Ueber die Reform der Doctorpromotion. Eine academische Rede gehalten von Dr. Adolf Philippi, Professor an der Universität Gieſsen. Giefsen. J. Ricker'sche Buchhandlung. 1876. 1 Ueber die Reform der Doctorpromotion. Eine academische Rede gehalten von Dr. Adolf Philippi, Professor an der Universität Gieſsen. Giefsen. J. Ricker'sche Buchhandlung. 1876. Die Nothwendigkeit, eine Antrittsrede zu halten, hat mich veranlaſst, ein für unsere Verhältnisse überaus wichtiges und höchst zeitgemäſses Thema so zu be- handeln, wie es der Anlaſs gestattete. Weil die hier vorgetragenen Gedanken nicht den allermindesten Anspruch darauf machen, neu zu sein, so dachte ich zunächst nicht an Drucklegung. Exrst in der letzten Stunde kam mir dieser Gedanke; und der Beweggrund, welcher mich dazu veranlaſste, verbot es mir Aende- rungen vorzunehmen, welche ich sonst ohne Frage noch gemacht hätte. Die Rede ist nun genau so gedruckt, wie sie gehalten wurde. Damit mulſs der Leser ihre Mängel entschuldigen. Auch so wird sie deutlich genug zeigen, wie mit mir eine Anzahl meiner Collegen über die Promotion denkt. Während des Druckes werde ich auf einen Aufsatz Heinze's(Heidelberg) in der Beilage zur Allg. Zeitg Nr. 124 aufmerksam:„Herr Dr. Th. Mommsen und die Promotionsreform.“ Dieser grolſse Aufsatz wird vielleicht in manchen Kreisen Sensation machen; dals er die vom Verfasser gewünschte Wirkung haben 1* 4 wird, erlaube ich mir zu bezweifeln. Meine Stellung zu den von Heinze für die bisherige Gewöhnung angeführten Utilitätsgründen ergiebt sich aus meiner Rede. Abgesehen davon geht mich nur die Auffassung an, nach welcher die Dissertation keine Gewähr für die Ernstlichkeit der Leistung bieten, hingegen die Oeffent- lichkeit des mündlichen Examens allen nur wünschens- werthen Schutz gewähren soll. Diese„Oeffentlichkeit“ besteht bekanntlich an manchen Orten. Ebenso liegt aber auch die Erfahrung vor, daſs sie für den Zweck der Controle so viel wie gar nichts leistet, denn sie läſst sich jeden Augenblick auf die verschiedenste Weise illusorisch machen. Auſserdem ist in kleineren Städten kaum jemals jemand zugegen, der eine Con- trole üben könnte. Ich kann darum diese„Oeffent- lichkeit“ im günstigsten Falle nur für eine kleine Un- bequemlichkeit halten, die man sich um des Anstandes willen auferlegt, um dadurch der wirklichen Oeffent- lichkeit, nemlich dem Druck der Dissertation, noch auf eine Weile zu entgehen. Giefsen, am 6. Mai 1876. — qò Hochansehnliche Versammlung! Ob eine Antrittsvorlesung nach fast zweijähriger Wirksamkeit überhaupt noch einen Sinn hat, das zu erwägen ist nicht meine Sache, da ich nur eine Pflicht damit erfülle, an welche ich in jüngster Zeit wieder- holt erinnert worden bin. Nur das durfte ich höch- stens mir sagen, als ich zur Erfüllung dieser Pflicht mich anschickte: daſs in der Wahl des Gegenstandes mir nunmehr sehr enge Grenzen gezogen sind. In groſsen Zügen das Gebiet meiner Arbeit zu skizziren, eine Art wissenschaftlichen Programms zu geben, wie es wohl der Neueintretende am liebsten thut, das ist mir leider jetzt versagt, da ich keine neue Hoffnung da- durch wecken, auch keine getäuschte dadurch beleben kann. Einen einzelnen Punkt aber der Fachwissen- schaft so zu behandeln, wie es für den Fachgelehrten sich ziemte, hat sein Miſsliches bei solcher Gelegenheit. Es führt zu weit ab von dem allgemeinen Fahrweg der Gedanken, und Sie, hochverehrte Herren, sind schwerlich erschienen, um sich über irgend eine Spe- cialfrage von mir Belehrungen ertheilen zu lassen, 6 welche Sie schon beim Hinaustreten aus diesen fest- lichen Räumen vergessen zu haben sich freuen würden. So bleibt denn nur mir übrig, Ihrer Prüfung einige Gedanken über eine Organisationsfrage vorzulegen, welche nicht nur für unsere Universität überhaupt, sondern speciell für mein Fach eine groſse Bedeutung hat. Gerade über die Promotion zu sprechen, liegt mir um so näher, als, wie meine ver- ehrten Herren Collegen sich vielleicht erinnern, meine Freunde und ich gehindert waren, den letzten Be- rathungen über diese Frage beizuwohnen und zu ihrer Lösung ihr bescheiden Theil beizutragen. Daſs ich in diese Lücke jetzt eintreten darf, muſs ich dankbar als eine Gunst des Zufalls betrachten, der mich meine Antrittsvorlesung bis heute verschieben liels. Ich bitte Sie im Voraus, Sich keinerlei Be- sorgnils über den Modus meines Lösungsversuches hingeben zu wollen. Ich will keine Wunden berühren, die ich doch nicht heilen kann. Ich werde hoffentlich Ihnen zeigen, dals man auch diesen Gegenstand rein sachlich, wie etwa die Frage über die Herkunft der Etrusker, oder über die Entstehung des Alphabets behandeln kann. Ich werde Ihre Aufmerksamkeit auf einen ganz bestimmten Punkt zu lenken suchen, der ruhiger, sachlicher Erwägung sich nicht unwerth erweisen wird. Doch zuvor gestatten Sie mir eine einleitende Bemerkung. Meine Betrachtungen beziehen sich nur auf die Bedürfnisse der philosophischen Facultät; — ⏑— was darüber hinaus liegt, will ich nicht berühren, auch wenn ich's könnte. Zwar sind auch dieses Kreises Interessen immer noch mannichfaltig genug, für diesen Gesichtspunkt aber, wie ich Ihnen zu zeigen hoffe, so einheitlich, daſs auch Einer darüber zu urtheilen sich erlauben darf. Bekanntlich hat die Ungleichheit des Promotions- verfahrens an deutschen Universitäten verschiedentlich den Gedanken an eine theilweise Aenderung dieser Dinge gerade in jüngster Zeit nahe gelegt. Ja wir in Gieſsen sind ganz besonders dabei betheiligt. Denn abgesehen von anderen Aeufserungen wird Ihnen der letzte groſse Aufsatz Mommsen's in den„Preuſsischen Jahrbüchern“ nicht unbekannt geblieben sein, welcher auch unsere Verhältnisse in den Kreis der Bespre- chung gezogen hat. Danach wird es von vornherein zweifellos sein, daſs wir uns in der Lage einer Minderheit befinden, welche in ihren Einrichtungen der Mehrheit sich an- zuschlielsen hat. Ich hebe, um dieses an einem äuſseren Maſsstabe deutlich zu machen, aus meinem reichen Material einige wenige Zahlen heraus. Unsere philosophische Facultät hat im verflossenen Decanatsjahre 43 Promotionen vollzogen, genau so viel, wie die philosophische Facultät der Universität Leipzig im Jahre 1871/72. Nun aber betrug die Zahl der Studirenden der philosophischen Facultät von Leipzig schon damals über das sechsfache von der Zahl der Studirenden unserer philosophischen Facultät. Die Zahl der Leipziger Studirenden hat seitdem zu- 8 genommen, die Zahl der Promotionen daselbst sich noch etwas vermindert*). Wir würden also, wenn es so weiter ginge, nahe sieben mal so viel promoviren, wie unsere Facultät in Leipzig. Dabei ist zu bemerken einerseits dals unsere Promotionsziffer sich noch höher gestellt haben würde, wenn nicht hemmende Tendenzen gele- gentlich sich geltend gemacht hätten, andererseits daſs Leipzig keineswegs in Bezug auf Promotion besonders rigoros ist. Wollte ich unsere Ziffer mit der der philo- sophischen Facultät von Berlin vergleichen, so würde unsere Thätigkeit einen noch weit höheren Zahlenaus- druck finden. Es folgt daraus, daſs, um mich zart auszudrücken, die von uns geforderten Leistungen leichter sind und daſs sie in dem Maſse erschwert werden müssen, durch welches die Zahl unserer Promotionen in das *) Genau: Leipzig W. S. und S. S. 1871/2: 43 Promotionen bei 972 Stud. der phil. Fac. im W. S. 1871/2;— W. S. und S. S. 1872/3: 36 Promotionen bei 1030 Stud. im S. S. 1873.— Giefsen vom 1. Jan. bis 31. Dec. 1875: 43 Promotionen bei 164 Stud. d. phil. Fac. im S. S. 1875. Eine genaue Promotionsstatistik wäre wünschenswerth. Einen Anlauf dazu macht Oberbreyer,„Zur Doctorfrage“, Düsseldorf 1876, genügt aber noch nicht. Das Ma- terial, welches meine Freunde und ich gesammelt haben, ist viel vollständiger, aber auch noch nicht ausreichend. Die arcana des Universitäts-Verwaltungswesens erschweren genaue Feststellungen. Dals z. B. wir im letzten Decanatsjahr 43 philosophische Promo- tionen hatten, würde ich vielleicht nicht wissen, wenn ich nicht als Facultätsmitglied es erfahren mülste. So viel ich weiſs, ver- öffentlicht das Regierungsblatt nur die Promotionen der Inländer, welche doch wohl die geringere Zahl bilden. 9 richtige Verhältniſs zu der Zahl der Promotionen anderer Universitäten gestellt wird. Wie ist nun das zu machen? Reformversuche auf dem Gebiete des Promotionswesens sind so alt, wie die academischen Grade selbst. Sechshundert- jährig und länger ist ihre Geschichte. Kaum treten in Paris, in Frankrcich überhaupt, in Wien und Prag die bekannten academischen Grade auf, ehe noch überall die Facultäten sich getrennt, gebildet haben,— so begegnen wir schon verschiedenen Ansichten und verschiedener Praxis in der Ertheilung der Grade. Wir finden Differenzen zwischen verschiedenen Lehr- körpern, selbst zwischen Mitgliedern einer Facultät. Man handelte von den Leistungen des Promovenden, mehr noch von den Formalien, vielfach von den Pro- motionskosten, denn man ertheilte den Grad für Geld und Geschenke, ausnahmsweise nur umsonst, oder, wie man es nannte, um Gottes willen. Wir hören von päbstlichen Bullen, von bischöflichen und landesherr- lichen Erlassen, welche ausgleichen und regeln. Selbst die öffentliche Meinung mit ihrer mehr als rücksichts- losen Kritik zeigt uns, daſs Neues unter der Sonne auch heute nicht sich ereignet hat. Die Zustände sind so auſserordentlich mannichfaltig, daſs es schwer hält zu sehen, wo und wann der Unfug am gröſsten war: ob zur Zeit der Blüthe des Juristendoctors von Bologna(es war im 17. und 18. Jahrhundert), oder als Paris im 16. Jahrhundert das Magisterium in den Künsten mehr als freigebig verstreute, oder endlich als die Dunkelmänner die Promotionen deutscher Uni- 10. versitäten verspotteten. Allerdings macht, für Deutsch- land wenigstens, die Reformationsepoche einen Ein- schnitt. Die Grade der Artistenfacultät waren vor- zugsweise dadurch entwerthet, dals diese Facultät zu- gleich als eine Art Vorschule für die drei sogenannten höheren Facultäten diente. Seit die neu errichteten lateinischen Schulen diesem Bedürfnisse Rechnung trugen, bekamen die philosophischen Grade wieder etwas mehr Bedeutung. Jetzt zogen es die jungen Leute vielfach vor, auf den Schulen erst etwas ordentliches zu lernen, anstatt unreif die Universitäten zu beziehen und um nichts fast gefördert Baccalaureat und Licenz der Artistenfacultät sich zu erwerben. Die philosophische Facultät wurde wohl vieler Orten dadurch gehoben, sie bekam einen mehr fach- wissenschaftlichen Charakter. Doch es wäre voreilig, aus diesem Anzeichen auf eine wirklich vollzogene Reform auch des Promotionswesens der philosophischen Facultät schlieſsen zu wollen. Denn die Universitäts- acten gerade der letzten Jahrhunderte sind reich an Reformvorschlägen bis ins Einzelste. Sie werden also wohl nöthig gewesen sein. Wir Menschen von heute sehen wohl aus diesen Vorgängen, daſs in vielen Punkten die Wahrnehmungen und Gedanken unserer Vorfahren von vor so und so viel hundert Jahren genau mit den unseren über- eintreffen. Aber wie wir es machen müssen, lernen wir schwerlich daraus. Der alte Meiners freilich glaubte vor 70 Jahren ein Universalmittel gegen alle Schäden des Promotionswesens seiner Zeit gefunden 11 zu haben.„Man verordne nur, sagt er, daſs bei jedem Examen, besonders in der juristischen und medicinischen Facultät, zwei Professoren aus anderen Facultäten zugegen seien und ihr Votum abgeben.“ Meiners war Professor der Weltweisheit in Göt- tingen. Ich glaube kaum, daſs wir heute noch mit der gleichen Zuversichtlichkeit von der Assistenz zweier Collegen aus anderen Facultäten unser Heil erwarten würden. Aber wir haben's auch zum Glück nicht nöthig, aus der Geschichte dieser Reformbe- strebungen zu lernen. Nicht zwar, als ob wir Gott zu danken hätten, daſs wir so viel bessere Menschen sind; sondern die Verhältnisse sind einfacher, die Mittel zur Abhülfe liegen bereit, an Erfahrung und nachahmenswerthen Vorbildern fehlt es nicht. Seit der philosophische Doctorgrad auf fast allen deutschen Universitäten an die Bedingung der ge- druckten Doctordissertation geknüpft wurde, ist den wenigen Hochschulen, welche diese Bedingung nicht stellen und dabei doch mit Reformgedanken sich tragen, ihr Weg einfach vorgezeichnet. Wer dieses weiter ausführen will, kann nur längst Be- kanntes wiederholen. Aber Bekanntes zu sagen ist nicht immer überflüssig. Ich will zunächst einen, ich möchte sagen: uner- melslichen Vortheil hervorheben, welchen die Ein- führung der gedruckten Dissertation für uns mit sich bringt. Bei einem bloſs mündlichen Examen muſs die Ungleichheit der Ansprüche der einzelnen Exa- minatoren auch Ungleichheiten der Leistungen zur 12 Folge haben. Ja noch mehr! Was der eine fordert, scheint dem anderen nicht genug, vielleicht viel zu wenig. Ob jedes mal mit Recht, steht dahin. Aber Menschlichkeiten werden passiren, so lange die Welt steht. Und wie soll nun der strenger Urtheilende sein vermeintliches Recht als Mitglied der promo- virenden Facultät geltend machen? Zur Ausgleichung solcher Differenzen, welche uns zu vergegenwärtigen kaum schwer sein dürfte, fehlt jetzt jedes Mittel, zur Herstellung aber eines Niveaus der Leistung, welches diesen Schwankungen nicht ausgesetzt wäre, jeder Maſsstab. Sie können mir einwenden: Bietet denn nicht die Wissenschaft objective Kriterien, nach welchen die Qualität eines Doctorexamens sich unwider- sprechlich beurtheilen läſst? Allerdings, antworte ich. Aber dieser Umstand vergröſsert nur die Verlegen- heit. Ich verfolge ihn darum nicht weiter. Wenn die durch den Druck zu veröffentlichende Dissertation als Hauptleistung eintritt, so ändert sich die Sachlage sofort. Zum Richter über das Geschehene wird dann von selbst die öffentliche Meinung eingesetzt, von deren segensreicher Wirkung übrigens die Univer- sitäten mehr als andere Institute bis jetzt leider noch ausgeschlossen sind. Es tritt eine Kritik ein, an der jeder, dem daran liegt, sich zu betheiligen eine Form finden wird, ohne daſs er den Vorwurf des Miſstrauens, des uncollegialischen Verhaltens zu fürchten hat; und nur diese Art der Beurtheilung verdient in Wahrheit 13 den heut zu Tage freilich sehr vieldeutigen Namen der wissenschaftlichen. Selbstverständlich ist es nicht der noch unbekannte Autor, welcher diese Kritik zu fürchten hat, sondern der oder diejenigen seiner Lehrer, welche die Erstlingsarbeit des Druckes für würdig erachteten; und eine meiner Ansicht nach schöne Einrichtung, welche früher allgemein war, jetzt, so viel ich weiſs, nur noch an einer deutschen Uni- versität besteht, drückt diese Verbindlichkeit dadurch aus, daſs der Name der Referenten dem Titel der Dissertation aufgedruckt wird. Hätte die Einführung der Dissertation nur diese Assecuranz und nichts weiter zur Folge, so würde schon die Nothwendigkeit der Einrichtung bewiesen sein. Aber sie bietet noch positive Vortheile, welche an und für sich werthvoll sind. Das Wort„Wissenschaft“ muſs sich heut zu Tage manche Anwendung gefallen lassen, für die es ur- sprünglich nicht bestimmt war,— ein Milsbrauch, auf welchen bekanntlich kein Paragraph des Strafgesetz- buches Rücksicht nimmt. Mit dem Worte„wissen- schaftlich“ bezeichnet man ja mit Vorliebe Leistungen, welche mit der Wissenschaft ein nur bei scharfer Vergrölserung wahrnehmbares tertium comparationis gemein haben, mag dieses nun in der Form, oder, was gewöhnlicher ist, im Gegenstande liegen. Dem an solche Ausdrucksweise Gewöhnten er- scheinen natürlich vielfach Bestrebungen, welche wirk- lich wissenschaftlich zu heiſsen verdienen, weil sie ein 14 Körnchen neuer Wahrheit zu finden suchen, langweilig, pedantisch, abgeschmackt. Dieser Begriffsverwirrung entspringt ein Haupt- einwand, welchen auch wir gelegentlich gegen die gedruckte Dissertation haben vorbringen hören. Man hält sich an das Alleräuſserlichste der Erscheinung, die hundert und aber hundert jährlich entstehenden Schriftchen, welche bei ungleicher Güte meistens recht unscheinbare Kleinigkeiten mit mehr oder weniger Gründlichkeit behandeln,— und man behauptet dann: die Zeit der Doctordissertationen sei vorüber. Solche Betrachtungsweise ist in der That mehr als ober- flächlich. Und ich mache mich anheischig, auf diese Weise für jedes Ding auf der Welt zu beweisen, daſs seine Zeit vorüber ist. Man muſs doch bei der Beurtheilung der Disser- tationenfrage zwei Gesichtspunkte strenge scheiden: den absoluten Werth der Sache und die Bedeutung derselben für den Einzelnen, den Autor, den Stu- direnden. Was den ersten Punkt betrifft, so steht es für den Kundigen fest, daſs unter der grolsen Zahl der jährlich erscheinenden Dissertationen stets solche sich befinden, die ihren Gegenstand wahrhaft fördern, die hinter den Abhandlungen sogenannter Gelehrter nicht zurückstehen, ja, sie vielfach über- treffen. Das wäre also ein Moment, welches für die Berechtigung spräche. Wichtiger noch ist das zweite: die Bedeutung der Dissertation für den Studirenden selbst. Ich erlaube mir hierauf etwas näher einzu- gehen. Jener Einwand bleibt nunmehr auf sich beruhen; ihm ist eigentlich mit der bloſsen Erwähnung schon zu viel Ehre geschehen. Die Einführung der gedruckten Dissertation ent- stammt einer ernsteren Auffassung des Promotions- actes, einer Auffassung, welche dem Doctorgrad den ihm gebührenden wissenschaftlichen Charakter zu ver- leihen suchte und bei der Wahl des Mittels von der eben erwähnten Begriffsverwirrung sich frei hielt. Diese Auffassung schied offenbar sehr bestimmt zwi- schen dem Wissen, dem bloſsen Gelernthaben und der Fähigkeit zu wissenschaftlicher Leistung. Diese Gähigkeit verlangte sie von dem Doctor der Phi- losophie und mit Recht. Denn der Doctor der Philosophie, nach alter Terminologie: der Magister der Künste, ist der Meister, d. h. von Haus aus der Mann von wissenschaftlichem Range, der den anderen Meistern, den Professoren, die ihn promoviren, gleich stehen soll, nicht zwar in dem Umfange seiner Kennt- nisse und Leistungen, aber in dem Grade seiner Bil- dung und seiner Fähigkeit. Daſs die Qualität dieses Magisteriums durch Miſs- brauch entwerthet, die eigentliche Bedeutung des Doctors vielfach bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde,— das beweist gegen die Berechtigung jener ernsteren Auffassung natürlich eben so wenig, wie etwa jemand mit dem Nachweise seiner Sündhaftigkeit die Zulässigkeit der Besserung erfolgreich würde be- streiten können. Wo nun das Verlangen gestellt wird, daſs der Doctor der Philosophie seine Würde durch eine 16 wissenschaftliche Leistung verdienen soll, da wird natürlich keine Rücksicht genommen werden können auf äuſsere Gesichtspunkte, wie auf das Bedürfnils eines Titels für eine bestimmte Lebensstellung oder auf Prämiirung mit diesem Titel zum Dank für fleilsigen Collegienbesuch. Der Doctor steht dort, wie man in der Sprache des gewöhnlichen Lebens sagt, höher, als da, wo man die Forderung der ge- druckten Dissertation aufgegeben, oder nie ernstlich gestellt hat. Diese äuſsere Thatsache steht so fest, für Alle, die da wissen und sehen wollen, daſs sie keines Beweises bedarf. Und auch ihr innerer Grund ist wohl nicht schwer einzusehen! Die Disser- tation, d. h. die gedruckte, der öffentlichen Controle ausgesetzte, gibt den Studien eines jungen Mannes ein wissenschaftliches, ein auf die Forschung gerichtetes Ziel. Ob auch ihr Gegenstand noch so eng begrenat, scheinbar noch so kleinlich ist, dem Unverstande selbst belächelnswerth erscheint,— das ändert an diesem Werthe der Einrichtung nichts. Denn es handelt sich ja nicht um einen Aufsatz für die„Gartenlaube“ oder für eine Sammlung von gemeinverständlichen Vorträgen, woran der sogenannte Gebildete seine Freude haben soll; sondern es handelt sich um ein anspruchs- loses, in der stillen Werkstatt wissenschaftlichen Ler- nens gereiftes Stück Arbeit, welches nicht zunächst nach dem Erfolge gemessen sein will, sondern nach dem Werthe, den die eigene Arbeit an sich hat. Die eigene Arbeit an sich! Das ist eine sehr inhalts- reiche Formel(auch sie freilich gehört zu den durch 17 häufigen und unangemessenen Gebrauch entwertheten). Solche Arbeit unterscheidet sich zunächst von dem bloſsen Aufnehmen des in den Collegien gebotenen Lernstoffes, auch des denkbar besten; vollends aber unterscheidet sie sich von dem Auswendiglernen aufs Examen, denn es ist kaum paradox, zu sagen, dals das letztere vielmehr ein Mittel gegen die wirkliche Arbeit in diesem Sinne ist. Der Uebergang von dem bloſsen Recipiren zum Produciren(ich verstehe den letzteren Ausdruck in seiner, so zu sagen, anspruchs- losesten Bedeutung), dieser Uebergang ist wohl man- chem von uns in der Erinnerung an sich selbst und seine Studienzeit noch gegenwärtig. Die in der Haupt- sache gewiſs vorzügliche Methode des zusammenhän- genden Collegienvortrages, wie sie bei uns in Deutsch- land besteht, hat ja zur Folge, dalſs eine Zeit lang der Lernende an dem Vorgetragenen mitzudenken, mitzuarbeiten glaubt(so sollte es wenigstens sein), daſs er dabei zunächst für sich selbst zwischen dem ihm Gegebenen und seinen eigenen Gedanken über das Gegebene nicht oder wenigstens nicht streng scheidet. Der erste Versuch zu selbstständigem Ar- beiten(wozu die Vorlesung anregen kann und soll) zerreiſst diesen Zusammenhang. Es beginnt, ich möchte sagen: die Theilung des geistigen Eigenthums, wo- bei der Studirende gewöhnlich sieht, daſs ihm selbst gar nichts gehört, seinem Professor verhältnilsmälsig wenig, das meiste aber der Wissenschaft,— der Wis- senschaft, die er nun mit seinen schwachen Kräften zu fördern sich vermesssen will. Das gibt dann eine gewaltige Enttäuschung, über deren unmittelbare 2 Wirkung der eine nie hinaus gelangt, für den anderen aber ist sie heilsamer Uebergang; es erfolgt bei ihm nun eine Sammlung aller Kräfte im kleinsten Punkte, welche allein den Namen der Arbeit verdient. Das nächste Ergebniſs dieser Arbeit ist die Doctordisser- tation, ihren Segen aher führt sie für das ganze Leben des Menschen mit sich. Sollten wir nicht eine Einrichtung sehnlichst herbeiwünschen, welche diesen Segen unseren Zuhörern und uns bringen kann? Ich höre freilich einen Einwand, welcher nicht ungegründet scheint. Ich selbst habe eine Zeit lang unter seinem Einflusse gestanden. Auf einer groſsen Universität, an welcher ich meine Lehrjahre als Do- cent verbringen durfte, glaubte ich manchmal die Beobachtung zu machen, wie viel schöne Zeit in ein- zelnen Fällen doch verloren geht mit dem Suchen nach dem Thema zu einer Dissertation, die nie zu Stande kommt; und während die Kräfte des Be- treffenden zu einem guten Staatsexamen ausgereicht hätten, haben sie nun sich zersplittert und das eine— die Promotion— gar nicht, das andere— das Staats- examen— nur mit Mühe und Noth erreicht. Solche Wahrnehmung steht wohl nicht allein. Es sind diels, ich möchte sagen: die Opfer des Dissertationen- wesens, welches, wie alle Einrichtungen, seine Schattenseite hat. Doch bei näherem Beobachten wird meistens wohl sich zeigen, dals nicht die Ein- richtung, sondern die Menschen diesen Fehler zu tragen haben. Da, wo der academische Doctorgrad als wissenschaftliche Auszeichnung gewährt und ad nd 19 anerkannt wird, darf er von dem Bewerber Opfer an Kraft und Zeit, vielleicht vergebliche Opfer, for- dern, die der Einzelne sich zu vergegenwärtigen Zeit hat, ehe er sich anschickt, sie zu bringen. Man hat nur festzuhalten, daſs niemand dazu gezwungenist, namentlich nicht aus praktischen Rücksichten. Praktische Qualificationen sollen sich an die Staatsexamina knüpfen. Wo aber der Doctor- grad als eine Art Surrogat für das Staatsexamen, als ein geringeres, immerhin aber noch ausreichendes Qualificationsattest angesehen und dem gemäls ertheilt wird,— da besteht ein Miſsstand, welcher nicht als Ar- gument in die Besprechung sich eindrängen darf, dessen Beseitigung vielmehr als selbstverständlich hingestellt werden muſs, ehe die Betrachtung weiter fortschreiten kann. Verfolge ich nun weiter den Einfluſs und die Bedeutung der Dissertation für den Studiengang, so will ich freilich nicht leugnen, daſs auch die For- derung überspannt werden kann. Eine Universität, die z. B. das Glück hat, viele an und für sich werth- volle Dissertationen ins Leben zu rufen, wird leicht diesen absoluten Werth zum Malsstab ihrer Forderung machen und mit dem unter anderen Verhältnissen genügend erscheinenden specimen eruditionis nicht zufrieden sein. Das ist nicht nur berechtigt, sondern sogar natürlich, denn dieser Forderung wird wohl immer auch die höhere Leistungsfähigkeit zur Seite stehen. Es scheint mir darum von dieser Seite her die Einrichtung selbst ernstlichen Bedenken nicht zu- gänglich zu sein. Die Ausführung wird selbstver- ständlich Verschiedenheiten zulassen. Unter Um- ständen wird der Versuch selbstständigen Eindringens in eine Materie auch ohne ein neues Ergebnils ge- nügen müssen. Es hängt von der Beschaffenheit des einzelnen wissenschaftlichen Faches ab, ferner von der Vertretung desselben an der Universität, von dem Grade der Vorbildung der Studirenden, sogar von der Beschaffenheit der Bibliothek, ob dieses geringste Maſs der Leistung die Regel bildet oder ob es Ausnahme ist. Mehr zu erreichen, als dieses, ist wünschenswerth und muls erstrebt werden. Können die gegebenen Umstände diesen Erfolg nicht sicher verbürgen, so lälst sich dennoch von hier aus kein Argument gegen die Einrichtung überhaupt entnehmen. Selbst wenn die Wissenschaft an unseren einzelnen Dissertationen gar nichts gewänne, so würde dabei doch noch ihr Werth für die wissenschaftliche Ausbildung des Ein- zelnen bestehen können. Ich hebe dieſs darum hervor, weil man ja vom Standpunkt des einen oder anderen der in unserer Facultät vertretenen Fächer sagen kann, die Forderung einer gedruckten Dissertation erweise sich hier oder dort als unzweckmäſsig oder gar unmöglich. Dieser Einwand ist jenem Zugeständ- nisse gegenüber hinfällig. Und wer ihn dennoch er- höbe, dem würde ich, ohne daſs ich das im einzelnen hier ausführen kann, mit vollem Recht, wie ich meine, erwidern: dafs dann nur der Verzicht auf den Doctor- grad übrig bleibt. Wollte aber jemand dieser Schluſs- folgerung das Argument der sogenannten praktischen Nothwendigkeit des Doctortitels wiederum entgegen- 21 halten, so hiefse das nichts anderes, als auf ganz äuſser- liche Zweckmälsigkeitsrücksichten zurückgreifen, wel- che der Promotionsfrage, wenn sie überhaupt eine Lö- sung finden soll, gänzlich fern bleiben müssen. Denn da es keine Stufenfolge von Graden mehr giebt, sondern nur noch den einen Dr. phil., so kann natürlich eine Facultät nicht verschiedene Species dieser Würde mit ungleichem Curswerthe ausgeben. Und was lieſse sich nun noch mit Grund gegen die gedruckte Dissertation einwenden? Etwa die grö- ſsere Mühe unsererseits? Gewils! Aber mit der Re— duction der Zahl der Promotionen auf das wünschens- werthe Normalmaſs wird diese Mühe von selbst sich vertheilen. Von auswärtigen Promotionsgesuchen wer- den wir ohnehin dann mehr verschont bleiben, wenn wir unsere Ansprüche mit denen der anderen Universitäten ausgleichen. Für unsere Studirenden aber Mühe auf uns zu nehmen ist unsere Pflicht und wird hoffentlich unsere Freude sein. Und was nach dieser Seite hin der Einzelne unter unseren Studirenden erreicht, das kommt nicht ihm bloſs, sondern dem Ganzen zu Gute. Denn auch im Leben wird, wer kein Ziel sich steckt, nichts erreichen, von Fällen des Glücks abgesehen, dessen ja keiner sicher ist. Dadurch aber, dals des einen Ziele voraus denen des anderen stehen, erweitert sich der Gesichts- kreis, wachsen die Kräfte des anderen; und so, meine ich, mülste bei uns die wissenschaftliche Arbeit We- niger eine weit über das Nächstliegende hinausgehende Wirkung haben, mit der wir jetzt freilich nur in Ge- danken uns beschäftigen können. Dals aber diese Ge- danken nicht in die Irre gehen, daſs vor allem es nicht eine belächelnswerthe Utopie ist, wenn jemand von dem wissenschaftlichen Charakter des Doctorgrades spricht, das beweist uns wohl zur Genüge das Bei- spiel derjenigen Universitäten, denen wir einfach nach- zustreben haben. Denn Mittelwege gibt es jetzt nicht mehr. Eine geschriebene, nicht zu druckende Dissertation wäre für uns keine halbe Malsregel, sondern gar keine. Alles was ich über den Werth der gedruckten Disser- tation für uns gesagt habe, ist nur für sie wahr; auf eine bloſs schriftliche Arbeit findet es keine Anwen- dung mehr. Den Gedanken an eine nur handschrift- liche Abhandlung habe ich darum bis jetzt ernstlicher Widerlegung nicht für werth gehalten. Könnte ich mir denken, daſs jemand mir diesen Gedanken den- noch als ausführungswerth hinstellte,— ich würde nur fragen können: was denn in aller Welt diese Scheu vor den Mitteln der Buchdruckerkunst verursache. Und diese Frage wird auf eine befriedigende Antwort wohl immer warten müssen. Dagegen fallen mir stets wieder neue Gründe für die Drucklegung ein, deren einen wenigstens ich Ihnen nicht vorenthalten will. Wir bekommen alljährlich von unseren Schwesteruniversitäten Hunderte, glaube ich, von Dissertationen, die uns doch werthvoll genug sind, um sie auf unserer Bibliothek sorgfältig katalo- gisiren zu lassen. Wir vergelten diese Wohlthaten mit der Uebersendung— unseres Personalverzeich- nisses. Ich für meinen Theil muls gestehen, daſs mein Dankbarkeitsgefühl mit dieser Art der Wiedervergel- tung sich noch nicht völlig Genüge gethan hat. 23 Wenn ich nun zum Schlulſs auf die jetzt so viel verhandelte Frage der Reform des Promotionswesens noch einmal zurück blicke, so scheint mir doch das Fragwürdige nur darin zu bestehen, dals und warum drei oder vier Universitäten der auf allen anderen eingeführten Einrichtung der gedruckten Dissertation sich widersetzen und dadurch einerseits der Normal- leistung, andererseits der Controlpflicht sich entziehen! Daſs dieses der Cardinalpunkt der Frage wirklich sei, konnte manchem verborgen bleiben, so lange bei der ganzen Discussion immer und immer wieder der sogenannte Doctor in absentia in den Vordergrund ge- drängt, diese Einrichtung als das schwarze Laster hingestellt wurde, und wer von dem sich frei wuſste, als Tugendspiegel sich fühlen konnte. Diese Selbsttäuschung ist jetzt nicht mehr möglich. Denn Mommsen, der mit einem Feldzuge gegen den Doctor in absentia begann, hat ja nun in seinem vorhin genannten Aufsatze es ausgesprochen dals hinter der Frage: ob Doctor in absentia, ob nicht? oft noch ganz andere Dinge sich verbergen. Es tritt also jetzt jener eine Punkt auch für uns in sein volles Licht. Forderten alle deutschen Univer- sitäten ohne Clausel die gedruckte Dissertation, so würde für die philosophische Facultät die Reformfrage meines Erachtens nicht mehr existiren. Wir, die wir zu dieser Normalleistung bis jetzt uns nicht verstanden haben, wir haben kein Recht, unsere Gedanken mit Delegirtenversammlungen und dergleichen kostbaren Apparaten zu beschäftigen; wir haben uns einfach anzuschlieſsen, so lange noch das Recht des freiwil- ligen Anschlusses uns bleibt. Denn daſs der Anschluſs vollzogen wird, steht fest, da drei bis vier Univer- sitäten schwerlich gegen die vierfache Anzahl einen Sonderbund werden aufrecht erhalten können.— Und wenn nun jemand dächte, warum ich eine scheinbar ganz interne Frage auſserhalb des engeren Kreises collegialischer Geschäftsberathung hier und heute zur Erwägung gestellt hätte,— so könnte ich nur antworten: die Frage ist leider keine interne mehr. Man verhandelt sie auf allen Straſsen und in allen Blättern. Ich aber möchte nicht, daſs wir durch die rücksichtslose Gewalt der öffentlichen Meinung uns zwingen lieſsen, sie in ihrem Sinne praktisch zu be- antworten. Ich wünsche, daſs wir selbst sie erwägen, wir und unsere Commilitonen. Denn schlieſslich, wir Professoren mögen thun, was wir immer wollen,— der Erfolg unseres Thuns, die Erfüllung unserer Hoffnung, die Zukunft unserer Hochschule steht bei unseren Commilitonen. Und wie ein edles Volk, nach dem Ausspruche des groſsen Staatsmannes, strenger Gesetze sich freut, so, meine ich, mülsten auch Sie, meine hochverehrten Commilli- tonen, es wünschen, daſs höhere Anforderungen, als bisher, an Sie gestellt würden, wenn Sie deren Noth- wendigkeit erkannt hätten. Sollte es mir gelungen sein, dieser Erkenntniſs einen Weg zu bahnen, so würde ich nicht mehr zweifeln, ob es einen Sinn habe, daſs ich heute noch meine Antrittsvorlesung hielt. —— Druck von Wilhelm Keller in Gieſsen. dE- n, Colour& Grey Control Chart Blue Cyan Green vellow Hed Magenta Wnite Grey 1 Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black Eine academische Rede gehalten von Dr. Adolf Philippi, Professor an der Universität Giefsen. 9 10 11 1 —½ 8 ‿ + ◻ ◻. —-— 00 6 8 6 9 Giefsen. J. Ricker'sche Buchhandlung. 1876.