5⁶* — Sonderabdruck aus den Nachrichten der Gießener Hochſchul⸗ geſellſchaft, Band 11, Heft 2 Maanreue, Ar u Fja‿ ma —„ aa* 4 Kße über den Werdegang der Phyſiologie Siu. und das neue Phyſiologiſche Inſtitut an der Landesuniverſität Gießen. Den Teilnehmern an der Ende Auguſt 1936 in Gießen ſtattfindenden 14. Tagung der Deutſchen Phyſiologiſchen Geſellſchaft gewidmet von Karl Bürker, Gießen. Die Anfänge der Phyſiologie in Gießen gehen bis in das Jahr⸗ hundert der Gründung der Aniverſität zurück. Die weitere Entwicklung geſchah im engſten Zuſammenhang mit der der anderen Wiſſenſchaften. Demnach ſoll nach einer kurzen Mitteilung über die Gründung der Aniverſität der Werdegang der Phyſiologie in Gießen in der Zeit der Scholaſtik, der Naturphiloſophie und der exakten Naturwiſſenſchaften geſchildert werden. Im Anſchluß daran ſoll über das neue Phyſio⸗ logiſche Inſtitut berichtet werden. 1. Die Gründung der Aniverſität. Landesuniverſität in Heſſen war urſprünglich Marburg, 1527 von Landgraf Philipp dem Großmütigen geſtiftet. Sein Sohn, Land⸗ graf Ludwig IV., ſtarb im Jahr 1604 zu Marburg ohne Nachkommen. Als„Teſtator von Heſſen⸗Marburg“ hatte er beſtimmt, daß ſein Land zwiſchen den beiden Linien Darmſtadt und Kaſſel geteilt werde, aber die Aniverſität zu Marburg und das Zeughaus zu Gießen ſollten ge⸗ meinſamer Beſitz bleiben, auch ſollte die lutheriſche Religion erhalten bleiben und das Teſtament nicht angefochten werden!) Als im Gegenſatz dazu Landgraf Moritz von„ ſſel das refor⸗ mierte Bekenntnis einführte, erhob Ludwig V. vo Darmſtadt An⸗ ſpruch auch auf das Erbe von Moritz. Ein Austräg gericht erkannte ſchließlich doch Moritz die L verſität Marburg, Lr wig das Zeug⸗ 1 11.854 135 * haus in Gießen zu. Die Marburger Profeſſoren, die ſich der refor⸗ mierten Lehre nicht fügten, wurden von Moritz entlaſſen. Dieſen Am⸗ ſtand nutzte Ludwig und gründete im Jahr 1605 in Gießen als Vör⸗ läufer für eine lutheriſche Aniverſität ein Gymnasium illustre, dem ein Paedagogium trilingue angegliedert war. Im Jahr 1607 gelang es dem Landgrafen, von Kaiſer Rudolf II. die Gründungsurkunde für, eine Aniverſität, die Academia Gissena, zu erhalten, die ſich ruhmvoll entwickelte, trotzdem die Stadt zugleich Feſtung war. Aber der Dreißigjährige Krieg war der weiteren Entwicklung nicht günſtig. Im Jahr 1621 zog die Studentenſchaft ins Feld mit dem trefflichen Wahlſpruch„Literis et armis ad utrumque paratiu“ auf einer Fahne; das iſt auch heute noch der Wahlſpruch der Aniverſität. Das Wappen der Aniverſität, das hellblaue Antoniterkreuz im ſilber⸗ nen Feld, geht auf Beziehungen zum Antoniterkloſter in dem benach⸗ barten Grünberg zurück. Als im weiteren Verlauf des Erbfolgeſtreits durch das Endurteil Kaiſer Ferdinands die Marburger Aniverſität wieder an Darmſtadt fiel, wurde die Gießener Aniverſität im Jahr 1625 nach Marburg verlegt, aber auch der Geiſt der Gießener dorthin mitgenommen, ſpricht doch ein Zeitgenoſſe von einer„Seelenwanderung“ aus der Gießener in die Marburger Hochſchule. Landgraf Moritz zog daraufhin ſeine Aniverſität nach Kaſſel zurück. Bis 1648 blieb die Gießener Aniverſität in Marburg. Im Friedensſchluß war Marburg wieder der Kaſſeler Linie zugefallen und ſollte heſſiſche Geſamtuniverſität bleiben. Schließ⸗ lich kam es aber doch wieder zur Trennung und die Aniverſität Gießen kehrte im Jahr 1650 in ihr altes Heim zurück. Bis zum Jahr 1866 beſtanden ſo zwei heſſiſche Aniverſitäten neben⸗ einander. Als im Jahr 1866 Marburg an Preußen fiel, wurde Gießen zur einzigen heſſiſchen Landesuniverſität. Was dieſe vor anderen Ani⸗ verſitäten noch auszeichnet, iſt der Amſtand, daß ſie außer den üblichen Fakultäten auch noch eine veterinärmediziniſche und von Diſziplinen Land⸗ und Forſtwirtſchaft ſchon lange aufweiſt; früher wurden auch noch Architektur und Ingenieurwiſſenſchaften gelehrt. 2. Die Phyſiologie in der Zeit der Scholaſtik. Anter den erſten Lehrern des Gymnaſiums befand ſich noch kein Mediziner. Im Jahr 1606 gelang es aber durch Vermittlung der Uni⸗ verſität Tübingen, den Wimpfener Arzt Johannes Münſter zu gewinnen, der jedoch bald von der Peſt dahingerafft wurde. Der erſte 2 Lehrer der Medizin an der Aniverſität und Dekan der Mediziniſchen Fakultät war Joſeph Lautenbach aus Hünerweiler im Elſaß. Die Fakultät beſtand im 17. Jahrhundert aus nur wenigen Mitgliedern, die, wenn ſie nicht Landeskinder waren, meiſt aus Württemberg und Sachſen ſtammten, aber Studenten aus allen Deilen Deutſchlands anzogen. Die weitere Entwicklung der Fakultät ergibt ſich aus einem Beitrag von J. Geppert zur Feſtſchrift„Die Aniverſität Gießen von 1607 bis 1907“ Bd. 2, S. 357 und aus zwei Beiträgen zu medi⸗ ziniſchen Wochenſchriften, die im Jahr 1907 aus Anlaß der 300⸗Jahr⸗ feier der Aniverſität erſchienen und von den weiteren Fakultätsmit⸗ gliedern R. Sommer, A. H. Dannemann) und A. Jeſionek ver⸗ faßt ſinds). In dem Jahrhundert der Gründung der Aniverſität und ihrer Facultas medica gab es eine Phyſiologie als ſelbſtändiges Lehrfach noch nicht, die Lehrer der mediziniſchen Fächer ſtützten ſich in ihren praelectionibus hibernis et destivis bei phyſiologiſchen Erörterungen auf Hippokrates und Galen. Aber gerade in dieſem 17. Jahrhundert ſetzt ſich eine Reformation der Phyſiologie mit der Entdeckung des Blutkreislaufs durch Harvey und der Einführung des Mikroſkops durch, es iſt die Zeit der Jatrophyſiker und Jatrochemiker, in der man ſich auf die phyſikaliſchen und chemiſchen Grundlagen der Medizin beſinnt. In Gießen wie auch auf anderen Aniverſitäten wird zu dieſer Zeit Phyſik, Chemie, Botanik und auch Zoologie und Mineralogie von Mitgliedern der Mediziniſchen Fakultät gelehrt, aber mehr in ſcholaſtiſcher Weiſe, weniger durch das Experiment. In den Vorleſungsverzeichniſſen der Aniverſität, ſoweit ſie vorhanden ſind, fand ich das Wort„Phyſiologie“ zuerſt in einer Ankündigung des Profeſſor Hieronimus Rötel aus dem Winterſemeſter 1664/65: D. Deo Opt. Max. fav. absolutis, quae in Physiologia tractanda restant, Pathologiae operam dabit publice, privatim fructuoso Philiatrorum placito. Im W. S. 1701/02 kündigt J. F. Dillenius an:... ocu- lorum illorum Naturae miraculorum, Physiologiam publicis prae- lectionibus absolwerit, im Sommerſemeſter 1727 L. H. L. Hilchen: „Publice physiologiam docebit“, der ſpäter 1737 auch Geſchichte der Phyſiologie lieſt. Auch wird Phyſiologie 1744 von Henſing„ad ductum Boerhavii“« und 1753/54 von Müller„institutiones doc- tissimi Ludvig seculus“ vorgetragen. Die Wiederaufnahme der Experimentalphyſiologie zu dieſer Zeit durch Albrecht Haller wirkte ſich in Gießen nicht ſonderlich aus, 3 ſoweit man dies aus den Vorleſungsverzeichniſſen ſchließen kann; bis zum Ende des Jahrhunderts wird die Phyſiologie in der ſcholaſti⸗ ſchen Weiſe betrieben und gelehrt. 3. Die Zeit der Naturphiloſophie. Auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts, das ſich zu dem Jahrhundert der Naturwiſſenſchaften und der auf dieſen aufbauenden experimentellen Phyſiologie entwickeln ſollte, iſt ein beſonderer Vertreter der Phyſio⸗ logie in der Mediziniſchen Fakultät noch nicht vorhanden, es tritt aber die Phyſiologie als beſonders Fach doch ſtärker hervor. Im W. S. 1809/10 lieſt der Profeſſor der Medizin E. L. W. Nebel„Phyſio⸗ logie des Menſchen“, offenbar nach Hildebrandts Lehrbuch, im S. S. 1811 der Anatom J. B. Wilbrand über denſelben Gegenſtand nach Walthers Lehrbuch, und im W. S. 1811/12 kündigt Wil⸗ brand an: Phyſiologie der geſamten organiſchen Natur, zur Begrün⸗ dung einer rationellen Phyſiologie des Menſchen, mit beſtändiger Er⸗ läuterung durch Naturalien und durch Präparate aus der verglei⸗ chenden Anatomie, fünfmal in der Woche. Wilbrand hat auch ſelbſt ein Buch„Phyſiologie des Menſchen“ geſchrieben, 1815 bei G. F. Taſché in Gießen erſchienen. Am ſich in den Geiſt der Zeit zu verſetzen, iſt es wohl nicht unan⸗ gebracht, einen Blickin die erwähnten Lehrbücher der Phyſiologie von Walther und Wilbrand zu werfen, wobei man ſich erinnern muß, daß damals noch die Lebenskraft ihr Anweſen und die Natur⸗ philoſophie ihre ſonderbaren Blüten trieb. Ph. Fr. Walther in München war der Philoſophie, Medizin und Chirurgie Doktor, Koenigl. Baier. Medizinalrath, öffentl. ordentl. Lehrer der Phyſiologie, Chirurgie und der chirurg. Clinik, Direktor des chirurgiſchen und des Augenkranken⸗Inſtitutes an der Ludwig⸗ Maximilians⸗Aniverſität, mehrerer gelehrten Geſellſchaften Mitglied. Der Titel ſeines Buches lautet: Phyſiologie des Menſchen, mit durch⸗ gängiger Nückſicht auf die comparative Phyſiologie der Thiere. Ver⸗ lag bei Philipp Krüll, Landshut 1807. In der Einleitung(S. 1) wird definiert:„Phyſiologie iſt die Wiſſen⸗ ſchaft von der Idee des Lebens, und von deren Manifeſtation an dem lebenden Organismus.“ Dazu ſteht in Anmerk. 2:„Die Idee des Lebens iſt das Leben abſolut, und als der letzte Grund ſeiner ſelbſt gedacht,— die Nanifeſtation einer Idee iſt aber die Einbildung derſelben in das ihr ent⸗ ſprechende Reale, wodurch am Realenihr Reflex oder Gegenbildentſtehet.“ 4 Auf S. 2 iſt zu leſen, daß„alles wahre Wiſſen nur eines, nemlich das philoſophiſche iſt“. Philoſophie aber iſt„die Wiſſenſchaft von den Ideen überhaupt..., Medizin aber iſt ein Handeln nach Ideen im Gebiete der Naturwiſſenſchaft“(S. 3). Anter allen Lebensformen iſt das menſchliche Leben der vollkommenſte Neflex der Idee: und erſt mit der Entſtehung des Menſchen iſt die Idee des Lebens als realiſiert ihrem ganzen Inhalte nach zu betrachten(S. 10). Alle kosmiſchen Beziehungen und Geſtaltungen ſind in ihm im Kleinen nachgebildet, und ſelbſt das Licht und die Vollkommenheit der aſtraliſchen Leiber entfernter Welten hat in dem Mikrokosmus des Menſchen ihren ver⸗ klärten Widerſchein gefunden: denn aus allem leuchtet auf gleiche Weiſe das göttliche Weſen des All hervor(S. 11). Man dachte damals großzügig. In die Dinge dieſes Alls ſind die Ideen gleichſam als Seelen in die Materie verſenkt. Daher mag der menſchliche Mikrokosmus nicht nur mit Tieren, ſondern mit allem, was in dem Aniverſum iſt, und ſich bewegt, verglichen werden. Die Geſetze des Planetenſyſtems und alle kosmiſchen Beziehungen müſſen ſich daher im Organismus wieder⸗ finden; denen die Auffindung derſelben zum Ärgernis gereicht, die mögen ſich mit jenen zuſammenhalten, welche bei den erſten Anter⸗ nehmungen der comparativen Anatomie darüber ſchrien, daß man den Menſchen brutaliſiere und mit wilden Beſtien vergleiche(S. 12). And weiterhin: Der Anterſchied des Phyſiſchen und des Pſychiſchen iſt nicht vorhanden, ſondern in ewige Harmonie aufgelöſt. Was das Verfahren der Phyſiologie betrifft, ſo iſt es für die Darſtellung des abſoluten Grundes des Lebens rein philoſophiſch(S. 16). In einem erſten oder allgemeinen Deil und in einem zweiten oder beſonderen wird nun die Phyſiologie des Menſchen abgehandelt, wobei die Ideen eine große Nolle ſpielen, es aber an ſicheren natur⸗ wiſſenſchaftlichen Beobachtungen fehlt. So ſeien z. B. eigene Drüſen zur Sekretion des Magenſaftes in den Wandungen des menſchlichen Magens nicht enthalten, freie Säure entwickele ſich in demſelben nur in krankhaftem Zuſtand(S. 200). Der Kreislauf richte ſich nach keinem einzigen Geſetz der Hydraulik(Bd. 2, S. 5). So wie der ganze Kreis⸗ lauf vorzugsweiſe ein elektriſcher Prozeß iſt, ſo iſt die venöſe Gefäß⸗ bewegung magnetiſch(S. 9). Die Neſpiration iſt eine Verzehrung des Irdiſchen durch das Himmliſche: ſo wie alle Verbrennung nur eine Läuterung und Verklärung des beſonderen Seins an den Dingen iſt(S. 106). Jede Muskelfaſer trägt einen freien, ungebundenen Gegen⸗ ſatz in ſich: ſie iſt mit entgegengeſetzten Elektrizitäten geladen und ſomit, 5 vermöge des hohen Grades der hier vorwaltenden elektriſchen Span⸗ nung, expanſiver und kontraktiver Bewegung fähig(S. 160). Die wahre Natur des Sinnes iſt dieſe: Was urſprünglich eines iſt und ungetrennt, das ſoll auch in der Erkenntnis eines und ungetrennt ſein. Der Sinn tritt als Mittler zwiſchen das Innere und das Äußere, zwiſchen das Subjektive und das Objektive: nicht er iſt ſeiner Natur nach ſubjektiv oder innerlich, im Gegenſatz eines Objektiven oder Äußerlichen: ſondern die Sinneserkenntnis iſt eben die Aufhebung ſolcher Trennung. Der Sinn läßt ſie nicht mehr zu: er hängt ſich an das Objekt ſeiner Betrach⸗ tung unmittelbar, wie der Magnet an das Eiſen(S. 251). Das Kapitel Seelenverrichtungen beginnt S. 339:„Das Phyſiſche iſt nirgends in ſich vollendet, es bedarf überall, damit es ein Ganzes werde, des Pſychiſchen, und da, wo es einen Mittelpunkt des Seins in ſich ge⸗ funden, und ſich zu einer wahrhaften Totalität vollendet hat, geht in ihm die Seele auf, welche, obgleich im Körper erſcheinend, dennoch frei und unkörperlich, ohne Vermiſchung mit ſinnlichen Dingen und wahrhaft unſterblich iſt, gleich der Idee, deren reines Durchwirken durch die Endlichkeit eben die Seele iſt. Die Seele iſt daher ſchlechthin Ar⸗ bildliches und hat nichts gemein mit der Materie.“ Ähnlicher Art iſt das Buch von Wilbrand, ordentl. öffentl. Lehrer der Anatomie, der vergleichenden Anatomie, der Philoſophie und Naturgeſchichte in Gießen, der herzoglichen Sozietät für die ge⸗ ſamte Mineralogie zu Jena Ehrenmitgliede und der wetterauiſchen Geſellſchaft für die geſamte Naturkunde correſpondierendem Mitgliede. J. B. Wilbrand), als der Sohn einfacher Landleute, Kötter, die im Dienſt eines Jeſuitenkloſters ſtanden, im Jahr 1779 in Klarholz bei Münſter i. W. geboren, ſpürte ſchon früh den Drang zum Studium in ſich. Anter großen Entbehrungen, unterſtützt von Gönnern, eignete er ſich ſeit dem 14. Jahr in Münſter die nötigen Kenntniſſe an, beſuchte das Gymnaſium daſelbſt, trieb dann zwei Jahre Philoſophie, die ſein Leitſtern im ganzen Gebiet des Wiſſens werden ſollte; beſonders zog ihn Schelling an. Dann ſtudierte er Theologie, ging aber im Jahr 1801 zur Medizin über, immer arbeitend und ſich kein Vergnügen gönnend. Er las viele philoſophiſche, naturwiſſenſchaftliche und mediziniſche Schriften und kam dabei zur Äberzeugung, daß die Chemie der Phyſio⸗ logie nur Täuſchungen bereiten würde. Im Jahr 1804 und 1805 über⸗ nahm er eine Hofmeiſterſtelle. Seine Gönner ermöglichten ihm, 1805 in Würzburg weiter zu ſtudieren, wo er Schelling nun ſelbſt hörte und 1806 mit der Diſſertation„Aber das Weſen des Atmens“ promovierte. 6 Die Oſterferien brachte er in einem Krankenhaus in Bamberg zu und konnte ſich dann nach Paris wenden, wo er bei Cuvier arbeitete und bei Lamarck Vorleſungen hörte. Im Herbſt verließ er Paris und hielt dann ſelbſt Vorleſungen in Münſter. 1808 ſandte er ein Manuſkript „Darſtellung der geſamten Organiſation“ an den Verleger Heyer in Gießen. Im gleichen Jahr noch erhielt er einen Nuf nach Gießen. Er war zweimal verheiratet, von zwei Söhnen blieb einer, Julius, am Leben, der ſich ſpäter in Gießen habilitierte. Seit Frühjahr 18009 wirkte der Vater in Gießen, verbeſſerte das„anatomiſche Lokal“, kaufte die Lobſteinſche Inſtrumentenſammlung an, vermehrte die anderen Samm⸗ lungen und übernahm 1817 auch die Aufſicht über den Botaniſchen Garten, den er beträchtlich erweiterte. Einen Ruf nach Erlangen lehnte er im Jahr 1819 ab, ebenſo kurz darauf einen zweiten nach Freiburg. Von einer großen Zahl wiſſenſchaftlicher Geſellſchaften wurde er zum Mitglied, 1816 von der Philoſophiſchen Fakultät Gießen zum Ehren⸗ doktor ernannt, 1846 ſtarb er. Wilbrand war ein Freund Goethes und mit dem Dichter der Auffaſſung, daß die Farben nicht als ſolche im Licht enthalten ſind, wie Newton meinto, ſondern das Ergebnis des Gegenſatzes zwiſchen dem Finſtern und dem Licht ſind. Für das Blau drückte das Goethe poetiſch ſo aus:„Steht vor dem Finſtern milchig Grau, Die Sonne beſcheints, da wird es Blau.“ Auch das Wilbrandſche Buch iſt reich an Ideen und großzügigen Betrachtungen, wie z. B.:„Die Zirkulation iſt in jedem Naturindividuum die individuelle Erſcheinung der allgemeinen Zirkulation, die in der ganzen Natur als Ausdruck des Lebens ob⸗ waltet und ſich im Aniverſum als gegenſeitige Bewegung der Geſtirne äußert.“ Poſitives wird aber nicht allzuviel geboten, geſicherte Ergeb⸗ niſſe werden verkannt, vor einer chemiſchen Analyſe der Körperflüſſig⸗ keiten wird gewarnt, weil dieſe dadurch ja zerſtört, getötet würden; vor allem macht ſich aber eine wahre Sucht geltend, in allen Funk⸗ tionen Polarität zu ſehen. So wird z. B. das Kapillarſyſtem geleugnet, das Blut werde im Venenſyſtem von neuem erzeugt. Das Blut ſei flüſſiges Fleiſch, feſte Gebilde des Körpers geronnene Säfte(S. 167). Das Blut des Hohlvenenſyſtems verhält ſich zum Blut des Aorten⸗ ſyſtems, wie ſich das reale Daſein zur innern Beſeelung verhält, oder: die drei bogenförmigen Kanäle verhalten ſich zur Schnecke wie im Ganzen der Natur die Evolution zur Involution(S. 290); derartig gewagte Vergleiche kommen oft vor. Polares Verhalten beſteht zwi⸗ ſchen Magen und Nieren(je mehr Einnahmen im Magen, um ſo mehr 1 Abſonderung durch Nieren), zwiſchen der grauen und weißen Subſtanz des Gehirns, zwiſchen Wachen und Schlafen, zwiſchen unwillkürlicher und willkürlicher Bewegung, zwiſchen Herz und Gehirn, zwiſchen Vor⸗ ſtellen und Wollen. Im weiblichen Geſchlecht erſcheint die Organiſation unter dem Charakter der Schwere, im männlichen aber unter dem Cha⸗ rakter des Lichts(S. 351), man ſollte es umgekehrt glauben. Die Noh⸗ koſtler wird es nicht erfreuen zu erfahren: nur für den rohen Menſchen eignen ſich rohe Nahrungsmittel(S. 44). Der Schluß des Buches (S. 429) verſöhnt:„Nirgends iſt wahrer Tod. Was wir ſterben nennen, iſt nur Vernichtung des Individuellen und innigere Aufnahme in Gott; aber gerade hierin äußert ſich das Leben am vollkommenſten, nur nicht als ein Leben des Individuums, ſondern als ein Leben, das vom All ausgeht und ewig in ſich unendlich iſt. Alles kreiſet in einem und dem⸗ ſelben göttlichen Daſein zur abſoluten Arquelle zurück; dieſes iſt auch das Schickſal des Menſchen nach der Vollendung ſeiner individuellen Laufbahn.“ Wilbrand hat neben andern Büchern auch noch ein Handbuch der Phyſiologie geſchrieben und mit A. Ritgens ein„Gemälde der orga⸗ niſchen Natur in ihrer Verbreitung auf der Erde“ herausgegeben, das Goethe, A. v. Humboldt und Blumenbach gewidmet und auf dem dargeſtellt iſt, bis in welche Tiefe der Meere und Höhe der Gebirge der Lebensraum der Pflanzen und Tiere reicht. 4. Die Zeit der exakten Naturwiſſenſchaften. In der Zeit, da Wilbrand als Anatom und Phyſiologe in Gießen tätig war, trat gerade an dieſer Aniverſität ein Mann auf, den das Schickſal mit dazu auserſehen hatte, die Phyſiologie aus den gar zu engen Banden der Naturphiloſophie zu befreien und durch Anwendung exakter chemiſcher Methoden auf phyſiologiſche Probleme die Entwick⸗ lung dieſer Wiſſenſchaft mächtig vorwärts zu treiben, es war Juſtus Liebig, ein Heſſenkind. Dieſer Mann hat aber nicht nur der organiſchen Chemie und der Biochemie eine Stätte in Gießen bereitet, ſondern auch, mit einem divinatoriſchen Blick begabt, der Biophyſik außer⸗ ordentliche Dienſte erwieſen, indem er im Jahr 1842 die Schrift des Entdeckers des Geſetzes von der Erhaltung der Kraft, J. R. Mayer „Bemerkungen über die Kräfte der unbelebten Natur“, in ſeine An⸗ nalen der Chemie und Pharmazie aufgenommen hat, nachdem der Phyſiker Poggendorff auf die Einſendung der Schrift für die An⸗ nalen der Phyſik und Chemie hin überhaupt nicht geantwortet hatte. 8 Durch den Auftrieb, den ſo Phyſik und Chemie erfuhren, bricht nun die neue Aera der Naturwiſſenſchaften und damit der Phyſiologie an, die dann beſonders durch Hermann Helm holtz auf eine bisher un⸗ erreichte Höhe gebracht werden ſollte. So iſt die Landesuniverſität Gießen durch Liebig— er gehörte der Philoſophiſchen Fakultät an— in das hellſte Licht chemiſcher und biochemiſcher Forſchung gerückt worden. Kber Liebigs Leben iſt ſo viel geſchrieben worden, daß ich mir hier verſage, näher darauf einzugehen. Es ſei auf die ausführliche Bio⸗ graphie ſeines Schülers J. Volhard ſowie auf die Vorleſung von W. Oſtwald über„Juſtus Liebig“, die in ſeinem Buch„Große Män⸗ ner“ abgedruckt iſt, verwieſen. Am 6. Mai des Jahres 1824 wurde Liebig, nachdem er ſeit Spätherbſt 1822 eine exakte Ausbildung in Chemie unter Gay⸗Luſſac, Dulong und Thénard in Paris erfahren hatte, zum außerordentlichen Profeſſor in Gießen ernannt, er hatte gerade das 21. Lebensjahr vollendet. Schon am 7. Dezember 1825 wurde er ordentlicher Profeſſor. Liebig war frühreif und wird von Oſtwald in dem oben erwähnten Buch, in dem der Verfaſſer die Genies unter den Naturforſchern in zwei Gruppen, in Nomantiker und Klaſ⸗ ſiker, einteilt, zu den Romantikern gerechnet. Liebigs Einſtellung zur Phyſiologie ergibt ſich aus ſeiner Mahnung:„Die ſchönſte und erhabenſte Aufgabe des menſchlichen Geiſtes, die Erforſchung der Geſetze des Lebens, kann nicht gedacht werden ohne eine genaue Kenntnis der chemiſchen Kräfte“. Mit un⸗ geheurer Tatkraft ging er an die Arbeit und räumte rückſichtslos beiſeit, was ihm im Wege ſtand. Köſtlich iſt auch eine ſpäter verfaßte Schrift„Aber den Zuſtand der Chemie in Preußen“. Hier in Gießen entſtand nun das erſte Anterrichtslaboratorium der Chemie, das jetzt noch als Liebig⸗Muſeum erhalten iſt. Die Methode ſeines Anterrichts und ſeiner Forſchung ergibt ſich aus ſeiner Autobiographie:„Einen eigentlichen Anterricht im Labora⸗ torium, den geübte Aſſiſtenten beſorgten, gab es nur für Anfänger; meine ſpeziellen Schüler lernten in dem Verhältnis, als ſie mitbrachten; ich gab die Aufgaben und überwachte die Ausführung; wie die Radien eines Kreiſes hatten alle einen gemeinſamen Mittelpunkté). Eine eigent⸗ liche Anleitung gab es nicht; ich empfing von jedem einzelnen jeden Morgen einen Bericht über das, was er am vorhergehenden Tage getan hatte, ſowie ſeine Anſichten über das, was er vorhatte; ich ſtimmte bei oder machte meine Einwendungen; jeder war genötigt, 9 ſeinen eigenen Weg ſelbſt zu ſuchen. In dem Zuſammenleben und dem ſteten Verkehr untereinander, und indem jeder teilnahm an den Arbeiten aller, lernte jeder von dem anderen. Im Winter gab ich zweimal wöchentlich eine Art von überſicht über die wichtigſten Fragen des Tages. Es war zum größten Teil eine überſicht über meine und ihre Arbeiten, in Verbindung gebracht mit den Anterſuchungen anderer Chemiker. Wir arbeiteten, wenn der Tag begann, bis zur ſinkenden Nacht; Zerſtreuungen und Vergnügungen gab es in Gießen nicht. Die einzigen Klagen, die ſich ſtets wiederholten, waren die des Dieners, welcher am Abend, wenn er reinigen wollte, die Arbeitenden nicht aus dem Laboratorium bringen konnte. Die Erinnerung an ihren Aufenthalt in Gießen erweckt, wie ich häufig hörte, bei den meiſten meiner Schüler das wohltuende Gefühl der Befriedigung über eine wohlangewendete Zeit“. In der gleichen Schrift ſteht:„Leſſing ſagt, daß das Talent weſentlich Wille und Arbeit ſei, und ich bin ſehr geneigt, ihm bei⸗ zuſtimmen“. Wie die Nachwelt über Liebig dachte, geht aus einer Rede des Generalſekretärs der Wiener Akademie in einer im Jahre 1873— dem Todesjahr Liebigs— abgehaltenen feierlichen Sitzung hervor: Liebig verdanken wir die Hälfte unſerer gegenwärtigen Kultur, und zwar die beſſere. And Oſtwald äußert ſich in ſeinem oben genannten Buch S. 167 ſo: Die Erfolge von Liebigs Anterrichtstätigkeit in den dreißig Gieße⸗ ner Jahren übertrafen alles, was bis dahin erlebt worden war, und ſind auch inzwiſchen nicht wieder erreicht worden. Man ſagt nicht zu viel, wenn man behauptet, daß Liebig während dieſer Zeit die ganze Kulturwelt mit chemiſchen Profeſſoren verſorgt hat. Bis zum Herbſt 1852 wirkte Liebig in Gießen, hier hat er auch ſeine größten wiſſenſchaftlichen Taten vollbracht. Für das S. S. 1852 kün⸗ digte er noch an: Allgemeine Experimentalchemie, täglich von 11 bis 12 Ahr und Praktiſch⸗analytiſcher Kurs im chemiſchen Laboratorium, täglich von 9 Ahr morgens bis 4 Ahr nachmittags. Im Herbſt folgte er einem Nuf nach München, nachdem er andere Berufungen abgelehnt hatte. Aber mit Freude dachte er ſtets an die achtundzwanzig Jahre zurück, die er in Gießen verlebt hatte:„Es war wie eine höhere Fügung, die mich an die kleine Aniverſität führte. An einer großen Aniverſität oder an einem größeren Orte wären meine Kräfte zerriſſen und zer⸗ ſplittert und die Erreichung des Zieles, nach dem ich ſtrebte, ſehr viel ſchwieriger, vielleicht unmöglich geworden; aber in Gießen konzentrierte ſich alles in der Arbeit, und dieſe war ein leidenſchaftliches Genießen.“ 10 In Gießen ſtanden ſich in Wilbrand und Liebig zwei Welten gegenüber, die des Naturphiloſophen und des Experimentalchemikers. Koch in Erlangen hatten Liebig des Philoſophen Schelling Vorträge eine Zeitlang angezogen,„allein Schelling beſaß keine gründlichen Kenntniſſe in den Fächern der Naturwiſſenſchaft, und das Einkleiden der Naturerſcheinungen mit Analogien und in Bildern, was man Erklären nannte, ſagte mir nicht zu“. In den erwähnten Büchern von Walther und Wilbrand ſtützen ſich die Verfaſſer aber gerade auf Schellingſche Philoſophie. Man darf ſich daher nicht wundern, wenn Liebig in ſeiner Autobiographie S. 14 ſchreibt:„in den Fächern der Naturwiſſenſchaften wirkte die ausgeartete philoſophiſche Forſchung, wie ſie in Oken und ſchlimmer noch in Wilbrand ſich verkörpert hatte, auf das ſchädlichſte ein, denn ſie hatte in dem Vortrag und Studium zu einer Nichtachtung der nüchternen Naturbeobachtung und des Ex⸗ periments geführt, die für viele begabte junge Männer verderblich wurde“. Nun auch noch etwas Menſchliches von dieſen beiden Antipoden. In einem in Gießen ſehr bekannten Buch„Aus meinem Leben“ ſchreibt der Zoologe Carl Vogts), der Verfaſſer der„Phyſiologiſchen Briefe für Gebildete aller Stände“, es ſei unglaublich geweſen, welche Menge von Wiſſenſchaften Wilbrand lehrte. Bei den botaniſchen Lehr⸗ ausflügen habe der hagere Mann eine unglaubliche Zähigkeit im Dauer⸗ lauf bewieſen und ſtets ſein Handbuch der Botanik in einem Leder⸗ futteral mitgeſchleppt. Zoologie habe er großenteils aus einem auch von ihm verfertigten Handbuch vorgeleſen und mit Bemerkungen über ſeine„AÄffken“ gewürzt, beſtändig habe er nämlich eine oder mehrere Meerkatzen zu Haus gehalten. Als Phyſiologe las er ein drittes, von ihm verfaßtes Lehrbuch vor, das ſeiner poetiſchen Sprache wegen gerühmt wurde. Von Verſuchen ſei keine Rede geweſen, auch vom Mikroſkopieren nicht, das Mikroſkop zeige doch nur Trugbilder; man merkt hier den Einfluß ſeines Freundes Goethe, der es auch einmal aus⸗ geſprochen hat: Mikroſkope und Fernröhren verwirren den reinen Sinn des Menſchen, worin ſicher ein Körnchen Wahrheit liegt. Als Pro⸗ feſſor der vergleichenden Anatomie diktierte Wilbrand ein Heft mit eigenen Ideen. Zur Eröffnung der Vorleſung über Naturphiloſophie erſchien faſt die ganze Studentenſchaft.„Meine Haaren“ fing Wil⸗ brand in ſeinem breiteſten Weſtfäliſch an,„meine Haaren! De Philo⸗ ſophie kann nich gelahrt un nich gelarnt waren!“ Kaum war die Phraſe beendet, ſo ſtand das Auditorium auf und ging weg— was hatte man 11 noch in einem Kollegium zu tun, wo nichts gelehrt und nichts gelernt werden konnte?s) Am ſo mehr zogen Vogt Liebigs Vorleſungen an, ſie„waren freilich keine Muſter, weder was die Direktive, noch was die Ausführung der zahlreichen Experimente oder die Deduktion der Schlüſſe und Folge⸗ rungen betraf. Liebig überhaſtete ſich damals noch in allem; er ließ ſtets die Mittelglieder einer logiſchen Folgerung aus und ſprang von dem Vorderſatz gleich mit beiden Füßen in den Schlußſatz hinein. Bei den Verſuchen vergriff er ſich regelmäßig, und ein Experiment gelang nur dann, wenn ihm die Aſſiſtenten links und rechts die Inſtrumente und Reagentien in die Hand gaben. So vortrefflich er im Laborato⸗ rium manipulierte, ſo ſchlecht gelang es ihm in der Vorleſung; aber trotz dieſer Mängel faßte man Feuer für die Sache und ward hin⸗ geriſſen“. Bis zum Jahr 1846 wirkten Liebig und Wilbrand nebeneinander, aber offenbar nicht miteinander. Seit S. S. 1836 wird in den Vor⸗ leſungsverzeichniſſen des letzteren Sohn Julius Wilbrand als Pro⸗ ſektor genannt, der immer mehr die Anatomie übernahm, während der Vater die Phyſiologie beibehielt. Für das S. S. 1846 kündigte Wilbrand noch an„Was iſt Phyſiologie und was iſt ſie nicht, wenn ſie wiſſenſchaftlich begründet ſein und wiſſenſchaftlichen Wert haben ſoll“— man ſpürt darin geradezu ein Aufbäumen gegen die neue Rich⸗ tung—, es kam aber wohl nicht mehr zu dieſer Vorleſung, denn am 9. Mai 1846 iſt Wilbrand geſtorben. Von weiteren Lehrern der Phyſiologie in dieſer Zeit ſei Privat⸗ dozent Dr. H. K. H. Hoffmann aus Rödelheim genannt, der über Verdauung und überhaupt über den chemiſchen Teil der Phyſiologie, auch über den mikroſkopiſchen Teil las und auch praktiſche zoochemiſche Arbeiten und Examinatorien für Phyſiologie, Botanik und Zoochemie abhielt; er wurde 1853 o. Profeſſor der Botanik und war ſeit 1851 Direktor des Botaniſchen Gartens. Am Anatomiſch⸗phyſiologiſchen Inſtitut war auch H. A. Barde⸗ leben aus Frankfurt a. d. O. ſeit 1844 Privatdozent, ſpäter o. Profeſſor der Chirurgie in Greifswald und Berlin. Noch zu Lebzeiten Wilbrands wurde als Profeſſor der Phyſio⸗ logie Th. L. W. Biſchoff berufen, und zwar auf Liebigs Vorſchlag; es zeigte ſich bald, wie gut dieſer Vorſchlag war. Biſchoffo) wurde am 28. Oktober 1807 in Hannover geboren, ſein Vater war Arzt, ſpäter Profeſſor der Pharmakologie und 12 Staatsarzneikunde in Bonn. Der Sohn ſtudierte nach dem Beſuch des Gymnaſiums von 1826 ab in Bonn, wo man auch der Natur⸗ philoſophie huldigte, Biſchoff aber ſehr bald durch kleinere natur⸗ wiſſenſchaftliche Arbeiten an die Objekte ſelbſt herankam. Phyſiologie hörte er auch bei Johannes Müller, aber ohne Experimente und faſt ohne Demonſtrationen. Mit einer Anterſuchung über die Spiralgefäße der Pflanzen promovierte er im Jahr 1829 zum Dr. phil. Militärdienſt leiſtete er bei den 8. Alanen. Im Jahr 1830 ſetzte er ſein Studium in Heidelberg fort, wo er ſich an Tiedemann anſchloß und bei dieſem und Arnold mit einer Arbeit über„Anatomie und Phyſiologie des Nervus accessorius Willisii“ im Jahr 1832 den Dr. med. erwarb. Im gleichen Jahr noch erledigte er ſein Staatsexamen in Berlin, war dort Aſſiſtent an der Aniverſitäts⸗ Entbindungsanſtalt bei Buſch und wurde dadurch mit den Generations⸗ vorgängen näher vertraut, die ſpäter ſein Hauptforſchungsgebiet werden ſollten. 1833 habilitierte er ſich in Bonn mit einer Arbeit über die Eihüllen des Menſchen. Als einer der erſten las er im W. S. 1834/35 ein Kolleg über Entwicklungsgeſchichte. Die Bewerbung um eine Proſektorſtelle in Heidelberg hatte keinen Erfolg, aber die Fakultät berief ihn dorthin als Dozent für vergleichende und pathologiſche Anatomie, Tierſeuchenkunde und zur Abhaltung von Präparierübungen. Von 1836 an wirkte er dort, Tiedemann trat ihm ſeine Vorleſung über Phyſiologie ab. Noch im gleichen Jahr wurde er außerordentlicher Profeſſor, nachdem er Rufe nach Baſel und Dorpat abgelehnt hatte. Seine entwicklungsgeſchichtlichen Arbeiten trugen ihm im Jahr 1842 einen Preis der Berliner Akademie ein, er war einer der bekannteſten Forſcher auf dieſem Gebiet geworden. Von 1836 bis 1846 erſchienen von ihm Jahresberichte über die Fort⸗ ſchritte der Phyſiologie in Müllers Archiv. Für Wagners Hand⸗ wörterbuch der Phyſiologie ſchrieb er das Kapitel über Mißbildungen. 1844 erhielt er den Sömmering⸗Preis. über den Kopf der Heidelberger Fakultät hinweg wurde B. im Jahr 1843 zum Ordinarius ernannt. Die Schwierigkeiten, die ſich daraus ergaben, fanden eine Löſung durch eine Berufung nach Gießen. Hier wurde er noch im gleichen Jahr Profeſſor der Phyſiologie. In Heidelberg hatte er ſich mit einer jungverwitweten Tochter Tiede⸗ manns vermählt. In Gießen ſetzte er ſeine entwicklungsgeſchichtlichen Anterſuchungen am Meerſchweinchen und beſonders am Reh, deſſen Ei nach der 13 Furchung im Aterus überwintert, fort und baute dort von 1844 an ein großzügig geplantes und unter der Leitung Hugo v. Ritgens auch großzügig ausgeführtes Anatomiſch⸗phyſiologiſches Inſtitut. Von dieſem Bau und ſeiner Einrichtung, der ſeinesgleichen in Deutſchland kaum hatte und ſich des Beifalls aller Beſuchenden, und darunter der urteilsfähigſten Männer des Faches, zu erfreuen gehabt habe, hat er in einer beſonderen Schriftio) eine eingehende Beſchreibung geliefert. Darin ſchildert er zunächſt ſehr anſchaulich die unzulänglichen Ver⸗ hältniſſe in dem alten Gebäude beim ehemaligen Schloß auf dem Brandplatz, das ſeit 1699 dem Anterricht gedient habe und wo in den oberen Näumen, die als Fruchtſpeicher benutzt wurden, ein Heer geſchwänzter Gäſte und ähnliches Gelichter reiche Nahrung fanden. Schon 1835 waren Mittel für einen Neubau in den Aniverſitätshaus⸗ halt eingeſetzt und die Ausführung auf Veranlaſſung des Geh. Med.⸗ Nats Wilbrand im Dezember 1840 beſchloſſen worden. Es ergaben ſich aber im Zuſammenhang mit andern Neubauten der Aniverſität in der Nähe des geplanten Schwierigkeiten, zumal 1843 der Beſchluß gefaßt wurde, auch ein Phyſiologiſches Inſtitut zu bauen, wozu gerade Biſchoff berufen worden war. Da in dem Bau auch noch die Patho⸗ logie und Zoologie untergebracht werden ſollten, ſah ſich Biſchoff genötigt, den vorliegenden Plan gänzlich abzuändern, zumal auch die neue Main⸗Weſer⸗Bahn an dem Bau vorbeigeführt und der Bahn⸗ hof in der Nähe des Inſtituts errichtet werden ſollte. Im Spätherbſt 1844 wurde mit der Grundlegung auf einem der ſchönſten Punkte des Seltersbergs in der Nähe der Kliniken und des chemiſchen Laboratorii begonnen, im Sommer 1846 war der Bau äußerlich vollendet. In dieſer Zeit wurde Biſchoff zu der Profeſſur für Phyſiologie auch die für menſchliche und vergleichende Anatomie übertragen. Die innere Einrichtung, der Biſchoff viel Zeit opferte, zog ſich bis zum Jahr 1851 hin, zumal das Jahr 1848 ſich ſtörend geltend machte. Im W. S. 1849/50 konnte Biſchoff in dem Neubau die erſte Vorleſung halten, der große amphitheaterähnliche Hörſaal faßte 100 Auditoren, und auch für die Sekanten war genügend Platz vorhanden. Die wiſſenſchaftliche Ausſtattung wurde durch eigene und der Proſektoren Präparate ſowie durch die Sömmeringſche und Froriepſche Sammlung, die ſchon früher angekauft worden waren, auf einen hohen Stand gebracht. Eine der reichſten Sammlungen überhaupt war die über Entwicklungsgeſchichte. 14 So hat Biſchoff der Anatomie und Phyſiologie eine würdige Stätte in Gießen bereitet. Durch die Berührung mit Liebig kam Biſchoff auch zu Stoff⸗ wechſelverſuchen, er führte ferner die bekannt gewordene Beſtimmung der Geſamtblutmenge des Menſchen aus. Seine Vorleſungen wurden durch Experimente und Demonſtrationen belebt, außer den Sezier⸗ übungen wurden auch mikroſkopiſche und phyſiologiſche Abungen ab⸗ gehalten. Neben Entwicklungsgeſchichte las er auch über vergleichende Phyſiologie der Pflanzen und der Tiere. Als Liebig 1852 dem Nuf nach München folgte, zog er Biſchoff bald nach, der 1855 als Anatom und Phyſiologe dorthin überſiedelte und dort wie vorher in Gießen genötigt war, zunächſt zu bauen, da die Anatomiſche Anſtalt ſeinen Anforderungen nicht genügte. In München arbeitete er mit ſeinem Aſſiſtenten Carl Voit zuſammen, an den er im Jahr 1863 die Vorleſung über Phyſiologie abtrat, während er ſelbſt ſich mit Anthropologie, Darwinſcher Abſtammungs⸗ lehre, Anatomie der Anthropoiden und Großhirnſtudien befaßte. Die Häckelſche Anthropogenie erklärte er für unzutreffend. Er hat ſich auch noch mit dem Nekrutierungsgeſchäft zur Beurteilung des Geſund⸗ heitszuſtands der Bevölkerung und mit Prüfungsfragen befaßt; das Studium der Medizin durch Frauen lehnte er ab. Im Jahr 1878 trat er vom Amt zurück, lebte im Sommer am Chiemſee, im Winter in München, und ſtarb im Jahr ſeines goldenen Doktor⸗Jubiläums, 75 Jahre alt. Die Landesuniverſität Gießen kann ſich rühmen, dieſer bedeutenden Perſönlichkeit, die Sudhoff neben K. E. v. Baer ſtellt, zuerſt die Wirkung im Großen ermöglicht zu haben. Biſchoff, der durch Liebig ſo gefördert wurde und ſeit 1843, dreißig Jahre lang, faſt ununterbrochen in perſönlichem Verkehr mit ihm ſtand, hat dieſem großen Mann ein bedeutſames Denkmal in einer Schrift „Über den Einfluß des Freiherrn Juſtus von Liebig auf die Entwicklung der Phyſiologie“¹1) errichtet. Er findet, daß Liebigs Schriften nicht immer leicht zu leſen ſeien und dadurch auch Mißverſtändniſſe hervor⸗ gerufen hätten, und er unternimmt es nun, die großen wiſſenſchaftlichen Taten dieſes Mannes dem Leſer näher zu bringen und das Für und Wider, das man zu Liebigs Anſichten äußerte, ins rechte Licht zu ſetzen. Eigentümlich nennt er es, daß keiner der damals lebenden Phyſiologen ein unmittelbarer Schüler Liebigs geweſen ſei, ſelbſt Ludwig und Eckhard in dem nahen Marburg hätten ſeines Wiſſens 15 nicht in Liebigs Laboratorium gearbeitet. Ärzte und Phyſiologen ſeien eben noch nicht von der Notwendigkeit der Chemie überzeugt geweſen, wohl aber Fabrikanten, Induſtrielle und Landwirte, die ſich zu Liebigs Laboratorium drängten. Alle Phyſiologen hätten ſich der Phyſik oder dem neu aufgezogenen Geſtirn, der Mikroſkopie, zuge⸗ wandt. And nun ſchildert er die ungeheure Wirkung, die Liebigs Ar⸗ beiten, Schriften und Lehren für die organiſche Naturwiſſenſchaft überhaupt und für die Phyſiologie und Medizin im beſonderen gehabt haben und noch haben können und geht auch auf Liebigs Einſtellung zu den Problemen von Kraft und Materie, von Geiſt und Körper, von Gott und Anſterblichkeit ein. Liebig habe an die Allmacht, Voll⸗ kommenheit und unergründliche Weisheit eines höheren Weſens und an die unſterbliche Seele des Menſchen geglaubt. Biſchoff ſchließt die Schrift mit den Worten:„Die Menſchheit und die Wiſſenſchaft werden nie dankbar genug für das Geſchenk eines ſolchen Geiſtes ſein können“. Nachfolger Biſchoffs auf dem Lehrſtuhl der Anatomie und Phyſio⸗ logie wurde K. W. L. Bruch aus Mainz, der aus Baſel hierher berufen, aber geiſteskrank wurde. Auf ihn folgte Biſchoffs Proſektor Eckhard. Conrad Eckhard wurde am 1. März 1822 als Sohn eines Webers in Homberg a. d. Efze, im ehemaligen Kurfürſtentum Heſſen, jetzt Negierungsbezirk Kaſſel, geboren. Er war evangeliſcher Konfeſſion, beſuchte ſpäter das Lehrerſeminar in Homberg und betrieb Gymnaſial⸗ ſtudien in Marburg, wo er ſich durch Privatunterricht die nötigen Mittel zu ſeinem Lebensunterhalt erwarb. Im Jahr 1847 beſtand er in Kaſſel die Prüfung für Neallehrer. Von 1845 bis 1849 ſtudierte er an den Aniverſitäten Marburg und Berlin, anfangs Naturwiſſenſchaften, ſpäter Medizin, doch vorzugsweiſe Anatomie und Phyſiologie. Militärdienſt hat er nicht geleiſtet. In Berlin bearbeitete er ein von Johannes Müller überwieſenes Thema„Aber das Zungenbein der Säugetiere“. Nach Marburg zurückgekehrt, beendigte er ſein Medizin⸗ ſtudium und wurde im Herbſt 1848 proviſoriſcher Proſektor am Anatomiſchen Inſtitut bei Fick und Aſſiſtent bei Ludwig. Nachdem er im Jahr 1849 den Dr. phil. in Marburg mit der Arbeit„Dar⸗ ſtellung der Lehre von der Tierzelle“ erworben hatte, ſiedelte er im gleichen Jahr an das Anatomiſche Theater in Gießen unter Biſchoff als Nachfolger des ſchon oben genannten Privatdozenten Barde⸗ leben über und promovierte dort zum Dr. med., nachdem er das 16 Verſprechen abgegeben hatte, als„Ausländer“, der er als Kurheſſe war, nicht zu praktizieren. Am 14. Oktober 1849 reichte er ein Geſuch um Erteilung der Venia legendi ein und glaubte zugleich die Möglich⸗ keit einer Subſiſtenz auf der Akademie nachweiſen zu können. Am 3. November 1849 verteidigte er in öffentlicher Disputation zur Habili⸗ tation folgende Theſen: I. Die mikroſkopiſche Anatomie iſt nur Methode einer allgemeinen Wiſſenſchaft. II. Hagens Anſicht über den phyſiologiſchen Vorgang beim Weinen iſt unrichtig. III. Der Sympathikus beſitzt ein Empfindungsvermögen. IV. Der Lehrſatz von der beſondern Kontraktilität der Muskelfaſer iſt weder experimentell noch durch theoretiſche Betrachtungen erwieſen. V. Das genus Lepidosiren muß den Amphibien angereiht werden. VI. Es iſt unſtatthaft, eine organiſche Molekularbewegung von der gewöhnlichen(Brownſchen) unterſcheiden zu wollen. VII. Der Lehrſatz von den ſpezifiſchen Sinnesenergien iſt unhaltbar. VIII. Die Phyſiologie iſt bis jetzt nicht imſtande, eine genügende Erklärung des Akkommodationsvermögens des Auges zu geben. Die Habilitationsſchrift mit dem Titel„über die Einwirkung der Temperaturen des Waſſers auf die motoriſchen Nerven des Froſches“ hat Eckhard im Jahr 1850 nachgeliefert, da die erſten Einrichtungen in dem neuen von Biſchoff erbauten Anatomiſchen Theater ſeine ganzen Kräfte in Anſpruch genommen hatten. Im Senat, der die venia legendi erteilte, ſaß Juſtus von Liebig, der im Jahr 1845 geadelt worden war. Im Jahr 1855 wurde Eckhard außerordentlicher Profeſſor und im Anſchluß daran von den Funktionen eines Pro⸗ ſektors beim Anatomiſchen Theater und eines Aſſiſtenten beim Phyſio⸗ logiſchen Inſtitut entbunden. Das Ordinariat erreichte er ſchon ein Jahr darauf, als Biſchoff nach München überſiedelte. Gegenſtand ſeiner akademiſchen Antrittsrede in Gießen war:„Das Weſen und die Bedeutung der modernen Phyſiologie“. Nach der Penſionierung des ſoeben ſchon genannten Anatomen Bruch wurden beide Ordinariate wieder unter Eckhard vereinigt, der inzwiſchen auch für den Lehrſtuhl in Königsberg in Betracht gekommen war; eine weitere Anfrage aus Dorpat zerſchlug ſich aus politiſchen Gründen. Von 1855 bis 1891 vertrat ſo Eckhard beide Fächer, von da an die Phyſiologie allein, die eine beſondere Anſtalt in der Senckenbergſtraße erhielt, die aber 17 vorher ſchon anderen Zwecken gedient hatte. Den anatomiſchen Lehr⸗ ſtuhl übernahm R. K. E. Bonnet aus Augsburg, zuletzt in Bonn a. Rh. Von weiteren Lebensdaten Eckhards ſei noch ſein Rektorat im Jahr 1873 erwähnt. An ſeinem 70. Geburtstag im Jahr 1892 wurde ihm von ſeiner Mediziniſchen Fakultät eine lateiniſch verfaßte Gratu⸗ lationsurkunde überreicht, von ſeinen Schülern wurde eine Eckhard⸗ Stiftung für Witwen und Waiſen heſſiſcher Ärzte errichtet, die von der Mediziniſchen Fakultät auf Anregung eines ſeiner Nachfolger, H. Strahl, an ſeinem 80. Geburtstag im Jahr 1902 um mehr als 1000 Mk. vergrößert wurde,„um dem verdienten Senior Freude zu machen“. Zu ſeinem 50 jährigen Jubiläum als Dr. med. erſchien im Jahr 1899 eine Feſtſchrift, die Strahl zum Verfaſſer hatte. Bis zu ſeinem 84. Lebensjahr harrte Eckhard in ſeinem Amt aus; am 28. April 1905 ſtarb er an einem akuten Lungenaffekt nach kaum überſtandener ſchwerer Influenza und wurde am 1. Mai mit akademi⸗ ſchen Ehren auf dem neuen Friedhof beerdigt. Eckhard¹²) war ein kleiner, magerer Mann von etwas gebückter Haltung, den Kopf von wirren Haaren umrahmt, mit hoher gewölbter Stirn und ausgeprägten Zügen mit bräunlicher Geſichtsfarbe. Er lebte ſehr einfach und zurückgezogen, war wahrheitsliebend, von einer peinlichen Gewiſſenhaftigkeit in wiſſenſchaftlichen Dingen, ſtreng gegen ſich und andere, meiſt ruhig, gelegentlich aufwallend. Seine Erholung fand er auf der Jagd, die ihm auch zur Naturbeobachtung Gelegenheit bot. Dem Vereinsleben und Kongreſſen blieb er fern. Eckhard war zweimal verheiratet, aus erſter Ehe ſtammte ein Sohn Fritz, der Arzt, ſpäter auch Proſektor und Privatdozent in Gießen wurde; aus zweiter ein Sohn Ernſt, der Forſtmann wurde. Mit ſeiner Lehrtätigkeit nahm es Eckhard ſehr ernſt, er las im Winter Anatomie, im Sommer Phyſiologie, und zwar dieſe ſchon von 6 Ahr morgens an. Dazu kamen Vorleſungen über Mitkroſkopie, Entwick⸗ lungsgeſchichte und phyſiologiſch wichtige Gifte, und Konverſatorien über Phyſiologie. Beſonderer Wert wurde auf die Äbungen in der Phyſiologie gelegt. Eckhard hat auch ein Lehrbuch der Anatomie des Menſchen und eines über Experimentalphyſiologie des Nerven⸗ ſyſtems geſchrieben, die 1862 und 1867 in Gießen im Verlag der Ferberſchen Aniverſitäts⸗Buchhandlung(Emil Noth) erſchienen ſind. Sein Vortrag war eintönig, aber eindrucksvoll, im Präparierſaal und Praktikum verlangte er ſaubere Arbeit und peinliche Ordnung. Viele Jahre hindurch verſammelte er an einem Wochentag abends 18 8 Ahr im Café Ebel Fakultätsmitglieder, praktiſche Ärzte, Aſſiſtenten und Schüler in höheren Semeſtern um ſich, wobei über das Neueſte aus Anatomie und Phyſiologie berichtet wurde. Bei der anſchließenden Ausſprache ging es oft heiß her, aber das nachfolgende Glas Bier brachte wieder Verſöhnung. Wie ſehr ihm die gute Ausbildung ſeiner Schüler am Herzen lag, geht aus einer Schrift„Aber die Bildung und Prüfung des Arztes“ hervor, die er im Jahr 1869 im Verlag von E. Roth in Gießen hat erſcheinen laſſen. Ich gehe etwas genauer auf dieſe Schrift ein, da das Arteil und die Vorſchläge eines ſo anerkannten, bis in ſein 84. Le⸗ bensjahr tätigen alademiſchen Lehrers auch heute noch Geltung beanſpruchen dürfen. Die Schrift beginnt mit feinem Humor:„Obſchon in unſerem formellen, deutſchen Aniverſitätsleben die theologiſche und juriſtiſche Fakultät vor der mediziniſchen den Vortritt zu haben pflegen, wodurch angedeutet werden ſoll, daß Gott und Recht der Geſundheit und dem Leben vorgehen, ſo pflegt man in dem Verkehr des praktiſchen Lebens dem Arzte dennoch eine Stellung einzuräumen, über welche dieſer nicht zu klagen hat“. Er ſpricht dann von der Achtung und dem Vertrauen, das man dem echten Arzte zollt. Bei dieſer faſt ſchrankenloſen Hingabe der Kranken an den ärztlichen Stand muß die Ausbildung des Arztes derart ſein, daß das Vertrauen gerechtfertigt werden kann, die An⸗ ſprüche an den Arzt müſſen alſo ernſt und ſtreng, aber frei von jedem Formalismus und bürokratiſcher Einwirkung ſein. Er fährt dann fort:„Man kann dreiſt behaupten, daß, wer ſich den Namen eines wiſſenſchaftlich gebildeten Arztes erwerben will, heut zu Tage mehr Opfer an Zeit, Geld und geiſtiger Arbeit zu bringen hat als Jeder, der einen andern Lebensberuf wählt.“ Anter den Vorbildungsanſtalten hält Eckhard das Gymnaſium für die zweckmäßigſte unter der Vorausſetzung, daß dort die Natur⸗ wiſſenſchaften und die Mathematik mehr Eingang finden. Auf der Aniverſität verlangt er zunächſt ein gründliches Studium der Mathe⸗ matik, Phyſik und Chemie und praktiſche Betätigung in dieſen Wiſſen⸗ ſchaften. Notwendig iſt dann eine gediegene Ausbildung in Anatomie und Phyſiologie.„Die ächte Art, die Anatomie ſich anzueignen, repräſen⸗ tiert die normale Geburt des Arztes. Sie iſt kein Gegenſtand, der ſich mit Gemütlichkeit bei einer Taſſe Café und der Zigarre auf dem Sopha erlernen läßt; ſie treibt unaufhörlich an den unwirtſamen 19 Seciertiſch und reißt auf dieſe Weiſe aus lieb gewordenen Gewohn⸗ heiten heraus, führt alſo zu heilſamer Selbſtüberwindung. Das ſtete Schneiden, Zerlegen, Wenden und Drehen, Sehen und Vor⸗ ſtellen konzentriert den Geiſt auf das Reale, entrückt ihn dem Phantaſie⸗ leben, duldet nicht das Anklare und macht ihn in der eignen Prüfung feſt“. „Wie die Phyſiologie nach Inhalt und Methode ſteht, muß ſte als der Kern betrachtet werden, um welchen ſich der geſamte Reſt medi⸗ ziniſcher Bildung herankriſtalliſieren ſoll. Der philoſophiſchen Speku⸗ lation entronnen, ſtellt ſie die Mechanik, Phyſik und Chemie des Orga⸗ nismus dar und lehrt die Erſcheinungen desſelben nach den fruchtbaren Methoden dieſer Diſziplinen darſtellen.“ Wohlüberlegtes methodiſches Forſchen iſt hier an die Stelle veralteter teleologiſcher Phantaſien ge⸗ treten und bringt mit unerbittlicher Kritik das Prinzip der Kauſalität zur Geltung. Eckhard glaubt aber, daß es kaum ein zweites Gebiet des Forſchens gibt, wo die Wachſamkeit über die zu ziehenden Schluß⸗ folgerungen mit ſolcher Ausdauer auf der Hut zu ſein hat, wie in der Phyſiologie. Nie dürfen die phyſiologiſchen Studien den Arzt ver⸗ laſſen, ſie ſind ſein Kompaß, je nach deſſen Stellung er durch das Ge⸗ biet der mediziniſchen Wiſſenſchaft zu ſteuern hat. Was die übrigen Fächer der Medizin anlangt, ſo iſt in jedes mit den gewaltigen Fortſchritten auf dem Gebiet der Phyſiologie ein phyſiologiſcher Geiſt gefahren, womit aber Eckhard nicht geſagt haben will, daß man nur ein guter Phyſiologe zu ſein brauche, um als prak⸗ tiſcher Arzt fertig zu ſein. Eckhard geht weiterhin auf die Arzneimittellehre¹s), die der Phyſio⸗ logie am meiſten verwandt ſei, und auf die praktiſche Seite der Medizin ein und ſtellt eine Prüfungsordnung auf. Im Phyſikum ſoll nur Mathematik, Phyſik und Chemie, dieſe aber gründlich und Chemie auch praktiſch geprüft werden, von der Prüfung in den beſchreibenden Naturwiſſenſchaften und andern angrenzenden Wiſſenſchaften ſoll ab⸗ geſehen werden,„es rückt uns ſonſt das ganze Heer von Wiſſenſchaften auf den Leib und macht von unſerer Gutmütigkeit den ausgedehnteſten Gebrauch“, man verlange ja auch von einem Seelſorger nicht, daß er von einem Mediziner über die Regeln, die man bei einem Krankenbeſuch zu beobachten habe, geprüft werde. Bei der hohen Bedeutung der Anatomie hält Eckhard dafür, daß ihr Studium einen beſonderen Abſchnitt im Leben des Arztes und in der Prüfung bilde, dieſe ſoll ſich in den Situs, die Anfertigung eines 20 Präparats, die Prüfung in der feineren Anatomie und der Dechnik des Mikroſkops gliedern. Da die Phyſiologie das belebende Prinzip der mediziniſchen Wiſſen⸗ ſchaften ſei und in ihr das ärztliche Wiſſen gipfle, ſoll die Prüfung darin ſo ſpät wie möglich erfolgen. Es werde dann die Phyſiologie anhaltender, mit reiferem Arteil und mit mehr Erfahrung und Ernſt betrieben. Dadurch werde dann auch ihr Einfluß auf die geſamte geiſtige Bildung des Arztes mächtiger und nachhaltiger. Er behandelt dann die Prüfung in den praktiſchen Fächern, verlangt den Nachweis eines geordneten mediziniſchen Studiums nicht allein auf dem Papier, wobei er ſich gegen zuviel akademiſche Freiheit wendet, und hält es für nötig, daß alle Prüfungen öffentlich ſeien. Als Forſcher hat Eckhard vielſeitig gewirkt; beſonders bekannt ſind ſeine Anterſuchungen über Speichelſekretion und Funktion der Nervi erigentes geworden, aber auch mit Filtration, Diffuſion, Osmoſe, Polyurie, Hydrurie, Glykosurie, Sekretion von Milch, von Magenſaft, mit Darmbewegungen, Herzbewegung und ihrer Beeinfluſſung, be⸗ ſonders aber mit dem peripheren und zentralen Nervenſyſtem hat er ſich viel befaßt, für ihn war„die Phyſiologie des Nerven der Nerv der Phyſiologie“. Durch Studienreiſen ins Ausland, und zwar nach Oſterreich, Italien, England, Frankreich und Holland, hat er ſich den Blick geweitet. Aber den alten Geheimrat Eckhard, der ſeines einfachen, leutſeligen Weſens und derben Witzes wegen bei jung und alt ſehr beliebt war, erzählt man ſich in Gießen noch heute viele Geſchichten. Einige davon ſeien mitgeteilti4). Beim Leſen ſaß Eckhard an ſeinem einfachen Tiſch im Inſtitut, eine Taſſe Tee neben ſich und eine lange Pfeife im Mund. Den Tabak für ſeine Dauerpfeife bezog er in einem großen Faß, das offen in einem Verſchlag ſtand. Als er darauf aufmerkſam gemacht wurde, daß der Tabak doch geſtohlen werden könnte, meinte er: da geht niemand dran, der iſt den Leuten viel zu ſchlecht, es iſt Rippentabak. Eckhard war ein großer Jäger, ſeine Jagd litt unter einem Wilderer, den er kannte, der ſich aber ganz unverſchämt benahm und dem er einen Denkzettel zu geben beſchloß. Er lauerte ihm auf und ſchoß ihm, als der es ſich auf ſeinem Jagdſtuhl bequem gemacht hatte, ohne langes Beſinnen aus entſprechender Entfernung die ganze Kehrſeite voll Schrot. Nachdem er erfahren hatte, daß der Wilderer in die Chirur⸗ giſche Klinik aufgenommen worden war, ging er zu dem befreundeten 21 Chirurgen und legte ihm nahe, dem Patienten jedes Schrotkorn einzeln und ohne ſchmerzlindernde Mittel herauszunehmen, was geſchah. Kurz darauf beſuchte Eckhard den Patienten in der Klinik und fragte ganz harmlos und teilnehmend, wie er ſich ſo verletzt habe, worauf jener erwiderte, eine alte Flinte ſei ihm aus Verſehen losgegangen. Eckhard drohte ihm ſcherzend mit dem Finger und ſagte: Ja, ſehen Sie, es heißt nicht umſonſt: Spiele nicht mit Schießgewehr! Der Mann lag⸗noch einige Wochen in der Klinik, war aber dann zugleich vom Wildern geheilt. Als Eckhard eines Tages vierter Klaſſe zur Jagd fuhr, meinte einer der Mitreiſenden, der ihn kannte: Aber Herr Geheimrat, Sie brauchten doch auch nicht bloß vierter Güte zu fahren. Ach, ſehen Sie, ſagte Eckhard, ich habe ſeither mein Geld immer mit dem Kopf verdient, nun mag mein H. auch einmal was verdienen. Hochbetagt lehrte Eckhard immer noch Anatomie und Phyſiologie und wies alle Vorſtellungen ſeiner Kollegen, er möge ein Fach ab⸗ geben, entrüſtet zurück. Als Großherzog Ludwig IV. einmal zu einer Feier nach Gießen kam, bat man ihn, er möge Eckhard nahelegen, auf ein Fach zu verzichten. Der Großherzog unterhielt ſich länger mit Eckhard und meinte ſchließlich, er werde bei ſeinem hohen Alter wohl kaum mehr beiden Fächern gerecht werden können, das bringe ja ein Junger kaum fertig. Darauf entgegnete Eckhard ruhig:„Ja, König⸗ liche Hoheit brächten das auch wohl nicht fertig, aber ich kann es“, und lehrte noch jahrelang beide Fächer. Wie jung er ſich fühlte, geht auch daraus hervor, daß er im 81. Le⸗ bensjahr ſeine Jagd nach Ablauf der Pacht auf weitere 12 Jahre pachten wollte und empört erzählte, die Bauern hätten ihm die Jagd nur auf 6 Jahre verpachtet. Von weiteren Dozenten wirkten zu Eckhards Zeiten am Anato⸗ miſch⸗phyſiologiſchen Inſtitut der in Gießen geborene Anatom H. Welcker, ſpäter in Halle, der ſpätere Baſeler Anatom K. E. E. Hoff⸗ mann aus Darmſtadt, der ſpätere Profeſſor der Medizin in Wien Ph. Knoll aus Karlsbad, der ſpätere Heidelberger Gynäkologe F. A. Kehrer aus Guntersblum(Rheinheſſen), der ſpätere Göttinger Chirurg H. Braun aus Beerfelden und der ſpätere Nachfolger Eckhards auf dem Lehrſtuhl der Anatomie in Gießen, Bruno Henne⸗ berg aus Magdeburg. Als Nachfolger Eckhards wurde im Jahr 1905 O. Frankaus Groß⸗ Amſtadt von München her auf den Lehrſtuhl der Phyſiologie berufen; 22 ihm folgten im Jahr 1908 Siegfried Garten aus Kieritzſch von Leipzig her, 1916 W. Trendelenburg aus Noſtock von Innsbruck her und 1917 K. Bürker aus Zweibrücken von Tübingen her. Als weitere Dozenten wirkten während dieſer Zeit am Inſtitut J. Seemann aus Hamburg, W. Sulze aus Leipzig und R. Feulgen aus Werden. Immer dringender machte ſich das Bedürfnis geltend, der Phyſio⸗ logiſchen Chemie an einer Aniverſität, die dieſe Wiſſenſchaft geradezu geboren hatte, eine ſelbſtändige Wirkungsſtätte zu verſchaffen, und weiterhin, das nicht mehr ausreichende alte Phyſiologiſche Inſtitut in der Senckenbergſtraße durch ein neues zu erſetzen. Stark verzögernd wirkte in dieſer Beziehung und auf den Lehr⸗ und Forſchungsbetrieb der große Krieg, während ſich der Bruderkrieg von 1866 und der einigende Krieg von 1870/71 in letzterer Beziehung viel weniger geltend gemacht hatte. Mit Anterſtützung des damaligen Rektors der Landes⸗ univerſität, des Oto⸗ und Laryngologen C. v. Eicken, konnte Bürker für das Jahr 1922 den Neubau erreichen. Der erſte Spatenſtich erfolgte am 18. September 1922, wegen Angunſt der Zeitverhältniſſe mußten aber die Arbeiten vom Dezember 1923 bis Juli 1924 unterbrochen werden. Erſt am 26. April 1927 konnte die erſte Vorleſung gehalten werden, Anfangs Mai war der Amzug beendet. Am 18. Februar 1928 fand die Einweihungsfeier!s) ſtatt. Noch im alten, beim Botaniſchen Garten gelegenen Inſtitut wurde im Jahr 1925 eine Abteilung für Phyſiologiſche Chemie eingerichtet und zum Abteilungsvorſteher R. Feulgen ernannt, der ſich hier im Jahr 1919 habilitiert hatte. Die Stelle wurde im Jahr 1923 in eine planmäßige außerordentliche Profeſſur umgewandelt und Feulgen im Jahr 1927 zum perſönlichen Ordinarius befördert. Im Jahr 1931 wurde die Abteilung zu einem ſelbſtändigen Phyſiologiſch⸗ chemiſchen Inſtitut erhoben und Feulgen zum Direktor beſtellt. Als Dozent wirkte an dieſem Inſtitut ſeit 1932 M. Behrens aus Gießen. So hat die Phyſiologie in Gießen in Forſchung und Lehre eine zeit⸗ gemäße Weiterentwicklung erfahrens). Die Schilderung des Werdegangs der Phyſiologie in Gießen wäre aber unvollſtändig, wenn nicht der regen Beziehungen gedacht würde, die zur Veterinärmediziniſchen Fakultät beſtehen; dieſe Beziehungen haben ſich für die Erweiterung des Geſichtskreiſes des Phyſiologen und für vergleichende Anterſuchungen als beſonders fruchtbar erwieſen. Aber die Veterinärmediziniſche Fakultät, die in ihren Aranfängen bis auf die im Jahre 1777 von A. Schlettwein gegründete fünfte öko⸗ 23 nomiſche Fakultät zurückgeht, ſind zur Feier des hundertjährigen Be⸗ ſtehens ihres Promotionsrechts von den Mitgliedern der Fakultät H. Jakobl?) und W. Schauder's) drei Schriften erſchienen, die wich⸗ tigen Aufſchluß über die Entwicklung der Fakultät geben. Der Anterricht in Phyſiologie wurde früher entweder von Mitgliedern dieſer Fakultät ſelbſt oder von Mitgliedern der Mediziniſchen Fakultät erteilt, neuer⸗ dings hören die Studierenden der Veterinärmedizin die gleichen Vor⸗ leſungen und beſuchen die gleichen Abungen wie die Humanmediziner. Der Phyſiolog der Mediziniſchen Fakultät iſt auch Mitglied der veteri⸗ närmediziniſchen Promotionsfakultät. In großzügiger Weiſe wird hier in der tierärztlichen Prüfung auch„angewandte Phyſiologie“ vom Phyſiologen geprüft, während in der ärztlichen Prüfung der Wechſel⸗ balg„pathologiſche Phyſiologie“ eine unerfreuliche Rolle ſpielt. Ein Mitglied der Fakultät, der Veterinäranatom P. Martin, ein Schüler Bonnets(ſ. o.) aus deſſen Münchener Zeit, war ſeinerzeit in Zürich auch für den Lehrſtuhl der Phyſiologie in der Mediziniſchen Fakultät auserſehen, iſt aber bei der Veterinärmedizin geblieben und hatte ver⸗ tretungsweiſe im Weltkrieg auch die Leitung des hieſigen Phyſiologi⸗ ſchen Inſtituts. 5. Das neue Phyſiologiſche Inſtitut. Das Inſtitut ſteht auf einer Anhöhe im Süden der Stadt, dem Seltersberg, die Front nach Nordoſten gerichtet. Dem Beſchauer fällt ſofort eine Dreiteilung auf. Den Grundſtock bildet die mittlere, die Forſchungsabteilung, daran reiht ſich rechts der Rundbau mit der Anterrichtsabteilung und links die Verwaltungs⸗ abteilung, wie ſie kurz benannt ſei. In dem Dachgeſchoß iſt rechts noch das Inſtitut für Körperkultur, das der wiſſenſchaftlichen Anterſuchung der Leibesübungen dient, links das Inſtitut für experimentelle Pſycho⸗ logie untergebracht. So ſind die für die Phyſiologie des Menſchen wichtigen Fächer zur gegenſeitigen Förderung in einem Bau vereinigt. Das Phyſiologiſche Inſtitut im engeren Sinn wies urſprünglich in der Forſchungsabteilung 4 Anterabteilungen auf, nämlich eine phy⸗ ſikaliſche, chemiſche, anatomiſch⸗hiſtologiſche und operativ⸗chirurgiſche. Anterdeſſen iſt die chemiſche Abteilung ſelbſtändiges Inſtitut geworden, wie ſchon erwähnt. Die phyſikaliſche Abteilung iſt im 1. Obergeſchoß, die chemiſche der aufſteigenden Dämpfe wegen im 2. Obergeſchoß, die anatomiſch⸗hiſtologiſche ebenda und die operativ⸗chirurgiſche der leich⸗ teren Zubringung der Tiere wegen im Erdgeſchoß untergebracht. Dazu 24 kommen noch im Erdgeſchoß Werkſtätten, ein erſchütterungsfreier Naum für feine Regiſtrierinſtrumente, tiefer in der Erde ein Naum für kon⸗ ſtante Temperatur, im Dachgeſchoß mit Oberlicht ein Raum für Photo⸗ graphie mit Dunkelkammern und auf dem Dach eine Plattform zum Studium der phyſiologiſchen Wirkungen des Sonnenlichts und anderer meteorologiſcher Faktoren. In dem Zugang zur phyſikaliſchen Abteilung iſt die Büſte von Helmholtz, in dem zum Phyſiologiſch⸗chemiſchen Inſtitut die von Liebig aufgeſtellt. An der Anterrichtsabteilung fällt der Rundbau auf, der nötig war, um möglichſt viele nach Norden gelegene Fenſterplätze für Mikro⸗ kopie zu gewinnen und um den Hörſaal amphitheaterähnlich zu geſtalten. Die Abteilung enthält im Erdgeſchoß neben einem Aſſiſtentenzimmer und der Kleiderablage mit Schränkchen für Studierende einen Aus⸗ ſtellungsraum, der ſich als ſehr nützlich erwieſen hat, im 1. Obergeſchoß Praktikumsräume für Biophyſik und Biochemie und einen den Stu⸗ dierenden für ihre Studien zur Verfügung ſtehenden Naum, im 2. Ober⸗ geſchoß einen großen und kleinen Hörſaal und einen großen Demon⸗ ſtrationsraum. Im großen Hörſaal iſt ein Teil des Experimentier⸗ tiſches fahrbar geſtaltet, ſo daß die Objekte näher an die Zuhörer heran⸗ gebracht werden können. Anter den anſteigenden Bänken iſt Raum für faſt alle Anterrichtsgegenſtände gewonnen, die im Hörſaal gebraucht werden. In dieſem Saal kann auch für das Dämmerungsſehen jede be⸗ liebige Verdunkelung hergeſtellt werden. In dem Demonſtrationsraum ſind große Schränke für Wandtafeln eingebaut. In der Verwaltungsabteilung iſt im 1. Obergeſchoß das Direk⸗ torzimmer mit anſchließendem Schreib⸗ und Zeichenzimmer ſamt Biblio⸗ thek und Separatenſammlung enthalten, im 2. Obergeſchoß gleichfalls das Direktorzimmer, ein Waagenzimmer, ein Zimmer für optiſche Meſ⸗ ſungen und ein Sammlungsraum für phyſiologiſch⸗chemiſche Präparate. Im Erdgeſchoß iſt die Wohnung des Werkmeiſters, zugleich Haus⸗ verwalters, untergebracht. Sämtliche Geſchoſſe ſind durch Fahrſtuhl miteinander verbunden. Das Gebäude wird dadurch im Sommer kühl und im Winter warm erhalten, daß ſich inmitten der abgeſchloſſenen Geſchoſſe auf breiten Gängen große Luftmaſſen befinden. In der kälteren Jahreszeit wird es durcheine Warmwaſſeranlage geheizt. Sämtliche Rohrleitungen für Waſſer, Gas und Elektrizität ſind grundſätzlich auf Putz, alſo leicht zugänglich, verlegt. Von einer im Erdgeſchoß gelegenen Haupt⸗ zentrale aus kann Gas, Waſſer und Elektrizität für das ganze Haus 25 mit einem Griff abgeſtellt werden. Eine elektriſche Signalanlage warnt vor zu hoher Temperatur im Dachgebälk, Löſchgeräte ſind überall vorhanden. Eine beſondere Fernſprechanlage verbindet alle Teile des Gebäudes miteinander und mit den benachbarten Inſtituten und Kliniken. Durch paſſende Raumgeſtaltung und Farbengebung unter hauptſächlicher Verwendung der hellſten Farbe des Spektrums iſt auch das äſthetiſche Moment gewahrt. Das Inſtitut ſteht abgerückt von den Straßen in einem Garten, der auch die Blumen für die Zimmer der Inſtitutsmitglieder liefert. In den Garten iſt auch noch das Tierhaus mit Bad, Zucht⸗ und Ver⸗ ſuchsſtall geſtellt. Das Froſchbecken mit fließendem Waſſer befindet ſich in einem Keller des Hauptgebäudes. In dieſem Gebäude iſt auch noch ein Demonſtrationsraum für große Haustiere vorgeſehen. Die günſtige Lage des Phyſiologiſchen Inſtituts in der Nähe der andern mediziniſchen Inſtitute und Kliniken erleichtert eine Zuſammen⸗ arbeit mit dieſen. Die im Inſtitut untergebrachte experimentelle Pſycho⸗ logie ſtellt das ſehr erwünſchte Bindeglied zur Philoſophiſchen Fa⸗ kultät her. Von der Plattform des Inſtituts genießt man einen umfaſſenden Ausblick in die ſchöne deutſche Landſchaft. Möge es dem Inſtitut gelingen, das Seinige zu dem außerordentlichen Aufſchwung beizu⸗ tragen, in dem ſich gegenwärtig das deutſche Land und Volk befindet. Anmerkungen. ¹) Ich folge hier der Darſtellung, die Herr Dr. Georg Lehnert, dem ich für viele Auskünfte und Nachweiſe verpflichtet bin, von der Geſchichte der Aniverſität Gießen gegeben hat. 2) Sommer und Dannemann, Zur Geſchichte der med. Fakultät der Aniv. Gießen: Deutſche med. Wochenſchrift Ig. 33(1907) S. 1257. 26 3) A. Jeſionek, Zur dritten Jahrhundertfeier der Aniv. Gießen: Münchener med. Wochenſchrift Ig. 54(1907) S. 1536. 4) Juſtis Heſſ. Gelehrten⸗, Schriftſteller⸗ und Künſtler⸗Geſchichte vom Jahr 1806 bis zum Jahr 1830, S. 768. Marburg, Chr. Barthe 1831. ⁵) Gießen 1821 bei C. G. Müller. ⁶) Noch heute ſind im Liebigmuſeum die kleinen Fenſter erhalten, durch die hindurch Liebig die Aberwachung vornahm. *) Carl Vogt, Aus meinem Leben. Stuttgart, E. Nägele 1896. ) a. a. O. S. 55.. ⁵) Ich folge hier der Darſtellung, die Karl Sudhoff von Biſchoffs Leben in den Heſſiſchen Biographien Band 3, S. 1, 1934, gegeben hat. 1⁰) Th. L. W. Biſchoff, Das neue Anatomiegebäude zu Gießen. Gießen, Brühl 1852. ¹1¹) Verlag der K. B. Akademie, München 1874. ¹2²) Siehe F. A. Kehrer, Zur Erinnerung an Konrad Eckhard: Münchener med. Wochenſchrift Ig. 52(1905) S. 1296. ¹13) Der Begründer der heutigen Pharmakologie, R. Buchheim, hat als Profeſſor in Gießen ſeit 1867 gewirkt. 14) Herrn Geheimrat Käß und Herrn Obermedizinalrat Oßwald in Gießen bin ich für Auskünfte ſehr zu Dank verpflichtet. Beide Herren ſind Schüler und große Verehrer von Eckhard. 15) Siehe Gießener Anzeiger vom 20. Februar 1928. ¹6) über die Art des Anterrichts in der Phyſiologie ſiehe die Beiträge von K. Bürker: Münchener med. Wochenſchr. Ig. 68(1921) S. 1658 und Ig. 79 (1932) S. 2001. ¹) H. Jakob, Hundert Jahre Promotion zum Doktor in der Veterinär⸗ medizin an der Heſſiſchen Landesuniverſität in Gießen: Münchener tierärztl. Wochenſchr. Ig. 83(1932) S. 229. ¹18) W. Schauder, Äber die Anfänge des Anterrichts in Tierheilkunde an der Aniverſität Gießen: Berliner tierärztl. Wochenſchrift Ig. 48(1932) S. 330; derſelbe, Wilhelm Pfeiffer, der Reorganiſator der Veterinärmedizin an der Aniverſität Gießen: daſ. Ig. 52(1936) S. 242. Brühl'ſche Aniverſitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei R. Lange, Gießen. 27 a 7 1962 e 9 —Sonderabdruck aus den Nachrichten der Gießener Hochſchul⸗ A geſellſchaft, Band 11, Heft 2 —— ue A— dnun u ip, — 2—— Olour& Grey Control Chart 8e 3 8 Cyan Green 1 Vellow HBed Magenta 8 Grey ¹ Grey 2 SGreys Grey 4‚4 Slack o e Die Anfänge der Phyſiologie in Gießen gehen bis in das Jahr⸗ hundert der Gründung der Aniverſität zurück. Die weitere Entwicklung geſchah im engſten Zuſammenhang mit der der anderen Wiſſenſchaften.„ Demnach ſoll nach einer kurzen Mitteilung über die Gründung der Aniverſität der Werdegang der Phyſiologie in Gießen in der Zeit der Scholaſtik, der Naturphiloſophie und der exakten Naturwiſſenſchaften geſchildert werden. Im Anſchluß daran ſoll über das neue Phyſio⸗ logiſche Inſtitut berichtet werden. 1. Die Gründung der Aniverſität. Landesuniverſität in Heſſen war urſprünglich Marburg, 1527 von t Landgraf Philipp dem Großmütigen geſtiftet. Sein Sohn, Land⸗ graf Ludwig IV., ſtarb im Jahr 1604 zu Marburg ohne Nachkommen. Als„Teſtator von Heſſen⸗Marburg“ hatte er beſtimmt, daß ſein Land zwiſchen den beiden Linien Darmſtadt und Kaſſel geteilt werde, aber die Aniverſität zu Marburg und das Zeughaus zu Gießen ſollten ge⸗ ' AIIETIANTHENNNTHAITHNTUTITNINTTTNNNNNNNNnOUſſ 41- 854. 1353