——ÿ 2 Qά — . — O n ·* — — 8«·* A& — 1 8 —‿ — 2 Das„Studentenwerk A. (Vormals Gießener Studentenhilfe) Ein Beitrag zu ſeiner Geſchichte von Emil Kraus. Der Krieg war zu Ende. Im Lande war Revolution. Unſer großes Heer war zurückgeſtrömt in die alte Heimat. Der Arbeiter kehrte zurück in ſeine Werkſtatt, der Bauer hinter ſeinen Pflug, der Beamte in ſein Büro. Nur jene Freiwilligengeneration von 1914, die begeiſtert Schulen und Univerſitäten verlaſſen hatte, um das Leben einzuſetzen für das Vaterland, ſtand jetzt, heimgekehrt, vor dem Nichts. Sie mußte erſt wieder den Anſchluß finden an das bürgerliche Leben. Das mag manchem hart geworden ſein: die Bücher waren verſtaubt, man war der Schulbank entwachſen— innerlich und äußerlich—, man hatte das rauhe Handwerk des Soldaten erlernt und wollte für anderes nicht mehr recht taugen. Um ſo erfreulicher war es damals, zu erleben, daß dennoch die Univerſitäten und Hochſchulen ſich mit neuem ſtarkem Leben füll⸗ ten; die große Mehrheit der jungen Generation war ungebrochen aus dem Kriege heimgekehrt, ſie wollte der Schwierigkeiten Herr werden, die ſich ihr entgegenſtellten, wollte feſten Boden unter die Füße bekommen, wollte Poſitives leiſten. Vielfach mußte erſt die wirtſchaftliche Grundlage für ein Studium geſchaffen werden. Raſch entſchloſſen zogen die Soldaten von geſtern— immer noch den Torniſter auf dem Kücken— in die großen Arbeitsgebiete der deutſchen Wirtſchaft, um ſich erſt die nötigſten Mittel für das Studium zu erarbeiten. In Bergwerken, auf den großen Bau⸗ ſtellen, auf Gütern tauchen ſie auf, ſelten nur in Büros; durch nichts unterſchieden von ihren Arbeitskameraden, mit denen ſie vor⸗ her zuſammen in Reih und Glied marſchiert waren. Eine große Bewegung war ſo entſtanden, gleichzeitig und un⸗ abhängig voneinander an allen Univerſitäten und Hochſchulen. Ein neuer Menſchentyp hatte ſich an den Hochſchulen entwickelt: der Werkſtudent. Der Werkſtudent war eine der erfreulichſten Er⸗ ſcheinungen der Nachkriegszeit. Nicht zuletzt durch ihn hatte die Wiſſenſchaft wieder engere Tuchfühlung mit dem Leben erhalten. Er war das Gegenbild des politiſchen Abenteurers, der, verwirrt durch die Ereigniſſe des Tages, durch Revolutionsreden und Partei⸗ programme, vergeſſen hatte, daß nüchterne Arbeit zunächſt das Nötigſte ſei. Es galt damals, der immer größer werdenden wirtſchaftlichen Schwierigkeiten Herr zu werden; die Gefahr war groß, daß das Studium zu einem ausſchließlichen Vorrecht der ſehr begüterten Kreiſe würde. In Abwehr dieſer Gefahr entwickelten ſich aus den Kammern der Studentenſchaften an einzelnen Hochſchulen Wirt⸗ ſchaftsämter, die dem Fwecke dienten, eine Verbilligung der ſtuden⸗ tiſchen Lebenshaltung zu erreichen und darüber hinaus Arbeits⸗ gelegenheiten und Wohnungen zu beſchaffen. Vielfach verbanden ſich Studenten und Dozentenſchaft im Geiſte echter Kameradſchaft, um in gemeinſamer Arbeit der großen Not zu ſteuern, unter der die Studenten lebten. Auf den verſchiedenen Studententagungen wurde dann der Aus⸗ bau und die beſſere Organiſation dieſer erſten Anſätze ſtudentiſcher Selbſthilfebeſtrebungen beſchloſſen. Beſonders auf den Tagungen der einzelnen Kreiſe der Deutſchen Studentenſchaft wurden gegen⸗ ſeitige Erfahrungen ausgetauſcht und für die ſpätere Entwicklung ſehr nützliche Vorarbeit geleiſtet(Stuttgart, 25. bis 27. Sebruar 1921). Als dann die wirtſchaftlichen Schwierigkeiten immer größer wurden, erkannte man, daß die Studentenſchaft ihnen allein nicht mehr gewachſen ſei, und ſo wurde im Frühjahr 1921 als Spitzen⸗ organiſation der Wirtſchaftsarbeit an den einzelnen Hochſchulen die„Wirtſchaftshilfe der Deutſchen Studenten⸗ ſchaft e. V.“ gegründet. Sie war ein ſelbſtändiges Amt der Deutſchen Studentenſchaft, das unabhängig von allen politiſchen Verfaſſungskämpfen innerhalb der Deutſchen Studentenſchaft dem einen großen Fiele diente, die großen Gefahren zu bewältigen, die der Studentenſchaft in ihrer Geſamtheit drohten. Die Form des e. V. gab Gewähr für große Unabhängigkeit. Durch die Wahl von Vertretern der Dozentenſchaft und führender Perſönlichkeiten aus dem Wirrtſchaftsleben in den Vorſtand der Wirrtſchaftshilfe wurden deren Arbeiten außerordentlich gefördert. Es war damit die ſtarke Grundlage geſchaffen, auf der ſich dann das große Werk der ſtudentiſchen Selbſthilfearbeit aufbauen konnte. Erſt ſie ermög⸗ lichte eine programmatiſch ſo wichtige Tagung, wie ſie der Vierte deutſche Studententag zu Erlangen(2. Juli 1921) bedeutete. Was hier beſchloſſen wurde, war für die Weiterentwick⸗ lung von grundlegender Bedeutung; ſchon darum ſoll auf die leitenden Gedanken dieſer Tagung kurz eingegangen werden. Grundſätzlich ſollte zukünftig jeder Studierende, der mit nicht ausreichenden Mitteln zur Hochſchule kommt, auf den Weg der Selbſthilfe verwieſen werden. Er ſoll dazu angehalten ſein, ſich 2 einen Teil der Koſten des Studiums durch Werkarbeit während der Ferien oder auch während des Semeſters, die ihm durch das Arbeitsamt zu vermitteln iſt, zu verdienen. Erſt wenn er im Ver⸗ laufe der erſten Semeſter ſeine wiſſenſchaftliche, vornehmlich aber ſeine menſchliche Bewährung erwieſen hat, ſoll ihm bei der Fort⸗ ſetzung ſeines Studiums durch beſondere Unterſtützungen(Frei⸗ tiſche, Darlehen uſw.) geholfen werden. Die individuelle Einzel⸗ fürſorge ſoll grundſätzlich beſchränkt bleiben auf„Kranke, Prü⸗ fungs⸗ und Gelehrtenkandidaten und ſchließlich auf diejenigen Stu⸗ dierenden, die alle Mittel, ſich ſelbſt zu helfen, erſchöpft haben“. Es ſollen an allen Hochſchulen zur Verbilligung der ſtudentiſchen Lebenshaltung Studentenſpeiſungen und andere Einrichtungen ge⸗ ſchaffen werden. Um alle dieſe Aufgaben durchführen zu können, iſt an jeder Hochſchule die Geſamtheit der Wirtſchaftseinrichtungen zuſammenzufaſſen zu einem lebensbeſtändigen, rechtsfähigen ſtuden⸗ tiſchen Wirtſchaftskörper in gemeinſamer Arbeit mit Dozenten und Freunden aus dem Wirtſchaftsleben. Seine Aufgabe iſt nicht eine begrenzte, ſondern eine umfaſſende, nicht nur Zwiſchenhandelsausſchaltung oder Lebensmittelverbilli⸗ gung, ſondern Werkgemeinſchaft zur Sicherung des jetzigen und ſpäteren Lebens der Studierenden und damit des Beſtandes der Hochſchule. Der Wirtſchaftskörper iſt die Antwort der Studenten⸗ ſchaft jeder Hochſchule auf die drohende Vernichtung und die Not der Zeit, das ſichtbare Zeichen des Willens, an der Rettung Deutſch⸗ lands mitzuarbeiten.(Beſchluß des Erlanger Studententages.) Der Erlanger Studententag gab die Anregung zu Vorbeſprechun⸗ gen, die in der erſten Julihälfte 19214 zum Zwecke der Gründung einer Gießener Studentenbhilfe gepflogen wurden. Schon war in Gießen viel geſchehen. Vor allem war hier ſchon ein Stu⸗ dentenheim, das die Speiſung übernommen hatte und auf deſſen Geſchichte noch beſonders einzugehen iſt. Aus der Studentenſchaft ſelbſt hatten ſich verſchiedene ÄAmter gebildet, die wirtſchaftlichen Fwecken dienten. So vor allem ein Arbeitsamt, das Ferienarbeit vermittelte; ein Vertreter der Studentenſchaft arbeitete auf dem Städtiſchen Arbeitsamt mit und ſtellte ſo eine wertvolle Verbindung zum Arbeitsmarkt her. Wenn trotzdem Angebot und Nachfrage ſehr gering geblieben waren, ſo lag es zweifellos daran, daß noch jede direkte Verbindung zu maßgebenden Arbeitgeberkreiſen fehlte. Ein Wohnungsamt vermittelte koſtenlos Wohngelegenheiten. Im Jahre 1920 war eine Kartothek angelegt worden, in die bei Ex⸗ matrikel frei werdende Wohnungen eingetragen wurden. Ein 1* 3 Brennſtoffamt verſuchte die Schwierigkeiten zu überwinden, die einer geordneten Verſorgung der Studenten mit den nötigſten Brennmaterialien entgegenſtanden. An ſonſtigen Einrichtungen und Erleichterungen beſtand eine Büchervermittlung durch Autoren⸗ bezug, eine ſtudentiſche Krankenkaſſe, die gegen einen gewiſſen Se⸗ meſterbeitrag im Erkrankungsfalle Aufnahme in Klinik, ermäßigte Medikamente und zahnärztliche Behandlung gewährte. Theater, Volksbad und Reichsbahn gaben Ermäßigungen. Außer dieſen Einrichtungen, die der Initiative des Aſta zu danken waren, hatten ſich in den einzelnen Fachſchaften Anſätze von Selbſthilfebeſtrebun⸗ gen entwickelt. Es ſei in dieſem Fuſammenhange nur an das Medi⸗ zinerheim erinnert, das durch die tatkräftige Hilfe des Herrn Ge⸗ heimrat Sommer in der Alten Klinik eingerichtet worden war und der Aufſicht der Allenſteiner Schweſtern unterſtand. Das Studentenheim nahm unter dieſen Einrichtungen die wichtigſte Stelle ein. Auf ſeine ſehr eigenartige Entwicklung, die es erſt im Jahre 1920 in eine direkte Verbindung zur Univerſität brachte, ſoll im folgenden kurz eingegangen werden. Anfang 1919 hatte in Gießen der„Vereinkameradſchaft⸗ licher Soldatenheime Allenſtein“ ein Soldaten⸗ und Studentenheim gegründet, das damals einem dringenden Bedürf⸗ nis entſprach, denn Gießen ſtand im Feichen ſich auflöſender Truppenteile und einer nach langen Kriegsjahren neu auflebenden Univerſität. Es war eine glückliche Idee, die den Feitumſtänden entſprang, beides zu verbinden— Soldaten⸗ und Studentenheim — und es war gleichzeitig eine mutige Tat, noch mitten in den Revolutionswirren etwas aufzubauen, was, feſthaltend an der Tra⸗ dition, den Nöten des Tages entgegentrat, Kräfte ſammelte und einen Ruhepunkt bot im Gewirr der eit. Das ſoll beſonders jenen Schweſtern des Allenſteiner Vereins unvergeſſen bleiben, die das Werk trugen und in der gleichen ſchlichten Art weiterführten, in der ſie ihre Aufgabe im Felde erfüllt hatten. Es ſoll in be⸗ ſonderer Dankbarkeit jener Leiterinnen gedacht werden, die in der Feit vor Gründung der Studentenhilfe das Heim durch alle Schwie⸗ rigkeiten hindurchzuführen verſtanden, ohne je einen ſtärkeren wirt⸗ ſchaftlichen Rückhalt zu haben: Es waren die Schweſtern Thea Suck, deren Nachfolgerin Schweſter Irene von Zanſen⸗ Oſten, die Mitbegründerin und ſpätere Leiterin des Stu⸗ dentenheims Marburg, beſonders auch Frau Kilburger, die das Heim durch die ſchwierige Zeit vom September 1920 bis März 1921 hindurchführte, und deren Stellvertreterin, nachmalige 4 ei 6 5 T 9 b 6 8 ( f 3 g Leiterin, Oberſchweſter Martha Bohnen, die noch heute im Studentenwerk führend tätig iſt. Das Heim hatte ſich die Aufgabe geſtellt, den Soldaten und Stu⸗ denten ein den damaligen Zeiten entſprechend gutes und billiges Eſſen zu bieten. Darüber hinaus bot es Räume zu ungeſtörter geiſtiger Arbeit und zur Erholung. Im Hauſe des früheren„Kaffee Ebel“ lagen zu ebener Erde das Soldatenheim(ſpäter Druckerei und kleines Heim) und der große und kleine Saal für die Stu⸗ dentenſpeiſung. Im 1. Stock ſtanden ein Muſik⸗, ein Arbeits⸗ und ein Leſezimmer zur Verfügung. Im 2. Stock lagen die Wohn⸗ und Schlafräume der Schweſtern. Es iſt ſchwer, ſich heute in jene Seiten zurückzuverſetzen. Deutſchland ſtand unter dem vielfachen Druck politiſcher Unſicherheit im Innern, feindlicher Beſetzung großer Gebietsteile und eines noch immer wirkſamen Wirtſchafts⸗ boykotts. Es fehlte am Nötigſten. Noch gab es Brotkarten; die Studenten mußten z. B. einen Teil ihrer Brotkarten an das Heim abgeben, um den Schweſtern die Beſchaffung der Lebensmittel zu ermöglichen. Nur zweimal wöchentlich gab es Fleiſch, man war froh für Salzgemuüſe, Milch kannte man faſt nicht mehr. Und nur zweimal wöchentlich war der Speiſeſaal geheizt, denn es mangelte an Kohlen; die Schweſtern hatten keinen eigenen geheizten Raum; ſie waren auf das Muſik⸗ und Leſezimmer angewieſen. Es war ſchwer, von den Behörden die nötigſten FZuweiſungen an Lebens⸗ mitteln und Brennſtoffen zu erhalten. Als dann mit der Auflöſung der alten Armee und der Lazarette das Heim notwendiger weiſe mehr und mehr den Charakter eines Soldatenheimes verlor, hieß es, den Verluſt an Eſſensteilnehmern, beſonders auch während der Univerſitätsferien, wirtſchaftlich auszugleichen. Die Schweſtern ent⸗ ſchloſſen ſich, den Mittag⸗ und Abendtiſch auch für die Bürger⸗ ſchaft zu öffnen, und kamen damit einem Bedürfnis einzelſtehender Perſonen entgegen. Auch verſchiedene Dozenten waren damals regel⸗ mäßige Eſſensteilnehmer. Im Jahre 1920 ſtiegen die wirtſchaftlichen Schwierigkeiten; die Schweſtern— vom Allenſteiner Verein, der ſelbſt unter den ver⸗ änderten Verhältniſſen zu leiden hatte, nur ungenügend unterſtützt— waren ſchließlich gezwungen, an die Univerſität heranzutreten, deren Intereſſen ſie ja vertraten, um ſo eine wirkſame Hilfe im Kampfe um die Exiſtenz des Heimes zu erlangen. Dieſer Schritt war er⸗ folgreich. Der heſſiſche Staat ſtellte durch Vermittlung der Uni⸗ verſität zur ſofortigen Behebung der wirtſchaftlichen Schwierig⸗ keiten dem Heim 20 ooo Mk. zur Verfügung und ſagte laufende 5 jährliche Zuſchüſſe zu. Herr Miniſterialrat Dr. h. c. Löh⸗ lein zeigte ſich ſchon damals wie ſpäter noch oft als verſtändiger Freund der notleidenden Studentenſchaft. An der Univerſität wurde ein Studentenheimausſchuß gebildet unter der Leitung der Herren Prof. Schian und Eger, deſſen Aufgabe es war, die Zu⸗ wendungen des Staates zu verwalten, die Schweſtern mit Rat und Tat zu unterſtützen und nach Möglichkeit neue Mittel für das Heim flüſſig zu machen. Unter den Spendern, die damals den Fortbeſtand der Speiſungen ſichern halfen, ſeien vor allem der Religiöſen Geſellſchaft der Freunde(Quäker), des New Haven Relief Commitee, New Haven, Conn. USA. und der Euro⸗ päiſchen Studentenhilfe gedacht. Aber nicht nur dieſe momentane wirtſchaftliche Hilfe war für die Sache wertvoll, ſondern auch die Verbindung mit der Univerſität, die damit hergeſtellt war, bot den Schweſtern in ihrer ſchwierigen Arbeit einen ſtarken Kückhalt. Darüber hinaus war in Herrn Prof. Eger jene Perſönlichkeit für das Heim intereſſiert, die dann ſpäter das Werk der Gießener Studentenhilfe aufbauen half und bis heute noch an deſſen Spitze ſteht. Bald nach dem Erlanger Studententag, am 19. Juli 1921, wurde nach der ſchon erwähnten Vorbeſprechung im großen Hör⸗ ſaal der Univerſität die Gründungsverſammlung der Gießener Studenten hilfe e. V. abgehalten. Die ſchon vor⸗ bereiteten Satzungen wurden angenommen; der darin vorgeſehene Ausſchuß aus acht nichtſtudentiſchen und ſieben vom Aſta be⸗ ſtimmten ſtudentiſchen Mitgliedern wurde gewählt. Der Vorſtand, dem große Handlungsfreiheit eingeräumt war, übernahm die Füh⸗ rung der Geſchäfte. An die Spitze trat als 1. Vorſitzender Herr Prof. Dr. Eger. Aufgabe des Vereins war, neben der Zu⸗ ſammenfaſſung aller ſchon beſtehenden Wirtſchaftseinrichtungen und der Schaffung von Werkbetrieben im Sinne der Erlanger Be⸗ ſchlüſſe, die tatkräftige Unterſtützung des Studentenheims. Eine Fuweiſung der Wirtſchaftshilfe in Höhe von 25 000 Mk. ermöglichte die Einrichtung einer Leihbücherei, die in den Räumen der Univerſitätsbibliothek aufgeſtellt wurde, und die auf dem Ge⸗ danken aufgebaut war, Lehrbücher an bedürftige Studenten für längere Feit auszuleihen. In der Zwiſchenzeit mußte das Verhältnis der Studentenhilfe zum Allenſteiner Verein, dem rechtlich immer noch das Studenten⸗ heim angehörte, geklärt werden; es war ein unhaltbarer Zuſtand, daß das Heim zwar wirtſchaftlich faſt vollſtändig von dem kapital⸗ 6 ————— armen Allenſteiner Verein losgelöſt war und faſt gänzlich auf die Unterſtützungen durch den heſſiſchen Staat und die heſſiſche Wirt⸗ ſchaft angewieſen war, aber dennoch der Verantwortung des Allen⸗ ſteiner Vereins unterſtand, dem auch die geſamte Einrichtung des Zeims gehörte. Ein Vergleich, der bald zuſtande kam, ließ das Heim an die Studentenhilfe übergehen; lediglich die Schweſtern⸗ ſchaft unterſtand noch dem Allenſteiner Verein und wurde jeweils von ihm ergänzt. Des weiteren galt es, dem Studentenheim den Lebensmittelbezug zu erleichtern; die Studentenhilfe trat der Warenvermittlungsſtelle der Wirtſchaftshilfe als Genoſſenſchafter bei. Einem der erſten Tätigkeitsberichte der Studentenhilfe iſt z. B. zu entnehmen, daß der Verein 40 Fentner Zucker von der Warenvermittlungsſtelle zu günſtigen Preiſen bezogen hatte, die dann im Safe der Mittel⸗ deutſchen Kreditbank untergebracht wurden. Neben der Unterſtützung des Studentenheims wurden die Ar⸗ beiten der erſten Monate nach der Gründung beſonders der Wer⸗ bung und der inneren Organiſation gewidmet. Man brauchte das öffentliche Intereſſe, man brauchte Mitglieder und vor allem Geld oder Geldeswert. Ein Werbeamt wurde gebildet, die heimiſche Preſſe wurde mobiliſiert. Eine Hausſammlung und eine mit Unterſtützung der Gießener Hausfrauenvereine durchgeführte geſel⸗ lige Veranſtaltung brachte größere Mittel. nieben der Werbung wurde in beſonderen Unterausſchüſſen die Beſchaffung von Wohnungen, von Nebenbeſchäftigungen, von gebensmitteln und Kleidung und von Ferienerholung für kranke Studenten organiſiert. Es wurden alsbald einige Schreibmaſchinen angeſchafft und Lehrkurſe zu billigen Preiſen abgehalten. Noch hatte man keine geeigneten Geſchäftsräume; die Arbeit wuchs. Im Frühjahr 1922 ſtieg die Fahl der Eſſensteilnehmer auf 400. Die Einrichtungen waren unzulänglich geworden. Auch die Verwaltungsarbeit nahm ein ſtarkes Ausmaß an. Da konnte durch das Entgegenkommen der heſſiſchen Kegierung ein bezahlter Ge⸗ ſchäftsführer Gerr cand. jur. Ludwig Schneider) ein⸗ geſtellt werden. Die Univerſität ſtellte das Künſtlerzimmer hinter der Neuen Aula als Geſchäftszimmer zur Verfügung. Die geſamte Buchführung übernahm durch Vermittlung des Herrn Direktor Grießbauer die Mittteldeutſche Kreditbank. Um dem Maſſenandrang im Studentenheim Burggraben zu be⸗ gegnen, wurde im Katholiſchen Vereinshaus ein zweites Heim ein⸗ gerichtet, das beſonders die Verköſtigung der Mediziner übernahm. 7 Hier wurde auch mit Hilfe des Roten Kreuzes und des Chriſtlichen Studentenweltbundes ein Krankentiſch eingerichtet für kranke und unterernährte Studenten; es gab beſondere Zulagen an Fleiſch, Milch, Butter, Kakao uſw. Um einerſeits den großen Bedarf der beiden Küchen an friſchen Gemüſen wenigſtens zum Teil ſelbſt zu decken, andererſeits einer Anzahl Studenten auch während des Semeſters erwünſchte Neben⸗ beſchäftigung zu bieten, wurden im Jahre 1922 unter der Leitung von Frau prof. Eger mehrere Gärten bewirtſchaftet, die der Studentenhilfe von privater Seite zur Verfügung geſtellt waren. Fur Unterſtützung der Schweſtern wurde ein Arbeitsdienſt ein⸗ gerichtet. Jeder Heimbeſucher wurde verpflichtet, während des Se⸗ meſters an mehreren Tagen für das Heim Dienſte zu leiſten. Dazu gehörte das Kartoffelausladen, Kohlenſchippen, Holzſägen und das Sammeln von Lebensmitteln auf dem Lande. Im Herbſt 1922, als die Inflation ſchon ſehr fühlbar wurde, kam eine ſehr hochherzige Stiftung des Herrn Dr. h. c. Keichardt von den Reichardt⸗Werken in Hamburg an die Uni⸗ verſität, und Seine Magnifizenz Herr Prof. Roloff ſtellte die ſehr beträchtlichen Mittel der Studentenhilfe für den Ankauf der „Schönen Ausſicht“ zur Verfügung. Mit dem Erwerb dieſer früheren Ausflugswirtſchaft mit großem Garten, Tennisplatz und zwei Wohnhäuſern begann für die Studentenhilfe geradezu eine neue Feit. Nicht nur, daß ſie damit feſte Werte und eigenen Grund und Boden bekam, auch die großen Entwicklungsmöglichkeiten waren gegeben: Platz für Werkbetriebe, Boden zum Anbau von Gemüſen, Baugelände für Studentenwohnungen. Am 30. Oktober 1922 wurde das neue Studentenheim „Schöne Ausſicht“ feierlich eingeweiht. Der Betrieb war von Anfang an ſehr lebhaft, trotz ſchlechter Anmauſchwege und trotz der noch ſehr mangelhaften Einrichtung. Das Waſſer für den RKüchenbetrieb mußte an einem Pumpbrunnen geholt werden; die Schweſtern hatten keinen Raum, wo ſie ſich aufhalten konnten; um⸗ ziehen mußten ſie ſich hinter dem Küchenſchrank. Die Abortverhält⸗ niſſe waren durchaus ländlich. Der Hof war ein romantiſcher Wirtsgarten, praterhaft, mit Affenkaſten, Aquarium, vielen Sigu⸗ ren mit abgebrochenen Armen und Beinen, ein Karuſſell war vor⸗ handen zum Selbſtdrehen mit Muſik. Ein Muſikpavillon ſtand dort, wo ſpäter das Studentenwohnheim„Egerheim“ errichtet wurde. Davor ein Bretterboden zum Tanzen. Die ſpätere Bleich⸗ wieſe war noch in lauſchige Eckchen aufgeteilt, mit Staketen⸗ 8 —— ———⸗,— 8 omnm. G —,————— umzäunung, mit wildem Wein und Flieder. Das ganze war eine etwas rätſelhafte Inſel, beinahe ſchon außerhalb der Welt, be⸗ ſonders wenn man bedenkt, daß man im Winter erſt durch Hohl⸗ wege und Sümpfe ſtapfen mußte, um zu ſeinem Mittageſſen zu kommen. Von dieſer Romantik iſt heute allerdings keine Spur mehr vorhanden. Aber all das machte gar nichts aus. Wir hatten ja erſt einen Krieg hinter uns, die Inflation hatte Verhältniſſe ge⸗ ſchaffen, die alle Maße verſchoben. Die Schweſtern, die ſelbſt im Kriege tätig waren, die Studenten, kurz vorher noch Soldaten, noch jetzt vielfach im feldgrauen Rock, die Hände voll Schwielen von der harten Arbeit in Landwirtſchaft, Bergbau und Eiſenhütten! Sie paßten alle hinein in dies ganze Bild, das ſich hier oben auf der Ausſicht bot. Die Verbindungen kamen mittags angefahren mit Leiterwägelchen, um das Eſſen in großen Töpfen auf ihre Häuſer zu holen. Und was gab es? Süße Suppen, grüne Soße, Feis mit Fucker und Fimt, Steckrüben und ſonſtige„Tages⸗ oder Wochenberichte“, und vor allem etwas, das ſich vornehm„Iriſch⸗ ſtew“ nannte. Es hat aber immer ausgezeichnet geſchmeckt. Mit dem Ankauf der„Schönen Ausſicht“ begann die Feit der Werkbetriebe. Schon lange hatte man an eine Buchbinderei ge⸗ dacht; daraus ſollte aber nie etwas werden. Funächſt wurde im Obergeſchoß der„Schönen Ausſicht“ eine Schuhmacherei eingerich⸗ tet. Ein Schuhmachermeiſter, der früher einige Semeſter ſtudiert hatte, gab der wirtſchaftlichen Not wegen kurz entſchloſſen ſein Studium auf, erlernte das Handwerk Hans Sachſens und richtete eine Werkſtatt ein. Bedürftigen Studenten wurden größere Preis⸗ nachläſſe auf Schuhreparaturen gewährt. Der Neiſter erhielt als Gegenleiſtung Wohnung und freie VYerpflegung für ſich und ſeine Gehilfen. Größere Lederzuwendungen des Heſſiſchen Gerberver⸗ bandes ermöglichten, daß an beſonders bedürftige Studenten eine große Zahl neuer Schuhe verteilt werden konnte. Der Name des Meiſters iſt urt Maria Frener. Einer ſeiner Gehilfen über⸗ nahm nach ſeinem Ausſcheiden die Schuhmacherei. Es war der jetzige Obermeiſter der Gießener Schuhmacherinnung, Emil Kraus, der Verfaſſer dieſer Zeilen. Im Frühjahr 1925 war inzwiſchen die Studentenſpeiſung eine ſo umfangreiche Einrichtung geworden, daß man an die Vergröße⸗ rung der Gärtnerei dachte. Ein Gärtner, früher Student an einer techniſchen Hochſchule, wurde feſt angeſtellt, und unter ſeiner Leitung erwuchs allmählich ein anſehnlicher Betrieb mit vielen Miſtbeetkäſten, großen Salat- und Tomatenkulturen. Fahlreiche 9 Gerätſchaften wurden beſchafft. Der Kohl wurde auf Ackerflächen angebaut. In dieſer nun ſehr erweiterten Gärtnerei wurde laufend eine große Anzahl von Studenten gegen Entgelt beſchäftigt. Dieſe traten mit Spaten und Harke an, gruben um, rigolten, in der Sonne nur mit Hoſen und Schuhen bekleidet. Wenn es Eſſens⸗ zeit war, kamen ſie dann mit hungrigen Mägen angezogen. Es war nicht immer leicht, mancher hat ſich die Arbeit bitteren Schweiß koſten laſſen. Neben der Einrichtung und Vergrößerung der Werkbetriebe er⸗ wies ſich im Frühjahr 1925 ein weiterer Ausbau der ganzen Für⸗ ſorgetätigkeit als notwendig. Die Einzelfürſorge, die bis dahin durch die Geſchäftsführung erledigt wurde, arbeitete in der Folge als beſondere Abteilung unter der Leitung von Studenten. An Mitteln ſtanden dieſer Abteilung in der Hauptſache nur Mate⸗ rialien zur Verfügung(Sreitiſche, Stiefelſohlen, Bekleidung und Wäſche aus amerikaniſchen und engliſchen Liebeswerkſendungen). Dabei ſpielten naturgemäß die Freitiſche eine ſehr große Rolle. So wurden z. B. im Sommerſemeſter 1925 nicht weniger als 30 volle Freitiſche, 21 halbe und 25 ermäßigte Tiſche bewilligt. Dieſe Freitiſche waren zum Teil Stiftungen von heſſiſchen Gemeinden und Behörden und von Einzelperſönlichkeiten. Neben die Einzel⸗ fürſorge trat die Kranken- und Tuberkuloſenfürſorge. Sie ſtand unter der Leitung eines Arztes der Mediziniſchen Klinik und mehrerer meiſt nichtſtudentiſcher Ausſchußmitglieder und gewährte an kranke und unterernährte Studenten beſondere Lebensmittel⸗ zuweiſungen und koſtenloſe Ferienaufenthalte. Im Sommerſemeſter 1925 nahmen 30 Studenten am Krankentiſch teil; 306 Studenten konnten zur Erholung nach Bad⸗Nauheim, Schloß Elmau und aufs Land geſchickt werden. Zwei tuberkuloſe Kranke erhielten einen mehrmonatigen Sanatoriumsaufenthalt bewilligt. Die ſtudentiſche Darlehenskaſſe gab an Studenten, die im Laufe eines Jahres mit ihrem Abſchlußexamen rechnen konnten, nach Maßgabe der wiſſenſchaftlichen Befähigung, der Würdigkeit und Bedürftigkeit größere Darlehen, die im allgemeinen in zehn Jahren rückzahlbar waren bei einer Verzinſung von 30% in den erſten fünf Jahren, und 6% in den zweiten fünf Jahren. Außerdem wurden aus den Mitteln der Studentenhilfe kurzfriſtige Darlehen gegeben. Für Studenten aus dem beſetzten Rheinheſſen ſtanden zwei be⸗ ſondere Fonds zur Verfügung. Das Arbeitsamt und das Wohnungsamt gingen im Frühjahr 1925 vom Allgemeinen Studentenausſchuß an die Studentenhilfe 10 — —ꝑ—·—·— ⸗—,— 1 über. Beide Ämter entwickelten eine beſonders ſegensreiche Tätig⸗ keit. In den Sommerferien 1925 konnten 8o Stellen im Bergbau, 46 Hilfsarbeitsſtellen in Induſtrie, Landwirtſchaft und in kauf⸗ männiſchen Betrieben an Werkſtudenten vermittelt werden. Die Beſchäftigung in der Landwirtſchaft war trotz großen Angebotes gering, da dort wohl freie Verpflegung und Unterkunft, aber nur geringes Taſchengeld gegeben wurde, ſo daß eine RKücklage für das Semeſter nicht möglich war. Dagegen bot der Bergbau trotz ſeiner relativ hohen Löhne in den meiſten Fällen auch Unterkunft und Verpflegung zu ſehr mäßigem Preis. Alle genannten Einrichtungen der Studentenhilfe entwickelten in jener Feit ſtärkſter Inflation eine ſehr ſegensreiche Tätigkeit. Die Studentenhilfe mußte damals ihre größte Aufgabe darin ſehen, den täglich wachſenden wirtſchaftlichen Schwierigkeiten wirkſam entgegenzutreten. Die ſtarke Fürſorgetätigkeit entſprach der Not der Feit, und es mußten alle Anſtrengungen gemacht werden, um die Mittel für ihre Durchführung zu erhalten. Starke Hilfe gab da⸗ mals die Induſtrie und einige valutaſtarke ausländiſche Freunde. Unter dieſen ſtand an erſter Stelle Herr Göbel aus Brooklyn mit ſeinen ſehr wertvollen Fettlieferungen. Aber all dies genügte nicht. Die Studenten wurden ſelbſt mobil gemacht; ſie waren verpflich⸗ tet, während der Ferien in der Heimat zu werben, an kapital⸗ kräftige Leute heranzutreten und dieſe zu einer Unterſtützung der Studentenhilfe zu veranlaſſen. Die Werbung wurde erſtmalig auch auf die Landwirtſchaft ausgedehnt. Vier Schweſtern und mehrere Studenten zogen im Herbſt 1925 hinaus auf ein Gut, um die geſtifteten Kartoffeln ſelbſt auszumachen. Eine großzügige Werbung, an der ſich viele Studenten beteiligten, erbrachte im ganzen 6oo Zentner Kartoffeln, z0 Fentner Zülſenfrüchte, ferner Getreide, Eier und Mehl. Die Not war damals auch anderweitig groß, aber es muß anerkannt werden, daß die Studentenhilfe über⸗ all großes Verſtändnis fand. Auch war das Verhältnis von Stadt und Land noch unter der Auswirkung des gemeinſamen Kriegs⸗ erlebniſſes recht gut. Große Sorge machte der Studentenhilfe die Wohnungsnot. Wohl tat das Studentiſche Wohnungsamt alles, was in ſeinem Bereiche möglich war, aber der Erfolg war nur gering. Es wurden für die größte Not Durchgangslager eingerichtet, ſo in den Kliniken und in einer Baracke der Heil⸗ und Pflegeanſtalt. Verſchiedene Pro⸗ jekte zur Beſchaffung ſtudentiſcher Wohnungen ſcheiterten immer wieder. Erſt als im Herbſt 1925 durch eine Spende von zwei 11 Direktoren der Meguin⸗Werke Butzbach eine Gefangenenbaracke aus dem früheren Gefangenenlager auf dem Trieb angekauft werden konnte, kamen alte Pläne zur Verwirklichung. Am 21. Sep⸗ tember 1923 wurde der erſte Spatenſtich getan. Wieder traten die Studenten ſelbſt auf den Plan, nicht einzeln, ſondern in Maſſen. Die Baracke wurde auf dem Trieb abgeſchlagen und ſollte auf der „Schönen Ausſicht“ neu erſtehen, mit mancherlei Verbeſſerungen. Friſch ging es an die Ausſchachtungsarbeiten, ans Mörtelmiſchen und Steineſchleppen. Getragene Schuhe und Arbeitskittel aus der Amerikaſpende wurden ausgeteilt. Unruhig, wie die ganze Zeit, war auch das Leben der Studenten. Studium und Werkarbeit ſtanden nah beiſammen; man wußte nicht, wie man am kommenden Tage leben würde; das Eſſen, das zu Anfang des Jahres 1925 6o Mk. koſtete, ſtieg im Herbſt bis auf 200 Milliarden. Das eben erarbeitete Geld zerfloß in den Händen. Man fand ſchließlich ein einfaches Mittel, um ſich gegen die Entwertung zu ſchützen: man trug das Geld zu den Schweſtern und erhielt ein Margarinekonto eingerichtet, d. h. der einbezahlte Betrag wurde nach dem Tages⸗ preis in Margarine umgerechnet und ſo wertbeſtändig gutge⸗ ſchrieben. Oder man legte das Geld in Eſſenskarten an. Die In⸗ flation hatte ihren Höhepunkt erreicht, wiederum ſchwanden die mittel zum Weiterbauen, und wiederum griff die Induſtrie und der Staat helfend ein. Beſonders der Arbeitgeberverband für den Lahn⸗ und Dillkreis und Herr Direktor Dr. h. c. Humper⸗ dinck von Wetzlar ſetzten ſich ſehr für den Neubau ein, der nun in beſſerer Ausführung weitergeführt werden konnte. Stapel von Holz und Baumaterial waren auf einmal zur Verfügung; vom romantiſchen Wirtsgarten war nichts mehr zu ſehen. Und weil die Verhältniſſe noch ſehr unſicher waren— Holzſtehlen galt noch nicht wieder als ſehr großer Frevel—, ſo mußten Wachen auf⸗ geſtellt werden, die aufpaßten. Erſt mit Spatenſtielen und Holz⸗ latten, ſpäter mit Piſtolen und Taſchenlampen. Aus dieſem Wacht⸗ dienſt ergaben ſich für den einzelnen oft ſehr drollige Situationen; es gab Haſenfüße und vom Krieg her verwegene Burſchen, und der Spaß grenzte oft an ernſte Gefahr. Aber nie ſchwanden die Schwierigkeiten, die zu einem ernſten Werk gehören. Studenten arbeiteten zwiſchen den Wachen auf der Wachtſtube an ihren Examenarbeiten, und ſogar Dozenten nahmen oft an dieſen eigen⸗ artigen Dienſt⸗ und Arbeitsgemeinſchaften teil. Fu Beginn des Jahres 1924 wurde der Neubau fertig. Es waren neben der Wohnung des Gärtners, einem Bad und den 12 —⸗—ꝰ—.,———,&— Toilettenräumen 28 Fimmer eingebaut, in denen 40 Studenten platz finden konnten. Die Fimmer wurden einfach eingerichtet: 2 Betten übereinander, Doppelſchrank, Doppelwaſchtiſch, 1 Tiſch, 2 Stühle und 1 Ofen. Die geſamte Möbeleinrichtung war von der heimiſchen Induſtrie geſtiftet worden. Die eine Hälfte des Neubaues war unterkellert und enthielt neben einem Arbeitsraum für den Gärtner noch verſchiedene Wirtſchafts⸗ und Kohlenkeller. mMit Beginn des Sommerſemeſters 1924 wurde das neue Haus voll belegt. Der Mietpreis betrug je Bett und Monat 5 mk. (dazu kam 1,5o Mk. Bedienung und 1, 5o Mk. Frühſtück). Er⸗ freulicherweiſe geſtaltete ſich das Fuſammenleben trotz des ziemlich beſchränkten Raumes und der ſehr verſchiedenartigen Zuſammen⸗ ſetzung der Bewohner(Korporationsſtudenten und Freiſtudenten, hohe Semeſter und junge Füchſe) recht harmoniſch. Im Huſammenhang mit dem Bau des Studentenwohnhauſes wurde auch das Studentenheim„Schöne Ausſicht“ gründlich renoviert und ein Anbau errichtet, der eine Studentenwäſcherei auf⸗ nahm. Es war dies alles wie ſo vieles andere Herrn Dr. h. c. Humperdinck von den Buderuswerken in Wetzlar zu ver⸗ danken. Mit der Wäſcherei war ein weiterer Werkbetrieb ge⸗ ſchaffen, deſſen Einrichtung ſehr begrüßt wurde. Nicht nur, daß die Wäſche ſorgfältig mit der Hand gewaſchen und geplättet wurde, ſie wurde auch vollſtändig ausgebeſſert zurückgeliefert. Anzüge und ſonſtige Kleidungsſtücke konnten geflickt und aufgebügelt werden; nicht zu vergeſſen die Strümpfe, die ſorgfältig geſtopft wurden. Die armen Schweſtern! Am 1 2. Juli 1924 wurden die Neu⸗ anlagen auf der„Schönen Ausſicht“ feierlich eingeweiht. Es waren der heſſiſche Staatspräſident und der Präſident des Heſ⸗ ſiſchen Landtages anweſend, außerdem viele andere Perſönlichkeiten. Die Damen der Gießener Geſellſchaft ließen es ſich nicht nehmen, die zahlreichen Gäſte feſtlich zu bewirten. Die geſamte Studenten⸗ ſchaft gab durch ihre eifrige Mitarbeit ein Zeichen ſchöner Eintracht. Für die Gießener Studentenhilfe bedeutete dieſes Feſt Krönung und Abſchluß einer geſunden Entwicklung. Dem Wunſche der Stu⸗ dentenſchaft entſprechend erhielt das Studentenwohnhaus den Namen „Egerheim“. Damit drückte ſie die große Dankbarkeit aus, die ſie für das Werk ihres Gründers empfand. Die Entwicklung der ganzen ſtudentiſchen Wirtſchaftsarbeit läßt ſich in zwei große Zeiträume teilen, die bedingt ſind durch die Ver⸗ änderung in den wirtſchaftlichen Verbältniſſen(Inflation, De⸗ 13 flation). Die fortſchreitende Inflation brachte in den Jahren 1922 auf 1925 einen Verfall der Vermögen und eine Verarmung faſt ſämtlicher Bevölkerungskreiſe; die Folge war, daß die Einrichtun⸗ gen der Studentenhilfe von etwa 75% aller Studierenden in An⸗ ſpruch genommen wurden. Es herrſchte ein Maſſenandrang bei den einzelnen Einrichtungen, dem dieſe kaum gerecht werden konn⸗ ten. Auch alle Gründungen von Werkbetrieben ſchienen unter dem Geſichtspunkt zu ſtehen, den großen Maſſen zu helfen, und alle Mittel, die damals noch reichlich floſſen, dienten nur dieſem Zweck. Nun kam mit dem Jahr 1924 eine Stabiliſierung der Wirt⸗ ſchaftsverhältniſſe, es konnte wieder auf längere Sicht gearbeitet werden. Der Warenmangel war behoben, die unmittelbare Not der Maſſe ſchwand, die Anſprüche des einzelnen ſtiegen. Die Zu⸗ wendungen des Auslandes und der heimiſchen Wirtſchaft gingen erheblich zurück, und die Studentenhilfe wurde vor die Notwendig⸗ keit geſtellt, einerſeits die eigenen Einrichtungen einer ſtrengen Kontrolle ihrer Wirtſchaftlichkeit zu unterziehen und, alten guten Grundſätzen folgend, genaueſte Kalkulationen nach ſtreng kaufmãn⸗ niſchen Geſichtspunkten vorzunehmen, andererſeits ſich nach neuen Hilfsquellen umzuſehen. In der Fürſorgearbeit trat nun an die Stelle der Maſſenunterſtützung eine intenſive Einzelfürſorge bei ſorgfältiger Auswahl würdiger und bedürftiger Studenten. Hatten wir in den erſten Jahren eine Notwehrſtellung der geſamten Stu⸗ dentenſchaft gegen die ihre Exiſtenz gefährdenden Wirtſchafts⸗ erſcheinungen, ſo galt es jetzt eine Ausleſe zu treffen nach dem Wahlſpruch:„Die deutſchen Hochſchulen den Beſten der Jugend, allen Schichten des Volkes.“ Es vollzog ſich in den folgenden Jahren ein Reinigungsprozeß innerhalb aller Wirtſchaftseinrichtungen der Studentenhilfe. Be⸗ triebe, die ſich als lebensfähig und notwendig erwieſen, wurden ausgebaut und auf eine ſichere finanzielle Grundlage geſtellt. Da⸗ gegen wurde der Abbau beſonders jener Werkbetriebe energiſch durchgeführt, die ſich nicht aus ſich ſelber erhalten konnten, ſondern erhebliche Fuſchüſſe erforderten. Die dadurch erſparten Mittel konn⸗ ten der Einzelfürſorge zugeführt werden. Dieſe Umbildung er⸗ ſtreckte ſich auf mehrere Jahre. Auf die Veränderung in den ein⸗ zelnen Betrieben ſoll noch im beſonderen eingegangen werden. Vor⸗ her iſt noch kurz über die Entwicklung der einzelnen Amter in der Studentenhilfe zu berichten. Das Wohnungsamt verlor im Laufe der Feit an Bedeutung, da das Angebot an Fimmern für Studierende ſtieg. Die Preiſe 14 1—— —2—ß XK X8——— — waren allerdings immer noch verhältnismäßig hoch. Das„Eger⸗ heim“ erwies ſich als ſegensreiche Einrichtung und war dauernd voll belegt. Das Arbeitsamt konnte angeſichts der ſich entwickelnden Arbeits⸗ loſigkeit, die im Jahre 1925 bereits die Fahl von einer Million Arbeitsloſe erreichte, immer weniger helfen. Vorübergehend war es möglich, Studenten beim Theater als Statiſten zu beſchäftigen. Ein ſtudentiſches Orcheſter, auf deſſen Entwicklung ſpäter noch eingegangen werden ſoll, wurde gegründet. Aber mehr und mehr wurde in den folgenden Jahren dem Stu⸗ denten die Möglichkeit genommen, Werkarbeit zu leiſten; doppelt zu bedauern wegen ihrer erzieheriſchen Wirkung und wegen der mit ihr ausfallenden Möglichkeit, ſelbſt durch Arbeit die Grund⸗ lage für das Studium zu ſchaffen. Der minderbemittelte Student wurde mehr und mehr auf die Notwendigkeit verwieſen, die Dar⸗ lehnskaſſe und die Einzelfürſorge in Anſpruch zu nehmen. Beide Einrichtungen wurden bedeutend vergrößert. Beſonderes Augen⸗ merk wurde der Tuberkuloſefürſorge zugewandt, für deren 5wecke von der Studentenſchaft ein Semeſterbeitrag von 1 Mk. erhoben wurde. Ein neuer Zweig war die Fürſorge für die Angehörigen der deutſchen Studienſtiftung. Das Vergünſtigungsamt, das im Jahre 1928 gebildet wurde, hatte die Aufgabe, durch Abmachungen mit Gießener Firmen und den Behörden den minderbemittelten Studierenden gewiſſe Vorzüge zu verſchaffen. Hierher gehören: verbilligter Bücherbezug, Nachläſſe auf Brennmaterialien, Schuh⸗ reparaturen, beim Sriſeur, Theaterbeſuch uſw.— Gleichzeitig mit dieſen Einrichtungen wuchſen auch die Schwierigkeiten einer rich⸗ tigen Auswahl; denn keineswegs ſollte durch die Einrichtungen der Studentenhilfe der Entwicklung eines akademiſchen Proletariats Vorſchub geleiſtet werden.— Beſondere Bedeutung erlangte noch das Werbeamt wegen der Notwendigkeit, neue Hilfsquellen zu erſchließen. An die Stelle der immer mehr ſchwindenden Zuwendungen aus privaten und Wirt⸗ ſchaftskreiſen mußten ſolche aus öffentlichen Mitteln treten. Damit wuchs die Bedeutung der Preſſe. Ein Preſſeamt wurde neu ge⸗ bildet und Verbindung zu den miniſteriellen Stellen geſucht. Daß wohl die wertvollſte Werbearbeit der 1. Vorſitzende der Gießener Studentenhilfe geleiſtet hat, iſt zu allgemein bekannt, als daß ſie noch beſonders hervorgehoben werden müßte. Wer je am runden Tiſch der„Schönen Ausſicht“ oder ſonſtwo mit Herrn Prof. ⸗ 15 Eger etwa bei einer Taſſe Kaffee zuſammen ſaß und Pläne ſchmieden half, weiß davon zu erzählen. Die Entwicklung der Betriebe bis zur Inbetriebnahme des neuen Studentenhauſes zeigen wir im folgenden kurz auf. Die Studentenſpeiſung. In den Jahren 1924— 1926 war ein Rückgang der Eſſensteil⸗ nehmerzahl zu verzeichnen; dies war begründet durch die Beſſe⸗ rung der Wirrtſchaftsverhältniſſe im allgemeinen und damit zu⸗ ſammenhängend die Steigerung der Bedürfniſſe des einzelnen. Die Verbindungen aßen nun wieder auf ihren Häuſern. Zudem ging, wie an allen Hochſchulen, die Fahl der Studierenden zurück. Um den veränderten Verhältniſſen zu entſprechen, wurde für die beſſere Ausgeſtaltung der Räume geſorgt, das Studentenheim Burggraben wurde gründlich renoviert, die Qualität des Eſſens wurde ver⸗ beſſert. Eine Erhöhung des Eſſenspreiſes erwies ſich im Laufe der Jahre öfters für nötig. Aber immer wurde berückſichtigt, daß zwar der Betrieb als ſolcher möglichſt ſparſam wirtſchaftete und ſich nach Möglichkeit ſelbſt erhielt, andererſeits wurde nie die Wich⸗ tigkeit der Speiſung verkannt und darum ſo oft es not tat mit größeren Mitteln unterſtützt. Die Schwierigkeit, den Betrieb ren⸗ tabel zu geſtalten, lag hier wie bei faſt allen Werkbetrieben in der Tatſache, daß dieſe Betriebe zweimal im Jahre, während der Fe⸗ rien, mit erheblich geringerer Beſchäftigung rechnen mußten und die Ausgaben nicht in gleichem Maße verringert werden konnten. Feitweiſe mußte der Eſſensbetrieb auf der„Schönen Aus⸗ ſicht“ aus Erſparnisgründen geſchloſſen werden, was von den Egerheimbewohnern ſehr unangenehm empfunden wurde. Die Frühſtücksſtube, die früher in der Garderobe vor der Neuen Aula untergebracht war, erhielt neue Räume im Untergeſchoß der Uni⸗ verſität; ſie wurde gerne in Anſpruch genommen und ergab einen kleinen Überſchuß, der dem Studentenheim zufloß. Eine Zweig⸗ ſtelle wurde zeitweiſe in der Chirurgiſchen Klinik eingerichtet. Die Gärtnerei. Dem wachſenden Bedürfnis während der Inflation entſprach ein Ausbau der Gärtnerei bis zu einem Umfang von etwa zehn mMorgen Land, das zum größten Teil gepachtet war und leider räumlich ziemlich weit zerſtreut war. Die Abſatzſchwierigkeiten während der Ferien wurden gemildert durch Belieferung von Kli⸗ 16 n n T u a 9 „——„ niken und Geſchäften; zuzeiten wurde auch der Gießener Wochen⸗ markt beſchickt. Aber mit der Stabiliſierung der wirtſchaftlichen Verhältniſſe wuchs das Angebot an Gemüſen, die Preiſe ſanken, und auch die Gärtnerei mußte ſich dieſer allgemeinen Bewegung anpaſſen. Funächſt wurden die außenliegenden Pachtſtücke ab⸗ geſtoßen, und ſchließlich mußte 1928 der Obergärtner entlaſſen werden; die Leitung übernahm der ſeitherige Gehilfe. In dieſem engen Rahmen konnte ſich die Gärtnerei bis 1952 ohne Zuſchüſſe halten. Dann wurde ſie aufgelöſt. Die Wäſcherei. Bald nach der Einrichtung der Wäſcherei erwieſen ſich die Räume wegen der ſtarken Inanſpruchnahme als zu klein. Außer dem Anbau, in dem ſie zuerſt ausſchließlich untergebracht war. mußten im Obergeſchoß des Studentenheims„Schöne Ausſicht“ Räume, die ſeither teils an die Studentenverbindung, das Kloſter, vermietet waren, teils von der Schuhmacherei benutzt waren, frei⸗ gemacht werden. Außer dem ſchon eingerichteten Trockenraum wurde eine elektriſche Waſchmaſchine und eine Trockenſchleuder an⸗ geſchafft. Aber auch hier zeigte ſich der Ferienausfall an Arbeit als ein empfindlicher Mangel. Es mußte, um den Betrieb wirtſchaft⸗ lich zu erhalten, ein beſchränkter Kreis privater Kunden aus der Dozentenſchaft der Univerſität aufgenommen werden. Im Jahre 1954 wurde die Wäſcherei aufgelöſt und als Hauswäſcherei in das neue Studentenhaus übernommen. Die Schuhmacherei. Die Schuhmacherei hatte ſich ſchon bald nach ihrer Einrichtung mehr auf Privatkundſchaft verlegt— ſie war ja ein Privatunter⸗ nehmen—, und ſo litt ſie weniger unter dem Arbeitsausfall während der Ferien. Nach einer raſchen Entwicklung in den erſten Jahren, durch welche die Gießener Studentenhilfe bewogen wurde, ſich auch finanziell an ihr zu beteiligen, kam in den Jahren 1925 und 1920 ein empfindlicher Kückſchlag, der bedingt war durch die allgemeine wirtſchaftliche Lage. Um für die Wäſcherei Räume frei⸗ zumachen, andererſeits aber, um ſich den privaten Kundenkreis zu erhalten— die„Schöne Ausſicht“ lag ſehr abſeits, was viele Kunden abhielt—, wurde die Schuhmacherei in die Stadt verlegt. Die Lederſpenden ließen in den Jahren nach der Inflation ſehr er⸗ heblich nach und hörten ſchließlich ganz auf. Die Leiſtungen der 2 17 Schuhmacherei beſchränkten ſich ſchließlich auf eine Ermäßigung von 250%, welche die Studentenhilfe an bedürftige Studenten mit geringem Monatswechſel gab, über die dann jeweils mit dem Schuhmachermeiſter abgerechnet wurde. Nach einem Beſitzerwechſel im Jahre 1927 wurde vereinbart, daß von den 25% Ermäßigung 15% die Studentenhilfe trug, 10% der Schuhmachermeiſter. Als Gegenleiſtung konnte der letztere im Bedürfnisfalle die Studenten⸗ ſpeiſungen zu den Preiſen der Studierenden in Anſpruch nehmen. Die Druckerei. Die Druckerei entwickelte ſich erſt nach der Inflation; vorher hielt ſich ihr Betrieb in engen Grenzen; es ſtand ihr lediglich ein Typen⸗ druckapparat zur Verfügung. Erſt im Jahre 1925 konnte durch Ankauf einer gebrauchten Ködertal⸗Schnelldruckpreſſe und der guten deutſchen Druckſchrift der Betrieb vergrößert werden. Sie beſchäf⸗ tigte dauernd drei Werkſtudenten. Im Jahre 1926 wurden eine Tiegeldruckpreſſe, verſchiedene Hilfsmaſchinen und weiteres Schriften⸗ material angeſchafft, und ſo konnten Arbeiten im Umfang bis zu lo“o Druckſeiten ohne Mühe ausgeführt werden. Im Jahre 1929 wurde eine moderne Schnellpreſſe angeſchafft, um größere laufende Aufträge übernehmen zu können(Univerſitätszeitung). Der Betrieb wurde 1950 aufgelöſt. Die geſamte Einrichtung wurde durch die Brühlſche Druckerei, K. Lange, Gießen, angekauft und als Stiftung an die Buchdruckerfachſchule gegeben. Das Studentenorcheſter entſtand im Jahre 1928 auf eine Anregung des Herrn cand. med. Hans Kuſch. Reben der Ver⸗ ſchönerung der Heimabende verſchaffte es manchem Kommilitonen durch ſein Spiel willkommene Einnahmen. Feitweiſe übernahm das Orcheſter ſogar den muſikaliſchen Teil an unſerer ſtädtiſchen Bühne. Mit ſeinem umfangreichen Notenmaterial bot es eine nicht zu unterſchätzende Erwerbsmöglichkeit für muſikkundige Studenten. Fum Schluß ſei noch der wertvollen Dienſte gedacht, die uns ein Lieferauto und ein kleiner Perſonenwagen leiſteten, die von den Opelwerken geſchenkt, bzw. zu ſehr günſtigen Bedingungen über⸗ laſſen wurden. Gerade während der Bauzeit des neuen Studenten⸗ hauſes war der kleine Opel unentbehrlich geworden. Der Liefer⸗ wagen bedeutet für die Gärtnerei und Wäſcherei wie für die all⸗ jährliche landwirtſchaftliche Werbung eine große Erleichterung. Die Geſamtheit der Einrichtungen und Arbeiten überblickend, kann heute wohl geſagt werden, daß ſich das Werk der ſtudentiſchen 18 — /Q I cOl—— Selbſthilfe trotz der Schwierigkeiten durch Inflation und Deflation ſiegreich behauptet hat. Wie ſich im großen gezeigt hat, daß die Kräfte geſund waren, die in der Not ſich entwickelten und die eine ſo glänzende Organiſation wie die der Wirtſchaftshilfe der Deut⸗ ſchen Studentenſchaft geſchaffen hatten, ſo hat auch die Gießener Studentenhilfe ihre Lebensfähigkeit und ihr Lebensrecht nach⸗ gewieſen. Heute iſt ſie zu einem anſehnlichen, kaum wegzudenkenden Faktor im Leben der Univerſität geworden. Ihre Einrichtungen haben im Laufe der Jahre eine Form gefunden, die ihrem Weſen und ihrer Aufgabe entſpricht. Das Ganze hat ſich gefeſtigt, und kein Gedanke lag darum näher, als dieſer Geſchloſſenheit auch nach außen hin Ausdruck zu geben durch eine Fuſammenfaſſung aller Einrichtungen in einem großen Bau, der ſowohl eine betriebstech⸗ niſche Erleichterung bringen ſollte, als einen geiſtigen und geſell⸗ ſchaftlichen Mittelpunkt im geſamten ſtudentiſchen Leben Gießens bilden ſollte. Die Geſchichte dieſes Hauſes zu beſchreiben, ſoll einer beſonderen Schrift vorbehalten bleiben. Wir können uns begnügen, an dieſer Stelle darauf hinzuweiſen, daß ſich die Vorausſicht als richtig erwieſen hat, die zum Bau des„Hindenburghauſes“ der Gießener Studentenſchaft geführt hatten. Die lebhafte Benutzung der Käumlichkeiten, die ſtarke Teilnahme an der Speiſung, das friſche Leben und der angemeſſene Ton, der überall im Hauſe herrſcht, entſprechen durchaus den Erwartungen. Das neue Stu⸗ dentenhaus hat eine gute, aus den erſten Anfängen ſtammende Tradition fortgeführt. Es iſt an ſeiner Aufgabe gewachſen und durch wiſſenſchaftliche, geſellſchaftliche und kameradſchaftliche Juſammenfaſſung aller Hoch⸗ ſchulangehörigen über den Kahmen eines Hauſes der Studenten⸗ ſchaft hinaus zum wahren Haus der Hochſchule geworden. Fum Schluſſe ſeien zuſammenfaſſend alle Mitarbeiter des Stu⸗ dentenwerkes genannt, die an leitender Stelle ihre Kraft dem Dienſte in der ſtudentiſchen Selbſthilfearbeit gewidmet haben. Vorſitzender: Profeſſor Dr. O. Eger(ſeit 1921). Geſchäftsführer: Dr. L. Schneider(1922— 1925), Dr. 5. Weiſe(1925— 1927), Dr. B. Kielmann(1927— 1950), Diplomvolkswirt Fr. Grebe(ſeit 1930). Leiterinnen des Studentenheims„Burggraben“ und der ange⸗ ſchloſſenen Heime„Kath. Vereinshaus“ und„Schöne Ausſicht“: 2 5 Oberſchweſter Thea Suck(1910), Oberſchweſter Irene von Banſen⸗Oſten(1919— 1920), Oberſchweſter Anni Kilburger(1920— 1921), Oberſchweſter Martha Bohnen(1921— 195o). Schweſter Maria Jüttner(1922— 1925,„Schöne Ausſicht“), Schweſter Klara Rohrer(1925— 1927,„Schöne Ausſicht“), Schweſter Elſe Borchert(1927—1930,„Schöne Ausſicht'“), Frau Berta Mues(1922— 1925, Kath. Vereinshaus). Schuhmacherei: Schuhmachermeiſter K. M. Frener(1922— 1927), Schuhmachermeiſter E. Kraus(ab 1927). Wäſcherei: Fräulein Anna Weidemann(1925— 1927), Schweſter Klara Rohrer(1927— 1954). Gärtnerei: Gärtner F. Kagaller(1925— 1927), Gärtner H. Krauſe(1927— 1929), Gärtner F. Braune(1929— 19532). Druckerei: Meiſter E. Dönges(1929— 1950). Das„Studentenwerk (Vormals Gießener Studentenhilfe) Coloùr& Grey Control Ghart se Blue Qyan Green Nellow Hed Magenta ——-— Wumite Grey 1 Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black Um ſo erfreulicher war es damals, zu erieden, daß oennoch oi Univerſitäten und Hochſchulen ſich mit neuem ſtarkem Leben füll⸗ ten; die große Mehrheit der jungen Generation war ungebrochen aus dem Kriege heimgekehrt, ſie wollte der Schwierigkeiten Herr werden, die ſich ihr entgegenſtellten, wollte feſten Boden unter die Füße bekommen, wollte Poſitives leiſten. Vielfach mußte erſt die wirtſchaftliche Grundlage für ein Studium geſchaffen werden. Raſch entſchloſſen zogen die Soldaten von geſtern— immer noch den Torniſter auf dem Kücken— in die großen Arbeitsgebiete der deutſchen Wirtſchaft, um ſich erſt die nötigſten Mittel für das Studium zu erarbeiten. In Bergwerken, auf den großen Bau⸗ ſtellen, auf Gütern tauchen ſie auf, ſelten nur in Büros; durch nichts unterſchieden von ihren Arbeitskameraden, mit denen ſie vor⸗ her zuſammen in Reih und Glied marſchiert waren. Eine große Bewegung war ſo entſtanden, gleichzeitig und un⸗ abhängig voneinander an allen Univerſitäten und Hochſchulen. Ein neuer Menſchentyp hatte ſich an den ZHochſchulen entwickelt: der Werkſtudent. Der Werkſtudent war eine der erfreulichſten Er⸗ ſcheinungen der Nachkriegszeit. Micht zuletzt durch ihn hatte die ſENNNNNnMennpuOnannni’nmennnnan Oem 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 45 6 8 4 9 C v