Stärke und Zuſammenſetzung der Studentenſchaft in der Frühzeit der Univerſität Gießen (1607- 1624). Von Wilhelm Martin Becker. — — Grossh. Universitaets- Bibliothek — Wilhelm Martin Becker, Studentenſchaft in Gießen. 57 Dreihundert Jahre ſind es jetzt her, daß Landgraf Ludwig V. von Helſen-Darmitadt ſich die Selbſtändigkeit leines Univerſitätsweſens erkämpfte, daß mit allen Mitteln politiſcher Klugheit ein diplomatiſcher Feldzug geführt wurde, der ihn in den Beſitz der koſtbaren Urkunde ſetzen ſollte, wodurch er 1607 lein Gießener Gymnalium illuſtre in eine vollberechtigte Univerſität verwandelte. So mag in dieſem Jahre auch hier von jener Anfangszeit der Landesuniverſität die Rede ſein, die lich einer ſchärferen Betrachtung als ihre erſte Blütezeit darſtellt. Freilich iſt diele Blüte durch den Krieg bald entblättert worden. Ich möchte hier auf eine Seite der Betrachtung aka- demiſchen Lebens den Blick lenken, die bisher nicht in genügender Weiſe beachtet worden ift, nämlich auf die Frage nach Stärke und Zuſammenſetzung der Studentenſchaft, eine Frage, worüber noch bis vor kurzem für die meiſten Hochſchulen jener Zeit keine klare Vorſtellung herrſchte. Dieſe Unklarheit hängt zum guten Teil damit zuſammen, daß die Matrikeln vieler Hochſchulen nicht veröffentlicht ſind; bilden doch die Univerſitätsmatrikeln für Unterſuchungen dieſer und mancher anderen Art die wichtigſte Quelle. Die perſonengeſchichtliche Wichtigkeit der Matrikelaufzeichnungen, die ſie für genealogiſche Unterſuchungen ganz unentbehrlich macht, hat man längſt erkannt. Nun hat man aber in neuerer Zeit auch begonnen, die Matrikeln in anderer Hinſicht aus- zubeuten, nämlich zu ſtatiſtilchen Unterluchungen: vor allem galt es hier, aus der Zahl der immatrikulierten Studenten die Frequenz der betreffenden Hochſchule zu ermitteln. Ich brauche hier nicht weiter auszuführen, in wie fruchtbarer Weile lich beim Vergleich verſchiedener Zeiträume derſelben Hochlchule, wie beim Vergleich verſchiedener Hochichulen im gleichen Zeitraume die Bedeutung der Einzeluniverſität für die Befriedigung des Bildungsbedürfniſſes der Nation 58 Wilhelm Martin Becker feltltellen läßt. Aber nicht minder bemerkenswerte Auf- ſchlüſſe gewinnt man, wenn man dazu übergeht, die Herkunft der einzelnen Studenten mit in die Betrachtung hereinzuziehen, und zwar die Herkunft ſowohl nach Land' als nach Stand; das Bildungsltreben ganzer Volksgruppen wird auf dieſem Wege unmitteibar erfaßbar. Iit man dann ferner noch in der Lage, die Fakultätszugehörigkeit der einzelnen Studenten in Rechnung zu ziehen— leider geben für die ältere Zeit die Matrikeln darüber oft keinen Auflchluß— ſo erhält man Reſultate, die ein Stück nationaler Geiſtesgelchichte in ihren Zahlen widerſpiegeln. In leinem umfaſſenden Werke„Die Frequenz der deutſchen Univerſitäten von ihrer Gründung bis zur Gegenwart“(Ab-— handlungen der phil.-hiſt. Klaſſe der kgl. lächl. Geſelllchaft der Wiſſenſchaften Bd. XXIV, 2, 1904) hat es Franz Eulenburg unternommen, vor allem den ſicheren Boden für derartige Unterſuchungen zu ſchaffen, indem er die Ziffern der Frequenz für die Univerſitäten Deutſchlands aus den Angaben der Matrikeln gewann, ihre Schwankungen feltltellte und in großen Zügen erklärte. Auch hat er für die andern oben angedeuteten Fragen mancherlei beigebracht. Doch bleibt hierin noch vieles zu tun, da die genauere Verfolgung der Herkunftsfrage und der Fakmultätsfrequenz außerhalb der Grenzen des Eulenburgſchen Buches geblieben ift. Hier ilt die Arbeit derer am Platze, die ſich mit der Beſonderheit der einzelnen Univerſität vertraut gemacht haben. Es ilt nicht jedem Benutzer einer Matrikel möglich, ſich ſelbſtändig in ihre Eigenart einzuarbeiteni. Der Einzelforſcher wird wohl zu den von Eulenburg gegebenen Werten Ergänzungen, in einzelnen Fällen auch Berichtigungen liefern; belonders aber läßt die Herkunftsſtatiſtik, iſt lie erſt für Deutſchlands lämtliche Hochſchulen ausgebaut, überraſchende Ergebnille erwarten. Doch das ſteht noch im weiten Feld. Für unſere Landesuniverſität und ihre ältelte Zeit zu klaren Vorftellungen in den angedeuteten Richtungen zu kommen, iſt der Zweck dieles Verluches. Die Gießener Matrikel, Grund- und Hauptquelle aller dieler Unterſuchungen, iſt vollltändig erſt von der Wieder- herſtellung der Univerſität im Jahre 1650 an erhalten. Was 1 E. Schrödéer im Nachwort zu Falkenheiners Perſonen- und Orts- regiſter zu der Matrikel und den Annalen der Univerlität Marburg (1904) S. 265. Studentenſchaft in der Frühzeit der Univerſität Gießen. 59 aus der Frühzeit vor der Ueberſiedlung nach Marburg davon erhalten ilt, ſtellt kein Ganzes vor. Das Matrikelbuch jener Zeit iſt verloren. Vorhanden ſind Konzepte der Rektoren für die Eintragung in dieles Buch und Abſchriften der Jahresliften, die als Berichte an den Hof geſchickt worden ſind; auch dieſe erſt leit wenigen Jahren bekannt. Denn als E. Klewitz und K. Ebel ſchon mit dem Abdruck der Matrikel von 1650 ab(zuerſt in den Mitteilungen des Ober- heflilchen Geſchichtsvereins) begonnen hatten, fanden ſich Reſte im Univerſitätsarchiv und wurde dann dem bis 1707 geführten Abdruck als Nachtrag beigegebeni. Sie enthielten fünf Jahrgänge der Matrikel, 1608 bis 1611 und 1614. Auch im Großh. Staatsarchiv zu Darmitadt fanden ſich leitdem entſprechende Aufzeichnungen, die teils Kopien der Gießener darftellen, teils aber auch Abweichungen und Zuſätze enthalten. Einen größeren Zuſatz?, die Pädagogmatrikel von 1610, die in Gießen fehlte, gebe ich im Anhang dieler Abhandlung. Zugefügt habe ich dort auch einige Stücke, die für die Kenntnis des Univerſitätsbeluchs in einzelnen Jahren unſerer Periode von Wichtigkeit ſind; ein Verzeichnis der im Jahre 1617 in Gießen ſtudierenden Adligens, die ſechzig Unterſchriften unter einer Petition der Studenten an Landgraf Ludwig, von 1618, und das Verzeichnis der ſtudentiſchen Tilch- geſelllchaften, ebenfalls aus dem Jahre 16185. Unſere Matrikeljahrgänge beſtehen ſämtlich aus je zwei Lilten: dem Verzeichnis der im Laufe des Jahres inſkribierten Studenten und dem der ins Pädagogium aufgenommenen Schüler. Dies letztere wurde ſtatutengemäßé vom Päda- gogiarchen geführt und am Ende des Jahres dem Rektor der Univerſität übergeben, damit dieſer die Namen in die Matrikel einzeichne. Diele anſcheinend befremdliche Ein- ſchreibung von Schülern in die akademilche Matrikel hatte ihren Grund in der engen Zuſammengehörigkeit von Uni- verſität und Pädagogium; beide bilden ein Ganzes, und in 1 Die Matrikel der Univerſität Gießen 1608— 1707, herausgegeben von E. Klewitz und K. Ebel, Gießen 1898, S. 170 ff. 2 Staatsarchiv, Landesuniverſität Conv. 2. Von Mentzers Hand. 3 Staatsarchiv, Landesuniverſität Conv. 6. 4 Ebenda. Vgl. Mitteilungen des Oberheflſilchen Geſchichts- vereins Xl, 73. 5 Ebenda. 6 Waſſerlchleben, die älteften Privilegien und Statuten der Ludoviciana(1881) S. 21. 60 Wilhelm Martin Becker dielem Sinne ſind auch die Schüler akademiſche Bürger. Dementſprechend wurde der von der Schule„eximierte“, zu akademiſchen Vorleſungen zugelallene jüngling nicht nochmals immatrikuliert. Man hat lich in diefer Hinſicht wie in vielen anderen Stücken an das Multer der Univerſität Marburg' angelehnt. Allgemeine Frequenz. Eine Frequenzziffer für die uns beſchäftigende Periode können wir nur annähernd gewinnen. Denn nur aus dem Durchſchnitt einer Anzahl von Jahren, wobei ſich Zufällig- keiten poſitiver oder negativer Art einigermaßen kompenſieren, läßt lich ein zuverläfſiger Jahreswert für die Ziffer der Immatrikulierten erhalten, der dann mit dem nachher zu erwähnenden Aufenthaltskoeffizienten vervielfacht, eine Durchſchnittsziffer für die Frequenz ergiebt. Immerhin haben wir in den vier aufeinanderfolgenden jahrgängen 1608 bis 1611 einen Anhalt für die Berechnung, und aus den für die ſpäteren Jahre vorliegenden Notizen entnehmen wir An- zeichen von Steigen und Fallen der Frequenz, wodurch wir wenigſtens ein ungefähres Bild gewinnen. Zwei Schwierigkeiten ſind vorher zu erledigen. Ueber- blicken wir nämlich die Reihen der in der Matrikel ſtehenden Namen, ſo finden wir auch ſolche, die in einer heutigen Matrikel nicht ſtehen. Vor allem ſind da Leute eingetragen, die gar nicht oder nur nebenbei Studenten waren. Zwar ſind in Gießen nicht, wie im 16. Jahrhundert in Marburgi, die Profeſſoren immatrikuliert worden; ihre Namen ſtehen nur in der Matrikel, lofern ſie vor ihrem Lehramt ſtudierenshalber in Gießen weilten. Aber die lo— genannten Beilaſſen ſind eingetragen: 1608 ein Fechter und ein Tänzer, 1611 ein Buchdrucker und ein Buchhängdler. Die Urlache ilt darin zu luchen, daß dieſe Leute, um ihre Zugehörigkeit zum Corpus academicum zu beweilen und hiermit die gerichtlich und obrigkeitlich eximierte Stellung eines akademiſchen Bürgers zu genießen, den Eintrag er- ſtrebten. Der gleiche Grund liegt da vor, wo vornehme Leute ihre Famuli und Hauslehrer mitbrachten; ſo finden wir 1608 einen v. Bülow und einen v. Bismarck, die ihren gemeinſamen Hauslehrer(praeceptor) und ihren gemeinlamen jungen(famulus) immatrikulieren ließen. Beide Bedienltete 1 Vgl. Scuröder a. a. O. S 267. Studentenſchaft in der Frühzeit der Univerlität Gießen. 61 werden vielleicht auch noch ſtudiert haben, wie wir auch unter den Pädagogſchülern von 1614 einen als famulus bezeichnet finden. Solche Beiſpiele wiederholen lich(1608 Nr. 139, 141); die beiden holſteinilchen Prinzen Johann Georg und Joachim Ernſt, die im Dezember 1608 imma— trikuliert wurden, ließen gleich ihren Hofmeiſter, ihren Präzeptor und ihre zwei famuli mit einſchreiben. Hier und da wurden auch auslſtudierte Herren in die Matrikel ein- getragen, namentlich lolche, die den Doktorgrad erwerben wollten(vgl. 1610 Nr. 68, 1614 Nr. 60). Andere Inſkriptionen geſchahen wohl honoris cauſa. Auch einige wiederholte Inſkriptionen liegen vor(z. B. 1614 Nr. 22; 1610 Nr. 99 vgl. 1609 Nr. 107). So finden wir, wenn wir die LZiffer der neuangekommenen Studenten ermitteln wollen, hie und da einen Ueberſchuß an Namen, müßten allſo einen kleinen Abzug machen. Aber dieſer Fehler, der bei der Frequenz- berechnung ins Gewicht fallen könnte, wird dadurch reichlich wieder aufgewogeni, daß es eine Menge Studenten gab, die die Inſkription Ichwänzten, d. h. die ſich ihr entzogen, um die Einſchreibungsgebühr zu ſparen. Noch wichtiger iſt die Frage, inwieweit wir die Imma— trikulationsziffer des Pädagogiums berückſichtigen müſſen. Da die Immatrikulation der Schüler beim Uebergang zur Univerlſität nicht wiederholt wurde, Io würden wir durch ihre Vernachläſſigung zu fehlerhaften Ergebniſlen kommens. Die Pädagogmatrikel muß allo berückſichtigt werden; aber wie? Volle Hinzurechnung hätte in gewiller Hinſicht ihre Berechtigung: wenn man nämlich einen Vergleich der Frequenz um 1600 mit der Beſucherzahl der mittelalterlichen Univer- ſitäten beabſichtigt, lo würde man den Umſtand beachten müllen, daß jene Univerſitäten Mitglieder von Knaben bis zum gereiften Mann umfaßten, daß ſie allo im Sinne der Zeit um 1600 paedagogici und academici vereinigten. Aber wenn wir unſere Hochſchule in der Reihe der gleichzeitigen Univerſitäten betrachten, ſo muß es uns darauf ankommen, die Zahl der wirklichen Studenten zu ermitteln. Es fragt lich 1 Vgl. Eulenburg S. 22. 2 Vgl. Mitteilungen des Oberhefſiſchen Geſchichtsvereins XI, 62. 3 Vgl. Schröder S. 266; Eulenburg hat die Schülerlifte, die für Marburg leit 1569 von der Matrikel geſondert vorkommt, nicht berück- ſichtigt. Die Folge iſt, daß er von dieſer Zeit an einen ſtarken Rück- gang der Frequenz findet, der nicht in den Tatſachen begründet iſt (Tabelle S. 100 und 102). 62 Wilhelm Martin Becker allo: Wieviele von den ins Pädagog aufgenommenen Schülern haben ſpäter auch die akademiſchen Vorlelungen gehört? Beltimmt können wir dies nicht ſagen. Aber folgender Ge- danke dient vielleicht zur Veranlchaulichung. Wir finden, daß unter den als academici Eingeſchriebenen nur eine ver— ſchwindend kleine Zahl Landeskinder, Heſlſen-Darmſtädter, lich befinden, 1608— 1611 lind es 15 unter 672 Immatriku- lierten, bezw. unter 644 ihrer Herkunft nach Beſtimmten, d. h. weniger als 2 ¾ v. H.: das Gegenteil zeigt ſich bei der Pädagogmatrikel, unter den 1608— 1611 aufgenommenen 177 Schülern, wovon 173 beltimmbar, finden wir 60 Landes- kinder, d. h. 35 v. H. Aus der Wetterau wurden ungefähr ebenſo viele als Schüler wie als Studenten eingeſchrieben. je weiter wir uns von Gießßen entfernen, deſto mehr über- wiegen im allgemeinen die academici der betreffenden Gegend über die pädagogicit. Die Anziehungskraft der Uni- verſität Gießen ging mehr ins Weite, die des Pädagogs— Ichon mit Rücklicht auf die Konkurrenz ähnlicher Schulen in der Nähe,— erſtreckte lich auf einen kleineren Kreis. Wer nun aus der Ferne ſeinen Sohn auf das Gießener Pädagog ſchickte, tat dies gewiß nichtnum des guten Schul- unterrichts halber, ſondern um ihn ſchon als Knaben in die Kreiſe einzuführen, in denen er ſeine Studien fortführen follte. Anders lag es zum Teil bei den Landeskindern. Von ihnen wird mindeſtens ein großer Teil der geborenen Gießener und ein Teil der Nächſtwohnenden das Pädagog nur belucht haben, um eine gute Schulbildung zu genießen, ohne die Abſicht akademiſcher Studien. Aber ſchon die wenigweiter entfernt Wohnenden hätten auf eigenen Triviallchulen genügende Ausbildung finden können, wenn ſie nicht die Zulalfung zur Univerſität erftrebt hätten, die ihnen in Heſſen- Darmitadt damals nur Gießen geben konnte. Um vorſichtig zu lein, möchte ich annehmen, daß ein Drittel oder die Hälfte der Pädagogſchüler zur Hochſchule übergegangen ſeienz. So erhalten wir(unter der Annahme, daß vor 1608 die Pädagogimmatrikulation ebenſo ſtark gewelen lei wie 1608— 1611³): 1 Vgl. die im folgenden Abſchnitt gegebene Tabelle. 2 EFulenburg nimmt S. 35 für Dillingen%¼ der Gymnaſialſchüler als ſpätere Studenten an. 3 Bei der Eröffnung des akademilchen Gymnaſiums 1605 waren unter den 200 Scholaren 70 Pädagogſchüler(Mitteilungen des Ober- hefſiſchen Geſchichtsvereins XI, 59); die Schüler der erſten Jahre traten dann 1608— 11 nach und nach zur Univerlität über. Studentenſchaft in der Frühzeit der Univerlität Gießen. 63 Stud. 1608 213 1609 187 1610 158 1611 114 672, dazu ½ der 177 Schüler, zufammen 761 Studenten, durchſchnittlich allo 190 neue Studenten im Jahr; oder nur ein Drittel der Schüler als ſpätere Studenten ge- rechnet: 672 509 731, durchſchnittlich im Jahr 183. Nun gilt es, um für die Frequenz ſelbſt einen greifbaren Wert zu erhalten, den Aufenthaltskoeffizienten zu finden. So nennt Eulenburg die Zahl, die angibt, wieviel Jahre der Student durchſchnittlich auf der einzelnen Hoch- jchule blieb. Er hat für unſere Zeit in ſorgfältiglter Unter— ſuchung als durchſchnittliche Aufenthaltsdauer 1,75 bis 1,8 Jahre ermittelti. Da ein ſpezifiſcher Koeffizient für Gießen nicht feftzuſtellen war, ſchließe ich mich dem an und wähle mit Rückſicht auf die vielen, wohl wenig ſeßhaften Nicht- heflſen 1 ¾. Wir erhalten durch Multiplikation unſeres durchſchnittlichen Jahreszuganges(I. o.) mit dieſer Zahl: 130,— 333 oder, 320. Die durchſchnittliche Zahl der in Gießen 1608— 1611 anwelenden Studenten beträgt allo 3 ¼ Hunderts. Der im Laufe dieſer Jahre in der Inſkriptionsziffer und damit auch in der Frequenz bemerkbare Rückgang hielt weiter an; 1613 zerltreute die Peſt die Univerſität in alle Windes, und darunter litten die nächſten Jahre, lodaß wir 1614 nur eine Neuimmatrikulation von 112 Studenten und 20 Schülern haben. Aber dann nahm die Univerſität an dem allenthalben bemerkbaren Anſtieg der akademilchen Frequenz- ziffern? teil. 1617 ſollen 150 Studenten in einem Halbjahr eingeſchrieben worden ſein, und 1618 mangelte es an Woh- nungen, obgleich die Gießener Bürger alles taten, um die Gäfte unterzubringen. Wie hoch war damals die Zahl der 1 Eulenburg S. 32 ff. 2 Zum Vergleich ſeien einige Ziffern an anderen Univerſitäten nach Eulenburgs Ermittelungen gegeben: Wittenberg 960, Frankfurt 591, Leipzig 932, Heidelberg 275, Tübingen 332, Jena 531. Mainz 147, Erfurt 138(Tabelle S. 102— 103). 3 Mitteilungen des Oberhefſiſchen Geſchichtsvereins XI, 60, 4 Eulenburg S. 75— 76. 64 Wilhelm Martin Becker anwelenden Studenten? Ein Verzeichnis von 1618(I. An- hang) zählt die Tiſchgälte aller Tiſchwirte auf: die Summe ift 343¹,„ohne die, lo lich allein ſpeiſen“. Deren Zahl aber war groß; viele Studenten bezogen ihren Lebensunterhalt von Hauſe?z oder kauften lelbſt ein und führten gemeinſame Haushaltungs. Zwilchen 350 und 400 wird allo für dieſe Zeit die Frequenzziffer liegen. Wenn ich hiermit eine früher von mir angegebene Schätzungt als unrichtig erweiſe, ſo muß ich bei dieſer Gelegenheit doch auch einer Angabe von Eulenburg entgegen- treten, die für Gießen im 17. Jahrhundert einen Durchſchnitt von nur 180 Studenten ſtatuierts. Denn wie ilt dieſe Ziffer gewonnen? Die von uns behandelte Zeit vor dem großen Kriege hat Eulenburg überhaupt ignorierté, obgleich hier durchweg höhere Inſkriptionsziffern vorhanden ſind als nach 1650. Und dann iſt auch nach 1650 der jährliche Zulchlag nicht berückſichtigt, den die aus dem Pädagog zur Univerſität übergehenden Studenten ausmachten. In Wahrheit überfteigt die durchſchnittliche Frequenz von Gießen im 17. Jahrhundert die Zahl 200 wohl ganz beträchtlich. 1 In der Handſchrift ſteht allerdings 316, eine Nachprüfung ergibt, daß dies unrichtig iſt. 5 2 Vgl. Mitteilungen des Oberhefſiſchen Geſchichtsvereins X, 44. Ahnlich Haberkorn in einer Denkſchrift von 1649(Handſchrift 868 der Gießener Univerſitäts-Bibliothek). 3 Wie wir das für Marburg aus den durch von der Ropp ver-— öffentlichten Studentenbriefen wiffen(Zeitſchrift für hefſiſche Geſchichte, N. F. XXIII, 1898). 4 Vgl. Mitteilungen des Oberhefliſchen Geſchichtsvereins XI, 60; danach Biermer in Lexis, das Unterrichtsweſen im deutſchen Reich l (1904) S. 563. 5 Eulenburg S. 90. 6 Siehe Tabelle S. 103; wie S. 101 die Ziffer 272 zuſtande gekommen iſt, ſehe ich nicht; die Zahl der 1608 bis 1610 als academici Imma- trikulierten beträgt doch 558! 7 Uebrigens bietet ein Durchſchnitt des 17. Jahrhunderts bei vielen Univerſitäten keine klare Anſchauung. Die Zeit des Krieges iſt bei den meiſten Hochſchulen ein ſo tiefer Einſchnitt, daß die Periode 1620 bis 1700 nicht als homogen anzuſehen iſt, beſonders kommen dann die Univerſitäten, die wie Heidelberg und Gießen während des Krieges ſuspendiert waren, im Vergleich mit denjenigen, die ſich mit wenigen Studenten durchſchleppten, zu gut weg, weil bei erſteren die fehlenden Jahre vom Diviſor abgehen.— Uebrigens wäre es lachgemäß gewelſen, die Jahre 1625— 50 der Univerſität Marburg in die Univerlität Gießen einzurechnen und dagegen die entſprechenden Jahre der Kaſſeler Hochſchule zu Marburg. Die Marburger Univerſität leit 1653 iſt eine Fortfetzung der Kafſeler. Die Darlegung des Verhältniſſes iſt bei Eulenburg S. 89 f. nicht ganz klar. Studentenſchaft in der Frühzeit der Univerlität Gießen. 65 Herkunftsſtatiſtik. Eulenburg erklärti, die Univerſität Gießen habe im 17. Jahrhundert vorwiegend den Landeskindern, welche das Gymnaſium beluchten, zur Weiterbildung gedient. Er be- zeichnete nicht nur M. Biermers Angabe über die Frequenz- ziffer als falſch, londern auch die Meinung, daß die meiſten Studenten aus der Fremde ſtammten, und fügt entrültet hinzu:„Es ilt auffällig wie B. jetzt noch diele Meinung vertreten kann, zumal ein Teil der gedruckten Matrikel bereits vorliegt“. Biermers Aeußerung hatte beſagt, daß neun Zehntel der Studenten keine hefſilchen Landeskinder waren und zum Teil weither, aus den Oſtleeländern, Däne— mark ulw. kamen. Diele Angabe beruht offenbar auf einer Bemerkung von mir; ich füge hinzu, daß Biermer und ich, wie der Zulſammenhang deutlich zeigt, den Zeitraum 1607 bis 1624 im Auge gehabt haben. Eulenburgs Bemerkung war mir äußerſt überraſchend. Im folgenden gebe ich nun die Reſultate meiner Zählung. Abgezogen wurden dabei diejenigen Namen, deren Herkunft gar nicht oder nicht mit einiger Sicherheit örtlich feſtzuſtellen war. Die Adligen, bei denen die Herkunfts- angabe in der Matrikel oft fehlte, ſind der Gegend zu- gerechnet, wo das betreffende Geſchlecht hauptſächlich ſeinen Sitz hatte. Die Einteilung ilt nun in der Weiſe vorgenommen, daß lechs Gruppen von Territorien gebildet wurden, die im großen und ganzen konzentriſche Ringe um Gießen bilden. Der innerfte„Kreis“— der Ausdruck lei hier geſtattet,— ilt von dem Hellen-Darmſtadt jener Zeit gebildet, als dem gegebenen Rekrutierungsbezirk der Studentenſchaft. Um ihn ſchließt ſich Heſſen-Kaſſel(obgleich dort der Beſuch von Gießen zeitweiſe obrigkeitlich verboten war), wozu ich noch die Grafſchaft Waldeck und das Fürftentum Hersfeld rechnete, nebſt den Wetterauiſchen Territorien und Naſlau(ohne N.- Saarbrücken). An dritter Stelle ſind die Studenten aus Franken, Weltfalen(nebſt Lippe, Mark, Berg uſw.), Thüringen, der Pfalz mit den Territorien des Molellandes, den Mainziſchen 1 S. 90. ² Ebenda Anmerkung 2. 3 Bei Lexis a. a. O. S. 563. 4 Mitteilungen des Oberhefſiſchen Geſchichtsvereins XI, 61. 66 Wilhelm Martin Becker und Wormſiſchen Gebieten am Rhein gezählt; an vierter die aus den Braunſchweigiſchen Landen, den Territorien der Harzgegend, Kurſachlen, Magdeburg, dann auch Schwaben (Württemberg, Reichsltädte, Neuburg, Baden) und Elſaß. Der fünfte Kreis berührt die Peripherie der deutſchen Wohnſitze: Nordſee- und Oſtſeeſtaaten, Brandenburg, Böhmen mit Schleſien und Lauſitz, Bayern, Oeſterreich. Hieran ſchließen ſich an ſechfter Stelle die außerdeutſchen Gebiete. So ergab ſich nebenſtehende Tabelle. Die Tabelle zeigt ſofort die Richtigkeit der Behauptung, wonach nur ein kleiner Teil der Immatrikulierten Landes-— kinder waren, nämlichw unter den Studenten 2,4 v. H. Hierzu kamen noch die zum Studium übergegangenen Schüler. Wären ſelblt alle Schüler Studenten geworden, ſo betrüge der Anteil der Hefſen-Darmſtädter nur 9,6 v. H., in Wahrheit haben wir aber, wie oben gezeigt, nur einen Teil der Schüler aus Hefſen ſpäter unter den Studenten zu ver- rechnen, wodurch lich der Anteil der Landeskinder noch vermindert. In den Zahlen kommt im übrigen belonders die An— ziehungskraft der lutheriſchen Univerſität Gießen auf die Studenten aus lutheriſchen Ländern zum Ausdruck. Die Hefſen-Kafleler ſind in erſter Linie lutherilche Oberhelſen aus dem Kafſeler Anteil(Marburg). Die hohe Ziffer der Studenten aus wefſtfäliſchen Landen kommt wohl auf Rech- nung des Umſtandes, daß für die dortigen Lutheraner Gießen neben Helmſtedt die nächſtgelegene Univerſität ihres Glaubens war. Auch den Franken ſcheint Gießen gelegener gewelen zu ſein als jena und als Volluniverſität angenehmer als Altdorf, wo man nur die philoſophilchen Grade erhalten konnte. Für die lutherilchen Pfälzer kam Heidelberg wegen ſeines Kalvinismus nicht ſowohl in Betracht als Straßburg, aber auch dort fehlte es an den höheren Privilegien. Die lutheriſchen Pfälzer werden ſich daher in der Hauptlache auf Tübingen und Gießen verteilt haben. Dieſen Gebieten gegenüber tritt in unſerer Zulammenſtellung Thüringen des- halb ſo ſtark zurück, weil es durch jena(und Erfurt) gut genug verlorgt war und dorthin die große Anziehungskraft der kurſächlilchen Univerlitäten Leipzeig und Wittenberg wirkte. So kommt es auch, daß Kurſachſen im Verhältnis zu leiner Größe(nebſt Magdeburg) gering vertreten ilt. Etwas ſtärker treten die Schwaben auf; wahrſcheinlich ilt dies eine Wirkung der üblichen peregrinatio academica: 67 Studentenſchaft in der Frühzeit der Univerſität Gießen. vuruS de 82 8 X—————— aur O 25 JuS 85— 82 93 une Su—. N ueArupueS †— 00 8— 00 N N.— 1I1O112210 N d—— u10Ke8 S uu. 150 ₰ 8 ₰ 48 8* 84 ⏑½N 32IO lS e 8 5nquopurag 3 S 88 221P10N SSAd-— O 1— N gella 6 e 2 5 02— 00— 00—+— V uqe MS S S Q 8 0— V uorln— S N 2 55 S1Muolunvg.=*2 ueSumul. 8S2S3 Ad SA=S 8 e eͤ eh V uoMuv. 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Von Bedeutung ift auch die Ziffer der Böhmen und Schlelier, die trotz der näheren lächlilchen Hochſchulen in ziemlich großer Zahl nach dem Weſten kamen. Von den Ausländern find die Dänen am zahlreichfſten; ihre Zahl übertrifft ja die Menge der aus manchen nahegelegenen deutlchen Land- ſchaften kommenden Studenten. Und daß es Jünglinge aus den beften Familien Dänemarks waren, die uns in Gießen begegnen, werde ich nachher zeigen. Standeszugehörigkeit. Aus welcher Klalſe der menſchlichen Gelſellſchaft die in unſeren Liſten verzeichneten Studenten ſtammen, iſt in den meiften Fällen nicht zu erſehen. Nicht einmal die Be— merkung„pauper“, die in den mittelalterlichen Matrikeln für die Standeszugehörigkeit einen Fingerzeig bietet, iſt bei uns vorhanden; die wenigen gratis Inſkribierten unſerer Zeit beweiſen nichts. Nur in einer Hinſicht ſind wir beſler unterrichtet. Wir befinden uns ja in der Zeit einer Hoch- und Ueberſchätzung der Geburtsſtände. Der Adlige ging unter allen Umſtänden dem Bürgerlichen vor; er genoß mit Rücklicht auf ſeine Abkunft belondere Beachtung, belondere Hochſchätzung, ja in Diſciplinarfällen oft mildere Beurteilung als der nichtadlige Student. Gern taten die Profelſſoren jener Zeit groß mit der Anwelenheit von Studenten hohen Adels; Itudierenden Prinzen und Grafen übertrug man gern die Rektorwürde (in Gießen 1609 und 1610) ehrenhalber, und auch Gießener Profefſoren hielten es nicht für unter ihrer Würde, ihren adligen Schülern ihre Bücher zu widmen, nicht ohne Spekulation auf deren Erkenntlichkeit,— doch das ſteht auf einem Studentenſchaft in der Frühzeit der Univerſität Gießen. 69 anderen Blatt! Gießen war in der rühmlichen Lage, viele Adlige unter ſeinen Studenten zu haben. In den erhaltenen Matrikeljahrgängen iſt dies zu erkennen; immerhin ilt es aus den Namen nicht ganz exakt feſtzuftellen, da mancher bürgerlich ausſehende Name einem Adligen angehörte und auch der umgekehrte Fall vorkommti. Zum Glück hat der wackere Profeſſor Balthalar Mentzer als Prorektor von 1610 („»anno DVCVvM«, wie er im Chronogramm auf die in Gießen ſtudierenden herzoglichen Prinzen von Schleswig- Holftein anſpielend ſagt) die einzelnen Adligen in der Matrikel dieſes Jahres(namentlich im Darmſtädter Exemplar) belonders markiert; es ergibt ſich, daß unter den 158 ein- gelchriebenen Studenten 42 nobiles waren, allo mehr als der vierte Teil, unter den 37 paedagogici freilich nur 3, wodurch lich der Prozentlatz wieder etwas vermindert. Aus dem Beſtreben, liech und belonders den Landes- herrn an der großen Zahl der adligen Studenten zu erfreuen, iſt auch das bereits erwähnte Verzeichnis der im Jahre 1617 anweſenden Studenten von Adel zu erklären, das im Anhange gedruckt iſt. Bemerkenswert ilt hierbei, daß die Prozentlätze der anweſenden Adligen aus beſtimmten Ländern ſich nicht mit den Sätzen decken, die wir als Anteil der Länder an der Frequenz aus der Matrikel ermitteln können. So ſind 1610 unverhältnismäßig mehr böhmilche Adlige immatrikuliert, als die Zahl der Böhmen in Gießen im all-— gemeinen mit ſich bringt. Die Zahl der adligen Dänen im Verzeichnis von 1617 beträgt 17 v. H. aller Adligen, während die Matrikelreſte nur eine Dänenfrequenz von etwa 4 v. H. erkennen laflen. Wir ſehen, daß unter den däniſchen Stu- denten Gießens eine größere Zahl aus vornehmen Häuſern ſtammte als unter den Studenten anderer Herkunfts. Was ilt nun der Grund der auffallenden Erſcheinung, daß der Adel in ſo großer Anzahl in Gießen ſtudierte? Im allgemeinen ilt im 16. und 17. Jahrhundert eine Zunahme des Adels auf hohen Schulen zu beobachtens, da der Hof- und Staatsdienſt, der den Adel anzog, immer mehr 1 Ueber dieſe Schwierigkeit vgl. Stölzel, Entwicklung des ge- lehrten Richtertums I(1872) S. 125 f. 3 2 Die Wohlhabenheit, die eine ſo weite akademiſche Reiſe ge- ſtattete, fand ſich wohl mehr im Adel als im Bürgerſtand. 3 Vgl. Paulſen, Geſchichte des gelehrten Unterrichts I ², S. 253 f.; Eulenburg S. 66. 70 Wilhelm Martin Becker die akademiſche Bildung erforderte; und die materielle Lage ermöglichte den Söhnen dieler Familien meiftens lich diele Bildung zu erwerben. Die folgenden Darlegungen werden zeigen, warum Gießen zu dielem Zwecke gern aufgelucht wurde. Fakultätsfrequenz. Wir lind in der für dieſe Zeit nicht häufigen Lage, über die Verteilung der Studenten auf die einzelnen Fakul- täten für Gießen genauere Angaben zu beſitzen. In den Darmſtädter Exemplaren der Matrikel von 1608 und 1610, belonders in dem letzteren Jahrgang(Mentzer!), befinden ſich Vermerke hierüber. Und hier wartet unſer eine Ueber-— raſchung. Wer nämlich die Entltehungsgeſchichte der Uni- verlität und die Beſtrebungen kennt, die dabei maßgebend waren, wird vermuten, daß die Univerſität in der Hauptlache Studenten der Theologie umfaßt habe. Weit gefehlt. Sehen wir die Angaben durch, lo bezeichnet natürlich eine große Ziffer die Itudioſi philoſophiae, denn die philolſophilche Fakultät war ja die Vorichule der„höheren“ Fakultäten. Die Ziffer müßte logar noch weſentlich höher ſein, denn die vom Pädagog kommenden Studenten traten doch auch in dieſe Fakultät ein. Daß der Uebergang von dieler Unter— ſtufe zu den oberen allmählich war, zeigt bei einem Studenten die Angabe„phil. et jur.“, bei einer Anzahl von Studenten auch der Umſtand, daß das Gießener Matrikelexemplar phil., das Darmſtädter jur. oder theol. hat. Rechnet man diele Namen der höheren Fakultät zu, lo ergibt die Zählung: theol. jur. med. phil. Ohne Ang. Zlm. 1608 37 88 4 29 55 213 1610 18 55 6 64 15 158 Dieſe Zahlen lehren ein ſo ſtarkes Ueberwiegen der Juriſten, daß man Gießen für dieſe Zeit geradezu als„Juriſten- univerſität“ bezeichnen kanni. Sie verdankte dies offenbar dem Ruhm ihrer erſten Rechtslehrer, vor allem des Gottfried Antonii; ihnen gegenüber war allo ſelbſt der Ruhm bekannter Namen wie Mentzer, Winckelmann, Helvicus nicht imſtande, die gleiche Zahl Theologen heranzuziehen. Und ſo erklärt 1 Im allgemeinen wird die juriſtilche Fakultät auf den deutſchen Univerſitäten erft ſeit der Mitte des 17. Jahrhunderts allmählich die ſtärkſte. Paulſen a. a. 0O. S. 249. Studentenſchaft in der Frühzeit der Univerſität Gießen. 71 ſich auch die ſtarke Frequenz durch Adlige. Achten wir nämlich auf das Studium der Studenten adſigen Standes, Io finden wir theol. jur. med. phil. Ohne Ang. Zim. 1608 Nobiles— 12—— 28 40 1610 Nobiles— 21— 15 6 42 alſo Adlige nur in der juriſtiſchen und der dazu vorbereitenden philolophiſchen Fakultät. Der adlige Student jener Zeit trieb alfo in noch ausſchließlicherem Maß als heute Jural. Und in Gießen wußte man die Menge adliger juriſten wohl zu nehmen: 1617/18 lalen die luriſtilchen SProfelloren Reinkingk und Hunnius Kollegien nur für Adlige?; die„Herren- fakultät“s paßte ſich den Bedürfnilſen des Herrenſtandes an. Dieſer ſtatiſtiſche Verſuch ermõöglicht es zwar, über die Studentenſchaft in der Frühzeit der Untverſität Gießen zu klaren Vorſtellungen zu gelangen; für die Geſchichte der gelehrten Studien in Deutl ſchland aber werden lolche Einzel- unterfuchungen erſt nutzbringend, wenn ſie für möglichſt viele Hochſchulen und größere Zeiträume angeltellt werden. Daß dies gelchähe, wäre hnöchſt wünſchenswert; die Sozial- geſchichte wie die Bildungsgeſchichte würden aus einer zufammenfallenden Vet darbeitung der Einzelergebhnille wert- volle Früchte ernten. V Anhang. - 1. Catalogus paedagogicorum inſcriptorum anno 1610. Aprilis. d. 12. Georgius Pfankuch Hatneggenlſis Weſtphalus. Georgius Cocus Hatneggenſis. 19. Johannes Georgius Nigrinus Echzellanus. Johannes Bechtoldus Alsfeldianus. Sylvelter David Thomas Offleidenſis. 20. Antonius Dickhaudt Darmſtatinus. 1 Ausnahmen kommen natürlich vor; z. B. der bekannte Theologe Hoe v. Hoenegg. 2 2 Viſitationsprotokoll 1618 im Staatsarchiv Darmſtadt, Landes- univerſität C. 6. 3 Ausdruck von Paulſen(a. a. O. S. 254). 72 Wilhelm Martin Becker 22. Caſpar Coriarius Gießenſis. Johannes Mylius Gießenſis. Henricus Ebelius Gießenſis. Nicolaus Grems Gießenſis. 23. Johannes Petrus Windecker Okarbenſis. 24. Chriſtophorus Sohnius Weſterburgenſis. Balthalar Kulmannus Alsfeldianus. Maii. die 6. Johannes Georgius Scheurer Oppenheimenſis. (nob.) 10. Johannes Chriftianus a Donop Weltphalus. 15. Philippus Spieß Gleypurgenlis. Johannes Gumpelius Garbenheimenſis. 16. Johannes Philippus Scheiblerus Gemundanus ad Wohram. Theodoricus Segelius Hannoveranus. 18. Gothofredus Palthenius Rentelenlis. Johannes Eberhardus Palthenius Rentelenſis. (nob.) 19. Johannes Chriſtophorus Gogreve Waldeccus. Johannes Schlotneus(?) Fridbergenſis. Junii. die 14. Johannes Merckerus Hattneggenlis Weltphalus. Martinus Helvicus Geravienlis. 15. Johannes Ellinger Darmitatinus. 16. Hermannus Chriſtophorus Corvinus Fronskirchenlis. Julii. die 9. Nicolaus Zislerus Darmſtatinus. 17. Caſparus Friderus Mindanus. 29. Petrus Wentzius Zuingenbergenlis. Ludovicus Emericus Obern-Beflſingenſis Solmejus. Octobris. die 9. Arnoldus Vicelius Darmſtatinus. 10. Johannes Sebaftianus Crato Regiomontanus Haſſus. (nob.) 11. Hermannus Euſtachius a Schlitz dictus a Görtz. Johannes Ludovicus Ulnerus Werheimenſis Naſſovius. Novembris. die 6. Hermanus Kornman Kirchheimenſis Hafſus. Juſtus Arcuarius Dinglingenſis Alſatus. Summa 37 Summarum 194 et inter hos nobiles 45. 1 d. h. Academici und paedagogici zulammen. Studentenlchaft in der Frühzeit der Univerfſität Gießen. 73 2. Studioli von adel bey univerſitet Gieſſen anno 16171. Daniel a Rantzow Holſatus. *Eberhardus Frele Bremenlis. „Nicolaus 12 Deke llenricus) Eberhardus) Schulde Theodorus Georgius Sigfridus Gabelchofer Styrus. Philippus Horn in Schlatkow Pomeran. Matthias von Oppen Holſat. *Michael Watz Carniolanus. *Fridericus Ludovicus) 4 L *Lucas Fridericus Hobe Pomeranus. Joachimus Mellin Pomeranus Volpertus a Waltenſtein Hafluss. *. ſohannes Joachimus a Schönbeck Brem. Albertus) »Wolffgangus) Ludolphus a Zeſfterfleth Brem. Johannes Wipertus Schelm de Berga. *johannes Jobft von Exter Wefſt. n Brem. Brem. auter Franci. a Kreyzen Borufſi. Tycho) Lindenovius Ottonides Dani. Otto) Chriſtophorus Ludovic 1— Sch Wolfgangus Eucharius Nicolaus Trolle Danus. Jacobus) kr Magnus) Erneſtus) Arnoldus) * Daniel Clamer a Reden Saxo. *Georgius Andreas a Kronneg Carinthius. Gotfridus a Karpfen Wirteberg. Georgius Hardvigius a Klinftorff Danus. Nicolaus) Gericus 1 Lycke Dani. Hilarius Matthaeus von der Reckh Weſt. aumburgk Franc. abbe Dani. a Bergelas Rug. Pomer. 1 Die mit* bezeichneten Namen kommen in der nachſtehend abgedruckten Unterſchriftenreihe von 1618 vor. 2 Immatrikuliert am 8. November 1614. 74 Wilhelm Martin Becker Herbortus ab Haren Welt. Gundeus Roſenkrantz Danus. Eſchyllus Falco Gioe Dani. Otto Johann Heimert vor Bottmer Saxo. kienticus—) Blate Saxo. Gerlacus Theodorus) Hermannus a Broel dictus Plater Weltph. Fabianus a Lendorff Borufl. Philippus Stammius a Rotzman Hefl.¹ Johannes Georgius a Strünckede Weſtph. Gerhardus Erneftus a Reden Brunſchw. Johannes Volpertus Fridericus Wilhelmusi Otto Hartmannus Georg. Sittig 3odo ab Hodenberg Lüneburg. Hartmannus Conradus a Reden. Otto Henricus a Reden. Johannes a Broel dict. Plater. Henricus Georgius a Reiffenbergl. Johannes Georgius a Weltze Brunſchw. Jodocus a Strünckede Weltph. Heinricus Caſparus von Hauße Schaumburgk. Friedericus Henricus von Bechtolßheim Hafſ. Johannes Juſtus ab Eringshauſen Haſſ. Johannes Hermannus Derenthal Brunſchw. Gerhard Ludolph a Bennigſen Brunſch. Georgius Fridericus Wernerus Mauritius Rudolphus Wilhelmus a Rumrod Hall. Wilhelmus ab Oynhauſen Hafſ. Petrus a Ley Weſtphal. Johannes Burckhardus ab Urff Haſſus. Johann. Henricus von Carben Wetterav. a Schlitz cog. Goerz. i Immatrikuliert 1614 als Pädagogſchüler. a Schachten Schlitzenſes. Studentenſchaft in der Frühzeit der Univerlität Gießen. 75 3. Die Unterſchriften unter einer ſtudentiſchen Bittichrift an die Vilitationskommiſſion„des Trunkes nalber“, 1618 Juni 71. r Iohannes Joachimus a Schone- becke. *Michael Watz. Siebertt von Buch. *Everdt Schulte. Johan Philip Hornmolt. Jacobus Finck. Georgius Tobings. Bernhardus Lüdekingk. Chriftophorus Mingius. Johannes Fridericus. *Everdt Frieſe. *Hinricus van der Decken. Johann Ulricus Krafft. Criſpinus Flügge. Henricus Möller. *Clamer Daniel von Rheden. Heinricus Weinber. *Friderich Ludovic v. Lautter. *ohan Jobſt von Exter. Conrad Wideburgius. Johann Georg Weinman. Chriftophorus Fingerlein. Antonius Guntherus Neuhaus. Fridericus Judenhertzogk. Johannes Ludovicus Zeller. Johannes Mollenfeldt. Antonius Reich. Johannes Caſparus Guttich. Paulus Schneider. Fridericus Lubbern. Lucas Möller. Georg a Dabßellb. Statius Fabricius. »Georg Andre von Khronnegk. Henricus Fabricius. Andreas Weſterman. Antonius Tegetmeier. Bernhardus Hennemann. Johannes Georgius Obele. Andreas Schilling. Henricus Willerding. Petrus Schnürlein. *Lucas von Lauter. *Nicolaus von der Decken. Bernhardus Reder. Hermannus Haſphordius. Conradus zur Theldt(). Johannes Adamus Weidenkopfl. Johannes Wilhelmus Weiden- kopff. Petrus Fuhrman. Johann Chriſtophorus Reichardt. Burchardus Sarttleben. Conradus Graue. Gerhardus Grave. Johannes Cottman. Laurentius Hüenerer. Hartmuht a Cronberg. Peter Weinber. *Wolfgangus von Creutz. 1 Die im Adelsverzeichnis von 1617 bereits vorkommenden Namen ſind mit* bezeichnet. 2 Imm. 31. 1 1614. 3 Imm. 12. IX 1614. Joh. Frid. a. Lindaw(Imm. Apr. 1611)7 4 5 Imm. 29 IV. 1611. 76 Wilhelm Martin Becker, Studentenſchaft der Univerſität Gießen. 4. Verzeichnis der ſtudentiſchen Tiſchgeſelllchaften von 1618. Convictores magnifici Dn rectoris dn. D. Winckelmanni:[2] Aegidius Gualperius ss. theol. lic. Coeleſtinus Miflenta ss. theol. candidatus. Convictores D. Mentzeri:[9] Julius comes Schlikius.— M. Joes. Lucius praeceptor.— Fride- ricus nobilis Sileſius miniſter.— Nathanael Urſinus Boemus.— Philippus vom Buſch Weſtphalus.— Nathanael Schmidt Dantis- canus.— Joh. Jacob Cramerus Pomeranus.— Johannes Wild Osnaburgenſis.— Antonius Gunther Velſtenius Oldenburgicus. Convictores D. Gieſſenii ſunt 15 Convictores D. Feurbornii ſunt 14 Convictores D. Hunnii ſunt 16 Convictores M. Scheibleri ſunt 16 Convictores quaeſtoris ſunt 13 Convictores D. Reinkingii lunt 13 Dn Pauli Knechtii cellarii ſunt 12 Diaconi commenſales ſunt 6 Aegidius ſtudiolus Hildeshemienſis habet 23 Melchior Ebel 16 Otthmar Piſtorius 5 M. Wigandus Kuhl 10 Caſpar Daubiger ſchneider Schlöſſer Johannes Moller Junge Franckin Jorg Wetter Hans Scheurin wittwe Antonius Frech Caſpar Chemlinus Herman Mauß M. Vietor Wirtt zu der roſen Weißbender M. Macrander Cancellarii d. Struppii vidua Alte Bauwſchreiberin helet Johannes Wagner Summa 316 lrecte 343²] ohne die lich allein ſpeiſen. ¹ Kann auch XI heißen. 2 Bezw. 333. A N dO0(2u*). 4ſh Colour& Grey Control Chart 68 1 Blue Cyan Green vellow Hed Magenta White Grey ¹ Grey 2 SGrey 3 rey 4 Black Stärke und Zuſammenſetzung der Studentenſchaft in der Frühzeit der Univerſität Gießen (1607 1624). Von Wilhelm Martin Becker.