0 ¼. MRZ. 834 2 4. à -2. Juli 1984 77. G8r. 70. Sep. 887 22. Sun 888 1 6. Dez. 363. Sonderdruck aus dem Werk „Das Unterrichtswesen im Deutschen Feeich“, XVIII. Die Großherzoglich Hessische Ludwigs-Universität zu Gießen. Die Universität Gießen ist die Landesuniversität des Großherzog- tums Hessen. Ihren Namen trägt diese Hochschule von ihrem Stiſter Landgraf Ludwig V. dem Getreuen. Ihre Entstehung(1607) verdankt sie jener Periode der Gründungen landeskirchlich-konfessio- neller Universitäten, in welcher von der zweiten Hälfte des 16. bis Ende des 17. Jahrhunderts in Deutschland und Osterreich eine ganze Reihe von Universitäten, die aufs engste mit dem Landeskirchentum zusammenhingen, und bei denen deswegen anfänglich die theologischen Fakultäten durchaus im Vordergrunde standen, ins Leben gerufen wurden. Es sind diese Stifſtungen der Territorialherren keineswegs immer vollständige Universitäten im heutigen Sinne, sondern öfters nur eine Art von privilegierten philosophisch-theologischen Studien- anstalten in enger Verbindung mit akademischen Gymnasien, je nach der Größe des Staatsgebiets und den landesherrlichen Dotationen um- fassendere Hochschulen oder bescheidene, mit wenigen Lehrkräften dürftig besetzte Lyzeen. Gießen war von vornherein als Volluniversität gedacht und hat sich im Gegensatz zu den meisten Gründungen ähn- licher Art aus der gleichen Periode als solche bis auf die Gegenwart erhalten. Den unmittelbaren Anstoß zur Gründung der L.udoviciana gab der Tod des Land- grafen Ludwig IV.(1604), infolgedessen seine Linie Hessen-Marburg erlosch. Bis zur Gründung der Universität Gießen war die 1527 von Philipp dem Großmütigen gestiftete und mit Einkünften aus aufgehobenen Klöstern und Stiftungen reich dotierte Nachbar- universität Marburg, die erste protestantische Anstalt der Art in Deutschland, die gemein- same Hochschule der hessischen Lande. In dem Testamente, das Ludwig IV. hinterließ und wonach er den Bemamen„Testator“ erhielt, setzte er seine Vettern von den beiden Linien Cassel und Darmstadt, Landgraf Moritz von Cassel und Ludwig V. den Ge- treuen von Darmstadt, zu Erben ein, verfügte aber, daß keiner der Nachfolger in seinen Ländern die evangelisch-utherische Lehre abschaffen dürfe. Um diese Testaments- klausel kümmerte sich der junge Landgraf Moritz von Hessen-Cassel nicht. Er schafſfte alsbald rüber gionsst theolot Ludwi neuè d und 99 ungeſä dolf II. Univer versität Freque haben. gewest andere übertr pflege klärur zum liefert vertre name trächt wurde 1648 rische theol Einzc eine noch nam und den erhe täten Der weil dure nati und grül war täten tät mze tum hen ger in nents- haffte Die Großherzogl. Hessische Ludwigs-Universität zu Gießen. 563 alsbald das Luthertum in seinem Erblande ab und führte die reformierte Lehre ein. Da- rüber kam es zu Protesten und Erbstreitigkeiten, und als in Marburg 1605 heftige Reli- gionsstreitigkeiten und im Anschluß hieran öffentliche Tumulte ausbrachen, infolge deren theologische Professoren und Geistliche entlassen und durch andere ersetzt wurden, bot Ludwig der Getreue den Vertriebenen in Gießen eine Unterkunft und stellte ihnen eine neue akademische Wirksamkeit in Aussicht. Mit finanzieller Unterstützung von Ständen und Stadt wurde 1605 in Gießen ein akademisches Gymnasium mit einer Frequenz von ungefähr 300 Studenten eröffnet. Im Jahre 1607 traf das kaiserliche Privileg von Ru- dolf II. ein, und nunmehr wurde im selben Jahre unter Anwesenheit des Stifters die Universität feierlich eingeweiht. Gießen wird also in wenigen Jahren sein 300 jähriges Uni- versitätsjubiläum festlich begehen dürfen. In der ersten Periode 1607— 1624 dürfte die Frequenz der zweiten hessischen Universität zwischen 200 und 500 Studenten betragen haben. Bei Ausbruch des 30 jährigen Krieges sollen es zwischen 500 und 600 Studenten gewesen sein. Sind diese Zahlen richtig, so war damals Gießen größer als die meisten anderen deutschen Universitäten und wurde nur von Leipzig und Jena an Studentenzahl übertroffen. Es erklärt sich das aus der Tatsache, daß damals Gießen eine der Haupt- pflegestätten des reinen Luthertums war, wodurch auch die weitere Tatsache ihre Er- klärung findet, daß neun Zehntel der Studenten keine hessischen Landeskinder waren und zum Teil weither, aus den Ostseeländern, Dänemark usw. kamen. Von der Nachbarschaft lieferten am meisten Scholaren Westfalen und Schwaben. Auch Braunschweig war stark vertreten. Freilich hat schon damals die Frequenz fortwährend geschwankt und sie wurde namentlich durch Pestepidemien, die in Gießen fast jedes Jahr auftraten, stark beein- trächtigt. Im Jahre 1625 kam Marburg wieder an die Darmstädter Linie und infolgedessen wurde die Universität Gießen nach Marburg zurückverlegt, und erst nachdem Marburg 1648 wieder an Hessen-Cassel gefallen, wurde Gießen 1650 als darmstädtische und luthe- rische Landesuniversität wiedereröffnet. In der Folge behielt die Universität ihre Hauptbedeutung in der theologischen Fakultät. Über ihre Frequenz wie überhaupt über die Einzelheiten ihrer Entwicklung sind wir nur dürftig unterrichtet; denn eine zuverlässige und umfassende Geschichte der Universität gibt es noch nicht. Jedenfalls hat die Universität Gießsen im 18. Jahrhundert, namentlich neben Halle und Göttingen, keine führende Rolle gespielt und hat auch in dem größsten Teil des 19. Jahrhunderts vorwiegend den Charakter einer kleineren Landesuniversität, freilich mit nicht un- erheblichen Schwankungen in der Anziehungskraft der einzelnen Fakul- täten, gehabt. An organisatorischen Veränderungen sind folgende zu erwähnen: Der 1777 nach Gießen berufene Kameralist Johann August Schlett- wein(1731— 1802), der bedeutendste deutsche Physiokrat, setzte es durch, daß in Gießen eine besondere„Okonomische Fakultät“, die naturwissenschaftliche und technologische Fächer neben der Kameral- und Finanzwissenschaft umfaßste und von 1777— 1785 bestand, ge- gründet wurde. Diese Fakultät ist die erste ihrer Art gewesen und war eine Vorläuferin der späteren staatswirtschaftlichen Sonderfakul- täten. Die Kleinheit des hessischen Landes brachte es von selbst 36 564 Die einzelnen Universitäten. mit sich, daſßs auch andere Anstalten zeitweilig oder dauernd mit der Landesuniversität organisch verbunden wurden, die anderswo als be- sondere Fachlehranstalten geführt wurden. So wird in Gießen seit 820 die Forstwissenschaft gelehrt mit mehreren Professuren, einem Forstinstitut und einem Forstgarten. Die Forstprofessoren gehören ebenso wie der Professor der Landwirtschaft, dem ein landwirtschaft- liches Institut und eine landwirtschaftliche Versuchsstation unterstellt sind, der philosophischen Fakultät an. Von 1837— 1875 versah die Universität auch die Funktionen einer technischen Hochschule des Landes. Auch diese Professuren waren in der philosophischen Fakmultät eingegliedert, und gleichzeitig war Gießen in jener Zeit die erste deutsche Hochschule, in welcher die Techniker und Ingenieure mit technischen Hauptfächern ebenso die philosophische Doktorwürde er- werben konnten, wie bis heute die Forstleute in ihrem Fache. Es war also den Polytechnikern allein in Gießen im Gegensatz zum übrigen Deutschland die Möglichkeit der Promotion gegeben. Nach der Gründung der technischen Hochschule in Darmstadt(1877) schieden die betreffenden Fächer aus dem Gießener Lehrplane aus. Eine dritte Besonderheit Gießens ist die organische Verbindung der Universität mit dem Veterinärstudium. Die Tierarzneikunde war schon in der früheren„Okonomischen Fakultät“ durch einen besonderen Lehrstuhl vertreten. Seit 1828 besteht dort das Veterinärstudium ununterbrochen, und Gießsen ist die einzige Hochschule Deutschlands, in welcher Tier- arzneistudenten zum Dr. med. vet. promoviert werden können. In den letzten Jahren sind die Lehrkräfte der Veterinärwissenschaft so erheblich vermehrt worden, daßs man eine besondere Abteilung der medizinischen Fakultät, das„Veterinär-medizinische Kollegium“, schaffen konnte, und da gleichzeitig und zum Teil schon früher die Frequenz des veterinär-medizinischen Studiums rapide stieg, Stellte sich die Notwendigkeit heraus, sämtliche Institute dieses Faches zu vergrößsern und neu zu bauen. Im übrigen ist Giefsen in dem letzten Jahrzehnt an Zuhörerzahl stark gewachsen und in erfolgreicher Weise aus der Zahl der kleineren in diejenige der mittleren deutschen Universitäten ein- gerückt. Da es eine zuverlässige Universitätschronik nicht gibt, ist es auch nicht möglich, auch nur mit annähernder Vollständigkeit die wissen- schaftliche Entwicklung an der Universität darzustellen und die nam- haftesten Professoren, die an ihr gelehrt haben, lückenlos aufzuführen. In den ersten Jahrhunderten überwiegen unter den berühmten Lehrern D)ie Grokherzogl. Ilessische Ludwigs-Universität zu Gießen. 565 der Hochschule bei weitem die Theologen. Erwähnt zu werden ven dienen Balthasar Mentzer(1565— 1627), einer von den aus Marburg vertriebenen Professoren, der hauptsächlichste Berater der Regierung bei der Stiftung und Organisation der Universität, der Führer der Giefsener Theologen in ihrem die Zeit schr erregenden dogmatischen Streite mit den Tübingern, dann joh. Heinr. May(1653— 1710), in Giefßsen von 1688 bis zu seinem Tode, der Reformator der Universität im Sinne des Pietismus. Neben ihm wirkte, freilich nur von 1607 bis 1698, als Professor der Geschichte Gottfried Arnold(1000— 1714), ein pietistischer Kirchenhistoriker von Ruf, namentlich bekannt durch „ein Werk, das heute noch Beachtung geniefßst. Ebenfalls der pietistischen Epoche seine„unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie“ gehörte Joh. Jakob Rambach(1603— 1735, in Giefsen seit 1731), ein beliebter Dichter von Kirchenliedern, an. Von den weiteren Theologen des 18. Jahrhunderts sind zwei zu erwähnen: Christoph Matthäus Pfaff(1686.—1760), in seinen vier letzten Lebensjahren in Gießzen wirksam, namentlich auf kirchenrechtlichem Gebiete bekannt, cin Vor kämpfer für das sog. Kollegialsystem im Gegensatz zum Territorial system, und dann der berüchtigte, aber geistreiche Rationalist und Polemiker Karl Friedrich Bahrdt(1741— 1702, in Gießsen 1771— 1775). Von den Gießener Theologen des 19. Jahrhunderts ragt in erster Linie hervor Karl Aug. Credner(1707— 1857), in Giefsen bis zu seinem Tode ein volles viertel Jahrhundert tätig. Er machte sich einen Namen namentlich auf dem Gebiete der neutestamentlichen Wissen schaft. Hervorzuheben sind noch Karl Theod. Keim(1825— 1878), in Gießsen von 1873—78, der Verfasser der„Geschichte Jesu von Nazara“, August Dillmann(1823—904), von 1864—60 in Giefzen alttestament licher Exeget, namentlich geschätzt als Neubegründer der äthiopischen Studien, und endlich Gustav Baur(1816—80), in Gielsen von 1841—61 Praktischer Theologe. Von juristen der Gießsener Universität aus ihrer ersten Zeit darf der erste Kanzler und Rektor Gottfriecd Antoni(1571—1618) als hervorragender Kenner des Lehenrechts genannt werden. Als Kriminalist genofßs in seiner Zeit ein hohes Anschen Melchior von Grolman(1668— 1722), ferner der Freund Goethes Ludw. Jul. Friedr. HIöpfner(1743—97), der bis zu seinem Tode in Gieſsen wirkte und ein namhafter Bearbeiter des Naturrechts war. Für die erste Hälſte des 19. Jahrhunderts kommen der bekannte Pandektist Karl Friedr. Ferd. Sintenis(1804— 68) in Gießen 1837—41, der Prozessualist Gustav Ludw. Theod. Marezoll(1704— 1873), der seine erste Professur Die einzelnen Universitäten. 566 in Gießen 10 Jahre lang inne hatte, und der berühmte Lehrer des Wechselrechts Achilles Renaud(1820— 84), von 1848—52 Ordinarius der Gießener juristenfakultät, in Betracht. Unter den Juristen des letzten halben Jahrhunderts ragen hervor der Kriminalist, Rechts- historiker und langjährige Kanzler der Universität Joh. Michael Franz Birnbaum, in Gießen von 1840— 75, der in Wien kürzlich verstorbene Rechtshistoriker Heinrich Siegel, in Gießen von 1853—57, der Kriminalist Ad. Merkel, in Gießsen von 1858— 68, dann Hermann Seuffert(1836— 1902), ebenfalls Kriminalist, der ausgezeichnete Lehrer des Zivilrechts Ernst Wilh. Eberh. Eck(1838— 1901), beide freilich verhältnismäßsig nur kurze Zeit in Gießen wirksam, und als berühmtester von allen Rudolf v. Jhering(1318— 92), in dessen überaus erfolgreiche Gießener Lehrtätigkeit(1852— 68) die Abfassung seines Hauptwerkes „Geist des römischen Rechts“ fällt. Unter den Nationalökonomen der Gießsener Universität ist der bedeutende Kameralist Joh. Aug. Schlettwein(1731— 1802) bereits oben erwähnt worden. Ihm an Bedeutung mindestens ebenbürtig war sein zweiter Nachfolger Friedr. Schmitthenner(1700— 1850), der von 1828 bis zu seinem Tode in Gießsen wirkte und von Staatsrechtslehrern und Nationalökonomen als scharfsinniger und selbständiger Denker noch heute hoch bewertet wird. Als angesehene Lehrer der Medizinischen Fakultät wirkten in Gießsen der Anatom und Physiologe Theod. Ludw. Bischoff 1844—55, † in München 1882, der Chirurg Ad. Wernher(† 1883, in Gießen 1856— 78), Heinr. Bose ebenfalls Chirurg und Spezialschüler von Langenbeck(† 1900), der innere Kliniker Eugen Seitz, in Gießen bis 1872, † 18909, und endlich der Gynäkologe Herm. Löhlein seit 1888 1901). Unter den Gießener Philologen ragen hervor die klassischen Philologen Ludw. Lange(1850— 71) und Ed. Lübbert(1865—74), der Germanist Friedr. Ludw. Karl Weigand(1840— 78) und der Vertreter der romanischen Sprachen Ludw. Lemcke(1867— 84). In Gießen dozierten ferner die Zoologen Karl Vogt(1847—50) und Rud. Leuckart (1850— 60), der Botaniker Herm. Hoffmann, in Gießen von 1842—91. Den Lehrstuhl der Forstwissenschaft zierten von 1824—34 Joh. Christ. Hundeshagen, unter dem die Forstschule 1831 mit der Universität vereinigt wurde, und Karl Heyer, der[835 Professor der Forstwissen- schaft wurde und 1856 in Gießen starb. Als Forschungsreisender weithin bekannt war Robert von Schlagintweit, der von 1863—85 Dozent an der Universität war. Aus der Zeit der Architekturabteilung Die Großherzogl. Hessische Ludwigs-Universität zu Gießen. 567 ist Hugo von Ritgen, der 1834 Professor wurde und 1880 in Gießsen starb, der bekannte Wiederhersteller der Wartburg, zu erwähnen. Der bei weitem berühmteste Lehrer der Ludoviciana war aber Justus von Liebig. Mit seinem Auftreten setzte eine neue Epoche der Hochschule ein, und sein chemisches Laboratorium, aus dem zahlreiche Chemiker ersten Ranges, wie Fresenius(Wiesbaden), Henneberg(Göttingen), A. W. Hofmann(Berlin), Kekulé(Bonn), Volhard(Halle), H. Kopp(Heidelberg) und Will, hervorgegangen sind, erlangte einen Weltruf und zog Studenten aus allen Kulturstaaten, namentlich auch aus England, Frankreich und Amerika, heran. Liebig lehrte in Gießen von 1824— 52 und siedelte dann nach München über. Seine Schüler Kopp und Will haben ebenfalls in Gießen die Chemie(ersterer namentlich die physikalische Seite) erfolgreich vertreten. 2. Gegenwärtiger Zustand(Sommer 1903). Die Universität Gießen hat von jeher vier Fakultäten gehabt. Vorübergehend von 1777 85 bestand eine besondere 5konomische Fakultät und von 1830— 51 eine katholisch-theologische Fakultät, die dann aufgehoben und durch das bischöfliche Klerikal- seminar in Mainz ersetzt wurde. Der land- und forstwirtschaſtliche Unterricht ist mit der philo- sophischen Fakultät verbunden, der veterinär-medizinische in Form einer besonderen Abteilung mit der medizinischen Fakultät. Die evangelisch-theologische Fakultät zählt gegenwärtig 5 ordentliche Professoren*), 1 außerordentlichen Professor, 1 Privat- dozenten und 1 Repetenten. Es besteht ein theologisches Seminar mit fünf Unterabteilungen und ein alttestamentliches Proseminar, ersteres seit 1867, letzteres seit 18830. Die jährlichen etatsmäßsigen Kosten der Seminare betragen rund 9000 Mark. Für die Leitung der verschiedenen Abteilungen des theologischen Seminars erhält jeder der fünf Abteilungsdirektoren eine jährliche Vergütung von 130 Mark und der Leiter des alttestamentlichen Proseminars eine solche von 500 Mark. Einen Universitätsgottesdienst gibt es ebensowenig wie ein Stift oder Konvilkt. Die juristische Fakultät hat 5 Ordinarien“*), 1 ordentlichen Honorarprofessor(Kriminalist), 1 außserordentlichen Professor und *) Stade, Kattenbusch(nach Göttingen berufen), Krüger, Baldensperger, Drews. **) A. B. Schmidt, Leist, Biermann, Mittermaier, van Calker. 68 Die einzelnen Universitäten. 1 Assistenten zur Unterstützung der Professoren des bürgerlichen Rechts in den praktischen Übungen. Als Remuneration für diesen Posten sind jährlich 2000 Mark ausgeworfen. Das juristische Seminar, seit 1885 bestehend und mit 900 Mark für sachliche Ausgaben dotiert, steht unter der Direktion des jedesmaligen Dekans. Die Medizinische Fakultät erscheint in dreierlei Formen: Als„Vereinigte Medizinische Fakultät“, als„Medizinische Fakultät im engeren Sinne“ und als„Veterinärmedizinisches Kollegium“. Der Dekan der vereinigten medizinischen Fakultät ist stets der Dekan der medizinischen Fakultät im engeren Sinne, die identisch ist mit den übrigen medizinischen Fakultäten der deutschen Universitäten. Sie besteht aus 10 Ordinarien*), 3 Extraordinarien und 7 Privatdozenten. Das veterinärmedizinische Kollegium besteht aus 3 Ordinarien***, einem Extraordinarius und einem mit Lehrauftrag versehenen Do- Zenten. Die medizinischen Institute sind folgende: 1. Das Anatomische Institut(verbunden mit dem Zoolo- gischen Institute), mit 8 400 M. dotiert, mit einem Pro- fessor und einem Assistenten. 2. Das Physiologische Institut in einem alten Gebäude, mit 3 200 M. dotiert, mit einem Assistenten. 3. Das Pathologische Institut in einem neuen Gebäude im Kliniksviertel, mit 6 200 M. dotiert, mit 2 Assistenten. 4. Das Pharmakologische Institut, seit 1800 in einem neuen Gebäude, das 41 000 M. gekostet hat, dotiert mit 4 040 M., mit einem Assistenten. 5. Das Hygienische Institut, 1808 neu errichtet in einem be- sonderen Gebäude, das 183 000 M. gekostet hat, mit 7000 M. dotiert und mit 2 Assistenten. 6. Die neuen Klinischen Institute: a) Medizinische und Frauenklinik, neu errichtet, insgesamt einschliefslich der Kosten für das Pathologische Institut und verschiedener Ergänzungsbauten mit einem Kostenaufwande von 1 551 000 M. Allgemeine jährliche Kosten 74 984 M. Die jährlichen Kosten der medizinischen Klinik allein be- tragen 72 550 M., die der Frauenklinik 64 4833 M. Die *) Eckhardt, Riegel, Bostroem, Gaffky, Vossius, Strahl, Sommer, Geppert, Poppert, Pfannenstiehl. **) Pfeiffer, Olt, Martin. Die Großberzogl. Hessische Ludwigs-Universität zu Gießen. 569 medizinische Klinik hat 4 Assistenzärzte, davon einer für die medizinische Poliklinik(1800 M.) und 3 für die medi- zinische Klinik. Aufzerdem sind 2 NVolontärärzte und 4 Amanuenses vorhanden. An dem Gynäkologischen In- stitut sind außser dem Direktor ein außerordentlicher Pro- fessor, 3 Assistenzärzte und ein Volontärarzt tätig. b) Psychiatrische Klinik, neu errichtet 1896—90 mit einem Kostenaufwande von 740 000 M.; laufende Kosten 125 847 M. Die Psychiatrische Klinik hat einen Oberarzt, einen zweiten Assistenzarzt, 2 weitere Assistenzärzte und 2 Amanuenses. Die innere medizinische Klinik, die Frauenklinik, die psychiatrische Klinik, das pathologisch-anatomische Institut und das hygienische Institut mit drei Dienstwohnungen (besondere Villen) für die Direktoren der inneren medizi- nischen, gynäkologischen und psychiatrischen Klinik machen ein besonderes Klinikviertel aus mit dem Namen: die„Neuen Kliniken“. Zu diesem Viertel gehört noch c) die klinische Apotheke, deren sachliche und persönliche Kosten 15 000 M. betragen. Die alten Kliniken. Diese befinden sich vorläufig noch in einem alten Gebäude, einer früheren Kaserne. Ihr Neubau und die örtliche Vereinigung mit den neuen Kliniken, wofür eine Summe von 1 573 000 M. erfordert wird, ist von den Landständen bereits bewilligt, und der Geländeerwerb (345 800 M.) in die Wege geleitet. Die allgemeinen Kosten der alten Kliniken(Chirurgische und Ophthalmologische Klinik) betragen 40 030 M. Die besonderen Kosten für a) die chirurgische Klinik betragen 110 700 M., dazu kommen noch die Kosten für eine zurzeit nicht besetzte außser- ordentliche Professur und die Vergütungen für 4 Assistenz- ärzte, einen Volontärarzt und 2 Amanuenses, b) die ophthalmologische Klinik betragen 51 318 M. Diese Klinik hat 3 Assistenzärzte und 2 Amanuenses. Die Ohrenpoliklinik; vorläufig in einem alten, gänzlich un- zulänglichen Raume untergebracht, mit einem Avssistenten. Für die laufenden Bedürfnisse sind 2650 M. ausgeworfen. Die Veterinärinstitute. Auch diese Institute werden gegen- wärtig mit einem Kostenaufwand von 600 000 M. neu gebaut und sollen bereits im Jahre 1904, wenigstens zum Teil, be- Die einzelnen Universitäten. zogen werden. Die Neubauten liegen in nächster Nähe des neuen klinischen Viertels. Die allgemeine Verwaltung der alten Anstalten für Tierheilkunde verursacht an laufenden Kosten 1780 M. Die Einzelinstitute sind folgende: a) Anatomisches Institut; sachliche Kosten 1900 M., dazu die Kosten für einen Assistenten und einen Diener. b) Pathologisch-anatomisches Institut; Kosten für laufende Bedürfnisse 1100 M., außerdem persönliche Ausgaben für einen Assistenten und einen Diener. c) Das Tierspital(chirurgische Veterinärklinik, medizinische Veterinärklinik, veterinärmedizinische Poliklinik und Lehr-— schmiede); sachliche Kosten 15 353 M., die persönlichen Kosten der Tierklinik für Direktion, Assistenz und In- stitutsbedienung betragen 7328 M. Den Ausgaben der medizinischen Institute stehen folgende Ein- nahmeposten gegenüber: a) Pfleggelder aus der medizinischen Klinik 41 000 M., b) aus der chirurgischen Klinik 72 000 M., c) aus der ophthalmologischen Klinik 27 000 M., d) aus der Frauenklinik 32 000 M., e) aus der psychiatrischen Klinik 58 000 M., f) Einnahmen der klini- schen Apotheke 5400 M., g) aus dem Tierspital und der Veterinär- anstalt 90000 M., h) aus der Lehrschmiede 5000 M., i) aus anderen Einnahmequellen 16 730 M., zusammen betragen also die Einnahmen der medizinischen Institute 314 730 M. Die sachlichen und persön- lichen Ausgaben dagegen 652 063 M. Es ergibt sich also ein Zuschuß- bedarf aus der Staatskasse von 342 233 M. Die philosophische Fakultät besteht aus 23 Ordinarien*), einem ordentlichen Honorarprofessor, 6 außerordentlichen Professoren, 7 Privatdozenten(zu Beginn des Wintersemesters 1903/4 sind 2 weitere Privatdozenten zur Habilitation zugelassen worden), 2 Lektoren und dem mit Lehrauftrag versehenen Universitätsmusikdirektor. Als Fachgruppen unterscheidet man folgende: 1. Philosophie und Pädagogik: 2 Ordinarien und 2 Privat- dozenten. Es besteht seit 1807 ein philosophisches Seminar, welches mit 200 M. dotiert ist. 2. Geschichte: 2 Ordinarien. *) Heß, W. Oncken, Siebeck, Pasch, Naumann, Behaghel, Spengel, Netto, Wim- menauer, Höhlbaum, Behrens, Hansen, Elbs, Brauns, Bethe, Bartholomae, Groos, Sauer, Biermer, Drude, Wünsch, Sievers, Gisevius. Die Großherzogl. Hessische Ludwigs-Universität zu Gießen. 71 ³◻ Im Etat für 1904/5 ist eine weitere Professur(Extraordinariat) für alte Geschichte eingesetzt. Das historische Seminar, das aus einer Abteilung für mittlere Geschichte und aus einer solchen für Geschichte der Neuzeit besteht, ist im Jahre 1873 gegründet worden und ist mit 1000 M. dotiert. 3. Klassische Philologie: 2 Ordinarien. Es besteht seit 1812 ein philologisches Seminar und seit 1878 ein philologisches Proseminar, letzteres mit einem Assisenten(1200 M.). Der Staatszuschußs beträgt für beide Seminare 3200 M. 4. Neuere Philologie: 2 Ordinarien, 1 Extraordinarius und 2 Lektoren. Es besteht seit 1870 ein praktisches Seminar für neuere Philologie(200 M.) und seit 1886 ein germanisch-romanisches Seminar (700 M.). 5. Vergleichende Sprachwissenschaft und orientalische Philologie: 1 Ordinarius und 1 Extraordinarius. Für ersteres Fach besteht seit 1800 ein sprachwissenschaftliches Seminar, mit 150 M. dotiert. 6. Kunstgeschichte: 1 Ordinarius mit einem archäologischen Institut(1000 M.) und einem kunstwissenschaftlichen Institut(600 M.). 7. Staatswissenschaft und Statistik: 1 Ordinarius und 1 Privatdozent. Seit 1900 ein staatswissenschaftlich-statistisches Seminar mit einer staatswissenschaftlichen Bibliothek(1000 M.). 8. Ein musikalisches Institut(600 M.). 9. Geographie: 1 Ordinarius mit einem geographischen Institut (800 M., darunter 200 M. für Exkursionen). 10. Mathematik und mathematische Physik: 2 Ordinarien, lordentlicher(aber besoldeter) Honorarprofessor und 1 Extraordinarius mit einem mathematischen Seminar(seit 1863), einem mathematischen Kabinett(500 M.), einem mathematisch-physikalischen Kabinett(600 M.) und einem geodätischen Kabinett(300 M.). Ein astronomisches Institut fehlt. 11. Landwirtschaft: 1 Ordinarius mit 1 Assistenten. Für das landwirtschaftliche Institut sind 2540 M. ausgesetzt. 12. Forstwissenschaft: 2 Ordinarien und 1 Assistent, im Etat für 1904/5 ist eine dritte(außerordentliche) Professur für Forst- wissenschaft vorgesehen. Es besteht ein Forstinstitut(2450 M.) und ein Forstgarten mit einem Forstgartenaufseher und einem Gebilfen. 13. Mineralogie und Geologie: 1 Ordinarius und 1 Assistent. Das mineralogische Institut ist mit 2000 M. dotiert. 14. Botanik: 1 Ordinarius, 1 Assistent(1200 M.), 1 Universitäts- Die einzelnen Universitäten. 572 gärtner, 1 Gartengehilfe. Der botanische Garten und das botanische Institut sind mit 9500 M. dotiert.“ 15. Zoologie: 1 Ordinarius, 1 Extraordinarius, 2 Privatdozenten, 1 Präparator und 2 Assistenten. Das zoologische Institut, mit 5000 M. dotiert, ist in demselben Gebäude untergebracht, in welchem sich das anatomische Institut befindet. 16. Chemie: 1 ordentlicher Professor, 1 Lehrer für Nahrungs- mittelchemie und technische Chemie, der gleichzeitig Privatdozent ist, 3 Assistenten am chemischen Laboratorium. Das chemische Labo- ratorium, im Jahre 1802— 1803 mit einem Kostenaufwand von 225 000 M. erbaut, ist mit 11 500 M. dotiert, aus welcher Summe 2 Institutsdiener zu bezahlen sind. 17. Physikalische Chemie: 1 Ordinarius und 2 Assistenten. Das physikalisch-chemische Institut, welches tatsächlich auch als zweites chemisches Laboratorium funktioniert, nimmt den einen Flügel des im Jahre 1900 mit einem Kostenaufwand von 404 000 M. errich- teten neuen physikalischen Institutsgebäudes ein. Die laufenden Kosten für die gemeinschaftliche Verwaltung beider Institute betragen 7700 M. Für das physikalisch-chemische Laboratorium sind fernerhin 4550 M., aus welcher Summe der Diener zu bezahlen ist, vorgesehen. 18. Physik: 1 Ordinarius und 1 Privatdozent, der gleichzeitig Assistent ist und 1 weiterer Assistent. Das physikalische Institut ist für sachliche Ausgaben mit 4000 M. dotiert. Die Universitätsbibliothek beruht zum Teil auf der Senken- bergschen Stiftung und ist, was die laufenden sachlichen Kosten an- betrifft, mit 23 200 M. dotiert. Das Bibliothekspersonal, welches an Besoldung 20 800 M. in Anspruch nimmt, besteht aus einem Ober- bibliothekar als Direktor, 3 Kustoden, 2 Assistenten, einem außer- ordentlichen Hilfsarbeiter und einem Diener. Das neue Universitäts- bibliotheksgebäude, welches 526 000 M. gekostet hat, wird, wie schon an anderer Stelle hervorgehoben, im Herbst 1904 seiner Bestimmung übergeben. *) Die Institute zu 1—13 befinden sich mit Ausnahme des kunstwissenschaftlichen Instituts im Kollegienhause; doch sollen das landwirtschaftliche Institut und das geo- graphische Institut in dem 1904 freiwerdenden Bibliotheksgebäude untergebracht werden. Eben dahin kommt dann das botanische Institut, welches gegenwärtig mit dem physio- logischen Institut vereinigt ist. Für den Umbau des alten Bibliotheksgebäudes sind 35 000 M. ausgeworfen. Die Großherzogl. Hessische Ludwigs-Universität zu Gießen. 573 Für die Pflege der Musik ist ein Universitätsmusikdirektor ange- stellt. Aufßserdem sind ein Universitätsfecht- und Tanzlehrer und ein Universitätsreitlehrer vorhanden. Eine Turnhalle besitzt die Univer- sität nicht. 3. Statistische Ubersichten'). Zanl der Lehnrer. 4 1 Ordentliche Außerordent- Ordentliche 3 Privat- Semester 5. Honorar- liche Lektoren Professoren— dozenten Professoren Professoren S. 1903 46 2 12 15 2 S. 1878 37 1 10 5— . 1850 36 3 15 9— Zanl der Studierenden der Semester evan- katho- Rechts- darunter philoso- darunter gelischen lischen wissen- Medizin 1 Strtiirefn phischen Archi- Theologie Theologie schaft eoie Fakultät tektur schaft S. 1903 74— 193 335 169 485 W. 1902/3 62— 203 351 175 402 5 S. 1902 67 ee 206 333 176 410— W. 1901/2 63— 197 328 146 409 i S. 1901 60 e 206 292 134 358— W. 1900/1 61— 189 284 126 313— S. 1900 68— 190 264 110 333— S. 1395 64— 157 137 28 210 S. 1890 106— 96 167 40 221 S. 1885 105— 65 139 33 230 5 S. 1880 33— 78 79 12 184 W. 1874/5 8— 74 73 7 185 3 S. 1870 27 65 76 13 123 21 S. 1860 56— 42 102 7 156 8 S. 1850 72 3 120 97 8 11656 6 S. 1840 69 50 87 86 12 112 8 S. 18371 100 20 139 100 6 118— S. 1823 38— 149 53-— 2 Die Zahlen der sonstigen zum Hören der Vorlesungen zugelassenen Personen waren im Sommer 1903 52, im Winter 1902/3 60, im Sommer 1902 42, im Winter 1901/2 49, im Sommer 1901 31, im Winter 1900/1 69. Was die weiblichen Besucher der Universität anbetrifft, so unterscheidet man „aufgenommene Hospitantinnen“, die wie ordentliche Hörer behandelt werden, und „Hörerinnen“, welch letztere in den obigen Zahlen der„zugelassenen Personen“ mit enthalten sind. *) Gedruckte Personalbestände liegen erst seit dem Jahre 1823 vor. Die Zahlen für die weiter zurückliegenden Jahre können mit einiger Zuverlässigkeit nicht angegeben werden. Die einzelnen Universitäten. Zahl der immatrikulierten Studierenden. 8 Gesamt- Darunter S t Gesamt- Darunter Semester„. Semester. zahl Nichtdeutsche zahl Nichtdeutsche S. 1903 1 092 53 S. 1890 590 7. 1902/3 1 018 S. 1880 374 S. 1902 1 016 41 S. 1870 291 7. 1901/2 947 33 S. 1860 356 S. 1901 916 24 S. 1850 438 7. 1900/1 847 27 S. 1840 S. 1900 855 3 S. 1830 Die Zahl der zugelassenen Hospitantinnen betrug: Sommer 190 3........ 4 Winter 1902/3 1902. 1901/2 „ 190bo4o 3, 1000/1 Die Zahl der Hörerinnen betrug: Sommer 1903....... 13 Winter 1902/3....... 15 19022 6„ 1901/2.. 106 1901—. 3„„ 1900/1..... 21 „ Einnahmen und Ausgaben der Universität Gießen in den Jahren 1882—1903. Ordentliche Ausgaben Mithin Ordentliche Staatszuschuß Rechnungs- zu den 4 Einnahmen ordentlichen jahr Persönliche Sachliche Zusammen Ausgaben M. M. M. M. M. 1882/83 1856 736 238 592 240 349 478 941 322 205 1885/86 161 356 248 310 254 041 502 351 340 995 1890/91 222 224 259 482 427 578 687 060 464 836 1895/96 2247 703 314 926 573 817 888 743 641 040 1900/01 316 656 387 991 737 227 1 125 218 808 561 1903/04 334 300 443 387 723 013 1 166 400 832 100 Der Staatszuschuß betrug im Jahre 1828 58 100 M., 1864 140 900 M., 1879 270 000 M. Ordentliche und außerordentliche staatliche Ausgaben für größere Neu- und Um- bauten, ausschl. der Kosten für laufende Unterhaltung: 1882/83— 1887/88... 56 533 M. 1898/90— 1900/01... 981 096 M. 1888/89— 1890/91... 250 323„ 1900/01— 1901/02.. 490 187„ 1891/92— 1893/04... 1 579 372„ 1902/03— 1903/04... 1 880 000„ 1894/95— 1897/98. 725 018„ Im ganzen also von 1882/83 bis 1903/4: 5 062 520 M. M. Biermer. 0 ¼ MRZ. ². 2 4. R à 11 4214. Golour& Grey Control Chart ee2e Green vellow Hed Magenta Grey 2 SrS Grey 4 Black