. N 0 25 4 Urkunden und Beigaben von 1699 und 1840. Gewaltige Umwälzungen haben ſich ſeit damals im deutſchen Vaterlande vollzogen. Das alte Reich ging in Stücke. Aber aus der Zeit der Schmach und der Schande erblühte Deutſch— lands neue Macht und Größe. Unſer Heſſenland hatte großen Gebietszuwachs erhalten. Doch einen Teilſeines Umfanges mußte es wieder zum Opfer bringen, als Deutſchlands Einheit ſich vorbereitete. Dieſe wurde ge⸗ ſchmiedet in dem großen Kriege gegen Frankreich, das ſo lange von deutſchem Gut gezehrt hatte. Mit der Kaiſerkrone kehrte Wilhelm J. aus Frankreich zurück. Unter dem ſtarken Schutz des Reiches blühte Handel und Wandel. Zwar wird der Kampf des Einzelnen um ſein Daſein ſchärfer und härter als in jener biederen Zeit; dafür aber mehrt ſich der Wohlſtand, und wächſt die Fürſorge für die Unterdrückten und Schwachen. Das Maß der politiſchen Freiheit des Einzelnen iſt größer geworden. Die Dampfkraft verbindet uns mit fernen Welten, und der elektri⸗ ſche Funke bringt Licht, Bewegung und Botſchaft in's Haus und in die fernſten Fernen. Ueber Meer, Gebirg und Talſchwebt das lenkbare Luftſchiff; der Traum der Jahrhunderte hat ſich erfüllt. Auch die Stadt Gießen hat ſich gewaltig verändert. Wall und Graben ſind verſchwunden, und unſer alter Kirchturm blickt über ein weites Häuſermeer. Auf dem Seltersberg erheben ſich die neuen Kliniken, eine Stadt von Paläſten im Kleinen, an der Licher Straße die Provinzial⸗Siechenanſtalt und die Landes⸗ Heil⸗und Pflegeanſtalt, am Neuweger Tor dasſtattliche Theater. Die Straßen, beſtrahlt von elektriſchen Bogenlampen, durchſauſt die elektriſche Bahn. Die Stadt Gießen zählt nach der letzten Volkszählung aus dem Jahre 1910:31153 Seelen, darunter 26701 Evangeliſche. ie Kirchengemeinde hat ſich losgelöſt von der politiſchen Ge⸗ meinde. Für Kirche und Turm ſorgen nicht mehr Bürger⸗ meiſter und Rat, ſondern die evangeliſche Gemeinde, der als letztes auch der Turm durch die Vergleichsverhandlungen der Jahre 1909 bis 1911 als Eigentum zugewieſen wurde. Nur die ſtädtiſchen Wächter hauſen vorerſt noch in der alten Türmer⸗ wohnung, und die Glocken läuten noch Sturm, wenn irgendwo Feuer ausbricht. Das wird auch bald ein Ende haben, wenn die elektriſche Feuermeldung eingeführt ſein wird. Die Evangeliſche Gemeinde iſt ſeit dem Jahre 1892 in 4 Einzel⸗ gemeinden: Matthäus⸗, Markus⸗, Lukas⸗ und Johannes⸗ Gemeinde, geteilt, über deren Lage und Umfang die beiliegende Gemeinde⸗Satzung Auskunft gibt. Jede Gemeinde hat einen Pfarrer, einen Kirchenvorſtand von 6 und eine Gemeindever⸗ tretung von 17(18) Mitgliedern. Die Verwaltung des gemein⸗ ſamen Kirchenvermögens ſteht dem aus 12 Mitgliedern(j drei aus jeder Gemeinde) beſtehenden Geſamtkirchenvorſtand, und der 94 Mitglieder(70 zuzüglich der 24 Kirchenvorſteher) zählen⸗ den Geſamtgemeindevertretung zu. Für die Seelſorge in den zahlreichen Kliniken, der Provinzial⸗ ſiechen-Anſtalt und der Landes⸗Heil⸗ und Pflegeanſtalt iſt nach längerem Proviſorium in dieſem Jahre eine beſondere Pfarrei gegründet worden. Im Jahre 1893 wurde an der Süd⸗Anlage eine zweite evan⸗ geliſche Kirche erbaut, die den Namen Johanneshirche erhielt. Die Matthäus⸗und Markus⸗Gemeindeſſind der Stadtkirche, die Lukas⸗ und Johannes⸗Gemeinde der Johanneshkirche zugeteilt. Für jede Gemeinde iſt ein Pfarrhaus und ein Gemeinde⸗Saal vorhanden. Gegenwärtig ſtehen als Pfarrer im Amt: für die Matthäus⸗Gemeinde D. Georg Schloſſer(ſeit 1873), zu⸗ gleich erſter Pfarrer und Vorſitzender des Geſamt⸗Kirchenvor⸗ ſtandes, für die Narkus⸗Gemeinde: Pfarrer Bertold Schwabeſſeit 1903), für die Lukas-Gemeinde: Pfarrer Heinrich Bechtolsheimer ſeit 1908), für die Johannes⸗Gemeinde: Pfarrer Otto Ausfeld(ſeit 1907), Anſtaltspfarrer iſt Pfarrer Heinrich Adolph, Pfarraſſiſtent: Hans Hoffmann, Gemeindehelfer: Wilhelm Engels. Zum Geſamthirchenvorſtand gehören die Herren: 1. Rentner Wilhelm Kitz....... Matthäus⸗Gemeinde 2. Landgerichtsrat Neuenhagen.... Matthäus⸗Gemeinde 3. Kommerzienrat und Beigeordneter Louis Emmelius......... Matthäus⸗Gemeinde 4. Geh. Schulrat Dr. Rauſch..... Markus⸗Gemeinde 5. Kaufmann Daniel Ludwig Fuhr.. Markus⸗Gemeinde 6. Rentner Georg Schneider...... Markus⸗Gemeinde 7. Fabrikant E. Kauffmann...... Lukas⸗Gemeinde 8. Geh. Rat Prof. Dr. Wimmenauer Lukas⸗Gemeinde 9. Schreinermeiſter Johannes Lenz.. Lukas⸗Gemeinde 10. Stadtverordneter Friedrich Helm. Johannes⸗Gemeinde 11. Kaufmann Louis Wolſf....... Johannes⸗Gemeinde 12. Profeſſor Dr. Weimar....... Johannes⸗Gemeinde Kirchendiener an der Stadthkirche iſt: Chriſtoph Wagenbach, Hilfskirchendiener Heinrich Nachtigall. Heizer und Läuter (elektriſche Läutemaſchine): Konrad Graulich. Organiſt: Lehrer Otto Görlach. Da auch der Antrieb der Orgel elektriſch bewirkt wird, bedarf es eines Balgtreters nicht mehr. An der Spitze der Stadtverwaltung ſteht gegenwärtig Ober⸗ bürgermeiſter Anton Mecum. Beſoldeter Beigeordneter: Karl Keller. Ehrenbeigeordnete: Kommerzienrat Louis Emmelius und Juſtizrat Wilhelm Grünewald. Provinzialdirektor der Provinz Oberheſſen und Kreisrat des Kreiſes Gießen iſt Geheimerat Dr. Uſinger. Zweiter Beamter iſt Regierungsrat Welcker, Kreisamtmänner: Regierungsräte Dr. Merck und Langermann. Rector magnificus der Landesuniverſität iſt der Profeſſor der Theologie D. Samuel Eck. ie Arbeiten wurden begonnen im Juli 1912. Die Leitung hatte der Kirchenbaumeiſter Architekt Hans Meyer dahier. Die Weißbinderarbeiten wurden dem Meiſter Karl Nicolaus übertragen. Die Maurer⸗ und Steinmetzarbeiten an die Hoch⸗ und Tiefbaugeſellſchaft(vorm. Heinrich Winn& Co.) unter der Leitung des ſchon bei der Johanneskirche bewährten Parliers Alles. Die Dachdeckerarbeiten an Kröck& Müller. Die Schloſſer⸗ arbeiten an Louis Köhlinger und Karl Krailing,(letzterer für Wetterfahne und Kreuz; die Ausführung dafür lag in den Händen des Altgeſellen Adolf Dött aus Weilburg). Die Schrei⸗ nerarbeiten an Karl Klingelmeyer. Die Glaſerarbeiten an Heinrich Fillmann. Die Vergoldung an Karl Ludwig Leib; die Zementlieferung an Emil Horſt, ſämtlich zu Gießen. Die Aufrichtung des allmählich bis über die Spitze hinausge⸗ führten ſehr ſoliden Gerüſtes ging unter Gottes Schutz ohne jeglichen Unfall vonſtatten. Bei näherer Beſichtigung erwieſen ſich die vorhandenen Schäden als viel größer, als man erwartet hatte. Viele Steine waren verwittert, Balken verfault, das eiſerne Geländer und vor allem das kunſtvolle Kreuz und der als Wetterfahne dienende Löwe(aus dem Jahre 1699 ſtammend) ganz von Roſt zerfreſſen, ſo daß eine völlige Erneuerung nötig wurde. Sie werden durch genaue Nachbildungen, der Löwe aus Kupfer, erſetzt. Zugleich mit der Erneuerung des Kirchturms wurde auch der Neuanſtrich der Kirche ſelbſt vorgenommen und von denſelben Meiſtern ausgeführt. Des zur Urkunde und künftigen Geſchlechtern zum Gruß aus der Vergangenheit iſt dieſe Schrift verfaßt und wird heute in den Knauf des Turmes eingelegt. Gießen, am 18. Oktober 1912. Pfarrer der Matthäusgemeinde Pfarrer der Markusgemeinde Pfarrer der Lukasgemeinde Pfarrer der Johannesgemeinde Brühl'ſche Univ.⸗Buch⸗ und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. 4 Farbkarte 13 3