— — — MAoxTcacoeeag Se v. mundaa ſche Hof⸗ u. Univerſitäts- Druckerei Otto Kindt Wwe. 3 5 5 8 8 — 8 3 4 3 77 3 * 4 5 2 4 k 5 1 8 2 7 1 1 e eihnachtsgruß der Univerſite ät Gießen an m ihxt Studenten e Sießen 1917 A 56500 80168 1 11 766 773 — N 3— Weihnachtsgrüße. Liebe Kommilitonen! Ae Ludwigs⸗Aniverſität ſendet Ihnen allen, die Sie im Felde ſtehen, in dieſem kleinen Weihnachtsheft einen herz⸗ lichen Weihnachtsgruß. Litteris et armis, ad utrumque parati. Nach dieſem unſerem Wahlſpruch leben wir jetzt alle im Dienſte des Vaterlandes, ob wir dem Frontheere oder dem Heimatheere ange⸗ hören. Viele von uns heute in der Heimat Tätigen waren mit Ihnen oder vor Ihnen auch draußen. So wiſſen wir wohl, was es heißt, draußen Weihnachten und Neujahr feiern. Was man draußen ungern entbehrt, ſind ja nicht„die guten Tage“ um Weihnach⸗ ten. Auch trauert unſer Herz nicht ſo ſehr um die Anzahl der Ker⸗ zen am Weihnachtsbaum, deren wir draußen wie daheim 1917 nicht ſo viele anzünden, wie in Friedenszeiten. Was Sie aber draußen entbehren müſſen, ſind liebe Hände, die Sie in dieſen Tagen nicht faſſen, und liebe Augen, die Sie in dieſen Tagen nicht ſchauen können. Allein die treue Kameradſchaft kann uns am Weihnachtstage die Liebe erſetzen, die uns ſonſt umgab. Auf dieſe treue Kamerad⸗ ſchaft, liebe Kommilitonen, können Sie aber auch bei dem Heimatheer rechnen. Wir danken Ihnen für alle Mühſal und Entbehrungen, wir trauern mit Ihnen um jeden lieben heim⸗ gegangenen Kameraden. Wir ſehen aber auch freudig mit Ihnen in unſeren glänzenden Erfolgen in Italien die Saat des Friedens und einer ſchönen Zukunft Deutſchlands keimen. Wir ſind mit unſeren Gedanken auch am Weihnachts⸗ und Neujahrstage in treuer Kameradſchaft bei Ihnen, und wir wünſchen mit Ihnen bald den Tag zu erleben, an dem wir dieſe Kameradſchaft Hand in Hand und Auge in Auge in unſerer Aula bei der Friedensfeier erneuern können. Ein geſegnetes Weihnachtsfeſt und ein glückliches neues Jahr wünſche ich Ihnen allen im Namen der Ludoviciana. Dr. Paul Giſevius Rektor der Landes⸗Aniverſität. Liebe Kommilitonen! un geht es ſchon ins vierte Jahr, daß wir Euch draußen wiſſen. b Als wäre es geſtern, ſo ſteht uns der Tag vor der Seele, an dem das eine Wort Krieg uns Alle durchzuckte. über drei Jahre ſind ſeitdem vergangen. Von denen, die im Sommer 1914 unſere Hörſäle füllten, hat ſo mancher ſein junges Leben laſſen müſſen. So mancher iſt wund und ſiech aus dieſem entſetzlichſten aller Kriege heimgekehrt. And Ihr da draußen, Ihr harrt aus in Froſt und Schnee, bei Sturm und Regen, in Trommelfeuer und Schanzarbeit. Mit Euren Leibern deckt Ihr uns und Euer Vaterland. And unſere Dankesſchuld wächſt täglich und ſtündlich. Wenn Jemand Opfer bringt in dieſem Krieg, ſo ſeid Ihr es, iſt es unſere deutſche Jugend. Aber bringt Ihr nur Opfer? Ich meine: Ihr, denen ein gütiges Geſchick es vergönnen wird, die Heimat wiederzuſchauen, habt Ihr wirklich nur Opfer gebracht? Bringt Ihr nicht auch Gewinſte heim? Seid Ihr nicht reich geworden an äußerem und innerem Erleben? So reich, ſo ſtark ſind die Eindrücke, daß Euer junges Leben ſie kaum zu faſſen vermag. And mit dieſen Eindrücken, dieſen Erfahrungen, dieſen Erlebniſſen, ſollt Ihr herantreten an die gewaltigen Aufgaben, die Eurer harren. Denn Ihr ſeid ja unſere Hoffnung, Ihr ſollt das Salz der deutſchen Erde werden. Ob Ihr da draußen als einfache Musketiere im Schützengraben liegt oder ſchweren Arbeitsdienſt verrichtet, ob Ihr als Anteroffiziere oder Leutnants Befehle austeilt oder empfangt: Offiziere ſeid Ihr alle, ſollt Ihr ſein, Ihr deutſchen Akademiker, das kommende Geſchlecht bedarf Eurer Führung. So gilt es, ſolchen hohen Ziels ſich wür⸗ dig zu erweiſen. Wie könnt Ihr das? Wenn erſt der Friede geſchloſſen ſein wird, ſo wird unſer Los uns nicht als reife Frucht zufallen. Harte, angeſtrengte Arbeit werden wir daran ſetzen müſſen, Ihr zumal. Ihr ſeid reifer und älter geworden im Laufe weniger Jahre, als Ihr es ſonſt in dreifach langer Friſt geworden wäret. Daß Ihr noch wieder lernen, noch einmal die Bänke drücken ſollt, das mag Euch ſchwer eingehen. Ich denke auch nicht daran, Euch zum Weihnachtsfeſt dieſen unerbaulichen Gedanken auszumalen. Die bittere Notwendig⸗ 4 keit verkennt Ihr ja doch nicht. Mein ernſtes Wort ſoll anderen Dingen gelten. Ich möchte Euch nehmen, als hättet Ihr die Hinder⸗ niſſe ſchon paſſiert, als hätten ſich die Pforten der Hörſäle und der aus guten Gründen ſchlecht beleumdeten„kleinen Aula“ hinter Euch geſchloſſen, als ſtündet Ihr in freigewähltem Beruf, in Amt und Würden. Das Können will ich als ſelbſtverſtändlich vorausſetzen. Vom Geiſte will ich reden, in dem Ihr an Eure Aufgaben heran⸗ treten ſollt. Ihr werdet, ſo Gott will, in einem neuen, weiten, freien Vater⸗ lande wirken, das, nicht zuletzt durch Euer Verdienſt, mächtig daſteht im Chor der Völker, gewillt und imſtande, ſich in den Dienſt Leben und Segen ſpendender Kräfte zu ſtellen. Wie oft haben wir es geleſen und haben es beim Leſen mitgeſprochen, daß unſer Volk kein Herrenvolk, ſondern ein Führervolk ſein ſoll und will. Was nun von unſerem Volk im Verhältnis zu anderen Völkern gilt, das ſoll auch von Euch gelten im Verhältnis zu Eurem eigenen, zu unſerem Volk. Ihr ſollt keine Herren ſein, ſondern Führer. Mit unerbitt⸗ lichem Ernſt ſoll es vor Eurer Seele ſtehen: Tut ab alles, was von Herrenweſen in Euch iſt, reißt es aus mit Stumpf und Stil, durch⸗ ſchaut es in ſeiner Blöße, in welch gleißneriſchem Gewande es Euch nahen mag. So vertrauensvoll unſer Volk aufſchaut zu ſeinen Führern, ſo ſehr haßt es die Herren. And das gerade iſt ja Gottes Segen an Euch geweſen in dieſer harten, großen Zeit, daß Ihr da draußen mit dem Volk zuſammen waret, daß Ihr Freud und Leid, Mühe und Arbeit, Scherz und Erholung mit ihm teilen, daß Ihr in ſeine Seele ſchauen durftet. Anter allen Erkenntniſſen, die wir brauchen im neuen deutſchen Vaterland, ſcheint mir dieſe die wich⸗ tigſte: Was hülfe es dem Deutſchen, wenn er die ganze Welt ge⸗ wönne und könnte den Zugang nicht finden zum eigenen Volk?! Das walte Gott. And ſchenke Euch eine Weihenacht voll inneren Segens, voll ſtolzer Hoffnung auf Sieg und Frieden, und voll Dankbarkeit. D. Dr. Guſtav Krüger Dekan der Theologiſchen Fakultät. e Liebe Kommilitonen! San ernſter, ſchwerer Zeit ſendet die Juriſtiſche Fakultät Ihnen M ins Feld einen herzlichen Heimatgruß. Dankbar denken wir an Sie, die heute noch mit der Gewalt der Waffen unſer Recht, Leben und Ehre, Haus und Hof im Vaterland ſchützen, und an alle, die ſchon in ſo großer Schar Geſundheit, Blut und Leben für unſer Neich geopfert haben. Wenn wir an die Zukunft denken, die wir Hochſchullehrer mit in erſter Linie vorbereiten ſollen, empfinden wir, daß der Krieg nicht nutzlos für unſere Entwicklung geweſen ſein darf. Wir müſſen uns beſinnen, was er für unſer Recht uns lehrt. Nichts kann uns deutlicher die Wahrheit, Größe und Gewalt der Gemeinſchaft lehren, der erſten Grundlage des Rechts; wir erleben ſie ſtündlich in uns und mit andern. Nichts lehrt uns klarer die Bedeutung der Organiſation und der freigewollten Anter⸗ ordnung unter das Ganze, die uns unſere Stärke und überlegenheit ſichern. Wohl nie iſt die Bedeutung des einzelnen gegenüber der Allgemeinheit ſtärker hervorgetreten. Wir Deutſche fühlen auch im Herzen die Wahrheit des alten Satzes„Recht muß doch Recht bleiben“, des Gedankens, daß das Recht das Wahre iſt, daß in ihm unſere Kraft liegt. Wir dürfen hoffnungsfroh in die Zukunft ſchauen, in der wir gerade wegen der Gerechtigkeit unſerer Sache und unſerer Ehrlichkeit, die wir ſo oft Gutmütigkeit ſchelten, machtvoll daſtehen. Dafür zu kämpfen, iſt wahrlich groß! 6 1/ Wir empfinden die Notwendigkeit, daß das Recht den Kultur⸗ verhältniſſen und den Auffaſſungen der Zeit gerecht wird. Wir wiſſen, daß wir an der Entwicklung des Nechts emſig gearbeitet haben, aber wir fühlen jetzt klar, daß wir noch nicht erreicht haben, was uns nottut, daß wir unſere Einrichtungen noch viel mehr der moraliſchen, politiſchen und wirtſchaftlichen Entwicklung und den Eigenarten unſerer Nationalität anpaſſen müſſen. Wir müſſen viel kleinliches Weſen aufgeben; wir müſſen im beſten Sinne des Wortes volkstümlich denken und unſer Recht auf gegenſeitiges Vertrauen gründen. Das wird keine kleine Aufgabe für uns ſein, aber mit unſerer bisherigen Rechtsbildung und unſerem Streben fühlen wir uns ihr gewachſen, wenn es auch dem einzelnen ſchwer iſt, die Ver⸗ hältniſſe richtig zu erkennen. Es bedarf nur des feſten Willens,— ohne ihn gibt es keine guten Juriſten. Freilich möchte mancher verzagen, wenn er ſieht, wie draußen Anverſtand, Selbſtſucht und Habgier, Haß und Neid und rohe Ge⸗ walt— die Gegner des Rechts— herrſchen, und wie auch bei uns ſoviel Kleinheit und Selbſtſucht ſich zeigen. Aber das ſind Schwächen der Menſchen, die immer daſein werden. Wir wiſſen jetzt, wie mächtig ſie noch ſind, wie groß unſere Aufgabe noch iſt. Bei ihr muß der Juriſt in vorderſter Linie ſtehen. Er kann nach ſeiner Bildung die ſtaatlichen und menſchlichen Verhältniſſe und Kräfte und unſere Entwicklung überſchauen; er kennt die Bedeutung der inneren Anterordnung des einzelnen unter das Ganze und die Wohl⸗ tat der allgemeinen Ordnung mit am beſten. Kommilitonen! Große Aufgaben harren unſer aller! Sie bringen dazu neue Kräfte mit herein, da Sie feſt im Charakter, den Ernſt der Zeit voll erkennend, den Kampf gegen das Schlechte nicht ſcheuend, ruhig die Verhältniſſe erwägend, hoffnungsfroh und mit ſtillem, pflichterfüllendem Idealismus heimkehren zur einfachen, oft drückenden Tagesarbeit. Beleben Sie damit die Daheimgebliebenen; wir wollen von Ihnen darin lernen, unſere Erfahrungen mit Ihnen austauſchen und mit Ihnen zuſammen für unſer Vaterland arbeiten. Dann werden wir ſtark ſein in dem Gedanken, daß das Recht in unſerem Staat und im Völkerleben immer obenanſteht. Dr. Wolfgang Mittermaier i. V. des Dekans der Juriſtiſchen Fakultät. —₰ Liebe Kommilitonen! chon drei Jahre ſind ſeit den denkwürdigen Auguſttagen des Jahres 1914 dahingebrauſt, und immer noch fehlt das ſtark pulſierende Leben in den Hörſälen, Inſtituten und Kliniken. Verwaiſt ſind viele Aſſiſtentenſtellen, und ſchwerer Ernſt laſtet auf der Arbeit der Daheimgebliebenen. So gerne ſie auch von ihnen geleiſtet wird,— wiſſen wir doch, wie ungleich Schwereres und wie Furchtbares vom Heere im Kampfe gegen die tückiſchen Feinde und die Anbilden der Natur ertragen werden muß,— ſo innig wünſchen wir die Rückkehr der lieben Mitarbeiter und Kommilitonen herbei, und hoffen, daß ein ſiegreicher Abſchluß des gewaltigen Völkerringens uns in den Stand ſetzen wird, mit friſchem Mute an die Ausbeſſerung der Schäden des Krieges zu gehen und an unſerem Teile zu immer herrlicherer und immer ſchönerer Blüte des größeren Vaterlandes beizutragen. Hat unſer Schwert aber auch gezeigt, daß es in den langen Friedensjahren nicht ſtumpf geworden, und haben, die es führen, auch bewieſen, daß die Tugenden und Kräfte der Ahnen in ihnen leben, und herrlicher vielleicht, als je ein Geſchlecht zuvor, ſich in unerhörten Gefahren und Nöten bewährt— mit unſeren Waffen⸗ erfolgen allein iſt es nicht getan. Es gilt auch, die Köpfe und Herzen des Volkes zuſammenzufaſſen zu einmütigem Siegeswillen, ſich nicht verblenden zu laſſen von hochtönenden Schlagworten wie Demokratie, Völkerverbrüderung, Abrüſtung. Neid und Haß haben uns über⸗ fallen, weil ſie glaubten, in grauſer Amklammerung mit übermacht uns überwinden zu können. Wenn es gleißneriſch über den Kanal und den Ozean von neuem Völkerrecht herüberſchallt, ſo wollen wir uns ſtets vor Augen halten, daß es kein ſelbſtſüchtigeres, brutaleres und von jedem Bedenken in Verfolgung ſeiner herrſchſüchtigen Ziele freieres Volk gibt, als die Angelſachſen, daß die Baralong⸗ mörder, die Peiniger von Dahomey, die unmenſchlichen Mädchen⸗ ſchänder und Kindermörder von Oſtpreußen dem deutſchen Michel Gift ins Ohr träufeln wollen, um ihn, den ſie mit Waffengewalt trotz aller Abermacht nicht beſiegen können, durch inneren Hader und weltfremde Vertrauensſeligkeit zu Fall zu bringen. 8 Ihr, liebe Kommilitonen, die Ihr zu den Jüngern der Naturwiſſenſchaften gehört, könnt aus der Beobachtung der Natur leicht die Richtſchnur für die richtige Stellungnahme zu dem gewaltigen Ningen unſeres Volkes ſinden. Denn gewaltige Natur⸗ kräfte ſind es, die in dem Ringen der Völker aneinanderprallen, die ſich der Volkskraft nur bedienen zur Erreichung ihrer Ziele. Ein Ningen zwiſchen Gott und Teufel, wie es Luther nennen würde. In der Entwicklungsgeſchichte ſehen wir immer höhere Formen der Entwicklung die niedriger ſtehenden verdrängen. Vererbung und Anpaſſung bringen immer neue Arten hervor, die ſich nur im Kampfe gegen die vorhandenen durchſetzen und als die Höherſtehenden und Lebensfähigeren erweiſen können. Bittere Kämpfe verdrängen das Minderwertige und vernichten es ſchließlich. Aber auch im beſtehenden Leben ſehen wir überall Kämpfe. Tier⸗ und Pflanzenwelt, ja ſelbſt die anorganiſche Natur ſind er⸗ füllt von oft ſtillen, darum nicht weniger erbitterten Kämpfen. Selbſt jedes Einzelleben muß ſich im Kampfe durchſetzen unter Ver⸗ nichtung anderer: Leben heißt töten. Der uns aufgezwungene Krieg iſt nichts anderes als der bittere Kampf der Minderwertigen gegen den Höherſtehenden. Mit ſtolzem Herzen dürfen wir es erkennen, deutſche Leiſtungen, deutſche über- legenheit auf faſt allen Gebieten menſchlicher Tätigkeit, und nicht zuletzt in unſerer Wiſſenſchaft, haben das beſtorganiſierte Staats⸗ weſen der Welt, Deutſchland, zum Gegenſtand des Haſſes und des Neides gemacht. Nun wollen ſie, die uns in unſeren Leiſtungen nicht erreichen, geſchweige denn überflügeln können, uns durch Gewalt vernichten. And nie in abſehbarer Zeit kann der Kampf zwiſchen den Völkern aufhören. Kein Völkerrecht, kein erträumter Völkerbund kann das verhindern. Wer das Völkerrecht wahren will, muß die Macht haben, es zu ſchützen. Wer ſich nicht wehrt, muß erliegen. Der Stärkere ſetzt ſich an ſeinen Platz. Natur⸗ und Menſchheits⸗ geſchichte lehren das Gleiche: ſtets muß Kampf ſein, der die Vor⸗ bedingung der Entwicklung zu höheren Stufen iſt.— Warum ich Euch ſo herbe Lehren zu Weihnachten ſchreibe? Weil Ihr nie mehr ein frohes Weihnachten nach rechter deutſcher Art feiern könnt, wenn nicht unſer Volk ſich geſchloſſen zu männ⸗ licher, kraftvoller Geſinnung durchringt, weil alle unſere Siege, wenn fie uns nicht vermehrte Macht und Erſatz für die Kriegsſchäden 9 bringen, uns nicht retten können vor dem Erliegen unter der er⸗ drückenden Laſt der Kriegskoſten und der kommenden Not. Noch aber lebt der alte Gott, der unſer Volk bewahren wird vor dem Antergang, wenn nur jeder Einzelne willig ſein Selbſt voll einſetzt für Ausharren und Sieg. Gott war ſo unneutral, uns einen Hindenburg und Ludendorff zu beſcheren. In dieſer deutſcher Männer Namen und Art liegt unſer Heil. Nicht bloß um unſer ſelbſt willen, auch um das Heil der Menſchheit wird geſtritten, die mit unſerer Niederlage verarmen müßte. Dank, heißen Dank Euch, die Ihr mitſtreitet für Deutſchlands Heil und Ehre, die Ihr helft, die Mauer zu verſtärken, die unſer geliebtes Vaterland ſchirmt vor dem Einbruch der feindlichen Horden, die Ihr darum die Ehre und der Stolz unſerer alma mater Ludo- viciana ſeid. Möge unſer Wunſch Euch das Weihnachtsfeſt im Kriegs⸗ getümmel als ein Gruß der Heimat ein wenig verſchönen! Möge übers Jahr der Weihnachtsbaum für Euch am heimiſchen Herde auf⸗ geſtellt ſein und ſein Kerzenſchimmer in ein wieder befriedetes, in glücklicher Entwicklung begriffenes, ſiegreiches Deutſchland hinaus⸗ leuchten! Dr. Erich Opitz Dekan der Mediziniſchen Fakultät. -——9——— ᷣↄ Liebe Kommilitonen! 2 ie Veterinärmediziniſche Fakultät gedenkt zur vierten Kriegs⸗ Weihnacht mit Stolz und Dankbarkeit ihrer zahlreichen Kommi⸗ litonen, die mit der Waffe in der Hand und in anſtrengender Berufs⸗ arbeit dem Deutſchen Vaterlande Treue beweiſen. Als wir uns am Schluſſe des Sommerſemeſters 1914 trennten, froh der verdienten Ferienfreiheit, ahnte wohl keiner von uns, daß Ihre„großen Ferien“ diesmal lange Jahre dauern ſollten. Inzwiſchen hat Sie der gewal⸗ tige Krieg mit ſeinem monumentalen Erleben weit hinweg getragen von den größeren und kleineren Sorgen und Freuden der Studien⸗ zeit. And dennoch haben Sie die alte Muſenſtadt nicht vergeſſen. Es iſt der Fakultät eine herzliche Freude geweſen, aus brieflichen AÄußerungen vieler Kommilitonen die Sehnſucht nach wiſſenſchaftlicher Betätigung zu erkennen. Möge das neue Jahr dieſe Sehnſucht be⸗ friedigen und uns wieder zu geiſtiger Arbeit zuſammenführen. In dieſem Sinne ſendet die Fakultät Ihnen allen die herzlichſten Weih⸗ nachtsgrüße. Dr. Wilhelm Pfeiffer Dekan der Veterinärmediziniſchen Fakultät. 11 Liebe Kommilitonen! Mue von Euch, die Infanteriſten ſind, wird wohl bekannt ſein, 89 daß unter den Märſchen, die unſre Pfeifer zum Trommel⸗ ſchlage hören laſſen, außer den altbekannten auch einer iſt, der den Namen trägt: Björneborgarnes Marſch. Die wenigſten aber werden wiſſen, was es damit für eine Bewandtnis hat. Vielleicht iſt es daher manchem nicht unwillkommen, etwas darüber zu erfahren. Der Marſch verſetzt uns zurück in die Jahre 1808- 1809, in die Zeit des Krieges, der Schweden Finnland koſtete. Kein Krieg hat einen Sänger gefunden wie dieſer. In ſeinen„Erzählungen des Fähnrichs Stahl“ hat der finniſche Dichter Runeberg(1804— 1877) in ſchwediſcher Sprache die Heldentaten des kleinen aber unvergleich⸗ lich tapferen finniſchen Heeres dichteriſch verklärt, indem er in Gedich⸗ ten, deren jedes eine Perle iſt, einzelne Ereigniſſe und Perſönlich⸗ keiten aus dem Kriege ſchilderte. Schade, daß dieſe Gedichtſamm⸗ luug, die in der Weltliteratur nicht ihres Gleichen hat, bei uns ſo wenig bekannt iſt, weil von den zahlreichen deutſchen überſetzungen keine auch nur von ferne an die Kraft und Schönheit der ſchwediſchen Dichtung heranreicht. Kein finniſcher Truppenteil wird nun in der Geſchichte jenes Krieges ſo oft und mit ſolchen Ehren genannt, wie die zweite fin⸗ niſche oder Björneborgiſche Brigade, die aus dem Städtchen Björne⸗ borg am Bottniſchen Meerbuſen und aus der Amgebung ausgehoben war. Auch in Runebergs Gedichten tritt gerade dieſe Brigade be⸗ ſonders glänzend hervor. Ihrem Marſche, denn der iſt es, um den es ſich handelt, hat er ſogar ein eignes Gedicht gewidmet, das nach dem Rhythmus des Marſches gebildet, in jedem Finnen vaterländiſche Begeiſterung hervorruft und das auch im Herzen jedes deutſchen Leſers Wiederhall finden muß. Wem aber hat es die Björneborgiſche Brigade zu verdanken, daß ſie Taten vollbracht hat, die ſie würdig gemacht haben, daß ihr Name ſogar in unſerem deutſchen Heere lebendig erhalten wird? Das iſt ihr damaliger Führer, General v. Döbeln(1758— 1819), wohl die merkwürdigſte Perſönlichkeit, die jener Krieg aufzuweiſen hat. Es würde ſich lohnen, ein Bild ſeines Lebens zu zeichnen; hier aber muß ich mich mit der Anführung einiger Züge daraus begnügen. 12 Als junger Mann war v. Döbeln Offizier in franzöſiſchen Dienſten und focht mit Auszeichnung unter dem Grafen La Marck in Indien bei einem von dieſem angeworbenen deutſchen Infanterie⸗ regimente. Äber einen in Indien gefallenen Kameraden, der in der Schlacht bei Goudelour eine Stellung bis zum Außerſten verteidigt hatte, ſchreibt er: „Seine vornehmſte Eigenſchaft war, daß er die wahre und vollkommene Tapferkeit beſaß; in ſeinem Dienſte nämlich war er im Stande, ohne Zeugen zu tun, was ein anderer nur vor den Augen der ganzen Welt getan haben würde.“ Mir ſcheint, daß es nicht möglich iſt, das Weſen der wahren Tapferkeit treffender zu bezeichnen. Als Guſtav III. 1788 mit Rußland in Krieg geriet, ſtellte ſich Döbeln ſeinem Vaterlande zur Verfügung. In dem Gefechte bei Porroſalmi am 13. Juni 1789 wurde er durch eine Gewehrkugel zwiſchen den Augen verwundet und geriet in ruſſiſche Gefangenſchaft. Zwei Jahre ſpäter wurde in Stockholm die Wunde gründlich operiert und der Stirnknochen trepaniert; zwei Operationen waren erforder⸗ lich: die zweite, die 23 Minuten dauerte, verfolgte er mit der Uhr in der Hand und mit Hülfe eines Taſchenſpiegels. Seitdem trug er immer eine ſchwarze Binde um die Stirn, und ſpäter in dem Kriege von 1808— 1809 hieß es dann:„Ja, wenn die ſchwarze Binde dabei iſt, dann geht es ſchon“. Den glänzendſten Beweis dafür, wie ſeine Perſönlichkeit im Stande war, den geſunkenen Mut ſeiner Soldaten zu heben und eine anſcheinend verzweifelte Lage zu retten, lieferte er am 13. Sep⸗ tember 1808 bei Juutas. Er war erkrankt und mußte fern von ſeiner Truppe das Bett hüten. Da trafen Nachrichten ein, daß ſeine Brigade ſchwer bedrängt war; wurde ſie geſchlagen, ſo war dem ganzen finniſchen Heere der Rückzug abgeſchnitten. Kummer und Sorge über die Lage der Dinge ließen ihm keine Ruhe. Noch fieberkrank machte er ſich auf und traf ſeine Brigade in dem traurig⸗ ſten Zuſtande, ganz ermattet, in Lumpen, barfuß, durch Entbehrungen und Anſtrengungen an Leib und Seele niedergedrückt und entmutigt. Als er erſchien, kehrte gleich die Zuverſicht wieder, die gelichteten Reihen ſchloſſen ſich, in unwiderſtehlichem Angriffe warf die Brigade den Gegner über den Haufen und machte dem Hauptheere die Bahn für den Rückzug frei. Das iſt der Tag von Junutas, Döbelns Tag: Runeberg hat ihn in unübertrefflicher Weiſe geſchildert. 13 Nicht vergeſſen ſoll es Döbeln werden, daß er auch in dem Kriege von 1813 eine rühmliche, wenn auch nur kurze Rolle geſpielt hat. Als Generalleutnant war er zeitweilig Oberbefehlshaber der ſchwediſchen Truppen in Pommern und Mecklenburg. In dieſer Eigenſchaft ſchickte er Truppen gegen Davout zum Entſatze Ham⸗ burgs. Aber er hatte damit die erteilten Befehle überſchritten. Bernadotte, der ſchwediſche Kronprinz und Oberbefehlshaber der verbündeten Nordarmee, hatte höchſtens eine Demonſtration erlaubt. Als dieſer im Mai eintraf, wurde Döbeln vor ein Kriegsgericht geſtellt und zum Tode verurteilt, doch wurde die Strafe in ein Jahr Feſtungshaft verwandelt, und Döbeln behielt ſeinen Rang und die damit verbundenen Einkünfte und Würden. Zum Schluſſe möchte ich noch ein paar Worte aus der An⸗ ſprache anführen, mit der ſich Döbeln im Herbſte 1809 von den Keſten des finniſchen Heeres verabſchiedete, lauter Leuten mit abge⸗ nutzten, zerlumpten Kleidern, abgezehrten Leibern, pulverbeſpritzten, ſchwarzbleichen Geſichtern, zerſchoſſenen und verſtümmelten Gliedmaßen: „Finnen! Brüder!... Ihr kennt die vielfältigen Launen des Menſchenherzens, ſeine Neigung, plötzlich Ziele zu wählen, die es niemals zu vergeſſen glaubt; aber kaum ſind einige Wochen verſloſſen, ſo hat die Anbeſtändigkeit eine andere Wahl getroffen. Denn die Zeit verändert Alles— mit ihr vergißt man Alles. Doch verſichere ich Euch, und Ihr ſelbſt werdet das finden, daß die Bande, die durch Kampf, Gefahren, Blut und Tod zwiſchen Kriegern geſchloſſen werden, ſich niemals löſen. So ſeid Ihr und ich der gegenſeitigen Liebe gewiß; denn Kriegerbrüderſchaft dauert die ganze Lebenszeit aus.“ „Könnten dieſe Worte mit blutigen Tränen aus meinen Augen beſiegelt werden, ſo ſollten ſie überſtrömen— und jeder Tropfen Euch meiner Achtung,— meiner Freundſchaft verſichern“. Ihr, liebe Kommilitonen, die Ihr im Felde ſeid, werdet die Wahrheit dieſer Worte über die im Kriege geſchloſſene Kamerad⸗ ſchaft aus eigner Erfahrung beſtätigen können. Möge Euch dieſe Kameradſchaft all die ſchweren Stunden, die Euch noch bevorſtehen, erleichtern; möge Euch aber vor allen Dingen bald vergönnt ſein, ſiegreich heimzukehren und Euch wieder den friedlichen Beſchäftigungen zu widmen, denen Euch der Krieg nun ſchon ſo lange entzogen hat. Mit dieſem Wunſche grüße ich Euch im Namen der Philoſo⸗ phiſchen Fakultät als deren derzeitiger Dekan. Dr. Friedrich Engel Dekan der Philoſophiſchen Fakultät. 14 Sind wir vereint zur guten Stunde. Nachdenkliches über ein altes Studentenlied. o‿in vaterländiſcher Studentenabend im Sommer 1916. Im Saal des Hotel„Schütz“— er genügt unter den jetzigen Verhältniſſen für eine Veranſtaltung der ganzen Studentenſchaft— ſitzt die Ju— gend, die nicht oder noch nicht zur Fahne einberufen iſt— die bunten Mützen haben ſich wieder hervorgewagt— zwiſchen dem Zivil zahl— reiche Feldgraue und manche der eifrigen Hörerinnen, die man heute in den Hörſälen findet. Der Rektor eröffnet die Verſammlung in Vertretung des erkrankten Vorſitzenden des ſtudentiſchen Ausſchuſſes, und ſeine ſcharfe Stimme klingt gerade durch den Saal, als ich ein⸗ trete:„Wir ſingen das erſte Allgemeine, Seite 94: Sind wir ver⸗ eint zur guten Stunde“. Ich finde ſchnell ein Plätzchen zwiſchen einem alten Herren und einem Feldgrauen, und ſchon ſpielt die Muſik. Was iſt es doch für ein Eigenes um unſere wundervollen alten Studentenlieder! Man ſingt ſie immer wieder mit der Andacht und Inbrunſt, wie den Choral in der Kirche. Könnte es etwas Schöneres geben in dieſer Stunde, als dieſes Lied unſres Arndt? „Silentium für den erſten Vers!“ ruft der Rektor, und das Lied ſteigt, und während die jungen Stimmen kräftig ertönen, wan⸗ dern meine Gedanken und vergleichen in den Stimmungen und den Bildern des Liedes das Einſt und das Jetzt. Hundertundzwei Jahre ſind es her, daß Ernſt Moritz Arndt dieſes Lied gedichtet hat. Die Sprache der Freiheitskriege, die hohen ſittlichen Ideale und die ſtolze Begeiſterung einer großen Zeit klingen uns machtvoll aus ſeinen Strophen entgegen. Wie ganz anders verſtehen wir dieſe Sprache und dieſe Empfindungen heute als ſonſt in Friedenszeiten. Jede Zeile zwingt das Bild der großen Kömpfe unſerer Zeit vor unſere Seele, jeder Gedanke weckt das ſtärkſte Mitſchwingen aller Faſern unſeres Herzens, die ſchon ſolange unter der gewaltigen Spannung gewal⸗ tigſter Erlebniſſe ſtehen. Ob wohl dieſe neue große Zeit auch einen ſolchen poetiſchen Niederſchlag ihrer Gedanken und Empfindungen hervor⸗ bringen wird, wie jene Zeit vor hundert Jahren? Noch hat kein neues Lied die alten Lieder verdrängt. Seien wir dankbar für den Schatz an altem Gold, den wir beſitzen und nur im Geiſte umzuprägen brauchen. 15 „Wem ſoll der erſte Dantk erſchallen? Dem Gott, der groß und wunderbar, aus langer Schande Nacht uns allen in Flammen⸗ glanz erſchienen war.“ Wie hat er auch dieſes Mal„unſerer Feinde Trotz zerblitzet und unſre Kraft uns ſchön erneut“! And nun die dritte Strophe:„Des Vaterlandes Majeſtät, Verderben allen, die es höhnen, Glück dem, der mit ihm fällt und ſteht!“ And die Bilder all der Gefallenen, der Jünglinge, die„um den hohen Tod geworben haben“, ſtehen vor der ergriffenen Seele. Aber nun ſtockt der Gedanke. Können wir das Folgende auch noch ſingen? O du mein Deutſchlandl Wie ſah dein Sänger dich in ſeinem hochfliegenden Idealismus durch die Weltgeſchichte ſchreiten? „Es geh' durch Tugenden bewundert, geliebt durch Redlichkeit und Recht, ſtolz von Jahrhundert zu Jahrhundert, an Kraft und Ehren ungeſchwächt.“— Geliebt durch Redlichkeit und Recht?!— Iſt das nicht der reine Hohn? Sind wir denn heute nicht das beſtgehaßte Volk der Erde? Wer liebt uns denn? Wohin wir blicken, begegnen wir dem Haß, der aus dem Neid und aus der Furcht geboren iſt. Selbſt die, die mit uns gehen, achten uns wohl, achten uns vielleicht gewaltig, aber lieben—?! Geben wir es ruhig zu, wir haben uns in den letzten Jahrzehnten, ſeit wir ein einig Volk geworden ſind, um die Liebe unſerer Nachbarn und Geſchwiſter in der großen Völker⸗ familie auch nicht ſonderlich bemüht. Anſere Gaben und Kräfte haben wir brauchen lernen, und zu der inneren Freiheit baben wir uns die äußere Freiheit unſerer Selbſtbeſtimmung als Volk, die Ellbogenfrei⸗ heit für die Stellung unſeres Volkes in der Welt errungen. Mit ſolchem Tun erwirbt man ſich keine Liebe. Einen anderen Weg hat die Ent⸗ wicklung des deutſchen Volkes eingeſchlagen, als ihn Arndt vor hundert Jahren träumte: nicht in das Reich der reinen Gedanken und der idealen Forderungen, ſondern in die harten Kämpfe wirtſchaftlicher Notwendig⸗ keiten hinein. Aber wer möchte zweifeln, daß der alte Feuergeiſt an dieſem andersartigen Aufſchwung ſeines Volkes nicht mit der gleichen Begeiſterung ſeiner glühenden Vaterlandsliebe teilgenommen haben würde? Wie ſteht er heute mitten im Waffenklirren unſerer Zeit mit ſeiner gewaltigen Rede:„Die Freiheit! Deutſcher Männer Weide! Am hellſten ſolls geklungen ſein!“ Iſt es nicht die gleiche Freiheit, um die auch heute der Kampf geht, der Kampf gegen fremde An⸗ maßung und Bedrückung? Iſt es nicht die Freiheit, um die Arndt und ſeine Zeitgenoſſen gekämpft, und die ſie nicht erſtritten hatten, — um die heute noch einmal gekämpft wird und wahrlich— das 16 — ☛ ⅓½ n iſt unſer Wille und unſere Zuverſicht— zum letzten Male gekämpft werden ſoll? And nach dem Lobgeſang der Freiheit das Preislied der deut⸗ ſchen Treue. Aber wieviel zornmütiger als ſonſt klingt uns heute dieſe Strophe in den Ohren! Das ſtolze Wort:„Fürwahr, es muß die Welt vergehen, vergeht das feſte Männerwort“— iſt es heute nicht auch der reine Hohn geworden? Nichts als Lug und Trug umgibt unſer Vaterland, ein Wall von Heuchelei und Verleumdung, und die Welt—? Sie iſt nicht vergangen. Die Erde trägt auf ihrem breiten fühlloſen Rücken Gutes und Schlechtes und bricht nicht zuſammen, nicht unter dem einen und nicht unter dem anderen, und die Weltgeſchichte geht hindurch, wie über Blut und Leichen, ſo durch Wortbruch und Lüge und Gemeinheit. Furchtbar fällt mit dieſen Gedanken der grauſame Ernſt dieſer Zeit auf unſere Seele. Aber mit dir, du treuer ſtarker Arndt, ſingen wir:„Es lebe alte deutſche Treue, es lebe deutſcher Glaube hoch“, und das Bild einer beſſeren Zeit ſteigt vor unſeren Augen empor. Ach, ſie liegt noch in weiter Ferne. Der nächſte Friede bringt ſie uns noch nicht. Denn aus den Saaten ſo blutigen Haſſes können nicht die goldenen Früchte höchſter Geſittung reifen. Aber ſie kommt vielleicht einmal— viel— leicht, wenn das deutſche Reich ſchon längſt wieder vergangen iſt—, denn Staaten ſind ſterblich, wie die Menſchen, aber der Geiſt iſt unſterblich; darum, wenn ſie einmal kommt, wie wäre es denkbar, daß nicht deutſcher Geiſt ihr Antlitz verklärte und deutſches Sittlich— keitsgefühl aus ihren klaren Augen ſtrahlte. Dieſer Glaube, den wir mit unſerem Arndt im tiefſten Herzen tragen, iſt das Glück dieſer Stunde, iſt„das Heil, das uns kein Teufel raubt“, und wenn der Teufel ſelbſt ein Engländer wäre! „Ein Schmollis den Sängern!“ ruft der Rektor, und„Fiduzit!“ erſchallt es von allen Seiten. Walter König. 17 Die Ludoviciana im Jahre 1917. „Die iſt es der Ludoviciana im Jahre 1917 ergangen? Ich gehe gewiß nicht fehl, wenn ich annehme, daß alle Empfänger un⸗ ſerer Weihnachtsgabe ſich für dieſe Frage intereſſieren. Zwar hat manch einer unter den im Felde Stehenden gelegentlich eines Arlaubs einen Blick in die Näume der Aniverſität geworfen; nicht wenige haben auch die Gelegenheit wahrgenommen, nach alter Weiſe ein⸗ mal ein Kolleg zu hören. Aber ein ganzes Bild vom Leben der Aniverſität in dieſer Zeit haben ſie ſich doch kaum machen können. So mag denn eine kurze Schilderung die Fragen beantworten, die unſere Kämpfer im Felde etwa auf dem Herzen haben. Das wichtigſte iſt dies: Die Aniverſität lebt nach wie vor. Oft ſind wir mit der Frage beſtürmt worden, ob ſie ihre Räume ſchließen werde. Beſonders als das Geſetz über den Vaterländiſchen Hilfsdienſt erlaſſen war, wollten ſich die Beſorgniſſe in dieſer Hin⸗ ſicht nicht zur Ruhe geben. Hunderte unſerer Kommilitonen ſtehen im Felde; wenn nun die letzten noch dem Hilfsdienſt zuſtrömten, wie ſollten Vorleſungen und Seminare ihre Beſucher finden? Aber die Beſorgniſſe ſind unbegründet geweſen. Die Behörden waren einſichtig genug, um der Aniverſität die größere Zahl ihrer Lehrer zu belaſſen. Hörer aber fanden ſich nach wie vor, ohne daß deshalb die patriotiſche Hilfsdienſtpflicht vernachläſſigt worden wäre. Die Militärbehörde erkannte ſelber an, daß dem Staat daran liegen müſſe, in den Jahren nach dem Kriege Nachwuchs an Beamten zu bekom⸗ men. So gab ſie die Parole aus, daß für die älteren Semeſter, die 18 nahe vor dem Examen ſtehen, Abſchluß des Studiums wichtiger ſei als Hilfsdienſt. Andere Studierende ſind ſelbſtverſtändlich, ſoweit irgend möglich, in den Hilfsdienſt eingetreten; aber es gelang ihnen in vielen Fällen, Hilſsdienſt und Studium zu verbinden. Freilich, das koſtet doppelte Arbeit. Da iſt jetzt mehr als einer, der des Vormittags, vielleicht gar auch noch am frühen Nachmittag in einem der Dörfer in der Amgegend von Gießen des Amtes als Lehrer der Schule waltet, und der nachher in angeſtrengtem Fußmarſch oder mit der Bahn der alten Muſenſtadt zuſtrebt, um in den Abend⸗ ſtunden ein paar Vorleſungen zu hören und ein Seminar mitzumachen. Ferner gibt es Kommilitonen, die für den Hilfsdienſt ſo wenig wie für den Waffendienſt in Frage kommen, weil die Körperkraft weder für dieſen noch für jenen ausreicht. Kriegsbeſchädigte haben wir jetzt auch in Gießen in nicht ganz kleiner Zahl! Die ſtudierenden Frauen endlich füllen manche Lücken, die ſonſt allzu klaffend hervor⸗ träten. Klein bleibt trotz allem die Zahl unſerer Hörer. Natürlich ſind die Vorleſungen verſchieden beſucht. Es gibt ſolche, die auch jetzt noch keine ganz geringe Hörerzahl aufweiſen. Da ſpielt eben der Anterſchied der Fächer ſeine Nolle. Aber in vielen Auditorien ſind die Bänke nur ſehr ſchwach beſetzt. Zahlen von zwei Hörern oder gar von einem ſind keine Seltenheit. Die wenigen, die ſolche Vor⸗ leſung hören, habens nicht leicht. Sie müſſen immer zur Stelle ſein, wenn ſie nicht den Dozenten im Stich laſſen oder„den“ Mithörer in Verlegenheit bringen wollen. So entwickeln ſie denn einen unheim⸗ lichen Fleiß. Erſt recht gilt das von den Seminarbeſuchern. Sie müſſen immer vorbereitet ſein, immer Rede und Antwort ſtehen. Hoffen wir, daß auch der Gewinn, den ſie ziehen, doppelt ſo groß iſt wie ſonſt! Die Wirkung des Fleißes bleibt jedenfalls nicht unſichtbar. Auch im dritten Kriegsjahr ſind an der Ludoviciana Examina gemacht worden. And nicht einmal ſchlechte! Hier und da hat auch noch einer ſich den Doktorhut geholt. Anter denen, die ſo ihre Studien zum Abſchluß gebracht haben, ſind auch Feldgraue geweſen. Es iſt wahrhaftig keine leichte Sache, einen längeren Heimatsaufenthalt, der ja doch in der Regel nur durch Geſundheitsſchädigung hervorgerufen iſt, zur Auffriſchung der Kenntniſſe, zur Herſtellung einer Examens⸗ arbeit und endlich zum nötigen Examen ſelber zu benutzen. Es iſt ein ſehr gutes Zeichen für die Kämpfer dort draußen, daß ihrer nicht 19 ganz wenige die nötige Energie dafür aufbringen. Vorgekommen iſt es ſchon, daß uns eine Doktorarbeit zugegangen iſt, die im Unter⸗ ſtand an der Front angefertigt war. Sie trägt vielleicht äußerlich die Spuren dieſer Entſtehung. Aber wer ſieht jetzt aufs AÄußere? Von anderen Kommilitonen weiß ich, daß ſie die feſte Abſicht gehabt haben, Mußeſtunden, die der Dienſt im Felde ihnen ließ, zu ähnlichen Zwecken zu verwenden. Aber es kam anders, als ſie gedacht. Sie mußten das Vorhaben auf beſſere Zeiten verſchieben. Kein Wunder, daß unter dieſen Amſtänden für das, was man ſonſt ſtudentiſches Leben nannte, ſo gut wie keine Raum bleibt. Wohl tragen in der letzten Zeit einige wenige Verbindungen wieder ihre Farben; und ſie verſuchen, die Mitglieder, die ſie gewonnen haben, zu einigem Gemeinſchaftsleben zu vereinigen. Zu Kommerſen bringen ſie es ſelbſtverſtändlich nicht. Sie wollten es auch gar nicht, ſelbſt wenn ſie es könnten. Während draußen der Lärm der Schlachten tobt, können wir hier nicht in der alten Weiſe fröhlich ſein. Auch ein beſonderes Hindernis ſteht der alten Weiſe ſtudentiſchen Lebens im Wege. Das Bier, das uns in der Heimat jetzt noch verzapft wird, zu trinken, iſt nämlich alles andere, als ein Genuß. Ehr im Felde ſollt es darin noch beſſer haben.) Man trinkt zuweilen ein Glas— im Gedenken an vergangene beſſere Zeiten und in der Hoff⸗ nung auf kommende Zeiten. Aber, wenn möglich, läßt man es lieber bleiben. Weitaus die meiſten Verbindungen kommen erſt gar nicht in die Lage, ſich zu überlegen, ob ſie Kneipen abhalten ſollen oder nicht. Sind überhaupt Aktive vorhanden, ſo iſt die Zahl ſo gering, daß ſich ſolches Vornehmen gar nicht lohnen würde. So bleibt man denn auf ſeiner Bude und hofft, daß es ſpäter wieder einmal anders werden wird. Das ſtudentiſche Leben ruht. Auch der„Engere Ausſchuß der Studentenſchaft“, der ſonſt in den Angelegenheiten der Ludo⸗ viciana vielfach ein Wort mitzuſprechen hatte, ruht. Trotz mehr⸗ facher Verſuche ſind die Wahlen für den Ausſchuß am Beginn des Winterſemeſters 1916/17 nicht zu ſtande gekommen. Auf den Wunſch der letzten Ferienvertreter übernahm der Engere Senat die Geſchäfte des Ausſchuſſes. Er führt ſie bis heute. Möge der Tag bald kommen, da er ſie wieder in die Hände der Kommilitonen zurück— geben kann! Ich ſagte vorhin: Man bleibt auf ſeiner Bude. Wir wollen hoffen, daß das allen Kommilitonen in dieſem Winterſemeſter immer 20 möglich ſein wird. Man kann im Winter ſich auf ſeiner Bude nur wohl fühlen, wenn ſie geheizt iſt. Im Januar und Februar 1917 iſt es nicht immer leicht geweſen, die nötigen Kohlen zu beſchaffen. Für dieſen Winter ſoll die Stadt jedem Studenten das notwendige Quantum Kohlen bewilligt haben. Aber wer den Bezugsſchein hat, hat darum noch nicht die Kohlen ſelber. Möge es in Gießen nicht dahin kommen, daß(wie von anderen Aniverſitätsſtädten im vorigen Winterſemeſter berichtet wurde) Studenten den ganzen Tag im Bett verbringen mußten, wenn ſie nicht frieren wollten. Im übrigen ſorgt die Aniverſitätsbibliothek für warme Näume. Auch die Seminare im Vorleſungsgebäude halten ihre Pforten geöffnet. überall winken Bücher dem Fleißigen. Dem ärgſten Kohlenmangel zu begegnen, hat die Ludoviciana heuer eine ganz revolutionäre Maßnahme getroffen. Das Winter⸗ ſemeſter iſt verlegt worden! Nicht erſt gegen Ende des Oktober ſtiegen die Dozenten wieder aufs Katheder; pünktlich am 2, Oktober fingen die Vorleſungen an. Die Weihnachtsferien werden verkürzt, und am 2. Februar wird das Semeſter ſein Ende finden. Bringt dann der Februar große Kälte, ſo brauchen Vorleſungsgebäude und Inſtitute ſich nicht(oder nur wenig) am Kohlenverbrauch zu beteiligen; und kein Student braucht in ſeiner Stube zu frieren (Goffentlich findet er daheim ein warmes Zimmer!). Ob die Maß⸗ regel ganz den erwarteten Erfolg haben wird? Wir rechneten auf einen ſchönen Oktober. Dieſe Hoffnung hat getäuſcht. Wir mußten daher ſchon im Oktober heizen. Vielleicht wäre es praktiſcher geweſen, wie wir Gießener anfangs wollten, das Semeſter vom September bis Weihnachten zu halten. Aber wir mußten uns den Schweſter⸗ univerſitäten anſchließen, die es anders machten. Wir tun eben, was wir können. Was wäre ſonſt noch vom Leben der Aniverſität zu berichten? Nach wie vor iſt auf der Kanzlei reichliche Arbeit zu leiſten. And der Rektor hat mit der Leitung der Aniverſitätsangelegenheiten merk⸗ würdiger Weiſe nicht weniger zu tun als im Frieden. Es ſind viel weniger Studenten, die jetzt immatrikuliert und exmatrikuliert werden wollen, aber von dieſen wenigen hat faſt jeder ſein beſonderes An— liegen, ſeine beſonderen Fragen und Nöte. Das iſt überhaupt für dieſe Kriegszeit bezeichnend, daß die gewöhnlichen Schemata nicht ausreichen. Alle möglichen neuen Lagen fordern neue Entſchlüſſe. Wie ſchwierig für manchen die Entſcheidung, ob er weiter dem 21 Studium ſich widmen kann, oder ob er in Zukunft dem Hilfsdienſt gehören ſoll! Wie dringend für die aus dem Felde Heimgekehrten der Wunſch, möglichſt raſch zum erſehnten Ziele zu kommen! Wie vielfach die Fragen nach der Anrechnung der Kriegsſemeſter¹)! Wie oft müſſen jetzt die Termine, die ſonſt ſo regelmäßig innegehalten wur⸗ den, verſchoben werden! Immatrikulationstermine? Ja, aber in dieſer Woche iſt Abiturientenexamen, und in der folgenden zieht ein Teil der ſoeben Geprüften den feldgrauen Rock an! Oder es kommt einer, der noch nicht immatrikuliert war, aus dem Feld nach der Heimat, um das Verſäumte raſch nachzuholen. Examenstermine? Ja, aber wenn ein Examinand vom militäriſchen Arlaub abhängig iſt? In Gießen iſt man elaſtiſch genug, um jede Rückſicht zu neh⸗ men, die aus ſachlichen Gründen genommen werden muß. Mag denn jetzt manches einen anderen Weg gehen als ſonſt! Mag manche Beratung, mancher Beſchluß nötig werden, den ſonſt feſtgefügte Satzungen überflüſſig machten! Wir tun gern, was getan werden muß, um berechtigten Wünſchen der Kommilitonen entgegenzukommen, die fürs Vaterland im Felde ſtehen. Bei dieſer Gelegenheit ſei eine Zukunftsfrage erwähnt, die in den Zeitungen viel erörtert worden iſt: die Frage der„Trimeſtrie⸗ rung“ des akademiſchen Jahres. Ein ſchauderhaftes Wort:„Tri⸗ meſtrierung“. Aber das ſollte uns nicht ſtören, wenn die Sache gut wäre. Gemeint iſt ja, daß einige Zeit nach dem Kriege das Jahr nicht zwei Semeſter, ſondern drei„Trimeſter“ haben ſoll, deren jedes gleich einem Semeſter zu gelten habe. So könnte denn ein Studium von ſechs Semeſtern in zwei Kalenderjahren abſolviert werden. Wahrſcheinlich leuchtet der Plan manchem ein: Ei des Ko⸗ lumbus! Wir in Gießen haben doch ſchwere Bedenken. Drei Se— meſter von der Länge der jetzigen ſind ja gar nicht in ein Jahr zu preſſen; alſo würden die Semeſter verkürzt werden, die Ferien faſt 5 ganz fortfallen. Was würde das für eine Hetzjagd werden! Könn⸗ ¹) Eine Ordnung dieſer Angelegenheit ſteht bevor. Eine gewiſſe Verkür⸗ zung der Zahl der Pflichtſemeſter wird— je nach dem Studium in beſonderer Feſtſetzung— genehmigt werden. Daß nicht die ganze Kriegszeit aufs Studium angerechnet werden kann, verſteht ſich ja von ſelbſt; wenn das geſchähe, könnte ja mancher ſein Examen machen, ohne je die Aniverſität von innen geſehen zu haben! Aber die Zeit, die nicht aufs Studium angerechnet wird, wird wahr⸗ ſcheinlich den Amtsjahren zugerechnet werden. Damit wird allen Wünſchen genügt ſein. t ten die Nerven derer, die ſo lange im Schützengraben geweſen, dieſe Gewaltoffenſive der Wiſſenſchaft ertragen? Könnten ſie die Flut von Vorleſungen, die das ganze Jahr durch auf ſie einſtürmen würde, verarbeiten? And ein Vorteil würde ihnen doch nicht erwachſen. Da nicht neben einander Semeſter und Trimeſter gehalten werden können, ſo würden auch die jungen Studenten, die gerade nach dem Krieg ihr Studium beginnen, ohne irgend etwas vom Krieg geſehen zu haben, mit gleicher Eile die Bahn durchmeſſen, und, da ſie nie aus der Bahn geworfen waren, vielleicht gar noch die Vaterlands⸗ kämpfer überflügeln. Es wird beſſer ſein, wenn auf andere Weiſe (vielleicht durch Ferienkurſe) dafür geſorgt wird, daß niemand nach dem Krieg lange akademiſche Ferien nutzlos verbringen müſſe. Vom Leben der Aniverſität ſoll ich berichten. Dazu gehört auch, daß ich es ausſpreche: Die Aniverſität lebt jetzt ganz mit dem Vaterland, ganz mit ihren Angehörigen draußen. Dozenten wie Studenten tauſchen die Nachrichten unter einander aus, die vom Feld her eingehen. Was uns berichtet wird, Fröhliches wie Trau⸗ riges, wird ſogleich gebucht. Jedes Einzelnen Geſchick geleiten wir mit unſeren Gedanken. Wir tragen innerlich mit den Flandern! kämpfern die Laſt der engliſchen Maſſenangriffe; was habt Ihr dort auszuhalten gehabt, Ihr Wackeren! Wir jubeln mit den Italien⸗ Kämpfern über den glorreichen Feldzug, der vom Iſonzo ausging. Daß wir das in dieſem harten Jahr 1917 noch erleben durften! Wir fühlen uns mit den in Rußland, Galizien und Numänien Stehenden in die Beſchwerlichkeiten des vierten Winterfeldzuges ein! Wir leben mit Euch, die Ihr für uns kämpft! Ihr haltet durch; wir wollen es auch tun. Es wird auch uns nicht immer leicht. Nun ſchon durch ſieben Semeſter vor zwei oder drei Hörern leſen: das iſt auch ein Kriegsdienſt. Er iſt doch noch leich⸗ ter als der Eure. Die alma mater Ludoviciana hält tapfer durch. And ſie hofft, während ſie ſtill ihre Schuldigkeit tut. Sie hofft auf den Tag, da Ihr wieder ihre Näume füllt. Sie hofft auf den Tag, da Ihr wieder der Wiſſenſchaft gehören werdet. Gebe Gott, daß der Tag bald komme! Martin Schian. 23 Die Strategie des Weltkriegs. ie Weltgeſchichte kennt zwei grundſätzlich verſchiedene Erſcheinungs⸗ 2 formen des Krieges, die in verſchiedenen Epochen einander ablöſen. In der neueren Geſchichte treten ſie einander in den Kriegen des 19. Jahrhunderts(Zeitalter Napoleons und Moltkes) und des 17. und 18. Jahrhunderts(Zeitalter Ludwigs XIV. und Friedrichs des Großen) gegenüber. AÄußerlich ſpringt ſogleich die verſchiedene Dauer der Kriege in die Augen: der längſte Krieg Napoleons, der zweite Koalitionskrieg(1799— 1801)— wenn man vom erſten Revolutions⸗ kriege, der zum Teil noch in die vorhergehende Epoche gehört und vom ſpaniſchen, der eine Nebenaktion iſt, abſieht—, hat weniger als zwei Jahre gedauert und war überdies noch durch wiederholte Waffenruhen unterbrochen; in der vorhergehenden Periode waren Kriege von doppelter und dreifacher Dauer die Negel. Ebenſo ver⸗ ſchieden war die Intenſität der Kriegführung: die jüngere Periode zeigt eine große Menge Schlachten, die ältere hat trotz der längeren Dauer der Kriege viel weniger große taktiſche Entſchei⸗ dungen, ja im polniſchen und bayeriſchen Erbfolgekriege fehlen ſie überhaupt, und die meiſten, wie der Siebenjährige und Spaniſche Erb⸗ folgekrieg, zeigen Jahre ohne taktiſche Zuſammenſtöße von Bedeutung. Nicht minder markant iſt die Verſchiedenheit der Größe des Kriegs⸗ ſchauplatzes: in den Feldzügen Napoleons und Moltkes dringen die Truppen trotz der kürzeren Zeit in gewaltiger Schnelligkeit tief ins feindliche Land ein und beſetzen mächtige Räume, der Krieg rollt von Berlin bis vor Wien oder bis Paris und Orleans, von Paris bis Wien, Königsberg, Moskau und Madrid. Die Heere Ludwigs und Friedrichs ſchlagen ſich gewöhnlich in den Grenzprovinzen, oft dreht ſich ihr Kampf jahrelang um einige Landſchaften oder Feſtungen. Stürmiſche Verfolgungen, wie nach den Schlachten von Jena und Belle Alliance finden wir da nicht, nur vorſichtiges Nachrücken auf kurze Strecken; es iſt ſelten, daß einmal eine ganze Provinz nach einem Siege in Beſitz genommen wird. Häufig ſehen wir die Heere kürzere oder längere Zeit einander gegenüberſtehen, keins wagt das andere anzugreifen, weil die Stellungen zu feſt ſind, beide ſuchen ſich durch allerlei Künſte zum Verlaſſen ihrer Stellung zu bewegen, bisweilen mit Erfolg, nicht ſelten muß die eine Partei das erfolg— 24 —— 22— —-- D——— ———,——,— —,.,—— —.————,——-———— loſe Warten aufgeben und einen mehr oder weniger verluſtreichen Abmarſch antreten. In den Kriegen des 19. Jahrhunderts ſucht man ſolche Epiſoden vergebens; keine Stellung iſt ſo feſt und ſo aus— gedehnt, daß ſie weder direkt angegriffen, noch umgangen werden könnte. Sind die Schlachten der jüngeren Periode zahlreicher, ſo ſind ſie dafür weniger blutig als die älteren: das 17. Jahrhundert muß gewöhnlich den 5. bis 10. Teil der Truppen an Toten und Verwundeten opfern, das 18. noch bedeutend mehr, im 19. ſind Ver⸗ luſte bis zwanzig vom Hundert ſelten, weit geringere dagegen die Regel. Endlich kennt die ältere kriegeriſche Form längere regelmäßige Anter⸗ brechungen der Feindſeligkeiten durch Winterquartiere, im 19. Jahr⸗ hundert geht der Feldzug Sommer und Winter mit gleicher Energie weiter. Alle dieſe Momente bewirken, daß die Schlußentſcheidung auf ganz verſchiedene Weiſe herbeigeführt wird: Napoleon und Moltke zertrümmern in ſchnellen gewaltigen Schlägen die Streit⸗ kräfte des Gegners und brechen hierdurch ſeinen Willen; Ludwig und Friedrich erſchöpfen allmählich die feindlichen Mittel: wer den läng⸗ ſten Atem behält, hat den Krieg gewonnen. Die Arſachen dieſer verſchiedenartigen Kriegführung liegen in der Verſchiedenheit der allgemeinen Zuſtände. Nur in einer ganz flüch⸗ tigen Skizze ſeien ſie angedeutet. Die Heere des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts ſind kleiner als die ſpäteren, ſie tiraillieren nicht und requi⸗ rieren nicht. Die verſchiedene numeriſche Stärke erklärt ſich aus der politiſchen Verfaſſung der Staaten. In den Staaten der älteren Epoche hatte jeder Stand ſeine beſonderen geſetzlich fixierten Rechte und Pflichten, ſo daß es nicht möglich war, die Wehr⸗ und Steuer⸗ kraft völlig auszunutzen; ſeit der franzöſiſchen Revolution waren die ſtändiſchen Sonderrechte beſeitigt oder gemildert, die allgemeine Wehr⸗ pflicht eingeführt und die finanzielle Leiſtung der Antertanen bedeutend geſteigert worden. Dieſe beiden Neuerungen ermöglichten, wie ſogleich einleuchtet, die Aufſtellung größerer Heere als früher, aber auch die Qualität der Truppen war grundverſchieden: ſeit dem 19. Jahrhundert beſtehen die Heere aus Landeskindern, vorher waren ſie zum großen Teile aus fremden Söldnern zuſammengeſetzt. Die neue Zuſammen⸗ ſetzung ergab eine neue Moral: die Söldner waren vielfach mit Liſt und Gewalt eingeſtellt, alſo unzuverläſſig und ſuchten wieder zu ent⸗ laufen, oder ſie hatten den Soldatenberuf ergriffen, um eine Ver⸗ ſorgung zu haben, und ſtanden der Sache, für die ſie fechten ſollten, innerlich kühl gegenüber. Nicht ſelten übertraf die Zahl der Deſer⸗ 25 teure die der blutigen Verluſte. Die neuen Armeen dagegen kämpf⸗ ten durchweg mit innerer Hingabe und litten nicht unter dem Fluche der Deſertion. Zudem war der Erſatz in der jüngeren Periode viel leichter, da man aus dem ungeheuren Reſervoir des ganzen Volkes ſchöpfen konnte, in der älteren war es ſchwierig, im Kriege neue Söldner von außen zu gewinnen. Wegen der Gefahr des Ausreißens war es notwendig, die Mannſchaften unter beſtändiger Aufſicht zu halten; folglich mußte man auf Tiraillieren und Requirieren, das die Aufſicht erſchwerte oder gar unmöglich machte, verzichten. Man mußte alſo die Truppen aus Magazinen ernähren, wodurch die Beweglichkeit eingeſchränkt wurde, und im Gefecht ausſchließlich in geſchloſſenen Formationen auftreten laſſen: Mann an Mann, in drei bis ſechs Gliedern(Linear⸗ taktik) marſchieren die Bataillone ins Feuer. Hieraus ſchon erklärt ſich zur Genüge die Verſchiedenheit der Kriegführung: mit den kleinen, ſchwerfälligen und ſchwer zu erſetzenden Heeren konnte man weder große Strecken beſetzen, noch in immer wiederholten großen Schlachten die Entſcheidung ſuchen: mehrere Schlachten kurz hintereinander hätten die Armee bald verbraucht, zumal infolge der eigentümlichen Taktik die Verluſte, wie erwähnt, hoch waren und der Sieg nicht weniger als die Niederlage koſtete. Im 19. Jahrhundert waren die Verluſte geringer und der Erſatz leichter. Aberdies waren die Siege weniger entſcheidend und bewirkten nur unter äußerſt günſtigen Amſtänden die Vernichtung der geſchlagenen Armee, denn eine raſche Verfolgung, die einſeitige Fortſetzung der Schlacht nach Clauſewitz' Wort war nur ausnahmsweiſe möglich. Nach dem Siege mußte man vielmehr ſchleunigſt die durch die Schlacht gelockerten Verbände wieder ordnen, damit die Verwirrung nicht das Deſertieren begünſtige, und dieſe Pauſe konnte der Beſiegte benutzen, ſich in eine geſicherte Stellung zurückzuziehen. Im 19. Jahrhundert fiel dieſe Rückſicht für den Sieger fort und außerdem war gewöhnlich nicht das geſamte Heer direkt am Kampfe beteiligt, ſo daß ſofort unberührte Truppen die Ver⸗ folgung antreten konnten, im 17. und 18. dagegen konnte nur höchſt ſelten ein Teil außer Feuer bleiben. Auch daß die ſtarren Linien, die beim Anmarſch ein vortreffliches Ziel boten, wenig geeignet waren, feſte Stellungen anzugreifen, iſt ohne weiteres verſtändlich. Aus alledem iſt erklärlich, daß größere Schlachten meiſt nur im Anfang des Krieges geſchlagen wurden, ſo lange die Armeen vollzählig und trefflich ausgebildet waren; da ſie aber den Krieg nicht entſchieden, 26 G 700 ⏑ — ——— ù ——,— ½—— „ ſo entſchloß man ſich bei verminderter Zahl und Qualität der Trup⸗ pen immer ſchwerer zum Schlagen, und ſo ſcheinen die Kriege ſchließ⸗ lich einzuſchlafen; ſelbſt die gewaltigſten Kriege der Epoche, der Sieben⸗ jährige und Spaniſche Erbfolgekrieg zeigen in ihren letzten Jahren keine größeren Kämpfe mehr. Auch die Winterruhe ergab ſich aus den geſchilderten Verhältniſſen: die regelmäßige Verpflegung aus den Magazinen war bei den damaligen Verkehrsmöglichkeiten im Winter allein im feſten Quartier erreichbar. So iſt die Strategie vor 200 Jahren eine ganz andere als vor 100 Jahren: ſie erſtrebt keine ſchnelle Zerſtörung der feindlichen Hilfsquellen, ſondern eine allmähliche: durch Gefechte, Abſchneiden von Zufuhren, Wegnahme von Städten, Landſchaften und Magazinen u. dergl. ſucht ſie dem Feinde, unter geſchickter Schonung der eigenen Kräfte, ſoviel Schaden zuzufügen, daß er ſchließlich den Kampf aufgibt. Nicht ein großer Schlag, ſondern viele kleine: Pfennig auf Pfennig häufen, bis ſchließ⸗ lich ein Taler daraus wird, ſagte Friedrich der Große. Zu welcher Kategorie ſoll man nun das gewaltige Drama, das ſich vor unſeren Augen abſpielt, rechnen? Ohne Zweifel berührt es ſich mit beiden in vielen Punkten. Das rieſige Menſchenaufgebot, die ungeheure Ausdehnung des Kriegsſchauplatzes, die gewaltige Zahl der Schlachten, deren Ergebniſſe zum Teil alles bisher Bekannte weit übertroffen haben, weiſen auf die Epoche Moltkes und Napoleons hin, nur iſt die Gewalt mächtig geſteigert. Die lange Dauer des Krieges dagegen teilt der Weltkrieg mit der älteren Periode, ebenſo die große Ausdehnung des Stellungskrieges, die Beſetzung rieſiger Schanzen- und Grabenlinien, die dem Feinde den Eintritt in ganze Länder verwehren ſollen. Aber auch hier gibt es einen Anterſchied. Vor 200 Jahren mißlang in der Negel der Verſuch, meilenlange Stellungen zu behaupten, weil die verteidigende Truppe zu ſchwach war, alle Stellungen wirkſam zu beſetzen und einen Durchbruch wie eine Amgehung zu verhüten; heute ſind die Armeen ſo groß, daß ſie Linien von Hunderten von Kilometern ausreichend beſetzen können. And gerade durch die große Ausdehnung erhöht ſich die Ausſicht, ſichere Flankenanlehnung zu gewinnen, ſei es das Merr, ſei es ein neutrales Land. Die moderne Technik dient ſowohl dem Angriff wie der Verteidigung ſolcher Stellungen. Wenn die Wirkſamkeit der Artillerie und der übrigen Zerſtörungsmittel ungeheuer geſteigert iſt, ſo auch die Kunſt des Schanzens, und vor allem ermöglicht die ver⸗ größerte Beweglichkeit der Truppen infolge der Verbeſſerung der 27 Verkehrsmittel, ſchwachen Punkten ſchleunigſt Reſerven zuzuführen. Man kann daher weder von einer Äberlegenheit des Angriffs noch der Verteidigung ſprechen; wie die Durchbrüche im Oſten und am Iſonzo, das Standhalten der Deutſchen im Weſten und der öſterreicher am Iſonzo zeigen, ſpielen Führung und Qualität der Truppen wie ſtets die Hauptrolle. And wie ſoll man die Schlacht im Geſamtrahmen der Strategie bewerten? Iſt ſie wie unter Napoleon und Moltke das weitaus wichtigſte, faſt einzige Kriegsmittel oder ſind ihr die oben erwähnten ebenbürtig wie vor 200 Jahren? Kann die Schlacht oder beſſer eine Kette von Schlachten den feindlichen Willen brechen oder wird es auf eine langſame Erſchöpfung wie im Siebenjährigen Kriege hinaus kommen? Sicher iſt, daß heute ein Sieg nicht in demſelben Maße wie im 19. Jahrhundert unter den Streitkräften des Geſchlagenen auf— räumen kann, und daß die Einzelentſcheidung alſo von geringerer Bedeutung für den Endzweck iſt; aber das liegt nicht wie unter Friedrich dem Großen an der inneren Anvollkommenheit des Heeres, die eine Ausnutzung des Sieges nicht geſtattet, ſondern an der größeren Menge der Kriegsmittel, die viel ſtärkere Verluſte ertragen kann. Ein Sieg mit 100 000 Gefangenen in den erſten Wochen des Krieges hätte vor 100 Jahren den Krieg entſchieden und vor 50 wenigſtens der einen Partei einen nicht wieder einzuholenden Vor⸗ ſprung verſchafft: heute können ſolche Einbußen verſchmerzt werden. Die Steigerung der Schlagkraft iſt alſo durch Vermehrung der Kampfmittel wettgemacht worden, wodurch eine Verlängerung des Krieges erzwungen wird. Soll man alſo in der Strategie Hindenburgs eine neue Form der Napoleoniſchen oder der Fridericianiſchen ſehen? Ich möchte dieſe Frage heute, wo das letzte Wort des Krieges noch nicht ge⸗ ſprochen iſt und ſo viele intime Dinge, wie namentlich die blutigen Verluſte, noch unbekannt ſind, nicht beantworten; ich wollte nur den kämpfenden Kommilitonen, denen ein Vergleich ihres Krieges mit den früheren ſo nahe liegt, einige Winke geben, welche hiſtoriſche Größen Form und Intenſität der Kriege beſtimmt haben und noch beſtimmen. Guſtav Roloff. Geographie und Weltpolitik. re den vielen Schlagworten, mit denen die heutige Preſſe aller Länder arbeitet, nimmt neben Militarismus, Imperialis⸗ mus, Demokratie, Freiheit der Meere, Mitteleuropa auch das Wort Weltpolitik eine hervorragende Stelle ein. In Deutſchland iſt es heimiſch geworden, ſeitdem wir eine Kolonialpolitik treiben; ganz von ſelbſt wurde erkannt, daß Kolonialpolitik Weltpolitik vorausſetzt. Es läßt ſich aber nicht leugnen, daß ein großer Teil des deutſchen Volkes in den letzten drei Jahrzehnten mit der Kolonialpolitik auch die Weltpolitik ablehnte und darunter ein großes Luftſchloß verſtand, das ihm von einer Anzahl unklarer Schwärmer für übertriebene nationale Ideale vorgeſpiegelt werde. Nun hätte der Krieg dieſen Kreiſen wohl für die Notwendig⸗ keit einer Kolonialpolitik, alſo auch Weltpolitik ein größeres Ver⸗ ſtändnis bringen ſollen, da wir täglich am eigenen Leibe erfahren, welche einſchneidenden Schäden und Entbehrungen uns die Abſperrung von den Rohſtoffen auferlegt, die nicht in den Gebieten des Vier⸗ bundes erzeugt werden können. Dennoch hält auch jetzt noch ein Teil unſeres Volkes daran feſt, die Aufgabe der deutſchen Politik in der Betätigung innerhalb Europas zu ſehen. Die Schuld an dieſer Rückſtändigkeit liegt an der ungenügenden politiſchen, geographiſchen und hiſtoriſchen Schulung unſeres Volkes. In den Schulen werden die Schüler z. B. über die für Deutſchland gewiß große Bedeutung des Siebenjährigen Krieges ausführlich unterrichtet, aber von ſeiner Wichtigkeit für die Weltpolitik und der Tatſache, daß während des⸗ ſelben der Grund für das überwiegen der engliſchen Seemacht über alle übrigen gelegt wurde, erfahren ſie meiſt nichts. In der Preſſe iſt heute faſt nur von Belgien, Nordfrankreich(beſſer wohl Oſtfrank⸗ reich), von Polen, Kurland und den Balkanſtaaten die Rede, außer⸗ dem aber beſonders von inneren Fragen, wie Wahlrecht, Verfaſſungs⸗ reform, Parlamentariſierung, aber ſo gut wie nie von der ungeheuren Bedeutung des Verluſtes unſerer Kolonien, von der Gefahr der Monopoliſierung des Indiſchen Ozeans durch England, von der Zu⸗ kunftswichtigkeit des Großen Ozeans für uns. Auch unſere amtlichen Stellen, welchem Regierungszweige ſie auch angehören mögen, laſſen 29 es an der Aufklärung des Volkes durch die Preſſe, die doch ſonſt für wichtige Zwecke von ihnen reichlich mit Stoff verſehen wird, in dieſer Hinſicht durchaus fehlen. Es iſt auch wohl nicht zu viel behauptet, daß ein großer Teil derer, die mit dem Worte Weltpolitik arbeiten, ſich keine genügende Rechenſchaft darüber gibt, was es bedeutet, ſondern es gedankenlos nachſchreibt oder nachſpricht. Nun kann man den Begriff Weltpoli⸗ tik ebenſo wie einige andere oben genannte, z. B. Freiheit der Meere, Mitteleuropa, Imperialismus, nicht ohne eine gründliche geographiſche und hiſtoriſche Schulung verſtehen. Daher iſt es die Aufgabe des Geographen, auf Grund ſeiner Fachkenntniſſe in der politiſchen Geo⸗ graphie dieſen Begriff zu erklären. Eine ſolche kurze Anterſuchung ſoll hier verſucht werden. Was iſt Weltpolitike Man bezeichnet damit die Betäti⸗ gung eines Volkes in einer Politik, welche die ganze Erde in den Kreis ihrer Aufgaben zieht. Denn wir haben uns gewöhnt, unter dem Worte„Welt“ unſere kleine Erde zu verſtehen und reden, von Weltgeſchichte, obwohl wir damit meiſt nur die Geſchichte der euro⸗ päiſchen Völker meinen, von Welthandel und Weltverkehr, wobei wir an die Handels⸗ und Verkehrsbeziehungen aller Völker unter⸗ einander denken, und von Weltmächten, zu denen auch das Deutſche Reich ſeit ſeinem Eintritt in die Reihe der Kolonialmächte gehöre. Weltpolitik umfaßt aber nicht nur die Erörterung der politiſchen Wechſelwirkungen der Staaten auf⸗ und gegeneinander, ſondern auch die richtige Leitung der wirtſchaftlichen Wechſelbeziehungen zwiſchen ihnen. Am eine klarere Vorſtellung von Weltpolitik zu erhalten, als dieſe Begriffsbeſtimmung erlaubt, führe ich einige Beiſpiele aus der Geſchichte an und frage: Wer hat Weltpolitikgetrieben und wer treibt ſie zur Zeit noch? Die Antwort lautet: nur ganz wenige Völker im Laufe der Geſchichte. Im Altertum nur die Römer. Sie allein hatten ein Weltreich im Sinne der damaligen Begrenzung des Geſichtskreiſes, der natürlich nicht die ganze Erde umſpannen konnte. Allenfalls kann noch von einem perſiſchen Welt⸗ reich geſprochen werden; dagegen haben die Phöniker und Griechen kein Weltreich beſeſſen, ſondern nur Welthandel getrieben, und auch das Reich Alexanders des Großen kann nicht in Betracht kommen, da es nur wenige Jahre beſtand. Im Mittelalter ſind nur die 30 —— 00—+ +α—. — —————4j Araber und ganz gegen ſein Ende die Mongolen und Türken anzu⸗ führen; Karl der Große hatte kein Weltreich, auch keiner der Hohen⸗ ſtaufen. In der Neuzeit mußte ſich der Begriff Weltreich natur⸗ gemäß erweitern. Er trifft daher nur auf weiträumige Staaten mit großem Kolonialbeſitz zu und iſt an die Seegeltung geknüpft; an die Stelle eines kleinen engräumigen Geſichtskreiſes tritt die Amſpannung der ganzen Erde vermittelſt der Beherrſchung der Meere. Nun be⸗ ginnt die Zeit der großen Weltpolitik. Zuerſt, im 16. Jahrhundert, wurde ſie ausgeübt von den Portugieſen und den Spaniern, von denen die erſteren den Indiſchen Ozean, die letzteren den Atlantiſchen beherrſchten. Im 17. Jahrhundert traten an die Stelle der Portu⸗ gieſen die Niederländer, im 18. kamen England und Frankreich mehr und mehr empor, drängten zunächſt Spanien zurück und kämpften dann um die Herrſchaft; das Ende des Jahrhunderts ſah ſchon die Nieder— lage Frankreichs gegenüber England. Im 19. Jahrhundert ſchied Spanien ganz aus, England wurde die Beherrſcherin der Weltpoli⸗ tik und iſt es auch heute noch. Aber gegen Ende des Jahrhunderts traten vier neue Bewerber in die Weltpolitik ein, das Deutſche Reich, Nußland, Japan und die Vereinigten Staaten. Aber das Ergebnis ihres Wettbewerbs wird der zu erwartende Friede entſcheiden und damit auch über die Vormächte der Weltpolitik in der erſten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aus dem eben Geſagten ergiebt ſich z. T. ſchon die Antwort auf die weitere Frage: Wo iſt der Schauplatz der Weltpoli⸗ tik?, eine Frage, die uns zu den engſten Beziehungen zwiſchen Weltpolitik und Geographie führt. Der Sitz der Weltpolitik ſind zu allen Zeiten die Meere geweſen und mit ihnen die Küſten. Das— jenige Volk, welches das Meer beherrſchte, übte auch die Herrſchaft über die von ihren Küſten landeinwärts ſich erſtreckenden Länder. Denn um die Beherrſchung der Meere handelt es ſich bei der Weltpolitik, nicht um die Freiheit der Meere. Im Altertum war das Mittelmeer der Schauplatz der Weltpolitik: AÄgypter, Phöniker, Griechen, Römer, Karthager befuhren es zu Handelszwecken, aber beherrſcht wurde es nur durch die Römer und auch erſt dann, als ſie den Wettbewerb der Karthager gebrochen hatten; erſt ſeitdem das Wort Catos: Karthago ſei zu zerſtören, in Erfüllung gegangen war vermochten die Römer Flotten und Heere im Bereiche des Mittel, meeres nach ihrem Belieben bald hierhin bald dorthin zu ſchieben und alle Länder um das Mittelmeer zu unterwerfen. 31 Im Mittelalter gab es drei Meere, deren Beherrſchung für die Machtſtellung der umliegenden Reiche den Ausſchlag gab. Im Mittelmeer gelangte nach vielen Wechſelfällen und Kämpfen zwiſchen den Oſtrömern, den Arabern, den Normannen und den italieniſchen Seeſtädten kein Volk zur vollen Herrſchaft. Nur den Oſten beherſchten etwa dreihundert Jahre lang die Venetianer, aber ſie erlagen ganz am Ausgange des Mittelalters den Türken, jedoch erſt nachdem dieſe neben ihrem Landheer eine Flotte gegründet hatten. In der Oſt⸗ und Nordſee haben unſere Vorfahren in Geſtalt der Hanſa zwei Jahrhunderte lang die Herrſchaft über die benachbar⸗ ten Staaten ausgeübt. Im Südoſten beherrſchten die Araber das Rote Meer, das perſiſche Meer und den Indiſchen Ozean ſüd⸗ wärts bis nach Mozambik, oſtwärts bis zu den Malayiſchen Inſeln. Darin lag auch der Grund, weshalb nach der großen Erwei⸗ terung des räumlichen Wiſſens von der Erdoberfläche um das Jahr 1500 die Neuzeit nicht mit der Vorherrſchaft des Atlantiſchen, ſondern der des Indiſchen Ozeans begann, indem die Portu⸗ gieſen die arabiſche Seeherrſchaft auf ihm vernichteten, zumal da die von den Weſteuropäern geſuchten Schätze Indiens an ſeinen Küſten und denen des ihm benachbarten Malayiſchen Mittelmeeres lagen. Nach kurzer Zeit aber wurde der Atlantiſche Ozean das Hauptfeld der Weltpolitik, da die von den Spaniern in Amerika erworbenen Länder eine leichtere und ausgiebigere Ausbeutung boten. Dreihun⸗ dert Jahre lang hat der Atlantiſche Ozean ſeitdem die Weltpolitik beherrſcht. Auf ihm ſpielten ſich die ſchweren Kämpfe zwiſchen den Weltmächten der Neuzeit ab. Auf ihm bewegten ſich die ſpaniſchen Silberflotten nach Europa, auf ihm zogen die Einwanderer in den neuen Kontinent, mit ihnen die Erzeugniſſe der europäiſchen Kultur, gegen welche die neuen Rohſtoffe Amerikas eingetauſcht wurden. Während des 19. Jahrhunderts vollzog ſich wiederum ein AUm⸗ ſchwung, vorausſichtlich der letzte mögliche. Wir ſtehen auf dem Punkte des Zurücktretens des Atlantiſchen Ozeans aus der Vor⸗ herrſchaft und des Kbergangs ſeiner Rolle an den Großen Ozean. Hervorgerufen wurde dieſer Amſchwung durch das Hinauswachſen der britiſchen Kolonien von Nordamerika nach den Geſtaden des Großen Ozeans und der gleichzeitigen Ausbreitung Rußlands nach ſeinen weſtlichen Afern. Dadurch wurde ein dritter Staat aus ſeinem bisherigen Schlummer geweckt, Japan, das nun, geſtützt auf die Tüch⸗ tigkeit ſeiner Bewohner und günſtige geographiſche Bedingungen ſowie 32 2,—— 8— vermittelſt einer äußerſt geſchickten Politik, im Laufe eines halben Jahrhunderts zu einer der Großmächte der Erde geworden iſt. Am dieſelbe Zeit trat auch das Deutſche Reich in die Reihe der Groß⸗ mächte ein und ſicherte ſich Plätze an den ſonnigen Geſtaden des Atlantiſchen, des Indiſchen und, was für ſeine Zukunft das wich⸗ tigſte ſein wird, auch des Großen Ozeans. So iſt mit einem Schlage der Große Ozean in die Mitte der Weltpolitik geſchoben, was nur durch zwei Tatſachen, das Erwachen Oſtaſiens und die Erbauung des Panamakanals, gekennzeichnet werden mag. Durch dieſes Drängen der Völker nach der Amrandung des Großen Ozeans wurde nun auch der Indiſche Ozean wieder in den Vordergrund der Weltpolitik gerückt, da er das Zwiſchenglied zur Erreichung des Großen Ozeans von Europa aus bildet. In richti⸗ ger Erkenntnis dieſer Sachlage wurde ſchon vor 50 Jahren mit fran⸗ zöſiſchen Mitteln der Suezkanal gebaut und die Erwerbung der Haupt⸗ maſſe ſeiner Aktien durch England vollzogen. Heute tritt dieſe Be⸗ deutung des Indiſchen Ozeans mit unübertrefflicher Klarheit hervor, da ſich die Entſcheidung über Sieg oder Niederlage in dem gegen⸗ wärtigen Kriege in erſter Linie zwar um Belgien, in zweiter aber um die Aferländer des Roten Meeres und des Perſiſchen Meeres drehen muß. Gelingt es nicht, den Engländern dieſe wieder zu ent⸗ reißen, ſo iſt uns der Weg nach dem Oſten in ähnlicher Weiſe ver⸗ ſperrt, wie Ende des 15. Jahrhunderts durch die Türken; und wie auf dieſes Ereignis der Rückgang der großen ſüddeutſchen Handels⸗ ſtädte Augsburg, Alm, Nürnberg folgte, ſo wird diesmal die ge⸗ nannte Sperrung einen ähnlichen Ruin der geſamten deutſchen Wirt⸗ ſchaft einleiten. Leider verbietet mir die Geringfügigkeit des mir zugemeſſenen Raumes dieſe Anterſuchung weiter fortzuſetzen. Sie ſollte noch zeigen, wie Weltpolitik gemacht wird, mit welchen Mitteln und von welchen großen politiſchen Geſichtspunkten aus. Vielleicht veranlaſſen aber die vorſtehenden kurzen Ausführungen meine Leſer, ſelbſt einmal darüber nachzudenken. Denn unſere Studierenden wer⸗ den die Träger der künftigen Weltpolitik unſeres Volkes ſein. Mögen ſie ſich deſſen ſchon heute bewußt werden! Wilhelm Sievers. 33 Münzenbero) Wilſons Einmiſchung in die inneren Angelegenheiten des Deutſchen Reiches. ⸗ plumpe Verſuch des Präſidenten Wilſon, das deutſche Volk von ſeiner Regierung zu trennen, löſte in allen Volksteilen ein berechtigtes Gefühl der Entrüſtung aus. In zahlloſen Kund⸗ gebungen und zuletzt in den mannhaften Erklärungen des Reichstags⸗ präſidenten und des bayriſchen Miniſterpräſidenten wurde zum Aus⸗ druck gebracht, daß die Neuordnung der inneren Verhältniſſe in Deutſch⸗ land unſere eigene Aufgabe darſtellt, in die ſich dritte Staaten nicht einzu⸗ mengen haben. Daß ein Volk, das das Bewußtſein in ſich trägt, einem ſelbſtändigen Staatsweſen anzugehören, ſich gegen ſolche Einmiſchung verwahrt, noch dazu, wenn ſie von einem feindlichen Staate ausgeht, iſt ſelbſtverſtändlich. Es ſcheint aber, daß den Kundgebungen gegen die Note Wilſons auch oft die Meinung zugrunde liegt, daß die Note einen völkerrechtswidrigen Schritt enthalte. Offenbar wird der völkerrechtliche Grundſatz, daß ein Staat ſich nicht in innere Ange⸗ legenheiten anderer Staaten einmiſchen ſoll, für ſo feſtſtehend gehal— ten, daß manche glauben, er gelte auch unter Staaten, die ſich mit⸗ einander im Kriegszuſtande befinden. In Wirklichkeit wird jener völkerrechtliche Grundſatz, ſoweit er überhaupt Geltung beſitzt, während eines Krieges aufgehoben. Es iſt auch nicht einzuſehen, warum ein 34 Kriegführender vor den inneren Angelegenheiten des gegneriſchen Staates Halt machen ſoll; es entſpricht vielmehr dem Gebot der Selbſterhaltung, daß der Kriegführende ſich nicht nur die Fehler des Gegners in Kriegführung und Diplomatie, ſondern auch die Schwächen ſeiner inneren Politik zunutze zu machen ſucht. Von jeher wurden von kriegführenden Staaten Selbſtändigkeits⸗ beſtrebungen unzufriedener Nationalitäten und Volksteile in den gegneriſchen Staaten gefördert. So auch im gegenwärtigen Kriege: einerſeits unterſtützt die Entente die Machenſchaften des Häufleins franzoſenfreundlicher Elſaß⸗Lothringer, die gegen den Beſtand der öſterreich⸗ungariſchen Monarchie gerichteten Beſtrebungen des ſerbiſch geſinnten Teiles der Südſlaven, der Ruthenen in Oſtgalizien, der Rumänen in Siebenbürgen, der irredentiſtiſchen Südtiroler, wie auch die ſeparatiſtiſchen Wünſche der Armenier und der Araber im tür⸗ kiſchen Reiche; anderſeits finden bei uns die Verſuche der Inder, Agypter, Buren und Irländer, ſich aus dem Rahmen des britiſchen Reiches loszulöſen, und die Anabhängigkeitsbeſtrebungen der Finn⸗ länder und Akrainer volles Verſtändnis, und wenn auch dieſen Völkern bis jetzt noch keine materielle Hülfe geleiſtet werden konnte, ſo hat das deutſche Reich doch die Gelegenheit wahrgenommen, Vlamen, Polen und Litauern eine über die Aufgaben einer bloßen Okkupationsver⸗ waltung weit hinausgehende Förderung ihrer Selbſtändigkeitsbeſtre⸗ bungen zu teil werden zu laſſen in der ausgeſprochenen Abſicht, die dieſen Völkern gewährten nationalen Rechte, wie die vlämiſche Aniverſität in Gent, die Sonderverwaltung der vlämiſchen Landesteile, und den polniſchen Staat den Krieg überdauern zu laſſen. Aber nicht nur Sonderbeſtrebungen von Nationalitäten, auch ſonſtigen inneren Bewegungen pflegen die Kriegführenden nicht teil⸗ nahmslos gegenüberzuſtehen. Parteibildungen, die an der Zerſetzung des Staates arbeiten oder Nachgiebigkeit gegenüber den Forderungen des Feindes predigen, können immer auf Anterſtützung beim gegne⸗ riſchen Staate zählen. In der Ententepreſſe kehrt häufig die Be⸗ hauptung wieder, an den Anruhen in Petersburg trügen deutſche Wühlereien die Schuld; wir wiſſen nicht, ob dem ſo iſt, aber wir brauchten nicht zu erröten, wenn an dieſen Behauptungen etwas Wahres wäre. Man darf indes nicht glauben, daß nur ſolche Parteien vom Gegner begünſtigt werden, die zerſetzend auf das Staatsweſen ein⸗ wirken. Natürlich hat der Kriegführende vor allem ein Intereſſe, 35 den gegneriſchen Staat durch Parteizwiſtigkeiten und Anruhen zu ſchwächen, aber es würde dem Kriegführenden kaum zum Vorteil ge⸗ reichen, wenn der gegneriſche Staat, ohne vollkommen überwunden werden zu können, in völlige Anarchie verfiele. Am Frieden ſchließen zu können, muß man mit ſolchen Perſönlichkeiten verhandeln können⸗ die vom gegneriſchen Volke als Staatsorgane anerkannt ſind. Darum begünſtigte Bismarck nach dem Sturze Napoleons III. die Feſtigung der franzöſiſchen Republik. Es iſt nicht ausgeſchloſſen, daß auch Deutſchland und ſeine Verbündeten irgend eine Partei, gleichgültig welche, in Rußland unterſtützen werden, damit dieſe die Zügel der Regierung feſt in die Hand bekommt und ſo die Möglichkeit gewinnt, im Namen des ruſſiſchen Staates Frieden zu ſchließen. Es muß mithin als eine der Aufgaben der Kriegführung be⸗ trachtet werden, auch die innere Politik des Gegners zu beeinfluſſen. Inſofern erſcheint der ungeſchickte Verſuch Wilſons, Zwietracht zwiſchen dem deutſchen Volk und ſeiner Regierung zu ſäen, verſtändlich. Er wird aber noch begreiflicher, wenn man berückſichtigt, daß die Ver⸗ einigten Staaten auch in Friedenszeiten den Grundſatz der Nicht⸗ intervention nicht zur unbedingten Richtſchnur ihrer auswärtigen Politik nahmen. Wir betrachten es heute als einen Leitſatz des Völ⸗ kerrechts, daß bei der Pflege der Beziehungen zu andern Staaten die inneren Verhältniſſe dieſer Staaten, wie Staatsform und Regierungs⸗ form, außer Betracht bleiben. Dieſer Leitſatz mußte ſich in Europa, deſſen innere Einrichtungen ein ſo mannigfaltiges Bild bieten, heraus“ bilden, wenn anders die europäiſchen Staaten mit einander in Frieden leben wollten. Aber die Geſchichte beweiſt, daß der Leitſatz der Nicht⸗ einmiſchung früher keine Geltung beſaß: zur Zeit der großen Revo⸗ lution verbanden ſich die europäiſchen Monarchien gegen die junge franzöſiſche Republik, und dieſe ihrerſeits ſuchte freiheitliche Einrich⸗ tungen benachbarten Staaten gewaltſam aufzudrängen. AUnd nach der Niederwerfung Napoleons I., deſſen Abſetzung wiederum eine Ein⸗ miſchung in die inneren Angelegenheiten Frankreichs bedeutete, hielt die heilige Allianz, eine Gemeinbürgſchaft reaktionärer Monarchien, im Namen des Legitimitätsprinzips anderthalb Jahrzehnte hindurch jede Volksbewegung in den europäiſchen Staaten in Schach. Eben an dieſe freiheitsfeindliche Politik der heiligen Allianz knüpft die Nichtung der amerikaniſchen Politik an, die ſich in ihren Ausſtrahlungen noch heute geltend macht. Im Jahre 1820 hatte eine Militärrevolte den König Ferdinand VII. von Spanien gezwungen, 36 n n die Verfaſſung von 1812 wiederherzuſtellen. Auf dem Kongreß von Verona im Herbſt 1822 beſchloſſen die europäiſchen Mächte, den Abſolutismus in Spanien wieder einzuführen, und Frankreich wurde mit der gewaltſamen Durchführung dieſer Aufgabe betraut. Als einzige Großmacht hielt ſich England von dieſer Einmiſchung in die ſpaniſchen Angelegenheiten zurück und legte feierlich Verwahrung gegen die Vernichtung der freiheitlichen Einrichtungen Spaniens ein. Auch in der Frage der ſpaniſchen Kolonien ſchlug Großbritannien eine andere Richtung ein, als die übrigen Großmächte. Während der napoleoniſchen Kriege hatten die ſpaniſchen Kolonien in Süd⸗ und Mittelamerika begonnen, ſich vom Mutterland loszulöſen. Die ſpa⸗ niſche Regierung machte nach der Reſtauration vergebliche Anſtrengungen zur Wiederherſtellung der ſpaniſchen Staatsgewalt. Als nun auf dem Kongreß zu Verona die Wiedereinführung des Abſolutismus in Spanien beſchloſſen wurde, tauchte naturgemäß die Frage auf, ob nicht auch im ehemals ſpaniſchen Amerika der frühere Zuſtand von den europäiſchen Mächten mit Waffengewalt wiederhergeſtellt werden ſollte. Wieder war es Großbritannien, das dieſer Intervention ſeine Zuſtimmung verſagte: es ließ auf dem Kongreß erklären, daß es die tatſächlich beſtehenden Regierungen der abgefallenen ſpaniſchen Kolo⸗ nien als kriegführende Mächte betrachte und zu weiterer Anerkennung der einen oder andern Regierung werde ſchreiten müſſen. Die übri⸗ gen vier Großmächte waren von Englands Sonderpolitik peinlich über⸗ raſcht, aber ſie begnügten ſich mit entrüſteten Erklärungen gegen die Anerkennung von Negierungen,„deren Daſein nur auf Nevolte und Anarchie“ beruhte.¹) Immerhin hielt der engliſche Miniſter Canning die Lage für drohend genug, daß er bei den Vereinigten Staaten wegen Abſchluſſes eines Bündniſſes ſondierte.“²) Die Regierung der Vereinigten Staaten ging zwar auf ein ſolches nicht ein, aber Prä⸗ ſident Monroe nutzte dieſen Augenblick, indem er am 2. Dezember 1823 die berühmte, nach ihm benannte Botſchaft an den Kongreß richtete. Darin wurde mit aller Deutlichkeit ausgeſprochen, daß ein Verſuch der europäiſchen Mächte, ihr Syſtem auf den ame⸗ ¹) Alfred Stern, Geſchichte Europas von 1815— 1830, 2. Aufl., 2. Bd., Stuttgart 1913, S. 308 u. Richard Charmatz, Geſchichte der auswärtigen Poli⸗ tik Oſterreichs im 19. Jahrhundert, Erſter Teil, Leipzig 1912, S. 99. ²) Hermann Oncken, Hiſtoriſch⸗politiſche Aufſätze und Reden, I. Bd., München 1914, Amerika und die großen Mächte, eine Studie über die Epochen des amerikaniſchen Imperialismus, S. 60. 37 rikaniſchen Erdteil auszudehnen, als Gefahr für die Sicherheit der Vereinigten Staaten betrachtet werde, und daß irgendwelche Schritte, die von den Vereinigten Staaten anerkannten Republiken in Ab⸗ hängigkeit von europäiſchen Staaten zu bringen, als unfreundliche Handlung gegen die Vereinigten Staaten beurteilt werden müßten. Wie um den europäiſchen Staaten eine Gegenleiſtung zu bieten, er⸗ klärte die Botſchaft, daß eine Einmiſchung in rein europäiſche An⸗ gelegenheiten der amerikaniſchen Politik nicht entſpreche. Man hat vielfach in dieſer ſogen. Monroedoktrin eine„beſon⸗ ders kräftige Betonung des Nichtinterventionsprinzips“ gefunden:). Zu Anrecht. Zunächſt einmal bedeutete die Sperrung eines ganzen Kontinents für die Koloniſationstätigkeit der europäiſchen Mächte ſelbſt nichts anderes als eine Intervention, zwar nicht in die innere, aber doch in die äußere Politik dritter Staaten. Dies kam z. B. deutlich darin zum Ausdruck, daß die Vereinigten Staaten jeweils Einſpruch erhoben, wenn ein europäiſcher Staat ſeine amerikaniſchen Kolonien an eine andere europäiſche Macht abzutreten ſich anſchickte.“) Sodann muß hervorgehoben werden, daß die Vereinigten Staaten in der Monroedoktrin nur die Enthaltung von Einmiſchung in euro⸗ päiſche Angelegenheiten ausſprachen, für amerikaniſche Fragen dagegen das Nichtinterventionsprinzip nicht anerkannt haben; ſie haben denn auch im Laufe des 19. Jahrhunderts öfter ſich in die auswärtige Politik und innere Angelegenheiten amerikaniſcher Staaten eingemiſcht — man denke nur an Mexiko—, und ſich bei manchen, wie Cuba und Panama, das Interventionsrecht ausdrücklich vorbehalten. End⸗ lich darf nicht verkannt werden, daß die Monroedoktrin zugleich einen Akt zur Verteidigung republikaniſch⸗demokratiſcher Einrichtungen dar⸗ ſtellt: die Doktrin wurde erlaſſen zum Schutz ſowohl der Vereinigten Staaten ſelbſt wie auch der eben ſich bildenden ſüd- und mittelame⸗ rikaniſchen Republiken gegen die von der heiligen Allianz drohende Rückführung der Kolonien unter das Joch monarchiſch⸗abſolutiſtiſcher Staaten. Die Monroedoktrin bedeutet alſo nicht nur die Aufſtellung eines Prinzips der auswärtigen Politik, ſondern zugleich das Be⸗ kenntnis, Grundſätze der inneren Politik zur Richtſchnur für die aus⸗ ¹) z. B. Liſzt, Das Völkerrecht, 10. Aufl. 1915, S. 69. ²) Herbert Kraus, Die Monroedoktrin in ihren Beziehungen zur ameri⸗ kaniſchen Diplomatie und zum Völkerrecht. Berlin 1913, S. 131 f., Botſchaft des Präſidenten Grant von 1869:„Dieſe Dependenzen können nicht länger von einer europäiſchen Macht an eine andre übertragen werden.“ 38 d ————=————B— wärtige Politik zu nehmen, eine Verknüpfung, die dem damaligen Zeitgeiſt völlig entſprach, wie die Politik der heiligen Allianz beweiſt. Die feindſelige Haltung, die die Vereinigten Staaten gegenüber dem von Napoleon III. eingeſetzten mexikaniſchen Kaiſertum ein⸗ nahmen, war nicht nur in der Gefahr begründet, daß Mexico in Abhängigkeit eines europäiſchen Staates zu geraten drohte; vielmehr war die amerikaniſche Politik zugleich bedingt durch ihre Gegner⸗ ſchaft gegen die als Bedrohung der amerikaniſchen Staatseinrichtungen betrachtete europäiſche Staatsform, die Monarchie. Dieſer Grund⸗ gedanke der amerikaniſchen auswärtigen Politik trat freilich nicht immer ſehr deutlich hervor, einerſeits, weil das mexikaniſche Abenteuer vereinzelt blieb, und ſo die Vereinigten Staaten keine Gelegenheit fanden, gegen Neueinrichtung von Monarchien vorzu⸗ gehen, anderſeits, weil die Vereinigten Staaten ſich gegenüber Amwäl⸗ zungen in Europa wenigſtens eine gewiſſe Zurückhaltung auferlegten. Man darf aber nicht überſehen, daß die Regierung der Verei⸗ nigten Staaten aus ihrer Vorliebe für demokratiſch⸗republikaniſche Einrichtungen kein Hehl machte: Revolutionäre Bewegungen wurden begünſtigt¹) und neuerrichtete Republiken ohne Zögern anerkannt. Wenige Tage nach der Pariſer Februarrevolution im Jahre 1848 beglückwünſchte der amerikaniſche Botſchafter die proviſoriſche Regie⸗ rung zur Proklamation der Republik. Ebenſo raſch vollzog ſich die Anerkennung der franzöſiſchen Republik im Jahre 1870: am 4. Sep⸗ tember wurde die Abſetzung Napoleons ausgeſprochen, und ſchon am 7. September überbrachte der amerikaniſche Botſchafter, ſeiner In⸗ ſtruktion gemäß,„die Glückwünſche des Präſidenten und des Volkes der Vereinigten Staaten zu der erfolgreichen Errichtung einer repu⸗ blikaniſchen Regierung“. Der gleiche Hergang wiederholte ſich im Jahre 1873, als König Amadeo in Spanien abdankte und der ſpaniſche Kongreß die republikaniſche Staatsform annahm ²). Dagegen hatten es die Vereinigten Staaten weit weniger eilig, wenn es ſich um An— erkennung des umgekehrten Vorganges, der Amwandlung einer Repu⸗ blik in eine Monarchie, handelte: Nachdem Napoleon als Präſident der franzöſiſchen Nepublik durch ſeinen Staatsſtreich vom 2. Dezember ¹) Kraus, a. a. O., S. 315 ff.: Im Jahre 1849 wurde die Anerkennung Ungarns als ſelbſtändigen Staates angebahnt; Koſſuth, der Leiter der unga⸗ riſchen Revolution, fand Schutz und ehrenvolle Aufnahme in d. Vereinigten Staaten. ²) Moore, A digest of the international law of the United States taken from documents issued by presidents and secretaries of state... 1906. 39 1851 den übergang zur Monarchie vorbereitet hatte, brach der ame⸗ rikaniſche Botſchafter zunächſt den Verkehr zu dem Prinzpräſidenten ab; erſt, als die Plebiszite am 20. und 21. Dezember eine glänzende 5 Mehrheit für Napoleon ergaben, tauchte der Botſchafter beim Neu⸗ . vo jahrsempfang wieder auf ¹). di Dieſer, demokratiſch⸗republikaniſche Neuerungen bevorzugenden Politik ſind die Vereinigten Staaten bis zum heutigen Tage treu 4 geblieben: es iſt doch wohl kein Zufall, daß die Republik China von 3 den Vereinigten Staaten ſchon im Mai 1913, von Deutſchland, Rußland und Öſterreich⸗Angarn aber erſt im Oktober desſelben Jahres wn anerkannt wurde. Wir dürfen übrigens den Vereinigten Staaten 3 aus dieſer unverhüllten Einſeitigkeit ihrer auswärtigen Politik keinen i Vorwurf machen, denn in der deutſchen auswärtigen Politik verrät ſich d umgekehrt gelegentlich unſere Vorliebe für monarchiſche Inſtitutionen. 1 Haben die Mittelmächte, als ſie ſich zur Anerkennung der Selbſtän⸗ digkeit Polens entſchloſſen, den Polen etwa die Wahl der Staats⸗ 4 form überlaſſen? Nein, es wurde einfach die Bildung eines„König⸗ reichs“ Polen verkündigt. Im Grunde genommen iſt auch die Note Wilſons nichts andres als ein neuer Beweis dafür, welchen Einfluß die amerikaniſche Re⸗ gierung innerpolitiſchen Grundſätzen auf die auswärtige Politik ein⸗ li räumt. Wilſon glaubt jedenfalls, ganz in den Bahnen der ameri⸗ w kaniſchen Aberlieferung zu wandeln, gehörten doch die beiden Staaten, G die er hauptſächlich bekämpft, Preußen und öſterreich, zur heiligen W Allianz, gegen die ſich ſeinerzeit die Monroedoktrin richtete, und ſind 6 doch dieſe beiden Staaten die einzigen Staaten der ehemaligen heiligen D Allianz, in denen monarchiſche Staatseinrichtungen mit überwiegender 3 Gewalt des Fürſten ſich erhalten haben. p Freilich wär es übertrieben, wollte man die Teilnahme der d Vereinigten Staaten am Kriege allein aus dieſer demokratiſchen Grund⸗ richtung ihrer auswärtigen Politik ableiten. Vonwirtſchaftlichen Arſachen 6 — den Intereſſen der Induſtrie und der Hochfinanz— ganz abgeſehen, ſpielt offenkundig die Gleichgewichtspolitik bei der Stellungnahme Amerikas eine Rolle. Aber neben dieſen realpolitiſchen Geſichtspunkten wirken doch auch— sit venia verbo— ideale Ziele auf die Politik der Vereinigten Staaten ein: namentlich die Abſicht, die Organiſation des Friedens und die Verbreitung der demokratiſchen Staatseinrich⸗ ¹) Wilhelm Lauſer, Geſchichte Spaniens von dem Sturz Jaabellas bis zur Thronbeſteigung Alfonſos. Leipzig 1877, Bd. II, S. 73. 40 —½ n tungen zu fördern. Dieſe beiden Ziele ſind in der Denkweiſe unſerer amerikaniſchen Gegner eng mit einander verknüpft; ſie ſind in dem Glauben befangen, daß monarchiſche Einrichtungen den Ausbruch von Kriegen begünſtigen. Leider müſſen wir zugeben, daß die Haltung, die die deutſche Regierung auf den beiden Haager Friedenskonferenzen in der Frage der Schiedsgerichtsbarkeit einnahm, dieſes Vorurteil nähren konnte. And gerade zu den Vereinigten Staaten, die als Vorkämpfer des Schiedsgerichtsgrundſatzes auftraten, geriet Deutſch⸗ land durch ſeine Haltung in ſcharfen Gegenſatz. Es braucht nur daran erinnert zu werden, daß die Hartnäckigkeit, mit der ſich Deutſch⸗ land auf der zweiten Friedenskonferenz der Einführung des Prinzips der obligatoriſchen Schiedsſprechung widerſetzte, zu heftigen Zuſam⸗ menſtößen zwiſchen dem deutſchen Vertreter v. Marſchall und dem Vertreter der Vereinigten Staaten, Choate, führte¹). Die aus dieſen geſchichtlichen Vorgängen fließende Verquickung des demokratiſchen mit dem Weltfriedensgedanken erklärt es auch, warum Präſident Wilſon das agreſſive Moment ſeiner demokratiſchen Politik nicht zum Bewußtſein kommt. Die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten war urſprüng⸗ lich eine weſentlich defenſive. Die Monroedoktrin wurde verkündigt, weil die Wiederunterwerfung der ſpaniſchen Kolonien unter die Gewalt ihres Mutterlandes zu ähnlichen Verſuchen gegenüber den Vereinigten Staaten führen konnte und ſomit die Exiſtenz des jungen Freiſtaats bedroht erſchien. Aber in der Monroedoktrin lag, ihren Arhebern unbewußt, der Keim zu einer Angriffspolitik enthalten. Immer mehr entwickelten ſich dieſe Keime und führten zu einer im⸗ perialiſtiſchen Politik, die zunächſt nur auf amerikaniſchem Boden, dann in Aſien ſich betätigte, bis ſie ſchließlich nach Europa übergriff. An Stelle des Prinzips der Verteidigung, der Iſolierung von den europäiſchen Staaten, der Nichteinmiſchung in ihre Angelegenheiten iſt der Grundſatz des Angriffs, der Verbindung mit europäiſchen Staaten, der Einmiſchung in ihre innere Politik getreten. Selbſtverſtändlich kann die Antwort auf die Note Wilſons nur in ihrer ſchärfſten Zurückweiſung beſtehen. Ein Einfluß auf unſere innere Politik darf ihr nicht eingeräumt werden, weder in antreiben⸗ dem noch in hemmendem Sinne. Ratſchläge des Gegners verdienen immer, mit geſundem Mißtrauen aufgenommen zu werden. Es iſt z) Alfred Fried, Die zweite Haager Konferenz, Leipzig 1907, S. 89 f. 41 möglich, daß Wilſon in gutem Glauben demokratiſche Staatsweſen für die beſtregierten hält und daß er unſer Volk der Segnungen ſolcher Einrichtungen teilhaftig werden laſſen möchte; aber ſicher iſt, daß er auch die Schwächung unſeres Staates beabſichtigt, und er iſt ſich wohl darüber klar, daß eine allzu weitgehende Demokratiſierung die Verteidigungskraft Deutſchlands herabzuſetzen vermag. Daher wird es uns niemals in den Sinn kommen, unſere Staatseinrichtungen einfach nach dem von Wilſon empfohlenen Rezept zu ändern. Auf der andern Seite aber würden wir einen großen Fehler begehen, wollten wir in unſern Beſtrebungen, unſer Staatsweſen auf breitere Grundlage zu ſtellen, innehalten, deswegen, weil die beab⸗ ſichtigten Neuerungen in der von Wilſon angegebenen Richtung liegen, und wir uns nicht dem Verdacht ſchwächlicher Nachgiebigkeit aus⸗ ſetzen wollen. Vielleicht wäre nichts unſern Gegnern erwünſchter, als wenn wir die Demokratiſierung unſeres Staatsweſens einſtellten. Nein, unſer Weg ſoll ausſchließlich durch die Intereſſen unſeres Volkes beſtimmt werden; vorurteilslos können wir dabei auch Ein⸗ richtungen feindlicher Staaten nachbilden, ſoweit dies der Entwicklung unſeres Staates förderlich erſcheint, wird doch auch auf die Anwen⸗ dung eines Kriegsmittels nicht deshalb verzichtet, weil die Erfindung vom Gegner ſtammt. Es wird natürlich nicht ausbleiben, daß unſere Gegner ſolche Reformen als ein Zeichen der Schwäche auslegen, genau wie ſie es als Eingeſtändnis nachlaſſender Widerſtandskraft bezeichnen, daß in der deutſchen Antwort an den Papſt dem Gedanken der Abrüſtung und der obligatoriſchen Schiedsſprechung näher ge⸗ treten wird. Aber dies darf uns nicht irre machen. Denn in ſolchen Preſſeäußerungen liegt doch auch viel AÄrger verborgen darüber, daß durch die veränderte Haltung der deutſchen Regierung in der Frage der Organiſation des Friedens und durch die Demokratiſierung unſeres Staatsweſens die Ausnützung der platten Schlagworte von der Rückſtändigkeit deutſcher Staatseinrichtungen und der Friedensfeindlichkeit der deutſchen Monarchie immer unmöglicher ge⸗ macht wird, und daß ſo die Kriegsloſung der Entente täglich mehr an Zugkraft verliert. Man merkt es ja ſchon der Note Wilſons an, wie ſchwer es ihm fällt, an ſeine eigenen Worte zu glauben, ſagt er doch, es ſei nicht ſeine Aufgabe, nachzuprüfen, wie das deutſche Volk unter die Herrſchaft einer ſolchen Macht kam und ſich mit Wohlgefallen der Herrſchaft aller ihrer Ziele unterwarf. Wilſon 42 möge die Antwort auf dieſe Frage in ſeinem eigenen Buche über den Staat leſen:„Militäriſcher Deſpotismus iſt jetzt notgedrungener⸗ maßen eine vorübergehende Erſcheinung. Nur ſolche Monarchen, die geſchätzt werden, weil ſie ihren Antertanen zu dienen ſuchen, ſind längere Zeit ihres Thrones ſicher. Monarchien beſtehen nur durch die Zuſtimmung des Volkes“. ¹) Je mehr nun unſere Politik ſich in der Nichtung der Demokratiſierung bewegt, um ſo deutlicher tritt hervor, daß unſere Monarchie vom Volkswillen getragen wird. Aber daß dieſe Politik nicht auf fremden Druck hin verfolgt wird, kann nicht genug betont werden. Darum muß gegen den anmaßenden und ſelbſtgefälligen Schritt Wilſons, mag er auch in der Kberlieferung der Vereinigten Staaten eine teilweiſe Erklärung finden und mag er auch nicht als völkerrechtswidrig erſcheinen, Einſpruch erhoben werden, nicht nur im Namen unſeres Volkes, ſondern auch im Namen der Anabhängigkeit Europas, deſſen Staaten leider zumeiſt in finanzielle und politiſche Abhängigkeit von Amerika und Aſien geraten ſind. 1) Woodrow Wilſon, The State, London 1899, S. 586:„Military des- potism is now seen to be necessarily epherneral. Only monarchs who are revered as seeking to serve their subjects are any longer safe upon their thrones. Monarchies exist only by democratic consent“. Hans Gmelin. Hoffnung. „Wir heißen Euch hoffen“. jelten nur, und immer nur für ganz kurze Zeiten, lebt der Menſch der Gegenwart allein. Hold mögen uns jene Feierſtunden er⸗ ſcheinen, die verführeriſchen Boten der Vergeſſenheit und Sorgloſig⸗ keit, die uns einladen, ganz einzutauchen und aufzugehen im Glück des Augenblicks. Wir weiſen ſie nach kurzem Gruß immer wieder von uns. Zu des Menſchen Größe und Ade!, aber auch zu ſeiner herben Not gehört es, nach einer zeitlichen Ewigkeit ſich zu ſtrecken. Alle Vergangenheit, die längſt begrabene, die nimmer wiederkehrt, ſuchen wir feſtzuhalten, als lebte ſie noch. Aber ihren Gräbern webt die Trauer ihr dunkles Geſpinſt; aus dieſen ſelben Gräbern ſteigt immerfort das Erbe der Menſchheit auf und ruft zu neuem Leben und Schaffen. Dies Schaffen gehört der Zukunft. Ihr darum ge⸗ hören mit unſerem ganzen Streben wir ſelber an. Aber in dies verdeckte Land leitet auch kraftvollſtes Handeln nur ein verfeindetes Geſchwiſterpaar: Sorge und Hoffnung. Vergeblich ſuchen wir uns einzureden, daß es doch nur törichte Fantaſiegebilde ſind, die der Nacht ihre Sterne, dem Tag ſeine Wolken nehmen wollen. Als Menſchen leben wir nimmer ohne die beiden. Nur das iſt die Frage, wie es gelingen mag, lichter Hoffnung den Sieg zu erkämpfen üben graue Sorge. Nicht wie jene ſeltenen Feierſtunden ſieht uns die Gegenwart heute an. Aber das Necht ſcheint ſie zu haben, all unſere Kraft und mit ihr all unſere Gedanken allein für ſich zu fordern. So un⸗ geheuer iſt dies Weltgeſchick, das unſer Vaterland bedroht, daß Alles zurücktritt hinter dieſem Einen, wie wir uns ſeiner erwehren und nur jetzt, für dieſen Tag heute, halten, was wir haben, und bewahren, was man uns zerſtören will. And doch gibt es dies Heute nicht ohne das Geſtern, aus dem es hervorging, und nicht ohne das Morgen, dem es entgegeneilt. Auch in höchſtgeſteigertem Leben, das alle Nerven auf die Pflicht des Tages ſpannt, können wir es nicht laſſen, nach jenen Doppelfernen der Zeit auszuſchauen, die alle Gegenwart rätſelhaft umklammert halten. Aber geſteigert wie das 44 Leben ſelber, wird auch die Sorge ſich in dieſer Zeit erheben: wird auch die Hoffnung Raum finden in ihr? Am unſere Geſchichte ringen wir. Soll ſie, wie die Feinde wollen, vergeblich geſchehen ſein? Amſonſt all dieſe Fülle von Not, Schmerz, Leid, die die Jahrhunderte deutſcher Geſchichte kennzeichnen? Amſonſt all das Aufgebot von Tapferkeit und Treue, von großen und guten Gedanken, das ſie erfüllt? Nachdem endlich in letzten Jahrzehnten ein ſcheinbar leichterer, hellerer Tag den Deutſchen er⸗ ſchienen war, ſollen wir wieder zurückfallen in alte Kümmernis und Not? Auf Ideen ſpielen die Feinde den Kampf hinaus; um Ideen des Rechts, der Freiheit, des Völkerfriedens ſind ſie, wie ſie ſagen, zu bluten bereit. Sie ahnen nicht, welche Erinnerungen und welche Sehnſucht ſie mit ihrem Lügengerede in uns wecken. Denn freilich um unſeren Staat handelt es ſich heute. Dieſer Staat der Gegen⸗ wart aber umſchließt in ſich die ganze deutſche Vergangenheit. And welche Stellung nehmen in dieſer die Ideen ein! Wie ſtehen unter ihnen diejenigen ganz zurück, die für die Wirklichkeit des Staates die bezeichnendſten ſind! Zu gering vielleicht haben wir Deutſche von der Erde Beſitz und Gut, von möglicher Machtſtellung im Kreiſe der Völker gedacht. Zu ſpät vielleicht haben wir uns auf die geſammelte Kraft beſonnen, die im Staat einem Volk die befrie⸗ digende Gewähr ſeines Lebens bietet. Nun wir ihn endlich haben, denken wir doch nicht, in der neuen Burg des alten deutſchen Haus⸗ geräts uns zu entledigen. Wir meinen vielmehr, daß dieſer Staat von heute ſich auf eine geiſtige Vergangenheit ohne Gleichen gründet, daß ſein innerſter Wert gerade auf dieſem geiſtigen Erbe ruht. Wenn wir um deutſche Geſchichte ringen, ringen wir um dieſe ganze Vergangenheit, um allen Reichtum, der aus ihr dem Staat der Gegenwart zugefloſſen iſt. Gerade das macht die Notwehr dieſes Krieges uns zu unerbittlicher Pflicht. Der Bettler, der nichts zu verlieren hat, mag ſorglos zuſehen, wie das Feuer das Strohdach ergreift, unter dem er ſchlief. Wer heiliges Gut im Väter⸗ererbten Hauſe geborgen weiß, den weckt die Sorge, wenn Gefahr ihm droht. Sorge gewiß begleitet den harten Kampf der Gegenwart. Nach deutſcher Zukunft ſchauen wir ſorgend aus. Aber ich meine doch, wenn wir in dieſer Gegenwart um das Erbe der Vergangenheit kämpfen, dann iſt uns, als ob alle Glieder dieſer Vergangenheit wieder mit uns um die Gegenwart kämpfen. And mit ihnen ſteigt aus den Gräbern die Hoffnung auf. Abermacht der Feinde— ſie haben 45 ſie gekannt, wie wir ſie kennen lernen. And man ſage uns nicht, unvergleichlich mit Allem, was zuvor war, ſei dieſe Macht und über⸗ macht heute. Ich denke: unvergleichlich iſt auch unſere eigene Rüſtung, unvergleichlich die Einigkeit deutſcher Stämme, die wir erleben: das ganze Deutſchland, wie Arndt es nur ahnte, wir mit Händen greifen; in dieſer Einheit der Wille zum Staat, nach dem ſich die Beſten ſehnten, den wir unſer nennen; in dieſem Staat die wuchtige Kraft der Waffen, die die Großen uns geſchmiedet, mit denen wir ſchlagen dürfen. Wir ſollten nicht hoffen?— Aber unſer Wirtſchaftsleben — kann es dieſe unerhörte Belaſtung ertragen? Zuverſichtlich reden von ihm die, die ſeine Triebfedern kennen und das geheime Gewebe der Kräfte in ihm überſchauen. Wir anderen, wenn wir laienhaften Sinnes nach ihm fragen, müſſen uns anders zu helfen ſuchen. And wir können es. Arm, wenn wir an die beiden weſtlichen Gegner denken, iſt unſer Land und Volk durch Jahrhunderte geweſen: hat die Armut ihm geſchadet? iſt nicht in all der Not, die ihre ſtändige Begleiterin war, deutſcher Fleiß, deutſches Pflichtbewußtſein wie auf fruchtbarſtem Boden gewachſen? Wir ertragen die drängende Not der Zeit auch heute wieder, wir werden ſie ertragen auch in kommenden Jahren. Dann werden wir ſtolz unſer Geſchlecht den Geſchlechtern der Vergangenheit anreihen. Wir wollen und wir werden, auch ſo, ihrer würdig werden. And die Hoffnung trägt uns auch über dieſe Sorge hinaus.— Aber iſt es des Blutes nicht zu⸗ viel, das gefloſſen iſt und noch weiter fließt? Wir zumal an deut⸗ ſchen Hochſchulen ſpüren die furchtbare Laſt dieſer Frage. Anſere Hörſäle verödet— wie werden ſie ſich wieder füllen? Wie viel beſte Kräfte, die der Wiſſenſchaft für immer entzogen wurden! Wie viel treue Arbeit, die ſich auf ihr Lebenswerk im Volksganzen rüſtete, die unerſetzt und unerſetzlich dahin iſt! Aus der Lberfülle, die uns zuvor manchmal leiſe erſchreckte, iſt eine Leere geworden, vor der uns ſchaudern will. Aber darin doch ſind wir wieder einig, daß wir um dies Blut nicht klagen und trauern, das ſo willig, ſo freudig gegeben wurde: von dem, das aus unſeren Reihen gefloſſen iſt, wiſſen wir, daß es ſo war. And dann wollen wir dennoch mit den Opfern zu rechnen anfangen? Nur ſorgend nach dem Erſatz ausſchauen, den wir noch nicht ſehen? Wem dies Blut heilig iſt und bleibt, der muß ihm den trotzigen Glauben entnehmen, daß es Segen wirken muß, bis in ferne Zeiten hin. Er fragt nicht, wie das möglich ſei. Er glaubt und hofft. And Hoffen wird ihm ſtärker als alle Sorge.— 46 Aber freilich ein neues Geſchlecht muß es ſein, das dieſe Zukunft bauen ſoll. Wir wollen, wenn wir von einem neuen reden, dies neue der Zukunft nicht mit dem alten der Vergangenheit vor dem Kriege vergleichen. Wer wagt noch Steine auf die Jugend zu werfen, die die Laſt und die Schrecken dieſes Krieges zu tragen, den tauſendfachen Tod dieſes Krieges zu ſterben wußte! Voll Ehr⸗ furcht gedenken wir des Geſchlechts, das mit dieſer Gegenwart ſeine geſchichtliche Leiſtung ohne Gleichen vollbracht und vollendet hat. Nichts von Vergleichen! Ein neues Geſchlecht, weil neue, unerhörte Aufgaben ſeiner warten. Weil auf ihm die Laſt liegen wird, die unſagbare Treue im kleinen zu üben, die der Neubau fordern wird, ihm es wird abverlangt werden, noch ungedachte Gedanken zu denken, ohne die die Neuordnung ſich nicht wird durchführen laſſen, ihm die Liebe zur Alltagspflicht werden wird, die die Wunden allein wird heilen können, die auf Jahrzehnte hinaus offen ſtehen werden. Sollen wir um dies neue Geſchlecht ſorgen? Es ſteht draußen an allen Fronten, es arbeitet daheim in allen Winkeln. And Gott wird mit ihm ſein. „Wir heißen euch hoffen“. Samuel Eck. Inhalt. Weihnachtsgrüße: P. Giſevius, Rektor der Landes⸗Aniverſität....... 3 G. Krüger, Dekan der Theologiſchen Fakultät...... 4—5 W. Mittermaier, i. V. des Dekans der Juriſtiſchen Fakultät 5—7 E. Opitz, Dekan der Mediziniſchen Fakultät....... 8— 10 W. Pfeiffer, Dekan der Veterinärmediziniſchen Fakultät. 11 F. Engel, Dekan der Philoſophiſchen Fakultät..... 12— 14 W. König: Sind wir vereint zur guten Stunde. Nachdenkliches über ein altes⸗Stubentenlied......... 18.—17 M. Schian: Die Ludoviciana im Jahre 1917......... 18— 23 G. Roloff: Die Strategie des Weltkriegs......... 24— 28 W. Sievers: Geographie und Weltpolitik..... 29—33 H. Gmelin: Wilſons Einmiſchung in die inneren Angelsgenpeiten des Deutſchen Reiches.......... 3443 G. War Sorntng................. 14ℳ Die Zeichnungen ſind von Profeſſor Otto Abbelohde. 5 85 4 wre Studenten im Feloͤe*