No. 579. Beilage zum Frankfurter Jonrnal. Fonmag, 5. Anguſt 1883. —ierrn Städtiſche Angelegenheiten. Die wirthſchaftliche Bedeutung der Main⸗ canaliſation und der Lagerhäuſer für Frankfurt a. M. I Angeſichts der Ausführung des Centralbahn⸗ hofs, der Maincanaliſation und der La⸗ gerhäuſer ſteht Frankfurt an einem Wendepunkt ſeines Geſchicks! Wenn alle betheiligten Factoren einmüthig zuſammenwirken, ſo wird Frankfurt nicht nur als Verkehrscentrum eines intenſiven Conſumtionsgebiets, ſondern auch als Mit⸗ telpunkt einer lebhaften induſtriellen Produktion und als Emporium eines großartigen Güter⸗ austauſches ſeinen Platz auf dem Weltmarkte gegen gleich gerüſtete Mitbewerber wieder gewinnen und für alle Zeiten behaupten können! Vermittelſt des canaliſirten Mains werden Maſſengüter aller Art ohne Umladungs oder Lichterkoſten in ununter⸗ brochener Fahrt von Holland hierher gelangen, um entweder per Eiſenbahn nach Bayern, Oeſterreich, Italien ꝛc. oder bei günſtigem Waſſerſtande in klei⸗ neren Schiffen mainaufwärts von hier aus weiter zu gehen. Mittelſt der Eiſenbahn oder in Mainſchiffen werden ferner aus Oeſterreich, Bayern Waaren hier⸗ herkommen, um von hier aus in größeren Schiffen nach dem Rheine zu gelangen. Als Stapelplatz für manche wichtige Handelsartikel wird dann unſere Stadt ihre frühere, durch ungünſtige Verhältniſſe verlorene Bedeutung wieder erlangen. Sobald ein derartiger Güterverkehr hierher gezogen ſein wird, müſſen die Eiſenbahnen bezüglich der betreffenden Artikel für Frankfurt dieſelben directen und Ausnahmetarife bewllligen wie für die ande⸗ ren Plätze. Weil dies z. B. für Kohlen augenblicklich nicht der Fall iſt, konnte der billigſte Ausnahmetarif derſelben für Frankfurt nach Italien nicht erlangt werden, wohl aber für Mannheim und Mainz. Für dieſelben Plätze, ſowie für Guſtavsburg, Lud⸗ wigshafen a. Rh., Worms werden ferner von den öſterreichiſch⸗ungariſchen Staats⸗ uad anderen Bahnen 30 fach höhere Frachtnachläſſe und Refaktien gewährt, ſo daß z. B. 10,000 Kg. Getreide von Szolnok nach Frankfurt um M. 16,30 pro Waggon theurer als nach Mannheim and Mainz befördert werden, ob⸗ wohl dieße Miiße kilometriſch weiter von den öſter⸗ reichiſch⸗ungariſchen Stationen entfernt ſind. Billige Speſen ſnd das erſte Erfor⸗ niß der Concurrenzfähigkeit im moder⸗ nen Handel. Ein geringerer Speſenſatz als der ſeit⸗ beſtehende, das iſt der Cardinalpunkt, der für die hieſigen Induſtrie⸗ und Handelszweige durch die Maincanaliſation und den Bau von Lagerhäuſern erzielt werden ſoll. Es kommen hierbei in Betracht: billige Frachten, billige Lager⸗ und örtliche Speſen, ſowie billige Vorſchüſſe. Wie bedeutend der Frachtunterſchied von Rotterdam bis Mannhein und Frankfurt ſeither war, geht aus der folgenden Mittheilung hervor, die wir aus der im Auftrage der Handelskammer vom Syn⸗ dicus derſelben, Herrn O. Puls herausgegebenen intereſſanten Schrift:»Maincanaliſation und Lager⸗ häuſer«(Selbſtverlag des Verfaſſers) entnehmen und deren wir bei den nachſtehenden Ausführungen uns bedienen werden. Im vorigen Jahre haben folgende Durchſchnittsfahrten beſtanden: Von Rotterdam per Schiff per 100 Kg.: 1) für Getreide⸗ und andere Maſſentransporte nach Mainz 55 Pf., nach Mannheim 58 Pf.; nach Frankfurt exiſtiren kaum directe Maſſentransporte; letztere gehen in Guſtavsburg oder Caſtel auf die Eiſen⸗ bahnen über.— Die Koſten bei Kohlen be⸗ tragen für Umſchlag 3 Pf., für Eiſenbahnfracht 17 Pf. und für die Verbindungsbahn 3 Pf⸗; der Ueberſchlag losgeladener Frucht vom Schiff auf den Waggon in Guſtavsburg beträgt 14 Pf., die Bahn⸗ fracht Guſtavsburg⸗Weſtbahnhof 24 Pf., zuſammen 38 Pf. per 100 Kg.; die Durchſchnittsfracht zuzüg⸗ lich der Fracht nach Mainz ergibt alſo nach Frank⸗ furt 78— 93 Pf., 2) für Stückgüter: nach Mainz 15 P. nach Mannheim 80 Pf., nach Frankfurt Die Waſſerfracht von Rotterdam und Antwerpen nach Mannheim iſt jedoch in Wirklichkeit gewöhnlich nicht höher als die nach Mainz, einmal, weil die Gelegenheit nach Mannheim eher vorhanden iſt und dann weil die Schiffer wegen der Rückfracht öfters dorthin gehen. Im Durchſchnitt werden demnach ſpäter die Güter zu denſelben Preiſen nach hier wie nach Mannheim, alſo um 25 bis 40 pCt. billiger als ſeither, verfrachtet werden können. Neben der Erſparniß an Fracht kommt vor Allem die Erſparniß an Zeit und Geld bei der lokalen Behandlung der Waaren in Betracht. Die Abladung, die Speicherung und die mannigfachen mit letzterer und mit der Spedition verbundenen Manipulat onen erfolgen in einem Entrepot auf die rationellſte Weiſe und daher weit billiger, als wenn der Kauf⸗ mann ſein eigenes Magazin und eigenes Perſonal halten muß. Da der Beſitz eines eigenen Magazins beim Vorhandenſein des Entrepots unnöthig wird, ſo iſt dann jedermann in der Lage in faſt beliebiger Menge die verſchiedenſten Waaren zu beziehen, ſeine Waarenvorräthe jeden Augenblick zu verändern, auch wenn er gar kein, oder kein genügend geräumiges oder entſprechend eingerichtetes Privatlager zu ſeiner Verfügung hat. Was zunächſt die Verminderung der Lager⸗ ſpeſen betrifft, ſo erſcheint die Errichtung eines öffentlichen Waarenlagers ſchon inſofern als ein wirkliches Bedürfniß des hieſigen Handelsplatzes, weil viele Lokale, die früher als ſchmuckloſe Lagerungs⸗ räume dienten, im Laufe der Zeit umgebaut wurden, theils in Wohnungen, theils in Verkaufsläden, ſo daß über Mangel an Lagerräumen ſchon ſeit Jahren in immer zunehmendem Maße geklagt wird. Gleich⸗ mäßig erhöhte ſich auch die Lagermiethe in kaum erſchwinglicher Weiſe. Während in den öffentlichen Lagerhäuſern in München, Mainz und Mannheim die Lagerkoſten für Getreide 4 Pf. per 100 Kg. und Monat betragen, ſind dieſelben hierorts mindeſtens auf 7—8 Pf. zu ſchätzen. Nur die öffentlichen Lager bewirken, daß die Lagerzinſen auf ein angemeſſenes Riveau gebracht werden. Des Weiteren kommt eine Er⸗ ſparniß bei denjenigen Speſen in Betracht, welche ſich auf Rivalen, erzielt werden, den directen Umſchlag der Güter vom Schiff auf den Waggon beziehen. Während die Arbeits⸗ löhne, welche zur Zeit an den hieſigen Bahnhöfen gezahlt werden, für das Aus⸗ reſp. Einladen zwiſchen Waggon und Lagerhalle nur 3—4 Pf. und mit Ver⸗ wiegen 5 Pf. betragen, Sätze, die billig ſind und den Mainzer Umladeſätzen, abzüglich des gewährten Rabatts, gleichſtehen, ſind die Güter, welche pr. Schiff hier ankommen, mit folgenden Koſten belaſtet pro 100 Kg.: Arbeitsgeld für Ausheben aus dem Schiff und von der Waage 9 ½ Pf., Aufladen auf den Waggon oder Fuhre 6 Pf., zuſammen 15 ½ Pf. Dagegen betragen die Koſten, welche bei den in Mainz ankommenden Stiückgütern entſtehen pro 100 Kg.: 1) für zollpflichtige Güter: Krahnen⸗, Arbeits⸗ und Waaggeld aus dem Schiff bis auf den Waggon 9 Pf., 2) für Güter im freien Verkehr:; Krahnen⸗ und Arbeitsgeld aus dem Schiff bis auf den Waggon 6 Pf.— 3 Hieraus geht hervor, daß die hieſigen Koſten für das Ueberſchlagen der zollpflichtigen Güter aus dem Schiff auf den Waggon um 6 ½ Pf. per 100 Kg. und diejenigen der nicht ſteuerpflichtigen Güter um 9 ½ Pf. per 100 Kg. höher ſind als in Mainz. Dieſe Differenz in den Platzkoſten reicht vollſtändig aus, um in neuerer Zeit Frankfurt concurrenzunfähig zu machen und eine ſtetige Abnahme des hieſigen Hafenverkehrs bei gleichzeitiger Zunahme desjenigen anderer Orte zu bewirken. Außerdem wird hier der ſeitens der ſtädtiſchen Verwalltung feſtgeſetzte Satz für Einladen von naſſen Gütern zu Thal von 12 Pf. per 100 Kg. erhoben, während auf den hie⸗ ſigen Bahnhöfen für Aufladen von Waggonladungen nur 4 Pf. pro 100 Kg. zu entrichten ſind. Ueber dieſe Differenz in den Koſten wird vielſeitig und eindringlich geklagt. Nach Ausführurg der Main⸗ canaliſation werden die neuen Einrichturgen un⸗ zweifelhaft beſſere Verhältniſſe bringen. Es erſcheint jedoch geboten, mit einer entſprechenden Verminde⸗ rung nicht bis dahin zu warten, ſondern die ge⸗ nannten Platzkoſten ſoſort herabzuſetzen. Noch ungleich ungünſtiger ſtellen ſich die orts⸗ üblichen Platzſpeſen, wenn die Waare hier ge⸗ lagert wird und dann weiter geht. Hier betragen dieſe Speſen nach der in der genannten Schrift auf⸗ geſtellten Specification nämlich 57 ½ Pf., in Mann⸗ heim, wo die Lagerhäuſer einerſeits mit dem Waſſer, andererſeits mit der Eiſenbahn in unmittel⸗ barer Verbindung ſtehen, nur 31 Pf. Sollen hier nun dieſelben Erſparniſſe wie in Mannheim, unſerem ſo ſind bei Anlage der Lagerhäuſer und des Flußhafens in's Auge zu faſſen: die richtige Verbindung zwiſchen Hafen und Eiſenbahn, welche ein raſches Ueberladen der Güter vom Schiff in Waggon oder umgekehrt geſtättet; ferner die richtige Sitnation der Lagerplätze un Lagerhäuſer in Bezug auf Hafen und Bahn, vobei ganz beſonders Rückſicht auf ein raſches Formire der Züge zu nehmen iſt; endlich alle die zum ra⸗ ſchen und billigen Löſchen, Befrachten, Lagern und zum Conſerviren nöthigen maſchinellen und baulichen Einrichtungen. Hiezu gehören die Aus⸗ und Ein⸗ lade⸗Vorrichtungen, Lagerplätze, Lagerhallen und die maſchinelle Einrichtung der Lagerhäuſer. —-——— Der Kampf um den Congo. Die Congo⸗Frage iſt neuerdings wiederum in ein neues Stadium getreten; vor einigen Tagen iſt der engliſche Generallieutenant Fr. J. Goldſmith in Be⸗ gleitung eines Rechtsgelehrten Mr. Morgan mit dem Dampfer»Corisko« von Liverpool nach dem Congo abgereiſt, um ſich über die dortigen Verhältniſſe zu unterrichten. Der General, ein Mann in der Mitte der vierziger Jahre, diente, wie verlautet, früher in der oſtindiſchen Armee, hat ſich aber ſeit einigen Jahren aus dem Dienſte zurückgezogen. Er gilt für einen tüch⸗ tigen Geographen und Gelehrten. Die Fahrt des engliſchen Generals erregt natür⸗ lich das Mißtrauen der Franzoſen und der Temps weiß ſofort zu melden, General Goldſhmith bringe Stanley Verſtärkungen an Material und Menſchen; ſeine Expedition habe den Zweck, ſofort den Kampf mit de Brazza zu beginnen. Der Temps ruft nach dieſer Meldung emphatiſch aus, nun wiſſe man doch, was man von den wiederholten friedlichen Verſiche⸗ rungen der Auftraggeber Stanley’s zu halten habe. Die Angaben des Temps hierzu ſind aber ebenſo falſch, wie die franzöſiſcherſeits oft wiederholte Beſchuldigung, daß Stanley ſeinen Concurrenten Brazza mit Gewalt aus dem von dieſem beſetzten Gebiete vertreiben wolle. General Goldſhmith hat dem Vernehmen nach nar den Auftrag, alle Vorgänge und Zuſtände am Congo zu beobachten und darüber zu beriyten. Seine Sendung beweiſt deutlich, daß man britiſcherſeits die Bewegung an der Weſtküſte Afrikas genau beobachtet und daß man ſich nicht überraſchen laſſen will. thunlich, freundlich und intelligent. Bis nach Botoba hinauf können jetzt Europäer mit voller Sicherheit ohne Begleitung reiſen und ſicher ſein, überall ein freund⸗ ſchaftliches, ja herzliches Entgegenkommen zu finden. Nur einmal, und dies vor drei Jahren, gleich nach Gründung der Colonie Manyanga, zeigten ſich die Schwarzen feindſelig; die energiſche Zurückweiſung ihres Angriffes hat ihnen anſcheinend ein⸗ für allemal die Luſt benommen, ſich in einen Kampf mit den Weißen einzulaſſen, die ſie als ihre Wohlthäter zu betrachten gelernt haben. Auf die Expedition De Brazza's paßt, wenn man dem Berichterſtatter des Daily Telegraph glauben darf, das Sprichwort:»Viel Geſchrei und wenig Wolle« und dieſes Urtheil ſtimmt auch mit anderen Meldungen völlig überein. Stanley ſteht der franzöſiſchen Expedition nicht feindlich gegenüber, und glaubt nicht, daß es zu Zwiſtig⸗ keiten kommen werde. Die mit ſo vielem Pompe ge⸗ meldete Gründung von Brazzaville am Stanley⸗See be⸗ ſchränkt ſich auf die Errichtung eines Flaggenſtocks; die Stadt iſt noch immer das frühere aus 8 Schilfhütten beſtehende Dorf Mfua, in dem 50— 60 Eingeborene ein kärgliches Leben friſten. Der neue König will den von ſeinem gewaltſam enthronten Vorgänger mit De Brazza abgeſchloſſenen Vertrag über die Gebietsabtretung von Mfua nicht anerkennen, und iſt darum die ganze An⸗ ſiedelung in Frage geſtellt. De Brazza erforſcht jetzt die Gegenden am Ozowe⸗Fluſſe und ſoll mit furchtbaren Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Weit gefährlicher für die Befeſtigung der Zuſtände am Congo iſt in den Augen des Berichterſtatters die große Holländiſche Handelsgeſellſchaft, die»Nieuwe Afrikanſche Handels⸗Vennootſchap«, die äußerlich eine ſehr freundſchaftliche Haltung bewahrt, unter der Hand aber angeblich gegen Stanley intriguirt und kein Mittel ſcheut, ſich ein Handelsmonopol zu ſchaffen. Die Portugieſen, deren Händler ſchon ſeit hundert Jahren am Congo verkehren, haben den unteren Congo in der Hand. Ihre Sprache wird von ſehr vielen Ein⸗ geborenen am ganzen Congo verſtanden, und von Einigen ganz geläufig geſprochen. Trotzdem aber iſt nur ein ge⸗ ringer Theil des Handelsverkehrs in portugieſiſchen Händen. Portugal betrachtet ſeine Anſiedelung nur im Lichte eines Finanzpächters und hofft, ſich durch Er⸗ hebung von Zöllen und Schifffahrtsabgaben eine reiche Einnahmequelle zu ſchaffen. Eine Regelung der Ange⸗ legenheit erſcheint den Engländern im Intereſſe des freien Verkehrs am Congo ſehr wünſchenswerth und es ſollen auch bereits Verhandlungen mit England über die Abtretung des von Portugal eingenommenen Territoriums im Gange ſein. Sterblichkeits⸗ und Geſundheits⸗ verhältniſſe. Gemäß den Veröffentlichungen des Kaiſerl. Geſund⸗ heitsamts ſind in der 29. Jahreswoche vom 15. Juli bis 21. Juli als geſtorben gemeldet: 2 Zahl der 3 3 Todesfälle an: 13₰ Todes-* 8— 8 S ſfülle ohne.., 883 82 5 3-[2,3 62S5, 8 58 ₰ 3 3 Todt 5S 25 513, 8 3 8 5 Städte. 3S geborene. S5 3 E 3 58 2 3 ⁸ 135Sſ3. 253 3 3 AA 218 S A Berlin..1192 1205[720[52.6 56/½2 5 43 5] 7 84 4e 513 Hamburg] 426]ſ 196 65[23.4—— 2 6] 37 1 24 7 34 Breslau. 424] 231 122 42.0—— 4— 2] 17 7 78 9München 240 168 80 36.0]) 15— 4] 1¹ 1 16 9 52 Dpresden. 230] 139 74[31.5—5 2 4— 1 16 6 27 Leipzig. 160] 111 61 36.0— 1. 4 1 1 13 2 48 Königsbg] 150] 194 52 36.0]—— 4 3 21 7 5 34 Köln,.. 149] 103 56 33.0%——- 2 7 3 23 Frkft. a. M] 141¹ 74 30[26.9] 1 1 3—— ,— 11 2 30 Hannovr. 129] 84 43[33.9]— 10 4 3—— 7 3 22 Bremen. 118 42] 17[1¹8.6—— 1 1 2— 11 5 7 Danzig.. 114] 53 21 24.17—— 2—-— 4 2 11 Stuttgart] 109] 61] 35 29.,%—— 1—— 2 1 15 Strasb.i E] 109=% 66 35[21.6—————— 5 6 28 Nürnberg] 103]%¶m53] 27 26.77 N— 1=—- 11 6 4 15 Magdebg.] 10¹] 75 50 43.57——— 3-— 1 8 3 35 Düsseldf. 101¹1 59 36[29.4——— 3 1 1 4— 20 Chemnitz] 100% 75 50[38.5/—— 1 3--— 4— 5 Barmen. 98] y48 14[25.6 /——— 1] 1 2 10 3 10 Elberfeld 99 38] 19[19.77—— 1— 4 1 4 Stettin. 98] 69 46[36.5——- 3 1) 1— 3 3 36 Altona.. 96] 61 32 33.21———— 2)/ 1 8 6 20 Aachen.. 88] ß58 34 34.1——— 1 4 12 2 22 Crefeld. 81] 32 21[20.11—— 1 1 4 1 10 Brschwg. 80)45 26 29.3— 2] 1 3—— 3— 13 Halle a. S. 75⁄ 54 32 36.9————— 1 1 2 14 Dortmnd. 72¹1 37 17[26.8 8-——-— 1 3 2 6 Posen.. 68] 46 26 35.1— 1- 1— 1 5 1 6 Augsbrg. 64])29 11[23.71—— 1 2 1 6 Mainz.. 63] 47 22 8s.7-—— 1/——- 4 2 12 Kassel. 62])31 17[25.8/——— 1——6— 7 Essen 61] 35 18 29.8/————— 1 6 3 6 Metz 59] 22 8 ſi9.51-———— d 1 4 4 Mannhm. 57 37 23 33.9 8 8-—— 8— 13 Erfurt 56 19 9[17.71—— 1 1 1— 3— 5 Würzbrg. 524] 33 10[31.7-——— 3— 4 1 5 Lübeck 583 15 5[14.77—-— 1 2 1—1 3 1 Wiesbdn. 53¹)22] 15[21.6 1 3 2 Karlsrhe. 52 26 15[26.0- 8———— 4 1 11 Darmstdt 52 28] 11[28.2—— 2] 2— 4 3 7 Offenbch. 30% 20 5 35.3- 1—— 5 1[4 Heidelbg. 26˙¹ 12 2[2²4.6.1———— 4— 2 Pforzum. 24] 15 9 32.4—- 1—-— 2 3 4 Hanau. 24] 12 5 26.3—-—- 2— 2 Worms. 20 13 4 35.1—— 2 2 2 Bockenh.] 17 9 6 l[29 2———— 1 Auch die engliſchen Blätter verfolgen die Vorgänge am Congo mit Aufmerkſamkeit. Soeben veröffentlicht der Daily Telegraph den Bericht eines nach Europa zurückgekehrten Begleiters Stanley's, welcher über die Thätigkeit des berühmten Forſchers und die am Congo herrſchenden Zuſtände viele intereſſante Einzelheiten enthält. Wir entnehmen demſelben was folgt: Stanley, als Leiter der unter dem Protectorate König Leopold's von Belgien ſtehenden internationalen afrikaniſchen Expedition, ſcheint ganz der Aufgabe zu leben, das von ihm entdeckte Gebier der Cultur zuzu⸗ führen. Er hat bereits acht Stationen gegründet, welche, mit Vivi an den 110 engliſche Meilen von der Mündung des Congo entfernten Katarakten beginnend, ſich bis auf 250 Meilen über den Stanley⸗See hinaus erſtrecken. Die letzte Anſiedlung iſt Bolobo in dem gleichnamigen, ſehr dicht bevölkerten Diſtrikte. Die Cen⸗ tralſtation bildet Leopoldville an dem Austritte des Congo aus dem Stanley⸗See. Alle Anſiedlungen be⸗ finden ſich durchaus in einem blühenden Zuſtande. Sie ſind von eingefriedigten Weidegründen, Gärten und Feldern umgeben, wo Bananen, allerhand Gemüſe und Halmfrüchte gebaut werden, und die gleichſam eine Pflanzſchule bilden, von der aus die Cultur nützlicher Gewächſe unter den Eingeborenen verbreitet werden ſoll— eine Aufgabe, welche bereits ſehr gute Früchte getragen hat. Außerdem werden an jeder Station Werkſtätten unterhalten, und finden die Schmiede, Schreiner, Zimmerleute ꝛc. an den Negern gelehrige Schüler. Miſſionäre folgen Stanley überall auf dem Fuße nach. Die Baptiſten haben eine Station in San Salvador, die Evangeliſten in Pallaballa, einem ſehr wichtigen Platze gegenüber Vivi; die Katholiken ſind am weiteſten vorgedrungen, ſie haben fünf Stationen, die ſich bis zum Stanley⸗See erſtrecken. Der Charakter Während der Berichtswoche herrſchten an den meiſten deutſchen Beohachtungsorten zwiſchen Süd und Weſt ſich bewegende Windrichtungen, die in Konitz, Breslau und Köln vorübergehend bis nach Nordweſt und um Schluß der Woche an den Oſtſtationen und in Berlin bis nach Südoſt gingen. Die Temperatur der Luft war, beſonders um die Mitte der Woche, eine rel.*w niedrige und blieb an allen Stationen erheblich unter der normalen(in München bis 5 Grad Celſius). Niederſchläge erfolgten häufig und auch ergiebig. Aus den Oſtſtationen und aus Berlin kamen Gewitterent⸗ ladungen zur Meldung. Der beim Wochenbeginn mäßig hohe Druck der Luft ſtieg bis zum 17., ſank als ann an den Südſtationen bis an das Ende der Woche ſtig, an den übrigen bis zum 18. und 19., um ſchheßlich nochmals anzuſteigen. Unter dem Einfluß der kühleren Temperatur der Luft hat die Sterblichkeit in den meiſten Großſtädten Europas, namentlich in den deutſchen Städten, erheblich abgenommen, indem vor allen Todesfälle an Darm⸗ katarrhen und Brechdurchfällen der Kinder, am be⸗ trächtlichſten in Berlin, ſeltener wurden. Die allgemeine Sterblichkeitsverhältnißzahl für die deutſchen Städte ſank auf 32,8 von 37,0(auf 1000 Bewohner und auf's Jahr verechnet) und zeigt eine erhebliche Abnahme der Sterblichkeit des Säuglingsalters. Von 10,000 Leben⸗ den ſtarben auf's Jahr berechnet 172 Kinder unter 1 Jahr gegen 205 der Vorwoche, in Berlin 314, in München 173. Unter den Todesurſachen ſcheinen Darmkatarrhe und Brechdurchfälle der Kinder ihren Höhepunkt über⸗ ſchritten zu haben und erfüuhren eine bedeutende Ab⸗ nahme. Die Zahl der aus den deutſchen Städten ge⸗ der Eingeborenen iſt ein ausgezeichneter, ſie ſind zu⸗ meldeten Sterbefalle belief ſich auf 15995(in der Vor⸗ woche 1851), von denen 513(in der Vorwoche 669) auf Berlin entfielen. Auch in Königsberg, Stettin, Breslau, München, Stuttgart, Nürnberg, Dresden, Leipzig, Magdeburg, Halle, Charlottenburg, Hamburg, Altona, Köln. Düſſeldorf, Aachen, Frankfurt a. M., Straßburg, Wien, Budapeſt, Paris, London, Peters⸗ burg, Warſchau u. a. O. war das Vorkommen von von Darmkatarrhe noch immer ein ſehr häufiges. Von den Infectionskrankheiten forderten Kindbettfieber, Croup, Keuchhuſten und Ruhr mehr Opfer.— Todesfälle an Ruhr kamen 30, davon 16 aus Berlin zur Meldung. — Todesfälle an Maſern haben in Altenburg und in Berlin ab⸗, in Dresden und München zugenommen. Auch in Paris, London, Madrid herrſchen Maſern in ausgedehnter Weiſe.— Die Sterblichkeit an Scharlach hat in Hamburg abgenommen, in Berlin blieb ſie ziem⸗ lich unverändert. Diphtherie rief faſt allgemein weniger Todesfälle hervor; auch Sterbefälle an Unterleibstyphus wurden allgemein ſeltener. An Flecktyphus kamen aus Budapeſt, Warſchau, Petersburg, Odeſſa und Saragoſſa je 1, aus Madrid 4, aus deutſchen Städten kein Sterbefall zur Meldung.— Dem Kindbettfieber erlagen 17 Frauen.— Todesfälle an Pocken wurden aus deutſchen Städten 5 gemeldet (4 aus Heilbronn, 1 aus Frankfurt a. M.); neue Er⸗ krankungen, gelangten nicht zur Anzeige. Aus London und Wien wurde kein, aus Warſchau, Valencia, Sara⸗ goſſa je 1 Pockentodesfall, aus Budapeſt und Amſter⸗ dam je 2, aus Brüſſel, Birmingham und Murcia je 3, aus Prag und Madrid je 5, aus Paris 6, aus Peters⸗ burg 7 Todesfälle gemeldet. Noch größer war deren Zahl in Bombay, Rotterdam, New⸗Orleans und Madrid.— Die Cholera in Egypten hat ſich über eine größere Zahl von Ortſchaften verbreitet. Am hef⸗ tigſten wüthete ſie in Kairo, beſonders im Quartier Bulag; doch war zu Ende der Woche bereits ein Nach⸗ laß erſichtlich. Unter den engliſchen Truppen ſollen vereinzelte Cholerafälle vorgekommen ſein. In Alexan⸗ drien ſtarben in der Nacht vom 24. zum 25. Juli zwei aus Ka ro gekommene Perſonen. Militäriſches. Perſonal⸗Veränderungen. Preuß. Armee. Jordan, Hauptm. und Comp. Chef. vom Cadetten⸗ hauſe zu Wahlſtatt, in gleicher Eigenſchaft zum Ca⸗ dettenhauſe in Oranienſtein, v. Drygalski, Major vom 2. Niederſchleſ. Inf. Regt. Nr. 47, als Bats. Commandeur in das 3. Oberſchleſ. Inf. Regt. Nr. 62 verſetzt. v. Bojanowsky, Major aggreg. dem 2. Niederſchleſ. Inf. Regt. Nr. 47, in dieſes Regt. ein⸗ rangirt. Lehmann, Sec. Lt. vom Feld⸗Art. Regt. Nr. 15, unter Stellung à la suite des Regts., zur Lehr⸗Batter. der Art. Schießſchule verſetzt. Höfer⸗ Pr. Lt. vom Fuß⸗Art. Regt. Nr. 10, unter Beförder. zum Hauptm. und Comp. Chef, in das Bad. Fuß⸗Art. Bat. Nr. 14, zum Vorſtand des Art. Depots in Han⸗ nover ernannt. Belling, Pr. Lt. und 2. Depot⸗ Offiz. vom Heſſ. Train⸗Bat. Nr. 11, zum 1. Depot⸗ Offiz. befördert. Bargen, Sec. Lt. und 2. Depot⸗ Offiz. vom Pomm. Train⸗Bat. Nr. 2, in gleicher Eigen⸗ ſchaft zum Heſſ. Train⸗Bat. Nr. 11 verſetzt. Frhr. v. Ungern⸗Sternberg, Sec. Lt. vom Kaiſer Alexander Garde⸗Grenadier⸗Regiment Nr. 1, in das 1. Bad. Leib⸗Grenadier⸗Regiment Nr. 109, Frhr. v. Hornſtein, Pr. Lt, vom 6. Bad. Inf. Regt. Nr. 114, in das 4. Garde⸗Regt. zu Fuß verſetzt. Baſtian, Vicefeldwebel vom 2. Bat.(Fulda) 1. Heſſ. Landw. Regts. Nr. 81, zum Sec. Lt. der Reſ. des 6. Rhein. Inf. Regts. Nr. 68, Holſten, Vicefeldw. vom 2. Bat.(Heidelberg) 2. Bad. Landw. Regiments Nr. 110, zum Sec. Lt. der Landw. Inf., Maquet, Vicefeldwebel von demſ. Bat., zum Sec. Lt. der Reſ. des Anhalt. Inf. Regts. Nr. 93, Frhr. v. Duſch, Vicefeldw. von demſ. Bat., zum Sec. Lt. der Reſ. des 1. Oberſchl. Inf. Regts. Nr. 22, Faller, Vicefeldw. vom 2. Bat.(Mühlhauſen i. Th.) 1. Thüring. Landw. Regts. Nr. 31, zum Sec. Lt. der Reſ. des Heſſ. Jäger⸗Bats. Nr. 11, v. Jbell, Vicewachtmeiſter vom 2. Bat.(Fulda) 1. Heſſ. Landw. Regts. Nr. 81, zum Sec, der Reſ. des Heſſ. Feld⸗Art. Regts. Nr. 11, Schuh, BVicefeldwebel vom 2. Bat.(Heidelberg) 2. Bad. Landw. Regts. Nr. 110, zum Sc. Lt. der Reſ. des 1. Bad. Landw. Regts. Nr. 14 befördert. Naglo, Hauptm. u. Comp. Chef vom 4. Großh. Heſſ. Inf. Regt.(Prinz Karl) Nr. 118, mit Penſion nebſt Aus⸗ ſicht auf Anſtellung im Civildienſt und der Uniform des 3. Oberſchl. Inf. Regts. Nr. 62, Krell, Major und etatsmäß. Stabsoffic. vom 2. Heſſ. Huſ. Regt. Nr. 14, als Oberſtlt. mit Penſ. und der Regts. Unif., der Abſchied bewilligt. Frhr. v. Dernbach, Port. Fähnr. vom 2. Naſſ. Inf. Regt. Nr. 88, zur Reſ. ent⸗ laſſen. Frhr. v. Elmendorff, Hauptm. u. Comp. Chef vom 6. Bad. Inf. Regt. Nr. 114, mit Penſ. nebſt Ausſicht auf Anſtellung im Civildienſt und der Armee⸗ Unif., Klein, Hauptm. u. Platzmajor in Neu⸗Breiſach, mit Penſ. und der Armee⸗Unif., v. Thun, Major und etatsm. Stabsoffic. vom Rhein. Ulan. Regt. Nr. 7, mit Penſ. und der Uniform des Poſ. Ulan. Regts. Nr. Nr. 10,— der Abſchied bewilligt. v. Wolf⸗ radt, Hauptm. u. Comp. Chef vom Cadettenhauſe zu Oranienſtein, mit Penſ. und der Unif. des 4. Garde⸗ Regts. zu Fuß der Abſchied bewilligt, Kglauv. Hofen, Feuerw. Hauptm. vom Stabe der 15. Feld⸗ Art. Brig., mit Penſ. nebſt Ausſicht auf Anſtellung im Cwildienſt der Abſchied bewilligt. Giehler, Sec. Lt. von der Landw. Inf. des 1. Bats.(Marburg) 1. Heſſ. Landw. Regts. Nr. 81, Hoffmann I., Pr. Lt. von der Landw. Inf. des Reſ. Landw. Bats. (Frankfurt a. M.) Nr. 80, mit der Landw. Armee⸗ Unif., Kelbe, Sec. Lt. von der Reſ. des 1. Bad. Leib⸗Grenad. Regts. Nr. 109, Winkelmann, Sec. Lt. von der Landw. Feld.⸗Art. des 1. Bats.(Bruchſal) 3. Bad. Landw. Regts. Nr. 111, der Abſchied bewilligt. — Die Heſſen und ihre Landes⸗Univerſität. Von Prof. Laspeyres. 1 II. Die Scheu der Heſſen vor ihrer Landes⸗ univerſität. In unſerm I. Artikel hatten wir gefunden, daß 1) das Studium in Heſſen ſchon früher ſehr hoch ſtand, daß es 2) in der Neuzeit ſehr zugenommen hat und daß demnach 3) jetzt das Studium ganz beſonders ſtark betrieben wird. Im letzten Winterſemeſter befanden ſich auf den 21 deutſchen Hochſchulen 653 Heſſen als Studenten immatriculirt, im laufenden Sommerſemeſter 666. Die Zahl mus allen Denen auffallen, welche in Heſſen um Univerſitätsſachen ſich kümmern, denn unſer Gießener Perſonalbeſtand vom letzten Winter vermeldet nur 353, vom letzten Sommer 375 als in Gießen ſtu⸗ dirend, alſo 300, d. h. faſt die Hälfte aller Heſſen meiden die Landesuniverſität und gehen außer Landes zum Studium. Dies iſt aber nicht in allen Facultäten gleich, vielmehr waren von 69 Theologen 52 in Gießen und nur 17 im Winter 1882/3 außerhalb, von 300 Philoſophen 182 in Gießen, 118 außerhalb, von 115 Juriſten aber nur 54 in Gießen, 61 außerhalb, von 166 Medicinern aber nur 65 in Gießen, 101 außerhalb. In Procenten aus⸗ gedrückt ſtudirten außerhalb von 8 1* 1883. Nr. 579. Frankfurter Jourual mit Didaskalia und Handelszeitung. 5. Auguſt. Theologen. 25 Procent Philologen.. 39„ Juriſten 53 ⸗ Medicinern 61» 3 Alle. 46 Procent. Die Zahlen eines Semeſters können zufähig ſein. Wohlan, ſo nehme man die letzten 10 Semeſter als Durchſchnitt. Dann ſtudirten an Theologen 31 Procent Pbiloſophen. 42„ Juriſtenrn 44„» Mediciner. 36 Alle 45 Procent. Für alle Studenten zuſammen iſt das Reſultat aus 10 Semeſtern daſſelbe, wie aus dem letzten Winter⸗ ſemeſter in den verſchiedenen Facultäten verſchieden, bei den Juriſten und Medicinern iſt das für Gießen ſo ungünſtige Verhältniß erſt neueren Datums, während für Theologie und Philoſophie daſſelbe ſich etwas gün⸗ ſtiger gemacht hat. Die größere Ungunſt der Neuzeit für Juriſten und Mediciner iſt aber keine etwa nur im letzten Semeſter zufällige, ſondern die Ungunſt iſt in ſtarkem Wachsthum gegen Gießen. Man ſetze ein⸗ mal dagegen die 10 Semeſter von 1869,70 anfangend. Damals ſtudirten außerhalb von Theologen 24 Procent. Philoſophen. 23„ Juriſten. 26„ Mediciner. 26 2 Alle.. 24 Procent. In dieſen 10 Semeſtern fällt gegen die ſpätere Zeit zunächſt auf, daß früher der Procentſatz der aus⸗ wärts Studirenden in den Facultäten nur zwiſchen 23 und 26 ſchwankte, und jetzt Differenzen wie 31 und 56 Procent vorkommen. Außerdem iſt der Procentſatz faſt auf das Doppelte bei allen Studenten geſtiegen, nam⸗ lich von 24 auf 45 Procent.. 1 Die Anzahl der in Gießen ſtudirenden Heſſen iſt von 1869— 1883 von rund 250 in der erſten Zeit auf rund 340 in der letzten, dagegen die Anzahl der nicht in Gießen ſtudirenden Heſſen von weit unter 100 bis zuletzt auf 300 geſtiegen und dieſe Steigerung iſt eine ungemein regelmäßige, ſie läßt auch noch nicht die Tendenz zur Abnahme, höchſtens zur Conſtanz blicken. Bei den Theologen iſt die allgemeine Ver⸗ mehrung der auswärts Studirenden nicht ſehr zu ſpüren, ſie rekrutiren ſich wie überall ſo auch in Heſſen im Ganzen aus der ärmeren Schichte der Bevölkerung und ſind durch die ihnen beſonders nöthigen Stipendien an die Landesuniverſität mehr gebunden, darum ſind die auswärts Studirenden nur von 24 Procent in 1869/70— 1874 auf 31 pCt. in 1878— 1882/3 geſtiegen, außerdem ſind wegen der geringen Zahl der theologiſchen Studenten die gelegentlichen Schwankungen von Semeſter zu Semeſter beſonders groß, zumal in den Jahren 1871 — 1875 beſonders wenig Heſſen Theologie ſtudirten. Merkwürdig gleich in der Vertheilung der Heſſen auf die Landesuniverſität und auf die anderen deutſchen Univerſitäten zuſammen ſind die Juriſten und die Philoſophen früher mit 26 reſp. 23 Procent außerhalb Gießens, jetzt mit 44 reſp. 42 Procent. Bei den Juriſten hat das Studium außerhalb des Landes ſeit circa 1875 nur noch unbedeutend zuge⸗ nommen, gelegentlich auch ein paar Semeſter wieder abgenommen, nur im letzten Winter ſtudirten mehr Juriſten außer Landes als im Lande. Bei den mannig⸗ fachen Fächern der Philoſophie iſt nach ſtarker Zu⸗ nahme des Abſenteismus bis gegen 1877 hin eine Be⸗ harrung bei etwa circa 40 Procent eingetreten. Ganz anders verhält ſich die Sache bei den Medi⸗ einern. Bei dieſen iſt 1) der früher faſt dem Durch⸗ ſchnitt entſprechende Procentſatz der Landesflüchtigen, nämlich 26 Procent, zu einem beſonders hohen und ab⸗ normen geworden, nämlich 56 Procent. 2) Seit zehn Semeſtern iſt die Zahl der in Gießen ſtudirenden Medi⸗ ciner niemals wieder größer geweſen, als die Zahl derer, welche anderswo ihre Ausbildung ſuchen. 3) Hier iſt ein Beharrungszuſtand noch nicht eingetreten, ja die Zunahme des Abſenteismus iſt ſo frei von Schwan⸗ kungen, daß ſelbſt wenn man immer nur zwei Jahre zuſammenfaßt, eine anhaltende Steigerung ſich conſta⸗ tiren läßt. Procente der auswärts ſtudirenden Mediciner. 3 Semeſter 1869/70— 1870/1 17,6 4„ 1871— 1872,13 29,7 4„ 1873— 1874/5 30,5 4„ 1875— 1876/7 48,9 4„ 1877— 1878/9 49,7 4„ 1879— 1880/1 56,0 4„ 1881— 1882/3 57,9 Eine ſolche Zunahme des Studiums außerhalb der Landes⸗Univerſität iſt für die Landes⸗Univerſität ent⸗ ſchieden zu bedauern. Der Effect, den die für Heſſen mitgetheilten Zahlen des Abſenteismus der ſtudirenden Jugend des Landes machen, würde entſchieden am Beſten an geeigneter Stelle wirken, wenn wir dieſelben nackt ohne Vergleichung in die Welt ſchickten, und nur recht betonten, in welchem Maße die Abneigung vor Gießen wächſt; da wir aber nicht nur auf Effect, ſondern auch auf möglichſt richtiges Verſtändniß arbeiten, wird Mancher durch die folgende Vergleichung mit Staatsbürgern zweier Staaten, welche in noch höherem Maße die eigene Univerſität ſcheuen, vielleicht beruhigt, daß es ſo ſchlimm bei uns doch nicht ſtehe. Sei es darum, mit Solchen, welche Zuſtände darum nicht traurig finden, weil ausnahmsweiſe noch traurigere Zuſtände vorkommen, wagen wir nicht zu rechten. Wir beantworten die Frage, ob das Geſchil⸗ derte ſchlimm oder nicht ſchlimm iſt, durch Vergleichung mit anderen Staaten. Hier müſſen wir uns aber wieder mit je 2 Semeſtern zu Anfang der ſiebziger und zu An⸗ fang der achtziger Jahre beſcheiden, dieſelben genügen aber als Repräſentanten eines längeren Zeitraumes. Ein Vergleich kann eigentlich nur mit denjenigen Staaten an⸗ geſtellt werden, welche gleichfalls nur eine Landesuni⸗ verſität haben, alſo mit Sachſen, Württemberg, Thü⸗ ringen, Mecklenburg und den Reichslanden, oder inner⸗ halb eines Staates mit den Provinzen, welche eine Provinzialuniverſität haben, vorausgeſetzt, daß wir ge⸗ nau die auf den anderen Landesuniverſitäten und den anderen deutſchen Univerſitäten ſtudirenden Provinzialen kennten. Letzteres iſt aber nur annähernd zu ſchätzen. Nehmen wir daher zuerſt die Vergleichung mit den ſicheren Daten aus den Ländern, welche, wie Heſſen, nur eine Landesuniverſität haben, ſo müſſen wir hier⸗ bi die»Reichslande⸗« aus aller Vergleichung heraus⸗ laſſen, da hier Abneigung gegen das neue Vaterland oder Scheu vor dem franzoſenfreundlichen Theile ihrer Landsleute den Elſaß⸗Lothringern den Beſuch der Landesnniverſität dictirt: Es ſtudirten Procente: 1872 u. 1881 u. 1872 1881 1872/3 1881/2 Thüringer nicht in Jena 51 62 54 63.5 Mecklenburger nicht in Roſtock 60 66 58 61.5 Heſſen nicht in Gießen 29 46 238 45.5 Sachſen nicht in Leipzig 8 18 9.5 18 Schwaben nicht in Tübingen 8 15 8 13.5 Wer für Gießen nicht mehr verlangt, als daß es nur nicht noch weniger Landeskinder anzieht als die⸗ jenigen Landesuniverſitäten, welche dies am Wenigſten im Stande ſind, den kann die vorſtehende Zuſammen⸗ ſtellung in ſeiner Zufriedenheit wohl beſtärken, denn Gießen meiden neuerdings doch nur 45.5 pCt., während Roſtock von 61.5 pCt. Mecklenburgern und Jena gar von 63.5 pCt. Thüringern gemieden wird', weniger zu⸗ friedenen Geſichtern wird es aber nicht einleuchten, daß Gießen, wozu es mit der Zunahme in Entfremdung der Landeskinder auf dem beſten Wege iſt, auf den Stand von Jena und Roſtock kommen werde. Außerdem ver⸗ ſteht aber Jena, was wohl als Gegengewicht zu be⸗ herzigen iſt, eine nicht unbedeutende Anzahl Nicht⸗ thüringer an ſich zu ziehen, viel mehr als Gießen. In Gießen ſtudirten 1881 neben 320 Landeskindern nur 82 Nicht⸗Heſſen, im Winter 1881⁄2 neben 348 nur 85. Dagegen in Jena war 1881 neben 218 Thüringern 290 Fremde, und im Winter 1881/82 neben 200 Thü⸗ ringern 264 Fremde. Und dieſe»Fremden« ſind nicht etwa vorzugsweiſe aus den benachbarten kleinen thü⸗ ringiſchen Staaten ohne eigene Landesuniverſität, deren Angehörige wirthſchaftlich und moraliſch auf die thü⸗ ringiſche Univerſität angewieſen ſind, alſo aus Reuß und Schwarzburg, das ſind vielmehr nur 26 im Som⸗ mer und 31 im Winter, nein es ſind überwiegend Preußen, im Sommerg170, im Winter 140. Bei Jena findet alſo ein Umſtand ſtatt, bei welchem Jena noch gewinnt. Dann Sommer und Winter kamen auf 218 reſp. 200 Thüringer nicht in Jena 290 reſp. 264 Nichtthüringer in Jena, durch welche Jena an Frende ſtark ſeine Ab⸗ gabe an die Fremde einbringt, denn im Januar 1881 ſtanden gegen 360 Thüringer nicht in Jena, 290 Nicht⸗ thüringer in Jena, und im Winter gegen 357 immer noch 264, der Ausfall iſt alſo bis auf 70 im Sommer und bis auf 93 im Winter gedeckt, während in Gießen im Sommer den 269 Heſſen nicht in Gießen nur 82 Nichtheſſen in Gießen gegenüberſtehen und im Winter den 283 nur 85. So bleibt ein Sommerausfall von 187 und ein Winterausfall von 198. Ungefähr können wir kleine Länder mit einer Landesuniverſität auch ver⸗ gleichen mit Provinzen eines größeren Staates, die auch jede ihre Provinzialuniverſität haben, nur kennen wir leider nicht genau die Anzahl z. B. der Pommern, der Schleſier ꝛc., welche auf nicht preußiſchen Univerſitäten ſtudiren. Nimmt man aber an, daß unter den 13,193 im Sommer 1881 ſtudirenden Preußen die 3²291, welche auf nicht preußiſchen Hochſchulen ſtudiren, ſich auf die verſchiedenen preußiſchen Provinzen ſich un⸗ gefähr ebenſo vertheilen wie die 9902 Preußen, welche auf den preußiſchen Univerſitäten ſtudiren, dann würden wir für mehrere Fragen ungefähr die folgende Tabelle erhalten. Es ſtudiren: Provinzialen Provinzialen Provinzialen nicht auf nicht auf Prov.⸗Univ. Provinzial⸗ auf Landes⸗ in Procenten aller Univerſttät Univerſität Provinziale Königsberg 748 113²2 60 reifswald 195 704 78 Breslau 978 1034 51 Berlin 993 734 42 Halle 586 768 57 Göttingen 545 5⁰8 48 Marburg 307 356 54 Münſter 170 806 83 Bonn 606 817 57 Kiel 191 194 50 Die vorſtehenden Zahlen haben ſelbſtverſtändlich nur einen ſehr annähernden Werth, denn es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß die 25 Procent aller ſtudirenden Heſſen, welche außer Landes gehen, nicht ganz genau ſo ſich auf die Provinzen vertheilen, wie die 75 im Lande bleibenden Procente, aber ſelbſt wenn die Zahlen der Provinzialen überhaupt und der Provinzialen nicht auf Provinzialuniverſitäten etwas an dere ſem können, ſo ſind doch immer die Reſultate bemerkenswerth genug. Während in Heſſen 1881 46 Procent nicht auf die den Heſſen am nächſten liegende Univerſität gehen, ſo ſind (nach Auslaſſung von Münſter, das ja die weſtphäliſchen Juriſten und Mediciner außer Provinz ſchicken muß) mit Ausnahme der Brandenburger alle Preußen noch mehr geneigt, andere Univerſitäten als die ihrer Pro⸗ vinz aufzuſuchen, die meiſten freilich hinter den Heſſen haben nahe die Hannoveraner mit 48 Procent nicht in Göttingen, die Schleswig⸗Holſteiner mit 50 Procent nicht in Kiel, die Schleſier mit 51 Procent nicht in Breslau, die Heſſen⸗Naſſauer mit 54 Procent nicht in Marburg, ſchon ziemliche Abwei chungen von den Heſſen zeigen die Rheinländer mit 57 Procent, die Oſt⸗ und Weſtpreußen mit 60 Procent, und eine ſehr ſtarke Ab⸗ weichung haben die Pommern mit 78 Procent außer⸗ halb Greifswald. Von den Preußen meiden außerdem lange nicht ſo viel ihr Königsberg, wenn man Königs⸗ berg nur als Provinzialuniverſitat von Oſtpreußen be⸗ trachtet, denn von allen 1135 Oſtpreußen gehen 637 nach Königsberg und nur 498 auf andere Hoch⸗ ſchulen, d. h. nur 44 Procent. Bei dieſer Rechnung iſt dann außer Poſen auch Weſtpreußen als univerſität⸗ loſe Provinz zu bezeichnen. Hiernach tangirten bezüg⸗ lich des Univerſitaͤtsbeſuchs die Oſtpreußen in der Provinzialangelegenheit faſt genau ſo wie die Heſſen in der Staatsanhänglichkeit. Fragt man auch für Preußen noch nach dem Ver⸗ hältniß der Anziehungskraft auf Nichtprovinzialen zu der Abſtoßungskraft auf Provinzialen, ſo gibt auth darüber die vorſtehende Tabelle Auskunft. Nur Berlin ſtößt die Brand enburger in bedeutend geringerem Maße ab, als es nicht Provinzialen anzieht, ein klein wenig that dieſes auch noch Marburg, die anderen Univer⸗ füäien ſtoßen mehr die Ihrigen ab, als ſie Fremde an⸗ ziehen. Wir gehen auf weitere Vergleichungen aber nicht ein, weil dieſelben hinken würden, da die Provinzial⸗ univerſitäten doch in den meiſten Beziehungen nicht in dem engen Verhältniß zu den Provinzangehörigen ſtehen, als die einer Landesuniverſität zu den Staatsan⸗ gehörigen. Nicht unintereſſant iſt auch zu forſchen, auf welche Univerſitäten vorzugsweiſe der Heſſe geht, wenn er nicht die Landesuniverſität aufſucht. Nach dem Durch⸗ ſchnitt der 10 letzten Sommer⸗ und Winterſemeſter ſind von hervorragender Anziehungskraft nur Leipzig, Straßburg, Heidelberg, Würzburg und Berlin, immer mit 20 bis gegen 50 Heſſen. Dann folgen mit ziem⸗ licher Anzahl noch Marburg, München, Bonn, Frei⸗ burg, Erlangen mit 10 bis 20 Heſſen, alle anderen ſind für Heſſen unwichtig, ſelbſt Göttingen zählt neuerdings nur 5, 6 oder 3 Heſſen. ——— Schweizeriſche Landesausſtellung in Zürich. (Von unſerm Special⸗Correſpondenten.) 4. Ingenieurweſen, Kartographie, Forſtwirthſchaft, Alpenelub, Jagd⸗ und rſſcherei, Aquarium, Hotel⸗ eſen. Der verehrliche Leſer muß es uns zu gut halten, wenn wir ihn eiuer gewiſſen Syſtematik zu lieb in dieſem Capitel ein bischen in den verſchiedenen Ausſtellungs⸗ räumen herumführen. Aber es geht wohl kaum auf andere Art; ein Magenbitter beim Grütli und ein »Gut Heil⸗ helfen auch über dieſe Beſchwerden hinweg. Kehren wir vorerſt in die Maſchinenhalle zurück um die Abtheilung»Ingenieurweſen« noch genauer an⸗ zuſehen. Die Schweiz hat Gelegenheit mehr als genug, ſich namentlich in das Waſſerbau⸗ und Straßenbau⸗ weſen hineinzuarbeiten, Eine anſehnliche Zahl von Plä⸗ nen, Reliefs und Modellen gibt einen Begriff von den verſchiedenen Bauſyſtemen, welche bei der Correction und Eindämmung der Gewäſſer zu Berg und Thal zur Anwendung gelangen. In den Straßenbauten glänzen namentlich einige Hochlandscantone wie Graubünden, Teſſin, Appenzell und St. Gallen; ſodann Freiburg und Bern mit den kühnen Hänge⸗ und Bogenbrücke über die Senſe und ihre Zuflüſſe und mit der noch im Bau begriffene Brücke über die Aare in Bern ſelbſt.— Auch das Eiſenbahnfach iſt durch die Ausſtellung einzel⸗ ner Geſellſchaften beachtenswerth vertreten, leider nicht vollſtändig genug.. Anſchließend an das Ingenieurweſen möchten wir die in ihrer Art durch und durch lobenswerthe kartographiſche Ausſtellung betrachten. Zu dieſem Zwecke eilen wir in die Induſtriehalle hinüber. Ohne Ueberhebung darf es die Schweiz ſagen, daß ſie in dieſen Leiſtungen noch nicht übertroffen worden iſt. Der Geiſt des Generals Dufour und des Oberſten Siegfried iſt noch nicht er⸗ ſtorben, er lebt in den jüngeren Generationen frucht⸗ bringend weiter. Wir laſſen das Kataſterweſen außer Betracht und beſchränken uns auf eine Revüe der eigent⸗ lich kartographiſchen Werke. Die Schweiz beſitzt drei ofſicielle Karten. Die vier⸗ blättrige im Maßſtab von 1:250,000, aufgenommen nach der 25 blättrigen ſog. Dufourkarte im Mazßſtabe von 1: 100,000, und den topographiſchen ſog. Siegfried⸗ Atlas, der zur Zeit noch nicht zu Ende geführt iſt. Der Maßſtab iſt 1:25,000 für alle Landestheile mit Aus⸗ nahme des Hochgebirges, das im Maßſtabe von 1: 50,000 aufgenommen wird. Die zwei erſtgenannten Werke bedienen ſich zur Höhenangabe der Schraffur, das letztere der Kurven. Und wer die Blätter der ver⸗ ſchiedenen Karten ſchon zur Hand gehabt, der weiß deren Werth zu ſchätzen, und wir gehen nicht zu weit, wenn wir behaupten, daß der topographiſche Atlas eine eminente Leiſtung darſtelle. Wer ſich ihm auf der Wanderung überläßt, hat einen zuverläſſigen Führer mit ſich genommen. Man weiß nicht, was an dieſen Karten mehr gerühmt werden ſoll, ob die Genauigkeit der Ausführung oder die frappirende Eleganz. Ebenſo verdienen die Leiſtungen einiger kartographiſcher Privat⸗ anſtalten alles Lob. Nicht geringeren Eindruck bewirken die impoſanten Reliefs von ganzen Cantonen oder von Theilen der Hochalpen. Wer es mit anſieht, wie der Engländer, Franzoſe oder Deutſche fingerzeigend vor dieſen Arbeiten ſteht, dem muß es wohl ohne Kenntniß von Gegend oder Karte klar werden, daß die Exattheit auch hier zu Hauſe iſt. Hervorzuheben ſind namentlich die Reliefs einiger Ingenieure des eidgenöſſiſchen topographiſchen Bureau und eines Baſeler Geoplaſtikers. Hier breitet ſich der Canton Graubünden, da Glarus aus, dort ragen die ſchneebedeckten Gipfel der Berner Alpen empor; hier wieder dehnt ſich vor den Blicken die Junerſchweiz und von ihr ſchweift das Auge nach der gigantiſchen Monteroſagruppe hinüber. Und Alles das iſt mit einer Liebe und Sorgfalt aufgebaut, welche den⸗ jenigen nicht beſeelen kann, der nicht einen ſo roman⸗ liſchen Boden ſein Vaterland nennt. Doch halt, nicht nur ſo eng ſind die Grenzen gezogen. Da taucht aus dem Meere eine veſuviſche Idealinſel auf, wie ſie ein Mann der Wiſſenſchaft zur Belehrung geſchaffen hat und auf einem anderen Plane veranſchaulicht er die verſchiedenartigen Küſtenbildungen. Das iſt doch wohl des Schönen genug und Alles würdig einer ruhigen, einläßlichen Betrachtung. Doch der Wanderer muß von hinnen. Wir flüchten aus der Induſtriehalle in das rindenbekleidete Forſt⸗ haus. Es wird Einem bei deſſen äußerer Betrachtung ganz waldesheimelig zu Muthe. Allein das Beſſere kommt noch, denn das geräumige Haus enthält viel äußerſt Intereſſantes: Die Ausſtellung der Förſterei, der Jagd und Fiſcherei und des ſchweizeriſchen Alpenclubs. Die Forſtwirthſchaft der Schweiz hat ihren eigen⸗ thümlichen Charakter, ſie weicht mit ihren Hoch⸗ und annwäldern natürlich in manchen Beziehungen von erjenigen der ausländiſchen Niederungen ab. Ebenſo ark wird dieſe Abweichung bedingt durch die ganz ver⸗ ſchiedenen Eigenthumsverhältniſſe. Außer den mannigfachen Holzarten in geſundem und krankem Zuſtande, den Feinden der Bäume aus der Thierwelt, den Früchten und reichen Herbarien, ſind auch Mißbildungen aller Art vertreten. Wohl paſſend in unſere überſchwängliche Feſtzeit iſt ein Lin⸗ denſtamm, dienlich als Rednerbühne. In geordneten Reihen liegen die Holzhauerwerkzeuge da und neben ihnen meiſt die durch ſie geförderten Werke in den ver⸗ ſchiedenen Stadien. Beſonderes Intereſſe verdienen die Holztransport⸗ mittel, die Wagen, Floße, Schlitten u. dgl. In den Hochgebirgswäldern werden, ſoweit es nöthig, zur Be⸗ förderung mancherlei eigenartige Mittel geſucht und ge⸗ funden, je nach der Beſchaffenheit der betreffenden Oert⸗ lichkeit. Nicht zu überſehen ſind die Waldkarte der Schweiz, ſowie eine Kette der Lawinenzüge, mit welch letzterer zur Vergleichung gezogen werden kann ein Modell zu Lawinenverbauungen. Verwundert wird ſich etwa dieſer und jener Be⸗ ſucher fragen, was denn eigentlich der Alpenclub mit Kanſt, Induſtrie und Landwirthſchaft des Landes zu thun habe, daß er ebenfalls herbeigekommen ſei, ſeine Siebenſachen auszukramen. Der Fragende iſt aber ent⸗ ſchieden ein Philiſter und dazu ein engherziger, der, wenn er erſt einmal dieſe Siebenſachen alle durchge⸗ muſtert hat, kleinlaut davongehen wird. Der Gedanke, eine ſolche Ausſtellung zu veranſtalten, iſt zu begrüßen, und nicht weniger die Art und Weiſe ſeiner Ausfüh⸗ rung. Namentlich für den Fremden bietet ſich viel des Sehenswerthen und Neuen. Er ſieht hier, weſſen er bedarf, um getroſt in die Berge hinaufzuwandern, wenn anders ſeine Beine da⸗ gegen keine Einwendungen erheben. Das dürften dieſe aber wagen bei dem Anblick der maſſiven Bergſchuhe mit den Todtſchlägernägeln, neben denen ſich erſt noch die Steigeiſen breit machen. Aber eine vernünftige Kleidung, wie ſie hier ebenfalls zu ſehen iſt, erleichtert manche Arbeit. Dagegen erwecken die Gletſcherſeile wieder ſchwarze Gedanken, indem ſie an die Führer denken machen, denen ein zwar wohlverdientes, aber darum nicht minder koſtbares Geld in die Taſche fließt. Doch wer ein Vergnügen haben will, muß es bezahlen, und wohl dem, der ſich ſolche Vergnügen mit ihren herz⸗ und leiberquickenden Stärkungen noch geſtatten kann, der mag es dann auch mit frohgemuther Stim⸗ mung überwinden, wenn ihn Nachts ſtatt ſeines Hotels 1. Ranges nur eine einfach gezimmerte Klubhütte mit ſtrohbelegter Pritſche aufnimmt. Eine ſolche Hütte iſt neben dem Forſthaus in Lebensgröße und mit voller Ausſtattung aufgeſtellt. Eine Pritſche mit Stroh und Wolldecken des Clubs, ein Tiſch und Stuhl, ein Herd mit Pfännchen, zinnerne Kachelchen, eine zuſammenleg⸗ bare Laterne, eine nothdürftige Apotheke, ein Fremden⸗ buch— das iſt ſo ziemlich alles, was der Wanderer hier drin antrifft, und doch wird er jedes Mal für dieſes Wenige dankbar ſein. Zu Füßen dieſer Hütte iſt ein Touriſtenzelt aufge⸗ ſpannt, mit Hilfe währſchafter Alpſtöcke. Es ſoll ein ſolcher Tuchbehälter 11 Pfund wiegen. Raum iſt genug drinnen. Kehren wir von dieſem Abſtecher, den der Leſer mit uns in Gedanken leicht gemacht hat, wieder ins Forſthaus ein. Der Alpenclub legt ſeine Jahrbücher von anerkannt gediegenem Werthe aus, er rollt Pano⸗ ramen auseinander, zeigt Modelle von Sonn⸗ und Schirmhütten, läßt die Kryſtalle und andere Geſteine des Gebirges neben deſſen Flora in geordneter Samm⸗ lung glänzen, ſchmückt die Felſengruppen mit der beweg⸗ lichen Thierwelt der Hochalpen und ziert die Wände mit den Werken älterer und neuerer Künſtler, welche Szenen aus den Alpen darſtellen. Der Bahnbrecher für die alpinen Schönheiten iſt nicht vergeſſen, ihre Bilder ſchauen zur Nachahmung einladend auf den Be⸗ ſchauer hexnieder. Die Wiſſenſchaft tritt auf im Vereine mit der bloßen Begeiſterung für das Hohe, Erhabene der Natur. Die Vermeſſungen des Rhonegletſchers und eine ganze Reihe anderer Karten laſſen errathen, welche Mühe ihre Vollendung gekoſtet haben müſſen. Die Gefahren werden verdeutlicht durch die zerklüfteten Reliefs, durch die Darſtellung des Elmer Bergſturzes und die Kleider⸗ überreſte von Führern, deren zerſchmettertes Gebein am Fuße grauſiger Felswände gefunden worden iſt. Laſſen wir dieſe Gedanken nicht Oberhand gewinnen, wo ſich ſtatt der Verwegenheit Vorſicht dem Muthe geſellt, iſt nicht viel zu fürchten. Um die Jägerei iſt es in der Schweiz merkwürdig beſtellt. Außer in den Hochgebirgen hat ſie nicht mehr viel zu bedeuten, und es war höchſte Zeit, Freiberge zu erklären, wollte man nicht auch die Thüre des Hoch⸗ lands allmälig ausrotten. Das Reh und der Hirſch ſind vertrieben, Herr Lampe und Reinecke ſind des Jägers Beute. Ab und zu kommt auch borſtiger Beſuch und wird übel empfangen. Es hängen dieſe Umſtände mit unſeren Jagdſyſtemen, denen jede Gleichförmigkeit abgeht, zuſammen. Da das Jagdregal den Cantonen faſt ungeſchmälert erhalten geblieben iſt, läßt ſich eine Wendung zum Beſſern nicht abſehen. Es gelangen allerlei Mord⸗ und Fanginſtrumente zur Ausſtellung, und die ausgeſtopften Thiere ſind oft zu poſſirlichen Gruppen vereinigt, voch iſt nichts Ab⸗ ſonderliches zu erwähnen. Das Nämliche läßt ſich über die Fiſchereiausſtel⸗ lung ſagen. Sie iſt reichhaltig, ohne Frage, und mit viel Geſchick arrangirt, aber gerade Neues bietet ſie natürlich für diejenigen, welche ähnliche Ausſtellungen geſehen haben, ſelbſtverſtändlich nicht. Denn auch ander⸗ wärts fängt man mit Angel und Nes Fiſche, legt Brutanſtalten an, transportirt die Fauna, ſtopft Fiſche aus und treibt dergleichen Dahingehörendes mehr. Nichtsdeſtoweniger wollen wir uns einen Gang durch das nahegelegene Aquarium nicht verſagen. Es läßt ſich zwar mit den Inſtituten großer Stä te mit Bezug auf den Reichthum der ſich tummelnden Floßen⸗ bewohner nicht vergleichen, iſt aber hübſch angelegt und gibt ein ziemlich vollſtändiges Bild der ſchweizeriſchen Fiſcharten. Das Aquarium ſoll der Stadt Zürich er⸗ halten bleiben. Und nun wieder hinüber zur Induſtriehalle, wo ſich in einem den Haupteingang rechts flankirenden Pavillon die Ausſtellung des Vereines ſchweizeriſcher Hotelbeſitzer befindet. Wir ſuchen in deren Betrachtung den Abſchluß für dieſes Capitel, dem wir die Aufſchrift »Fremdeninduſtrie« hätten vorſetzen können, wenn uns dieſes Wort nicht verpönenswerth erſchiene. Guten Geſchmack wird der Ausſtellung der Hoteliers Niemand beſtreiten wollen, links beim Eintritt präſentirt ſich ein mittelalterlich anmuthendes Rauchzimmer. Ob⸗ ſchon der Berichterſtatter nur Gelegenheitsraucher iſt, verſteht er doch den Werth eines ſolchen Raumes zu ſchätzen, man kann nöthigenfalls auch kneipen drin. Denn die Möblirung paßt ganz gut zu einem ſchäumenden Humpen. Der Menſch muß ſich zu helfen wiſſen und ſo wird er denn auch nicht mit allzu großer Beſcheiden⸗ heit zulangen, wenn er je in dem anſtoßenden Speiſe⸗ ſaal ſich zu Tiſche ſetzt. Es ſieht Alles nobel aus, und doch würde auch ein bürgerlicher Magen ſeine Befrie⸗ digung finden bei dem Ausblick auf den herrlichen Rhein⸗ fall und auf die züchtige Bernermaid in ihrer klei ſamen Tracht. Unſer verwöhntes Männergefühl erlaubt uns nicht lange Blicke in die folgenden reinlichen Küchen⸗ räume zu werfen. Oder, ſeien wir ehrlich, wir verſtehen nichts ravon. Um ſo regere Theilnahme wird die Be⸗ ſichtigung bei dem ſchönen Geſchlecht finden. Anders verhält es ſich mit dem Schlafgemach, mit dem Salon, dem Leſezimmer und den Bureau. Das verſtehen auch wir und freuen uns baß des Schönen und Sütylgerechten, das uns da geboten wird. Kleine Ausſetzungen wären natürlich hier wie anderorts mög⸗ lich, aber man muß die Herren Gaſtwirthe bei guter Laune behalten, ſonſt könnte man die Verwegenheit bitter büßen müſſen. Alſo unſer Compliment, ihr Herren, aber ſchlagt's nicht auf die Preiſe. Der Saal präſentirt noch einige Nachbildungen größerer Etabliſſements, welche zu ſtark nach Reklame rrechen, als daß ſie nicht eher weggeblieben wären. Nun, um der lieben Abwechslung willen kann man auch das Alles gelten laſſen. „Eine anſtoßende Galerie enthält intereſſante ſtatiſtiſche Zuſammenſtellungen über das ſchwetzeriſche Botelweſen in verſchiedenen Beziehungen: Ueber die Vertheilung der Gaſthäuſer auf Bäder, Luftkurorte und Fremdendiſtricte, über Größe der Etabliſſements und dergleichen mehr. Reiſe⸗ und Bäder⸗Zeitung. Die Seebäder. 4) Das Nordſeebad Borkum. G-e. Die weſtlichſte der zahlreichen oſtfrieſiſchen Inſeln iſt die Inſel Borkum mit einem Umfange von ca. 30 Km. Ihre größte Breite beträgt 5 Km.; der ca. 200 Schritt breite und nur wenige Minuten von den Wohnungen entfernte Strand hat einen ebenen Boden, iſt, da nur bei Hochwaſſer gebadet wird, während der übrigen Zeit des Tages völlig frei und bietet zum längeren Aufent⸗ halte und Ruhen auf ihm eine große Anzahl von Strand⸗ körben und Hängematten. Der Boden der Inſel beſteht aus feinem weißen Sande und iſt geſchmückt mit einer großen Anzahl ſaf⸗ tiger Strand⸗ und Inſelpflanzen. Auf ihm findet man die ſtahlblaue Seemannstreue, wohlriechende Parnaſſien, ſeltene Orchideen, den lilablühenden Meerſenf und das ſeltſam geformte Glasſchmalz, während die Buhnen eine wahre Fundgrube von Seethieren, Anemonen, Krabben, Seeſternen u. j. w. bilden. Die Luft iſt, weil die Inſel ziemlich weit in der See liegt, frei von den Einflüſſen des Feſtlandes, weich, rein und friſch; der Wellenſchlag iſt beſonders am nordweſt⸗ lichen, dem ſog. Herren⸗Strande, ſehr ſtark. An Heil⸗ und Curmitteln beſitzt Borkum außer ſeiner herrlichen Seeluft kalte und warme Seebäder, von welchen die letztern in einer 1875 erbauten Badeanſtalt, welche täglich mit friſchem Seewaſſer geſpeiſt wird, gegeben werden. Die kalten Bäder werden von den Herren am nord⸗ weſtlichen, von den Damen am ſüdweſtlichen Strande ge⸗ nommen und beſteht ſowohl am Herren⸗ wie am Damen⸗ ſtrande zum Schutz gegen Wind und Wetter ein Wartezelt. Die Indicationen zum Gebrauche der Bäder ſind die gleichen, wie die von uns in unſern allgememen Bemer⸗ kungen über die Seeluft und Seebäder angeführten und die von Jahr zu Jahr wachſende Frequenz Borkums be⸗ weiſt, daß deſſen Heilmittel im Stande ſind, den an ſie geſtellten Forderungen zu genügen und günſtige Heil⸗ reſultate zu erzielen. Für die Beſucher des Bades machen wir auf ein in Emden bei W. Schwalbe erſchienenes Schriftchen auf⸗ merkſam, welches unter dem Titel: Praktiſcher Führer für das Nordſeebad Borkum, alles Wiſſenswerthe über Reiſegelegenheiten, Taxen, Badeordnung u. ſ. w. enthält und ſomit beſtens zu empfehlen iſt. — InAnnnnmnhnnnnhnnmmhin CIn P! 1ll Edhh 4 1 Tannannannnpunnmg 12 13 14 15 1 / 0 47 9 LIGAdMWn AtlIrlialrlrbnrlulale! e halirkalu trlein