Jeuilleton.. Die Gründung und Geſchichte der Univerſität Gießen. Zu ihrer dritten Jahrhundertfeier. . Von Prof. Dr. Ch. Vartholomae(Gießen). Im Jahre 1527 war von dem Landgrafen Philipp dem Großmütigen die erſte proteſtantiſche Univerſität in Mar⸗ burg an der Lahn gegründet worden, die dazu beſtimmt war, zugleich dem neuen Glauben und dem Humanismus Rück⸗ halt und Verbreitung zu gewähren. Bei ſeinem Tode 1567 teilte Philipp ſein Land unter ſeine vier Söhne: Wilhelm (den Weiſen), Philipp, Georg und Ludwig(IV.); aber die Hochſchule ſollte für die geſamten heſſiſchen Lande gemeinſam ſein; und dieſe Gemeinſamkeit wurde in der Tat durch einen im Jahre 1568 geſchloſſenen Brüdervertrag ausdrücklich an⸗ erkannt. Die Verwaltung der Univerſität erfolgte entſprechend einer Teſtamentsbeſtimmung Ph lipps gemeinſam durch Wil⸗ helm und Ludwig. Der zweite der Brüder, Philipp von Rheinfels, ſtarb 1583 kinderlos; ſein Erbe wurde geteilt. Der älteſte, Wilhelm von Kaſſel, ſtarb 1592, ihm folgte Moritz(der Gelehrte); der dritte, Georg von Darmſtadt, ſtarb 1596, ſein Nach⸗ folger war Ludwig(V.). Der vierte Bruder, Ludwig(IV.) von Marburg führte ſeit 1592 gemäß einem Vertrag mit Mo⸗ rit den Vorſitz in allen die Univerſität angehenden Angelegen⸗ heiten; Ludwig(N.) von Darmſtadt war an ihrer Verwaltung nicht beteiligt. Der Umſtand aber, daß Ludmig IV., der ja die Stadt Marburg in Beſitz hatte, ohne Leibeserben und kränklich war, hatte ſchon geraume Zeit vor ſeinem Tod zur Erörterung der Frage geführt, wie es dereinſt mit der Uni⸗ verſität gehalten werden ſolle. Und ſchon damals war, und zwar von Ludwigs V. Seite, der Vorſchlag gemacht worden, eine zweite heſſiſche Univerſität zu errichten; er wurde aber ebenſowohl von dem Vetter Moritz als von dem Oheim Ludwig abgelehnt, und es kam zu Anfang 1604 zwi⸗ ſchen den beiden ein Vertrag zu ſtande, demgemäß die Uni⸗ eiſilät Marburg ſofort nach Ludwigs Tod an Moritz fallen ſolle. Im Oktober desſelben Jahres ſtarb Ludwig IV. Sein Teſtament ſchrieb jé die Hälfte den beiden Neffen zu; wei⸗ ter verfügte es, es ſolle der ſeiner Erben oder ihrer Rechts⸗ nachfolger des Erbes verluſtig gehen, der der Lehre der augs⸗ burgiſchen Konfeſſion entſage oder in ſeinem Land abſchaffen walle, ingleichen der Erhe. der die Teſtamentsbeſtimmungen E— der Nähe von Fr ankfurt gelegen war, wo — nicht anerkenne oder zu ändern trachte. Moritz erklärte ſich durch das Teſtament zufrieden geſtellt, Ludwig focht es in mehreren Punlten an; ſo war der Anſtoß zu dem Marbur⸗ ger Erbſtreit gegeben, den die Kaſſeler und die Darm⸗ ſtädter Linie viele Jahre mit einander führten, bis er im Weſtfäliſchen Frieden beigelegt wurde. Schon Moritz' Vater war der calviniſtiſchen Lehre zuge⸗ tan, in noch höherem Grade Moritz ſelbſt. Bereits vor der 9 Erbteilung atte er Calvins Lehre in ſeinem, dem Kaſſeler Land Eingang gewährt; alsbald nach Ludwigs Tod ſuchte er ſie auch in den Gebieten einzuführen, dee ihm aus Ludwigs Nachlaß zugefallen waren. Die Marburger Profeſſoren, die dem lutheriſchen Glauben die Treue hielten, wurden im Juli heriſch J 1605 ihres Amtes entſetzt; ein Aufruhr, der ſich in Marburg erhob— die überzeugt lutheriſchen Einwohner prügelten die calviniſtiſchen Prediger durch und warfen ſie aus ihren Kir⸗ chen hinaus— wurde gewaltſam unterdrückt. Dieſe Maßnah⸗ men gaben Moritz' Veiter Ludwig den Anlaß, einmal wegen Verletzung der Teſtamentsbeſtimmungen Anſpruch auf die ge⸗ ſamte Erbſchaft ſeines Oheims zu erheben, ſodann aber die Gründung einer zweiten heſſiſchen Univerſität ins Auge zu faſſen, die im Gegenſatz zu Marburg den lutheriſchen Glau⸗ ben augsburgiſcher Konfeſſion hochhallen ſollte. Man ſchwankte zunächſt bezüglich ihres Sitzes zwiſchen Darmſtadt, Gießen und Alsfeld. Entſcheidend für Oberheſſen war die Erwägung, es könnten, würde Darmſtadt gewählt, die oberheſſiſchen Stu⸗ denten die näher liegenden Hochſ chulen, das katholiſche Fulda oder das calviniſtiſche Herborn aufſuchen, entſcheidend für Gießen der Umſtand, daß es an der großen Poſiſttaße und in her man manch einen vermögenden Studenten herüberzuziehen hoffen durfte. Der erſte Schritt zur Gründung der Gießener Univerſität war die Errichtung eines„Gymnasium illustre“ daſelbſt, die noch im Jahr 1605 erfolgte. Ihm war ein„Paedagogium trilingue“ angegliedert. Zum erſten Rektor der neuen Hoch⸗ ſchule wurde der Profeſſor der Theologie Johann Winckel⸗ mannernannt, der mit andern bekannten und beliebten Pro⸗ feſſoren— ſo Balthaſar Mentzer, dem Theologen und Gothofrodus Antonii, dem Juriſten— von der Marburger Univerſität her nach Gießen übergeſiedelt war, nicht wenige der Marburger Studenten nach ſich ziehend. Die feierl che Eröffnung fand am 10. Otkober 1605 ſtatt; der Schau⸗ platz des Feſtakts war das Nathaus; vorher war ein Gottes⸗ dienſt in der Stadtkirche abgehalten worden. Als Vertreter des Landgrafen, der gerade auf Reiſen war, fungierte der Kanz⸗ ler Strupp, der nach einer feierlichen Anſprache an die Feſtverſammlung Winckelmann als Rektor proklamierte und mit der Wahrung des Inſiegels, der Schlüſſel, der Statuten und der Privilegien betraute. Die Zahl der Studenten. he⸗ trug bei der Gründung etwa 200, das Pädagogium wurde von 70 Schülern beſucht. Der Sitz der neuen Hochſchule, die Stadt Gießen, war damals ein dürftiges kleines Landſtädtchen, mit Marburg gar⸗ nicht zu vergleichen. Die engen und winkligen Gaſſen, von niederen Lahmhäuſern unnePrtt gruppierten ſich um die Pankratiuskirche, deren viereckiger Turm noch heute ſteht und nun als Glockenturm der Stadtkirche dient. Von beſſeren Ge⸗ bäuden gab es ſonſt nur noch das alte Schloß mit dem run⸗ den Bergfried, dem ſogenannten Heidenturm, das aus dem 14. Jahrhundert ſtammt, das neue Schloß, von Philipp dem Großmütigen 1533 in zierlichem Fachwerkbau errichtet, das Rathaus, etwa aus derſelben Zeit, endlich das mächtige Zeug⸗ haus, das Ludwig IV. 1585 hatte erbauen und mit Kriegs⸗ vorrat jeder Art wohl hatte ausrüſten laſſen. Das Ganze war von Wällen umgeben, die von hohen Tortürmen überragt wur⸗ den. Dieſer Umſtand, daß Gießen ſtark befeſtigt war, war ſo ziemlich das einzige, was es vor den andern Landſtädtchen Oberheſſens voraus hatte. Auch die Umgegend hatte wenig Einladendes; die weite Niederung war mit Sümpfen bedeckt. Ihre Ausdünſtungen und die unbeſchreibliche Unſauberkeit, die zu damaliger Zeit in allen Kleinſtädten herrſchte, machten Gießen überaus ungeſund, ſo daß es oft genug durch ver⸗ heerende Seuchen zu leiden hatte. Die Einwohnerſchaft ſetzte ſich aus Beamten, der Beſatzung und der Bürgerſchaft zuſam⸗ men, die wieder aus Ackerbauern und Handwerkern beſtand und hauptſächlich von Schafzucht und Wollweberei lebte. Der Unterricht an der neuen Hochſchule wurde zunächſt im Rathaus am Markt erteilt, deſſen Räume von der Stadt zur Verfügung geſtellt waren. Da aber Ludwig das„Gymnasium illustre“ von Anfang an nur als Vorläufer einer Univerſität im Auge hatte, beſchäftigte er ſich alsbald mit Plänen für die Errichtung eines eigenen Univerſitätsgebäudes. Schon im Sommer 1607 ging man an deſſen Ausführung. Inzwiſchen waren bereits die Schritte getan worden, die für die Erheb⸗ ung des Gymnaſiums zu einer Univerſität notwendig waren: der Landgraf hatle an den Kaiſer Rudolf II. das Lrſchen geſtellt, ſeiner Hochſchule das Recht akademiſcher Gradever⸗ leihung zuzuſprechen. Foſt zwei Jahre dauerte es, b's die Ausfertigung der Univerſitätsprivilegien erfolgte, und es koſtete nicht wenig Briete und Reiſen, Ränke und Geldopfer— denn ohne Beſtechung war bei der kaiſerlichen Kanzlei nichts zu erreichen—, bis der Landgraf ſeinen Lieblingswunſch, die Errichtung der Universitas Ludoviciana, erfüllt ſah. Endlich, am 19. Mai 1607 wurde das Privilegium un⸗ terſchrieben. Soſort ging man daran, die Vorbereitungen für die feierliche Einwe hung der neuen Univerſität zu treffen. 8 Sie erfolgte am 7. Oktober des Jahres in Anweſenheit des Landgraſ Kanzler Strupp die lateinlſche. A en mit außerordentlichem Gepränge. Wieder hielt der nſprache, verkündete das — — kaiſerliche Privilegium und übergab es dann ſamt den ſonſti⸗ gen Inſignien dem erſten Rektor der Gießener Univerſität Antonii. Am folgenden Tag wurde zum erſten Mal von dem kaiſerlichen Privileg Gebrauch gemacht, indem 28 Kan⸗ didaten der Magiſtertitel verliehen ward. Im Herbſt 1608 konnte das neuerrichtete Univerſitätsge⸗ bäude bezogen werden. Es war das ein dringendes Bedürf⸗ nis; denn die Zahl der Studenten belief ſich auf mindeſtens 300,— darunter viele aus Norddeutſchland, Schweden und den Oſtſeeprovinzen, auch ungewöhnlich viel Adelige—, eine für damalige Zeiten recht anſehnliche Ziffer, und auch die Zahl der Dozenten hatte ſich erheblich vermehrt; ſie betrug jetzt 18, von denen 3 in der theologiſchen, 4 in der juriſti⸗ ſchen, 2 in der mediziniſchen und 9 in der rheroſophtſchen Fakultät lehrten. Der Platz des neuen Univerſitätsgebäudes, das bis zum Jahr 1838 ſtand, war in unmittelbarer Nähe der beiden Schlöſſer und des Zeughauſes. Auf dem Gelände an der Südſeite des Baues wurde im Jahr 1609 mit der „Einrichtung eines botaniſchen Gartens durch den Profeſſor der Botanik Jungermann begonnen; er erxiſtiert noch heute und gehört ſomit zu den älteſten Anlagen dieſer Art in Deutſchland. Die Blüte, deren ſich Gießens Univerſität gleich zu Beginn ihres Daſeins erfreute, dauerte nicht gar lange Zeit. Eintrag taten ihr einmal die ewigen Händel, die die Profeſſoren unter ſich hatten, Händel über Fragen, die uns heutzutage abſurd erſcheinen, damals aber mit wildeſter Parteileidenſchaft be⸗ handelt wurden, ſodann aber wiederholt ausbrechende Seuchen: ſo in den Jahren 1606, 1611 und insbeſondere 1613, wo der ge⸗ ſamte Lehrbetrieb ins Wanken geriet. Die Studentenzahl war mehr und mehr zurückgegangen. Man hatte ſchon be⸗ ſchloſſen, die Unwerſität nach Grünberg zu verlegen, und der Beſchluß würde vielleicht auch zur Ausführung gelangt ſein, wäre nicht in Grünberg ſelbſt plötzlich die Peſt ausge⸗ brochen. Der ſeinerzeit von Ludwig von Darmſtadt erhodene Erb⸗ ſchaftsanſpruch hatte den Erfolg, daß durch ein reichshofrät⸗ liches Urteil im Jahr 1623 Marburg und das zugehörige Gebiet der Kaſſeler Linie aberkannt und der Darmſtädter zugeſprochen wurde. Inzwiſchen aber waren bereits die Wirren des dreißig⸗ jährigen Kriegs über Deutſchland hereingebrochen, und das Heſſenland hatte nicht zum wenigſten darunter zu leiden. Um zwei heſſendarmſtädtiſche Univerſitäten, die nur wenige Weg⸗ ſich denn, die beiden heſſiſchen Univerſitäten zu vereinigen und zwar mit dem Siß in Marburg, während das Gießener Univerſitätsgebäude als Reſidenz Verwendung fand. Die Mar⸗ purger Profeſſoren wurden alle entlaſſen bis auf die wenigen, deren Anſtellung vor 1604, alſo vor dem Eingreifen Moritz' von Kaſſel eiolit war. Die Gießener Profeſſoren wurden zu⸗ nächſt ebenfalls entlaſſen, ſodann aber wieder angeſtellt, und zwar zum guten Teil als Profeſſoren in Marburg, ſodaß der Lehrkörper der vereinigten Univerſität überwiegend aus Gie⸗ ſeenern beſtand. Das geſchah im Jahre 1625; und es blieb dabei bis zum Ende dés dreißigjährigen Kriegs, während deſſen Gießen nur noch einmal auf kurze Zeit die Univerſität in ſeinen Mauern beherbergte, vom Herbſt 1633 bis zum Frühjahr 1634, als die Peſt in Marburg in ſo ſchlimmer Weiſe wütete, daß ihr gegen 400 Einwohner zum Opfer fielen. Durch den weſtfäliſchen Frieden wurde auch der Marburger, Erbſtreit, der die beiden heſſiſchen Linien Jahrzehnte lang in bitterer Feindſchaft gehalten hatte, endlich geſchlichtet; freilich erſt nach unendlich langen und mühſeligen Verhandlungen. Heſſen⸗Darmſtadt durfte den größten Teil von Oberheſſen be⸗ halten, aberStadt und Schloß Marburg fielen gegen eine Geld⸗ entſchädigung an Kaſſel. Was die Univerſität anlangt, ſo wurde feſtgeſetzt, ſie ſolle gemeinſam ſein; die Ernennung der Profeſſoren bei der theologiſchen und philoſophiſchen Fakültät ſolle Darmſtadt, die bei der juriſtiſchen und mediziniſchen Kaſſel zuſtehen; für den Fall aber, daß Unzuträglichkeiten be der ge⸗ meinſamen Verwaltung entſtünden, ſolle jedes Land die Berechtigung haben, ſich eine eigne Unverſttät einzurichten; die Einkünfte ſollten alsdann geteilt werden. Die im Friedensvertrag enthaltene Beſtimmung, daß jedes der beiden Heſſenländer gegebenenfalls ſeine eigne Univerſität einrichten könne, läßt ſchließen, daß man ſchon bei den Verhandlungen über den Frieden ſtarke Zweifel hegte, ob jes denn auch mit der Gemeinſamieit der Univerſität gehen werde. Und dieſe Zweifel erwieſen ſich als durchaus berech⸗ tigt. Es währte noch kaum einen Monat nach Unterzeichnung der Friedensurkunde, ſo war man ſchon auf beiden Seiten lüberzeugt, daß man zur Trennungſchreiten müſſe, und ent⸗ ſchloſſen, es zu tun. Wieder gab es Beratungen uund Verhand⸗ lungen ohne Ende. Aber endlich im Herbſt des Jahres 1649 war der Vertrag über die Scheidung ins Reine gebracht und konnte unterzeichnet werden. Bemerkenswert iſt, daß darin auch das Verbot gegenſeitiger Befehdung der beiden zu er⸗ richtenden Uniyerſitaͤten durch Schmähſchriften auf⸗ genommen wurde. Georg von Darmſtadt tat alsbald die nötigen Schritte zur Wiedereinrichtung der Gieeiin UniverſitätB. Aber die Veſetzung der Profeſſuren machte erhebliche Schwierigkeiten. Die Marburger Profeſſoren, die man berufen wollte, verlang⸗ ten Geld und nicht bloße Verſprechungen, insbeſondere Nachbe⸗ zahlung der rückſtändigen Beſoldung, und an Geld mangelte les leider gar ſchr. Viel mehr als Vertröſtungen auf eine beſſere bieten. Während dieſer Vorbereitungen entſtand für Gießen, das bisher allgemein als Sitz der zweiten heſſiſchen Hochſchule betrachtet wurde, plötzlich große Gefahr, ü rgingen zu werden, dadurch da die Hauptſtadt von Katzenelnbogen Darmſtadt Anſprüche auf die Zuweiſung der neuen Uni⸗ verſität geltend machte. Das Zünglein der Wage ſchwankte lange hin und her. Je höher die Flut der Eingaben und Be⸗ richte anſchwoll, die von den beiden konkurrierenden Städten einliefen und von Gutachtern eingefordert wurden, deſi weni⸗ ger konnte ſich Georg entſchließen. Endlich zu Ende März es Jahres 1650 erſolgte die Entſcheidung, und zwar zu Gu ülken Gießens. Ausſchlaggebend waren für Georg einmal religiöſe Erwägungen: er mochte fürchten, die ober⸗ heſſiſchen Studenten lönnten ſich mah dem calviniſtiſchen Marburg verziehen; ſodann die Tatſache, daß eben Gießen zuvor bereits die Univerſität gehabt hatte; endlich die Befürch⸗ tung, es möchte die rechtsgültige Uebertragung der für Gießen verliehenen kaiſerlichen Prwilegien auf eine andere Stadt nur mit hohen Opfern zu erkaufen ſein. So geſchah es denn am 5. Mai 1650, am puutag Jubilate, daß die Ludoviciana wieder feierlich, in Anweſenheit zweier Söhne Georgs, die mit der Vertretung des Landgrafen beauftragt waren, eröffnet werden konnte. Der Kanzler Sinold verlas die von Kaiſer Rudolf II. ausgefertigten Privilegien und ernannte dann den Theologen Feurborn, den letzten noch lebenden Pro⸗ feſſor der ehemaligen Gießener Univerſität, zum erſten Rek⸗ tor der wiedererſtandenen. Am folgenden Tog fand eine Anzahl von Promotionen ſtatt. Die Zahl d Profeſſoren betrug freilich zu Anfang nur elf; aber Georg war trotz des drückenden Geldmnangfls mit Eifer bemüht, die freien Stellen u beſetzen; in einigen Jahren nach der Wiedereröffnung war as Ziel erreicht; Gießen war wieder in der Lage, den An⸗ forderungen, die man damals an eine Univerſität ſtellen konnte, nach allen Seiten hin gerecht zu werden. Die erſte Tat der wieder cröffneten Hochſchule war in der Mitte der fünfziger Iahre die Unterdrückung des Penna⸗ lismus, auf deren Notwendigkeit ſchon der erſte neue Rektor Feurborn in ſeiner Eröffnungsrede hingewieſen hatte. Der ſogenannte Pennalismus hatte ſich etwa ſeit dem Anfang des 17. Jahrhunderts in Anlehnung an die Bräuche, ten wurden faſt u Sklaven der„Schoriſten“, d. i. der älteren Studenten herabgedrückt, bis ſie, — Zukunft vermochte Georg bei allem guten Willen nicht zu erlittene Unbill an den jetzigen Pennälern ſchadlos zu halten. Der Pennalismus hatte namentlich zu einer brutalen wirt⸗ ösſtlichen Ausbeutung der jüngeren Studenteſchüft ge⸗ führt. Beſonders ſchlimm waren die Hauspennäler daran, d. h. die Söhne ortsangehöriger Eltern. Da die bisher an⸗ gewandte Milde nicht vermocht hatte, etwas dagegen auszu⸗ richten, ſo ging man nunmehr mit ſtrengen Strafen vor, und da ſich bald andre Univerſitäten, insbeſondere Leipzig und Jena ffe,loſlen. ſo gelang es, trotz des Widerſtands, den nicht nur die Schoriſten, ſondern merkwürdigerweiſe auch die Pennäler entgegenſetzten, wenigſtens die gröbſten Auswüchſe des Pennalismus zu jeninene wenn er auch der äuferen Form nach noch lange fortbeſtand; die Abſchaffung der De⸗ poſition erfolgte erſt etwa 50 Jahre ſpäter. Die nächſten Jahrzehnte bieten nicht viel bemerkenswertes. Ende der achtziger Jahre niſtete ſich der Pietismus ein, der nach mehrjährigen leidenſchaftlichen Kämpfen mit dem Orthodoxismus einen unumſchränkten Sieg erfocht. Bei der erſten Jahrhundertfeier am 21. Oktober 1707 zählte man 22 Profeſſoren und 170 Studenten. Auch die Wieder⸗ erſtehung der Univerſität im Jahre 1650 wurde 100 Jahre ſpäter, am 21. Mai 1750, mit einer Erinnerungsfeier begangen. Um dieſelbe Zeit etwa war ein langwieriger Prozeß zwiſchen den beiden Univerſitäten Gießen und Marburg im Gang; es han⸗ delte ſich dabei um den Rückkauf einiger im Kaſſeler Gebiet gelegenen Vogteien durch Marburg. Nach mehr als zwan⸗ zigjährigem Streit kam es zum Vergleich. Die wiſſenſchaft⸗ liche Tätigkeit der Univerſität ging inzwiſchen ihren ſtillen Gang ruhig weiter, recht und ſchlecht, wie bei der Mehrzahl der deutſchen Hochſchulen. Die Ereigniſſe des ſiebenjährigen Krieges brachten ſchwere Leiden über Gießen und Oberheſſen. Vier Jahre lang mußte der Univerſitätsbau, ſtatt den Wiſſenſchaften zu dienen, als Lazarett herhalten. Die Studentenſchaft, der rechten Ord⸗ nung entwöhnt, ſank in ihrer Geſittung immer tiefer und er⸗ ging ſich in Roheiten aller Art. Insbeſondere gab es ewige Raufhändel mit dem Militär, das natürlich an Feinheit der Sitten den Studenten nichts nachgab., Wurden dann dieſe behandelt, ſo kam es wohl ab und zu zu einem Studen⸗ tenauszug, ſo zum erſten Mal im Jahre 1776 nach Kleinlinden, wobei es viel Ueberredung und Ver⸗ ſprechungen koſtete, die Studentenſchaft, die ja für die kleine Stadt eine große wirtſchaftliche Bedeutung hatte, ur Rückkehr in den Muſenſitz zu bewegen. Im Jahre 1777 hielt man es für nötig, eine fünfte Fakultät, die öko⸗ nomiſche, einzurichten, die die Fächer der Staats⸗, Land⸗ und Forſtwirtſchaft, ſowie der Technologie umfaßte; ſie hielt ſich aber nur acht Jahre; ihre Fächer wurden alsdann der philo ſophiſchen Fakultät zugeteilt..— Auch die auf die franzöſiſche Revolution fol⸗ von den Behörden ſcharf oder nach ihrer Meinung ungerecht — enden Kriegsjahre hatten für Gießen ſchwere Drangſale im folge. Wieder mußten die Univerſitätsbauten für Laza⸗ rette und Militärmagazine frei gemacht werden, die abwech⸗ ſelnd von Preußen, Oeſterreichern und Franzoſen befehligt wurden. Die Univerſitätsbibliothek und die wiſſenſchaftlichen Sammlungen wurden nur mühſam vor übergroßen Verluſten durch die verſtändigen Maßnahmen Bernadottes be⸗ wahrt, der darum im Dezember 1798 ehrenhalber zum Dr. phil. ernannt wurde. Das Jahr 1800 brachte der Univerſi⸗ tät ein wertvolles Vermächtnis: Renatus v. Sencken⸗ berg hinterließ ihr teſtamentariſch ſeine koſtbare Bibliothek, ſein Wohnhaus und ein größeres Barvermögen. Eine Feier des zweihundertjährigen Beſtands wurde wegen der ſchweren Kriegsläufte nicht abgehalten. Als wieder ruhige Zeiten eingetreten waren, begann die Hochſchule allmählich mehr und mehr in die Breite zu wachſen. Die Zuſchüſſe für die Sammlungen werden reichlicher be⸗ willigt, neue Inſtitute werden aufgetan, ſo 1822 die Ent⸗ bindungsanſtalt, 1824 die Forſtlehranſtalt. Ein blutiger Skandal zwiſchen Studentenſchaft und Militär im Jahre 1821 veranlaßte die Regierung, die Gießener Gar⸗ niſon nach Worms zu verlegen; die frei werdende Kaſerne am Seltersberg wurde zur Aufnahme der Kliniken, der Biblio⸗ theken und des von Liebig eingerichteten chemiſchen Labo⸗ ratoriums beſtimmt. 1830 erhielt die Univerſität wieder eine neule Fakultät, die katholiſch⸗theologiſche; ſie be⸗ ſtand bis 1851, wo ſie notwendigerweiſe einging, weil der Biſchof Ketteler von Mainz das Studium ſeiner Epiſko⸗ patsangehörigen in Gießen nicht mehr geſtattete. Im Jahre 1838 fiel das alte, ſeit 1608 als Kollegienhaus dienende Ge⸗ bäude, um einem Neubau Platz zu machen, der 1839 fertig wurde. Er wurde ſpäter, 1880, als das neue Kollegienhaus an der Ludwigſtraße errichtet worden war, zur Unterbringung der Bibliothek verwendet; jetzt, nachdem 1904 auch die Biblio⸗ thek ein neues eigenes Heim erhalten hat, dient er als botani⸗ ſches Inſtitut. Im Jahre 1852 wurden die neue Anatomie und das zoologiſche Inſtitut beim Bahnhof eröffnet, 1888 das neue chemiſche Laboratorium in der Ludwigſtraße, dann in den neunziger Jahren die mediziniſche und die Frauenklinik, ſowie die pſychiatriſche Klinik, ferner das patholdhiſche⸗ hygie⸗ aiſche und pharmakologiſche Inſtitut, weiter im letzten Jahr⸗ zehnt das phyſikaliſche Inſtitut, das phyſikaliſch⸗chemiſche Laboratorium und eine Reihe von Anſtalten für die Veteri⸗ närmedizin, die ſeit einigen Jahren eine beſondere Abreilung der mediziniſchen Fakultät bildet. Eine neue chirurgiſche und eine neue Augenllinik werden noch im Lauf des Jahres be⸗ zogen werden. Die Zahl der Studenten iſt in langſamem, aber ſtetigem Wachstum begriffen. Während um 1875 die Frequenz etwa 350, 20 Jahre ſpäter etwa 650 betrug, zählt man jetzt rund 1200 immatrilulierte Studenten. Der vielorts ſtark bemerk⸗ bare Unterſchied in der Beſuchsziffer von Winter und Som⸗ mer iſt in Gießen ſehr geringfügig. Die Zahl der etatsmäßig angeſtellten Profeſſoren der Univerſität beträgt gegenwärtig 57, darunter 49 ordentliche, und zwar 25 in der philoſophi⸗ Bea der mediziniſchen, je 5 in der juriſtiſchen und theologiſchen Fakultät. Der geſamte Lehrkörper zählt etwa 90 Köpfe. Glanzzeit der Gießener Univerſität iſt mit dem Na⸗ . fer v. Liebig verknüpft, der im jugendlichen Alter von 2 ahren auf Alexander v. Humboldts Empfeh⸗ lung zum außerordentlichen, 2— Jahre ſpäter(1826) zum or⸗ dentlichen Profeſſor der Chemie in Gießen ernannt wurde. Faſt drei is Jahre, bis zum Jahre 1852, wo er nach München überſiedelte, hat er in Gießen gewirkt, das durch ihn zum Mittelpunkt des chemiſchen Studiums der geſamten wiſſen⸗ ſchaftlichen Welt gemacht wurde. Das chemiſche Laborato⸗ rium, das er im weſtlichen Nebenbau der alten für Univerſi⸗ tätszwecke umgebauten Kaſerne am Seltersberg(jetzt tielih⸗ ſtraße) eingerichtet und im Jahr 1829 eröffnet hat, diente als Muſter für alle gleichartigen Inſtitute, und es iſt ſicher be⸗ dauerlich, daß der mehrfach beſprochene Plan, das Gebäude zu einem Liebigmuſeum umzugeſtalten, nicht zur Ausführung elangt iſt und gelangen kann, anſcheinend insbeſondere des⸗ halb, weil man mit den von Liebig benutzten Gerätſchaften ſpüäter gar zu wenig pietätvoll umgegangen iſt. Liebig war auch der erſte, der Verſuchsfelder anlegte— die Höhe im Nordoſten der Stadt, auf der es geſchah, führt heute den Namen Liebigshöhe—, mittelſt deren er ſeine Theorien über die Ernährung der Pflanzen praktiſch zu erweiſen verſuchte und erwieſen hat. Aus allen Weltteilen ſtrömten die Studie⸗ renden der Chemie nach Gießen, das damals einen ganz außerordentlich hohen Prozentſatz von Au sländern unter ſeinen Studenten hatte. Eine große Anzahl der hervorragend⸗ ten Chemiker der Neuzeit hat in Gießen Anregung und För⸗ derung empfangen. Im Jahr 1890 wurde Liebig ein Denk⸗ mal von Schaper in den Oſtanlagen errichtet; die hundert⸗ jährige Wiederkehr ſeines Geburtstages iſt 1903 von Univer⸗ ſität, Stadt und Staat feierlich begangen worden. Der Ausbau der Gießener Univerſität iſt auch heute noch keineswegs vollendet. Das iſt ſelbſtverſtändlich. Eine Uni⸗ verſität kann eben gar nie fertig, muß immer im Werden, immer in der Um⸗ und Neugeſtaltung begriffen ſein. Jedes erreichte Ziel ſtellt lediglich eine Stufe zu einem idealen Bie dar, zu dem man niemals gelangen wird und kann, weil es a 4 jedem wiſſenſchaftlichen Erfolg wieder weiter hinaus⸗ hiebt. Wir wünſchen der dreihundertjährigen Alma Mater Ludoviciana, daß ſie in dei gemeinſamen Ringen der deutſchen Hochſchulen nach jenem Ziel immer ihren ehren⸗ vollen Platz behaupte. — g—— Keullleton. Colour& Grey y Control Chart Blue Cyan Green vellow Hed Magenta Grey 2 Srèey 3 Grey 4 Black — feinz uno wieſe Gememfamteir wurde in der Tat duürch einen im Jahre 1568 geſchloſſenen Brüdervertrag ausdrücklich an⸗ erkannt. Die Verwaltung der Univerſität erfolgte entſprechend einer Teſtamentsbeſtimmung Ph lipps gemeinſam durch Wil⸗ helm und Ludwig. Der zweite der Brüder, Philipp von Rheinfels, ſtarb 1583 kinderlos; ſein Erbe wurde geteilt. Der älteſte, Wilhelm von Kaſſel, ſtarb 1592, ihm folgte Moritz(der Gelehrte); der dritte, Georg von Darmſtade ſtarb 1596, ſein Nach⸗ folger war Ludwig(V.). Der vierte Bruder, Ludwig(IV.) von Marburg führte ſeit 8 gemäß einem Vertrag mit Mo⸗ ritz den Vorſitz in allen die Univerſität angehenden Angelegen⸗ heiten; Ludwig(&.) von Darmſtadt war an ihrer Verwaltung nicht beteiligt. Der Umſtand aber, daß Ludmig IV., der ja die Stadt Marburg in Beſitz hat te, ohne Leibeserben und kränklich war, hatte ſchon geraume Zeit vor ſeinem Tod zur Erörterung der Frage geführt, wie es dereinſt mit der Uni⸗ verſität gehalten weiden ſolle. Und ſchon damals war, und 4 aanaer nSDohiannAon Marirbklen—— W M W W W 9 10 11 12 13 1 S ₰ ‿ 88 + ◻ ◻☚ —-— 00 rer werlugte es, es ſoule der 5 Erben oder ihrer Rechts⸗ nachfolger des Erbes verluſtig ge hen, der der Lehre der augs⸗ munhüſchen Konfeſſion entſage oder in ſeinem Land abſchaffen ingleichen der Erbe. der die Teſtamentsbeſtimmungen walle