DRITTE JAHRHUNDERTFEIER DER UNIVERSITAT GIESSEN 22 LIEDERBUCH für den Festkommers und den Abschiedsfrühschoppen In dulci jubilo. Festkommers. —',————— ——— —— — I. Melodie: Strömt herbei, ihr Völkerscharen. 1. Strömt herbei, ihr Hessensöhne, von des Rhei- nes grünem Strand, von des Odenwaldes Höhen, von des Vogelsberges Rand. Seht die Fahnen fröh- lich flattern, hört der Glocken Festgeläut! Ludo- viciana ist es selber, die uns heut den Willkomm beut. 2. Aus dem Glaubensstreit geboren, aus dem Zwiste trotzig, blind, wuchs sie auf in Kampfes- jahren, selbst ein trotzig Hessenkind; teilt des Vater- lands Bedrängnis, Deutschlands Schmach und Deutschlands Ehr, und erblüht zu Kraft und Schön- heit in des Friedensreiches Wehr. 3. Schiffenberg und Gleiberg blicken, Zeugen jener wildren Zeit, heut als traute Zechgenossen auf die junge Herrlichkeit. Und die Lahn in sanftem Bogen und der Wälder grüner Kranzl Ludoviciana, lass uns preisen deines Kleides zarten Glanz. 4. Die Ihr einst an dieser Stätte heisser Tage Ernst erprobt, die Ihr hier in Jugendwonne goldne Nächte habt durchtobt, rückt zusammen auf den Bänken, Jung bei Alt und Alt bei Jung, und zu gleichem Schlag des Herzens ein' uns die Erinnerung! 5. Hoch und Heil aus vollen Kehlen der Jahr- hundert Jubelbraut, alten Wissens, neuen Schaffens heil'ger Mutter, tön' es laut! Hebt die Gläser! Schwingt die Speere, dass die Funken feurig sprühn! In dem Dienste alles Guten soll ihr ew'ge Jugend blüh'n! Walter König. Rede auf Kaiser und Grossherzog. II. 1. Heil Dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands! Heil, Kaiser, Dir! Fühl' in des Thrones Glanz die hohe Wonne ganz, Liebling des Volks zu sein! Heil, Kaiser, Dir! 2. Heil, unserm Fürsten Heil Heil, Hessens Fürsten Heil! Ernst Ludwig Heil! Fühl' in des Thrones Glanz die hohe Wonne ganz, Liebling des Volks zu sein! Heil, Herrscher Dir! Rede auf die akademischen Lehrer. III. Melodie:„Wohlauf, die Luft“ 1. Vom Gleiberg schaut ins Lahnrevier der Herr der stolzen Veste:„Dies Hessenvolk, ich lob' es mir, verspricht es doch das Beste. Doch tief noch steckts in Sumpf und Wald, auf Bildung kanns nicht denken: man sollt ihm, mein ich, möglichst bald'ne hohe Schule schenken.“ 2. Doch anders im Familienrat alsbald ward es beschlossen; solch ungestüme Fortschrittstat hätt allgemein verdrossen.„Mit Wissenschaft verseh'n die Welt der Kirche würd'’ge Diener: ein Kloster baut von eurem Geld für fromme Augustiner!“ 3. Gesagt, getan: das Kloster stand, den Stiftern macht es Ehre, versorgte mit Kultur das Land und mancher guten Lehre. Indes der Mönche Bildungswerk sollt kurzen Ruhm geniessen, denn zwischen Glei- und Schiffenberg erwuchs das muntre Giessen. 4. Die Musenstadt, da war sie ja, man brauchte nur zu wollen! Das Gute lag auch hier so nah für jeden Einsichtsvollen: recht mitten drin im Weltverkehr, bequem im luft'gen Tale, und lieblich floss die Lahn daher wie Neckar, Main und Saale. 5. Talab noch mancher Tropfen rann— gut Ding will Weile haben!— dann brach die höh're Bildung an für Hessens wackre Knaben. In Deutsch- lands stolzen Hochschulchor trat spät die Giessner Schwester; selbst Marburg, leider, war ihr vor um dritthalb Schock Semester. 6. Das wäre denn die Urgeschicht' der hohen Schul' zu Giessen! Was weiter folgt, wer hört es nicht mit Jubelschall gepriesen: wie Ludwigs treue Liebesmüh sie Marburg schuf zum Trutze, wie wohlgehegt sie spät und früh in seines Hauses Schutze. 7. Auch sonst wohl hat man allerhand gehört und auch gelesen, was Wunder sie dem Hessen- land drei Saecula gewesen. Wohlan, den alten ächten Sinn sie fest und treu bewahre, dem Vater- land zum Vollgewinn noch viele hundert Jahre! Bruno Sauer. Rede auf die akademische Jugend. IV. 1. Was die Welt morgen bringt, ob sie mir Sorgen bringt, Leid oder Freud? Komme, was kommen mag, Sonnenschein, Wetterschlag, morgen ist auch ein Tag, heute ist heut! 2. Wenns dem Geschick gefällt, sind wir in alle Welt morgen zerstreut! Drum lasst uns lustig sein! Wirt, roll das Fass herein! Mädel, schenk ein, schenk ein! Heute ist heut! 3. Ob ihren Rosenmund morgen schön Hilde- gund anderen beut— darnach ich nimmer frag, das schafft mir keine Plag, wenn sie mich heut nur mag— heute ist heut! 4. Kling klang, stosst an und singt! Morgen vielleicht erklingt Sterbegeläut! Wer weiss, ob nicht die Welt morgen in Schutt zerfällt! Wenn sie nur heut noch hält! Heute ist heut! Rede auf die Stadt Giessen. V. 1. Stosst an, Giessen soll leben, Hurrah hoch! Die Philister sind uns gewogen meist, sie ahnen im Burschen, was Freiheit heisst, frei ist der Bursch. Rede auf das Vaterland. VI. 1. Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt: wenn es stets zu Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält. Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt. Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt! 2. Deutsche Frauen, deutsche Treue, deut- scher Wein und deutscher Sang sollen in der Welt behalten ihren alten, schönen Klang, uns zu edler Tat begeistern unser ganzes Leben lang— deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang! 3. Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland! Darnach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand— blüh' im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland. Rede auf die Gäste. VII. 1. O alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du entschwunden? Nie kehrst du wieder, goldne Zeit, so froh und ungebunden! Vergebens spähe ich umher, ich finde deine Spur nicht mehr. O je- rum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum. 2. Den Burschenhut bedeckt der Staub, es sank der Flaus in Trümmer, der Schläger ward des Rostes Raub, erblichen ist sein Schimmer, verklungen der Kommersgesang, verhallt Rapier- und Sporenklang. O jerum usw. 3. Wo sind sie, die vom breiten Stein nicht wankten und nicht wichen, die ohne Moos bei Scherz und Wein den Herrn der Erde glichen? Sie zogen mit gesenktem Blick in das Philisterland zurück. O jerum usw. 4. Da schreibt mit finsterm Amtsgesicht der eine Relationen, der andre seufzt beim Unterricht, und der macht Recensionen, der schilt die sündge Seele aus und der flickt ihr verfallnes Haus. O jerum usw. — * 1 —2——— 1 8 ◻ —— 5. Allein das rechte Burschenherz kann nim- mermehr erkalten; im Ernste wird, wie hier im Scherz, der rechte Sinn stets walten; die alte Schale nur ist fern, geblieben ist uns doch der Kern, und den lasst fest uns halten. 6. Drum, Freunde, reichet euch die Hand, damit es sich erneue, der alten Freundschaft heil- ges Band, das alte Band der Treue. Klingt an und hebt die Gläser hoch, die alten Burschen leben noch, noch lebt die alte Treue! Rede auf die Frauen. VIII. 1. Wenn wir durch die Strassen ziehen, recht wie Bursch im Saus und Braus, schauen Augen, blau und graue, schwarz und braun aus manchem Haus; und ich lass die Blicke schweifen durch die Fenster hin und her, fast als wollt ich eine suchen, die mir die Allerliebste wär. 2. Und doch weiss ich, dass die Eine wohnt viel Meilen weit von mir, und doch kann ichs Schau'n nicht lassen nach den schmucken Jungfern hier. Liebchen, woll Dich nicht betrüben, wenn Dir eins die Kunde bringt, und dass Dichs nicht überrasche, dieses Lied der Wandrer singt. 3. Liebchen, nicht um Goldeslohne hör' ich auf, Dir treu zu sein, nicht um eine Königskrone; ewig, ewig bleib ich Dein! Doch das Schaun nach hübschen Mädchen, die so freundlich nach mir sehn, nach den Braunen, nach den Blonden wirst Du mir doch zugestehn! 2₰ Fidulitas. IX. Melodie:„Das war der Herr von Rodenstein.“ 1. Das war der Landgraf Ludewig, der sprach zum Hofgesind:„Das ganze heilge, röm'sche Reich nennt meine Hessen blind! Sagt's mal, wagt es mal und sagt's mal, ob sie es wirklich sind? Das ganze heilge röm'sche Reich nennt meine Hessen blind.“ 2. Da naht ſein Kanzler lobesam:„Ach Herr, 's ist leider wahr! Doch gründet eine hohe Schul, die sticht dem Volk den Staar. Klug ist's! Klug ist's und kein Trug ist's, zwar teuer, das ist wahr,— doch gründet eine hohe Schul, die sticht dem Volk den Staar.“ 3. Der Landgraf ritt an Kaisers Hof:„Herr Rudolph, seid mir hold; gebt mir ein Hochschul- Privileg für tausend Gulden Gold. Tut es, tut mit gutem Mut es, rund ist das Geld und rollt; gebt mir ein Hochschul-Privileg für tausend Gulden Gold!“ 4. Der Kaiser lacht in seinen Bart:„Herr Vetter,'s ist nicht schlecht, dass Ihr, zu bilden Euer Volk, mir tausend Gulden blecht! Kund sei, und in aller Mund sei Ew. Liebden Gründungs- recht; da Ihr, zu bilden Euer Volk, mir tausend Gulden blecht.“ 5. Froh ritt von Prag Herr Ludwig heim, da kam er an die Lahn:„Mein gutes Städtchen Giessen soll die hohe Schule ha'n. Raus da, raus da aus dem Haus da: Philister, freie Bahn! Mein gutes Städtchen Giessen soll die hohe Schule ha'n.“ 6. Und was Herr Ludewig gesagt, Herr Lude- wig machts wahr. Die Alma mater gründet er; sind grad' dreihundert Jahr... Heil ihr! Heil werd reich zuteil ihr! Wie sticht sie brav den Staar! Ruft:„vivat, crescat, floreat“ für jetzt und immerdar! Eugen Netto. X. 1. Ein Römer stand in finstrer Nacht am deutschen Grenzwall Posten, fern von Kastell war seine Wacht, das Antlitz gegen Osten; da regt sich feindlich was im Fluss, da schleicht und hallt was leise, kein Päan von Horatius, ganz wildfremd war die Weise: Ha, hamm', hamm', hamm', hamm', hammer Dich emol an Dei'’m verrissene Kamisol, Du schlechter Kerl! 2. An eine Jungfrau Chattenstamms hatt' er sein Herz vertandelt und war ihr oft im Leder- wams als Kaufmann zugewandelt. Jetzt kam die Rache, eins, zwei, drei! Jetzt war der Damm er- klettert, jetzt kams wie wilder Katzen Schrei und Keulenschlag geschmettert: Ha, hamm', hamm' usw. 3. Er zog sein Schwert, er blies sein Horn, focht als geschulter Krieger, fruchtlos war Mut und Römerzorn, die Wilden blieben Sieger. Sie banden ihn und trugen ihn, wie einen Sack von dannen; als die Kohort' am Platz erschien, scholl's fern schon durch die Tannen: Ha, hamm'’, hamm' usw. 4. Versammelt war im heil'gen Hain der Chatten Landsgemeinde, ihr Odinsjulfest einzu- weihn mit Opferblut vom Feinde. Der fühlt sich schon als Bratenschmor in der Barbaren Zähnen, da sprang sein holder Schatz hervor und rief mit heissen Tränen: Ha, hamm', hamm' usw. 5. Und alles Volk sprach tiefgerührt ob sol- cher Wiederfindung:„Man geb ihn frei und los- geschnürt der Freundin zur Verbindung! Nimmt sie ihn hier vom Fleck als Frau, sei alle Schuld verziehen!“ Und heut noch wird im ganzen Gau als Festbardit geschrieen: Ha, hamm', hamm'’ usw. XI. 1. Und wieder sprach der Rodenstein:„Pelz- kappenschwerenot! Hans Schleuning, Stabstrom- peter mein, bist untreu oder tot? Lebst noch? Lebst noch und hebst noch? Man g'spürt Dich nirgend mehr... Schon naht die durstge Maiwein- zeit, Du musst mir wieder her!“ 2. Er ritt, bis er gen Darmstadt kam, sein Fahn- den war geglückt; da lacht er, als am schwarzen Lamm durchs Fenster er geblickt:„Er lebt noch! lebt 11 noch und hebt noch! Doch fragt mich keiner, wie?— Wie kommt mein alter Flügelmann in solche Kompagnie?!“ 3. In Züchten sass die Stammgastschar nach Rang und Würden dort, Dünnbier ihr Vesper- trünklein war, es klang kein lautes Wort.„Sacht stets! Sacht und bedacht stets ist Lebenshochge- nuss“, so flüstert ein Revisor just zum Kreisamts- physikus. 4. In dieser Schöppleinschlürfer Reih sass auch ein stilles Gast, und als es acht Uhr war vorbei, nahms Stock und Hut mit Hast:„Acht jetzt! Acht jetzt... Gut Nacht jetzt! Einst war ich nicht so brav, doch ehrbar wandeln ist das Best'! Ich geh' ins Bett und schlaf!“ 5. Der Rodenstein in grimmem Zorn hub graunhaft sich empor; dreimal stiess er ins Jäger- horn und blies mit Macht den Chor:„Raus da! Raus aus dem Haus da! Raus mit dem Deser- teur! Das lahme zahme Gast da drin gehört zum wilden Heer! 6. Da fasst das Gast ein Schreck und Graus, erst sank es tief ins Knie, dann stürzt es einen Masskrug aus, schlugs Fenster ein und schrie: „Naus da! Naus aus dem Haus da! O Horn und Sporn und Zorn! O Rodenstein, o Maienwein, noch bin ich nicht verlorn. Rumdiridi Freijagd! — Hoidirido Freinacht!— Alter Patron empfah' Deinen Sohn!— Hussa, hallo! Jo, hihaho! Naus! Naus! Naus!“ XII. 1. Es leben die Studenten stets in den Tag hinein. Wär'n wir der Welt Regenten, sollt immer Festtag sein. Fürwahr, fürwahr, das ist doch sonderbar:, Hei! Jup jup jup jup tralalala:,: Für- wahr, fürwahr, das ist doch sonderbar. 2. Wir jubeln, singen, trinken wohl durch die ganze Nacht; so lang die Sterne blinken, wird an kein' Rast gedacht, usw. 3. Doch sind geleert die Taschen, dann zie- hen wir nach Haus, man lebt bei leeren Taschen nicht gut in Saus und Braus, usw. 12 4 4. Nun aber sagt, ihr Leute, wie mag es wohl geschehn, dass gestern, morgen, heute wir stets zum Trinken gehn? usw. 5. Das kommt, ich wills euch sagen, nur vom Studieren her. Wer will sich damit plagen?— Das Bier behagt uns mehr, usw. 6. Drum leben wir Studenten stets in den Tag hinein. Wär'n wir der Welt Regenten, sollt immer Festtag sein, usw. XIII. 1. Und wenn sich der Schwarm verlaufen hat um mitternächtige Stunde, dann findet unter den Edleren statt eine würdige Tafelrunde, es sind er- haben ob Raum und Zeit die Ritter von der Ge- mütlichkeit. 2. Und wie der Zapfen vom Fasse springt, so springt der Deckel vom Herzen, und was sich drinnen bewegt, das klingt in lustigen Liedern und Scherzen. Es sind dem freien Worte geweiht die Ritter von der Gemütlichkeit. 3. Wenn einem trocken die Kehle ward und er durstig lechzt nach dem Nassen, so ist es dieser Ritter Art, dass sie ihn nicht sterben lassen. Es sind dem Wohle der Menschheit geweiht die Ritter von der Gemütlichkeit. 4. Und wenn sich etliche Toren gar in trau- rigem Irrtum bekannten zu jener beklagenswerten Schar der Sekte der Flagellanten— denen setzen zurecht den Kopf beizeit die Ritter von der Ge- mütlichkeit. 5. Drum lebe hoch, das freie Wort, das frisch von den Lippen rinne! Drum lebe, wem nicht die Kehle verdorrt und wer nicht verachtet die Minne; drum leben, erhaben ob Raum und Zeit, die Ritter von der Gemütlichkeit. 3 Frühschoppen. I. 1. Wütend wälzt sich einst im Bette Kurfürst Friedrich von der Pfalz; gegen alle Etikette brüllte er aus vollem Hals: Wie kam gestern ichs ins Nest? Bin, scheint's, wieder voll gewest! 2. Na, ein wenig schief geladen, grinste drauf der Kammermohr, selbst von Mainz des Bischofs Gnaden, kamen mir benebelt vor,'s war halt doch ein schönes Fest: Alles wieder voll gewest! 3. So? Du findest das zum Lachen? Skla- venseele, lache nur! Künftig werd ichs anders machen, Hassan, höre meinen Schwur: ˙s letzte Mal, bei Tod und Pest, war es, dass ich voll ge- west! 4. Will ein christlich Leben führen, ganz mich 2˙8 der Beschauung weihn; um mein Tun zu kontrol- lieren, trag ichs in ein Tagbuch ein, und ich hoff' * 8 8 1„„ dass ihr nicht lest, dass ich wieder voll gewest! 5. Als der Kurfürst kam zu sterben, machte er sein Testament und es fanden seine Erben auch ein Buch in Pergament. Drinnen stand auf jeder. Seit': Seid vernünftig, liebe Leut, dieses geb' ich zu Attest: Heute wieder voll gewest. 6. Hieraus mag nun jeder sehen, was ein guter Vorsatz nützt, und wozu auch widerstehen, wenn der volle Becher blitzt? Drum stosst an! Probatum est: Heute wieder voll gewest! II. 1. Als ich schlummernd lag heut Nacht, lockten süsse Träume, schimmernd in der Jugend Pracht, mich in ferne Räume. Krasses Füchslein sass ich schlank in der Kneipe wieder, und in vollem Chore klang laut das Lied der Lieder: Gaudeamus igitur, iuvenes dum sumus! Post iucun- dam iuventutem, post molestam senectutem nos habebit humus. 8. 17 2. Tabakswolkenduft umkreist bläulich Rhein- weinbecher; desto heller flammt der Geist in dem Haupt der Zecher. Füchslein fühlt im Weltenrund sich der Schöpfung Krone; und er singt mit keckem Mund und mit keckem Tone: ÜUbi sunt, qui ante nos in mundo fuere? Vadite ad superos, transite ad inferos, ubi iam fuere. 3. Jäh erwacht ich.— Glockenklar tönt mir's in den Ohren: Heut sind's runde siebzig Jahr', seit du wardst geboren. Heut schon liegen hinter dir der Semester hundert!— Hell rieb ich die Augen mir, summte still verwundert: Vita nostra brevis est, brevi finietur, venit mors velociter, rapit nos atrociter, nemini parcetur. 4. Schnell vom Lager sprang ich auf, rief: Mir hat das Leben viel in seinem kurzen Lauf, Leid und Lust, gegeben. Sei vergessen, was ge- drückt mich mit Sorg' und Plage; heut ein Hoch dem, was beglückt meine jungen Tage! Vivat aca- demia, vivant professores, vivat membrum quod- libet, vivant membra quaelibet, semper sint in flore. 5. Goldne Burschenzeit entflog schnell— dass Gott erbarme!— Ledern Philisterium zog mich in dürre Arme. Doch philistern lernt ich nicht, hoch auf goldnen Schwingen, trug mich Lieb' zum Himmelslicht, jubelnd durft ich singen: Vivant om- nes virgines, graciles, formosae! Vivant et mulie- res, tenerae, amabiles, bonae, laboriosae! 6. Weib und Kinder an der Hand, freut ich mich des Lebens; nützlich sein dem YNaterland, ward das Ziel des Strebens. Konnte sich's zum Paradies auch nicht ganz gestalten, Treue, die ich ihm erwies, hat's mir doch gehalten. Vivat et res- publica et qui illam regit! Vivat nostra civitas, maecenatum caritas, quae nos hic protegit. 7. Im lateinschen Liede sang heut ich alter Knabe meines Lebens ganzen Gang von der Wieg' zum Grabe; komme, wann du willst, Freund Hein, mich zur Ruh zu bringen; doch wie einst als Füchselein, will der Greis noch singen: Pereat tristitia, pereant osores, pereat diabolus, quivis antiburschius, atque irrisores. III. 1. Keinen Tropfen im Becher mehr und der Beutel schlaff und leer, lechzend Herz und Zunge.— Angetan hat mirs Dein Wein, Deiner Auglein heller Schein, Lindenwirtin, Du junge! 18 e . 2. Und die Wirtin lacht und spricht: In der Linde gibt es nicht Kreid und Kerbholz leider; hast Du keinen Heller mehr, gib zum Pfand Dein Ränzel her, aber trinke weiter! 3. Tauscht der Bursch sein Ränzel ein gegen einen Krug voll Wein, tät zum Gehn sich wenden. Spricht die Wirtin:„Junges Blut, hast ja Mantel, Stab und Hut; trink und lass Dich pfänden!“ 4. Da vertrank der Wanderknab Mantel, Hut und Wanderstab, sprach betrübt:„Ich scheide. Fahre wohl, Du kühler Trank, Lindenwirtin, jung und schlank, schönste Augenweide!“ 5. Spricht zu ihm das schöne Weib:„Hast ja noch ein Herz im Leib, lass es mir zum Pfande!“ Was geschah, ich tu's euch kund: Auf der Wirtin roten Mund heiss ein andrer brannte. Hoſ- u. Univ.-Druckerei(O. Kindt) Giessen. 19 — 8 L 1422 W Colour& Grey Control Chart es Blue Cyan Green vellow- Hed Magenta White Grey! Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black nVERUIIRI MIESSEN D 7M LIEDERBUCH für den Festkommers und den Abschiedsfrühschoppen