9. Verbaudtag des uteruerbands Mitteldentärhland am 13. und 14. Juli 1898 zu Gießen. Feſtgruß. gegrüßt, ſeid uns willkommen, Meiſter von der Bäckerzunft, - Die den Lockton Ihr vernommen Feſtlicher Suſammenkunft. Seid gegrüßt, Verbandsgenoſſen, Die dem Ruf Ihr folgtet gern, Die Ihr Euch zur Fahrt entſchloſſen, Die Ihr kamt von nah und fern. Auf! zu fröhlichem Verweilen, Die Ihr kamt zu unſerm Feſt, Von ſo manchen Landesteilen, Nord und Süd und Oſt und Weſt. Auf zu klüglichem Beraten, Zu bedachtem Meinungstauſch; Und nach Raten und nach Thaten Zu beglücktem Freuderauſch! Ernſtem Raten, frohem Feiern Sei der Doppeltag geweiht; Löſt Such aus dem Bann der bleiern Laſtenden Alltäglichkeit! Lernt die Stunden recht genießen, Gebt dem Berzen rechten Schwung; Hier in unſerm lieben Gießen Fühlt Euch glücklich, fühlt Such jung! Fühlt Such frei und ungebunden Bei Befeuchtung und Geſang, Fühlt Such frei zu dieſen Stunden, Frei:— es kettet Euch kein Swang. Maximal ſei Euer Leiſten Tief bis in die Nacht hinein; Und wer leiſten kann am meiſten, Der ſoll Obermeiſter ſein. Laßt den Frohſinn überdauern Die ſo kurze Sommernacht; Spielt nach Bäckerart den Schlauern: Seid hübſch wach, wenn nichts ſonſt wacht. Seht den jungen Tag, den holden, Dämmern über das Gefild Und den Morgenſtrahl vergolden Das enttauchte Landſchaftsbild. Von den Rügeln blinkt der Zauber, Von den Wäldern winkt die Luſt: Nur ein unempfänglich Tauber Schließt der Wonne ſeine Bruſt. Und nach Schnellſchlaf und Debatten Iſt Euch neue Luſt verliehn, Wann durch grünen Waldesſchatten Kloſterwärts die Bäcker ziehn. Ueber dunkle Waldeswipfel Schweift der Blick ins ſtille Land. Schiffenberg: dein freier Gipfel Unüpfe noch manch Freundſchaftsband. Heißt es Abſchied dann genommen, So gelobt die Wiederkunft; Dann lebt wohl:— ſeid ſtets willkommen, Meiſter von der Bäckerzunft! Gießen, die Hauptſtadt der Provinz Oberheſſen, die Stätte für die diesjährige Tagung des Unterverbands, ruft Euch her zu beratender Arbeit und frohem, kollegialem Zuſammenſein. Sie bietet ESuch durch wohlthuende Gemütlichkeit, durch mannigfache Reize der Landſchaft und ſehenswürdige Schöpfungen das, was ſelbſt in den Stunden gemeinſamen Ge— dankenaustauſches Such den unmittelbaren Sorgen des Alltagslebens entrücken kann. Im anmutigen Lahnthal gelegen, an das die Vorhöhen des Taunus, des Vogelsberges und des Weſterwaldes herantreten, ſieht die durch die Gunſt ihrer Lage, durch wiſſenſchaftliche Bedeutung und induſtrielle Bethätigung immer mehr emporblühende, faſt 25 000 Sinwohner zählende Stadt ruinengeſchmückte Höhen als greiſe Hochwächter, als Zeugen ihrer Geſchichte auf ſich herabblicken. Gleiberg, Vetzberg, Schiffenberg, weiter zurücktretend Staufenberg, bilden mit den verbindenden Bergzügen und den ſie zum Teil noch überragenden Höhen ein gar liebliches Rundbild, an dem ſich das Auge kaum erſatten kann. Gleiberg und Schiffenberg:— ihnen hat Gießen ſein Daſein zu verdanken. Clementia, Gräfin von Gleiberg, die Tochter des Gleiberger Grafen Hermann, der 1075 in der Schlacht bei Hohenburg an der Unſtrut durch ſein in verzweifelter Lage entſcheidendes Singreifen ſeinem Herrn und Kaiſer Heinrich IV., dem ſchickſalsverfolgten und doch ſo kraftvollen Herrſcher auf Deutſchlands Thron, den Sieg über die Sachſen verſchafft hatte, ſtiftete 1120 den Auguſtinern das nachmals an den deutſchen Orden übergegangene Kloſter Schiffenberg und veranlaßte dadurch die ſpätere Gründung Gießens, das an der Stelle, wo die Lahn den graden Weg vom GHleiberg nach dem Schiffenberg ziemlich in der Mitte kreuzt und eine Furt den Durchgang ermöglichte, von den Gleiberger Herren als eine von der Lahn und ihren Neben⸗ bächen umfloſſene und daher„zu den Gießen(d. i. Bächen)“ genannte Burg zum Schutz des zugehörigen Kloſters gegen Ende des zwölften Jahrhunderts erbaut wurde. Um 1250 wird Gießen als Stadt genannt; es kommt 1265 durch Kauf an den Landgrafen Heinrich von Beſſen. In den Jahren 1550—55 verſieht Landgraf Philipp der Großmütige die Stadt mit Feſtungswerken und nimmt ſie einige Zeit zur Reſidenz. Im Schmalkaldiſchen Krieg werden die Mauern auf Befehl Kaiſer Karls V. geſchleift, aber 1560 neu aufgeführt und ſpäter noch erweitert. In das Jahr 1570 fällt der Ban des heute der Univerſitätskanzlei dienenden Schloſſes, in welchem Ludwig V. von 1604—26 reſidiert. Er gründet neben dem von ihm geſchaffenen Gymnaſium 1607 die jetzt von über 600 Studenten beſuchte Univerſität. Im dreißigjährigen Krieg wird die Stadt von Herzog Chriſtian von Braunſchweig bedroht, der in ihrer Nähe(zwiſchen Groß⸗ und Altenbuſeck) der vereinten Macht der heſſiſchen, ſpaniſchen und bayriſchen Truppen unterliegen muß. Nachdem Landgraf Georg II. von 1651— 45 in Gießen reſidiert hat, bedrohen im Jahr 1646 die Schweden unter Wrangel und Königsmark die Stadt, ohne gegen die Tapferkeit der alle Angriffe abſchlagenden Bürger etwas ausrichten zu können. Im ſiebenjährigen Krieg hat die Stadt viel zu leiden: ſie wird von den Franzoſen belagert, eingenommen und bis 1765 von ihnen beſetzt gehalten. Der das Wirtſchaftsgebiet des benachbarten Philoſophenwaldes querende Erdwall iſt ein Reſtſtück aus dieſer Kriegszeit. Schlimmer noch ſind für Gießen die Sommertage des Jahres [796, wo es abermals von den Franzoſen eingenommen, beſetzt und nach dem Einrücken des kaiſerlichen Entſatzes von der Pulvermühle und der Hardt aus beſchoſſen wird. Im folgenden Jahre bemächtigen ſich die Franzoſen von neuem der Stadt: diesmal unter dem ſpäterhin ſo berühmt gewordenen Fürſten von der Moskwa, dem damaligen General Ney, der am 21. April das ſeltſame Mißgeſchick hat, mit ſeinem Pferd in einem ſumpfigen Wieschen bei Grüningen ſtecken zu bleiben und von verfolgenden öſterreichiſchen Huſaren gefangen genommen zu werden. Dem zügelloſen Begehren der noch bis zum Waffenſtillſtand[700 in Gießen bleibenden Franzoſen ſteuern die nicht minder bekannt gewordenen Napoleoniſchen Generale Hoche und Bernadotte; letzterem, dem nachmaligen König Karl XIV. von Schweden, verleiht die Hochſchule lediglich als Zeichen der Dankbarkeit den philoſophiſchen Doktorgrad. Kriegsſtürme ſind über Gießen hinweggegangen; als Feſtung hat es ſich wenig bewährt. Gegen eine Beſchießung der Stadt von den umliegenden Höhen können die Feſtungswerke doch keinen Schutz gewähren, und ſie werden in den Jahren 1805—10 geſchleift. Und nun ſprengt mit der Zeit die damals nur wenig mehr als 5000 Sinwohner zählende Stadt die Enge ihres Weichbilds. Auf dem Umkreis der niedergelegten Befeſtigung entſtehen baumgeſchmückte Anlagen: in ihrer Ge⸗ ſamtheit im Volksmund als„Schoor“ oder richtiger„Schur“ bezeichnet, nach neuerer Nennung mit den vier Unterteilen der Süd⸗(vordem„Neuen Anlage“), Oſt⸗, Nord⸗ und Weſt⸗Anlage. Schritt für Schritt, wenn auch anfänglich ſehr langſam, nimmt das Baubedürfnis von den außerhalb der einſtigen Stadtumfaſſung gelegenen Teile Beſitz; es zieht mit fortſchreitender Beſiedlung vereinzelte Gebäude, die ehedem weit vor der Stadt lagen(ſo den oſtwärts gelegenen, ſeine einſtige Beſtimmung im Namen tragenden Schützenhof und die früher v. Rabenau'ſche Beſitzung an der Frankfurter Straße, ehedem der„bunte Bock“ genannt, wo die nun längſt abgethane Poſtkutſche mit den ins Semeſter einziehenden Muſen⸗ ſöhnen pflichtſchuldigſt zur unvermeid⸗— eine Omnibusfahrt zu kürzen imſtande lichen Stärkung letzte Station machte) iſt, wird jedem eine Fülle von Ein⸗ in ſein Bereich und greift noch weit drücken vermitteln; und gewiß wird darüber hinaus. Längſt tr eie 5 3 darüber hinaus. Längſt trennt keine es nicht an der zu einer halben weite häuſerloſe Strecke mehr den vor Runde um die Anlagen erforderlichen anderthalb Jahrzehnten aus Feuer— trümmern neu erſtandenen„Buſche'.— Garte',“ jetzt„Steins Garten,“ von dem älteren Stadtbezirk; freundliche Wirtſchaftsplätze wie Liebigshöhe, Zeit fehlen: wenigſtens ſollte niemand von Gießen ſcheiden, ohne die mit der neuen Johanniskirche geſchmückte Südanlage und die in ihrem Blätter— grün ſie noch überbietende, in ihrem Ohiloſ d, Schöne Ausſi d 1 4 ſ 1 Ceil di Philoſophenwald, Schöne Ausſicht und 4 angeſtammten hinteren Teil die reiz— die in dor 800 m Laurgen ellipſenför vollſten Parkpartieen hegende Ooſt⸗ fahr⸗Re jüngſte 4.; migen Radfahr⸗Rennbahn jüngſten— anlage geſehen zu haben, die zugleich Datums eine Sehenswürdigkeit und Gießens idealſte Sehenswürdigkeit überdies einen lohnenden Blick auf—— birgt: das mit einem Koſtenaufwand Gießen bietende Rardt ſind dicht an den N wu von nahezu 150 000 Mk. von Schaper 2 SAder S. 2r weiter 2*—. 4 BRand der iadteric unien Warter⸗* 8 geſchaffene, in ſeinem blendenden 3r.. Herüberbo 5 r„ 3 8 5 5— e. 5. immer raſcher überholt die nie raſtende———— Weiß ſich kontraſtreich von dem dunkel⸗ Gegenwart die Vergangenheit. Weit vom Mittelpunkt der Stadt ab krönen augenfällige Bauwerke die äußerſte Stadthöhe: in öſtlicher Richtung die ſeit 1887 in Benutzung genommene neue Kaſerne, in ſüdlicher die in Sin⸗ richtung und Betrieb unübertroffenen Klinikbauten. Ein Gang in der einen oder anderen Richtung, den überdies Liebig⸗Denkmal. grünen Bintergrund der Anlage und des botaniſchen Gartens abhebende — Denkmal des einſt in den Zeiten ſeiner rüſtigſten Kraft für die Gießener — 5/ 41 Bochſchule gewonnenen Chemikers Juſtus Liebig. Und iſt von den herr⸗ lichen Plätzen der weiteren Umgebung auch nur der Schiffenberg zum Ziel genommen, auf deſſen vom Wald⸗ frieden umruhten Höhe das Berz ſich ſo frei und wohl fühlen kann, und gebricht es an der Zeit, noch ſonſt hinauszuſtreben in mehrkilometrige Entfernung, ſich in ſorgenentledigter, ſelbſtbewilligter Freiheit feſtzuniſten auf dem eine Welt des Vergangenen hervorzaubernden Gleiberg, auf dem ſtolzromantiſchen Staufenberg, dem in allerjüngſter Zeit gigantiſch erwachſenen Windhof oder beim Geplätſcher des quellenklaren Bieberbaches auf der idylliſchen Heuchelheimer Mühle, ſo findet ſich auch in der engeren oder weiteren Stadt manches angenehme Gartenplätzchen und manche Wirtsklauſe, wo des Stoffes Fülle nimmer verſiegt und zu ſorgenfreiem Kaſten einlädt. —ꝛ—ꝛ:PO9— Im Anſchluß an den vorſtehenden lokalgeſchichtlichen Ueberblick ſeien folgende litterariſche Erzeugniſſe genannt, die in Ed. Ottmann's Druckerei und Verlag, Schloßgaſſe 13, erhältlich ſind: Der Graf von Gleiberg. Eine Balladendichtung von O. E. Peters. Preis 1 Mark. Der große Epheu im Burghof zu Gleiberg.— Clementia. Zwei Dichtungen von O. E. Peters. Preis 15 Pfg. Kriegsgeſchichte der Stadt und Veſtung Gießen und deren umliegenden Gegenden vom 7ten July bis zum 9ten September 1790 von einem Augenzeugen.(Reudruck.) Preis 1 Mark. Srogramm. Mittwoch, den 15. Juli. Von Vormittags 9 ½ Uhr ab: Empfang der auswärtigen Kollegen am Bahnhof. Vormittags 11 Uhr: Beginn der Verhandlungen. Nachmittags 3 Uhr: Feſteſſen in Steins Garten. Abends: Familienabend auf Textors Terraſſe. Dennerstag, den 14. Juli. Vormittags 9 Uhr: Frühſtück in Steins Garten. Von 10 Uhr an: Fortſetzung der Verhandlungen. Nach denſelben zwangloſes Mittageſſen in Steins Garten. Nachmittags 2 Uhr: Ausflug nach Schiffenberg. Abends 7 Uhr: Rückfahrt mit der Bahn. Tages⸗Ordnung. Eröffnung der Verſammlung und Begrüßung der Gäſte und Kollegen. Jahres- und Kaſſenbericht. Wahl der Siebener⸗Kommiſſion nach§ 4 des Verbandsſtatuts. Antrag der Innung Caſſel: Abänderung des§ 4 des Verbandsſtatuts. Referent: Wittich⸗Caſſel. GOrganiſation des Handwerks. Referenten: Simmen⸗Caſſel, Löber⸗Gießen. .Die geplante Witwenkaſſe im Centralverband. Referent: Simmen. . Stellungnahme zum Beſchluß des Breslauer Verbandstages, betr. Ausgabe der Verbandspapiere. .Antrag der Innung Gießen: Die polizeiliche Brotkontrolle in Heſſen. Referent: Hennings⸗Gießen. . Maximal⸗Arbeitstag im Bäckerei⸗Gewerbe. . Bericht der Siebener⸗Kommiſſion: a) Ueber die Wahl des Vororts, ſowie Ort und Zeit des nächſten Verbandstages. b) Bericht über die Kaſſenführung und Entlaſtung des Kaſſierers. . Wahl der Delegierten zum nächſten Centralverbandstag. . Nachträglich eingegangene Anträge. 9 S .Verſchiedenes. Reiſediäten, Ehrenmitgliedſchaft, nachträgliche Bewilligungen u. ſ. w. Ed. Ottmann’'s Druckerei, Gießen⸗ 9⸗. Perbaudstag deé Auterverbands Mitteldenterhlaud am 13. und 14. Juli 1898 zu Gießzen. Feſtgruß. Jeid gegrüßt, ſeid uns willkommen, Meiſter von der Bäckerzunft, Die den Lockton Ihr vernommen Feſtlicher Suſammenkunft. Seid gegrüßt, Verbandsgenoſſen, Die dem Ruf Ihr folgtet gern, Die Ihr Euch zur Fahrt entſchloſſen, Die Ihr kamt von nah und fern. Auf! zu fröhlichem Verweilen, Die Ihr kamt zu unſerm Feſt, Von ſo manchen Landesteilen, Nord und Süd und Oſt und Weſt. Auf zu klüglichem Beraten, Zu bedachtem Meinungstauſch; Und nach Raten und nach Thaten Zu beglücktem Freuderauſch! Ernſtem Raten, frohem Feiern Sei der Doppeltag geweiht; Löſt Such aus dem Bann der bleiern Laſtenden Alltäglichkeit! Lernt die Stunden recht genießen, Gebt dem Berzen rechten Schwung; Hier in unſerm lieben Gießen ————. Cr,— — Farbkarte 13 Fühlt Such frei und ungebunden Bei Befeuchtung und Geſang, Fühlt Such frei zu dieſen Stunden, Frei:— es kettet Euch kein Swang. Maximal ſei Euer Leiſten Tief bis in die Nacht hinein; Und wer leiſten kann am meiſten, Der ſoll Obermeiſter ſein. Laßt den Frohſinn überdauern Die ſo kurze Sommernacht; Spielt nach Bäckerart den Schlauern: Seid hübſch wach, wenn nichts ſonſt wacht. Seht den jungen Tag, den holden, Dämmern über das Gefild Und den Morgenſtrahl vergolden Das enttauchte Landſchaftsbild. Von den Hügeln blinkt der Sauber, Von den Wäldern winkt die Luſt: Nur ein unempfänglich Tauber Schließt der Wonne ſeine Bruſt. Und nach Schnellſchlaf und Debatten Iſt Such neue Luſt verliehn, Wann durch grünen Waldesſchatten 1211-A eer ohn