UB GIESSEN ANAIMNNIN 12 044 089 UB GIESSEN AIMNMNINNIN 12 044 089 } r UV “>, =» 2 EEE L_ N d3R04 Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar Heft 11 Das Stadtbild von Goslar im Mittelalter Mit einem Stadtplan Karl Frölich Gießen 1949 WILHELM,SCHMITZ VERLAG IN GIESSEN Gießener Beiträge zur deutschen Philologie Alle bisher in dieser Sammlung erschienenen Hefte. sind vergriffen. In Vorbereitung befindet sich Heft 91 mit dem Titel Philologische Studien (Altertum— Germanistik— Volkskunde) , HUGO HEPDING zum 70. Geburtstag Preis ca. DM 8,— Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar Heft 11 Das Stadtbild von Goslar im Mittelalter Mit einem Stadtplan Von Karl Frölich Gießen 1949 WILHELM SCHMITZ VERLAG IN GIESSEN Veröffentlicht unter der Zulassung Nr. US W 1028 der Nächrichtenkontrolle der Militärregierung Auflage: 500— September 1949 Druck: von Münchowsche Universitäts-Druckerei Wilhelm Schmitz, Gießen “ ee- Die Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar werden mit Unterstützung des Rates der Stadt herausgegeben vom Geschichts- und Heimatschutzverein Goslar. Er nimmt nach zwölf unguten Jahren mit diesem Heft 11 die vorhergegangene Reihe seiner regelmäßigen Veröffentlichungen wieder auf— trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten und all der Nöte, die der furcht- bare verlorene Krieg mit sich gebracht hat. Er glaubt aber, damit seinen Mitgliedern und darüber hinaus allen Mitbürgern und der deutschen historischen Wissenschaft einen besonderen Dienst er- weisen zu müssen. Ist doch unser Goslar im Krieg durch ein gnä- diges Geschick vor Zerstörung bewahrt worden und so noch die Brücke geblieben zu der mittelalterlichen„kaiserlichen und freien Reichsstadt‘ Goslar, deren Bild in den Straßennamen der Gegen- wart und den längst vergessenen Straßennamen der Vergangenheit wieder vor uns ersteht. Der Geschichts- und Heimatschutzverein Goslar hat in diesem 1027. Jahre Goslarscher Zeitrechnung bewußt mit erhöhtem Eifer seine Arbeiten angepackt, um seine Aufgabe, die Erkenntnis der großen Goslarschen und damit der deutschen Geschichte zu ver- tiefen und zu fördern und sie den Goslarern, in Sonderheit der Goslarschen Jugend und auch der breiten Öffentlichkeit durch Wort und Schrift zu vermitteln, zu erfüllen. Möge dieses Buch den Altbürgern dazu dienen, ihre Liebe zu Goslar zu stärken, und unseren zugewanderten Mitbürgern helfen, die Bande zur neuen Heimat enger zu knüpfen durch Versenkung in die Geschichte ihrer großen Vergangenheit! Dem Verfasser und dem Verlag W. Schmitz in Gießen, die es durch ihr freundliches Entgegenkommen dem Verein ermöglichten, trotz seiner finanziellen Widrigkeiten diesen Sonderdruck heraus- zubringen, sei gedankt! Goslar, den 5. Juni 1949. Klinge Oberbürgermeister Inhaltsübersicht. Seite Vorwort 5 A. Das Stadtbild von Goslar im Mittelalter L.;Die Aufgabe We. ie ee a y% II. Die Entwicklung des Stadtgrundrisses von Goslar im Mittelalter 8 III. Das mittelalterliche Straßennetz a) Die einzelnen Stadtbezirke und Sanderbiiiisen a) 1. Das Bergdorf am Rammelsberge..»«cr. re.» 13 9:'Der Pfalzbezick 4 u zn ee Se ne de nalte 14 3. Der Markt und seine Umgebung...«»v.....+ 16 4. Der.Frankenberg)...... 2 0 NH 0 mie bie ee 24 5. DasJakobikinchspiel. a.,2 2 Luna Sen a 27 6. Das Stephanikirchspiel». 2.2 me sn ce un: 31 7. Der Bezirk der Reperstraße am Heiligen Grabe....- 36 b) Nicht sicher festzulegende Straßenzüge»...... re.» 37. B. Das Straßennetz des Stadtkerns in der Gegenwart 1 Üperblick nad san. eh ee 39 II. Spuren ehemaliger Wegeverbindungen im heutigen Stadtbilde 40 G= Schluß u re ee Pe ee ee 4l Anlage: Stadtplan von etwa 1800 Vorwort. Die folgenden Darlegungen bringen einen Auszug aus der vor kurzem als Heft 90 der Gießener Beiträge zur deutschen Philologie erschienenen Untersuchung des Verfassers„Die Goslarer Straßen- namen. Ein Beitrag zur städtischen Verfassungstopographie des Mittelalters und zur vergleichenden Straßennamenforschung“ (Gießen 1949). Sie bieten, sich an einen weiteren Leserkreis wen- dend, einen Überblick über die räumliche Entwicklung von Goslar in der Vergangenheit und über die Entstehung des heutigen Stadt- bildes. In dieser Form bilden sie ein Gegenstück zu der Arbeit, die W. Bornhardt den Flurnamen des Stadtkreises Goslar(Teil 1: Namen im Bereich des Rammelsberger Bergbaues, Beiträge zur Gesch. d. Stadt Goslar, Heft 8, Goslar 1935) gewidmet hat. Auf die Beifügung von Einzelnachweisen und Anmerkungen konnte ver- zichtet werden, da alle näheren Angaben in dem Buch über die Goslarer Straßennamen enthalten sind. Der angeschlossene Stadtplan ist von dem Niedersächs. Staats- archiv in Wolfenbüttel zur Verfügung gestellt(Sign. III 123b). Er ist anscheinend etwas älter als zwei andere im Stadtarchiv Goslar aufbewahrte Stadtpläne, die 1803 von dem Conducteur Thieler und von B. J. Hering angefertigt sind. Aus den letzteren ist der dem Goslar betreffenden Bande der Kunstdenkmäler der Provinz Hannover(II, 1 u. 2, hrsg. von K. Wolf, bearbeitet von A. v. Behr und U. Hölscher, Hannover 1903) vorgeheftete Stadt- plan zusammengezeichnet. Das in dem vorletzten Absatz der nachstehenden Schrift er- wähnte Werk„Straßennamen und Städtetum“(Würzburg 1919) ist von E. Volekmann verfaßt. Die angeführte Stelle ist der den geänderten Titel„Die deutsche Stadt im Spiegel älterer Gassen-| namen“(Würzburg 1926) tragenden zweiten Auflage entnommen (s. das. S. IV). Gießen, den 1. September 1949. Karl Frölich. A. Das Stadtbild von Goslar im Mittelalter. I. Die Aufgabe. Wenn wir die Straßen und Gassen der alten Kaiserstadt Goslar durchwandern, fällt unser Auge immer wieder auf die Schilder, die die Bezeichnungen für diese Wegeverbindungen tragen. Neben ver- einzelten Namen, die ihre neuzeitliche Herkunft ohne weiteres ver- raten, wie es etwa bis vor kurzem bei der Bahnhofstraße zu beob- achten war, stoßen wir in der übergroßen Zahl der Fälle auf An- gaben, die für sich allein oder doch in Verbindung mit erhaltenen Nachrichten auf die Vergangenheit verweisen. Zum Teil sind es Be- zeichnungen, die leicht zu deuten sind, wie Breite Straße, Markt- straße, Berg- oder Frankenberger Straße. Zum Teil aber steht der Betrachter vor Namen, die er nicht zu erklären vermag, und die, wie gleich hier bemerkt werden soll, selbst dem geschichts- und sprachkundigen Leser erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Treten wir jetzt abermals an die Aufgabe heran, einen Überblick über das Stadtbild und die Straßennamen Goslars im Mittelalter zu bieten, so müssen allerdings vorweg einige Vorbehalte gemacht werden. Wir beschränken uns bei unseren Darlegungen in der Hauptsache auf den alten Stadtkern, der noch weitgehend die Erin- nerung an die Vergangenheit bewahrt, es bleiben somit die jün- geren, meist kein besonderes geschichtliches Interesse weckenden Stadtteile vor der Umwallung außer Betracht. Einbegriffen sind nur zwei Außenbezirke, die in der Verfassungsgeschichte der Stadt eine wichtige Rolle gespielt haben, nämlich das Bergdorf am Fuße des Rammelsberges sowie das Gebiet der Reperstraße im Norden der Stadt in der Umgebung des Heiligen Grabes. Aber auch im Bereich der Altstadt können wir nicht alles mit berücksichtigen, was an sich in diesen Umkreis gehören würde. Es bleiben für den Regelfall bei Seite die Tore und Türme, die Mauern und Wälle, die eine eigene Behandlung im Zusammenhang mit der Ausbildung des Wehrwesens der Stadt in der Vergangen- heit erfordern. Wir übergehen ferner die Schicksale einzelner Häu- ser und ihre zum Teil sehr eindrucksvollen Namen, soweit sie nicht RL in den Straßennamen fortleben. Bei ihnen rechtfertigt sich eben- falls eine Sonderuntersuchung, die nicht nur für die Erschließung der Grundbesitzverteilung, sondern auch für die verwickelte Ge- schichte des Goslarer Auflassungswesens, die noch nicht geschrie- ben ist, manche Aufschlüsse verspricht. Ehe wir uns einer Betrachtung der einzelnen Straßenzüge und Straßennamen zuwenden, erscheint es erforderlich, eine allgemeine Schilderung über das Werden des Stadtgrundrisses von Goslar im Mittelalter vorauszuschicken, um damit einen Rahmen zu gewin- nen, in den sich die Erörterungen über die vorkommenden! Stra- ßen und ihre Bezeichnungen sachgemäß einpassen lassen. ‘ 11. Die Entwicklung des Stadtgrundrisses von Goslar im Mittelalter. In den Arbeiten zur Geschichte der deutschen Städte des Mittel- alters wird meist die Ansicht vertreten, daß der bei ihrer Gründung gewählte Stadtgrundriß auch in der Folge beibehalten sei, so daß trotz der häufigen und verheerenden Stadtbrände des Mittelalters und anderer äußerer Eingriffe das Straßennetz in der Regel ein- schneidende Änderungen bis zur Schwelle der Gegenwart nicht er- fahren habe. Aber mag das auch für gewöhnlich zutreffen, so gibt es doch Ausnahmen, gelegentlich sogar solche sehr kennzeich- nender Art. Zu diesen Ausnahmen gehört Goslar. Wie wir wissen, hat hier die Entwicklung— und zwar wahr- scheinlich mit dem Aufkommen des Bergbaus am Rammelsberge schon vor dem 10. Jahrhundert— ihren Ausgang genommen von einer älteren bergmännischen Siedlung auf dem rechten Ufer der Gose am Fuße des Rammelsberges, dem Bergdorf, dessen Gotteshaus, die vor einigen Jahrzehnten in ihren Grundmauern freigelegte Jo- hanniskirche, ursprünglich eine Martinskirche wohlnoch aus frän- kischer Zeit, war. Die Niederlassung war zunächst von der Pfalz Werla im Okertal abhängig, als deren am weitesten nach dem Ge- birge zu vorgeschobener Stützpunkt uns vor dem Aufblühen Goslars die Sudburg im Okertal in der Gegend des heutigen Okerturms am Sudmerberge entgegentritt. Im Zusammenhang mit dem Anwachsen des Ortes, mit der häufigen Anwesenheit der Kaiser und Könige in Goslar, der Entstehung einer Marktanlage auf dem linken Goseufer und in räumlicher Trennung von dem Bergdorfe ist dann aber die Pfalz von Werla nach Goslar auf den Platz am heutigen Kaiserbleek verlegt. Sie ist seit dem Ende des 11. Jahrhunderts als der Mittelpunkt 2.0. eines aus der sonst Sachsen überlagernden Grafschaftsverfassung herausgeschnittenen Verwaltungsbezirks, der Reichsvogtei Goslar mit dem königlichen Vogt an der Spitze, bezeugt. Nicht aus dem Auge verloren werden darf, daß anfänglich die Gose eine scharf ausgeprägte Scheidelinie zwischen Berg- und Marktsiedlung zog, die kirchlich und verwaltungsmäßig streng von- einander getrennt waren. Der Fluß bildete hier ein Sumpfgebiet, das wiwarium regis, den Königsweiher, der in der Richtung auf die Pfalz zu von der via alta, dem noch heute so genannten Hohen Wege, einem künstlich erhöhten Straßenzuge, durchquert wurde. Die räumliche Entfaltung Goslars ist dann weiter so erfolgt, daß sich um die sich als eine planmäßige königliche Gründung darstel- lende Marktniederlassung diesseits der Gose, als deren erster Markt- platz der vielleicht eine noch frühere einfache Straßenmarktanlage ablösende Schuhhof erscheint, als Kern einige andere Siedlungs- körper legten, einmal in Gestalt des ebenfalls mit dem Bergwesen in Verbindung stehenden Frankenberges, offenbar einer schon äl- teren, bereits länger vorhandenen und von der Marktniederlassung deutlich abgehobenen, auch völkisch von ihr gesonderten Anlage, sodann in Gestalt des Jakobi- und des Stephani-Kirchspiels, die mit ihren nach Norden und Osten halbkreis- oder rippenförmig das Stadtinnere umschließenden Straßen unschwer als spätere Stadter- weiterungen kenntlich sind. Nachdem im Jahre 1108 eine Neuabgrenzung des Frankenber- ger Pfarrsprengels erfolgt war, die diesem alles Gelände westlich der Berning-, der heutigen Bäringerstraße sowie der auf die Pfalz zuführenden Wernher- und der Gezmannstraße, vermutlich-also der Schreiber- und der oberen Mühlenstraße, zuwies und damit den kirchlichen Ausbau Goslars zum Abschluß brachte, wurde das so entstandene Gemeinwesen einschließlich der Pfalz und ihrer Nach- barschaft mit einem einheitlichen Mauerring versehen. Dadurch spätestens ist aus der bloßen Marktsiedlung Goslar ein räumlich und ständisch erweitertes Gebilde, eine Stadt im Rechtssinne, geworden. Aber auch nach der Errichtung der Stadtmauer wirkten die frü- heren Verhältnisse nach. Noch im 14. Jahrhundert läßt sich beob- achten, daß die Umgebung des Kaiserhauses, im wesentlichen der Pfarrsprengel der von dem Domstift abhängigen Thomaskirche, in- nerhalb des Mauerringes in rechtlicher Sonderung neben dem Be- zirk auf dem linken Flußufer steht. Sie gehörte nach 1290 der aus dem ursprünglichen Machtbereich des Reichsvogtes ausgeschiede- 2 nen sog.„kleinen Vogtei“, der„Vogtei jenseits des Wassers“, d. h. der Abzucht an, die über die Stadtmauer nach dem Rammelsberge zu hinausgriff. Ihre Gerichtsstätte befand sich auf dem„Hofe”, dem bei der Johanniskirche im Bergdorf gelegenen Dikhofe, dem Stammsitz der freien oder reichsdienstmännischen Familie von dem Dike, die im Bergwesen einen wichtigen Platz behauptete. Demgegenüber unterstand der Bereich links des Flusses nach wie vor dem großen Vogt, d. h. dem alten, seit dem Jahr 1290 in Ab- hängigkeit von der Stadt geratenen Reichsvogt. Erst gegen die Mitte des 14. Jahrhunderts ist es dem Rate gelungen, die Schranke, die sich in Gestalt der kleinen Vogtei seinem Vordringen gegen den Rammelsberg in den Weg stellte, niederzureißen, die kleine Vogtei zu erwerben, sowie nach und nach das Bergdorf und den Rammels- berg selbst seinem Einfluß zu unterwerfen. In Verknüpfung mit dieser Entwicklung vollziehen sich um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert, in ihren ersten Ansätzen wohl noch etwas eher, tiefgreifende Änderungen topographischer Art, die für den weiteren Ausbau des Gewässer- und Straßennetzes bedeutsam wurden. Die Gose, die anfänglich in dem heutigen Bette der Abzucht, der tiefsten Senke des Tales folgend, Goslar durch- strömte, wurde in ihrem Oberlaufe zum Teil abgefangen und in einem künstlichen Gerenne dem Frankenberge zugeführt, um auf diese Weise der Verteidigung der Stadt und ihrer Wasserversor- gung nutzbar gemacht zu werden. Daher spaltete sich jetzt die Gose innerhalb der Stadt in einen östlichen und einen westlichen Arm, von denen der erstere, der in einer Urkunde aus dem Jahre 1284 als „Ostergose“ begegnet, sich im wesentlichen mit dem alten Goselauf gedeckt haben dürfte. Von dem anderen Gosearm, einer Westgose, ist in schriftlichen Aufzeichnungen nicht die Rede. Wir sind aber in der Lage, den Lauf der Westgose zu erschließen. Er folgte als eigentlicher„Stadtbach“ einem später verschwundenen Straßen- zuge, der als Vogt-Konradstraße, aber auch als Vogtstraße und unter anderen Teilbenennungen vom Frankenberge her zwischen Berg- und Frankenbergerstraße, die Forst-, Schreiber-, Bulken- und Marktstraße kreuzend, der Umgebung des Marstalls und des Schuh- hofes zustrebte. Er erreichte alsdann über die Hokenstraße, in der sich eine Badstube des Klosters Neuwerk befand, durch einen nicht mehr vorhandenen Wegezug, die nach einem Anwohner benannte Fenstermäkerstraße, den bis heute noch so bezeichneten Gose- winkel und nahm nach einer bis zum 17. Jahrhundert lebendigen Zei. Überlieferung in der Gegend des Kohlgartens unweit des Breiten Tores seinen Ausfluß aus der Stadt. Nicht unwahrscheinlich ist, daß von vornherein eine Verbin- dung zwischen Ost- und Westgose bestanden hat, die etwa dem heutigen Gosekanal entsprach, da an ihr bereits im 12, Jahrhundert die Frankenberger Mühle und etwas später ebenfalls die mit der Mühle„bei der Bergbrücke‘“ sich.deckende Klausmühle bezeugt sind. Neben ihr muß es aber zwischen Ostgose und Westgose zum Gosewinkel hip eine zweite Querverbindung gegeben haben, die ge- kennzeichnet ist durch eine am heutigen Gemeindehofe belegene Mühle, durch einen noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erkennbaren Wasserlauf auf dem Markte sowie durch die sogen. „Kramerbrücke“, die dorf zu suchen ist, wo in der Nähe des alten Kramergildehauses Breite Straße, Fleischscharren- und Fische- mäkerstraße zusammenstoßen, und bei der weniger an eine eigent- liche Brücke, als vielmehr an einen Bohlweg über sumpfiges Ge- lände zu denken ist. Ihre Fortsetzung bildete die Fischmenger- straße, die ihren Namen den hier seßhaften, auf fließendes Wasser angewiesenen Fischmengern, den Fischhändlern, verdankt. Aus der Fischmengerstraße ist dann im 18. Jahrhundert, wohl durch Angleichung an die benachbarte Fenstermäkerstraße, vielleicht auch an die Piepmäkerstraße, als man die ältere Bezeichnung nicht mehr verstand, die Fischemäkerstraße geworden. Die vorstehend gekennzeichneten Verhältnisse haben aber das 13. Jahrhundert nicht überdauert. Wahrscheinlich im Zusammenhang mit Umwälzungen im Ver- fassungsleben der Stadt erfolgte um die Mitte des 13. Jahrhunderts eine großzügige Entwässerung des Stadtinneren, durch die der größte Teil des Weihers trocken gelegt und der Raum für das neue Gildehaus der Kaufleute und für den heutigen, in seiner jetzigen Form erst damals geschaffenen Marktplatz gewonnen wurde. Es handelt sich dabei um einen Sachverhalt, an den bis zur Gegenwart der Name des Kaufleutegildehauses, der Kaiserwort, als einer Wort, d. h. als eines ehemals vom Wasser umspülten Geländes, so- wie die Wortstraße erinnern. In Verbindung damit steht vermutlich eine weitere Umgestal- tung des Gewässernetzes. Damals dürfte die Westgose beseitigt und durch das System der Beeke, einer Anzahl offener, aus dem Gose- kanal gespeister, aber nicht ständig unter Wasser gehaltener Ka- pe näle ersetzt sein, das sich, dem Gelände angepaßt, in west-östlicher Richtung über eine Reihe von Straßen verteilte und auf das die Straße auf dem Beeke am Frankenberger Plan und die heutige Beekstraße zurückgehen. Einen sinnfälligen Ausdruck finden die geschilderten Verände- rungen in der Tatsache, daß gegen Ende des 13. Jahrhunderts ein Wechsel in den Bezeichnungen der Gewässer eintritt. Der Name „‚Gose‘‘ bleibt jetzt ausschließlich an. dem Gosekanal vom Franken- berg her haften, der damals wohl seine endgültige Ausgestaltung erfahren hat. Der Name der Ostergose, also des ursprünglichen Goselaufes, verschwindet und wird durch die Bezeichnung„Ab- zucht“ ersetzt. Darin kommt im Einklang mit dem Gesagten un- zweideutig zum Ausdruck, daß, während der Gosekanal als das tra- gende Element der B e wässerung, der Wasserversorgung für Goslar erscheint, die jetzt anscheinend auch verbreiterte und vertiefte Ab- zucht vor allem Aufgaben zugewiesen erhielt, die der Ent wässerung des Stadtbezirks zu dienen bestimmt waren. Auf das Straßennetz wirkten diese Vorgänge namentlich inso- fern ein, als nach dem Wegfall der Westgose allmählich auch die Vogt-Konradstraße zum Absterben kam, als die Wegezüge in der Nachbarschaft des Marstalls und sonst westlich des Schuhhofes vielfache Änderungen erlitten, die sich in Umbenennungen und in einem Schwanken der Straßenbezeichnungen ausdrückten, und als die älteste Marktanlage am Schuhhofe ihrer bisherigen Bedeutung entkleidet wurde. Der Stadtplan als Ganzes aber wurde von diesen Umwälzungen insofern betroffen, als er, der bis dahin in nord-süd- licher Richtung orientiert war, eine Achsendrehung um 90 Grad erfuhr. Während der Hauptstraßenzug früher in der Richtung vom Rosentore her über den Schuhhof und den Hohen Weg die Pfalz zu gewinnen suchte, ist später eine Verlagerung in die ost- westliche Richtung erfolgt, die Breitestraße und in ihrer Verlänge- rung die Berg- bzw. Marktstraße nehmen jetzt den Hauptverkehr auf. Damit ist dann die Ordnung der Dinge erreicht, die sich in dem Stadtgrundriß der Gegenwart widerspiegelt. III. Das mittelalterliche Straßennetz. a) Die einzelnen Stadtbezirke und Sonderbildungen. Entsprechend der geschichtlichen Entwicklung treten uns die Straßennamen in einer gewissen örtlichen Gruppierung entgegen, zn die sich in der Hauptsache an die nacheinander entstandenen Sied- lungskörper und ihre Eingliederung in die kirchliche Einteilung der Stadt anlehnt. Das schließt natürlich nicht aus, daß einzelne längere Straßen, insbesondere solche, die sich als alte, schon vor dem Aufkommen der Stadt vorhandene Wegezüge darstellen, nicht an die Kirchspielsgrenzen gebunden sind. 1. Das Bergdorf am Rammelsberge. Nach der Zeitfolge geordnet beginnen wir mit dem Bergdorf am Rammelsberge. Den räumlichen Mittelpunkt des Bergdorfes am Rammelsberge bildete der Dikhof, der feste Sitz des Geschlechtes von dem Dike, auf dem die Kirche St. Johannis stand, deren Patrone die Herren von dem Dike waren. Während die Örtlichkeit des Dikhofes ein- wandfrei durch die Mauerreste der Johanniskirche bestimmt wird, ist es bis jetzt nicht gelungen, über die Lage des Fischteiches, nach dem sich der Dikhof und seine Besitzer nannten, völlige Klarheit zu erzielen. W.Bornhardt verlegt ihn in die Umgebung des Juden- teiches, was den heutigen örtlichen Verhältnissen zweifellos am nächsten kommt. Aber es entfällt bei dieser Auffassung die An- nahme einer engen räumlichen Verbindung zwischen Fischteich und Dikhof, wie sie an sich der Sachlage entsprechen würde. Ich halte es deshalb nicht für ausgeschlossen, daß bei der Schaffung des gegenwärtigen Zustandes einschneidende Änderungen gegenüber früher erfolgt sind, ohne daß ich aber imstande wäre, ein zuverläs- siges Bild aus der Zeit vorher zu zeichnen. Über das Straßennetz im Bergdorf wissen wir nur wenig. Es ist eine Herrenstraße(platea dominorum) dort bezeugt, an der 24 dem Domkapitel gehörige Hausstellen belegen waren, und es dürfte an- zunehmen sein, daß nach den Domherren, nicht nach den Mitglie- dern anderer, hier ansässiger Adelsgeschlechter oder Bergherren- familien, die Straße ihren Namen trägt. Weiter wird erwähnt eine Köhlerstraße und eine Grüne Straße(pl. viridis, Gronenstrate). Ein näheres Eingehen auf diese Verhältnisse kann ich mir ver- sagen, da das, was sich darüber aus den Quellen entnehmen läßt, von W. Bornhardt in seiner schönen und ertragreichen Arbeit über die Flurnamen des Stadtkreises Goslar zusammengestellt und erläutert ist. DA 9. Der Pfalzbezirk. Der Pfalzbezirk wurde beherrscht von der königlichen Pfalz an der Stelle des heutigen Kaiserhauses, neben der sich rechts die Kirche Unserer Lieben Frauen am soS. Liebfrauenberge erhob, während die Ulrichskapelle links noch heute vorhanden ist. Auf dem Platz vor der Pfalz, dem späteren vorübergehend zu Kaiser- beet entstellten Kaiserbleek, lagen neben einer Anzahl von Domher- renkurien die Sitze mehrerer Rittergeschlechter, wie der Herren von Wildenstein(von Goslar), von Bilstein, von dem Dike, von Her- lingeberg, von Steinberg u. a. Hierauf geht die Bezeichnung des Platzes oder eines Teiles desselben auch als Ritterplatz oder Ritter- plan zurück. Wie schon berührt wurde, deckt sich der Pfalzbezirk im we- sentlichen mit dem Sprengel der dem Münster benachbarten und ihm unterstellten Thomaskirche. In den Steuerlisten des Jahres 1570, den sog. Schoßregistern, werden beispielsweise zu ihm ge- rechnet die Wasserstraße, die Straßen auf der Abzucht, nach dem Münster, nach dem Kramerturm, auf dem Kaysersbleke, Lieb- frauenberg, im Sacke und im Klapperhagen. In anderen Quellen begegnen noch die Straßenbezeichnungen im Winkel(in. angulo), im Hanfsacke und im Heerwinkel, bei dem Vorwerk, auf dem Mün- sterkirchhof und auf dem Thomaskirchhof. In diesen Verhältnis- sen sind bis zur Aufhebung des Pfarrbezirks der Thomaskirche im Jahre 1803 nennenswerte Änderungen kaum eingetreten. Von den aufgezählten Straßen tragen die Wasserstraße, die Straße auf der Abzucht(Abzuchtstraße), Kaiserblek, am Lieb- frauenberge, Heerwinkel und Klapperhagen ihre Namen bis zur Gegenwart. In einer Anzahl von Zügen verrät sich, daß die Umge- bung der Pfalz ursprünglich in deutlicher Sonderung dem Markt- gebiet gegenüber stand, so Z. B. in den Straßenbezeichnungen im Sack undim Hanfsack sowie in den mit-hagen zusammengesetzten Namen, dem Klapperhagen und dem vielleicht ebenfalls hier zu suchenden Bedelerhagen. Der Sack führte von dem Münster in der Gegend des späteren Ratsvitriolhofes bis unter den Liebfrauenberg, an ihn stößt der Hanfsack an, bei dem die erste Silbe anscheinend von-hagen abzuleiten ist, beide sind an der Grenze des Pfalzbezirks endende Sackgassen. Der Name Sack ist heute durch die Straßen- bezeichnung ‚‚Im Heerwinkel‘“ abgelöst. Für sie vermag ich eine be- > stimmte Erklärung nicht zu geben. Aber der Ausdruck„Winkel“ rg zeigt ebenfalls, daß bei ihm ein Bruch in der Straßenführung vor- liegt, und mit-hagen gebildete Straßennamen kommen auch sonst häufiger als Abschluß eines Stadtteiles vor. Der Klapperhagen, der in ähnlicher Weise in Hildesheim be- zeugt ist, könnte benannt sein nach einem in der Nähe belegenen Aussätzigenhospital, dessen Insassen gehalten waren, sich auf der Straße von weitem durch den’ Gebrauch einer Klapper kenntlich zu machen. Unwahrscheinlich ist dagegen, daß eine Verbindung besteht mit einem gegen Ende des 13. Jahrhunderts erwähnten Hausnamen Quepperling, den man später im Volksmunde in „Klapperhagen‘“ umgedeutet habe. In seiner Nachbarschaft möchte ich den nur in einer Urkunde genannten Bedelerhagen vermuten, für den allerdings genauere Ortsangaben fehlen. Die Straße nach dem Kramerturm entspricht der späteren Straße„Hinter dem Münster‘, sie fällt mit der heutigen Wallstraße zusammen. An ihrem südlichen Ende befand sich der der Kramer- gilde zur Verteidigung überwiesene Kramerturm. Die Straße er- scheint deshalb zuweilen auch als Kramerstraße. Am meisten Beachtung beansprucht von den Straßen im Pfalz- bezirk die Straße nach dem Münster, die spätere Münsterstraße, die von der Wortbrücke aus auf das Münster zu führt und die sich mit der heutigen Königstraße deckt. Der Name Königstraße an dieser Stelle ist jung, er ist erst etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt. Namengebend hat die Tatsache gewirkt, daß im Eingang der Straße das Haus eines Bürgers H. F. König lag. Als Königstraße begegnet sonst der Hohe Weg und zwar mehrfach in seiner vollen Erstreckung bis zur Marktkirche hin, ein Sachverhalt, der auf die frühere Aufgabe des Straßenzuges als der Hauptzufahrtsstrecke zur Pfalz hinweist. Die hier die Abzucht überspannende Brücke wurde demgemäß als„pons regis“, als Königsbrücke, ihre Nachbarschaft, zuweilen auch der gesamte obere Teil des Hohen Weges, als„An der Königsbrücke“ bezeichnet. Die jetzige Königstraße trägt im Mittelalter die auf einen Per- sonennamen zurückgehende Bezeichnung ‚Simelingstraße“. Nach ihr wird die Wortmühle Simelingemühle, die Brücke bei ihr Sime- lingebrücke genannt. An, diese Örtlichkeiten ist jedenfalls auch zu denken, wenn bereits im Jahre 1233 von einem Rudolfus de Sime- ringebruke, um das Jahr 1247 von einer Simulstrate, und zu Beginn des 15. Jahrhunderts von Häusern ‚apud pontem Symeonis“ die Rede ist. u Die Feststellung des Verlaufs der Simelingstraße ist wichtig, da ein; hier zu suchendes Haus jenseits der Simelingebrücke noch ge- gen Ende des 14. Jahrhunderts ausdrücklich dem Bezirk der Klei- nen Vogtei jenseits des Wassers zugewiesen wird und es damit er- möglicht, die Grenze der Kleinen Vogtei zweifelsfrei an der Abzucht festzulegen. Zuweilen greift die Bezeichnung Simelingestraße oder Simelingemüblenstraße allerdings auch noch auf die anstoßende Wortstraße über. Für die Münster- oder Simelingestraße treffen wir ferner auf die Benennungen Burgstraße und Hans Vogedesstraße. Von ihnen ist namentlich die erste aufschlußreich, da sie auf das frühere Vor- handensein einer sonst nicht unmittelbar bezeugten Burganlage im Pfalzbezirk hindeutet. Der Name Hans Vogedesstraße hängt ähn- lich, wie es bei der Cord Vogedesstraße(Vogt-Konradstraße) der Fall ist, mit einem ehemaligen Reichs- oder Stadtvogt zusammen, der aber bei der Häufigkeit des Vornamens Hans nicht mit Sicher- heit bestimmt werden kann. Das Letztere gilt auch für den Vogt Konrad, nach dem die Vogt-Konradstraße benannt ist. 3. Der Marktundseine Umgebung. Lenken wir nunmehr unser Augenmerk der Gegend des Mark- tes zu, in der später das Herz der ganzen Gründung ruhte, und die in ihrem Großteil kirchlich der Marktpfarrei zugeordnet war. Die älteste Marktanlage Goslars bildete, wie schon erwähnt wurde, der nord-südlich ausgerichtete, also im Zuge der ursprüng- lichen Hauptachse des Stadtgrundrisses verlaufende Schuhhof. Auf seine Bedeutung für das Wirtschaftsleben der Stadt verweist der Umstand, daß sich an ihm und in seiner nächsten Umgebung die Mehrzahl der Kaufhallen und Marktstände der wichtigsten Ge- werbe, insbesondere der Nahrungsmittelgewerbe, befanden, die— auf welchem Wege, ist nicht ohne weiteres ersichtlich— gegen Ende des 13. Jahrhunderts fast ausnahmslos in die Hand der gro- ßen kirchlichen Stiftungen der Stadt gelangt waren und die erst im Verfolg der Hallen- und Mühlenstreitigkeiten aus dem Jahre 1293 wenigstens zum Teil in bürgerlichen Besitz übergingen. An dem Schuhhof und in seiner Nähe lagen die meisten der vorhandenen Gildehäuser und sind auch andere, für das Verfassungs- und Wirt- schaftsleben der Stadt wichtige Baulichkeiten anzutreffen. So zieht sich auf der Westseite des Schuhhofes die Vogtstraße hin, die nach dem hier erwähnten Hause des Vogtes, in dem auch Amtshandlun- az gen vorgenommen wurden, benannt ist. Sie trägt später nach der Alten und sodann der Neuen Münze des Rates den Namen Münz- straße, nach dem angrenzenden städtischen Marstall ferner die Be- zeichnung Marstallstraße. Von ihr ist zu unterscheiden die soge- nannte Hintere Marstallstraße, die, noch heute im Stadtgrundriß ihren Eingang bei dem Hause Marktstraße 5, unweit des Schneider- gildehauses, deutlich verratend, parallel zur Münzstraße in der Richtung auf den Marstall und die jetzige Marstallstraße zu verlief. Nach Osten zu stößt an den Schuhhof die Hokenstraße, die Ge- werbestraße der Hoken, der Kleinhändler vor allem mit Lebens- mitteln, die auch sonst mehrfach in der Nähe des Marktes bezeugt ist. In ihr stand das der Erhebung der Zölle dienende ‚„Scepelhus“, der Sitz des königlichen Zöllners, mit dem Gefangenenstock im Kel- ler, und— kennzeichnenderweise— das Haus des Henkers, die hengherie. Sie war die älteste Wohn- und Geschäftsstraße der Juden. Zu den Hoken gehörten ebenfalls die Fischhändler, die„homi- nes pisces et allecia in foro vendentes“, die„allecia lavantes“, in der Hauptsache also die Heringsverkäufer und Heringswäscher, die aber, fließendes Wasser benötigend, wie bereits gestreift, in der Fischemäker(Fischmenger)Straße saßen. Bei der Nachbarschaft der Hoken- und der Fischemäkerstraße, ihrer Lage zueinander und der offensichtlich nicht sehr dichten Bebauung des Zwischengelän- des, die später hier die Anlage des Neumarktes ermöglichte, drängt sich die Annahme auf, daß die beiden Straßen ursprünglich mit- einander in Verbindung standen. Auf die Bedeutung des Schuhhofes als ältester Marktanlage weist auch die Tatsache hin, daß auf ihm, nicht auf dem Marktplatze vor dem Rathause, noch im späteren Mittelalter der„Quast“ als Zeichen des Marktbeginns aufgesteckt wurde. Am Schuhhof selbst ist das Gildehaus der Schuhmacher zu suchen, am unteren Ende des Fleischscharrens das erste Gilde- haus der Kramer, etwas oberhalb davon das der Schmiede und der Fleischer, an dem Schnittpunkt von Markt- und Bergstraße das noch vorhandene Bäckergildehaus, ihm gegenüber an der unteren Marktstraße das jetzt verschwundene Gildehaus der Schneider. Auf dem Schuhhof und der nördlichen Querfront des Rathauses gegenüber lagen die Verkaufsstätten der Schuhmacher und Gerber, in ihrer Nähe wohl die der Oldboter, der Schuhflicker. In östlicher Richtung reihte sich der Fleischscharren(Lange Scharren) mit den 2 Frölich, Stadtbild von Goslar Ag 3 Ständen der Fleischer an. Die untere Marktstraße hieß nach den hier befindlichen Buden der Kramer platea cramistarum oder bei den Kramen. Einen Teil des Marktkirchhofes zu beiden Seiten der Marktkirche nahm der sogenannte Bäckermarkt ein. Der heutige große Marktplatz hat, wie wir sahen und was zu- nächst befremdet, erst im 13. Jahrhundert im Zusammenhang mit der beschriebenen Änderung in den Gewässerverhältnissen seine jetzige Ausgestaltung erfahren. Seine Entstehung geht zurück auf Auseinandersetzungen innerhalb der Bürgerschaft, die zu einer durchgreifenden Neuordnung. der Verfassungsverhältnisse im Jahre 1290 führten. Ihr Ziel war, worauf die Bezeichnung des Marktes als Gemeiner Markt, als forum commune, bei seinem ersten Auftreten im Jahre 1290 hindeutet, einen Platz zu gewinnen, der außer den Inhabern der altprivilegierten Marktbaulichkeiten am Schuhhofe und neben der Marktkirche weiteren Kreisen einen An: teilam Marktverkehr zu verschaffen bezweckte und damit zugleich Aufgaben wirtschaftlicher und politischer Art dienstbar gemacht werden konnte. In Verbindung damit steht der Ausbruch des gro- ßen Hallen- und Mühlenstreites im Jahre 1293, der ausgelöst war durch das Bestreben der Stadt, die Vorzugsstellung der kirchlichen Anstalten in Bezug auf die Kaufhallen am Schuhhof und die Müh- len in Goslar selbst und in seiner Nähe zu brechen und diese für die Stadt lebenswichtigen Einrichtungen in bürgerliche Hand zu bringen.; In dem Gebiet, das von dem sich an den gemeinen Markt an- lehnenden Fleischscharren und der östlichen Längsseite des Schuh- hofes nach Norden zu umschlossen wurde und das sich bis zur ehe- maligen Fenstermäkerstraße zwischen der Mitte der Hoken- und der Fischemäkerstraße erstreckte, begegnet vorübergehend der ebenfalls im Verfolg der Wirtschaftspolitik des Rates zu Beginn des 14. Jahrhunderts ins Leben gerufene Neumarkt, dessen Anlage in derselben Weise bestimmt war, die Vorrechte zu beseitigen, die mit den gewerblichen Baulichkeiten der ältesten Marktanlage am Schuhhof verknüpft waren. Er wurde durchkreuzt von der Ber- straße, auch ihre Spuren sind) noch im Stadtplan der Gegenwart zu verfolgen. Richten wir von der Marktanlage und ihrer Umgebung aus den Blick nach Süden auf die Wegeverbindungen nach dem Pfalz- und Dombezirk zu, so stoßen wir, im Westen beginnend, zunächst auf ein Gelände, dessen Abgrenzung gegen Pfalz, Marktsiedlung und 29T Frankenberg nicht ganz eindeutig ist. In ihm fallen uns die sich teilweise deckenden Straßenbezeichnungen Im Winkel, Im Heer- winkel sowie einige andere ähnliche Benennungen(Wurstewinkel, Sülzenwinkel und Ziegenwinkel) auf, ferner, neben einer Straße an der Tränke, die Straßennamen am Werder und am Neuen Werder, endlich die Neue Straße. Name und Verlauf dieser Wegezüge zei- gen, daß hier eine klare Planung des Straßennetzes zunächst gefehlt hat. Offensichtlich haben sich diese Straßen, die später in ihrer Mehrzahl dem Marktbezirk zugerechnet werden, allmählich— wie ich vermute, in Verbindung mit der Austrocknung des Weihers— in den ursprünglich noch freien Raum zwischen Pfalz, Marktbezirk und Niederlassung am Frankenberg geschoben, woraus sich die unregelmäßige Linienführung und die Häufung von mit„Winkel“ zusammengesetzten Straßenbezeichnungen erklärt. Auch in ande- ren Stadtteilen treffen wir auf derartige ‚Winkel‘, aber niemals in dem gleichen Umfange wie hier. Wurstewinkel und Sülzenwinkel nannten sich wohl nach den in ihnen ansässigen Bürgerfamilien Worst und Solten, der Wurstewinkel ist erst im Jahre 1913 fälsch- lich in das mißverständliche ‚„Wortsatenwinkel“ umgetauft wor- den. Bei dem Ziegenwinkel ist m. E. an ein Mitglied der Bürger- familie Teigen(Sigen) zu denken, mit der ebenfalls die Ziegen- straße in der Nähe des Klaustores in Verbindung zu bringen ist. Die-Straßen am Werder und am Neuen Werder verlaufen zwi- schen der Straße an der Gose und der Neuen Straße, also in dem Gebiet zwischen Gose und Abzucht, woraus sich die Bezeichnungen erklären. Östlich von ihnen zieht sich von dem Sack(Heerwinkel) zum Wurstewinkel die Straße nach der Tränke hin, deren Name auf eine hier belegene Pferdetränke zurückgeht. Gelegentlich tritt sie auch als Rauhriemerstraße, jedenfalls nach einem hier wohn- haften Schwarzriemer benannt, auf. Bei der Straße an der Gose wird in der Regel unterschieden zwischen der ersten und der zweiten oder andern Gose. Die erste umfaßt die Straßenstrecke entlang der Gose von der Königs- brücke bis zur Tränke, die zweite Gose das sich nach Westen an- reihende Stück auf die Bartoldsmühle zu. Von der Tränke und dem Wurstewinkel ab folgen nach Osten zu im Marktbereich einander die an der Gose bzw. Abzucht begin- nende Stobenstraße, der Hohe Weg mit der Königsbrücke, der auch als Königstraße erscheint, sodann die Straße am Gemeindehof und } 2* & Se die Wortstraße. Ferner kommen noch die Domstraße, die Kanin- chenstraße und die Schwiecheldtstraße in Betracht. Die Stobenstraße hält bis heute an ihrer alten Bezeichnung fest nach dem ehemals in ihr betriebenen Marktstoben. Die Straße ‚Am Gemeindehof“ trägt ihr Schild zu Unrecht. Sie deckt sich mit der seit der Mitte des 13. Jahrhunderts nachweisbaren Straße am Im- migehof(Ymmigehof, Edighehof, Einigehof, Meinihof, Menehof, Meningeshof), nach dem sich die Patrizierfamilie Ymmigehof nannte. Aus dem nicht mehr verstandenen Menehof ist— vielleicht im Hinblick auf die Nähe des. Marktes und der hier vorhandenen Bäulichkeiten im Besitz der Stadt,— der„Gemeindehof‘ gewor- den. An dem Gemeindehof, an dem sich später das Gildehaus der Kürschner erhob, sind anscheinend auch die Sitze der Ketelboter, der Kesselflicker, zu suchen, die hier ihre Arbeits- und Verkaufs- stätten hatten. Der Wortstraße wurde bereits gedacht. Die Domstraße, die ebenfalls eine Verbindung nach dem‘Mün- ster vermittelt, taucht zuerst in einer Urkunde aus dem Jahre 1254 auf, sie ist seitdem ständig zu belegen. Der Name ‚Kaninchenstraße“ ist jung, er entstammt, soweit ich sehe, dem Ausgang des vorigen Jahrhunderts. Möglicherweise be- steht ein Zusammenhang zwischen der Kaninchenstraße und einer um 1716 unweit von ihr bezeugten Kaldaunenstraße. Die Bezeich- nung könnte ihr Aufkommen der Nachbarschaft der Knochen- hauerstraße verdanken. Eine Ableitung von dem im 14. Jahrhun- dert bezeugten Familiennamen Caldunen ist dagegen kaum anzu- nehmen. Die Schwiecheldtstraße an der Ostgrenze des Marktbezirks ist benannt nach dem in ihr befindlichen Hofe der Herren von Schwie- cheldt. An dem Orte des Zusammentreffens der Schwiecheldt- und der ebenfalls noch dem Marktbezirk angehörenden Knochenhauer- straße(Diekmanschen Straße) begegnet die öfters erwähnte Golde- ne Pforte(porta aurea), vielleicht eine in ihrer baulichen Aus- stattung bemerkenswerte Toranlage, nach der die Schwiecheldt- straße auch den Namen An der Goldenen Pforte oder Goldene Straße trug. Weitere Bezeichnungen für die Schwiecheldtstraße sind Cäcilienstraße und Himmelreichstraße nach der an der oberen Kornstraße gelegenen Cäcilienkapelle(Sixtillienkapelle) zum Him- melreich im Besitz des Zisterzienserklosters Walkenried. Vorüberge- BE SEE RRIEEEe a> E e I} If a 1 e; 2 hend kommt die Schwiecheldtstraße in neuerer Zeit anscheinend auch als Schulstraße vor. Kehren wir wieder zum Schuhhofe zurück, so schließt sich an ihn in westlicher Richtung nach dem Frankenberge zu ein Gebiet an, in dem die Straßennamen Vogt-, Münz-, Marstall- und Vogt- Konradstraße in einer zunächst jeder Erklärung spottenden Weise durcheinandergehen. Der Grund für diese Unübersichtlichkeit ist darin zu erblicken, daß hier infolge der Beseitigung der Westgose und der von Westen nach Osten ziehenden Vogt-Konradstraße das Straßennetz grundlegend umgestaltet worden ist, und daß mit den Änderungen in der Wegeführung auch ein Wechsel in den Straßen- namen eintrat, der aber noch eine Zeit lang von der Erinnerung an den älteren Zustand überlagert wurde. Wichtig ist ferner, daß, wie wir schon sahen, parallel mit der heutigen, öfters ebenfalls als Mar- stallstraße bezeichneten Münzstraße eine zweite Marstallstraße nachweisbar ist. Es handelt sich um die sogenannte Hintere Mar- stallstraße, die sich etwa von dem Schneidergildehaus an der un- teren Marktstraße aus nach dem Marstall zu erstreckte. Es ist da- her möglich, daß sich die jetzige, nicht mit der Münzstraße dek- kende Marstallstraße als Fortsetzung der früheren ‚„Marstallshin- terstraße‘‘ darstellt. An die später verschwundene Hintere Marstallstraße sowie die Marktstraße reihen sich nach den Quellen dann weiter nach Westen zu mehrere Straßen an, die meist in der Nähe der Vogt- und Vogt- Konradstraße auf die Bäckerstraße stoßen, die andererseits aber auch Beziehungen zu der heutigen Marktstraße und der Bulken- straße erkennen lassen. Es treten in dieser Gegend die Ägidienstraße (Egidienstraße), die Papen-‘oder Poppenstraße und die Straße Zum Voshol auf. Weiter kommen vor eine Berwinkelstraße und eine Poppenborgstraße, die miteinander identisch sein werden, da im Jahre 1324 von einem Zins ‚in platea berewinkelstrate in domo Conradi Poppenborghes“ die Rede ist. Die Dinge dürften dabei so liegen, daß von der Münzstraße ab, außer der heutigen Marstallstraße, noch mehrere weitere kleine Querstraßen die Bäckerstraße bis zum Ägidienturm(Egidienturm) an ihrem oberen Ende mit der Marktstraße verbanden und ur- sprünglich wohl eine Fortsetzung jenseits der Marktstraße in der Richtung auf die früher hier begegnende Vogt-Konrad- sowie die Bulkenstraße aufwiesen. ee. Ihre Festlegung im einzelnen bereitet infolge der an dieser Stelle eingetretenen völligen Umgestaltung des Stadtgrundrisses Schwie- rigkeiten. Wir müssen uns daher mit einer mehr allgemein gehal- tenen Schilderung begnügen. Die Egidienstraße und die Straße Zum Voshol verlaufen in der Nähe des Egidien-(Ottilien-, Sünti- lien-) Turmes an der Stelle, wo obere Bäcker-, obere Markt-, Bul- ken- und Bäringerstraße zusammenstoßen, der sogenannten Sper- lingsecke, deren Namen auf Hausbesitz einer Familie Sperling in dieser Gegend beruht. Die Egidienstraße dürfte mit der oberen Marktstraße vom Egidienturm bis zur Marstallstraße zusammen- fallen. Die Straße Zum Voshol, die sich mit der Vogt-Konradstraße kreuzt, ist benannt nach dem an ihr belegenen Hause des tüchtigen Stadtschreibers Henricus de Voshol, der zu Beginn des 14. Jahr- hunderts tätig war und der eine wichtige Rolle bei der Abfassung des großen Goslarer Stadtrechtes gespielt haben dürfte. Die Papen- oder Poppenstraße, auch gelegentlich als Pfarrstraße be- zeichnet, mündete auf die Bäckerstraße, sie entsprach der heutigen Marstallstraße. Es ist aber darauf hinzuweisen, daß noch eine wei- tere Marktpfarrstraße bezeugt ist, die, neben dem Bäckergildehause von der Marktstraße abzweigend, nach Westen zu dem hier bele- genen Marktpfarrhause führte und anscheinend auch eine Fort- setzung nach der Bulken- oder Bergstraße zu fand. Daß beide Marktpfarrstraßen im Marktbezirk miteinander in Verbindung standen, ist kaum anzunehmen. Die Berwinkelstraße verdankt ihren Namen jedenfalls einem Hof, den Ritter Gevehard von Bere- winkel um 1267 von dem Grafen von Regenstein zu Lehen trug, die sich mit ihr deckende Poppenborgstraße, wie bereits gestreift, dem Hause des Bürgers Konrad Poppenborg. Beide sind mit der Papen (Poppen)straße, der Marstallstraße der Gegenwart, identisch. Der noch jetzt vorhandene Platz an der Einmündung der Mar- stallstraße in die Marktstraße wies die Namen Am Schilde, der auf die Form des Platzes hindeutet, ferner Rittermarkt, einmal— wohl verschrieben aus Rittermarkt— Niddermarkt, ferner Hundemarkt oder Hühnermarkt auf, für die, abgesehen von der Bezeichnung Am Schilde, eine sichere Erklärung nicht gegeben werden kann. Als Abschluß-des Marktbezirks nach Westen erscheint die Bul- kenstraße, deren Namen auf einen Angehörigen des Geschlechts Bullic zurückgeht. Im Norden wird die Marktanlage begrenzt durch die Bäcker- straße, wohl die Wohnstraße der Bäcker, deren Verkaufsstände am ee Marktkirchhof, dem sog. Bäckermarkt, lagen. Sie erstreckt sich als eine der längsten Straßen Goslars vom Beginn des Frankenberges durch Markt- und Stephanikirchspiel bis fast zum Breiten Tor. Vom Schuhhof aus nach Osten zu folgte im Marktbezirk als Parallelstraße zur Hokenstraße und mit dieser in einer nicht nur räumlichen Verbindung stehend die Fischemäkerstraße, wie schon erwähnt, die Straße der Fischhändler, von deren Mitte der Gose- winkel im Bogen zur Bäckerstraße hinlenkt. Zwischen der Mitte der Hokenstraße von der Nachbarschaft der Scharfrichterei aus und dem Gosewinkel verlief an der Nordseite des Neuen Marktes die heute verschwundene Fenstermäkerstraße, die nach dem Haus eines Tidericus oder Fricke Fenstermäker(Fricke Lysen) benannt ist. Möglicherweise griff diese Bezeichnung auch auf den Ostteil der Vogt-Konradstraße über. Von der gleichen Gegend aus führte die Berstraße von der Hokenstraße zum Fleischscharren. Als Querverbindung zwischen der oberen Breitenstraße und der Bäckerstraße östlich des Gosewinkels ist noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Pfannenführerstraße bezeugt. Sie tritt seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts als Pfannhecke auf und ist erst nach 1890 durch die Überbauung des Grundstücks Breitestraße 98 ge- schlossen. Die Straße, die zuerst im 15. Jahrhundert als vicus Eylerdes (Eylers, Elers) im Wortzinsbuch erscheint, nimmt ihren Ausgang von der Bäckerstraße her von einer hier im 16. Jahrhundert betrie- benen Pfannenschmiede— daher zuweilen auch der Straßennamen by Pansmed henyn—, in ihr ist der Wohnsitz eines Pfannen- führers, also eines Fuhrmanns, der die Erzeugnisse der Pfannen- schmiede abfuhr, zu suchen. Bei dem späteren Namen Pfannhecke dürfte an eine Zusammensetzung mit-hagen zu denken sein. Die Änderung ist wohl eingetreten, als man die frühere Bezeichnung nicht mehr verstand. Merkwürdigerweise läßt sich noch eine ganze Reihe anderer Benennungen für die Pfannenführerstraße(Pfann- hecke) belegen wie Riemer-, Riemenschneider-, Rauhriemerstraße nach einem Handwerker, der sich hier dem Sattlerhandwerk wid- mete. Ferner ist der Name Teufelsgasse überliefert, der sich wahr- scheinlich auf ein Mitglied der Bürgerfamilie Teufel(Duvel) bezieht. i Den Übergang vom Marktbezirk zum Stephanikirchspiel be- wirkt in dieser Gegend die Sommerwohlenstraße, an die sich nach der Mauerstraße zu der Große und der Kleine Vogelsang anglie- EEE TREE GERT TE B H B N Be dern. Die Sommerwohlenstraße, ursprünglich als Wunnen- oder Sommerwunnenstraße vorkommend, ist benannt nach einem in ihr befindlichen Hause zur Wonne oder zur Sommerwonne. Diese Bezeichnung sowie die des Vogelsanges lassen auf eine garten- mäßige Umgebung schließen, auf die auch die in der Nähe verlau- fende Gärtnerstraße sowie der Namen des Freudenplanes hin- deuten. Den Verkehr zwischen dem oberen Ende der Breitenstraße, dem sog. Steinkramen, und der Kornstraße vermittelt östlich des Mark- tes im Marktbezirk die Judenstraße, die aber nicht das älteste Judenviertel darstellt. Sie ist vor einigen Jahren in Kurze Straße umgetauft. Anscheinend war die Mitte der Judenstraße mit dem Markt durch eine Gasse verbunden, deren Anfänge noch erkennbar sind. Südlich von ihr lag zwischen Markt und Judenstraße an der oberen Kornstraße die Maldensmede, wohl eine alte Münzschmiede. 4.Der Frankenberg. Während das Straßennetz im Frankenberger Bezirk in der Längsrichtung von Osten nach Westen gegenwärtig in der Haupt- sache durch den Verlauf der Frankenberger Straße und der Berg- straße bestimmt wird, schob sich nach dem früher Bemerkten im Mittelalter zwischen. diese beiden Straßenzüge die Vogt-Konrad- straße, die ebenfalls als Vogtstraße oder Marboldstraße bezeichnet wird und die, dem ursprünglichen Lauf der Westgose innerhalb der Stadt folgend, auf dem schon beschriebenen Wege vom Fran- kenberge die Richtung auf den Gosewinkel zu nahm. Durch den Wegfall des Straßenzuges ist eine wesentliche Ver- einfachung des Stadtgrundrisses im Westteil der Stadt eingetreten. Drei Querstraßen— die Schreiberstraße, die Forststraße und die Ziegenstraße— verknüpfen heute in dieser Gegend Frankenberger- und Bergstraße. Die östlichste von ihnen, die noch jetzt sogenannte Schreiberstraße, die in einer Niederschrift aus dem Jahre 1507 mit der Vogt-Konradstraße gleichgesetzt wird, verdankt ihren Namen dem in ihr nach der Bergstraße zu belegenen Hause des Stadt- schreibers Tile(Tilemannus) Schriver, der im 15. Jahrhundert tätig war. Sie fällt zusammen mit der in den Quellen seit dem Anfang des 15. Jahrhunderts vorkommenden, nach der Bergfamilie Rosteyn oder Rostein benannten Rosteynstraße oder Rosteinstraße(Rot- steinstraße, Rodessteinstraße, Radesteinstraße), die in abgeschliffe- ner Form alsRosenstraße auftritt. Sie deckt sich ferner mit der sich / a ebenfalls irgendwie mit der Vogt-Konradstraße berührenden, sie wohl schneidenden Gudemannstraße, die ihre Bezeichnung auf einen Angehörigen der ritterlich lebenden Familie Godemann oder Gudemann(Bonus) zurückführen dürfte. Nach einem an ihr er- richteten Hause Albrecht Sandwegs heißt sie auch Sant(Sander) wegest- oder Sauwegeststraße. In der Nähe der Kreuzung der Schreiberstraße mit der Berg- straße stoßen wir auf den Großen und den Kleinen Reichenwinkel, bei denen namengebend der bauliche Schmuck der hier befind- lichen Häuser gewirkt hat oder der Umstand, daß Grundbesitz einer Bürgerfamilie Reiche in Frage kam. Auch eine Peter-Grimmen- straße ist vielleicht in dieser Gegend zu suchen. In der heutigen Forststraße lebt durch vielfache Änderungen und starke Entstellungen hindurch der im Volksmunde umgewandelte Name der alten Vogt-Konradstraße(Vogtstraße) im westlichen Stadtgebiet fort. Es kommen im 16. Jahrhundert Bezeichnungen wie Voch-, Vochs- und Voß-Straße, sowie Fuchsstraße vor. Bei den letzteren Namen ist möglicherweise die Tatsache wichtig gewor- den, daß in der Straße Mitglieder einer Familie Vos ansässig waren. Daneben hieß die Straße Eyslinge-, Eislick-, Eßlinge- oder Ese- lingestraße oder in noch mehr umgebogener Gestalt Deislingstraße und Deslingestraße, Neserlinges- oder Neßlingestraße, schließlich sogar Ewening-, Ebeling- und Eberingstraße. Diese Namen dürften zusammenhängen mit einem in der gleichen Gegend bezeugten, im ersten Archivregister der Stadt von 1399 erwähnten Hof„gheheten de eselinghe“, bei dem offensichtlich eine Verknüpfung mit einem alten Personennamen gegeben ist. Die dann folgende Ziegenstraße hat ihre Bezeichnung von dem hier nachweisbaren Grundbesitz einer Familie Tzige oder Sige ent- lehnt. Nach einem in ihr wohnhaften Bergvogt Hinrik Holdes- hausen tritt sie gelegentlich auch als Bergvogtstraße auf. Die von dem Südende der Ziegenstraße aus auf den Franken- berg zu führende Peterstraße verdankt ihre Benennung der in ihr belegenen Petersmühle, die ihrerseits mit der Kirche St. Petri auf dem Frankenberge in Verbindung steht. Nach der Abzucht zu zweigt von der Bergstraße in ihrem oberen, in neuerer Zeit auch als Fahrweg bezeichneten Teile im Franken- berger Bezirk gegenüber der Schreiberstraße die Obere Mühlen- straße ab. Sie wird nach der in ihr betriebenen Bertoldsmühle oder Bartoldsmühle Bertolds(Bartolds) mühlenstraße oder Berldesstraße a genannt. Ihr entspricht die Herlingstraße, in der der Herlingstoben stand. Oberhalb der Bertoldsmühle lenkt vom Fahrwege eine an- dere schmale Straße von der heutigen Gastwirtschaft„Zur Gar- küche‘““ ab nach der Stelle, wo die Abzucht in der Nähe des Schnei- derturmes in die Stadt eintritt. Sie heißt nach der neben dem Turm belegenen Martinskapelle auch Martinsstraße, nach dem benach- barten Frauenhause Straße„by dem hurhuse“. Meist kommt sie— wohl nach der Art ihrer Führung— als Fingerlingstraße oder Fin- gerenstraße vor. Eine weitere Bezeichnung ist Stobenstraße oder Frankenbergische Stobengasse, die auf die Frankenberger Bad- stube an dieser Stelle zurückgeht. Vor einigen Jahren ist die Fin- gerlingstraße der Neuen Straße zugeschlagen, deren Ausgang nach der Bergstraße sie nunmehr bildet. Sonstige in dieser Gegend vorhandene Stoben sind der Krengel- stoben und der Stoben zu der Logenbenke. Der Krengelstoben, der nach seinem Besitzer Ludeke Swengel auch als Swengelstoben be- zeichnet wird, scheint sich mit dem Herlingstoben zu decken. Zweifelhaft ist, ob dies ebenfalls bei dem Stoben To der Logen- benke der Fall ist. Der Name Logenbenke(— Lügenbank) weist auf einen, Stein hin, auf dem Verleumder zur Strafe öffentlich aus- gestellt wurden, und berührt sich mit dem sogen. Finkenstein, von dem in einer Anzahl norddeutscher Städte, z. B. in Lübeck, Lüne- burg und Hamburg, berichtet wird. An den Frankenberger Plan stößt von der Peterstraße ab die Straße ‚Auf dem Beeke“. Hier ist der Ausgangspunkt des Beek- systems zu suchen, in ihrer Nähe hat auch die Vogt-Konrad- straße im Frankenberger Bezirk ihren Anfang genommen. Von der unteren Ecke des Frankenberger Planes aus erstreckt sich in nördlicher Richtung auf den! Ziegen(Greif) platz zu die Ket- tenstraße, die, früher in ihrer ganzen Länge als Frauenstraße auf- tretend, im rechten Winkel auf die Bäringerstraße einmündete. Doch begegnet für den nach Osten umgebogenen Teil der Straße auch die Straßenbezeichnung Hintern Brüdern oder Brüderstraße nach dem hier befindlichen Brüdernkloster, einer Niederlassung der Franziskanermönche, der fratres minores oder Minderbrüder. - Mit der Kettenstraße stand in Verbindung eine Straße, die sich in dieser Gegend an der Stadtmauer entlang zog und die als„de strate na der mhuren“ und„gegen der Mauer“ bezeichnet ist. Der Name Frauenstraße wird in dem bisherigen Schrifttum auf die Klosterjungfrauen zum Frankenberge bezogen, während da die Kettenstraße durch eine Kette abgesperrt gewesen sein soll. Möglich erscheint aber noch eine andere Deutung für die Namen. Die Frauenstraßen des Mittelalters sind, vielfach in. der Nähe der Stadtmauer verlaufend, ebenso wie die Rosenstraßen, häufig die- jenigen Straßen, in denen lose Frauen ihr Wesen trieben. Aus an- deren Orten ist überliefert, daß die Frauenstraßen umschreibend Bezeichnungen trugen, die mit dem Worte cat(Katze), das auch soviel wie Hure besagt, zusammengesetzt waren, wie z. B. Kätter- hagen, Kattenstraße usw. Da ein Teil der Frauen- oder Ketten- straße in Goslar zugleich„Am Rosenhagen“ hieß, und da in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft die Stadtmauer angrenzte, so wäre es nicht zu gewagt, in diesem Sinne'im Einklang mit anderweit ge- machten Beobachtungen ebenfalls die Goslarer Frauenstraße und ihre Umwandlung in eine Kettenstraße zu erklären, zumal, im Ge- gensatz zu einer anderen, noch zu erwähnenden Kettenstraße im Stephanibezirk, bei ihr von einem Abschluß der Straße durch eine Kette, wie sie sonst im Mittelalter aus Sicherheitsgründen nicht sehr selten vorkam, nichts bekannt ist. In der Frauenstraße gab es ebenfalls einen Stoben, den Frauenstoben, nach dem sie zuweilen als Stobenstraße bezeichnet wird. Zwischen Kettenstraße und Bäringerstraße folgen von der Fran- kenbergerstraße aus die Beekstraße und die Friesenstraße. Von der Beekstraße und ihrem Zusammenhang mit dem Beeksystem wurde bereits gehandelt. Sie ist, wohl im Zusammenhang damit, vereinzelt (1482) auch als Wasserstraße(waterstrate) bezeugt. Einmal(1563) kommt sie als Schulzenstraße vor. Friesenstraßen sind in einer ganzen Reihe norddeutscher Städte nachweisbar. Sie lassen in der Regel auf Beziehungen zu friesischen Handelsleuten schließen, für die es in Goslar allerdings an urkundlichen Anhaltspunkten fehlt. Zwischen Frankenbergerstraße, Beekstraße, Friesenstraße und der Straße Hintern Brüdern verlief eine ganze Reihe kleinerer, im einzelnen nicht genauer festzulegender Seitengassen, von denen eine, der früher im Volksmund sog. Arnkengang, zwischen Beek- und Friesenstraße, noch erhalten ist. 5.Das Jakobikirchspiel. Im Jakobikirchspiel erscheint in der Richtung von Westen nach Osten als die Hauptwegeverbindung ein Straßenzug, der durch die Schilderstraße und in ihrer Fortsetzung die: Petersilienstraße ge- bildet wird. Die Schilderstraße nennt sich nach den Schildmachern og (clipeatores), während der Name der Petersilienstraße, der eben- falls in Braunschweig und anderwärts vorkommt, in Goslar auf eine mit Grün bewachsene, in der Hauptsache gartenmäßig ge- nutzte Gegend hindeutet. Zwischen Bäckerstraße und Schilderstraße treffen wir, parallel mit ihnen, auf die am Jakobikirchhof endende Jakobistraße, der sich vom unteren Teil des Jakobikirchhofes an als Verlängerung die wohl nach einem Hofe der in der Geschichte Goslars eine große Rolle spielenden Grafen von Woldenberg benannte Woldenberger- straße(Wohldenbergerstraße) zwischen Bäcker- und Petersilien- straße nach dem Vogelsang hin anreiht. Als Querverbindungen der Bäcker- und Jakobistraße dienen drei Gäßchen, die heute als Ober-, Mittel- und Untergasse bezeich- net werden. Von ihnen deckt sich dig Obergasse mit der in der Nähe von St. Egidien verlaufenden Stobenstraße, in der der Jakobi- stoben(stuba scti. Jacobi) lag. Die Mittelgasse trägt noch auf Kar- ten aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts den schon 1512 bezeugten Namen„Teufelsgasse“, der vielleicht ähnlich wie bei der ebenfalls als Teufelsgasse auftretenden Pfannenführerstraße zu er- klären ist. Die Untergasse begegnet bereits im Mittelalter als Gang zwischen der Bäckerstraße und dem Jakobikirchhof. Sie kommt später auch als Kirchstraße vor und findet ihre Verlängerung in der zum Pfarrhause der Jakobikirche führenden Pfarrgasse der Gegenwart. Die Vermittlung zwischen Jakobi- und Schilderstraße wurde, von der Bäringerstraße aus gerechnet, zunächst hergestellt durch die Goldschmiedestraße, die heutige Kreuzgasse. Die Goldschmiede- straße war die Gewerbestraße der Goldschmiede, in ihr wohnte noch im 16. Jahrhundert eine Anzahl von Goldschmiedefamilien. Den Namen„Kreuzgasse“ trägt der Wegezug amtlich erst seit 1911. Möglicherweise schwingt in ihm aber eine Erinnerung an früher bestehende Verhältnisse nach. Unterhalb der Kreuzgasse folgt die Mönchgasse, im Mittelalter zugleich als Eremitenstraße oder Termineistraße auftretend nach einer hier befindlichen Niederlassung(Terminei) der Augustiner- Eremiten. Mehrfach wird sie als Ovelgunne oder Ovelwunne be- zeichnet, ein Wort, das auf niederdeutschem Boden öfters gebraucht wird und soviel wie Abgunst, abgelegene, verrufene Örtlichkeit oder Vorwerk bedeut#t. Vielleicht ist die Benennung der Straße als Ovelgunne aber auch gedacht als Gegensatz zu dem Termineihaus in der Augustiner-Eremiten, das den Namen„Zur Himmelpforte“ trug. Es kann schließlich auch eine Anspielung auf den schlechten Zustand der Straße vorliegen, so daß eine halbwegs sichere Ent- scheidung nicht möglich ist. Außerdem kommt sie einmal, mit einem Personennamen gebildet, als Nagelbalkesstraße, vor. Östlich von ihr verläuft zwischen Jakobi- und Schilderstraße die bereits erwähnte Pfarrgasse. Ihr gegenüber mündet von Norden her auf die Schilderstraße heute die Untere Schildwache. Im Mittelalter trägt sie die Bezeich- nungen Neuwerkstraße, Dreckstraße, Wigertsche Straße und Lu- dolfsgasse(vicus Ludolphi). An der unteren Schilderstraße befand sich unweit des Neuwerk- klosters noch eine Straße ‚Im Schafstall“, die vielleicht einen Zu- sammenhang erkennen läßt mit dem bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts hier erwähnten Haus des Schafhirten des Klosters Neuwerk und sich möglicherweise mit der Neuwerkstraße deckt. Als Hauptquerachse des Jakobikirchspiels dient die jetzige Rosentor-, ehemalige Bahnhofstraße. Sie setzte sich noch zu Beginn der Neuzeit zusammen aus der Wockenfot-, späteren Kuhstraße zwischen Bäckerstraße und Jakobikirchhof, der Straße am Jakobi- kirchhof und der Fortführung der letzteren nach dem Kloster Neu- werk und dem Rosentore zu, die als Straße vor dem Rosentore oder Rosentorstraße vorkommt, zuweilen aber, wie der ganze Straßen- zug, auch mit dem Namen Kuhstraße belegt wurde. Die Wockenfotstraße geht wahrscheinlich zurück auf ein Haus „Wockenfot‘“ des Domstiftes, das schon im 13. Jahrhundert ur- kundlich nachweisbar ist. Die Deutung des Namens_ bereitet Schwierigkeiten. Man hat, da das Spinnrad als Wocke bekannt ist, an eine Straße der Spinner und Weber gedacht. Ich möchte eher annehmen, daß die Bezeichnung des Hauses, die mit irgendwelchen baulichen Eigentümlichkeiten desselben zusammenhängt oder die von einem Bei- oder Spitznamen des Hauseigentümers herrührt, hier namengebend gewirkt hat. Der Name Kuhstraße leitet sich wohl von dem Austreiben der Kühe her. Rosentor und Rosentorstraße werden uns alsbald nochmals be- schäftigen. Der nach Osten von der heutigen Rosentorstraße abzweigenden Straßen, der Woldenberger- und der Petersilienstraße, wurde bereits gedacht. 0 Als Grenze des Jakobibezirks nach Osten erscheint anstoßend an den Vogelsang und sich als dessen Verlängerung nach der Mauerstraße hin darstellend die Straße„Im Ziegenstall“, die als ein Gegenstück zum„Schafstall“ in der Nähe des Neuwerkklosters an der unteren Schilderstraße betrachtet werden kann. Der Abschluß des Jakobikirchspiels nach Norden wurde be- wirkt durch eine in der Nähe der Stadtmauer verlaufende Straße, die zwischen Bäringerstraße und Kloster Neuwerk den Namen „Hinter der Mauer“ trug und die sich östlich des Rosentores in der heutigen Mauerstraße(ursprünglich ebenfalls„Hinter der Mauer“) fortsetzte. Wenn die Straße„Hinter der Mauer“ von der Bäringer- straße bis zur Unteren Schildwache später als Zehntstraße auftritt, so geht dies auf das an der unteren Bäringerstraße belegene ehe- malige braunschweigische Zehntgebäude zurück. Für die Zehnt- straße begegnet zuweilen der Ausdruck„Schildwache“, der sich bis zur Gegenwart in den beiden zur Schilderstraße führenden Straßen Obere und Untere Schildwache behauptet hat. Die Straßen Obere und Untere Schildwache bildeten ursprüng- lich die Wegeverbindungen zu den Standorten der Wachtposten an der Stadtmauer, die ebenfalls in anderen Stadtteilen, so z. B. beim Kaiserhause, beim Frankenberger Kloster und in der Nähe der‘ Petersilienstraße nachzuweisen sind, ohne daß damit ihre Zahl er- schöpft wäre. Zwischen Schilderstraße, Untere Schildwacheund Bahnhofstraße schiebt sich der Bereich des Klosters Neuwerk mit seinen Baulich- keiten. Offenbar machte er schon zur Zeit der Gründung des Klo- sters gegen Ende des 12. Jahrhunderts einen besonderen Siedlungs- bezirk aus, der als Römerstraße, als platea Romanorum, als villa Romana oder als römisches Dorf in den Urkunden wiederkehrt und wohl mit einer Niederlassung fremder(italienischer) Kaufleute an dieser Stelle zusammenhängt. Man hat versucht, von hier aus den Namen des Rosentores als römisches Tor, Roschendor, Rosentor, zu erklären, was aber schwerlich zutrifft. Eher dürfte die Namen- gebung beeinflußt sein durch einen zum Kloster gehörigen Rosen- garten(ortus rosarum), nach dem die Neuwerkkirche auch als St. Mariae in horto(Mariengarten) vorkommt. Doch bestehen für die mit„Rosen“ zusammengesetzten Straßennamen immerhin noch verschiedene andere Deutungsmöglichkeiten, die sich z. B. auf das Grundwort„Roß“ stützen oder die auf sonstigen Unterlagen be- ruhen können. Es erscheint aber nicht erforderlich, auf diese ge- Füge Be.. sr e rade in letzter Zeit im Schrifttum mehrfach behandelten Fragen näher einzugehen, da es für das Rosentor und die zu ihm hinfüh- rende Rosentorstraße in Goslar an jedem Anhaltspunkte fehlt, halbwegs gesicherte Vermutungen in einer der erwähnten Richtun- gen zu äußern, so daß auch die vergleichende Straßennamen- forschung nicht weiterzuhelfen vermag. 6. Das Stephanikirchspiel. Der Stephanibezirk wird in der Längsrichtung von Westen nach Osten von der Breiten Straße als Hauptwegezug durchschnit- ten. Mit ihr laufen gleich nach Süden zu die Kornstraße, sodann einige dem Bette der Abzucht folgende Straßen und endlich die Glockengießerstraße. Nach Norden zu entspricht ihr zunächst der untere Teil der Bäckerstraße, den Abschluß bildet hier die Mauer- straße. Zwischen der Glockengießerstraße und der Abzucht bestehen mehrere Querverbindungen in Gestalt der schon 1251 belegten, auf landwirtschaftliche Nutzung deutenden Köterstraße, an deren südlichem Ende der Köterturm stand, östlich von ihr der Straße am Trollmönch, die ihren Namen einer Niederlassung des Ordens der Trollbrüder, Lullarden oder Celliten an dieser Stelle verdankt, und etwas weiter unterhalb der Straße beim St. Annenhaus, auf die die Schielenstraße von der Fleischerbrücke her nach Süden zu stößt. Unweit der am Eingang in die Köterstraße an der Abzucht belege- nen Berlin-Kretzschmarschen Mühle, der früheren Pfeffermühle, nach dem St. Annenhospital zu sind in der Glockengießerstraße der obere und niedere Gadem, gewerbliche Baulichkeiten der Fleisch- hauer, und zwischen ihnen der Pfefferstoben zu suchen. Der Abzucht entlang treffen wir bis zum Wasserloch am unte- ren Stadtrande auf beiden Seiten des Flusses auf die Bezeichnung „an der Abzucht“, die nur auf dem rechten Ufer zwischen König- straße und Köterstraße durch den Namen Abzuchtstraße im Tho- masbezirk abgelöst wird. Auf dem linken Flußufer führt in Höhe der Domstraße im Bogen von der Abzucht ab und an der Mündung der Schulstraße wieder dem Flusse an der Knochenhauerbrücke zu die schon genannte Knochenhauerstraße als Wohn- und Gewerbe- straße der Fleischer, deren Verkaufsstände sich am Fleischschar- ren befanden. An der Kornstraße stand eine Anzahl von Kornlagerhäusern. Ihr unterer, zum früheren Gröpertor führender Teil hieß bis in das Bye vorige Jahrhundert nach den hier siedelnden Grapengießern (Töpfern)„in den Gröpern“. Der die Stadtmauer begleitende Wegezug von oberhalb der Gröperstraße bis zum Breiten Tor trug die Bezeichnung ‚gegen der Mauer“, vorübergehend kommt 1760 auch eine Straße„gegen der 2ten Mauer“ vor, in deren Nähe jetzt die Meisterei, d. h. das Haus des Scharfrichters und Abdeckers, verlegt ist. Zwischen der Kornstraße und der Abzucht dienen auch heute noch dem Verkehr im Stephanibezirk östlich der Schwiecheldt- straße die Düstere Straße, die Rundenienstraße, die Schielenstraße sowie schließlich die Gosestraße und die Untere Mühlenstraße. In westöstlicher Richtung verläuft zwischen Rundenien- und Schielen- straße die Lämmerstraße, die sich offensichtlich als eine spätere, aus dem allgemeinen Rahmen herausfallende Bildung darstellt. Die wohl wegen ihrer Enge sog. Düstere Straße hat in neuerer Zeit den Namen Schulstraße erhalten. Die Rundenienstraße er- scheint seit dem 14. Jahrhundert bis zur Schwelle der Gegenwart als Badelebische Straße, der Name entspringt jedenfalls einer Orts- oder Personenbezeichnung. Die Rundenienstraße ist benannt nach einem zu Anfang des 18. Jahrhunderts in ihr wohnhaften Notar Johann Georg Rundenius. Der Name der Schielenstraße geht auf ein Mitglied der Bürgerfamilie Scheele oder Scheile zurück. Vorher tritt die Straße in der Regel als Dadelebische oder Dolebische Straße — nicht zu verwechseln mit der Dedelebischen Straße!— auf. Auch in ihr wird ein Orts- oder Personennamen fortleben. Bei der Lämmerstraße braucht nicht mit Notwendigkeit an einen Tier- namen gedacht zu werden, sondern es kann ebenfalls ein Zusam- menhang mit einer im 17. Jahrhundert bezeugten Bürgerfamilie Lamm oder Lemmen vorliegen. Besondere Aufmerksamkeit beansprucht in diesem Zusammen- hang die Umgebung der am Schnittpunkt der Straße an der Ab- zucht und der Gosestraße belegenen Walkmühle, insbesondere das Auftreten der Bezeichnung Gosestraße an dieser Stelle, obwohl in der Gegenwart eine nähere Beziehung zum Goselauf nicht mehr er- kennbar ist. Bei genauerem Zusehen zeigt sich nämlich, daß hier ebenfalls mit erheblichen Verschiebungen im Gewässernetz zu rechnen ist, die auch eine einschneidende Umgestaltung des Stra- ßennetzes nach sich gezogen haben. Nach den Angaben der Kunstdenkmäler(S. 317/9) ist die Walk- mühle 1474 für die Wandschneider in den Gröpern an der Gose- 1 A straße unfern der Kehlmühle erbaut und 1551, nachdem inzwi- schen eine neue Walkmühle unter dem Petersberge im heutigen Schleeke errichtet war, anı die Tuchmacher verkauft. Diese Ansicht kann jedoch nicht zutreffen, da die Walkmühle in den Gröpern schon 1456 bezeugt ist. Weiter aber ist befremdend, daß die Walk- mühle im 15. Jahrhundert in die Badelebische Straße verwiesen wird, und daß in ihrer Nachbarschaft eine Stobenstraße und eine Mühlenstraße an der Gose genannt werden, die aber nicht mit der heutigen Unteren Mühlenstraße zusammenfällt. Bei dieser Sachlage sind nur zwei Möglichkeiten denkbar. Ent- weder lag die Mühle an der Badelebischen Straße in ihrer jetzigen Begrenzung, dann kann es sich nicht um die Walkmühle an der Gosestraße handeln. Oder es ist damit zu rechnen, daß die Bade- lebische Straße damals bis zur Ecke der Gosestraße an der Abzucht reichte, sodaß sie früher in ihrem unteren Teile etwa der Linie der Lämmerstraße nach Osten gefolgt sein müßte. Wenn sich bei der Dürftigkeit der Quellen auch eine jeder An- zweiflung entzogene Lösung kaum finden läßt, so scheint es mir doch zulässig zu sein, eine Vermutung zu äußern, die vielleicht ge- eignet ist, die bestehenden Zweifel weitgehend zu beheben. Wie ich glauben möchte, ist die Gose, die heute unterhalb der Wortmühle an der Brücke zwischen Domstraße und Wasserstraße in die Abzucht fällt, ehemals auf dem linken Ufer der Abzucht im Zuge der Knochenhauerstraße, in der für den Gewerbebetrieb der Fleischer fließendes Wasser gebraucht wurde, und sodann, etwa der späteren Lämmerstraße folgend, im Verlauf der sich ursprüng- lich bis in diese Gegend erstreckenden Badelebischen Straße wei- tergeleitet, um die Walkmühle an der Gosestraße oder eine Vor- läuferin von ihr zu treiben. So würde sich das Vorhandensein der Mühle und das Vorkommen einer Gosestraße an dieser Stelle er- klären. Wir können aber noch sonstige Anhaltspunkte dafür beibrin- gen, die diese Darlegungen zu stützen vermögen. In Niederschriften des Jahres 1293 ist anläßlich der Erwähnung des großen Hallen- und Mühlenstreites auch von zwei Mühlen des Deutschen Ordens die Rede, der Pfeffermühle und der Steinmühle, die von der Stadt erworben werden. Von ihnen stellt sich die Pfeffermühle, wie schon oben angedeutet, als die jetzige Berlin-Kretzschmarsche Mühle an der Abzucht dar, während die Steinmühle, von der dann jede Spur 3 Frölich, Stadtbild von Goslar 2a in den Urkunden verschwindet, als apud sanctum Stephanum bele- gen bezeichnet wird. AR Da kaum anzunehmen ist, daß auf die Wasserkraft der Stein- mühle alsbald verzichtet wurde, so spricht manches dafür, daß sich die Walkmühle in der Gosestraße mit der alten Steinmühle deckt. Die Nennung einer Stoben- und einer Mühlenstraße in der Nähe der Walkmühle könnte sich dann allerdings nicht auf die Untere Mühlenstraße beziehen, sondern nur auf die Gosestraße oder den östlichen Teil der früheren Badelebischen Straße. Damit stimmt es dann weiter überein, daß die erst später bezeugte Untere Mühlen- straße ihren Namen nicht der Walkmühle an der Gosestraße, son- dern der ihr gegenüberliegenden Kehlmühle entlehnt hat. Als Querstraßen zwischen der Breitenstraße und der Korn- straße begegnen von der Judenstraße an im Stephanibezirk ver- schiedene kleinere Straßen, die Kniggenstraße, die Bolzenstraße, die Obere und Untere Kirchstraße, die südlich der Stephanikirche durch die Straße An der Stephanikirche verbunden sind, und die Dedeleberstraße. Kniggen- und Bolzenstraße tragen ihre Namen erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. In ihnen leben Personenbezeichnungen fort. Für die Kniggenstraße sind vorher andere, ebenfalls nach Per- sonennamen gebildete Ausdrücke belegt. Im 14. Jahrhundert heißt die Straße Pekstenstraße, vom Ende des 14. Jahrhunderts an wird dieser Name nach ‚dem huse, dar lechtenberch ynne wonet“, ab- gelöst durch die Benennung Lichtenbergische Straße, die sich bis in das 19. Jahrhundert behauptet. Ferner tritt sie als„Straße bei Jakob Fischer hinein” auf. Die Bolzenstraße erscheint in den Nachrichten des 15. Jahr- hunderts als Hauptmannstraße, sie verdankt diesen Namen wohl einem hier wohnenden, aber nicht genauer festzustellenden Stadt- hauptmann. Sie führt ferner nach Mitgliedern der Patrizierfamilien Achtermann und Recke die Bezeichnungen Achtermann- und Rek- kenstraße. Nach einem in ihr seßhaften Klaus Wolter(Woltereck)_ wird sie seit dem 16. Jahrhundert in der Regel Wolterstraße oder Woltersstraße genannt. Hausbesitz der Familie Bolze in ihr veran- laßt dann einen abermaligen Namenswechsel, sie wird— aber erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts— zur Bolzenstraße umgewandelt. Die Obere Kirchstraße ist die Pfarrstraße des Stephanibezirks. Sie wird im 17. Jahrhundert gelegentlich als Fortsetzung der Treib- a oder Brüggemannstraße betrachtet und trägt dann bis zur Ecke der Kornstraße an der Schielenstraße den Namen Treibstraße. Auf dem Wolfenbütteler Stadtplan von etwa 1803 wird sie dagegen als Teil der Schielenstraße aufgefaßt. Für die Untere Kirchstraße kommt auch die Bezeichnung Saustraße vor. Der vorstehend er- wähnte Plan hat anstelle der Unteren Kirchstraße eine Kirch- straße, die aber zugleich die Gosestraße mit in sich begreift. Der Name der Dedeleberstraße gründet sich auf eine Orts- oder Per- sonenbezeichnung. Anscheinend handelt es sich, wie schon der Name Saustraße für die Untere Kirchstraße erkennen ließ, um eine etwas verrufene Gegend, da die Dedeleberstraße ebenfalls als Dieb- straße bezeugt ist. Nördlich der Breitenstraße wird die: Verbindung zwischen ihr und der Bäckerstraße im Stephanibezirk unterhalb der Sommer- wohlenstraße heute hergestellt durch die nach den Röhrenbohrern, die die Holzröhren(Pipen) für die Wasserleitungen oder später die Bleirohre dafür anfertigten, benannte Piepmäkerstraße, weiter die Brüggemannstraße, die Springerstraße und die Vorwerkstraße. Die Piepmäkerstraße verfügt im Mittelalter über eine bunte Fülle sonstiger Bezeichnungen. Sie tritt uns, abgeleitet von einem Personennamen, als Wipelingestraße oder Wopenlingestraße schon im 13. Jahrhundert entgegen. In der Folge überwiegen die Aus- drücke Willering-, Willerling-, Wilderling-, Vubeling- und Wul- lerlingstraße. Ihr Name lautet aber auch Wiltringe-, Willing-, Willge- und Willersstrate. Sie ist ferner, was für die Nachbarschaft der Sommerwohlenstraße und des Vogelsangs kennzeichnend ist, als Gärtnerstraße(platea ortulanorum) belegt. Nach Angehörigen der Bürgerfamilien Aemeling und von der Heyde nennt sie sich schließlich Aemelingstraße und Heydenstraße. Die Brüggemannstraße führt den Personennamen Brüggemann fort. Worauf der ältere Name der Straße„Drifstrate”(Treibstraße) beruht, ist nicht sicher auszumachen. Vielleicht besteht ein Zusam- menhang mit dem Austreiben des Viehs, für das in Goslar ein be- sonderes Ratsamt, das ‚‚Treibamt‘“, zu sorgen hatte. Nach einem in ihr wohnhaften Hermen Riken heißt die Straße zuweilen auch Rikensche Straße, nach einem Mitglied der Bürgerfamilie Blanke Blankenstraße. Der Name der Springerstraße taucht im 18. Jahrhundert auf, ihm liegt ein Personenname zugrunde. Noch auf dem Stadtplan von, 1803/04 wird sie als Kohlgarten angeführt. Diese Bezeichnung trug 3* 2& as 2 230 aber sowohl 1803 wie 1868 ebenfalls der Ostteil der Bäckerstraße. Ursprünglich galt sie wohl für das ganze, in erster Linie gärtnerisch genutzte untere Stadtgebiet im Stephanibezirk nördlich der Brei- ten Straße. Statt der Kohlstraße kommt auch die auf einen Perso-| nennamen zurückgehende Alberstraße vor, statt der Springerstraße| die Schachtrupstraße, für die dasselbe gilt. Von den beiden Westostverbindungen zwischen Brüggemann- straße und Springerstraße in Gestalt der Gundenstraße und der Rosenstraße ist die erstere benannt nach einem Angehörigen der Familie Gunner oder Gunder, in deren Besitz sich anscheinend ein hier belegenes Vorwerk, die sog. Guntkenburg, befand. Vereinzelt ist von ihr im 18. Jahrhundert als der Straße unter H. Heinsius Hause die Rede. In der Rosenstraße ist im Jahre 1493 ein Haus von Tilen Rosen nachweisbar. Doch muß in diesem Falle unentschieden bleiben, ob der Straßenname nach dem Personennamen oder der letztere nach dem ersteren gebildet ist. 4 Die unterste Querverbindung zwischen Breiter- und Bäcker- straße, die Vorwerkstraße, verdankt ihren Namen einem in der Nachbarschaft zu suchenden Vorwerk des Stiftes St. Georgenberg. Offenbar dreht es sich um eine erst später entstandene Straße, da im 16. und 17. Jahrhundert für sie noch die Bezeichnung„Neue_. Straße‘ gebraucht wird. Mit der Dedeleber- oder Vorwerkstraße, nicht mit einer der bei- den Kirchenstraßen, dürfte die Kettenstraße im Stephanibezirk, die platea juxta Cathenam, die„‚strate, dar de kedene vore hanget“, zusammenfallen, die der Gegend im Kohlgarten angehört, doch ist bei ihr volle Klarheit nicht zu erzielen. 4 Nördlich der Bäckerstraße sind als Wegezüge zwischen ihr und der Mauerstraße noch zu erwähnen der zuerst 1578 vorkommende Freudenplan, von dem schon die Rede war, die Spitalstraße, deren Namen ganz jung und ihr erst nach der Erbauung des neuen städ- ine weitere, früher über das tischen Krankenhauses beigelegt ist, e Grundstück des Krankenhauses laufende, unbezeichnete Straße, die auf den vorhandenen Karten keinen Namen trägt, sowie endlich die hier bis zur Mauerstraße durchgeführte Verlängerung der Springerstraße. 7. Der Bezirk der Reperstraße am Heiligen Grabe. Neben dem Bergdorf am Rammelsberge gab es noch einen zwei- ten Außenbezirk, der als Gerichtsstätte einer besonderen kleinen Vogtei im Mittelalter Bedeutung gewonnen hat. Es ist die Umgebung er, der Reperstraße(Seilerstraße) vor dem Vititore nördlich der Stadt in der Nähe des an dieser Stelle befindlichen Priorats des Johan- niterordens zum Heiligen Grabe. Es ist dabei mit einem Straßen- zuge zu rechnen, der vor dem Vititore von der Astfelderstraße nach Süden abbog, dem Zuge des Stadtgrabens folgte und sich bis in die Gegend der Frankenberger Kirche verlor. Im Anschluß an die Reperstraße hat sich hier eine kleine Vorstadt, getrennt von Goslar selbst und in kirchlicher und kommunaler Selbständigkeit verhar- rend, gebildet. Im 14. Jahrhundert ist es dem Rat gelungen, in die- sem früher von der Stadt völlig geschiedenen Bezirk Fuß zu fassen und seine Sonderstellung in gerichtlicher und verwaltungsmäßiger Beziehung zu beseitigen. Trotzdem ist in den Goslarer Schoßregi- stern bis in das 16. Jahrhundert die Reperstraße als ein eigener Steuerbezirk vertreten. Dies sowie die Nachrichten, die in einer An- zahl anderer Aufzeichnungen überliefert sind, lassen erkennen, daß der Johanniterorden vom Heiligen Grabe noch bis in diese Zeit hinein eine gewisse Selbständigkeit der Stadt gegenüber zu wahren vermocht hat. Erst in der Folge ist es zu einer völligen Aufsaugung der Reperstraße durch Goslar gekommen. b) Nicht sicher festzulegende Straßenzüge. Schauen wir zurück, so läßt sich mit gutem Grunde sagen, daß es in der ganz überwiegenden Mehrzahl der Fälle möglich gewesen ist, die urkundlich bezeugten Straßen in ihrem Verlaufe zu bestim- men und Herkunft und Bedeutung ihrer Namen zu ermitteln. Le- diglich bei einigen seltener erwähnten und weniger wichtigen We- gezügen, wie dem Bedelerhagen, der Peter Grimmenstraße oder der Kettenstraße im Stephanibezirk, bleiben Zweifel bestehen. Doch sind ebenfalls bei ihnen Anhaltspunkte gegeben, die es gestatten, zu einer ungefähren Lokalisierung zu gelangen. Gewisse Schwierigkeiten bereitet— abgesehen von diesen Fäl- len— eine Reihe vom Angaben des Wortzinsbuches von 1415 f. Sie geben zahlreiche Hinweise auf Straßen, die nach öfters nicht ohne weiteres festzustellenden Anwohnern benannt sind und die unter Hinzufügung eines Namens einfach als platea, Straße, Gasse, vicus, vieulus oder ähnlich angeführt werden. Aber auch bei den meisten von ihnen läßt sich ihre Lage an der Hand der später vorkommen- den Straßenbezeichnungen oder mit Hilfe der Personalangaben und anderer Nachrichten wenigstens annähernd erschließen. rag So wird z. B. zuweilen genannt im Stephanibezirk eine platea Tile Ecken und, ihr benachbart, eine platea Hinrik Dalem, die sich als Nebenstraßen der Kornstraße nach der Breiten Straße hin dar- stellen dürften. Oder es treten in der Nähe der Walkmühle, wohl verursacht durch die infolge der Gewässer- und Straßenverlagerun- gen bewirkten Änderungen, Bezeichnungen auf, die, wie vicus Wer- neke Kulen, nach Namen sonst in dieser Gegend bezeugter Perso- nen gebildet sind. Weiter erwähnt das Wortzinsbuch im Marktbezirk zwischen der Markt- und oberen Bäckerstraße einen vicus Heningh Wedekin- des in der Nähe der Poppenstraße und einen vicus Hinrik Eylerdes, der mit dem später an der gleichen Stelle bezeugten vicus Symonis und mit der Pfannenführerstraße zusammenfällt. Im Jakobikirch- spiel-begegnet ein vicus Beverhagen, der dem Vogelsang, und ein vicus Ludolphi, der der Neuwerkstraße entspricht. Es erscheint ferner im Stephanibezirk der vicus Lichtenberg, der sich mit der Kniggenstraße deckt. Das Gleiche gilt von der Straße bei Jakob Fischer hinein, die die Kornstraße und Breite- straße miteinander verbindet und neben der gelegentlich die zweite Querstraße in dieser Gegend, die Bolzenstraße, ausdrücklich ge- nannt wird. Ein vicus Wiltman wird sich mit der Straße Am Troll- mönch berühren. Immerhin bleiben hier einige, wenn auch nicht sehr häufige Fälle übrig, bei denen sich in Ermangelung sonstiger ausreichender Anhaltspunkte im Augenblick genauere Feststellungen nicht treffen lassen. So etwa, wenn im Wortzinsbuch gelegentlich von einem vieus Bertold Temme, einem vicus Bertold Diikmeyer oder von Henning scriver in vico die Rede ist. Aber es unterliegt kaum einem Zweifel, daß es sich bei diesen Bezeichnungen ebenfalls durchweg um eine mehr oder weniger willkürliche Namengebung für solche Straßen handelt, die auch sonst belegt sind, und daß das Urteil über das Straßennetz des späteren Mittelalters im ganzen durch ihre Übergehung an dieser Stelle nicht beeinflußt wird. Es stößt deshalb nicht auf Bedenken, wenn sie einstweilen beiseite gelassen werden und wenn ihre endgültige Festlegung einer Nachlese unter Heranziehung weiteren Quellenstoffes vorbehalten bleibt. ee N. B. Das Straßennetz des Stadtkerns in der Gegenwart. I. Überblick. Bei einem Vergleich des spätmittelalterlichen Straßennetzes im Stadtkern mit den heutigen Verhältnissen zeigt sich eine weit- gehende Übereinstimmung. Nach den Eingriffen, die zur Beseiti- gung des westlichen Gosearmes und zum Verschwinden der Vogt- Konradstraße, aber auch zu sonstigen Umgestaltungen, wie bei der Marktanlage und in der Umgebung der Gosestraße, geführt hatten, ist der Stadtgrundriß jahrhundertelang so gut wie unverändert ge- blieben. Die vorhandenen Wegezüge, wenigstens die wichtigeren von ihnen, haben sich in ihrem alten Verlaufe bis zur Gegenwart behauptet, nicht selten sogar, ohne ihren früheren Namen zu ver- lieren. Nur in einzelnen Fällen sind der Jetztzeit zu, um neu auf- tretenden Bedürfnissen zu genügen, Straßendurchbrüche von nicht sehr erheblicher Bedeutung erfolgt, oder es sind Umbenennungen vorgenommen worden. So sind die-Wälle zum Teil straßenmäßig ausgebaut, im Jahre 1835 ist dies etwa bei dem Thomaswall, dem Schäferwall und dem Bürgerwall zu verfolgen. Bei dem Schäferwall, der aber schon um 1800 als bebaut erwähnt wird, ist eine Abzweigung als Graben- straße besonders benannt(1913). Die Straße hinter dem Münster hat der Wallstraße Platz gemacht. Als ein Durchbruch von der Ket- tenstraße zum Klaustorwall stellt sich die Steinbergstraße(1893), als ein solcher von der Glockengießerstraße zum Thomaswall die Dorothea-Borchers-Straße dar(1928). Als Verlängerung der Schie- lenstraße über die Glockengießerstraße hinaus ist die Straße an der St. Annenhöhe hinzugekommen(um 1900). Als neuer Straßenname erscheint nach dem Anschluß Goslars an das Eisenbahnnetz in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Bahnhofstraße, die früheren Bezeichnungen Kuhstraße, Straße am Jakobikirchhof und Rosentorstraße verschwinden. Nach einem kurzen, durch die politischen Zustände verursachten Zwischenspiel ist die Bahnhofstraße 1945 unter Wiederbelebung einer der frühe- ren Teilbezeichnungen zur Rosentorstraße geworden a Der Straßenname Sack, der noch um die Mitte des vorigen Jahr- hunderts neben Heerwinkel gebräuchlich war, ist in Abgang ge- raten. Die Bezeichnungen hinter der Mauer, gegen der Mauer usw. sind geändert. Im Frankenberger Bezirk ist an ihre Stelle die Wall- gasse, an der Nordseite der Stadt die Zehntstraße und die Mauer- straße getreten, während unter Wegfall der Namen„Gröpern“ und. „Straße gegen der Mauer“ im unteren Stadtteil die Kornstraße bis zum Breiten Tor durchgeführt ist. Die Fingerlingstraße ist mit der Neuen Straße vereinigt(1877). Seit dem Ausgang des vorigen Jahrhunderts ist der Name ‚„Kaninchenstraße‘“ im Gebrauch, der zur amtlichen Straßenbezeichnung aber erst 1925 geworden ist. Jüngere Straßenbezeichnungen sind Ober-, Mittel- und Unter- gasse(1912) sowie Kreuzgasse(1912), bei der aber anscheinend Anlehnung an eine noch im Volksmund lebendige Überlieferung gesucht ist. Der Wurstewinkel ist 1913— fälschlich— zum Wort- satenwinkel umgetauft. Die heutige Spitalstraße trägt ihren Namen erst seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Platz hin- ter den Brüdern ist zum Ziegenplatz, später Greifplatz geworden (1921). Die Judenstraße hat im Jahre 1934 die Bezeichnung Kurze Straße erhalten. Damit ist im wesentlichen erschöpft, was an Änderungen der Straßennamen aus neuerer Zeit in Betracht kommt. II. Spuren ehemaliger Wegeverbindungen im heutigen Stadtbilde. Bei einer Auswertung des heutigen Stadtgrundrisses für die Zwecke der Straßennamenforschung bedarf noch ein Umstand der Erwähnung, auf den ich bereits im Vorstehenden mehrfach hinge- wiesen hatte. Wenn man sich nicht auf die überlieferten Straßen- züge beschränkt, sondern auch das zwischen ihnen befindliche Ge- iände und die Art seiner Bebauung ins Auge faßt, lassen sich weitere Aufschlüsse gewinnen, die in ihrer Bedeutsamkeit nicht zu unter- schätzen sind. Es ist zu beachten, daß einzelne wichtige, später auf- gegebene Wegeverbindungen noch heute als Privatstraßen eine Rolle spielen oder daß doch in Lücken der Bebauung, in der Stel- lung der aus dem Mittelalter stammenden Häuser oder in sonstigen Eigentümlichkeiten Spuren des früheren Straßennetzes erhalten ge- blieben sind. Welcher Wert diesem Gesichtspunkt beizumessen ist, en I = ü w 8 i Ir #4 i — 41— zeigte sich z. B. bei der Festlegung des Verlaufs der Hinteren Mar- stallstraße, der den Neumarkt berührenden Berstraße und der Pfannenführerstraße(Pfannhecke). Der alte Eingang zur Hinteren Marstallstraße ist neben dem Hause Marktstraße 5 unschwer auszu- machen. Die Verbindungsstraße zwischen der Mitte des Fleisch- scharrens und der Hokenstraße in Gestalt der Berstraße tritt, wenn auch als öffentlicher Weg ausgeschaltet, noch zwischen den Häu- sern Fleischscharren 4 und Hokenstraße 6 im Stadtplan hervor, in der Hokenstraße hebt sich der Straßenanfang deutlich ab. Ebenso ist die Pfannhecke im Kartenbild bis zur Gegenwart leicht er- kennbar. Es gibt aber auch noch andere Beispiele, die sich hier anführen lassen. So ist ein ehemaliger Straßenzug in seiner früheren Flucht- linie an der Stellung der Häuser zwischen Königstraße und Was- serstraße, bei dem Hause Königstraße 7 beginnend, zu verfolgen. Sonstige Straßenansätze zeigen sich unweit der Kreuzung der Schreiberstraße mit der Bergstraße bei den Häusern Bergstraße 12/13, also in der Nachbarschaft des alten Rikenwinkels, sowie in der Kurzen Straße bei dem Hause Kurze Straße 3. Erwünscht wird es vor allem sein, unter Benutzung der sich er- gebenden Anhaltspunkte einmal den Versuch zu machen, den Ver- lauf der früheren Vogt-Konradstraße und ihrer Querstraßen näher zu erschließen. Auf im Mittelalter hier vorhandene Straßen weisen hin die Stellung der Häuser bei Forststr. 13 und auf dem Gelände des Armenhauses an der Marktstraße sowie zwischen der Marstall- und Münzstraße hinter dem Gasthaus zur Münze. Zu genaueren Er- mittlungen sind aber fachmännische Untersuchungen nötig, die im Rahmen dieser Arbeit nicht angestellt werden können. Das Gleiche gilt von der Umgebung der Walkmühle an der Gosestraße, bei der nach dem urkundlichen Befunde ebenfalls mit stärkeren Verschie- bungen in der ehemaligen Gewässer- und Straßenführung zu rech- nen ist. C. Schluß. Damit sind wir am Ende unserer Betrachtungen angelangt. Sie sollten zeigen, wie sich die Stadt Goslar im Mittelalter entwickelt hat, wie im Zusammenhang mit dieser Entwicklung das Straßen- und Gewässernetz des Ortes geformt ist und wie es nach kennzeich- DT nenden Änderungen seine spätere, dann bis zur Gegenwart be- wahrte Gestalt gewonnen hat. Sie sollten ferner dartun, welche Be- deutung in dieser Verknüpfung den alten Straßennamen zukammt, und versuchen, soweit möglich, ihre Herkunft und ihren ursprüng- lichen Sinn aufzuhellen. Das Gefundene wird ausreichen, die Behauptung zu tragen, daß, obwohl vereinzelt noch Berichtigungen und Ergänzungen möglich sind, doch in der Hauptsache die Probleme, die mit dem Werden des Stadtbildes von Goslar in Verbindung stehen, als gelöst gelten können. Den Weg hierzu eröffnete namentlich die Aufdeckung der hydrographischen Verhältnisse, also der Verschiebungen in den Wasserläufen, in Goslar, die in der Aus- und Umgestaltung der Straßenführung und dem Ausbau der Marktanlage in der Stadt- mitte einen auch verfassungsrechtlich aufschlußreichen Nieder- schlag gefunden haben. War es so angängig, den Verlauf der wich- tigeren Wegeverbindungen, auch wo er von der Gegenwart abweicht. zu verfolgen, so lenkte andererseits die vertiefte Auswertung des vorhandenen archivalischen Stoffes den Blick auf eine Fülle bisher unbekannter Straßennamen, für deren Erklärung neben den Ört- lichen Quellen die Heranziehung der Ergebnisse der vergleichen- den Straßennamenforschung, aber ebenso der neueren Orts-, Flur- und Hausnamenforschung sowie der Familiennamenforschung eine Handhabe bot. So ist es zugleich gelungen, der Schwierigkeiten Herr zu werden, die sich aus dem häufigen Vorkommen derselben Bezeichnungen für verschiedene Straßen, dem fortwährenden Wechsel der Namen, den beständigen Abweichungen in ihrer Schreibweise und der Unsicherheit in der Begrenzung der Wege- züge ergeben. Fassen wir die gewonnenen Einsichten zusammen, so glaube ich, daß auch für die Goslarer Straßenbezeichnungen das zutrifft, was in einer neueren Arbeit über„Straßennamen und Städtetum“ vor einiger Zeit abschließend gesagt ist. Sie„sind mit der Stadt- geschichte und-entwicklung aufs engste verbunden, aus den ört- lichen Verhältnissen heraus, vom Volksgeist oder Volkswitz ge- schaffen, daher urechte, redende Denkmale längst vergangener Zeiten und Geschlechter, über deren Leben und Treiben sie heute noch vielerlei Nützliches und Interessantes dem zu erzählen wis- sen, der ihnen nachgeht und sie zu verstehen sucht; sie künden uns Entstehen und Werden unseres kulturtragenden Städte- und Bür- gertums, sie regen zum Nachdenken an und— was nicht selten der Fall— geben uns Rätsel auf, deren Lösung bisweilen recht schwer ist, sofern sie uns nicht einmal ganz versagt bleibt.‘ Das sind Worte, die fast so klingen, als ob sie gerade auf Goslar gemünzt wären. Hoffen wir, daß bald wieder ein günstigerer Stern über der Erforschung der Vergangenheit der alten Kaiserstadt, die so viele wechselvolle Schicksale erlebt hat, leuchtet, und daß es als- dann gelingen wird, auch die letzten Zweifel zu beheben, die bei der Behandlung der Goslarer Straßennamen für eine sich ihrer Grenzen bewußte wissenschaftliche Betrachtung noch verbleiben mußten. ve Moe Mrs s e 7 x 4 nn A br. er ne A Echter wagen Ahnlliden(bedı Hadihuns Wh Urheber 16 ypelle c W fh Kedige vier nn ee KEN Hole ih> 4 ur Bedeprlichnung des cn. IR Ver Paargerhohuh| Ihlaucdirce ur Terllcherees} Slerbauscheseng LE Wege hracısr| % innhare: 2 llon/h» der Fell Äeaeıs 2 Vera wo Syke gehen|. 8 ge,:© BEE, Ga)£ asia! LE}- .. Dasde.[ WET Bee, HihnunyNerkiph DW Men. ech: er K,=/ R z nn ER u hl er z 2 ER en ee Er.. n y 4:. Fan hr 2 2% Sr€ Er gr|.: 7 Pa) ab 4 detrsdur Elm kei TE ha-! BI er; gell ak) UB GIESSEN— 4 will WE .. 12 044 089| Mn RR