——————— 8— — 8*— 3 6 . —— Mniverſikät Gießen. -151 2 8 61*⁸8 .— Anleikung zum Studium der Cheolögte— Es iſt für das akademiſche Studium von beſonderem Wert, daß der Studierende von Anfang an einen klaren Einblick in den Gang des Studiums und in die zweckmäßige Auswahl der Vor⸗ leſungen beſitze. Er wird dadurch vor Mißgriffen und Vergeudung ſeiner Zeit bewahrt werden. Die Fakultät gibt daher die nach— folgenden Geſichtspunkte zur Beachtung. Ihre weitere Ausführung und Begründung erfolgt in der Vorleſung über Einführung in das theologiſche Studium, die zu hören in jedem Sommerſemeſter Gelegenheit gegeben iſt. Über die von der Fakultät in regelmäßigem, drei⸗ bezw. vierſemeſtrigem Turnus gehaltenen Hauptvorleſungen gibt die Anlage(Überſicht uſw.) Auskunft. 1. Die Grundlage des theologiſchen Studiums iſt das Studium der heiligen Schrift Alten und Neuen Teſtaments. Eine den kirch⸗ lichen Bedürfniſſen genügende theologiſche Ausbildung iſt ohne gründliche Kenntnis der Schrift und der ſich auf die Schrift be— ziehenden wiſſenſchaftlichen Probleme überhaupt nicht zu erreichen. In der heutigen ſchwierigen Lage von Theologie und Kirche findet ſich aber auch nur der zurecht, der die Vergangenheit der Kirche kennt. So bildet fleißiger Beſuch der exegetiſchen und hiſtoriſchen Vorleſungen die notwendige Vorausſetzung für eine fruchtbare Be⸗ ſchäftigung mit den Aufgaben der ſyſtematiſchen und der praktiſchen Theologie. Es iſt darum dringend davon abzuraten, Vorleſungen über ſyſtematiſche und praktiſche Theologie zu hören, ohne daß gründliche exegetiſche und hiſtoriſche Studien vorangegangen ſind. Die erſten Semeſter ſind alſo dieſen ausſchließlich zu widmen. Erſt mit den mittleren Semeſtern ſollte das Studium der ſyſtematiſchen Theologie einſetzen und das Studium der praktiſchen Theologie im weſentlichen den letzten Semeſtern vorbehalten bleiben. 2. Eine einigermaßen gründliche Durchbildung iſt bei der jetzigen Ausdehnung der theologiſchen Wiſſenſchaft in weniger als 7 Semeſtern nicht zu erreichen. Im Intereſſe der Studierenden muß dringend davor gewarnt werden, die militäriſche Dienſtzeit, während deren erwieſenermaßen an ernſte wiſſenſchaftliche Arbeit nicht zu denken iſt, in die Studienzeit einzurechnen. Weiter iſt es dringend zu wünſchen, daß auch das letzte Semeſter vor dem Examen noch an der Univerſität zugebracht und insbeſondere die Teilnahme an den Seminarübungen bis zuletzt fortgeſetzt werde. Mancher Mißerfolg erklärt ſich aus der verwerflichen Methode, das letzte Semeſter gar nicht mehr als eigentliches Studienſemeſter an⸗ zuſehen, ſondern lediglich zum mechaniſchen Einlernen zu benutzen. 3. Es iſt notwendig, den Unterſchied zwiſchen dem Lernen auf der Schule und dem akademiſchen Studium von vornherein ins Auge zu faſſen. Das Ziel des akademiſchen Studiums iſt nicht bloß, ſich beſtimmte Stoffe anzueignen, ſondern die Grundlagen zu ſelbſtändigem Verſtehen und beſtimmter Geſamtanſchauung zu legen. Seine Arbeit beſteht daher nicht allein in der Aufnahme des gehörten Stoffes, ſondern in eigenem Suchen und Leſen. Wir warnen alſo vor allem vor der Praxis, nur nach Kollegien⸗ heften zu arbeiten, empfehlen vielmehr dringend, immer auch Bücher, und zwar nicht nur Lehrbücher, ſondern auch Darſtellungen, zu Rate zu ziehen. Wir warnen aber auch davor, durch unrichtige Verteilung des Lernſtoffes die mittleren Semeſter zu ſtark mit Vorleſungen zu belaſten, wodurch die Gründlichkeit des Studiums leiden muß. Nur bei richtiger Verteilung der Vorleſungen iſt es möglich, die Verarbeitung des in den erſten Semeſtern aufge⸗ nommenen Stoffes auch durch die mittleren und letzten Semeſter fortzuſetzen. Eine ſogenannte Repetition im letzten Semeſter kann dieſe eigene Arbeit nicht erſetzen, zumal wenn ſie fern von der Univerſität zu Hauſe vorgenommen wird. Denn nur durch Ein⸗ gehen in das Einzelne kann der Reiz wiſſenſchaftlichen Nachdenkens geweckt werden; und bei dem inneren Zuſammenhang der Wiſſen⸗ ſchaft dient die an einem Punkt gewonnene Sicherheit immer auch dem Verſtändnis des Ganzen. 4. Um eine gründliche Kenntnis der heiligen Schrift zu gewinnen, muß jeder Studierende im Laufe ſeiner Studienzeit alle Hauptbücher des Alten und das Neue Teſtament im Urtext geleſen haben. Das kann teils durch ſogenannte kurſoriſche Lektüre (mit Hilfe von Grammatik und Lexikon, während deutſche Über⸗ ſetzungen erſt nach erreichtem Verſtändnis des Abſchnittes zur Kontrolle der eigenen Arbeit herangezogen werden dürfen),, teils durch exegetiſche Vorleſungen und Studien unter fleißiger 4 4 Benutzung der Kommentare geſchehen. In der erſten Hälfte der Studienzeit muß in jedem Semeſter ein alt- und ein neuteſtament— liches Exegetikum gehört werden. Dabei ſollte jeder Stunde eine gründliche Vorbereitung mit Lexikon und Grammatik vorangehen. Im allgemeinen empfiehlt es ſich dabei, von leichteren exegetiſchen Vorleſungen wie Geneſis oder ſynoptiſchen Evangelien, Apoſtelge⸗ ſchichte und katholiſchen Briefen zu ſchwierigeren wie Jeſaia, Pſalmen und kleinen Propheten oder Johannesevangelium, Pauliniſchen Briefen, Hebräerbrief und Apokalypſe fortzuſchreiten. Wenn jedoch eine der genannten Vorleſungen gerade nicht gehalten wird, darf darum doch das exegetiſche Studium in dem betreffenden Semeſter nicht vernachläſſigt werden. Wer das Reifezeugnis im Hebräiſchen nicht beſitzt, muß alles aufwenden, es ſobald wie möglich zu erwerben, da Studierende, welche erſt während ihrer Univerſitätsſtudien eine Nachprüfung im Hebräiſchen ablegen, früheſtens vier Semeſter nach dieſer Nachprü— fung zur Fakultätsprüfung zugelaſſen werden ſollen(Verfügung Großh. Miniſteriums des Innern und der Juſtiz vom 17. Sep⸗ tember 1875). 3 Hand in Hand mit der bibliſchen Exegeſe muß das Studium der alt⸗ und neuteſtamentlichen Realien gehen. Dazu gehören hauptſächlich die ſogenannte bibliſche Einleitung und Theologie, ferner Geſchichte des Volkes Israel, Geſchichte der meſſianiſchen Hoffnung, Leben Jeſu und neuteſtamentliche Zeitgeſchichte. Am beſten werden dieſe Fächer in der erſten Hälfte der Studienzeit be⸗ trieben, doch iſt es nicht vorteilhaft, bibliſche Theologie und Leben Jeſu vor dem dritten Semeſter zu hören. 5. Die hiſtoriſche Theologie vermittelt das Verſtändnis der Vergangenheit der Kirche, um das Urteil über das Weſen des Chriſtentums und die Aufgabe der evangeliſchen Kirche in der Gegenwart zu ermöglichen. Die Vorleſungen über allgemeine Kirchengeſchichte werden am beſten vom erſten Semeſter an gehört, auch wenn nicht gerade über alte Kirchengeſchichte geleſen wird. Dagegen ſollten Dogmengeſchichte, Geſchichte der proteſtantiſchen Theologie und vergleichende Konfeſſionskunde nicht in den erſten Semeſtern gehört werden. Übrigens darf ſich das Studium der hiſtoriſchen Theologie nicht auf Darſtellungen beſchränken, ſondern muß irgendwie auch zum Quellenſtudium vordringen. Beſonders ſollten wichtigere Schriften aus der alten Kirche und dem Refor⸗ mationszeitalter im Original geleſen werden. Auch empfiehlt es ſich, namentlich in den erſten Semeſtern, eine oder die andere Nnsethint iche, insbeſondere auch eine etwaige Vorleſung über allgemeine Rel inienaneſhiihe zu hören. 6. Die ſyſtematiſche Theologie, d. h. die wiſſenſchaftliche Begründung und zuſan Vmerchärge nde Darſtellung der religiöſen und ſittlichen Gedanken des chriſtlichen Glaubens(Dogmatik[Apologetik, Ethik) erbaut ſich naturgemäß in erſter Linie auf der exegetiſchen und der hiſtoriſchen Theologie. Es iſt an ſich erwünſcht, daß der zweite Teil der Dogmatik nach dem erſten gehört werde; aber es iſt nicht ausgeſchloſſen, auch mit dem zweiten zu beginnen, ſofern dieſer das Syſtem der Dogmen als Ganzes darſtellt, während der erſte Teil die prinzipiellen Grundlagen der chriſtlichen Religion be⸗ handelt und ſich zu einer Apologie des Chriſtentums geſtaltet. Ob mit Dogmatik oder Ethik begonnen wird, iſt gleichgültig. Die Vorleſung über die Beziehungen der Theoldgie und Philoſophie, beſonders im Proteſtantismus, iſt für eines der Semeſter, in denen ſyſtematiſche Theologie gehört wird, beſtimmt. Die Fakultät empfiehlt dringend, das Studium der Philoſophie nicht zu ver— nachläſſigen und betrachtet die genannte auf ſie bezügliche theolo⸗ giſche Vorleſung nicht als Erſatz, ſondern als Ergänzung der Vorleſungen über die allgemeine Geſchichte der Philoſophie. Er⸗ wünſcht iſt ferner, daß Vorleſungen über Pſychologie(in den erſten Semeſtern) und Religionsphiloſophie(nach der Dogmatik) gehört werden. 7. Die praktiſche Theologie als die Theorie des kirchlichen Waerbelils s entwickelt aus dem mit Hilfe der bisher genannten isziplinen gewonnenen Verſtändnis des evangeliſchen Chriſtentums die Aufgaben der Kirche, bezw. der Gemeinde und des geiſtlichen Amtes, ſowie die einzelnen Tätigkeiten, durch welche dieſe Aufgaben zu verwirklichen ſind. Die Rückſicht auf die Gegenwart fordert daneben noch die beſondere Beſchäftigung mit der evangeliſchen Pädagogik, der äußeren und der inneren Miſſion, ſowie den ſozialen Aufgaben der Kirche und der chriſtlichen Gemeinde. Zugleich iſt den muſikaliſch begabten Studierenden der Theologie im Intereſſe ihres künftigen Berufes wie ihrer allſeitigen Ausbildung die aktive Teilnahme an den lbungen der das Verſtändnis der ernſten Muſik vermittelnden Vereinigungen, wie des evangeliſchen Kirchengeſang⸗ vereins und des akademiſchen Geſangvereins, dringend zu empfehlen. 8. Der Entwickelung und Förderung des wiſſenſchaftlichen Intereſſes in dieſer oder jener beſonderen Richtung dienen in erſter Linie die libungen des theologiſchen Seminars aaltteſtament⸗ liche, neuteſtamentliche, kirchengeſchichtliche, ſyſtematiſche, homiletiſch⸗ katechetiſche Abteilung), die zu ſelbſtändiger wiſſenſchaftlicher Arbeit und zur Aneignung wiſſenſchaftlicher Methode anleiten wollen und vom dritten Semeſter an beſucht werden ſollten. Auch befindet ſich im Seminarzimmer eine theologiſche Handbibliothek, die ſämtlichen Studierenden der Theologie zur Verfügung ſteht. 9. Zu wirklichem V zerſtändnis des Alten Teſtaments gelangt nur, wer ſichere Kenntniſſe in der hebräiſchen Grammatik beſitzt. Um die auf der Schule erworbenen Kenntniſſe zu vertiefen und durch kurſoriſche Lektüre mit leichten Texten und ihrer exegetiſchen Dehaudlnu vertraut zu werden, iſt im erſten und zweiten Semeſter der Beſuch des altteſtamentlichen Proſeminars angez zeigt. Im Falle eines beſonderen Bedürfniſſes, z. B. bei Erwerbung der Maturität im Hebräiſchen erſt nach Beginn der Studienzeit, kann das Proſeminar auch noch h nach dem zweiten Semeſter beſucht werden. 10. Endlich weiſen wir noch beſonders auf die Übungen des Repetenten bei der theologiſchen Fakultät hin, der bei der Ein— führung der Studierenden in die Grundlagen des Studiums, ins— beſondere in die Bibelkunde, hilfreiche Hand leiſten und die Studierenden bei der Verarbeitung des in den Vorleſungen ge⸗ botenen Stoffes und der durch ſie geſtellten Probleme unterſtützen ſoll. Wir laden die Studierenden herzlich ein, bei allen ihren Studien private Fühlung mit den Dozenten der Fakultät und dem Repetenten zu ſuchen und ſich über praktiſche wie wiſſenſchaftliche Schwierigkeiten vertrauensvoll mit uns zu beſprechen. Gießen, April 1905 Die theologiſche Fakultät. — 1.——:; 50218 1000/6 enu eree’- por MOIISAXA u10 uAO OLH llEAd 9— 21 o 8 2 9l. Le.IeL. Elr