J 1e- 9 fa‿rr v, e N24500(24) 9.( 1907. ſerunterſchlucken könnte.“ Es war damals eine wüſte Zeit, und die Gießener Burſchen galten weitum in deutſchen Landen als„Rauhbeine“, die beim Becher wie mit der Waffe ihren Mann ſtanden und mit denen man nicht gern anband. Die Zeiten ändern ſich, und die Kultur, die alle Welt beleckt, hat ſich auch auf den Gießener Studenten erſtreckt. Aber trotzdem die Ludoviciana heute als Arbeitsuniverſität gilt, hat ſich das Gießener Studentenleben doch ein gut Teil ſeiner Feuchtfröhlichkeit, ſeiner Ungebundenheit und ſeiner kräftigen Urwüchſigkeit bewahrt. Es ſind erſt zwanzig Jahre her, daß dem Schreiber dieſer Zeilen, als er von Gießen nach Heidelberg kam, die Frage vorgelegt wurde, ob denn in Gießen noch immer ſo wacker gezecht und ſo wacker gefochten werde wie ehemals. Dieſen Ruf hat die heſſiſche Univerſität beibehalten. Dem guten Bier, das in Gießen ge⸗ braut wird, tun die akademiſchen Bürger noch heute alle Ehre an, und die„Gießener Quart“ erfreut ſich noch heute auf deutſchen Hochſchulen ungeteilter Anerkennung. Das Fendalweſen, wie es ſich auf manchen Hochſchulen breit macht, hat im Heſſenlande er⸗ rzulicher wede keine Anklang gefunden. Wenn es auch ſchon lange her iſt, daß in Gießen die Waſchfrau dem Studenten den be⸗ rühmten Wäſchezettel ausſchrieb, der mit den Worten begann: „Das Hemd 156 Pfennige“, und daß ein Gießener Bürger, der einen Marburger Studenten mit Handſchuhen ſah, erſtaunt aus⸗ gerufen haben ſoll:„Guck nur den komiſchen Kerl, der hat Strümpfe an den Händen!“, ſo hat doch das Handwerk der Handſchuhmacher auch heute in Gießen noch keinen goldenen Boden. Und wenn auch die Laukhardt und Genoſſen der Vergangenheit angehören, ſo hat es doch auch in der neueren Zeit an„berühmten“ Gießener Studenten nicht gefehlt, von denen die Geſchichte der Univerſität, wenn ſie bis zur Gegenwart fortgeführt ſein wird, gar manches zu berichten haben wird, ebenſo wie an luſtigen Studentenſtreichen, in denen ſich die Gießener von jeher geſielen, bis in die neueſte Zeit hinein kein Mangel war. 5 — Deshalb kam auch der heſſiſchen Ludwigs⸗Univerſität unter den deutſchen Hochſchulen von jeher eine bedeutſame Rolle zu, nicht nur wegen ihrer wiſſenſchaftlichen Bedeutung, die ja in dieſem Blatte eingehend gewürdigt worden iſt, ſondern auch wegen des friſchen frohen Geiſtes, der in der Gießener Studentenſchaft von jeher heimiſch war und noch heute in ihr lebt. Dieſer Geiſt iſt ein ſehr freiheitlicher. Hat doch Gießen neben Jena in der Pürſchenichaft. lichen Bewegung, die gegen die Reaktion,„gegen Zopf und Phi⸗ liſterei“ gerichtet war und iſt, von jeher eine ſehr hervorragende Rolle geſpielt, und hat doch, wie vor kurzem in der Voſſ. Ztg.“ er⸗ zaäͤhlt wurde, der„Ehrenſpiegel“ der„Gießener Schwarzen“ die Grundlage der burſchenſchaftlichen Verfaſſung von 1817 gebildet. Ein feuchtfröhliches Studentenleben blüht und gedeiht bei aller Arbeitsfrendigkeit noch heute in Gießen, und die Gießener Bürger nehmen an dieſem Studentenleben regen Anteil. Der Student iſt populär in Gießen, und der„Philiſter“ hat auch das nötige Ver⸗ ſtändnis und den nötigen Humor für die„Studenteſpäß“. Sogar zu den Menſuren fährt er oft genug mit hinaus, und wenn zwei 1 gute Schläger mit einander losgehen ſollen, dann wird Tage lan vorher diskutiert, wer wohl den anderen„abſtechen“ werde. Ja, e kommt wohl auch vor, daß auf den einen oder anderen„Favoriten“ Wetten abgeſchloſſen werden. Urgemütlich ſind die Gießener Bierlokale. Für die Verbindungen, die heute zumeiſt ihre eigenen Häuſer beſitzen, haben ſie freilich nicht mehr die Bedeutung wie früher. Aber Lokale, wie das des Andres Weidig, von dem es in einem Liede der Gießener Burſchenſchaft Alemannia heißt:„Ob kahl das Haupt, nie meid' ich Dich alten Andres Weidig“, ſind mit dem Gießener Studentenleben eng ver⸗ knüpft. Dort haben die Burſcheuſchaften ihre Tiſche, und wer an dieſen ein Semeſter lang bierehrlich gekneipt hat, der hat das Recht, in den Tiſch ſeinen Namen einzuſchneiden und ſich ſo ein Denkmal zu errichten, beinahe ſo dauernd wie Erz. Im„Weidig“ war es, wo einſt der Student der Theologie N., der Deut ſchon lange in Amt und Würden iſt, als er mit geſpicktem? „Nu, Herr Studioſus, wie wärs mit dem Bezahle?“„Aber, lieber Weidig“, erwiderte der ſchlagfertige Theologe,„wenn ich jedt mein Geld mit Bezahlen verplempere, dann müßte ich doch na er verplemperte ſein Geld nicht mit Bezahlen! Einer der berühmteſten Gießener Studenten des 19. Säkulums war der„tolle Heinz“, deſſen Kopf, den die blaue Mütze ſchmückte, unerſchöpflich war in dem Aushecken luſtiger Streiche, die das Gießener Stadtgeſpräch bildeten, beſonders wenn es ihm gelungen war, der heiligen Hermandad, deren Waffe das Strafmandat war, ein Schnippchen zu ſchlagen. So wie damals, als er ſich an einer galligen Nachbarin, die ſich über die geräuſchvolle Heimkehr des Studenten beſchwert hatte, dadurch rächte, daß er die auf dem Fenſterbrett der Dame poſtierten Blumeutöpfe nächtlicher Weiſe zu raubeu verſuchte. Aber die Polizei war auf dem Poſten und über⸗ raſchte den Täter bei ſeiuen Attentat.„Was machen Sie da“, herrſchte ihn der Vertreter des Geſetzes an.„Ach entſchuldigen Sie“, ſtammelte der immer Geiſtesgegenwärtige,„da wohnt eine Dame, die morgen Geburtstag hat, und da haben wir ihr die Blumentöpfe hingeſtellt!“ „Solchen Unfug duldet die Behörde nicht,“ ſchrie zornentbrannt der Hüter des Geſetzes,„gleich nehmen Sie die Töpfe wieder fort!“ Alſo geſchah es, und eine hohe Behörde machte ſich alſo der Be⸗ günſtigung ſchuldig. Der tolle Hans mußte, nachdem er Hiaben mehrere Semeſter hindurch förmlich auf den Kopf geſtellt hatte, in⸗ folge eines unglücklich verlanfenen Piſtolenduells auf die Feſtung wandern. Er ging ſpäter nach Amerika, wo er bis zu ſeinem un⸗ längſt durch einen tragiſchen Unfall herbeigeführten Tod eine führende Rolle unter den Deutſchen geſpielt hat.. Ein populärer Gießener Student iſt auch der„dicke Wilhelm“ geweſen, den nun auch ſchon die kühle Erde deckt. Als er einſt die Maſtviehausſtellung in Frankfurt a. M. mit einigen Kommilitonen beſuchte, befeſtigten ihm dieſe auf dem Rücken ein in der Ausſtellung „gemopſtes“ Plakat mit der Inſchrift:„Preisgekrönt auf der Maſt⸗ viehausſtellung.“ Und alſo prämiiert wanderte er, der ſeine 224 Pfund Lebendgewicht hatte, ahnungslos durch die Straßen Gießens zum Gaudium der Ingend und der Erwachſenen. ſentel aus den Ferien zurückkam, von dem alleweil freundlichen Wirt gemahnt wurde: hher wieder anfangen zu pumpen, und pumpen ſoll der Menſch doch nicht.“ Und — Ein andererer berühmter Student aus der neueren Zeit, von dem aylreiche luſtige und tolle Streiche berichtet werden, iſt der be⸗ kannte Schriftſteller Adam Karillon, der in ſeinem neueſten, in der „Voſſiſchen Zeitung“ eingehend beſprochenem Buche„Die Mühle zu Huſterloh“ das Gießener Studentenleben und gar manche ſeiner eigenen Streiche ſo anziehend und packend geſchildert hat. Sind die vorſtehend erwähnten Gießener Studenten ſämtlich dem Kreiſe der Burſchenſchaft entnommen, ſo gebietet es die Parität, daß wir auch einiger berühmten Gießener Korpsſtudenten gedenken. Ein ſolcher war— Wilhelm Liebknecht, der verſtorbene Führer der Sozialdemokratie, der in der Tat in ſeiner Ingend ein flotter, toller Korpsſtudent geweſen iſt. So ändern ſich die Zeiten und wir mit ihnen! Ein anderer berühmter Korpsſtudent aus der neueren Zeit war Chriſtian Buſch, dem man, als er im Winterſemeſter 1904/5 ſtarb, auf ſeinen Leichenſtein hätte ſchreiben können: Dieſer war der älteſte deutſche Student!— Buſch, der, behindert durch einen auf dem Paukboden erlittenen Unfall, niemals ein Examen gemacht hatte und bis an ſein Lebensende Famulus im chemiſchen Laboratorium, aber dabei alleweil fidel geblieben war, hatte, als er im 51. Lebens⸗ jahre ſtarb, die reſpektable Zahl von 67 Semeſtern. Eine andere Berühmtheit Gießens, die freilich nicht zu den akade⸗ miſchen Bürgern gehörte, war Karlche Huhn, mit deſſen vor einigen Jahren erfolgtem Ableben ein wirkliches Original aus dem Kreiſe der Zeitgenoſſen ſchied. Das Karlche, anders nannte ihn niemand, war ein Fuhrwerksverleiher, der mit ganz Gießen auf Du und Du ſtand und ſeine bevorzugten Gäſte ſelber fuhr. Nicht Bevorzugten gegenüber konnte er recht grob werden, beſonders wenn man ſeinen Kredit, der wirklich recht langfriſtig war, gar zu arg ausnutzte und womöglich dem Mahner gegenuͤber grob wurde. Karlche Huhn hat es einmal fertig gebracht, eine Gießener Verbindung, die bei ihm ſchon hoch in der Kreide ſtand, nachdem ſie die Jagdwagen, die zu einem Renommierbummel beſtellt waren, bereits beſtiegen hatte, vor die Alternative zu ſtellen:„BVezahle oder abſteige!“ und da ſie nicht zahlen konnte, mußte ſie eben abſteigen; ſo endete der Renommierbummel recht kläͤglich. Daß Karlche Huhn recht urwücſig ſein konnte, hat auch einmal ein durch ſtattlichen Umfang ausgezeichneter Marburger Student er⸗ fahren, der in Gießen oft Gaſtrollen gab. Er richtete an Karlche die neugierige Frage, weshalb ſeine Gäule ſo mager ſeien, worauf der für ſeine Pferdchen ſehr Eingenommene erwiderte:„Wenn meine Gäule ſo freſſen und ſo ſaufen täten wie du, dann würden ſie auch einen ſolchen Bauch und ſolch Hängekinn haben wie du!“ — Eine beſondere Merkwürdigkeit war Karlche Huhns Kontobuch. Da er es zur Kunſt des Schreibens nicht gebracht hatte, ſo malte er die Kunden in ſein Kontobuch, indem er jeden durch eine be⸗ ſondere körperliche Eigentümlichkeit kennzeichnete und daneben die Ziffern des gepumpten Betrages(Ziffern konnte er ſchreiben) ſetzte. Zunm Schluß noch ein luſtiger, auf eigenartige Weiſe mißglückter Streich, deſſen beide Urheber heute längſt in Amt und Würden— und zwar hohen Würden— ſind. Es war vor zwanzig Jahren, als durch die Preſſe folgende Geſchichte ging: Zwei Studenten, A. und B., gehen auf Abenteuer aus. A. löſcht rechtswidrigerweiſe eine Laterne aus; in demſelben Auenülii iſt ein Poliziſt zur Stelle; Student B. ergreift die Flucht, wird natürlich für den Täter gehalten, verfolgt, ergriffen und mit einem Strafmandat be⸗ dacht. Er erhebt Einſpruch und wird freigeſprochen, da Student A. als Zeuge beſchwört, daß B. keine Laterne ausgelöſcht hat. Der Nuhm dieſer beiden Laternenauszünder ließ zwei wackere Gießener Burſchenſchafter nicht ſchlafen, und ſie beſchloſſen als⸗ bald, hinzugehen und desgleichen zu tun. Die Sache wickelte ſich vorſchriftsmäßig ab. Studioſus W., den ſeine un⸗ gewöhnliche Körperlänge in den Stand ſetzte, Laternen ohne Anwendung von Kletterkünſten nur mit Hilfe des Spazier⸗ ſtockes auszudrehen, vollführt die Tat. Studioſus G. läuft davon, wird gefaßt und mit einem Strafmandat bedacht, gegen das er Einſpruch erhebt mit der Begründung, daß Studioſus W. eidlich bekunden werde, daß er, der Studioſus G., keine Laterne ausgelöſcht habe. Das Strafmandat wurde daraufhin zurückgefohen und G. trinmphierte. Aber er lachte zu früh, denn es folgte ein neues Straf⸗ 2 4 le 4. hatte an dem G kachahn fu dem. aber wurde erkannt, daß er feucht die akademiſchen 23e M onder für Humor So if Voſſiſche Zeitung. Erſte Beilage ⁴☚ Colour& Grey Control Chart e Blue Cyan Green Vellow Hed Magenta White Grey 1 Grey 2 SGreys Grey 4 Black —wer we Student Laukhardt, der ſich zu Ende des 18. Jahrhunderts Stu⸗ dierens halber in Gießen aufhielt und von dem denlic) in dem Feuilleton„Gießener Studentenleben im 17. und 18. Jahrhundert“ Näheres berichtet wurde, erzählt einmal, wie er nach Göttingen kam und dort von der geſamten Studentenſchaft feierlich empfangen 8 wurde. Zum Willkommtrunk wurde ihm ein Glas, mit edlem Schnaps gefüllt, überreicht. Er nahm es und verlangte dazu eine K feſte Schnur, die ihm denn auch gebracht wurde. Das eine Ende der Schnur wickelte er ſich um das Handgelenk, das andere Ende knüpfte er um den Fuß des Glaſes und nun trank er den„Reſt“ 8 auf das Wohl der Göttinger Studentenſchaft. Als ihm daun die 5 Frage vorgelegt wurde, ob das in Gießen ſo Sitte ſei, erwiderte er: „Das nicht, aber ich hatte Angſt, daß ich das kleine Gläschen mit herunterſchlucken könnte.“ Es war damals eine wüſte Zeit, und die Gießener Burſchen galten weitum in deutſchen Landen als„Rauhbeine“, die beim Becher wie mit der Waffe ihren Mann ſtanden und mit denen man 4 nicht gern anband. Die Zeiten ändern ſich, und die Kultur, die alle Welt beleckt, hat ſich auch auf den Gießener Studenten erſtreckt. Aber trotzdem die Ludoviciana heute als Arbeitsuniverſität gilt, hat ſich das Gießener Studentenleben doch ein gut Teil ſeiner Feuchtfröhlichkeit, ſeiner Ungebundenheit und ſeiner kräftigen Urwüchſigkeit bewahrt. Es ſind erſt zwanzig Jahre her, daß dem Schreiber dieſer Zeilen, als er von Gießen nach Heidelberg kam, die Frage vorgelegt A wurde, ob denn in Gießen noch immer ſo wacker gezecht 4* und ſo wacker gefochten werde wie ehemals. Dieſen Ruf hat die heſſiſche Univerſität beibehalten. Dem guten Bier, das in Gießen ge⸗ braut wird, tun die akademiſchen Bürger noch heute alle Ehre an, und die„Gießener Quart“ erfreut ſich noch heute auf deutſchen Hochſchulen ungeteilter Anerkennung. Das Feudalweſen, wie es ſich auf manchen Hochſchulen breit macht, hat im Heſſenlande er⸗ 5* enlicheweſe keinen Anklang gefunden. Wenn es auch ſchon lange in Gießen die Waſchfrau dem Studenten den be⸗ —— ̈ 8 —. ₰ Wnamnnnhnnnnnuuannn b