a Sesoo (738) Entwickelung des Sludiums Peterinärwiffenſchaft an der Landesuniverſität Gießen. Ein Nachwort zu meiner„Feſtſchrift“ vom 25. Mai 1902. e Von Profeſſor Dr. M. Biermer. Als Mannſkript gedruckt. Gießen 1903 von Münchow'ſche Hof⸗ und Univerſitätsdruckerei (Otto Kindt). 0 2. Dez. 1993 91 KMAr J993 Die Entwickelung des Studiums der Peterinärwiſſenſchaft an der Landesuniverſität Gießen. Ein Nachwort zu meiner ,Feſtſchrift“ vom 25. Mai 1902. Von Profeſſor Dr. M. Biermer. Als Manuſkript gedruckt. Gießen 1903 von Münchow'ſche Hof⸗ und Univerſitätsdruckerei (Otto Kindt). Vorbemerkung. Im Mai v. J. habe ich in einer hieſigen Zeitung eine ſtatiſtiſche Studie über die Entwickelung der Frequenz der Univerſität Gießen von 1823 bis auf die Gegenwart veröffent⸗ licht. Sie war entſtanden aus Anlaß der Immatrikulation des tauſendſten Studenten, welches Ereignis bekanntlich von Stadt und Univerſität feſtlich begangen worden iſt. In dieſer hiſtoriſch-⸗ſtatiſtiſchen Skizze habe ich unter Anderem auch die Entwickelung des Veterinärſtudiums an der Gießener Hoch⸗ ſchule behandelt, und zu meiner großen Überraſchung haben meine damaligen Darſtellungen und kritiſchen Bemerkungen mich in einen Konflikt mit einigen Herren der mediziniſchen Fakultät gebracht und mich heftigen, aber durchaus ungerechtfer⸗ tigten Angriffen ausgeſetzt. Da es nicht zu erreichen war, daß dieſe Angriffe, auch nachdem ſie ſich als haltlos herausgeſtellt hatten, zurückgenommen werden würden, habe ich unter dem Titel„Mein Konflikt mit den Gießener Veterinären und der mediziniſchen Fakultät daſelbſt“ eine Denkſchrift herausgegeben, welche eine aktenmäßige Darſtellung der in Frage kommenden Vorgänge bot. Die Broſchüre, im Juli v. J. erſchienen, war nicht für die öffentlichkeit, ſondern nur für einen beſchränkten Kreis von Kollegen beſtimmt, und es iſt mir gelungen, die weiteren Erörterungen auf dieſe beſchränkte Offentlichkeit zu be⸗ grenzen. Meine Gegner haben ſich bis zur Stunde ausge⸗ ſchwiegen, anſcheinend, weil ſie mich nicht widerlegen konnten. Es fällt mir natürlich nicht im Traume ein, die eigent⸗ liche Streitfrage nochmals aufrollen zu wollen. Soweit aber mein Ruf als Statiſtiker auf dem Spiele ſteht, halte ich mich für berechtigt, auf meine damaligen Wahrſcheinlichkeitsberech⸗ nungen in Kürze zurückzukommen. Das iſt der einzige Zweck der vorliegenden Blätter, die ebenfalls nur„als Manuſkript gedruckt“ zur Verteilung gelangen, und die ich als nicht für die Offentlichkeit geeignet zu behandeln dringend bitte. Gießen, den 20. Juni 1903. Biermer. Kürzlich iſt das neue Perſonalverzeichnis unſerer Landes⸗ univerſität Gießen erſchienen. Da ich mich bereits früher als Statiſtiker mit der Entwickelung der Univerſitätsfrequenz be⸗ ſchäftigt habe, will ich ein Kapitel aus den früheren Erörte⸗ rungen herausgreifen und etwas näher betrachten. Ich wähle aus naheliegenden Gründen die mediziniſche Fakultät, über deren Entwickelungstendenzen die Meinungen damals, als ich dieſe Frage anſchnitt, weit auseinandergingen. Die Stellung der mediziniſchen Fakultät zu den übrigen Fakultäten und zur Geſamtuniverſität geht aus folgenden Zahlen hervor. Im Sommerſemeſter 1903 ſind in Gießen insgeſamt 1092 ordent⸗ liche Hörer immatrikuliert. Dieſe Geſamtzahl verteilt ſich auf die vier Fakultäten, wie folgt: Theologiſche Fakultät 74 Juriſtiſche Fakultät 198 Mediziniſche Fakultät 335 Philoſophiſche Fakultät 485 Von den 1092 Immatrikulierten ſind 407 Nichtheſſen, das ſind 37%. Die theologiſche Fakultät hat 5 Nichtheſſen, das ſind 7%, die juriſtiſche 26, das ſind 13%, die philoſo⸗ phiſche 128, das ſind 26%, und die mediziniſche 224, das ſind 67%.,. Alſo ⅛ der der mediziniſchen Fakultät zuge⸗ hörenden Studenten ſind Nichtheſſen. Von den 407 Nicht⸗ heſſen aller Fakultäten kommt alſo die größere Hälfte auf die mediziniſche Fakultät. Da der Frequenzaufſchwung der Univerſität Gießen aus⸗ ſchließlich von ihrer Anziehungskraft auf reichsdeutſche, nicht⸗ heſſiſche, Elemente abhängt,— denn Ausländer hat Gießen nur 55— ſo iſt die mediziniſche Fakultät der wichtigſte Faktor 6— für die zahlenmäßige Weiterentwickelung der Landesuniverſität. In dieſer Beziehung kommt nur noch die philoſophiſche Fakultät in Frage, ſteht aber, obgleich ſie die größte Fakultät iſt, hinter der mediziniſchen weit zurück. Bekanntlich iſt Gießen die einzige Univerſität des Deut⸗ ſchen Reichs, in der das Studium der Tierheilkunde organiſch mit der mediziniſchen Fakultät und damit mit der Geſamt⸗ univerſität verbunden iſt. Die große Zahl der Veterinär⸗ ſtudierenden iſt alſo für Gießen beſonders charakteriſtiſch; denn wir haben hier mehr Veterinäre als Menſchenmediziner. Frei⸗ lich nimmt hier, ſeitdem zum Studium der Tierheilkunde das Reifezeugnis verlangt wird, welche bundesrätliche Beſtimmung mit dieſem Semeſter in Kraft getreten iſt, die Zahl der Vete⸗ rinäre ab, die Zahl der Menſchenmediziner aber zu. Im Sommer 1902 gab es in Gießen 148 Menſchenmediziner, von welchen 93, d. h. beinahe, Nichtheſſen ſind. Im Sommer 1903 iſt die Zahl der Mediziner auf 158 geſtiegen. Der Pro⸗ zentſatz der Nichtheſſen iſt dagegen etwas gefallen. Als man in Gießen den tauſendſten Studenten feierte, hatte man 180 Veterinäre, von denen nur 22 Heſſen und 153 Immaturi waren. 85% der Gießener Veterinäre hatten alſo das ſoge⸗ nannte„Zeugnis fürs Fach“, d. h. das Primanerzeugnis. Dieſe letzteren Zahlen ſind um deswillen beſonders intereſſant, weil ſie bemerkenswerte Anhaltspunkte geben, wie ſich unter der Herrſchaft der neuen Prüfungsordnung vom 26. Juli 1902 aller Wahrſcheinlichkeit nach das Veterinärſtudium bei uns entwickeln wird. Ich habe vor Jahresfriſt behauptet, daß nach einer ſtatiſtiſchen Wahrſcheinlichkeitsrechnung, die ich da⸗ mals aufgeſtellt hatte, die Veterinäre von dieſem Frühjahre an in weiterhin ſinkender Kurve abnehmen würden. In meiner Broſchüre, die damals in Druck erſchien, war ausge⸗ rechnet worden, daß die Zahl der Neuimmatrikulierten um etwa 40% zurückgehen werde. Man iſt jetzt in der Lage, den ſtatiſtiſchen Propheten an der Hand zuverläſſiger Zahlen kon⸗ trollieren zu können. Die Zahl der Neuimmatrikulierten zur — 27— Zeit des Erſcheinens der Broſchüre betrug 61, die Zahl der Neuimmatrikulierten in dieſem Sommerſemeſter iſt auf 32 gefallen, der prozentuale Rückgang iſt ſogar noch größer, als damals geſagt wurde, und Diejenigen, die mir widerſprochen haben, können ihre Zweifel kaum mehr aufrecht erhalten. Bekanntlich iſt ebenſo, wie für die Ärzte, auch für die Tierärzte der Studiengang und das Approbationsweſen für das ganze Reich einheitlich geregelt. Bis zum 1. April 1903 galten folgende Beſtimmungen: 1. Ein ſiebenſemeſtriges Studium an einer tierärztlichen Hochſchule; 2. Das Primanerzeugnis eines Gymnaſiums oder Real⸗ gymnaſiums, und 3. Die Ablegung zweier Examina, einer Vorprüfung und einer Haupt-⸗ und Abſchlußprüfung. Seit dem 1. April 1903 iſt eine wichtige Änderung in Kraft getreten. Die Zulaſſung zum Studium der Tierheil⸗ kunde iſt jetzt davon abhängig gemacht, daß der Neuzuinſkri⸗ bierende das Reifezeugnis eines Gymnaſiums, Realgymnaſiums oder einer Oberrealſchule beibringt; m. a. W.: Immaturi können als Veterinäre die Hochſchule nicht mehr beziehen. Im laufenden Sommerſemeſter hat die Gießener Univerſität 169 Veterinärſtudenten, davon 137 mit dem Primanerzeugnis. Es ſind alſo 81% der Studierenden dieſes Faches Immaturi und nur 19% Maturi. Wäre die neue bundesrätliche Prü⸗ fungsordnung wenige Jahre früher erſchienen und in Kraft getreten, ſo hätte Gießen nicht 169, ſondern nur 32 Veterinäre, und wir hätten auch in dieſem Semeſter den 1000. Studenten noch nicht erreicht. Die Geſamtfrequenz der Univerſität wäre ſtatt 1092 955. Die 137 immaturen Veterinäre, die wir in dieſem Sommerſemeſter haben, verteilen ſich alſo in der Haupt⸗ ſache auf das zweite bis achte Semeſter. Wenn der Studiengang regelmäßig durchgeführt und die Prüfungen wirklich nach ſieben Semeſtern abſolviert würden, ſo müßten die 137, von denen eben die Rede war, nach ſechs Semeſtern verſchwinden. — 8— Im Sommer 1906 würden alſo nicht mehr 19% der Studie⸗ renden der Tierarzneikunde, ſondern 100% Maturi ſein, und verhielte ſich in der Zwiſchenzeit der Zugang der Maturi ebenſo wie in den letzten Semeſtern, ſo würde Gießen bereits in drei Jahren auf den fünften Teil der Veterinärſtudierenden herab⸗ geſunken ſein, d. h. wir würden im Sommerſemeſter 1906 auf einige dreißig Veterinärſtudenten kommen. Es wäre alſo ein ganz rapider Rückgang in verhältnismäßig kurzer Zeit zu erwarten. In dieſer Rechnung iſt indeſſen eine unbekannte Größe als bekannt vorausgeſetzt worden. Der tierärztliche Beruf bietet nämlich verhältnismäßig gute privatökonomiſche Chancen, die erheblich beſſer ſind, als diejenigen des ärztlichen Berufs. Man darf deswegen annehmen, daß ſich dieſem Studium auch in Zukunft zahlreiche Studierende, die auf dieſem Wege früh⸗ zeitig in eine geſicherte Lebensſtellung kommen können, zu⸗ wenden werden. Unterſtützt wird dieſer Zugang dadurch werden, daß der Stand der Tierärzte, die nunmehr den Menſchenärzten in der Vorbildung gleichgeſtellt ſind, geſellſchaftlich gehoben wird. In gewiſſem Sinne kann man ſogar ſagen, daß in ab— ſehbarer Zeit die Tierärzte mit den eigentlichen Medizinern als ſozial gleichwertig erachtet werden. Iſt dieſe Auffaſſung richtig— man hat es freilich mit gewiſſen ſehr unſicheren geſellſchaftlichen Imponderabilien zu tun—, ſo wird aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach Folgendes eintreten: In den nächſten Se⸗ meſtern geht die Zahl der Veterinärſtudierenden überall, alſo auch in Gießen, ſtark zurück. Im Jahre 1906 wird, wenn man rechtzeitig die Prüfungen abſolviert, der tiefſte Punkt erreicht ſein. Inzwiſchen wird der Mangel eines geeigneten Nachwuch⸗ ſes fühlbar, und dieſe Tatſache wird dann wieder eine größere Anziehungskraft auf ſolche junge Leute, die die höheren Schulen mit dem Reifezeugnis verlaſſen haben, ausüben. Es iſt ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß mancher Abiturient, der heute noch ein anderes Brotſtudium wählt, namentlich das der Medizin, ſich in Zukunft dem ausſichtsreicheren Studium der Tierheilkunde zuwendet. 9— Das Studium der Menſchenmedizin iſt notoriſch überfüllt, der Beruf der Tierärzte, ſoweit ſie umfaſſend und zeitgemäß aus gebildet ſind, dagegen nicht. Während dort allerhöchſtens die natürliche Bevölkerungsvermehrung den Bedarf an Ärzten langſam verſtärkt, wird hier, namentlich im Hinblick auf die Viehſeuchengefahr, die zunehmende Bedeutung des Nutzvieh⸗ ſtandes für die Landwirtſchaft, die Vermehrung und die Ver größerung der ſtädtiſchen Schlachthäuſer, die Zunahme der Ka vallerie uſw., ein ſteigender Bedarf an Tier⸗ und Roßärzten ein treten. Da unſere Zollpolitik mit Recht entſchloſſen iſt, namentlich im Intereſſe des Bauernſtandes, die einheimiſche Viehzucht vor der auswärtigen Konkurrenz zu ſchützen und die Viehzölle des wegen zu erhöhen, was allein eine wirkliche agrariſche Mittel ſtandspolitik bedeutet, ſo wird die Nutzviehhaltung in Deutſch land von Jahr zu Jahr als Teil des Volksvermögens zu nehmen, während der inländiſche Getreideanbau für den Brot konſum abnimmt. Ein immer größerer Teil der Brotfrüchte wird verfüttert werden müſſen, wie wir das in dem Muſter land der Viehzucht, Dänemark, ſehen. Die däniſche Landwirt ſchaft blüht ohne Kornzölle, weil ſie ohne Verminderung ihres Kornbaues für eigenen Bedarf ſich vorzugsweiſe auf arbeits intenſive Viehzucht in Kleinbetrieben ſtützt und die Kraftfutter mittel zollfrei einführen kann. Auf ein däniſches Rind werden 3 ½ mal ſo viel Mais und 4 ¾ ſo viel Oelkuchen eingeführt, als auf ein deutſches. Wäre ganz Deutſchland weſentlich ein Kleinwirtſchaftsland mit eingeſprengten größeren Muſterwirt ſchaften, die gleichſam lokale Fortbildungsſchulen für den Bauernſtand ſind, ſo würden wir mit viel niedrigeren Korn zöllen auskommen können. Bleibt aber das Intereſſe des Großbetriebs maßgebend, ſo werden ſelbſt die Mindeſtzölle des Kompromißtarifes ſich als unzulänglich erweiſen. Auf dieſe Momente hat eine weiſe deutſche Wirtſchafts⸗ politik Rückſicht zu nehmen. Vorläufig hat unſer Nutzvieh ſtand nicht ſo zugenommen, wie es möglich und wünſchenswert geweſen wäre. Immerhin hat, wenn man von dem koloſſalen — 19— Rückgang der Schafhaltung, die teils in Folge der fortſchrei⸗ tenden intenſiveren Bewirtſchaftung des Bodens, teils in Folge des ſteten Sinkens der Wollpreiſe zurückgedrängt worden iſt und nur bei großkapitaliſtiſchem landwirtſchaftlichen Be⸗ triebe dem Auslande gegenüber konkurrenzfähig ſein kann, abſieht, die Viehhaltung in Deutſchland ſich recht erheblich gebeſſert. 1883 gab es in Deutſchland Stück Rindvieh 15,786 764 „ Schweine 9 206 195 „ Pferde 3 522 545 „ Ziegen 2 640 994. Nach der Zählung von 1900 zeigte ſich folgende Ver⸗ ſchiebung: Stück Rindvieh 18 939 692 „ Schweine 16 807 014 „ Pferde 4 195 361 „ Ziegen 3 266 997. Die Zahl des Rindviehs hat alſo um 20%, die Zahl der Pferde um 19%, die Zahl der Ziegen um 24% und die Zahl der Schweine ſogar um 83% zugenommen. Dieſe Zahlen erhalten erſt dann ihre richtige Beleuchtung, wenn man die Bewegung der Bevölkerung mit ihnen in Vergleich bringt. Zwiſchen den Berufszählungen von 1882 und 1895 hat die erwerbstätige Bevölkerung des Deutſchen Reichs um 20% zugenommen. An dieſer Vermehrung hat die Landwirtſchaft bekanntlich keinen Anteil; denn hier iſt die Zunahme der Er⸗ werbstätigen von 1882 bis 1895 noch nicht ½%, während die Zunahme in der Induſtrie 29%, im Handel und Verkehr ſogar 49% beträgt. Während alſo die landwirtſchaftliche Bevölkerung, ſoweit ſie erwerbstätig iſt, in der Geſamtziffer zum Stillſtand gekommen iſt, ja in den letzten fünf Jahren (1895— 1900) direkt zurückgegangen iſt, iſt gleichzeitig die Be⸗ deutung des Viehſtandes ganz erheblich gewachſen. Dieſer Geſichtspunkt tritt noch ſchärfer hervor, wenn man die Werte der landwirtſchaftlichen Produktion zum Vergleiche heranzieht. Nach — 11— den Erhebungen des Deutſchen Landwirtſchaftsrates um⸗ faßt der Ertrag aus Vieh und Viehprodukten 40,6%, der aus Getreideverkauf 26,4%, der aus anderen Ackerfrüchten 16,3%. Erwägt man, daß die kleineren und kleinſten Wirt⸗ ſchaften bei dieſer Feſtſtellung kaum zu Worte gekommen ſind, und daß die Viehzucht um ſo eifriger betrieben wird, je kleiner die Wirtſchaft iſt, ſo wird man ſagen können, daß ſchon jetzt die deutſche Viehzucht einen größeren Verkaufswert erzielt, als der deutſche Ackerbau.— Dieſe agrarpolitiſchen und agrarſtatiſtiſchen Betrachtungen ſollen darauf hinweiſen, welche Prognoſe man dem veterinär⸗ wiſſenſchaftlichen Studium ſtellen kann. Es gibt aber noch mancherlei andere Geſichtspunkte, welche die Behauptung, daß nach einem vorübergehenden Rückgange dieſes Fach wieder einen gewiſſen Aufſchwung erleben wird, ſtützen könnten. Die gemachten Andeutungen mögen vorläufig genügen. Man muß im übrigen unterſcheiden zwiſchen der Frequenz des Ve⸗ terinärſtudiums im Allgemeinen und ſpeziell in Gießen. Zu⸗ erſt wird die Tatſache zu erklären ſein, warum gerade in Gießen die Zahl der Veterinäre ſo überaus raſch geſtiegen iſt. Ich wieder⸗ hole hier einige Zahlen, die ich in der ominöſen„Feſtſchrift“ vom 25. Mai 1902 bereits beſprochen habe. Das Veterinär⸗ ſtudium an der heſſiſchen Landesuniverſität beſteht ſeit 1828 ununterbrochen, bot aber lange Zeit nur beſcheidene Zuhörer⸗ ziffern. Bis 1866 wurde die Zahl 30 niemals erreicht, und die Zahl 20 wurde nur im Jahre 1866 überſchritten. Von 1867— 1883 weiſt der Halbjahrsdurchſchnitt nur 12 Veterinäre auf. Die eigentliche Zunahme der Veterinärmediziner, die für die Frequenzſtatiſtik der Gießener Hochſchule als beſonders charakteriſtiſch erachtet werden muß, ſetzte, ſoweit ſie andauernd iſt, erſt Sommer 1896 ein und ſtieg von dieſem Zeitpunkte geradezu ungeſtüm auf das Vierfache, nämlich auf 180 im Sommerſemeſter 1902. Im Winterſemeſter 1902/3 war die Zahl der Veterinäre um eine Kleinigkeit, nämlich auf 175, herabgegangen, die Zahl der Immaturi dagegen auf 151 ge⸗ ſtiegen, d. h. auf 86%. Es war dieſes Winterſemeſter das letzte, wo Immaturi als Muli überhaupt noch zugelaſſen werden konnten. Aber auch im Sommerſemeſter 1903 waren ja Immaturi nicht ausgeſchloſſen, ſofern ſie bereits anderswo ihr Studium begonnen hatten. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, daß 32 jetzt Neuimmatrikulierte, die dem Fache der Tierheilkunde angehören, alle dem erſten Se⸗ meſter angehören, alſo Maturi ſind. Das iſt durchaus nicht der Fall. Unter dieſen 32 Neuimmatrikulierten, der Hälfte des Vorjahres, befinden ſich nur6 mit dem Reifezeugnis, die übrigen 26 haben nur das Primanerzeugnis, ſind alſo Immaturi, die ſchon früher an anderen Hochſchulen ſtudiert haben, ſich jetzt aber beeilten, eine Volluniverſität zu beziehen. Alſo auch in dieſem Semeſter kommen auf die neuimmatrikulierten Veterinäre 81% Immaturi. Ein ſolcher Zugang iſt auch in den nächſten Semeſtern möglich. Dann wird er aber auf⸗ hören. Die neuen Prüfungsbeſtimmungen mit ihrer Ver⸗ ſchärfung der Vorbildungsvorausſetzungen treten alſo erſt all⸗ mählich in volle Wirkſamkeit; nur in den nächſten Jahren wird das wirkliche Verhältnis noch verſchleiert. Eine ziemlich heikle Frage iſt die, warum die vielen Immaturi ſich bislang dem Studium der Veterinärwiſſenſchaft zugewandt haben. Haben ſie die abſolvierte Sekunda einer höheren Schule um deswillen verlaſſen, weil ſie das Reife⸗ zeugnis für das Studium nicht brauchten, oder ſind ſie Vete⸗ rinäre geworden, ſtatt Juriſten, Philoſophen und Mediziner, weil ſie keine Chancen hatten, das Abiturientenexamen zu beſtehen? Der Statiſtiker muß bei der Beantwortung dieſer Eventual⸗ frage ſehr vorſichtig ſein. Zahlreiche Wahrnehmungen beſtä⸗ tigen immerhin die Vermutung, daß viele Gymnaſiaſten und Realgymnaſiaſten, denen die Schulbank unbequem geworden iſt und denen namentlich die Geheimniſſe der klaſſiſchen Sprachen unüberwindliche Schwierigkeiten bereiteten, es vorzogen, auf eine Fähnrichpreſſe überzugehen oder Apotheker und Tierärzte — 13— zu werden. Auch bei dem landwirtſchaftlichen Studium und einigen anderen mehr verhält ſich die Sachlage ganz ähnlich. In Bayern kann nur derjenige Offizier werden, der das Reife⸗ zeugnis beibringt. Das alte Sprichwort„ultima spes miles“ gilt alſo dort weniger als in Preußen und in anderen Bundes⸗ ſtaaten. Dafür haben wir in Bayern die Tatſache feſtſtehend, daß verhältnismäßig viele ehemalige Univerſitätsſtudenten zum Militär übertreten. In Bayern hat alſo der Immaturus weniger Ausſichten als in Preußen. Durchblättert man aber unſer Perſonalverzeichnis, ſo findet man, daß von 51 Studierenden bayeriſcher Staatsangehörigkeit, die die Gießener Univerſität beſitzt, 44 auf die mediziniſche Fakultät kommen, und von ihnen ſind faſt alle, nämlich 39, Veterinäre. Ein Zufall iſt das ge— wiß nicht, auch wenn man berückſichtigt, daß Bayern mit ſeinem großen Nutzviehſtand— er iſt, was die Hauptviehſorte, das Rindvieh, anbetrifft, im Verhältnis faſt doppelt ſo groß als in Preußen und Heſſen— einen beſonders großen Bedarf an Tierärzten hat. Ich behaupte nun, wobei ich ſelbſtver⸗ ſtändlich mancherlei Ausnahmen zugeſtehe, daß ſehr viele Ve⸗ terinärſtudierende ſich nicht ganz freiwillig dieſem Fache zuge— wandt haben. Beſtimmend für die Berufswahl war nicht ſelten die Unmöglichkeit, das Abiturientenexramen zu beſtehen. Mit verhältnismäßig hoher ſtatiſtiſcher Wahrſcheinlichkeit darf man ſagen, daß unter den Veterinärſtudierenden ziemlich Viele ſind, die auf dem Gymnaſium nicht den gewünſchten Erfolg hatten. Wäre das nicht der Fall, ſo müßten die Veterinäre das jugend— lichſte Studentenmaterial abgeben. Sie müßten durchſchnitt⸗ lich um zwei Jahre jünger ſein als die Studierenden anderer Fakultäten; denn in Prima muß man mindeſtens zwei Jahre ſitzen. Ich habe nun keine Zeit gehabt, über die Altersverhält⸗ niſſe der hieſigen Studenten genauere Unterſuchungen anzu⸗ ſtellen. Das hätte unverhältnismäßig viel von meiner Zeit in Anſpruch genommen. Ich fand aber ein Aushilfsmittel in den Wahlliſten der Stadt Gießen, die bei Gelegenheit der — 14— Reichstagswahl, die in dieſer Woche ſtattgefunden hat, zu⸗ ſammengeſtellt worden ſind. Ich fand dort folgende über⸗ raſchende Tatſache: Von den 1039 reichsdeutſchen Studierenden an der hieſigen Univerſität hatten das 25. Lebensjahr vollendet und waren damit wahlberechtigt 146 Studierende. Darunter befanden ſich 55 Studierende der Veterinärkunde. Das macht 38% der wahlberechtigten Studenten. Von den 1039 reichs⸗ deutſchen Studierenden kommen auf die Veterinäre 167. Von den 169 Veterinären insgeſamt ſind alſo nur zwei Nichtreichs⸗ deutſche. 55 von dieſen ſtehen im 26. Lebensjahr, das ſind 33%. Bei einem gleichmäßigen Altersaufbau ſämtlicher Studierenden dürften auf dieſe 167 nur 12 Wahlberechtigte kommen. Statt deſſen kommen auf ſie 55, d. h. beinahe das Fünffache. Wir finden alſo das eigenartige Ergebnis, daß diejenige Gruppe der hieſigen Studierenden, die das Gymna⸗ ſium mit dem Primanerzeugnis verlaſſen hat, alſo durch⸗ ſchnittlich zwei Jahre jünger ſein müßte als die anderen ma⸗ turen Gruppen, faſt fünfmal ſo viel Fünfundzwanzigjährige ſtellt, als die anderen. Ich halte dieſen Zahlen gegenüber meine Behauptung, daß unter den Veterinärſtudierenden eine recht erhebliche Anzahl ſich befindet, die auf dem Gymnaſium oder ſpäter auf der Hochſchule nicht recht vorwärts gekommen iſt, für eine keineswegs beſonders gewagte. Iſt aber dieſe Auf⸗ faſſung richtig, was man natürlich wieder beſtreiten wird, ſo ſind die verſchärften Prüfungsbeſtimmungen, von denen wiederholt die Rede war, ein ſchwerer Schlag für die zukünftige Frequenz des Veterinärſtudiums. Es wird Jahre dauern, bis ſich die veterinärwiſſenſchaftlichen Fakultäten von dieſem Schlage erholt haben werden, und es kann kein Zweifel ſein, daß der Zulauf zum veterinärmediziniſchen Studium demnächſt ganz gehörig ge⸗ dämpft werden wird. Gießen war in dem letzten Jahrzehnt für Veterinäre eine Lieblingsuniverſität, nicht etwa um deswillen, weil es be⸗ ſonders gute ſachliche Lehrmittel und Anſtalten aufzuweiſen hatte; denn es wird gerade in den beteiligten Kreiſen nicht be⸗ — 15— ſtritten, daß das Gegenteil der Fall war. Sämtliche Anſtalten müſſen erſt jetzt mit erheblichen Unkoſten(über 600 000 Mark) neu gebaut und in großartiger Weiſe erweitert werden. Auch hat der überraſchende Aufſchwung des Veterinärſtudiums nicht etwa in dem Augenblicke eingeſetzt, wo der Lehrkörper und Lehr⸗ plan erweitert und eine Art von ſelbſtändiger Fakultät für dieſes Fach geſchaffen worden ſind, ſondern bereits erheblich früher. Auch das will ich unter Beweis ſtellen. Es macht ſich das ſehr einfach in der Form einer Tabellenüberſicht: V V Sommer⸗ ehenenme Zahl der Zahl der Semeſter beſchäftigten Aſſiſtenten Studierenden Lehrkräfte 1888 V 2 2 V 28 1889 2 2 29 1890 2 2 40 1891 2 2 28 1892 2 2 26 1893 2 2 27 1894 2 2 34 1895 2 2 28 1896 2 2 42 1897 2 2 60 1898 2 2 63 1899 2 2 80 1900 2 2 110 1901 3 2 134 1902 5 4 180 1903 5 6 169 Bis zum Schluſſe des Sommer⸗Semeſters 1899 wirkte an der Gießener Hochſchule nur ein einziger ordentlicher Profeſſor der Veterinärwiſſenſchaft. Dazu kamen ein Extraordinarius — 16— und als dritte Lehrkraft im Nebenamt der jedesmalige Kreis⸗ tierarzt, der auch jetzt als ſechſter Dozent noch wirkſam iſt. Bereits damals war aber die Zahl der Veterinäre auf 80 geſtiegen, von denen 40 in dem einen Sommer⸗Semeſter neu hinzugekommen waren. Nebenbei bemerkt war damals auch die Zahl der Immaturi ganz erheblich geringer, als gegen⸗ wärtig. Das Veterinärſtudium in Gießen hat alſo— daran muß feſtgehalten werden— ſeinen charakteriſtiſchen Aufſchwung vor der großen Reform des Jahres 1900, wo der Lehrkörper vollſtändig erneuert worden iſt, gleichzeitig die Ordinarien der Veterinärkunde Sitz und Stimme im Senate zugeſtanden erhielten und eine Art von ſelbſtändiger Fakultät, das ſoge— nannte„Veterinärmediziniſche Kollegium“, geſchaffen worden iſt, genommen. Der Heſſiſche Staat hat im Jahresdurchſchnitt der Jahre 1898, 1899 und 1900 für den akademiſchen Vete⸗ rinärunterricht an der Landesuniverſität 25015 Mark auszu⸗ geben gehabt. Dieſe Summen wuchſen ſeit der genannten Reform ganz rapide. Sie betrugen nämlich: im Jahre 1901 33 165 Mark „„ 1902 43 445„ 5„ 1903 51 026„ Neue Inſtitutsbauten ſind in jenen Jahren nicht vorge⸗ nommen worden, ſie werden erſt gegenwärtig in Angriff ge⸗ nommen und erfordern, da der Heſſiſche Staat Anleihen für ſolche Zwecke nicht amortiſiert, eine jährliche Zinſenlaſt von ungefähr 21 000 Mark. Damit ſteigen die Koſten für den Vete⸗ rinärunterricht ſchon jetzt auf über 72000 Mark, d. h. m. a. W.: in den letzten drei Jahren hat ſich der Lehrkörper verdoppelt, und die Koſten haben ſich beinahe verdreifacht. Natürlich kann man nicht ſagen, wie ſich das Studium der Veterinärwiſſenſchaft ohne dieſe umfaſſenden und teueren Reformen, die auch zu einem vollſtändigen Perſonenwechſel geführt haben, entwickelt hätte. Der Frequenzaufſchwung war jedenfalls noch unter den alten Verhältniſſen und unter dem 117— früheren, jetzt nicht mehr tätigen Lehrkörper vorhanden. Es mag ſein, daß den neuen Änderungen der weitere Aufſchwung der letzten Jahre zu danken iſt, obgleich die Univerſitätsſtatiſtik zur Genüge beweiſt, daß Inſtitute und Lehrkräfte viel weniger die Frequenz der Univerſitäten beeinfluſſen, als man gewöhnlich glaubt. Ich könnte zum Beweis dieſer Wahrnehmung mancher⸗ lei Belege beibringen. Ich will mich aber hier darauf be— ſchränken, einige Geſichtspunkte hervorzuheben, die es erklär⸗ lich machen, warum Gießen mit Vorliebe von Veterinärſtudie⸗ renden aufgeſucht wird. Einmal liegt Gießen für einen großen Teil von Deutſchland, namentlich für Mittel⸗, Süd⸗ und Weſt⸗ deutſchland, ziemlich zentral und wird in dieſer Eigenſchaft durch ausgezeichnete Bahnverbindungen nach jeder Richtung der Windroſe hin kräftig unterſtützt. Dieſe Momente kommen naturgemäß nur für ſolche Fächer in Frage, deren Studien gang reichsgeſetzlich geregelt iſt, wo alſo das Staatsexamen im ganzen Reichsgebiet gilt und infolgedeſſen eine große Frei⸗ zügigkeit der Studierenden gewährleiſtet iſt. Viel wichtiger als dieſer Geſichtspunkt iſt aber die Tatſache, daß die Gießener Univerſität die einzige reichsdeutſche Hochſchule iſt, wo der Veterinärſtudent, auch wenn er Immaturus iſt, voller Uni⸗ verſitätsſtudent wird. Während die Studierenden an den Spezialhochſchulen in Hannover, Berlin, München und Dres— den mit den Univerſitätsſtudenten und Polytechnikern um ihre Gleichberechtigung zu kämpfen haben, wird ſie ihnen in Gießen ohne Weiteres grundſätzlich zugeſtanden. Dort werden ſie wie mature Vollſtudenten, nicht nur durch das Univerſitätsſtatut, ſondern auch durch die Mehrzahl der ſtudentiſchen Korpora⸗ tionen behandelt. Auf eine ſolche Gleichberechtigung pflegt aber gerade der Immaturus Wert zu legen. Gießen kommt im Übrigen den Veterinären auch inſofern weiterhin entgegen, als es die einzige deutſche Hochſchule iſt, wo man einen beſonderen Dr. med. vet.⸗-Titel erwerben kann. Promovieren können freilich nur Maturi. Aber immerhin liegt hier ein prinzipielles Zugeſtändnis vor, welches das Standesbewußtſein der Veteri⸗ näre zu ſtärken geeignet iſt. — 18— Werden nun die genannten drei Momente auch in Zu⸗ kunft von gleichem Einfluß ſein? Ich bezweifle das. Eine zentrale Lage haben auch andere Hochſchulſtädte, wie Hanno⸗ ver und Leipzig. Außerdem lehrt die Frequenz von München und der Frequenzaufſchwung von Freiburg i. B., daß es auf die geographiſche Lage immer weniger ankommt. In dem Augenblick, wo alle Veterinärſtudenten die gleiche Vorbildung haben müſſen wie die anderen Studenten, namentlich die Medi⸗ ziner, fällt der jetzige Kampf um die Gleichberechtigung, der Gießen ſo viele Veterinäre zugeführt hat, weg. Es liegt kein Grund vor, den Veterinären dieſe Gleichberechtigung in Zu⸗ kunft vorzuenthalten. Es liegt auch kein Grund vor, daß in denjenigen Städten, wo eine organiſche Verbindung von Uni⸗ verſität mit Veterinärlehranſtalt möglich iſt, eine ſolche Verbin⸗ dung nicht angebahnt wird. Und endlich wird man den Veterinären auf die Dauer die Möglichkeit der Doktorpromo⸗ tion nach heſſiſchem Muſter nicht verſagen können. Zwar hat Herr Miniſterialdirektor Dr. Althoff vom preußiſchen Kul⸗ tusminiſterium bei der letzten Budgetberatung des Preußi⸗ ſchen Abgeordnetenhauſes dieſe Frage ſehr von oben herab verneint, indem er ſagte, der Gießener Doktortitel ſei eine Sin⸗ gularität, deren übertragung auf andere Hochſchulen ihm weder notwendig, noch angebracht erſcheine. Die Einführung des Dr. med. vet. an den preußiſchen Univerſitäten ſei aber ſchon darum untunlich, weil dort keine Veterinärwiſſenſchaft gelehrt werde.— Ich glaube nicht, daß dieſe Angelegenheit mit ſolchen Redensarten abgetan iſt. Nachdem die techniſchen Hochſchulen im ganzen Reiche das Promotionsrecht erhalten haben, werden auch die Tierarzneihochſchulen dieſes Recht fordern, und ſie können es fordern, nachdem zu dem ſiebenſemeſtrigen Studium auch das Erfordernis des Reifezeugniſſes getreten iſt. Sie werden ihr Ziel mit der Zeit gewiß erreichen.— Alle dieſe Errungenſchaften und Reformen, die man im Intereſſe des Standes der deutſchen Tierärzte nur willkommen — 19— heißen kann, werden m. Er. die Folge haben, daß in Zukunft kein beſonderer Anlaß mehr vorliegt, Gießen als das Eldorado der Veterinäre anzuſehen. Ich ſchließe dieſe Betrachtung alſo wiederum mit einer ſtatiſtiſchen Prophezeihung, die ich, wie folgt, formulieren will: 1. Die Studierenden der Veterinärwiſſenſchaft werden in ganz Deutſchland in den nächſten Jahren an Zahl ſtark zu⸗ rückgehen, weil dieſes Studium den Immaturi vejſchloſſen bleibt. 2. Die Frequenz der Univerſität Gießen wird unter dieſen Umſtänden beſonders in Mitleidenſchaft gezogen werden, weil die ausſchlaggebenden Gründe, weswegen Gießen bisher be⸗ vorzugt worden iſt, in Wegfall kommen, zumal wenn andere Univerſitäten, wie z. B. Leipzig, den Veterinärunterricht organiſch mit der Geſamtuniverſität verbinden, wie es dort in gewiſſem Umfange ſchon mit der Handelshochſchule geſchehen iſt. 3. Auch die Einrichtung des Dr. med. vet. in Gießen wird auf die Dauer keine„Singularität“ mehr bleiben, trotz der abſprechenden und ablehnenden Haltung des Herrn Miniſterial⸗ direktors Dr. Althoff. 4. Die Neu⸗ und Erweiterungsbauten für den veterinär⸗ wiſſenſchaftlichen Unterricht in Gießen ſind zu einer Zeit in Anregung gebracht worden, wo man noch nicht wiſſen konnte, daß die Vorbedingungen des Studiums verſchärft werden würden. Die Baupläne und ihre finanzielle Unterlage rech⸗ neten mit der hohen Frequenz der letzten Semeſter wie mit einer konſtanten Größe. Der einmal gefaßte Plan iſt aber trotz rechtzeitig geäußerter Bedenken auch dann aufrechterhalten worden, als man wiſſen mußte, daß die neue Prüfungsord⸗ nung auf die Frequenz ungünſtig zurückwirken würde. Ich habe darauf, wie erinnerlich ſein wird, in meiner Schrift„Die Finanzen des Großherzogtums Heſſen“, die vor der Verab⸗ ſchiedung des letzten Budgetgeſetzes erſchienen war, hingewieſen und auf eine finanzielle Reviſion des Bauplanes gedrungen. Man hätte vielleicht die Hälfte der jetzt ausgeworfenen Summe ſparen können und hätte trotzdem die dringlichſten Bedürfniſſe 20— des Veterinärunterrichts befriedigen können. Mit den auf dieſe Weiſe eingeſparten 300 000 Mark wäre es möglich ge⸗ weſen, aus dem Auditoriengebäude, deſſen Raum im höchſten Grade beengt iſt, das Forſtinſtitut, das Landwirtſchaftliche und das Mineralogiſche Inſtitut in andere zur Verfügung ſtehende Gebäude zu verlegen und gleichzeitig für gewiſſe mediziniſche Inſtitute(Ohrenklinik und Zahnärztliche Poliklinik) die längſt⸗ gewünſchte Fürſorge zu treffen. Ich habe mit meinen wohl⸗ gemeinten Vorſchlägen einen Erfolg nicht gehabt, was mir perſönlich natürlich ganz gleichgiltig ſein kann. wohl⸗ s mir A