärtige Besitzer der Mühle ein Enkel seines Bruders. Wem die Lebensverhältnisse des grossen Künstlers bekannt sind, der 40 wird mit um so grösserer Aufmerksamkeit unser schönes Bild betrachten; es ist als wenn der Genius des Verstorbenen über dasselbe einen Zauber gehaucht hätte. Wir bitten den Wanderer, noch ein Paar Schritte jenseits der Obermühle zu gehen; an der Ecke des Waldes hat er einen freund- lichen Blick nach dem Städtchen Königsberg, welches auf der nahe- gelegenen Höhe liegt. 8. Die Hardt. Im Nordwesten von Giessen erhebt sich ziemlich steil der Boden auf etliche hundert Fuss und bildet eine Hochebene, welche den Namen Hardt führt. Früher schon waren hier und da an ihrer sonnigen Böschung einzelne Gartenanlagen gemacht, auch Gartenhäuser erbaut worden, u. A., wenn wir nicht irren, von dem seiner Zeit be- rühmten Professor Hetzel; sie waren aber nicht von langer Dauer. Vor etwa 30 Jahren errichtete der damalige Criminalsekretär Franz unweit der preussischen Grenze ein Gebäude, das zwar eine grosse Aussicht gewährte, aber anfänglich ziemlich kahl dastand und schwer- lich damals sich bedeutend rentiren mochte. Unter dem nachmaligen Besitzer fing es an, mehr Aussehen zu erhalten und wurde auch nach- gerade immer besuchter. Jetzt sieht man dem Bilde, das uns hier gegeben wird, gar nicht mehr an, dass noch vor einem Menschenalter hier Alles kahl und zum Theil steinig und unfruchtbar war. Der Hardthof wird während des Sommers oft besucht; seine freie und hohe Lage gewährt fast nach allen Seiten hin eine reiche Aussicht. Etwas weiter nach Heuchelheim hin wurde vor etwa 6 Jahren von dem Bierbrauer Heyer an dem Hardtberge eine Brauerei angelegt, und wenige Schritte davon ein Wirthshausgebäude errichtet, das während des Sommers ebenfalls stark besucht wird. Auch hier geniesst man eine weite Aussicht. 6 9. Der Vetzberg, Gleiberg und die sieben Hügel. Wir haben den Besuch der beiden alten Bergschlösser Vetzberg und Gleiberg, welche zur Verschönerung der Umgebungen Giessens so wesentlich beitragen, bis zuletzt aufschieben zu müssen geglaubt. Um 41 zu ihnen zu gelangen, werden wir abermals die Hardt ersteigen und das preussische Gebiet, wozu sie seit 1816 gehören, betreten müssen. Von hier geht es allmälig aufwärts, bis wir uns der Basaltkuppe nähern, auf welcher Gleiberg steht, und die uns zu grösserer Anstrengung auf- fordert. Vor dem südöstlichen Thore des Städtchens steht eine alte Linde mit ihrem Unterbau— der mehrhundertjährige Sammelplatz der Jugend und des ernsteren Alters an freundlichen Abenden. Wir treten hierauf in das Städtchen, welches den Gipfel mit dem Schlosse zur Hälfte umgürtet und seine mittelalterliche Befestigung zum grossen Theile erhalten hat. Ein gastliches Haus nimmt uns auf und gewährt nicht nur Labung und Stärkung für den Müden, sondern auch eine reiche Aussicht oder Schatten bei drückender Hitze. Nachdem wir uns gestärkt, besuchen wir das alterthümliche Schloss. Vor seinem Eingange steht malerisch das gothische Kirchlein, weithin sichtbar in der Ferne. Von da gelangt man in den zum Theil noch bewohnten Vorhof links, rechts aber nach den Trümmern des eigentlichen. Schlosses. Wie eigen- thümlich fühlt man sich hier angeregt in diesen alten Mauern, den viel- sagenden Resten früherer, jetzt längst verschwundener Herrlichkeit. Hier war die Stammburg des edeln Geschlechtes der Grafen von Gleiberg (Glitzberg, Glibberg), dessen schon in der Mitte des eilften Jahrhun- derts Erwähnung geschieht, das im Besitze weitläufiger Ländereien, wie u. A. auch von Giessen war. Wie Eins seiner Zweige das Kloster auf dem Schiffenberg gegründet, haben wir oben gesehen. Der männ- liche Stamm der Grafen von Gleiberg erlosch jedoch schon im Jahr 1168, und das Stammschloss gelangte an die Dynasten von Merenberg, nach deren Absterben an das nassauische Haus und von diesem an Preussen. Ausser dem gewaltigen Bergfried, dem runden Thurme, finden wir fast nur Reste alten Mauerwerks; an demselben aber bemerken wir hier und da noch einzelne Steine, welche auf das eilfte und zwölfte Jahrhundert zurückweisen, wie zwei Rundbogen und an einem alten Fenster zwei im byzantinischen Geschmacke bearbeitete Säulenknäufe, die wohl lange Zeit als Fenstersitze benutzt worden sein mögen. Der schöne Epheustock, welcher sonst einen Theil des Mauerwerks zierte, existirt leider nicht mehr. Dagegen wird der Blick, welchen man von dieser Höhe und von diesen Trümmern hat, ewig neu und ewig wohl- thuend bleiben. Eine grosse Landschaft liegt nach allen Seiten hin vor uns ausgebreitet; wir sehen das Getriebe der Menschen, aber wir werden von demselben nicht berührt, und es ist als lebte man in einer höheren Welt, von welcher herab man alles Schöne unter sich aufzu- 42 fassen vermag, ohne von dem Unangenehmen des niedern Erdenlebens berührt zu werden. Wer gerne steigt, dem empfehlen wir zunächst den Besuch des Vetzberg.*) Auch hier hat sich unter der mittelalterlichen Burg, die ebenfalls auf steiler Basaltkuppe ruht, ein Dörfchen angesiedelt. Aber der Raum für die Burg ist viel beengter, so dass man kaum begreift, wie es möglich war, hier eine solche anzulegen. Das Mauerwerk ist auch schon sehr zerfallen, und wir wünschen nur, dass wenigstens das, was jetzt noch steht, erhalten werden möchte, weil die Gegend sonst einer ihrer ersten Zierden beraubt würde. Wir dürfen Giessen nicht verlassen, ohne den sieben Hügeln oder, wie der Giesser sie nennt, den sieben Köppeln, einen, wenn auch nur kurzen Besuch abgestattet zu haben. Sie sind auch zu charakteristisch geformt, als dass sie in dem Rahmen von Giessen fehlen dürften. Es ist eigentlich eine ziemlich kahle Bergkuppe, welche sich in mehreren Spitzen verschiedener Grösse endigt. Ihr rechter Name ist Wetten- berg(früher Werdenberg). Der oberste Gipfel, von welchem aus im siebenjährigen Kriege Gleiberg beschossen wurde, trägt die Spuren eines alten Ringwalles und die Reste von Mauerwerk. Dass hier mit der Erbauung einer Burg wenigstens der Anfang gemacht wurde, kann urkundlich erwiesen werden. Sagen, welche hierüber im Munde des Volkes gehen, deuten ebenfalls darauf hin, dass hier einst eine Burg gestanden habe. Sie kann jedoch, wie Vetzberg, nur von sehr engem Raume gewesen seinu. *) Früher kommt derselbe unter den Namen Vodinberg, Vogedenberg und Voits- berg vor. aen Druck von Gebrüder Katz in Dessau. uu a TInz I/ IIIEIENIEIEIR GY. 1HIITOIRIIBILAIHEIEWILIMILIEIR MNILITTIEI 8 5 AA 8 — — — e WVIRAMAIB 2 ] 1 G TII. Gra RMLBIBIRCGr.