UB GlESSEN Wdamwhammnl 12 177 935 AESFASSſA⸗ 2— N 5 6% 69(20½) Auosſtellung Lanoͤſchaftsgebundene Wiſſenſchaft zur Eröffnung der Akademie des ASD.⸗Dozentenbundes der Univerſität Gießen Offnungszeiten Sonntag, den 3. November 1940: 16.30-19 Uhr Montag, den 4. bis Samstag, den 9. November: 8-12 Uhr und 14-18 Uhr Sonntas, den 10. November 1940: 8-13 und 14-19 Uhr Die folge der Mitteilungen über das Ausſtellungsmaterial entſpricht dem Aufbau der Rusſtellung. Ausſtellungsleitung: Dozent Dr. K. Heidt, Botaniſches Inſtitut, Brandplatz 4- Ruf 3570 2 nd Erb⸗ und Kaſſenforſchung in Heſſen. Prof. Dr. H. W. Kranz. Eine praktiſche Auswertung dieſer zielbewußten und vielſeitigen, ſeit Be⸗ ſtehen des Inſtitutes durchgeführten Unterſuchungen ſtellt die Herausarbeitung von Verfahren für Abſtammungsprüfung und Vaterſchaftsfeſtſtellung dar. Unter Anwendung der bei dem eingehenden Studium der Merkmalsverteilung und=vererbung der normalen Raſſeneigentümlichkeiten erworbenen Kennt⸗ niſſe laſſen ſich in vielen Fällen wichtige Schlußfolgerungen, die von großer praktiſcher Bedeutung für die Einzelperſon und für das Volksganze ſind, ab⸗ leiten. Vertieft werden die Kenntniſſe aus den Forſchungen an normalen Raſſenmerkmalen durch Unterſuchung von Fremdraſſigen, wie ſie an in Heſſen lebenden Miſchlingen(Reſiduen der Rheinlandbeſatzung) und jetzt kürzlich in Gefangenenlagern an Negern, Marokkanern uſw. durchgeführt werden konnten. Der menſchlichen Erbforſchung mit Hilfe der Zwillingsmethode ſtehen auch in Heſſen zahlreiche Zwillingspaare zur Verfügung. Die ſeit 1935 an oberheſſiſchem Material betriebene Aſozialenforſchung ergab, daß es ſich bei den Aſozialen um Menſchengruppen mit biologiſchen Bindungen handelt. Das aſoziale Verhalten rückfälliger Aſozialer iſt erb⸗ bedingt. Die geſetzliche Löſung der Aſozialen-Frage wird daher als vor⸗ dringlich erkannt. Eine ſegensreiche Möglichkeit praktiſcher Anwendung der Erbunter⸗ ſuchungen, die ſich u. a. auch auf die krankhaften Eigenſchaften richten, iſt in der Eheberatungsſtelle des Inſtitutes gegeben. Die hier ausgeführten Eheberatungen und Ehegeſundheitsbeurteilungen, deren Zahl erheblich iſt, ſtützen ſich praktiſch auf das außerordentlich große Erbarchiv des Inſtitutes, das als eine der erſten Gründungen mit über 18 00o heſſiſchen Sippen und mit über ½ Million verkarteten Perſonen eines der größten in Deutſchland iſt. Dieſes Archiv wird laufend vergrößert durch die dem Inſtitut angeglie⸗ derte Landeszentrale für die erbbiologiſche Beſtandsaufnahme in Heſſen, deren Materialſammlung vorwiegend abgeſtellt iſt auf das erblich Abwegige. Die Möglichkeiten, die ſich ſo der Urteilsbildung über den biologiſchen Sippenwert eröffnen, wachſen auf dieſe Weiſe fortdauernd mit dem immer tiefer werdenden Einblick in das Erbgefüge der heſſiſchen Bevölkerung. Sterblichkeitsſtatiſtik an Embolien. Prof. Dr. H. Storck. Die Tafel zeigt eine Sterblichkeitsſtatiſtik an Embolieen vor bzw. nach Anwendung der elaſtiſchen Klebekompreſſionsverbände, wie ſie an dem Kran⸗ kenmaterial der Gießener Univ.⸗Frauenklinik in Zuſammenarbeit mit der Orthopädiſchen Klinik geübt wird. Es werden die tödlichen Embolieen aus den Jahren 1926— 32, als noch keine Verbände angelegt wurden, denen von 3 1933—39 gegenübergeſtellt. In der letztgenannten Zeit wurden die Patienten, die eine Gefährdung durch Venenentzündung und damit Embolieen zeigten, weitgehend mit elaſtiſchen Klebekompreſſionsverbänden behandelt. Wie das Ergebnis der Tafel anzeigt, ſtarben vor der Verbandbehand⸗ lung mehr als doppelt ſoviel Patienten auf der gynäkologiſchen Abteilung an Embolieen als nach Einführung der Behandlung. Auf der geburtshilf⸗ lichen Abteilung aber wurden überhaupt keine Todesfälle durch Embolieen mehr beobachtet, ſeitdem die Verbände in Anwendung kamen. Sie wurden teilweiſe vor, teilweiſe nach der Geburt angelegt. Stets dann, wenn die Beinvenen Veränderungen zeigten, die eine Erkrankung an einer Venenent⸗ zündung vermuten ließen. Erwähnt ſei noch, daß von den geſtorbenen Patienten ſeit 1933 nur drei mit elaſtiſchen Klebekompreſſionsverbänden verſorgt waren und auch dabei die Embolie nicht aus den durch Verband verſorgten Beinvenen ſtammte, ſondern von einer Beckenvenenentzündung. Nach Anlegung von Verbänden zur Verhütung der Venenentzündung trat niemals eine ſolche Entzündung auf. Bei vorliegenden Venenentzündungen an den Beinen ſollten die Patienten ſtets nach Verſorgung mit Verbänden ſofort das Bett ver⸗ laſſen. Eine Verſchlimmerung der Venenentzündung wurde nie beobachtet. Die Behandlungsdauer iſt durch dieſe Behandlung weſentlich abgekürzt. Die Entzündung iſt im allgemeinen nach drei Wochen abgeklungen. Das Auftreten des Bundſtarrkrampfes in Oberheſſen. Prof. Dr. Fr. Bernhard. Die Zuſammenſtellung zeigt, daß entgegen bisheriger Annahmen, der Wundſtarrkrampf in Oberheſſen häufig iſt. Auch in den höher gelegenen Orten des Vogelsberges kommt die Er⸗ krankung vor, während ſie ſonſt im Gebirge mit zunehmender Höhe über dem Meeresſpiegel ſelten iſt oder gar fehlt. In verſchiedenen Gegenden Oberheſſens iſt nach der Tabelle eine be⸗ ſondere Häufung des Wundſtarrkrampfes vorhanden. Dagegen ſind 3 Wundſtarrkrampf freie Gebiete zu erkennen. Der geologiſche Aufbau des Bodens iſt hierfür nicht verantwortlich. Wahrſcheinlich iſt die Urſache für den Unterſchied in der meteorologiſchen Einwirkung auf die verſchieden geſtalteten Bodentypen zu ſehen. Die Häufigkeit des Wundſtarrkrampfes in Oberheſſen erfordert die Vor⸗ beugung durch Einſpritzung von Wundſtarrekrampf⸗Schutzſerum bei gefähr⸗ deten Wunden. Das Vorkommen der Bundſtarrkrampf⸗(Tetanus)keime bei den verſchiedenen Verletzungen in Oberheſſen. Dr. habil. L. Rathcke. Neben der eigentlichen Wundverſorgung iſt die Verabreichung des Starr⸗ krampfſerums zur Verhütung des Wundſtarrkrampfes ſehr wichtig. Dieſes 4 Serum darf wie alle Heilmittel jedoch nicht kritiklos jedem Verletzten verab⸗ reicht werden, da Schäden auftreten können. Nicht alle Wunden ſind in gleichem Maße tetanusgefährdet. Es gibt Verletzungen, welche wir ſtets als gefährdet anſehen müſſen, daneben aber auch ſolche, bei denen wir keine oder nur geringe Sorge in dieſer Richtung haben brauchen. Die gezeigte Tabelle entſtammt einer Arbeit über bakteriologiſche Wundunterſuchungen, welche mit Unterſtützung des Heſſiſchen Unterſuchungsamtes für Infektions⸗ krankheiten durchgeführt wurde. Da die Häufigkeit des Tetanusvorkommens in den einzelnen Gegenden verſchieden iſt, verfolgte die Arbeit den Zweck, nachzuweiſen, wie oft in unſerer Gegend in den verſchiedenen Wunden Starr⸗ krampfkeime nachweisbar ſind. Wenn ſich auch die Serumgabe weitgehend nach der Beſchaffenheit der Wunde zu richten hat, ſo können wir uns auf Grund der Unterſuchungen doch ein ungefähres Bild von der Notwendigkeit der Serumgabe bei den einzelnen Verletzungen machen. Um keine falſche Vorſtellung aufkommen zu laſſen, ſei darauf hingewieſen, daß bei den Kriegsſchußverletzungen andere Verhältniſſe vorliegen als bei den noch im Frieden unterſuchten Schußverletzungen. Die Taubſtummheiten in ZHeſſen. Prof. Dr. A. Brüggemann. Tafel Nr. 1 bringt die Einteilung und Nomenklatur der verſchiedenen Taubſtummheiten. Auf die Unterteilung in erbliche und erworbene Taub⸗ ſtummheit iſt beſonderer Wert gelegt, da die ererbten Taubſtummheiten unter das Geſetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchſes fallen. Tafel Nr. 2 zeigt eine Aufſtellung über die Zuſammenſetzung von 141 Taubſtummen aus dem Staat Heſſen, die zum größten Teil(96) aus der Taubſtummen⸗Lehranſtalt Friedbberg und zum anderen Teil(45) aus dem kliniſchen Krankengut der Univerſitäts⸗Ohrenklinik ſtammen. Auffallend iſt der beſonders hohe Prozentſatz erblicher Taubſtummheit. Tafel Nr. 3 bringt eine Zuſammenſetzung der 96 taubſtummen Schüler aus der Taubſtummen⸗Lehranſtalt Friedberg, die zwiſchen dem 7. und 14. Lebensjahr ſtehen. Wie auf Tafel Nr. 2, ſo fällt auch hier der hohe Pro⸗ zentſatz erblicher Taubſtummheit auf. Tafel Nr. 4 gibt die Taubſtummenzählung für Heſſen wieder, die in ca. zehnjährigem Abſtand durchgeführt wurde. Außer einem Anſtieg im Jahre 1861 iſt ein ſtetiges Abſinken bis 1025 feſtzuſtellen. Neben dieſem Rückgang der Taubſtummen überhaupt iſt auch die Verteilung in den ein⸗ zelnen heſſiſchen Kreiſen eine andere geworden. 1867 haben die ſüdlichen Kreiſe von Oberheſſen, eine höhere Taubſtummenzahl, als die nördlichen Kreiſe. In Rheinheſſen zeigen die weſtlichen Kreiſe höhere Zahlen als die öſtlichen und nördlichen. Seit 1800 iſt die Verteilung eine andere geworden; ſie hat ſich bis heute in dieſer Form erhalten. In Oberheſſen findet ſich die meiſte Taubſtummheit in dem Kreiſe Friedberg und Büdingen, während der Vogelsberg weniger Taubſtumme aufweiſt. Sowohl 1880 wie auch bei 5 den Unterſuchungen in der hieſigen Klinik ſind jetzt die meiſten Taubſtummen in den Kreiſen, die im Vogelsberg liegen. Ferner gruppiert ſich um die Mittelſtadt Gießens ein größerer Taubſtummenherd. In Rheinheſſen und Starkenburg war beſonders im Süden in den Kreiſen Heppenheim und Er⸗ bach ſehr viel Taubſtummheit im Jahre 1867. Jetzt iſt ſeit 1880 eine Anhäu⸗ fung in den Kreiſen mit Großſtädten wie Mainz, Worms, Offenbach. Im Süden im Kreis Heppenheim hat ſich ebenfalls die hohe Zahl erhalten. Hier ſind im Gebiet des Odenwaldes offenbar weniger Taubſtumme als früher. Tafel Nr. 5 bringt im Vergleich zu Heſſen eine Statiſtik der Taub⸗ ſtummheit in anderen deutſchen Staaten; ſie wurde gleichfalls in ca. lojäh⸗ rigem Abſtand angefertigt. Tuberkuloſe der oberen Luftwege. Prof. Dr. A. Brüggemann. Die Heilſtätte Seltersberg in Gießen iſt die einzige Anſtalt in Deutſch⸗ land, ja in Europa, die es ſich zur Aufgabe geſtellt hat, die Tuberkuloſe der oberen Luftwege zu behandeln und die Beſonderheiten dieſer Erkrankung zu erforſchen. Da die Tuberkuloſe der oberen Luftwege in der großen Mehr⸗ zahl gleichzeitig mit Tuberkuloſe anderer Organe und zwar in der Haupt⸗ ſache mit derjenigen der Lunge einhergeht, muß ſie ſowohl für ihre beſondere Aufgabe, der Behandlung der erkrankten oberen Luftwege, als auch für die Behandlung der Lungentuberkuloſe eingerichtet ſein. Da die Grundlage jeder Tuberkuloſebehandlung in der konſervativen, hygieniſch⸗diätetiſchen Behand⸗ lung beſteht, iſt vor allem dafür geſorgt, daß die in den Heilſtätten übliche Liegekur teils in Liegehallen im Garten, teils durch die beſondere Balkon⸗ anlage am Haus durchgeführt werden kann. Außer mehreren Behandlungs⸗ zimmern für verſchiedene Inhalations- und Beſtrahlungsverfahren können in den Operationsräumen ſowohl die chirurgiſche Behandlung der erkrankten oberen Luftwege, wie auch die verſchiedenen chirurgiſchen Eingriffe zur Ruhig⸗ ſtellung der erkrankten Lunge ſachgemäß durchgeführt werden. Die Bilder auf Tafel I geben einen kleinen Ausſchnitt aus der Einrichtung. Die Einweiſung von Patienten in die Heilſtätte geſchah zunächſt nur zögernd. Gewiſſe Bedenken von Arzten und Koſtenträgern über Notwendig⸗ keit und Zweckmäßigkeit einer beſonderen Behandlung einer Tuberkuloſe der oberen Luftwege geſtalteten die Einweiſung oft recht ſchwierig. Die Heil⸗ ſtätte hatte zunächſt nur lokale Bedeutung für die engere heſſiſche Heimat⸗ Wie aus den roten und weißen Säulen der Tafel II hervorgeht, überragt in den erſten Jahren der Zugang der heſſiſchen Patienten. Erſt als die ver⸗ ſchiedenen Erfolge bei den Einzelfällen und durch vermehrte Fühlungnahme mit Arzteorganiſationen uſw. die Anſchauung über die Zweckmäßigkeit einer beſonderen Behandlung der erkrankten oberen Luftwege während des ge⸗ ſamten Tuberkuloſeablaufs immer mehr an Boden gewann, wuchs die Be⸗ deutung der Heilſtätte Seltersberg immer mehr über die engeren heſſiſchen Grenzen hinaus. Der Zuzug aus dem Reich wurde immer ſtärker, ſo daß 6 1 die Zahle der nichtheſſiſchen Patienten ſchließlich diejenige der heſſiſchen Pa⸗ tienten übertraf. Auch die großzügige Behandlung der einzelnen Heilver⸗ fahren nichtheſſiſcher Verſicherungsträger hat im neuen nationalſozialiſtiſchen Deutſchland eine grundlegende Erleichterung zum Wohle der einzelnen Kranken erfahren. Vor allem erleichterte auch die umfaſſende Organiſation der NSV. vielen Volksgenoſſen die Möglichkeit einer Heilſtättenkur, was früher mangels geeigneter Mittel unmöglich war. Die zunehmende Bedeu⸗ tung der Heilſtätte geht aber nicht ſo ſehr aus der Zahl der eingewieſenen Kranken hervor, ſondern vor allem auch aus der anſteigenden Kurve der Pflegetage. Die beſondere Steigerung dieſer Kurve rührt auch daher, daß im beſonderen Maße heilungsfähige Kranke zur rechten Zeit eingewieſen wurden. In den erſten Jahren waren es meiſt ſchwerſtkranke Patienten im End— zuſtand, bei denen ſich ſchon nach kurzer Zeit die Zweckloſigkeit unſerer Be⸗ mühungen herausſtellte. Die Bilder der III. Tafel ſollen nur einen kurzen Einblick in das bunte Bild der Kehlkopftuberkuloſe geben. Die Kehlkopftuberkuloſe kann vom kleinſten einzeln ſtehenden Knötchen bis zur ausgedehnten zerſtörenden Form in den denkbar verſchiedenſten Stadien auftreten. Sie iſt meiſt ver⸗ bunden mit einem tuberkulöſen Lungenprozeß, der ebenfalls wieder von leichteſter bis zur ſchwerſten Form abgeſtuft ſein kann. Es gibt auch ſelbſt ſchwere Kehlkopftuberkuloſe, ohne daß ſich ſonſt im Körper ein anderer be⸗ gleitender Prozeß finden läßt. Rechtzeitiges Erkennen und Einweiſung in die Heilbehandlung verbeſſert naturgemäß die Heilungsausſichten und ver⸗ kürzt die Behandlungszeit, die im allgemeinen mehrere Monate beanſprucht. Verbreitung der Haut⸗Tuberkuloſe in den Gauen Heſſen⸗Maſſau und Kurheſſen. Prof. Dr. W. Schultze. Der Beauftragte des Reichstuberkuloſe⸗Ausſchuſſes für die Lupusbe⸗ kämpfung in Heſſen und Heſſen⸗Naſſau, Profeſſor Dr. Walther Schultze, Leiter der Univ.⸗Hautklinik und Lupusheilſtätte Gleßen iſt verantwortlich für die Erfaſſung, Behandlung und Überwachung aller Hauttuberkulöſen in dieſem Bezirk. Am 1. 4. 1940 ſtanden in Betreuung des Lupusbeauftragten 1968 Kranke. Sie verteilen ſich auf Heſſen 757 Hauttuberkulöſe Reg.⸗Bez. Wiesbaden 780 97 Reg.⸗Bez. Kaſſel 431 9 Auf die Zahl der Bevölkerung bezogen kommen auf 10 000 Einwohner im geſamten Bezirk 5 Kranke. Die großen Unterſchiede in den einzelnen Kreiſen(Tabelle 1 und Tafel 2) ſind auf die mehr oder weniger gute Er⸗ faſſung zurückzuführen. Auf der Wandtafel entſpricht eine rote Nadel 1, 7 7 eine ſchwarze Nadel 5 und eine gelbe Nadel 10 in überwachung befindliche Hauttuberkulöſe. Am jeweiligen Sitz eines ſtaatlichen Geſundheitsamtes werden regel⸗ mäßig durch den Lupusbeauftragten Sprechtage abgehalten. Alle Hauttuber⸗ kulöſen werden bei dieſen Terminen unterſucht und die nötigen Maßnahmen, wie Heilverfahren und fürſorgeriſche Maßnahmen bei den einzelnen Kranken überwacht. Die zur Bekämpfung der Tuberkuloſe ausgeſetzten öffentlichen Mittel werden dadurch zum richtigen Anſatz gebracht. Durch die Erfaſſung der Jugendlichen, die frühzeitige Behandlung derſelben, gelingt es heute bei der weit überwiegenden Mehrzahl der Kranken, ſie der Arbeit zu erhalten und zum richtigen Arbeitseinſatz zu bringen. Zur Zeit läuft eine größere Gemeinſchaftsarbeit mit dem hieſigen Tier⸗ ſeucheninſtitut, Prof. Beller, um zu ergründen, ob die Hauttuberkulöſen in unſerem Gebiet vorwiegend durch Tiere oder durch Menſchen angeſteckt werden. Veterinärhugieniſche Forſchungen im heſſiſchen Raume. Prof. Dr. K. BelleV. 1. Stallhygieniſche Forſchungen in Heſſen. Die im Sommer 1937 mit Unterſtützung der Deutſchen Forſchungsgemeinſchaft und des Reichsminiſte⸗ riums für Ernährung und Landwirtſchaft in Zuſammenarbeit mit den zuſtän⸗ digen Abteilungen der Landesregierung und der Landesbauernſchaft Heſſen⸗ Naſſau aufgenommenen Unterſuchungen wollen, auf weite Sicht eingeſtellt, ein Querſchnittsbild der Stallhygiene im heſſiſchen Raume ſchaffen. Stall und Weide, die beiden Eckpfeiler der Tierhaltung, ſind beſtimmende Faktoren im Bild des Dorfes. Wie jede Landſchaft, ſo haben auch die heſſiſchen im Laufe der Jahrhunderte ihr Dorfbild geprägt. Die Formen und Einrich⸗ tungen der Höfe und Ställe unſerer Tage gehen in ihrem Urſprunge Jahr⸗ hunderte zurück und entſprechen in vielem nicht mehr den Zeit- und Zu⸗ kunftsbedürfniſſen. Die kommenden Jahre und Jahrzehnte werden die Auf⸗ gabe haben, dem Bauernhof und damit dem Bauerndorf neue Geſtalt zu geben. Wenn jetzt„Beſtandsaufnahme“ gemacht wird, ſo mit dem Ziel, die Grundlagen für dieſen Neubau zu erarbeiten, der ſeinerſeits wieder auf Jahrhunderte hinaus der bäuerlichen Siedlung und der bäuerlichen Tier⸗ haltung das Geſicht geben wird. Im Rahmen des Meliorations⸗ und Siedlungsprogramms der Heſſiſchen Landesregierung iſt während der letzten Jahre durch die Gründung der Erb⸗ höfedörfer Riedrode, Allmendfeld, Heſſenaue, des Weilers Worms⸗Roſen⸗ garten und zahlreicher Einzelſiedlungen ein ſehr beachtliches Neubauerntum entſtanden. Die hier gemachten Anfänge hat das Inſtitut von vornherein vergleichsweiſe in ſeine Arbeiten einbezogen. Die Forſchungen im„alten“ Dorf ſtehen alſo denjenigen im Neubauerndorf gegenüber. Sie befaſſen ſich nicht allein mit der einzelnen Hof- und Stallanlage, ſondern nehmen, weil im Dorfe ein Hof vom anderen abhängig iſt, das Geſamtproblem der Dorf⸗ anlage auf. Daneben laufen Forſchungsarbeiten über verſchiedene Einzel⸗ fragen der Stallhygiene, wobei die Faktoren Licht und Luft im Stall und das ſogenannte Stallklima im Vordergrund ſtehen. Gleichzeitig wird über die Jahre hinweg der Geſundheitszuſtand der Tiere überwacht und nament⸗ lich das Vorkommen der wirtſchaftlich und ſanitär wichtigſten chroniſchen Tier⸗ ſeuchen wie der Tuberkuloſe, Brucelloſe u. a. verfolgt. Im Reichsberufswettkampf der deutſchen Studenten 1938/39 wurde unter dem Titel„Bäuerliche Tierhaltung— eine ſtallhygieniſche Skizze zweier oberheſſiſcher Dörfer“ eine erſte Zuſammenſtellung herausgebracht, die gegenwärtig im Inſtitut zur Veröffentlichung und praktiſchen Verwertung weiter verarbeitet wird. Einige weitere Veröffentlichungen aus den durch den Krieg zwar ſtark gehemmten, aber nicht unterbrochenen Arbeiten ſtehen im Abſchluß. 2. Epidemiologiſche Forſchungen in Heſſen. In der Erforſchung jeder Tierſeuche gibt die Epidemiologie, d. h. die Frage der Einſchleppung und Weiterverbreitung, des Kommens, Beſtehens und Gehens der Seuche die Grundlage für ihre praktiſche Bekämpfung. Die im Anſchluß an den Welt⸗ krieg nach Heſſen eingeſchleppte anſteckende Blutarmut und die anſteckende Gehirn⸗ und Rückenmarkentzündung(Bornaſche Krankheit) der Pferde haben in ganz beſtimmten Landesgebieten feſten Fuß gefaßt und verurſachen jährlich zum Teil ſehr bedeutenden Schaden. Die geographiſche Geſtalt des heſſiſchen Landes mit ſeinen getrennt liegenden Provinzen gibt der epidemiologiſchen Erforſchung gerade dieſer beiden Krankheiten beſonderen Reiz, weil ſich hier das ganze Seuchengeſchehen in zwei gut zu überſehenden geſchloſſenen Ge— bieten abſpielt. Wie die Seuchenkarten zeigen, treten beide Seuchen nicht über das ganze Land gleichmäßig verbreitet, ſondern vornehmlich in beſtimmten Ge⸗ bieten auf. Die Aufgabe der laufenden epidemiologiſchen Arbeiten iſt es, die einzelnen Faktoren zu prüfen, die auf der einen Seite das Bodenſtändig⸗ werden der Seuche an beſtimmten Orten ermöglichen und auf der anderen Seite der Einſchleppung und Weiterverbreitung in anderen Gebieten hem⸗ mend entgegenſtehen. Da es ſich bei beiden Seuchen um ſolche vornehmlich chroniſchen Cha— rakters handelt, ſo ſind auch dieſe Forſchungsarbeiten auf weite Sicht ein⸗ geſtellt; bisher ſind 2 Veröffentlichungen aus dem Inſtitut erſchienen, die ſich mit der Epidemiologie befaſſen: Schwarzmaier, E.: Epidemiologie der anſteckenden Blutarmut in Heſſen— Tierärztliche Rundſchau 44, 729(1938) und Beller, K. und E. Schwarzmaier: Unterſuchungen über die anſteckende Blutarmut der Pferde. J. Zur Epidemiologie und Diagnoſtik der anſteckenden Blutarmut.(Erfahrungen in Heſſen über einen Zeitraum von 7 Jahren). Archiv für wiſſenſchaftliche und praktiſche Tierheilkunde 76, 24(1940). Die Unfruchtbarkeit des Rindes mit beſonderer Berückſichtigung der Trichomonadenſeuche. Prof. Dr. D. Küſt. Die Unfruchtbarkeit(Sterilität) des Rindes verurſacht ſchon ſeit Jahr⸗ zehnten im In- und Auslande große wirtſchaftliche Schäden durch Ausfall von Kälbern für den Nachwuchs und verringerte Milch⸗ und Fleiſchproduktion für die Ernährung des Volkes. Beſonders groß ſind die Verluſte bei ſeuchen⸗ artigem Auftreten. In Heſſen wurden in manchen Gemeinden kaum noch lebende Kälber geboren. Für die Sicherſtellung des Nachwuchſes in der Rinderzucht und der Volksernährung iſt die Bekämpfung der Unfruchtbarkeit eine nationale Pflicht und Notwendigkeit. Als Haupturſache der Rinder⸗ ſterilität in Heſſen konnte durch die Ambulatoriſche und Geburtshilfliche Veterinärklinik eine Anſteckung mit Trichomonaden feſtgeſtellt werden. Die kleinen Lebeweſen werden beim Deckakt von Tier zu Tier übertragen. Bei den Bullen kommt es zu Erkrankungen des Geſchlechtsapparates mit mangel⸗ hafter Deckluſt und ſchlechter Befruchtung. Bei den weiblichen Tieren iſt der Krankheitsverlauf verſchieden. Ein Teil rindert regelmäßig alle 3 Wochen infolge einer Gebärmutter⸗ erkrankung um; andere Tiere werden tragend, die Frucht ſtirbt aber früh⸗ zeitig ab, zerfällt und es kommt zur Eiteranſammlung in der Gebärmutter. Weitere Tiere verwerfen gewöhnlich im Frühſtadium und einzelne tragen trotz Erkrankung aus. Eine erfolgreiche Bekämpfung der Trichomonadenſeuche beruht in erſter Linie auf hygieniſchen Maßnahmen, wobei die künſtliche Beſamung ſich ſehr vorteilhaft ausgewirkt hat. Die über die Trichomonadenſeuche angeſtellten umfangreichen Unter⸗ ſuchungen und die auf Grund der angeordneten Maßnahmen guten Erfolge in der Bekämpfung waren grundlegend für die vom RdJ. erlaſſene vieh⸗ ſeuchenpolizeiliche Anordnung vom 18. 1. 1938 zur Bekämpfung der Deck⸗ infektionen des Rindes in Großdeutſchland. Für die künſtliche Beſamung wurde in der Klinik eine Methode ausgearbeitet, die jederzeit in der Praxis durchgeführt werden kann und kurz vor Beginn des Krieges auch ſchon im In⸗- und Ausland praktiſch mit gutem Erfolg zur Bekämpfung der Tricho⸗ monadenſeuche und zur Hebung der Rinderzucht angewandt werden konnte. Bildkrankheiten in Heſſen. Prof. Dr. Dr. h. c. Krauſe. Das Veterinär⸗Pathologiſche Inſtitut bringt mit ſeinem Ausſtellungs⸗ beitrage aus dem Gebiete der Wildpathologie einen kleinen Ausſchnitt aus ſeinem Aufgabenkreis und will damit vor allem die Aufmerkſamkeit auf die Tatſache lenken, daß in Gießen unter Geh. Prof. Dr. Olt dieſes Sonder gebiet der Pathologie in praktiſcher und wiſſenſchaftlicher Form erſtmalig 1⁰0 in Deutſchland und darüber hinaus ſeit 1905 geſchaffen und ſyſtematiſch gepflegt worden iſt. Das von Olt in Gemeinſchaft mit Ströſe 1914 heraus⸗ gegebene Werk:„Die Wildkrankheiten und ihre Bekämpfung“ bildet Aus⸗ gangspunkt und Grundlage für jegliche Weiterarbeit in allen Ländern. 1939. fand es eine wiſſenſchaftliche und literariſche Ergänzung durch Olts Nach⸗ folger: Prof. Dr. Dr. h. c. C. Krauſe in der Abhandlung:„Pathologie und pathologiſche Anatomie des Nutz⸗ und Raubwildes“, womit ein Abſchluß der geſamten Unterſuchungsergebniſſe bis zum Jahre 1939 gefunden war. Wäh⸗ rend die älteren Arbeiten ſich auf die grundlegenden Feſtſtellungen und Erfahrungstatſachen erſtreckten, bezweckt die neuere Forſchungsmethodik die wiſſenſchaftliche Vertiefung der Unterſuchungen, damit die fortſchrittliche Auf⸗ klärung veralteter oder verkannter Vorſtellungen, die Ordnung und Aus⸗ weitung der Forſchung in landſchaftsgebundener Form(Verbreitung, Cha⸗ rakter der Erkrankung) und die geſteigerte Verwertung in allgemein medi— ziniſcher und naturwiſſenſchaftlicher Hinſicht. Hierfür ſprechen die Unter⸗ ſuchungen auf dem Gebiet der Blutgefäß⸗Veränderungen(Mediaverkalkung, Arterioſkleroſe), der Nierenerkrankungen, der Geſchwulſtbildung(Leberade⸗ nom, Leberkrebs, Nierenadenom, Krebsproblem), der Mißbilligungen, der Sarkoſporidioſe von Skelett⸗ und Herzmuskulatur, der Tuberkuloſe, Pſeudo⸗ tuberkuloſe u. a. m. Geographiſche Abteilung der Heſſiſchen Landesforſchung, Reichsarbeitsgemeinſchaft für Raumforſchung. Prof. Dr. F. Klute. Erde und Menſch in ihren Wechſelbeziehungen oder im engeren Raum Landſchaft und Volk in ihrer Verbundenheit zu unterſuchen, iſt Aufgabe der Erdkunde. Sind dieſe Arbeiten, auf den Heſſiſchen Raum gerichtet, an ſich im Geographiſchen Inſtitut bearbeitet worden, ſo iſt ſeit 1928 in der Heſſi⸗ ſchen Landesforſchung eine Arbeitsgemeinſchaft entſtanden, die auf breiterer Grundlage mit Unterſtützung des Jubiläumsfonds der Gießener Hochſchul⸗ geſellſchaft die Forſchungen fortſetzte und das Gleiche iſt durch die Reichs⸗ arbeitsgemeinſchaft für Raumforſchung an der Univerſität Gießen angeſtrebt, wobei im letzteren Falle die Blickrichtung mehr auf das Praktiſche gelenkt war. Die Geographiſche Abteilung der Heſſiſchen Landesforſchung ſtellt aus: 1. Haar⸗ und Augenfarbe der Schulkinder in Oberheſſen, und in Bildern Volkstypen aus Oberheſſen mit ihrem vorwiegenden Raſſeneinſchlag ſowie Landſchaftsbilder, ländliche und ſtädtiſche Siedlungen. Die Unterſuchungen über Haar⸗- und Augenfarbe der Schulkinder ſind auch für Starkenburg und Rheinheſſen durchgeführt, das Material iſt noch unveröffentlicht. Sie zeigt, daß dieſe geſchloſſenen Gebiete mit einheitlichem Vorwiegen eines Komplexes, was auf hiſtoriſche Urſachen ſchließen laſſen könnte, nicht vor⸗ handen ſind. 2. Bodenklimakarte von Oberheſſen, 3. von Starkenburg und 4. von Rheinheſſen. Um den Ackerertrag in früheren Zetien feſtzuſtellen, ſind die alten Grundſteuerreinerträge in ganz Heſſen feſtgeſtellt und ihre Ab⸗ 11 hängigkeit von Boden und Klima unterſucht worden. Die Frage, inwieweit durch Wüſtlegung von Ortſchaften auch deren Ackerland durch Wiederbewal⸗ dung verloren gegangen iſt, iſt in einer weiteren Arbeit für den Kreis Schotten unterſucht und auf Karte 5 u. 6 dargeſtellt. Die großen Ver⸗ änderungen, die die Bevölkerungsſtruktur durch die Induſtrialiſierung in den letzten 6s Jahren erfahren hat, iſt für Oberheſſen auf den Karten 7, 8, 9 u. 10 dargeſtellt. Die gleiche Frageſtellung iſt ebenfalls für Rheinheſſen und Starkenburg unterſucht. Über die weiteren Arbeiten der Anſtalt für Heſſiſche Landesforſchung gibt ein Verzeichnis und die Auslage der Arbeiten ſelbſt auf dem Tiſch Auskunft. Geographiſche Abteilung der Reichsarbeitsgemeinſchaft für Raumfor⸗ ſchung an der Univerſität Gießen. Die ausgeſtellten Karten beſchäftigen ſich vorwiegend mit der Größe der landwirtſchaftlichen Betriebe, ihrer Struktur und der Bewirtſchaftung und dem Ertrag des Ackerlandes. Karte 11 zeigt die abſolute Verteilung der Getreidefläche mit ihrer deutlichen Zunahme zur Höhe des Vogelsberges, infolge Zurücktretens der Hackfrüchte. Karte 12 gibt die Wieſen und Weiden im Hundertſatz der landwirt⸗ ſchaftlichen Nutzfläche und die deutliche Zunahme mit der Höhe. Karte 13 zeigt das Verhältnis der bäuerlichen Bevölkerung zur Geſamtbevölkerung in Hundertteilen. Die Größen der bäuerlichen Betriebe ſind für die Betriebs⸗ größen von 2—7,5 ha auf Karte 14 und von über 7,5 ha auf Karte 15 im Hundertſatz zur Geſamtzahl der Betriebe dargeſtellt. Karte 16 veranſchau⸗ licht den Anteil des Pachtlandes an der Geſamtfläche. Es treten hier beſon⸗ ders die Gebiete der Realteilung im ſüdlichen Oberheſſen mit ſtarkem Pachtlandanteil hervor, wie auch die Gebiete mit ſtärkerem ſtandesherrlichen und kirchlichen Beſitz ebenfalls im Süden Oberheſſens. Die Verteilung des Waldes an ſich, wie der hundertteilige Beſtand von Laub⸗ und Nadelwald iſt für Starkenburg, auch in ſeiner geſchichtlichen Entwicklung, unterſucht worden und Karte 17 veranſchaulicht den nordweſtlichen Teil. Wirtſchaftliche Raumforſchung in Heſſen⸗ Maſſau. Prof. Dr. E. Willeke. Die wirtſchaftliche Raumforſchung befaßt ſich mit der„Raumwirtſchaft“. Das richtige Wirtſchaften mit den Bodenkräften und Bodenſchätzen, die rich⸗ tige Standortswahl der verſchiedenen Wirtſchaftszweige, ihre Zuordnung zu⸗ einander zu geſunden örtlichen Wirtſchaftsgebilden iſt ihr Forſchungsgebiet. Dieſe Probleme haben für die deutſche Volkswirtſchaft beſonderes Gewicht. Denn wenn ein Volk auf engem Raum zuſammengedrängt iſt, wie das deutſche Volk, erhält die Ordnung der vielen Anſprüche, die von der Er⸗ nährungswirtſchaft, der gewerblichen Wirtſchaft, der Wohnungswirtſchaft, von dem Verkehr, der Landesverteidigung, dem Erholungsweſen u. ä. an dieſen Raum geſtellt werden, nach geſamtvolkswirtſchaftlichen Geſichtspunkten hohe Bedeutung; vollends aber dann, wenn die Bodenverbundenheit des Volkes als ein zentraler politiſcher Wert gilt, wie ihn der Nationalſozialis⸗ mus vertritt. 12 —=———— — Die Univerſität Gießen gehört zu den wenigen Univerſitäten Deutſch⸗ lands, die ſich ſchon vor Gründung der Reichsarbeitsgemeinſchaft für Raum⸗ forſchung in Berlin im Jahre 193s vom wirtſchaftlichen Standpunkt aus den Fragen der Raumforſchung zugewandt haben. Es war Prof. Dr. Bechtel, — ſeit 1937 an der Techniſchen Hochſchule in München— der bereits im Jahre 1934 die erſten grundlegenden Arbeiten einer landſchaftsverbundenen Raumforſchungsarbeit auf wirtſchaftlichem Gebiet in die Wege leitete. Neben allgemeinen Beſtandsaufnahmen über die natürlichen, hiſtoriſchen und wirt⸗ ſchaftlichen Verhältniſſe des Lahn⸗Dill⸗Gebietes und Oberheſſens hat er ſich gleich auch der wiſſenſchaftlichen Fundierung wirtſchaftspolitiſcher Ordnungs⸗ aufgaben zugewandt. Beſonders iſt die von ihm geleitete Unterſuchung über Möglichkeiten und Auswirkungen einer Weiterführung der Lahnkanaliſierung zwecks Erſchließung des Wetzlar⸗Gießen⸗Lollarer⸗Induſtrieraumes zu nennen. Das Lahn⸗Dill⸗Gebiet und Oberheſſen bzw. das Gaugebiet Heſſen⸗Naſſau, mit dem die Univerſität Gießen in enger Landſchaftsverbundenheit ſteht, wird aber nicht nur durch Verkehrs⸗ und Induſtriefragen gekennzeichnet, ſondern nicht weniger durch die Landwirtſchaft und die beſondere Verbindung, in der Landwirtſchaft und Induſtrie in dieſem Raume zueinander ſtehen. So wurde ebenfalls von Prof. Bechtel eine Unterſuchung über die Nährkraft des Lahn⸗Dill⸗Gebietes durchgeführt. 6 Die Weiterführung dieſer wirtſchaftlichen Raumforſchung ſteht ſeit April 1937 unter der Leitung von Prof. Dr. Willeke. Im Anſchluß an die Unter⸗ ſuchungen von Prof. Bechtel wurde nunmehr das Hauptaugenmerk der wei⸗ teren Forſchungen auf die wirtſchaftliche und ſoziale Unordnung gerichtet, die die liberaliſtiſche Freizügigkeit in dieſem Raum hat entſtehen laſſen. Beiſpiele aus den Hauptergebniſſen dieſer Unterſuchungen ſind in dieſer Ausſtellung zum Aushang gebracht worden, ſoweit ſie genannt werden dürfen und ſich in Karten niedergeſchlagen haben, die nicht der Geheimhaltung unterliegen. Auch die diesbezügl. wiſſenſchaftlichen Abhandlungen zu dieſem Kartenmaterial liegen auf, ſoweit das möglich iſt. An erſter Stelle ſtehen einige Beiſpiele aus der allgemeinen Beſtands⸗ aufnahme, ferner aus Unterſuchungen über die Nährkraft des Raumes, ſeine Verkehrserſchließung und die Lahnkanaliſierung.— Weiter bringt die Ausſtellung Material über den Einfluß der Real⸗ teilung auf die Beſitzzerſplitterung. Im beſonderen wird gezeigt, in welcher Weiſe dieſe Sitte zu einer ausgeprägten Erbhofarmut geführt hat und welche Sanierungsmöglichkeiten ſich ergeben. 3 In enger Verbindung hiermit ſteht die Pachtfrage. Auf beſonderen Karten ſind die Pachtverhältniſſe im Unterſuchungsraum dargeſtellt. Es wird deutlich gemacht, wie die Pacht ſich in beſtimmten Gebieten ballt, wo— bei die grundſätzliche Frage auftaucht, inwieweit der landwirtſchaftlich benutzte Grund und Boden überhaupt noch als Kapitalanlage in Frage kommen kann. Vorſchläge zu einer Sanierung ſind in einer beſonderen Schrift niedergelegt. Weiter werden Unterlagen einer Unterſuchung über die Landflucht ge⸗ bracht, die in Heſſen⸗Naſſau wie auch in Kurheſſen einen ganz beſonders 15 großen Umfang angenommen hat. Auch zu dieſer Frage ſind in einer Nie ſchrift beſondere Sanierungsvorſchläge gemacht worden. Zu dieſen Arbeiten kommt eine Unterſuchung über das Rückſtandsgebiet: Oberweſterwald, für den eine Reihe von Arbeitskarten, die die Notwendig⸗ keit der Aufforſtung wie die Sanierung der Betriebsſtruktur der landwirt⸗ ſchaftlichen Kümmerbetriebe aufzeigen, aufliegt. Die Frage der landwirt⸗ ſchaftlichen Kümmerbetriebe und die Möglichkeiten ihrer Sanierung ſind in einer beſonderen wiſſenſchaftlichen Abhandlung bearbeitet worden. Die Verbindung von Landwirtſchaft und Induſtrie hat im Unter⸗ ſuchungsgebiet eine ſtark verbreitete Pendelwanderung ausgelöſt, deren poſi⸗ tive und negative Auswirkungen einer weiteren Unterſuchung unterliegen. Erſte Ergebniſſe dieſer Unterſuchung werden in der Ausſtellung gezeigt. In der gleichen Weiſe wie die Unterſuchung über die Lahnkanaliſierung unmittelbar praktiſcher Verwertung zugeführt werden konnte, ſind auch die Arbeiten ier die Sanierungsmöglichkeiten der landwirtſchaftlichen Betriebs⸗ ſtruktur, Pachtverhältniſſe, der Landflucht, der Neuordnung des Rück— dnttadehdtte Oberweſterwald unmittelbar den Stellen der Praris zugänglich gemacht worden, mit deren Hilfe, wenn nicht gar auf deren Anregung bzw. Veranlaſſung, die Erhebungen und Unterſuchungen z. T. vorgenommen wor⸗ den ſind. Mineralogiſche Forſchung in Heſſen. Prof. Dr. E. Lehmann, z. Zt. Wehrmacht J. A.: Studienrat Dr. Flörke. Die Mineralogiſche Wiſſenſchaft hat ihre Wurzel in der Bergbaukunde Der Bergmann war es, dem zuerſt die eigenartigen Kriſtallformen der Mine⸗ ralien auffielen und dem ſeine Tätigkeit ein erſtes Wiſſen von dieſen Bau⸗ ſteinen der lebloſen(anorganiſchen) Natur vermittelte. Weit zurück geht in der Geſchichte die praktiſche Nutzung der Mineralien. In unſrer engeren Heimat fanden ſich einwandfreie Nachweiſe vom Bergbau der Kelten(1000 bis 400 v. Chr.). Von den Römern wiſſen wir, daß ſie an der Lahn auf Erzbergbau und Eiſenverhüttung ſtießen und ſie ſich nutzbar machten. Aber erſt in der Mitte des 17. Jahrhunderts gelingt es dem genialen Blick Nils Stenſens, das Problem der Kriſtallgeſtalt zu faſſen und die erſten Geſetze des Kriſtallwachstums zu ergründen. Er lieferte uns ſo den Schlüſſel zum dritten Naturreich, zur Welt der Anorganiſchen. Die ſich von da an entwickelnde mineralogiſche Wiſſenſchaft bleibt eng verbunden mit dem Bergbau, der ihr vielfach die Objekte ihrer Forſchung liefert und dem ſie hinwiederum dient, indem ſie Bau und Bildung der Minerallagerſtätten ergründet. Auch die Arbeit des Gießener Mineralogiſchen Inſtituts ſpiegelt dieſe Wechſelbeziehung vielfältig wieder. Der eine Schau⸗ kaſten enthält Stücke zur Lagerſtättenkunde unſeres Gaus und ſucht zuſam— men mit der Buchausſtellung klarzulegen, wie hier vor allem die Erfor⸗ ſchung der wirtſchaftlich wichtigen Eiſenerzlagerſtätten an Lahn und Dill ſo⸗ 14 wie im Vogelsberg vorangetrieben wurde. Weitere Stufen verweiſen auf Erzvorkommen an der unteren Lahn, die nicht unweſentliche Mengen von Blei, Zink, Kupfer und Silber liefern. Schließlich lenkt dieſer Teil der Aus⸗ ſtellung unſere Aufmerkſamkeit auch auf die Erzlager des Dillenburgiſchen und des Heſſiſchen Hinterlandes, deren Ausbeutung durch moderne Aufberei⸗ tung wieder lohnend erſcheint. Dieſe neuen Verfahren erläutern zwei Mo⸗ dellverſuche auf dem Tiſch. Dort findet ſich auch ein Hinweis auf eine im Gießener Inſtitut entwickelte neue Methode zur mikroſkopiſchen Unter⸗ ſuchung von Erzen. Der zweite Schaukaſten enthält eine Reihe typiſcher Mineralien aus der näheren und weiteren Umgebung von Gießen. Der abwechſelungsreiche geologiſche Bau unſerer engeren Heimat hat zur Folge, daß die Zahl der hier gefundenen Mineralien recht bedeutend iſt. Manche dieſer Mineralfund⸗ punkte können geradezu als klaſſiſch bezeichnet werden. Verwieſen ſei be— ſonders auf zwei Mineralien(Sbrengit und Eleonorit), die auf der Grube Eleonore am Dünsberg erſtmalig aufgefunden wurden. Eine Gruppe großer, ſchöner Kriſtalle lenkt den Blick auf die wert— vollen Lagerſtätten Deutſch⸗Südweſt⸗Afrikas, deren Erforſchung von dem Gießener Mineralogiſchen Inſtitut und ſeinen Schülern zu einem weſent⸗ lichen Teil beſtritten wurden. Mikroorganismen heſſiſcher Standorte.-Feſſiſche Gallenflora. Prof. Dr. E. Küſter. Die Beiträge, die das Botaniſche Inſtitut zur Kenntnis der im heſſi⸗ ſchen Raum vorliegenden Naturobjekte zu liefern ſich bemüht hat, beziehen ſich vorzugsweiſe auf folgende Aufgaben: Mikroorganismen heſſiſcher Standorte. Die Anteilnahme des Inſtituts an den Fragen der Zellforſchung führte zur Beobachtung der uns zugänglichen Mikroorganismenformen; neben zellen⸗ morphologiſchen waren ökologiſche und pflanzengeographiſche Fragen nament⸗ lich denjenigen gegenüber zu fördern, die den Salzgewäſſern von Bad⸗Nau⸗ heim und ähnlichen Standorten der Wetterau entſtammten. Ueber die Nau⸗ heimer Protophyten hat das Inſtitut bisher in acht Veröffentlichungen be⸗ richtet(vgl. die ausgeſtellten Sonderdrucke: Küſter, Lanz, Schönleber, Peteler, Michel); die Bearbeitung der Fragen iſt durch Stipendien der William⸗ Kerckhoff⸗Stiftung in Bad⸗Nauheim wiederholt gefördert worden. Weiterhin wurde die Erforſchung der Mikroorganismen von Lauterbach(Oberheſſen) mit Unterſtützung des Lauterbacher Muſeums in Angriff genommen(vgl. die aus⸗ liegende Mitteilung von Kraßke⸗Lanz⸗Peteler). Über die Protophyten der Gießener Gegend liegen Schriften vor von Küſter, Heidt, Diehl, Dorſt, Küſter⸗Winkelmann u. a.). 15 Heſſiſche Gallenflora. Die ausgeſtellten Photos ſind Bildproben aus einem in Vorbereitung indlichen neuen Gallenwerk des Inſtitutsleiters. Beiträge zur Kenntnis bef er heſſiſchen Gallen lieferten Maresquelle und Heidt(vgl. die ausgeſtellten Sonderdrucke). Heſſiſche Heilpflanzen.- Pflanzengeographiſche Erforſchung des heſſiſchen Raumes. Dozent Dr. K. Heidt. Seit einer Reihe von Jahren werden Unterſuchungen über Kenntnis und Anwendung einheimiſcher Heilpflanzen bei der heſſiſchen Landbevölkerung durchgeführt. In Form von Erhebungen ſoll zunächſt feſtgeſtellt werden, welche einheimiſchen Heilpflanzen bei unſerer Landbevölkerung bekannt ſind, wie ſie geſammelt, behandelt und angewandt werden. Weiterhin ſoll geprüft werden, inwieweit die durch viele Jahrzehnte von Generation zu Generation weitergegebene Erfahrung mit den Ergebniſſen erakter wiſſenſchaftlicher For⸗ ſchung übereinſtimmt und in wiefern durch falſche Behandlung oder Anwen⸗ dung der Wert der Heilpflanzen hinfällig wird oder wo noch abergläubige oder ſonſtwie ungerechtfertigte Vorſtellungen beſtehen. Im Sommer 1939 konnte mittels Stipendium des Lauterbacher Muſeums und durch Mitarbeit der Lehrerſchaft der Kreis Lauterbach vollſtändig erfaßt werden(vgl. die ausgelegten Schriften). Durch Unterſtützung des Reichsforſchungsrates und der Heſſiſchen Landesregierung wurden im Jahre 1940 durch die Mitarbeit der Lehrerſchaft und zahlreicher weiterer Hilfskräfte die Arbeiten auf das geſamte Gebiet des Gaues Heſſen-Naſſau ausgedehnt, ſo daß nunmehr jedes Dorf in die Erhebung einbezogen iſt. Sonderbare Heilmethoden zur Be— kämpfung der häufigſten Tierkrankheiten gaben Anlaß zur Anbahnung einer Gemeinſchaftsarbeit mit Prof. Dr. Beller, dem Direktor des Tierſeuchen⸗ Inſtitutes. In der Ausſtellung geben zwei Tabellen Aufſchluß über 70 von insgeſamt 166 in den oberheſſiſchen Landbezirken Alsfeld, Büdingen, Fried⸗ berg, Gießen und Lauterbach bekannten einheimiſchen Heilpflanzen und die Häufigkeit ihrer Verwendung. Daneben berichtet ein Plan über die nach Anwendungsgebieten geordnete Anlage eines Heil⸗- und Giftpflanzengartens der Gauſchule Wetterau der NSOAP., in dem die Ergebniſſe der Heil⸗ pflanzen⸗Unterſuchungen derart verwertet werden, daß die Beſucher der Gau⸗ ſchule und andere Beſucher des Gartens mit der Kenntnis der einheimiſchen Heil- und Giftpflanzen vertraut gemacht und auf die richtige Sammlung, Behandlung und Anwendung des Sammelgutes hingewieſen werden. Pflanzengeographiſche Erforſchung des he ſiſchen Raumes. Im Rahmen des Amtes Wiſſenſchaft des NSD.⸗Dozentenbundes wurde eine„Pflanzengeographiſche Arbeitsgemeinſchaft ins Leben gerufen, mit dem Ziele der pflanzengeographiſchen Erforſchung des heſſiſchen Raumes. Die Arbeitsgemeinſchaft ſoll neben anderen Aufgaben zunächſt an Hand von Kartierungen feſtſtellen, welche Veränderungen des pflanzengeographiſchen 16 Bildes ſeit der Eiszeit und Nacheiszeit in Heſſen ſich vollzogen haben(Ver⸗ breitung der Relikte) und inwieweit die einzelnen Florenelemente in den heſſiſchen Raum vorgedrungen ſind und welche Verbreitung ſie unter der Einwirkung von Boden und Klima gefunden haben. Die ausgeſtellten pflanzengeographiſchen Karten zeigen Hauptverbreitung kennzeichnender nörd⸗ licher, weſtlicher(atlantiſcher), mitteleuropäiſcher, öſtlicher(pontiſch⸗ſarma⸗ tiſcher) und ſüdeuropäiſcher(mediterraner) Arten und deren Einſtrahlungen in das deutſche Reichsgebiet, insbeſondere den heſſiſchen Raum. Die ausge⸗ ſtellten Photos aus der Sammlung des Leiters der Arbeitsgemeinſchaft zeigen ſolche charakteriſtiſchen Arten aus dem heſſiſchen Gebiet. Ein anſchau⸗ liches Bild von der pflanzengeographiſchen Kartierung eines Kreiſes ver⸗ mittelt eine Karte mit Beſtandsaufnahmen zahlreicher Arten des Dillkreiſes (Weſterwald). Bodenſtändige Tierzucht im heſſiſchen Raum. Prof. Dr. H. Vogel. Der Zucht und Haltung bodenſtändiger Tierraſſen in den landwirt⸗ ſchaftlichen Betrieben kommt im Zuſammenhang mit dem Streben nach weit⸗ debender Unabhängigkeit der deutſchen Ernährungswirtſchaft eine entſchei⸗ dende Bedeutung zu. Die bodenſtändigen Raſſen beſitzen in hohem Maße die Fähigkeit, bei geringen Anſprüchen an Haltung, Fütterung und Pflege gute Zucht⸗ und Nutzleiſtungen zu bringen. So verdient auch das Mitteldeutſche Rotvieh, eine aus dem alten roten Keltenvieh hervorgegangene Rinderraſſe, in Heſſen⸗ Naſſau beſondere Beachtung. Es zeichnet ſich durch Geſundheit, Anſpruchs⸗ loſigkeit und gute Leiſtungen aus, vor allem auch durch eine hervorragende Arbeitstüchtigkeit. Für die von Natur nicht beſonders begünſtigten, meiſt klein⸗ und kleinſtbäuerlichen Betriebe ſtellt es einen wertvollen bodenſtän⸗ digen Rinderſchlag dar. Dem zeitweiſe von anderen Rinderraſſen ſtark zu⸗ rückgedrängten Rotvieh wurde im Rahmen der agrarpolitiſchen Maßnahmen der Reichsregierung in neuerer Zeit von ſeiten der mit der Förderung der Tierzucht betrauten Stellen ein geſchloſſenes Zucht⸗ und Verbreitungsgebiet im nördlichen Heſſen⸗Naſſau zugewieſen. Verſchiedene Arbeiten des Tierzuchtinſtituts der Univerſität Gießen be⸗ ſchäftigen ſich mit den Zucht- und Nutzleiſtungen des Rotviehs in Heſſen⸗ Naſſau. Sie haben u. a. ergeben, daß dieſe alte bodenſtändige Rinderraſſe Blutlinien und Zuchtfamilien beſitzt, in denen hochwertige Erbanlagen für beſte Leiſtungen verankert ſind, auf denen die Zucht weiter aufgebaut werden muß. Die ausgeſtellte Blutlinientafel gibt den Blutaufbau und die Leiſtungen einer guten Zuchtfamilie wieder und zeigt, zu welchen züchteriſchen Erfolgen eine planmäßige Züchtung im Laufe der Generationen führen kann. Die ebenfalls ausgeſtellten Lichtbilder ſollen dartun, wie durch züchteriſche Maß⸗ nahmen im Laufe der Zeit auch die Körperformen des Rotviehs in Heſſen⸗ Naſſau verbeſſert und ausgeglichen werden konnten. 5 1 Steigerung der Erträge durch Forſchung auf dem Gebiet von Ackerbau und Pflanzenzüchtung. Prof. Dr. G. Seſſous. .Sojabohnen und Erzeugniſſe daraus. (Soja hiſpida) Züchtung: a) vom Reichsnährſtand anerkannte Hochzucht„Gießener Schwarze“, bereits im Handel, bearbeitet ſeit 1928. b) frühe Kreuzungen(Reichsſojazüchtung, Material Dr. L. Herb⸗Müller); langſtengelig, 10—14 Tage früher als die bisher angebauten Sorten ähnlichen Typs, gelb⸗ körnig. Abgabereif an die Züchter Frühjahr 1941 zu ſpäterem Großanbau. Bearbeitet ſeit 1933. Saflor(Carthamus tinctorius), vom Reichsnährſtand anerkannte Hoch⸗ zucht„Gießener Saflor“, bereits im Handel. Züchter Dozent Dr. A. Scheibe. Olpflanze mit Diſtelcharakter für trockene Lagen, auf denen bis⸗ her Olpflanzenanbau unſicher, wenn nicht unmöglich war. Im Inſtitut züchteriſch bearbeitet ſeit 1934. Hlrauke(Eruca ſativa). Die am Inſtitut vom Dozenten Dr. Scheibe in züchteriſche Bearbeitung genommene Olrauke ſtammt aus dem Material der deutſchen Hindukuſchexpedition von 1935, die unter Leitung des Genannten wertvolle Pflanzen und Sämereien zur genetiſchen Aufbeſſerung und Vergrößerung der Anzahl unſerer Kulturpflanzen nach Deutſchland gebracht hat. Die Pflanze ver⸗ ſpricht ebenfalls dank ihrer Anſpruchsloſigkeit eine Lücke zu füllen. Sie iſt ein Sommergewächs, beſitzt hohen Olgehalt und nicht unbe⸗ trächtliche Mengen an Eiweiß, das als Kraftfutter Verwendung finden kann. Die bisherigen Anbauverſuche und ermittelten Erträge verſprechen durchaus die Anbauwürdigkeit der Olrauke. Erdmandel(Cyperus esculentus). In Spanien und Nordafrika bisher angebautes, vorzügliches Speiſeöl(22— 26%), Stärke(28— 30%), Rohrzucker(etwa 18%), Eiweiß(6—8%) enthaltendes, Knollen tragendes Cyperngras. Eignet ſich für friſche, leichtere, möglichſt anmoorige Böden. Erdmandel iſt vielleicht dazu beſtimmt, die Olpflanze von Moor⸗ böden zu werden. Sie liefert etwa 40—50 dz'’ha Trockenſubſtanz in ihren Knollen. Seit 1935 züchteriſch am Inſtitut bearbeitet durch Dr. F. Ragaller. Die 2 Tabellen als Ergebnis einer Unterſuchung über die Gründe, welche der Einführung der Drillkultur beim Anbau von Futterrüben, die vielfach noch umſtändlich in Frühbeeten herangezogen und ſpäter umgepflanzt werden, entgegenſtehen. Durch das Umpflanzen, das mehr Arbeit erfordert und außerdem in einer Zeit erfolgt, wenn die Wieſen geſchnitten werden ſollten, wird die Heuernte zum Nachteil der Güte des geſchnittenen Graſes oft unnötig verzögert. Die Unterſuchung zeigt, daß das Pflanzen allein dort noch Be⸗ rechtigung hat, wo hohe Niederſchläge oder ſpäteres Frühjahr rechtzeitige Bodenvorbereitung nicht zulaſſen oder eine Vorfrucht das Feld ſpät räumt. Zweifellos können noch viele Betriebe, wo dieſe Bedingungen nicht vorliegen, von der alten Art abgehen und ſich auf Zeit ſparende und Ertrag ſteigernde Drillkultur umſtellen. Die Arbeit wurde 1936/37 ausgeführt und im„Pflanzenbau“ Heft 6 1937 veröffentlicht. 6. Graphiſche Darſtellung, welche angibt, wie häufig in Heſſen mit dem Saatgut gewechſelt wird. Das beſte Mittel, die Erträge zu fördern und ſicher zu geſtalten, iſt regelmäßiger und häufiger Saatgutwechſel. Damit wird dem Abbau und Nachlaſſen der Erträge, ſowie Verbreitung von Krank⸗ heiten am vorteilhafteſten begegnet. In einer Umfrage im Jahre 1931 konnte ermittelt werden, wie es in Heſſen mit dem Saat⸗ gutwechſel beſtellt iſt. Sie zeigt, daß der Wechſel noch viel zu wünſchen übrig läßt, lehrt beſonders, daß die kleineren Wirtſchaften in erſter Linie der Förderung und Belehrung bedürfen, was auch insbeſondere durch die NS⸗Agrarpolitik erfolgt. 7. Ernteſteigerung durch neuzeitliche Untergrundlockerung. Zahlreiche deutſche Böden ſind„krank“, d. h. haben mangelhafte Struktur. Darunter verſteht man ein ungünſtiges Verhältnis zwiſchen feſter Boden⸗ ſubſtanz und Poren. Die Folge davon iſt ſchlechte Waſſerführung, Luftmangel, Verſauerung= Sinken des pH⸗Wertes. Das Er⸗ gebnis einer Promotionsarbeit hat die phyſikaliſch⸗chemiſchen Ur⸗ ſachen durch eingehende Unterſuchungen an Hand praktiſcher Ver⸗ ſuche dargelegt. Der Wert dieſer Arbeit für die praktiſche Land⸗ wirtſchaft liegt in dem Nachweis erheblicher, mit geringem Mehr⸗ aufwand zu erzielender Steigerung der Erträge. Diſſertation Schultze, Gießen 1940, mit Unterſtützung des For⸗ ſchungsdienſtes durchgeführte Gemeinſchaftsarbeit. Abteilung für Pflanzenkrankheiten. Sachbearbeiter: Dr. Hanf und Dr. Klein. 1. Erfolgreiche Bekämpfung eines neuen Erdbeerſchädlings im Rheingau. Erdbeerſtengelſtecher Rhynchites germanicus Hbſt. Die Erdbeererträge im Rheingau gingen von 17 600 Ztr. im Jahre 1937 auf 5900 Ztr. im Jahre 1938 zurück, alſo ein Ausfall von 66%! Die Anbaufläche verminderte ſich in einer Gemeinde von 25 auf 8 ha. Als Schädling wurde der Erdbeerblütenſtecher(Anthonomus rubi Hrbſt.) ange⸗ ſehen. Eingehende Unterſuchungen ergaben, daß ein bisher als Schädling 19 unbekannter Käfer, der Erdbeerſtengelſtecher, Rhynchites germanicus, für die Schäden verantwortlich zu machen iſt. Die Bekämpfungsverſuche ergaben eine Bekämpfungsmöglichkeit durch Derris⸗Stäubemittel vor der Erdbeerblüte. Verſuchsergebniſſe: Verſuch%⸗Befall Befallsminderung um: 1 Unbehandelt 48 Behandelt 5,8 88% 2 Unbehandelt 48 Behandelt 8 83 00 3 Unbehandelt 17 Behandelt 6 65 00 Die Arbeit gab die Grundlage für eine allgemeine Bekämpfung des Schäd⸗ lings, die wieder normale Erträge ermöglichte. (Unterſuchung der Bekämpfungsmöglichkeiten: Dr. M. Hanf, Verſuche zur Bekämpfung des Erdbeerſtengelſtechers im Rheingau, Gartenbauwiſſenſchaft 14, Heft 5. Unterſuchung der bisher ungenügend bekannten Biologie: Dr. F. Klein. Noch nicht veröffentlicht.) 2. Unterſuchung über eine Kartofſelwelke im Weinbaugebiet des nördlichen Rheingaues. Sachbearbeiter: Dr. Glöckner. Infolge einer Kartoffelwelke als„Sang“ bezeichnet, die beſonders im nördlichen Rheingau(Lorch) etwa ſeit 1920 auftritt, iſt der Kartoffelanbau in einzelnen Gemeinden faſt vollſtändig aufgegeben worden. Die Urſachen der Krankheit waren unbekannt. Eingehende örtliche Unterſuchungen, die mit Unterſtützung des For⸗ ſchungsdienſtes durchgeführt wurden(1938 und 1939) zeigten, daß das verſtärkte Auftreten eines Pilzes(Verticillium alboatrum) begünſtigt durch die klimatiſchen und Bodenverhältniſſe, die Welkeerſcheinung auslöſt. Folgende Ertragsausfälle ſind zu verzeichnen: Knollengewicht Sorte geſunde kranke Ertragsverluſt Stauden I 527 92 82% II 503 2⁰9 58% d 24% Durch geeignete Düngung können die Erträge erheblich geſteigert werden: Sorte Unbehandelt Behandelt Ertragsſteigerung I 196 359. 180% II 184 252 147% III 151 221 150% Die Verſuche ergaben außerdem auch verſchiedene Anfälligkeit der Sorten, ſo daß durch dieſe Arbeit der Praris die Möglichkeit gegeben iſt, durch ge⸗ eignete Sortenwahl und Düngung auch auf ungünſtigen Böden wieder nor— male Ernten zu erzielen. (Diſſertation G. Glöckner: Unterſuchungen über die„Sang“. Krank⸗ heit der Kartoffel im Rheingau, Angewandte Botanik Bd. 22 Heft 3). Buchenforſchung in Heſſen. Prof. Dr. G. Funk. Die Buche hat in der Waldwirtſchaft Heſſens eine große Bedeutung. Eine genaue Erforſchung aller Lebenserſcheinungen, die ſie zu bieten vermag, war das Ziel ausgedehnter Unterſuchungen, die ſeit Jahren in der Botaniſchen Abteilung des früheren Forſtinſtituts vorgenommen wurden. Die ausgeſtellten Gegenſtände ſind ein Teil des Belegmaterials dieſer Forſchungen, ſoweit ſie ſich insbeſondere auf das Blatt beziehen. Sie zeigen, wie mannigfaltig die Erſcheinungen ſind, die man in dem einfachen Wort „Buche“ zuſammenfaßt.. In einzelnen Gruppen ſind dargeſtellt: 1. Blattgröße, .Ausſchlag⸗Triebe, . Herbſtfärbung, .Naſſen nach der Blattgeſtalt, . Raſſen nach der Blattfarbe, Nichtparaſitäre Krankheiten, . Pilzkrankheiten, .Schädigungen durch Tiere, „Buchenbilder aus Heſſen(Diapoſitive), 10. Naturdrucke(Negative) zur Biologie des Buchenblattes. 1— 00 S †& 80 In gleicher Weiſe wie hier die Buche ſind von Profeſſor Funk alle in Heſſen vorkommenden Waldbäume bearbeitet. Das umfangreiche Beleg⸗ material kann in dem von Profeſſor Funk geleiteten Inſtitut, Braugaſſe 7 II, beſichtigt werden, wo es in einem beſonderen Raum dauernd aufgeſtellt iſt. 241 Bodenertragsforſchung in Heſſen. Prof. Dr. P. Köttgen. Nach einer im Inſtitut für Bodenkunde der Univerſität Gießen ausge⸗ arbeiteten Methode. Es kommen zur Darſtellung: 1. Nährſtoffkurven a) nährſtoffarmer Böden, b) nährſtoffreicher Böden. 2. Die Apparaturen nebſt Erläuterungen der in Gießen benutzten Ge⸗ räte. a) Elektro⸗Ultra⸗Filtrationsgerät, b) Kolorimeter nach Lange zur Beſtimmung des Gehalts an Phos⸗ phorſäure, c) Spektrographiſche Einrichtung(Verbeſſerte Lundegardh⸗Methode) zur Beſtimmung von Kalk, Kali, Magneſium uſw., ſowie von Spurenelementen. Geologiſche Forſchungen in Heſſen. Prof. Dr. K. Hummel, z. Zt. Wehrmacht 7 2 J. A.: Prof. Dr. W. Klüpfel Die Forſchungsaufgaben, welche dem Geologiſchen und Paläontologiſchen Inſtitut der Univerſität Gießen zufallen, werden durch die natürlichen Ge⸗ gebenheiten der Heſſiſchen Landſchaft beſtimmt. Drei Einheiten beherrſchen hier das Feld: Das Rheiniſche Schiefergebirge, mit ſeiner gefalteten und geſchuppten Ablagerungsfolge, die Heſſiſche Senke, erfüllt von den wechſeln⸗ den Anſchwemmungen der Tertiärformation und die vulkaniſchen Bildungen, welche neben dem Weſterwald, Siebengebirge, dem Niederheſſiſchen Bergland und der Rhön im Vogelsberg, als dem größten Vulkangebiet des europäiſchen Feſtlandes ihre größte Geſchloſſenheit und Entfaltung erreichen.— Dement⸗ ſprechend gliedert ſich der Aufgabenkreis der geologiſchen Landeserforſchung nach folgenden Geſichtspunkten: 1. Ermittlung der Schichtenfolge in den einzelnen Teilen des Landes und die ſinngemäße Verbindung der Glieder miteinander. Die verſteinerten Reſte der einzelnen Ablagerungen(Stratigraphie und Paläontologie). 2. Studium des Gebirgsbaues und des Bewegungsmechanismus(Tek⸗ tonik). 2. Rekonſtruktion der geſchichtlichen Entwicklung, der jeweiligen Ver⸗ teilung von Waſſer und Land, der ehemaligen Flußläufe(Paläogeographie) und als Endglied der Entwicklung unſere heutige Landſchaft(Morphologie). 22 4. Studium der alten Vulkane. Wer ſich über die Geologie der Heimat näher unterrichten will, ſei auf die von Profeſſor Hummel gemeinverſtändlich aufgeſtellte Heimatſamm⸗ lung im Geologiſchen und Paläontologiſchen Inſtitut, Braugaſſe 7 B hinge⸗ wieſen. Eine Beſichtigung mit Führung iſt nach Anmeldung jedermann koſten⸗ los möglich. 7 Demgegenüber kann vorliegende Ausſtellung— abgeſehen von einigen bezeichnenden Schauſtücken und der wichtigſten Literatur nur einzelne, gerade in Arbeit befindliche Teilgebiete erläutern. A) Tertärformation in der Heſſiſchen Senke. Die Erforſchung der ein⸗ zelnen Schichtglieder in den verſchiedenen Teilen des Landes iſt in einer far⸗ bigen Tabelle wiedergegeben. Aus ihr geht hervor, daß ſich die einzelnen Ablagerungen: Süßwaſſerbildungen, Sumpf⸗ und Moorbildungen, Brack⸗ waſſer⸗ und Meeresablagerungen mehrfach wiederholen. So gibt es in Heſſen z. B. 14 verſchiedenaltrigen Braunkohlenton, 9 Quarzitbänke uſw. Dieſe Wiederholungen ſind auf allmähliche Senkungsvorgänge zurückzuführen, welche mit ruckartigen, mit Bruchbildung verbundenen Heraushebungen ab⸗ wechſelten. Dieſer Bewegungsmechanismus der Erdrinde, der das Land in ein förmliches Schollenmoſaik zerſtückelte, iſt zum erſten Male in der Heſſi— ſchen Senke richtig erkannt worden.— Der Weg, den der Boden der Heſſi⸗ ſchen Senke im Laufe der ca. 30 Millionen Jahre umfaſſenden Tertiärzeit im ſteten Auf und Ab zurückgelegt hat, iſt in einem„Bewegungsdiagramm“ aufgezeichnet. Aus dem Verlauf der Kurve erſieht man, daß die Schwingung der Erdkruſte gegen die Jetztzeit hin immer mehr an Tiefgang verloren, da⸗ bei aber an Schnelligkeit zugenommen hat.— Einzelne tektoniſche Karten laſſen mit ihrem Sprungſyſtem die ſchachbrettartige Moſaikſtruktur des Heſſi⸗ ſchen Bodens erkennen. Auf einer paläogeographiſchen Tafel iſt die jeweilige Verbreitung von Waſſer und Land in Weſtdeutſchland während der Tertiärzeit wiedergegeben. Wie zum Beiſpiel aus dem Heſſiſchen Hinterland ſtammende Flußſchotter in der Wetterau beweiſen und wie aus den Brackwaſſervorſtößen aus dem Alpenvorland in die Heſſiſche Senke hervorgeht, war unſer Land damals— im Gegenſatz zu heute— von Norden nach Süden gekippt. Ueber den Zeit⸗ punkt der jungen Nordkippung finden zur Zeit eingehende Ermittlungen ſtatt. B) Eine andere Abteilung iſt der Vulkanforſchung gewidmet. Hiermit betreten wir ebenfalls wiſſenſchaftliches Neuland. Die noch in lebhaftem Meinungsſtreit befindlichen Ergebniſſe zeigen, daß der Vulkanismus der Neuzeit ſich grundlegend von dem der Vorzeit unterſcheidet. Während früher Vulkanexrploſionen mit ihren Aſchenauswürfen nur in Zeiten der Senkung der Erdkruſte, Ergüſſe aber nur in Zeiten der Hebung auftraten, kann heute Aſchen⸗ und Lavaförderung ſtändig miteinander wechſeln. Ging früher die Förderfolge von hellen und leichten zu dunklen und ſchweren Schmelzen vor ſich, iſt es heute in der Regel umgekehrt. Vermutlich ſchöpften die Altvulkane unmittelbar aus einem ca. 50—00 km tief gelegenen ausgedehnten Behälter, in welchem die Schmelze wie im Hochofen fertig nach der Schwere geſchichtet 23 vorlag, während die Neuvulkane aus flachen, wenige Kilometer tiefen, neugebildeten Herden geſpeiſt werden, in welchen ſich die Entmiſchung erſt jetzt etappenweiſe vollzieht.— Da die Schmelzen der Altvulkane nicht explo⸗ ſionsfähig waren und keinen Auslaß ins Freie ſchafften, ſind bisher auch nirgends Oberflächenſtröme nachgewieſen, vielmehr liegen zahlreiche Anzeichen dafür vor, daß ſich die Laven früher nur unterirdiſch in die Erdrinde ergoſſen haben. Auf einer Tafel ſind die Beweisgründe für dieſe Annahme zuſammen⸗ geſtellt.— Eine andere Tafel zeigt die Entwicklung eines Altoulkangebietes in 6 aufeinanderfolgenden Stadien. C) Die Lokalgeologie iſt erſtmalig mit zwei Profilen durch den Unter⸗ grund des Gießener Beckens nach den Ergebniſſen der neueren Bohrungen und Forſchungen vertreten. Rechtliche Volkskunde von Zeſſen. Prof. Dr. K. Frölich. In Verfolg von Beſtrebungen, die auf eine ſtärkere Pflege der recht⸗ lichen Volkskunde im Forſchungs⸗ und Unterrichtsbetriebe der Ludwigsuniver⸗ ſität abzielten, iſt ſeit dem Jahre 1936 eine Feſtſtellung und Verzeichnung der noch vorhandenen Rechtsaltertümer in Heſſen und den Nachbargebieten bewirkt, die ſpäter auch auf die übrigen Teile Deutſchlands ausgedehnt iſt, Der Betrag der Erhebungen liegt vor in Geſtalt einer Sammlung von 4—5000, zum größten Teil an Ort und Stelle aufgenommenen Lichtbildern und von etwa 400 Diapoſitiven, die dem 1030 errichteten Inſtitut für Rechtsgeſchichte an der Univerſität überwieſen ſind. Zur Auswertung der Ergebniſſe iſt eine beſondere Veröffentlichungsreihe„Arbeiten zur rechtlichen Volkskunde“ ins Leben gerufen, von der bisher drei Hefte(1. Stätten mittel⸗ alterlicher Rechtspflege auf ſüdweſtdeutſchem Boden, beſonders in Heſſen und den Nachbargebieten; 2. Alte Dorfplätze und andere Stätten bäuerlicher Rechtspflege; 3. Mittelalterliche Bauwerke als Rechtsdenkmäler) erſchienen ſind. Weitere Hefte, die namentlich den Spuren untergegangener Ortſchaften (Wüſtungen) in Heſſen und den Nachbargebieten und den Stätten mittel⸗ alterlicher Rechtspflege in Mittel- und Oſtdeutſchland, ſowie auf niederdeut⸗ ſchem Boden gelten ſollen, ſtehen, durch eine Reihe von Einzelunterſuchungen vorbereitet, vor dem Abſchluß. Die Rechtsaltertümer Rheinheſſens im beſon⸗ deren ſind in zwei, auch in Buchform veröffentlichten Diſſertationen behandelt (E. Koch, Rheinheſſiſche Rechtsaltertümer(Flurnamen und Wüſtungen); O. Höfel, Rechtsaltertümer Rheinheſſens(mit Ausnahme der rechtlichen Flur⸗ namen und der Wüſtungen). Ausgelegt ſind— außer einigen, mittelalterliche Gerichtsſtätten und Richtplätze auf heſſiſchem Boden wiedergebenden Lichtbildern— 1. 2. † Arbeiten zur rechtlichen Volkskunde Heft 1—3. 3. — — P K. Frölich, Die rechtliche Volkskunde als Lehrfach und For⸗ ſchungsgebiet unter beſonderer Berückſichtigung der heſſiſchen Verhältniſſe, Gießener Hochſchulnachrichten Bd. 10(1935). 5. K. Frölich, Die Errichtung eines Inſtituts für Rechtsgeſchichte an der Univerſität Gießen. Gießener Hochſchulnachrichten Bd. 14(1940). 6. K. Frölich, Rechtsgeſchichtliche Probleme der Wüſtungsfor⸗ ſchung, beſonders im heſſiſchen Raum, Gießener H ochſchulnach⸗ richten 13(1930). 7. K. Frölich, Alte Maße an Rathäuſern und Kirchen in Heſſen und den Nachbargebieten, Heſſenland 1940/41 Heft 1. 8. E. Koch, Rheinheſſiſche Rechtsaltertümer(Flurnamen und Wüſtungen), Gießener Jur. Diſſ. 1939. 9. O. Höfel, Rechtsaltertümer Rheinheſſens(mit Ausnahme der rechtlichen Flurnamen und der Wüſtungen), Gießener Jur. Diſſ. 1940. Muſikforſchung im heſſiſchen KRaume. Prof. Dr. R. Gerber. Die ſeit einigen Jahren im Rahmen des Muſikwiſſenſchaftlichen Semi⸗ nars der Ludwigs⸗Univerſität betriebene Landſchaftsarbeit verfolgt das Ziel, die muſikaliſche Vergangenheit des heſſiſchen Raumes ſyſtematiſch zu er— forſchen und in ihren wertvollen und charakteriſtiſchen Denkmälern der Offent⸗ lichkeit und Praxis zu erſchließen. Im Hinblick auf die Bedeutung, die einer feſtgegründeten Schulmuſikpflege für das geſamtvölkiſche Leben zukommt, wurde zunächſt in einer Diſſertation von Dr. K. Steinhäuſer„Die Muſik an den Heſſen⸗Darmſtädtiſchen Lateinſchulen des 16. und 17. Jahrhunderts und ihre Beziehungen zum bürgerlichen und kirchlichen Leben“ eingehend er⸗ forſcht, wobei eine durchorganiſierte Muſikpflege feſtgeſtellt werden konnte. Weitere Forſchungen befaßten ſich mit den muſikaliſchen Mittelpunkten der heſſiſchen Landſchaft, dem„Muſikdreieck“ Frankfurt⸗Darmſtadt⸗Mainz. Der Direktor des Seminars, Prof. Dr. R. Gerber hat hier zunächſt als Grundlage weiterer Forſchungen für das„Staatliche Inſtitut für deutſche Muſikforſchung“ in Berlin eine Denkſchrift ausgearbeitet. Der Zweck dieſer Forſchungen beſteht in der Veröffentlichung muſikaliſcher Landſchaftsdenkmale aus dem oberheſſiſchen Raum und dem Rhein⸗Maingebiet und ihre Bereit⸗ ſtellung für die Praxis. Als erſte Veröffentlichung erfolgte im Jahr 1937 eine Auswahl großer, mehrchöriger Neujahrskonzerte, die der erſte ſtädtiſche Muſikdirektor der Freien Reichsſtadt Frankfurt a. M., Johann Adam Herbſt, am Ende des 3ojährigen Krieges dem Rat der Stadt überreicht hat. Eines der großartigen Werke wurde anläßlich des Heinrich Schütz⸗Feſtes im Mai 1938 in Frankfurt zur Aufführung gebracht. 25 Ein dritter Sektor muſikaliſcher Landſchaftsarbeit zieht das Melodiengut der oberheſſiſchen Volkslieder in Betracht, das durch cand. phil. E. Imbe⸗ ſcheid geſammelt und für eine Diſſertation verarbeitet wird. Hier handelt es ſich um eine Erforſchung oberheſſiſchen Volkstums von der muſikaliſchen Seite her. Manche Melodien verraten, daß gewiſſe Züge des oberheſſiſchen Volksliedes unverkennbar bodenſtändig und nur aus dem Volkscharakter heraus zu erklären ſind. KRunſtwiſſenſchaftliche Forſchung in Heſſen und im Rhein⸗MWain⸗Gebiet. Prof. Dr. Chr. Rauch. I. Ausgrabung der Kaiſerl. Pfalz Karls des Großen zu Ingelheim a. Rh. 1. Lageplan der Ausgrabung im Gebiet des„Saales“ zu Ingelheim. Über der Kaiſerpfalz erhebt ſich heute ein vollſtändiges Dorf. Die Umrißlinien der modernen Häuſer ſind auf dem Plane angegeben. 2. Rekonſtruktion der Pfalz in karolingiſcher Zeit, ſo wie ſie der Bau⸗ meiſter Karls des Großen entworfen hat. 3. Dasſelbe in letzter Rekonſtruktion. 4. Die Kaiſerpfalz zu Ingelheim, wie ſie Friedrich Barbaroſſa hat wiederherſtellen laſſen. Der Biograph Barbaroſſas, Ragewinus, ſchreibt: Imperator Palatium„decentiſſime reparavit“. .Ausgegrabenes Kapitel der römiſchen Kaiſerzeit(Abguß), das von einem karolingiſchen Bildhauer für den Neubau der Pfalz Karls des Großen umgeſtaltet wurde. Aufgeſtellt auf dem zugehörigen 6. ebenfalls ausgegrabenen Schaft einer Säule(Abguß). Solcher Säu⸗ len ſtanden über hundert in den Bauten der Pfalz. II. Diſſertationen des Kunſtwiſſenſchaftlichen Inſtituts und Bücher, die von der Kunſt in Heſſen und im Rhein⸗Maingebiet handeln: Baukunſt, Bildhauerkunſt Malerei und Kunſtgewerbe. III. Auswahl aus 26 Jahrgängen der„Heſſenkunſt“, Jahrbuch der Kunſt und Denkmalpflege in Heſſen und im Rhein⸗Maingebiet. IV. Inventariſation der Kunſtdenkmäler in Heſſen und im Rhein⸗Main⸗ gebiet: Die Kunſtdenkmäler des Kreiſes Bingen am Rhein. r Heſſiſches Flurnamenbuch. Gießener Beiträge zur deutſchen Philologie. Südheſſiſches Wörterbuch. Nachrichten der Gießener Hochſchulgeſellſchaft. Prof. Dr. A. Götze. I. Das Heſſiſche Flurnamenbuch ſtellt bisher achtzehn Gemarkungen des Landes dar, darunter ſo wichtige wie die alte Grafſchaft Schlitz, Darmſtadt, Bingen, Butzbach, Glauberg und Gießen. Zwei weitere Hefte(Erzhauſen und 26 — — — Eberſtadt) ſind in Druck, ſechzehn in Vorbereitung, darunter Büdingen, Lorſch, Offenbach und Wimpfen. Der raſche Fortgang der Flurbereinigung macht dieſe geſchichtlichen und ſprachlichen Beſtandsaufnahmen zur Pflicht. Stets wird ein mit der Gemarkung eng verwachſener Forſcher mit der Darſtellung betraut, jede Ortsprobe wird vorgenommen. Auf gewiſſenhafte Ausſchöpfung der oft ſehr umfangreichen und weit zurückgreifenden Quellen wird Wert gelegt. Jedem Heft iſt eine Karte der Gemarkung beigegeben. II. Die Gießener Beiträge zur deutſchen Philologie, begründet 1021, waren unter der Leitung von Otto Behaghel eine germaniſtiſche Zeitſchrift, die zufällig in Gießen erſchien. Seit meiner Berufung 1925 habe ich die innere Beziehung zum heſſiſchen Raum hergeſtellt, zuerſt mit Heinrich Schudts „Wortbildung der Mundart von Wetterfeld“(Heft 20). Seither hat die bis Heft 76 veröffentlichte Reihe ſtets von neuem Arbeiten zur heſſiſchen Volksſprache und Volkskunde ſowie zur Namenkunde der Heimat gebracht. Kinderſpiel, Tanz, Volkslied und Sage ſind zu ihrem Recht gekommen. Immer häufiger werden Arbeiten in die Reihe aufgenommen, die über den Rahmen der Doktorſchrift hinausgreifen, wie zuletzt Moritz Hanſults„Vogels⸗ berg und Wetterau in alten und neuen Zeugniſſen für Sinn und Art ihrer Bauern“. In ſolchem Sinn wird die Reihe Schritt für Schritt planmäßig ausgebaut. III. Das Südheſſiſche Wörterbuch ſtellt die Volksſprache der ehemaligen Provinzen Rheinheſſen und Starkenburg dar. Es iſt 1923 als Unternehmen der Heſſiſchen hiſtoriſchen Kommiſſion begründet, ſeine Kanzlei arbeitet in unſerm Deutſchen Seminar. Durch Fragebogen iſt der mundartliche Wort⸗ ſchatz aller Lebensgebiete aufgenommen. Neben zahlreichen Karten birgt die Kanzlei mehr als 950 000 Zettel, die zum größten Teil wiſſenſchaftlich be⸗ arbeitet und geordnet ſind. Mit unſern treuen Sammlern im Lande drau⸗ ßen, unter denen Heſſens Lehrerſchaft an erſter Stelle zu nennen iſt, ſtehen wir in täglicher Fühlung. Alljährlich geht eine gedruckte Dankesgabe an alle Sammler, die einen Teil der erarbeiteten Ergebniſſe im Ausſchnitt zeigt. IV. Die Nachrichten der Gießener Hochſchulgeſellſchaft erſcheinen ſeit 1918. Gegenwärtig wird Band 1s vorbereitet, der den Mitgliedern als Jahresgabe für 1941 zugehen ſoll. Außer den Berichten der Geſellſchaft bringt jeder Band eine Reihe wiſſenſchaftlicher Aufſätze, deren jeder in irgend⸗ welcher Beziehung zur Univerſität Gießen ſteht und die in ihrer Geſamtheit das Leben der Hochſchule in Vergangenheit und Gegenwart allſeitig beleuchten. Heſſiſche Vereinigung für Volkskunde. Prof. Dr. H. Hepding. Die Heſſiſche Vereinigung für Volkskunde iſt aus der 1897 gegründeten Volkskundlichen Sektion des Oberheſſiſchen Geſchichtsvereins hervorgegangen. 1901 wurde ſie als ſelbſtändige Vereinigung von Albrecht Dieterich, Adolf Strack, Kurt Helm, Paul Drews, Hermann Haupt, Georg Koch u. a. ins 27 Leben gerufen. Schon in dem Namen ſollte zum Ausdruck kommen, daß neben der Volkskunde im heſſiſchen Raum auch die großen Fragen der all⸗ gemeinen Volkskunde von ihr gepflegt werden ſollten. In ihrer ſeit 1902 erſcheinenden Zeitſchrift„Heſſiſche Blätter für Volkskunde“, die ſich Dank der Mitarbeit hervorragender Forſcher auf dem Gebiet der Volkskunde, Philologie und Religionswiſſenſchaft raſch einen ſehr angeſehenen Platz unter den volkskundlichen wiſſenſchaftlichen Zeitſchriften eroberten, erſchienen beſon⸗ ders in den erſten Jahren mehrere noch heute in der volkskundlichen Lite— ratur oft herangezogene Aufſätze über Weſen und Ziele der Volkskunde. Die Blätter, die zur Zeit im 38. Jahrgang ſtehen, erfreuen ſich auch jetzt noch eines großen Anſehens im In- und Ausland. Seit 1920 iſt Profeſſor Dr. H. Hepding der Schriftleiter. Seit 1930 ſind ſie zugleich auch das Organ des von dem Landeshauptmann von Kurheſſen in Marburg neuge⸗ ſchaffenen Kurheſſiſchen Landesamtes für Volkskunde, deſſen Leiter Profeſſor Dr. Bernh. Martin zugleich Mitherausgeber und 1. Vorſitzer unſerer Ver⸗ einigung wurde. Neben der Herausgabe dieſer Zeitſchrift, der in den erſten 5 Jahren auch noch eine„Zeitſchriftenſchau“ beigegeben wurde, aus der die jetzt vom Ver⸗ band der volkskundlichen Vereine getragenen„Volkskundliche Bibliographie“ hervorgegangen iſt, war die Hauptaufgabe der Vereinigung die Durchführung volkskundlicher Erhebungen in unſerem engeren Arbeitsgebiet. Einen allge⸗ meinen Fragebogen hatte ſchon O. Behaghel für die volkskundliche Sektion des Geſchichtsvereins zuſammengeſtellt, der von der Vereinigung weiter ver— ſandt wurde. Außerdem wurde von Pfarrer O. Schulte, Gg. Koch und H. Hepding ein beſonderer Fragebogen über Kinderlied und Kinderſpiel ver⸗ faßt und auf Veranlaſſung des Verbandes ein eingehender„Aufruf zur Sammlung der deutſchen Segens⸗ und Beſchwörungsformeln“ von Ad. Spa⸗ mer mit Unterſtützung von H. Hepding zuſammengeſtellt. Daneben wurden kleine Umfragen über beſondere Einzelfragen durchgeführt. Ein reiches volks⸗ kundliches Material kam ſo zuſammen, das in dem in der Univerſitäts⸗ Bibliothek aufgeſtellten Archiv der Vereinigung, ſorgfältig katalogiſiert von Prof. Dr. Koch, aufbewahrt wird und als Unterlage für viele volkskundliche Arbeiten gedient hat und dient. Auch mit dem„Südheſſiſchen Wörterbuch“, das natürlich ebenfalls mit Fragebogen arbeitet, ſteht die Vereinigung in enger Verbindung und hat in den letzten Jahren, um deſſen Erhebungen nicht zu beeinträchtigen, auf die Verſendung von beſonderen eigenen Frage⸗ bogen verzichtet. Nach Abſchluß des Wörterbuches ſoll das bei ſeinen Er⸗ hebungen eingelaufene volkskundliche Material mit unſerem Archiv ver⸗ einigt werden. Auf Veranlaſſung von Staatsarchivar Dr. J. R. Dieterich wurde 1918 die Sammlung der Heſſiſchen Flurnamen von der Vereinigung begonnen. Eine von jenem verfaßte und von der Kritik wiederholt als muſterhaft be⸗ zeichnete Werbeſchrift wurde von uns in alle heſſiſchen Gemeinden geſandt, die Beantwortungen werden im Staatsarchiv aufbewahrt, das ſeinerſeits aus den Urkunden die älteren Flurnamen für die Sammlung auszieht. Die Herausgabe des„Heſſiſchen Flurnamenbuches“ hat ſeit einigen Jahren Pro⸗ 28 feſſor Dr. A. Götze übernommen, unter deſſen Leitung die Veröffentlichungen nun raſch fortſchreiten. Seit 1910 ſind bis jetzt 18 Hefte erſchienen, H. 19 und 20 ſind im Druck, ſo daß in Kürze die erſten vier Bände abgeſchloſſen ſein werden. Weitere Hefte ſind in Vorbereitung. Hiſtoriſche Landeskunde an der Univerſität Gießen. Prof. Dr. G. Tellenbach. Der Aufgabenbereich der Gießener landesgeſchichtlichen Forſchung iſt umfaſſend und vielſeitig. Die Arbeit kann nur in enger Fühlung mit allen anderen dazu berufenen Stellen und Gemeinſchaften durchgeführt werden. Die Verbindung mit ihnen iſt dadurch hergeſtellt, daß die Gießener Hiſto⸗ riker als Mitglieder der Heſſiſchen Hiſtoriſchen Kommiſſion, der Hiſtoriſchen Kommiſſion für Heſſen und Waldeck, dem Oberheſſiſchen Geſchichtsverein uſw. angehören. Beſonders fruchtbar ſind auch die Beziehungen zur Römiſch⸗ Germaniſchen Kommiſſion im Archäologiſchen Inſtitut des Deutſchen Reiches, an deren Frankfurter Inſtitut der Gießener Althiſtoriker Prof. K. Stade mehrere Jahre gewirkt hat. Dadurch iſt die Ausrichtung der altgeſchichtlichen Abteilung des Hiſtoriſchen Seminars ſtark beſtimmt: Mitarbeit an dem großen deutſchen Limeswerk, Erforſchung der römiſchen und germaniſchen Bodenfunde des heſſiſchen Gebietes, Beſchäftigung mit der Frühgeſchichte der Chatten und ihrer Nachbarn. Zu den Themen, die augenblicklich im Vordergrunde ſtehen, gehören etwa folgende: Der römiſche Import in den weſtgermaniſchen Bodenfunden, die römiſche Koloniſation der Wetterau. Die Abteilungen für Mittelalter und Neuzeit behandeln die Geſchichte der jetzt zu unſerem Lande gehörigen Territorien, der Fürſten und Landſtände, der Städte und ländlichen Gemeinden, der kirchlichen Anſtalten und Burgen. Vor allem ſei auf das Mainzer Urkundenbuch hingewieſen, deſſen zweiter Band unter der Leitung von Th. Mayer, bis 1934 Profeſſor an der Uni⸗ verſität Gießen, bearbeitet wird. Eine der jüngſten Gießener Diſſertationen behandelte die Geſchichte des Mainzer Stadtrechtes, einige frühere Arbeiten waren der Geſchichte von Wetzlar gewidmet. Beſondere Aufmerkſamkeit wird der Bevölkerungs⸗, Siedlungs⸗ und Wirtſchaftsgeſchichte zugewandt. Soeben iſt eine Gießener Arbeit über die Wirtſchaftsverhältniſſe der Abtei Seligen⸗ ſtadt im Mittelalter erſchienen, eine andere ſoll die ſoziale und wirtſchaft— liche Lage der Bauern im Lauterbacher Gebiet vor der franzöſiſchen Revo⸗ lution behandeln. Bei allen Forſchungen auf dem Gebiet der hiſtoriſchen Landeskunde wird großer Wert auf die Anwendung der neuen ſtatiſtiſchen und kartographiſchen Methoden gelegt. Die Unternehmungen über heſſiſche Verhältniſſe werden auch für die Reichsgeſchichte ausgewertet. Davon zeugen Schriften der Profeſſoren Th. Mayer und G. Tellenbach. In Angriff ge⸗ nommen ſind auch Forſchungen über Reichsgüter und Reichsritter in unſerem Gebiet.— Selbſtverſtändlich gilt eifrige Anteilnahme den berühmten Söhnen der heſſiſchen Lande, ihrer Herkunft, ihrem Leben und ihrem Wirken draußen in der Welt. Die neueſte Veröffentlichung, die das zeigt, iſt ein Aufſatz 29 unſeres Literarhiſtorikers Prof. W. Rehm über Johann Hermann von Ried⸗ eſel, den Freund Winkelmanns, Mentor Goethes und Diplomaten Friedrichs des Großen. Prof. K. Borries gedenkt auf Grund neuen Archivmaterials die Lebensgeſchichte dieſes bedeutenden Angehörigen des bekannten heſſiſchen Adelshauſes darzuſtellen.— Aber nicht bloß durch ihre Forſchungen, von denen hier nur einige wenige Beiſpiele erwähnt wurden, bemüht ſich die hiſtoriſche Abteilung unſerer Univerſität, die Geſchichte des Landes aufhellen zu helfen, ſondern ſie iſt auch beſtrebt, durch das Wort in Vorleſungen und Vorträgen den Sinn für Volk und Boden bei möglichſt vielen zu wecken und zu beleben. 30 — Oie Neubauten der Univerſität Gießen. Regierungsbaurat Gerlach, Heſſ. Hochbauamt Gießen. Die erfreuliche Tatſache, daß das Reich und die Landesregierung eine Reihe von Neubauten für die Univerſität Gießen genehmigt haben und ent⸗ ſprechende Mittel zur Durchführung der Bauten bereitſtellen, zeigt, daß man an dieſen Stellen beſorgt iſt, die Forderungen unſerer Univerſität zu erfüllen und wirkſam an ihrem weiteren Ausbau mitzuhelfen durch Errichtung von neuen Kliniken und Inſtituten an Stelle alter, unzureichender Bauten, ſowie durch Erweiterung beſtehender, zu klein gewordener Gebäude. Durch Aus⸗ ſtattung mit den neueſten Errungenſchaften auf dem Gebiete des Apparate⸗ baues für Heil⸗ und Forſchungskunde iſt die Möglichkeit gegeben, erfolgreich mit jeder anderen deutſchen Univerſität in Wettbewerb zu treten. Daß die Univerſität bauen kann, dankt ſie der tatkräftigen Unterſtützung durch den Herrn Reichsſtatthalter, der den Belangen der Gießener Hochſchule größtes Intereſſe entgegenbringt, ferner den die Univerſität betreuenden maßgebenden Stellen der Landesregierung, vor allem auch ganz beſonders dem raſtloſen und vollen perſönlichen Einſatz des Rektors der ÜUniverſität für die Sache, der hierbei wirkſam durch die Direktoren der Kliniken und Inſtitute unterſtützt wurde. Die Entwürfe wurden unter Mitarbeit der Direktoren der Kliniken und Inſtitute aufgeſtellt. Es ſind zur Zeit in Ausführung die Erweiterungsbauten der Mediziniſchen Klinik, der Mediziniſchen Poliklinik und der Chirurgiſchen Veterinärklinik,— für die Kinderklinik wurde eine Abteilung für infektiöſe Krankheiten errichtet. Im Entwurf fertiggeſtellt ſind die Neubauten des Anatomiſchen Inſtituts und der Landwirtſchaftlichen Inſtitute, erſterer iſt von der Landesregierung bereits genehmigt. Eine größere Anzahl kleinerer Bau⸗ vorhaben zum Ausbau verſchiedener Kliniken und Inſtitute wurde ebenfalls genehmigt, zum Teil wurden ſie bereits ausgeführt. Ferner ſind geplant die Neubauten eines Verwaltungsgebäudes der Mediziniſchen Kliniken, eines Raſſepolitiſchen Amtes, eines Verwaltungsge⸗ bäudes der Univerſität, die Erweiterung der Univerſitätsbibliothek, Erweite⸗ rungsbauten für die Frauenklinik, für die Chirurgiſche Klinik und die Klinik für Ohren⸗, Naſen⸗ und Halskrankheiten, für das Veterinär⸗Anatomiſche Inſtitut und die Mediziniſche Veterinär⸗Klinik. Ferner wurde genehmigt die 31 Errichtung eines Neubaues der Geburtshilflichen und ambulatoriſchen Vete⸗ rinär⸗Klinik. Weiter iſt vorgeſehen die Errichtung einer Großheizungsanlage, die Erweiterung des Wäſchereihauſes, der Küche der Chirurgiſchen Klinik, ſowie die Einrichtung einer Großtelefonanlage, an die alle Sprechſtellen im Bereiche der Univerſität und ſonſtige ſtaatlichen Amtsſtellen angeſchloſſen ſind. Für das Geſamtgebiet des Kliniksgeländes am Seltersberg wurde ein Gene⸗ ralbebauungsplan aufgeſtellt. Der Plan zur Errichtung einer Sporthütte für die Univerſität auf dem Hoherodskopf hat greifbare Formen angenommen, mit dem Bau ſoll nächſtes Frühjahr begonnen werden. Auf der Holzwieſe am Waldrand gegenüber dem Clubhaus auf dem Hoherodskopf nahe bei der Straße Breungeshain nach dem Hoherodskopf wird in bevorzugter Lage in bodenſtändiger Bauweiſe ein verſchinteltes Holzhaus errichtet, das im Erdgeſchoß behagliche Aufenthalts⸗ und Erholungsräume ſchafft, während im Oberſtock die Schlafräume liegen. Beſonders der Winterſport treibenden Jugend wird die Hütte ein langer⸗ ſehntes und gernbeſuchtes Wanderziel ſein. Eine beſondere Aufgabe iſt geſtellt durch die geplante Umgeſtaltung der Klinikſtraße, die zur Zeit als allgemeine Verkehrsſtraße das Gartengelände der Kliniken in zwei Teile trennt. Nach Entfernung der hohen eiſernen und hölzernen Einfriedigungen auf beiden Seiten der Straße und deren Er⸗ ſatz durch niedrige Liguſterhecken mit Niſchen für Figuren und Bänke und nach Säuberung von überflüſſigem Baumbeſtand ſollen weite und überſicht— liche Raſenflächen entſtehen, die die drei großen Kliniken, die Mediziniſche, die Chirurgiſche und die Frauenklinik auch nach außen hin in Verbindung bringen, wobei auch die Beſeitigung des viel zu klein gewordenen Verwal⸗ tungsgebäudes und zweier Wohnbauten, die Errichtung eines Torhauſes an der Frankfurter Straße und einer das geſamte Kliniksgelände umfaſſenden Einfriedigung vorzuſehen iſt. Neubau der Erweiterung der Mediziniſchen Rlinik. Seit dem Jahre 1890, in dem die erſten Bauten der Mediziniſchen Klinik in Geſtalt der ſog. Iſolierbaracke und der Küche in Betrieb genommen wurden, iſt die Klinik ſtets im Wachſen geblieben; ſie wurde für Zwecke der Heilung, der Lehre und der Forſchung immer mehr ausgebaut. Der Bedarf an Betten hat ſich ſeit 1933 mehr als verdoppelt. Die Errichtung eines Erweiterungsbaues wurde unbedingtes Erfordernis, er wird an der Ecke der Klinik⸗ und Gaffkyſtraße ausgeführt an Stelle des jetzigen Mediko⸗ 32 Mechaniſchen Inſtitutes, das abgebrochen wird. Der Neubau ſteht mit dem Hauptgebäude und dem Iſolierhaus(Voit) in Verbindung. Es ſind untergebracht im Kellergeſchoß die neuzeitliche Bade- und Gym⸗ naſtikanlage und die Phyſikaliſch⸗Hydrotherapeutiſche Abteilung, im Erdge⸗ ſchoß die neue Röntgen⸗Abteilung und Krankenzimmer, im erſten Obergeſchoß weitere Krankenzimmer und Laboratorien für kliniſche und wiſſenſchaftliche Arbeiten, im oberſten Geſchoß Wohnräume für Arzte und Schweſtern uſw. Der auf dem Modell ſichtbare runde Vorbau enthält die Räume der Röntgen⸗ Therapie. Wie alle übrigen Neubauten wird der Erweiterungsbau als Putz⸗ bau mit Schieferdach ausgeführt und in einen Garten hineingeſtellt. Der erſte Bauabſchnitt iſt im Rohbau fertiggeſtellt. Neubau des Anatomiſchen Inſtituts. Jedem, der nach Gießen kommt vom Bahnhof her, fällt das Gebäude der Anatomie in der Bahnhofſtraße auf. Wenn auch von äußerlich guter Haltung— es iſt ſchon nahezu hundert Jahre alt—, iſt es doch in ſeinem inneren räumlichen Aufbau und hinſichtlich ſeiner Einrichtungen längſt nicht mehr den Forderungen, die an ein neuzeitliches anatomiſches Inſtitut geſtellt werden, gewachſen. Der Neubau wird bei den Kliniken auf dem Selters⸗ berg, an der Ecke Uhlandſtraße und Wartweg dem Charakter des Inſtituts entſprechend als rein ſymmetriſche Anlage ausgeführt. Man bevorzugte, wie die Geſchichte des Anatomiebaues zeigt, bis vor kurzem nur dieſe Form⸗ gebung, die in ihrer monumentalen Haltung der Würde der Arbeit in dieſem Hauſe entſpricht. Das neue Inſtitut gliedert ſich in ein Unterrichts⸗ und Lehrinſtitut und in ein Forſchungsinſtitut, die nebeneinander liegen und ge⸗ trennte Eingänge haben. Der Grundriß zeigt eine Straßenfront nach der Uhlandſtraße mit kleinem Schmuckhof, in deſſen Achſe die Treppenhalle liegt, und eine Gartenſeite mit dem großen Hörſaal in der Mitte, von dem aus man, wie auch vom Sockelgeſchoß aus, unmittelbar in den Garten gelangen kann. Auf die Anlage eines entſprechenden Gartens mit Wandelgang zur Erholung während der Arbeitspauſen wurde beſonderer Wert gelegt. Die Symmetrie der Gartenanlage betonen die beiden für den Präparator und den Hausmeiſter beſtimmten Wohnhäuschen. Die geſamte Anlage wird mit einem Gürtel von Bäumen und Gebüſch eingefaßt. MNeubau und Erweiterung des Phuſikaliſchen Inſtituts. Anſchließend an das beſtehende Phyſikaliſche Inſtitut in der Goetheſtraße ſoll, verbunden mit dem Flügelbau in der Stephanſtraße, ein Erweiterungs⸗ bau angefügt werden. Nach Errichtung des Baues wird es möglich ſein, die Trennung des Inſtituts in Lehre und Forſchung klarer durchzuführen. Der moderne, beim Vierjahresplan und beſonders in der Induſtrie heute aktiv mitaufbauende Phyſiker braucht eine Lern⸗ und Erziehungsſtätte, die der Bedeutung ſeines ihm vom Volke gegebenen Auftrags entſpricht. Es fällt auch der Hochſchule Gießen die hervorragende Aufgabe zu, den Nachwuchs an Phyſikern heranzubilden; es wird möglich ſein, modernſte phyſikaliſche Auf⸗ gaben zu behandeln und zu löſen. Der Neubau wird alle zur Erledigung des großen Auftrages erforderlichen Räume für Lehre und Forſchung ent— halten, ſo u. a. die die äußere Geſtaltung des Neubaues beſtimmenden gro⸗ ßen Räume, den Hörſaal, die Verwaltungsräume, eine große moderne Werk⸗ ſtatt, ein Luftſchutzkeller uſw. Es iſt auch hier der Landesregierung be⸗ ſonders zu danken, daß ſie in der Erkenntnis der Bedeutung dieſer der Univerſität geſtellten großen Aufgaben die erforderlichen Mittel erwirkt hat, den Bau ausführen zu können. MNeubau der landwirtſchaftlichen Inſtitute. Entſprechend der Bedeutung der wiſſenſchaftlichen Forſchung auf land⸗ wirtſchaftlichem Gebiete iſt die Zuſammenfaſſung der in der Stadt zum Teil unwürdig und unzulänglich untergebrachten Einzelinſtitute in einem gemein⸗ ſamen Gebäude längſt berechtigte Forderung geworden. Bei einzelnen Inſti⸗ tuten ſind die erforderlichen Lehr- und Forſchungsräume nicht ausreichend vorhanden. Seit geraumer Zeit ſchon wird für eine ordnungsmäßige Unter⸗ kunft der Inſtitute gekämpft. Auf dem Baugelände verlängerte Schubertſtraße gegenüber der Gaffkyſtraße, unmittelbar unter dem neuen Militärlazarett, ſollen die nachfolgenden Inſtitute untergebracht werden: Inſtitut für Pflan⸗ zenbau, für Tierzucht und Milchwirtſchaft, für Agrikulturchemie, für Agrar⸗ politik und Betriebslehre, für Landmaſchinenkunde und die Allgemeine Ver⸗ waltung. Ausreichende Lehr⸗ und Forſchungsräume und auch Räume für Verwaltung ſind vorgeſehen, ebenſo Verſuchshäuſer, Stallbauten und das zugehörige Verſuchsgelände. Dem Hauptgebäude vorgelagert ſind— zu bei⸗ den Seiten des Haupteingangs angeordnet auf der einen Seite die Ga⸗ ragen für Perſonen⸗ und Laſtkraftwagen, Fuhrwerk⸗ und Fahradunterſtell⸗ 34 —— — ————— — räume uſw., auf der anderen Seite das Laboratorium für Landmaſchinenbau mit den dazugehörigen Räumen, wie Werkſtätten uſw. Vor dem Hauptein⸗ gang liegt das Wohnhaus des Hausmeiſters. Die äußere Geſtaltung des Baues ſieht entſprechend ſeinem Charakter als Gebäude der landwirtſchaftlichen Inſtitute die Verbindung von Fachwerk mit Putzbau vor. In Fachwerk vorgeſehen ſind die Treppenhäuſer, der Vor⸗ bau am Haupteingang und der Turmaufbau. druckerei Karl Chriſt, Giepen 35 Oolour& Grey Control Chart Blue Cyan Green Vellow Hed Magenta Grey 1 Grey 2 Sreys Grey 4 Black zur Eröffnung der Akademie des ASD.⸗Dozentenbundes der Univerſität Gießen ITTIIIIſINTTTTTTTTTTT7TTTſNTTſſ0/0/◻ c. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15