Blücher in Gießen. Ein Stimmungsbild aus den Freiheitskriegen. Von Alfred Bock. I. Es war an einem der erſten Novembertage des Jahres 1813. Eine dichtgedrängte Menge füllte die Aula der Gießener Univerſität: Profeſſoren, Studenten, Bürger der Stadt, Soldaten und allerlei Landvolk in buntem Durch⸗ einander. Das Katheder beſtieg ein Officier der preußi⸗ ſchen Gardejäger und hielt eine begeiſterte Anſprache an die Verſammlung. Der Erbfeind iſt aufs Haupt geſchlagen, rief er, die verhaßten Ketten ſind geſprengt, das deutſche Volk iſt frei. Die Väter werden ihre Söhne in den heiligen Kampf ſchicken, die Mütter werden ihnen die Waffen in die Hand drücken, kein Opfer wird verſchmäht werden, die akademiſche Jugend wird die Hörſäle verlaſſen, um ſieg⸗ reich und neugeſtärkt zu ihren Studien zurückzukehren.— Obwohl der Redner das Gefühl hatte, daß ſeine Worte Eindruck machten, war er ſich doch bewußt, daß auch zahl⸗ reiche Franzoſenfreunde unter die Verſammlung ſich ge⸗ miſcht hatten. An dieſe wandte er ſich mit erhobener Stimme:„Und wenn die Einrichtungen, welche die Fran⸗ zoſen trafen, noch ſo klug, wenn die Mißbräuche, die ſie abſchafften, noch ſo drückend waren, ſo ſolltet ihr zum Danke ſie dennoch auf Leben und Tod bekämpfen und aus dem Lande jagen, denn für ein Volk gibt es kein größeres Elend, kein zerſtörenderes Unglück, als ſich von Fremden beglücken zu laſſen.“. Die Haltung des preußiſchen Officiers, ſeine ganze Erſcheinung deuteten darauf hin, daß er nicht in des Königs Rock hineingewachſen war, daß vielmehr außer⸗ ordentliche Umſtände ihn mit dieſem Ehrenkleid geſchmückt hatten. In der That war der Redner niemand anders, als der berühmte Schellingianer Profeſſor Henrik Steffens, ein geborener Norweger, der den Lehrſtuhl in Breslau im Stiche gelaſſen und in flammender Begeiſterung für die deutſche Sache zum Degen gegriffen hatte. Im Gefolge Blüchers, deſſen Stab er zugetheilt war, hatte er zugleich mit dem Feldmarſchall am 3. November das Weichbild der Stadt Gießen betreten. 18 Die Kriegslage ſei zunächſt in kurzen Strichen ge⸗ zeichnet. Auf der Heerſtraße, die an den Abhängen des Thüringer Waldes und des Rhöngebirges ſich hinziehend die Handelsemporien Leipzig und Frankfurt mit einander verbindet, ſuchte Napoleon nach der Schlacht bei Leipzig mit den Trümmern ſeines Heeres das Rheinufer zu ge⸗ winnen. Nach der furchtbaren Niederlage, welche die Franzoſen erlitten, war es einzig die Energie Napoleons, die die aufgelösten Colonnen zuſammentrieb und die Ord⸗ nung einigermaßen wieder herſtellte. Der große Feldherr verlor in dieſer kritiſchen Lage keinen Augenblick die Zügel aus der Hand. Mit einer Ortskenntniß, um die ihn die Generalſtabsofficiere der Alliirten beneiden konnten, gab er im fremden Lande jedem Corps, jeder Diviſion, ja jedem Regiment die Marſchroute an. Napoleons Macht war immerhin noch ſo groß, daß er die Heermaſſe des Generals Wrede am 30. und 31. October bei Hanau durchbrechen und am 2. November mit 60,000 Mann, die ihm von 300,000 verblieben waren, bei Mainz den Rhein über⸗ ſchreiten konnte. Den Alliirten war die Aufgabe zugefallen, den Sieg bei Leipzig zu nützen und den Feind zu ver⸗ folgen. Schwarzenberg ſchlug mit dem böhmiſchen Heere die bequeme Kunſtſtraße über Naumburg, Weimar, Erfurt und Gotha nach Frankfurt ein, während Blücher angewieſen wurde, ſich mit dem ſchleſiſchen Heere auf ſchlechten Land⸗ wegen über Weißenfels, Freiburg a. d. Unſtrut, Langenſalza und Eiſenach nach Fulda zu begeben. Er ſollte womöglich den Franzoſen zuvorkommen oder wenigſtens auf gleicher Höhe mit ihnen marſchiren und ihren Rückzug beunruhigen. Schwarzenberg betrieb die Verfolgung des Feindes ſo läſſig, daß er fortwährend drei bis vier Tagemärſche hinter den Franzoſen zurückblieb und erſt in 14 Tagen behaglichen Dahinſchlenderns den Rhein erreichte. Anders der Feldmarſchall Blücher. Er rückte in Eilmärſchen vor, drängte ſich hart an den Feind heran und würde wahr⸗ ſcheinlich einen entſcheidenden Schlag geführt haben, wenn ihn nicht in Fulda der unſinnige Befehl des Generaliſſi⸗ mus getroffen hätte, von der planmäßigen Route abzu⸗ weichen und durch den Vogelsberg nach Gießen und Wetz⸗ lar zu marſchiren. Die Ordre Schwarzenbergs war an⸗ geblich von der Beſorgniß dictirt, Napoleon werde ſich in Folge der Poſition des Generals Wrede bei Hanau be⸗ ſtimmen laſſen, den Rückzug über Frankfurt und Mainz aufzugeben und ſüdlich oder nördlich vom Vogelsberg über Gießen und Wetzlar nach Koblenz zu eilen. Blücher ge⸗ horchte widerwillig und gab folgende Marſchdispoſition: „Das Corps von Sacken marſchirt den 31. October nach Schlitz und Lauterbach, den 1. November nach Grün⸗ berg und Umgegend, den 2. November nach Gießen. Das Corps des Grafen Langeron den 31. October nach Klein⸗Lüder jenſeits Fulda und auf die nächſten Orte bis Fulda rückwärts, um 8 Uhr des Morgens. Das Corps von York marſchirt den 31. October des Morgens um 6 Uhr über Fulda bis Neuhof und Um⸗ gegend, den 1. November bis nach Saalmünſter und Um⸗ gegend.“ Aus einem im Nathhauſe zu Ulrichſtein im Vogels⸗ berg aufgefundenen Schriftſtück, das ein Verzeichniß der Gemeinde⸗Kriegsfuhren von 1813—15 enthält, erfahren wir, daß Blücher am 2. November in Ulrichſtein eintraf und von dort am folgenden Tage„in Ermangelung an⸗ derer Fuhrleute“ von den Bürgern Heinrich Koller und Georg Hoffmann in einer Equipage nach Gießen befördert wurde. Vom 3. bis 7. November befand ſich das Haupt⸗ quartier des Feldmarſchalls in Gießen. Die Abſchwenkung der ſchleſiſchen Armee über den Vogelsberg hatte Napoleon ganz unerwartet der Gefahr enthoben, von zwei Gegnern angegriffen, vielleicht zermalmt zu werden. Wenige Tage vor der Ankunft Blüchers in Gießen, am 30. October, brachte das officielle Organ der heſſiſchen Regierung, die „Großherzoglich Heſſiſche Zeitung“, die erſte kleine, vor⸗ ſichtig gehaltene Notiz über die Völkerſchlacht bei Leipzig. „Die Bayreuther Zeitung vom 22. d.“, heißt es,„und nach derſelben die Nürnberger, Augsburger Blätter geben vorläufige Nachricht von großen Vortheilen, welche die Alliirten am 16., 17. und 18. ds. in der Gegend von Leipzig erfochten haben ſollen. Die officiellen Berichte über dieſe Begebenheiten hat man noch nicht.“ Aber ſchon am 6. November veröffentlichte das Regierungsblatt folgenden Erlaß des Staatsminiſteriums:„Nachdem des Großherzogs von Heſſen, unſres allergnädigſten Souveräns Königliche Hoheit Sich bewogen gefunden haben, mit den gegen Frankreich verbündeten und im Krieg ſtehenden Mächten unterm 2. dieſes Monats eine vorläufige Allianz⸗Convention abzuſchließen, durch welche Se. Königliche Hoheit aus den bis⸗ her mit Frankreich beſtandenen Conföderations⸗Verhältniſſen getreten und der Sache der gegen Frankreich verbündeten Mächte beigetreten und Mitalliirter derſelben geworden ſind; ſo wird ſolches allen Dienern, Unterthanen und An⸗ gehörigen im ganzen Großherzogthume zur Nachricht und Nachachtung hierdurch zu dem Ende öffentlich bekannt ge⸗ macht, daß ſie alle in die Großherzoglichen Lande ein⸗ rückenden Truppen der alliirten Mächte als ihre treuen Freunde anzuſehen, ſie beſtens aufzunehmen und ſich von ihnen eine dieſen Verhältniſſen ganz entſprechende Behand⸗ lung zu gewärtigen haben.“ Ueber die Stimmung, die zur Zeit der nationalen Erhebung die leitenden Kreiſe der Univerſitätsſtadt Gießen beherrſchte, liegt uns zunächſt der Bericht des preußiſchen Feld⸗ geiſtlichen Dr. Rheſa vor, der in Gießen im Quartier lag und den Profeſſoren in geſellige Beziehungen trat.„Die Uni⸗ erſität Gießen“, vermerkt Dr. Rheſa in ſein Tagebuch, iſt in vielen Stücken Antipode von Marburg: dort war er Patriotismus Feuer und Flamme, hier herrſcht Lauig⸗ reit und Kälte, wie denn überhaupt Heſſen⸗Darmſtadt durch Anhänglichkeit an Frankreich ſich ausgezeichnet hat. Ein Profeſſor Namens Crome hat ſogar eine Schmähſchrift auf die Verbündeten geſchrieben, dagegen iſt der patriotiſche Aufruf Wachlers aus Marburg wie eine Prophetenſtimme voll Geiſt und Leben.“ An einer anderen Stelle ſagt Dr. Rheſa:„Vor einigen Tagen fiel mir die gedruckte Predigt eines heſſiſchen Geiſtlichen, die er im Jahre 1807, nach der Schlacht bei Friedland gehalten, in die Hände. Sollte man glauben, daß der Hauptſatz alſo lautet: ‚„Das Un⸗ glück unſrer Feinde(der Preußen) iſt unſer Glück ge⸗ wordene? Ein kalter Schauer überlief mich bei dieſem un⸗ chriſtlichen Gedanken.“ Unmittelbar nach der Schlacht bei Leipzig erfuhr Blücher von der Exiſtenz eines Franzoſenſchwärmers, der in der Gelehrtenwelt als Cameraliſt und Nationalökonom eine hervorragende Stellung einnahm und eine Zierde der Gießener Univerſität war. Blücher wurde auf dem Marſch durch das Unſtrutthal im Schloß des Grafen Werthern zu Beichlingen einquartiert. Henrik Steffens, der ebendaſelbſt Unterkunft gefunden hatte, erzählt in ſeinen Memoiren: „Der Graf war abweſend, die Gräfin empfing Blücher und für alle wurde auf eine gaſtfreundliche Weiſe geſorgt. Ich hatte mich auf die mir angewieſene Stube zurück⸗ gezogen, um einigermaßen anſtändig der Dame des Hauſes gegenüber zu erſcheinen. Als ich zu Blücher hereintrat, fand ich ihn ſehr entrüſtet, man hatte irgendwo eine Schriſt entdeckt von dem Profeſſor Crome in Gießen. Der Titel war, wenn ich mich recht erinnere,„Deutſchlands Errettung durch die Schlacht bei Lützen“. In dieſer Schrift wird die genannte Schlacht als ein völlig entſchiedener Sieg Napoleons dargeſtellt, der einen jeden bedeutenden Wider⸗ ſtand der Preußen und Ruſſen unmöglich machte. Wohl mochten die Bulletins über dieſe Schlacht, die mir un⸗ bekannt geblieben ſind, eine ſolche Anſicht veranlaſſen. Dieſer deutſche Profeſſor ſchilderte nun die glückliche Zu⸗ kunft Deutſchlands, da die weiſen Pläne des großen Herrſchers keine Hinderniſſe mehr fänden. Ich habe die Schrift ſelbſt nicht geleſen, daß ſie Blücher und ſeine Um⸗ gebung erbitterte, war natürlich.“ Als Blücher nach Gießen kam, hatte ſich Profeſſor Crome aus dem Staube gemacht. „Die nationale Aufregung“, ſagt er in ſeiner Auto⸗ biographie,„gereichte den Deutſchen zur Ehre, und nur die Wahrnehmung einer Beimiſchung ſelbſtiſcher Abſichten konnte den Beſonnenen von der unbedingten Zuſtimmung zurückhalten. Allein bei dem feurigen Schwung, den der deutſche Nationalgeiſt auf einmal erhielt, war an eine ruhige und billige Beurtheilung der mit vieler Mäßigung abgefaßten Schrift, die wider mein Wiſſen und Willen war gedruckt worden, nicht zu denken; es war vielmehr voraus⸗ zuſehen, daß die Gegner der Franzoſen ſchonungslos gegen den Verfaſſer losbrechen würden. Deßhalb beſchloß ich, dem erſten Sturm auszuweichen und eine gelehrte Reiſe in die Schweiz zu machen.“ Sobald Blücher in Gießen von der Flucht Crome's Kenntniß erhalten, ließ er durch Steffens dem akademiſchen Senat erklären, Crome könne getroſt zurückkehren. Was ſolch„ein Lump“ denke, ſei ſehr gleichgültig. Die Billig⸗ keit fordert zu hören, was Crome zu ſeiner Vertheidigung anführt. Vier Wochen vor der Schlacht bei Lützen, heißt es in ſeiner Biographie, erhielt er ein Schreiben aus dem franzöſiſchen Hauptquartier, worin man ihn aufforderte, eine Flugſchrift aufzuſetzen, deren Haupttendenz ſei, die deutſchen Völker vor Aufruhr und Empörung gegen die franzöſiſchen Freunde zu warnen. Es ſollte darin betont werden, daß der Kaiſer Napolon nach wiederhergeſtelltem Frieden der deutſchen Nation Ruhe und Schutz gewähren und weder die Fürſten noch ihre Unterthanen in ihren Gerechtſamen verkürzen werde. Der Kaiſer werde durch Güte und Liberalität die Liebe der deutſchen Nation ſich zu erwerben wiſſen.„L'empereur se fera aimer des Allemands“, wie es in dem Schreiben wörtlich lautete. Crome vertritt die Anſicht, viele angeſehene Gelehrte hätten den franzöſiſchen Auftrag ſofort angenommen, er habe indeſſen mit der zuſagenden Antwort bis nach der Schlacht bei Lützen gezögert. Als man ihn dann franzöſiſcherſeits aufs heftigſte bedrängte, habe er ſich der Sache nicht länger entziehen können und die verlangte Flugſchrift„aus Liebe und Anhänglichkeit“ für ſeinen Souverän concipirt. Wahr⸗ lich aus„Liebe und Anhänglichkeit“, verſichert er, denn eine Anfrage an den Großherzog in dieſer Angelegenheit hätte den hohen Herrn in die größte Verlegenheit ſetzen müſſen. Sein zuſtimmendes Votum hätte beim deutſchen Publicum das unliebſamſte Aufſehen erregt, eine ablehnende Erklärung hätte den Großherzog der Empfindlichkeit ſeines Verbün⸗ deten, des Kaiſers Napoleon, ausgeſetzt. Crome behauptet weiter, die erſte, keineswegs zur Veröffentlichung beſtimmte Niederſchrift ſeiner Broſchüre ſei ihm abgedrungen und ohne ſeine Genehmigung in Druck gegeben worden, Honorar habe er niemals dafür erhalten.„Nach der Schlacht bei Leipzig“, berichtet Crome,„fiel nun alles über dieſe Schrift und deren Verfaſſer her; ſelbſt viele derjenigen, von welchen ſie vorher gelobt worden war. Dieſe ſchwachen Menſchen glaubten dadurch ſich ſelbſt ſicher zu ſetzen und vergeſſen zu machen, daß ſie früher dieſelben Grundſätze geäußert hatten und nun nach den Zeitumſtänden modelten.“ Als Crome von ſeiner Urlaubsreiſe nach Gießen zurückkehrte, warfen ihm die Studenten die Fenſter ein, ſein Name wurde, wie der Kotzebue's, auf die Liſte der Proſcribirten geſetzt und die Sicherheit ſeiner Perſon war ſo gefährdet, daß das heſſiſche Staatsminiſterium ihn in ſeinem eigenen Intereſſe erſuchen mußte, ſeine Vorleſungen einzuſtellen. Lange Zeit verging, ehe ſich die hochgehenden Wogen der Erregung legten und Crome ſeine Lehrthätigkeit an der Gießener Univerſität wieder aufnehmen konnte. Um zu einem objectiven Urtheil in dieſer Affaire zu ge⸗ langen, iſt es nothwendig, in gedrängter Form den Inhalt der Broſchüre zu reproduciren, die dem alten Blücher und allen guten Patrioten die Zornesröthe ins Geſicht getrieben hatte. Der Titel des Elaborats lautet:„Deutſchlands Criſe und Errettung im April und Mai 1813.“ Die Ein⸗ leitung iſt ein Panegyrikus auf Napoleon.„Wohl dem Volke,“ heißt es,„deſſen Schickſal die Vorſehung in die Hände eines großen und weiſen Mannes legte, der Kraft mit Willen, Weisheit mit Energie, die höchſte Intelligenz mit der ſchnellſten Entſchloſſenheit verbindet. Solche Helden ſind zum Regieren geboren, ſie ſind Werkzeuge der Vor⸗ ſehung, um ihren Zeitgenoſſen die Bahn vorzuzeichnen, die ſie wandeln müſſen. Heroen, die in Deutſchlands Schickſal eingriffen, waren Karl der Große, Guſtav Adolf und Napoleon der Einzige. In der Schlacht bei Lützen am 2. Mai 1813 entſchied der Kaiſer Napoleon darüber, ob künftig in unſerm Vaterlande ruſſiſch⸗aſiatiſche oder deutſch⸗ fränkiſche Cultur herrſchen ſolle....... Nach der Anſicht mancher Leute— ſie ſind freilich nicht ernſthaft zu nehmen — verfolgt die Invaſion der nordiſchen Mächte den Zweck, Deutſchland in ein großes ſelbſtändiges Reich umzuwandeln. Das ſind Hirngeſpinnſte von Utopiſten! Ja, ein unge⸗ theiltes Deutſchland mit einem Karl dem Großen oder einem Napoleon an der Spitze, das könnte wohl ein unabhängiges, von auswärtigen Einflüſſen freies und das europäiſche Gleichgewicht erhaltendes Staatsgebilde ausmachen. Allein die Geſchichte unſres Vaterlandes und aller Föderativſtaaten lehrt, daß das zerſplitterte, in der Mitte von Europa liegende Deutſchland niemals ohne den mächtigen Einfluß eines auswärtigen benachbarten Staates exiſtiren kann. Und welche auswärtige Macht iſt berufener, Deutſchland zu beſchützen, als Frankreich, deſſen Cultur und Sitten mit den unſrigen am meiſten übereinſtimmen, deſſen Heere immer in einigen Tagen mitten in deutſchen Landen ſtehen können, deſſen vitale Intereſſen heiſchen, Deutſchland als Vormauer an ſeinen öſtlichen Grenzen aufrecht zu erhalten? Und wer könnte wohl anders Deutſch⸗ lands Protector ſein als der große Stifter des rheiniſchen Bundes, der durch ſeine glorreichen Siege ſchon ſo manche Gefahr von unſerm Vaterlande abgewandt hat?“ Crome's Schrift macht nicht, wie er uns in ſeiner Autobiographie glauben machen will, den Eindruck eines flüchtigen Concepts, ſondern einer wohldurchdachten, lange überlegten Arbeit, und die Geſchichte von dem Manuſcript, daß ihm aus den Händen gewunden und brühwarm in die Druckerei geſchickt worden war, beruht ſehr wahrſcheinlich auf freier Erfindung. Es iſt charakteriſtiſch für Crome's politiſchen Standpunkt, daß ihm Preußen und Ruſſen als Culturfeinde vollkommen identiſch ſind. In ſeinem Kopfe — und leider zählte er in engeren und weiteren Kreiſen viele Geſinnungsgenoſſen— hatte die Idee eines einigen Deutſchlands keinen Platz, er verweist ſie als Ausgeburt kranker Gehirne gradezu ins Tollhaus. Frankreich iſt ihm das Land der aufgehenden Morgenröthe, Frankreich ge⸗ hören alle ſeine Sympathien, und die Lohe, die von Weſten her Deutſchland überflammt, hat ihn geblendet. Aber was man ihm auch vorwerfen mag, Crome war, wie er ſich ſelbſt rühmt, der treue Diener ſeines Herrn. In der Stunde der Noth hatte er im Auftrage ſeines Landesherrn durch den ihm befreundeten Bernadotte Unterhandlungen mit dem franzöſiſchen Directorium angeknüpft und für ſeinen Sou⸗ verain mit Muth und Ausdauer große Vortheile errungen. Ob ſeine Begeiſterung für Napoleon wirklich ſo groß war, als wir nach ſeinen Bekenntniſſen anzunehmen geneigt ſind, möge dahingeſtellt bleiben. War ſeine Schwärmerei für den genialen Korſen ehrlich gemeint, ſo theilte er ſie mit einer großen Zahl Deutſcher, die an eine Weltmiſſion Napoleons glaubten, ja ihn als eine Art Fatum verehrten. Man er⸗ innere ſich nur der Worte, die der größte deutſche Dichter nach zweimaliger Begegnung mit Napoleon ausſprach:„Ich will gerne geſtehen, daß mir in meinem Leben nichts hö⸗ heres und erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem franzöſiſchen Kaiſer und zwar auf ſolche Weiſe zu ſtehen. Ohne mich auf das Detail der Unterhaltung einzulaſſen, ſo kann ich ſagen, daß mich noch niemals ein Höherer der⸗ geſtalt aufgenommen, indem er mit beſonderem Zutrauen mich, wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf, gleichſam gelten ließ und nicht undeutlich ausdrückte, daß mein Weſen ihm gemäß ſei, wie er mich denn auch mit beſonderer Ge⸗ wogenheit entließ und das zweitemal in Weimar die Unter⸗ haltung in gleichem Sinne fortſetzte, ſo daß ich in dieſen ſeltſamen Zeitläuften wenigſtens die perſönliche Beruhigung habe, daß, wo ich ihm auch irgend wieder begegne, ich ihn als meinen freundlichen und gnädigen Herrn finden werde.“ Profeſſor Crome war übrigens Realpolitiker und Diplo⸗ mat genug, um andere Saiten aufzuziehen, als die Dinge ſich zu Deutſchlands gunſten gewandt hatten.„Schon in der Schweiz“, ſchreibt er,„hatte ich mich innigſt über die Befreiung meines Vaterlandes von dem franzöſiſchen Joche gefreut, aber den Schwindel konnte meine Vernunft nicht billigen, mit dem man jetzt lauter goldene Tage für Deutſch⸗ land erwartete.“ Und in der Einleitung zu ſeinem 1817 edirten Buche„Deutſchlands und Europens Staats⸗ und Nationalintereſſe“ ſagt er:„Frankreich, ein Koloß unter den Staaten Europens, welcher den ganzen Continent zu unterjochen drohte, wird in kurzer Zeit geſtürzt; dies un⸗ geheure Reich, durch zwanzigjährige Eroberungen zum Ueber⸗ maß vergrößert, wird mit Blitzesſchnelle in ſeine alten Grenzen zurückgedrängt, ein glorreicher Friede für die verbündeten Mächte wird in zwei aufeinander folgenden Jahren mit Großmuth gegen die Beſiegten geſchloſſen, und dadurch das längſt gewünſchte politiſche Gleichgewicht in Europa wieder hergeſtellt, welches einen Beharrungszuſtand des Friedens und der Ruhe für alle europäiſchen Staaten verſpricht: wer iſt es, deſſen Herz bei dieſem großen Ereigniß nicht hoch aufſchlägt, der nicht mit Bewunderung, Dank und Freude erfüllt wird?“— Im Rahmen dieſer Skizze konnte das Bild Profeſſor Crome's nur mit flüchtigen Strichen ge⸗ zeichnet werden, aber es würde der Mühe lohnen, aus ſeinen zahlreichen Werken und ſeiner Autobiographie eine aus⸗ führliche Charakteriſtik des vielgeſtaltigen Cameraliſten und Nationalökonomen zu gewinnen. 44 Jahre wirkt Crome als Docent an der Gießener Univerſität. Selten mag ein Akademiker ſo viele Beweiſe allerhöchſter Anerkennung em⸗ pfangen haben als dieſer weltgewandte Hofmann und Gelehrte. Während der Kaiſerwahl von 1790 in Frankfurt empfing ihn Leopold II. in zweiſtündiger Audienz und beauftragte ihn, das von ihm als Herrſcher von Toscana herausgegebene ſtrafrecht⸗ liche Werk„Governo della Toscana“ zu überſetzen. Der König von Preußen machte ihm ein Geldgeſchenk von 1000 Thalern, um ihn zur Mitarbeit an einem Geſchichtswerk über den ſiebenjährigen Krieg zu veranlaſſen. Franz II. entbot ihn 1792 während der Kaiſerkrönung in Frankfurt zweimal zu ſich. Mit dem König Max Joſeph von Bayern ſtand er in brieflichem Verkehr, und ſein eigener Souverän, der Großherzog von Heſſen, verſäumte keine Gelegenheit, ihn ſeiner Dankbarkeit zu verſichern. Von der Parteien Haß und Gunſt getragen, ſteht er im 79. Jahre noch wetterfeſt und ungebrochen da. In einer Regung von Nationalſtolz wird man ſich leicht beſtimmen laſſen, das Anathem über den grundſatzloſen Mann auszuſprechen, aber man wird zu einer milderen Beurtheilung ſeines Thuns und Laſſens ge⸗ langen, wenn man darauf Bedacht nimmt, daß es die Ideen zahlreicher großer und kleiner deutſcher Politiker waren, zu deren Dolmetſcher er ſich machte. Man vergegenwärtige ſich nur die Worte und Thaten des Hiſtorikers Johannes v. Müller, man rufe ſich die Antwort des deutſchen Königs von Sachſen auf die Anſprache des Dresdener Magiſtrats ins Gedächtniß zurück:„An ihn, den Sieger von Lützen, richtet euren Dank; Er rettete Sachſen und befreite Deutſch⸗ land von ſeinem Untergange!“ „Mit einem frohen Bewußtſein“, ſchließt Crome ſeine Lebensbeſchreibung,„blicke ich nun auf mein bisheriges Leben zurück, welches zwar durch mancherlei Stürme ſehr bewegt, aber auch nicht arm an Erfahrungen und Begeben⸗ heiten war, deren Erinnerung mir Freude gewährt; auch ſchmeichle ich mir, als öffentlicher Lehrer ſowohl wie auch als Schriftſteller ſagen zu dürfen: non omnis moriar!“ Blücher in Gießen. Ein Stimmungsbild aus den Freiheitskriegen. Von Alfred Bock. II. Auf Blüchers Befehl begab ſich Steffens von Gießen in das Königreich Weſtfalen, um dort für die nationale Erhebung zu wirken und die Bürger gegen die franzöſiſchen Eindringlinge zu bewaffnen. Schon in Marburg, erzählt Steffens, empfing ihn, im Gegenſatz zu Gießen, jubelnde Begeiſterung. Kaum hatte ſich dort abends die Nachricht ſeiner Ankunft verbreitet, als ihm die Bürger⸗ und Stu⸗ dentenſchaft einen ſolennen Fackelzug brachte. Die An⸗ — —— —— ——ꝑᷣ———— 4 5 ſprache des preußiſchen Emiſſärs an die Menge zündete dermaßen, daß der„Maire“ bei dem wachſenden Tumult für das Leben der Franzoſenfreunde, die die Stadt beher⸗ bergte, zu zittern begann. Marburg und Gießen, nur wenige Wegſtunden von einander entfernt, zeigen in dieſer bedeutenden Epoche eine ganz entgegengeſetzte Phyſiognomie. Marburg, obwohl unter franzöſiſcher Herrſchaft, fühlt ſich Preußen innerlich verbunden, Gießen ſteht noch unter dem Bann Napoleons und der Gloire der großen Nation. Dem ganzen ſüdlichen Deutſchland galt Napoleon als der prädeſtinirte Beherrſcher des europäiſchen Continents. Die Vornehmen und Gebildeten überboten einander, franzöſiſche Sitte und franzöſiſches Weſen geſchmacklos nachzuahmen, und die Empfindung für ein großes unabhängiges Deutſch⸗ land war vollkommen erſtorben. Es iſt bezeichnend für den Fatalismus, der ſich damals im Süden des Vater⸗ landes der Gemüther bemächtigt hatte, daß ſelbſt nach dem unglücklichen Ausgang des ruſſiſchen Feldzugs jede Auf⸗ lehnung gegen die franzöſiſche Gewaltherrſchaft als Wahn⸗ witz verſchrien wurde. Da plötzlich hallt von den Oſt⸗ marken Deutſchlands der Ruf„Freiheit!“ herüber, Preußen greift zu den Waffen, Blücher ſiegt an der Katzbach und bei Leipzig wird der unüberwindliche Napoleon nieder⸗ geworfen. Noch hat ſich das ſüdliche Deutſchland von ſeinem Staunen nicht erholt, da ſteht der alte Blücher ſchon mit ſeinen ſiegreichen Schaaren am Rhein, der greiſe Held, durch ſeine machtvolle Perſönlichkeit dazu auserſehen, die Idee der Freiheit bis zur Begeiſterung zu ſteigern. Blücher ſtellte nach Steffens' Wort das völlig Incommen⸗ ſurable des Freiheitskämpfers dar, der ſtrenge Sittenrichter wird manches an ihm tadeln, aber er war die Triebkraft des ganzes Krieges. Er war der Mann des Angenblicks, und die Art, wie ihn der Moment ergriff, riß wie ein wilder Strom alles mit ſich fort. Sein Vorſatz war Na⸗ poleons Vernichtung. Der Haß gegen den Tyrannen ver⸗ ſchmolz ſich bei ihm mit der zum Inſtinct gewordenen Ueberzeugung, daß er berufen ſei, den Kaiſer der Fran⸗ zoſen zu ſtürzen. Er war kein Mann der ehrgeizigen Re⸗ flexion und die Künſte der Diplomatie waren ihm fremd, aber in ſeiner Heldengeſtalt lebten die alten Erinnerungen an die Ruhmesthaten des preußiſchen Heeres wieder auf. Er repräſentirte den furor teutonicus und ſein„Vorwärts!“ war der Zauberſporn, der ſeine Soldaten mit Sturmes⸗ gewalt in den Vernichtungskampf gegen den Erbfeind trieb. Der Krieg hatte, wie an den meiſten deutſchen Hoch⸗ ſchulen, auch in Gießen die ſtudirende Jugend verſprengt. Die Frequenz⸗Ziffer der Gießener Univerſität war im Jahre 1813 auf ein Minimum zurückgegangen. Das Rectorat lag in den Händen des Mathematikers Kämmerer. Dieſer erließ am 29. October folgende Bekanntmachung: „Da die Zeitumſtände und vorzüglich die Sperrung der Communication mehrere hieſige Studirende abgehalten haben, zu der für den Anfang der Vorleſungen beſtimmten Zeit hier einzutreffen, ſo hat der akademiſche Senat aus Rückſicht auf deren Intereſſe den unfehlbaren Anfang dieſer Vorleſungen auf Montag den 8. November feſtgeſetzt.“ Inzwiſchen hatten Rector und Senat dem Feldular⸗ ſchall Blücher ihre Aufwartung gemacht und von dieſem, wie aus einem von der Univerſität bewahrten Acctenſtück hervorgeht, die Zuſicherung erhalten, daß er die Univerſität und aus dieſer„Rückſicht die ganze Stadt in ſeinen beſon⸗ deren Schutz nehmen werde“. Der Rector veröffentlichte daraufhin folgendes Edict:„Die Vorleſungen auf hieſiger Univerſität werden nunmehr nicht den 8., aber ganz be⸗ ſtimmt den 15. dieſes Monats ihren Anfang nehmen. In Folge der von der Generalität der alliirten Armeen aus⸗ drücklich erhaltenen Verſicherungen kann man allen Studi⸗ renden, welche ſich entweder ſchon hier befinden oder noch hierher begeben wollen, eine völlig ungeſtörte Ruhe bei ihren Studien verbürgen.“ Ein ZBlick in die Matrikel der Univerſität belehrt uns, daß der Zuwachs an Studenten zu Beginn des Winterſemeſters 1813/14 nur die Zahl 32 erreichte. Der Rector nahm die Anweſenheit Blüchers in Gießen wahr, in einer für Stadt und Univerſität gleich bedeutſamen Angelegenheit ſeine Unterſtützung zu erhalten. Das ſogenannte„Zeughaus“ der Stadt war in ein Laza⸗ reth für preußiſche und ruſſiſche Truppen umgewandelt worden. Die Belegziffer ſchwankte zwiſchen 500, 1300 und 2600 Kranken. Ein typhöſes Fieber, das unter den eng zuſammengepferchten Verwundeten graſſirte, forderte auch unter der Einwohnerſchaft der Stadt zahlreiche Opfer. Der Nector bat nun Blücher, die Verlegung des Lazareths nach Arnsburg zu befürworten, allein der Feldmarſchall war in dieſer Sache nicht competent, ſie gehörte vielmehr vor das Forum der General⸗Intendantur in Frankfurt a. M. Nachdem ſich die Unterhandlungen bis zum Herbſt 1814 hingezogen hatten, kam der Entſcheid, daß das Lazareth in Gießen zwar zu entlaſten, um ſeiner günſtigen Lage willen aber dort zu belaſſen ſei.— Blücher war in Gießen nicht müßig. Kaum hatte er von der Schlacht bei Hanau und Napoleons Rheinüber⸗ gang ſichere Kunde erhalten, als er ſeinem Stab einen Plan vorlegte, der nichts geringeres bezweckte, als unver⸗ züglich mit der ſchleſiſchen Armee den Rhein zu über⸗ ſchreiten, Holland und Brabant zu erobern und alsdann in Frankreich einzufallen. Bei vollen Bechern genoß man in Gießen die Vorfreude der kühnen Kriegsfahrt. Den thüringiſchen Dichter Adolf Bube ¹) hat das Trinkgelage der Kriegshelden in Gießen zu einem Poem begeiſtert, das den Titel trägt „Blücher in Gießen“. „Der greiſe Marſchall Vorwärts ſaß Im Hauptquartier zu Gießen Und ließ ins grüne Römerglas Johannisberger fließen. Er trank im vollen Zug den Wein Und rief: Auf, ſtimmet freudig ein, Wir ſetzen ſchleunig übern Rhein. Da rückten ſchnell der Gneiſenau, Der Müffling und der Rühle Wie auf's Commandowort genau Und mit Geräuſch die Stühle. Sie tranken vollen Zugs den Wein Und ſtimmten alle freudig ein: Wir ſetzen ſchleunig übern Rhein. Drauf ſtrich ſich nach Huſarenart Der alte Held und Zecher Nach rechts und links den grauen Bart Und hob aufs neu' den Becher, Er trank im vollen Zug den Wein Und rief: Stimmt wieder freudig ein, Wir ziehen nach Paris hinein. Das ſchlug ſo tief wie Wetterblitz Ins Herz der Generale, Sie ſprangen auf von ihrem Sitz, Die Hand am Schlachtenſtahle. Sie tranken vollen Zugs den Wein Und ſtimmten alle jubelnd ein: Wir ziehen nach Paris hinein. Und aus dem Hauptquartiere drang Ins Heer das wärmſte Leben, „Am Rhein, am Rihein“ erſcholl Geſang, „Da wachſen unſre Reben, Feldmarſchall Vorwärts ſchlägt darein, Er führt uns ſiegreich übern Rbein, Nach Frankreich, nach Paris hinein.“ 9) Geb. 1802 in Gotha, geſt. daſelbſt 1873. Das Lied iſt von Wilhelm Tſchirch in Muſik geſetzt worden. Es iſt uns ein Brief Blüchers aus Gießen vom 4. November erhalten, worin die Situation von ihm, wie folgt, geſchildert wird:„Das große uns vorgeſetzte Unter⸗ nehmen iſt ausgeführt, die Franzoſen ſind über den Rhein. Es hat ein großes Verſehen ſtattgefunden; ſonſt wäre der große Napoleon mit dem Reſt ſeiner ungeheuren Armee vernichtet worden. Bei Hanau hat er ſich durchgeſchlagen, obgleich der baieriſche General Wrede Alles gethan, um ihn nicht durchzulaſſen, ſo war er doch zu ſchwach, um ihn gänzlich ufzureiben. Ich folgte den franzöſiſchen Kaiſer beſtändig uf der Chauſſee und kam täglich in das Quartier, was er verließ. Hätte man mich uf dieſen Wege ge⸗ laſſen, ſo war ich am Feinde und griff ihn im Rücken an, wie er ſich mit Wrede engagirte. Aber Gott weiß warum, genug, ich erhielt Ordre, von Philippsthale meine Direction auf Gießen zu nehmen, und die Hauptarmee wollte mit ihrer Avantgarde den Feind folgen. Dieſe Avantgarde aber war zwei Märſche hinter mich und kam zu ſpät, um Wrede beizuſtehen, und ſo entkam der wirklich eingefangene Kaiſer. Er hat indeſſen auf dem Rückzug das Mögliche eingebüßt. Ich habe noch 5000 Gefangene gemacht und 18 Kanonen genommen; ſeine Ammunitionswagen hat er, da die Anſpannung erlag, großen Theils in die Luft ge⸗ ſprengt; mehr denn tauſend auf den Wegen vor Mattig⸗ keit geſtorben haben wir gefunden und Pferde ohne Zahl. Von ſeiner ganzen Armee hat der große Mann höchſtens 40,000 Bewaffnete über den Rhein gebracht. Aber auch wir haben Menſchen verloren; nicht gegen den Feind, er⸗ mattet ſind ſie zurückgeblieben; ſie werden aber wieder nach⸗ kommen. 14 Tage habe ich ohne Raſttag in die abſcheu⸗ lichſten Wege marſchirt, heute iſt der erſte Ruhetag. Unſere Leute mangelt es beſonders an Schuh, Stiebel und Hoſen; aber ihr guter Wille, ſowohl bei Ruſſen als Preußen, iſt unerſchütterlich. Wenn ich des Morgens heraus komme, empfangen ſie mich mit Jubel. Die deutſchen Völker hier ſind freudetrunken; und obgleich wir ihnen ſehr ſchwer fallen müſſen, ſo klagen ſie nicht. Die Franzoſen haben ſich uf ihrem Rückmarſch von Leipzig bis zum Rhein gegen ihre Alliirte infam betragen, aber die geplünderten Bauern haben auch manchen in die andere Welt geſchickt. Du wirſt fragen: Nun ſeid Ihr am Rhein, was wollt Ihr nun machen? Und ich ſage Dir, wir wollen hinübergehen, wir wollen Brabant und Holland erobern und ihm (Napoleon) ſo zu Paaren treiben, daß er Frieden machen muß. Dieſes iſt mein Vorſchlag, den ich höheren Orts eingeſandt habe. Die franzöſiſche Armee reicht nicht zu, die villen Feſtungen gehörig zu ſichern; alſo kann er mit keiner bedeutenden Macht im Felde gegen uns auftreten. Das Mißvergnügen der Nation iſt rege, und Napoleon ſeine Herrſchaft wird ſich endigen. Das iſt mein Glaubens⸗ bekenntniß. Den erſten Brief, den Du von mich erhälſt, wird von jener Seite des Stroms, in den wir die Schla⸗ werey abwaſchen geſchrieben ſein.“ Gneiſenau wurde mit der ſchwierigen Miſſion betraut, beim großen Generalſtab in Frankfurt die Genehmigung zu Blüchers Feldzugsplan zu erwirken. Als man den Abgeſäandten des Marſchalls „Vorwärts“ mit tauſend Bedenken hinhielt, brach Blücher am 7. November auf eigene Fauſt von Gießen auf und gab den Corps Langeron, Sacken und York Ordre, am 13., reſp. 14. November in Mülheim am Rhein und Um⸗ gegend einzutreffen. Am 11. November bereits in Alten⸗ kirchen angelangt, ereilte Blücher der Befehl des großen Generalſtabs, ſchleunigſt umzukehren, mit ſeiner Armee am Mittelrhein aufzumarſchiren und Mainz zu blokiren. In Frankſurt triumphirte indeſſen die Metternich'ſche Politik. Die Alliirten boten Napoleon einen für Deutſchland geradezu ſchimpflichen Frieden an, der Frankreich als natürliche Grenzen die Pyrenäen, die Alpen und den Rhein zugeſtand. Glücklicherweiſe wies Napoleon dieſe die Alliirten wahrhaft demüthigenden Friedensvorſchläge zurück. Am 2. December nahm der alte Blücher den Kampf wieder auf, den er grollend abgebrochen hatte und am 31. December, in jener denkwürdigen Neujahrsnacht, ging er bei Caub über den Rhein, um bald darauf das preußiſche Banner auf fran⸗ zöſiſchem Boden zu entfalten. Bis in das Herz Frankreichs hinein war auch der Akademiker und Freiheitskämpfer Henrik Steffens dem Siegeszuge Blüchers gefolgt. In Paris forderte er ſeinen Abſchied und kehrte, mit dem eiſernen Kreuze geſchmückt, in den Schoß ſeiner Familie zurück. Aber nicht im über⸗ wallenden Stolzgefühl des kranzgeſchmückten Siegers, ſondern in der wehmüthigen Stimmung des enttäuſchten Patrioten ſchrieb er damals die Worte nieder:„Ein anderes Deutſch⸗ land, ſo mußte ein jeder glauben, nicht das frühere, welches verſchwunden war, ſolle ſich aus dem Kampf entwickeln und geſtalten. Die Jugend war nicht ohne höhere Aufforderung in den Kampf gegangen, der Krieg war ein gemeinſchaftlicher aller Deutſchen. Wo iſt nun, fragte man, das Deutſch⸗ land, dem der gemeinſchaftliche Kampf galt? Dasjenige, wofür man ſein Leben wagt, erfüllt uns eben durch eine poſitive Realität; wenn es auch früher mehr als ein Er⸗ ſehntes, denn als ein Wirkliches da war, ſo tritt es doch und ganz nothwendig nach dem Kampfe als eine Macht hervor, und zwar als eine politiſche, die ſich nicht abweiſen läßt. Alle jungen Krieger, darunter die vorzüglichſten, durch Geiſt und Kraft am meiſten ausgezeichneten, wurden Po⸗ litiker. Wo iſt das Deutſchland, fragten ſie, für welches zu kämpfen wir aufgefordert wurden? Es lebt in unſerm Innern. Zeigt uns, wo wir es finden, oder wir ſind ge⸗ nöthigt, es uns ſelbſt zu ſuchen.“ Wir Glücklicheren vermögen den Schmerz der helden⸗ müthigen Streiter nachzufühlen, die auf der Wahlſtatt für ein hohes Ideal, für Deutſchlands Größe und Einheit ihr Leben eingeſetzt hatten und in ein zerriſſenes, von Particular⸗ intereſſen beherrſchtes Vaterland zurückkehrten. Allein wir wiſſen auch, daß das Deutſchland von 1813 noch nicht die politiſche Reife beſaß, als einheitlich ganzes in der europäi⸗ ſchen Staatengruppe eine achtunggebietende, geſ chweige domi⸗ nirende Stellung einzunehmen. Die Kriegs⸗ und Revolutions⸗ ſtürme, die ſeit der Schlacht bei Waterloo über unſer Vater⸗ land gebraust ſind, waren eine hiſtoriſche Nothwendigkeit, dem Föhn vergleichbar, der die Luft klärend den Frühling verkündigt. Erſt 1870 war die Zeit erfüllt, die der Dichter⸗ mund vor langer Friſt geweisſagt hatte. Erſt auf den Schlachtfeldern von Frankreich im aufgedrungenen Kampfe ſollte das Blut, das Deutſchlands Söhne verſpritzten, Ger⸗ maniens Stämme zu unauflöslichem Bunde zuſammen⸗ ſchweißen. (Inches] 11 11 1. 11 1 1 32 112 L 13 1 11 1. 1 34— 1 131 11 11 eu. 1il— 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 l11 ll l13 lia lis[ies 17 18 19 Centimetres Farbkarte 3. Blue Cyan Steen Nellow fed