Unversitäts 1 Pananane egrüftungs-feier für die aue dem Folde heimgekehrten Studierenden in der Neuen Rula der Luoͤwigsuniverſität am 9. März 1919 Gießen Druck der Univerſitäts⸗Druckerei Otto Kindt Wwe. e“²“ 1 1 1 1 1 1 1 1 V 1 1 1 1 1 1 ————— Oroͤnung der Feier: 1. Pilgerchor von Richard Wagner. 2. Begrüßungsworte des Rektors. 3. Orcheſter⸗Zwiſchenſpiel. 4. nſprache des Geh. Kirchenrats Prof. D. Krüger. 5. Dankworte des Vorſitzenden des Rusſchuſſes der Studentenſchaft. 6. Gemeinſamer Geſang. 7. Marſch. 1. Pilgerchor von Richard Wagner. 2. Begrüßungsworte des Rektors Geh. Mles simalbats Prof. Dr. Hans Strahl. Gott zum Gruß, Kommilitonen und ein Willkommen in der Heimat! Willkommen Ihr alle, die wir vor nun faſt fünf Jahren mit unſeren Segenswünſchen von dieſer Stelle hinaus in's Feld entlaſſen haben. Kicht leichten Sinnes, aber guten Mutes und mit vaterländiſchem Sang ſeio Ihr ausgezogen. Wir freuen uns heute der vertrauten Geſichter, die wir wieder ſehen, und denken in wehmütiger Erinnerung der Vielen, die nicht zu uns heimgekehrt ſind. Willkommen auch Ihr, die der Zeiten Drang und Not zu uns geführt hat. Wenig Tage ſind es, daß mir einer unter Euch geſagt, er ſuche ein flſyl bei uns. Möchte Euch allen oͤas fiſyl zur Heimat werden, an die Ihr, wenn die Gießener Zeiten lange hinter Euch liegen, mit dem gleichen Empfinden zurückdenkt, wie an die Scholle, auf der Ihr ge⸗ boren ſeid. 4 Kein froher Empfang kann es ſein, den wir Euch bieten. Ein bitterer Tropfen Wermut iſt in den Becher gefallen, den wir Euch zum Willkomm zu kredenzen gedachten. Iſt Euch doch der Erfolg verſagt geblieben. Laßt Euch des nicht verorießen. Wenn der Königsberger Weiſe uns gelehrt hat, daß nichts auf der Welt gut iſt, denn ein guter Wille, dann könnt Ihr aufrechten Hauptes Eure Straße weiter ziehen. Am guten Willen, das wiſſen wir alle, hat es wahrlich nicht gefehlt. — Wiro nun wohl mancherlei anders werden auf deutſchen Hochſchulen als bisher; dem werden wir uns fügen müſſen. 3 Aber am Kern möchte ich nichts geändert ſehen. Ich freue mich wie ſonſt ſo heute der bunten Bilder mir gegenüber und grüße Eure Fahnen, die nach ſo langen Jahren wieder auf uns herniederſchauen. Sind ſie doch uns Alten eine koſtbare Erinnerung an die Zeiten, in denen wir ſelbſt in frohem Jugendmute und ſorgenlos ihnen folgen durften. Draußen ſproßt und grünt es, und der Rmſel abendlich gied kündet uns den nahenden Frühling. Möchte auch uns, unſerem Volke der Frühling kommen, der uns beſſere Zeiten einleitet. Freilich, eben liegt die Zukunft grau in grau vor uns, und Rebel verhüllt die Ferne. Hoffen wir, daß wenn er ſinkt, der Blick vorwärts ein freunolicher ſein möge. Kicht ausgeſchloſſen freilich iſt es, daß auch wir noch einmal zur Hilfe für das bedrängte Vaterland aufgerufen werden. Dann, das iſt mein Herzenswunſch, möchte ich für diesmal in den Reihen meiner Studenten und bei ihnen ſtehen, ihnen auch an anderer Stelle als der gewohnten ein Führer ſein. Ge⸗ meinſam wollen wir dann den ſchönen alten Wahlſpruch un⸗ ſerer Ludoviciana betätigen: Literis et armis ad utrumque parati! 3. Zwiſchenſpiel des Orcheſters: wWir hatten gebauet ein ſtattliches Haus. 4. Ainſprache des Geh. Kirchenrats Prof. D. Dr. Guſtav Krüger. giebe Kommilitonen! Ihr ſaht auf blut'gem Felde in's flug' dem Tod, Getreu habt Ihr erfüllet der Pflicht Gebot. Kun ſeid dem Volke Führer in ſeiner Kot, Zum heil dem Vaterlande, für's Reich, mit Gott! Kommilitonen! Wie vertraut klingt uns das alte, liebe wort. Und doch, hat es nicht einen neuen Inhalt bekommen? Jawohl, einen neuen, aber einen Inhalt, in dem ſeine ur⸗ ſprüngliche Bedeutung wieder lebendig geworden iſt: Waffen⸗ 4 ——y4 — gefährte, Kriegskamerad, ſo ſtehts im Wörterbuch. Wenn aber das Wörterbuch Recht hat, darf ich Euch dann ſo nennen, dürfen wir es, die wir uns hier verſammelt haben, um Euch zu begrüßen? Ich meine doch. Kicht nur, daß hier rechts und links von mir unter Euren Uehrern manch Einer ſitzt, den wie Euch das Schlachtengetümmel umbrauſt und de Kugeln umziſcht haben. Ich glaube noch mehr ſagen zu dür⸗ fen: wir ſind alle Waffenbrüder geweſen in dieſem Kriege. Wir haben alle nicht nur gebangt und geſorgt für unſer Vater⸗ land, wir haben auch gearbeitet und gekämpft, jeder in ſeiner Weiſe, ſo wie es ihm Gott gegeben hat. Rber freilich nicht in dem beſonderen Sinn wie die Mehrzahl derer, die ich hier vor mir ſitzen ſehe. Ihr ſahet dem Todò in's fuge, täglich, ſtündlich. Euch traf die Kugel und machte Euch wund. Ihr ſahet den Freund neben Euch fallen, Ihr halft, den ſchwer⸗ verletzten Kameraden zurückzutragen aus der Feuerlinie. Ihr harrtet aus in Froſt und Schnee, bei Sturm und Regen, in Trommelfeuer und Schanzarbeit. Mit Euren Leibern decktet Ihr uns, unſere Frauen und Kinder, Eure Eltern, Geſchwiſter, Bräute. So iſt unſere Dankesſchulo gegen Euch gewachſen täglich, ſtünoͤlich, ſchier in's Rieſenhafte hinein. Und wie mag ſich das alles eingegraben haben in Eure Herzen und Sinne. Huch wer nur Monate oraußen war, er iſt doch ein Anoerer geworden. Vollends die, die lange Jahre oͤraußen verbrachten, die Freud und Leid, Ehrung und Ent⸗ behrung mit Unzähligen geteilt haben, die unſeres Heeres herrliche Siege erſtreiten halfen und ſeinen allmählichen Nieder⸗ gang mit Bitterkeit erleben mußten, als andere Menſchen ſind ſie zurückgekehrt. Und wenn Ihr nun, Ihr Flle, jetzt in be⸗ ſinnlicher Stunde das Buch Eures Lebens aufſchlagt, ſo ſchaut Euch von jedem Blatt der letzten Jahre das eine, ſchwere, große Wort entgegen: Opfer! Haben wir nicht unſere Jugend geopfert? Und nun, da wir zurückgekehrt ſind: harren unſerer nicht weitere Opfer? Und aus den Tiefen Eurer Seele ſteigt gar die Frage auf, die bange Frage: ſind unſere Opfer nicht vergeblich geweſen? haben wir firbeit und Entbehrung er⸗ tragen ſollen, haben wir unſer Blut vergießen müſſen, um 5 unſer Haterland am Boden liegend zu finden und ratlos da⸗ zuſtehen, wie ihm wieder aufzuhelfen ſei? Es ſchnürt mir das Herz zuſammen und verſetzt mir die Stimme, wenn ich das ausſpreche, ausſprechen muß: denn Wahrheit will keinen Zwang leiden. Aber, meine lieben, jungen Freunde: es iſt nicht gut, wenn Euer luge nur auf dieſem einen Worte Opfer ruht, es ſei denn, daß Ihr Euch täglich, ſtündlich die Heiligkeit dieſes Opfers in's Gedächtnis rufen wollt. Ich frage Euch: habt Ihr wirklich nur Opfer gebracht in dieſem Kriege? Brachtet Ihr nicht auch Gewinnſte heim? Seid Ihr nicht reich ge⸗ worden an äußerem und innerem Erleben? So reich, ſo ſtark ſind die Eindrücke, daß Euer junges Leben ſie kaum zu faſſen vermag. Wie weit iſt doch Euer Geſichtskreis geworden, ſo weit, daß Mancher, der in der Heimat blieb, Euch darum be⸗ neiden dürfte. Ihr habt, wie einſt Odyſſeus, unnennbare geiden eroͤuldet, aber Ihr habt auch vieler Menſchen Städte geſehn und Sitte gelernet. Ihr habt tiefe Blicke tun dürfen in allerhand menſchliches Weſen rings um Euch, im engeren und weiteren Kreis der Kameraden, bei Freund und Feind. Und mit dieſen Eindrücken, dieſen Erlebniſſen, dieſen Erfah⸗ rungen ſollt Ihr nun herantreten an die gewaltigen Fufgaben, die Eurer harren. Denn Ihr ſeid unſere Hoffnung, Ihr ſollt das Salz der neuen deutſchen Erde werden. Ob Ihr da dͤraußen als einfache Musketiere im Schützengraben lagt oöer ſchweren rbeitsdienſt verrichtetet, ob Ihr Befehle austeiltet oder empfinget: Offiziere ſollt Ihr alle ſein, Ihr deutſchen kademiker, das kommende Geſchlecht bedarf Eurer Führung. Dieſe Worte habe ich Euch ſchon einmal zugerufen. Sie ſtehen in dem Gruß, den unſere Univerſität Euch vorletzte weihnachten in's Feld ſandte. Flls ich ſie niederſchrieb, da lebte ich der Hoffnung, daß Ihr nach Eurer Rückkehr in einem neuen, weiten, freien Vaterlande wirken würdet, das, nicht zuletzt oͤurch Euer Verdienſt, mächtig daſtehen ſollte im Chor der Völker, gewillt und imſtande, ſich in den Dienſt Leben und Segen ſpendender Kräfte zu ſtellen. Dieſe Hoffnung haben wir begraben oder ſo weit zurückſchneiden müſſen, daß das, 6 ——— was wir heute greifbar vor uns ſehen, uns faſt wie ein Zerr⸗ bild deſſen anmutet, was wir im Geiſt zu ſchauen glaubten. Unſerem Deutſchland fehlt die Macht, und ſo wird es auch ſein Recht nicht durchſetzen können. Die Größe der Rufgaben, die an Euch herantreten, wird dadurch nicht gemindert: denn nun⸗ mehr heißt es alle Kraft zuſammenzufaſſen im Dienſt des in⸗ neren Rufbaues. Wenn deutſchland nicht ſterben ſoll, ſo muß ſeinem ſiechen Körper neues Leben zugeführt werden. Und wer wäre dazu mehr berufen als unſere Jugend, unſere aka⸗ demiſche Jugenò? Dann aber, Kommilitonen, gilt es auch, ſich ſolchen hohen Zieles würdig zu erweiſen. Es iſt noch kein Meiſter vom Himmel gefallen, und wer als Führer wirken will in ſeinem Volk, muß zuvor ſeine Schule dͤurchgemacht haben. Darüber ſind wir uns alle einig, und doch, ich weiß es, rühre ich hier an einen wunden Punkt. Wie gerne wollt Ihr lernen. Habt Ihr doch in den wenigen Wochen, in denen Ihr wieder aka⸗ demiſche Luft atmen durftet, ſchon manchen Zug getan aus dem Born der Wiſſenſchaft. Wie gerne würdet Ihr verweilen, wo es ſo ſchön iſt, wie gerne in Ruhe verarbeiten, was jetzt im Flug an Euch vorüberzieht. Aber Eurer Rrbeit iſt ein Feind entſtanden, der gefährlichſte Feind aller geiſtigen Arbeit: die Haſt der Stunde. Ich brauche die Bilder nicht auszu⸗ malen, die bei dieſen Worten vor Euch auſſteigen. Da iſt der Gedanke an die Eltern, denen Ihr nicht mehr zur Laſt fallen dürft und wollt. Da bohrt es in Euch, daß Ihr die Mitte der Zwanziger erreicht oder überſchritten habt und immer noch dem Zwang der Schule unterworfen ſein ſollt. Und wenn Ihr am Schreibtiſch ſitzt, um Euer Wiſſen zu oronen und zu ver⸗ tiefen, ſo ſchaut über Eure Schulter ein graues Geſpenſt. Laßt mich’s doch nennen, dieſes Geſpenſt. Examen heißt es und oräut mit fürchterlicher Gebärde. Gibt es kein Mittel, es zu bannen? Es gibt eines: ein gutes Gewiſſen. Freilich muß jeder Prüfung durch Andere eine Selbſtprüfung voran⸗ gehen. Wer ſie nicht beſteht, dem kann nicht geholfen werden. Aber ganz falſch würde es ſein, wolltet Ihr bei ſolcher Selbſt⸗ prüfung Eure Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit an den 7 Einzelkenntniſſen meſſen, oie Ihr Euch raſch zuſammengerafft habt, um ſie eben ſo raſch wieder zu vergeſſen. Ich möchte ͤen unter Euren gehrern kennen, der ſein Arteil über Euch von ſolchen Zufälligkeiten abhängig machen wollte. Wo wir den ernſten Willen zur Arbeit haben beobachten können, da wird uns dieſer Wille auch als Tat erſcheinen dürfen, denn er bietet in ſich ſelbſt die Gewähr, daß, wer ihn bewieſen hat, auch im Beruf nicht roſten wiro. Aber ich muß faſt um Entſchuldigung bitten, daß ich ſo lange einem Phantom nachgejagt habe. Wenn es geſtattet iſt, die Worte eines Großen in andere Form zu gießen, ſo möchte ich ſagen: Weg, Geſpenſt, ſo grau Du biſt, hier doch Geiſt und geben iſt. Von dem Geiſte möchte ich reden, in dem Ihr, oder ſage ich nun beſſer, in dem wir alle, wir flka⸗ demiker jung und alt, wir Kommilitonen, unſere flufgabe an⸗ faſſen wollen im neuen Deutſchland, von dem Geiſte, der allein das Ueben verbürgt. Seid Eurem Volke Führer in ſeiner Not, Zum heil dem Vaterlande, für’s Keich, mit Gott! Seid Führer! Wie oft haben wir es in dieſen letzten Jahren geleſen und beim Ueſen mitgeſprochen, daß unſer Volk kein Herrenvolk iſt, ſondern ein Führervolk ſein ſoll und will. Darüber habe ich mich heute nicht zu verbreiten. Was aber von unſerem Volk im Verhältnis zu anderen Völkern gilt, das ſoll von uns, ſoll von Euch gelten im Verhältnis zu Eurem, zu unſerem Volk. Ihr ſollt keine Herren ſein, ſondern Führer. Mit unerbittlichem Ernſt ſoll es vor Eurer Seele ſtehen: tut ab alles, was von Herrenweſen in Euch iſt, reißt es aus mit Stumpf und Stiel, durchſchaut es in ſeiner Blöße, in welch gleißneriſchem Gewande es Euch nahen mag. Und hier wende ich mich in erſter Linie an diejenigen unter Euch, die den Schwerpunkt ihres ſtudentiſchen Lebens in die Verbinoͤungen gelegt haben. Ich kenne den erziehlichen Wert dieſer Ver⸗ bindungen und ſchätze ihn; ich weiß, daß ſie den fruchtbaren Boden abgeben können für echte Führergeſinnung. Ich kenne aber auch ihre Gefahren und weiß, daß ſie Pflegſtätten wer⸗ oͤen können jenes Kaſten⸗ und Herrengeiſtes, von dem unſer 8 volk nichts wiſſen will. Die Verantwortung, die auf den Senioren dieſer Verbindungen ruht, war von jeher groß; heut iſt ſie verdoppelt und veroͤreifacht. Ich betrachte es als eine ernſte, aber auch als eine ſchöne flufgabe dieſer Senioren, dafür Sorge zu tragen, daß das geſchriebene und mehr noch das ungeſchriebene Geſetz, dem man den häßlichen, nach Form und Inhalt undeutſchen Namen„Komment' beizulegen pflegt, von allem geſäubert werde, was an den Herrengeiſt vergangener 4 Zeiten erinnert. Wie oft haben wir's geſungen und uns nicht allzuviel dabei gedacht:„Wo ſind ſie, die vom breiten Stein nicht wankten und nicht wichen, die ohne Moos, bei Scherz w und Wein, den Herrn der Erde glichen?“ Ich aber ſage Euch: wer einem älteren Manne, er trage welches Gewand er wolle, begegnet und weicht ihm nicht aus, wer ſozialem Empfinden ſo wenig Rechnung trägt, daß er ſeine Hand dazu bietet, ſtu⸗ dentiſche Unſitten wieder einzuführen, die wir ourch das Kriegs⸗ erlebnis weggeſpült glaubten, der hat die flufgabe, Führer des Volks zu ſein, noch nicht begriffen. Rber was heißt denn das nun: Führer des Volks zu ſein? Darauf gibt es nur eine Rntwort, die Rntwort, die einſt Immanuel Kant gegeben hat: Hanoͤle ſo, daß der Grundſatz Deines Willens zugleich als Grunoͤlage einer allgemeinen Ge⸗ ſetzgebung gelten könne. Es war doch eine der ſchmerz⸗ 3 lichſten Erfahrungen in dieſer Kriegszeit, daß unſere Führer, die es ſein ſollten, in hoher und in nieoͤriger Stellung ſo oft das Verſtändnis für dieſen kategoriſchen Imperativ haben ver⸗ miſſen laſſen. Ein Offizier, der ſeinen Leuten nicht das l Muſter einer Pflichterfüllung war, ſchädigte die Moral der Truppe mehr als ein verlorenes Gefecht; ein Verwaltungs⸗ beamter, der eine Veroroͤnung ausgehen ließ und handelte nicht danach, ſtreute Gift unter ſeine Kreiseingeſeſſenen; ein Felogeiſtlicher vollends, der Gottes Wort im Munde führte und läſterte es ourch ſeine Taten, er richtete unermeßlichen Schaden an in Heer und Volk. Mit Flammenſchrift möchte ich ihn in Eure Seele graben, dieſen kategoriſchen Imperativ, möchte uns alle, die wir in dieſem Saale verſammelt ſind, auf ſeine heilige Wahrheit verpflichten: denn die Zukunft un⸗ b 5 ſeres Vaterlandes hängt nicht zum wenigſten davon ab, ob wir in ihm die Richtſchnur unſeres öffentlichen Lebens aner⸗ kennen wollen. Laßt Euch vom Uinken nicht umgarnen, der Euch zuruft: Mach's wie die Rnderen, ſondern wappnet Euch, wenn er an Euch herantritt, mit der Warnung: Wenn das ein Jeder tun wollte! wer ſeinem Volk ein Führer ſein will, der muß— ſo meine ich weiter— auch Fühlung mit ihm halten. Fls ich Euch damals in's Felo ſchrieb, da wagte ich den Satz:„Was hülfe es dem Deutſchen, wenn er die ganze Welt gewönne und könnte den Zugang nicht finden zum eigenen Volk?“ Seltſam will mich dieſer Satz heute anmuten, und faſt ſcheue ich mich, ihn hier zu wiederholen. Ich ſchrieb ihn nieder in der noch unerſchütterten Hoffnung auf den endolichen Sieg un⸗ ſerer Sache, aber auch unter dem Einoruck des Gedankens an die ſchweren Kämpfe, die unſerem Volk auch bei glücklichem Rusgang des Krieges im Innern bevorſtehen mußten. Und ich ſchalt die Kurzſichtigkeit derer, die es mit dieſer Sorge leicht zu nehmen ſchienen und ſie eben mit dem Hinweis auf den glücklichen fusgang des Krieges bei Seite ſchieben zu dürfen glaubten. And heute? Ich will nicht reden von un⸗ ſeren zerſchlagenen Hoffnungen, die wir um unſer nacktes Leben kämpfen. flber der Zugang zu unſerem Volke? Was iſt mit ihm? Iſt er uns nicht verſchüttet worden? War es wirklich nur Kurzſichtigkeit, was ihn uns damals nicht finden ließ? Sind nicht Mächte der Finſternis aufgeſtiegen in dieſem Volk, von denen auch die Weitblickenden unter uns nichts ſahen, nichts ſehen konnten? Sind nicht, um an Gottfried Kellers Worte anzuknüpfen, bei der furchtbaren Umwälzung, die wir erlebt haben, neben ja ſtatt der Goldoͤrachen und Kriſtall⸗ geiſter des menſchlichen Gemütes alle häßlichen Tazzelwürmer und das Heer der Ratten und Mäuſe aus der Tiefe hervor⸗ gefahren? Ein Volk, das mit Füßen tritt, was ihm das Hei⸗ ligſte ſein ſollte, Recht und Sitte, Zucht und Oroͤnung, Treue und Glauben, kann ich ein ſolches Volk mit Liebe umfaſſen? And ohne Uiebe, wie kann ich dieſes Volkes Führer ſein? Ich darf es nicht verhehlen, Kommilitonen, daß mich dieſe 10 —— Fragen von allen am ſchwerſten oͤrücken. Mir ſcheint die gei⸗ ſtige Not unſeres Volkes noch größer zu ſein als ſeine leib⸗ liche, und es iſt mir nur ein ſchwacher Troſt, daß dieſe gei⸗ ſtige Not bedingt ſein möchte durch die leibliche und ſomit auch mit ihr wieder vergehen werde. Fber dann fällt mein Blick auf Euch, Ihr jungen Kommilitonen! Das gerade iſt ja Gottes Segen an Euch geweſen in Eurer harten, opfer⸗ reichen Zeit, daß Ihr da draußen mit dem Volk zuſammen waret, daß Ihr Freud und Leid, Mühe und Rrbeit, Scherz und Erholung mit ihm teilen, daß Ihr in ſeine Seele ſchauen durftet. Und ſo heiſche ich von Euch die Antwort auf meine Frage: iſt denn das wirklich die Seele des Volkes, was da rings um uns herausbricht in entſetzlichen, allem menſchlichen Empfinden Hohn ſprechenden flusſchreitungen? Ich mag's nicht glauben, und Ihr könnt es nicht. Ihr, denen die Zu⸗ kunft dieſes Volkes anvertraut iſt, Ihr dürft oer Stimme des verſuchers nicht Raum geben, die Euch in's Ohr raunt: Dies Volk verdient nicht, daß Ihr es liebt! Aber, will denn das Volk geführt ſein? Es hat ſich ja ſelbſt in den Sattel geſetzt, hat ſelbſt die Zügel in die Hand genommen: wohlan, ſo laßt es reiten. Gewiß, wir leben in einem demokratiſchen Staatsweſen, das heißt in einem Staats⸗ weſen, das dem Volkswillen in Geſetzgebung und Verwaltung entſcheidende Bedeutung eingeräumt wiſſen will. Ich darf hier nicht in eine Erörterung darüber eintreten, ob für diejenigen, die dieſe Tatſache anerkennen und die ihre ſtaatsbürgerliche Betätigung auf ſie einzuſtellen gedenken, die Frage nach der Verfaſſungsform eines ſolchen Staatsweſens durch die gegen⸗ wärtige Entwickelung als gelöſt angeſehen werden muß. Ich perſönlich bekenne mich zu denen, für die das ſchöne Wort vom Kaiſer im Volksſtaat ſeinen Zauber, und nicht nur ſeinen romantiſchen Zauber, nicht verloren hat, und die es ſchmerz⸗ lich empfinden, daß ſeine Verwirklichung durch ein Zuſammen⸗ treffen unglücklichſter Umſtände unmöglich geworden iſt. Etwas Anderes aber iſt es, was ich betonen möchte. Mirr ſcheint, die Anerkennung der Demokratie legt uns die Pflicht auf, nunmehr für die Rechte der Sozialariſtokratie, und zwar im 11 Sinne der natürlichen Geſellſchaftsoroͤnung als einer Husleſe der Beſten, um ſo nachdrücklicher einzutreten, als gerade dieſe Rechte in der gegenwärtigen Entwickelung gefährdet erſcheinen. Daß ich damit nicht für irgend welche Herrenrechte eintreten will, brauche ich nach allem, was ich geſagt habe, nicht mehr hervorzuheben.„Die echten Sozialariſtokraten“— ſo hat es Otto Jimmon formuliert—„ſind allezeit eingedenk, daß ihnen nicht um ihrer ſelbſt willen eine bevorzugte Stellung einge⸗ räumt iſt, ſondern um der Geſamtheit willen, damit ſie ihre Rufgabe als Bahnbrecher und Leiter deſto beſſer zu erfüllen vermögen. Sie ſind die Schuloͤner der Geſellſchaft und haben für deren Wohl mit allen Kräften einzutreten.“ Und wieder fällt mein Blick auf Euch, meine jungen Kommilitonen. Aun möchte ich Euch nehmen, als hätten ſich die Pforten der Hörſäle ſchon hinter Euch geſchloſſen, als ſtün⸗ det Ihr in freigewähltem Beruf, in imt und Würden. In Jedem von Euch möchte ich den Ruserleſenen ſehen. Mag Euer Beruf Euch in kleine oder große FKreiſe führen, mögt Ihr wirken in einem Hogelsberger Dörfchen oder in der Groß⸗ ſtaöt, an Krankenhaus oder Fabrik, im Gerichtsſaal oder im Schulzimmer, als Uehrer, firzte, Rechtsanwälte, Pfarrer: Ihr ſollt das Salz der neuen deutſchen Erde werden. Das aber könnt Ihr nur, wenn Ihr gelöſt ſeid vom Bann der Vor⸗ urteile, der geſellſchaftlichen, der akademiſchen, vor allem aber der politiſchen. Es gibt eine akademiſche Regel, auf deren Unverbrüchlichkeit hinzuweiſen mir immer wieder wertvoll er⸗ ſcheint. Das iſt das Gebot: Du ſollſt nicht ſchwören auf die worte Deines Eehrers. In's Politiſche überſetzt heißt das: du ſollſt nicht ſchwören auf das Programm einer, leider muß ich ſagen: Deiner Partei. Es iſt für mich eine der drückenoſten Begleiterſcheinungen der gegenwärtigen Entwickelung, daß ſie mich, daß ſie ſogar Euch, die Ihr noch im Werden begriffen ſeid, zwingen will, Euch einer Partei zu verſchreiben. Wir wollen und ſollen mit eigenen flugen ſehen, denn nur wer mit eignen Rugen zu ſehen gelernt hat, kann den Befähi⸗ gungsnachweis ſeiner Führerſchaft erbringen. 12 ——— —=— Zum Heil dem Vaterlande!„Ich kann ja nicht laſſen, ich muß mich ſorgen für oͤas arme, elende, verlaſſene, ver⸗ ratene und verkaufte Deutſchland, als ich ſchuldig bin meinem lieben Haterlande.“ Dieſer Schrei, der ſich in ſchwerer Zeit aus Martin Luthers großer Seele rang, tönt in uns allen fort. Dunkel iſt's um uns her, und Kiemand kann ſagen, wie es in unſerem Vaterlande, wie es im deutſchen Reiche über's Jahr ausſehen, und wie ſich ſeine fernere Zukunft geſtalten wird. Darum iſt es verſtändlich, daß manchen, zumal die filteren unter uns, die graue Sorge anſchleichen will, und ich würde mich einer Unwahrheit ſchuldig machen, wollte ich mich dabei ausnehmen. Rber es bleibt doch wahr:„Wen ich einmal mir beſitze, dem iſt alle Welt nichts nütze.“ Mit Er⸗ quickung habe ich vor einigen Tagen aus oͤer Feder eines unter Euch, Kommilitonen, die flufforderung geleſen, daß man aufhören möchte, unabläſſig ein Grablied zu ſingen. Huch hier heißt es: Laſſet die Toten ihre Toten begraben. Hoff⸗ nungen zerſchellen, Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden. Das gilt Dir, Du akademiſche Jugend, die Du hier vor mir ſitzeſt, und zu der heute ſprechen zu dürfen für mich ein Er⸗ lebnis bedeutet. Was würde es Dir auch nützen, wollteſt Du Dich der Sorge gefangen geben? Hindurch mußt Du ja doch. Du mußt zupacken, oarfſt die Hände nicht in oen Schoß legen. Denn du ſollſt Deinem Volk und Deinem vaterlande Führer werden in ihrer großen Aot. Für's Reich, mit Gott! Damit rühre ich an die zarteſte Frage, über die Jeder mit ſich in ſeinem Kämmerlein zu Rate gehen ſoll. Es müßte doch mit wunderbaren Dingen zugehen, wenn nicht in Jedem von uns, die wir hier verſammelt ſind, die Uberzeugung lebendig wäre, daß es nicht vorwärts gehen kann ohne den Segen von oben. Rber eines rufe ich Euch zu, und zumal Euch, meine lieben Theologen: klebt nicht an der Form, gebt das Gefäß frei, nur füllt es bis zum Randͤe mit dem Himmelstrank der Gottes⸗ und Kächſtenliebe. Dann wird Euch der Geiſt zuſtrömen aus der Höhe, und Ihr werdet neue Kraft kriegen, oaß Ihr auffahret mit Flügeln wie Roͤler. 13 Und Eure Kraſt, das aber iſt Gottes Kraft in Euch, wird ſich ergießen über Euer Volk, ſie wird es ſtark machen, ſeine Laſt zu tragen, ſich aufzurichten unter ſeinem Joch. Ihr dürſt es anpacken, Euer Volk, mag es auch ſchreien unter Eurem Griff. Aber Ihr müßt ihm Ziele zeigen, für die zu leben es ſich lohnt, und vor allem: Ihr müßt ſeinen Leidensweg mit ihm gehen, Ihr dürft Euch nicht trennen von Eurem Volk. Ihr ſollt keine Herren ſein, ſondern Führer! Wenn Euch aber doch einmal Trübſinn anwandeln will, und Ihr meint, den Weg nicht finden zu können, der in die Zukunft führt, dann denkt an die Worte des alten, ſchönen giedes, deſſen Weiſe uns die Muſik vorgeſpielt hat: Wir hatten gebauet Ein ſtattliches Haus Und oͤrin auf Gott vertrauet Trotz Wetter, Sturm und Graus. Das Haus iſt zerfallen, Was hat's weiter Not? Der Geiſt bleibt in uns Rllen, Und unſre Burg iſt Gott! 5. Dankworte des Vorſitzenden des Rusſchuſſes der Studenten⸗ ſchaſt stud. theol. Friedrich Wilhelm Bernbeck. magnifizenz! Hochgeehrte Herren Profeſſoren u. Dozenten! Im Namen und Ruftrag der Geſamtvertretung der Studentenſchaft habe ich die Ehre, unſern tiefgefühlten Dank auszuſprechen für den herzlichen Willkommengruß, den die alma mater heute ihren heimgekehrten Söhnen entbietet; unſeren Dank auch für das freundliche, hilfsbereite Wohlwollen, das uns in dieſen erſten ſchweren Wochen neuen Suchens von ſeiten unſerer akademiſchen Lehrer und Führer ſo wohltuend entgegenſtrömt. 14 — — b — — Dankbar wollen wir, trotz aller Laſten, die uns nun auf⸗ erlegt ſind, auch dafür ſein, daß wir nach erſchütterndem Er⸗ lebnis zu dem Herde der alma mater zurückkehren durften, um uns hier in ſtärkender Berührung mit dem heiligen Mutterboden der Wiſſenſchaft zu üben und zu ſtählen für för⸗ derndes Wirken und bauendes Schaffen an Stätten und werken des Friedens. Mögen andere ſich darum ſtreiten, wie wir das Gut der Wiſſenſchaft aus der Hand unſerer Lehrer empfangen ſollen, mag tote Form auch berſten und ſchwinden, der hohe, freie Geiſt, der lebenſpendend unſere deutſchen Uni⸗ verſitäten erfüllt, deſſen werden wir in dieſer Feierſtunde ge⸗ wiß, er wird uns in ſeiner alten Größe und Kraft erhalten bleiben; er wird uns auch bei treuer, mutiger febeit wieder die Freudigkeit verleihen, in oer uns Geiſtesſchwung und willenskraft ſiegend hindurchreißen durch alle Hemmungen und Wirrniſſe der Gegenwart. Wir haben aber nur dann das Recht, Kommilitonen, hier unſerem Dank in Worten Hlusoͤruck zu verleihen, wenn er uns nicht einfach leicht von den Lippen fließt, ſondern nur, wenn er als tiefſtes, lebendigſtes Gefühl in unſerem Innern wur⸗ zelt und einer kraftvoll bewußten geiſtigen gebenshaltung entſpringt. Darum auch ſoll unſer Dank ſich nicht in Gefühl und Worten erſchöpfen, er ſoll ſich vielmehr umſetzen in Willen und Wirkung. jill die Lebenswerte, die wir in ſchweren Jahren gewonnen, den Mut und die Kraſt, die wir im Sturme erprobt, die zähe Geduld, die uns durch mancherlei Drangſale geführt, die wollen wir nun einſetzen in der unermüdlichen Rrbeit an neuen ernſten Hlufgaben, deren Erfüllung die nächſte Zukunft und das geiſtige Leben unſeres Volkes gebieteriſch zu heiſchen berechtigt ſinoͤ. So ergreifen wir denn heute voll Dankbarkeit und froher Zuverſicht die uns hilfreich dargebotene Hand unſerer geiſtigen Führer und geloben: wir wollen alle in dem ernſten Gedanken, mitverantwortliche Träger der Zukunftsentwicklung ſein, un⸗ entwegt und unerſchütterlich, mit allem, was wir zu geben vermögen, zuſammenſtehn und zuſammenwirken an der ge⸗ 15 meinſamen Rufrichtung unſeres Vaterlandes, in das wir die großen Jdeale mithineinbauen wollen, die es jetzt ſo ſchmerz⸗ lich entbehren muß. In dieſem Streben ergreifen wir über die trübe, wüſte Gegenwart und ihren Kleinmut hinaus die reine Erfüllung jener alten Liedesworte, die uns in ihrer Fceude und Sehn⸗ ſucht ertönen wie aus frohen Kinoͤheitsfernen und hellen Zu⸗ kunftsweiten. Und ſo ſetzen wir denn entſchloſſen das Siegel unter unſer Gelöbnis mit dem hohen Sange von dem Lande unſerer Hoffnung, mit dem Liede von dem Deutſchland der Einigkeit und Treue, des Rechtes und der Freiheit, der giebe und der Kraft. ———— 5 4 —— 6. Gemeinſamer Geſang: Deutſchland, Deutſchland über alles. 7. Marſch. 8 8 4 9 2 Ha⸗ Univarsita ü43. SS 1 Colour& Grey Cortroſ Chart See Cyan Green vellow- Hed Magenta SGSrey 8s Grey 4— Black— 1 Blue Wuite Grey 1 Grey 2 Se A amierenwon in der Keuen Rula der Luoͤwigsuniverſität am 9. März 1919 —.—