Sonderabdruck aus Heſſiſche Blätter für Volkskunde 1912, Band XlI, Heft 2. Deſſiſche Blätter für Volkskunde Band XI 1912 Deft 2 Das Hntoniterkreuz. Von Richard Wünſch in Königsberg. Als die heſſiſche Ludwigsuniverſität zu Gießen im Jahre 1907 die Feier ihres dreihundertjährigen Beſtehens beging, erhielten die Feſtteilnehmer als Abzeichen eine Nadel überreicht, deren Schmuck ein großes lateiniſches T war, blau in ſilbernem, goldgerändertem Felde. Mancher erfuhr erſt durch dies Erkennungszeichen, wie das Wappen der Alma Mater Ludoviciana ausſah, und mehr als Einer hat damals nach Herkunft und Bedeutung dieſes eigenartigen Wappens gefragt'). Die letzten Etappen des Weges zurückzuverfolgen, den dieſes Zeichen— um die griechiſche Benennung des Buchſtabens zu ge⸗ brauchen, dieſes Tau— gegangen iſt, war nach der Vorarbeit von W. M. Becker leicht(Das erſte halbe Jahrhundert der heſſen⸗ darmſtädtiſchen Landesuniverſität, in der Feſtſchrift: Die Univerſität Gießen von 1607— 1907, Beiträge zu ihrer Geſchichte, Band I S. 96)). Zum erſten Male taucht es auf in den Akten der Uni⸗ verſität Gießen 1736 ³). Im Juli jenes Jahres war der amtierende Rektor Melchior Verdries geſtorben. Für die Einzelheiten der feier⸗ lichen Beiſetzung hatte das Konſiſtorium der Profeſſoren Serenissimi hochfürſtlicher Durchlaucht nach Darmſtadt Vorſchläge zu unter⸗ ¹) Mit dem Univerſitätswappen identiſch iſt das Verlagszeichen, das Herr A. Töpelmann in Gießen ſeit 1910 führt; es iſt mit ſeiner freundlichen Erlaubnis hier als Kopffchmuck verwertet. ¹) Ich behandle die grundlegenden Dokumente ausführlicher als Becker. Daß ich ſie in Königsberg benutzen durfte, danke ich den Gießener Behörden und der Vermittelung von K. Helm. *) No IV Lit. A. Todliches Ableiben und erfolgte ſolenne Beerdigung des Rectoris Magnifici D. Jo. Melch⸗ Berdries med. prof. ordinarii', . 8¹¹* 4 „ 4. 2 Inrre taets 4 Biblioihek zlkosk breiten. Dieſe wurden am 26. Juli formuliert, Punkt 10 enthielt die Anfrage ob nicht der Sarg mit gemahlten Schildern, nehmlich dem Wappen löblicher Univerſität, ſodann der vier Facultäten und des verſtorbenen Rectoris eigenen Wappen zu behängen'. Am 20. Auguſt— die wirkliche Beerdigung hatte inzwiſchen in aller Stille ſtattgefunden— entſcheidet der Kanzler ex speciali commissione Serenissimi zu dieſem Punkt ſo, daß das Tuch über den Sarg loco primario mit dem Anthoniter Creuz, unten zu Füßen mit des de- functi eigenen, auf beyden Seiten aber mit denen Wappen der vier Facultäten behangen werden ſolle“'. Dementſprechend wird am 25. Oktober im Senate der Univerſität ein Beſchluß gefaßt wegen Mahlung des Antoniter Creutzes, hellblau, in Silber eingefaßt, in fahlen Gold' ¹). Auch der bei den Akten liegende Bericht über die Vorgänge bei der ſolennen Leichbegängnüs' erwähnt zweimal das Antoniterkreuz. Aus dieſen Akten geht hervor, daß jenes Tau identiſch iſt mit dem dreiarmigen Kreuz, das der Orden der Antoniterherren zu tragen pflegte. Merkwürdig iſt, daß die Profeſſoren zuerſt von dem Univerſitätswappen ſprechen, daß die Darmſtädter Kanzlei dafür ſtillſchweigend das Wort Antoniterkreuz' einſetzt, und daß dieſe Korrektur von den Gießenern angenommen wird. Daraus muß man ſchließen, daß die Univerſität, weil ſie ein eigenes Wappen nicht beſaß ²), ſelbſt ſich das Antoniterkreuz zugelegt hatte; ferner, daß man in Darmſtadt dieſen Sachverhalt kannte und deshalb den Ausdruck Univerſitätswappen' vermied. Für die Annexion des Antoniterkreuzes ſcheint den Anſtoß eine Schrift gegeben zu haben, die zehn Jahre vor jenem Begräb⸗ nis erſchien. In dem Univerſitätsprogramm von 1726(Universi- tatis Gissensis rector J. Conr. Arnoldi, SS. Theol. et Phil. D. ... de parallelismo Antoniani ordinis et rectoralis gissensis dignitatis verba facturus.. ad solemnem magistratus academici permutationem proceres civesque academicos.. invitat) ſtellt der damalige Rektor Arnoldi eine Beziehung der Univerſität zu den Antonitern her durch den Hinweis(S. 14), daß die Univerſität ¹) Dieſe knappe Beſchreibung iſt durch das Feſtzeichen von 1907 richtig interpretiert worden. ²) In den Privilegien der Univerſität vom 12. Okt. 1607(abgedruckt z. B. in der Univerſitätsſchrift Privilegia studiosorum gissensium.. explicata a rectore academiae Mich. Bernh. Valentini 1720 als Beilage B, S. 29 Abſ. 3) iſt nur von Fakultätsſiegeln, nicht aber von einem Univerſitätsſiegel die Rede ——— ielt lich ind Am ller one dco de- vier am gen in die das iſt zu dem ffür dieſe nuß ppen rner, den nſtoß räb⸗ ersi- . D. nsis mici ſtellt t zu rrſität richtig druckt Dlicata Abſ. 3) Rede — ͦ ͦ ͦõ————— — 31— Gießen die Erbin der Einkünfte des ehemaligen Antoniterkloſters zu Grünberg in Heſſen geworden iſt. Bei dieſer Veranlaſſung er⸗ zählt Arnoldi einiges über dieſen Orden, und gibt zur beſſeren Illu⸗ ſtration ein Titelbild bei, einen Antoniusherrn, nach einem alten Blatte¹). Dies Bild iſt hier nach einer Abzeichnung wiederholt (Abb. 1). Darüber ſtehen im Original kurze Notizen über Anto⸗ Abbild. 1. nius und ſeine Ordensleute: Töngesbrüder, Antoniterherrn.. tragen ſchwartze Kleider und ein blau Creutz darauff'. Unter dem Bild ſtehen die Verſe: Sanct Tonges iſt geweſen fromb hat nicht getrachtet nach Reichthumb/ Und lehret diſz ſein Ordensleut/ die man Antoges Herrn nennt heut/ Er lehret ſie, daß ſie ein Glock/ trügen und einen ſchwartzen Rock /Ein blawes Creutz und ein magers Schwein/ ſoll ſtetig umb und bey in ſeyn'. S. 16 macht Arnoldi beſonders auf das Kreuz aufmerkſam, das auf dem Bild in der rechten oberen Ecke erſcheint. Ein ſolches ²) S. 15: Ipsa S. Antonii(ſo) imago.. ex fragmento scriniorum meorum lacero ne periret eruta. 4* — 52— Kreuz aus Silber, blau emaillliert, pflegten, wie er ſagt, die Antoniter⸗ herren auf der Bruſt zu tragen. Arnoldi gibt ſeine Abbildung nach einem Exemplar, das in den Trümmern von Grünberg ge⸗ funden und in den Beſitz der Univerſität Gießen gekommen war. Deutlich haben wir hier das Prototyp des Univerſitätswappens vor uns. Das Antoniterkreuz begegnet bereits in der Gründungslegende des Ordens ¹). Ende des elften Jahrhunderts wütete in Frankreich eine Seuche, der die meiſten Befallenen erlagen. Auch Guerin, der Sohn eines Edelmanns mit Namen Gaſton, erkrankte. Der Vater betete vor den Reliquien des Heiligen Antonius Eremita, die ſich zu St. Didier de la Mothe in Vienne befanden. Der Heilige er⸗ hörte das Gebet des Vaters und heilte den Kranken. Dann träumte Gaſton, Antonius erſcheine ihm und lege ihm die Gründung einer Bruderſchaft zu ſeinem Dienſt nahe. Zugleich befahl er, daß alle, die beitreten wollten, ſich mit einem himmelblauen Kreuz in Tau⸗ form bezeichneten. Sollten auch nicht alle Züge dieſer Legende*) hiſtoriſch ſein, ſo ſtammt doch ſicher die Nachricht vom Anlegen des blauen Kreuzes, dieſes wichtigſten Erkennungszeichens, aus der Zeit der Gründung. Man entnahm es der Legende des Schutzheiligen. Hatte doch deſſen Biograph Athanaſios des öfteren erzählt, wie Antonius das Zeichen des Kreuzes geprieſen hatte als beſtes Mittel gegen die Dämonen: wo dieſes iſt, da iſt Zauberei kraftlos, Gift wirkungslos'(Migne, Patrologia graeca 26 S. 951 c). Die Antoniter wurden als Bruderſchaft 1095 von Papſt Urban II. beſtätigt. Später iſt aus dieſer Genoſſenſchaft, die ihre Hauptaufgabe in der Krankenpflege ſah, ein Orden hervorgegangen, der weite Verbreitung gefunden und ſein blaues Kreuz bis nach Grünberg in Heſſen getragen hat. Das Tau, mit dem dieſe Antoniterherren ſich zeichneten, iſt der Volkskunde wohlbekannt. Wertvolle Zuſammenſtellungen über ſeine ¹) Von der einſchlägigen Literatur(ſ. a. Herzog⸗Hauck Realenc. für prot. Theol. und Kirche 1* 606 f.) waren mir nur zugänglich: R. P. Natalis Alexandri Historia ecclesiastica veteris novique testamenti, Paris 1699, Bd. VI S. 593 ff.; Ph. Bonani, Verzeichnis der geiſtlichen Ordensperſonen in der ſtreitenden Kirchen I 1711 S. 1 ff.; Hipp. Helyot, Ausf. Geſchichte aller geiſtlichen und weltlichen Kloſter⸗ und Ritterorden, aus dem Franzöſiſchen überſ., II Leipz. 1753 S. 128 ff.: Von den Religioſen des Ordens des H. An⸗ tonius von Viennois. ²) Über weitere Legenden, die den H. Antonius mit dem Tau in Ver⸗ bindung bringen, ſ. O. Zöckler, Das Kreuz Chriſti, Gütersloh 1875 S. 76. —— — 53— Verwendung hat Marie Andree⸗Eysn gegeben(Wolkskundliches aus dem bayriſch-⸗öſterreichiſchen Alpengebiet, Braunſchweig 1910, S. 63— 72: Das Tau und die Peſtamulette), deren Aufſatz ich Ver⸗ ſchiedenes entnehme. Seit dem 13. Jahrhundert, und zum Teil bis in unſere Zeit hinein, wird jenes Zeichen als wirkſames Amu⸗ let betrachtet, das namentlich gegen die Peſt hilft. Man malt es an Hauswände und Stubentüren ¹), oder man trägt es als Anhänger aus Metall; das Muſeum in Kopenhagen beſitzt einen Anhänger aus Gold, der in einer Rundung das Taukreuz zeigt, genau wie das übliche Emblem der Antoniter. Apotropäiſche Bedeutung hat dies Symbol wohl auch auf den eſthniſchen Schmuckſtücken des 16. und 17. Jahrhunderts, die es öfter aufweiſen(Ausſtellungskatalog Riga 1896, Taf. XXX Fig. 10, 19, 20, 26 und Text S. LXXXIIIf.; freundliche Mitteilung von Herrn H. Kemke in Königsberg). Oder man hat das Tau auf Papier gemalt und mit kräftigen Sprüchen umrahmt, die gleichfalls beſonders gegen Peſt ſchützen. Aber auch allgemein prophylaktiſche Kraft beſaß dies Zeichen; H. Hepding beſchreibt mir brieflich eine Medaille des 18. Jahrhunderts: beide Seiten zeigen das Tau, auf dem Avers mit der Umſchrift TETRA⸗ GRAMMATON, auf dem Revers mit ANNANISAPTA DEI, ab⸗ gebildet in einem Büchlein der Gießener Univerſitätsbibliothek Fernerer Verfolg derer Nachrichten Von der zu Ausgang des 1715ten Jahrs in der Heil. Chriſtnacht vorgenommenen ſchändlichen Conjuration oder Beſchwerung des Satans.. zu Jena'. Da diente das Zeichen, den Zauberer vor den unſauberen Geiſtern zu behüten, die ſeine Beſchwörung entfeſſelte. Es läge nahe anzunehmen, daß alle dieſe Verwendungen des Tau ausgegangen ſeien von der Tracht der Antoniter ²), die als Krankenpfleger gleichfalls mit Dämonen, nämlich dem Krankheits⸗ ¹) Bereits Heinrich von Hesler ſpricht in ſeinem Evangelium Nicodemi (um 1300, ſ. K. Helm, Paul und Braunes Beiträge 24, 84 ff.; herausgegeben von demſelben in der 224. Publikation des lit. Vereins in Stuttgart 1902, mir nachgewieſen von W. Zieſemer in Königsberg) V. 1770 vom dreiarmigen Kreuz Chriſti: der menschheit zu glucke,/ als Moyses der wissage/.. bedutte den juden vore/ an den ubertorn enpore,/ da er sie tau' schriben liez/ als in got selben tun hiez/ mit des lammes blute/ iren liben zu hute/ vor des slanden engeles zorne. ²¹) Auf die naheliegende Deutung als Hammer des Thor gehe ich nicht ein, da ſich unten der orientaliſche Urſprung des Tau ergeben wird. Doch ſoll nicht geleugnet werden, daß es bei den germaniſchen Völkern deshalb ſo beliebt wurde, weil man dabei zugleich an den Thorshammer dachte. — 54— dämon der Peſt zu kämpfen hatten. Will man über dieſe Annahme urteilen, ſo muß man alle Fälle bei Seite laſſen, in denen das Tau iſoliert erſcheint: ſie ſagen nichts über ſeine Herkunft aus. Wichtig aber ſind die Verbindungen, die das Zeichen eingegangen iſt. Unter dieſen erſcheint wohl einmal ein Bild des Antonius Eremita, aber er iſt nur einer unter vielen Heiligen; wäre ſein Dienſt der Ausgangspunkt, ſo würde man nur ihn zu finden er⸗ warten. Wo nun gar die Kraft des Tau durch einen beigeſchriebenen Text erläutert wird, knüpft dieſer nicht an die Tracht der Antoniter, ſondern an Stellen des Alten Teſtamentes an¹). Daraus muß man ſchließen, daß jener Glaube an die geheime Macht des dreiarmigen Kreuzes nicht bei der Gründung der Antoniusbruderſchaft entſtanden iſt. Vielmehr iſt es eine ältere, auch ſpäter noch verbreitete volks⸗ tümliche Anſchauung, die erſt von den Gründern jener Genoſſenſchaft, in Anlehnung an die Empfehlung des Kreuzzeichens durch Antonius (ſ. S. 25), für immer mit dieſem Heiligen und ſeinen Dienern kombiniert wurde. Dieſer Schluß wird beſtätigt durch eine Stelle, die beweiſt, daß die Verwendung des Tau gegen die Peſt älter iſt als das 11. Jahrhundert. Gregorius von Tours*) in der Historia Francorum erzählt Buch IV Kap. 5, daß in den vierziger Jahren des 6. Jahrhunderts in der Provence die Beulenpeſt wütete. Da⸗ mals war Biſchof der Auvergne der H. Gallus. Als dieſer bei Tag und Nacht zu Gott flehte, daß es ihm nicht beſchieden ſein möge, auch ſein Volk ſterben zu ſehn, erſchien ihm im Traum des Nachts der Engel des Herrn, deſſen Haar und Gewand weiß waren wie Schnee, und ſprach zu ihm: Du tuſt wohl, daß Du ſo zu Gott für Dein Volk flehſt. Denn Dein Gebet iſt erhört'... Damals ſah man auch plötzlich, wie die Wände der Häuſer und Kirchen mit dem Kreuzeszeichen verſehen wurden, woher von den Bauern die Schrift Tau genannt wurde'). Der Gegend dieſes Vorganges, der Auvergne, iſt die Stätte, 1) S. M. Andree⸗Eysn S. 66 ff. ¹) Zitiert, aber nicht abſchließend behandelt, von M. Andree⸗Eysn S. 64. ³) Tunc etiam in subita contemplatione parietes vel domorum vel ecclesiarum signari videbantur, unde a rusticis hic scriptos Tau vocabatur. (Mon. germ. hist., script. rer. merov. T. 1 S. 145). Hier iſt signari in der prägnanten Bedeutung das Kreuzeszeichen machen’ gebraucht, und als bekannt vorausgeſetzt, daß der griechiſche Buchſtabe Kreuzesgeſtalt beſitzt. Die Geiſt⸗ lichen ſahen in jenem Zeichen das Kreuz, die rustici, d. h. Laien, nannten es das Tau. .ℳ — G—&——— —jjj—y——— — — 55— wo der Antoniterorden entſtand, Vienne in der Dauphinsé, faſt be⸗ nachbart. Daß ein Zuſammenhang zwiſchen beiden Ereigniſſen be⸗ ſteht, iſt wahrſcheinlich, ſei es nun, daß Gaſton die Verwendung des Tau gegen die Peſt als lebendigen Volksbrauch ſeiner Lands⸗ leute kannte, ſei es, daß ihm die Stelle des Gregor von Tours vor⸗ ſchwebte— auch dort iſt mit dem Zeichen die Erzählung von einer Traumerſcheinung verbunden—, oder daß Beides, Volksbrauch und Literaturkenntnis, zuſammen auf ihn einwirkte, um ihn zur Wahl gerade dieſes Abzeichens zu beſtimmen. Gewählt wurde es offen⸗ bar in der Abſicht, die Brüder bei der Krankenpflege gegen die An⸗ fälle der Peſt beſchützen, d. h. die volkstümliche Vorſtellung von der pro⸗ phylaktiſchen Kraft dieſes Zeichens wurde beibehalten und kanoniſiert. Allerdings, ob auch die blaue Farbe älter iſt als das 11. Jahr⸗ hundert, erfahren wir nicht. Der volkstümlichen Verwendung iſt ſie fremd. Der deutſche Volksbrauch nimmt ſchwarz¹). Wenn man in Syrien und Paläſtina die Gebäude ſchützen will, wird das Tau mit Blut— alſo rot— an die Front gemalt; ſ. die Abbildung 14 bei S. J. Curtiss, Urſemitiſche Religion, zu S. 216 ²). Die blaue Farbe ſcheint alſo eine Erfindung Gaſtons zu ſein. Warum er ſie wählte, können wir nur raten. Man könnte daran denken, daß im Alten Teſtament gelegentlich blaue Farbe für rituelle Kleidungs⸗ ſtücke vorgeſchrieben wird, wie denn auch heute noch paläſtinenſiſche Juden die blaue Farbe zum Bannen von Dämonen benutzen (A. Jirku, Die Dämonen und ihre Abwehr im Alten Teſtament, Leipzig 1912 S. 86): aber an jenen Stellen muß man den prophy⸗ laktiſchen Zweck der Farbe erſt mühſam erſchließen. Wahrſcheinlicher iſt, daß dies Tau von Gaſton die Farbe des Himmels erhielt, weil es ſeinen Träger mit himmliſcher Hilfe ſchützen ſollte. Weiter in der Frage nach dem Urſprung des Tauzeichens helfen uns die Stellen des Alten Teſtaments, die auf jenen alten Peſt⸗ blättern erwähnt werden ³). Auf einem ſolchen lieſt man: Durch ¹) M. Andree⸗Eysn S. 63. ²) Vgl. dort 223— 226. Im orientaliſchen Volksbrauch gibt es alſo dieſe Sitte auch, und es wird hier die apotropäiſche Kraft des Zeichens durch die des Blutes verſtärkt. Küchler, Hebr. Volkskunde S. 54 kenne ich nur aus einem Zitat. ²) Ich behandle nur die entſcheidende. In Numeri 21 iſt bei der Erhöhung der Schlange auf einem Zeichen, um Schlangenbiſſe zu heilen, urſprünglich die Form dieſes Zeichens nicht fixiert; ſ. M. Andree⸗Eysn S. 71. Heinrich von Hesler(ſ. oben S. 53) ſchreibt auch dem Blutzeichen des Paſſah die Tau⸗ form zu; aber davon ſteht in der Bibel(Exodus 12, 22) nichts. — 56— die Kraft dieſes Zeichens Tau, mit dem gezeichnet wurden die lebendigen Kinder Iſrael, befreie uns vom Tode der Peſt, unſer Gott!' ¹) Das verweiſt auf eine Stelle des Ezechiel, Kap. IX. Die Strafe des Herrn ergeht dort über die Ungerechten, die Gerechten aber ſind gezeichnet, damit der Würgengel an ihnen vorübergeht. Von ihnen heißt es V. 4:„Mache ein Zeichen(hebr. taw) auf ihre Stirn', und im Gebot an die Racheengel V. 6: Allen aber, an denen das taw iſt, denen nahet nicht'. Daß dies hebräiſche Wort ein Zeichen von der Geſtalt des Buchſtabens taw bedeute, der kreuzförmig und das Vorbild des griechiſchen Tau geweſen ſei, merken bereits die Kirchenväter an. Ich zitiere nur Lateiner, da die Griechen für die Verbreitung des abendländiſchen Brauches, der uns beſonders intereſſiert, weniger in Frage kommen. Cyprian(Migne Patrol. lat. 4 S. 716, Testim. II 22) führt die chriſtliche Sitte, an der Stirn das Kreuz zu ſchlagen, auf die Stelle des Ezechiel zurück: ihm ſind alſo bereits das Zeichen des Kreuzes und das Zeichen des Propheten in Form und apotropäiſcher Wirkung einander gleich. Genauer ſagt Hieronymus, man überſetze bei Ezechiel entweder Zeichen', oder behalte das hebräiſche Wort tau bei: im alten hebräiſchen Alphabet, das heute noch die Samaritaner anwenden, iſt Tau der letzte Buchſtabe und hat Ähnlichkeit mit dem Kreuz, das die Chriſten an die Stirn zeichnen und häufig mit der Hand ſchlagen'²). Die Vulgata hat an beiden Stellen das Wort Tau im Texte ſtehen gelaſſen. Zweierlei iſt nun möglich; die volkstümliche Anwendung des Tauzeichens iſt entweder bibliſchen oder nicht bibliſchen Urſprungs. Des Czechiel Überſetzer und Interpreten beſaßen Autorität genug im chriſtlichen Abendlande, um, im erſten Fall, die Menſchen zum Glauben an die apotropäiſche Kraft des Tau zu veranlaſſen, im zweiten Fall, um den beſtehenden Brauch als unheidniſch und unſchädlich zu erweiſen. Es iſt aber noch eine offene Frage, ob die Erklärer des Ezechiel im Recht ſind, wenn ſie das hebräiſche Wort taw mit dem Namen ¹) M. Andree⸗Eysn S. 69: In virtute huius signi tav, in quo signati fuerunt vivi filii Israel, a morte Epidemiae libera nos, Deus noster. ²) In Ezech. III c. IX, Migne Patrol. lat. 25 S. 88: pro Signo', quod LXX, Aquila et Symmachus transtulerunt, Theodotio ipsum verbum He- braicum posuit Thau.... antiquis Hebraeorum litteris, quibus usque hodie utuntur Samaritani, extrema Thau littera crucis habet similitudinem, quae in Christianorum frontibus pingitur et frequenti manus inscriptione signatur. — glar bild ſpr — ——— —— — 352— des griechiſchen Buchſtabens gleichſetzen. Denn man darf nicht über⸗ ſehen, daß hebr. taw nicht ein kreuzförmiges Zeichen bedeuten muß, ſondern Zeichen ſchlechthin bedeuten kann; die Septuaginta überſetzen es mit anuetov. Es bleibt alſo die Möglichkeit, daß Ezechiel irgend ein anderes, uns verſchollenes Zeichen gemeint hat’). Wenn das der Fall iſt, ſo ſtammt der Glaube an die apotropäiſche Kraft des Tau im letzten Grund aus einem Mißverſtändnis der Exegeten her, die, durch eine Wortgleichheit getäuſcht, das hebräiſche Wort dem griechiſchen Buchſtaben gleich geſetzt und dadurch dieſem wunder⸗ bare Kraft verliehen haben. Aber doch darf die Unterſuchung hier nicht Halt machen. Denn es iſt ja keineswegs ausgeſchloſſen, daß jene Gleichſetzung dennoch ihre Berechtigung hat, daß Ezechiel bei jenem Wort tatſächlich an ein dem Buchſtaben Tau ähnliches Kreuz dachte. Dieſe Möglichkeit wird zur Wahrſcheinlichkeit, wenn ſich zeigen läßt, daß es zu ſeiner Zeit in Paläſtina taugeſtaltige Kreuze gab, denen man apotropäiſche Kraft zuſchrieb. In der Tat exiſtiert eine Form des hebräiſchen Buchſtabens, die ein vierarmiges ſtehendes Kreuz mit kurzem Ober⸗ arm darſtellt²). Und zu dieſer kennen wir ein monumentales Ana⸗ logon, mit dem ſich bereits damals Vorſtellungen von magiſcher Macht verknüpft zu haben ſcheinen. Ezechiel ſchreibt zu Anfang des 6. Jahrhunderts ³). Zu jener Zeit aber waren im Orient als Schmuck verbreitet Ohrgehänge, Ringe mit einem daran hängenden drei⸗ armigen Kreuz, meiſt aus Gold gefertigt. Dieſe Gehänge werden apotropäiſche Bedeutung gehabt haben. Denn Schmuck iſt überhaupt vielfach Amulet geweſen ¹), und daß Gold nach dem Volksglauben böſe Geiſter abwehrt, iſt bekannt(M. Siebourg, Ein gnoſtiſches Goldamulet aus Gellep, Bonner Jahrb. 103, 1908 S. 130). ¹) Vermutungen darüber findet man in den modernen Kommentaren (Rud.Krätzſchmar in Nowacks Handkommentar III 3, 1 S. 101 und A. Bertholet in K. Martis Handkommentar IV z. St.); ſ. auch F. J. Dölger, Sphragis, eine altchriſtliche Taufbezeichnung in ihren Beziehungen zur profanen und und religiöſen Kultur des Altertums, Paderborn 1911 S. 55 f. ²) S. M. Lidzbarski, Handbuch der nordſemitiſchen Epigraphik II Tafel XLVI, Schrifttafel III. ²) Haller, in: Die Religion in Geſchichte und Gegenwart II 199. ⁴) S. z. B. meinen Artikel Charms and amulets, roman in Haſtings Encyclopaedia of Religion and Ethics III 462; O. Jahn, Über den Aber⸗ glauben des böſen Blicks bei den Alten, Ber. Sächſ. Geſ. der Wiſſ. phil. hiſt. Cl. 1855 S. 51 ff., der ein ſolches apotropäiſches Schmuckſtück Tafel V 2 ab⸗ bildet. Daß die Koralle, die heute vielfach als Schmuck getragen wird, ur⸗ ſprünglich ein Amulet war, lehren die orphiſchen Lithika V. 510 ff. — 58— Ringe der beſchriebenen Form ſind auf aſſyriſchem Kulturge⸗ biet öfter dargeſtellt, z. B. in den Ohren der Eunuchen eines Reliefs von Korſabad(abgebildet bei Perrot⸗Chipiez, Histoire de l'art dans 'antiquité II S. 100 f., Fig. 23, 24, danach hier Abb. 2) ¹); der Palaſt Sargons, in welchem das Relief gefunden wurde, iſt Ende des 8. Jahrhunderts erbaut(ſ. ebenda S. 44). Goldene Ohrringe dieſer Art ſind in Karthago gefunden worden— M. Andree⸗ Eysn ſah ſie in großer Zahl im Muſeum Alaoui im Bardo bei Tunis(S. 71). Ebenſo kommen ſie aus den Gräbern phönikiſcher Siedelungen auf Sardinien zu Tage, in Nora(6. Jahrhundert v. Chr.) und in großer Menge zu Tharros. Zwei ſolcher Ohrringe ſind abgebildet bei F. H. Marſhall, Catalogue of the Jewellery, greek etruscan and roman in the Departements of Antiquities, Britiſh Muſeum, London 1911, Taf. XXIII No. 1499 ²) und 1508; ich wiederhole ſie nach einer Durchzeichnung, Abb. 3 und 4. Das Abbild. 2. Abbild. 3. Abbild. 4. Kreuz mit dem kleinen Ring(Abb. 4) iſt auf Durchſtechen des Ohres berechnet, das Kreuz mit der Schleife(Abb. 3) wurde hinter dem Ohr eingehängt. Man muß annehmen, daß die erſte, praktiſche Art eine ſpätere Erfindung iſt, die andere, weniger ſichere, die ältere Tragweiſe, daß mithin die Schleife älter iſt als der Ring. ¹) Während der Korrektur ſehe ich eine Photographie von H. Kleinmann in Haarlem, die den Großveſier und einen Eunuchen von dieſem Relief wieder⸗ giebt. Der Ohrring des Eunuchen iſt ein dreiarmiges Kreuz mit verzierten Enden, das an einem Ring im Ohre hängt. ¹) Dort ſteht weitere Literatur über Geſchmeide in dieſer Form; ich habe ſie in Vorſtehendem dankbar benutzt. nitet dara ring wene begr hat nicht halt mit das urſp Am der bekc dem beha darf ſie i ihren unte die ſchri ſchei taw des darf gleicd ſchor kreu⸗ zule — nicht auf j Arme Sym Myth und einen 4 ⏑ 7— — ⏑ ⏑-— ——— — 59— Die Bilder zeigen eine frappante Ähnlichkeit mit dem Anto⸗ niterkreuz. Nur fehlt dieſem der Ring. Das erklärt ſich entweder daraus, daß man im Anſchluß an die Exegeten des Ezechiel auf die ringloſe Form des griechiſchen Buchſtabens zurückgriff, iſt aber auch, wenn man an einen Zuſammenhang mit dem Ohrſchmuck denkt, begreiflich, da dieſer ja nicht mehr im Ohr getragen wird. Man hat dem Ring nur eine praktiſche Bedeutung zugeſchrieben und ihn nicht mehr für einen weſentlichen Beſtandteil des Segensbildes ge⸗ halten. Aber urſprünglich muß er, wenn dieſe Zuſammenſtellung mit Ezechiel richtig iſt, ein Teil des Zeichens geweſen ſein. Denn das hebräiſche Taw iſt vierarmig, dem vierten Arm entſpricht die urſprüngliche Schleife. Bei der frühen und weiten Verbreitung des orientaliſchen Amulets iſt es ausgeſchloſſen, daß man es in Nachahmung der der Ezechielſtelle geſchaffen habe. Vielmehr war es damals ſchon bekannt, und zwar auch in Paläſtina. Goblet dAlviella(in dem Artikel Cross der Encyclopaedia of Religion and Ethics) be⸗ behauptet es, ohne Nachweiſe im einzelnen zu geben. Aber man darf als Beleg vielleicht hierherziehen, Genesis 35, 4: Da gaben ſie ihm(die Angehörigen dem Jakob) alle fremden Götter, die unter ihren Händen waren, und ihre Ohrſpangen, und er vergrub ſie unter einer Eiche, die neben Sichem ſtand'. Das ſind alſo Ohrringe, die aus der Fremde kamen, und denen man göttliche Kräfte zu— ſchrieb(vgl. Gunkel bei Marti I 344). Wenn das richtig iſt, er⸗ ſcheint es allerdings nicht unwahrſcheinlich, daß Ezechiel bei ſeinem taw an derartigen, und zwar tauförmigen Ohrſchmuck gedacht hat. Es fragt ſich aber weiter, ob jener Schmuck die älteſte Form des Tauzeichens iſt, oder ob man eine noch ältere Geſtalt erſchließen darf. In der Tat läßt ſich ein ſolcher Schluß ziehen. Wenn er gleichfalls nicht ſicher iſt, ſo iſt er doch wahrſcheinlich¹). Man hat ſchon lange mit jenen orientaliſchen Gehängen das ägyptiſche Henkel⸗ kreuz verglichen(Perrot⸗Chipiez Band III S. 822 f. zu Fig. 582; zuletzt Goblet d'Alviella in dem angeführten Artikel). Dieſe Crux ¹) Die Beziehung, die hier hergeſtellt wird, iſt deshalb unſicher, weil nicht alle dieſe Zeichen notwendig denſelben Urſprung haben müſſen. Es kann auf jene Ringkreuze auch etwa das Bild eines Menſchen mit ausgebreiteten Armen, oder eines Vogels mit ausgebreiteten Flügeln eingewirkt haben. Die Symbole der afrikaniſchen Saturnſtelen(Roſcher, Lex. der griech. und röm. Mythologie IV Sp. 443) ſehen aus wie ein anthropomorphiſiertes Henkelkreuz, und ſind doch aus einer Sonnenſcheibe entſtanden, die in einer Schale auf einem Steinkegel ruht(G. Wiſſowa bei Roſcher a. a. O.). ansata kommt auf unendlich vielen Denkmälern vor und hat eine ſehr umfangreiche ausdeutende Literatur hervorgerufen. Auf den ägyp⸗ tiſchen Darſtellungen tragen Götter und Menſchen das Zeichen, meiſt halten ſie es der Hand. Wer Ad. Erman's Agyptiſche Re⸗ ligion' durchblättert, findet von S. 11 an(2. Aufl., Berlin 1909) Beiſpiele in Menge. Gelegentlich aber wird es ſchon im Nillande als Anhänger verwendet: auf Monumenten Amenophis des IV. ¹) ſchwebt es dreifach unter der Sonne und hängt außerdem, worauf ich aufmerkſam mache, rechts und links von den Uräusſchlangen herab, die ſich wie Ohren an die Sonnenſcheibe anſchließen(Erman S. 77, Berlin Inv. Nr. 2072: danach hier, ſicher ergänzt, Abb. 5). Einen weiteren Beleg verdanke ich dem Königsberger Ägypto⸗ logen W. Wreszinski. Er macht mich auf folgende ägyptiſche Darſtellung aufmerkſam(Griffith, Hieroglyphs II 13; hier Abb. 6): Abbild. 5. Abbild. 6. die ägyptiſche Göttin Selkis wird in der Geſtalt eines Skorpions dargeſtellt, der die Crux ansata als Armbänder trägt. Dieſe Arm⸗ bänder entſprechen wohl wirklich getragenem Schmuck: die Arme ¹) Ed. Meyer, Geſch. des Altert. I² S. 27 ſetzt ihn ins 14. Jahrhundert. die Ol je läng oder a konnte — Ab in den (Hist. und fü daß be zu Tag komm Bedeut gefocht Solda Träger zugrun geände Kreuz in Str Zeit d mit nn größer das J jenes 1 designal der Anfe aus Cze —— — 61— des Kreuzes ſind aus Gründen der Haltbarkeit kürzer und dicker geworden, und ſo ſieht dieſes ägyptiſche Kreuz genau ſo aus, wie die Ohrgehänge von Korſabad. Aber man verſteht auch leicht, daß je länger je mehr an Stelle des unbequemen Tragens in der Hand oder am Arm das bequemere Tragen am Ohr aufkam. Hierbei konnte ſich dann die elliptiſche Form des Griffes allmählich runden — Abb. 3 zeigt noch die urſprüngliche Ellipſe, die ſich erſt ſpäter in den Ring verwandelte. Die Bedeutung dieſes ägyptiſchen Zeichens iſt Leben' ¹). Sokrates (Hist. eccl. V 17) und Sozomenos(Hist. eccl. VII 15) ²), die im vierten und fünften Jahrhundert leben, haben es im Auge, wenn ſie erzählen, daß bei der Zerſtörung des Sarapeions von Alexandreia Hieroglyphen zu Tage gekommen ſeien, dem Kreuze der Chriſten ähnlich, die man kommendes Leben' interpretiert habe. Leben' als urſprüngliche Bedeutung dieſer Hieroglyphe läßt ſich auch aus einer vielfach an⸗ gefochtenen Stelle eines Lateiners erſchließen. Iſidor ſagt von den Soldatenliſten: das Zeichen T bei einem Namen ſage, daß der Träger lebe ³). Da liegt wohl das ägyptiſche Zeichen für Leben' zugrunde, das ſeine Geſtalt bereits durch die Einbuße des Rings geändert hat. Auch ſonſt gibt es Spuren, daß das ägyptiſche Kreuz Eingang in das Chriſtentum gefunden hat. R. Forrer in Straßburg i. E. beſitzt Gewänder des vierten Jahrhunderts, der Zeit des Sokrates, aus Achmim in Ägypten, die das Henkelkreuz mit nur leiſer Veränderung zeigen: der Ring iſt im Verhältnis größer gehalten als das Kreuz und umſchließt eine Inſchrift oder das Monogramm Chriſti ⁴).— Daß die Crux ansata älter iſt als jenes Ohrgehänge, geht außer aus den chronologiſchen Daten ſchon daraus hervor, daß dies Zeichen ſich nur aus dem AÄgyptiſchen ge⸗ nügend erklären läßt. W. Wreszinski gab mir darüber folgende ¹) S. J. F. Champollion le Jeune, Dictionnaire égyptien en écriture hiéroglyphique, Paris 1891, S. 329; Erman, Gloſſar 22. ²) S. Letronne, De la croix ansée égyptienne par les Chrétiens d'Egypte pour figurer le signe de la croix, Ann. dell' Inst. 1863 S. 133 ff. Mehr bei Jo. Bapt. Caſalius, De profanis et sacris veteribus ritibus, Frank⸗ furt und Hannover 1681 S. 29. Ich vermeide es in dieſer Skizze auf die Symbolik des chriſtlichen Kreuzes einzugehen. UÜber deſſen Darſtellung in Tauform ſ. Zöckler a. a. O. 426 ff. ³) Orig. I 24, 1: T(Tau) nota in capite versiculi posita superstitem designabat, 6(Theta) vero ad uniuscuiusque defuncti nomen apponebatur. G iſt der Anfang von griech. Thanatos, Tod.— Daß die Militärbehörden ihr Zeichen aus Ezechiel abſtrahiert haben, wäre möglich, iſt mir aber wenig wahrſcheinlich. ⁴) R. Forrer, Reallex. der prähiſt. Altertümer. S. 147 Abb. 143, 144. — 62— Auskunft: Das Zeichen iſt die Darſtellung des Sandalenriemens. Die runde Schleife wird um die Ferſe gelegt, die kurzen wagrechten Streifen greifen über die Mittelfußknochen, der lange ſenkrechte um⸗ ſchließt die große Zehe. Das ägyptiſche Wort für Sandalenriemen war urſprünglich onech(ſo oder ähnlich vokaliſiert). Den gleichen konſonantiſchen Lautbeſtand hatte aber auch das Wort für Teben', und ſo wird jenes Zeichen auch zur Darſtellung dies zweiten Be⸗ griffs übernommen. Der erſte geriet darüber ſchon früh in Ver⸗ geſſenheit'. Nach primitiver Anſchauung iſt Bild oder Name des Dinges und das Ding ſelbſt identiſch¹). Wir dürfen heute noch nicht den Teufel an die Wand malen, weil das Bild der Teufel ſelbſt iſt. Das Henkelkreuz in der Hand von Götterbildern verleiht dieſen Leben; Menſchen, die das Leben' an ſich tragen, werden am Leben erhalten: ſie ſind gegen Würgengel gefeit. Darum tragen Aſſyrer und Phönizier es als Amulet, darum iſt es wahrſcheinlich dies Zeichen, das Ezechiel als Phylakterion den Gerechten auf die Stirne ſchreiben läßt; was in Ägypten und Aſſyrien beliebt war, konnte in Paläſtina kaum unbekannt bleiben. In AÄgypten nahmen Iſraeliten dies Amulet ohne Bedenken an; das zeigt die Publikation von Ed. Sachau, Aramäiſche Papyrus und Oſtraka, Leipzig 1911 Tafel 28: die jüdiſche Militärkolonie zu Elephantine ſiegelt im 5. Jahrhundert mit dem Onechzeichen; dies Siegel ſoll Übel und Zerſtörung von den Urkunden abwehren. Für Würgengel, gegen die jenes Zeichen beſonders wirkſam iſt, haben primitive Völker auch die Krankheiten gehalten, für Dä⸗ monen, die umgehen, und den Menſchen befallen. Die Peſt dachte man ſich als Peſtjungfrau, als männlichen Dämon, als Engel mit dem Schwerte(M. Höfler, Deutſches Krankheitsnamenbuch S. 460): darum wurde gegen ſie das Tauzeichen beſonders gern verwendet. So bereits im 6. Jahrhundert in Gallien, ſei es in Nachahmung des lateiniſchen Ezechiel und unter dem Einfluß ſeiner Erklärer, ſei es ²) in Anlehnung an den älteren orientaliſchen Volksbrauch, der ſich an das ägyptiſche Lebenszeichen angehängt hatte. Denn es iſt nicht ausgeſchloſſen, daß dieſer auch nach Gallien gedrungen iſt und ſich dort behauptet hat: ſyriſche Kaufleute ſaßen genug in Marſeille und verbreiteten ihren Glauben und Aberglauben rhoneaufwärts, ¹) S. z. B. A. Dieterich, Eine Mithrasliturgie S. 110 ff.; Kleine Schriften„S. 314 f. ²) Über dies Dilemma ſ. oben S. 57. — 63— noch über Dauphiné und Auvergne hinaus ¹). Jedenfalls erobert ſich durch die Epidemien des Mittelalters das Tauzeichen ein weites Gebiet des Abendlandes; auch die krankenpflegenden Brüder vom Orden des H. Antonius tragen es, um ihr Leben gegen den Peſt⸗ dämon zu ſichern. Als von ihnen die Univerſität Gießen im 18. Jahr⸗ hundert das Tau als Wappen übernahm, hat ſie ſich unbewußt in den Schutz eines lebenverheißenden Symbols geſtellt. hielt llich und Am aller one loco de- vier am egen t, in r die das h iſt n zu dem gfür dieſe muß ppen rner, den nſtoß gräb⸗ rersi- I.. D. ensis emici ſtellt it zu rſitut ichtig ruckt jcata bſ. 3) Rede Gießen die Erbin der Einkünfte des ehemaligen Antoniterkloſters zu Grünberg in Heſſen geworden iſt. Bei dieſer Veranlaſſung er⸗ Colour& Grey Control Chart so Blue Cyan Green vellow Hed . Magenta Wnite Grey 1 Grey 2 SGrey 3 Grey 4 Black Abbild. 1. nius und ſeine Ordensleute: Töngesbrüder, Antoniterherrn tragen ſchwartze Kleider und ein blau Creutz darauff'. Unter dem MATBeſtaLoaan ada Mamſcs ſDente mmaaa iſt aamoſon framh! hat nicht fWnnummummmrmnramnnrmrmnnrnnrnnmran 9 10 11 12 13 ‿ 3 + ◻ ₰☛ — 00 ²) S. 15: Ipsa S. Antonii(ſo) imago.. ex fragmento scriniorum meorum lacero ne periret eruta. 4*