77 Nur zur Benutzung— im Lesesaal!—, GZC UB GlESSEN „ees er: MHMMamwkatach —⸗— uns 11 300 749 N B 8,9 2* 4 6. ⁸ 1 1I 11 500 749 / 3 G 4 80CH-NR. 11.500.749 6 11 8. UNI 1974, 4 G ◻ 09. FEB. 1981 28 fed. 886 7 . — A Geſchichte von Gießen und der Umgegend von der älteſten Zeit bis zum Jahr 1265. Auf Grund der Materialſammlung des Loralvereins für die Geſchichte von Gießen zuſammengeſtellt von Dr. J. Rraft, Hofgerichts⸗Präſident. ———] Darmſtadt, 1876. Auf Koſten und im Verlage des hiſtoriſchen Vereins für das Großherzogthum Heſſen. (Hofbuchhandlung von A. Klingelhöfſer.) — e Geſchichte von Gießen und der Umgegend von der älteſten Zeit bis zum Jahr 1265. Auf Grund der Materialſammlung des LCocalvereins für die Geſchichte von Gießen zuſammengeſtellt von Dr. J. Rraft, Hofgerichts⸗Präſident ————õ——-— Darmſtadt, 1876. Auf Koſten und im Verlage des hiſtoriſchen Vereins für das Großherzogthum Heſſen. (Hofbuchhandlung von A. Klingelhöffer.) — ½ O „ 1 Buchdruckerei von H. Brill in Darmſtadt. Vorwort. Wenn eine Localgeſchichte der Provinzial⸗Haupt⸗ und Univerſitätsſtadt Gießen mit dieſem Heft beginnt, ſo wird dies in Berückſichtigung der Bedeutung von Gießen in der heſſiſchen Landesgeſchichte überhaupt, wie in der Gegenwart, in welcher es ſeiner Bevölkerung nach die fünfte Stelle unter den Städten des Großherzogthums einnimmt, und nachdem die Localgeſchichte kleinerer Städte, wie Grünberg, Friedberg, Oppenheim, Wimpfen, Alsfeld, ihre Bearbeiter gefunden hat, einer Rechfertigung nicht bedürfen. Ohnehin iſt es unrecht, gegen die ſpecielle Bearbei⸗ tung der Geſchichte einzelner Städte als zu viel nur ihre Be⸗ wohner, die mit der Localität und den Verhältniſſen bekannt ſind, Intereſſirendes enthaltend und für das größere Ganze zu wenig Relevantes darbietend, eingenommen zu ſein; abgeſehen davon, daß beinahe jede Gegend und deren Centralpunkt, zu⸗ mal bei der eigenthümlichen territorialen Zuſammenſetzung des Großherzogthums Heſſen etwas Eigenthümliches in ihrer hiſto⸗ riſchen Entwicklung zeigt, geſtaltet ſich auch das hiſtoriſche Ge⸗ ſammtbild eines Landes richtig erſt aus der Beleuchtung ſeiner einzelnen Theile, welche das geeignetſte Material zur dem⸗ nächſtigen Zuſammenfaſſung unter allgemeine Geſichtspunkte liefern muß und man wird daher die zur geſchichtlichen Auf⸗ hellung localer Verhältniſſe, welche oft die beſte Gelegenheit ge⸗ währen die Vergangenheit an die Gegenwart paſſend anzuknüpfen, IV verwendete Mühe nicht als eine vergebliche und ihre gewonnenen Reſultate nicht als unnütz anſehen dürfen. Wohl aber wird es der Entſchuldigung bedürfen, daß eine in Behandlung hiſto⸗ riſcher Gegenſtände ungeübte Hand es unternommen hat, ſich mit der Aufgabe zu befaſſen, dieſe Localgeſchichte zu behandeln und hierbei zugleich einen Weg einſchlägt, der dem bisher ge⸗ wöhnlichen Verfahren nicht entſpricht. Der Verfaſſer muß daher zuvörderſt bemerken, daß ſich, hauptſächlich angeregt durch den verdienſtvollen Lehrer der Geſchichte am Gymnaſium zu Gießen Profeſſor Dr. W. Soldan, in Gießen ein Localverein zur Erforſchung und Bearbeitung der Geſchichte von Gießen und der Umgegend gebildet hat, deſſen Mitglieder mit großem Eifer die urkundlichen Quellen geſammelt, geprüft und durch Anfertigung correcter Abſchriften der gedruckten und wenigen noch ungedruckten das Material zuſammen gebracht haben, daß dann, nachdem der Vorſitzende des Vereins Profeſſor Soldan dieſe Function, ſeiner Occupa⸗ tion als Landtagsdeputirter wegen, niedergelegt, ſeinen Nach⸗ folger Hofgerichtsrath Dr. Karl von Krug aber bald der Tod weggerafft hatte, dem Unterzeichneten die Ehre der Leitung des Vereins zu Theil wurde, und daß er es darum als Pflicht betrachten mußte, wenn auch mit ungenügenden Kräften ſich der Bearbeitung dieſes Materials zu unterziehen. Zu ſeinem Bedauern wurde er ebenfalls bald durch anhaltende ſtarke Be⸗ ſchäftigung als Landtagsabgeordneter und in ſeinem Amte zu ſehr von Förderung dieſer Arbeit abgezogen und war deshalb erſt jetzt, nachdem dieſe Belaſtung aufgehört hat, im Stande, einen geringen Anfang derſelben als Ergebniß der Verwendung ſeiner Mußeſtunden vorzulegen. Die Mängel deſſelben werden daher ſehr der Nachſicht des hiſtoriſch gebildeten Publikums bedürfen. Die Art der Behandlung des vorliegenden Materials muß dieſe aber vielleicht noch mehr in Anſpruch nehmen, weil ſie von der gewöhnlichen in verſchiedener Hinſicht abweicht. Nach⸗ dem ſich die Geſchichtsforſchung von der zu weit gehenden Be⸗ —— Vv rückſichtigung der von älteren Schriftſtellern als hiſtoriſche Wahrheiten angenommenen Anſichten von Chronikſchreibern und phantaſiereichen Gelehrten durch kritiſche Sichtung des Materials frei gemacht und ſich lediglich auf urkundliche Be⸗ weiſe zu ſtützen angefangen hat, mußte namentlich die älteſte Localgeſchichte allerdings ſehr dürftig werden und ihre Dar⸗ ſtellung ſich häufig auf trocknes Wiedergeben des vollſtändig Erwieſenen beſchränken. Natürlich iſt es, daß ſich auf dieſe Weiſe viele wichtige Erſcheinungen ſpäterer Zeit nicht genügend erklären, weil es mehr oder weniger an urkundlichen Belegen für ihre Entſtehung und Entwicklung fehlt. Dazu kommt, daß das Beweismaterial für die Geſchichte einer einzelnen Stadt in den früheſten Perioden ihrer Geſchichte ſelbſtverſtändlich immer ſehr dürftig iſt und aus ſich ſelbſt zu wenig Stoff zur Erklärung der ſpäteren hiſtoriſchen Erſcheinungen bietet, daher es ſich anch in der Regel nur in Verbindung mit dem die Umgegend betreffenden richtig verwerthen läßt. Ohnehin bildet jede Stadt gewöhnlich auch den Mittelpunkt der Culturent⸗ wicklung, des Verkehrs, der Rechtsinſtitute ihrer Umgebung und iſt daher ihre Geſchichte mit der der Gegend meiſt innig verwebt. Die Stadtgeſchichte läßt ſich daher wohl in den meiſten Fällen nicht wohl iſolirt, ſondern nur in Verbindung mit der der Umgegend richtig verſtehen und benrtheilen. Der Zu⸗ ſammenhang beider iſt aber häufig in ſeinen Folgen klar, wenn auch mit Urkunden nicht zu belegen und man iſt daher um ſo mehr berechtigt zu Hypotheſen zu greifen, als ſich niemals das gegebene hiſtoriſche Material für völlig abgeſchloſſen und er⸗ ſchöpft anſehen läßt, ſondern weitere Ermittelungen häufig über bisher unerklärte Thatſachen ein unerwartetes Licht verbreiten. Daraus dürfte es ſich rechtfertigen, wenn hier die Auf⸗ gabe weiter als auf eine einfache Localgeſchichte der Stadt Gießen geſtellt und zu einer Geſchichte des mittleren Lahngaus, ſoweit dieſelbe mit der von Gießen in erklärendem Zuſammen⸗ hang ſteht, ausgedehnt worden iſt und wenn dabei auf Manches, VI vielleicht auf zu viel, aufmerkſam gemacht worden iſt, was hiſtoriſch bis jetzt noch ungewiß, aber im Fall weiterer ge⸗ ſchichtlicher Aufklärungen vielleicht in Zukunft noch für die Geſchichte zu benutzen iſt, wenn man alſo überhaupt der Hypo⸗ theſe ein größeres Recht eingeräumt hat, als ihr in der hiſto⸗ riſchen Wiſſenſchaft gebührt. Es drängten hierzu auch die beſonderen Verhältniſſe von Gießen. Die Stadt iſt bekanntlich erſt in ſpäterer Zeit inner⸗ halb der Grenzen mehrerer Dörfer entſtanden, die im Laufe der Zeit in ihr aufgegangen ſind; die Geſchichte dieſer Orte gehört natürlich zu der von Gießen und iſt wieder von der des Territoriums, in dem ſie ſich befanden, nicht zu trennen. Zu dem Gemeindeverband und der Bürgermeiſterei von Gießen gehört wenigſtens jetzt die ehemalige Deutſchordens⸗Commende Schiffenberg; ihre Geſchichte kann daher nicht von der von Gießen getrennt werden, zumal die Urkunden dieſes ehemaligen Kloſters beinahe die alleinigen Quellen der Geſchichte der Gegend in den älteren Zeiten liefern. Auch die bisherigen Bearbeitungen führten mit Nothwendigkeit auf dieſe Ver⸗ bindung. Bekanntlich hat der gelehrte Profeſſor und nachmalige Kanzler Koch zuerſt zur Vertheidigung der Rechte des Hauſes Heſſen gegen den Deutſchen Orden, welcher für die Commende Schiffenberg eine Befreiung von der Heſſiſchen Landeshoheit in Anſpruch nehmen wollte, und die von demſelben in der Schrift „Hiſtoriſch⸗Diplomatiſcher Unterricht und Deduction von des heil. Deutſchen Ritter⸗Ordens Privilegien, Imme⸗ dietät und Gerechtſame. 1751.“ niedergelegten Angriffe in der Gegendeduction, welche unter dem Titel: „Beurkundete Nachricht von dem Deutſch⸗Ordens⸗Haus und Commende Schiffenberg. Gießen, 1752.“ VII erſchien und welcher, nachdem der Deutſche Orden 1753 darauf eine Widerlegungsſchrift: „Entdeckter Ungrund der heſſiſchen Einwendungen ꝛc.“ hatte ausgehen laſſen, ein zweiter Theil der„Beurkundeten Nachrichten ꝛc.“ 1755 folgte, die auf die alte Herrſchaft und Stadt Gießen bezüglichen vorhandenen Urkunden, ſoweit ſie für ſeine Zwecke geeignet waren, benutzt und bekannt gemacht und dadurch das bisher über die Geſchichte dieſes Landestheils herrſchende Dunkel ziemlich vollſtändig erhellt. Der berühmte heſſiſche Geſchichtsſchreiber Geh. Conſiſtorial⸗ und Oberſchul⸗ rath, Gymnaſial⸗Director Helfrich Bernhard Wenck hatte darauf in ſeinem dritten Band der heſſiſchen Landesgeſchichte, Frank⸗ furt 1803, in§. 14—23 die Geſchichte der Grafen von Glei⸗ berg, der Pfalzgrafen von Tübingen, ſoweit dieſelbe ſich auf die Herrſchaft Gießen bezog, der Herrn von Merenberg und der Grafen von Cleeberg mit gewohnter Umſicht und Sorgfalt, leider als ſein letztes Werk, behandelt und damit ſchon Alles möglichſt ins Klare gebracht, was die ihm bekannten Quellen zu liefern vermochten. Später hat Geheime Rath Profeſſor Dr. Nebel in Juſti's heſſiſchen Denkwürdigkeiten eine kurz ge⸗ faßte Geſchichte von Gießen begonnen. Damit war beinahe Alles, was ſich aus der älteſten Periode über Gießen vor⸗ bringen ließ, erſchöpft und zwar beinahe überall in enger Ver⸗ bindung mit der Geſchichte der Umgegend. Es konnte daher meiſt nur Aufgabe der jetzigen Bearbeitung ſein, das bereits Vorhandene an der Hand neuerer geſchichtlicher Beurtheilung und Auffaſſung und auf Grund genauerer Localkenntniß zu prüfen, nöthigenfalls zu berichtigen, weitere Schlüſſe daraus zu ziehen und es aus den wenigen ſpäter bekannt gewordenen Quellen zu vervollſtändigen. Dadurch wurde die theilweiſe Nothwendigkeit einer Kritik des Früheren und eines Eingehens in das geſammte im Zuſammenhang ſtehende Material herbei⸗ geführt und zu einem Verſuch der Ergänzung des Mangelnden durch möglichſt gerechtfertigte Vermuthungen aufgefordert, deren VIII Beſtätigung oder Verwerfung denn einem ſpäteren glücklichen Finder vollſtändigerer urkundlichen Beweiſe vorbehalten bleiben muß. Der Wunſch, über manche zweifelhafte Fragen möglichſte Gewißheit zu erhalten, machte es auch zuletzt noch erforderlich, auf das Erſcheinen einiger Quellenſammlungen, welche ſeit längerer Zeit erwartet werden konnte, namentlich des fünften Bandes der von Geheimenrath Baur in den Druck gegebenen Urkunden zur heſſiſchen Geſchichte, und der unter dem Titel: „Die vormaligen geiſtlichen Stifte im Großherzogthum Heſſen“ nunmehr vorliegenden Ueberſicht der wichtigſten Urkunden der Klöſter und Stifte der Provinzen Starkenburg und Oberheſſen von Hofrath Wagner, zu warten, um ſich zu überzeugen, ob ſich darin nichts für unſere Aufgabe Brauchbares finde. Leider war die Ausbeute nicht groß; was aber zu benutzen war, iſt nachgetragen worden. An bisher noch unbekannt geweſenen Urkunden konnte dieſem erſten Heft nichts beigegeben werden; Gudenus, Wenck, Baur und andere Quellenſammler haben bereits Alles, was der Verein aus der älteſten Zeit auffinden konnte, gebracht. Indeß konnte doch Einiges im Text berichtigt werden. Da es nun auch zu unangenehm iſt, die Belegſtellen, deren Ver⸗ gleichung oft nicht zu umgehen iſt, aus einer großen Anzahl von Quellenwerken, die nicht immer gleich zu Gebote ſtehen, nachzuſchlagen, ſo mußte es als zweckmäßig angeſehen werden, wenigſtens die erheblichen Stellen der betreffenden Urkunden im Auszug in einem Urkundenbuch anzuhängen. Es ſchließen ſich dieſe Auszüge an das Urkundenbuch an, welches die Stadt Gießen aus den von dem Verein geſammelten möglichſt cor⸗ recten Copien der Urkunden hat anfertigen laſſen. Darmſtadt, im Juli 1873. Dr. Kraft, Operappellations⸗ und Cafſations⸗Gerichts⸗Rath. Mit dieſem Vorwort fand ſich die nachfolgende ältere Ge⸗ ſchichte von Gießen von dem im 68. Jahre am 7. September 1874 verſtorbenen Verfaſſer im Manuſcript vollſtändig bearbeitet zurückgelaſſen vor. Der Verfaſſer, vom 16. October 1832 bis 7. September 1870 dem Hofgericht zu Gießen als Richter an— gehörend, hatte mit viel Liebe zur Sache inzwiſchen, wie nach dem Vorwort ſchon ſeine Vorgänger in dem zu Gießen be⸗ ſtandenen Localverein, die Materialien zu ſeiner Bearbeitung der Geſchichte von Gießen weiter geſammelt, nachher berufen zum Oberappellations⸗ und Caſſationsgerichtsrath in Darmſtadt und ſeit 30. Juli 1873 zum Präſidenten des Hofgerichts der Provinz Starkenburg ernannt, in ſeinen Mußeſtunden die Aus⸗ arbeitung in Bezug auf die ältere Geſchichte fertig geſtellt; die Bearbeitung der folgenden Geſchichte, ſeit dem Gießen an Heſſen gekommen, blieb durch den Tod ihm nicht mehr vergönnt. Der Ausſchuß des hiſtoriſchen Vereins hat jenes durch die Familie ihm übergebene Manuſcript in ehrendem Gedächtniß des Verfaſſers, eines treuen Mitgliedes des Vereins, durch den Druck ſeinen Freunden als ein theures Erinnerungszeichen zu übergeben beſchloſſen, und er erhält es hierbei unverſehrt in ſeinem Beſtande. In dem Urkundenbuch werden 3—8 nach den in dem Staatsarchiv verwahrten Originalen neu abgedruckt. Zur Ueberſicht ſind Inhaltsanzeige und Stammtafel bei⸗ gegeben. Darmſtadt, am 24. Auguſt 1875. Der präſident des hiſtoriſchen Vereins Draudt. — — — — — dEgESgA=SggVgSg S ☛̈ 90 dd S e o en v. So wr. 3 21. 22. 23. 24. 25. . Gauverhältniſſe. . Fortſetzung. . Grafen von Gleiberg. . Fortſetzung. . Fortſetzung. Inhalt. . Urzuſtand der Localität von Gießen und ſeiner nächſten lumngebung . Urbewohner der Gegend. Celten, Chatten.—. . Einfälle der Römer. . Völkerwanderung. Ehriſtenthum. Gaue . Marken der Gegend. Die drei ausgegangenen Dörfer Selters, nanbas und 1aſad „Fortſetzung(Kropba . Fortſetzung(Achſtadt) 7. .Andere Niederlaſſungen im Bezirk von Gießen. . Gemarkungen der ausgegangenen Orte.— Grafen des ſaliſch⸗konradiniſchen dauſs— Gleiberg . Graf Wilhelm von . Pfalzgraf Ulrich. . Gießen unter den Pfalzgrafen. ch) Gießen der Stadt, Rechte, Abgaben Regierung, Verfaſſung, Gerichtsbarkeit, Wappen Kirchliches. Gewerbe. Burgmannſchaft und Vaſallen Miniſterialen⸗Familien der Landwirthſchaft Die Stiftung von Schiffenberg Aufſchlüſſe durch die Stiftungs⸗Urkunden . Letzte Grafen von Gleiberg und ihre Nachiulges. . Entſtehung von Gießen. Gräfin Clementia Grafen vor und neben den Gleibergern.. Das Schloß, die Sur⸗ unfana von Gleiberg (1. v. Merenberg, 2. Hagen, 3. Hahe(Buſeck), 4. Cleen, 5. Göns, 6. Linden, Miniſterialen der Grafen Wilhelm und Otto 7. Rodheim, 8. Selters, 9. Garbenheim, 10. Wismar) von Gleiberg (11. Rufus— v. Queckborn, 12. v. Berſtadt, 13. Trohe, 14. Buſeck — Burkhardsfelden).. 3... Seite. 1 6 14 23 27 31 37 40 44 50 56 65 71 77 86 106 114 122 129 133 145 159 167 174 XII 26. Miniſterialen und Burgmannen der Pfalzgrafen von Tübingen, aus der Grafſchaft Gleiberg ſelbſt(15. v. Heuchelheim, 16. Wieſeck, 17. Leihgeſtern, 18. Hochelheim, 19. Lützellinden, 20. Hattenrod, Albach, 21. Güldener, 22. v. Eſchborn) . Miniſterialen aus von Gleiberg getrennten Diſtricten(23. Halber v. Cleberg, 24. v. Mörle, Cransberg, 25. Werdorf, 26. Schwal⸗ bach, 27. Elkerhauſen, Mudersbach, Heiger).—. .Miniſterialen aus der Comicia Rucheslo(28. v. Nordeck, 29. Milchling, 30. Rodenhauſen, 31. Fronhauſen, Michelbach, 32. Weitershauſen, Kinzenbach, 33. Lohr, Rollshauſen, 34. Roden⸗ ſtein zu Blankenſtein, v. Dernbach, Vetzberg) 29. Beſtandtheile der Grafſchaft Urkunden⸗Buch. 699999& § Q98& § 9& G G G Druckfehler. 7 Z. 16, 20, ſt. Baconis l. Bacenis. 9 Z. 12, ſt. Trais l. Treis. Not. 17, ſt. Bd. 4 S. 101 l. Bd. 1 S. 191. . 11 Not. 23, l. Achſtadt. . 25 Not. 11, ſt. Hass l. Hess, mon. Guelfic. 27 Z. 11, ſt. Waide l. Weide. 30 Not. 12, l. Frilinghofen(S. 132. 333). 37 Z. 10, ſt. wurden l. wurde. 41 Z. 6, ſt. Aſtenwegs l. Aſterwegs. Z. 24, ſt. ein l. im. 43, ſt. vffen l. vffm. 53 Not. 12, ſt. Urkundenbuch l. Gießer Copialbuch. 59 Z. 10, ſt. Anfang l. Umfang. 61 Z. 2, der Schlußpunkt zu löſchen und„die“ zu leſen. 83 Not. 22, l. Cothen. 104 Z. 4 v. u. nach„es“ l.„iſt“. . 126 Z. 1, nach Fraz ſ.„;“ nach Leihgeſtern ſ.„:“ Z. 4, l. Herrichen. Not. 13, ſt. S. 20 l. S. 19. 132 Not. 13, ſt. S. 233 l. S. 223. 154 Z. 25, ſt. die l. dies. 161 Z. 22, ſt. Zuwendung l. durch Zuwendungen. 176 Z. 13, I. Schiffenberg. 220 Z. 11, zw.„Fraz“ u.„von“ ſ.„„“ . 270 Z. 17, ſt. 1306 l. 1396. 281 3. 1, ſtreiche„durch“. Not. 5, ſt. Nr. l. S. 195. . 289 Z. 10, l. Werdinberg. . 304 Not. 56, ſt. 77 l. 177. . 333 Z. 1, l. universi. Z. 7, l. gravare. — — ͦ— — — 1 ——— Geſchichte von Gießen und der Umgegend unter den Grafen von Gleiberg und Pfalzgrafen von Tübingen. S. 1. Urzuſtand der Localität von Gießen und ſeiner nächſten Umgebung. Daß Gießen als bewohnter Ort erſt verhältnißmäßig ſpät in der Geſchichte auftritt, erklärt ſich ſchon aus ſeiner Lage und den Bodenverhältniſſen ſeiner Umgebung. Die Ebene, in welcher es zwiſchen Lahn und Wieſeck erbaut iſt, war in Urzeiten wahrſcheinlich ein Landſee, der ſich zwiſchen dem älteren Grauwackegebirg und der Baſalt⸗ Formation gebildet hatte.“) Nach Süden durch den vom Vogelsberg her bis an den Taunus(zwiſchen Butzbach und Polgöns) ſich erſtreckenden Landrücken und ſich daran ſchließende Kalklager von dem Wetterauer Becken abgeſchnitten, mögen ſich hier, wie oberhalb Odenhauſen und Friedelhauſen in einem oberen See, die Waſſer des Lahngebiets in einem zweiten geſammelt haben, bis ſie, gleich dem Rhein bei Bingen ¹) Die Lage von Gießen auf, der Grenze zweier geologiſch ſehr verſchie⸗ dener Boden⸗Arten, dem Hinterländer Schiefer⸗ und Vogelsberger Baſalt⸗Gebiet, veranlaßt in ſeiner Umgebung, ſcheint es, ſo viel In⸗ tereſſantes, daß eine genauere geologiſche Karte, der Umgegend, als ſie die auf die Generalſtabskarte gegründete des Großherzogthums enthal⸗ ten kann, wünſchenswerth ſein dürfte; dieſelbe würde bei dem zu⸗ nehmenden Bergbau der Lahngegend auch manchen practiſchen Nutzen gewähren.. 1 — 2— ſich durch die Grauwacke und Thonſchiefer-Schichten des Naſſauer Landes nach Weſten hin Bahn brachen. Von Oſten erſtreckten ſich vor der Vogelsberger Baſaltmaſſe her mächtige Sand⸗ und Thonlager, bis an das Schiefer- und Grauwackegevirg; zufolge einer der letzten mit dem Vogelsberg zuſammenhängenden Baſalt⸗Eruptionen im Norden von Gießen, dem Hangelſtein, hatte ſich durch das Zuſammentreffen der Strömungen des Lahn⸗ und Wieſeckgebiets in der Diluvialzeit ein bedeutender Hügel von Sand- und Grant-Geſchieben, der Rodberg aufgehäuft; ähnliche Ablagerungen waren auf der Oſtſeite am Trieb⸗ und Nahrungsberg über die Thonlager verbreitet und erſtreckten ſich bis auf die Schalſchieferſchichten am Seltersberg. Zwiſchen dieſen Hügeln und der Grauwacke des Hardbergs wenden ſich die beiden Flüſſe, die Lahn und die Wieſeck, in trägem Gang durch die flache Ebene, welche durch dieſelben häufigen Ueberſchwemmungen ausgeſetzt und deshalb keine Localität für menſchliche Niederlaſſungen war, wie denn auch der meiſt kieſige, ſandige oder thonige Boden der Umgebung des Thals kein zur Anrodung lockender, frucht⸗ barer war. Das Bett der Lahn*) war augenſcheinlich anfänglich ¹) Der Name des Lahnfluſſes wird auffallend ſpät erſt erwähnt, in römiſchen Schriftſtellern gar nicht; gewöhnlich nimmt man an, daß die in einem Gedicht des Venantius Fortunatus(lib. 7 carm. 7) aus dem 6. Jahrhundert vorkommenden Flüſſe Laugona& Bordoa ſich auf die Lahn und die Wohra beziehen;(Wenck heſſ. Geſchichte Bd. 2 S. 199 No. c.) wenigſtens paßt die Beſchreibung Laugona vitreis aquis auf die dem Glas der Alten ähnliche helle grünliche Farbe des Fluſſes(fie geſtattet vielleicht eine Herleitung von Lauch⸗ grün); die Flußbezeichnung aha am Ende iſt wie bei vielen Flüſſe⸗ namen ſpäter verſchwunden. In ſpäterer Zeit heißt der Fluß Logana, Loyne, Lohn und der Lahngau Loganahe, Logenehe, Logengouwe. (Vgl. Friedemann, die urkundlichen Formen des Namens der Lahn im Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 6 S. 419 ff.) Wenn der Geo⸗- graphus Ravennas im 7. Jahrhundert als Flüſſe der rheiniſchen Franken neben der Nida eine Locna nennt, ſo hat er wohl den Namen Logena contrahirt oder ſtch verleſen oder verſchrieben und den auf der Weſtſeite des Thals in den Alluvialboden deſſelben eingeriſſen und hatte dort die Geſteine des Hardbergs ab⸗ geſchält und blosgelegt, bis die Auffüllungen der Alluvionen des Gleibach⸗-, Kropbach⸗ und Bieberthals es auf die linke Seite drängten. Man kann ſeinen Zug noch nach dem Lauf der Wieſen von der Gießener Gemarkungsgränze bei Lautes⸗ bach über den Krofdorfer Weg, die Laufertsroder Wieſen, dem Hardberg entlang, vom Textor'ſchen Felſenkeller über die Heuchelheimer Chauſſee nach der Wolfsfurt und dem Heßler verfolgen. Noch in hiſtoriſcher Zeit muß dort ein Lahnbett beſtanden haben; denn die alte Gemarkungsgrenze zwiſchen Gießen und dem ausgegangenen Orte Kropbach und damit zwiſchen der alten Grafſchaft Gießen und dem gemeinen Land an der Lahn zog dieſer Linie nach und war bis in die neuere Zeit durch die Gießener Landwehr bezeichnet. Das Hauptthal der Lahn war durch die ſtärkeren Allu⸗ vionen derſelben höher und trockner geworden, als das Neben⸗ thal der Wieſeck;²) vom Rodberg über das Gartenfeld und Fluß Loina nennen wollen.(Dilthey das Gebiet des Großh. Heſſen z. Zeit der Völkerwanderung im Archiv für d. Geſchichte v. Heſſen Bd. 6 S. 381.) Die Conjectur des Profeſſor Börſch in Hanau, im Venantius Fortunatus ſtatt Bordaa„Durdana“ und ſtatt Laugona „Sequana“ zu leſen,(Ueber die Laugona und Bordaa des Venantius Fortunatus, Gymnaſ. Programm v. 1839 S. 28) geht doch wohl im Verſuche einer Text⸗Kritik zu weit und zwingende Gründe, die Niederlage eines ſächſiſchen Heerhaufens einem Führer auſtraſiſcher Franken zu Zeiten König Siegberts gegenüber ſtatt nach Heſſen an die Seine zu verlegen, liegen gerade nicht vor; ſelbſt die Bezeichnung der Wohra als Fluvius, qui sinuoso gurgite ruit, paßt heute noch und an der Mündung der Ohm in die Lahn in der Nähe von Kölbe könnten die bei der Wohra weſtlich in die Engpäſſe zurückgeſchlagenen Feinde auch jetzt noch bei irgend größerem Waſſerſtand maſſenweiſe 2 ertrinken. Daß der Name Lan ſoviel als Waſſer bedeute, wird auch von Schmidt, Geſchichte des Großherzogth. Heſſen Bd. 1 S. 191 als unerwieſen erkannt. ³) Daſſelbe enthält darum auch jetzt nur Ackerland, mit Ausnahme der Stellen, welche aus altem Lahnbett entſtanden ſind, das Wieſeckthal dagegen nur Wieſen. 1* — 1— den Hamm ſich bis an den Seltersberg erſtreckend, dämmten dieſe höheren Anſchwemmungen die Waſſer der Wieſeck zurück, wodurch von der Grenze des Buſeckerthals und vom Stadt⸗ und Herrnwald her ein großer Sumpf entſtehen mußte, der ſich in den Wieſen des Wieſengrundes und in den Bruch⸗ wieſen noch jetzt durch ſeinen ſchwarzen, torfhaltigen oder von vermoderten Pflanzenreſten durchdrungenen Boden erken⸗ nen läßt. Zunächſt am Rodberg erſtreckte ſich derſelbe über die Marburger Straße hinaus bis in die Nähe der Lahn am Sand und bei der ſchwarzen Lache. Weiter entfernt vom Rod⸗ berg breiteten ſich dieſe Anſchwemmungen mehr öſtlich in den Moorgrund des Wieſeckthals aus, während ſie näher der Mündung der Wieſeck von dem ſtärkeren Zug derſelben leichter mitgenommen werden konnten. Durch die aus dem Moor entſtandenen ſumpfigen Wieſen floß die Wieſeck zwiſchen der jetzigen Burg⸗ und Stadtwieſe, über die Gänsäcker und den botaniſchen Garten nach der alten Kanzlei, von da dem inne⸗ ren Stadtgraben nach zwiſchen den neuen Bäuen und der Ringmauer, durch die Sonne, über das Kreuz nach der Mühl⸗ gaſſe und von da nach dem Seltersberg und berührte von der Kanzlei an die höhere Fläche der Lahnalluvionen, ſie von den ſumpfigen Wieſen ſcheidend. Wiewöhl dieſe Stelle, auf welcher Burg und Altſtadt Gießen entſtanden, etwas höher gelegen war, als die Wieſeck⸗ Niederung(die Fläche der alten Stadt innerhalb der ehe⸗ maligen Ringmauer liegt gegen 8 Fuß höher als ihre Um⸗ gebung ¹), ſo war doch auch ſie allen, ſich jährlich öfter ⁴) Es bleibt allerdings zweifelhaft, ob die Erhöhung, die von der durch die Ringmauer bezeichneten alten Stadt eingenommen wird, eine künſtliche iſt, theilweiſe hat ſich auch der Boden der Stadt im Lauf der Jahrhunderte gehoben; indeß liegt das Gebiet der Lahn⸗ alluvion überhaupt höher als die Wieſen des Wieſeckthals, wie an den Grenzen des Ackerlands und der Wieſen z. B. zwiſchen der Marburger Chauſſee und ſchwarzen Lach und ſonſten zu ſehen iſt, — 5— wiederholenden Ueberſchwemmungen der beiden Flüſſe aus⸗ geſetzts') und deshalb zu einer dauernden Wohnſtätte nicht geeignet. Sie mochte ſelbſt zu Pfahlbauten nicht paſſend ſein, da der Moraſt des Wieſeckgrundes im Sommer ziemlich aus⸗ getrocknet ſein wird. Man hat daher auch noch keine Spur von ſolchen gefunden. Zwar erzählt der Gießener Profeſſor und Superintendent Liebknecht in ſeiner Schrift„Hassiae subterraneae specimen“ pag. 136: es ſeien im Jahr 1709 beim Graben eines Kellers zu einem neuen Hauſe in der Mitte der Stadt ſehr große und aſtige Baumſtämme in der Erde gefunden worden, welche man, weil ſie in ihrer ganzen Größe den Bauplatz beinahe eingenommen hätten, habe ab⸗ hauen müſſen, und wirft dabei mit Rückſicht auf ihre Länge, Dicke und Feſtigkeit den Zweifel auf, ob ſie nicht bei der erſten Erbauung der Stadt zur Befeſtigung der Fundamente herbeigeſchafft worden ſeien; allein er erklärt ſich doch ſchließ⸗ lich ſelbſt dafür, daß ſie eher durch die Fluthen der Lahn in dem Alluvialboden angeſchwemmt worden ſein möchten, was ſich aus ihrer Lage, ſowie aus dem Umſtande, daß die Aeſte noch an den Stämmen befindlich waren, leicht mußte beur⸗ theilen laſſen. Es enthält aber dieſer Boden in der Gegend von Gießen, wie dies Liebnecht a. a. O. pag. 51 ſelbſt bezeugt, viele ſolche angeſchwemmten Stämme, die ſich bei Uferbrüchen der Lahn im Heßler und Eingrabungen noch häufig finden; dieſelben ſind, wie auch Liebknecht mittheilt, ſchwarz wie Eben— holz und laſſen ſich zu Möbeln verarbeiten. Ihre Auffindung im Boden von Gießen iſt daher nicht von einer künſtlichen Verwendung ſolcher Stämme zu erklären. und wenn der Boden der Stadt künſtlich in dem Sumpf aufgetragen worden wäre, müßte man die Vertiefung, die dadurch entſtanden, finden. ³) Noch im 16. und 17. Jahrhundert ſtand ſelbſt der Marktplatz manch⸗ mal unter Waſſer. §. 2. Urbewohner der Gegend, Celten, Chatten. Von den erſten Bewohnern unſerer Gegend, als welche wir vor der germaniſchen Einwanderung die Celten anſprechen müſſen,¹) finden ſich keine Spuren weiter, als alte Stein⸗ waffen, welche in der Umgegend vielleicht häufiger als in irgend einer andern gefunden und von den Landleuten unter dem Namen Donnerkeile aufbewahrt wurden; ²) die Zahl die⸗ ſer Funde ſpricht für eine ſehr frühe Cultur der Gegend des Lahnthals. Die Gräber, welche ſich in der Gegend von Gießen häufig finden, enthalten dagegen ſolche Steinwaffen nicht, ſondern Gegenſtände von Bronce und mitunter von Eiſen;²) man wird ſie daher nicht für celtiſchen Urſprungs, ſondern eher für germaniſche halten müſſen. Die deutſchen Bewohner der Gegend waren ſtets die Chatten(Hatten, Haſſen), der von den Römern als der tapferſte und tüchtigſte anerkannte Volksſtamm der Germanen. 4) Wenn man darunter einen urſprünglichen Bund einzelner Stämme, der ſeinen Namen vielleicht von ſeiner Beſchäftigung mit der Jagd(Hatze, chasse) herleitete, verſtehen kann und den Stamm der Batten, die auf die nach ihnen benannten bataviſchen Auen auswanderten,*) an die Eder, die Matten, welche wohl aus der Gegend von Mattium, der Hauptſtadt des Landes, hinter der Eder gelegen, in die Wetterau und den Rheingau zogen,*) als einzelne Stämme derſelben kennen Ph. Dieffenbach zur Urgeſchichte der Wetterau, im Auhin für heſſ. Geſchichte Bd. 4 Heft 1 S. 24. ²) Der verſtorbene Candidat Bernbeck hatte deren, meiſt aus hieſiger Gegend, mehr als 100 geſammelt, welche größtentheils in das Muſeum zu Wiesbaden Tonman ſind. Siehe unten§. 2 4) Tacitus de situ, moribus et populis Germaniae cap. 30 und 31. ⁵) Tacitus I. c. cap. 29 Cattorum quondam populus et seditione domestica in eas sedes transgressus. Battenberg und Battenfeld ſollen noch an ſie erinnern. 6) Tacitus l. c. cap. 29 Mattiaci iſt romaniſirt. — 7 lernt, bleiben für Oberheſſen die Chatten im eigentlichen Sinn auf ihren alten Wohnſitzen.*) Darüber iſt man einig, daß Cäſar ſie unter dem großen Völkerbund der Sueven begreift und ihre Sitze auch in unſere Gegend verlegt²); auch paßt was er von der Tapferkeit und Lebensweiſe der Sneven ſagt, vollkommen auf das, was einige Jahrhundert ſpäter Tacitus von den Chatten rühmt.*) Wenn man die Stelle des wiederholten Uebergangs Cäſars über den Rhein mit Recht unterhalb Coblenz verlegt,**) wo er die Ubier und an der Sieg wohnenden Sigambrer vor ſich hatte, und berück⸗ ſichtigt, daß ſeiner Mittheilung nach die Sueven zur Zeit der zweiten Ueberbrückung hinter einer weithin verwüſteten, gegen die Sigambrer gerichteten Grenzſtrecke, alſo hinter dem gebir⸗ gigen Land zwiſchen Taunus, Weſterwald und dem Rothhaar⸗ Gebirg, an den äußerſten Grenzen ihrer Wohnſitze vor dem unermeßlichen Wald Baconis, der ſie von den nordöſtlich wohnenden Cherusker trennte, mit ihrem Heere ſeines Angriffs (von dem Rhein und der unteren Sieg her) harrten, ſo muß man ihre Stellung nach dieſer Beſchreibung in unſerer Gegend ſuchen. Denn dieſer Wald Baconis kann doch wohl nur der buchoniſche Wald, ein Theil des großen hercyniſchen ſein, der nach Cäſars übertriebenen Ideen 60 Tagereiſen lang war ¹⁴), und von dem Tacitus anführt, daß er ſeine Chatten begleite und mit ihnen(in die Ebene, die Wetterau) ²) Ein eigener Stamm der Lahngauer, läßt ſich aus einem in viel ſpäterer Zeit(739) vom Papſt Gregor an Bonifacius gerichteten Schreiben, welches neben den Heſſen Lognai und Borthari nennt, worunter man allerdings Bewohner der Lahn⸗ und Wohra⸗Gegend zu verſtehen hat, wohl nicht herleiten, da die Bezeichnung ſchon in die Zeit der vorhandenen Gaubenennungen fällt.(Wenck und Friede⸗ mann a. a. O.) ⁸) Wenck a. a. O. S. 20. Rommel Geſchichte von Heſſen Theil 1 S. 8. 9) Jul. Caesar de bello Gall. lib. 6. cap. 9 seq. 1¹⁰) Rommel a. a. O. Thl. 1. S. 9. 11) Caesar l. c. lib. 6. cap. 25. — 3— abfalle, ¹²³) daher die Gebirge öſtlich der chattiſchen Wohnſitze, der ſüdliche Harz, Meißner, die Rhön und der Vogelsberg bis zum Speſſart darunter begriffen ſein müſſen. Der Vogelsberg gehörte aber zum buchoniſchen Wald, der zu Bonifacius Zeiten noch ganz geſchloſſen und unbewohnt war und ſich ſpäter noch bis nach Hachborn im Ebsdorfer Grund erſtreckte.*) Vor dieſem zuſammenhängenden Walde weſtlich her waren die Wohnſitze der Chatten in einem hügeligen, nicht ſo flachen und ſumpfigen Land wie das nördliche Deutſchland, das ſich all⸗ mählich abflacht,*) alſo in der Wetterau(in welche die Mat⸗ tiaker zogen), im oberen und unteren Lahnthal und an der Eder. ¹³) Nirgends ging der buchoniſche Wald weiter nach Weſten hin als gerade hier, wo der große Wieſecker Forſt noch im zwölften Jahrhundert mit dem bewaldeten Vogelsberg zuſammenhing und wenn die Sueven oder Chatten am Rand ihrer cultivirten Wohnſitze und am Anfang dieſes Waldes auf den von dem Rhein unterhalb Coblenz her drohenden Cäſar war⸗ ten wollten, ſo werden wir dadurch in unſere Gegend gewieſen. ¹⁸) ¹²) Cattos suos saltus Hercynius prosequitur simul atque deponit (Germania cap. 30.) ¹3) Schmidt a. a. O. Thl. 1. S. 166. ¹4) Tacitus l. c. Ultra hos(Mattiacos) Catti initium sedis ab Her- eynio saltu inchoant, non ita effusis ac palustribus locis ut ceterae civitates, in quas Germania patescit; durant siquidem colles paulatimque rarescunt. Deutſchmann, die Kriegszüge des Druſus, im Archiv f. heſſ. Geſchichte Bd. 2. Heft 3. No. 29. Eine gedecktere Stellung für das ſueviſche Heer vor dieſem Wald, als auf dem Trieb und Nahrungsberg, wo gegen den anrückenden Feind das Lahn⸗ und Wieſeckthal mit deſſen Sümpfen ſowie den an dem Bruchbach hinaufziehenden das Centrum und beide Flügel deckte war in dieſer Gegend wohl nicht zu ſinden. Ob hiermit die vielen Grabhügel, die im Philoſophenwald bei der Licher Chauſſee und bei der ſogen. Eulenburg zu finden find und der kleine Ringwall auf dieſer in Verbindung zu bringen ſind, muß man dahin geſtellt ſein laſſen. 15 — 16 — — 9— Gegen die von den Römern am Rhein und Main und der zuerſt beſetzten offenen Wetterau her drohende Gefahr legten wohl die Chatten ihre Burgen durch Umwallung der Bergkuppen an. Wie der Altkönig und Hausberg war auch der Dünsberg“) auf ſeiner gegen das offene Lahnthal gerichteten Seite mit einem doppelten, von innen nach außen geworfenen Ringwall befeſtigt; auf ſeiner Nordſeite um eine Quelle befand ſich wie am Altkönig eine Lagerſtätte im Viereck umwallt. Noch findet man die Beweiſe, daß dieſe Burgen unſeren Altvordern zum längeren Aufenthalt dienten.*) Aehnliche Ringwälle zeigen der Hunenſtein auf den Albergen bei Gladenbach, der Todtenberg bei Trais a. d. L., die Alten⸗ burg bei Schotten und die Glauburg bei Glauberg. ¹°) Daß kleinere Hügel mit Wachtpoſten beſetzt waren, läßt ſich wohl denken, obwohl Beweiſe dafür fehlen; namentlich wird ſich der Hüttenberg bei Langgöns, von dem das Gericht der Umgegend bis Gießen hin den Namen trug, wohl nicht als ein mons custodiae rechtfertigen laſſen. ²⁰) ¹7) Im Dünsberg mit Ayrmann Dissert. de Montis Tauni situ 1723 den Mons Taunus der Römer und in ſeinen Ringwällen das von Druſus darauf erbaute Kaſtell zu finden, verräth Uubekanntſchaft mit der ſehr verſchiedenen Befeſtigungsweiſe der Römer und Deutſchen. Nur darin mag er Recht haben, daß der Dünsberg und Taunus denſelben celtiſchen Namen(von Tun, Düne, Höhe) führten, was wenigſtens eher anzuerkennen iſt, als ihn von einem Eigennamen Düno mit Schmidt(heſſ. Geſchichte Bd. 4 S. 101) herzuleiten. ¹1s) Der verſtorbene Reallehrer Dickore fand vor etwa 10 Jahren am Dünsbergs⸗Wall den oberen Theil(Läufer) einer Handmühle, der in das Muſeum in Darmſtadt gekommen iſt. ¹8) Dieffenbach im Archiv für heſſ. Geſchichte, Bd. 4 Heft 2. Nr. 2. S. 11. Zur Urgeſchichte der Wetterau a. a. O. S. 43 ff. Daß auch der Altenberg bei Hohenſolms, der Weddeberg bei Gleiberg und der Altenberg bei Ruttershauſen a. d. L. altdeutſche Ringwälle trugen, läßt ſich wohl nicht behaupten; der erſtere enthält die zerſtörte erſte Anlage von Hohenſolms, der Weddeberg den Wall um ein an⸗ gefangenes ehemaliges Vorwerk der Burg Gleiberg und der letzte war nur als mittelalterliche Burganlage ummauert. 2⁰) Von Zangen in Juſti's Denkwürdigkeiten Thl. 4 S. 370 und nach — 10— Wie auf den Höhen hatten die Germanen auch in Sümpfen ihre Zufluchtsorte für den Fall feindlicher Ueber⸗ fälle; eine ſolche Bergeſtätte mag die von den Sümpfen des Wieſeckthals größtentheils umſchloſſene flache Erhöhung, auf welcher Gießen ſpäter entſtand, leicht geweſen ſein. Wenigſtens ſpricht die Auffindung eines Bildes von Bronce, welches einen Sueven oder Chatten vorſtellen ſoll und mit einem Ring, durch welches es auf eine Stange befeſtigt werden konnte, verſehen iſt, die bei einer im Jahr 1822 vorgenomme⸗ nen Erweiterung des Stadtgrabens Statt fand, ²²) dafür, daß hier ein temporärer Aufenthalt der Chatten geweſen ſein mag, ohne daß man daraus gerade einen heiligen Hain für Götterverehrung herleiten kann, ²²) wozu ſich am wenigſten der Name von Gießen benutzen läßt.*³⁴) Daß die Sage die ihm Abicht, der Kreis Wetzlar 1836. Thl. 1 S. 19 führen dieſen Namen an, ohne ihn aber urkundlich zu belegen. Die Locglität ſelbſt bietet keinerlei Anhaltspunkt dafür, auch nicht für eine Niederlaſſung, ſowenig als der Hausberg, der mit ſeinem Ringwall nur einen Zu⸗ fluchtsort zur temporären Vertheidigung bildete, aber wohl nie dauernd dewohnt wurde, weshalb auch die Herleitung, die Schmidt, heſſ. Geſchichte Thl. 1. S. 242. verſucht, nicht haltbar zu ſein ſcheint. Wenn Weigand im Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 7. S. 307. den Namen des Hüttenbergs von einem Eigennamen Hitto herleitet, ſo bedarf es noch des Beweiſes der Richtigkeit, da der Wald und Berg doch noch Gönſer und Cleener Mark war, überhaupt aber die Berge und Wälder nicht leicht ihre Namen von Perſonen entlehnen, da ſie ſelten oder nie im Privateigenthum ſtanden, ſondern den Mark⸗ genoſſen gemeinſchaftlich waren. ²1) Nebel Geſchichte der Univerſität Gießen S 5. Wagner topogr. Be⸗ ſchreibung des Großherzogthums Heſſen Bd. 3. S. 89. ²2) Es iſt überhaupt von deutſchen Götterbildern nur mit Vorſicht zu reden, da es ſcheint, als hätten ſie ſolche nicht beſeſſen.(Tacitus Germania c. 9. Lucos ac nemora consecrant deorumque nomini- bus appellant secretum illud, quod sola reverentia vident.) 23) Ayrmann in Retters heſſiſchen Nachrichten Samml. 2. S. 74 und Nebel Geſchichte der Stadt Gießen in Juſti's Denkwürdigkeiten wol⸗ len den Namen mit Götzen, Geiſen in Verbindung bringen. Wie vorſichtig man bei Herleitung aus Namen ſein muß, beweiſt der — 11— Lahn mit Nixen bevölkert, daß auffallende Felſengebilde, wie die Teufelskanzel, Namen von böſen Geiſtern entlehnen,*) entſpricht der Volksgewohnheit, ebenſo wie dieſelbe in alten Wohnſtätten, wie in Dünsberg, Schätze vermuthet, zeigt aber darum weder heidniſche Opferſtätten noch andere religiöſe Beziehungen. ²⁵) Die friedlichen Niederlaſſungen der Chatten beſtanden, wie die der alten Deutſchen überhaupt, in einzelnen Gehöften, angelegt, wo eine Quelle, gutes Bauland, ein ſchützender Hain zur Anſiedlung einlud.²*) Eine ſolche einladende Stelle bot die Lage von Gießen nicht und es iſt daher unwahrſcheinlich, daß früher ein Dorf oder irgend eine Niederlaſſung vorhan⸗ den war,**¹) wiewohl die Gegend doch ſchon früh der Cultur übergeben war. Die einzigen Ueberreſte der alten chattiſchen Bevölkerung ſind die Gräber, die ſich in der Umgegend von Gießen wohl häufiger als ſonſt wo finden. Es iſt natür⸗ lich, daß ſie nur noch in Waldungen und auf Haiden übrig geblieben ſind; an anderen Orten hat ſie der Pflug verwiſcht. Die bedeutendſten Stellen, wo ſich dieſe ſogenannten Hünen- gräber finden, ſind: 1) im oberen Theil des Philoſophenwalds, links des alten Wegs nach Rödchen; dieſelben ſind ſchon zu Zeiten des Superintendenten Liebknecht im Jahr 1718 unterſucht worden Verſuch den Aſterweg von der Göttin Oſtara zu deriviren.(Noack a. Note 24 cit. Ort), während er den Namen von Achſtedt erhielt. (ſ.§. 8.) 2⁴) Wolf heſſiſche Sagen 1853. S. 126. 130. ²⁵) Noack, Localitäten von urzeitlicher Bedeutung im Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 10. Heft 3. Nr. IX. S. 268 ff. ſucht ſie auf dem Kernberg bei Annerod, auf der Teufelskanzel und dem Hangelſtein; es mangelt indeß doch jeder ſichrer Auhaltspunct. ²6) Tacitus l. c. cap. 16. Colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit. ²⁷) Schmidt, Geſchichte des Großherzogth. Heſſen Thl. 1. S. 236. — 12— und es fanden ſich darin roh gearbeitete Urnen, mit Aſche, angebliche Pfeilerſpitzen u. ſ. w.; ²⁸) 2) hinter der ſog. Eulenburg rechts vom alten Rödcher Weg im Stadtwald; 3) rechts der Chauſſee nach Lich im vorderen Stadt⸗ wald; 4) im Herrenwald links des Steinberger Wegs; 5) in der Lindner Mark vorn an der herrſchaftlichen Heege des Großenlinder Theils. Hier befinden ſich vielleicht 50 Grabhügel, wie gewöhnlich ohne alle Ordnung zerſtreut. Dieſelben ſind zum Theil im Jahr 1866 vom hiſtoriſchen Verein unterſucht worden. ²*) Wie öfter der Fall, waren theils Urnen(in einem Grabe 5 in einer Reihe), theils nur Aſche und Knochenreſte ohne Urnen, theils Gerippe in den Grabhügeln. ⁵³⁰) Intereſſant war ein, ſpäter von den Arbeitern des Bergwerksbeſitzers E. W. Fernie vollſtändig abgehobenes Grab, in welchem drei Gerippe unter einer Steindecke lagen, von denen eines einen gewundenen Kopfriug(torques), zwei einen kronenartigen Kopfputz(Haarring) von Bronce trugen; broncene Schulter⸗ und Armringe, Buckeln(wie es ſchien eines Wehr⸗ gehänges) und eine Waffe von Eiſen fanden ſich dabei. ²¹) 28) Liebknecht Hassia subterranea pag. 140. J. Weber Sentiments von den im Philoſophiſchen Wäldchen eruirten Urnis. Gießen 1719. ²⁰) Nachricht davon im Archiv für Geſchichte d. Großh. Heſſen Bd. 11. S. 439 von dem damaligen Vorſitzenden des hiſtoriſchen Localvereins für Gießen und Umgegend, dem leider zu früh verſtorbenen Hof⸗ gerichtsrath Karl von Krug. 30) Vogel, Beſchreibung von Naſſau S. 132. Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 2. S. 366. Es iſt wohl nicht anzunehmen, daß verſchiedene Volksſtämme nach verſchiedenen Sitten, etwa nach einem Kampf, ihre Stammesglieder zuſammenbeerdigt haben, ſondern daß in dem⸗ ſelben Volke verſchiedene Beerdigungsarten gewöhnlich waren. Tacitus Germania(cap. 27) führt nur von angeſehenen Männern an, daß ſie verbrannt worden; andere können alſo wohl einfach beerdigt wor⸗ den ſein. ³1) Die Stelle der herrſchaftlichen Heege in der Nähe dieſer Gräber heißt Günthers Grab; der Name ſoll aber von einer vor ca. 70— 80 —+/—˖ — 135— 6) Im Lützellinder Theil der Lindner Mark, im Diſtrict Bärenpfuhl ſind mehrere Hünengräber; ſie wurden theils von Pfarrer Abicht in Hochelheim, theils von Profeſſor Ph. Dieffen⸗ bach im Auftrag des hiſtoriſchen Vereins im Jahr 1844 geöffnet; es fanden ſich theils Urnen, theils Gerippe, mehrere broncene Gegenſtände und ein eiſernes Meſſer. ³²) 7) Auf der Anneröder Haide iſt eine Anzahl Grabhügel zum Theil beim Chauſſeebau durchſchnitten worden, ohne etwas Weiteres als Bronce⸗Gegenſtände und Aſche zu liefern. ²¹) 8) Hinter Altenbuſeck am Wege nach Klimbach ſind ver⸗ ſchiedene Grabhügel, wie es ſcheint, noch nicht näher unter⸗ ſucht. 9) Bei dem Hof Heibertshauſen im Diſtrict Diſtler wurden ums Jahr 1847 mehrere aufgegraben, worin ſich Urnen und Armringe befanden, welche in das fürſtliche Muſeum zu Braunfels gekommen ſind. ³⁴) Dieſe Grabmäler ſind alle für germaniſchen Urſprungs anzuſprechen; ihn in älterer Zeit zu ſuchen verbieten die mehrfach darin vorkommenden Eiſengeräthe und römiſch ſind dieſelben nicht; ſie werden alſo unſeren heſſiſchen Altvordern zuzuſchreiben ſein. ⁵) Daß ſie Kampfſtätten derſelben bezeichneten, in denen die Chatten als Sieger ihre Gefallenen auf der Wahlſtatt ehren⸗ Jahren vom Regiſtrator Günther dort gemachten Anlage herrühren; auffallender Weiſe heißt auch ein Gewann in der alten Selterſer Gemarkung ſchon im 15. Jahrhundert unter dem Günthers Graben. ³²) Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 5. No. 4. S. 13 ff. ³3) Dieffenbach Urgeſchichte d. Wetterau a. a. O. S. 82. *⁴) Eine intereſſante Grabſtätte bei Nauenheim g. d. L. enthält theils römiſche, theils fränkiſche Gräber(S. Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 10. S. 447). Sonſt fehlt es auf der rechten Lahnſeite an Hünen⸗ gräbern. ³⁵) Man will die Gräber der hier vorkommenden Art in neuerer Zeit für älter als die unterſtellte germaniſche Einwanderung halten; das Vorkommen von Eiſengeräthen ſpricht aber dagegen und überdies fehlten dann durchaus die vorchriſtlichen deutſchen Gräber. 11— voll beerdigt hätten, läßt ſich nicht gerade als gewiß annehmen; es können ebenſowohl die Bewohner der Niederlaſſungen in den benachbarten Hainen, wo man das Holz zu den Scheiter⸗ haufen zur Hand hatte, verbrannt und die zum Theil hohen Hügel über ihrer Aſche aufgehäuft worden ſein. 8. 3. Einfälle der Römer. Die Tactik der Römer zum Zweck der Eroberung Deutſch⸗ lands mußte dahin gehen, von der Baſis des Rheins aus im Centrum gegen die zunächſt mit ihnen in Colliſion gerathenen Sigambrer, Tenchtherer und Uſipeter am Unterrhein, vom linken Flügel, wo die befreundeten Bataver Stütze gewährten, über die See von der Ems her durch das Land der Bructerer und vom rechten Flügel her über die Wetterau, um den Taunus herum, durch das Chattenland in das Innere von Deutſchland einzudringen; denn von der Donau und dem längſt eroberten Helvetien aus konnte es ihnen dann nicht ſchwer fallen, das ſüdliche Deutſchland bis an den Main ſich zu unterwerfen.) Die Züge vom Mittelrhein und insbeſon⸗ dere von dem von Druſus befeſtigten Moguntia aus führten alſo immer in nnſere Gegend. Von dem erſten Feldzug des Druſus gegen die Chatten wiſſen wir wenig; er ging ohne Zweifel von dem bereits nach dem zweiten Einfall deſſelben in Deutſchland an ihrer Grenze auf dem Taunus errichteten Castrum Arctaunum(aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach der Saalburg ²) bei Homburg vor der Höhe), aus und war für die Römer glücklich,(10 Jahre vor Chr.) ¹) So zog Druſus und nach ihmy des Vaters Spuren folgend, ſein Sohn Germanicus, wie es ſcheint, die einzigen römiſchen Feldherrn, die ordentliche Feldzugspläne zum Zweck der Eroberung des Landes verfolgten; ſpätere römiſche Heere beſchränkten ſich meiſt mehr auf auf vorübergehende Einfälle und Angriffe diesſeits des Rheins und Pfahlgrabens. 2) Deutſchmann a. a. O. Archiv für heſſ. Geſchichte Thl. 2. S. 577. * — 15— Doch vermochten ſie wohl nur in dem ſüdlichen, von den Mattiakern bewohnten Gebiet, der Wetterau, ſich feſtzuſetzen und daſſelbe durch einen limes zu ſchützen, welcher ſich in dem noch theilweiſe erhaltenen Pfahlgraben wieder findet.*) Erſt im folgenden Jahre gelang es Druſus, der abermals vom Taunus aus gegen die Chatten zog, dieſelben dauernd zu unterwerfen; die ſchweren Schlachten, deren dies bedurfte, müſſen zum Theil in unſere Gegend geſetzt werden. Nachdem Druſus auch den Hercyniſchen Wald(den Vogelsberg und Speſſart) vom Chattenland aus durchzogen, die Marcomannen(im Franken⸗ land) beſiegt und Donau und Main mit einer weiteren Be⸗ feſtigung(der Teufelsmauer) verbunden hatte, und dann von Aliſo(an der Lippe) aus über die Weſer gegen die Cherusker bis zur ſächſiſchen Saale vorgedrungen, auf dem Rückzug nach dem Pfahlgraben aber vom Pferde geſtürzt war“), endete er ſein Leben im Sommerlager⁰) im Chattenland, von wo ſeine Leiche nach Mainz gebracht wurde. Da die alte Römerſtraße von Mainz über Heddernheim und Friedberg in das Grenz— Caſtrum, die Heuneburg bei Butzbach, ging, ſo iſt dieſes Er⸗ eigniß abermals in unſere Gegend zu verweiſen; aber Spuren jenes Castra scelerata benannten Lagers ſind in unſerer Gegend mit einiger Sicherheit nicht zu finden.*) Nachdem Deutſchland unter Hermanns Führung durch die Niederlage des Varus im Teutoburger Wald von römiſcher Unterdrückung befreit worden war, betrat zuerſt Germani⸗ cus(15 Jahre nach Chr.) wieder das Chattenland und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß er bei uns Spuren römiſcher Thatkraft zurückgelaſſen hat. ³) Rommel, heſſ. Geſch. Thl. 1. S. 11. Anm. 24. 4) Deutſchmann a. a. O. S. 578— 585. *) Suetonius, Claudius cap. 1. *) Die castra scelerata müſſen zwiſchen der ſächſiſchen Saale und Mainz, alſo in Heſſen, geſucht werden; die Entfernung von 200 röm. Meilen, die Tiberius in 24 Stunden vom Rhein aus durch ruhige deutſche Länder geritten ſein ſoll, geben keinen ſicheren Maasſtab. — 16— Nach der Erzählung des Tacitus“) ging Germanicus, durch Zwiſt zwiſchen Armin und Segeſt beranlaßt, mit 4 Legionen und 10,000 Mann Hülfstruppen über den Rhein, ſtellte zunächſt das Kaſtell auf dem Taunus auf den Trüm⸗ mern des von ſeinem Vater errichteten her und überfiel von da mit erleichtertem Heer die Chatten, die keine Feindſelig⸗ keiten erwarteten. Er ließ auf ſeinem Zug den L. Apronius zurück, um feſte Wege und Brücken anzulegen,(ad munitiones viarum et fluminum), weil er, wie ſelten, die Flüſſe zufolge eingetretener Trockenheit nur mäßig waſſerreich fand, und des⸗ halb ſeinen Zug beeilen konnte, aber auf dem Rückzug Regen und das Wachſen der Flüſſe befürchtete. Er fand keinen Widerſtand bis zur Eder und konnte daher die Altersſchwachen und Weiber gefangen nehmen oder niederhauen laſſen. Die junge Mannſchaft ſuchte ihm den Uebergang über die Eder ſtreitig zu machen, er ſetzte aber den Brückenbau durch, ver⸗ brannte Mattium, den Hauptſitz des Stammes, und kehrte, nachdem er das offene Land verwüſtet, da die Chatten ſich aus ihren Dörfern und Höfen in die Wälder geflüchtet hatten, zum Rhein zurück.*) Dieſer Streifzug von dem Kaſtell am Taunus nach der Eder, auf welchem nur das cultivirte Land der Chatten berührt, der dichte Wald vermieden wurde, führte ſicher durch unſrre Gegend. Da ſich die Römer früher ſchon in der fruchtbaren Wetterau feſtgeſetzt hatten, ſo blieb das Naſſauer Land und das gebirgige Hinterland auf der linken, der waldige Vogelsberg und die Berggegend des Knöll zwiſchen Ziegenhain, Homberg in Heſſen und der Fulda auf der rech⸗ Spuren römiſcher Lagen diesſeits d. h. nördlich des Pfahlgrabens ſind in Heſſen ſelten; auf der Höhe zwiſchen Ohm und Lumda ſind wohl die nördlichſten mit Sicherheit ermittelt in den Höfen oder der Hünenburg zwiſchen Nordeck und Hauſen, der Räderburg bei Roßberg (Steiner Geſchichte von Londorf und der Fam. v. Rabenau S. 2) und im Walde zwiſchen Londorf und Wermertshauſen. 7) Amales lib. 1. cap. 26. ⁵) Schmidt a. a. S. 14. 17— ten Seite unberührt und der Zug ging durch die offenen und bebauten fruchtbaren Thäler der Lahn, der Ohm und der Schwalm nach der Eder, wo Mattium jenſeits dieſes Fluſſes(wahrſchein⸗ lich bei Maden zwiſchen Fritzlar und Gudensberg) zu ſuchen iſt.*) Die Flüſſe, deren Ueberſchwemmung Germanieus fürch⸗ tete, können daher nur die Lahn mit ihren Nebenflüſſen, der Wieſeck, Lumda und Ohm, damals Flüſſe von größerer Bedeu⸗ tung als jetzt, und weiterhin die Schwalm geweſen ſein. Die nächſte bedenkliche Stelle mochte alſo nur die bei Gießen ſein, wo die Ueberſchwemmungen das Thal bis weithin in den dichten Wald häufig in einen ſchwer zu paſſirenden See oder Sumpf verwandelten. Die Römer ließen es ſtets, um die Beſetzung eines Landes zu ſichern, ihr Erſtes ſein, feſte, auf Dämmen mit Steinſchutt conſtruirte Heerſtraßen zu bauen, wie wir deren noch verſchiedene, zum Theil wohl erhaltne in der Wetterau kennen,¹⁰) und es läßt ſich daher erwarten, daß Apronius vor allen Dingen eine ſolche munitio viarum durch die Sümpfe des Wieſeckthals bei Gießen legte und es war dies um ſo nothwendiger, wenn in dieſen etwa eine Zufluchts⸗ ſtätte, eine Burg der Chatten war, die bei dem damaligen trockenen Wetter, durch das der Sumpf ausgetrocknet war, zu beſetzen leicht fiel. Nun erfahren wir, daß ſchon in ganz alter Zeit ein Steinweg durch dieſen Sumpf vom Seltersberg her nach Gießen führte, der theilweiſe tief unter die Erde geſunken ³) Rommel a. a. O. Anm. S. 19. ¹⁰) z. B. von Heddernheim(Novus vicus) nach der Saalburg und nach Friedberg, von da in die Heuneburg bei Butzbach, in die Capersburg bei Wehrheim, in die Altenburg bei Arnsburg, in das Lager bei Echzell u. ſ. w. Die Anlage ſolcher Heerſtraßen und die Herſtellung von Brücken iſt unter der munitio viarum et fluminum zu verſtehen, nicht blos eine Beſatzung der Flußübergänge und ſchlimmen Paſſagen, weil Germanicus gerade die Ueberſchwemmungen und ſchlechten Wege, nicht die vor ihm hergeflohenen Feinde fürchtete. 2 — 18 ar. ¹⁴) Winkelmann theilt uns aus der Zeit gegen das Ende des 17. Jahrhunderts mit, daß ſich in dem Gießen umgebenden Moraſt in vorigen Jahren ſehr tief unter der Erde ein auf Pfählen gepflaſterter Steinweg vor dem Setzer⸗ 48 thor gefunden habe! ³²) Nach Profeſſor Nebel war dies ums . Jahr 1650, als der Commandant von Gießen, Generalwacht⸗ 4 meiſter Günther von Brennhauſen, die Sümpfe vor dem Sel⸗ tersthor austrocknen ließ. Wäre dieſe auf Pfählen erbaute Steinſtraße eine neuere Anlage der Bürger von Gießen gewe⸗ ſen, ſo würde ſie gewiß auch ſpäter unterhalten und nicht tief von den Alluvionen des Wieſeckthals überdeckt worden ſein, wozu doch eine Zeit von vielen Jahrhunderten gehörte. Dieſe alte zufällig wieder aufgefundene Straße ſcheint alſo weit eher ein Werk der Römer geweſen zu ſein und mag dann ihre Entſtehung der Thätigkeit jenes von Germanicus zurück⸗ — gelaſſenen Legaten Apronius(ebenſo wie das Lager bei Nor⸗ deck, die Hünenburg) verdanken.*) Von keinem ſpäteren Zug der Römer gegen die Chatten haben wir ſo ſpezielle Nachricht als von dieſem; es kann aber nicht zweifelhaft ſein, daß dieſelben regelmäßig in ähnlicher Weiſe ausgeführt wurden, nur mit noch geringerem Erfolg. Denn beinahe zwei Jahrhunderte hindurch war dieſe Gegend das Grenz⸗ 1 ¹1¹) 1314 kommt ein Steinweg vor dem Seltersthor(dem alten an der Mäusburg) in Urkunden vor(curiam et ortum meum extra por- tas, quo itur versus villam Seltirse juxta viam lapideam“. Senkenberg Sammlung rarer und vnJedencre Schriften. Thl. 4. S. 244.) Z0T⸗ ¹²) Joh. Juſt. Leinkelmann, Beſchreibung der Fürſtenthümer Heſſen und Hersfeld 1697. Thl. 1. S. 209. ¹) Daß Germanicus auf einem Zug vom Taunus über Butzbach und den Hüttenberg naſſe Niederungen der Wetterau oder den Uebergang 14 über die Antreff(!) gefürchtet, oder daß Apronius am Dünsberg gelagert habe, würde Rommel a. a. O. Anm. S. 22 nicht ver⸗ muthet haben, wenn ihm das Terrain und namentlich die deutſchen Ringwälle des Dünsberg hinreichend bekannt geweſen wären. — 19— gebiet, in welchem die Waffen beider Völker ſich trafen, ¹⁴) bis die Deutſchen die Römer wieder über den Rhein geworfen hatten. Bis in die Nähe von Gießen zog ſich die römiſche Grenz⸗ wehr(limes), der Pfahlgraben, vom Taunus herab ¹⁵) mit ſeinem Doppelwall und nach außen gezogenen Graben ¹⁰), ſeinen auf jedem höheren Punct angebrachten, manchmal doppelten Thürmen ¹⁷) und an den ſtrategiſch geeigneten Puncten gele⸗ 14) — 16 — Während jenſeits des Pfahlgrabens in der Wetterau die Spuren römiſcher Wohnſitze ſo häufig vorkommen, iſt dieſſeits deſſelben nirgends der Beweis für ſolche zu finden. Daß der Calsmunt bei Wetzlar römiſchen Urſprungs ſei, iſt nicht glaubhaft; der Thurmbau daſelbſt iſt aus dem 12. Jahrhundert, mit Ruſtica⸗Quadern ausgeführt. Der Pfahlgraben kommt von der Gegend von Neuwied über Ems, die Höhe des Rheingauergebirgs, um den Feldberg vor der Saalburg her, tritt in die Provinz Oberheſſen am Roßbacher Wald, bildet die Landes⸗Grenze bis gegen das Uſathal, zieht weſtlich an den Hausberg (vor dem er urſprünglich herging) zwiſchen Butzbach und Polgöns, dem Solmſiſchen Gebiet und dem Gericht Hüttenberg durch bis an die Wetter, von wo ſein Lauf nicht mehr genau zu beſtimmen iſt. (Dieffenbach a. a. O. S. 133. 153.) Bruchſtücke römiſcher Wall⸗ linien zwiſchen Lich und Nonnenrod, zwiſchen Villingen und der Horloff, jenſeits der Horloff bei Echzell und Gettenau, im Altenſtädter und Mockſtädter Wald, bei Rommelhauſen und zwiſchen Rüdigheim und Langendiebach bis zur Kinzig bei Rückingen deuten ſeinen Lauf und ſeine Verbindung mit dem den Höhen des linken Mainufers ent⸗ lang ziehenden limes an.(Dieffenbach im Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 5 No. XIII. S. 29, 76.) Die Lücke von der Horloff bei Graß bis zur Nidda bei Staden war durch Flüſſe und einen ſchwer zu paſſirenden, breiten Sumpf geſchützt und an ſolchen Stellen hatten die Römer keine Wälle und Pfahlzäune. Die tömiſchen und deutſchen Verſchanzungen unterſcheiden ſich dadurch, daß bei erſteren der Wall aus dem außerhalb gegen den präſumtiven Feind gerichteten Graben nach innen, bei letzteren aus dem inneren Graben nach außen geworfen iſt; gewöhnlich war der römiſche Graben mit Palliſaden verwahrt, daher der Name Pfahlgraben ſich erhielt. ) Die Trümmer dieſer Wachtthürme ſind zwiſchen Butzbach und Arnsburg auf jeder Anhöhe zu finden; zwiſchen Langgöns und Holz⸗ heim ſind zwei dergleichen wenige Schritte von einander.(Vgl. Archiv Bd. 2. S. 365.) — 20— genen Kaſtellen,*⁸) in welche die ſolid gebauten Heerſtraßen mündeten ³⁵); nach Weſten gegen das gebirgige Terrain des hinteren Taunus, nach Oſten gegen den geſchloſſenen Wald des Vogelsberg gerichtet, war ſeine Linie zwiſchen dem Lager bei Butzbach, der Heuneburg, und dem bei Arusburg, der Altenburg, den offenen Wohnſitzen der Chatten in dem an⸗ gebauten Lahnthal und ſeinen Seitenthälern am nächſten. ²0) Hier bildete der Grenzwall(bei Grüningen) ſeinen äußerſten nordweſtlichen Winkel und war zugleich wegen ſeiner flachen Lage am leichteſten zu durchbrechen; ohne Zweifel war daher dieſer Winkel mit einem römiſchen praesidium, einem Wacht⸗ poſten geſchützt, von dem ſich noch Spuren(das Heunhaus) zeigen, ²) wiewohl man auch ein ſtärkeres Kaſtell an dieſer 121= ¹) Die jetzt in ihren Reſten kunſtgerecht aufgedeckte Saalburg liegt auf dem zum Uebergang geeigneten Sattel zwiſchen dem Feldberg und dem Friedrichsdorfer Bergrücken und deckte zugleich das Erlenbach⸗ Thal; zwiſchen Wehrheim und Roßbach lag die Capersburg am Pfahlgraben; das Uſathal war vielleicht nur durch das ſtarke Kaſtell der Burg Friedberg, bei welchem eine römiſche Stadt lag, auf deren Trümmern die jetzige erbaut iſt(Dieffenbach Geſchichte v. Friedberg S. 11 ff.), geſchützt, wenigſtens iſt oberhalb deſſelben im Uſathal kein Grenzlager ermittelt. Ueber die Heuneburg bei Butzbach, die Alten⸗ burg bei Arnsburg, das Lager in den Mauern bei Inheiden, die römiſchen Reſte bei Echzell, ſiehen Dieffenbach im Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 4. Heft 1 S. 220. und Bd. 2 S. 155. Liebknecht 1. c. p. 112. 183. Dieſe drei Lager deckten die Uebergänge aus dem Lahn⸗, dem Wetter⸗ und Horloffthal. Neuerdings hat man im Ock⸗ ſtädter Wald zwiſchen der Capersburg und dem Uſathal ein kleines Kaſtell gefunden. ¹8) Dieffenbach a. a. O. S. 257 ff. 2⁰) Zwiſchen beiden Kaſtellen(in der Mitte zwiſchen Grüningen und Butzbach) dürfte an der Stelle, wo das im Mittelalter häufig genannte ausgegangene Ort Alſtadt lag, auf einem Baſalthügel vor der Gambacher Mark, wohl auch eine Römerſtätte geweſen ſein. 2¹) Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 3. Heft 3 No. 13. S. 6. Der Pfahl⸗ graben hat in ſeiner ſich am weiteſten nordöſtlich erſtreckenden Biegung keinen Schutz durch ſeine natürliche Lage und mußte alſo um ſo gewiſſer hier eine weitere Befeſtigung haben. Der Pflug hat dieſe längſt geebnet, man findet aber auch Reſte römiſchen Mauerwerks. — 21— Uebergangsſtelle wird ſuchen müſſen. ²¹) Innerhalb des limes war die Wetterau von den Römern vielleicht vollſtändiger als jetzt gebaut und es finden ſich dort noch vielfach die Spuren ihrer friedlichen Niederlaſſungen.*) Dieſe Grenzgegend war auch nothwendig das Terrain für die Kämpfe zwiſchen Römern und Chatten, ²*) ohne daß man jedoch gerade einen beſtimmten Zug, wie den Ueberfall des L. Pomponius über die Beute⸗ belaſteten und ſchlaftrunkenen Chatten(50 n. Chr.), hierher bei Gießen verlegen²⁵) oder aus dem Auffinden einer großen Anzahl von Schädeln beim Graben des Wiieſeckbetts(1819) auf die Wahlſtatt des ſpäteren Kampfes zwiſchen Cäſar Maximin ²²) Wenn man die Generalſtabskarte, auf welcher der Lauf des Pfahl⸗ grabens von Butzbach bis Arnsburg genau angegeben iſt, vergleicht, über⸗ zeugt man ſich, wie ſtrategiſch nothwendig wohl ein Kaſtell in dem gegen das Lahnthal am meiſten vorgeſchobenen Winkel deſſelben bei Grüningen war und daß Grüningen ſelbſt ganz die geeignete Seelle war, wo man auf der einen Seite die Wetterau bis an das Castrum von Friedberg, auf der andern das Lahnthal überblickte. Die mehrfachen alten Wälle und Gräben, der rechteckige Bau der einen Seite, die Lage neben einer Quelle, ſprechen ganz nach Ana⸗ logie anderer römiſcher Kaſtelle dafür. Um ſo auffallender iſt es, daß man weitere Beweiſe eines Aufenthalts der Römer dort noch nicht gefunden hat. Vgl. die Beſchreibung der Altenburg bei Bellersheim, einer römiſchen Villa, im Archiv Bd. 11. No. 7. S. 157. Eine ähnliche Nieder⸗ laſſung iſt im Wohnbacher Wald an der Grenze des Wölfersheimer Walds und Münzenberger Felds. ²4) Für Verſuche der Römer, das Lahnthal dauernder zu occupiren, ſpricht der vom Hunenſtein bei Gladenbach über die Alberge bei Rachels⸗ hauſen und Dernbach vorbeiziehende Grenzwall, die Heege. Auch die Heege an der Lindner Mark könnte ihrer Lage nach für ein Vorwerk der Römer gegen das Lahnthal augeſprochen werden, wenn ſie Spuren einer Befeſtigung erkennen ließe. 2⁵) Ayrmann Diss. de mont. Tauni situ verſucht dies ohne Beweiſe. Pomponius war nach Tacitus Annal. lib. 12. cap. 27 am Taunus ſtehen geblieben und hatte die Reiterei und Bundesgenoſſen die auf dem Rückmarſch von einem Streifzug begriffenen Chatten überfallen laſſen. Der Schauplatz wird daher viel richtiger in die Wetterau verlegt.(Schmidt Geſchichte v. Heſſen Bd. 1. S. 18.) 23) — und den Deutſchen im Sumpfe bei Gießen(235 n. Chr.) ſchließen könnte. ²6) Dagegen ſprechen allerdings die Namen mancher Localitäten, z. B. der von Gundissa, der Gönsbach, der Leiche⸗ ) nau, wie die Lichtenau hinter dem Rodberg bis in das 17. Jahrhundert conſtant genannt wird,*⁷) für Kampfplätze⸗ Das Reſultat der Kämpfe war die Vertreibung der Römer aus Deutſchland diesſeits des Rheins, nachdem ſie ſich zwei Jahrhunderte(bis 230 n. Chr.) in der geſegneten Wetterau gehalten hatten. 2s8) Spätere Einfälle der Römer erſtreckten ſich nicht über dieſe hinaus. ²⁵) ²6) Wagner, topogr. Beſchreib. Bd. 3. S. 89. Herodian Histor. lib. 7. c. 2. Wenn man dieſen Kampfplatz im Sumpf im Chattenland ſuchen müßte, würde die Gegend von Gießen wohl dazu paſſen; er war aber wahrſcheinlich in Süddeutſchland(vgl. Schmidt a. a. O. S. 28, 29). Die vielen Schädel rührten wohl vom Kirchhof des ehemaligen Siechhauſes bei Gießen her. Gund heißt Kampf(Dilthey, das Gebiet des Großherzogth. Heſſen in der Völkerwanderung, im Archiv, Bd. 6. Heft 2 No. 11 S. 193), daher Gundis⸗Aha, Kampfbach. Die Lichtenau heißt noch im Munde der Gießener Leichenau, wie in allen alten Urkunden. Das Römer⸗ loch in der Lahn kann aber weit eher von einem darin ertrunkenen Mann Namens Römer und das Katzenfeld eher von Katzen den Namen führen, als von Römern und Chatten(Nebel, Geſchichte der Univerſ. Gießen S. 4). Aus den Waldbenennungen Helfholz und Todmal(zwiſchen Königsberg und dem Dünsberg) auf einen Kampf⸗ platz zwiſchen Römern und Deutſchen zu ſchließen, iſt ebenwohl gewagt. 28) Schmidt a. a. O. S. 24. ²) Kaiſer Probus ſoll ebenſo wie Maximin ganz Germanien wieder unter römiſche Botmäßigkeit gebracht haben(277), es erſtreckte ſich jedoch die Unterwerfung offenbar nur auf den ſüdlichen Theil.(Sattler, Ge⸗ ſchichte v. Württemberg S. 304). Der letzte Einfall in die ſüdliche Wetterau war der Valentinians(371), wenigſtens ſpricht der Fund einer Münze von Magnentius, dem Gegenkaiſer von Conſtans und Conſtantius(350— 353) in einem Brunnen zu Beyenheim dafür, daß die Römer, welche der Najade der Quelle Münzen zu opfern pflegten, nach dieſem noch ſoweit vorgedrungen ſind.(Archiv für heſſ. Ge⸗ ſchichte Bd. 13. S. 146.) 27 — ⸗ — 23— §. 4. 4 Völkerwanderung. Chriſtenthum. Gaue. Wie unſere Gegend von den Urzeiten Deutſchlands her Chatten⸗ oder Heſſenland war, ſo blieb ſie es auch in der Folge. Denn wenn auch der Name der Chatten vom Ende des 4. Jahrhunderts an in dem von ihnen mit den Cherus⸗ kern, Chamaven, Amſivariern(bei Hamm und an der Ems) und Bructerern geſchloſſenen Bund der Franken(Freien) zunächſt aufgeht,*) ſo blieb doch auch nach der Auswanderung eines großen Theils der Franken über den Rhein und der Gründung des Frankenreichs in Gallien das Heſſenland von der alten Grenze der Allemannen bis zur Sachſen⸗Grenze dem Namen und der Sitte nach*) ungetrenntes fränkiſches Gebiet. Die Allemannen erſtreckten ſich zwar temporär in die Wetterau, aber wenn der zu ihnen gehörige Stamm der Buccinobanten wirklich die Gegend von Butzbach beſaß, nicht über den Pfahlgraben und jedenfalls nicht länger als bis zu ihrer Niederlage unter Macrian durch den Frankenkönig Mello⸗ baudes(um 375), nach der ſie ſich über den Main zurück⸗ zogen.*) Die Sachſen fielen wohl mehrmals bis zur Lahn ⁴) in ¹) Kremer, rheiniſ ches Franzien S. 3. Die Stelle, die Gregor von Tours aus Sulpitius Alexander über einen Zug Valentinians II. gegen die Franken mittheilt(ſ. Schmidt Geſchichte v. Heſſen Bd. 1. S. 42), zeigt auch, daß die Länderſtrecken, deren Bewohner den Frankenbund geſchloſſen hatten, die Namen der urſprünglichen Sitze der dort angeſiedelten Volksſtämme beibehielten und daß zu Ende des 4. Jahrhunderts der Name der Chatten noch im Innern des fränkiſchen Landes galt. 2) Winkelmann a. a. O. S. 373— 375 erzählt, daß der von Tacitus (Germania cap. 24) als chattiſche Gewohnheit angeführte Schwert⸗ tanz ſich bis zu ſeinen Zeiten erhalten habe und noch im Jahr 1651 bei der Heimführung der Gemahlin Landgraf Ludwigs VI. von jungen Leuten vor Lollar aufgeführt worden ſei. ³) Schmidt, Geſchichte v. Heſſen Thl. 1. S. 38, 39. 4¹) Von König Siegbert wurden ſie dort(angeblich bei Goßfelden) zu⸗ rückgeſchlagen(Rommel a. a. O. S. 50.) — 24— das Frankenland ein, ſelbſt bis zu Karls des Großen Zeiten; ⁵) die Grenze ihrer Wohnſitze iſt aber ſelbſt bis zum heutigen Tag durch die Sprachgrenze über der CEder feſtgeſtellt. ⁵) Im Mittelalter noch hatte Heſſen fränkiſches Recht.*) Erſt nach der beſtimmteren Ausbildung der Gaueintheilung, die an ſich uralt, aber von dem Umfang des Volksſtammes verſchie⸗ den war, ⁵) theilt ſich das Heſſenland in einen Heſſengau und einen Lahngan(Logenahe, Logenehe, Logenahwe).*) Die Grenze zwiſchen beiden bildete im Ganzen die Waſſerſcheide zwiſchen dem Lahn⸗ und Fuldagebiet, doch ſo, daß das obere Schwalmthal noch zum Lahngau zählte. ¹⁰) Während der Völkerwanderung theilte daher die Gegend von Gießen die Geſchicke des Frankenlandes und zwar insbeſondere die der ſaliſchen Franken, da ſie weder zu den ripuariſchen am unteren Rheinufer, noch zu den Oſtfranken(im fränkiſchen ⁵) Eine der bedeutendſten glücklichen Schlachten deſſelben gegen die Sachſen war bei Leiſa an der Eder. 6) Zwiſchen Frankenberg und Sachſenberg, Frankenau und Sachſen⸗ hauſen; in der Herrſchaft Itter ſpricht man in den auf der Höhe gelegenen Dörfern platt; an der Eder nicht.. 7) Von der alten lex Salica Francorum iſt eine Anwendung wohl nicht nachzuweiſen, wohl aber blieb hier Frankenrecht. Grünberg ließ es ſich 1272 noch beſtätigen.(Glaſer, Geſchichte von Grünberg S. 172.) Die Rechtsgewohnheiten von Gießen waren aber denen von Grünberg gleich. 8) Caesar de bello Gall. lib. 6. cap. 23. Principes regionum atque pagorum inter suos jus dicunt. Tacitus German. cap. 12. Principes, qui jura per pagos vicosque reddunt. Ein unter einem Herzog vereinter Volksſtamm hatte alſo mehrere. Gaue inne. *) Daß die Bezeichnung des Fluſſes und Gaues urſprünglich zuſammen⸗ fallen, iſt natürlich, da aha, der Fluß und awe die Aue) zu ähnlich ſind, und findet im Gau Wetterau ſein Analogon. Seit 783 findet man ſchon den Gaunamen Logengowe und ſeit 874 Lohnagowe, vom Flußnamen getrennt.(Friedemann, im Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 6. S. 419— 437.) ¹⁰) Die gemeinſchaftlichen Landtage des Heſſen⸗ und Lahngaus wurden beim Spieß am Kloſter Kappel auf der Grenze beider gehalten. — 25— Kreis) gezählt werden kann. ¹⁴) Mit ihnen hatten die Be⸗ wohner der Lahngegend die Vandalen, wahrſcheinlich in der Wetterau,“¹²) zu bekämpfen und den zu Gunſten des Führers der Oſtfranken unternommenen zerſtörenden Zug der Hunnen unter Attila auszuhalten,¹*¹) ſie gehörten mit ihnen zum Reiche der Merovinger und waren bei Theilungen zu Auſtraſien, der Francia orientalis, im Gegenſatz Frankreichs gehörig.) Die Ausbreitung des Chriſtenthums mag zuerſt Zweifel über die Zugehörigkeit der Gegend zu Heſſen hervor⸗ gerufen haben. Von Mainz aus hatte ſich dieſes über die Wetterau und die benachbarten Theile von Heſſen verbreitet; aber wenigſtens ebenſo früh wurde daſſelbe von Dietkirchen aus, wo der heil. Lubentius bereits im 4. Jahrhundert gepredigt haben ſoll, im Lahngebiet und auch in ſeinem hier in Rede ſtehenden mittleren Theil eingeführt.*5) Das Archidiaconat Dietkirchen gehörte aber zum Bisthum Trier und dieſes erſtreckte daher ſeinen geiſtlichen Sprengel über die Gegend von Gießen.**) Aber Winfried(Boni⸗ facius), der in Heſſen als Reformator zu Gunſten Roms auf⸗ ¹1) Noch im 11. Jahrhundert ward das Geſchlecht der Gleiberger gens Salica genannt.(Anom. Weingartensis in Hass. Monum. Gelfica p. 6.) ¹²) Schmidt a. a. O. S. 45, Note b. ¹8) Wenck a. a. O. S. 138. Dilthey a. a. O. S. 374 ff. ¹4) Ueber den für die Geſchichte bedeutungsloſen Begriff des rheiniſchen Franziens, zu dem Kremer a. a. O. S. 52 ff. unſere Gegend zählt, ſiehe die Berichtigungen von Wenck a. a. O. S. 176 ff. ¹5) Rommel a. a. O. Thl. 1. S. 57. ¹6) Wenck a. a. O. S. 444. Die Grenzen dieſer Diöceſe in Heſſen mochten bei der großen Entfernung des Biſchofsſitzes nicht feſt regulirt ſein: wenigſtens finden wir dieſelben noch nach Jahrhunderten nicht ſicher beſtimmt(§. 11). Schmidt, Geſchichte von Heſſen Bd. 2. S. 401 erklärt es aus der länger dauernden Zerſtörung von Mainz, daß ſich das Trierer Bisthum bis nach Gießen habe erſtrecken können; es iſt aber zu berückſichtigen, daß ſich die Diöceſen an die uralten Gau⸗ grenzen anſchloſſen und die der Wetterau die Lahngegend daher von der Mainzer ausſchloſſen. — 26— trat,**) und Kirchen und Klöſter ſtiftete, zog den oberen Theil des großen Lahngaus vermöge ſeines, von der von ihm(722) gegründeten Kloſter⸗Kirche auf der Ameneburg ¹⁸) ausgehenden Einfluſſes bis nahe an Gießen(noch Wismar, Kirchherg und Buſeck) zur Diöceſe ſeines für das Heſſenland neu gebildeten Bisthums Uraburg bei Fritzlar ¹⁴⁴) und brachte dieſes nebſt den die Kirchen von Fritzlar und Ameneburg umgebenden Gebieten dem ihm vom Papſt verliehenen Erzbisthum Mainz als Mit⸗ gabe zu.*°) So konnte auf die Grenze des heſſiſchen reſp. Mainzer Bisthums geſtützt, mit der Zeit eine Scheidung des Ober⸗ und Niederlahngaus und damit des Heſſenlandes vom übrigen Franconien in unmittelbarer Nähe von Gießen ent⸗ ſtehen.. Aus jener merovingiſchen Zeit iſt in unſerer Gegend kein Alterthum erhalten, es müßte dann die Grabſtätte aus frän⸗ kiſcher, bereits chriſtlicher Zeit, welche in dem Hügel über Naunheim gefunden wurde, dazu gerechnet werden.**) Wenn dieſelbe zu der unmittelbar daran gelegenen Niederlaſſung, dem zwiſchen Wald⸗ und Nieder⸗Girmes gelegenen Naunheim gehörte, ſo ſpräche der Namen dieſer im Gegenſatz zu der alten, ſchon damals neuen Anſiedlung für eine außerordentlich ausgedehnte Kultur des Lahnthals in den älteſten Zeiten. Die meiſten Orte mögen zu jener Zeit ſchon mit ihren jetzigen Namen in ihrer urſprünglichen Form beſtanden haben, ſie ſind aber aus Mangel urkundlicher Aufzeichnungen nicht nachzu⸗ ¹⁷) Die Heſſen waren ſchon vor ihm Chriſten, Bonifacius brachte ſie nur von einem angeblich irrigen zum rechten, d. h. dem Papſtthum günſtigeren Glauben:(ad fidem rectam, a qua diu aberraverant, convertit. Annal. Francorum Fuldens. ad ann. 719.) ¹16) Wenck a. a. O. S. 223, 432. ¹9) Uraburg oder Buraburg lag bei Fritzlar auf dem rechten Ufer der Eder auf einer von der Natur wohlgeſchützten Höhe, woſelbſt noch eine Kapelle ſteht; es wurde zu Gunſten Fritzlars aufgegeben. ²⁰) Dies iſt die einfachſte Erklärung, weshalb das heſſiſche Bisthum Uraburg ſo ſchnell verſchwindet. 2¹) Archiv, Band X. S. 447. — — 27— weiſen. Erſt die über die Schenkungen an Klöſter errichteten Urkunden und Verzeichniſſe offenbaren ihre Exiſtenz. §. 5. Marken der Gegend. Die Urkunden des reichen Kloſters Lorſch(Lauresham) offenbaren uns zuerſt die gegen Ende des 8. Jahrhunderts bereits vorhandenen Ortsnamen durch Schenkungen in denſel⸗ ben.*) Es erſcheinen danach in der Gegend größere Marken, in denen ſpäter erſt verſchiedene einzelne Ortſchaften auftauchen, die durch kirchlichen Verband und Gemeinſchaft von Wald und Waide in Verbindung mit dem Hauptorte blieben, Verhält⸗ niſſe die zum großen Theil bis in die neueſte Zeit fortwirk⸗ ten. ²) Als ſolche größere Marken ſtellen ſich in unſerem Theil des durch den Pfahlgraben von der Wetterau geſchiede⸗ nen Lahngaus dar die von Göns(Gunniser marca 777, Gunnesheim 779), von Kleen(Cliwe, Cleheim 774), Linden (Lindun, Linder marca 790, 792), Girmes(Germitzer marca 771, 775), Wieſeck(Wisicher marca 777) und Buſeck (Bucheseichehe, Buchesecke.)*) Die Namen dieſer Marken deuten auf uralte Anſiedlungen ⁴), die meiſten der übrigen ¹) Es iſt auffallend, daß ſich die Freigebigkeit in dieſer Gegend ſo viel⸗ fach dem ferneren Kloſter Lorſch, ſowie denen von Fulda und Hers⸗ feld zuwandte, während das zu Ameneburg, obwohl das älteſte von Bonifacius geſtiftete, ſchon im Anfang des 12. Jahrhunderts, augen⸗ ſcheinlich aus Mangel an Mitteln, einging; vielleicht fehlte es dieſem an ſo wunderthätigen Reliquien, wie jene aufzuzeigen wußten. ²) Wenn auch jedes Dorf ſeine Geutarkung hat und daher auch marca häufig für dieſe gebraucht wird, ſo bezeichnen doch dieſe uralten Ge⸗ meinſchaften das Verhältuiß der aus der urſprünglichen Anſiedlung entſtandenen Mark, welche die jüngeren Anſiedlungen in ihrem alten Gebiet umfaßt.(Vogel, Beſchreibung von Naſſau S. 154. Schmidt, Geſchichte v. Heſſen Thl. 1. S. 183.) 3) Codex Lauresham. III. 35. Nr. 3142. II. 609. Nr. 2918 III. 259. Nr. 3747. Nr. 3170 III. 40. Nr. 246. Nr. 3160. 3717. Schannat Tradit. Fuld. p. 307. 3 4) Man kann annehmen, daß die von Flüſſen, Bächen und natürlichen — 28— zur Mark oder zum alten Kirchengebiet gehörigen auf neuere Entſtehung. Das Kirchdorf iſt das älteſte, daher in Gönſer Mark Kirchgöns das urſprüngliche, Polgöns iſt nach dem Pfahlgraben, Langgöns nach ſeiner Bauart, Ebertsgöns nach dem erſten Anſiedler benannt; in der Lindner Mark iſt Großlinden das alte Kirchdorf, Lützellinden das urſprünglich Sichelingslinden, wohl auch nach dem erſten Gründer, heißt, erhält erſt ſpäter den Zuſatz lützel(klein) im Gegenſatz von Großlinden; ⁵) das jetzige Kleinlinden kommt in älteren Ur⸗ kunden mit dieſem Namen nicht vor, ſondern heißt Lindehe, oder wie noch jetzt beim Volk Lindes, d. h. Lindenſtrauch; erſt als man die Bedeutung von Lützel nicht mehr kannte, ⁰*) konnte die Bezeichnung Kleinlinden aufkommen; Allendorf (Altendorf) und Leihgeſtern(Leitcastre) ſind Anſiedlungen, die ſo frühe vorkommen, wie Linden ⁷)(790 und 804), die Gemeinſchaft des Markwalds und des Kirchſpiels verweiſt ſie aber mit Hörnsheim, Hochelheim und(Dorn) Holzhauſen) ⁵) Gegenſtänden überhaupt herzuleitenden Namen der Orte älter ſind, als die nach den Namen der erſten Anſiedler benannten. Göns und Kleen haben ihre Namen von den Bächen, an denen ſie liegen; Linden von dem noch jetzt in der Lindner Mark überall heimiſchen Lindenbaume, Wieſeck heißt zwar urſprünglich wie heute noch im Volksmund Wieſich, wie Buſeck Buſich; wenn aber letzteres nach ſei⸗ ner Lage an einem Buchwald genannt iſt, ſo könnte man auch Wieſeck eher von ſeiner bezeichnenden Lage als von einem Eigennamen herleiten, da hierfür der Anhang von heim, hauſen ꝛc. fehlt; indeß trägt der Ort nur den Namen des Bachs(Wisaha, Wieſenbach) und muß daher auch für ſehr alt gelten. Dieſer Namen beſchränkt ſich aber auf den Umfang der Mark, oberhalb welcher der Bach ihn. noch nicht führt, da dort auch noch keine Wieſen ſind. ⁵) Wie in Lützelſachſen, Lützelbach, Lützel⸗Wiebelsbach, Ortsnamen im Odenwald, Lützelſtein im Elſaß. 6) Im Plattdeutſchen iſt lütke mit der Bedeutung von llein noch im Gebrauch. Auch im Gießener Bann gab es ein Lützel⸗Feld laut Zins⸗ regiſter von 1553. ⁷) Codex Lauresham. III. 40, 243. Nr. 3159, 3710. ⁵) Daß dieſes Holzhauſen, das urſprünglich in die Gönſer Mark verſetzt wird, nicht ausgegangen iſt, wie Schmidt, heſſ. Geſchichte S. 170, — 29— in die Lindner Mark. Allendorf war dem Namen nach viel⸗ leicht die älteſte, lang vor Einführung des Chriſtenthums be⸗ ſtandene Niederlaſſung; der Name von Leihgeſtern ſcheint an ein römiſches Castrum oder an die Nachbarſchaft der römiſchen Niederlaſſungen am Pfahlgraben, der ſeine Ge⸗ markung begrenzt, zu erinnern, wiewohl Spuren eines römi⸗ ſchen Lagers dort nicht aufzufinden ſind. ²) An den Namen vieler Orte des Buſecker Thals iſt die ſpätere Anrodung noch zu erkennen(Rödchen, Oppenrod, Bersrod; Beuern kommt erſt ſpät vor). Die Wieſecker Mark liegt auf dem linken Ufer der Lahn, die augenſcheinlich ihre urſprüngliche weſtliche Grenze bildet. Die Mark Linden begrenzt ſie ſüdlich, von der Lahn bis zum Pfahlgraben; die Mark Buſeck beſtimmt ihre öſtliche Grenze. Da dieſe ſich jedoch nur bis Oppenrod erſtreckt, ſo bleibt zwiſchen dem ſie von dem Gau Wetterau ſcheidenden Pfahlgraben bis nach Albach noch eine Stelle, wo die Licher Mark an dieſelbe ſtößt. 10) Im Norden bildet die zum Mainzer 241 meint, iſt wohl klar, da ein Zuſatz zur Unterſcheidung von vielen andern Holzhauſen gewöhnlich iſt. Nach dem Salbuch des Amtes Gießen von 1587 Fol. 151—161 waren aber die 4 Orte Allendorf, Hörnsheim, Hochelheim und Dornholzhauſen zu Ende des 16. Jahr⸗ hunderts noch Filiale der Paſtorei Großlinden. Leihgeſtern war zur Zeit der Stiftung von Schiffenberg ebenfalls ein Lindener Filial. Der Markwald war für Großlinden, Leihgeſtern, Lützellinden und Hörns⸗ heim noch bis in die neueſte Zeit gemeinſchaftlich. *) Leihgeſtern hat ſeinen Namen Leitkastre wohl von der nahen Befeſtigung, dem Pfahlgraben, bei dem ſich Leute(Lidi) nieder⸗ ließen.(Bgl. über die Ortsnamen Weigand im Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 7. Nr. 10.) 1) Lich,(Lichom, Leoche), ſchon 788 und 790 in Lorſcher Urkunden genannt(Codex Lauresham. III. 262 Nr. 3754 II. 627 Nr. 2978), gehörte zur Wetterau und ſeine Mark umfaßte eine große Zahl jetzt ausgegangener Orte: Nieder⸗Albach, Kolnhauſen(jetzt Höfe), Saſen (Mühlſachſen), Hauſen, deſſen Spuren ſich zwiſchen Nonnenrod und Lich finden und das nicht zu verwechſeln iſt mit Hauſen am Schiffenberg, Rodenſcheit, Schurfheim und Weſtwig(Heber, die Schottenkirchen im Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 9. Heft 2. S. 257). — 30— Erzbisthum und daher ſtets zum Oberlahngau gerechnete Cent Kirchberg, das Lollarer Gericht, die Grenze. 14) Die Mark Wieſeck erſtreckte ſich daher hier bis an das Kirchengebiet von Buſeck, Winnerod, Treis und Kirchberg. Jenſeits der Lahn, welche hier nach ihrem urſprünglichen Lauf zu berückſichtigen iſt, lagen die Marken Nodheim und Krofdorf. Erſtere beſtimmt ſich nach ihrer bis in die neueſte Zeit beſtan⸗ denen Waldgemeinſchaft und enthält danach, außer Rodheim und Fellingshauſen, urſprünglich auch Heuchelheim, Kinzen⸗ bach, Atzbach und Dorlar. Zur Krofdorfer Mark gehörten wohl nur Krofdorf und Launsbach, da Wismar, Odenhauſen und Salzböden ſchon zur Mainzer Diöceſe gerechnet werden.**) Hinter dieſen und hinter der Girmeſer und der an die Gönſer weſtlich ſtoßenden Wanendorfer Mark, die das Wetzgebiet umfaßte,“*“*) grenzte die große Erdaer und Solmſer(Sulmisheimer) Mark an, welche auch öfter als eigene Untergaue des Lahngaus bezeichnet wer⸗ ¹¹) Nach einer Urkunde aus dem 13. Jahrhundert(1237) lagen nördlich von hier(im Oberlahngau) die Gerichte(Centen) Gladenbach, Lohr, Reitzberg(Frohnhauſen), Kirchberg, Treis und Londorf.(Gudenus, Cod. Diplom. T. 1. p. 544.) Die Centen waren zwar urſprüng⸗ lich wohl Bezirke von 100 Familien, ſpäter iſt der Begriff derſelben ſehr zweifelhaft; hier iſt ein mit der Mark oder dem Kirchſpiel zu⸗ arnmenfallender Gerichtsbezirk darunter verſtanden; in anderen Fällen iſt es ein einzelner Diſtrict(der Centbann Lindes, die Cent Fernewald.) ¹²) Wenck heſſ. Geſchichte Thl. 2. S. 435, 436. Wahrſcheinlich lag auch ein ausgegangenes Dorf Feilinghofen noch in Krofdorfer Mark. 4 ¹3) Der Ort Wanendorf, welcher an der Wetz bei Nauborn und in deſſen Mark Wetzlar lag, wird zwar auch in ganz alten Zeiten in die Gönſer Mark gerechnet(z. B. 804, Cod. Laurishem. III. 16, Nr. 3076), gab aber wenigſtens ſpäter längere Zeit einer beſonderen bedeutenden Mark den Namen; er ſcheint früh ausgegangen und die Mark dem Lauf der Wetzbach nach getheilt worden zu ſein, wodurch ein Theil zum Solmsgau, der andere zum Gericht Hüttenberg fiel. (Abicht, der Kreis Wetzlar, Th. 1, S. 46— 48. Wigand, Wetzlarer Beiträge, Bd. 1, S. 48.) — 31— den. Südlich aber von obigen lagen die Weiſeler und Mörler Mark, ebenfalls bedeutende Diſtricte umfaſſend. Von der Wieſecker Mark waren anfänglich nur die der Lahn zunächſt gelegene Strecken angebaut. Zwiſchen dem Pfahlgraben und der Wieſeckbach lag der große Wieſecker Wald, in welchem erſt ſpät anfänglich nur Annerod und Hauſen, dann nach der Gründung des Kloſters Schiffenberg die Orte des Gerichts Steinbach angerodet wurden. ¹⁴) Er ſcheint ſich bis bei Gießen unmittelbar an das Bachufer der Wieſeck erſtreckt zu haben und blieb alſo nur das Land auf dem rechten Ufer der Wieſeck, ſodann der Raum auf der linken Lahnſeite zwiſchen der Grenze der Lindner Mark und dem vom Wieſeckufer ſich an dieſe ziehenden Wald dem älte⸗ ſten Anbau offen. ¹⁵) Die Waldgemeinſchaft der hier gelegenen Niederlaſſungen mit Wieſeck ſpricht für das Angehören der⸗ ſelben zur Wieſecker Mark, wie denn auch nur von dieſer Mark und von keiner andern bezüglich jener Orte in Urkunden die Rede iſt. §. 6. Die drei ausgegangenen Dörfer Selters, Kropbach und Achſtadt. Eine alte Sage behauptet, daß Gießen aus drei Dörfern entſtanden ſei; ¹) wenn man dieſelbe ſo verſteht, daß in der Gemarkung von Gießen drei Dörfer lagen, die Gießen in ſich aufgenommen hat, ſo iſt dieſelbe hiſtoriſch richtig. Zwei der⸗ ſelben, Selters und Kropbach, waren bekannt; vom dritten wußte man nur aus dem Volksmund. Die Forſchungen des hiſtoriſchen Local⸗Vereins haben über Dieſes Licht verbreitet. Selters(Saltrissa) wird ſchon zu Karls des Großen Zeiten(775) in Lorſcher Urkunden neben Wieſeck genannt. ¹4) Schmidt a. a. O. Thl. 1. S. 234. 235. ¹⁵) Schmidt in Juſti heſſ. Denkwürdigkeiten Thl. 4. Nr. III. 4) Winkelmann Beſchreibung von Heſſen S. 209. Nebel in Juſti heſſ. Denkwürdigkeiten Thl. 3. S. 241. Schmidt heſſ. Geſchichte Thl. 1. S. 237. —— — 32— Rachilt und Euphemia ſchenken dieſem Kloſter unter Anderm Alles, was ſie im Lahngau in Wieſecker Mark und in Selters beſaßen. ²) Später(817) unter Ludwig dem Frommen kommt eine Lorſcher Schenkung von Huben und Höfen(Mansi) mit Gebäuden und Leibeignen(Mancipia) in Selters, Krof⸗ dorf, Achſtadt und Allendorf vor.*) Aus demſelben Jahr enthalten die Lorſcher Urkunden eine Schenkung Gunthers ſeines Beſitzthums im Dorf Selters(Saltrissa) an dem Orte, der Adelholdshauſen(Adeloldeshusen) genannt wird, und eines Manſus in Umbach im Lahngau; ob dieſelbe aber auf Selters bei Wieſeck oder Selters bei Löhnberg zu beziehen ſei, mag zweifelhaft erſcheinen.) Daſſelbe gilt von einer andern ²) Urkunden⸗Buch Nr. 1. Codex Lauresham. dipl. T. 3. p. 259. Nr. 3747. Sequenti anno(775.) donavit Rachilt in pago Wede- reiba in Doraheimer marca et in Logenahe in Wisicher marca et in Ussenheim et in Saltrissa totum quod habuit et X mancipia. Man ſieht, daß der nicht genau unterrichtete Lorſcher Mönch die Orte nicht richtig zuſammenſtellt; Oſſenheim gehört zu Dorheim in den Gau Wetterau und Selters zur Wieſecker Mark in den Lahngau. Urk.⸗Buch Nr. 2. C. Lauresh. I. c. p. 36 Nr. 3144. Daß Hube (huba) ein gewiſſes Maaß Land, in der Regel 30 Morgen bezeich⸗ net, ergibt der noch heute fortbeſtehende Gebrauch; was man unter Manſen verſtand, iſt nicht recht gewiß; es ſcheint ein Hofgut von geringerem Umfang als eine Hube geweſen zu ſein. In einer Urkunde von 1311 des Gerlach Piſtor zu Gießen werden 16 große Morgen für einen mansus angegeben(Arnsburger Urk.⸗B. No. 404). 4) C. Lauresh. l. c. Nr. 3145. Der Text der Urkunde lautet an die⸗ ſer Stelle: in pago Logenehe in villa Saltrissa in loco, qui dicitur Adelholdeshusen, quidquid habere videor et mansum I. in Umbach. An einer andern Stelle iſt Selters weggelaſſen.(C. Lauresh. p. 44 Nr. 3174 in pago Logenehe in villa Adeloldes- husen etc. Nach der erſteren Lesart müßte im Dorf Selters eine Localität geweſen ſein, die Adeloldshauſen hieß. Schmidt, Geſchichte von Heſſen Bd. 1. S. 171. Not. i. bezieht die Schenkung auf Selters und Dorn⸗ oder Münch⸗Holzhauſen. Umbach könnte auf Ulm bezogen werden und dann Selters bei Löhnberg und Holzhauſen bei Ulm gemeint ſein. Da ſchon in ſehr alten Urkunden die Lage„in Günthers Graben“ im Selterſer Feld vorkommt, ſo — 1 4 — — 33— Lorſcher Schenkung von 30 Morgen Land, einer Wieſe von 6 Karn Heu und einem halben Bifang im Dorf Selters, welche zugleich mit einer ſolchen iu Wetz(Westifa) erwähnt wird.*) Da ein Selters im Lahngau dreimal vorkommt, Niederſelters bei Kamberg mit dem berühmten Mineralbrun⸗ nen, Selters, Löhnberg gegenüber und unſer Selters, ſo muß man allerdings vorſichtig ſein und andere Stellen der Lorſcher Urkunden gehören auch augenſcheinlich nicht hierher. ³) Auch in den älteſten Schenkungen an das Kloſter Fulda in Heſſen und im Lahngau wird unſer Selters genannt.)) Obwohl der Name Selters auf eine ſalzhaltige oder Nineralwaſſer⸗Quelle deutet, befindet ſich doch in der Nähe keine ſolche und es iſt auch nicht bekannt, daß in früheren Zeiten eine ſolche exiſtirt habe.*è) Der Name, der jedenfalls könnte dieſe Bezeichnung vielleicht auf jenen Schenker Günther zu⸗ rückgeführt werden, wenn der Name Günther nicht zu häufig wäre. ⁵) C. Lauresh. 1. c. p. 36. No. 3146 p. 253. No. 3732. Vogel, Be⸗ ſchreibung von Naſſau S. 152 bezieht dieſe Urkunden auf Selters bei Löhnberg: einen entſcheidenden Grund dafür hat er nicht. Bifang bezeichnet einen neu gerodeten Anſitz mit zugehörigem Gut.(Vogel a. a. O. S. 144.) Wetz liegt näher bei unſerem Selters als bei dem Löhnberg gegenüber. So nicht die älteſte von 772, welche Saltrissa nennt(C. Lauresh. I. c. p. 43 No. 3170) da fie dieſes Selters(bei Löhnberg) mit Weil⸗ burg(Wilina) Brombach, Ahlbach, Dorndorf, Holzhauſen a. d. Ulm und Weilmünſter(Wilere) zuſammen anführt. Darauf kann ſich auch eine Schenkung von 786, welche Selters und Dauborn zu⸗ ſammen nennt, beziehen. Daſ. S. 1 No. 12. ²) Schannat Tradit Fuldens. p. 305 No. 5. Bodelung tradidit Scto Bonifacio partem hereditatis suae quidquid propietatis habuit in villa Amena(Ohmen) et in terminis villae quae dicitur Sal- trisse. Eine andere Schenkung, die Seltirse, in Verbindung mit Buchen, Marialinden und Neißenbach nennt,(daſ. No. 8) darf nicht hierher gezogen werden. Sowohl bei Niederſelters und Selters bei Löhnberg, als bei Selters in der Wetterau ſind ſolche Quellen; auch der Mineralbrunnen bei Okarben führt den Namen Selzerbrunnen. Nach Winkelmann a. a. O. S. 82 ſoll 1650 bei Gießen auf dem alten Schießplatz(hinter der Bleiche in den Schießgärten) ein Vitriolhaltiger(!) Geſundbrunnen 3 — 8 — — 34— nicht von dem erſten Anſiedler hergeleitet werden kann, be⸗ ſtätigt das hohe Alter des Dorfs. Später nannten ſich Glei⸗ berger Vaſallen nach demſelben; Gerhard und Leupold von Selters wohnten der Stiftung des Kloſters Schiffenberg als Zeugen bei.*) Nach dem Verſchwinden dieſer Adlichen von Selters be⸗ ſaßen die von Linden Güter zu Selters, welche von ihnen theils auf die Löwen von Steinfurth, theils auf Halber von Kleberg übergingen ¹⁰) und von letzterem an das Kloſter Arns⸗ burg kamen. Den Zehnten in der Gemarkung Selters hatten die von Merlau; Eberhard von Merlau vertauſchte ihn 1257 gegen die Vogtei zu Beſſingen und Hauſen(bei Lich) an Wittekind von Merenberg nebſt den Zehnten zu Megerheim und Altendorf. ¹¹) entſprungen ſein: dieſer Brunnen enthält aber ſo wenig wie einer bei der Neumühle nach Liebig's(1827) vorgenommener Unterſuchung Mineralwaſſer; ebenſowenig der früher für ſolches ausgegebene ſogen. Juchardsbrunnen auf dem Seltersberg(an der Chauſſee beim Keßler'ſchen Haus.) Dagegen fand ſich bei der Regulirung des Wieſeckbetts im Jahr 1837 eine Mineralquelle in dem vertieften Wieſeckbett, welche ihrer Lage wegen nicht gefaßt werden konnte. Da das Wieſeckbett erſt nach Erbauung der Feſtung(1530) ſeinen jetzigen Lauf erhielt, ſo könnte früher hier ein ſolcher Brunnen geweſen ſein. ³) Hiſtor. Diplom. Unterricht v. Deutſch. Orden Beil. No. 63. Gu- denus Cod. Dipl. T. 3 p. 1045. Urkundenbuch Nr. 3. Gudenus l. c. Nr. 54 p. 67.(ſtatt Colven iſt hier zu leſen: Loeven.) 10) Frhr. W. v. Löw, Notizen über die Familie Löw v. Steinfurth, S. 17 f. Baur Arnsburger Urk. Buch S. 392. 424. Wenck, heſſ. Landesgeſch. Bd. 2. Urk. S. 182. In dem Abdruck bei Wenck wird genannt decima in Selterse et in Mezerheym et in Altenstorff. Es gibt aber in der Gegend kein Mezerheim, wohl aber ein Megersheim; Bechta, Gemahlin Johanns v. Schwalbach, Toch⸗ ter des Schöffen Johann v. Hörnsheim in Wetzlar vermacht(1397) in ihrem Teſtament dem Sct. Georgen Altar in der Stiftskirche zu Wetzlar Güter zu Waldgirmes und ihren Antheil Zehnten zu Megers⸗ heim(Gudenus C. D. T. 5. No. 187. p. 264. In 1302 kommt Rudolph von Meygirsheim als Zeuge vor(Baur, Arnsburger Urk. B. No. 302.) Die Lage des ausgegangenen Ortes iſt unbekannt. 11 — — 35— Bei Selters war eine Furth über die Lahn, die Wolf⸗ furth genannt; die Gewann jenſeits der Lahn an der Ge⸗ markungsgrenze von Heuchelheim führt noch den Namen davon, wie er auch in alten Regiſtern des 16. Jahrhunderts ſchon vorkommt. Die Richtung des alten Weges von Heuchelheim nach Selters zu, deutet an, wo dieſe Furth geweſen ſein wird, die jetzt längſt nicht mehr practicabel iſt. Selters beſaß eine Pfarrkirche, welche die Mutterkirche der Kapelle zu Gießen war. ¹²) Wagner führt drei Altäre an, welche dieſelbe beſeſſen haben ſoll, Sct. Cyriacus, Sct. Oswald und Sct. Lanrentius gewidmet.*⁴) Daß ein Kirchenverband zwiſchen Wieſeck, zu deſſen Mark es wahrſcheinlich gehörte, und Selters je Statt gefunden, iſt nicht bekannt und dies läßt erwarten, daß Selters ſchon zur Zeit der erſten Verbrei⸗ tung des Chriſtenthums in dieſem entfernteſten Theil des Dietkircher Archidiaconats exiſtirte. Nachdem die Stadt Gießen in der Nähe von Selters entſtanden war, zogen ſich die Bewohner des offenen Dorfs nach und nach immer mehr in die feſte Stadt; wenigſtens waren ſchon im Anfang des 14. Jahrhunderts Burgmannen und Bürger von Gießen vielfach im Beſitz von Gütern zu Selters. Philipp und Gottfried von Linden, Burgmannen zu Gießen, verpachten 1287 einen Hof in Selters an die Wittwe und den Sohn Wickards gen. von Selters. ⁴⁴) Gerlach, Sohn des Schöffen Ludwig Piſtor von Gießen erwirbt 1311 einen von Landgraf Otto zu Erblehn getragenen Hof zu Selters als Eigenthum und verkauft ihn dem Kloſter Arnsburg. ³³) Das Kloſter errichtete eine Clauſe zu Selters, zu welcher dieſe und die ihm von Kuno Halber von Kleberg vermachten freien ¹²) Schmidt a. a. O. Bd. 1. S. 237. ¹8) Wagner, Wüſtungen, Oberheſſen S. 207. Die Ouelle gibt er nicht an. 14) Baur, Arnsb. Urk. B. Nr. 210. ¹⁵) Daſ. Nr. 401. 404. und 407. — 36— Güter gehörten; den Hof verlieh es zu Landſiedelrecht(1332) ¹⁰) wodurch ſein Eigenthum ſich mit der Zeit auf Grundgefälle reducirte. Später vertauſchte es alle ſeine Beſitzungen um Gießen dem Haus Schiffenberg. Reiner an der Pforte zu Gießen vermachte(1315) dem Stift Wetzlar ſeine Güter bei Selters und ſein Sohn erhielt ſie von dieſem in Pacht. ¹⁷) Erwin Klobeloch, Bürger von Gießen, beſaß 4 Morgen zwiſchen Selters und Gießen, die er von Konrad, Gyſen Sohn von Selters erworben hatte und verwies dem Stift Wetzlar 2 Schilling Heller darauf(1342.) 13) Auch das kirchliche Verhältniß hatte ſich ſchon gegen das Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts geändert; der Pleban der Pfarrkirche von Selters war(1279) der Pfarrer von Gießen und der Kirchenkaſten wurde in der Mitte des letzteren(1351) von den Baumeiſtern der Kirche von Gießen und Selters verwaltet.**) Auf dieſe Weiſe mag Selters überhaupt nur noch gering bevölkert geweſen ſein, als Philipp der Großmüthige gelegent⸗ lich der Befeſtigung von Gießen(1530) die Kirche daſelbſt abbrechen ließ, damit ſich kein Feind daraus gegen die Stadt behelfen möge,*⁰) wo denn auch der bis dahin zugleich für Gießen dienende Kirchhof an ſeine jetzige Stelle verlegt wor⸗ den ſein ſoll. Es mögen noch einige Zeit hernach Gebäude von Selters geſtanden haben, denn im ſtädtiſchen Zinsregiſter von 1553 wird Beed vom Land an Selters und jenſeits Selters aufgeführt.**) Es ſcheint ſogar damals ein Theil du) Daſ. No. 634 u. ¹7) Gudenus J. c. T. 5. S. 145. 146. ¹s) Wigand, Wetzlariſche Beiträge Thl. 1. S. 174. ¹9) Beurkund. Nachr. von der Commende Schiffenberg, Bd. 2. S. 170. Not. b. ²⁰) Nebel in Juſti's Denkwürdigkeiten Thl. 3. S. 242. Dictericus, Institut. orat. p. 65. 21) Veränderung und Verneuerung der Zinsregiſter ꝛc. 1553(im ſtädtiſchen Archiv.)„Von der Straße jenſeit Selters und dem Wardtweg“,„an die Selters Mülen und Selters“. von Selters neu aufgebaut worden zu ſein, jedoch etwas ent⸗ fernter von der Stelle des alten. ²²) Wahrſcheinlich waren da, wo ſpäter noch eine Ziegelhütte übrig geblieben war, links der Straße nach Butzbach am Riegelpfad, mehrere Gebäude, welche den Namen Neu⸗Selters trugen. Das alte Selters lag in der Mulde, welche ſich vom Seltersberg und von der Straße nach Frankfurt her hinter dem großen Univerſitätsgebäude nach der Lahn herunterzieht und deren unterer Theil bei dem Eiſenbahnbau ausgefüllt wurden und jetzt vom Bahnhof bedeckt iſt. Der alte Wetzlarer Weg und der von ihm abzweigende Mittelweg mögen ſeine Gaſſen gebildet haben. Die Kirche ſtand etwas erhöht in einem bis zum Eiſenbahnbau der Pfarrei Gießen gehörigen Garten, wo bei deſſen Abtragung ihre Fundamente zum Vorſchein kamen. ²*) Bis ins 17. Jahrhundert iſt kein Gebäude davon geblieben als die Selterſer Mühle, welche am Fuß des Selters⸗ bergs an der Wieſeck lag und erſt bei Erbauung der neuen Brücke über die Wieſeck(1817) und Vertiefung des Wieſeck⸗ Betts abgebrochen wurde. Der Name, den das ſüdliche Thor der Altſtadt Gießen und die Straße, der Seltersweg von die⸗ ſem Dorfe tragen, kommt ſchon im Anfang des 14. Jahr⸗ hunderts(1314) vor ²⁴) und erhält das Andenken an daſſelbe in Gießen. §. 7. Fortſetzung. Das Dorf Kropbach(Crupbach) kommt erſt im 13. Jahr⸗ hundert vor. Das Kloſter Arnsburg erwarb dort und im be⸗ nachbarten Heuchelheim Güter von Konrad von Michelbach, ²²) Daſelbſt; die beedpflichtige Lage des Landes heißt nämlich:„am Haule, bey dem Neuen Selters bis an die kleine Brücken, das Alt⸗Feldt.“ ²³) Wagner a. a. O. S. 208. ²4⁴) Senckenberg Sammlung ungedr. Schriften Thl. 4. S. 244. Copial⸗ Buch Nr. 52, extra portas qua itur versus villam Selterse juxta viam lapidcam. — 38— Scholaſticus zu Mainz und Fritzlar(1273), die derſelbe erſt einige Zeit zuvor(1265) von ſeinem Vater Gerlach von Michel⸗ bach abgetreten erhalten hatte.“) Die Verwandten des Ver⸗ äußerers verzichteten(1275 und 1289) auf ihre Anſprüche an dieſe Güter.²) Das Kloſter vertauſchte dieſelben ſpäter(1303) an Walther von Kinzenbach gegen deſſen Güter zu Kirchgöns. ³) Im Jahr 1280 trägt Ritter Gernand von Schwalbach dem Landgrafen Heinrich eine halbe Mark Pfennige auf ſeinem Hof zu Croppach zu Lehn auf.¹) Heinrich Scharweder, Bürger zu Wetzlar, ſchenkt(1304) der Kirche zu Wetzlar 26 Maas Korn, die er im Dorf Kroppach zu beziehen hat.5) Auch das Kloſter Wirberg hatte einen Hof zu Kropbach, welcher verpachtet war. Schon zu Anfang des 14. Jahrhunderts waren Gießer Bürger die Pachter und im Jahr 1325 zog Berthold, der Nachfolger ſeines Vaters im Pacht, den Hofſitz, auf dem die Abgaben ruhten, mit Conſens des Kloſters, aus dem Dorfe Croppach in die Stadt Gießen,s) indem er ſich zugleich verpflichtete, wenn er ſich auf dem Gut aufhalte, hin⸗ ſichtlich der Entrichtung des Beſthaupts und anderer Leiſtungen die Verbindlichkeiten des Pachters zu erfüllen.*) Auf dieſe Weiſe ging das Dorf nach und nach ein und ſeine Gemarkung wurde mit der von Gießen vereinigt, obwohl es ſehr wahr⸗ ſcheinlich in alter Zeit mit Heuchelheim und Rodheim in einer Gerichtsverbindung ſtand und zum gemeinen Land an der Lahn (ſ. unten§. 29) gehörte.¹) Schon 1279 fungirt der Schult⸗ ¹) Baur, Arnsburger Urk.⸗Buch Nr. 104 und 138. ²) Daſelbſt Nr. 222, 1219 und 1220. ³) Daſelbſt Nr. 317. 4¹) Gudenus, C. D. T. 3 p. 1159. ⁵5) Gudenus, l. c. T. V. p. 110. ⁶) Baur, heſſ. Urkunden Nr. 511, S. 350,„mansionem meam traxi a praefato bono ad civitatem Gyezin.“ ⁷) Wagner, Wüſtungen. Oberheſſen, S. 195. s) Die Stadt Gießen behauptete, offenbar mit Rückſicht hierauf, im ge⸗ meinen Land an der Lahn, in welches der Gleiberg und Weddeberg heiß Heinrich von Crubbach in einem Kaufbrief Adolphs von Heuchelheim über deſſen an das Kloſter Altenburg verkauften Hof in Heuchelheim als Mitglied des dortigen Schöffengerichts.”ꝛ) Es beſtand in Cropbach eine beſondere Vogtei. Wenn auch gegen das Ende des 15. Jahrhunderts das Dorf vielleicht noch vorhanden war, ſo wußte man doch in der Gegend nicht mehr, daß eine Verſchiedenheit zwiſchen der Gemarkung von Croppach und der der Stadt Gießen beſtand. Daraus erklärt ſich der von Nebel in ſeiner begonnenen Geſchichte von Gießen aus dem Gerichtsbuch der Stadt mitgetheilte Fall von 1469; eine Frau von Wismar belangte einen Mann von Girmes wegen eines über ein Stück Land verabredeten Kaufs am Schöffengericht zu Gießen. Dieſes verwies ſie an das Gericht gen Croppach, weil das Gut in die Vogtei gen Croppach gehörte. ¹0) Im 16. Jahrhundert war wenigſtens das Dorf verſchwunden und die Gemarkung zu der von Gießen gezogen und dahin beed⸗ pflichtig. Das Zinsregiſter von 1553 enthält die Flur von Kropbach und darin eine Lage auf den Hofſtätten, alſo Hofraitheplätze ohne Gebäude. Nur ein Schafſtall wird in dieſer Gegend noch erwähnt. ¹¹) Die Stätte, wo Kropbach gelegen, läßt ſich ſchon aus dem Zuſammentreffen der drei Felder, welche in dem dazu gehörigen Kropbacher Bann nach der bis heute eingehaltenen Dreifelder⸗ wirthſchaft in wechſelnder Fruchtfolge gebildet ſind, erkennen, da gehörig war, zu Hut und Weide mitberechtigt zu ſein.(Gegenbeweis⸗ artikel J. S. Gleiberg contra Gießen, Grenzſtreitigkeit betr., v. 1559.) 9) Gudenus l. c. T. II. p. 204. Wagner a. a. O., S. 194. ¹⁰) Juſti, heſſ. Denkwürdigkeiten, Thl. 3, S. 246. Wagner a. a. O. S. 195. Veränderung und Verneuerung ꝛc.„von der kleinen Weyde an bis vff die neue Kroppacher Weide.“„In der Schwende jenſeit der Landt⸗ wehrung naher Heuchelheim“.„Vff dem Hegum, zu der Heuchelheimer Mölen jenſeit der Landwehr“,„vff den Hoiffſteden, vff der Hardt,“ „Lachen Weyde vnnd Schaff⸗Stall vnter der Hardt bis an die Landt⸗ wehr.“ 11 — — 1410— die drei Felder ſich in der Regel an dem Dorf berühren. Dies iſt da der Fall, wo die Kropbach, welche dem Ort ebenſo wie Krofdorf den Namen gab, ¹²) aus ihrem engen Thälchen in die Lahnebene tritt und ſich unter den Felſenkellern am Hardberg ſüdlich nach der Heuchelheimer Chauſſee und der Lahn hin wendet. Hier befinden ſich noch mehrere Gras⸗ und Obſtgärten, nach welchen, wie an der Lage der Aecker zu er⸗ ſehen, die alte Straße von der zweiten Brücke in der Heuchel⸗ heimer Chauſſee aus durch einen Hohlweg führte; hier zwiſchen der Kropbach und dem ſchützenden Hardberg, wo der Weg auf dieſen ſtieg, war auch die paſſendſte Stelle für eine Nieder⸗ laſſung. Hiermit ſtimmt auch die Beſchreibung der Lage der Hofſtätten im Zinsregiſter überein, welches ſie ſo bezeichnet: „vf den Hoiffſteden an der Landwehr zur rechten Hand wan man vber d. Stegelgen kompt.“ Die Landwehr bildete die Grenze zwiſchen der alten Gießener und Kropbacher Ge⸗ markung; der kleine Steg iſt der über die Kropbach am Weg von der Chauſſee nach der Hard, und rechts davon befinden ſich die Gärten, welche früher Hofſtätten waren und deshalb eine höhere Beed, als das übrige Land(ſtatt 4 Heller 3 alb.) zu geben hatten. Kropbach war ſchon, ſeiner Gemarkung nach zu ſchließen, ein kleines Dorf. Eine Kirche oder Kapelle ſcheint es niemals beſeſſen zu haben, wenigſtens kommt davon nirgends etwas vor; es mag wohl zur Pfarrei Heuchelheim gehört haben. 8) §. 8. Fortſetzung. Daß ein drittes Dorf in Gießen aufgegangen ſei, wurde bisher als ſehr wahrſcheinlich angenommen; hiſtoriſche Gewißheit lag aber darüber nicht vor. Winkelmann a. a. O. ¹²) Schmidt a. a. O., S. 237. ¹18) Das Diöceſan⸗Regiſter des Wetzlarer Decanats enthält Kropbach nicht.(Abicht, der Kreis Wetzlar, Thl. 3, S. 38, 44.) — 41— berichtet, es habe daſſelbe Aſtheim geheißen und da, wo jetzt die Gaſſe, der Aſterweg, ſteht, gelegen.“) Nebel,²) der im Gießener Gerichtsbuch auch ein Aſterthor fand, und Schmidt ³) verſichern mit Recht, daß ſich von Aſtheim oder Aſter keine Spur findet. Wagner war von der hiſtoriſchen Bedeutung des Aſterwegs überzeugt und bringt die Grabhügel in der Nähe von Gießen, das 1820 gefundene metallene Bild und die Göttin Oſtera, von der das Oſterfeſt den Namen führt, mit Aſter in Verbindung, indem er glaubt, daß der Aſterweg wohl zu einer Stelle geführt habe(am Felſen bei der Lahn), wo das Feſt der Oſtera im Frühling gefeiert worden ſei. 4) Ihm pflichtet Noack in ſeiner Unterſuchung über Localitäten von urzeitlicher Bedeutung bei. ⁵) Die Sache hat ſich einfach dadurch aufgeklärt, daß erweis⸗ lich bei Gießen ein Dorf lag, das zwar nicht Aſtheim oder Aſter, jedoch Achſtadt hieß, von dem das dahin gerichtete Achſtädter Thor und der dahin führende Weg im Volksmund das Achſter⸗ oder Aſter⸗Thor, beziehungsweiſe der Aſter⸗Weg den Namen erhielt. Schon im Anfang des 9. Jahrhunderts(817) kommt in Kloſter Lorſcher Schenkungen neben Selters, Allendorf und Krofdorf ein Hachenſtadt vor, das alſo in der Gegend von Gießen geſucht werden muß. Amalrich ſchenkt dem heil. Na zarius im Lahngau fin Dorf Selters, in Krofdorf und in Hachenſtadt und Allendorf 5 Huben, 5 Manſen mit Gebäuden ¹) Die Bemühung, dieſes Aſtheim bei Gießen urkundlich nachzuweiſen, hat Winkelmann a. a. O. S. 24 ſogar verleitet, eine Schenkung an das Kloſter Fulda im Grabfeld⸗Gau, in welcher unter andern auch die Namen Wizzideg, Astheim, Sulzaha vorkommen und eine andere, die Schwarzolohe erwähnt, wegen der Aehnlichkeit mit Wiſſig, Aſter, Selters und Schwarzelache, auf die Gegend von Gießen zu beziehen! ²) Juſti a. a. O. S. 246. ³) Schmidt a. a. O. S. 237. 4¹) Wagner, Wüſtungen, S. 179. ⁵) Archiv f. heſſ. Geſch., Bd. 10, S. 268. — 42— und 31 Mancipien.¹) Auch eine ſehr alte Fuldaer Schenkung zeigt neben Krofdorf und(waͤhrſcheinlich) Mainzlar dieſes Hachenſtadt; die Nonne Gunderath ſchenkt dem Kloſter Fulda ihre Güter in den Orten Masceleren, Hachenſtadt, Cruftorf.“) Die Verbindung mit Krofdorf veranlaßte Abicht,s) dies Hachen⸗ ſtadt im Gebiet des Kreiſes Wetzlar zu ſuchen, er hatte aber dafür keinen Anhaltspunkt. Im 14. Jahrhundert zeigen Schiffenberger und Grün⸗ berger Urkunden den rechten Platz für dieſes Hachenſtadt. Gilbrecht von Rodenhauſen, Comthur und Probſt und Brüder zu Schiffenberg verleihen im Jahr 1375 an Claus Weber und andere Bürger zu Gießen 3 ½ Morgen Landes im Gießener Feld zu Erbleihe; dieſe liegen mit 1 Morgen am Leichenauer Weg, 2 Morgen ſtoßen oben an die Leichenauer Wieſen, ein halber Morgen liegt jenſeits der„Lahn“, ſtößt an die gemeine Weid zu Achſtadt.“) Am 22. September 1379 vergifften Cunz Faſant und Elſe, ſeine Hausfrau, den Antoniterherrn zu Grünberg ihre Hofraithe vor der Waldpforte zu Gießen und verſchiedene Stücke Land, darunter eines am Achſteder Weg bei Gotze Hundes Land. ¹⁰) Es iſt offenbar, daß Ach⸗ ſtadt und Hachenſtadt identiſch ſind; die Aſpiration findet ſich ganz häufig in Urkunden, die bis ins 8. und 9. Jahrhundert hinauf reichen; z. B. Hachenbach ſtatt Achenbach, Huchenſtat für Ockſtadt, Habrachteshofen und Hopershofe für Oppers⸗ hofen. ¹¹) Auch die Contraction des Achſtädter Weges in Achſter und Aſter⸗Weg iſt dem Oberdeutſchen, reſp. dem Dialect der ) Urtunden⸗Buch Beil. Nr. 2. Cod. Lauresh. T. 3 p. 36 Nr. 3144. und p. 252 Nr. 3730„in pago Logenehe in villa Saltrissa et in- Cruftorph et in Hahenstat et in Aldendorph hubas V. ete.“¹ An der anderen Stelle(Nr. 3730) ſteht„Haggenstat.“ ²) Schannat, Tradit. Fuldens. p. 306 Nr. 14. ³) Abicht, Kreis Wetzlar, Thl. 2, S. 210. ³) Baur, heſſ. Urk.⸗Buch S. 717 Nr. 1078,„vnd eyn halbin morgen gelegin henſiet der Lone vnd ſtoſſit an daz gemeynweide zeu Achſtad.“ ¹1⁰) Baur a. a. O. S. 744 Nr. 1118. ¹¹) Scriba, Regeſten II., Nr. 184, 1565, 2462, 280. — 43— Gegend ganz entſprechend. ¹²) In ſpäteren ſtädtiſchen Urkunden wird Achſtadt gewöhnlich Axſtadt oder Aſtadt geſchrieben und die Contraction von„Aſter“ ſtatt„Achſtädter“ iſt mit dieſem Wort ganz gewöhnlich gemiſcht gebraucht. Im Zinsregiſter von 1553 heißt die Feldlage zwiſchen der Schwartz⸗Lachen und im Rode: das Aſter⸗Feld. Eine andere Lage wird beſchrieben: Jenſeit der Lahn, gegen Ax⸗ ſtadt über; eine dritte: bis auf die Weide und den Aſter Furth und den Holzweg, ſtößt auf die Lahn. Es war alſo bei Achſtadt wie bei Selters eine Furth durch die Lahn. In dem Contracten⸗Protocoll der Stadtſchreiberei von 1570 kommt vor: in einem Kaufvertrag vom 19. Juni:„ein Viertel Wieſen⸗ lappen mit dem Grasgärtlein davor gelegen vor der Ax⸗ ſtater Porten;“ in einem Pfandbrief vom 8. Auguſt:„ihre Behauſung vor der Wallpforten, Jtem ein halb Viertel Garten auf dem Sand vor der Axſtater Porten. In 1576 enthält dieſes Protocoll: am 2. Mai:„Garten vor der Axſtater Porten;“ am 7. Auguſt:„Garten vffen Sant vor Axter;“ am 2. September:„ein Läppchen Garten vor der Aſtater Porten.“ Im Protocoll von 1577 ſteht unterm 15. Februar:„ein Placken Garten vor der Aſtur⸗Porten vffen Sand,“ und unterm 20. April:„vffen alten Sand vor der Aſterr⸗Porten.“ Am 16. Mai wird protocollirt:„Hofſtat vffm Aſteter Weg,“ am 21. ej.: „vor der Aſter⸗Porten,“ am 7. Juli:„vor der Aſteter Porten.“ In 1584 wird wieder„Axſteter Porte“ geſchrieben. Es erhellt hierans unwiderleglich, daß die Bezeichnung des ¹²) Der Volksmund contrahirt heute noch Ockſtädter, Mockſtädter, Flor⸗ ſtädter ꝛc. in Ockſter, Mockſter, Florſter u. ſ. w. Hohen⸗Asberg in Württemberg heißt in alten Urkunden Achſperg(Schmidt, Geſch. der Pfalzgrafen von Tübingen, S. 340). — 44— Aſter⸗Wegs nichts anders als eine provinzielle Form für Ach⸗ ſtädter Weg iſt. Wo das Dorf Achſtadt gelegen hat, iſt nicht nur durch den Aſterweg angedeutet, ſondern es geht auch aus den übrigen darauf bezüglichen Stellen deutlich hervor. Wir müſſen dem Aſterweg durch die Schwarzlache über den Sand folgen und da der Sand vor Achſtadt, der Rodberg dahinter liegt, ſo iſt die Stelle, wo ſich der Weg theilt und gerade aus über den Rodberg, links nach dem Felſen um den Rodberg her führt, offenbar die Stelle, wo das Dorf ſtand. Dort kommen Quellen aus dem Rodberg, und die Lage iſt ſonnig und geſchützt und höher als die Ueberſchwemmungen der Lahn reichen; aus alter Zeit finden ſich hier noch Obſt⸗- und Grasgärten und es werden daher auch hier die„Hofſtätten im Wallpforter Feld“ geweſen ſein, welche das Contractenprotocoll vom 2. October 1571 er⸗ wähnt. Die gemeine Sage, daß das Dorf an dem(fortge⸗ ſetzten) Aſter⸗Weg gelegen geweſen ſei, ſpricht auch dafür; nur darf man nicht erwarten, daß es in der den Lahnüberſchwem⸗ mungen ausgeſetzten Niederung gebaut geweſen ſei, ſondern muß es am ſüdweſtlichen Anſteigen des Hügels ſuchen. Es iſt dies auch die Lage bei der Lahn dem Neuſtädter Feld gegen⸗ über, ſowie auch die gemeine Weide von Achſtadt ſich heute noch als der Stadt Gießen gehöriges Wieſengelände zwiſchen der Lahn und dem Wismarer⸗Weg befindet. Die Achſtädter Furth aber iſt wahrſcheinlich durch die mit der Erbauung der großen Mühle verbundene Aufſtanung der Lahn unpracticabel geworden. Achſtadt war offenbar auch nur ein kleines Dorf; davon, daß eine Kirche oder Kapelle dageweſen wäre, findet ſich keine Spur; es gehörte wahrſcheinlich zur Pfarrei Wieſeck. §. 9. Andere Niederlaſſungen im Bezirk von Gießen. Wiewohl man gewöhnlich annimmt, Gießen ſei aus drei Döorfern hervorgegangen, ſo muß man doch eigentlich weiter — 45— gehen und behaupten, daß ſich in ſeiner jetzigen Gemarkung, beziehungsweiſe in demjenigen Diſtrict, der früher zu Gießen gehörte, noch mehr Niederlaſſungen befanden, welche, theilweiſe vielleicht älter als Gießen, ſpäter damit vereinigt wurden. In verſchiednen Urkunden wird ein Dorf in der Nähe von Gießen mit Namen Diedelshauſen(Dyduldishusen, Didulfishuſen, Dyedingshuſen, Dilshauſen) erwähnt. Es war aus einer Merenberger Urkunde bei Wenck bekannt, welche in⸗ deß ſeine Lage nicht näher kennen läßt.) Danach trug Ritter Bernhard von Göns(1323) ſein feſtes Haus, einen ſogen. Gaden(cubile meum quod vul garitur dicitur ein gaden) nebſt ſeinem Hof vor demſelben im Dorf Dyduldishusen, welche Objecte bereits vom Landgraſen von Heſſen lehnbar waren, auch dem Hartrad von Merenberg zu Lehn auf. Dieſe Lehns⸗ oblation ließ nur vermuthen, daß die Localität in einem Diſtrict zu ſuchen ſei, der zur Landgrafſchaft Heſſen gehörte, an welchen aber Merenberg mit Anſpruch bildete, alſo der wohl zum ge⸗ meinen Land an der Lahn, einem Theil der Gleiberger Erbſchaft gerechnet werden ſollte. Landau und Wagner ²) theilten darauf Weiteres aus Darmſtädter Archival⸗Acten mit. Danach be⸗ kannte Rudolph von Didulfryshuſen, Bürger zu Gießen(1323), die Güter des Kloſters Wirberg im Dorfe Didulfryshuſen in Erbleihe erhalten zu haben.3) Ferner wurden Johann Münch von Buſeck, Hartmann von Trohe und Cberhard Riedeſel 1356 von Heſſen mit 2 Huben Land zu Dydoltshuſen, die aus dem Wieſiekwald gerodet ſind, zu Mannlehen und eine Hube bei dem Dorf Dydoltshuſen gelegen zu einem Burglehen auf Gießen beliehen.4) Weiter war Adolph Rau von Holz⸗ hauſen 1466 und nach ihm ſein Mannsſtamm bis ins 16. 1) Wenck a. a. O., Thl. 3, S. 309, Anm. f. ²) Landau, Beſchreibung der wüſten Ortſchaften in Heſſen, S. 192. Wagner, Wüſtungen, Oberheſſen, S. 183, 184. ³) Darmſtädter Archiv. Wirberg 1323. 4¹) Ziegenhainer Repertorium Lit. K, — 46— Jahrhundert mit 5 Malter Frucht, halb Korn, halb Hafer, zu Gießen gefallend und einem Hofe zu Diedulßhauſen beliehen. ⁵) Aus dem bereits erwähnten Schenkungsbrief des Cunz Faſant an das Kloſter Wirberg ⁶) ergeben ſich zwei zu deſſen Hof zu Gießen gehörige Stücke Land, welche das eine„an dem Dye⸗ dingeshuſer Weg by Syfrid von Dreiſen Land“, das andere „an dem Nyeddern Dyedingeshuſer Wege an Wickenborns Land“ lagen. Einen ſolchen Namen führt jetzt kein Weg in Gießener Gemarkung mehr, wie überhaupt kein Name an Diedelshauſen mehr erinnert. Und doch exiſtirte noch Ende des 16. und Anfangs des 17. Jahrhunderts wenigſtens ein Hof Diedelshauſen oder Dilshauſen bei Gießen. Im Jahr 1591 verkaufen laut Gießener Contracten⸗Protocoll Kaspar Friedrich Schabe, Burgmann zu Staufenberg und Marie Zeitloſe uxor geb. Döring von Elmshauſen, ihren erbeignen Hof zu Dilß⸗ hauſen mit allem Zugehör, gelegen im Badenburger Feld, für 1035 fl. an Joh. Magnus Holzappel, Amtmann zu Gleiberg, als Pflegvater Joh. Adolphs von Rodenhauſen.) Nimmt man dieſe Anhaltspunkte zuſammen, und vergleicht damit die Verhandlurgen, welche im 16. Jahrhundert über die Theilung des Feldes gegen die Badenburg zwiſchen Gießen, Wieſeck und der Badenburg geführt wurden, und die jetzige Gemarkungsgrenze dieſer Orte, ſo kann man über die Lage von Diedelshauſen nicht zweifelhaft ſein und muß dieſelbe da ſuchen, wo die drei Gemarkungen in der Mulde zwiſchen der Badenburg und Wieſeck zuſammenſtoßen. Von der Landſtraße führen zwei breite, als Weide benutzte Wege, der eine die Grenze zwiſchen Gießer und Wieſecker Gemarkung bildend, nach den Wieſen, die ein vom Wieſecker Wald und der Chauſſee herkommendes, im Sommer austrocknendes Wäſſerchen durch⸗ zieht, die den oberen und niedern Diedelshauſer Weg gebildet ⁵) Mannbuch Landgraf Wilhelms v. 1489, Nr. XXXIX. ⁶) Baur, heſſ. Urkunden⸗Buch Nr. 1118 S. 744. ⁷) Prothocollon de 1571, sedd. ao. 1597, — 42— haben können. Die Anrodung aus dem Wieſecker Wald iſt dann nicht in dem in älteſter Zeit ſo genannten Gießener Stadtwald, ſondern unter dem Wieſecker Wald am Hangel⸗ ſtein zu ſuchen. Die Gemarkung des wahrſcheinlich ſchon bald nach der Erbauung der Badenburg, bei welcher ſich mehrere Hinterſaſſen niedergelaſſen hatten, ³) durch Ueberziehen nach Gießen, wie ſolches ſich aus der Urkunde Rudolphs von Diedels⸗ hauſen von 1323 ergibt, und Wieſeck verlaſſenen und auf einen Hof zuſammengeſchrumpften Dorfes wurde unter dieſe drei Ge⸗ markungen vertheilt und erſtreckte ſich jeder Theil augenſchein⸗ lich bis zur Stelle, wo das Dorf gelegen hatte. Spuren des⸗ ſelben finden ſich übrigens nicht mehr und weiß man nament⸗ lich von dem kirchlichen Verband deſſelben, der wahrſcheinlich nach Wieſeck gehörte, nichts Gewiſſes; nur daraus, daß noch die Badenburg zur Pfarrei Wieſeck gehörte, läßt ſich ſchließen, daß Diedelshauſen nicht zu dem gemeinen Land, ſondern wie Wieſeck und Badenburg zu dem privativen Land der Graf⸗ ſchaft Gießen gehört hat; am wenigſten iſt ein Grund vor⸗ handen, daſſelbe mit Landau a. a. O. in das ausſchließlich Merenberg reſp. Naſſau gehörig geweſene Kirchberger Gericht zu verlegen. Mit den Anſprüchen der Gemeinde Gießen an Diedels⸗ hauſen hängt wahrſcheinlich der Beſitz des Stadtwaldes im Hangelſtein zuſammen, da die Bewohner von Diedelshauſen neben Wieſeck zur Beholzigung aus demſelben berechtigt ge⸗ weſen ſein müſſen, weil ſie ſonſt nicht darin hätten roden dürfen. Die Berechtigungen der Stadt erſtreckten ſich aber noch weit hinter den Hangelſteiner Wald und dies hängt mit der Exiſtenz mehrerer anderen Dörfer in dem jetzt noch den Namen der Alten⸗Struth führenden Diſtrict zuſammen. Zwiſchen dem Gericht Buſeckerthal und der Cent Kirch⸗ berg oder Gericht Lollar, alſo der alten Gemarkungsgrenze von ⁵) Nach dem Gerichtsbuch von Gießen wurden ſolche durch ihre Junker von der Badenburg vor das Gießener Schöffengericht geladen. — 48— Alten⸗Buſeck, Wieſeck, Lollar und Daubringen, lagen drei Dörfer, Weigandshauſen, Altenſtruth und Eckels⸗ hauſen l(oder Eckertshauſen), deren Felder ſpäter unter dem gemeinſchaftlichen Namen der Wüſtung Altenſtruth begriffen wurden.) Die Territorialhoheit ſtand Heſſen allein zu und ſie müſſen daher, da das Buſecker Thal ſein eignes Gericht hatte und das Lollarer Gericht mit Merenberg reſp. Naſſau gemeinſchaftlich war, zur alten Mark Wieſeck gehört haben, wenigſtens hatten die von Wieſeck dieſe Wüſtungen nach dem Anerkenntniß derer von Altenbuſeck mit Recht erhalten und allen Brauch darin hergebracht.*0) Zum Kirchengebiet von Wieſeck gehörten ſie indeß nicht, ſondern wurden mit dem Buſecker Thal zur Diöceſe Mainz gerechnet. ¹¹) Die Bewohner dieſer theils ſchon früh ausgegangenen Orte hatten ſich zum Theil auch nach Gießen gezogen; ein Beiſpiel findet ſich ſchon 1337, wo Heinrich von Altenſtruth in Gießen bekennt, die Güter des Wetzlarer Stifts in Wiegandshauſen zu Erbleihe erhalten zu haben. ¹²) Burgmänner zu Gießen, die von Buſeck, gen. Reußer, nach ihnen die von Rauc zu Holzhauſen und nach Ausſterben der Linie derſelben die von Weitolshauſen gen. Schrautenbach trugen Güter zu Altenſtruth von Heſſen zu Burglehen. ¹³) Gießen gehörte mit Wieſeck, Altenbuſeck und Staufenberg zu den Märkern der Wüſtung Altenſtruth und nahm an Weide und Beholzung darin Theil, worüber der Vergleich vom 22. Auguſt 1580 Maß und Ziel ſetzte. ¹4) Erſt im vorigen Jahrhundert verkaufte Gießen ſeinen Antheil an der Altenſtruth an Altenbuſeck und Wieſeck. ) Wagner a. a. O., S. 174, 176, Note 6. ¹⁰) Wagner, daſ. S. 175. 11) Würdtwein, Diöcesis Mogunt. T. 3 p. 286. Sedes in Bussecken, Aldenbusseckin, Ruchelinskirchen, Büren, Bussecke, Rode, Altenstruth, Wygandtshusen, Opperode etc. ¹²) Gudenus C. D. T. V. p. 324. Urk.⸗Buch Nr. 93. ¹3) Wagner a. a. O. S. 177. Eſtor, kleine Schriften, Bd. 1, S. 128. ¹4) Memoriale. In Sachen des Buſecker Thals gegen Heſſen, S. 274. 49 Die drei Orte haben, wahrſcheinlich Eckelshauſen öſtlich an der Hainbach, Altenſtruth in der Mitte und Weigands⸗ hauſen weſtlich am Holzborn gelegen: wenigſtens ſpricht die Reihenfolge, in der die Ländereien derſelben im Saalbuch des Amts Gießen aufgeführt werden, dafür. ¹⁵) An der Lahn zwiſchen der Badenburg und dem Launs⸗ bacher Feld, bei dem Wismarer Steg, lag ein Hof, der Klettenberg, von welchem die adliche Familie von Kletten⸗ berg den Namen führte. ¹6) Lupelin von Göns trug das Gut 1352 von Heſſen zu Lehn ¹⁷) und bewitthumte ſeine Gemahlin darauf. Im Zinsregiſter von 1553 wird die ſtädtiſche Beed angeſetzt vom Land„vff dem Launsbacher Hamm by dem Klettenberge“ und von dem:„vmb die Badenburg vnd Kletten⸗ bergk mit ſeyner Zugehöre.“ Die Ackerlage im Wismarer Feld dieſſeits der Lahn, unmittelbar an der jetzigen Gießener Gemarkungsgrenze führt noch jetzt den Namen Klettenberg. Das Feld gehört zwar zur Gemarkung Wismar links der Lahn, aber zum Großherzogthum. Daß die erſt im 14. Jahrhundert erbaute Badenburg bis ins 16. Jahrhundert zu Gießen gerechnet wurde und das Gelände um ſie her, das nicht zu dem adlichen Haus Baden⸗ burg gehörte, nach Gießen beedpflichtig war, ergibt das eben erwähnte Zinsregiſter. Jenſeits der Lahn, vor der vom Gleiberger Weg herab⸗ ziehenden Schlucht, lag innerhalb der ſpäter von Gleiberg ſtreitig gemachten Gießer Grenze der Hof Leufertsrod (Leutfridisrod), eine, nach dem Schluß des Namens zu urtheilen, allerdings erſt ſpäter entſtandene Anſiedlung. Im Jahr 1279 ¹5) Saalbuch von 1587, Fol. 175, 176. Wagner verlegt Weigandshauſen in die Mitte und Altenſtruth auf die weſtliche Seite; aber die Ver⸗ bindung der Holzborn⸗Wieſen mit Weigandshauſen ſpricht dagegen. ¹16) Hartmud von Klettenberg gehörte 1331— 1338 zum Stadtgericht von Gießen nach Copial⸗Buch Nr. 84 und 95. ¹7) Baur a. a. O. Nr. 873. — 50— überläßt Hartrad von Merenberg(Herr zu Gleiberg) dem Kloſter Altenburg ſeine Erbgüter bei der Burg Gleiberg, die Leutfridisrod genannt werden, gegen die Hälfte des darauf zu gewinnenden Heus.¹s) Schon damals muß daher eine Nieder⸗ laſſung, die urſprünglich gewiß beſtand, weil das Gut den Namen ſeines erſten Anſiedlers trug, nicht mehr dageweſen ſein, vielmehr nur ein Wieſencomplex, wie heute noch. Das Kloͤſter Altenberg hatte bis in die neuere Zeit den Zehnten im Leu⸗ fertsrod. Der Leufertsroder Weg führt durch das Neuſtädter Feld dahin und der dort befindliche Brüunnen deutet auf die Stelle der alten Anſiedlung. Aus dem Bisherigen geht hervor, daß die alte Wieſecker Mark außer den Dörfern Selters und Achſtadt noch Diedels⸗ hauſen, Weigandshauſen, Altenſtruth und Eckelshauſen, ſowie ſpäter den Hof Klettenberg umfaßte. Daß Kroppbach und der Hof Leufertsrod urſprünglich dazu gehörten, iſt Uicht anzu⸗ nehmen, da ſie jenſeits der Lahn lagen. Dagegen gehörte noch der große Wieſecker Wald dazu, der bis ins 10. Jahr⸗ hundert vom Pfahlgraben bis an das Ufer der Wieſeck ging und im Süden bis an die Lindner Mark reichte, und von Oſten vom Gericht Buſeck begrenzt war. Erſt ſpäter entſtanden in dieſem die dort liegenden Dörfer um das Kloſter Schiffeu⸗ berg her. §. 10. Gemarkungen der ausgegangenen Orte. Um die früher zu den ausgegangenen Orten gehörigen Gemarkungen näher zu beſtimmen, muß man davon aus⸗ gehen, daß der große Wieſecker Wald bis an das Ufer des Wieſeckbachs, von dem er den Namen hatte, ging,“) dieſer aber ¹18) Gudenus C. D. T. 2 p. 208. Gudenus und ihm nach Wenck, heſſ. Geſch. Thl. 3, S. 299, Note d. leſen Lentfridisrod, was aber ein Verſehen ſein muß. ¹) Schmidt, heſſ. Geſch., S. 237, 238, Note d. Derſelbe in Juſti a. a. O. Thl. 4, Abth. 1, Nr. III. — 51— mitten durch die jetzige Stadt Gießen floß,) ſo daß alſo der öſtliche Theil der jetzigen Gemarkung derſelben in alter Zeit mit Wald bedeckt war, der nach und nach mit Feld angerodet wurde. Die Triebviertel wurden erſt im 17. Jahrhundert aus dem Wald unter den Eichen angerodet; das Land zwiſchen dem Wald und Nahrungsberg iſt theils noch, theils war es auf ſtädtiſchem Waldboden angerodetes Eigenthum der Stadt. Ein Theil des Feldes auf der Oſtſeite der Stadt hieß ſchon früher (vgl. Zinsregiſter von 1553) und heißt noch das Rodland und war dem Rodzehnten unterworfen.³) Die Bezeichnung der Gewannen: auf der Leiſen⸗Heide, im Hegſtrauch, im Scheidches⸗ Trieſch führen auf ſpätere Anrodnungen. Im Jahr 1314 verpfändet Schöff Konrad anf dem Keller von Gießen 16 Morgen Ackerland vor dem Wald, das Neu⸗ rod(novalia) oder„Waltlant“ genannt wurde. 4) In ähnlicher Weiſe kommen öfter Andeutungen von Anrodungen des Waldes vor. In 1325 erhielt Gerhard von Göns von Hartrad von Merenberg 30 Morgen im Wieſecker Wald um die Stelle, die bei der Struth genannt wird, zu Erb-Burglehn auf Gleiberg, eine Verleihung, die ſich offenbar auf Rodland am Gießener Stadtwald bezieht. ⁵) Die Gemarkung des Dorfes Selters nahm die ganze Südſeite der jetzigen Gemarkung Gießen ein. Hier war die ²) In der Mühlgaſſe in der Neuſtadt trieb die Wieſeck eine Mühle. ³) Die Lagen im Zinsregiſter beſchreiben ſich:„vom Schlag an bis an den Hegſtrauch und das Rodeland“ und„von der guten Leut⸗Bach bis an das Rodeland um das Weyer.“ ⁴) Senkenberg, Sammlung ungedr. Schriften, Thl. 4, S. 244. ⁵) Wenck a. a. O. Bd. 3, S. 310. Es iſt zwar im und am Stadt⸗ wald keine Lage, welche den Namen Struth führt, mehr bekannt; aber unter dem Wieſecker Wald wurde damals immer der jetzige Stadtwald verſtanden und da Struth einen feuchten Wald bezeichnet, ſo kann das ſpäter im Rod benannte Gelände, namentlich der Wieſen⸗ grund, wohl dieſen Namen früher geführt haben. Auf das Dorf Dorf Alten⸗Struth kann dte Urkunde nicht bezogen werden, da von einem locus, qui teutonice dicitur by der Strut, die Rede iſt. 4* 52— Grenzlinie zwiſchen der Mark Linden und Wieſeck durch eine uralte Heege oder Landwehr bezeichnet, die von dem Herrn⸗ wald aus an dem Saum des Lindner Markwalds heute noch als herrſchaftliches Eigenthum herzieht. Von der Stelle, wo ſich früher an dieſer Heege eine Viehtränke befand, zweigte die⸗ ſelbe in der Richtung von Oſten nach Weſten ab und ging dem ſchmalen Wieſenthälchen hinab unmittelbar am jetzigen Dorf Kleinlinden vorbei bis hinab an die Alt⸗Lahn, bei dem alten Wetzlarer Weg, wo der ſogenannte Landwehrgraben in dieſe mündet. Dieſe Heege, an welcher man vor einigen Jahren noch Spuren des Aufwurfs ſah, war Eigenthum der Stadt Gießen und wurde erſt im Jahr 1706 von ihr an die Gemeinde Kleinlinden veräußert.“)) Obwohl dieſe Herge als Markgrenze bis in die neueſte Zeit gehandhabt und von Klein⸗ linden noch durch Vergleich vom Jahr 1701 anerkannt wurde, ſo erſtreckten ſich doch die unter einem gemeinſchaftlichen Klein⸗ lindner Centgericht der Grundbeſitzer ſtehenden Beſitzungen des Centbanns weit über dieſe Linie hinaus nach dem alten Selters zu, wie die bis noch vor wenig Jahren ausgeſteinte Grenze dieſes Centbanns ergab, nämlich bis in den ſogen. Weiher— die jetzigen Wieſen vor der(vor Kurzem beſeitigten) Pappelallee an der Chauſſee nach Kleinlinden— und bis an den über den Seltersberg führenden Weg und die Heege der Lindner Mark oberhalb des Bachwegs.“) . Die Gemarkung von Selters war alſo auf der Südſeite durch die Uebergriffe der im Centbann Angeſeſſenen bedeutend eingeſchränkt, wie ſie nach Oſten hin durch den weit mehr aus⸗ gedehnten Wald ihre Beſchränkung fand. Nach Weſten erſtreckte ſie ſich dagegen über die jetzige Lahn hinaus. Im Jahr 1322 verkauft Konrad gen. Setzphand von Linden an Hartrad von 6) Laut Kaufvertrag im ſtädtiſchen Archiv. 7) Ausweislich der Grenzbegehungs⸗Protocolle im ſtädtiſchen Archiv. (Vgl. die Acten J. S. der Stadt Gießen gegen Kleinlinden, Anziehung der im Centbann gelegenen Grundſtücke zu den Kriegskoſten betr.) — Nerenberg das Gut, das er zu Selters hatte, an Höfen, Aeckern, Holz und Wald, einer Seiten der Lahn und anderer Seiten.) Es gehörten alſo die Gewannen im Wolffurt und in der Hohl⸗Eich, von denen die erſtere erſt im 17. Jahrhundert Gießen von Heuchelheim abgeſtritten wurde,) zu Selters. Die Grenze gegen Kropbach, alſo wahrſcheinlich gegen das gemeine Land an der Lahn, bildete auch hier eine Landwehr, welche bis in die neueren Zeiten erhalten blieb und noch heute durch den Landwehrgraben näher bezeichnet wird. Sie zog den Wieſen der kleinen Weide und weiter entlang von der Hard(bei der Textor'ſchen Brauerei) bis zu der Lahn. ¹⁰) In der nördlichen Richtung nach Gießen zu umfaßte die Gemarkung von Selters ohne Zweifel das Gelände zwiſchen dem alten Lauf der Wieſeck und dem Seltersberg. Die Wieſen der Stephansmark, das alte Feld und das Lützel⸗Feld ſind Anfangs des 14. Jahrhunderts wohl noch nach Selters ge⸗ hörig. Gerlach von Selters und ſeine Ehefrau Hartrune ver⸗ kauften 1310 dem Ritter Kraft von Rodenhauſen eine Wieſe an der Stephansmark, einen Acker im Lützel-⸗Feld und einen auf dem Altenfeld.¹¹) Erwin gen. Klobeloch von Gießen bekennt 1342 von einem Gut von 4 Morgen, zwiſchen Selters und Gießen gelegen, das er von Konrad von Selters beſeſſen, dem Stift Wetzlar jährlich 2 Schilling Heller zu ſchulden.¹²) Da die Selterſer Mühle an der Wieſeck lag und dieſe unmittelbar bei Selters mündete, ſo kann es nicht zweifel⸗ haft ſein, daß auch das Feld zwiſchen Lahn und Wieſeck, der ³) Wenck, heſſ. Geſch., Thl. 2, Urk. Nr. 285. *) Acten J. S. der Gemeinde Heuchelheim gegen Stadt Gießen de 1609 sequ. ¹1⁰) Im Zinsregiſter von 1553 finden ſich die Feldlagen dies⸗ und jenſeits der Landwehrung. ¹¹) Arnsburger Urkundenbuch Nr. 384, S. 266: ex prato sito an der stebinsmarke, ex agro sito imme lutzilfelde necnon ex altero dimidio agro sito uf dem aldinfelde. ¹²) Urkundenbuch Nr. 106. —— Hamm ec. zu Selters gehörte, daß ſich alſo dieſe Gemarkung bis unmittelbar an das alte Gießen erſtreckte. Das Kropbacher Feld iſt heute noch beſonders be⸗ wirthſchaftet und daher von dem alten Gießer Feld, nameentlich, wie ſchon bemerkt, durch den Landwehrgraben unterſchieden; es umfaßte den Hardberg und die Ebene an beiden Ufern der Kropbach. Ebenſo ſind die Gemarkungen der Altenſtruth jenſeits des Hangelſteins, und die von Diedelshauſen, welche letztere ſich jedenfalls nicht über die Lichtenau reſp. den Rod⸗ berg ſüdlich erſtreckte, und durch die Gemarkung von Wieſeck begrenzt wurden, hinreichend beſtimmt. Zwiſchen dem Wieſecker Feld und Gießen iſt nun noch die Gemarkung von Achſtadt zu ſuchen. Zu derſelben gehörte in alter Zeit augenſcheinlich ein Wald, der ſpäter ausgerodet wurde, der Rodberg ¹³) und es müſſen daher ihre älteren Felder um dieſen her gelegen haben. Dieſelben erſtreckten ſich aber auch über die Lahn, wo wir oben geſehen, die gemeine Weide von Achſtadt lag, alſo der Lahn aufwärts, wo die Ge⸗ markung an die von Launsbach und Krofdorf ſtieß. 4) Da ſich annehmen läßt, daß das Feld von Achſtadt ſich in gleichem Verhältniß ſüdlich dem Achſtädter Weg entlang erſtreckte, ſo ¹3) Im Zinsregiſter von 1553 wird das Gelände deſſelben„im Rode“ bezeichnet und es werden dazu die Lagen am Hohlweg, Schäferborn und Steinkaute(Felſen) gerechnet. ¹⁴) Wenn es, wie augenſcheinlich, richtig iſt, daß die Lahn in Urzeiten von der Launsbacher Grenze nach dem Hardberg nnd an dieſem ent⸗ lang dem Landwehrgraben und den Wieſen nach gegen die Wolfsfurth und den Heßler floß, ſo rechtfertigt ſich die Unterſtellung, daß die ganze Lahnau urſprünglich zu den uralten Orten Selters und Achſtadt ge⸗ hörte, die wohl älter waren, als der Lauf der Lahn von der Launs⸗ bacher Grenze nach dem Felſen und nach der jetzigen Wieſeckmündung. Wenigſtens ſpricht dafür, daß oberhalb die Grenzen zwiſchen Gießen, Badenburg, Lollar und den Gemarkungen jenſeits der Lahn und unter⸗ halb Gießen, zwiſchen Heuchelheim und Allendorf, ſich nach dem alten Lahnbett richten. bleibt auch auf der Nordſeite von Gießen kein Raum für eine beſondere Stadtgemarkung. Als eine ſolche würden daher nur etwa die Wieſen auf dem rechten Ufer der Wieſeck zwiſchen der Stephansmark, der Wieſecker und Achſtädter Gemarkung, der Raum der Stadt ſelbſt, die Gärten zwiſchen der Lahn und der Stadt im Garten⸗ feld und vielleicht ein Theil der Au, zwiſchen der Hard, dem Selterſer und Achſtädter Feld anzuſprechen ſein. Dieſe kleine Fläche wird aber zum größten Theil von urſprünglich zur Burg Gleiberg gehörigen Ländercien eingenommen. Die große Burgwieſe, die Umgebung des alten Schloſſes vom neuen Weg bis zur Wallthorſtraße, das ganze Gartenfeld bis zum Hamm war urſprünglich Eigenthum der Herrſchaft oder iſt es noch. ¹⁵) Die Grafen von Gleiberg und ihre Burgmannen bedurften für ihre Roſſe mehr Heu, als ihnen die wenigen Wieſen um die Burg gewährten und es war natürlich, daß ſie zu dieſem Be⸗ huf einen erheblichen Theil der Wieſen zwiſchen der Wieſeck und Lahn verwendeten.¹6) Aber auch die Länderei in der Au zwiſchen Gleiberg und Gießen war größtentheils dem Grafen⸗ haus und wurde mit der Zeit nicht blos von den Beſitzern von Burg und Stadt Gießen, ſondern auch von denen der Burg Gleiberg, den Herrn von Merenberg, an ihre Vaſallen verliehen.¹²) Noch bis in die neuere Zeit lagen hauptſächlich ¹5) Die Straße Neuenbäue iſt zu Anfang des 17. Jahrhunderts in dem früher herrſchaftlichen, bei der Schäferei anfangenden Burggarten er⸗ baut; das Gartenfeld iſt erſt im 18. Jahrhundert Eigenthum der Gartenbeſitzer gegen Grundzins geworden und war bis dahin nur herrſchaftliches Pachtland. ¹s) Dies war auch bei andern Burgen, die keine genügende Wieſengründe in der Nähe beſaſſen, der Fall, z. B. bei der Burg Friedberg, der die entfernte große Markwieſe an der Wetter zur Fütterung der Roſſe vom Kaiſer überwieſen war(Mader, Nachrichten von der Burg Fried⸗ berg, Thl. 1, S. 172). ¹⁷) z. B. 8 Morgen in der Au, die Senand v. Buſeck gehabt hatte und ½ Hube und 1 ½ Morgen, die Frank von Mörlen beſeſſen hatte, dem Ritter Johannes v. Kintzenbach 1323(Wenck a. a. O. Thl. 3, S. 310). — 56— hier am Leufertsroder und Krofdorfer Weg Güter der Burg⸗ mannen, z. B. der von Schwalbach. Auf dieſe Weiſe ſtellt ſich heraus, daß an der Stelle von Gießen früher keine alte Niederlaſſung geweſen ſein kann, weil alles Gelände zu den Gemarkungen der benachbarten Dörfer 1 oder der Gleiberger Herrſchaft gehörte, ¹s) die Niederlaſſungen älteſter Zeit aber nur den Zweck des Landbaus hatten, daher überall eine Gemarkung vorausſetzen.— §. 11. Gauverhältniſſe. Grafen des ſaliſch kanradiniſchen Hauſes,— Gleiberg. So lange der Lahngau das ganze Flußgebiet der Lahn umfaßte, war es nicht zweifelhaft, daß die ganze Gegend von Gießen in denſelben gehörte und die Grenze gegen den Gau Wetterau, den der Pfahlgraben von ihr ſchied, bildete. Dieſer Lahngau war aber ſo groß, daß ſich bereits in ganz alter Zeit verſchiedene Untergaue bildeten, namentlich in der Gegend der mittleren Lahn der Solmsgau, der auch nur 1 als Solmſer Mark bezeichnet wird und nur das Thal der Solms⸗ bach umfaßte, der Erdagan, hauptſächlich aus dem Waſſergebiet des Ahrd⸗ oder Erdabachs beſtehend, ſich aber auch über die Herborner Mark bis an den Fuß des Weſterwalds erſtreckend und öfter auch die Solmſer Mark umfaſſend; ferner der Lohr⸗ gau(pagus Larensis), der das Salzböde und Lumdathal begriff. ¹1s) Daß bei der Stelle, wo Gießen liegt, in älteſter Zeit eine Furth über die Lahn geweſen, iſt ſehr wahrſcheinlich, da der Fluß hier ſehr flach lag, und das Bedürfniß nach den Wieſen jenſeits der Lahn von Glei⸗ berg aus zu fahren vorlag; eine practicable Straße war aber wegen der ſumpfigen Eigenſchaft der Wieſen und dem jenſeits derſelben liegenden ungeheuren Wald nicht in der Richtung dieſer Furth zu erwarten. Der Verkehr von Gleiberg und dem unteren Lahnthal ging vielmehr wahrſcheinlich über die Achſtädter Furth nach dem Buſecker⸗ thal und über die Selterſer Furth nach der Wetterau. Es iſt daher auch nicht zu vermuthen, daß hier ein Fiſcherdorf oder eine Nieder⸗ laſſung von Fährleuten geweſen ſei, wie von Manchen vermuthet wird. 57— Daß dies nur kleinere Untergaue waren, erhellt daraus, daß die darin vorkommende Orte in andern Urkunden in den Lahn⸗ gau verſetzt werden. ¹) Als ſich ſpäter dieſer außergewöhnlich große Gau in einen Ober⸗ nnd Nieder⸗Lahngau theilte, wird es zweifelhaft, wohin die Gegend von Gießen zu rechnen iſt. Wenn es unbedingt richtig wäre, daß die Gaueintheilung ſtets mit der der Archidiaconate und ſomit der biſchöflichen Diöceſen zuſammen falle,*) ſo wäre die Sache leicht entſchieden. Aber vorerſt ſtimmen die Gerichte der Grenzorte nicht überein; denn es iſt nicht zweifelhaft, daß Wieſeck und Selters, Linden, Heuchelheim und Krofdorf mit Launsbach noch zum Decanat Wetzlar und zum Archidiaconat Dietkirchen, alſo der Trierer Diö⸗ ceſe gehörten, Salzböden, Odenhauſen, Wismar, Kirchberg und Buſeck mit ihrem Kirchengebiet aber zum Archidiaconat Sct. Siephan zu Mainz⁴) und danach würden jene Orte noch zum ¹) Wenck a. a. O., Thl. 2, S. 437, 445(Note w. p.), Schannat Tradit. Fuldens. p. 307, Nr. 40. Daß dieſes nur im Ganzen der Fall war und öfter, wie auch hier Ausnahmen, wo die weltliche und geiſtliche Gerichtsſprengel divergirten, vorkamen, beſtätigt Simon, Geſch. des Hauſes Mſeuburg⸗Büdingen, S. 31. Vergl. das Decanatsregiſter von Wetzlar bei Wenck a. a. O., Thl. 2, S. 445 und Abicht a. a. O., Thl. 3, S. 44 mit Würdtwein Diocces Moxuntin. T. 3 p. 286, Wenck a. a. O., S. 433, 435 und 439, Sedes in Kirchberg und Wessemar. Dieſe Vergleichung ergibt, daß die Diöceſangrenze ſelbſt nicht feſt ſtand, namentlich hinſichtlich der Kirchen Rödchen und Annerod zweifelhaft war. Die Mainzer rechneten jenes zum Diend Buſeck, dieſes zum Decanat Winnerod des Archidiaconats Sct. Stephan, Trier beide zum Wetzlarer Decanat. Wir geben nachſtehend die Wetzlarer Decanatsorte, zunächſt ſoweit ſie in beiden Regiſtern übereinſtimmen: Wetzlar, Leun, Biel, Burgſolms, Dalheim(ausgegangenes Ort bei Wetzlar), Aslar, Dillheim, Kölſch⸗ hauſen, Altenkirchen bei Hohenſolms, Weidbach, Altenſtädten, Erda, Krumbach, Konigsberg, Rodheim, Krofdorf, Launsbach, Heuchelheim, Dorlar, Garbenheim, Blasbach, Mühlheim(jetzt Hermannſtein), Gießen, Wieſeck, Rödchen, Albach, Hauſen, Dutenhofen, Großlinden, Lützel⸗ linden, Allendorf(a. d. Lahn), Hörnsheim, Hochelheim, Pol⸗, Kirch⸗, 2 — — 53— Nieder⸗ und dieſe zum Ober⸗Lahngau zu zählen ſein. Es iſt aber auch ebenſo gewiß, daß Wismar und Launsbach zum gemeinen Land an der Lahn, Odenhauſen und Salzböden mit Krofdorf zum Amt Gleiberg gehörten, daher jene mit dem Kirchberger oder Lollarer Gericht nicht in Verbindung ſtanden,) ſich alſo hinſichtlich der Gerichtsbarkeit in einem andern Ver⸗ band befanden, als in kirchlicher Hinſicht, wie wir dies auch oben bereits in Bezug auf Altenſtruth geſehen haben. Ueber⸗ dies wird der Niederlahngau gewöhnlich nur bis an die Weil gerechnet und die Malſtätte deſſelben auf dem Reckenforſt bei Dietz) war auch in einer ſolchen Entfernung von unſerer Gegend, daß ſich ein Zuſammengehören derſelben mit dieſem Gaugericht, von der ohnehin keine urkundliche Spur zu finden iſt, gar nicht erwarten läßt. Mit Recht bemerkt daher Wenck, daß hier die Gau⸗ und Dioceſan⸗Eintheilung nicht überein⸗ Lang⸗ und Ebersgöns, Vollnkirchen, Volprechtshauſen, Reißkirchen, Rechtenbach, Ober⸗ und Nieder⸗Kleen,(Dorn) Holzhauſen,(Brand) Oberndorf, Griedelbach, Cröſtelbach, Quembach, Ober⸗ und Nieder⸗Wetz, Nauborn(Nufern), Schwalbach, Bonbaden, Altenkirchen bei Braun⸗ fels, Ulm, Biskirchen, Weilburg, Cubach, Edelsberg a. d. Weil, Löhn⸗ berg(früher Heiau), Mengerskirchen, Nenterod, Rolshauſen(aus⸗ gegangnes Ort bei Greifenſtein), Wallendorf(bei Beilſtein). Das ältere Regiſter bei Wenck a. a. O. enthält weiter: Driedorf(urſprüng⸗ lich zu Greifenſtein gehörig), Dilhauſen(bei Merenberg), Mitte(Möttau bei Cubach) und Rachdorf, ein ausgegangnes Ort bei Möttau.— Iſen⸗ burg trug Gericht und Kirchſatz zu Mude(Möttau) und Rachdorf (Marienrachdorf) von Trier zu Lehn(Kopp, Lehnproben Thl. 1, S. 169, Thl. 2, S. 268).— Dieſe Orte ſind als Zugehör der Kirche von Wetzlar gerechtfertigt, denn ſie liegen innerhalb der Weil, der Wetterau, des Haigergaus und der Herborner Mark, alſo nicht mehr im Niederlahngau. Nach dem Tauſchbrief von 1396, nach welchem Landgraf Hermann dem Grafen Philipp von Naſſau die Hälfte des Dorfes Großenlinden gegen die Hälfte des Gerichts Kirchberg vertauſcht, gehörten zu letzterem Kirchberg, Mainzlar, Daubringen, Einshauſen, Lollar, Ruttershauſen und Dückenbach, nicht aber Wismar, Odenhauſen oder Salzböden, dagegen zum gemeinen Land an der Lahn Wismar, Launsbach, Kinzen⸗ bach.(Abicht, Kreis Wetzlar, Thl. 1, S. 204.) ⁵) Vogel, Beſchreibung von Naſſau, S. 158, 163. 4 — — 59— ſtimme und glaubt, daß das Decanat Wetzlar wohl eher zum Ober⸗ als Nieder⸗Lahngan gezählt werden müſſe,sé) und Kremer in ſeinem Werk über den Urſprung der Grafen von Naſſau hält das Decanat Wetzlar für den Ober⸗Lahngau ſelbſt.*) Dieſes Decanat, obwohl zum Archidiaconat Dietkirchen gehörig, darf wohl nicht mehr zum Nieder⸗Lahngau, der ſeine Grenze an der Weil hatte, aber auch nicht zum Ober⸗Lahngau, wenigſtens nicht in ſeiner ſpäteren Bedeutung, der zum Erzbisthum Mainz gehörte, gezählt werden; es lag vielmehr zwiſchen beiden. Sein Anfang erſtreckte ſich vom Weſterwald bei Dridorf und Mengers⸗ kirchen und der Weil bis zum Pfahlgraben und umfaßte alſo die ganze auf zwei Seiten vom Erzſtift Mainz umgebene Oſt⸗ ſeite der Trierer Diöceſe. Eine Ueberſicht der Geſchichte des Saliſch Fränkiſchen Hauſes wird Anhaltspunkte dafür liefern, daß die Gegend von Gleiberg, Gießen, das Decanat Wetzlar einen eigenen Gau, einen Mittel⸗Lahngau bildete..) 6) a. a. O., Thl. 2, S. 447 und Thl. 3, S. 134. Es iſt aber nicht nöthig, dieſe Verbindung der geiſtlichen Gerichtsbarkeit mit dem Trierer Bisthum aus einer Verrückung der Diöceſan⸗Grenzen aus Neigung der aus dem Luxemburger Haus ſtammenden Grafen von Gleiberg zum Erzſtift Trier zu erklären, wie Wenck verſucht. Solche Ab⸗ weichungen kamen anderwärts in noch größerem Maßſtabe vor, z. B. in der Wetterau, von der ein bedeutendes Stück mit Orb, Steinau, Salmünſter zum Gau, aber nicht zum Archidiaconat gehörte.(Wenck a. a. O., Thl. 2, S. 408.) Kremer, Origines Nassoicae,§. 11, 71. Wetzlar iſt mit ſeiner Stiftskirche erſt zu Anfang des 10. Jahrhunderts entſtanden; die Decanats⸗Eintheilung war aber gewiß ſchon älter, da das Archidiaconat Dietkirchen zu groß war, um nicht in mehrere De⸗ canate zu verfallen. Wahrſcheinlich bildete in älteſter Zeit Weilburg mit ſeiner Stiftskirche den Decanatsſitz; als aber dieſe Kirche dem Bisthum Worms zugewendet wurde, war Trier veranlaßt, denſelben nach Wetzlar, der einzigen Stiftskirche der Gegend, zu verlegen. Die übrigen Decanate oder Kapitel waren Marienfels, das den Gau Ein⸗ rich, Engers, das den gleichnamigen Gau, Kirberg, das den Niederlahn⸗ gau, und Haiger, das den Haigergau umfaßte. Schon dies ſpricht dafür, daß dem Decanat Wetzlar ein eigner Gau, der Mittellahngau entſprach. ¶ 2 — — 60— Die Theilung des Ober⸗ und Nieder⸗Lahngaus läßt ſich nämlich wohl auf die vier Brüder, Konrad, Eberhard, Gebhard und Rudolph, Enkel des Herzogs Gebhard im Lahngan, welche zu Ende des 9. Jahrhunderts lebten, zurückführen. Von ihnen war Konrad, Graf des Heſſen⸗ und Ober⸗Lahngaus; dieſe beiden Gaue bildeten die Provincia Hassiae, der er als Senior Hassiae vorſtand; ²) ſein Sitz war Fritzlar, in deſſen Nähe er auch 905 in der Babenberger Fehde fiel. Eberhard war Graf des Nieder⸗Lahngaus mit dem Sitz zu Limburg; Gebhard Graf der Wetterau, Rudolph Biſchoff. Die Grenze zwiſchen den Beſitzungen der beiden Erſteren war die Weil⸗ bach. Schon 821 rechnet eine Fuldaer Urkunde Steten(bei Runkel), Brombach(bei Weilburg), das ausgegangene Feldheim an der Weil und Weilmünſter(Wilar) zum pagus inferior Lognahi.¹*) Dagegen gehörte Weilburg ſelbſt, der Stammſitz des Grafenhauſes, dem älteſten Bruder Grafen Konrad, wo er auch beſtattet wurde, ¹*) alſo damals zum Oberlahngau, der mit Heſſen ſchon zu ſeiner Zeit vereinigt war. Dieſer Konrad I. hinterließ drei Söhne. Konrad II., Eberhard und Otto. Konrad, der zugleich die Würde eines Her⸗ zogs der Franken erhielt, und im Jahr 911 nach dem Tode Ludwigs des Kindes zum König der Deutſchen erwählt wurde, war Graf des fränkiſchen und ſächſiſchen Heſſen⸗Gaus, und hatte den Sitz wie ſein Vater in Fritzlar. ¹²) Graf Eberhard erſcheint als Graf im Ober⸗Lahngau, insbeſondere Stift Wetter, Batten⸗ berg und im Untergau des Perfgrundes(Grund Breiden⸗ bach. ¹³) Für Otto bleibt dann der ſüdliche Theil des in ſeines Vaters Händen geweſenen Ober⸗Lahngaus, alſo unſere Gegend *) Rommel, Geſchichte von Heſſen, Thl. 1, S. 88 und Anm. 13. 1⁰) Schannat, Tradit. Fuldens. p. 134. ¹1¹) Rommel a. a. O., S. 92. Wenck a. a. O., Thl. 2, S. 617. ¹²) Rommel a. a. O, S. 90. 13) Wenck a. a. O., Thl. 2, S. 438, 458, 625. — 61— bis zur Grenze des Nieder⸗Lahngaus. In ſeine Grafſchaft verſetzt eine fuldiſche Urkunde König Konrads von 912 Nle Gegend des Solmsgaus mit den Orten Möttau, Altenkirchen, Neukirchen, Leun und Meſtineshauſen(wahrſcheinlich Magdalenen⸗ hauſen bei Wetzlar); ¹4) ferner eine andere Schenkungs⸗Urkunde König Konrads an die Kirche zu Weilburg den Hof Rechten⸗ bach. 15) Dieſe curtis Rechtenbach, wahrſcheinlich Klein⸗ Rechtenbach im Gegenſatz der villa, gehörte ebenſo wie Groß⸗ Rechtenbach zur Grafſchaft Gleiberg⸗Gießen und erſteres Dorf insbeſondere zu dem Stadtgericht Gießen, auf deſſen ungeboten Ding ſein Schultheiß bis zur Theilung des Hütten⸗ bergs in 1703 erſcheinen mußte, ¹6) während Groß⸗Rechtenbach in dem zwiſchen Gleiberg und Gießen bis zu derſelben Zeit gemeinſchaftlichen Gericht Hüttenberg lag. Der Nieder⸗Lahngau blieb den Nachkommen Graf Eberhards und war damals im Beſitz des Vetters jener drei Brüder, des Grafen Konrad Kurzbold, Sohnes des Grafen Eberhard I.(gefallen 902 in der Schlacht gegen Adelbert von Babenberg). Es war alſo der Ober⸗ Lahngau(pagus) zu Zeiten Königs Konrad in die zwei Graf⸗ ſchaften(comitatus) ſeiner beiden Brüder Eberhard und Otto zerfallen ¹⁷) und wenn derſelbe irgend gleichmäßig unter 13) Schannat, Trad. Fuld. S. 227, in pago Loganagowe appellato, in Comitatu Ottonis fratris nostri loca quae vocitantur Mittui, Altinchiricha, Mestineshusa, Luina et Niunchiricha. 15) Scheid, Origines Guelf. T. 4 p. 280, in pago Logenehe in comi- tatu Ottonis germani nostri sitas, hoc est curtem Rechtenbach nominatum. ¹6) Laut Gießener Gerichtsbuch von 1462 bis 1703. ¹7) Es war gewöhnlich, daß ein alter Gau ſpäter verſchiedne kleinere Grafſchaften, die dann anfänglich als Untergaue zu betrachten ſind, enthielt; ſo umfaßte der Oberlahngau weiter außer der im engeren Sinne ſo zu bezeichnenden Grafſchaft mit Marburg, Alsfeld und Grünberg, noch die Grafſchaft Stift(Wetter oder Battenberg) und die Grafſchaft Ziegenhain, und konnte alſo auch die Grafſchaft Gleiberg⸗ Gießen und Solms umfaſſen. Daß Otto aber einer der Gaugrafen des Lahngaus war, ergeben die ihn erwähnenden oben angeführten Urkunden. Schmidt, Geſch. von Heſſen, Bd. 1, S. 150, bemerkt mit — 62— ſie vertheilt war, ſo muß man die Gegend von Gießen ſicher zur ſüdlichen Grafſchaft, zu der Otto's, rechnen. Zufolge Berück⸗ ſichtigung der Diöceſaneintheilung beſchränkte man aber mit der Zeit den Begriff des Ober⸗Lahngaus auf das zum Erz⸗ bisthum Mainz gehörige Gebiet und rechnete daher dieſen ſüdlichen Theil nicht mehr dazu. Es erhellt daher, daß die nachmaligen Grafſchaften Solms und Gleiberg zuſammen eine eigene Gaugrafſchaft bildeten, welche dem Umfang des Decanats Wetzlar entſprach; da ſich aber in der Folge ergibt, daß auch ein Theil der Mainzer Diöceſe, der Untergau der Lohr, der ſich bis in die Nähe von Marburg erſtreckte, zur Herrſchaft Gleiberg gehört hat, ſo muß man die Grenze dieſer mittleren Grafſchaft des Lahngaus weiter nörd⸗ lich, alſo innerhalb des eigentlichen Ober⸗Lahngaus ſeinen ſpäteren Begriff nach ſuchen, wo wir ſie ſpäter nachweiſen werden. Wo der Grafenſitz derſelben war, bleibt ungewiß. Weilburg war es nicht, es war als Stammſitz dem älteſten Bruder, dem König Konrad geblieben, der wie ſein Vater 918 in dieſer ſeiner Stadt begraben wurde. ¹) Wetzlar konnte es ebenfalls nicht ſein, denn es iſt dort erſt ſeit etwa 970 Recht, man habe keinen Grund, anzunehmen, daß der ganze Ober⸗ lahngau nur die zwei Grafſchaften Wetter und Rucheslo enthalten habe; vielmehr müſſe man es wahrſcheinlich finden, daß noch mehrere ähnliche Gerichtsbezirke neben denſelben beſtanden hätten. Nicht blos die Grafſchaft Ziegenhain und die von den Giſonen auf die Land⸗ grafen von Thüringen gelangte, den Reſt des Oberlahngaus umfaſſende Grafſchaft, zu welcher Marburg, Kirchhain, der Ebsdorfer Grund, Homberg, Alsfeld, Grünberg und die Gegend von Ulrichſtein gehörten, ſind in denſelben gehörig, ſondern es hing auch mit der zu Gleiberg gehörigen Comitia Rucheslo die das Decanat Wetzlar bildende Gau⸗ grafſchaft an der mittleren Lahn auf das Innigſte zuſammen. In noch ſpäterer Zeit erwuchs beinahe aus jeder einzelnen Cent eine Graf⸗ ſchaft(comitatus), die aber mit den alten Gaugrafſchaften oft in gar keinem Zuſammenhang ſtehen. ¹8) Annalista Saxo ad ann. 919. Sepultus est in civitate sua Wilina- purch. Wenck, Bd. 2, S. 638. Vogel, Beſchreibung von Naſſau, S. 173. 2 — 63— eine Kirche von zwei dem Gau fremden Grafen Hermann und Udo, wahrſcheinlich Söhnen des Grafen Gebhard von der Wetterau, auf Rodland in der Wanendorfer Mark erbaut worden, ³⁵) um die ſich die Stadt nach und nach bildete und die Erbauung der Burg Calsmunt veranlaßte. Die Burg Braunfels ſoll angeblich erſt 950 von einem Graf Eitel(JItel) auf einem von Fulda zu Lehn gereichten Berg erbaut worden ſein.*) Die anderen Burgen der Grafſchaft Solms(Burg⸗ Solms, Königsberg, Hohenſolms, Greifenſtein) ſind alle ſpäteren Urſprungs. Wo wird hiernach der Sitz Graf Otto's wohl anders geweſen ſein als auf der Burg Gleiberg? Betrachten wir die Trümmer dieſer Burg an der Glei⸗ bach, den maſſenhaften Hauptthurm, die wohl erhaltene öſtliche Hauptmauer und die Reſte der leider allzuſehr zerſtörten Kapelle, 2¹) ſo können wir die Erbauung derſelben unbedenklich in den Anfang des 10. Jahrhunderts verſetzen und dann kann wohl Niemand anders ihr Erbauer und Bewohner geweſen ſein, als jener Otto, der Bruder König Konrads. ²²) Eine 19) Rommel a. a. O., Aum. S. 81. Ulmenſtein, Geſch. von Wetzlar, Thl. 1, S. 14. Wigand, Geſch. des Doms zu Wetzlar, 1838. ²⁰) Graf Rudolph zu Solms⸗Laubach, Geſch. des Hauſes Solms, S. 12 Die Nachricht ſcheint über Schannat Histor. Fuldens. p. 122 auf Winkelmann Topographia Hass. p. 163 zurückzuführen und darum nicht ſehr zuverläſſig zu ſein: wenigſtens hat Schannat nur dieſen Gewährsmann ſtatt Urkunden und bringt damit die Stiftung des Kloſters Altenberg in Verbindung, von dem man erſt länger als 200 Jahre hernach etwas Sicheres weiß. Die Bauart des Gleiberger Thurms, beſonders aber der Rundbogen⸗ Styl und die Säulchen an der Kapelle, welche eine düſtere Krypta im Erdgeſchoß der Burg war, erinnern an die älteſten Bauwerke und namentlich ihre Baſaltmauern zeigen große Aehnlichkeit mit dem älteſten Theil der Wetzlarer Stiftskirche. Die Sage hat, an die Namen von Gleiberg, Vetzberg und Weddeberg anknüpfend, drei Brüder als die Erbauer von 3 Burgen bezeichnet, von denen die ſchönſte auf dem Weddeberg dem Neid der beiden älteren Brüder zum Opfer gefallen ſei.(Wolf, heſſiſche Sagen, S. 154, Nr. 248.) Wiewohl der Anhaltspunkt ein irrthümlicher iſt, da der Gleiberg ſeinen Namen von der Gleibach ſchon früher getragen haben — 8 8 — 22) — — 684— paſſendere Lage in der Mitte ſeiner Grafſchaft, die das Lahn⸗ thal von der Gegend von Weilburg bis in die von Marburg einnahm, war nicht zu finden. Allerdings kommt der Name von Gleiberg erſt im Anfang des 11. Jahrhunderts vor; indeß iſt die Burg ſelbſt offenbar weit älter und nur dem Mangel an urkundlichen Nachrichten aus jener Zeit zuzuſchreiben, daß ſie nicht früher erwähnt wird. Auch eine uralte Malſtätte in der Nähe von Gleiberg, der Königſtuhl, auf dem Spitzenberg, einem Bergvorſprung zwiſchen der Rodheimer und Girmeſer Mark, recht mitten im Gau, bei der Wendung des von Norden kommenden Lahuthals nach Weſten, ²³) ſpricht für das Vorhandenſein eines alten Gaugerichts in der Umgegend der Grafenburg. Einen eigenen Namen für dieſen Gau an der mittleren Lahn finden wir allerdings nicht und namentlich kann der des Erdagaus nicht auf ihn ausgedehnt werden, da derſelbe nur eine Unterabtheilung war. ²⁴) wird, als die Burg erbaut war, der Vetzberg aber als Vorwerk von Gleiberg urſprünglich Voigtsberg hieß und der Weddeberg nur den Anfang eines ſehr kleinen anderen Vorwerks trug, ſo iſt es doch auf⸗ fallend, daß die drei bauenden Brüder mit den drei berühmten Brüdern des ſaliſch⸗konradiniſchen Hauſes harmoniren. (Dieffenbach,) das Großherzogthum Heſſen in maler. Anſichten, Bd. 2, S. 40. Abicht, Kreis Wetzlar, Thl. II., S. 29. Nebel in Wigand, Wetzlar. Beiträge Bd. 1, S. 292. Nebel ſah an dieſer alten Mal⸗ ſtätte noch die ſteinernen Sitze innerhalb eines Erdwalls; er nimmt an, daß dieſelbe aus den Zeiten König Konrad I. herrühren. Auf 3 dieſem Königsſtuhl ſollen nach ihm Landgraf Heinrich I. und Graf Philipp von Solms⸗Königsberg zuſammen gekommen ſein, um den Kauf über die Grafſchaft Königsberg zu ſchließen; iſt dies richtig, ſo war es nicht blos ein willkürlicher Punkt auf der quer durch den Königsſtuhl geführten Grenze zwiſchen der Grafſchaft Gleiberg und Solms, ſondern das damals noch friſche Andenken an die alte gemein⸗ ſame Gerichtsſtelle des Gaus, die gerade dieſen Ort wählen ließ. 24) Vogel, a. a. O., S. 418, nimmt an, daß das Decanat Wetzlar mit dem Gan Erdehe zuſammenfalle, aber dieſer berührte das Thal der Lahn nur auf deſſen Nordweſtſeite, ſchloß es aber niemals ein; die Orte werden in den Gau Logenahe im Allgemeinen verſetzt. 23 — — 4 — 6 8. 12. Fortſetzung. Grafen vor und neben den Gleibergern. Graf Otto, der Salier, ſtarb wahrſcheinlich ſchon vor ſeinem Bruder König Konrad(918.) Der dritte Bruder, Eberhard, der dem letzten Willen Konrads gemäß, die Königs⸗ krone dem ſächſiſchen Hauſe erwerben half, vereinigte augen⸗ ſcheinlich die Grafſchaften ſeiner Brüder in ſeiner Hand; wenigſtens gehörte die Gegend von Gleiberg⸗Gießen hernach (928) zu ſeiner Grafſchaft,*) wenn auch vielleicht dagegen ein an den Gau Wetterau ſtoßender Theil des Ober⸗Lahngaus an ſeinen Vetter Graf Hermann von der Wetterau übergegangen war.*) Graf Eberhard, der mit dem Beſitz der geſammten Länder ſeines Vaters die Würde eines Herzogs der Franken und kaiſerlichen Erztruchſeſſes und Pfalzgrafen vereinigte, empörte ſich(938) gegen Kaiſer Otto I. in Gemeinſchaft mit deſſen Bruder Thankmar. Ob das in dieſem Krieg belagerte und eroberte Larum Laar in Weſtphalen oder Lohr im Thal der Salzböde, welches allerdings in Eberhards Grafſchaft lag, geweſen ſei, wird immer zweifelhaft bleiben. ³) Nachdem Thankmar in der Eres⸗ ¹) Nach einer Weißenburger Urkunde war Dorf und Mark Kleen im Jahr 928 ein Theil der Grafſchaft Eberhards; dieſe Mark und das Kleebachthal überhaupt gehörte aber zur Herrſchaft Gleiberg.(S§. 29.) Tradit. Wizzenburg. p. 303,„in pago Logenachi in comitatu Eberhardi in marcha et villa Klea.“ Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 6, S. 439. ²) Rommel a. a. O., S. 101, hält dieſen für Otto's Nachfolger in der Gaugrafenwürde, weil eine Urkunde von 918 die Orte Erbenhauſen und Erfortshauſen in ſeine Grafſchaft verſetzt. Daß dieſe Orte, mag man nun unter dem Erſteren Erbenhauſen bei Homberg a. d. O. oder Erbenhauſen im Ebsdorfer Grund verſtehen, jemals zu Otto's Grafſchaft gehörten, iſt aber unbekannt. Zum Oberlahngau gehörten ſie; aber die Gegend von Grünberg und Homberg kann zeitweiſe auch dem Grafen Hermann zum Wettergau überwieſen worden ſein, deſſen Grenze von Lich an nördlich nicht ſo feſtſteht, wie weſtlich von da, indem auch Nordeck einmal in denſelben verlegt wird. Wenck a. a. O., Thl. 3, S. 649, nimmt Erſteres, Rommel, a. a. O., S. 100 Letzteres an. Die Fehde ſcheint in Weſtphalen ausgetragen 5 — 5 ——— 8 ————— 66— burg(Stadtbergen) umgekommen war, verband ſich Eberhard mit dem Herzog Giſelbert von Lothringen gegen den Kaiſer und wurde(939) von ſeinen dem ſächſiſchen Kaiſerhaus treu ergebenen Vettern, Konrad Kurzbold, Graf des Nieder⸗Lahngaus, dem berühmten Stifter der Limburger Stiftskirche, und Udo, Graf der Wetterau, bei Andernach am Rhein erſchlagen. ⁴) Nach Eberhards Tod zog der Kaiſer wahrſcheinlich einen Theil ſeiner Allodial⸗Beſitzungen, nämlich den Stammort Weil⸗ burg mit ſeiner Umgebung ein; Kaiſer Otto III. gab erſt das Stift, dann die kaiſerliche Burg und den Hof nebſt einem großen Strich Landes, Kaiſer Heinrich II. auch die Stadt dem Bisthum Worms, von welchem ſie ſpäter den benachbarten Grafen von Naſſau zu Lehn gereicht wurde.“) Die Gaugrafenwürde im Heſſen⸗ gau und wahrſcheinlich auch in dem ſtets zur Provinz Heſſen gerechneten Ober-Lahngau erhielt Eberhards Vetter, Graf Hermann von der Wetterau, Herzog von Schwaben. ⁵) Dieſer hatte drei Töchter, von denen eine mit dem Sohne Kaiſer Otto's I., Ludolph, vermählt war und dieſer Ludolph war der— Nachfolger Hermanns im Heſſengau, ob auch im Ober⸗Lahn⸗ gau, iſt unbekannt; er ſtarb aber ſchon 957.7) Nach ihm erſcheinen drei Grafengeſchlechter in jenen Gegenden; das eine, worden zu ſein und deshalb iſt nicht zu erwarten, daß die Lahngegend in dieſelbe gezogen wurde. Lohr beſitzt zwar eine ſehr alte, vielleicht aus jenen Zeiten rührende Kirche, zeigt aber von früheren Befeſtigungen keine Spur. Seine Lage, nach Weſten durch einen ſchroffen Abhang und nach Oſten durch eine vom Waſſer geriſſene Vertiefung geſchützt und gegen Norden die Kirche und den Kirchhof zur Wehr brauchbar beſitzend, könnte dem Ort die Bedeutung einer für jene Zeit zu Schutz und Trutz geeigneten Stadt gegeben haben, wie es denn auch dadurch, daß es einem alten Untergau den Namen gab, eine beſondere Wichtig⸗ keit verräth. 4) Daß dieſe Stelle nicht bei Breiſach oder Breiſich zu ſuchen ſei, wie Wenck und Rommel meinen, ſondern bei Andernach, hat Soldan im Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 7, Nr⸗ 3, nachgewieſen. ⁵) Wenck, a. a. O., Thl. 3, S. 20, Vogel, a. a. O., S. 176. 6) Schmidt, a. a. O., Bd. 1,§. 39 und S. 293. ⁷) Derſelbe, S. 96, 300. Wenck, Bd. 3, S. 9. — G, deren Glieder meiſt den Namen Werner führen, beſaß das Gaugericht Maden bei Fritzlar und die Gegend von Kaſſel; das andere, in welchem der Name Giſo gewöhnlich iſt, hatte ſeinen Sitz auf der Burg Hohenlinden(Hollenden) im Stift Wetter und beſaß den weſtlichen Theil des Ober⸗Lahngaus mit Battenberg; das dritte, das erſt ſpäter ſicher nachzuweiſen iſt, war um Ziegenhain zu Hauſe.8) Die Beſitzungen der Grafen Werner vereinigten ſich ſpäter mit denen des Grafen Giſo IV. und deſſen Tochter Hedwig brachte ſie dem Land— grafen Ludwig I. von Thüringen und Heſſen zu.“) Ob aber der früher von Graf Otto, König Konrads Bruder, verwaltete mittlere Lahngau einem dieſer Grafengeſchlechter gehörte, iſt ganz zweifelhaft. ¹⁰) Die Grafſchaft der Giſonen,(Battenberg und Stift reſp. Wetter), welcher allein dieſe Gegend hätte zugehören können, erſtreckte ſich zwar bis in das Ohmthal und in die Gegend von Marburg, ¹¹) aber bis über die durch die Grenzen der ³) Schmidt a. a. O., S. 292 ff. Da der alte Sitz der Gaugrafen, Fritzlar, über das Mainz zufolge der Vereinigung des heſſiſchen Bis⸗ thums Uraburg mit dem erzbiſchöflichen Stuhl nicht blos geiſtliche Rechte beſaß, in mainziſche Landeshoheit übergegangen war, befand ſich der Sitz der niederheſſiſchen Grafen nun in Gudensberg, im Gericht Maden(wahrſcheinlich dem alten Mattium.) Auch Battenberg ſcheint ein uralter chattiſcher Gerichtsſitz geweſen zu ſein. Die Gegend von Ziegenhain hatte erſt durch die vom Kloſter Hersfeld ausgegangene Cultur Bedeutung erhalten. 3) Schmidt a. a. O., S. 305. 10) Gebhardi, hiſtoriſch geneal. Abhandlungen, Thl. 2, S. 90, verſucht das Grafengeſchlecht der Giſonen mit Gießen in Verbindung zu bringen und verlegt ihre Burg Hollenden nach Heuchelheim und Udensberg auf den Wetteberg; er iſt gründlich widerlegt von Wenck, a. a. O., Thl. 3, S. 76, 79. Die Burg Hohenlinden lag an einer Berglehne bei Traisbach im Amt Wetter; ſie wurde durch Landgräfin Sophie zerſtört und neuere Schriftſteller begingen in Beziehung hierauf abermals eine Verwechslung mit Großlinden. Im Jahr 1008 ſchenkte Kaiſer Heinrich II. dem Sct. Stephansſtift in Mainz Güter zu Nieder⸗Ohmen(Amena) im Oberlahngau(pago Oberenlogenahe nominato) in der Grafſchaft Giſos.(Johannes rer. — 11 — 8— Mainzer und Trierer Diöceſe bis dahin ausgebildete ſüdliche Linie des Ober-Lahngaus im neueren Sinne dürfte ſie ſich nicht ausgedehnt haben. Daß die Grafen Werner von Nieder⸗ Heſſen noch den mittleren Lahngau als zweite Graſfſchaft beſeſſen hätten, weil eine Urkunde von 1065 Linden im Lahngau in die Grafſchaft eines Grafen Werner verſetzt, läßt ſich wohl ſo wenig annehmen, als daß ſich die Grafſchaft Werners von Kaſſel bis nach Großenlindeu erſtreckt habe, ²) da doch die Grafſchaft der Giſonen dazwiſchen lag. Vielmehr möchte es wahrſcheinlicher ſein, daß die Grafenwürde in dieſer Gegend nach dem Abtreten der Grafen des ſaliſch konradiniſchen Hauſes von den Kaiſern andern Grafen verliehen war, die vielleicht gar nicht mit dieſem Hauſe verwandt waren, während die Güter deſſelben durch Erbtöchter auf andere Geſchlechter über⸗ gingen. Mögen dieſe auch die Gerichtsbarkeit auf ihren Allodialgütern fortbehalten haben, ſo blieb jenem vom Kaiſer eingeſetzten Grafen doch die der zu dieſen Allodien nicht gehörigen Theile des Gaues, namentlich im Hüttenberg. Mogunt. T. 2, p. 516.) In einer Urkunde des Kloſters Hersfeld von 1107 kommen die drei heſſiſchen Grafſchaften Werners, Rudolphs und Diemo's oder Ditmars(Niederheſſen, Ziegenhain und Battenberg oder Stift) neben einander vor.(Wenck, Thl. 2, Urk.⸗B. S. 54, Nr. 45.) In die Graſfſchaft Ditmars wird 1097 noch Weimar bei Marburg verlegt(Schmidt, a. a. O., Thl. 1, S. 302). Er und ein Graf Richmund, der 1018 Graf im Ebsdorfer Grund war(Ledder⸗ hoſe, kl. Schriften, Thl. 2, S. 282) mag dem Giſoniſchen Haus an⸗ gehört haben. ¹2) Kaiſer Heinrich IV. ſchenkte 1062 dem Bisthum Worms eine curtis innerhalb der Mauern des Kloſters Weilburg im Lahngau in der Graf⸗ ſchaft Wernhers, die ſeine Mutter Kaiſerin Agnes durch Vogt Gerlach dem Stift in Worms gewidmet hatte(Schannat. Hist. Wormat. Nr. 64, p. 58) und 1065 dem Kloſter Altenmünſter in Mainz acht Huben zu Linden im Lahngau in comitatu comitis Wernheri sitos. Wenck folgerte daraus, daß das Decanat Wetzlar einen Theil der Grafſchaft der niederheſſiſchen Grafen Werner gebildet habe.(Weuck, Thl. 3, S. 23, 28, Urk.⸗B. S. 28, Nr. 58.) Schmidt, a. a. O., S. 301, pflichtet ihm bei. — 69— Wenigſtens ſpricht hierfür, daß im Jahr 975 ein Graf Hildelin vom Lahngau erſcheint, in deſſen Grafſchaft Reiskirchen lag; ¹⁸) mag man nun hierunter Reiskirchen im Buſecker Thal oder Reiskirchen im Hüttenberg zu verſtehen haben, ſo gehörten doch beide Orte zu dieſem Theil des Lahngaus und zu den ſpäteren Beſitzungen des Gleiberger Hauſes und da ein ſolcher Graf Hildelin ſonſt weder im Ober⸗ noch im Nieder⸗Lahngau vorkommt, ſo iſt er am einfachſten als ein ſolcher Graf des Mittel⸗Lahngaus, namentlich des Hüttenberger Gerichts, anzu⸗ ſehen. Später(1017) iſt ein Graf Gerlach, der anerkannt auch in keines der benachbarten Grafenhäuſer einzuſchieben iſt, im Beſitz der Grafenwürde der Gegend, in welcher Göns und Rödchen, vielleicht auch Hauſen liegen.¹*) Derſelbe, oder ein gleichnamiger Graf Gerlach kommt ſchon von 993 bis 1002 als Graf des Lahngaus in Weilburg betreffenden Urkunden vor; ¹⁸) es iſt einleuchtend, daß nach dem Abfall Herzog Eber⸗ hards und der Einziehung der Stadt und Umgegend von Weilburg die Sächſiſchen Kaiſer die Gaugrafſchaft, die früher deſſen Bruder Otto verwaltet und Eberhard nach deſſen Ableben erhalten hatte, fremden treueren Anhängern verliehen haben. ¹⁶) Nach Gerlach finden wir einen Grafen Werner als Graf des Theils des Lahngaus, in welchem Weilburg liegt und es iſt ¹3) Kaiſer Otto II. ſchenkte 975 Otbrecht die Beſitzung Richolveschircha in comitatu Hildilini comitis et in pago Logenahe sitam. Böhmer Cod. Dipl. Moenofrancofurt. Tom. 1, p. 7. ¹4) Kaiſer Heinrich II. confirmirt dem Kloſter St. Michael zu Bamberg Schenkungen in der Wetterau, im Gau Kunigeſundra und in pago Logenahi in comitatu Gerlaci, Lantswindenhusen, Gundissa, Roda.(Ussermann episcop. Bambergens. C. P. 24, Nr. 21. Wenck, a. a. O., Thl. 3, S. 21.) ¹15) Wenck, a. a. O., S. 20. Die Verbindung dieſes Gerlach mit dem Giſoniſchen Grafenhaus, die Kremer Origin. Nass. p. 259 zu behaupten verſuchte, iſt von Wenck, a. a. O., S. 22 f. genügend widerlegt, aber auch von ihm anerkannt, daß man von dieſem Gerlach viel zu wenig weiß, um ſich über ſeine Herkunft auszuſprechen. 5 — — 70— derſelbe offenbar eher mit dieſem Gerlach in Verbindung zu bringen, als mit dem niederheſſiſchen Graf Werner zu identi⸗ ficiren. ¹*) Zugleich beſtätigt ſich durch die Verlegung von Linden in die Grafſchaft dieſes Werner,(ſ. Anm. 12), daß die Gegend von Gießen und das Decanat Wetzlar überhaupt noch 1065 eine Grafſchaft mit Weilburg zuſammen bildete. ¹s) Nach 1102 ſcheint derſelbe Werner oder ein anderer gleichen Namens die Vogteirechte über das Stift und Kirchen⸗ gebiet von Weilburg ausgeübt zu haben, indem er nach einer Naſſauer Urkunde der Errichtung einer eigenen Pfarrei zu Eiſenhauſen, das zur Pfarrei Breidenbach bis dahin gehörte, als Vogt(advocatus) ſeinen Conſens ertheilt;*⁴) mit Recht wird dieſer Graf Werner als Vogt des Stifts Weilburg angeſehen, da die Kirche zu Breidenbach im 10. Jahrhundert dieſem Stift gehörte, daher die Zuſtimmung ſeines Vogts zur erzbiſchöflichen Dismembration nöthig war. ²¹) Ob ſich die In den Schenkungen der Sächſiſchen und Saliſch⸗Wormſiſchen Kaiſer an das Bisthum Worms, erſt des Kloſters und der Stadt Weilburg und der Umgegend, dann der kaiſerlichen Burg und endlich(1062) des Hofes(curtis) Weilburg kommt erſt Gerlach, dann(1065) Werner als Graf des Lahngaus vor und man iſt daher berechtigt, ſie als Verwandte in Verbindung zu bringen. Hierin hat Wenck, a. a. O., Recht, ohne daß man darum ſeiner Vereinigung dieſes pagus mit dem heſſiſchen beipflichten kann. Vogel theilt im Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 1, Heft 2, S. 231 eine Urkunde aus dem Naſſauer Archiv zu Dillenburg mit, wonach Erz⸗ biſchof Rudhard von Mainz aus den Orten Ober⸗ und Nieder⸗Eiſen⸗ hauſen und Steinperf eine eigene, von der Pfarrei Breidenbach getrennte Pfarrei bildet und hierzu Graf Werner als Vogt ſeinen Conſens ertheilt(comite Wernhero advocato et A. presbytero consentientibus.) ²⁰) Der Prieſter Gunbald überläßt 913 dem Kloſter Weilburg, das von König Konrad gut bedacht worden war, ſeine Güter zu Breidenbach im Perfgau und Gladenbach und erhält dagegen die Kirche zu Breidenbach vom Kloſter als Benefieium. Das Gericht Eiſenhauſen war bis in die neueſte Zeit Naſſauiſches Lehn der Freiherrn v. Breiden⸗ bach, was in Verbindung mit der Aufbewahrung der Urkunde in dem — 8₰ — 18 — 19 — Grafſchaft Werners aber damals bis in unſere Gegend erſtreckte oder auf die dem Stift Worms von den Kaiſern überlaſſene Umgegend von Weilburg beſchränkte, bleibt ungewiß und viel⸗ mehr iſt das letztere wahrſcheinlich, wie ſich aus dem Folgenden ergibt. ²¹) §. 13. Grafen von Gleiberg. Wenn auch die Grafen Gerlach und Werner in der erſten Hälfte des 11. Jahrhunderts und länger noch die Grafenwürde in der Gegend von Weilburg und im Hüttenberg beſaßen, ſo war doch ſchon zu derſelben Zeit ein anderes mächtiges Grafen⸗ geſchlecht im Beſitz der bedeutendſten Allodien in derſelben, namentlich der Burg Gleiberg und der dazu gehörigen Be⸗ ſitzungen, nämlich das Luxemburger Grafenhaus. So viel iſt wenigſtens gewiß, daß dieſe bereits dem im Jahre 1019 ge⸗ ſtorbenen Grafen Friedrich, einem der Söhne des Grafen Siegfried von Luxemburg zugeſtanden. ¹) Eine Tochter Siegfrieds, Kunigunde, war an Kaiſer Heinrich II. vermählt; fromm, wie dieſer, ſtiftete ſie(1008) das Kloſter Kaufungen bei Kaſſel auf ihrem Erbgut.2) Ihr Bruder Heinrich war des Vaters Nachfolger in der Grafſchaft Luxemburg und erhielt von Kaiſer Heinrich auch das Herzogthum Baiern. ³) Er ſtarb Naſſauiſchen Archiv für die Eigenſchaft Werners als Vogt und Grafen über Weilburg ſpricht. 21) Im Jahr 1065 war die Vogtei von Weilburg und die Grafenwürde noch getrennt, indem in der Urkunde Kaiſer Heinrichs IV. von dieſem Jahre(ſ. Not. 12) neben dem Grafen Wernher ein Vogt Gerlach erſcheint; ſpäter ſind beide Rechte vereinigt, vielleicht weil die Grafen⸗ rechte in ihrem Umfang auf die Umgebung von Weilburg eingeſchränkt worden waren. Man iſt verſucht, dieſe Grafen Gerlach und Werner aus dem Hauſe Laurenburg reſp. Naſſau herzuleiten oder doch mit demſelben in Verbindung zu bringen, weil dieſes ſpäter die Grafen⸗ würde über Weilburg und die Gegend beſaß. Wenck, Geſchichte von Heſſen, Band 3, S. 169 ff., 179. Ledderhoſe, kleine Schriften, Bd. 2, S. 276. Kuchenbecker Analecta Hass. Coll. 3, p. 124. 3³) Wenck a. a. O., S. 181. — 2 aber kinderlos(1025). Sein Bruder, der ſchon erwähnte Friedrich, ſetzte den Stamm fort und ſeine Söhne folgten im Beſitz der Grafſchaft Luxemburg.¹) Ob dies derſelbe Graf Friedrich iſt, in deſſen Grafſchaft der Curtis Kaſſel lag, bleibt zweifelhaft; der Beſitz von Allodien, welchen ſeine Schweſter dort in der Nähe hatte, ſpricht dafür.5) Daß Graf Friedrich zugleich Herr von Gleiberg war, geht daraus hervor, daß ſeine Kinder nach der Burg Gleiberg 6 benannt werden;) ſie waren alſo wahrſcheinlich dort geboren, oder ſtammten doch daher. Augenſcheinlich erhielt von den Söhnen Graf Siegfrieds wie gewöhnlich der älteſte die Graf⸗ ſchaft ſeines Vaters, der jüngſte mütterliche oder großmütter⸗ liche Allodien. Durch wen aber Gleiberg dem Hauſe Luxem⸗ burg zugewendet wurde, iſt in Dunkel gehüllt. Nach einer Schenkungsurkunde von 946 war die Gemahlin des Oheims 1 des Grafen Friedrich, des Grafen Richwin der Ardennen, Gertrude, die Tochter eines Herzogs der Franken und es iſt 1 wahrſcheinlich, daß durch ſie dieſe Güter an das Luxemburger Haus gelangten.!) Ob dieſe Gertrude etwa eine Tochter des Herzogs Eberhard oder vielleicht des Herzogs Hermann, ſeines Vetters,s) oder auch des dritten Bruders König Konrads I., Grafen Otto, war, oder wie ſie ſonſt mit dem ſaliſch konradi⸗ niſchen Hauſe verwandt war, bleibt ebenfalls ungewiß. Sicher iſt, daß von Graf Friedrichs von Luxemburg Söhnen Heinrich Herzog von Baiern, Friedrich Herzog ⁴) Daſ. S. 201. ⁵) Wenck, a. a. O., S. 201 ff. behauptet es. *) S. Not. 10) und 12). 7) Wenck, a. a. O., S. 175. ⁵) Wenck, a. a. O., nimmt das Erſtere, Schmidt heſſ. Geſch. Thl. 1, S. 300 das Letztere an; es kann aber ebenſo gut eine Tochter des Grafen Otto geweſen ſein, da ein ſpäterer Schriftſteller, die in der Familie ſo häufig vorkommende Würde eines Herzogs der Franken leicht allen Gliedern beigelegt haben mag. Man wird mit Rommel, heſſ. Geſch., Thl. 1, S. 134 anerkennen müſſen, daß dieſes Dunkel nicht zu erhellen iſt. — 75 von Lothringen, Adelbert Biſchof von Metz und Giſelbert Graf von Luxemburg und Salm war. ²) Eine Schweſter dieſer, Imißa(Irmgard), war an den Grafen Welf, Sohn Rudolphs, von Schwaben(† 1029) vermählt, und von ihr ſagt ein Chroniſt jener Zeit, daß ſie aus Saliſchem Geſchlecht von der Burg Glizberg geweſen ſei.¹⁰) Dies iſt die erſte Erwähnung von Gleiberg; aber eine Burg, welche das Stammſchloß von Her⸗ zogen und Grafen und in den Händen des ſo alten ſaliſch— fränkiſchen Geſchlechts war, kann keine neue Anſiedlung ge⸗ weſen ſein. ¹¹) Der Herzog Friedrich von Lothringen und ſeine Brüder lehnten ſich im Jahr 1057 oder 1059, nach dem Tode ihres Bruders Heinrich, Herzogs von Baiern, gegen Kaiſer Heinrich IV. auf, wurden aber bald zur Uebergabe genöthigt; dieſe Brüder werden ebenfalls von einem Conſtanzer Chroniſten von Glei⸗ berg genannt. ¹2) Da Graf Giſelbert von Luxemburg wenigſtens 1059 nicht mehr lebte, ſo ſpricht dies dafür, daß zwei weitere Söhne Graf Friedrichs I. zu Gleiberg zu Hauſe waren. Dieſe beiden Brüder Herzog Friedrichs erhellen aus einer Bam⸗ berger Urkunde von 1044, wonach Herzog Heinrich von Baiern dem Biſchof Güter für den Fall verpfändet, daß er oder nach 3) Wenck a. a. O., S. 202. ¹⁰) Anonymus Weingartensis in Hess, Monumenta Guelfica. T. 2, p. 6. Guelfo supra nominatus Rudolfi filius uxorem duxit de gente Salica de castro Glizbergh Jmizam nomine, sororem Heinrici ducis Noricorum& Friderici Ducis Lotharingiorum et Adilbe- ronis episcopi Metensis. ¹1) Gleiberg wird in den älteſten Urkunden Glizberg, Glihberg oder Glichberg genannt, und man hat den Namen von gleißen, glänzen herleiten wollen, welcher wohl einem neuerbauten glänzenden Schloß hätte beigelegt werden können. Aber der Name der am Fuße des Bergs fließenden Gleibach beweiſt, daß die Burg den Namen vom Berg erhielt(ſ. Wenck, a. a. O., S. 205) und dies ſpricht auch für ihr hohes Alter; in ähnlicher Weiſe führt Weilburg den Namen von der Weilbach. Berthold Constant. p. 5, Wenck, a. a. O., S. 203. Fridericus et ejus fratres de Glichberga Henrico regi rebellant. 12 — ſeinem Tod(er war kinderlos) ſeine Brüder Hermann und Dieterich das entliehene Geld nicht zurückzahlten. 1) Ob dieſer Hermann identiſch mit dem als Anhänger Kaiſer Hein⸗ richs IV. bekannten Pfalzgrafen Hermann von Achen(1065 bis 1085) iſt, 4) muß dahin geſtellt bleiben. Auch von dem Bruder Dietrich iſt nichts Näheres bekannt und ebenſo zweifel⸗ haft iſt, ob und welche Kinder beide hatten.¹⁵) Es iſt ſogar möglich, daß die vier Brüder, die uns als Herren von Glei⸗ berg bekannt werden, Friedrich, Giſelbert, Hermann und Dietrich, Nachkommen hinterließen, die im gemeinſchaftlichen Beſitz von Gleiberg blieben.“⁰) Wir finden in der Folgezeit einen Sohn Giſelberts von Luxemburg von dem Gleiberg benannt. Be⸗ kanntlich wurde, nachdem Herzog Rudolph von Schwaben bei Merſeburg gefallen war, im Jahr 1081 Graf Hermann von Luxemburg und Salm, der Sohn Giſelberts, von den mit Kaiſer Heinrich IV. unzufriedenen, von Papſt Gregor VII. auf⸗ geregten Sachſen und Schwaben zum Gegenkönig ausgerufen, dieſer Hermann wird von einem Petershäuſer Mönch als vom Geſchlecht Franke, von Gleiberg, bezeichnet,¹*¹) was voraus⸗ ſetzt, daß er wenigſtens Mitherr daſelbſt war. Obwohl ihm gute Eigenſchaften beigemeſſen werden, ſpielte dieſer ſogenannte Pfaffenkönig, deſſen Hausmacht eine ſehr unbedeutende war, 5 Jahre lang doch nur eine ſehr klägliche Rolle; er gab zu⸗ letzt ſeine Anſprüche auf die Königkrone auf nnd wurde noch in demſelben Jahre(1086) bei der Belagerung ſeiner Burg ¹18) Hofmann Annal. Bamberg. p. 67, Wenck a. a. O., S. 207. ¹4) Wie Wenck, a. a. O., S. 207— 216 nachzuzeigen ſucht. ¹5) Wenck, a. a. O., S. 217, nimmt an, Hermann habe keine Kinder gehabt, Dietrich aber ſei der Vater eines ſpäter bekannten Grafen Hermann von Gleiberg. Wenigſtens findet ſich ſpäter, daß die Beſitzungen des Gleiberger Hauſes im Lahngau in vier Familien vorkommen, Gleiberg, Kleberg, Solms und Limburg. Chron. Petershus. in Ussermann Monum. Alemann. T. 1, p. 339. Herimannum constituerunt regem, genere Francum de Glichberg. Wenck a. a. O., S. 203. 16 — 17 — 75 Limburg erſchlagen. ¹s) Gleichzeitig kommt ein anderer Her⸗ mann von Gleiberg als treuer Anhänger und tapferer Heer⸗ führer Kaiſer Heinrichs IV. vor. Er entſchied(1075) Hein⸗ richs Schlacht an der Unſtrut gegen die Sachſen zu deſſen Gunſten und führte ſein Heer nach Böhmen.¹²) Daß dieſer Hermann eine andere Perſon ſein muß, als der bald darauf als Gegenkönig auf der Sächſiſchen Seite auftretende Hermann von Luxemburg, kann nicht zweifelhaft ſein. 20) Wenck ver⸗ muthet, daß dieſer Hermann ein Sohn Dietrichs geweſen ſei; er gibt ihm auch zwei Söhne, Hermann und Dietrich. Be⸗ weiſe für dieſe Verwandtſchaft fehlen aber. ²¹) Erheblich iſt der Umſtand, daß die Beſitzer von Gleiberg, welche zwar als aus dem Luxemburger Grafenhaus ſtammend, als Graſen bezeichnet werden konnten, erſt ſeit 1075 Grafen von Gleiberg genannt werden. Der zuletzt erwähnte Her⸗ mann heißt noch in einer Mainzer Urkunde von 1070 einfach Hermanus de Glizberge; ²²) ſeit 1075 wird er Comes de Glizberg genaunt. Es ſcheint hieraus hervorzugehen, daß die Würde eines Grafen des mittleren Lahngaus, welche 1065 noch der Vogt Werner von Weilburg inne hatte, ſeitdem auf das Gleiberger Haus übertragen wurde und dieſes ſich nun im Beſitz der vollen Gaugrafenrechte befand. ²³) Wenigſtens ¹s) Chron. Magdeburg. bei Meibom, T. 2, p. 319. Limburg, der Sitz der Grafen des Niederlahngaus aus dem Saliſch⸗Konradiniſchen Haus, gehörte hiernach zu den Beſitzungen des Luxemburg⸗Gleiberger Hauſes und wir finden es ſpäter in Verbindung mit der ebenfalls dazu gehörigen Grafſchaft Kleberg. Hermann, der Anſprüche daran als Gleiberger Miterbe hatte, war augenſcheinlich von den dem Kaiſer Heinrich IV. treuen Gliedern der Familie ausgeſchloſſen und ſuchte ſich wieder in den Beſitz zu ſetzen, als er bei dieſer Gelegenheit blieb. ¹⁰) Lambert. Schafnaburg. ad ann. 1075. ²⁰) Wenck a. a. O., S. 218, Not. k. ²¹) Wenck a. a. O., daſ. ²²) Würdtwein Diplomatar. Mogunt. T. 2, p. 502. ²³) Schmidt a. a. O., S. 312, meint, Hermann v. Gleiberg habe nach Graf Werners Tod leicht Erwerbungen in deſſen Grafſchaft machen — 76— ſehen wir ſpäter ihre Rechtsnachfolger im Beſitz des Gerichts Hüttenberg, das dieſelben als ein aus alter Zeit von ihren Vorfahren ſtammendes Reichslehen anerkennen, ſowie im Zu⸗ ſammenhang damit der Vogtei über die Stiftskirche und Stadt Wetzlar, in welcher Eigenſchaft ſie zugleich Inhaber der Burg Calsmunt bei Wetzlar waren. ²4) Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß die Gleiberger dieſe Rechte nach dem Ableben Graf Wer⸗ ners erwarben. Da die Burg Gleiberg als Stammburg wahrſcheinlich, wie gewöhnlich, dem ganzen an der Grafſchaft betheiligten Ge⸗ ſchlecht gemeinſchaftlich blieb, ſo läßt es ſich auch erklären, daß noch zu Lebzeiten des dem Kaiſer Heinrich IV. treuen Grafen Hermann(† 1105) dieſe Burg von Feinden des Kaiſers beſetzt und vertheidigt wurde. Im Jahr 1103, ſo wird uns berichtet, belagerte und eroberte der Sohn des Kaiſers, der nachmalige Kaiſer Heinrich V., das ſehr feſte Schloß Gleiberg. ²⁵) Es iſt augenſcheinlich daſſelbe Verhältniß, welches ſich früher bei der 1 Belagerung von Limburg durch Hermann von Luxemburg zeigt, indem auch dieſe Burg im gemeinſchaftlichen Beſitz des Stammes und von einem Anhänger des Kaiſers(vielleicht eben Graf Hermann von Gleiberg) vertheidigt geweſen ſein mag. Der⸗ artige Gemeinſchaften waren zu bedenklich, um nicht zu einer Grundtheilung zu führen, und wir ſehen auch bald darauf eine ſolche in dem Gau ausgeführt. können; zu den beſeſſenen ausgebreiteten Allodien bedurften die Glei⸗ berger aber nur die Grafenrechte. ²4) Wenck a. a. O., Bd. 2, Beil. 133. Nur die Herren von Merenberg erſcheinen zwar hiernach als Reichsvaſallen; aber die Rechte beider Nachfolger des Gleiberger Hauſes waren gleiche und nur dieſes kann unter den progenitores eorum antiquius etc. verſtanden ſein. 25) Annal. Saxo. Wenck a. a. O., S. 214, Note. Heinricus filius Imperatoris Glizberg, castrum munitissimum, cepit. Die Burg iſt damals nur erorbert, nicht zerſtört worden, was auch gegen das Intereſſe des Kaiſers geweſen wäre, da deſſen Freund Graf Hermann von Gleiberg jedenfalls Theilhaber derſelben war. Wahrſcheinlich gelangte dieſer damals allein in den Beſitz von Gleiberg.- §. 14. Fortſetzung. Die Stiftung von Schiffenberg. Durch die Stiftungsurkunde des Kloſters Schiffenberg wird die Geſchichte des Gleiberger Grafenhauſes, ſeiner Ver⸗ wandtſchaft und der Gegend etwas heller. Im Jahr 1129 beurkundet Erzbiſchof Meginher von Trier, daß Clementia, eine edle Gräfin von Gleiberg(Glizberg), durch die Hand ihres Gatten, Grafen Gerhard von Geldern, (Gelre) einen Berg in dem Wieſecker Wald(Wisecherwalt) mit Namen Schiffenberg(Skephenburc) ¹) und etwa 20 Huben umher gelegenes Rodland mit dort entſpringenden Quellen ²) und mit einer Holzberechtigung zum Bauen und Brennen, mit Hutweiden und einigen Wieſen Gott und der heil. Jungfrau Marie frei gewidmet, auch 2 Huben Ackerland im Dorf Konradsrod dazu gegeben,*) ihm, dem Erzbiſchof, aber alle ¹) Der Berg wird mit der in jener Zeit gewöhnlichen Sorgloſigkeit hinſichtlich der Rechtſchreibung in anderen Urkunden Schyfenberg, Schefenberg, Schephenburhc, Schipenburg& Schiffenberg genannt. Schmidt heſſ. Geſch., Thl. 1, S. 235 leitet den Namen von scipu, Kugel, her und glaubt die Geſtalt des Bergs oder der dortige Kugelbaſalt möge die Benennung veranlaßt haben; beides will nicht paſſen, da der Berg keine Kugelgeſtalt und die dortige Baſaltbildung nichts Auf⸗ fallendes hat. Den Namen mit der kugelförmigen Mütze der Geiſt⸗ lichen in Verbindung zu bringen iſt nicht zuläſſig, da der Name älter iſt, als das Kloſter. Dafür, daß dort etwa ein Schöffenſtuhl für das Gericht der Wieſecker Mark geweſen, findet ſich kein Anhaltspunct, wiewohl die alten Malſtätten des Lahnthals meiſt im Walde waren (Reckenforſt, Hüttenberg, Königsſtuhl). Vielleicht hat die ſchiefe Geſtalt des auf drei Seiten abhängigen, auf der vierten flachen Bergs den Namen veranlaßt! ²) Des Waſſers wird gedacht, um die Berechtigung zur Anlegung einer Mühle zu gewähren, die auch am Fuße des Schiffenbergs erbaut wurde und noch beſteht. ³) Konradsrod lag zwiſchen Hauſen, Steinbach und Garbenteich und hatte noch bis ins 18. Jahrhundert ſeine eigene Gemarkung, obgleich es ſelbſt ſchon im 15. Jahrhundert ausgegangen war; es gehörte mit Hauſen und Aunerod, als ſchon damals exiſtirend, zum, ſpäter Heſſen mit Naſſau gemeinſchaftlichen Gericht Hüttenberg, während das 78— Novalzehnten von den jetzigen und künftigen Anrodungen in dem Wieſeckerwald geſchenkt habe, um die auf dem Berge von ihm Gott und der heil. Marie gewidmete Kirche damit zu dotiren; es ſei dies geſchehen mit Einwilligung der Pfalz⸗ gräfin Gertrude, der ein Viertheil dieſes Waldes gehöre, und zu dem Zweck, daß Brüder von der Regel des hl. Auguſtin dort Gott und ſeiner Mutter dienen ſollten. Auch habe ſie beſtimmt, daß ſtets der Aelteſte ihrer Erben Vogt(advocatus) über die Güter der Stiftung ſein ſolle, ohne etwas weiter als die Fürbitten der Brüder davon anſprechen zu dürfen. Dieſe Stiftung geſchah vor vielen Zeugen, dem Propſt des Doms von Trier, dem Archidiacon und andern Geiſtlichen, 3 Grafen von Clerivas, Vianden und Spanheim, ſodann vor den Edeln Hartrad von Merenberg, Marquard von Solms(Sulmese), Kraft von Bilſtein,“) Eckhard von Ulphe(Holefe) und Wetzel Wolf; vor den Miniſterialen, außer mehreren Vaſallen des Erzbiſchofs, Konrad von Hagen,“) Siegfried von Hahe,“*) Balduin und Gundram von Kleen, Gerhard der Truchſeß der Gräfin und ein anderer Gerhard, Ernſt) und ſein Bruder Kraft, Reimar und ihr Bruder von Linden, Bernhard von Göns, Hezechin³) von Garbenheim, Gerhard und Leopold von Selters und Ruthard und Gebhard von Wismar.“) Der Tag der Ansſtellung fehlt. Steinbacher Gericht, das dieſe Orte umgab, neu angerodet wurde und Heſſen allein zuſtand.(Wagner Wüſtungen, Oberheſſen, S. 180.) ⁴) Dieſe drei erſteren Dynaſten kehren in allen übrigen, das Kloſter Schiffenberg betreffenden Urkunden wieder. ⁵) Hagen, wahrſcheinlich von Burg Hain zu Dreieichen. ⁶) Es war zweifelhaft, wie dieſer Name lautet; andere laſen Hane oder Hahe, es heißt aber Hahc, Hag oder Hagen, eine Burg im Buſecker Thal, bei Beuern, über die uns Glaſer in einem Gymnaſ. Pro⸗ gramm von 1856 zuerſt Auskunft ertheilt hat. 3 ²) Daß dieſer Ernſt wahrſcheinlich Ernſt von Rodheim, in deſſen Familie der Name Ernſt ſtändig war, ſein wird, werden wir unten zeigen. ⁵) Hezechinus iſt wahrſcheinlich Heinzchen, Deminutiv von Heinrich, da auch anderwärts Heinzechinus vorkommt. *) S. Urkunden⸗Buch Nr. 3. Gudenus Cod. Dipl. T. 3, p. 1045. — 79— Am 19. Juni 1139 wiederholte der Erzbiſchof Albero von Trier die Beſtätigung dieſer Stiftung in gleicher Weiſe, wie ſie von ſeinem Vorgänger Meginher beurkundet war. ⁰⁰) Unter den Zeugen wird hier auch Reimbold von Iſenburg genannt; die Miniſterialen werden nur mit Vornamen angeführt. Dieſe Wiederholung der Confirmation des Erzbiſchofs deutet auf Anſtände, welche die Stiftung gefunden hat und welchen durch dieſelbe entgegengewirkt werden ſollte. Dieſe ergeben ſich denn auch aus weiteren Urkunden. Das Kloſter Schiffen⸗ berg hatte in den 10 Jahren ſeines Beſtands reiche Schenkungen von Allodialgütern des gräflichen Hauſes erhalten; an ſeinem Fuße waren mehrere Dörfer neu angelegt worden und der Zehnten dieſer Neurodungen entging der Grundherrſchaft; weshalb die Erben der Pfalzgräfin Gertrud die Stiftung, welche dieſe nicht ſelbſt beurkundet hatte, beſtritten. Dies ver— anlaßte denn die Ausſtellung zweier weiteren Urkunden im Jahr 1141. In einer derſelben erklärt Gräfin Clementia von Gleiberg (Glyzberg) nochmals ſelbſt, daß ſie mit Zuſtimmung und mittelſt eigner Schenkung(consensu et donatione ipsorum) ihrer Neffen Otto und Wilhelm(cum meis nepotibus Ottone quam Wilhelmo) ¹*⁴) auf ihrem Allod Schiffenberg(Schyfen- berg) eine Kirche erbaut und Brüder von der Regel des heil. Intereſſant iſt die Form der ſymboliſchen Uebergabe des Guts an die Kirche durch in die Höhe werfen eines Handſchuhs(contradidit cy. ratheca in altum quasi ad Deum projecta.) Es war gewöhnlich, den Beſitz durch Uebergabe eines Stabs bei Gericht zu tradiren und ihn durch Hinwerfen eines Kleidungsſtücks z. B. der Kappe, zu ergreifen. (Baur, Urk.⸗B. Bd. 5, Nr. 266.) 1⁰) Guden. C. D. I. c. p. 1048. Beurkundete Nachricht von der Commende Schiffenberg(Kanzler Koch) Urk. S. 21, 23.(Wenck 3, 170.) ¹¹) Nepotes ſind nach klaſſiſchem Latein nicht blos Enkel, ſondern auch Kinder von Geſchwiſtern und wenn der Ausdruck auch wohl von andern Seitenverwandten gebraucht wird, ſo iſt doch jene Bedeutung die Regel. — 80— Auguſtin hingeſetzt und von dieſem Allod etwa 30 Huben ¹²) mit Zuſtimmung und Erlaubniß der Pfalzgräfin Gertrud, welcher der vierte Theil dieſes Allods geweſen ſei, auch mit Verwilligung der Tochter derſelben Adela, welche deren Erbe geweſen, dieſer Kirche gegeben habe, die ſie den Brüdern beſtätige, ſo daß ſie die⸗ ſelben ruhig ſammt dem Zehnten beſitzen, auch im Wieſecker Wald Bau⸗ und Brennholz holen und Schweine ꝛc. frei dort hüten ſollten; dazn habe ſie 2 Huben zu Konradsrod, ein Gut nebſt der Kirche in Girmes(Gyrmeze), ein Gut in Leihgeſtern (Leigenstern), eines in Obbornhofen(Obernhoben), eines in der Kapelle darauf in Meilbach(Milbach) ¹⁴) dazu gegeben. Zugleich wiederholt ſie die Beſtimmung hinſichtlich des Vogts des Kloſters. Als Zeugen bezeichnet ſie den Erzbiſchof Albero und 3 andere Geiſtliche und von Laien, außer den meiſten in der früheren Urkunde genannten, Reimbold von Iſenburg. Auch hier fehlt der Tag der Ausſtellung.**) —— In der anderen Urkunde bekennen Wilhelm und Otto, 6 3eht Grafen von Gleiberg(Gliberg), Bettern(consanguinei) ¹²) Die Anrodungen hatten ſich in dem Wieſecker Wald, alſo ſeit der Gründung des Kloſters ausgedehnt und waren damals erheblich größer als jetzt, wie die durch langjähriges Pflügen entſtandenen Raine im Wald bei dem Schiffenberg, namentlich auf dem Annaberg, noch jetzt zeigen. ¹3) Die Urkunde hatte Bertheim, es muß aber ſicher Bercheim heißen wie in anderen Urkunden. Bergheim war ein ausgegangenes Dorf 1 zwiſchen Grüningen, CEberſtadt und Holzheim, deſſen beſondere Gemarkung noch jetzt beſteht.(Wagner Wüſtungen, Thl. 1, S. 101.) Ein Bertheim gab es nicht. ¹⁴) Meilbach lag zwiſchen Hatteurod, Albach und Lich; ein Hof ſtand dort noch zu Anfang dieſes Jahrhunderts und die Gemarkung beſteht noch als ſolche, iſt aber Wald.(Wagner a. a. O., S. 141.) ¹5) Urk.⸗Buch Nr. 4. Gudenus I. c. p. 1059. Die genannten Zeugen des Laienſtandes ſind Reinboldus de Ysenburg, Marquardus de Solmese, Hartradus de Merenberg, Crafto de Bilstein, Gerhardus dapifer de Glyzberg, Bernhardus de Gunse, Heinzechinus de Garbenheim, Rudhardus& Gebehardus de Wisemar et al. * Inheiden(in Heide), eines in Bergheim ¹³) und eines ſammt — — 81— gleichmäßig, daß ihre verſtorbene Baſe(consanguinea) Cle⸗ mentia, Gräfin von Gleiberg(Domina Clementia quondam in Gliberg Comitissa) ¹⁶) mit Zuſtimmung der zum vierten Theil betheiligten Pfalzgräfin Gertrud und ihrer Tochter Adele die Kirche auf dem Schiffenberg(in monte Sciphenburg) habe erbauen und mit Auguſtinern beſetzen laſſen, dieſen Holz⸗ und Maſtberechtigung im Wieſeckerwald(Wiſicherwald) eingeräumt und den Zehnten von Neubrüchen überlaſſen habe, daß, nach⸗ dem dies lange ruhig beſtanden, Siegfried, der Sohn dieſer Adele, ſich über die Verletzung ſeines Rechts an dieſem Allod beſchwert und die Brüder wegen dieſer Schenkung beunruhigt, endlich aber nach vielen Bitten und Bemühungen ſeine Zu⸗ ſtimmung gegeben und mit eigener Hand den Brüdern und der Kirche ſeine Rechte abgetreten habe, auch ſie, die Grafen, dies mit ihrem Privileg zu beſtätigen gebeten habe, weshalb ſie ſolche mit ihrer Autorität beſtätigen. Zeugen ſind Gerlach und Reimbold von Iſenburg, Hartrad und ſein Sohn Hartrad von Merenberg, und von ihren Miniſterialen Gunzechinus, ¹²) Wilhere, Macharius, Regemarus, Adelbert, Arnold und mehrere andere. Gegeben bei Gleiberg(apud Gliberg), 1141 ohne Tag der Ausſtellung.*) Wie angelegen ſich Gräfin Clementia das Gedeihen ihrer Stiftung ſein ließ, zeigen nicht nur die vielen Güter, die ſie ihr ſchenkt, ſondern auch eine weitere in demſelben Jahr 1141 ausgeſtellte Urkunde über die Incorporation der neu errichteten ¹6) Gudenus hat quondam weggelaſſen, es findet ſich aber im Original und danach wurde alſo dieſe Urkunde nach deren Tod ausgeſtellt, und iſt Clementia zwiſchen der Ausſtellung ihrer Urkunde und dieſer in 1141 geſtorben. Wahrſcheinlich verſchrieben für Heinzechinus(von Garbenheim). Macharius und Reimar ſind die von Linden, welche ſpäter den erſteren Vornamen über ein Jahrhundert hindurch führen, Aruold erſcheint in einer ſpäteren Urkunde als Arnoldus rufus. ¹8) Urk.⸗Buch 5. Gudenus I. c. p. 1198. Der Ausſtellungsort iſt das Thal bei der Burg Gleiberg, alſo wohl der Flecken Gleiberg, der ſonach bereits exiſtirte. 17 — 5 6 Pfarrei in den unterdeſſen in der Umgebung des Kloſters auf Neubrüchen entſtandenen Dörfern. In dieſer Urkunde, in der ſie ſich Wittwe des Grafen Gerhard von Geldern nennt, wieder⸗ holt ſie das in der vorerwähnten über die Stiftung des Kloſters Schiffenberg(Schiffenberg) unter Zuſtimmung der Pfalzgräfin Gertrud, ihrer Verwandten(cognatae meae), Geſagte und beurkundet dann, daß mit Rath und Hülfe des Erzbiſchofs Albero von Trier, der auf dem Berg Schiffenberg ſelbſt die Conventual⸗Kirche und dort ſelbſt(ibidem) eine andere Kapelle*³) zur Pfarrkirche beſtimut und geweiht habe, jener Kirche ſechs Dörfer, die in der Nähe aus neuen Rodungen entſtünden, (que juxta in novis ruderibus fiunt) beigegeben worden ſeien, um Alles, was eine Mutterkirche ihren Filialen zu leiſten hat, dort zu ſuchen, welche Dörfer heißen: Watzenborn, Erlebach, Garbenteich, Lothen, Fronebach und Steinbach (Wazenburnen, Erlebach, Garwarteich, Laden, Fronebach et Steinbach).²²) Die Bewohner dieſer Orte ſollen dem Kloſter zum Erbauen und Repariren ſeiner Gebäude die Dienſte und die gewöhnlichen Abgaben leiſten. Zeugen ſind dieſelben wie in ihrer andern Urkunde. Der Ausſtellungstag iſt hier eben⸗ falls nicht angegeben. ²“¹) Die in der Urkunde der Gräfin Clementia als bereits ¹⁰) Das Wort ibidem iſt nicht vom Berg Schiffenberg, ſondern von der Umgegend zu verſtehen; denn die dortſelbſt erbaute andere Kapelle iſt die von Steinbach, welche auch die Parochialkirche des ganzen Stein⸗ bacher Gerichts war; erſt im 17. Jahrhundert wurde das Filial Watzenborn davon ſeparirt. 2⁰) Die drei Orte Watzenborn, Garbenteich und Steiubach blühen be⸗ kanntlich noch heute. Erlebach war ein kleiner Ort zwiſchen Hauſen, Watzenborn und Garbenteich(Wagnex, Wüſtungen, S. 186). Frone⸗ bach lag ſüdöſtlich von Garbenteich; von beiden Orten ſind die Feld⸗ gemarkungen noch bekannt, ſie ſelbſt aber ſchon im 15. Jahrhundert ausgegangen. Loden(Laden, Lotthen) war wahrſcheinlich urſprünglich der Name von Oberſteinberg, deſſen Gemarkung noch beſteht. Der Namen von Garbenteich iſt von dem Männernamen Gerwart und Eiche herzuleiten. 2¹) Urkunden⸗Buch Nr. 6. Hiſtor. diplom. Unterricht Nr. 60. ertheilt angeführte Beſtätigung des Erzbiſchofs Albero von Trier iſt beurkundet in 1145 und führt die ſechs Dörfer über⸗ einſtimmend mit der vorigen an; zugleich beurkundet derſelbe, daß er dem Kloſter auch die auf deſſen Gnt gelegene und von ihm zur Pfarrkirche erhobene Kirche im Dorf Girmes bei Wetzlar mit Zuſtimmung des Propſtes Werner von Weilburg, dem der Zehnte des Orts gehöre, überwieſen habe. ²²) Endlich beſtätigen auch die⸗Vettern Grafen Wilhelm und Otto von Gleiberg(Clyberg) im Auguſt 1162 die von ihrer Baſe Clementia, weiland Gräfin in Gleiberg(quondam in 95 Glyberg comitissa) noch einmal auf Bitten des Kloſters deren Stiftung und fügen das Patronat der Kirchen und Kapellen ihrer bereits erwähnten ſechs Dörfer(in villis nostris) hinzu, ſo daß das Kloſter die bereits erbauten und noch zu erbauenden Kirchen und Kapellen dieſer ſechs Dörfer verſehen oder tüchtige Prieſter einſetzen ſolle, wofür ihm die Einwohner jedes mit Gottesdienſt verſehenen Orts auf Michaelistag 6 Malter Korn, Wetzlarer Maas und 10 Schilling leichter Heller zum Lohn des Prieſters liefern ſollen. Gegenwärtig waren Friedrich und Siegfried, Grafen von Kleberg, Berthold Graf von Nidda(Nydehe), Heinrich Edler von Hanau(Hanogya) und Reinhard von Iſenburg; von ihren Miniſterialen: Wort⸗ win, Helferich, Arnold der Rothe(Arnoldus Rufus), Menges (Mengotus) und Konrad der Schenk. Geſchehen bei ihrer Burg Gleiberg(apud castrum nostrum Glyperg). ²³) In demſelben Jahr 1162 wiederholt auch der Erzbiſchof Hillin von Trier die Beſtätigung ſeines Vorgängers**) für die ²²) Urkunden⸗Buch Nr. 7. Gudenus I. c. p. 1052. Lothen iſt darin geſchrieben Lotthen. ²³) Urkunden⸗Buch Nr. 8. Gudenus I. c. p. 1062. ²4) Hiſtor. diplom. Unterricht Nr. 65. Die Originale der Schiffenberger Stiftungsurkunden befinden ſich im Großh. Staatsarchiv in ſehr gut erhaltenem Zuſtand, jedoch fehlen einige Siegel. Das der Gräfin Clementia an ihrer Urkunde von 1141 ſtellt dieſelbe im Schleier, das Modell der geſtifteten Kirche in den Händen, vor. Die Siegel der — 34— Incorporation der Kirchen. Ueberdies ertheilte auch Papſt Eugen der Stiftung um jene Zeit ſeine Sanction, wobei er wörtlich die erſte Schenkung Clementia's des Berges Schiffen⸗ berg(Schipenburg) im Wiſecherwald und weiter die Güter des Kloſters in Inheiden(Gineheiden) Obbornhofen, Meilbach, Colnhauſen, Bergheim, Leihgeſtern, Linden und in Linden ²¹) und Bockenheim, ²⁸) ferner ein von Heinrich und Oſterlinde ge⸗ gebenes Gut, Güter in Kirchgöns(Kirchunnesse), in Buſeck (Buhesecke), in Girmes nebſt der dortigen Kirche, und Wein⸗ berge in Lahnſtein(Logensten), ſowie die Zehnten von den Neurodländereien aufführt. ²*) Wenck führt in ſeiner heſſ. Landesgeſchichte, Bd. 3, S. 222, noch eine zweite Stifterin mit Namen Gräfin Clementia an, welche zu ganz derſelben Zeit und zwar den 17. Juni 1129 mit Zuſtimmung ihres Sohnes Wilhelm und ihrer Tochter Irmeſindis den Ort Schiffenberg(Schiffinburg) nebſt 17 be⸗ nannten Huben Land, wovon zwei in Konradsrod, dem heil. Petrus(dem Patron des Trierer Domſtifts) übergeben und ihren Erben nur die Vogtei vorbehalten habe und bringt auch dieſe Clementia in ſeinem Stammbaum als zweite Gemahlin Graf Konrads von Luxemburg unter(S. 228). Geht man aber auf ſeine Quelle*³) zurück, ſo ergibt ſich, daß es ſich nur Grafen Wilhelm und Otto ſind Reiterſiegel, das des Erſteren ſtellt den Grafen mit der Fahne vor, wahrſcheinlich mit Bezug auf die frühere Pfalzgrafenwürde des Hauſes; Otto führt nur ein Schwert, Ein Wappen iſt weder auf dem Schild, noch auf der Fahne zu ſehen. ²8) Wahrſcheinlich in Großenlinden und Lützellinden. ²6) Bockenheim, ein ausgegangener Ort in der Gemarkung Gambach. Wagner a. a. O., S. 114. 27) Baur, heſſ. Urk⸗Buch Nr. 86, S. 61. Das Datum fehlt in der vor⸗ handenen Abſchrift. Es kann nicht auffallen, daß ſich die Vergabungen des Gleiberger Hauſes bis an die Ufer des Rheins erſtreckten; es war offenbar noch vielfach im Niederlahngau und ſelbſt bis über den Rhein hinaus an den alten Gütern des ſaliſch konradiniſchen Hauſes be⸗ theiligt. ²8) Honthem. Histor. Trevir. Dipl. T. 1, p. 515. — 5— von einer unſicheren Trieriſchen Nachricht handelt, welche das Geſchehene nicht richtig referirt. ²*) Dagegen iſt die von Erzbiſchof Albero im Jahr 1150 gegebene Nachricht von der Schenkung eines Adelbert und ſeiner Söhne Friedrich und Konrad von vielen Leibeigenen in den Orten Linden, Leihgeſtern, Hagen,*⁰) Hauſen, Wetzlar, Mühlheim, ³⁴) Wertorf, Girmes, Bockenheim, Rockenberg, Oppershofen, Burkhardsfelden, Dortfe, ³²³) Blasbach, Duden⸗ hofen, Wieſeck und Lich an das Kloſter Schiffenberg von ²⁹) Was Hontheim aus einem Trierer Archiv mittheilt, iſt nicht als Concept einer Ausfertigung zu erkennen, ſondern als unvollſtändige Notiz zum Zweck der Wahrung der erzbiſchöflichen Rechte, allerdings in einleitender Form einer Beurkundung des Erzbiſchofs Meginher aber mit Offenlaſſung der Zeugen. Dieſe Scriptur bezeugt allerdings, daß Clementia mit Zuſtimmung ihres Sohnes Grafen Wilhelm und ihrer Tochter Irmeſindis einen Ort Schifſinburg, nebſt 17 be⸗ nannten Huben, wovon 2 zu Cunradesrod gelegen, dem heil. Petrus nur vorbehaltlich der Vogtei gegeben habe, geſchehen zu Trier am 17. Juni 1129, testibus ſubtitulatis... Allein, abgeſehen davon, daß die ausgefertigte und beſiegelte Stiftungsurkunde gegen 20 Huben oder mehr und 2 weitere in Konradsrod nebſt Wieſen, Weide, Holzberechtigung und den Zehnten von allen Neubrüchen im Wieſecker Wald enthält, wovon dieſe Notiz ſchweigt, und daß ſie einer Ueber⸗ gabe der Zehnten an den Erzbiſchof nur zu dem Zweck erwähnt, damit dieſer ſie der Kloſterkirche zur Dotation überweiſe, beſagt dieſe Scriptur kein Wort von einer Kloſterſtiftung, ſondern nur von einer Schenkung ans Erzſtift, bedingt, daß keiner der Erben zur Vogtei ge⸗ langen ſoll, ehe er dazu berufen worden und behält dem Erzbiſchof die Einſetzung des Propſtes vor, im Falle die Wahl des Convents zwieſpältig ſein ſollte. Dies Alles verräth ein ſpäteres unzuverläſſiges Machwerk, dem im Vergleich zu der vorhandenen Original⸗Stiftungs⸗ urkunde keine Wichtigkeit beizulegen und daher noch weniger daraus eine doppelte Clementia zu erweiſen iſt, die gleichzeitig daſſelbe Object nach Trier verſchenkt habe, das zum Kloſter verwendet worden iſt. Dies kann ein Ort bei der Burg Hagen bei Beuern, die aber 1149 ſchon zerſtört war, oder auch ein Ort Haine oder Hene bei Hauſen unter Schiffenberg, oder endlich der Hof Haina bei Königsberg ſein. 3¹) Mühlheim, das ſpätere Hermanſtein(Wagner a. a. O., S. 199). 3²) Vielleicht Dorlar, vielleicht Dorfla bei Altenbuſeck! 3⁰ — 86.— größerem Intereſſe für die Ausdehnung der Kloſterbeſitzungen in der Mitte des 12. Jahrhunderts.*³) Wie gewöhnlich entſtand bald nach der Stiftung des Mönchskloſters Schiffenberg in der Nähe deſſelben eine Zelle für Schweſtern deſſelben Ordens; am ſüdlichen Fuße des Schiffenbergs an einer dort entſpringenden Qnuelle befand ſich dieſe, bald in ein wirkliches Nonnenkloſter verwandelte Zelle, welches den Namen Celle fortführte, aber gewöhnlich unter dem des Kloſters Schiffenberg, an allen deſſen Gütern ſie Theil hatte, begriffen wird.“*) Die Zeit ſeiner Stiftung iſt unbekannt, wie aus ſeiner allmähligen Entſtehung leicht erklär⸗ lich iſt. Es kommen aber ſchon 1239 Brüder und Schweſtern des Kloſters vor und die Gemeinſchaft mit dem Mönchskloſter führte ſchon 1264 zu Streitigkeiten zwiſchen beiden ³⁵) und zu 8 Vermögenstheilungen, die wohl der Grund waren, daß es ſchon vor der Reformation verfiel.“) §. 15. Fortſetzung. Aufſchlüſſe durch die Stiftungs⸗Urkunden. Die vorſtehend mitgetheilten Stiftungs⸗-Urkunden von Schiffenberg berechtigen uns zu folgenden Schlüſſen für die Geſchichte des Gleiberger Grafenhauſes. Im Anfang des 12. Jahrhunderts waren die Grafen Wilhelm und Otto und ihre Vatersſchweſter ¹) Clementia im 33) Gudenus l. c. p. 1053. 1 34) Wenck a. a. O., S. 270. 45) S. unten§. 21, Note 24 und Baur, Urk.⸗Buch Nr. 126, S. 89. Das Kloſter kommt alſo nicht 1274 zum Erſtenmale vor, wie Schmidt a. a. O., Th. 1, S. 238, behauptet. 36) Die Ruinen ſeiner Gebäude und ſeiner Umfangsmauern finden ſich links der Straße nach Hauſen am Kloſterbrunnen. ¹) Die Bezeichnung als Consanguinea in der Urkunde von 1141 ſteht nicht mit der Annahme, daß die nepotes Wilhelm und Otto der Gräfin Neffen waren, im Widerſpruch, da darunter nicht blos Ge⸗ ſchwiſterkinder, ſandern auch Seitenverwandte des näheren Grades verſtanden werden. —— —— —ÿõ—ᷣᷣ — 37— Beſitz der Grafſchaft Gleiberg; letztere obwohl an den Grafen SGerhard von Geldern vermählt, war doch im Mitbefitz der Güter geblieben ſie hatte ſelbſt ebenſe—wie ihre Neffen ihre Hof⸗ haltung zu Gleiberg, mit einem Truchſeß, einem Mundſchenk, die als Zeugen vorkommen und Notar(Kanzler).“) Zur Zeit der Kloſter⸗Stiftung(1129) lebte ihr Gemahl noch; im Jahr 1141 war ſie Wittwe. Sie war aber ohne Kinder, ſonſt würde ſie deren Zuſtimmung zu der Vergabung nach der Gewohnheit der Zeit erwähnt haben. Die Stiftung war doffenbar ſchon 1129 mit Zuſtimmung ihrer Neffen(geſchehen, wiewohl ihrer, in der erſten Urkunde von dieſem Jahr keine Erwähnung geſchieht; denn in der zweiten von 1141 wird angeführt, daß ſie nicht nur mit ihrem Conſens, ſondern durch eigene Schenkung derſelben Statt gefunden habe. Die beiden Grafen waren demnach zur Hälfte, Clementia zu einem Viertheil und die Pfalz⸗ gräfin Gertraut, ihre entferntere Verwandtin, zu einem Viertel an dem gemeinſchaftlich gebliebenen Allod des Wieſeckerwalds, wie überhaupt an den Allodien im Gericht Hüttenberg betheiligt; denn die Grafen Wilhelm und Otto waren nicht Brüder, „ſondern Vettern! Wer ihre Väter waren, bleibt unbekannt; Wenck gibt dem einen einen Graf Hermann, dem andern einen Graf Dietrich zum Vater und hält dieſe für Söhne des Grafen Hermann, des treuen Anhängers Kaiſer Heinrichs IV. ³), ob mit Recht oder Unrecht bleibt unentſchieden. Die Grafen Wilhelm und Otto ſtellen ſich als Landesherrn dar; ſie ertheilen dem Vertrag, wodurch der Graf Siegfried ſeinen Anſprüchen ent⸗ ²) Sicher wird auch das vierte gewöhnliche Hofamt, das des Marſchalls (Kopp, heſſ. Gerichts⸗Verfaſſung§. 214) beſtanden haben. Wenck a. a. O., S. 218. Dafür, daß Wilhelm der älteſte des Stammes und ein Descendent des Grafen Hermann, Pfalzgrafen von Achen, war, läßt ſich vielleicht anführen, daß dieſer Graf Wilhelm auf ſeinem Reiterſiegel eine Fahne führt, wie in der Regel die Pfalzgrafen, die des Reiches Fahne(für ein Herzogthum) zu tragen hatten, wie z. B. auch die Pfalzgrafen von Tübingen(ſ. vor.§., Note 24). Jedenfalls deutet die Fahne auf den Beſitz von Reichslehen. 3 — — 98— ſagt, die zu Veräußerungen an die todte Hand nöthige Beſtätigung auf deſſen Nachſuchen(hoc nostro confirmari privilegio postu- lavit, auctoritate quanta possumus confirmamus.) Die Frauen Clementia und Gertrude hatten augenſcheinlich nur an den Allodien des Hauſes Theil, die Grafenrechte im Bezirk dagegen hatte der Mannsſtamm; ſie waren wohl lehnbar und jedenfalls vom Kaiſer und Reich übertragen. ¹) Die Pfalzgräfin Gertrud, welche wir als an dem Wieſecker⸗ wald zu einem Viertheil betheiligt finden, war eine Verwandte der Gräfin Clementia, in welcher Gradesnähe bleibt ungewiß, da die Bezeichnung cognata zu unbeſtimmt iſt; wir können als nächſten Grad weder den einer Tante derſelben noch den einer Nichte annehmen, ſonſt würde der Ausdruck anders lauten; die Verwandtſchaft muß eine weitere, alſo wenigſtens die von Geſchwiſterkind geweſen ſein. Dabei fällt es auf, daß ihr Antheil an dem fraglichen Allod nur ebenſo groß iſt, als das der Gräfin Clementia und das eines jeden ihrer beiden Neffen, nämlich ein Viertheil; aber der Vater Gertruds wird durch andere Objecte vergütet worden ſein. Wenn wir annehmen, daß Clementia und ihre Neffen eine ältere Linie bildeten, weil ſie das Stammſchloß behielten, Gertrud von einer jüngeren ſtammte, ſo läßt ſich vielleicht auch dadurch ⁴) Die Herrn von Merenberg als Nachfolger der Grafen von Gleiberg wurden wenigſtens ſeit 1246 ausdrücklich von dem Reich neben der Vogtei zu Wetzlar mit dem Gericht Hüttenberg beliehen und zwar, nach dem erſten von dem römiſchen König Konrad, Sohn Kaiſer Friedrichs II., ausgeſtellten Lehnbrief, ſo wie ihre Vorfahren es von Kaiſer und Reich zu Lehn getragen haben.(Wenck a. a. O., Th. 3, S. 294. Urk. zu Th. 2, Nr. 133.) Ohne Zweifel ſind unter dieſen Vorfahren die Grafen von Gleiberg gemeint und es beruht daher der Beſitz dieſer Gerichtsbarkeit augenſcheinlich auf einem vom Reich rührenden verliehenen Grafenamt. Die Nachfolger der Gräfin Ger⸗ trud, die Ganerben von Kleberg, hatten daher auch in ſpäterer Zeit an der Landeshoheit und Gerichtsbarkeit keinen activen Antheil, wie⸗ wohl ſie an den meiſten Einkünften und Gefällen zu einem Vier⸗ theil betheiligt waren.(Saalbuch des Amtes Gießen, Fol. 122.) — 89— eine Ungleichheit der Theilung erklären; denn es war ſehr gewöhnlich, daß der ältere Sohn die Stammbeſitzung, der jüngere eine von mütterlicher Seite oder ſonſt wie erworbene von geringerem Werth erhielt*) und namentlich im Hauſe Luxem⸗ burg ſcheint ein ſolches Verfahren eingeführt geweſen zu ſein,*) woher es ſich auch erklären dürfte, wenn ein an ſich gleich⸗ berechtigter Stamm einen geringeren Theil an den gemein⸗ ſchaftlichen Allodien hat; jedenfalls kann man die Pfalzgräfin Gertrude nicht wohl entfernter von dem Stamm der Gräfin Clementia und ihrer Neffen unterſtellen, als daß man ſie auf Dietrich, den gemeinſchaftlichen Großvater zurückführt, da ſonſt, wenn ſie eine noch entferntere Verwandte wäre, eine immer noch größere Rate der Allodien für ſie in Anſpruch genommen werden müßte. Wenck nimmt an, Gertrude ſei eine Tochter des Gegen⸗ königs Hermann von Luxemburg⸗Salm geweſen,“) allein Beweiſe dafür hat er nicht; die Behauptung, daß eine zweite Clementia die Gemahlin des Bruders dieſes Hermann, Konrad's Grafen von Luxemburg geweſen und daß ſie reſp. ihre Kinder eine gleiche Stiftung wie Gräfin Clementia von Gleiberg zu Schiffen⸗ berg gemacht hätten, läßt ſich, wie ſchon bemerkt, nicht halten; welches ſoll auch deren Antheil am Schiffenberger Wald geweſen ſein, da fich in allen Urkunden außer ihr und der Pfalzgräfin Gertrud und ihren Erben nur die Vettern Wilhelm ³) So ſehen wir im Hauſe der Landgrafen von Thüringen und Heſſen häufig, daß der ältere die Landgrafſchaft Thüringen, der andere die Allodien in Heſſen erhielt, z. B. Ludwig der Eiſerne jene, Heinrich Raspo dieſe; im Haus Ziegenhain erhielt der ältere Ziegeuhain, der jüngere Nidda(Schmidt, Geſch. von Heſſen, Th. 1, S. 135, Th. 2, S. 256). Im Hauſe der Pfalzgrafen von Tübingen erhielt der ältere die Pfalzgrafſchaft, der jüngere die Grafſchaft Gießen. *) Hier erhielt der ältere die Grafſchaft Luxemburg, der jüngere die Herrſchaft Gleiberg(ſ. oben§. 13). In der Luxemburger Linie erhielt ſpäter der eine Luxemburg, der andere Salm. Es war alſo eine Gleichheit der Theilung nicht gewöhnlich. 7) Wenck a. a. O., S. 233. — 90.— und Otto als daran betheiligt zeigen und nach der Stiftung im Beſitze der Gegend ſind? Und doch beruht das Argument Wencks nur darauf, daß ebenſo wie dieſe zweite Clementia und ihre Kinder als Nachkommen Konrads von Luxemburg, auch Nachkommen Hermanns an den fraglichen Allodien betheiligt ſein müßten. Die Betheiligung dieſes Stammes der Luxem⸗ burger Familie am alten Gebiet von Gleiberg mag richtig ſtehen, da Hermann als Graf von Gleiberg bezeichnet wird; aber daraus iſt noch nicht zu folgern, daß er Graf von Kle⸗ berg und Gertrud ſeine Tochter geweſen ſein müſſe, ſondern nur, daß noch weitere Beſitzungen früher zu Gleiberg gehört haben müſſen. Worin die Betheiligung der Pfalzgräfin außer dieſem Viertheil beſtand, ergibt ſich ebenfalls aus den Stiftungsurkunden, nach welchen ihre Nachkommen Siegfried und Friedrich als Grafen von Kleberg erſcheinen. Zur Grafſchaft Kleberg gehörte auch bis in die neuere Zeit ein Viertheil des Gerichtsbe⸗ zirks Hüttenberg, wenigſtens wurden von den Ganerben von Kleberg Anſprüche darauf gebildet) und dieſe bezogen auch ein Viertheil der gemeinſchaftlichen Gefälle im Hüttenberg,“) die übrigen drei Viertheile aber theilten die Rechtsnachfolger der Gleiberger Grafen, welche übrigens Landeshoheit und Ge⸗ richtsbarkeit allein beſaßen. Der Wieſecker Wald oder der Wald zwiſchen dem Pfahlgraben der alten Lindener Mark und dem Wieſeckbach, wurde früher zum Hüttenberg gerechnet; die ³) Dieſe erſtreckten ſich auch über die Wieſecker Mark und erſt 1280 ver⸗ zichtete Iſenburg als Nachfolger in der Herrſchaft Kleberg auf ſeine Anſprüche auf Gießen.(Beurk. Nachrichten, S. 71.) ) Nach dem Salbuch der Stadt und des Amts Gießen von 1587 und 1629 hatten die Ganerben von Kleberg von den meiſten Gefällen im Hüttenberg ¼¾; die Gerichtsbarkeit ſtand aber Heſſen und Naſſau allein zu; doch erhielten jene auch ³¼ der Klagheller und durften bei den Landgerichten einen Diener zur Controlirung derſelben unten an ſitzen laſſen, der ſich aber in die Inſtizverwaltung nicht zu miſchen hatte(Saalbuch, Fol. 122). 91— älteren Anrodungen in demſelben, Hauſen, Annerod und Kon⸗ radsrod, gehörten bis zur Theilung des Hüttenbergs in dieſes Gericht; ¹⁰) ein großer Theil des Waldes, der ſogen. Ferne⸗ wald, blieb in der Gemeinſchaft der meiſten Gemeinden des Hüttenbergs bis in das vorige Jahrhundert.¹⁴) Die Ganerben von Kleberg ertheilten ihren Conſens zur Uebertragung des Kloſters Schiffenberg an den deutſchen Orden(1323) und con⸗ currirten zu den Schenkungen, welche dem Nonnenkloſter Celle unter Schiffenberg aus dem nicht angerodeten Walde ſpäter gemacht wurden. ¹²) Ueberdies waren die Erben der Grafen von Kleberg, die Grafen von Iſenburg, noch bis in neuere Zeiten Beſitzer verſchiedener Rechte und Gefälle im Wieſecker Wald und den darin entſtandenen Dörfern des Steinbacher Gerichfs, mit denen ſie verſchiedene Vaſallen beliehen hatten; die Herrn von Elkershauſen trugen z. B. Gefälle zu Steinbach, Watzenborn, Hauſen, Konradsrod, Fronebach und Garbenteich, die Herrn von Riedeſel den Forſthafer im Wieſecker Wald, die von Schwalbach 30 Morgen Land im Wieſecker Wald von Iſenburg Namens der Grafſchaft Kleberg zu Lehn.¹*) Es iſt alſo ganz zweifellos, daß Pfalzgräfin Gertrud in ihrer Eigen⸗ ſchaft als Erbin von Kleberg an dem Hüttenberg und deshalb auch dem Wieſecker Wald mit einem Viertheil betheiligt war. Die Beſtandtheile der Grafſchaft Kleberg müſſen alſo als ihr reſp. ihres Vaters Antheil an den Gleiberger Familien⸗ gütern angeſehen werden. Als Gemahl dieſer Gertrude wird der Pfalzgraf Siegfried von Orlamünde angeſehen, ihre in den Urkunden genannte Tochter Adele ſoll an einen Grafen Adelbert von Peilſtein in ¹0) Daſ. S. 122, 163, 174, 184. ¹¹) Die Stadt Gießen kaufte deren Antheil erſt zu Anfang des 18. Jahr⸗ hunderts bis auf die von Annerod, Hauſen und Steinbach. ¹²) Hiſtor. dipl. Unterricht, Beilage Nr. 68—70. ¹s) Simon, Geſch. des Hauſes Iſenburg⸗Büdingen, Bd. 1, S. 245, 251, und 255. — 92.— Baiern vermählt geweſen ſein;*) ihre Söhne(oder Enkel) Siegfried und Friedrich, Grafen von Kleberg, nahmen 1162 an den weiteren Verwilligungen der Grafen von Gleiberg als voranſtehende Zeugen Theil, Beweis ihres fortwährenden In⸗ tereſſes an dieſen. Auf deren Vater Graf Adelbert von Peilſtein und deſſen Sohn Friedrich und einen dritten Sohn Konrad iſt denn auch nach Wenck, Bd. 3, S. 333, mit Wahrſcheinlichkeit die Urkunde von 1150 zu beziehen, nach der ein Adelbert mit ſeinen Söhnen Friedrich und Konrad ſo viele Leibeigene in der Umgegend dem Kloſter Schiffenberg ſchenkt; wer anders konnte wohl im mittleren Lahngau ſo viele Hörige und von ihnen bebaute Güter beſitzen, als ein Miterbe des Hauſes Gleiberg! Daß ſich deren Wohnorte nicht auf den Umfang der Gleibergiſchen Beſitzungen beſchränkten, ſondern ſich einige auch an ſolchen 4 Orten finden, die niemals dazu gehörten, wie Wetzlar, Bocken⸗ 1 heim, Rockenberg und Lich, erklärt ſich leicht daraus, daß die Familie viel Allodien außerhalb der Grafſchaft beſaß und daß die Leibeigenſchaft der Perſon auch in andere Diſtricte folgte. ¹*) 14) Wenck a. a. O., S. 329 ff. Schmid a. a. O., S. 277. Andere, ſelbſt Gudenus C. D. Tom. 3, p. 1045, hielten Gertrud für eine Pfalzgräfin von Tübingen und brachten den ſpäteren Beſitz von Gießen 3 mit ihr in Zuſammenhang, indem ſie dieſelbe für eine Tochter des Grafen Ludwig von Arnſtein anſehen. Schmid, Geſchichte der Pfalz⸗ grafen von Tübingen, S. 66, 69 f., 73, hat nachgewieſen, daß die Grafen von Tübingen erſt 1150 die Würde der Pfalzgrafen von Schwaben erhielten und daß Emma(Hemma), die Tochter Graf Lud⸗ wigs III. von Arnſtein, die Gemahlin des Grafen Hugo(III.) von Tübingen und die Mutter des erſten Pfalzgrafen Hugo von Tübingen und die Großmutter Pfalzgraf Rudolphs I. war, der durch ſeine Ge⸗ mahlin Mechthild, Tochter des Grafen Wilhelm von Gleiberg, die Grafſchaft Gießen erwarb. ¹15) Daraus, daß in Wetzlar damals noch Leibeigene wohnten, erhellt, daß dieſes bei dieſem ſeinem erſten urkundlichen Vorkommen in der Mitte des 12. Jahrhunderts noch keine Stadt war, da Bürgerrecht nur Freien zukam. — 93— Weitere Aufſchlüſſe über die Familie der Gleiberger knüpfen ſich an die Perſon der zu den Urkunden zugezogenen Zeugen. Es war feſte Gewohnheit, die nächſten Verwandten und even⸗ tuell als Erben Betheiligten, wie überhaupt die für das Rechts⸗ geſchäͤft intereſſirten Perſonen zunächſt als Zeugen bei denſelben zuzuziehen, damit ſpäter kein Widerſpruch und keine Anfechtung von ihnen zu erwarten war.¹*) Die ängſtliche Geiſtlichkeit, die auch hier nach der von Siegfried verſuchten Anfechtung die Stiftung ſo vielfach anerkennen ließ, ſorgte daher ſicher dafür, daß die dabei am meiſten Intereſſirten als Zeugen erſchienen. Es iſt alſo von großer Bedeutung, daß auch hier verſchiedene Perſonen reſp. ihre Nachfolger wiederholt zu allen hier in Rede ſtehenden Urkunden gleichmäßig zugezogen werden. In der erſten Stiftungsurkunde werden uns außer der Trier'ſchen Geiſtlichkeit, unter welcher ſich ſicher neben dem Archidiacon von Dietkirchen der Dechant des Wetzlarer Stifts befand, als vornehmſte Zeugen drei Grafen genannt, von Cle⸗ rivas, Vianden(Vianna) und Spanheim; das erſtere Geſchlecht iſt ganz unbekannt; Wenck glaubt einen Schreibfehler unterſtellen und Geldern, alſo den Gemahl der Gräfin Clementia, Gerhard von Geldern als Zeugen annehmen zu müſſen: Die Grafen von Vianden und Spanheim ſind wahrſcheinlich Verwandte dieſes Grafen. Von ihnen kommt nur Friedrich von Vianden (Vienna) noch in der erſten Urkunde Erzbiſchof Albero's vor ¹⁷) und für den dort weiter genannten Graf Emicho von Flan- heim wird wohl Spanheim zu leſen ſein. ¹s) Von den Dynaſten ¹6) Vergl. z. B. Kaufbrief Hartrads von Merenberg über Holzheimer Güter von 1233 und die meiſten Urkunden des Urkundenbuchs. Schmid, Geſch. der Pfalzgrafen von Tübingen, S. 91. Wenn bei verſchiedenen Verträgen über ein Object wiederholt dieſelben, nicht zum Gefolge eines Contrahenten gehörigen Zeugen vorkommen, ſo kann man ſicher auf eine Betheiligung derſelben ſchließen. ¹²) Gud. 3, 1049. Die Grafſchaft Vianden lag zwiſchen Luxemburg und Salm und die Grafen waren daher wahrſcheinlich vom Luxemburger Stamm. ¹⁸) Die wahrſcheinliche Verwandtſchaft mit den Grafen von Spanheim im Hunsrück kann wohl nur durch Verheirathung Gleiberger Töchter — 94— ſcheint Eckhard von Ulphe, Herr von Storufels, ein Verwandter zu ſein, von dem die Bereicherung des Kloſters durch den in ſeiner Herrſchaft(dem Gericht Widdersheim) gelegenen Hof Grundſchwalheim, welchen dieſes reſp. ſein nachmaliger Beſitzer, der deutſche Orden(als Erbleihherr, reſp. den dazu gehörigen Häuſer Wald zu Eigenthum) bis in die neueſte Zeit beſaß, herrührte. ¹*) Von Wetzel Wolf iſt nichts bekannt.*¹) Dieſe beiden in der erſten Urkunde genannten Zeugen kommen in den ſpäteren nicht mehr vor, wohl aber in jeder andern die von Iſenburg, von Solms, von Merenberg und von Bilſtein und wir müſſen daher in ihnen dem Gleiberger Grafenhaus nahe ſtehende und eventuell erbberechtigte Geſchlechter ver⸗ muthen. Das Verhältniß dürfte ſich ſo aufklären: Die nächſte Verwandte des Grafenhauſes war die Pfalz⸗ gräfin Gertrud, Gräfin von Kleberg; ſie war Mit⸗ eigenthümerin der Allodien im Gericht Hüttenberg, welches die Marken Kleen, Göns, Linden und Wieſeck und die Wanen⸗ begründet ſein; die weit ſpätere Verbindung zwiſchen dem Hauſe Solms und Spanheim iſt nicht hierher zu beziehen. ¹*) Vergl. Baur, heſſ. Urk.⸗Buch Nr. 91. Schmidt a. a. O., Th. 2, S. 138. ²⁰) An die ſchwäbiſche Grafen⸗Familie Wolf, die in Deutſchlands Ge⸗ ſchichte ſo berühmt geworden, iſt hier nicht zu denken; ebenſo wenig an die ſpätere zum niederen Adel gehörige Familie der Wolfe von Gudensberg und von Todenwart, die von der Gudenburg bei Wolf⸗ hagen ſtammen(Landau, heſſ. Ritterburgen, Bd. 4, S. 233). Iſt eine Vermuthung nach dem weiter hier Entwickelten erlaubt, ſo darf man vielleicht dieſen Wetzel⸗Wolf in das Geſchlecht der Greifenſteiner verſetzen, weil dann alle verwandte Familien, welche als Beſitzer der alten Geſammtgrafſchaft des mittleren Lahngaus oder des Decanats Wetzlar bei der Stiftung des Kloſters aus altem Domanial⸗Gut des Hauſes intereſſirt ſein konnten, bei dieſen als conſentixrende Zeugen vertreten ſind. Daß das Geſchlecht der von Greifenſtein in einem nahen Verhältniß zu der Gleiberger Ritterſchaft ſtand, läßt ſich ſchon darum annehmen, weil ihr Wappen, drei in der Mitte vereinigte Blätter, dem bei dieſer gewöhnlichen entſpricht. — 95— dorfer Mark bis an den Wetzbach umfaßte.²*) In der Kleener Mark war vor jener Zeit die Burg Kleberg entſtanden, ²²) als die Anrodungen ſich dem Klee⸗ und Solmsbachthal weiter hinauf bis an den Hausberg und hinter demſelben her bis über die dortigen Grenzen des Wettergaus erſtreckten, wohl zunächſt zum Schutz der Anſiedlungen gegen feindliche Nachbarn; dann wurde ſie einem jüngeren Zweig des Hauſes als ſein Erbtheil überlaſſen und ſo kam ſie an die Pfalzgräfin Gertrud als Erbtochter, die ſie auf ihre Tochter Adele vererbte, von welcher ſie, wie wenigſtens Wenck a. a. O., Bd. 3, S. 333, annimmt, an ihre und des Grafen Adelbert von Peilſtein Kinder gelangte. Von dieſen kennen wir bereits wenigſtens einen Sohn Siegfried; derſelbe focht die Stifung an, da das Kloſter keine Urkunde vorzeigen konnte, welche die Zuſtimmung ſeiner Großmutter oder Mutter hinreichend bewies und er wurde(1141) mit Mühe zum Verzicht gebracht. Nach dieſem wirkte(1162) ein Siegfried von Kleberg und ſein Bruder Friedrich bei den ſpäteren Zuwendungen an das Kloſter, namentlich der Kirchen der Neurod⸗Dörfer des Gerichts Steinbach mit. Aber ſchon 1141 und ſpäter treten in den Urkunden Reimbold von Iſenburg und ſein Bruder Gerlach und 21 Jahre danach Reinhard von Iſenburg neben ihnen als zuſtimmende Zeugen auf. Das Haus Iſenburg findet ſich auch ſpäter, wahrſchein⸗ lich zu Anfang und wenigſtens ſeit der Mitte des 13. Jahr⸗ hunderts ²³) im Beſitze von Kleberg. Schon 1220 willigte Heinrich von Iſenburg ausdrücklich in kaiſerliche Vergabungen S. unten§. 29. Sie gehörte zum Kirchengebiet derſelben bis ins 18. Jahrhundert, wenn auch 1355 eine eigene Kapelle bei derſelben entſtand. Wenck a. a. O., Bd. 2. Urk.⸗Buch S. 382. Abicht a. a. O., Th. 3, S. 406. ²³) Die Brüder Heinrich und Gerlach von Iſenburg hatten 1258 die Hälfte der Grafſchaft Kleberg und Letzterer überließ ſie dem Erſteren allein.(Wenck a. a. O., S. 342.) Die andere Hälfte beſaß Gottfried von Eppſtein. 224) 22) — 96— von dazu gehörigen Rechten.**) Ein ſpäterer Erwerb iſt nicht nachgewieſen und es iſt daher wahrſcheinlich, daß die Iſen⸗ burger ſchon in jener Zeit Miterben von Kleberg waren, daß namentlich die Mutter Gerlachs und Reimbolds von Iſenburg aus dem Peilſtein⸗Klebergiſchen oder doch von dem Gleibergiſchen Geſchlecht ſtammte.?⁵) ²4) Die Pfarrei Mörle verlieh Kaiſer Friedrich II. 1219 dem deutſchen Orden und Heinrich von Iſenburg gab 1220 ſeine ausdrückliche Zu⸗ ſtimmung dazu.(Wenck a. a. O., S. 338 f.) Die Mörler Mark ge⸗ hörte aber zu Kleberg. 2) Hierfür laſſan ſich folgende Gründe anführen. Als Heinrich von Iſen⸗ burg mit ſeinem Schwager Gottfried von Eppſtein anfänglich(1278) theilte, erhielt dieſer offenbar die ſpäter(1478) von ſeinen Erben an Philipp von Katzenelnbogen veräußerten zur Burg Ziegenberg ge⸗ hörigen Orte Langenhain, Münſter, Fauerbach, Bornhofen, Hochweiſel, Oſtheim, und einem Theil von Butzbach, wahrſcheinlich auch Nieder⸗ weiſel, nebſt der Hälfte des Amtes Kleberg. Dieſer Theil war aber für zu gering gehalten und er erhielt(1280) noch Ober⸗ und Nieder⸗ mörle, Ockſtadt und Hollar, Holzburg, Eſchbach und Pardebach zur Ausgleichung dazu. Worin beſtand nun der Iſenburgiſche Theil, da Eppſtein am eigentlichen Amt Kleberg ebenſo viel wie dies hatte? Offenbar muß dieſer gleichwerthe Theil in Burg Limburg und Zu⸗ gehör geſucht werden, das bekanntlich Iſenburg, man weiß nicht woher, um jene Zeit beſaß und das auch zu den alten Saliſch⸗Konradiniſchen, ſpäter Gleiberger Beſitzungen gehört hat, Limburg war aber ſchon 1137 in den Händen Gerlachs und Reimbolds von Iſenburg und ihr Beſitz leitet ſich daher wahrſcheinlich von einer Tochter der Adele her, da ſie ſchon 1141 als Intereſſenten in den Schiffenberger Ur⸗ kunden vorkommen. Simon, Geſchichte von Iſenburg und Büdingen, Th. 2, S. 120, hält Heinrich I. von Iſenburg⸗Limburg erſt für den Ewerber von Kleberg; indeß fällt auf, daß ſchon 1142 ein Bruder Gerlachs und Reimbolds den Namen Siegfried führt, den er aus der Kleberger Familie erhalten haben dürfte. Sodann findet ſich noch in der Mitte des 13. Jahrhunderts ein Allodialgut zu Odenhauſen bei Kirchberg im Beſitz eines Nachkommen Reimbolds, des Dietrich II. von der Nieder⸗Iſenburgiſchen Linie(Gudenus C. D. T. 4, p. 919), das aus den Gleiberger Beſitzungen herrühren muß, wenigſtens nicht, wie Simon a. a. O., S. 90, meint, von einer Ziegenhainer Gemahlin herrühren kann, indeß Ziegenhain außer der Burg und Stadt Staufen⸗ berg nie etwas vom Gericht Kirchberg beſaß. Bei der Annahme einer ſchon ſo alten Verbindung der Graſſchaft Kleberg mit Iſenburg erklärt 97— Die weiteren drei edlen Herrn, die in allen Urkunden als Zeugen erſcheinen, von Solms, von Merenberg und von Bil ſtein, ſind in dem Decanat Wetzlar zu Hauſe; ſie beſitzen die eine, die weſtliche Hälfte deſſelben, ſoweit ſie nicht durch die ſächſiſchen Kaiſer an das Stift Worms verliehen war(Weil⸗ burg und nächſte Umgebung), während die Grafen von Glei⸗ berg und Kleberg die andere, die öſtliche, inne haben. Die Dynaſten, ſpäter Grafen von Solms haben die Untergaue des Solms⸗ und Erdagaus unter ſich; ²⁵) die Beſitzungen der Herrn von Merenberg und Bilſtein liegen an dem nordweſt⸗ lichen und nördlichen Ende des Gaus der Mittellahn, in den Anfängen des Weſterwalds; ſie beſitzen gerade die Grenzorte des weſtlichen Theils des Decanats Wetzlar; zwiſchen ihnen und der Herrſchaft Solms liegt Weilburg, welches das Bis⸗ thum Worms von den ſächſiſchen Kaiſern erhalten hatte.*) es ſich denn auch, daß dieſes Haus ſchon im Anfang des 13. Jahr⸗ hunderts im Beſitz Klebergiſcher Güter iſt, wie Simon a. g. O Th. 1, S. 233, anerkennt. Die Grafſchaft Solms, bei welcher man aber nicht mit Nebel in Juſtis Denkwürdigkeiten Th. 3, S. 235, an das in Allemannien zu ſuchende Solicinium denken darf, beſtand aus dem Solmsgau, links der Lahn, oder den Theilen Burgſolms und Braunfels, und dem Erdagau rechts der Lahn, oder den Theilen von Königsberg und Hohenſolms; von derſelben hatten ſich wohl, in analoger Weiſe wie Kleberg im Ver⸗ hältniß zu Gleiberg, die kleinen Herrſchaften Merenberg und Bilſtein auf der Weſt⸗ und Nordgrenze des letzteren Gaus, ſowie an der Grenze der zur Grafſchaft Ruchesloh gehörigen Herborner Mark in gebirgig und waldiger Gegend die Herrſchaft Greifenſtein und als Theil derſelben Lichtenſtein(letztere zwiſchen Greifeuſtein und Beilſtein) abgetrennt und zu ſelbſtſtändigen Territorien geſtaltet.(Vogel, Be⸗ ſchreibung von Naſſau, S. 249.) ²¹) Das Decauat Wetzlar, welches auf der Weſtſeite bis an die Weil und den Weſterwald, die richtige Grenze des Niederlahngaus, reichte, er⸗ ſtreckte ſich von der Wetterau bei Gräfenwiesbach(Vogel a. a. O., S. 158) der Weil nach bis zu ihrer Mündung; auf dem rechten Ufer der Lahn umfaßte es das ganze Waſſergebiet der Ulmbach und der bei Löhnberg mündenden Häuſer⸗Bach und es gehörten daher noch die Pfarreien Weilburg, Hauſen(bei Löhnberg), Ulm, Nenterod, Wal⸗ 7 „ 26 — — 98— Dieſe zu Weilburg gehörigen Beſtandtheile, welche Worms den Vögten des Stifts, den Grafen von Naſſau, zu Lehn reichte(1195), bildeten wahrſcheinlich mit dem den Dynaſten von Solms verbliebenen Landestheil früher ein Ganzes und ſind zu irgend einer Zeit davon abgetrennt.**) Die Herrn von Merenberg und Beilſtein waren vermuthlich ein Ge⸗ ſchlecht; die von Beilſtein waren ſogar Mitbeſitzer der Burg Merenberg und Rudolph von Beilſtein verkaufte erſt vor 1226 ſeinen Antheil daran an Hartrad von Merenberg,**) den dieſer dem Bisthum Worms als Vasallus absolutus Ledigmann) zu Lehn auftrug. Merenberg war in der Herrſchaft Beilſtein mit Gütern angeſeſſen.*“) Ob die Herrn von Merenberg auch im Umfang der Grafſchaft Gleiberg zur Zeit, wo dies Haus noch blühte, begütert waren, läßt ſich nicht ermitteln, da ſie ſpäter Miterben dieſer Grafen wurden. Die Geringfügigkeit der Herrſchaft Merenberg und Beilſtein läßt vermuthen, daß ſie noch an anderen Objecten des alten Gleiberger Geſchlechts betheiligt waren.“*¹) Allerdings finden wir die Dynaſten von dorf, Driedorf(Trisdorf), Mengerskirchen, Dillhauſen und auf dem linken Lahnufer Möttau(Mitte), Cubach, Altenkirchen dazu.(Siehe Decanats⸗Regiſter bei Wenck a. a. O., Th. 2, S. 445, und oben § 11, Note 3.) Kaiſer Otto III. ſchenkte Weilburg und ſeine damals noch meiſt aus Wald beſtehende Umgebung zwiſchen Nenterod und der Ulmbach und bis Cubach dem Stift Worms(993), Wenck a. a. O., Bd. 3, S. 20, Note r. Dadurch wurde z. B. wahrſcheinlich Altenkirchen von Neu⸗ kirchen getrennt; jenes iſt noch naſſauiſch, dieſes Solmſiſch. Vogel, g. a. O., S. 176. 2) Wenck a. a. O., Th. 3, S. 288. Schannat, Hist. Worm. p. 244. 30) Wenck, daſ. S. 277. ³1) Zu Merenberg gehörten nur die kleinen Dörfer Allendorf, Barig, Selbenhauſen, Heſſelbach und Reichenborn, welche noch in den Umfang des Decanats Wetzlar gezählt werden können; weitere Beſitzungen im Niederlahngau können auch von der Luxemburger Familie herrühren, da dieſe vielfach im Niederlahngau poſſeſſionirt war, aber auch ſpätere Erwerbungen ſein. Namentlich hatten ſie Neunkirchen und Hublingen erſt vom Bisthum Worms(1288) zu Lehn erhalten; dieſe Orte wurden 28 — 99— Merenberg, jedoch erſt nach ihrer Nachfolge in die Gleiberger Grafſchaft, im Beſitz von Rechten über einen Landestheil, der ſich von der Grenze der Grafſchaft Beilſtein bis in unſere Gegend erſtreckte, nämlich der Grafſchaft Rucheslo; daraus läßt ſich indeß kein Schluß auf eine ſo große Ausdehnung der urſprünglich Merenbergiſchen Beſitzungen ziehen.*²*) In der Graf⸗ ſchaft Solms waren die Herrn von Merenberg vielfach mit Gü⸗ tern poſſeſſionirt.“) Auch die Grafen von Solms hatten Be⸗ ſitzungen im Umfang der Grafſchaft Gleiberg; Münchholzhauſen und ein Antheil am Stoppelberger Gericht, das von dem Ge⸗ biet dieſer Grafſchaft ganz umſchloſſen war, gehörte ſchon in alter Zeit den Grafen von Solms, ebenſo beſaſſen ſie Güter in Odenhauſen a. d. Lahn und Salzböden bis in das 14. Jahr⸗ hundert und an vielen Orten Leibeigene.**) Nicht minder finden wir die Grafen von Gleiberg im Beſitz von Gütern innerhalb der Herrſchaft Solms, z. B. in Girmes, nach der Urkunde von 1141; in der Schenkung Adelberts aus dem Kleberg⸗ Gleiberger Haus kommen Mühlheim(Hermannſtein), Wertorf, Blasbach vor; alle dieſe Orte liegen in der alten Grafſchaft Solms. Der deutlichſte Beweis für eine Abtheilung zwiſchen der Grafſchaft Gleiberg und Solms iſt aber die Theilungslinie ſelbſt, welche in beinahe gerader Linie von Norden nach Süden den ganzen Complex des alten mittleren Lahngaus(abgeſehen aber ſchon von den Grafen von Dietz als in den Niederlahngau ge⸗ hörig angeſprochen(Wenck a. a. O., S. 301) und ſtanden unter deren Hoheit.(Vogel, a. a. O., S. 733.) S. unten§. 24 unter 1, und§. 28. Konrad v. M. vermachte 1256 in ſeinem Teſtament neben Gütern in der Umgebung von Gleiberg dem deutſchen Orden ſein Gut in Berghauſen(an der Dill) und alle Güter und Leute um Wetzlar und Weilburg(Wenck a. a. O., S. 291, 292). Wittekind von Merenberg hatte Antheil an der Vogtei Erda und am Zehnten von Naunheim. (Baur, heſſ. Urkundenbuch Nr. 1283.) Geſchichte des Grafen-⸗Hauſes Solms von Rudolph von Solms⸗ Laubach, S. 13. Abicht a. a. O., Th. 2, S. 47, 49. 7* — 34 S — 100— von dem an das Stift Worms vergebenen Stück um Weilburg) in zwei gleiche Hälften theilt. Dieſe Grenzlinie zwiſchen der Gleiberger Grafſchaft und Köuigsberg⸗Hohenſolms reſp. Solms⸗ Braunfels läuft nämlich von der ſpäteren kurheſſiſchen Grenze zwiſchen Kirchvers, Krumbach und Krofdorf über den Düns⸗ berg zwiſchen der Königsberger reſp. Waldgirmeſer und der Rodheimer reſp. Dorlarer Gemarkung durch, über die Lahn und zwiſchen Garbenheim und Wetzlar, deſſen Territorium als Enclave zwiſchen beiden Herrſchaften lag, an die Wetzbach und dieſer nach bis zu ihrer Entſtehung und über Brandoberndorf zur Grenze des Gaus Wetterau bei Gräfenwiesbach. Dabei ¼ iſt es ganz beſonders entſcheidend, daß dieſe Grenze mitten durch die alte Wanendorfer Mark und darum theilweiſe ſelbſt mitten durch die Dörfer an der Wetz, dem Bachlauf nach, durchzog ²⁵) und daß ſie über die alte Malſtatt, den Königsſtuhl, zwiſchen der Rodheimer Mark und Waldgirmes hingezogen worden iſt, letzteres ein Zeichen der Theilung der Gerichtsbar⸗ keit des früher zuſammengehörigen Gaus.*¹) Es wird daher auch von Geſchichtsforſchern angenommen, daß Gleiberg und Solms in alter Zeit in einer gewiſſen Ver⸗ bindung geſtanden haben.¹*) Es dürfte aber keinen Anſtand haben, hierin weiter zu gehen und anzuerkennen, daß das Luxemburg⸗Gleibergiſche Haus dieſe geſammte Gaugrafſchaft 3s) S. oben§. 5, Note 13. Wanendorf wird in alten Lorſcher Urkunden noch in die Gönſer Mark gerechnet, bildete aber dann eine eigene große Mark auf beiden Seiten des Wetzthals.(Abicht, Kreis Wetzlar, Th. 1, S. 46. Wigand, Wetzlarer Beiträge, Bd. 1, S. 48.) So wurde auch nach Abbruch einer gemeinſchaftlichen Burg, die nicht wieder aufgebaut werden ſollte, die Grenze über deren Stätte wegge⸗ zogen, z. B. über die Altenburg bei Ruttershauſen und Odenhauſen. Daß die Märkergedinge der Rodheimer Mark noch viele Jahrhunderte* auf dem Königsſtuhl gehalten wurden, obgleich die Grenze zwiſchen Solms und Gleiberg über ihn weglief, ſteht nicht entgegen; dieſe Mark behielt die alte Gaugerichtsſtätte für ihre Märkergerichte bei. ³7) Wenck a. a. O., S. 134, 135, Note e, erkennt an, daß die Graf⸗ ſchaft Solms durch Theilung einer Gaugraſſchaft entſtanden ſein muß. — 101= beſaß und daß dieſelbe unter Glieder dieſes Hauſes abgetheilt wurde, daher das Haus Solms, ſei es nun im Manns⸗ ſtamm, in welchem ſich die Namen der Beſitzer auch nach ihren Sitzen richteten, oder doch in der weiblichen Linie, aus dem Luxemburg⸗Gleiberger Grafenhaus abzuleiten iſt*³) und ebenſo die Herrn von Merenberg und Beil⸗ ⁵8) Ueber die Herſtammung der Grafen Solms ſchwebt bekanntlich noch ein hiſtoriſches Dunkel. Ihre Identificirung mit den Grafen von Wegebach, welche Wenck a. a. O., S. 137 ff., verſuchte und welcher auch Schmidt a. a. O., Bd. 2,§. 34, S. 266, beipflichtete, iſt durch Rommel a. a. O., Anm. S. 172, widerlegt, indem dieſer nachgewieſen hat, daß die Grafen von Wegebach Ziegenhainer waren, die ihren Namen von einer bei Ziegenhain gelegenen Burg und Gerichtsſtätte Wegebach führten. Die Aehnlichkeit der Wappen hat zur Vermuthung geführt, daß ſie mit dem Haus Naſſau einerlei Urſprung hatten(J. C. Schaum, das Haus Solms iſt aus Saliſchem Königsſtamm erblüht. Frankfurt, 1828, S. 8); allein Naſſau gelangte erſt durch den Erwerb der worm⸗ ſiſchen Vogtei über Weilburg zu an den Solmsgau angrenzenden Be⸗ ſitzungen und jene Aehnlichkeit iſt kein hiſtoriſcher Beweis. Graf Rudolph von Solms⸗Laubach a. a. O. findet ganz richtig, daß die Thei⸗ lung der Orte Nauborn und Niederwetz und Anderes auf eine frühere Gemeinſchaft der Solmſiſchen und dieſer Naſſauiſchen Orte deute; da der Hüttenberg aber im 12. Jahrhundert den Gleibergern und im 13. den Tübingern und Merenbergern gehörte und erſt von dieſen an Naſſau⸗Weilburg zur Hälfte gelangte, ſo folgt daraus nur eine Verwandtſchaft mit den Grafen von Gleiberg und nicht mit denen von Naſſau. Vogel a. a. O., S. 213, erklärt die Verwandtſchaft zwiſchen dem Haus Solms und Gleiberg aus einer Verheirathung Heinrichs von Solms, der 1156 lebte, mit einer Tochter Graf Otto's von Gleiberg, die demſelben den Erdagau zugebracht habe; von einer ſolchen Succeſſion iſt indeß keine hiſtoriſche Spur zu finden, wie denn überhaupt nicht conſtirt, daß die Grafen Otto oder Wilhelm von Gleiberg noch den Solms⸗ und Erdagau beſaſſen; vielmehr zeigt ſich durch das Verhältniß des Beſitzſtands ihrer Nachfolger, Tübingen und Merenberg, daß nicht Einer von ihnen dieſen Gau zu ſeinem Antheil ohne große Verletzung des Anderen beſeſſen haben kann. Die Ab⸗ theilung des Solms⸗ und Erdagaus von Gleiberg muß vielmehr weiter zurück in das Ende des 11. Jahrhunderts verlegt und daher vermuthet werden, daß ſie ſchon unter den Söhnen oder Enkeln Friedrichs von Luxemburg Statt gefunden und die eine Linie die Herrſchaft Gleiberg, die andere die Herrſchaft Solms dabei erhalten 102— ſtein,o) wohl auch die von Greifenſtein““) auf der einen, wie die Grafen von Kleberg auf der andern Seite auf dieſes Geſchlecht zurückzuführen ſind, weil ſich der alte Gau an der mittleren Lahn, das Decanat Wetzlar, unter ſie vertheilt findet,“*) wie ein geographiſcher Ueberblick der Beſitzverhält⸗ niſſe am Beſten zeigt, und weil die Grafen von Solms in der Herrſchaft Gleiberg vielfach Güter und Leibeigene beſaßen und noch im 14. Jahrhundert Anſprüche an das Haus Gleiberg bildeten, denen ſie erſt 1322 entſagten.**) Die Theilnahme des Grafen Berthold von Nidda und des erſten hiſtoriſch bekannten Grafen von Hanau hat. Da zu dieſer Zeit nur der Gegenkönig Hermann und ſein Vetter Hermann von Gleiberg genannt werden, ſo darf man dieſe Linien am Erſten von dieſen herleiten. Ein Johann von Beilſtein trug im Jahr 1293 ſeine Burg Bylstein Heinrich I. Landgraf von Heſſen zu Lehn auf; manche Schriftſteller haben dies auf die Grafſchaft Beilſtein am Weſterwald bezogen, z. B. Teuthorn, Geſchichte von Heſſen, Th. 4, S. 523; es war dies aber Beilſtein in Weſtphalen(Schmidt a. a. O., Th. 2, S. 72). Heſſen war zwar ſpäter im Beſitz von Driedorf bei Beilſtein; es war dies aber ein Theil der Katzenelnbogiſchen Lande und von einer Naſſau⸗ Hadamarſchen Tochter erkauft(Wenck a. a. O., Th. 1, S. 509); es war früher von den Herrn von Greifenſtein an Naſſau gekommen(1250). Vogel a. a. O., S. 250. 4⁰) Die Herrſchaft Greifenſtein, die urſprünglich wohl nur aus dem nörd⸗ lichſten Theil des Solmſiſchen Dillthals beſtand und ganz in das Decanat Wetzlar fällt, kann nur als ein Beſtandtheil des alten Erda⸗ gaus angeſehen werden, da dieſer ſelbſt noch die Herborner Mark mit umfaßte. Die Dynaſten, welche dort hauſten, kamen zwar erſt im Jahr 1208 urkundlich vor, können aber doch als Verwandte oder Va⸗ ſallen des Gleiberger und insbeſondere des Solmſer Hauſes angeſehen werden, worauf auch die ſpäteren Anſprüche dieſes auf ihre Beſitzungen beruht haben mögen. Die Verſchiedenheit des Wappens, das Ana⸗ logieen derjenigen der Gleiberger Ritterſchaft darbietet, vom Solm⸗ ſiſchen iſt kein Gegenbeweis. Die Lage eines Theils ihrer Beſitzungen, namentlich von Driedorf, zwiſchen den Merenbergiſchen und Beil⸗ ſteiniſchen ſpricht auch für einen Zuſammenhang mit dieſen. 4¹) Die beigefügte Karte gibt ein deutliches Bild dieſes Verhältniſſes. 4²) Wenck a. a. O., Bd. 2, Urk. Nr. 284, 332, S. 284, 341. 39 — — 103— Heinrich an der Ausſtellung der Urkunde von 1162, und insbeſondere ihre Stelle zwiſchen dem Grafen von Kleberg und dem von Iſenburg läßt auch vermuthen, daß dieſe beiden Grafen mit dem Hauſe Kleberg, und zwar wahrſcheinlich durch Ge⸗ mahlinnen, Töchter eines der vorher genannten Grafen von Iſenburg, verbunden waren, da ſie und Graf Reinhard an der Stelle der 1141 noch aufgetretenen Grafen Gerlach und Reimbold von Iſenburg erſcheinen. ¹) Endlich ergibt ſich aus den Schiffenberger Urkunden eine bedeutende Anzahl von Vaſallen des Grafenhauſes, welche zugleich auf den Umfang der Beſitzungen derſelben einen Schluß rechtfertigen, zumal von einer Zeit die Rede iſt, in welcher der niedere Adel in der Regel nur dem Herrn ſeines Stammorts und noch nicht gegen einige Mark Geldes jedem Andern als Burgmann, oft auf verſchiednen Burgen zugleich diente. Unter dieſen Gleiberger Miniſterialen ſteht(1129) Konrad von Hagen oben an und zwar mit Recht, da dieſes Geſchlecht, wiewohl urſprünglich Reichsminiſterialen, eigentlich zu den Dynaſtenhäuſern gehört; wir haben nämlich in dieſem Konrad von Hagen mit Grund Konrad von Hain zu Dreieich und Herrn zu Arnsburg, Enkel Eberhards von Hagen und Arns⸗ burg und Mathildens, geb. Gräfin von Beilſtein(a. d. Werra), zu erkennen, der zwar reich an eigenen Allodialgütern in der 5 7 5 b Wetterau war, aus denen er ſelbſt im Jahr 1151 das Kloſter Altenburg bei Arnsburg ſtiftete,*⁴) der aber doch wohl eines 43) Die Schiffenberger Urkunden enthüllen nicht blos die älteſten Solmſer, ſondern auch die älteſten, ſicher bekannten Grafen von Nidda und Hanau. Graf Berthold von Nidda iſt der, von welchem die Sage meldet, daß ſeine Gemahlin ihn von der Altenburg bei Nidda, die von Friedrich Barbaroſſa belagert worden, auf dem Rücken fortge⸗ tragen habe; dies wäre denn wahrſcheinlich eine geb. v. Iſenburg. Da nach der Beſtätigungsurkunde von Papſt Eugen ein Heinrich und ſeine Gemahlin Oſterlindis dem Kloſter Schiffenberg ein Gut geſchenkt haben, ſo könnte dies Graf Heinrich von Hanau geweſen ſein. ³⁴) Schmidt, heſſ. Geſch., Bd. 1, S. 322. Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 1, S. 10. — 104— oder das andere der vielen Güter, welche Gräfin Clementia in der Wetterau beſaß, von ihr zu Lehn getragen haben mag und deßhalb unter ihre Vaſallen gezählt wurde. Neben ihm findet ſich ein Siegfried von Hahc(die Abdrücke leſen meiſt Hahe, das Original im Darmſtädter Archiv läßt aber Hahe nicht verkennen); unter Hahe iſt nun daſſelbe wie unter Hagen, Hain, zu verſtehen und dieſer Sigfried zum Unterſchied von dem Geſchlecht Hagen hier von Hahe genannt.“*⁵) Wir müſſen dieſen dann zu der Familie rechnen, welche damals noch die Burg Hagen im Buſeckerthal(bei Beuern) und die Burg Wirberg(bei Saaſen, Amts Grünberg) beſaß und es kann dieſer Sigfried wohl ein Bruder des Edlen Mangold von Wirberg und Hagen geweſen ſein, der ſammt ſeinem Sohn von ſeinen Feinden erſchlagen wurde und deſſen Wittwe Immecha und einzige Tochter und Erbin aller Beſitzungen, Aurelia, unter Zerſtörung von Hagen, die Burg Wirberg (Wereberch) vor 1149 in ein Kloſter verwandelte, dem die Güter um die zerſtörte Burg Hagen ſpäter angehörten.*) In der erſten bekannten Urkunde dieſes Kloſters, einer Be⸗ ſtätigung der Ueberlaſſung eines dem Kloſter Ilbenſtadt ge⸗ hörigen Guts zu Bollnbach(Buollenbach) am Fuße von Wir⸗ berg und einer ihm zum Seelgeräthe des Mangold von Wir⸗ berg geſtifteten Rente an das Kloſter Wirberg durch Erzbiſchof Heinrich von Mainz vom 30. November 1149*) erſcheint als erſter Zeuge ein Graf Siegfried und es dies wahrſcheinlich derſelbe Graf Siegfried von Kleberg, der 1141 und vielleicht noch 1162 in den Schiffenberger Urkunden vorkommt. Da⸗ ¹ durch würde ſich dann beſtätigen, was von Wenck“s) nur auf — In Friedberg heißt eine mit der Ringmauer parallell laufende Straße der Hagk. Der Name des Dorfes und Kloſters Haugk bei Büdingen bedeutet auch nichts anderes. Glaſer, zur Geſchichte d. K. Wirberg(Gymnaſ. Progr. v. 1856), S. 4 ff. Glaſer a. a. O., S. 5. Gudenus I. c. T. 1, p. 189. Wenck a. a. O., Th. 3, S. 333. Die Notiz, daß die Herrſchaft Peil⸗ 8 28 —— — 105— Grund der Notiz eines öſterreichiſchen Scribenten aus dem 14. Jahrhundert angenommen wurde, aber auch durch andere Spuren beſtärkt wird, daß das Buſecker Thal zur Grafſchaft Kleberg gehört und den Grafen von Peilſtein und Kleberg zu⸗ geſtanden habe, da die Burg Hagen in das Gericht Buſeck gehörte und es in der Mitte des 12. Jahrhunderts noch ſehr zweifelhaft geweſen zu ſein ſcheint, unter welche Herrſchaft das benachbarte Wirberg gehöre. Bekanntlich nahmen die Land⸗ grafen von Thüringen, namentlich Ludwig II. der Eiſerne, nachdem ſie als Erben der Giſonen Heſſen um jene Zeit er⸗ worben hatten, die Grafenrechte im ganzen Oberlahngau in Anſpruch, während die Erzbiſchöfe von Mainz, geſtützt auf eine kaiſerliche Schenkung des Gerichts Maden, die gleichen Rechte geltend zu machen verſuchten**). Da nun die Gegend von Grünberg und das Buſecker Thal zum Oberlahngau gehörten, ſo hatte Mainz ein Intereſſe daran, ſtatt der mächtigen Land⸗ grafen von Thüringen und Heſſen, dem Grafen von Kleberg, der dem Erzbiſchof wohl ebenſo befreundet war, wie ſein Vetter Graf Wilhelm v. Gleiberg(ſ.§. 16), Rechte auch über Wir⸗ berg einzuräumen. Da überhaupt die Gegend von Grünberg zum großen Theil erſt ſpät aus dem großen Buchoniſchen Wald angerodet wurde, ſo mögen die Grenzen des dazu gehörigen Bezirks damals noch nicht feſt beſtimmt geweſen ſein.⁵*) Auch unter den von Adel⸗ ſtein in Baiern eine Burg Chleberch in Franken und in der Nähe derſelben eine Stadt Puchſekk mit Gerichten gehabt habe, war mit Bezug darauf, daß Peilſtein mit Ausſterben des Grafenhauſes dem Reich heimgefallen war, gemacht, um die gleichen Rechte an dieſe Per⸗ tinenzien zu wahren(„mit allem Recht gehört es zu Peilſtein“). Vielleicht erklärt ſich daraus der Grund des Anſpruchs der Ganerben von Buſeck auf die ihnen ſpäter von Kaiſer und Reich beſtätigte Reichsunmittelbarkeit. Rommel, heſſ. Geſch., Bd. 1, S. 108. Der Wald, an welchem die Burg Hagen lag und der ihre Stätte jetzt noch bedeckt, erſtreckte ſich bis an Wirberg; man ſuchte ihre Stelle 49 2 —— — 5 88 —ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ:O—— — — 106— bert und ſeinen Söhnen dem Kloſter Schiffenberg geſchenkten Hörigen befinden ſich ſolche zu Burkhardsfelden im Gericht Buſeck,“¹) und anch dies ſpricht dafür, daß das Buſeckerthal zu den Beſitzungen des alten Gleiberger Grafenhauſes gezählt werden kann.*²) Die übrigen Vaſallen der Gleiberger Grafen, die von Kleen, von Linden, von Göns, von Garbenheim, von Selters und von Wismar, ſowie Ernſt, dem Namen nach vom Ge⸗ ſchlecht der von Rodheim(unter denen dieſer Vorname ſpäter häufig iſt), bezeichnen den Umfang der Beſitzungen derſelben nach anderen Seiten hin deutlich und ſprechen dafür, daß mindeſtens die ſpäteren Beſtandtheile derſelben auch bereits im Anfang des 12. Jahrhunderts dazu gehörten. Wir werden auf dieſelben ſpäter zurückkommen. §. 16. Letzte Grafen von Gleiberg und ihre Nachfolger. In der Mitte des 12. Jahrhunderts nach dem Ableben der Gräfin Clementia war das früher ſo große Gleiberger Haus auf deren beide Neffen, die Grafen Wilhelm und Otto reducirt. Wilhelm war wohl der ältere oder doch von der älteren Linie; er ſteht regelmäßig in gemeinſchaftlichen Urkunden voran, auf ſeinem Reiterſiegel führt er eine Fahne, ſein Vetter Otto nur ein Schwert. Wenn Hartrad von Me⸗ renberg, der danach von Otto descendirte, ſich im 14. Jahr⸗ hundert als alleinigen Vogt des Kloſters Schiffenberg vor anderen Herren und einen Beſchirmer und Behüter von ange⸗ erbtem Recht in einer Urkunde von 1323(Entdeckter Un⸗ grund Nr. 196) bezeichnet, während doch nach der Stiftung des Kloſters ſtets der Aelteſte der Erben der Stifterin Advo- daher auch früher in dieſem(Reinhardshainer) Wald. Schmidt a. a. O., Th. 1, S. 227.) 51) S. oben§. 14. 52) S Schmidt a. a. O., S. 231. — 107 daß dieſer Anſpruch zu einer Zeit erhoben wurde, wo die Erben, d. h. Descendenten Graf Wilhelms, alſo von der älteren Linie der Gleiberger, die Pfalzgrafen von Tübingen, ihre Gleiberger Beſitzungen bereits veräußert hatten und nur die Merenberger als Gleiberger Erben noch im Beſttze ihres Antheils an der Grafſchaft waren. Auch ſteht nicht entgegen, daß nicht ſeine Descendenz, ſondern die des Grafen Otto im Beſitz der Stammburg Gleiberg geblieben iſt, vielmehr erſtere den Antheil der Herrſchaft, zu welchem Gießen gehörte, bei der Theilung erhalten hat, da es ſich nicht um eine ſolche unter Brüdern, bei denen ein Vorzug des Aeltern in Bezug auf die Burg der Väter am Platz geweſen wäre, ſondern unter Vettern handelt, bei welchen ganz gleiche Theile zu machen waren, und das Loos entſchied, wenn nicht die alte Regel, daß der Aeltere theilt, der Jüngere kürt, zur Anwendung kam. Ob⸗ wohl den Grafen Wilhelm ſeine Tante in der Stiftungsurkunde von 1129 nicht erwähnt, war er doch ſchon zu dieſer Zeit er⸗ wachſen; er kommt bereits 1131 als Zeuge in Urkunden des Kaiſers Lothar(von Sublingburg) und Papſt Innocent's für das Stift Beuern in Schwaben, ferner in einer Schenkungs⸗ urkunde des Erzbiſchofs Adelbert von Mainz von 1139, und in einer von Kaiſer Konrad III. dem Stift Corvei 1150 zu Speier ausgeſtellten Urkunde vor. Er verkaufte um dieſe Zeit dem Erzbiſchof Adelbero von Trier den Hof Thure) (wahrſcheinlich Dehrn bei Dietkirchen). Mit dem Erzbiſchof Arnold von Mainz ſcheint Graf Wilhelm ſehr befreundet ge⸗ weſen zu ſein; er befand ſich nach mehreren Urkunden, auch einer des St. Victorſtifts von 1158, in deſſen Gefolge und ging in ſeiner Freundſchaft zu demſelben ſelbſt ſoweit, daß er die den Anhängern dieſes Kirchenfürſten vom Kaiſer Friedrich Barbaroſſa zu Worms wegen Landfriedensbruch zuerkannte ¹) Wenck a. a. O. Thl. 3. G 05 85 — — 108— ſchimpfliche Strafe des Hundetragens theilen ſollte, die ihm jedoch nach Beginn ihrer Verbüßung erlaſſen wurde ²). Seine Gemahlin war Salome, wie aus einer Urkunde des Kloſters Altenburg bei Arnsburg ³) ohne Datum erhellt; aus welchem Hauſe dieſelbe war, iſt unbekannt*). In dieſer Urkunde geſtatten Graf Wilhelm und ſeine Gemahlin Salome dieſem Kloſter ſich(wöchentlich) einen Wagen Brennholz aus ihrem Walde, der Wieſecker Wald genannt, zu holen zum Beſten der Seele ſeines Vaters, ſeiner Mutter, ſeiner ſelbſt, ſeiner Gemahlin und ſeiner Kinder beiderlei Geſchlechts 5). Wann Graf Wilhelm geſtorben, iſt ungewiß; die in Gemeinſchaft mit ſeinem Vetter Otto in 1162 ausgeſtellte Urkunde iſt die letzte von ihm be⸗ kannte ⁵6). Wahrſcheinlich wurde er ſowohl wie Gräfin Clementia ²) Wenck a. a. O. S. 235. Thl. 1 S. 241. Piſtor s. Script. T. 1. p. 676. Ex parte vero Episcopi canes portare quidem coeperunt Ludo- vicus comes de Lohim et Guilelmus comes de Glizberg et alii, sed ob reverentiam Episcopi cessare, ab Imperatore jussi sunt. ³) Dieſes Kloſter lag auf den Trümmern des Römer⸗Kaſtells bei Arns⸗ burg reſp. über der Berger Mühle(ſ. Fabricius im Archiv f. heſſ. Geſch. Bd. 3. Nr. 8 und 15) und wurde nach der Erbauung von Münzen⸗ berg in die Burg Arnsburg verlegt. ¹) Wahrſcheinlich war ſie aus dem Hauſe Naſſau, da ſie ſpäter mit Perſonen aus dieſem zuſammen im Beſitz der Herrſchaft Metternich war(ſ. unten und Wenck a. a. O. S. 239). Gudenus C. D. T. 1. p. 203. Der bei Gudenus untergelaufene Leſefehler von Westerwalt ſtatt Wisekirwalt iſt in T. 3. p. 1064. berichtigt. Die Urkunde, welche das Kloſter ſo bezeichnet: ecclesie in Aldinburg, que est juxta Arnsburg, Deo illic servientibus, qui ex coenobio Siegeburgensi eo venisse noscuntur, ſpricht dafür daß daſſelbe noch nicht lange geſtiftet war(1151) und deutet zugleich die Zeit der Ausſtellung, welche in der Urkunde fehlt, an. Wenck a. a. O. S. 235 nimmt an, er müſſe noch vor 1167 geſtorben ſein, weil er in einer Urkunde von 1206 nicht, ſondern ſeine Wittwe in Gemeinſchaft mit dem 1167 geſtorbenen Grafen Heinrich von Naſſau erwähnt wird(ſ. Note 15); allein wenn die Güter dieſer zu⸗ ſtanden, ſo iſt es natürlich, daß 40 Jahre ſpäter deren Gemahl nicht mitbenannt wird. Wäre das Oſtchor der Schiffenberger alten Kloſter⸗ kirche erhalten, ſo würde man die Gräber der Stifter dort noch finden; es iſt aber nur das Mittel⸗ und ein Seitenſchiff und ein 5 — 6 — — 109— in der Kirche von Schiffenberg als Fundatoren begraben. Daß er Söhne hinterlaſſen, iſt indeß ſehr unwahrſcheinlich, da ſich keine Spur davon findet!). Von Graf Otto von Gleiberg iſt nur wenig bekannt; er kommt mit Sicherheit nur in den Schiffenberger Urkunden vor. Eine Urkunde des Stifts Würzburg von 1168, welche einen Comes Otto de Cleberg als Zeugen anführt, wird auf ihn bezogen; es iſt aber die Aechtheit der Urkunde überhaupt wie die Identität der Perſon zweifelhafts). Auch von ihm ſind keine Söhne bekannt und die Güter der Gleiberger er⸗ ſcheinen nach dem Ableben der beiden Grafen in anderen Hän⸗ den, nämlich theils in denen der Pfalzgrafen von Tübingen, theils der Herrn von Merenberg und zwar iſt die Grafſchaft theilweiſe in zwei Theile getheilt, zum größeren Theil aber zwiſchen beiden gemeinſchaftlich. Wann die Theilung geſchehen, iſt ungewiß; es iſt aber wahrſcheinlich, daß ſie noch von den Grafen Wilhelm und Otto von Gleiberg ſelbſt vorgenommen worden iſt. Wenn man dagegen anführt, daß beide Grafen ſich noch 1162 von Gleiberg nennen und die Burg als ihnen beiden gehörig bezeichnen, wie noch in der Beſtätigung des Patronats des Kloſters Schiffenberg in den Dörfern des Steinbacher Gerichts von 1162 geſchieht, ſo ſteht dies nicht entgegen, da die Burg ſelbſt unter den Erben der Grafen noch in vielen Beziehungen gemeinſchaftlich blieb und erſt 1265 von Land⸗ graf Heinrich I. an Merenberg allein überlaſſen wurde). Bruſtſtück des Weſtchors noch aus jener Zeit vorhanden; das öſtliche Chor und die beiden Kreuzflügel ſind augenſcheinlich von Grund aus umgebaut. 4 Duller in Gießen und ſeine Umgebung S. 54 nimmt es als gewiß an, daß er einen Sohn gehabt, der kurz vor oder nach ihm geſtorben; aus dem utriusque sexus in der Urkunde iſt es nicht gerade zu folgern, da auch an das Seelenheil künftiger Söhne und Enkel ge⸗ dacht ſein kann. 8) Wenck a. a. O. S. 239. ²) Urkundenbuch Nr. 18. Wenck a. a. O. Urk. zu Thl. 2. Nr. 174. —₰ — — 110— Ebenſowenig iſt dagegen entſcheidend, daß auch die 6 Dörfer in dieſer Urkunde als ihnen beiden gehörige aufgeführt werden (in villis nostris), und beide die Ueberlaſſung der Kirchen und Kapellen derſelben beſtätigen, während doch das Stein⸗ bacher Gericht, Wieſeck und der Wieſecker Wald ſpäter nur als privative Beſitzung der Pfalzgrafen von Tübingen er⸗ ſcheinen; denn die Grafen beſtätigen nur in jener Urkunde eine von ihrer Tante Clementia ſchon vor 1141 vollzogene Zuweiſung an das Kloſter, die alſo zu einer Zeit geſchehen war, wo die fragliche Theilung vermuthlich noch nicht vorge— nommen war. Daß ſie dagegen zur Zeit der Ausſtellung der Urkunde Graf Wilhelms und ſeiner Gemahlin für das Kloſter Altenburg, die wohl mit Recht in das 6. Decennium des 12. Jahrhunderts geſetzt wird ¹⁰), vollzogen war, dafür ſpricht, daß dieſer allein und ohne ſeinen Vetter Graf Otto die fragliche Schenkung aus dem Wieſecker Wald vornimmt, der doch noch 1141 als gemeinſchaftlich dargeſtellt wird, und weiter eine Urkunde von 1152, in welcher Graf Wilhelm allein die Schenkung eines ihm allein gehörigen Leibeignen Heinrichs Gotel(quidam homo meus) von einer Hube Land zu Wieſeck an das Kloſter Schiffenberg beſtätigt ²⁴). Wieſeck gehört aber bald nach jener Zeit zu den alleinigen Beſitzungen der Pfalzgrafen von Tübingen. Dieſe Urkunde zeigt uns drei von Buſeck, Sybold, Sigenand und Hademar, im Gefolge des Grafen Wilhelm, die er als Zeugen zuzog, weil er ſie gerade bei ſich hatte ⁴²); es beweiſt dies nicht nur, daß dieſes heute noch blühende Geſchlecht ſchon ſeit 700 Jahren bekannt iſt, ſondern auch ſeine ſchon damals beſtandene Verbindung mit dem Grafenhaus. Die Verfügungen über Güter zu Wieſeck 1⁰) Gudenus I. c. T. 1. p. 203. Wenck a. a. O. S. 235 not t. ¹1¹) Gudenus IJ. c. T. 3. p. 1199. quaedam bona sua in Wisecke, unam videlicet hubam, Schiffenburg B. Marie propriavit. 1²) Quos tunc presentialiter mecum habebam in attestationem ad- vocavi Syboldum de Buchesecke, Sigenandum, Hathemarum de Buchesecke. — 111— und über den Wieſecker Wald würde Graf Wilhelm nicht allein haben vornehmen können, wenn die Wieſecker Mark nicht ihm allein zugetheilt geweſen wäre. Die hierauf ſich ſtützende Vermuthung für eine ſchon zwiſchen den Grafen Wilhelm und Otto vollzogene Theilung wird nun noch dadurch beſtätigt, daß die Wittwe Wilhelms, Gräfin Salome, ſpäter, weil ſie ſich nur im Beſitze eines Theils der Grafſchaft befindet, nicht mehr Gräfin von Gleiberg, ſondern nach ihrem Wohnſitz in dieſem Theil, nach Gießen, genannt wird ¹³). In einer Urkunde des Abts des im Jahr 1174 von der Altenburg in die Burg Arnsburg verlegten und mit Ciſtercienſern beſetzten Kloſters Arnsburg vom Jahr 1203 wird nämlich ein im Jahr 1197 vorgenom⸗ mener Tauſch zwiſchen dem Kloſter Arnsburg und Schiffen⸗ berg, durch welchen jenes dieſem die Höfe zu Holzhauſen und Ebersgöns mit Aeckern, Wieſen, Weiden und Wald gegen den Hof zu Kolnhauſen mit Zugehör vertauſcht, beſtätigt und beſiegelt und dabei angeführt, daß Zeugin dieſes Tauſches unter Andern geweſen ſei weiland Frau Salome, Gräfin von Gießen(Pie memorie Domina Salome Comitissa de Gysen ⁴⁴). Wenigſtens im Jahr 1197 beſtand alſo eine von Gleiberg getrennte Grafſchaft Gießen und die Gräfin übte die Vogteirechte über das Kloſter Schiffenberg, deſſen Propſt Har⸗ bert ſie ihre Einwilligung zur Vertauſchung durch ihre Zeugen⸗ ſchaft ertheilte. Die Tochter dieſer Gräfin Salome, Mechthild, ver⸗ mählt an den Pfalzgrafen Rudolph von Tübingen, wird uns aus einer Trierer Urkunde von 1206 bekannt, in welcher Erzbifchof Johann von Trier erklärt, daß die Herrn der Herrſchaft Metternich an der Moſel(Metrich), nämlich ¹3) Wenck a. a. O. S. 241 und Schmidt a. a. O. Thl. 1 S. 314. würden die Theilung in eine frühere Zeit haben verſetzen müſſen, wenn ſie nicht dieſe Salome für eine Tochter des Grafen Wilhelm gehalten hätten, welche ſie nicht war(ſ. unten). ¹⁴) Urkundenbuch Nr. 9. Gudenus J. c. T. 3. p. 1200. — 112— Graf Heinrich von Naſſau, ſein Vetter Walram, Anſelm von Molsberg und Salome(Salomena, nobilis et devota matrona) mit ihrer Tochter Mechthild und ihrem Schwiegerſohn Rudolph, Pfalzgraf von Tübingen(cum filia sua Mehtildi et genero suo Rudolpho Palatino comite de Tuingen) früher einen Ort Rore zwiſchen Lützel⸗Coblenz und der Moſel dem Kloſter Himmen⸗ rod, das denſelben zu einem Weinberg angelegt hatte, überlaſſen und deren Erben, unter dieſen Graf Rudolph von Tübingen und ſeine Söhne Hugo, Rudolph und Wilhelm, dieſe Schenkung beſtätigt haben. ¹⁵)“ Dieſe Salome ſollte nach Anſicht mehrerer Gelehrten eine gleichnamige Tochter Graf Wilhelms und ſeiner Gemahlin Salome und Gemahlin eines Grafen von Eberſtein ſein, weil nach der Notiz eines ſpäteren Annaliſten des Kloſters Bebenhauſen in Schwaben Pfalzgraf Rudolph, Sohn Hugo's, des Stifters des Kloſters Marchthal, unter Zuſtimmung ſeiner Gemahlin Mechthild, Gräfin von Eber⸗ ſtein, und ſeiner Kinder Bebenhauſen geſtiftet habe.*⁶) In⸗ deß hat Dr. Schmid, Reallehrer in Tübingen,“*) in ſeiner 8 15) Hontheim, histor. Trevir. Dipl. T. 1, Nr. 445. Beurkundete Nach⸗ richten ꝛc. S. 157. Es fällt auf, dieſe Salome und ihre Tochter in 3 Verbindung mit den Grafen von Naſſau und den Herrn von Mols⸗ 3' berg zu finden; allein abgeſehen davon, daß dieſelbe aus dem Lauren⸗ burg⸗Naſſauiſchen Haus geſtammt haben und ihre Rechte an die Herr⸗ ſchaft Metternich daher erlangt haben kann, ſind viele Rechtsgründe denkbar, durch welche die beiden Enkel Ruprechts I. von Laurenburg, Heinrich der Sohn Arnolds von Laurenburg und Walram der Sohn Ruprechts II., der ſich zuerſt nach der Burg Naſſau nannte, zugleich mit den Molsbergern und einem Zweig der Gleiberger zu Ganerben von Metternich wurden. Daß ſich die ſpäteren Rechte Naſſaus an die Herborner Mark auch anders als durch eine Heirath mit einer Glei⸗ berger Erbtochter erklären laſſen, werden wir weiter unten ſehen(§. 29). Wenck a- a. O., S. 238. Annal. Bebenhus. in Ludwig Keliqu. Manuscr. P. 10, p. 411, consensu dilectae uxoris suae Mecholdis, Comitissae in Eberstein. ¹1) Dr. Schmid, Geſch. der Pfalzgrafen von Tübingen(1853), S. 126—128. Daß der jüngere Sohn Pfalzgraf Rudolphs den Namen Wilhelm, der bis dahin in der Familie nicht vorkommt, führt, iſt allerdings ein ſehr wichtiger Fingerzeig dafür, daß er der Enkel Graf Wilhelms von 16 — ——— ——ꝰ—— — 113— Geſchichte der Pfalzgrafen von Tübingen genügend dargethan, daß ſich der Bebenhauſer Mönch ebenſo wie in der Zeit der Entſtehung des erſt 1191 geſtifteten Kloſters auch hinſichtlich der Herkunft der Gemahlin des Stifters, welche in das erſt fpäter als gräfliches auftretende Eberſtein'ſche Haus nicht ge⸗ hörte, geirrt hat und daß daher kein Grund vorliegt, zu be⸗ zweifeln, daß Salome die Wittwe und Mechthild die Tochter Wilhelms von Gleiberg war.¹³) Es iſt hier⸗ nach genügend als ermittelt anzuſehen, daß der eine Theil der Grafſchaft Gleiberg von Graf Wilhelm durch ſeine Erbtochter Mechthilde an das pfalzgräfliche Haus Tübingen kam. Die Pfalzgrafen reden daher ſpäter mit Recht von den Grafen von Gleiberg Wihelm und Otto als ihren Verwandten und wahren Erblaſſern, und Patronen des Kloſters Schiffenberg. ¹*) Im Beſitz der anderen Hälfte der Grafſchaft erſcheint von jener Zeit an das Geſchlecht der Merenberger. Hartrad II. hatte eine Gemahlin Irmengard, welche höchſt wahrſchein⸗ lich eine Tochter Otto's von Gleiberg war und ihm deſſen Antheil zubrachte.²*) Nach der Ueberlaſſung des Kloſters von Gleiberg iſt, da es ganz gewöhnlich war, einen Sohn nach dem mütterlichen Großvater zu nennen. Schmid hat übrigens leider keinerlei auf die Geſchichte der Grafſchaft Gießen bezügliche Urkunden in einem ſchwäbiſchen Archiv entdecken können. Dieſer Meinung war ſchon Gerhardi, hiſtor. genealog. Abhandlungen, Th. 2, S. 128, und Koch in den Beurk. Nachrichten, S. 128. Wenck trat aber in ſeinen hiſtor. Abhandlungen, S. 96, dagegen auf. Wenn er ſich auch auf die Zeitrechnung beruft, ſo ſteht dieſe gewiß nicht dem Umſtande entgegen, daß die Wittwe Wilhelms, der 1130 noch jung war und um 1170 geſtorben ſein mag, 1197 noch lebte; ſie wird als ſeine Ge⸗ mahlin erſt in jener um die Mitte des 12. Jahrhunderts ausgeſtellten Urkunde für das Kloſter Altenburg genannt. Gudenus I. c. p. 1202,„nobilibus viris de Gliberg, Wilhelmo — et Ottone, nostris consanguineis, veris heredibus et patronis.“ Da von beiden Grafen die Rede iſt und die Pfalzgrafen nur von einem ſtammten, bezeichnen ſie dieſelben mit Recht als consanguinei, hier in der Bedeutung von Blutsverwandten. ²⁰) Wenck a. a. O., S. 239. Ohne allen genügenden Grund gibt Vogel, 8 — 114— Schiffenberg an den deutſchen Orden ſtellt der Comthur 1323 einen Revers aus, worin er anerkennt, daß die Voreltern und Vorfahren Hartrads von Mererenberg, mit deſſen Conſens ſie geſchehen, die Herrn von Gleiberg, die Fundatoren, Vögte und wahren Patrone des Kloſters Schiffenberg nach den vorliegenden Urkunden geweſen ſeien.**) In dieſer Eigenſchaft werden die Herrn von Merenberg, die ſich ſeit dem Anfang des 13. Jahr⸗ hunderts Herrn von Gleiberg und mitunter Grafen nennen,**²) auch von den Pfalzgrafen von Tübingen zu Urkunden über Schiffenberg zugezogen.**) Später iſt dann die Herrſchaft von den Tübingern auf Heſſen, von den Merenbergern auf Naſſau übergegangen. §. 17. Entſtehung von Gießen. Die Urkunde über den Tauſch von 1197 iſt die erſte bis jetzt bekannte, in welcher Erwähnung von Gießen geſchieht; ¹) Beſchreibung von Naſſau, S. 212 und 300, dem Grafen Wilhelm drei Töchter, von denen eine an Graf Ruprecht I. von Laurenburg vermählt, dieſem die Herborner Mark und die Herrſchaft zum Weſter⸗ wald zugebracht, die andere Anſelm von Molsberg und die Dritte, Salome, einen Herrn von Eberſtein zum Gemahl gehabt haben ſoll, dem Grafen Otto aber zwei Töchter, deren eine ihren Gemahl Hart⸗ rad von Merenberg zum Herrn der alten Grafſchaft Gleiberg und von 6 Centen der Grafſchaft Rucheslo gemacht, die andere ſich an Graf Heinrich I. von Solms vermählt und dieſem das Land um Königsberg und Erda zugebracht habe. Er hat ſich durch die Ver⸗ bindung der Ganerben der Herrſchaft Metrich und die geographiſche Lage der Herrſchaften zu ſolchen Vermuthungen verleiten laſſen. 2¹) Wenck a. a. O., Th. 2, Urk. Nr. 290, S. 289,„incorporatum de consensu expresso nobilis viri Domini Hartradi, Domini de Merenberg, cujus progenitores seu predecessores Domini de Glipperg prefati monasterii sunt et fuerunt fundatores, veri Patroni et Advocati. ²2) So Konrad von Merenberg de Gliperch(1234). Hartrad von Meren⸗ berg nennt ſich ſchon 1189 Graf. Nebel in Wigand, Wetzlarer Bei⸗ träge, S. 291. ²3) S. unter§. 18. ¹) Nebel in Juſti, heſſ. Denkwürdigkeiten, Th. 3, S. 254. — 115— ſeine Entſtehung deckt daher ein dichter Schleier. Als es urkundlich erſcheint, iſt es aber bereits der Sitz des Grafen⸗ hauſes und der Hauptort der Grafſchaft und wenn es richtig iſt, daß die Vettern Grafen Wilhelm und Otto von Gleiberg eine Theilung der Grafſchaft Gleiberg vorgenommen haben, ſo iſt auch die Vermuthung gerechtfertigt, daß es dies ſchon zur Zeit dieſer Theilung war. Seine Entſtehung kann daher unbe⸗ denklich in eine ältere Zeit als die letzten Jahre des 12. Jahr⸗ hunderts verſetzt werden. Ueber die Veranlaſſung derſelben hat man mit gutem Grund Folgendes für das Wahrſchein⸗ lichſte angeſehen. Als die Anrodungen in der Gegend ſich in den großen Wieſecker Wald erſtreckten, die Gräfin Clementia das Kloſter Schiffenberg errichtet hatte und zwiſchen demſelben und dem Pfahlgraben 6 neue Dörfer entſtanden, wurde das Bedürfniß eines gehörigen Schutzes für das Kloſter und dieſe Anſiedlungen beſonders fühlbar und die Grafen von Gleiberg als Vögte des Kloſters mußten darauf denken, denſelben wirkſam zu ge⸗ währen. Wenn die Lahn flüthig war, konnte dies von Glei⸗ berg aus nicht geſchehen, da die Ritter dann den Strom nicht paſſiren konnten und man hätte vom Gleiberg aus die neuen Dörfer abbrennen ſehen müſſen, ohne ihnen Beiſtand bringen zu können. Es war daher nöthig, eine Burg auf dem linken Ufer der Lahn zu erbauen, deren Burgmannen jederzeit das Kloſter und die Umgegend vertheidigen konnten. ²) Die Stelle an dem Ufer der Wieſeck zwiſchen ihr und der Lahn, welche über die ſumpfigen Wieſen erhaben lag, vielleicht auf einer von erſterer gebildeten Halbinſel, nahe bei der Furth über die letztere, war ganz zu einer Burganlage geeignet, indem ſie ſich 2) Dies iſt die von Schmidt a. a. O., Th. 1, S. 237, gegebene natür⸗ lichſte Erklärung. Daß die Burg erſt durch die Theilung des Landes hervorgerufen wurde, wie Wenck a. a. O., S. 250, und Duller (Gießen und ſeine Umgebungen, S. 54) glauben, iſt nicht ſo wahr⸗ ſcheinlich, da dieſe nur Veranlaſſung geben konnte, dieſelbe zum Sitz des einen der Grafen zu wählen. 8* — 116— leicht mit einem tiefen Waſſergraben umgeben ließ.) Sie lag zugleich an der Hauptverkehrsſtraße zwiſchen dem Norden und Süden Deutſchlands, insbeſondere zwiſchen den wichtig gewordenen Handelsplätzen Frankfurt und Frankenberg.“) Wenn auch die Umgebung bereits größtentheils zu den Gemarkungen der Orte Selters und Achſtadt gehörte, ſo beſaſſen die Grafen doch hier gerade große Feld⸗ und Wieſengelände und auf der Oſt⸗ ſeite ging der große Wald bis nahe bei die Stelle der Burg und gewährte Gelegenheit zu ausgedehnten Anrodungen. So ent⸗ ſtand hier die kleine Grafenburg, deren Umfang wir noch heute an dem alten Schloß oder Kanzleibau auf dem Brand erkennen.“) Der Thurm derſelben, der ſogenannte Heidenthurm, früher auch Diebsthurm genannt,“) ſteht wohl noch, wie ſein plumper Bau beſtätigt, aus jener Zeit, wenn auch ſein Dach ſpäteren Urſprungs iſt, ebenſo werden auch die Hauptmauern des Schloſſes noch von dieſer Zeit herrühren; die Fenſter und 4) Thüren waren aber wohl meiſt aus einer ſpäteren. Die Burg s) Es war dies im 12. Jahrhundert eine der gewöhnlichſten Befeſtigungs⸗ weiſen, wie die Burgen von Gelnhauſen, Büdingen, Lindheim, Nidda, Merlau, Ziegenhain, Trohe u. ſ. w. ergeben, alſo keine Seltenheit, wie Wenck a. a. O., S. 250, meint. Rommel a. a. O., Bd. 2, S. 60. Im Jahr 1869 fand man unmittelbar vor dem Thor der alten Burg, zwiſchen dem ſogenannten Heidenthurm und dem ſüdlichen Flügel des Schloſſes, beim Graben einer Grube tiefe Fundamente, deren Mauern viel Mörtel und wenig Steine im Junern enthielten und deren Lage im Thorweg auffallend war, da ſieweit unter die jetzigen Fundamente des Anbaus herabgingen. Die Vermuthung, römiſches Mauerwerk hier vor ſich zu haben, ließ ſich jedoch aus der Beſchaffenheit des Mör⸗ tels nicht beſtätigen, letztere vielmehr nur darauf ſchließen, daß die alte Burg, wie auch natürlich war, den Thurm ganz umringte und ihr Thor daher urſprünglich weiter öſtlich lag und erſt ſpäter, wofür auch ſein Spitzbogenſtyl ſpricht, an ſeiner jetzigen Stelle zwiſchen dem Thurm und dem ſüdlichen Gebäude angebracht, die Wehrmauer um den Thurm her aber abgebrochen wurde. ) Der Name Heidenthurm rührt wohl daher, daß einmal früher ſtreng verfolgte Zigeuner darin verhaftet waren. Im Jahr 1603 ſchlug der Blitz in dieſen Thurm, der damals der Diebsthurm hieß. —— — — 117— war ſicher rundum mit einem Waſſergraben umgeben, welcher ſpäter auf der Seite nach der Stadt zu ausgefüllt wurde, wodurch ſich der ſogenannte Kanzleiberg bildete. Auf dieſer Seite nach der Stadt zu war in früherer Zeit kein Eingang in die Burg, ſondern nur auf der Oſtſeite, wo ſich das Thor noch befindet, zu dem eine Brücke über den Burggraben führte. Wenn man davon ausgeht, daß dieſe Burg zum Schutz des Kloſters Schiffenberg erbaut wurde, ſo muß man ihre Entſtehung auch in die erſte Hälfte des 12. Jahrhunderts ver⸗ ſetzen, weil dann das Bedürfniß derſelben ſchon längere Zeit im Lanfe dieſer Decennien beſtand. Sie erſt von der Erbau⸗ ung der Burg Münzenberg, welche in den Jahren 1150 bis 1165 Statt gefunden haben muß,“) abhängig zu machen,) liegt kein hinreichender Grund vor; denn die Herrn von Arns⸗ burg konnten die neuen Anlagen vor ihrem Ueberzug nach Münzenberg ebenſo gut und noch leichter bedrohen, als nach dieſem. Daß Gießen vor 1197 nicht urkundlich vorkommt, iſt ebenfalls kein Grund, ſeine Exiſtenz auf die letzten Jahre vor ²) Kuno von Arnsburg führt ſchon 1165 den Namen von Münzenberg (Dieffenbach, Das Großherzogthum Heſſen, S. 162. Derſelbe, Ge⸗ ſchichte von Heſſen, S. 38. Wenck a. a. O., Th. 1, S. 276); 1151 ſtiftete ſein Vater Konrad von Hagen und Arnsburg das Kloſter Alten⸗ burg. Derſelbe wird in einer Urkunde von 1174 de Minzinberg genannt.(Baur, Arnsburger Urk., Nr. 1.) Wenn Schmidt a. a. O., Th. 2, S. 157, der Meinung iſt, Münzenberg könne erſt nach 1222 auf dem vom Kloſter Fulda ertauſchten Berg Minzenberg erbaut worden ſein, weil nach einer von Gudenus Il. c. T. 3, p. 1092 mit⸗ getheilten Urkunde Abt Konrad von Fulda, der 1222 erwählt wurde, dieſen Tauſch vorgenommen habe, ſo wird dies durch dieſe Urkunde, welche nur von einem früheren Tauſch des Stifts ſpricht, nicht ge⸗ rechtfertigt. Auch ſpricht die Architectur von Münzenberg für eine Erbauung zu Zeiten Friedrich's I.(Moller im Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 1, S. 280.) ) Schmidt in Juſti's heſſ. Denkwürdigkeiten, Th. 4, S. 66, bringt das Bedürfniß des Schutzes mit der Erbauung von Münzenberg in Zu ſammenhang. — 118— 1197 zu beſchränken,“) da es in jener Zeit, abgeſehen von den Kloſter⸗Stiftungen und Erwerbungen, noch ſehr an Urkunden fehlt. Es läßt ſich gewiß nicht anders erwarten, als daß Gräfin Clementia ſchon darauf getrieben hat, dem ihr ſo ſehr am Herzen liegenden Kloſter einen ausreichenden Schutz zu ver⸗ ſchaffen. Der Name wird in den lateiniſchen Urkunden des 13. Jahrhunderts Gysen, Gizen, Gyessen, Gisen, Geyssen ge⸗ ſchrieben; ſobald deutſche Urkunden vorkommen, heißt die Burg und Stadt: zu den Gießen, welcher Name ihr auch bis ins 16. Jahrhundert in dieſer Form bleibt. Da„Gießen“ einen Waſſergraben im Altdeutſchen bedeutet, ſo entſpricht derſelbe der von Gräben umgebenen Lage der Burg.“*) Daß er von einer Mehrheit von Waſſern hergenommen wird, iſt bei der Lage zwiſchen Lahn und Wieſeck und den Krümmungen der letzteren auch natürlich. ¹¹) Die Orthographie des Namens muß ſich deshalb auch danach richten, wie man das Zeitwort „gießen“ richtig ſchreibt.*²) 5) Wenck a. a. O., Bd. 3, S. 250. 1⁰) Schmidt, Geſch. von Heſſen, Th. 1, S. 236. Noch jetzt führt ein Arm des Rheins bei Worms und bei Straßburg den Namen Gießen, und die von der vorbeifließenden Wieſeck gebildeten Schliugungen mögen der Locglität vielleicht ſchon vor der Erbauung der Burg den Namen„in den Gießen“ verſchafft haben. 11) Wenck a. a. O., S. 264, meint, erſt die Verbindung der Altſtadt mit der Neuſtadt und den Vorſtädten habe ſeit 1320 den Namen„zu den Gießen“ oder„die Gießen“, der erſt ſeit jener Zeit vorkomme, ver⸗ anlaßt, um eine Mehrzahl von Städten zu bezeichnen; dies iſt aber offenbar nicht haltbar, da auch die Burg allein ſo genannt wird. Im Lateiniſchen konnte man den deutſchen Namen„zu den Gießen“ nicht wohl durch einen Pluralis bezeichnen, weßhalb er in ſolchen Urkunden nur Gisen lautet; ältere deutſche Urkunden über Gießen als 1320 exiſtixen aber nicht. Weigand im Archiv ꝛc. Bd. 7, S. 252. Man hat früher einmal verſucht, den Namen„Gießen“ von dem in dem Geſchlecht der Grafen von Hohenlinden oft vorkommenden Namen Giſo, deren Beſitzungen durch Heirath an die thüringiſch⸗heſſiſchen Landgrafen gelangten, her⸗ zuleiten.(Gebhardi, geneal. Abhandl., Th. 2, S. 90.) Dieſer längſt 12 — — 119— Nachdem die Burg vorhanden war, wurde die Entſtehung einer Stadt bei derſelben bald zur Nothwendigkeit. Die Burg wurde mit Burgmannen aus der Gegend beſetzt und da der Adel in dieſer in der Regel nur Höfe und keine feſten Schlöſſer beſaß, ſo war auch der Andrang zur Burgmannſchaft, bei welcher wir bald beinahe alle Miniſterialen der Grafen, die aus den Schiffenberger Urkunden hervorgehen, finden, ein natürlicher. Als aber Graf Wilhelm ſelbſt ſeinen Wohnſitz oder doch ſeine Gemahlin ihren Wittwenſitz in der Burg nahm, war dieſe für die Burgmannſchaft zu eng und dieſe mußte ihre Wohnſitze vor der Burg nehmen, wie dies bei den Burgen gewöhnlich der Fall war.¹*) Dazu kam die Noth⸗ wendigkeit von Handwerkern für eine Grafenfamilie, die eine größere Hofhaltung gewohnt war, ſowie die günſtigere Lage für Handel und Verkehr an der Straße, welche andere Burgen, die auf hohen Bergen gelegen waren, nicht boten. Die flache, ungedeckte Lage gebot aber ſofort, wie Niederlaſſungen vor der Burg entſtanden, eine Schutzmauer zu errichten und der ge⸗ ringe Umfang, den die alte Stadt innerhalb der Ringmauer hatte, ſowie ihre beinahe runde Geſtalt ¹⁴) ſpricht dafür, daß dies in der That bald und planmäßig geſchah.“) Daß man aufgeklärte Irrthum würde nicht zu erwähnen ſein, wenn er nicht neuerdings von Profeſſor Arnold von Marburg in einem zu Frankfurt gehaltenen Vortrag wiederholt worden wäre. ¹3) Bei den meiſten Burgen, bei Gleiberg, Fetzberg, Staufenberg, Mün⸗ zenberg, Nordeck ꝛc. findet man die Burgſitze der Burgmannſchaft außerhalb der urſprünglichen Burg in deren Vorhof; daß ſie eine eigene ziemlich entfernt davon gelegene Burg bildeten, kommt wohl nur ſelten vor. Die Neuſtadt, vom Gäßchen am E. Piſtor'ſchen Haus bis zur Neu⸗ ſtädter Pforte, gehörte nicht zur urſprüglichen Stadt, ſondern wurde erſt am Ende des 13. Jahrhunderts dazu gezogen. Wenck a. a. O., S. 250, 252, iſt der Meinung, daß die Erbauung des Schloſſes ein Dorf vorausſetze, das dieſem den Namen gebe und daß dies bei Gießen um ſo gewiſſer anzunehmen ſei, da der Ort ſchon ſo bald als Stadt erſcheine. Die Unrichtigkeit dieſer Anſicht geht wohl aus dem Vorhandenſein der drei Dörfer Selters, Achſtadt 5 — 120 von einer Verleihung ſtädtiſcher Rechte, einem Stadtprivileg für Gießen, aus der Zeit ſeines Urſprungs nichts weiß, ſpricht gerade für ſeine Entſtehung in einer frühen Zeit, noch im 12. Jahrhundert; denn erſt ungefähr ſeit Kaiſer Friedrich II. (1215— 1250) bildete ſich die Gewohnheit, förmliche ſtädtiſche Privilegien zu ertheilen, und namentlich landesherrliche Stadt⸗ privilegien ſind im 12. Seculum noch ſehr ſelten.¹*) Das 12. Jahrhundert war aber überhaupt der Bildung der Städte günſtig; durch die Verbindung Deutſchlands mit Italien und dem Orient in Folge der Kreuzzüge hob ſich der Handel und der Gewerbfleiß und es entſtanden auch damals die erſten Städte der Gegend. Wetzlar erwuchs durch Niederlaſſungen um die allerdings ſchon im Anfang des 10. Jahrhunderts ge⸗ gründete Stiftskirche¹*) auch erſt im 12. Jahrhundert und kommt zum erſtenmal in der oben,§. 14, Note 22, mitgetheilten Urkunde Erzbiſchof Albero's von 1145 und in der deſſelben von 1150(daſ. Note 33) als Sitz von Leibeigenen vor, ¹³) hat alſo ſeine Eigenſchaft einer Stadt erſt ſpäter erlangt, da das Stadtbürgerrecht jeden Unfreien ausſchloß; durch Privileg Friedrich Barbaroſſa's von 1180 wurde es mit Freiheiten be⸗ gnadigt, die ſeine Qualität als Reichsſtadt begründeten, wenn es auch ſchon früher eine ſolche Bedeutung für die Gegend erhalten hatte, daß die Leiſtungen der Parochianen des Kirch⸗ ſpiels Steinbach ſchon 1162 in Wetzlarer Maß beſtimmt wurden(§. 14, Note 23). Gelnhauſen entſtand um die von Friedrich Barbaroſſa erbaute Reichsburg um 1169. Friedberg, Burg und Stadt, kommt vor 1217 nicht vor, obwohl es und Kropbach mit ihren Gemarkungen vor der Entſtehung von Gießen und neben demſelben genügend hervor; die Stadt verdankt vielmehr hier, wie in ſehr vielen Fällen, offenbar der Burg ihre Exiſtenz. ¹6) Eichhorn, deutſche Staats⸗ und Rechtsgeſchichte,§. 310. ¹⁷) Wigand, Geſchichte des Doms zu Wetzlar, 1839, zeigt, daß die an⸗ gebliche Gründung der Kirche im Jahr 790 ein Irrthum iſt. ¹s) Ulmenſtein, Geſchichte von Wetzlar, Th. 1, S. 80. Wigand, Wetz⸗ larer Beiträge, Bd. 1, S. 303. — 121— wahrſcheinlich früher, auch bereits zu Friedrichs I. Zeiten ſchon beſtand. ¹*) Grünberg, die Stadt, erwuchs nach Erbauung der 1186 gegründeten Burg.²*) Alsfeld kommt zwar als Dorf ſchon im 11. Jahrhundert, als Stadt aber erſt ſeit 1222 vor. ²*) Marburg, die Burg ſoll zwar ſchon um 1065 von einem Markgrafen Otto von Orlamünde erbaut worden ſein, die Stadt hat ſich aber während des Aufenthalts der heiligen Eliſabeth daſelbſt gebildet und wurde erſt 1242 von Landgraf Hermann mit Stadtrecht begabt.*²) Kaſſel war bis zur Zeit der Stiftung des Kloſters Ahneberg daſelbſt(1152) noch ein Dorf.²*) Da die Burg zu den Gießen augenſcheinlich aus der Mitte des 12. Jahrhunderts herrührt, ſo kann man unbedenk⸗ lich annehmen, daß auch die Stadt, wenn ſie auch erſt ſpäter urkundlich als ſolche erſcheint, doch ſchon in der letzten Hälfte des 12. Jahrhunderts, gleichzeitig mit jenen andern Städten entſtanden iſt und zur Zeit, wo die Gräfin Salome als Gräfin von Gießen bezeichnet wird, bereits exiſtirte. Dafür, daß ſie mindeſtens zu Anfang des 13. Jahrhunderts als ſolche beſtand, ſpricht auch, daß 1229 ein Ritter Bernhelm de Gizen als Zeuge erſcheint. 2²⁴) ¹⁸) Dieffenbach, Geſchichte von Friedberg, S. 18 ff. ²⁰) Glaſer, Geſchichte von Grünberg, S. 18. ²¹) Soldan, zur Geſchichte von Alsfeld(Gymnaſ. Progr. von 1861), S. 4, 5. ²²) Rommel a. a. O., Bd. 1, S. 212, 306. Anm. S. 243. 2³) Rommel a. a. O., S. 248. Lich war 1300, Butzbach bis 1321 noch Dorf. Münzenberg zeigt erſt in der Mitte des 13. Jahrhunderts Schultheiße und Schöffen.(Arnsburger Urkunde Nr. 53 v. 1248.) In einem von Gerlach von Büdingen als kaiſerlichem Landvogt der Wetterau errichteten Schenkungsbrief Vogt Konrads von Erlenbach und Chriſtine uxor über Güter zu Kirdorf, Grüningen und Tullingen (Dillingen) für das Kloſter Haina iſt Bernhelm von Gießen neben dem Propſt von Ilbenſtadt, dem Pfarrer von Friedberg und den Rittern von Vilbel, von Carben, von Rohrbach, von Bergen und von Beienheim Zeuge.(Gudenus 1. c. T. 1, p. 503, Nr. 195.) — 24) — 122— §. 18. 1 Graf Wilhelm von Gießen. Auch in der Periode, in welcher Gießen den Pfalzgrafen von Tübingen gehörte(von etwa 1180 bis 1265), ſind die Quellen ſeiner Geſchichte noch ſehr dürftig. Von Pfalzgraf Rudolph und ſeiner Gemahlin Mathilde exiſtiren gar keine auf Gießen und die Umgegend bezüglichen Urkunden; es ſcheint, daß die Mutter der letzteren, deren Witthum wohl Gießen war, die Verwaltung dort noch geführt habe, da ſie als Zeugin bei einer Veräußerung des Kloſters Schiffenberg aufgeführt wird, und es iſt klar, daß zu ihrer Zeit noch wenig Geſchäfte ſofort 1 beurkundet wurden, da man in den zwei Fällen, in welchen ſie ſolche vorgenommen hat, erſt längere Zeit hernach genöthigt war, Urkunden darüber aufzunehmen. ¹) Aber auch ſpäter fehlt 1 es an ſolchen ſehr und der ſehr fleißige Bearbeiter der Ge⸗ ſchichte der Pfalzgrafen von Tübingen, Schmid, hat wider Verhoffen aus den Württemberger Archiven nichts für die Ge⸗ ſchichte von Gießen Dienliches beibringen können. Die Pfalzgrafen von Tübingen waren die Gaugrafen des Nagoldgaus und in der Grafſchaft Bregenz und in Grau⸗ bünden reich begütert; ²) ihnen gehörte namentlich die Graf⸗ ſchaft Hohen⸗Asberg. Die Würde eines Pfalzgrafen des Her⸗ 1 ¹) S.§. 16, Note 14 und 15. Die dem Kloſter Himmenrod gemachte Schenkung war viel früher vollzogen, als ſie 1206 von Erzbiſchof Johann von Trier nach erfolgter Beſtätigung durch die Erben der Schenker beurkundet wurde. Das von Wenck in ſeinen hiſtor. Ab⸗ 8— handlungen, Th. 1, S. 96, angeführte Anerkenntniß Pfalzgraf Ru⸗ dolphs einer dieſem Kloſter gemachten Schenkung eines zwiſchen Metrich und Lützel⸗Coblenz gelegenen Bergs bezieht ſich augenſcheinlich auf die⸗ ſelbe Schenkung und nicht auf eine zweite. Der Bebenhäuſer Mönch(§. 16, Note 16) nennt Pfalzgraf Rudolph. den Sohn Hugo's, Comitis Palatini in Tubingen, Brigantiae et Rhetiae Curiensis comitis. Die Geſchichte dieſes Hauſes iſt durch Reallehrer Schmid in ſeiner Geſchichte der Pfalzgrafen von Tübingen (1853) ſo vollſtändig als möglich aufgehellt, daher hier nichts weiter darüber zu ſagen. 8 — * — 123— zogthums Schwaben erlangten ſie erſt in der Mitte des 12. Jahrhunderts.*) Rudolph, der älteſte Sohn Pfalzgraf Hugo's II., dem ſeine Gemahlin Mechthild die Herrſchaft Gießen zubrachte, folgte ſeinem Vater 1182 in der Pfalzgrafenwürde und ſtarb 1219 den 9, April.“) Seine Gemahlin ſcheint 1206 ſchon todt geweſen zu ſein.“) Er war der Stifter des Kloſters Bebenhauſen(1191), in dem auch beide begraben wurden.¹) Rudolph I. hinterließ drei Söhne, Hugo, Rudolph II. und Wilhelm,“) von denen der älteſte bald ſtarb; Rudolph erhielt nach ihm die meiſten ſchwäbiſchen Beſitzungen, Tübingen, Horb, Herrenberg, Nagold, Freudenſtadt; Wilhelm, neben Hohen⸗Asberg und Böblingen die Graſfſchaft Gießen; ³) er nennt ſich ſchon 1214 in einem von Kaiſer Friedrich II. im Lager von Jülich dem deutſchen Orden ertheilten Privileg, bei dem er als Zeuge mit ſeinem Bruder Hugo mitwirkte, Graf von Gießen.“) Graf Wilhelm ſcheint alſo ſchon bei Lebzeiten ſeines Vaters, aber nach dem Ableben ſeiner Mutter, die mütterlichen, ihm als jüngeren Bruder beſtimmten Güter in *) Daß die Pfalzgrafen von Tübingen jemals heſſiſche Vaſallen geweſen oder zum heſſiſchen Adel gehört, wie Estor origin. Jur. Publ. Hass. p. 236 meint, iſt ohne allen Grund. ¹) Wenck a. a. O., S. 253. ⁵) Denn nur Rudolph wird in der Schenkungsurkunde für das Kloſter Himmenrod von dieſem Jahr als genehmigender Erbe genannt und nicht Mechthilde. ⁶) Schmid, Geſch. der Pfalzgrafen von Tübingen, S. 105— 134. S. Urk. von 1206,§. 16, Note 15 oben. Rodolphus, Palatinus comes de Tuingen et fllii sui Hugo, Rodolphus et Wilhelmus. Der Name des Letzteren rührt, wie damals gewöhnlich, von ſeinem mütterlichen Großvater. Es war gewöhnlich, daß der jüngere Bruder die mütterlichen Erbgüter erhielt, wenn dem älteren die väterlichen Stammgüter zufielen. (Schmid a. a. O., S. 163.) Urkunden⸗Buch Nr. 10. Hiſtor. diplom. Unterricht, Beil. 3 und 4. „Hugo Comes Palatinus de Tuingen et Wilhelmus, frater ejus, Comes de Giezen.“ Sie ſtehen neben Graf Rudolph von Habs⸗ burg. —₰ — & — 124— Verwaltung und ſeinen Wohnſitz deshalb in Gießen ge⸗ habt zu haben; er hatte daher augenſcheinlich damals dem Kaiſer Friedrich gegen deſſen Gegenkönig Otto IV., Sohn Heinrichs des Löwen, mit der von der Herrſchaft Gießen zu den Reichskriegen zu ſtellenden Mannſchaft beigeſtanden. Ueber auf die Herrſchaft Gießen bezügliche Geſchäfte finden ſich nur drei Urkunden von ihm vor. Im Jahr 1229 ſchlichtet er einen Streit zwiſchen dem Kloſter Schiffenberg und der Gemeinde Steinbach über die dortige Pfarrei. Dieſe wollte das Patronat des Kloſters nicht anerkennen und die demſelben von den Grafen Otto und Wilhelm von Gleiberg zugeſicherten Gefälle nicht liefern. Graf Wilhelm erkannte auf Grund der vom Kloſter vorgelegten Urkunden ſeiner Vorfahren dieſem das Recht zu, den Geiſt⸗ lichen für die Pfarrei Steinbach zu beſtellen, der dort Sonn⸗ tags und dreimal in der Woche Gottesdienſt zu halten und die Sacramente zu verwalten haben und mit dem das Kloſter auch zu wechſeln befugt ſein ſollte, und verordnete, daß die Einwohner jedes Jahr auf Michaelis dem Kloſter 6 Malter reines Korn, Wetzlarer Maß, und 6 Schilling leichte Pfennige liefern und die zum Bauen und Repariren der Mutterkirche auf dem Berg nöthigen Dienſte leiſten ſollten. Als Zeugen werden aufgeführt: Hartrad von Merenberg, Johannes von Linden, Siegfried von Hattenrod, Widerold von Nordecken, Ritter, zwei Sybold gen. Hund, Werner gen. Kornigel, Ritter, und Gerhard, des Grafen Notar.¹⁰) Der Graf erſcheint hier als Gerichtsherr des Steinbacher Gerichts und erkennt auf Grund der Urkunden auf das, was ſeine Vorfahren 1162 dem Kloſter zugeſichert hatten. Hartrad von Merenberg wird unter den gräflichen Rittern, wenn nicht als Vaſall deſſelben, der dem Gericht beiſaß, vielleicht darum als Zeuge zugezogen, weil er Anſprüche hinſichtlich der Vogtei über Schiffenberg bilden 1⁰) Urk.⸗Buch Nr. 12. Gudenus IJ. c. T. 3, p. 1202. 4 8. mochte; ein gerichtsherrliches Recht über die Gemeinde Stein⸗ bach und die übrigen Orte des Steinbacher Gerichts, wie den Grafen von Gießen, kommt ihm aber danach nicht zu, indem er ſonſt die Urkunde ſelbſt mit ausgeſtellt hätte, und es erhellt hieraus klar, daß eine Theilung Statt gefunden hat, wonach dieſes Gericht reſp. der Wieſecker Wald, worin es entſtanden war, und die ganze Mark Wieſeck, in welcher Gießen gegründet war, jenem allein zuſtand. Die andere Urkunde von 1235 betrifft ebenfalls einen Streit des Kloſters Schiffenberg, nämlich mit der Gemeinde Leihgeſtern. Dort hatte das Kloſter einen Hof im Dorf, den es von der Gräfin Clementia erhalten,¹¹) zugleich aber legte es damals einen neuen Hof in der Nähe, den Neuhof, an und es handelte ſich um gewiſſe Freiheiten, die daſſelbe in der Gemeinde anſprach. Der Graf legte dieſen Zwiſt dahin bei, daß das Kloſter ſeinem hergebrachten Recht gemäß all⸗ jährlich einen Tag, nach ſeiner Wahl, vor der Gemeinde ernten, daß es einen Schützen zum Behüten der Felder nach ſeinem Gefallen miethen dürfe, und daß der Propſt des Kloſters zu jeder Verhandlung der Gemeinde über das Dorf, Wald oder Feld zugezogen werden ſolle. Als Zeugen erſcheinen Gozwin, Pfarrer von Linden, ¹²) die Ritter Macharius der ältere, Widerold und ſein Bruder, Johannes und Gerlach von Linden, ¹¹) Dieſer Hof lag oben im Dorf(in superiore parte villae). Baur, heſſ. Urk⸗Buch Nr. 116. ¹²) Leihgeſtern war damals noch Filial von Großlinden; bald darauf (1237) übernahm das Kloſter Schiffenberg die Kapelle zu Leihgeſtern dreimal in der Woche mit Gottesdienſt zu verſehen, gegen Ueber⸗ laſſung der ſtreitigen Weide, Rore genannt(das Rohr iſt noch eine Feldlage bei dem Neuhof), und gab der Pfarrei die Weide genannt Se- medehe(Siemet heißt der vulgäre Name für Binſe), wodurch der Grund zu der um 1560 entſtandenen ſelbſtſtändigen Pfarrei, die dafür noch 40 fl. von Schiffenberg bezieht, gelegt wurde.(Baur, heſſ. Urk.⸗Buch Nr. 98.) Zeugen ſind bei dieſem Act dieſelben und weiter Burkhard von Bomersheim, Kraft von Alſtatt, Macharius von Linden und Gos⸗ win, Pleban von da. — 126— Siegfried von Hattenrod, Burkard Fraz von Leihgeſtern, Werner Kornigel und ſeine Söhne Werner und Milchling, Sibold, Johannes, Gotſchalk und ſein Bruder Ernſt, Faſold, Arnold Herrechen und ſein Bruder Wigand.³) Die Vor⸗ rechte des Kloſterhofs wurden noch von der Gräſin Clementia hergeleitet und deßhalb als dem urſprünglich gräflichen Herrn⸗ hof zuſtehend angeſprochen und laſſen ſich auch als ſolche leicht erklären. Der Pfalzgraf handelt hier allein, obwohl Leihgeſtern zum Gericht Hüttenberg gehört, in welchem den Beſitzern der andern Hälfte der Grafſchaft Gleiberg concurrirende Gerichts⸗ barkeit zuſtand; allein er handelt auch nicht als Richter, ſondern hat die Parteien gütlich verſtändigt, wozu er als Vogt des Kloſters und Mitgerichtsherr wohl berufen war. In der dritten Urkunde von 1239 ſchenkt Graf Wilhelm von Gießen(Gizzen) dem Kloſter Schiffenberg den Brüdern und Schweſtern ¹⁴) einen Hof in Obbornhofen, den Ger⸗ lach von Büdingen mit anderen Gütern von ihm zu Lehn hatte und den dieſer an Konrad Milchling von Nordecken weiter verliehen hatte, mit deren Zuſtimmung. Zeugen ſind ſeine Vaſallen, die die Schenkung hatten vermitteln helfen, Macha⸗ rius, Gottfried, Widerold und Vaſold von Linden, Siegfried von Hattenrod, Albert von Lichtenberg(Littenberg), Hugo von Hoheneck, Markwart von Eroldesheim, Burkhard von Bommers⸗ heim, Giſelbert von Eſchborn(Ascheburnen), Wortwin von Berſtadt, Giſo und ſein Bruder Sibold, der junge Sibold und Johannes, die Hunde(Canes), Milchling und Walther von Nordecken, Widerold von Michelnbach, Konrad Setzpfand, Helfrich und Eberwein von Trohe, Oezechin von Hochelheim (Habechenheim), Werner Kornigel, Cuno und Hermann Halber (Halbir) von Cleberg, der Schultheiß von Cleberg u. a. m.*⁵) ¹3) Urk.⸗Buch Nr. 19. Schmid a. a. O., Urk.⸗Buch S. 20. Hiſtor. dipl. Unterricht, Beil. Nr. 59(nur ein Auszug). ¹4) Alſo dem Mönchskloſter auf dem Schiffenberg und Frauenkloſter Celle. ¹5) Urk.⸗Buch Nr. 15. Baur, heſſ. Urk.⸗Buch Nr. 99. Schmid a. a. O., Urk. Nr. 20.. — 127— Dieſe Urkunden zeigen die große Zahl von gräflichen Vaſallen und damit den Umfang der Beſitzungen des Grafen⸗ hauſes; einige derſelben ſind aus Schwaben, wie die von Hoheneck und Eroldsheim, vielleicht auch die von Lichtenberg; ⁰) andere ſind aus der Wetterau, wo ſchon Gräfin Clementia ſo vielfach begütert war, und aus der Grafſchaft Gießen ſelbſt, und dieſe Geſchlechter ergeben ſich ſpäter ſämmtlich als zur Burgmannſchaft von Gießen gehörig. Graf Wilhelm war in Schwaben in eine Fehde verwickelt, von der jedoch nichts Näheres bekannt iſt.¹*) Seine Gemahlin war Willebirg aus dem Hauſe der Grafen von Württemberg. Beide verlobten im Jahr 1236 ihre Tochter Adelheid an Ulrich's von Münzenberg Sohn Kuno den jüngeren. Dieſem wurde hierbei die Herrſchaft Babenhauſen, die Adelheid auch ſelbſt dann, wenn die Ehe nicht vollzogen würde(oder dafür 500 Mark), und zum Witthum behalten ſollte, zugeſichert. ¹²) Dieſe 16) Marquard von Erolsheim(Oberamts Biberach) war 1216 Zeuge bei einer Verhandlung Pfalzgraf Rudolps I. über ſeine Rechte am Kloſter Marchthal, die vor dem Biſchof von Conſtanz Statt fand, und 1231 bei Ausſtellung einer ähnlichen Urkunde Graf Wilhelms zu Reutlingen. Die Ritter von Hoheneck(Oberamts Ludwigsburg) zeigen fich nach 1239 häufig im Gefolge der Pfalzgrafen.(Schmid a. a. O., S. 115, 151, 154, 189.) Ein Geſchlecht von Lichtenberg oder ein Ort dieſes Namens kommt in der Geſchichte der Pfalzgrafen nicht vor; vielleicht iſt Lichtenberg bei Darmſtadt der Stammort dieſes Albert v. L. Die Pfalzgrafen brachten ihre Ritter aus Schwaben mit nach Gießen und ſie wirkten als Zeugen bei hier ausgeſtellten Urkunden mit; davon, daß auch umgekehrt Miniſterialen aus der Grafſchaft Gießen bei in Tübingen ausgeſtellten Urkunden zugezogen wären, findet man dagegen keinen Beweis; es war dies natürlich, da die Miniſterialen der Graf⸗ ſchaft Gießen nur zu Dienſten, die ſich auf dieſe bezogen, nicht zur Folge in das entlegene Schwaben verpflichtet waren. Schmid a. a. O., S. 150, 156. Schmid a. a. O., S. 159. Beurkund. Nachrichten S. 164. Kopp, Lehnsproben, Th. 1, S. 249. Die Herrn von Münzenberg ſtammten bekanntlich von den Herrn von Hagen(zu Dreieichenhain) und be⸗ ſaßen daher auch die zum Schutz des Dreieichener Wildbanns erbaute Burg Babenhauſen. 47 18) — 128— Verbindung hätte den Pfalzgrafen eine gelegene Mittelſtation zwiſchen ihren Beſitzungen in Schwaben und der entlegenen Grafſchaft Gießen, den Münzenbergern aber unter Umſtänden Ausſicht auf den Erwerb der ihnen ſo nahe gelegenen Graf⸗ ſchaft Gießen verſchafft.“*) Man findet auch die Vaſallen des Pfalzgrafen aus dieſer, Macharius von Linden, Sigenand von Buſeck, Gernand und Anſelm Hund, unter den Zeugen dieſer Verlobung.²⁰) Es iſt indeß ungewiß, ob die Heirath überhaupt zu Stande gekommen iſt; Kuno ſtarb jedenfalls ohne Kinder und davon, daß Adelheid von Tübingen je Babenhauſen be⸗ ſeſſen, iſt nichts bekannt.“²¹) Eine andere Tochter, Luitgard, war an Burkhard von Hohenberg vermählt und die Mutter der Gemahlin des Kaiſers Rudolph von Habsburg, Anna. Um's Jahr 1255 ſtarb Pfalzgraf Wilhelm mit Hinterlaſſung von zwei Söhnen, Rudolph und Ulrich.*²) Die Stadt Gießen — hatte ſich während ſeiner Regierung zu einer gewiſſen Selbſt⸗ ſtändigkeit entwickelt; die Burgmannen und ein Schultheiß und Schöffenrath führten das Regiment in derſelben, wie wir aus . ¹8) Der Verfaſſer der Streitſchrift: Entdeckter Ungrund ꝛc., S. 185,— gründet auf dieſe Verlobung ſogar Erbrechte der Herrn von Falken⸗— ſtein zu Münzenberg auf die Herrſchaft Gießen, indem er meint, die 3 Gemahlin Philipps von Falkenſtein ſei aus dieſer Ehe entſproſſen; während ſich der kurze Beſitz von Gießen Seitens der Falkenſteiner aus einer Pfandſchaft erklärt. 4 ²⁰) Einer der Bürgen iſt Gottfried von Bickenbach, und einer der Zeugen Chriſtian von Bickenbach(Bicgenbach). Letzteren hat Wenck in ſeiner 1 Stammtafel der Familie von Bickenbach(heſſ. Landesgeſch., Th. 1, 5§. 55 und S. 297 f.) nicht aufgenommen. So wie er ein dem Hauſe Tübingen oder Münzenberg verwandter Herr geweſen ſein mag, kann auch Albert von Lichtenberg, der 1239 in der Urkunde Graf Wilhelms als Zeuge vorkommt, von der den Beſitzungen der Dynaſten von Bickenbach benachbarten Burg Lichtenberg bei Darmſtadt ſtammen. Als ſchon 1255 mit Kuno's Bruder Ulrich II. der Mannsſtamm der 1 Münzenberger erloſch, fiel Babenhauſen bei der Theilung dem Grafen Reinhard von Hanau zu. Adelheid hatte auch nur ſtatt der Herrſchaft 6 500 Mark zu verlangen. ²²) Wenck a. a. O., Th. 3, S. 256. 21 — — 129 den aus jener Zeit noch vorhandenen ſtädtiſchen Urkunden erſehen und weiter unten näher zeigen werden. Es war dies überhaupt die Periode, in welcher ſich die ſtädtiſchen Freiheiten und das Bürgerthum kräftig entwickelten und die Spuren da⸗ von müſſen ſich auch hier zeigen. §. 19. Pfalzgraf Ulrich. Von den beiden Söhnen Pfalzgraf Wilhelms erhielt der älteſte, Rudolph, nur ſchwäbiſche Stammgüter, der jüngere, Ulrich, dagegen neben einigen dortigen Beſitzungen, nament⸗ lich Hohen⸗Asberg, die Grafſchaft Gießen.“) Aus den zehn Jahren, welche er dieſelbe ungefähr beſaß, ſind uns auch nur vier Urkunden, welche ſich auf Geſchäfte derſelben bezogen, be— kannt, die ſämmtlich aus den letzten Jahren ſeiner Regierung herrühren. Ein Schiffenberger Kaufbrief, wodurch dieſes Kloſter 20 Jahre nach der Veräußerung von Gießen(1285) 5 Huben Land in der Gemarkung Holzhauſen(Dornholzhauſen) an das Kloſter Arnsburg abließ, beruft ſich auf die Geſtattung des Grafen von Gießen, Pfalzgrafen von Tübingen, ohne die Perſon zu nennen,) ſie muß ſich aber wohl auf Pfalzgraf Ulrich beziehen, wenn man die Vorbereitung des fraglichen Vertrags nicht noch um weitere 10 Jahre zurückdatiren will. Drei der erwähnten Urkunden ſind am 17. November 1263 in Gießen ausgeſtellt und betreffen Holzabgaben aus dem Wie⸗ ſecker Wald, dem jetzigen Stadtwald. Die Ritter des Pfalzgrafen, ſehr wahrſcheinlich in ihrer Eigenſchaft als Burgmannen von Gießen,) hatten nämlich herkömmlich das Recht, ſich aus dieſem Wald zu beholzigen — Schmid a. a. O., S. 159. Gudenus l. c. p. 1162,„beneficio et tenore privilegii illustris 0 viri Comitis de Giessen Palatini de Tuwingen indulti et con- cessi.“ Wenigſtens hatten dieſe Burgmannen, ſo lange deren exiſtirten, ihr Be⸗ holzigungsrecht im Gießener Wald. — 9 und machten daſſelbe, wie es ſcheint, nicht blos zu Gunſten ihrer Gießener Burgſitze, ſondern auch von ihren Höfen auf dem Lande aus geltend. Ritter Siegfried von Buſeck genannt Schurge hatte ſich im Jahr 1233 mit ſeiner Gemahlin Ger⸗ trud und ſeinem Sohn Rudger in das Kloſter Arnsburg be⸗ geben und dieſem mit Genehmigung ſeiner Ganerben und unter Beſtätigung Landgraf Konrads von Thüringen und Heſſen, der als Deutſch-⸗Ordens⸗Comthur zu Marburg zugleich die Regierungsgeſchäfte im Oberlahngau für ſeinen Bruder Land⸗ graf Heinrich beſorgte, alle ſeine Güter an Häuſern und Aeckern übergeben.“) Das Kloſter konnte, da es zu den Va⸗ ſallen des Pfalzgrafen nicht gehörte, die bei dem Gut herge⸗ brachte Beholzigung nicht anſprechen; aber Pfalzgraf Ulrich ver⸗ lieh ihm dies althergebrachte Recht ſeiner Ritter, gewöhnlich Rittersgewer genannt, alle Woche einen Wagen Holz in ſeinem Wald, Wieſecker Wald genannt, für ihren Hof zu Buſeck zu hauen. Des Pfalzgrafen Amtmann und Schultheiß, die dies wahrſcheinlich ſeither nicht gelitten hatten, ſollten das Kloſter nicht mehr daran hindern.*) Zeugen ſind Herr Philipp der ältere von Falkenſtein,“) Ritter Gerlach und Macharius von Linden, Werner von Hattenrod, Adolph von Heuchelheim, Burgmannen in Gießen(Gizen), Johannes und Menges gen. Goldene(dicti aurei) und Wiederhold von Nordecken. Weiter beſtätigte Pfalzgraf Ulrich dem ums Jahr 1180 ³) Gudenus C. D. T. 3. p. 1104. Als Zeugen dieſer Uebergabe werden angeführt: Signand und ſein Bruder Adolph Flecke(Flescho), Kon⸗ rad Setzepfand, Eckhard der Pfarrer(plebanus) von Buſeck, Dammo Harloppo und die übrigen Ritter in Buſeck, Schultheiß Eberhard von Merlau und drei Schöffen zu Grünberg, Sigebert, Engelo, Wolfhudo und alle Söhne von Nordecken, Gerhard, Walter und Konrad Milchling. ⁵) Urk.⸗Buch Nr. 25. Beurk. Nachr. Bd. 2, Nr. 216. ⁴) Dieſer hatte ſeit 1255 in Gemeinſchaft mit Reinhard von Hanau und und mehreren anderen, deren Antheile er meiſt erworben hatte, die Münzenberger Beſitzungen ererbt. — 131— geſtifteten?) Kloſter Altenburg bei Wetzlar, welchem Ritter Adolph von Heuchelheim im Jahr 1250 ſeinen Hof zu Heuchel⸗ heim verkauft hatte, das demſelben bereits von ſeinem Vater zu Gunſten dieſes Hofes verliehene Beholzigungsrecht gleicher Art. ⁵) Auch der Hof Philipps von Falkenſtein, Herrn zu Mün⸗ zenberg, in Eberſtadt) hatte ein ſolches Beholzigungsrecht in dieſem Wald, mußte aber dafür jährlich ein Malter Waizen (tritici) und eine Butte Trauben(uvarum unam pendulam ¹⁴) abgeben; dieſe Abgabe erließ der Pfalzgraf und geſtattete dem Herrn von Falkenſtein das Holz abgabenfrei ferner zu fällen. ¹²) In den ebenerwähnten drei Urkunden nennt ſich der Pfalz⸗ graf nur Herr, nicht Graf von Gießen(Palatinus comes de 3 Tuwingen et Dominus in Gizen); da aber keine bekannte Ver⸗ änderung in dem ihm zuſtehenden Rechte vorgegangen iſt, ſo iſt es klar, daß dem nur eine gewiſſe Gleichgültigkeit gegen den Gebrauch des Titels zu Grund liegt und ſich Pfalzgraf Ulrich ſo gut wie ſein Vater Graf von Gießen hätte nennen können. ¹²) In allen dieſen Urkunden ſpricht er vom Wieſecker Wald als ſeinem Wald und es wird dadurch beſtätigt, daß derſelbe ihm allein gehörte. ²) Abicht, Kreis Wetzlar, Th. 3, S. 86. Gudenus T. III. p. 1189. ⁵) Urk.⸗Buch Nr. 23. Gudenus Il. c. T. 2, Nr. 110, p. 145. Zeugen ſind in dieſer und in der nächſten Urkunde nicht benannt. 9) Die Gemeinde Eberſtadt beſitzt bis zum heutigen Tag gar keinen Wald und es mußte ſich daher der dortige, ſpäter an das Kloſter Arnsburg übergegangene Hof aus dem entlegenen Wieſecker Wald, der ſich aber damals noch um Garbenteich her erſtreckte, beholzigen. 1⁰) Pendnla bedeutet eigentlich ein Band; hier iſt es aber offenbar von von der am Gehäng getragenen Kufe zu verſtehen. Eberſtadt hat eine ſehr ſonnige, zum Weinbau ſich eignende Lage und erklärt ſich daher die Abgabe von Trauben, die in Gießen ſo gut nicht gediehen. ¹1¹) Urk.⸗Buch Nr. 24. Beurk. Nachr. Bd. 2, Urk. Nr. 215. 1²) Wenck a. a. O., Th. 3, S. 256. Häufig gebrauchen Familien, denen die Grafenrechte zuſtanden, doch dieſen Namen nicht, z. B. die Herrn von Mereuberg, Münzenberg, Falkenſtein. 9* — 132— Die vierte Urkunde zeigt uns, in welchem perſönlichen Verhältniß die Herrn von Merenberg zu dem Pfalzgrafen ſtanden; ſie waren ihre Burgmannen zu Gießen und Pfalzgraf Ulrich verleiht in derſelben auf Mariä Himmelfahrt(den 15. Auguſt) 1264 dem Hartrad von Merenberg, ſeinem lieben und beſonderen Burgmann(dilecto et speciali castel- lano nostro),“¹*) 8 Pſund leichte Münze zu Burglehen. Dieſes Geld fiel in den Orten Krofdorf(Kruftorff), Frilinghofen (Frilincoven),¹*) Wismar(Wisimar) und Launsbach(Lebans- bach), ſowie von einer Mühle*⁵) und Hartrad ſollte ſie ſelbſt erheben, die pflichtigen Bauern aber nicht beläſtigen oder zu höherem Zins treiben; auch ſollte Hartrad ſtatt ſeiner ſelbſt einen andern Burgmann nach Gießen ſtellen, wenn es ihm der Pfalzgraf nicht aus gutem Willen erlaſſen wollte. ¹⁵) Dieſe Urkunde iſt die letzte bekannte Regierungs⸗ handlung, die Pfalzgraf Ulrich in Bezug auf die Herrſchaft Gießen vorgenommen hat. Im Jahr danach, im Herbſt 1265, finden wir Gießen im Beſitze des Landgrafen Heinrich I. von Heſſen, der am 29. September 1265 ebenfalls ſeine Verhältniſſe zu Hartrad von Merenberg urkundlich regelt. Wie und wann dieſer Uebergang Statt gefunden hat, durch welches Rechtsgeſchäft er bewirkt wurde, iſt leider bis ¹³) Daß Castellanus nur einen gewöhnlichen Burgmann(castrensis) bedeutet, hat bereits Wenck a. a. O., S. 257, Note*, richtig bemerkt. Schmid, Geſch. der Pfalzgrafen von Tübingen, S. 233, hält indeß Hartrad für den Burgvogt. Dafür, daß Castellanus nur Burgmann bedeutet, ſpricht aber unter anderen der Schenkbrief Bernhelms von Heuchelheim(Urk.⸗Buch Nr. 9) von 1255, wo 7 Caſtellane von Gießen vorkommen. ¹4) Frilinghofen, ein ausgegangener Ort, wahrſcheinlich im jetzigen Krof⸗ dorfer Wald. ¹5) Wahrſcheinlich die Seemühle bei Gleiberg, da ſonſt keine Mühle bei den genannten Orten iſt. ¹) Urk⸗Buch Nr. 27. Wenck, Urk. zu Bd. 2, Nr. 172, S. 194. jetzt noch unermittelt ¹*) und da es auch dem fleißigen Forſcher Reallehrer Schmid zu Tübingen nicht gelungen iſt, in einem Württemberger Archiv etwas darüber zu ermitteln, ſo iſt auch die Hoffnung aufzugeben, Sicherheit hierüber zu erlangen. Zu vermuthen iſt nur, daß Pfalzgraf Ulrich die Herrſchaft ver⸗ kauft hat, da von Erbgang keine Rede ſein kann und für einen Tauſch das Object der Gegenleiſtung fehlt, auch die Neigung zu Verkänfen in der Familie der Pfalzgrafen beſtand, da Ulrichs Sohn, Ulrich II., 1308 die Grafſchaft Hohen⸗ Asberg ¹⁸) und ſeine Vettern Götz und Wilhelm ihr Stamm⸗ haus Tübingen an die Grafen von Württemberg verkauften. ¹⁹) §. 20. Gießen unter den Pfalzgrafen. Das Schloß, die Burg, Umfang der Stadt, Rechte, Abgaben. Wiewohl Gießen zur Zeit ſeines Uebergangs an Heſſen als Stadt wohl ſchon über ein Jahrhundert und als Burg ¹7) Mit Recht iſt die Zeit deſſelben zwiſchen den 15. Auguſt 1264 und 29. September 1265 zu ſetzen, da an jenem Datum Pfalzgraf Ulrich noch über ein Burglehn zu Gießen disponirte, an dieſem aber der Landgraf die gleichen Rechte beſaß.(Wenck a. a. O., Bd. 3, S. 259.) Auffallend bleibt aber, daß die Stadt Gießen eine auf Margarethen⸗ tag 1264(den 13. Juli) ausgeſtellte Urkunde über die Theilung zwiſchen dem Mönchs⸗ und Nonnenkloſter Schiffenberg(Baur, heſſ. Urk.⸗ Buch Nr. 126) bereits nicht mehr mit dem unter den Pfalzgrafen von Tübingen von ihr geführten, ſondern mit dem neuen, den Land⸗ grafen mit dem heſſiſchen Löwen darſtellenden Reiterſiegel(ſ. unter §. 21) beſiegelt hat. Wahrſcheiulich iſt das Siegel erſt ſpäter der vom Tage des Vertrags datirten Urkunde angehängt worden, als die Ueber⸗ gabe von Gießen an Landgraf Heinrich bereits Statt gefunden hatte. Indeß ſpricht dies doch dafür, daß dieſe bald nach jenem Zeit⸗ punkt erfolgt ſein muß. ¹1s) Graf Ulrich II. verkaufte 1308 an Graf Eberhard von Württemberg Achsberg, Burg und Stadt, Richtenberg, die Burg und den Glems⸗ gau mit der Grafſchaft und allem Zugehör.(Sattler, hiſtor. Beſchr. von Württemberg, Th. 1, S. 153.) ¹8) Am 5. December 1342 verkauften die Pfalzgrafen Götz und Wilhelm an Graf Ulrich von Württemberg ihre Veſte Tübingen, Burg und Stadt mit allem Zugehör für 20,000 Pfund Heller.(Schmid a. a. O., S. 372.) — 134— noch länger exiſtirt haben mag, ſind doch die urkundlichen Nach⸗ richten über es aus jener Zeit noch äußerſt dürftig und es läßt ſich am Schluß dieſes Abſchnitts ſeiner Geſchichte haupt⸗ ſächlich nur aus ſpäteren Beweiſen auf ſeine Zuſtände zu jener Zeit zurückſchließen. Es iſt dieſe Erſcheinung bei den meiſten andern Städten die gleiche, weil bis zur Mitte des 13. Jahr⸗ hunderts nur wenig Urkunden über die bürgerlichen Verhält⸗ niſſe errichtet wurden und noch viel weniger bis auf uns ge⸗ kommen ſind; es ſind bis dahin hauptſächlich nur die Klöſter geweſen, welche ſich ihre Erwerbungen beurkunden ließen und die Urkunden ſorgfältig aufbewahrten und aus ihren Archiven rühren die meiſten, oft die einzigen Nachweiſe aus jener Zeit her; für die Privaten genügte es, daß die Uebergabe des Grundeigenthums, das Einſetzen in die Were, vor den Schöffen öffentlich geſchah und nur ganz wichtige Rechtsge⸗ ſchäfte ließen auch ſie ſchon zu jener Zeit beurkunden. Erſt vom Anfang des 14. Jahrhunderts an vermehrt ſich die Zahl der uns aufbehaltenen Urkunden bedeutend und liefert dadurch mehr Licht über die damaligen Verhältniſſe. Wir können da⸗ her nicht umhin, hier Manches zu anticipiren, was erſt in der Folge beſtimmt hervortritt, ſeiner Natur nach aber auf dauernder Grundlage beruht. Die gräfliche Burg(das Schloß oder die Kanzlei), welche die Entſtehung der Stadt veranlaßte, iſt, wie bereits oben be⸗ merkt, in ihren Grundbeſtandtheilen noch aus der Zeit ihrer Erbauung vorhanden. Den Centralpunkt derſelben bildete, wie gewöhnlich, der hohe runde Wehrthurm, der zugleich den über den Burggraben führenden Eingang ſchützte. Das ſpitz⸗ bogige Thor, welches ſich jetzt an den Thurm anlehnt, iſt wohl aus ſpäterer Zeit, da man in der Mitte des 12. Jahr⸗ hunderts den Spitzbogenſtyl an Thorbogen noch ſelten oder nicht findet und noch weniger der Hauptthurm, der Burgfried, ohne eine ſchützende Burgmauer am äußeren Rand der Burg ſteht und das Burgthor ſelbſt nicht leicht ohne ein Vorwerk 135— zur beſſeren Vertheidigung des Eingangs blieb.¹) Vielmehr haben die kürzlich vor dem jetzigen Thor der Burg aufge⸗ fundenen Fundamentmauern den deutlichſten Beweis geliefert, daß ſich noch Baulichkeiten, namentlich Mauern vor dieſem Thor befanden und wahrſcheinlich den Thurm, wenn auch ſehr nahe bei demſelben, umgaben und den Eingang ſchützten; es war wahrſcheinlich ſelbſt noch ein zweites Thor zur Deckung deſſelben vorhanden. Die Burg ſelbſt beſtand augenſcheinlich immer aus dem weſtlichen Hauptbau mit zwei rechtwinklich angeſchloſſenen Flügeln; die dritte, öſtliche Seite war von dem Thurm und dem Eingangsthor eingenommen. Die Gebäude erhoben ſich unmittelbar aus dem Burggraben und hatten daher, wie noch jetzt zu erkennen, auf eine Höhe von etwa 25 Fuß keinerlei Thür⸗ oder Fenſter⸗Oeffnungen. Die vor der ums Jahr 1830 vorgenommenen Herſtellung des jetzigen Zuſtands vorhandenen kleinen viereckten Doppelfenſter mit einem geradlinigen ſteinernen Träger in der Mitte rührten wohl auch ſchon aus einer ſpä⸗ teren Zeit.“) Im Innern des Burghofs ſcheinen, etwa die Thüre zum linken Flügel ausgenommen, ebenfalls keine aus der Zeit der Erbauung der Burg herrührende Thüren oder Fenſter mehr vorhanden zu ſein, und ſo ſind wohl außer dem Thurm, den Gewölben und Grundmauern keine Beſtandtheile des urſprünglichen Burgbaus mehr zu ſehen. Dieſer war in ſeiner Anlage zwar im Ganzen klein, aber die Wohnung doch für die Bedürfniſſe jener Zeit hinreichend geräumig und immerhin der Stammburg Gleiberg in ihrem urſprünglichen Umfang nicht nachſtehend; doch fehlte es an „1) Man vergleiche die Burgbauten jener Zeit von Gleiberg, Münzenberg, Büdingen u. ſ. w. ²) Nach einer am alten Kanzleigebäude befindlich geweſenen Inſchrift hat Landgraf Ludwig IV. im Jahr 1590 unter Amtmann Rudolph Wil⸗ helm Rau von Holzhauſen den Schloßbau, ſo wie er ſich bis zur letzten Veränderung befand, neu zurichten laſſen. — 136— Stallung für die Roſſe der Ritter und Wirthſchaftsgebäuden für das dazu gehörige Gutsgelände und ſchon dieſes Bedürf⸗ niß, das ſich jedenfalls bereits früh, ſobald als nur die Burg mit Burgmannſchaft zu ihrer Vertheidigung beſetzt war und, noch mehr, ſobald ſie der Sitz der Grafenfamilie wurde, gel⸗ tend machen mußte, führte zu der Ausdehnung, welche den Grund zur Stadt legte. Auch das religiöſe Bedürfniß mußte ſchon bald die Erbauung einer Kapelle veranlaſſen, da in der Burg keine ſolche und die Kirche von Selters doch zu weit entfernt war. Sobald Graf Wilhelm von Gleiberg oder doch ſeine Wittwe die Burg ſelbſt bewohnte, mußte anch auf andere Wohnungen für die ſtarke Burgmannſchaft Bedacht genommen werden. Dieſelben wurden nicht unmittelbar an der gräflichen Burg, am Eingang zu derſelben, wo ſich wohl ſonſt die Burg⸗ ſitze der Burgmannſchaft vorfinden, erbaut, ſondern es wurde in einiger Entfernung von derſelben eine zweite geräu⸗ migere Burg für die Burgmannſchaft in einem läng⸗ lichen Viereck angelegt. Das gräflliche Schloß befand ſich auf der Oſt⸗, dieſe Burg der Burgmannen auf der Weſtſeite der Stadt; zwiſchen beiden ſtand die Kapelle. Wie jenes war die Burg der Ritter mit einer Mauer und einem Waſſergraben umgeben. Die äußere Burgmauer hatte Höhe und Stärke der Stadtmauer, wie noch jetzt an dem Stück derſelben, an welches das früher von Schwalbach'ſche Haus angebaut iſt, zu erkennen iſt. Die weſtliche Grabenlinie bildet noch jetzt der innere Stadtgraben von der Ecke am früheren großen Stadt⸗ brauhaus an, um das Daniel Ebel'ſche Haus, das erſte Pfarr⸗ haus und das früher von Schwalbach'ſche Haus, die nach⸗ malige Hofkammer her, bis an die Ecke an dem Chr. Buſchiſchen Brauhaus; die nördliche geht zwiſchen dem von Schwalbachiſchen Burghof und dem ehemaligen Stadtſchulhaus, wo der Stadt⸗ graben erſt kürzlich überwölbt worden iſt, her. Der innere Burggraben gegen die Stadt hin zog von der Ecke des Stadt⸗ 137— grabens am großen Brauhaus dieſſeits des Daniel Ebel'ſchen Hauſes und hinter den Hofraithen der am Markt ſtehenden Häuſern her, wo ſich jetzt deren Miſtesſtätten befinden, und die von dieſen eingenommene tiefere Lage heute noch„im Burggraben“ heißt und augenſcheinlich über die jetzige Stelle des Kirchthurms hinaus bis an den von Schwalbachiſchen Burg⸗ hof, wo er ſich mit dem Stadtgraben verband. Vor dem inneren Burgraben lag die Kapelle mit dem Kirchhof und es war daher augenſcheinlich ein ziemlich großer Raum vorhanden, um auch dieſe Burg ſelbſtſtändig vertheidigen zu können. Nach der Stadt hin hatte dieſe Burg zu dieſem Behuf ebenfalls Mauer und Pforte; ⁵) erſt ſpäter wurde die Burg durch Aus⸗ füllen des Burggrabens mit der Stadt vereinigt, wo dann die durch dieſelbe geführte Gaſſe die Burggaſſe genannt wurde,“) welchen Namen ſie jetzt noch trägt. Es ſtanden in dieſer Burg das Burghaus der v. Schwal⸗ bach,*) welches erſt 1763 mit dem Ausſterben dieſer Familie an den Landgrafen als Lehnsherr fiel, und zur Hofkammer verwendet wurde, das der von Buſeck gen. Reußer, das der von Rodenhauſen, welches ſie 1497 Landgraf Wilhelm, ihrem Lehnsherrn, verkauften,“) das Burghaus Krafts von Roden⸗ hauſen, welches von der Kirche 1470 mit Conſens Landgraf Heinrichs erworben) und wozu ſpäter(1585) das Rentmeiſter Saalfeld'ſche Haus in der Burg für die Superintendentur angekauft wurde und das theils ſpäter wieder an Bürger ver⸗ ³) Im Jahr 1527 verleihen Volpert von Schwalbach und ſeine Mitbe⸗ lehnte ihre Behauſung in der alten Burg bei, neben und über der Pforte an Stadtſchreiber Hornig.(Copial⸗Buch Nr. 277.) ¹) Der Name kommt ſchon 1408 und 1453 vor. Auflaßbrief der Geber EWllkerhauſen für Landgraf Hermann, Kaufbrief Gerhards von Buſeck gen. Reußer für Konrad von Buſeck. Copial⸗Buch Nr. 158 u. 178. ) Kaufbrief zwiſchen Georg von Schwalbach und ſeinem Vetter Volpert von Schwalbach von 1499. Copial⸗Buch Nr. 247. 6) Copial⸗Buch Nr. 240. Copial⸗Buch Nr. 195. — 138— kauft worden iſt und jetzt von Wagner Loos beſeſſen wird, theils noch die Pfarrhofraithe bildet, das andere von Elker⸗ hauſen'ſche Brauhaus 1408 an Landgraf Hermann abgetreten und ſpäter zum fürſtlichen Marſtall verwendet, das Krafts von der Badenburg reſp. von Weitolshanſen gen. Schrauten⸗ bach zur Badenburg und das der von Weitershauſen. Die Burg⸗ mannſchaft hatte auch ein eigenes gemeinſchaftliches Haus in der Stadt, vor der Kapelle, die jetzige Engel⸗Apotheke. Da die Zahl der Burgmannen zu groß war, um ſämmtlich in der Ritterburg wohnen zu können, ſo befanden ſich in der Stadt noch verſchiedene freiadelige Burgſitze; das letzte derſelben war das von Schenckſche, das an der Stelle, wo jetzt das Schul⸗ haus in der Schulſtraße ſteht, an dem Wagegäßchen wider die Ringmauer gebaut und zuletzt im Beſitz des Geheimenraths Langsdorf war. Zwiſchen beiden Burgen und dem Wieſeckbach war die Stadt an der Straße, die von Frankfurt und dem Dorf Sel⸗ ters her von Süden nach Norden auf Marburg zu zog, ent⸗ ſtanden. Sie war ebenfalls mit einem Waſſergraben und einer ſtarken Ringmauer, welche auch die alte Burg der Ritter um⸗ ſchloß, umgeben. Reſte dieſer ſtanden noch vor Kurzem zwiſchen dem abgebrochenen alten Stadtwagehaus am Wagegäßchen und dem Rath Schue'ſchen modo Kratziſchen Haus in den Neuen⸗ bäuen, welche die Höhe und Dicke der Ringmauer und ihres Umgangs reſp. der Zinnen ergab. Niedere Stücke derſelben finden ſich noch hier und da in Hofraithen, namentlich ein Stück mit einem halbrunden Wehrthurm in dem Hof des nun verſtorbenen Gemeinderaths Philipp Möhl.“) Dieſe Ringmauer ⁵) Zinsregiſter von 1553. *) Der halbrunde Mauerthurm diente wahrſcheinlich zum Schutz eines daneben befindlichen Pförtchens, durch welches Waſſer an dem den Stadtgraben bildenden Wieſeckbach geholt werden konnte, indem dort noch ein ſchmaler Gang über den inneren Stadtgraben bis in die um dieſen her führende ſpätere Straße, in der Sonne, geblieben iſt. Der Name dieſer Straße erklärt ſich daraus, daß hier außerhalb der — 139— ergibt den urſprünglichen Umfang der Stadt und zeigt, daß ſie ſehr klein war; der jetzige innere Stadtgraben umſchloß dieſelbe von der alten Burg aus bis gegen den Brand und auf der Seite gegen die Neuenbäue und die Straße in der Sonne, zog ſich aber jedenfalls zwiſchen dem gräflichen Schloß und der Stadt durch. Urſprünglich war er von dem Waſſer der Wieſeck ausgefüllt, deren Lauf der Ringmauer vom Schloß bis zur alten Selterſer Pforte folgte, bis ſpäter die große Lahn⸗ mühle gebaut und ein Arm der Lahn von dem Mühlwehr aus um die Ringmauer und das Schloß hergeführt wurde. Die Ringmauer war aber außer an der alten Burg her nicht unmittbar an dieſem Graben, ſondern es befand ſich zwiſchen der Mauer und dem Graben noch ein Raum, der ſpäter mit Oeconomiegebänden der Bürger ausgefüllt wurde, wie denn auch der innere Stadtgraben ſelbſt nach Erbauung der Feſtung überall verſchmälert und vielfach überwölbt und verbaut worden iſt. Ein Wall war augenſcheinlich nirgends, ſondern der Aus⸗ wurf des Grabens ſcheint auf den Raum zwiſchen der Ring— mauer und dem Stadtgraben geworfen worden zu ſein. Die Anlage von Gießen war ganz ähnlich der der Stadt Nidda, die auch in der Mitte des 12. Jahrhunderts im Anſchluß an eine gräfliche Burg mitten im flachen Niddagrund entſtand und nur mit einer Mauer und einem Waſſergraben umgeben war und nur zwei Thore hatte; nur war Gießen noch kleiner als Nidda. Selten iſt dagegen die bei Gießen vorkommende Ein⸗ richtung, daß auf der einen Seite der Stadt die Grafenburg und auf der andern die Ritterburg lag; denn gewöhnlich hatten die Burgmannen ihre Burgſitze im Vorhof der Burg, oder doch im Anſchluß an dieſelbe. Der Lauf der Ringmauer, wie er urſprünglich war, iſt jetzt noch ſchwer zu beſtimmen, weil ſie theilweiſe ſchon zu Ringmauer und des Stadtgrabens die Mittagsſeite vor der Stadt war, die im Gegenſatz zu den engen düſteren Gaſſen innerhalb der Ringmauer ganz in der Sonne lag. — 140— Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts abgeriſſen und die Stadt durch die alte Neuſtadt, vom E. Piſtor'ſchen Haus bis zur Neuſtädter Pforte, erweitert wurde. Von der ſüdlichen Ecke der Burg, welche ſich an dem Graben zwiſchen den E. Piſtor'ſchen Hintergebäuden und dem D. Ebelſchen Burghaus befand, zog ſie dem Stadtgraben nach um die Burg, von da zwiſchen dem Kirchenplatz und dem Stadtgraben, zwiſchen dem Lindenplatz und der Schloßgaſſe und mit Ausſchluß des früher Syndicus Benderſchen, jetzt Hochſtätter'ſchen und des ſonſt Regierungsrath Zimmermann'ſchen, jetzt G. D. Brühl'ſchen Hauſes durch den Garten des letzteren nach dem früher von Schenk'ſchen, nachmals Geheimenrath Langsdorf'ſchen Burg⸗ haus, jetzt ſtädtiſchen Schulhaus, und dem Stadtwagehaus, welche an die Ringmauer angebaut waren, dann nach den Philipp Möhl'ſchen Hintergebäuden und auf der rechten Seite des dortigen Gäßchens an den Hintergebäuden der Häuſer der Mäusburg her bis zu dem J. B. Noll'ſchen Hans zum Ritter, von da dem engen Gäßchen an dieſer Hofraithe nach und urſprünglich wahrſcheinlich auf das E. Piſtor'ſche Haus zu und an dem andern Gäßchen bei dieſem Haus hinab nach dem Stadtgraben. Die ganze Stadt beſtand alſo zur Zeit, wo ſie an Heſſen überging, nur aus dem Markt- und Kirchenplatz, der Schloß⸗ gaſſe bis an das Hochſtädter'ſche Haus, der jetzigen Schulſtraße bis an das Wagegäßchen, der Mäusburg bis an das J. B. Noll'ſche Haus und der Kuhgaſſe bis ans E. Piſtor'ſche Haus; denn erſt gegen Ende des 13. oder zu Anfang des 14. Jahr⸗ hunderts wurde die Neuſtadt bis zur Neuſtädter Pforte ange⸗ hängt, wie auch der Grundriß der Stadt noch deutlich ergibt. Die Straße vor dieſer Pforte iſt vor der Neuſtadt. Die Stadt hatte wahrſcheinlich anfänglich nur zwei Thore, die Selterſer Pforte und die Waldpforte oder Achſtädter Pforte. Das Selterſer Thor wird 1314 urkundlich erwähnt, ¹⁰) Porta ¹1⁰) Senkenberg, ungedr. Schriften, Th. 4, S. 244. 1 — 141— qua itur versus villam Seltirse), das Waldthor erſt ſpäter (1443). ⁴¹⁴) Der Volksmund hat es erſt in neuerer Zeit als Wallthor bezeichnet. Ob in der Richtung nach der Lahn vor dem Ende des 13. Jahrhunderts und ehe hier die Neu⸗ ſtadt entſtanden, bereits ein Thor war, bleibt ungewiß; bei dem geringen Umfang der Stadt und weil es kein großer Um⸗ weg war, von der Furth über die Lahn aus nach dem Sel⸗ terſer oder Waldthor zu fahren, ſcheint es, daß ſich hier anfänglich kein Thor befand, bis nach Erweiterung der Stadt die den älteren Einwohnern noch wohl bekannte Neuſtädter Pforte um 1320 erbaut wurde; die Spitzbogen derſelben und ihre ganze Bauart ſprechen auch für dieſe Zeit ihrer Erbauung. 3 Die Selterſer Pforte, welche ſchon im 16. Jahrhundert abgebrochen worden zu ſein ſcheint, muß an dem J. B. Noll'ſchen Haus zum Ritter geſtanden haben, weil ſich die Ringmauer dahin zog. Als vor einigen Jahren das früher H. Heichelheim'ſche Haus, jetzt ein Bierhaus am Lindenplatz, neu erbaut wurde, kamen hinter demſelben die Fundamente der Ringmauer zum Vorſchein und zwar im Bogen nach der Schloßgaſſe einge⸗ zogen; die ebenfalls ſchon früh verſchwundene Waldpforte ſcheint daher nicht an der Ecke des Kirchenplatzes und des Gaſt⸗ hauſes zum Einhorn, ſondern hinter jenem Haus an dem Gäßchen geſtanden zu haben, welches jetzt noch von der Schloß⸗ gaſſe nach dieſem Haus zu abbiegt. Ueberhaupt war der Kirchenplatz offenbar früher erheblich kleiner als jetzt und die Häuſer, welche jetzt theils vor, theils auf dem überwölbten Stadtgraben ſtehen, müſſen weiter gegen die damalige Kapelle hin geſtanden haben, da überall zwiſchen dem Graben und der Ringmauer noch ein Raum war, der z. B. an der Stelle jenes Heichelheim'ſchen Hauſes durch dieſes verbaut war. Vor den beiden Pforten waren wahrſcheinlich noch Vor⸗ 1¹) Copial⸗Buch Nr. 168. werke bis zum Graben; aber auch jenſeits deſſelben mußte freier Raum für Pfeil⸗ und Armbruſtſchüſſe zur Vertheidigung des Thores bleiben; dieſer Raum blieb ſpäter unverbaut und es entſtanden daraus die freien Plätze, das Kreuz und der Lindenplatz. Der enge Raum der alten Stadt ergibt von ſelbſt einen Rückſchluß auf die geringe Zahl der Bürger. Nach demzsins⸗ regiſter von 1554, waren in der Abtheilung der Stadt:„in der Ringmauer“ ohne die Burggaſſe 84 Häuſer; dieſe Ab⸗ theilung erſtreckte ſich aber auch damals bereits über die Ring— mauer hinaus, indem ſie z. B. die Herberge zum weißen Roß und der Stadt Brauhaus noch umfaßte, welche(jene am Kreuz) beide vor der Ringmauer lagen. Wenn nun auch manche dieſer Häuſer nach dem damaligen Regiſter zwei Eigenthümer hatten, ſo war dies doch jedenfalls zur Zeit der Erbauung der Stadt nicht der Fall und wir können daher unbedenklich an⸗ nehmen, daß Gießen urſprünglich nicht mehr als etwa 80. Bürger ohne die Burgmannen hatte. Der Urſprung von Gießen zu einer Zeit, wo die benach⸗ barten Dörfer Selters, Achſtadt und Kropbach bereits im Beſitz des umgebenden Culturgeländes waren, führt von ſelbſt darauf, daß die Bürger auf die Anrodung des anliegenden Wieſecker, nachmaligen Stadt-⸗Waldes angewieſen waren. ¹²) ¹²) Es war nichts Seltnes, daß zu Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts Burgen an gelegenen Orten zwiſchen den Gemarkungen umliegender Dörfer entſtanden, an die ſich nach und nach Städte an⸗ ſchloſſen, ſo z. B. Burg und Stadt Friedberg, zwiſchen den Gemar⸗ kungen von Ockſtadt und Fauerbach, ſeit 1216 vorkommend. Dort war jedoch keine Gelegenheit zu Waldanrodungen und von den zu fremden Territorien gehärigen Dörfean konnte keines zur Stadt ge⸗ zogen werden, weßhalb Friedberg keine Feldgemarkung(abgeſehen von der getrennt gelegenen, zu Lehn von Solms überkommenen Gemar⸗ kung Nieder⸗Straßheim) beſaß, ſoudern ſein Gelände nur ſo weit reichte, als ſeine Ringgräben.(Dieffenbach, Geſchichte von Friedberg, S. 20.) — 143— Die Stelle, wo Gießen ſelbſt erbant wurde, das Gelände um die gräfliche Burg, die Wieſen bis an das rechte Ufer der Wieſeck, das Gartenfeld, der Hamm, alſo wohl die ganze Fläche zwiſchen der Burg und der Lahn, waren, wie ſchon oben§. 10 bemerkt, dem Grafen zuſtändig und die letzteren Lagen ſind noch bis in das 18. Jahrhundert fürſtliches Eigenthum geblieben; die Wieſen ſind es noch jetzt bis zum alten Wieſeck— bett.¹³) Die Stephansmark gehörte ſchon zu Selters; das Land auf der Nordſeite der Stadt zu Achſtadt. Es blieb alſo den Bürgern beinahe nichts übrig als Wald anzuroden, oder von den Nachbarorten Land zu erwerben. Durch die An⸗ rodungen entſtanden dann wohl zuunächſt die der Gemeinde ver⸗ bliebenen Stadtwieſen auf dem linken Ufer der Wieſeck und die daran liegenden Gärten, jenſeits deren der Wald bis ins 17. Jahrhundert ſtehen blieb, wo die Lage noch jetzt„unter den Eichen“ heißt; als Ackerfeld ſcheint zuerſt das alte Feld auf der ſüdlichen warmen Seite des Nahrungsbergs, zwiſchen dem⸗ ſelben und der Bruchbach, und der Nahrungsberg ſelbſt angebaut worden zu ſein. Nördlich und öſtlich von dieſem erſtreckte ſich der Wald bis herab an die Fläche des Wieſeck⸗ thals und es führte hier der Viehtrieb in denſelben, da die den Bürgern geſtattete Waldweide eine höchſt wichtige Nah⸗ rungsquelle für ſie war, auf welche dieſelben bis in die neuere Zeit das größte Gewicht legten. Für dieſe überlaſſenen Bauplätze und das Gelände um die Stadt, ſowie die bedeutenden Conceſſionen im nahen Wald entrichtete die Stadt aus älteſter Zeit her eine Abgabe an die Landesherrſchaft, die Erbgülte, einen Grundzins, der in früherer Zeit mehr, im 16. Jahrhundert noch 102 Gulden ¹³) Saalbuch Fol. 46, 49, 51. Das Gartenfeld war noch im 17. Jahr⸗ hundert an die Bürger gegen eine gewiſſe Pachtabgabe verliehen, die nach und nach zu einem ſtändigen Grundzins wurde; ebenſo der Hamm. — 144— 9 Tornus 10 Heller betrug.¹*) Dagegen waren die Bürger von Dienſten und Frohnden frei, hatten aber die Pforten und Mauern zu unterhalten und die Stadt zu vertheidigen. An die Stadt, welche die Erbgülte zahlte, entrichteten dieſe Zins von den Häuſern und Hofraithen in der Ringmauer, welcher in der Regel je nach der Größe derſelben 9 oder 5 Heller be⸗ trug, aber auch öfter größer oder geringer war; ſodann hatten ſie eine Beed vom Land, je nach ſeiner Güte und je nachdem es zehntfrei oder zehntbar, eigen oder Lehen oder Pachtland war, verſchieden und von Renten, Gewerbe und Vieh an die Stadt zu geben.*⁵) Die Bürger waren, wie dem deutſchen Stadtrecht ent⸗ ſprach, Freie und daher auch von anderen mit der Leibeigen⸗ ſchaft zuſammenhängenden Abgaben befreit. In der Umgegend dagegen bildete die Leibeigenſchaft, die hier ſchon ſehr früh, z. B. in Kleener Mark ſchon im 8. Jahrhundert vorkommt,*¹) die Regel; namentlich galt ſie auch damals noch in dem erſt ſpäter zur Stadt erhobenen Großenlinden, das an die Erben des Macharius von Linden, Cuno Halber und Conſ. die Beſt⸗ häupter(optimalia capita) zu entrichten hatte.“**) Ausgebreitet zeigen ſich die Leibeigenen nach der Schenkung Adelberts von 1150 (§. 9 oben) in der ganzen Gegend und ſie ſcheinen Gegenſtand einer beſonderen Theilung zwiſchen den Beſitzern von Gleiberg und Kleberg geweſen zu ſein. Die Hörigen, auch hier zum Theil Laſſen(Lazzi) genannt, waren im Beſitz der Huben⸗ güter, der Laßhuben,s) die in der Grafſchaft Schlitz bis zum heutigen Tag noch als Laßgüter vorkommen. ¹4) Saalbuch der Stadt und des Amts Gießen, Fol. 48. ¹⁵) Zinsregiſter vom Jahr 1553 und ff. 16) Cod. Lauresham. T. 3, Nr. 3097, 3098. ¹7) Copial⸗Buch Nr. 45. Kindlinger, Geſchichte der deutſchen Hörigkeit, S. 357, Nr. 60. ¹18) Cod. Lauresham. T. 3, p. 195. Regierung, Verfaſſung, Gerichtsbarkeit, Wappen. Die Territorial⸗Herrn von Gießen, die Pfalzgrafen von Tübingen, waren meiſt fern von der Stadt und der dazu ge⸗ hörigen Herrſchaft auf ihren Stammbeſitzungen in Schwaben. Nur Graf Wilhelm ſcheint ſich zeitweiſe dort länger aufgehalten zu haben, weßhalb er auch häufig den Namen eines Grafen von Gießen führt; allein, daß er doch meiſt nur vorübergehend dort verweilte, zeigt ſchon, daß er bei Ausſtellung der wenigen zu Gießen ausgeſtellten oder dortige Verhältniſſe betreffenden Urkunden von ſchwäbiſchen Miniſterialen begleitet erſcheint, die als Zeugen dabei fungiren, da dieſe doch nicht ſtändig in Gießen zu Haus waren(ſ.§. 18). Dieſe regelmäßige Abweſenheit der Landesherrſchaft war auf der einen Seite nicht von Vor⸗ theil für die Stadt, indem eine Hofhaltung daſelbſt ihre Hebung und Blüthe befördert haben würde; auf der anderen gab ſie aber der Bürgerſchaft Gelegenheit, ſich auf der von den Gleibergern gelegten Grundlage durch eigene Kraft in freier Richtung fort zu entwickeln, die Rechte der Bürger in Wald und Feld auszudehnen und zu befeſtigen und ſich Frei⸗ heiten zu erwerben und zu ſichern. Es war dies ohnehin jene Zeit der freudigen Entwicklung eines kräftigen Bürgerthums, begünſtigt durch die Unſicherheit der Zuſtände während des Interregnums, in welcher ſo Viele in den Mauern der Städte Schutz ſuchten, ſo daß die Räume derſelben bald zu eng wurden und Vorſtädte entſtanden. Die Verſuche, einen dauernden Landfrieden zu ſtiften und zu erhalten, gingen vorzugsweiſe damals von den rheiniſchen Städten aus. Gießen ſcheint noch zu unbedeutend geweſen zu ſein, um dazu zugezogen zu werden, wie die benachbarten Städte Wetzlar, Marburg und Grünberg (1255). Indeß umfaßte das Gebiet des Landfriedens auch nach ſeiner ſpäteren, auf Grund der alten Beſtimmung be— 10 — 146— ruhenden Erneuerung, in welcher Heſſen nicht einbegriffen war, die Gegend von Gießen. ¹) Der Vertreter des Grafen in der Herrſchaft war, wie ge⸗ wöhnlich, der Amtmann(officialis oder officiatus), der als Statthalter die Burgmannſchaft zu befehligen, die Vertheidigung von Burg und Stadt zu leiten und überhaupt alle militäriſche Angelegenheiten zu beſorgen hatte; auch hatte er die Gefälle der Landesherrſchaft zu erheben.*) Die Entfernung des Pfalzgrafen von Gießen machte einen ſolchen Statthalter nothwendig und daß er ſchon unter dieſen vorhanden war, dafür ſpricht neben ſeiner Erwähnung in Urkunden das, daß die Stelle unter den Landgrafen von Heſſen beibehalten wurde, die bis in die neueſte Zeit ihren Amtmann, der auch oft als Commandant der Burg⸗ mannſchaft Hauptmann genannt wird, in Gießen hatten.*) Verſchieden von dem Amtmann(officiatus) iſt der Schul⸗ theiß(scultetus), der von der Herrſchaft ernannte Vorſteher des Schöffengerichts, indem derſelbe neben dem Amtmann er⸗ wähnt wird.“) In den Urkunden wird der Schultheiß von ¹) Die Grenze deſſelben lief nach dem Landfrieden von 1359 vom Weſter⸗ wald über Wallenfels und Gladenbach der Salzböde nach, bei der Steinmühle vor Odenhauſen über die Lahn, über die Straße(von Frankfurt nach Frankenberg) nach Rödchen und Merlau und von da über den Vogelsberg.(Kremer, Geſch. des rhein. Franziens, S. 61.) In der Urkunde Pfalzgraf Ulrich's de dato Gießen, den 17. November 1263(Nr. 24 des Urk.⸗B.), worin derſelbe dem Philipp von Falken⸗ ſtein die Holzberechtigung für ſeinen Hof zu Eberſtadt abgabenfrei macht, ſagt der Pfalzgraf, daß dieſer Hof dafür 1 Malter Hafer ec. nobis vel nostris officialibus zu entrichten gehabt habe. Erſt ſeit dem 16. Jahrhundert iſt die Stelle eines Rentmeiſters von der des Amtmanns getrennt. Vergl. z. B. die Beſtallung des Amtmanns Volpert von Schwalbach von 1389. Copialbuch Nr. 142. ¹) In der weiteren Urkunde von 1263(Nr. 25 des Urk.⸗B.) ſichert Pfalzgraf Ulrich dem Kloſter Arnsburg zu, daß weder ſein Amtmann noch ſein Schultheiß es an dem Bezug des Holzes hindern ſoll: (ne aliquis officiatus noster vel scultetus praedictam eccle- siam audeat perturbare). In Alsfeld heißt auch oft der Schultheiß officiatus.(Soldan, Geſch. von Alsfeld, S. 19.) 2 — ₰ — Gießen gewöhnlich nicht als villicus, ſondern beinahe ſtets als scul- tetus bezeichnet,⁰) was dafür ſpricht, daß ſich Gießen gleich als Stadt entwickelt hat; denn die Schultheißen auf den Dörfern werden regelmäßig villicus genannt.*) Ein advocatus kommt in Gießen nicht vor, was ſich daraus erklärt, daß keine Kirche oder Stiftung, die eines Vogts bedurfte, in Gießen war.*) Die Func⸗ tionen des Schultheißen waren in Gießen dieſelben, wie in allen fränkiſchen Städten; er hatte auf die Wahrung der Rechte des Landesherrn in der Stadt zu ſehen; er hegte in ſeinem Namen das Gericht, deſſen Beiſitzer die Schöffen waren, wie überall in Deutſchland.*) Die Verwaltung der ſtädtiſchen An⸗ gelegenheiten kam den Schöffen allein zu und der Schultheiß hatte nur darauf zu ſehen, daß dadurch die landesherrlichen Rechte nicht beeinträchtigt wurden. Der Amtmann dagegen hatte dieſe Rechte im ganzen Bezirk der Grafſchaft zu üben und zu handhaben.*) Wenn eine Stadt durch Niederlaſſung um eine Burg ent⸗ ſtanden war, nahmen gewöhnlich die Burgmannen neben ⁵) Vergl. Urk.⸗Buch Nr. 16, 17, 18, 21, 26 und die ſpäteren. 6) Villicus entſpricht der villa; da in der Regel jede villa einen villi- cus hatte und die Bedeutung dieſelbe war, ſo wurden auch Stadt⸗ ſchultheißen villici genannt. Wenn in anderen Orten der Schultheiß anfänglich villicus und ſpäter scultetus bezeichnet wird, ſo deutet dies dahin, daß dieſelben anfänglich nur Dorf waren, z. B. Alsfeld (Soldan, Geſch. von Alsfeld, S. 19). ²) Daß der Schultheiß auch advocatus genannt worden ſei, wie Soldan a. a. O. glaubt, muß man bezweifeln; in Alsfeld war ſchon früh eine Kirche, die einen beſonderen Vogt gehabt haben kann, dem dann auch manchmal landesherrliche Functionen bezüglich der Stadt über⸗ tragen geweſen ſein können. Die Gerichtsbücher des Schöffengerichts Gießen ſind vom Jahr 1461 meiſt noch vorhanden und beſtätigen dies, wie denn auch der Schult⸗ heiß in allen Urkunden des geſammten Schöffengerichts vorkommt. Deshalb hatte auch der Amtmann die Gefälle, welche für Verab⸗ folgung von Holz aus dem Wieſecker Wald entrichtet wurden, zu er⸗ heben. 8) 0 — 10* 148 den bürgerlichen Schöffen an dem Stadt⸗Regiment Theil; ⁴⁰) in Gießen war dies um ſo mehr der Fall, als die Burgmann⸗ ſchaft nicht in dem Schloß der Herrſchaft wohnte, ſondern ſchon in ſehr früher Zeit ihre Sitze in der Stadt, wenn auch in einer beſonderen, als Burg bezeichneten Abtheilung derſelben, hatte. Sie gehörten zu den burgenses und genoſſen die Rechte der Bürger in Wald und Feld und zu dieſen gehörte auch vorzugsweiſe die Mitwirkung zur Verwaltung der ſtädtiſchen Angelegenheiten. Der Unterſchied von den nicht zur Burg⸗ mannſchaft gehörigen Bürgern war nur, daß die Burgmannen ſämmtlich zum Schöffengericht gehörten, die übrigen Bürger durch eine beſtimmte Anzahl Schöffen repräſentirt wurden. Deßhalb finden wir ſchon in den erſten Urkunden, welche uns von den durch dieſes Gericht errichteten behalten ſind, die Burgmannen neben dem Schultheiß und den Schöffen. Die älteſte bekannte Urkunde, die vom Schöffengericht zu Gießen ausgeſtellt iſt, iſt von 1248,¹¹) ein Verzicht Ludwigs von Rod⸗ ¹1⁰) Auch in Grünberg(Glaſer a. a. O., S. 39) und in Alsfeld(Soldan a. a. O., S. 28. 29), wie überhaupt in Heſſen(Kopp, heſſ. Gerichts⸗ verfaſſung§. 246, 253). Daß keine ältere Urkunde dieſer Art mehr vorkommt, iſt kein Beweis, daß Gießen nicht lange vorher ſchon eine Stadt war, ein Schöffen⸗ gericht beſaß und auch Urkunden ausſtellte, da es nur vom Zufall abhing, ob dieſelben in einem Kloſterarchiv oder ſonſt an einem ſicheren Ort aufbewahrt wurden. Im Arnsburger Archiv hat ſich die älteſte unter dem Siegel der Stadt Grünberg ausgeſtellte Urkunde aus dem Jahr 1222 erhalten.(Glaſer a. a. O., S. 175.) Die älteſte bekannte von Alsfeld iſt erſt von 1259, obwohl in jener Grünberger Urkunde ſchon 1222 ein Sifridus scabinus de Adelsfelt vorkommt.(Soldan a. a. O., S. 5.) Uebrigens wurden auch viele und wohl die wich⸗ tigſten Geſchäfte, wie wir beiſpielsweiſe geſehen haben, von den Pfalz⸗ grafen ſelbſt bei ihrer Anweſenheit in Gießen beurkundet. So kommt die erſte Arnsburger Urkunde, welche Schultheiß und Schöffen von Münzenberg ausſtellen, erſt 1262, nach dem Ausſterben der Herrn von Münzenberg, vor, weil bis dahin die Urkunden meiſtens von dieſen ſelbſt errichtet wurden, obgleich dieſelben wenigſtens ſchon 1232 einen Schultheiß daſelbſt haben.(Vergl. Baur, Arnsburger Urk.⸗B. Nr. 19. und 94.) 11 — — 149— heim und ſeiner Gemahlin Binhildis zu Gunſten des Kloſters Arnsburg auf ihre Rechte an Gütern zu Steinbach; ſie iſt errichtet von Konrad dem Schultheiß, den Schöffen und allen Bürgern von Gießen(Cunradus scultetus, scabini et burgenses universi in Gizen); als Zeugen aber erſcheinen Siegfried von Hattenrod mit ſeinem Sohn Werner, Walther Schlaun, Ernſt und Werner von Rodheim, Johannes von Leihgeſtern und Eck⸗ hard von Lützellinden, Ritter, die uns wenigſtens meiſtens aus andern Urkunden als Burgmannen von Gießen bekannt werden, und weiter 5 Schöffen, Menges(Meigotus), Wigand, Eckhard, Rubert und Heinrich.¹*²*) Ein Kaufbrief Ritter Adolphs von Heuchelheim und ſeiner Gemahlin Kunigunde, wodurch derſelbe am 3. Februar 1250 dem Kloſter Altenburg bei Wetzlar 33 Morgen Ackerland und eine Wieſe von ſeinem mit ſeinem Schwager Ritter Bernhelm getheilten väterlichen Gut in Heuchelheim verkauft und Ernſt von Rodheim und Johann von Leihgeſtern zu Bürgen ſtellt, iſt ausgeſtellt unter dem Siegel der Stadt Wetzlar und der Burgmänner ¹³) von Gießen (Sigillo civitatis Wetflar. et sigillo castellanorum de Gizen); es ſind aber als Zeugen nicht blos Ritter, ſondern auch Schultheiß und Schöffen, nämlich Konrad von Mörle, Inge⸗ brand von Werdorf, Ernſt von Rodheim, Johann von Leih⸗ geſtern, Bernhelm Pancuche, und Gernand von Schwalbach, ſodann Rupert, Eckhard der Münzer(Monetarius), Berthold Zering, Sifrid in Schranken(Sifrido in Sranckene), Heinrich der Förſter(Forestarius), Heinrich von Wieſeck, Gozzo von Linden, Gottfried, Sohn Gottfrieds von Linden und Anſelm als Schultheiß, Ritter und Schöffen von Gießen, neben den Schöffen und Bürgern von Wetzlar aufgeführt. ¹⁴) Hier zeigen ſich alſo außer den Burgmannen ein Schultheiß mit 8 bürger⸗ ¹²) Baur, Arnsburger Urk.⸗Buch Nr. 54, S. 38. Urk.⸗Buch Nr. 16. ¹1s) Das Siegel der Burgmänner(castellani) iſt das der Bürger(bur⸗ genses) und es ergibt ſich hieraus die gleiche Bedeutung beider. ¹⁴) Urk.⸗Buch Nr. 17. Gudenus Cod. Dipl. T. 2, Nr. 66. 150 lichen Schöffen. Dieſe Zahl wird in jener Zeit nicht über⸗ ſchritten.¹*) In einer dritten Urkunde von 1255 beſtätigt Ritter Bernhelm von Heuchelheim mit ſeiner Gattin Eliſabeth dem Kloſter Altenburg eine früher ſchon vollzogene Schenkung ihrer Güter in Heuchelheim, gegen eine Rente von 12 Malter Waizen, 12 Malter Korn und ein Malter Erbſen und es er⸗ ſcheinen dabei außer dem Grafen Reimbold von Solms und den Burgmännern von Kalsmunt, ſowie den beiden Cent⸗ grafen über Heuchelheim und dortigen Dorfbewohnern, die Burgmannen(castellani) von Gießen(Giezzin) Ritter Adolph von Heuchelheim, Ritter Macharinus von Linden, Johannes, Kraft, Gernand, Eckhard, Werner, Dietrich genannt von Heu⸗ chelheim und Walther, ſodann der Schultheiß Aunſelm und die Schöffen Heinrich vom Schraukern, Heinrich gen. der Schmied (dictus Faber) und Ludwig. Das Siegel der Stadt wird auch hier als Sigillum Castellanorum de Gitzin bezeichnet. ¹⁶) Nicht immer concurriren die Schöffen zu jener Zeit mit den Burgmannen nund dem Schultheiß; es wurden auch Urkunden nur von dieſen allein ausgefertigt, z. B. die, wodurch Macha⸗ rius und Gottfried von Linden, Söhne des Ritter Macharius v. L., 1260 ihrem Bruder Johannes, Canonicus des Stifts Wetzlar, der ihnen ſeinen Antheil Güter in Linden überlaſſen mußte, dagegen ihre Güter in Hochelheim(Habechinheym) überlaſſen, bei deren Errichtung zugezogen waren Gerlach und Johannes, Ritter, gen. von Linden, Gernand von Schwalbach, Adolph von Heuchelheim, Werner von Hattenrod, Johannes Münch, Gottfried von Linden, Eckhard und Sigenand von Buſeck, Burgmannen(Castrenses) in Gießen(Giezen), Jo⸗ hannes Schultheiß von Gießen und Anſelm, ſein Vater.¹*) ¹⁵) In Wetzlar waren ſchon 1233 der Schöffen 12; ſ. Kaufbrief Hart⸗ rads von Merenberg mit dem Kloſter Arnsburg über Güter zu Holz⸗ heim in Wenck a. a. O., Bd. 2, Beil. Nr. 112. 16) Urk.⸗Buch Nr. 18. Gudenus l. c. T. 2, p. 118. ¹7) Urk.⸗Buch Nr. 21. Gudenus C. D. T. 2, p. 137. 151— Gewöhnlich aber werden dieſelben von Schultheiß, Schöffen und ganzer Stadt(Scultetus, scabini et universitas civitatis) unter Anführung einzelner Burgmannen, ¹s) oder von Schul⸗ theiß, Burgmannen, Schöffen und Bürger zu Gießen ¹²⁸⁹) aus⸗ geſtellt. Manche Urkunden werden von Burgmannen oder Schul⸗ theiß und Schöffen mehrerer Städte zugleich ausgeſtellt, oder doch mit dem Stadtſiegel mehrerer beſiegelt, namentlich von Gießen und Wetzlar, und Gießen und Grünberg, z. B. eine vom 1. December 1257, in welcher Ritter Johannes von Buſeck, Diemars Sohn, dem Kloſter Schiffenberg ſeine ſtreitig gewordene Waldung, das Denholz bei Meilbach, gegen des Kloſters Güter zu Oppenrod vergleichsweiſe abtritt, in welcher der Grünberger Schultheiß Johannes(Güldner) allein mit ſeinem Bruder Menges als Zeuge angeführt, aber doch das Gießener Stadtſiegel angehängt wird.²*) Es ſind dies meiſt ſolche Rechtsgeſchäfte, bei welchen Ritter oder Bürger oder doch Schutzverwandte beider Städte oder verſchiedener Herr⸗ ſchaften betheiligt ſind.— Auch wenn Urkunden über in der Gegend von Gießen gelegene Objecte von anderen Schöffenge⸗ richten, wo die Verträge geſchloſſen wurden, errichtet werden, wurden häufig Burgmannen von Gießen zugezogen, z. B. bei der Vertauſchung des dem Kloſter Altenburg gehörigen, von Dietrich von Heuchelheim erworbenen Hofes gegen den des Kloſters Arnsburg daſelbſt im Jahr 1245, wo von Gießen (Gyzzin) beiwohnten Sifrid von Hattenrod, ſein Sohn Werner und Engebrand von Werdorf. ²¹) Die uns gebliebenen Urkunden können uns in der Regel das Schöffengericht nur als den Inhaber der freiwilligen Ge⸗ 18) z. B. Urk.⸗Buch Nr. 26. Baur, heſſ. Urk.⸗Buch Nr. 126. ¹19) z. B. Urk.⸗Buch Nr. 21. Baur, Arnsburger Urk.⸗Buch, Nachtrag Nr. 1216, S. 729. ²⁰) Urk.⸗Buch Nr. 19. Baur, heſſ. Urk.⸗Buch Nr. 113. ²1) Urk.⸗Buch Nr. 14. Gudenus l. c. T. 2, p. 84. 152— richtsbarkeit vorführen; ſeine eigentlich richterliche Thätigkeit in ſtreitigen Rechtsſachen zeigt ſich ſeltner, weil darüber weniger Urkunden ausgefertigt wurden. Wir beſitzen jedoch auch noch einen Scheidbrief über Streitigkeiten zwiſchen dem Mönchs⸗ kloſter Schiffenberg und dem Nonnenkloſter Celle am Fuß von Schiffenberg vom Jahr 1264, welcher uns das Stadtgericht zu Gießen in ſeiner damaligen umfangreichen richterlichen Func⸗ tion zeigt. Neben dem Mönchskloſter Schiffenberg war, wie oben erwähnt, das Nonnenkloſter Celle entſtanden; beide bildeten aber im 12. und 13. Jahrhundert eine Corporation mit ge⸗ meinſchaftlichem Vermögen. Die Verwaltung führte Propſt und Convent des Mönchskloſters. Dieſe geiſtlichen Herrn ſcheinen aber keine guten Haushalter geweſen zu ſein; ſie machten große Schulden und die Nonnen kamen zu kurz. Deß⸗ halb erſchienen auf Margarethentag 1264 vor Schultheiß, Schöffen und den Burgmannen Macharius von Linden, Adolph von Heuchelheim und Walther gen. Schlaun(Sluno), Rittern, zu Gießen in der Gerichtsſitzung(nostre presencie in audiencia) Propſt und Convent ſowohl der Herrn als der Nonnen von Schiffenberg und beklagten ſich letztere, daß ſie mit jenen nicht in Gemeinſchaft der Einkünfte leben könnten, ſondern jede Nonne von dem, was ihre Freunde ihr zukommen ließen, oder ihrer Hände Arbeit ſich ernähren müßte, weil die Mönche ihren Unterhalt aller Ermahnungen ungeachtet ver⸗ nachläſſigten. Darum und wegen vieler anderen Beſchwerden vermittelte das Gericht die Streitigkeit dahin, daß das Mönchs⸗ und Nonnenkloſter die einzelnen Güter, Höfe, Huben, Wein⸗ berge und anderes bewegliche und unbewegliche Vermögen theilen, dieſelben die verkauften Gefälle, die mit dem Tode der Käufer zurückfielen, einlöſen und gleich vertheilen, ebenſo beide die Schulden zu gleichen Theilen bezahlen ſollten.¹²²) Dieſe ²²) Urk.⸗Buch Nr. 26. Baur, heſſ. Urk.⸗Buch Nr. 126. — N8 Theilung wurde ſpäter im Jahr 1273 von Erzbiſchof Heinrich von Trier beſtätigt ²³) und da einige Waldungen gemeinſchaft⸗ lich geblieben waren, wurde nachträglich im Jahr 1376 auch noch deren Theilung vorgenommen. ²*) Es iſt aus dieſer Urkunde auch darauf zu ſchließen, daß ſich die Gerichtsbarkeit des Schöffengerichts zu Gießen nicht auf die Stadt beſchränkte, ſondern die ganze Herrſchaft, ſoweit ſie nicht ihre beſonderen Gerichte hatte, wie der Hüttenberg, das gemeine Land an der Lahn und das Steinbacher Gericht, umfaßte und daß namentlich das im Wieſecker Wald gegründete Kloſter Schiffenberg darunter ſtand, wie ſich auch ſchon daraus beſtätigt, daß damals das Kloſter ſeine Verträge von der Stadt beſiegeln ließ, z. B. den mit Johannes von Buſeck über den Wald bei Meilbach von 1257(Urk.⸗Buch Nr. 19). Es erklärt ſich dies auch natürlich daraus, daß nach dem Ver⸗ ſchwinden der Gaugerichte die Gerichtsbarkeit der Grafen auf die einzelnen Schöffengerichte überging, da die Grafen, abge⸗ ſehen von Lehnsſtreitigkeiten, nach dem Geiſte der fränkiſchen Rechte dieſelbe nicht perſönlich auszuüben hatten, daher denn auch die Schöffen von Gießen an der Stelle des von dem ohnehin meiſt nicht dort anweſenden Grafen nur zu präſi⸗ direnden Gaugerichts traten. Die nicht zu andern Gerichten gehörigen Orte waren außer der Stadt Wieſeck, Selters, Achſtadt, Diedelshauſen, Altenſtruth, Weigandshauſen und Eckertshauſen, Großlinden, Kleinlinden und Rechtenbach. Nach⸗ dem von dem Bezirk der Graſfſchaft Gießen, ſoweit ſie keine eigenen Gerichte hatte, noch Großenlinden dadurch, daß es durch Vertrag von 1396 mit dem Nachfolger der Herrn von Merenberg, dem Grafen von Naſſau, gemeinſchaftlich wurde, aus dem Gerichtsſprengel ausgeſchieden war,²*) Kleinlinden 23) Baur a. a. O. Nr. 139. 24) Entdeckter Ungrund, Beil. Nr. 200. 2⁵) Auch nach dieſer Zeit und bis ins 17. Jahrhundert betrachtete das 154 aber ein eigenes Centgericht beſaß und die Dörfer der Alten⸗ ſtruth ausgegangen waren, reducirte ſich die Gerichtsbarkeit des Schöffengerichts zu Gießen außerhalb der Gemarkung der Stadt, mit welcher die Dörfer Selters und Achſtadt und in der Altenſtruth vereinigt waren(Kropbach gehörte wohl urſprüng⸗ lich zum gemeinen Land an der Lahn), auf die Orte Wieſeck und Klein⸗Rechtenbach, welche denn auch auf jedem unge⸗ botenen Ding erſcheinen und bei dem Schöffengericht zu Gießen Recht nehmen mußten, bis Klein⸗Rechtenbach an Naſſau abge⸗ treten(1703) reſp. bis das Stadtgericht aufgelöſt wurde. ²) Das Kloſter Schiffenberg lag aber in dem Wieſecker Wald, welcher ebenſo wie Wieſeck ſelbſt der Gerichtsbarkeit des Schöffenſtuhls zu Gießen unterworfen war und hatte daher in weltlichen Dingen um ſo mehr dort Recht zu nehmen, als der Pfalzgraf von Tübingen auch Vogt deſſelben war. Nach dem Uebergang von Schiffenberg an den deutſchen Orden, welcher ſeine Exemtion von den Territorialgerichten behauptete, fiel dies allerdings weg. Daß ſich die Gerichtsbarkeit auch auf peinliche Fälle er⸗ ſtreckte, iſt nicht zu bezweifeln, da ein höheres Gericht in der Grafſchaft nicht beſtand. Beweiſe dafür ſind aber aus jener Zeit nicht zu erwarten; die Schöffen von Gießen nahmen aber noch im 17. Jahrhundert an dem peinlichen Gericht Theil. Die Urkunden wurden zn jener Zeit noch alle lateiniſch ausgefertigt; wie barbariſch aber die Latein des Schöffenge⸗ richts zu Gießen war, zeigt ſich mehrfach, z. B. in jenem Scheidbrief zwiſchen dem oberen und unteren Kloſter Schiffen⸗ berg(Urk.⸗Buch Nr. 26). Von einem Bürgermeiſter(Consul) als Vorſteher der Schöffen findet ſich in jener Zeit noch nichts; er kommt erſt in ſpäteren Urkunden vor; man findet einen ſolchen aber auch Gericht zu Großlinden den Schöffenſtuhl zu Gießen als ſeinen Ober⸗ hof und holte von demſelben Rechtsbelehrung ein. ²⁶) Siehe die Gerichtsbücher der Stadt Gießen von 1476 bis 1706. — 155— in den Urkunden anderer, ſelbſt der freien Reichsſtädte, jener Zeit noch nicht. Daß die Schöffen auch ſchon damals, wie ſpäter, einzelne ſtädtiſche Aemter führten, ergibt ſich aus der Bezeichnung einiger derſelben danach, als forestarius, monetarius.²*) Bis in die neueſte Zeit führte einer das Waldmärker⸗Amt. Die Schöffen ſcheinen in Gießen im Gegenſatz zu den Castrenses gewöhnlich, wenigſtens in ihrer Mehrzahl, nur aus dem Bürgerſtand geweſen zu ſein, wie ihre Namen und die häufig beigefügten von ihrem Gewerbe hergenommenen Bei⸗ namen ergeben; wenn manche auch nach einem Ort benannt werden, z. B. von Linden, ſo beweiſt dies an und für ſich noch keineswegs ihr adliches Herkommen, da in jener Zeit auch die Bürger ſich häufig nach ihrem Geburtsort nennen. So finden wir auch in andern Städten Bürger, die von Gießen genannt werden.²⁸) Auch die Schultheißen ſcheinen regelmäßig nur Bürger geweſen zu ſein, da ſich Namen bekannter adlicher Geſchlechter ſelten oder nicht unter ihnen befinden. Aus der Pfalzgräflichen Zeit ſind nur die drei lediglich mit Vornamen genannten, Konrad, Anſelm und Johannes, des vorigen Sohn, bekannt. Der erſte heſſiſche Schultheiß war aus einem adlichen Geſchlecht. Ob Anſelm und Johannes nicht zur Familie von Linden gehörte, iſt zweifelhaft. Johannes, der geweſene Schul⸗ theiß von Gießen(Johannes quondam sculthetus de Giezen) beſaß 1281 ſchon 20 Jahre lang in Gemeinſchaft mit Gerlach gen. Kopf(caput) von Linden den Fronhof in Linden und eine dazu gehörige Hube(curia und mansus), den aber das Kloſter Alten⸗ münſter zu Mainz(monasterium veteris celle) denſelben abſtritt und bei den Delegirten des Trierer Officialats ein ſie zur Heraus⸗ gabe condemnirendes Urtheil(v. 10. Septbr. 1281) erwirkte. ²¹) ²7) Urk.⸗Buch Nr. 17 von 1250. ²s) z. B. Rulo(Rühl) von Gießen, Metzger(carnifex) zu Wetzlar 1295. Gudenus l. c. T. II. p. 287. 25) Baur, heſſ. Urk.⸗Buch, Bd. 5, Nr. 112. — 156 Dieſes Kloſter hatte auch ein beſonderes Gericht(Hubengericht) in Großenlinden, das den Namen Inmehabe(wahrſcheinlich im Hof) führte.²o) Ob aber die unrechtmäßigen Beſitzer des Kloſterguts zu der Familie von Linden gehörten, von der nirgends conſtirt, daß ein Zweig den Beinamen caput geführt habe und in der auch kein Anſelm vorkommt, bleibt ungewiß. Die Schultheißen und Schöffen hatten ihr Amt nicht lebenslang, wie ſich aus dem Wechſel derſelben in den Urkunden ergibt. Im Jahr 1248 war Konrad,*¹) in 1250 und 1255 Anſelm,“¹) in 1260 und 1265 deſſen Sohn Johannes,³) ob⸗ gleich deſſen Vater Anſelm wenigſtens in 1260 noch lebte, Schultheiß. Von den 5 Schöffen, welche 1248 urkundlich er⸗ ſcheinen, ſind 1250 höchſtens 3 deſſelben Namens noch in dem aus 8 Perſonen beſtehenden Schöffenrath; in 1255 ſind wieder 3 Schöffen urkundlich genannt, deren Namen auf keinen dieſer 8 paſſen. Dagegen ſcheinen die Nachfolger häufig Verwandte früherer zu ſein; dem Schultheiß Anſelm folgt ſein Sohn Jo⸗ hannes: in 1150 tritt ein Sigfrid in Sranckene, in 1255 Heinrich de Schrankere als Schöffe auf. Später kommt es noch häufiger vor, daß Vater und Sohn gleichzeitig oder nach einander das Schöffenamt führen. Es wird daher wahrſcheinlich, daß auch in Gießen wie in anderen fränkiſchen Städten**) der Schöffenrath ſich ſelbſt durch Cooptation ergänzte und daß dabei häufig auf Verwandtſchaft Rückſicht genommen wurde, wodurch die Bildung eines bürgerlichen Patriciats, das ſich vorzugsweiſe im Beſitz des Stadtregiments zu halten ſuchte, begünſtigt wurde. ³⁰) Daſelbſt Nr. 242. Propſt Eckhard von Schiffenberg überläßt 1316 an Conrad Drubeler von Leihgeſtern Grundſtücke gegen Zins, von dem ein Theil jährlich bei dieſem Gericht ans Kloſter Altenmünſter zu liefern war. 31) Urk.⸗Buch Nr. 16. ³²) Daſ. Nr. 17 und 18. 33) Daſ. Nr. 21 und 27. ²4) Soldan a. a. O., S. 20. Grünberger Urkunde von 1305 im Archiv f. heſſ. Geſch., Bd. 3, Heft 1, Nr. III. —— ————OHO—;; 157— Die Stadt Gießen genoß wie die ganze Gegend fränkiſches Recht, wenn es ihr auch nicht wie den Bürgern von Grün⸗ berg durch beſonderes Privileg garantirt war. Alle Einrich⸗ tuugen waren denen der heſſiſchen Städte entſprechend; auch geht es aus der ehelichen Gütergemeinſchaft hervor, die ſich dadurch ſchon kund gibt, daß keine Dispoſition über Ver⸗ mögensſtücke irgend einer Art vorkommt ohne Zuziehung der Ehefrau. Die Verjährung von Immobilien lief nur ein Jahr und ſo lang wurde daher für Eviction Währſchaft geleiſtet. ¹*) Gießen hatte anfänglich noch kein Rathhaus, ſondern die Sitzungen des Schöffengerichts wurden wie damals in den meiſten Städten gewöhnlich auf dem Kirchhof gehalten,¹⁰⁶) wo deshalb meiſt zwiſchen den Pfeilern der Kirche ein Schoppen angebracht war.“*) Gewöhnlich war deshalb auch auf dem Kirchhof ein Baum, namentlich eine Linde gepflanzt, unter deren Schutz die Schöffen beriethen, oder doch die Bürger ſich verſammelten. ²⁸) Eine ſolche Gerichtslinde ſtand häufig auch vor dem Thor, wo mehr Raum für größere Verſammlungen der Bürger war, z. B. in Gleiberg, Grüningen ꝛc., und auch in Gießen war dies wohl der Fall, wo ſie vor dem Waldthor ſtand und dem Lindenplatz den Namen gegeben hat. Das Siegel der Stadt Gießen entſpricht der damaligen Bedeutung des Schöffengerichts, welches die dem Grafen ſelbſt 35) Urk.⸗Buch Nr. 17. 36) Urk.⸗Buch Nr. 16. In dieſer älteſten vom Schöffengericht zu Gießen vorhandenen Urkunde von 1248 heißt es: renunciaverunt nobis praesentibus ante capellam nostram in Gizen. So war es auch in Alsfeld(Schmidt a. a. O., Bd. 2, S. 432), Münzenberg, Fried⸗ berg(Arnsb. Urk. Nr. 39, 40, 53). ³7) sub tugurio, wie in Wetzlar(v. Ulmenſtein, Geſchichte v. Wetzlar, Th. 1, S. 316). So wurde in Dortmund das Vehmgericht unter der Gerichtslinde auf dem Stadtwall gehalten; ebenſo das freie Gericht zu Kaichen ꝛc., in den rheiniſchen Orten war der Gerichtsſitz meiſt auf der Straße unter einem Baum, oft beim Kirchhof.(Baur, heſſ. Urk.⸗Buch Bd. 5, Nr. 266, 330, 351, 409.) 158— zuſtehende Gerichtsbarkeit ausübte; es enthält darum den Pfalz⸗ grafen zu Roß mit des Reichs Sturmfahne, in dieſer iſt ein Andreaskrenz zu ſehen und auf dem Schild des Ritters das pfalzgräfliche Wappen, eine Fahne ohne Stange von 3 un⸗ gleichen Lappen mit 3 Ringen, zu erkennen, und unter dem Pferde bemerkt man eine heraldiſche Lilie.**) Die Umſchrift iſt nirgends mehr zu leſen. Das Kreuz ſcheint das bisher unbe⸗ kannte Wappen der Grafen von Gleiberg zu bedeuten, das auch die Herrn von Merenberg neben mehreren Kleeblättern oder kleinen Kreuzchen in ihrem Wappen fortführten,““) und die Lilie ſich ſpeciell auf Gießen zu beziehen. Wenigſtens findet man Kreuz und Lilie nur in den Siegeln der Söhne und des Enkels Pfalzgraf Rudolphs I., ſo lang ſie Gießen be⸗ ſaſſen. Eine gezackte Fahne ohne Stange und die Lilie waren auch im Wappen einer der älteſten Gießener Burgmannen⸗ Geſchlechter, der von Heuchelheim,“*) und die Andreaskreuze finden ſich in dem der von Linden vom Machariusſtamm, und die dem Tübinger Wappen ähnliche Fahnen mit 2 Lappen im Wappen der von Wieſeck, und ſpricht dies für einen Zu⸗ ſammenhang dieſer Wappenzeichen mit dem der Beſitzer von Gleiberg und Gießen zur Zeit der Anfertigung des Siegels. Die Farben des Wappens der Stadt waren damals grün und roth, wie die Schnüre zeigen, an welchen die Siegel derſelben anhängen. ¹²) ³9) Siehe die Abbildung im Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 3, Heft 2, Nr. XI., S. 30, Fig. 14; und bei Fürſt Hohenlohe⸗Waldenburg, über die Siegel der Pfalzgrafen von Tübingen(Stuttgart 1862), Tafel 2, Nr. 5a. Das Stadtſiegel war ganz dem des Grafen Wilhelm nachgebildet. 4⁰) Wenck, heſſ. Geſch., Th. 3, S. 317. Die Farben der Merenberger waren gold und grün. 41¹) S. Baur, Arnsb. Urk.⸗Buch Nr. 152, S. 99. Auch die von Milch⸗ ling zu Nordeck, die zu den Gießener Burgmannen gehörten, hatten in damaliger Zeit eine Lilie neben ihrem Kleeblatt im Wappen. 4²) Urk.⸗Buch Nr. 19. Die Tincturen des pfalzgräflichen Wappens ſind roth und gold; es ſcheinen daher die Stadtfarben ſich theils nach denen des Gleiberger, theils des Tübinger Wappens gerichtet zu haben. §. 22. Kirchliches. Gewerbe. Landwirthſchaft. Gießen war in der Gemarkung und Parochie von Selters entſtanden und daher urſprünglich zu dieſer Pfarrei gehörig. In Selters befand ſich eine dem heiligen Petrus ge⸗ widmete Kirche. ¹) Wie ſchon(§. 6) bemerkt, gehörte dieſelbe in das Erzbisthum Trier, und zwar in das Archidiaconat Dietkirchen und das Decanat Wetzlar.“) Die Kirche war jedenfalls ſehr alt und vielleicht noch aus den Zeiten der erſten Ausbreitung des Chriſtenthums herrührend; wenigſtens gehört ein ohne Zweifel aus derſelben entnommener und im früher Höſtreich'ſchen, ſpäter Koch'ſchen Garten am Nahrungsberg verwandter Taufſtein zu den älteſten bekannten und rührt aus einer Periode, in welcher Gießen noch nicht exiſtirte.“*) In Gießen war wenigſtens bereits im Anfang des 13. Jahrhun⸗ derts eine Kapelle, welche eine Tochter dieſer Kirche zu Selters war; die ſie erwähnende älteſte bekannte Gießener Urkunde iſt 1248 von Burgmannen, Schultheiß und Schöffen ante capellam nostram ausgeſtellt.*) Dieſelbe war dem heil. Pancratius geweiht.“) Wann und von wem ſie erbaut wurde, iſt unbekannt. Das Bedürfniß eines Gotteshauſes in der Nähe einer jeden Burg, wenn ſie nicht in dieſer ſelbſt vor⸗ handen war(was in Bezug auf die alte Burg Gießen nicht anzunehmen iſt, weil ſie dann nicht ſo ſpurlos verſchwunden ſein könnte), läßt aber darauf ſchließen, daß dieſe Kapelle nicht lang nach Gründung des Schloſſes erbaut wurde. Die Ent⸗ fernung ihrer Lage von dieſem Schloß und die Nähe derſelben bei der Burgmannen⸗Burg rechtfertigt aber hinwieder einen Schluß darauf, daß die letztere Ritterburg und die zwiſchen 1) Schmidt, heſſ. Geſch., Th. 1, S. 237. ²) Laut deſſen Decanatsregiſter. ³) Dieffenbach im Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 6, S. 230. 4) Urk.⸗Buch Beil. 16. 5) Schmidt a. a. O. 1 —— ———õüyüyü ꝛ—— ———— 3 6 — 3 —ÿ——— — 160— ihr und dem Grafenſchloß gelegene Stadt ſich ſehr bald dem gräflichen Schloß angeſchloſſen hat. Das Chor der nachmaligen Stadtkirche iſt wahrſcheinlich aus der älteſten Kapelle entſtanden, da man von ſeiner ſpäteren Erbauung nichts weiß, und es iſt ſehr zu bedauern, daß bei dem Abbruch dieſer Kirche keine architectoniſch genaue Zeichnung des Chors zurückbehalten wurde, indem man aus ſeinem Bauſtyl auf die Zeit der Er⸗ bauung hätte ſchließen können. Diejenigen, welche ſich der Bauart der alten Stadtkirche noch erinnern, verſichern, daß das Chor im gothiſchen Styl gebaut geweſen ſei; ob es aber Zeichen des erſten Uebergangs zu dieſem Styl an ſich trug, wie das der Kirche zu Grünberg, an welches die Stadtkirche auch ſpäter angebaut war, läßt ſich nicht mehr ausmitteln. Die Pancratiuskapelle ſcheint urſprünglich keinen beſonderen Kapellan gehabt zu haben, ſondern von dem Pleban der Kirche zu Selters verſehen worden zu ſein; denn ſchon in den letzten Decennien des 13. Jahrhunderts(1279) hatte Gießen den Pleban ſelbſt, der von dort aus die Mutterkirche verſorgte; in der Urkunde, wodurch Eberhard, Sohn Ritter Adolphs von Heuchelheim(die Urkunde nennt ihn filius Adolfi militis de Giezin), im Januar 1279 einen Hof zu Heuchelheim dem Kloſter Altenburg verkauft, erſcheint Carsilius, plebanus in Gizin als Zeuge ⁰) und iſt alſo der erſte bekannte Pfarrer da⸗ ſelbſt. Augenſcheinlich hatte die größere Sicherheit der Woh⸗ nung in der befeſtigten Stadt den Pfarrer in dieſe gezogen; denn es findet ſich keine Spur davon, daß Selters und Gießen jemals zwei Parochien gebildet hätten. Als Kapelle mit einem Pleban hatte die zu Gießen auch wohl ſchon früh Parochialrechte, daher einen Kirchhof um die Kapelle, mithin das Recht zum Taufen und Begräbniß.!) 6) Gudenus 1. c. T. II. p. 204, 205 *) Die Urkunden wurden errichtet in Gyzen in cimiterio penes capellam z. B. 1285.(Arnsb. Urk.⸗Buch, Nachtrag Nr. 1225, S. 735.) — 161— Daß auch das Hospital zum heiligen Geiſt ſchon um jene Zeit gegründet war, iſt zwar urkundlich nicht nachzuweiſen, aber aus ſeiner Lage zu entnehmen. Denn die Hospitäler wurden ſtets aus Geſundheitsrückſichten in einer gewiſſen Ent⸗ fernung vor der Stadt angelegt*) und es ſind erſt viel ſpäter die Neu⸗ oder Vorſtädte bis zu denſelben ausgedehnt worden; das von Gießen liegt in ſolcher Nähe der Stelle der alten Selterſer Pforte und der Ringmaner,“) daß es zu einer Zeit erbaut worden ſein muß, wo ſich die Stadt noch auf die Ring⸗ mauer beſchränkte; ſchon im Anfang des 14. Jahrhunderts be⸗ fanden ſich aber Häuſer und Höfe am Seltersweg ²⁴) und es würde alſo das Hospital weiter hinaus gebaut worden ſein, wenn es nicht vor dieſen ſchon beſtanden hätte. Ein Kloſter oder eine klöſterliche Anſtalt befand ſich in Gießen nicht; es war dies die Folge davon, daß die Landes⸗ herren der Stadt beinahe ein Jahrhundert lang in dem fernen Schwaben zu Hauſe waren und ihre Frömmigkeit durch Frei⸗ gebigkeit zu Gunſten ihrer dort beſtehenden Stiftungen, der Klöſter Blaubeuern, Marchthal, Bebenhauſen, Hirſchau, kund gaben, und daß das Kloſter Schiffenberg mit ſeinem Annexum Celle den Rittern und Bürgern Gelegenheit genug gab, ſich Zuwendung an dieſelben zu verewigen. Während in jener Zeit in den benachbarten alten Städten Wetzlar, Mar⸗ burg, Friedberg, Grünberg, Alsfeld viele Klöſter entſtanden, welche durch ihren ausgedehnten Grundbeſitz den der Bürger ⁵) Wie die Beiſpiele wohl aller heſſiſchen und rheiniſchen Städte zeigen. 8) Nur wenige Schritte von dem für den Pfeilſchuß vor dem Thor frei gebliebenen Platz, dem ſogen. Kreuz. 1⁰) S. Senkenberg a. a. O., S. 244. Copial⸗Buch Nr. 52. Schöff Konrad gen. auf dem Keller(Conradus dictus supra Cellarium) verpfändet 1314 dem Stift Wetzlar curiam et ortum meum extra portas, quo itur versus villam Seltirsey juxta viam lapideam, et duos solidos denarios Col. annui census, quos habere dinoscor in domo Hartmanni Berwici sita prope curiam predictam. 11 ——ÿ— — 162— beſchränkten, war Gießen damit verſchont. Wohl aber beſaſſen die Klöſter Schiffenberg, Arnsburg, Wirberg, Altenburg und das Stift Wetzlar viele Güter in dem Weichbild der Stadt, die jedoch den Bürgern gegen Zins ausgethan waren. Eine nachtheilige Folge davon, daß in der Stadt kein Kloſter ſich befand, war dagegen, daß es auch in jener Zeit an einer Schule gemangelt haben mag, denn dieſe waren regel— mäßig nur Anſtalten der Klöſter und erſt in ſpäter Zeit erfährt man die Exiſtenz einer Schule in Gießen. Ueber die Gewerbsthätigkeit der Stadt läßt ſich beim großen Mangel urkundlicher Nachweiſe aus jener Zeit noch ſehr wenig ſagen. Das nothwendigſte Gewerbe, das des Müllers, wurde jedenfalls bereits betrieben, wenn auch erſt 1314 urkundlich nachweisbar. Schöff Konrad gen. auf dem Keller beſaß die Hälfte der in der Nähe der Mauern in Gießen gelegenen Mühle(ex dimidietate molendini siti prope muros in Gyezzen) und verkaufte 1314 dem Stift Wetzlar eine Rente von 2 Malter Korn aus derſelben.¹*) Es war offenbar die Mühle, welche ſich bis zur Erbauung der Feſtung in der da⸗ von benannten Mühlgaſſe vor der Neuſtadt an der Wieſeck befand. Daß dieſelbe zu jener Zeit bereits getheilt und im Eigenthum Mehrerer war, ſpricht dafür, daß ſie ſchon längere Zeit vorher exiſtirte. Daß ſich auch Herbergen um jene Zeit bereits in Gießen befanden, geht daraus hervor, daß ſich Ritter ver⸗ pflichteten, in einer öffentlichen Herberge zu Gießen(hospicium aliquod publicum in Gyzen) Leiſtung(obstagium) zu halten, z. B. Ritter Philipp von Linden(1288)). In 1276 kommt ſchon ein Gaſtwirth Menges(Meingotus caupo) vor 43). Das Bedürfniß der ausgedehnten Burgmannſchaft, welche in Gießen wohnte, und der Umgegend, für welche ſich der nächſte Markt 11) Cop.⸗Buch Nr. 52. ¹²) Cop.⸗Buch Nr. 32. Baur a. a. O., Nr. 262. ¹13) Arnsb. Urk.⸗Buch Nr. 152. — 163— dort bot, ſpricht dafür, daß auch alle andern damals im Gang befindlichen Gewerbe dort getrieben wurden. Die Schöffen⸗ namen pistor, sutor, Tragefleiſch(in 1276, 1279 und 1287) zeigen den Betrieb der entſprechenden Handwerke*⁴*). Von einem Jahrmarkt findet man zu jener Zeit noch keinen Beweis. Der Gewerbebetrieb war für die erſten Zeiten um ſo noth— wendiger, als es der Stadt an einer Gemarkung fehlte, indem das Land damals noch meiſt in den Händen der Bewohner von Selters, Achſtadt und Kropbach war. Die Bürger ver⸗ ſchafften ſich jedoch einigermaßen Landwirthſchaft durch An⸗ rodungen im Wald. Der Schöffe Konrad auf dem Keller verpfändet z. B. 1314 dem Stift Wetzlar unter andern auch ſeinen Acker vorm Wald von 16 Morgen Größe, die Neu⸗ bruch oder Waldland genannt wurden,*⁵) wegen einer Ab⸗ gabe von 2 Maltern Korn jährlich. Der Wald, welcher jetzt den Gießener Stadtwald bildet, war damals und bis in das 16. Jahrhundert noch der Stadt, den in ihr aufgegangenen Orten und dem Dorf Wieſeck gemeinſchaftlich und hat auch ſpäter noch und bis in das vorige Jahrhundert der Form nach als Markwald gegolten, er war durch Märkermeiſter ver⸗ waltet und die darin begangenen Frevel wurden auf einem Märkergeding gerügt. Vom Zunftverband kann in jener Zeit noch nicht wohl die Rede ſein, da er ſich erſt im 13. Jahrhundert entwickelte. Ueber die Monopole der Stadt, den Brauereibetrieb und Weinzapf, die ſich ſpäter auch im Beſitz von Gießen zeigen, fehlen uns aus jener Zeit noch Nachweiſe. 14) Arnsb. Urk.⸗Buch Nr. 152, 1225, 210. Gudenus J. c. T. 2, Nr. 157, p. 204 ꝛc. Cop.⸗Buch Nr. 52, Senkenberg a. a. O.,„una cum agro meo sito ante nemus, XVI. jugera terrae arabilis continente, que novalia seu Waltlant nuncupantur.“ Die Neurodländerei hatte noch keinen erheblichen Werth, da, um eine jährliche Lieferung von 2 Malter Korn aus einer Mühle zu ſichern, außer einem Hof und Garten 16 Morgen davon zu Pfand gegeben wurden. 15 — 11* ——— ͦ⅛Y — 164— Als Maas und Gewicht ſcheint in der Gegend damals das von Wetzlar eingeführt geweſen zu ſein; doch bald darauf(1339) kommt die Gießener Ruthe als Feldmaas für die Umgegend vor. ¹⁵) Ob in Gießen zu Zeiten der Pfalzgrafen eine Münz⸗ ſtätte war, iſt zweifelhaft. Es finden ſich keine Münzen, von denen ſich behaupten ließe, daß ſie dort geſchlagen worden; aber ſchon 1250 kommt ein Schöffe Eckhardus monetarius vor ¹⁷) und es iſt daher ſehr wahrſcheinlich, daß einer der Schöffen pfalzgräfllicher Münzmeiſter war und das Münzen beſorgte, wie dies in den meiſten Städten, die ſelbſt oder deren Landesherrn das Recht zu münzen hatten ¹⁵³), und in Gießen wohl um ſo eher der Fall war, als die Pfalzgrafen von Tü⸗ bingen das Münzregal ſchon im Anfang des 13. Jahrhurderts übten,¹*) und das Hauptland des Pfalzgrafen zu weit von Gießen entfernt lag, in hieſiger Gegend aber ein anderer Münzfuß als in Schwaben, der Cölner, gewöhnlich war. Die gewöhn⸗ lichen Münzen waren die Pfennige(denarii), deren es ſchwere und leichte gab; ſie waren von dünnem Silberblech; größere Stücke ſind die Schillinge(solidi); wieviel Pfennig auf einen Schilling gingen, ob nach dem Namen denarius deren 10. oder 12, iſt ungewiß; beträchtlichere Summen wurden ur⸗ ſprünglich in Silber verwogen und zwar regelmäßig nach der Kölner Mark(16 Loth), öfter aber auch nach dem Pfund (24 Loth), ſpäter rechnete man eine beſtimmte Zahl Schilling auf das Pfund(gewöhnlich 10), oder die Mark Pfennige(15).⁰) ¹6) Baur, heſſ. Urk.⸗Buch Nr. 781. ¹17) Urk.⸗Buch Nr. 17. ¹s) z. B. in Wetzlar, Friedberg, Grünberg ꝛc., ſ. Nebel im Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 1, S. 93 ff. ¹19) Schmid a. a. O., S. 129. ²0) Solidi colonienses in Urk.⸗Buch Nr. 16(1248), marca denarior. Colon. daſ. Nr. 17(1250) u. ſ. w., libra levioris monetae daſelbſt Nr. 27. — 165— Die Turnoſſen, von denen 3 einen Schilling galten, kommen erſt im 14. Jahrhundert vor. Der Zehnte in der Gemarkung von Selters, alſo auch iu einem Theil der von Gießen, ſtand den Herren von Merenberg zu. Wittekind von Merenberg vertauſchte ihn nebſt den Zehnten zu Megerheim und Allendorf an Eberhard von Merlau 1257 gegen die Vogtei zu Beſſingen ²¹)(Betingen, Ober⸗ und Nieder⸗ beſſingen bei Lich). Die Landwirthſchaft war im Lahnthal aus älteſter Zeit her in gutem Stand. Man baute in der Gegend Waizen (triticum), Korn(siligo), Hafer, Erbſen,¹²) Mohnſamen(Olei). Die Bürger beſaßen Gärten zum Gemüſebau vor der Stadt (ſ. Note 10). Die Obſtzucht war bereits in der Umgegend zu Haus; ſelbſt in dem rauher gelegenen Burkhardsfelden wurden Aepfel und Birnen gezogen.²*) Auch der Weinbau florirte namentlich in der Gemarkung von Selters; ²⁴) ſpäter erlangte er in der Gemarkung Gießen eine bedeutende Ausdehnung, die bis ins 17. Jahrhundert währte. Die Viehzucht bildete eine Hauptnahrungsquelle und deshalb wurde auf die Weide ein ſehr großes Gewicht gelegt, wie die vielfachen Streitigkeiten über dieſelbe zeigen.**) Selbſt Ritter gaben ſich mit der Schafzucht in ſolchem Maße ab, daß ſie davon den Beinamen 21) Urk.⸗Buch Nr. 20. Wenck a. a. O., Th. 2, Urk. Nr. 156. ²²) Urk.⸗Buch Nr. 18, 28. S. auch§. 10 oben. Gerſte wurde ſchon zu Tacitus Zeiten in Deutſchland gezogen(Germania c. 23), daher ge⸗ wiß auch damals um Gießen. ²³) Das Kloſter Arnsburg vergleicht ſich 1259 mit den Söhnen Ritter Rudolphs von Burkhardsfelden über den dortigen Zehnten aus den Gärten, Kohlgewächſen, Aepfel, Birnen, Wieſen und Bienen(ortorum, olerum, pomorum, pirorum, pratorum et apum). Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 83. Dieſe Cultur ging übrigens auch dort vom Kloſterhof aus. 24) Konrad Setzpfand von Linden verkauft 1322 an Hartrad von Meren⸗ berg ſein Gut zu Selters und ſeinen Weingarten.(Wenck a. a. O. Th. 2, Urk. Nr. 285.) 25) z. B. zwiſchen der Gemeinde Leihgeſtern und dem Kloſter Schiffen⸗ berg(ſ. oben§. 18, Note 13). — 166— Schäfer(opilio) führten.²) Federvieh wurde viel gezogen; Gänſe, auf Martinstag zu liefern, und Hühner, namentlich Faſtnachtshühner(pulli carnispriviales) waren allgemein zu den Pacht⸗ und Zins⸗Abgabeu gehörig. Die Bienenzucht war ſo bedeutend, daß man ſich um den Honig-Zehnten ſtritt. Die Größe der Felder war gewöhnlich nach Morgen (jugera), d. h. ſoviel mit einem Joch Zugvieh an einem Mor⸗ gen umgepflügt werden konnte, beſtimmt und mit der Ruthe (virga) gemeſſen, wie ſich dies bis in die neueſte Zeit hier erhalten hat. Es werden aber auch oft die Aecker oder Stücke(pecia) blos der Zahl nach angegeben. Ein größerer Maßſtab war die Hube(huba, mansus), die 30 Morgen ent⸗ hielt(obwohl mansus urſprünglich einen Hof im Allgemeinen oder ein kleineres Maß bezeichnete, wird der Ausdruck doch auch gewöhnlich von dem Huben-Maß gebraucht, z. B. bei Wald oder Neurod⸗Land).²*) Die Wieſen wurden nach ihrem Ertrag der Zahl der Karren nach geſchätzt.²«) Als Fruchtmaß kommt ſchon damals das Malter(maldrum) in der Gegend von Gießen vor,²*) während das Achtel(octalium) und als kleineres Maß das Simmer in der nahen Wetterau eingeführt war, im Oberlahngau zu Marburg und Umgegend das Mött; ſo iſt es bis in die neueſte Zeit geblieben. Selbſt das bisher eingeführte Häufen des Hafer⸗ und Streichen des Korn⸗Maßes kommt ſchon im 14. Jahrhundert in der Wetterau vor.*²⁰) Die Länderei war häufig im Eigenthum von geiſtlichen Korporationen und Adlichen, und wurde den Bürgern zu Land⸗ ſiedel⸗Recht(jure colonario) gegen jährlichen Zins und Vor⸗ 26) Wie Giſelbert von Göns 1266(Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 1295). ²2) Urk.⸗B. Nr. 3 bis 7. 28) Urk.⸗B. Nr. 30, 16. ²⁰) Urk.⸗B. Nr. 12, 18, 21. 3⁰) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Bd. 5, Nr. 336. XXIV Octalia minus uno some- rino(1342) in Butzbach, Griedel, Oberhörgern, daſelbſt Nr. 277. I Octale siliginis non cumulatum et I Octale avene cumula- tum in Nieder⸗Eſchbach(1326). — 167— heuer(jura minuta) verliehen.“*) Das Verhältniß, das ur⸗ ſprünglich nur ein perſönliches und temporales war, wurde bald zu einem erblichen und der Pacht zum Grundzins. ²²) Doch wurden auch ſchon um jene Zeit die Bürger von den Adlichen mit Grundſtücken zu wahrem Lehn oder Afterlehn be⸗ liehen, ſo z. B. Bürger Konrad(wahrſcheinlich der ſpäter als Konrad auf'm Keller[Conradus supra cellarium] vorkommende Schöffe) im Jahr 1268 von Ritter Macharius von Linden mit 3 Stücken Land einigen anderen Morgen zu rechtem Lehn(pro recto feodo) mit Conſens des Lehnsherrn des Ver⸗ leihers, Hartrads von Merenberg, der, im Fall Macharius ohne(lehensfähige) Erben ableben ſollte, dieſelben dem After⸗ vaſallen direct zu Lehn zu reichen verſprach. ¹²⁵) §. 23. Burgmannſchaft und Vaſallen. Da der Landesherr in der Regel weit entfernt von Gießen, in Schwaben, Hof hielt, ſo iſt es um ſo erklärlicher, daß alle oder doch die meiſten ſeiner Vaſallen zugleich in Gießen Burgmannen waren und zu einer Zeit, wo vom Kaiſer an 31) Urk.⸗Buch Nr. 21 ꝛc. Unter jura minuta werden auch öfter nur Schreibgebühr ꝛc. im Gegenſatz des Vorheuers, der in der doppelten Entrichtung des Zinſes beim Wechſel in der herrſchenden oder dienenden Hand beſtand, verſtanden. Die Halbbauerei(colonia partiaria), bei welcher der Colone des Eigenthümers Länderei gegen die Hälfte oder einen andern aliquoten Theil der Ernte baut, war auch ſchon damals ge⸗ wöhnlich(Baur, heſſ. Urk.⸗Buch Bd. 5, Nr. 314. Aecker,„die ſie mir ernten um Pflugestheil“. ³²) Vergl. Gudenus l. c. T. 5, p. 145. Das Stift Wetzlar leiht 1315 dem Bürger Reiner an der Pforte und ſeinen Erben ſeine Güter zu Selters gegen einen jährlichen Geld⸗ und Frucht⸗Pacht, in dem die jura minuta, die hier„Name“ genannt werden, begriffen waren; der Vorheuer(Vorhure), der beim Wechſel in der dienenden Hand zu entrichten war, wird dem Geldpacht gleich beſtimmt und als optimale (Beſthaupt) bezeichnet, wahrſcheinlich weil die bisherigen Colonen Leib⸗ eigenen waren, die in ſolchem Fall das Beſthaupt lieferten. 33) Urk⸗B. Nr. 30. Arnsburger Urk.⸗B. Nr. 1217. — 168— Alles diente, durch die Burghut ihre ſchuldigen Dienſte leiſteten. Da aber der Dienſt auch ſeinen Lohn erforderte, ſo entſprach es dieſem Verhältniß, daß ſie auch in Gießen oder der Um⸗ gegend Burglehen hatten. Dazu kam, daß unter den alten Grafen von Gleiberg augenſcheinlich ein weit größerer Diſtrict, namentlich im 10. und 11. Jahrhundert wahrſcheinlich die Grafſchaft Solms, die Herrſchaft Kleberg und Buſeck und der Lohrgau oder die Comitia Ruchesloh, der Familie gehörte, daher auch der Adel dieſes Diſtriets in die urſprüngliche Glei⸗ berger Burgmannſchaft aufgenommen war, und auch nach⸗ dem das Land getheilt war, zum Theil in dieſem Verhältniß und bei der weiteren Trennung von Gleiberg und Gießen, nach welcher ohnehin der größte Theil gemeinſchaftlich blieb, hinwieder theilweiſe bei letzterer Burg verblieb. Wir ſehen daher von den älteſten Zeiten her Ritter, die im Solmſiſchen, Klebergiſchen, im Buſecker Thal und in den Centen der Comitia Rucheslo zu Hauſe waren, ebenſo wie ſolche die aus dem privativ Gleiberger Gebiet ſtammten, unter den Gießener Va⸗ ſallen und Burgmannen. Weiter erklärt ſich daraus, daß die meiſten Familien bereits zu Gleiberg Burgmannen waren, ehe ſie auch auf der neuen Burg Gießen zu ſolchen verwendet wurden, ſo wie aus der zwiſchen Merenberg und Tübingen verbliebenen Gemeinſchaft des größten Theils des Landes, daß die adlichen Familien deſſelben meiſt gleichzeitig Merenberg'ſche und Tübing'ſche Vaſallen waren und auch von beiden Burg⸗ lehen trugen, und, da wahrſcheinlich ſchon die Grafen von Gleiberg, jedenfalls aber deren Nachfolger die Herren von Merenberg zugleich Reichsvögte der Burg Calsmunt und des Stifts Wetzlar waren, auch als Burgmannen auf Calsmunt 3 erſcheinen. Darum ſieht man auch ſo häufig bei Rechts⸗ 4 geſchäften die Caſtrenſen von Wetzlar und Gießen und in Ge⸗ folge davon auch die Schöffengerichte beider Städte gemein⸗ ſchaftlich mitwirken und ſelbſt beide Ritterſchaften zu gemein⸗ — 169— ſchaftlichen Rittertagen zuſammentreten.) Dies hatte auch den Vortheil, daß die Vaſallen des früher gemeinſchaftlichen Landes durch die fortwährende Belehnung von beiden Landesherren jedem zur Lehnstreue verpflichtet und dadurch abgehalten wurden, gegen einen von ihnen als Feind aufzutreten, wodurch denn auch die Freundſchaft der Herrſchaften beſſer geſichert war, weil ſie ohne ihre Vaſallen keine Fehde beginnen konnten. Aus gleichem Grunde wurden auch oft die Herrn benachbarter Gebiete im Intereſſe der Sicherheit zu Vaſallen angenommen. Ohnehin war die Stammburg, Gleiberg, nach der Thei⸗ lung zwiſchen beiden Grafen und dann zwiſchen Merenberg und Tübingen in mancher Hinſicht gemeinſchaftlich ge⸗ blieben, welche Gemeinſchaft erſt durch Vertrag von 1265 auf⸗ gelöſt wurde, wenn auch die Pfalzgrafen weniger Gebrauch von ihrem Recht zu derſelben gemacht zu haben ſcheinen, als Merenberg. Dadurch war denn auch die urſprüngliche Ge⸗ meinſchaftlichkeit der dortigen Burgmannſchaft begründet. Es kommen indeß weit weniger Burgmannen auf Gleiberg vor, als zu Gießen und Kalsmunt, was ſich auch leicht daraus er⸗ klärt, daß eine große Zahl Gleiberger Ritter auf dem benach⸗ barten Vorwerk Vetzberg hauſte. Hiernach iſt es nicht auf⸗ fallend, daß die Dynaſten von Merenberg ſelbſt, obgleich Be⸗ ſitzer eines der Grafſchaft Gießen gleich großen Gebiets und in den meiſten Beſtandtheilen deſſelben gleichberechtigte Mit⸗ herren, zugleich wie wir bereits geſehen haben, Burgmannen der Pfalzgrafen von Tübingen in Gießen waren,) daß ferner die Herrn von Schwalbach, von Elkerhauſen, von Werdorf, obwohl aus dem Solmſiſchen und Limburgiſchen Gebiet ſtam⸗ mend, ſeit alter Zeit Vaſallen der Pfalzgrafen und Gießener Burgmannen ſind und daß Mitglieder dieſer Burgmannſchaft zugleich auch von Merenberg Lehn in Gießen, Selters oder ¹¹) z. B. 1279, ſ. Gudenus 1. c. T. 2, Nr. 159, p. 206. ²) Urk.⸗B. Nr. 27, 29. 337/iãã//6 — 170— in der Gemarkung beſaßen,) ja daß dieſelben ſelbſt in ihrer Eigenſchaft als Gießener Burgmannen gemeinſchaftlich Gefälle von Merenberg zu Lehn hatten. Im Jahr 1313 bekennen z. B. die Burgmänner in Gießen(Nos castrenses in Giessen) Heinrich gen. Amelung von Elkerhauſen, Hermann von Buſeck, Kuno gen. Halber, Eckel gen. Schlaun, Johannes von Kintzen⸗ bach, Senand gen. Rüſſer, Menges und Reinhard Gebr. von Schwalbach, Ritter, Konrad gen. Milchling von Kinzenbach, und Helfrich und Gottfried Gebr. von Trohe, daß Hartrad, Herr von Merenberg, die Gefälle, die ſie von ihm im Hütten⸗ berger Gericht zu Lehn tragen, das Baugeld und das Umgeld zu Annerod, mit 10 Marken für eine Mark jährlicher Zinſen von ihnen ſolle einlöſen können.¹) Augenſcheinlich wirkte die Verbindung, in welcher die Grafſchaft Kleberg, das Buſecker Thal und die Centen der Grafſchaft Rucheslo urſprünglich mit Gleiberg und danach auch mit Gießen ſtanden, auch in ſpäterer Zeit noch fort und es war daher natürlich, daß die dort an⸗ ſäſſigen Adelsgeſchlechter auch noch lang nach Aufhebung dieſer Verbindung zur Burgmannſchaft von Gießen gehörten. In der Clientel der Landesherrn lag in jener Zeit ihre Macht; es iſt daher für deren Beurtheilung von großer Wich⸗ tigkeit, den Umfang der Gefolgeſchaft kennen zu lernen. Er gibt zugleich Aufſchlüſſe über den ihrer Beſitzungen, da die Rechte der Herrſchaft in denſelben meiſt auch durch die Vaſallen ausgeübt und gehandhabt wurden. Gewöhnlich war ihnen die niedere Gerichtsbarkeit, die Vogtei⸗Herrlichkeit, übertragen, und nur die hohe wurde von den Officialen und Schöffenſtühlen der Hauptorte verwaltet. Wir müſſen daher die einzelnen Geſchlechter, welche dieſe Burgmannſchaft zur Zeit der Herrſchaft der Gleiberger und Tübinger bildeten, ſowie deren übrige Vaſallen aus der Grafſchaft Gießen überhaupt nebſt ihren Anſitzen und Gütern ³) z. B. die von Linden nach Urk.⸗B. Nr. 30. ¹) Copial⸗Buch Nr. 51. Wenck a. a. O., Th. 2, Nr. 273. — 171— nach Anleitung der uns aufbehaltenen Urkunden näher kennen lernen. Die Familien, welche hierbei bis zum Schluß der Periode, d. h. bis zum Uebergang von Gießen an Heſſen(1265), in Betracht kommen, ſind: die von Hagen, von Falkenſtein, von Merenberg, von Hahe, von Cleen, von Rodheim, von Linden, Schlaun von Linden, von Göns, von Garbenheim, von Selters, von Wismar, von Trohe, von Queckborn, von Hatten⸗ rod, von Leihgeſtern, Kornigel und Fraz von Leihgeſtern, Hund, von Werdorf, von Heuchelheim, von Kinzenbach, von Bommersheim, Milchling, von Michelbach, von Nordeck, von Berſtadt, von Eſchborn, von Hochelheim, von Mörle, von Schwalbach, von Buſeck, Münch und Reußer von Buſeck, Goldner, Halber von Kleberg, von Vetzberg, von Wolfskehlen zu Vetzberg, von Dernbach, von Rolshauſen, von Roden⸗ hauſen, von Elbershauſen, von Wieſeck.“) Es iſt natürlich, daß der niedere Adel der Herrſchaft Gießen ſeine Burgſitze hauptſächlich in Gießen hatte; denn auf dem Lande ließ die Landesherrſchaft feſte Burgen in den unter ihr ſtehenden Ge⸗ richten nicht leicht aufkommen; ihre Vaſallen hatten da nur Höfe, höchſtens ſteinerne Kemnaten. Dagegen in den Ge⸗ richten, in welchen der Adel ſelbſt die Gerichtsbarkeit beſaß, im Buſecker Thal und in den Centen Londorf, Treis, Reitz⸗ berg, Gladenbach beſaßen die Gerichtsherrn feſte Burgen, oder mit Waſſergräben umgebene ſteinerne Gebäude.“) Alle vorhin genannten Adliche erſcheinen wenigſtens als gräfliche Zeugen in den über Gleiberger oder Gießener Verhältniſſe lautenden Urkunden jener Zeit und ſind auch mit größerer oder geringerer Gewißheit als Miniſterialen der Grafſchaft und meiſtens auch als Burgmannen von Gießen nachzuweiſen. Die Zuziehung ⁵) Die meiſten derſelben ſind auch von Nebel in Juſtis heſſ. Denkwür⸗ digkeiten S. 259 ff. als ſolche angeführt. 6) Von der Burg der von Nordeck zur Rabenau in Londorf iſt eine Ab⸗ bildung der Geſchichte des Patrim.⸗Gerichts Londorf von Steiner(1846) beigegeben. — 172— der milites zu Regierungshandlungen der Grafen gibt ſchon eine Vermuthung für die Vaſalleneigenſchaft der Zeugen, auch wenn ſie nicht ausdrücklich als gräfliche Ministeriales bezeichnet werden, da in jenen Zeiten des Mittelalters regelmäßig die geſammte Umgebung, das Gefolge der regierenden Herrn im Miniſterial⸗ und Lehns⸗Verhältniß zu denſelben ſtand.) Das mehrfache Erſcheinen im Gefolge der Grafen, namentlich bei einſeitigen Rechtsgeſchäften, Schenkungen ꝛc. derſelben, beſtätigt dieſe Vermuthung. Bei den meiſten dieſer Vaſallen des Glei⸗ berger Grafenhauſes, reſp. den Burgmannen zu Gießen und Gleiberg reſp. Kalsmunt wiederholt ſich eine Erſcheinung, die auch bei anderen Burgmannſchafteu, z. B. der Alzeier, Ingel⸗ heimer, Oppenheimer ꝛc. zu beobachten iſt,*) die Gleich⸗ förmigkeit oder doch Aehnlichkeit der Wappen. Beinahe alle Familien dieſer Vaſallen führen die Form des Kleeblatts oder doch 3 in der Mitte zuſammenhängende Blätter oder andere Zeichen als Wappenfigur; die der von Cleen, Linden, Trohe, Milchling, Nordeck, Londorf, Dernbach, Haiger, Löſch von Mühlheim, von Vetzberg, Albach, Mudersbach, Krieg von Gleiberg, ſelbſt die von Rodheim, von Lohr, von Scheuernſchloß, bilden eine übereinſtimmende Wappengruppe, die alle entweder ein Kleeblatt führen oder doch in der Klee⸗ blattſtellung harmoniren, wenn ſie auch in der Geſtalt der verbundenen Blätter und der Tinctur abweichen. Die von Rodheim, von Lohr und von Scheuernſchloß führen inſofern ⁷) Daraus läßt ſich freilich noch nicht mit Schmid(Geſchichte der Pfalz⸗ grafen von Tübingen, S. 134, 222) auch ein Schluß darauf ziehen, daß die Orte, von welchen die Miniſterialen ihren Namen trugen, oder wo dieſelben Güter beſaßen, wie Merenberg, Nordeck, Büdingen ꝛc., zu der Grafſchaft des Lehnsherrn gehörten. Es dienten häuſig Adeliche, die wenig oder nichts mehr in den Orten, aus welchen die Familie urſprünglich ſtammte, beſaſſen, als Burgmannen in den Schlöſſern der Mächtigeren und noch gewöhnlicher war es, daß ein Ritter auf mehreren Burgen ganz verſchiedener Herrn zugleich Burgmann war. 8) Heſſ. Archiv, Bd. 11, S. 224, 215. — 173— wenigſtens ein ähnliches Wappen, als die 3 Ringe deſſelben im Kleeblatt zuſammengeſtellt ſind. Die Ganerben des Bu⸗ ſecker Thals, außer den von Trohe, formiren eine zweite Gruppe, indem ſie Widderköpfe im Wappen führen. Inſofern trägt das Zugehören zu einer ſolchen Wappengruppe zur Wahr⸗ ſcheinlichkeit der Burgmannſchaft bei.“) Bei der Dürftigkeit der Urkunden iſt es oft ſchwer nach⸗ zuweiſen, welche Lehn die vaſallitiſche Verbindung begründeten und man muß die ſpätere Zeit zu Hülfe nehmen. Da es allgemein und namentlich in Gießen gewöhnlich war, daß die Burgmannſchaft zu den Mitgliedern des Stadtgerichts gehörte, ſo ergibt ſich ſchon aus der Theilnahme der Vaſallen an der Ausſtellung ſtädtiſcher Urkunden in Gemeinſchaft mit Schul⸗ theiß und Schöffen die Eigenſchaft derſelben als Burgmannen der Stadt. Wiewohl die Gleiberger Lehnsmannſchaft natürlich ausgedehnter war, als die Burgmannſchaft von Gießen, ſo läßt ſich ſchon erwarten, daß die meiſten Geſchlechter, welche zu den Gleiberger Miniſterialen gehörten, zugleich Gießener Burgmannen waren, wie ſie ſolches auch größtentheils auf der Burg Kalsmunt bei Wetzlar, deren Schutz den Gleibergern anvertraut war, geweſen ſind; in der That werden wir finden, daß ſich bei den meiſten dieſe Eigenſchaft auch urkundlich nach⸗ weiſen läßt. Die genauere Erforſchung der betreffenden Fa⸗ milien in ihrem Verhältniß zu Gießen in jener Zeit gibt zu⸗ gleich Gelegenheit, die älteſte Geſchichte derſelben, die theilweiſe noch jetzt blühen, wie die von Buſeck, von Nordeck zur Rabenau, 3) Bei der großen Zahl der zu dieſer Wappengruppe gehörigen Familien findet man auch ſo ziemlich alle Wappenfarben in derſelben vertreten. Die von Kleen haben das Kleeblatt roth, die von Dernbach ſchwarz im goldnen Schild; die von Leſch roth, die von Rabenau ſchwarz im weißen Schild; die von Linden weiß, von Haiger gelb im rothen Schild; die von Vetzberg weiß im blauen, von Trohe weiß im ſchwarzen Feld. Da manche Familien früh ausgegangen ſind, ſo kennt man wohl noch die Figur ihrer Wappen aus vorhandenen Siegeln, nicht aber ihre Farben. — 174— von Milchling, von Weitershauſen, von Rolshauſen, nach den in neuerer Zeit bekannt gewordenen Quellen beſſer aufzuklären. §. 24. Miniſterialen⸗Familien der Gräfin Clementia von Gleiberg. Die Schiffenberger Stiftungs-Urkunden ſind auch hier die älteſten, welche uns über die Vaſallen des Gräflichen Hauſes Gleiberg Aufſchluß geben. Neben den Grafen und den Dynaſten Hartrad von Merenberg, Eckhard von Ulfe, Marquard von Solms, Wetzel Wolf und Kraft von Beilſtein werden darin folgende als Zeugen aus dem Stand der Mi⸗ niſterialen, außer ſolchen des Erzbiſchofs von Trier, aufgeführt: Cunradus de Hagene, Sifridus de Hahc cum filiis suis, Bal- dewinus de Cleen et frater ejus Guntramus, Gerhardus Da- pifer Comitissae, item Gerardus, Ernestus et frater ejus, Craht, Reimar& frater eorum de Linden, Bernhardus de Gunnese, Hezechinus de Garvenheim, Gerardus de Selterse, Lupoldus de eadem villa, Rudhardus et Gebehardus de Wisemar.¹) Es ſind alſo Vaſallen aus 10 Familien, welche hiernach zum Hofe der Gräfin von Gleiberg gehören. Einige derſelben laſſen keinen Zweifel zu; es ſind Familien aus der Grafſchaft, die noch lange hernach in demſelben Verhältniß vorkommen, die von Cleen, von Linden, von Göns, von Gar⸗ benheim, von Selters und von Wismar. Gerhard der Truch⸗ ſeß war vielleicht aus einem dieſer Geſchlechter; gewöhnlich blieb das Hofamt aber ein erbliches Lehn und es führte die Familie oft nur den Namen vom Amte; wir finden daher ſpäter wiederholt Truchſeſſe und Schenke zu Gleiberg ohne Familiennamen. Ueber die von Hagen und von Hahe, bei denen es zweifelhaft erſcheint, zu welchen Geſchlechtern ſie ¹) Urk.⸗Buch Nr. 3. Gudenus Cod. Dipl. T. 3, p. 1047, ſ. oben§. 14. Man kann hierbei nicht die nach einander genannten 6, Gerhard, Ernſt, ſein Bruder, Kraft, Reimar und ihr Bruder, als ſämmtlich aus dem Geſchlecht der von Linden bezeichnet, anſehen, da es häufig vorkommt, daß einzelne Ritter nur mit ihrem Vornamen, andere mit Vor⸗ und Geſchlechtsnamen in derſelben Urkunde angeführt werden. — 175— eigentlich gehören, wurde ſich bereits oben in§. 15 geäußert, und hinſichtlich der Brüder Gerhard und Ernſt laſſen ſich nur Vermuthungen über ihr Herkommen aufſtellen. Wir wenden uns aber zunächſt zu einem unter den Dynaſten aufgeführten Zeugen, dem von Merenberg, weil, wenn auch damals noch nicht, doch ſpäter die von Merenberg als vornehmſte der Gießener Burgmannen erſcheinen. 1) Ueber die Geſchichte der Dynaſten von Merenberg hat bereits Wenck möglichſt Licht verbreitet.) Der als Zeuge im Stiftungsbrief von 1129 erſcheinende Hartrad iſt als der erſte des Hauſes bekannt; in der Renovation der Stiftung von 1141 kommt er mit ſeinem Sohn Hartrad II. vor.*) Dieſer war 1163 mit Irmengard, welche wir als die Erb⸗ tochter des Grafen Otto von Gleiberg anſehen müſſen, ver⸗ mählt.“) Der Anfall der Gleiberger Güter ſcheint vor 1186 erfolgt und damals Irmengard bereits todt geweſen zu ſein; denn in dieſem Jahre ſtiften Hartrads Söhne, Hartrad III. und Giſo aus ihren Allodialgütern das Kloſter Hachborn im Ebsdorfer Grund,) im Gebiet der Landgrafen von Thüringen und Heſſen, und ihr Vater wohnte der Stiftung nur als Zeuge bei. Hachborn gehörte zwar nicht mehr zu der Herrſchaft Gleiberg, ſondern zum Lande des Landgrafen Ludwig von Thüringen und Heſſen, der im Stiftungsbrief als regierender Landesherr neben dem Kaiſer und dem Erzbiſchof aufgeführt wird; ⁶) aber dieſe Gleiberger Beſitzungen berührten Hach⸗ born unmittelbar und daß viele Allodialgüter außer der Graf⸗ ſchaft zu dieſer gehörten, welche ſich zu ſolchen Vergabungen am Beſten eigneten, zeigt die Dotation von Schiffenberg. Nach dem Erwerb von Gleiberg bezeichnet ſich Hartrad öfter ²) Wenck, heſſ. Landes⸗Geſchichte, Bd. 3, S. 276 ff. ³) S. oben§. 14. ⁴) Schenkung an das Kloſter Arnſtein in Gudenus I. c. T. 2, p. 15. ⁵) Stiftungsurkunde bei Gudenus J. c. p. 20. ³) Regnante Friderico et ejus filio Henrico, Lantgravio Ludewico et Cunrado Archiep. Mogont. — 176— als Comes, augenſcheinlich mit Bezug auf die Grafenrechte dieſes Hauſes und namentlich in Urkunden der Landgrafen Heinrich und Hermann von Thüringen und Heſſen, in deren Gefolge er als Zeuge obenanſteht.“) In Urkunden von 1210 an kommt dieſer Hartrad als senior, neben ſeinem Sohn Hartrad IV. als junior vor.) Dieſer war es, der 1226 die Burg Merenberg nebſt deren von Rudolph von Beilſtein er⸗ kauften Antheil dem ſeit Kaiſer Otto III. im Beſitz des be⸗ nachbarten Weilburger Gebiets befindlichen Bisthum Worms zu Lehn auftrug.“) Er war es auch, der im Jahr 1229 mit dem Zuſatz nobilis de Merenberg als miles des Pfalz⸗ grafen Wilhelm dem Spruch deſſelben über den Streit zwiſchen Schiffenbenberg und den Parochianen von Steinbach beiwohnt und zwar nicht als Vogt des Kloſters oder Mitlandesherr, da der Pfalzgraf allein entſcheidet, ſondern nur als Ritter. ¹⁰) Im Jahr 1233 verkauft er dem Kloſter Arnsburg ſeine Güter in Groß⸗ und Klein⸗Holzheim unter Beſiegelung der Stadt Wetzlar, deren Schultheiß, Vogt und Schöffen neben ſeinem Schweſterſohn Friedrich von Marburg Zeugen ſind. Die Urkunde zeigt uns als ſeine Ritter dieſelben Geſchlechter, die meiſt auch als Tübinger Miniſterialen erſcheinen, von Gar⸗ benheim, von Linden, von Eſchborn, von Trohe, Hund. ¹¹) Er ſcheint aber ſonſt mit den Angelegenheiten der Herrſchaft Gleiberg weniger zu thun gehabt zu haben, als ſein Bruder oder Vetter Konrad, der ſich 1234„von Gleiberg“ nennt und ²) Schutzbrief für das Kloſter Hildewardshauſen bei Wenck, Th. 2, Urk. Nr. 84(von 1189) und desgleichen für das Kloſter Aulisburg(aus welchem ſpäter das Kloſter Haina entſtand) in Eſtor, kleine Schriften, Th. 1, p. 199(von 1216). ³) Wenck a. a. O., Th. 3, S. 285, Note u. *) Schannat, Histor. Wormat. Prob. p. 116. Der Beſitz dieſer Fa⸗ milie im Decanat Wetzlar iſt daher augenſcheinlich nicht von dieſem Stift abzuleiten, wenn ſie auch durch Beſitzungen deſſelben bereichert wurde.(Vogel a. a. O., S. 247.) 10) Urk.⸗Buch Nr. 4. Gudenus 1. c. T. 3, p. 1202. ¹1) Wenck a. a. O., Th. 2, Beil. 112. — 177— dem deutſchen Orten in ſeinem Teſtament Güter zu Oden⸗ hauſen und Ruttershauſen und um Gleiberg und Wetzlar ver⸗ macht.*²) Hartrads Söhne, Konrad und Wittekind, waren im Beſitz gewiſſer Vogteirechte in dem alten, offenbar zur Graf⸗ ſchaft Gleiberg gehörig geweſenen Lohrgau, der ſogenannten Comitia Rucheslo. Wahrſcheinlich um ſich gegen Anſprüche der Landgrafen von Thüringen und Heſſen, die ſich als pro— vinciales reſp. Gaugrafen des ganzen dieſen Diſtrict umfaſſen⸗ den Oberlahngaus Rechte darüber zugeſchrieben haben moch⸗ ten,*³) zu ſchützen, ſchloſſen ſie ſich an das Erzbisthum Mainz an, das die Rechte der Landgrafen ſtets zu beſchränken geneigt war und ſchon früher(1195) einen ſchweren Kampf mit Land⸗ graf Hermann I. über die Städte Grünberg und Frankenberg gehabt und in demſelben erſtere und Marburg verbrannt hatte.**) Auch jetzt ſcheint ein Kriegszug der Mainzer wenigſtens ¹²) Wenck a. a. O., S. 290 und 291. Gudenus I. c. T. 4, p. 889. Das in Konrads Teſtament neben Udenhusen genannte Rutharts- husen mit Wenck im Amt Merenberg zu ſuchen, iſt kein Grund vor⸗ handen, da Ruttershauſen neben Odenhauſen im Gericht Kirchberg an der Lahn liegt. Die Landgrafen bezeichneten ſich gewöhnlich als Principes und Pro- vinciales, auch in Geſchäften des Landes zu Heſſen und des Ober⸗ lahngaus; ſo Heinrich und Konrad in den Schutzbriefen für das Kloſter Aulisburg von 1216 und 1234 bei Eſtor a. a. O. und ſie wurden auch ſo bezeichnet z. B. von den Grafen von Ziegenhain (Kuchenbecker anal. T. 11, p. 132). Es waren auch die Gau⸗ grafenrechte des Giſoniſchen Hauſes auf ſie übergegangen, die den Oberlahngau und mit ihm den Lohrer Nebengau Pagus Larensis umfaßten(ſ. oben§. 11). In ihrer Eigenſchaft als comites des Gau's Rucheslo ſcheinen die Herrn von Merenberg bei Rechtsgeſchäf⸗ ten der Landgrafen, die dieſe in Marburg vornahmen, zugezogen worden zu ſein; ſie hatten aber nur die Stellung der Grafen der Cent zu den Grafen des Gau's. ¹⁴) Rommel a. a. O., S. 274. Ein weiterer Kampf, der zwiſchen Land⸗ graf Ludwig IV. und den Anhängern Erzbiſchofs Siegfried II. 1216 Statt gefunden und wobei namentlich Hartrad von Merenberg be⸗ ſiegt worden ſein ſoll, iſt wenigſtens, was deſſen Perſon betrifft, großen Zweifeln unterworfen(vergl. Schmidt, Geſchichte von Heſſen, Bd. 1, S. 141, Note b). 13 —₰ 12 — 178— im Werk geweſen zu ſein; denn im Lager bei Sichartshauſen (in campis apud Sigardeshusen) ¹5) kam am 15. Decbr. 1237 ein Vertrag zwiſchen Erzbiſchof Siegfried III. von Mainz und Hartrads IV. Sohn, Konrad von Merenberg, der für ſeinen Bruder Wittekind handelte, zu Stande, durch welchen dieſer dem Erzſtift die Comicia in Rucheslo mit ihren Zugehörungen, mit Ausnahme der Gerichte Gladenbach, Lohr, Reitzberg, Kirch⸗ berg, Treis und Londorf, verkaufte und zugleich deſſen Burg⸗ mann auf der Ameneburg wurde,“) ein Vertrag, auf den wir bei Betrachtung der Beſtandtheile der Grafſchaft Gleiberg zu⸗ rückkommen müſſen und uns daher hier jeder weiteren Erörterung enthalten. Von Kaiſer und Reich reſp. Namens deſſelben von dem in Abweſenheit ſeines Vaters Friedrich II. das deutſche Reich verwaltenden König Konrad wurden die Brüder Konrad und Wittekind von Merenberg 1246 mit dem Vogteirecht über Wetzlar und dem Gericht im Hittenberg, wie ſolches ihre Vorfahren von Alters her beſeſſen, als Reichs⸗ 1 1 ¹5) Die Geſchichte kennt keine Veranlaſſung zu einer Fehde zwiſchen Mainz und Heſſen im Jahr 1237. Die bedeutende von 1232, in welcher Landgraf Konrad Fritzlar eroberte und verbrannte, war geſühnt. Nur die Umtriebe, welche Erſteres in Bezug auf den Erwerb der Grafſchaft Battenberg verſuchte, mochten eine neue Veranlaſſung geben. Die Landgrafen hatten(1227) die Burg Kellerberg bei Battenberg von den Grafen Wittekind und Hermann erworben und dieſe zu ihren Burg⸗ mannen in Marburg gewonnen. Aber ſpäter(1234) verſprach Witte⸗ kind den Erzbiſchof in die Hälfte der Burgen Battenberg und Keller⸗ berg und zugehöriger Grafſchaft aufzunehmen. Dies war 1237 noch nicht geſchehen, ſondern erfolgte erſt 1238; ſehr gegen die Rechte und das Intereſſe der Landgrafen. Dem Drängen auf die Vollziehung ſcheint Erzbiſchof Siegfried bewaffneten Nachdruck haben geben zu wollen. Sichertshauſen lag noch in der Comitia Ruchesloh, in der Cent Treis a. d. L., aber hart auf der heſſiſchen Grenze des Ebs⸗ 1 dorfer Grundes. 16) Gudenus l. c. T. 1, p. 244. Die Burgmannſchaft war ein neues Lehn; denn 1227 finden wir Hartrad von Merenberg zwar als Zeugen einer von Erzbiſchof Siegfried zu Ameneburg ausgeſtellten Urkunde, aber nicht unter den Mainzer Miniſterialen, ſondern unter den comites. (Kopp, Lehnproben, Th. 2, S. 360.) — —-—— —==—— 5—— — 179— Miniſterialen beliehen,¹*¹) ein Recht, das ſie offenbar auch nur von den Gleibergern herleiteten und das wenigſtens bezüglich des Hüttenbergs den Pfalzgrafen in gleicher Art zuſtand. Die Verpfändung ſeiner Hälfte der Burg Gleiberg an Graf Hein⸗ rich von Solms, welche Wittekind vor 1257 vorgenommen hatte, war zufolge der Vermählung ſeines Sohnes Hartrad V. mit des Grafen Tochter Gertrud nur von vorübergehenden Folgen ¹s) und daher ohne Einfluß auf die Grafſchaft Gießen. Dieſer Hartrad V. von Merenberg erſcheint dann im Jahr 1264(den 15. Auguſt) als Burgmann des Pfalz⸗ grafen Ulrich von Tübingen in der Burg Gießen, wie wir bereits oben(§. 19) des Näheren mitgetheilt haben. ¹*) Es iſt auffallend, daß bei den nahen Berührungen, in welchen die Herren von Merenberg als Miterben der Grafen von Gleiberg und Mitbeſitzer der Burg Gleiberg,*¹) welche erſt Landgraf Heinrich I. im Jahr 1265, nach dem Erwerb von Gießen, vorbehältlich des Oeffnungsrechtes ganz an ſie abtrat, zu den Pfalzgrafen ſtanden, beinahe gar keine urkundlichen Nachweiſe über die Rechtsverhältniſſe zwiſchen denſelben vorkommen; es läßt ſich dies neben der überhaupt vorliegenden gänzlichen Dürftigkeit der Tübinger Archive wohl am Leichteſten aus dem ſtets friedlichen und harmoniſchen, auf die Gewohnheit und das Herkommen geſtützten Verhältniß zwiſchen beiden Häuſern erklären, zu welchem das ſicher ältere Miniſterial⸗Verhältniß der Herrn von Merenberg nicht wenig beigetragen haben mag ¹7) Wenck a. a. O., Urk.⸗B. Nr. 133. ¹8) Wenck a. a. O. S. 296. ¹9) Urk.⸗B. Nr. 27. ²⁰) Schmid, Geſchichte der Pfalzgrafen von Tübingen, S. 223, bemerkt, daß Hartrad von Merenberg die Burg Cleberg als Tübingiſches Lehn beſeſſen habe, hat aber dafür keinen Nachweis, als die Urkunde Land⸗ graf Heinrichs I. von 1265; es liegt daher dieſer Bemerkung ein doppelter Irrthum zu Grunde, indem Cleberg mit Gleiberg verwechſelt und das Geſammteigenthum beider Gleiberger Erben an Gleiberg für ein Lehn des Einen von dem Andern angeſehen wird. 12* — 180— und das durch den vorübergehenden Anſchluß an Mainz nicht litt. Die oben erwähnte Urkunde enthält nämlich keine neue Uebertragung eines Burglehns an Hartrad V. von Meren⸗ berg, ſondern dieſer erſcheint danach als bisheriger lieber und beſonderer Burgmann des Pfalzgrafen, dem durch das offenbar erſt während der Kaufverhandlungen mit dem Landgrafen aus⸗ geſtellte Document die Lehnsgefälle, die er zu beziehen hatte, geſichert werden, wie auch der Scheidbrief Graf Wilhelms von 1229 über die Streitigkeiten zwiſchen der Gemeinde Stein⸗ bach und dem Kloſter Schiffenberg nach der Stellung des Zeugen Hartrad von Merenberg unter den übrigen Rittern des Pfalzgrafen, welche dem Gericht beigewohnt hatten, dieſem Vaſallenverhältniß des Letzteren entſpricht(ſ.§. 19 und Note 10 oben). Die Burgmannſchaft war daher wahrſcheinlich ſchon von den Vorfahren auf Hartrad übergegangen. Den Pfalz⸗ grafen als Descendenten und Nachfolgern des Aelteſten der Erben der Gräfin Clementia kamen die Vogteirechte über das Kloſter Schiffenberg nach der Stiftungsurkunde allein zu; man ſieht auch aus den oben mitgetheilten Urkunden der Pfalz⸗ grafen und der Stadt Gießen,¹) daß dieſe, reſp. ihre Vertreter in der Grafſchaft, ſie ohne Einmiſchung der Herrn von Meren⸗ berg ausübten. Nur als Kloſtervögte erledigten die Pfalz⸗ grafen manche Streitigkeiten des Kloſters allein, z. B. die mit Leihgeſtern, das zum gemeinſchaftlichen Gericht Hüttenberg ge⸗ hörte und über das ſie daher nur gemeinſchaftlich mit Meren⸗ berg hätten erkennen können. Daß die Herrn von Merenberg nicht als Mitglieder des Stadtgerichts von Gießen urkundlich vorkommen, erklärt ſich leicht daraus, daß ſie dort nicht per⸗ ſönlich Burgdienſte leiſteten, ſondern nur auf Verlangen einen Stellvertreter zu ſtellen hatten.²*) Bei der regelmäßigen Ab⸗ 21) Urk.⸗B. Nr. 12 und 13. ²²) Die Herrn von Merenberg hatten verſchiedene Vaſallen in Gießen, welche für ſie die Burgdienſte thun konnten, z. B. Macharius von Linden, der drei Stücke Ackerland(pecias terrae arabilis) und mehrere — 181— weſenheit der Pfalzgrafen war es ohnehin natürlich, daß dieſer Nexus mehr zur Sicherung des Friedens, als zum Gewinn von Dienſten beſtand. Ebendies erklärt auch, daß manche Rechte der Gleiberger, wie die Advocatie zu Wetzlar, mit welcher die Vorſtandſchaft der Burgmannſchaft der Reichsburg Calsmunt verknüpft war,“**) beſſer und häufiger von den Meren⸗ bergern, als von den Pfalzgrafen, die, wenn auch wohl gleich⸗ berechtigt, doch bei ihrer Abweſenheit kein ſo lebhaftes Intereſſe daran hatten, gehandhabt wurden. Daß die Merenberger von den Tübingern mit den übrigen Vaſallen der Grafſchaft an Heſſen übergingen, werden wir weiter unten ſehen; mit dem Ausſterben ihres Mannsſtamms erloſch die Burgmannſchaft aber, die, wie alle Burglehn, ein Mannlehn war und daher auf ihre Rechtsnachfolger, die Grafen von Naſſau, nicht über⸗ gehen konnte. 2. Die Herrn von Hagen, von denen wir im Jahr 1129 Konrad als Gleiberger Vaſallen kennen lernen, vertauſch⸗ ten ihren Wohnſitz Arnsburg etwa in der Mitte des 12. Jahr⸗ hunderts mit der neu erbauten Burg Münzenberg**) und Konrads Sohn, Kuno, verlegte das auf der Altenburg ge⸗ ſtiftete Kloſter 1174 in die Burg Arusburg.“*) Die Herrn von Münzenberg waren durch die Verbindung der Stamm⸗ Beſitzungen der von Hagen und der Arnsburger mit denen andere Morgen daſelbſt zu Lehn trug, die dieſer einem Bürger Konrad zu Afterlehn gegeben hatte, dem ſie Hartrad V. für den Fall des Ab⸗ lebens des Macharius als Lehn 1268 zuſicherte.(Urk.⸗B. Nr. 30.) Die Herrn von Merenberg hatten in Wetzlar ihre Untervögte aus der Kalsmunter Ritterſchaft(ſ. Urk.⸗Buch Nr. 15, Hermann 1245; und Nr. 22, Eberwein 1260). Mit der Vogtei war der Anſpruch auf ein Drittheil der Steuer zu Wetzlar verbunden(Wenck a. a. O., Bd. 3, S. 303, Note p.) Wenn derſelbe ſich, wie Kremer origin. Nass. p. 52, not. 2 glaubt, aus dem Saliſch⸗Konradiniſchen Haus herleiten läßt, ſo kann dies doch wohl nur durch Vermittlung der Grafen von Gleiberg möglich ſein. ²4) ſ. oben§. 17, Note 7. ²⁵) Schmidt, heſſ. Geſch., Bd. 2, S. 150. 23 der von Kuno beerbten Grafen von Nüring(am Fuße des Altkönig) und Königſtein, mächtige Dynaſten geworden; fie trugen die Würde eines Reichserbkämmerer zu Lehn und über⸗ trafen an Macht die Grafen von Gleiberg und deren Nachfolger, die Pfalzgrafen von Tübingen. Dennoch iſt anzunehmen, daß das zwiſchen dieſem und ihrem Ahnen Konrad von Hagen be⸗ ſtandene Vaſallen-Verhältniß(ſ.§. 15 oben) mit dem Beſitz der Lehn, die ſie von ihnen hatten, fortwährte. Zwar findet ſich aus der Zeit, in welcher der Mannsſtamm der Münzen⸗ berger unter Cuno II. und deſſen Bruder Ulrich I. und ſeinem Sohn Ulrich II.(bis 1255) blühte, kein Beweis dafür; da⸗ gegen finden wir einen der Erben des Münzenberger Hauſes, und zwar den Haupterben, Philipp I. von Falkenſtein, welcher die Antheile von drei Miterben zu dem ſeinigen erworben und hauptſächlich die an die Herrſchaft Gießen grenzenden Be⸗ ſitzungen erhalten hatte,¹⁰) als Tübingiſchen Vaſallen und zwar als Burgmann von Gießen. In der Urkunde Pfalzgraf Ulrichs von Tübingen, Herrn in Gießen, von 1263, ausgeſtellt in Gießen, durch welche der⸗ ſelbe dem Kloſter Arnsburg für ſeinen Hof in Buſeck eine Holzberechtigung im Wieſecker Wald verleiht**)(ſ. oben§. 19), iſt Philipp I. von Falkenſtein unter den Burgmannen von Gießen als Zeuge aufgeführt(Testes: Dominus Philippus senior de Valkenstein. Gerlacus et Macharius milites de Linden. Dominus Wernherus de Hattinrode. Dominus Adol- fus de Huchilheim. Castrenses in Gizen). Gleichzeitig nennt Ulrich ihn ſeinen Lieben(dilecto nostro) in der Urkunde, in welcher er den Hof deſſelben zu Eberſtadt von einer Ab⸗ gabe für das Beholzigungsrecht in dem Wieſecker Wald befreit (ſ.§. 19 oben, Urk.⸗Buch Nr. 14) und bezeichnet ihn dadurch als Vaſallen. Auch die Lehn ſind bekannt, welche Philipp von Falkenſtein trug; es war ein Antheil an dem Gericht zu Pol⸗ 26) Eigenbrodt im Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 1, S. 14 ff. ²7) Urk.⸗B. Nr. 25. Beurk. Nachrichten, Bd. 2, Nr. 216. — 183— göns und Kirchgöns und Philipp, der ebenſo wie Hartrad von Merenberg mit dem Erwerb von Gießen an den Landgrafen Heinrich I. von Heſſen übergegangen und bereits deſſen Burg⸗ mann zu Grünberg war, ſtellt dieſem am 20. Januar 1316 einen Revers darüber aus, daß derſelbe durch die Anweiſung von 10 Mark cölniſcher Heller jährlicher Rente, die er ihm auf Güter innerhalb einer Meile von Grünberg oder Gießen zu Burglehn ertheilen würde, dieſe ihm zu Burglehn verſetzte Gerichtsbarkeit auslöſen möge.²³) Wir ſind berechtigt, dieſes Burglehn der von Falkenſtein mit dem vaſallitiſchen Nexus der Herrn von Hagen gegen die Grafen von Gleiberg in Ver⸗ bindung zu bringen; denn ſie ſowohl wie ihre Nachfolger hatten ein großes Intereſſe, die benachbarten Beſitzer von Arnsburg reſp. Münzenberg an ſich zu feſſeln und durch den Eid der vaſallitiſchen Treue von Gefährdung ihrer angrenzenden Be⸗ ſitzungen abzuhalten. Wie wir ſpäter ſehen werden, hat die Burgmannſchaft der Falkenſteine ſelbſt eine Zeit lang zur Ver⸗ pfändung von Gießen an ſie geführt. 3. Daß Siegfrid von Hahe und andere ſeines Namens (ſ. oben§. 15) nicht weiter als 1129 als Gleiberger Vaſallen vorkommen, wird aus der Geſchichte dieſer Familie erklärlich, welche erloſchen iſt, als Manegold von Hagen und Wirberg mit ſeinem Sohn von ſeinen Feinden ſchon bald darauf, vor 1149, erſchlagen ward und ſeine Tochter Aurelia als einzige Erbin in dem von ihr geſtifteten Kloſter Wirberg den Schleier genommen hatte, die Burg Hagen im Buſecker Thal aber durch Feuer zerſtört war.²*) Nur eine Vermuthung läßt ſich dafür aufbringen, daß die Gleiberger Lehn der Familie auf die Familie von Buſeck, die wahrſcheinlich von weiblicher Seite mit Siegfried von Hagen verwandt war, übergingen. Das Kloſter Wirberg verkaufte nämlich 1210 ſeine Güter an dem Ort, Hagen genannt, bei Beuern(in loco qui dicitur Hagen 26) Copial⸗Buch Nr. 57. Wenck a. a. O., Urk.⸗B. Bd. 3, Nr. 222. 29) Glaſer, Geſch. des Kloſters Wirberg, S. 4, 5. — 184— apud Buren), augenſcheinlich daſſelbe Dorf, wo das Kloſter Schiffenberg nach einer Urkunde des Erzbiſchofs Albero von Trier von 1150 Hörige beſaß,“¹) an das Kloſter Arnsburg, weil es der Landgraf Hermann gewaltſam im Beſitz geſtört haben ſollte.“*) Der Landgraf, der wie ſein Sohn Konrad ²²) die obere Gerichtsbarkeit im Buſecker Thal handhabte, hatte wahrſcheinlich die Anſprüche der Familie von Buſeck auf dieſe Güter für begründet erkannt; das ſehr begünſtigte Kloſter Arnsburg wußte ſich aber beſſer gegen dieſelben zu wehren. Noch 1245 und 1246 ſuchte ein Mitglied der Familie, Adolph von Buſeck gen. Fleck, mit ſeinen Genoſſen in Buſeck ſie ver⸗ geblich geltend zu machen, indem er 17 Höfe(mansos) in Beuern oder, wie es in einer andern Urkunde heißt, die Güter auf dem Haine(ofme haene in Bure) gelegen, in Anſpruch nahm und dem Kloſter die Weide im Wald Burghagen v3. beſtritt, aber von dem Stadtgericht zu Grünberg abgewieſen wurde.*³¹) Dieſer Adolph von Buſeck gen. Flecke erſcheint 1233 als Ganerbe und Zeuge in einer Urkunde über eine Vergabung der Güter Ritter Siegfrieds von Buſeck an das Kloſter Arnsburg, in das ſich dieſer hatte aufnehmen laſſen.“*) Die Namen Sigfried von Hahk und Siegfried von Buſeck laſſen auf eine Verwandtſchaft ſchließen, da gewöhnlich einer der Söhne den Namen des mütterlichen Großvaters fort⸗ führte und da die Ritter von Buſeck ſchon 1152 als Miniſte⸗ rialen im Gefolge des Grafen Wilhelm von Gleiberg bekannt werden,“s) ſo iſt ein Zuſammenhang zwiſchen jenem Miniſte⸗ rialen Siegfried von Hagen und der Familie von Buſeck nicht 3⁰) S. oben§. 14, Note 30. 31) Glaſer a. a. O., S. 7. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 6. 3²) S. oben§. 19, Note 4. 3⁸) Glaſer a. a. O. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 38 und 49. 34) Gudenus l. c. T. 3, p. 1104. ³⁵) S. oben§. 16, Note 12. Gudenus l. c. T. 3, p. 1199. 185 unwahrſcheinlich.²) Wir werden von der Familie von Buſeck etwas weiter unten handeln. 4. Wie die drei großen Marken des Gerichts im Hitten⸗ berg, Cleen, Göns und Linden, mit ihren zugehörigen Orten einen großen Theil der Grafſchaft Gleiberg einnehmen, ſo finden ſich auch ſchon in älteſter Zeit drei bedeutende Ge⸗ ſchlechter in denſelben, die ihren Namen noch nach dieſen Marken und nicht von einzelnen darin liegenden Dörfern führen und die Gerichtsbarkeit oder Vogtei daſelbſt beſitzen, die von Cleen, von Göns und von Linden, was dafür ſpricht, daß ihr Herkommen älter iſt, als das der Adlichen, die ſich nach den einzelnen Dörfern in den Marken nannten. Obwohl alle drei noch zu den Miniſterialen der Gräfin Clementia ge⸗ hörten, ſcheinen ſie doch ſpäter mit der Theilung der Graf⸗ ſchaft in den Lehnsverband zu den einzelnen Theilhabern der⸗ ſelben getreten und erſt ſpäter wieder ſämmtlich zur Burg⸗ mannſchaft von Gießen gekommen zu ſein. Nur die von Linden finden ſich ſtets als Tübingiſche, wiewohl auch gleichzeitig als Merenbergiſche Vaſallen und Gießener Burgmannen, denn ihr Sitz Großlinden war ganz zum Gießener Antheil gehörig; nicht ſo ſtändig die von Göns und von Cleen. Die letzteren ſtellten im Jahr 1129 Baldnin und Guntram als Zeugen der Kloſterſtiftung.“*) In den übrigen Schiffenberger Urkunden erſcheinen ſie nicht mehr. Ueberhanpt kommt kein von Cleen in Gleiberger und Tübinger Urkunden mehr vor; wohl aber zeigen ſich Spuren, wonach Glieder der Familie, welche nach ſpäteren Erwerbungen andere Beinamen führten, mit Gießen in fortwährender Verbindung geſtanden haben(ſ. unten§. 28 ³6) Hieraus beſtätigt ſich, wie richtig Glaſer a. a. O., S. 8, ſchon be⸗ merkt hat, daß Manegold von Hagen nicht zur Familie der Herrn von Hagen zu Dreieich und Arnsburg gerechnet werden darf, ſondern zu einer Familie des niedern Adels, deren Geſchichte noch im Dunkel liegt. ³7) S. oben§. 14, Note 9. — 186— sub 28). Die, welche ſich nur von Cleen nennen, ſcheinen vielmehr durch ihre ſtete Verbindung mit Cleberg in Dienſte der Eppſteiner als Kleberger Ganerben gekommen zu ſein, wenigſtens findet ſich ein Winther von Cleen erſt 1223 als Zeuge in einer Urkunde über Streitigkeiten der Gebrüder Gerhard und Gottfried von Eppſtein.*³²) Gegen das Ende des 13. Jahrhunderts kommt Gerlach in Urkunden der Münzen⸗ berger Erben und Konrad in Friedberger Urkunden häufig vor. Dieſer, ein Ritter von bedeutendem Anſehn, war 1276 und 1279 ff. in der Reichsburg Friedberg Burgmann und in vielen Geſchäften der Gegend Zeuge oder Schiedsrichter.“²) In Be⸗ ziehungen zu Gießen erſcheint er erſt 1300, wo Landgraf Hein⸗ rich I. ihn gegen ſeinen Antheil am Gericht Nieder⸗Kleen zum Burgmann daſelbſt annimmt; ⁴⁹) für die Periode der Geſchichte von Gießen, in welcher wir dermalen ſtehen, bleibt daher die Familie ohne Bedeutung. Dennoch ſpricht ein Umſtand da⸗ für, daß die alte Verbindung mit dem Gleiberger Grafenhaus auch mit deſſen Nachfolgern fortdauerte; die von Cleen führen nämlich ein Kleeblatt in derſelben Art im Wappen, wie die meiſten andern zur Gleiberger Miniſterialſchaft und Gießener Burgmannſchaft gehörigen Familien ein ſolches oder wenigſtens drei in Form eines Kleeblatts verbundene Blätter führen und es iſt daher anzunehmen, daß die von Cleen ſchon zu einer 38) Johannis R. Mog. T. 2, p. 528. ³9) Vergl. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 173, 190, 223, 239, 245, 247, 270 ꝛc. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Bd. 5, Nr. 87. Conrad von Gleen hatte daher Ge⸗ fälle in Dorheim, Hollar(bei Ockſtadt), Bruchenbrücken, Dortelweil, Rockenberg und Weiſel im Beſitz, die er(1282) an das Kloſter Alten⸗ münſter in Mainz als dieſem gehörig herausgeben mußte und nur die in Griedel als Lehn behielt(Baur, daſ. Nr. 112, 115). 4⁰) Wovon ſpäter, ſ. Wenck a. a. O., Bd. 2, Nr. 246. Es iſt nicht ge⸗ wiß, ob Konrad von Kleen erſt hierdurch die Hälfte des Gerichts zu Nieder⸗Kleen überkam oder ſie erſt dadurch heſſiſches Lehn wurde. Mit dem Ausſterben des Mannsſtamms der von Cleen ging ſie mit deren Wappen auf die von Frankenſtein über.(Humbracht, Stammtafeln, Fol. 261, 107.) — 187— Zeit, wo die Wappen entſtanden, zu dieſer Gemeinſchaft ge⸗ hörten, ja es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß die Wahl gerade dieſer Wappenfigur mit dem Namen der von Cleen zuſammen⸗ hängt. 5. Aehnlich verhält es ſich mit den Adlichen von Göns. Bernhard iſt als Miniſteriale der Gräfin Zeuge in 1129 und 1141. Erſt beinahe ein Jahrhundert ſpäter(1211) kommt ein Giſelbert von Göns als Zeuge in dem Vertrag Erzbiſchofs Siegfried von Mainz mit ſeinem Bruder Gottfried von Epp⸗ ſtein und Eberhard Waro vor.**) Von 1226 bis 1243 finden wir Ortwin häufig im Gefolge Ulrichs von Münzenberg,““) vielleicht weil die Herrn von Hagen und Mürnzenberg die Gerichtsbarkeit im Gönſer Gericht von den Gleibergern zu Lehn hatten, und die von Göns die Vogtei daſelbſt beſaßen. Verwandt mit ihnen ſind die von Eſchborn; Ortwin und Hezechin ſind(1226) Zeugen bei dem Schiedsſpruch im Streit der Brüder Giſelbert und Ernſt von Eſchborn über das Pa⸗ tronat zu Reiskirchen und zwar unter der Gruppe der Glei⸗ berg⸗Gießener Ritter.“*“) Später(1254) verzichten die Brüder Hezechin und Rudolph von Göns auf ihre Anſprüche an die Güter, welche Giſelbert von Eſchborn an das Kloſter Arnsburg gegeben hat vor Herrn Ulrich von Münzenberg.“*) Um dieſe Zeit ſcheint die Familie ihre Stammgüter in der Gönſer Mark 41) Joannis Spicileg. p. 277. ⁴²) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 19, 34. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 1278. Guden. 1. c. T. 3, p. 1100. 4³) Gudenus Sylloge. p. 588. Urk.⸗Buch Nr. 11. In dieſer Urkunde, welche zu Wetzlar ausgeſtellt iſt, laſſen ſich drei Gruppen von Rittern als Zeugen unterſcheiden: Kalsmunter, Gleiberg⸗Gießener und Mün⸗ zenberger, da Ulrich von Münzenberg mitwirkte. Die von Gießen ſind von Linden, von Göns, von Hattenrod, von Schwalbach und von Dernbach; die von Münzenberg find von Colnhauſen, von Birklar, von Bellersheim und von Griedel. 4⁴) Gudenus Cod. Dipl. T. 3, p. 1120. Ein anderer Giſelbert war Dechant zu Wetzlar(um 1260). — —y —— ——— ͤͦ — 188— zum großen Theil veräußert zu haben.*³) Ritter Eberhard von Göns und ſeine Gemahlin Mechtild verkaufen 1256 ihre Güter zu Göns und Rendel dem Deutſchen Ordens⸗Haus zu Frankfurt.“*) Giſelbert, der Sohn Giſelberts gen. der Schäfer(opilio), verkauft ſeine Güter daſelbſt an Conrad Reye, Bürger zu Wetzlar(1266).¹*) Richard, Burgmann Gott⸗ frieds von Eppſtein zu Homburg vor der Höhe, verkauft mit ſeiner Gemahlin Jutta dem Kloſter Altenburg ſeinen Hof in Kirchgöns(1292).³) Dagegen beſtreitet er dem Deutſchen Orden die Vogteirechte über die Vogteigüter zu Göns, die dieſer nach Erwerb des Guts der von Göns in Anſpruch nahm, wird aber von den zu Schiedsrichtern ernannten Schöffen von Wetzlar abgewieſen(1300).**) Seine 6 Söhne, Gilbert, Bernhard, Lupulin(Ludwig), Heinrich, Gerhard und Heiden⸗ reich, Wäppner, verzichten(1311 reſp. 1318) vor dem Gießener Stadtgericht auf ihre Anſprüche an die Güter und dieſe Vogtei gegen den Deutſchen Orden*⁰) unter Zuſtimmung ihrer Vet⸗ tern Konrad und Burkhard. Damit kommt zuerſt wieder die 4) Ein Gut zu Kirchgöns behielt die Familie bis zum Erlöſchen ihres Mannsſtamms und erſt die Nichte des letzten von Göns, des zu Kin⸗ zenbach geſtorbenen Amtmanns von Greifenſtein Joh. Ernſt(† 1587), Johannette Löw zu Steinfurth, verkaufte daſſelbe(1652) an Pfarrer J. Konr. Clemm von Lützellinden, deſſen Familie es bis vor einigen Jahren(1830) beſaß. Auch den Kirchſatz zu Lang⸗ und Kirchgöns ver⸗ tauſchte erſt die Schweſter Joh. Ernſt's, Katharine von Rodenhauſen, an Naſſau(Copien im Beſitz des Hrn. Hofrath Wagner). Die Johannette Katharine, geb. von Rodenhauſen, zweite Gemahlin Johann Löw's von Steinfurth, iſt die Stammmutter aller ſpäteren Freiherrn Löw zu Steinfurth(W. Löw, Notizen von der Familie, S. 75). 46) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 112. 4⁷) Daſ. Nr. 1295, Bd. 5, Nr. 58. Die Zeugen ſind die Ritter vom Calsmunt, Wezel von Garbenheim, Gerlach Leſch, Philipp von Linden, Cuno und Hermann von Cleberg, Gebrüder, ſodann ein Ritter Giſel⸗ bert von Göns gen. Kalb. 48) Gudenus I. c. T. 2, p. 275. 49) Baur a. a. O., Bd. 1, Nr. 420. 5⁰) Daſ. in der Note. — 189— Verbindung mit Gießen zum Vorſchein; wir werden ſpäter ſehen, daß Ritter Bernhard und Lupulin dort anſäſſig waren und zur Burgmannſchaft gehörten,¹) und es iſt daher zu ver⸗ muthen, daß ihre Burglehn auch ſchon aus älterer Zeit her fortbeſtanden haben, daß ſie aber erſt nach der Veräußerung ihrer Güter in der Gönſer Mark ſich dort niedergelaſſen haben. Sie waren übrigens auch Merenbergiſche resp. Naſſauiſche Burgmannen auf dem Gleiberg,²) und kann ſich ihr längeres Fehlen unter den Gießener Burgmannen auch daraus erklären, daß ſie bei der Theilung der Grafſchaft den Vaſallen des Gleiberger Antheils zugetheilt wurden, wie dies auch hinſicht⸗ lich anderer der Fall war. Die von Göns führten ein von den übrigen Vaſallen des Gleiberger Grafenhauſes, der Klee⸗ blatt-Form, abweichendes Wappen, nämlich zwei gekreuzte Schwerter; es mag dies mit einem Hofamt, das ſie bei dem⸗ ſelben führten, dem Marſchallamt, zuſammenhängen. Von Zangen hat Mittheilungen über die Familie von Göns ge⸗ liefert in Juſti heſſ. Denkwürdigkeiten, Bd. 4 S. 370 ff., welche aber nicht viel Erhebliches enthalten. 6. Die Familie von Linden war dagegen ſtets in Gießen zu Haus und ihre Glieder gehörten zu den angeſehen⸗ ſten Burgmannen, wie daraus zu ſchließen, daß ſie in vielen Urkunden vor den anderen genannt werden. Manche Bürger, welche wohl aus Linden ſtammten, führten jedoch auch den Namen von Linden und dürfen nicht mit dem adlichen Vaſallen⸗ geſchlecht verwechſelt werden. Schon im Stiftungsbrief von Schiffenberg werden uns mindeſtens drei Vaſallen von Linden Kraft, Reimar und deren(ungenannter) Bruder(Craht, Rei- 51¹) Wovon unten. ⁵²) Katharine von Rodenhauſen ertauſchte den Burgſitz zu Gleiberg, den die von Göns von Alters her bis auf ihren Bruder Johann Ernſt zu Lehn getragen, von Graf Kaſimir von Naſſau, dem er heimgefallen war(den 15. October 1594), gegen das Patronat von Lang⸗ und Kirchgöns(Copie im Beſitz des Hrn. Hofraths Wagner). — 190— mar et frater eorum de Linden) angeführt. Die Beſtätigungs⸗ Urkunde der Grafen Wilhelm und Otto von 1141 nennt als Zeugen einen Reimar und Macharius;**) Reimar iſt augen⸗ ſcheinlich der ſchon 1129 vorkommende Reimar von Linden; der ſeltene Name Macharius kommt von da an über 150 Jahre lange in der Familie von Linden vor und wir ſind daher be⸗ rechtigt, auch dieſen Macharius zu derſelben zu rechnen. Zu⸗ gleich bildet der Stamm, in welchem dieſer Name ſo häufig erſcheint, eine beſondere Branche der Familie, welche ſich wenigſtens eine Zeit lang durch ein von der übrigen ver⸗ ſchiedenes Wappen auszeichnet; denn während die übrigen Herrn von Linden drei mit den Stielen vereinigte Lindenblätter führen, haben die von Linden mit dem Vornamen Macharius und ihre nächſten Verwandte ein quergetheiltes Wappen, das oben her einen Balken oder Streifen, unten ein quadrirtes Feld enthält, in welchem abwechſelnd ein Quadrat ein Andreas⸗ kreuz, das andere keine Figur enthält.*⁴) Die Tincturen ſind, da das Wappen nur aus Siegeln aus dem 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts bekannt iſt, nicht zu erkennen. a. Von dem Namen Macharius kommt, außer dem 1141 auftretenden Vaſallen der Grafen Wilhelm und Otto, ein Macharius von Linden(II.) im Jahr 1233 in einer zu Wetzlar ausgeſtellten Urkunde Hartrads von Merenberg über dem Kloſter Arnsburg verkaufte Güter zu Groß⸗ und Klein⸗ Holzheim als Zeuge neben ſeinem Brudersſohn Gottfried vor. ⁵⁵) Dieſelben Vettern erſcheinen in dem bereits erwähnten Schieds⸗ ſpruch über das Patronat zu Reiskirchen von 1226(not. 43) als Godefridus de Linden und Macharius de Vogdisberch, 5³) Urk.⸗B. Nr. 5. 54) Nach den im Darmſtädter Archiv vorhandenen Urkunden, namentlich Urk.⸗B. Nr. 16. Man könnte das Wappen vielleicht nicht für ein Familien⸗, ſondern als willkührlich verziertes Phantaſitewappen an⸗ ſehen, wenn nicht mehrere Glieder der Familie von der Linie der Macharius daſſelbe führten.(S. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 210.) 5⁵) Wenck, Urk.⸗B., Th. 2, Nr. 112. — 191— woraus hervorgeht, daß Macharius auch Merenberg'ſcher Burgmann auf Vetzberg war. In dem Schiedsſpruch Pfalz⸗ graf Wilhelms von Tübingen über Streitigkeiten des Kloſters Schiffenberg mit der Gemeinde Leihgeſtern über den Neuhof von 1235 iſt Macharius von Linden der ältere der erſte der Zeugen und mit ihm wird ſein Bruder Widerold und weiter ſind die Ritter Johannes und Gerlach von Linden genannt;ss) desgleichen erſcheint er in dem Vergleich über die Weide Rore von 1237 ⁵¹) und in Pfalzgraf Wilhelms Schenkung des Hofes zu Obbornhofen an das Kloſter Schiffenberg, wo er als erſter mediator genannt wird, mit Gottfried, Widerold und Vaſold von Linden, endlich in dem Ehevertrag zwiſchen Kuno von Münzenberg und Adelheid von Tübingen von 1236 als Zeuge.“¹) Der im Jahr 1255 als castellanus de Giezzin in dem Vermächtniß Bernhelms von Heuchelheim an das Kloſter Altenburg nach dem nächſten Verwandten des Schenkers, Adolph von Heuchelheim, als erſter unter den Rittern neben Schultheiß und Schöffen vyn Gießen auftretende Macharius von Linden, iſt wohl der ſchon in der vorhin erwähnten Urkunde von 1235 als junior vorausgeſetzte Sohn jenes Macharius.*¹) Nach einer Urkunde von 1260 hatte er zwei Brüder, Gottfried, Ritter, und Johannes, Canonicus ſpäter Dechant zu Wetzlar, welchem letzteren die Brüder zur Ab⸗ findung von ſeinem Erbtheil vom Nachlaß ihres Vaters, Ritters Macharius, die Güter zu Hochelheim(Habechinheim) über⸗ ließen,“¹) die von dieſem ſpäter(1272) an die Walburgis⸗ Kapelle zu Wetzlar gelangten.“**) Dieſer Macharius III. kommt häufig als Zeuge, namentlich als Gießener Burgmann und 56) Urk.⸗B. Nr. 13. ⁵57) Entdeckter Ungrund Beil. Nr. 24. ⁵⁸) Urk.⸗B. Nr. 15. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 99. Kopp, Lehnsproben, Th. 1, S. 249. 53) Urk.⸗B. Nr. 18. 60) Urk.⸗B. Nr. 21. Gudenus C. Dipl. T. 2, p. 137. 6¹) Gudenus IJ. c. p. 144. — 192— Mitglied des Stadtraths und zwar regelmäßig als erſtgenannter vor, z. B. in Pfalzgraf Ulrichs Geſtattung einer Holzberech⸗ tigung im Wieſecker Wald für das Kloſter Arnsburg(1263),²) in dem Schiedsbrief zwiſchen dem Mönchs- und Nonnenkloſter Schiffenberg von 1264,“²) der Schenkung Siegenands von Buſeck von Gütern zu Launsbach an das Kloſter Arnsburg (1265).*) Macharius von Linden ging mit der Burg Gießen in die Clientel des Landgrafen Heinrich I. von Heſſen über; wir finden ihn 1270 unter ſeinen Gießener Burgmannen, vor welchen er die Grafen zu Solms auf Anſprüche an die Vogtei des Kloſters Altenburg verzichten läßt,“⁵) und 1274 in der Beſtätigung des Verkaufs von Schiffenberger Kloſtergütern zu Lützellinden an das Deutſche Ordenshaus zu Frankfurt,¹⁰*) ſo⸗ wie 1278 in der Genehmigung von Ritter Adolphs von Heuchelheim Schenkung von vom Landgrafen relevirenden lehn⸗ baren Gefällen an das Kloſter Altenburg.“*) Nach 1282 iſt Macharius Zeuge in der von Gießener Burgmannen und Schöffen zu Gunſten des Kloſters Arnsburg errichteten Ver⸗ zichtsurkunde Konrad Nuſſel's, Truchſeß zu Gleiberg,“¹) und in einer von den Ortenberger Erben, von Brauneck, von Breu⸗ berg und von Iſenburg vor Gießener Burgmannen ausgeſtellten Conſens⸗Urkunde über das von ihnen lehnbare, von Rudolph von Düdelsheim dem Kloſter Arnsburg überlaſſene Hubengeld zu Sternbach*) und noch 1283 wird in einem Vergleich Philipps von Linden mit Erwin Löw von Steinfurth ſeiner Zuſtimmung gedacht.““) Mit ihm erloſch ſein Mannsſtamm ⁴²) Urk.⸗B. Nr. 25. Beurk. Nachrichten T. 2, Nr. 216. *s) Daſ. Nr. 26. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 126. 34) Daſ. Nr. 28. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 1216. 65) Gudenus I. c. T. 2, p. 175. 66) Gudenus l. c. p. 186. Beurk. Nachr. Th. 1, Nr. 35. 67) Gudenus l. c. p. 203. 68) Gudenus IJ. c. T. 4, p. 944. 69) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 189. 7) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 244. — 193— und ſeine Beſitzungen kamen an die eben genannten Philipp von Linden und Erwin Löw. Zu denſelben gehörte die Ge⸗ richtsbarkeit in Großlinden,¹¹) nebſt einem Gut und der halben Mühle daſelbſt, die Vogtei zu Brinkheim und Allendorf an der Lahn, zwei Zehnten in Linden und Leihgeſtern und ein Gut bei Gießen.“*) Im Jahre 1275 verkaufte Nacharius ſeinem Schwager(sororius) Erwin Löw von Stein⸗ furth die Hälfte der Gerichtsbarkeit zu Großenlinden, 6 Huben Landes, wovon 4 Allod, 2 lehnbar, zwei Höfe und die halbe Mühle daſelbſt und die Vogtei zu Brinkheim(Berincheim).*³) Den andern Theil des Gerichts, die Zehnten zu Linden und Leihgeſtern und die Vogtei zu Allendorf ſammt allen andern Lehn überließ er ſeiner Tochter Hedwig und deren Ehegatten Cuno Halber von Kleberg, Burgmann zu Gießen, und ſeinem Schwager Erwin Löw in der Weiſe, daß wenn Hedwig kinder⸗ los verſterbe, ſie nach der Erſteren Ableben an letzteren fallen ſollten.“*) Mit dieſem Contract war Philipp von Linden, Burgmann auf dem Kalsmunt und nächſter Agnat des Macharius nicht zufrieden; es kam daher unter Zuſtimmung des letzteren zwiſchen ihm und ſeinem Sohn Gottfried einer Seits und Erwin Löw ein Vertrag(1283) zu Stande, wonach nach dem kinderloſen Ableben Hedwigs, der Gemahlin Kuno's Halber, alle Lehn des Herrn Macharius, mit Ausnahme der Vogtei Brinkheim und der 2 Huben Land zu Linden, zwiſchen ihnen getheilt werden ſollten.*⁵) Macharius war auch Vaſall 71) Die Gerichtsbarkeit zu Lützellinden mag dazu gehört haben, da Ma⸗ charius von Linden als Zeuge in einem Landſiedelleihbriefe des Stifts Wetzlar über Güter daſelbſt(1262) vorkommt.(Gudenus J. c. T. 5, . 42. 1²) Waur. Pei Urk.⸗B. Nr. 145 und Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 1217. ²³) Brinkheim war ein ausgegangenes Dorf zwiſchen Grüningen und Holzheim; der Schutthaufen ſeiner Kapelle und der mit einem Spitz⸗ bogen überwölbte Brunnen ſind noch zu ſehen.(Wagner, Wüſtungen in Oberheſſen, S. 106, 463.) ⁴) Baur a. a. O. Nr. 145. 7⁵) Baur a. a. O. Nr. 244. — 194— Hartrads von Merenberg und hatte von ihm 3 Stücke(pecias) Ackerland und mehrere andere Morgen bei Gießen zu Lehn, die er 1268 mit lehnsherrlichem Conſens dem Bürger Konrad zu Gießen(wahrſcheinlich Schöff Konrad auf dem Keller) zu Afterlehn nnter der Zuſicherung überließ, daß bei ſeinem ohne Lehnserben erfolgenden Ableben dieſer von Hartrad damit be⸗ liehen werden ſolle.“*) Der auf Cuno Halber und ſeine Ge⸗ mahlin übergegangene Nachlaß war übrigens noch weit be⸗ deutender; dieſelben verſchenkten 1310 daraus dem Kloſter Arnsburg ihren Hof neben der Burg zu Großenlinden(juxta castrum sitam), einen andern Hof, zwei Häuſer und Gärten, einen Morgen Riedwieſe an der Lückenbach(dicti ritwisin an der lickene) und ihren Hof in Selters bei Gießen (Saltirse juxta oppidum Gyzin), den ſie von ihren Vettern, den Löwen von Steinfurth, gekauft hatten,“¹) und da das Kloſter geſichert ſein mußte, weil das Gut Mainzer Lehn war, trugen die Brüder Erwin und Giſelbert Löw, die Söhne Erwin's, dem Erzſtift mit Conſens Erzbiſchof Peters(Aichſpalten) als Surrogat dafür die Hälfte ihrer Gerichtsbarkeit zu Steinfurth (1311) u Lehn auf.“*) Ein von Kuno Halber und Hedwig (1314) dem Kloſter Arnsburg verſchenkter Hof in Hörns⸗ heim,**) ſowie die 3 ½ Huben Land in der Gemarkung der Stadt Gießen und die 3 Malter Korn⸗Gefälle in den beiden Dörfern Linden, welche Kuno Halber 1320 als von Hartrad von Merenberg lehnbar anerkennt,“¹) rührten angenſcheinlich ebenwohl aus dem von Linden'ſchen Nachlaß her. Die Burg⸗ mannſchaft zu Gießen iſt aber nach Kuno Halbers Tod auf die Familie Löw übergegangen, die noch zu Ende des 15. Jahr⸗ 76) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 1217. 77) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 392. 78) Gudenus J. c. T. 3, Nr. 54. Gudenus hat in der Urkunde unrichtig ſtatt loeven, Colven abgeſchrieben. 9) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 424. so) Wenck a. a. O., heſſ. Geſch., Th. 3, S. 309, Note. — 195— hunderts von Heſſen mit 8 fl. Gelds Gießener Währung aus den dort fallenden Renten zu Mann⸗ und Burglehn be⸗ liehen war. ³¹) b. Die andere Branche der Familie von Linden zeigt häufig den Namen Gottfried, weßhalb es auch hier ſchwer iſt, die einzelnen Glieder derſelben beſtimmt zu unterſcheiden. Im Jahr 1226 kommt der erſte dieſes Namens als Zeuge in dem Schiedsſpruch im Streit Giſelberts und Ernſts von Eſch⸗ born über das Patronat zu Reißkirchen vor. ⁵*) Bald hernach (1229) erſcheint Johannes von Linden unter den Vaſallen Pfalzgraf Wilhelms bei Entſcheidung des Streits zwiſchen dem Kloſter Schiffenberg und der Gemeinde Steinbach über die Pfarrei daſelbſt.8*) Im Jahr 1233 wird Gottfried von Linden, Brudersſohn des Macharius II. von Linden, im Kaufbrief des Hartrad von Merenberg über die an das Kloſter Arnsburg überlaſſenen Güter zu Groß⸗ und Klein⸗Holzheim genannt.) Aus dem Scheidbrief Pfalzgraf Wilhelms für das Kloſter Schiffenberg und die Gemeinde Leihgeſtern über den Neuhof gehen als Mitglieder der Familie außer Macharius dem älteren (1235) hervor: die Ritter Wiederold und ſein Bruder, Jo⸗ hannes und Gerlach von Linden.*) Bei der Uebergabe des Obbornhofer Guts an Schiffenberg(1239) waren außer dem⸗ ſelben Macharius zugegen Gottfried, Wiederold und Vaſold von Linden.8¹) In dem Kaufbrief Adolphs von Heuchelheim, ³1¹) Heſſiſches Mannbuch Landgraf Wilhelms im Darmſt. Archiv, Fol. LIX. Als Freiherr Wilhelm Löw in Notizen über die Familie S. 17 u. 20 bemerkte, daß ſpätere Beziehungen der Familie zu Gießen nicht vorkämen und ſich nur ihre Burgmannſchaft vermuthen laſſe, war der Inhalt dieſes Mannbuchs demſelben nicht bekannt. Gudenus Sylloge p. 588. Urk.⸗B. Nr. 11. 88) Urk.⸗B. Nr. 12. Gudenus C. Dipl. T. 3, p. 1202. 383) Wenck, Urk. zu Th. 2, Nr. 112. *⁵) Urk.⸗B. Nr. 13. Schmid, Geſchichte der Pfalzgrafen von Tübingen, Urk. Nr. 19, S. 19. ss) Daſ. Nr. 14. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 99. 8² — — 196— errichtet von Gießener Burgmannen und Schöffen(1250), wird Gozzo von Linden und Gottfried, Gottfried von Linden's Sohn, unter letzteren aufgeführt.s*) Ob der mehrfach vor⸗ kommende, im Beſitz von Gütern zu Großlinden befindliche Gie⸗ ßener Schultheiß Johannes zur Familie von Linden gehörte, iſt zweifelhaft(ſ. oben§. 21). Dieſe Linie ſcheint mehr in Wetz⸗ lar zu Haus geweſen zu ſein, und zur Burgmannſchaft des Kalsmunt gehört zu haben. ¹*s) c. Ein dritter Zweig der von Linden führt den Beinamen Schlaun(Sluno). Auch er war ſtets und bis zu ſeinem Er⸗ löſchen ³*) in Gießen zu Haus. Der erſte dieſes Beinamens, Walther Schlaun, kommt ſchon 1248 in dem von Schultheiß, Schöffen und Bürgerſchaft von Gießen errichteten Verzichts⸗ brief Ludwigs von Rodheim auf Güter zu Steinbach zu Gunſten des Kloſters Arnsburg vor.**) Ebenſo erſcheint er 1264 neben Macharius von Linden und Adolph von Heuchelheim als Burg⸗ mann mit Schultheiß und Schöffen von Gießen im Vergleich der beiden Klöſter Schiffenberg.“*) Im Jahr 1268 bezeugt er den Lehnconſens Hartrads von Merenberg für die Uebertragung der lehnbaren Länderei des Macharius von Linden auf den Bürger Konrad von Gießen.²) Auch er geht als Burgmann daſelbſt in den landgräflichen Dienſt über und erſcheint in der Conſens⸗Urkunde Landgrafs Heinrich I. von 1280 über einen Tauſch Gottfrieds von Linden in deſſen Gefolge.“²) Seine Gemahlin war Hedwig, mit welcher er im Jahr 1277 zwei in dem Kloſter Celle bei Schiffenberg aufgenommene Töchter, ³7) Daſ. Nr. 17. Gudenus J. c. T. 2, p. 93. ss) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 41. Dort erſcheint neben Gottfried auch ein Eckhard von Linden.(Gudenus J. c. T. 1, p. 452.) Werner und Heinrich waren geiſtlich(1245 ꝛc.). Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 43. 89) Mit Gebhard Schlaun, der 1636, 96 Jahre alt, ſtarb. 9⁰) Urk⸗B. Nr. 16. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 54. ²¹) Urk.⸗B. Nr. 26. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 126. *²) Urk.⸗B. Nr. 30. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 1217. 95³) Gudenus l. c. T. 3, p. 1159. — 197= Adelheid und Guda, durch ſeine Güter zu Leihgeſtern aus⸗ ſtattet.““) Wie dieſer präſumtive Stifter des Stammes der Schlaune von Linden mit dem älteren Hauptſtamm verwandt iſt, läßt ſich nicht ermitteln; daß er aber zu demſelben gehört, ergibt die Gleichförmigkeit des Wappens(drei verbundene Lindenblätter). Die Schlaun hatten(1490) einen Burgſitz in der Altenburg zu Gießen zu Lehn und einen Hof, den Schlaunen⸗ Hof in der Neuſtadt, und bedeutende Güter vor der Stadt ⁰²⁵) nebſt mehreren anderen Lehnsſtücken. d. Eine vierte Linie der Familie von Linden kommt in Alsfeld vor, wo ſie zur Burgmannſchaft und deshalb auch zum Schöffenrath gehörte; dort erſcheinen die Brüder Konrad und Eckhard und ſpäter Herbord ſchon in der Mitte des 13. Jahrhunderts oftmals in dieſer Eigenſchaft.“²) Dieſe Linie war aber auch noch in der Lindener Mark begütert und zeigt dadurch ihre Verwandtſchaft mit den dortigen von Linden; denn Eckhard, Sohn Ritter Eckhards von Linden zu Alsfeld, ſchenkt (1278) mit Zuſtimmung ſeines Bruders Werner dem Kloſter Arnsburg Korngefälle zu Lützellinden, die von ſeinem Oheim Gerlach gen. Leiſſo(Leſch?) und Walther von Eſchborn auf ihn gekommen waren.“*) Die Linie blühte noch gegen das Ende des 14. Jahrhunderts, wo(1368) Ritter Eckhard mit Conſens ſeiner Söhne Johann, Eckhard und Konrad ſein 94) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 158. 9⁵) Mannbuch Landgraf Wilhelms, Fol. 61. *6) Kuchenbecker Anal. Hass. T. 9, p. 143. Gudenus C. D. T. 1, p. 676. Beurk. Nachrichten, Bd. 2, Beil. Nr. 213 a. ꝛc. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 277. *¹) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 167. Eckhard und Werner von Linden zeigen ſich auch als Zeugen bei Geſchäften über Güter in der Wetterau. (Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 35. Böhmer C. Moen. Francf. I. 69.) Da ſchon in der Urkunde Graf Wilhelms von Gleiberg über die Behol⸗ zigung des Kloſters Altenburg bei Arnsburg(von etwa 1160) die Miniſterialen Eckhard(Hechehardus) und Werner vorkommen, ſo iſt man verſucht, dieſelben der Familie von Linden anzureihen. — 198— Haus und Gut zu Dotzelrod an ſeinen Bruder Konrad vor Alsfelder Zeugen verkauft.“s) In Großenlinden befand ſich nach dem Obigen ſchon in jener Zeit eine Burg(castrum), welche augenſcheinlich im Beſitz der Familie war, die auch Höfe neben derſelben beſaß; ſie muß früh verfallen ſein, da keine Spur davon mehr zu finden iſt und die Landesherrſchaft 1396 eine zu bauen beſchloß. Indeß waren nach dem Saalbuch von 1587 die„ſo off den Statten⸗ hofen wohnen“ von Rauchhühnern befreit, was darauf deutet, daß dies alte Burgſtätten waren.(Saalbuch Fol. 102.) Näheres über die Mitglieder der Familie von Linden findet ſich bei Abicht im Archiv für heſſ. Geſchichte, Bd. 3, Heft 1, Nr. 2, S. 16. 7. Unter den Vaſallen der Clementia von Gleiberg finden wir 1129 im Schiffenberger Stiftungsbrief drei Mitglieder einer Familie, deren Zunamen nicht angegeben wird, Gerhard, Ernſt und ſein Bruder; vermuthen läßt ſich aber, daß dies die Adlichen von Rodheim waren, in deren Haus der Vorname Ernſt gewöhnlich war, während er in anderen Familien der Umgegend nicht leicht vorkommt. Allerdings iſt es ein weiter Sprung bis zum nächſten Ernſt von Rodheim, der erſt 1248 vorkommt; aber die Gewohnheit der Beibehaltung gewiſſer Vornamen in einer Familie war damals(wie wir an dem Namen Macharius in der Familie von Linden ſehen) eine ſo feſte, daß die Vermuthung eines lange Jahre hindurch dauern⸗ den Fortbeſtehens deſſelben gerechtfertigt iſt. Ganz beſonders iſt aber zu berückſichtigen, daß bei einem ſo wichtigen Act, wie die Kloſterſtiftung, eine ſo bedeutende Familie, wie die von Rodheim, nicht leicht fehlen durfte und durch ſie die große Rodheimer Mark erſt ebenſo wie die übrigen großen Marken dabei repräſentirt wurde. Eine Gießener Urkunde von 1248 ⁹³) 96) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 1020. 95⁰) Urk.⸗B. Nr. 16. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 54. — 19 zeigt uns ſpäter die ganze damalige Familie von Rodheim. Ludwig von Rodheim und ſeine Gemahlin Binhildis verzichten darin vor Schultheiß Konrad, Schöffen und geſammter Bürger⸗ ſchaft von Gießen auf dem Kirchhof vor der Kapelle daſelbſt auf alle Anſprüche, die ſie gegen das Kloſter Arnsburg wegen Gütern zu Steinbach hatten; als Zengen ſind die Gießener Burgmannen Siegfried von Hattenrod, Walther Schlaun, Johannes von Leihgeſtern und Ernſt und Werner von Rodheim dabei(S. 149). Derſelbe Ludwig von Rodheim verkaufte 1266 ſeine Güter zu Heuchelheim an Schöff Eckhard von Wetzlar ³⁰) und ſeine Kinder leiſten ſpäter(1289) Verzicht auf dieſelben; ihre Namen ſind Rudolph, Ernſt und Werner; Heiderich von Rodheim iſt dabei Zeuge. ¹⁰¹) Ernſt von Rodheim, Ritter, ſtellt ſich(1250) in dem Kaufbrief Adolphs von Heuchelheim für das Kloſter Altenburg als Mitglied des Gießener Schöffen⸗ gerichts dar, zu dem die von Rodheim noch ein Jahrhundert lang gehörten. Die Familie hatte wahrſcheinlich, wie andere, nicht blos von dem einen Gleiberger Erben, den Pfalzgrafen von Tübingen, ſondern auch von dem andern, den Herrn von Merenberg, Lehn und als bedeutendſtes der letzteren iſt die Vogtei Gladenbach mit der Burg Blankenſtein an⸗ zuſehen. Die Cent Gladenbach gehörte zu der Comitia Ru- cheslo oder dem Lohrgau, in welcher ſich die Herrn von Meren⸗ berg bei deren Abtretung an Mainz(1237) die niedere Ge— richtsbarkeit vorbehalten hatten; ³²) zum Schutz des Gerichts diente die Burg Blankenſtein, welche die Herrn von Rodheim, wahrſcheinlich als Gleibergiſches Lehn, inne hatten. ¹o²) Von Seiten Walthers von Nordeck und Siegfrieds von Biedenfeld 1⁰⁰) Gudenus I. c. T. 2, p. 160. 40¹) Daſ. T. 2, p. 262. 1⁰²) S.§. 24 sub 1 oben. 1⁰) Wir werden ſpäter,§. 29, ſehen, daß die Vogtei in den übrigen Centen dieſer Grafſchaft ebenfalls Merenbergiſche reſp. Naſſau⸗Weil⸗ burgiſche Lehn waren. — 200— wurden Anſprüche auf dieſe Burg erhoben(vielleicht von weib⸗ lichen Erben der von Rodheim hergeleitet), und ihr Beſitzer Ernſt von Rodheim mit ſeinen Verwandten Gottfried und Sigenand von Rodenſtein aus derſelben vertrieben. Die Her⸗ zogin Sophie von Brabant, Mutter des Landgrafen Heinrich I., deren Marſchall Gottfried von Rodenſtein war, ſetzte Ernſt von Rodheim und ſeine Ganerben wieder in die Burg ein und dieſer trug ſie(1261) mit Zuſtimmung ſeiner Gemahlin Ste⸗ phanie und ſeiner Söhne Ernſt, Rabe und Gernand dem Landgrafen zu Lehn auf.¹*⁴) Hierdurch gelangte Blankenſtein und Gladenbach ſpäter in landgräflichen Beſitz, der durch den Verzicht, den Hartrad IV. von Merenberg dem Landgrafen Otto(1323) auf alle ſeine Rechte an der Burg Blankenſtein und dem Gericht Gladenbach leiſtete, als rechtsbeſtändig aner⸗ kannt wurde.¹⁰⁵) Schon nach dieſem Verhältniß Ernſts von Rodheim zu Landgraf Heinrich I. iſt es nicht zweifelhaft, daß er auch mit ſeinem Gießener Burglehn an denſelben überging. Die von Rodheim waren auch Solmſiſche Burgmannen zu Königsberg und kamen auch mit dieſer Burg an Heſſen. ¹⁰*⁸) 8. Von der Familie von Selters, den Miniſterialen aus der Wieſecker Mark, von welchen Gerard und Lupold unter den Zeugen der Gräſin Clementia vorkommen, iſt leider 104) Hert opuscula. T. 2, p. 402. Gerſtenberger erzählt in ſeiner heſſ. Chronik(Schminke monum. Hass. p. 412), daß Blankenſtein der Herzogin Sophie die Anerkennung verweigert habe und deshalb von ihr bezwungen und von derſelben Blankenſtein gegenüber ein Schloß Neuenburg erbaut worden ſei; es findet ſich auch auf einer Anhöhe bei Gladenbach, der Naumark, eine umwallte Stätte, die, ſo lange die von Rodheim Blankenſtein beſaßen, zum beſſeren Schutz der landgräf⸗ lichen Gerechtſame gedient haben kann. 1⁰) Wenck, Urk.⸗B. Th. 2, Nr. 291. 106) Gudenus J. c. T. III. p. 331. Graf Philipp von Solms verkauft 1352 ſeinem Burgmann Ludwig von Rodheim 6 Morgen Weide bei Burg Solms. — 201— auch ſchon früh Ritter vor, welche den Namen von Gießen führen; man wird ſie aber meiſt mit Recht anderen Familien zuzählen können. So tritt 1229 ein Ritter Bernhelm von Gießen(de Gizen) in einer Friedberger Urkunde des Wetterauer Landvogts Gerlach von Büdingen über eine Schenkung Kon⸗ rads von Erlenbach an das Kloſter Haina als Zeuge her⸗ vor; ¹⁰*) der Vorname verweiſt aber auf die Familie von Heuchelheim. Ferner befindet ſich unter den Erben Giſelberts von Vetzberg(Foidesberch), welche 1260 dem Kloſter Haina einen Hof zu Langgöns verkaufen, ein Sigenaudus de Gizen; ¹⁰⁸) das Siegel der Urkunde ergibt aber, daß dieſes der auch in anderen Urkunden ¹⁰⁹) vorkommende Sigenand von Buſeck war. Es kommen auch ſpäter noch in Urkunden Perſonen mit dem Beiſatz de Selters vor, z. B. Wickard gen. von Selters, deſſen Wittwe Adelheid und Sohn Heinrich dem Philipp und Gott⸗ fried von Linden, Gebrüdern, 1287 laut Kaufbrief des Gießener Schöffengerichts eine Hube Land zu Selters vorbehältlich des Wiederkaufs überließen ¹¹⁴⁰) und Gerlach von Selters, der 1310 mit ſeiner Gattin Hartruna vor demſelben Gericht an Ritter Kraft von Rodenhauſen auf ſeiner Wieſe in der Stephans⸗ mark(Stebinsmarke) und ſeine Aecker im Lützelfeld und auf dem Altenfeld eine halbe Mark Heller verkaufte. ¹¹*) Es iſt aber zweifelhaft, ob dieſe Perſonen dem adlichen Miniſterialen⸗ Geſchlechte von Selters angehörten, und nicht vielmehr einfache Bewohner von Selters geweſen ſind. ¹¹*) 9. Hezechin(Heinzchen) von Garbenheim(bei Wetzlar) 1⁰7) Gudenus Il. c. T. 1, p. 504. 108) Arnsb. Urk.⸗B. S. 728. Nr. 1214. 108) z. B. Urk.⸗B. Nr. 22. ¹110) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 210. 111) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 384. ¹¹²) Die Bürger führten häufig als Zunamen den Ort ihrer Herſtammung und dürfen daher mit den nach denſelben Orten ſich nennenden adlichen Geſchlechtern nicht verwechſelt werden(Dieffenbach, Geſchichte von Friedberg, S. 20, Note). 1 4 8 202 kommt nur in den verſchiedenen Schiffenberger Stiftungs⸗ urkunden als Gleiberger Vaſall vor(1129, 1141). Seine Nachkommen waren aber wahrſcheinlich nur Merenbergiſche und Solmſiſche Vaſallen.***) Man ſindet aber nicht, daß ſie ſpäter in näheren Beziehungen zur Grafſchaft Gießen geſtanden hätten. 10. Auch die von Wismar(Dorf bei der Badenburg) ſind nur durch die in denſelben Urkunden genannten Miniſte⸗ rialen Ruthard und Gebhard bekannt und kommen ſpäter nicht mehr vor, ¹⁴⁴) ſind alſo wahrſcheinlich ſchon früh ausgeſtorben. Daß die Famile, aus welcher der Truchſeß Gerhard zu Gleiberg ſtammte, nicht bekannt iſt, wurde bereits oben be⸗ merkt, und ob ſpäter vorkommende Truchſeſſe der Grafen da⸗ ſelbſt von ihm herkommen, oder das Amt in verſchiedenen Familien wechſelte, bleibt ungewiß. §. 25. Miniſterialen der Grafen Wilhelm und Otto von Gleiberg. In den wenigen von den Grafen Wilhelm und Otto von Gleiberg vorhandenen Urkunden werden uns neben den bereits erwähnten andere Vaſallen des Grafenhauſes, leider aber meiſt nur mit den Vornamen genannt und es iſt daher von manchen gar nicht, von andern nur ſchwer zu errathen, zu welchem Geſchlecht ſie gehörten. In der Urkunde von 1141 über die Anerkennung der Stiftung des Kloſters Schiffenberg ſind als Zeugen außer Macharius und Regemar, welche wir der Fa⸗ milie von Linden zuſchreiben müſſen, erwähnt: Gunzechinus, Wilhere, Adelbert, Arnoldus; in der über das Patronat in ¹¹³) Abicht, Kreis Wetzlar, Th. 1, S. 159, nennt deren eine Anzahl. In der Urkunde über das Patronat der Kirche zu Reißkirchen von 1226 (Urk⸗B. Nr. 11) befinden ſich Eberwein und Wetzel von Garbenheim unter den Zeugen von Calsmunt. ¹14) Abicht a. a. kennt auch weiter keine. 203— den Dörfern des Steinbacher Gerichts*) von 1162: Wortwinus, Helwericus, Arnoldus Rufus, Mengotus und Conradus pin- cerna. Graf Wilhelm zieht ſodann bei Errichtung der Con⸗ firmations⸗Urkunde über die Schenkung Heinrich Gotel's von Wieſeck an das Kloſter Schiffenberg 1152 Sybold, Sigenand und Hathemar de Buchesecke als Zeugen zu.²) So dürftig dieſe Angaben ſind, ſo führen ſie uns doch in Verbindung mit ſpäteren Nachrichten auf mehrere weitere Vaſallen⸗Familien der Grafen von Gleiberg, die zugleich zu den älteſten Burgmannen von Gießen gehören. Zwar von einem Gunzechin zeigt ſich keine weitere Spur und wenn nicht Heinzechin von Garben⸗ heim darunter gemeint iſt, ſo kann nichts über ihn geſagt werden. Daſſelbe gilt von dem weiter vorkommenden Wilhere und Adelbert, von denen der erſtere Name auch für Wilhelm verſchrieben zu ſein ſcheint; es kommt aber dieſer Name auch in keiner der Gleiberger Vaſallen⸗Familien zu jener und der nächſtfolgenden Zeit vor. Der Name Adelbert erinnert an den liberalen Schenker, der um 1150 mit ſeinen Söhnen Friedrich und Konrad dem Kloſter Schiffenberg eine ſo bedeutende Zahl von Leibeigenen in ſo vielen Orten der Umgegend überlaſſen hat(ſ.§. 14 a. E.); allein wie ſchon Wenck a. a. O. S. 330, Note f., richtig bemerkt, iſt der Güterbeſitz dieſes Adelbert viel zu ausgedehnt, um ihn als einen bloßen Miniſterialen der Grafen anſehen zu können. Der weiter in der Urkunde von 1141 genannte Arnold kehrt in der von 1162 als Arnold der Rothe wieder; da ein Arnoldus rufus aus mehreren anderen Urkunden bekannt wird, ſo fragt es ſich um ſeine Identiät. Der Name Wortwin findet ſich ſpäter in dem Geſchlecht der von Berſtadt, Helferich in dem von Trohe, Menges in dem von Queckborn und dieſe drei Familien erſcheinen auch als Vaſallen der Pfalzgrafen von Tübingen. Ebenſo die ſeit älteſter Zeit in Gießen heimiſche Familie von Buſeck, während oben§. 14. 4) S. ²) S. oben§. 16. 204 man von Konrad dem Schenck zu Gleiberg, allerdings wieder nicht wiſſen kann, welchem Hauſe er angehört. Wir finden daher hier Gelegenheit, von dieſen weiteren Vaſallen⸗Geſchlech⸗ tern zu handeln. 11. Ein Arnold der Rothe(rufus) erſcheint hier als Mi⸗ niſteriale in der Grafen von Gleiberg Dienſt in den Jahren 1141 und 1162. Der Beiname rufus iſt in jener Zeit gar nicht unge⸗ wöhnlich; es kommt z. B. ein Adolfus rufus mit ſeinem Bruder Conrad und Sohn Eckhard 1216 als landgräflicher Vaſall, ein Eberhardus rufus aus der Familie von Oſſenheim(Vssen- keim) 1266, ein Dietrich rufus als Wetzlarer Schöffe 1272 vor.*)(Rothe Haare müſſen wohl ſchon damals nicht gewöhn⸗ lich geweſen ſein.) Welcher Familie dieſer Arnold angehörte, iſt aber nicht zu beſtimmen. Dürfen wir aus dem öfteren Wieder⸗ kehren deſſelben Vornamens vor und nach ſeiner Zeit ſchließen, ſo möchte er entweder zu den von Leihgeſtern oder zu den von Queckborn zu zählen ſein, in welchen der Name Arnold von 1108 bis 1250 öfter vorkommt.“) Ein Arnoldus rufus zeigt ſich ſodann häufig als Mainzer Vaſall und Zeuge in Urkunden der Erzbiſchöfe Chriſtian und Konrad von 1171 bis 1189, reſp. 1194 und wird nach der Zeit, in der er lebte und der für ihn vorkommenden Bezeichnung de Pinguia(er war alſo wahr⸗ ſcheinlich Burgmann in Bingen) als eine andere Perſönlichkeit betrachtet werden müſſen.“) Aus einer Mainzer Beſtätigung ³) Eſtor kl. Schriften, Bd. 1, S. 199. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 109, 134. ⁴) Von den von Leihgeſtern ſ. den nächſten§. Wagner im Archiv für heſſ. Geſchichte, Bd. 6, S. 324— 326. Das bei Grünberg gelegene Queckborn gehörte zwar niemals zum mittleren Lahngau und zur Gleiberger Herrſchaft, lag demſelben aber ſo nah, daß ſich ein va⸗ ſallitiſches Verhältniß zu dieſer leicht erklären ließe. ⁵5) Joannis Rez. Mog. T. 2, p. 520, 590, 591, 647, 648. Gudenus C. D. T. 1, p. 267, 291, 328. Die älteſten Glieder der Familie von Queckborn zeigen ſich in Mainzer Urkunden und da Mainz An⸗ ſprüche an die Gegend von Grünberg bildete, erklärt ſich auch die Verbindung mit dem Erzſtift(Wagner im Archiv a. a. O. S. 324). 205— der Conceſſion einer Holzberechtigung, die Eberhard Waro(von Hagen) dem Kloſter Eberbach für ſeinen Hof Haßloch ertheilte, von 1189 geht hervor, daß dieſer Arnoldus rufus einen Sohn Eberhard und zwei geiſtliche Brüder, Eberhard und Konrad, hatte, und die Beſitzungen der Herrn von Hagen und Arns⸗ burg(ſpäter Münzenberg) erſtreckten ſich bis bei Queckborn;) aber damit kommen wir ſeiner Herkunft nicht näher. Ein Ritter Heinricus rufus iſt 1233 Zeuge beim Verkauf der Holz⸗ heimer Güter Hartrads von Merenberg; ob er zu dieſem Ar⸗ nold in Beziehung ſteht, iſt unbekannt. Ein Mengotus(Menges) zeigt ſich in der Familie von Queckborn allerdings erſt beinahe ein ganzes Jahrhundert ſpäter, als jener in der Gleiberger Urkunde von 1162 erſcheint, nämlich 1239.) Allein die Familie war im Beſitz von Gütern zu Langgöns, die der Sohn dieſes Mengots, Albert, 1289 mit Eonſens ſeiner Verwandten an das Kloſter Arnsburg ver⸗ kauft) und überdies finden wir ihn, Menges und ſeinen Bruder Giſo von Queckborn, im Beſitz der Vogtei über den Hof zu Burkhardsfelden im Buſecker Thal, welche Giſo mit des erſteren Conſens 1241 dem Kloſter Arnsburg verkauft;) ferner hatte ein jüngerer Ritter Mengotus dictus Knybe und ſein Bruder Heinrich Anſprüche an einen Hof zu Buſeck, welchen das Kloſter Arnsburg beſaß, und verzichtet 1274 vor dem Marburger Schöffengericht mit Frau und Kindern auf denſelben.¹°) Deshalb wäre ein Vaſallenverhältniß der Familie 6) Wenck a. a. O., Urk.⸗B. Th. 2, Nr. 85. Kuno von Münzenberg war zu Errichtung der Urkunde als naher Verwandter Eberhards von Hagen zugezogen und es läßt ſich daher daraus eine Verbindung Ar⸗ nolds mit hieſiger Gegend nicht herleiten. Ein Adolfus rufus mit ſeinem Bruder Konrad und Sohn Eckhard kommt 1216 als Vaſall des Landgrafen Hermann von Thüringen und Heſſen in einem zu Marburg dem Kloſter Aulisburg ausgeſtellten Schutzbrief vor. ²) Heſſ. Archiv Bd. 1, S. 287. 8) Arnsb. Urk.⸗B. S. 151— 153. 9) Baur, Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 31. ¹1⁰) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 143. ——— — 206— zum Gleiberger Grafenhaus leicht erklärlich. Mit den von Buſeck mögen die von Queckborn überhaupt in verwandt⸗ ſchaftlicher oder ganerblicher Verbindung geſtanden haben, da ſie zu den von ihnen ausgeſtellten Urkunden häufig zugezogen werden, z. B. bei dem Vergleich der Wittwe Siegfrieds von Buſeck gen. Schurge mit dem Kloſter Arnsburg über ihre Leib⸗ zucht und 1257 bei dem des Ritters Johann von Buſeck mit dem Kloſter Schiffenberg über die Güter zu Meilbach.“**) Ob der Gießener Schöffe Meigotus, welcher 1248 im Verzichtbrief Ludwigs von Rodheim Zeuge iſt,“*) dieſer um dieſe Zeit ſchon gewöhnlich mit dem Beinamen Knibo oder auch Gimbo vor— kommende Menges von Queckborn oder Menges Güldner oder ein Dritter war, bleibt ebenſo ungewiß, wie ob unter den in dem Tauſchbrief Widekinds von Merenberg mit Eberhard von Merlau über den Zehnten zu Selters von 1257 neben den Gießener Burgmannen Adolph von Heuchelheim und Werner von Hattenrod(nach Wencks Lesart) vorkommenden Zeugen Cussbo und Reinerus Cnubo nicht ein Gnibo oder Knibo von Queckborn zu verſtehen wäre.¹³) Dagegen ſtellt ſich in der erſten nach dem Uebergang von Gießen von Landgraf Heinrich I. zur Regelung der Verhältniſſe mit Hartrad V. von Merenberg 1265 ausgeſtellten Urkunde Meingocus Knibo neben dem Schultheiß Johannes Aureus und deſſen Bruder Mein- gocus als Zeuge dar ¹⁴) und es wird dadurch die dringende Vermuthung begründet, daß auch die Familie von Queckborn und insbeſondere dieſer Menges gen. Kneib, und deshalb wohl auch ſchon ein älteres Glied derſelben dieſes Namens zu den ¹1) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 43. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 113. Die letztere Ur⸗ kunde iſt von den Städten Gießen und Grünberg beſiegelt; Mengotus gen. Knibe(der Beiname dieſes Menges von Queckborn) ſcheint aber für letztere Stadt und Menges Güldner(aureus) für Gießen dabei mitgewirkt zu haben. 12) Urk.⸗B. Nr. 16. Arusb. Urk.⸗B. Nr. 54. ¹3) Urk.⸗B. Nr. 20. Wenck a. a. O. Urkunde Th. 2, Nr. 156. 14) Urk.⸗B. Nr. 29. Wenck a. a. O. Nr. 174. — 207— Gleibergern reſp. Pfalzgräflichen Vaſallen in Gießen gehörte und mit der Stadt und Burg in des Landgrafen Dienſte überging. Da das Geſchlecht der von Queckborn ſchon in der Mitte des 14. Jahrhunderts verſchwindet,*⁵³) ſo iſt es natür⸗ lich, daß über ſeine Burgmannſchaft in Gießen kein näherer Aufſchluß zu erhalten iſt. 12. Des Namens Wortwin, der 1162 als Gleiberger Ritter genannt wird, treffen wir ſpäter unter dem Gefolge des Pfalzgrafen Wilhelm 1239 einen Wortwinus de Berstad als Zeuge bei der Uebergabe des Obbornhofer Guts an das Kloſter Schiffenberg.¹⁵) Berſtadt liegt in der Wetterau, ziem⸗ lich entfernt von der Grafſchaft Gleiberg und war ſchon von Kaiſer Karl dem Dicken im Jahr 885 dem Kloſter Fulda überlaſſen worden ¹⁷) und es ſchien daher Zweifel darüber zuläſſig, ob die Familie von Berſtadt zu den Gleiberger Va⸗ ſallen zu rechnen und mit Gießen in Zuſammenhang zu bringen ſei. Indeß, wenn dieſelbe auch zugleich die Burgmannſchaft zu Friedberg beſaß,“¹s³) ſo läßt ſich doch auch bei dem ausge⸗ breiteten Güterbeſitz, den die Gleiberger in der Wetterau hatten(Obbornhofen und Inheiden, wo ſie Güter an Schiffen⸗ berg verſchenkten, liegen Berſtadt ganz nahe), recht gut eine ſolche Verbindung erklären. Und in der That ſehen wir in der Folge(1307) nicht nur Konrad von Berſtadt, der ſeine Tochter Liſe in das Kloſter Celle bei Schiffenberg hatte auf⸗ nehmen laſſen,¹*) als Zeugen in einem Kaufbrief dieſes Kloſters über eine von Konrad Schere zu Fronebach(bei Watzenborn) erkaufte Wieſe,²*) ſondern es tritt auch Giſo von Berſtadt, Wäppner, zur ſelben Zeit ausdrücklich als Gießener Burg⸗ 1⁵) Wagner im Archiv a. a. O. S. 334. ¹6) Urk.⸗B. Nr. 14. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 99. ¹7) Schannat Trad. Fuldens. Nr. 323. Arnsb. Url.⸗B. Nr. 1210. Werner von Berſtadt gehört 1276 dazu (Baur, heſſ. Urk.⸗B. Bd. 5, Nr. 87). Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 456. ²⁰) In Wencks Nachlaß Lit. B. 18 19 — —— — 8 — — 208— mann neben den dortigen Schöffen in einer Urkunde hervor, in welcher Kuno gen. Halber 1317 dem deutſchen Orden ſeine Güter in Hene bei Hauſen übergibt(Gyso de Berstad, armiger, castrensis in Gyzcen).²*) Es leidet daher kein Bedenken, daß damals auch die von Berſtadt zu der Gießener Burgmann⸗ ſchaft gehörten und deshalb wird das Verhältniß auch ſchon älter ſein. Mit dem Anfang des 14. Jahrhunderts hören die Notizen über die Familie von Berſtadt ſchon auf und es fehlt daher auch an jedem weiteren Nachweis über ihr Verhältniß zu Gießen. 13. Da der Name Helfrich ſeit Anfang des 13. Jahr⸗ hunderts im Geſchlecht der von Trohe(Drahe) eingebürgert iſt und dieſe ſich als Gießener Miniſterialen aus älteſter Zeit her bis zum Erlöſchen des Hauſes erweiſen, ſo wird es erlaubt ſein, den als Gleiberger Vaſallen in 1162 auftretenden Hel- wericus dieſer Familie zuzuzählen. Allerdings liegt auch hier eine Lücke bis zum Jahr 1210 vor; da aber lernen wir aus einer Arnsburger Urkunde Herrn Hartrad von Trohe und ſeinen Sohn Helfrich und Neffen Konrad Setzepfand(Seze- panth) und andere ungenannte als Patrone der Kapellen zu Obergüll, dem jetzigen Dorfgüll, und Rodenſcheit, einem ausge⸗ gangenen Dorf in der Licher Mark, kennen. ²²) Von da führt eine Linie der Familie von Trohe, die ebenfalls zu den Gie⸗ ßener Vaſallen gehört, den Beinamen Setzepfand. Zu den hier nicht genannten Bruders⸗ Söhnen Hartmuds gehört wahrſcheinlich Eberwin(Erwin) von Trohe, der 1233 als Merenbergiſcher Zeuge dem Verkauf von Gütern in Ober⸗ und Nieder⸗Holzheim ans Kloſter Arnsburg beiwohnt,*) und auch als Kalsmunter Burgmann in Wetzlarer Schöffengerichts⸗ Urkunden fungirt, z. B. bei der Schenkung Ritter Werners von Mengeshauſen(Meingozeshusen) ſeines Guts in Menges⸗ ²—) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 486. ²²) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 5. ²3) Wenck a. a. O. Nr. 112. — 209 hauſen an dieſes Kloſter 1245.²⁴) Als Vaſallen des Grafen Wilhelm von Gießen ſind die drei Ritter Helferich und Eber⸗ win von Trohe und Konrad Setzepfand bei deſſen Schenkung des Hofes zu Obbornhofen an das Kloſter Schiffenberg(1239) gegenwärtig.**) Da ihre Burg Trohe im Buſecker Thal, wie⸗ wohl nicht zum Gericht deſſelben gehörig, gelegen war,c) ſo war ihre aus älteſter Zeit datirende Verbindung mit der Fa⸗ milie von Buſeck ſehr natürlich, wiewohl ſchon aus der gründ⸗ lichen Verſchiedenheit der Wappen(die von Trohe führen wie die meiſten anderen Gießener Burgmannen ein Kleeblatt oder drei mit den Spitzen verbundene herzförmige Blätter, während die von Buſeck Widderköpfe im Schild haben) hervorgeht, daß ſie nicht eines Stammes waren. Bei der von Landgraf Konrad von Thüringen und Heſſen beurkundeten Schenkung der Güter des Ritters Sigfried gen. Schurge zu Buſeck an das Kloſter Arnsburg(1233) war Konrad Setzpfand von Trohe Zeuge.²*) Bei der Schlichtung des Streits zwiſchen dieſem Kloſter und Ritter Rudolph von Burkhardsfelden*s) über Zehnten, Hofraithe, Patronat der Kapelle zu Burkhardsſelden ²⁴) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 41. Mengeshauſen lag zwiſchen Garbenteich und Kolnhauſen, wo die Mengeshauſer Teiche an dem Brunnen des Dorfes noch den Namen davon tragen. 2⁵) Urk.⸗B. Nr. 14. ²⁶) Die Ruinen der Burg, die früher von einem Waſſergraben umgeben und bei ihrem geringen Raum und der Ausdehnung der Familie augenſcheinlich hoch aufgebaut war, zeigen ſich noch in dem Dörſchen Trohe, deſſen ganz geringe Gemarkung eine altheſſiſche Enclave im Gericht des Buſecker Thals bildete. Weirich Wettermann, Wetterav. illustr. Beil. Lit. E. 2. Gudenus I. c. T. 3, p. 1104. Die Linie mit dem Beinamen Setz⸗ pfand kommt auch unter dem Namen Setzpfand von Linden vor (1322, Cop.⸗B. Nr. 68), jedoch nur zufolge des Erwerbs von Gütern daſelbſt. Das Geſchlecht der von Burkhardsfelden gehörte augenſcheinlich zum Stamm der von Buſeck, wie die Gleichförmigkeit des Wappens zeigt. Wagner im Archiv Bd. 6, S. 295. 27 — 28 — 14 210— und die Güterſtücke, Hunclenrod und Heimenrod genannt,*¹) waren Helfrich von Trohe und Dammo von Buſeck nebſt Sigfried von Hattenrod von Rudolph ernannte Schiedsrichter und Ludwig Diemars Sohn, Dammo und Johannes, Gebrüder von Trohe, ſowie Sigenand und Dammo von Buſeck, Flecko's Bruder, Zeugen.¹*) Daß die von Trohe ſchon in jener Zeit auch im Buſecker Thal angeſeſſen waren und an der Gerichts⸗ barkeit deſſelben Theil hatten, wie ſie denn ſpäter ſtets zu den Vierern der Ganerben des Gerichts Buſeck gehörten, läßt ſich ſchon hieraus vermuthen; es ergibt ſich aber auch daraus, daß Konrad Setzpfand von Trohe ein Recht auf die Noval⸗ zehnten zu Oppenrod im Buſecker Thal und Theil an der Vogtei zu Buſeck hatte, auf welche Rechte er 1245 dem Kloſter Arnsburg gegenüber, das die Advocatie ſchon vor 30 Jahren erworben haben wollte, verzichtete.“*) Als Burgmannen von Gießen ſind urkundlich erſt in dem Revers der von Meren⸗ berg mit dem Baugeld beliehenen Caſtrenſen von Gießen die Gebrüder Helfrich und Gottfried von Trohe(1313) ausdrück⸗ lich genannt;*²) es iſt aber wohl nicht zweifelhaft, daß ſie ebenſo gut wie ihre Ganerben von Buſeck ſchon längſt vorher zu dieſen Burgmannen gehörten. Für die Verbindung der Familie mit Gießen in älteſter Zeit ſpricht ſchon die Lage der Burg Trohe, welche unmittelbar auf der Grenze der Wieſecker Mark vom Gebiet des Buſecker Thals umringt, aber doch nicht zum Gericht des Buſecker Thals gehörig war, daher nothwendig, wie Wieſeck, zur Grafſchaft Gießen gehört haben muß. Zu Burglehn hatten die von Trohe ihren Burgſitz zu Gießen gegen der Kapelle, 3 Mark Geldes von der Stadt, ²) Wagner, Wüſtungen, Oberheſſen, S. 217, Note, verſteht die Urkunde ganz richtig von Streitigkeiten über Objecte in Burkhardsfelden und dortige Grundſtücke, die den Flurnamen Hunclerod und Heimerod führten und nicht von ausgegangenen Dörfern dieſes Namens. 3⁰) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 27. 31) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 43. ³²) Wenck a. a. O. Nr. 274. 1 — 211— auf Martini fallend, und 4 Morgen Wieſen auf der Gießener Au, neben verſchiedenen andern Lehn im Buſecker Thal.R²*) 14. Wir gelangen nun zu der noch jetzt blühenden Fa⸗ milie von Buſeck, welche wahrſcheinlich ſo lang als Gießen exiſtirt, jedenfalls über 6 Jahrhunderte hindurch in innigem Verband mit der Stadt ſteht. Wir haben bereits oben be⸗ merkt, daß ſie wahrſcheinlich mit den Herrn von Hagen und Wirberg in Verbindung war, wo nicht von ihnen herzuleiten iſt. Daß bei dem ſo wichtigen Act der Stifung des Kloſters Schiffenberg kein Ritter von Buſeck 1129 mitwirkte, erklärt ſich vielleicht daraus, daß ihr Stamm durch Siegfried von Hahk repräſentirt war. Wiewohl die Herrn von Buſeck in älteſter Zeit wahrſcheinlich und vorzugsweiſe im Dienſte der Grafen von Kleberg und Peilſtein, denen das Buſecker Thal als Gleiberger Miterben zugefallen ſein ſoll, ſtanden und deren Gerichtsbarkeit daſelbſt verwalteten, bis der Mannsſtamm der⸗ ſelben ausſtarb und die Grafſchaft Peilſtein wenigſtens an das Reich zurückfiel,*⁴) ſo hinderte dies doch nicht, daß ſie gleich⸗ zeitig auch Miniſterialen des Gleiberger Grafenhauſes, des Stammhauſes der Kleberger, blieben. Wenigſtens gehörten zum Gefolge Graf Wilhelms von Gleiberg die Ritter Sybold, Sigenand und Hathemar von Buſeck(Buchesecke), die er als ſeine zufälligen Begleiter 1152 der Beſtätigung eines Schen⸗ kungsactes in Wieſeck zuzog.“*) Die Zahl der Ritter von Buſeck hat ſich ſpäter vergrößert und es mag dies der Grund davon geweſen ſein, daß ſich die verſchiedenen Linien beſondere Beinamen beizulegen pflegten, wiewohl ſie gewiß von den drei Genannten ſtammten. a. Ein Stamm führte den Beinamen Schurge; Ritter Siegfried von Buſeck dictus Schurge hatte, wie wir bereits oben(§. 19) erfuhren, ſich und ſeinen Sohn Rudger in das ²³) Mannbuch Landgraf Wilhelms IV., 1490, Fol. 73. 33) Wenck a. a. O., Bd. 3, S. 337. 35) Gudenus I. e. T. 3, p. 1199. — ——ÿ—ͦ—ÿ—ꝛ—x—xx’-::’;———— —— ———— —— — 212— Kloſter Arnsburg aufnehmen laſſen und dieſem(1233) unter Beſtätigung des Landgrafen Konrad von Thüringen und Heſſen und mit Conſens ſeiner Ganerben alle ſeine Güter übergeben.) Im Jahr 1245 war er geſtorben und ſeine Wittwe Gertrud hatte von dem Kloͤſter eine Leibzucht zu erhalten, die durch Schiedsfreunde beſtimmt wurde.“*) Die Urkunde von 1233 zeigt uns als Verwandte Adolph gen. Flecke(Flescho) und ſeinen Bruder, ferner Sigenand und Dammo Harloppo und die übrigen von Buſeck. Ein gleichzeitig(1243) vorkommender Siegfried von Buſeck iſt nicht mit dieſem Siegfried genannt Schurge zu verwechſeln. Derſelbe hatte als Miterbe Konrads von Okarben Anſprüche an das Kloſter Ilbenſtadt wegen dor⸗ tiger Güter, auf die er gegen Vergütung(1243) verzichtete.““) Dieſer Siegfried erſcheint in einer Urkunde über einen Ver⸗ zicht Konrads von Waldaffe(Walluf im Rheingau) als Schöffe der Reichsſtadt Gelnhauſen**) und da die Burgmannen auch da zum Schöffengericht gehörten, als dortiger Reichsminiſteriale. Es iſt ſicher daſſelbe Glied der Familie, welches den Beinamen Slimph führte und als Sifridus Slimph de Buchesecke mit mehreren anderen Rittern, namentlich auch Volcnand von Buſeck 1259 Schiedsrichter in einem Streit zwiſchen den Söhnen Ritter Rudolphs von Burkhardsfelden und dem Kloſter Arns⸗ burg über den kleinen Zehnten von Gartenfrüchten, Oelfrüchten, 36) Gudenus C. D. T. 3, p. 1104. Schon in der Mitte des 12. Jahr⸗ hunderts kommt ein Miniſteriale Sigfrid in der Urkunde Graf Wil⸗ helms von Gleiberg und ſeiner Gemahlin Salome über das Behol⸗ zigungsrecht des Kloſters Altenburg bei Arnsburg(§. 16) vor, der wahrſcheinlich zu dieſer Familie gehört. Arnsb. Urk.⸗Buch Nr. 46. Dieſe adliche Leibzucht beſtand aus dem Abnutzen von 2 Kühen, 10 Malter Korn, 4 Malter Waizen, 1 Malter Erbſen, 5 Malter Hafer, 2 Meſten Magſamen(Olei), 2 Schuhen, 1 Talent Geld und 6 Wagen Holz, einem Kleid(tunica) und 1 Mantel (mantellum) von des Kloſters Tuch jährlich und alle 3 Jahre einen neuen Pelz, dabei die bisherige Wohnung. ³s) Daſ. Nr. 34. 39) Daſ. Nr. 37. 37 — 213— Aepfeln, Birnen, Heu, Bienen und Lämmern war,*¹) welches zeigt, daß er doch ſeinen Stammbeſitzungen nicht fremd war. Wahrſcheinlich zu demſelben Stamm der Familie gehörten die mit dem Beinamen Flecke. Die Urkunde von 1233 nennt uns Adolph und ſeinen Bruder; dieſer wird uns aus einer andern Urkunde von 1241 mit dem Vornamen Johannes be⸗ kannt. Giſo von Queckborn ſtellte nämlich bei der bereits vorhin angeführten Ueberlaſſung der Vogtei gewiſſer Güter zu Burkhardsfelden dem Kloſter Arnsburg 6 Ritter zu Bürgen dafür, daß ſeine Söhne dieſe Abtretung nicht anfechten ſollten und darunter Johannes, Flecko's Bruder und Johannes von Buſeck, Dimars Sohn.¹*) Es gab aber damals auch noch einen Friedrich gen. Flecko, der bereits 1220 als Zeuge einer Arnsburger Urkunde über ein von Ulrich von Münzenberg erlaſſenes Urtheil wegen Gütern zu Obbornhofen und Nieder⸗ Güll erſcheint“**) und ſpäter(1239) als Märkermeiſter(magister marchiae) der Licher Mark auftritt und Streitigkeiten wegen des Weiderechts des Hofes in Colnhauſen zwiſchen dem Kloſter Arnsburg und den Mitmärkern aller Dörfer dieſer Mark ent⸗ ſcheiden hilft.“**) Der Vater Adolphs kann dieſer Friedrich nicht ſein, da Adolph ſchon 1233 als ſelbſtſtändiger Ganerbe von Buſeck fungirt, auch wohl nicht deſſen Bruder; zur Familie von Buſeck gehörte er aber, denn er wirkt zu dem Vergleich Rudolphs von Burkhardsfelden über den Zehnten vom Kloſter⸗ hof und das Patronat der Kapelle zu Burkhardsfelden in Ge⸗ meinſchaft mit ſeinem Bruder Dammo mit, der unter den Zeugen de Buchesecke aufgeführt wird ⁴⁴)(Fridericus Flekko de Lieche. De Buchesecke Sigenandus etc. Dammo frater 4⁰) Daſ. Nr. 83. 4¹) Daſ. Nr. 31. 4²) Daſ. Nr. 9. ⁴³) Daſ. Nr. 28. Dieſe Dörfer ſind außer der villa Lichen, Menges⸗ hauſen, Rodenſcheit, Weſtwig, Albach(Nieder⸗Albach), Schurfheim und Colnhauſen. ³¹) Daſ. Nr. 27. 214— Flekkonis). Betheiligt war er aber doch wohl bei den An⸗ ſprüchen, welche Adolph von Buſeck gen. Flecke von Buſeck (Adolfus dictus Flecke de Buchensecken) gegen das Kloſter Arnsburg wegen 17 Höfen(mansus) in Beuern(Bure) und der Weidegerechtſame des Kloſters reſp. an den Wald gen. Burg⸗Hagen und Gütern aufm Häne(ofme haene) bildete und den er auf einen von dem Hofmeiſter des Kloſters zu Beuern vor dem Schöffengericht in Grünberg geleiſteten Eid hin 1245 verlor*⁸) reſp. mit denen er und ſeine Genoſſen von Buſeck in contumaciam abgewieſen wurde.“**) Wir haben oben ſchon darauf anfmerkſam gemacht, wie dieſe Anſprüche wohl nur von Siegfried von Hahk hergeleitet werden mochten(§. 24 sub 3). Daß Adolph Flecke mit den übrigen Rittern von Buſeck auch im Verzicht Konrad Setzpfands von Trohe auf die Advocatie in Buſeck vorkommt, zeigt ſeinen Antheil an der gemeinſchaftlichen Ganerbſchaft.““) Der oben Note 41 er⸗ wähnte Johannes, Bruder Flecko's ſcheint den Beinamen Flecke nicht fortgeführt zu haben, weßhalb er von andern von Buſeck gleichen Namens nicht zu unterſcheiden iſt. Die Linie der von Buſeck gen. Flecke erloſch übrigens ſchon im Anfang des 14. Jahrhunderts. Im Jahr 1302 kommt ein Menges mit dem Beinamen Flecke, Ritter, vor, der Zeugniß über einen Verkauf von Gütern der Guda, gen. Milchlingin zu Linden ausſtellt“*s) und 1309 verkaufen deſſen Kinder demſelben Kloſter Güter zu Rodheim bei Friedberg;*⁸) nach ihnen kommt der Zuname der Flecke nicht mehr vor. b. In den erſten Decennien des 13. Jahrhunderts be⸗ gegnen wir gleichzeitig drei Ganerben von Buſeck mit dem Vornamen Dammo(Adam,, die ſich zum Theil durch ihre 4⁵) Daſ. Nr. 38. ¹6) Daſ. Nr. 49. 47) Daſ. Nr. 43. ⁴8) Daſ. Nr. 298. *6) Daſ. Nr. 375. 215— Beinamen von einander unterſcheiden. Im Jahr 1210 ver⸗ kaufte Dammo mit dem Beinamen Harloppo von Altenbuſeck (de Aldenbuchesecho) mit Zuſtimmung ſeines Sohnes Sigenand ſeines Oheims Konrad, und ſeiner Brüder Konrad und Chriſtian, Prieſter zu Buſeck, 2 Huben Laud zu Burkhards⸗ felden dem Kloſter Arnsburg, auf welchen dieſes einen Hof (curia) baute.“**) Der Veräußerung der Güter Siegſrieds gen. Schurge(§. 19 Note 4) wohnte ein Dammo Harloppo und ein Signand, wie wir oben erfuhren, mit den übrigen Rittern in Buſeck(1233) an. Bei dem Vergleich Rudolphs von Burkhardsfelden mit dem Kloſter Arnsburg über den Kloſterhof in Burkhardsfelden und deſſen Berechtigungen von 1238 war wahrſcheinlich derſelbe Dammo von Buſeck Richter und ein anderer Dammo, der bereits erwähnte Bruder Flecko's Zeuge.“*) Dem Vergleich Konrad Setzpfands mit dieſem Kloſter von 1245 wohnten drei Dammo an, Dammo Harloppe, Dammo Nanken und ein Dammo und ſein Bruder Johannes.**) Wir können den erſten und letzten für identiſch mit den vor⸗ hergehenden halten, da Dammo gen. Flecke einen Bruder Johannes hatte, und dann den dritten zu einer jüngeren Generation rechnen.⁵*) Die Beinamen der beiden erſten ſetzten ſich nicht weiter fort. Im Jahr 1247 iſt ein Dammo von Buſeck Zeuge bei der Beurkundung eines von mehreren Be⸗ rechtigten zu Gunſten des Kloſters Hachborn geleiſteten Ver⸗ zichts auf Rechte an dem Hof Breitenfeld durch Konrad und Wittekind von Merenberg ⁵⁴) und deshalb wahrſcheinlich deſſen 5⁰) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 7. 51) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 27. 5²) Daſ. Nr. 43. 5³) In dem Abdruck der Urkunde bei Baur a. a. O. ſteht:„Dammonis et Johannis, fratrum domini Wilhelmi abbatis“ und danach wäre Abt Wilhelm von Arnsburg, der von 1243—1248 vorkommt, ein Bruder Dammo's und Johannes von Buſeck geweſen; man wird aber das, zwiſchen fratrum und domini ſetzen müſſen, wo dann Abt Wil⸗ helm nur als Zeuge angeführt iſt. 54) Wenck a. a. O., Nr. 135. Vaſall; da er ohne Beinamen angeführt wird, ſo ſcheint es der letzte der obigen zu ſein. Zu welcher Linie der in dem Vergleich Konrad Setzpfands von 1245 ⁵⁵) gleichzeitig mit den oben genannten als Zeuge fungirende Arnold von Buſeck ge⸗ hörte, bleibt ungewiß. Da 35 Jahre zwiſchen dem erſten und letzten Vorkommen eines Dammo Harloppo liegen, ſo ſind wir berechtigt, zwei Generationen, Vater und Sohn zu unter⸗ ſtellen. Von Dammo I. gen. Harloppe können wir wahr⸗ ſcheinlich die jetzt noch fortblühende Linie der Buſeck zu Alten⸗ buſeck, in welcher der Name Sigenand, den wir ſchon 1152 antrafen, öfter wiederkehrt und die erweislich im lebhafteſten Verkehr mit Gießen ſtand, herleiten. Der in der Urkunde Landgraf Konrads über die Veräußerung der Güter Siegfried Schurge's erwähnte Sigenand wird zwar nicht als Verwandter Dammos bezeichnet; wenn dieſer aber nicht, wie doch wahr⸗ ſcheinlich zum Stamm Dammo Harloppo's gehörte, ſo finden wir doch wenigſtens dieſen letzteren als insbeſondre von Altenbuſeck bezeichnet und dort hatte der fortblühende Theil der Familie ſeine Hauptbeſitzung, während, wie wir geſehen haben, die andre Linie, die der Schurge und Flecke hauptſächlich in Beuern angeſeſſen war. Die Burg zu Großenbuſeck aber gehörte, ſoweit es bekannt iſt, ſtets der Familie von Trohe, die zugleich ihre eigne nicht zum Buſecker⸗ thal gehörige Burg Trohe beſaß, und wir dürfen daher, trotz der vielen bekannten Namen der von Buſeck, doch wohl in jener Zeit nur zwei Hauptſtämme derſelben annehmen. Der nach Erlöſchen des Beuerner Stamms fortblühende Altenbuſecker war aber ſchon 1238 wenigſtens in zwei Linien getheilt; neben dem bisher erwähnten zeigt ſich ein Dimar(Dittmar) mit zwei Söhnen; in der mehrfach angezognen Vereinbarung Ru⸗ dolphs von Burkhardsfelden mit Arnsburg von 1238(Note 44) wird neben dem Schiedrichter Dammo und Dammo, Bruder 55⁵) S. oben Note 52. — 217— Flecko's und Sigenand von Buſeck ein Ludewig, filius Dymari als Zeuge und in dem Vertrag Giſo's von Queckborn von 1241(Note 41) ein Johannes filius Dimari de Buchesecken als Bürge genannt. Von Ludwig iſt nichts weiter bekannt. Johannes von Buſeck, Ritter, Sohn des verlebten Ritters Dymar, legte 1257 den mit dem Kloſter Schiffenberg über den Wald das Denholz bei Meilbach ausgebrochenen Streit dadurch bei, daß dieſes ihm gegen Verzicht darauf ſeine Güter zu Oppenrod dafür abtrat, worüber die Städte Gießen und Grünberg die Urkunde aufnahmen.**) Johannes mit dem Bei⸗ namen Mönch(monachus) und Sigenand und Eckhard von Buſeck, letzterer Sigenands Bruder, treten 1260 als Castrenses de Giezen im Vertrag der drei Brüder Macharius, Gottfried und Johannes von Linden über ihre väterliche Erbſchaft auf.““) Johannes iſt der Stifter des bis ins vorige Jahrhundert blühenden Stammes, der von Buſeck gen. Mönch, welche ebenfalls ihren Sitz in Altenbuſeck hatten und die wir daher als die Fortſetzung der Linie Diemars betrachten dürfen. Die Burgmannſchaft ging von den Pfalzgrafen von Tübingen auf Heſſen über; bei dem erſten Act Landgraf Heinrichs I., der von demſelben über Verhältniſſe von Gießen vorgenommen wurde, der Regelung der Verhältniſſe mit ſeinem Vaſallen Hartrad von Merenberg vom 29. September 1265, iſt Ritter Johannes von Buſeck Zeuge. Ritter Sigenand wohnte ganz zu Gießen und führte daher den Namen Sigenand von Gießen, nach dem ſchon früher(§. 24 Note 108) in Bezug genommenen Kaufbrief Vetzberger Erben über ein dem Kloſter Haina (Hainchen) verkauften Hof in Langgöns.“²) Die Gemahlin Siegenands, wahrſcheinlich eine geborne von Vetzberg, war Pauline; in Gemeinſchaft mit ihr ſtiftete er zu ihrem Seelen⸗ heil mehrere in Launsbach gelegene Güter ins Kloſter Arns⸗ 56) Urk.⸗B. Nr. 19. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 113. 57) Urk.⸗B. Nr. 21. Gudenus lJ. c. T. 2, p. 137. 5³) Urk.⸗B. Nr. 16. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 1214. — — 218— burg im Januar 1265.⁵°) Auch Sigenand ging mit ſeinem Bruder Eckhard, den dieſelbe Urkunde benennt, in die Clientel des neuen Beſitzers von Gießen über; beide finden ſich ſpäter noch hänfig als Mitglieder des Gießener Schöffengerichts in Urkunden. Von einem derſelben ſtammt denn auch die Linie „von Buſeck genannt Reußer(Ruzere, Ruszere) her, von der wir den erſten 1285 mit ſeinem Bruder Eckhard(Eckehardus 32 3„ de Bugesecke et Ruzere fratres) in einer Gießener Schöffen⸗ gerichtsurkunde unter den Burgmannen finden) und der nach „einer andern Gießener Urkunde von 1310 eigentlich Synand hieß und nur den Beinamen Reußer führte.s) Seine Linie erloſch im 16. Jahrhundert und ſein Burglehn, 8 fl. und 3 Tornus zu Gießen und Wieſeck wurde an die von Rau ver⸗ liehen. Das Wappen der von Buſeck iſt, wie bereits(§. 23) bemerkt, der Widderkopf; die verſchiedenen Zweige der Familie unterſcheiden ſich durch die Stellung und Farbe deſſelben. Verwandt mit den Herrn von Buſeck und zur Ganerb⸗ ſchaft des Buſecker Thals gehörig waren offenbar die von Burkhardsfelden; ſie führten daſſelbe Wappen, den Widder⸗ kopf, nur mit veränderter Stellung und mit einigen Steinen im Schilde, und die Ritter von Buſeck wirken bei ihren Ver⸗ äußerungen mit(ſ. oben). Das Kloſter Arnsburg ſcheint die Beſitzungen der Familie meiſtens nach und nach erworben zu haben. Von einem Verhältniß derſelben zu Gießen und den Pfalzgrafen conſtirt nichts.*¹*²) — qgq §. 26. Miniſterialen und Burgmannen der Pfalzgrafen von Tübingen, aus der Grafſchaft Gleiberg ſelbſt. Wir haben ſeither die Vaſallenfamilien der Grafen von 7 Gleiberg zu ermitteln und kennen zu lernen geſucht, haupt⸗ 6o) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 1225. 61) Daſ. Nr. 384. ⁵²) Wagner im Archiv Bd. 6, S. 295 ff. 5o) Urk⸗B. Nr. 28. Arnsb. Urk⸗B. Nr. 1216. 1 — 219— ſächlich, weil je älter das Miniſterialen⸗-Verhältniß, um ſo ſicherer der Schluß auf die Zugehörigkeit der Stammorte der⸗ ſelben zum Territorium des Lehnsherrn iſt, während in ſpäterer Zeit gar manche Lehnſchaft und Annahme zum Burgmann nur dazu diente, ſich die perſönlichen Dienſte des Miniſterialen oder doch ſeinen Beiſtand oder wenigſtens ſeine Neutralität in vorfallenden Fehden zu verſchaffen. Die aus älteſter Zeit rührende Vaſalleneigenſchaft der drei Geſchlechter von Cleen, von Göns und von Linden aus den drei großen ſüdlichen Marken, der von Selters und Trohe aus der Wieſecker Mark, der Ritter aus dem Buſecker Thal, der von Wismar und der von Rodheim aus dem gemeinen Land an der Lahn, und der von Garbenheim aus dem ſpeciellen Gleiberger Amt bezeichnen ſchon den Umfang der gräflichen Beſitzungen, und wenn man dabei berückſichtigt, daß das ganze Steinbacher Gericht erſt nach Gründung des Kloſters Schiffenberg und ein Theil des Hüttenberger Gerichts, namentlich Hauſen, Annerod und Kon⸗ radsrod) vielleicht nicht ſehr lange vorher aus Neurod⸗Dörfern entſtand, weßhalb kein alt anſäſſiges adliches Geſchlecht in denſelben aufkam, ſo liefern dieſe Vaſallen ſchon genügende Anhaltspunkte dafür, daß ſämmtliche ſpätere Beſtandtheile der Herrſchaft Gleiberg⸗Gießen ſchon im 12. Jahrhundert während der Blüthe des alten Grafenhauſes zu derſelben gehört haben. Wir werden aber Gelegenheit finden uns zu überzeugen, daß auch deren Lehnsclientel, auf welcher in jener Zeit die Macht des Hauſes beruhte, noch weit größer geweſen ſein muß, wenn wir ſehen, wieviel Geſchlechter außer den bereits angeführten ¹) Der Sigefridus quidam de Cunradesrod, der 1215 dem Kloſter Arnsburg ſeinen Antheil an der Mühle zu Colnhauſen verkauft (Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 8), ſcheint nicht von Adel geweſen zu ſein, da man dies keineswegs von allen Namen, die Jemand von einem Ort bezeichnen, ſondern nur von den Geſchlechtern, welche die Ritter⸗ würde beſaßen oder als domini bezeichnet werden, mit Sicherheit an⸗ nehmen kann, den Pfalzgrafen von Tübingen und Grafen von Gießen dienſt⸗ bar waren und dabei erwägen, daß ſich dieſelben bei ihrer beinahe ſtändigen Abweſenheit von Gießen wenig darum be⸗ mühen konnten, neue Miniſterialen zu erwerben. Die wenigen Urkunden, welche von denſelben in Bezug auf die Verhältniſſe der Herrſchaft Gießen aus jener Zeit vor⸗ handen ſind, ergeben nämlich weiter folgende Ritter ihres Ge⸗ folges als Zeugen: 1) 1229 Sifrid von Hattenrod, Widerold von Nordeck, Sybold und Sybold gen. Hund, Werner gen. Kornigel; 2) 1235 Burkhard Fraz von Leihgeſtern: Sibold, Jo⸗ hannes, Gottſchalk und ſein Bruder Ernſt, Faſold, Arnold Herrichen und ſein Bruder Wigand; 3) 1239 Albert von Lichtenberg, Hugo von Hoheneck, Markwart von Eroldesheim, Burkhard von Bommersheim, Giſo und ſein Bruder Sibold, Sibold der junge und Jo⸗ hannes Hund, Milchling und Walther von Nordeck, Widerold von Michelbach, Giſelbert von Eſchborn(Ascheburnen), Heze⸗ chin von Hochelheim(Habechenheim), Cuno und Hermann Halber von Cleberg; 4) 1245 Engebrand von Werdorf, Adolph und Bernhelm von Heuchelheim, Burgmänner; 5) 1250 Konrad von Mörle, Johann von Leihgeſtern, Gernand von Schwalbach, desgleichen; 6) 1255 Kraft(von Rodenhauſen?) desgleichen; 7) 1263 Eckhard von Lützellinden desgleichen, Johannes und Menges Güldner(aurei). 8) Ferner kommen als Vaſallen in Betracht die von Kin⸗ zenbach, von Weitershauſen gen. Kalb, von Vetzberg, von Dernbach, von Elkerhauſen und von Rolshauſen, welche ſich bald nach dem Uebergang von Gießen an Heſſen als dortige Burgmänner ergeben und von denen es ſich fragt, ob ſie es auch ſchon unter den Pfalzgrafen waren. Ebenſo ſind hier * 221— noch die von Wieſeck und Kranich von Kransberg zu berück⸗ ſichtigen. Von dieſen Miniſterialen fallen nun vorerſt die von Lich⸗ tenberg, Hoheneck und Eroldesheim hier aus; die beiden letzteren ſind ſchwäbiſche Vaſallen der Grafſchaft Tübingen, welche den Pfalzgrafen in ſeine Gießener Beſitzungen begleitet hatten,*²) und intereſſiren uns daher hier nicht. Weiter vermögen wir nicht aufzuklären, wie ein Burkhard von Bommersheim unter die Zeugen bei der Schenkung des Obbornhofer Hofes durch Graf Wilhelm von Gießen aus Kloſter Schiffenberg und bei dem Vergleich zwiſchen dem Kloſter Schiffenberg und der Gemeinde Leihgeſtern über die Benutzung der Weiden und die Verſehung des Gottesdienſtes in der Kapelle daſelbſt von 1237 ³) gelangt; die Burg Bommersheim bei Homburg vor der Höhe war ein von vielen Adlichen beſeſſenes Ganerbenhaus*) und es mag leicht ein von dort ſtammender Ritter in des Grafen Dienſt und vielleicht Ganerbe der von Leihgeſtern geweſen ſein; nähere Beziehungen deſſelben zu Gießen und der Umgegend ſind aber nicht zu ermitteln.“) Von allen übrigen ſind wir im Stande, ²) Schmid, Geſchichte der Pfalzgrafen von Tübingen, S. 115, 151, 154, ſ. oben§. 18, Note 16. ³) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 98. ⁴¹) Sie war zur Zeit des Interregnums und ſpäter durch Räubereien, die von dort aus geſchahen, berüchtigt und wurde daher mehrmals von den Wetterauer Reichsſtädten zur Handhabung des Landfriedens belagert und zerſtört.(Vogel, Beſchreibung von Naſſau, S. 857.) Daß außer einem Ritter von Bommersheim auch Giſelbert von Eſch⸗ born als Tübinger Vaſall vorkommt, deutet nicht auf Beſitzungen der Pfalzgrafen in der Gegend am Fuß des Taunus, da der Zuſammen⸗ hang des Letzteren mit der Herrſchaft Gießen urkundlich nachgewieſen wird. Ein„Bommersheimer Schloß“ kommt als Name eines Walddiſtricts im Thal des Iſſelbachs auf der Weſtſeite des Haus⸗ bergs bei Münſtek vor(vergl. Generalſtabskarte); auch würde der am Wieſenthal gelegene Waldkopf, um welchen hin ſich Spuren alter Cultur zeigen, wohl zu einer Burg gelegen ſein; es finden ſich aber weder Baureſte da, noch iſt irgend ein urkundlicher Anhaltspunkt für die Exiſtenz einer Burg an dieſer Stelle vorhanden. Die Gegend 5 — 222— dieſe Beziehungen mehr oder minder beſtimmt zu erkennen. Wir betrachten ſie nach ihrer näheren oder entfernteren Zu⸗ gehörigkeit zu Gießen und der Grafſchaft. Am nächſten iſt uns da 15. die Familie von Heuchelheim. Da das Dorf Heuchelheim ſo nahe bei Gleiberg und Gießen liegt, ſo fällt es auf, daß kein Ritter von Heuchelheim in den älteſten Glei⸗ berger und Pfalzgräflichen Urkunden vorkommt. Dagegen begegnen wir ihnen, ſobald uns Urkunden der Stadt be⸗ ziehungsweiſe des Schöffengerichts von Gießen vorliegen; ſie ſcheinen daher zu den älteſten Bürgern reſp. Burgmannen da⸗ ſelbſt zu gehören und vielleicht die Beſitzungen in Heuchelheim erſt ſpäter erworben und den Namen danach geführt zu haben. Schon in der von Graf Wilhelm von Gleiberg und ſeiner Gemahlin Salome ausgeſtellten Urkunde über das Beholzigungs⸗ recht des Kloſters Altenburg bei Arnsburg im Wieſecker Wald (ohne Datum, um 1160)(§. 16, Note 5) erſcheint ein Mi⸗ niſteriale Bernhelm als Zeuge; bei der gewöhnlichen langen Dauer des Gebrauchs deſſelben Namens in derſelben Familie iſt ein Zuſammenhang dieſes Bernhelm mit einem ſpäteren Bernhelm von Gießen trotz dazwiſchen liegender etwa 70 Jahre wahrſcheinlich. In einer bereits erwähnten Urkunde von 1229, die Gerlach von Büdingen als kaiſerlicher Landvogt in der Wetterau über eine Schenkung des Vogts Konrad von Erlen⸗ bach an das Kloſter Haina ausſtellte, kommt nämlich unter den Zeugen ein Bernhelm von Gießen(Gizen) vor.*) Dieſer Bernhelm zeigt ſich ſpäter als Gießener Burgmann, Gutsbe⸗ ſitzer zu Heuchelheim und Schwager Adolphs von Heuchelheim gehörte aber allerdings zur Graſſchaft Kleberg, daher urſprünglich zu Gleiberg. Ein Craft von Alſtadt, der in dem Vertrag zwiſchen Schiffenberg und Leihgeſtern von 1237 Zeuge iſt, ſtammte aus dem benachbarten, wahrſcheinlich auf römiſchen Rudimenten erbauten, aus⸗ gegangenen Alſtadt zwiſchen Holzheim und Griedel, erſcheint aber nicht als Tübinger Miniſteriale. 6) Gudenus C. D. T. 1, p. 504. — 223— und iſt daher als der erſte erwieſene Burgmann von Gießen, ſeinem Wohnort, anzuſehen. Im Jahr 1237 iſt er unter dem Namen Bernelmus Pannekuche mit Ritter Adolph von Heuchel⸗ heim als Merenbergiſcher Vaſall Zeuge bei der Veräußerung der Comitia Rucheslo durch Konrad von Merenberg an das Erzſtift Mainz, welche im Lager bei Sichertshauſen(zwiſchen Gießen und Marburg) vor ſich ging.“) Ritter Adolph wohnt ſodann dem Vertrag bei, durch welchen Ulrich von Münzen⸗ berg(1239) vor Grünberger Rittern und Schöffen ſeinen Helfern in der Fehde(guerra) mit ſeinem Sohne Cuno, näm⸗ lich Simon von Schlitz, Hermann von Romrod, Guntram und Kraft von Schweinsberg und Eberhard genannt von Echzell, Schultheiß zu Grünberg, ihre Vergütung anweiſt und Gefälle zu Laubach, Engelhauſen, Münſter und Beſſingen dafür ver⸗ pfändet.s) Als im Jahr 1245 das Kloſter Arnsburg ſeinen Hof in Heuchelheim gegen den, welchen das Kloſter Altenburg von Dietrich(von Heuchelheim) daſelbſt erkauft hatte, ver⸗ tauſchte, waren Adolph und Bernhelm von Heuchelheim Zeugen bei Errichtung des Tauſchbriefs vor den Grafen Heinrich und Marquard von Solms und dem Schöffengericht zu Wetzlar; ⁹) ſie waren wahrſcheinlich Verwandte Dietrichs, deſſen Namen wir in der Familie mehrfach wieder begegnen. Ritter Adolph hatte unterdeſſen, wahrſcheinlich im Dienſte anderer Herrn, Schulden gemacht und da ihn ſeine Gläubiger drängten, ſo verkaufte er am 3. Februar 1250 dem Kloſter Altenburg 33 Aecker Land und eine Wieſe von ſeinem Gut in Heuchelheim, die er in der väterlichen Theilung mit ſeinem Schwager Ritter ) Gudenus I. c. T. 1, p. 544. Den Beinamen Pfannkuche führt auch ein in Alsfeld heimiſches Geſchlecht(Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 136, 277, 436. Wenck, Urk.⸗B. II., Nr. 257); es kommen dort aber nur Schöffen dieſes Namens vom Bürgerſtand, die ausdrücklich von den nobiles und milites geſchieden ſind, vor, und ein Zuſammenhang mit Ritter Bernhelm zu Heuchelheim iſt nicht nachgewieſen. ⁵) Archiv für heſſ. Geſchichte, Bd. 1, S. 285. 9) Urk.⸗B. Nr. 15. Gudenus T. 2, p. 84. Bernhelm erhalten hatte, mit Zuſtimmung ſeiner Hausfrau Cunigunde und ſeiner Söhne für 46 Mark cölniſche Heller, und ſtellte Ernſt von Rodheim und Johann von Leihgeſtern zu Bürgen für die Cviction auf ein Jahr nach Landesgewohnheit. Die beiden Bürgen, der Schwager Bernhelm Pancucho, Kon⸗ rad von Mörle, Ingebrand von Wertorf und Gernand von Schwalbach waren als Burgmannen von Gießen nebſt dem Schultheiß und 8 Schöffen von da auf ſeiner Seite, Schul⸗ theiß und Schöffen von Wetzlar auf Seiten des Kloſters Zeugen des Vertrags.¹⁰) Ritter Bernhelm von Heuchelheim folgte bald danach dieſem Beiſpiel; in kinderloſer Ehe mit Eliſabeth geb. von Heuchelheim lebend, überließ er im Jahr 1255 dem Kloſter Altenburg alle ſeine Güter zu Heuchelheim gegen eine zährliche Leibzucht von 12 Malter Waizen, ebenſoviel Korn und ein Malter Erbſen(unach dem Ableben eines von ihnen nur noch 9 Malter Waizen und 9 Malter Korn, 1 Malter Erbſen); Zeugen waren außer dem Grafen Reimbold von Solms (zu Königsberg), Ritter Adolph von Heuchelheim, Dietrich ge⸗ nannt von Heuchelheim und ſonſtige Burgmänner von Gießen und Schultheiß und Schöffen von da, der Geiſtliche, die beiden Centgrafen und andere Ortsbürger von Heuchelheim.¹¹) Bern⸗ helm iſt bald hiernach geſtorben; denn noch im Jahr 1255 verſpricht das Kloſter Altenburg ſeiner Wittwe Eliſabeth 11 Mark zur Bezahlung ſeiner Schulden zu geben, weil ſie und ihr Ehegatte demſelben ihre Erbgüter übergeben hatten.¹²) Adolph von Heuchelheim kommt dagegen bis 1282 noch viel⸗ fach als Zeuge vor, ohne daß ſich unterſcheiden läßt, ob es derſelbe oder ein gleichnamiger Sohn iſt, z. B. bei der Thei⸗ lung der Gebrüder Macharius, Gottfried und Johannes von Linden(1260), bei dem Kaufbrief der Vetzbergiſchen Erben ¹0) Urk.⸗B. Nr. 17. Gudenus J. c. p. 93. ¹1) Urk.⸗B. Nr. 18. Gudenus 1. c. p. 118. ¹) Gudenus J. c. T. 2, Nr. 86. Der ſeit 1278 erſcheinende Bernhelm von Heuchelheim iſt ein Sohn Adolphs(Gudenus 1. c. p. 203). — 225— mit dem Kloſter Arnsburg über das Gut zu Langgöns(1260), bei der Uebergabe von Gefällen Sigenands von Buſeck zu Launsbach an dieſes Kloſter(1265).¹⁴) Bei Pfalzgraf Ulrichs Verleihung der Rittersgewer im Wieſecker Wald an das Kloſter Arnsburg war er(1263) als Burgmann von Gießen zugegen. ¹⁴) Ebenſo wohnte er dem Schöffengericht in Gießen, das den Ver⸗ gleich zwiſchen dem Mönchs⸗ und Nonnenkloſter Schiffenberg (1264) zu Weg brachte, als ſolcher bei.*⁵*) Mit der Stadt ging auch er in die Clientel des Landgrafen Heinrich I. über und wohnte als Castrensis in Gizin dem Anerkenntniß der Freiheit des Kloſters Altenburg von Anſprüchen auf die Vogtei Seitens der Grafen von Solms, das dieſelben 1270 vor dem Landgrafen ablegten, an.¹⁶) Die Familie ſcheint aber mit der Verſchleuderung ihrer Güter, beſonders an das Kloſter Altenburg fortgefahren zu haben und verſchwindet ſchon in den erſten Decennien des 14. Jahrhunderts. Die von Heuchel⸗ heim waren nicht im Beſitz der Gerichtsbarkeit daſelbſt; denn in der Urkunde von 1255 über die Vergabung Bernhelms kommen die beiden Centgrafen der Herrſchaft(Sifrid et Cunrad, judiceés vulgo dicti Cintgrevin) vor und es ergibt ſich daraus, daß das gemeine Land an der Lahn, wozu Heu⸗ chelheim gehörte, ſchon damals ein den Gleiberger Erben, dem Pfalzgrafen und den Merenbergern, gemeinſchaftliches Gericht bildete. Dieſem entſprechend ſehen wir denn auch dieſe Fa⸗ milie als Vaſallen beider Herrſchaften. In Fällen, wo die unter Merenbergiſcher Advocatie ſtehenden Calsmunter Caſtren⸗ ſen den Gießenern entgegengeſetzt werden, gehören aber die von Heuchelheim zu den letzteren, z. B. auf dem Rittertag von 1279 am Mühlenheimer Berg(Gudenus J. c. T. 2, Nr. 149). ¹)) Urk⸗B. Nr. 21, 22. 14) Urk.⸗B. Nr. 25. Beurk. Nachr. T. 2, Nr. 216. Er wird in dieſer Urkunde wie die meiſten übrigen Caſtrenſen als Dominus bezeichnet, worauf jedoch kein Gewicht zu legen iſt, 15) Urk.⸗B. Nr. 26. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 126. 16) Gudenus I. c. p. 175. — 226— Eine Burg hatten die von Heuchelheim in dem Ort nicht, ſondern nur Höfe. Ihr Wappen, welches auf ihre Eigenſchaft als pfalzgräfliche Caſtrenſen von Gießen deutet, iſt ſchon oben (S. 21) beſchrieben worden. 16. Wie auf der einen Seite Heuchelheim, ſo liegt auf der andern das uralte Dorf Wieſeck Gießen am nächſten und es iſt daher zu erwarten, daß wohl auch ein adliches Geſchlecht, das den Namen nach demſelben führt, zur Gießener Ritter⸗ ſchaft gehörte. Indeß finden wir unter den Miniſterialen der Grafen keine Ritter dieſes Namens; wohl aber ſchon in frü— heſter Zeit Mitglieder der Gießener Schöffenbank mit dem Namen von Wieſeck. In dem Kaufbrief Ritter Adolphs von Heuchelheim von 1250 über die dem Kloſter Altenburg ver⸗— kauften Güter, ausgeſtellt unter dem Siegel der Stadt Gießen von Rittern und Schöffen von da, befindet ſich Heinrich von Wieſeck(Wiseche) unter den 8 letzteren. Dieſer Heinrich von Wieſeck gehörte alſo nicht zu der Burgmannſchaft, und da die Schöffen von Gießen meiſtens aus dem Bürgerſtand waren, ſo iſt man veranlaßt, zu bezweifeln, ob derſelbe überhaupt nur unter den Adel gezählt werden kann. Indeß lernen wir aus derſelben Urkunde, daß auch Adliche und namentlich Ritter⸗ ſöhne ſich zu jener Zeit unter den Schöffen befanden; denn dieſelbe führt unter dieſen auch Gottfried, den Sohn Gottfrieds von Linden, neben Gozzo von Linden auf(ſ. Urk. oben, Note 10). Dem Kloſter Schiffenberg hatte ſchon vor 1246 ein Conrad von Wieſeck(Wiseche) Güter zu Dudenhofen vermacht, die Propſt Balduin nach deſſen Tod(am 21. Juni 1246) ver⸗ kaufte. Nicht lange darauf(1258) finden wir einen Konrad von Wieſeck(de Wyske), vielleicht deſſen Sohn, unter den Conventualen des Kloſters Schiffenberg in einer Verordnung Propſt Hartmuds über die Kleidung der Mönche und die Ver⸗ waltung der Einkünfte des Kloſters.“) Dies iſt zwar auch Urk⸗B. Nr. 116. — 227— noch kein Beweis der Rittermäßigkeit des Geſchlechts, da ſich ſtets auch viele Bürgerliche unter den Auguſtinern zu Schiffen⸗ berg finden(Dietrich von Wetzlar, Kraft von Ameneburg, Johannes von Coblenz, Wilhelm von Valendar ſind in der— ſelben Urkunde als Prieſter genannt). In ſpäterer Zeit zeigt ſich indeß, daß die Familie zum Adel der Gegend gehört. Johannes von Wieſeck iſt als Vaſall des Landgrafen Heinrich I. (1285) unter den Zeugen in deſſen Scheidbriefe über die Streitigkeiten der Parochianen zu Steinbach mit dem Kloſter Schiffenberg.*⁸) Derſelbe als Ehegatte der Guda, Tochter des Wäppners Peregrinus von Gleiberg, verzichtet(1320) und nach ihm ſein Sohn Johannes, Weppeling,(1347) auf Forderungen an Kuno Halber. ¹*) Henklo von Wieſeck ſtellt ſich als Schwieger⸗ ſohn Wilhelms von Leihgeſtern, des Sohnes Faſolds, in einem dem Kloſter Wirberg ausgeſtellten Gültbrief von 1325 dar 2⁰) und wird in einem anderen des Wäppner Sybold gen. von Klettenberg von 1326 auch als ſolcher(armiger) bezeichnet. ²¹) Aus einer Urkunde vom 14. December 1352, wonach Wilhelm von Wieſeck und ſeine Ehegattin Gertrud 3 Morgen Land zu Burkhardsfelden an den deutſchen Orden verkaufen, ergibt ſich das Siegel der von Wieſeck, welches eine aus zwei Lappen be— ſtehende Fahne zeigt; ²²) die Aehnlichkeit dieſes Wappens mit dem der Pfalzgrafen von Tübingen läßt darauf ſchließen, daß die von Wieſeck ſchon zur Zeit ihres Beſitzes von Gießen zu deren Vaſallen gehörten, wenn auch Näheres darüber urkund⸗ kundlich nicht darzuthun iſt. Mehrere adliche Familien, die ſich ſpäter in Gießen ſelbſt als daheim zeigen und ſich wahrſcheinlich aus dem Patricier⸗ ſtand in den Ritterſtand emporgeſchwungen, in der Nachbar⸗ ¹s) Koch, Beurk. Nachr. Beil. Nr. 238 a. ¹*) Arusb. Urk.⸗B. Nr. 508 und Note. ²⁰) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 879. ²¹) Daſ. Nr. 580. ²²) Im Darmſtädter Archiv unter Burkhardsfelden. — 228— ſchaft aber ihre Beſitzungen gehabt haben, wie die von Kletten⸗ berg, uffm Keller, Store und Scheuernſchloß, ſind in der Pfalzgräflichen Periode noch nicht urkundlich nachzuweiſen und auch keine Beweiſe dafür aufzufinden, daß ſie damals bereits vorhanden waren; wir werden ſie alſo erſt ſpäter in Betracht ziehen. 17. Ein ausgebreitetes Geſchlecht war das von Leih⸗ geſtern in jener Periode; es theilte ſich in mehrere durch Beinamen unterſchiedene Zweige, die aber zum Theil auch zur Familie von Linden, mit der ſie verwandt geweſen ſein mögen, gehört haben können, indem Manche bald den Namen von Leihgeſtern, bald von Linden führen, z. B. Burkhard Fraz(2) und Eckhard Faſold. In dem Scheidbrief von 1239, durch welchen Pfalzgraf Wilhelm von Tübingen den Streit zwiſchen dem Kloſter Schiffenberg und der Gemeinde Leihgeſtern über die Berechtigung des neuen Kloſterhofs beilegt, werden als Zeugen, wie es ſcheint, ſämmtliche von Leihgeſtern genannt. Werner Kornigel(Cornygel) und ſeine zwei Söhne Werner und Milchling, Sibold, Johannes, Gottſchalk und ſein Bruder Ernſt, Faſold, Arnold Herrichen und ſein Bruder Wigand; außer ihnen kommt noch ein Burcardus Fraz, aber nicht unter den von Leihgeſtern, vor. ²*) Die Brüder Sibold und Johannes führen in anderen Urkunden den Beinamen Hund(canes) und ſo zeigen ſich uns dort vier Stämme: die von Leihgeſtern ohne Zuſatz, die gen. Kornigel, gen. Fraz und gen. Hund. a. Zu dem Stamm von Leihgeſtern ohne Zuſatz gehören hiernach die Gebrüder Gottſchalk und Ernſt, die Gebrüder Arnold und Wigand und Faſold von Leihgeſtern. Wiederholt erſcheinen dieſelben als Zeugen im Vergleich des Propſtes Albero von Schiffenberg mit Leihgeſtern über die Weiden Rohre und Semede, wodurch das Kloſter dreimal in der Woche den Gottesdienſt in der als Filial zur Pfarrei Groß⸗ 23) Urk.⸗B. Nr. 5. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 1277. 229— linden gehörigen Kapelle zu Leihgeſtern übernahm, weßhalb auch der Pfarrer Goßwin von Großenlinden mitwirkte und neben ihnen ein Sifried von Leihgeſtern.**) Faſold wird in dem Schenkungsbrief Pfalzgraf Wilhelms über das Obbornhofer Gut von 1239 Vasoldus de Linden genannt; beide Orte liegen bekanntlich nahe beiſammen, gehörten ſtets zu einer Wald⸗Mark und bildeten damals ein Kirchſpiel. Wigand, Ritter von Leih⸗ geſtern, gen. Herrechen, ſchenkt nach 1276 dem Kloſter Arns⸗ burg, wo ſein Sohn Rucker Mönch war, mit ſeiner Gemahlin Oſterlindis und ſeiner Söhne Wigands und Eberhards und ſeiner Tochter Irmengard und deren Gatten Heinrichs Zu⸗ ſtimmung eine Rente von 10 Mark aus ſeinem Hof zu Leih⸗ geſtern.2²) Von ihm und ſeinen Söhnen kommt dann weiter nichts vor. Ein Johannes von Leihgeſtern, Ritter, tritt in der von Schultheiß, Schöffen und Bürgerſchaft von Gießen 1248 ausgeſtellten Verzichtsurkunde Ludwigs von Rodheim mit anderen Gießener Burgmannen auf und beweiſt, daß die Familie an der daſigen Burgmannſchaft Theil hatte.¹*²) Seine Wittwe Mathilde verkauft 1271 mit ihren fünf Söhnen(deren Namen nicht genannt ſind) dem Bürger Eberhard von Hörnsheim (Herlisheim) zu Wetzlar ein Gefälle von 3 Malter Korn anf ihren Gütern zu Leihgeſtern.²*) Einer dieſer Söhne, Johannes, war nach einer vom Kloſter Schiffenberg für den Bürger Ernſt von Nauborn(Nubern) zu Wetzlar 1290 ausgeſtellten Urkunde Bruder in dieſem Kloſter.¹²) Die Familie machte auch Schenkungen an das Kloſter Schiffenberg; in 1284 ver⸗ zichteten Anſelm und Johannes von Leihgeſtern auf den Zehn⸗ ten zu Hauſen, damit ihn Landgraf Heinrich I. dieſem Kloſter 24) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 98. 2⁵) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 152. Die Urkunde iſt von Ritter Macharius von Linden und dem Gericht zu Leihgeſtern errichtet. 26) Urk.⸗B. Nr. 16. Arnsb. Urk. Nr. 54. 27) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 137. 28) Frankfurter Copialbuch Nr. 590. zuwenden konnte; ²*) es war dies offenbar ein von den Pfalz⸗ grafen auf den Landgraf übergegangenes Lehnsſtück der von Leihgeſtern. Johann von Leihgeſtern ſchenkt 1314 demſelben Kloſter eine Wieſe zu Garbenteich.²*) Von den übrigen des Geſchlechts von Leihgeſtern kommen nur noch wahrſcheinliche Descendenten Faſolds vor, welche dieſen Namen als Beinamen führen. Adolph Faſolt von Leihgeſtern verkauft 1312 mit Zuſtimmung ſeiner Gattin und ihres Sohnes Rudolph von Burkhardsfelden vor Burgmännern und Schöffen zu Gießen dem Kloſter Schiffenberg zwei Wieſen zu Burkhardsfelden;*) er war wahrſcheinlich landgräflicher Burgmann in Gießen. Eckhard Faſold von Leihgeſtern verkauft mit ſeiner Ehefrau Lukardis 1323 an Kraft von Rodenhauſen, Burgmann zu Gießen, Gefälle von ſeinem Gut zu Leihgeſtern²*) und dem Kloſter Schiffenberg einen Ferto(Verdunc) Gelds alle Jahre aus ſeiner Wieſe der Riedmorgen.¹*) Wilhelm, Sohn Faſolds von Leihgeſtern, wohnhaft in Hochelheim, hatte von ſeinem Schwiegervater Güter in Bonhofen(Bonhovin) ³⁴) und Fauer⸗ bach vor der Höhe(Furbach ante montana) ererbt, deren Ge⸗ fälle er mit Zuſtimmung ſeiner Töchter Jutta, Henklo's von Wieſeck Ehegattin, Katharine, an Sybold von Klettenberg ver⸗ mählt, und Irmengard und Gela theilweiſe an das Kloſter Arnsburg(1325) verkaufte.“*) Nach einem weiteren Kaufver⸗ trag gleicher Art von 1326 hatte Wilhelm auch einen unmün⸗ digen Sohn, Gottfried; ¹*) ſein Mannsſtamm ſcheint indeß doch mit ihm vor 1331 erloſchen zu ſein, da in dieſem Jahr 2) Gudenus l. c. T. 4, p. 968. 3⁰) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 474. ³1) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 467. ⁵²) Urkunde in Wencks Nachlaß Lit. B. 38) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 471. ²4) Bonhofeu, ein ausgegangenes Dorf bei Obermörlen.(Wagner, Wü⸗ ſtungen in Oberheſſen, S. 301.) 3s) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 579. ³⁰) Daſ. Nr. 582. eine Veräußerung jener Güter durch ſeinen Schwiegerſohn Sybold von Clettenberg ohne ſeine Mitwirkung erfolgte.**) b. Werner Kornigel von Leihgeſtern, Ritter, kommt ſchon in dem Scheidbrief der Pfarrei Steinbach von 1229, dann in den bereits erwähnten Urkunden, dem Schenkungsbrief des Obbornhofer Hofes, dem Scheidbrief zwiſchen Schiffenberg und Leihgeſtern des Pfalzgrafen Wilhelm und in dem Ver⸗ gleich Propſt Albero's zwiſchen dieſen in 1235, 1237 und 1239 vor. Später(1327) iſt Eberhard Kornigel(Korniegil), Ritter, mit Schöffen zu Gießen Zeuge eines von der Stadt Gießen beſiegelten Leihreverſes Friedrichs von Buſeck, gen. bei den Steinen, über das Arnsburger Gut zu Altenbuſeck ¹˙⁸) und da⸗ her augenſcheinlich zu den Gießener Burgmannen gehörig. Derſelbe wirkt ſodann in demſelben Jahr bei einem Vergleich des Kloſters Schiffenberg mit dem Prieſter Folco von Alten⸗ buſeck und ſeinen Miterben über Abgaben von des Kloſters Hof bei dem Bach in Altenbuſeck, den Herr Senand von Buſeck, der Richter, zu Stand gebracht hatte, mit.**) Nach 1347 iſt er Zeuge bei der Zuſicherung einer Korngülte, welche Irmengart, Heinrichs von Elkerhauſen Tochter, ihrer Enkelin Katharine im Kloſter zu der Celle bei Schiffenberg aus ihren Höfen zu Altenbuſeck und Wiegandhauſen auf Lebenslang mit⸗ gab.*°⁰) Damit verſchwinden auch die Kornigel von Leihgeſtern in unſerer Gegend. Sie waren wohl urſprünglich nicht in derſelben zu Hauſe, ſondern ſollen von den von Hohenfels(bei Buchenau) ſtammen, mit denen ſie ein gleiches Wappen, einen Aarfittich, führten. ¹²) c. Die Fraz(von Leihgeſtern) ſind wahrſcheinlich ebenfalls aus einer anderen Gegend her; Wiegand Fraz kommt von ³7) Daſ. Nr. 620. 3s) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 512. 39) Daſ. Nr. 519. 4⁰) Daſ. Nr. 841. 11) Günther, Bilder aus Heſſens Vorzeit, S. 464. ) — 232— 1226 bis 1266 häufig in Ziegenhainer Urkunden vor, und 1307 hat ein Wiegand Fratz Gefälle zu Fratzheim in Beſitz.*²) In den beiden die Gefälle zwiſchen Schiffenberg und Leih⸗ geſtern ordnenden Urkunden von 1235 und 1237 kommt Burk⸗ hard Fraz als Zeuge vor. Der Name bleibt in der Familie. Auf einem im Jahr 1279 auf dem Berg von Mühlenheim bei Wetzlar(dem ſogen. Streitberg zwiſchen Hermannſtein und Wetzlar) gehaltenen Mannengericht(placitum) der Ritter von Kalsmunt und Gießen war Vrazzo ein miles de Gyzzen,“) alſo dortiger Burgmann. Im Jahr 1285 beſtätigt Burkhard von Linden gen. Fraz die letztwillige Verfügung ſeiner Eltern, nach welcher die Frauen zu Schiffenberg einen Ferto leichter Heller jährlich von ſeinen Gütern zu Hattenrod erhalten ſoll⸗ ten, vor dem Gießener Gericht.“*) Später kommt dieſer Zweig aber dort nicht mehr vor. d. Auch das Geſchlecht der Adlichen mit dem Beinamen Hund iſt dem Lahngau fremd; die Hunde ſind eigentlich heſ⸗ ſiſche Ritter und urſprünglich in Holzhauſen bei Felsberg da⸗ heim; ſie bildeten ſchon im 12. Jahrhundert zwei Stämme, einen zu Holzhauſen und einen zu Kirchberg in Heſſen.**) Hier begegnen wir einem dritten Stamm, der aber auch wieder mit der Familie der von Saulheim gen. Hund ⁰“—) nichts ge⸗ mein hat. Syboldus et Syboldus, dicti canes, werden ebenfalls ſchon in Pfalzgraf Wilhelms Entſcheidung zwiſchen dem Kloſter 4²) Ziegenhainer Repertorium O. 116, Nr. 10. Landau, heſſ. Wüſtungen, S. 186, ſetzt dieſes Frazheim in die Nähe von Burggemünden. Wagner, Wüſtungen in Oberheſſen, S. 74, Note, weiß es dort nicht zu finden und vermuthet es bei Gemünden an der Wohra. 43) Gudenus l. c. T. 2, Nr. 159. 44) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 256. 4s) Landau, heſſ. Ritterburgen, Bd. 4, S. 198. Die Burg Kirchberg lag bei Gudensberg und darf mit Kirchberg bei Staufenberg nicht ver⸗ wechſelt werden.(Engelhard, Beſchreibung der Heſſen⸗Kaſſel'ſchen Lande, Bd. 1, S. 405.) 46) Humbracht, Stammtafeln Fol. 221. — 233— Schiffenberg und den Parochianen von Steinbach von 1229 als Zeugen aufgeführt.“*) In der Urkunde deſſelben über den Neuhof von 1235 kommen Sybold und Johannes ohne Zuſatz vor. Im Schenkungsbrief vom Obbornhofer Gut von 1239 werden genannt: Giſo und ſein Bruder Sibold, Sibold der junge und Johannes Canes.(Daß dieſe vier Perſonen zu⸗ ſammengehören, ergibt ſich daraus, daß Sybold sen. und jun. neben einander erwähnt werden, wie wir denn auch in jener erſten Urkunde zwei Sybolde finden; auch iſt Giſo Hund aus anderen Urkunden als in Hörgern zu Haus und von dort be⸗ nannt zu entnehmen.)*⁴) Bei Gießen hatte die Familie 9 Mor⸗ gen Land, vor dem Wieſecker Wald gelegen, von Merenberg zu Lehn, die nach Gotze Hunds Tod Bernhard von Göns zu Lehn erhielt(1325).**) Das Geſchlecht war in der Gegend noch weiter ausgebreitet. Ein Conrad gen. Hund befindet ſich unter den Zeugen Ulrichs von Münzenberg bei deſſen Conſens zur Uebergabe der Güter Heinrichs von Wickſtadt zu Wickſtadt und Sternbach an das Kloſter Arnsburg von 1231.5⁰°) Bei dem Verkauf der Güter Hartrads von Merenberg in Groß⸗ und Klein⸗Holzheim vor dem Wetzlarer Schöffengericht von 1233 war Ritter Rugerus Canis zugegen.*¹) Man ſieht daraus, daß die Familie zugleich den Münzenbergern und beiden Glei⸗ berger Erben diente. In einer von Werner von Falkenſtein 1277 ausgefertigten Urkunde über die Stiftung von Gütern zu Wohnbach ins Nonnenkloſter bei Schiffenberg durch Mathilde von Goddelau(Godeloch) iſt Giſo Hunt unter anderen Mün⸗ zenberger Rittern Zeuge.**) Noch im Jahr 1379, wo Cunz Faſant von Gießen den Antoniter⸗Herrn eine Hofraithe und 47) Urk.⸗B. Nr. 12. 48) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 81. 4⁹) Wenck a. a. O., Bd. 3, S. 310, Note f. 5⁰) Gudenus l. c. T. 3, p. 1101, 1110. 51) Wenck a. a. O., Urk.⸗B. Bd. 2, Nr. 112. 5²) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 156. — 234— Gelände ſchenkt, wird ein Stück am Achſtädter Weg als„by Gotze Hundes Land“ gelegen bezeichnet.““) Im Jahr 1408 wurde Kraft Krug von Cleen vom Bisthum Worms mit den Zehnten zu Lichtenhart, Ramshart, Eiſenbach, Eſchenshauſen (Aſcheshauſen) und dem Hof zu Groß⸗Cubach, die Dido und Sauen Hund zu Weilburg beſeſſen hatten, belehnt und wird die Familie damals in hieſiger Gegend ausgeſtorben ſein. (Schannat, Hist. Worm. p. 255.) Näheres über das Ver⸗ hältniß des Geſchlechts der Hund zu Gießen iſt nicht bekannt. Es wäre möglich, daß daſſelbe dort wenigſtens in weiblicher Linie unter dem Namen von Clettenberg fortblühte, da man nicht weiß, woher die Adlichen, welche ſich nach dieſem Hofe nennen, eigentlich ſtammen und der Name Sybold mehrfach unter ihnen vorkommt. Obwohl es ungewiß bleibt, ob alle die hier angeführten Familien in Leihgeſtern anſäßig waren, ſo fällt es immerhin auf, daß zu einer gewiſſen Zeit ſo viele Ritter dort zu treffen ſind. Dies dürfte ſich daraus erklären, daß ſich eine Burg dort befand, wie daraus hervorgeht, daß Eckhard gen. Faſolt, Wäppner von Leihgeſtern und ſeine Gattin Lutgard 1323 an Gerhard gen. von Linden und Hedwig uxor, Bürgern zu Wetzlar, ihre Wieſe bei dem Dorf Leihgeſtern neben dem Weg der Burgweg genannt(juxta viam dictam der Burchwech), verkauft.“*) Von dieſer Burg(die wahrſcheinlich in den flachen Wieſen unterm Dorf lag) und ihren Schickſalen weiß man zwar nichts weiter; indeß hängt wohl mit ihrer wahrſchein⸗ lichen baldigen Zerſtörung das nur kurze Zeit währende Er⸗ ſcheinen der verſchiedenen Zweige von Adlichen von Leihgeſtern zuſammen. 4 18. In der alten Mark von Linden entſtanden neben dem Hauptgeſchlecht von Linden noch mehrere adliche Familien, die ihren Namen von in derſelben gelegenen Dörfern entlehnten, 5³) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 1118. ⁵4⁴) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 561. 235 namentlich die von Lützellinden, von Hörnsheim und von Hochelheim. Dieſelben ſind wohl aus dem Bürgerſtand her⸗ vorgegangen, wie namentlich hinſichtlich der von Hörnsheim (Herlisheim) nicht zweifelhaft iſt, da ſie urſprünglich und ſpäter Bürger zu Wetzlar waren und, wie es ſcheint, mit Gießen und dem Pfalzgrafenhaus nicht in Berührung ſtanden.*) Die von Hochelheim(Habechenheim) ⁵⁶) ſind dagegen ein altes Rittergeſchlecht, das zu Hochelheim neben anderen Adlichen, namentlich den Schutzbar gen. Milchling, von Linden, von Leihgeſtern und von Clettenberg anſäſſig war. Ritter Eckhard von Hochelheim(Habichenheim) hatte ſchon vor 1220 ein Gut von 25 Morgen zu Buſeck und dem benachbarten Dorfele(Dorfila) von dem Mainzer Sanct Alban⸗Stift zu Lehn und es dieſer Lehnsherrſchaft zu Gunſten des Kloſters Arnsburg reſignirt, das es von dem Stift gegen den Schein⸗ preis von einem Schilling leichter Münze erhielt.“*) Bei der Schenkung von Obbornhofen(1239) iſt Hezechin von Habechen⸗ heim unter den Zeugen des Pfalzgrafen und Adolph von Ha- belheim unter denen des Tauſches Wittekinds von Merenberg mit Eberhard von Merlau hinſichtlich des Zehntens zu Sel⸗ ters 1257.³) Johannes von Habechenheim hatte von Werner von Falkenſtein ein Talent aus ſeinem Gut zu Eberſtadt zu Lehn.**) Schon 1271 geht die Familie zurück; Johann und ſeine Frau Gertrud verkauften alle ihre Güter zu Hochelheim, namentlich den Stadelhof daſelbſt, an den Bürger Heinrich *⁵) Vergl. Banr, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 137, 236. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 262. ⁵6) Daß kein anderer Ort unter Habechenhain zu verſtehen iſt, hat ſchon Abicht, Kreis Wetzlar, Thl. 2, S. 61, richtig nachgewieſen. ⁵7) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 10. Dorfila war wahrſcheinlich nur ein von dem zwiſchen den Burgen der von Buſeck zu Altenbuſeck gelegenen Dorf Altenbuſeck etwas entlegener Theil des Dorfs, das kleine Dorf, Dörfel. Wagner verlegt es zwiſchen Alten⸗ und Großen⸗Buſeck. (Wüſtungen, Oberheſſen, S. 184.) ss) Urk.⸗B. Nr. 11. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 108. — 236— von Holzheim zu Wetzlar, dem ſie dieſe erſt verpfändet hatten. ¹0) Im März 1272 war Johann todt und ſeine Wittwe erkennt mit ihrem Sohn Johann den Verkauf nochmals an.¹¹*) Damit verſchwinden die Nachrichten von dieſem Geſchlecht, von dem daher nähere Beziehungen zur Stadt Gießen nicht nachweis⸗ bar ſind. 19. Von den von Lützellinden ſteht dagegen die Eigen⸗ ſchaft Gießener Burgmannen durch die Urkunde über den Ver⸗ zicht Ludwigs von Rodheim zu Gunſten des Kloſters Arnsburg von 1248 feſt; derſelbe fand vor Burgmannen, Schultheiß und Schöffen von Gießen Statt und unter jenen finden wir auch Eckhard von Lützellinden(Lutzellinde).“*) Sodann kommt 1243 ein Heinrich von Lützellinden(Luzenlenden) als Zeuge in einem von Ulrich von Münzenberg ausgeſtellten Scheid⸗ brief zwiſchen den Rittern Arnold und Giſo(von Queck⸗ born) und dem Kloſter Arnsburg über Güter, welche Konrad von Griedel dieſem übergeben hatte, vor.“²) Werner von Lützellinden war 1258 Mönch auf dem Schiffenberg.“*) Im Jahr 1291 verkaufte Ritter Werner von Lützellinden und ſeine Gattin Iſengardis ſeine Güter zu Langgöns dem Kloſter Arns⸗ burg mit Zuſtimmung des Miteigenthümers Eberhard von Heuchelheim vor Burgmannen und Schöffen zu Gießen.*) Weiter iſt von der Familie, die wahrſcheinlich nur eine Seiten⸗ linie der von Linden war, nichts bekannt und ſie iſt wahrſchein⸗ lich mit Werner erloſchen. 20. In ſehr naher Beziehung zu Gießen ſehen wir die Herrn von Hattenrod, wiewohl auch ſie gleichzeitig zu den Kalsmunter Burgmannen zählten; von 1235 bis 1265 fungiren ſie in den meiſten Gießener Urkunden und müſſen daher dort *o) Daſ. Nr. 132, 133. 61) Daſ. Nr. 134. *2²) Urk.⸗B. Nr. 16. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 54. 8s) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 35. 64) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 116. 85) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 236. — 237— domicilirt geweſen ſein. Siegfried von Hattenrod, der ſchon 1226 der Schlichtung des Streits zwiſchen Giſelbert und Ernſt von Eſchborn über das Patronat der Kirche zu Reißkirchen beiwohnte,“¹) war auch 1229 Zeuge bei der Entſcheidung zwiſchen Schiffenberg und dem Kirchſpiel Steinbach und 1235 bei der zwiſchen demſelben und Leihgeſtern durch Pfalzgraf Wilhelm,“*) 1237 bei dem Vergleich zwiſchen Propſt Albero und der Gemeinde Leihgeſtern über die Weide Rohre; ³) 1238 war er bei dem Streit Rudolphs von Burkhardsfelden mit dem Kloſter Arnsburg über das Patronat daſelbſt und die Güter Hunclenrod und Heimenrod Schiedsrichter;*) 1239 ver⸗ mittelte er die Schenkung des Obbornhofer Guts an Schiffen⸗ berg.*“) Bei dem vor den Schöffen von Wetzlar zwiſchen dem Kloſter Arnsburg und Altenburg getroffenen Tauſch ihrer Höfe zu Heuchelheim wird Siegfried von Hattenrod unter den Rittern von Gießen mit ſeinem Sohn Werner als Zeuge ge⸗ nannt.¹) In demſelben Jahr wohnt er der ebenfalls zu Wetz⸗ lar vollzogenen Schenkung Werners von Mengeshauſen bei.²) Auch bei dem Verkauf der Merenbergiſchen Güter zu Holzheim an das Kloſter Arnsburg iſt er 1247 zugegen.*³) Ebenſo wohnt er 1248 dem Verzicht Ludwigs von Rodheim in ſeiner Eigenſchaft als Burgmann von Gießen mit ſeinem Sohn Werner bei.¹*) Damit tritt Sigfried ab und ſein Sohn Werner kommt nun allein vor, namentlich 1257 bei der Ver⸗ 67) Urk.⸗B. Nr. 12 und 13. .s) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 98. 69) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 27. 7⁰) Urk⸗B. Nr. 14. 7¹) Urk.⸗B. Nr. 15. 7²) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 41. 73) Wenck a. a. O., Nr. 112. 74) Urk.⸗B. Nr. 16. 75) Daſ. Nr. 20. Gießen und der übrigen Erben Giſelberts von Vetzberg an das Kloſter Haina(1260)*³) und der Verleihung der Holzbe⸗ rechtigung im Wieſecker Wald durch Pfalzgraf Ulrich ans Kloſter Arnsburg und zwar ausdrücklich als Gießener Castrensis (1263),¹) auch bei der vom Schöffengericht zu Gießen(1267) beurkundeten Schenkung Sigenands von Buſeck an dieſes Kloſter.*³) Daß er auch in die Clientel des Landgrafen über⸗ gegangen, iſt nicht urkundlich gewiß. Siegfrid II. von Hatten⸗ rod, ſein Sohn, der 1289 als Zeuge in einer Grünberger Urkunde über den Verkauf der Güter Alberts Knibo von Queckborn in Langgöns erſcheint,**) verkaufte 1293 mit ſeiner Ehefrau Alheid ſeine 2 Höfe im Dorfe Hattenrod für 31 Mark Heller dem Kloſter Arnsburg, wobei er demſelben zuſicherte, daß dieſelben von allen Steuern und Abgaben, von den„Her⸗ burgungen“ genannten Leiſtungen,“) allen Dienſten und ſonſtigen von der ihm zuſtehenden Gerichtsbarkeit abhängigen Laſten für immer frei ſein und die Bauern dieſer Güter nur wegen Frevel(temeritates quod vulgo frebel dicitur) dem Gericht zu folgen gehalten ſein ſollten; der Kaufbrief wurde vor dem Pfarrer Dietrich und Burgmannen und Schöffen zu Gießen errichtet.**) Dieſe eigene Gerichtsbarkeit, welche der Familie von Hattenrod mit ihren Ganerben Burkhard und Siegfried von Gonterskirchen zuſtand, war wahrſcheinlich von der Graf⸗ ſchaft Gleiberg hergeleitet, zu der Hattenrod und Meilbach ebenſo wie das Buſecker Thal, an welches ſie ſich anſchloſſen, 76) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 1214. 77) Urk.⸗B. Nr. 25. 78) Daſ. Nr. 28. 2) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 221. ⁵⁰) An vielen Orten hatten die Bewohner die Pflicht, die Herrſchaft und ihre Diener, wenn ſie in das Ort kam, zu herbergen, ihr Futter für Pferde und Hunde und Zehrung zu gewähren, welche Bauch⸗Lager genannten Leiſtungen ſpäter meiſt mit Geld abgekauft wurden. s¹) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 252. 239— urſprünglich offenbar gehörten ⁵²) und es erklärt ſich daraus auch das Verhältniß zum Grafenhaus und zu Gießen. Sieg— fried hatte wahrſcheinlich keine Kinder und mit ihm erloſch das Geſchlecht. Benachbart den von Hattenrod waren die von Albach und auch ſie dürften nach ihrem Wappen, das wieder die drei ver⸗ einigten Blätter zeigt, mit der Gleiberg⸗Gießener Ritterſchaft im Zuſammenhang geſtanden haben, wofür auch der Umſtand ſprechen würde, daß die Kirche von Albach wie die von Rödgen nach dem Decanatsregiſter von Wetzlar in das dortige De⸗ canat und in die Diöceſe Trier, ſonach auch wahrſcheinlich in den Mittellahngau und urſprünglich zur Grafſchaft Gleiberg gehörte, wiewohl ſie ſpäter als Filial zu Rödgen im Buſecker Thal und in dieſes Gericht gerechnet wurde. Indeß iſt ein weiterer Zuſammenhang mit Gießen nicht erweislich, als daß die Familie auch in Annerod poſſeſſionirt war, auf welche Güter ſie 1318 zu Gunſten des Kloſters Arusburg verzichtet. 33) 21. Das Geſchlecht der Güldener(aurei) war wahr⸗ ſcheinlich urſprünglich ein Bürgergeſchlecht, welches ſich in den Ritterſtand geſchwungen hat, und hauptſächlich in Grünberg zu Haus war, da ein alter Güterbeſitz deſſelben nur in deſſen Nähe bekannt iſt; es iſt deshalb eigentlich zu den heſſiſchen Miniſterialen gehörig.**) Aber wie häufig der Fall, gehörten ³²) Hattenrod war zum Decanat von Winnerod und mit demſelben zum Archidiaconat von Sanct Stephan und daher zum Oberlahngau ge⸗ hörig.(Würdtwein 1. c. T. 3, p. 285.) Hattenrod und Meilbach gehörten daher auch nicht zur Wetterau, wie das Solmſiſche Gebiet, weder zur Licher Mark, noch zum Gericht Beſſingen und Schloß Warnsberg, welches außer den beiden Beſſingen nur Münſter, Röthges (bei Nonnenroth) und Ettingshauſen umfaßte.(Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 1, S. 28.) Meilbach erkaufte Graf Philipp von Solms von der Deutſchordens⸗Comthurei Schiffenberg, nachdem es Wüſtung geworden war.(Wagner a. a. O. S. 142.) Hattenrod ſcheint von den Falken⸗ ſteiner Vaſallen von Gonterskirchen an Solms gekommen zu ſein. 83) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 488. ⁵4) Glaſer, Geſchichte von Grünberg, S. 40. Das Wappen der Güldner — 240— einzelne Mitglieder der Familie auch zu den Vaſallen der be⸗ nachbarten Grafſchaft Gießen. Johannes Güldner war der Stadt Grünberg mehrjähriger Schultheiß; derſelbe Ritter Jo⸗ hannes Güldner kommt aber auch mit ſeinem Bruder Menges in Gießener Urkunden und namentlich in der von 1263, in welcher Pfalzgraf Ulrich, Herr von Gießen, dem Kloſter Arns⸗ burg die Holzberechtigung im Wieſecker Wald verleiht, als Zeuge vor.““) Man könnte nun bezweifeln, daß dieſe Zu⸗ ziehung zu einer von dem Pfalzgrafen in Gießen ausgeſtellten Urkunde für ein Vaſallen⸗Verhältniß zu dieſem ſpreche, allein abgeſehen davon, daß nicht einzuſehen iſt, warum der Pfalz⸗ graf bei einer nur von ihm ausgegangenen einſeitigen Con⸗ ceſſion andere Zeugen als ſolche aus ſeinem Gefolge zugezogen haben ſoll, ergibt ſich, daß die Güldner damals auch im Be⸗ zirk der Grafſchaft namentlich zu Langgöns mit Grundeigen⸗ thum anſäſſig waren, indem Menges gen. Güldner(aureus) von Homberg(Hohenberg) im Jahr 1263 zu Gunſten des Kloſters Haina auf Dienſte, die er in Langgöns zu beziehen hatte,“) und 1270 als Miterbe Giſelberts von Vetzberg auf ſeine Anſprüche an die veräußerten Güter zu Langgöns dem Kloſter Arnsburg gegenüber verzichtet,s*) die Wittwe des Ritters Johannes Güldner, Gertrud, aber(vor 1295) einen Hof zu Langgöns an das Kloſter Arnsburg verkauft hat.**) Ein ſolcher Grundbeſitz ſprach in jener Zeit auch für ein Dienſtverhältniß zur Grundherrſchaft. Uebrigens gehörten die Güldner doch wahrſcheinlich nicht zur Gießener Burgmannſchaft, denn der Pfalzgraf ſcheidet ſie ausdrücklich in der Urkunde von den Zeugen aus der Zahl ſeiner Caſtrenſen von Gießen. Später zeigt eine doppelte Zange und ſcheint daher neben ihrem Namen, der wohl eigentlich Goldarbeiter bedeutet hat, auf den bürgerlichen Ur⸗ ſprung zu deuten.(Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 97.) 85) Urk⸗B. Nr. 25. Beurk. Nachrichten Bd. 2, Nr. 216. 86) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 31. ³7) Daſ. Nr. 128. ss) Daſ. Nr. 269. — 241— kommen ſie ſofort nach dem Erwerb von Gießen als landgräf⸗ liche Miniſterialen in den Angelegenheiten des neu erworbenen Landestheils vor, z. B. gleich 1265 in der Urkunde über die Lehnsverhältniſſe Hartrads von Merenberg ⁵*⁵) und in einer Schenkung von 1271 von Gefällen zu Launsbach ans Kloſter Altenburg; ²⁰) dies kann aber auch nicht für einen näheren Zuſammenhang derſelben mit der Grafſchaft Gießen angeführt werden. 22. Auffallen könnte es, unter den Miniſterialen des Pfalzgrafen Wilhelm bei der Vergabung des Obbornhofer Guts(1239) einen Giſelbert von Eſchborn(Ascheburnen) zu finden. Dieſes Geſchlecht war am Fuß des Taunus an⸗ ſäſſig, an dem Centralort des alten Niddagaus; es ſcheint vor⸗ zugsweiſe im Dienſte der Erzbiſchöfe von Mainz geweſen zu ſein,“*) und es hatte bedeutende Beſitzungen am Fuße des Taunus; eine Verbindung dieſer Herrn von Eſchborn mit den Pfalzgrafen war daher nicht zu erwarten. Nähere Ermittlungen ergeben jedoch, daß ein Zweig der Familie in der Grafſchaft Gleiberg⸗Gießen anſäſſig war. Schon 1226 finden wir Giſel⸗ bert und Ernſt von Eſchborn im Beſitz des Patronats zu Reiß⸗ kirchen(Richolviskirchen) und die Beilegung eines Streites darüber zwiſchen ihnen erfolgte damals zu Wetzlar in Gegen⸗ wart der meiſten Ritter der Gegend.*²) Der Ort des Schieds⸗ 89) Urk.⸗B. Nr. 29. Wenck a. a. O. Bd. 2, Nr. 174. 9⁰) Gudenus I. c. T. 2, p. 176. *¹) Vogel, Beſchreibung von Naſſau, S. 164. Hartmud Franke und Walther von Eſchborn ſind Zeugen bei der Beſtätigung der Ueber⸗ tragung der Pfarrei Mörlen an den deutſchen Orden durch Erzbiſchof Siegfried von Mainz(1219) und bei dem Verkauf der Hälfte der Grafſchaft Battenberg und Stift an denſelben(1238). Würdtwein, Dioec. Mog. T. 3, Nr. 38, 39. Gudenus l. c. T. 1, p. 232. Gudenus Sylloge T. 1, p. 588, Nr. 11. Urk.⸗B. Nr. 11. Nach dieſer Urkunde verzichtet Ritter Giſelbert auf ſeine Anſprüche an die Kirche von Reißkirchen in die Hände Ulrichs von Münzenberg, der künftig das Patronat über dieſelbe erblich haben ſoll und ſie dem Magiſter Ernſt von Eſchborn verleiht. Da die Herrn von Münzen⸗ 16 242— ſpruchs deutet auf die früher ſehr reich geweſene Pfarrei zu Reißkirchen im Hüttenberg(hinterm Stoppelberg), welche ſpäter ein vom Hauſe Solms zu Lehn gehendes Patronat der Holz⸗ apfel und Wolfskehl zu Vetzberg war und von dieſen an Naſſau⸗Weilburg kam.“*) Indeß war auch die Kirche zu Reis⸗ kirchen im Buſeckerthal eine Patronatskirche, und iſt jetzt noch eine ſolche der von Buſeck-Münchiſchen Erben und iſt daher wohl eher dieſe die damals ſtreitige geweſen.*) Giſelbert war ferner im Beſitz von Gütern zu Hörnsheim(Herlisheim), die er 1234 mit Genehmigung Kaiſer Heinrichs VII. dem Kloſter Arnsburg ſchenkte;“⁰) er war alſo auch Reichs⸗Miniſteriale und ſcheint dieſes Lehn und jenes Patronat mit der im Jahr 975 von Kaiſer Otto II. vergebnen Belehnung eines Guts zu Reißkirchen*³²) im Zuſammenhang zu ſtehen. Ohne Zweifel beſaß er aber auch noch andre Güter, die ſein vaſallitiſches Verhältniß zu den Pfalzgrafen und zu Merenberg begründeten; denn wir finden ihn nicht nur bei jener Schenkung des Obborn⸗ hofer Guts(1239), ſondern auch bei dem Vergleich zwiſchen berg die Nachfolger der Grafen von Nürings, deren Beſitzungen am Taunus lagen und die zugleich das Gaugericht der Wetterau beſaßen, waren, ſo läßt ſich dieſe Abtretung an den Lehnsherrn der von Eſch⸗ born wohl erklären. Bei dem Schiedsſpruch wirken außer den Wetz⸗ lar benachbarten Grafen von Solms und Herrn von Beilſtein und den Rittern von Kalsmunt, die von Gießen und von Münzeuberg, jene weil der Streitgegenſtand in die Grafſchaft gehörte und die ſtrei⸗ tenden Theile da zu Haus waren, dieſe als Gefolge Ulrichs von Mün⸗ zenberg, als Lehnsherrn, mit. Abicht, Kreis Wetzlar, Th. 1, S. 95 und Th. 3, S. 418. In dem Vergleich über die Streitigkeiten Rudolphs von Burkhards⸗ felden mit dem Kloſter Arnsburg über Berechtigungen zu Burkhards⸗ felden(ſ. Note 97), in welchem eigentlich nur Zeugen aus dem Bu⸗ ſeckerthal oder aus der Nähe des Kloſters auftreten, ſteht Giſelbert von Eſchborn unmittelbar nach Sigfried, dem Pfarrer von Reiskirchen (Richolviskirchen) und dies war doch gewiß der von Reiskirchen im Buſeckerthal, wozu die Kapelle von Burkhardsfelden als Filial ge⸗ hörte.(Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 27.) 9⁵) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 23. 36) Boehmer, Cod. Dipl. Moenofrancof. T. 1. Nr. 7. 93 — 94 — 243— Rudolph von Burkhardsfelden und dem Kloſter Arnsburg über Rechte zu Burkhardsfelden von 1238 und bei dem Verkauf der Merenberg'ſchen Güter in Holzheim an Arnsburg durch Hartrad(1233) und dem Verzicht ſeiner Söhne Konrad und Wittekind auf dieſelben(1247) als Zeugen.**) Seine Familie war alſo offenbar zu den alten Gleiberger Miniſterialen ge⸗ hörig; Gießener Burgmannen waren ſie, wie es ſcheint, nicht, da ſich urkundlich nichts dafür findet. Die Nachkommen Giſel⸗ berts verſchwinden auch bald aus der Gegend. Einer ſeiner Erben war Widerad von Langsdorf, der 1260 mit ſeinem Sohn vor dem Grünberger Schöffenſtuhl auf ſeinen Anſpruch an die veräußerten Hörnsheimer Güter Giſelberts verzichtete.*s) Andre dieſer Erben, Hezzechin und Rudolph von Göns, Ge⸗ brüder, leiſten 1254 einen gleichen Verzicht vor Ulrich von Münzenberg.**) Walther von Eſchborn wird noch 1278 als Veräußerer eines Korngefälles in Lützellinden von ſeinem Nach⸗ folger Eckhard von Linden genannt.*⁰) Die Familie nahm um jene Zeit von ihrer um 1230 neu erbauten Burg den Namen von Cronenberg an; ¹⁰¹) aber auch unter dieſem Namen kommt ſie in unſerer Gegend nicht mehr vor. §. 275 Miniſterialen aus von Gleiberg getrennten Diſtricten. Alle bisher aufgeführten Gießener Vaſallen ließen ſich als im Bezirk der Grafſchaft Gießen resp. des mit Merenberg gemeinſchaftlichen Theils der alten Grafſchaft Gleiberg an⸗ ſäſſig nachweiſen. Wir haben nun noch zwei Geſchlechter zu erwähnen, welche ans der von Gleiberg abgetheilten Grafſchaft Cleberg ſtammen, die Halber von Cleberg und die von 97) Wenck a. a. O., Nr. 112 und 138. 98) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 86. 99) Gudenus 1J. c. T. 3, p. 1120. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 167. Vogel a. a. O., S. 272, 852. — — 100 — 244— Mörlen. Bereits oben haben wir geſehen, daß der Bezirk Hüttenberg urſprünglich zum vierten Theil zur Grafſchaft Cleberg gehörte und daß auch der Wieſecker Wald zu einem Viertel dazu gerechnet wurde. Es war daher ebenſo natürlich, daß Adliche der Grafſchaft Cleberg auch zu den Miniſterialen des Pfalzgrafen gehörten, wie umgekehrt die aus deſſen Herr⸗ ſchaft im Dienſte der Ganerben von Cleberg waren, wie die von Cleen, von Göus ec. 23. Unter den Gießener Burgmannen waren die Halber von Cleberg und die von Mörlen aus dem Cleberger An⸗ theil der Grafſchaft Gleiberg. Die Erſteren waren urſprüng⸗ lich in Ober- und Nieder⸗Hörgern zu Hauſe und daher eigent⸗ lich Münzenberger Vaſallen.“) Der Zweig der von Hörgern, der den Namen Halber(Halbir oder Halber) annahm, beginnt mit Hermann, der zuerſt 1236 als Hermann Halber in einem Kaufbrief Konrads von Dornberg über den Zehnten zu Fechen⸗ heim für das Kloſter Arnsburg vorkommt.“) In dem Obborn⸗ hofer Schenkungsbrief von 1239 ſind Cuno et Hermannus Halbir de Cleberc Zeugen des Pfalzgrafen; Ritter Hermann erſcheint ferner 1242 bei einer Schenkung Konrad Meiſenbugs für das Kloſter Arnsburg, einen Hof zu Langgöns anbelangend ⁵) und bei der Stiftung des Kloſters Haag(Haug) durch Ludwig von Iſenburg(1264) als Zeuge.“) Ein Verzichtsbrief Ritter Hermanns gen. von Frotdebrath von 1265 zeigt uns Hermann ¹) Ritter Albert von Hergeren iſt 1229, derſelbe, Wigand und Rudolph 1239, Giſo 1248 Zeuge in verſchiedenen Kaufbriefen Ulrichs von Münzenberg.(Gudenus I. c. T. V. p. 755, T. 2, p. 1108. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 53.) Nieder⸗Hörgern lag Ober⸗Hörgern gegenüber auf der linken Seite des Wetterthals und leine Gemarkung gehört jetzt meiſt zu der von Münzenberg.(Wagner a. a. O., S. 150.) Die Halber von Hörgern waren von Eppſtein(1453) mit 3 Huben Land und dem Zehnten zu Hörgern und 15 Morgen Land zu Butzbach be⸗ lehnt.(Darmſt. Archiv, Butzbach.) ²) Gudenus 1. c. T. 3, p. 1108. ²) Böhmer Cod. D. Moenofrancof. T. 1, p. 70. 245— den älteren und die zwei Brüder Cuno und Hermann, wahr⸗ ſcheinlich Söhne Hermanns.*) Cuno Halber von Cleberg haben wir bereits oben(§. 24 unter 6. a) als Schwiegerſohn des Ma⸗ charius von Linden und Burgmann von Gießen kennen gelernt; als ſolchen finden wir ihn häufig in Gießener Urkunden und wir werden ſpäter auf ihn zurückkommen müſſen. Mit ſeinem kinderloſen Tode hören, wie es ſcheint, die Beziehungen der Halber zu Gießen auf, nicht aber ihr vaſallitiſches Verhältniß zu den Nachfolgern der Pfalzgrafen. Noch 1343 waren die Ganerben Eberhard, Hermann und Erwin Halber mit dem Zehnten zu Langgöns von Landgraf Heinrich belehnt und con⸗ ſentiren in die Ueberlaſſung des Antheils ihres Ganerben Eber⸗ hard Halbers an deſſen Wittwe Hedwig zu Witthumsrecht.*) Die Familie, aus welcher auch ein Heinrich von Halber als Truch⸗ ſeß Gottfrieds von Eppſtein, Ganerben zu Cleberg(1272) und ein Deutſch⸗Ordens Comthur zu Schiffenberg, Kraft Halber (1336) bekannt iſt,“) ſtarb den 28. Juli 1566 mit Kraft Halber von Hörgern, Oberamtmann zu Hanau, aus. Ihr Wappen entſprach, da ſie urſprünglich nicht in den Gleiberger Ritter⸗ verband gehörte, auch nicht dem Character derjenigen der Glieder deſſelben, hatte jedoch inſofern eine Aehnlichkeit, als es, wie dieſe 3 Blätter, ſo drei Schwanen in ähnlicher Stel⸗ lung zeigt. 24. Die Graſfſchaft Cleberg erſtreckte ſich über den Lahn⸗ ⁴) Würdtwein Dioec. Mog. T. 3, p. 153. ⁵) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 103.(Hermann wird hier Halber, Cuno und Hermann Halbeir geſchrieben; man ſieht wie willkürlich die Ortho⸗ graphie noch war.) Im Jahr 1274 geben die Brüder Hermann und Cuno gen. von Cleberg mit Conſens ihrer Brüder Friedrich und Kraft und ihrer Schweſter Alheid, ſowie ihres Oheims(Vaters Bru ders) Cuno und deſſen Frau Eliſe von Cleen, alle ihre Güter zu Reidilshofen(unbekannt), nebſt Gefällen auf der Griedeler Mühle dem Hospitalhaus zu Weiſel.(Baur, heſſ. Urk.⸗B. Bd. 5, Nr. 76.) Es iſt dies ſicher dieſelbe Familie. 6) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 713. *) Gudenus Sylloge p. 260. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 666. — 246— gau hinaus in den Gau Wetterau, indem ſie die ſüdliche Seite der Gegend um den Hausberg, der die Gränze der Gauen bildete, und das mittlere Uſathal umfaßte; hier war Mörlen der Centralpunkt und die Grafen nannten ſich auch von Cleberg und Mörlen. In Mörlen war ein bedeutendes Rittergeſchlecht, das ſich von Mörle nannte, zu Haus, deſſen Mitglieder aber nicht blos der Cleberger, ſondern vorzugsweiſe der Friedberger Burgmannſchaft angehörte.“) Im Zuſammen⸗ hang mit erſterer gehörten manche ſeiner Gieder auch zur Clientel der Pfalzgrafen und insbeſondere zur Burgmannſchaft von Gießen. In dem Kaufbrief Adolphs von Heuchelheim von 1250 wird namentlich Konrad von Mörle unter den Rittern und Schöffen von Gießen aufgeführt; ein Conradus de Morle jun. (1276) ſcheint ſein Sohn.“) Die Burgmannſchaft ſcheint jedoch nicht auf die Landgrafen von Heſſen übergegangen zu ſein, obgleich die Familie noch lange fortblühte und Conrad noch 1280 vorkommt, als Gerlach von Limburg und Ludwig von Iſenburg die Cleberger Güter theilten;*⁰*) eine Linie nahm den Beinamen gen. Böheim an, wahrſcheinlich die von Franko von Mörle herrührende; ſie blühte ſpäter allein fort.¹*) Ein 8) Von 1243 an, wo Gerhard und Franko von Mörle unter den Fried⸗ bergern Burgmannen erſcheinen(Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 34), kommt die Familie beinahe unausgeſetzt dort vor; ſie erſcheint aber auch bei Ge⸗ ſchäften über Objecte bei Cleberg, z. B. ſolche zu Polgöns(Gudenus 1. c. T. 2, p. 94) und Langgöns(Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 269). *) Urk⸗B. Nr. 17. Gudenus l. c. p. 93. Die Urkunde nennt Cun- radus de Morle: Nebel in Juſti's heſſ. Denkwürdigkeiten, Th. 3, S. 260, hält ihn für einen von Merlau und ihm iſt Günther(in Bilder aus Heſſ. Vorzeit, S. 142) gefolgt. Indeß iſt kein Grund vorhanden, eine andere Familie als die bekannte, von Mörlen, zu unterſtellen. Uebrigens beſaßen die von Merlau, wie ſchon oben§. 22 bemerkt, den Zehnten von Selters bis 1257. ¹⁰) Joannis Spicileg p. 312. ¹1) Die von Mörle gen. Böheim ſtarben um 1625 aus.(Humbracht, Stammtafeln fol. 291.) Bei der Belehnung Sibolds von Helden⸗ — 217— Johannes gen. Böheim und ſein Sohn kommt hernach in einer Gegend, wo die von Mörle nicht zu Haus waren, vor, näm— lich in Schelluhauſen(Schelminhusin) bei Ermerod(1305); ob und wie er mit den von Mörle gen. Böheim zuſammen⸗ hängt, iſt unbekannt. ¹²) Wir haben an dieſer Stelle noch einer Familie zu ge denken, welche aus der Grafſchaft Kleberg ſtammte und in der Herrſchaft Gleiberg angeſeſſen war, obgleich ein ſpecielles Mi niſterialen⸗Verhältniß derſelben zu dem Gleiberger Haus nicht nachzuweiſen iſt, nämlich der Craniche von Cransberg (Cranechesberg). Ihre Burg im Uſathal oberhalb Ziegenberg gehörte mit den dazu gehörigen Orten Holzburg und Wernborn urſprünglich zu der Grafſchaft Kleberg und Mörle.“³) Es iſt daher erklärlich, daß dieſelben auch in der alten Graſfſchaft Gleiberg anſäſſig waren. Sie beſaßen hier namentlich das Dorf Münchholzhauſen bei Dudenhofen und Eberwin Kranich ver⸗ kaufte es um 1295 dem Grafen Heinrich von Solms gen. Weſterburg.¹*) Münchholzhauſen bildete mit Volpertshauſen, Reißkirchen und Weidenhauſen und den Wüſtungen Wertzhauſen und Gehringshauſen ein beſonderes Gericht, Stoppelberg, das eigentlich nicht zur Gemeinſchaft des Hüttenbergs gehörte, jedoch ebenſo wie dieſe und das gemeine Land an der Lahn zwiſchen Gleiberg und Gießen reſp. Merenberg modo Naſſau⸗Weilburg und Heſſen gemeinſchaftlich war, bis 1585 die Abtheilung er⸗ bergen durch die Münzenberger Erben iſt Francko de Morle, Bohemus Zeuge(1266). Baur, heſſ. Urk.⸗B. Bd. 5, Nr. 56. 1²) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 441. Schannat client. Fuld. Nr. 404. ¹18) Vogel a. a. O., S. 245. Als Gottfried von Eppſtein mit ſeinenn Schwager Gerlach von Limburg und Neffen Ludwig von Iſenburg 1280 eine weitere Theilung von Cleberg vornahm, erhielt Erſterer noch Mörlen und Holzburg, Ockſtadt und Hollar zur Ausgleichung. (Wenck Bd. 3, S. 345.) Holzburg lag zwiſchen Ziegenberg und Cransberg, wo noch die„Holzkirche“ benannte Kapelle ſteht. Wer born gehörte wie Bodenrod und Maibach zu Kleberg. Schaum, das Grafen⸗ ꝛc. Haus Solms, S. 39. Graf Rudolph von Solms, Geſchichte des Hauſes Solms, S. 14, 16. Abicht a. a. O. — — 248— folgte.“*) Die Cranich von Cransberg haben nach Abichts Behauptung Münchholzhauſen zu Reichslehn getragen; darum konnte um ſo leichter eine Exemtion dieſes Orts von der gräf⸗ lichen Gerichtsbarkeit entſtehen und da Heinrich III. von Solms Münchholzhauſen(1295) mit Conſens König Adolphs von Er⸗ win von Kranichsberg kaufte, konnte dies augenſcheinlich die Gelegenheit bieten, daß die Grafen Solms es von dem rings umſchließenden Territorium der Grafſchaft Gleiberg ganz trenn⸗ ten und es als ihrer unbeſchränkten Landeshoheit unterworfen be⸗ handelten.¹*) Da Erwin von Cransberg(1249, 1250) kaiſerlicher Burggraf der Reichsburg Friedberg war,“¹) ſo wäre der Er⸗ werb eines ſolchen Reichslehns um ſo leichter zu erklären. Indeß hielt ſich die Familie nicht auf einer hohen Stufe; Burggraf Erwin ſelbſt verkaufte ſeine Güter zu Eberſtadt(1252) ans Kloſter Arnsburg.¹²) Nachdem ein jüngerer Erwin ſeine ¹8) Schaum a. a. O., S. 131. Abicht a. a. O., Th. 1, S. 84 ff., 202 ff., Th. 2, S. 89, 91. ¹16) Darum kann das erſt zu Ende des 13. Jahrhunderts von Solms er⸗ worbene und trotzdem in der Gemeinſchaft des Stoppelberger Gerichts verbliebene Münchholzhauſen am wenigſten für die urſprüngliche Ver⸗ bindung von Solms mit Naſſau angeführt werden. Vielleicht beruht die Reichslehnbarkeit von Münchholzhauſen und ſeine Verbindung mit der Herrſchaft Cransberg, die allerdings ebenfalls Reichslehn war (Schaum a. a. O., S. 39. Graf Rudolph von Solms a. a. O., S. 13, 15), auf dem Tauſch, den König Konrad I. mit dem Reichs⸗ vaſallen Piricho durch Hingabe eines Stücks aus ſeiner väterlichen Erbſchaft gegen ein von ihm der Kirche zu Weilburg geſchenktes Gut zu Steinfurth in der Wetterau traf; da dieſes Steinfurth, das ſeine Reichsunmittelbarkeit bis in die neueſte Zeit behielt, ein Stammgut der mit den Kranich von Cransberg verwandten Freiherrn Löw bil⸗ dete.(Origin. Guelf. T. 4, p. 184.) Gudenus l. c. T. 2, p. 89. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 56. Testis Er- winus Grus burgravius de Vrideberc. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 63. Franko von Mörle und Eberwin, Eberhard Löw's Sohn, welche in der Urkunde als Bürgen reſp. Zeugen vor⸗ kommen, waren augenſcheinlich Verwandte; die Löw von Steinfurth ſtammen höchſtwahrſcheinlich von den von Cransberg her; ſie führen dafſelbe Wappen(ſ. Gudenus a. a. O., p. 170) und derſelbe Vor⸗ 17 — — S — — 249— Güter zu Nauheim bei Friedberg(1297) und Münchholzhauſen verkauft hatte, veräußerte ein dritter Erwin(Eberwinus juvenis Grus) 1306 ſeine Beſitzungen zu Grundſchwalheim und 1310 auch die Stammherrſchaft Cransberg an Philipp von Falken⸗ ſtein ¹**) und erliſcht wahrſcheinlich mit ihm ſein Geſchlecht, das zwar nicht direkt zu Gießen, wohl aber zur Umgegend in der oben angeführten, noch wenig aufgeklärten Beziehung ſtand. 25. Wir wenden uns nun zu einigen Familien, die eben⸗ falls nicht aus der Grafſchaft Gleiberg, ſondern aus dem in älteſter Zeit damit verbundenen Gebiet der Solmſer und Erdaer Mark ſtammen, aber auch ſeit jener Zeit zur Burgmannſchaft von Gießen gehörten; es ſind die von Werdorf und von Schwalbach. Die Erſteren waren im Dillthal zu Haus, das zur Grafſchaft Solms und insbeſondere zur Erdaer Mark ge⸗ hörte. Da ſich die Grafſchaft Gleiberg urſprünglich über dieſe erſtreckte, ſo iſt der uralte vaſallitiſche Verband mit den Grafen von Gießen erklärlich. Ingebrand(Engebrand) von Wertdorf iſt daher unter den milites de Gyzzin, in deren Gegenwart die Klöſter Altenburg und Arnsburg 1245 ihre Höfe ver⸗ tauſchten*°) und wird ebenſo 1250 bei dem Verkauf des Ge⸗ lände Ritter Adolphs von Heuchelheim unter die Ritter und Schöffen von Gießen gezählt.²*) Die Familie gehörte übrigens hauptſächlich der Wetzlarer Ritterſchaft an, z. B. Dietrich (1354). ²²) Zwei ihrer Mitglieder, Dietrich und Hiltwin, be⸗ name Erwin wiederholt ſich häuſig in ihrer Familie, die den Bei⸗ namen Löw und deshalb einen Löwenkopf als Beizeichen im Wappen urſprünglich wohl nur zur Unterſcheidung vom Kranich⸗Stamm an⸗ nahm.(Vergl. Wilh. Löw, Notizen über die Familie der Freiherrn Löw zu Steinfurth, S. 5.) ¹16) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Bd. 5, Nr. 175. Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 345. Vogel a. a. O., S. 246. Die Urkunde(1297) nennt die Gemahlin Erwins II. Floretha und ſeinen Sohn Erwin III. ²⁰) Urk.⸗B. Nr. 15. Gudenus 1l. c. T. 2, p. 84. 21¹) Daſ. Nr. 17, reſp. Gd. p. 93. ²²) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 889. — 250— finden ſich 1358 unter den Mönchen des Kloſters Ilbenſtadt.*s) Um dieſelbe Zeit war ſie im Buſecker Thal angeſeſſen, leitete aber ihre Rechte von den Storen von Gießen(von dieſen ſpäter) ab; Hiltwin von Werdorf gen. von Burkhardsfel⸗ den verzichtete gegen das Kloſter Arnsburg wiederholt(1340, 1347 und 1352) auf ſeine Anſprüche an den Hof zu Reiß⸗ kirchen unter der Kirche, der dem Ritter Store war,**) und die Gebrüder Reimbold, Dietrich und Walther von Werdorf erkennen(1363) an, daß ſie um alle ihre Anſprüche an die Wieſen zu Oppenrod mit dieſem Kloſter gerichtet ſeien.*⁵) Sonſtige Beziehungen zu Gießen ſind nicht nachweisbar. Im 17. Jahrhundert ſtarb die Familie mit Philipp von Werdorf aus; ſie hatte ſchon vorher einen Theil ihres Vermögens ver⸗ kauft oder verſchenkt; ihr Hofgut zu Werdorf fiel an die Lehns⸗ herrſchaft Solms⸗Greifenſtein zurück und iſt jetzt noch ein Sitz der fürſtlichen Familie von Solms⸗Braunfels. ²⁸) 26. Am engſten verknüpft mit der Geſchichte von Gießen waren die Adlichen von Schwalbach. Ihr Stammort war Schwalbach bei Braunfels; ſie ſcheinen aber ſchon früh ihre dortigen Beſitzungen verloren und ſich ganz nach Gießen und der Umgegend gezogen zu haben, wo wir ihnen künftig in jeder Zeitperiode bis zu ihrem Ausſterben im Jahr 1769 als Burg⸗ mannen begegnen.²*) Sie beſaßen ein Burghaus in der alten Burg(hinter der Kirche), das nach dem Erlöſchen ihres Mannsſtamms dem Landgrafen als Lehnsherr heimfiel und für die Hofkammer und ſpäter für das Hofgericht bis 1830 benutzt wurde und jetzt in Privathänden iſt. Sie waren 23) Daſ. Nr. 934. 24) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 672. 25⁵) Daſ. Nr. 916. 26) Abicht a. a. O., Th. 2, S. 160. Schaum a. a. O., S. 108, 126. ²⁷) Dieſelben gaben auch der gefürſteten Abtei Fulda einen Biſchof, den am 22. März 1606 zu Gießen geborenen Joh. Friedrich von Schwal⸗ bach. — 251— von Heſſen weiter mit einer Hofraithe vor der Selterspforte, 20 fl. Geld zu Heuchelheim, 4 ½ fl. Manngeld von der Stadt, 2 ½ fl. von der Beed auf dem Rathhaus, 16 Tornus aus dem Steinenhof vor der Wallpfort, dem Garten vor der Neu⸗ ſtadt und 6 Morgen Gartenfeld, ſodann ſtatt urſprünglich 2 ½ Mark vom Rathhaus mit der heſſiſchen Hälfte des Dorfs Vollnkirchen beliehen.“*) Auch ſie gehörten ſchon zu Zeiten der Pfalzgrafen von Tübingen zur Gießener Burgmannſchaft; Gernand von Schwalbach(Sualebach) iſt unter den Rittern und Schöffen von Gießen, welche 1250 den Verkauf Adolphs von Heuchelheim ans Kloſter Altenburg beurkunden.**) Der Gernand, welcher 1255 als Castellanus de Giezzin der Ver⸗ gabung der Güter Bernhelms von Heuchelheim an das Kloſter Altenburg beiwohnt, iſt ſicher kein anderer als dieſer Gernand von Schwalbach; ³⁰) denn 1265 im Januar erſcheint er noch als Mitglied des Gießener Schöffengerichts in der Schenkung Sigenands von Buſeck an das Kloſter Arnsburg. ¹¹) Ihre Verbindung mit der Graſſchaft iſt ſchon eine ältere; 1226 be⸗ finden ſich Marquard und Albert von Schwalbach unter der Gießen⸗Gleiberger Gruppe von Rittern, welche den Schieds⸗ ſpruch über das Eſchborn'ſche Patronat der Kirche von Reiß⸗ kirchen bezeugen;*²) Johannes iſt 1242 Zeuge der Schenkung Konrad Meiſenbugs über Güter zu Langgöns.““) Nach dem Uebergang an Heſſen dauert die Lehnſchaft ununterbrochen fort, und Gernands gleichnamiger Sohn zeigt ſich 1276 als Burg⸗ mann in der von Ritter und Schöffen von Gießen ausgeſtell⸗ ten Urkunde über den Verzicht der Gebrüder von Vroides⸗ brath.*⁴) Die von Schwalbach führen kein den übrigen Ge⸗ ²8) Mannbuch Wilhelms IV., Fol. 40 und 41. 29) Urk.⸗B. Nr. 817. 3⁰) Daſ. Nr. 18. 31) Urk.⸗B. Nr. 28. ³²) Gudenus Sylloge T. 1, Nr. 11. Urk.⸗B. Nr. 11. 33) Boehmer l. c. p. 70. 34) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 152. 252 ſchlechtern der Gegend ähnliches Wappen, ſondern 3 Ringe, welche in einer Reihe quer durch das Schild geordnet ſind; ſie konnten denſelben aber auch die Kleeblattſtellung nicht geben, da ſchon die von Rodheim 3 in dieſer Form zuſammengeſtellte Ringe führten;(in ähnlicher Weiſe haben die Milchling zu Treis die 3 Blätter in der Form des Kleeblatts, die Milchling zu Schön⸗ ſtadt aber in einer Reihe quer durch den Schild). 27. Es iſt hier der paſſendſte Ort der Adlichen von Elkerhauſen zu gedenken, welche ebenfalls aus dem unteren Lahnthal ſtammend,“*) gleichzeitig mit dieſem Gernand von Schwalbach(1276) als Gießener Burgmannen auftreten und ſich von da an bis ins 16. Jahrhundert ſtändig unter den⸗ ſelben befinden. Da ſie nicht zu den Rittern des Landgrafen gehörten, ſonach nicht erſt zufolge der Erwerbung von Gießen durch dieſen dahin verpflanzt worden ſein mögen, ſo fragt es ſich, ob dieſelben nicht auch ſchon zu den Pfalzgräflichen Va⸗ ſallen zu zählen ſind. Es ergibt ſich nun, daß die Familie wenigſtens ſchon während dieſer Periode in der Herrſchaft anſäſſig war. In dem Streit zwiſchen Rudolph von Burkhardsfelden und dem Kloſter Arnsburg über den kleinen Zehnten zu Burkhards⸗ felden(1259) war Heiderich von Elkerhauſen(Helkerhusen) Schiedsrichter.“) Im Jahr 1297 bekennt Eckhard der Schmied von Beuern, daß er in Unterthanenpflichten zu deſſen Sohn ³⁵) Alt⸗Elkerhauſen, wo die Familie herſtammt und eine Burg und die Gerichtsbarkeit beſaß, liegt zwiſchen Limburg und Weilburg, eine halbe Stunde von der Lahn, im Thal der Weinbach, gehörte alſo zum Niederlahngau, ebenſo wie die an der Lahn, Gräfeneck gegenüber, ſpäter erbaute, jetzt in Ruinen noch vorhandene Burg Neu⸗Elkerhau⸗ ſen.(Vogel a. a. O., S. 806.) Die Gegend gehörte aber zum Kirch⸗ ſpiel Vilmar, das mit Limburg entweder im Befitz der Grafen von Kleberg war, oder doch durch den Erwerb von Kleberg durch die Herrn von Iſenburg mit der Grafſchaft in Verbindung kam. Wahr⸗ ſcheinlich kamen die Herrn von Elkershauſen dadurch zur Burgmann⸗ ſchaft von Kleberg und da ſie von dieſer ſchon zu Anfang des 14. Jahrhunderts Gefälle im Steinbacher Gericht zu Lehn hatten, ſo lag . es nahe, daß ſie auch zur Gießener Ritterſchaft gehörten. ³6) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 83. — 255— Hartmud ſtehe.“*) Mindeſtens ſeit 1308 beſitzen die Herrn von Elkershauſen Gefälle in Steinbach, Watzenborn, Hauſen, Konradsrod, Frohnebach und Garbenteich.“*) Im Jahr 1335 war Heiderich von Elkershauſen Truchſeß zu Gleiberg.**) Da die Familie ſich nachher im Beſitz von Gütern bei Altenbuſeck und zugleich im Merenberg⸗Gleibergiſchen Dienſt befindet, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß ihre Verbindung mit dem Grafen⸗ haus eine ältere und nicht erſt durch die Landgrafen von Heſſen herbeigeführte iſt. Das Wappen der von Elkerhauſen zeigt inſofern eine Analogie der Gießener Burgmannſchaft, daß es wie dieſe die Wappenfigur dreifach, nämlich 3 Streitäxte oder Beile enhält. Aus dem Solmſiſchen Theil des Decanats Wetzlar ſtamm⸗ ten auch die Herrn von Mudersbach, einem Ort an der Ahrd⸗ bach bei Erda; ſie waren Ganerben zu Vetzberg und führten daſſelbe Wappenbild, wie die meiſten der Gleiberg⸗Gießener Ritterſchaft, ein Kleeblatt. Daſſelbe gilt von den noch etwas entfernter, im oberen Dillthal zu Hauſe geweſenen Herrn von Heiger. Daß dieſe Familie aber jemals zur Burgmannſchaft von Gießen gehörig geweſen, dafür liegt kein Beweis vor. Von Intereſſe iſt es, daß ſelbſt die Herrn von Greifen⸗ ſtein, welche das mittlere Dillthal als Dynaſten beſaßen und alſo ebenfalls einen großen Theil des Erdagaus beherrſchten, ein dem der Gleiberger Ritterſchaft ähnliches Wappen führten, nämlich drei mit den Spitzen vereinigte Blätter, die jedoch nicht herzförmig, ſondern am Rande ausgezackt waren.(Es ſpricht dies für eine Verbindung der Geſchlechter im ganzen Bezirk des Decanats Wetzlar, des Mittellahngaus.) In ſpä⸗ terer Zeit findet man übrigens deren Wappen etwas verändert, indem der Blätter 4 und dieſe getrennt ſind und ſtatt ſich mit ³7) Daſ. Nr. 276. ²8) Simon, Geſch. von Iſenburg⸗Büdingen, Bd. 1, S. 245. ³8) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 755. ———————— — 254— den Spitzen zu berühren, am Rand des Schildes anſitzen(ſiehe bei Schaum a. a. O.) §. 28. Miniſterialen aus der Comitia Rucheslo. Wir gelangen nun zu einer Gruppe von Pfazzgräflichen Miniſterialen, welche aus dem nördlichen Theil der Gegend ſtammen, nämlich aus den Centen der Comicia Rucheslo, von denen wir durch den Vertrag zwiſchen Konrad von Meren⸗ berg und Erzbiſchof Siegfried von Mainz von 1237 nähere Kenntniß erhalten. Die Centen, in welchen Merenberg nach dieſem ſeine Rechte zum größeren Theil behielt, waren die des alten Lohrgaus, Londorf, Treis a. d. Lumbda, Kirchberg, Reitz⸗ berg, Lohr und Gladenbach; ſie gehörten zum Archidiaconat St. Stephan zu Mainz und zum Oberlahngau.¹) Der an Mainz in jenem Vertrag ganz überlaſſene Theil muß nun zwiſchen der zur Grafſchaft Battenberg oder Stift gehörigen Cent Lixfeld, dem Perfgau oder Breidenbacher Grund,*) dem Haigergau, der in der Dill und der Dietzhölze bis zur Her⸗ borner Mark ſeine beſtimmte öſtliche Gränze hatte ³¹) und dem zum Archidiaconat Dietkirchen und Erzbisthum Trier gehörigen Decanat Wetzlar, in das Mainz durch jenen Kauf doch wohl nicht eingreifen wollte, geſucht werden. Die Gränzen dieſes letzteren ſind aus dem Decanatsregiſter bekannt: darnach ge⸗ hörten Erda, Altenkirchen bei Hohenſolms, Dillheim, Nenterod, Walldorf, Driedorf und Mengerskirchen noch zu dieſem De⸗ canat.*) Hiernach bleibt für den Reſt der Comitia Rucheslo das von Gladenbach urſprünglich getrennte Obergericht(das Kirchſpiel Hartenrod) ⁵), das Erdathal von Altenkirchen bis zur ¹) Wenck, heſſ. Landesgeſchichte, Th. 2, S. 454 ff. ²) Wenck a. a. O., S. 452. ³) Vogel a. a. O., S. 159. ⁴¹) Wenck a. a. O., S. 445, Note n. ⁵) Das Kirchſpiel Hartenrod, oder die Orte Hartenrod(Hirprachterod), Schlierbach, Endbach, Wommelshauſen und Bottenhorn bilden das — 255— Dill nebſt dem Land auf der linken Seite der Dietzhölze bis zum Perfthal und die Herborner Mark, alſo die Gegend, welche im 14. Jahrhundert ſchwere Kämpfe zwiſchen Heſſen und Naſſau veranlaßte. Während uns nun jener Vertrag von 1237 Merenberg in dieſen Centen mit Comitialrechten ausgeſtattet zeigt, und es auch nach dieſer Zeit die Vogtei in den meiſten derſelben als Lehnsherr an ſeine Vaſallen, nament⸗ lich die zu Londorf an die Herrn von Nordeck, die zu Treis an die Schutzbar gen. Milchling, die im Reitzberg an die Vögte von Frohnhauſen(in Gladenbach hatten die von Rod⸗ heim ſie auch von ihnen) verleiht, und in der Cent Kirchberg oder dem Gericht Lollar die Gerichtsbarkeit ſelbſt beſitzt, fällt es auf, daß die Pfalzgrafen von Tübingen und Grafen von Gießen in dieſem Landestheil nicht im Beſitz gleicher Rechte erſcheinen. Denn da man, wie weiter unten geſchehen ſoll, die gleichförmige Vertheilung der übrigen Theile der alten Grafſchaft Gleiberg zwiſchen Merenberg und Tübingen resp. ihren Rechtsnachfolgern Heſſen und Naſſau nachweiſen kann, ſo läßt ſich nicht wohl denken, daß Merenberg einen ſo be⸗ dentenden Strich Landes vor den Tübingern voraus erhalten habe und ebenſowenig läßt ſich erklären, wie daſſelbe auf anderm Wege als durch die Gleiberger Erbſchaft dazu gelangt ſein könnte.“) Es iſt daher von Wichtigkeit zu conſtatiren, daß die mit der Vogtei in den erwähnten Centen und Diſtricten von Merenberg beliehenen oder ſonſt darin heimiſchen Geſchlechter zu gleicher Zeit auch zu den Vaſallen des Pfalzgrafenhauſes resp. der Grafſchaft Gießen gehören und wir werden auch mit mehr oder minder voller Gewißheit darthun können, daß die Obergericht Blankenſtein und ſind daher, obgleich zum Decanat Gladen⸗ bach von Würdtwein IJ. c. p. 307 gerechnet, zu dieſem Gericht in älteſter Zeit nicht zu zählen, ſondern wohl erſt nach Beſeitigung des Streits zwiſchen Heſſen und Naſſau dazu verwieſen worden. Darüber ſind auch die Geſchichtskenner, welche bisher darüber ge⸗ ſchrieben haben, einig. Wenck a. a. O., Bd. 3, S. 293. Vogel a. a. O., S. 212. Schmidt a. a. O., Bd. 1, S. 150. — ———— —————— — 256— von Nordeck, die Milchling zu Treis, die von Michelnbach und Weitershauſen, welche im Reitzberg zu Hauſe waren, die von Rodenhauſen und Rollshauſen aus dem Lohrer Ge⸗ richt und die von Dernbach aus dem Obergericht Gladenbach und der Herborner Mark, ebenſo wie die von Rodheim, die Blankenſtein beſaßen, gleichzeitig ſchon pfalzgräfliche Vaſallen und meiſt ſchon damals oder doch gleich nach der Erwerbung durch Heſſen Gießener Burgmannen waren. 28. Die Burg Nordeck war die alte Schutzburg für den Ebsdorfer Grund, in deſſen Gericht ſie liegt, wenn auch die niedere Gerichtsbarkeit zufolge ihrer Ueberlaſſung zu Lehn an die Freiherrn Rau von Holzhauſen, die urſprünglich nur Burgmannen derſelben waren, für Nordeck und die zwei nächſten Orte(Winnen und Wermertshauſen) in ſpäterer Zeit von der des Gerichts Ebsdorf getrennt war.*) Dieſe Gegend⸗ war durch die Verpflanzung Sächſiſcher Großen nach Franken zur Zeit Karls des Großen aus dem buchoniſchen Wald an⸗ gerodet worden und ſpäter ein Corveiiſches Lehn der Land⸗ grafen von Thüringen und Heſſen.) Ihnen gehörte daher auch die Burg Nordeck und die Ritter, welche den Namen von dieſer trugen, können nur für Burgmannen derſelben ge⸗ halten werden, deren Burgſitz in der Vorburg von Nordeck neben dem der Schutzbar gen. Milchling noch jetzt bekannt iſt.*) ⁷) Engelhard, Erdbeſchreibung der Heſſen⸗Caſſel'ſchen Lande, S. 510 ff. Nordeck lag allerdings zum Schutz des nördlichen Theils des Ebs⸗ dorfer Gerichts ziemlich entfernt; deßhalb wurde von Landgräfin So⸗ phie der Frauenberg und der Wittelsberg zum Schutz deſſelben, ſo⸗ wie der Stadt Marburg gegen von der Ameneburg aus drohende Angriffe befeſtigt. ³) Rommel, heſſ. Geſchichte, Bd. 1, S. 81. 9) Wie gewöhnlich macht die Sage auch die Familie von Nordeck größer als die Urkunden; könnten wir ihr folgen, ſo wäre dieſelbe ein Dy⸗ naſtengeſchlecht geweſen, dem die Burg Nordeck zugeſtanden und dieſe hätte nicht zum Gericht Ebsdorf, ſondern zum Gericht Londorf ge⸗ hört; indeß ſteht dem Letzteren nicht blos die Beſchränkung des Cent⸗ gerichts Londorf⸗Rabenau, ſondern auch die kirchliche uralte Trennung, — 257 Die Erſten von Nordeck, welche urkundlich bekannt werden, ſind Widerold und Johann; nach einem Vergleich, den ſie mit dem St. Alban⸗Stift zu Mainz, das zufolge einer Schenkung der Mathilde von Arnsburg, Gemahlin Eberhards von Hagen und Arnsburg, aus dem gräflichen Haus Beilſtein im Werra⸗ thal, Güter zu Odenhauſen bei Nordeck beſaß,*⁰) im Jahr 1222 abſchloſſen, waren ſie im Beſitz einer niederen Gerichtsbar⸗ keit im Gericht Londorf.¹¹) Wahrſcheinlich iſt es der— ſelbe Widerold, der im Schutzbrief Landgraf Hermanns von Thüringen und Heſſen für das Kloſter Haina von 1216, aus⸗ geſtellt in Marburg, als Zeuge vorkommt(Eſtor, kl. Schriften Thl. 1 S. 199). Bald danach zeigt ſich Widerold als Vaſall des Pfalzgrafen von Tübingen und wahrſcheinlich Burgmann von Gießen in der Urkunde, in welcher dieſer zwiſchen Schiffen— berg und dem Kirchſpiel Steinbach entſcheidet von 1229.4²) Bei der Vergebung der Güter Sifrieds von Buſeck gen. Schurge ans Kloſter Arnsburg ſind die Brüder Gerhard, Walther und Konrad Milchling von Nordeck 1233 zu⸗ gegen und ſtellen ſich als zum Gefolge des Landgrafen Kon⸗ rad von Thüringen und Heſſen gehörig dar, wodurch ſich be⸗ ſtätigt, daß ſie damals Burgmannen auf Nordeck waren. ¹³) wonach Winnen und Wermertshauſen mit Nordeck zum Decanat Ebsdorf und nicht zu Londorf gehörten, entgegen(Wenck a. a. O., S. 434). Um das ſpätere Burgmannenverhältniß zu erklären, muß aber unterſtellt werden, einer der letzten Landgrafen von Thüringen, namentlich Heinrich Raſpo, habe den Dynaſten von Nordeck ihre Burg Nordeck entriſſen und ſie zu Burgmännern derſelben erniedrigt. (Steiner, Geſchichte von Londorf und der Familie von Nordeck zur Rabenau, S. 22 ff.); indeß fehlt es an jedem hiſtoriſchen Anhalt für eine ſolche Widerrechtlichkeit. 1⁰) Wetteravia illustr., Beil. A. p. 5. 11) Würdtwein I. c. T. 3, p. 303. ¹) Dies findet auch Steiner a. a. O., S. 100, mit Recht in der Ur⸗ kunde(ſ. Urk.⸗B. Nr. 12.) ¹³) Gudenus 1. c. T. 3, p. 1104. Die filii de Nordecken eines unge⸗ nannten Vaters ſind nicht die vorhergehenden Siegbert, Engelo und und Wolfhudo, wie Steiner a. a. O., S. 100, annimmt, ſondern 17 —-—— — 258— In dem Streit zwiſchen Kloſter Arnsburg und Rudolph von Burkhardsfelden über die Berechtigungen in dem Ort Burk hardsfelden von 1238 gehörten Walther und Milchling von Nordecken zu den Schiedsrichtern.¹*) Beide befinden ſich im folgenden Jahr auch unter den Zeugen der Schenkung des Pfalzgrafen Wilhelm des Obbornhofer Hofes an Schiffenberg.“*¹) Bei der Schenkung Bernhelms von Heuchelheim ans Kloſter Altenburg iſt ein Walther unter den Caſtellanen von Gießen 1255 Zeuge; es iſt entweder dieſer Walther von Nordeck, oder Walther Schlaun von Linden.“*) Widerold von Nordecken iſt ſodann unter den Zeugen bei der Gewähr der Hohzberechtigung für das Kloſter Arnsburg durch Pfalzgraf Ulrich von 1263, ¹⁷) wiewohl er hier nicht beſtimmt als Burgmann deſſelben, ſon⸗ dern nach dieſen erwähnt wird. Die damalige Verbindung der Familie mit Gießen ſteht daher feſt, wenn ſie auch ſpäter nicht mehr beſtimmt hervortritt, weil die von Nordeck zugleich heſſiſche Vaſallen waren und als ſolche nicht blos im Gefolge der Herzogin Sophie mehrfach, ſondern auch wahrſcheinlich als heſſiſche Burgmänner, und zwar ſowohl Widerold, Sohn Adolphs, als auch Walther, in der mit des Letzteren Conſens von Friedrich von Kalsmunt vor dem Schöffengericht zu Mar— burg ausgeſtellten Kaufurkunde über Güter zu Rockenberg von dies ſind die als Zeugen zugezogenen Schöffen von Grünberg und die folgenden Perſonen ſind die von Nordeck, wie deren Namen in anderen Urkunden darthun. Daß die von Nordeck nicht Burgmänner der Dynaſten von Nordeck waren, wie Juſti a. a. O., Bd. 4, Abth. 2, S. 487 ff., behauptet, iſt wohl natürlich, hindert aber nicht, daß ſie heſſiſche waren. Arnsb. Urk.⸗C. Nr. 27. 15) Urk.⸗B. Nr. 14. 16) Gud. t. 2 Nr. 85. Dieſer Walter von Nordeck hatte ſeine Anſprüche auf die Burg Blankenſtein in Gemeinſchaft mit Siegfried von Biedenfeld gegen Ernſt von Rodheim und die von Rodenſtein mit Gewalt gel tend gemacht, mußte aber der größeren Macht der Herzogin Sophie weichen. Hert. Opusc. T. 2, p. 402, 572. ¹7) Urk.⸗B. Nr. 25. 14 — — 259— 1263 vorkommen.¹⁸⁵) Als heſſiſche Miniſterialen treten dann auch Widerold, Milchling und Dietrich von Nordecken in der erſten daſelbſt über Gießener Verhältniſſe 1265 ausgeſtellten Urkunde Heinrichs I. auf.¹*) Die Herkunft dieſer Adlichen von Nordeck ſcheint nach einer Arnsburger Urkunde von 1252 von zwei verſchiedenen älteren Familien hergeleitet werden zu müſſen. Konrad Milchling, vermuthlich noch derſelbe, der 1233 als Bruder Walthers und Gerlachs von Nordeck vorkommt, beſiegelt 1252 als Zeuge einen Schenk⸗ brief Ruperts von Heidersheim über Güter zu Allendorf und Möllenbach(Mulenbach), im Londorfer Gericht, für das Kloſter Arnsburg und führt ein Siegel mit dem Kleeblatt auf beſterntem Feld und der Umſchrift Sig. Conradi Milkelin de Clen. Widerold von Nordecken, der mit ihm ſiegelt, hat aber ein Siegel mit einem Querbalken und der Umſchrift S. Wideroldi de Michelbach. ²*) Dieſer ſcheint daher aus der Familie von Michelbach und jene ſcheinen ans der von Cleen zu ſtammen; in der That finden wir W. v. Nordeck auch im Beſitz von Gütern zu Niederkleen; namentlich ſchenkt Walther von Nordeck und ſeine Gemahlin Luckardis neben Gütern in Möllenbach(Mulebach) und Antreff auf der Rabenau 1267 dem Kloſter Haina ſeine Mühle im Dorf Kleen(Clein). ¹¹) Auch führen die Herren von Nordeck zur Rabenau noch ganz daſſelbe Wappen, wie die von Cleen und viele andere Pfalz⸗ gräfliche Vaſallen und Burgmänner von Gießen, das Kleeblatt, nur in den Farben von den von Kleen, Trohe, Vetzberg, Dernbach ꝛc. verſchieden, wie auch die zuletzt erwähnte Mar⸗ burger Urkunde von 1263 in Bezug auf Walther von Nordeck zeigt. Die Herren von Nordeck, welche ſich ſpäter in 3 Linien, die noch blühende der von Nordeck zur Rabenau, die ausge⸗ ¹1s) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 99. 19) Urk.⸗B. Nr. 29. Wenck a. a. O., Bd. 2, Nr. 174. ²0) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 61. 21) Wenck, Urk.⸗B. 2, S. 201, Note v. —-———— — 2840— ſtorbene von Nordeck gen. Braun und die von Londorf theilten, trugen das Gericht und die Burg Rabenau von Merenberg, ſpäter von deſſen Rechtsnachfolger, Naſſau⸗Weilburg, zu Lehn, ²²) und es iſt höchſt wahrſcheinlich, daß die gleiche Be⸗ rechtigung der Pfalzgrafen von Tübingen und Grafen von Gießen die Grundlage des vaſallitiſchen Nexus zwiſchen dieſen war, die aber ſpäter, wie ſo viele Rechte der Pfalzgrafen, nicht gehandhabt wurde. 29. Aus der oben Note 13 angezogenen Urkunde Land⸗ graf Konrads von 1233 lernten wir einen filius de Nordecken Konrad Milchling kennen; er begegnete uns dann mit Walther als Tübingen⸗Gießener Miniſteriale in dem Schenkungs⸗ brief Pfalzgraf Wilhelms von 1239 und zwar war er After⸗ lehnsträger des von dieſem an das Kloſter Schiffenberg ver⸗ ſchenkten Hofes, den Gerlach von Büdingen vom Pfalzgrafen und Konrad Milchling von dieſem zu Lehn erhalten hatte und den beide dem Lehnsherr zum Behuf der Schenkung zurück⸗ gaben.²*²) Weiter kommt er in Pfalzgräflichen Urkunden nicht vor; allein auch dieſer war zunächſt als Nordecker Burgmann heſſiſcher Miniſteriale und zeigt ſich als ſolcher bei Regierungs⸗ handlungen der Landgräfin Sophie, z. B. der Verleihung der Immunität der Güter des Grünberger Antoniterkloſters zu Queckborn(1248) und der Annahme der von Hohenfels zu ²²) Steiner a. a. O., S. 91, 108. ²³) Die Familie von Nordeck zur Rabenau beſitzt noch heute den Kirch ſatz zu Obbornhofen als ein Münzenberg⸗Solmſiſches Lehn, ſicher aus jener Zeit.(Steiner, a. a. O., S. 112.) Auch ihr Verhältniß zu den Pfarreien Winnerod und Londorf ſcheint bis in jene Zeit zu reichen; bei ihrer Beurkundnng der bereits erwähnten Schenkung von Gütern zu Allendorf und Möllenbach waren Gerlach, Pleban zu Winnerod, und Sifrid, Prieſter zu Londorf, Zeugen und in einem Ver⸗ gleich jenes Pfarrers Gerlach mit dem Kloſter Arnsburg über Gefälle der Pfarrei Winnerod iſt Adolph, Sohn Widerolds von Nordeck, Ver⸗ mittler, wiewohl Kraft von Schweinsberg Patron derſelben war. (Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 145.) — 261— heſſiſchen Vaſallen(1249)*) und iſt auch nach der Ver⸗ einigung der Grafſchaft Gießen mit Heſſen als ſolcher in Thätigkeit, wie gleich 1265 bei der in Nordecken erfolgten heſſiſchen Belehnung Hartrads von Merenberg mit deſſen Gießener Burglehn. Da, wie bereits gezeigt, die von Nordeck mit den von Cleen verwandt waren und daher auch Beſitzungen in der Grafſchaft Gießen hatten, ſo blieben die Milchling von Nordeck auch ſicher fernerhin in Beziehungen zu der Herrſchaft Gießen. Im Jahr 1255 verſchenkte zwar Ritter Konrad Milchling der ältere von Nordeck, der kinderlos war, mit Zu⸗ ſtimmung ſeiner Neffen, Konrad Milchling des jüngeren und Dietrich gen. Schutzbar(Schuzzesper) ſeine Güter zu Holzhauſen(im Hüttenberg) und Nieder⸗Kleen dem Kloſter Arnsburg;²*) aber wir finden die Familie doch auch ſpäter noch im Beſitz von Gütern in der Gegend. Unter dieſen Gütern waren Lehn, die von Gottfried von Eppſtein, Mit⸗ herrn zu Cleberg, relevirten und dieſe fielen nach Lehnrecht an den Ganerben Milchlings von Nordecken, Konrad von Cleen, der dem Lehnsherrn andere Objecte ſurrogiren mußte, weil er dem Kloſter dieſelben ließ,“*) was Alles für die Herkunft dieſer Herrn von Nordeck von der Familie von Cleen und deren fortdauernde Verbindung mit Gießen ſpricht. Konrad Milch⸗ ling von Nordeck jun. war 1266 Zeuge beim Verkauf von Gütern Widerolds von Michelbach und deſſen Sohns Adolph zu Oppenrod und führte das Wappen ſeines Oheims mit der Abweichung, daß ſich unter dem Kleeblatt eine Lilie befindet;**) dieſer Lilie unter dem Hauptwappen begegnen wir, wie ſchon oben angeführt, in den Siegeln der Pfalzgrafen von Tübingen, ſo lang ſie die Grafſchaft Gießen beſaßen, auf dem alten Siegel der Stadt aus jener Zeit und auf denen anderer Burg⸗ 24) Wenck a. a. O., Bd. 3, Urk. Nr. 129. Bd. 2, Nr. 142. 2⁵) Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 1, S. 409. 26) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 173. ²⁷) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 112. —-————-ÿ— — 262— mannen von da, namentlich der von Heuchelheim und dies deutet auch auf das Fortbeſtehen jenes Verhältniſſes. Im Jahr 1271 ſchenkte Ritter Konrad gen. Milchling von Nor⸗ decken mit Conſens ſeiner Gemahlin Guda und ſeines Sohnes Dietrich dieſem Kloſter ſeinen Hof in Kirchgöns gegen eine Leibzucht, wobei ſein Bruder Dietrich gen. Schutzbar und ſein Vetter Adolph(wahrſcheinlich jener Sohn Widerolds von Michelbach zu Nordeck) Zeuge ſind.²s8) Im Jahr 1314 ver⸗ tragen ſich das Stift Wetzlar und der Deutſche Orden über Gefälle von den Gütern Milchlings, Wäppners zu Gießen, in Lützellinden.““*) Im Jahr 1317 iſt Helfrich Milchling miles castrensis in Gießen*³⁰) und in demſelben Jahr ſtellt ſich auch Dietrich gen. Schutzbar als ſolcher dar.**) Es iſt alſo klar, daß das vaſallitiſche Verhältniß der Milchling von Nordeck und insbeſondere der Milchling gen. Schutzbar von den Zeiten der Tübinger her fortdauerte und wahrſcheinlich auch ihre Burg⸗ mannſchaft aus jener Zeit herrührt. Da dieſelben auch An⸗ theil an der Burg Trohe erwarben, ſo wurde daſſelbe ſpäter ein noch ſtärkeres. Der von Dietrich Milchling gen. Schutz⸗ bar, dem Bruder Konrad Milchlings des jüngeren von Nordeck, ſtammende Zweig der Familie war nun und blieb noch bis in neueſte Zeit im Beſitz der Burg Treis an der Lumbda und der mit Heſſen gemeinſchaflichen niederen Vogteigerichtsbarkeit der Cent Treis an der Lumbda, und zwar als Merenbergiſches modo Naſſau⸗Weilburgiſches Lehn*²) und es darf daher auch angenommen werden, daß die Pfalzgrafen von Tübingen vor 28) Daſ. Nr. 130. Auch Adelheid, die Tochter Ritter Widerolds von Nordeck, war in Kirchgöns und Güll begütert, wie aus ihrer Schen kung von 1279 an daſſelbe Kloſter hervorgeht.(Daſ. Nr. 172.) 2) Gudenus J. c. T. 4, p. 1013. 3⁰) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 473. 3¹) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 486. ³2²) Engelhard a. a. O., S. 508. Schon 1250 wird ein Cunradus advocatus de Treise bekannt(Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 56), der wahrſcheinlich mit Konrad Milchling identiſch iſt. — 263— dem Uebergang von Gießen an Heſſen zur Ausübung dieſer Jurisdiction concurrirten oder dieſe zu ihrem Antheil durch einen Vaſallen ausüben ließen, oder daß die Milchling zu Treis ihre Rechte urſprünglich auch von der Grafſchaft Gießen herleiteten. 30. Die dritte Cent, das Gericht Kirchberg oder Lollar, war zur einen Hälfte im Beſitz von Merenberg reſp. Naſſau, zur anderen in dem der Familie von Rodenhauſen, welche dieſe aber von Naſſau zu Lehn trug und dieſer Lehnsherrſchaft im Jahr 1396, als dieſelbe ſie gegen die Hälfte von Großen⸗ linden an Naſſau vertauſchen wollte, aufgab.“²) Auch dieſe Familie, von welcher Sifried ſchon 1216 im Gefolge Landgraf Hermanns von Thüringen und Heſſen in einem zu Marburg ausgeſtellten Schutzbrief für das von Aulisburg nach Haina verlegte Kloſter vorkommt(Eſtor, kl. Schriften, Bd. 1, S. 199), gehörte zu den Gießener Miniſterialen und insbeſondere den Burgmannen von da und ſehr wahrſcheinlich bereits zur Zeit der Pfalzgrafen. Man findet ſie in dieſer Eigenſchaft zwar erſt längere Jahre nach dem Uebergang an Heſſen(1265), nämlich von 1305 und 1306 an, wo Craft von Roden⸗ hauſen als Burgmann und Bewohner von Gießen ſehr häufig und ſein Bruder Synant wenigſtens öfter vorkommt.“) Allein unter den Gießener Burgmannen, welche 1255 der Schenkung Bernhelms von Heuchelheim beiwohnen, wird auch ein Crafto, Castellanus de Giezzin nur mit dem Vornamen angeführt**) 38) Wenck a. a. O., Bd. 2, Urk. Nr. 431. 34) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 339, 378, 384. Gudenus IJ. c. T. 3, p. 774. Die Herrn von Rodenhauſen ſtammten nicht aus der Cent Kirchberg, ſondern aus der Cent Lohr, von Rodenhauſen bei Selbach. Eine Burg⸗ ſtätte findet ſich nicht dort, wohl aber bei dem nahen Selbach und es dürften hier nicht nur die von Rodenhauſen, ſondern auch die heſſiſchen Herrn v. Rodenſtein, die mit den von Rodheim die Burg Blanken ſtein beſaßen und zu denen der Marſchall der Landgräfin Sophie Gottfried von Rodenſtein und ſein Bruder Sigenand gehörten, dort zu Haus geweſen ſein. 3⁵) Urk.⸗B. Nr. 18. ———— — 264— und da dieſer Vorname in der Familie der von Rodenhauſen ſpäter ſehr häufig vorkommt, dagegen um jene Zeit in anderen Gießener Burgmannen⸗Familien nicht, ſo iſt die Vermuthung erlaubt, daß dieſes Verhältniß auch ſchon früher beſtand und mit der Vogtei im Kirchberger Gericht zuſammenhing. Die von Rodenhauſen trugen ſpäter nach 1396 neben Zehnten und Gütern zu Leihgeſtern und Steinbach, zu Staufenberg, Mainz⸗ lar und Daubringen zwei Burghäuſer zu Gießen, 6 Mark auf dem Rathhaus und 2 Morgen Wieſen daſelbſt von Heſſen und ihren Theil am Gericht Kirchberg halb von Heſſen und halb von Naſſau zu Lehn ³⁸⁴) und auch dies ſpricht für das Alter des Vaſallen⸗Verhältniſſes. In dieſer Cent beſtand überhaupt das ſonderbare Verhältniß, daß die Schutzburg derſelben Staufenberg ſich, ſoweit bekannt, in anderen Händen, als denen der Gerichtsherrn, nämlich in denen von Heſſen oder Ziegenhain befand, worauf wir noch zurückkommen müſſen, und daß das nach dem Synodalregiſter in das Decanat von Kirch⸗ berg und daher in das Archidiaconat Sanct Stephan und Erz⸗ bisthum Mainz beziehungsweiſe den Oberlahngau gehörige Grenzdorf Wismar nicht zum Gericht Kirchberg oder Lollar gehörte, ſondern entweder ein eigenes Gericht bildete oder zum gemeinen Land an der Lahn gerechnet wurde,“*) was der Regel der Uebereinſtimmung der Gerichtsgrenzen mit den kirchlichen und Gaugrenzen widerſpricht. Ferner fällt es auf, daß Oden⸗ hanſen(Udenhusen) an der Lahn in kirchlicher Hinſicht zur Cent Kirchberg gehörte, aber nebſt dem damit als Filial ver⸗ bundenen Salzböden zum privativ naſſauiſchen Amt Gleiberg. Es ſind daher hier offenbar die urſprünglichen Gerichtsverhält⸗ niſſe durch die Statt gefundenen Theilungen verrückt worden. 36) Mannbuch Wilhelms IV., Fol. 38, 69 und 81. ³7) Würdtwein a. a. O. p. 286(Sedes in Kirchberg et Wessemar), vergl. mit dem Vertrag vom 21. Juli 1396 zwiſchen Heſſen und Naſſau über das Gericht Kirchberg. Wenck a. a. O., S. 434. Abicht a. a. O., S. 204. — 265— 31. Die weitere Cent, der Reitzberg oder das Decanat Weimar, war ein gemeinſchaftliches Vogtei⸗Gericht der Vögte von Frohnhauſen und Schencke von Schweinsberg und nach der Erſteren Ausſterben dieſer allein; auch dieſe Vogtei Reitz⸗ berg beſaßen die Vögte von Frohnhauſen und nach ihnen die Schencke als Merenbergiſches reſp. Naſſauiſches Lehn.“s) Die Vögte von Frohnhanſen waren auch heſſiſche Burgmannen zu Marburg;*⁵) daß ſie in irgend welchen Be⸗ ziehungen zu Gießen ſtanden, iſt allerdings nicht angedeutet. Ihre Burg zu Frohnhauſen nebſt der Vogtei daſelbſt und des Eigen⸗Gerichts war ein Lehn der Abtei Eſſen ¹³⁴) und dieſe vaſallitiſche Verbindung kann der Grund ſein, daß die Familie mit den Pfalzgrafen von Tübingen und Herrn von Gießen in keinem näheren Verhältniß ſtanden. Die Schencke von Schweins⸗ berg waren zwar Gießener Burgmannen, haben aber ihr Mann⸗ und Burglehn daſelbſt erſt im 16. Jahrhundert von Heſſen nach Ausſterben der von Elkerhauſen erworben.¹*) Dagegen waren die adlichen Familien, welche in den beiden Special⸗ gerichten des Reitzberg, Weimar und Weitershauſen, zu Hauſe waren, die von Michelbach und von Weitershauſen gen. Kalb, erſtere gewiß und letztere wahrſcheinlich ſchon Miniſterialen der Pfalzgrafen. Der Stammort der von Michelbach lag zwar nicht im Reitzberg, ſondern im Gericht Kaldern, welches dem Decanat Michelbach entſpricht, und dieſes gehörte zur alten Grafſchaft Hohenlinden oder Wetter auch Stift genannt, welche dem Giſoniſchen Haus und nachher den Landgrafen von Thüringen und Heſſen und den Grafen von Battenberg zuſtand. Deshalb finden wir auch die Erſten ihres Namens, die bekannt werden, 3s) Engelhard a. a. O., S. 499, 507. Eſtor, kleine Schriften, S. 47, 48. Der naſſauiſche Lehnbrief der Schencke findet ſich hier S. 134. 3⁰) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 99, 117, 118, 119, 279. 4⁰) Eſtor a. a. O., S. 48. 41) Eſtor a. a. O., S. 113. —.———— — — 266— Widerold und ſeinen Bruder Godebert, als Zeugen bei dem Verkauf der Hälfte der Grafſchaft Battenberg an das Erzttift Mainz von 1238.) Aber ſie waren auch in Weimar an⸗ ſäſſig und Hermann, der Bruder eines ſpäteren Ritters Wide⸗ rold von Michelbach, führte nach einer Urkunde von 1266 ſelbſt den Namen von Weimar(de Wimere).“*) Widerold von Michelbach fungirt nun ſchon 1239 als pfalzgräflicher Vaſall und Zeuge bei der Schenkung des Obbornhofer Guts.*⁴) Daß er vielleicht mit dem weiter als ſolcher vorkommenden Widerold von Nordecken identiſch iſt, haben wir bereits be⸗ merkt. Seine Theilnahme an dem erwähnten Schenkungsact erklärt ſich übrigens nicht etwa aus der Betheiligung ſeines Verwandten Konrad Milchlings von Nordecken an dieſem, ſondern es ſtellt ſich heraus, daß die Familie in der Gleiberger Grafſchaft und insbeſondere in Gießen reſp. in deſſen unmittel⸗ barer Nähe, in dem in der Stadt aufgegangenen Cropbach und Heuchelheim, Güter beſaß. Widerold, Ritter, gen. Micheln⸗ bach verkaufte dem Kloſter Arnsburg, dem er ſchon ſeine Güter in Rodenſcheit bei Lich(1263) geſchenkt hatte, mit Zuſtimmung ſeines Sohnes Adolphs und Schwiegerſohnes Gumperts vom Hof(de curia) 1266 ſeine Güter in Opperod.“⁵) Gerlach von Michelbach, deſſen Verwandtſchaftsnähe mit den Brüdern ⁴²) Gudenus I. c. T. 1, Nr. 232. 43) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 112. 44) Urk.⸗B. Nr. 14. 4⁵) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 112. Die vom Hof oder aus dem Hof(de curia, in curia) gehörten zu den Marburger Burgmannen⸗Geſchlechtern, welche den Schöffenrath bildeten(Arnsb. Urk. Nr. 143 Ludewiecus de curia. Entdeckter Ungrund Th. 2, Beil. Nr. 55). Sie ſind nicht zu verwechſeln mit dem wahrſcheinlich verwandten Geſchlecht der Hofherrn (Hobeherrn) von Ameneburg(de parvo castro in Ameneburg, de minore monte seu ex curia), welche mit ihnen zuſammen an der Vogtei zu Selheim Theil hatten.(Entdeckter Ungrund Th. 2, Beil. Nr. 48, 50, 51.) Die kleine Burg lag vor Ameneburg auf dem Bil⸗ ſtein, der auch die alte Malſtätte des Gerichts war.(Entdeckter Uun grund Nr. 67.) — 267— Widerold und Hermann nicht conſtirt, beſaß mit ſeinem Bruder Konrad, Scholaſticus des Sanct Stephansſtifts in Mainz und in Fritzlar unter den von ihren Voreltern ererbten Gütern auch ſolche zu Cropbach und Heuchelheim gemeinſchaftlich und über⸗ ließ dieſem bei der Theilung(1265) ſeinen Antheil an letzteren, der ſie dem Kloſter Arnsburg(1273) ſchenkte.“²) Auf die dieſer Güter halber erhobenen Anſprüche verzichteten die Ver⸗ wandten, die Gebrüder Hermann und Ludwig gen. Maze und Luthard von Ren, deren Oheim, vor den heſſiſchen Statt⸗ haltern, Graf Albert von Waldenſtein und Gebr. von Biſchofs⸗ hauſen(nachmaligen von Löwenſtein) 1275 und die Wittwe Gerlachs, Guda, nach dem Ableben ihres Schwagers Konrad (1289).“*) Noch 1355 war Heinrich von Michelnbach Burg⸗ mann und Amtmann zu Gleiberg und ſchlichtet als ſolcher Streitigkeiten zwiſchen Schiffenberg und Leihgeſtern.“*) Man ſieht daraus, daß die Verbindung der Adlichen von Michelbach mit der Grafſchaft Gleiberg⸗Gießen bereits eine alte war und es läßt ſich danach auf die der Pfalzgrafen mit dem Reitzberg zurückſchließen. Dieſelbe nahm übrigens mit dieſer Zeit auch ein Ende. 32. Von den Herrn von Weitershaufen läßt ſich dieſes Alter der Beziehungen nicht urkundlich nachweiſen. Erſt gleich nach dem Erwerb von Gießen ſehen wir Hermannus Vitulus miles de Witirshusen von Landgraf Heinrich I.(1270) neben mehreren anderen Caſtrenſen von Gießen als Zeugen zum Verzicht der Grafen von Solms auf die Vogtei des Kloſters Altenburg zugezogen**) und erſt von 1285 ſind die Ritter gen. Kalb unter den Gießener Burgmannen und Schöffen in den von der Stadt ausgefertigten Kaufbriefen zu finden.““) 46) Daſ. Nr. 106, 138. ¹7) Daſ. Nr. 222. 1219. 1220. 4s) Entdeckter Ungrund Beil. Nr. 206. 49) Guden. T. 2, p. 175. 50) Jdem T. 3, Nr. 15, p. 18. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 486. — Aber die Familie war doch damals ſchon in der Gegend ange⸗ ſeſſen, indem nicht nur Hermann in den Händeln zwiſchen Menges Knibo und dem Kloſter Arnsburg über den Hof zu Buſeck(1274) mit Johannes Güldner und Dietrich Milchling gen. Schutzbar vermittelnd auftritt,“¹) ſondern auch Arnold gen. Kalb ſeinen Wohnſitz(1282) in Langgöns hatte(Arnoldus dictus Vitulus de Langengunse)*²) und als er 1285 ſeine Güter daſelbſt, einen Hof und 4 Huben, an das Kloſter Arnsburg, von dem er ſie erhalten hatte, gegen eine Leibzucht aufgab, die Brüder Burkhard und Giſelbert gen. Kalb zuzog.“*) Auch ſeine Vettern, jener Hermann und ſein Bruder Wigand, hatten in Gemeinſchaft mit den Söhnen Ritter Johanns von Buſeck, Johannes und Ludwig, Güter in Kirchgöns beſeſſen, die ſie 1286 ebenfalls dem Kloſter Arnsburg kaufweiſe überließen.““) Dies deutet auf eine ältere Verbindung mit der Herrſchaft von Gießen, wenn gleich die Familie auch zugleich zu den heſſiſchen Vaſallen gehört hat. Die von Weitershauſen ſind übrigens bis in neuere Zeiten Burgmannen zu Gießen ge⸗ blieben; ſie hatten 2 ½ Mark Geldes auf dem Rathhaus da⸗ ſelbſt zu Burglehn*) und waren bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts noch im Beſitz des adlichen Guts zu Kleinlinden, das ſie nach Ausſterben der von Kinzenbach als heſſiſches Lehn erhalten haben.*⁰) Ueber die von Kinzenbach kann hier gelegentlich be⸗ merkt werden, daß ſie zwar aus dem zwiſchen Gießen und Gleiberg gemeinſchaftlichen ſogen. gemeinen Land an der Lahn ſtammen, aber urkundlich doch erſt vom Jahr 1270, alſo 5 Jahre nach der Veräußerung von Gießen an Heſſen, übrigens 51) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 143. 5²) Daſ. Nr. 190. 5³) Daſ. Nr. 1225. 54) Daſ. Nr. 205. 5⁵) Mannbuch ꝛc. Fol. 25. ⁵56) Daſ. Fol. 51. — 269— von da an ſtändig als Gießener Burgmannen vorkommen,“) weßhalb zwar zu vermuthen iſt, daß ſie es auch ſchon zu pfalz⸗ gräflichen Zeiten waren; es iſt aber doch nicht erwieſen und eine weitere Mittheilung über dieſes adliche Geſchlecht daher hier nicht am Platze. 33. Die fünfte Cent der Grafſchaft Rucheslo iſt das Ge⸗ richt Lohr, das ſeinen Namen von dem Hauptort des alten Lohrgaus, der wahrſcheinlich das Salzböde⸗ und gegenüber liegende Lumbdathal umfaßte, trug. In dieſem Gericht iſt kein Merenberger reſp. Naſſauer Vaſall als Beſitzer der Vogtei bekannt; vielmehr iſt die Gerichtsbarkeit, ſoweit dies zu er⸗ mitteln iſt, in den Händen von Heſſen.*²) Es gab zwar eine Familie von Lohr(Lare); im Jahr 1274 iſt Ritter Hermann don Lohr Zeuge eines in Marburg zu Stande gekommenen Vergleichs zwiſchen dem Kloſter Arnsburg und Menges Kneib und ſeinem Bruder Heinrich über den Hof in Buſeck und noch 1316 iſt Ludwig von Lohr Amtmann in Wetter(Arnsburger Urk.⸗B. Nr. 143 und 488). Daß aber dieſer Familie Ge⸗ richtsbarkeit im Lohrer Cent zugeſtanden habe, iſt nirgends zu finden. Dagegen ſpricht ihr Wappen für einen Zuſammenhang mit der Gleiberger Ritterſchaft, da es dem der von Rodheim ganz ähnlich und nur in den Farben verſchieden iſt; ſie ſtammen daher vielleicht von dieſen ab oder gehörten doch zu deren Ganerben auf Burg Blankenſtein. Naſſau machte im 14. Jahr⸗ hundert offenbar Anſprüche auf das Lohrer Gericht, die es nur von Merenberg ableiten konnte und für die auch das Verhält⸗ niß aller übrigen Centen des Lohrgaus ſprach; es war dies mit die Veranlaſſung einer verderblichen Fehde, in welcher Lohr im Jahr 1366 von Graf Johann von Naſſau abgebrannt wurde.**) Um ſo eher ſollte man Belege dafür erwarten, daß ⁵57) Gudenus T. 2, p. 175, 204. T. 3, p. 1159. 58) Engelhard a. a. O. S. 503. 58) Schminke, monum. Hass. T. 2, p. 480. Man nimmt gewöhnlich die Erbauung einer Burg zu Ruttershauſen als Grund der Fehde an; —-—— ᷣo—— — 270— die Pfalzgrafen von Tübingen Gerichtsherrn daſelbſt geweſen ſind; es gibt aber ſolche nicht, obgleich Alles für ein den übrigen Centen analoges Verhältniß ſpricht. Auch iſt keine Schutzburg bei Lohr und kein Rittergeſchlecht in dieſem Ge⸗ richt bekannt, welches als Verwalter der IJurisdiction nachge⸗ wieſen werden könnte.¹¹) Zu Haus waren aber dort außer den von Lohr die von Vers, von Selbach, von Rodenhauſen und von Rollshauſen. Da die von Rodenhauſen Vögte des Gerichts Kirchberg waren, ſo haben wir von dieſen ſchon oben gehandelt. Die von Vers und von Selbach ſtehen in keiner bekannten Beziehung zu Gießen; Erſtere ſcheinen aus dem Bürgerſtand zu Marburg und Frankenberg hervorgegangen zu ſein und wenn ſie auch auf Güter in der Wetterau, zu Güll und Mengeshauſen, Anſprüche hatten, ſo leiteten ſie ſolche doch von weiblichen Ascendenten von dort her.¹*) Die von Roden⸗ hauſen waren ſpäter auch in Vers zu Haus und Kraft führte (1306) ſelbſt den Namen davon, wahrſcheinlich als der Erbe von Vers.¹²) Die von Selbach waren im Breidenbacher Grund poſſeſſionirt und ſcheinen mit der urkundlich gar nicht nach⸗ weisbaren, aber in ihrer Umwallung noch erkennbaren ²³) Burg bei Selbach früh aus der Gegend verſchwunden zu ſein. Die von Rollshauſen, aus dem gleichnamigen Dorf ſtammend, von deren Anſitz aber dort eine Spur nicht mehr zu finden iſt,«*)) waren dagegen vorzugsweiſe in und um Gießen poſſeſ⸗ ſionirt. Sie waren Ziegenhainer Vaſallen und Burgmannen derſelbe iſt aber offenbar der, daß Heſſen am Gericht Kirchberg und Naſſau am Gericht Lohr Anſprüche bildete, die aus der Gleiberger Gemeinſchaft hergeleitet ſein müſſen. 60) Die ſogen. Burg bei Damm, Lohr gegenüber, iſt nichts als eine aus neuerer Zeit herrührende Schanze. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 123(1264 war Ludwig von Vers Schöff zu Frankenberg). Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 528 und 934(1320, 1364). 6²) Wenck a. a. O. Nr. 431.(Den man nennet von Ferſe.) 6³) Landau, heſſ. Wüſtungen, S. 194. *⁴) Die ſogen. Eſelsburg iſt keine Burgſtätte.(Landau a. a. O.) 61 — 271 zu Staufenberg, das ihnen und den Schaben von Staufenberg (ſeit 1350) längere Zeit verpfändet war ³*) und beſaßen bis in neuere, reſp. als Lehnsanwärter in die neueſte Zeit den Hof Friedelhauſen im Kirchberger Gericht. Als Ritter von Gießen kommen ſie erſt ſeit 1282 in dem vor dortigen Burgmännern und Schöffen errichteten Kaufbrief Konrad Nuſſels, Truchſeß zu Gleiberg und ſeiner Miterben über Güter zu Wieſeck“⁰) und ſeitdem während des 14. Jahrhunderts mehrfach vor. Ein früherer Zuſammenhang mit den Pfalzgrafen läßt ſich indeß nicht nachweiſen. Ihre Gemeiner, die Schabe zu Stanfenberg, er— ſcheinen noch ſpäter erſt(1387) als Burgmänner zu Gießen, blieben es aber auch ſo lange ihr Mannsſtamm blühte.“*“) 34. Von den Gerichtsherrn der Cent Gladenbach, den von Rodheim und Rodenſtein zu Blankenſtein, haben wir ſchon gehandelt; ſie traten ihre Rechte an Landgraf Heinrich I. von Heſſen ab, blieben aber Vaſallen des Land⸗ grafen und ihre früheren Lehnsherrn, die von Merenberg, ver⸗ zichteten(1323) zu Gunſten dieſes auf ihre Anſprüche an die Burg und das Gericht.*³) Daß das nachmalige Obergericht oder Kirchſpiel Hartenrod damals zum Gericht Blankenſtein gehört habe,“*) iſt nicht gewiß, da beide durch eine uralte 65) Gudenus I. c. T. 3, p. 571. Günther, Bilder aus heſſ. Vorzeit, S. 387. Von dieſen rührt die in ihrer Ruine ſo ſchöne Unterburg zu Staufenberg her, die jetzt im Beſitz der Prinzen von Heſſen iſt; die Schabe hatten auch einen Hof auf der Weißerde daſelbſt. Das alte Schloß Friedelhauſen, das jetzt dem Freiherrn Adelbert von Nordeck zur Rabenau gehört, iſt um 1564 von dem Obriſt und Hof⸗ marſchall Landgraf Philipps des Großmüthigen Friedrich von Rols⸗ hauſen aus franzöſiſcher Kriegsbeute erbaut und von deſſen Enkel Otto 1670 an Burkhard von Selle verkauft worden, von dem es an die von Düring vererbt wurde; die niederrheiniſche Linie der Herrn von Rolshauſen behielt aber die Anwartſchaft auf dieſes Lehn. 66) Gudenus 1. c. T. 4, p. 944. 67) Mannbuch Fol. 65. 6s) Wenck a. a. O., Urk. Nr. 291. 68) Wie Wenck a. a. O. Bd. 3, S. 311, Note h., glaubt. — 272— Landwehr geſchieden ſind,°) vielmehr wahrſcheinlicher, daß daſſelbe zu jener Zeit noch mit Eiſemrod eine eigene Cent, deren Sitz ſpäter zu Wallenfels war, und einen Theil des von Merenberg an Mainz veräußerten Reſtes der Comitia Rucheslo bildete.*¹) In dieſem damals verkauften Stück der⸗ ſelben, das hauptſächlich aus der großen Herborner Mark be⸗ ſtand, war das Geſchlecht der von Dernbach zu Haus; ſeine wahrſcheinlich älteſte Burg Dernbach lag an dem Fluß Ahrd(oder Erda), der dem Untergau Erdehe den Namen gab, in der Nähe von Herborn⸗Selbach, wo ſich auch ein Dorf Dernbach damals befand,“²) und die Burg Dernbach im Kirch⸗ ſpiel Hartenrad(zwiſchen Wommelshauſen und Römershauſen), der nachmalige Stammſitz des Geſchlechts bis zu ſeinem Er⸗ löſchen(1748), ſcheint ſpäteren Urſprungs.*³) Dieſes Geſchlecht war im Lehnsnexus der Grafen von Gleiberg reſp. der Herrn von Merenberg und man muß von ihnen ſeine bedeutenden ²⁰) Dieſe Landwehr iſt zwar wahrſcheinlich ein Römerwerk, wofür die Thatſache ſpricht, daß ſie an den am Beſten erhaltenen Stellen ans 2 Wällen und 2 vor denſelben angelegten Gräben beſteht; um ſo wahrſcheinlicher iſt es darum aber auch, daß dieſe Grenze zwiſchen dem Ober⸗ und Untergericht früher eine größere Bedeutung hatte, da ſich ſelbſt die Gaugrenzen, z. B. die der Wetterau, an ſolche alte Land⸗ wehren anſchloſſen.(Vergl. Dieffenbach im Archiv für heſſ. Geſchichte, Bd. 4, Heft 2, S. 15 ff.) Vogel a. a. O. S. 724. Zur Herborner Mark gehörte allerdings das Kirchſpiel Hartenrod nicht, ſondern dieſe umfaßte öſtlich nur die Kirch⸗ ſpiele Herborn, zu welchem auch die Gegend von Dillenburg, das erſt um 1237 von Graf Heinrich II. dem Reichen von Naſſau erbaut wurde, gehörte, Eiſemrod, Bicken und andere Orte im Dillthal.(Vogel a. a. O. S. 156.) Vogel a. a. O. S. 722. Ob die von Dernbach zuerſt näher bei Her⸗ born, zu Burg, gehauſt haben, wie Vogel a. a. O. S. 309, Note 4, glaubt, muß dahin geſtellt bleiben. Dieſe Burg Dernbach iſt wahrſcheinlich erſt nach der Zerſtörung der Burg Dernbach an der Ahrdt durch Graf Heinrich von Naſſau(1323) reſp. durch Brand(nach 1337) erbaut worden, weil die von Dern⸗ bach es vorzogen im heſſiſchen Theil des ſtreitigen Landes ihre Burg zu haben. 71 — 2 — 73 — — 273— Rechte in der dortigen Gegend ableiten; es gehörte zu den Burgmannen auf Vetzberg und beſaß als Merenbergiſches reſp. Gleiberger Lehn die Vogtei und den Kirchſatz zu Offenbach a. d. Ahrd, den Kirchſatz zu Burg, außerdem die Höfe zu Scheld, Stippach und Merkenbach, hatte aber in Gefolge der langen Dernbacher Fehde mit Naſſau an dieſes(1333 und 1342) die Gerichtsbarkeit, Fiſcherei und Wildbahn in der Herborner Mark, den Schelderwald und mehrere andere Waldungen und Leibeigene abgetreten und damals doch noch 13 Höfe in dieſer Mark behalten; bis 1482 hat es aber auch noch eine Anzahl Leibeigene in den Dörfern derſelben beſeſſen und damals auch an Naſſau abgetreten.*) Naſſau ſelbſt trug noch längere Zeit 20 Mark zu Herborn von Trier als Meren⸗ bergiſches(Gleiberger) Lehn.⁵) Es zeigt ſich alſo ein ausge⸗ dehnter Beſitz dieſer Gleiberger Vaſallen in jener Gegend. Nur die Kirche zu Herborn, wahrſcheinlich von einem der fränkiſchen Herzoge geſtiftet, war(vermuthlich durch das Giſo⸗ niſche Haus) auf die Landgrafen von Thüringen und Heſſen übergegangen, die den Kirchſatz von Kaiſer und Reich zu Lehn trugen und auf die Mark ſelbſt Anſpruch machten,“⁶) ein Lehns⸗ verhältniß, das mit der Einziehung von Weilburg Seitens des Kaiſers(ſiehe oben§. 12) zuſammenhängen mag. Nachdem Kaiſer Otto III. dem Stift Worms die Collegiat⸗Kirche zu Weilburg, die Burg daſelbſt und die Waldung zwiſchen Ku⸗ bach, Weilburg, Nenterod und der Ulmbach mit allen darin angerodeten Dörfern überlaſſen hatte und die bis in den Brei⸗ denbacher Grund ausgedehnten Beſitzungen dieſer Kirche als Wormſer Lehn auf die Grafen von Naſſau übergegangen waren, erhielten dieſe damit auch Berechtigungen in der Her⸗ borner Mark, welche dadurch weiter ausgedehnt wurden, daß ſie den Kirchſatz und die Burg zu Herborn mit der Herborner ¹¹) Vogel a. a. O. S. 362, 369, 710, 720, 722, 723. *3) Daſ. S. 719. 76) Daſ. S. 719. 274— Mark von den Landgrafen von Thüringen und Heſſen als Reichsafterlehn erwarben.““) Dadurch war der Grund zu den Colliſionen gelegt, welche ſich ſpäter zwiſchen den von Dern⸗ bach als Merenberg⸗Tübingiſchen reſp. ſpäter Heſſiſchen Vaſallen und Naſſau entwickelten, wobei aber dieſe und ihre Ganerben zu Dernbach a. d. Ahrd, die von Bicken, von den mit den Grafen von Naſſau befreundeten Merenbergern und den zu entfernt wohnenden Tübingern nicht ſehr unterſtützt wurden. Die Streitigkeiten haben ſchon in der Mitte des 13. Jahr⸗ hunderts begonnen, indem in der Brudertheilung zwiſchen den Grafen Walram und Otto von Naſſau, von denen die beiden noch blühenden Linien dieſes Hauſes ſtammen, der Erſtere dem Letzteren, welchem Herborn(Dillenburg exiſtirte noch nicht) zugefallen war, Hülfe gegen die von Dernbach für den Fall, daß die ſchon längere Zeit währende Fehde mit ihnen nicht geführt würde, zu leiſten verſprach(1255).) Der Zuſammen⸗ hang der von Dernbach mit dem Haus Gleiberg und deſſen Nachfolgern von Merenberg erklärt es natürlich, daß ſie zu⸗ gleich Burgmannen auf Gleiberg und dem an Merenberg ge⸗ fallenen Vorwerk dieſer Burg, dem Vetzberg, waren. Dieſe Burg(Vogdesberg, Voitsberg) war ſicher ſchon zur Zeit der Gleiberger Grafen erbaut; ſobald der Solmſer Theil von dem Gleiberger getrennt war und namentlich die im Weſten von Gleiberg nahe gelegene Burg Königsberg als Sitz einer Solmſer Linie entſtand, war die Befeſtigung des gegen dieſe Seite gerichteten ſchroffen Bergs neben dem Gleiberg zum Schutz und Trutz gegen dieſe Nachbarſchaft, auf den auch der Name Vogtsburg deutet, von der Zweckmäßigkeit geboten; nach 7) Daſ. S. 176, 274, 312. Daß der Verſuch Vogels, die Naſſauiſchen Rechte an Herborn aus einer Heirath Ruprechts I. von Laurenburg mit einer zweiten Erbtochter Graf Wilhelms von Gleiberg und Gießen herzuleiten, hiſtoriſch auch nicht einmal wahrſcheinlich zu machen iſt, wurde bereits oben§. 16, Note 15, dargethan. ⁸) Daſ. S. 317. 0 5 75— der Theilung zwiſchen den Grafen Otto und Wilhelm würde die Erbauung einer Burg von einem derſelben in der den Vetzberg rings umgebenden, zum gemeinen Land gehörigen Ge⸗ markung Rodheim auch gewiß zu einem Streit geführt haben. Beſtand ſie aber ſchon früher, ſo war es ganz entſprechend, wenn bei der Theilung der Grafſchaft der eine Graf das Vor⸗ werk Gießen, der andere das Vorwerk Vetzberg allein erhielt, während die Stammburg Gleiberg bis 1265 gemeinſchaftlich blieb. Wenn ihr Name Vogdisberg daher auch 1226 zuerſt genannt wird, wo der dortige Burgmann Macharius von Vogtsberg(de Vogdisberch), dem Namen nach aus dem Ge— ſchlecht der von Linden ſtammend und deshalb neben Gottfried von Linden aufgeführt, als Zenge in der Wetzlarer Urkunde über die Schlichtung des Streites zwiſchen Giſelbert und Ernſt von Eſchboru erſcheint, ſo exiſtirte die Burg doch augenſchein⸗ lich ſchon in früherer Zeit. In dieſer Urkunde erſcheint denn auch unter den übrigen Gleiberg⸗Gießener Rittern ein Conradus de Degrenbach; wir find verſucht richtiger Dehrenbach zu leſen, da ſonſt der Name ganz unerklärlich wäre und haben dann eine Aufklärung mehr für das Verhältniß der Familie zum Gleiberger Haus.“*) Nach dieſen kommt ein Giſelbert von Vetzberg(Voitesberg) vor; er iſt 1245 Zeuge bei der Schenkung des Guts in Mengeshauſen an das Kloſter Arns⸗ burg durch Ritter Werner gen. von Mengeshauſen, die auch in Wetzlar beurkundet wurde.°) Seine Wittwe Alberadis ſehen wir etwas ſpäter(1260) im lebenslänglichen Beſitz ſeines Guts zu Langgöns, deſſen Eigenthum ſich aber in den Händen mehrerer Ganerben(coheredes), der Ritter Giſelbert von Vetzberg(Foidesberch), Johann und Heiderich, Gebrüder von Dernbach, Emich von Wolfskehlen und Sinand von Gießen (oder von Buſeck) befand, die es dem Kloſter Haina ver⸗ ²9) Gudenus Sylloge l. c. Urk.⸗B. Nr. 11. 80) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 41. — 276— kaufen; ³¹) der mitbetheiligte Arnold, Canonicus zu Wetzlar, iſt ein von Dernbach, wie ſich aus einer älteren(1244) Wetzlarer Urkunde ergibt.*²) In einem ſpäteren Verzicht der der jüngeren Generation angehörigen Gebrüder Giſelbert, Johannes und Heiderich von Dernbach(1275) auf ihre Anſprüche nennen ſie Giſelbert von Vetzberg ihren Vetter(consanguineus).¹*) Noch ſpäter verzichten Giſelbert, ſeine Söhne Heiderich, Canonicus zu Wetzlar, Friedrich und Johannes von Dernbach, Johannes, Ritter von Vetzberg, mit ſeinen fünf Söhnen, Cunigunde von Hachenburg und ihr Sohn und Sigenand von Gießen und deſſen Gattin Pauline(1290) auf einen von ihrem Oheim Arnold von Dernbach, Canonicus zu Wetzlar, an den deutſchen Orden zu Frankfurt überlaſſenen Leibeigenen zu Langgöns.**) Alle vier Vetzberger Ganerben⸗Familien, die von Vetzberg, von Dernbach, von Wolfskehlen und von Buſeck, zeigen ſich dann auch, wiewohl zum Theil erſt nach dem Uebergang von Gießen an Heſſen, als Burgmannen von Gießen; Sigenand von Gießen haben wir ſchon oben bei der Familie von Buſeck als ſolchen nachgewieſen. In der Urkunde Hermanns von Wilansdorf von 1279 über Güter zu Heuchelheim ſtehen Gi— ſelbert von Vetzberg(Voithsperch), Heiderich, Konrad und Johannes von Dernbach unter den den Caſtrenſen von Kalsmunt ausdrücklich entgegengeſetzten milites de Gyzzen.“) In dem Auflaſſungsbrief Konrad Nuſſels, Truchſeß von Glei⸗ berg, von 1282 und dem Leihbrief Philipps und Gottfrieds von Linden über Güter zu Selters an die Wittwe Wickards von Selters von 1287 iſt Emmircho von Wolfskehlen unter den Burgmannen und Schöffen von Gießen.“—) Seitdem ³¹) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 1214. 52) Guden. 1. c. T. 5, Nr. 6. sa) Arnsb. Urk.⸗B. Nr. 1222. ⁵4) Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 267. 86) Gudenus l. c. T. 2, p. 206, Nr. 159. 8e) Urk⸗B. Nr. 28. Gudenus I. c. T. 4, p. 944. Arnsb. Urk.⸗Buch Nr. 210. Zu den Ganerben von Vetzberg gehörten auch ſeit ganz 3 d 77— kommen die von Dernbach oftmals unter dieſer Burgmann⸗ ſchaft vor; ihre alte Verbindung mit dem Gleiberger Haus ſpricht dafür, daß auch dieſes Burgmannen⸗Verhältniß ein ſchon längſt beſtehendes war. Auch geht es aus dem Wappen der von Vetzberg und von Dernbach hervor; beides beſteht in dem Kleeblatt, das von Vetzbergiſche nur in den Farben von dem der von Cleen, Nordeck, Trohe ꝛc., das von Dernbach'ſche auch durch Hinzufügung einiger Steine im Schild davon ver⸗ ſchieden.s*)(Das Wappen der von Wolfskehlen kann dagegen nicht hiermit übereinſtimmen, da die Linie zu Vetzberg von der aus Wolfskehlen bei Darmſtadt ſtammenden Familie abzweigt.) Das Burgmannſchaftsverhältniß beſtand auch fort, ſo lange die Familie blühte und namentlich beſaßen die von Dernbach bis zu ihrem Ausſterben(1769) ein Gut zu Rodheim unterm Vetzberg und trugen in Gießen 6 Pfund und einen Gulden Gelds von Heſſen zu Lehn.) Daß die von Dernbach und ihre Vetzberger Ganerben zugleich Burgmannen zu Kalsmunt alter Zeit die Leſche(Leisso) von Mühlheim, die ihren Namen von dem jetzt die Schmidte genannten Hof bei Rodheim führen und zu gleich Burgmannen auf Gleiberg waren, wo ſie reſp. im Thal Krof⸗ dorf bis in die neueſte Zeit ihre Burghäuſer beſaßen; überdies hatten ſie Gefälle im Steinbacher Gericht von Heſſen zu Lehn. Demohn⸗ erachtet zeigt ſich kein Anhaltspunkt, aus welchem auf eine Lehnsver wandtſchaft derſelben mit den Pfalzgrafen von Tübingen und Burg mannſchaft zu Gießen für jene Zeit zu ſchließen wäre. Erſt ſpäter treten ſie als Mitglieder derſelben auf. 87) Schannat clientela Fuldens, p. 69. Humbracht, Stammtafeln Fol. 158. ) Eſtor, kleine Schriften, Th. 1, S. 118. In dieſem Lehnbrief ſind die von Dernbach auch mit verſchiedenen im Fürſtenthum Heſſen geſeſſenen Leibeigenen beliehen und es iſt dabei beſtimmt, daß wenn ein Ge brechen zwiſchen denſelben und den Beliehenen entſtehen ſollte, beide Theile vor den Statthalter an der Lahn, Burgmann, Schöffen und Rath zu Gießen zu gründlichem, rechtlichem Austrag kommen ſollen. Es fragt ſich zwar, wie lange her dieſe Beſtimmung in den Lehnbriefen vorkommt, ſie ſpricht aber auch für das Alter der Burg maunſchaft der von Dernbach. — 278— und zu Gleiberg waren, erhellt aus vielen Urkunden; nament⸗ lich waren Giſelbert von Dernbach und Emmerich von Vetz⸗ berg(Vodisberg) im Gefolge Hartrads von Merenberg Zeugen bei der Ertheilung der Anwartſchaft auf die lehnbaren Güter des Macharius von Linden zu Selters für den Bürger Kon⸗ rad zu Gießen. ³*) Aber au heſſiſche Miniſterialen waren die von Dernbach ſchon frühe; als ſolche ſtellen ſich bei der Lehns⸗ auftragung der Burg 3 els durch die Gebrüder von Hohenfels die Ritter Johannes, Giſelbert und Bernhard von Dernbach ſchon 1249 dar*⁴) und ſie ergeben ſich ſpäter als die treuſten Vertreter der allerdings mit ihren eigenen zu⸗ ſammenfallenden heſſiſchen Intereſſen Naſſau gegenüber. Wenn ſich hieraus auch beſtätigt, daß alle die Meren— bergiſchen Vaſallen in den Centen der Geafſchaft Rucheslo und insbeſondere die meiſten von deren Verwaltern der Vogtei⸗ gerichtsbarkeit zugleich mit den Pfalzgrafen von Tübingen und Grafen von Gießen in näherem miniſteriellen Verhältniß ſtan⸗ den, ſo fehlt es hiernach doch ſehr an beſtimmten urkundlichen ⁵o) Urk.⸗B. Nr. 30. Arnsb. Urk⸗B. Nr. 1217. Daß auch die Freunde und Ganerben der von Dernbach, die von Bicken, die mit ihnen gegen Naſſau im Intereſſe von Heſſen treu zuſammenhielten, zur Gleiberg⸗ Gießener Ritterſchaft gehört hätten, davon findet ſich keine Spur; da⸗ gegen waren ſie ſtets 3u den Marburger Burgmannen gehörig. Wenck a. a. O., Th. 2, Urk⸗B. Nr. 142. Die Gleichheit des Wappens führt darauf, daß dir von Dernbach aus der Gegend von Gießen her⸗ ſtammen und auf Gleiberg oder Vetzberg urſprünglich zu Hauſe, mit den von Cleen ꝛc. vielleicht eines Geſchlechtes waren und von den Gleibergern reſp. Merenbergern und Tübingern die bedeutenden Be⸗ ſitzungen derſelben im Ahrd⸗Thal als deren Vaſallen zu Lehn erhiel⸗ ten. Zufolge der Anſprüche der Landgrafen von Heſſen auf die Gau⸗ grafenrechte in dieſer Gegend waren ſie denn auch veranlaßt, in deren Miniſterialität einzutreten. Es dürfte dies jedoch erſt nach 1233, wo von der Hand der Ritter von Dernbach der Ketzerrichter Konrad von Marburg am Lahnberg bei Kappel fiel und die Gegend von deſſen religiöſem Wüthen, Deutſ end vielleicht von der drohenden Inqui⸗ ſition befreit wurde, geweſen ſein, weil landgräfliche Vaſallen dies nicht wagen durften. 0 — — 290— Beweiſen für die gleiche Berechtigung dieſer Gleiberger Mit⸗ erben in dieſen Theilen des Landes, was ſich jedoch theils aus dem Mangel an Urkunden aus jener Zeit, theils aus der Ent⸗ fernung, in welcher die Pfalzgrafen meiſt von Gießen lebten, wohl erklären läßt. §. 29. Beſtandtheile der Grafſchaft. Nachdem wir bisher die geſammte Clientel der Grafſchaft und Burgmannſchaft von Gießen kennen gelernt haben, wird es nicht ſo ſchwer fallen, die Beſtandtheile des Landes auch ſchon für jene Zeit mit ziemlicher Wahrſcheinlichkeit zu be⸗ zeichnen.“) Allerdings kann man dies nur durch Rückſchlüſſe aus einer ſpäteren Periode, wo ſich der heſſiſche Beſitzſtand neben dem von Naſſau⸗Weilburg als Erben von Merenberg beſtimmt ergibt, verſuchen; aber die Vaſallen- und Burg⸗ mannen⸗Qualität der in den einzelnen Theilen poſſeſſionirten Ritterſchaft liefert gerade die Beſtätigung dafür, daß jener Beſitzſtand bereits in die Periode der Herrſchaft der Tübinger Pfalzgrafen hinaufreicht. Das Material der Beweisführung liegt daher ſchon in dem Bisherigen und es bedarf nur einer Zuſammenſtellung und Hinweiſung auf daſſelbe. Es liegt in Bezug auf die Grafſchaft Gleiberg⸗Gießen das Beſondere vor, daß während, wenn eine Theilung zwiſchen der Grafſchaft Solms und ihr früher, wie höchſt wahrſcheinlich, vorgekommen iſt, dieſelbe eine durchgreifende und totale(Todtheilung) war, ſo daß nur wenige Allodien dem einen Stamm in dem Ter⸗ ritorium des anderen verblieben, bei der Theilung zwiſchen den Grafen Wilhelm und Otto von Gleiberg ebenſo, wie dies ſchon bei der zwiſchen Gleiberg und Kleberg der Fall ge⸗ ¹) Die beigefügte Karte des mittleren Lahngaus gibt eine Ueberſicht dieſer Beſitzungen in Verbindung mit den an Solms und Naſſau überge⸗ gangenen und dient dazu, ihre Zuſammengehörigkeit deutlicher zu machen. — 280— weſen war, Vieles gemeinſchaftlich geblieben(alſo theilweiſe nur eine Mutſchar) iſt. Dieſe Gemeinſchaft hat ſich ſehr lange erhalten und iſt hauptſächlich erſt durch zwei ſpätere Verträge, vom letzten December 1585 und 16. Juni 1703*) aufgehoben worden. Daß eine ſolche Gemeinſchaft bis in die Zeiten, wo das Land in einer Hand war,“ hinaufreichte, verſteht ſich von ſelbſt und deshalb fällt es um ſo leichter, den Umfang der Theile zu beſtimmen. Bekanntlich zeichnet ſich gerade das Mittelalter durch das Beſtreben aller Freien, ſich eine größere Selbſtſtändigkeit zu verſchaffen, aus und ebenſo, wie die Lan⸗ desherrn ſich den Hoheitsrechten des Kaiſers zu entziehen ſuch⸗ ten, waren die einzelnen Ritter bemüht, die Macht der Landes⸗ herrn zu ihren Gunſten zu ſchwächen und namentlich die in der ihnen häufig zuſtehenden niederen Gerichtsbarkeit liegenden Befugniſſe auszudehnen. Gegen dieſes Streben wirkte nun der Lehnsverband durch die aus demſelben entſpringenden Ver⸗ pflichtungen zur Lehnstreue und Unterſtützung der Lehnsherrn für das Zuſammenhalten der dieſem gebührenden Rechte. Allerdings gaben dagegen die dem Lehnsherrn in Fehden und anderen Bedrängniſſen geleiſtete Hülfe und die dadurch ent⸗ ſtandenen Verbindlichkeiten dieſes zum Koſten⸗ und Schadens⸗ erſatz wieder Veranlaſſung zu Verpfändungen und definitiven Abtretungen, ſowie zu erweiterten Conceſſionen an den vaſalli⸗ tiſchen Adel. In dieſer Hinſicht war das Verhältniß der Graf⸗ ſchaft Gießen aber gerade ein der Erhaltung der landesherr⸗ lichen Gerechtſame günſtiges, indem die Pfalzgrafen von Tü⸗ bingen meiſt von Gießen fern und nur in dem entlegenen Schwaben in Fehden und Händel verwickelt waren, wodurch es kam, daß die Herrſchaft Gießen beinahe ein Jahrhundert hindurch einer ungeſtörten Ruhe genießen konnte und daß alle Verhältniſſe deshalb in unveränderter Ordnung blieben, wenn auch zufolge der Entfernung des Territorialherrn hinwieder *) Abgedruckt bei Abicht, Kreis Wetzlar, Th. 1, S. 202 und 226 ff. a) Wahrſcheinlich Reichslehnbarkeit(S. 295). 281— manche ihre Rechte durch beſonders an von Gießen weiter ab⸗ gelegenen Landestheilen durch Mangel an Aufſicht erloſchen ſein mögen. Wir gehen die einzelnen Beſtandtheile der Gleiberger Grafſchaft nach den dazu gehörigen Gerichten durch, können dabei aber nicht umhin, auch auf die zum geſammten Decanat Wetzlar, das wir als urſprünglichen Mittel⸗Lahngau haben anſprechen müſſen, gehörigen, einen gelegentlichen Blick zu werfen, ohne welchen der Zuſammenhang nicht immer klar wird. Dabei haben wir auch in dieſer Gegend, wie in der Regel auch ſonſten, das die hohe Gerichtsbarkeit umfaſſende Gaugericht von dem Gericht über die einzelnen Centen, den Diſtricten, in welche die Gaue zu jener Zeit meiſt längſt zerfallen waren,“) und dieſe wieder von den Vogteigerichten, welche ſich regelmäßig auf die Frevel der Hinterſaſſen der dem niederen Adel oder den Kirchen, über welche die Vögte die Schutzherrlichkeit hatten, gehörigen Güter beſchränkte, zu unter⸗ ſcheiden.*) Als Mittelpunkt der alten Gaugrafſchaft erſcheint die Burg Gleiberg, welche bis zum Jahr 1265 noch den Glei⸗ bergern und ihren Nachfolgern wenigſtens in manchen Be⸗ ziehungen gemeinſchaftlich war; denn erſt durch den Vertrag des Landgrafen Heinrich I., als Erwerbers von Gießen, mit Hartrad V. von Merenberg vom 29. September 1265 übertrug jener an dieſen die wiewohl nicht näher bezeichneten Rechte, welche die Grafen von Tübingen bis dahin an der Burg Gleiberg hatten, vorbehältlich des Oeffnungsrechts.“) Aller⸗ dings mögen dieſe Rechte, da die Pfalzgrafen ſie wohl nur ³) Kopp, heſſ. Gerichte,§. 172. ⁴) Eichhorn, Deutſches Privatrecht,§. 54. 5) Urk.⸗B. Nr. 29. Wenck a. a. O., Th. 2, Urkunde Nr. 195. Jtem quidquid juris vel actionis habebat Comes de Thuingen in GCastro Glipberg ipsi Nobili et heredibus suis tradidimus proprietatis titulo possidendum. — 282— ſelten auszuüben Veranlaſſung gehabt haben dürften, nur einen geringen praktiſchen Werth gehabt haben. Das Thal Glei⸗ berg, wozu nur der um die Burg angelegte Flecken zu rechnen war(apud Gliberg in den Urkunden der Gleiberger Grafen), folgte ſelbſtverſtändlich der Burg ſelbſt. Der Flecken war auch wohl zu jener Zeit ſchon mit Pforten, Mauern und Graben verſehen, da die darin ſtehenden Burgſitze einen ſolchen Schutz erheiſchten und der älteſte Theil der Kapelle vor der Burg war ſicher auch ſchon vorhanden. Der Eingang zur Vorburg war dagegen nicht ein doppelter, wie jetzt, ſondern ſtieg inner⸗ halb des Fleckens, unmittelbar unter der Burgmauer her, zu dem Eingangsthor bei der Kapelle auf, die erſt nöthig wurde, als der Flecken um die Burg entſtanden war und die ganz alte enge Kapelle in der Burg ſelbſt nicht mehr genügte. Vom Dorf Krofdorf, obwohl es ſpäter zum Thal gerechnet wird und die Kirche enthielt, muß nicht daſſelbe gelten, was vom Flecken, da es weit älter war als die Burg, die in ſeiner Gemarkung entſtand. An Burg Gleiberg machten aber auch noch die Beſitzer von Kleberg Anſprüche, wie daraus hervor⸗ geht, daß Landgraf Heinrich I. in jener Urkunde Hartrad von Merenberg verſprach, ſich mit den Edeln von Yſenburg und Brauneck(nobilibus viris de Ysenberg& de Brunecken) nicht anders zu verſtändigen, als wenn dieſelben dieſe Zuwendungen an Merenberg genehmigten und dieſe theils ſicher, theils wahr⸗ ſcheinlich Miterben von Kleberg waren.¹*) Es beſtätigt ſich ⁶) Gerlach von Iſenburg⸗Limburg theilte mit ſeinem Bruder Gerlach und für dieſen mit deſſen in ſeines Vaters Rechte eingetretenen Sohn Ludwig(1258) die Herrſchaft Kleberg.(Wenck a. a. O., Th. 3, S. 342, Note r.) Dieſer Ludwig von Yſenburg war in Gemeinſchaft mit den Gebrüdern von Hohenlohe genannt Bruneck ein Miterbe Ger⸗ lachs von Büdingen(† 1247), daher Rechte dieſer an Kleberg um ſo wahrſcheinlicher ſind, als Gerlach von Büdingen ſelbſt ſchon ſolche be⸗ ſeſſen zu haben ſcheint.(Wenck a. a. O. S. 338.) Es läßt ſich da⸗ her keineswegs mit Gewißheit, wie Wenck(a. a. O. S. 260, Note n) ausſpricht, davon ausgehen, daß die Anſprüche der Grafſchaft Kleberg — 283— daraus wieder die Ableitung der Grafen von Kleberg von denen von Gleiberg. 1) Die vermuthlich ſchon zwiſchen den Grafen Wilhelm und Otto von Gleiberg vollzogene Theilung überwies nun jedem derſelben einen privativ eigenen, daher wahrſchein⸗ lich allodialen Theil und zwar jedem eine Burg, dem einen Gießen, dem andern Vetzberg und jedem ein Theil des daran liegenden Landes, zu Gießen die große Wieſecker Mark mit Wieſeck, Selters, Achſtadt, Altenſtruth, Diedelshauſen und dem großen Wieſecker Wald(§. 5 oben), zu welchem die darin entſtandenen geringen Neurod⸗Dörfer, welche das Steinbacher Gericht bildeten, als altes Zugehör gehörten, zu Vetzberg Krof⸗ dorf mit dem großen Krofdorfer Wald) und den ſich anſchlie⸗ die Herrn von Bruneck nichts hätten angehen können, zumal man die Verwandtſchaft derſelben mit Gerlach von Büdingen und Ludwig von Iſenburg nicht genau kennt. Die Bildung dieſer Anſprüche ſpricht übrigens dafür, daß die Ganerben von Kleberg dem Letzten des Glei berger Grafenhauſes in der Verwandtſchaft näher ſtanden, als die früher abgetheilten Linien, namentlich die Grafen von Salm und Solms; es war wohl eine theilweiſe Gemeinſchaft des Landes und der Stammburg in dem Hauſe beibehalten worden, während früher Todtheilungen Stattgefunden hatten. Indeß haben dieſe älteren An⸗ ſprüche mit denjenigen auf Gleiberg, auf welche Ulrich von Hohenloh gen. Bruneck 1355 verzichtet(Wenck a. a. O., S. 317), nichts ge⸗ mein. Aus einem alten heſſiſchen Regiſter von 1460 über die Gerichtsorte erhellt, daß Krofdorf und Wieſeck gegen einander getheilt worden ſeien.(Beurk. Nachrichten Nr. 364 d. Beil.) Es verſteht ſich dies von der alten Krofdorfer und Wieſecker Mark mit dem Wald. In dem Krofdorfer Wald neben der Straße von Kroſdorf nach Kirch⸗ vers befindet ſich ein ſehr alter Stein in Form eines Kreuzes mit ſehr kurzen Armen, auf dem auf zwei entgegengeſetzten Seiten das Merenberger Wappen(ein Andreaskreuz mit mehreren kleinen Klee⸗ blättern oder Kreuzchen zwiſchen deſſen Armen), auf den beiden anderen Seiten ein Wappen mit einem heraldiſchen Löwen ausgehauen iſt. Die Sage berichtet, daß an dieſer Stelle eine Gräfin von Gleiberg von ihrem Gemahl ermordet worden ſein ſoll.(Abicht a. a. O. Th. 2, S. 38.) Hiſtoriſche Beglaubigung hierfür fehlt aber gänzlich. Als Grenzſtein iſt derſelbe nicht zu erkennen; auch iſt der Stein nach dem — 284— ßenden wahrſcheinlich auch aus Anrodungen deſſelben ent⸗ ſtandenen Orten Salzböden und Odenhauſen, ferner die älteren, beſſer bevölkerten und wohl auch einträglicheren Dörfer bei Wetzlar, Dorlar, Atzbach und Garbenheim; zu Gießen kamen dagegen, vielleicht zur Ausgleichung, noch Großlinden und Klein⸗Rechtenbach. Jene bildeten hernach das Amt Gleiberg, dieſe das Oberamt Gießen. Die Beweiſe dafür, daß Wieſeck ebenſo wie die in Gießen aufgegangenen Dörfer und Klein⸗ Rechtenbach zum Schöffengericht zu Gießen bis ins vorige Jahrhundert gehörten, ſind oben(§. 21) beigebracht.— Wieſeck war mit einem Haingraben umgeben und hatte eine ſteinerne Pforte, welche noch ſteht; der Bauart nach mag ſie aber erſt aus dem 14. Jahrhundert herrühren; auf allen andern Seiten war der Ort geſchloſſen und daher zur Vertheidigung geſchickt. Wahrſcheinlich war Großlinden damals ſchon in ähnlicher Weiſe befeſtigt, wurde es aber noch mehr als es zur Stadt erhoben wurde. Die anderen Dorfer waren offen.— Großlinden gehörte den Pfalzgrafen von Tübingen und nach ihnen den Landgrafen von Heſſen allein bis zum Jahr 1396, wo die Hälfte davon von Landgraf Hermann an ſeinen Schwager Graf Philipp von Naſſau gegen die Hälfte des Kirchberger Gerichts, beſtehend aus Mainzlar, Daubringen(Debbinge), Lollar, Ruttershauſen (Rudhardishuſen), Heibertshauſen(Hyfriedishuſen), Eins⸗ hauſen und Dückenbach, vertauſchtwurde.) Großenlinden, Wappen aus ſpäterer Zeit als der der Gleiberger. Da es ungewiß iſt, ob das eine Wappen den heſſiſchen, naſſauiſchen oder ſolmſiſchen Löwen darſtellen ſoll, ſo iſt die Bedeutung des Steins um ſo weniger zu ermitteln. Vielleicht bezeichnete er eine alte Malſtätte eines ge⸗ meinſchaftlichen Gerichts der Herrn, deren Wappen daran angebracht i*ſt, die häufig in Waldungen lagen; dann würde dieſes wohl für den gemeinſamen Krofdorfer und Wismarer Wald beſtanden haben. Wenck a. a. O. Th. 2, Beil. 431. Einshauſen lag zwiſchen Lollar und Daubringen und Dückenbach zwiſchen Staufenberg und Friedel⸗ hauſen.(Wagner, Wüſtungen, Oberheſſen, S. 182, 185.) Heiberts⸗ hauſen iſt jetzt nur ein Hof, beſtand aber früher aus mehreren Höfen, während Friedelhauſen niemals eine Gemeinde bildete. 285— der Hauptort der großen Lindener Mark, zu welcher Lützel⸗ linden, Leihgeſtern, Hörnsheim, Hochelheim und Dornholz⸗ hauſen gehörten, die noch im 16. Jahrhunderte Filiale der dortigen Paſtorei waren und meiſt auch noch mit Großlinden in Gemeinſchaft von Wald und Weide ſtanden, muß urſprüng⸗ lich mit dieſen zum Gericht im Hüttenberg gehört haben, durch die Theilung aber von dieſem getrennt worden ſein. Die Ganerbſchaft von Kleberg muß ihre Zuſtimmung dazu ertheilt haben; denn ſie hatte keinerlei Rechte oder Gefälle in Großenlinden. Dagegen wurde Großenlinden nach den alten Grenzbegehungen des Hüttenbergs in dieſen gezogen, indem die Grenze deſſelben von der Gemarkung Dudenhofen um Münch⸗ holzhauſer, Lützellinder und Groß⸗Rechtenbacher Feld her auf den Stoppelberg und bis in die Wetz bei der Stephansmühle, der Wetz hinauf, weiter zwiſchen Ober⸗ und Niederkleen durch, von Ebergöns her auf den Pfahlgraben am Butzbacher Wald, dieſem nach bis zur Gemarkung Oberſteinberg, um dieſe und die Enclaven Hauſen, Konradsroder Wüſtung und Annerod mit dem Fernewald her, von dem Gießener Herrnwald um den Lindener Markwald und an dem Gießener Feld her der Land⸗ wehr oberhalb Kleinlinden nach und um die Kleinlindener Centbanngrenze bis auf die Lahn am Sand der von Schlaun, dann der Lahn wieder nach bis Dudenhofen begangen wurde.“) Uralt, wie das Kirchengebiet, iſt die Kirche von Großenlinden mit ihrem Portal, deſſen Sculpturen ſchon ſo viele Zweifel hinſichtlich ihrer Bedeutung hervorgerufen haben. Abicht hat eine Zeichnung davon im Archiv für heſſ. Geſchichte Bd. 3, Heft 1, Nr. II., geliefert, und Profeſſor Dr. Klein die mit noch größerer Sorfalt dargeſtellten Figuren in ſeiner Abhand⸗ lung, die Kirche zu Großenlinden, Verſuch einer hiſtoriſch⸗ſym⸗ boliſchen Ausdeutung ihres Portal⸗Reliefs(Gießen, 1857), ſymboliſch zu erklären geſucht. Dem Unbefangenen dürften s) Saalbuch der Stadt und des Amts Gießen Fol. 201 ff. Grenzbe⸗ gehungs⸗Protokoll von 1569. — 286— dieſelben als rohe Darſtellungen theils diverſer bekannter Stände, eines Biſchofs, eines Prieſters und Kirchendieners, einer Nonne, eines Kriegers mit ſeinen Gefangenen, von Bau⸗ handwerkern, Landleuten mit Fuhrwerken und theils von phan⸗ taſtiſchem Gethier, wie es auch an kirchlichen Bauwerken des früheren und ſpäteren Mittelalters ſich häufig zeigt, ohne inneren Zuſammenhang und höhere Bedeutung von der unge⸗ übten Hand eines Steinmetzen jener alten Zeit ausgehauen, erſcheinen. Da auch Paſtor Hoffmann in ſeinen geſchichtlichen Nachrichten von Großenlinden ſowohl über die Kirche und das Rathhaus, ein theilweiſe ebenfalls ſehr altes Gebäude, als überhaupt über Großenlinden alle geſchichtlich intereſſanten Data geſammelt und mitgetheilt hat, ſo wird es hier nur einer Hinweiſung hierauf bedürfen. Daß auch das Steinbacher Gericht, welches nicht zum Schöffengericht der Stadt Gießen gehörte und aus den 6 Orten Steinbach, Garbenteich(Gerwartseich) Wazzenborn, Steinberg (urſprünglich Lothen), Erlebach und Fronebach(das ſpäter wieder ausgegangene Pohlheim lag wenigſtens ſeit 1245 auch in dem⸗ ſelben), ⁰) beſtand, ſchou zu Pfalzgraf Wilhelms Zeiten dieſem allein gehörte, iſt ebenfalls oben(§. 18) nachzuzeigen verſucht worden; die Gleichzeitigkeit der Entſtehung dieſer Dörfer, die Gemeinſchaft des Kirchſpiels und vieler Gerechtſame mag Ver⸗ anlaſſung geweſen ſein, daß für ſie ein beſonderes Gericht mit einem eigenen Schultheiß angeordnet wurde, noch ehe in Gießen ein Schöffengericht exiſtirte. In dieſes ging das Gericht der alten Wieſecker Mark um ſo leichter über, als die Orte der⸗ ſelben wohl zunächſt den Stamm der Einwohner der Stadt abgegeben hatten. Die anderen privativ eigene Orte Groß⸗ linden und Klein-Rechtenbach wurden wahrſcheinlich bei der Theilung inſoweit zum Stadtgericht geſchlagen, als Erſteres nicht ſein eigenes Vogteigericht hatte. Nachdem Großenlinden ¹⁰) Wagner, Wüſtungen, Oberheſſen, S. 203. . — 287— zur Hälfte an Naſſau abgetreten war, mußte es ſein eigenes gemeinſchaftliches Gericht erhalten, um ſo mehr als es darauf befeſtigt und zur Stadt erhoben wurde; es betrachtete aber noch bis ins 17. Jahrhundert das Schöffengericht zu Gießen als ſeinen Oberhof(ſ.§. 21). In dieſem privativ Gießener Bezirk lag noch das Dörfchen Lindes(Lindehe), jetzt Klein⸗ linden genannt, welches ebenſalls nicht zum Stadtgericht zu Gießen gehörte; dies erklärt ſich daraus, daß daſſelbe als neuere An⸗ lage in einer Mark entſtanden war, in welcher die Einwohner von Selters und Heuchelheim bereits poſſeſſionirt waren, weß⸗ halb der Ort mit ſeiner neuen Feldmark eine beſondere Cent bildete, deren Centgericht von Schöffen aus Kleinlinden, Gießen und Heuchelheim beſetzt war.“¹) Kleinlinden(minor villa dicta Lindes) kommt zwar erſt 1280 urkundlich vor, exiſtirte aber doch ſicher ſchon früher. Daß die Burg Vetzberg nur Merenberg reſp. Naſſan zuſtand, die Ganerben derſelben nur von dieſen ihre Lehn trugen, iſt aus ſpäterer Zeit nicht zweifelhaft, ¹²) aber auch für die hier in Rede ſtehende Periode anzunehmen. Vetzberg iſt urſprünglich in der Gemarkung Rodheim entſtanden, das zum gemeinen Land an der Lahn gehörte, welche Gemeinſchaft auch ſicher ſchon damals beſtand; es wird von dieſer Gemar⸗ kung beinahe ganz umſchloſſen; es bildete ein Filial der Kirche zu Rodheim und hatte mit dieſem Ort und dem anderen Fi⸗ lial Fellingshauſen eine gemeinſchaftliche Waldmark. Wäre nun Vetzberg nicht ſchon damals, wie jetzt noch, mit ſeiner nur die Spitze des Bergs, worauf es liegt, rund umſchreiben⸗ den kleinen Gemarkung ausgeſchieden und Merenberg allein gehörig geweſen, ſo würde man ſicher aus ſpäterer Zeit irgend eine Nachricht von ſeiner Trennung und Ueberweiſung an Merenberg oder Naſſau allein finden, wovon aber keine Spur exiſtirt. Allerdings glanubte man den Beweis dafür in der⸗ ¹i) Siehe deſſen Weisthum in Beurk. Nachrichten II. Nr. 237. ¹2) Wenck a. a. O. Th. 3, S. 166. Abicht a. a. O. Th. 1, S. 102, 288— ſelben Urkunde von 1265, welche die Verhältniſſe zwiſchen Heſſen und Merenberg ordnet, zu ſehen, weil es darin heißt: Jtem montem Vedinberg cum silva monti eidem attinente memorato Nobili et heredibus suis utriusque sexus jure feodi concessimus possidendum. Wenck,*³) welcher Vodinberg lieſt, findet darin die Uebertragung der Burg Vetzberg als Heſſiſches Lehn an Hartrad von Merenberg. Allein es iſt nicht von einem Schloß, ſondern von einem Berg die Rede und das Schloß Vetzberg beſtand doch in 1265 urkundlich ſchon mindeſtens 40 Jahre; es heißt auch nirgends Vodinberg, ſondern in der älteſten Urkunde, welche es nennt, dem Scheids⸗ brief der Vettern von Eſchborn über die Pfarrei Reißkirchen von 1226 ¹⁴) Vogdisberg, Vogtsberg, weßhalb ſein Name auch nicht von einem Erbauer Vodo hergeleitet werden kann.*) Auch liegt am Vetzberg kein Wald, ſondern er iſt rundum von altcultivirtem Feld der Gemarkung Rodheim und an einer kleinen Stelle von Krofdorf umgeben und der nächſte Wald iſt kein Naſſauer herrſchaftlicher Wald, ſondern Rodheimer Mark⸗ wald geweſen. Dies Alles ſpricht dagegen, den fraglichen Ver⸗ trag auf Vetzberg zu beziehen. Dagegen erklärt ſich derſelbe ganz einfach, wenn man als den an Merenberg überlaſſenen Berg den Weddeberg zwiſchen Gleiberg und Launsbach an⸗ ſieht. Bei genauer Anſicht der Urkunde wird man wahrſchein⸗ lich Vedinberg leſen können; dieſer Berg liegt ebenſo wie der Vetzberg auf der Weſt⸗, ſo auf der Nord⸗Oſtſeite von Gleiberg und eignete ſich ſehr zu einem zweiten Vorwerk zum Schutz von Gleiberg, oder konnte auch ebenſo gegen die Burg benutzt werden, weßhalb Hartrad von Merenberg ein Intereſſe daran haben mochte, denſelben, der im gemeinen Land lag, für ſich allein zu erwerben. In der That wurde entweder von ihm oder ſeinem Sohn gleichen Namens, oder vielleicht auch 13) a. a. O. Bd. 3, S. 261, Note; und Urk. Bd. 2, S. 195. ¹4) Urk.⸗B. Beil. Nr. 12. ¹5) Wie Wenck a. a. O. Bd. 3, S. 165 unterſtellt. 289— von Landgraf Otto I. ſpäter der Bau einer kleinen Burg und vielleicht auch eines Fleckens auf dieſem Berg verſucht, wovon man noch die Fundamente der Mauern auf der höchſten Spitze, von einem Ringwall umgeben und nahe dabei auf der Fläche zwiſchen dieſer und der nächſten Kuppe des Bergs eine vier⸗ eckige Umwallung ſieht. Der dadurch hervorgerufene Streit wurde aber dadurch beſeitigt, daß jeder darauf verzichtete in einem Theil des gemeinſchaftlichen Gebiets eine Burg zu bauen und namentlich auf dieſem Weddeberg(1323).“) Der Berg wird in derſelben Wetdinberg genannt. An demſelben liegt ein Wald, der noocch jetzt herrſchaftliches(jetzt königlich preu⸗ ßiſches) Eigenthum iſt und paßt daher jene Uebertragung nur auf dieſen Weddenberg und nicht auf Vetzberg. Daß die Burgmannſchaft des Vetzbergs, welche eine Ganerbſchaft bildete, im Lauf der Zeit eine gewiſſe Selbſtſtändigkeit erlangte, läßt ſich übrigens leicht begreifen, da die Merenberger ſchon zur Zeit der Pfalzgräfin die Burg Gleiberg vorzugsweiſe benutzten und mitunter wohl auch bewohnten und von 1265 an als alleiniges Eigenthum beſaßen und daher nicht veranlaßt waren, auf Vetzberg, das ohnehin ſelbſt für die Burgmannſchaft zu eng war, zu reſidiren. 2) Die übrigen Gebietstheile der alten Gleiberger Graf⸗ ſchaft blieben, wie ſie unter den Pfalzgraſen von Tübingen waren, auch ferner gemeinſchaftlich; in dem Vertrag von 1265 war dies ausgemacht. ¹*) 16) Wenck a. a. O. Beil. 291. Die damalige Uebereinkunft wurde offen⸗ bar zweimal ausgefertigt, einmal für Landgraf Otto von Heſſen, ein⸗ mal für Hartrad von Merenberg; die von Wenck aus dem Naſſauer Archiv mitgetheilte Urkunde enthält die Zuſage Landgraf Otto's und ſeines Sohnes, keine ſolche Burg zu bauen; die Veranlaſſung ging aber wahrſcheinlich nicht vom Landgraf, ſondern von den von Meren berg aus, da dieſe und nicht jener den Berg beſaßen. 17) Urk.⸗B. Nr. 18. Item in judiciis seu jurisdictionibus, quas com- munes habemus, uterque nostrum gaudebit tali jure, quo ante- cessores hactenus nostri sunt gavisi. 19 — — — 290— Es gehören dahin: a. Das Land an der Lahn; in daſſelbe gehörten die Orte Wismar, Launsbach, Kinzenbach, Heuchelheim, Rodheim und Fellingshauſen und wahrſcheinlich urſprünglich auch das ausgegangene Kropbach.¹⁸) Bei der erſt 1585 vorgenommenen Theilung zwiſchen Heſſen und Naſſau kamen die drei erſteren Orte an dieſes, die drei letzteren an jenes.¹*) Dieſe hatten mit Kinzenbach und dem Vetzberg einen gemeinſchaftlichen Markwald, die Rodheimer Mark, der erſt zum Theil im vorigen, zum Theil in dieſem Jahrhundert getheilt wurde; ²⁰°) Wismar hatte einen eigenen Wald. Die Pfalzgrafen beſaßen in den Orten des gemeinen Lands ebenſowohl wie die Merenberger Güter und Gefälle. Landgraf Heinrich I. verſchenkte die zu Launsbach(Luinsbach) und Wismar ſchon bald nach dem Erwerb von Gießen(1271) an das Kloſter Altenburg. ²¹) Bei Wismar kommt im Maiazer Decanatsregiſter noch ein Ort Burſchied vor; er lag wahrſcheinlich am Wismarbach und iſt identiſch mit dem unter dieſem Namen vorkommenden Ort, ¹8) S. oben§. 7. Wismar hatte übrigens nach einer heſſiſchen Notiz von 1460(Beurk. Nachrichten II., Beil. Nr. 364) in früherer Zeit ein eigenes Gericht, wahrſcheinlich weil es auch einen mit dem großen Krofdorfer zuſammenhäugenden eigenen Wald hatte, und das übrige gemeine Land an der Lahn, war in zwei Gerichte getheilt, eines zu Krofdorf, zu welchem aber Krofdorf ſelbſt nicht gehörte, ſondern nur Launsbach, Rodheim und Fellingshauſen und eines zu Heuchelheim, das nur noch Kinzeubach umfaßte. Später bildeten alle 6 das Ge⸗ richt des gemeinen Lands an der Lahn.(Daſ. Nr. 231.) Zu dem⸗ ſelben gehörte noch der Weiler Bieber, der zum Theil im Solmſiſchen Gebiet, das der Bieberbach begrenzte, gelegen war; er kommt 1304 vor. Es iſt dies der Ort Bebera, den Abicht a. a. O. Bd. 2, S. 214, nicht zu finden weiß. ¹6) Abicht a. a. O. Th. 1, S. 204. ²⁰) Auch Dorlar und Atzbach ſcheinen an dieſem Wald betheiligt geweſen und erſt ſpäter davon abgetheilt worden zu ſein. Die Rechte von Heuchelheim daran waren wegen ſeiner Entfernung am geringſten und ſein Antheil iſt daher auch der kleinſte. 2¹) Gudenus I. c. T. 2, Nr. 136, p. 176. — 291 darf aber nicht dieſſeits der Lahn, alſo ganz weit von Wismar geſucht werden,*²) da es bei Wismar lag. Die gemeinſchaft⸗ liche Gerichtsſtätte des gemeinen Lands an der Lahn war in den Stühlen, auf dem Marktplatz zwiſchen Krofdorf und Gleiberg.²*) Das Gericht wurde von dem Centgrafen des Pfalzgrafen, ſpäter dem des Landgrafen gehegt, der Meren⸗ bergiſche reſp. Naſſauiſche war nur Beiſitzer; zu anderen Gerichtsgeſchäften des gemeinen Lands wurden beide zuge— zogen.²*) Von Vogteigerichten, welche den Adlichen im Bezirk zugeſtanden hätten, iſt nichts bekannt. b. Das Gericht am Stoppelberg war ebenſo wie das Land an der Lahn gemeinſchaftlich; es gehörten in daſſelbe die Dörfer Reißkirchen, Weidenhauſen und Volpertshauſen, nebſt den ausgegangenen Orten Werzhauſen und Geringshauſen, die im Vertrag mit Naſſau von 1585 ſämmtlich(gegen das Lollarer Gericht) an Naſſau fielen.¹*) Daß auch Münchholzhauſen in dieſes Gericht gehörte, aber ſchon früh von den Kranich von Kransberg an Solms veräußert wurde und ſich deshalb nicht weiter in der Gemeinſchaft befand, iſt bereits oben(§. 24) be⸗ 2²) Wie Wagner, Wüſtungen, S. 180, verſucht. ²³) Acten J. S. zwiſchen Gießen und Gleiberg, Grenze und Weide betr. von 1559. Reprobator. Artikel. Daß die alte Gerichtsſtätte unter der Burg Gleiberg bei Krofdorf lag, obgleich dieſe nicht zu dem Ge⸗ richt gehörten, beweiſt die frühere Zuſammengehörigkeit, die durch eine Theilung getrennt worden ſein muß. Im Schenkungsbrief Ritter Bernhelms von Heuchelheim an das Kloſter Altenburg von 1255 erſcheinen die beiden Centgrafen des gemeinen Lands als Zeugen(Sifrid& Cunrad Judices, vulgo dicti Cint- grevin). Urk.⸗B. Nr. 9. Ein Vorrecht des Landgrafen, in den Ge— richten im gemeinen Land das Gericht zu hegen und in allen Sachen bei zwieſpältigen Anſichten durch ſeinen Beamten zu entſcheiden(der Anhab zu ſein und was ſeine Knechte kieſen, dem ſollte des Grafen von Naſſau Knecht gefolgig ſein, Beurk. Nachr. Nr. 364), war wohl eine Folge des Seniorats ſeines Rechtsvorgängers Graf Wilhelm von Gleiberg, wenn es ſich eher nicht durch die größere Macht des Land⸗ grafen im Lauf der Zeit ausgebildet hat. ²⁵) Abicht a. a. O. Th. 1 S. 204. * 19* —— — 2 2 H —— — 209— merkt worden. Später werden dieſe Orte zum Gericht Hütten⸗ berg gerechnet. ²*) c. Die dritte Gemeinſchaft war das Gericht Hütten⸗ berg. Wie ebenwohl ſchon oben(§. 5) erläutert, wurde wahr⸗ ſcheinlich urſprünglich auch die Wieſecker Mark und der Wie⸗ ſecker Wald zu dieſer Gemeinſchaft gerechnet, kam aber dadurch, daß die Grafen Wilhelm und Otto ſie mit dem darin ent⸗ ſtandenen Gießen bei ihrer Theilung dem Erſteren allein zu⸗ wieſen, aus der Verbindung mit dem Hüttenberg und den an der Gemeinſchaft deſſelben betheiligten Ganerben von Kleberg. Erſt im Jahr 1280 verzichtete Graf Ludwig von Iſenburg, als Mitbeſitzer von Kleberg, dem Landgrafen Heinrich I. gegen⸗ über auf ſeine augenſcheinlich ohnehin haltloſen Anſprüche an das Dominium Giessen, Stadt und zugehörige Güter,**¹) wie⸗ wohl auch ſpäter noch zweifelhaft blieb, wie weit ſich dieſer Verzicht erſtreckte, indem namentlich noch 1326 bei Verſchen⸗ kungen aus dem Wieſecker Wald an den deutſchen Orden zur Commende Schiffenberg ſich dieſer auch von Merenberg und den Ganerben von Kleberg Urkunden darüber ausſtellen ließ.*s) Außer Großlinden gehörte auch Klein⸗Rechtenbach früher offen⸗ ²6) Beurk. Nachrichten II., Beil. Nr. 231. Die Grenze des Hüttenbergs ging über den Stoppelberg und umfaßte daher auch das Gericht am Stoppelberg.(Saalbuch von 1629. Grenzbegehungs⸗Protokoll von 1569.) 27) Kuchenbecker Anal. Hass. Coll. 11, S. 388. 2s) Entdeckter Ungrund Beil. Nr. 185, 186. Die 8 Hufen Waldgelände, welche Landgraf Otto 1325 an Schiffenberg ſchenkte und die Herrn des Hüttenberger Gerichts, Merenberg und die Ganerben von Kleberg, ſpäter urkundlich beſtätigten, lagen übrigens in einem Theile des Waldes, der ſich zwiſchen Leihgeſtern, der Lindener Mark, der Gemar⸗ kung Hauſen und dem Schiffenberg befand, an der Schiffenberger Mühle, und bildeten auf dieſe Weiſe den Zuſammenhang des Haupt⸗ theils des Hüttenbergs mit dem nördlichen Stück deſſelben, der Hauſen, Annerod, Konradsrod und den Fernewald umfaßte; ihre Zugehörigkeit zum Hüttenberg war daher auch wohl weniger zweifelhaft als die des übrigen, den Herrn⸗ und Gießener Stadtwald bildenden Theils des⸗ ſelben. 3 — 293— bar zu demſelben Gericht; nicht nur die Gemeinſchaft des Markwalds, in der Klein⸗Rechtenbach hinſichtlich der Hochel— heimer Mark ſtand, ſondern auch die kirchliche Verbindung, in welcher ſich Groß⸗Rechtenbach und Klein⸗Rechtenbach befanden, ſprechen dafür.²*) Es beſtätigt ſich daraus wieder, daß eine Theilung der Herren die alte Gemeinſchaft noch zu einer Zeit aufhob, welche wenigſtens weit vor das Jahr 1265 fällt. Aber auch zur Grafſchaft Kleberg ſind augenſcheinlich einzelne Orte des alten Gerichts Hüttenberg abgetrennt worden, namentlich das zur Kleener Mark gehörende Oberkleen und das zur Gönſer gehörige Ebersgöns(Eberhards⸗Göns), welche, wie ſich aus der auch hier verbliebenen Gemeinſchaft der Markwaldung beſtätigt,*“) mit den beim Hüttenberg verblie⸗ benen Orten Niederkleen und Dornholzhauſen reſp. Kirch⸗, Pol⸗ und Lang⸗Göns zu derſelben alten Gönſer Mark gehörten, aber zur Grafſchaft Kleberg zu einer Zeit verwieſen wurden, die ſelbſt die der Gleiberg-Gießener Theilung überreichen muß. Da Kleberg in der alten Kleener Mark entſtanden iſt und mit Oberkleen ein Kirchſpiel bildete,“¹) ſo ergibt ſich auch hieraus die Behauptung, daß die Grafſchaft Kleberg ein Be⸗ ſtandtheil der urſprünglichen Grafſchaft Gleiberg war, als richtig. Endlich wurde in ähnlicher Weiſe, wie Muünchholz⸗ hauſen vom Gericht Stoppelberg, das Dorf Vollnkirchen da⸗ durch dem Gericht Hüttenberg entzogen, daß deſſen beide Herren daſſelbe einer Linie der Herrn von Schwalbach mit der niedern Gerichtsbarkeit und allen ſonſtigen Rechten anſtatt des denſelben zu Gießen fallenden Manngeldes zu Lehn reichten; die vorbehaltene hohe Gerichtsbarkeit wurde aber vom Gericht Hüttenberg ausgeübt.“*²) Nach Ausſterben des Mannsſtamms 2⁰) Abicht a. a. O. Th. 1 S. 47, Th. 2 S. 87, Th. 3 S. 409. Saalbuch des Amts Gießen Fol. 134, 153, 157, 160, 171. 30) Abicht a. a. O. Th. 1, S. 47. 31) Derſelbe Th. 3, S. 406. Saalbuch Fol. 249 ff. — 294— der Vaſallen ffiel Vollnkirchen 1661 an beide Gerichtsherrn zurück und erhielt es bei der Theilung des Hüttenbergs(1703) Naſſan,“*¹²) wobei es jedoch als beſonderes Object und nicht als Theil des Hüttenbergs behandelt wurde. Die übrigen Orte dieſes Gerichts wurden damals ſo getheilt, daß Heſſen Polgöns, Kirchgöns, Langgöns, Leihgeſtern, Hanſen, Annerod und Allendorf a. d. Lahn, Naſſau aber Dudenhofen, Lützel⸗ linden, Hörnsheim, Hochelheim, Niederkleen, Dornholzhauſen und Groß⸗Rechtenbach erhielt und zur Ausgleichung des Er⸗ trags noch außer Vollnkirchen das bis dahin zum Amt Gießen gehörige allein heſſiſche Dorf Klein⸗Rechtenbach an Naſſau abge⸗ treten wurde.**) Der Hüttenbergiſche Antheil von Niederwetz war ſchon bei der Theilung von 1585 mit den Orten des ge⸗ meinen Lands an der Lahn und des Gerichts Stoppelberg an Naſſau gekommen.*³) Es ergibt ſich hieraus, daß das Gericht Hüttenberg das bedeutendſte der Gleiberger Grafſchaft war; zugleich zeigt die Lage der Orte Hauſen und Annerod nebſt dem ausgegangenen, auch zum Hüttenberg gehörigen Ort Kon⸗ radsrod mit dem Fernewald,“²)(der ſpäter als eine eigene 33) Abicht a. a. O. Th. 1, S. 227. 34) Derſelbe S. 226, 227. Niederkleen bildete früher(1585) auch ein eigenes Gericht(Beurk. Nachrichten II., Nr. 231), augenſcheinlich nur, weil die Herrn von Cleen und ihre Nachfolger, die Herrn von Fran⸗ kenſtein, die heſſiſche Hälfte des Gerichts(ſeit 1300) als Gießener Burglehn beſaßen. 35) Derſelbe, Th. 1, S. 203. Die Wetzbach bildete die alte Greuze zwiſchen Solms und Gleiberg; da Nauborn auf dem linken Ufer lag, war es zur Grafſchaft Solms gehörig; Niederwetz lag auf beiden Seiten des Bachs und war daher getheilt. Oberwetz war zwar Solmſiſch, aber die Herrn von Gleiberg reſp. Merenberg waren dort poſſeſſionirt und reichten ihre Berechtigungen Gleiberger Burgmannen zu Burglehn.(Wenck a. a. O. Bd. 3, S. 209, Note.) 38) Im 14. Jahrhundert noch wurde der zum Gericht Hüttenberg gehörige Fernewald als Theil des Wieſecker Waldes angeſehen. Graf Johann von Naſſau conſentirt(1338), daß Bruder Winter, der Einſiedel, das Haus und die Aecker, die er im Wieſecker Wald(wyſkerwald) ge⸗ kauft hat, dem Nonnenkloſter Schiffenberg überläßt.(Baur, heſſ. Urk.⸗ — 295— Cent, an welcher viele Dörfer des Hüttenbergs neben der Stadt Gießen und den Orten des Steinbacher Gerichts, ſowie Kleinlinden betheiligt waren, bezeichnet wird), welcher Complex eine vom Steinbacher Gericht und dem Gebiet von Gießen und Schiffenberg rings umſchloſſene Enclave bildete,“*) wie die Anrodungen ſchon in der Zeit vor Stiftung des Kloſters Schiffenberg und der Anlegung der 6 Dörfer des Steinbacher Gerichts ſich vom Hüttenberg aus in den Wieſecker Wald er⸗ ſtreckt hatten, weßhalb denn auch dieſe älteren Roddörfer, die bereits zu dieſem Gericht gehörten, bei demſelben geblieben ſind. In der That zeigen alle dieſe Orte ebenſo wie die des Steinbacher Gerichts die Eigenthümlichkeit, daß ſie um fließende Quellen angebaut wurden und die Lage ihrer Feldgemarkungen ergibt jetzt noch, daß ſie dem Wald abgerungen ſind. Wir haben bereits oben(§. 13) darauf aufmerkſam ge⸗ macht, daß die Gerichtsbarkeit über den Hüttenberg aus ganz alter Zeit vom Reich hergeleitet und auch von Merenberg als Reichslehn empfangen wurde und mit der Advocatie über Wetzlar zuſammenhing. Daß auch die Pfalzgrafen, die doch hierin mit Merenberg ganz gleiche Rechte hatten, die Reichs⸗ lehnbarkeit anerkannt hätten, iſt nirgends zu finden und ebenſo wenig, daß ſie die Vogtei von Wetzlar ausübten. Letzteres läßt ſich übrigens daraus erklären, daß ſtets ein Miniſteriale als advocatus beſtellt war, zu deſſen Ernennung ſie mitgewirkt haben können.— Auch die Gerichtsbarkeit im Hüttenberg wurde durch Centgrafen verwaltet; der Merenbergiſche zeigt ſich ſchon 1210 in Thätigkeit.“²) Daß die von Cleen, Göns und Linden die Vogteigerichtsbarkeit in ihren Stammorten beſaßen, iſt be⸗ Buch Nr. 776.) Dieſe Bruder⸗Winters⸗Aecker, jetzt Wald, liegen im Fernewald zwiſchen dem Steinbacher und Hauſer Weg. ³7) Vergl. die Grenzbeſchreibung von 1492 in Beurk. Nachrichten I. Beil. Nr. 38. 3s) Arnsb. Urk⸗B. Nr. 4. Postea miserunt nuncium suum Meinfridum cengravium, qui vice eorum assignavit nobis ipsum predium in communi placito, quod vulgo dicitur Sprak. 0 96— reits oben(§. 24) mitgetheilt. Nächſt Linden, Göns und Cleen gehört Allendorf, wie ſchon der Name(Altendorph) zeigt, zu der älteſten Niederlaſſung der Gegend; der Codex Lauresh. (III. 40, 173) erwähnt es ſchon 790 und 800. Beinahe ebenſo früh erſcheint Leihgeſtern(Leitkestre) in Verbindung mit Holzheim im Gau Wetterau, nämlich 804 und 805(daſ. III. 32). Hauſen wird erſt nach der Kloſterſtiftung(1150) und Annerod erſt nach dem Uebergang an Heſſen(1280) ge⸗ nannt, dann aber ſofort als Beſtandtheil des Gerichts Hütten⸗ berg, was beweiſt, daß es bereits früher exiſtirte. d. Wie es ſich nun mit der ſehr wahrſcheinlichen vierten, zwiſchen den Gleiberger Grafen reſp. ihren Nachfolgern den Pfalzgrafen von Tübingen und Herrn von Merenberg beſtan⸗ denen Gemeinſchaft, der des Gerichts der Comitia Rucheslo, verhalten hat, iſt deshalb ſchwer zu ermitteln, weil Heſſen, welches Tübingen ſuccedirte, die Landeshoheit über dieſen im Oberlahngan und Erzbisthum Mainz gelegenen Complex in Anſpruch nahm und auch in allen dazu gehörigen Centen, mit Ausnahme der von Kirchberg und der Herborner Mark, er⸗ halten hat, während nur die Vogteigerichtsbarkeit in dieſen, wie in den übrigen Centen in den Händen Merenberger Va⸗ ſallen war.“*) Wir haben das meiſte Material bereits im §. 28 mitgetheilt und daher hier nur Folgendes noch zuzufügen. Das Gericht, welches Gegenſtand des oben bereits erwähnten von Konrad von Merenberg für ſich und ſeinen Bruder Witte⸗ kind mit Erzbiſchof Siegfrid von Mainz in 1237 geſchloſſenen ³⁰) Schmidt ſagt in ſeiner heſſ. Geſchichte Bd. 1, S. 150:„Der zum Schloß Gleiberg gehörige Bezirk erſcheint 1237 unter dem Namen einer Grafſchaft Rucheslo. Dies iſt jedoch das einzigemal.“„Es läßt ſich ſelbſt nicht angeben, wie weit ſich dieſe Grafſchaft ausdehnte. Nur die ausgenommenen 6 Zenten ſind bekannt.“..„Wahrſcheinlich war es auch hier bereits der Fall, daß Land und Leute dem Landgrafen ge⸗ hörten.“— Man ſieht hieraus, wie viel hinſichtlich dieſer Verhältniſſe noch aufzuklären iſt. — 294= Vertrags“*⁰*) war, iſt ſehr wahrſcheinlich aus dem alten Lohr⸗ gau(pagus Larensis)(ſ.§. 11 oben), einem Untergau des Oberlahngaus entſtanden und wird dort Comitia Rucheslo von der Malſtätte genannt, wo ſich das gemeinſchaftliche Haupt⸗ gericht vor Zeiten verſammelt hatte. In welchem Wald(Loh) dieſe Malſtätte war, iſt nicht wohl mehr zu ermitteln.“*) Da ſie ſchon zu jener Zeit vielleicht gar nicht mehr zu Gerichts⸗ ſitzungen diente, ſo erklärt es ſich, daß der Name ſonſt nicht mehr vorkommt. Auf das Ritterloh bei Herbach ſie mit Vogel**) zu verlegen, iſt zu gewagt, wenn auch die Herborner Mark als zu dem Gerichtsſprengel gehörig angeſehen werden kann. Viel eher möchte das rauhe Loh(Rucheslo) auf den Altbergen bei Rachelshauſen zwiſchen den beiden Haupttheilen des Sprengels, wo ſich ein uralter Ringwall, der Hunenſtein, befindet, zu ſuchen ſein.“*) Das an Mainz verkaufte Juris⸗ dictionsrecht war in Bezug auf die Centen Gladenbach, Lohr (Lore), Reitzberg(Roidesberg Cent Weimar), Kirchberg, Treis 4⁰) Gudenus J. c. T. 1, p. 544. 41¹) Die Malſtätten der Gerichte waren öfter in Waldungen, z. B. die des Niederlahngaus im Reckenforſt, die des Mittellahngans wahr⸗ ſcheinlich auf dem Spitzenberg im Girmes⸗ und Rodheimer Mark⸗ wald. 4²) a. a. O. S. 164 und Annalen des naſſauiſchen hiſtor. Vereins Bd. 2, S. 100. 48) Archiv für heſſ. Geſch., Bd. 4, Heft II. Nr. II. S. 16. Nicht weit von dieſer Stelle, auf der Höhe bei Obereiſenhauſen, wurde bis in neuere Zeiten das Eigengericht über den Perfgau alle 7 Jahre ge⸗ hegt, zu welchem aber nur die heſſiſchen Eigenleute aus dieſem zu erſcheinen hatten; ein Zuſammenhang beider, hier auf die außer Landes Geſeſſenen beſchränkt, wäre immerhin möglich. Wie Kopp, heſſ. Gerichts⸗ verfaſſung, S. 180, 181, zu dem Namen Grafſchaft Reuſchel kommt, wußte ſchon Wenck(Th. 2, S. 455 Note e) nicht zu erklären; dieſer denkt dabei an Rachelshauſen, welches aber richtiger als Rachhilds⸗ hauſen ſeinen Namen vom erſten Erbauer herleitet. Nicht ohne In⸗ tereſſe iſt vielleicht, daß ſich zwiſchen Stedebach und Holzhauſen(bei Frohnhauſen) ein niedriger Hügel mit einem Ringwall befindet, der ſeinem geringen Umfang und dem Mangel aller Mauerſpuren nach eher eine Malſtätte als eine Burgpfanne geweſen zu ſein ſcheint. — 298— an der Lumbda und Londorf ein höchſt beſchränktes, indem die Bewohner dieſer Centen nur auf beſonderes Aufbieten**) an dem Hauptgerichtsort zu erſcheinen hatten und nur hinſichtlich der übrigen, im Herborner Gebiet zu ſuchenden Theile des Gerichts ſollten alle Comitial-Rechte auf Mainz übergehen. Aber auch noch weiter war dieſes Recht des Erzſtifts dadurch beſchränkt, daß die Herrn von Merenberg den Bezug der bei Gericht fallenden Strafen behielten und daß ſie mit der Ge⸗ richtsbarkeit ſelbſt Miniſterialen mit Zuſtimmung des Erzbiſchofs belehnen ſollten, was denn auch von Merenberg, wie wir oben (§. 28) geſehen, geſchehen iſt und augenſcheinlich bereits zur Zeit jenes Vertrags geſchehen war. Wahrſcheinlich hatte Mainz die von den Herrn von Merenberg unterſtützte Abſicht, unter dem Prätext dieſes Erwerbs den von den Landgrafen von Thüringen und Heſſen aungeſprochenen Oberhoheitsrechten über dieſen Theil des Oberlahngaus, der ſo nahe an ſeiner Be⸗ ſitzung Ameneburg lag, wirkſameren Widerſtand leiſten zu können; denn Konrad von Merenberg trat zugleich als Burgmann auf Ameneburg in mainziſchen Dienſt. Die erworbenen Rechte über die in der Mainzer Diöceſe gelegenen Centen waren aber, da Merenberg die meiſten Befugniſſe behielt, ſo unbedeutender Art und ohne allen practiſchen Werth und die Geltendmachung der Merenbergiſchen Anſprüche in der nicht dazu gehörigen Herborner Mark hätten den Erzbiſchof in ſolche Colliſionen mit den Grafen von Naſſau gebracht, daß Mainz, wie es ſcheint, ſpäter gar keinen Gebrauch davon machte. Dagegen wirkte die fragliche Veräußerung offenbar zum Nachtheil der von Merenbergiſchen Rechte, welche ſich um ſo unbeſchränkter in 44) ad vocem preconum justiciarii nostri dicte Comicie, quod vulgariter dicitur Lantschreie sequentur justiciam secundum terre con- suctudinem et principalis tribunalis dicte Comicie communiter receptam. Daß unter dieſem Landſchrei nicht Verfolgung auf hand⸗ hafter That, ſondern außerordentliches gebotenes Ding zu verſtehen ſei, iſt wohl einleuchtend. der Hand der Herrn, welche ihr Cent⸗ oder Vogteigericht von ihnen zu Lehn trugen, vereinigten und mit den Merenbergiſchen traten denn auch die urſprünglichen analogen Rechte der Pfalz⸗ grafen von Tübingen um ſo leichter in den Hintergrund, bis ſich dieſelben mit den Gerechtſamen der Nachfolger dieſer, der Landgrafen von Heſſen, vereinigten und deren Landeshoheit kräftigten. Ausgenommen waren die beiden Decanate Kirch⸗ berg und Herborn. Im Kirchberger oder Lollarer*⁵) Gericht finden wir, wie bereits§. 28 unter 30. gezeigt, im 14. Jahrhundert Meren⸗ berg und nach ihm Naſſau allein und ſelbſt direct, reſp. durch Verleihung an die von Rodenhauſen, im Beſitz der Gerichts⸗ barkeit, bis es 1385 Heſſen als Nachfolger in der Herrſchaft Gießen tauſchweiſe gleiche Gerechtſame in demſelben einräumt. Offenbar war aber das Verhältniß früher ein anderes und die Grafen von Tübingen als Herrn von Gießen und Mit⸗ erben von Gleiberg ebenwohl daran betheiligt; es läßt ſich dies ſchon daraus ſchließen, daß ſelbſt die Grafen von Kleberg als Gleiberger Erben allodiale Rechte und Beſitzungen in dieſem Gericht hatten, die ſie an ihre Vaſallen verliehen hatten; ſo trugen die von Rodenhauſen außer einem Hof zu Wieſeck (Wiske) die Zehnten zu Daubringen und Lollar, die von Rolls⸗ hauſen den Zehnten von Mainzlar und die Hälfte am Schaben⸗ berg(bei Staufenberg), die von Trohe den Zehnten zu Ru⸗ tershanſen von ihnen zu Lehn.¹*) Der Antheil der Pfalzgrafen war wahrſcheinlich auch zu Lehn vergeben, die Renovation des Lehns aber, wie häufig in jener Zeit, überſehen und dadurch unbekannt geworden. Die tauſchweiſe Betheiligung der Land⸗ grafen von Heſſen an dieſem Gericht war daher eher eine ver⸗ 45) Lollar(das Lager an der Lumbda) war wohl der älteſte Ort des Ge⸗ richts, daher dieſes den Namen davon trug; in kirchlicher Hinſicht' führte die Cent den Namen Kirchberg. 46) Simon, Geſchichte von Iſenburg⸗Büdingen, Bd. 1, S. 252, 256. — 300— gleichsweiſe Herſtellung der alten Rechte, als eine neue Con⸗ ſtituirung von ſolchen. Die zum Lollarer Gericht gehörigen Orte ſind oben(unter 1) ſchon genannt; von ihnen iſt Einshauſen und Dückenbach ſchon vor dem 30jährigen Krieg eingegangen.(Der Vertrag von 1585 und das Saalbuch von 1587 nennen ſie ſchon nicht mehr.) Im Jahr 1585 kam das Lollarer Gericht neben Großenlinden an Heſſen allein, im Tauſch gegen die Dörfer des Stoppel⸗ berger Gerichts. Uebrigens iſt hier das ganz Eigenthümliche, daß die in dieſem Gericht gelegene, zum Kirchengebiet der Pfarrei gehörige Burg Staufenberg keinem der Herrn des Gerichts, ſondern ſoweit hiſtoriſch nachweisbar, den Grafen von Ziegenhain ge⸗ hört. Ob es Landgraf Friedrich, Sohn Ludwigs des Eiſernen, von Thüringen und Heſſen(1186—1229) von ſeiner Gemahlin Luitgard von Ziegenhain zugebracht erhielt und nach ihrem Ab⸗ leben reſtituirte, oder ob es nicht vielmehr ihm als ein heſſiſches Beſitzthum gehörte und nach ſeinem kinderloſen Ableben von ſeinem Neffen Landgraf Konrad, Deutſch⸗Ordensmeiſter zu Marburg, der das Land an der Lahn für ſeinen Bruder verwaltete, 1233 gegen die Ziegenhainiſchen Herrſchaften und Schlöſſer Reichen⸗ bach und Keſeberg(mit Wildungen) an die Grafen Gottfried und Berthold von Ziegenhain abgetreten wurde, bleibt zweifel⸗ haft.**) Das letztere ſcheint darum das Wahrſcheinlichere, weil die Form des Verzichts von Seiten der Abtretenden ge⸗ braucht iſt, indem Landgraf Konrad auf Staufenberg, die Grafen auf Reichenbach und Keſeberg verzichteten, die doch nicht von Landgraf Friedrich herkamen, ſondern anerkannt, 47) Urkunde bei Wenck a. a. O., Th. 2, Urk. Beil. 114. Renunciavimus etiam omni jure quod videbamur habere in castro Stouphen- berch. Staufenberg wird hier zuerſt erwähnt. Das Recht, das Landgraf Friedrich an Staufenberg anſprach, kann auch durch Lehns⸗ auftrag eines Inhabers von Staufenberg an die Landgrafen oder die Grafen von Ziegenhain und Ableben des Vaſallen gelangt ſein. — 301— wenigſtens Erſteres, Ziegenhainer Beſitzungen waren, die dieſem von ſeiner Gemahlin zugebracht waren. In dieſem Fall läßt es ſich auch eher erklären, daß einer der Landgrafen vor Friedrich zum Schutz ſeines beinahe unmittelbar an Staufen⸗ berg grenzenden Gerichts Ebsdorf die Burg ohne das Gericht von den Grafen von Gleiberg oder einem andern Beſitzer er⸗ worben haben kann, als daß ein Graf von Ziegenhain dieſelbe, die von allen ihren Beſitzungen weit abgelegen war, gebaut oder gekauft haben ſollte.*³) Was die Herborner Marb betrifft, ſo haben wir oben (§. 28 unter 34) geſehen, wie ausgebreitet die von den Herrn von Merenberg abgeleiteten Rechte ihrer Vaſallen, der Herrn von Dernbach, in derſelben waren und daßdieſe zugleich uralte Gleibergiſche und daher auch Tübingiſche reſp. Gießener Mi⸗ niſterialen waren. Die von dem Grafenhaus erworbenen Rechte gaben Heſſen wahrſcheinlich neue Veranlaſſung zur Geltend⸗ machung ſeiner Rechte auf die Herborner Mark, welche als Beſtandtheil der Comitia Rucheslo von ihm auch zum Ober⸗ lahngau und ſomit als ſeinen oberhoheitlichen Rechten unter⸗ worfen angeſehen worden ſein mag, obgleich es den Kirchſatz zu Herborn und dieſe Mark an Naſſau zu Lehn gegeben hatte. Zur Unterſtützung dieſer Anſprüche erwarb Landgraf Otto (1309) von den Herrn von Dernbach deren Burg an der Ahrd und gab ſie dieſen als ſeinen Burgmannen zu Lehn. Es führte dies zu der langwierigen Dernbacher Fehde, in Folge deren ⁴¹8) Daß Staufenberg vom Kloſter Fulda zum Schutz dortiger Schen⸗ kungen in Mainzlar und Daubringen angelegt und ſpäter ſeinen Vögten, den Grafen von Ziegenhain, zu Lehn gegeben worden ſei, wie Nebel im Archiv für heſſ. Geſch. Bd. 5, Nr. 17 meint, iſt darum nicht wohl glaublich, weil das Kloſter ſchwerlich zum Schutz von 12 Morgen und einem Bauernhof eine Burg erbaut haben wird, und Ziegenhain die Burg Staufenberg nicht als ein beſonderes Lehn, ſondern nur die Vogtei des Kloſters Fulda von dieſem zu Lehn trug und erſt Heſſen die ganze Grafſchaft Ziegenhain incl. Staufenberg als fuldiſches Lehn anerkannte.(Schannat Clientela Fuld. p. 6. 31.) — 302— nur das Kirchſpiel Hartenrod Heſſen verblieb, auf welche wir indeß ſpäter zurückkommen müſſen. Von den einzelnen Orten der Centen der Comitia Ru- cheslo, die ſich übrigens bis nach Marburg, das im Kirchen⸗ gebiet von Weimar entſtanden war, erſtreckte, intereſſiren uns hier nur noch, außer Kirchberg, die der Centen Treis und Lon⸗ dorf. Das Mainzer Sendregiſter**⁹) führt in jenem Decanat noch Sichertshauſen, Ober- und Unter-Selbach und Todten⸗ hauſen an. Die drei letzteren, von denen die beiden Selbach zwiſchen Sichertshauſen und Treis auf kurheſſiſchem Gebiet lagen, ſind ausgegangen; Todtenhauſen befand ſich auf der Oſtſeite des Todtenbergs in Allendorfer Gemarkung.“¹) Zu Londorf(Lumbddorf), das ſchon im 9. Jahrhundert exiſtirte, werden gezählt außer den noch vorhandenen Orten Odenhauſen, Weitershain, Appenborn, Klimbach, Rüdingshauſen, Keſſelbach, Allertshauſen(Alhartshauſen), Geilshauſen(Gawelshauſen) und Allendorf, die ausgegangenen Dörfer Nordernahe, Stein⸗ bühl, Antreff, Weitzenhain und Möllenbach. Ueber ihre Lage geben Steiner und Wagner ⁵*) Auskunft. Allendorf a. d. Lumbda, ſchon dem Namen nach zu den älteſten Niederlaſſungen gehörig, lag auch nach den älteſten fuldiſchen Urkunden in Londorfer Mark;*²) dennoch ſtand es mit dem zu Nordeck und dem Ebs⸗ dorfer Gericht gehörigen Winnen in kirchlicher Verbindung, die erſt 1323 getrennt wurde. Es hatte ſich durch die Bewohner des ausgegangenen Dorfes Möllenbach vergrößert und bildete damals einen Flecken, in welchem die aus Möllenbach ſtam⸗ menden Einwohner zur Pfarrei Londorf, die übrigen zu Winnen gehörten.*²) Wenn hiernach Allendorf urſprünglich auch zur Cent Londorf gehörig war, ſo zeigt ſich doch hierbei die Grund⸗ 46) Würdtwein Dioec. Mogunt p. 285, 286. 5⁰) Wagner a. a. O. S. 211. *¹) Daſ. S. 76 ff. Steiner, Geſch. v. Londf. S. 10. 5²) Schannat Prad. Fuld. p. 307. 5³) Senkenberg Select. T. 3, p. 559. 906 303— lage einer Concurrenz der heſſiſchen Gerechtſame, welche mit der Zeit zu einer Trennung von dem Londorfer Gericht führte. Aehnlich wie das der Centen der Comitia Rucheslo war das Verhältniß des Gerichts Buſecker⸗Thal. Nach dem Obigen(§. 15) gehörte es wahrſcheinlich zu der Grafſchaft Kleberg als ein ihr zugefallener Antheil der alten Gleiberger Gaugrafſchaft. Eine Beſtätigung findet dieſe Vermuthung da⸗ durch, daß die Erben der Grafen von Kleberg, die Grafen von Iſenburg⸗Büdingen, ſpäter immer noch im Beſitz von wichtigen Rechten und Nutzungen im Buſecker Thal waren, die ſie an verſchiedene Familien verliehen hatten. So trugen die Herrn von Trohe das Patronat und den Zehnten zu Buſeck, die Herrn von Schenck zu Schweinsberg und die von Merlau den Zehnten zu Beuern, die von Buſeck gen. Brand Zehnten zu Großenbuſeck, Reiskirchen, Burkhardsfelden, zu Romsdorf(bei Trohe) und Gefälle auf dem neuen Weg zu Gießen, die von Schwalbach Wieſen bei Trohe von ihnen zu Lehn.**) Dies hinderte jedoch nicht, wie wir bereits(§. 25) geſehen haben, daß die in dieſem Landestheil anſäſſigen, mit Gerichtsbarkeit ausgeſtatteten Adlichen von Buſeck und von Trohe fortwährend Miniſterialen der Grafen von Gleiberg und Pfalzgrafen von Tübingen und Herrn von Gießen blieben. Die landeshoheitlichen, urſprünglich oberlahngauiſchen Grafen⸗ rechte ſprachen aber die Landgrafen von Heſſen an, weil das Buſecker Thal in den Oberlahngau gehörte und übten ſie auch aus, wie wir aus dem Eingreifen Landgraf Hermanns in die Rechte der Herrn und der Mitwirkung Landgraf Kon⸗ rads zu Veräußerungen der Familie von Buſeck an die todte Hand, welche landesherrliche Zuſtimmung erforderte(ſ.§. 19 oben), entnehmen. Wahrſcheinlich waren die Grafen von Tü⸗ bingen in ähnlicher Weiſe, wie die von Kleberg im Gericht ⁵5⁴) Simon, Geſchichte von Iſenburg⸗Büdingen, Th. 1, S. 250, 254, 256. Wagner, Wüſtungen, Oberheſſen, S. 205. =— 3014— Hüttenberg, auch neben dieſen noch im Gericht Buſeck berech⸗ tigt, aber ihre Befugniſſe nach und nach auf ihre Vaſallen übergegangen. Durch den Erwerb von Gießen wurden dieſe ihre lehnsherrlichen und ſonſtigen Rechte nun auf Heſſen über⸗ tragen und vereinigten ſich mit deſſen landeshoheitlichen An⸗ ſprüchen, gegen welche dann die Ganerben, welche nun auch ihre Burgen und Schlöſſer von Heſſen zu Lehn nehmen mußten, um ſo weniger ſich auflehnen konnten und wollten. Erſt in einer weit ſpäteren Zeit verſchafften ſie ſich kaiſerliche An⸗ erkennungsbriefe, welche einen langen Streit über die Aus⸗ dehnung der beiderſeitigen Befugniſſe hervorriefen, der, wieder⸗ holt erneuert, noch im vorigen Jahrhundert ſpielte. Zum Decanat Buſeck gehörten nach dem Synodalregiſter ⁵⁵) Großen⸗ und Alten-Buſeck, Beuern(Buren), Reiskirchen(Ruchlins- kirchen), Rödgen(Rode), Oppenrod und die zu Gießen ge⸗ hörigen Orte Altenſtruth und Wigandshauſen, ſodann die ebenfalls ausgegangenen Amelungshauſen und Willinshauſen. Das verſchollene Amelungshauſen iſt wahrſcheinlich identiſch mit dem von Wagner nach Steiner und von dieſem nach einer Notiz des Geh.⸗Raths von Rabenau angeführten Ammenhanſen, das auf der Grenze zwiſchen Beuern und Allertshauſen ge⸗ legen war, und Willinshauſen iſt zwiſchen Bersrod und Großen⸗ buſeck zu ſuchen.*⁵) 1 Neben dem Gericht Buſeck, das dem Decanat gleichen Namens entſprach, lag öſtlich ein urſprünglich nicht dazu ge⸗ höriger Diſtrict, das Decanat Winnerod, das die Orte Bersrod, Winnerod, Burkhardsfelden, Hattenrod, Albach und wahrſcheinlich auch Meilbach umfaßte.“*) Auch dieſes ſtand augenſcheinlich in älterer Zeit in einem gewiſſen Nexus mit der Grafſchaft Gleiberg⸗Gießen, wie ſich ſchon daraus ſchließen läßt, daß es weder zum Gau Wetterau, noch zum Archidiaconat 55) Würdtwein l. c, p. 286. 36) Wagner a. a. O. S. 75, 77 und 213. Steiner a. a. O. S. 12. 57) Würdtwein 1. c. p. 285. 305 Sanct Johann, welches noch das benachbarte Ettingshauſen und das Gericht Grünberg mit Lindenſtruth, Harbach und Reinhardshain umfaßte, ſondern wie Buſeck zum Archidiaconat Sanct Stephan gehörte, wiewohl die Kirchen zu Rödgen und Albach auch zum Decanat Wetzlar und Erzbisthum Trier angeſprochen(ſ.§. 11) und wahrſcheinlich auch wenigſtens letzteres unter deſſen geiſtliche Jurisdiction zeitweiſe gezogen waren,*³) und da es ſonach weder dem eigentlichen Oberlahn⸗ gau reſp. Heſſen, noch dem Gebiet der Münzenberger zuzu⸗ rechnen iſt, ſo iſt ſchon darum ſein Anſchluß an den Mittel⸗ lahngau zu vermuthen. Beſtätigt wird dies durch das nahe Verhältniß der Ritter von Hattenrod zu dem Gleiberger Haus und der Stadt Gießen, ferner durch die Aehnlichkeit des Wappens der von Albach, die ſie zur Gleiberger Ritterſchaft verweiſt, ſodann durch die Verwandtſchaft und Verbindung der Familie von Burkhardsfelden mit den von Buſeck, deren Eigen⸗ ſchaft als älteſten Vaſallen des Gleiberger Grafenhanſes feſt⸗ ſteht. Nimmt man dazu, daß die von Nordeck zur Rabenau in ganz alter Zeit ſchon die Patrone der Decanatskirche zu Winnerod und Zehntherrn daſelbſt ſind und daß auch die Ge⸗ richtsbarkeit, welche ſpäter der Familie von Windhauſen mit dem Gut daſelbſt zuſtand, nicht unwahrſcheinlich von ihnen an dieſe übergegangen iſt, ſo ſind es der Spuren ziemlich viel, welche auf die Pertinenzeigenſchaft dieſer Decanatsorte zur ⁵⁸) Im Jahr 1285 verklagte Dietrich von Fronebach und Ingebrand, ſein Schweſtermann, die Schweſtern Gertrud und Cyſa, Beguinen von Albach, bei dem geiſtlichen Gericht des Decanats Wetzlar wegen ſ½6 Manſus zu Lich(§. 26, Nr. 20); der Archipresbyter hielt Ge⸗ richt mit vier Geiſtlichen des Sprengels, den Pfarrern Rudolph von Hochelheim(Habichenheim), Conrad von Altenkirchen, Hermann von Leun und Syfrid von Albach, in dem er die Klage abwies und die Güter den Schweſtern von Albach zuſprach. Nicht blos die Competenz des Decanatsgerichts über die geiſtlichen Schweſtern von Albach, ſon⸗ dern die Zuziehung des dortigen Pfarrers zu demſelben beſtätigen die Zugehörigkeit von Albach zum Decanat Wetzlar in jener Zeit.(Baur, heſſ. Urk.⸗B. Bd. 5, Nr. 129.) 20 — 306— alten Gleiberger Grafſchaft, dem Decanat Wetzlar, hindeuten. Dieſelben kamen ſpäter auseinander, Hattenrod und Meilbach zu dem Gericht der Herrn von Falkenſtein zu Münzenberg, Albach und Burkhardsfelden, ſowie Bersrod zum Buſecker Thal, Winnerod blieb aber ein eigenes von Heſſen lehnbares Gericht bis in die neueſte Zeit. Man ſieht übrigens hieraus, wie viel noch in Bezug auf die älteſte Geſchichte der Gegend von Gießen aufzuklären bleibt. Urkunden-Buch. No 1. 775(10. Juli und 26. August). Rachilt schenkt dem Kloster Lorsch güter und leibeigne im Lahngau in Wiseker mark und Selters.— Desgleichen Eufemia. Sequenti anno donavit Rachilt in pago Wetereiba in Doraheimere marca, et in Logenehe in Wilicher marca, et in Uffenheim et in Saltriffa, totum quod habuit et X man- cipia. Per idem tempus donavit Eufemia in Wetereiba in Dora- heim et in Logenehe in praefatis locis omnia ad se perti- nentia et mancipia X. Codex Laureshamensis diplomaticus. III. p. 259. nr. 3747. Anmerkung. Die traditionsurkunden selbst von Rechilt(10. Juli) und Eufemia(26. Auguſt) sind im cod. Lauresh. II. p. 609 nr. 2918 u. 2919 abgedruckt, mit ganz abweichenden namen(Dorine- heimer marca, Lochenbach, Wiſicheim, Minfenheim), und wie es scheint weniger richtig. Nur eine vergleichung der zu München aufbewahrten handschrift kann hier weitere sicher- heit gewähren. No. 2. 817(30. Januar). Amalrich schenkt dem Kloster Lorsch güter im Lahngau im dorf Selters, Krofdorf, Achstadt und Allendorf. Ego in Dei nomine Amalrich pro anima Atunae dono ad fanctum Nazarium etc. in pago Logenehe in villa Saltrifſa 20* — ——— — 308— et in Cruftorph et in Hahenltat ⁴) et in Aldendorph hubas V et mansos V cum aedificiis Iuperpolitis, et quidquid ad hubas pertinet, et mancipia XXXI, ſtipulatione fubnixa. Actum in monasterio Lauriffamenli, die iii kalendas Februarii, anno iiii Ludowici imperatoris. Codex Laureshamensis diplomaticus. III. p. 36. nr. 3144. ¹) Der nochmalige auszug Cod. Lauresham. III. p. 252. nr. 3730 liest„Haggenltat“. No 3. 1129. Stiftungsurkunde des Kloſters Schiffenberg von Erzbiſchof Megener von Trier. JN: NOMJNE: SANCTE: ET: JNDJVJDVE: TRJNJ- TATJS: EGO: MEGENERVS: TREUJRORUM: ARCHSNE- PJSCOPUS: OMNJBUS: XPJ: FIDELN ¹) buf. in perpetuum. Nouerit uniuerlitas fidelium tam prelentium quam futurorum qualiter Clementia comitifla nobilis. de Glizberc. montem in filua que dicitur Wilecherewalt. Ikephenburc uocatum. et terram noualium circumiacentium ad xx. manſof vel amplius. cum fontibus inde manantibus. et cum omni ulu lignorum excidendorum ad edificandum et conburendum. cum pafcuil animalium. et quibusdam pratil. per manum Gerhardi mariti fui. comitis de Gelre., fummo deo creatori et gubernatori omnium. beatiffimeque dei genitricis marie. libere contradidit. cyrotheca in altum qualſi ad deum proiecta. Addidit quoque duos manſof arabilif terre in uilla que dicitur cunradefroth. Michi autem omni iure diuino et humano conueniente. quoniam decime. ſacerdotum domini debent effe. decimal de omnibus noualibus. quecunque in eadem lilua wilechere- walt. a quocunqe tunc nouata fuerint. vel poltmodum noua- buntur. in manum donauit. hac ratione. quatenus ecclesiam in iplo monte. a nobis deo et ſete Marie dedicatam. ipſis ¹) Bis zu dieſem Worttheile die erſte in großen Buchſtaben geſchriebene Zeile des Originals. — 309— decimif dotaremuf. Quod et lübentifſimo animo fecimus. Fecit autem hanc pie deuotionif traditionem. alfenlu palatine comitifle. Gertrudil. ad quam pertinet. quarta pars preno- minate lilue. eo uidelicet rationil tenore. ut ibidem canonici lub regula beati Augultini. deo eiusque genitrici deſeruirent. Preterea conftituit prefata comitiffa clementia. ut quicunque heredum fuorum maior natu elfet. luper bona predicti loci aduocatiam haberet. hac lege, ut fratres eoldem cum luil redditibus et familia ab omni iniuria tueatur. nec aliam inde utilitatem uel feruitium exigat uel expectet. nili ut per orationes eorum. eterne remunerationif premium conſequatur. Hanc uero traditionem domine clementie et nostram banno beatorum apostolorum Petri et Pauli. et domini pape et nostro confirmatam quecunque ſecularis uel ecclesialtica per- fona. temerare. vel ab ecclesia predicta alienare temptauerit. nili cito reſipilcat. perpetuo anathemate dampnata. cum dathan et Abiron in morte lecunda eternis ignibus conbura- tur et non conſumatur. Huius rei teltes ſunt. Godefridus maioris domus prepolitus. Arnoldus archidiaconus. Eber- hardus cantor. Richardus abbas ſprinkerbacensis. Widegowe. Lenzechinus lacerdos. De laicil. Comes Gerardus de cleriual, Fridericus comes de vianna. Meinhardus comes de ſpanheim. Hartradus de merenberc. Ekehardus de holefe. Marquardus de fulmele. Wezelo wolf. Craht de bilſtein. Minilſteriales. Ludewicus Treverensis. Henricus dapifer. Hermannus came- rarius de vrlei. Ortwinus camerarius. Heremanus de palatio. Cunradus de hagene. Sigefridus de hahe*) cum filiis fuis. Baldewinus de clen et frater eius Guntramus. Gerardus dapifer comitilſe. Jtem Gerardus. Ernest. et frater eius craht. Reimar. et frater eorum de Linden. Berhardus de Gunneſe. Hezechinus de garuenheim. Gerardus de Selterle. Lupoldus de eadem uilla. Ruthardus. et Gebehardus de Wilemar. ²) Nach dieſem Berichtigung zu S. 78 Note 6. S. 104. 183. — 310— Acta sunt hec Anno Dominice JIncarnationis M. C. xxvijij. Indictione vij. Epacta xxviji. Concurrente i.(Nach dem Original in dem Staatsarchiv zu Darmſtadt. Das aufge⸗ druckte Porträt⸗Siegel des Erzbiſchofs Meinerus iſt wohl⸗ erhalten.— Gud. 3, 1045— 1047.) N. 4. r ſulεναφ⁴ 1141. Beſtätigungsbrief der Stifterin Clementia Gräfin von Gleiberg. In nomine sancte trinitatis. Nouerit uniuerſitas fidelium tam prefentium quam futurorum-quod Ego Clementia comi- tiffa de Glyzberg cum meif nepotibus Ottone et Wilheilmo, confenfu et donatione ipsorum diuino inftinctu premonita in allodio meo Schyfenberg Ecclesiam conſtrui et ibi fratres de Regula beati Auguftini locari poftulaui et in eodem allodio circa XXXta manſos confenſu et permiflione Domine Gerdrudis palatine cuius quarta parf eiufdem fuit allodii, annuente etiam domina Adela filia eiusdem palatine que ſimiliter heres erat libere eidem ecclesie cum omni integritate contradidi, quod in hunc modum eifdem fratribus confirmo ut cum de- cima et omnibus ulibus illud quiete poflideant. Ligna quo- que in proxima ſilua Wilekerwalt tam ad comburenda, quam ad edificia fumant. porci et cetera animalia eorum in eadem ſilua pafcua line omni precio habeant. Addidi quopue duof manſos terre arabilis in Cunraderrade, predium in Gyrmeze cum ecclesia, predium in Leigeltern, predium in Obernhoben, predium in inheiden, predium in Bertheim, predium in Mil- bach cum capella in eodem predio lita, rite ac rationabiliter contradictione qualibet non oblſtante abfque omni iure et feruicio libere contradidi. Preterea Ego Clementia prefata conftituo, ut predicti fratres nullum aduocatum habeant nisi unum maiorem natu de mea progenie, qui in querimoniis fuis folummodo iuftitiam eis utpote fidelis defenfor faciat, ut nec ab eis nec de prediis eorundem aliquot ſeruitium uel — 311— exactionem exigat aut expectet, nec aliquid sibi iuris ufurpet, nisi ut per orationes eorum eterne remunerationis premia confequatur. Jtem Ego Clementia prefata conſtituo ut nec Nobbilibus, nec villanis circumſedentibus dicti fratres, vel ipsorum fucceffores de predictis prediis, vel de aliis bonis per me sibi collatis ullo iure ad aliqua leruicia teneantur. Et ut hec inconulla permaneant et illesa prelentem kartulam confcribi feci et mei figilli munimine roborari. Teltes huius rei sunt Dominus Albero Treuerorum archiepiscopus Gofridus maioris ecclesie prepositus Volmarus eiusdem ecclesie De- canus Cunradus prepositus fancti paulini Gerlacus prepositus Reimbaldus de yfenburg, Marquardus de Solmeſe. Hartradus de Merenberg. Crafto de Billtein Gerhardul dapifer de Glyz- berg. Bernhardus de gunſe. Heizechinus de garbenheim. Ruthardus et Gebehardus de Wiſfemor Et alii quam plures fide digni. Actum et Datum anno dominice incarnationis. Mo. Co. quadragesimo primo indictione tertia.(Nach dem Originalrin dem Staatsarchiv zu Darmſtadt. Das Porträt⸗ Siegel einer älteren Frau, in ganzer Figur, von der Antlitz⸗ ſeite, in langem Faltenkleid, mit einer Witwenhaube, ein auf⸗ geſchlagenes Buch*) mit beiden Händen vor der Bruſt haltend, hängt an; ſeine Umſchrift, bis auf die Silbe Com an der unteren linken Seite, iſt abgefallen. Gud. 3, 1050—1051. Das Siegel iſt abgebildet in dem Correſpondenzblatt des Ge⸗ ſammtvereins der deutſchen Geſchichtsvereine, 1862 S. 18. ¹) Nach dieſem Berichtigung zu S. 83 Note 24. A5 5.„eLe, 1141. Beſtätigungsbrief der Grafen Wilhelm und Otto von Gleiberg. Nos Wilhelmus et Otto Comites de Gliberg, confanguinei, omnibus prefens ſcriptum jntuentibus jn perpetuum. Nouerint uniuerſi tam preſentes quam poſteri Qualiter domina Clementia- quondam jn Gliberg comitilſa conſanguinea nostra dilecta diuino jnſtinctu premonita, In allodio luo in monte Sciphen- berg(cilicet, Ecclesiam conftitui, et fratres ibi de Regula beati Augustini locari poftulauit. et de eodem allodio circa triginta(Xxx.) manfus de confenſu et permifſione Domine Gerdrudis palatine comitilſe, ad quam quarta pars eiuſdem allodii pertinebat. Annuente eciam et conſentiente Domina Adala filia eiuldem domine palatine, que ſimiliter heres erat, Libere eidem ecclesie et fratribus predictis cum omni jntegritate contulit et donauit cum omnibus juribus et per- tinentiis ſuis in hunc modum. Vt ipsi fratres cum decima et omnibus vlſibus illud poffideant habeant et obtineant quiete et pacifice perpetuo propter deum. Ligna in propria ſilua Wilicherwalt, tam ad comburendum quam ad edificandum et ad omnes alios ſuos et ecclesie lIue usus neceffarios quoties- cunque necefle habuerint et lumant. Porci et cetera eorum animalia in eadem ſilua ſine omni precio habeant. Et li nouale ibi aliquod factum fuerit vel conſtructum fructus omnes cum decima jnde prouenientes ipsi fratres colligant et recipiant in ſuos usus libere penitus et quiete. Aduocatum non alium niſi maiorem natu de eadem progenie habeant, qui in querimoniis ſuis Tolummodo julticiam eis utpote fidelis defenfor faciat, tueatur eofdem fideliter et defendat. nec exactionem nec feruicium aliquod jnde exigat vel requirat aut juris aliquod sibi ufurpet in eifdem. Niſi ut per ora- tiones ipsorum fratrum eterne remunerationis premium con- fequatur. Et cum hec taliter ordinatis multo Itetilfent tem- pore in quiete. Tandem Syfridus nobilis filius predicte Adale reclamans. et illatam sibi in eodem allodio injuriam conquerens. Ac predictos, de prefata donatione fatigare uolens. Multis precibus, multoque labore, ad ultimum miti- gatus, affenfum prebuit ſuum. et manu propria quicquit ad eum juris pertinere uidebatur. eildem fratribus. et ecclesie ſue dedit Atque hoc nostro confirmari priuilegio poftulauit. — 313— Nos itaque donationem predictam ſicut rite ac rationabiliter ad honorem dej facta eft ratam habere volentes in omnibus et gratam. Ac ipsius nobilis factum liue donum tenore pre- fentium approbantes. Auctoritate quanta poffumus confir- mamus. Dantes has literas lub ſigillis nostris in robur et teltimonium fuper eo. Teſtes sunt. Gerlacus et Regenbaldus de jlenburg. Harttradus pater et harttradus filius luus de Merenberg. Jtem de miniſterialibus nostris Gunzichinus. Wilhere. Macharius. Regemarus. Adelbertus. Arnoldus. et quamplures alij fidedigni. Datum apud Gliperg. Anno duj. M.. xljo.(Nach der Urkunde in dem Staatsarchiv zu Darm⸗ ſtadt, deren Handſchrift jedoch nicht dem 12., ſondern dem 13. Jahrhundert angehört! Von den beiden ihr angehängt geweſenen Siegeln iſt nur das eine, darſtellend einen behelmten und geharniſchten Ritter zu Pferde, nach links gewendet, auf gezierter Decke ſitzend, mit Schild(ohne ſichtbare heraldiſche Charaktere) vor der Bruſt in der linken und eine Fahne aufrecht in der rechten Hand,— und mit der Umſchrift: Gomes Wil- helmus de Glizb., erhalten. Gud. 3, 1198— 1199. Ueber die Fahne vergl. Anzeiger für Kunde der deutſchen Vorzeit, Nürn⸗ berg 1873, S. 37.) W. 6. Aℳ 4 1141. Ueberweiſungsbrief der Pfarrei Steinbach an das Kloſter Schiffenberg von Gräfin Clementia. In nomine lancte et indiuidue trinitatis amen. Universis Christi fidelibus prefens ſcriptum vifuris tam prefentibus quam futuris. Clementia Comitiffa de Glyzberg, relicta Gerhardi comitis de Gelren cum noticia lubscriptorum falutem in om- nium falutari. Quonam propter labilitatem memorie actiones hominum ne labantur cum tempore in ſcriptis redigi elt utile ac neceffe. Hinc est quod tenore preſentium proteftor, quod in allodio meo Schyfenburg vocatum et ibidem fratres de regula beati Augultini locari volui et de eodem allodio circa — 314— xXX. manſos conſenlu et permiffione domine Gertrudis pa- latine cognate mee ad quam quarta parf eiufdem allodii per- tinebat, ad honorem dei omnipotentis et gloriole virginis matris eius Marie, line omni heredum meorum inquietatione, libere coutradidi et donaui, addidi quoque duos manſos terre arabilis in villa que dicitur Cunradesrade. Preterea de con- lilio pariter et auxilio venerabilis domini Alberonis archi- episcopi Treuereusis qui in ipso monte Schyfenberg conuen- tualem fratrum predictorum ecclesiam dedicauit, et aliam ibidem capellam quam elle fecit et confecrauit in parochiam apud illam, addite sunt sex ville, que iuxta in nouis ruderibus fiunt, ita ut ab ipsis fratribus, et ab eadem ecclesia leu parochia querant omnia et recipiant que mater ecclesia filiis seu filiabus merito debet suis, videlicet baptiſmum, sepulturam, synodum, et alia omnia iura et eccleſiaftica sacramenta, quarum villarum hec funt nomina, Wazenburnen, Erlebach, Garwartheich, caden ¹), fronebach et Steinbach. Preterea villani de predictis sex villis dum a predictis fratribus requiliti fuerint ad lartatecta, et ad alia quecunque ipsius matris ecclesie edificia reparanda, leu etiam conſtruenda- seruire semper quando necelſe fuerit et contribuere teue- buntur, seruiciis et contributionibus debitis et conluetis, con- tradictione aliqua non obftante. Et ut hec inconulla per- maneant perpetue, presentem kartulam conſcribi et mei feci sigilli munimine roborari. Testes huius rei ſfunt Dominus Albero Treuerorum episcopus qui confirmauit ilta. Gode- fridus maioris ecclesie prepositus, Volmarus eiusdem ecclesie Decanus, Arnoldus bruno, Cunradus prepositus ſancti Paulini, Gerlacus et Reimbaldus de yfenburg, Hartradus de Meren- berg, Marquardus de folmese, crafto de bilfthein, Gerhardus dapifer meuf, bernhardus de gunle, hezechinus de Garben- heim, Ruthardus et gebehardus de Wilemor et alii quam- ¹) Nach dieſem Berichtigung zu S. 82 Note 20. —— 315— plures fidedigni. Actum anno dominice incarnationis Mill. C. xl. i. Indictione iij.(Nach dem Originalt in dem Staats⸗ archiv zu Darmſtadt. Das Siegel fehlt; ein Lederriemen für daſſelbe hängt an, jedoch ohne Spuren vom Siegel.) N. 7. 4 4 1145. Confirmation dieſer Incorporation durch Erz⸗ biſchof Albero von Trier. In nomine sancte et indiuidue trinitatis. Ego albero dei gratia Treuirorum archiepiscopus. apoltolice fedis legatus. fratribus de Schephenburhe fub regula beati auguftini deo militantibus in perpetuum. Officii nostri ratio poltulat. ecclefiarum a deo nobis creditarum ſollicitudinem gerere eilque pro modo et poffibilitate nostra conſilium et auxilium line ceffatione prebere. Eapropter omnium fidelium prefen- tium et futurorum uniuerſitatem cupimus nofle. quod dilectil in Christo fratribus noftrif de ſchephenburhc pro dei omni- potentif gratia hanc mifericordiam contulimuf, ut Sex uille que iuxta eol in nouif ruderibuf fiunt. omnia ab ipfil querant. que mater eccleſia ſuif debet filiil. Quarum hec funt nomina. Steinbach. Wazemburne. Erlebach. Gariwartfeich. Cotthen.¹) Vronebach. Dedicavimuf eil etiam eccleſiam in uilla gyrmize iuxta Wettflariam in eorum predio ſitam. quam baptilmalem et fepulchralem ac ſinodalem fecimus. confentiente prepolito Wernero de wilinburch. ad quem decima eiuldem uille gyr- mize pertinet. in nullo minuemuf juf ejusdem prepoſiti. quod ante illic habuerat. Vt ergo hec inconulſa permaneant. hanc inde fieri kartula et nostro confirmari ligillo precepimus. Adſcripti etiam teltef. Godefridul maiorif eccleſie prepolitus. Folmaruf eiusdem decanus. Corepiscopi. Arnolfuf. bruno. Conraduf prepoſitus lancti paulini. Liberi. Gerlacus, et Ren- genbalduf de jlenburch. Hardrat pater. Hardrat filiul de ¹) Nach dieſem Berichtigung zu S. 82 Note 20. — 316— Merinberch. Minilterialef Gunzichin. Willere. Machariul. Gerhart. Regenmar.(Monogramm von Albero.) Actum anno dominice incarnationil M. C. xl. v. Indie- tione iiii(Nach dem Original in dem Staatsarchiv zu Darm⸗ ſtadt, mit dem wohlerhalten anhängenden Porträt-Siegel des Erzbiſchofs Albero. Gud. 3, 1052— 1053.) NM. S. eet 1☛̈£ 1162(Auguſt). Beſtätigungsbrief der Grafen Wilhelm und Otto von Gleiberg. In nomine domini amen. Nof Wilhelmus et Otto comitel de Glyberg confanguinei omnibus preſens ſcriptum intuentibus in perpetuum. Noverint uniuerli tam preſentes quam pofteri, quod cum nobilis domina Clementia nomine, conſanguinea- nostra dilecta, quondam in Glyberg comitiſfa, montem Schefen- berg uocatum, liluam Wylekirwalt. et alia quedam bona fua non modica circumlita, nec non et hominel libi attinentel contulit donauit liberaliter et aflignauit diuine pietatis intuitu et amoris, ad eccleliam in predicto monte fundatam ab ipfa domina et dotatam ad hoc ſcilicet, ut canonici regularel lub regula beati Auguftini deo eiufque genetrici iugiter ibidem famulentur. Nos iplorum cononicorum requiſiti deuotis pre- cibus et rogati donationem hanc utpote pia deuotione factam ratam habere uolentef in omnibus et gratam, iplam ſicut rite et rationabiliter ad honorem dei facta elt, tenore pre- lentium approbamus et auctoritate quanto poflumus confir- mamus. Adicientel de ſpeciali gratia et fauore omne iul- patronatus eccleliarum et capellarum in villis nostril fubnotatil, quod ad nof omnimode dinoſcitur pertinere, videlicet. In Steynbach. Wazzenburnen. Erlebach. Garwartifeych. Cotthen) et in Vronebach, quod totum confirmamus in eoſdem. Sta- ¹) Nach dieſem Berichtigung zu S. 82 Note 20. — 317— tuentef pariter et confentientel ut canonici predicti Eccleſias feu cappellas huiusmodi conftructas nunc uel in pofterum conftruendas in villis predictis regant et officient more debito et confueto oblfequiis perpetuo in diuinif. vel perfonas sacer- dotum ad hoc alias dum tamen idoneas inſtituant et pro- curent quaſcunque uoluerint et decreuerint, libique et ecclesie lue uiderint expedire. pro quo villani illius ville que cappellam uel ecclesiam per le habuerit ſpecialiter officiandam quecun- que fuerit predictarum foluent annis lingulis et prefentabunt in fefto beati Michahelis ecclesie et canonicil ſepedictis lex maldra filiginis menlure Wetflariensis et decem ſolidos ufualis monete denariorum leuium, in pretium sacerdotif, contra- dictione qualibet non obſtante. Et hoc iuf tradimus eifdem canonicis ex nunc et in perpetuum libere propter deum. Ne autem aliqua fuper hijs in pofterum fuboriri malignantium valeat calumpnia prefens ſcriptum exinde confectum dedimus eif ligillorum nostrorum munimine roboratum. Teltes huius facti funt. Fridericus et Syfridus Comitel de Cleberg. Ber- toldus comes de Nydehe. Heinricus nobilis de Hanogya. et Reynhardus nobilis de Jlenburg. Item Miniſterialel nolftri Vortwinus. Helbricus. Arnoldus rufus. Mengotus. Conradus pincerna. et alii quamplureſ hominum fidedigni. Actum et Datum apud caftrum nostrum Glyberg. Anno domini Mo. centeſimo Laxme secundo. menſe Augufto...(Nach dem Original in dem Staatsarchiv zu Darmſtadt, mit den beiden Porträt⸗Siegeln der Grafen von Gleiberg, das erſte oval, gleich dem unter 5; das zweite rund, darſtellend einen behelm⸗ ten und geharniſchten Ritter zu Pferd, links gewendet, auf gezierter Decke, mit Schild(ohne erkennbare Marke des Ge⸗ ſchlechts) in der linken und erhobenem Schwert in der rechten Hand, und mit der Umſchrift: Otto Comes de Gliberg. Gud. 3, 1064— 1065.) — 318— No. 9. 1197. Abt und Convent von Arnsburg vertauſchen Allodien in Holzhauſen und Ebersgöns an Propſt und Con⸗ vent von Schiffenberg gegen ein Allod in Colnhauſen. Als Zeugin wird die Gräfin Salome von Gießen erwähnt. J. N. S. et J. T. Mefridus Dei gratia dictus Abbas in Arnsburg, et universus eiusdem loci Conventus... Noverint universi quod Harberto Preposito de Schiffen- burg et Fratribus ibidem dedimus Allodia Domus nostre in Holzhusen et in Eberharts Gunesso, cum omni attinentia in edificiis, in silvis, in agris, in pratis et pascuis. Recipientes ab eis Allodia Domus sue in Colnhusen cum omni ibidem attinentia in edificiis, in silvis, in agris.... Preterea vendidimus eis Allodium nostrum in Lune pro X maxrcis, et aliud allodium in Oberencklen pro VII marcis et dimidia, quas dedit nobis in elemosina bone mem. Dns Fri- dericus de Hoste et pro XX denariis Censualibns in Melpach. Testes quorum hec sunt nomina Pie memorie Dna Sa- lome Comitissa de Gysen. De Schiffenburg Harpertus Prepositus. Wigandus Prior. Waltherus Gerardus... et Ernestus, presbiteri. De Arns- burg Mengotus primus Abbas. Mefridus, secundus Abbas. Embricho Prior. Fridericus, Subprior. Marquardus, Celle- rarius. Engelwardus, Custos. Dhegenhardus, Cellerarius. Acta sunt hec Anno Dominice incarnationis MOC. XCVII. Confirmata vero, et Sigillis roborata Anno eiusdem incar- nationis MCC. III. Gudenus cod. diplom, III. S. 1200 u. 1201. No. 10. 1214. Kaiſer Friedrich II. ertheilt dem deutſchen Orden ein Privileg in Hegenwart des Grafen Wilhelm von Gießen. — — 319— Fridericus Secundus, Divina favente clemencia Roma- norum rex et Semper Augustus et Rex Sicilie. Excellencia Regalis reposcit etc. etc.... Hujus rei testes sunt Sifridus Archiepiscopus Moguntinus,.... Rudolfus Comes de Habeches- burc, Hugo Comes Palatinus de Tuingen, Wilhelmus Frater ejus Comes de Giezen, Heinricus Comes de Nassowe, Fride- ricus Comes de Cleberc etc. etc..... A. s. h. A. J. D. MCC. XIIII. Datum in Castris prope Juliacum nono Sep- tembris. (C. 8.) Hiſtor. Diplom. Unterricht, Beilagen ad sect. I. No. 3. Ao 11. 1226. Vergleich über Patronatsſtreitigkeiten zwiſchen Ritter Giſelbert und Magiſter Ernſt von Eſchborn über die Kirche zu Reiskirchen vor Zeugen aus der Umgegend von Gießen. Univerſis Fr. C. dictus Abbas de Arnesburg et G. Dei gratia Prepoſitus eccleſie S. Stephani in Moguncia et W. Prepolitus de Werberc. Veltra noverit univerfitas mandatum Judicum delegatorum nos in huuc modum recepiffe: A. Decanus, H. Scholaſticus, Magister M. Canoni- cus S. Guidonis in Spira, Judices Dni Cardinalis delegati. Litigantibus coram nobis aliquamdiu Gililberto et Ernesto, fuper eccleſia in Richolviskirchen, ad ipforum tandem inftanciam, vos iplis concelsimus Auditores.⸗ Nos igitur mandatum Judicum delegatorum diligentius exequentes, Partibus diem et locum afsignavimus. Qui tan- dem noltro peruſi conſilio, Arbitris le commiferunt; qui arbitrati funt, quod uterque litigantium, aftantibus fuis pa- tronis, michi Abbati de Arnsburch eccleſiam in Richolvis- kirchen reſignavit; et Giſilbertus miles de Aſcheburnen, pa- truus magiltri Ernefti, cum ſuis coheredibus, ſi quid juris in 4 4 ——— — 320— prefata eccleſia fibi pertinere afferebat, in manus Dni Ulrici de Minzenberch refignavit; ita quod prefatus D. Ulricus, et fui heredes, jure patronatus eccleſie in Richolviskirchen in perpetuum quieta gaudebunt libertate. Jdem vero D. Ulricus ad noftram inftantiam, pro bone pacis, prenominatam ecclesiam Magiſtro Ernelto in pura elemolina contulit poffidendam. Testes: Godefridus Decanus, Cunradus Archipresbyter, C. de Gladenbach, Evirardus. Canonici Witflarienſes. Laici: de Solmelfe Comes Heinricus, et Comes M.(Mar- quardus). Rudolfus de Bilenftein. Ekilmannus de Bleichin- bach. Philippus junior de Bonlant. Conradus de Degren- bach. Winterus de Kalsmont. Eberwinus et Wezelo de Garbenheim. Godefridus de Linden. Macharius de Vogdis- berch. Sifridus et Dymarus de Hattenroht. Ortwinus et Hlezechinus de Guneffe. Margwardus, Albertus, fratres de Swalbach. Wernherus de Colenhuſen. Hezechinus de Min- zenberc. Wernherus de Birkenlar. Wernherus et Conradus de Beldersheim. Godefridns de Griddele, et ceteri quam plures. Acta funt hec in cymiterio Witflariae, a. D. M. CC. XXVI, vii Jdus Martii. V. F. de Gudenus Sylloge varior. Diplomatar. Francof. a. M. 1728. Dipl. promisc. No. XI. p. 588— 591. No 12. 1229. Pfalzgraf Wilhelm von Tübingen entſcheidet einen Streit zwiſchen der Gemeinde Steinbach und dem Kloſter Schiffenberg über die Pfarrei. J. N. D. A. Wilhelmus, Comes Palatinus de Tubingen notum facimus.... Quod, cum causa inter Prepositum et Conventum Canonicorum Regularium Ecclesie in Schiffenberg ex una, et universitatem Villanorum in Stenbach ex parte altera verteretur super jure patronatus Capelle in Stenbach, et super quadam annona, et etiam super quibusdam denariis, — 321— dandis ipsis Canonicis a Nobilibus viris de Glyzberg Wil- helmo et Ottone, nostris consanguineis, veris heredibus et Patronis ejusdem Capelle in Stenbach pie ac rationabiliter collatis; tandem exhibitis patentibus fratrum litteris, et pre- lectis.... recognoscimus esse verum, quod prefati fratres et Canonici, ecclesie in Stenbach preficient Villanis predictis in Stenbach Personam idoneam, que ipsis diebus Dominicis êet ter in hebdomada celebrabit et omnia sacramenta eccle- siastica ministrabit. Conventus autem Regularium in Schiffen- berg eandem personam predictam, dum ipsis placuerit, po- terunt immutare. Preterea propter labores Sacerdotis ipfas celebrantis iidem Villani annis singulis dabunt in festo S. Michaelis, Prepolito prefato et Conventui VI. maldra puri siliginis Wetflarienlis mensure, et ecclelie X. solidos levium denarionum monete usualis, sicut instrumentis pre- dictorum Comitum plenius continetur. Hoc adjecto, quod Villani, requisiti a predictis Fratribus in Schiffinberg, dum necesse fuerit, ad struenda et reparanda edificia matricis ecclesie in Monte, sine aliqua contradictione tenebuntur. Testes: Hartradus nobilis de Merenberg. Johannes de Linden. Sifridus de Hattenrade. Widroldus de Nordecke. Milites. Syboldus et Syboldus, dicti canes. Wernerus miles, dictus Kornigel. Gerhardus Notarius noster. Act. A“⁰. D. i. MCCXXIX. Entdeckter Ungrund, Th. I. Beil. Nr. 33. de Gudenus T. III. Cod. diplom. p. 1202. No 13. 1235(25. Juli). Derſelbe entſcheidet zwiſchen der Ge⸗ meinde Leihgeſtern und dem Kloſter Schiffenberg über Rechte des Kloſterhofs in Leihgeſtern. Nos Wilhelmus Dei gracia comes de Thuingen. Universis notum esse volumus, quod hoc tempore quo curtis, que dicitur Nuehof plantabatur, quedam litis materia inter prepositum 21 — 322— et conventum ecclesie in Schiffenberg ex una parte, et uni- versitatem ville in Leitgestern vertebatur, super quadam libertatis prerogativa, quam a nostra cara consanguinea Clemencia habere dinoscebantur, ratione curtis sue in eadem villa Leitgestern situate, quam ipsa eidem ecclesie contulit dono elemosine propter deum. Nos ordinavimus quod pre- positus et conventus memorati secundum jus suum antiquum, prout invenimus, diem unum quem acceptare voluerint, ante communionem ejusdem ville singulis annis metere debent pro suis viribus quantum possint; quod custodem unum ad custo- diendum campos ibidem suo tempore, prout ipsis visum fuerit expedire, locabunt; insuper ad quemlibet tractatum villa- norum qui potest vel debet fieri pro necessitate ville, nemoris vel campi ejusdem cum discretione prepositus assumetur, contradictione qualibet non obstante. Testes: Gozwinus plebanus in Linden. Macharius senior. Wideroldus et frater suus Johannes et Gerlacus milites de Linden. Sifridus de Hattenrade. Burckardus Fraz. de Ley- gesteren. Wernherus Cornygel. et duo filii sui W9ernherus et Milchelingus. Siboldus. Johannes. Godescalcus et frater suus Ernestus. Fasoldus. Arnoldus. Herrichen et frater suus Wi- gandus. A. s. h. 3. d. i. m. C. C. XXX. V., in die Jacobi apostoli. Schmid, Geſchichte der Pfalzgrafen, Urk.⸗B. Nr. 19 S. 19. Copialbuch des D. O. Hauſes zu Marburg, de anno 1362, Blatt 204. Baur, heſſ. Urk.⸗B. Nr. 1277 S. 858. Nô 14. 1239(Septbr.). Wilhelmus comes de Gizzen bekennt, daß er dem Marienkloſter in Schiffenberg einen Manſus in Obbornhofen gegeben habe. Wilhelmus comes de Gizzen— innotescere cupimus— quod nos mediantibus Machario de Linden, Sifrido de Hatte- rod, Alberto de Littenberc, Hugone de Hohenecke, Marcwardo — 323— de Eroldesheim mansum unum in Obernhouen, quem Gerlacus de Budingen cum aliis bonis a nobis titulo feodi et ab ipso Cunradus Michelingus de Nordeken possederat, accedente vtriusque consensu tradidimus ste. Marie in Schiffen- berg necnon preposito Alberoni et fratribus et sororibus ibi- dem— in perpetuum possidendum. Testes: Albertus abbas de Arnspurg. Godefridus de Linden. Macharius de Linden. Sifridus de Hatteroth. Alber- tus de Lithenberg. Hugo de Hoheneke. Marcwardus de Eroldesheim. Burchardus de Bomersheim. Wideroldus de Linden. Giso et frater suus Siboldus. Siboldus iuuenis. Johannes Canes. Michelingus et Walterus de Nordeken. Wideroldus de Michelnbach. Cunradus Sezepant. Helfricus êet Eberwinus de Trahe. Wortwinus de Berstad. Giselbertus de Aschenburnen. Hezechinus de Habechenheim. Vasoldus de Linden. Wernerus Cornigel. Cuno et Hermannus Halbir de Cleberc. Hartmannus scultetus de Cleberg et a. q. pl. Act. a. d. M. CC. XXXIX. mense Sept. (L. S.) Schmid a. a. O. Nr. 20 S. 20. Baur, heſſ. Urk.⸗B. S. 72 Nr. 99. No 15. 1245. Kloſter Altenburg und Arnsburg vertauſchen ihre Höfe zu Heuchelheim vor Burgmannen von Gießen und Schöffen von Wetzlar. Cunradus Prior, Cristina Magistra, totusque conventus Fra- trum et Sanctimonalium in Aldinburch... protestamur, quod nos Curiam nostram in Huchilnheim, quam a Theoderico conpara- veramus, cambivimus, et pro ea recepimus curiam Conventus de Arnisburch in eadem villa sitam. Et hoc concambium factum est de voluntate et consensu Richolfi de Bracht civis Wetfla- riensis, qui respectum habebat ad eandem curiam, sicut respectum habuit prius ad curiam predicti Theoderici, quod 21* — 324— nos' singulis annis sibi et heredibus suis in perpetuum IV. maldra tritici et XVI. maldra siliginis Wetflarie pre- sentabimus. In qua pensione eidem Richolfo et heredibus suis nec per grandinem, nec per exercitum, nec per alia pericula poterit aliquid deperire; quoniam eadem bona tali conditione ante emptionem nostram jure proprietatis a Theo- derico conparaverat memorato. Sigillis Ecclesie nostre et Civitatis Wetflarie duximus roborandum. H. a. s. Wetflarie, present. De Solmse, Comitibus ambobus Henrico et Marquardo. De Gyzzin: Sifrido de Hattinrode, et filio ejus Wernero. Engebrando de Wert- dorf. De Huchilnheim: Adolfo et Bernehelm, cum omnibus Villanis ejusdem ville. De civitate Wetflar Scabinis istis... Hermanno Advocato. Act. A, D. M. C. C. XLV. Gudenus Cod. Dipl. T. II. p 84.(ex Autogr.) N. 16. 1248(Mai). Ludwig von Rodheim verzichtet auf ſeine Anſprüche auf Güter zu Steinbach vor Schultheiß, Schöffen und Bürger von Gießen. Cunradus scultetus, scabini et burgenses universi in Gizen. Constare facimus— quod Ludewicus de Rodeheim et Binhildis, uxor ejus, communicata manu renunciaverunt, nobis presentibus, ante capellam nostram in Gizen, omni actioni et querimonie, quam' habebant vel habere poterant contra conventum in Arnesburg, super bonis in Steinbach, et resignaverunt eadem bona in manus Wilhelmi abbatis ejusdem loci, recipientes decem et octo solidos coloniens. ab eodem. Testes: Sifridus de Hattenrode. et Wernerus filius ejus. Waltherus Sluen. Ernestus de Rodeheim. Wernerus de Rodeheim. Johannes de Leykestren. Eckardus de Lutzellinde, milites. Meigotus. Wigandus. — 325— Eckardus. Rubertus. Heinricus, scabini. Albertus quondam abbas in Arnesburg. Fridericus Ovelacker et a. q. pl. Act. a. d. MCC. XLVIII, mense maio. (E. S.) Baur, Urkundenbuch des Kloſters Arnsburg in der Wetterau S. 38 Nr. 54. No. 17. 1250(den 3. Februar). Adolph von Heuchelheim ver⸗ kauft dem Kloſter Altenburg 33 Acker Land und Wieſen zu Heuchelheim vor Burgmannen, Schultheiß und Schöffen von Gießen. Universis notum sit quod Ego Adolfus Miles de Huchil- heim, urgente me onere debitorum, communicata manu uxoris mee Cunegundis puerorumque meorum, consensu vendidi Priori Cunrado et Cenobio in Aldinburg XXXIII agros terre arabilis et pratum, sitos in Huchilheim, qui michi de patri- monio iure hereditario assignati fuerant, facta divisione de bonis paternis cum Sororio meo Bernhelmo Milite, pro XLVI marcis Colon. den.... Ut prefati Claustrales in emptione dictorum bonorum firmiores existant; Ernestum de Rodeheim, Johannem de Leitkestern pro me Fideiussores posui, quod ipsis warandiam faciam, secundum Terre consuetudinem, annualem. presens Pagina roborata est Sigillo civitatis Wetflar. et sigillo Castel- lanorum de Gizen. A. s. h. A. D. MCC. quinquagesimo III Nonas Februarii, His presentibus Cunrado de Morle, Jgenbrando de Wertorf, Ernesto de Rodeheim, Johanne de Leickestern, Bernhelmo Pancucho, Gernando de Swalebach. Ruperto. Eckardo Mo- netario. Bertoldo Zerinch. Henrico Forestario. Sifrido in Sranckene. Heinrico de Wiseche. Gozzone de Linden. Gode- frido filio Godefridi de Linden. Anselmo Sculteto, Militibus et Scabinis de Gizen.— JItem presentibus Richolfo filio Gerberti. etc. Scabinis et Burgensibus Wetflar et al. q. pl. Gudenus Tom. II. Nr. LXVI. S. 93.(ex autogr.) 1255(März). Bernhelm von Heuchelheim vermacht dem Kloſter Altenburg ſeine Güter vor Burgmannen, Schultheiß und Schöffen von Gießen. Bernhelmus Miles de Huchilnheim, et Uxor ejus Elyza- beth, Notum esse volumns quod cum nos jam dudum, omnia bona proprietatis nostre in Huchilnheim pro remedio ani- marum nostrarum, Ecclesie de Aldinburg, prole carentes, assignassemus; nunc eadem bona tradidimus jam dicte ecclesie, jure proprietario. Prefata igitur ecclesia versa vice nobis suarum oratio- num porrexit communionem et fraternitatem. Ne vero nobis inposterum aliquis in vite necessariis defectus incumberet, XII maldra tritici, et totidem siliginis, ac unum maldrum pise annuatim nobis amministrare repromisit. Cum autem alterum Nostrum e seculo, migrare contigerit, solum IX. maldra tritici et totidem silig. cum maldro pise Superstiti annuatim assignabit. Testes: Dominus Reimboldus Comes de Solmse. Adolfus Miles de Huchilnheim. Macharius Miles de Linden. Jtem Johannes. Crafto. Gernandus. Ekhardus. Wernerus. Theo- dericus dictus de Huchilnheim. Walterus; Castellani de Giezzin. Jtem Anselmus Scoltetus ibidem. Heinricus de Schrankere. Heinricus ds Faber, et Ludewicus Scabini, et a. p. pl. ibidem. Jtem Ludewicus et Vasolt, cognati Bern- helmi. 1 In Kalsmunt: Erwinus, item Erwinus et Wezzelo frater ejus, et Gerlacus, Milites. In Huchilnheim: Heinricus Vice- — 327— plebanus. Sifrid' et Cunrad' Judices, vulgo dicti Cintgrevin. Wigande Ludewic“ Rudolf“ Sifride Albertus de Molendinarius, et a. q. pl. Villani ibidem. Quibus eciam pro memoria hujus rei Solidus datus est ad potandum. Presens Scriptum, Sigillorum, Dn. Reinboldi Comitis de Solmse, Castellanorum de Gitzin, et Ecclesie de Aldinburg munimine fecimus roborari. A. s. h. A. D. M. C. C. LV, mense Marcio. Gudenus Cod. Dipl. T. II. p. 118.(ex Autogr.) N. 19. 1257(1. Decbr.). Johannes von Buſeck überläßt den Wald Denholz bei Meilbach dem Kloſter Schiffenberg. J. N. D. a. Omnibus— Johannes miles de Bucheseke, filius quondam Dymari militis, salutem—. Cum inter me ex parte una et conuentum monasterii de Skeffenberc ex altera, super nemoribus dictis Denholz, sitis apud Mylbac, discordia uerteretur, inter nos conpositio taliter est tractata, vt prefatus conuentus michi bona sua sita in Opperode, jure quo possideat, possidenda conferat, quod et fecit, pro nemoribus antedictis. ego communicata manu uxoris mee conventui sepedicto assigno nemora memorata coheredum meorum adhibita uoluntate pariter et assensu. Testes: frater Elricus sti Antonii. Johannes scoltetus. Frater suus Mengotus. Mengotus Knibe et Rykardus, mi- lites et Henricus dictus de Sassin, scabinus in Grunenberg. Act. a. d. M. CC. LVII, i. crast. Andree. (Die ſehr beſchädigten Siegel der Kirche zu Schiffenberg an weißer, der Stadt Grünberg an rother und der Stadt Gießen an grün und rother Schnur hängen an.) Baur, heſſ. Urk.⸗B. S. 81, Nr. 113. 326.— No. 20. 1257(5. Juni). Eberhard von Merlau empfängt durch tausch von Widekind von Merenberg den zehnten zu Selters, Megerheim und Altenstorff zu lehen. Noverint universi quod ego Eberhardus de Merlauwe advocatiam in Betingen et in Husen resigno Widekindo de Merenberg pro decima in Selterse et in Megerheym et in Altenstorff, et ab ipso recipio jure feodali. Testes: Cusbo, Adolfus de Habelheym, Wernherus de Hatterode et Reinerus Cnubo. Acta sunt hec anno MCCLVII. inc. dom. in die Bo- nifacii. Wenck, Hessische landesgeschichte II, urkb. s. 182, nr. 156. No. 21. 1260. Macharius und Gottfried von Linden überlaſſen ihrem Bruder Johannes Güter in Hochelheim vor Burgmannen und Schultheiß von Gießen. Notum sit quod nos Macharius et Godefridus fratres, Macharii bone mem. Militis quondam dicti de Linden, fllii, Johanni fratri nostro, Ecclesie Wetfl... Canonico, in recon- pensacionem sue partis, que sibi de bonis nostris sitis in Linden cessisse debuerat; cum nos de consensu ipsius inte- graliter eadem bona perciperemus, assignavimus quedam bona nostra sita in Habechinheym, que jure colonario pos- sidet Conradus, filius quondam Rudolfi dicti Divitis, solvencia annuatim novem maldra siliginis et jura minuta, presentem Litteram Sigillis Ecclesie Wetfl...., Gerlaci et Johannis Militum de Linden rogavimus communiri. Testes: Giselbertus Decanus—— Mgr. Rudolphus Scolast. Ortho. Conradus Custos. Arnolde de Dernbach. Canonici eccl. Wetflariensis. Gerlacus et Johannes Milites dicti de Linden. Gernandus de Swalbach. Adolfus de Huchelheim. — — — 329— Wernerus de Hattinrode. Johannes Monachus. Milites. Gode- fridus de Linden. Eckehard' de Buchesecke. Sigenandus de Buchesecke; Castrenses in Giezen. Johannes Sculthetus de Giezen, et Anselmus pater suus. P. A. D. M. C. C. LX. Gudenus Cod. Dipl. T. II. p. 137.(ex Autogr.) No 22. 1260(Juni). Sigenand von Gießen, Giſelbert von Fetzberg und Conſ. verkaufen dem Kloſter Hainchen eine Hube zu Langgöns. Arnoldus canonicus ecclesiae wetflar., Giselbertus miles de Foidesberch, Joh. et Heidenricus fratres de Dernbach, Emicho de Wolveskeilen, Sigenandus de Gizen ceterique coheredes nostri— notum facimus, quod mansum quendam situm in Langengunse, quem possidet Alberadis, relicta Gisel- berti de Foidesperch, post mortem illius possidendum, vendi- dimus monasterio in Hainchen pro VI. marcis. Testes: Giselbertus decanus wetflar. Ortho. Henricus de Calsmunt. Henricus filius Richolfi canonici wetflar. Joh. senior de Dernbach. Eberwinus advocatus wetflar. Wezelo de Garbenheym. Wernerus de Hattenrode. Adolfus de Huchel- heim. Dimarus de Kalsmunt. Philippus de Linden. Conradus de Cleyn, milites. Richolfus filius Gerberti etc., scabini wet- flarienses. Act. et dat. Wetflarie, a. d. M. C. C. LX, mense junio. Baur, Nachtrag zum Urkundenbuch des Kloſters Arnsburg ꝛc. S. 728 Nr. 1214. No. 23. 1263(den 18. November). Ulrich Graf von Tübingen und Herr zu Gießen beſtätigt einem Hofe des Kloſters Alten— burg in Heuchelheim das vom Vater des Grafen geſchenkte Beholzungsrecht im Wieſecker Walde. Ulricus D. gr. Comes de Tuwingen et Dominus in Gizen. Universis appareat, quod nos donacionem a Patre nostro factam Curie in Huchilheim, Monasterio in Aldin- burch attinenti, super lignis in nostro nemore resecandis; ratam et gratam habentes, ipsam Donacionem confirmamus, Sigillo nostro roboravimus istam cartam. D. et a. in Gizen A. D. MCCLXIII. In octava bti Martini.— Gudenus Tom. II. nr. CX. p. 145.(ex autogr.) No. 24. 1263(17. Nov.). Pfalzgraf Ulrich von Tübingen und Herr von Gießen verleiht dem Falkenſteiniſchen Hof zu Eber⸗ ſtadt eine Holzberechtigung im Wieſeckerwald. Ulricus D. gr. Palatinus Comes de Tuwingen et Do- minus in Gizen. Universis apareat manifestum, quod nos curiam Eberstat, que nobis vel nostris officialibus pro secan- dis in nemore nostro lignis debebat singulis annis unum maldrum tritici et uvarum unam pendulam ministrare, dilecto nostro Domino Philippo seniori de Valkenstein permisimus liberam et solutam a tali debito servitutis, ipsi curie nichi- lominus concedentes in silva nostra secundum suam con- suetudinem secandi liberam potestatem. Datum et actum in Gizen a. D. M. C. C. LXIII. Xv. Kalendas Decembris, sigillo nostro roboravimus pr. scr. Beurkundete Nachrichten, T. II. p. 66. Nr. 215.(Ex Orig. Monast. Arnsburg.) No. 25. 1263. Derſelbe verleiht eine ſolche dem Kloſter Arns⸗ burg. — 331— Nos Ulricus Comes Palatinus de Tuwingen et Dominus in Gizen. Omnibus notum esse volumus quod nos ecclesiam in Arnesburch eo dilectionis et favoris amplectimur affectu, quod curiam in Bucheseche sitam eidem ecclesie attinentem, in tali constituimus privilegio libertatis, quod semper in posterum qualibet septimana, secundum antiquum jus mili- tum, quod Ritersgewer vulgariter appellatur, cum uno curro secare debent in nemore nostro quod Wisecherwalt nuncu- patur, unde volumus et districtius inhibemus ne aliquis offi- ciatus noster vel scultetus sive quelibet alia persona, pre- dictam ecclesiam in hac nostra concessione et libertate audeat perturbare. Datum et actum in Gizen a. d. MCCLXIII. Testes: Dominus Philippus senior de Valkenstein. Ger- lacus et Macharius milites de Linden. Dominus Wernherus de Hattinrode. Dominus Adolfus de Huchilheim. Castrenses in Gizen. Dominus Wideroltus Nordechen. Dominus Johannes et Mengotus fratres dicti aurei. pr. scr. nostro sigillo feci- mus roborari. (Sigillum equestre Ulrici Comit. Palat. de Tuwingen.) Beurkundete Nachrichten, T. II., Nr. 216.(Ex autographo Monast. Arnsburg.) N. 26. 1264(13. Juli). Schultheiß, Schöffen und Gemeinde der Stadt Gießen bezeugen eine Vermögensauseinanderſetzung zwiſchen den Mönchen und Nonnen zu Schiffenberg. Qve geruntur in tempore etc. Hinc est, quod nos scul- tetus, scabini ac vniuersitas ciuitatis Gizen, Macharius de Linden, Adolfus de Huchelheim et Walterus dictus Sluno, milites, ad modernorum noticiam et futurorum peruenire cupimus et extendi, nostre presencie in audiencia prepositum et totum conuentum tam dominorum quam sanctimonialium ecclesie in Sciffenburc, multo grauatos onere debitorum, sanctimonialesque per ministracionem dominorum uno non — 332— potuisse frui pane, vixit enim unaqueque monialium spe- cialiter prout amici eius sibi ministrabant neccessaria, manu- umque suarum operibus, quare dominarum dictarum ductos tedio amicos dominis institisse sepius, ut eas, prout teneren- tur, respicerent, quod facere neglexerunt. Tali autem moni- cione dominos motos pudore et aliis quamplurimis articulis grauatos parte ex utraque, vnanimi de consensu, matura de- liberacione, proborum quoque multorum uirorum consilio mediante, mediasse eque singula bona, videlicet curias, mansos, vineas, aliasque possessiones rerum tam mobilium quam immobilium. Omnia etiam eque quibus eadem ecclesia debita fuit obligata pariter diviſilfſe fecundum quod parti ubique vifum fuerat expedire. Redditus uero, qui uenditi sunt a iam dicta ecclesia, qui redire debent in vsus eiusdem ecclesie post emtorum mortem non diuisos inter eos sed.... solui parte annis singulis ab utraque et si quis redituum iam nominatorum ex migracione emptorum tempore medio uacauerit.. proportionatum eque, quousque singuli redient, tunc dividendos inter dictos dominos dominasque sepius lance equa. Huius diuorcii rationabilis testes sumus. Ne autem cus- que horum preſentium vel futurorum dubium luper jam dicta diviſione oriatur, praenominate Sanctimoniales nostras litteras inde confectas acceperunt et ligilli nostri munimine roboratas. Act. et dat. a. i. d. M. CC. LXIIII. i. d. s. Marg. virg. (Die ſehr wohl erhaltenen Siegel der Ausſteller hängen an Pergamentſtreifen an.) Baur, heſſ. Urk.⸗B. S. 89 Nr. 126. No. 27. 1264(15. Auguſt). Graf Ulrich von Tübingen verleiht ſeinem Caſtellan Hartrad von Merenberg ein Burglehen in Gießen. ——— — 333— Noverint universis quod nos Ulricus D. gr. Comes de Tuwingen dilecto ac speciali Castellano nostro Hartrado de Merenberg VIII lib. levioris monete iure feodali, quod vul- gariter dicitur Burglehen, singulis annis duximus concedendas hoc adjecto, ut ipse Hartradus percepta prefata pecunia villicos, persolventes pecuniam VIII librarum, ulterius non intendat gruvare, seu quoque extorquendo maiorem censum molestare. literas pr. nostri Sigilli munimine assignamus roboratas. Acta sunt hec apud Gizzen a. d. MCCLXIV in assum- cione beate virginis. De prefata pecunia V lib. et 5 persolvantur de Kruf- torff, item de Frilincoven V. 9. item de Wisimar X. 9; item de Lebansbach II lib. item de molendino IIII S; item de prefatis VIII lib. ipse Hartradus nobis castellanum loco sui apud Gizzen ponere debet, niſi de nostra bona voluntate pretermittatur. Wenck Urkundenbuch zum 2. Bande der Heſſ. Geſchichte C. LXXII. S. 194. No 28. 1265(Januar). Schultheiß, Burgmannen und Schöffen von Gießen beurkunden eine Schenkung Sigenands von Buſeck von Gütern zu Launsbach. Johann der Schultheiß, die Burgmannen, die Schöffen und die Bürger zu Gießen bekennen, daß Sigenand, Ritter, gen. von Bucheſecke, ihr Burgmann, und Pauline, ſeine Gattin, dem Kloſter Arnsburg zu ihrem Seelenheile einige Güter in Lunesbach gelegen, überlaſſen haben, welche 2 Solidi köln. Heller, 2 Meſten Oleys, 2 Gänſe und 4 Hühner jährlich zu geben ſchuldig ſeien. Testes: Adolfus de Huchelheym. Macharius de Linden. Wernherus de Hattenrode. Gernandus de Sualebach. Eckar- dus frater Sigenandi supradicti, milites et a. q. pl. Act. a. d. MCCLXV, mense januario. (L.. 8.) Baur, Nachtrag zumUrkundenbuch des Kloſters Arnsburg. S. 729, Nr. 1216. — 334— N. 29. 1265(29. Septbr.). Landgraf Heinrich I. belehnt Hartrad von Mereunberg mit einem Burglehen von Gießen. Nos Heinricus d. gr. Landgravius Dominus Hassie pre- sentibus protestamur, quod virum nobilem Dominum Hart- radum de Merenberg in nostrum obsequium et adjutorium obtinuimus, ita quod nobis astabit fideliter contra quoscunque nostros adversarios quos habemus ad presens vel in posterum, quamdiu uterque nostrum vixerit, nos habere contigerit, excepto tamen Domino Godfrido Comite de Cegenhayn, contra quem si, quod absit, nos litigare contigit, dictus No- bilis, si potest, concordiam inter nos ordinabit, sin autem, neutri nostrum tenebitur aliquatenus adherere. Jtem castra sua, Glipberg videlicet et Merenberg, et alias municiones, si quas processu temporis obtinuerit, nobis et amicis nostris patefacere tenebitur, quandocunque fuerit requisitus, et ad hec nobis facienda se obligavit fide data et prestito juramento. Nos etiam e converso pro hujusmodi serviciis per ipsum nobis impendendis universas municiones nostras patefacere repromisimus eidem, quandocunque necesse habuerit prestari sibi auxilium contra quoslibet suos indebitos injuriatores. Jtem feodum castrense octo videlicet librarum denariorum redditus, quibus a Comite Ulrico de Thuingen infeodatus fuerat, nobis ab ipso nobili resignatos, eidem reconcessimus eodem jure quo possederat a prefato Comite, ita quod illud locare possit pro sue libito voluntatis. Jtem quicquid juris vel actionis habebat Comes de Thuingen in Castro Glipberg ipsi Nobili et heredibus suis tradidimus proprietatis titulo possidendum. Jtem Montem Vodinberg cum silva monti eidem attinente memorato Nobili et heredibus suis utriusque sexus jure feodi concessimus possidendum, qui et heredes nobis et nostris successoribus ad obsequia, sicut predictus — 335— Nobilis, tenebuntur. Jtem in judiciis seu jurisdictionibus, quas communes habemus, uterque nostrum gaudebit tali jure quo antecessores hactenus nostri sunt gavisi. Ceterum hoc est adjectum, quod si cum nobilibus viris de Ysenberg et de Brunecken reconciliari nos contigerit, composicionem ali- quam cum eis nullatenus acceptabimus, nisi donaciones et concessiones prefato nobili de Merenberg per nos facte rate permaneant, ita quod ipse Nobilis cum prefatis beneficiis, que sibi impendimus, in nostro servicio permaneat sicut prius. Ut autem hec omnia rata et firma permaneant, sigillum nostrum presenti littere est appensum. Hujus rei testes deputati sunt Johannes et Meingocus fratres dicti aurei, Guntramus de Olphe, Meingocus Knibo, Wideroldus, Milchelingus, Theodericus de Nordecken, Ru- pertus de nova, Johannes Buchesecke, Marscalcus de Rodin- stein, Lenfridus de Difinbach Milites, et alii quam plures. Datum Nordecken III. Kal. Octobr., anno Domini MCCLX quinto. Wenck, Urkundenbuch zum II. Th. der Heſſ. Landesgeſch., S. 195, Nr. 174. o 30. 1268(16. Mai). Hartrad von Merenberg conſentirt in die von Ritter Macharius von Linden vorgenommene Ver⸗ leihung lehnbaren Geländes an Conrad, Bürger zu Gießen. Nos dominus Hartradus de Merenberg notum facimus— quod dominus Macharius miles dictus de Lynden Cunrado civi de Gyzen et Hadewigi uxori sue tres pecias terrae ara- bilis et quaedam alia jugera, quas de nobis in feodo tenuit, de consensu et voluntate nostra pro recto feodo concessit, ita tamen, quod si contingat dominum Macharium ab hac luce sine haeredibus discedere, dictus Cunradus eandem terram de nobis recipiet. — 336— Testes: dominus Emmericus de Vodisberg dominus Walterus Slun, 0 Giselbertus de Derinbach, dominus „ dominus Cunradus de Rychinbach, unradus dapifer de Gliperg. Dat. a. d. MCCLXVIII, in vig. ascensionis domini. Baur, Urkun denbuch des Kloſters Arnsburg in der Wetterau. S. 729— 730, Nr. 1217. 8 aft Batter! 6rg .&ᷓ Gossfelden 6 ericht Sch 5 Erldärung' der Zeichen 0nsta U† Jtaclee 0 Eliale 8 à8 80 Dioecesan Graenzen. 5 Mäche!bach(Odle Aied. Siseaa t D tj h 6„ 7 0 6.. 3 Bargen undsche Tager 2A Ce N a2U 6 7 Sle/da A. Erzbisthann Trier, Deconat Hetzlarrsssea. 5 2 0 Ddmshauu Se³ ic 77 6 4 oste⸗,—„„ Jlrassen 4 olerzhadsen 41/320 6„%— OMom,hade, B.„„. HMarna.— — uen e en D/ Relhein o 3 Glagtat Suhne a deueerohe Rungwdle delhuxeus 24 ene oheiuanuen NABURG A. ArchrAiaconat, Ss Slekae.....— M— Aℳ Lrcesk 5 7 5 Hirchorte uie ctdεsᷣ—egeangnen e Sbe,ge Saaen 5—— Ac b„„ S mene— , 1 25„ S Belenhanseno— A4(ß. B d. Gef 8 Sr⸗ gesetat.. 3 Ken S Tc dn e Kernefshsee A 1n 8.„„„ StMaria ad gradus Seesden Frohnlh ‚ 8 8. Qna HMankeeota 5½„. 8 EfceaSDte 4 3 Aoischt 4* S II ZCladenbac Sen ⁵t ade 4 4 der. 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