Studium in Gießen 5 Se e eheh. iee e e., en dséeie es “ ie Wahl der Universität, an die sich der junge Student zur Ableistung seines Studiums begibt, wurde in den 14 Jahren vor der nationalsozialistischen Revolution vielfach bestimmt von der herrschenden liberaldemokratischen Xsphaltkultur, die damals den geisti= gen, wie den biologischen Bestand unseres Volkes immer schneller einem Abgrund entgegen führte. Damals entstanden auch die Mammut- universitäten der deutschen Großstädte, in denen die Entpersõnlichung des Verhältnisses Lebrer-Schüler solche Hormen angenommen hatte, daß z. B. die obersten Plätze in manchen Hörsälen dort mit kleinen Fernrohren versehen sind, damit der Student den Demonstrationen an Katheder und Wandtafeln überhaupt folgen kann. Der National⸗ sozialismus hat etwa mit der Schaffung des neuen Typs der Hoch- schulen für Lehrerbildung deutlich Senug zu erkennen gegeben, wie f 2 T 13 012 164 — ernst es ihm damit ist, die Hochschule aus den Großstädten heraus- zulösen und sie in eine engere Bindung an Blut und Boden draußen in der Landschaft zu bringen. Darum ist es kein Zufall, daß unter den nationalsozialistischen deutschen Hochschulen gerade eine kleine, wie die Gießener Universität stets mit besonderem Nachdruc ge- nannt wird. Hat man schon vergessen, daß das Hinterland der Stadt Gießen, jenes Bauern-⸗ und Waldland des Vogelsberges, bereits lahre vor der Machtübernahme eine der Hochburgen des National- sozialismus gewesen ist? Dieses nationalsozialistische Gesicht der oberhessischen Landschaft hat seine formende Kraft auch bei der Prägung des neuen nationalsozialistischen Antlitzes der Giehener Universität bewiesen. Man liebt in Hessen keine großen Worte, aber soviel dürfen wir mit gutem Gewissen sagen, daß jeder, der sein Studium besonders unter das Zeichen des Nationalsozialismus stellen will, in Gießen einen ganz besonderen glücklichen Boden dafür findet. Studenten— auch erste und zweite Semester—, die beabsichtigen nach Gießen zu gehen, finden jederzeit bei umgehender Meldung an das Verkehrsamt der Stadt Gießen Xuskunft und Aufnahme durch Universität und Studentenschaft. Zur Geſchichto dor Inivorſität ULon Dr, Cart Halhrach Die dreihundertjährige Geschichte der UIniversität läßt sich in drei Bpochen einteilen, über die man Otto Behaghels Wort gelegentlich der Jahrhundertfeier 1907 stellen mag:„Wer die Linien verfolgt, in denen die Bntwicklung unserer Hochschule sich bewegt, dem wechseln Hügel und Gipfel mit sandigen Niederungen und traurigem Ab- 1 sturz“ und setzen wir heute hinzu, wieder hoffnungsvollem Xufstieg. Die erste und vielleicht glänzendste Bpoche reicht von der Grün- dung bis zum Jahre 1650, die zweite umfaßt das Xuf und Ab bis zum Jahre 1933, im Beginn der dritten, die ich die Zeit der Noademia militans genannt habe, stehen wir heute.— Ihre Entstehung verdankt die Universität den politischen und reli- giösen Zuständen der Zeit, als das Landesfürstentum während des Verlöschens der Reichsgewalt immer stärker wurde. Der Streit um das Erbe Philipps des Großmütigen zwischen den beiden hessischen Linien Kassel und Darmstadt und der gleichzeitige kirchliche Kampf zwischen ihnen um die Calvinische oder lutherische Lehre an der Gesamtuniversität Marburg, weil damals die Gewissensbindung an die reine Lehre und das dynastisch⸗territoriale Machtstreben untrenn⸗ bar verbunden waren, führte 1607 zur Brrichtung einer Hochschule in Gießen durch Landgraf Ludwig. Die neue Landes=Universität blühte schnell auf, sodaß es nach wenigen Jahren nur sechs deutsche PHochschulen gab, die mehr Studenten aufzuweisen hatten, unter einer Reihe hervorragender Professoren wurde sie„eine Stätte starker geistiger Bewegung und scharfer Arbeit“. Als zu Beginn des 30⸗ jährigen Krieges Christian von Braunschweig Gießen bedrohte, bil⸗- deten die Studenten eine Freiwilligen-Kompagnie und erhielten eine Srün=⸗gelbe Fahne mit dem schönen noch heute gültigen Wahlspruch: 1 „Literis et armis ad utrumque parati“, unter dem 13 Dozenten und 243 Studenten im Weltkrieg vor dem Feind gefallen sind. 4 — Durch ein kaiserſiches Urteil von 1623 wurde Oberhessen mit Mar- burg dem Darmstädter Landgrafen zugesprochen. Entsprechend einem Revers mußte die Universität Gießen nun suspendiert werden, oder eigentlich wurde sie nach Marburg verlegt. Als beim allgemeinen Frieden 1648 Marburg wieder an Kassel fiel und Gießen seine Hochschule zurückerhielt, begann für unsere Hochschule ein neuer Abschnitt.— Ein frischer Hauch wehte an der Ludoviciana, denn noch bevor die Aufklärung manche verschlossene Pforte aufstieß, machte sie sich als Lehr= und Porschungsstärke bemerkbar, besonders seitdem noch vor Halle der Pietismus hier Fuß gefaßt hatte. ZSwar wird die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts von den Zeitgenossen in dunklen Farben gemalt, und großenteils mit Recht, aber schon Namen wie Sencken⸗ berg, Koch und Xyrmann, Goethes Freund Hoepfner u. a. bezeugen, daß auch Licht, nicht bloß Schatten vorhanden war. Die Zeit der napoleonischen Herrschaft in Deutschland wirkte sich naturgemäß auch auf die Universität aus. Es gab manchen rhein- bündlerischen Separatisten. Rber 1813 baten die Studenten den Die Universität in Gießen Großherzog um Aufstellung eines Freicorps. Als sie zurückkamen, versuchten sie— voran die neu gegründete Burschenschaft unter Garl Follen, dem Verfasser des„Gießener Ehrenspiegels“— dem als Freiwillige erkannten Geist der Einheit und Freiheit des Vater- landes Raum zu schaffen. Daß sie sich an der festen Mauer der Reaktion die Köpfe blutig stießen, daß mancher ins Gefängnis kam oder ins Xusland flüchten mußte, weil er— Deutschland liebte, be⸗ darf keiner Erwähnung. Aber trotz allen Verfolgungen hielten sie durch und ihre Enkel dürfen heute vom„einigen deutschen Reich“ sagen und singen.— Das wissenschaftliche Leben im 19. jahrhundert mag durch einige Namen gekennzeichnet werden: Liebig, Heyer, Harnadk, Gaffky, Rachfahl, Röntgen. NXußer den Fakultäten einer Volluniversität be- kam Gießen eine landwirtschaftliche, eine forstwissenschaftliche und eine tierärztliche Xbteilung. Einen botanischen Garten besitzt Gießen schon seit 1600, vornehmlich im 19. jahrhundert wurde die Zahl der Institute, Kliniken und Seminare erheblich vermehrt. Den Grund⸗ stodk zur Universitäts-Bibliothek legte Landgraf Ludwig V. schon 1612, heute umfaßt sie ausschließlich der Dissertationen rund 670 000 Bände und 1500 Handschriften, und man darf von ihr sagen, daß sie im engen Rahmen des Möglichen allen gerechten Xnforderungen entspricht. Nus einer territorialen und konfessionellen Bildungsstätte für land⸗ gräfliche Geistliche und Beamte wurde eine Landesuniversität, um in der gegenwärtigen Bpoche, da Dozenten und Studenten das Braunhemd tragen, einmal eine„Deutsche“ Hochschule zu werden. lm ewigen Fluß der Dinge hat sich die Ludoviciana in den mehr als 300 Jahren äußerlich und innerlich mitgewandelt und wird sich auch in Zukunft umgestalten, wie die Forderungen des dritten Reiches es verlangen. Denn nicht um Gießen oder um Hessen geht es, sondern die Universität hat nur ein Ziel für alle ihre Axrbeit: Deutschland. Wie im Einzelleben, so gilt auch für die akademische Gemeinschaft unserer Hochschule Hans Grimms Wort:„Ich weiß, daß meine Kinder und mein Geschlecht und das deutsche Volk ein und dasselbe sind und eiĩn Schicksal tragen müssen.“ 6 Die Snivorſität Gisßon Don Profeſſon O. H. Bornkamm Qeoktor der Landesuniverſität Unter den deutschen Universitäten ist Gießen die kleinste, aber nach der Xuswahl der Fächer die reichhaltigste. Sie verbindet darum in unvergleichlicher Weise eine wahrhaft persönliche Erziehung und ein vertrauensvolles Zusammenleben zwischen Dozenten und Stu- denten mit einer großen Fülle von Xusbildungsmöglichkeiten. Was in anderen Ländern zumeist an eigenen Hochschulen gelehrt wird: Veterinärmedizin, Forstwissenschaft und Landwirtschaft ist in Gießen mit den großen Hauptfakultäten(Bvang. Theologie, Rechtswissen- schaft, Medizin, Philosophisch-=historischen und mathematisch=⸗natur⸗= wissenschaftlichen Fächern) in einer umfassenden Universität zu- sammengeschlossen. Diese Verbindung hat sich glänzend bewährt. Sie spiegelt das deutsche Volks-, Staats- und Wirtschaftsleben in ungeahnter Reichhaltigkeit wider, sie reißt den einzelnen über sein Fachstudium hinaus und erschließt ihm alle Möglichkeiten der deut- schen Bildung. Getragen von der Liebe und außerordentlichen Opfern des Landes Hessen, eingebettet in eine reizvolle, allen Na-⸗ turwissenschaften überreiche Anschauung bietende Landschaft und in einen uralten Raum deutscher Geschichte und Kultur wird Gießen dem, der hier weilt, rasch heimatlich. Ein anspruchsloser und kame- radschaftlicher Geist herrscht in den Arbeitsräumen und in den alt- eingesessenen Verbindungen ebenso wie in der Zusammenarbeit zwischen der Studentenschaft und der Dozentenschaft, in der eine besonders große Zahl junger Dozenten eine natürliche und leichte Verbindung zwischen Lehrern und Schülern herstellt. Die innere Einheitlichkeit der Universität Gießen ermöglicht es ihr, wenn nur der gute Wille vorhanden ist, ein Stück praktischen Nationalsozia- lismus zu verwirklichen, In ihm verbinden sich der strenge Xnspruch der Wissenschaft und ein einsatzbereiter, volkverpflichteter Lebens- wille zu einer echten Erziehungsgemeinschaft und zum Dienst an der Zukunft des Vaterlandes. 7 Das uclun im nationalſſozialiftiſchen Stact Don Heinz Jürgen Adam, cand, iur. Fuhrer dor Studentenſchaft der Univ. Gießen Wenn wir heute die Hochschule in der Landschaft sehen und sie zu ihr in Beziehung bringen, so bedeutet dies gleichzeitig den letzten großen Versuch, der Wissenschaft einen neuen Sinn zu geben. Denn wir stehen nicht an zu erklären— und das ist vor allem die Juf⸗ fassung der jungen Kameraden, die nunmehr aus dem Arbeitsdienst kommen— daß für alle Zukunft keine Wissenschaft mehr eine Daseinsberechtigung bat und damit sehr bald verschwinden muß, deren Porschungen, Uberlegungen und Ergebnisse nicht irgendwie praktisch verwertbar sind, d. h. dem Wohle der Gemeinschaft dienen. Diese ganz nüchterne Heststellung verlangt klare logische Kon⸗ sequenzen. Wie überall sind auch hier das Wesentliche die Menschen, denen diese Nufgabe anvertraut wird. Gerade so wie das neue Xuslese- prinzip die kommenden Hochschulgenerationen durch eine harte Schule gehen läßt, wird ein strenger Mahstab bei denen anzulegen sein, die heute in der Hochschule stehen und wirken. Das zweite ist die Nufgsabe, die ihrer Gesamtheit für die Hochschule nach großen Ge⸗ sichtspunkten festzulegen ist, für jedes einzelne Hachgebiet aber sach= lich genau bestimmt und klar abgegrenzt sein muß.— Daraus ergibt sich, daß wir hier Persönlichkeiten brauchen, die frei und selbständig arbeiten können.— Das bedeutet also eine klare und eindeutige Absage an die großen Hochschulen. Denn dort wird die freie Persönlichkeit unterdrückt, statt ihrer der einzelne zu einer Nummer gestempelt. Einmal gibt es keine Möglichkeit, in kleinen Arbeitskreisen im besten Sinne des Wortes etwas zu erarbeiten. Dafür ist aber in großen Räumen eine Menge von Menschen zusammengepfercht. 2 rei Zum anderen ist da die Großstadt, die den einzelnen untertauchen läßt im Gewühl der Menschen, mechanisch verrichtet er seine r⸗ beit, ohne eigentlich zu wissen, warum. Eipne Zeit folgenschwerer Entwicklung hat Hunderttausende von Menschen auf kleinem Raume zusammengeballt, es ist ein tägliches Hasten, Drängen und Schieben dem Boden entwurzelter, heimatloser Menschen. Demgegenüber ist die mittelgroße und kleinere Stadt mit ihrer Hoch⸗ schule nur in einer bestimmten Landschaft zu sehen und zu ver⸗ stehen. Hier lernt der Student seinen Professor kennen als einen Menschen, der genau wie er selber seine Kräfte schöpfend aus der Verbindung mit der Natur mit seinen Schülern in enger Gemein⸗ schaff arbeitet. Hier sieht der Professor noch das pulsende Leben ebenso wie die Nöte seines Volkes, weiß, wo er mit seiner Arbeit anzusetzen hat und kann deshalb seinen Studenten wirklich etwas geben. Das gleiche gilt für den Studenten, er sieht außerdem den Lehrer, den Xrzt, den Pfarrer nicht als einen Menschen, der auf Broterwerb ausgeht, sondern als den Träger ungeheurer sozialer Verantwortung.— Gießen, Altstadt Lob deor Kleinſtäcttiſchen Iniverſitt Von Profeſor Or, Heinrich Bochtel, Gioßen Wenn ich als Dozent etwas zum Lobe der kleinstädtischen Universität sagen soll, so liegt es für mich nahe, zuerst an die wissenschaftlichen Vorteile zu denken, die sie dem Studenten bietet. Vielleicht sind dies überhaupt die größten Vorzüge der kleinstädtischen Universität gerade für den jungen Studenten. In den höheren Semestern findet ja den richtigen Weg zum Ziele noch mancher, der in den Xnfangs- semestern oft nicht aus noch ein wußte, im Unklaren war, wo und wie er beginnen sollte, fast Lust und Liebe zu seinem selbstgewählten HPach für längere Zeit und darüber sich selbst verlor, Das Studium läßt sich auch bei bester Planung nicht wie ein bis auf die leizte Minute eingeteilter Tagesbefehl abwickeln. Und es sind anderseits nicht die Schlechtesten, die infolge der vielen Unbestimmt⸗ heiten und Freiheiten, die mit jedem Studium verbunden sind, ein großes Zweifeln ankommt und die nur ihr seelisches Gleichgewicht bewahren können, wenn sie die Möglichkeit zur Xussprache mit anderen haben. Den Zugang zu anderen Menschen findet der Student aber in der kleinstädtischen Universität schneller, leichter, 2Zwangloser als in der großstädtischen. Hier, in der Großstadt, ist es gar keine Seltenheit, daß sich die Teilnehmer an Seminaren und Ubungen Semester lang fremd bleiben, vielfach sich überhaupt nicht genauer kennen lernen. Die Hast und Eile, mit der in der großstädtischen Universität jeder beim Glockenzeichen den Hörsaal verläßt, sind leider charakteristisch, aber für Dozent wie Student gleich unerwünscht, immerhin verständlich. Denn in der Großstadt sind die über den Tag verteilten Ruhezeiten zu knapp, die Wegstrecken, die manchmal sogar innerhalb der 15 Minuten=⸗Pause zwischen zwei weit voneinander abliegenden Instituten zurückgelegt werden müssen, zu groß, als dahß dem Studenten Muße und Ruhe zum gelegentlichen Kennenlernen eines andern oder gar zur gemütlichen Xussprache mit ihm bliebe. In den stark besetzten Räumen der grohstädtischen Universität ist oft vom ersten Tage an ein Wettrennen um die besten Arbeitsplätze, 10 II ueAIu SaEnsa*Alu 12uu29l 210 — S=S ——=— c——— um die wenigen Referate und die seltenen Möglichkeiten mitzuarbeiten, was den älteren Kommilitonen garnicht zum Kameraden des jungen Semesters werden lähßt. Die Sprechstunden der Dozenten in der großstädtischen Universität bilden ein Kapitel für sich. Der Dozent kann dort die große Zahl seiner Höhrer nicht mehr übersehen, nur in seltenen Fällen und und nur zu dem einen oder anderen wird sich ein persönlicheres Verhältnis entwidkeln. Die Inanspruchnahme des Dozenten durch eigene wissenschaftliche Arbeiten, durch unvermeidliche Verwaltungs⸗ geschäfte, durch die großen Entfernungen und die damit verbundenen Zeitverluste, die Unrast, die Prüfungen, Sitzungen in Ausschüssen und Kommissionen— all dies und noch manch anderes bildet eine so starke Belastung, daß überall mit der Zeit gegeizt werden muß. Nicht selten sieht man in der großstädtischen Universität die Studenten vor der Sprechzimmertür ihres Professors Schlange stehen, die meisten Studenten betreten das Sprechzimmer wie eine Telefonzelle, über deren Tür steht: Passe Dich kurz! Die Xussprachen werden daher fast geschäftlich und auf das kleinste Maß zusammengedrängt. Die Zeiten, in denen sich der Xnfänger von seinem Professor noch persönlich beraten lſieß, scheinen längst vorüber zu sein. So wenigstens empfindet der Student in der Großstadt. Sieht man aber einmal etwa das Gießener Vorlesungsverzeichnis gerade auf die Sprechzeiten der Dozenten durch, so findet man in 90% der Fälle die Sprech⸗ stundenangabe: Nach den Vorlesungen! oder: Nach den Vorlesungen und Ubungen!, d. h. der Student kann— fast zwanglos— so oft er es für nötig hält, ohne vom Nachkommenden gedrängt zu werden, seinen Professor erreichen und ihn sprechen, ohne daß die feierliche Kühle des Sprechzimmers eine unübersteigbare Schranke aufrichtet. Für den Dozenten der kleinstädtischen Universität sind eben seine Studenten noch wichtiger als seine Bücher, wie einmal Felix Dahn scherzhaft in seinen Lebenserinnerungen sagt. In der kleinstädtischen Universität gibt es daher nicht den kõörperlichen und seelischen Leerlauf, der jedem gesunden jungen Menschen mit unverdorbenem Empfinden die Großstadt schnell verleiden muß. Die kleinstädtische Universität erleichtert dem Studenten die XNusnutzung ihrer Institute, Laboratorien, Seminare, Bibſiotheken, der Student 12 hat in der Kleinstadt leichteren Tugang dazu, Assistenten und Dozenten stehen ihm dort eher zur Verfügung, Kameraden führen ihn ein, die Kleinstadt nimmt ihm nicht die beste Zeit weg— all das gleicht die oft sparsamere Nusstattung der Studieneinrichtungen mehr als aus. Gewiß— für ganz große, auf gedrucktem Material aufgebaute Forschungen reichen die Bücherbestände der kleinstädtischen Uni- versitätsbibliotheken zuweilen nicht aus, aber der Student— besonders in den Anfangssemestern— kommt kaum in solche Verlegenheiten. Und im Notfalle steht immer noch der vorzügliche Austauschdienst, der Bücher aus sämtlichen Bibliotheken Deutschlands vermittelt, zur Verfügung. Neben den erwähnten wissenschaftlichen, menschlichen und praktischen Vorzügen, die die kleinstädtische Universität gewährt, stehen noch andere, sagen wir einmal: geistig— seelische. Es muß jeder mit sich selbst ausmachen, wie er im einzelnen sein Studium einteilt, nur das Eine steht im nationalsozialistischen Deutschland fest: Zeit zum Verbummeln hat heute keiner mehr. Ich nehme garnicht an, daß die gescheiteren Pxistenzen früherer Zeiten sich von Anfang an das Verbummeln vorgenommen hätten. Sie sind nur so hinein- geschlittert, verloren die Haltung und fanden sich dann nicht wieder zurück. Die kleinstädtische Universität reizt weniger zum Verbummeln Luftaufnahme von Gießen 13 Neues Schloß und Zeughaus — sie ist deshalb durchaus nicht nur für langweilige Biedermänner und Philister geschaffen!—, sie gibt auch weniger Veranlassung dazu, weil weniger seelische Spannungen auftreten und der einzelne die menschliche und kameradschaftliche Haltung am Beispiel des ihm näherstehenden Dozenten und Kommilitonen lernt. Man ist fast versucht zu sagen, daß in der kleinstädtischen Universität die Geschlossenheit des Lebenskreises— nicht gestört durch die Reiz- momente der Großstadt, die doch keine Erholung gewähren können — ein ruhiges geistiges Ein⸗ und Xusatmen ermöglicht, das Menschliche and Wissenschaftliche ergänzen sich, das Xufgenommene kann leichter verarbeitet und vertieft werden, die geistige Verdauung funktioniert gleichsam besser. Nehmt alles nur in allem, so bleibt als lezter Vorzug unsrer klein- städtischen Universität der Kraft- und Zeitgewinn, der für erholsame Spaziergänge und Wanderungen in die verlocende UImgebung Gießens, für Sportbetätigung, Schneeschuhlaufen usw. ausgenutzt werden kann. Der Rhytmus des Lebens und Arbeitens ist so ganz anders in der Kkleinstädtischen Universität, daß man sagen könnte, die Universität gehöre überhaupt in die Kleinstadt wegen der günstigeren Umwelt⸗ bedingungen. Dort ist ihr Platz. Die grohstädtische Universität da- gegen muß die Großstadt als notwendiges Ubel mit in Kauf nehmen. Id Das Gioßoener Kameradſjchdfishaus Don Gorhard Dallmann In den Räumen des vom Gießener Hochschulverband im Jahre 1930 errichteten Gießener Studentenhauses befindet sich auch das Kamerad- schaftshaus der Gießener Studentenschaft. Entsprechend dem ge- ringen Alter des Baues kann es rein technisch als eine der modernsten und besten Lösungen des Gedankens eines Studentenwohnheimes betrachtet werden. Besonderer Wert wurde darauf gelegt, jedem einzelnen Kameraden einen eigenen Arbeitsplatz zu ermöglichen. Denn die nationalsozialistische Xusrichtung der Erziehung zur Wissenschaft, die gerade während der ersten Semester des Kamerad- schaftsdienstes den Hauptinhalt im Leben des jungen Studenten be- deutet, kann sich am besten vollziehen in der geschlossenen Gemein- schaft der aktivistischen Jungmannschaft, die im Kameradschafftshause von Tag zu Tag fester zusammenwächst. Freilich empfängt dieses Hineinwachsen in die Tradition von Forschung und Lehre seine Zielsetzung und seine besonderen Akzente aus einem Bereich, der außerhalb aller Wissenschaftlichkeit im hergebrachten Sinne liegt. Es ist jener Bezirk, der nur in jungen Menschen noch ganz rein und ungebrochen zu finden ist, jener Einklang von Tun und Han- deln, von Wollen und Können, von Programm und Leistung, den wir uns gewöhnt haben, Haltung zu nennen. YNielleicht brauchen wir die Wissenschaftstheorie des Liberalismus gar nicht so sehr um- zuprägen, wenn es uns gelingt, den Charakter in des Wortes höchster und tiefster Bedeutung wieder zur obersten Voraussetzung aller wissenschaftlichen Tätigkeit werden zu lassen. Der Sinn jener spar- tanischen Bündnisse von jungen Männern, wie sie vor 120 Jahren die freiwilligen jägerkorps, vor 100 jJahren die Urburschenschaften, die Freikorps der Nachkriegszeit und die ersten von der Junsmann- schaft errichteten Xrbeitslager darstellten, der Sinn jener Bündpisse, die heute in dem Gedanken des Kameradschaftshauses ihre letzte vollendete Horm gefunden haben, ruht eben gerade darauf, in einem Lebensstil, der bestimmt wird von den beiden Polen Führung und 3 Gefolsschaft, Charaktere heranzubilden, die das Gegenteil von dem sind, was man Dudkmäuser nennt. Man könnte das Wort Wilhem Raabes, daß ein Messer das andere wetze und ein Mann den an-⸗ deren und daß der am besten dabei wegkomme, der vom besten Stahl sei, recht eigentlich als Sinnspruch über jedes Kameradschafts⸗ haus schreiben. Neben dieser allgemeinen Nufgabe fällt dem Kameradschafftshaus einer Universität noch die besondere zu, den studentischen Bünden, die innerlich bereit und auf dem Wege sind, aus dem vergangenen Jahrhundert, dem Jahrhundert des Bürgers, hinüberzuwachsen in das kommende Jahrhundert, in das des Arbeiters, dabei voran zu gehen und ihnen vorzuleben. Der eigentliche Mittelpunkt des Lebens der gesamten jungen Mannschaft einer Hochschule, auch der Korpora- tionen also, ist das Kameradschaftshaus der Studentenschaft in dem infolgedessen die Führer jeder einzelnen Korporation ihre eigentliche führerische Erziehung erhalten. Damit eröffnet sich aber zugleich die Möglichkeit, daß die besten studentischen Bünde einer Hoch-⸗ schule, die vom Peuer des Kameradschaftsgedankens durch und durch Schlafraum im Kameradschaftshaus erfaßt sind, immer stärker heben das Kameradschaftshaus der Stu⸗ dentenschaft treten. In Gießen sind durch ein besonders glückliches ZLusammenwirken von Hochschullehrer⸗ und=Schülerschaft sowohl wie auch durch eine ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen den aufbauwilligen Korpo- rationen und der Studentenschaft die Voraussetzungen für eine wert⸗ volle und umfassende Kameradschaftserziehung in bervorragendem Mahße gegeben. Die Ubersichtlichkeit des Personenkreises der Hoch- schule— bekanntlich stellt darum das nationalsozialistische Hoch- schulreformprogramm die kleinen Hochschulen besonders in den Vordergrund— verbürgt in Gießen eine vollkommene Erfassung jedes einzelnen Gliedes der Hochschule durch jenes Lebenselement, das die seelische Grundlage aller nationalsozialistischen Nufbauarbeit bildet und nach dem die neuen Hausgemeinschaften unsere jungen Studenten ihre Namen tragen: Der Kameradschaft. Schiffenberg 5 In und um Giohen Wie nur wenige Universitätsstädte ist Gießen mit seiner UImgebung verbunden. Doch trifft das nicht allein auf das landschaftliche Ge- präge zu, sondern vielmehr noch auf den Aufweiß lebendigen Gleich⸗ klangs und Verbundenheit historischen Schicksals. Ein Rundgang durch Gießen mit einem Blickwurf auf die nähere Umgebung wird einer Fülle von markanten und schönen historischen Plätzen begegnen, die in beider Hinsicht diese Behauptung rechtfertigen. Wenn auch die Ungleichheit des Lebensstoffes natürlich vorhanden ist, die Gleich⸗ heit des Geistes und der Gesinnung drängt zur Gemeinsamkeit und zur Einbeit und erhält ihren lebendigen Xusdrud in den historischen Denkmälern der Stadt und der Umgebung, die Symbole für beide sind: für Stadt und Land. Zusammengedränst auf einen verhältnismäßig kleinen Raum findet der Besucher von Gießen die Perlen der Sehenswürdigkeiten der Stadt. Innerbhalb der vier, heute mit Recht wieder Wälle genannten Rundstraßen, im Kern der Stadt und der alten Festung Gießen treffen sich auf dem Marktplatz die vier kreuzförmig laufenden alten Hauptstraßen, jede mit zwei Oktroi-Häuschen versehen und so noch auf den alten Charakter der Siedlung hinweisend: Selterswveg und Walltorstraße(früher Waldtor) etwa von Süden nach Norden ver- laufend, und Neue Bäue und Neustadt etwa von Osten nach Westen gerichtet. In den von diesen Straßen gebildeten Sektoren, besonders aber in den beiden nördlichen, befinden sich die wichtigsten Sehens- würdigkeiten. Schon am Marktplatz fällt die alte Hirsch-Xpotheke ins Xuge, ein wundervolles Pachwerkhaus und gleichzeitig das älteste Gebäude in Gießen. Ebenfalls auf dem Marktplatz erhebt sich das Alte Rathaus, ein Bau aus dem 16. Jahrhundert, mit der für die hessi-⸗ schen Rathäuser typischen Vorhalle. UÜberhaupt bietet der ganze Marktplatz mit seinen zahlreichen Hachwerkbauten ein wundervolles Bild. Sich von hier aus gegen Norden wendend, stößt man auf die Stadtkirche, deren an die Kirche angebauter Turm noch z. I. ein I Marktplatz mit alter Hirschapotheke Rest der 1448 erbauten alten Pankratiuskirche ist. Ganz in der Nähe, in der Kirchstraße, finden sich die Stadtmauern der ältesten Teile Gießens, und an ihnen z. T. angebaut, die Wohnhäuser der ehemaligen Burgmannen, mit uralten Schnitzereien und idyllischen Eingängen.— Von der Stadtkirche aus über den Lindenplatz ge- langt man auf den historischen„Brand“, so genannt, weil hier am Pfingsttage 1560 168 Häuser einem durch Blitzschlag verursachten Brand zum Opfer fielen. Auf dem„Brand“, wie auch auf dem sich anschließenden Landgraf Philipps-Platz findet man die seltensten Uberreste historisch bedeutender Zeiten. Die 1585 erbaute alte Kaserne, das ehemalige Zeughaus, mit ihren reizvollen und fesselnd gestalteten geschwungenen Giebeln ist am besten von der Längs- seite, von der Senkenbergstraße aus zu betrachten. Daneben erhebt 19 sich das neue Schloß mit seinen reizenden Seitentürmchen und seiner einzigartigen Fachwerkkonstruktion. Ein einfacher Bau ist das alte Kollegiengebäude, in dem heute verschiedene Institute der Universität untergebracht sind, und hinter dem sich der Botanische Garten weit ausdehnt. Nn der Südedke des großen Platzes steht das alte Schloß mit dem hohen Burgfried, der im Volksmund lange der Heidenturm genannt wurde. Der Bau stammt etwa aus der Mitte des 14. Jahrhunderts und entzückt durch seine eigenartige Eigen- formen und besonders durch seine reizenden Portale und Fenster⸗ vorbauten. Heute befindet sich in den Räumen des alten Schlosses das Oberhessische Museum und Altertumsmuseum, mit zahlreichen Stücken aus der hessischen und besonders oberhessischen Geschichte und Vorgeschichte. Von dem Brandplat= über den Kanzleiberg gehend kommt man in die Sonnenstraße, die wegen ihrer zahlreichen Fachwerkhäuser zu merken ist. Hier soll man nicht versäumen, das wundervolle Weisel’sche Haus mit seinen Hachwerkschnitzereien in oberhessischem Stil, die besonders im Hof ins Auge fallen, zu bewundern. Altes Schloß Neben diesen hier nur teilweise aufgezählten historischen Sehens- würdigkeiten aus Gießens ältester Zeit, sind aber nicht die ver- schiedenen sehenswerten anderen Punkte der Stadt zu vergessen: in der Liebigstraße das Liebig-Museum, Hier hielt Deutschlands größter Chemiker seine Vorlesungen und machte seine Versuche. Das Gebäude beherbergt heute die wichtigsten Andenken an den großen Horscher, besonders das getreulich erhaltene alte Laboratorium, Die Universität mit all ihren Nebengebäuden, besonders dem im- posanten neueren Bibliotheksbau liegt im südöstlichen Teil der Stadt. Der südliche Stadtbezirk wird zu einem großen Teil von den Kliniken eingenommen, unter denen besonders die neu erbaute vorbildſiche Heilstätte Seltersberg zu erwähnen wäre. Universitäts=-Bootshaus Verschiedene neue und alte Kirchen, das Stadttheater, Kasernen, eine große Volkshalle, Denkmäler, alte historische Gaststätten und wundervolle Lahnpartien vervollständigen das Bild der Univer⸗ sitätsstadt. Aber ebenso wie Gießen selbst, ist die nähere UImgebung ein wahres Schatzkästchen von Sehenswürdigkeiten, Schiffenberg, ein früheres, aus dem 14. Jahrhundert stammendes Kloster und spätere staatliche 24 Domäne weist viele baulich interessante Besonderheiten auf, darunter einen wundervollen Kapellenbau. Gleiberg, Vetzbers und Stau⸗ fenberg sind alte Burgruinen mit großer historischer Vergangenheit. In der nächsten Umgebung ist weiterhin noch die Badenburg, ein alter, zerfallener Herrensitz zu erwähnen, Aber wo man auch weiter hingeht, überall stößt man auf Spuren von Stätten, deren geschicht⸗ liche Bedeutungen in dem engen Rahmen dieser Xufzählung nicht näher erwähnt werden können. Eine kleine Nuswahl aus dem gSroßen Strauß. Das Leben, das zwischen diesen Zeugen vergangener Zeiten schwingt, ist das Leben alter Tusammengehörigkeit und wesensmäßiger Verbundenheit der Menschen in und um Gießen. ÜIdl dann dio froien Stundon SPONl Der herrlich gelegene Universitätssportplatz, die Universitätsreitbahn, die Tennisplätze, im Sommer die Strandbäder der Lahn, im Winter das Hallenschwimmbad der Stadt, die vielen Turnhallen, Skilaufen und Rodeln im nahen Vogelsbers, Tischtennisballe im Studenten- haus, Spaziergänge. ERMHOITIHNG Stadttheater, Lichtspielhaus, Konzertkaffees, die alten Studentenlokale, Vortragsabende des Goethebundes, Konzerte des Konzertvereins. Sregpen„Fhamöung 8 nVS Dortmound Hopfin Q Mseſorh *⁴ AS86/ AOſ 0/// O ſObhe2 2 Leε*ρ . 6 H O/buhe’m 64 Oeſpholen Mftmsteo Whnhe’ Winzbg O MnChen Hase] Gishon gio alte Wivorſitätsstaclt an der Lahm ruft Euch Herausgegeben im Auftrage der Stadt Gießen und des Verkehrsverein Gießen. Zusammengestellt von Hans Fritz Schuster.— Nachdruck verboten.— Drud: Justus Christ, Gießen / Das Oolour& Grey Control Chart Green Vellow